Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Polhcitung. 15. Mai. ^ 2«. 1853. Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Aboauement«prei« 40 kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlung» bezogen werden kann Der Dorfcaplan in den Tyroler Alpen. (Charakterbild von Beda Weber.) Freundliche, Leser! ich lade euch ein zu einer Bergfahrt in'S südliche Tyrol, wo auf den tieferen Abhängen an Porphyrselsen die Traube glüht und im höheren Gebirge der Weizen, das Mark der Männer, reift, an jene Doppelgränzc, wo Nord und Süd sich in kräftigmilder Luft wechselseitig vermitteln und das deutsche Wort schärfer auSklingt gegen die Stimme des wälschen Nachbars. Dort saß ich die Sommermonate oft still im Schloß edler Freunde am Labsale der reichen Eisackland- schast, die wurzelhast ineinander geknotet, die nordischen Wasser kaum fortschlüpfe» ließ durch die Schluchten deS KunterwegeS. Nur selten wurde die Thurmeinsamkeit durch Besuche unterbrochen. Die einsame Nachtigall, welche in einem Granatenbusche nistete, die geschwätzige Amsel im Brombeerstrauch am FelS und zwei Kibitze in einer Mauernische belebten meinen stillen Tag und die Heiterkeit der lauen Sommernächte, die mit geisterhafter Klarheit aus den Bergen brüteten. Und klopfte eS bisweile» an meine Zimmerthür, so war'S Niemand anders, als der Dorfcaplan, welcher jede Woche einmal in unserem gastlichen Schloß einsprach. Er hauSte über unS einsiedlerisch im Gebirge als Seelsorger einer zerstreuten Dorfgemeinde, und war als Menschenfreund bei Groß und Klein in der ganzen Gegend beliebt. Er hatte als Jüngling seine Studien zu Innsbruck gemacht, einer jener unzähligen Turoler- studenten, die alljährlich von ihren jähen Bergen in die Städte heruntersteigen mit dem schönen Empfehlungsbriefe, den ihnen Armuth, Geist und frische Wangen ausfertigen. Unsere Städter, unsere Beamten, unsere Evelherren nehmen sich mit Freuden deS jungen Blutes an und theilen mit ihm den Tisch. Läßt sich der Schüler gut an, so wird er Hauslehrer in wohlhabenden Familien, und eS ist merkwürdig genug, wie der kräftige Bauernstudent das adelige Stadtknäblein mit den blaffen Wange» meistert und abrichtet für'S thätige Menschenleben. Diese innigste Berührung des BauernthumS und der Adelschaft seit uralten Zeiten ist zum Theil in der Landesverfassung begründet, die freie Bauern bildet und schützt selbst als Landstände neben den ersten tvrolischen Rittern und Grafen, und mitunter Ursache des traulichen Ge- bahrenS zwischen Edlen und schlichten Landleuten. Der Dorfcaplan war in einem Grasenhause zu Innsbruck ein solcher „Hofmeister" gewesen, und hatte aus seinem Erziehungsgeschäfte jene feine Lebenöbildung mitgebracht, die seine Landbauern an ihm dergestalt zu schätze» wußten, daß sie ihn schlechtweg den „klugen Herrn" nannten. Er zählte jetzt ungefähr sechzig Jahre, und sein frisches Aussehen ließ nicht ahnen, daß seine Gesundheit untergraben sey. Er fing an einem Magenleiden zu kränkeln an, ohne daß seine Umgebung besondere Gefahr witterte. Wir hatten ihn alle so lieb, daß kein ernstlicher Zweifel an seine Unversehrtheit aufkam, während wir sein Unwohlseun als vorübergehendes chronisches Leiden wenig anschlugen. Aber eS reifte zu unserem Leidwesen schnell und unerwartet zum Tod. l54 Ich saß eines Abends am Thurmfenster und starrte nachdenklich hinaus in die Mondnacht. Während die Lichtseite des engen Thales in heiterster Klarheit mit tausend hellen Augen von weißen HäuSlein über Wald- und Stromesrauschen glitzerte, lag die Schattenseite mit dunkelin Nadelholz mächtig gegenüber und warf wunderliche Schattenriffe in'S Lichtbild am jenseitigen Ufer. Selbst das Schloß stand als Schatten- castell jenseits der Wasser in den reinsten Konturen, und seine Windfahne flatterte sichtbar auf der Geisterburg, die mit jeder Minute kleiner wurde. Ein Heer von Leuchtkäfern schwamm durch die milde Luft und füllte mit wandernden Funken die weite Thalung auS. ES schlug N Uhr am Thurm, und daS Lallen der letzten Vogellaute im Walde verstummte. Da schellte es plötzlich an der Glocke deS Burgthors. Eine Magd, schläfrig und verwirrt, wollte öffnen; aber auf halbem Wege überwältigte sie dergestalt der Schrecken der Mitternacht, daß sie laut schreiend in die Küche zurückstürzte. Der Lärm weckte alle Leute im Schloß. Ich eilte herab, die Thür zu öffnen. Ein Bauer stand vor mir, kaum halb bekleidet, mit Schweiß ganz überrennen. „Unser Caplan stirbt, o kommen Sie zu seinem Beistande," sagte er mit stotternder Hast. Wir stiegen ohne Verzug den dunkeln Waldhügel hinauf. Auf einzelnen Zweigen lispelte noch die Cicade, Berghühner flatterten vor unseren Füßen auf mit dem Schrei deS Entsetzens, der schneidend durch den Wald pfiff. Auö versteckten Thalgründen krächzte einförmig der gestörte Uhu, und ihm antwortete die Stimme besorgter Liebe. Ick konnte nicht reden, mich hatte der Gedanke an den sterbenden Freund zu tief ergriffen. Mein Begleiter plauderte beständig neben mir her im krausen Durcheinander eines bäuerisch bewegten Gemüthes. „Wenn der Caplan stirbt," sagte er, „so bleibt kein Auge in der Gemeinde trocken. Er hat unS Jüngere in der Schule so lieb gehabt, daß man eS nimmer vergessen kann. Reich kann er nicht seyn, ungeachtet vierhundert Gulden Botznerwährung jährlich ein schönes Geld sind. Er verwendete Alles auf Bücher, Bilder und Schulkinder. Arme Leute haben wir nicht, Jeder hat zu essen, der arbeiten will, und wer nicht arbeiten kann, ißt auch mit unS, und eS haben doch Alle genug. Nur fremde Bettler „strolchen" oft an unS vorbei auö Furcht vor dem Bettelrichter in Kastelrutt. Wir können Alle lesen und schreiben, der Caplan hätt' eS nicht anders geduldet. Er redete unS auf Wegen und Stegen darum an. AIS einst ein dummer Knabe sagte: „Was braucht man daS Lesen? man kommt ohne dasselbe auch in den Himmel!" da wurde sein Gesicht roth wie Feuer. Der Knabe erschrack über diese Flammen im Gesichte dergestalt, daß er laut zu weinen anfing und von diesem Augenblicke sich besserte. Er nennt unS Alle bei unseren Taufnamen, und seine Stimme klingt so süß, daß man ihre,» Ton Tage lang im Herzen nachklingen hört. Und um diesen bekannten lieben Schall ginge man ihm durch'S Feuer, und gäbe ihm das Herz aus dem Leibe. Er tbut gar nicht vornehm, aber sein Rock ist allzeit ganz und rein, wie bei vornehmen Stadtherren. AIS er mich einst mit einem Loch am Ellbogen erblickte, so sagte er: „O HanS! wenn du wissen willst, wie schön ein Flick auf dem Loche steht, lerne eS von der Spitzmaus, sie hat einen so schönen glänzenden Balg, und kein Härlein fehlt daran." DaS habe ich meiner Lebtage nie vergessen, und mag seitdem die Löcher in den Kleidern nicht leiden. Er liest oft ganze Tage, und wenn nur die Hälfte hangen bleibt, so muß er gelehrt seyn, wie der beste Doctor." Ich merkte nur theilweise auf diesen Fluß der bäuerlichen Rede, und so erstarb sie allmählich, je näher wir unserem Ziele kamen. Die einsame Berggemeinde hauSte auf einem AbHange deö Mittelgebirges in weit auseinander gesäeten Hütten am Fuße waldiger Hügel, die mit ihrer Fichtennacht wcllenhaft aufsteigen in die schroffen, spitzen Formen der Dolomitfelsen, deren weiße Farbe im Mondschein schaurig niederstrahlte auf den dunkeln Grund der Menschen. Wohnungen. RingS um die letzteren dehnten sich reinlich gepflegte Felder mit reifen «ehren im Rahmen deS' hellsten AlpengrünS. Fast in der Mitte derselben strömte ein Brunnen reinsten WasserS, wie ein Allvater verehrt und geliebt, mit Bänken, auf denen sich jeder WanderSmann laben konnte, «o selten flüsterndes Volk fehlte mit tSS Geschäcker, Märchen und Spottliedlein und der ganzen harmlosen Chronik der „Dörfler," so frisch und duftig wie die Blümlein, die am abrieselndcn Wasser langzeilig den Fahrweg umblümten. Am südlichen Ende deS DorfgebieteS schwoll eine grüne Hügelwelle länglich und fast wagrecht hinaus zur eirunden Fläche über der Schlucht deS lautrauchenden Grödner-Wildbaches, der aus verwilderten Fclsenbergen hervorbrach. Seine Wellen sangen aus der Tiefe wie Gruß und Gegengruß zu fröhlichen Menschen hüben und drüben, stimmten aber auch oft zum trauernden Herzen wie Verlornes Grabgeläute. Von Jenseits blickten Landkirchlein, Thürme und Sennhütten von den höchsten Bergen, die zur NachtSzeit, wo der Zwischenraum seine Fernen nicht geltend machen kann, hervorschwimmen wie lebende Wesen und zu fließen scheinen im Strom ewiger Bergluft, von welcher ein Sprüchwort sagt: «Die Berge ohne Wind, und die Mütter ohne Kind, und die Herzen ohne Freud', die wohnen von uns meilenweit I" Auf dieser abgesonderten Fläche stand im Walde von jungen Obst- und Zierbäumen die Wohnung deS DorfcaplanS neben der kleinen Kirche. Ich trat durch die offene Thür und daS Vorzimmer vor das Bett deS Kranken halb ein Uhr Nacht«. RingS um ihn standen Männer und Frauen des Dorfes mit ihren Kindern, und wurden von Zeit zu Zeit abgelöst, da die kleine Stube nicht alle zugleich ausnehmen konnte. Die halbgekleideten Gestalten, auS mitternächtlichem Schlafe gefahren, mit Zügen der Angst und Neugierde, mit hervorquellenden Thränen und verhaltenen Seufzern hatten ein ergreifendes Aussehen. „Der Schlaf will uns nicht mehr reckt gerathen, seitdem unser Caplan krank ist," sagte ein stämmiger Mann mit bloßen Füßen, und wischte sich mit einer alten Pelzmütze die Augen auS. Eine ältliche Frau, mit tiefen Zügen von Trübsal und Schmerz im verbrannten Gesichte, warf sich leidenschaftlich erregt auS dem Trauerkreise an mich heran, faltete krampfhaft ihre Hände und rief schluchzend: „Machen Sie mir doch den kranken Caplan wieder gesund! Ich kann ohne ihn nicht leben auf dieser kummervollen Erde! Ach, er hat mit mir redlich gelitten, viele, viele Jahre, und mir stets Trost in die Seele geträufelt, der gute freundliche Mann, und wenn ich mich in meinem Leid gar nicht halten konnte, traten ihm stets zwei unvergeßliche Thränen tn'S Gesicht. Sie stehen mir noch immer vor der Seele in ihrem milden Glanz, aus denen mich süßeS Gottvertrauen anstrahlte. Einmal am Charfreitag nahm er mich hastig bei der Hand, führte mich zu seinem Crucifir, daS mit frischem Epheu umrankt war, und betete, sein Auge fest an's Kreuz geheftet: «Süßer Heiland Jesu» Christ, Gertraud hat dein Leiv versüßt, Hat mit dir den Tod gelitten Und den SicgeSkranz erstritten, Laß sie für ihr SchmerzeSglüh'n Ewig dir am Herzen blüh'n!" ES drang mir tief in die Seele, ich konnte die Verse nicht mehr vergessen. Ich hatte dabei stets daS Gefühl, als wenn alle Engel und Heiligen an meiner Seite knieten, und mit mir dieselben beteten. Da schliefen alle meine Schmerzen ein." , Während dieser aufgeregten Schilderung fiel mir ein kleines Mädchen im eigentlichen Sinne laut weinend an die Füße und streckte mit der rechten Hand ein Bildchen zu mir empor, „den JesuSknabcn« an einem Waldbrünnlein, welchem Johannes der Täufer frische Kresse und Erdbeeren überreichte zum Danke für den lieben Besuch in der Wüste. „Lege ihm doch dieses schöne Bild auf die Brust," schluchze daS Kind, „ich habe eS von ihm in der Christenlehre zum Geschenk erhalten, eS wird ihm gewiß helfen." Ich nahm dem guten Kinde daS Bild ab und legte eS dem Kranken über der Bettdecke auf die Brust. Nur mit Mühe kennte ich daS Mädchen von meinen Füßen auf einen nahen Stuhl bringen, wo eS beständig lallte und flüsterte: „Ja, ja! eS hilft ibm gewiß!" ES war ein eigener Anblick, dieses Bild der Unschuld und kindlichen Freude auf der Brust deS kranken DorfcaplanS unruhig bin- und herschwanken zu sehen unter den heftigen Pulsschlägen deS Fiebers, welches an den Grundfesten des Lebens arbeitete. Ueber dem Bett hing an der Wand der bekannte Kupferstich, 156 die Grablegung des Heilandes vorstellend, auS der Galerie Borghese zu Rom, nach einem Gemälde von Raphacl, ringS mit lichten Goldstrcifen und Sternen, und seit Weihnachten her von Tannenzweigcn umflattert, an jeder Seite mit einer brennenden Kerze auf broncenen Leuchtern, die in daS Wandgetäfel eingeschraubt waren , mit dem wohlthuendstcn Eindrucke von der seligen Hoffnung, welche stärker ist als der Tod. Der Kranke schien sich einen Augenblick bester zu fühlen, und mein ungewöhnliches Erscheinen wirkte auf ihn mit überwältigender Kraft. Wie gelöst auS schweren Banden raffte er sich auf, mir entgegen, und drückte meine Hand mit inniger Zärtlichkeit. Doch bald sank er wieder zurück i» seinen seltsamen Zustand, der als unwillkürliche Fortdauer seines gesunden Lebens gelten konnte, ungeachtet das heftige Fieber die klare Besonnenheil über zunächst liegende Gegenstände fast gänzlich zerstört hatte. Sein krankhaftes Traumleben war die süße, sreundliche Gewohnheit seines früheren Lebens und WirkenS: festes Vertrauen auf Christus, reinstes Bewußtseyn redlichen StrcbcnS, herrliche, allumfassende Liebe. Er war von jeher ein besonderer Freund von Blumen gewesen. Sein Hauö war umstellt mit Gewächsen aller Art. Er begoß sie selbst mit der Zärtlichkeit eines treuen Freundes, und redete mit ihnen wie mit lebendigen Seelen. WaS im Lebe» leise geglüht, loderte jetzt als mächtiger Funke empor, weil nicht gehütet durch menschliche Rücksichte». Die ersten Strahlen des Morgens schlugen zückend an sein Fenster, und lautes Hahncngcschrci grüßte daS werdende Licht. „Nun wachen meine Blumen auf", flüsterte er leise zu den Umstehenden, „und reiben sich die Aeuglein vom Thau deS Himmels trocken. O, wie heilig und keusch strahlt ihr Blick zu Gott empor, dem Vater ewiger Liebe!" Nun sah er seinen eigenen Leichenzug, der nach der wohl eine Stunde entlegenen Pfarrkirche zum Begräbniß zog über ein hohes Waldgebirge, daS die Gegend weitum überschaute. Als er die höchste Windschneide erreicht hatte, stellten die Träger die Leiche in'S blühende Waldgebüsche, und alle Begleiter fielen auf die Kniee und beteten zu Gott für den todten Caplan, während der heiterste Himmel über der betenden Gruppe schimmerte und lauer Südwind die fliegenden Blätter der Maiblüthc auf das schwarze Leichentuch schüttelte. Jenseits vom Hügel der Pfarrkirche klangen die Kirchen» glocken zum freundlichen Willkomm, und die Geistlichen kamen singend entgegen zum Empfange „der Saat, die Gott gesäet bis an den Tag der Garben zu reifen." AuS dieser, der Oertlichkeit und dem Dorsbrauche genau angepaßten Leichenschau schlug die Phantasie deS Kranken über in daS Bild seiner eigenen Tauffahrt. Drei Leute im Sonntagsstaate mit strahlenden Augen über ein neues Leben trugen ein Kindlcin, drei Stunden alt, über das nämliche Gebirge. ES war eingehüllt in blendendweißes Linnen und mit frischduftigcn Rosen ringS umflochten,- und als die Taufgehülfen an die Stelle der Tvdtenrast auf den höchsten Gipfel kamen, legten sie daS neugebornc Kindlein in die WaldeSfrische, wo so viele tausend Leichen der Gemeinde ausgeruht, und beteten mit lauter Stimme, daß eS grüne und gedeihe, und nach frommem Leben heilig sterbe. Der Kranke faltete mitbctcnv die Hände und sagte: „Gib ihm, o Gott, den Kuß deS Friedens, daß eS denselben sein Leben lang empfindet und unbefleckt bleibe an Leib und Seele!" Hierauf kam er wieder ganz zu sich, betrachtete uns Alle aufmerksam und konnte Gott nicht genug danken für die Gesundheit, die er ihm gegeben und treulich gesegnet habe. „Mir ist ganz wohl," versicherte er, „meine Brust so leicht, olle Glieder so geschmeidig, und alle meine Sünden hat mir der Herr gnädig verziehen." AIS er in . den Eaplandienst eingetreten, hatte er die kleine OrtSkirchc ganz vcrnachläßigt gefunden. Er widmete ihr die liebevollste Sorgfalt und konnte er sie nicht kostbar ausbessern, machte er sie doch zierlich rein, da er von Jugend auf allerlei Zierrath zu fertigen verstand. Jetzt dachte er mit Innigkeit an seine liebe Kirche und rief: „O, wie schön ist ein so heiliges Gotteshaus! ES gehört uns Allen, Alle sind wir darin zu Hause wie Eltern und Geschwister, die rührende Einigung heiliger Seelen in Christus. Und die Reinheit deS Hauses mahnt Jeden an die Reinigung deS Leibes und der Seele, daß kein Haß mehr sey und kein Groll unter den Miterben Jesu 157 Christi." Bei diesen Worten brach eine große volle Thräne aus seinem Unken Auge und rollte als zwei Perlen über die Wangen. „Ja, Miterben Jesu Christi, fuhr er fort, „deßhalb ist der Tod so leicht und unser Hinscheiden so süß!" So lag er eine Viertelstunde in unaussprechlicher Ruhe, die Lippe» zitterten leise, daS linke Auge war halb offen und die rechte Hand ruhte auf der Brust. AIS er wieder erwachte, ergriff er hastig meine Hand und sagte: „O, wie süß habe ich jetzt geruht! Christus trat an mich heran, einen Blumenstrauß in der Hand, und flüsterte mir in'S Ohr: Ich bleibe bei dir, dein Arzt, dein einziges Heil. Traue auf mich als einen Felsen, der selbst im Tode nicht wankt!" Den einst öden Hügel, worauf Pfarrhaus und Kirche stehen, hatte er mit Akazien, wilden Kastanien und Kirschbäumen bepflanzt, deren üppiges Grün die kahle Halde ziersam überkleidetc. Er nannte sie seine „liebe Baumjugend," und beförderte ihr Wachsthum mit besonderer Sorgfalt. In der Krankheit traten sie ihm näher wie mitfühlende Wesen, und er erzählte von ihnen die anziehendsten Geschichten. „Denken Sie nur," sagte er, „heute kamen alle Bäume zu mir, die ich gepflanzt habe, grün wie die Hoffnung, mit hellen Tropfen ThaueS auf allen Blättern und sprachen: „Gott hat unS geschickt, dich heimzusuchen. Alle Abend tanzen und singen die Kinder um uns, und wir rauschen mit unseren Zweigen in'S Kinderlied und rufen: Der Dorf- caplan soll leben, der nnS gepflanzt hat! Dann sage ich ihnen schönen Dank für ihren Besuch und rufe: Gehet heim, schöne Bäume, meine Lust ! Grünet und blühet lange, lange Jahre! Wehet Kühlung den Matten, gebet Schatten den Erhitzten, und mit jedem Schwung cuerer Zweige im WindeShauch lobsinget meinem Gott, dem besten Freunde aller Menschen! Dann hnschcn sie lustig davon, daß cS Blätter und Blüthen regnet!" (Schluß folgt.) Die Gage vom Wunderbilde auf dem heil. Berge. Ehe wir diese kleine Erzählung beginnen, die uns darthun soll, wie sehr die heilige Jungfrau uns liebt, wenn wir »nS unter ihren Schutz begeben, und uns eS auch dann nie an demselben fehlen läßt, ziemt cS sich wohl, daß wir mit den Worten deS Abb6 Lcguillon Ihre Güte also preisen: „Wenn- ich auch mein Herz zum Schweigen bringen wollte und all der Wohlthaten nicht mehr gedenken, die mir diese gute Mutter zukommen ließ, die Stimme aller Jahrhunderle würde mich erdrücken, in dem Echo, welches durch die Unendlichkeit tönt: „Wie bist Du voll Güte, o Maria! «Die Güte GottcS selbst wohnt in ihrem Herzen, der ihr aufgetragen, die Schätze seiner Barmherzigkeit über die Erde zu ergießen. Sünder, Kranke, Leidende und Trauernde aller Art sagt selbst: nicht wahr, „Wie gut Sie ist, Maria? „Ihre sanfte Hand trocknet die Thränen des Schmerzes, die Strahlen ihrer Mildherzigkeit erleuchten die Verirrten... Ihr mächtiger Schutz hebt den Muth niedergeschlagener Seelen... Ihr zärtlich liebendes Herz ladet alle Ruhelosen ein, den Frieden bei ihr zu suchen. O ihr, die ihr Sie noch nicht kennt, wüßtet ihr: „Wie gut Sie ist, Maria! „Ein Wort!... ein Blick!... ein Seufzer!... und Sie versteht euch; Sie unterstützt euch; Sie zerstreut eure Furcht, eure Aengsten; Sie stützt eure Kräfte; Sie erleichtert die Bürde der Prüfung. — Habt Vertrauen... kommt... betet... und bald werdet ihr mit der ganzen Kirche wiederholen müssen: Wer hat jemals zu Ihr gefleht, ohne ausgerufen zu haben: „Wie gut Sie ist, Maria! „O gute! o süße! o sehr reine Jungfrau Maria! ja laß eS mich Dir tausendmal t58 und immer von neuem wiederholen, daß ich Dich liebe, ja daß ich Dich liebe... und Dich immer lieben und Dir immer dienen will! —" Solche Güte erfuhr nun auch ein Mägdelein, die in der Nähe deS heiligen BergeS wohnte und die Gesundheit ihrer sehr kranken Mutter erflehen wollte. Von ihr sagt die Sage, das Kind sey noch jung und schwächlich gewesen, habe sich aber doch auf den Weg begeben. Glühend heiß brannte die Maiensonne, und obgleich ganz ermattet von der mühevollen Strecke des WegeS, strebte sie dennoch, bis an den Gipfel des BergeS zu steigen, wo oben ihr der Rettungsstern, das Gnadenbild Marias Erhörung zuwinkte. Mag eS auch viel Mühe kosten, sie muß erstiegen werden, die LebenShöhe! je höher wir klimmen, um so näher kommen wir dem Ziele, nach dem wir Alle ringen sollten. Maria will uns immer ihre mütterliche Hand reichen, — o ergreifen wir doch dieselbe und lassen wir uns empor ziehen, mit jenem Kinde. Kommen wir auch erschöpft an, oben ist dann Ruhe, ewige, selige Ruhe, wo wir in Erfahrung bringen werden die beglückenden Worte des Herrn: „Wahrlich kein Auge hat eS gesehen, noch ein Ohr gehört, noch ein Menschenherz eS empfunden, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." Ganz entkräftet, von Hitze und Durst geschwächt, kam daS Kind oben an. ES trat ein in den kühlen, herrlichen Tempel und gleich fielen dessen Augen auf das in goldenen Grund köstlich gemalte Bild der heiligen Jungfrau, die eingehüllt in einen blauen Schleier, schwebend in den Wolken des Himmels stand, ihre gnadenvollen Hände und milden jungfräulichen Augen liebend der Erde zugewandt! Ein mystisches Licht umgab den Altar, und in tausend Farben spielten die Strahlen der Sonne durch die bunten Scheiben in. daS Heiligthum des Herrn. Ergriffen von dem hehren Anblick, warf sich daS Mädchen an den Stufen deS MarienaltareS auf die Kniee; in kindlicher Weise betend, trug sie ihr Anliegen vor die Himmelskönigin, bis endlich auch ihr Geist, erschöpft, in süße Träume überging und schlafend daS blonde Köpfchen zur Erde niedersank. Es führten aber die Engelein gar liebliche Bilder von ParadieseSlust und ParadieseSauen vor die schlummernde Seele und hielten sie fest im Schlafe, damit die Hilfe Maria'S neuerdings kund würde dem Menschengeschlechte. Bereits war die Sonne untergegangen, und nächtliches Dunkel erfüllte das nun still und leer gewordene Gotteshaus. Die Stunde kam, in welcher eS verschlossen werden sollte, und eS trat der Küster mit dem lauten Ruf an Alle ein, die sich vielleicht verspätet hatten, den Tempel zu verlassen, da nach altem Brauch zur Bewachung deS kostbaren Bildes sieben mächtige Rüden von ihren Ketten loS, die nun eingelassen werden müßten. Wild, ja unbändig in ihrer Freiheit, rannten sie in den Gängen der Kirche auf und nieder, indessen die gewaltige Thüre in ihren Angeln knarrend in daS riesige Schloß fiel. Allein, der tollen Wuth der Hunde preisgegeben, lag daS Kind da, ihr sichtliches Opfer. Eine aber hatte die schützenden Arme ausgebreitet, Eine daS wachende Auge offen behalten, — und wunderbar fein gearbeitet, mit silbernen Sternchen besäet, senkte die Jungfrau von ihrem Bilve herab ein künstlich gewebtes Netz, das schlafende Kind zu bedecken, daS zugleich eine wehrende Mauer dem stürmischen Andrängen der Hunde, die von der Jungfrau Hand gezähmt, wie Lämmer sich lagerten zu Füßen deS KindeS. Dieses aber, von mütterlicher Liebe gewiegt und von spielenden Engeln umgeben, schlief deS sanften SchlafeS, bis golden die Morgensonne ihr strahlendes Licht auf das Bild und den Altar warf und auch daS Kind in seinen Strahlenschleier einhüllte. Jetzt war der Augenblick gekommen, der daS Wunderbare den verwunderten Pilgern offenbaren sollte. Denn siehe! — als sie mit dem Küster eintraten, lag das Kind, von dem Gerassel geweckt, unschuldig da und rieb sich die Augen, glaubte selbst noch zu träumen und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Die Eingetretenen erkannten aber den offenbaren Schutz, so Maria diesem Mägdlein hatte angedeihen lassen, und haben diese Sage in alle Welt getragen, und mit neuem, innigerem Vertrauen wurde sie von dieser Zeit im Gnadenbilde auf dem heiligen Berge angerufen. Also die fromme Sage vom heiligen Berge. Möge sie auch in unseren Herzen 1S9 Liebe und Vertrauen zur heiligsten Jungfrau erwecken, und solches sich kund geben durch neuen Eifer in ihrem Dienste, zumal in diesem Ihr geweihten Monate. O, sie wird es euch nicht unbelohnt lasse» und tausendmal werdet ihr dankerfüllt ausrufen, ihr treuen Kinder: „Wie bist Du so voll Güte, o Maria!" Ueber die Missionen der Jesuiten in Oberösterreich wird uns auö vertrauter Hand noch nachträglich berichtet: Die Mission in St. Polten war mit den glänzendsten Früchten gesegnet. Es war unter allen Ständen ein heiliger Wetteifer, die Misstonäre zu hören. Bei der Ausrichtung des MissionSkreuzeS halsen sogar die Herren Officiere der Garnison mit den Jünglingen dasselbe aufzustellen. Die Bürger der Stadt aber hatten unter sich einen Verein gebildet, und unter Anderm sich gegenseitig daS Gelöbniß gemacht, sie wollten in ihrer Gesellschaft keinen Flucher und keinen Religionsspötter dulden, sondern ihn, so nichts Anders hälfe, mit Gewalt entfernen. Da wagte eS dennoch ein sogenannter Gebildeter in einer Abendgesellschaft über religiöse Dinge zu spotten. Weil eS indessen der erste Fall war, so verfuhren die Herren Bürger noch ganz glimpflich mit ihm; sie gaben ihm eben noch so viel Zeit, daß er seinen Hut suchen und sich durch eine Hinterthüre entfernen konnte. Auch die Mission in Baumg arten berg brachte die trostreichsten Früchte. An manchen Tagen fanden sich dabei Leute aus 24 Pfarreien ein. Ein Domherr auö Linz, der eigens für den Schluß der Mission dahin gereist war, äußerte sich darüber in den voriheilhaftesten Ausdrücken: „WaS ich heute gesehen, sprach er, gehört und empfunden habe, das kann ich nicht ausdrücken." DaS ganze Domkapitel in Linz ist entzückt über die freudenreichen Wirkungen dieser Mission. Aber wenn möglich noch trostvoller war die Mission im Zuchthause von Steuer- Garsten, welche vom Herrn Statthalter OberösterreichS, einem Bruder deS Ministers von Bach, selbst begehrt war. Unter 519 Sträflingen und Verbrechern der schauerlichsten Art fand sich kein einziger, welcher von den heiligen Sakramenten zurückblieb. Alle ohne Ausnahme haben freiwillig und mit einer Zerknirschung gebeichtet, welche den Beichtvätern die süßesten Freudenthränen entlockte. AIS die Missionäre sie später in ihren Schlafarresten besuchten, da war ein Schluchzen, ein Händeküffen, daß auch die Beamten weinten. „Kommen Sie bald wieder; wir können nur für Sie beten, aber daS wollen wir auch alle Tage. Eine solche Freude haben wir noch nie gehabt. Wenn wir frei werden, dann wollen wir Sie heimsuchen. Wir wollen gewiß von jetzt an recht brav werden", so lauteten die Worte dieser bekehrten Büßer. AIS das MissionSkreuz, beleuchtet mit hundert Lampen, welche die Beamten auf eigene Kosten angeschafft hatten, aufgerichtet stand, baten die Armen noch späl Abends, gemeinschaftlich beten zu dürfen, und blieben im Schnee noch eine halbe Stunde mir ihren rasselnden Ketten knieend und für die Missionäre betend. Ein jüdischer Sträfling wurde von Pater Joseph Klinkowström getauft. — So hat auch hier Großes gethan, der mächtig ist und heilig sein Name. Rom. Rom, 14. April. In den nächsten Wochen und Monaten stehen hier mehrere Generalkapitel verschiedener Orden bevor, zu welchen die Betheiligten auS allen Gegenden nach Rom reisen. So hat der Carmeliterorden schon in dieser Woche mit der Abhaltung des Generalkapitels begonnen, ihm werden darin der Serviten- und der Capucinerorden folgen, und zum Juli steht eine außerordentliche Generalversammlung aller Provinciale und zweier Deputirten auS jeder Provinz der Gesellschaft Jesu bevor. Letztere schrieb der jetzt krank und ohne Hoffnung aus Wiederherstellung darnieder- liegende General P. Rothaan schon vor Beginn seiner Krankheit mit Genehmigung t60 des heiligen Vaters aus, seine Umgebung glaubt aber nicht, daß er sie noch erleben werde. Der von Sr. Heiligkeit eingesetzte General des DominicanerordenS reiset jetzt in Sicilien zur Visitation der dortigen Klöster dieses Ordens, die die Zahl von sechzig erreichen, umher; dem Vernehmen nach kommt man seinen Bemühungen um die Wiederherstellung der alten Strenge der Disciplin von allen Seiten entgegen und gereicht die Visitation ihm zur großen Befriedigung. Nach Vollendung derselben wird er mit der neapolitanischen Provinz beginnen. — Nicht allein über eine Reise deS heiligen Vaters nach Deutschland und Frankreich, sondern sogar über deren Route scheinen in Deutschland Nachrichten von großer Bestimmtheit verbreitet zu seyn. Wenigstens gehen von dorther, insbesondere von Klöstern, schon Einladungen und Bitren um Einkehr an den heiligen Vater ein, die die Reise selbst und ihren Plan als eine ausgemachte und feststehende Thatsache voraussetzen. Auch hier fehlt eS an Gerüchten über diesen Punct durchaus nicht, an dem einen Tage heißt eS, der heilige Vater reise nach Frankreich, am anderen Tage verkündet man die Reise nach Deutschland, und am dritten Tage werden beide Reisen verbunden und im Vatikan der Reisealtar und alle Vorbereitungen zur Reise schon gemach«. WaS letztere betrifft, so kann ich Ihnen versichern, daß sie gänzlich aus der Luft gegriffen sind, waS aber die Reise selbst angeht, so ist darüber Männern, die sonst sehr gut unterrichtet sind, noch nichts bekannt, und am wahrscheinlichsten auch noch gar nichts darüber ausgemacht. Sie wollen deßhalb alle derartigen Nachrichten mit großer DiScretion aufnehmen. DaS Einzige, waS man hier von sonst gut Unterrichteten behaupten hört, ist, daß von Wien auS eine Deputation gesandt werden solle, um den heiligen Vater um die Bornahme der Krönung deS Kaisers Franz Joseph zu bitten, wie denn überhaupt eine Reise deS heiligen ValerS zu diesem Zwecke nach Deutschland wohl nicht in einem so hohen Grade eine UnWahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit seyn möchte, als Manche glaube». (Münsterer StgSbl.) Kirche und Sclaverei. ,ch!,«L .,,i>5!zS,K'WkMüwL,i«is ,im anu vMamÄ nzM.';«s»kl5M--io5«. ^>!>k Oberst Hamilton, ein protestantischer Engländer, sagt: „Katholiken und Protestanten bekennen sich zu dem Satze, daß alle Menschen vor Gott gleich sind; aber nur die Erstem handeln darnach. In einer kaiholischen Kirche kniee» der Fürst und der Bauer, der Sclave und sein Herr vor demselben Altare, und für den Augenblick sind alle Rangunterschiede aufgehoben. DaS Zeichen der Erniedrigung wird von der Stirn der Sclaven weggenommen, wenn er sich in dieselbe religiöse Genossenschaft mit den Höchsten und Vornehmsten im Lande zugelassen sieht. In protestantischen Kirchen herrscht eine andere Regel; die Farbigen sind entweder ganz auSge- schlössen, oder eS ist ihnen ein entfernter, mit Schranken umgebener Winkel ange. wiesen. So können sie auch nicht für einen Augenblick ihre verachtete Stellung vergessen. Kein (?) weißer Protestant würde mit einem schwarzen an demselben Altar knieen. ES ist darum nicht zu verwundern, daß die Sclaven in Louisiana alle katholisch sind, daß man in den protestantischen Kirchen nur einige Damen in wohlgepolsterten Kirchenstühlen sieht, während die Kathedrale von Andächtigen aller Farben ganz gefüllt ist. Die katholischen Priester vergessen nie, daß in dem häßlichsten Körper eine Seele wohnt, die in Gottes Augen eben so kostbar ist, wie die deS Papstes: die Arme der katholischen Kirche sind dem Verachtetsten geöffnet. Ich bin kein Katholik, aber Vorurtheile sollen mich nicht abhalten, christlichen Geistlichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die eS sich zur Lebensaufgabe machen, den verachtetsten und geringsten unter den Menschen die Segnungen der Religion zu spenden." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Krem er.