Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostLeitung. 18. December M Z853. Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuement«pre!« TV kr., wofür e« dnrch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Wunderbare BekebrungSgeschichte des berühmte» TonkünstlerS Hermann Kobn, ausgezogen aus dem Werke Souvenir «je» reeits vontemporsins. (Fortsetzung.) Mit Sehnsucht erwartete Hermann den Tag, wo ihm die Gnade zu Theil werden sollte, das Brod der Engel, das wahre Manna zu empfangen. Er drückt sich hierüber in folgenden Worten aus: „Wenn ich die Gläubigen an die Communionbank treten sehe en'strömen heiße Thränen meinen Augen, es sind alsdann nicht jene süße beglückende Thränen der innern Tröstungen, ich sühle eine tiefe trostlose Traurigkeit, daß eS mir noch nicht vergönnt wird, zum Tische des Herrn zu gehen! .... In diesem Augenblicke, wo ich Ihnen schreibe, fühle ich eine unbeschreibliche Betrübniß, daß es mir noch nicht vergönnt war, meine erste Communion zu seiern, ich lechze nach dieser himmlischen Feier. Seit meiner Taufe", sagte er anderswo, „hat mich der Herr jeden Tag mit Süßigkeiten überhäuft, mit Tröstungen jeder Art, und mit einer Menge himmlischer Begünstigungen! Oft schwamm ich in einem Ocean geistiger Entzückungen! Für Gott allein zu leben", hörte man ihn oft sagen, „ist mein heißester Wunsch, eS ist sür mich was der Himmel den übrigen Menschen, was einem entthronten König die Rückkehr seiner Verlornen Macht, was einem vor brennendem Durst lechzenden Wanderer der Anblick einer frischen klaren Quelle ist! ... . O heilige Lehre meines geliebten Jesu, nur dir will ich leben, allem Andern will ich absterben!" Am 8. September, an dem Tage, wo die Kirche das Fest der Geburt Maria feiert, hatte unser frommer Neophit das Glück, zum ersten Male seinen Heiland zu empfangen. Was mag wohl in dieser glühenden Seele vorgegangen seyn in dein Augenblicke, wo sie sich mit ihrem Heiland so eng verbunden fühlte? Man versicherte uns, daß in jenem Augenblicke die Gesichtszüge deö jnngen Mannes einen überirdischen Ausdruck hatten, welcher allen Anwesenden ausfiel; seine Lippen aber verstummten über das, was er empfand; er wich bis jetzt jeder Erklärung hierüber aus. Am 3. December 1847, am Feste des heiligen FranciScuS ZaveriuS, ertheilte ihm der hochwürbigste Erzbischof d'Äffre das Sacrament der Firmung. Bei dieser Gelegenheit erhielt er noch den Namen ZaveriuS, Von dieser Stunde war er im Besitze der sieben Gaben des heiligen Geistes. Wir werden bald-sehen, welche herrliche Früchte diese Gaben hervorbrachten, mit welcher Beharrlichkeit, mit welcher schlichten Opferwilligkeit Hermann der Welt entsagte, er, der doch deren berauschende Genüsse so oft gekostet hatte! Wie tief er eindrang in den Geist der GlaubenSgeheimnisse und Wahrheiten, er, der während fünf« undzwanzig Jahren nicht ein einzig Mal davon sprechen gehört hatte; wie richtig er gerade das wählte, was am meisten zur Verherrlichung des NamenS Gottes beizutragen 402 vermag, indem er eine enge und dunkle Zelle der geräuschvollen Hauptstadt, der Schaubühne seiner Triumphe, vorzog; mit welchem beharrlichen Muthe er alle Hindernisse besiegte auf dem Pfade seines Heils, und, um zum Ziele zu gelangen, scheute er weder Abtödtungen, beschwerliche Reisen, die Entsagung seiner Verwandten, noch schreckte ihn die harte Lebensweise in einem der strengsten Orden ab. Mit welcher Richtigkeit er den Gebrauch seiner Talente und seiner Naturgabe zu ordnen wußte, beweiset, daß alle sein? musicalischen Werke religiösen Gegenständen gewidmet und „Mariens Ruhm!" „Liebe zu Jesu!" zc. betitelt sind. Mit welchem Eifer, mit welcher Bereitwilligkeit er sich dem Dienste Gotteö hingab, zeigt sich am besten dadurch, indem er auf i»imer seinem eigenen Willen entsagte, um sich unbedingt dem seines Obern zu unterwerfen, den er gleichsam wie den Willen Gottes ehrte. Aus Liebe uud Ehrfurcht für unsern Heiland, für den er immer beseelt war, sank er vor dem Tabernakel auf die Kniee und rief öfters mit Begeisterung auS: „ich habe ihn gefunden, den Geliebten meines Herzens! Er ist mein, ich besitze ihn und Niemand soll mir ihn mehr entreißen!" Im Monat September desselben Jahres zuckte in ihm der erste Gedanke auch einer nächtlichen Anbetung des hochheiligsten Sacramentes in einer Carmeliten-Capelle in der Rue de l'Enfcr. Eines Abends, erzählte man uns, verweilte er so lange im Gebete vertieft vor dem Hochwürdigen, daß eine Laienschwester zu ihm hintrat und ihn aufforderte, sich zu emfernen. „Recht gern, aber erst nach dem Segen," gab er zur Antwort. — ES ist heute kein Segen, erwiderte die Schwester. — „So bleibe ich so lange, als die Damen dort bleiben." — Es dürfen nur Frauen hier die Nacht über verweilen, bemerkte ihm die Schwester. Hermann gehorchte wider Willen. Von dem Wunsche beseelt, auch Männer für die neue Ehrenwache deö Königs der Könige anzuwerben, begab sich Hermann gleich am folgenden Tagein mehrere Kirchen in Paris, trat zu den jungen Männern hin, die er allda andächtig beten fand, und schlug ihnen vor, sich in die heilige Schaar einzureihen, und so legte er den ersten Grnnd zu jener erbaulichen Bruderschaft der immerwährenden Anbetung des hochheiligen Sacraments, die späterhin durch Anordnung des Erzbisckofs Sibour eine geregelte Gründung erhielt. Am 6. December 1848 hatte die erste nächtliche Anbetung des Hochwürdigen in der Kirche Notre Dame des Victoires Statt. In dem Vorworte zu den 4V Cantaten, die er späterhin znr Ehre der göttlichen Eucharistie verfertigte, entlockte ihm die Erinnerung an jene Stiftung folgende heiße LiebeSergießunzen: „O du himmlisches Sacrament, du berauschende Quelle, an der meine lechzenden Lippen in langen Zügen den Vorgenuß des ewigen Lebens schöpfen! Mein Herz schwimmt in Wonne ... es drängt mich, dich zu segnen, meine Lob- und Dankgesänge erschallen zu lassen; denn ich weiß nun, daß meine Brüder in Paris des unsäglichen Glückes genießen; jeden Tag sehen sie dich aus deinem LiebeSkerker hervortreten, du zeigest dich ihren verblendeten Augen und es ist ihnen vergönnt, ihre ewige Anbetung dir darzubringen!" „Und das Glockengeläute der Hauptstadt verkündet deine Anwesenheit und mit flatternden Bannern feiern sie in Umgängen deinen Triumph uud der Oberhirt ordnet in den Kirchen eine prunkvolle öffentliche Feier zu deiner Verehrung. „Er ladet die Gläubigen ein, die Altäre zu verzieren; er beruft eure Kinder, daß sie Lob- und Danklieder ihm singen.... „O angebeteter Jesus! ich fühle mich gedrungen, meine Gesänge mit denen meiner Pariser Brüder erklingen zu lassen! Denn in dieser Stadt hast du geruht, mir unter der eucharistischen Hülle die ewige Wahrheit zu verkünden; — das erste Geheimniß, welches du mein Herz fühlen ließest, war deine wirkliche Gegenwart im hochheiligen Sacramente. „Fühlte ich mich nicht damals schon, als ich noch Jude war, so mächtig zu dir hingezogen, daß ich mich kaum enthalten konnte, an den heiligen Tisch hinzueilen und dich in mein brennendes Herz auszunehmen! Mein heißes Verlangen nach der heiligen Taufe hatte hauptsächlich zum Grunde die Sehnsucht, mit dir vereinigt zu 403 seyn. — In Unruhe nach dem schönsten Tage meines Lebens seufzend weinte ich auS Scheelsucht, wenn ich Andere die heilige Communion empfangen sah; mit den Augen verschlang ich die geweihte Hostie, iu welcher Deine Liebe zu den Menschen den unendlichen Gott befaßt! . . . „Was du damals für mich thatest, um mich in meinem schmerzhaften Verlangen zu trösten, das kann ich hier nicht sagen. Sseretum msum milii. „Als ich endlich an diesem himmlischen Mahle theilnehmen durfte, schöpfte ich in demselben eine unbekannte Macht gegen mich selbst. Diese göttliche Speise wandelte mich in einen neuen Menschen um; sie bewahrte mich gegen alle Angriffe der weltlichen Versuchungen. Dieser Schatz schälte mich von Allem ab, waS mich ehemals mit Macht beherrschte. „Ein immer heißerer Durst drängte mich je mehr und mehr zu dieser Quelle des lebendigen Wassers; wie ein Verhungerter sehnte ich mich nach diesem „„Weizen der AuSerwählten."" ' „Um dich nach Herzenslust zu.schauen, flössen mir die Stunden des TageS zu schnell dahin; ich suchte Christen auf, die, wie ich, von dieser heiligen Gluth entbrannten; und wir brachten die Nächte in deinen Kirchen zu. . . Ein frommer Priester leitete uns. Am Abend setzte er das Hochwürdige auf dem Altare auö, und die Morgenröthe fand uns noch knieend vor deiner Herrlichkeit... „O wonnenvolle Nächte! meine Zunge möge an meinem Gaumen vertrocknen, meine Hand verdorren, wenn ich je euch vergesse! In diesen himmlischen Nächten zogest du mich, o mein Jesuö, durch einen so mächtigen, unwiderstehlichen, lieblichen und zärtlichen Liebreiz an, daß der letzte Faden zerriß, der mich noch an die Welt heftete. Ich floh fern von den Städten, um ganz ungetheilt und für immer dir zu leben." Der Entschluß, sich Gott im Priesterstande zu weihen, stand bei Hermann schon vor seiner Taufe fest, aber sein Beruf zum Klosterleben entfaltete sich erst im Jahre 1348, zur Zeit, wo alle seine Seelenkräfte, wie in einem Brennpuncte, in der Anbetung des hochheiligen AltarSsacramentes zusammenflössen, wo er jeden Abend, um Mitternacht, aufstand, um dem Betrachten vor dem Hochwürdigsten obzuliegen. Gegen Ende dieses Jahres kamen die drei jungen Direktoren dieses frommen Werkes überein, ein gemeinschaftliches Leben nach einer gewissen Regel zu führen, und am letzten Samstage vor den Fasten im Jahre 1849, am 17. Februar, verließen sie die Welt und zeigten sich nicht mehr in derselben. Hermann, Einer von diesen Dreien, begab sich vom AuffahrtStage an bis Pfingsten in eine Retraite. In derselben las er das Leben deS heiligen Johannes vom Kreuze; durch diese Lectüre und durch andere mysteriöse Veranlassungen, über welche er jeder Erklärung sorgfältig auszuweichen scheint, entstand in ihm der unwiderstehliche Wunsch, in den Karmeliter-Orden zu treten. Er erkannte bald in diesem Wunsche eine Eingebung von Oben und beschloß, ihn zu verwirklichen. Bald darauf fügte eS sich, ohne sein Zuthun, daß er in Paris einem Religiösen auS dem Barfüßer-Karmeliter-Orden aus dem vor einigen Monaten in Agen gegründeten Hause begegnete. WaS er von diesem Hause vernahm, bestärkte ihn noch mehr in seinem Entschlüsse, seine Aufnahme in demselben nachzusuchen. Er eröffnete sein Vorhaben seinem Director, dem ehrwürdigen Pater Bertholon aus der Gesellschaft der Maristen, in deren Hause er seit einiger Zeit wohnte. Anfangs mißbilligte er diesen Entschluß, gab aber endlich doch nach. Hermann, erfreut über diese Zustimmung, traf ungesäumt seine Vorkehrungen zur Reise nach Agen. DaS Karmeliter- Kloster in dieser Stadt ist unter dem Namen „I'Lremiwße" bekannt, eS ist genannt zur „Lieben Frauen deS BergeS Karmel" und zur heiligen Theresia; es liegt an der nördlichen Seite der Stadt, auf einem steilen, auS einer weißen FelSmasse gebildeten Hügel. Man zeigt daselbst noch die Felsenhöhle, in welche sich der heilige Capraiö, der heilige VincentiuS und die junge jungfräuliche heilige Fides geflüchtet hatten. In dem römischen Martyrologium wird vom ersten dieser Heiligen berichtet, daß er, in einer dieser Höhlen verborgen, Zeuge war von dem unerschrockenen, stand- .. . 404 hasten Marterthume niid Tode der heiligen Fides für JesuS ChrkstnS. Er flehte zum Herrn, er möchte ihm doch als Zeichen, daß auch er des Martyrthums werde gewürdiget werden, klares Wasser aus dem Boden der harten Felsenhöhle, in der er sich befand, emporsprudelii lassen; da bald darauf wirklich klares Wasser hervorquoll, ging der heilige Caprais freudig den Henkersknechten entgegen und starb für die Ehre Gottes. Seit dieser Begebenheit wird die Quelle auf dem Gipfel der Eremitage, die noch immer rein fließt, von frommen Pilgern mit Andacht besucht. Hermann reiste den 16. Juli 1849 von Paris ab, am Feste unserer lieben Frau vom Berge Karmel, trat mit Bescheidenheit in die Capelle ein, gerade als man die erste Vesper des Propheten EliaS sang, der als der erste Stifter des Karmeliter- OrdenS betrachtet wird. Er hörte eine innere Stimme, welche ihm sagte, daß hier der Ort sey, wo ihn der Herr erwarte. Der Vorsteher gestattete ihm, hier eine Re- traite von siebenzehn HageN zu machen, und dann ertheilte er ihm die Erlaubniß, in das Noviziat du Broussey, zu Rions unsern Bordeaux, einzutreten. Er brachte fast eine» Monat in diesem Hause z>u: vom 6. August bis zum 3. September lebte er zurückgezogen in einer Zelle, dachte fleißig nach über seinen Beruf und erklärte dann, daß er bleiben wolle. Aber um umgekleidet zu werden, bedürfte eS einer Zustimmung von Rom; man hielt darum an, man erhielt aber eine abschlägliche Antwort. Wahrscheinlich fand man die vormalige Lebensweise des Postulanten allzu anstößig, und zudem hatte er sich ja erst seit kurzer Zeit im Christenthume erprobt. Die Wclt- leute, die über alles, sehr oft ohne Sachkenntniß, in den Tag hinein sprechen und urlheilen, behaupten meistens mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, hinter den Klostermauern sey man nicht weniger als anderswo Sclave seiner Leidenschaften, und in diese Zufluchtsstätten begäben sich nur große Sünder, weil man ohne viele Umstände jeden annimmt, der sich meldet. Diese Meinung ist falsch und ungerecht. Freilich öffnen sich die Pforten dieser heiligen Stätten zuweilen Menschen, die, enttäuscht über alle zeillichen Genüsse, in der Welt nichts mehr finden, was ihre Beachtung verdient; auch solchen, die, nach stürmischen, wüst verlebten Tagen vom grauenvollen Selbstmorde durch den Gedanken eines rächenden GotteS abgehalten wurden und in sich gingen; die Aufnahme findet aber immer ohne sehr strenge Prüfungen Statt. Es ergeht diesen dann, wie dem heiligen Augustinus und dem heiligen HieronymuS; ihre ersten Verirrungen werden ihnen zum Sporn neuer Kräfte, durch welche sie ihre geistige Wiedergeburt und Genesung erkämpfen und der Menschen Ächtung und deS Himmels Gunst wieder erwerben. Hermann war sehr betrübt über die ungünstige Antwort aus Rom, doch ließ er den Muth nicht sinken. In Demuth und Ergebung hörte er die Entscheidung an, die man ihm kundgab, küßte diejenigen, die er schon seine Väter und seine Brüder genannt hatte, und denselben Tag, den 3. September, verließ er du Broussey und trat seine Reise nach Rom an, in der Absicht, in eigener Person dem heiligen Vater oder dem General der Karmeliter sein unterthänigsteS Nachsuchen vorzulegen. Nach einigen Tagen traf er in Marseille ein und begab sich unverzüglich an Bord eines DampfboteS, das nach Civita-Vecchia segelte, auf welchem er den letzten Platz bezog. Obschon er sich sorgfältig während der Ucbersahrt zu den bescheidensten Reisenden der geringsten Classe hielt und mit Vorbedacht ganz gemeine Kleider trug, wurde er doch von einigen der Passagiere in den ersten Plätzen erkannt und während der Quaran- taine, die man in Genua hielt, wurde er genöthigt, Musik zu machen. Man bot alles auf, um ihn zu bewegen, in Rom wieder in der vornehmen Welt aufzutreten und Concerte zu geben; aber umsonst: die Gnade siegte über die Versuchungen. Am 14. September kam er in der Apostelstadt an, gerade am Vorabende deS TageS, wo sich die höheren Beamten des Carmeliterordens zur allgemeinen Berathung versammeln sollten. Ohne Verzug begab sich Hermann zum General deS Ordens und legte ihm mit schlichten Worten die Ursache seiner Reise vor. Sein Nachsuchen wurde dem Rathe vorgelegt und r'n der ersten Sitzung gleich einstimmig sein Begehren bewilligt. Hermann trat unverzüglich seine Rückreise an. Voll Freude über das Gelingen seiner Bemühungen erschien er bald wieder in dem Kloster du Broussey, seine Aufnahme daselbst nachsuchend. Das Haus du Broussey ist die Wiege des in neuerer Zeit wieder auflebenden Carmeliterordens in Frankreich; seine Gründung hatte im Jahre 1541 Siatt. Für eine Seele, die in der Betrachtung über Gott und die Ewigkeit sich zu vertiefen wünscht, hat dieses HauS die geeignetste Lage, es erhebt sich auf dem Gipfel eines steilen, einsamen, von angebautem Felde umgebenen Hügels, in einer Entfernung von ungefähr acht Stunden von Bordeaux, Innerhalb dieser stillen Mauern, ganz der Betrachtung obliegend, leben etliche zwanzig Mönche, die alle einen gewissen, mehr oder weniger bedeutenden Rang in der höheren Gesellschaft in Spanien oder in Frankreich besessen hatten. Ihr Hauptgeschäft ist Schweigen. In ihrer Zelle nur die Einsamkeit und das Schweigen sncbenv, offenbart sich ihnen der Weg, der zu Gott führt. Stellt man sie zur Rede über ihre Beschäftigung, so antworten sie, wie ehemals der heilige Saulinus seinem Freunde Sulpicius SeveruS: „Schweigen", wir schweigen. Die Liebe hat nur für den geliebten Gegenstand Worte, für die übrige Welt ist sie stumm. Keine Spur von Verdrießlichkeit oder Langeweile ist übrigens auf ihren GesichtSzügen zu bemerken; sie verrathen im Gegentheil Heiterkeit und Seelenruhe; man glaubt einen Abglanz des Himmels wahrzunehmen, Ihre strenge Lebensweise hat, beim ersten Anblicke, etwas Finsteres, Trauriges; aber sie finden in derselben die Würze des Erdenlebens und das Vorgefühl dcr ewigen Belohnungen. In Broussey, wie sie zu sagen pflegen, sieht der Mensch den Himmel offen und kann sich vertraulich mit Gott unterhalten. Dieser Ort scheint in der That eigens dazu erschaffen, um die Verheißung, die der Herr in der alten Zeit machte, zu erfüllen, als er sagte (Osee Cap. 2 VerS 14): „Ich werde die Seele in die Einsamkeit führen, und dort will ich mit ihr von Herz zu Herz sprechen." (Fortsetzung folgt.) Das Verhältniß der Kirche zur weltlichen Gewalt. (Schluß,) Die Begründung der Kirche war auch in Bezug auf die moralische Freiheit und die Würde des Menschen eine Wohlthat, deren Größe sich jetzt mehr als je zeigt. Früher ordnete die weltliche Macht nicht bloS die Interessen deS Lebens, der Sicherheit, deS Eigenthums, der Ehre, der Nationalunabhängigkeit, sondern sie regelte auch die moralischen und religiösen Angelegenheiten, und diese Vereinigung von Gewalten machte den DesporiSmnS fester und unerschütterlicher, ohne daß sie der Religion und den Sitten, die in grobe Ausschweifungen gefallen waren, nützte. Durch die Begründung der Kirche hat die weltliche Macht die Leitung deS menschlichen Gedankens verloren, und beherrscht nicht mehr die göttlichen Gesetze. Die Religion befiehl für sich, hat ein eigenes, unabhängiges Leben, uud hält durch ihren Einfluß allen übertriebenen Gewalten die Wagschaale, die etwa die Völker unterdrücken und unterjochen wollten. Die Thätigkeit, die in dieser Beziehung in der Gesellschaft von der Kirche ausgeübt wird, ist dermaßen in die Sitten eingedrungen, daß man selbst dem Irrthume die Rechte der Wahrheit gegeben hat, und daß jeder Cultus nach derselben Freiheit strebte, die durch die katholische Kirche erworben war. Wir begreifen die wellliche Macht nicht mehr, wenn sie in eigenem Namen die religiöse Macht ausübt, und eS gereicht dem Protestantismus durchaus nicht zur Ehre, aus dem Fürsten das äußere Haupt des Christenthums bei allen Protestanten gemacht zn haben. Aber, sagt man vielleicht, wenn die Begründung der geistigen Macht in der Welt eine Entwicklung herbeiführte, die für die Würde und moralische Freiheit deS Menschen nützlich war, wurde dadurch nicht ein gefährliches Princip der Anarchie in die bürgerliche Gesellschaft eingeführt? Anstatt der Einheit der Macht, die die bürgerliche Ordnung festhält, gibt eS jetzt in jedem katholischen Staate zwei Gewalten, die / 406 denselben Zweck verfolgen. Wenn die geistige und weltliche Macht nie uneinig werden wegen ihrer Befugniß, dann wäre dieser Zustand der Dinge vielleicht zu ertragen. Aber Jeder weiß, daß, obwohl es viele Sachen gibt, die rein geistlicher Natur sind, und viele andere, die rein weltlicher Natur sind, eS doch mehrere gemischter und dunkler Natur gibt, die ein Gegenstand ewigen Streites zwischen beiden Gewalten sind. Die Geschichte ist voll von Beispielen dieser Art. Bald hat die Kirche, bald- die weltliche Macht den Sieg davon getragen, blutige Klagen bezeichnen die Annalen, der Kirche und der weltlichen Gewalt. Welches Mittel steht zu Gebot, wenn ein, solcher Streit sich erhebt, um ihn friedlich beizulegen? Wer soll beide Parteien richten, da beive unabhängig sind, und keinen höhern Richter haben? In diesem Falle ent- scheivet zwischen den weltlichen Gewalten der Krieg. Soll auch dieser entscheiden zwischen der weltlichen und geistlichen Gewalt? Wenn die Kirche Krieg führt, dann hat sie nicht allein ihre Kraft in der göttlichen Gnade und Ueberzeugung, und die katholischen Staaten sind stets von einem Kriege bedroht. Wenn aber nicht der Krieg entscheiden soll, wer soll entscheiden? Wir bemerken zuerst, daß Streit der gegenwärtige Zustand der Menschheit ist, daß das Böse und das Gute, das Fleisch und der Geist, Reiche gegen Reiche, Ideen gegen Ideen in einem steten Kampfe sich befinden, und daß daraus die Ordnung hervorgeht. Die Ordnung ist nichts, als eine Vereinigung verschiedener Elemente, und je mehr die Harmonie aus Gegensätzen besteht, desto größer ist der Triumph der Ordnung, desto mächtiger zeigt sich ihre Kraft. Wundern wir uns also nicht, daß Gott mit der Begründung seiner Kirche eine Art Dualismus in die Gesellschaft gebracht hat. Jede Gewalt wird nur begränzt durch eine andere, und daS Wunderbare ist nur, daß die geistige Gewalt, welche die weltliche Gewalt begränzt, diese auf eine unerschütterliche Basis zurückführt. Nie haben die Fürsten länger gelebt, nie länger der Liebe der Nationen sich erfreut, die sie regierten, als seit Begründung der Kirche, und in dem Maaße, als man die Kirche sich in einem Staate befestigen sieht, in dem Maaße sieht man auch die weltliche Gewalt geachtet, wie man sie andererseits gedemüthigt sieht, wenn die Kirche ihren Einfluß verliert. Thatsachen lassen darüber keinen Zweifel zu. Da Gott die Kirche gründete, sorgte er nicht blos für menschliche Freiheit, sondern auch für den Schutz des menschlichen Ansehens. Man kann sagen, waS TacituS von Nerva sagte: „sie hat die Freiheit und Herrschaft vereinigt." Wenn man nach dem Grunde fragt, so wird man finden, daß eS der Kirche eigen ist, allen Rechten Ehrfurcht zu verleihen, indem sie die Wahrheit kennen und achten lehrt, weswegen auch alle Rechte, der Fürsten, wie der Völker, in ihr eine Stütze haben. WaS nun den Streit betrifft, der sich zwischen den zwei Mächten wegen zweifelhafter Materien erhebt, so wollen wir zuerst bemerken, daß die Fundamentalrechte der Kirche so klar sind als die Sonne, und daß in gemischten Fragen beive Gewalten sich verständigen können durch Concordate und gegenseitige Concessionm, daß die Kirche, welcher keine bewaffnete Macht zu Gebote steht, auch nie gewaltsam eine Ungerechtigkeit begründen kann. Das ist das große Vorrecht der Kirche auf Erden, sie kann nicht bewaffnet'Unrecht thun. Wenn sie handelt, geschieht es immer in Uebereinstimmung der Völker und Fürsten, unter dem Schutze der Freiheit und deS öffentlichen Rechtes. Ich gebe zu, daß die weltliche Macht in der Lage ist, ihre Gewalt gegen die Kirche zu mißbrauchen, aber die Kirche wird ihr nur zwei Vertheidiger entgegensetzen, daS Martyrthum und Gott; das Martyrthum, das eher den Tod duldet, als daß es die der Kirche von Gott gegebenen Rechte vergibt, Gott, der ihr Gründer, Führer, Beschützer ihrer Schwachheit in der Welt ist, und welcher versprochen hat, sie nicht zu verlassen. Die Geschichte bietet hinlänglich Beispiele, und man könnte auf neuere Thatsachen verweisen, die Jeder weiß. Was war PiuS VII. gegen Napoleon? Und dennoch hat PiuS VII. gegen den Herrn der Welt allein mit der Kraft seines Gewissens gckämpft, und hat ohne Waffen den besiegt, dem Armeen zu Gebote stauden- 407 Wenn man fragt, wer zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt entscheiden soll, so vergißt man, daß ein Gott lebt, der die Welt regiert, und man verlangt eine Lösung, die) wenn sie wirklich ohne göttliche Vermittlung möglich wäre, Gott seiner Oberherrschast über die Welt entsetzen würde. Gott ist es nothwendig, auf den AlleS hinausläuft, und er offenbart seine Thätigkeit durch Ereignisse, die die Gestalt der Jahrhunderte verändern, und die den besondern Charakter einer unerwarteten Gewalt an sich tragen, an der man sie leicht erkennen kann. Es besteht also gegen die katholische Kirche kein Grund des Mißtrauens und des HasseS wegen ihrer wirklichen Begründung in Mitte der Gesellschaft in Raum und Zeit. Sie hat AlleS empfangen und nichts sich angemaßt, und hat AlleS gesegnet, sie hat ihre Rechte von Gott und ihrer Natur erhalten, sie hat weder die Wahrheit, die Allen gehört, gewaltsam an sich gezogen, noch die Gnade, die allein von Gott kommt, noch die Tugend, die allgemeine Pflicht ist; sie hat die Freiheit gesegnet durch den Gebrauch, den sie davon macht, wie das Ansehen, dessen Herrschaft sie mit Andern theilte. Und dennoch hat sie, trotz des Glanzes ihrer Rechtmäßigkeit und ihrer Wohlthaten, nicht aufgehört, Verfolgung zu leiden. Wie kann daö seyn? Welcher Wind führt ihr von jedem Jahrhundert den Sturm der Beleidigung mit? Ich will eS euch sagen, zwei Geister verfolgen die Kirche, und werden sie stetö verfolgen, der Geist der Herrschsucht und der Geist der Ausgelassenheit. Der Geist der Herrschsucht kann die Freiheit nicht ertragen, deren die Kirche, genießt, der Geist der Ausgelassenheit fürchtet sich vor der Wahrheit, Gnade und Tugend, deren unermü- dcter Apostel und muthiger Vertheidiger die Kirche ist. Der Geist der Herrschast stößt die Völker zum alten oder neuen Protestantismus, um einziger Herr der Gesellschaft zu seyn; der Geist der Ausgelassenheit treibt sie zu einer noch tiefern Aufregung, um den Hochmuth und die Sinnlichkeit, die das Kreuz geschlagen hat, zu befreien. Es scheint, daß die Kirche unterliegen sollte unter den zwei Gewalten, die mit einander ein Ziel verfolgen, und welche die Menschheit durch die Träger der beiden Ziele, den Thron und den Pöbel, gegen sie losläßt. Ader! o Tiefe der Führung Gottes! Der Geist der Herrschsucht verwünscht den Geist der Ausgelassenheit, und der Geist der Ausgelassenheit den Geist der Herrschsucht. In dem Augenblicke, da sie mit mehr Hitze gegen die Kirche sich wandten, und schon über ihren Fall sich freuten, trafen beide auf einander, und stießen an einander. Eine blinde Wuth stürzt die eine auf die andere, jede will allein die Beute der Kirche davon tragen, und ihr gegenseitiger Haß vergrößert sich mit dem Anblick der Beute. Von Zeit zu Zeit halten sie still, sehen sich erstaunt an, fühlen, daß sie sich vereinen sollten, um ihr Opfer zu erhalten, sie suchen Freundschaft zu schließen. Der Geist der Herrschsucht sagt: „bin ich nicht der Vater der Ausgelassenheil?" Der Geist der Ausgelassenheit sagt: „bin ich nicht der Vater der Herrschsucht?" Vergebliche Anstrengung! sie hassen hinlänglich die Kirche, um sich gegen sie verbinden zu wollen, aber sie hassen sich selbst zu sehr, als daß der Haß gegen einen Andern sie verbindet. O der Gerechtigkeit GotteS! Lasset der Gerechtigkeit Gottes ihren Lauf. Auf einer Oase Arabiens weidete ein Lamm. Es dringt daS Brüllen eines Löwen durch die Luft, der König der Wüste erscheint, und will eben mit einem Sprunge über das wehrlose Thier herfallen, aber ein anderer Löwe, von demselben Hunger gestachelt, kommt von einer andern Seite der Wüste, sie sehen sich an, messen sich, zerfleischen sich, während das Lamm gefahrlos und unbeschädigt neben ihrem Wüthen weidet. Die zwei Löwen sind die Welt, das Lamm ist die Kirche; die Welt ist getheilt, die Kirche ist einig." Wien. Wien, 29. Nov. Der Central-SeverinuSverein hielt heute eine Plenarver- sammlung, in welcher der Herr Fürsterzbischof von Wien folgende Ansprache hielt: „Ein Mann, welcher groß war an Geisteskraft wie an Heiligkeit, hat gesprochen: 408 Das Herz des Menschen ist unruhig, bis es ausruhet in dir, o Herr! Zahllos sind die Wünsche, welche auö dem menschlichen Herren emporquellen, die Leidenschaften stacheln, Furcht und Hoffnung theilen es mit wechselnder Gewalt. Anmuthig ist der Schimmer der Hoffnung; doch je lockender die Güter des Lebens in seinem Farbenspiele glänzen, desto weniger befriedigen sie den, der ihrer theilhaft geworden. Unablässig erneuert sich der Drang der Begierde; aber unablässig tritt ihm auch das Gewissen entgegen, in dessen Stimme eine höhere Welt sich ankündet, und wird die heilige Mahnung verachtet, so drückt der Mensch sich neue und sehr scharfe Stacheln in die Brust. Ueber all' diesem verworrenen Treiben und Ringen erscheint die christliche Wahrheit gleich der Sonne, welche mit siegreichem Strahle den empörten MeereS- wogen Einhalt gedielet. Sie löset das Räthsel unseres Herzens, indem sie unsern Blick über den engen Raum des irdischen Lebens hinauSrichlet und uns den dreieinigen Gott auf dem Throne seiner Herrlichkeit offenbart. Sie gießet mildernde Fluch auf die heiße Gluch der Begierde, indem sie uns das himmlische Gesetz der Liebe und der Demuth bringt. Darum spricht der Sohn GvtteS, welcher für uns zum Menschensohne werden wollte: „Kcmmet Alle zu mir, die ihr beladen seyd, und ich will euch erquicken; denn mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht." Ja, Erquickung ist die Hoffnung, welche er unö enthüllet, Erquickung ist die Gnade, welche er auf uns niederthant, Erquickung ist selbst die Bürde, welche er unS auflegt. Er spricht: „Wer mein Jünger seyn will, der verläugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich." Aber die Selbstoerläugnung, welche der milde Heiland uns gebietet, ist nicht nur das Unterpfand der himmlischen Güter, sondern auch eine Schutzwehr wider die scharfen Dornen, mit welchen die Bahn der irdischen Pilgerschaft besäet ist: denn wer sich nicht selbst, zu beherrschen versteht, verfällt dem schmählichen, qualvollen Joche der Leidenschaften. So ist denn das Christenthum für Zeit und Ewigkeit das Kleinod deS Menschengeschlechtes, Der Eifer für die christliche Wahrheit und ihre Hüterin, die Kirche, knüpft die Bande des St. SeverinuSvereines; ich begrüße daher Ihre Versammlung, meine Herren, als eines der Zeichen, welche uns die Aussicht in eine frohe Zukunft eröffnen. Nur zu oft begibt es sich, daß der Mensch dasjenige, was er besitzt, und dessen er sicher zu seyn glaubt, als ein Gut zu fühlen verlernt. Wer niemals krank war, betrachtet die Gesundheit als Etwas, welches sich von selbst versteht. So ist es auch mit den Segnungen deS Christenthums ergangen Die Welt hat sich von ihnen mit undankbarer Gleichgilligkcit abgewendet, oder sie sogar mit thörichtem Frevel für entbehrlich und lästig gehalten. Der St. SeverinuSverein hat sich die Aufgabe gestellt, dem Unglauben und der Gleichgiltigkeit in den Kreisen deS häuslichen Lebens entgegen zu wirken und allen Anstalten zu Erneuerung der Gesinnung nach Möglichkeit jene Unterstützung zu vermitteln, welche nur durch Vereinigung der Kräfte möglich ist. Um mit dieser heilbriugenden Bestrebung sich zu beschäftigen und einander durch den Ausdruck Ihrer Ueberzeugung zu kräftigen, sind Sie versammelt. Der Herr thue also wie er verheißen hat, da er sprach: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich mitten unter ihnen!" Der Herr, der reiche Gnadenbn'nger, sey mitten unter Ihnen!" UiSNÜZi'"'m4i,mtts ni»« ,i«->^ 7N^nn m; « ,?ü(!T ^ol7^z