Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger Pojheitnng. 27. November M- ^8 1853. Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Tovutage. Der halbjährige Abonuemcnt«vrei« 40 lr.< wofür e« durch alle köniql. baver. Postämter und alle Buchh«udwuqen bezogen werden kann DaS heilige Land und sein Patriarch. Die „^rmaleg cls Is propsZation eis la koi" von Lyon brachten unlängst einen Brief des katholischen Patriarchen von Jerusalem, Monfignor Valerga., Derselbe enthält einen interessanten Bericht über die Rundreise des hochw, Herrn Patriarchen in seinem Diöcesansprengel, welcher nebst dem heiligen Lande auch nock den Libanon und die Insel (Zypern umfaßt. Wir ziehen aus dun authentischen Berichte nur die Bevölkerungsverhältnisse der verschiedenen Konfessionen im heiligen Lande heraus, weil sich gerade darüber die ungenauesten Angaben in den Reisehandbüchern :c. finden, und knüpfen daran einige weniger bekannte Notizen. — Nazareth hat eine Bevölkerung von 350<) Seelen, darunter 600 Lateiner, 250 Melchiten, 220 Maroniten, 1200 schismatische Griechen und fast eben so viele Türken. — In TiberiaS am galiläischcn Meere wohnt nur eine lateinische Familie und 15 griechisch-nnirte, 600 Türken und mehr als 1300 Juden, worunter viele Deutsche. — Die Insel Cypern zählt unter 140M0 Einwohnern nur 700 Kaiholiken, wovon 600 ans Larnaka entfallen. — DaS alte und jetzt nen ausblühende Jaffa hat 10,690 Einwohner, worunter 8340 Muselmänner, 450 Lateiner und Maroniten, 300 kaiholische Griechen, 100 Armenier und Juden, und 1000 schiSmatische Griechen. — In dem kleinen Ramla befinden sich nur drei lateinische Familien, die übrige Einwohnelschaft ist mohamedanisch. — Die heil. Stadt Jerusalem zählt 15,250 Einwohner, worunter 7000 Juden, 4900 Türken, 2000 schismattsche Griechen, 1000 Lateiner. 60 Kopten, 50 Melchiten nnd 470 schiSmatische Armenier — Die Seelenzohl in Bethlehem berrägt 3965 Einwohner, nämlich 2000 Lateiner, 1500 Griechen, 360 Türken, 115 schiSmaiische Armenier. — AuS dem Berichte des hochwürvigsten Herrn Patriarchen leuchtet zugleich dessen kirchliche Thätigkeit hervor. Er hielt die feierliche Fronleich- namSprocession zu Gazir am Berge Libanon, ertheilte das heilige Sacrament der Firmung auf der Insel Cypern, zu Caifa, Nazarcth, Jaffa und Jerusalem, in letzlerer Stadt an 150 Individuen; nahm zwei Ordinationen am Berge Karmel uud eine zu Jerusalem vor (am Quatembersamstag vor Weihnachten), bei welcher Gelegenheit auch fünf Seminaristen die untern Weihen erhielten (seit 400 Jahren hatte feine Priesterweihe im Patriarchate von Jerusalem stattgefunden); und gab drei ein- gebornen Jungfrauen den Schleier der Schwestern vom heiligen Joseph, welche der Krankenpflege und Mädchencrziehung sich widmen. Sein Augenmerk ist besonders auf seine zwei Hanptschöpfnngen gerichtet: auf daS katholische Spital und auf das Knabenseminar, welches aus 16 jungen Leviten (sämmtlich i,n Patriarchate geboren) besteht. — Auch eine Conferenz deS heiligen Vincenz von Paul zur Unterstützung, Besuchung und Pflege der Armen, Kranken und Greise hat sich seit anderthalb Jahren gebildet, und 1000 Franken in einem Jahre gesammelt. — Während der VisitationS- 378 reise des Patriarchen stand die französische Brigg .Mrcure« zu dessen Verfügung — wohl ein Beweis, daß die Zeiten vorüber sind, wo der Repräsentant einer großen Nation, dem man die Sache des heil. Grabes empfahl, die Stirne hatte zu sagen: „c>u'il ns voulsit, pas aZiter I«z monclo riour cjuelcjues pierros et pour un osbinet <1v äeux toisss cle lonZsur." Fürst Hohenlohe und Kaiser Alexander. „Im September deS Jahres 1822, erzählt der Fürst selbst in seinen Erlebnissen, kam ich von Preßburg nach Wien, wo ich im Hause deS Fürsten Schwarzenberg meine Wohnung bezog, die' der Fürst die Gnade hatte, mir anzutragen. Viel war des Redens von mir und über mich, wie es in der Welt nicht anders gehen kann. Meinerseits vermied ich alles Aussehen Erregende, hielt mich ruhig und überließ den AuSgang Gott. — Im September deS JahreS 1822 kamen Se. Majestät, Kaiser Alexander von Rußland, nach Wien. Dieser Monarch, der gegen die fürstlich Schwar- zenbcrgischc Familie wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen hegte, äußerte den Wunsch gegen den Fürsten Joseph Schwarzenbcrg, meine Bekanntschaft zu machen. Es war am 21 September AbtndS um halb 8 Uhr, vaß die Stunde mir bestimntt wurde, in der k. k. Burg mich cinzufiuden, wo Se. Majestät mir die Audienz geben würden. Dieser Tag war und wird mir einer der merkwürdigsten meines Lcbenö bl-ibcn. Ich redete ihn in französischer Sprache an und sagte: „Eure Majestät! Die göttliche Vorsehung hat Allerhöchstvieselben auf eine der höchsten Smfen irdischer Höhe gesetzt, darum wird auch Gott viel von Emr Majestät fordern; denn greß ist der Regem en Verantwortung vor Gott. Er erwählte Eure Majestät zum Werkzeuge, den Völkern Europas Ruhe und Frieden zu geben. Nicht minder entsprachen Eure Majestät seiner Absicht, den Triumph des KreuzeS zu erhöhen und durch Ihr kräftiges Wollen der gesunkenen Religion wieder aufzuhelfen! Ich rechne den hentigcn Tag unter die glücklichsten meines Lebens, wo mir das Glück zu Theil warb, Alterhöchstdenselben meine liefe Ehrfurcht zu bezeugen. Gott wolle Sie durch seine Guade stärken nns durch seinen heiligen Engel beschützen. Dieß wird von nun an mein demülhigcs Gebet vor Gott seyn." Hierauf solgle eine Pause, während welcher der Monarch mich anhaltend anblickte, woinach er auf seiuen Knieen um meinen priesterlichen Segen bat. Wie mir da zu Muihe war, dieß kann ich nicht durch Worte ausdrücken; bloß dieses Einzige kouule ich aus der Fülle meines gläubigen Gemüthes sagen: „Ich dulde es, daß ciu so großer Monarch also sich verdcmüthiget; denn nicht mir erzeuge» Cure Majestät diese Ehrfurcht, sondern Demjenigen, dem ich diene, und der Sie, gnädigster Kaiftr, so wie uus Alle mir seinem kostbaren Blute erlöset hat! So segne Sie denn der dreicimge Gott mit dem Thau seiner himmlischen Gnade; Er sey Ihr Schild gegen alle Ihre Feinde; Er Ihre Stärke in jedem Kampfe! Seine Liebe möge auS- gcgossen seyn in Ihr Herz, so wie der Friede unseres Herrn Jesu Christi allezeit bei Ihnen verbleibe!" Mehr konnte ich nicht hervorbringen, da die Thränen mir gewallig aus den Augen quellten. Sodann drücklen Seine Majestät mich an Ihr Herz; wornach auch im Uebermaß der Rührung ich Ihn an mein hochliopsendeS Herz drückte. — ES war dann die Rede vou verschiedenen Ereignissen, die ich der Feder nicht anvertrauen kann, weil des Monarchen Mittheilung mir heiliges Stillschweigen auferlegt. Ich verweilte bei Seiner Majestät bis dreiviertel auf 10 Uhr. — Wie blutete mir das Herz, als nach zwei Jahrcu sein Tod erfolgte! Nein kein Tag vergeht, an dem ich Seiner nicht im Gebet vor dem Allerhöchsten gedenke!" Wir sehen hier einen mächtigen Monarchen um den Segen eines Priesters bitten; und in der That, eS ist etwas Großes um ein SegenSworr, wenn eS auS dem Munde cineö Laie», und etwaö noch Größeres und Kräftigeres, wenn eS von den Lippe» eines gottgeweihten Priesters aus irgend ein Herz herabsinkt. Warum 379 doch will man dieß heut zu Tage nicht einsehen und kümmert sich so wenig um einen Segensspruch, als wäre solcher nur eine leere Formel! Schlagen wir die heil. Schrift auf, und wir werden finden, wie Jesus selbst seine segnenden Hände den kleinen Kindlein auflegt. Die Weltmenschen aber suchen keinen Segen, eben weil sie Weltmenschen sind, nnd sie finden daher auch keinen auf der rauhen Bahn dieses Lebens! Eltern, vorzüglich ihr Mütter! segnet doch tagtäglich enre Kleinen, segnet den Sohn, der die Heimat verläßt und hinausreist in die weite gefährliche Welt; segnet die erwachsenen Söhne und Töchter, bevor sie hintreten, den Bnnd der heiligen Ehe zu schließen; segnet sie oft mit gläubigem Herzen, und— ihr werdet erfreuliche Früchte aus eurem SezenSspruche hervorgehen sehen. Um so mehr aber sollen alle Christen zur Kirche eilen, um dort den Priester- und GolteSscgen zu erlaugen! (Kath.i.d. Schweiz.) Wunderbare BekebrungSgeschtchte des berühmten TonknnstlerS Hermann Kohn, ausgezogen aus dem Werke Louvenir lies rsoits vontemporsi »8. Hermann Kohn wurde den 10. November 1821 in Hamburg gebore». Sein Vater ist ein angesehener Kaufmann und Banquier daselbst; seine Mutter, eine Dame AnsangS der Fünfziger, wohnt in Paris in der Straße Fontaine St. Georges; sie hat einen lebhaften Geist und angenehme Manieren. Er hat noch zwei Brüder, von welchen der allere Sechandcl treibt, und der andere als Ingenieur beim Brücken- und Straßenbau augestcllr ist; seine Schwester, eine hübsche junge Dame, ist mit einem ausgezeichneten Zeichnenmcistcr, Herrn Raunheim, verheirathet. Die ganze Familie ist ausrichiig und mit einer gewissen zähen Anhänglichkeit der jüdischen Religion zugethan. Hermanns Religionswechsel ist ihnen ein unerklärliches Räihscl; dennoch bezweifeln sie keinen Augenblick dessen Aufrichtigkeit. Wir werden in der Folge noch auf sie zu sprechen kommen. Hermann zeigte von seiner zartesten Jugend an glückliche Geistesanlagen und besonders für die Tonkunst. Mit sechs Jahren spielte er schon auf dem Clavicr alle damals beliebte Opernliedchen; er ergötzte oft seine Eitern durch sn'ue Improvisationen, Erhalte eine schwächliche Gesundheit, war immer von anmuthigcr aber dennoch ernster Gemüthsstimmung. Zu neun Jahren besuchte er schon die Säule nicht mehr nnd erhielt durchaus keinen Religionsunterricht. Folgende Schilderung seiner Kinderjahre finden wir in einem seiner Briefe an den ehrw. Pater Marie Alphonse Ratisbonne: „Ich bin von jüdischen Eltern geboren. In meinem zehnten Jahre war ich bereits ein beginnender Tonkünstler. Ich hatte noch kaum mein zwölftes Jahr erreicht, als ich mein erstes öffentliches Concert in meiner Vaterstadt gab. Der Herr ließ eS leider geschehen, daß mir eine Art Triumph zu Theil wurde. . . . Dieser glänzende Erfolg berauschte mein junges Gehirn. Im Jahr 1834 reiste ich nach Paris. Mein Talent wurde auch da beklatscht und bald zählte ich unter die Frühgeburten der Eelebrität. — Man verhätschelte mich in den SalonS, vorzüglich aber bemühten sich die Gesellschaften der Freigeister mich anzuködern; und da man im Verhältniß meines AlterS bei mir eine schnelle Auffassungsfähigkeit entdeckte, so wiederhol-c man mir so oft diese schmeichelhafte Bemerkung, daß ich mich im Knabenalter schon zum Manne herangereift wähnte, über alles und mit allen in verschiedenem Tone sprach. — Nun bestimmte man mich znm Schildträger aller scheußlichen Doctrinen, die aus dem Pfnhl der Hölle in den Mörderhöhlen der großen Stadt emporwuchenen. Der Atheismus, der Pantheismus, die Tollheiten der Fourricristcn, der Samt Simonisten, der Corn^ munisten, der Socialisten, Aufruhr, Ermordung der Reichen, Abschaffung der Ehe, TerroriömuS, Verlheilnng deö Eigenthums, Gemeinschaft aller Lebensgenüsse, alle diese schönen Dinge fanden Raum in meinem vierzehnjährigen Gehirn. DaS Böse geht raschen Schritts. Bald wurde ich einer der eifrigsten Propagandisten jener Secten, 380 die die Gestalt der Erde zu erneuern sich vorsetzten; so wurde ich der Benjamin von männiglichen neuern Propheten der sogenannten Civilisation." Man kann sich leicht denken, was dieser Jüngling, mit solchen Anlagen, der in Paris ein ungebundenes Künstlerlcben führte, in seinem zwanzigsten Jahre war. Um mit dem heiligen Augustin zu sprechen, mit dem er in der Folge so viel Aehnlich- keit haben sollte, mußte auch bei ihm „das Unkraut der unreinen Gelüste über dem Haupte zusammenwachsen", ohne daß eine Hand sich vorfand, um es anszureuten (exeegsorunt egput, meum velires lioicienum, et null» erst ergcliosns msnus jecms. riet.. 2. c->p. tH). Unterdessen fuhr Hermann fort, sich unter der Leitung des berühmten Pianisten Lißt, der ihn gleichsam adoptirte und sich nicht mehr von ihm trennen konnte, der Tonkunst zu widmen. Dieser große Künstler führte seinen jungen Zögling bei der Schriftstellerin Georges Sand ein, die nichts Angelegeneres hatte, als ihm ihre Romane anzuempfehlen Wie es wohl zu erwarten war, verschlang Hermann mit Begierde alle Erzcngnisse der Verfasserin der Lelia. Die Lesewuth war so heftig bei ihm, daß er bei seinen Clavierererciiicn immer einen aufgeschlagenen Roman neben sich liegen hatte; seine Mntter war ganz trostlos darüber. Lißt führte ihn nach Genf, wo sie beide ein Mnsikconservatorium errichteten. Ein Jahr später lraten sie eine neue Reise zusammen an, gaben Concerte und ernteten allenthalben reiche Lorbeeren ein. Auf diese Epoche seines LcbcnSlaufS macht er Anspielungen in den Noten, von ' denen eS uns vergönnt wurde, Einsicht zn nehmen, wo er sich mit folgenden Worten ausdrückt: „Ich besaß alle Laster; deS Beifalls war ich überdrüssig, als ich, in Begleitung eines berühmten Künstlers, der mir großer Begeisterung für alle neuere philosophische Ausgeburten schwärmte, England, die Schweiz, Italien und Deutschland durchreiste, um Lorbeeren zu sammeln und Proselyten für unsere giftigen Lehren zu gewinnen. Priester waren in meinen Augen antisociale Wesen, und Ordensgeistliche waren für mich Ungeheuer, die man gleich wilden Anthrovophagen fliehen muß. — Wer hätte wohl bei meiner. Rückkunft in Paris damals voraussagen können, daß die göttliche Vorsicht mit mir die Absicht habe, zu zeigen, daß sie auch so tief gesun- kene Geschöpfe auf die gute Bahn zu bringen vermöge? Ich wenigstens hatte gewiß nicht die entfernteste Ahnung davon." Hermann ließ sich also, wie viele andere, von dem Weine des verkehrten Willens berauschen. Er überließ sich blindlings der Strömung der verbrecherischen Genüsse und der weltlichen Eitelkeiten, die ihn umrauschlen. Er ließ sich von seinen Leidenschaften, von seinen Gelüsten, ja sogar von seinen Launen mit einer für seine Familie verzweifelnden Willfährigkeit dahinreißen. So verließ cr einige Mal plötzlich Paris, gerade im Augenblicke, wo daS Glück sich ihm am günstigsten zeigte, ein Mal, um zu Lißt nach Jlalen zu eilen, ein anderes Mal, um eine Oper seiner Komposition in Verona aufführen zu lassen; dann begab cr sich nach London, wo er so viel Geld erwarb, um sich von da nach seinem Lieblingsaufenthalt Venedig zu begeben. Dieser vielen Wanderungen endlich überdrüssig, kam er wieder nach Paris. Aber so wenig hier als andcrwäris fand er Rnhe oder Glückseligkeit, sie waren mit seinen Neigungen unverträglich. Wie wurden diese Fesseln gelöst, die jeden Tag drückender wurden? In dieser Beziehung konnien wir Hermanns Spuren nicht so leicht auefindig machen, als die vorigen. Unterdessen wollte der Zufall, daß wir vor einigen Monaten die Bekanntschaft deS Ritters ASnorcz, eines ehemaligen spanischen Diplomaten machten. Dieser ASnorez Halle ein spanisches Künstler-Museum in der Straße Fontaine St. Georges Nr. 38 gegründet, daS viel SehenSwertheS enthält; er war Heimanns Lehrer gewesen. Folgende Cinzelnheiten hat er unS gleichsam in die Feder diclirt, sie können über jene Epoche in dem Leben unseres jungen Jsracliten einiges Licht verbreiten. „ES war, wenn ich nicht irre, gegen das Ende des Jahres 1845, sagte er unS, als ich Herrn Hermann zum ersten Mal sah; damals gab ich mehreren jungen Leuten Unterricht in der spanischen Sprache, er war einer davon. Sein Aeußeres 381 war elegant; er war etwas aufbrausend, dennoch aber höflich; er hatte etwas Ausgezeichnetes und Anstandvolles in seinem Benehmen. DaS Gespräch meiner Schüler, wie man es sich leicht denken mag, war selten sehr erbaulich; Hermann gab mit Wohlgefallen sein Wort dazn; mehrere Mal erzählte er ohne Umstände von seinen Eroberungen, von seinen Abenteuern, von den Lustpartieen, die er mit seinen Freunden gemacht. . . > Nachdem er nun ungefähr fünfzehn Stunden bei mir genommen und schon so ziemliche Forlschritte gemacht halte, denn er hatte entschiedene Anlage für das Sprachstudium, verschwand er mit einem Male plötzlich. . . . Damals wohnte er in der Rue de Provence Nr. 3V, verließ aber bald darauf diese Wohnung. Es verflossen so mehrere Monate; ich erkundigte mich bei einem seiner Freunde nach der Ursache seines Verschwmdens. Dieser Frennd antwortete mir, daß mein ehemaliger Schüler, durch tolle Verschwendung zu Grunde gerichtet, gezwnngen war, durchzugehen und wahrscheinlich im Auslande lebe. Ich hörte nichts mehr von ihm, bis ich im Laufe oder gegen Ende des JahreS 1847 einst ganz unerwartet auf Hermann in der Straße St. Dominiquc stieß. Ich wollte gerade in die Kirche Samt-Valkre gehen, wo das Hochwürdigste ausgestellt war. Mein Erstaunen wurde noch mehr erregt beim Anblick der Haltung und der Kleivung dieses jungen ManneS. Er war blaß, sein Blick hatte ein ausfallendes Gepräge von Bescheivenheit; seine Toilette besonders war ganz geändert: anstatt-eines nach der Mode zugeschnittenen Fracks, eines feinen Castorhu s und Glanzstiefeln, trug er einen langen Ueberrock, einen Filzhut mit breiter Krempe und gemeine Schuhe. Er ging auf mich zu, sagte mir, daß er noch mein Schuldner sey, und brachte einige Entschuldigungen vor. „„Wissen Sie auch"", fuhr er fort, „„daß ich jetzt ein Katholik bin?"" Wahrlich nein, antwortete ich etwas.kalt, weil ich die Aufrichtigkeit dieser Mittheilung bezweifelte. Wenn Sie mich einige Schritte begleiten wollen, sagte er, so will ich Sie davon überzeugen, Er führte mich in die Rue de l'Universits Nr. 102 in den zweiten Stock. Da hatte er sein Zimmer, dessen Mobilien kaum diesen Namen verdienten, aber dennoch merkwürdig waren. Sie bestanden in einer eisernen Bettstelle mit äußerst einfachem Bett- gcräthe, in einem Koffer, einem Piano, einem Crucifir, einer kleinen Statuette der Mutter Gottes und zwei kleinen Tafeln, die heilige Theresia und den heiligen Augu- stinuS vorstellend. „„Sie sehen also,"" fuhr er fort, „„daß eö wirklich an dem ist. Nun will ich Ihnen mir wenigen Worten die größte Begebenheit meines LebenS erzählen."" Und Hermann erzählte mir diese Begebenheit in einem Tone von hinreißender Innigkeit ungefähr mit folgenden Worten: „„Als ich Ihre Bekanntschaft machte, war ich ausschweifend, unmäßig und allen möglichen Schwelgercien, allen Irrwegen der Jugend ergeben; die Nachwehen dieser Unordnungen waren herb. Als all' meine Habe dahin war, begab ich mich zu meinem Vater nach Hamburg; aber er war unwillig über meine schlechte Aufführung, und schlug mir mein Ansuchen ab. Ich bereiste dann Deutschland und fand in allen großen Familien eine glänzende Aufnahme. Die Concerte, die ich gab, gelangen nach Wunsch, ich wnrde mit ei-cr Auszeichnung, deren ich sehr unwürdig war, am Hofe des Großherzogö von Mecklenburg-Schwerin aufgenommen. Doch verschwendete ich das Geld noch schneller, als ich es erwarb; der Gedanke deS Selbstmordes beschlich mich öfters, so schrecklich waren die Niederlagen, die ich am Spieltische erlitt. „„Ich begab mich aufs Neue wieder nach Paris; ich gelangte allda bald wieder zur glänzenden Lage, die ich vorher hatte. AlleS gelang mir, mein Erfolg war beinahe unglaublich. Ich wurde das Schooßkind des Fauvourg St. Germain, und da- vnrch der Liebling und der Götze der Mode. Mein Geist schwelgte in Fortunens Gunstbezeugungen und in einem Meere von Genüssen; ich sah weder vor- noch rückwärts und lcbre so in den Tag hinein, unbekümmert für die nächste Zukunft. Diese, in den Augen vieler Menschen s>i schöne, so beneidenSwcrlhe Existenz ließ mir keine Muße zum Ueberlegen, und im Grunde wurde ich immer von innerer Unruhe geplagt. Ich taumelte so fort bis zum Maimonate vorigen JahreS. Damals wurde der Marien- 382 Monat mit großer Feierlichkeit m der Kirche St. Valere begangen. ES bildeten sich Musikchöre rwn Freunden der Toukiinst, die daselbst Instrumental- und Vocal-Harmonien ausführten, welche eine Menge Menschen anzogen. Der Prinz von der MoS- kowa, der diese frommen Coucerle leitete und von dem ich die Ehre hatte, gekannt zu seyn, bat mich eines Tages, ich möchte an seiner Stelle diese Chöre leiten. Ich willigte ein, bloß auS Liebe zur Tonkunst und a»S Rücksicht für den Prinzen, dem ich gerne eine Gefälligkeit erzeigte. Im Verlaufe der Feierlichkeit regte sich nichts Besonderes in mir; beim Segen aber, obschon ich nichts weniger als geneigt war, niedcrzukuictii, wie es alle Anwesende thaten, fühlte ich doch in meinem Innern eine ungewöhnliche Regung. Meine vom Getümmel der Well zerstreute und betäubte Seele erraffte sich gleichsam: sie wurde geivahr, daß in ihrem Innern etwas ihr vorher ganz Unbekanntes vorging. Ohne es zu merken und ohne Zustimmung meines Willens fühlte ich mich gedrungen, das Knie zu beugen. Am folgenden Freitag ging ich wieder in dieselbe Kirche, und wurde auf dieselbe Weise wie das erste Mal angeregt; der Gedanke, ich sollte katholisch werden, erwachte plötzlich in mir. „„Einige Tage hernach kam ich des Morgens in die Nähe der Kirche St. Valere; die Glocke verkündete eine Messe. Ich trat ein und wohnte der Handlung aufmerksam und bewegungslos bei. Ich hörte eine, zwei, drei Messen, ohne daran zu denken, mich zn entfernen; ich konnte selbst nicht begreifen, was mich zurückhielt. Ich ging hernach nach Hause und gegen Abenv wurde ich unwillkürlich wieder dahin gezogen, das Läuten der Glocke führte mich wieder in dieselbe Kirche. Das Hochwürdigste war ausgesetzt; eS zog mich biö zur Communionbank hin, wo ich mich auf die Kniee niederließ. Dießmal neigte sich ohne Widerstreiten das Hanpt, als der Segen ei theilt wurde, und als ich mich wieder erhob, fühlte ich eine sehr wohlthuende Beruhigung meines ganzen Innern. Ich begab mich auf mein Zimmer und bald darauf legte ich mich schlafen; die ganze Nacht aber, ob im Traume oder wachend, war ich mit dem Hochwürdi^stcn beschäftigt. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, wo ich wieder einer Messe würde beiwohnen können, und von diesem Zeitpuncte an hörte ich viele Messen in St. Valere, und dieß mit so innigem Wonnegefühl, daß alle meine Seelenkräfte in denselben ausgingen. Die Stimme der Gnade, deren erster Laut mich so unerwartet berührte, drängte mich von nun an immer mächtiger. Man riech mir, mich mir der Herzogin von Ranzau zu besprechen; ich ersuchte diese Dame, mir einen Geistlichen anzuweisen; sie schickte mich zum Abbe Legraud, ich ließ mich von ihm leiten und befinde mich recht wchl dabei, bin also entschlossen, seinen Anlciluugen ferner zu folgen."" (Fortsetzung folgt.) Rom. Rom, 1. Nov. Wir haben hier in den letzten Tagen des verflossenen Monats eine unerwartete, durch die Andacht deö Volkes nämlich veranlaßte Mission gehabt. In dem mamertinischen Gefängniß, von welchem auS bekanntlich die Apostel- sürsteu zum glorreichen Martyrtvd geführt wnrden, verehrten die Gläubigen mit besonderer Andacht ein Bilduiß deS g. kreuzigten Heilandes. Man hatte beschlossen, dasselbe auS der unterirdischen Capelle in die über dem Gefängniß erbaute Kirche zu versetzen, und bei dieser Gelegenheit eine dreitägige Andacht abzuhalten. Die außer- orbeniliche Theilnahme, welche die Gläubigen an den Tag legten, rief den Gedanken hervor, das Crncifir in einer größcrn Kirche einige Tage zur öffentlichen Verehrung auszusetzen, und da man ohnehin am Schlüsse der dreitägigen Andacht eine Procession zu veranstalten gedachte, so wurde beschlossen, dieselbe über den Corso, die Hauptstraße Roms, bis zur Kirche deS heiligen Carl von Borrom äo zu führen, und dort eine neue Andacht zu beginnen. Der Procession schloß sich eine außerordentlich große Anzahl andächtiger Gläubigen an, und der Audrang zu der Kirche deS 383 heiligen Carl war so groß, daß man eine förmliche Misston zu veranstalten für gut fand. Es wurden während acht Tagen von einigen Vätern der Gesellschaft Jesn täglich fünf Predigten geHallen, und die großen Räume der Kirche waren stets angefüllt. — Die Mission ist nnn geschlossen, aber baS Cincifir bleil't ausgesetzt bis zum Feste des heiligen Carl, an welchem auch der heilige Water kommen wird, cS zu verehren. Vorgestern haben wir nun von neuem die Feierlichkeit eiuer Seligsprechung — der dritten in diesem Jahre — gehabt. Der Diener Gottes, dem diese höchste Ehre zu Theil wurde, ist Andreas Bobola, Märtyrer aus der Gesellschaft Jesu. Derselbe war ein sehr eifriger Prediger und Missionär, und wirkte in diesem Amte mit dem größten Erfolge zur Zeit, als die schismalischen Griechen mit den Polen in einen blutigen Religionskrieg verwickelt waren. Eine wüthende Horde v.on Kosaken ergriff den Missionar, den sie lange gesucht, auf der Straße nicht weit von Janom in Lithauen, nnd lodtetcn ihn nach langen und entsetzlichen Martern, während welchen der Selige fortfuhr, den heiligen katholischen Glauben, für den er starb, mit lauter Stimme zu bekennen und für seine Mörder zu beten. Er errang die Martyrer- krone am 16. Mai 1657. Es verbreitete sich die Kunde von seinem glorreichen Ende durch ganz Polen und die benachbarten Länder, sein Grab wurde von den Gläubigen fortwährend besucht, und viele außerordentliche Gnaden bezeugten die Macht, welche Gott dem Vekenner verliehen. Venedict XIV. erließ im Jahre 1755 das Dccret, wodurch nach angestellter Untersuchung erklärt wurde, daß Audrcaö Bobola in Wahrheit für den wahrcn Glaubeu gestorben, und also Märtyrer sey. Der während der Unterdrückung deS Jesuileuordeus liegen gebliebene Proceß wurde in diesem Jahrhundert wieder aufgenommen, und Gregor XVI. erklärte im Jahre 184 k die Aechlheit eiueS in dem Leibe deö Märtyrers selbst gewirkten und noch immer forldaueruden Wunders. Derselbe ist nämlich nicht nur gnuz uuverwesel und biegsam, sondern verbreitet auch einen himmlischen Wohlgeruch. ES sind mehrere Augenzeugen in Rom, Priester, die ihm eftmals die Hand geküßt. Von Sr. Heiligkeit Pins IX. wurden drei andere ans die Fürbitte des Märtyrers von Gott gewirkte Wuuver als ächt an« erkannt, und das Decret am Himmelfahrtsfeste dieses Jahres verkündigt. (M. Sbl.) Spanien. Dem „Tadlet" wird aus Madrid geschrieben: Die Kirche, welche seit der Thronbesteigung der Königin stets mir der Strenge antichristlichen HasseS oder der Gleichgiltigkeit eines selbstsüchtigen JndiffereutiSmnS behandelt wurde, fängt seit einigen Jahren, namentlich seit dem Abschlüsse deS CoucordateS, langsam aber stetig an, die Stellung wieder zn gewinnen, die sie einst im spanischen Staate hatte, und die sie nie aufgehört hat, im Herzen der großen Majorität der Spanier einzunehmen. Ich will nicht sagen, daß der wellliche Einfluß und die äußere Macht der Kirche sehr zunimmt; aber ihre Hirten, die durch den Feuerofeu der Revoluliou hindurchgegangen sind, zeigen einen Eifer in der Bewahrung deö reinen Glaubens und in der Verbrciluiig des Geistes der Frömmigkeit und Sittlichkeit unter den Massen, welcher den besten Erfolg hat, se>bft in Städten, die vor zehn Jahren noch der Sitz des Lasters und der Irreligiosität waren. Ihre Bemühungen verdienen doppelte Anerkennung bei der großen Zahl vn> geheimen und offenen Feinden, mit denen sie zu kämpfen haben. Denn leider gibt es auch in unserm Lande eine nicht so zahlreiche, als bittere, nicht so einflußreiche, als verwegeue Pariei, welche unter dem wohlkliu^ genden Namen „Liberale" selbst den Thron Gottes über den Hansen stürzen möchte, wenn er ihrem Fortschritte im Wege stände. Aus Bosheit oder Dummheit begünstigen sie jedes System, welches den Katholicismus in Spanien zu untergraben sucht, wiewohl sie sich selbst Katholiken nennen; römisch, katholisch, apoftolijch sind die Namen, welche selbst diejenigen für sich in Anspruch nehmen, die unter den Beamten 384 und unter dem Volk«, in Städten und auf dem Lande nach Cnltusfreiheit rufen, und die Grundsätze deS Protestantismus verbreiten durch Begünstigung der Agenten der Bibelgesellschaften, durch Uebcrsetzung und Vertheiiung ihrer Tractate und durch Artikel, die sie den „Times" und andern Blättern einsenden mit heftigen Deklamationen über die Intoleranz deS scandalreichen Hofes unv der bigotten Geistlichkeit. Ihre blinde Verehrung gegen das goldene Kalb englischer Macht und Große, ihre falsche Vorstellung von Englanps Toleranz und seiner Politik veranlassen sie, Alles zu verhöhnen, waö nicht einen englischen Anstrich hat, und darum suchen sie überall dem englischen Einflüsse Eingang zu verschaffen und die Saat des Irrthums unter einem Volke auszustreuen, welches seit seiuer Bekehrung zum Christenlhume fast nicht weiß, waö Häresie ist. Unter ihrem Schutze ziehen Engländer im Auftrage von Vi'bel- und andern Gesellschaften im Lande umher und vertheilen hübsch gebundene protestantische Bibeln und Tractaie heimlich oder in einer Weise, welche kein großes Verlangen nach der Martyrerkrone beweist, z, V. indem sie dieselben aus dem Wagen Vorübergehenden zuwerfen. — Nimmt man zu der heftigen Feindseligkeit der Progres- sisten die Glcichgiltigkeit und den ScepliciSmnS der ModeradoS, die Armuth der Geistlichkeit und den Einfluß der schlechten Literatur s lg Eugen Sue, so muß man sich wirklich darüber wundern, die Kirchen von Morgen bis Abend gefüllt zu sehen und überall, außer bei den NouöS von Prosession, eine ächte, männliche Frömmigkeit zu finden. Die Geistlichin haben viel gelitten, aber sie sind durch Leiden geläuiert; ihre Bildung ist gut und ihre Wachsamkeit für i?re Heerde größer, als der Eifer der Feinde. Mischehen. In Paderborn bei F. Schöningh ist eine Schrift erschienen, betitelt: „Die Prineipi.n des kirchlichen Rechtes in Ansehung der Mischehen." Der Verfasser stellt folgende acht Principien auf: t) Mischehen zwischen Katholiken unv getauften Nichtkatholiken sind insgemein nach natürlichem und positiv-göttlichem Rechte unerlaubt. 2) Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken sind auch durch allgemein- kirchliches Verbot unterfahr. 3) Die Verschiedenheit der Religion zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken ist kein trennendes Ehehinderniß, oder: Mischehen zwischen Katholiken und gctansten Nichtkatholiken sind, von andern Ehchindernissen abgesehen, giltig. 4) Mischehen, die mit einem trennenden Ehehindernisse eingegangen werden, sin» ungiltiz. 5) Die ohne Beobachtung der vom Concil zu Trient vorgeschriebenen Form eingegangenen Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken sind in allen jenen Pfarreien ungiliig, in welchen das Concil publicirt und für welche die verbindende Kraft des betreffenden Tridentinischen Gesetzes nicht durch specielle Erklärung des h. Stuhls beschränkt ist. 6) Mischehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken können aus wichtigen Gründen und unter dem Vc'rhandcnseyn gewisser Bürgschaften, aber nur aus päpstlicher Autorität, erlaubt werden. 7) Bei einer unerlaubten Mischehe sind Ausgebot, Dimissorialen und jede Assistenz verboten. 8) Bei einer erlaubten Mischehe sind die passive Assistenz und Dimissorialen erlaubt, dagegen active Assistenz und Aufgebot untersagt. — An diese Principien knüpft er folgende vier Fragen: a) Wie hat sich der katholische Geistliche in Aus- spendung der h. Sacramente gegen diejenigen zu verhalten, welche eine Mischehe eingehen wollen, oder schon eingegangen sind? b) Würde eine Praxis nach den vorgetragenen Principien der Kirche nachtheilig seyn? c) Ist die Beobachtung der genannten Principien dem Staate nachlheiug, und hat dieser ein Recht, dieselbe zu verhindern? cl) Können Nichtkatholiken die Anwendung der besprochenen Principien als einen Angriff auf ihre Confes- sion betrachten? — Für Jeden, der gründliche Aufschlüsse über die gemischten Ehen wünscht und namentlich für den Geistlichen ist die Schrift nützlich zu lesen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. E. Kremer.