Dreizehnter Jahrgang. GOKNtKgs- KeibZKtt zur Augsburger PostLeitung. 18. September M- S8. 1853. Dieses Klatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«»»!« M lr., wofür e« durch alle löuigl. daher. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. " '----------------------------- ----..... —— i —^ Joseph Ottmar von Rauschers, Fürstbischofes von Wien, Hirtenbriefe. Bereits sins die Leser des SonntagsblatteS mit dem herzlicheil gemüthvollen Hirtenbriefe deS obengenannten Kirchenfürsten an das Landvolk bekannt gemacht worden, und noch werden sie sich mit Vergnügen an den großen Gewinn erinnern, den sie daraus für Geist und Herz gezogen haben. Wir glauben daher, die weitern zwei Hirtenbriefe des hochwürdigsten Herrn Fürst-Erzbischofes, die sich in Verbindung mit dem ersten gegenseitig ergänzen und von denen der eine an die Geistlichkeit, der anvere, gleichsam die Mitte haltend, an alle Gläubigen der Erzdiocese Wien gerichtet ist, nicht lange vorenthalten zn dürfen, und lassen nun den Hirtenbrief an die Geistlichkeit folgen: Joseph Othmar, von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden Fürsterzbischof von Wien, Doctor der Theologie zc. zc, Ritter v. Rauscher, der gesamm- ten ehrwürdigen Geistlichkeit der Erzdiocese Wien Heil und Segen vom Herrn! Die Körperwelt ist ein großes Ganzes, in welchem ein großer Aus-ausch von Kraft und Regsamkeit den Umlauf hält. Die Wasser der Erde verflüchtigen sich und streben empor und breiten über unseren Häuptern den blauen Bogen des Firmaments aus mit all den vielgestalieten Wolkenbildern, welche freundlich oder drohend über ihn hinziehen. Die Wolken senden ihre Wasser hernieder und nähren die stille Quelle und den mächtigen Strom und erfrischen die Wiese und befruchten den Acker. Von der Sonne eilt der Lichtstrahl herab, sie ist der Mittelpunkt einer wunderbaren Bewegung, deren Schwingungen das Auge berühren und dem Geiste oie sichtbare Schöpfung enthüllen. Die Sonne selbst mit dem folgsamen Geleit ihrer Sterne steht mit den Nachbarsonnen in einem Wechselverkchre, welcher die menschliche Berechnung überragt. Aber auch die Geisterwelt ist ein großes Ganzes. Michael, der Fürst der himmlischen Schaareu, welcher zur Rechten steht am Altare des Weihrauches und der arme Blödsinnige, dessen verkümmerter Leib dem Geiste seine Dienste versagt und die von Außen kommende Anregung ihm nur in verkümmerten Bruchstücken vermittelt, beive sind, um Gott zu lieben, geschaffen. Gott will das höchste Ziel des Verlangens und Strebens aller Geister seyn; alle sind eingeladen, seine Gnade und Barmherzigkeit zu verherrlichen; wollen sie es nicht, so müssen sie seiner Gerechtigkeit vaS Zeugniß geben. Der Schöpfer bedarf seiner Geschöpfe weder für sich, noch für die Werke seiner Erbarmungen : denn er ist die Herrlichkeit und Macht und Seligkeit ohne Wandel und Mangel in ewiger Fülle Weil es ihm aber gefiel, Wesen hervorzurufen, welchen das Gepräge seines Ebenbildes verliehen ist, so will er diese Hochbegnadigten auch dadurch adeln, daß er sie als Mitarbeiter an den Werken seiner Gnade zuläßt. Darum hat er dem Flehen der Liebe eine große Kraft zugetheilt, und dnrch daS Flehen der Liebe sollen alle seine Diener mitwirken, damit die zur Kindschaft Berufenen in das Vaterhaus eingehen. Es steigt von den Chören der Verklärten, es steigt aus den Tiefen 293 der Erde, eS steigt aus den Stätten der Läuterung als ein süßer Duft des Weihrauches zu seinem Throne empor. Aber nicht durch das Gebet allein sollen wir dem Herrn in seinen Auserwählten dienen. Die Bruderliebe, welche das Band der Geisterwelt ist, bahnte jenen Weg vom Himmel zur Erde, welche sich dem schlummernden Jakob unter dem anmuthkgen Bilde der Himmelsleiter darstellte. Die Engel eilen zu unserm Schutze herab, die Engel bringen unsere Thränen unv Gebete hinauf, die Engel behüthen uns, damit unser Fuß an keinen Stein anstoße. Die Bruderliebe soll den auf Erden Pilgernden lehren, bei all seinem Thun und Lassen und Streben und Verlangen das Heil seiner Miterlösren vor Augen zu haben; dann kann er ihnen durch Wort und That zum helfenden Engel werden, während er selbst sich theilhast macht der Verheißungen Jesu Christi. Eines thut Noth und Alles, was wohlgefällig ist vor den Augen des Heiligen und Reinen, kann und soll diesem Einen und Höchsten dienen, jede von der Pflicht geheiligte Verbindung, welche den Menschen an den Menschen knüpft, kann und soll ein Mittelpunkt zu gegenseitiger Heiligung seyn. Doch der Heiland, welcher jedem unserer Bedürfnisse liebreich entgegenkommt, hat seine Erlösten zu einem Bunde berufen, in welchem Alle ihre Bemühung mit Allen vereinen sollen, damit Alle das ewige Leben haben; er hat die Kirche gegründet, damit ihre Kinder als Glieder Eines Leibes für ihr Heil zusammenwirken. Er selbst will das Haupt dieses Leibes seyn; von ihm kommt die Einheit und in der Einheir die Kraft. Der Nachfolger des Apostels, welchen er zum Felsen seiner Kirche geordnet hat, ist das sichtbare Oberhaupt des Liebesbundes. Unter seiner leitenden Obhut walten die Bischöfe in den Kreisen, wo der heilige Geist sie gesetzt hat, die Kirche GotteS zu regieren. Um sie schaaren sich die Priester wie getreue Söhne um den Vater, und die Segnungen des Reiches GotteS verbreiten sich bis in die engste Hütte, bis in das fernste Thal. Ueberall wird der Bruder ermuntert, den Bruder auf dem Wege des Heiles zu unterstützen, überall wird Christi Diener eingeladen, nach seinen Gaben und Verhältnissen das heilige Feuer des Eifers zu schüren, überall vervielfältigt sich der Pulsschlag des christlichen Lebens, aber der belebende Hauch kommt vom Mittelpuncte, welcher Chiistus der Herr ist. Durch seine Fügungen war mir bereits auferlegt, eine große Anzahl seiner Erlösten ans ihn als den Quell und Mittelpunkt des Lebens hinzuweisen. Seinen Fügungen gehorchend hab' ich der theuren Heeroe Lebewohl gesagt und trete in Eure Mitte, Piiester deS lebendigen Gottes, um ein neues uud schweres Werk zu beginnen. Ich bedarf dazu Eurer Hilfe, Freunde und Mibrüder, ich bedarf dazu Eurer vereinigten Hilfe, und Ihr werdet sie mir nicht entziehen; denn die Ehre GotteS und das Heil der Seelen ist der Preis, welchen es gilt. Allein wenn das Wort des heiligen Jgnatius erfüllt wird und die Priester an den Bischof sich anschließen, wie die Saiten sich an die Zither fügen, so vermag der Bischof zwar sehr Vieles, aber immer noch nicht AlleS, was nothwendig ist, damit seine Kirche eine Braut Christi ohne Makel und Falte sey; denn alle Christen sind berufen, einander bei dem Geschäfte des Heiles zu unterstützen, und wenn sie diesem Beruft nicht entsprechen, so entsteht dadurch eine Lücke, welche keine Thätigkeit gottergebener Priester vollkommen ausfüllen kann. Ganz abgesehen von dem Großen, was der christliche Eifer des Einzelnen zu leisten vermag, sind Alle sür Alle sehr viel, wenn sie dazu mitwirken, daß über alle Gewohnheiten nnd Richtungen des Lebens die Weihe des christlichen Gedankens ausgegossen werde. Gute Gewohnheiten sind Pförtnerinnen der Gnade. Freilich kann die Gewohnheit zur entseelten Form werden; aber so lange die Form noch aufrecht bleibt, gibt sie immer noch von dem Geiste, welcher sie geschaffen hat, Zeugniß, und es ist leichter, sie neu zu beleben, als die gänzlich zertrümmerte wieder herzustellen. Wenn es allgemeine Sitte ist, das Morgen- uud Abendgebet zu verrichten, dem öffentlichen Gottesdienste pünktlich und wenigstens mit äußerem Anftande beizuwohnen, die Gebote der Kirche zu beobachten, von dem Heiligen mit Ehrerbietung zu reden, so kann deßhalb freilich noch Vieles zu wünschen übrig bleiben; allein wenn die äußere Ankündigung des Glaubens von der Sitte nicht mehr S99 gehalten wird, so ist dieß ein sicheres Zeichen, das Großes und Hochwichtiges verloren ging. Unwillkommene Erfahrungen geben uns darüber Aufschluß: denn in weitem, nur allzu weiten Bereiche hat die öffentliche Sitte und das Familienleben sich von der Weihe deS Christenthums losgesagt. Wie ist aber Europa in Mitte seiner Erfindungen und gelehrten Kenntnisse bis dahin gekommen? Der Reiz, welchen der Götzendienst für die Kinder Jakobs hatte, scheint etwas ganz Unbegreifliches zu seyn. Die herrlichsten Offenbarungen, die treuesten Ermahnungen, die furchtbarsten Strafgerichte helfen immer nur für kurze Zeit; sie kehren stets von Neuem zu den Altären des schauerlichen Moloch unv der besudelten Astaroth zurück. Wer aber hinunterblickt in die Werkstätte der verhüllten Mächte, welche an den Geschicken von Einzelnen und von Völkern weben, der kann das allerdings wahnsinnige Treiben der Jsraeliten nicht räthselhafter finden, als so Vieles, was vor unseren Augen vorgegangen ist und vorgeht. Für den Geist wie für den Leib des Menschen gibt es Krankheiten, welche bald mehr, bald weniger Opfer heischen, aber niemals gänzlich weichen. Hoffart und Neid, Habsucht und Unlauterkeit finden immer Solche, welche ihnen freies Spiel gewähren, bis daß die Seele getödtet ist. Allein für den Geist, wie für den Leib des Menschen gibt eS Seuchen, welche über weite Länder den Hauch des TodeS verbreiten, und dann für lange Zwischenräume ruhen oder auch niemals in unveränderter Gestalt wieder kommen. Eine solche Seuche der Geister war jener Götzendienst, von dessen Lockungen das Volk Israel so oft besiegt wurde. Das Menschengeschlecht war damals in seiner Morzenzeit; das Bewußtseyn Gottes war sehr stark und Niemand dachte daran, cS zu bekämpfen. Aber auch die sinnlichen Güter, welche noch in voller Frische glänzten, lockten sehr gewaltig. Durch jene Gebilde des Wahnes wurde dem Menschen die Stimme aus der höheren Welt nach Maaßgabe seiner zeitlichen Bedürfnisse gedeutet und die Ahnung des Ueberirdischen zum Dienste der sinnlichen Gelüste erniedrigt; deßhalb übte sie auf den Menschen einen so verführerischen Reiz. Ueber diese Dinge sind wir längst hinaus. Einem Moloch von Eisen wird man die Kinder nicht mehr in die glühenden Arme legen, die Befriedigung schändlicher Begierden wird man zu einem geheimnißvollen Walten, welches man von der aus Stein gefertigten Göttin erwartet, nicht mehr in Beziehung setzen. Es scheint beinahe, als wollte eS allgemach Abend werden unter dem Monde. Wir haben vielerlei gelernt und sind über vielerlei enttäuscht worden. Der Begriff regiert in mannigfacher und künstlicher Ausbildung; doch ermattet ist die gewaltige Unmittelbarkeit der Auffassung, welche zwar furchtbare Mißgriffe begehen kann, aber von derem Widerscheine der Begriff sein ganzes Leben borgt. Wir berechnen weit kälter und in so weit wir uns nicht in dem Auszurechnenden vergreifen, anch weit richtiger. Das Bedürfniß nach einem Zerrbilde des Höheren ist in die Bestrebungen des Lasters und der Thorheit nicht mehr so untrennbar verwebt, wie ehedem. Allein wie Gott der Herr und sein Gesetz, so sind auch die menschlichen Begierden und Bedürfnisse ganz die nämlichen»geblieben. Als daher das achtzehnte Jahrhundert mit offenem Trotze wieder Gott den Herrn in die Schranken trat, so schuf man Wahngebilde, welche in dem Verlangen nach den Gütern dieser Welt und in dem Bedürfnisse, irgend einen Schein der Anknüpfung an etwas Höheres zn erkünsteln, ihre Erklärung finden. Man hat das Christenthum zu verfälschen getrachtet. Man hat christliche Gedanken aus dem Zusammenhange gerissen, mit frecher Willkühr umgedeutet und zunächst wiver die christliche Wahrheit, dann wider Alles, was über das Tastbare hinauSreicht, als Waffe gebraucht. Doch alle die flimmernden Redensarten von der menschlichen Würde, von der Beglückung der ganzen Welt, von der Gleichheit und Freiheit und Bruderliebe sind nur der weithin reichende Schweif deS Kometen. Der Kern besteht ganz einfach in der Behauptung, daß Jedermann haben solle, was sein Herz begehrt und jedeS Mittel geheiligt sey, wenn eS der Durchsetzung dieses Rechtes diene. Dieß liegt nun für alle Welt am Tage. So haben wir auch dießmal nichts unS gegenüber als die menschliche Begierde, welche sich in den Gütern der Welt wie in einem 300 Netze verwickelt hat und nicht höher hinauf zu kommen vermag, aber von dem, was oben ist, doch noch irgend ein Zerrbild haben will. Die Schlagwörtcr der Aufklärung und Revolution sind die Götzen im modernen Style und nur zu oft haben sie gleich denen der alten Zeit eine blindgläubige Menge hinter sich hergezogen. In der ersten tobenden Aufwallung wurde sogar ein Versuch gemacht, denselben in Buhlerinnen, welche die Göttin Vernunft spielten, eine Verkörperung zu geben und des Opferblutes wurde wahrlich nicht gespart. Allein viel weiter als die eingestandene Herrschaft dieser Wahngebilde verbreitete sich die Ermuthigung, welche sie den menschlichen Begierden gaben. Daß kein Vernünftiger sich um ein höheres Leben bekümmern dürfe, und Alles, was den Lüsten und Bestrebungen der Welt unbequem falle, Uebertreibung und Aberglaube» sey, dieß ist eine Weisheit, welche über die ganze Bildung des achtzehnten Jahrhunderts und Alles, was von ihrem Erbe zehrt, sich ausgebreitet hat. Häufig tritt sie mit derben Kraftwörtern auf, manchmal erscheint sie in gelinden und zierlichen Wendungen, nöthigen Falles umgibt sie sich mit senlimeutalem Dufte; aber immer und überall verfälscht sie die ganze Weltauffassung. Sie liebkoste mit Mvhamedanern, Juden und Peruanern; das Christenthum kam vor ihrem Nichtcrstnhle überall zu kurz, und sollte im Namen der Verminst sich einer großen Läuterung unterwerfen. Der Geistliche möge thun, wofür er bezahlt sey, nur hüte er sich, zu tief in die Herzen einzugreifen. Moral so viel als man wider Diebstahl, Betrug und Gewaltthätigkeit braucht; ehrerbietige Schonung für den Irrthum in Glaubeussachen, dann die Versicherung, daß Gott ein guter Bater sey; dieß und nicht mehr gehöre auf die Kanzel.. Der Laie möge seine Kinder taufen und seine Todten einsegnen lassen; auch wenn es denn durchaus seyn müsse, alle Sonntage in die Kirche gehen und alle Jahre dem Beichtvater mittheilen, daß er ein ordentlicher Mann sey, welcher an sich wenig oder gar nichts auszusetzen finde. Dieß war Alles, was man vor der Hand noch erlauben wollte. Diese Botschaft des Unglaubens und der Verflachung drang auf Jeden, welcher an der Bildung ver Zeit Antheil nahm, von allen Seiten herein. Sie erfüllte die Literatur in Prosa und Versen und stieg bis zu den Kalendern hinab, sie erscholl auf der Bühne, sie bekam in den geselligen Kreisen die Oberhand. Und so geschah es denn, daß in größeren Städten und so weit als der Einfluß ihrer Bildungszustände reichte, große Zerstörungen angerichtet wurden. Das christliche Gepräge entwich aus den gesellschaftlichen Beziehungen und meistens anch von dem häuslichen Herde. Die frommen Christen, an welchen eS nicht gebricht, stehen vereinzelt da, und ihr Beispiel geht für ihre Mitbrüder größtentheils verloren. Auch wagen sie nur selten, eS offen hervortreten zu lassen; denn sie glauben daS Vorurtheil schonen, der Sitte ein Opfer bringen zu sollen und durch ein blindes Hineinstürmen wird freilich wenig gewonnen. So gibt sich die erschreckende Erfahrung kund, daß di? Frömmigkeit ihres belebenden Einflusses sogar im nächsten Bereiche verlustig gcht> daß die besten Leute nur schwache Versuche machen, in dem eigenen Hause christliche Ordnung herzustellen, daß fromme Eltern fast bei den Kindern um Duldung ihrer Andachtsübungen anhalten müssen. Allerdings bleibe» bei den Landgemeinden im Großen und Ganzen noch Glauben und kirchliches Leben ausrecht; allein man täusche sich nicht! Wenn in den geistigen Zuständen der tonangebenden Classen nicht ein tkefeingreifcnder und nachhaltiger Umschwung vorgeht, so wird die Entkräftung der höheren Ueberzeugungen auch bei dem Landvolke langsam und fast unmerklich vorwärts schreiten. Ist dieß in weitcrem Bereiche und bis zu einem gewissen Grade geschehen, so ist der Boden der Geselligkeit unrettbar untergraben. Die so zahlreichen Gläubigen, zu deren Leitung ich berufen bin, bewohnen dem größeren Theile nach eine mächtige, glänzende Hauptstadt, oder stehen unter dem täglich erneuerten Einflüsse derselben. Um so dringender ergeht an mich die Aufforderung, meine und meiner Mitarbeiter Thätigkeit darauf zu richten, daß die katholische Ueberzeugung in verjüngter Kraft sich erhebe, daß sie rüstig inS Leben eintrete und die Macht der christlichen Sitte, wo sie gebrochen ist, wieder herstelle. Der Herr scheint uns den Weg bahnen zu wollen. Er hat zu den Kindern der modernen Bildung, 301 weil sie das sanfte Wehen seines Geistes nicht mehr hören wollten, mit Stimmen des Donners geredet. Und doch hat er keine verheerende Senchc gesandt, keinen Senna- herib als seine Znchtruthe ausziehen lassen; er hat die Welt bloß ihrer eigenen Weisheit übergeben; er hat bloß gestattet, daß die Herolde des Fortschrittes zur Macht gelangten und mit ihre» Plänen zur Beglückung der Menschheit einen ernstlichen Anfang machten. Als Freiheit und Ausklärung die Larve des Lächelns abwarfen und nach Dolch und Brandesfackel griffen, da erschrackcn jene, welche im vollen Ernste geglaubt hatten, Zusammenrottumgen, Katzenmusik, Coustitutionen auf Papier oder Pergament seyen der gerade Weg zum irdischen Paradiese; es erschrack die weit größere Menge, welche dem Anstoße des Augenblicks ohne viel Nachdenken gefolgt war. Viele, welche früher jede kraflvolle Bethätigung der christlichen Gesinnung als Aberglauben verhöhnt hatten, schrien in der Angst nach der Religion uud wünschten nichts Besseres, als daß die Gemüther durch den Richter der Lebendigen und Todten beschwichtigt würden. Damit war dem Heiligen eigentlich nur als einem nützlichen Dinge gehuldigt; allein Gott ist ein geduldiger Lehrmeister. Als der Herr seinen Jüngern am See Genezareth erschien, gab er sich ihnen nicht sogleich als ihren Gott und Heiland zu erkennen. Sie hatten die ganze Nacht hindurch vergeblich gearbeitet und nichts gefangen; er aber sprach zu ihnen: Werfet das Netz an der rechten Seite aus und ihr werdet finden. Sie gehorchten, .und siehe! vor Menge der Fische vermochten sie das Netz kaum zu bewegen. Da sprach Johannes zu Petrus: Es ist der Herr! und fortgerissen von dem Dränge seines Herzens sprang Petrus ohne zu säumen in die Wellen und erreichte schwimmend das Gestade, wo sein Erlöser stand. Da die Welt das Reich Gottes als etwas Ueberflüssiges und Lästiges ablehnte, ließ der Herr vorerst sie fühlen, daß das Christenthum doch auch für die Sicherheit des LebenS und Eigenthums etwas sehr Schätzbares, ja Unentbehrliches sey. Aber Mancher empfing bereits einen Funken der Erkenntniß, in deren Lichte Johannes ausrief: Es ist der Herr! und Mancher fühlt Etwas von dem Dränge, mit welchem Petrus zu dem Meister hineilte. (Schluß folgt.) Deutschland und Belgien. Unser Nachbarland Belgien, welches in der neueren Geschichte einen so höchst merkwürdigen Entwicklungsgang genommen, ist durch die Vermählung einer Tochter des österreichischen Kaiserhauses mit dem Herzog von Grabant wiederum in eine nahe nnd innige Beziehung zu Deutschland getreten. Belgien ist seinem ganzen Wesen nach, durch Sprache, Sitte, Geschichte, ein deutsches Land, und die Vorsehung hat es verhüten wollen, daß das schöne Land nicht gänzlich dem verderblichen französischen Einfluß anheimsiel. Die alten Ueberlieferungen von Carl V., von Maria Theresia sind in dem Herzen der belgischen Nation nicht verwischt und lebten neuerdings auf, als die jugendliche Braut von Wien nach «Belgien reiste, um dem Herzog von Brabant die Hand zu reichen. Die Stadt Brüssel, wo die Vermählung stattfand, war schon Zenge anderer erhebender Scenen. Am 25. October 1555 waren die allgemeinen Stände und die Repräsentanten aller Städte im Palaste zu Brüssel versammelt, um der feierlichen Abdankung Kaiser Carls V. beizuwohnen. Ungefähr um 3 Uhr Nachmittags erschien der kranke Kaiser im Saale; er stützte sich ans einen Stock und lehnte sich mir der andern Hand an denselben Wilhelm von Oranien, der später der größte Feind seines Sohnes werden sollte. Philipp, aus Spanien gerufen, folgte ihm nebst seiner Schwester, der Statthalterin Maria. Die Versammlung war außerordentlich zahlreich, und mehrere gekrönte Hänptcr, die Geistlichkeit, die vornehmsten Edelleute und die Gesandten der fremden Mächte waren gegenwärtig. Die Sitzung wurde durch eine kurze Anrede Philiberts von Brüssel im Namen deS Kaisers eröffnet, in welcher er. erklärte, daß der Fürst wegen seiner leidenden Ge- 302 sundheit die Last der Regierung abgeben und unter dem wärmeren Himmel Spaniens Linderung für seine Leiden suchen wolle. Vorzüglich wurde darin auf die Nothwendigkeit, dem katholischen Glauben treu zu bleiben, und auf das Unglück, welches eine Spaltung für die Niederlande unvermeidlich herbeiführen müsse, aufmerksam gemacht. Während die ganze Versammlung von dieser Rede ergriffen, stillschweigend sich traurigen Gedanken hingab, stand der noch immer große Kaiser wankend auf und gab ein Zeichen, daß er reden wolle. Er begann mit schwacher, fast unverständlicher Stimme. Als er jedoch die Versammlung, an seine Kriegsthaten erinnerte, beseelte ihn seine vorige Kraft. Seine Stimme wurde voll und stark; er richtete sich auf; aus seinen Augen schössen Feuerstrahlen, und es war noch der gewaltige Kaiser Carl, der folgende Worte sprach: „Ich bin neunmal nach Deutschland gezogen, sechsmal nach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal nach den Niederlanden, viermal nach Frankreich, zweimal nach England, zweimal nach Afrika; ich habe achtmal daS mittelländische Meer und zweimal den spanischen Ocean durchkreuzt." Dann mit der Geschichte seiner Heldenthaten fortfahrend, erhielt seine Stimme immer mehr Kraft, bis er, von inniger Rührung ergriffen, solgendermaaßen schloß: „Der Friede sey mit Euch, meine niederländischen Unterthanen; bleibt vereinigt durch Gefühle gegenseitiger Freundschaft, schenkt den Gesetzen den Gehorsam, den man ihnen schuldig ist, achtet vor Allem darauf, daß die Ketzereien, die in den benachbarten Landen sich verbreiten, keinen Zugang zu Euch finden; wenn Ihr bemerkt, daß sie unter Euch Wurzel fassen, rotret sie aus, denn sie würden eine allgemeine Umwälzung herbeiführen. Um auch Etwas von mir selbst zu sagen, ehe ich schließe, muß ich gestehen, daß ich während meines Lebens ohne Zweifel viele Fehler begangen habe, sey es durch die Unwissenheit meiner Jugend, sey es durch Hochmuth in meinen spätern Jahren oder durch irgend andere der menschlichen Natur eigenthümliche Schwächen; aber ich erkläre hier, daß ich nie wissentlich oder willentlich Jemanden Gewalt oder Hohn angethan und auch nie geduldet habe, daß solches geschah. Ist eö dennoch der Fall gewesen, so war eS gegen meinen Willen; ich beklage eS aus Herzensgrund und bitte die Gegenwärtigen wie die Abwesenden um Verzeihung." Er sagte noch einige rührende Worte zu seinem Sohne Philipp; aber dann drangen ihm die Thränen auS den Augen und er fiel ohnmächtig in seinen Sessel zurück. Kaiser Carl hatte vor den Augen der Völker wie eine strahlende Sonne geglänzt. Dieser Tag war seine Abendstunde, und gleich der untergehenden Sonne hatte er während seiner Rede sich noch von aller Macht umgeben gezeigt, die ihm Gott so milde geschenkt. Jetzt war seine Lausbahn zu Ende — dort lag er vor seinen weinenden Unterthanen, eine vom Sturm entwurzelte Eiche. So mächtig waren alle Anwesenden ergriffen, daß kein einziges Auge trocken blieb bei dem Anblicke dieses rührenden Schauspiels und die Feierlichkeit unter dem Vergießen unzähliger Thränen ein Ende nahm, Kaiser Carl trat im folgenden Jahre den Thron von Spanien ebenfalls seinem Sohne Philipp, so wie die Kaiserwürbe seinem Bruder Ferdinand ab. Er begab sich darauf nach Spanien, wo er in einem Thale von Estremadura im Kloster zu St. Just ein ruhiges, bußfertiges Leben führte, bis der Tod im Jahre 1558 den leidenden Helden von der Erve wegnahm. Dieselbe St. Gudula-Kirche zu Brüssel, wo jetzt die Vermählung der österreichischen Erzherzogin mit dem Herzog von Vrabant stattfand, war im Jahre 1780 Zeuge einer Trauer, wie sie kaum zu einer andern Zeit in Belgien gewesen. Damals wurde die Todtenfcier für die verstorbene Kaiserin Maria Theresia gehalten. „Nie," so erzählt der Geschichtschreiber Conscience in seiner Geschichte Belgiens, »nie, man darf es sagen, war eine Betrübniß so allgemein, als diejenige, welche die Gemächer in Belgien bei der traurigen Kunde vom Tode Maria Theresia's ergriff. Man vergoß Thränen auf den Straßen und den Märkten. Jeder trauerte, als ob seine eigene Mutter gestorben wäre; bei der Todtenfcier in der St. Guvula- Kirche war nichts als Seufzen und Schluchzen. Der Fußboden der Kirche schimmerte gegen den Schein des Tageslichtes, benetzt von den Thränen der Dankbarkeit und des Schmerzes." 303 Im Jahre 1748 war durch den Frieden von Aachen Belgien der Kaiserin Maria Theresia wieder zugefallen. Jetzt kam der Herzog Carl von Lothringen, Schwager der Kaiserin und Statthalter der österreichischen Niederlande, in Person nach Belgien, um die dortigen Provinzen zu verwalten; er schlug seinen Hofhalt in Brüssel auf und verließ das Land nicht wieder. Herzog Carl war ein tugendhafter Fürst, wohlwollend und freundlich, tapfer und thätig. Von gewandten Staatsmännern unterstützt, rettete er die Angelegenheiten des Landes aus der schrecklichen Verwirrung, in welche sie seit langer Zeit gerathen waren, und wußte Mittel zu finden, den öffentlichen Schatz durch ansehnliche Einkünfte zu bereichern. Seine Minister achteten nicht immer die Vorrechte und Gewohnheiten der Belgier, ja sie veranlaßten wohl mitunter die Unzufriedenheit derselben; aber dann hörten die Kaiserin und der Herzog deren Klagen mit so vieler väterlicher Güte an und behandelten sie mit so offenbarer Rechtlichkeit, daß ihre belgischen Unterthanen sich manche Aenderung gern gefallen ließen. Alle Zweige der Industrie und des Handels fanden die kräftigste Unterstützung; der Landbau blühete mehr als je; die allgemeine Ruhe gab Allen neuen Murh; ein gewisser Wohlstand bilvete sich unter dem Volke, und man segnete dankbar den Namen Maria Theresia's, unter deren weiser Regierung man, wenn auch nicht im Reichthum, doch in Frieden leben konnte. 1756 bekam die Kaiserin Krieg mit dem Könige von Preußen. Bei dieser Gelegenheit gaben die Belgier ihrer Fürstin einen Beweis ihrer innigen Liebe. Sie schenkten ihr einen Zuschuß von 16 Millionen Gulden und ein Heer von 12,0l)0 Soldaten. Auch während deS Krieges, der erst 1763 endete, war ihnen kein Opfer zu schwer, um der Kaiserin gefällig zu seyn. Die edelmülhige Neigung der Belgier rührte Maria Theresia tief, und sie begann jetzt mic wahrer Vorliebe für das Heil des Landes zu sorgen. Sie bemerkte immlich, raß Belgien nicht bloß in materieller, sondern auch in geistiger Hinsicht gesunken sey. In der That war auch alle geistige Entwickelung wie tod, der Unterricht schlecht, alle Gelehrsamkeit verschwunden. Man schlummerte, einen bessern Zustand nicht kennend, in der tiefsten Unwissenheit. Maria Theresia gebührt die Ehre, das Signal zum Erwachen gegeben zu haben. Wenn sich die Belgier später wieder erhoben haben auf die sittliche Höhe, die ihnen durch ihr angeerbteS Recht unter den Nationen zukommt, so darf man nimmer'die Fürstin vergessen, welche zuerst den Stern einer bessern Zukunft am Horizont der Zeilen ausgehen ließ. Sie ließ den Unterricht zweckmäßig gestalten, gründete viele Schulen, ließ gute Lehrbücher schreiben, stiftete zu Brüssel die kaiserliche und königliche Akademie der Wissenschaften, beschenkte Antwerpen mit einer Kriegsschule und wandte überhaupt viele andere Mittel an, um die Wissenschaften und Künste auS dem Schlafe zu wecken und wenigstens für eine spätere Zeir der Blüthe vorzubereiten. Herzog Carl trug nicht minder zur Erreichung dieser lobcnSwerthen Zwecke bei. Ihm setzten die Stände von Brabant noch während seines Lebens 1777 ein Standbild. Bis zum Jahre 1780 erfreuten sich die Belgier der Wohlthaten ihrer guten Fürsten. Da traf sie ein zweifaches Unglück. Herzog Carl starb im Juli und die geliebte Kaiserin am 29. November desselben Jahres. So lebendig ist die Kaiserin Maria Theresia im Andenken der Belgier geblieben, daß ihr Andenken in den Liedern der Kinder sich erhalten hat. „Diese edle deutsche Frau," so sagt Gustav Höfken in seiner Schrift „Vlämisch-Belgien", „lebt in Belgien noch heute wie eine Art Heilige in dem Gedächtnisse des dankbaren Landvolkes und der kleinern Städte, ja selbst die Bürgerclassen der größern Städte preisen die fast vierzigjährige Regierung der „guten Kaiserin" als das non plus ultra glücklicher Zeiten. Nur ein Theil der höhern Classen, die sogenannten neuen Reichen (nieu'iven k^ice, im Gegensatz zu den edlen und angeschensten Familien, die den altvaterländischen Wesen treu geblieben, den ouclen kiz-ko), hat mit der frühern ruhmreichen Geschichte Belgiens auch die Tochter Carls IV. und die Mutter Josephs II. vergessen. In Antwerpen und andern vlämischen Städten ist eS noch Brauch, daß Knaben, selbst ältere Leute aus dem Volke, zur Weihnachtszeit Abends vor den Thüren 304 dcr Bürger sogenannte Weihnachtslicder (ILeisIiecIeicer>5), meist von dem alten Ant< werpener Liederdichter KoeS, singen, wobei die Buben große Papiersterne, in deren Mille ein Licht steckt, au einem langen Stock rund drehen, so von HauS zu HauS ziehend. Gewöhnlich nun ist dieser Gesaug nichts anders, als ein Klaglied auf den Tod der guten Fürstin mit dem Refrain: On?' I^3i/.er'm is overleäen, ^a, ons Mria Meresis! Ein erhebendes Beispiel» Wie sehr iu Wien die Slimmunz nicht nur in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht zum Bessern umgeschlagen hat, davon habe ich am verflossenen Sonntage, den 28. August, einen herrlichen, tief ergreifenden Beweis erlebt. Ich ging an diesem Tage um 10 Uhr Bormittags durch die Kolhgasse der Mariahilferkirche zu; da holte ich klingeln; ein Priester trug das Allerheiligste zu einem Kranken. Alles bekreuzte sich! Viele knieten auch nieder — nun das ist nichts ungewöhnliches! es ist noch so ein altcö Stück Gewohnheit, welches sich auS der guten, alten, glaubeuSsesten Bergangenhcit zu unS herüber gerettet hat. Als aber dcr Priester näher kam, hörle ich Stimmen, welche beteten: „Heilig, heilig ist nnser Herr Gott Sabaolh." Ich sah auf und bcmerkle eine Schaar junger Männer, welche mit entblößtem Haupte paarweise himer dem Priester herschritlcn und Gott die Ehre des Geleites gaben. Ich glaubte anfangs zu träumeu und wähnle im Gesichte das Wien zu sehen, wie es vor drei Jahrhunderten war. Aber die Stimmen tönten immer lauter, der Zug wurde immer länger, und tief ergriffen schloß auch ich mich demselben an und solgie bis zum Hause des Kranken; aber auch hier entfernten sich die Begleiter nicht, sondern harrten unter Gebet bis der Priester zurückkam. Sie folgten ihm wieder in der schönsten Ordnung nnd unter lautem Lobgesang, bis sie an der Kirchenthüre knieend den Segen erhalten hatten. — Und wer waren diese jungen Leute, welche den indolenteiz Wiener Pflastertretern wieder einmal gezeigt haben, was katholische Eilte sey? Es waren Handwerksgesellen, welche eben von allen Seilen in die Lehrstunden ciltea, die für sie im Localc deS Eeselleiuercines abgehallen werden. Und welchen Eindruck machlc diese Scene aus's Lolk? Alle Hausgenossen des Kranken versammelten sich und beteten unter Thränen der Rührung mit den in der Hausflur weilenden Gesellen; auf dem Wege las man auf den Gesichtern ringsum Erstaunen, Bewunderung und Rührnng — ja einige Erwachsene und sehr viel! Kinder schloffen dem Zuge sich freundlich an. — Nur rüstig vorwärts auf dieser Bahn, brave Gesellen! dann werden wir sehr bald erfahren, daß sich nicht mehr so Viele schämen, Christen, katholische Christen zu seyn. (Oest. Schulb.) Aus Napoleons letzten Tagen. Die jcht in England erschienene „Geschichte der Gefangenschaft Napoleons auf St. Helena," von Sir Hudson Löwe, macht vieles Aufsehen dnrch manche unccwarlct neue Mittheilungen, die sie enthält. Wir führen nur folgendes Beispiel an: „Als Napoleon fühlte, daß er jeden Tag schwächer werde, bat er um geistliche Medizin, und zwar um einen tüchligen, gelehrten, scharfsinnigen Theologen, mit dem er alle Tiefen der Religion durchforschen könne. „Selbst Voltaire," sagte er, „bat nm Tröstungen dcr Religion vor seinem Tode, und so möchte auch wohl ich Trost im Umgänge mit einem Manne finden, dcr mir Geschmack.an religiösen Unterhaltungen beibringen und mich sromm machen könnle." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C, Kr cm er.