Dreizehnter Jahrgang. Sonntags Beiblatt zur Augsburger PostZeitung. 25. September SS. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abormemenrsprel« TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlougeu bezogen werde« kauu. Wien. (Im September 1853,) Von Nord und Ost, von Süd' und West, So weit die Gränzen reichen, So weit die deutsche Zunge klingt, Und wachsen deutsche Eichen, Zieht's hin zum schönen Donaustrand, Zum biedern, deutschen Kaiserland. Der Frühling kam, es sproßten aus Des Glaubens heil'ge Blüthen, Und in der Liebe Sonnenstrahl Die Herzen neu erglühten, Des Glaubens und der Liebe Band Schlang wieder sich um's Vaterland, Und auf der Geister tieferm Grund Begann es sich zu regen, Die Hirten standen auf der Wacht, Und gaben ihren Segen, Wie wenn der Thau die Fluren träntt, Und seine Perlen niedersinkt. Und vor des Himmels Leuchten schwand Der Nebel trüber Zeiten, Der Gnade heilige Gewalt Wollt' ihre Ströme leiten Auf's Neue tief in Deutschlands Grund, Vereinen es zum heil'gen Bund. Wie wann in, Lenze Alles keimt Und sprießt und grünt und blühet, Uud höher steigt der Sonne Strahl, Und immer wärmer glühet, So hat's gekeimt auf deutscher Flur, Und wärmer glüht's auf jeder Spur. Und wied'rum ist der Ruf ertönt Durch alle deutsche Gauen, Es geht und wandert, schifft und fährt, Die Kaiserstadt zu schauen, Es strömt in freud'ger Strömung fort Hinüber zum Versammlungsort. Es glüht das Herz, es flammt das Wort, Es stählen sich die Glieder, Und neuer Muth und neue Kraft Strömt in die Brust hernieder, Der Glaube schlingt das Einheitsband, Die Liebe reicht die heil'ge Hand. O ströme fort, du heil'ger Strom, Daß Glaub' und heil'ge Sitte Das Sicgesbanner halt' empor Hoch in der Völker Mitte, Bis aus der bösen Zeiten Nacht Der letzte Deutsche ist erwacht! O heil'ge Glut erlösche nicht, Entzünde kalte Herzen, Dring' himmelwärts mit heil'ger Macht, Und laß nicht mit dir scherzen, Bis rings das ganze Vaterland, Der Braut des Herren reicht die Hand! Du aber, Himmelskönigin, Erhöre unser Flehen, Daß unö begleit' im ernsten Kamps Der Gnade heil'ges Wehen! O heil'ge Mutter, Jungfrau rein, Du wollest gnädig mit uns seyn! (Aus dem Münster. S.-Bl.) 306 Eine Converfion. Die „Kath. Bl. a. Tirol" enthalten folgende Begebenheit: Ein junger Schwede, der Sohn eines hochgestellten wohlhabenden Beamten, der eine besondere Vorliebe zur Baukunst zeigte, sollte sich nach München begeben, mu in dieser Stadt, die zur Ausbildung in dieser Kunst ein so reiches Feld bietet, seine Studien zu vollenden. Wenn schon die Liebe zur Kunst ihn zu jedem Opfer bereitwillig machte, so trat er dennoch nicht ohne einige Scheu diese Reise an. In der protestantischen Religion erzogen, betrachtete er die Katholiken nur als abergläubische Schwachköpfe, da sie ihm als solche stets beschrieben worden waren. Daher kann man sich den geheimen Widerwillen leicht vorstellen, der ihn bei dem Gedanken, in einer Stadt, deren Mehrzahl Katholiken sind, leben zu müssen, erfüllte. — In München angekommen widmete er sich mit allein Eifer seiner Kunst. Unter den jungen Leuten, welche gleiche Studien verfolgten, war er bald heimisch; besonders fühlte er sich zu einem Jünglinge hinge- zogen, dessen Liebenswürdigkeit bald sein ganzes Herz gewann; — und dieser war ein Katholik. Allein nicht nur ein Katholik dem Namen, sondern der innigsten Ueberzeugung nach; er fühlte so recht das Glück, dem wahren Glauben anzugehören, den eine sorgsame Erziehung ihm eingeprägt hatte. Nach einiger Zeit, in welcher diese beiden jungen Leute sich recht herzlich lieb gewonnen hatten, leitete der junge Schwede die Rede auf die Verschiedenheit ihres Glaubens, und versuchte durch spöttische Fragen seinen Freund in Verlegenheit zu setzen. Dieser jedoch, in demjenigen angegriffen, was ihm das Heiligste war, wußte alle Einwürfe so zu widerlegen, daß der Schwede sich stets überwunden sah. — Das freundschaftliche Verhältniß dauerte indessen fort; der Schwede fing an, schweigsam und nachdenkend zu werden. Sein Freund bemerkte es, wußte jedoch diese Veränderung nicht zu deuteu; auch wagte er eS nicht, ihn darüber zu befragen. Eines TageS, da er seine innere Unruhe nicht länger bemeistern konnte, ergriff er die Hand seines Freundes und bat ihn dringend, ihn zu einem katholischen Priester zu führen, der ihm Aufschlüsse geben könnte, nach welchen sein Herz sich so sehr sehne, er vermöge nicht länger mehr diesem Dränge zu widerstehen. — Sein Freund, höchlich darüber erfreut, wies ihn zu einem sehr gelehrten und frommen Priester. Der Schwede, innig erfreut, seinem Herzen nun Linderung verschaffen zu können, begab sich sogleich zu dem Priester. Gott, dessen Gnade ihn bis daher geführt hatte, wollte nun seine Geduld noch auf eine harte Probe stellen; die Sehnsucht sollte stets noch mehr gesteigert werden, um den Werth dieses höchsten Gutes in feiner ganzen Größe schätzen zu lernen. Gott fügte es, daß er den Priester nie treffen konnte, und erst, nachdem er bereits zum siebentenmale sich gemeldet, gelang eS ihm, seinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen. — Der Priester, hoch erfreut und dem Herrn dankend, nohm den Jüngling freundlich auf und unterrichtete ihn mit aller Liebe; seine Mühe wurde überreichlich belohnt, denn die Seele, die so nach der Wahrheit dürstete, wußte dieses hohe Glück vollkommen zu würdigen. ES rückte die Zeit heran; er legte das Glaubensbekenntniß öffentlich in der Herzogspitalkirche bei dem Altare der schmerzhaften Mutter ab, und legte es auf eine Weise ab, daß alle Anwesenden zu Thränen gerührt wurden. — Es war der entscheidende Schritt für Zeit nnd Ewigkeit gethan. Nun mußte er seine Angehörigen davon benachrichtigen, er ahnte die Folgen: allein er war zu jedem Opfer bereit. Die Antwort des Vaters traf bald ein. Der Vater, im höchsten Grade einrüstet, erkannte ihn nicht mehr als seinen Sohn an; der Sohn hatte alle Rechte ans dessen Herz verloren; deS VaterS Unwille ging so weit, daß er dem Sohne jede fernere Unterstützung verweigerte, um ihn so dem Elende preiszugeben. Jeder Versuch, die Verzeihung des Vaters zu erhalten, blieb fruchtlos. Dem Sohne blieb nun kein anderes Mittel mehr übrig, als seinen Vater dem Herrn zu empfehlen, nnd von ihm dessen Erleuchtung zu erflehen. Nun aller Hülse beraubt, muße er aus Mittel denken, um sein Leben zu stiften. Er miethete eine Dachkammer, es nahte der Winter, er fand keine Beschäftigung und war plötzlich dem größten Elende preisgegeben. Keine Klage entschlüpfte seinem Munde; Jesu zuliebe ertrug er sein Elend geduldig; der Herr hatte ihm ja Alles gegeben, in ihm fand er hinlänglichen Trost. 307 Drei Tage lang sah man ihn sein Zimmer nicht verlassen. Die HauSleute, um ihn besorgt, kamen zu ihm: sie fanden ihn in seiner kalten Kammer, bereits schon seit drei Tagen der Nahrung beraubt. Man bot ihm von allen Seiten Hülse. Der obenerwähnte Priester, der davon benachrichtigt worden war, eilte zu ihm, ihn mit sanften Vorwürfen überhäufend. Dir junge Mann dankte für die liebevolle Theilnahme, bat jedoch nur um irgend eine Beschäftigung, wodurch er das Nothwendige verdienen könnte, um sein Leben zu sristen. Man brachte ihn zu einem Bräuer, bei dem er den Winter hindurch die Dienste eines Bräuknechtes versah, und so durch ungewohnte harte Arbeit sein Brod sich verdiente; eS schien ihm kein Opfer zu groß, so glücklich fühlte er sich in seinem Innern. — Es nahte der Frühling, da erwachte in seinem Herzen eine mächtige Sehnsucht, nach dem Gnadenorte Allölting zu pilgern. Er machte sich also- bald auf und legte diesen Weg unter Gebet und frommen Betrachtuugen zurück. In Altötting angekommen, bereitete er sich vor, seinen lieben Herrn und Heiland zu empfangen; der Herr fügte es, daß er in dem Ordenspriester, dem er seine Beichte ablegte, einen seiner LandSlenle kennen lernte, der, von der Gnade des Herrn geführt, sein Vaterland ebenfalls verlassen hatte, und nun, nachdem er Alles, waS ihn an diese Erde fesseln konnte, zum Opfer gebracht hatte, sich ganz dem Herrn widmete. Beive dankten dem Herrn aus der Fülle des Herzens, der so liebevoll sie geleitet hatte. Der junge Schwede kehrte nach München zurück; die Freude, die Glückseligkeit, welche sein Herz nun erfüllte, konnte er nicht genug iu Worten ausdrücken; sein Dankgebet stieg unaufhörlich zum Himmel — Der Herr hatte mit innigem Wohlgefallen auf diese Seele geblickt, die mit so opferwilligem Gehorsam auf dem von ihm bezeichneten Kreuzwege der Selbstverläugnung und der Demüthigungen gewandelt war: dieser Gehorsam, diese opferfreudige Hingabe sollte nun zur Ehre Gottes belohnt werden. Es langte ein Brief von seinem Vater an, welcher ihm volle Verzeihung brachte. Der Vater schrieb ihm, daß er ihn nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern auch in seiner religiösen Ueberzeugung durchaus nicht mehr hindern werde; er fügte zugleich eine ansehnliche Summe Geldes bei, mit der dringenden Bitte, sobald als möglich in sein Vaterland zurückzukehren. Nachdem er den Brief gelesen, warf er sich auf die Kniee, um dem lieben Gott zu danken, der ihn so liebevoll geleitet und das Herz seines Vaters ihm wieder zugewendet hatte. Er verließ die Sradt, die er mit solchem Widerwillen bei seiner Ankunft betreten, mit tief gerührten Herzen, dankte dem würdigen Priester, dessen Segen ihn begleitete, und langte glücklich in seiner Vaterstadt an. Nach einiger Zeit erhielt der Priester von dem jungen Manne einen Brief, der ihm die freudige Kunde brachte, daß er nicht nur mit aller Liebe von seinen Angehörigen empfangen worden sey, sondern auch, daß in seiner Vaterstadt die erste katholische Kirche erbaut werde und er selbst als Baumeister derselben ernannt sey. — So führte und so lohnte Gott den Jüngling, der mit der bewunderungswürdigsten Redlichkeit und Opferwilligkeit die Wahrheit suchte, und durch Gottes Gnade der Ueberzeugung folgte. — Die Wahrheit dieser ganzen Erzählung ist vollkommen verbürgt. (W. K.-Z.) Joseph Ottmar von Rauschers, FürsterzvischofeS von Wien, Hirtenbrief an die Geistlichkeit. (Schluß.) Indem wir GotteS gnädige Führungen preisen, dürfen wir uns die Schwierigkeiten, welche einem nachhaltigen Aufschwünge entgegenstehen, nicht verhehlen. Nicht Wenige beugen sich noch unter das Joch des Vorurtheils, nur rühmen sie ihrer Knechtschaft sich nicht mehr so laur wie vor fünf Jahren. Bei nicht Wenigen steht zu besorgen, daß der Funke, welchen ein Drang des Außerordentlichen in ihre Seele warf, nach kurzem Glimmen wieder erlösche. Wenn Jemand das Unglück hat zu erblinden und lange Jahre hindurch mit nachtbedecktem Auge einhergeht, so verläßt ihn beinahe die Erinnerung an das Sichtbare, und wenn er davon reden oder vorlesen hört, so 308 finden die Worte keinen rechten Wiederklang in der Seele mehr. Wenn Jemand seit langen Jahren sich gar keine Mühe gab, mit den Mächten der Geisterwelt zn verkehren und auch in seiner Umgebung nichts fand, was ihn an seinen Zusammenhang mit dem Unsichtbaren gemahnt hätte, so schlummert der Sinn für das wahrhaft Höhere fast bis zum Ersterben ein. Wofern nun Gotteö Führung ihn wirklich nachdenklich machen und heilsame Regungen in ihm auftauchen, weiß er nicht recht, was er damit anfangen solle. Eben dasjenige, was ans dem innersten Wesen des Christenthums hervorquillt, ist ihm am schwersten verständlich. Die ganze Gestaltung, welche die städtischen Lebenövcrhältnisse erhalten haben, übt einen hemmenden Einfluß, und zwar auch auf solche, welche stoßweise sich zu den tresslichen Vorsätzen erheben. Ohne Gebet und zwar ernstliches Gebet, ohne daß man die christlichen Wahrheiten zu seinem Ci- genthume macht und auf alles Trachten und Thun anwendet, kann man im Dienste GotteS nicht vorwärts kommen. Licht und Kraft muß man bei den Gnadenmitteln suchen, welche der Herr eingesetzt hat. Der Kirche darf man den Zoll des Gehorsams nicht versagen. Nun gut! und dieß Alles will ich auch thun. Aber eine Menge eingelebter Gewohnheiten und Bedürfnisse widerstreben. Man findet zu Gebet und Gottesdienst keine rechte Zeit. Der ganze Tag, die ganze Woche ist so eingetheilt, daß höchstens auf eine Messe am Sonntage gerechnet ist, und auch da muß man sich Mühe geben, mit dem Ankleiden fertig zu werden. Mit den Kirchen hat eS überhaupt seine eigene Bewandtniß. Bald sind sie zu kalt, bald zu warm; dumpfe Luft beengt die Brust, der Zugwind läßt sich nicht immer vermeiden; im Gedränge kann man gestoßen werden; auf den Steinen zu stehen, ist ungesund und ein Betstuhl nicht immer zu haben. Mit dem Empfange der heiligen Sacramente geht es auch nicht so leicht. Man soll sich doch ein wenig vorbereiten. Aber die Abende sind schon mit Beschlag belegt. Man hat sich einmal frei gemacht; doch es kommt ein Besuch, eine unerwartete Einladung dazwischen, oder ein Schauspiel, welches man doch nicht versäumen will, wird angekündigt. Ferner ist eS unbequem, früher als gewöhnlich aufzustehen; eS ist aber auch unbequem, länger als gewöhnlich mit dem Frühstücke zu warten. WaS nun gar das Fastengebot betrifft, mag es auch durch Dispensen so sehr gemildert werden, daß nichts mehr übrig bleibt, als eine leise Mahnung an die Pflicht der Selbstverläugnung: etwas Beirrendes hat die Sache immer noch. Schließlich wird man bei jeder Kundgebung des katholischen Lebens von der Besorgniß, Aufsehen zu machen, genau gesagt, von der Furcht lächerlich zu werden, begleitet. Diese Unzahl kleiner Schwierigkeiten sind Dorngebüsche, an welchen die schönsten Vorsätze Faden für Faden hängen bleiben. Ohne Unbequemlichkeit gibt eS gar nichts in der Welt, nicht nur keine Jagd oder Lustreise, sondern auch keinen Spaziergang, keinen Ball, kein Schauspiel, nicht einmal eine ruhige Spielpartie: denn zu warm kann eS im Zimmer auch werden und oft muß man um eines eifrigen Mitspielers wegen weit länger sitzen bleiben, als Einem lieb ist. Bei Dingen, welche man nicht eben für hochwichtige, sondern nur für solche hält, wo man sich nicht füglich ausschließen kann, würden die verwöhntesten Leute sich schämen, von derlei kleinen Stacheln deS Lebens viel Aufhebens zu machen. So lange man im Dienste GotteS und der eigenen Seele jede Kleinigkeit so hoch in Rechnung bringt, kann jene Fluth der guten Beispiele und der löblichen Sitte, durch welche der Einzelne mächtig gehoben wird, unmöglich erneuert werden. Wie soll also gründliche Abhilfe geschafft werden? Der Herr ist es, welcher straft und rettet, welcher zur Unterwelt hinab und wieder heraussühn. Von ihm, ohne welchen wir nichts vermögen, muß die Hilfe kommen; indessen können wir, stark durch Eifer und Vertrauen, gar Manches beitragen, um das heilbringende Werk zu fördern. ES läßt sich recht augenscheinlich darlegen, wie sehr die vom Herrn kommende Weisheit der Weisheit dieser Welt in den großen die Gegenwart bewegenden Fragen überlegen sey. Die StaatSweiSheit des Fortschrittes verstümmelte den Menschen; trotz aller Versicherungen, daß er Gott und nichts als er Gott sey, sah sie in ihm bloß den Wurm, welchem verliehen sey, sich eine Stunde lang auf dem grünen 309 Blatte zu sonnen. Sie that noch weit mehr; sie rühmte ihrer Thorheit sich als der glorreichsten Entdeckung. Deßhalb gelangte sie zu Dingen, welche zwar sehr srevelhaft, aber wo möglich noch unsinniger waren; sie handelte bei ihren Verfügungen zur Beseligung der Welt, wie Jemand, welcher sagen wollte: Ich weiß nicht, warum man große Diamanten zu so maaßlosen Preisen bezahlt, man kann ja deren sehr leicht machen, wenn man eine Anzahl kleinerer zusammenschmilzt. Und sogleich wirft der weise Mann eine Handvoll Diamanten in den Schmelztiegel. ES war den Leuten nichts weniger abhanden gekommen als alle Kenntniß der menschlichen Natur, auch jene, welche man sonst bei allen Menschen mit gesunden Sinnen als Etwas, das sich von selbst verstand, voraussetzen durfte. Die Offenbarung zeigt uns den Menschen als Glied in der großen Kette der Geisterwelt, sie verkündet uns die Liebe Gottes als seine höchste Aufgabe und sein innerstes Bedürfniß. Damit ist der Faden durch das Labyrinth gegeben. Der Wahnsinn, zu welchem die Entwicklung der hochgepriesenen Grundsätze führte, hat in Vielen den Glauben erschüttert, womit sie srüher denselben huldigten. Wird ihnen dargethan, welches Licht sich über die verworrenen Zustände der Gegenwart verbreite, wenn man das geistige Leben in seiner richtigen Bedeutung auffasse, so kann manches Vorurtheil zerstört werden. Bei großen Umwälzungen der Gesinnung stehen Verirrungen der Forschung niemals in der Vorderreihe; sie können aber den eigentlich wirkenden Mächten vielfache Förderung bereiten. Seit fünf Jahren hat sich die Bestrebung kundgegeben, für daS christliche Leben in der Gemeinde neue Mittelpuncte zu gründen und sie ist nicht ohne gute Berechtigung. Die Kirche ist der große Verein zur Verherrlichung Gottes und zur Heiligung der Menschen, welchen der König der Ewigkeit gegründet hat. Inner ihrer Gränzen, welche zugleich die Gränzen der Erde sind, soll jeder Kirchensprcngel, inner jedes Kirchensprengels soll jede Pfarre einen engeren Kreis beschreiben, in welchem die Gläubigen mit einander brüderlich an dem Werke ihres Heileö arbeiten. Dabei bleibt jedoch immer noch ein Spielraum für solche Aufgaben der christlichen Thätigkeit, welchen sich nicht Jedermann in gleicher Weise zuwenden kann. Daher hat die Kirche es stets gebilligt, wenn mit ihrem Segen und unter ihrer Leitung Gleichgesinnte sich zu Werken der Andacht, der Buße, der Barmherzigkeit vereinigten und die Bruderschaften der alten Zeit waren ein Blumenschmuck im Garten GotteS: denn trotz allem Menschlichen, was sich dabei einschlich, wurden sie vom Geiste deS Glaubens und der Liebe getragen. Durch Gottes Zulassung haben in größeren Städten die Bande der Pfarrgemeinde sich gänzlich gelockert und in weitem Bereiche thut es dringend Noth, daß vorerst das häusliche Leben und die gesellschaftlichen Beziehungen wieder etwas vom segnenden Hauche des Christenthums empfangen. Eine Einigung derjenigen, welche dieß lebhaft erkennen, vermag unter dem leitenden Schutze der Kirchengewalt einen sehr heilsamen Einfluß zu üben. Es ist dadurch ein Anstoß gegeben, mit der Lehre deS Heils und den Einrichtungen der Kirche sich ernstlich zu beschäftigen und von GotteS Offenbarungen jene zusammenhängende Kenntniß zu erwerben, an welcher eben die Gebildeten so empfindlichen Mangel leiden. Es ist damit ein Anfang gemacht, um die still wirkende, doch mächtige Tyrannei der falschen Scham zu überwältigen. Jeder Einzelne weiß, daß diese Alle sich schämen, ihre katholische Gesinnung an den Tag zu legen, oder daß sie zum mindesten eine solche Scham als die kläglichste Thorheit anerkennen. Es ist ein Anhalt dargeboten, um das christliche Ehrgefühl wieder in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen; eS wird jener heilbringenden Scham, welche sich auf keiner Verletzung der Gesetze Gottes will betreten lassen, wieder die Pforte oder doch ein Pförtchen aufgethan. Vereine, deren treue Bemühung darauf gerichtet ist, die katholische Ueberzeugung in sich und Anderen zu kräftigen, können daher im Kampfe wider Vorurtheil und Lauigkeit sehr Bedeutendes leisten. Zwar haben sie eigentlich die Aufgabe, sich selbst überflüssig zu machen; allein das große Werk der Erneuerung kann auch im besten Falle nur durch lange, geduldige Bemühung gelingen, und dann ist es nicht nur möglich, sondern auch rathsam, daß mit der Bemühung, 310 die christliche Ueberzeugung am häuslichen Herde wieder zur Geltuug zu bringen, auch besondere Zwecke der Frömmigkeit und Nächstenliebe verbunden werden. Ein mächtiger Ruf des Herrn ertönt in den Volksmissionen. Wenn es wahr ist, daß der Mensch nur allzu leicht sich von den Gelüsten des Augenblickes hinreißen läßt und mit dem Glauben, welchen er bekennt, in Widerspruch geräth, so ist es doch unstreitig heilsam und räthlich, daß wir uns die ewigen Wahrheiten, welche der leitende Stern unseres Wandels seyn sollen, manchmal im Zusammenhange vergegenwärtigen und in ernster Erwägung auf alle Richtungen unseres Verlangens und Stre- benS anwenden. Dieß und nichts Anderes ist der Zweck der geistlichen Uebungen. Werden nun die geistlichen Uebnngen nicht im Innern eines HauseS und hieinit für eine beschränkte Zahl von Theilnehmern, sondern in der Kirche und für die ganze herbeiströmende Menge des christlichen Volkes gehalten, so nennt man sie Volksmisstonen. Volksmissionen entsprechen also den tiefsten und wahrsten Bedürfnissen des menschlichen Herzens: deßwegen halten sie durch die christlichen Länder einen Siegeszug, welchem die zurückgebliebenen Schüler der Aufklärung mit Aerger und Staunen zusehen. Mit GotteS Beistände werden sie auch in unserer Mitte einen wirksamen Beitrag geben, um die Schlummernden zu wecken, um die Lässigen zu stärken, um das Gesetz des Herrn in Vieler Herzen mit unauslöschlichen Zügen einzuschreiben. Der, welcher den Stürmen gebot und den MeereSwogen Befehle gab, ist als wahrer Gott und wahrer Mensch in unserer Mitte. Wie daS Auge sich geblendet senkt, wenn die Mittagssonne ihm entgegenleuchtet, so neigt sich der überwältigte Geist vor diesem Wunder der Gnade, und er vermag nichts als mit den Seraphinen zu rufen: Heilig, heilig, heilig! So überströmend ist die Huld des Herrn, daß ein heiliger Schauder uuS erfassen muß. Was sind wir und was könnten wir seyn mit einem solchen Helfer! „Weh mir, wie viele Wege zum Heile thun sich uns auf!" ruft der heilige Chrysostomus, da er auf das allcrheiligste Sacrament seine Betrachtung wendet. Diese Fülle der Erbarmungen ist uns aber nicht nur für uns selbst, sondern auch für die uns Anvertrauten gegeben, und vermögen wir ihnen in dieß Innerste deS Aller- heiligstm den Weg zu erschließen, so sind sie überreich an allen Gütern. Bewunderung, Dankbarkeit, Ehrfurcht, die Pflicht gegen unsere eigene Seele, die Pflicht gegen die christliche Gemeinde drängt wie mit unsichtbarem Flügelschlag uns hin, die Anbetung und den würdigen Empfang des allerheiligsten Altarssacramentes nach Kräften zu vermehren. Wie der Anblick der sichtbaren Schöpfung ein reines Gemüth zu dem Schöpfer erhebt, so kann auch der Schmuck der Altäre, der Laut der Gesänge, die stumme Predigt der bildlichen Darstellungen dazu beitragen, in dem Herzen die Ahnung der Herrlichkeit unseres GotteS zu erwecken. Zugleich ist die rege Bemühung, den bei uns weilenden Erlöser auch mit äußeren Huldigungen zu umringen, eine Bethätigung des Glaubens und der Ehrfurcht, welche schon durch die Macht des Beispieles auf die Gemüther wirkt. Darum, theure Mitarbeiter, thut Alles, was die Verhältnisse Euch gestatten, um den auf dem Altare gegenwärtigen Gott auch äußerlich zu ehren und jede gottesvienstliche Handlung, in welcher ihm der Zoll der Anbetung dargebracht wird, so feierlich als möglich zu begehen. Eure besondere Aufmerksamkeit verdient die erste Communion der jungen Christen. Wenn sie mit entsprechenden Feier- lichkeilen umgeben und von einer herrlichen Ermahnung begleitet ist, so hinterläßt sie dem Herzen einen Segen der Erinnerung, welcher nicht so leicht seine Kraft verliert. Hat man über keine großen Mittel zu verfügen, nun so lassen sich wenigstens Blumen finden, und der Heiland sagt ja von den Blumen: Salomon in aller seiner Pracht sey nicht so herrlich bekleidet gewesen, wie Eine von ihnen. Vor Allem aber, AuS- spender der Geheimnisse GotteS, bietet die ganze Kraft der Unterweisung und Ermunterung, die ganze Ausdauer der Mühewaltung auf, damit die Gläubigen oft und mit würdiger Vorbereitung zum Gastmahle des reinen LammeS hinzutreten. In Beichte und Eommunion sind Schätze verborgen, welche, wenn sie gehoben werden, zur Erneuerung eines Volkes vollkommen hinreichen, und kaum wird es irgendwo an Solchen schien, welche Eurer väterlichen Einladung bereitwillig entgegenkommen. 31t So bitt ich Euch denn noch einmal, Genossen der mir zugewiesenen Mühewaltung, leiht mir überall Eure Mitwirkung, wo eS den Herrn und seine Hcerde gilt, leiht sie mir insbesondere zu Erweckung und Kräftigung des regen Lebens, durch welches jeder Christ unseres weiten Kirchensprengels unser Mitarbeiter werden kann. Wie hoch der Mensch durch den Menschensohn, welcher im Himmel thront, erhöht worden sey, tritt am deutlichsten an dem Priester deS neuen Bundes hervor. „Der „Priester", sagt der heilige Ephräm, „ist ein staunenswerthes Wunder und besitzt eine unaussprechliche Gewalt; er berührt den Himmel, er verkehrt mit den Engeln, er geht mit Gott vertraulich um." Der Priester ist den Gläubigen gegeben, damit er ihnen an Christi Statt sey. Der Heiland hat gelehrt; dieselben Worte, welche aus seinem gnadenreichen Munde gingen, soll auch der Priester verkünden und mit treuer Unterweisung den Herzen einprägen. Der Heiland hat getröstet; in Betrübniß und Rathlo- sigkeit, in Noth und Schmerzen, im Beichtstühle und auf der Kanzel, am Krankenlager oder wo immer das Leiden ihm begegnet, soll der Priester den anvertrauten Seelen Trost von oben bringen. Der Heiland hat zu dem Gichtbrüchigen gesprochen: „Sey getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" und die Schriftgelehrten sagten bei sich: Dieser Mensch lästert Gott! denn daß der Sohn des lebendigen GotteS vor ihnen stehe, war ihren Augen verborgen, und daß es Gott allein zukomme, die Sünden zu vergeben, erschien ihnen als etwas Unwidersprechliches. Aber dem Priester ist eS verliehen, gleich dem Eingeboruen vom Vater zu sprechen: Geh' hin, deine Sünden sind dir vergeben. Groß ist der Heiland in den Wundern, durch welche er sich als den Gebieter der Körperwelt bewies; aber er hat viel Größeres gethan: denn er sprach beim letzten Abendmahle: „Dieß ist mein Leib. Nehmet hin uud esset Alle davon." Dieß hochheilige Wunder, in welchem die Allmacht und Barmherzigkeit des Allerhöchsten gleichsam die Unendlichkeit ihres Reichthums erschöpft hat/ der Priester des neuen Bundes wirkt es auf dem Altare, um welchen her die himmlischen Geister Wache halten. Freunde und Mitbrüder, dieß ist das Los der Ehren, welches auch Euch gefallen ist. Darum sey der erste Gruß, den ich an Euch richte, ein Preis des Glücks, das Euch geworden ist! Die Gestalt dieser Welt geht vorüber. Zwar unser Leib ist dem Gesetze der Schwere verfallen; aber unser Geist berührt schon hienieden die Gemeinschaft der Geisterwelt, in deren enthüllten Reihen nnser Ort seyn wird ohne Wechsel und Ende. Sollten wir uns nicht freuen, daß durch GotteS Erbarmung uns verliehen ward, was groß ist vor Gott und seinen AuSerwählten, waS groß seyn wird vor dem Richterstuhle, welchen alle Menschen und Engel in unermeßlicher Versammlung umringen werden? Allein nachdem der heilige Gregorius der Hoffnungen gedacht hat, welche uns bei Gott hinterlegt sind, fügt er die Ermahnung hinzu: „Zu großem Lohne kann man nicht anders als durch große Beschwerden gelangen. Daher spricht Paulus, der vortreffliche Lehrer: Gekrönt wird nur der werden, welcher vorschriftsmäßig gekämpst hat. So erfreue sich denn unser Geist an der Größe des Lohnes; doch lasse er auch von dem Dränge der Beschwerden sich nicht abschrecken." Die Verantwortlichkeit für das Heil unsterblicher Seelen ist eine schwere Last. Als die Söhne Jakobs von Neid getrieben wider Joseph ihren Bruder sich erhoben, gedachte Rüben, ihn ihren Händen zu entziehen und dem Vater zurück zu geben. Allein er ließ die Sache sich nicht sehr angelegen seyn; er entfernte sich, und mittlerweile wurde Joseph an die Jsmaeliten verkauft. Als er nun zurückkam und ihn vergebens suchte, zerrieß er sein Gewand und rief jammernd auS: Der Knabe ist nicht mehr da und ich wo soll ich mich hinwenden! Rüben scheute sich vor seines VaterS Angesicht zu treten, weil er nicht Alles, was er vermochte, gethan hatte, um den Liebling desselben vor der Knechtschaft zu bewahren. Und doch war dieß eine Knechtschaft, welche die Hoffnung auf Befreiung keineswegs ausschloß; wirklich wurde Joseph nicht nur von der Sklaverei erlöst, sondern der Pharao setzte ihn auch über ganz Ägypten, und er regierte daS Land, wo er gedient hatte, bis zu seinem späten Ende. Wenn nun, was die ewige Erbarmung abwende! — durch unsere Versäumniß eine Seele in die Bande des 312 Abgrundes geriethe, wie sollten wir mit freudigem Vertrauen vor das Angesicht unsers Meisters treten? Indem er diese Seele suchte, wurde sein Haupt von Dornen zerrissen, wurden seine Hände und Füße von Nägeln durchbohrt, wurde sein Herz von der Lanze durchstoßen, und nun ist sie verloren in alle Ewigkeit! Unstreitig verlangt er von uns nicht mehr als wir vermögen; aber Alles, was wir vermögen, verlangt er von unS, so wahr er die mit seinem Blute Erkauften liebt. Indessen vermögen wir Alles in ihm, der uns stärkt: denn es ist ihm alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Und will doch noch ein Bangen uns beschleichen, so wenden wir unS an die Mutter deS Trostes, deren Siegesfest wir heute begehen. Königin des Himmels, als du unter dem Kreuze standest, durchdrungen von dem bittersten Schwerte der Schmerzen, vernahmst du das göttliche Wort: Siehe, Weib, dein Sohn! Der dir zum Sohne gegeben wurde, war Johannes, welcher bei der Einsetzung des großen HuldgehcimnisseS an der Brust des Heilandes lag; es war Johannes, der Lehrer und das Vorbild der Nächstenliebe, dessen letztes Vermächtniß an seine Schüler lautete: Kinder, liebet einander! Auch ich und die Priester, welche dein Sohn mir zur Hülfe geordnet hat, sollen die Geheimnisse deS Heiles verwalten und um das höchste Werk der Nächstenliebe zu üben, um die Seelen zu retten, sind wir gesandt. So nimm auch unS zu deinen Söhnen an! Erwirb uns durch deine mütterliche Fürsorge Licht im Zweifel, Trost in der Widerwärtigkeit, Kraft in der Beschwernis), überall aber und in Allem den brennenden Eifer der Liebe! Mutter, hilf uns Jene selig machen, die unS anvertraut sind; dann erbitte unS dort einen Platz, wo Johannes seinen Meister anbetet und dich preiset und liebt in Ewigkeit. Amen. Gegeben zu Wien am Feste der Himmelfahrt Unserer Lieben Frau den 15. Aug. 1853. Joseph Othmar. Niederlande. AuS Holland enthält daS „Univers" einen interessanten Bericht, nach welchem die Katholiken zu Hoffnungen auf die Zukunft nicht unberechtigt sind. Der Erbprinz besuchte nämlich auf seiner Reise durch die ganz katholische Stadt Bormeer das dortige Carmeliterinnenkloster. Zur Zeit seines Besuches war eben der hochwürdige General- procurator dieses Ordens, ?. Priori, eingetroffen, um in den Häusern der Provinz Deutschland Visitationen zu halten. Der Prinz war über Alles, was er in dem Frauenkloster sah, sehr befriedigt und bat, als er von der Ankunft des Generalpro- cnratorS und von dessen glänzenden Eigenschaften — ?. Priori ist. Mitglied mehrerer Congregationen und einer der hervorragendsten Männer der ewigen Stadt — hörte, derselbe möge sich ihm vorstellen lassen. ?. Priori beeilte sich, der hohen Einladung Folge zu leisten und wurde von dem Prinzen auf das Herzlichste empfangen. Der Thronerbe redete viel von Rom, seinen Alterthümern und von dem Wunsche, es zu besuchen; er fragte namentlich nach dem Befinden Sr. Heiligkeit, und äußerte unter Anderem, er habe auch daö Bildniß desselben, leider aber sey dasselbe kein ganz gelungenes. ?. Priori, der zufällig im Besitze mehrerer sehr gelungener Portraits ist, bot dem Prinzen eines an, den dieses Geschenk nicht wenig freute, und der noch mehrere bronzene Medcu'llonS mit dem Brustbilde Sr. Heiligkeit und der Apostelfürsten dankend entgegennahm. Der Kronprinz versprach ?. Priori, wenn er nach Rom komme, ihn besuche» zu wollen, und äußerte, daß er sich inzwischen, bis es ihm vergönnt wäre, dem heil. Vater persönlich seine Huldigung darbringen zu können, mit dem Anblicke seines Bildes entschädigen werde. Wenn er auf die Katholiken und ihre Kirche zu sprechen kam, erhob er sich weit über die Norurtheile, welche in diesem Augenblicke seine Glaubensgenossen irreführen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags - Inhaber: F. C. Kremer.