Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Postzeitung. 4. September 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 4tt kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter »ad alle Buchhandlungen bezogen werde« kann. Der Sonntag. (Ei» Nachklang zur heil. Mission in Augsburg.) Laßt das Mühen, laßt da« Sorgen; Heute seyd ihr so geborgen Unter Gottes höchstem Schirme: Eilet hin zum Hochaltare, Dorten winkt das Brod, das wahre. Das euch stärkt gen Weltenstürme. Freuet euch mit heil'ger Freude, Fern von Zank und bloßem Neive, In des Himmels stillem Frieden: Dann ist euch ein Feierabend, Selig einst und ewig labend, Wie den Engeln dort beschiedcs. M. -m L1. August 1353. «. F. Die russische TtaatSklrche. (Dritter Artikel. Schluß.) Endlich glaubte Peter im Jahre 1720, daß der Zeitpunct gekommen sey, wo er die Aufhebung der Patriarchal-Würde öffentlich auösprechcn und bestätigen lassen könne. Er berief im Januar 1720 die Metropoliten, Erzbischöse und Bischöfe nach Moskau, um mit ihnen die Einrichtung der kirchlichen Angelegenheiten zu ordnen. Hier machte er ihnen den Vorschlag, von dessen Nichtannahme er im Voraus voltständig überzeugt seyn konnte, daß sie sich mit Rom vereinigen und sich unter den Papst stellen sollten. Diesen Antrag schlugen die Bischöfe anö. Da erhob sich Peter in der Versammlung und richtete folgende Worte an die Prälaten: „Ich kenne keinen andern wahren und gesetzmäßigen Patriarchen, als den Patriarchen des Abendlandes, den Papst von Rom, und da ihr ihm nicht gehorchen wollet, so werdet ihr von jetzt ab mir allein gehorchen." Er fügte ferner hinzu: „Ein Patriarch sey weder zur Regierung der Kirche nöthig, noch dem Staate nützlich; er sey daher entschlossen, eine andere Form des Kirchenregimeius einzuführen, weiche die Mitte halte zwischen der Regierung einer Person (des Patriarchen) und einem allgemeinen Concil; denn beide RegicrungSsormen seyen wegen des großen Umfanges des Reiches vielen Unbequemlichkeiten und Schwie- 282 rigkei'tcn unterworfen. ES solle deßhalb von jetzt an ein kleines ausgesuchtes und beständiges Concil (Synode) errichtet, und ihm die Besorgung der geistlichen Angelegenheiten anvertraut werden." Auf die Gegenvorstellung Einiger, das Patriarchat von Kiew und ganz Rußland sey doch vorzüglich mit Bewilligung der orientalischen Patriarchen errichtet worden, erwiderte der Czar dictatorisch, sich auf die Brust schlagend: „Hier ist euer Patriarch." — Peter legte den Bischöfen die Statuten der permanenten „heiligen und gesetzgebenden Synode" vor, die jeder von ihnen unterschreiben und beeiden mußte. — Unter den Beweggründen zur Errichtung der Synode gibt der Czar unter andern an: „Da das Concil vom Monarchen gesetzt sey, und unter dessen Aufsicht verfahre, sey keine Parteilichkeit oder irgend ein Betrug zu fürchten, da der Monarch nicht das Privatinteresse, sondern das öffentliche Beste zur Absicht habe " — Ferner: „Durch die Errichtung der Synode würde Aufruhr und Empörung verhindert: denn das gemeine Volk, welches den Unterschied der geistlichen und weltlichen Macht nicht verstehe, sey leicht im Stande, durch die Bewunderung der hohen Ehre und Würde eines hohen Prälaten geblendet zu werden und zu glauben, ein solches Oberhaupt sey ein anderer Monarch von gleicher Würde mit dem wahren Monarchen, ja wohl von noch größerer Würde, und die Geistlichkeit übe eine verschiedene und unabhängige Herrschaft aus." — Durch diese Motive spricht cS Peter klar und bestimmt aus, daß der tiefste Beweggrund zur Einführung der Synode das Verlangen nach unbedingter und unumschränkter Herrschaft in geistlichen und weltlichen Dingen war. — Die Synode bestand aus einem Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, vier Räthen und vier Assessoren. Dieser neuen Behörde nun, welche auch noch den Titel „dirigirende" erhielt, wurde als hauptsächliche Aufgabe aufgetragen, die kaiserlichen Ukase in religiösen Dingen bekannt zu machen, wie der Senat die Ukase in weltlichen und administrativen Dingen zn veröffentlichen hat. Hieraus ergibt sich schon, daß diese „heiligste Synode" ein lediglich passives Organ der kaiserlichen WillenSent- schließung ist. Weil der Kaiser besorgte' sie könnte sich einmal von so sklavischen Diensten losmachen wollen, besetzte er sie zwar wohl mit den ersten Prälaten des Reiches, übertrug aber das Präsidium später keinem Geistlichen mehr, damit eö nicht etwa einmal in die Hände eines muthigen Mannes fallen und ein solcher dann die übrigen Häupter deS russischen Klerus an sich fesseln könnte; man sand eS vielmehr in späterer Zeit voriheilhafter, einen weltlichen Beamten unter dem Namen eines „OberprocuratorS" der Synode als Präsident beizugeben. — Unter dem jetzigen Kaiser Rico laus z. B. hat die Stelle eines OberprocuratorS bei der „heiligen Synode" viele Jahre der Graf Pratassow, seiner militärischen Würde nach Generallieutenant und kaiserlicher Adjutant, verwaltet. — Um die vollständige Knechtschaft der Synode einzusehen, genügt die Bemerkung, daß die Prälaten derselben nicht nach srcier Wahl, oder nach ihrem Gutbefinden Gegenstände zur Berathung bringen können, sondern daß sie nur über jene Angelegenheiten zu entscheiden haben, die ihnen der weltliche Oberprocurator vorlegt. Die Prälaten müssen entscheiden, wenn er sie auffordert, und dürfen, wie sich von selbst versteht, auch nur so entscheiden, wie er von ihnen fordere Alle Vorarbeiten zu den Beschlüssen der Synode gehen bloß vom Oberprocurator aus, uud um das Maaß deS Despotismus voll zu machen, hat auch dieser weltliche Beamte allein die Ausführung der von der Synode gefaßten Beschlüsse zu besorgen, so daß, wenn auch ein Bischof ein freies Wort oder einen dem kaiserlichen Willen entgegenlaufenden Beschluß in Anregung gebracht hätte, dieses sich sofort als vergebliches und ohnmächtiges Bemühen darstellte, weil er selbst gar keinen Beschluß zur Ausführung bringen kann. — Der Oberprocurator steht an der Spitze eines sehr zahlreichen CanzleipersonalS, das ganz auS Laien zusammengesetzt ist; Ofsiciere sind nicht selten unter diesem Canzleipersonale. Der Oberprocurator arbeitet unmittelbar mit dem Kaiser, und empfängt, je nach seinen Berichterstattungen, die Entschließungen des Kaisers, um sie der Synode mitzutheilen. »83 ES wäre gewiß schwer, ein System auSzudenken, bei dem die geistliche Gewalt der politischen noch mehr zum Sklavendienst hingegeben seyn könnte, als in der russischen Staatskirche. Und nimmt man noch hinzu, daß eS auch wieder der Oberpro- curator ist, welcher dem Kaiser die Vorschläge zu Ernennungen aus die bischöflichen Stühle in allen Abstufungen zu machen hat, daß eS ganz nur von diesem weltlichen Beamten abhängt, auf den einen oder andern der Prälaten, welche unter seiner Direktion stchen, die Ungnade des Kaisers herabzuziehen: so wird man sich einen richtigen Begriff machen können von der unermeßlichen Gewalt, die dieser Beamte ausübt. Man wird sich erklären können, welche Furcht sein bloßes Mißfallen einflößen muß, wenn man bedenkt, welch' einen unumschränkten Despotismus er ausübt, und mit welcher mehr als sklavischen Unterwürfigkeit alle seine Befehle aufgenommen und ausgeführt werden. — Sollte es einmal dem russischen Czaren einfallen, in der Disciplin oder auch in den Glaubenslehren der Kirche eine Aenderung vornehmen zu wollen, so würde die Synode alle diese Neuerungen nicht bloß annehmen und der Geistlichkeit die Befolgung und Lehre derselben auflegen, sondern sie würde auch ihre sklavische Unterwürfigkeit so weit treiben, schon in der ersten Kirche Beweise und Belege für die neue Lehre deS Kaisers aufzusuchen und sicherlich auch zu finden wissen, wo sie nun auch hergeholt werden mögen, um damit den großen Haufen zu bethören. — So hat der jetzige Kaiser Rico laus mehrere Grade der Blutverwandtschaft aufgehoben, welche bis dahin immer in der russischen Kirche ein trennendes Ehehinderniß waren, ohne daß auch nur einer der Prälaten gegen diese Abänderung in der alren Disciplin die mindeste Vorstellung zu machen wagte. Bis zu diesem Grade der Abhängigkeit hat Peter I,, der in der Geschichte der „Große" heißt, die russische Kirche geknechtet. DaS vollständige Gelingen seines despotischen Systems war aber nur möglich, weil sich die russische Kirche von der Einheit getrennt, und dadurch von Christus, dem Gnadenspender, losgerissen hatte. Ein schreckliches Strafgericht Gottes ist über den Hochmuth der Griechen und Russen ergangen; statt freie Söhne des heiligen Vaters, des Nachfolgers Pein, sind sie zu willenlosen Sklaven eines unumschränkten Despoten verurtheilt. Wie wahr ist das Wort des Herrn: „Ich bin der Weinstock, ihr seyd die Reben. Wer in Mir bleibt, und Ich in ihm, der bringet viele Frucht; denn ohne Mich könnet ihr nichts thun. Wer nicht in Mir bleibt, der wird weggeworfen werden, wie eine Rebe; und die wird verdorren, und man wird sie sammeln, und ins Feuer werfen, und sie verbrennet." Joh. 15, 5—6. Sobald sich ein Theil der allgemeinen Kirche von dem Mittelpuncte, den der göttliche Stifter des Glaubens in der Person des heil. PetruS und seiner Nachfolger aufgestellt und angeordnet hat, lostrennt, sinkt derselbe nach einem strengen und gerechten Gerichte Got-eS sofort und im Widerspruch mit der göttlichen Anordnung, die die Einheit und Wahrheit deS Glaubens für die ganze Welt will, zu einer Nationalkirche, d. h. zu einer StaatSanstalt herab, über welche das Oberhaupt deS Staates von diesem Augenblicke an seine Obergewalt ausübt, die in dem Grade mehr oder weniger drückend seyn wird, je nachdem der Fürst einen mehr oder weniger absolutistischen Charakter hat, und je nachdem seine politische Gewalt eine mehr oder weniger ausgedehnte ist. Diese Folge hat sich immer eingestellt, zu allen Zeiten und an allen Orten, wie in Rußland, so überall; die Geschichte gibt Zeugniß dafür. — Zugleich ist eS klar, daß der Despotismus niemals unumschränkter werden kann, als wenn alle Gewalt, sey sie materieller, geistiger oder moralischer Natur, sich im Willen deS Regenten concentrirt. Ein solcher Regent stößt mit despotischer Willkür daS Wort des Sohnes GotteS um: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, — und Gott, was Gottes ist;" durch welchen AuSspruch der Erlöser klar und scharf die geistige und weltliche Gewalt unterscheidet und trennt und jeder ihre bestimmten Gränzen anweiset, die sie ungestraft nicht überschreiten. — Die Knechtschaft wird vollständige Sklaverei, sobald der Geist und seine Beziehung zu Gott, dem Herrn Himmels und Erde, unterjocht und geknechtet ist. — Ist aber 284 diese Knechtschaft einmal eingeführt, ist sie durch langjährige Praxis bereits im Leben verkörpert, so entwickelt sich nothwendig in diesem Gewalt-System ein ausgebildeter Haß gegen alles, was wahre Freiheit heißt; es kann nichts neben sich dulden, was seinem Machtgebot nicht unterworfen ist. Es begnügt sich dieses Gewalt-System nicht mit der Herrschaft in seinen eigenen Gränzen, sondern eS sucht auch, um sich selbst zu schützen und zu erhalten, die wahre Freiheit auf fremden Gebieten anzugreifen. — Rußlands natürlicher und ge-ährlichster Feind ist aber jenes Bollwerk der wahren Freiheit, das die Hand des Allmächtigen aus den Felsen gegründet hat, die heilige römisch-katholische Kirche. — Sobald daher die russische National- Kirche durch Einführung der Synode in ihrem Bau vollendet war, mußte sie, wegen des Princips der Selbsterhaltuug, mit einer gewissen Nothwendigkeit als Erbfeind in der katholischen Kirche auftreten. Dieses beweiset und bekräftigt leider die Geschichte der auf PeterI. folgenden Regierungen bis auf unsere Tage in der traurigsten Weise. Die Furcht vor dem Türken, die Jahrhunderte das christliche Europa beherrschte, ist geschwunden; — ob Rußland einstweilen seine Stelle einnehmen soll? Reisen eine» englischen Geistlichen vor seiner Bekehrung. (Schluß) AufS engste verbunden mit dem Dogma der Menschwerdung und deren geheimnißvollem Zeichen, der wirklichen Gegenwart, ist die Fürsprache aller Heiligen, und vor Allem der gebenedeiten Gvttcö-Mutier; gewiß, von ihr kann man sagen, daß sie die Forlsetzung und Ausbreitung der wirklichen Gegenwart ist, so daß, wo diese wirklich und vom Herzen geglaubt wird, das Andere.....geliebt und geübt wird. Denn die Wahrheit, daß der Herr unser Fleisch angenommen hat, und das Fleisch seinen wahren Gläubigen mittheilt, führt geraden WegeS zu dem Glauben, daß sie, die abgeschieden sind und bei ihm verbleiben, befreiet von allem Sündenschmutze, in der Thal lebeu und regieren mit ihm, und Macht haben mit ihm. Und ist das wahr von dem geringsten Heiligen..... in wie viel höherm Grade ist eS denn nicht von der wahr, der EhristuS durch die Annahme ihres reinen Fleisches so unbegreiflich nahe getreien ist? Und sollen wir, die wir in einem so ermüdenden Streite uns befinden, nicht alle Heiligen, aber sie besonders anrufen, um u«S zu helfen uud uns zu begünstigen? ,„,O ihr Geister und Seelen der Gerechten lobt den Herrn! preiset ihn und verherrlicht ihn in Ewigkeit!"" Ja, preiset ihn und verherrlicht ihn dadurch, daß ihr eme Fürbitte und Fürsprache bei ihm einleget für uns, die.....ja eure Brüder sind durch das Fleisch und Blut deS Mensch gewordenen Gottes..... Heißt das der Herrlichkeit Christi einen Abbruch thun? Welch' eine seltsame Verkehrlheit des Irrthumes, die eS dafür halten kann! Gewiß es gibt ein Fühlen, eine geistige Berührung gleichsam „„der Wolke der Zungen,"" die den katholischen Herzen Mmh gibt, in dem Sireite zu siegen, daS den Verlassensten in den Stand setzt, zu fühlen, daß er nicht allein ist, daß er umringt und unterstützt wirb von himmlischen Heerschaaren. Auch ist die Jntcrcession der Heiligen, vor Allem der gebenedeilen jungfräulichen Mutter, eine lebendige Wahrheit in kaiholischcn Gegenden; sie begleitet die Lehre von der wirklichen Gegenwart, und wirkt in untergeordneter Stellung mit dieser. Wo die erste nicht lebendig erhalten ist, da wird ohne Zweifel die letzte verworfen, und vielleicht für Abgötterei gehalten werden." Verbunden mit der wahren Lehre vom Priesterthum ist das Beichtsystem, der Nerv der Religion in katholischen Ländern und Reichen. DaS englische brg^er book sagt von jevem Priester insbesondere: „Wessen Sünden du auf Erden nachgelassen hast, die sind nachgelassen; und wessen du behalten hast, die sind behalten." Hier ist die ganze kaiholische Lehre vcrgctragen. Die römische Kirche nun sagt es nicht allein, sondern sie handelt darnach..... Die Wirksamkeit deS Hirten muß ganz abhängen von der Kenntniß des Zustandes seines Volkes und von seiner Macht, die Sünden 286 auf Allgemeinheit. Und sein Amt, obwohl nothwendig in der Welt ausgeübt, zuweilen in Freundschaft, zuweilen in Streit mit der weltlichen Macht, hat eS ausschließlich zu thun mit den Beziehungen des Menschen zur unsichtbaren Welt; so daß es in dieser Hinsicht in der That ein „„Königreich deS HimmelS"" auf der Erde ist, dessen verschiedene Theile zusammengehalten werden durch ihre gemeinschaftliche Vereinigung mit einem Oberhaupte. 2. Aber ferner ist diese Hierarchie so zahlreich, so weit verbreitet und so vereinigt im Besitze eines weitläufigen Lehrgebäudes, von dem sie steif und fest behauptet, daß eS von dem Herrn ihr durch seine Apostel Übermacht sey. Dieses Lehrgebäude ist einfach, zusammenhängend, systematisch, ein Ganzes bildend, welches alle Verhältnisse deS Menschen zu Gott umfasset, von der Erschaffung deS ersten Menschen ab bis zum allgemeinen Weltgerichte. Die Bischöfe und Priester in ihm Pflegen nicht darüber zu zanken, waS dieses Lehrgebäude sey; denn Alles, was das christliche Leben betrifft, ist schon vor langer Zeit deutlich bestimmt und festgesetzt. In der langen Zeit von achtzehnhundert Jahren sind freilich wohl Zwiste darüber entstanden, aber sie sind alsdann in Folge gemeinschaftlicher Berathung beendiget; Personen, die anders darüber dachten, als der ganze Leib, wurden gezwungen auSzutreten, und die Wahrheit ist durch diese Zwistigkeitcn nur um so schärfer bestimmt worden..... Dieses Lehrgebäude .....wird der Glaube genannt, und jedeö Mitglied dieser Kirche muß eS nothwendig glauben und für wahr halten. Es ist augenfällig, daß solch' ein Lehrgebäude nicht würde bestehen können ohne eine zu allen Zeiten bestehende Macht, um zu erklären was dazu, und nicht dazu gehört; denn wäre eS bloß in einem Buche geschrieben, Zwistigkeiten ohne Ende würden über den Sinn des Buches entstehen. 3. Aber dieses große und geistliche Reich mit einer so weit ausgedehnten und doch so innig verbundenen Hierarchie, und einem so weitläufigen und doch zugleich so bestimmten Lehrgebäude, stellt seinen Richterstuhl auf das Herz und Gewissen eines Jeden, der zu diesem Reiche gehört. Kraft gewisser von seinem göttlichen Stifter zu seinen Aposteln gesprochener Worte tritt es als eine lebende Macht zwischen beiden, zwischen dem Menschen und seinem Gott vermitielnd auf; übt die besondere Macht deS Hauptes aus, und behält oder vergibt die Sünden in seinem Namen. Es tritt nicht zurück vor dem Hochmuths, der Hartnäckigkeit.....der menschlichen Natur, sondern faßt sie an ihren verborgensten Falten, und zwingt sie, auf Erden die Stimme deS Richters der Lebendigen und der Todten zu hören. DaS Ansehen, das sie beansprucht, ist so groß, so furchtbar, von so unberechenbarem Belange für die, welche in ihm leben, so sehr über die natürlichen Kräfte deS Menschen erhaben, daß eS offenbar entweder göttlich oder teuflisch ist. Vor Hunderten von Jahren war eS der Gegenstand zahlloser Vorwürfe, welche diejenigen, die ihm nicht angehörten, gegen dieses Reich richteten, und doch besteht eS noch; eS ist kein Zeichen daran vorhanden, daß es aufgegeben oder verändert wäre. Es besteht unter allen Negierungsformen, absoluten und konstitutionellen Monarchien, oder wilden Demokratien, deren wesentliches Geheimniß die vollkommene Unabhängigkeit deS menschlichen Willens ist. Und, waS bemerkenswerth ist, die gottessürchtigsten und heiligsten Menschen, welche in diesem geistlichen Reiche lebten, und deren Leben ein beständiges Opfer ihrer eigenen Bequemlichkeit, ihrer Sorgen, ihrer Leiden und ihres Willens, das sie Gott darbrachten, war, sind am beflissensten gewesen, um diese richterliche Gewalt über die Gewissen der Menschen aufrecht zu halten, uud am geschicktesten sie auszuüben. Sie ist viele Geschlechter hindurch der Lieblingsgegenstand deS Spottes der Ungläubigen, und die beständige PrariS der Heiligen gewesen. 4. Aber weiter: Dieses Reich durfte die theuersten Neigungen des natürlichen Menschen dem ununterbrochenen Dienste Gottes opfern. Es fordert von allen denjenigen, welche sie für daS Lehramt gebraucht, die Verläugnung der Freiheit, sich durch Bande zu binden, welche daS Evangelium selbst nicht zn verbannen, sondern zu heiligen sucht. So fordert diese Konfession, welche die Ehe als ein Sacrament verehrt, von all' den Mitgliedern ihrer Hierarchie, mit Einschluß der Subdiakonen, daß 287 sie sich derselben enthalten. Sie betrachtet sie als daS Heer der Kirche, und »„Keiner, der kämpft, verwickelt sich in die Händel dieses Lebens."" Nebstdem gibt eS noch eine Menge Männer und Frauen, die nicht allein auf diese Bedingung eingehen, sondern freiwillig das Gelübde der Armuth und des Gehorsams überdieß ablegen. Allen diesen Personen verheißt dieses Reich nur eine Belohnung, groß freilich, die man jedoch allein durch den Glauben empfängt, daß nach dem Maaße, in welchem sie alle von dem Geschöpfe kommenden Vergnügen sich versagen, und ihren Willen einem Andern unterwerfen, ihr Erbtheil desto größer bei dem Schöpfer seyn wird, desto inniger die Vereinigung ihres Willens mit dem seinen. Und von diesem übernatürlichen Leben, das auf Selbstverläugnung gegründet ist, und durch die göttliche Liebe getragen wird, hängen alle großen Werke in der römischen Kirche ab. Nicht allein ist das der Zustand der ganzen Hierarchie, von Allen, welche von der Kirche den Auftrag haben, um öffentlich den Glauben zu lehren, sondern das Werk der Erziehung von der höchsten Classe bis zu der geringsten, und die mannigfaltigen Liebeswerke für Kranke und Arme sind denjenigen anvertraut, welche diese Probe der Aechtheit ihres Berufes gegeben haben. 5. Endlich gibt es in diesem geistlichen Reiche eine große Zahl Anstalten oder Congregationen von Personen, welche ausdrücklich bestimm! sind zn dessen fernerer Ausbreitung unter den heidnischen Völkern. Mit den oben genannten Bedingungen müssen sie eine noch mehr eigenthümliche Geschicklichkeit verbinden zu dem allermüh- samsten und arbeitsvollsten Werke, eine noch vollständigere Verläugnung menschlichen LobeS, der Belohnung, der Bequemlichkeit und der Unterstützung. Barmherzige Schwestern sieht man über den Ocean ziehen nach der Gränze der Welt, um mit den Sendboten zu wirken, deren Aufgabe es ist, in der Mitte von Wilden zu leben, und sie erst zu Menschen zu machen, auf daß sie darnach Christen seyn können, beide im gleichen Maaße ohne Einkünfte, bloß abhängend von der Vorsehung, rücksichtlich ihres UnterbalteS vertrauend auf daS Werk ihrer Hände, ihr Leben stellend in die Macht deS treulosen und unbeständigen Wilden, und ihm durch ihre eigene Bedürftigkeit zeigend, daß sie nur für ihn leben und arbeiten. Auch das Blut der Märtyrer hat nicht aufgehört zu fließen..... Welche auch die UnVollkommenheiten der menschlichen Werkzeuge seyn mögen, liegt nicht in allen dem genug, was uns das Wirken einer göttlichen und übernatürlichen Macht bemerken läßt? Müßten wir nicht in unsern verschiedenen Verhältnissen arbeiten, und beten für Versöhnung und Einheit.....? Einer allein kann dieses zu Stande bringen — machen wir das zu unserer ersten und letzten Bitte zu ihm." Hiermit nehmen wir von des Herrn Allies Werk Abschied. Mögen unsere Mittheilungen dem Leser so viel Vergnügen gewähren, wie wir bei der Lesung desselben genossen haben. Insel Haiti. (St. Domingo.) Der zu Genua erscheinende „Cattolico" theilt einen Brief vom 12. Mai aus Jacmel auf dieser Insel mit, welcher den Empfang Mons. Spaccapietra'S, des neuen apostolischen Delegaten, schildert: Mons. Vincent Spaccapietra, der apostolische Delegat, kam am 2. Mai Morgens um acht Uhr hier an. Kaum hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, als ihm Abgeordnete der angesehensten Männer entgegen gingen und ihn beglückwünschten. Der Prälat erwiderte diesen Glückwunsch Wort für Wort. Daraus verkündigten die Glocken der Kirche dem Volke diese glückliche Ankunft, und sofort strömte eine große Menge herzu, um den ausgezeichneten Reisenden zu sehen, und bis an den Fuß des Altars zu begleiten. Auf dem Wege empfing er den Gcneralcom- mandanten, welcher an der Spitze seines Generalstabes uud einer Escorte von Soldaten heran kam, um ihn zu beglückwünschen. Der ganze Zug begleitete den päpstlichen Delegaten in die Kirche, welche ausgeschmückt war, wie an den höchsten Festen. Die Knaben und Mädchen, welche in diesem Jahre zum ersten Male communicirt hatten, waren in zwei Reihen aufgestellt; die Mädchen waren weiß gekleidet, ein 288 Schleier bedeckte ihren Kopf. Nach einem kurzen Gebete las der Delegat die heilige Messe, und bestieg nach der Beendigung derselben die Kanzel, und verkündigte der zahlreichen Versammlung, welche die Kirche anfüllte, seine Sendung sey nur geistlicher Art, und JesuS habe sein Blut sowohl für die schwarzen und farbigen Menschen vergossen, als für die weißen. Diese Worte machten auf das Volk einen lebhaften Eindruck, eS begleitete ihn bis zu dem Palaste, welcher zu seiner Aufnahme eingerichtet war. Der Prälat blieb drei Tage in Jacmel und hielt am Sonntage vor seiner Abreise nach Port-au-Prince, der Hauptstadt der Insel, ein Pontificalhochamt. Die Kirche war so angefüllt, daß man kaum athmen konnte. Nach der Messe predigte er über die Liebe GotteS, die Zuhörer wurden davon so gerührt, daß sie sich alle auf die Kniee warfen, als er die Kirche verließ. Die Behörden und das Volk begleiteten ihn in einer Procession bis in den Palast, er ertheilte dann von einem Fenster aus den Segen. — Der Kaiser war sofort von der Ankunft des Delegaten in Kenntniß gesetzt, und ließ sogleich Anstalten zu seinem feierlichen Empfange treffen. Ich weiß, er hat zu seiner Residenz den schönsten Palast der Stadt bestimmt. An einem glücklichen Erfolg der Sendung dieses Prälaten läßt sich nicht zweifeln; seine Güte und Milde sprechen zu laut für ihn, er wird gleichsam vom Volke vergöttert, welches sich nur über ihn unterhält. Sobald er im Stande seyn wird, die Sprache der Creolen zu sprechen, deren Erlernung er sofort begonnen hat, werden wir die Wiedergeburt deS Landes erblicken, denn das Volk ist leicht zu regieren, ihm mangeln nur Priester. Und Europa hat deren so viele. jjk»z,mÄ'iHK, m»y MW 7»6 '5't '.B '!- !<4i>HtM nzM -HRZÄHM-Pz tt'-t