Vr-yehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PoAzeitung. 7. August. SS. 1853. Diese« «latt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abvouemcntsvrei« kr., wofür e« durch all« köuial. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kau». Die HeiltgthumSfahrt nach Aachen.*) Wer aus dem Innern von Deutschland nach Aachen kommt, glaubt die Gränze bereits überschritten zu haben; er befindet sich unter einer sehr beweglichen, aufgeweckten, lustigen Bevölkerung, in welcher der alte fränkische Charakter sich erhalten zu haben scheint, deren Mundart zwar die deutsche, aber von dem Fremden um so schwerer verstanden wird, da der eigentliche Laut der Wörter in dem singenden Ton, in welchem man sie spricht, nur von dem geübten Ohr leicht herausgehört wird. Kehrt man Hinzegen aus Frankreich und Belgien nach Deutschland zurück, so wird man umgekehrt, ehe man noch nach Aachen kommt, durch die Hügel, Gründe und hellen Bäche schon daran erinnert, daß man sich in Deutschland befindet, und Kalo fühlt man sich von der mannigfaltigen Schönheit der umgebenden Natur, von dem Reiz der Hügel, von dem Schmelz der Wiesengründe und dem frischen Hauch der Waldparn'en, von den kleinen Seen und den heißen und warmen Quellen zur Erinnerung an die Vorzeit abgelenkt. ' Hier in diesem frischen Wald- und Wiesengrund und in der Nähe der nun weltberühmten Heilquellen, deren Wirkungen bis dahin nur wenig bekannt gewesen zu seyn scheinen, war eS, wo Carl der Große sich den Platz zu seiner Lieblingsresidenz auswählte und ein zweites Rom als Mittelpunkt seines großen Reiches gründete, während daS alte Rom größerm Versall entgegenging. Die Prachtbauten des allen RomS: Forum, Theater, Wasserleitungen und Thermen wurden mit ausgesuchter Pracht ausgeführt, in ihrer Mitte erhob sich der kaiserlich« Palast, und dicht daran stoßend die große Reichscapelle, welche der heiligen Jungfrau gewidmet war, uno als deren Erbauer der Abt AasagiS von St. Vandrille genannt wird. Alle diese Bauten sind verschwunden, so daß eS schwer wird, nur noch irgend eine Spur davon zu entdecken. Nur die Reichöcapelle, das jetzige Münster, hat sich erhalten, und die tausend Jahre, die an demselben mit all den Stürmen, welche die Länder, über die Carl der Große geherrscht hat, erschüttert und aufgewühlt haben, sind, einzelne Anbauten abgerechnet, so spurlos an demselben vorübergegangen, daß — wenn der Baustyl uns nicht widersprechen würde — man glauben könnte, man stehe in einem Dom, dessen Bau den jüngern Zeilen angehöre. Carl der Große bemühte sich, dem neuen Bau alle Pracht zu verleihen, die in seiner Zeit möglich war; nicht bloß die alten römischen Denkmale am Rhein mußten das Baumaterial — Säulen und Marmor— zu demselben hergeben, selbst von Ra- venna und Rom wurden antike Marmorsäulen zum Bau dieses christlichen Denkmals herbeigeführt. Diese Säulen wurden durch die französischen Eroberer nach der Hauptstadt Frankreichs abgeholt; nach der Befreiung Deutschlands kehrten die meisten von Paris nach Deutschland zurück, die schönsten aber und werthvollsten sind zurückgeblieben. *) Allg. Z. 25tt Im Jahr 804 wurde die Kirche eingeweiht. Die Feier mochte zu den imposantesten gehören, die man in dieser Art bis dahin diesseits der Alpen gesehen hatte. Die Einweihungsceremonie wurde von dem P.^pst Leo vollzogen, der von einer großen Anzahl Würdenträger der römischen Kirche begleitet war; nicht weniger als 365 Erzbischöse und Bischöfe und eine sehr große Anzahl von Herzogen, Fürsten, Grafen und Baronen aus allen Theilen deS unermeßlichen Kaiserreichs erhöhten durch ihre Anwesenheit die Feier. Aber aller Schmuck, den die Architektur, die Plastik und Malerei gewährten, reichte nicht; es mußten noch Schätze anvcrer Art dazu komme», um dem neuen Dom einen höheren Werth zu verleihen: es waren viescs Reliquien, deren Werth die Zeit nicht hoch genug schätzen konnte. Man kennt die Beziehungen, in welchen Carl nicht bloß zu dem Papst in Rom, sondern auch zudem byzantinischen Hof und selbst zu dem persischen König stand. Im Jahre 794 schickte der Papst Abgesandte an den Kaiser nach Aachen, welche ihm die Schlüssel zum Grab des heiligen Petrus nebst der römischen Stadtfahne überbrachten; im Jahr 798 sah Aachen die Gesandten der Kaiserin Irene und des Königs Alphons; sie brachten dem Kaiser Geschenke von der Beute, die man bei der Eroberung Lissabons den Mauren abgenommen hatte; im Jahr 800 übersandte Zacharias, der Patriarch von Jerusalem, Carl die Schlüssel zum heiligen Grab und zum Calvarienbcrg; im Jahr 802 traf eine Gesandtschaft des Königs von Persien, Harun al Raschioö, in Aachen ein, welche dem Kaiser reiche Geschenke überbrachte. Bei dem großen Werth, den der Kaiser auf den Besitz vou Reliquien legte, bei dem Ansehen, welches er allen diesen Fürsten gegenüber genoß, konnte cö ihm nicht schwer werden, in den Besitz der geschätztesten Heiligthümer zu gelangen. Der genannte Kalif Hanm al Raschid und der Patriarch von Jerusalem sind eS namentlich, von denen man nicht ohne Grund glaubt, daß durch ihre Vermittlung ver Kaiser in den Besitz der sogenannten großen Heiligthümer gelangt sey, welche seit undenklicher Zeit von sieben zu sieben Jahren dem Volk zur Verehrung öffentlich und unter großen Feierlichkeiten ausgestellt werden. Zu diesen großen Hciligthümern werden folgende vier Stücke gerechnet: 1. ein dunkelweißes Gewand der heiligen Jungfrau; 2. die Windeln des Heilandes; 3. jenes Tuch, in welches der Körper des heiligen Johannes des Täufers nach seiner Enthauptung eingewickelt worden; und 4. das Lcndentuch Christi. Alle sieben Jahre werden diese vier Gegenstände am Vorabend deö 10. Juli unter entsprechenden Feierlichkeiten aus dem kostbaren Kasten, in welchem sie aufbewahrt werden, herausgenommen, wobei nicht bloß die sämmtlichen Stiftsherreu, sondern auch die Mitglieder des Stadtraths als Zeugen erscheine». Sie werden dann sämmtlich in neue Seide gelegt, die alte Seive wird verschenkt unv hoch geschätzt Dann am Feste selbst, welches mit dem 10. Juli jedesmal beginnt und bis zum 24. dauert, werden sie täglich von der Galerie des Glockcnthurmes u. s. w. den taufenden von Gläubigen gezeigt, welche Straßen, Häuser, Fenster, ja die Dächer selbst bis zu der Dichtigkeit besetzt halten, daß die letzteren im Lauf der Zeiten mehrmals eingestürzt sind. "Die Anzahl der Menschen, die zu diesen Zeiten in Aachen erscheinen, ist so groß, daß sie nicht selten an's Unglaubliche gränzt. Hier sey nnr erwähnt, daß im Jahr 1499 der Andrang der Pilger so groß war, daß der Magistrat der Stadt sich in eie Nothwendigkeit versetzt sah, die Thore der Stadt schließen und diese nicht wieder, bis durch die Weggehenden Raum geworden, öffnen zn lassen. Insbesondere waren es die Ungarn, die trotz der großen Entfernung und der Mühseligkeiten der Rtise in Aachen bei diesen Festen nicht fehlten und in ansehnlichen Processtonen daselbst erschienen. Sie erfreuten sich besonderer Auszeichnungen; sie wurden abwechselnd von einzelnen Klöstern zur Tasel gezogen; drei Tage wurden sie von der Stadt bewirthet, am 11. Juli wartete der regierende Bürgermeister ia Person, an den beiden andern aber warteten die übrigen städtischen Behörden ihnen bei der Tafel auf. Dieses dauerte bis zum Jahr 1776, wo diese Procession durch den Kaiser Joseph der ungarischen Nation untersagt wurde. Außer den großen besitzt die Stiftskirche eine beträchtliche Anzahl kleinerer Reliquien; der Reichthum an denselben war früher noch größer als jetzt, da mehrereö nicht 251 mehr vorhanden ist, was früher hier aufbewahrt wurde. Diese kleineren Reliquien können nicht von der Galerie herab gezeigt werden, da kein Auge so fernsichtig seyn möchte, sie in solcher Höhe zu unterscheiden. Sie werden daher während der Heilig« thumSsahrt in der Sacristei, aber auch im Lauf des JahreS auf Verlangen den Fremden vorgezeigt; sie werden in kunstvoll gearbeiteten Kiftchen und Monstranzen ausbewahrt, die auch durch den Reichthum an kostbaren Steinen, Perlen und Gemmen einen hohen Werth erhalten. Zu diesen kleinen Heiligthümern gehören z. B. das silberne vergoldete mit werthvollen Steinen besetzte Brustbild Carls des Großen, in welchem der Schädel des Kaisers aufbewahrt und gezeigt wird; dann in einem silbernen vergoldeten Behälter ein Theil von einem Arm Carls des Großen. Die Einfassung besorgte Ludwig Xl., König von Frankreich. Außerdem bewahrt man das Jagdhorn deS Kaisers auf, welches aus Elfenbein gearbeitet ist. Neben diesen Ueberbleibseln eines großen Mannes zeigt man eincn reichverzierten Rcliquienbehälter in der Form einer gothischen Kirche, in welchem ein Stück von dem Rohr aufbewahrt wird, mit welchem Christus verspottet wurde; dann ein Stück des Schweißtuches, womit sein Angesicht im Grab bedeckt gewesen zc. Außer diesen Reliquien bewahrt die StiftS« kirche aber auch noch andere Gegenstände auf, welche neben dem kirchlichen ein künstlerisches oder antiquarisches Interesse in Anspruch nehmen. Hierher gehört eine antike Chorkappe von ganz eigenthümlicher Form, welche Papst Leo lll. bei der Einweihung des Münsters im Jahr 804 getragen hat; eine Kasel von Seide, mit welcher der heilige Bernhard von Clairvaur im Jahre 1146 bei seiner Anwesenheit in der Aachner Kirche bekleidet war; ein sehr kostbares Marienkleid, welches mit ungemein vielen ächten Perlen, mit 70 in emaillirtem Gold eingefaßten Diamanten, und ein gleiches Kleiv für das Jesuskind, welches mit 34 Diamanten besetzt ist. Beide werthvolle Stücke sind Geschenke der Jnsantin von Spanien, Jsabella Clara Euzenia; zwei Kronen von gediegenem Gold und reich mit Edelsteinen und Pcrlcn besetzt — Geschenke der Königin Maria Stuan; ein reich mit Gold gesticktes, mit Perlen besetztes Kleid für die heil. Maria und das Jesuskind; Geschenke Kaiser Josephs I.; eine Evangelicnkanzel, welche Kaiser Heinrich II., dann der bewundcrnSwerthe, große Leuchter über dem Grabe Carls deS Großen, den Kaiser Friedrich 1. dem Münster schenkte; der Krönungsstuhl, auf welchem die Leiche Carls des Großen 352 Jahre im Grab gesessen, und der seinen Namen daher erhielt, weil die neugekcönten römischen Kaiser ans demselben sitzend die Beglückwünschungen der Kurfürsten und der Großen deS Reichs entgegennahmen. Außer diesen Gegenständen bewahrt die Stiftskirche zu Aachen viele andere, welche auch von den Freunden der Kunst uud deS Alterthums mit Interesse und Besrievigung betrachtet werden. Die Aachener HetligthumSfahrt im Jahre 1S1V. Die eben stattgehabte Wiederholung der feierlichen Ausstellung der großen Reliquien der Krönungskirche zu Aachen ist eine passende Gelegenheit, an die wohl nur Wenigen bekannte Schilderung des „grancl parelou ü >'otrg »ams ä ^z>x" zu erinnern, welche sich in dem vor Kurzem von H. Michelant aus Kosten des Stuttgarter litterarischen Vereins herausgegebenen merkwürdigen „Gedenkbuch deS Metzer Bürgers Philippe v. Vigneullcs aus den Jahren 1471 bis 1522" befindet. Ueber Thionville, Luxemburg u. s. w. gelangte der vielgereiste Metzer nach Maestricht, von da begab er sich mit seiner Gesellschaft nach Aachen. „Wir trafen unterwegs so viele Menschen, daß es zum Verwuuvern war. Als wir Abends die Höhe erreichten, von welcher man auf Aachen hinabblickt, schien es uns, die Kirche stehe in Feuer unv Flammen, so groß war die Zahl der Lampen, welche ringS um diese Kirche brannten. Es war fast Nachl, und so leuchtete es um so Heller, und die großen Glocken läuteten, und eS war ein herrlich Ding, dieß auf dem Berge zu sehen und zu hören. Der Anlaß zu dem großen Fest war, daß am nächstfolgenden Tage die Einweihung der gedachten Kirche gefeiert ward: deßhalb war sie von innen und außen erleuchtet, und die Glocken 282 hallten, und die Orgel ertönte. Als wir die Stadt erreichten war eS Nacht, und über eine Stunde irrten wir umher, hie und dort, ohne eine Herberge finden zu können. Und doch waren mehrere mit uns, die in Aachen viel Bekanntschaft hatten. Endlich wurden wir, so gut es ging, untergebracht. Am folgenden Tag in der Frühe hörten wir Messe in besagter Kirche und brachten unsere Opfergabe dar. Einige von uns gingen auch zur Beichte; die Zahl der Beichtenden jedoch war so groß, daß Einer den Andern drängte, und man nicht niederknieen konnte. Das Gedränge war von der Art, daß man meinte, die Leute müßten umkommen; nur mit der äußersten Mühe oelangte man zu den Altären, und die Kirchendiener hatten Säckchen an langen Stangen befestigt, um die Gaben zu sammeln. Den größten Theil des Tages über durchwanderten wir die Stadt und besuchten deren Kirchen, indem wir die Stunde der Ausstellung der großen Reliquien und Schätze erwarteten. Diese zu sehen waren so viele Leute gekommen, daß solche, die nicht dagewesen, es kaum glauben werden. Jeder suchte einen möglichst guten Platz zu erlangen; die Häuser um die Kirche waren alle mit Menschen gefüllt, und große hölzerne Gerüste waren an denselben aufgebaut. Für unser Geld ließ man uns in eines dieser Häuser ein, von wo wir die Aussicht auf den Platz und eine der Seiten der Kirche hatten. Vor uns sahen wir nichts als Kopf an Kopf, und auf den Dächern selbst war'S ebenso. Als die Stunde nahte, begann man mit den großen Glocken zu läuten. Dann kam ein ehrwürdiger Prälat von mehreren Geistlichen begleitet, und sie gingen auf den in der Höhe befindlichen offenen Galerien um die Kirche hernm. An den Stellen, wo die Heiliglhümer gezeigt werden, blieb er stehen, hielt eine kurze Anrede und ertheilte den Ablaß, und empfahl dann für unsern heiligen Vater, den Papst, sowie für die christliche Kirche zu beten, und hiernach für den Kaiser und für alle Fürsten und Herren, besonders jedoch für die Herren deS Landes, welche die Pässe offen und gesichert halten, auf daß den Pilgern kein Leid geschehe. Nachdem er geendet und sich entfernt, sah man eine Menge von Geistlichen kommen mit angezündeten Kerzen und Fackeln, mit Weihwasserkesseln und Rauchfässern von Gold und Silber, in prächtigen Gewändern unv mir kostbaren Kreuzen. Sie kamen in schöner Ordnung gedachte Galerie entlang, in ihrer Mitte zwei Prälaten in Gold- und Silberstoff gekleidet, welche einen langen, lanzenähnlichen, vergoldeten Stab auf den Schultern trugen, auf dem das kostbare und würdige Gewand Unserer lieben Frau mehrfach gefaltet hing, darüber ein weißes Seidentuch, das wiederum mit einem Goldbrokat bedeckt war. Wenn sie eine der genannten Stellen erreicht hatten, blieben sie stehen, nahmen die seidenen und goldenen Hüllen weg und zeigten mit großer Ehrfurcht und Feierlichkeit das Gewand dem versammelten Volke, das mit gefalteten Händen auf den Knieen lag. Sie nehmen nämlich besagtes Gewand, entfalten es nnd lassen es von der Galerie herab auf einen zweiten Golostoff hängen. In diesem Moment würde man sagen, die Erve zitiere vor dem Getöse der Trompeten und dem Geschrei von Männern und Frauen, welche Misericordka rufen, so daß Einem die Haare zu Berge stehen und die Thränen in die Augen treten. Um diese Stunde, etwa um Mittag und in der großen Hitze, ließ sich ein Stern am Himmel sehen, den viele erblickten. Das mehrgedachte Untergewand ist ron brauner Farbe, gleichsam als wäre eS cingeräuchert; es ist länger als sonst Sitie ist, und ist mit zw.i weiten und kurzen Aermeln versehen, die abgeschnitten scheinen. Einige meinen, eS sey ein Obergewand gewesen, das über andern Kleidungsstücken getragen worden sey. Nachdem die Prälaten die Reliquie so lange sehen gelassen, daß man ein Paternoster unv ein Avemaria sagen konnte und das Volk ruhig geworden war, hängten sie dieselbe wieder auf ihren Stab und fuhren so fort in ihrem Umgang um die Kirche. Als dieß vorüber, kehrte derselbe Prälat zurück und vollbrachte die nämlichen Ceremonien wie das erstemal, und dann kam von Neuem die Geistlichkeit mit Kerzen und Rauchfässern, nnd sie wiesen die Socken des heiligen Joseph vor. (Philippe de Vizneulles nennt nun die übrigen Reliquien, wobei ihm indeß das Gedächtniß nicht ganz treu gewesen ist.) Nachdem alles gezeigt war, begann das Volk sich zu verlaufen; aber es ist schwer, sich einen Begriff von dem Gedränge zu machen, nicht 283 in der Kirche bloß, sondern in den Straßen auch und selbst außerhalb der Stadtthore. ES kostete unS große Mühe in die Kirche zu gelangen, wo wir das Grab Carls des Großen sahen, daS sich hinter dem Hochaltar erhebt, und unter welchem man durchgehen kann. Ich sah mir auch die Säulen an, welche der Kaiser Carl in dieser Kirche errichten ließ, und viele andere Dinge. Aber ich versichere euch, das Gedränge war so groß, daß, wenn Einem ein Goldstück auf den Boden gefallen wäre, er nicht im Stande gewesen wäre, eS aufzuheben. Viele Leute wurden durch das Gedränge getragen. Wollte ein Pilgerzug in die Kirche oder durch die Straßen ziehen, so wählten sie den Stärksten der Gesellschaft und ließen ihn eine Art Banner vortragen, und sie folgten ihm Mann für Mann, indem sie einander bei den Kleidern festhielten. So machten sie sich Platz. Ließ Einer los oder blieb seitwärts vom Zuge, so war er gewiß, von den Gefährten getrennt zu werden. Nachdem wir Kirche und Stadt besucht, und gekauft, was uns noth that, empfahlen wir uns bei unserm Wirth, stiegen zu Pferde und gelangten noch zu rechter Zeit nach St. Cornelimünster, einer großen und reichen Abtei in einem Thal, zwei Wegstunden von Aachen entfernt.- Leben des ehrwürdigen Johannes Grande. (Fortsetzung.) III Johannes erhält ein eigenes Spital und tritt in den Orden der barmherzigen Brüder ein. Mit Bedauern und Unwillen hatte ein großer Theil der Bewohner von Xerez den frommen Johannes auS dem Spitale vertreiben sehen. Die wahren Gründe, weßhalb man ihm zürnte, waren ihnen wohl bekannt, und sie wollten es nicht zugeben, daß die Tugend in ihrer Mitte so schimpflich behandelt und unterdrückt werde. Sie sannen auf Mittel und Wege, dem Diener GotteS zu helfen, daß er sein gesegnetes Wirken fortsetzen könne. Sie hatten aber nun von seiner außerordentlichen Frömmigkeit, seinem rastlosen und stets durch höheres Licht geleiteten Eifer bereits so viele Beweise, daß sie in ihm einen von Gott zu großen Dingen berufenen Heiligen zu betrachten anfingen. Darum also wünschten sie ihn in größeren Kreisen thätig zu sehen, und zwei Edelleute glaubten den Reichthum, womit sie Gott gesegnet hatte, nicht besser benutzen zn können, als wenn sie ein neues Krankenhaus gründeten, und die Leitung desselben dem verfolgten Johannes übergäben. Sie setzten ihr frommes Vorhaben unverzüglich in'S Werk. Im Jahre 1574 ward daS neue Spital gebaut, und, von seinen Stiftern mit reichlichen Einkünften versehen, Johannes überwiesen. In der Nähe desselben lag ein großes PilgerhauS, und auch dieses glaubte man seiner klugen und thätigen Liebe anvertrauen zu müsse». Mit welchem Jubel deö Herzens nahm der Diener Gottes seine Wohnung in dem Gebäude, worin er von nun an nach der ganzen Kraft semer Liebe wohlthun konnte! ES war ein rührendes Schauspiel, von allen Seiten Kranke herbeitragen und alle von Johannes mit freundlicher Eilfertigkeit empfangen zn sehen. Er eilte von einem zum andern, fragte nach ihren Bedürfnissen, tröstete, ermunterte sie, und gab sich keine Ruhe, bis jedem, wessen er sür Leib und Seele bedürfte, zu Theil geworden war. — Aber noch stand er allein, und so wunderbar der Beistand war, womit Gott seine Kräfte unterstützte, so konnte er doch für die Pflege so Vieler allein nicht genügen. Er sah sich nach Gefährten um, aber nach solchen, die im Dienste der göttlichen Liebe und nicht um zeillichen Gewinn seine Mühen und Sorgen theilen möchten. Auch hierin erhörte Gott sein Flehen. ES schlössen sich ihm mehrere, meistens noch junge Männer an, die alle vom Verlangen, Johannes' reine Tugend nachzuahmen, beseelt waren, und von denen sich einige in dieser Nachahmung so sehr auszeichneten, daß ihr Andenken zugleich mit dem ihres Führers und VaterS fortlebte. 284 Einige Jahre lang hatte Johannes 'mit diesen seinen Gefährten sein frommes Wirken fortgesetzt, und sie nicht bloß durch sein Beispiel angefeuert, sondern ihren Eifer auch durch weise Einrichtungen geleitet. Indem er aber nun nachdachte, wie man Vorsorge treffen könnte, daß die Anstalten, die ihm Gottes Vorsehung anvertraut, nicht nur fortbestünden, sondern auch fortwährend im Geiste christlicher Barmherzigkeit verwaltet würden, schien ihm hierzu der sicherste Weg zu seyn, wenn er sich mit seinen Gefährten dem Orden deS heil. Johannes von Gott, der, wie schon erwähnt wurde, eben damals auszublühen anfing, anschlösse. Er fand, wie in dem heiligen Stifter, so auch in der ganzen Einrichtung dieser frommen Gemeinschaft jenen Geist, den er suchte, und den er selbst, ohne es zu wissen, in reichlicher Fülle besaß. Seine Gefährten vernahmen den Entschluß, den er gefaßt, mit Freuden, und im Jahre 15-9, achtundzwanzig Jahre nach dem Tode deS heil. Johannes von Gott, begab er sich mit ihnen nach Granada, um bei den höchsten Vorstehern des Ordens um die Aufnahme nachzusuchen. Sie wurde ihm um so leichter gewährt, als man ihn und seine Genossen als schon erprobte Jünger des Ordens betrachten konnte. So kehrte also Johannes mit dem Kleide und den Regeln der barmherzigen Brüder nach Terez zurück, und wurde von den Einwohnern desselben mit um so größerer Freude begrüßt, als sie nutt hoffen durften, daß er, auch wann einst Gott aus diesem Leben ihn abrufe, unter ihnen fortleben werde. Johannes und seine Brüder wivmeten sich mit neuem Eifer den frommen Werken ihres Berufes. Bevor wir jedoch über diese das Nähere berichten, müssen wir noch eine bedeutende Ausdehnung seiner Wirksamkeit erzählen. Der Erzbischos von Sevilla, zu dessen Sprengel Lerez gehörte, hatte seit einer Reihe von Jahren zugleich mit den Berichten über deS frommen Johannes und seiner Gefährten segensreiche Thätigkeit über andere ähnliche Anstalten der Stadt Klagen erhalten, die ihn mit Unwillen und Schmerz erfüllen mußten. Nachdem er manche Mittel versucht hatte, die Aufseher und Diener jener Häuser zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflichten zu vermögen, beschloß er endlich, da alle seine Bemühungen vergeblich waren, sämmtliche Anstalten dieser Art unter die Leitung Johannes' zu stellen. Er berief ihn also zu sich nach Sevilla. Johannes, der bereits gnvohnt war, das Leiden für Gott als sein größtes Glück zu betrachten, folgte diesem Rufe nm so bereitwilliger, als ihm im Gebete geoffenbart worden war, daß er sich ans neue schwere Kämpfe gefaßt halten müsse. Zu Sevilla angekommen, ward er von mehreren Edelleuten dringend gebeten, bei ihnen Wohnung zu nehmen; aber er zog es vor, nachdem er zuerst die Kirche besucht und vor dem Hochwürdigen gebetet hatte, bei einem armen Bürger, der ihm ein Zimmer bereitet hatte, einzukehreu. Auch dort war seine erste Beschäftigung das Gebet, und ohne seinem ermatteten Leibe irgend eine Erquickuug der Ruhe zu gönnen, harrte er in demselben mehrere Stunden aus. — Als er mm vor den Erzbischos kam und von ihm vernahm, weßhalb er ihn zu sich bcschieden, war cS ihm sofort einleuchtend, welcher Art die Leiden und Kämpfe, die ihm angekündigt waren, seyn würden. Denn die Personen, die theils seiner Leitung unterworfen worden, lheils auch ihm und seinen Brüdern in ihrer Amtsführung weichen sollten, waren ihm zu wohl bekannt, als daß er hätte hoffen dürfen, sie würden sich ohne den heftigsten Widerstand dem Willen des Erzbischofes fügen. ES war jedoch nicht die Furcht vor dem, was er zu leiden haben würde, sondern aufrichtige Demuth, die ihn bewog, dem Erzbischofe Gegenvorstellungen zu machen. Er glaubte sich einer so großen Bürde nicht gewachsen, und besorgte, daß das Gute, welches er etwa stiften könnte, mit dem Bösen, das jene Maaßregel veranlassen würde, in keinem Verhältnisse stehen möchte. Der Prälat wollte ihm nicht Gewalt anthun, nnd suchte ihn in mehr als einer Unterredung durch Gründe zu überzeugen. Als er aber erkannte, daß die eigentliche Ursache, weßhalb Johannes Widerstand leistete, die geringe Meinung war, die er von. sich selber hatte, beschloß er, die Demuth durch die Demuth zu besiegen. Er wußte wohl, daß diese Tugend, wenn immer sie aufrichtig ist, gehorsam macht. Er hörte also 265 aus, Gründe vorzubringen, und erklärte seinen entschiedenen Willen: da neigte Johannes das Haupt und übernahm das Amt, das ihm zugedacht war. Er kehrte nach Zcrez zurück; aber die Nachricht von dem, was in Sevilla geschehen, war ihm vorausgeeilt, und hatte die Wirkung hervorgebracht, die cr vorausgesehen. Die Menschen, welche in den verschiedenen Häuser«, über die er die Aufsicht übernehmen sollte, angestellt waren, beschlossen in ihrem Zorne, kein Mittel unversucht zu lassen, um die Absicht des ErzbischofeS zu vereiteln. Sie ersannen Ver- läumdungen wiver den Diener Gottes u.id verbreiteten sie durch die ganze Stadt. Diese Verläumdungen waren aber mit solcher Schlauheit ausgedacht, daß sie, wenigstens beim großen Haufen, eben so leicht Glauben finden, als den Jugrim desselben reizen mußten. Johannes hoffte, durch Sanstmuth und Geduld die Aufregung, in welcher er das Volk fand, zu beschwichtigen. Aber vergebens. Der Sturm ward immer heftiger. Wo er sich blicken ließ, rief man ihm Schimpfredcn nach, und die Kinder verfolgten ihn mit Steinwürsen. Es scheint unbegreiflich, wie dieß Volk einen Mann, der nun schon eine lange Reihe von Jahren die Wohlthaten seiner Liebe unter ihm verbreitet, der nicht nur seine Kranken verpflegt und seine Todien begraben, sondern auch vielen seiner Armen, Wittwen und Waisen Obdach, Kleidung, Nahrung verschafft hatte, so verkennen und als seinen gefährlichsten Feind verfolgen konnte. Aber wer weiß nicht, wie oft eö Bösewichtern gelingt, daö Volk zu beihören, und wie schrecklich des Bethörten Leidenschaften sind. Es kam so weit, daß Johannes, um deS Lebens sicher zu seyn, das Spital sast nicht mehr verlassen durfte. Er rief in seiner Noth zu Gott, und nachdem er nvch eine Zeitlang diese neue Pryde der Geduld und Demuth bestanden hatte, ward ihm Hülfe zu Theil. Ein Mensch, der einen Gefährten Johannes', welcher um ein Almosen für die Kranken bat, mit vielen Beschimpfungen aus seinem Hause getrieben hatte, starb, wie der Diener Gottes vorhergesagk halte, nach drei Tagen eines jähen ToveS. Ein anderer, der in das Spital kam, um dem frommen Johannes die größten Unbilden zu sagen, war kaum in sein Haus zurückgekehrt, als er von einem heftigen Fieber befallen wurde. Johannes, obgleich selber krank, raffte sich auf, um ihn zu besuchen; aber der hartherzige Mensch wies nicht nur die milden Reden, womit er ihn zum Ver- irauen auf Gottes Barmherzigkeit ermunterte, trotzig ad, sondern wollte auch nicht einmal gestatten, daß Johannes neben seinem Betre für ihn bete. Johannes entfernte sich tief erschüttert, und sagte zu dem Bruder, der ihn begleitete, daß auch dieser vom Tode unversehens werde hingerafft werden. Am andern Morgen erfüllte sich seine Weissagung. Diese Vorfälle, in welchen man die strafende Hand ÄotteS erkannte, und manche andere Umstände, welche die Vorsehung herbeiführte, brachte daö Volk zur Besinnung, und Gott, der alles dieß nur zur Prüfung seines Dieners zugelassen hatte, bewirkte, daß nun Johannes' Unschuld eben so schnell allgemein anerkannt wurde, als die Verläumdung Glauben gefunden hatte. (Fortsetzung folgt.) LAbkMt^ MZÜÜKM W»M5 «t 5tz»W K»6 M> SIV i.s mnHL 5W, zzvs Borenthaltenes Abendmahl. In Halle bringt das dortt'ge protestantische „Bolksblatt für Stadt nnd Land" vom 8. Mai 1853 die folgende lehrreiche Erzählung: „Schweren Herzens fuhr Johann Harmening, ein armer Hcuerling, an einem kalten Abend im Advent über die Haide, zu dem anderthalb Stunden entlegenen Kirchdorfe hin, um den (protestantischen) Pfarrer zu seiner sterbenden Frau zu holen. Der Bauer, auf dessen Hofe er lebte, hatte einen Ackerwagen und seine Pferde gegeben, und war bemüht gewesen, mittelst Stroh und Decken einen warmen Sitz für den geistlichen Herrn zu bereiten. Dieser, ein stattlicher junger Mann, in der ersten Hälfte 'der Dreißiger Jahre, saß, nach wohleingenommenem Abendessen, mit einer Cigarre am warmen Ofen, als Johann mit seinem Anliegen vor ihn trat; anführend daß, so gewiß menschliche Dinge wären, 256 seine Frau den Morgen nicht erleben könne, und daß sie eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem Abendmahl empfände. Der Pfarrer that ihm einige Fragen, stand dann auf und trat an'S Fenster, welches er öffnete; es war sehr kalt, dunkel und schaurig draußen, und der Wind pfiff über die Haide messerscharf. Da kam die Frau Pfarrerin herein; „Du wirst doch nicht fahren, Edmund? Nein, nein, ich lasse es nimmer zu!" Der protestantische Pfarrer besann sich einige Augenblicke, ging dann zu seinem Blicherstande, nahm zwei oder drei Traktate und sprach, sie in der Hand haltend, freundlich zum Johann: „Lieber Harmening, so hat Eure Frau denn wirklich den wahren und aufrichtigen Wunsch, daS Mahl des Herrn im Glauben zu empfangen?" „Ja gewiß!" entgegnete hastig Johann: „es liegt ihr Alles daran! o zaudern Sie nicht, Herr Pastor; sie ringt mit dem Tode und verlangt nach nichts, als nach ihrem Heilande." „Nun denn," erwiederte milde und mit priefterlich ge, hobener Stimme der Pfarrer, „wenn dem so ist, dann könnt Ihr ganz ruhig heimkehren ohne mich; vor dem Herrn wiid es eben so seyn, als habe sie das Mahl genossen; Ihm gilt der redliche und ausrichtige Wille als Erfüllung. Saget das der lieben Kranken in meinem Namen und mir meinem SegenSgruß. Rücksichten auf meine Gesundheit, zunächst im Hinblicke auf meine Familie, machen mir die Mitfahrt unmöglich." Dann gab er ihm die Traktate, die auf Leiden und Sterben im Glauben bezüglich waren. Der arme Johann fuhr trostlos wieder über die Haive, und der Pastor begab sich zur Ruhe. Die Sterbende indeß hatte an das Leben sich geklammert, des geistlichen Zuspruches harrend. Als ihr Ehemann ohne den Pastor wieder kam, zuckre ein herber Schmerz — die schmerzlichste Enttäuschung vielleicht ihres kurzen ErdenlebenS — durch ihre Seele; die alte Großmutter aber sprach ihr deö Paulus EberS schönes Sterbelied vor; — da ward sie still, den Tod erharrend, der am Morgen um 5 Uhr gekommen ist, leise und schmerzlos." „Es war Frühling, die Bäume blühten, die Wiesen grünten, die Sonne lachte zwischen schweren und weißen Gewölken, milde Lüfte spielten, und voll und rauschend ging der Fluß, der zwischen dem Kirchhofe dahinzog und dem Herrnhause, wo bei irgend besonderer Veranlassung ein festliches Mahl und nächstdcm Spiel gehalten werden sollte. Der Herr Pfarrer nebst Frau Gemahlin und deren jüngere Schwester kamen in vollem Anzüge daher. Im Fährhause indeß saß Johann Harmening, der Wittwer, bei Kordes Harmening, dem Fährmann, seinem Vetter, ihn zu unterstützen im Dienste, da dieser gar zu arg mit dem Gliederreißen geplagt war. Der Herr Pastor trat ein, und in der Meinung, die Damen hätten beim Ankleiden sich schon verspätet, begehrte er kurz und barsch eine sofortige Sonderüberfahrt. Johann aber sprach: „Herr Pastor, ist es wirklich Ihr wahrer und aufrichtiger Wunsch, jetzt gleich überzufahren?" „Ja gewiß, nur schnell und keine Weitläufigkeiten; die Damen harren und ein Wetter zieht!" „Nun denn," sagte Johann ruhig und gemessen, „wenn dem so ist, so wird eS eben so seyn, als wären Sie übergefahren. Der Wille geht für die Erfüllung; so sagten Sie, als meine arme Frau auf den Weg der Lammeshochzeit sicher geleitet seyn wollte, und jetzt sage ich'S Ihnen wieder, da Sie auf dem Wege zu einem weltlichen Luftgelage sind. Nichts für ungut!" — Und Johann ging langsam seines Weges, die Fähre blieb angekettet, und die Herrschasten mußten eine gute halbe Stunde stromaufwärts gehen, bis zu einer Brücke, und dann wieder stromabwärts bis zum Herrenhause, und das Wetter entlud sich, und sie wurden schwer durchnäßt und kamen viel zu spät, und der Herr Pfarrer erwarb sich nicht allein den Schnupfen, sondern auch sogar einen kleinen Anstoß von Flußfieber. Sie beabsichtigten, sich höheren OrteS über Johann Harmenings ganz unverantwortliches Benehmen ernstlich zu beschweren, und hoffen auf eine gehörige Züchtigung desselben." -- Berantwntlichtr Redacteur: «.Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer.