Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 26. Juni. 2V. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abo»nem«nt«prel« TV kr., wofür e« durch alle könial. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann- Die Religion muß der industriellen Thätigkeit die rechte Richtung und Weihe geben. Hirtenbrief deS Cardinal-ErzbischofS von Lyon zur Fastenzeit 1853. (Fortsetzung.) Um die Schilderung, welche die heiligen Bücher unS von der Habsucht liefern, in ihrer Wahrheit zu erkennen, braucht man nicht die Geschichte der alten Zeiten zu durchforschen. Der heilige Paulus richtete sich an die Christen jedes Zeitalters, aber oftmals scheint er die Laster und das Unheil des unseligen zu beschreiben. Hat nicht unser Jahrhundert den Strom von Uebeln, welche der Sucht zu besitzen und sich zu bereichern, entquillen, vor Augen gehabt? Und hatte man nicht manchmal zu bedauern, daß in Mitte des Großen, das die Industrie in unserer Epoche hervorbrachte, der von ihr verbreitete Glanz durch das Nichtvorhandenseyn einer christlichen Richtung verdunkelt ward. Sagt, geliebte Brüder, ob die Habgier in den Herzen nicht einen Neid entkeimen läßt, der sie verzehrt. In verschiedenen Zweigen der Industrie begründet sich ein solch thätiger, glühender, unermüdlicher Wetteifer, daß es kein Opfer gibt, das man sich nicht auferlegt, keine Unternehmung, die man nicht versucht, keine Verläum- dung, die man nicht verbreitet, keinen verzweifelten Entschluß, den man nicht saßt, um jede Rivalität zu bekämpfen. Man könnte in diesem hartnäckigen Kampfe die Zukunft seiner Familie gefährden, sich auS dem Ueberflusse inS Elend stürzen, ja, bei diesem gefährlichen Spiele mehr noch als das Vermögen einbüßen, seine Ehre und den durch die Vorsahren gerechterweise erworbenen Ruf von Rechtschaffenheit: doch diese Sorge, diese Gefahren vermögen nicht, einen Augenblick die unvernünftigen Bemühungen zu mindern, denen man sich hingibt, um ein HauS zu demüthigen oder über einen Rivalen zu triumphiren; es scheint, daß man alle seine Wünsche, seine ganze Thaikrast und Geistesfähigkeit auf den Verfall eines gefürchteten Milbewerbers beschränkt. Und sollte man dadurch den Haufen von unklugen Gewinnsüchtigen, welche tÄglich den tollen Unternehmungen unterliegen, vergrößern, sollte man sein ganzes Leben durch nur IhränenbenetzteS Brod essen, wenn eS nur gelingt, diesen beneideten mächtigen Nebenbuhler in seinen Ruin zu ziehen, so wird man den Sieg nicht zu theuer erkaust glauben. Der Neiv ist zufrieden gestellt! Aber noch müssen Wir Euch zn'gen, geliebteste Brüder, wohin die zügellose Liebe zum Irdischen führt, wenn man Gottes Gesetz und deS Gewissens Ruf für nichts achtet. Eine erprobte Biederkeit im Geschäftsverkehre, gewissenhaste Treue in Haltung deS gegebenen Wortes, darin bestand einstens ein Reichthum der Industrie, den die Familien unter die Obhut der Religion stellten und den sie getreulich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten. Unbegrenztes Vertrauen war die Belohnung für diese strenge .Ml>sM L02 Redlichkeit, und im Schatten dieser antiken Tugenden, dem Ruhm deS Handels, erhoben sich mächtige Häuser, demüthig an ihrer Wiege, mäßig in ihrem Fortgange, aber stets umsichtig im Handeln, immer bescheiden in ihren Ausgaben und bei ihrem fortschreitenden Gange selten durch die Unglücksfälle ausgehalten, welche meistens die Strafe für Unvorsichtigkeit und Prahlerei sind. Heutzutage will die in ihrem Laufe kühner gewordene Industrie in kurzer Zeit eine lange Bahn zurücklegen und sich durch die Arbeit einiger Tage die Genüsse deS UeberflusseS und deS LuruS verschaffen, mit denen sich unsere Väter erst nach jahrelanger mühevoller Arbeit umgeben konnten. Doch von der Habsucht verzehret, ist man über jede Verzögerung ungeduldig und will, um das Gebäude deS Glückes aufzubauen, nur so viel Zeit verwenden, als man einst zu dessen Grundlegung gebrauchte. Sich wenig Plagen, viel und schnell zusammenhäufen, eilends genießen, die kurze Lcbensspanne im möglichstem Wohlbehagen durchwandern: das ist der Lebensplan, den man sich zeichnet. Wird solch ein Verhalten neue Begeisterung für die Industrie einflößen? Wird eS dem Hause, dem man als Leiter vorsteht, zur Ehre gereichen? Wird eS die Zukunft der Kinder, die man hinterläßt, sichern? Die Erfahrung möge antworten. Doch das wissen Wir, daß, da die Religion bei solchen Berechnungen sür nichts gilt und solchem Treiben fremd bleibt, eS leicht zu errathen ist, waö die Habsucht noch hervorbringen wird. Das gewaltige Bedürfniß des LuruS, des Wohlstands, der vielfältigsten Genüsse, daS man in unsern Tagen mit dem ersten Schrille in die ehrenhafte Laufbahn deS KaufmannSstandes zu fühlen beginnt, dieses Bedürfniß, gcliebteste Brüder, wäre sehr schwer zu befriedigen, wenn man die Vorschriften der Ehrlichkeit gewissenhaft beobachten möchte. Doch diesc wird man bald bei Seite legen, als veraltete und lästige Ueberlieferungen eines Zeitalters, das nicht das des Fortschritts war und dessen Sitten von tyrannischer und abergläubischer Furcht gegängelt waren. Die Erzeugnisse, von denen die Plätze überfüllt werden, sind von tadellosem Ansehen; das Auge wiro davon bezaubert, der heikelste Geschmack entzückt, doch die Hintergangenen Käufer werden in diesen theuer an sich gebrachten Arbeiten bald die Spuren von Eilfertigkeit und Gewissenlosigkeit, die Unterschiebung eines Stoffes sür einen andern entdecken, und darin liegt kein anderes Verdienst, als daß die Menschen den Kunstgriff lernen, wie man den Betrug am geschicktesten verhehle. Mit Hülfe dieser List, im Dienste der Leidenschaft für irdische Güter, hoffen geldgierige Verkäufer in wenig Tagen das elterliche Vermögen, das sie ererbt, zu vergrößern. Sie nehmen sich nicht die Zeit, das Geschick abzuwarten und sagen gleich den Unvernünftigen, von denen die heilige Schrill spricht: Essen und trinken wir heute, denn morgen werden wir sterben. 5) Doch das sind noch zu wenige der Unfuge einer Strasfälligkeit. Für die von der Gewinnsucht bethörten Seelen gibt es keine Gränze, die unüberschreitbar wäre und wäre sie auch noch so heilig. Um dem vorgesteckten Ziele schneller entgegen zu kommen und sich mit allen Vortheilen deS Reichthums eher überhäuft zusehen, weicht man vor keinem Mittel und wäre eS auch das schnödeste. Dem Rufe seines eigenen Gewissens wie desjenigen der Oeffentlichkeil verschließt man die Ohren, das Ehrgefühltritt man mit Füßen, und über die allgemeine Verdammung setzt man sich hinweg. Die Industrie wird endlich nur mehr die Kunst, seinen Nächsten geschickterweise zu hintergehen, der Handel nur mehr eine Reihenfolge von Betrügereien, wovon dk eine sinnreicher auSgedacht ist als die andere. Man wird alle Stoffe verfälschen. Man wird der Wissenschaft ihre Geheimnisse abstehlen und nur mehr Nachgemachtes seilbieten, anstatt der zur Nahrung, Heilung und selbst zum Leben des Menschen unerläßlichen Naturerzeugnisse. Es wird nichtsMahres, nichts Echtes, nichts Gesundes mehr in den Waaren seyn, die man in Umlauf setzt. Diesc sträfliche Entartung wird damit enden, daß der Gesundheitszustand untergraben wird; vorzeitige Gebrechen, ein allzusrühes Alter, bis jetzt unbekannte Uebel, werden keine andere Ursache ') Cor. XV, 32. haben als diese Afterproducte, diese verfälschten Nahrungsstoffe. Und entspräche eS nicht den barmherzigen Absichten unsers Herrn, daß die heilige und unbefleckte Hostie täglich in unsern Tempeln geopfert würde zur Besänftigung des göttlichen Zornes und zur Erlanguug der Gnade des Heils, so dürfte man von der Habsucht selbst noch den Schritt befürchten, daß sie freventlicher Weise Hand an den Altar legt, dem Wesen des Opfers die ihm nöthige Reinheit und Unversehrtheit benimmt, und uns auf diese Weise abhält, im Andenken an JesuS Christus das zu thun, waS er selbst beim letzten Abendmahle that, 5) Wenn der Glaube in den Herzen herrschte, so hätte sich die Gewinnsucht vor Gottes Strafgericht gescheut, da sie sich vor dessen unerbittlicher Gerechtigkeit entsetzt haben würde. Heutzutage denkt man nur mehr daran, sich vor dem Gerichte der Menschen zu schützen. Hat man das Glück, der bürgerlichen Strafe zu entkommen, so setzt man ohne Gewissensbisse sein betrügerisches Verfahren ^ort, und die Nächstenliebe wird kaum mächtiger seyn als die Liebe zu Gott, um der Lüsternheit, welche nichts achtet und nicht die mindeste Fessel duldet, eine Schranke zu setzen. Aber wird doch wenigstens das Elend von der gierigen Industrie gewürdiget, und haben die Thränen des Armen wohl Macht, jene Herzen zu erweichen, auf die sie fallen und die unter dem Joche der dreifach bösen Lust stehen, wovon der heilige Johannes spricht?^) Wir wünschten, es wäre dem also, geliebteste Brüder, denn das Almosen deckt die Menge der Sünden 5^5). Aber ein gewisses Mißtrauen ist uns wohl erlaubt. Im Falle, daß die Tage der Unfruchtbarkeit dem Ueberflusse der Erdengüter folgen, daß ein trockner Himmel über unsern Feldern stünde, der den Thau verweigert, welcher sie befeuchten soll, dann wird man sehen, ob die stets dürstende Gewinnsucht sich diese Drangsal zu Nutzen zu machen und aus dem allgemeinen Unglück ihren Gewinn zu ziehen weiß. Kommt der Nothleidende, an der Thüre des Hauses der Freude und des Ueberflusses zu klopfen, so wird, man sie ihm öffnen, doch die Brosamen, um die er bittet, und den Tropfen Wassers, das er verlangt, hoch anrechnen, und um diese geringe Erleichterung zu erlangen, muß er selbst sein letztes Kleidungsstück zum Pfande geben, wenn man nicht allenfalls fordert, daß er die bis jetzt unversehrte Ehre der Familie, die er ernähren will, mit in die Wagschale lege. Alles, was Wir nun sagten, geliebteste Brüder, ist nur die Auslegung deS Wortes des heiligen Geistes, das einen so tiefen Sinn und eine für unsere Zeit so treffende Wahrheil in sich hat: Alles gehorchet dem Gelde, peeunise odecliunt omnis-j-). Das ist wirklich der hohe Herrscher, zu dessen Füßen die stolzesten und unabhängigsten Geister gleich elenden Sklaven kriechen. Das ist die Macht, welche jetzt jede Autorität beherrscht und vertilgt, und welche vor der Zauberkraft ihrer unbestreitbaren Gewalt die ganze gegenwärtige Generation sich vereinigen sieht. Gebietet dieser Herr, wo ist dann die Tugend, die nicht weicht, die Seelenkraft, die nicht wankt, die beharrliche Selbstoerläugnung, die sich nicht widerspricht, die feste Ueberzeugung, von der man nicht absteht? poeunige obecn'unt vmnia, DaS Geld ist der Gott der Zeit, welcher dem lebendigen und wahren Gotte die unumschränkte Herrschaft benimmt, die er über die Menschen hat, und mit ihm die Weltregierung theilt, Diese Gottheit hat ihre Anbeter und Märtyrer, welche für sie Meere und Länder durchreisen, für sie taufenden von Gefahren trotzen, sich tausend Entbehrungen unterziehen. Nach dem Geiste des heiligen Augustin sagen diese Märtyrer des Goldes, wie die Märtyrer einst zu Gott sagten: Wir sind täglich wegen dir dem Tode ausgesetzt: kropter te mor- tillcanmr tots 6ie f-j-). Und sehet, geliebteste Brüder, die Opfer, die auf seinen Altären dargebracht werdenl Häusliches Glück, heilige Ehrengesetze, gewissenhafte Redlichkeit, unbestechliche Treue, Reinheit deö Herzens, zeitliches Glück, ewige Seligkeit, ') Luc. XII, 19. ">) J-an. II. 1k. Eccli. III. 33. 5) Eccles. X, 19. w Psal. Xl.111, LS. 204 das sind die vielen Opfer, welche täglich diesem Moloch unserer Zeit zugeworfen werden, und welche er in einem Augenblick verschlingt. Doch wenn auch jetzt diesem schonungslosen Herrn Nichts widersteht und ihm in diesem Leben AlleS gehorcht, so wird doch in jenem andern das Geld keine Macht mehr ausüben können. Es wird der Tag kommen, an dem der wahre Gott die Altäre dieses anmaßenden Rivalen umstürzen und sich glänzende Gerechtigkeit verschaffen wird. Sodann wird er die Vertheidigung der Rechte seiner ewigen Weisheit zur Hand nehmen und diejenigen krönen, die ihm treu bleiben und die Unsinnigen ins Verderben stürzen, welche dem falschen Gotte, für den sie nicht erschaffen waren, abgöttischen Weihrauch streuten. Die Ausschweifungen der Leidenschaft zum Golde waren eS, d>'e im alten Gesetze den Zorn GotteS gegen Jerusalem entbrannten. Kann ich, sagt der Herr, zusehen zu ungerechter Wage und betrügerischem Gewichte? Die Einwohner SionS gebrauchen Hinterlist und Lüge, ihre Zunge ist in ihrem Munde das Werkzeug ihrer Betrügerei*). Ich schwöre, daß ich niemals all ihre Werke vergessen werde...., die Reichthümer Jakobs werden ihnen weggenommen unv sich zerstreuen wie die Wasser des Nils ablaufen, nachdem sie Acgypten überschwemmt haben**)» Um die Erfüllung dieser Drohungen zu finden, brauchte man nicht die Reihe von Jahrhunderten zurückzugehen, die über die Habsucht verhängten Strafen sind auf mehr als einer Seite der Geschichte unserer Zeit aufgezeichnet. So wahr ist der Ausspruch des heiligen Geistes: Die Gerechtigkeit erhebt die Nationen, die Sünde macht die Völker unglücklich!***) Düse Wor'e der ewigen Wahrheit lassen sich auf Familien, auf jeden Einzelnen wie auf die Gesellschaft anwenden. So wird Redlichkeit immer der Ruhm und der Lebensgeist der Industrie seyn, gleichwie Gewissenlosigkeit ihr nur zur Schande gereichen und früh oder spät deren Sinken und Untergang im Gefolge haben wird: ^ustitis elevst xentem, mi5erv5 autem kseit populos peecstuml-). i Fortsetzung folgt.) Bekehrung des LordS Charles Thynne. Lord Charles Thynne war, zur Zeit seiner Bekehrung, Pastor von Langbridge- Deverril und Kanonikus der Kathedrale von Canterbury. Die hche Stellung, die er sowohl in der anglikanischen Kirche als auch in der Aristokratie einnahm, haben seinen Uebertritt zur katholischen Kirche weit und breit bekannt gemacht. Bei der ersten Nachricht dieses Verlustes haben die Organe des Protestantismus die Richtigkeit deS Factums geleugnet. Dann aber, als der edle Lord die Beweggründe, die ihn zur Wahrheit, zur katholischen, zur einzig wahren Kirche Jesu Christi zurückgeführt haben, seinen früheren Pfarrkindern auseinandersetzte, haben sie geschwiegen. Wir lassen hier den Brief deS Lord Charles Thynne folgen, man wird ihn gewiß mit gleichem Interesse wie in Frankreich und England lesen: Meine lieben Freunde! Als Ihr vor einigen Jahren zum erstenmale meiner Sorgfalt anvertraut wurdet, glaubte ich, nur der Tod könne mich von Euch trennen, denn wir waren durch so viele Bande, Beziehungen und Interessen vereint! Je mehr wir uns mit der Zeit kennen und verstehen lernten, als ich die Art Eurer Bedürfnisse und die Schwierigkeit Eurer Stellung klar durchsah, schloß ich mich mit noch tieferer Zuneigung an Euch an, und jede Trennung schien mir unmöglich. Ich theilte Eure Freuden und Leiden, und war Euch dankbar für das Vertrauen und die Beweise der Liebe, die Ihr mir gabt, indem Ihr mich mit Euren Wünschen und den innigsten Gedanken CureS Herzens vertraut machtet. Ich hoffte, wie es auch meine Pflicht war, Alles, was in ') Mich. VI. 11. '") Amo« VIII. 7. —) ?rov. XIV., 34. j) ?rov. XIV. Z4. 205 meinen Kräften stand, zu thun, um Euch zu Gott zu führen. Ich hoffte, Euch mein ganzes Leben zu weihen und meine Tage in Eurer Mitte zu beschließen, um Euch so meine Liebe zu bethätigen. Aber ich werde nicht mehr von meinen ehemaligen Hoffnungen sprechen. Nach fünfzehnjähriger Bekanntschaft brauche ich Euch nicht mehr zu sagen, daß nur die unwiderstehliche Gewalt der Pflicht es vermocht hat, die Bande, die uns verknüpften, zu zerreißen. Glaubt sicherlich, daß die Liebe, die ich für Euch gehegt habe und stets hegen werde, mir die Pflicht, Euch zu verlassen, zu einer der schwersten Prüfungen gemacht hat. Es war nicht meine Absicht, von dergleichen zu sprechen, ich hätte davon geschwiegen; und wenn Andere mir gegenüber großmüthiger gehandelt hätten, würde ich meinem Vorsatze getreu geblieben seyn; aber ich erfahre, daß bei der kürzlich erfolgten Einweihung der Kirche der Bischof von SaliSbury eS sich zur Pflicht gemacht hat, mich in seiner Rede öffentlich anzugreifen, und fch weiß, daß Einige unter Euch betrübt waren, so von einem Manne sprechen zu-hören, den sie so lange durch ihre Liebe ausgezeichnet haben. Ich bin nicht erstaunt, daß der Bischof von SaliSbury mich in Irrthum befangen glaubt; wenn es anders wäre, müßte er so handein wie ich gehandelt habe, und eben weil er dieß nicht thut, zeigt er, daß er meinen Schritt nichr billigt, oder wenigstens, daß er nichr die Noihwendigkeit einsieht, ihn zu thun. Ich staune aber, daß er bei einer Gelegenheit, wo ihm so viele andere Themare zu Gebote standen, von mir gesprochen hat, und Euch zu einer Kritik meines Beiragens gereizt hat. Ich war auf viele Tadel gefaßt, aber gefaßt war ich nicht, mich der Verachtung derjenigen preisgegeben zu sehen, für die ich so lange Jahre gearbeitet habe, und zwar preisgegeben durch den, der selbst gesagt hat, ichWönne keinen andern Weg als den, dem ich gefolgt bin, einschlagen; preisgegeben durch den, dem ich mich immer, selbst mit den größten Oplern unterworfen habe, so lange ich ihm eine rechtmäßige Gewalt über mich zuerkannte. Mein Erstaunen wächst noch, indem ich den Ort und die Zeit erwäge, die der Bischof gewählt hat, um mich zu tadeln. Die Worte, die gegen mich gesprochen sind, kenne ich nicht, wohl aber weiß ich, daß die Beurtheilung Diejenigen, die mir ihre Achtung bewahrt haben, schmerzlich berührte. Für diese, für mich, für Alle, so wie auch für die gute Sache, der ich mich treulich angeschlossen habe, muß ich Euch einige Worte sagen. Nach dem, waö ich gehört habe, schließe ich: Man hat mich getadelt 1) weil ich mich von Euch getrennt, 2) weil mich meine Gesinnungen gezwungen haben, Euch sowvhl wie die anglikanische Kirche zu verlassen. Einige Worte werden hinreichen, den ersten Punct zu beleuchten. Für weltliche Vortheile habe ich Euch nicht verlassen, wohl aber weil ich ehrlicher Weise meine Stellung nicht mehr ausfüllen konnte; denn ist eS ehrlich, eine Sache zu glauben und eine andere zu lehren? Hierüber laßt mich in einige Einzelnhekten eingehen. Ich glaubte, daß man, um die Vergebung seiner Sünden zu erlangen, dieselben bekennen müsse, und zwar Jemanden, der die Macht bekommen, die Beichte zuhören und die Lossprechung zu ertheilen. Ich glaubte, daß dieß Allen, die nach der Taufe in Sünden verfallen sind, nothwendig sey. Als ich aber meine Zuflucht zu den einzigen Mitteln nahm, die mir als anglikanischem Priester zu Gebote standen, war ich betrübt, den Schritt, den ich für mein persönliches Bedürfniß für nöthig erachtete, mit Geheimniß umhüllen zu müssen, denn dieses Geheimniß zeigte mir, daß die Beichte in der anglikanischen Kirche nur zum Scheine und ohne Kraft eristire. Nachdem ich mich mit dieser Sache gründlich beschäftigt hatte, erkannte ich, daß die anglikanische Kirche sowohl, wie die Zeugnisse der Bischöfe, nur in äußersten Fällen die Beicht bestätigen, und dann auch nur als eine Art von religiösem LuruS bei Sterbenden. Dieß theilte ich dem Bischof von SaliSbury mit und bat um sein Urtheil über diesen Punct. Er antwortete mir mit Offenheit, daß ich als Priester der bestehenden Kirche nicht auf die Nothwendigkeit der Buße dringen müsse, sie sey ein Sacrament und Haupttheil des katholischen Glaubens. Stellt Euch nun meine Gewissenöleiven vor, 206 den Frieden, den ich für mich als nothwendig erachtete, konnte ich nicht erlangen, und ihn auch rechtlicherweise nicht Anderen geben, die seiner, gleich mir, bedurften; weit mehr noch, ich durste sie nicht einmal ermähnen, den Frieden zu suchen, solange sie Mitglieder der anglikanischen Kirche waren. Die heilige Quelle der Sündenvergebung hat schon seit 300 Jahren aufgehört für Englands Volk zu fließen. Ja, seit der Reform sind die Generationen ohne Absoluiion dahingeschieden, und eS scheint in der Absicht der anglikanischen Kirche — so lange sie bestehen wird — zu liegen, die künftigen GcnernU'onen in demselben traurigen Zustande, ohne Trost und Hoffnung, dahinscheiden zu lassen. Ich hatte immer behauptet, daß Alle die, welche außerhalb der anglikanischen Kirche lebten, schon einzig deßwegen der Gnade und der Gewißheit deS Heils, beides Sachen, die unzertrennlich mit der wahren Kirche Christi verbunden sind, verlustig seyen. Damals theilte ich die absurde* Vorstellung, daß die verschiedenen, getrennten, sich gegenseitig anathematisirenden Kirchen, die Stellen der einzig wahren Kirche Christi vertreten könnten, und demnach bestrebte ich mich, den Dissidenten die Vereinigung mit der anglikanischen Kirche zu predigen. Aber hierbei zeigte sich bald eine Schwierigkeit. Die römische Kirche, als Mittelpunkt aller Einheit, behauptet für sich die geistliche Gerichtsbarkeit über alle getauften Christen. Die anglikanische Kirche bestreitet ihr dieses Recht über alle Christen Englands zu haben, indem sie sagt, sie vertrete bei ihnen die katholische Kirche; abgesehen davon, daß sie selbst von der ganzen übrigen Christenheit getrennt ist. Indem ich mich bemühte, diese Meinung zu vertheidigen, kam ich dahin, die Rechte der katholischen Kirche anzuerkennen, denn ich fanv, wenn ich die Einwendungen, wodurch die anglikanische Kirche ihren Abfall von der römischen rechtfertig,, billigte, ich auch die Einrqendungen, welche die Dissidenten der anglikanischen Kirche gegenüber, in Bezug ihres AbfaUcs machen, anerkennen müßte. Der Dissident vertheidigt seinen Abfall von der englischen Kirche durch ganz ähnliche Beweisgründe, wie die englische Kirche ihren Abfall von der katholischen vertheidigt. Ich überzeugte mich bald, daß das Leben der Kirche eben so wesentlich von der Verbindung mit Rom abhängt, wie das Leben eines Zweiges von der Verbindung mit dem Banine. Wie konnte ich nun ehrlicher und ausn'chtiger Weise in meiner Stellung verbleiben, wie — so wie ich eS that — die Einheit predigen, während das Prinzip der endlichen Kirche die Trennung und Zersplitterung ist? genier hatte ich geglaubt, daß die englische Kirche die Wiedergeburt durch die Tauf unv die wirkliche Anwesenheit unseres Heilandes in dem heiligen Sacramente als ihre unumstößliche Wahrheit festhalte, aber bald überzeugte ich mich auch hierin, daß diese Lehren eben so oft von den Priestern gelehrt als verworfen werden, ja, daß die Bischöfe selbst so wenig im Einklang darüber sind, besonders über die Lehre von der heiligen Taufe, daß wenn dieselbe öffentlich angegriffen und verworfen wird, es ihnen nicht möglich ist, sie einig zu vertheidigen. Wie konnte ich nun da bleiben, wo meiner Lehre jegliche Autorität fehlte, oder wo wenigstens diese Autorität immer gleicherweise angerufen wurde, bald um die wirklichen Lehren der römischen Kirche zu bejahen, bald um sie zu ve-neinen. Wie konnte ich nun unter Euch verbleiben, ohne meinem Gott, meinem Gewissen und Euch selbst untreu D werden? Die Ursache also, weßwegen ich Euch verlassen habe, ist die, daß ich mehr glaubte als ich lehren durfte, daß ich, um meine Lehre zu begründen, keine andere Autorität hatte, als die einfacher Privatpersonen, und die meines eigenen Geistes. Indem ich bekannte, daß ich Ge- sandt.r Christi sey, konnte ich mich nur auf göttliche Autorität stützen, dieselbe fehlt aber der anglikanischen Kirche, und deßwegen vermag sie auch nicht, sie ihren Priestern zu geben. ö 7ZS 7,s;,Nc-. i?W niz (-zf zss mon'r lziö SIMM mm ck.'M Z.^ Mz^ Z!M -im 5NZ7bU1t?k ?Ä .lzrkk
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DaS bekannte apostolische Schreiben Seiner Heiligkeit PiuS IX. vom 4. März ist nun vollständig ausgeführt und die Widereinsetzung der bischöflichen Gewalt in Holland ist gegenwärtig eine ausgeführte und vollendete Thatsache. Wenn man auch abwarten muß, was der blinde Eifer eines Theiles der dortigen Protestanten den Katholiken und ihren neuen Bischöfen noch weiterhin für Händel bereiten wird, so ist daS jedoch schon ein Gewinn, daß dieser Fanatismus die Ausführung der päpstlichen Verordnung nicht hat hindern können. Bisher enthielt Holland drei apostolische Vica- riate: zu Herzogenbusch, zu Breda und zu Ruremond, und drei apostolische Vicare, welche zugleich den bischöflichen Charakter hatten, mit einem Titel in psrtibus inktle- lium, verwalteten diese Districte. Derjenige Theil des Landes, der außerdem übrig war, wurde die eigentliche Mission genannt. Er war in sechs Missionen getheilt, welche von eben so vielen Erzpriestern verwaltet wurven, unter der Autorität deS apostolischen JnternuntiuS, welcher im Haag residirt und den Titel Präsident oder Nicesuperior der Mission führt; denn als eigentlicher Superior wurde der Papst selbst betrachtet. In der Begränzung der drei Vicariate ist nichts geändert worden. Sie sind ganz einfach nun Diöcescn geworden. Die Prälaten, welche die beiden letzteren verwalteten, sind nun aus Bischöfen in partidus wirkliche Bischöfe von Breda und Ruremonde und in alle Rechte als solche eingesetzt worden: in das ErzbiSlhum Utrecht und das Bisthum Harlem. Für diese fünf neuen Diöcescn, die in ihrer Vereinigung eine eigene Kirchenprovinz bilden, ist Utrecht zur Metropole erhoben worden, und der bisherige apostolische Vicar von Herzogenbusch ist für dieses ErzbiSthum ernannt, während er zugleich für einstweilen die Verwaltung der Diöcese von Herzogenbusch beibehält und daselbst wohnen bleibt. Das sind die Veränderungen, welche daS apo- stolische Schreiben hervorgerufen hat, und welche von Seilen der Gegner so großen Lärm veranlaßt haben. Inzwischen haben die Bischöse ungestört Besitz von ihrem Posten genommen und an die Gläubigen ihrer Diöcese entsprechende Hirtenbriefe erlassen, welche am Dreifaltigkeikssonntage auf allen Kanzeln der fünf Diöcescn den Katholiken vorgelesen wurden. Am Sonntage vor Pfingsten fand im Seminar zu Harlem die Consecration des Herrn Van Vree, als Bischof von Harlem statt, denn er war der einzige von den vier ernannten Bischöfen, welcher noch nicht die bischöfliche Weihe erhalten hatte. Am Pfingstmontage sand unter dem Vorsitze deS ErzbischosS von Utrecht eine Conferenz der neuen Bischöfe statt zur Besprechung der allgemeinen kirch- lichen Interessen von Holland. Gleich darauf traten die Bischöfe die Visitation ihrer Diöcescn an, nachdem sie vorher nicht unterlassen hatten, dem Minister deS katholischen Cultus die Besitznahme ihrer Bisthümer und ihrer Titel amtlich anzuzeigen. Seine Excellenz, der apostolische JnternuntiuS, Mgr. Belgrads hat demselben Minister die Anzeige gemacht, daß die kirchliche Gewalt in Holland nun in die.Hände des ErzbischosS und der Bischöfe gelegt sey und er selbst sogleich aufhöre, Präsident und Vicesuperior der holländischen Misston zu seyn. DaS Nämliche hatte der JnternuntiuS dem neuen KleruS durch ein Rundschreiben angezeigt.
Es ist bekannt und durch die politischen Blätter hinreichend besprochen, wie sehr dieses Ereigniß den Eifer desjenigen Theiles der Protestanten aufgestachelt hat, welcher, eingedenk der alten Tyrannei, die Katholiken in Holland wieder, wie in früheren Zeiten, unterdrückt zu sehen wünschte, während die bestehende neue Verfassung ver verhaßten Kirche volle Religionsfreiheit garaittirt. Nachdem das bisherige liberale Ministerium Thorvecke gestürzt worvcn ist, kann das neue Ministerium Van Hall, eben so wenig die maaßlosen, die Verfassung verachtenden Anforderungen jener Eiferer befriedigen, welche mit allen möglichen Mitteln bei den eben beendigten Wahlen eine Landesvertretung zusammengebracht haben, welche die größten Verwicklungen herbeiführen kaun. Trotz alle dem ist es so leicht nicht, die Rechte der Katholiken in Holland wieder zu unterdrücken. Abgesehen von allem andern, was hier in Anschlag zu bringen ist, muß man die große Anzahl der holländischen Katholiken bedenken, welche nach der
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neuesten Zählung 1,164,142 ist. Ihnen gegenüber kommt die Vereinigung aller Secten nur aus 1,821,7