Dr^z-Hnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 9. Oktober M- ^K. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprei« TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bauer. Postämter uud alle Buchhaudlougeu bezogen werde» kann. Joseph Ottmar von Rauschers, FnrsterzbischofeS von Wien, Hirtenbrief an alle Gläubige der Erzdiöcese Wien. (Schluß,) Deine Wohnung, o Christ, ist vielleicht recht arm und enge; ein Strohsack, ein paar hölzerne Stühle, ein Tisch, welcher kaum noch zusammenhält, und etwa ein Kasten machen die ganze Einrichtung aus und der Wind bläst durch die mit Papier verklebten Fenster. Aber, o Christ, deine Wohnung ist immer noch bequemer und reicher als die Höhle, wo das Jesuskind lag, als die Wüste, wo der Herr vierzig Tage lang fastete. Du mußt schwer arbeiten und bist doch kaum deines Lebensunterhaltes sicher. Aber der Heiland hat auch gearbeitet: denn er half seinem heiligen Pflegevater bei den Geschäften eines Zimmermannes mit allem Eifer, und als er das Reich Gottes verkündigte und Heil und Gnade mit vollen Händen ausstreute, war er des täglichen Brodes keineswegs sicher: denn er hatte nichts, was er sein eigen nennen konnte und lebte von Almosen. Du versicherst, eS sey dir ein großes Unrecht geschehen; man habe deine gerechtesten Ansprüche verkannt und dir Lcute vorgezogen, welche sich mit deinen Verdiensten, in keiner Beziehung messen können. Eö mag seyn. Aber als Pilatus die Juden fragte: Wen wollt ihr, daß ich euch loSgebe, den Barabbas oder Jesum, welcher Christus genannt wird? so schrieen sie: Nicht diesen, sondern den Barabbas. Und Barabbas war ein Aufrührer und ein Mörder, Jesus Christus aber der Sohn des lebendigen Gottes. Ist dir schon etwas Achnliches begegnet? Du bist krank, du bist an das Bett gefesselt. Du leidest große Schmerzen. AIS aber der Herr auf dem Hügel Golgatha ankam, war sein heiliger Leib ganz von Wunden zerrissen und in äußerster Ermattung. Man legte ihn in kein weiches Bett, sondern auf das harte, rauhe Kreuz, an welches man mit Nägeln ihn heftete. Sind deine Schmerzen nicht Linderung zu nennen gegen die Schmerzen, die er geduldet hat? Du hast viel Kummer und Kränkung und Sorge; das Leben ist dir znr Last. Blick aber auf den Oelbcrg! Reicht, waö du leidest, an das, was dein JcsuS litt, als er flehte: Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorüber gehen; als sein Schweiß zum Blute ward und in rothen schweren Tropfen niederquoll. Blick auf den Kreuzeshngcl: drei lange Stunden hindurch ringt dein Herr in Todesqualen und seiner Seele versagt er den Trost, welchen er dir bereitwillig sendet, wenn du dich mit Vertrauen an ihn weiltest. So groß und bitter ist die öde, lichtlose Pein, daß er klagend den Mund erschließt und ruft: Vater, Vater, warnm hast du mich verlassen? Christen, Erlöste des Lammes, warum wollt Ihr in Euren Leiden trostlos und verlassen bleiben? Ruft Euren JesuS und er wird Euch erscheinen; er kommt gleich dem Engel, welcher zu Petrus in den Kerker trat, und es erhellte sich die Finsterniß, uud eS sanken die Baude und die eisernen Thore thaten sich auf. Darum kommt, Freunde, kommt und versucht, wie lieblich der Herr ist! Die 322 Bilduugszustände unserer Zelt unterliegen schweren und berechtigten Anklagen. Wir wollen weder anklagen noch entschuldigen, sondern handeln. Ihr glaubt an den dreieinigen Gott, den Vater,'der Euch geschaffen, den Sohn, der Euch erlöset, den heiligen Geist, der Euch gekeiliget hat? Wohlan, so kommt, sein Heiligthum ist offen und seine Hand ausgestreckt, Euch zu empfangen! Kommt, die ihr geehrt seyd vor der Welt und reich an Geld und Gut! Die Fürschuug hat Euch hiernieden einen Ort angewiesen, welchen die Menschen glücklich preisen; wollt ihr Euch nicht auch deS seligen Ortes versichern, welchen der Herr Ench unter seinen AuSerwählten bereitet? Sind denn Besuche und Gastmähler, Schauspiele und Bälle eine gar so überschwengliche Seligkeit? Bon der Ferne her sehen diese Dinge ganz lockend aus, aber wer sie in Hülle und Fülle zu haben gewöhnt ist, langweilt sich oft genug dabei. B-im Herrn, der Euch zu seinen Miterben erkoren hat, findet Ihr mit dem wahren Ziele auch den höheren Gehalt deS Lebens, beim Herrn findet Ihr Trost und Erqui- ckn»g in Leiden, wider welche weder Gold, noch Titel und Würde helfen können. Beim Herrn findtt Ihr zugleich Sicherheit für Eure zeitlichen Güter. Sein Gesetz crmahnt Euch, daß Ihr gleich allen anderen Menschen nichts habt, was Ihr nicht empfangen hättet und über Alles, was Ihr empfangen habt, über die Gaben des LcibcS und der Seele: das Vermögen und die sämmtlichen Behelfe äußerer Wirksamkeit zu rcchuungspflicktigcn Haushältern bestellt seyd. Sem Gesetz gebietet aber auch denen, welche mit Neid und Sehnsucht nach Euren Bcsitzthümern blicken, die Fügungen Goltcs und die Schranken des Rechtes zu ehreu. Die Weisheit dieser Welt flüstert Euch in'S Ohr : laß dich durch armselige Bcdenllichkeiten nicht irre machen, dn wärest ein rechter Thor, wenn dn dir das gme Glück, welches dir Ansehen und Reichthum gab, nicht zu Nutzen machen und alle Begierden deines Herzeus befriedigen wolltest. Dieser Raihgebcr ist eine doppelzüngige Schlange! denn dein Armen predigt er: Du hast an den Lebensgenuß dasselbe Recht, wie der Reiche. Auf! sey ein Mann und mache dein Recht geltend! Kommt und sucht den Herrri, Ihr, welchen ein karger Anchcil an irdischer Habe beschicken ist. Das Leiden wohnt in der kahliir Stube, deren Bewohner mit dem Mangel am No!hdürsli.ien kämpft; es läßt sich aber auch durch die Thüren deö Prunkgemaches nicht ausschließen; eö besucrt den Hohen wie den Niedrigen und schont eeS Königs auf seinem Throne nicht. Allein' um Euch, seinen geliebten Frcuudcn, die Beschwernisse zu versüßen, in welchen Ihr Eure Treue erproben solll, hat unser göttlicher Meister selbst arm seyn wollen von der Krippe bis zum Kreuze, hat er seine gcbeuednle Mnlter und seinen heiligen Pflegevater arm seyn lassen und gering vor den Menschen. Bei ihm suchet Trost, und jtde Mühseligkeit und Entbehrung wird sich in ciu Unterpfand ewiger Güter verwandeln. Meistens hilft er Euch schon auf Erde, denn: Wer seine Armuth um Gotteswillen erirägt, der ist genügsam und fleißig; wem aber Fleiß uuv Genügsamkeit zur Seite gehe», der hat den Mangel an täglichem Brode selten zn furchten. Die Gottlosigkeit, deren Lästerungen Ihr in den letzten Jahren oft genug veruommcn habt, stellt sich zwar an, als ob sie-Euch herzlich bedauere, und macht Euch die schönsten Versprechungen. Hat sie aber auch Wort gehalten? Sie führt den Unglücklichen, welcher ihr Gehör schenkt, in die Wirthshäuser oder an noch schlimmere Orte; sie verwickelt ihn immer tiefer in Laster und Elend. Wenn nun vollends Gott zuläßt, daß mit der Freiheit und Gleichheit ein Versuch gemacht wird, so verlieren viele tansend fleißige Arbeiter ihren ante», gesicherten Erwerb; die liederlichen lreiben sich eine Weile auf den Barrikaden herum, erHaschen manchmal einen guten Trnnk, büßen aber dafür nicht selten daö Leben oder die geraden Glieder ein, uud nachdem mehr oder weniger Unheil geschehen ist, bleibt in der Hauptsache Alles beim Alten; eS gibt wie vorher Arme und Reiche. Ich wende mich insbesondere an dich, weitverbreitete Hauptstadt, welcher ich nnu die Dienste schulde, um derentwillen das bischöfliche Amt eingesetzt ist. Wien hat den Weg zur Größe unter dem Banner deö Kreuzes begonnen; es wuchs als Herberge und Markt für die Heereszügc, welche geschmückt mit dem Zeichen der Erlösung nach dcm Grabe deS Heilandes pilgerten. Durch die Fürsorge Leopold des Glorreichen, 323 welcher unter dcn gewaltigsten Helden der Kreuzzüge glänzte, schritt eS vorwärts, wie der Baum am Bachesrande gedeiht, uud schon begrüßte man cS als die Erste unter den christlichen Stätten, welche östlich vom Rhcine sich erhoben. Dadurch waren der Beruf und die Bahn, welche die Fälschung ihm für alle Zukunft anwies, gleichsam in Umrissen vorgezeichnet. Wien ist zu einem Mittelpuncte vou Bölkergeschickeu geordnet, aber nur darum, damit es zugleich ein Mittelpunct wahrhaft' katholisch, n Lebens sey. Wien hat rings um den uralten Kern der Babcnbergerstadt sich weithin ausgebreitet und ist reich geworden an allen Gütern des LebeuS; aber nur durch den glänzenden Thron, welchen Gott in seiner Mitte gründete, erheb es sich zn der Größe und Blü- the, durch die eö unter den Fürstinnen der europäischen Städte seinen Platz einnimmt. Als Ferdinand der Zweite gläubig vor dem Crucifire betete, welches der frommen Verehrung noch immer ausbewahrt ist, war für Europa und die Kirche ein entscbei-. dungSvoller Augenblick; aber auch die Zukunft Wiens lag auf der Wagschale. Bewaffnete Feinde waren rings um die Stadt, entmutigte Freunde uud siegjubelnde Fciuve waren m der Stadt; die Hofburg selbst erscholl von ungestümmen, drohenden Forderungen. Wenn der bedrängte Herrscher dem unvermeidlich Scheinenden sich fügte, so war in Deutschland die katholische Kirche der Uebermacht ergrimmter Wiversacher preisgegeben, und der Thron des Hauses Habsburg gestürzt. Wien aber würde, wenn daS Lamm Gottes von den entweihten Altären und der Reichsadler von der Hofburg entwichen wäre, bald nichts mehr gewesen seyn, als eine von dcn türkischen Horden umschwärmte Gränzfestung und bei den zersplitternden Erben seiner Macht nnd Zukunft nicht einmal Schutz wider die Sklaverei gefunden haben. Allein Ferdinand der Zweite war mir höherer Kraft gegürtet: denn er suchte nicht, waö sein, sondern was Gottes war. Er harrte aus, und gleich den Posaunen Gedeons erschollen plötzlich die Trompeten einer kühnen Reiterschaar m Mitte deö Aufruhres und seiner Entwürfe; mit HabSburg und der Kirche war Wien gerettet. Jahrhunderte liegen zwischen uns und diesen Ereignissen; dennoch reichen sie in die Gegenwart hinein. Dieselbe Gedankcnmacht, deren Entwicklung jener denkwürdige Tag zum Stillstand brachte, hat sich uns in ihrer volleil. Reife ohne Larve und Schleier gezeigt. Die Freiheit von der Kirche und jedem Herrscher, der ihr huldigte, ist zur Freiheit von der überirdischen Welt und ihren Gesetzen, von der Rechtsordnung und ihren Schranken vorgeschritten. Als diese Freiheit an den Strängen der Stnrmglocke zerrte und Banden von Miethlingen und Fremden wider Gott und den Kaiser zusammenrief, pochten zwei schlimme Gäste, die Verödung uud die Erniedrigung, schon an dcn Thoren von Wien, und trugen großes Verlangen, eö sich in den entvölkerten Gassen recht bequem einzurichten. Der Sieg, welchen Gott dem kaiserlichen Adler verlieh, war ein Sieg des Friedens und der Gerechtigkeit; eö war aber auch ein Sieg der schützenden Engel, welche über Wien schweben. Darum vereinigt Euch mit mir Alle, die Ihr Wien Eure Heimat!) nennt, Alle, die Ihr für Wiens Blüthe ein Herz habt; wir wollen getren zusammenwirken, damit Wien vollkommen sey, wozu Gott es machen will; damit Wien durch die Kraft seiner katholischen Gesinnung und die Treue, welche eö dem Throne seiner Herrscher weiht, eine weithin strahlende Leuchte sey. Die Verhöhnung deö Glaubens, die Verfälschung der sttilichen Ordnung, die Anpreisung des Umsturzes ist keine bei uns heimische Pest. Dieß Alles kam aus der Fremde und redete anfangs mit fremder Zunge. Lange Zeit hindurch hat dieß AUeS einen zanbergleichen Reiz geübt. Man glaubte in vollem Ernste, eine ganz neue Welt bauen zu können, uud diejenigen, welche die Völk-rge- gcschicke vom rechten Mittelpuncte auö überschauten, wagten kaum noch die Stimme der Warnung zu erheben: denn wenn sie den eigentlichen Sitz der Krankheit zu enthüllen wagten, so wurden sie fast wie Geisteskranke behandelt. Dieser fieberhaft glühende Reiz ist ermattet. „Wir sind müde geworden auf dem Wege der Ungerechtigkeit und deö Ververbens; wir sind beschwerliche Weae gegangen; aber den Weg deS Herrn haben wir nicht gekannt." DaS ist ein schreckliches Wort, wenn eö dort nuten in der ewigen Nacht gesprochen wird; hier oben, wo daö Krenz und die Hoffnung ist, kann 324 cS zum Losungözeichen der Umkehr werden. Eben in dem Lande, wo die Bethörung geboren und groß gezogen wurde, macht sich min die Anerkennung Raum, daß die beschwerlichen Wege, welche man gegangen, nicht zum Heile, nicht einmal zum Möglichen führen. Man fühlt sich sehr müde, man ahnt, daß man nicht gut gethan habe, den Weg des Herrn zu verlassen; man sehnt sich nach gesicherten Grundlagen für den Glauben, die Sitte, die Rechtsordnung und ruft die Hilfe des Christenthums an. Ihr aber, Söbne des katholischen Wiens, sollt mehr thun, Ihr sollt Euch an die Spitze des wahren Fortschrittes stellen, deS Fortschrittes nämlich, welcher nicht ruht, bis er auf dem Berge Gottes angekommen ist. Der oberste Hirt und Bischof unserer Seelen hat mir die Sorge für Euer ewiges Heil auferlegt; indem ich nichts versäume, was Euch zum Segen gereicht, diene ich dem gnadenreichen Herrn, welchen ich im Lichte seiner Hoheit zu schauen hoffe. Ich bin in Eurer Mitte geboren; der gewaltige Dom, welcher Eure Stadt überragt und fast jede Krümmung der Straßen, die ihn umgeben, verwebt sich in meine frühesten Erinnerungen. Alles vereinigt sich, um Wiens und Euer Heil mir zur Herzenssache zu machen. Darum hört meine Worte mit freundlichem Vertrauen! Das katholische Leben wurzelt iu der Kraft einer Ueberzeugung, welcher Gott die Kirche zur Hüterin gegeben hat. Der Mensch steht viel zn hoch, als daß er in Dingen, von welchen das Schicksal seiner Ewigkeit abhängt, einem Geringeren als dem Allmächtigen glauben sollte. Darum spricht der Herr selbst durch den Mund der Kirche zu uns. Durch den Dienst der Kirche spendet der Herr uns seine Gnadenmittel. Die Einrichtungen, durch welche die Kirche Glauben und Liebe pflegt, sind Blüthen, welche der FrühlingShanch des göttlichen Geistes hervorgelockt hat. Der heilige Cy- prianus sprach: „Nicht kann Gott zum Vater haben, wer die Kirche nicht zur Mutter haben will." Damals ergossen noch die Gnadengaben des heiligen Geistes sich wie Ströme des Lichtes über die gläubige Gemeinde. Wir ermattete Kinder einer späten Zeit bedürfe» jeder Hilfe, welche die Kirche uns vermittelt, wo möglich noch nothwendiger, als jene Glaubenshelden, welche mit Gefahr des Lebens sich zum Gottesdienste herbeidrängten. Darum, Freunde und Landsleute, nehmet die Plätze ein, welche den Mitgliedern der katholischen Kirche im Hause Gottes gebühre». Wie die körperlichen Fertigkeiten durch Uebung erworben und vervollkommt werden, so gewinnt auch dasjenige, was dem eigensten LebenSkreise des Geistes angehört, nur durch Bethätigung seine volle Krast. Wer höchstens alle Sonn- und Feiertage sich in der Kirche zeigt, um einer (möglichst kurzen) Messe beizuwohnen, weiß gewöhnlich nicht, was er während des hochheiligen Opfers anfangen solle und eilt aus den geweihten Räumen wieder hinauszukommen. Die Kirche führt in der Reihe ihrer Feste die Geheimnisse deS Heiles jährlich an uns vorüber. Wenn wir diesen lichten Spuren mit einiger Theilnahme folgen, so werden wir in der Welt, für welche wir geschaffen sind, jährlich heimischer, und das ist ein großer und wahrhaft katholischer Fortschritt. Dadurch mildert sich allerdings der fieberhaste Drang nach Geld und Gut, welcher die Lehrlinge der aufgeklärten Weltansicht verzehrt; allein dieser Drang verzehrt nicht nur die Herzen, sondern bedroht auch den ganzen Bau der bürgerlichen Gesellschaft. Dagegen wird jede Thätigkeit, welche vor Gott wohlgefällig und für die Menschen von probe- haltigem Nutzen ist, durch ein mildes gleichbleibendes Feuer belebt. Mit einer GeisteS- richtung, welche von der katholischen Ueberzeugung beherrscht wird, kann der unauslöschliche Durst nach Unterhaltung nicht zusammenwohnen. Allein schändliche Lüste beflecken nicht nur die Seele, sondern zerrütten auch die Familien, und sogar daS heidnische Alterthum hat sehr wohl gewußr, daß das Sitteuverderbniß der Vorbote vom Untergange der Staaten sey: verkommenen Christen war es vorbehalten, die Segnungen der Ueppigkeit und Unlauterkeit zu verherrlichen. Mit dem an sich erlaubten Vergnügen verhält eS sich wie mit dem Dufte der Blumen. Im Garten, auf der Wiese ist er recht angenehm; doch in dem engen Raume eines Gemaches verursacht er Kopfweh, und wollte man im Schlafzimmer eine reiche Auswahl von Rosen, Lilien und Nelken ausstellen, so könnte man wohl gar den Tod davon haben. Ohne weise 325 ' Sparsamkeit lähmen die Erlustigungen jede höhere Thätigkeil und machen die Seele leer und kalt, auch leer an Freude und kalt für jedes schuldlose Vergnügen. Als man die Unterhaltungen noch auf die Sonn- und Festtage zu »ersparen pflegte und nicht leicht damit einen Anfang machte, bevor Litanei und Segen die gotteSdienstliche Feier beschlossen hatte, verstand man sich weit herzlicher zu sreueu, als mitten im Uebermaaße der alltäglich gewordenen Lustbarkeilen. Unter der Eisdecke des Gletschers bewahrt die Leiche einen täuschenden Schein des Lebens: wenn aber das Tageslicht in die finstere Klust hineinblickt, zerfällt sie in Staub. Wo Glaubcnslosigkeit und Genußsucht walten, dort werden die Entwürfe deS Umsturzes trotz der klarsten Belehrungen und der schrecklichsten Erfahrungen immer doch ihren täuschenden Schein be> Häupten und immer wieder gläubige Herzen finden; sie zerfallen aber in das Nichts, aus welchem die entbrannte Begierde sie hervorrief, wenn das Tageslicht der Gottesfurcht und des sittlichen Zartgefühls sie umgibt. Wo die katholische Ueberzeugung in ihre Rechte wieder eimritt, dort verschwinden die Gespenster, welche mit der europäischen Bildung ein so böseS Spiel getrieben haben, und ein neues Leben beginnt zu keimen. ES keime bei Euch, Freunde und Mitbürger, es wachst empor zu einem Baume deS Friedens, unter dessen Schatten die Völker sich lagern! Gnadenreicher Vater! In Demuth und Hoffnung empfehle ich Dir die Gemeinde, die Du mir anvertraut hast! Groß ist die Zahl der Frommen, welche auS dieser Stadt und diesem Lande zu Dir hinübergegangen sind, und sie werden ihre Fürbitte mit meinem Flehen vereinigen. Allmächtiger, der Du thronest über den Cherubim, steige nieder in Deiner Herrlichkeit und offenbare an uns die Fülle Deiner Huld, welche wie das Verdienst so die kühnsten Wünsche deS Betenden übersteigt. - Segne den Herrscher, welchen Du an einen hohen Ort der Stürme gestellt hast; durch Dich sey er mächtig, Dein Reich auf Erden mit undurchdringlichem Schilde zu decken! Segne diese Stadt, welche Deine väterlichen Erbarmungen schon oft erfuhr; durch Dich sey sie die Heimach jeder christlichen Tugend! Segne das ganze Reich, welchem Wien das Beispiel muthiger Glaubenskraft schuldet; durch Dich sey es der Felsen, an welchem die Sündfluth glaubensloser Bestrebungen ihre Wogen bricht. Amen. Gegeben zu Wien am Feste der Himmelfahrt Unserer Lieben Frau den 15. August 1853. Joseph Othmar, Die sonntäglichen Christenlehren für Erwachsene. x*«, Bamberg, 3. Oct. Wie die „Katholischen Blätter auS Franken" meldeten, haben sich einige Seelsorgepriester hiesiger Stadt erboten, mit dem ersten Sonntage im October beginnend, einen CursuS katechetischer Predigten über alle christka- tholischen Glaubens- und Sitteulehren Abends 4 Uhr jeden Sonntag in der Pfarrkirche zu U. L. Frau abzuhalten. Wir wohnten dem ersten einleitenden Vortrage bei, der vor einem sehr zahlreichen Auditorium auS allen Ständen abgehalten wurde, und müssen gestehen, daß wir den Gründen für die Nothwendigkeit solcher Vorträge neben den sonn- und festtägigen Predigten, die der Prediger in diesem Vortrage darlegte, vollkommen beistimmen können. Der Hauptgrund, sagt der Katechet, liege in der Mißkennung des Zweckes der sonntägigen Christenlehren von Seite der meisten Christen, Man halte sie, besonders in Städten, nur eigentlich für „Kinderlehren", weßwegen sie von Seite erwachsener Christen sich fast gar keiner Theilnahme zu erfreuen hätte», wie die Erfahrung lehre; während doch gerade die sonntägigen Christenlehren von der Kirche zu dem Zwecke angeordnet seyen, allen Christen ohne Ausnahme, die nicht eine anderweitige Gelegenheit haben, sich unterrichten zu lassen, eine Gelegenheit zu bieten, ihr in der Jugend erhaltenes Glaubenswissen zu erneuern, das etwa noch Lückenhafte auszufüllen, aber auch in manchen Puncten vermöge der nun zu gebenden tieferen Be- 326 gründung NeueS zu hören, nach der Mahnung des Apostels: „Wachset in der Kenntniß GotteS!" Denn das werde Niemand verkennen, daß dem Kinde nur gleich« sam die Milch der Lehre geboten werden könne, und eS deßwegen an den Erwachsenen sey, nunmehr auch die festere Speise zu genießen. Sich aber über alle Puncte der göttlichen Offenbarung unterrichten zu lassen, daö sey ja nicht etwa der Willkür deS Einzelnen überlassen; denn einerseits sey an die Hinnahme der göttlichen Offenbarung ja durch Gott selber die Erlangung des ewigen Lebens geknüpft, und andererseits müsse aber gewiß von Jedem auch zugegeben werden, daß es mit der unendlichen Weisheit Gottes nicht vereinbar wäre, anzunehmen, Gott habe irgend einen Punct der Glaubens- und Siitenlehre umsonst geofsenbaret. Ein streng zusammenhängender, fortlaufender Unterricht über die ganze Summe aller christkatholischen Glaubens« und Sittenlehren könne aber durch die Sonn- und Festtagöprcdigten nicht gegeben werden. DaS sey auch ihr Zweck gar nicht; sondern sie hätten vielmehr zunächst auf die Bedeutung der treffenden Feste hinzuweisen uud zu deren würdiger Feier zu entflammen, im besten Falle könnten in denselben höchstens nur die allgemeinen Wahrheiten vorgetragen werden. Einen zu- sammcnhängenven und fortlaufenden Religionsunterricht zn geben, sey eben nur Aufgabe der Christenlehren. Den Christenlehren beizuwohnen sey man daher in eben dem Grade verpflichtet, als man verpflichtet sey, die ganze Summe der göttlichen Offenbarung in sich aufzunehmen. Hiebei sey noch ein dreifacher Umstand nicht zu übersehen, nämlich: 1) Was man in seiner Jugend gehört, könne der Beschaffenheit des Menschen gemäß nicht Alles und für immer im Gedächtnisse haften bleiben, wenn cS nicht von Zeit z>! Zeit wieder aufgefrischt werde; 2) immerhin sey die Zahl derjenigen nicht gering, deren Fassungskraft in der Jugend sehr schwach gewesen, und welche also jetzt in ihren reiferen Jahren eines wiederholt gründlichen Unterrichtes so bedürftig seyen, als ein Kind; 3) müsse jeder Mensch schon an und sür sich je zuweilen wieder auf den Umfang seiner Pflichten hingewiesen werden, wenn er nicht in Lauhcit verfallen soll. Bei solcher Sachlage nun, und neben der Erfahrung, daß die SonntagSchristen- lehren in den Städten von Seite erwachsener Christen fast ganz vernachläßiget werden uuv erstere sich in nicht recht zu billigender Weise an manchen Orten von der Kirche in die Schulzimmer zurückgezogen haben; seyen nun katcchetische Vorträge für Erwachsene ein wahres Bedürfniß geworden. Aber auch in der gegenwärtigen Zeitlage liege ein zweiter Hauptgrund zur Abhaltung solcher katechetischer Vorträge für Erwachsene. Nun entwickelte der Katechet in längcrem Vortrage, wie die sittliche Verkommenheit mit der Verkommenheit im religiösen Wissen auf das innigste zusammenhänge, und letztere erstere zur nothwendigen Folge haben müsse. Und hierin liege der Hauptkeim der unheilschwangeren Krankheit unserer Zeit. Und je greller dieses Uebel unter den verschiedenartigsten Formen zn Tage trete, desto eifriger müsse man die Arznei bereiten, die eS zn heben im Stande se». Und das sey eben in erster Reihe ein gründlicher Unterricht in den religiösen Wahrheiten sür die erwachsenen Christen. Wie wahr dieß s«y, müsse in die Augen springen, wenn man die drei Haupt- gesahren der Zeit für jeden Christen namhaft mache, welchen allen nur vor Allem durch einen scstbegründetcn Unterricht in der Wahrheit auögewichen werden könne. Diese seyen aber: 1) die Glaubensgleichgültigkeit, die von den »reisten Christen hent zu Tage gleichsam schon mit der Muttermilch eingesogen werde; 2) die mächtige Flnth schlechter Schriften, welche im Dienste des Unglaubens uud des alle guteu Keime der Religiosität erstickenden Gcistcö der Zeit stehen; 3) endlich die Sittensäulniß, welche in der menschlichen Gesellschaft wie eine Pest um sich greife und alles Schwache hinzuraffen drohe. Die nähere Ausführung dieser drei Puncte können wir hier natürlich nicht geben, weil sie die Gränzen unseres Briefes überschreiten würde. 327 Gewiß hat Jeder die Ueberzeugung mit sich genommen, daß die Abhaltung solcher katechelischer Vorträge für Erwachsene ein Punct sey, welcher in unserer gegenwärtigen Zeit der allgemeinen Beachtung und Nachahmung wohl werth wäre. Schließlich möchte es die Billigkeit erfordern, in dankbarer Weise anzuerkennen, mit welch großer Thätigkeit und sichtlichem Erfolge unsere Seelsorgcgeistlichkeit in neuerer Zeit auf mannigfache Weise durch Wort und Schrift einen bessern Geist in die hiesige Bevölkerung zu bringen bemüht war, weßhalb auch daS Eingehen deS „Bamverger VolköblatteS" mit Recht allgemein sehr bedauert wiro. Amerika. Seit einiger Zeit beginnt eine Besserung im Zustande der südamerikanischen Staaten einzutreten. Die spanisch-amerikanischen Völkerschaften sind durch die von Nordamerika eingedrungcnen und durch die Freimaurer verbreiteten falschen Freiheitöideen an den Rand des Verderbens geführt. Die Freimaurer, welche sich in Folge der Revolution gegen Spanien in den Besitz aller politischen Macht und alles Einflusses gesetzt hatten, legten es darauf an, diese katholischen Staaten zu zerstören, und so die Trümmer derselben den protestantischen Nordamerikancrn in die Hände zu liefern. Sie bewirkten die Aufhebung der Klöster, die Einziehung der Kirchengüter, suchten den Einfluß der Geistlichkeit in aller Weise zn mindern und die Verbindung der Bischöfe mit Rom zu erschweren. So verwundeten sie durch Unterdrückung der Religion das uatiouale Leben dieser Völker, die ihre Bildung und frühere Blüthe, ja sogar ihre Erhaltung der katholischen Kirche zu verdanken haben, und wurden die Ursache ununterbrochener Revolutionen und Umwälzungen im Innern. Die Staaten wurden immer schwächer, während die Nordamerikaner wie abgerichtete Hunde beständig auf der Lauer standen, um jedes abfallende Stück sofort zu verschlingen. In dieser Weise haben die vereinigten Staaten von dem schönen Mexico bereits TeraS, Kalifornien und andere Theile abgerissen, und schicken sich jetzt an, den ganzen Staat zu verschlingen. Diese äußerste Gefahr scheint die südamerikanischen Staaten aus ihrem Schlummer aufgeschreckt und in neuester Zeit eine Reaction gegen die protestantisch - sreimaurcrischen Bestrebungen Nordamerikas hervorgerufen zu haben. Santa Anna, der neue Präsident von Merico, hat die Nothwendigkeit eingesehen, eine Annäherung an Spanien, als den natürlichen Bundesgenossen der südamerikanischen Staaten cmzubahucn, und so eine Wiverstandö- traft gegen die Feinde nach Außen zu wecken. Er hat die Kirche zu Hülfe gerufen, um die Ordnung im Innern wieder auf einem dauernden Fnndamente, auf der Religion, zu gründen. Er hat beschlossen, den Jesuitenorden, der um die Völker Amerikas sich so unschätzbare Verdienste erworben hat, wieder herzustellen, um so eiue tüchtige wissenschaftliche und religiöse Bildung bei der Jugend zu verbreiten. So ist eS ihm gelungen, ein kräftiges Regiment im Innern deS Staates zu begründen, uuv die Aufstandsversuche der Partei der Unordnung an allen Orten mit kräftiger Hand niederzuschlagen. Bereits wirkt daö Beispiel Mericos günstig auf die übrigen Staaten ein, und selbst Neu-Granada hat sich bewogen gefunden, den verbannten Erzbischof von Santa Fe zurückzurufen. Aus alle dem geht hervor, daß in Südamerika derjenige Weg jetzt wenigstens betreten ist, auf dem allein eine religiöse und politische Wiedergeburt der dvrtigeu Staaten möglich ist Ganz Europa und vor allem die kaiholische Kirche hat daö allergrößte Interesse, daß diese Wiedergeburt gelingen und glücklich durchgeführt werden möge, weil das Elend nicht abzusehen wäre, wenn die neuen Barbaren der Civilisation, die Nordamerikaner, von dem Gegengewichte, das ihnen jetzt noch in Merico und den übrigen südlichen Staaten entgegensteht, befreit, mit dem ganzen Gewichte ihrer revolutionären Gewalt sich auf Europa werfen könnten. (W. K. B.) _ 328 Zur Kirchenstatistik. Die Wiener Kirchenzeitnng gibt den Bestand der Christenwelt also an: 194,500,000 lateinische Katholiken; 4,500,000 griechische 200,000 armenische 530,000 maronitische „ 35,000 syrische 20,000 chaldäische 15,000 koptische 200,000 syrochaldäische „ (unirte Jakobiten.) (unirte Nestorianer.) (unirte Thomaschisten) Summa: 200,000,000 Katholiken. Ferner: 64.000,000 schiSmatisckie Griechen. 3 000,000 armenische > 'V.^ babessinische Monopbysiten. o00,000 syrische i ^ ^ 200,000 koptische ' 100,000 syrochaldäische Thomaschisten. 500,000 chaldäische Nestorianer, 5,000,000 RoSkolnilen in 30 Secten. Davon Summa: 75,100,000 orientalische nicht katholische Christen. Die Protestanten sind in 40 große und mehr als 110 kleine Parteien gesplittert, 18,000,000 Lutheraner. 15,000,000 Anglikaner. 12,000,000 sogenannte unirie Evangelische. 7,000,000 deutsche, holländische und helvetische Calvinistm 6.000,000 Methodisten. 5,000,000 Preöbyterianer. 5,000.000 calvinistische Baptisten, 12,000,000 andere Sccten. Summa: 80,000,000 protestantische Christen, Joppe. Ueber den Zustand der Christen in Joppe gibt die A. Z. nachstehende traurige Schilderung: Die Einwohner der Flecken und Städte umher sind Hieher in die Stadt Jcppe gefluchtet, aus Furcht vor dem Pöbel, der von Begierde nach Mord und Plünderung der Christen brennt. Aller Handel und Verkehr mit dem Innern ruht. Niemand wagt sich außerhalb der Mauern, wo der erste beste Osmanli sie mit dem Tode bedroht. Dem Gouverneur fehlen alle Mittel, die Bevölkerung im Zaum zu halten und die Verbrecher zu bestrafen. Verantwortlicher Redacteur: ? Schönchen, Verlags - Inhaber: F, E. Kremer,