Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 17. April. ^ K« l853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kauo. 5 Btneeuz Eduard Milde, weiland Fürst-Erzbischof von Wien. Am 14. März um die siebente Morgenstunde rief die Niesenglocke vom St. Stephansdome eine große Trauerpost hinaus in den weiten Umkreis der Erzdicöese Wien. Vincenz Eduard, ihr greiser Oberhirt, hatte an diesem Morgen daö Zeitliche gesegnet, und war eingegangen sanft und in Gottes Nathschluß ergeben — „in das HauS seiner Ewigkeit." Ein Lungcnübel, an welchem der hohe Verblichene Jahre lang gelitten und welches schon mehrmals in früherer Zeit sein Leben gefährlich bedrohte , hatte demselben dieseSmal ein unerwartet schnelles Ende gemacht. In ihm Wurde eine außergewöhnliche und beachtenSwerthe Persönlichkeit zu Grabe getragen. Vincenz Eduard Milde, Fürst-Erzbischof von Wien, I)r. der Theologie, Großkreuz und Prälat des k. k. österreichischen Leopoldordens, Präses der Leopoldinen-Stif- tung für die nordamerikanischen Missionen, Protektor des Priester-Defizienteninstitnteö in Wien zc. :c,, wurde am 11. Mai 1777 zu Brunn von bürgerlichen Eltern geboren. Nach zurückgelegten Gymnasial-Studien zu Brünn hörte er die Philosophie theils in Wien theils in Olmütz. An letzterem Orte verlegte er sich vorzüglich auf Mathematik und Physik und zwar mit so ausgezeichnetem Erfolge, daß der in Mähren comman- dirende Feldmarschall Marqnis Botta auf ihn aufmerksam wurde und ihm sehr annehmbare Versprechungen machte, wenn er in die Wiener Ingenieur-Akademie eintreten wollte. Aber weder diese Versprechungen, noch der Unwille seines Stiefvaters, der seinen Entschluß, in den geistlichen Stand zu treten, mißbilligte, konnten ihn hierin irre machen, da er schon von Jugend aus Neigung zum Priesterstande gefaßt hatte. Er wählte die Wiener Erzdiöcese; und krank, unbekannt, ohne Unterstützung und Empfehlung, blos mit seinen Schulzeugnissen versehen, bat er um Ausnahme in das Wiener Klerikal-Seminar und erhielt sie. Ohne die übrigen Zweige deS theologischen Studiums zu vernachlässigen, wio- mete er sich doch ganz besonders der biblischen Literatur und den orientalischen Sprachen, weil er den Wunsch und die Hoffnung nährte, einst Professor deö neuen Bundes zu werden. Sein ohnehin schwächlicher Körper konnte sich während dieser Zeit nicht consolidiren, da er in diesen Jahreu sich zu sehr anstrengte, und hierin mag wohl auch ein Grund seiner bleibenden körperlichen Schwäche liegen, die ihn in den spätern Jahren so oft überfiel uuv in seiner sonst so regen Thätigkeit hinderte. Nach empfangener Priesterweihe 1800 wurde M. zum Cooperator bei den neun Chören der Engel am Hof, und 1802 zum Katecheten an der Normal-Hauptschule bei St. Anna und im k. k. Civil-Mädchenpensionate bestimmt. 1804 erhielt er den Auftrag, das an der Real-Akadem ieneu errichtete Lehramt eines Religionslehrers zn übernehmen. — Treue und Eifer in Erfüllung seiner Pflichten führte ihn zu immer wichtigern Aemtern , und so erhielt M. nebst dem ehrenvollen Range eines Hofcaplanö die neu er- 122 richtete Professur der Erziehungskunde an der Wiener Universität und lehrte zugleich die Katechetik und Methodik für Theologen — von 1805 bis 1810. Seine zerrüttete Gesundheit bewog ihn in diesem Jahre die Lehrkanzel zu verlassen und um die Pfarrei Wolfpassiiig zu competiren, die er auch erhielt. Nur zu weite Entfernung von ärztlicher Hilfe, deren er oft bedürfte, bestimmten ihn 1814 zu dem Entschlüsse um eine Versetzung anzusuchen, worauf er die Stadtpfarrci zu Krems erhielt. — In dem nämlichen Jahre ernannte ihn der höchstselige Kaiser Franz, dem seine bewährten Verdienste, seine Tugend und Religiosität nicht unbekannt blieben, zum Ehren- Domherrn der Metropolitankirche von St. Stephan in Wien. Zugleich wurde er Consistori'alrath zu St. Polten, Lokaldirector der philosophischen Studien in KremS, Dechant und Schulvistn'ctS-Aufseher des Kremser DecanateS. Am 21. Januar 1823 wurde er zum Bischof von Leitmeritz und den 27. December 1831 zum Erzbischofe von Wien ernannt. So trat M. nach 18jähriger Entfernung als Vater und Oberhirt in die geliebte Erzdiöcesc zurück, in welche er vor 38 Jahren als geistliches Kind war aufgenommen worden. Mit welcher Gesinnung, mit welchen Hoffnungen und Wünschen er hier sein neueö Amt übernahm, das spricht er klar und herzlich in jenem salbungsvollen Schreiben a»S, in welchem er — am Feste der Himmelfahrt des Herrn 1832 — allen seinen Unterhirten, den» gesammten Welt- und OrdensklcruS, seinen ersten oberhirtlichen Gruß und Segen sandte. — „Mit großer Hoffnung", so sagt er unter anderem in diesem Hirtenschreiben, „und mit-aller Liebe komme ich zu euch; nicht allein durch daS Band des hl. Amtes, sondern durch das der Liebe (von solum sacri okkeii, seä smoris vineulo) wünsche ich mit euch verbunden zu seyn. Ich werde nicht aufhören zu beten und zn bitten, „„daß ihr erfüllt werdet mit der Erkenntniß deö göttlichen Willens, daß ihr würdig wandelt, Gott in Allem wohlgefällig, daß ihr fruchtbar seyd in jedem guten Werke, wachsend in der Wissenschaft Gottes und gestählt in der Tugendkraft."" „Nicht mir, sondern euch werde ich leben; alle Kräfte und Stunden, die mir Gott geben wird, werde ich den geliebten Gläubigen und euch weihen, nichts suchend als nur das Reich Gottes, das Heil der Seeleu, das Wohl des Klerus. Von dieser Stunde an soll euer Glück oder Unglück das meinige seyn; ihr sollet nicht leicht Einen finden, der um cuere Ehre und euer Wohl mehr besorgt, zu euerem Lobe und euerer Vertretung williger bereit wäre, als ich; aber ich bitte und beschwöre euch, seyd so beschaffen, daß ich euch mit gutem Gewissen meine geliebten Söhne nennen und des Schmerzes überhoben seyn könne, die Liebe der heiligen Pflicht unterwerfen zu müssen (ut clolore superseljere possim, gmorem 8»ero okkeio subjiesre)." Und wahrlich, was M. hier beim Antritte versprechen, er hat es während der zwei Dezennien seiner Verwaltung des Oberhirtenamtes in dieser Erzdiöcese getreulich erfüllt; so getreulich, wie nur immer ein Mensch, von dessen Willen die Gunst oder Ungunst der Umstände nicht abhängig ist, sein gegebenes Wort erfüllen kann. — N. E. Milde war bis ans Ende seines Lebens im strengsten Sinne rastlos thätig in seinem hohen Berufe. „Leben heißt wirken" — war sein Wahlspruch und er lebte darnach. Selbst die erlaubte und bei seiner ohnehin geschwächten Leibeskraft für ihn doppelt nothwendige Rücksicht auf die Erhaltung seiner Gesundheit, ja selbst die in der letzteren Zeit eingetretene ausgesprochme Gefahr völliger Erblindung, — konnte ihn nicht hindern, dem, was er als seine bischöfliche Pflicht erkannte, mit aller Anstrengung und Ausdauer obzuliegen. Die Hirtensorge drängte in seinem unermüdlichen Geiste alle anderen Sorgen in den Hintergrund. Die hochw. Herren Pfarrer, deren Sprengel der Selige als Visitator besuchte, könnten uns hiezu eben so sprechende als zahlreiche Belege liefern. Und so wie M. fortan selbst als ein Muster des regen und beharrlichen Hirteneifcrs sich darstellte, so war eS immer auck sein angelegentlichstes Bemühen, die seiner oberhirtlichen Leitung untergestellten Geistlichen zu einem ähnlichen eifrigen Streben in ihrem Bernfskreise aufzumuntern. Belobung uud väterlich-ernste Zurechtweisung, Beförderung und nicht selten auch vecuuiäre Unterstützung wußte er als Millel zu diesem schönen, vom 123 Seelenelfer ihm vorgesetzten Zwecke zu gebrauchen. Mit besonderer Liebe und Fürsorge, wie billig, umfaßte der selige Overhirt seiu Alumnat. „Nichts liegt mir mchr am Herzen", so sagt er selbst in der Einleitung zu den herrlichen Statuten, die er dieser geistlichen Pflanzschule gegeben, „als die Bilduug des juugcu Klerus." Und er hat eS thatsächlich bewiesen, daß dieses Wort in seinem Munde keine leere Phrase war. Die ganze Einrichtung des Hauses, für die scientifische, wie asce- tische Ausbildung der Zöglinge gleichmäßig weise berechnet, die mit bedeutendem Kostcn- anfwand erzielte Herstellung und Ausstattung der neuen Hauskapelle, die Anschaffung eines nicht geringen Vorraths werthvoller, theils wissenschaftlicher, theils erbaulicher Bücher und so manche andere Wohlthat wird noch lange hin dafür Zeugniß geben, was Erzbischof Milde seinem Alumnate, und was dieses ihm — um der Seelen willen — gewesen ist. Wo von der Hirtentreue und geistlichen Wirksamkeit deS Seligen die Rede ist, da verdient ohne Zweifel auch rühmende Erwähnung sein würdevoller frommer Anstand, seine hohe Erbaulichkeit bei seinen gottesdienstlichen Fnnctioncn, die, wie uns oftmals zu Ohren gekommen ist, in dem Gemüthe aller, die denselben beiwohnten, den besten und heilsamsten Eindruck zurückließen. Endlich auch seine besondere Gabe uud leutselige Weise, mit Kindern und dem weniger gebildeten Volke umzugchen, nnd sich ihnen verständlich zn machen. Milde's Hirtenbriefe sind in dieser Beziehung wahre Muster von Popularität. Sein letztes, aus Anlaß der wunderbaren Rettung unseres vielgeliebten Monarchen ausgegebenes Hirtenschreiben wurde dieses Vorzuges wegen sogar in mehrere andere Sprachen übersetzt, damit sein Inhalt auch dem Volke nichtdcutscher Zungen zugänglich werde. Ein anderer nicht minder glänzender Zug im Leben des hohen Hingeschiedenen ist seine ungemein menschenfreuudliche und fromme Freigebigkeit. Wohl ist uns nur der geringste Theil seiner wohlthätigen Werke bekannt. Denn er liebte es, im Stillen Gutes zu thun, auch auf die Gefahr hin, daß man ihn verleumde, er thue nichts. Aber auch das Wenige, was wir wissen, reicht hin, jedes unbefangene Gemüth von der Wahrheit der vorangestellten Behauptung zu überzeugen. Der Selige hielt, wie auch aus seinem musterhaften Testamente erhellet, eine eigene Casse mit der Aufschrist: „den Armen gewidmet." Auö dieser Casse flössen alljährlich an 12,000 fl. als Hausalmosen in die Hände der Armen. Andere, zumal kranke Arme, sowohl geistlichen als weltlichen Standes, wurden zeitweilig mit nahmhaften Geldbeträgen unterstützt. Wieder andere hatten von ihm eine jährliche Pension zu beziehen. Bei Gelegenheit seiner Iubelseier — am 9. März 1850 — verwendete V. E. Milde wie damals in den Zeitungen zu lesen stand, viele Tausende zu wohlthätigen Zwecken. Und vor nicht gar langer Zeit ließ er durch verläßliche Hände, unter dem Auftrage der Verschwiegenheit, in einem Falle 20,000, in einem andern 10,000 fl. an gewisse geistliche Genossenschaften , von welchen die eine mit der Krankenpflege, die andere mit der christlichen Erziehung und Seelsorge sich befaßt, gelangen. Die großmüthige Unterstützung so mancher gering dotirtcn Kirche, Pfarreien und Schulen, die schon erwähnte kostspielige Herstellung der Alumnatskapelle und die erst jüngst und mit einem noch größeren Kostenaufwand vollendete Erbauung der neuen Kapelle im Priester-Defizientenhause u. s. w. — was sind eS anders, als eben so viele in die Augen fallende Beweise seines seltenen inneren Dranges zu Werken frommer Wohlthätigkeit? Jedoch den schönsten und schlagendsten Beweis hievon — ein ewiges, strahlendes Monument seiner frommen Liebe — hat der hohe Verstorbene in seinem Testamente niedergelegt, welches nach Abzug einiger, auch großentheils frommer Legate, „die armen, ohne ihre Schuld in Noth sich befindenden (in der Seelsorge dienenden) Weltpriester, und die armen (religiösen, fleißigen, noch dienenden) Schullehrer der Wiener Erzdiöcese" — zum Universalerben seiner beträchtlichen Verlasscnschaft erklärt. M. moli- virt diese seine Bestimmung mit dem eines katholischen Bischofes vollkommen würdigen und beherzigenSwerthen Satze: „Das Vermögen, welches ich hinterlassen, ist Kirchengut. Ich habe mich nie als den freien Eigenthümer, sondern allzeit nur als den Nutz, 124 m'eßer und Verwalter angesehen. WaS die Pflicht, was der Anstand forderten, habe ich verwendet. Den Neberrest zu kirchlichen Zwecken zu venvenden war und bin ich verpflichtet. Und so könnten wir noch manche ausgezeichnete Züge in dem Lebensbilde des Verewigten ausführlicher besprechen, wir begnügen uns jedoch blos hinzuweisen auf seinen klaren, durchdringenden Verstand, seine unbeugsame Charakterfestigkeit, seine unparteiische Gerechtigkeitsliebe, seine schonungsvolle Milde gegen renige Fehlende, seine großherzige, dankbare Anerkennung der ihm geleisteten treuen Dienste, endlich auf seine innig treue, iu guten wie in schlimmen Tagen bewährte Anhänglichkeit an das aller- höchste Regentenhaus. So lebte und wirkte Vincenz Eduard als Oberhirt der Wiener Erzdiöcese, bis der Tod am 14. März 1853 um 4V2 Uhr Morgens sein thatenvolleö und ziemlich leidenreiches Leben schloß. — „Ich wünsche aufgelöst zu werden und mit Christus zu seyn" — so hatte der Selige noch wenige Wochen vor seinem Tode bei einer ernster stimmenden Gelegenheit, in frommer Ergebung und wohl schon im Vorgefühle seines nahen Scheidens aus dieser Welt, mit dem Apostel gesprochen; und: „Ich bitte Gott, daß er mich bald zu sich nehme, damit eine jüngere, kräftigere Hand den Hirtenstab ergreife, dessen Handhabung meinen altersschwachen Händen schon allzu schwer wird." Wunsch und Bitte des Seligen ist nun erfüllt. Gott hat die schwere Last deS apostolischen Hirtenamtes seinen gebeugten Schultern abgenommen und ihn abgerufen aus dreißigjähriger rastloser Arbeit — zur ewigen Ruhe — V. E. Milde wurde während seines Erdenlebens, namentlich im Verlaufe seiner letzten Lebensjahre, vielfach gekränkt und verunglimpft. Man hat von so mancheu Seiten her, auch von solchen, von welchen es am wenigsten hätte geschehen sollen, seine Gesinnung uud Wirksamkeit verdächtigt, mißdeutet und geschwächt. Warum? Uns scheint ein Grund dieser zu seyn: Der Greis am Rande des Grabes, der Mann gereiften Geistes uud reicher Erfahrung hielt nicht AlleS was glänzt, für lauteres Gold, ergriff nicht Alles unverweilt und ohne Bedenken als gut, was als solches sich kund macht in der Welt uud Aufsehen erregt. Er wollte das wahrhaft und dauerhafte Gute, und war daher etwas mißtrauisch gegen das Neue, auch wenn es im Gewände des Guten vor sein Angesicht trat, weil und und so lang es seinem klaren, nüchternen Blicke auf einem minder tiefen und haltbaren Grunde zu ruhen schien. Er hat sich vielleicht hierin, wie er selbst auch bei der oben erwähnten Gelegenheit demüthig cingestand, hie und da geirrt; aber Irren ist menschlich. Uebrigens war die Seele dieses Menschen groß und edel genug, waS über ihn hereinbrach, zu dulden, — ohne sich je zu beklagen, ohne sich, wo er auch konnte, zu rächen. — Wie immer also die Mit- und Nachwelt über den Hingeschiedenen Oberhirten urtheilen mag, wir scheuen uns — im Anblicke des vielen, theilweise weit über sein Leben hinausreichenden Guten, das er gewirkt und gewollt — auch nur den kleinsten Stein der Rüge und Verurtheilung auf sein frisches Grab zu werfen. Wir überlassen Urtheil und Gericht dem, welchem allein eS zusteht, Gott, der auf und in das Herz schaut, — und eben darum streng gerecht, aber oft auch gnädiger richtet, als die Menschen. — Möge der Dahingeschiedene in Frieden ruhen unter der Erde -- von welcher er ohne Bitterkeit im Herrn geschieden ist. Wir können es uns und den gewiß zahlreichen Freunden und Verehrern unseres hingegangeuen Oberhirten nicht versagen, noch ein paar besonders schöne und mer- kenswerthe Stellen aus seinem vom 29. November 1852 datirten und mit: ^,6 msjorem clei gloriam et dominum 8»Iutom (Alles zur größeren Ehre Gottes und zum Men- scheuheil) — überschriebenen letzten Willen hier anzufügen. So sagt der Selige gleich Anfangs nach kurzer Einleitung: „Zuerst danke ich Gott für seinen Schutz und Segen. Ich habe in meinem Leben die Hand Gottes oft deutlich gesehen, die mein Schicksal leitete und auch in den Tagen der Leiden erkannte ich Gottes Güte. Ich sage mit gerührtem Herzen: Gott war gütiger, als ich verdiente. Ich bin nur ein unwürdiges Werkzeug in der Hand Gottes gewesen. Möge Gott mir auch in der Stunde meines Todes gnädig und t25 barmherzig seyn! Sterben war seit vielen Jahren, auch in den Tagen meines scheinbaren Glückes mein Wunsch gewesen. Ich habe das Eitle des ErdenglückeS stets erkannt. Weder Ehre noch Wohlstand haben mich geblendet. Meine glänzende Würde, die ich gegen meinen Willen erhielt, war mir allezeit eine Bürde, und der Gedanke an die Verantwortung, die ich einst geben muß, hat dem äußeren Glänze allen Reiz genommen. — Ich habe zwar das Seelenheil des Menschen, die Beförderung deS Reiches Jesu gewünscht; aber ich erkenne, daß ich mehr hätte wirken können und wirken sollen, als ich gewirkt habe. Ich kann nur von Gottes Barmherzigkeit meine Seligkeit hoffen. — Meine Liebe zu den beiden Diöcesen Wien und Leitmeritz wird länger dauern als mein Leben. Ich werde Gott in jener Welt bitten, daß er beide Diöcesen segne und ihnen Hirten gebe, die mehr und besser wirken, als ich gewirkt habe." Dann gegen den Schluß: „Allen meinen Freunden danke ich herzlich für ihre mir bewiesene Liebe. Auf Wiedersehen! Diese Hoffnung erleichtert mir die Trennung. Die Menschen, die mir weh thaten, halte ich nicht für böse, sondern ich überrede mich gerne, daß ich bei meiner Reizbarkeit manches tiefer empfunden habe als eS böse gemeint war. In den letzten Jahren mußte ich viele arge Mißdeutungen und schändliche Verleumdungen ertragen. Ich schwieg zu allen; nicht aus Unempfindlichkeit, sondern theils um die Bosheit nicht noch mehr zu reizen, theils um meinen Erlöser nachzuahmen. Die meisten meiner Beleidiger schmähten aus Rachsucht, der ich durch mein Amt und meine Pflicht ausgesetzt war. Ich habe Allen herzlich verziehen. Mögen Andere, die ich vielleicht beleidiget habe, eben so gegen mich gesinnt seyn! Feindselig war ich gegen keinen Menschen. Mein Herz hat oft viel gelitten, wenn meine Pflicht mich zwang, Jemanden weh zu thun. Manche in Wien und Leitmeritz wissen, wie gern ich schonte und den Gefallenen aufrichtete, wenn mein Gewissen und die Ehre des Standes eS erlaubte." „Gott segne Alle, die ich auf dieser Erde zurücklasse! Denket au mich! Betet für mich! Die Liebe und das Gebet verbinden die Bewohner dieser und jener Welt." Die entseelte Hülle Vincenz Eduards r»ht in dem oberen Theile des rechten Seitenschiffes der Metrovolitankirche: darüber ein Granitstcin mit folgender, von ihm selbst bestimmter Inschrift- Vinoentius Läusrdus MI6e ristus krunae in Norsvis 11. Ugji 1777 Presbyter Viennse 9. Usrtii 1800 Lurstu5 sä novem vnoros kmgelorum 1800 — 1802 Otecnets scnolse norm. real, et nerulsrum 1802 — 1805 d. k. Lgpellanus sulieug et Dniversilstis proks5sor 1805 — 1810 ?srovrms in >VoIspgs5Mß 1810 — 1814 Lsnonious Vienn. Lonsist. donsil. 1'b.eol. voctor ?mlo50pnise Oireotor, vecsnus Lremsii 1814 — 1823 Lpisoopus Litomerieii in konemis 1823 — 1832 ?rincep5 ^roniemseopus Vivnnens>5 L, k. ormnis I^vovolm mgFnge ei-ueis sczues et nrselstus 6, k. Us^tstis a eoneiliis intimikl 1832 — omit äie.....»noi..... Orste pro mo. (W. Z ) s 1S6 Die Unverweslichkeit. Rom, den 25, Febr. 1853. Eine der merkwürdigsten und auffallendsten Erscheinungen ist offenbar der Vorzug der Unverweslichkeit, .der die Leiber vieler Heiligen auszeichnet und wodurch sie von dem allgemeinen Loose der Zersetzung der körperlichen Stoffe nach dem Tode ausgenommen, fortwährend laut verkünden, waS der Lohn der großen Herrschast ist, die ihr Geist über den Körper und die sinnliche Natur zu erringen und zu behaupten gewußt hat. Gott bedient sich nicht selten dieser wunderbaren Erscheinungen, um seine Diener vor den Menschen zu verherrlichen und uns »och kräftiger, als eS durch Worte zu geschehen pflegt, die Wahrheit vor Augen zu halten, daß in Christo der Tod überwunden und im lebendigen Glauben an seine Verheißungen und der damit verbundenen Bekämpfung der Sinnlichkeit uns das Unterpfand der Unsterblichkeit gegeben ist. Um diese wunderbare Erscheinung mit unseren eigenen Augen zu sehen wanderten wir einer Gegend RomS zu, die in der vorchristlichen Zeit durch ungeheure Schandthaten berüchtigt war, jetzt aber das am zahlreichsten bewohnte Kloster der h. Stadt, das der Capnziner umgibt. Nachdem wir in ihrer zu Ehren der unbefleckten Empfäng- niß Mariens geweihten Kirche vor dem Allerheilkgsten unsere Anbetung verrichtet und die jungfräuliche Gottesmutter in ihrem herrlichen Bilde begrüßt hatten, führte unS einer der ehrwürdigen Brüder in eine Seitenkapelle, zündete die Lichter an und schob die vordere Seitenwand des AllartischeS, vor welcher die Worte geschrieben standen: Uio ^seet carpus kosti Oigpini, hinweg. Vor unsern Augen lag jetzt, auf ein hartes Lager hingestreckt, das Haupt mit seinen von den Jahren gebleichten Haaren bedeckt, das Kinn mit seinem weißen Barte geschmückt, die Augen halb geöffnet, mit rothen Wangen, mit einem Lächeln auf den noch fleischfarbenen Lippen, in seiner Kutte und in den weißen, kaum etwas welk gewordenen Händen Crucifix und Rosenkranz haltend — ein armer Capnziner, der vor hundert und einem Jahre gestorben war. Es ist der ehrwürdige und von der Kirche selig gesprochene Bruder CrispinuS von Viterbo. Am 16. Nov. 1668 von frommen Eltern in Viterbo geboren und in der Taufe mit dem Namen des h. Petrus beschenkt, knieete er als junger Mann von englischer Reinheit vor der Thür des Klosters der Capuziner seiner Vaterstadt und bat mit . Thränen um die Ehre, mit dem demüthigen und armen Gewände deS h. FranciSkus bekleidet zu werden. Die erbetene Gunst ward ihm zu Theil, und vom Tage seines ProfesseS an sahen die Hütten und Schlösser der römischen Staaten vierzig Jahre lang den Bruder Crispino gewordenen Pietro von Viterbo um Almosen für das Kloster bitten Die Gaben, welche er empfing, wurden immer mit Gebeten und oft mit Wundern bezahlt. Noch in seinem achtzigsten Jahre ging der ehrwürdige Bruder mit dem Bettelsacke auf den Schultern über das Land dahin und durch die Städte und die Dörfer; aber sein Name war schon in Aller Munde und der Ruf seiner Tugenden, seines heiligen Wandels und seiner hohen Erleuchtung führte selbst Fürsten und Cardinäle zu ihm. Er starb in Rom und wurde gleich seinen Brüdern ohne jegliche Auszeichnung und ganz in gewöhnlicher Weise auf dem gemeinschaftlichen Gottesacker der Capnziner begraben; aber die Stimme des Volkes verkündigte seine Seligkeit im Himmel und der Himmel bestätigte daS Zeugniß der Erde. Auf daS Gerücht von neuen Wundern öffnete man sein Grab wieder und fand ihn unversehrt, wie wir ihn heute sehen und wie jeder ihn sehen kann, während gewöhnlich auf diesem Kirchhofe, auf dem man den Leichen nach vier bis fünf Jahren einen andern Platz zu geben gezwungen ist, in dieser Zeit die Verwesung bis auf die harten Knochen deS Gerippes vor sich geht. Auf deu evidenten Beweis der durch ihn erwirkten Wunder und seiner in heroischem Grade geübten Tugenden erfolgte seine Seligsprechung, zur Aufnahme deS HciligsprcchungSprocesses fehlt indeß zur Zeit noch der Beweis von einem neuen die Probe deS Processes bestehenden Wunder. — Lange konnten wir unS von dem Anblicke deS Seligen nicht trennen, der einen überaus freudigen und erhebenden Eindruck auf das Gemüth macht; nur in sanftem Schlafe scheint CrispinuS zu ruhen, seine Züge sind so wohlerhalten und ausdrucksvoll, und der Tod hat so durchaus nicht t27 seinen entstellenden Einfluß auf sie ausgeübt, 'daß man unwillkürlich erwartet, der Ruhende würde sich erheben und in vollem Leben unter unS stehen — und doch ruht er schon über ein Jahrhundert. Von dem Kloster der Capnziner führen wir Ihre Leser zn dem mitten in den Ruinen deS stolzen KaiserpalasteS aus dem Palatin erbauten bescheidenen Hause eines anderen Zweiges der Söhne deS hl. FranciSkus, der Alkantariner. Unter dem Hochaltar ihres ärmlichen KirchleinS erwartet uns eine ähnliche wunderbare Erscheinung, denn hier schläft den Schlaf des Gerechten der gottselige LeonarduS von Porto Mauritio, der unermüdliche Missionär deö Gebietes von Bologna und der Berge Italiens, der eifrige Prediger Roms während deS Jubiläums 1750. Im Jahre 1751 starb er in einem Alter von 95 Jahren. Sein Seeleneifer, seine außerordentlichen Abtödtungen und Bußübuugen hatten seine Haare erbleichen, sein Haupt kahl werden und seine Kräfte ermatten lassen; aber Gott ließ nicht zu, daß, waö in seinem Dienste geschehen war, von der Macht des TodeS fortgesetzt würde, — der Leib des Seligen blieb wie er war und kein verwesender Einfluß zeigte sich an ihm. Ein schöner Greis, wie im Begriffe aufzuwachen, ruht er nun hundert und zwei Jahre da, und neben ihm erblickt man wie das siegreiche Schwert an der Seite des christlichen Kriegers die noch mit seinem Blute gefärbte harte Disciplin, die gewissermaßen die Unverweslichkeit deS h. Leibes erklärt und uns beredt zu sagen scheint: Sehet, wer sein Leben in dieser Welt um Jesu Christi willen kreuziget, der wird es glorreich im anderen wiederfinden! — Auch LeonarduS wurde bereits vor einer Reihe von Jahren durch den Statthalter Christi selig gesprochen und seine Heiligsprechung schien vor Kurzem nahe bevorzustehen. Gregor XVI. wollte ihn nämlich zugleich mit sünf andern Seligen, die er im Jahre 1839 feierlich kanonistrte, in die Reihe der von der Kirche anerkannten Heiligen aufnehmen, da die Resultate des darüber geführten Processes einen glänzenden Ausgang desselben erwarten ließen. In der PeterSkirche hatte man schon für sechs Heiligzusprechende die Anstalten gemacht, auch sein Bild war dorthin getragen, die Medaillen zum Andenken an die Bereicherung der Kirche durch sechs neue Heilige waren geprägt, kurz Alles war bereitet; nur mußte in dem Processe noch ein zweites, seit der Seligsprechung durch seine Jntercession bewirktes Wunder die Probe bestehen, woran, weil so viele und ganz evidente Wunder nach allgemeiner Behauptung vorlagen, Niemand auch nur im Entferntesten Zweifel hegte. Da traf eS sich, daß der Defensor, der in diesem Theile des Processes zum erstenmale sein neues Amt versah, auö den vorliegenden Thatsachen keine glückliche Auswahl vornahm und eine Krankenheilung zur Grundlage des Beweises nahm, die zwar in allen Beziehungen das eklatanteste Zeugniß gab und die Einsprüche des PromotorS Fidei niderschlagen mußte, aber bei der zum unumstößlichen Grundsatze erhobenen Forderung der Congregation, daß die plötzlich geheilte Person die frühere Krankheit nie wieder bekommen habe und nicht daran gestorben sey, nicht schlagend bewiesen werden konnte. Sachverständige Kanonisten verkündigten deshalb schon vor der Sitzung, die Verhandlungen würden nicht das allgemein erwartete Ende nehmen. Daß sie Recht hatten, zeigte sich bald, und als man nun besonders von Seiten der Römer, die mit außerordentlicher Verehrung und Licl e dem Seligen anhingen, den Papst bestürmte, für diesesmal und im Angeflehte so vieler wunderbarer Thatsachen und des übrigens so glänzend geführten Processes von der Strenge deö Gesetzes eine Dispens eintreten zn lassen, schlug Gregor XVI. das, wie die Römer noch heute erzählen, „wie ein harter Deutscher" rund ab; der Schmuck der Peterskirche wurde in Eile verändert, das Bild wieder sortgetragen, die Medaillen wurden umgeprägt, und so nimmt LeonarduS bis auf den heutigen Tag in der Kirche nur deu Rang eines Seligen ein. Um jedoch auf die Unversehrtheit der Leiber mancher Diener Gottes zurückzukommen, so sieht die Kirche darin allerdings etwas Wunderbares, gerade wie daH Volk, das die Verwesung sonst in drei bis vier Jahren eintreten zu sehen gewohnt ist, darin einen höheren Schutz erblickt. Zum Fundamente eines Beweises im Kanoni- sationSprocesse läßt die Kirche dieselbe aber nur dann zn, wenn zur Genüge und auch 128 durch ärztliche Zeugnisse bewiesen ist, daß sie nicht durch natürliche Mittel und Einflüsse erfolgte, und wenn andere Wunder und die übrigen Erfordernisse hinzukommen. So galt in den Verhandlungen über die Seligsprechung des h. Jsidor, des h. Franz Taver, der h. Theresia, der h. Katharina von Bologna, der h. Magdalena von PazziS u. A. die Unverwesenheit ihrer Leiber als ein Zeichen ihrer jenseitigen Verklärung; und die Äcten über die Beatification des h. Antonius von Padua und des h. Johannes von Nepoiiiuk zeigen, daß auch die Unversehrtheit ihrer Zungen, von denen wir die des ersteren vor einiger Zeit in Padua sahen und die des zweiten in Prag verehrt wird, als wunderbare Erscheinung von der Kirche betrachtet und behandelt wird, (M. S.-Bl.) Die letzte TaleS. Am 14. Aug. 1852 starb in Vichy die Frau Marquisin Pauline FranziSka Jo- sepha von Roussy, Tochter deS Marquis Moriz Benedikt von SaleS, deS letzten männlichen Sprößlings der Familie von Saleö, welcher der heilige Bischos von Genf, Fran- ziSkuS SalesiuS, durch die Geburt angehörte. Die Verblichene hatte ihre Jugend an dem H^fe der im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Königin von Sardinien, Marie Clo- tilde, verlebt, dann den Marquis de Roussy geehlicht und seit dem Jahre 1830, zurückgezogen von aller Welt, lediglich der Erziehung ihrer fünf Söhne sich gewidmet, von denen noch vier am Leben sind. Im Jahre 1851 zog sie nach Nizza, von da nach Lyon und später nach Vichy, wo sie der Tod ereilte Sie verschied, nach würdigem Empfange der heiligen Sterbesacramente, mit der Ermahnung an die Ihn, en: „Liebet Gott steiö und dienet ihm treu; das ist der einzige Trost, der uns bleibt, wenn wir aus dieser Welt scheiden." — Ihre schöne Seele 'picgelt sich in ihrem Testamente, das nach der gewöhnlichen EingangSformel: „im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit" wörtlich die folgenden Sätze enthält: „Meine erste Pflicht und das erste Gefühl meines Herzens ist eS, in diesem Augenblicke der erbarmungövollen Vorsicht GotteS dafür zu danken, daß Er mich in der heiligen katholischen, apostolisch-römischen Kirche geboren werden ließ, die ich als meine Mutter betrachte, deren Lehren ich glaube, verehre und liebe. Eben so danke ich der göttlichen Vorsicht, daß sie mich von christlichen und tugendhaften Eltern abstammen ließ, und daß ich den Namen eines Heiligen erhalten habe, der mir durch seine Tugenden so herrlich vorleuchtete. Dabei bedauere ich zugleich, daß ich sein heiliges Beispiel so wenig nachgeahmt habe, da es mir doch zu einer Regel für mein ganzes Leben hätte dienen sollen. ... Ich habe nicht nöthig, in meinein Sohne Eugen das Interesse zu erwecken, welches unsere Familie an den Besitz von ThorenS knüpft. . . . Der Gedanke, daß der heil. Franz von Sales in der dortigen Kapelle geboren ist, daß er jenes Schloß bewohnt und beide durch seine Gegenwart geweiht hat, daß wir dieses Gut von ihm ererbt haben; das Alles bestimmt mich zu dem Wunsche, daß das Schloß, der Wald von Sales u. s. w, niemals veräußert werden sollen. Wenn Gott meinem Eugen Nachkommen geben wird, so wird ihm dieser kostbare und geheiligte Nachlaß noch kostbarer seyn; seine Kinder werden von dem Beispiele meines Gatten und unserer beiderseitigen Voreltern lernen, daß der Glaube und die Ehre deS heil. Franz von Sales zur Lebensrichtschnur diente und dienen soll. Ich bringe Gott das Leben zum Opser, daS Er mir gegeben hat; ich lege euere und meine Zukunft in Seine väterlichen Hände. Liebet Ihn, dienet Ihm; leset die so schönen Briefe meines Vaters und glaubet, daß in dieser Welt hienieden der Friede und das Glück nur in tugendhaften und christlichen Herzen wohni. Erinnert ench meiner, und betet für mich, damit ich zu Gott im Himmel gelangen möge, bei dem ich den reichlichsten Segen für euch erflehen will. (Amico caitolico.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er.