Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Aügslmrger pokMung. 28. August. SS. 1853. Diese» Glatt erscheint regelmäßig alle Tonutaae. Der halbjährige Ado»ucv,knt«vrei« 5t) kr,, Wofür c« durch alle töniql. baver. Postämter und all? Bnchhaudlnnqen dezoa'n werde« kann Reifen eine» englischen Geistlichen vor seiner Bekehrung. (Aus der Wiener Klrchcnzeituna, ) Drei Jahre sind ungefähr verflossen, seit in England der anglicanische Geistliche und Rector oder Pastor von Launton im BiSlhumc Orford, der Herr Thomas William Allies sich zum Katholicismus bekehrte. Wir erlauben uns, hier einige Auszüge auS seiner Reisebeschreibnn^, „Journal in krsnee in 1845 snä 1843 >vitlt Leiters krom Ital^ in 1847," betitelt, mitzutheilen. Man sieht anS dieser vor seiner Bekehrung verfaßten Neiscbeschrcibnng, daß er, obschon mit Leib und Seele dem Anglicanismus zugethan, sich gleichwohl frei machen wollte von allen Vornrtheilen gegen den Katholicismns, und weil er nichts als die Wahrheil wollte, alle Gehässigkeiten verachtete. Darum sieht man ihn auf seiner Reise überall um Aufklärungen fragen über die katholischen Lehren und Gebräuche; wo er sich nicht für überzeugt hält, ruhig bleiben, und alle bittern Aeußerungen vermeiden über das, was in seinen Augen nicht gut ist. Wir finden in ihm einen Manu voll Ausrichtigkeit und ehrlichen Sinnes, der die Wahrheit über Alles setzt, und ihr alle Opfer bringt. Seine Erzählung ist frei v.'n allen bittern Aeußerungen uud heftigen Ausfällen; er widerspricht manchen Vorurtheilen der Protestanten, und hat darum in England einen heftigen Streit veranlaßt, so zwar, daß sogar der Bischof von Orford im Begriffe stand, sein Werk gerichtlich zu verfolgen. Seine Einleitung zu dem Tagebnche seiner Reise in Frankreich in den Iahren, 1845 und 1848 beginnt er mit den Worten: „Von der großen Zahl englischer Herren und Damen, die in den letzten Jahren das Festland bereiset haben, haben Verhältniß- mäßig wenige, däucht mir, eg ihrer Zeit werth geachtet, viel Ausmerksamkeit der Wirksamkeit der Kirche zuzuwenden in den Gegenden, welche sie besucht haben. Zweifelsohne haben sie alle die steinernen Gebäude der römisch-katholischen Religion betreten; aber daS geschah im Allgemeinen mehr um dieselben alö öffentliche Denkmale zu besichtigen, denn als ein Hauö dcS Herrn für alle Nationen. Doch wie viele dieser Reisenden, welche die Zeit hatten und unabhängig waren, baben sich daraus verlegt, um die mannigfachen Einrichtungen zu begreifen für die Erziehung von Geistlichen oder Laien, für die Tröstung der Leidenden, für den Unterricht der Armen und Verlassenen, oder für die Beförderung des innern Lebens, durch welche die Kirche die Welt christlich macht und des inenschlichen Herzens sich bemeistert? Ich spreche mich jetzt nicht darüber aus, ob daS ganze römische System wahr oder falsch, rein oder verderbt ist; ich betrachte eS einfach als eiu Factum. Und von diesem Gesichtspunkte auö ist vielleicht auf der Erde kein Gegenstand der Betrachtung des nachdenkenden Verstandes so sehr werth, als die römische Kirche. Als Geistlicher der angli- canischen Kirche halte ich es nicht für wahrheitsliebend, passend, christlich oder weise, meine Angen vor einem solchen in der Welt bestehenden Factum zu schließen. Mich dünkt, daß man trachten muß, es zu begreifen. Sie, die alte Leidenschaften wieder 274 zu entflammen suchen, sie, die sich die Mühe nicht geben, um Lehren zu verstehen, wie sie durch Jene, welche darin unterweisen, gelehrt werden, sondern sie muthwillig verkehrt begreifen und verkehrt darstellen; sie selbst, die sich zufrieden stellen in einem Zustande von Scheidung, sündigen sie nicht gegen ihn, der in den Tagen seiner Erniedrigung zu seinem Vater flehte: „„daß sie Alle Eins seyn mögen, wie Du, Vater, in mir, und ich in Dir, daß sie auch EinS seyn mögen in unS; damit die Welt glauben möge, daß Du mich gesandt hast."" Verwirklichen solche endlich das Factum, daß die Kirche von England „die Kirche von Rom betrachtet als einen eben so wirklichen Theil der katholischen Kirche als sie selbst ist?" Hierauf betrauert er es, daß beide Confessionen sich in einer so großen Unwissenheit des gegenseitigen Zustandes befinden, bekennt jedoch, daß die Unwissenheit auf Seite der Anglicaner viel größer ist, Darum wünscht er einigermaaßen daS Werkzeug zu seyn, um Vorurtheile zu beseitigen, oder falsche Begriffe aufzuklären. „Wäre Alles ins Werk gesetzt, was für eine Versöhnung gethan werden kann, und bliebe dann noch der gegenwärtige Zustand von Feindschaft und Entgegenwirkung bestehen, dann würde dieses eine traurige Voraussicht für die Zukunft seyn; aber wenn hierin Unwissenheit und verkehrte Beurtheilung einen so großen Antheil haben, haben wir dann keine bessern Dinge zu fassen? Lehrt unS nicht die Vorsehung durch daS, was beiderseits vorfällt, daß die Kirche GotteS in allen Ländern sich gegen den gemeinschaftlichen Feind vereinigen muß? „DaS einzige Verdienst seines Tagebuches," sagt er, „wenn eS einiges Verdienst hat, ist daS Streben, in dem römisch-katholischen Systeme die Dinge zu sehen, wie sie sind, alle Vorurtheilc abzulegen, nicht daS zu verurtheilen, was dem widerstreitet, dem man gewöhnlich begegnet, sondern zu trachten, die Grundsätze zu begreifen, worauf es ruht. Frankreich ist ohne Zweifel einer der merkwürdigsten Theile der römischen Kirche. Die ganze Ernte der schrecklichen Convnlsion von 1739 ist reis geworden, aber auch sie ist weit von einer bereits vollendeten Einsammlung. Der Unglaube herrscht öffentlich. In Nichts kamen Alle, nzit denen er sprach, mehr überein als hierin, daß menschliche Rücksichten und weltliche Macht gegen die Kirche und Religion waren, und wenn die Heuchelei die Huldigung ist, welche die Untugend der Tugend darbringt, wie steht es denn mit dun Lande, wo die öffentliche Meinung eine Heuchelei fordert in dem öffentlichen Bekenntnisse deS Unglaubens? AuS diesen und andern Gründen, fährt er fort, begreife ich, daß die Kirche Gottes am besten in Frankreich zu sehen ist, wo sie wirkt durch ihre eigenen innern Kräfte, nicht allein nicht durch die Welt unterstützt, sondern aufs grausamste durch sie gequält und äußerlich so verdrückt und erniedrigt, daß nichts anderes, als das unwiderstehliche Leben des Evangeliums die Menschheit in solchen Verhältnissen würde dnrchdringen und bearbeiten können. Gott verhüte, daß ein solcher Zustand in England sich verbreitete — und möchte es seyn, dann gebe Gott gleichfalls, daß die Kirche in den Tagen ihrer Noth Diener und Dienerinnen, Priester, Lehrer und barmherzige Schwestern haben möge, so srei von Selbstsucht, so arbeitsam, geduldig und eifrig, als er sie ihr in Frankreich erweckt hat." Nachdem er mit Bewunderung von verschiedenen in Frankreich bestehenden Einrichtungen gesprochen hat, schreibt er den Brüdern des christlichen Unterrichtes und den verschiedenen barmherzigen Schwestern einen unberechenbaren voriheilhasten Einfluß zu. „Ihre selbstsuchtslose und liebevolle Arbeit würde der größte Segen seyn für unsere Pfarrpriester, die einerseits kämpfen gegen ein sehr praktisches Heidenthum, und andererseits gegen verschiedene Formen von DifsenterS, von deren Lehre man sagen kann, daß ihr Wesen besteht in vollständiger Leugnung der Kirchenlehre im Puncte der Erlösung- und im Allgemeinen alles objectiven GlanbenS außer dem Opfer unsers Herrn für die Sünden der Menschen und dem Wirken deS heiligen Geistes. Man wird durchgängig sehen, daß ich die Nichtwürdkgung des Guten im römisch- katholischen Glauben und Handeln nicht ansehe als einen nothwendigen Bestandtheil deS Charakters eines Geistlichen der englischen Kirche. Ich bin vollkommen überzeugt, daß die Vereinigung der englischen Kirche Mit der Kirche von Rom ein unberechen- 275 bareS Glück sey» würde für die ganze Kirche Gottes und des menschlichen Geschlechtes, Wer anch die Scheidung gemacht habe, wir brauchen an seiner solchen Vereinigung nicht zu verzweifeln, für deren guten Vollzug brave Leute auf beiden Seiten hoffen und beten müssen." Jetzt beginnt er die Erzählung seiner Reise in Frankreich im Jahre 1845. Wir wollen hier nicht sprechen von seiner Bewuuderuug für die mannigfaltigen katholischen Anstalten, die er besuchte. Er kam mit vielen der ansehnlichsten Geistlichen ins Gespräch, das meistens ans theologische Gegenstände sich bezog. Ueberall suchte er sich zu unterrichten und zu sehen, was von manchen Vorurtheilen zu denken sey. So sagt er Seite 25: „Die Gemeinschaft der Heilige», als eine praktische Lehre, hat so wenig Kraft unter uns, und nimmt eine so bedeutende Stelle ein in der römische» Theologie, daß wir unfähig zu seyn scheinen, jeden Andern in diesen, Puncte zu begreifen. Und das, was das natürlichste Gefühl des Herzens ist sür ein gottesfürchtigeS Gemüth in der römischen Kirche, hat den Schein von Abgötterei in der anglicamschen Konfession." Vor Allem schienen ihm zwei Schwierigkeiten fortwährend in Gedanken zu bleiben, in Betreff deren er sich mühsamer seiner Vorurtheile entledigen konnte, und diese waren: die Verehrung der heiligen Jungfrau und der Zustand der Anglikaner in ihrer Kirche. Und nichtsdestoweniger emvfing er von den verschiedenen Personen, mit denen er darüber sprach, eben dieselbe Antwort. In Betreff deS ersten gab man ihm überall zur Antwort, daß die Katholiken Maria nicht anbeten, daß solch' eine Behauptung eine Verlästeruug der katholischen Lehre sey. In Betreff des zweiten erhielt er überall die Antwort, daß jener Zustand nicht beruhigend sey, daß die einzige Hoffnung auf ein ewiges Glück für ihre Anhänger bestehe in einem braven Leben und dem guten Glauben, der wähnte, sicher die Wahrheit zu besitzen. Eben dasselbe einhalten die Briefe während einer andern Reise von Frankreich nach Italien im Jahre 1847 geschrieben. In einem Briefe auS Genua vom 20. Juli sagt er: „Die volle Erkenntniß des aScetischen und klösterlichen Lebens als eines christlichen Standes, und zwar des höchsten in dieser Art, ist von unberechenbarer Bedeutung. Im Mangel hieran kommen alle unsere großen Einrichtungen, sey eS sür den Unterricht, sey es für die Leitung der Jugend, sey eS für die Versorgung der Kranken, gerade da zu kurz, wo sie stark seyn müßten; sie haben keine Autorität; die Welt, ihre Anschauungsweise und Grundsätze und Maaßregeln herrschen da, wie im gewöhnlichen Leben; und die Ursache, in Folge deren die Dinge sich so gestalten, ist diese, daß das wahre Leben, welches allein über der Welt ist, und seine Bedürfnisse und Regeln ausgeschlossen und verurtheilt sind. Wir haben Personen, wir haben große Geister, wir haben Geld; aber wie werden wir Grundsätze zurückbekommen, die wir in der Praxis ausgegeben haben. Die Geringschätzung des CölibateS, der Nichtbesitz der religiösen Orden erscheint als ein System des Christenthnms ohne Kreuz." (Seite 123 uud 124.) In dem Tagcbuche seiner Reise in Frankreich treffen wir dieselben Puncte an, aber sie treten schon schärfer hervor; schon ist der Herr Allies der Wahrheit näher gekommen. „Fürwahr, sagt er da, der Schlüssel aller römischen gottesdienstlichen Uebungen ist: „.Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter unS gewohnt."" Die Gegenwart der Menschwerdung brütet als ein Geist über Allem, gibt jeder Kniebeu- gung am Ältare einen Sinn, jeder Autorität Leben, Harmonie der wundervollen Reihe der Heiligen mit der jungfräulichen Mutter an ihrer Spitze, die Fürbitte einlegen bei der allerhciligsten Dreifaltigkeit, und ihre Gebete verbinden mit den Chören der Engel und den Stimmen schwacher Menschen, die den Streit des Fleisches auskämpfen. Der ganze Gottesdienst dreht sich um die Menschwerdung, erweitert, auf das tägliche Leben angewendet, uuterS Auge gelegt und inS Herz gelegt, den Büßenden umgebend am Beichtstuhle, den Priester entflammend am Altare; Kinder leben davon, ohne sich dessen bewußt zu seyn; Mütter sehen durch sie auf ihre Kinder nieder, so daß die mütterliche Liebe selbst tiefer, wärmer und heiliger wird; durch sie erträgt der Priester sein Leben voll Mühe und Selbstverläugnung so leicht, daß die S76 Liebe das Brod zu sey» scheint, von dem er lebt, WaS ist davon daS Geheimniß? ES ist daS täglich am Morgen , stattfindende Sich-nähern dem Allcrheiligsten, das tägliche Empfangen dessen, der Fleisch und Blut vergöttlicht..... „,/Daö Wort ist Fleisch gcwoiden unv hat unter unS gewohnt,"" ist das Erste und das Letzte: er kommt in der Mitte einer Wplke von Heiligen; sie sind im Besitze von Macht, weil sie die Seinen sind; ihre Werke sind mächtig, weil er in ihnen wirkt; ihre Bitten siegen, weil sie, obwohl Fleisch und Blut, Mi'genvssen dcS Fleisch gewordenen Wor« teS geworden sind. Sie vor Allem, deren reinste Substanz er nahm, um für immer die Scinige davon zu bilden, so daß, was von ihr kam, in hypostatischer Vereinigung mit Gott ist..... So betrachtet ist die Gemeinschaft der Heiligen etwas Wirkliches, unser tägliches Leben in tausend Puncten umfassend, die Ausbreitung der Menschwerdung..... Für Jene, welche die heilig/schauervolle Gegenwart am Altare nicht verwirklichen, sind die Heiligen eben so viele zu Göttern und Göttinen gemachte sündige Männer und Franen, und ihre Verehrer Götzendiener. Wie Vieles verliert daö Volk durch solch' einen falschen Begriff; wie gar sehr fehlt es ihnen an dem Begreifen der Länge und Tiefe, und Breite und Höhe der Wahrheit; sie Halbiren und vimheilei! die Menschwerdung, und brüsten sich damit, daß sie allein dieselbe begreifen. Die vervielfachten Gebete und Lobgesänge scheinen ihnen Fvrmwerk zu seyn, die Beugung dcö Leibes ein Spott, weil sie den nicht uuterscheiden, der zwischen den goldenen Leuchtern wandelt — es ist Leere für sie da, weil er nicht da ist." (S. 192—194). Viel sprach AllicS auf dieser Reise über die zwei bereits genannten Puncie und üt»r die Machtvollkommenheit des PapsteS. Endlich finden wir am Schlüsse seines WerkchenS merkwürdige Aeußerungen. „Ich bin getroffen durch die Kraft in der römischen Kirche, ausgeübt durch daS große Dogma der wirklichen Gegenwart. ES ist der Mitte,Punct und daS Leben deS Ganzen. Cs ist der geheime Grnnd der beschwerlichen und selbstverläugnenden Sendung deS Priesters; davurch vor Allem halten sich auch die religiösen Orden ausrecht; die wärmsten, tiefsten, demüthigsten, segensreichsten und entzückendsten Rührungen umgeben dasselbe, die Nonne, die schweigend Stunden laug anbetet, indem die eine von der andern das einsame, mit heiligem Schauer erfüllende Wachen in der unmittelbaren Gegenwart deö Königs der Könige übernimmt, die Menge der Anbeter, die knicen in dem glücklichen, aber heilig-hehren Augenblicke, wo Erde und Himmel verbunden sind durch die Herabkuuft deS geheimnißvollen Bräutigams in den Tabernakel seiner Kirche; die fromme Seele, die nicht ein- oder zweimal, sondern oftmals im Tage sich vor ihm vcrdcmüthigt; die Congregationcn, die den Tag schließen, indem sie ihre Huldigungen unmittelbar ihm darbringen, als gegenwärtig verdreifachen, menschlichen Natur, dem Leibe, der Seele und dem Geiste. Das Alles bekundet den tief prakti- fchcn Einfluß, welchen das Dogma von der wirklichen Gegenwart auf katholische Gemüther ausübt. Sind ihre Kirchen nicht heiliger für die gläubige Seele, als der Tempel zu Jerusalem war, wenn die sichtbare Glorie des Herrn herabstieg? Zeigt nicht die blasse Lampe, welche vor dem Tabernakel brennt, eine Gegenwart an, unaussprechlich mehr mitleidend, gnadenvoller nnd entzückender für den Menschen?" (Seite 34l) und 3-4 l.) Er vergleicht damit den kalten Gottesdienst in den anglicani- schen Kirchen. „Daö wirkliche Bestehen deS römischen Priesters (so fährt er fort), der Ersatz für Alleö, was er thut oder leidet, hängt ab von jener halben Stunde deS TagcS, in welcher er seinem Herrn begegnet. Welch' ein unnennbares Vorrecht..... Und wie würde der Mönch oder die Nonne leben können, wenn nicht durch den beständigen Empfang der hl. Encharistie und die andauernde Betrachtung der Menschwerdung: England hat die Mönche und Nonnen verbannt, und die Annen vergehen durch Mangel am Brode des Himmels, und die Kranken sterben in einem uubclehrten Heidenthum, und die Jugend wird verleitet durch jeglichen Wind von Lehren, indem sie allzeit lernt, aber nie zur Kenntniß der Wahrheit kommt. Und zugleich mit den sich selbst verläugnenden Orden, die zeugen von dem überreichen Leben, das aus der Tiefe von Christus Kirche hervorquillt, hat England daS Dogma der wirklichen 277 Gegenwart verbannt nicht aus seiner Lehre, sondern in seiner Eigenschaft als der irbendigcn und durchdringenden praktischen Wahrheit, welche die Arbeit jedes TageS beseelen und belohnen, und all' den Jammer der Menschheit trösten müßte. O möchte der Geist Gottes das Lebe» der praktischen Handlung von jedem Tage einathmen, in die allen katholischen Formeln, die jetzt ein Verweis für unsere Entartung sind! O mochten unsere tiefen nnd breiten Prcöbyterien der alten Zeit.... noch einmal vas Brautgemach seyn, wo der erstandene Erlöser herabkommend auS des Himmels Höhen Gemeinschaft halte mit seiner Kirche." (Schluß folgt.) Die russische StaatSkirche. (Dritter Artikel.) DaS Patriarchat der russischen Kirche war keine göttliche Stiftung; Christus, der Sohn GotteS, hatte nicht von ihm gesagt: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen;" — als bloß menschliche Stistung konnte es durch dieselbe menschliche Willkür, die eS gegründet, auch wieder aufgelöst werden. Wir finden in seinen Trägern keine heldenmüthige, glaubcnSlreue Bekenner, die mit ihrem Blnte und Leben für ihr Recht einstehen; wir finden kein Märtyrthum, sondern eine weltliche Herrscherhand, die den Patriarchenstuhl errichtete nnd zu stürzen wagen konnte. Das russische Patriarchat fiel nach fast nur hundertjährigem Bestände; wie es der Wüstling Godunow gestiftet hatte, so wurde es von dem despotischen Peterl. vernichtet. Peter der Große besaß zu viel Herrscherwillkür, als daß er ein selbstständiges geistliches Regiment hätte neben sich dulden können. Er beschloß daher, um gänzlich unumschränkt herrschen zu können, das Patriarchat abzuschaffen. Er ging hierbei mit großer List und Schlauheit zu Werke. Es war ihm sehr wohl bekannt, daß der Patriarch, bei aller Schwäche und Abhängigkeit vom Großfürsten, dennoch ein gewisses Ansehen beim Volke genoß; er wär der Erklärer und Ausleger deS evangelischen Gesetzes und durfte als solcher dem Staatsoberhaupte Vorstellungen machen. — Am Palmsonntage folgte der Patriarch, die Person des göttlichen Heilandes vorstellend, auf einem Esel der feierlichen Procession der Geistlichkeit und deö Volkes. DaS Thier trug eine goldene Decke; der Czar führte es am Zaume, hielt dem Patriarchen den Steigbügel; so war eS herkömmlich. — Um langsam und allmälig daS Ansehen deS Patriarchen zu uniergraben, hob Peter zuvörderst diesen Gebrauch auf. — Es war ferner Sitte, daß sich der Patriarch und der Czar an jedem NeujahrStage öffentlich küßten und umarmten; auch diesen Gebrauch schaffte er durch einen Ukas vom Jahre 1699 für immer ab. — In den ersten Jahren seiner Regierung durfte er aus politischen Gründen die Patriarchen-Würde nicht öffentlich angreifen oder aufheben. Denn der verfolgte Patriarch h.itte sich nur für die Partei der Halbschwester PeterS, der mächtigen Sophie, welche die ersten Regierungöjahre PeterS so stürmisch und schwierig machte, zu erklären brauchen, um einen so ernstlichen Aufstand in ganz Rußland zu erregen, daß der Sturz PeterS mit leichter Mühe hätte können herbeigeführt werden. Er zog daher vor, diese Würde von selbst fallen und in Vergessenheit gerathen zu lassen. In schlauer Weise wartete Peter den Zeitpunct ab, wo der Patriarchenstuhl durch den Tod seines letzten Würdenträgers erledigt war. Der letzte Patriarch Hadrian starb im Jahre 1702. Der Czar wußte die Wahl eines neuen Patriarchen unter mancherlei Vorwänden zu verschieben, und übertrug zunächst die Verwaltung des Patriarchates dem Metropoliten von Räsan, der aber weder daS Ansehen des Patriarchen hatte, noch auch alle Rechte desselben ausüben durfte. Es blieb also von der Patriarchen-Würde nur der Schatten, und dieser auch nur so lange, als cö Peter gut schien. — Er ließ jetzt durch einen UkaS vom Jahre 1702 die 278 Spotlftste an seinem Hofe zu Moskau einführen, und bediente sich derselben besonders, um dem Herzen deS Volkes die Hochachtung und Ehrfurcht zu nehmen, die eS noch bis dahin vor der Patriarchat - Würde gehabt hatte. Schon im Monat Mai des JahreS 1702 ließ er eine große HofmaSkerade veranstalten, in welcher vorzüglich die kirchlichen Sitten und Gebräuche, so wie die Bestrebungen deS hohen KlcruS auf das Lächerlichste dargestellt wurden. Der berühmte Sotow, PeterS erster Lehrer, mußte hier die Rolle eines abgesetzten, um den Besitz seiner Rechte ringenden Patriarchen darstellen. Es kommen allerdings im Leben PeterS des Großen einige Züge vor, in denen er eine Vorliebe für die lateinische Kirche und ein Verlangen nach der Wiedervereinigung mit ihr zu offenbaren scheint. Wäre aber die Herstellung deS Friedens zwischen der russischen und lateinischen Kirche sein aufrichtiges Streben und Arbeiten gewesen, so hätte er dieses Ziel eben so leicht, als die Einführung der Synode erreichen können. Weil er überhaupt mit dem russischen Volke seine Absichten verfolgte, ihm eine gewisse Erziehung und Bilduug zu geben, benutzte er die Mittel, welche sich in der lateinischen Kirche fanden, jedoch nur so lange, als es ihm gut schien. Ans die kräftige Fürsprache und Vermittlung des österreichischen Kaisers JosephsI. hatte Peter den römischen Katholiken freie Religionsübuug ertheilt und die Erlaubniß gegeben, in Moskau sich eine schöne unv große Kirche von Stein zu erbauen, da bis dahin nur ein kleines Bethaus von Holz geduldet war. Um die russischen Mönche, die im Wohlleben schwelgten, aufzuwecken, und Wissenschaft unter Klerus und Volk zu verbreiten, ließ er ferner die Capuciner und Jesuiten in seine Staaten kommen und ertheilte ihnen freie Wirksamkeit in der Ausübung ihres Berufes. Beide religiöse Körperschaften erhielten die Erlaubniß, Missionshäuser in Moskau zu errichten, um von hier aus für die Bedürfnisse der im Innern dieses großen Reiches angesiedelten Katholiken sorgen zu können. — Wie er aber aus eigenem Antriebe die Jesuiten nach Rußland berufen hatte, so vertrieb er sie auch später wieder, als sie ihm in der Ausführung seines Planes hinderlich wurden. Ungefähr zwanzig Jahre ließ Peter der Große den Patriarchenstuhl unbesetzt. Während dieser Zeit sollte das Andenken an die Rechte und Würde des Patriarchen immer mehr beim Volke erlöschen; zudem handelte der Czar in dieser Zeit in kirchlichen Dingen ganz nach Willkür und Laune, um das' Volk und den Klerus an seine Regierung in geistlichen Dingen immer mehr zu gewöhnen. — Er besteuerte die Besitzungen der Klöster und Bischöfe; die verschiedenen Titel und Würden mehrerer Visthümer schaffte er ab und bei Erledigung derselben befahl er, einen einfachen Bischof zu wählen und dieser wurde noch in der freien Ausübung seiner Rechte vielfach - beschränkt. Dann nahm Peter auch die Reform der Mannö- und Franenklöster vor, und schaltete in denselben nach Belieben. — Gegen die unirten Basiliancr in Polozk verüble Peter eine Grausamkeit, die mit Recht eine wahre Schandthat zu nennen ist. Der Czar ward bei seiner Ankunft in Polozk auf das Ehrenvollste empfange» und ihm ein glänzendes Gastmahl bereitet. Taumelnd und vom Trunke übermannt wankte Peter mit seinen Bojaren zur Nachtszcit durch die Straßen der Stadt. Der Frühgesang der Basiliancr weckte ihn auf diesem melancholischen Spaziergange ans dem Schlafe und die Neugier führte ihn in ihr Kloster. In der Mitte des Thores befand sich die Slatue des heil. Josaphat, der ehemals Archimandrit dieses Klosters war, mit dem Zeichen seines MärtyrtodeS, der Art in der Mitte deS KopfeS. Peter fragte erstaunt den Vorsteher des Klosters, einen frommen, ehrwürdigen Greis von fast achtzig Jahren, was dieses bedeute, und wer diesen Bischof getötet. „Die Schismatiker," erwiederte der Greis, „denen Eure Majestät angehören," Wie, rief der Czar erzürnt aus, wir sind also Tyrannen? — Bei diesen Worten zog er den Säbel auS der Scheide, unv versetzte ihm einige Hiebe. Der Greis sank zu Boden. Nun fielen die rohen Begleiter des CzarS über ihn her, und tödteten ihn vollends nebst zwei andern Vätern, die dem Sterbenden zu Hilfe.geeilt waren. Als er nach vollbrachtem Mord das Kloster verlassen, kam er zur Besinnung; er gestand später, diese Missethat im L79 Wahnsinn und in der Betrunkenheit verübt zu haben, und in jenem fürchterlichen Augenblick kein Mensch, sondern ein Thier gewesen zu seyn. Um den Übeln Eindruck dieser Schandthat in etwaö zu verwischen, versprach er zur Buße mehrere Kirchen für die Katholiken und auch einige Klöster für die Jesuiten und Capuciner in seinen Staaten zu erbauen. Er wohnte auch in Polozk dem Hochamte bei und ging nach Beendigung desselben in dem Kollegium der Jesuiten zur Tafel. Während des ganzen Mahles hatte Peter den Reclor deS Kollegiums zu seiner Rechten, ihm zur Linken und hiuter dem Rector saßen die ihn begleitenden Bojaren und Fürsten. Als es zum Toastiren kam, nahm Peter vom P. Rector das Barett, setzte eS sich mit Ehrfurcht auf, erhob sich von seinem Sitze und brachte den ersten Toast Sr. Heiligkeit Papst Elemens XI., dessen hohe Verdienste öffentlich preisend und betheuernd, daß er nichts sehnlicher wünsche, als nach geendetem Kriege ihm seine Ehrfurcht und Verehrung in Rom darzubringen, wie er eS schon bei seinem Aufenthalte in Venedig im Sinne gehabt habe, woran er nur durch die plötzlich eingetretenen Unruhen verhindert worden. Wer konnte es glauben? — Offenbar rieth die Politik, durch diescS Auftreten die Katholiken zu beruhigen und den Übeln Eindruck, deu der dreifache Mord an den Basiliauer- Mönchen hervorgerufen, in Vergessenheit zu bringen. Seine feindselige Gesinnung gegen die katholische Kirche zeigte er auch besonders in den zwei berüchtigten Ukasen vom 17. April 1719; durch den einen UkaS wurden die Jesuiten von Moskau vertrieben, durch den andern aber bestimmt, daß Ehen zwischen Russen und andern ReligionS angehö- rigen zwar erlaubt seyn sollten, die Brautleute aber vor ihrer Trauung schriftlich erklären sollten, die aus ihrer Ehe hervorgegangenen Kinder in der griechisch-russischen Religion erziehen zu lassen. Dieselbe despotische Gewalt bewies der Czar gegen seine Unterthanen, um sie für seine Plane empfänglich zu machen. Er schaffte die alte orientalische Kleidertracht ab nnd verordnete, daß die Frauen, die bis dahin von den Gesellschaften der Männer ausgeschlossen waren, freien Zutritt haben sollten. Kurz, der Despotismus in Rußland gelangte durch Peter den Großen zu seiner vollendeten Entwicklung und Ausbildung; er kannte keine Schranken mehr, erstreckte sich über Leib und Seele, Leben uud Tod, Inneres und Aeußeres, regierte die Gewissen und schrieb die Kleidung vor; eS bedürfte nur noch, die geistliche Gewalt vollends in die Hand zu nehmen, um jenen Begriff von Despotismus zu verwirklichen, wie ihn Friedrich v. Schlegel aufgestellt hat. — Bereits waren viele Neuerungen in den Gebräuchen und in dem Hofcercmoniel des hohen Klerus vorgenommen und war dnrch die oben erwähnten Hofmaskeraden dahin gewirkt, daß dessen Ansehen immer mehr untergraben ward. (Schluß folgt.) Jntroduetton und Inthronisation deS hochwürdigsteu Herrn Fnrst- Erzbischofs von Wien, Joseph Othmar Ritter von Rauscher. Wien, 15. Juli. Am Morgen um halb 7 Uhr gab die große Glocke vom Münster zu St. Stephan das Zeichen, daß an diesem Tage der Wiener Erzdiocese im kirchlichen Vollzngsacte ein neuer Oberhirt geschenkt werden solle. Um halb 8 Uhr versammelte sich das hochwürdige Metropolitancapitel, die drei Suffraganbischöfe, die Aebte der Stifter, welche in der Wiener Diöcese liegen, die dreißig Pfarrrepräsentanten Wiens, die Landdechante, der RegularkleruS, und Hunderte von Weltpriestern der Diöcese in der Hof- und Pfarrkirche zu St. Augustin. Um 3 Uhr kam der hochwürdigste Ordinarius von St. Veit (dem Landgute der Wiener Erzbischöfe) zur Kir- chenthüre, wurde dort vom hochwürd. Herrn Bischof von Sarepta, Weihbischos und Generalvicar der Wiener Diöcese, empfangen, küßte knieend das ihm dargereichte Kreuz, »80 wnrde incensirt, und schritt sodann zum Hochaltar, um daselbst eine stille heil. Messe zu lesen. Nach derselbe» erfolg«e die Bekleidung mit dem Pluviale und der Insel, und der Zug bewegte sich unter dem Geläute aller Glocken Wiens über den Josephs- platz, Kohlmarkt, Graben, Stockimeisenplatz bis zum Riesenthor der Metropolitau- kirche und zwar in folgender Weise: Die Spitalleute (Armenpfründner); die Jugend der Normalschule; das erzbischöfliche Haus, die Livree-Bedienten und Hausofsiciere; die Regulären in ihrer OrdenSkleivuug; die Weltgeistlichen, die Vorstadt- und Stadtpfarrer in Rocheten und Stole; die hochwürdizsten Herren Consistvrialräthe und De- chante; das erzbischöfliche Consistorialkanzlei-Personal; das erzbischöfliche Alumnat; die erzbischöfliche Kur; die Herren Prälaten, die nicht vom Domcapitel sind, in Plu- vial und Insel; das ^bischöfliche Kreuz; das hochwürdige Domcapirel; einer der Herren Domherren, welcher auf einer Tasse das erzbischöfliche Pallium, und der Consistorial-Kanzlcidirector, welcher auf einer Tasse das kaiserliche ErnennungSdecret und die päpstliche Bestätigungsbulle trug;, die Assistenz Sr. fürstl. Gnaden des hoch- würdigsten Herrn FürstcrzbischoseS; die hochwürdigsten Herren Suffraganbischöfe im Pluvial und mit der Jnfcl; Se. fürstlichen Gnaden der hochwürdigste Herr Fürsterzbischof; der Herr Bürgermeister mit dem löbl. Gemeinderalhe und Magistrate der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien; die Bürgerschaft und das Volk; das k. k. Militär machte Spalier. Bei dem Riesenthore der St. Stephanskirche angelangt, wurden die Anwesen den von dem hochwürdigsten Herrn Ordinarius mir Weihwasser besprengt, es erfolgte die Jncensirung von Seite des hochwürdigsten Herrn Weihbischofö — und die symbolische Berührung der Kirchenschlüssel, die ans einem Polster dargereicht wurden. In der Kirche selbst hatte sich der Nector der Universität, die vier Decane und die theologische Facultät in den UnivcrsitätSstühlen versammelt, und leistete während der darnachfolgenden Acte Präsenz. Während des Einzuges in die Kirche wurde das Lece sscoriios msArius angestimmt, und das dazu gehörige Gebet verrichtet. Aus einer eigens hiezu am Ausgang deS Chores in das Hauptschiff hergerichteten Kanzel wurde uun vom Canzleidiretcor das kaiserliche ErnennungSdecret deutsch, vie päpstliche Bestätigunzöbulle lateinisch und die Bulle an die Erzdiöcese Wien deutsch verlesen. Während dem saß der hochwürdkgste Herr Fürsterzbischof mit seinen Suffraganbischö- fen der Kanzel gegenüber. Darnach ging der Zug zum Hochaltar, es wurde dort daS Gebet zu dem heiligen Kirchenpatron Stephanuö, und die Collecte pro ^.ußustis- Limo furiljätore (lmperstore) gesungen. Während dem war Se. Eminenz der hochwürdigste Herr Cardinal Viale Prela, Erzbischof, Pronuntius zc. erschienen und hielt das feierliche Hochamt, nach welchem die Bekleidung mit dem erzbischöflichen Pallium in der üblichen Weise stattfand. Nun führten die Suffraganbischöfe ihren Metropoliten auf den erzbischöflichen Sitz — während dem entfernte sich Se. Eminenz der Herr Cardinal und wurde von den Stistsprälaten und seiner Assistenz bis an daS Riesenthor begleitet. Der hochwürdigste Herr Bischof von Sarepta und Gene- ralvicar hielt eine Anrede in lateinischer Sprache, welche vom hochwürdigsten Herrn Fürsterzbischof erwiedert wurde. Hierauf folgte während Absingung des: Veni erestor 8piritu5 das Homaßium und der hochwürdigste Herr Fürfterzbischof wmde demnach in seine Residenz geführt. Möge dieser Tag für die Wiener Erzdiöcese ein Tag des Segens werden, der ihr durch den neuen Oberhirten gebracht wird. DaS ist die Hoffnung der Priesterschaft, die aus allen, auch den fernsten Gegenden des Kirch- sprengelS, so zahlreich, wie es seit Menschengedenken nicht gesehen wurde — zur Feier dieses Tages sich eingefunden. (W. Kirchenz.) Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen. -— Vertag« - Inhaber: F. C. Krem er.