Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Pojhettung. 16. Oktober M ^2. 1853, Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« 50 lr., wofür «« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu tonn Ein Religionsfest in Bengalen. (Nach dem Englischen von vr, E. Z. im „Ausland" ) Das Dorf, in dessen Nähe die PujahH) gefeiert wurde, welcher ich beiwohnte, war nicht sehr weit von einer der vornehmsten Städte BengalcnS entfernt, einer Stadt, die vielleicht eine halbe Million Einwohner zählt und ringsum von einer Menge stark bevölkerter Dorfschaften umgeben ist. Daher wird man sich leicht vorstellen können, welche Menschenmassen sich von allen Seiten nach jenem Orte hindrängten, um bei dem Feste einer Gottheit gegenwärtig zu seyn, welche alle verehrten; denn in dieser Gegend ist der Bramaismuö der vorherrschende Glaube. - - Es war Mittag, als ich in meinem Palankin auf dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze anlangte, und da ich mit dem englischen Einnehmer von Nandapur befreundet war, so erhielt ich Zutritt zu dem Kreise der bevorzugteste» Leute und faßte Posto unter dem erquickenden Schatten eines weitästigen Jambusenbaumö. Ich hatte Zeit und Gelegenheit, die Oertlichkeit und das Volk ringsumher zu betrachten, deun die heiligen Gebräuche hatten noch nicht begonnen. Der Platz, auf dem wir uns befanden, lag inmitten eines weiten, hie unv da bewaldeten ThaleS, und bot eine malerische Aussicht auf einen ziemlich breiten Fluß dar, welcher nach Nadapur zu strömte und jetzt mit zahllosen Booten voll Menschen bedeckt war, die alle zum Feste eilten. Auf dem diesseiu'gen Ufer standen mehrere von Bambus und Blättern rasch/aufgeschlagene Buden, in denen Anstalten zu den verschiedenartigsten Belustigungen getroffen wurden, welche letztere in einigen derselben ° bereits ihren Anfang genommen hatten. Die weiten Eingänge, Wände und Dächer waren mit Blumen und Laubgewinden geschmückt, während hoch oben am Gipset bunte Flaggen und Wimpel schlaff und regungslos in der tropischen MirtagSsonnenhitze dahinten und sich vergebens nach einem frischen Lüftchen sehnten. Vm den höchsten Gipfeln einiger der größten Bäume — und die Bäume sind hier groß — ragten lauge Stangen mit andern vielfarbigen Flaggen und Fahnen zum Himmel empor. In kühlen, schattigen Winkeln, wo dichte Dschungelnbüsche wuchsen, zu andern Zeiten der Aufenthaltsort der wildesten, blutdürstigsten Tiger oder noch schlimmerer Wesen, der ThagS, saßen kleine Gruppen angesehener Hindufamilien in schweigender Erwartung. Der stolze Zemindar des Distriktes, der unerbittlich strenge Tulukdhar, der Schrecken der Ryots, und der quälende Putjndhar^) waren alle dort in morgcnländischem Feudal, pomp zu schauen. So weit der Blick reichte, wogten uud wallten Menschen durch das grüne Thal. Tausende und abermals Tausende strömen von allen Puncten herbei und drängten sich nach dem Orte hin, wo die bunten, lustigflatternden Fahnen *) Pujah (sprich: Pudschah) bedeutet im Sanskrit: „Verehrung". Anm. d. Uebers. Zemindar heißt der Steuerpächter einer Provinz, welcher der Regierung direct für die zu erhebenden Steuern verantwortlich ist. Unter ihm stehen die Tulnkdhars, Putindhars, MostaghrS u. s.w., welche die armen Ryots (Bauern) auf alle erdenkliche Weise aussaugcu. 330 und rasselnden Trommeln den Anfang der Pujah verkündeten. Das unaufhörliche Gesumme der ungeheuren Menge glich dem Rauschen der MeereSwellen, die in weiter Ferne gegen eine felsige Küste schlagen. Schmerz, Freude, Klagen, Jubel, Gebete und Gesänge, welche sich mit den Ausbrüchen des Wahnsinns oder dem Geschrei der Frömmler zu einem seltsamen gewaltigen Mißklang vereinten; die Hitze und das blendende Sonnenlicht, die vielen neuen und ausfallenden Trachten, daS Meer von dunklen Gesichtern und hellfnnkelnden Augen, welches ringö um das mannigfaltige prachtvolle Laubwerk wogte uud einen eigenthümlichen Gegensatz zu der Anmuth und Lieblichkeit ferner Hügel und Wälder bilvete — alles dieß vereinigte sich zu einem Riesengebilve, daS ich nimmer zu vergessen aber eben so wenig zu beschreiben vermag. Meine Aufmerksamkeit ward indessen bald auf einige Zurüstuugen gelenkt, welche mau in meiner Nähe machte. Ich hatte vorhin mehrere ungeheure Pfähle auf einer Anhöhe bemerkt, von welchen verschiedene eigenthümliche Instrumente an Seilen herabhingen, deren Gebrauch ich nur vom Hörensagen kannte; dort entfaltete man jetzt eine geräuschvolle Thätigkeit. Mehrere Fest- uud Pvlizeidiener «riebe» die Menge zurück, um einen freien Platz ringö um einen der höchsten Pfähle herzustellen; dieß war eine sehr schwierige Arbeit, deuu die Menschenmasse war dicht zusammcngekeilt uud befand sich in einem ziemlich aufgeregten Zustande. Trotzdem gelang eö ihnen endlich, und da ich deu Raum zwischen dem Ort, wo daS Schauspiel aufgeführt werden sollte, und meinem Standpunct von Neugierigen gesäubert sah, so begab ich mich in die unmittelbare Nähe deö Pfahles. Diesen umschloß ein Kreis von Fakirs, einer Art von Einsiedlern, welche hoffen uud fest glaube», daß, wenn sie ihre Glieder in die verschiedensten, faum denkbaren und mögliche» Stellungen hineinzwängen, sie sich die Gewogenheit irgend einer uuaussprechlichen Gottheit sichern uud damit einen allezeit fertt'gcn und znver- läßige» Paß zu irgend einem zukünftigen Zustande, von dem sie nicht den entferntesten Begriff habe» — wcu' ihre Frömmigkeit um so preiswürdiger macht. — Unter andern sah ich dort ein unglückliches Wesen, dessen langes, verfilztes, schmutzig rothes Haar auf die Schulttr» herabhing und dessen einer verdorrter Arm regungslos über seinen Kopf hinausragte; derselbe war vor Zeiten in diese unnatürliche Stellung hineingezwängt worden; was dazumal eine Handlung des freien Willens gewesen, war jetzr ein Ding der Nothwendigkeit: der Arm wollte nicht mehr in seine ursprüngliche Stellung zurückkehren, sondern starrte in fleischloser, scheußlicher Dürre zum Himmel empor. Ein anderer dunkeläugiger und dunkelhaariger Fakir hatte seine Hände seit Jahren so fest in einander gepreßt, daß die langen, krallenartigen Nägel dnrch die Flächen derselben gewachsen waren und 5uf der Rückseite zum Vorschein kamen. Noch andere sah ich, welche ein dickes Seil im wahren Sinn des Wortes durch ihr Fleisch gefädelt hatten, daö ihren Körper in vielfacheil blutigen Windungen umschlang; auch waren mehrere junge Frauenspersonen da, deren Nacken uud Schultern eine Menge tief ins Fleisch gebohrter scharfer kurzer Nadeln zur Schau tragen. Ein Mann, und zwar eiu noch sehr junger Mann, hatte sich eine Art von Wurfspieß gerade durch den fleischigen Theil seines Fnßes getrieben, so daß der dicke hölzerne Griff dem Boden zugekehrt war, und schien im Gehen durchaus keine Unbequemlichkeit davon zu spüren. So gab es noch unzählige andere, welche sich alle selbst verstümmelt, gefoltert, gespießt und wie Geflügel, waö zum Braten auf's Feuer gebracht werden soll, aufgezäumt hatten. — Der Gegenstand aber, auf welche» sich alle Blicke richtete», war ein junges hübsches Weib, fast noch ein Kind in Haltung nnv Geberde, welches so traurig und doch so ruhig und beinahe glücklich auf dem Boden saß, daß ich mich nicht überreden konnte, man wolle ein so juuges und schönes Wesen aus eine so barbarische Weise martern. Und dennoch war es so. Ihr Gatte hatte nämlich vor mehreren Monaten eine gefährliche Reise nach einem entfernten Lande angetreten, und als er über die Zeit ausblieb uud sich Gerüchte über seinen Tod verbreiteten/gelobte sie, die angstvolle Gattin, dem Schiwa, dem Beschützer des Lebens, sich bei seinem nächsten Fest einer Selbstpeinigung zu unterziehen, wenn ihr Mann unversehrt heimkehre; dieser war zurückgekommen, und daö aufrichtige, treue Geschöpf war nun im Begriff, sich 331 Martern zu überliefern, vor welchen die Stärksten und Milchigsten unseres Geschlechtes unv Stammes zurückgebebt haben würden, Sie schante ihr kleines Kind zärtlich an, welches in den Armen einer alten Amme süß schlummerte und nichts von dem Opfer der Mutter wußte, wandle dann den Blick auf ihren Gatten, welcher in wilder Aufregung neben ihr stand, und gab daS Zeichen, daß sie bereit sey; der letztere, ein starkknochiger dicker Manu, stürzte wie ein Tieger auf diejenigen unter der Menge loS, welche sich zu nahe an die zu Marternde herandrängten und spielte mit dem Stock, den er in der Hand hielt, dermaßen auf den bloßen und beturbauteu Köpfen nnd den schwärzlichen Schultern, daß dem kräftigen Hackbrettschläger mancher grimmige Fluch zugeschleudert wurde. Die Amme mit dem Kinde, begab sich jetzt hinweg und mischte sich unter die Menge der Zuschauer. Gleich därauf eilten mehrere Männer und Frauen herbei, um die von dem Pfahl herabhängenden, schrecklich aussehenden Hacken in Ordnung zn bringen und ihrer Bestimmung gemäß anzuwenden. Ist eö möglich, dachte ich, daß man diese ungeheuren Marterwerkzeuge, welche stark genug sind, um einen Elephanten in der Luft schwebend zu erhalten, durch den Körper dieses WeibeS bohren will! Es ward mir weh um's Herz, als ich sah, wie man der Unglücklichen, welche, das Gesicht gegen den Boden gekehrt, dalag, zuerst eins und daranf daS andere jener scheußlichen gekrümmten Eisenstücke langsam und durch das Fleisch und unter die MuSkeln ihreS NückcnS bohrte. Als dieß geschehen war, hob man sie auf, und ich gewahrte dicke Schweißtropfen auf ihrer Stirn; ihre kleinen Augen schienen anfangs geschlossen zu seyn, und ich meinte, sie sey in Ohnmacht gefallen; aber als man sie anf ihre Füße stellte und sie dann vermittelst jener schrecklichen Hacken hoch in die Lnst emporzog, sah ich sie ganz ruhig herniederschauen. Sie spähte nach ihrem Gatten umher, und als sie bemerkte, daß seine Blicke fort und fort auf ihr ruhten, lächelte sie ihm zu, winkte mit ihren Händen und zog kleine Stücke der heiligen Kokusnuß aus ihrem Buseu und warf dieselben unter die 'gaffende Menge. EinS von diesen kostbaren Nußftückchcn zn erringen ward als ein besonderes Glück betrachtet, da man ihnen alle möglichen Zauberkräfte zuschrieb. Und jetzt ward die Pujal, iu der gehörigen Weise begonnen; die Seile, welche die eisernen Hacken trugen, waren so eingerichtet, daß, wenn man das eine Ende des Seiles anzog, welches über die Spitze des PfahleS lief, dieses vermittelst einer eisernen Scheide daö andere in Bewegung setzte, welches die Hacken und das daran schwebende Opfer trug. Zwei Männer ergriffen das bewegende Seil, und bald flog die Unglückliche rasch über den Köpfen der Menge hin und her, welche ihr schreiend und singend zujauchzte. Nicht als ob sie der Ermuihigung bedurft hätte — ihr Auge war uock fort und fort auf ihren Gatten gerichtet; eS däuchte uuir, sie lächle, so oft sich ihre Blicke begegneten. Sie gab kein Zeichen des Schmerzes, der Angst oder des Uutcrliegens: sie ertrug die Martern mit einer Siandhafiigkeir, auf welche mancher Held der Borzeit stolz gewesen seyn würde, und streute Blumen und Früchte unter die lärmende Menge. Es war mir, als ob mein Herz von einer Centnerlast befreit worden sey, als die wirbelnde Bewegung der Seile langsamer wurde, dann aufhörte nnd das unglückliche, mit Blut überströmte Opfer die grausame Marier überstanden hatte. Man legte sie anf eine Matte unter einigen weitästigen, schattigen Bäumen, und die Weiber brachten ihr in einer KokuS- schale einen Trunk frischen Wassers. Aber sie selbst dachte nicht an sich und au ihre Qualen; ihre Blicke schweiften unruhig umher; sie war nicht eher zufrieden, als bis ihr Gatte neben ihr saß und ihr kleines braunes Kind in ihren Armen lag, Ihre tiefen, offenen Wunden ließ sie nur mit etwas Gelbwurz-Pulver einreiben nnd mit einem frischen zarten Banancnblatt bedecken. — Ich wandte mich^ darauf von dieser Familiengruppe ab, um die weirern Vorgänge ringS um den großen Pfahl zn beobachten, wo sich abermals ein großes Geschrei und Gedränge erhoben hatte. Der Büßende oder Leidende war dießmal ein Mann von mittlerem Alter aus den untersten Schichten der arbeitenden Classe. Er schien vollkommen gegen jeden Schmerz abgestumpft zu seyn. Zwei Männer packten seine Rückenmuskeln und ein Dritter stieß die beiden Hacken ungestüm hinein. In der folgenden Minute sauste er schon so schnell 332 durch die Luft, als eS die Kräfte der Seilanzieher zu bewirken vermochten; trotzdem schien er mit diesen raschen Schwingungen noch nicht zufrieden zu sey», und ermunterte jene durch Zeichen und durch Zuruf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. Der Pöbel war entzückt über diesen Beweis vollkommener Ctandhaftigkcit, und gab seinen Beifall auf die verschiedenste Art und Weise zu erkennen. Dieser Mann ward volle zwanzig Minuten hin- und hergeschwungen; ich meinte aber zu bemerken, daß sein Enthusiasmus sich elwas vermindert habe, als man ihn nach Verlauf der genannten Zeit aus den Marterwerkzeugen erlöste. Die Veranlassung zu seinem Opfer konnte ich nicht in Erfahrung bringen, sie bezog sich aber ohne Zweifel auf die Errettung aus einer wirklichen oder eingebildeten Gefahr, welche natürlicher Weise der directen Einwirkung deö mächtigen Schiwa oder irgend eines gleich kräftigen Stellvertreters zugeschrieben wurde. Die ärztliche Behandlung dieses BüßcrS'war über die Maaßen roh, und würde das Gefühl und die Gelehrsamkeit mancher unserer Regimentschirurgen empört haben, der <5ivilprakticanten gar nicht zu gedenken. DaS Gelbwurz-Pulver ward abermals angewendet, aber auf eine wahrhaft barbarische Weise. Man legte den Märtyrer ans den Boden, und ein anderer stellte sich ans seinen Rücken und trat das Pulver mit der Ferse in die Wunden hinein. Ich sah noch einen andern Mann emporziehen. Er hatte das Opfer gelobt, um das Leben eines vielgeliebten Schwe- sterklndes zu retten, und alö er sich mit stoischer Gleichgültigkeit hin- und hcrschwingen ließ, saß seine Schwester, ein junges Geschöpf mit ihrem kleinen Kinde, unweit deö PfahleS und schaute mit einer Miene zu ihm empor, in welcher man lesen konnte, daß sie sich statt seiner willig würde haben martern lassen. Diese armen unwissenden Geschöpfe verband eine Liebe untereinander, welche, mächtig wie sie war, allen hochbegabten Bewohnern deö Westens zur Ehre gereicht haben würde. Und eö ist hiebei wohl zu beachten, daß dieß Opfer sich auf die Vergangenheit bezog; es war ein Opfer der Dankbarkeit und nicht eins, was Hoffnung oder Furcht wegen der Zukunft veranlaßt hatte. — Noch manche andere Büßer wollten sich freiwillig martern allein ich halte bereits genug gesehen. Die Hitze, das Getümmel und die mancherlei seltsamen Düfte üble» üb'ekdieß einen so überwältigenden Einfluß auf mich aus, daß ich mich zum Rückzug anschickte AIS ich durch die dichte Menge hinschritt, welche mir ehrerbietig Platz machte, bemerkte ich eine bejahrte F'.au, die sich ebenfalls zu einer Peinigung vorbereitete, und zwar mit derselben Ruhe und Gleichgültigkeit, welche die jüngern Büßer und Büßerinnen an den Tag gelegt hatten. Ein großer kräftiger Mann stand neben ihr und sah den Znrüstungen mit ungemeiner Theilnahme zu. Es war ihr Sohn, und wie ich hörte, die Ursache ihrer gegenwärtigen öffentlichen Erscheinung. Vor sieben oder acht Jahren hatte die steinerne Gottheit ein Wunder gethan, wie eS hieß, und das Leben des Sohnes gerettet, worauf die Mutter denn sofort das Opfer gelobt hatte. Allein Armuth und Krankheit haticn sie bisher gehin-. dert, sich ihres Gelübdes zu entledigen; nach langer Zeit nun endlich im Stande, die den Priestern gebührenden Spertcln zn bezahlen, war sie aus ihrer fernen Heimalh herbeigekommen, um ihre Verbindlichkeiten gegen die Gottheit zu erfüllen. Ich eilte weiter, hörte aber noch in der Ferne das Jauchzen der entzückten Menge zu Ehren der standhaften alten Frau. Ein Jubelruf nach dem andern ward vom Wind herübergetragen und erstarb in dem Getöse der Trommeln, Pfeifen und Glocken. Mehrcrc Meilen im Umkreise war das Land in wild-fröhlicher Aufregung. Hunderte von fanatischen Gesellschaften schwelgten in religiösen Festgebräuchen. In einem aus Bambus und Blättern errichteten Sckuppen, welcher größer als die übrigen war, gewahrte ich im Vorbeigehen das junge Weib, das die furchtbaren Martern mit cinem so heroischen Muth ertragen hatte. Sie war eben so ruhig und heiter, als die sie umgebeuden Personen; hätte ich sie nicht an den schrecklichen Hacken in der Lust schweben sehen, ich würde mir haben einbilden können, daß sie so eben vermählt worden sey. 333 DaS dentfche MntterhauS der Brüder der christlichen Schule« in Koblenz. Die allgemein als nothwendig anerkannte Verbindung des Unterrichts der Ju- genv mit einer religiös-sittlichen Erziehung wird unstreitig am besten und nachhaltigsten unter Leitung eines der Jugendbilvnng sich widmenden religiösen Ordens zu erzielen seyn. Die Glieder einer solchen Genossenschaft wirken, unter einer Regel zu einem Ganzen vereint, gemeinschaftlich auf das als Lebensberuf sich gesteckte Ziel; eS sind die höchsten religiösen Motive, welche sie bei dem mühsamen Werke der Erziehung leiten und aufrecht erhalte»; alle irdischen Rücksichten sind durch die Gelübde auSge- schlössen; die Ersahrungen im Erz'ehungSzeschäste werden ein Gemeingut Aller und bleiben auch für die folgenden Zeiten; dadnrch wird eS einem Orden möglich, eine größere Einheit, liefere Einwirkuug und gleichmäßigeren Gang bei der Bildung der Jugend sich zu sichern, alS es eine Anzahl auch noch so tüchtiger weltlicher Lehrkräfte zu bewirken im Stande wäre. Diese Ueberzeugung war es, welche einen im Jahre 1850 in hiesiger Siadt zur Förderinn dcS katholischen Schulwesens zusammengetretenen Verein bestimmte, im Herbste desselben JahreS die Genossenschaft der Brüder der christlichen Schulen zur Begründung der ersten Niederlassung in Deutschland nach Koblenz zn berufen. Zur Wahl gerade dieses Instituts bewogen ihn die allgemein anerkannten Erfolge der Wirksamkeit derselben in Frankreich, Belgien, Italien und Amerika, besonders für eine gediegene christliche Erziehung der niedern Volksklassen. Von dem ehrwürdigen, nunmehr bereits selig gesprochenen I. B. de la Salle, Kanonikus der Liebfrauenkirche in Rheims, im Jahre 1680 gegründet und von Papst Benedict XII«. bestätigt, hat der Orden als ersten Zweck die Erziehung und AuSbil« dung der armen und verwahrlosten Knaben sich vorgesetzt, die er in Armen-, Handwerker- und Sonntagsschulen überwacht und unterweiset; außerdem übernimmt er auch die gewöhnlichen Pfarr- uud Volksschulen und besitzt nicht minder verschiedene Anstalten zur Ausbildung für das höhere technische und industrielle Leben, Bürger- und Realschulen, so wie Pensionate, in welchen Unterricht in den verschiedenen lebenden Sprachen, in Mathematik, Geschichte, Geographie, Physik, Feldmeßkunst, Buchhaltung u. s. w. ertheilt wird. Endlich bildet er auch Lehrer, die nicht dem Orden angehören, in Normalschulcn zu ihrem künftigen Berufe auS. Was die ausgedehnte Wirksamkeit dcS Ordens angeht, so dürfte folgende staiistische Uebersicht desselben vom December des verflossenen Jahres 1852 Interesse bielcii. Der Orden hatte damals: ^ Z S S A Brüder mit dreijährigen Gelübden. s S L « Z Schulen. Classen. Erwachsene in den Anstalten. « s? Pensionäre. Semin -Pensionäre. Lehramts-Astni anten in Normalschulen. Werkstätten. Gefangene. Waisenknaben. ^ L Zöglinge überhaupt. « « co r» s -51 Ä -o «> c>? m -x uz ?x uz ^ so ^ >« -» § c» u, oo >5I «> 5i -» IX 3SS3 34S8 708l Mitglieder. Die Thätigkeit der Brüder in ibrer hiesigen ersten Niederlassung, in welcher eine Schule mit vier Classen zum Unterricht der Jugend bis zur Stufe einer höheren Bürgerschule eingerichtet wurde, hat innerhalb der verflossenen drei Jahre recht erfreuliche Resultate, namentlich in Bezug auf die religiöse uud sittliche Erziehung geliefert und in weiten Kreisen Anerkennung gefunden, so daß von den verschiedensten Seiten Anträge in Bezug auf die Gründung neuer Anstalten eingelaufen sind. Bereits wurde eine Filialanstalt mit sechs Brüdern in dem neuerrichteten Knaben-Waisenhause bei 334 Koblenz gegründet, über deren segensreiche Wirksamkeit auf die früher oft sehr ver- wahrloseten Knaben nur eine Stimme herrscht. Auch die Staatsbehörden haben sich in Würdigung dieser Thätigkeit dem neu angepflanzten Institute geneigt erwiesen und aus Veranlassung eines Antrags des letzten rheinischen Provinzial-Landtages, der die Brüder sehr empfohlen, Schritte gethan, um eine Provincial-Anstalt zur Erziehung verwahrloster Knaben ihnen anzuvertrauen. Indessen mangelt zur Befriedigung der mannigfachen Aufforderungen in Betreff der Gründung neuer Etablissements, so wie zur festen Begründung und Ausbreitung der Genossenschaft in Deutschland noch die Hauptsache, ein hinreichend großes und zweckmäßig eingerichtetes Mutterhaus. Der Berein hat zwar mit der hiesigen Niederlassung auch ein Noviziat der Brüder eingerichtet, aus dem bereits sechs Brüder zur Ueberuahme des Waisenhauses hervorgingen und in welchem sich noch zwölf Novizen befinden; allein er entbehrt einerseits der Mittel zur Bestleitnng der Miethe für dasselbe, indem die von ihm zusammengeschossenen namhaften Beiträge für die erste Ausstattung der Brüder und die Einrichtung des Hauses verwendet wurden, uud jährlich aus Beiträgen der Bewohner der Stadt eine bedeutende Summe sür den Unterhalt der Brüder in der Schulanstalt von ihm aufgebracht werden muß; anderseits ist das Hans zur Aufnahme einer den Bedürfnissen entsprechenden Anzahl von Novizen räumlich viel zu beschränkt. Es bedarf eines größeren Gebäudes, iu welchem ungefähr fünfzig Novizen Aufnahme finden könnten; sodann einer solchen innern Einrichtung und Leitung, daß die aus der. Mutteranstalt hervorgehenden Brüder nicht allein dnrch ihre religiöse Gesinnung und Haltung, sondern auch in wissenschaftlicher und praktischer Tüchtigkeit sich auszeichnen, und zu diesem Zwecke auch die Erfahrungen des deutschen Schulwesens in je?cr Beziehung zu benutzen Gelegenheit haben. DiescS Alles erfordert Mittel, welche über die Kräfte des Ver- eines hinausgehen. Der Ankauf oder die Aufführung cineS geeigneten Gebäudes dürfte sich allein auf die Summe von sieb'en bis achttausend Thalern belaufen. — Da diese Angelegenheit jedoch eine das ganze katholische Deutschland betreffende ist, und es sich um die feste Begründung und Ausbreitung eines für die Erziehung und Bildung höchst verdienstvollen und bewährten Ordens in unserm deutschen Baterlande handelt, so wendet sich der Vorstand des Vereins für die Brüder der christlichen Schulen vertrauensvoll an Alle, deren Herz für das Gedeihen einer christlichen Erziehung der Jugend warm schlägt und bittet crgebenst um geneigte Beiträge zu obigen Zwecken.^) Er hofft um so mehr aus eine freudige Betheiligung, als es nach den Erfahruugen der letzten Jahre wohl bei Niemand mehr einem Zweifel unterliegt, daß die Fürsorge für eine auf christlicher Basis ruhende Erziehung das sicherste Mittel ist, die in unserer Zeit herrschenden socialen Uebel an der Wurzel anzugreifen nnd eine bessere Zukunft anzubahnen. Wir fügen hier die Bemerkung bei, daß der Orden die Errichtung des Mutterhauses in Koblenz, sowohl wegen der Lage der Stadt, als wegen des Bestandes zweier sür die Ausbildung der Novizen zu benutzender Ordensschulen hierselbst am geeignetsten hält; daß ferner das Mutterhaus iu äußerer Beziehung ganz selbstständig dastehen, und nur in Bezug auf die innere Leitung mit dem Ceiuralhanse in Paris in Verbindung bleiben wird. — Möge Gott dem Uut.rnchmen freudig gebende Herzen erwecken! — Koblenz, den August 1853. Der Vorstand des Vereins für die Vriider der christlichen Schulen: Krementz, Dechant und Pf. z. h. Kastor. de Lvrenzi, Pf. z. U. L. Frauen. AdamS, Justizrath. v. Waldbott-Bornheim, Proviuzial- Feuer-SocietätS-Direktor. P. Mantell, Kaufmann. von ThimuS, Landgerichtsrath. Dr. Settegast, Geh. Medicinalrath. Trapct, Regie- rungSsecretär. Werner, Jnstizrath. ') In Bayern bedürfte es zur Sammlung von Beiträgen einer besondern allerhöchsten Erlaul niß. 335 Schwede». Dem „Journal de BrurelleS" entnehmen wir folgende Mittheilung: „Oft schon boten sich unö Gelegenheiten zu zeigen, wie mau in manchen protestantischen Ländern die Toleranz übt. Schweden verdient in dieser Beziehung ganz besonders erwähnt zu werden. Kürzlich ereignete sich in Stockholm folgender Fall: Zwei Lutheranerinnen, die eine von 25, die andere von 18 Jahren, kamen zum katholischen Pfarrer und erklärten ihm, sie wollten zur katholischen Kirche zurückkehre». Um sie zu prüfen, fordert der Pfarrer sie auf, sie möchten über den wichtigen Schritt, den sie thun wollten, reislich nachdenken. Nach 1-4 Tagen kamen sie wieder zu ihm, und erklärten, sie hätten sich sest entschlossen. Da erbot sich der Parrer, ihnen den nothwendigen Unterricht zu ertheilen, welcher am 5. August beginnen sollte. Am 6. Angust wurden die beiden Personen vor die Polizei beschieden und katholischer Bestrebungen angeklagt. Ein protestantischer Prediger trat als öffentlicher Ankläger aus. Das Verhör dauerte neun Stunden, man quälte die Angeklagten mit den verschiedensten, zuweilen auch mit den ungeziemendsten Fragen. Der Polizeicommissär fragte sie unter Anderm, ob sie auch wohl wüßte», daß es unter 10 Thaler Strafe verboten sey, einen andern als seinen Gottesdienst zu besuchen. Der Ankläger hatte zu seinem Unglück TageS vorher den Angeklagten eine Bescheinigung ausgestellt, daß sie ihren Katechismus gut wüßten, eiu ordentliches Leben führten u. s. w., mit einem Worte das, waö man in Schweden einen Kirchenpaß nennt. Der Ankläger kam dadurch in große Verlegenheit. Der Polizeicommissär kümmerte sich aber um solche Kleinigkeiten nicht, er sagte: Das ist mir einerlei, ich werde euch die Lust zu nehmen wissen, in die päpstliche Kirche zu laufen, ich werde euch Personen übergeben, welche darauf achten werden, daß ihr regelmäßig in die Kirche geht, und wenn das nicht hilft, werde ich die ganze Strenge des schwedischen Gesetzes gegen euch gebrauchen. Der Polizeicommissär hat Wort gehalten und die beiden Personen unter die Aufsicht desjenigen lutherischen Predigers gestellt, welcher durch seinen blinden Fanatismus und durch seinen Haß gegen ÄlleS, was katholisch heißt, am bekanntesten ist. So achtet man die persönliche Freiheil, uud das versteht man unter Religionsfreiheit in Schweden. Schweiz. Seit zwei Jahren werden die Katholiken in Genf auf alle mögliche Weise an- gefcmdet. Sechs Prediger haben sich vereinigt, die Grundsätze des reformirten Glaubens auseinander zu setzen, d. h. die antikatholischen Verneinungen, welche das protestantische Glaubenöbekeuntniß ausmachen. Die Zuhörer waren von dieser Vertheidigung des reformirten Glaubens entzückt, welcher auf deu einen Glaubensatz beschränkt wuroe: gute Werke»seyen nicht nothwendig, um selig zu werden. Uebri- genö ergingen sie sich in Ausfälleu gegen die Katholiken, welche hundert, und tausendmal widerlegt sind, nichts desto weniger aber immer von Neuem wieder vorgebracht werden. — Der Erfolg ihrer Vorträge veranlaßte die Prediger, eine Proselytenschule zu errichten, in welcher die Katholiken, welche Protestanten werden wollten, Unterricht erhalten könnten. Um nun aber nicht ohne Erfolg zu predigen, erkaufte man durch Geld und allerlei irdische Verführungen dreißig unglückliche Katholiken, welche am 1. September öffentlich ihren Glauben abschwuren. Seit langer Zeit sind die Katholiken in Genf solchen Verführnngsvcrsuchen ausgesetzt. Es kommt sast kein Jahr vor, in welchem nicht unglückliche Savoyarden oder Franzosen aus Hunger ihr Gewissen verhandeln. Auch wirken die gemischten Ehen oft sehr nachtheilig. Die katholische Bevölkerung der Stadt Genf beträgt 1^,000 Seelen. Die Ankommenden zeichnen sich nicht immer durch ihr sittliches Benehmen aus, auch sind sie nicht erfahren genug, um genugsam aus ihrer Hut zu seyn gegen solche immerwährende Angriffe. — AuS dem oben genannten Erfolge haben manche Protestanten schon ganz ausschweifende 336 Hoffnungen hergeleitet. Diese Hoffnungen sprechen sich deutlich in dem Programm einer neuen Gesellschaft aus, welche gegen die Katholiken unter der Benennung: „Genfer Gesellschaft für protestantische Interessen" kürzlich gebildet wurde. Dieses Programm ist von 34 Personen unterzeichnet und ganz, so gehalten, wie man solche Actenstücke schon mehrfach gesehen hat. Die Herren betheuern ihre Liebe für den Frieden, die Eintracht, die Toleranz, sie wollen nicht angreisen, sie wollen sich nur gegen die immerwährenden Angrisse der Katholiken vertheidigen. — Auf alle Fälle ist es gut zu wissen, waS hier unter Angreifen verstanden wird. In der Stadt Genf sind 1-4,000 Katholiken, ihre Kirche saßt aber kaum 1000 Personen, sie bauen aus ihre Kosten eine zweite Kirche; — das ist ein Angriff. Auf den protestantischen Kanzeln wird fortwährend der katholische Glaube entstellt und angegriffen, — die katholischen Geistlichen bemühen sich zu antworten und die katholische Lehre in ihrer Reinheit darzustellen: — das ist ein Angriff. Die Protestanten haben sechs Zeitungen, welche täglich gegen die Katholiken loSgehen, welche für sich eine kleine Monatsschrift unter dem Titel: „Katholische Annalen" gegründet haben, in welchen sie sich zuweilen erlauben, ihre Gegner zu widerlegen: auch das ist ein Angriff. — So verhält es sich mit allem Uebrigen. In den Augen mancher Protestanten ist jede Lebensäußerung der katholischen Kirche ein Uebergriff. (Münst. S.-Bl.) DaS Christenthum in Siam. H, Pallegoir, Bischof von MalluS und apostolischer Vicar in Siam, zählie in einer Versammlung der orientalischen Gesellschaft zu Paris nachfolgende Verhältnisse als die größten Hindernisse für die Fortschritte des Christenthums in Siam auf. DaS erste ist die Polygamie der Großen, indem jeder Reiche und Vornehme, nach Maaßgabe seiner Mittel, so viel Concubinen hält als er mag. DaS zweite Hinderniß ist die Erziehung der Jugend in den Pagoden: die buddhistische Secte hält streng daraus, daß alle Knaben einige Jahre in den Klöstern unter der Leitung der Tala- poinen zubringen; selbst die Söhne des Königs sind hievon nicht ausgenommen. Alle jungen Leute, welche das zwanzigste Jahr zurückgelegt haben, müssen sich zu Bonzen machen lassen. Daher kommt eS, daß man bloß in der Hauptstadt etwa 200 Klöster zählt, die mindestuis 12,000 Talapoinen enthalten. Wenn dann diese jungen Leute in's Laienthum zurücktreten, sind sie dem Aberglauben, den sie in frühester Jugend in den Klöstern eingesogen haben, ausnehmend zugethan. Das dritte Hinderniß ist das Mißtrauen vor dem um sich greifenden Geist der Europäer. Die Stamesen und ihre Nachbarn haben von den Eroberungen der Europäer und ihren Kolonien in fremden Ländern gehört; namentlich wissen sie, daß England sich nach und nach des ungeheuren indischen Kontinents bemächtigthat, den die Stamesen'die „sechzehn großen Reiche" nennen, daß eö Malacca, Pulo Pinang, einen Theil von Quedah und meh« rere andere malayische Länder und mächtige Zinnminen auf der Westküste von Malacca genommen hat; daher das große Mißtrauen gegen die Europäer, die sie unter dem allgemeinen Namen Farang bezeichnen, als wäre eS eine und dieselbe Nation. Auch halten sie meist die Misstonäre für eben so viele Spione der Könige Europas, um sich unter dem Vorwande der Religion eine Partei zu machen, die im Falle eines Kriegs mit den Europäern ihr Land verrathen würde. (Revue de l'Orient,) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.