Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur .»! ch>? Augsburger PostZeitung. 24. Juli. ^ 1853 Dieses «latt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährig« Abouuemeutsvrel« kr>, wofür e« durch all» köm'gl. bayer. Postämter »ud alle Buchhaudluuge« bezog,« werde« kau». ^ü'! Der Pilger durch Tirol.*) Die Wallfahrten gehören zu den schönsten und sinnigsten Aeußerungen deS katholischen Lebens. Wie in den Processionen überhaupt, so tritt auch in ihnen, um mit dem Protestanten Kinkel zu reden, „das innige Verwachsen deS katholischen Glaubens, die religiöse Weihe, die dieser heitere Cultus auch der Freude verleiht, rührend und spürbar hervor**)." Weise verlegte die heilige Kirche alle das Gemülh zu heiligem Ernst und zu strenger Buße stimmenden Feste in den Winter, in die ernsten Mauern der Kirchen; naht dagegen der Frühling, dann führt sie die Ihrigen heraus in die neuerwachende Natur, damit sie in ihr und erhoben durch sie, die selbst ein ewiger Lobgesang Gottes, den Herrn mit fröhlichem Herzen preisen. So fallen denn mit den andern Processionen auch die Wallfahnen alle in die schönere Zeit deS JahreS, und es gibt wohl nur wenige kalte Herzen, die dann unbewegt die Fahnen durch daS Laub der Bäume wehen, die langen Reihen der Beter dahinschreiten sehen, die sühlloS und unerhoben den Gebeten und Lobgcsängen horchen können, welche der fromme Zug den Berg hinansteigend unter dem Geläute der Glocken ertönen läßt. Wie leer sind doch die zahlreichen Vorurthcile gegen daS Wallfahrten. Gegen sein Alter läßt sich nichts einwenden, die ersten Jahrhunderte thaten es bereits, warum denn nicht auch wir? Da klammert man sich denn ängstlich an die beliebten „Mißbrauche." Daß deren vorgekommen sind und noch vorkommen, geben wir zu, aber auch daS Heiligste ist schon mißbraucht worden, und wenn wir Alles über Bord werfen sollten, was diese Erfahrung schon gemacht hat, dann ständen wir geistig und leidlich nackt da. Wer die Wallfahrten zum Deckmantel eines auSschweisenden Lebens mißbraucht, der wird wohl einen andern Deckmantel finden, wenn man ihm diesen hinwegnimmt, sagt Chorherr Geiger, und Sailer ermahnt mit Recht, neben dem Schädlichen, welches dieser oder jener Wallfahrt etwa zufällig beigemischt sey, auch daS Gute anzuerkennen, welches der Uebung zu Grunde liege. „Gott wirkt überall, wo er ein offenes Herz findet und fragt keinen Professor (oder Minister) ob (oder wo) Er das Herz erleuchten, entzünden, heiligen, beseligen dürfe." Könnte einer der heimkehrenden Wallfahrer in die Herzen schauen, er würde manches ganz anders erblicken, als es hinhing zu dem Gnadenort. Da trat mancher den Weg lau an, und ihn ergriff schon das gemeinsame Beten und Singen, die fromme Luft, die über dem Zug schwebte, den Christi Bild anführte, zog auch durch die Lungen seiner Seele und sie wurden gesund. Da blieb mancher auf dem Wege noch ungerührt, und ihn traf der Anblick der gefüllten Kirche, der tausend Frommen, die inniger als er zu beten verstanden, und er folgte ihnen mit ganz anderm Herzen zum Beichtstuhl, als das war, *) Der Pilger durch Tirol oder geschichtliche und topographische Beschreibung der Wallfahrtsorte in Tirol und Vorarlberg. Innsbruck bei K. Pfaundler. Gottfr. Kinkel, das Ahrthal S. 160. 234 mit dem er ihn bisher betreten hatte. Da trat mancher in die Kirche und plapperte nur sein Gebet daher und ihn faßte die höhere Feierlichkeit des heiligen Dienstes und sein Herz blieb nicht länger trocken, und der Gedanke an die selbstgewonnene Ueberzeugung, daß und wie viele schon an der Stelle Erhörimg gefunden, beugte sei» Kuie wieder tiefer und rief die erste Thräne ernster Buße in sein Auge. Gewiß, wo die Wallfahrten in rechtem Flor stehen, da steht das katholische Leben in voller Blüthe, und unser vollstes Mitleid verdienen die „lauen und trägen Christen, die oft kaum zwanzig Schritte weit in die Kirche haben und doch nicht hingehen, sich dabei aber unendlich weiser dünken und die Wallfahrer tadeln, die Gott zu Liebe viele tausend Schritte machen " (Pilger 5, tt.) Tirol ist reich an Wallfahrtsorten aus der ältesten wie aus der neuesten Zeit, vom Jahr ävv bis aus unsern Tagen, und dieß letztere möchte ich gerade eine Perle in seiner Krone nennen, denn eS zeigt die ganze Innerlichkeit und Tiefe seines katholischen Gefühls. Vordem war das Land noch ungleich reicher an Gnadenorten, nnd diese waren reicher an Schmuck, den das fromme Kaiserhaus und fromme Privaten ihnen zugewandt hatten. Eine lauge Reihe dieser Kapellen und Kirchen zerstörte das Freimaurerthum. Aber nicht vermochte eS den Schatz treuen Glaubens aus dem Herzen deS Volkes zu rauben, den verschloß es um so tiefer in sich und hing um so fester an ihm. Und als jene Zeiten der Dürre und des Fluches vorüber waren, da fing eS wieder an aufzubauen, was zerstört war, zu erheben, was geknickt war und neu zn schmücken, was beraubt war. Vieles liegt allerdings für immer darnieder, manche Zufluchtsstätte der Armuth in den Klöstern, mancher Hafen der Betrübten in den Gnadenorten; aber mit der wunderbaren Elasticität, die alles Lebensvolle beweist, erhob der treue Sinn deS Volkes dagegen auch wieder manches neue Heiligthum und mehr als ein Gnadenort datirt aus unserm Jahrhundert. Wie die Kirche selbst ein ewiges Wunder ist, so hört auch das Wunder in ihr nicht auf. Viele Leute leben noch, welche die Wallfahrt zu Sautens im Oetzthal entstehen sahen. In der Nähe deS Ortes stand in der Waldesdämmerung ein Bild deS gekreuzigten Heitands. Vor demselben betete einst ein frommes Väuerlein im Vorbeigehen sein Vaterunser; siehe, da neigte das Bild sein Haupt und das Bäucrlcin sah dieß als ein Zeichen an, daß es dem Heiland gefalle, dort in einer Kapelle verehrt zu seyn. Drei Bauern von SantenS traten zusammen und kanten im Jahr 18Ü1 das kleine Gotteshaus. So lauge der Bau währte, quoll Wasser an der Stelle, während man weder vor noch nachher eine Spur einer Quelle weder an dem Ort noch in dessen Nähe gesehen hat. Bald besuchten die, Gläubigen der Umgegend fleißig daS Kirchlein; vielen wurde auffallende wunderbare Hülfe zu Theil, und jetzt decken schon Votiv-Bilder und Zeichen, Krücken, Herzen, Arme u. dgl. die Wände als eben so viele Zeugen von wundem baren Gebetserhörungen. Ebenso sah unser 18teS Jahrhundert die Wallfahrten zu unserer lieben Frau in Schmirn und Hinterriß, so wie die zur schmerzhaften Mutter in Jschgl entstehen. Ein Soldat auö der Garnison des Schlosses Ehrenberg, der auch Bildhauer war, schnitzte ein Bild des nnter dem Kreuz zur Erbe fallenden Jesus und stellte eS auf einem großen Stein an der Straße auf. Um das Bild vor dem Ungemach der Witterung zu schützen, bauten fromme Leute bald eine kleine hölzerne Kapelle darüber. Da diese an einem steilen gefährlichen Wege zwischen zwei hohen Bergen liegt, so fiel von Fuhrleuten manches Opfer und mit diesen und einigen andern frommen Beiträgen wurde im Jahre 1807 die jetzige Kapelle aufgeführt, die man gern in schweren Anliegen besucht. Im vorigen Jahrhundert suchte die Garnison des Schlosses — ein sehr schöner Zug — bei dem Ordinariat in Augsburg um die Erlaubniß nach, den heiligen Krenzweg in ihrer Kapelle durch einen FranciSkaner einsetzen zu dürfen, und zwar aus dem Grunde: „Da doch uns Soldaten diese Andacht vor allen andern obgelegen seyn soll." Wollten wir an das Aufzählen aller durch rührend schöne Legenden und wunderbare Ereignisse hervorstechenden Wallfahrten des BucheS gehen, wir müßten dieß selbst ganz abschreiben. Noch einige derselben mitzutheilen können wir uns jedoch nicht 235 ' versagen. In der Stiftskirche zu Jnnichen wird ein uraltes ChristuSbild verehrt, ein Crucifix, an dessen Fuß Maria sitzt. Zur Zeit der Dürre pflegt die ganze Pfarre Silian mit ihren Filialen einen Kreuzgang dahin anzustellen, um Regen zn erflehen, und immer folgt Erhörung der Bitte, so daß man schon mit Regenschirmen zum Kreuzgange auszieht und gar nicht zweifelt am Erfolg des gemeinsamen Flehens. Ist das nicht der Glaube, der Berge versetzt, und findet man ihn auch bei uns in Israel? — Berühmt ist das Gnadenbild Unserer lieben Frau bei den ??. Kapuzinern in Neumarkt. Im Jahre 18Z6 wüthete dort die Cholera. Mehrere Personen des Ortes waren ihr schon zur Beute gefallen, da rief daS Volk, man solle eine Andacht zur Mutter GotteS anstellen uud das Bild von dem Seitenaltar auf den Hochaltar erheben. Anfangs fürchteten einige, durch das Zusammenströmen der Leute möge die Seuche noch mehr verbreitet werden, endlich aber ging der Antrag durch, das Bild wurde erhoben und das Hochwürdigstc drei Tage lang znr Anbetung ausgestellt. Eine unglaubliche Volksmenge strömte herbei, trotzdem daß die Prozessionen verboten waren und — von dem Augenblicke an starb Niemand mehr in Neumarkt nnd die von der Seuche Befallenen genasen bald. Bezeichnend für den Geist, der im Volke lebt, ist der folgende Vorfall. Im Jahr 18V8 am 8. März übertrug man das Bildniß der Mutter GotteS ans seinem alten Sitz zu Montagnaga nach Civezzano. Unsere Schreier über Götzendienst und Bilder- anbetung werden denken, nun seyen auch alle Wallfahrten dem Bilde nachgezogen, Montagnaga sey vercdel; so aber dachte das katholische Volk nicht: das Bild hat ihm nur Bedeutung durch den Ort, wo es steht; an dem und keinem andern Ort spendet das Urbild des VildeS seine Wohlthaten, hilft eS durch seine Fürbitte. Nach wie vor zogen die Wallfahrer nach Montagnaga und verehrten die Gnadenmutter an der Stelle, wo sie so viel Gnaden schon erwiesen hatte, auch ohne daß ihr Bild da stand. Um die Leute zu zwingen, nach Civezzano zu ziehen, schloß man alsdann die Kirche von Montagnaga und verbot alle geistlichen Verrichtungen dort; aber auch das war vergebens. Irgend Jemand, wer weiß man nicht, hängte von außen an die Mauer ein Maricnbildchen auf, und vor diesem betete die fromme Menge nach wie vor. Einigen heißblütige» Deutschen aber wollte es nicht in den Kopf, daß man sie nicht in das HauS Mariens lassen wolle, wo ihre Ahnen seit fast einem Jahrhundert gebetet hatten; sie holten einen Baumstamm, um die Kirchthüre zu stürmen, und sie öffnete sich ohne irgend eine Verletzung auf den ersten Stoß. Vivat rief alles Volk, nnd unter dem Singen jubelnder Maricnlieder zog eS in die Kirche ein und hielt seine Andacht. DaS erbitterte die Josephiner, von denen all diese Chicanen ausgingen, sie reauirirten vier Schergen von Montagnaga und wollten die Deutschen verhaften, die daS Thor geöffnet hatten. Es gab Widerstand, die Schergen feuerten wohl achtmal ihre Flinten ab, aber Niemand wurde beschädigt; einer selbst bezeugte, zwei Kugeln auf die Brust bekommen zu haben, ohne daß sie ihn im mindesten verletzten. Endlich rief der Häscher- hauplmaun, der GotteS Hand darin sah: „Gegen Maria vermag menschliche Mach« nichts, wir haben Wunder genug gesehen. Laßt uns gehen!" Uud er gab dem Curatgeistlichen der Kirche Geld für zwei heilige Messen und ging mit seinen Leuten weg. Später schenkte er der Kirche noch ein schönes Meßgewand, das noch dort auf- lewahrt wird. Die Bewohner der Gegend aber ruhten nun nicht, big der Kaiser die Zurückbiingung des BildeS gestattete, und im größten Triumph, u»Ur der heiligsten Begeisterung wurde eS am 30. April des folgenden Jahres wieder an seine alte Stelle gesetzt. Das wären einige Proben aus dem WallfahrtSlebcn in Tirol, und wir glauben, sie sind schön genug, um zur Nachahmung anzufeuern. An ähnlichen andern ist daS Buch reich, dem wir sie entnommen haben, und das keiner ohne große Erbauung und fromme Rührnng zu lesen vermag, das wir darum mit bestem Gewissen empfehlen können und in jeder katholischen VcreinSbibliothek sehen möchten. Seine Lcctüre dürfte jetzt vor allem von großem Nutzen seyu, jetzt wo auch unter nnS das Wallfahrten wieder mehr und mehr auflebt, wo die Gnadenorte an den Festtagen wieder mehr besuch: 236 find und die Hoffnung lebendiger sich regen darf, daß eine lebensvollere, durch und durch katholische Zeit für unser Volk nicht fern mehr ist. (Mainz. S.-Bl.) Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. I. Erster Beruf zum vollkommenen Leben. In der Nähe des Städtchens Marcena, das nur eine kleine Tagreise weit von dem berühmten Sevilla entfernt ist, lag an der Stelle, wo jetzt die Söhne des heil. FranziSknS ein Kloster besitzen, einstens eine stille Einsiedelei, nach der heil. Eulalia benannt. Dort erschien in der zweiten Halste deS sechszehnten Jahrhunderts ein Eremit, der für die Bewohner der Umgegend bald ein Gegenstand frommer Aufmerksamkeit ward. Er ging mit entblößtem Haupte und unbeschuht einher, seinen Leib bedeckte ein Kleid von grober Wolle. Selten erhob er den Blick, und eS ruhte auf seinem Angesichte zugleich mit milder Freundlich teil ein Ernst, der mit seiner Jugend in Widerspruch zu stehen schien. Denn Johannes Grande — so hieß dieser Einsiedler — mochte damals kaum sein zwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt haben. Er war in Carmona, einer Stadt in Andalusien, am 6. März 1546 geboren, und halte schon in frühester Kindheit durch eine seltene Unschuld und Frömmigkeit große Erwartungen erregt. Aber noch war an ihn der Ruf deS Herrn zu seiner vollkommenen Nachfolge nicht ergangen. — Etwa fünfzehn Jahre alt zog er mit seiner Mutter nach Sevilla, und widmete sich dort, ihrem Wunsche gemäß, dem Kaufmanns- stande. Seinen Vater hatte er um eben diese Zeit verloren. Nachdem er vier Jahre in einem Handlungshause jener Stadt zugebracht, und sich durch Fleiß und Rechtlichkeit, wie durch ein sittsames Betragen und Frömmigkeit Liebe und Achtung erworben halte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, um daselbst ein eigenes Geschäft zu beginnen. Aber immer lauter redete die Stimme Got'eS zu seinem Herzen und flößte ihm immer stärkere Begierden ein, von allen Sorgen und Gefahren deS irdischen Lebens entfernt für die Ewigkeit allein zu leben. Ein mächtiger Drang zum Gebete weckte ihn oft- malS vom Schlafe, und er schien, da er erwachte, eine Stimme zu vernehmen, die ihm vorwarf, daß er, wie die Jünger im Oclgarlen, während JesuS betete und bluligen Schweiß vergoß, der Ruhe pflege. Der Jüngling erkannte, daß er von Gott zu einem ihm allein gewidmeten Leben berufen werde; aber er wußte nicht, aufweiche Weise er einem solchen Rufe folgen könne. Nach vielem und inbrünstigem Gebete erhielt er durch ein Traumgesicht den gewünschten Aufschluß: GotteS Wille sey, daß er, auf irdischen Erwerb verzichtend, nach Christi und der Apostel Beispiel in äußerster Armuth ihm diene. Wohl war der fromme Johannes sogleich entschlossen, dem Rufe des Himmels zu folgen, aber eS gelang ihm nicht ohne viele und große Kämpfe die Bande, die ihn fest hielten, zu zerreißen. Um so inniger dankte er Gott, als er sich endlich befreit sah, und nachdem er sein kaum begonnenes Geschäft eingestellt, alle seine Habe aber Anderen überlassen hatte, als armer und doch so reicher Pilger in die Einsamkeit, wo er Gott und in ihm AlleS suchte, wandern konnte. Johannes hatte seine Jugend in der größten Sittcnreinheit zugebracht. Noch ein kleines Kind war er mit besonderer Andacht der reinsten Mutter des Herrn ergeben, und brachte oft ganze Stunden vor ihrem Bilde oder Altare im Gebete zu. Wie er aber heranwuchs, lag er dieser Andacht auch deßhalb mit großem Eifer ob, weil er hoffte, daß eS ihm durch die Fürsprache und den Schutz Maria'S gegeben werden würde, die jungfräuliche Reinheit seiner Seele und seines Leides unversehrt zu bewahren; und eö war in der nämlichen Absicht, daß er den heil. Johannes und die heil. Jungfrau Agnes mit zarter Frömmigkeit verehrte. Sein standhaftes und von so heiligen Wünschen begleitetes Gebet fand vollkommene Erhörung: seine Sitten blieben durchaus unbefleckt. Aber auch vor jeder andern Sünde hatte er einen so großen Abscheu, daß die Furcht, sich in seinem Geschäfte durch Mangel an Wahrhaftigkeit und strenger 237 Redlichkeit zu verfehlen, auf den Entschluß, dasselbe aufzugeben, großen Einfluß hatte. Nichtsdestoweniger war er in seinen Augen ein großer Sünder, und um sich dessen stets zu erinnern, veränderte er bei seinem Austritt aus der Welt seinen Namen. Denn er wollte nicht mehr Johannes Grande, d. h. der Große, sondern Johannes Peccadore, d. h. der Sünder, heißen, und wirklich ist ihm dieser Name während seines ganzen übrigen Lebens geblieben. — Indeß bestand seine Demuth nicht in dem Schalle dieses Wortes, noch in irgend einer bloß äußerlichen Uebung: sie durchdrang seine ganze Seele. Er hielt sich nicht für würdig, sein Auge zu Gott aufzuschlagen, noch auch vor den Menschen, die ihm alle besser als er vorkamen, zu erscheinen. Er betrachtete nämlich die Fehler, die er, besonders auS Menschensurcht, mochte begangen haben, in dem Lichte, daS ihm nun so reichlich zufloß, und ermaß die Größe derselben nicht nach dem Urtheile und den Gewohnheiten der Menschen, noch auch nach der Leichtigkeit, womit man in dieselben zu fallen pflegt, sondern nach der Größe GotteS, gegen dessen heiligen Willen sie begangen werden; und verdemüthigte sich auch wegen jener Sünden, in die er würde gefallen setzn, wenn Gott ihm nicht mit vieler und unverdienter Gnade zuvorgekommen wäre. Er begann also in seiner Einsiedelei ein wahres Büßerleben. Nicht nur wann er dem Gebete oblag, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten entquollen seinen Augen reichliche Thränen, die der bittere Reueschmerz hervorgerufen hatte. Er trug unter seinem groben Kleide niemals Leinewand, wohl aber schmerzhafte Bußgürtel; schlief auf nackter Erde oder auf Brettern, und zwei bis drei Stunden vor Sonnenaufgang erhob er sich schon zum Gebete, obschon er nicht selten dasselbe auch die ganze Nacht hindurch fortsetzte. Nicht bloß die Fasten, sondern auch die Adventzeit und vom Feste des heil. Michael bis zu Allerheiligen nahm er nur dreimal die Woche wenige und ärmliche Speise zu sich , und er würde in diesen und vielen andern Bußübungen, von denen wir nicht reden, noch weiter gegangen seyn, wenn sein Gewissenöführer nicht seinen frommen Eiser gemäßigt hätte. Obgleich er in seinem spätern Leben, wie wir sehen werden, mitten unter den Menschen mit vielen Geschäften und Arbeiten beladen war, so setzte er doch das strenge Bußleben, das er in seiner Einsiedelei' begonnen hatte, bis zum Tode fort. Aber ohne Kampf konnte der junge Eremit in dieser neuen Lebensweise nicht auSdauern. Außer der Schwierigkeit, welche die menschliche Natur einer so harten Behandlung des Leibes immer entgegensetzt, war Johannes durch die Vorstellung, daß er von den Menschen verspottet und verachtet werde, gequält. — Seiue Einsie« delei war, wie gesagt, nicht weit von. der kleinen Stadt Marccna gelegen; so oft er also in dieselbe ging, sey eS um die heil. Sacramente zu empfangen und dem Gottesdienste beizuwohnen, sey eS auch um daS kärgliche Almosen', womit er sein Leben fristete, zu begehren, nnd so oft die Bewohner der Umgegend zu seiner Einsiedelei gelangten, kam es ihm vor, daß aller Augen auf ihn mit Verwunderung gerichtet seyen, und eS war ihm eine große Pein, von den Menschen für einen Schwärmer, Frömmler oder auch für einen Heuchler gehalten zu werden. Es war ein harter Kamps, aber vielleicht war er weniger gefährlich als jener, in dem so manche erliegen, indem sie dem eitlen Verlangen, durch außerordentliche Uebungen der Frömmigkeit sich vor den Menschen auszuzeichnen, nachgeben, und so der geistlichen Hoffart anheim fallen. Johannes bekämpfte seine falsche Scham mit großem Eifer und flehte mit heißen Thränen zu Gott, ihm beizustehen, daß er ihn vor den Menschen mit Freimuth bekenne, und eS nicht scheue, dessentwegen verachtet zu werden, der auS Liebe zu unS dem ganzen Volke zum Spott und Hohn geworden. Er obsiegte, aber erst nach langer Anstrengung. (Fortsetzung folgt.) Nur ein Traum Ein Geistlicher kam eines Tages in daS HauS einer vornehmen besreundeten Familie. Da fand er die Tochter des HauseS, ein blühendes, lebenslustiges Mädchen 238 von achtzehn Jahren, in sich gekehrt, den Kopf in die Hand gestützt, am Fenster stehen. Er fragte nach der Ursache ihrer Blässe nnd ihres Ernstes, nnd sie erzählte ihm folgenden Traum: »Ich befand mich in einem großen, prächtigen Saale voll glänzender Beleuchtung, lieblicher Wohlgerüche, bezaubernder Musik. Tanzende Paare schwebten durch den Saal, ich selber unter ihnen, voll Jubel und Lust. Draußen war eS Nacht und der Slurm schlug gegen die Fenster. Auf einmal war es mir, als schrillten die Töne wild durcheinander — der Boden wankte nnter meinen Fußen, die Kerzen flackerten hoch auf, beleuchteten mit grünem Schimmer leichenhafte Angestchter — und erloschen. ES war Nacht. Weiche Hände hoben und trugen mich, ich weiß nicht, wie lange. Endlich fiel eS mir wie Schuppen von den Augen, ich sah Licht, ein wunderbares klingendes Strahlenmeer. Auf einem mit Demanten besäten Throne saß Einer, dessen Angesicht ich nicht erkennen konnte. Ringsum standen leichte, blitzähnliche Gestalten in Gewändern weiß wie der Schnee, die mir zuwinkten nnd ihre Arme nach mir ausstreckten. Unter dem Throne aber entsprang ein Strom, klar wie Krystall. Unwillkürlich wendete ich meine Blicke hinab — ich erblickte mich selbst, aber mir schauderte. Immer unheimlicher ward mir zu Mnth. Das Licht blendete, aber wärmte mich nicht. Die Töne, die ich hörte, waren sanst und lieblich, aber sie machten mich schwermüthig. Viltre Thränen rollten mir aus den Augen. Wo bin ich? fragte ich angstvoll." „Du bist im Himmel," erwiderte eine sanfte Stimme. „Wer hat mich Hieher gebracht?,rief ich hastig. Ich kann hier nicht auShalte.i. Bringt mich wo anders hin! ......... Und ich war wo anders. Ich lag auf weichen Polstern in einem matt erleuchteten Zimmer. AnS der Ferne tönte das Schleifen des Tanzes, daS fröhliche Tosen der Musik. Eine unbeschreibliche Lebenslust ergriff mich. Magnetisch zog eS mich in die fröhlichen Reihen. .Ich erhob mich, ich riß die Thüre auf — da sah ich... mich selber bln'ch im Sarge liegen. Dumpf tönten zwölf Schläge.... ich erwachte." „Kalter Schweiß rann von meiner Stirn — ich lag in meinem Bett — eS war Mitternacht — der Himmel mit unzählichen Sternen fchante in mein einsames Schlafgemach. Gott sey Dank, ich hatte nur geträumt!......." !M „Nur geträumt!" erwiderte der Geistliche nach einer P,mse. „Freilich, Träume sind Schäume," fuhr sie fort, „doch kommt mir dieser Traum heut sehr ungelegen. Ich fürchte, er wird mir den ganzen Abend verderben." „So gehen Sie heule noch in Gesellschaft?" ^ „Freilich, aber bloß zu einem kleinen Familienlall, bloß auS Rücksichten____ Sie halren doch das Tanzen an sich nicht für Sünde?" „An sich nicht," versetzte der Gnstliche, „Aber Sie wollen heut tanzn» ?" „Natürlich," — antwortete sie etwas gereizt. „Ich muß ja wohl — mein Balcr DWihtA?S "7nk'!,n ,,!chii,H n;ntt M chii» ?,m?Ä. mA'smtzz'i Zn«lln;guvlctnv<^ . Die Secten in Nordamerika «Ii^M'Mici! ,t»-!?