Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 11. December M- ZO. 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprels TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann Hermann von Bicari, Erzvifchof von Freiburg im Großherzog- rhum Baden. Dieser bereits im 82sten Lebensjahre stehende und doch so heldenmütige Kämpfer sür das Recht und die Freiheit der heiligen Kirche ist geboren zu Aulendorf in Oberschwaben, wo sein Vater ein herrschaftlicher Oberamtmann war. AIs Jüngling widmete sich Hermann von Vicari den Studien zuerst in Konstanz, dann im Kollegium der Jesuiten zu Augsburg und endlich an der Rechtssacultat zu Wien. ?!uS der Kcnserstadt zurückgekehrt, practicirte der talentvolle junge Mann vom Jahre 1795 an im Amte und unter der Leitung seines VaterS; mittlerweile unterzog er sich jedoch den strengen Prüfungen an der Universität zu Dillingen, und erwarb die Würde eines Doctors beider Rechte. Nach dem bald darauf erfolgten Tode seines Vaters widerstand er nicht länger mehr seiner Neigung zum geistlichen Stande und wurde, nachdem er die theologischen Prüfungen abgelegt hatte, im Jahre 1797 zum Priester geweiht. Da seine Geschäftslüchtigkeit allgemein bekannt war, so wurden ihm bald von seinem Oberhirten, dem Fürstprimas Carl Theodor von Dalberg, Bischof von Konstanz, die wichtigsten Aemter übertragen. Auch nach Errichtung des ErzbisthumS Freiburg anstatt des Bisthums Konstanz, im Jahre 1827, wurde Hermann von Vicari hochgeehrt und vielfach verwendet. Sein Erzbischof ernannte ihn zum Generalvicar, dann zum Domdechant und im Jahre 1832 zum Weihbischofe, als welcher er nach erfolgter Bestätigung des heiligen Vaters zu Rom am 8. April unter dem Titel eines Bischofes von Macra in pgrtibus consecrirt wurde. Nach dein Tode deS damaligen Erzbischoss Bernard wurde Hermann von Vicari im Jahre 1836 von den Domherren einstimmig zum Capitular-Generalvicar und hierauf zum Erzbischofe erwählt; allein der wackere Mann GotteS konnte durchaus nicht zur Annahme dieser hohen Würde bewogen werden. Im Jahre 1842 jeooch fiel nach dem Tode des Erzbischoss Jgnaz die Wahl abermals einstimmig auf den hochverehrten Hermann von Vicari, und nun konnte er sich der Würde unv Bürde eines ErzbischojS und Metropoliten der oberrheinischen Kirchenprovinz nicht wieder entziehen. Mit Muth und Verlraum auf Gott trat der ehrwürdige Greis sein überaus schweres Amt an. Im Jahr 1847 stierte er still und zurückgezogen vom Geräusche der Welt sein Priesterjubiläum beim Grabe des heiligen Leopold zu Klosterneuburg. Kaum waren dann die Stürme des Jahres 1848 vorübergegangen, als der fromme, gewissenhafte Oberhirte schon den Kampfplatz betreten mußte, um das gute Recht und die Freiheit der heiligen Kirche zu erringen und zu vertheidigen. Jene Federhelden nämlich, die vor einem Hecker kopflos und feige davongeflohen waren, oder gar seine Partei ergriffen halten, die bekamen wieder Muth, als die preußischen Pickelhauben im Badner Lande Wache hielten. Leider zeigten sie wie gewöhnlich ihren 394 elenden Muth blos durch die Unterdrückung der katholischen Kirche und durch die Anfeindung deS hochbejahrten Herrn ErzbischofS von Freiburg. Mit bitteren Vorwürfen wurde der greise Oberhirt überhäuft, als er für den verstorbenen protestantischen Großherzog von Baden kein Seelenamt zu halten gestattete: und dennoch ist eS von der katholischen Kirche ausdrücklich verboten, für verstorbene Nichtkatholiken daS heilige Meßopfer darzubringen. Nebstdem werden der heiligen Kirche von der protestantischen Regierung Badens viele höchst wichtige Rechte vorenthalten und entzogen, wie z. B. das Recht der freien Besetzung jener kirchlichen Pfründen, über welche weder dem Landesfürsten noch einer Priralperson daS Patronat zukommt. Auch darf keine bischöfliche Verordnung erlassen nnd bekannt gemacht werden ohne die Genehmigung und Unterschrift der weltlichen Behörden. Desgleichen will es die protestantische Regierung nicht dulden, daß von katholischen Priestern bei gemischten Ehen die Vorschriften der Kirche beobachtet werden. Endlich wird verlangt, daß der Herr Erzbischof dem Oberkirchenrathe zu Karlsruhe unterlhänig sey, welche Behörde aus weltlichen Beamten und zwei unkirchlich gesinnten Priestern besteht. — Da nuu aber der gewissenhafte Oberhirte nach kirchlichem Rechte und Gesetze sein hohes Amt verwalten will, so brauset der Sturm deS Hasseö und der Verfolgung gegen ihn heran. Schon sind zwei seiner Capläne wegen ihrer Pflichterfüllung in das Gefängniß geworfen, schon ist sein Generalvicar Dr. Buchegger zu einer Geldstrafe verurtheilt worden, und vielleicht sckmachlel der hochbejahrte Herr Erzbischof bald ebenfalls im Kerker. Zu seinem innigen Troste gereicht es jedoch, daß die übrigen Oberhirten der oberrheinischen Kirchenprovinj, die hochwürdigsten Herren Bischöfe von Rottenburg, Mainz, Limburg und Fulda, dann alle Domherren dieser Diöccsen, so wie alle kirchlich-trenen Priester in allen Ländern mit dem Herrn Erzbischvf vollkommen übereinstimmen. Endlich läßt sich nicht daran zweifeln, daß Millionen Kaiholiken für den 82jährigen Herrn Erzbischof, für diesen zweiten Clemens August von Droste-Vischering, inständig beten werden, damit der Allmächtige ihn stärke, und ihm nach vollendetem Kampfe die Krone der Gerechtigkeit darreiche. DaS Verhältniß der Kirche zur weltlichen Gewalt. Wir halten eS für zweckmäßig, nachstehenden ausgezeichneten Vortrag des berühmten P. Lacordaire, bei Gelegenheit des obschwebenden Kirchenstreites in Baden, hier abzudrucken, welcher die gegenseitigen Beziehungen der weltlichen und kirchlichen Gewalt in einer Weise erörtert, die vielleicht geeignet seyn dürfte, denjenigen, die überhaupt über diesen Punct noch belehrungsfähig sind, die Augen zu öffnen, und der, obgleich schon im Jahre 1835 gehalten, dennoch wie für die neuesten Zeitereignisse geschrieben erscheint. „AIs die katholische Kirche im römischen Reiche begründet wurde, fand sie nur eine einzige Auctorität, die weltliche Macht. Die Kaiser, die Erben der Republik, hatten zu ihrem Titel Cäsar und AugustuS noch den der Oberpriester hinzugefügt, und die Kirche ging bei ihrer Begründung mit nichts Geringerem um, als diesen Titel „Oberpriester" ihnen zu nehmen, und neben der weltlichen Macht eine rein geistige zu erheben. Sie that es, und seitdem gehen beide Gewalten neben einander, bald sich unterstützend, bald sich bekämpfend, bald einander verlassend. Aber mit welchem Rechte konnte die Kirche die Macht der Cäsaren theilen, und den Thron der Kaiser entzweischneiden, nnd neben den kaiserlichen Stuhl den apostolischen stellen? Wenn in dieser Basilika ein irdischer Thron gegründet wäre, mit welchem Rechte könnte er den. bischöflichen Thron verdrängen? DaS ist eine Frage, würdig des Nachdenkens ernsthafier Geister, besonders nach dem langen Kampfe, in dem beide Gewalten lagen, nach so vielen Vorurtheilen, die sich gegen die Kirche angehäuft haben, die so stark sind, daß, wenn man sie hört, eS scheint, daß Alles, waS die Kirche besitzt, eine Gabe der Zeit und nicht der Ewigkeit ist. Aber bevor 395 wir untersuchen, mit welchem Rechte die Gewalt der Kirche sich begründete, müssen wir zuvor die Naiur und den Umfang dieser Gewalt kennen, ohne das man unmöglich das Recht der Kirche würdigen könnt-. Die Natur einer Gewalt bestimmt sich nach ihrem Gegenstande. Der Gegenstand der Gewalt der Kirche ist nun deutlich in den berühmten Worten ausgedrückt: „geht, und lehrt alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, SohneS und heiligen Geistes, und lehret sie halten die Gebote, die ich euch gegeben habe." (Matth. 23, 19). Lehret die Wahrheit, verbreitet die Gnade, lehrt, die Tugend zu üben, die Wahrheit, eine unsichtbare und geistige Sache, von der wir nichts in der Sinnenwelt sehen, die uns umgibt, die Gnade, ihrer Natur nach eine eben so unsichtbare und geistige Sache, die Tugend, virtus, daS, waS den Mann macht, vir, eine gleichfalls unsichtbare und geistige Sache, obgleich sie sich in Thaten äußert, weil sie ihr Princip und ihren Grund in der verborgenen Tiefe deS Gewissens hat. Die Wahrheit, Gnade, Tugend, das sind die drei Gegenstände der Macht der Kirche. Was den Umfang dieser Gewalt betrifft, so hängt sie von der Thätigkeit ab, denn das, was eine Gewalt um sich herum ausübt, macht auch daS Maaß der Ausdehnung aus. Diese Thätigkeit nun, in ihrem Maaße und in ihrer Größe, bestimmt sich nach den Mitteln, welche die Macht anwenden muß, um ihr Ziel zu erreichen. Die Kirche, beauftragt, die Wahrheit, die Gnade und die Tugend zu verbreiten, kann dieser Mission nur nachkommen durch Anwendung von fünf Mitteln. Die Wahrheit braucht die freie Verkündigung des heiligen Wortes, die Gnade wird uns mitgetheilt durch freies Darbringen des Opfers und die freie Spendung der Sacramente, die Tugend entwickelt sich durch freie Aeußerung ihrer Thätigkeit, und endlich, nichts kann ausgeführt werden ohne ein Priesterthum, daS stets die Wahrheit verkündet, die Gnade austheilt, zur Tugend ermahnt, also nichts ohne die freie Fortdauer der priesterlichen Hierarchie. Die Gewalt der Kirche, ihrem Umfange oder ihrer Thätigkeit nach betrachtet, denn es ist dasselbe, besteht also in der freien Verkündigung deS Evangeliums, in dem freien Darbringen deS OpferS, und in der freien Verwaltung der Sacramente, in der freien Uebung der Tugend, und in der freien Fortdauer der Hierarchie der Kirche. Wenn man also sragt, mit welchem Rechte die Kirche der Gewalt der Cäsaren einen Theil dieser Gewalt nahm, so heißt daS, mit welchem Rechte wurde die christliche Freiheit begründet. Denn die Kirche hat den Kaisern nicht die innere und göttliche Macht der Gnade geraubt, sie hatten dieselbe nicht, sie kam in keinen Streit mit ihnen, als wegen der äußern Gewalt, der Gewalt der Freiheit. Die Frage zwischen Kaiser und Kirche kommt also darauf hinaus, mit welchem Rechte wurde die christliche Freiheit begründet? Ich antworte zuerst: durch ein göttlich Recht. Es war in der That keine Erlaubniß der Fürsten, durch die uns gestattet ist, die Welt zu unterrichten. Nicht die Kaiser, sondern Christus sagte zu unS: „gehet und lehret alle Völker." Nicht die Kaiser, sondern Christus sagte uns: „lasset die Sünden nach, waS ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöset seyn." ES waren nicht die Kaiser, sondern Christus, der zu unS sagte: „kreuzigt euer Fleisch mit seinen Fehlern und Begierden." Es waren nicht die Kaiser, sondern Christus, der uus sagte: „empfanget den heiligen Geist." Deßwegen haben wir unsere Freiheit auch nicht von Kaisern, wir haben sie von Gott, und deßwegen werden wir sie auch behalten, weil sie von ihm kommt. Die Fürsten können sich wohl vereinigen, um die Vorrechte der Kirche zu bekämpfen, sie können dieselben mit Namen brandmarken, wodurch sie gehässig werden, können sagen, daß eS eine Macht ist, die alleS Maaß überschreitet und die Staaten zu Grunde richtet, sie mögen das sagen, wir fahren fort, die Wahrheit zu verkünden, die Sünden zu vergeben, die Laster zu bekämpfen, den Geist GotteS mitzutheilen. Schickt man unS in die Verbannung, wir werden eS gerade so in der Verbannung machen; wirft man uns in Gefängnisse, wir werden eS so in dem Gefängnisse machen; verstößt man uns zu den Bergwerken, wir werden eS so in den 396 Bergwerken machen; verjagt man uns auS dem Reiche, wir werden in ein anderes gehen. ES wurde zu n»S gesagt, daß bis auf den Tag, wo ein Jeder wird Rechenschaft geben müssen von seinen Werken, wir die Reiche der Erde nicht ermüden werden. Aber, wenn man »ns überall verjagt, wenn die Macht des Antichrist sich auf der ganzen Erde ausbreitet, dann werden wir, wie zu Anfang der Kirche, auf die Gräber und in die Karakomben fliehe». Und wenn man uns auch bis dahin verfolgt, wenn man uns auf das Schaffst schickt, so werden wir in jedem edlen Herzen eine letzte Zuflucht finden, weil wir nie verzweifelt haben an der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit des Menschengeschlechts. Ich sage, die Freiheit des Menschengeschlechts, denn wem wurde die christliche Freiheit gegeben? Wem hat Christus sie als Erbtheil mit seinem Blute hinterlassen? Allen, und besonders den Armen, Niedrigen, Unglücklichen. Man spricht stets von neuen Theorien der Volksbildung, von agrarischen Gesetzen, von Rechten des Volkes. Wohlan! das ist sein Erbtheil! Ihr, ihr habt den Credit, die Wissenschaft, Pracht, Ehren und die Vergnügungen dieser Welt;, Gott konnte oder wollte diese nicht Allen geben, es liegt auch wenig daran, aber Allen gab er sein Wort. Wollt ihr denen, die nichts haben, das Recht nehmen, es anzuhören? Wollt ihr ihnen dieses Wort nehmen: „selig sind die Armen! selig sind, die da weinen!" Gebt Acht, daß, indem ihr es ihnen nehmet, ihr es euch selbst nicht nehmet. Früher oder später wird die Welt euch verlassen, und dann werdet ihr froh seyn, wenn ihr die Freiheit des Kreuzes findet. Das Kreuz ist der Schutz des Armen, aber es ist auch das Letzte, was Könige in Händen halten. Haltet es in Ehren bei Andern aus Rücksicht auf euch selbst. Ich sage also, daß die christliche Freiheit, welche die Gewalt der Kirche bestimmt, in ihrer äußern Beziehung von Gott kommt, und daß sie das Erbgut des Menschengeschlechtes ist. Ich füge bei, daß sie ein natürliches Recht ist, weil sie nur das Mittel ist, die Wahrheit zu verbreiten, und die Gnade und Tugend, drei Dinge, die man dem Menschen nicht nehmen kann, und die wesentlich frei sind, gegenüber jeder weltlichen Macht. Die Wahrheit ist auch in der That, um mit ihr anzufangen, eine Sache, die Niemand angehört, auf die kein Fürst Anspruch machen kann, wie auf sein Eigenthum, die Wahrheit gehört Allen, und es gibt kein Recht gegen sie, die die Quelle aller Rechte ist. Welches Recht könnte man doch gegen die Wahrheit haben? Etwa zu hindern, duß sie nicht bekannt würde? Aber dieses Recht würde die Auflösung der Gerechtigkeit in sich schließen, denn die Wahrheit ist das Recht Aller, weil der Mensch ein verständiges Wesen ist. Ohne Zweifel drück- sich die Wahrheit im Worte aus und geht in dasselbe über, aber das Wort, das nur Wahrheit ausdrückt, vereinigt sich mit ihr, das Wort ist mitgetheilte Wahrheit, das heißt, Wahrheit, die von ihrem Rechte Gebrauch macht, sich mitzutheilen. Will man etwa sagen, daß die Wahrheit zwar in ihrem Rechte ist, sich mitzutheilen und daß es zwar kein Recht gegen sie gibt, aber daß die Fürsten das Recht haben, zu unterscheiden, was Wahrheit und Recht ist? Würde auch dieses Recht der weltlichen Macht zukommen, so würde daraus gegen die Kirche nichts folgen, welche die Wahrheit und die Trägerin der Wahrheit ist; aber es braucht viel, um nur so geradezu sagen zu können, daß das Recht, die Wahrheit und den Irrthum zu unterscheiden, der weltlichen Macht angehört. Diese Macht ist zusammengesetzt ans einer gewissen Anzahl Menschen, die nicht unfehlbar sind, und welche nur bestätigen können, daß diese und jene Sache ihnen wahr oder falsch scheint, daß Dieß und Jenes für den Staat nützlich oder schädlich scheint, ohne daß sie das Recht haben, ein verbindendes Urtheil über die Wahrheit oder den Irrthum zu fällen. Keiner kann in seinem Gewissen gehalten seyn, das zu glauben, was die weltliche Macht glaubt, und deßwegen kommt das Recht, die Wahrheit von dem Irrthume zu unterscheiden, ihr auch nicht zu; denn käme ihr dieses Recht zu, so wäre jeder Bürger in seinem Gewissen verbunden, an den AuS- spruch sich zu halten, den sie gethan hätte. Wer würde nicht bei dem Gedanken an 397 eine weltliche Macht lachen, die an die Pforten unserer Liebfrauenkirche anschlagen wollte, welche Wahrheit heute gilt und am Abende, welche Wahrheit morgen gelten soll? Die Fürsten, eö ist wahr, haben es mehrmal versucht; aber wenn die Andern die Feigheit gehabt haben, sich dieser gemeinen Knechtschaft zu unterwerfen, so hat die Kirche immer um den Preis des BluteS widerstanden, und einer eben so lächerlichen, als von Seite der Fürsten traurigen Anmaßung den doppelten Schutz einer tiefen Verachtung und einer hohen Ehrfurcht entgegengesetzt. Wie die Wakrheit, so ist auch die Gnade frei für sich. Denn was ist die Gnade? Eine Thätigkeit Gottes gegen den Menschen; wie sollte der Mensch das Recht haben, diese Thcuigkeit zu hemmen? Es ist wahr, daß die Gnade durch sinnliche Zeichen sich mittheilt, aber diese Zeichen sind, wie das Wort bei der Wahrheit, nur der Ausdruck der Gnade, nur die Gnade, die sich aus eine bestimmte Weise mittheilt. Die Sacramente und die Gnade sind also unzertrennbar, man kann die einen nicht angreifen, ohne nicht auch die andere anzugreifen. Wir thun der weltlichen Gewalt kein Unrecht, wenn sie zu einer Zeit, die nicht so gar ferne von uns ist, Gerichtsdiener in unsere Kirchen sandte, um die heil. Hostien, den Leib deS lebendige» Gottes in Beschlag zu nehmen, wir thun ihr kein Unrecht, wenn wir nicht glauben, daß sie nur ein wenig Brod angriff. Sie griff nicht diese sichtbare Zeichen an, sondern die Kraft, die in ihnen verborgen ist. Und welches ist diese Kraft, wenn nicht die, welche der Glaube uns gegeben hat, und welche aus einer Thätigkeit GolteS gegen uns kommt? Wenn es nicht Gott wäre, den ich am Altar emporhebe, wenn eS nur Brod wäre, so brauchtet ihr nicht so viele Truppen, um es mir auS den Händen zu reißen. Eö bleibt noch die Tugend übrig. Hier besonders zeigt sich das Licht, denn welches Recht kann man gegen die Tugend haben? Der Mensch ist für die Tugend geboren, sie ist nicht mehr, als sein Recht und seine Pflicht. Gibt es Rechte gegen die Pflicht? Ich möchte demüthig, sanft und keusch seyn, wer hat ein Recht gegen Demuth, Sanftmuth, Keuschheit? Ich möchte die Kleider des Reichen ausziehen und mich aus Liebe in die des Armen hüllen, wer hat ein Recht gegen ehrbare und brüderliche Kleidung? Ich will meine Habe verkaufen, und sie den duldenden Gliedern Christi und der Menschheit austheilen, wer hat das Recht, eine Wache um mein Herz zu legen, das sich öffnet, und die Liebe zu proscribiren? Ja, wenn man daS erstemal, als wir das Evangelium verkündigten, uns hätte sagen können, wir sind Mordbrenner, wir verwirren das Reich, und wollen eS stürzen, dann wäre die weltliche Macht in ihrem Rechte gewesen, sich gegen uns zu schützen. „Aber," sagte Tertullian, »sucht in euern Gefängnissen nach, ob sich ein einziger Christ dort findet, der eines Verbrechens angeklagt ist. Die ihr dort eingesperret, sind nur einer Sache angeklagt, den Namen Christi zu tragen. Und was wollt ihr von ihnen, um sie in Freiheit zu setzen? Daß sie zwischen zwei Finger ein wenig Weihrauch nehmen, und ihn vor eine Bildsäule streuen. Also, schließt er, nicht wegen ihrer Verbrechen klagt ihr sie an, sondern wegen ihrer Tugenden." Sagen wir es srei heraus, man kann über die Wahrheit streiten, sie ist hier dem Streite der Menschen anheimgestellt, aber nie über die Tugend. Die Tugend zeigt einen Charakter, der sie nicht in den Kampf mit der Ungerechtigkeit und Tyrannei bringt, und wenn das Christenthum nicht frei wäre wegen seiner Wahrheit, wäre es frei wegen seiner Tugend. Ihr seht also, die Macht der Kirche ist nicht allein auf ein göttliches Recht gegründet, sie ist nicht allein rechtmäßig wegen eines natürlichen Rechts, sondern sie ist zuletzt nichts, als die Ausübung der menschlichen Freiheit selbst. Wer die Kirche angreift, greift unsere Freiheit an, ich sage nicht die politische und bürgerliche, sondern unsere moralische, greift uns in dem an, was uns zu Menschen macht. AIS verständiges Wesen hat der Mensch das Recht, die Wahrheit kennen zu lernen und sie mitzutheilen; als moralisches Wesen hat er das Recht, die Tugend zu üben und sie den Andern zu lehren; als religiöses Wesen hat er das Recht, mit Gott in Verbindung zu treten, und seine Erleuchtung und seine Gaben zu empfangen. Freiheit der 398 Wahrheit, Freiheit der Gnade, Freiheit der Tugend, daS ist die ganze Macht der Kirche, das ist ihr ganzes Recht, daS ihr ganzer Ehrgeiz. sSchluß folgt, > Gfrörer. Der berühmte Historiker ist in den Schooß der katholischen Kirche zurückgetreten und zwar zu Freiburg (wo er an der Universität ordentlicher Professor der Geschichte ist); gleich nach dem Tage, an welchem der Hirtenbrief des Erzbischofs verkündigt worden war. Gfrörer ist nach seiner eigenen Aeußerung durch das Studium der Geschichte zum Glauben an Christus den Sohn Gottes und den Menschensohn — und zur Ueberzeugung von der Wahrheit der katholischen Kirche gekommen. Ich bin der Meinung, Gfrörer wird es nicht übel nehmen, wenn ich einige Aeußerungen hier wiedergebe, welche ich von demselben im Jahre 18ä9 am Allerseelentage vernommen habe. ES war damals noch eine sehr bewegte Zeit — kaum daS erste Ausschnaufen von einer großen unseligen Bewegung in Mittel- und Südeuropa begonnen. Gfrörer war am besagten Tage an zwei Stunden in meiner Wohnung, was mir große Freude machte; denn mit ihm zu reden ist ein wahres Vergnügen — was nicht bei jedem Gelehrten und jeder Celebrität der Fall ist. Gfrörer ist ein wahrhaft edler biederer Schwabe, der das Herz auf der Zunge trägt — seine Bemerkungen über öffentliche Zustände sind gewöhnlich scharfsinnig, geistreich und schlagend. Wir redeten Vieles über die Geschicke der Kirche in der nächsten Zukunft; mitunter flocht Gfrörer subjektive Bemerkungen über seine innere Stellung zur katholischen Kirche ein — die mich aufs liesste rührten, und ich bin in der Regel nicht leicht bewegt. Unter anderm sagte, er: „Nachdem ich durch die Schulen ex oktioiv um den Glauben gebracht war, bin ich auf historischem Weg zu meinem jetzigen Glauben wieder gekommen, und auf historischem Weg kann ich einmal auch noch ganz in die katholische Kirche kommen; zuerst imponirte mir der ganze Organismus der Kirche, es gibt nichts Größeres, nichts Herrlicheres." Die Worte des Mannes haben sich erfüllt. ES war ein großartiges Stück Weltgeschichte und Kirchengeschichte, das sich jüngster Tage in Freiburg abgewickelt hat — da kam es in Gfrörer, der davon nächster Augenzeuge war, vollends zum Durchbruch; seine noble Natur konnte eS im Protestantismus nicht mehr aushalten, er konnte das Schwanken nicht länger vertragen; er wollte einmal einen festen Grund unter seinen Füßen haben. Ueber die nächsten Geschicke der Kirche sagte Gfrörer am selben Tage vor vier Jahren (und ich erinnere mich noch gut seiner Worte): „Wird eS ruhig, so wird sich der Radikalismus mit der Larve der Legalität an die katholische Kirche machen, und gerade in den kleinen deutschen Ländern wird man's am ärgsten treiben — dann wird's aber auch zum Bruche kommen. Man wird meinen, die Ruhe sey geeignet, um die unhaltbaren Zustände mit der Kirche sicher zu befestigen." Auch diese Worte Gfrörers haben sich erfüllt. Nebenbei sind mir noch viele andere Aeußerungen Gfrörers im Gedächtniß, ich habe aber Grünve, selbige in petto zu behalten; bin aber der Meinung, der Historiker, von Freiburg werde auch hierin den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Gfrörer scheint — wie er großen Scharssinn in der Combination der Verwicklungen längst entschwundener Zeiten bewiesen hat, auch einen ähnlichen Scharfsinn für die Combination zukünftiger Zustände zu besitzen. (W. K.-Z) Sie halten zusammen. Wer jetzt Augen hat, der kann sehen, und wer Ohren hat, der kann hören. Bei der badischen Verwickelung ist die radicalz Presse ungemein thätig, sie kann ihr Blut nicht verläuzneu und nicht von ihrer Art lassen. Die radikale Presse besteht aber eigentlich und natürlich aus den radikalen Persönlichkeiten, welche diese Presse 399 handhaben, und diese sind einmal durch keine Polizei zu überwachen. Wir haben in Oesterreich so gut unsere radicale Presse als anderwärts, Sie weiß mit großer Schlauheit und Pfiffigkeit die radicalm Interessen zu vertreten. Wir werden den Beweis liefern. In ganz Deutschland ist diese radicale Presse gegen den Erz- bischof von Freiburg und für das badische Ministerium. Natürlich auch — diese besagte Presse weiß es immer sehr gut, wer in ihrem Interesse und wer gegen dasselbe arbeitet. Wie die Kirche Macht gewinnt, so fallen die Aclien der revolutionären Propaganda — gegen die Kirche muß daher mit aller Anstrengung gearbeitet werden. In Oesterreich gibt es nun große, vielgelesene Blätter, die fangen an, sehr pfiffig ihre alten Tendenzen von 1849 wieder hervorzukehren; in der Sache deS ErztischosS von Freiburg suchen sie die öffentliche Meinung total hinterS Licht zu führen, und das geschieht nicht durch Leitartikel oder Originalarlikel, sondern durch eine sehr einfache Manipulation. Es wird das rothe „Frankfurter Journal" und andere Blätter gleicher Färbung benützt und diese trüben, schmutzigen Quellen in die Gartenvetlltin besagter Journale hineingeleitet. Wer kann einen Redacteur zwingen, aus diesem oder jenem Journal seine Artikel zu nehmen? DaS geht nicht an, eS ist eine Unmöglichkeit. — Wir behaupten daher: alle Ucberwachung, der Presse nützt nichlS — wenn die Persönlichkeilen keine Garantien in ihrem Charakter darbieten — wie sollen aber jene Persönlichkeiten eine Garantie geben — die, so lang es möglich war — und mit so großem Seeleueifer, als eS für ihr Leibesheil räthlich war, mit der Revolution gehalten haben, und die sich erst dann bekehrten, als sie durch äußerlich zur Schau getragenen Schafspelz (bei innerlicher Wolfverbleibung) ihre Eristenz wieder beginnen konnten, oder wenn sie nicht unterbrochen war, bewahren konnten. Wer tiefer schaut, als auf daS, was die Oberfläche darbieter, der sieht durch den glatten Wasserspiegel die scherzenden Seeungeheuer ihr Spiel treiben. Die eine Thatsache aber sollten sich alle Staatsmänner in Anbetracht des Freiburger Conflictes ins Herz schreiben: Wie kommt es, daß die ganze radicale Presse für das badische Ministerium arbeitet und gegen den Erzbischof auftritt? Das kommt daher, weil die radicale Presse eS sehr gut, und besser als alle jene, welche sie, ohne Besitz der rechten Waffen, bekämpfen wollen, weiß, wo eigentlich das Ferment deS Umsturzes ist — und was die beliebte Gähiung fördern kann. Darum sagten wir, man braucht nur die Augen aufzumachen, um zu sehen, und die Ohren, um zu hören. (W. K.-Z.) Preßburg. Aus Preß bürg 22. Nov. wird der W. Kirchenzeitung geschrieben: Da ich alleS Wichtige und Erwähnenswerthe Ihnen mitzutheilen versprach, dürften Sie bereits meinetwegen auf sonderbare Gedanken gerathen seyn, weil ich eines der wichtigsten und segensreichsten Ereignisse, daS die katholische und nicht katholische Bevölkerung unserer Stadt mitgelebt, und dem sie eine ausdauernde Aufmerksamkeit zugewendet, bisher unerwähnt ließ. Daß ich hier die heilige Mission der hochwürdigen Jesuitenväler, die am 30. Octvber begonnen und am 13, November beschlossen wurde, meine, liegt auf der Hand, aber nicht so handgreiflich ist die wahre Ursache meines langen Schweigens darüber; Sie darüber aufzuklären, muß ich Ihnen offen gestehen, daß ich die heilige Misston für ein Werk Gottes angesehen, daS himmelweit von den Werken der Menschen absticht, und sich in seinen Wirkungen und Folgen selbst lobet und rühmet, und nicht wie allenfalls das Auftreten eines Komödianten, den fünf baare Gulden zum Künstler und Genie stempeln, während er ohne diese ein ganz gewöhnlicher Acteur bleibt, der Feder eines Sterblichen bedarf. Also nicht als Speklakelstück, daS gleich nach der Aufführung recensirt werden muß, sondern als ein Werk GotteS betrachtete und betrachte ich die heilige Mission, und schreibe darum zwölf Tage nach deren Schluß über ihre Folgen, aber nicht über vereinzelte Erscheinungen, die man leicht als momentane Einflüsse der Redekrast schildern könnte, und 400 auch wirklich geschildert hat. Darf man den Tag vor dem Abende nicht loben, ist eS bei so gewalliger Begebenheit gewiß nicht minder angezeigt, ihre Nachwirkungen abzuwarten, und den Feinden der Wahrheit trocken sagen zn können, daß jenes Licht, welches geleuchtet, kein Strohfeucr gewesen. Doch, zur Sache zu kommen, lassen wir Jedem seine Ansicht und Aussicht, und beschäftigen wir uns mit der heiligen Mission. Der Anfang und das Ende derselben waren glorreich, und der Besuch der Predigten, die in zwei Kirchen zu gleicher Stunde gehalten wurden, ein enormer. Am zahlreichsten waren die Reden des P. Joseph und des P. Mar Klinkowström besucht, aber auch bei den übrigen Herren fand sich immer ein gewähltes und großes Publikum ein. Ich erlaube mir keine Kritik über die hochwürdigen Redner, eine Aeußerung kaun ich jedoch nicht unterdrücken, und die PP. Jesuiten werden mir dieselbe auch gewiß nicht übel deuten, die nämlich, daß ich den P. Patiß für den gründlichsten unter ihnen halte. Es mag seyn, daß ich irre, allein in den von ihm vernommenen Reden fand ich eine seltene Logik und eine haarscharfe Gliederung der einzelnen Sätze, die mich bewog, seinen Predigten ausschließlich und so oft als möglich beizuwohnen. Damit sey nicht gesagt, als hätten die übrigen Pcüres weniger Gründlichkeit entwickelt, sie wußten, waö eben so Noth thut, die Saiten des Gemüthes anzuschlagen. UebrigenS haben alle sechs Männer Unglaubliches geleistet, und die Beweise hicfür sind die Folgen der heiligen Mission, der fortgesetzte Gebrauch der heiligen Sacramente, die vielen stallfindenden Restitutionen, der merklich fleißigere Besuch der Kirchen, die Begleichung jahrelanger Feindschaften u. s. s,, derentwillen ich die heilige Mission den Triumph des Kreuzes nenne, und Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Cardinal-Fürsten Reichsprimas von Ungarn als Veranlasse? derselben im Namen Derer danke, die von der heiligen Mission einen segenvollen Gebrauch gemacht, und wahrhaft besser und frömmer geworden sind. Daß ihre Zahl keine kleine — zeigen die unansgesetzten Besuche bei dem Missionskreuze, das oft umlagert erscheint, und keinen Tag ohne Besucher bleibt. Nordamerika. Der zum Nuntius in Brasilien bestimmte Msg. Bedini, Erzbischof von Theben, i, p., hat bekanntlich von Sr. Heiligkeit den Anstrag erhalten, vorher sich über die Zustände der katholischen Kirche in Nordamerika zu unterrichten. Er wurde in den Hauptstädten der vereinigten Staaten und Canadas auf eine seinem Range entsprechende Weise nnd von den Katholiken mit der größten Ehrerbietung empfangen. Der gesetzliche Einfluß des römischen Stuhles hat durch diese Rundreise deö päpstlichen Nuntius bedeutend gewonnen. Die Feinde der katholischen Kirche wurden dadurch um so mehr erbittert; besonders die italienischen Flüchtlinge in New-Kork, welche sich durch Haß gegen Kirche und Religion auszeichnen. Ihr Rtdner ist Gavazzi, dessen Brandprediglen bekannt sind, auch haben sie eine Zeitung, welche ein Herr Secchi di Casali redigirt, welcher früher mit aller Kraft rief: Es lebe Pius IX.! und später als Colporteur im Dienste der PreSbyterianer stand, nnd ketzerische Bücher in Italien verbreitete; jetzt verbreitet er von Zeit zu Zeit in seiner Zeitung das Gift der Verleumdung über die katholische Kirche und den heil. Stuhl. Für alle dergleichen war der Erfolg deö päpstlichen Nuntius eine Niederlage, welche sie auf alle Weise abzuwenden suchte». Sie wendeten zuerst gegen Msg. Bedini Verleumdungen an, welche die protestantische Presse weiter verbreitete. Nachher suchte man den päpstlichen Nuniiuö zu Meuchelmorden. Die Gewissensbisse eincS der Verschworenen erlaubten dem Msg. Bedini auf seiner Hut zu seyn. Die Verschworenen aber, welche sich dnrch einen gewissen Sassi verrathen glaubten, vtrsctztcn diesem in der Nacht auf einer Straße von New - Uork einen tödtlichen Stich. Sassi hat vor seinem Tode Bekenntnisse abgelegt. Verantwortlicher Redacteur: L. Schön chcu. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.