Sonntags-Beiblatt Augsburgs postzeilung. Zwanzigster Jahrgang. « 8 ««. Druck vcn Z. M. Kleinlc. Augsburg. Nedartian und Verlag von Dr. Man Huttler. Allgemeiner Inhalt des Anilsliurger Sonntagslil altes PL v 1860 abgetheilt in I. Gedichte. Lcbcns-Rcgcl. Seite 17. Zur 100jährigen Jubelfeier des Geburtstages des hochsei. Bischofs Witlmann. 25. Das kleine Häuflein. -11. Das Schifflein Petri von Boos. -19. Rom. 73. Der St. Peters-Pfennig. 80. Roms Name. 81. Nur Unverzagt vc»J. B. üafiathshvfcr. 89 Nachts. 97.1 An das Veilchen. 105. Drei Maricn-Gcdichtc von Carl Barth. 129- Zur Mai-Andacht. 161. Die sichere Bucht von I. B. TasratbShofcr. 329. Iiilroil,» »19. Ein armer Geiger. 119- Audienz und Hofvienst. 125. Verachte das Gespött der Weltkinder und trachte nach der ewigen Glückseligkeit. 126. Maria Mutter der Barmherzigkeit. 127. Wahrheiten für Jedermann. 127. Die Lage der katholischen Kirche in Australien. 310. Das Gift. 3 >5. Die Bedrückung der Kirche in den katholischen Staaten im 18. und 19. Jahrhundert und ihre Folgen. 316. Reflexionen über das Wallfahrten nach Einnebeln. 3 >9. Aus dem Leben einer Fürstcntochtcr. 327. Die Schaumünze. 329- Der Pfarrer von St. Agatha. 336. Die neuern religiösen Fraucninstitutc. 343. Vom Urtheile über Predigten und geistliche Betrachtungen. 345. Der Tageslauf. 351. Zur Geschichte der Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien. 353. Die Rose. 356. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerika'S. 364. Die christlichen Dienstboten. 372- Die Maienglöcklcin. 373. Einiges über die Verhältnisse der Katholiken in Sachsen. 375- Charaktcrzügc aus dcm Leben Pius IX. 380. Missionsbericht des hochw. ?. Franz Xaver Weninger. 388. Zufall oder Strafe. 390. Die Greuelscencn in Syrien. 393. Der Schutzengel. 398- Die Bisthümcr Asiens. 414. Die letzten Lebensmomente Sr. Eminenz deS > Cardinals Viale Preis. 415- we Artikel. Nächstenliebe. 135. Die wahre Auferstehung. 136. Allina d'Eldir. 136. Ein wahrer Hirt. 143. Seltene Ehrlichkeit. 144- Warme Herzen unter einem groben Rocke. 152. Eine kaiserliche That. 152. Jugcndklänge von Franz v. Salcs Walk. 159. Wahre Nächstenliebe. 160. Fluche nicht! 175. Scelenstärke eines katholischen Priesters. 176. Chinesischer Spruch. 176. Eine neue Previgtmethode in Amerika. 183 Ein Zug von Sirius V. 184. Dcnksprüche. 184. Rose und Dornen. 191. Der Name Maria. 192. Papst Pius IX. und ein französ. Soldat. 199. Thomas Morus. 200. Freiwillige Selbstbestrafung. 206- Vcrläuindung. 208. Die einfache Antwort. 208. Heilige Stimmen. 207. Die letzten Stunden gläubiger Bekenn« Christi. 216, 224, 232. Die Folgen des Irrwahns. 224. Der König und sein Diener. 230. Heimsuchung Gottes. 231. Ein Muttergottesbtldchen. 232. Fragen und Antworten. 240. Was sagt Sckiller über den Papst? 247. Die Thüre. 248- Gerechte Strafe. 246. Ein protestantisches Zeugniß für das kathol. Ordcnslcben. 255. Ein treu geliebter Scclenhirt. 256. Die sterbende Nonne. 264. wei Jungfrauen. 264. aS weinende Kind. 271. Kloster und Fabrik. 272. Gebet zum heil. Alohsius. 288. Die Compaßblume- 296. Die sieben Gnadenbittrn im Gebete des Herrn. 304. Gottes und der Welt Ehre. 312. Lebensurtheile. 312. Pon der wahren Weisheit. 328. Von der Lauheit. 344. Der Tageslauf. 351. Die schönste Perle. 352- Was ist das gegenwärtige Leben? 360. Ein Jähzorniger. 360. Edle That. 368. Die Verhältniffe der Katholiken inSachsen. 375. Die glaubenstrcuen Gefangenen. 376- Praktische Nächstenliebe. 376. Veilchen und Tulpe. 383. Thörichte Furcht. 384. Unsere Hoffnungen. 391- Die Wirkung der Bilder. 392- Das Gewissen. 392. Macht'S nach'. 400. Wer seinem Glauben nicht treu ist, der ist auch seinem Könige nicht treu. 416. Augsburger Sonntagsblatt. Nr. 1. 1. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poſt⸗ Zeitung XX Jahrgang) erſcheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abomementspreis iſt 20 fr., wofür es durch alle k. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Katholiſche Miſſion auf den Seſchellen Inſeln. —yb— Die Seſchellen-Inſeln, auf der Oſtſeite Afrikas, 4 Grade ſüdlich vom Aequator gelegen, haben der katholiſchen Miſſions⸗Thätigkeit zwar nur einen kleinen Wirkungskreis geboten; aber das Wirken eines armen Capuziners daſelbſt bietet um ſo mehr Intereſſe, da in einer ſo kurzen Zeit erſt neulich die katholiſche Religion auf dieſen faſt vergeſſenen Eilanden wieder hergeſtellt und feſt gegründet wurde, und da dieſer Poſten auch für die Miſſionen in dem öſtlichen Afrika von Bedeutung iſt. Dieſe Inſeln, dreißig an der Zahl, jedoch noch nicht alle bewohnt, waren zu jener Zeit, als ſie von den Portugieſen entdeckt wurden, nur von Schildkröten, Krokodilen, Affen und Vögeln der verſchiedenſten Art belebt. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aber erhielt die größte dieſer Inſeln, Mahon, eine franzöſiſche Niederlaſſung, wodurch ſie für die Krone Frankreichs in Beſitz genommen wurde. Die große Fruchtbarkeit des Bodens zog bald mehrere Anſiedler nach, aus den gegenüberliegenden Küſten Aſrikas wurden Neger als Sclaven eingeführt, und ſo wuchs die Bevölkerung raſch heran. Ein franzöſiſcher Prieſter beſorgte die geiſtlichen Angelegenheiten ſeiner Landsleute, für welche auf Koſten der Regierung 1787 eine katholiſche Kirche erbaut wurde. Die bald nachher ausgebrochene Revolution Frankreichs ſendete ihren zerſtörenden Einfluß bis auf dieſe entfernte heranblühende Kolonie; es kamen rabiate Republikaner aus dem Mutterlande hieher und brachten alles in Verwirrnng; ſie ſelbſt aber wurden theils Seeräuber, theils Sclavenhändler. Erſt als dieſe Inſeln 1844 an die Engländer abgetreten wurden, ward wieder einige Ordnung hergeſtellt; aber die meiſten Katholiken verließen jetzt dieſe ihre Heimath, alle wenigſtens, denen es ihre Vermögens-Verhältniſſe möglich machten; die Urſache davon war die Aufhebung der Sclaverei, weil jetzt die Schwarzen nach erlangter Freiheit nichts mehr arbeiten wollten, und deßhalb die beſten Ländereien unbenützt liegen blieben und verwilderten; dann aber auch, weil kein Prieſter mehr auf den Inſeln war, und die Katholiken ihre religiöſen Bedürfniſſe nicht mehr befriedſgen konnten. In Folge dieſer Vorgänge gerieth die katholiſche Religion gänzlich in Verfall. Die alten Chriſten verloren ſich nach und nach, die Kinder wuchſen ohne Unterricht heran, und hatten zuletzt als Gottesverehrung ein Gemiſch von Chriſtenthum und Heidenthum. Weitaus der größte Theil der Einwohner, die Schwarzen, waren Heiden. Alle heidniſchen Gräuel waren in Uebung; Zauberer, Wahrſager, Todtenund Teufels⸗Beſchwörer ſtanden bei Chriſten und Heiden im größten Anſehen. Aber eine eigene Erſcheinung, gewiß eine beſondere Gnade der göttlichen Vorſehung war es, daß dieſe halbverwilderten Katholiken eine hohe Verehrung zur allerſeligſten Jungfrau Maria nie aus ihrem Herzen verloren, und daß ſie die Bildniſſe der Muker Gottes, die ſie von ihren Eltern ererbt hatten, als Heiligthümer in ihren Wohnungen bewahrten, und denſelben ſehr hohe, meiſt auch abergläubiſche Verehrung erwieſen. Auch ſehnten ſie ſich nach der hl. Meſſe, von deren Heiligkeit und hohem Werthe ſie gar oft hatten reden hören. Dieſe beiden Umſtände legten ſpäter 2 dem Eindringen des Irrglaubens in ihre Herzen die größten Hinderniſſe in den Weg. Ihre Sehnſucht nach der hl. Meſſe veranlaßte ſie endlich, ſich an die engliſche Regierung mit der Bitte um einen Prieſter zu wenden. Man ſäumte nicht, ihre Bitte zu gewähren; man ſendete ihnen — einen Methodiſten⸗Prediger, der der franöſiſchen Sprache kundig war; denn dieſe iſt noch immer die Sprache des Volkes. Mit Freude wurde er aufgenommen. Er nannte ſich ihnen zu Gefallen Prieſter; hielt ihnen ſogar Meſſe; dieſen Namen gab er nämlich feiner calviniſchen Predigt; aber das betrogene Völklein ging ganz und gar unbefriedigt aus dieſer ſogengnnten Meſſe, dieſe gefiel ihnen keineswegs, und daß er mit ſolchet Gleichgiltigkeit von „der Maria“ ſprach, das ſtieß ſie gänzlich von ihm ab. Sie erkannten bald, daß dieſer „Prieſter“ nicht die Religion ihrer Vorfahren lehre, und blieben allmälig größtentheils von ſeinen gottesdlenſtlichen Handlungen weg. Weil aber ſolches die Weißen thaten, ſo verachteten die Schwarzen nur um ſo mehr eine ſolche Gottesverehrung. Nach einem zehnjährigen Wirken hatte der Prediger, obgleich er ſich mitunter auch der polizeilichen Gewalt bediente, nicht mehr als ungefähr 300 Neubekehrte gewonnen, der übrige und viel größere Theil ſeiner Anhänger waren die eingewanderten Engländer und die Familien der Beamten. Endlich ſchlug für dieſe Inſeln die Stunde des Heils; und dieſes Heil ſollte ihnen erwachſen aus den Leiden der heil. Kirche, aus der Verfolgung der Miſſionäre. In Abyſſinien nämlich veranlaßte der dortige häretiſche Biſchof eine Verfolgung gegen die Katholiken, und ihre Miſſionäre mußten 1850 aus dem Lande flüchten. Einer derſelben, Pater Leon des Avanchers, ein franzöſiſcher Kapuziner, kam nach Aden, Stadt an der ſüdweſtlichen Spitze Arabiens, und hörte vom Miſſionär dort ſelbſt von der Verlaſſenheit der kleinen Heerde auf den Seſchellen. Pater Leon entſchloß ſich ſogleich dahin zu reiſen, und es bot ſich ihm auch bald die Gelegenheit hiezu dar. Der 1. März 1851 war der glückliche Tag, an dem nach beinahe 70⸗ jähriger Unterbrechung der erſte katholiſche Prieſter wieder ans Land ſtieg. Nach wenigen Tagen ſchon war die Ankunft des Prieſters auf allen bewohnten Inſeln bekannt; voll Neugierde ſtrömte das Volk von allen Seiten herbei, den Miſſtonär zu ſehen. Sein langes Ordensgewand, ſein Miſſionärkreuz auf der Bruſt, ſein Roſenkranz im Gürtel, alles war für ſie eine wundervolle Erſcheinung. Beſonders die Schwarzen betrachteten den Prieſter oft lange mit ſcheuer Ehrfurcht, und wenn ſie ihn vom Fuß bis zum Scheitel genau beſichtigt hatten, dann riefen ſie tiefathmend aus:„Das iſt nun einmal ein Prieſter! ſo iſt alſo Gott endlich gekommen!“ Sie fühlten es, daß dieſer Prieſter ein Abgeſandter Gottes ſei; ſchon ſein Anblick hatte ihre Herzen gewonnen. Nun ging es aber auch ſogleich an die Arbeit. Ein weiter Saal wurde in eine Kirche umgeſtaltet und das Erſte, was das Volk vom Prieſter verlangte, war, daß er ihnen die heil. Meſſe leſe. Es geſchah am folgenden Tage; das kleine Hãuflein der Katholiken kniete voll heiliger Freude und Andacht um den Altar, während die ſchwarzen Heiden in lautloſer Stille und heiliger Ehrfurcht die niegeſehene heil. Handlung umſtanden. Am Schluſſe derſelben hielt der Pater eine Aurede an das Volk, worin er den Chriſten Glück wünſchte zu ihrer Ausdauer im Glauben ihrer Eltern und ſie aufforderte, dieſe Zeit des Heils jehßt eifrig zu benützen. Die Rührung des Volkes war außerordentlich; das Weinen desſelben übertönte zuletzt die Stimme des Prieſters, ſo daß er ſeinen Vortrag nicht mehr fortſetzen konnte. Nun wurden die Kinder getauft, Ehen eingeſegnet; jeden Morgen und Abend wurden allgemeine Unterweiſungen in der chriſtlichen Lehre gehalten, die aufs eifrigſte beſucht wurden; und faſt keine Stunde des Tags verging, wo nicht auch noch beſonderer Unterricht ertheilt wurde. Der Zudrang, als Kinder Gottes durch die heil. Taufe in den Chriſtenbund einverleibt zu werden, war außerordentlich; dieſe Gnade konnte aber natürlich nur Jenen zu Theil werden, die in der Heilslehre hinlängliche Kenntniſſe ſich erworben und durch Aufgeben ihrer heidniſchen Unſitten Proben ihres chriſt 3 lichen Eifers an den Tag gelegt hatten; dieſe wurden oft in Abtheilungen von 200 bis 300 Perſonen getauft. Nicht blos das Heidenthum verminderte ſich täglich mehr, auch in die Reihen des Proteſtantismus begann der Abfall einzureißen, von denen nicht wenige ſich in die katholiſche Kirche aufnehmen ließen. Jetzt erwachte aber auch der Neid des proteſtantiſchen Predigers; der Tempel des heiligen Geiſtes ſoll nie und nirgends ohne Mühe, ohne Kampf, ohne Anfeindung aufgebaut werden. Um den Eroberungen der Gnade ein ſchnelles Ende zu machen, wußte der Prediger die Ortsbehörde gegen den Miſſionär aufzuhetzen. Die Folge davon war, daß dieſem zuerſt alle geiſtlichen Amtsverrichtnngen auf's ſtrengſte unterſagt, dann aber ſogar er ſelbſt aus der Inſel verbannt wurde. Wie ſchwer es ihm fiel, ſeine treue Heerde zu verlaſſen, ſehen wir aus den eigenen Worten des Miſſionärs; er ſchrieb nämlich: „Wie ſchmerzlich fiel mir dieſe Trennung, da ich mit Gewalt mich der Liebe meiner Kinder im Herrn entriſſen ſah Die ganze Bevölkerung war herbeigeſtrömt, um meiner Abreiſe beizuwohnen. Ich hörte um mich her nichts als Weinen und Schluchzen. In dem Augenblicke, wo ich das Fahrzeug beſtieg, das mich wegführen ſollte, ſtürzten meine Reubekehrten, Männer, Weiber, Kinder, Greiſe, Weiße und Schwarze, am Ufer auf die Kniee, ſtreckten mir die Arme entgegen und beſchworen mich, ſie nicht auf immer zu verlaſſen.... Ich hatte gemeint, ich opfere mich für die Ruhe dieſer guten Inſulaner, wenn ich den Verfolgern nachgab und ſtatt deſſen habe ich ſie in ein Leidweſen gebracht das mir das Herz zerriß. So ward alſo die katholiſche Anbetung des wahren Gottes verhindert, verpönt und aufs ſtrengſte unterſagt, während der Heide aus jedem Lande nach ſeiner Art dem Teufel opfern und ſeine Göꜩen anbeten durfte, wie es ihm beliebte. Der Miſſionär und die Seſchellaner hatten einen ſchriftlichen Proteſt gegen dieſes intolerante, durch nichts gerechtfertigte Verfahren vorbereitet, welchen der Pater dem Generalſtatthalter auf Ile de France übergab, von dem ſodann die Schrift an die Königin von England befördert wurde. In Folge deſſen wurde nun nicht nur die ungehinderte Ausübung der kathol. Religion auf dieſen Inſeln geſtattet, ſondern die engliſche Behörde dortſelbſt erhielt auch einen ſtrengen Verweis für ihre bewieſene Unduldſamkeit, die ſie überdieß auch noch dadurch an den Tag gelegt hatte, daß ſie die kathol. Kinder mit Gewalt in die proteſtantiſchen Schulen, und die Schwarzen durch Gerichtsdiener in das proteſtantiſche Bethaus treiben ließ. Während der Abweſenheit des Miſſionärs verſammelten ſich die Gläubigen alle Sonntage zum Gebete in der kathol. Kirche; die Anordnungen, die der Prieſter ſchriftlich für ſie hinterlaſſen hatte, wurden auf's pünktlichſte befolgt, und ſo verharrte die kathol. Gemeinde im Glauben und in der Gemeinſchaft des Gebetes, bis nach ein paar Jahren wieder neue Hirten mit Vollmacht des oberſten Hirten, des Papſtes, und mit Zuſtimmung der Königin von England auf den Inſeln einzogen. Statt des vertriebenen Miſſionärs kamen nun 1854 drei andere CapucinerVäter als Miſſionäre an, und wurden vom Volke mit größtem Jubel empfangen. Neues Leben erwachte auf den Inſeln, Kirchen und Bethäuſer entſtanden an mehreren Orten, die heiligen Sacramente wurden auf's eifrigſte empfangen, das Heidenthum ſchwand immer mehr zuſammen, viele Proteſtanten kehrten zur kathol. Kirche zurück ſo daß ſich der proteſtantiſche Prediger einer dieſer Inſeln ſelbſt für unnütz auf dieſem Poſten hielt und freiwillig abzog. Dieſer beſchönigte nachher dieſen Schritt mit den Worten:„mit den Seſchellanern iſt einmal nichts zu machen.“ Altherkömmliche Laſter und eingewurzelte böſe Gewohnheiten verlieren ſich immer mehr, während Zucht, Ordnung, Kenntniſſe, Sittlichkeit von Tag zu Tag mehr ſich verbreiten, ſo daß die proteſt. Beamten ſelbſt eingeſtehen, die kathol. Miſſionäre ſeien die beſten Handhaber der Ordnung und der Polizei. Kloſterfrauen, die man von Ile de France herüberkommen ließ, beſorgen den Unterricht der Jugend und nehmen ſich ganz beſonders um die ſchwarzen Kinder an. Arbeitsluſt und hiemit der Wohlſtand 4 hebt ſich zuſehends; mit einem Worte: die kath. Miſſion hat in allen Verhältniſſen eine gänzliche Umwandlung bei dem verkommenen Volke hervorgebracht. Die Bevölkerung der Seſchellen beläuft ſich gegenwärtig auf 9000 Seelen, wovon 7000 der kath. Kirche angehören; die übrigen ſind Proteſtanten, Heiden und Ungläubige. Am 25. Aug. 1858 ſchrieb der Vorſtand der Miſſion, P. Jeremias; „In Betreff der Religion ſtehen die Sachen gut; die Bekehrungen der Irrgläubigen mehren ſich. Der proteſt. Prediger, gegenwärtig ohne allen Einfluß, iſt nun auf das Schulweſen beſchränkt; er öffnet ſeinen Tempel kaum einmal Sonntag Morgens.“ Die Zahl der Proteſtanten, die bis jetzt (1858) in die Kirche aufgenommen wurden, beträgt 400 und noch täglich finden Uebertritte ſtatt. Die noch übrigen Heiden ſind faſt durchgängig ſolche, die man theils wegen ihrer Laſter, theils wegen ihrer Unwiſſenheit noch nicht aufnehmen konnte. So ſind die Seſchellen​⸗​Inſeln mit ihrer kath. Bevölkerung nach kurzer Zeit ein wenn auch kleiner, doch koſtbarer Edelſtein in der Krone der kath. Kirche geworden. Was aber dieſem kleinen Miſſionsfelde eine beſondere Wichtigkeit verleiht, iſt dieſes, daß es bei ſeinem geſunden Klima, fruchtbaren Boden und ſeiner nahen Lage an der Oſtküſte Afrikas ein Vorpoſten für die wichtige Miſſion der ausgebreiteten Gallas​⸗​Länder wird, in welchen ſeit einigen Jahren die kathol. Miſſionäre mit unglaublichen Mühen, aber auch mit außerordentlichem Erfolge das Werk der Bekehrung begonnen haben. Von den Seſchellen aus können die Glaubens​⸗​Boten leicht zu den Gallas hinüber gelangen, wie auch der ſchon genannte P. Leon von hier aus in die Miſſion der Gallas wieder zurückkehrte. Und wenn dann dieſe Arbeiter im Weinberge des Herrn auf den ungeſunden Oſtküſten Afrikas ihre Geſundheit geopfert, ihre Kräfte erſchöpft haben, und nichts mehr brauchen auf dem Kampfplatze dieſes Lebens, als ein Plätzchen, um darauf ihre Abberufung in den Himmel zu erwarten; ſo finden ſte ein ſolches auf den nahen Seſchellen bei einem kathol. Völkchen, und haben dabei noch den Vortheil, den Schauplatz ihrer Mühen nicht ganz aus dem Geſichte zu verlieren. Die Peſt der ſchlechten Bücher. Von P. K. Clemens. Der als Miſſionär und Prieſter der Verſammlung des allerheiligſten Erlöſers auch in weiteren Kreiſen rühmlichſt bekannte P. Clemens, gegenwärtig zu Bornhofen, hielt vor einigen Jahren in der Jeſuitenkirche zu Coblenz eine Reihe von Vorträgen über die Peſt der ſchlechten Bücher, die gegenwärtig im Drucke erſchienen ſind*), und denen wir den fünften Vortrag, „die Widerlegung der falſchen Entſchuldigungen“ entnehmen, während wir das vortreffliche und praktiſche Büchlein unſeren Leſern zugleich auf das Wärmſte empfehlen. P. Clemens fertigt die Einwendungen und Entſchuldigungen gegen das Leſen ſchlechter und verdächtiger Bücher in folgender Weiſe ab: „Man erzählt von einem aſiatiſchen Fürſten der Vorzeit, er habe eines Tages mit einem ihm benachbarten Fürſten ein Freundſchaftsbündniß geſchloſſen. Lange Zeit hindurch ging Alles gut, man gab ſich gegenſeitig Geſchenke und Niemand wäre es eingefallen, zu glauben, der benachbarte Fürſt meine es nicht gut. Bald aber wurde der Fürſt über ſeinen Nachbar völlig enttäuſcht, denn er erkannte, daß eben dieſer ſo freundliche Nachbar ihm nach der Krone ſtrebte. Es kam nun zu einem heftigen Kriege, in welchem der Fürſt das Haußptheer ſeines treuloſen Nachbarn *) Der vollſtändige Titel des Werkchens lautet:„Die Peſt der ſchlechten Bücher. Sechs Vorträge von P. K. Clemens, Prieſter der Congregation des allerheiligſten Erlöſers. Nebſt einem Anhange: Die Lehre der katholiſchen Kirche über das Leſen der heiligen Schrift. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim.“(Preis 36 kr.) 5 völlig ſchlug. Da aber der Feind auch einige wilde Volksſtämme zu Bundesgenoſſen hatte, welche verwüſtend noch durch das Land ſtreiften, ſo ſah ſich der Fürſt genöthigt, auch gegen dieſe Bundesgenoſſen noch einen Feldzug zu eröffnen, um dieſelben entweder aufzureiben oder wenigſtens für immer aus dem Lande zu jagen. Etwas Aehnliches läßt ſich auch in Bezug auf unſern Gegenſtand ſagen. Mancher Leſer hatte Freundſchaft mit glaubens⸗ und ſittengefährlichen Büchern geſchloſſen. Man gab ſich gegenſeitig Geſchenke, d. h. dieſe Bücher gewährten manches Vergnügen und der Leſer brachte wenigſtens ſeine koſtbare Zeit, wo nicht noch mehr als Gegengeſchenk zum Opfer. Es ſteht nun aber feſt, daß ein ſchlechtes Buch kein wahrer Freund ſein kann, ſondern daß es dem Leſer vielmehr nach der Krone ſtrebt, und zwar nach der Krone des ewigen Lebens. Ich glaube zwar, daß die gegen das Leſen ſolcher Schriften angeführten Gründe wichtig genug ſind, um eine Neigung für ſolche Geiſtesfrüchte zu vertilgen; — allein es bleiben noch die Bundesgenoſſen zu überwältigen übrig, und ſo lange dieſe nicht geſchlagen ſind, herrſcht kein Friede im Gebiete der Seele. Wer ſind aber dieſe Bundesgenoſſen, dieſe wilden Völkerſtämme, die verwüſtend durch das Reich der Seele ſtreifen? Es ſind die falſchen Entſchaldigungen und die Scheingründe, unter deren Schutz und Schatten man gern noch länger bei der gefährlichen Lectüre verweilen möchte. Ich will bei der Abfertigung dieſer Scheingründe wenigſtens die Ordnung beobachten, daß ich bei den oberflächlichſten derſelben anfange und nach und nach zu den Entſchuldigungen fortſchreite, die ſcheinbar einiges Gewicht haben. Die erſte Entſchuldigung lautet in der Regel:„Ich laſſe mir keine Vorſchriften machen über Das, was ich leſen und nicht leſen ſoll; denn ich ſtehe in einem Alter und auf einer Bildungsſtufe, wo man ſelber zu urtheilen verſteht. Ich bin mein eigener Herr.“ Das iſt wohl die oberflächlichſte Entſchuldigung, die ſich dagegen vorbringen läßt und ich würde derſelben gar nicht einmal erwähnen, wenn man nicht wüßte, daß die Falſchmünze ſolcher Scheingründe oft am weiteſten durch das Land läuft und oft am leichteſten angenommen wird. Was werde ich nun einem Leſer antworten, der ſo ſpricht? Ich werde ihm ſagen: deine Ausrede hat zwei faule Stellen; denn erſtens wehrſt du dich gegen eine Gewalt, die dir gar nichts zu Leide thut; und zweitens prahlſt du mit einer Freiheit, die im Grunde gar keine Freiheit iſt. Es iſt gewiß eine ſehr große Thorheit, ſich gegen, eine Gewalt zu wehren, die Einem nichts zu Leide thut, ſondern vielmehr darauf bedacht iſt, Einem wahrhaft zu nützen. Wer iſt denn die Gewalt, die auf dich eindringt? Es iſt die heilige Kirche, welche zu dir redet durch den Mund ihrer Prieſter, durch den Mund deiner frommen Eltern, Verwandten und Freunde, und durch den Mund deiner hochachtbaren Lehrer. Es ſind alſo zunächſt freilich nur Menſchen, die dich warnen vor dem Leſen ſchlechter Bücher; aber bemerke es wohl: dieſe Menſchen verlangen in dieſem Falle von dir nichts Anderes, als was ihnen die Erfüllung ihrer heiligſten Standespflichten ſtreng vorſchreibt. Sie reden wirklich zu dir im Namen der Kirche Gottes, denn die Kirche verabſcheut und verdammt die ſchlechten Bücher. Wenn aber nun ſo die Kirche zu dir ſpricht, ſo höreſt du eigentlich nur die Stimme Gottes, der dieſe Kirche gegründet hat und fortwährend durch ſeinen heiligen Geiſt regieret. Siehe alſo, Golt ſelbſt redet zu dir. Er ſieht dich an den Abgrund des Verderbens eilen. Er weiß, daß dein Glaubenslicht ſich verdunkelt und daß deine Liebe zur Tugend erkaltet, wenn du fortfährſt, ſolche Bücher zu leſen. Gott weiß es gar wohl, daß du bei den ſchlechten Büchern und Zeitungen jetzt freilich nur noch in die Lehre gehſt; aber er weiß auch ſehr gut, daß der Zeitpunct nicht mehr fern iſt, wo der Geiſt dieſer Bücher aus deinem Munde und aus deinen Thaten reden wird. Wenn alſo du ſageſt: Ich laſſe mir keine Vorſchriften machen, ſo ſchlägſt du nur aus wider Gott und triffſt deine eigene Seele. 6 Und worin beſteht denn dieſe Gewalt der Kirche, daß du dich dagegen ſo wehreſt? Kommen etwa die Prieſter auf dein Zimmer, um dich vor ein Gericht zu ſchleppen? Wirft man dich etwa ins Gefängniß, oder legt man dir Geldſtrafen auf? Nichts von dem. Du ſtehſt nicht vor einer rohen Gewalt, ſondern vor einer geiſtigen Macht. Alles, was die Kirche thuet, iſt dies: ſie eifert durch Belehrungen, ſie beſtürmt dich durch Bitten, ſie bittet durch Thränen und Gebetfenfzer, und wenn Alles nicht hilft, ſo droht ſie dir mit den Strafgerichten Gottes, wofern du deinen böſen Weg nicht verläſſeſt. Dann aber nimmt fie wehmüthig Abſchied von dir, um dich nie mehr zu beläſtigen. Mehr können auch deine Eltern, Lehrer und Freunde nicht thun. Sie können zwar ihre Wachſamkeit verdoppeln, ja verzehnfachen, — aber was wird das helfen? Die Erde hat zahlloſe Schlupfwinkel, wo du heimlich das Gift der ſchlechten Bücher einſaugen kannſt. Und felbſt das haſt du nicht nöthig; du kannſt es machen, wie es ſchon ſo viele elende Chriſten gemacht haben: du kannſt ſogar in die ſonntägliche heilige Meſſe ſolche ſchändliche Bücher mitnehmen, damit dir der kurze Aufenthalt vor deinem Erlöſer nicht gar zu langweilig werde. Niemand wird es ſo leicht merken. Siehe da, welche Thorheit dich beſeelt! du kämpfeſt gegen eine väterliche Gewalt, du entzieheſt dich einer wahrhaft mütterlichen Sorgfalt; du gleicheſt einem in's Waſſer Gefallenen, der das rettende Seil mit der Hand zurückſtößt. (Fortſetzung folgt.) Das Erdbbeben zu Norcia. (Das alte Nurſta, Geburtsftätte des heil. Benediet.) Die alte Stadt Norcia, unter dem 42° 47' 28“ Breiten⸗ und dem 30° 45' 25“ Längengrade gelegen (Meridian der Inſel Ferro), und 625 Metres über die Meeresfläche erhebt ſich in Mitte eines weiten Thales, welches von allen Seiten von hohen Bergen der Apenninenkette eingeſchloſſen iſt. Sie wurde ſchon öfters durch Erdbeben zerſtört, und erfuhr überhaupt ſo häufige Erſchütterungen, daß ſolche, als gewöhnliche Vorkommniſſe, nicht einmal aufgezeichnet wurden. Doch haben geſchichtliche und andere Urkunden einige der verderblichſten angemerkt, wodurch die Stadt entweder ganz oder zum großen Theil niedergeworfen wurde. Solches geſchah am 14. December 1321, wie Ciucci in ſeiner noch handſchriftlichen Geſchichte erzählt; vom Erdbeben des Jahres 1328 macht Villani Erwaähnu g. In der Folge waren jene von 1703 und vom 3. September 1815 die ſchreckichſten. Dadurch geſchah, daß die Bevölkerung dieſer Stadi, welche in früheren Zeiten gegen 12,000 Seelen betrug, nach und nach ſich bis auf 4500 verminderte. — Gegen Mitte Auguſt d. J. begannen daſelbſt in großen Zwiſchenräumen leichte Erſchütterungen des Bodens, welche als etwas gar nicht Seltenes auch keine Furcht erregten; als auf einmal am 22. Augaſt zwiſchen 4 Uhr 15 Minuten und 1 Uhr 30 Minuten Nachmittags, ohne daß irgend eine bemerkbare Veranderung in der Luft eingeireten wäre, ein ſtarker Knall ertönte, ähnlich dem eines ſehr groben Geſchützes, und in dem Momente begann die Erde heftig zu wanken, zuerſt emporhebend, dann horizontal, und zwar dreimal nach einander, mit immer größerer Staärke, in der Dauer von 6— Secunden. Von den 676 Häuſern, aus denen die Stadt beſtand, waren nicht weniger als 195 in einem Nu dem Boden gleichgemacht; 405 andere ſtürzten entweder durch die in den nächſten Tagen nachfolgenden, wenn auch ſchwächeren Erſchütterungen zuſammen, oder waren ſo zerklüftet, daß die meiſten derſelben wegen der augenſcheinlich nächftdrohenden Gefahr des Einſturzes ganz abgetragen werden mußten. Nicht mehr als 76 ſtehen noch, die für den Augenblick zwar keine Beſorgniß einflößen, obwohl ſie auch größtentheils voller Riſſe und Spalten ſind. Nur 7 äußerſt wenige blieben ganz feſt, wenn auch nicht unbeſchädigt. So ſind alſo zwei Drittheile der Stadt, und namentlich jene Stadttheile, die ſich den Abhang des Hügels terraſſenförmig hinaufziehen, größtentheils die Wohnungen der Armen, von Grund aus zerſtört, und jetzt, nach Hinwegräumung ſo vieler Trümmer, und nach den gemachten Auſtrengungen, die erſchlagenen Bewohner auszugraben, und das wenige Hausgeräthe, was noch aufzufinden war, herauszuziehen, ſieht man nur mehr einen unförmlichen Haufen von Mauerwerk, Trümmern und Balken untereinander geworfen. Die Stadtmauern ſtürzten an drei Siellen ganz zuſammen, an vielen anderen wurden ſie ſehr beſchädigt. Gottes Barmherzigkeit ließ es zu, daß dieß ſchreckliche Ereigniß zu einer Stunde geſchah, in welcher der größte Theil der Bewohner entweder ſich bei der Feldarbeit befand, oder in einer benachbatten Ortſchaft, wo Jahrmarkt abgehalten wurde, oder auch im Freien auf den Plätzen, von wo ſie alſogleich ihr Heil in der Flucht ſuchen konnten. Demungeachtet zählte man nicht weniger denn 101 Erſchlagene, mehr oder minder ſtark Verwundete aber eine überaus große Zahl. Der Schrecken und das Entſetzen jedoch mit allen Folgen in phyſiſcher und moraliſcher Beziehung, die grauſame Beklemmung wegen Verluſt der Eltern, der Heimath, der nothwendigſten Lebensbedürfniſſe, erzeugte in jener Schaar troſtloſer Flüchtlinge eine ſolche Niedergeſchlagenheit, daß ſie Anfangs wie ſinnlos ſchienen. — Es iſt hier weder der Ort noch der Raum, das bei dieſem traurigen Anlaß verdiente Lob dem Delegaten der Provinz, Mſgr. Pericoli, ſo wie den braven Beamten und Bürgern zu ſpenden, welche wetteifernd ſich aufopferten, um auf alle Weiſe das Unglück zu lindern. Vor Allem ſetzte man Mühlen und Backöfen in brauchbaren Stand, um der hungrigen Menge Brod zu verſchaffen, hernach wurden von allen Seiten Aerzte und Chirurgen herbeigerufen, den Verwundelen beizuſtehen; es wurden Arzneien bereitet, die Hinwegräumuung des Schuttes eingeleitet, Mundvorräthe herbeigeſchafft, Gezelte und hölzerne Baraden zum Schutze gegen die rauhe Witterung aufgerichtet, und Vorſorge getroffen, jede Unordnung zu verhüten, welche bei ſolcher Verwirrung nur allzuleicht entſtehen konnte. Dieß waren die erſten Maßregeln der weltlichen und geiſtlichen Behörden, wodurch dem Drange des augenblicklichen Bedürfniſſes auch entſprochen wurde. Der heil. Vater beeilte ſich, nicht blos reichliche Geldunterſtützungen zur Hebung der dringendſten Noth zu überſenden, es war auch ſein Wille, daß man vor dem Wiederaufbau der Stadt die Beſchaffenheit des Bodens, auf welchem ſie ſtand, und die Bauart der Häuſer unterſuche. Es ließ ſich nämlich befürchten, daß irgend eine locale vulkaniſche Wirkſamkeit, oder natürliche Aushöhlungen und Riſſe das Daſein der neuen Stadt wieder in Gefahr ſetzten; auch mußte geprüft werden, ob in der Art, das Gemäuer aufzuführen, nicht vielleicht fehlerhaft vorgegangen worden, ſo daß dieſem wenigſtens zuin Theil der große Schaden zugeſchrieben werden könne. Hierzu wurden der Hochw. P. Secchi ad d. G . F., Director der Sternwarte des römiſchen Collegiums und der Profeffor Poletti abgeordnet, und nach genauer Unterſuchung erklärten Beide ihre Anſichten über die Urſachen der ſo häufigen und verderblichen Erdſtöße in jener Gegend und die möglichen Schutzmittel gegen künftige Gefahren der Verwüſtung, als welche ſie insbeſonders eine verbeſſerte Bauweiſe der Häuſer und beſſeres Malerial zu den Mauern empfehlen. Wunderbarer Schutz durch das hl. Sacrament. Die ehrwürdige Schweſter Maria Gonzaga ans der Genoſſenſchaft von Jeſus Maria ſchreibt in einem Berichte über die Gefahren nud Verfolgungen, denen ſie bei dem Kriege in Oſtindien im Jahre 1837 ausgeſetzt waren, aus der Feſtung Sealcote alſo: 8 „Jedesmal, wenn ich an die Gefahren denke, die wir beſtanden haben und denen wir durch die Barmherzigkeit Gottes entgangen ſind, ſo faßt mich Entſetzen. Damals war ich voll Muth, und jetzt darf ich kaum daran denken. Die größte Gefahr jedoch drohte unſerem Pater Paul. Immer wollte man ihm ans Leben. Ich zweifle gar nicht daran, daß der allmächtige Schutz des heiligen Sacramentes, das er in ſeinen Händen trug, ihn erhalten habe. Bei einem der Beſuche, den uns die Sipahis abſtatteten, als wir noch im Kloſter waren, fragte ihn einer der Wüthenden, was er denn in den Händen habe. — „Es iſt mein Gott,“ antwortete der Pater.„Laß mich ihn ſehen, deinen Gott,.“— Der Pater zeigte ihm den hl. Speiſekelch, der Soldat ſah ihn und ergriff die Flucht. Auch muß ich zur Ehre unſeres lieben Herrn noch ſagen, daß jedesmal, wann der Pater ſich Soldaten näherte, die bereit waren, auf ihn zu ſchießen, dieſelben, wie vom Schrecken ergriffen, zurückwichen, als ob ihre Wuth durch eine höhere Macht gefeſſelt ſchiene. Und doch hatten wir keine andere Wehr, als den Schutz des heiligſten Altarsſacramentes. Uebrigens danke ich dem lieben Gott, daß gar keine Waffe zu unſerer Beſchützung verwandt worden iſt; indeß wäre jeder Widerſtand unmöglich und wir wären unfehlbar verloren geweſen. Wie eine Mutter liebt. (Eine wahre Begebenheit.) Kein Menſchenherz auf Erden liebt inniger als das Mutterherz. Wie oft wird das von Kindern vergeſſen! Hier ein Beiſpiel ſolcher Mutterliebe. Im Jahre 1858 mußte der Sohn des M. L. zu S. Soldat werden. Er kommt in die 4 Stunden entfernte Stadt L. in Garniſon. Da ſieht man nun jeden Samſtag Nachmittag ſein Mütterchen zum Bäcker eilen, um einen Kuchen zu beſtellen für den lieben Fr. Welche Freude leuchtet aus ihren Augen, daß ſie das kann. Am Sonntag Morgen noch ehe die Sonne aufgeht, wandert das Mütterchen mit einem Stück trockenen Brodes im Sacke und dem Kuchen im Tuche zur Stadt. Sie iſt früh aufgeſtanden; doppelte Liebe ruft ſie; ſie will den lieben Heiland in der heil. Meſſe und ihr Kind beſuchen. Nachdem ſie ihre katholiſche Chriſtenpflicht in der Kirche zu L. mit inbrünſtiger Andacht erfüllt, eilt ſie an den Platz in der Nähe der Kaſerne, wo ſie ihren Fr. treffen ſoll. Beſcheiden und ſchüchtern ſteht ſie da und harrt ſeiner Ankunft. Endlich nahet er. O welche Liebe, welche Sehnſucht ſpricht aus dem Mutterauge! Sie ergreift ihres lieben Kindes Hand, und kann ſich erſt gar nicht ſatt ſehen. Sie hat ihn ja acht Tage lang nicht geſehen. Dann folgt Frage auf Frage. Obgleich ſie ſchwerhörig, verſteht ſie doch jedes Wort: das Mutterauge hilft dem Ohr. Wie ſchnell flieht die Zeit! Der Sohn muß fort, die Mutter auch! Doch ehe die Mutter ſich losreißt, greift ſie noch in ihren Sack: Geld hat ſie keins; nur noch ein Stück Brod: das ſoll ſie ſtärken auf dem Heimwege. Schnell drückt ſie es ihm in die Hand: „Da F. nimm das Brod, ſchneid's Dir in die Suppe, ich werde ja wohl ohne Brod heim kommen.“ Der Sohn weigert ſich, es zu nehmen, da reißt ſie ſich los mit den Worten: Franz, ſei brav und folge ſchön! und eilt fort. Mehrmals ſchauet das treue Mutterauge noch um, ob ſie ihren Liebling noch einmal ſehen könne; dann trocknet ſie ihre Freudenthränen, und mit einem„Gott ſei Dank!“ wandert ſie, faſt ohne etwas genoſſen zu haben, 4 Stunden lang heim, und erzählt dem Vater und den Kindern daheim, was ſie geſehen und gethan. Jetzt iſt der Sohn weiter gekommen, nach Würzburg. Ach nun kann ſie ihn nicht mehr beſuchen, und auch zum Kuchenſchicken iſt die Baarſchaft zu klein. Wie oft denkt und ſchaut ſie gegen.:„Wird er wohl bald kommen? Wir bräuchten ihn doch ſo nöthig.“ So ſeufzt ſie überlaut:„Herr, dein Wille geſchehe!“ So liebt ein Mutterherz! Wird dieſe Liebe ſtets gewürdigt? Redaction und Verlage Dr. Mex Huttler.— Druck von M. Kleinle AWliilM AmtigMalt. Ä. 8. Januar 1860. DaS Airgsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Aboimementspreis ist 20 rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Auf das „Augsburger Sountagsblatt", vierteljährig 20 kr., kann «ran sich noch immer abonniren, was bei der nächstgelegenen Post geschehen möge. Der wahre Bräutigam.*) ^ „Warum weinst du, Agathe?" — fragte die Mutter. „Ach! schon bricht die Nacht herein, und noch ist Heinrich nicht da" — ent- gegnete die Tochter. — „Hat er seine Braut vergessen, oder ist ihm ein Unglück zugestoßen?" Bald sollte die bange Ungewißheit des armen Mädchens in schreckliche Gewißheit sich wandeln. Marie, Agathens Schwesterchen, stürzte herein. — „Denke dir, Mutter!" begann das Kind mit geschäftiger Eile — „Heinrich ist bei einem Scheingefechte auf dem Ercrcierplatze von einem Soldaten unvorsichtiger Weise erstochen worden und augenblicklich todt geblieben." „Todt!" — schrie Agaihe und sank ohnmächtig zu Boden. Den Bemühungen der Mutter, deS herbeigeholten Arztes gelang es, Agathen zwar zum Leben, aber nicht mehr zur vollen Gesundheit zurückzurufen. Das Auge verlor seinen Glanz, die Wange ihre Blüthe, und die Lippen hauchten oft den Namn:: „Heinrich!" In einer Nacht senkte sich der wohlthätige Schlummer über die oft schlaflosen Augenlider der unglücklichen Kranken und ein süßer Traum erquickte ihre Seele. Ihr war'S: sie säße beim Lampenscheine vor ihrer Arbeit und harre ihres Heinrichs. Eine unnennbare Bangigkeit beschlich ihr Herz, denn das Licht der Lampe erlosch, ihr Auge ermüdete, und Heinrich kam noch nicht. Da kniete sie sick vor das Bild des Gekreuzigten, sich und ihren Bräutigam dem Schutze des Allmächtigen zu empfehlen. Siehe! mit einem Male erfüllte ein Lichtglanz ihr Zimmer, überirdisch strahlend und doch nicht blendend. Und das Lichtmeer nmfloß einen Jüngling, welcher wie ein Seraph in's Gemach schwebte und freundlich lächelnd zur Beterin jagte: „Stehe auf, mein Kind, und schaue mich an! Ich bin dein Bräutigam." Agathe blickte auf und sah in die himmlisch schönen Züge des Jünglings. Dann sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd: „Du bist mein Heinrich nicht." Mit Hoheit und Milde versetzte der Jüngling: „Ich bin Christus, der wahre und einzige Bräutigam deiner Seele. Warum also weinst du? Agathens Auge suchte den Boden. Heilige Schauer ergriffen sie. Der Jüngling fuhr fort: „Siehe die Strahlen, die Funken des mich umgebenden Lichtmeeres! Jeder Strahl, jeder Funke ist ein Heiliger, ein Seliger, welche alle in mir, ihrem Mittelpunkte, Anögang und Znströmung zu meiner, wie zu ihrer Verherrlichung erkennen. Dein Auge sei für einen Augenblick mit himmlischer Seh- ) Diese Erzählung ist Eigenthum des Sonntagsblattes. W W 10 kraft gerüstet! Gewahrst dn deinen Heinrich als Funke des unendlichen Lichtmceres?" „Ein leises Ja entfloh den Lippen AgathenS, welche anbetend niedergesunken war. Der göttliche Sprecher nahm von Neuem das Wort: Willst auch du ein Funke, ein Strahl dieses Lichtmeeres werden, um einst in der innigsten Vermählung mit mir dich deinem Heinrich zum ewigen Bunde vermählen zu können, so suche in mir gleich deinem verstorbenen Freunde, welcher im irdischen Leben nicht nur für Fürst und Vaterland, sondern auch für Gottes Ehre durch Heiligkeit des Wandels kämpfte, den Anfang, den Mittelpunkt deines Strebens, welches zu keinem Ende, sondern zu unendlicher, ewiger Herrlichkeit führt!" „O Herr!" — antwortete die Jungfrau — „Ich bin ein Gefäß der Sünde und nicht der Gnade. Sprich: welche Handlungsweise kann mir die Würde einer so hehren Brantschaft erwerben?" „Betrachte das heilige Meßopfer! Nur reiner Wein, ohne künstliche Zumischung, vvm Gewächse des Weinstockes bereitet, verdient es, in das heilige Blut, so ich am Kreuze vergossen, verwandelt zn werden. Und ich sage Dir: nur eine Thräne anS reinster, tiefster Rene und Sehnsucht nach Gottvcrsöhnung ohne Beimischung irgend eines irdischen Schmerzes kann vor dem Herrn als unblutige Sühne deiner Ver- gehungen gewürdigt werden. Frage nun deine Seele, weßhalb sie trauert: etwa ihrer Uebertretnngen willen, oder weil derjenige, welchen dn znm Begründer deines zeitlichen Glückes bestimmt hast, jetzt schon im Himmel mit brünstigem Gebete dir eine ewige Wohnstätte zu bereiten trachtet? — Willst du dich aber vom Leiblichen loSschäleu, gehe bin, empfange nach würdiger Vorbereitung meinen heiligen Leib! Er ist die Nahrung der Seele, welche andere Nahrung ausschließt, gleichwie eS meine einzige Speise war, dem Willen meines göttlichen Vaters bis zum Tode am Kreuze zn gehorsamen." „O Herr! nicht alle Tage ladet uns daS Brod deS ewigen Lebens, alle Tage jedoch zeitliche Lockung schuldloser, wie sündiger Art." „Wer sagt dir, daß du deinen Jesum nicht täglich genießen könntest, sei cS auch nnr geistiger Weise durch Anhörung einer heiligen Messe, in welcher du deine fromme Meinung mit jener des communicirenden Priesters vereinigst, oder weil Krankheit an's Lager dich fesselt, durch den festen, alles Irdischen entkleideten Willen, dich geistiger Weise deinem Jesu zu vermählen? „O Herr! wer vermag alles Irdischen sich zu entkleiden, wenn wonnige Bande, oder leidgetränkte Erinnerungen an die Erde ihn fesseln, wenn der Gedanke uns festhält, daß diese Wonnen, diese Erinnerungen nicht Sünde, sondern erlaubt, geboten seien? War es Sünde, meinen Heinrich mit reiner Liebe als Gatten zu wünschen, schon im Geiste mir heitere Bilder auszumalen, wie ich einst, christlicher Verpflichtung treu, des Lebens Bitterkeit mittragen, durch die Obsorge für die Erfüllung seiner Wünsche, für tausend kleine Bequemlichkeiten sein Dasein versüßen wolle?" „Ist deine Liebe zu Heinrich eine so reine, in mir, deinem Heilande sich begegnende, warum kannst dn nicht den Kelch der Entsagung leeren, wenn dir statt Menschlichem Göttliches gewährt werden soll, wenn du selbst dieses Göttliche nicht ausschließlich geistig zn empfangen und zn genießen brauchst? Dn hängst am Irdischen, am Mittragen von Lebensbitterkeiten, an der Obsorge für die Erfüllung erlaubter Wünsche, für kleine Bequemlichkeiten? So erkenne in jedem Armen und Hilfsbedürftigen gleichsam die irdische Natur deines göttlichen Bräutigams! Der einem Unglücklichen von dir gestillte Schmerz ist mir gestillt, die ihm gewährte Freude mir gewährt,, und, wenn du einem Kranken aus reiner Liebe zn mir auch nnr das Kopfkissen ausschüttelst, so hast Du mir sanfte Ruhe bereitet." „Ein Gedanke überkömmt meine Seele. Wenn Dn, o Herr! mir Genesung wiederschenkest, so sei mein Leben dem Orden der barmherzigen Schwestern geweiht, die für's Vaterland blutenden Krieger zn pflegen. Jede z« verbindende Wunde sei mir Heinrichs TodeSwuzide, die ich nicht verbinden konnte; jedes Auge eines Sterbenden, welches ich zudrücke, Heinrichs im Tode gebrochenes Auge, das ich nicht mehr schauen durfte. So ehre ich des Verblichenen Andenken auf eine dir wohlgefällige, den Menschen ersprießliche Weise." Der Lichtglanz verdunkelte sich. Der Jüngling schwebte langsam dein Auö- gange zu. „O Herr!" — rief Agathe — „bleibe bei mir, denn eS will Abend, Nacht in meiner Seele werden." „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so bleibe, lebe, wirke auch du in mir, dem entsündigenden Vermittler, und nicht im entsündigten Geschöpfe, welches, wandelte eS nicht in meiner Anschauung, wohl deines Gebetes, aber nicht deines von allem Himmlischen wie Irdischen Dich losreißenden Schmerzes bedurft hätte!" „Kann ich dies thun, o Herr, wenn du nicht das Vollbringen gibst? Der heilige Paulas, von der Sünde befreit, rief anS: „„Nicht ich habe vieles gewirkt, sondern Gottes Gnade in mir."" Und ich, über und über mit dem Aussatze der Sünde beladen, sollte, wen» auch nur Weniges, aus mir selbst wirken können?" „Dir haben Glaube, Gottvcrtranen und Demuth geholfen, so daß ich mit dem reinen Wollen mich begnügen werde. Dulde nnn den letzten irdischen Schmerz! Denn heute noch wirst du mit mir im Paradiese wandeln!" Nach diesen Worten löste sich ein Strahl von göttlichem Lichtmeere und wandelte sich rascher, als des Gedankens raschester Flug, in einen Greis mit ernst-freundlichem, ehrwürdigen Haupte, dessen Kinn ein silberweißer Bart bis znr Brust herab schmückte. Der Greis führte in seiner Rechten einen Stab, mit welchem er leise die Brust Agathens berührte. Da schwand wie auf einen Zanberschlag der Lichtkreis nutz der von ihm umflossene göttliche Jüngling. Der wonnige Traum löste sich auf in schmerzliche Wirklichkeit. „Mutter! Mutter!" — schrie das geängstete Mädchen. Die Mutter, welche im Zimmer ihrer Tochter schlief, sprang erschreckt vom Lager auf. Ein Blutstrom bedeckte über und über ihr krankes Kind, dessen Gesicht von TodeSblässe überzogen war. „Marie! Marie! den Arzt, den Geistlichen:" — riefdie halbverzwcifelndeFrau. , „Mutter! Schwester! verzeiht mir!" — hauchte Agathens ersterbende Stimme. „Ich vergebe dir den einzigen Schmerz, welchen du mir durch deinen Tod bereitest" — schluchzte dte Mutter und warf sich auf die leblose Hülle ihres KindcS. Als Agathe zu Grabe getragen ward, schmückte ihren Sarg ein Kranz von Lilien nnd weißen Rosen zum Zeichen, daß sie eine reine Jungfrau, im göttlichen Menschenfreunde allein den wahren Bräutigam erkannt habe. O möchte jede Jungfrau, jeder Jüngling, deren Sarg dies heilige Sinnbild reinster Jungfräulichkeit schmückt, desselben auch im Leben vollkommen würdig gewesen sein! Pfarrer nnd Pfarrgemeinde. In jedem Kirchspreugcl wohnt eiu^Mann, der keine Familie hat und doch zu jeder Familie gehört, den man als Zeugen, Rath oder Theilnehmer zn den feierlichsten Verhandlungen des Lebens zieht; der den Menschen bei der Geburt empfängt nnd erst am Grabe verläßt, der die Wiege, das Ehe- nnd Sterbebett und den Sarg segnet und einweiht; ein Mann, den die kleinen Kinder zn lieben, zu verehren und zu furchten gewohnt sind; dem die Christen ihre innersten Geständnisse, ihre geheim- sten Thränen zu Füßen legen; ein Mann, welcher der berufene Tröster in allem Elend der Seele nnd deö Leibes, der verpflichtete Vermittler des Reichthums nnd der Bedürftigkeit ist, der den Armen nnd den Reichen abwechselungSweise an seine Thüre 12 klopfen sieht; den Reichen, nm sein geheimes Almosen darzubringen, den Armen, nm es ohne Erröthen zn empfangen; ein Mann, der, ohne einen bestimmten Rang in der Gesellschaft einzunehmen, allen Classen anf gleiche Weise angehört; den unteren Classen durch seine einfache Lebensweise und nicht selten durch die Niedrigkeit seiner Herkunft; den höheren Classen durch seine Erziehung, Wissenschaft und den Adel der Gefühle, die eine menschenfreundliche Religion einflößt und verlangt; mit Einem Worte, ein Mann, der Alles wissen, Alles sagen darf und dessen Wort mit dem Gewichte und der Gewalt einer göttlichen Sendung zu dem Verstände und dem Herzen der Menschen spricht. — Dieser Mann ist der Seelsorger — der Pfarrer. Nicht umsonst will die Kirche, daß die Gläubigen in den Qnatemberwochen Gott durch Fasten, Beten und andere gute Werke inständig anflehen, daß er seiner Kirche würdige Diener nud Hirten verleihen möge, denn Niemand kann einer Gemeinde mehr Gutes oder Schlimmes erweisen, als der Seelsorger — der Pfarrer, je nachdem er seinen hohen Beruf erfüllt oder mißkennt. Dagegen ist es aber auch eine große Gnade, die Gott einem Pfarrer erzeigt, wenn er dessen Obhut eine Gemeinde anvertraut, die willig ihr Ohr dem öffnet, was deren Scclenhirte aus einem frommen und väterlich besorgten Herzen zn ihr spricht und das Nichts Anderes bezweckt, als das zeitliche und ewige Wohl der Pfarrkinder selbst. Als eine derartige Gemeinde hat sich in der neueren Zeit unter vielen andern eine Pfarrei in der Schweiz bewährt, der wir einige Augenblicke jetzt uns zuwenden wollen. Welcher Tourist hat jemals daran gedacht, von Frei bürg in der Schweiz anS das eine Stunde davon entfernte Dorf Dudingen zu besuchen? Die Weg- weiser wissen kein Wort von ihm, man findet dort weder celtische Druidenstcine, noch römisches Mauerwerk, weder Schwefelquellen, noch Wasserfälle, noch sonst irgend Etwas, was der Bemerkung werth wäre; sogar von Felsen und Tannen ist nicht mehr da, als gerade nöthig ist, wenn ein schweizerisches Dorf nicht gänzlich nm seinen guten Namen kommen soll. Und dennoch gibt es hier für eine christliche Seele viel Liebes und Schönes! Die Pfarrei Dudingen zählt im Ganzen gegen viertausend Seelen; darunter waren vor etwa drei Jahrzehnten noch sehr viele Arme. Die Kirche des Ortes drohte einzustürzen, und der Pfarrer beschäftigte sich Tag und Nacht mit seinen zwei heißesten Wünschen: mit dem sehnlichen Verlangen das Elend zu mildern und das Gotteshaus wieder herzustellen. Er fing mit dem Dringlichsten an und die christliche Liebe fehlte nicht. Indessen, mochte die Anzahl der Armen zu beträchtlich, oder die fördernde Ordnung bei der Vertheilung der Unterstützung nicht möglich sein, die Hilfsmittel reichten nicht aus. Nun versammelte er seine Pfarrkinder: „Wir haben — sagte er zn ihnen — nur Ein Mittel, des Elends Meister zn werden, wir müssen die Armen, besonders die Kinder, unter uns theilen. Die Größeren lassen wir arbeiten, die Kleinen ziehen wir groß, und Alle sind so geborgen. Dann können wir ruhiger und auch wirksamer für die Bedürfnisse der Frauen und Greise sorgen. Was haltet ihr davon?" — Die ehrlichen Pfarrkinder wußten im ersten Augenblick nicht, was sie thun sollten, und es ließen sich hier and dort kleine Bedenklichkciten hören. „Verschieben wir die Sache auf ein paar Tage!" — meinte der Pfarrer und ließ die Versammlung anS- einandergehen. — Am nächsten Sonntage bestieg er die Kanzel. „Ihr lieben Freunde, wir müssen die Sache mit nnseren Armen denn doch in Ordnung bringen, denn wir haben wohl Zeit genug zum Ueberlegen, sie aber nicht zum Warren!" Als Text hatte er den Spruch eines Heiligen gewählt: „Wenn einer von Euch sieben Kinder hat, so nehme er ein achtes an Kindesstatt an, und mit diesem wird der gütige Gott in sein Hans ziehen!" Was er dazu gefügt, wie er alle Gemüther bewegt hat, wir wissen eö nicht; nur das wissen wir, daß alle Stimmen, zn einer einzigen Stimme vereint, willig und freudig seine Rede mit dem Rufe >»««>»» «!!>>l 13 beantworteten: „Wir Alle wollen davon haben, wir wollen sie Alle nehmen!" Und sogleich, noch in derselben Stunde, vertheilte man die arme» Kinder unter sich, und nicht nach dem Maßstabe des Vermögens, sondern nach dem Dränge des Herzens und Erbarmens eines Jeden. Dieser nahm eines, Jener zwei, ein Anderer noch mehr; und die Langsamen, die später kamen und verlangten, konnten keine mehr erhalten. Ehrwürdiger Priester! welcher Redner wurde jemals herrlicher befriedigt, als Du? Wer durfte dem Himmel inniger danken für die Gabe des Wortes und Herzens? Wer war glücklicher, als Du? Nicht nur jene geretteten Armen müssen Dich segnen, sondern auch alle die wackeren Leute, deren Familie Du vermehrt, unter deren Dach Du eine lebende gute That eingeführt hast, die zu ihnen spricht, und mit Liebe und Dank ihnen zugethan ist! Bald nach jenem schönen Tage kam ein Fremder nach Dndingen. Es war ein Festtag; die Preise wurden in den Schulen vertheilt, und die schweizerische Gast- sreundlichkeit lud den Neuangekommenen zu der Feierlichkeit ein. Und als er die Kinderschaar so zufrieden, heiter, reinlich und wvhlgekleidet erblickte, und sich zum Pfarrer wendend fragte: „Haben Sie denn hier keine Armen?" erwiderte ihm dieser mit feuchten Augen: „Nein, nein, Gott sei Dank! wir haben keine mehr!" Was aber hier geschah, war keineswegs die Wirkung einer raschen vergänglichen Aufwallung. Die christliche Liebe zu Dudingeu hat sich dauerhaft und echt katholisch, d. h. in einem hohem Grunde, als in bloßen Gesühlsanwandlungeu wurzelnd, bewährt, die Kinder sind unter dem Dache, das sie aufgenommen, geblieben, mehrere wurden förmlich adoptirt, Alle haben aber in ihren Beschützern wohlwollende Väter gewonnen. Auch für die erwachsenen Armen fand sich bald die entsprechende Hilfe. — Der Pfarrer scheint indeß wohl gewußt zu haben, welche Verbindlichkeit er durch die Verheißung übernahm: daß eS Jeglichem wohl ergehen werde, der Haus und Herz den Armen deö barmherzigen Gottes eröffnete. Der Segen des Himmels ist an dieser Stelle augenscheinlich geworden, und die Wohlfahrt des Ortes ist wahrhaft wunderbar, was durch das Folgende klar wird. Die Armen hatten ihre Wohnung, und eS war nun die Frage: wo der liebe Gott wohnen sollte? Denn die alte Kirche zerfiel gänzlich, und es wurde dringend, eine neue zu bauen. Dem Gesetze gemäß ließ mau einen bescheidenen Bauplan entwerfen, und bat um die Ermächtigung zum Baue und zu einer entsprechenden Umlage. Allein der Kanton Freiburg hatte eben zu dieser Zeit nach dem Beispiele Frankreichs eine kleine Revolution aufgeführt; die Regierung war noch neu und voll Eifer, aufgeklärt und zeitgeistig zu erscheinen und zu verfahren. Demnach mußte ihr das, was die Einwohner von Dudingeu wollten, sehr ungelegen kommen ; sie hielten eS für zweckmäßig, die Ausführung zu hindern, und so hieß eS denn: „Bauet, wenn ihr wollt, wir können eS euch nicht verbieten, aber wir gestatten keine Anfinge!" — Diese väterliche Entschließung gelaugte nach Dudingeu und der Pfarrer theilte sie seinen Bauern mit. — „Aber wir bauen unsere Kirche dennoch, nicht wahr?" fragte er. — „O ganz gewiß!" — „Und eS soll auch nichts daran fehlen?" — „Durchaus nichts!" — „Wann wollen wir anfangen?" — „Morgen schon! — Und sie fingen in der That an. Jeder lief in die Sakristei, um seine Erklärung aufzuschreiben, wie viel er an Geld beitragen wolle; und am nämlichen Abend erreichte die Unterzeichnung schon nahebei die Summe von fünf und dreißig Tausend Frank. Ein Einziger hatte widersprochen; auch einige Einwohner der Stadt, welche Ländereien in der Gemeinde besaßen und vielleicht selbst zu den RegierungSmit- gliedern gehörte», verweigerten die Beisteuer. „Desto schlimmer für sie!" sagte» die Bauern. U M- 7M- -,-z ' LW I-,^ -Ä'i ML^.I Ir. 18 8 14 Der Pfarrer sprach nun abermals zn der Gemeinde, und die Herzen öffneten sich seinem Worte ebenso bereiiwillig, als au dem Tage, wo er ihnen die Armen empfohlen hatte. Derselbe Znrnf, derselbe Erfolg antwortete ihm; die Reichen gaben das Geld, die Frauen ihre Kleinodien, die Armen die Kraft ihrer Hände. Man schrirt unter der Leitung des CaplanS eifrig zum Werke. Die Einen trugen Holz und Steine bei, die Andern waren Maurer, wieder Andere dienten als Handlanger. Niemals kam es zu Klagen und Schwierigkeiten, wenn cS sich um den Vollzug der übernommenen Verpflichtungen handelte; ja sogar, wenn nachträgliche Leistungen nöthig wurden, was zwei- oder dreimal üatlfand, zeigte sich kein Verdruß und kein Hinderniß. Der Pfarrer versammelte nur seine geistlichen Kinder, stieg auf die Kanzel und sagte: „Kinder, wir haben Nichts mehr, es ist Alles ausgegeben!" und am nächsten Morgen war wieder Geld in der Kasse. Das Wunderbarste aber war, daß Niemand wußte und auch nicht zn erfahren suchte, was der Andere gegeben hatte. Nur der Pfarrer kannte das Geheimniß Aller. Die Arbeit wurde ohne Rast und Ermüdung fortgesetzt nnd in wenigen Jahren war die Kirche vollendet. Sie ist schön und geräumig. Sie kostete der Gemeinde von vier Tausend Seelen über hundert und dreißig Tausend Francs, aber sie ist auch der Stolz und die Freude der guten Leute. Wir haben dieser Erzählung Nichts beizusetzen; sie spricht für sich selber. Nur den Einen Wunsch haben wir, daß allenthalben, wo es sich um eine christliche Versorgung von den Armen, oder um die würdige Herstellung eines heruntergekommene» Gotteshauses in einer Gemeinde handelt, der jeweilige Pfarrer ein eben so bereitwilliges und werkthäligeS Entgegenkommen von Seite seiner Pfarrkinder finden möge, wie es sich dessen der Pfarrer von Dudingen zu erfreuen hatte! Die Pest der schlechten Bücher. Von I'. K. Clemens. (Fortsetzung.) Der zweite faule Fleck dieser Ausrede liegt in der Prahlerei mit einer Freiheit, die eigentlich gar keine Freiheit ist. So ein Leser sagt: „Ich bin mein eigener Herr, ich kaun lesen, waS ich will; eS geht Niemand etwas an!" Aber besteht denn die Freiheit etwa darin, daß man treiben kann, was Einem einfällt? Wenn das wäre, dann müßten die Räuber in den Appeninnen und Pyrenäen und die Wilden in Australien die fceicsten Menschen sein. Allerdings besteht die Freiheit darin, daß mau nach eigener, unbeschränkter Wahl sich für oder gegen Etwas entscheiden kann. Wahrhaft frei ist aber nur der- jenige Wille, der in Gott seinen EinignngSpunct und Ruhepunct gefunden hat. Ein Wille dagegen, der an etwas Unheiligem nnd Sündhaftem hängt, ist nimmermehr ein freier Wille, sondern es ist ein sklavischer, geknechteter Wille und darum daS Armseligste, was es geben kann. Adam nnd Eva hatten freilich auch freien Willen, von dem verbotenen Baume zu essen, nnd als sie eS thaten, da geschah es jedenfalls aus freiem Willen. WaS war aber die Folge davon? Ich will jetzt von allem Elende, das dadurch über die Welt gekommen ist, ganz absehen und nur beim freien Willen stehen bleiben. Nun, hat dadurch der freie Wille gewonnen oder verloren? Er wurde geschwächt — und das ist der Fluch der Sünde und eine ihrer schrecklichsten Folgen, daß auch jetzt noch durch jede Sünde der Wille geschwächt wird. Mit Recht sagt der heilige Angnstinuö: „Gefällt nnS die ächte Freiheit, „nun so streben wir, frei zn werden von der Anhänglichkeit an die wandelbaren „Dinge; und wem Herrschaft gefällt, der hange in Unterwürfigkeit nnd in größerer „Liebe, als zu sich selbst, Gott, dem einen Herrscher aller Dinge an. DaS ist die 1 ^- 7 ' 15 „volle Gerechtigkeit, daß wir das Bessere mehr, das Geringere weniger lieben. Aber „wir sind in Eitelkeiten und schändlichen Tand so versunken, daß wir auf die Frage: „ob daS Wahre oder das Falsche besser sei, zwar einstimmig antworten: das Wahre! „allein dabei doch der Lust nnd dem Tand weit inniger anhangen, als den Lehren „der Wahrheit." (Sr- Augustiners, von der wahren Religion.) Ein Anderer sagt: „Ich habe mit dem Bücherlescn gewiß keine bösen Absichten. Ich lese znr Unterhaltung. Man kann doch nicht in Einem fort an der Arbeit sein, oder daS Gebetbuch und das Leben der Heiligen immer in der Hand haben. Wenn ich nun hier und da in freien Stunden zu meiner Erholung und Unterhaltung ein schönes Buch lese, so möchte ich doch wissen, wer das mit Recht tadeln kann?" Wenn wir diesen Grund anhören, so müssen wir sigen: Nein, dagegen läßt sich nichts einwenden. Willst dn zuweilen zn deiner Erholung etwas lesen, so darfst dn daS gewiß. Darin sind wir ganz einig. Aber warum wählst dn dir gerade solche verliebte Geschichten? Warn», gerade solche süßliche Romane? Warum gerade jene weichlichen Taschenbücher, die schon durch ihre schmachtenden Titel: Vielliebchcn, Vergißmeinnichtchen, Lilien und Rosen, Perlen, Cvrnelia n. s. w. verrathen, in welchem Sumpfe sie gewachsen sind? Warnm gerade solche Werke, welche von dem blauen Dunste der falschen Aufklärung erfüllt sind? Gibt es denn keine besseren Bücher? — Das ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß du gerade solche Bücher schön nnd interessant findest. Suchen wir darüber klar zu werden. Wie lieblich ist es, im Frühlinge hinauszugehen und das prachtvolle Blüthen- kleid der Erde zn betrachten. Von, Garten nnd von der Wiese des Thales an bis hinauf zur steilen Felsenwand ist Alles mit Blnmen geschmückt. Und welch ein Leben herrscht überall! Bunte Schmetterlinge wiegen sich auf den Blnmen und saugen begierig den Honig ein. Unzählige Bienen sind von früh bis spät geschäftig, den süßen Honig in ihre Zellen zu tragen, und auch die Käfer finden da ihren Tisch gedeckt nnd wühlen behaglich in dem gelben Blüthcnstaub nnd nagen mit Lust an den zarten Blnmenblättchcn, die ihnen zur Nahrung dienen. Dagegen gibt es wieder ganze Schwärme von Fliegen nnd auch mehrere Arten von Käfern, die sich anS den schönen Blumen gar nichts machen. Spüren sie aber von ferne Gegenstände, die in Fäulniß übergehen, und von denen sich der Menschheit Auge und Nase voll Abscheu wegwenden muß, so fliegen sie eilig darauf zu und fallen mit dem nämlichen Behagen darüber her, wie die Bienen und Schmetterlinge über die Honig- reichen Blumen. Hier haben wir ein Gleichniß, das keine weitere Erklärung bedarf. — „Auch ich — sagt wieder ein Anderer — lese nicht aus böser Absicht. Nein, ich lese bloß deßhalb, weil ich einsehe, daß man sich heutzutage nicht ganz gegen die Literatur abschließen kann. Man muß doch wenigstens wissen, was in der Welt vorgeht und mit der Zeitcntwicklung einigermaßen gleichen Schritt halten. In dieser Absicht lese ich sowohl waS für, als auch was gegen die gute Sache geschrieben wird." Man kann diesen Zweck gewiß nicht unbedingt verwerfen. Es kommt nur darauf an, suf welcher religiösen Stnfe Jemand steht. Wenn in dem Geiste eines Menschen der Glaube zn einer großen Klarheit und in dem Herzen zu einer großen Entschiedenheit gelangt ist, dann ist allerdings keine Gefahr zn fürchten. Ein solcher Leser wird schon mit der nöthigen Vorsicht und Selbstüberwindung lesen. Seine religiöse Festigkeit kann dadurch vielleicht noch gewinnen, gleichwie ein Feuer, welches vielen Brennstoff um sich nnd über sich hat, vom Sturme nicht ausgelöscht, sondern nnr noch mehr angeblasen wird. ES kaun ihm gehen, wie einem reichen Gutsherrn, der zn Hans Alles in Fülle besitzt nnd am Ende etwas gleichgiltig gegen sein Glück wird. Kommt dieser Herr aber einmal in die Hütten der Armuth nnd sieht da, wie die Armen vor Kälte zittern nnd das tägliche Brod nicht haben und noch dazu krank sind, da schätzt er sein Glück um so höher und spricht: „Was gibt eS doch so großes Elend in der Welt; wahrhaftig ich kann meinem Gott nicht genug danken, 16 daß er mich nicht in so traurige Verhältnisse verseht hat." So wird auch ein im religiösen Leben befestigter Mensch noch fester und entschiedener werden, wenn er wahrnimmt, welche niederträchtige Aufklärern und welch abscheuliches Gift heutiges Tages in Schriften verbreitet wird. Auf diese Voraussetzungen kommt es eben an und auf dieselben muß man den schärfsten Nachdruck legen. Wer im religiösen Leben aber noch schwankend ist und wer sich weder mit einem an Brennstoff reichen Feuer, noch mit einem sehr wohlhabenden Gutsherrn vergleichen kaun, der wird vom Lesen solcher Bücher nur Verlust, statt Gewinn zu erwarten haben- (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Nachrichten. Preußen. Paderborn. Unser altehrwürdiger Dom war am 27. Nov., dem ersten Adventsonntage — Zeuge einer eben so ergreifenden, als großartigen Kundgebung. Unser hochw. Bischof Konrad hatte in einer Predigt am Feste Allerheiligen alle guten Katholiken, denen in den jetzigen schweren Zeiten die Sache des hartgedrückten heiligen VakerS am Herzen liege, eingeladen, am ersten Adventssonntage bei Gelegenheit des ewigen Gebets in unserer Domkirche für nnscren Ober- hirten, PiuS IX., die heilige Kommunion zu empfangen. Nachdem der hochw. Herr Bischof um 5 Uhr das feierliche Amt gehalten und eine Betstunde für den heiligen Vater eröffnet hatte, begann Hochderselbe kurz nach 6 Uhr die Ausspendung der heiligen Ccmmnnion. Kurz darauf erschien zu demselben Zwecke der hochw. Hr. Weihbischof; unausgesetzt bis 9 Uhr setzten die beiden hochw. Herren die Allstheilung des hl. Sakramentes fort, — über viertausend Gläubige haben aus ihren Händen den heiligen Leib des Herrn empfangen. Wegen Mangel an Zeit sahen viele Hunderte sich gezwungen, in den anderen Kirchen der Stadt die Spcndung des heiligen Sakramentes zu erbitten, und man kann deßhalb die Gesammtzahl der Kommunionen auf fünftausend anschlagen. Milde Gaben für die Mission in Perleberg Uebortrag.71 fl. 57 kr. Von einer Frau znm neuen Jahr für die armen Perlebcrger (Gott vermehre es tausendfach).— fl. 12 kr. Zweiter Beitrag von einem „Kaplan aus Oberfranken" .... 5 fl. 12 kr. Summa: 77 fl. 21 kr. Redaction und Verlag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »on I. M, Klcinle. AGbilM SmkllgMM. Hir. A. 15. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementsprcis ist 2V kr., wofür es durch aste k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Lebens-Regel. Ruf an dein Gott, Halt sein Gebot, Leid Geduld in Noth, Gib den Armen Brod, Schweig, trag und leid. Die Unzucht meid, Frag nicht nach Neid, Hab Acht der Zeit, Auf Freund nicht bau, Nicht Allen trau, Auf dich selbst schau, Sei nicht zu genau, Pfleg dein Gesund, Negier dein Mund, Treib nicht bös Find, Hüt dich vor Sünd, Die Alten verehr, Dein Haus ernähr. Die Jugend lehr, Des Zorns dich erwehr, Halt dich fein rein, Mach dich nicht gemein, Bleib gern daheim, Getreu ich's mein. Der Einfluß der katholischen Religion auf die verschiedenen Gewerbe in materieller Beziehung. Welchen wohlthätigen Einfluß die katholische Religion auf die schonen Künste und Wissenschaften ausgeübt habe und noch stets ausübe, ist schon oft von den gelehrtesten Männern jedes Jahrhunderts hervorgehoben worden; ja dafür sprechen die Werke der Kunst selbst, die mir dem Gefühle religiöser Begeisterung aufgefaßt und dem betrachtenden Auge vorgestellt, nuwillkürlich tiefe Rührung im Herzen des Beobachters hervorrufen, in welcher der schaffende Geist drö Künstlers mit seinen Fittigen der Glaubenskraft und innigen Frömmigkeit nnS umweht. Wir dürfen nur denken an jene bisher unerreichten Gebilde der christlichen Baukunst, der schöpferischen Malerund Bildhauerkunst, um »»getheilten Herzens mit einzustimmen in den Ruf begeisterter Kunstfreunde: Wahrlich, so was vermag nur der von, heiligsten Glauben durchdrungene Geist hervorzubringen. Und wirklich, wahre, ächte, gediegene Kunst findet Kch nur im Bereiche der katholischen Kirche. Die herrlichen Tempel, welche der katholische Glaube erbaut, bald in ungeheuern Wölbungen im edelsten Geschmacke zu erhabener Höhe mächtig sich erhebend, bald in tausendfältigen Spitzbögen in verschiedenartigster Nerzweignng vereint, als eben so viele Zeiger zum Himmel weisend; die Schöpfung der bildenden Kunst, die bald mit ihrem Zanberpinsel nnS sichtbar die Bewohner des Himmels in ihrer Seligkeit zeigt, bald mit ihrem Meißel selbst dem todten Steine Leben gibt, reißen nicht nur den für Kunst Empfänglichen, sondern jeden Menschen insgemein zu», Staunen, zur Bewunderung hin, er fühlt es, er befinde sich vor einem Werke, das von Geistern höherer Art Leben und Dasein erhalten hat. IrM'i iMKi W W 18 Doch den staunnngswürdigen Einfluß des katholischen Glaubens auf die Kunst wollen wir hier nicht vortragen; das überlassen wir den Männern von Fach, die nicht ermangeln werden, uns in die geheiligten Hallen kirchlicher Kunst einzuführen, und unserm Geiste die herrlichen Schöpfungen glaubensbegeisterter Künstler vorschweben zn lassen. Wir wollen nur Herabsteigen in das Getriebe des gewöhnlichen Lebens, und möchten eine Rundschau halten unter den verschiedenen ErwcrbSzweigen des bürgerlichen Lebens, um zn sehen, ob nicht gerade die katholische Religion auch hierin den wohlihätigsten Einfluß ausübt, und zwar nicht bloß durch Veredelung des Geistes, durch Beförderung der Sittlichkeit, des wechselseitigen Friedens, der Eintracht und Gottesfurcht, was sie ja stets thut, wo sie in's Leben tritt; sondern wir wollen davon sprechen, wie die katholische Kirche mit dem geistigen Brode des Lebens auch das leibliche Brod ihren Kindern reicht, indem sie ihnen Arbeit, Verdienst und Erwerb sichert und sich als die wahre Brodmntter zeigt. Glauben wir ja nicht, dieser Gegenstand sei nicht ehrend genug für unser heil. Religion, oder wir setzten uns der Gefahr aus, auf unwürdige Weise von unserer heiligen scligmachenden Kirche zu sprechen. Nein, so lange der Mensch lebt, bedarf er für Seele und Leib seine Nahrung, und wer BeideS uns reicht, der ist unserer Achtung, Ehrfurcht und treuesten Anhänglichkeit auch doppelt würdig. Darum ist keine Furcht, durch diese Worte die Liebe nud Ehrfurcht gegen die heil. Kirche zu schwächen, wenn von den verschiedenen Gewerben, die entweder ganz oder theilweise ihr Fortbestehen, ihr Blühen und Gedeihen, ihren klingenden Nutzen, mit einem Worte, ihren Broderwerb, dem katholischen Leben verdanken, die Rede ist. Vielmehr hoffen wir, daß am Schlüsse dieses Aufsatzes auch die freundlichen Leser mit uns einverstanden sein werden, nnd uns vielleicht noch danken, daß sie auch noch diese tief ins Leben greifende Seite unseres heiligen Glaubens kennen gelernt haben, eine wichtige Seite, die aber, soviel wissentlich, noch von Niemanden berührt worden ist. Die katholische Religion nimmt den ganzen Menschen in Anspruch, sie will seine Seele heiligen, und sie mit den Kenntnissen des ewigen Heils er- füllen; sie nimmt aber auch seine leiblichen Sinne in Anspruch, und wirkt durch dieselben auf seinen Geist ein; darum stehet unsere heil. Kirche nicht blos im reinsten, gottgefälligsten, unsichtbaren Brautschmucke der Heiligkeit vor uns, sondern auch im äußeren, sichtbaren Schmucke der jungfräulichen Heileanstalt für uns Menschen da. Vermöge dieses innigen Zusammenhanges des Unsichtbaren mit dem Sicht- Laren, des Geistigen mit dem Körperlichen führt sie die menschliche Seele ihrer ewigen Bestimmung zu, gebraucht aber auch die Kräfte des Leibes, eben ihr sichtbares Dasein zu begründen, und reicht dadurch ganz oder theilweise auch das nothwendige Brod zum Leben. An jedem Orte, wo sie ihre beseeligcnde Macht entwickelt, da ist sie vor Allein besorgt, ein Gotteshaus und eine Schule zn bauen, nm einen Ort zn haben, ihre großen und kleinen Kinder um sich zu vcisammeln, nnd ihnen das Brod des Lebens zn brechen. Bei diesem Baue aber hat nicht nur der Künstler, der den Plan entwirft, seine Rechnung, sondern tausend geschäftige Hände werden in Bewegung gesetzt; der gemeine Maurer, der Zimmermann, der Taglöhnec findet dabei für lange Zeit seinen Erwerb, siin tägliches Brod; in den Steinbrüchen arbeitet der Steinmetze, der Fuhrmann liefert sie zu dem bestimmten Orte, und so sind Viele bctheilt, die ihren Erwerb dem Kirchenbaue verdanken. Bedenken wir nun, wie viele Tausend Gulden sind nicht in den dreißiger und vierziger Jahren sogar aus dem öffentlichen Staatsschätze in unserm Vaterlande unter die arbeitende Klasse gekommen, und haben ihr Brod verschafft, die sonst ausgeblieben wären, wenn nicht die Liebe znm heil. Glauben diese Bauten nothwendig gemacht hätte! Ist aber das Gotteshaus fertig, so ist der Erweib für den Stein- nnd Holzarbeiter noch nicht gesperrt; die jährlich wiederkehrenden Reparaturen oder Ausbesserungen sichern stets fort mehr oder weniger den Erwerb. 19 Wollten wir noch fragen: In welchem Lande sind die meisten Glockengießer? so dürfte Tirol wohl vor allen am besten bedacht sein, nnd wovon leben diese? Wohl größtentheils von dem Gnsse der Kirchenglocken, von welchen Jahr aus Jahr ein gar viele anS der Werkstälte in den hohen Thurm wandern, um dort zur Andacht die Gläubigen za rufen. Wäre Tirol nicht katholisch, so würde das Gewerbe der Glockengießerei wohl ein sehr schwaches und seinen Mann kaum nährendes sein. Mit dem Glockengießer findet aber auch der Zimmcrmann und Schmied seinen Theil des Erwerbes, der Eine mit der Bereitung des so nothwendigen GlockcustuhleS, der Andere mit dem nothwendigen Glockenschwengel, Pfannen und Klammern, um dem Werke Festigkeit zu geben. Die Gold- nnd Silberarbeiter finden wohl nur in der katholischen Kirche den geeigneten Platz, ihre Kunst und Talente zu zeigen, und zugleich ihren Erwerb zu sichern; denn wer bedarf sonst der im schönsten Juwelen- und Goldschmncke glänzenden Monstranzen, der mit Schmelzarbeit verschiedenster Art geschmückten Kelche? Die heil. Kelche und die kostbaren Jnsignicn der bischöflichen und Prälaten-Würde sind eine stets sich erneuernde Quelle des Verdienstes für das Gewerbe der Gold- und Silberarbeiter; dazu kommen die mannigfaltigen kostbaren Verzierungen, deren die Kirche sich bedient, den Schmuck der Altäre zu erhöhen, die schönen Kronen, die silbernen Lnichter, Opferkannen nnd Rauchfässer, die Beschläge der heil. Bücher, die Rahmen der Cauontafcln, wo Alles nie kostaar genug sein kann. Hier ist eS auch, wo der Kupferarbciter seine Kunst an den Tag legen kann, da die hohen, mächtigen Leuchter, die Verschalungen des Tabernakels, die Umhüllungen des Altartisches von Kupfer verfertigt, in Feuer vergoldet, mit Silberzicrratheu geschmückt, auch einen imposanten, des heiligen Ortes würdigen Anblick gewähren. Nehmen Sie den katholischen Glauben hinweg, und alle diese Gewcrbslente in Gold, Silber und Kupfer büßen einen bedeutenden, ja wohl den größten Theil ihres Erwerbes ein. Davon gibt wohl Zeugniß, daß in protestantischen Orten durchaus kein Silberarbeiter gefunden wird, der so was Großartiges in seinem Fache zu leisten im Stande wäre, wie der katholische zu thun vermag. Wo die Armuth der Kirche diese kostbaren Gerüche anzuschaffen nicht vermag, da finden andere Gewerbe ihren Verdienst, als da sind der Gürtler, der Zinngießcr, die aus minder edlen Metallen dieselben für die Kirche nothwendigen Geräthschaften liefern, und mancher Artikel dieser Gewerbe würde gänzlich aus ihrem Waarenlager verschwinden, wäre nicht die katholische Kirche, die desselben bedarf. Was soll man erst von dem Wachszieher sagen? Wenn einmal die Kerzen aus unseren Altären ausgelöscht würden, so könnten sämmtliche Wachszieher ihre Arbeit einfüllen, nnd sich lediglich anf Willi-, Stearin- nnd andere Kerzen verlegen, da Wohl der größte Theil ihres Verdienstes rein von der Kirche ihnen zufließt. Nicht viel besser erginge eS dem Bortenwirker nnd Posamentirer, deren Gold- und Seiden-Gcwcbe zum Schmucke der priesterlichen Gewände verwendet wird. Nehmen wir die große Anzahl der Meßkleitcr, Levitenröcke, Rauchmäntel, der Antipen- dien und großen Baldachine, der tragbaren Himmel nnd geschmückten Ferknln, die mehr oder weniger bereits jährlich ne» gemacht werden; berechnen wir die Massen ' von Gold-, Silber- und Seidenborten, die großen Quasten jeder Gattung, die Menge der Fransen, die darauf find, nnd wir werden finden, daß jährlich eine große Summe des Verdienstes dieser Gewerbe rein von der Kirche ihnen zukommt. Auch der Weber hat hiebe! seine Rechnung, da ja die feinste, beste Leinwand, wie überhaupt Linnenzcug. zu den nothwendigsten Erfordernissen der Kirchenwäsche gehören, nnd wohl viele Tausend Ellen deßwegen mehr verfertigt werden müssen, als der Verbrauch im bürgerlichen Leben eS erheischt, wobei auch der Spitzenfabcikant nicht zu kurz kommt, da die Alben, Chorröcke, Corporalien, Pakten, Ueberleger oder sonstige Altartücher schöner, bald kleinerer, bald größerer Spitzen nicht entbehren können. Und weil wir nnS schon am Altare befinden, halten wir Umschau, und da 7EÄ -ÄS-> -- W 20 liW N W W '.ÄS sehen wir die Arbeit des Tapezierers an den Altarpolstern, des Dachbinders an dem Meßbuche, der sonst auch an den Brevieren der Geistlichkeit viele Arbeit findet, des Blccharbciters an den Beschlägen der Altarrahmen nnd Einfassungen je nach Art nnd Gebrauch, des Teppichwirkers an den ausgebreiteten Teppichen; des Tuchmachers an den überhängenden rothen oder schwarzen Tüchern. Der Seiden- und Sammtwirker findet seinen Absatz bei den priesterlichen Kleidern, den damastenen oder sammtncn Tapeten, den großen, den ganzen Altar umschattenden Baldachinen und andern Gegenständen, während der Schriftgießer seine ganze Kunst aufbieten kann, nm die Meß- und Ponlificalbücher würdig auszustatten. Weil wir aber gerade von Seide und Sammt sprechen, so ist es am geeigneten Orte, auch von einem Gewerbe zu sprechen, das in unserem Vaterlande viele Hundert Hände beschäftigt nnd Nahrung verschafft, lediglich, weil eS eine katholische Kirche gibt; wir meinen hier die Stickerei. Die Zunft der Gold- und Silbersticker war noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in höchster Blüthe, und ernährte viele Familienväter auf die honnetteste Weise; ihre reich gestickte Zunfifahne überstrahlte bei öffentlichen Umzügen weit alle übrigen Znnflfahuen. Wohl trugen damals Herren und Frauen reich gestickte Kleider, die jetzt wegen der allgemein gewordenen Armuth nnd wegen der Vorliebe für den Flitter der wechselnden Mode außer Gebrauch gekommen sind; doch war ihr Hanptcrwerb die Verfertigung der kostbaren Kirchenklcidung, deren entwickelten Reichthum und kunstfertige Arbeit wir Alle noch anstaunen. Und jetzt, da diese ehrenvolle Arbeit rein in die Hände deS frommen Geschlechtes übergegangen ist, wie viele Frauenzimmer leben nicht blos in unserer Hauptstadt lediglich von der Kirchenstickerci! Lassen sie aufhören den katholischen Glauben in unserem Vaterlande, nnd alle diese unermüdlich stickenden Personen sind an den Bettelstab gebracht, denn ihre Kirnst findet bei der Welt keinen Anklang, wie man auch an Orten, wo man die Kirche nicht liebt, auch keine fertige Goldstickerin findet; daher auch viele Bestellungen weit nm in's Ausland von hier aus gehen, ja filbst über das Weltmeer nach Amerika hinüber. Ist hier die Kirche nicht eine wahre Brodmutter für diese ihre Kinder? Hier sei eS uns erlaubt, auch noch von den Wäscherinnen Meldung zu machen, die eben, weil die Kirchdnwäsche eine besondere Bearbeitung bedarf, gerade auch bei der Kirche den gesichertsten Erwerb finden, so wie die sogenannten Krauzclbindcrin- nen, deren Arbeit ja größtenlheilS znm Schmucke der Altäre dient. Sehen wir uns aber noch mehr in der Kirche um, so finden wir darin beschäftiget den Tischler, der nicht nur die Bänke und Stühle liefert, sondern auch je nach Umständen die Altäre baut, die dann der Vergolder mit Kunst und Geschmack zu herrlichen Gebilden nmschafft, sowie Beide gemeinschaftlich an den üblichen Fer- knln und sonstigen Ho'zgcrächschaften sich betheilcn, während der Lackircr nach seinem Gewerbe diesen oder jcnen Anstrich den Arbeiten des Tischlers gibt. Der Schlosser liefert daS mächtige Kreuz, das vom Thurme herabglänzt, nnd auf den Knopf gesetzt ist, den der Kupferschmied geliefert, nachdem er die Thurmkuppel mit seinem festen Metalle zugedeckt. Die künstlichen Eisengitter in der Kirche, sowie die kunstvollen Schlösser an den Kirchenihüren sprechen laut, daß der Schlosser hier viele und lohnende Arbeit gefunden. Der Glaser gehet dabei auch nicht leer aus, vielmehr kann er an den hohen Kirchenfenster» seine ganze Kunstfertigkeit an den Tag legen. WaS wi brlt und schmct.eri aber droben in der Empo.kirche? ES sind die Musikanten. Nrhmen sie dirsen den karhvlischen Gottesdienst, wie viel Einbuße würben sie erleiden? Sie dienen durch ihre Kunst der Kirche, leben ober auch von der Kirche, während Andere ihnen wiederum die erforderlichen Instrumente liefern, und so mittelbar ebenfalls bei der Kirche ihr Brod finde». (Schluß folgt.) Der Orden des heil. Benedictus in Nordamerika. Es ist längst bekannt, wie groß und drückend in Amerika, zumal in den Vereinigten Staaten, der Mangel au Priestern ist; wie viele Seelen deßhalb schon verloren gegangen sind, wie viele andere bloß aus diesem Grunde nicht der Kirche gewonnen werden konnten. Doch der Herr, scheint es, will sich auch hier erbarmen, und besonders durch den Orden des heil. Benedictus Großes vollbringen. Mit einigen Studenten und einer Schaar anderer junger Männer landete im Herbste 1846 — also vor 13 Jahren — 1*. BonifaciuS Wimmer ans dem Siifte Metten an der Küste von Amerika, und schon blüht heute dieser älteste und ehrwürdigste unter allen Orden des Abendlandes in zehn verschiedenen Diöcescn Amerika's! V. BonifaciuS ist iufulirter Abt deS StammklosterS St. Vincent im BiSthum Pilts- burg*), und hat außerdem bereiiS Filialen (meistens Priorate) zu Butler und Car- rollton in derselben Diöcese; zu Marienstadt, MorraiS (St. Sevcrin) und Eric im Bisihum Erie, zn Bellefonte im BiSthnm Philadelphia, zu Newaek und Covington in den Diiiccsen gleichen Namens, zn St. Clond (eigentlich 3 Stationen: St. Cloud und St. Joseph, St. Paul von Shacopie mit 8 Priestern) im Bislhum St. Paul (Minnesota), zu Doniphan im apost. Vicariate KansaS (Douiphan und Leavenworth), zu Omaha-Ci>y im apost. Vicariate Nebraska und endlich zn 8:>n loso im Bisthum Galveston (Teras) gegründet. Neberdieß hat das Kloster Einsiedeln in der Schweiz seit etlichen Jahren eine Filiale (Priorat) zu St. Meinrad im Bisthum VinccuneS (Jndiana). In der Abtei St. Vincent ist außer dem Noviziat und der theologischen Lehranstalt für Candidaten des Ordens- wie des WclipriesterstandcS noch ein vollständiges Kollegium oder Knabenseminär mit wenigstens 100 Zöglingen, die theils für den geistlichen Stand bestimmt, theils aus Barmherz'gkeit aufgenommen sind. Selbst der hochwüldigstc Bischof Neumann von Philadelphia läßt dort mehrere junge Leute zum Priesterstande vorbereiten. In Marienstadt ist das Mutterhaus der Benedictinerinncn -für Nordamerika (gleichfalls von 0. BonifaciuS gegründet), welches bereits Filialen hat zu Erie, Ne- wark und St. Cloud. Zu Newark wurden bereits vor einem Jahre die nöthigen Räume hergerichtet für ein Knabenseminar; zn Covington wurde unter dem Tiiel: ,,8t. ilcmeplm klassierst Meristem)'" eine ähnliche Anstalt eröffnet, in St. Clond soll ebenfalls ein Seminar für weiße, in St. Joseph ein solches für Judianerknaben errichtet werden. Gleiches wird hrff.ntlich in Marienstadt oder Erie, in Doniphan und 8mi 4osa geschehen, falls eö nicht bereits geschehen ist. An allen Orten ohne Ausnahme und meist noch in weiter Umgebung versehen die Beuedictiner die Scelsorge, hauptsächlich bei den Deutschen, häufig aber auch bei den englisch und französisch Redenden, wo diese keine eigenen Gemeinden bileen. Gewöhnlich haben sie gepade solche Gemeinden übernommen, die keinen eigenen Seelsorger erhalten können, weil sie zu arm sind, wie in den Bergen der Alleghany's, in Minnesota, KansaS und Nebraska. WaS anderen Orden und Kongregationen unmöglich ist, könne» die Söhne des heil. Benedicius leisten, weil sie von einer beträchtlichen Anzahl Laienbrüder (im Ganzen mögen ihrer dermal beiläufig 100, der Priester aber gegen 50 sein) unterstützt werden, die durch ihrer Hände Arbeit daS reichlich ersetzen, was arme Gemeinden bei ihrem besten Willen nicht leisten können. Wie hochgeschätzt die Brnediciiner sind, mag man daraus abnehmen, daß die Bischöfe von Convington und Leavenworth, beide aus dcr Gesellschaft Jesu, nicht Amand Krammer aus der Linzcr-Dtvccse ist Prior, k. Karl Gcverstanger auS Salzburg Subprivr in Sl. Vincent. 22 IKÄ 22 ruhten, bis sie solche erhielten, und daß der hochverdiente Bischof Odin von Gal- veston die weite Reise nach St. Vincent nicht scheute, um den Abt zur Uebernahme von 8an lose zu bewegen. Mancher mag vielleicht geneigt sein, dem unermüdlichen p. Bonifacins vorzuwerfen, daß er zu viel unternehme; aber wer sich die Mühe nehmen will, die kirchlichen Verhältnisse in Amerika näher kennen zu lernen, der wird auf ganz andere Gedanken kommen. So waren gegen Ende des Hörigen Jahres in Minnesota unter 270,000 Einwohnern 50,000 Katholiken, und Priester — 27! darunter 8 Benediktiner; — ohne diese also wären es gar nur 19 gewesen! Ja in Neu Mcrico waren für 78,000 Weiße und 5000 bekehrte Indianer, also für 83,000 Katholiken nur 26 Priester da. Aehnlich ist'S anderwärts. Der im Ucbrigcn ausgezeichnete Ur. I'. Petrus Lechner von Schepern läßt in einem Berichte, der in den Heften der Leopoldincnstiftung abgedruckt ist, erkennen, daß ihm das Leben der Trappisten in Kentuckp ungleich besser gefallen hätte. Die Erfahrung hat aber bereits gelehrt, daß letztere, die zndem weder Scelsorge noch Seminarien haben, abnehmen, während die Benedictiner sich so rasch vermehren und verbreiten — ein Beweis, daß 0. Bonifaz den geeignetsten Weg eingeschlagen hat, um möglichst viel Gutes zu wirken. Möchten Alle, die am Gedeihen unserer heil. Kirche in Amerika, mithin auch an dem Anfblüh.-n des Benedi'ctiner-OrdcnS daselbst — Antheil nehmen, ihn wenigstens mit ihrem Gebete fleißig unterstützen. (Schluß folgt.) I- W Die Pest der schlechten Wucher. Von r. K. Clemens. ' , (Fortsetzung.) Schon Mancher hat sich verleiten lassen, verderbliche Bücher zu lesen; er glaubte nur eine unschuldige Neugier zu befriedigen und spiegelte sich vor, er wollte doch auch auf der Höhe der Zeitbildung stehen — und was ist daraus geworden? Er verlor noch das Fistikchen Glauben, welches er hatte und mit dem GlanbenSsünkleiu erstürben auch die schwachen Keime seiner Tugend. Daß dies nicht aus der Last gegriffen ist, kann mau bald gewahr werden, wenn man die ungeheure Menge der Halbgebildeten betrachtet, welche in Privaikreiseu wie im öffentlichen Leben, in bürgerlichen Versammlungen wie in den Verhandlungen der Kammern mit vollen Backen die falsche Weisheit der neuen Zeitbildung aussprudeln. Woher kommt diese rohe Unkenntuiß der einfachsten Rechtsgrundsätze? Woher kommt dieses hochmüthige und falsche Aburtheilen über Zeitsragen und Zeitereignisse? Woher kommt eS, daß in ganzen Gegenden und Ländern die öffentliche Meinung völlig irregeleitet und verkehrt ist? Woher kommt selbst bei den sogenannten Gutgesinnten dieses feige Liebäugeln mit Grundsätzen, die man einfach mit Füßen treten sollte? — Ich weiß wohl, daß unsere Zeit auf den faulen Fundamenten des sieben; Huten und achtzehnten Jahrhunderts steht; ich verkenne auch nicht den ungeheuren Einfluß, den eine verkehrte Erziehung äußert — aber das wird man doch zugeben müsssn, daß die schlechte Literatur einen großen Theil der Schuld trägt. Ebenso ist eS eine Wahrheit, welche von der täglichen Erfahrung tausend Mal bestätigt wird, daß viele unserer Zeitgenossen, die in religiöser und sittlicher Beziehung j tzt verwildert sind, anfangs Herz- gute Leute waren. Aber sie halten nun ei, mal das Unglück, der schlechten Presse znr Beule zu werden. Sie lasen täglich die nichtSwürdigstcn Zeitungen, sie schöpften ihre Fortbildung aus Gcschichlswcrke», Zeitschriften und ConversaiionSleriken der schlechtesten Art und hatten doch vorher noch keinen festen Grund im Guten gelegt. Sie lasen jene socialistischen und communistischen Teudcuzromaue und Broschüren uud st--! t?- 23 jene Bücher mit der Alles verflachenden Humanitätstendenz — kurzum: sie bestelln- deten sich auf das Innigste mit dem Zerrbild und Fratzenbilv der Menschheit, ehe sie noch das schöne Ideal derselben geschaut hatten. Und daS geschah anfangs bloß aus Neugier und bloß aus dem schöuklingenden Beweggründe, mit der Zeitbildung gleichen Schritt zu halten. Ja, da soll es auch noch heißen: „Ich lese dafür nnd auch dawider." Mau weiß wohl, wie es geht. Wer sich einmal seine LebenSanschauungen aus schlechten Zeitungen und Büchern zurecht gelegt hat, der sieht nicht mehr nach, was gute Zeitschriften, z. B.: die historisch-politischen Blätter sagen; er gibt sich auch schwerlich die Mühe, ein gutes Werk zu lesen, wie z. B.: die Symbolik von Möhler, daS Handbuch von Deharbe und Andere. Also auch diese Redensart: „Ich lese auS Neugier, oder der Zeitbildung wegen" kann kein Freibrief znm Lesen schlechter Bücher sein. Jetzt kommt Einer und sagt: „Ich lese allerhand Romane, Novellen und Ge- dichte, das ist wahr: aber ich thue das nur, um mir Menschenkenntniß zu sammeln. DaS ist auch der Grund, warum ich fleißig in's Theater gehe. In den Romanen und Schauspielen werden die verschiedenartigsten Charaktere und Lebensvcrhältnisse geschildert, die ich sonst kaum in meinem Leben in der Wirklichkeit zu schauen hoffen darf. Da werden die reich bewegten Lebenswege des Menschen als Bild in einen engen Rahmen zusammengedrängt. Da erblickt man den Menschen im Kampfe mit sich selbst, im Kampfe mit der Natur, im Kampfe mit dem Schicksale; da treten die sonst im Verborgenen wirkenden Beweggründe und Ursachen offen zu Tage und daraus schöpfe ich Menscheukenntniß." Bis hierher hat die Sache einen guten Klang. Aber halt, guter Freund, du hast zwei wichtige Puncte übersehen. Du sagest, es werden da Charaktere und Verhältnisse geschildert; gut, — werden denn aber auch die Gegenstände immer wahr- heitgemäß und getreu geschildert, oder ist es nicht vielmehr so, daß die Phantasie des Schriftstellers Alles im Zauberlichte der Poesie und der Uebertreibung zeigt? Wer dergleichen gelesen hat, wird wissen, daß bei solchen Darstellungen Wahrheit und Dichtung sehr sein ineinandergewoben sind nnd daß in einem solchen Buche gewöhnlich mehr Dichtung als Wahrheit herrscht. DaS ist das Eine. — Zweitens mußt dir auch erwägen, welche GeisteSrichtnng denn in einem solchen Buche herrscht. Wehet ein unklarer oder indifferentistischcr oder geradezu gottloser Geist durch das Buch — wie kannst du dann Werth darauf legen? Wenn ein Buch getreue Schilderungen enthält nnd in gutem Geiste geschrieben ist, dann kann man wohl zugeben, daß es dir Beiträge zur Menschenkenntniß liefert, aber nicht gerade wegen der darin enthaltenen Schilderungen, sondern mehr darum, weil diese Schilderungen deine Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen deS wirklichen Lebens lenken nnd so einen gewissen Beobachtnugsgeist in dir wecken. In die Tiefe der Menscheukenntniß steigen auch die besten Romane nur selten, nur in einzelnen Lichtblicken und Sentenzen; der überwiegende Inhalt beschäftigt sich nur mit dem äußeren Menschen. Meine größte Befürchtung ist jedoch diese: du liesest viel solcher Bücher und suchest DaS, was dn darin als Wahrheit anerkennst, aus das wirkliche Leben anzuwenden. Du stellst Begleichungen an zwischen Dem, was dir der Schriftsteller vorgelegt hat und Dem, was dir das wirkliche Leben zeigt. Du prüfest, ob der Schriftsteller Recht oder Unrecht hat und auf diese Weise wirst du, ohne eö zu merken, dahin gebracht, Alles auf die Außenwelt zu beziehen und nicht in deine innere Welt hinabzusteigen. Wo bleibt aber da der wichtigste Theil der Menschen- kenntniß — nämlich die Selbstkennlniß? Es ist wahr, du verstehst die Charaktere und die Lcbensverhältniffe der Menschen ziemlich gut zu beurtheilen — aber wann hast du je eine Anwendung auf dich selbst gemacht? Siehst du denn nicht ein, daß ein ausschließliches Lese» solcher Bücher dich nur noch mehr darin bestärken wird: - U^''^ M IMi IM W D IA-.. IW >* : >7 24 nach Außen hin zu leben, aber ein Fremdling in deinem eigenen Herzen zu bleiben? Der Mensch ist ohnehin schon zu sehr geneigt für diese Richtung und du wolltest nur noch dies mehr befördern? —> Du gleichest einem Menschen, der eine reiche Erbschaft angetreten hat und nun sich gleich ohne Weiteres auf die Reise macht, um fremde Länder zu sehen. WaS hilft es ihm, wenn er auch noch so viele fremde Lander nnd Völker kennen lernt, aber von seinen eigenen Besitzungen keine nähere Kenntniß hat? ES kann ihm begegnen, daß, während er sich auf seinen Reisen gut unterhält, seine eigenen Landgüter von schlechten Verwaltern nnd von Räubern verwüstet und verschleudert werden, so daß er plötzlich ein armer Mann ist. Dieses Jahr ist vielleicht daS letzte Jahr deines Lebens. Du trägst vielleicht jetzt dein letztes Kleid und man wird dir kein neues mehr anmessen. Blicke nun in dein bisheriges Leben und erforsche dich, ob du auch nur eine Spur von Selbstkcnntniß entdeckst. Du warst bisher ein Welleuspiel der Zerstreuungen, deine ganze Frömmigkeit war von zufälligen Stimmungen abhängig. Du suchtest dich zu überreden, es sei dir um eine wahre Besserung zu thun und doch hast dn nie über die Ursachen deiner Fthler nachgedacht, du kennst noch nicht einmal deinen Hauptfehler und deine vorherrschenden Leidenschaften, kurz: in deinem bisherigen Leben herrschte keine Ordnung, kein Plan, und so lebst du Jahr aus Jahr ein dem furchtbaren Tage der Ewigkeit entgegen. Damit will ich keinen Wermnth in dein Lcbeu mischen, sondern nur sagen: man überschätzt sehr leicht solche Bücher und man vergißt darüber die Selbstkcuntuiß, welche doch von aller Menschenkenntniß die nothwendigste ist. — (Schluß folgt.) Christliche Wohlthätigkeit. (Neue Wohlthätigkeits-Anstalt in Paris.) Einen überaus wohlthätigen Eindruck muß auf die für das Wohl der leidenden Menschheit ernstlich besorgten Katholiken die Ueberzeugung machen, daß in Mitte der sie allseitig umgebenden Genußsucht wahrhaft edle für das Wohl und Wehe der leidenden Mit- brüdcr egnpsängliche Seelen sich finden. Den Beweis hiesür liefert eine erst neulich durch Sammlung milder Gaben inS Leben gerufene WohlthätigkeitSanstalt in Paris. Durch amtliche Nachforschungen hat sich nämlich herausgestellt, daß in Paris bei der Ueberfüllung der Spitäler viele der Unterstützung bedürftige Greise zurückgewiesen werden mußten. Ihre Zahl soll sich in Paris allein auf 6000 belaufen. Die armen hilflosen Menschen fallen nun ihren Kindern, die oft selbst kaum Brod für die Sprößlinge ihrer Ehe haben, zur Last. Krankheit und körperliche Gebrechen verhindern die Mehrzahl derselben den Gottesdienst zu besuchen, und so entbehren sie in ihrem ohnehin erbarmenswerthrn Zustande auch noch des religiösen Trostes. Diesem Uebelstande abzuhelfen, hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche in kurzer Zeit durch Sammlung milder Gaben das Geld zum Ankauf nnd zur Ausstattung eines Hauses, dem auch eine Kapelle angebaut ist, zusammenbrachte, in welchem bereits mehrere dieser Unglücklichen unter Leitung der barmheizigeu Schwestern Obdach und Verpflegung finden. Vier Stücke, die großen Frieden bringen. 1. Befleiße dich, lieber eines Andern W llcn zu thun, als deinen eigenen. 2. Ziehe es stets vor, weniger als mehr zu haben. 3. Suche immer den untersten Platz nnd unterwirf dich gerne Anderen. 4. Wünsche allezeit und bete, daß der Wille GottcS vollkommen geschehe! Redaciid» und Verlag: Oo. Mar Hultler. — Druck «ru 2. M. Kleinlc. 22. Januar 1860> Das Augsburger SonntagSblatt (Tonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur IVVjährigen Jubelfeier des Geburtstages des hochfel. Bischofs Wittulann. Ihn beschweren alle Ehren, Aller Feier ist Er feind; Denn die Demuth sieht mit Wehmuth, Was nicht Gottes Ehre meint. Doch gibt's Feste, wo als Gäste Engel selbst mit uns sich sreu'n, Wo ste kommen, um den Frommen Gnaden auf den Weg zu streu'n. Solch ein reines Fest ist Seines Pricsterthumes Jubeltag, Wo mit Grunde unserm Munde Segenswunsch entströmen mag. Fünfzig Jahre am Altare, Fünfzig Jahr' im Dienst des Herrn, Ohne Rasten, allen Lasten Beugt Er Seine Schultern gern. Fromm und innig, still und sinnig Wirkte Er an Seinem Ort, Tausend nahmen heil'gen Samen In sicl> aus auS Seinem Wort. Wer Ihm nahet, der bejahet, Daß das heil'ge Wort nicht trügt: Daß hienicden scl'gen Frieden Findet, wer sich selbst besiegt. Streng bekämpfet und gcdämpfet Hat Er jede Leidenschaft; Um so weiser ist Sein Eifer, Um so fester Seine Kraft. Wcnn's zu wehren gilt die Ehren Gottes oder Seiner Braut; Wenn's zu wahren vor Gefahren Gilt die Schaar, die Ihm vertraut. In den Wellen, die im schnellen Wechsel treibt der Strom der Zeit, Wankt Er nimmer, fest wie Trümmer Besserer Vergangenheit. Ob es stürme, ob sich thürmc Drohend Wetter rings umher, Kein Erblassen kann Ihn fassen, Denn Sein Muth stammt hoher her. Stadt! gib Zeugniß dem Ereigniß Aus der schreckenvollen Zeit, Wo die Sieges-Gier des Krieges Dich dem Untergang geweiht.*) Kugeln raffeln, Flammen prasseln, Häuser stürzen krachend ein. ') Bei Erstürmung »on Regen-burg 1809. Alles zittert, unerschüttert Geht Er Seinen Weg allein, Sucht die Armen voll Erbarmen, Sucht die Kranken rettend auf, Kein Gcwirre macht Ihn irre, Nichts hemmt Seiner Liebe Lauf. Gleich dem Pfeile, der mit Eile Unverrückt zum Ziele dringt, Gleich dem Keile, der die Theile, Die Er faßt, zu weichen zwingt; So eilt g'rade auf dem Pfade Strenger Pflicht Sein Fuß dahin. So siegt mächtig, wohlbedächtig Sein in Gott gestählter Sinn. Doch die enge Zucht und Strenge, Die dem Leichtsinn mahnend wehrt, Wird erweitert, es erheitert Sich Sein Antlitz wie verklärt. Wenn die Kleinen Ihm erscheinen, Wenn ihr traulich Ihn begrüßt. Vor dem Kinde schmilzt die Rinde, Die Sein liebend Herz umschließt. Denn Sein zarter, wohlbewahrter Blick, den heil'ge Scheu umhüllt, Sicht im Kinve keine Sünde, Sieht das reine Gottcsbilv Niedcrscheinen auS den Kleinen, Sieht die Engel vor dem Thron Betend knicen, aufwärts ziehen Ktnderherzen zu dem Sohn. Also wandelnd, rastlos handelnd. Ward Er heut' ein Jubelgreis; Und noch immer ruht Er nimmer, Ja, noch reger wird Sein Geist. Auch nach plagevollem Tage Bleibt Ihm Ruh' und Schlummer fern. Mitternächtig ringt Er mächtig, Wie einst Jakob, mit dem Herrn. Hebt die Hände, daß sich wende Seiner Strafgerichte Droh'n, Und Er betet noch, da röthet SiH im Ost der Morgen schon. Unergründlich scheint uns stündlich, Was Sein Jnn'res drängend fühlt. Mann des Geistes! Du nur weißt es, Was Dir Gottes Geist enthüllt. 26 > " -^1 Als eine Zeuge an der Neige Alter Tage stehst Du da! Was dieß Gähren will gebären. Sag' unS, wenn Dein Aug' es sah. Doch Du schweigest ernst und zeigest Betend auf das heil'ge Buch: „Und ich lese: Böse, böse Ist die Zeit und schwer der Fluch. Betet, wachet, kämpft und fachet An des hcil'gen Feuers Gluth. Ihr Erkalten löst den alten Drachen, löst der Hölle Wuth." Jubelpriestcr! da so düster Sich der Tage Abend senkt, So bleib' bei uns, ach! und sei uns Stern, der durch die Nacht uns lenkt! Da dieser Hochselige nicht mehr unter uns weilt, sondern, von der Erde Last und Wirren erlöst, des himmlischen Friedens sich freut, blicken wir in der Zuversicht seiner Seligkeit zu ihm auf und rufen, an den Schluß des obigen herrlichen Lobgesanges auf das fünfzigjährige Priestcrjubiläum Wittmanns aus dem Munde des nun ebenfalls Heimgegangenen großen Kirchenfürsten Melchior v. Diepenbrock anknüpfend: Nun dort oben, Gott zu loben In des Himmels Seligkeit, Blickst du nieder auf die Bruder, Wallend noch in trüber Zeit. Schon erschlossen sind die großen Zlckunftsblüthen Deinem Blick; Doch wir stehen noch in Wehen, Bangend um der Welt Geschick. Fleh' am Throne bei dem Sohne Und der Mutter mackcllos, Daß mit Würde seine Bürde Trage Pius, mild und groß. Daß die Priester wie Geschwister Stehen um den Vater treu, Und nicht wanken aus den Schranken, Wenn sich nah't der Hölle Leu. Wenn der Feinde Macht sich einte Gegen GottcS Braut zum Streit, Ist zum Schutze wie zum Trutze Erd' und Himmel auch bereit. Nicht erlieget, der besieget Schon am Kreuz die Macht der Welt; Mit Vertrauen also schauen Wir wie Du zum Sternenzelt. — Der Einfluß -er katholischen Religion auf die verschiedenen Gewerbe in materieller Beziehung. (Schluß.) Trete» wir aber aus der Kirche hinaus in das Leben, so begegnen wir hier ebenfalls den verschiedensten Erwerbszwcigen, die theilweise dem katholischen Lebe» mehr oder weniger ihr eigenes Leben verdanken. Der Gelbgießer mit seinen Crnci- firen, Pfenningen und Medaillen kann nur in einem katholischen Lande bestehen. Der Lithograph und Kupferstecher lebt wohl hauptsächlich von den Heilgenbildern, die der Katholik mit Freude und "Ehrfurcht für sich und seine Kinder gerne aufnimmt. Nährt nicht der Palmsonntag manchen Familenvatcr aus den südlichen Gegenden, da er für diesen Tag weit und breit die Oelzweige, die sein Vaterland ihm reichlich bietet, an Orte liefert, wo keine solchen gedeihen, wo er aber eben wegen der herrschenden katholischen Kirche den gewissen Absatz weiß? Auch der Kranzver- fertiger aus Bachs und Ephen schlägt seinen Gewinn am Seelentage hoch an, wie anch der Gärtner es nicht verschmäht, zu kirchlichen Festen seinem Garten die schönsten Blumen zn entnehmen, und daraus nicht unbeträchtlichen Gewinn zn ziehen. Muß nicht der Müller das feinste und reinste Weizenmehl liefern, damit eS tauglich sei, ans demselben das Brod zum hochheiligen Opfer der Messe zu bereiten, und hat der Bäcker an den hohen Festtagen dcS katholischen Kirchenjahres, an denen der Katholik zur geistigen Freude auch die leibliche und Familienfrende vereinet, nicht besondere Arbeit und besondern Erwerb? Wir dürfen dabei nur an den Weihnachtszeiten oder an daS Osterbrod und den Allerheiligen-Hasen denken. Daß an diesen Tagen der Freude auch der Zuckerbäcker nicht leer ausgehe, kann man sich leicht denken. Aber auch der Weinhändler findet eine nicht unbedeutende Absatzqnelle für seine Getränke. Wenn auch zum heiligen Meßopfer nur eine ganz kleine Quantität Wein 27 erforderlich ist, so muß doch eine bedeutende Menge nach jenen Gegenden gerade zum kirchlichen Gebrauche gesendet werden, in denen der Weinstock nicht gedeiht, da die katholische Kirche ja von einem Pole der Erde bis znm andern ihre Mntterarme ausgestreckt hat. Zu den Weinhändlern gehört auch daS Wirthsgewerbe. Alle Welt weist aber, dast Niemand größere Freude hat an großen kirchlichen Festen, als gerade die Wirthe, da sie wohl wissen, daß der Mensch nach dem Gennsse geistlicher Nahrung gerne auch nach Labung für seinen Leib verlangt; es sollte freilich kein Mißbrauch der Gaben GotteS, kein Uebermaß im Genusse der Getränke erfolgen, und dann ist der redliche und ehrliche Gewinn den Wirthen für ihre Mühe und Sorge wohl zu gönnen. Noch haben wir nichts vernommen von dem Gewerbe der Kürschner, Schneider nnd Schuster. Sollen diese von der Betheiligung an der Arbeit der Kirche ausgeschlossen nnd gleichsam als Stiefkinder bewachtet werden? Nein, wenn auch nicht groß die Anforderungen an diese Gewerbe sind, so sind sie doch nm desto ehrenvoller und ausgezeichneter. Der Kürschner liefert den hohen Prälaten, Bischöfen, nnd Domherren ihren vorgeschriebenen Hermelinmantcl, der zur Hebung des äußeren Ansehens derselben beiträgt. Ncbstdem, daß es eigene Kirchenschneider gibt znr Verfertigung der Paramcnte, hat doch fast jeder Kleidcrmachcr Gelegenheit genug, nebst dem der Mode unterworfenen Kleide der Weltlichen auch die gleichbleibenden Talare und überhaupt die ehrwürdige Tracht der Diener der Kirche seinen geübten Händen anvertraut zu sehen. Weniger Abwechslung findet Hiebei der Schuhmacher, da die Fußbekleidung doch ziemlich allgemein die gleiche ist; es wäre hier nur, daß man die sonst nicht gebräuchlichen Schnallenschuhe oder die für die rauhen Bergwcge des Priesters be- rechncien Kanonsticfel anführen wollte, die jedenfalls auch nicht unbedeutenden Erwerb liefern möchten. Jedoch widerfährt der Arbeit des Schuhmachers die höchste Ehre, da ja auch ein Schuhmacher den mit dem goldenen Kreuze gestickten Pantoffel verfertigt, den der heil. Vater anzieht, sobald er sowohl Hohe als Niedere zum üblichen Fußknsse zuläßt. Während der Seiler znm Behufe des LäutenS die Glockenstricke aus Hanf dreht, flechtet der Sattler dieselben aus ledernen Riemen, oder überzieht die Hanfstricke mit der gegerbten Haut der Thiere. Allein nicht nur die Handarbeit oder eigentliche Handwerker finden Mittel- oder unmittelbar, mehr oder weniger Verdienst und Erwerb wegen des herrschenden katholischen Glaubens, sondern auch der Kaufmann, der mit den verschiedensten Gegenständen Handel treibt. Wir wollen schweigen von den Buchdruckern und Buchhändlern, die gewiß allgemein das Zeugniß abgeben, daß die Diener der katholischen Kirche ihre besten Kundschaften sind; auch der Schnittwaarenhändker sieht gewiß mit Freude den Pfarrer oder den Kirchpropst in sein Gewölbe kommen ; denn er weiß daß diese die sichersten Abnehmer seiner Seiden- und Sammtstoffe, seiner wollenen nnd leinenen Damaste, seines Spitzen- nnd TüllverlagcS sind, weil dieses alles gar wohl znm Kirchendicnst verwendbar ist. Der Speccreihändler, was verdankt nicht dieser für einen schönen Gewinn dem katholischen Gottesdienste, oder fragen wir nur, wie viel Weihrauch würde er verkaufen, wenn es keinen katholischen Gottesdienst gäbe? nnd wie viel Oel verschleußt er nicht gerade wegen des ewigen Lichtes, das Tag und Nacht vor dem Tabernakel der kathvlsschen Kirche das ganze Jahr hindurch brennt? Auch dürfen wir bei diesen Speccreihändlern nicht vergessen den namhaften Gewinn, den ihnen die Fasttage der katholischen Kirche abwerfen, oder, fragen wir weiter, würden jene viele Centner Stockfisch, Häring und Anguilloti je nach Rom kommen, wären wir nicht gewissenhaft genug, die vorgeschriebenen Fasttage zu halten? Ohne die Fasttage würde dieser Handelsartikel bei uns gar nicht im Schwünge, oder ein ganz unbedeutender sein. 28 Weil wir aber gerade von den Fasttagen sprechen, so können wir noch einen Erwerbszweig nicht unerwähnt lassen, der gerade dieser Einrichtung der katholischen Kirche seinen besten Verdienst verdankt. Wir meinen hier die sogenannten Mehlbcreien. Wann sind diese am meisten besucht? wann bringen sie ihre Verrathe an Mehl, Schmalz und Hülsensrüchtcn rc. am besten an den Mann? Unstreitig doch an und für die Fasttage. Schreiber dieses hat manche große Stadt besucht, und geflissentlich um dieses Gewerbe sich umgesehen, fand aber, daß verhälinißmäßig nirgends so viele Victualicnhändler, Greißler, bei uns Mehlbler genannt, sich aufhalten, als in unserer katholischen Hauptstadt, was wohl ein Zeugniß sein dürfte, daß das so geschmähte und verachtete Fastengebot der Kirche hier noch am gewissenhaftesten dürfte eingehalten werden. Hier dürste auch nicht Übergängen werden, wie viele Personen nnr bei der kathol. Kirche entweder ganz oder thcilweise ihren Lebensunterhalt finden; wir dürfen blos erinnern an die Mcßuer und Organisten, an die Ministranten und anderes Sacristei- nnd Thurm-Personale, nm uns die vielseitige Brodspendung der heil. Kirche vor Augen zu führen. Und wollten wir erst die anS dem Geiste der kath. Kirche her- vorgegangenen Vereine und Bruderschaften, die Spitäler, Klöster und sonstige Wohl- thätigkeits-Anstalten durchgehen, welche Masse von Unterstützungen, Ernährung, Erwerben und Verdiensten, mit einem Worte, welche Menge Brod verschafft nicht die katholische Kirche dort, wo sie in Blut und Saft des Volkes übergehet! Doch wir wollen die Geduld der Leser nicht länger mißbrauchen. Aus den kurzen Umrissen müssen wir ersehen haben, welchen materiellen Segen unser heil. Glaube zu verbreiten im Stande ist. Denken wir nnö nur, wenn auch nur auf zehn Jahre unsere Kirchen geschloffen, unsere Priester verbannt, wenn in dieser Zeit das neue Hcidcnthum oder förmliche Religionslosigkeit, oder auch nur eine andere Religion als die kaiholische herrschen würde, wie würde eS in unserm Vaterlande aussehen? Ach, das schauerlichste Bild alles Elendes würde sich gar bald offenkundig zeigen. Nicht nur, daß alle Zucht und Sittlichkeit aufhörte, daß kein Eigenthum sicher, keine Erziehung möglich wäre, nicht nur, daß alle Bande der Ordnung ausgelöst, das Familienleben entheiliget, der Gehorsam entfremdet, und dafür Ruch- losigkeit, ja selbst Raub und Mord au der Tagesordnung wären, selbst der nährende Erwerb, die Brod verschaffende Arbeit würde für Viele entweder ganz, oder auf sehr empfindliche Weise zum Theile verloren gehen; warum? weil die eigentliche Brodmntter, die liebende Verpflegen« ihrer Kinder au Leib und Seele von uns gewichen wäre. Man darf nicht glauben, diese hier ausgesprochene Ansicht sei ein bloßes Phantasicbild oder ein ernsthafter Scherz, o nein, eS ist lautere Wahrheit. Dafür spricht wohl die laute Thatsache, daß gerade an den Orten, wo die katholische Religion entweder verschwunden, oder wo gänzliche Gleichgiltigkeit gegen dieselbe herrscht, die Armuth einen schreienden Grad erreicht, den wir zum Glücke gar nicht kennen, und manche Gewerbe so darnieder liegen, daß die mistigen dagegen in vollster Blüthe sich entwickeln. Ja, eS lohnt sich der Mühe, nnd unsere heil. Religion verdient es, auch diese wohlthätige Seite der heil. Kirche tief aufzufassen und zu Gemüthe zu führen. ES wäre doppelter Undank und doppelte Strafwürdigkeit von unserer Seite, wollten wir in den Ton des neuen AufklärichtS einstimmen, und unsere heil. Kirche besudeln mit bösen, unverdienten Vorwürfen und thörichten Beschimpfungen. In nnsircr Zeit, wo man alle Erfolge und glücklichen Resultate nach Proccnten und Geldsummen berechnet, ist es gewiß von großer Wichtigkeit, den Feinden unseres heil. Glaubens auch kühn entgegentreten und sagen zu können: Unsere Kirche ist auch unsere Brodmntter. Ja, so ist eS auch, und wir glauben gar nicht die Summe zu übertreiben, wenn wir zu behaupten wagen, daß bereits eine halbe Million jähr- lich nur in unserer Stadt, einzig weil sie katholisch nnd weil Tirol katholisch ist, in 29 Umlauf gesetzt wird, ungerechnet dessen, was christliche Liebe und Mildthätigkeit noch besonders Gutes spendet. Darum freuen wir uns, der heil. katholischen Kirche anzugehören. Diese hl. Kirche ist unsere Mutter, die mit liebender Sorgfalt nicht nur unsere Seelen für eine selige Unsterblichkeit vorbereitet, nicht nur unseren Geist mit der erhabensten Kenntniß über Gott, unsern Zweck und unsere ewige Bestimmung ausrüstet, und denselben für alle Vorfälle des an Abwechselung reichen Lebens stärket, ihn lenkt und leitet die Bahn der Tugend und Gottseligkeit zn wandeln, sondern auch den Bedürfnissen unseres sterblichen Leibes bereitwillig und mit vollen Händen abzuhelfen sich bemüht. Ihr gebührt unsere volle Achtung, Liebe und Anhänglichkeit aus doppelter Beziehung. Bleiben wir fest und unveränderlich in treuer Ehrfurcht ihre gehorsamen Kinder. Mag auch der herrschende Zeitgeist mit aller Wuth blinder Räsonnirsncht, mit allem Gifte der Schmähung, des Spottes und Hohnes über unsere Kirche herfallen: mag er auch von seiner erträumten Höhe vornehm lächelnd auf sie Herabblicken — Uns bleibt sie eine heilige, verehrnngöwürdige Mutter, welcher anzugehören wir uns zur höchsten Ehre und zum größten Glücke rechnen. Uns ist sie jene liebreiche Mutter, der wir aus ganzem Herzen durch treue Anhänglichkeit unsere Dankbarkeit darbringen, weil sie uns bricht das Brod der Seele, aber auch das des Leibes. Sie blühe und wachse, sie vermehre sich an Kindern aller Art auf dem ganzen weiten Erdenrunde, sie blühe und bleibe im gesegnetsten Zustande in unserm allzeit katholischen Tirol! Die Pest der schlechten Bücher. Von r. K. Clemens. (Schluß.) Ein Anderer sagt wieder: „Aber diese Bücher sind doch sehr schön geschrieben; und gerade um Gewandtheit im Ausdrucke zu erlangen, lese ich sie." — Hier könnten wir mit einander streiten, ob denn für deinen Stand wirklich eine so große Rede- und Schreibfertigkeit nöthig ist. Aber nein, wir wollen annehmen, es wäre so. Wird denn damit der Zweck erreicht? Theilweise wohl; aber daraus folgt ja noch nicht, daß man hierzu verderbliche Schriften wählen müsse. Was wäre das für ein Gewinn, wenn man sich die wunderschöne Schreibart eines Schriftstellers aneignete, zugleich aber auch den schlechten Geist desselben? Will man zu seiner Ausbildung lesen, so gibt cö noch genug gute Bücher. UcbrigenS ist dies nicht genug. Wem eS wirklich darum zu thun ist, sich eine größere Fertigkeit im schriftlichen Ausdruck anzueignen, der muß nicht glauben, daß er dies durch Lesen allein schon erlange. Er muß sich vielfach üben in den verschiedenen Arten von Aufsätzen und seine Arbeiten von einem kundigen Lehrer verbessern lassen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich recht angelegentlich ein Buch empfehlen, welches zur Ausbildung in deutschen Aufsätzen sehr geeignet ist. Es hat den Titel: „Entwürfe zu deutschen Aufsätzen und Reden, nebst einer Einleitung, enthaltend das Wichtigste anS der Stylistik und Rhetorik. Für Gymnasien, Seminarien, Realschulen und zum Selbstunterrichte von Joseph Kehrein, Professor am herzoglichen Gymnasium zu Hadamar, jetzt Dircclor des katholischen SchullehrerseminarinmS zu Montabaur rc. Paderboru, Verlag von Schöningh. 185^." Außer der wissenschaftlichen und prac- tischcn Gediegenheit, die überhaupt alle Schriften des gelehrten Verfassers auszeichnet, verdient der christliche Geist dieses Buches die dankbarste Anerkennung. Es ist meines Wissens das erste Buch dieser Art, welches die Wahrheiten der heiligen Religion gebührend berücksichtigt. Es ist also auch diese Auörcdc: „ich lese um die schöne Schreibart zu lernen," eine ganz unbegründete. — '.z> 1-^ 30 M IM- IM' Ss W V. Endlich gibt cs noch Einige, welche von Kummer nnd Betrübniß niedergedrückt find und solche Bücher lesen, nm sich zn zerstreuen nnd ihren Gram zu vergessen. Für den Augenblick hilft eS wirklich nnd das kommt daher, weil der Geist vom Gegenstände seines Verdrusses abgelenkt nnd auf einen anderen Gegenstand hingeführt wird. Um also anf kurze Zeit sein Leiden zn vergessen, braucht man nnr eine Thätigkeit zn wählen, die den Geist so viel als möglich von der Ursache des KnwmerS ablenkt, ihm Zerstreuung verschafft. So würde z. B.: gesellige Unterhaltung oder große Thätigkeit in den BernfSgeschäftcn oder eine kleine Erholungsreise zwar gnte Wirkung thun, aber nnr für kurze Zeit. So wie die Beschäftigung abgebrochen wird, kehrt der Kummer zurück. Da aber die Zerstreuungen nur anf wenige Stunden Linderung verschaffen, so sollte man auch nicht zn viel Werth darauf legen, sondern vielmehr anf ein Mittel sinnen, welches für immer den Schmerz der Seele heilte. Ein solches Mittel besitzen wir aber in der Anwendung des Glaubens. Wenn man zur Religion seine Zuflucht nimmt, so erhält man folgenden Aufschluß: Dn leidest Trübsale? Wohlan, wo ist ein Mensch, der nicht sein Kreuz hat? Wo hast du je von einem Heiligen gehört, der nicht durch die Schule des Leidens gegangen wäre? Die größten Heiligen tranken gerade den bittersten Lcideuskelck, z. B.: die Mntlergottes, der heilige Johannes der Täufer u. A. Wo siehst dn einen Sünder, der nicht auch sein Kreuz hat? Oder hat der Sünder kein Krenz, so beneide ihn nicht, er ist vielleicht von Gott aufgegeben. Dn magst also ein Sünder oder ein Gerechter sein, so ist Leiden dein Antheil. Gibt Gott dir dein Leiden nicht zur Buße, so gibt Er dir'S doch znr Prüfung. — Auf diese und ähnliche Weise gelangt man zum Verständniß seines Leidens und nun trägt man eS ruhiger. Man weiß, Gott meint es gut. Man übt nun das Gebet, man empfängt die heiligen Sacramente, denn der Glaube lehrt daß durch Gebet und Sacramente eine übernatürliche Kraft dem Menschen zu Theil wird. Frage die frommen Dulder alle, ob sie Trost aus der Religion schöpfen. Sie werden sagen: „O Gott, hätte ich die Religion nicht, so lebte ich längst nicht mehr." Wie magst du nun ein so kräftiges Trostmittel versäumen nnd dafür deine Zuflucht znr Apotheke des Teufels, nämlich zu den schlechten Büchern nehmen? Wie magst du solche Bücher lesen, welche deinen Glauben eher untergraben als befördern? Siehst du nichr, daß Gott durch die Trübsale dich näher an sich ziehen will? Will Er dich nicht losreißen von der Anhänglichkeit an das Irdische? Warum willst du Gott entfliehen nnd dich durch solche Lectüre noch inniger an das Irdische anklammern? Umfasse dein Krenz, gehe ein in die Absichten Gottes und der Friede des heiligen Geistes wird in dein Herz einziehen. Siehe, christliche Seele, alle die Scheingründe, die mau für daS Lesen schlechter Bücher anführt, zerrinnen in Nichts, sobald man sie ruhig betrachtet. Wozu wirst dn dich nun entschließen? Wirst dn stark genug sein, nm diesen Büchern zn entsagen: oder wirst du zurückkehren in den Irrgarten der glaubend- nnd sittengcfähr- lichcn Literatur? Wärest dn wohl so verblendet, nm nicht zu erkennen, daß diese Bücher wirklich sehr verderblich sind und daß dn leider nur allzn empfänglich für dieses Gift bist? Schrecken dich die traurigen Folgen dieses Lesens nicht nnd hältst du deine Gründe für so wichtig, so sage ich: Ja, so gehe denn hin! Berausche deine Phantasie an diesen sinnlichen Gemälden; verblende deine Erkenntniß an dem trüben Scheine dieser Irrlichter! Thue, was du willst; treibe, was dir gefällt; — aber ehe dn zurückkehrest in den Irrgarten dieser schlechten Literatur, so erfülle noch meine letzte Bitte und begleite mich im Geiste zu einem anderen Garten. Dieser Garten liegt draußen vor Jerusalem. Wir treten hinaus in eine schauerliche unheimliche Nackt. Der Himmel ist mit schweren schwarzen Wolken überzogen. Nnr durch einige Wolkenrisse fällt daS Mondeslicht anf die stille Flur. Da liegen unter den Bäumen einige Männer; nnd wir sehen eine menschliche Gestalt, hingeworfen ans die Knie. Sie zittert und bebt. Wir treten hinzu und schauen, nnd ein blasser Strahl des MoudeS läßt uns Jesum sehen. Von seinem Angesichte rieselt blutiger Schweiß. Warum bist du so betrübt, liebster Jesus? Warum das Zittern? Dieser blutige Schweiß? Ach, sagt Jesus seufzend, ich sehe vor mir die Sünden aller Menschen, die Vergangenheit und Zukunft. Ich sehe, daß ich Diele vergebens erlöse. Viele werde ich erlösen, aber sie werden mich wieder verlassen. O die undankbaren Seelen! Ich gebe ihnen Alles und mich selbst; sie aber wollen mir nicht daS geringste Opfer bringen. Nicht einmal einem Buche können sie aus Liebe zu Mir entsagen; wie werden sie die größeren Prüfungen und Versuchungen ertragen! Sie werden in's Verderben stürzen. Und nnn, christliche Seele, betrachte deinen Heiland. Du hast schon genug Sünden auf deinem Gewissen; willst du dir selbst den Weg des ewigen Lebens abschneiden? Willst du deinem Heiland nicht die Freude gönnen, dich auf Erden heilig und im Himmel selig zu sehen? Siehe, dein Schicksal liegt in deiner Hand. Heute noch sollst du deinen Entschluß fassen. Wähle so, daß er dich nie gereue. Der Orden des heil. BenedictuS in Nordamerika. (Schluß.) ES mag nicht überflüssig sein, durch ein paar Beispiele etwas deutlicher zu zeigen, welch große und schöne Aufgabe dem Orden des heil. BenedictuS in Nordamerika gegeben und welch ein unermeßliches Feld offen vor ihm da liegt. Man darf im Durchschnitte sicher annehmen, daß in den Staaten des Westens und der Mitte, die in Missouri, Kansas, Iowa, Minnesota, Wisconsin, Michigan, Illinois, Jndiana, Ohio und Pcnsylvanieu, in den Diöcesen Buffalo (New-Uork) und Coviugton (Kentncky) die Hälfte der kathol. Bevölkerung deutsch ist. Nun waren aber z. B. in Minnesota zu Ende des vorigen Jahres außer den 8 Bene- dictinecn nur 2 bis 3 deutsche Priester, und diese nicht ausschließlich für die Deutschen bestimmt: daraus mag man schließen, wie sehr Jene schon von der Seelsorge der Deutschen allein in Anspruch genommen waren. Und noch ist wenig Aussicht auf eine Wendung zum Bessern. Im Jahre 1850, als das Visthum St. Paul errichtet wurde, hatte Minnesota eine kathol. Bevölkerung von zwei tausend fünf hundert Seelen, nach 8 Jahren zwanzigmal so viele! Diese staunenöwerthe Vermehrung der Bevölkerung leidet aber durch die verminderte Einwanderung aus Europa keine wesentliche Aenderung; denn in Amerika geht die Uebersiedlnng aus den älteren Staaten in den frnchlbarercn und gesünderen Westen ununterbrochen fort; zumal nach dem nordwestlichen Wisconsin und nach Minnesota. Und weil in St. Paul noch kein Seminar vorhanden ist, so wird selbst der neue ausgezeichnete Bischof 6r-,ee (aus dem Dominicaner-Orden) froh sein müssen, wenn es ihm nur gelingt, die Zahl seiner Priester in demselben Verhältnisse zu vermehren, in welchem sich die Einwohnerzahl vergrößert; somit ist auch für die Benedictiner keine Aussicht auf Erleichterung. Da sie zudem seit mehr als einem Jahre selbstsländig sind, müssen sie, sobald eS irgend möglich ist, eine Lehranstalt mit Seminar eröffnen, da sie auf Verstärkung aus St. Vincent nicht mehr rechnen dürfen. Endlich hat der wohlbekannte und hochverdiente Indianer-Apostel Pier; schon wiederholt und dringend um einen oder mehrere Gehilfen zu seinem schwierigen aber reich gesegneten Werke der Bekehrung und Sittigung der Ureinwohner angehalten, und ist damit nur einem lebhaften Wunsche der Benedictiner entgegengekommen, ohne daß sie ihn bis jetzt erfüllen konnten. — In Teras haben vor wenigen Monaten 3 Väter und 2 Brüder aus St. Vincent die Kirche zu 8an äosv, einer ehemaligen Indianer-Mission, übernommen, um da ein Priorat ihres Ordens zu errichten (zu welchem Ende ihnen der Bischof v. Galvcston 600 Acres Landes überwies) und dann von hier aus die katholischen 32 W IW W M D Deutschen in 6a5troviIIo, 8an Antonio, Neu-Braunfels, FriedrichSbnrg, DhaniS, Kuihi n. s. w. zu pastorircn, da sich bis jetzt weder Weltpricster noch die deutschen Minoriten daselbst halten konnten. Diese Missionen der Deutschen allein würden 10 bis 12 Priestern mehr als genug zu schaffen geben, besonders wegen der weiten Entfernung von einander; die Benediktiner muffen aber überdieß auch hier so bald als möglich Lehranstalt nnd Seminar errichten, und das nicht bloß für deutsche Jünglinge, sondern auch für die spanisch und englisch Redenden. Ferner wäre eö schon lange der sehnlichste Wunsch der Missionäre wie des Bischofs, daß endlich auch einmal für die Bekehrung jener Indianer etwas geschehe, die zwischen Teras und New-Merico Hausen; und endlich hofft und wünscht der hochwürdigste Bischof Odin, daß sowohl 8an lose als die benachbarte Kirche zur Unbefleckten Empfängniß Maria bald bedeutende Wallfahrtsorte werden sollten. Somit auch hier Aussichten auf Arbeit und Mühe in Hülle nnd Fülle! Ganz ähnlich steht eS in Kansas und NebraSka, nicht viel besser in den Diöcesen Covington, Erie, Newark und im westlichen Theile der Diöcese Philadelphia, nm von anderen Staaten und Sprengeln, wo die Bcnedicliner noch nichts übernommen haben, gar nicht zu reden. Doch Eine Hauptaufgabe, die — wie ich zuversichtlich hoffe — der Benediktiner wartet, muß ich noch kurz erwähnen: es ist die Bekehrung und allmälige Befreiung der Neger, deren es in den Vereinigten Staaten gegen >1 Millionen gibt. Es scheint mir sogar, daß eS besser wäre, zuerst mit allem Ernste an die Bekehrung dieser armen Verbannten zu gehen und aus ihrer Mitte dann mit der Zeit auch Apostel für die Völker ihrer Heimath zu bilden, als fort und fort die wackersten Missionäre nach Afrika zu schicken, wo sie gewöhnlich ein heißes Grab finden, ehe sie noch recht ihre Wirksamkeit entfalten können. Die Sache scheint mir so wichtig, daß ich wohl bald ausführlicher darauf zurückkommen werde: für heute nur noch die Bemerkung, daß in Amerika beinahe einzig nur darum für die Bekehrung der Neger noch sehr wenig geschehen ist, weil die vorhandenen Missionäre noch lange nicht im Stande sind, nur die bereits vorfindlichen weißen Katholiken gehörig zu versorgen — denn — offen gestanden — Nordamerika wird von Deutschland nnd Oesterreich viel zu sehr unterschätzt und viel zu wenig unterstützt — Dank besonders der Rührigkeit der Freimaurer und der Leichtgläubigkeit unserer kathol. Zeitblätter! U. I.V.2 M, Verschiedenes. (Einfache Sitten.) Ein Brief von den Ufern des Ural in Rußland enthält denkwürdige Nachrichten von den Kirgisen in der Nähe von Orenburg. Im Winter erscheinen Taufende von Kirgisen bei den ersten Kaufleuten von Orenburg und nehmen in den Magazinen Alles, was sie brauchen können, heraus. Der Kauf- mann liefert dem Käufer, ohne ihn zu kennen, die Waaren aus, bestimmt deren Preis, schreibt den Namen desselben und die Anzahl der genommenen Gegenstände ein, und entläßt ihn mit den Worten: „Du wirst mich bis Frübjahr oder Sommer bezahlen nnd mir dann Hämmel geben, welche ich zu dem Preise, in dem sie eben stehen, annehme." Znr festgesetzten Zeit kommt der Kirgise und entledigt sich ehrlich seiner Schuld gegen seinen Gläubiger. Bleibt er aus, so wird der Kaufmann nicht unruhig: „Es gibt so viele Dinge, sagt er, die ihn zurückgehalten haben können! Er hat dieses Jahr nicht bezahlt, so bezahlt er nächstes Jahr; eine Schuld eines Kirgisen ist niemals verloren." Uuv in der That ist kein Beispiel vorbanden, daß ein Kirgise seine Verbindlichkeiten nicht gelöst hätte. Stirbt er, so bezahlen allemal seine Erben, Vater, Sohn, Bruder oder Verwandter, seine Schulden. Die Erben bezahlen sogar die Interessen mit dem Kapital. Reductivu und Lerlag: t)r. Mar Huttler. — Druck, vrn 3. M. Nlcinle. Ailgsdlirgcr AmtigslitÄ. Hir. 5. 29. Januar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. sOiviltä rsttviieit.) (Uebersetzmig der K.ithol. Blatler aus Tirol.) Wir wissen nicht, weßwegen das Königreich Neapel in diesen letzten Zeiten vom Himmel so bevorzugt wurde, der Kirche allein mehr Heilige zu geben, als das ganze übrige Italien. Denn, wenn es wahr ist, dass die Reize der Natur die Gemüther an- und von den göttlichen Dingen abziehen, so müßte das Königreich Neapel, welches wegen der Reinheit und Klarheit srines Himmels, der Fruchtbarkeit und Schönheit seiner Fluren und des Zaubers seiner MeereSufer der Garten Italiens genannt wird, mit allen diesen Reizen den menschlichen Geist berücken, und dessen hohen Ausflug zur Heiligkeit hemmen. Es war jedoch dieses Reich der erste Boden Italiens, welcher von den Apostel- fürsten Petrus und Paulus nach ihrer Ausschiffung von Palästina her betreten wurde, und wo sie die Erstlinge des Glaubens pflanzten, der seither immer so unversehrt und rein dort erhalten wurde, wie er vom heiligen Geiste in den Herzen der Voreltern befruchtet ward. Somit darf man nicht staunen, wenn dieser glückliche Keim dort Heilige und Wunder erzeugt, wie in den ersten Jahrhunderten der Kirche; denn es ist offenbar, daß auch in unsern Tagen in jenem Reiche die Herr- lichsten Wunder geschehen, auch ohne jenes der Bewegung im Blute des hl. Jauuarius, was durch viele Jahrhunderte hindurch jährlich zweimal geschieht, zu erwähnen. Wohl wissen wir, daß dieser lebhafte Glaube von Unwissenden und Ungläubigen als Aberglaube und Sache des niedern Volkes und der Weiber gescholten wird. Und vielleicht hat Gott eben um diese schimpfliche Meinung zu beschämen, ein himmlisches Wesen nach Neapel gesandt, welches die Heiligkeit auf die Höhe eines königlichen Thrones erheben sollte: wir sahen nämlich die schönste Königin, welche Italiens Boden schmückte, im zarten Alter von kaum 20 Jahren auf dem neapolitanischen Throne in einem Glänze von Heiligkeit strahlen, welcher alsobald sich verbreitete, um die Kirche zu verherrlichen, und die Welt zu belehren. In einer Zeit, wo zügellose Anmaßung kein Verbrechen scheut, um sich an der von Gott eingesetzten, obersten Gewalt zu vergreifen, und man wetteifert, die Träger derselben zu beschimpfen und zu verleumden, da ist es sehr gelegen, die Tugenden einer Frau inS Gedächtniß zurückzurufen, deren Vater, Onkel und Gemahl Könige waren, welche selbst Mutter eines Königs geworden, und jetzt aus dem Puncte steht, die höchsten Ehren der Kirche zu empfangen. Christina von Savoyen sah Vater und Onkel großmüthig der Krone entsagen; diesen, um abgesondert von der Welt in einem Kloster zu leben;*) jenen, um sich nicht nach einer seinem Gewissen widerstrebenden Regierungsform zu fügen. Sie ^ Emmanuel lV. trat in die Gesellschaft Jesu) und starb im Noviciate zu St. Andrea in Rom. 34 > ^ -s L-> selbst, durch die hl. Ehe mit König Ferdinand II. verbunden, ward ihm ein Vor- bild jener hohen Frömmigkeit, welche diesen Regenten auszeichnete, und umgibt jetzt vorn Himmel herab gleichsam mit einem übernatürlichen Strahlenkränze ihr einzig geliebtes Gut (ihren Sohn), dem sie schon 14 Tage, nachdem sie ihm das Leben gegeben, den letzten Kuß auf die Lippen drückte, und welcher nebst den vielen Vorzügen, die ihm die Liebe seines Volkes sichern, noch besonders jenen besitzt, der Sohn einer heiligen Königin zu sein. I Die Königstochter. Victor Emmanuel, welcher durch die Thronentsagung Karl Emmanuel IV, seines ältesten Bruders, König von Sardinien geworden war, erhielt von Maria Theresia von Lothringen-Este, Erzherzogin von Oesterreich, vier Töchter: Maria Beatrir, welche er an Franz IV., Herzog von Modena, verheiratete; Maria Theresia, Zwillingsschwester mit Marianna, an Karl von Bonrbon, Herzog von Lncca, dann auch von Parma und Piacenza, vermählt; Marianna, welche mit Kaiser Ferdinand von Oesterreich verbunden wurde; die Letzte ward ihm in Cagliari am 14. Novbr. 1812 geboren, und noch am selben Tage, gemäß der Sitte des frommen Königs Victor Emmanuel, getauft, und von ihrem Tanfpathen, dem Bruder deS Königs Karl Felir, damals Herzog von Genua, und seiner Gemahlin Maria Christina, mit den Namen Maria Christina, Karolina, Josephine, Cajetana und Ephisia benannt! Gleich bei ihrem ersten Ausgauge aus dem Schlosse nahm die fromme Königin Maria Theresia ihr.Töchterlein mit, um selbes in der Kirche Unserer Lieben Frau della Mercede, am Meeresufer nahe bei Cagliari, genannt alla Buonaria, dem ' Schutze der göttlichen Mutter anzuempfehlen, ja es der Himmelskönigin als die letzte und süßeste Frucht ihres Leibes völlig zu eigen zu geben. Sobald das Kind dies erfuhr und verstand, bestätigte sie selbst diese Aufopferung, und nannte sich stets eiu Kind Mariens, welche solches sehr huldvoll aufzunehmen zeigte, indem das Kind von frühester Jugend mit zuvorkommender himmlischer Gnade beglückt wurde, wie ihre Schwester», die Herzogin von Parma und die Kaiserin von Oesterreich, sowie die Ehrendamen und die Kammerfrauen ihres HofeS in den Verhandlungen der Heiligsprechung bestätigten. Die Ehrendame, welche sie von ihrer frühesten Kindheit an bis zn ihrer Vermählung unter Aufsicht hatte, bestätigt Folgendes unter einem Eide: „Ich hielt sie stets für eine bevorzugte Seele, welche ohne das Erbtheil der untergeordneten Be- gierlichkeit auf Erden wandelte." Ihre Schwestern erklärten: „Maria Christina war eine jener privilegirten Seelen, welche durch die Segnungen der göttlichen Gnade ausgezeichnet, ohne die unselige Erbschaft der AdamSschnld geboren scheinen, nämlich ohne die bei allen Kindern Adams zu ihrer eigenen Qual sich frühzeitig schon regenden unbotmäßigen Leidenschaften." Eine ihrer Kammerfrauen sagte ferner aus: „Ich fühle mich verpflichtet zu sagen, daß die Dienerin Gottes wahrhaft von der göttlichen Gnade bevorzugt war." — Auch der Verfasser dieser wenigen Daten selbst, welcher in Turin viele Herren und Damen von Maria The5esia'S Hofe kennen lernte, hörte oft und oft diese Dinge aus der Kindheit und Jugendzeit der Prinzessin erzählen, besonders in jenen Tagen, als Ferdinand II. zur Vermählung nach Genua gekommen war. Daß die ehrwürdige Christinn mit besonderer Gnade begabt war, erhellt schon aus den Acten der Frömmigkeit, die sie noch vor dem vollkommenen Gebrauche ihrer Verrinnst ausübte; so forderte sie als kleines Kind schon stets ihre Kammerfrauen auf, mit ihr zu beten, und sie betete, die Hände gefaltet, mit solcher Inbrunst, daß sowohl die Königin, als ihre Schwestern und ihre Umgebung gerührt wurden. Auch liest man in den Verhandlungen, daß sie, erst 5 Jahre alt, beim jedesmaligen Erwachen in der Nacht ihre Kammerfrau mit den Worten anrief: „Rosa, Rosa, erwecken wir doch Glaube, Hoffnung und Liebe!" Wahrlich ein augenscheinliches 35 Zeichen, daß das Kind gotterfüllt, und den Tag hindurch in Gott versammelt war, da auch beim Aufwachen in der Nacht, wo doch die Kinder voll Schlaf and in einem Durcheinander von Vorstellungen befangen sind, die kleine Christinn gleich zu sich kam, an ihren geliebten Himmelvater dachte, und ihn mit den lebendigsten Uebungen der Seele, wie die drei göttlichen Tugenden sind, anbetete. Gleich beim Aufstehen war sie die Erste, welche zum Morgengebcte aufforderte. Sie legte den Keim der schönsten Tugenden, in denen sie immer zunahm, in ihr väterliches HauS; so berichtet wieder ihre Ehrendame: „In den Jahren-vor dem Tode ihrer Mutter habe ich ein stetes Wachsthum ihrer Tugenden wahrgenommen. Von der Natur mit lebhafter Gcmülhsart ausgestattet, sah man deutlich, wie sie dieselbe mit zunehmendem Alter zu bezähmen trachtete, mit mehr Eifer sich zu beten bemühte, den Wünschen der Mutter immer eiliger nachkam, uud stels liebevoll mit den Schwestern umging; kurz: man erkannte, daß sie nach der vozn Evangelium vorgeschriebenen Vollkommenheit strebte. In der That zeigte sie sich fortwährend so gelehrig, so sauft, so anmnthsvoll, und zugleich so heiter und freudig, daß Alle, die zu Hofe kamen, einstimmig sagten: „V ir haben nicht eine.Prinzessin, sondern einen Engel." Und dies mit Recht, denn ihre eigenen Schwestern bezeugen, daß man an ihr nicht einmal die gewöhnlichen Fehler der Kindheit wahrgenommen, so daß, wenn man ihr etwas anbot, sie es mit den Worten ablehnte: „Ihr wißt ja, daß die Mutter cS nicht gerne hat." Dieser in einem Kinde bewunderungswürdige Gehorsam vervollkommnete sich mit den Jahren derart, daß sie gar keinen eigenen Lßillcn mehr zu haben schien. Die Königin Maria Theresia selbst, welche diese-ihre Lctztgcborne, die so anmuthig, so gut, so geistvoll war, wie ihren Augapfel liebte, konnte nie, selbst vom 18 jährigen- Mädchen, irgend einen Wunsch erfahren, sondern sie erhielt stets die Antwort: „Mutter, mir ist nur daS angenehm, was Sie wollen." Auch ihre ältere Schwester Marianua, welche ihr so gerne Freuden bereitet hätte, vernahm immer nur: „Wie Du willst, wie es Dir lieb ist." Und da sie von Allen geliebt uud ihr von Allen geschmeichelt wurde, hätte cS ja nur eines Blickes bedurft, nm ihre ganze Umgebung mit Erfüllung ihrer Wünsche bemüht zu sehen. Mögen nun unsere Jungfrauen bedenken, ob das Lesen der modernen Romane ihnen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit gegen Jene einflößt, welche das Recht und die Pflicht haben, ihre Jugend zu leiten ; da wir hier an einem königlichen Hofe eiue junge und lebhafte Prinzessin sich demüthigen und den Keim der erwachenden Leidenschaften unterdrücken sehen. Niemand ist freier, als der den Zaum seiner Begierden in Händen hält, und sie zu beherrschen weiß. Aber in der modernen Erziehung ist das Gesetz der Freiheit ein anderes; indem es die Jungfrauen gegen die Unterwürfigkeit empört, facht cS in ihnen zugleich die heftigsten Leidenschaften an, wodurch sie Andern zur Last und selbst unglücklich werden. Maria Christina hingegen war überzeugt, daß der Friede des Herzens in der Demuth, in der Gelehrigkeit, in der Sanftmuth, in der vollkommenen Erfüllung ihrer Pflichten als Christin und Tochter seine Wurzeln hat. Daher 'war auch Niemand so heiler und zufrieden als sie, weil sie dieses' Glück nicht in dem von Manchen mit Unrecht beneideten Prunke eines königlichen HofcS, der nur Wenigen be- schieden ist, suchte, sondern vielmehr in der Bezähmung ihrer Neigungen und in der Selbstbeherrschung, welche Tugenden Allen, und noch mehr Jenen erreichbar sind, welche in bescheidenen Verhältnissen und vom Hofe ferne -leben. Sie war mit Gott vereint, und liebte ihn ; und aus Liebe zu ihm siegte sie über ihre Neigungen, welche, wenngleich nicht ungeordnet, so doch gewiß' heftig und stark waren. Ihre Liebenswürdigkeit im Umgänge gewann ihr die allgemeine Liebe uud Achtung; selbst ihre Befehle würzte sie mit Freundlichkeit und Güte,' ohne ihre Würde zu vergeben; ihre Kammerfrauen erinnern sich nie, einen gebieterischen Auftrag von ihr erhalten zu haben; denn sie sagte immer: „Mochtet'Ihr mir diese Gefälligkeit 36 erweisen? Möchtet Ihr das thun? Ich bitte euch rc. w." Besonders benahm sie sich gegen die Schwester Marianna mit bewundernngSwerther Nachgiebigkeit; so steht in den Verhandlungen: „Gegen die ältere Schwester war sie stets liebreich nnd unterwürfig; nie begegnete sie ihr mit einer Unart oder einem hochmüthigen Worte, sondern stets mit einer besonderen Zärtlichkeit, Sauftmnth und Nachgiebigkeit, so daß diese in voller Wahrheit sagen konnte, daß ihre Christin« ihr nie auch nur den mindesten Verdruß verursacht habe." ES-konnte auch nicht anders sein; denn in ihrem Gemüthe nnd in ihren Handlungen war Alles so geordnet und gesetzt, wie man es nur bei Seelen beobachtet, die vom heiligen Geiste geleitet werden. Solches bezeugen Alle, die sie umgaben, und besonders ihre erhabenen Schwestern: „Sie besaß in hohem Grade die Liebe zur Ordnung; schon als Kind ordnete sie ihre Handlungen, ihre Wohnung und Alles, was sie. betraf; so hielt sie auch die Stunden des Unterrichtes, der Arbeit und ihre sonstigen Beschäftigungen immer genau ein. Stets war sie der Befehle ihrer königlichen Mutter gewärtig, und erachtete jeden Unfrieden zn verhüten. Auch strebte sie immer nach Vollkommenheit in der'Ausführung ihrer Arbeiten, so geringfügig selbe auch sein mochten." (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten nnd Redemptorisien in den Bereinigten Staaten von Nprdamerika. Unter den religiösen Orden, die in den vereinigten Staaten von Nordamerika eine mehr ausgebreitete Wirksamkeit entfalten, stehen oben an die Gesellschaft Jesu und die Kongregation des allerheiligsten Erlösers (oder die Redemptoristen). Die Gesellschaft Jesu hat daselbst zwei Ordensprovinzen: Maryland und Missouri. Die erstere zählt 215 Glieder, nämlich 72 Priester, 61 Novizen, 82 Laien- brüder; in der zweiten befinden sich 19-1 Glieder, und zwar 58 Priester, 55 Novizen und 81 Läienbrüder. Die Jesuiten besitzen in den Staaten der Union 11 Stu- dienanstaltev, theils znr Heranbildung des eigenen Nachwuchses, theils auch für auswärtige Studircnde, zwei Noviziate, 2-1 Residenzen und 4 MissionSstationen. Die Versammlung des allerheiligsten Erlösers hat eine amerikanische Provinz, welcher gegenwärtig P. Georg Ruland vorsteht. Sie läßt sich vorzüglich die Befriedigung der SeclsorgSbedürfnisse der Deutschen angelegen sein, indem mehr als fünfzig ihrer Priester in 13 Kirchen ausschließlich für die Deutschen die beständige Seelsorge üben und 10,000 Kindern christlichen Unterricht ertheilen. Es finden sich in dieser Provinz nachstehende Kollegien und Hospitiern das Colleg zum hl. AlphouS in Baltimore; das Kollegium zur hl. Philomena in PittSbnrg; das Kollegium zum allerheiligsten Erlöser in New-Uork; das Hospiz zum hl. Joseph in Rochester; daS Hospiz zum hl. Petrus in Philadelphia; das Hospiz znr unbefleckten Empfänguiß der hl. Jungfrau Maria in Buffalo; daS Hospiz zu Maria Himmelfahrt in Detroit; das Hospiz zn Maria Himmelfahrt in New-OrleanS; das Hospiz (Studen- dal) zu den Heiligen Petrus und Paulus in Cumberland; daS Hospiz (Noviziat) zur hl. Theresia in Annapolis. Der Provinzial der Redemptoristen-Cougregation, P. Ruland, hat vor einiger Zeit an die Central-Direction des Leopoldinen-VereiuS*) in Oesterreich einen Bericht eingesendet, dem wir Folgendes im AuSznge entnehmen: *) Der Leopoldincn-Vcrein wurde im Jahre 1829 gegründet. Sein Zweck ist, die katholischen Misstonen in den nordamcrikanischcn Freistaaten zu unterstützen. Die Briefe der unterstützten Mifsteaiäre werden inIeigencn Heften unter dem Titel: »Berichte der Lcopol- dincn-Stiftung im Kaiserthum Oesterreich" herausgegeben, und wird daselbst auch Rechenschaft abgelegt über die eingegangenen und verausgabten Gelder. Präsident des.Leopol- dinenvereinS ist der jeweilige Fürsterzbischos von Wien. Die Gaben der Leopoldinen-Stiftnng — schreibt P. Rnland — werden nur zur Erziehung unserer Novizen und Studenten verwendet. Der Unterhalt des Noviziats und StudendatS kostet uns jährlich bei der gegenwärtigen Zahl von Studenten und Novizen über 6000 Dollars. Woher die Mittel allesammt kommen, weiß ich selber nicht. Ich habe oft keinen Cent Geld in der Hand, wenn 200, 300, 400 und 500 DollarS zu zahlen find. Seither hat uns Gott immer wunderbar geholfen. Obgleich der Bau des StndendateS uns mehre tausend DollarS Schulden zurückließ, so hoffe ich doch, daß der Herr die Schuld wird zahlen helfen. — Gott hat bis jetzt so viele junge Leute zur Congregation berufen, daß wir bereits ein blühendes Stndendat haben, in dem gegenwärtig 47 Jünglinge den verschiedenen Zweigen der Studien obliegen, nm sich zu fähigen und tüchtigen Arbeitern im Weinberge des Herrn heranzubilden. Ueberdieß zählt unser Noviziat in diesem Augenblicke 18 Novizen. ES gränzt diese Erscheinung in einem Lande, wie Amerika, fast anö Wunderbare, und unsere kühnsten Erwartungen hätten sich vor wenigen Jahren noch einen solchen Zuwachs kaum zu träumen gewagt. Unser Stndendat zu Cnmberland ist das drittstärkste unter den Seminarien in den vereinigten Staaten. Dabei haben wir die gegründete Hoffnung, daß der Zngang von jungen Leuten in den nachfolgenden Jahren wenigstens gleich stark, wenn nicht noch viel bedeutender sein wird. Denn von den Knaben, die unsere deutschen Schulen besuchen, zeigen alljährlich fast immer mehr Lust zum Studiren, und dann, wenn sie das gehörige Alter haben, bei uns einzutreten. Eine bedeutsame Thatsache bei dem Materialismus der großen Masse, bei dem ewigen Haschen nach Geld und Gewinn! Insbesondere sind eS die Deutschen, unter deren Söhnen sich der Herr Arbeiter für seinen Dienst auSerwählt, während er die Eltern bewegt, demselben ihre Kinder freudig darzugeben und deßhalb sogar manches zeitliche Opfer zu bringen. Denn es kostet ziemlich viel, hier einen Knaben bis zu sein-m 16. Jahre, wo er erst bei uns aufgenommen werden darf, studiren zu lassen. Dank der göttlichen Vorsehung, die Alles so ordnet! Ruhm dem deutschen Namen, der über Kurz durch seine Abkömmlinge, die hier gebornen Deutschen, die Fahne des Glaubens ergreifen wird, um dieses Land der Kirche zu unterwerfen! Denn daß die Bekehrung Amerikas vorzüglich durch das deutsche Element zu geschehen hat, ist meine festeste, innigste Ueberzeugung. Was unsere Arbeiten im vergangenen Jahre betrifft, so sind sie ohne Veränderung dieselben gewesen, wie in den früheren Jahren. Nur nehmen sie in einer Weise zu, daß wir schon Manches angethan lassen müssen, zu dem wir uns unter andern Umständen verpflichtet halten würden. Um z. B. nur von dem allernächsten Platze, von Baltimore selbst zu reden, so sind wir bei Weitem das nicht mehr zu leisten im Stande, was die deutsche katholische Bevölkerung in und um die Stadt erfordert, die in ihren geiftlichenBedürfnissen ausschließlich aufunS angewiesen ist. Nacheiuer Berechnung, die sich auf eine Zählung der Familien und Personen der Stadt gründet, gibt eS wenigstens 16,000 Deutsche in Baltimore, die katholisch sind. Sie find in der ganzen Stadt zerstreut d. i. auf einem Terrain, daS in einer Richtung IVi, in der andern 1^ Stunoeu, im Durchmesser hat. Wenn nun 8 Priester diese 16,000 Katholiken in 3 Kirchen zu versehen haben, wenn 2 dieser Kirchen excurrancko besorgt werden, wenn die Patres zum Versehen und Besuchen der Kranken, die besonders im Sommer bei der großen Hitze sehr häufig sind, Stunden weit gehen müssen, so begreift man sehr leicht, daß das Feld zu groß, die Arbeit über ihre Kräfte ist und Vieles nicht gethan werden kann, was sie zu thun wünschen. Die Predigten, die Conferenzen für die Bruderschaften alle Sonntage, der KatechiSmuS- unterricht in den Schulen und an den Sonntagen in der Kirche, der Unterricht der Brautleute, deren im vorigen Jahre hier 226 Paare getraut wurden, der Unterricht der Konvertiten, die oft nur einzeln kommen und darum einzeln vorgenommen werden müssen, Versehnng der Kranken, die 3, 5, 6, 7 englische Meilen im Lande wohnen, , dieß Alles nimmt die Zeit der Patres so in Anspruch, daß sie vom frühen Morgen 38 bis zum späten Abende beständig in Athem find, nnd kaum die nöthige Ruhe zur Erholung finden können. Nebstdem huben sie ihre Obliegenheiten als Ordensleute noch zn erfüllen, wie die Regel sie vorschreibt. — In einem gewissen Stadttheile finden sich nahe an 500 Familien oder vielleicht darüber, von denen etwa nur, 200 regelmäßig in die Kirche kommen, da diese zu weit von jenem Stadtthcile entlegen ist. Eine neue können wir nicht bauen, denn nur haben die Patres nicht, nm sie zu versehen. Vor etlichen Jahren richtete man dort eine eigene Schule ein; das ist Alles, was wir vorläufig bei unserem besten Willen zn leisten vermochten. Es gehen Hunderte von Seelen verloren, die, wenn sie eine Kirche in der Nähe hätten, vielleicht angezogen und so gerettet würden. Was ich von hier sage, gilt in noch größerem Maße von vielen andern Städten, und ist überhaupt ein allgemeines Bild von ganz Amerika. Die Bischöfe begehren Hilfe. Viele haben sich schon an mich gewendet um Patres; aber die traurige Antwort, die ich jederzeit geben mußte, war: „Ich, kann nicht helfen, unsere Zahl ist schon viel zu gering für die uns auferlegte Arbeit." Es gibt Diöcescn, wo es Deutsche zn Tausenden gibt, die in kleinen Ortschaften lebend oder aus dem Lande zerstreut kaum Einmal im Jahre einen Priester sehen. Da ist die augenscheinlichste Gefahr, daß sie im Glauben erkalten, wenn sie ihn nicht ganz verlieren und daß ihre Kinder ohne alle Religion aufwachsen. Die Besorgung der religiösen Bedürfnisse solcher in kleinen Gemeinden zusammen oder auch familienweise anf dem Lande zerstrcnt lebenden Katholiken fällt natürlicher Weise am besten religiösen Orden zn, wie unsere Congregation ist. Ju der That werden auch von allen unsern Häusern überall solche kleine Stationen besucht nnd versehen, aber die Zahl der so pastorirten Stationen steht mit dem allgemeinen Bedürfnisse in noch gar keinem Verhältnisse. Mögen darum unsere Wohlthäter mit ihren Gebeten in dieser Beziehung uns fleißig beistehen! Es ist uns das Almosen des Gebetes noch viel nothwendiger, als selbst Unterstützungen in materieller Weise, so dankbar wir auch für diese sein müssen. Wie uncrforschlich sind doch die Rathschlüsse GotteS! Während die Zahl der Arbeiter so gering ist, vermindert er dieselbe über- dieß durch öftere Todesfälle unter den Unsrigen! Die verlassenen Katholiken schreien nach dem Brode des Lebens, und von den Wenigen, die es ihnen brechen könnten, werden auch noch mehrere durch den Tod hinweggerasft! Derlei Heimsuchungen sind hart, härter als Alles und möchten einem fast das Herz brechen. Man hat seinen ganzen Glauben, und alle seine Ergebung in den Willen GotteS aufzubieten, um solche Schläge ertragen und sagen zu können: „Der Name deS Herrn sei gebenedeit." (Schluß folgt.) Gedächtnißtafel, gut für zaghafte Katholiken. Im Beginn von 1809 stand der erste Napoleon, ein anderer Kriegsheld wie sein Neffe, anf dem Gipfel seiner Macht; Frankreich und fast ganz Italien gehorchten ihm, Deutschland mit Preußen lag zn seinen Füßen, in Spanien war er siegreich und hatte das meiste Land besetzt. Oesterreich hatte zwar mit der Kcrnhastigkeit seiner Völker zum neuen Kriege sich erhoben, war aber in einer Schlacht nach der andern geschlagen worden, und am 13. Mai hielt der Gewaltige seinen Einzug in der Kaiserstadt Wien. Da wagte er sich an den Stellvertreter Christi. Am 17. Mai 1809 raubte er dem heiligen Vater Pms VIl., dem ehrwürdigen milden, Greise, iu vielen Stücken ähnlich dem gegenwärtigen Pius lX., den Kirchenstaat mit den Allmachtworten: , „Der, Papst hat aufgehört, ein weltlicher Regent zu sein." Rom wurde für die zweite Stadt des napoleonischen Kaiserreichs erklärt, dem Papst ein ansehnlicher Gehalt angeboten und die Wahl gelassen, ob er zu Rom oder zu Paris sich aufhalten wolle. Schon fünf Tage nach diesem Frevel traf den Gewaltigen ein 39 schwerer Schlag; er, der bis dahin nie besiegt worden, wurde in der zweitägigen furchtbaren Schlacht von Aspern (21. und 22. Mai) von Oesterreichs Helden-Ecz- herzog Karl zum erstenmal geschlagen und mit ungeheurem Verlust über die Donau zurückgeworfen. Pius VU. verwarf alle Anträge des DrängerS, der gegen Bitten und Vorstellungen taub blieb, und im Juni 1809 sprach der Stellvertreter Christi den Bann aus gegen Napoleon, so wie gegen alle, welche dessen ungerechte Befehle vollzögen oder die Bekanntmachung des BanueS hinderten. Wohl spottete Napoleon dessen, ließ den ehrwürdigen Greis im Quirinalpalaste gefangen nehmen und nach Valence, dann nach Paris schleppen; aber — von dort ab sank sein Stern. Durch eilends herbeigezogene Truppen hatte er sich zwar in Oesterreich so verstärkt, daß er bei Wagram auf dem Marchseld am 5. und 6. Juli eine wo möglich noch furchtbarere Schlacht als bei Aöpern schlug, aber den schweren Sieg nur mit ungeheuren Opfern erkaufen konnte, während Erzherzog Karl immer noch schlagfertig blieb, eroberte Kanonen und Tausende von französischen Gefangenen mit sich führte. Kaiser Franz verlangte Frieden, Napoleon gestand ihn gern zu: denn die Tapferkeit der österreichischen Truppen hatte ihn erschüttert. Oesterreich verlor in diesem Frieden viel, über 2000 Onadraimeilen Landes, nachdem schon in frühern Kriegen noch mehr von seinem alten Gebiet ihm entrissen worden war. — Aber trotz Allem, was Napoleon noch weiter im folgenden Jahr an Land und Leuten zusammenraubte, glaubte das katholische Volk schon damals nicht mehr an die Dauer seines Glückes: denn er hatte zu seinen andern Gewaltthaten noch die Verfolgung der Kirche gefügt und das Maaß voll gemacht; er hatte die göttliche Gerechtigkeit herausgefordert und der Bannspruch lastete auf ihm. Und das katholische Volk hatte Recht. — Im Jahr 1812 endlich sollte der furchtbare Glücksumschwung beginnen, welcher in der ganzen Weltgeschichte seines Gleichen nicht hat. Während der englische Herzog v. Wellington und die spanischen Guerillas die französischen Marschälle in Spanien im Schach hielten, begann der Krieg mit Rußland, dessen Kaiser Alexander I. der so lange gepflegten Bnndesbrüderlichkcit mit Napoleon durch dessen Schalten und Walten über ganz Europa satt geworden war. Eine halbe Million auserlesener Krieger mit 1200 Geschützen unter erprobten Feldherrn und tüchtigen Officieren brachte er gegen Rußland. Der deutsche Rheinbund, Oesterreich, Preußen, Schweiz und Polen hatten ihm zusammen über 200,000 M. stellen müssen. Nach blutigen Schlachten zog er in Moskau ein, aber kaum dort, so steckten die Russen selber ihre alte Stadt in einen Brand, der Alles verzehrte, Obdach und Vorräthe hinraffte. Der Rückzug mußte angetreten werden über 300 Stunden Weges durch eine Wüste von Eis und Schnee, wo Fleisch von gefallenen Pferden fast die einzige Nahrung war. Es gehört nicht hierher, all' die furchtbaren Leiden und Schrecknisse oder die ungeheuren Verluste der „großen Armee" auszumalen, bei der sich die Deutschen vor Allen durch ihre Ausdauer wie durch ihren Muth fortwährend auszeichneten. — Am 13. Febr. 1813 rief der König von Preußen sein ganzes Volk zu den Waffen auf und sagte sich los von Napoleon. Die Jahre der Noth und der Schmach hatten Preußen geläutert, das am 28. Febr. ein Bündniß mit Rußland schloß. Aber Napoleon hob auf'ö Neue 300,000 Franzosen aus, 100,000 Mann hatte er noch in den Festungen von Danzig bis Wesel und der deutsche Rheinbund stellte abermals ihm seine Schaaren. Mit harter Müh' siegte Napoleon bei Lätzen und Bautzen; dann schloffen die ermüdeten Streiter 6 Wochen Waffenstillstand, nm sich beiderseitig zu verstärken, aber noch schwankte die Waage sehr. Da gab Oesterreich — das in all' seinen schweren Kämpfen im Stich gelassene, von Preußen wiederholt verrathene Oesterreich — die Entscheidung und er-. klärtd am 12. August den Krieg. Zugleich kam aus Spanien die Botschaft, daß Wellington in einer Schlacht nach der andern dort über die Franzosen gesiegt hatte. Schlacht auf Schlacht folgte jetzt in Deutschland, fast ohne Ausnahme unglücklich für die französischen Heere. Am 8. Oct. erklärte auch Bayern den Krieg, 40 am 18. Oct. wurde die große Völkerschlacht bei Leipzig und in derselben Napoleon gänzlich anf's Haupt geschlagen; es kostete wohl 80,000 Menschen. Die Franzosen mußten fliehen zum Rhein, während der bayerische General Wrede ihnen noch bei Hanau den Weg verlegte, wo Napoleon sich am 30. und 31. October nur mit großem Verluste durchschlagen konnte. Die Verbündeten zogen dem Feind nach über den Rhein; über die Pyrenäen von Spanien her drang Wellington. Schlacht auf Schlacht. Noch am 20. März 1814 prahlte Napoleon: „Ich bin näher bei Wien als bei Paris;" aber am 31. März zogen die Verbündeten in Paris ein, am 12. April mußte Napoleon, dem mehrere Marschälle den weiter» Dienst versagten, abdanken, und in Gnaden ließ man ihm noch die Insel Elba als souveränes Für- stenlhum, wohin er am 28. April abging. Doch während hiernach die Fürsten in Wien über eine neue Staatenordnung von Europa rathschlagten und nicht eins werden konnten, wurden sie durch die Rückkehr Napoleons von Elba nach Frankreich am 1. März 1815 eins gemacht. Die französische Armee war ihm wieder zugefallen, der kaum wieder eingesetzte König Ludwig XVIII. mußte fliehen; aber am 18. Juni wurde die furchtbare Schlacht von Waterloo geschlagen, in der die deutsche Tapferkeit die Entscheidung gab. Der einst Allgewaltige wurde als lebenslänglicher Gefangener hinaus ins Weltmeer nach der Felseuinsel St. Helena gebracht, wo er am Jahrestag der Schlacht von Leipzig ankam. Der heilige Vater erhielt den Kirchenstaat wieder, die Rückkehr des schwergeprüften PiuS VI l. glich einem Triumphzug. — Dies denn möge man im Auge behalten, während jetzt der „Neffe" des Oheims unsern heiligen Vater PiuS IX. bedrängt! Mögen auch noch schwere Zeiten heraufziehen, St. Helena liegt noch auf dem alten Fleck! Lug und Trug, Arglist und Gewalt, werden beim Dritten enden, wie sie beim Ersten geendet haben, aber die Dauer seines Treibens wird schwerlich so lang sein wie die der Macht seines Oheims. _ Milde Gaben für die Mission in Perleberg. DaS neue Jahr beginnt mit recht erfreulichen Gaben für die obeugenannte der Hülfe so bedürftige MissiouSstation. Uebertrag.77 fl. 21 kr. Aus Biberach (Württemberg) erhielten wir durch b. k. k. 1 fl. — kr. 0. 8vd. 1 fl. — kr. IN. I». 1 fl. 10 kr. 0. IN. 1 fl. 10 kr. 8ed. u.«. 1 fl. 30 kr. X X — fl. 45 kr. X IV. — fl. 30 kr. 4. 8vd. — fl. 30 kr. X k. — fl. 12 kr. L. k. — fl. 12 kr. Von der Plenarversammlnng des PiusvereinS ....... 9 fl. 27 kr. Opfer (bei der wöchentlichen Rosenkranz-Andacht für das Wohl des heiligen VatcrS).11 fl. 24 kr. Zugleich erhielten wir durch die ehrw. Frau Oberin zu P. mit dem Motto: „Gott segne es" an baarem Geld . . . . 10 fl. — kr. nebst 2 Meßgewändern und 1 Chorrock.*) Lr votv .. . . . 10 fl. — kr . _ Summa: 126 fl. 11 kr. *) Wir haben jetzt die Schachtel mit Parametiten, die von B. kam, ganz voll, und an baarem Gelde fl. 116. 11 kr., was wir Alles unter dem Heutigen an seinen Bestimmungsort abgehen ließen. Ein „Vcrgelt's Gott" von dort her und ein Original-Bericht über den gegenwärtigen Zustand der Misston in Perleberg wird dann wohl nicht lange auf sich warten lassen. D. N. Redaction und Verlag: Ur. Mar Hunlcr. — Druck »o» Z. M. Kleinle. Ailgslmgcl AmtugsM. 6 . 5. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das kleine Häuflein. Bereits ist wieder im Strome der Zeiten Geroüet dahin und entschwunden ein Jahr; Das nächste, was wird es den Menschen bereiten? So fraget sich Mancher und wird sich nicht klar. Doch lasset uns bauen auf göttliches Walten, Erhebet die Herzen zum Himmel empor! Es wird sich doch Alles zum Besten gestalten. So hoffet ganz sicher der christliche Chor. Laßt brausen die Fluthen und schäumen und toben, Laßt laufen sie Sturm auf das heilige Rom: Es steht auf dem Felsen, beschirmet von Oben — Die Kirche des Herrn als gewaltiger Dom! Die Feinde der Kirche sich wüthend geberden In ihrem verstockten, dämonischen Wahn: Sie finden noch gläubige Christen auf Erden, Die schimpfen sie „Nömling" und „Ultramontan!" Sie träumten ein winziges Häuflein zu sehen, Das über die Berge nach Rom sich erhebt; Nun möchten sie aber vor Aerger vergehen, Wcil's Häuflein sich stark und gewaltig belebt. Ja tausendmal Tausend von Ultramontanen, Die längst man vergraben im Schlummer geglaubt, Erheben zum Kampfe die christlichen Fahnen, Und stehen gcschaart um das geistliche Haupt. Die Fürsten der Kirche sich kräftig erheben Und rufen in's Toben mit riesiger Macht; Es wecket ihr Ruf ein gewaltiges Leben Und Alles erhebt sich zur geistigen Schlacht! Wir kämpfen mit Muth und mit Gottesvcrtraucn Für Recht und für Wahrheit den heiligen Krieg; Auf Beistand des Himmels im Kampfe wir bauen, Der wird uns verhelfen zum glänzenden Sieg. K. «. Die ehrwürdige Maria Christinn von Savoyen, Königin Leider Stellten. esttolies.) (Ueberletzung der Kathel. Blätter aus Tirol.) (Fortsetzung.) Da sich aber mit zunehmendem Alter und durch Entwicklung der Kräfte und Bildung des Geistes im jugendlichen Herzen Leidenschaften erzeugen, welche in de«- selben eben Nahrung finden, so ist eS eine weise Einrichtung der christlichen Erziehung, daß in den verschiedenen Stadien dieses Alters die heiligen Sacramente gespendet werden, welche Schutz und Stärke gegen deren Andrang gewähren. Mit 8 Jahren ging Christin« zur ersten heiligen Beicht,, und mit 12 empfing sie die heil. Firmung und die heil. Commnnion, nach welcher sie hernach eine solche Sehnsucht fühlte, daß eS eine große,' nur durch den Gehorsam einigermaßen gemilderte Entbehrung für sie war, Anfangs nur einmal monatlich sich derselben nahen zu dürfen. Dies war in jener Zeit der einzige Neid gegen ihre Schwestern, denen solches wegen ihres höher» Alters öfters gestattet war. Mit gleicher Andacht betete sie ihr Morgen- und Abendgebet vor drei heil. Bildern, welche sie sehr liebte, und vor denen sie das Leiden deS Erlösers betrachtete. Alle ihre Kammerfrauen bestätigen ihre Frömmigkeit, besonders eine in den Verhand. lungcn mit den Worten: „Ich sah sie immer knieend, unbeweglich, gesammelt und eifrig beten; ebenso während des heil. Meßopfers, so daß auch alle Uebrigen bei ihrem Anblicke zur Andacht ermuntert wurden. Auch möchte ich behaupten, daß die Dienerin Gottes in allen Stunden, wo ich sie in ihren Gemächern sah, in sich versammelt und nach meiner Meinung mit den Gedanken bei Gott verblieben sei." Sie hatte auch die Sorge für die HauSkapelle mit großer Freude über sich genommen; und wenn Abends die Stunde des Rosenkranzes nahete, war eS ihre Freude, mit einer Glocke von einem Zimmer zum andern zu gehen, nm die Königin, die Schwestern, Damen und Kammerfrauen zu demselben einzuladen. Die größte Freude aber verschaffte ihr jährlich die Ausstattung der Krippe um Weihnachten, wozu sie schon mehrere Wochen vorher von ihrem ZeichnungSlehrer Pläne zu neuen Anlagen und Grotten begehrte, und solche selbst äußerst geschmackvoll ausführte. Auch schnitt und nähte sie immer neue Kleider für die Hirten und Könige rc., und wollte sogar noch eine kleinere Krippe für ihr eigenes Zimmer, vor welcher sie dann in heiligen Gesprächen mit dem göttlichen Kinde sich unterhielt. Mit den Armen konnte Christina wohl nicht, wie eS ihr Wunsch gewesen wäre, verkehren, sie besuchen, trösten und in den Spitälern und ärmlichen Hütten aufsuchen; dies hätte man ihr nicht gestattet. Dessenungeachtet war sie aber keineswegs gleichgiltig oder unempfindlich gegen däs Elend; im Gegentheil, sie weinte, wenn sie davon erzählen hörte, und that ihr Möglichstes, um zu trösten und zu helfen, manchmal zu viel, so daß die Königin ihr hie und da Einschränkung gebieten zu müssen glaubte. Sobald aber ihre kleine Börse leer war, nahm sie dennoch die große Liebe der Mutter in Anspruch, um auch außerordentliche Beiträge für ihre Armen zu erhalten. Auch beschäftigte sie sich vorzugsweise mit Verfertigung von Kleidern für arme Mädchen bei Gelegenheit ihrer Firmung oder der ersten Commu- nion, obwohl sie großes Geschick zu Stickereien und seinen Arbeiten besessen halte. Diese liebevolle Aufopferung bei oft groben und gemeinen Handarbeiten ist noch mehr hervorzuheben, weil Christina auch große Geistesfähigkeiten und lebhaftes Ge- dächtniß besaß, so daß ihre Lehrer ob der Leichtigkeit und Schnelligkeit bei Erlernung der Sprachen und Wissenschaften staunten. Sie schrieb nicht nur das Italienische und Französische mit Präcision, sondern auch daS Denssche und Englische, und verstand und las die berühmtesten Schriftsteller dieser Nationen. Auch hatte sie sehr 43 viel Sinn für die Naturwissenschaften, bei deren Studium sie stets aus den Schöpfer selbst zurückkam. Musik betrieb sie auch mit Gefühl und Geschick, ebenso Zeichnen nnd Malerei und jegliche weibliche Handarbeit. Allen diesen Beschäftigungen lag sie sehr pünktlich ob, und hielt genau die hiezu bestimmten Stunden ein : ihre Lieblings- Beschäftignng jedoch in freien Augenblicken war das Lesen frommer Bücher, beson- ders der Heiligen-Legenden und der Geschichte der Kirche, bei deren Verfolgungen sie auch Thränen vergoß, wie die Verhandlungen berichten. Und da sie wenig Zeit zu dieser Beschäftigung erübrigte, so benützte sie hiefür auch jene, die ihr zum Frifiren und Anziehen bestimmt war, indem sie dieß Alles ihren Dienerinnen überließ, nnd niemals die Augen erhob, um sich im Spiegel zu beschauen, der vor ihr hingestellt wurde, und wenn selbe sie fragten, was für eine Frisur ihr gefällig sei, antwortete sie allemal: „Thut, wie Ihr wollt." Solches wird vielleicht ernsten Männern von geringem Belang scheinen, nicht so Frauen nnd Mädchen, welche es gewiß als einen Act der Ueberwindung und der Demuth anerkennd« werden. Und Christina war demüthigen Herzens, und legte gar keinen Werth auf ihre geistigen oder körperlichen Vorzüge, so daß sie bei den ihr hierüber gespendeten Lobeserhebungen, denen sie uic entging, mit den «Schwestern herzlich lachte, und selbe äußerst abgeschmackt fand. Nur zu bald aber lernte dieser Engel, der gleichsam in einem Orte der Verbannung und in einer für sein Hans und ganz Europa sehr unruhigen Zeit geboren war, die Vergänglichkeit der irdischen Größe kennen, und wie Gott bisweilen auch die edelsten Monarchen auf die Probe stellt, wenn sie für die Treue und den Eifer ihrer Pflichterfüllung, anstatt Anerkennung, nur Undank und Bosheit ernten. Victor Emmanuel, einer der mildesten und großmüthigsten Regenten, sah 1821 plötzlich sein ganzes Reich in Verschwörung gegen seine Krone sich erheben; weßwegen er, um großem Uebeln vorzubeugen, die königliche Würde seinem Bruder Carl Felir, Herzog von Genua, abtrat. Bei dieser Gelegenheit ahmte Christina die Seelengröße ihres königl. Vaters nach, nnd erhöhte ihre Entsagung noch durch die kindliche Liebe. Wahrhaftig! das Schauspiel einer königlichen Familie, welche beinahe mit Freuden vie Krone verliert, um hiedurch Gewissen und Ehre zu retten, könnte heutzutage, wo man mit unerhörter Frechheit Gewissen nnd Ehre mit Füßen tritt, um feine Begierde nach Macht zu sättigen, mehr als eine Stirne erröthen machen. Ein hochgestellter Zeuge gibt uns folgenden Bericht über jenen Act: „Ich erinnere mich, an jenem Abende zwischen der Königin und dem Prinzen Carl Albert gesessen zu haben. Als nach beendeter Mahlzeit die Nachricht der Abdankung des KönigS anlangte, berief die Königin alle Prinzessinnen in die HanScapclle, und sprach zu ihnen: „Der König, Euer Vater, hat dem Throne entsagt, und von nun an sind wir nnr mehr einfache Privatleute; danken wir aber Gott, daß wir hiedurch das Gewissen und die Ehre gerettet haben." Die Königin hatte nämlich, so heißt es in den Verhandlungen, nach Prüfung der modernen Konstitutionen die Ueberzeugung gewonnen, daß alle irgend etwas Unmoralisches enthalten. Alsdann kündigte sie ihnen auch ihre bevorstehende Abreise an, nnd kniete vor dem Altar nieder; weder eine der Prinzessinnen noch die Mutter hatten eine Thräne im Auge, während wir Alle laut schluchzten." Ich erwähne dieser Abdankung Victor Emmanuels, um die Seelenstärkc nnd Resignation Christincns hervorzuheben, welche schon in so zartem Alter diese Trübsal zn überstehen hatte. Derselbe Zeuge fügt noch hinzu, daß, als er nach Nizza reiste, um diesem großmüthigen Fürsten seine Ehrfurcht zn bezeigen, Christin«, obwohl weit entfernt sich über den Verlust des Reiches zu beklagen, dennoch die Trauer und den Schmerz wegen ihrer Eltern nicht verbergen konnte, indem sie sagte: „Mein Vater ist so gut, und hat dennoch fo viel Kummer erleiden müssen." Vielleicht wußte die unschuldige Seele damals nicht, daß eben in dieser Welt der Täuschungen und der Prüfungen der Kummer das Erbtheil der Guten ist. - ^ ' t s, Mit nicht geringerer Seelenstärke ertrug Christina den herben Schmerz ob dem Verlast des Vaters; ihr einziger Trost Hiebei war die Erinnerung an dessen Frömmigkeit und übrige Tugenden, welche ihm bald den Genuß der ewigen Seligkeit sichern würden, und um diese noch mehr zu beschleunigen, opferte sie alle ihre Gebete, Beichten und Commnnionen in dieser Meinung auf, und ließ oftmals auf Kosten ihres kleinen Wochengeldes das heil. Opfer darbringen. Da auch die Königin Maria Theresia sehr fromm war, so besuchte sie oft mit ihren Töchtern Marianna und Christina die schönsten Kirchen Geuua'S, wo der Gottesdienst sehr feierlich begangen wurde, was Christinen sehr lieb war, wie sie ihren Vertrauten einmal gestand, indem sie sagte, daß ihr der Aufenthalt in Rom und Genua der liebste sei, weil daselbst der Gottesdienst feierlicher als anderswo abgehalten werde. Jeden Sonntag, nach Anhörung zweier heil. Messen in der kgl. Capellc, führte die Königin ihre Töchter in die Pfarrkirche zur heil. Messe und Predigt, wobei die junge Prinzessin stets verschleiert erschien, und mit solcher Andacht und Ehrerbietigkeit auf den Knieen ausharrte, daß es znr allgemeinen Erbauung war, und nicht Wenige, nur um diese engelglciche Frömmigkeit der Prinzessin zu bewundern, in jene Kirche sich verfügten. Im Jahre 1825 begab sich die köuigl. Wittwe mit ihren Töchtern nach Rom, nm dort das heil. Jubiläum zu gewinnen. Eö ist nicht zn beschreiben, mit welcher Freude Maria Ehristina Mutter und Schwester in jene heil. Kirchen und zu den in St. Peter abgehaltenen päpstlichen Festlichkeiten begleitete. Schreiber dieser Zeilen hatte die Ehre, die Königin mit ihren Töchtern in das Noviziat von Sant'Andrea a Monte Cavallo einzuführen, wo der heil. Skanislans Kostka gestorben, nnd erinnert sich lebhaft ihrer Andacht, welche besonders bei Christinen einen himmlischen Widerschein zeigte. Sie kniete vor der Statue sein Meisterwerk des berühmten Le Gros*) nieder, betete längere Zeit, und küßte dann Hände und Füße derselben mit Innigkeit. Jene beiden heiligen Seelen mußten gegenseitig über ihre Aehnlich- kcit in der Unschuld und Liebe Gottes entzückt sein! In jenen Tagen bet diese Königin mit ihren Töchtern dem römischen Volke ein Schauspiel der Frömmigkeit, welches die ganze Stadt in Erstaunen setzte. So sagt ein Augenzeuge: „Am ersten Sonntage im Mai ging die Königin von Sardinien mit ihren Töchtern Marianna und Christina, den Rosenkranz in der Hand nnd ohne Schuhe, blos in den Strümpfen aus dem Palaste, und sie begaben sich, mit dichten Schleiern bedeckt, zum Besuche der Hanptkirchen. Dieser Anblick rührte das Volk dermaßen, daß es in kurzer Zeit in großer Anzahl ihnen folgte, um sie anzustaunen. Als sie wieder nach Genua zurückgekehrt nnd Marianna schon an den König Ferdinand von Ungarn vermählt war, setzte Christina, obwohl bereits 18 Jahre alt, ihre unschuldige, unterwürfige, bescheidene und demüthige Lebensweise fort und ihre Mutter, welche sie übermäßig liebte, konnte ihr nie einen Wunsch aus den Augen lesen, weil sie sich bemühte, dieselben stets von der Mutter abhängig zn bewahren, und im strengsten Gehorsame zn verbleiben, wie es in den Verhandlungen heißt: „Es war eine solche Ruhe und Ordnung in ihrem Geiste, daß man nur selten irgend einen Wunsch ihr im Gesichte lesen konnte." Und weiter oben heißt es: „Sie war von solcher Willfährigkeit, daß sie sich dem Willen der Mutter stets ohne Widerspruch unterwarf." *) Er stellte den Heiligen liegend auf einer Decke von gestreiftem Alabaster vor. Hände, Füße und Kopf sind aus glänzend weißem Marmor, das klebrige des Leibes auS dunkelm Gestein. So scheint er lebendig und mit dem religiösen Kleide angethan. Der Künstler selbst, ein Kalviner, wurde bei Betrachtung seines Werkes und des himmlischen Ausdruckes im Gesichte des hingestreckten Heiligen so ergriffen, daher, der inneren Bewegung folgend, niederstürzte, und ihn mit Inbrunst küßte. Bald darauf wurde er Katholik. 45 Diese Tugenden waren durch Uebung von Kindheit auf so sehr ihr zur andern Natur geworden, daß diejenigen, welche mit ihr näher umgingen, selbe nicht als die Frucht einer fortgesetzten Selbstüberwindung, sondern als Eigenschaften ihres natürlichen Charakters ansahen: Noch mehr muß man staunen, daß diese Tugenden, welche eher innerhalb der 4 Mauern eines Klosters oder in einer einsamen Hütte erzeugt werden könnten, ans einem königlichen Hofe mitten unter Pracht, Herrlichkeit und Verführung hervorgingen, nnd daher eine größere Kraft znr Bezähmung der Neigungen erforderten. Obwohl freundlich mit Allen, so war sie doch im Umgänge so zurückhaltend, daß, wie man auch vom heil. Aloisinö liest, sie niemals einem Herrn des Hofes in'S Gesicht sah, noch auch je, weder vom Obersthofmeister oder einem Andern, sich beim Ein- nnd Aussteigen aus dem Wagen den Arm reichen ließ. Zierereien einer Betschwester! wird hier mancher Nasenweise höhnisch ausrufen, nnd dennoch ließen diese „Zierereien" die Heiligkeit auf einem Throne leuchten, während das zu freie Benehmen der Jungfrauen, seien sie auch noch so vornehm, nichts als Unruhe im Kerzen nnd Unfrieden in den Familien nnd Anstoß in den Städten verursacht. Diese nngemeine Delicatesse und Eingezogenheit im Umgänge machte sie aber keineswegs unfreundlich oder skrupelhasl oder blöde, im Gegentheil wird von Solchen, die lange nm sie waren, versichert, daß sie stets sehr artig und immer frei von Skrupeln gewesen sei. Auch ward sie von Allen als sehr geistreich und vernünftig anerkannt und besonders von der ältern Schwester in zweifelhaften Fällen zu Rathe gezogen, wie dies auch in den Verhandlungen dargelegt wird, wo es heißt: „Von Kindheit an war sie mit einer besondern UrtheilSkrast begabt, und schon als Mädchen konnte man sie eine weise Frau nennen; ihre ältere Schwester Marianna erholte sich oft bei ihr NatheS, den sie ihr immer sehr klar nnd einfach, aber auch sehr klug zu vollster Befriedigung und zur Verwunderung der Schwester ertheilte." Obwohl wir hier nur einen sehr kurzgefaßten Abriß der vielfältigen Tugenden Christinens bis zu ihrem 20stcn Jahre gegeben haben, so ist dies doch hinreichend, um in ihr eine cngelgleiche Seele zn erkennen, welche, wie ihre Schwestern sagten, die Sünde Adams nicht ererbt zu haben schien. Ja die Kaiserin Marianna, deren hervorragende Tugenden der Welt bekannt sind, glanbt versichern zn können, „daß solange ihre Schwester mit ihr zusammenlebte, selbe gewiß nie eine schwere Sünde begangen habe." Man sollte meinen, daß eine Blume solch auserlesener Tugenden, welche auch vom Himmel mit besonder,« Wohlgefallen ausgezeichnet wurde, in irgend ein verborgenes Gärtchen eines einsamen Klosters gepflanzt werden sollte, um dort sich noch mehr zn veredeln, nnd die Anzahl jener bevorzugten Jungfrauen zu vermehren, welche ungekannt von der Welt nnd selbst derselben unkundig, leicht und zart über diese Erde hiuschwcben, ohne selbe kaum berührt zn haben. Dieß wäre auch der heißeste Wunsch Christinens gewesen. Jedoch unter den vielen Fesseln, welche das Leben der Höfe mit sich führt, ist auch jene, daß die berechtigtsten Neigungen des Herzens und oft selbst das edle Sehnen einer der Welt fremden Seele dem sogenannten StaatSwohle geopfert werden müssen. Wir wollen damit nicht gesagt haben, daß dieß bei Christina auch der Fall gewesen sei, da ihr die Vorsehung in Ferdinand ll. einen ihrer würdigen Gemahl ausersehen hatte. Dennoch mußte sie bei Einwilligung in jene Verbindung einen anstrengenden Sieg über ihre LieblingSneigungeu erringen, worüber aber sowohl die Kirche, als das Königreich beider Sicilieu sich nur Glück wünschen durften. (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten und Rebemptoristen in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. (Fortsetzung.) In den Gemeinden, die wir in 14 Kirchen mit 50 Patres versehen, haben wir z. B. im Jahre 1856 gegen 5700 Kinder getauft. Kommunionen haben wir in diesen Kirchen gespendet 280,500. Die erste heilige Kommunion empfingen 1444 Kinder. Protestanten wurden im .Glauben unterrichtet und in den Schoß der Kirche aufgenommen 179. In unseren Schnless empfingen 6655 Kinder religiösen nnd Elementar-Unterrichr, größtentheilS unter der Leitung von Schnlbrüdcrn nnd der armen Schulschwestern. Ueberdieß werden 130 schwarze Kinder von schwarzen Klosterfrauen unterrichtet, deren Leitung sammt der Besorgung einer Gemeinde von etwa 500 Schwarzen ebenfalls einem unserer Patres anvertraut ist. Diese Gemeinde ist seit Jahren die einzige in den Vereinigten Staaten, die ausschließlich anS Schwarzen mit einer eigenen kleinen Kirche besteht. Anderswo find die Schwarzen in den Kirchen meistens auf einen Winkel, die Emporkirche angewiesen. Da in solchen Fällen kaum die Hälfte derselben Platz finden kann, so liegt am Tage, daß deren religiöser Eifer wesentlich darunter leidet. Die Stühle sind von den Weißen besetzt. Kaum darf es ein Schwarzer wagen, sich einen Sitz unter diesen zu nehmen. Hätte man Priester genug, nm sich mit den Negern eigens besassen zn können, so könnte man wohl in kurzer Zeit Gemeinden von Tausenden zusammenbringen. In den Sklavenstaaten hat mancher Herr Hunderte und selbst Tausende von Sklaven, die meist Methodisten und Bapiistcn — wenigstens dem Namen nach — oder Nichts find. Es wäre gar nicht schwer, gute Katholiken aus ihnen zn machen; aber eö ist Niemand da, der die. Sache in die Hand nehmen könnte. Meinem Vorgänger hat eine Lady von South-Carolina den Antrag gemacht, 2 bis 3 Patres während der Wintermonate auf ihre Plantagen zu schicken, um dort ihre nnd ihrer Nachbarn Sklaven zu unterrichten, von denen bei tausend zusammenkommen würden. Einen ähnlichen Antrag machte mir der verstorbene Bischof von CharlcSton. Allein mein Vorgänger, wie ich konnte hier nicht entsprechen, denn es gibt in der Nähe und unter den Weißen so viel Arbeit, daß wir mit den wenigen uns zu Gebot stehenden Kräften kaum die Hälfte davon thun können. Um wieder auf unsere Schulen zurückzukommen — fährt P. Rnland, Provin- cial der Nedemptoristen-Kongregation fort — so findet sich die zweitgrößte Zahl von Kindern in New-Orleans, wo 1100 derselben unterrichtet werden. Vierhundert davon sind deutsche, nnd 700 englische, denn dort versehen wir auch eine englische Gemeinde. Die deutschen, wie die englischen Mädchen stehen nnter der Leitung der armen Schulschwestern, deren Stammhaus in München ist. Die Patres haben mir mit großer Befriedigung die Aenderung zum Besseren gemeldet, die besonders bei den englischen Mädchen unter ihren dermaligeu Lehrerinnen sich kund gibt. Die drittgrößte Zahl von Schulkindern, 1040 hatten wir in New-Nork. Philadelphia zählt 800, Buffalo 690 n. s. s. Außer den Schulen nehmen auch die Waisenhäuser unsere Sorge in Anspruch. DaS Waisenhaus in Baltimore ist im Stande, 200 Kinder und selbst 300 aufzunehmen, obgleich gegenwärtig nicht die Hälfte hiervon darin sind. Bei dem Bau dieses Hauses haben sich die Deutschen selbst übertreffen; denn nur durch deren Freigebigkeit war es möglich, ein so geräumiges Gebände auszuführen, das in Zukunft von großem Nutzen werden kann. Die Sorge für die Waisen haben gleichfalls die armen Schulschwestern übernommen, während der Unterhalt der Kinder von den Beiwagen der deutschen Katholiken gewonnen wird. In PittSbnrg, Detroit, Bnffalo, New-Orleans bestehen gleichfalls Waisenhäuser. Auch diese werden von den Schul- fchwestcrn besorgt. 47 Rücksichtlich der einzelnen Stationen, die wir auf dem Lande versehen, können wir wenig mehr thun, als den Leuten Gelegenheit zum Empfange der heil. Sakramente zu bieten, und, wo es möglich ist, Schulen zu unterhalten. Gewöhnlich erhalten in diesen 00 bis 40 Kinder Unterricht. Eine dieser Stationen, acht Meilen von Baltimore, hat sich seit einigen Jahren so gehoben, daß eine neue, ziemlich große Kirche gebaut werden mußte, die etwa 7 — 800 Menschen faßt. Sie steht ganz isolirt da, nur ein Hans nebst dem Schnlhanse ist sichtbar, wenn man an den Platz kommt; alles Andere scheint Wildniß zn sein. Aber rings herum in einem Umkreise von 6 — 7 engt. Meilen sind so viele einzelne Hütten versteckt, daß jetzt schon bei 500 deutsche und englische Katholiken zum monatlichen Gottesdienste zusammenkommen. Wenn irgendwo eine Kirche gebaut wird, ist es gerade, als wenn die Katholiken anS dem Boden hervorwüchsen. Wo man anfänglich nur 10 vermuthete, zeigen sich gleich 20, und es stellt sich Mancher als Katholik heraus, den sonst Jedermann für einen Protestanten angesehen hatte. — Größere Stationen versehen PittSbnrg und andere Häuser. Das bisher Gesagte wird genügen, um sich von dem Erfolge der Patres Redemptoristen in ihrem gewöhnlichen und tagtäglichen Wirkungskreise in Nordamerika eine Vorstellung bilden zu können. Es erübrigt nur noch, auch etwas über jene Arbeiten beizufügen, die deren eigenthümlichen Beruf ausmachen — über die Missionen. (Schluß folgt.) Arm und Reich. Don Karl Beycrl. I Gut, weil ich noch ein Bettler, will ich schelten, Und sagen, Reichthum sei die ctnz'ge Sünde, Und bin ich reich, spricht meine Tugend frei. Kein Laster geb' es, außer Bettelei. Shakespeare. Seht jene Gebäude rechts und links der Straße! Dort ragt im Mondlicht schimmernd der Palast deS Reichen aus den Platanen des Parkes, hier wirft das Häuschen des Armen einen düsteren Schatten auf das schmale Kraulbect, das der Mangel vor der Zeit entblätterte! Welcher Kontrast! — Nun verschwindet der Mond hinter Wolken und die Nacht verhüllt mit dunklem Schleier Palast und Hütte. Deckt sie auch die großen Gegensätze des Lebens? Diese verschwinden nie; selbst im Tranme noch lächelt der Glückliche, weint der Hungernde! Fröhliches Tönen wogt hernieder von den hohen, hell erleuchteten Bogenfenstern des Reichen, die Hütte ist stumm, — doch nein, tritt näher, neige dein Ohr an die zerbrochenen Scheiben, und vielleicht dringt ein klagender Ton an dein Herz, der das darin schlummernde hohe Lied zum vollen Klänge weckt. Besuchen wir die Wohnung einer armen Taglöhnersfamilie. Eine Thranlampe beleuchtet mit düsterem Scheine ein ernstes Bild. Die Mutter sitzt angstvoll am Bettchen des jüngsten Kindes. Die vier anderen Kinder theilen das Strohlager des Vaters auf dem harten Boden. Die Frau blickt schmerzlich auf das rauhe, mit Lumpen bedeckte Lager des kranken Kindes; sie steht auf und sucht in dem Kasten in der Ecke. Ihr Sountagshalstuch fällt ihr in die Hand; sanft breitet sie es dem Kinde unter, dann kniet sie vor dem Beuchen nieder, lauscht auf die Aihemzüge des Kleinen und betet,, indeß Thräne um Thräne über ihre bleichen Wangen rollt: „O Jesus, Jesus! hilf du, sonst kann ja Niemand helfen!" 48 lE »M 48 Die arme Fran hörte die Stnndenschläge einer großen Wanduhr vom Palaste herüberdröhnen. So oft die Uhr schlug, zählte sie ängstlich, als hoffte sie, sich das letztem«! getäuscht, einen Schlag überhört zu haben. Um Mitternacht erlosch die Lampe und die Unglückliche brach zusammen unter dem unsäglichen Elende der Armuth, die das Nothwendigste entbehren muß; selbst das Licht am Lager des todtkranken KindeS! Um zwei Uhr erwachte der Mann, stand auf, fragte besorgt nach dem Kinde und ging dann fort, der schweren Arbeit dieses Tages nach. Noch eine qualvolle Stunde. Endlich flammte es im Osten. „ES werde Licht!" rief unwillkürlich die Frau, ergriffen von der Bedeutung dieser Liebesworte des Schöpfers, die der Mensch erst dann recht innig erfaßt, wenn er leidend eine jener entsetzlich langen Nächte durchwacht, in welchen das Leben rings um den Einsamen wie erstürben schlummert und Niemand mit ihm spricht, als der unabläßig pochende Schmerz. Die Glocken der Stadt begrüßten fröhlich den jungen Tag, da rollte eine Chaise vor das Häuschen, ein alter Herr mit schneeweißen Haaren, aber heiteren, fast jugendlich liebenswürdigen Zügen sprang heraus und trat in das Stübcheu. „Gott belohne Sie, Herr Doctor!" rief die Frau innig. „Christenpflicht!" sprach Doctor Helfer, „hat das Kind geschlafen?" — „Die ganze Nacht." „Gut, es ist gerettet. Geben Sie ihm das Säftchen noch fort, eS wird sich bald erholen. Sorgen wir aber auch ein wenig für die andern Kinder und für Sie, gute Frau! kochen Sie ein kräftiges Süppchen! Behüte Sie Gott!" Der Doctor eilte hinaus und die Chaise rollte weiter. Auf dem Bettchen des KindeS lag ein blanker Frauemhaler. „O du guter, herrlicher Mensch!" rief die gerührte Mutter mit Freudenthränen, „wohin du trittst, bringst du Genesung, Trost und Hilfe! O Gott! laß dieses edle Herz immer einen Himmel in sich tragen." Das Kind erwachte und blickte die Mutter mit hellen Augen an. Entzückt küßte sie ihr wiedergeschenkteS Glück. Einige Stunden darnach kam der Mann nach Haus. Er hatte sich durch einen unglücklichen Hieb mit der Sense am Fuße verletzt und war so auf einige Zeit arbeitsunfähig geworden. Die Freude über die Genesung seines Kindes machte einer dumpfen Verzweiflung Platz. Er warf sich auf das Stroh und stöhnte, indeß die Frau den blutenden Fuß verband: „Jetzt müssen wir verhungern oder die Kinder auf den Bettel schicken." Die Arme seufzte und schwieg. Die Töne eines Wiener Flügels rauschten vom Palaste herüber, und der Verwundete fuhr grimmig fort: „Hörst du, wie der reiche Mann dem armen Musik macht? Für Instrumente, Pferde und Vergnügungen haben sie Tausende, für den armen Mann Nichts. O Gott, warum leuchtest du nicht einmal mit einem Straf- blitz in die Häuser der Reichen und zermalmest ihre steinernen Herzen?" „Frevle nicht," bat die Frau erschrocken, „die Reichen thun viel für die Armen, wir hätten ohne sie kein Brod. Die reiche Frau drüben ist gut und wohlthätig, ich will zu ihr gehen und sie um Hülfe bitten." „Sie wird dir einige Kreuzer hinwerfen lassen mit der Ermahnung nicht zu betteln," grollte der Mann, „thue eS nicht. Lieber etwas Anderes." — „Gerne, aber was?" fragte die Frau. (Fortsetzung folgt.) Redaction und Dr. Mar Huttler. — Druck »ou 3. M. tklcinl«. 12. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poft- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abounementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. Layer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Schifflein Petri. Fahre, Schifflein, wohlgemuth Durch die sturmbewcgte Fluth! Halte, wack'rer Steuermann Kräftig nur am Nuder an! Heulet wild die Windesbraut, Schlägt's auch ein, daß Allen graut, Stehe fest, du Steuermann! Einer ist, der helfen kann. Er, der einst dem Sturm gebot, Kennt Dein Leiden, Deine Noth, Sieht dem Wcllenspicle zu; Steuermann! was fürchtest Du? Wenn dein Schiff am Abgrund schwebt. Ist es Gott, der sich erhebt, Und zu Wind und Wellen spricht: „Dieß mein Schifflein laß' ich nicht." Und auf Sein allmächtig Wort Zieh'n, beschämt, die Wellen fort; Ruhig wird es, still und licht: Gott verläßt die Kirche nicht. N»«,«. Die ehrwürdige Maria Christin« von Savoyen, Königin beider Sicilien. (Liviltä esttolics.) (Uebersetzung dcr jkathol. Blätter aus Tirol.) (Fortsetzung.) « Die Gemahlin »nd die Königin. Daß in den prachtvollen Hallen der Großen und noch mehr in den schimmernden Königsburgen lästige Sorgen, trübe Gedanken und innere Kämpfe zu finden seien, welche Ruhe und Zufriedenheit ranken, das wird anch von dem Gemeinsten und Habsüchtigsten zugegeben, der es gleichsam zur Beschwichtigung seines ohnmächtigen Neides sich vorsagt. Daß aber, umgeben von der Fülle aller irdischen Güter, von einer Schaar Untergebener, welche mit ihren Dienstleistungen so verschwenderisch sind, und von zudringlichen, nach der Gunst ihrer Gebieter geizenden Höflingen, das Gemüth dennoch vereinsamt und verwais't sich sehe, dies wird nur jenem begreiflich sein, der weiß, wie wenig eine Gott liebende, der Welt abgeneigte Seele sich von deren Prunke und Vorstellungen hinreißen lasse. Das war eben bei Maria Christina von Savoyen der Fall. Nach dem Tode ihres Vaters, und nachdem sie sich von ihren Schwestern nach und nach hatte trennen muffen, verlor sie dann auch die letzte ihr gebliebene Stütze, -M.7 50 t,'/ >' N »k.> IM W W-N Z W LÄc-^ ihre zärtliche Matter, welche von ihr so vnanssprechlich geliebt warde. Nan stand sie wirklich einsam nnd verlassen, ohne Rath and Erfahrung da in dieser Welt. Lange war sie unschlüssig, ob sie zu einer oder der andern ihrer Schwestern, nach Lucca, Modena oder Wien sich begeben solle; jedoch kam sie zarter Rücksichten der Convenienz oder der jungfräulichen Zurückhaltung wegen hievon ab, nnd hing dafür immer mehr dem Lieblingsgedanken ihres Herzens nach, das klösterliche Leben zn wählen, wie schon andere savoyische Prinzessinnen vor ihr, um daselbst eine neue Familie zu finden, und fern von der Welt nur Gott allein unter den himmlischen Wohlgerüchen der Lilien und Rosen seines Gartens leben zu können. Nachdem sie solches lange bei sich erwogen hatte, eröffnete sie es ihrem Seelenführer, Pater Terzi, und zugleich den festen Entschluß, in den Orden der ewigen Anbetung zu treten, wo sie hier auf Erden schon das Amt der Engel erfüllen könnte, gui staut i» eiroiüti tllrorii ot acioraiit Deum. Obwohl Niemand eigentlich wissen kann, wie diese kindliche Eröffnung ausgenommen worden wäre, wenn sie selbe dem mütterlichen Herzen selbst hätte mittheilen können, so wäre doch, nach dem, was im vorigen Artikel von den hohen Tugenden der königlichen Frau erzählt wurde, leicht anzunehmen, daß sie ihr bei diesem schönen Vorhaben hilfreiche Hand geleistet haben würde. Die süße Abhängigkeit von einer liebenden Mutter hatte sich zu einer pflichtgemäßen Unterwerfung unter einen neuen, ihr entfernt verwandten König gestaltet, der schon einige Vornrtheile gegen sie gefaßt hatte; inglcichen auch unter eine neue Königin, welche noch vor wenigen Monaten einem im Vergleich zn ihr niedrigeren Stande angehörte. Mit König Karl Felir'S Tode war die erste königl. Linie von Savoyeu auSgestorben, und wurde Carl Albert von Carignano aus der jüngern Linie auf den Thron gesetzt. Als König von Sardinien war nun Carl Albert auch das Oberhaupt der ganzen königl. Familie, und seine Gemahlin Maria Theresia von Toscaua theilte mit ihm dieses Vorrecht. Beide nun, sei eS, weil sie mit der früher regierenden Familie so selten Umgang pflogen, oder daß sie, wie es bei den Höfen oft geschieht, aufgehetzt und falsch benachrichtigt gewesen, waren der Meinung, daß Christina durch die überaus große Liebe der Mutter verzärtelt, immer nur den eigenen Willen und ihre Launen durchsetzen wollte, und waren nicht wenig erstaunt, die Sache ganz anders zu finden, als sie sich dachten. Als man ihrer Ehrendame auftrug, mit aller Emsigkeit es dahin zu bringen, daß die Prinzessin bescheiden und unterwürfig sich benehme, erwiderte diese sogleich: »Se. Majestät möge sich versichert halten, daß die Prinzessin äußerst gut sei, und daß der König nie ein befehlendes Wort ausznsprechen veranlaßt sein werde, da sie schon jedem Wunsche bereitwilligst nachkommen würde." Und es dauerte nicht lange, daß man schon bei der ersten Ankunft ChristinenS in Turin ihre Gesinnungen gegen die Neuen Regenten erkannte, welche noch kurz vorher nicht auf so hoher Stufe standen, wie sie. Bei der ersten Zusammenkunft mit der Königin, welche sie eben umarmen wollte, beugte Christine das Knie, und küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand. Die Königin aber, auch eine ausgezeichnet tugendhafte Frau, bedurftd nicht jenes ActeS, um zu erkennen, wie viel Sanftmuth, Demuth, Liebenswürdigkeit und GotteSliebe in jenem unschuldigen Herzen wohne. Sie gewann sie so lieb, daß sie auch nach ihrer Vermählung oft mit zärtlicher Zuneigung von ihr sprach, und ihr Porträt iu ihrem Zimmer behielt, ja nach ihrem Tode sie wie eine Heilige verehrte. Trotz dieser Zuneigung aber hatte Christine dennoch oft manche Unannehmlichkeiten zu ertragen, wodurch sie die auserlesensten Tugenden zu üben, nnd die Nebligen, besonders die Königin, sich von der Gründlichkeit derselben und von ihrer vollendeten Selbstbeherrschung zu überzeugen Gelegenheit hatten. Es mag hier am Orte seiu, eines Falles zn erwähnen, der anstatt aller übrigen, die beinahe täglich vorkamen, znm Beweise dienen kann. Der Ehrencavalier am Hofe ihrer Mutter, welcher auch thr ganzes Vertrauen genoß, verließ, kaum hatte Carl Albert den Thron bestiegen, plötzlich die Königin- 51 Wittwe, um bei der regierenden Königin in den gleichen Dienst zu treten. Es ist leicht zu begreifen, wie schmerzlich dieses ehrsüchtige Benehmen Christi'nenS Mutter berührt haben mußte; sie fühlte die Kränkung tief und Christine, in deren Herz sich alle Freuden und Leiden der Mntter spiegelten, litt ebenfalls darunter, und weinte darüber bitterlich. Carl Albert, entweder das Vorgefallene nicht bedenkend, oder um ChristinenS Unterwürfigkeit zu prüfen, bestellte eben diesen Herrn zum Verwalter ihrer Güter. Bei der Nachricht von dieser Anordnung erwiderte sie kein Wort, obwohl sich ein innerer Kampf deutlich kund gab; sie bestimmte ruhig eine Stunde für den folgenden Tag, nm ihren neue« Verwalter zu empfangen. „Als dieser eintrat" (so erzählt uns die Dame, die es verbürgt), „und ich ihn bei der Prinzessin meldete, überfiel sie ein unfreiwilliges Zucken; doch sie wendete den Blick zum Himmel, eilte an ihren Betschemel, betete einige Augenblicke, und schickte sich dann an, ihn zu empfangen, und zwar mit jener würdevollen Ruhe, welche der beleidigten Großmuth eigen ist." Es stand ihr aber ein weit größerer Kampf bevor, zu welchem sich die Jung- stau durch das gänzlich zurückgezogene Leben, das sie in Turin führte, vorzubereiten schien. Sie war viel bei der Königin, deren Tugenden und edle Ergebung in so vielen Widerwärtigkeiten, da sie noch dazu kinderlos war, sie stets bewunderte, begleitete sie auch bei ihren öftern Besuchen des GnadcnbildeS „Unserer lieben Frau della Consolata", vor welchem sie dann ihr Herz ergoß, und flehte, unter die Anbeterinnen des Allerh. SacramenteS aufgenommen werden zu können- Dieser schöne fromme Wunsch sollte aber nnr daS Verdienst der Darbringuug haben! Wenn es sonderbar schien, einer schon erwachsenen Prinzessin einen Verwalter zu bestimmen, ohne sie hierüber zu befragen, so wird noch viel auffallender die Bestimmung ihrer Zukunft scheinen, da man ihr sogar die Person, an die sie sich ihr Leben lang binden sollte, erwählte, ehe sie Etwas hievon nur geahnt hätte. Aber wie schon gesagt, so ist cS Sitte bei den Höfen, wo zu allen andern unvermntheten Widerwärtigkeiten noch besonders jene hinzukömmt, die berechtigtsten und edelsten Neigungen des Herzeus und des Geistes den gegenseitigen Beziehungen der regierenden Häuser, den Plänen zukünftiger Vergrößerung rc. und dem Gleichgewichte der Verwandtschaften opfern zu müssen; mit einem Worte, allen jenen allgemeinen oder Privatrücksichten, die man Politik nennt. Kann aber nicht selbst diese oft den Fügungen der göttlichen Vorsehung dienen? Kann ein unschuldiges Herz, wenn es diesen nachkömmt, nicht auch auf diesem Wege die Vollkommenheit erreichen? Christine gibt uns hiefür ein Beispiel, da sie ein Vorbild der Gattinnen und Königinnen wurde, wie Neapel es beweisen kann. (Fortsetzung folgt.) Die Jesuiten und Redemptoristen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. (Schluß.) Im verflossenen Jahre — wir legen den folgenden Mittheilungen die Berichte der „Annalen des Glaubens" zu Grund — veranstalteten die Redemptoristen in Nordamerika in zwei Hauptpartieen Missionen: englische und deutsche, deren letztere vorzüglich im Westen stattfanden, während die englischen in den östlichen Staaten gegeben wurden und mit Ausnahme der Sommermonate das ganze Jahr dauerten. Die deutschen Missionen — und nur von diesen soll hier die Rede sein — wurden in der Erzdiöcese St. Louis und in der Diöcese Alton vom Anfang September bis zum Schlüsse des Jahres 1858 durch die hochw. Patres Lüthe, Clauß und Brandstälter abgehalten. Die Erzdiöcese St. Louis hat 67 katholische Kirchen, von denen die meisten längs der beiden großen Ströme Missouri und Missisippi liegen. Von den deutschen Katholiken daselbst kömmt die Mehrzahl aus Niederdeutschland, doch gibt eS unter ihnen auch viele Bayern, Tyroler, Böhmen n. s. w. Die Missionsarbeilen begannen zu St. Louis in der St. Marienkirche, wo der hochw. Hr. Welcher, der eifrige Generalvicar der Diöcese, als Pfarrer wirkt. Während 10 Tagen täglich wurde dreimal gepredigt und manche Seele, die sich jahrelang verirrt hatte, kehrte wieder zum guten Hirten zurück. Nach der Mission gab ein Pater den Ursulinerinnen, die hier ein freundliches Kloster besitzen, eine blühende höhere Töchterschule leiten und im Stillen sehr viel Gutes zur Erweiterung des Reiches Gottes beitragen, während einer Woche die geistlichen Uebungen, sowie später auch den Zöglingen des Instituts. Es sind diese Klosterfrauen theils aus Oesterreich, theils aus Bayern durch den hochw. Hrn. Generalvicar Welcher hieher verpflanzt worden. Unterdessen hielten die andern Patres im nördlichen Theile der Stadt eine Missionserneoernng in der St. Liboriuskirche, wo den Winter zuvor bereits eine Mission statt gehabt hatte. In dieser Gemeinde zeigt sich, was eifrige und fromme Katholiken im Vereine mit einem guten Priester zu leisten im Stande sind. Obgleich die Gemeinde noch ganz klein ist, weil erst entstanden, so haben die Mitglieder derselben doch in kurzer Zeit eine große und schöne Kirche, sowie ein SchulhauS erbaut, haben dem Herrn im heiligsten Sacramente einen Altar errichtet, der allein 500 Dollars (1250 fl.) kostet, und fahren mit unermüdctem Eifer fort, bis Alles vollendet ist. Manche der Irrgläubigen sind daselbst schon zur katholischen Kirche zurückgekehrt, wie es auch bei dieser Renovation wieder geschah und fast bei allen Missionen vorkömmt. Nicht weit von der genannten Kirche steht ein protestantisches Gesang - und Predigthaus, dessen Thurm mit einem Kreuze durch den orthodoren Theil der Mitglieder geziert war; Anderen davon war dies jedoch ein Dorn im Auge. Sie nahmen deßhalb Stricke, Leitern und Hammer und schlugen das Zeichen der Erlösung von der Thurmspitze herab in den Koth der Straßen. Mitglieder der St. Liborius-Gemeinde kauften es und setzten es auf die katholische Kirche. Da riefen die Protestanten selbst aus: „Seht, wie die Katholiken das Kreuz ehren, das wir vernnehren." Dieß Ereigniß trug viel dazu bei, die Sache unserer heil. Kirche bei den Protestanten znr Veranschaulichnnq und Geltung zu bringen. Die nächste Mission war 150 Meilen südlich von St. Louis, in Perry County, und zwar in der St. Josephskirche zu Apple Creck, wo meistens Badcnser und Rheiubayern sich angesiedelt haben. In der Nähe wohnen eine Menge Altlutherauer auS Sachsen, die hier eine eigene Secte bildeten. Matt nennt sie auch Stcphanisten, da ihr Gründer oder Bischof Stephan hieß. Aber die Meisten sind schlecht auf ihn zu sprechen, weil er mit der ihm anvertrauten Kasse durchging. Sie gehören zu der Klasse der Pietisten, bei der jeder Bauer, der bibelfest ist, einen Prediger abgeben kann, und sind eben jetzt wegen des tausendjährigen Reiches in großer Uneinigkeit untereinander. Der Sohn eines protestantischen Predigers kam durch öfteres Beiwohnen der katholischen Missionspredigten znr Erkenntniß der Wahrheit und bat um Aufnahme in die katholische Kirche. Da die Leute alle zerstreut wohnen und die Wege nicht fahrbar sind, so kommt in der Regel Alles, Männer und Frauen, reitend znr Kirche, so daß die ganze Kirche von Reitpferden umringt ist. Obschon in Folge des damals stark herrschenden Fiebers sehr viele krank waren, so schleppten sie sich doch herbei; ja der Eifer war so groß, daß die Mehrzahl den ganzen Tag bis Abends 4—5 Uhr in der Kirche blieb. Man nahm sich ein kleines Mittagsmahl mit, um ja keine der Predigten zu versäumen. Zwei andere Missionen wurden hierauf abgehalten in St. Charles County nördlich von St. Louis in zwei Landgemeinden: zu Dardenne und Ellen Prairie, wo recht brave Katholiken wohnen. Sie haben aus eigenen Mitteln zwei hübsche Kirchen erbaut, denen nur mehr Weniges zur inneren Vollendung fehlt. Hierauf war eine Mission in St. Charles. Die Deutschen betheiligten sich mit großem Eifer an derselben und mehr als 550 empfingen die hl. Sakramente. Die nächste Mission gaben die Patres in Weston, einer Stadt am Missouri, noch 500 Meilen nordwestlich von St. Louis, dem in den letzteren Jahren so bekannt gewordenen Cansas Territorium gegenüber. Es war eine äußerst beschwerliche Reise, um auf dem Missonriflasse beim gerade herrschenden niedrigen Wasserstande mittels Dampfschiff aufwärts zu kommen und brauchte man deßhalb eine volle Woche, um Weston zu erreichen. Die letzte Mission im Staate Missouri war die in Neu-Bremen, einer Vorstadt von St. Louis, wo der thätige Pfarrer dortselbst gerade eine neue Kirche gebaut und vollendet hatte. Am Eröffnungstage der Mission wurde sie von dem hochw. Hrn. Erzbischofe feierlich consecrirt. Ueber tausend Gläubige nahten sich den heil. Sacramentcn. Ein reges katholisches Leben beseelt die ganze Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit wurde von den Patres auch ein Kreuzweg eingeweiht, dessen Stationsbildcr die schönsten im ganzen Westen sind. Sie sind das Geschenk eines frommen GemeindemikgliedeS. Die erste Mission im Staate Illinois,'Diöcese Alton, eröffneten die Patres in Bellville, einer Stadt von etwa 12,000 Einwohnern. Sie dauerte 12 Tage und Gott wirkte dabei viele Wunder der Gnade. Bei der Erneuerung der Tausgelübde entsagten sechs Protestanten ihrem Jrrihume, und wurden feierlich in Gegenwart von Katholiken und Andersgläubigen, welche das geräumige Gotteshaus ganz anfüllten, in die katholische Kirche ausgenommen. Mehrere Andere erklärten den Entschluß, denselben Schritt thun zn wollen, und das um so mehr, weil die Leere des Protestantismus für Geist und Herz besonders dort im Westen schmerzlich gefühlt wird. Darnach veranstalteten die Patres zwei andere Missionen, die eine in Ccntre- ville, die andere in Maskoutah. Am ersten Orte wagte es ein gottloser Mensch, ein ungläubiger Protestant, zn höhnen und zn spotten über die Misston und verschiedene Gotteslästerungen gegen die katholische Religion anSzustoßen. Er hatte kaum seine Lästerungen vollendet, als eine Drehmaschine, an der er gerade beschäftigt war, ihm die Arme wegriß. Jedermann sah dieß als ein Gottesgericht an. Die andere Gemeinde, die wegen Priestcrmangel in religiöser Beziehung ganz heruntergekommen war, wurde zu neuem Aufschwung begeistert und viele, die den hl. Sacramenten sich entfremdet hatten, nahten sich wieder ihrem Herrn und Gott. Auch eine öffentliche schon seit 13 Jahren dauernde bittere Feindschaft zwischen mehreren angesehenen Familien wurde bei dieser Mission aufgehoben. Nach einer brüderlichen, öffentlichen Versöhnung gingen Alle mitsammen zum Mahl der Liebe. Die Beobachtung der Kirchengebote, besonders der Fasttage, wurde dringend eingeschärft, weil davon in Amerika oft die Gnade des katholischen Glaubens ganz und gar abhängt. Ueber- Haupt ist für den Westen Amerikas jetzt der kritische Moment, ob der katholische Glaube das Volk durchdririgcn wird oder nicht; jetzt ist der Zeitpunct, wo die abgefallenen, aber nicht noch ganz erblindeten Katholiken zurückgebracht uud durch ein lebendiges, thätiges, ächt katholisches Beispiel den gleichsam im Naturzustände lebenden Protestanten die Augen öffnen sollen. Andere Missionen wirrten in der St. Marien-Gemeinde von James Will in der St. Michaelskirche zu Praierie du Long abgehalten. Die letztere Kirche war bis jetzt nur eine Blockkirche, d. i. aus zugehauenen Baumstämmen aufgeführt. In Folge der Mission einigten sich die bisher uneinigen Gemcindeglieder und wurden von solchem Eifer beseelt, daß sie auf der Stelle 2000 Dollars zeichneten, um eine ueue schöne Kirche aus Backsteinen zu erbauen. — Die letzte Mission war in Waterloo, dem Gerichtsorte von Monroe County. Sie sckloß am St. Stephanstage. So hatten die Patres Redemptoristen im Jahre 1858 in Nordamerika 13 Missionen, 1 Erneuerung und 2 RetreatS gegeben, dabei 4—500 Predigten gehalten und viele Tausende von Beichten gehört. Der größte Segen dieser Missionen besteht offenbar in der Bekehrung nnd Wiederbelebung einer sehr großen Zahl von Katholiken, die in ihrem Glauben tau geworden, ja denselben ganz verloren hatten. Eine unzählbare Menge von Zurück- erstattnngen gestohlenen oder unrecht erworbenen Gutes wurde gemacht. Und wenn auch viele der stattgehabten Bekehrungen von keiner Dauer waren — ist das nicht eine Folge menschlicher Armseligkeit überall? — so wurden doch auch überaus rührende Beispiele von Beharrlichkeit bekannt. Jedenfalls wurden Tausende und Tausende von Sünden wenigstens für eine Zeit lang verhindert — Gewinn genug, wenn die Missionen auch sonst gar keinen andern gehabt hätten. Auf die MifsionSthätigkeit der Jesuiten in Nordamerika werden wir in einem spätern Artikel zurückkommen. Arm und Reich. von. Karl Beycrl. (Fortsetzung.) Der Mann zögerte mit der Antwort. „Was nützt mir", sagte er endlich, „meine Sackühr? Sie geht schon lange nicht mehr. Trage sie zu einem Uhrmacher, es ist ein gutes altes Werk, das Silber ist vier Gulden werth." „Wie, deine Uhr?" entgegnete die Frau, „dein einziges Andenken an Vater nnd Großvater? Nein, lieber Mann, die Uhr ist dein ganzer Reickthum, und erst gestern wünschtest da nur so viel zu haben, um sie wieder richten lassen zu können." — „So versetze sie!" „Dann ist sie auch für uns verloren, wir können sie nicht mehr auslösen. Nein, ich will zu der reichen Frau gehen und sie um Arbeit bitten, ich kann schön stricken." Der Verwundete kehrte sich schweigend gegen die Wand. Die Frau küßte ihr Kind und eilte dem Palaste zn. Sie wußte, daß ArbcitSauflräge nicht von Agnesen selbst, sondern von einer Kammerjungfer besorgt wurden; eine dunkle Hoffnung trieb sie aber an, die Frau des HauscS selbst um Gehör bitten zn lassen. Diese erfüllte ihren Wunsch und empfing sie freundlich. Unter häufigen Thränen schilderte die Arme ihre Noth. Agnes trug ihr eine ansehnliche Bestellung auf, und da sie gleich vorausbezahlen wollte, fragte sie um den Preis. Die Arme nannte ihn. „So wenig?" rief Agnes verwundert. „Und wie lange brauchen Sie zu der ganzen Arbeit?" „Vierzehn Tage!" — „Wie kann man von solcher Arbeit leben?" „Wir leben nicht blos von dem," sagte die Arme, „mein Mann arbeitet im Taglohn, und ich stricke. DaS Spinnen wird noch schlechter bezahlt." — „Aber wer einzig vom Stricken oder Spinnen leben muß?" — „Der mnß sich anf's Aeußerste einschränken, auch erhalten Viele Unterstützung aus der Armenkasse." Agnes crröthete. „Gott!" rief sie, „einschränken bis zum Hungern, Unter- stütznng von der Armenkasse — und für wen! Nein, gute Frau, schenken Sie mir nicht die Hälfte Ihres verdienten Lohnes, fordern Sie." — Sie unterbrach sich selbst, öffnete rasch eine Chatonlle, nahm eine Geldrolle heraus, drückte sie der erstaunteu Frau in die Hand und sprach: „Nehmen Sie! kaufen Sie die Wolle, das Uebrige ist für die Arbeit." Die Arme fühlte die schwere Rolle kalt in ihrer heißen Hand, sie sah im Gedanken den Trost, die Hilfe in ihr Stübchen einziehen, sie konnte nicht spreche«. Thränen rannen ihr die Wangen herab und auf die freundlich dargebotene Hand der reichen guten Frau. Kaum war die Arme fort, so kam der Hausarzt, Doctor Helfer. Er fand Agnes in Aufregung; sie erzählte ihm den Vorfall. Des DoctorS Herz hob sich iu 55 Freude, er rieb sich vergnügt die Hände and sah sie mit einem seligen Lächeln voll Güte an. So traf Arthur Beide. Dieser wiederholte bloß, daß er im Allgemeinen immer mehr das Vertrauen zu den Armen verliere. „O Ihnen fällt die letzte Katzenmusik wieder ein!" rief der Doctor. „Warum nicht?" fragte Arthnr. „Dieß und noch viel mehr. Wie oft habe ich Dank gesäet und Undank geärntet, wie oft Haß für Liebe! Lassen Sie mich nur Einiges berühren. Ich unterstützte eine arme Wittwe mit vielen Kindern, sie verpraßte das Geld mtt eineip liederlichen Burschen, und mir legte der Pöbel die schlechtesten Motive unter; ich unterhielt dürftige Familien, aber die Kinder kamen nicht aus den Lumpen, die Väter nicht anS den Branntweinschenken. Als vor drei Jahren unser einziges Kind getauft wurde, ließ ich reichlich Almosen vertheilen, und als das holde Wesen kurz darnach starb, hörte ich zwei Bettler nnter meinen Fenstern sagen: „Dem ist recht geschehen, der Reiche soll auch fühlen, daß er ein Mensch ist." Genug, ich will nicht länger solche Erfahrungen machen; ich gebe jährlich eine namhafte Summe in die Armenkasse, damit habe ich gethan, was mau verlangen kann. Sie kennen mich, Sie wissen, von welchem Wohlwollen und Mitgefühle für alle Dürftigen mein Herz erfüllt war, und ist, aber auch der beste Wille mnß endlich erkalten, wenn er überall dem sinnlosen Hasse der Besitzlosen gegen die Besitzenden, dem Undanke und der Unwürdigkeit begegnet. Jeder Tropfen Liebe, den Sie in die Masse werfen, verwandelt sich in Gift in diesem Meere niederer Leidenschaften." „Nicht doch," rief AgncS mit Begeisterung, „jeder Funke Liebe erhellt weithin diese schauerliche Nacht! Nur die Liebe wird den Haß bezwingen! Es ist Wonne, Gutes zu thun! Sollte es so schwer sein, Herzen zu finden, die dafür empfänglich sind? Heute traf ich sie ungesucht. Seht die guten Lente da drüben am Fenster! Die Matter zeigt freudig das Geld, die Kinder umhüpfen sie, fröhlich sich sättigend, der kranke Mann schleppt sich herbei, er umarmt sein Weib, er nimmt etwas von der Wand und hält eS an's Fenster, nnn zeigt er es den Kindern — es ist eine Uhr, sicher sein einziger Reichthum, er wollte sie wahrscheinlich verkaufen und freut sich nun über ihre Rettnng. Seht nnn falten sie alle die Hände! Sie beten wohl für mich? Und was that ich denn? Ich gab der armen Frau nur einen freigebigen Arbeitslohn, indem ich nnr einmal von der allgemeinen Unsitte abwich, welche ihr Gold verschwenderisch in die reichen Magazine des ausländischen Laras wirft and die nothwendige und mühsame Arbeit der Dürftigen mit dem halben Preise bezahlt." Arthur blickte freundlicher auf die Erglühende, und-sie fuhr fort: Wir dürfen uns durch nichts abschrecken lassen, gut zu sein, und können wir auch nicht sein wie die Sonne, die über Gute und Böse mit gleicher Wärme strahlt, so bleibt es doch ewig wahr, waS Shakespeares Herzog Vinceutio sagt: „Der Himmel braucht uns, so wie wir die Fackeln, „Sie leuchten nicht für sich: wenn unsre Kraft „Nicht strahlt nach außen hin, wär's ganz so gut, „Als hätten wir sie nicht. Geister sind schön geprägt »Zu schönem Zwecke —. Agnes blickte wieder zu den frohen Armen hinüber, sie wünschte innig, dieß schon früher gethan zn haben, und auS ihrem Innern wallten in die Wohnung der Noth heilige Gedanken, die zu weitlenchtenden Segensstrahlen werden sollten. Der Doctor drückte warm Arthurs Hand und flüsterte: „Lassen Sie Ihre Gemahlin dem Zuge ihres Herzens folgen, sie wird eine der größten unter den Frauen werden!" — So sprach der gute Doctor und ging, dem armen Manne den Fuß zu verbinden. (Fortsetzung folgt.) r-'^HÜ- 'M5 -4»«^ S... W !W LB 56 Ein Amerikaner über den Kirchenstaat. In der zu New-Nork erscheinenden Zeitung „Tribüne" schreibt ein gewisser F. L. NicholS also: Ueber den eigentlichen Charakter und die Ausdehnung des päpstlichen Despotismus bin ich etwas im Unklaren. Unsere Aufklärer, die Zeitungsschreiber, ziehen es vor, in Allgemeinheiten sich zu bewegen, sie lassen sich nicht herab, auf Einzelnheiten einzugehen. Mau setzt von nnS, dem Publikum, stets voraus, daß wir von Allem unterrichtet seien. Hat man nnS nicht zu verschiedenen Malen gesagt, „die päpstlichen Staaten sind am schlechtesten regiert" rc., und daß eS nnnöthig sei, es zu wiederholen! Doch eS möge einem schlichten Manne, der bei weitem nicht alle jene Kenntnisse besitzt, die man von ihm voraussetzt, erlaubt sein, einige Fragen zu stellen. Worin besteht der Despotismus der päpstlichen Regierung? Besteht er etwa darin, daß Geistliche Civilämrer bekleiden? Durch viele Jahre hindurch waren die Priester, die im Kirchenstaate Aemter bekleideten, in viel geringerem Verhältniß als dies in manchem Staate unserer Union der Fall war, und ihre Besoldungen waren in noch geringerem Verhältnisse zu- den Besoldungen der weltlichen Beamten. Oder in der Kostspieligkeit der Verwaltung? Sie ist aber eine der sparsamsten in Europa. Die Besoldungen der höheren Beamten überschreiten nicht 3000 Dollars jährlich und die ganze Civilliste beträgt ungefähr 600,000 Dollars. Ist das Volk mit schweren Abgaben gedrückt? Die Abgaben in Rom sind geringer als in England, Frankreich oder New-Nork. Ist das Volk der Wohlthat des Unterrichts beraubt? Die päpstlichen Staaten haben bei einer Bevölkerung von weniger als drei Millionen sieben Universitäten; und die Stadt Rom. hat im Verhältniß zur Einwohnerzahl mehr Freischulen als New-Nork, und was noch mehr werth ist, dieselben sind von einer verhäliuißmäßig weit größeren Anzahl Kinder besucht. Vielleicht wird für die Armen nicht gesorgt und deren Leiden nicht beachtet? In Rom gibt eS verhältnißmäßig mehr und bessere Spitäler und Zufluchtsstätten für Kranke, Arme, Altersschwache, Leidende aller Art, als in jeder anderen Stadt in der Welt.. Es gibt keine Gestalt menschlichen Leidens, die dort nicht schnelle Hilfe fände. Zu Rom fragt man nicht, was ist des Mannes Heimath oder Glauben. ES genügt, daß er ein leidendes Geschöpf sei, um ihn dem Mitgefühl dieser — wenigstens in der Beziehung — christlichsten aller Städte zu empfehlen. Vielleicht hat eine schlechte Regierung das Volk in Pauperismus (Armuth) versetzt? Nein! die Statistiken Europa'S zeigen, daß in England, Holland, Frankreich und in andern freien und aufgeklärten Ländern ein verhältnißmäßig drei bis zehnmal so großer Pauperismus herrscht. Worin besteht den» also der schreckliche Despotismus? Die Regierung ist eine Wahlmonarchie. Es besteht eine liberale Verfassung, leichte Besteuerung, sehr wenig Armaih, eine ökonomische Verwaltung, wohlfeiler over ganz freier Unterricht für alle Classen und eine überreiche Zahl von Anstalten für die dürftige und leidende Bevölkerung. Ich wage zu behaupten, daß die einzige Stadt New-Aork Jahr für Jahr mehr Abgaben zahlt, von den unredlichen Beamten ärger bestohle» wird, mehr Arme zn unterstützen hat, mehr ungezogene Kinder enthält, von mehr Laster, Trunkenheit, Schurkenstreichen rc. zu leiden har, und überhaupt durch mehr Verbrechen heimgesucht wird, als die ganze nahe an drei Millionen zählende Bevölkerung des Kirchenstaates. So der ehrliche Amerikaner. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Sollen beten für einen verstorbenen Priester.5 fl. Stkdacrwu u»d Benag: r»r. Mar Hailter. — Lrulk »vu 0. M. Ktclitte. ke. AngMgtt AmtlijMatt. Hl'. 8. 19. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. (lllvilt» csttolics.) (Uebersktzimg der Kachel. Blauer aus Tirol.) (Fortsetzung.) Schon seit längerer Zeit waren geheime aber ernstliche Unterhandlungen wegen der Verbindung Maria Christinens von Savoyen mit König Ferdinand U. zwischen den Höfen von Neapel und Turin gepflogen worden, so daß man nun die Angelegenheit als abgemacht ansehen konnte. Da aber Carl Albert die Abneigung kannte, welche Christine gegen die Ehe zeigte, so ließ er kein Mittel unversucht, sie nach seinem Willen zu stimmen. Alle, die sie umgaben, bemühten sich im Auftrag des KönigS mit lästiger Zudringlichkeit, auf sie einzuwirken. Christine schätzte Anfangs den erst unlängst erfolgten Tod der Mutter vor, dann die Vorliebe znr Einsamkeit, und mehrere andere Gründe, um ihre Abneigung vor einer Standesänderung kundzugeben. ES kam aus Lacca die Herzogin, ihre Schwester, um sie zur Einwilligung zu bewegen, auch wurde sie zur Herzogin von Modena geführt, welche sie als die älteste Schwester wie eine zweite Mutter liebte und verehrte; aber Alles umsonst. Für Diejenige aber, welche nur durch geistliche Beweggründe geleitet wurde, mußte die Stimme dessen, der an Gottes Statt ihre Seele führte, das größte Gewicht haben. AIS der Beichtvater ihren festen Entschluß, in's Kloster zu gehen, vernahm, sagte er zu ihr: „Der Stand, den Sie erwählen wollen, ist sehr beschwerlich, und erfordert große Tugenden und einen besondern Beruf; ich meine aber, daß Gott von Ihnen dies nicht verlangt, sondern daß eS Ihm vielmehr angenehm wäre, wenn Sie die Verbindung eingingen, die er selbst Ihnen anbietet." Dies war hinreichend; in ihrer ungewöhnlichen Demuth glaubte sie wirklich, die für den geistlichen Stand nöthigen Tugenden nicht zu besitzen, und tröstete sich damit bei diesem schweren Acte des Gehorsams; sie blieb eine Zeiilang ruhig and in sich versammelt, und sich dann dem Ausspruche ihres Beichtvaters fügend, willigte sie endlich ein, die Gemahlin des KönigS beider Sicilien zu werden. Wir wissen nicht, aus welchen Gründen der Mann Gottes diese Worte sprach, wohl aber, daß kraft derselben ein Opfer beschlossen worden, welches den königlichen Thron in den Augen der Völker verherrlichte, und der katholischen Kirche in kurzer Zeit eine jener heißen Thränen trocknete, deren sie so viele über ihre treulosen und aufwieglerischen Kinder weint. In den Tagen lebendigen Glaubens leuchtete die Heiligkeit auf dem Throne und an den Höfen der Könige ebenso, und vielleicht noch mehr, als in den Hütten der Armen und in den Zellen der Orden. Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, England, Schottland, Ungarn, Dänemark gaben von ihren Königen und Fürsten der Kirche so viele Heilige, daß, wenn man die geringe Anzahl so hochgestellter Personen im Verhältniß zu andern anschlägt, viel mehr Heilige unter den Ersten zu finden sind, als in jedem andern Stande. Und es war wirklich ein herrliches Schauspiel, wel- ches Erde rrnd Himmel erfreute, jene Helden und Heldinnen, welche man auf dem Throne bewundert hatte, auch auf den Altären verehrt zu sehen, was leider in unsern Zeiten nicht mehr so oft geschieht, wo, nachdem der Glaube verschwunden, die Fürsten beinahe freiwillig die durch Gottes Gnaden sie schmückende Krone niederlegten, nm sich durch die Gnade des veränderlichen, unsteten Volkes auf ihren Sitzen erhalten und geschützt zu erklären. Es fehlten zwar auch in diesen schlechten Zeiten den königlichen Höfen nicht alle heldenmüthigen Tugenden; und eS scheint eine besondere Fügung der Vorsehung, daß die beiden, den Ehren der Heiligen nächstftehenden königlichen Frauen, Clotilde und Christine, ihre Nichte, aus dem Hanse Savoyen hervorgehen sollten, unter dessen Schild jetzt so gotteSräuberische Willkür gegen die Kirche und ihr Oberhaupt geübt wird. Eben deßhalb war es nöthig, daß jene Blume nicht in ein Kloster, wo, Gott sei Dank, noch viele andere gedeihen, sondern in eine Königsburg gepflanzt wurde, wo sie wegen der Seltenheit auf solchem Erdreich desto Hellern Glanz der Heiligkeit verbreitet hat. Und wahrlich, Alle, die sie kannten, sagten schon bei der Trauung voraus, was sich in der Folge durch die That bewährte. Bei ihrer Abreise im November 1831 war am ganzen sardinischcn Hofe, wie auch im Gefolge des Königs von Neapel, welches zu seiner Begleitung mit nach Genua gekommen war, nur Eine Stimme: Christine sei ein Engel. Und erst als das neapolitanische Volk mit seinem so warmen Herzen und so lebendigen Glauben, mit seiner so feurigen Phantasie und ausdrucksvollen Affectcn, das sich in dichtem Gedränge bei ihrer Ankunft versammelt hatte, jene demüthige, aber würdevolle Haltung der Prinzessin beobachtete, welche in ihrer blendenden Schönheit, in der Blüthe der Jahre und auf dem Gipfel irdischer Hoheit der bewandertste Gegenstand des glänzendsten Hofstaates war, da hörten die Freudenrnfe, die Bewunderung und die Segenswünsche nicht mehr auf, und wie aus Einem Munde erscholl es, in Neapel sei eine heilige Königin angekommen. Als die königliche Jungfrau Gattin und Königin geworden war, setzte sie sich eine feste Richtschnur des Handelns vor, welcher sie ihr noch übriges Lrben mit un- verbrüchlicher Ausdauer nachkam; leider dauerte dies nur so kurz! Als Gattin hatte sie sich vorgenommen, in Allem dem Fürsten, der Thron und Scepter mit ihr getheilt, unterworfen zu sein, ohne jedoch zu versäumen, ihn immer vom Guten zum Bessern hinzuleiten. Außerdem wollte sie in der königl. Familie das goldene Band des Friedens sein, der süße Strahl der Freude, der Trost, die Eintracht, daS gute Beispiel für die ganze Königsburg. Sie hatte Schwiegermutter, Schwäger und Schwägerinnen, war von Hofdamen, Fräulein und zahlreichen Hausgenossen umgeben, denen Allen sie sich stets liebreich und hilfreich nach eines Jeden Bedürfniß zu zeigen sich vornahm. Von der Schwiegermutter angefangen, welche in den Familien oft ein Stein des Anstoßes für junge Frauen ist, wenn sie nicht die nothwendige demüthige Bescheidenheit und Selbstbeherrschung besitzen, ermangelte sie gegen dieselbe keiner irgendwie denkbaren Ehrerbietung. Sie erbat sich Anfangs vom Könige die Erlaubniß, ihr täglich die Hand küssen zu dürfen, und brachte ihn am Ende alle Tage selbst dazu. Ja, in den Verhandlungen steht, daß, „wenn sie zehnmal des TageS mit der Königin zusammentraf, sie ihr zehnmal die Hand küßte, und zwar mit solcher Ehrfurcht, daß sie beinahe vor ihr niederkniete. Den übrigen Verwandten begegnete sie mit so vieler Zuvorkommenheit und Zutranlichkeit, daß sie ihre Herzen, wie jenes der Königin-Mutter, vollständig gewann. WaS die Dienerschaft betrifft, so verhielt sie sich stets mit bewunderungswürdiger Bescheidenheit gegen dieselbe, und wenn sie etwas von Jemand derselben forderte, geschah es immer mit der Formel: „Thun Sie mir die Gefälligkeit." Noch besonders hervorzuheben ist die Gleichmäßigkeit ihres Betragens gegen Alle, wodurch sie die Eifersucht unter ibrer Umgebung verhinderte, so daß sich Jeder selbst für den von ihr Bevorzugten hielt. Und da dies eine schwierige Aufgabe ist, besonders bei lebhaftem feurigem 59 Charakter, so betete sie jeden Morgen um diese Gabe, „wie uns die Königin selbst erzählte." Die liebevolle Unterwürfigkeit, welche sie dem Könige, ihrem Gemahl, erzeigte, läßt sich kaum beschreiben. ES schien, als ob sie keinen eigenen Willen gehabt, oder daß sie den Willen des Mannes, den ihr Gott gegeben, zn dem ihrigen gemacht hätte; und eS ist gewiß etwas Außerordentliches, daß Mehrere eidlich versichern können, niemals habe man eine Handlung beobachtet oder ein Wort vernommen, welches auch nur von ferne einen Widerspruch gegen einen Wunsch des Königs angedeutet hätte. Ueber diesen Punct sind viele Einzelnheiten in den Verhandlungen aufgezeichnet; wir wollen nur die Eine anführen, daß, so oft Christine Briefe von ihren Schwestern erhielt, sie selbe zuerst immer «»eröffnet ihrem Gemahl übersendete, und selbe erst dann las, nachdem sie ihr vom Könige wieder waren eingehändigt worden. Da sie wegen ihrer anerkannten Klugheit von dem Könige und von den Staatsmännern oft in schwierigen Fällen zu Rathe gezogen wurde, so antwortete sie dann gewissenhaft nach ihrer Ueberzeugung; aber in ihrem gewöhnlichen Umgänge mit dem Könige verließ sie nie ihre Einfächheit und Demuth. Es wird unsern Lesern gewiß erwünscht sein, zn hören, wie König Ferdinand II., rühmlichen Angedenkens, selbst seiner Christine Lobeserhebungen spendet, und wie er keinen Anstand nimmt, frei zu bekennen, daß er durch ihre gütigen und freundlichen Bestrebungen in den drei glücklichen Jahren seines Zusammenlebens mit ihr nicht wenig in der Frömmigkeit gefördert worden sei. Ebenso wie Clotilde bei Clodwig, König der Franken, wie die hl. Elisabeth bei Ludwig, Landgrafen von Hessen und Thüringen, und die heil. Hedwig bei Heinrich, Herzog von Polen und wie viele Andere, wirkte sie bei ihrem Gcmabl sehr mächtig für den Fortschritt in den christlichen Tugenden. DaS m:t einem Eide bekräftigte Zeugniß des Königs lautet also: „Die Dienerin Gottes, unsere erlauchte Gemahlin, ist während der ganzen Zeit ihrer Ehe religiös und fromm und in Sitten makellos gewesen; die Erhabenheit ihrer Würde paarte sie mit Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, so daß wir versichern können, daß sie uns nie Anlaß auch nur zur geringsten Klage gegeben hat; im Gegentheil war sie es, welche bei znwei- ligen, in keiner Familie zu vermeidenden Vorfällen durch ihre Ansprnchlosigkeit, durch ihre religiöse Gesinnung und bewundernugswürdiges Benehmen immer Alles wieder in'S rechte Geleise brachte. Man bewunderte ihre Zurückhaltung in Worten und im Benehmen, während sie doch immer ihre Würde hehaupteke, und dabei die wahre Demuth eines echten Christen bewahrte. Ihr Betragen hat nie zu irgend einer üblen Nachrede Gelegenheit geboten." Weiter unten seht er noch hinzu: „Wir gestehen, daß wir der Dienerin Gottes sehr viel verdanken, indem sie unS stets zn Uebungen der Tugend und Frömmigkeit angeleitet, und von vielen geistigen Uebeln bewahrt hat, da ihre Ruhe, Sanftmuth und Frömmigkeit auf uns stets großen Eindruck machte." (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen der Katholiken in Polen. I. G In dem Regierungsbezirke von WitebSk (Alt-Weißrußland, einem Theile des frühern Königreichs Polen), Distrikt Dryzna, liegt ein großer Marktflecken, Namens Dzierzanowicze, deren Bewohner als Grundholden einem Herrn Anton von Kor- sack zugehören. Die Vorfahren dieser adelichen Familie gründeten vor unvordenklichen Zeiten daselbst eine Pfarrkirche und überließen die Seelsorge in derselben den ehrwürdigen Vätern der Dominicaner. Auch noch mehrere umliegende Ortschaften wurden diesem römisch-katholischen Kirchensprengel zugetheilt. Im Jahre 1842, während der großen Verfolgung der mit den Katholiken nnir- ten Griechen, fiel man auch über die Kirche und Pfarrei Dzierzanowicze her, unter dem Vorwande, dieselbe habe früher zu den nnirtcn schismatischen Griechen gehört. Man nahm daher diese Kirche zn Dzierzanowicze zu Gunsten des Schisma weg, und die Pfarrei sah fich gezwungen, nach der Waldkapelle Siodlowo sich zurückzuziehen. Allein schon nach Verlauf eines Jahres befahl der abtrünnig gewordene Bischof LusyuSki, ein würdiger Geselle des Erzapostatcn Siemaszko, daß diese Pfarrei, wie so viele andere in gleicher Bedräugniß, zum Uebertritte gezwungen werden solle. Das Verfahren, das man dabei anwendete, ist bekannt. Man organisirte eine sogenannte orthodore MissionSgesellfchaft aus griechischen Priestern, Polizeibcamten und Jnfanterieabtheilnngen. Dicke BekehrungStrnppe begann damit, die Katholiken zur Theilnahme an der Kommunion in der griechisch n Kirche aufzufordern, um dadurch ihre Anhänglichkeit an den griechischen Glauben bezeugen zn können. Da jedoch dergleichen Aufforderungen immer fruchtlos blieben, so trieb man das Volk mit Bajonetten in die griechische Kirche, und jene, denen nicht das Glück zu Theil wurde, ihr Widerstreben mit dem Tode büßen zn können, warf man anf das Kirchenpflaster hin nnd zwang ihnen, die bereits mit Blut bedeckt und in verzweifeltem Kampfe ohnmächtig geworden, die Kommunion mit Gewalt anf. Nach solch schauderhaftem Verfahren, das an Mehreren verübt wurde, erklärte man die ganze Pfarrei für griechisch rechtgläubig oder orthodor. Vorstehend geschilderte, allgemein angewendete Vergewaltigung mußte in seiner ganzen Strenge die Gemeinde Dzierzanowicze unter der Regierung deS Kaisers Nikolaus l. im Jahre 1843 erdulden. Unter Kaiser Alexander ll. wiederholte sich diese Handlungsweise 1858 abermals an dem nämlichen Unglücksorte. Diese Pfarrei blieb nämlich während des langen Zeitraums von 15 Jahren, wie so manche andere, die mit ihr ein ähnliches Schicksal rheilte, der katholischen Religion treu. Kein Mitglied betrat die russische Kirche. Die Eltern tauften ihre Kinder selbst, und junge Leute enthielten sich von jeder ehelichen Verbindung mit Andersgläubigen- Dessen uugeachter spiegelten die Popen, griechische Geistliche, der vorgesetzten Behörde immer vor, alle Einwohner wären sehr zufrieden, der Orthodoxie ganz eifrig ergeben und verrichteten immer regelmäßig ihre Religionspflichten zn Ostern in der schismatischen Kirche. Dieser Zustand, der fast in allen zur griechischen Kirche gewaltthätig gedrängten Gemeinden derselbe war, währte in der Pfarrei Dzierzanowicze bis zum Jahre 1857. Da richteten die Mitglieder derselben, anf die Milde des Kaisers Alexander li. bauend, ein Bittgesuch um freie Ausübung ihrer katholischen Religion an ihn. Dieses Gesuch wurde aber von der einschlägigen hohen Stelle mit Verweis zurückgesendet, und die guten Leute wagten eS, dasselbe 1858 zn erneuern. So große Beharrlichkeit beunruhigte jedoch die Provinzialbehörden, nnd der Bischof LuzynSki ordnete eine neue Mission ab, ähnlich der von 1843. Anf sein Ansuchen beauftragte Kolokoliow, der Gouverneur von WitebSk, den StaatSrath Howorowicz, sich mit dem Abgeordneten des abtrünnigen Bischofs, dem Erzpriester Humilew, nach Dziernowicze zu begeben, um durch vollständige Bekehrung der dortigen Einwohner, die doch im Jahre 1853 (43?) daselbst einen so guten Anfang genommen, Ruhe und Ordnung herzustellen. Genannte Herrn kamen Anfangs April 1858 in Dzierzonowicze an. Denselben waren weiter beigegeben derDistrictS- Polizeichef Spodarcon mit seinen zwei Assessoren ZelinSki und Loweyko und ein Stellvertreter Namens Popowy, der später durch einen dritten Assessor, Namens SidelSky, ersetzt wurde. Mehrere griechische Geistliche, deren Zahl in der Folge bis anf 40 anwuchs, und endlich eine Abtheilung Truppen, bildeten die nunmehrige BekehruugS- misfion. 61 Mit Austheilnng von Faustschlägen und Prügeln wurde dieselbe eingeführt, und ihr erstes Geschäft war, herauszubringen, wer die Verwegenheit haben konnte, zur Abfassung eines Bittgesuchs an den Kaiser zu rathen und dasselbe niederzuschreiben. Schon floß allenthalben Blut. Da trat beim Anblicke so vieler Glaubensbe« kenner ein Mann hervor, der zur Schonung der Uebrigen bereit war, allein sich dem Martertode zu weihen. Sein Name ist Vincent. Er war Schlosser und Chirurg im Orte, geliebt und geachtet von Allen, weil er in Allem Helfer und Stütze im Glauben zugleich war. Auf ihn entlud sich nun die ganze Wuth der Popen und der Mannschaft. Man schlug ihm die Zähne ein, trat ihn mit Füßen und mißhandelte ihn der Art, daß er keinem Menschen mehr gleich sah. Obwohl dem Tode nahe, unterlag doch seine kräftige Natur nicht ganz, aber er verlor seine Besinnung, und in diesem Zustande warf man ihn, schwer mil Ketten belastet, nebst noch drei Andern, die man für Mitschuldige hielt, grausam in einen schauerlichen Kerker. Da man aber diesem Nur glücklichen kein Gcständniß irgend einer Art zu erpressen vermochte, so kehrte man seine Behausung von unten zu oberst, durchstöberte alle Winkel, um nur ein Anzeichen von dem angeblichen Staatsverbrechen zu entdecken, etwa eine Liste der Ver- schwornen, oder vielmehr der eifrigsten Katholiken, und diese Hausdurchsuchung geschah mit solcher Unmenschlichkeit, daß die Frau des Vincent und eine ihrer Nachbarinnen, die eben guter Hoffnung waren, eine Frühgeburt erlitten und Beide TagS darauf in Folge dessen starben. Die Gefangenen wurden Anfangs in Deyzna und später in WitebSk eingesperrt, wo sie vorläufig den gemeinsten Slräflingsarbeiten unter- warfen waren. Diejenigen, welche bei diesen ersten Vorgängen am meisten durch Grausamkeit sich hervorthaten, waren die Popen, der Polizei-Director Spodariow und der Assessor ZalinSki. Man konnte aber auch nicht einmal eine Abschrift von dem erwähnten Bittgesuch au den Kaiser entdecken, so sehr man eine solche aufzufinden sich Mühe gab. Da versuchte man mit der nämlichen Rohheit jene katholischen Geistlichen ausfindig zu machen, bei denen dieses brave Volk während eines fünfzehnjährigen Katacomben- lebens seine Beichte verrichtete. Aber auch hierüber wurde nichts verlantbar, so daß man am Ende den Verdacht schöpfte, eS könnten dieß wohl keine andern sein, als die dem Orte zunächst liegenden Dominicaner. Einige Tage darauf traf der Gendarmerie-Oberst Losiew mit mehreren seiner Leute ein, und gab Befehl, alle Mannschaft von der ganzen Umgebung habe in Dzierzanowicze sich zu versammeln. Hierauf verlegte er sie zu den Bauern der Pfarrei inS Quartier, mit dem Auftrage, durch alle erdenklichen HauSqnälereien an dem Be- kehrungSwerke mitzuwüken. Er selbst stieg im Schlosse ab und stattete eine Abtheilung, das sogenannte schwarze Zimmer, mit den nöthigen Folterwerkzeugen für die Bauern aus, die einer nach dem andern herbeigerufen wurden. Fortwährende Schmerzensrufe und Stöhnen von diesem Zimmer her kündeten die Art der apostolischen Mission an, die daselbst gehalten wurde. Unterdessen waren die Popen nicht minder eifrig. Ueberall schlichen sie, zwei oder drei beisammen, in und außerhalb der Dörfer umher, und wo sie irgend einen einzelnen Bauern abseits überraschen konnten, fielen sie über ihn her, schlugen ihn nieder mit dem wüthenden Rufe: „Bekenne die Wahrheit und nimm unsern Glauben an." (Fortsetzung folgt.) Ä7, '«^..7^-'.^-/>Et»74-7? 62 M IM M IN-, Arm und Reich. Bon Karl BcyerI. (Fortsetzung.) II Wc>ui ich die Sprache der Menschen und der Engel redete, hatte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. Ja, wenn ich mein ganzes Vermögen zum Unterhalte der Armen austheilte, und meinen Leib hin- opserte, so daß ich mich verbrennen ließe, es fehlte mir aber an Liebe, iv hülfe es mir nichts. l. Korinth. XIII. 1. und 3. Es ist eine der größten Schändlichkeiten der schlechten Literatur, daß sie so oft die Würde der Frauen in den Staub tritt und ihre Heldinnen — namentlich in den höheren Kreisen — als unnatürliche Mannweiber oder als mnth- und kraftlose Geschöpfe malt. Blickt hin auf die heiligen Heroinen der Vorzeit, seht in der Gegenwart auf jene geweihten Jungfrauen, welche der Welt und ihren Freuden entsagend sich mit innigster Hingebung dem schweren Berufe der Erziehung widmen oder in freiwilliger Armuth ein ganzes reiches Menschendasein dem dornenvollen Dienste bei Kranken, Sterbenden nnd Todten opfern! Schauet auf die vielen hochherzigen und zartfühlenden Frauen unserer Zeit vom Throne bis zur letzten Hütte, gedenket eurer Mütter und der Sorgen nnd Schmerzen des Mntterhcrzens! Thut dies Alles, und ihr werdet die Geschöpfe einer George Sand erbärmlich finden! Agnes war eine wahrhaft fromme nnd edle Frau. In ihr hatte der Schöpfer recht herrlich sein Ebenbild ausgeprägt: in der schönen Form die schöne Seele. Ein reiches, inniges Gemüth, ein unauslöschliches RcchtSgefühl, das Bewußtsein ihrer Würde und Pflicht und vor Allem der reine Wille, nur Gott wohlzugefallen, machten sie zu einem jener liebenswürdigen Wesen, die ihre ganze Umgebung mit einem Lichtkreise des Friedens und der Freude erhellen. MD - kii In der weisen nnd eintrachtsvollcn Regierung Gottes wird die Absichr im allerhöchsten Grade erreicht, nach welchem die menschliche Politik ringt, daß nämlich jedes Mitglied das gemeinsame Beste befördere, indem es an seinem eigenen Wohlsein arbeitet, denn kein verständiges Wesen kann seine wahre Glückseligkeit befördern, ohne ein Wohlthäter der ganzen Schöpfung zu werden, so genau, so unzertrennlich hänget im Staate Gottes das besondere und allgemeine Interesse zusammen. Moses Mendelssohn. Arthur, Agnes und der treue Hansfreund saßen in einer Laube im Garten. Agnes erzählte ihren Traum und offenbarte ihren Entschluß, selbst einige arme Familien zu besuchen und den Armen und Bedrängten fortan den Zutritt zu ihr zu gestatten, um ihre Bedürfnisse und die Mittel zur Abhilfe in Wahrheit kennen zu lerne». „Denn gewiß", fügte sie bei, „mit dem kalten Gelde allein ist nicht geholfen, dem Armen gereicht oft ein guter Rath, ein freundliches Wort zu größerem Nutzen nnd Troste, als ein Geschenk, das ihm blos wie eine Abfindung für seine Ansprüche auf Menschenglück und Menschenrang zugeworfen wird." Arthur blickte mit Wehmnth in daS unschuldige, von innerem Frieden selig- strahlende Antlitz seiner Gemahlin. „Armes Kind", sagte er, „fürchtest du keine Ent- täuschung? Wird nicht die Menge deine Seelengute als einen Tribut au ihre wach- 63 sende Macht betrachten? Wehe dir, wenn dn die Würdigen beschenkst! die schlimme Mehrzahl wird dir deßwegen znm rachesüchtigen. Feinde. Willst du daS finstere Chaos der Leidenschaften, welche über die Masse wogen, mit dem Lichte der Bildung erhellen, die Entarteten mit der sittlichen Reinheit adeln, in welcher die Liebe lebt? Erinnere dich an die Warnung in Schiller'S Glocke: „Web denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Hinnnelsfackel leih'n, Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden, Und äschert Stadt' und Dörfer ein." „Erlaube mir", erwiderte Agnes sanft, diesen Versen andere eines bekannten Dichters entgegenzusetzen, die, wenn ich nicht irre, so lauten: „Was der größte Schmerz im Leben? Ganz in Liebe zu entbrennen, Nah sich stch'n, sich nicht umfassen. Und sich, ach! nicht lieben können! —" So ist's zwischen den Vornehmen und Geringen; Gott schuf sie zu gleichem Ziele, sie möchten sich gegenseitig beglücken, sie entbrennen in Liebe, sie stehen sich so nahe und können sich nicht umfassen, und ach, nicht lieben! Das ist der große Schmerz unserer Zeit! Eine Mauer von Eis durchschneidet die Menschheit: der Stolz! Leider ist es bittre Wahrheit, daß die Stände vielfach nur in ihrem Kreise den Menschen anerkennen, daß die Glücklichen verachten, die Entbehrenden trotzen! Die Liebe, welche Alles kann, Alles überwindet, die weltbefreiende Liebe wird auch diese Götzenmaner mit ihrem Strahle zerbrechen. Durchdränge ein echter christlicher Sinn die Welt, o dann wäre nicht dieses Mißbehagen in den feindlich sich aneinander reibenden Schichten der Gesellschaft, dann gäbe eS wieder eine hehre einige Menschenfamilie, die Mißtöne würden nicht mehr in Chören erschallen, sondern vereinzelt in der großen Harmonie verklingen." . „Gut, aber wie willst du mit Erfolg in diesem Sinne wirken?" fragte Arthur. „Nichts ist leichter", entgegnete Agnes, „ich wirke im Stillen." Arthur sann nach. Endlich sagte er gerührt: „Folge deinem Herzen und laß mir die Freude: dich dabei zu unterstützen. Wie wäre es, Doctor! wenn wir auch beitrügen?" — „Einverstanden!" rief Helfer fröhlich. „Wir wollen uns noch darüber berathen. Es wird sich Manches finden." — „Genug, genug!" meinte der Doctor. „Ich könnte zum Beispiele", sagte Arthur, „fleißigen Gewerbslentcn kleine Capitalien ohne Zins vorschießen?" — „Ja, thun Sie das, solche Capitalien sind nie verloren!" „Auch werde ich noch mit meinen Freunden darüber sprechen", fuhr Arthur fort. „Ich auch", sagte Helfer. Agnes lächelte selig. „Fürwahr", sagte sie, „so gut hätte ich eS nicht erwartet. Ihr seid ja schon ganz auf meiner Seite. Lieber Arthur! führe deine edle Absicht durch, du wirst himmlischen Lohn empfangen. O wie viele Familien, die jetzt für immer verloren sind, hätten im rechten Augenblicke mit einer kleinen Beihilfe für immer gerettet werden können! Gewiß, dn wirst noch viele dankbare Menschen durch dich glücklich sehen! Nun aber wollt ihr hören, was ich in den letzten drei Tagen so heimlich that, daß es selbst euch verborgen blieb?" Auf die bejahende Bitte deS Gemahls und des Hausfreundes holte Agnes ihr Tagbnch und laS: „Den 16. August 18^8. Mit dem Beistand der Himmelskönigin trat ich heute Nachmittags von Hedwig begleitet meine Reise in das Vandiemensland unserer Stadt an. Die Vorsehung lenkte unsere ersten Tritte. Wir gingen über den Promcnadeplatz, auf dem eben die Oleanderstanden in voller Blüthe stehen. Wir eilten an einer ärmlich gekleideten Frau vorüber, welche ein etwa sechsjähriges Mäd- chen an der Hand führte. „Sieh, Mntter, die schönen Blumen!" rief munter das I.H- '< 7 ' IM?! 8 iW 64 Mädchen. „Ach, Kind", sagte die Frau, „laß mich mit deinen Blumen, ich wollte lieber, ich wüßte, wo ich auf dse Nacht Brod hernehme." Im Weitergehen hörte ich die Frau noch seufzen: „Ach Gott! eS ist schrecklich! nun stirb nur, ThereSchen, wir haben nichts mehr zu essen!" Ich wandte mich um und sah ein leidvolles Gesicht zum Himmel schauen. Schnell waren wir bei der Frau und gingen mit ihr in ihre Wohnung. Sie ist eine verschämte Hausarme, eine Wittwe mit sieben Kindern, zwei davon sind krank, die Mutter muß sie verpflegen und kann also wmig verdienen. Welches Elend! „Wir wären ohne den Doctor Helfer, der uns wöchentlich eine Unterstützung gibt, längst verschmachtet", sagte die Arme. Der edle liebe Doctor, er schenkt Alles seinen Armen, er muß selbst arm sein! „Wenn der gute Doctor wieder zu der Wittwe kommt, wird er freudig sehen, daß Frauenhände dort walteten; die zerrissenen Kleider, die modrige Spreu, die papiernen Fensterscheiben sind verschwunden, die kleinen Kranken liegen in reinlichen Betten, die gesunden Kinder sitzen sauber gekleidet um ein blankes Tischlein von Fichtenholz und lernen vergnügt und stolz in neuen Schulbüchern; die größeren stricken, spinnen oder malen nach meiner Anleitung Bilderbogen für eine Spielwaaren- Handlung; so verdienen sie schon etwas. Der Mutter, einer geübten Stickerin, habe ich einen Auftrag gegeben und die Materialien verschafft, deren sie znr Stickerei bedarf. Es sieht jetzt dort, wo erst eine düstere Keuche war, Alles so freundlich aus, und die Sonne blickt mit Lust durch die hellen, von Schlingpflanzen umrankten Fenster über die Blumen, welche ThereSchen bcgießt, in das heitere Stübchen. Mit den Arbeitswerkzeugen, die ich den Guten kaufte, hoffen sie nun, die größte Noth schon abwehren zn können, und die Mutter glaubt, das kleine Capital, das ich bei ihr anlegte, nur selten angreifen zn dürfen. Hätte mir doch heute mein Arthur zugesehen! Mit dem ersten Tage bin ich sehr zufrieden." „Den 17. August 1848. Heute führte mich Hedwig zu einer Sterbenden. Am äußersten Ende der Hauptstraße hinter den stolzen Palästen der Glücklichen steht in der Stadtmauer ein uralter Thurm. In diesem ist ein enges Gemach, durch dessen zersprungene Fenster der Wind saust. Dort lag eine junge Wittwe auf hartem Lager. Sie hatte die heiligen Sterbsacramente schon empfangen und betete. Ihre vier Kinder knieten schluchzend neben ihr. Die armen Kleinen, zwei Knaben und zwei Mädchen, sollten nun getrennt werden, denn das Waisenhaus sondert seine Zöglinge nach den Geschlechtern ab. Die arme Mutter warf noch einen Blick voll Liebe und Schmerz auf ihre Kinder. „Ich will für sie sorgen!" rief ich und sie lächelte selig, im Verscheiden noch einen leuchtenden Blick auf mich werfend." „Ich war tief erschüttert und weinte laut mit den Kindern. Hedwig richtete mich auf. Sie gab mir den Rath, die Kinder einer braven, kinderlosen Familie znr Erziehung gegen billige Vergütung zn übergeben. Dieß, sagte sie, könnten wir noch öfter thun. So thaten wir denn, wir brachten die Kinder zu einem braven Schreiner, der mit seiner Gattin Elternstelle an ihnen vertreten wird. So werde ich noch öfter verlassenen Kindern einen Vater und eine Mutter geben, und wenn mein Nadelgeld nicht mehr hinreicht, dann weiß ich ja besser als die armen Waisen, wo ich betteln darf, die Cassa meines theuren Arthur ist ja reich, und noch reicher ist sein Herz." (Fortsetzung folgt.) W Äeoacnvil und Verlag: Max Huttlcr. —- Lrua ven M. Kleinte. 62- Beilage zum AugSb. Sountagsblatt Nro. 8. Arm und Reich. (Fortsetzung zu II k ES war am 15. August 18^8. Die Glocken läuteten feierlich durch die Abendstille den Tag zur Ruhe, an welchem einst die Himmelskönigin zum Throne ihres ewigen Sohnes emporschwebte. Und als das Ave Maria der Thürme verhallt war, als die Nacht kam, und die geheimnißvolle Weltenschrift des Allmächtigen am Himmel flammte, da eilte Agnes an den Flügel, die Saiten erklangen seelenvoll unter ihren Händen, und in den reinsten Tönen sang sie sehnend und ahnend ein Lied an Madonna. Und drüben öffnete der arme Mann das Fenster und lauschte mit den Seinen und sagte: „Müßte ich den Flügel der edlen Frau stundenweis zu ihr schleppen, ich würde en freudig thun. Wie sie singt! So muß es droben über den Sternen klingen!" — Als die Reichen drüben anf seidenen Kissen, die Armen herüben auf ihrem Strohlager mit friedlichen, der Versöhnung geöffneten Herzen entschlummerten, da schwebten liebende Engel herab auf die Träumenden und aus dem Allerheiligsten des Himmels strömte der Eine Segen des Vaters ungetheilt auf Palast und Hütte. Einschlummernd wiederholte sich Agnes die Gedanken und Gefühle des vergangenen Tages. Sie erinnerte sich, wie sie einst von Visionen frommer Seelen gelesen und dabei ungläubig gelächelt hatte — jetzt war ihre Stimmung eine andere, heiligere — sie gedachte der Erscheinung des Engels vor Maria, der Bekehrung des Paulus, des Auferstehungswunders; sie erwog, wie schon die Gemälde eines Raphael dem Widerglanze aus einer höheren Welt gleichen, wie göttlich erst ein Bild sein müsse, blos vom gläubigen, gotterfüllten Geiste im Momente der glühendsten Entzückung erschaut in einer Schönheit, wie keine Kunst sie, die überirdische Erscheinung, festzuhalten vermag; sie sehnte sich, ihr Seelenauge möchte einem solcheli Schauen des Unsterblichen, wenn auch nur im Traume, geöffnet werden. Mit diesem Wunsche schloß sie die Augen. Sie befand sich außerhalb einer großen fremden Stadt. Prächtige Linden- hallen wölbten sich am Ufer eines breiten Stromes, auf dessen blauem Spiegel festlich geschmückte Schiffe vorüberglitten. Scherzend und plaudernd lustwandelten Herren und Damen in den Alleen. Inmitten des fröhlichen Treibens saß unter einer Linde ein blinder Greis, in Lumpen gehüllt. Niemand beachtete ihn, von Hunderten kaum Einer warf ihm einen Pfennig zu und hörte mit den heiteren Gruppen forteilend nicht mehr sein inniges: Vergelte es Gott! Nur sein kleiner Hund leckte ihm freundlich die Hände und die Linde bot ihm theilnehmend ihren Schatten. Agnes eilte zu dem Blinden. Die trübe Schrift des Elends stand ergreifend auf dem lichtlosen Angesichte: „Nicht genug, dem Schwachen aufzuhelfen, Auch stützen muß man ihn!" — So sprach das edle Herz in ihr, als sie den Armen fragte: „Wie geht es, lieber Mann, habt ihr Nahrung und Pflege?" Das Antlitz des Greises erheiterte sich zu jenem unbeschreiblich rührenden Ausdrucke, der den Blinden eigen ist. Er lächelte so gutmüthig dankbar, so erquickt und seelenfroh! Mit ihm, dem verlassenen Paria der christlichen Gesellschaft, hatte ein Mensch menschlich gesprochen! Er schlug die lichtlosen Augen auf, als müßten sie ihm dieses liebende Wesen zeigen! „Mich pflegt Niemand", sprach er, „als Kind schon ward ich Waise und blind; seit ich denke, muß ich leider betteln." — „Armer Mann!" rief Agnes, „wo wohnt Ihr, wie schlaft Ihr?" „Der Himmel ist mein Dach bei Tage," erwiderte der Greis > „die Nacht habe ich auch schon oft unter diesem Baume zugebracht, aber gewöhnlich lassen mich gute Leute in meinem nahen Heimath- dorfe in Scheunen oder Ställen schlafen." Vom tiefsten Mitleid bewegt sprach Agnes: „Kommt, lieber Mann, geht mit mir, auch Euer treues Hündchen sollt ss,: > V 62 «« Ihr mitnehmen. Ihr sollt nicht mehr betteln, sollt Ruhe für Eure müden Glieder, Nahrung und Pflege erhalten, kommt, laßt Euch leiten!" Der blinde Greis richtete sich auf und legte die Hand segnend auf die Stirne der Trösterin, und ein heiliger Schauer durchrieselte sie, als hätte sie der Finger Gottes berührt, ihre Kniee brachen, ihre Augen starrten in himmlischer Entzückung empor, das Gewand des Bettlers leuchtete blendend weiß, und vor ihr stand strahlend in unsäglicher Schönheit und Majestät der Welterlöscr, und mit allen Harmonien des Himmels drangen von seinem göttlichen Munde in ihre Seele die Worte der Verheißung: „Was du immer den Geringsten von diesen thust, das hast du mir gethan!" Als Agnes erwachte, strahlte die Morgensonne hell auf die Wirklichkeit um sie, aber die Erscheinung blieb in ihrer Seele, und gläubig dankte sie der ewigen Gnade mit glühender Inbrunst. >sie glaubte an eine Weihe von oben, sie fühlte diese im seligen Herzen, und tiesdurchdrungen von dieser Weihe, die ihr ganzes Wesen um eine Stufe höher im Seelenrciche hob, gelobte sie, sich keiner, irdischen Rücksicht mehr zu unterwerfen und erhaben über alle Furcht vor Men- schcntadel zu sein eine treue Magd des Herrn. — Seit die Arme sie um Arbeit angesprochen, Pflegte die edle Frau täglich, sobald sie angekleidet war, theilnehmend nach den kleinen -Fenstern hinüber zu blicken. Sie sah, wie die Strickerin arbeitete vom frühesten Morgen bis in die tiefe Nacht. Liebe und Sorge zogen sie hinüber: sie befürchtete, das Geld möchte nicht ausreichen, die Armen möchten Mangel leiden. Endlich heute war die Unermüdliche fertig geworden, Agnes sah es, wie sie Paar auf Paar zusammenlegte und sich zum Ausgehen anschickte. Bald kam sie auch schüchtern mit der feinen sauberen Arbeit. Agnes äußerte ihre Zufriedenheit und fragte theilnehmend nach den Verhältnissen der armen Familie: — da erfuhr sie die volle Wahrheit, den ganzen Umfang des Elendes verschämter Armuth! Lne Unglücklichen hatten einst bessere Tage gesehen, ja sie waren wohlhabend gewesen, und als sie sich ein kleines Anwesen kaufen wollten, da fallirte ein stolzes Haus und begrub mit dem Vermögen vieler Familien auch das ihre. Und nun lange Jahre des Mangels! Fünf Kinder uud oft kein Brod! Und im Winter keine warmen Kleider, keine Betten, kein Holz! Und inmitten des Jammers, des Hungers, welches Gottvertrauen, welche Redlichkeit! Welche Anstrengung der müden Hände, der thränendunklen Augen noch bei Lampenlicht und Mondenschein! Diese Frau, welche schöne Seele im Gewände der Demuth und Niedrigkeit! „Als mein ältestes Mädchen", schloß Hedwig ihre Erzählung, „vier Jahre alt war, wollte es das Waisenhaus aufnehmen. Wir waren für diese Wohlthat dankbar und gaben das Kind her. Aber wir hatten keine Ruhe. Die ganze Nacht durch glaubte ich mein Kind schreien zu hören, und als es Tag ward, ging mein Mann und holte es wieder — 0 wie weinte die Kleine vor Freude an meinem Halse, und ich mit ihr!" Agnes war Anfangs gesonnen, eines von den Kindern zu sich zu nehmen, jetzt stand sie davon ab, aber ein anderer, ein großer, heiliger Gedanke erleuchtete sie. Wie verklärt stand sie da, und die Arme glaubte zu träumen, als die reiche Dame sie Plötzlich umschlang, ihre Hand ergriff und innig bat: „Seien Sie meine Freundin!" Die Arme wagte nicht zu antworten, und Agnes fuhr fort: „Ja, Sie müssen meine Freundin sein! In uns Beiden reichen sich jetzt Armuth und Reichthum die Hände zur Versöhnung, zum Frieden! Die Welt ist zerklüftet; auch in dieser Stadt gähnt zwischen den Reichen und Armen ein schwarzer Riß, ein Abgrund des Hasses — ein Hauch der Liebe und Rosen füllen ihn aus! Ich will Blumen in die Wüste pflanzen, will helfen, trösten, rathen, wo ich kann, und Sie sollen mich dabei geleiten. Lassen Sie uns das Amt der Versöhnung üben, es ist ein Engclsamt! Wollen Sie, meine Freundin?" Die Arme blickte auf die Reiche, nicht mehr zaghaft, sondern mit einer heiligen Ehrfurcht, gehoben von dem Feuer der hochherzigen Frau rief sie begeistert: „Ich will!" AlPbllM §mllt«gstl«tt. H'l». N 26. Februar 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. (OiviltL esltolicu.) (Übersetzung der Aathvl. Blätter aus Tirvl.) (Fortsetzung.) So wird nun Europa, welches über ein Vierteljahrhundert hindurch in Ferdinand li. die Frömmigkeit als dessen zweifelsohne größte Zierde bewundert hat, das Verdienst hievon großeniheils jenem himmlischen Wesen zuschreiben dürfen, welches die Vorsehung als Engel des Rathes ihm an die Seite gestellt hatte. Man glaube jedoch nicht, daß Christine sich in die Staats-Angelegenheiten mehr, als es einer königlichen Frau ziemte, eingemischt hätte; sie verstand es gleich vom Anfange ihrer Thronbesteigung, sich als eine dem Monarchen untergeordnete Frau zn benehmen, und suchte nur durch Gebet, gutes Beispiel und Wohlthaten der Regierung zu nützen. Und wem es bekannt, wie viel das Eiste bei Gott, das Zweite bei den Großen, und die Dritten bei den Kleinen vermag, wird diese Laufbahn, in der die Edle Gott und den Menschen zu dienen sich vorsetzte, gewiß nicht gering achten. Nicht ohne Grund sagen wir „zu dienen" auch den Menschen gegenüber, da dieses biblische Wort seinen vollen Sinn hat, denn eine Würde, welche sie auch immer sei, kill Uai ininistiw in konum. Wcw das Gebet anbelangt, war es am königlichen Hofe allgemein bekannt, daß die Königin ohne Unterlaß und sehr inbrünstig für das Wohl des Staates betete, und für diesen Zweck auch viele heilige Messen lesen, und fromme Seelen, besonders in den Klöstern, beten ließ. An den Tagen der Staatsberalhungcn kniete sie während der ganzen Zeit, als der König mit den Ministern conferirte, in ihrem Oratorium, und flehte den heiligen Geist an; ja schon vor Beginn derselben bewog sie auf sanfte Weise den König, dasselbe zu rhnn; so bestätigt ein Zeuge. Ein anderer fügt noch bei: „Ich erinnere mich, daß, wenn der König vor der Berathung sich bei ihr beurlaubte, sie ihm betend die Hände auf die Brust legte, was mich stets rührte.". Es scheint, als habe Christine durch diesen Act so zärtlicher Gattenliebe und >o lebhaften religiös « Glaubens einen Theil jener göttlichen Flamme des G'bcleK, von der sie eben ganz entzündet war, auch in die Brust des KönigS einflößen wollen. Vielleicht wollte sie hiedurch den König warnen, daß er sich in seinen Urtheilen nicht nach der menschlichen Klugheit richte, ohne zu erforschen, ob diese auch mir den göttlichen Rathschlägen übereinstimmen; vielleicht auch sein Herz gegen die falschen Einflüsteinngen ruchloser und wegen ihrer Heuchelei doppelt gefährlicher Menschen verschanzen. In der inenschlichm Natur ist die NachahmungSsncht eine angebornc Eigenschaft, welche besonders in schwachen Gemüthern stark ausgeprägt, das Beispiel sehr wirksam macht, vorzüglich wenn es von höher gestellten Personen ausgeht, deren Handlungen allein schon oft für Niedere ein Gesetz sind. So erwies sich auch das bloße Erscheinen Chriftinenö, dieses Vorbildes der erlesensten Tngen- den, am Hofe Neapels für sehr Viele als ein Mittel heilsamer Umänderung, da sie sich entweder darin gefielen, die Königin nachzuahmen, oder sich nicht getrauten, in ihrer Nähe ein dem ihrigen entgegengesetztes Betragen zn beobachten. Eines dieser nnr durch ihr Benehmen auferlegten Gesetze für alle Damen des HofeS war die Sitlsamkeit in der Kleidung, welche sich alsbald auch auf die ganze Stadt ausdehnte, und solches war in jener Zeit gerade nicht überflüssig. In diesem Stücke begnügte sie sich nicht einmal mit dem bloßen Beispiel; wo eS möglich war, suchte sie auch mit Worten darauf hinzuwirken, und machte sanfte Vorwürfe, so daß keine Dame mehr anders als in dem geziemendsten Anzüge sich ihr vorzustellen wagte. Und wagte es Eine, so trug sie sicher eine liebevolle, aber wirksame Zurechtweisung davon, die sie gewiß nicht so bald vergaß, und von welcher dann die ganze Stadt mehrere Tage hindurch zu reden hatte. So erinnert mau sich, daß. als einmal eine sehr geachtete hohe Dame in minder sittsamer Kleidung vor ihr erschienen war, die gute Königin sich einen kostbaren Schleier ablöste, und indem sie damit deren Schultern und Brust bedeckte, selbe bat, ihn als ein kleines Zeichen ihrer Zuneigung anzunehmen. ES kaun nicht wundern, daß sie, die selbst so sittsam war, sich nicht einmal als Kind von den Dienerinnen ankleiden zu lassen, auch von Anderen diese Tugend verlangte. Als sie jedoch Gattin geworden war, gestattete sie, obwohl von jeder weiblichen Eitelkeit frei, daß man ihre Person und ihr Haupt schmückte, wie es ihrem hohen Range und Stande gebührte, einzig um ihrem Gemahle zu gefallen. Sie ließ aber die Sorge hicfür gänzlich den Andern über, und cS ist unterhaltend, in den Prozeßakten die Ausdrücke der Verwunderung zu lesen, deren sich die Kleidermacherin und der Friseur noch nach mehreren Jahren bedienten, wenn sie hievon als von einer bisher unerhörten Sache sprachen. Dieser Letztere bemerkt noch überdieß, daß sie ihn nie zu seinen Verrichtungen zuließ, ohne bis oben an den Hals in den Pudermantel eingehüllt zu sein; daß sie ihre Augen nie weder zu ihm, noch zu dem Spiegel erhob, und während seiner allemal nnr kurzen Arbeit stets in einem frommen Büchlein oder in den Bittschriften der Armen las. Obwohl wir mit dem Hofleben selbst nicht bekannt sind, so scheint nnS doch jene dort herrschende Unihätigkeit und die daraus erfolgende Ungezähmtheit der Zunge eine der gefährlichsten Gewohnheiten daselbst zu sein. Wie heilsam mnßte daher das Beispiel einer Königin wirken, welche nicht nur dem Müssiggange ewige Feindschaft geschworen, sondern auch nie ein unnützes, geschweige ein unordentliches Wort über die Zunge gebracht hatte. Sie erhob sich des Morgens sehr frühe, auch wenn sie spät zur Ruhe gegangen war, und theilte ihre Zeit sehr regelmäßig zwischen Lectüre, Arbeit und Gebet. Und nicht etwa blos ein kleiner Theil war bei ihr der Arbeit gewidmet, gleichsam um zn zeigen, daß kein auch noch so hoher Stand sich >eneS ckvlce lar niants erlauben sollte, welches, ich weiß nicht, ob eine Glückseligkeit, Vorzug oder eine Pein der Reichen ist, und welches dem von dem Schöpfer allen Adams- kiudcrn auferlegten Gesetze der Anstrengung so sehr widerstrebt. WaS den Werth jener Handarbeiten Christinens noch erhöhie, war der ihnen bestimmte wohlthätige Zweck; denn waren eS gröbere Nähereien oder Strümpfe, so mußten damit arme Kinder gekleidet werden; waren es hingegen seine Stickereien, worin sie große Kunstfertigkeit besaß, so wurden sie ungekannt verkauft, und deren Erlös zur Unterstützung der Armen verwendet. Wie viele unsinnige Systeme hat nicht unser Jahrhundert auSgcdacht, um den Druck der Armuth zu heben, und (um mich des gewöhnlichen Ausdrucks zn bedienen) die Erniedrigung des Arbeiters abzuschaffen? Und was bewirkten am Ende alle diese Systeme anders, als den Armen die Entbehrung durch die Ungeduld unerträglicher zu machen, und durch Versprechungen eines unmöglichen Glückes den Stolz und die gefährlichen Leidenschaftcn des Arbeiters zu erwecken? Sehen wir nun, ob die Heiligkeit nicht auf schnellere und edlere Weise dieses bewerkstelligt, ohne selbst nur den Schein davon zu haben. Sehet, da baden wir arme Waisen, welche wissen, daß die Strümpfe und das Röcklein, das sie tragen, Arbeiten ihrer Königin seien; da sind angesehene Frauen, welche nm einige Dncati eine Hanbe, eine Halskrause oder ein Taschentuch, zierlich gestickt von unbekannter Hand, gekauft haben und erst später erfahren werden, daß selbe von der Königin verfertigt waren. Wie kann man wirksamer dem Elend des Armen steuern und den Werth der Arbeit erhöhen? Um eben dies zu erlangen, ist es nothwendig, daß sich znr Nächstenliebe die Liebe Gottes als deren Seele und Leben zugeselle; ohne diese zweite hofft man vergebens auf Vollkommenheit, ja sogar auf die Hinlänglichkeit der ersten. Wäre einmal die Trägheit und der Müssiggang bei den Höfen verpönt, so fielen wohl auch drei Vertheile jener unnützen Schwätzercien weg, womit die Hoflcnte viele Standen des Tages vergeuden, nm, wie sie sagen, „die Zeit zu tiftten." Eö ist beinahe unglaublich, wie viel Christine durch ihre Mäßigkeit im Reden auf ihre Umgebung wirkte; sie war hierin ein so vollendetes Muster, daß die Damen in ihrer Gegenwart sehr auf der Hut waren, besonders wenn eS sich um den Ruf Anderer handelte; denn sie duldete nie auch die entfernteste Spnr einer Verkleinerung, was doch in den Gesprächen bei Hofe so häufig vorkömmt, da man dort in Einkleidung fremder Fehler außerordentliche Gewandtheit und sogar Anmuth besitzt, wodurch nicht selten die Verwundung noch schmerzhafter wird. (Schluß folgt.) Die Bedrückungen der Katholiken in Polen. (Fortsetzung.) Diese so vielfach thätige Missionsart hatte übrigens keinen weitem Erfolg, als daß ein Einziger wirklich von seinem Glauben abfiel. Dieß war ein Sattler, Namens Joseph, ein Mensch, der seiner entarteten Sitten wegen ohnehin schon der allgemeinen Verachtung preisgegeben war. So mußte also der Oberst Lvstew gleichwohl die Fruchtlosigkeit seines bisheri- gen Verfahrens einsehen. Er berief daher sämmtliche Familienvater, ohngefähr 80 an der Zahl, zu einer öffentlichen Versammlung, erschien dabei, umgeben von den Popen, dem Polizeibeamten und seiner Mannschaft, in voller Uniform und sprach dann nach einigen Augenblicken feierlicher Stille: „Se. Majestät will, daß ihr Alle der orthodoxen Kirche angehöret. Warum wollt ihr nicht zn unS übertreten? „Hoher Herr," antworteten sich tief verbeugend alle einstimmig, „wir sind des Kaisers Unterthanen, wir zahlen gerne die Steuern, wir weigern uns nie, daß unsere Söhne der Armee einverleibt werden, wir sind bereit, Alles für ihn zu opfern, selbst unsers Lebens nicht zu schonen, unsern Glauben allein ausgenommen." „Ihr widerstrebt also noch immer dem Kaiser," versetzte jetzt der Oberst. „Ihr seid Rebellen und gehet sämmtlich zn Grunde, wenn ihr nicht eure Vorstände angebt. Macht cnch gefaßt anf die Knnte und auf Sibirien. Nie werdet ihr dann eure Weiber oder eure Kinder je wieder sehen. Wollt ihr also euch retten, so nennt eure Vorstände." Da riefen die Bauern: „Wir sind Alle Vorstände, denn wir Alle sind Katho- liken. Möge man uns peitschen oder nach Sibirien schicken; wir trennen uns dann wohl von unsern Weibern und unsern Kindern, nie aber von unserer heiligen Kirche." „Aber man bat euch ja doch auch in der unsrigen gesehen?" Auf diesen Einwarf noch tiefer sich verbeugend, fuhren die Männer fort: „Nehmt unsere Worte nicht ungnädig auf, hoher Herr. Wenn die ganze Versammlung hier von zwei Compagnien Soldaten mit gefälltem Bajonnelt umzingelt wäre, so könnte man dieselbe ebenso gut in einen Schweinstall hineintreiben, wie man nuS in eure Kirchen genöthigt hat. Ihr wißt eS, daß wir mit aller Kraft solcher Gewaltthat zu widerstehen versuchten. Wie viel Blut wurde an den Thüren eurer Kirche nicht vergossen, und unsere verstümmelten Hände von dort her, — wollt ihr sie sehen?" Der Gendarm sah bei solcher Rede zu Boden und schwieg. Die Popen hingegen erwiederten um so hochmüthiger: „Aber ihr habt ja doch communicirt?" „Ja, es ist euch gelungen, einigen von nnS mit der Spitze des Degens den Mund aufzureißen, und so eure Kommunion ihnen hineinznschieben. Aber soll eine auf solche Weise vollzogene Handlung, ohne Beicht, ohne nüchtern zn sein und ohne eigenen Willen eine Kommunion sein? Nein, nein, so hat euer schismatischer Gott nicht bis zu unserer katholischen Seele gelangen können." Einen Augenblick standen die Popen jetzt in Verlegenheit da; allein der schlankste unter ihnen, der Erzpriester Humilew, als Abgeordneter deS abtrünnigen Bischofs, nahm nnn eine ganz sanfte Miene an und sprach: „Wie sehr bedaure ich euch, meine lieben Kinder und eure Verblendung! Ihr seht uns doch vor euch, und ihr setzt noch Zweifel in uns! Habt ihr je daS Bild Jesu Christi geseben?" „Ja, das haben wir." „Nun denn, ist unser Bart nicht gerade so wie der scinige? Sind unsere Haare nicht ebenso gescheitelt wie bei ihm? Und unsere Kleidung, hat sie n cht viel Aehnlichkeit mit der seinigen? Ihr glaubt dieß Alles, seht es täglich vor euch, und dennoch könnt ihr euch nicht überzeugen von der Wahrheit unserer Religion! Welch bedauernSwerthe Lage!" Gewöhnliche Leute hätten bei diesen Worten kanm ein Lächeln unterdrücken können, aber unsere Leidensgefährten blieben ernst und antworteten in frommer und würdevoller Weise: „Ja, wir wissen eS, daß unser Herr einen Bart trug und lange Haare, und eure Kleidung mag einige Aehnlichkeit mit der seinigen haben. Wenn ihr aber keine andern Beweise für die Wahrheit eurer Religion habt, so bleibt dabei, lasset aber auch uns bei der mistigen in Frieden." So endete diese Versammlung. Gewaltthätig?, schmachvolle und grausame Behandlung sind also die Hauptgründe der Popen, die sie gegen die Katholiken anwenden, und womit diese auch am Schlüsse noch überhäuft, endlich entlassen wurden. Während aber die Polizei mit den Popen gemeinschaftlich auf neue Mittel und Wege sann, gelang eS der Schwester deS unglücklichen Vincent, Namens Mag» dalena, einem Mädchen von großer Frömmigkeit und seltenem Muthe, die bei der ersten Verfolgung schrecklich mißhandelt wurde, der Wachsamkeit der Polizei zu entschlüpfen und ein drittes Gesuch an den Kaiser abzusenden. Dieß war wohl auch das einzige, das in dessen Hände gelangte; denn bald darauf ordnete er in seiner Herzensgüte den Senator Szczerbicin ab, diese Religionsangelegenheit am Orte selbst inS Reine zu bringen. Seine Ankunft war auf den 12. Juli festgesetzt. II. Die Nachricht über das Eintreffen eines Abgeordneten des Kaisers selbst erregte in der ganzen Pfarrei große Freude und die Hoffnung, daß nun Gerechtigkeit geübt und ihnen die volle Freiheit in Ausübung ihrer Religion wieder gestattet werde. Allein diese Freude verwandelte sich nur zn bald in den tiefsten, ganz trostlosen Schmerz, als man nämlich in Erfahrung brachte, der in WitcbSk angekommene Senator habe dort zn verstehen gegeben, er sei nicht so fast zn dem Zwecke da, Gerechtigkeit auszuüben, als vielmehr das begonnene Unrecht erst ganz zn vollenden. Er wollte daher mit Beiscitesetzung jeden Anstandes sogar die Person des Adelsmarschalls selbst zu diesem seinem saubern Vorhaben mißbrauchen, dessen hohe Stellung eS schon 69 mit sich führte, Unterdrückte zu trösten und zu beschützen. Zu diesem Zwecke machte er ihm den Vorschlag, er möchte sich selbst nach Dzierzanowicze begeben, die dortige» Bauern für das Schisma zugänglich zu machen und denselben beizubringen suchen, daß eS der Wunsch des Kaisers sei, sie der griechischen Kirche einverleibt zu sehen. Der Marschall aber lehnte solch eine feindselige nnd entwürdigende Zumuthung als guter Katholik ab, und so sah sich der Senator gezwungen, die Mission selbst zu versuchen, die er auch wirklich damit begann, daß er den berüchtigten Obersten Losiew mit noch einem aus Petersburg mitgenommenen Herrn als seinen Vorläufer vorausschickte. Unterwegs stiegen diese beide Herren im Dominicanerkloster ZabielSk ab, nm den dortigen Pater Prior, Namens Dziegielski zu sprechen. „Man hat sie beschuldigt, sagte er zu ihm, daß Sie nicht etwa blos eine oder mehrere Personen, sondern eine ganze Pfarrei zur katholischen Religion zurückgeführt haben, daß Sie, den Regiernngsvorschriften zuwider bandelnd, in der Volkssprache Predigten hallen und Leute Beicht hören, von denen Sie nicht genau wissen können, ob sie der katholischen Kirche wirklich angehören oder nicht. Es ist das ein StaatS- Vcrbrechen, wodurch Sie die Aufhebung und Wegnahme des Klosters verwirkt haben. Und dieser Strafe können Sie nur entgehen, wenn Sie den begangenen Fehler wieder gut machen. Lassen Sie die Gelegenheit nicht nnbenützt vorübergehen. Sie wissen, daß der vom Kaiser abgeordnete Senator in drei Tagen in Dzierzanowicze eintreffen wird. Schicken Sie daher sogleich einige Ihrer Patres, namentlich den Prediger Mokrzecki, ab, mit dem Auftrage, daß sie den Willen Sr. Majestät kund geben und daS Volk zum Uebrrtritte in die griechische Kirche veranlassen." Der Vater Prior wies diesen Antrag kurzweg zurück. Nun stimmte der Oberst einen andern Ton an, und, als ob er für daß eigene Beste der Mönche ganz besorgt wäre, fuhr er fort: „Sie haben da ein hübsches Kloster mit einem großen Garten und einer weit ausgedehnten Fernsicht. Sollten Sie zur Erhaltung riues so schönen BesttzthnmS dem Kaiser zu Gefallen wirklich sich nicht zu dem verstehen wollen, was ich Ihnen so eben angeralhen?" „Ganz gewiß nicht", war die trockene Antwort des Priors. „Ihr seid also widerspenstig, rief jetzt der Obe. st entrüstet aas, und lehnt euch gegen den Kaiser auf." „Wir gehorchen unserm Kaiser, versetzte der Prior, Gott aber vor Allem." ^ Nachdem hier der Oberst auf solche Weise seine V rsuche gescheitert sah, begab er sich eiligst nach Dzierzanowicze, um dem Senator daselbst einen feierlichen Empfang zu bereiten. (Fortsetzung folgt.) Der PeterSpfennig. Seit den ältesten Zeiten der Kirche sinken wir unter den Gläubigen einen edlen Wetteifer in der Kundgebung der Achtung und Liebe zu dem apostolischen Siuhle. Diese Kundgebungen erneuerten sich insbesondere bei Entbehrungen, Leiden, Unglücksfällen, welche über den heiligen Stuhl hereinbrachen, und in allen Theilen der Welt hätten eS die Gläubigen für eine Schmach gehalten, wenn das Haupt der Religion, der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, den Nachtheilen des Mangels ausgesetzt und in seiner Amtsführung verhindert werden sollte. Und darum waren Fürsten und Völker beflissen, durch Gaben ihre hohe Achtung für den Nachfolger deS hl. Petrus auszudrücken und so zu der Erhaltung und Regierung der allgemeinen Kirche beizutragen. Die englischen Könige, welche mit ihrem Volke von Rom anS die lki^L-ikL 70 e. W W «', t- .1 W I ,Ä I'-r^ ^ liK-^ W 1 ^ 5 ^ lä-AÄ D i ^ Ä Gabe des Glaubens empfangen hatten, nehmen unter den vielen christlichen Fürsten, welche ihre Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen den römischen Stuhl mit frommen Gaben bezeichneten, einen der ersten Plätze ein, indem sie die ständige Abgabe des sogenannten PeterSpfcnnigS an den apostolischen Stuhl einführten. Offa, König von Mercicn (ch 796), hält man für den Urheber dieser Abgabe. Derselbe versprach dem hl. Petrus, dessen Fürbitten er seine Siege zuschrieb, für sich und seine Nachkommen eine jährliche Abgabe von 300 Mark und bekräftigte dieses Versprechen in Gegenwart der päpstlichen Legaten mit einem feierlichen Eide. Allmälig dehnte sich die Einrichtung des Peterspfennigs auf alle christlichen Staaten aus; z. B. Frankreich, Schottland, Dänemark, Schweben, Norwegen, Deutschland, Polen u. s. w. Seitdem jedoch der Papst feste Mittel deS Unterhaltes nnd das Nothwendige zur Bestreitung der Bedürfnisse in bleibender Weise erhalten hatte, traten diese Gaben zurück. — Die Revolution von 1849 beraubte den hl. Vater seines Besitzlhnms und suchte daS Werk der Jahrhunderte zu zerstören. Dieser Frevel aber bewirkte, daß die nicht gealterte Liebe der Gläubigen einen neuen Ausdruck fand. An die Stelle des entrissenen Staates trat wiederum die Gabe des Pelerspfennigs. Derselbe wurde zuerst in Frankreich und dann in der ganzen Welt gesammelt. Die Vereinigungen zur Einsammlnng der Gaben verbreiteten sich nicht blos durch Europa, sondern auch nach Amerika, Indien, China nnd den Philippinen. Jeder wollte nach seinem Vermögen beitragen, und selbst die Aermsten rechneten es sich zum Glück, den Heller zu opfern, welcher die F ucht^ ihrer Anstrengungen nnd ein Ecsparniß an ihrem armseligen Verdienste war. Selbst Andersgläubige nahmen an dieser Manifestation der Liebe Theil. So richtete ein gewisser Freitag aus Lübeck an den heil. Vater ein Geschenk von 30 Duc., begleitet von einem schölten Schreiben, dessen Schluß also lautet: „Gestatten Sie mir, heiliger Vater, daß ich, voll der tiefsten Ehrfurcht für Ihre geheiligte Person, fortfahre in meinen Gebeten für Sie zu Christus dem Erlöser, und würdigen Sie sich zum Entgelte meine Familie zu segnen, welche, obgleich lutherisch-protestantisch, über Ihr geheiligtes Haupt die reichsten Segnungen von der Hand unseres Vaters in dem Himmel herabflehek, der da ist die Liebe nnd Heiligkeit selbst." — Aus allen Theilen der Welt gelangten Briefe an den Papst, begleitet von Gaben, die um so kostbarer waren, weil sie, indem sie gegeben wurden, zugleich hinwiesen auf die Armuth der Geber nnd auf ihr Verlangen, mehr zu geben. Der PeterSpfennig hatte eine hohe Bedeutung. Er war nicht nur ein Act der Liebe und treuer Anhänglichkeit, sondern zugleich ein Protest der ganzen katholischen Welt gegen die Beraubung des Kirchenstaats und eine Manifestation für die völlige Unabhängigkeit deS kirchlichen Oberhauptes. Während die Revolutionäre in Rom die Beispiele Neros und Caligula's erneuert halten, erneuerten die Gläubigen in der ganzen Welt die Beispiele der ersten Christen. Und edel, wie die Gaben, war die Verwendung derselben. Plus IX. vereinigte r>en PeterSpfennig, statt ihn zu seinem eigenen Gebrauche zu verwenden, mit andern Summen seiner besonderen Bezüge, nnd widmete, nach seiner Wiedereinsetzung in den Besitz des Kirchenstaats, alles den wichtigen Werken des Unterrichtes, der Erziehung und Frömmigkeit, welche znm Theil jene Uebel heilten, die von den beweineuöwerthcn Schicksalen verursacht wurden, welche den Kirchenstaat verwüsteten. Die heutige Revolution ist eine Erneuerung der Revolution von 1849. Nur hat sie eine andere Form angenommen und sich dabei unter den Schutz von Fürsten gestellt. Sie erfreut sich der Protektion dessen, der sie vor einem Jahrzehnt unterdrückt hat. Sie ist um so gefährlicher, als dabei neue Principien zur Geltung gebracht werden, welche den Fortbestand sämmtlicher Throne in Frage stellen. Es wäre die größte Kurzsichtigkeit, wollte man annehmen, daß der heutige Kampf nur auf eine Einigung Italiens, und in Bezug auf den Kirchenstaat auf die LoStrcN- nung der Legationen abziele. Es ist vielmehr aus die Vernichtung der weltlichen 71 und geistlichen Sonverenätät des Papstes und auf die Zertrümmerung sämmtlicher Throne gerichtet. Das wird in der nächsten Zukunft immer deutlicher hervortreten. Je gefährlicher aber der Kampf ist, desto deutlicher muß sich die Gesinnung und Liebe der Gläubigen offenbaren. Dieselbe hat sich bereits in den Adressen kundgegeben. Das Christenthum will aber nicht eine Liebe, die sich mit Worten begnügt, sondern eine werkthätige Liebe. Lassen wir auch diese hervortreten. Wir können nicht für den hl. Vater in den Kampf ziehen, aber wir haben andere Waffen: Gebet und Liebesgaben. Beten wir für das Oberhaupt unserer Kirche und geben wir Gaben, durch welche wir den Beweis liefern, daß wir noch von den alten Principien des Gehorsams, der Treue und Liebe zum apostolischen Stuhle durchdrungen sind. Bereits in fast allen Diöcesen wird gesammelt. Insbesondere zeichnet sich das arme Irland aus. Die Diöcese Culm wird nicht zurückbleiben. Sie tritt freudig ein in den Wettkampf der Liebe. Wir fordern deßhalb alle Diöcesanen, insbesondere aber die hochw. Herren Seelsorger hiermit auf, diesem Mahnruf Folge zu geben und sobald als möglich Sammlungen zu veranstalte». Jeder, sei er weß Standes er wolle, kann und wird sich dabei beiheiligen. Der ganz Arme wird mit Frenden seinen Pfennig, der Wohlhabendere seinen Silbergroschcn, und der, welchen Gott mit irdischen Gütern gesegnet hat, wird nicht minder das Seinige thun, damit die Pfennige und Silbergroschen der Armen und Wohlhabenderen zu Thälern anwachsen. Die Redaction des katholischen Wochenblatts hat eS übernommen, die gesammelten Beiträge von Nah und Fern entgegenzunehmen, die Gaben durch das katholische Wochenblatt regelmäßig zu veröffentlichen und dieselben schlüßlich in die Hände unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs Joannes znr Weiterbeförderung nach Rom zn legen. Wir haben das feste Vertrauen, daß die Diöcese Culm nicht zurückstehen, sondern, wie so oft, auch hier beweisen wird, daß der alte, feste und treue kath. Glaube in ihr noch lebt und wirkt. (Kath. Wochenblatt der Diöcesen Culm und Ermlaud.) Ein protestantisches Urtheil über -ie weltliche Herrschaft -es Papstes. Der Protestant Wolfgang Menzcl spricht sich in seinem Literaturblatte Nr. 90 Jahrg. 1859 folgendermaßen über die weltliche Herrschaft des Papstes aus: „Man mag vom Priesterregimente im Kirchenstaate denken, wie man will, so steht doch die Thatsache fest, daß seit mehr als tausend Jahren alle Bemühungen und Kämpfe der Byzantier und Langobarden, der deutschen Kaiser und französischen Könige, der CrcscentiuS und Cola di Rienzi, alle Eroberungen Roms durch fremde Truppen, aristokratische und demokratische Revolutionen Roms, alle Vertreibungen, Gefangeu- nehmnngen und Ermordungen der Päpste am Bestände deS gateimonium kolri nichts verändert oder dasselbe nur vermehrt, nie verringert haben. Ferrara z. B. ist eine noch ziemlich neue Acquisition deS Kirchenstaates. Diese erstannungswürdige Zähigkeit des Kirchenstaates aber erklärt sich ganz einfach aus dem welthistorischen Charakter der römischen Kirche. Diese Kirche kann nie gleich der byzantinisch-russischen Staa^skirche von einem weltlichen Monarchen abhängig sein; sie stand daher das ganze Mittelalter hindurch, so l nge es nur Einen Kaiser gab, demselben gegenüber. Seitdem neben dem deutschen Kaiserthnme Frankreich und nachher auch Spanien sich selbstständig zu immer mächtigern katholischen Großstaaten erhoben, wurde es vollends unmöglich, den Kirchenstaat zu säcnlarisiren und den Papst zum Unterthanen eines weltlichen Herrn zu machen, weil, wenn er Unterthan deS einen hätte werden sollen. es die andern nicht geduldet hätten. Der Kirchenstaat kann aber auch nicht wesentlich verkleinert und aus das nächste Gebiet der Stadt Rom beschränkt werden, weil er dann gegenüber den Nachdacen absolut zu schwach wäre. Der Kirchenstaat ist eine Bedingung deS Bestandes der katholischen Einheit nnd weil es mehre kath. Großstaaten gibt nnd die romanischen Volker fast ohne Ausnahme, die demschen zum großen, die Slaven zum kleinen Theile Katholiken sind und jener unzerstörbaren Einheit angehören, so wird der Kirchenstaat bestehen bleiben trotz aller napoleonischen Ideen, trotz aller Congresse, trotz aller Mazzini und Garibaldi und trotz aller Beschwerdeführungen deutscher und englischer Akalholiken." So spricht sich Menzel aus, ein Mann von Verstand nnd von klarem historischen Urtheil. Kirchliche Nachrichten. AnS der badischen Pfalz, 29. Jan. Es wird in der Pfalz ein sog. „Himmelsbries" verbreitet, welcher so voll des abergläubischen, gotteslästeilichen Unsinnes ist, wie wir noch selten etwas gelesen haben. Es heißt unter Andern: darin: „Der Brief sei 1805 auf dem Grabe des Herrn gefunden worden, worauf ihn der Papst dem Kaiser geschenkt habe; ferner Goit selber habe den Brief eigenhändig geschrieben, wer nicht da--an glaube, solle nicht selig werden; wer ihn bei sich trage, der sei ganz sicher vor Hauen, Stechen Schießen, Pestilenz u. s. w," Der Pilger erfüllt eine christliche Pflicht, wenn er darauf aufmerksam macht, daß alle die, welche solche abergläubische Dinge drucken und verbreiten, von der katholischen Kirche mit strengen Strafen bedroht werden. Daraus gebt auch unzweideutig hervor, daß solche Dinge unmöglich von katholischen Priestern ausgehen, wenn ihre F inde eS auch tausendmal behaupten. Gerade dieser unsaubere Himmelsbrief liefert den Beweis deS Gegentheils, denn er ist aus einer frei maurerischen Druckerei in Mannheim hervorgegangen. Wir dürfen nun billiger Weise fragen: was veranlaßt die Gegner der Kirche solches zu drucken? Der wahre Grund wird kein anderer sein, als die Schuld der Sache den katholischen Geistlichen in die Schuhe, den Verdienst abec in die eigene Tasche zu schieben. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Wir haben, nicht wie wir in Nro. 5 angekündigt haben, 126 fl. 11 kr., sondern blos hundert Gulden an baarem Gelde und eine große Schachtel mit Paramenten für die Mission in Perleberg an den Hrn. Misfions-Vicar Müller in Berlin abgesandt; eS verbleiben also in Casse noch 26 fl, 11 kr., seither ist neu hinzugekommen 5 fl. und 1 fl., also in Summa 32 fl. 11 kr. baar Geld. Herr Missions-Vicar Müller hat den richtigen Empfang der 100 fl. in dem von ihm redigirten „Märkischen Kirchenblatte" Nro. 7 abqnittirt nnd schreibt uns in einem Briefe hierüber noch folgende Zeilen: „Gott vergelte tausendfach die schöne Sendung für Perleberg. Das Geld hat großen Trost gebracht und den armen Leutchen über den Berg hinweg geholfen, so daß die Mission daselbst gesichert ist. Selbst kirchliche Grwänder sind ziemlich ausreichend, so daß man von der Augsburger Sendung auch andern, hungriger» Staiionen Brocken zuwerfen darf." Von H Für den heiligen Vater. 1 fl. — kr. Redaction und Verlag: Dr. Mar Huttler. — Druct von I. M. Kleinle. AngMgtt ZmtigMtt. Hr 1«. 4. März 1860. Das NugSburger SonntaaSblatt (Sonntags-Beiblatt rur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentspreis ist 20 rr«, wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. R o,n. Altes Rom, es ging oft sausend, brausend, Völkerfcgend durch die alte Welt; Doch du stehst dein drittehalb Jahrtausend, Alles ist, nur du bist nicht zerschellt. Standest einst an vieler Völker Wiegen, Deren Sein und Namen längst dahin. Neue sind dann trotzig aufgestiegen, Um auch schnell in's Meer des Nichts zu zieh'n. Altes Rom, wie hat man dich gerüttelt! Zwei Jahrtausend heißt du schon verfault; Doch die Vielen, die an dir geschüttelt, Haben längst, ja längst schon ausgcmault. Brechen wollten dich die nord'schen Stämme, Doch du brächest der Germanen Kraft, Und wir stecken jctzo in der Klemme, Aus der du dich lachend aufgerafft. Ach seit unsern starken Hohenstaufcn, Herrn der Freiheit, fast des neuen Lichts, Kommen nun die Knaben angelaufen, Raufen, zanken um ihr eitles Nichts. Doch du, das die alte Welt durchschnobcrt Und gefesseltdurch — wodurch? — deinHaupt, Hast die neue Welt dazu erobert, Und es glauben, die noch nie geglaubt. Altes Rom, dir brachte keinen Schaden Kein Napoleon noch Attila. Wir auch werden Fluch nicht auf uns laden, Attilas sind, denk' ich, auch nicht da. Meiden d'rum werd' ich mit Rom zu brechen. Denn mir sagt es Der, der ohne Wank: Deine Segen wirst du lang noch sprechen, Wenn manch' jctz'ges Herrlein längst versank. Neue Völker wirst du kommen sehen, Deinem Blick' ein längst gewöhntes Spiel; Denn im Völkerglauben wird bestehen, Was durch Völkerfehde halb zerfiel. Fels bleibst du, an dem die Wogen brechen, Und des Heilands Wort blieb wahr bis jetzt. Und wie auch Kleinköpfe sich erfrechen, Haupt bleibst du, weil dich der Herr gesetzt. Zwar wird einst auch deine Stunde schlagen, Altes Rom, im altgewordnen Zwist. Doch wer wagt, ihr Klugen, eS zu sagen, Was dann von der Welt noch übrig ist? Die ehrwürdige Maria Christina von Gavoyeu, Königin beider Sicilien. (Livillä cattolica.) (Uebersrtzung ocr Katbol. Blauer aus Tirol.) (Schluß.) Diese zarteste Rücksicht für den fremden Ruf, obwohl oft durch die Gerechtigkeit geboten, wird durch die Nächstenliebe eigentlich noch behutsamer, und führt so anf natürlichem Wege zu jener Wohlthätigkeit, wodurch die fromme Königin nicht nur der Trost und die Hilfe der Armen, sondern auch den Reichen ein so nachahmuugs- In kDÄ -- 74 würdiges Beispiel geworden ist. Zahlreich sind die Zeugen, welche bestätigen, daß sie nie eine Fürbitte für Bedürftige gethan hätten, ohne daß diese reichlich von ihr unterstützt worden wären. Die Vertrautheit mit ihren Damen, mit einigen Kavalieren, und besonders mit ihrem Beichtvater bot ihr das Mittel, ihre Wohlthaten zu verberge», und dennoch selbe durch ebensoviele Kanäle zu verbreiten, welche in die unbekanntesten Theile der bevölkerten Hauptstadt sich ergossen, alle aber im Herzen der mildthätigen Königin, wie in einer unversiegbaren Quelle, ihren Ursprung hatten. Man sagte, daß sie jährlich nicht weniger als dreißigtausend Ducati vertheilte, und von den 300,000, welche sie selbst mitgebracht, fand man nach ihrem Tode nur sieben oder acht, welche sie ebenfalls schon zu wohlthätigen Zwecken, wie die andern alle, bestimmt hatte. Und dennoch fühlte sie oft aus Liebe zu ihren Armen selbst das Erröthcn der Armuth; obwohl sie nie zögerte, bei'm König um neue Mittel zu Unterstützungen zu bitten, so geschah eS doch, daß ihr einmal drei Bittschriften für Bedürftige vorgelgt wurden, als sie nur nenn Ducati besaß; mir einer Schamröthe, welche den Schmerz, nicht mehr spenden zu können, ausdrückte, sagte sie: „Wie werde ich ich aber nur so wenig geben können?" Da ihr Wohlthätigkeitssinn durch die echte, evangelische Liebe geleitet wurde, so entzündete er sich noch feuriger, wenn sie nebst dem körperlichen auch dem geistigem Elende abhelfen oder vorbeugen konnte, obwohl sie von den Bosheiten und dem Sündenwuste der Welt selbst so wenig wußte, daß sie in ihrer Unschuld ganz verwundert den Beichtvater befragte, wie es möglich sei, daß durch ihr Almosen vielleicht eine Todsünde verhütet werden könne; und daß, als ihr der König eines Tages sagte, sich bei'm Ausführen zu beeilen, damit der Kutscher nicht zu fluchen beginne, sie vor Schrecken ganz blaß wurde. Eine jede Beleidigung Gottes war für sie ein Gräuel; deshalb übte sie auch mit Vorliebe jene Wohlthätigkeit, welche nebst der Wohlfahrt des Leibes auch jene der Seele im Auge hat; diesem Umstände ist gewiß auch jene mütterliche Sorgfalt zuzuschreiben, welche sie bis an ihr Ende fünfzig armen Waisenmädchen zuwandte, welche sie zur Danksagung gegen Gott für ihre glücklich erfolgte Entbindung, dem Elende und der Verlassenheit entrissen, und in einem Konservatorium in der Furcht Gottes erzogen haben wollte. Das letzte Wort jener Seligen auf dem Sterbebette, welches sie dem Könige, als er mit unsäglichem Schmerze von ihr Abschied nahm, noch zuflüsterte, war eine Fürbitte für diese ihre geliebten Töchter. Und dieser hehre Augenblick kam für Maria Christina leider bald, zu bald für Alle, die sie umgaben, nicht so sehr für sie selbst, welche ihre Liebe und ihre Hoffnungen schon einem bessern Vaterlande zugewendet hatte. Sie hatte auch von der Stunde ihres bevorstehenden ScheidenS eine so sichere nnd klare Vorahnung, daß man solche kaum für etwas Anderes als für eine himmlische Eingebung halten darf. Obwohl stark und gesund wie immer vorher, gab sie gegen Ende December 1835 einer ihrer Schwestern ganz bester hievon Nachricht, und sendete einer andern gleichsam als Vermächtniß eine Kleinigkeit, welcher den Werth für Beide nur die kindliche Liebe gab, da eS eine Arbeit ihres Vaters war. Sie schrieb wirklich in folgenden Ausdrücken: „Diese Alte (so sprach sie von sich) geht jetzt ihrem Grabe entgegen. Ich komme zu meiner Entbindung nach Neapel, aber auch um dort zu sterben. Ja, ich werde sterben, nnd will meiner Marianna (der Kaiserin von Oesterreich) das Liebste hinterlassen, was ich besitze." Und in der That, es war eine Prophezeiung! Am ersten des darauffolgenden Jänners gab sie ihrem Erstgeborenen, der Franz von Assist getauft wurde, das Lebe», und wurde in Folge der schweren Geburt von einer unheilbaren Krankheit befallen. Wie viele nnd inbrünstige Mbete, private und öffentliche, in der volkreichen Stadt während der Woche, als selbe dauerte, Gott dargebracht wurden, sobald sich die Nachricht hievon verbreitete, und welch' allgemeine Bestürzung entstanden, als die Gefahr sich vergrößerte, mag Derjenige erzählen, der von ihr eine ausgedehntere Lebens- 75 beschreibung zu liefern unternehmen wird. Wir beschränken uns nur darauf, zu erwähnen, daß die allgemeine Meinung, welche sie nicht nur als sehr tugendhaft, sondern als heilig erklärte, bis zu ihrem letzten Athemzuge herrschend war. Beim höchsten Schmerze aller Derjenigen, die um sie waren, blieb sie allein heiter, gefaßt und vergnügt, während ihre Gedanken zwischen den lieben Zurückbleibenden und dem himmlischen Vaterlande schwebten, dem sie sich mit voller Zuversicht näherte. Von jenen erbat sie sich Verzeihung, weil sie fürchtete, nicht immer gutes Beispiel gegeben zu haben; nach diesem sehnte sie sich so innig, daß sie es kaum erwarten konnte, bis sie dahin gelangte. Unter diesen Liebessenfzern schien sie ganz auf den traurigen Abschied zu vergessen, welcher allen Anwesenden das Her; zerriß, und die Augen mit Thränen schwellte bei dem Anblicke einer jungen, schönen, blühenden, geliebten Gattin und bewunderten Königin, welche nun am Rande deS Grabes stand, und nur die herben Schmerzen der Mutter kostete, ohne den Trost gehabt zu haben, sich von der theuren Frucht ihres Leibes gekannt und geliebt zu sehen. Als aber, gefolgt von der ganzen königl. Familie, daS Allerh. AltarSsacramcnt in ihr Zimmer gebracht wurde, um es ihr als Wegzehrung zu dieser letzten Reise zu reichen, erhob sich die Sterbende mit solch' himmlischer Andacht, daß ihre Züge allen Anwesenden von dem Widerscheine jenes Himmels verklärt zu sein schienen, der sich schon über ihrem Haupte öffnete, um die am Ziele der Pilgcrschaft ange- langle Seele aufzunehmen. Bevor sie jedoch diesen erhabenen Flug begann, hatte sie noch eine letzte Aufgabe auf Erden zu erfüllen, nämlich ihrem einzigen vielgeliebten Kinde, welchem das Leben zu geben sie, dies engelgleiche Wesen, diese denkwürdige Zierde und Vorbild, von der Vorsehung eigens auf den Thron Neapels erhoben zu sein schien, einen Kuß aufzudrücken. Wer Neapel in der Woche zwischen dem Tode und der Leichenfeier Maria Christiuens, und noch mehr am Tage derselben nicht gesehen, kann sich keine Vorstellung von einer großen, lärmenden, kaum erst wegen der Geburt eines Kronprinzen von Festlichkeiten und Freudcnbezengungen erfüllten Stadt machen, welche auf einmal in eine so unaussprechlich tiefe Trauer versenkt war, als ob Alle und jeder Einzelne eine liebe Schwester oder eine theuere Mutter verloren hätten. Ei» fortwährendes Stöhnen, von Seufzern, Thränen und Schluchzen unterbrochen, welches beinahe die langsamen Glockenschläge und die traurigen Harnionieu der Mnsikbanden übertönte, begleitete den Sarg arn dem langen Wege, der von der Burg zur Kirche Saum Chiara führt, wo sich die Grabstätten der königlichen Familie von Neapel befinden. Und wir, die wir davon Zeuge gewesen, erwarten mit fröhlicher Zuversicht jenen, vielleicht nicht fernen Tag, au welchem, nachdem die Kirche jener Tugcndhcldin die Ehren der christlichen Apotheose wird zuerkannt haben, ihre Reliquien im Triumphe durch dieselben Straßen und unter den festlichen Anrufen eines gläubigen Volkes, das schon gewohnt ist, vor ihrer Urne nicht ohne Erhörnng zu bereu, getragen sein werden. — Die Bedrückungen der Katholiken in Polen« (Fortsetzung.) G Der Unheil verkündende Tag nahte heran, und man versammelte daS Volk vor dem Schlosse, das zur Wohnung für den Senator hergerichtet war. Nach bangem Harren, denn hohe Herren lassen gerne lange auf sich warten, nahte endlich ein unabsehbarer Zug von Popen, Gendarmen und Polizcibeamten, und mitten unter diesen im höchsten Glänze und in voller mit Orden bedeckter Uniform der kaiserliche Abgeordnete. Endlich hielt der Zug. Es herrschte eine Ruhe und Stille, als ob man kaum zu athmen wagte. Da richtete der Senator in feierlichem aber sehr herablassendem Ton folgende Worte an das brave Volk: „Meine lieben Leute, ihr habt an unsern Kaiser Alerander, erhabenen Sohn deS Kaisers Nikolaus, die Bitte gerichtet, daß er euch erlaube, katholisch bleiben zu dürfen. Ick muß euch in seinem Namen erklären, das dieß nicht möglich ist; denn Se. Maiestät Alerander II. hat bei Besteigung des Thrones seines unsterblichen Vaters Nikolaus l. geschworen, die orthodore Religion zn beschützen und weiter auszubreiten. Der Monarch selbst mit der ganzen kaiserlichen Familie bekennt sich hiezu, und also sollet auch ihr dieselbe annehmen. Es ist das der Wille des Kaisers, folglich auch der Wille Gottes selbst; denn Gott regiert die Welt, und der Kaiser herrscht an Seiner Statt über sein Volk. Was also der Kaiser befiehlt, das ist auch zugleich Gottes Befehl, und wer immer dem Kaiser sich widersetzt, der ist von Gott verflucht. Der Kaiser aber will, daß ihr zur griechischen Religion euch bekennet, also will auch Gott selbst, daß ihr ein Gleiches thuet." „Nein, Nein schrie jetzt das Volk laut auf, in heftiges Weinen und Schluchzen ansbrechend. Das kann Gott nicht wollen, und auch wir, wir können eS nicht. Es ist doch den Juden, Türken und Protestanten gestattet, Gott nach ihrer Weise zn verehren. Man lasse also auch nnS die Freiheit, den Gott unserer Vater anzubeten und ihm nach unserer Art zn dienen. „Es ist vergebens, meine lieben, guten Leute, noch länger zu widerstreben. Ob ihr wollt oder nicht wollet, ihr müßt orthodor werden. Ich wiederhole eS euch noch einmal, eS ist des Kaisers unabänderlicher Wille, also auch Gottes Befehl. Laßr euch nicht länger mehr durch die Dominicaner hinhalten. Aas diesen haftet bereits die volle Ungnade Sr. Majestät. Euer aufrichtigster und bester Rathgeber ist euer Kaiser, und in seinem Namen und an seiner Statt stehe ich vor euch und spreche zu euch." Bei diesen mit besonderin Nachdrucke ausgesprochenen Worten rief eine Stimme muten aus der Umgebung des Senators: „Auf die Kniee vor des Kaisers Stellvertreter! Auf die Kniee! Die ganze Versammlung verneigte sich in Folge dieser Aufforderung zwar ehrfurchtsvoll vor dem Senator, aber weiter nichts. Da schrien sämmtliche Popen auS vollem Halse: „Ehrt man so den Kaiser in der Person seines Abgeordneten? Augenblicklich werfet euch vor dem Senator auf die Kniee und küsset ihm die Hand." Das Volk, das über die Bedeutung dieser Aufforderung nicht recht klar werden konnte, blieb ruhig stehen. Da fiel die ganze Umgebung des SenatorS, mit den Popen an der Spitze, über die guten Leute her, und schleppten sie eines nach dem andern zn den Füssen des SenatorS. Dieser reichte ihnen dann seine Hand dar zum Kusse, und er selbst küßte hierauf jeden auf die Stirne, zum Zeichen, daß er sie nun als orthodor betrachte. Alle die mit einem Kusse begnadigt, hiednrch gleichsam das Siegel ihres UebcrtrittS aufgedrückt erhielten, wurden sogleich auch als orthodor angesehen und dem Senator auf die rechte Seite gestellt, ihre Namen in ein bereit liegendes Buch eingetragen und so dessen Inhalt mit einer neuen Lüge vermehrt. Die zuletzt ankamen, merkten aber die teuflische List, und widerstanden aus Leibeskräften jolch schmachvollem Vorgehen. Es waren aber nur mehr ihrer acht. Mit diesen wurde als Rebellen auf ähnliche Weise verfahren, wie wir bereits gelesen haben. Zuletzt sperrte man sie in einen Schweiustall ein. Der Senator fühlte sich indessen ganz glücklich über solch guten Erfolg, und um seine Frende und seine Zufriedenheit hierüber kund zu geben, lud er die Bauern ein, am andern Tage in die russische Kirche zur Kommunion zn kommen, und ließ ö Rubel, etwas über 9 st., als Trinkgeld unter sie vertheilen. Das ist aber nicht der einzige Zug edler Freigebigkeit dieses Senators; wir wollen hier noch eines solchen Erwähnung thun. Als ein Bauer anS dem Dorfe des Hrn. Niedzwiccki, wegen Widerstandes gegen das Schisma vorn Assessor Zwierow halb todt geprügelt, vor dem Senator erschien und, ihm seine entlößteu Schultern weisend, die so zerschlagen waren, daß die nackten Knochen hervorstanden vud die blutenden 77 Fleischfetzen ringS herabhingen, über solche Mißhandlung Beschwerde führte, hatte der Senator keine andere Antwort hierauf, alS: dergleichen Beschwerden seien hier ganz nnd gar am unrechten Platze, und warf ihm zur Linderung einen Rubel hin. Die Bauern von Dzierzanowicze waren unterdessen übereingekommen, dem Senator seine 5 Rubel wieder zurückzugeben, nnd gingen auch nicht in die Kirche. Vergebens wartete er immer, wollte jedoch selbst keine Gewalt anwenden, und kehrte nach Witebsk zurück, in der Erwartung, dort ausgedehntere Erfolge zu ernten. Er hatte ein zu weiches Gemüth, als daß er hätte Blut fließen jehen können. Es hätte ihm dieß vielleicht auch noch mehrere Rubel entlockt. Das überließ er daher andern, die weniger zartfühlend waren, wie wir gleich vernehmen werden. Bereits am Eingang unsers Berichtes haben wir gesagt, daß die Ortschaft Dzierzanowicze ein Besitzthum des Herrn Anton von Korkak ist, eines Abkömmlings aus einer hohen adeligen Familie, die für den Glauben und das Vaterland schon große Verdienste hatte. Dieser, seiner Ahnen ganz unwürdige Sprößling, hatte aus Feigheit noch im Jahre 1842 der russischen Regierung die Versicherung gegeben, er werde alle seine Unterthanen znr Abtrünigkeit zu bringen suchen. Es ist unbekannt, aus welchem Grunde und um welchen Preis er eine so strafbare Verbindlichkeit eingehen konnte. Als nun der Senator in Witebsk ankam, ließ er den bedauernswerthen Gutsherrn zu sich rufen, erinnerte ihn auf sein gegebenes Versprechen, und sagte ihm, jetzt sei der Augenblick da, seiner eigenen Unterschrift Ehre zu machen. Hr. von Korkak schützte Krankheit vor, erklärte jedoch mit Zustimmung des Senators seinen Verwalter, Namens Zacnowski, als ganz hiezn geeignet, zu seinem Stellvertreter. Dieser Elende war früher Polizeibeamtec, besaß sehr einschmeichelnde Manieren, hatte aber einen niederträchtigen Charakter. Da sein ganzes Streben ohnehin nur auf Geldgewinn ausging, gleichviel aus welche Weise dieß geschehen konnte, so war er ganz der Mann zur Uebernahme einer solchen Rolle. (Schluß folgt.) Arm und Reich.*) Vl>» Karl Beycrl. (Fortsetzung.) „Den 18. August 1848. Heute leitete mich Hedwig zu der Unglücklichsten, die ich je gesehen: eine junge Frau, Wittwe eines braven Mannes, Mutter eines schönen Kindes. Vor einem Vierteljahre trat der Mann gesund und blühend eine Reise an; in wenigen Tagen wollte er zurückkehren. Wochen verginge», er kam nicht wieder. Endlich erhielt sie durch die Gerichtsbehörde die furchtbare Nachricht, ihr Gatte sei unfern vom Ziele seiner Reise ermordet worden. Seitdem ist sie krank an Leib und Seele, der Anblick ihres kleinen Heinrich, sonst das Entzücken der Mutter, entlockt ibr Thränenströme, denn das holde Kind trägt die Züge seines unglücklichen Vaters. Sie empfing mich kalt; o könnte ich ihr Vertrauen noch gewinnen! Ihr Schmerz ist namenlos, ihr Gatte war ein vortrefflicher Künstler und Mensch, der zärtlichste Gatte und Vater. O sie ist sehr krank, so blaß, so abgezehrt, die Augen haben einen so ergreifenden, schon überirdischen Glanz." *) Berichtigung. Im Sonntagsblattc Nro. 8- ist in der Erzählung „Arm und Reich" ein unangenehmer Verstoß unterlaufen. Das Capitel Nro. II. wurde nur zum Theil den verehelichen Lesern mitgetheilt, zwei ganze Seiten wurden übersprungen. Dieses Ausgelassene, das zum II. Capitel gehört, und aus Seite 62 nach „des Friedens und der Freude erhellen" hingedacht werden mögen, geben wir in der anliegenden Beilage, welche mit Seite 62° und 62 numcrirt ist. Wir bitte» dieses Versehens wegen um gütige Entschuldigung, Die Redaction des Augsb, Sonntagsblatts. M 1^4 D»sz D »S/ > ' 78 Agnes hielt inne und blickte den Doctor fragend an. „Ich kenne sie," sagte dieser, „die Arme eilt ihrem Gatten zu!" Agnes fuhr fort zu lesen: „O könnte die BcdaneruSwertheste noch gerettet werden! Und wenn dieß nicht möglich, möchte es mir vergönnt sein, ihre letzten Tage friedlich zu machen, ibrem Kinde eine zweite Mutter zn werden, ihm einen zweiten gmen Vater zn geben! Mit schwerem Herzen gingen wir heim. Jetzt vor Schlafengehen, da ich diese Zeilen schreibe, liegt all' das Leid, das ich gesehen, vor mir, als hätte ich cS selbst durchgekämpft, meine Seele trauert, aber um keinen Preis, nicht um die schönsten Empfindungen meiner glücklichsten Stunven gäbe ich das wehmuthreiche Gefühl, das mich jetzt durchdringt. Ich habe meinen Beruf erkannt. Möge Gott und die heilige Jungfrau mir bcistehen, daß ich meine Sendung erfülle!" Agnes schloß das Tagbnch. Arthur zog sie zärtlich in seine Arme und sprach mit Fencr: „Erfülle deinen himmlischen Beruf nnd liebe! Ich will mit dir streben und handeln, nnd «Niere Ehe sei fortan ein Bund mit dem Herrn!" Helfer sagte mit väterlichem Händedruck; „Fahren Sie so fort, liebes, gutes Kind! Nehmen Sie anch meinen Beistand an! Den Arzt macht seine Kunst znm Freunde der Armen wie der Reichen; vor Allem lassen Sie nnö aber auch mit den Geistlichen dieser Stadt sprechen, sie machen reiche Erfahrungen, besonders an den Betten rcr Kranken und Sterbenden, und freudig werden sie uns Rath und Beihilfe leihen und Gottes Segen aus Ihr edles Vorhaben herab flehen." „Ja, fahre so fort," sprach Arthur. „Als Knabe dachte ich mir einst hehre Menschen unter dem Chalifen Harun al Raschid nnd seinem Großwessir, wie sie nächtlich die Stadt durchwanderten nnd das Unglück kennen lernten und wie Götter Hilfe brachten. Du wirst mit deinem guten Herzen Größeres wirken als dcr Chalif." Agnes blickte ihn dankend an. „Wenn du Alles wissen wirst, was mir Hedwig erzählte, wie sie mich leitet, da wirst sie hochachten," sagte sie bescheiden. „Willst du nicht deinen Großwessir rufen lassen?" fragte Arthur lächelnd. „Ich will unsern Garten bedeutend vergrößern, nnd wir müssen nun einen eigenen Gärtner haben, diese Stelle habe ich Hedwigs Gatten zugedacht, das Häuschen dort im Park wird groß genug für die Familie sein." Dankend eilte Agnes fort, um den.Beglückten die frohe Kunde zn brsngcn. Nach acht Tagen waren sie wieder beisammen. Agnes hatte ein holdes Kind anf dem Schoße. Die unglückliche Knnstlcrswittwc war ihrem ermordeten Garten gefolgt nnd Agnes hatte der Waise einen guten Vater, - eine gute Mutter gegeben. Nicht bloß Agnes, aach Arthur nnd der Doktor hatten dicßmal zu erzählen. Alle waren mit ihren Erfolgen zufrieden. Manche edle That, manche neue wohlthätige Einrichtung wurde in der Stadt schon laut gepriesen, ohne daß man noch die Urheber kannte. Auch unter befreundeten Herzen hatten sie schon mächtig gewirkt, und wie Arthur und Agnes als die Sterne der höheren Gesellschaft diese mit ihrer Liebes- begeisternng entzündeten, so thaten cS die gute Hedwig und ihr dankbarer Gatte in ihrer Sphäre, und Helfer wirkte erwärmend nnd erleuchtend in seinem alle Kreise umfassenden Berufe. Dadurch gewann das Lebe» nm sie her allmälig eine schönere Gestalt, die Nächstenliebe brach den Trotz und Neid der Besitzlosen und lehrte sie Gegenliebe und Dankbarkeit, und die Reichen und Vornehmen wandelten nicht mehr wie hochmüthige feindliche Wesen durch die Reihen der Niedrigen, sondern als hohe Menschen geehrt und geliebt. Nach Jahresfrist war viel, unermeßlich viel geschehen. Zwei goldene Sätze waren zur Wahrheit geworden: „Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern wie du es bist." Diese Worte, von den hervorragendsten Menschen thatsächlich anerkannt, lehren alle Stände sich gegenseitig nach ihrem inneren Werthe achten, und das höchste Gebot: „Liebe Gott über Alles, deinen Nächsten wie dich selbst!" bezeichnet Allen die unfehlbare einzige Bahn zum irdischen und ewigen Heile. 79 Agnes aber hatte sich seit dem Anfange ihres Wirkens einen Namen erworben, der ihr bleiben and noch einst am großen Tage des Weltgerichtes für sie zeugen wird, den hehren Ehrennamen: die gute Frau. (Schluß folgt.) Ein paar „Stückchen" vorn guten Pins IX. Eines TageS schlich sich in das Vorzimmer der apostolischen Gemächer des VaticanS in Rom ein kleiner Knabe in ärmlicher, aber reinlicher Kleidung. Die Wachposten wollten ihn abweisen; aber der Kleine bestand darauf, er wolle zum Papst. Während dieses Zwiegespräches kam ein Kammerherr des heiligen Vaters in das Zimmer. Auch dieser sachte dem Knaben begreiflich zn machen, daß hier seines Bleibens nicht sein könne. Als dieser aber inständig in den Kammerherrn drang, er möge ihn doch nur einen Augenblick zum Papst lassen, hieß ihn letzterer endlich warten und ging fort, um dem heiligen Vater den Vorfall gleichsam zum Scherze zu erzählen. Pins IX. befahl sogleich, den Knaben vor sich kommen zu lassen. Er wurde gerufen. „Was willst du hier, mein Kind?" fragte der Papst in väterlichem Tone. — Ohne die mindeste Verlegenheit antwortete der offene Junge: „Ich möchte gern studieren, meine Eltern können mir aber keine Bücher anschaffen, und wenn ich sie darum er- suche, sagen sie allemal, der Papst werde sie mir kaufen. Aber es dauert so lange, bis ich sie bekomme; da wollte ich denn einmal selbst gehen und sehen, woran es hält." — „Wie viel Geld hast du nöthig?" — „Ungefähr fünfzig Paoli!,, (Etwa zwölf Gulden.) Der Papst lächelt und besiehst dem Kammerherrn, dem Knaben zwei Scudi, d. h. zwanzig Paoli, zn geben. Der Junge nimmt das Geld, schaut aber trübselig bald die zwei Scudi, bald Pins IX. an. Endlich platzt er heraus: „Entschuldigen Sie, heiliger Vater! dafür kann ich mir die Bücher nicht kaufen." Mit der Miene des höchsten Wohlwollens reichte ihm nun der Papst zwei Goldstücke im Werthe von fünf Scudi jedes. Der Knabe staunte nicht wenig (denn jetzt hatte er die erbetenen fünfzig Paoli) und eilte, vor Freude fast den Dank vergessend, fort. Ihm folgte ein päpstlicher Kammerdiener mit dem Auftrag, das Bürschchen nicht aus dem Auge zu verlieren, auf dein Fuße nach und kehrte mit Kunde zurück, der Kleine sei zuerst zum Buchhändler gelaufen und habe dann die Bücher sammt dem kleinen Rest deS dafür bezahlten Geldes seiner armen Mutter treulich überbracht. Dadurch wurde PinS für den glücklichen Knaben noch mehr eingenommen und wies ihm einen monatlichen Gehast an, wodurch dieser tu den Stand gesetzt wurde, seine wissenschaftliche Laufbahn fortzusetzen. Ein solcher Fürst, der mit so viel Geduld und Herablassung die einfältigsten Bitten der ärmsten Unterthanen hört und erhört, kann doch nicht der unfähige Regent sein, als welchen ihn die Kirchenfeinde ausgeben, sondern muß das Herz am rechten Fleck haben und seine ganze große Familie mit desto größerer Liebe umfangen, da er schon die Einzelnen und Kleinsten so liebevoll behandelt. Item muß er kein abgesagter Feind der Aufklärung sein, da die Wohlthat zum Ankauf von Schulbüchern bestimmt war. * Im Sommer des Jahres 1847 sah Papst Pius IX-, als er ansfnhr, in einer Straße RomS einen alten Mann ohnmächtig anf dem Boden liegen. Der edle, menschenfreundliche Papst ließ sogleich halten nud anf sein Befragen, wer der Arme sei, antwortete Einer aus der gaffenden Menge: „Es ist nur ein Jude!" Unwillig über diese lieblose Antwort, stieg der hochherzige Pius aus, half eigenhändig den Ohnmächtigen in den Wagen heben, fuhr mit ihm nach seiner Wohnung, schickte ihm unverzüglich seinen Leibarzt und sorgte für die nöthige Verpflegung. DaS Oberhaupt der katholischen Kirche ist also auch tolerant, duldsam gegen Andersgläubige. Freilich ist er eS nicht in dem Sinn, wie die Ungläubigen eö verstehen: er denkt nicht, es wäre einerlei, ob man Jude oder Christ, Protestant oder Katholik sei. Eine solche Gesinnung heißt aber auch nicht „Toleranz," sondern „Gleichgültigkeit im Glauben." Die wahre Toleranz verwirft und verabscheut den Irrthum, liebt aber den Irrenden und hilft ihm in der Noth. In diesem Sinn ist der Papst tolerant und jeder Katholik, auch die „Jesuiten und Ultramoutanen." Der Dulder für den Glauben. SvaneS, ein reicher Perser, wurde in der Verfolgung deS Veranes vor Gericht geladen. SvaneS hatte tausend Sklaven. Der König fragte ihn, welcher von seinen Sklaven der schlimmste wäre? Als ihn SvaneS genannt, befahl der König, daß er sammt allen seinen Sklaven diesem dienen, und daß des SvaneS Gemahlin diesem zur Frau gegeben werden sollte. SvaneS ertrug Alles und beharrte im Bekenntnisse des hl. Glaubens. Siuufpruch. Menschlich ist es, Sünde treiben; Teuflisch ist'S, in Sünden bleiben! Christlich ist eS, Sünde hassen; Göttlich ist eS, Sünd' erlassen. Der St. PeterS - Pfennig. In altxr Zeit war's Christenbrauch, Den Pfennig Nom zu geben; So hielt's der Fürst, der Bettler auch: Der Papst ja mußte leben. Da nahte Pipin, Frankreichs Sohn, Und gab — fürwahr nicht wenig — Dem heil'gen Vater einen Thron Als seinen Peters-Pfennig. Noch mancher Fürst bracht' Gaben dar Für „Gott vergclts!" zum Lohne; Doch dankt' am laut'sten immerdar Rom seinem „Aelt'sten Sohne." Die Zeiten grauer Vorwelt, seht! Sie kehren heut' zurücke; Nur daß nicht Einer es erräth, Wer heut' den Pfennig schicke. Die MLcht'gen dieser Welt sie sind So karg mit ihren Gaben, Den Vater muß das arme Kind Mit seinen Hellern laben. Und, Karol MagnuS, Pipin — seht! Den Pfennig, den sie gaben, Will, der aus ihrem Throne steht, Zurück — ein Räuber — haben. „Der Kirche Sohn?!" Fluch deiner That! Willst so den Pfennig mehren? Der Herr, der dich erhoben hat, Muß sich vom Diebe kehren. Greif, „Ehrenmann," mit Frcvlermuth Und räuberischen Händen Nur immerhin nach Kirchengut, — Dies Werk wird Frankreich schände». Gcbrandmarkt deinen Namen wird Die Weltgeschichte sehen; Doch strahlend Pius — guter Hirt! Zur Nachwelt übergehen. Redaction und Lerlag: Dr. Mar Huttler. — Druck von 2. M. Kleinte. m- AilgMgtr ZWMgMatt. Air. 1L. 11. März 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburg er Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. RomS Name. Höret ihr den Namen Rom, Denkt nicht täppisch nur die Stadt, Die am gelben Tiberstrom Herrscht und einst geherrschct hat. Römer sein und Herr der Welt Galt vereinst so ziemlich gleich. Ist das ird'sche Rom zerschellt, Kam des Geistes größeres Reich. Und es bleibt die Stadt der Welt, Herrschet selber ohne Rom. Wo das Haupt ist, steht und fällt Christi Stadt, sein Geist, sein Dom. Die römische Inquisition Kein Institut der römischen Kirche ist so angefeindet worden, als die Inquisition. Wenn schon in neuerer Zeit viel Fleiß nnd Mühe angewendet worden ist, auf dem Gebiete der Geschichte das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Zweifelhaften, das Wirkliche vom Enstelltm und Uebertriebenen zn sondern, nnd wenn schon insbesondere über die Inquisition berühmte Gelehrte, wie Graf Maistre, ganz andere Aufklärungen geliefert haben, als von protestantischen Autoren und ihren Nachbetern gewöhnlich zu Markte gebracht werden, so ist eS noch lange nicht an dem, daß über besagtes Institut genuine Begriffe allgemein verbreitet wären. Feinde der Religion und der Kirche spekuliren noch immer auf die Unwissenheit und die Borurtheile der Menge, um durch recht grelle Ausmalung der Gränel der Inquisition das Papstthum verhaßt zu machen. Wie die römischen Republikaner von 18^9 jene Gräuel in grauser Wirklichkeit den Römern in Erinnerung zu bringen versuchten, ist im Juden von Verona zu lesen, und wird auch im Verlaufe dieser Abhandlung gemeldet. Wir entnehmen dieselbe dem interessanten Werke Maguire's: „Rom und sein Beherscher", zweite Abtheilung, welche erst kürzlich erschienen ist; und zwar nicht, als wenn wir bei unsern geehrten Lesern auch irrige Vorstellungen in Betreff der römischen Jnqui- fition voraussetzten, sondern weil in unseren Gegenden die Bedeutung und der Wirkungskreis derselben Wenigen näher bekannt ist, und unsere Zeitverhältnisse eine sichere Kenntniß päpstlicher Einrichtungen erwünscht zu machen scheinen. Maguire beginnt über diesen Gegenstand folgendermaßen: An einem der letzten Tage des Monats Oktober im Jahre 1858 stand eine Gruppe von vier oder fünf Fremden vor einem der schönen Gemälde, welche die Vaticanische Galerie, wiewohl sie au Ausdehnung und Manchfaltigkeit von andern Sammlungen übertreffen wird, weltberühmt gemacht haben. Das fragliche Gemälde ist merkwürdig, aber nicht besonders lieblich anzusehen, sondern macht vielmehr eine» peinlichen Eindruck: eS ist eine sehr anschauliche Darstellung deS Martyriums der heiligen ProccssuS und Martiniauuö, au welchen die heidnischen Henker mit crstu- derischcr Grausamkeit ihre Wuth auslasten. Gerade vor dem Bilde stand eitler der ausgezeichnetsten Prälaten der irischen Kirche, einige Schritte von ihm entfernt stand ein Herr mit seiner Tochter. — „O Papa", fragte das junge Mädchen, „was stellt denn dieses Bild dar?" — „Das, mein Kind", antwortete der wohlunterrichtete Vater, „ist eine Scene von der Inquisition; diese armen Leute werden auf Befehl der Inquisition gefoltert." Der Prälat, welcher diese eigenthümliche Erklärung eines sonst ziemlich bekannten Kunstwerkes zu seiner eben so großen Erheiterung wie Verwunderung hörte, sah nach dem Sprecher hin, da ihm unwillkürlich der Gedanke kommen mochte, er werde vielleicht in der Kleidung und äußern Erscheinung deS Fremden etwas wahrnehmen, was die Albernheit seiner Worte entschuldigen konnte. Aber nein, es schien ein gebildeter und vornehmer Herr zu sein. — Hätte dieser Gelehrte nur aus den Zettel am Rahmen des Gemäldes blicken wollen, so würde er sich nicht durch die Bemerkung lächerlich gemacht haben, welche ihm seine Unwissenheit und seine Vor- urtheile eingaben; aber es gibt freilich Leute, welche Augen haben, und doch nicht sehen. Die Tochter eines solchen Vaters ist wahrscheinlich eine junge Dame von großer Wißbegierde; vielleicht hat sie im Laufe des Tages den Vater noch weiter gefragt, ob die Inquisition zu Rom auch jetzt noch bestehe, und ob man die Leute auch jetzt noch so foltere und martere, wie zn der Zeit, welche „jenes schreckliche Bild" darstelle. Hat sie so gefragt, so hat sie gewiß die Antwort erhalten: „O ja, mein Kind, die Inquisition besteht freilich noch , und ich zweifle nicht daran, daß die nämlichen Grausamkeiten auch heute noch verübt werden, nur vielleicht nicht mehr so öffentlich, wie in frühern Zeiten. Wie man eS früher getrieben hat, das hast du auf jenem Bilde gesehen, welches auf Befehl des Papstes selbst im Vatican ausgestellt ist." „Himmel! Wie schrecklich!" mag das arme Kind gedacht haben. Es gibt aber viele Leute, welche von der Inquisition nicht viel mehr wissen und nicht viel besser denken, als dieser gelehrte Fremde. Darum dürsten einige Beiner- kuugen über die römische Inquisition — den es besteht allerdings noch jetzt in der ewigen Stadt ein heiliges Officinm — hier am Orte sein. Was zunächst die Aufgabe und Einrichtung des heiligen Officiums betrifft, so kann dasselbe als ein Gerichtshof bezeichnet werden, dessen Pflicht cS ist, über die Reinheit und Unversehrtheit des Glaubens zn wachen, dem Eindringen von Irrtümern in die Kirche zu wehren, und den Bischöfen in schwierigen und zweifelhaften Angelegenheiten der Art Belehrungen und Weisungen zn ertheilen. Präsident dieses Gerichtshofes ist der Papst selbst; wenn sehr wichtige Sachen verhandelt und entschieden werden, führt er persönlich den Vorsitz, und die Sitzungen werden dann im päpstlichen Palaste gehalten; gewöhnlich aber versammeln sich die Mitglieder in dem Dominicanerkloster neben der schönen gothischen Kirche an der Piazza di Minerva. Die Cougregation der Inquisition hat mehrere Cardinäle, lauter bejahrte, ehrwürdige, gelehrte und erfahrene Männer, zu Mitgliedern. Ihnen stehen die „Consultoreu" zur Seite, Erzbischöfe und Bischöfe, welche zu Rom wohnen, hochgestellte Prälaten und die gelehrtesten Obern der religiösen Orden. Der General der Dominicaner, der Llggi-itkr 8k>cri pglatii, der Commissarius des h. Officiums und sein 8r>cius oder erster Assistent sind geborne Consultoreu. Au der Spitze der Consultoren, deren eS gewöhnlich fünfundzwanzig bis dreißig gibt, steht der Assessor des hl. Officiums. Sie haben die Fragen, welche ihnen vorgelegt werden, zu stndiren, und ihr Gutachten darüber abzugeben. Verbunden mit dem heil. Officium ist die Kanzlei unter der Leitung deö Custos der Archive, welche von der größten Wichtigkeit sind, da darin alle seit Jahrhunderten von diesem Tribunal erlassenen dogmatischen Entscheidungen aufbewahrt werden. Zn den Beamten des h. Officiums gehören ferner ein erster Notar mit 8 Assistenten, welche alle Priester sind, ein Sommista und eine Anzahl Secretäre und Schreiber. Einer der Consultoren heißt Fiscal-Advocat, und fungirt in Cciminalsache» als Ankläger, ein anderer hat den Angeklagten zu vertreten. 83 Die Jurisdiktion der Inquisition ist theils criminalgerichtlich, theils rein doctrinell. Da letztere der bei weitem wichtigere Theil der Aufgabe des heil. Osfi- ciums ist, so rede ich davon zuerst. Das heilige Officinm hat namentlich die Anfragen der Bischöfe aus allen Theilen der Welt zu beantworten, welche die Verwaltung der Sacramente betreffen, zum Beispiel die Ehe, und zwar die Ehen sowohl zwischen Katholiken, als die gemischten Ehen, die Ehehindernisse u. s. w. Ich erwähne einige Fälle, in welchen das heilige Officinm sich über die giltige Spendnug eines Sakramentes ansznsprechen hatte. Ein schiSmatischer Grieche ließ sich in die lateinische Kirche aufnehmen; er war von einem griechischen Priester in einem Patriarchate des Morgenlandes gcfirmt worden, und es entstand nun die Frage, ob die Firmung gütig gewesen sei, oder ob er nochmals gesinnt werden sollte. Nach einer langen und sorgfältigen Untersuchung wurde erklärt, daß der Grieche nicht gütig gesinnt worden sei, hauptsächlich darum, weil Benedict XIV. den griechischen Priestern jenes Patriarchates die Gewalt zu firmen entzogen hatte. Unter dem Pontificate Clemens XI. wurde bei Gelegenheit der Rückkehr eines schottischen Bischofs, Namens Gordon, zur katholischen Kirche von dem heil. Officinm die Frage nach der Gütigkeit der Ordination, welche er von einem andern schottischen Bischöfe empfangen hatte, verhandelt und verneinend entschieden. Wenn ferner in einem Theile der katholischen Welt eine Irrlehre anftanchr, z. B. in einem Buche vorgetragen wird, und durch dieses Verbreitung findet, und der Bischof der betreffenden Diöccse eine entscheidende Erklärung der höchsten kirchlichen Behörde nachsucht, so wird die Sache dem h. Osficium überwiesen. In solchen und ähnlichen Fällen ist das Verfahren folgendes. Der Commifsarius des heil. Offi- cinmS und seine beiden Socii oder Assistenten stellen die betreffenden Sätze zusammen, suchen in den Archiven die frühern, darauf irgendwie bezüglichen Entscheidungen, und entwerfen eine kurze und übersichtliche Darstellung der ganzen Sache. Die Kongregation beauftragt dann einen der Consultoren, den Gegenstand zu studiren, nnd zur Diskussion vorzubereiten. Dieser verfaßt dann ein ausführliches, motivirtes Gutachten, welches gedruckt und den andern Consultoren mitgetheilt wird. Nachdem auch diese die Sache studirt haben, treten sie zusammen nnd discntiren dieselbe in Gegenwart eines Notars, welcher die von den Einzelnen vorgetragenen Bemerkungen aufzeichnet. Dieses Protokoll wird gleichfalls gedruckt und allen Cardinälen eingehändigt, welche Mitglieder der Kongregation sind. Nach einigen Tagen trete» die Car- dinäle zu einer Berathung zusammen, welcher auch die Consultoren beiwohnen. In dieser Sitzung wird die Frage von den Cardtnälen mit Stimmenmehrheit entschieden. Ihre Entscheidung wird dem Papste vorgetragen, und wird erst durch dessen Bestätigung rechtskräftig. Gewöhnlich werden jede Woche zwei Fragen verhandelt, eine doctrinclle nnd eine criminalgerichtliche. (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen -er Katholiken in Polen. (Schluß.) Kaum in Dzierzanowicze angekommen, begab er sich des Nachts, gleichsam, als wollte er den Popen nnd der Polizei verborgen bleiben, von Haus zu Haus, weint mit den beklagenswerthen Bauern, bittet und beschwört ste im Namen seines guten Herrn und als ihr aufrichtiger Freund, sie sollten doch ia ihrer Hartnäckigkeit nachgeben. „Ihr seid wirklich sehr unglücklich, sag'e er zu ihnen; mein Leben gäbe ich für euch, könnte ich euch helfen. Ihr wißt es ja, wie sehr ich euch liebe; es ist euch nicht minder bekannt, wie viel euer Herr auf euch hält. Aber Alles, was wir für euch gethan zu eurer Rettung, war fruchtlos. Bereits ist das Dorf von den Soldaten umringt. Morgen, ja morgen schon, wenn ihr noch ferner dem Willen des Kaisers widerstrebet, werden die Martern wieder beginnen, und noch zehnmal ärgere als bisher an euch verübt werden. Erstens wird man mit ZOO Hieben beginnen, und wer sich widersetzt bekommt noch weitere 500 und so fort. Dann kommt die Knute und zuletzt Sibirien. Eure Weiber, Schwestern und Töchter fallen den entarteten Soldaten anheim. Wenn euch also euer Leben und eure Ehre, die Ehre eurer Weiber, Schwestern und Töchter lieb ist, so bitte ich euch inständigst, widersetzet euch nicht länger mehr dem Befehle des Kaisers, sondern tretet zur griechischen Kirche über; denn sein Entschluß ist unwioerrnflich. Ihr seid der Verfolgung ver- fallen, selbst über das Grab hinaus. Wollt ihr als Katholiken sterben, so wird man euch einscharren wie llnheilige. Auf solche Worte hin konnte daS brave Volk keine Antwort finden; eS betete nnd befahl laut jammernd sein trauriges Schicksal dem Schatze Gottes. Tags daraus führte man vor der gesainmten versammelten Gemeinde den unglücklichen Vincent ein, der, früher ihr einziger Schutz nnd ihre Stütze, jetzt in Folge seiner entsetzlichen Leiden seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Und nur in solchem Zustande war eS auch möglich, daß er eine sogenannte Erklärung seiner Anhänglichkeit an die Orthodoxie unterzeichnete, womit man dann hochprahlcnd das Volk aufforderte, ihm, der als ihr Hanpt jetzt zur wahren Kirche sich gewendet, ebenfalls nachzufolgen. Dieser Leidensmensch, fast unkenntlich gemacht durch die erlittenen Unbilden, stand da vor seinem Volke, aus Erschöpfung zitternd nnd die Augen niedergeschlagen, gleich einem Verbrecher, nnd ein lang anhaltender tiefer Senfzer entwand sich der Brnst aller Anwesenden. Und dennoch waren alle diese teuflischen Erfindungen nicht vermögend, den Glauben dieses Heldeuvölklcins zu erschüttern. Vergebens blieben selbst jetzt noch erneute Foltern, die der Gendarmerie-Oberst so vortrefflich anzuwenden verstand. Allein die ganze Angelegenheit mußte zn Ende geführt werden; so kantete der Befehl des Senators, nnd zwar mit Hinweisung entweder auf die Gnade oder auf die Ungnade des Kaisers. Man nahm also wieder seine Zuflucht zur Spendnng des Sacramentes, und ordnete auf den andern Tag, eS war den 14. Juli 1858 alter Zeitrechnung, eine allgemeine Commnnion an. Sowie Jemand ans seinem Hanse trat, nm seiner Feldarbeit nachzugehen, ergriff man ihn, schleppte ihn in die Kirche nnd nöthigte sie ihm unter fortwährender Mißhandlung mit Gewalt ans. Nach diesem wurden die Namen sämmtlicher Einwohner, gleichviel, ob sie gegenwärtig waren oder nicht, noch einmal in das Buch des Verderbens eingetragen, des Verderbens nämlich für diejenigen, die da mehr oder minder betheiligt waren. Dieses verhängnißvolle Buch wurde dann durch den elenden ZarnowSki gleichsam als ein Zeichen des Triumphes dem Senator übergeben, der vor lauter Rührung ihm nm den Hals fiel, ihn mehrmal küßte, seinen beiden jüngern Töchtern Freiplätze im ErziehnngSinstitnte der Kaiserin auswirkte nnd ihm noch weitere AnSsichten auf noch größere Gnnstbezengnngen nnd Belohnungen eröffnete. Der unbegreifliche Herr von Korsak setzte diesem Werke erst noch die Krone ans dadurch, daß er unmittelbar darauf die ältere Tochter dieses Schuften als seine Gattin heimführte. Und ach! vielleicht schon während dieser Hochzeitfeier nehmen diese blutigen Tranerscenen mit dem Tode eines so höchst bedauernswürdigen Unglücklichen ihren endlichen Abschluß. Der edle Vincent nämlich, dem man jetzt wieder seinen Aufenthalt in Dzier- zanowicze gestattet-hatte, erfuhr später seinen angeblichen Abfall vom wahren Glauben. Da wurde der gute Mann ganz trostlos. Er lief von Hans zn HauS, beweinte überall seinen Fehler nnd brachte ganze Nächte im Gebet und Jammern vor einem Bilde der heil. Jungfrau zn. Bereits gränzte sein Schmerz an Wahnsinn, nnd in einem äußerst heftigen Anfalle in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli, machte er auch wirklich durch eine Pistolenkugel seinem elenden Leben ein Ende. 85 Um das Unglück der Gemeinde voll zn machen, tauften die russischen Geistlichen mit Gewalt alle Kinder der Pfarrei nach dem griechischen RitnS, und trugen ihre Namen auch in ihre Register ein. Die Eltern zwar werden in ihrem Herzen fort katholisch bleiben, allein was wird aus den Nachkommen werden unter einer Regierung, welche erlaubt, daß die grausamsten und blutigsten Verfolgungen wieder Platz greifen dürfen, welche erst vor Kurzem wieder den Befehl ergehen ließ, daß unter schwerer Strafe kein katholischer Priester Jemanden zum Genusse eines Sacramentes zulassen darf, der nicht ein amtliches Zeugniß vorweisen kann, daß er auch wirklich der katholischen Kirche angehört und angehören darf? WaS wird endlich aus so vielen Millionen Katholiken werden, die so zu sagen an Händen und Füssen gebunden fort und fort in Gefahr schweben, vom weit geöffneten Schlnnde des Schisma verschlungen zu werden, wenn Gott selbst nicht eine mächtige Hand erweckt, die sie errettet?! I. Hd. Arm und Reich. Don Karl B'cyerl. (Schluß.) IV Denen, die Gott lieben, muß Alles zum Guten gereichen- Röm. VIII., 28. Der Sommer des Jahres 1849 neigte sich zn Ende. Inmitten des Europa erschütternden Aufruhrs hatte die Stadt an innerer Gesundheit und Kraft zugenommen. Da beliebte es einem vielgcwanderten Trenftcund*), dort eine Rede zn halten. Zu der in pomphaften Ankündigungen voransbcstimmten Stunde erschien der Mann der Zukunft auf dem großen Marktplätze und bestieg eine eigens für ihn errichtete Tribune. Es war an einem Sonntage, und das müßige Volk stellte sich neugierig sehr zahlreich ein. Der Redner war einer von den Gewaltigen jener Tage. Er verstand eS meisterhaft, dem Volke zu schmeicheln und seine schwachen Seiten zu fassen. Selbstliebe, Haß und Genußsucht waren die Grundtöne, aber er verhüllte sie, wie eine Viper in Rosen,-in prächtigen und stolzen Phrasen von Staatsweisheit, Weltlage und anderen großen Dingen, dann kam die Unterdrückung der Menschenrechte, dann zuckten Racheblitze gegen alle kirchliche und weltliche Autorität, gegen alle Besitzer, dann flöteten die Sircnenlocknngen der Freiheit — da wartete der Arme nicht mehr auf die Brosamen des Reichen, da setzte er sich selbst an die wohlbesetzte Tafel, da war Wohlleben überall in Hülle und Fülle! Waren auch die Zuhörer bisher ruhig und besonnen geblieben, solche Worte regten den sinnlichen Menschen auf, sie zündeten, und der Redner konnte es fortfahrend wagen, den Krieg gegen Kirche, Gesetz und Besitz als verdienstlich, als nothwendig zu preisen. Schon erhitzten sich die Gemüther, das Gemnrmel unter dem Volke wird lauter, einzelne gefährliche Rufe erschallen: Vorboten eines drohenden Sturmes — da wird eö plötzlich still, der Lärm sinkt znm Geflüster herab, der Redner selbst schweigt verblüfft — durch die lautlose Stille tönt das helle Klingen eines näher kommenden GlöckleinS — ein Prister schreitet heran, das Allerheiligste tragend, nm einer zur Vergeltung abgerufenen Seele den letzten Trost zu bringen. DaS Volk, wie aus einer Fieberphantasie erwacht, sinkt auf die Kniee und beugt sich vor dem allmächtigen Schöpfer und Richter des Himmels und der Erde. Und wie der Priester weiter wandelt, fliegt eine ernste Frage, eine unerwartete, erschütternde Antwort durch die Menge. — „Wer stirbt?" — „Eine Wöchnerin — die gute Frau!" — *) Siehe „die Vogel" von Goethe. MK M 86 Da folgte dem Priester ein unabsehbarer Zug schweigender, trauernder Menschen bis zum Hause Arthurs, und während der Diener dcS Herrn Agnes auf dem Wege zum liebenden Vater im Himmel vorbereitete, kniete unten das Volk im heißen innigen Gebete. Als der Priester das Haus verließ, blieb das Volk noch betend vor demselben. Oben standen Arthur und der Doctor am Lager der Sterbenden. In höchster Erschöpfung schloß sie die Augen. Arthur suchte mit quallvollem Bangen die Blicke des Doctors, der unverwandt ernst die Leidende beobachtete. Hedwig kniete in stummem Schmerz zur Seite des Bettes. Das Schluchzen des Volles tönte herauf. Der Doctor wechselte Zeichen mit Arthur, dieser verstand ihn, schlich leise aus dem Zimmer und ging hinab. Als er aus dem Hause trat, da harrte noch lange das Volk, wie eS hergezogen war. Theilnahme unv Schmerz lag auf allen Gesichtern, selbst die Augen rauher Mänuer waren feucht. Ehrerbietig, wie eine Schaar ergebener Kinder, lauschte die Menge dem guten Reichen, der jetzt so blaß, so schmerzerfüllt dastand, und mit bebender Stimme den Tiefergriffeuen seiner Gattin letzte Grüße und seinen Dank verkündete und sie bat, mit ihm zum Herrn des Lebens um Rettung der Theuren zu flehen. „Wir wollen in den Dom gehen und beten!" rief leise eine Stimme, und das Volk zog in den Dom und betete wie mit Einem Herzen heiß und bange für die Jnuig- geliebte. Agnes schlummerte lange, und als sie erwachte, sah sie Wonnethränen in Arthur'S Augen; Helfer sprach so selig wie noch nie das Freudcnwort „gerettet!" und empfahl Ruhe; Hedwig legte vor Entzücken weinend ein schönes Kindlein an die Brust der glücklichen Mutter, und der kleine Heinrich fragte an der Thüre, ob er nun endlich zum Mütterlein dürfe. Hedwig fliegt fort und verkündet des Himmels wunderbare Hilfe dem Volke, das hocherfreut dem Herrn dankt für die doppelte Rettung, für die der guten Frau und seine eigene! Die Freude über das allgemeine Mitgefühl trug nicht wenig zu Agnes baldiger Erstarkung bei, und Gott blieb bei ihr und segnete sie und ihren Gemahl mit dem reinsten häuslichen Glück. Arthur und Agnes sind bis jetzt als die Wohlthäter der Stadt von Allen hoch geehrt und innigst geliebt; Helfer,-der verehrungS- würdige Greis, ist von ihnen unzertrennlich und verbindet jugendkräftig mit seinem menschenfreundlichen Berufe begeisterte Liebesthaten und Hedwig, die Gute, ist bescheiden geblieben und glaubt sich der Kränze nicht werth, mit denen sie die Freundschaft schmückt. Mögen die Edlen noch recht lange glücklich sein im Beglücken und werde es doch überall zur Wahrheit, was der gute Doctor sagte, als am zweiten Geburtstage der kleinen Marie eine Schaar blühender Kinder danksagend und glückwünschend im Palaste erschien: „Möchte doch in jeder Stadt sich eine Agnes unter den Reichen, eine Hedwig unter den Armen finden! Solche Frauen vereinigen als Symbole und Priesterinncn der versöhnenden Liebe die Höhen und Tiefen der Welt, die heilige CharitaS leuchtet siegreich aus ihrem zarten Bunde auf, und auch die stolzen und hochstrebenden Männer nähern sich allmälig einander in diesem Lichte, denn ewig wahr bleibt'S und Alle sehen es klar: Kein lorbeerbekränztes Streben, keine Heldenthat, keine irdische Größe ist so reich an wahrer Ehre, so beseligend, so unsterblich groß wie die Liebe, die größte von Allen!" 87 Ein paar Variationen über das Thema: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Uarr'n, es wird nichts draus!" I. Von der Mang fall. Für unsere gegenwärtige Lage möchten beifolgende Begebenheiten geeignet sein, für die heilige Kirche und ihr Oberhaupt nicht zu sehr bekümmert zu werden, weil der alte Gott noch lebt, und es wahr ist, daß: „Wenn es lange noch so fort geht, geht eS nicht mehr lange so fort." Nachdem nämlich Napoleon I. 1804 sich in Gegenwart PinS VII. selbst die usarpirte Kaiserkrone aufgesetzt, lag demselben Alles daran, dieses Oberhaupt der Kirche für seine Pläne zu gewinnen und keine Güte und keine in Aussicht gestellte Strenge und Gewalt blieb unversucht, um den ruhig in sich abgeschlossenen Kirchenfürsten fügsam und nachgiebig zu machen. In einer geheimen Conferenz lud er den Papst zu sich ein, um auf diese Art mit dem, was er eigentlich wollte, den Anfang zu machen. Unruhig ging Napoleon in seinem Schlosse zu Fontainebleau auf und ab, und erwartete PiuS Vll., indem er nach seiner Gewohnheit im Zustande der Aufregung mit einem eisernen Instrumente in Tische und Stühle stieß, stach und bohrte. Endlich trat nach öfterem vergeblichem Hinausgehen, der ehrwürdige heilige Vater ernst und feierlich inS Cabinel des neuen Kaisers ein. Ehrerbietig bot ihm derselbe einen prachtvollen Stuhl an, und PiuS setzte sich. Nnu trug Napoleon in traulicher, schmeichelnder, süßer Rede seine Wünsche vor, bittend, rathend, den Sitz von Rom nach Paris zu ver- legen, wo er dann in einem der kaiserlichen Schlösser seinen Thron errichten möchte. Mit ihm wolle er die Kirche auf dem ganzen Erdkreise regieren, seine Einkünfte verdoppeln und eine glänzende Leibwache ihm beigeben. Papst Pins VII. hörte die Rede des Kaisers ruhig an, und antwortete am Schlüsse derselben daS kurze, wiederholte Wort: „Comödiante!" Dieses war genug, um den Stolz des Gewaltigen zu beleidigen, und zornig aufspringend rief er aus: „Was, ich ein Komödiant! Pfaffe, nun ist's aus mit uns." Heftig und schnaubend auf- und abgehend, ergriff er ein auf dem Tisch stehendes Kunstwerk in Mosaik, die Peterskirche in Rom vorstellend, und vor den still sitzen gebliebenen Papst hiutreteud, warf er es in Stücke zur Erde mit den donnernden Worten: „Siehst Du, so werde ich nun Dich, Deinen Stuhl, Deine Kirche und Dein Reich zerschmettern; der Tag des Zornes ist über Dich auSgebrochen." — Und der heilige Vater sprach in derselben feierlichen Haltung klar und fest wie das Erstemal, jetzt das einzige Wort: „Tragödiante!" und verließ dann das Cabiuet. — Gut hatte PiuS VII. vorherverkündigt. Fünf Jahre ward Napoleon durch seine Siege bei Ansterlitz, Friedland, Erlan, AbenSbcrg, Regensburg, Landshut, Wagram das Weltwunder. Völker und Fürsten huldigten ihm, dem großen Schauspieler, dem eS eine Last war, Menschen nach Millionen hinopferu zu lassen, um sein Spiel gut zu spielen; kaum er aber das Oberhaupt der Kirche gefangen von Rom (1809) abführen ließ, begann auch schon der Wendepnnct, die Nachtseite seines Lebens, eS begann sein Trauerspiel, wo er wieder die Hauptperson spielte im ersten Act in Rußland 1812, als er fliehend vor den Kosaken, mit genauer Mühe sein Leben rettete auf dem Schlitten eines polnischen Juden. Seinen Soldaten, die znm Theil erfroren oder erhungerten, fielen deßhalb die Gewehre aus den Händen, obwohl er mit dem Banne beladen, spottend sagte: deßwegen würden die Gewehre den Soldaten noch nicht aus den Händen fallen. Der zweite Act spielte bei Leipzig 1813, der dritte, als er abdanken (1814) mußte, in Paris, der vierte 1815 in Niedcrland, als bei Water- loo der Stern seines Glückes gänzlich erblaßte, und der fünfte war, als er, von den Engländern gefangen, auf der verlassenen Insel Helena sein Trauerspiel durch den Tod (1821) schloß. PiuS VU. war aber längst wieder in seinen Kirchenstaat zurückgekehrt, und sein Stuhl, sein Reich und die Kirche wurden also nicht zerschmettert. — U. Im Vorhofe der Tailerien zu Paris sah man vor etwa 47 Jahren einen Knaben, der in seine kleinen Hände klatschend freudig umhersprang, bei dem Anblicke der Eskorte der Soldaten nnd glänzenden Officiere, die den Wagen seines Vaters umdrängten. Um diesen Knaben zu ergötzen, hatte man zn seinen Spazierfahrten sanfte blendend weiße Lämmer abgerichtet, man spannte sie vor seinen kleinen Wagen, dem bereits seine künftigen Kammerherren, die Söhne derjenigen, welche in den Gemächern seines Vates als solche den Dienst verrichteten, folgten. Als man dieses Kind zu seiner mit goldenen Bienen verzierten, kleinen Equipage, einem Genius gleich, vorüberbegleitcn sah, flüsterte man sich einander bewundernd zu: „Das ist der Sohn Napoleons, der König von Rom, und voll Hoffnung setzte man bei: Eines Tages wird er Kaiser der Franzosen werden." Doch anders kam's in der Zeiten Laus. Napoleons Sohn war kein Kind der Vorsehung, und darum sollte es weder den Thron seines Vaters in Paris besteigen, noch weniger aber König von Rom werden. Napoleon Franz brachte es nur zu einem Major eines k. k. Regiments in Wien, wo er 1832 in der Blüthe seiner Jahre starb. Seine Leiche in der Kaisergrnft dortselbst muß uns daher wieder lebhaft überzeugen, wie wahr jenes Wort sei: Der Mensch denkt, Gott lenkt, oder wie der Dichter sagt: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Narr'n, es wird nichts d'raus." Es wird darum Napoleon U1. solange es dem Himmel beliebt als Comödiante die Welt iu Erstaunen setzen, man wird ihn respectiren, Weihrauch streuen, fürchten und gewähren lassen, weil er einmal die Macht und den Willen hat, glaubt sich derselbe jedoch noch ferner berufen, auch den Ordner in der Kirche zu spielen und durch List oder Gewalt das geheiligte Oberhaupt derselben zu bedrängen und über seinen Besitz zu verfügen nach Willkür, dann beginnt er als Tragödiante sein Trauerspiel. Act auf Act wird sich folgen. Sein Ende wird kläglich sein. Wenn der ' mächtige Hohenstaufe Kaiser Friedrich U. mit seinen 7 Kronen das Haupt am Felsen der Kirche sich zerschmetterte, wird ein Napoleon IU. für das seine keine Ausnahme erwarten dürfen und sogenannte Ideen vermögen ihn nicht zu schützen vor der Hand des Herru, er mag sie noch so praktisch auszuführen wissen. Glaubenseifer eines KindeS. Als sich LeonidaS, Vater des berühmten Kirchenvaters OrigeneS, wegen des christlichen Glaubens im Kerker befand, überschickre ihm dieser zärtliche noch nicht 14 Jahr alte Sohn folgenden Brief: „Ach Vater! ich bitte dich knieend, verläugne nicht unsertwegen Christum. Ich werde statt deiner meine Matter und meine sechs Brüder ernähren, ich werde von Haus zu Haus betteln, damit sie leben könueu, wenn du für den Glauben stirbst." Reaction uud Lrrtag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »>m 3. M, Nlcinle. AilgsbiiM AmiltijMtt. 1S. 18. März 1860. Da« Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nur Unverzagt! Nur unverzagt. Du Felsenmann, So grimm die Stünne toben; Voll Gottvcrtrau'n sei unverwandt Dein Blick zum Herrn erhoben! Es schirmet Dich der Arm deS Herrn, Der Deinen FclS begründet Im Zeitenmcer, und Dich der Welt Als Felsenmann verkündet. An seinem Worte, ewig wahr. Zerstieb die Macht der Bösen, Die stolz des Rechtes heilig Band Mit wildem Trutze lösen. Der Heidcnkaiser Tyrannei, Die Wuth der Häresien: Wir seh'n sie schmachbedeckt vor Dir Zn blut'ger Schlacht entfliehen. Als Frevler in den deutschen Gau'n Sich gegen Rom empörten. Und Frankreichs Söhne glaubenslos Altar und Thron zerstörten: — Die Felsenburg ragt unversehrt Hoch aus der Brandung Wogen, Und die zu stürzen sie vermeint. Sind schmählich abgezogen! Wie viele Wellen stürmten schon Heran zum hohen Walle, Und drohten Deiner Fclsenburg Bald mit dem nahen Falle! So bleibe, frommer Felscnmann, Getröstet in den Stürmen, Ob auch der Bosheit und der List Gewölke auf sich thürmen! Er lebt, der bei Tiberias Gebot den mächt'gen Wellen, Und läßt nicht vor der Hölle Macht Sanct Petri Fels zerschellen. I. B- Tafrathshofer. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Zur Jurisdiktion des h. OfsiciumS gehören alle Verbrechen und Vergehe» gegen den Glauben, z. B. Gotteslästerung, Verunehrung der Sakramente, Bigamie als Verunehrung des Sakramentes der Ehe, Erschleichuug der h. Weihen und unerlaubte Consecration eines Bischofs als Verunehrung des Sakramentes der Priesterweihe, Vergehen eines Beichtvaters als Verunehrung des Sakramentes der Buße, ferner vorgebliche Heiligkeit, Wunder und Prophezeihuugeu, kurz alle Vergehen, welche von Personen, die sich zur kath. Religion bekennen und äußerlich Mitglieder der kath. Kirche sind, gegen den kath. Glauben begangen werden. Ich will den Charakter und den Nutzen dieser criminalgerichtlicheu JuriSdic- tiou des hl. OfsiciumS durch einige Beispiele veranschaulichen, schicke aber einige Bemerkungen über das Verfahren desselben voraus. DaS h. Officium leitet eine Untersuchung ein auf Grund van freiwilligen Aussagen, wozu sich Gläubige durch eine Gcwissenspflicht angetrieben fühlen. Diese Aussagen müssen aber in der gesetzlichen Form und eidlich gemacht werden. ES wird ferner eine sorgfältige Untersuchung des Charakters, der Glaubwürdigkeit und der Beweggründe der Zeugen angestellt, um die Möglichkeit zn verhüten, daß sie als Werkzeug persönlicher Feindseligkeit oder Rachsucht sich gebrauchen lassen. Auch über den Charakter des Angeklagten werden genaue Crkundignngcu eingezogen. Der Gerichtshof läßt die Sache fallen, wenn er nicht die feste Ueberzeugung von der Glaubwürdigkeit und Ehrenhaftigkeit der Ankläger gewinnt. Steht diese fest, so wird der Angeklagte vorgeladen, und über alle Puncte der Anklage in der vorgeschriebenen Weise vernommen. Ueber daS Verhör wird ein Protokoll aufgenommen, und daraus der Advocat des Angeklagten gehört. Die Sache wird darauf in einer Plenarsitzung verhandelt, nnd nach reiflicher Ueberlegung das Unbeil gesprochen. Alle Betheiligten müssen sich eidlich zum Schweigen verpflichten: dadurch will man einerseits den Rnf des Angeklagten schonen, andererseits diejenigen, welche sich durch ihr Gewissen zur Anklage angetrieben fühlen, vor Belästigung und Rache schützen. In den nachstehend mitgetheilten Fällen handelte eS sich nm allgemein bekannte Vergehen, in Bezug ans welche das Geheimhalten unklug gewesen sein würde, wenn es auch möglich gewesen wäre. Die Untersuchung wurde allerdings, wie sonst, in der Stille geführt-, daS Urtheil aber wurde öffentlich verkündet, wie daS Vergehen öffentlich verübt wurde. Vor ungefähr dreißig Jahren gelang einem Egyptier, welcher als Student in der Propaganda aufgenommen war, ein merkwürdiger Betrug. Er verbarg hinter einem unbedeutenden, ja unangenehmen Aeußeru ein ungewöhnliches Maß von Schlauheit und Ehrgeiz. Als namenloser und nichts weniger als ausgezeichneter Student faßte er den verwegenen Plan, sich in die höchsten kirchlichen Ehrenstellen einzudrängen, nnd für einen Augenblick gelang es ihm. Mit Hilfe von angeblichen Schreiben des Pascha'S von Egypten nnd anderer hochgestellter Personen jenes Landes, in welchen sein Gesuch durch sehr starke, daS Aufblühen der katholischen Religion in Egypten betreffende Gründe unterstützt wurde, wußte er cS dahin zu bringen, daß er nicht nur zum Priester geweiht, sondern sogar zum Erzbischof consecrirt wurde. Einige Zeit war Leo X1>. gar nicht geneigt, auf daü so ungewöhnliche Gesuch einzugehen, so dringend auch dasselbe in jenen Docnmenten befürwortet wurde. Nach langem Bitten ließ er sich durch die anscheinend sehr triftigen Gründe zu der Zusage bestimmen, er wolle selbst den jungen Priester consecriren. An dem festgesetzten Tage sühlle sich der Papst plötzlich unwohl; dieser Umstand, verbunden mit seinen nicht ganz beschwichtigten frühern Bedenken und einer dunkeln Ahnung, daß nicht Alles richtig sei, bestimmten ihn zn dem Entschlüsse, die Cousecration mindestens zu verschieben. Leider ließ er sich doch wieder von diesem Entschlüsse abbringen, und der Egyptier empfing die bischöfliche Weihe von den Händen deS ehrwürdigen Leo. Der junge Erzbischof blieb »och einige Zeit in Rom im vollen Genusse seiner hohen Würde; freilich wird er in der Furcht vor der anf die Dauer unvermeidlichen Entdeckung seines Betruges mit nicht ganz ungetrübter Freude die ihm gezollten Ehrenbezeugungen und Glückwünsche seiner Bekannten entgegengenommen haben. An einen Betrug dachte Anfangs Niemand, zumal mau die geringe geistige Begabung des jungen Mannes kannte. Mit Rücksicht auf seine Jugend und Nnerfahrcnheit wurde ein Geistlicher von großer Klugheit und Erfahrung bestimmt, ihn nach Egypten zu begleiten, um ihn in allen wichtigen Angelegenheiten mit seinem Rathe zn unterstützen, oder eigentlich ibn zu leiten. — Als die Nachricht von der Cousecration nach Egypten kam, waren die Behörden im höchsten Grade erstaunt und daö Volk so erbittert, daß man den Betrüger, wenn er auf seiner Absicht, in Egypten zu landen, beharrt hätte, au den Galgen gehängt haben würde. Der Erzbischof sah sich also 01 genöthigt, mit seinem Begleiter nach Rom zurückzukehren ; aus der Reist gab er mehrere Male durch sein schlechtes Benehmen großen Anstoß. Als er zu Rom ankam, wurde» die Docnmeute, mit deren Hilfe ihm sein Betrug gelungen war, nochmals untersucht, und man fand nun, daß das Papier der angeblich in Egypteu geschriebenen Briese das Wasserzeichen einer Fabrik zu Foliguo im Kirchenstaate trug. Es wurde ihm nun der Proceß gemacht, und er wurde zu lebenslänglicher Einsperrnng.vernrtheilt. Zugleich wurde er in der Eapelle des hl. OfstcinmS feierlich degradirt in Gegenwart einer Anzahl von Studenten der Propaganda, der Anstalt, welche er durch sein Verbrechen besonders beschimpft hatte. Es waren ungefähr zwanzig bis dreißig Personen bei dieser ergreifenden Ceremonie zugegen. Der Schuldige wurde von den Beamten dcS Gefängnisses in die Eapelle geführt, bekleidet mit den Gewändern und Jnstgien der bischö flichen Würde; sein Gesicht, welches immer abstoßend war, sah vor Scham und Schrecken ganz gespenstisch aus. Der snngirende Bischof nahm ihm die Miira, das Zeichen der bischöflichen Würde, welche er entehrt hatte, vom Haupte und warf sie auf den Boden; das Evangelicnbuch wurde ihm aus der Hand genommen, zum Zeichen, daß ihm das Recht zu lehren entzogen worden sei; der Ring, „das Zeichen der Treue", wurde ihm vom Finger gezogen und auf den Boden geworfen, weil er „die Kirche, die Braut Christi, verunehrt" hakte: der Hirtcnstab, welcher seine Gewalt zu leiten und zu strafen vcrsinnbildere, wurde ihm anS der Hand genommen; das Haupt und die Hände wurden abgeschabt, um gleichsam die Wirkungen der Salbung mit dem hl. Salböl zu vernichten; die Gewänder deS hl. AmteS, welches er beschimpft hatte, wurden ihm abgerissen und mit Füßen getreten; bei jedem einzelnen Theile der Ceremonie sprach der Bischof die von der Kirche vorgeschriebenen feierlichen und ergreifenden Worte, durch welche die Bedeutung der Degradation erläutert wird. Der Unglückliche sank endlich nieder, wurde mit einem Büßergewandc beccckt und wie leblos anS der Eapelle hinausgetragen. Die spätern Schicksale dieses unglücklichen Menschen können iu wenigen Worten erzählt werden. Er wnrdc iu das Gefängniß des heil. Osficinms gebracht, erhielt aber die Erlaubniß, in dem ganzen großen Gebäude der Inquisition frei umherzugehen. Er that aufrichtig Buße. Der Sturm der Revolution von l8si8 störte ihn in seinen Gedanken an eine bessere Welt; er wurde genöthigt, daS Gebäude zu verlassen, welches er mehr als Stätte heiliger Znrückgezogenheit, denn als Gefängniß anzusehen sich gewöhnt hatte. Die republikanischen Behörden glaubten in ihm ein passendes Werkzeug für ihre Zwecke zu finden, nnd ersuchten ihn, iu Sanct Peter das hl. Meßopfer darzubringen; er wies — zn seiner Ehre sei es gesagt — dieses Ansinnen mir Entrüstung zurück. Hätte ihn nicht die Gewisscnspflicht dazn bestimmt, so würden schon Rücksichten der Dankbarkeit für die Milde, mit der er behandelt worden war, ihn dazu vermocht haben, auf einen derartigen Vorschlag nicht einzugehen. Als die römische Republik nach kurzem Bestehen durch die Waffen dcS republikani- schen Frankreich vernichtet worden war, stellte er sich freiwillig wieder bei dem heil. Officium, und erklärte sich bereit, sein Gefängniß von neuem zu beziehen ; aber der Papst gestattete ihm, in Anerkennung seiner lobeuSwerthen Festigkeit gegenüber einer großen Versuchung, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nach einiger Zeit wurde ihm von dem heil. Vater nicht nur vollständige Begnadigung zu Theil, sondern auch eine Pension von monatlich 20 Scndi ausgesetzt. Noch jetzt kann man den egyptischen Büßer zu Rom an den hohen Festtagen vor den Altären der Kirche beten sehen, welcher er in seiner Jugend so großes Aergerniß gegeben. Ein furchtbares Sacrilegium wurde von einem Weibe begangen, welches eine Nonne gewesen war — es war die einzige Nonne welche während des wüsten Taumels der Revolution abtrünnig wurde. Nachdem sie daS Kloster verlassen, begann sie ein schlechtes Leben, und hauStc mit einem der wüthenstcn Schreier gegen die päpstliche Regierung zusammen. Nach der Wiederherstellung der Ordnung wurde sie von dem Cardival-Vicar einer Anstalt zur Besserung verkommener Frauenzimmer überwiesen. Bon teuflischem Hasse gegen die Religion beseelt, und durch ihr zügelloses Leben durch und durch verdorben, beschloß sie, ihrer au Wahnsinn grenzenden Wuth in einer Weise Luft zu machen, welche katholische Herzen auf'S tiefste verwunden mußte. Sie wußte die Wachsamkeit der andern Bewohner der Anstalt zu täuschen, und schlich sich in der Stille der Nacht in die Capellc, in welcher das hl. Sacra- ment aufbewahrt wurde, sie öffnete das Tabernakel, nahm das Ciborium heraus, schüttete den beiliqeu Inhalt desselben auf den Boden, und trat ihn mit Füßen. Das furchtbare Sacrilegium, das schrecklichste, welches ein Katholik sich denken kann, wurde am folgenden Morgen zum großen Entsetzen der Bewohner des Hauses entdeckt. DaS war ein Fall, in welchem das h. Officium einschreiten mußte; nach einer sorgfältigen Untersuchung, durch welche die Schuld des Weibeö unwidersprechlich erwiesen wurde, wurde dasselbe zu einer mehrjährigen Gefängnißstrase verurthcilt. (Fortsetzung folgt.) Marianna vorn heil, Vincenz a Paula. So heißt die fromme Jungfrau, die als Gründerin eines Vincentius- Frauen-Vereines eben von einem Werke der Nächstenliebe heimkehrt, und zu Hause wieder in die Schule der Geduld eintritt, in welcher sie bei einer katho- likenfeindlichen Tante, Frau M.täglich geübt wird. Marie, wer mag wohl die Häckelnadel erfunden haben, weißt du nicht? fragte Frau M.... an einem schwülen Juni-Abende, als sie eben ihre Aufmerksamkeit zwischen ihrer Handarbeit und einem offenen Buche, das vor ihr lag, theilte. Marianne schüttelte verneinend mit dem Kopfe. Ach, du weißt auch nie etwas Nützliches; man hat gar keinen Trost an dir. Ich glaube, euere Religion besteht darin, daß ihr stillschweigt und betrübt dreinschaut: jetzt hast du wieder seit einer Stunde kein Wort gesprochen — man lebt mit dir, wie mit einer Taubstummen. Da'..jetzt haben wir's! Ich Hache eine Masche fallenlassen und das kommt alles durch dich! rief die alte Dame aus und griff nach ihrer Brille. Ich glaube, ich kann nicht mehr sehen, um sie wieder aufzunehmen. Wo war ich? Aha, mindere einen, nimm zwei auf, stricke — jetzt bin ich verwirrt und muß die ganze Stricknadel aufziehen. Nun, ihr Katholiken seid doch ohne Ausnahme die lästigsten Leute in der Welt; ihr sprecht immer, wenn... und denkt an nichts, als an eure nichtswürdigen Armen! Du bist gar nicht mehr das Mädchen, das du früher warst, und ich wundere mich nicht, daß der Vetter so über dich spricht, — sei doch stille! Marie, ich glaube, ich bring' es wieder in Ordnung. Marie, die au Frau M_'s mürrische Rechthaberei gewöhnt war, hatte ein Buch zur Hand genommen und hörte dem Selbstgespräche der guten Dame gelassen zu. Auf ihrer freien Stirne ruhte ein fast strenger Ausdruck von Ernst; ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, wie dies gewöhnlich der Fall war, wenn sie einen Entschluß gefaßt hatte, oder, wie Frau M.... es bezeichnete: wenn sie einen Anfall von Eigensinn hatte. Ein tiefer Seufzer, der unwillkürlich sich ihrem Busen entwand, erregte die Aufmerksamkeit ihrer Tante, die eben ihre Schwierigkeit überwunden und nun Zeit hatte, auch anderen Gegenständen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was fehlt dir, Kind? fragte sie. Woran magst du doch wohl immer denken? Du ermüdest dich zu sehr, indem du den ganzen Morgen, Gott weiß wo, herumläufst. Doetor Sommer sagte zu deiner Cousine, du würdest dir noch den Tod holen, wenn du in diesem heißen Wetter damit fortführest. 93 Ich Lachte an Las, bemerkte Marie, was jetzt alle unsere Gedanken in Anspruch nehmen sollte, an — die Cholera. Gott stehe mir bei, meine Liebe! Dn willst Loch nicht etwa sagen, daß sie hier sei? Wie du einen erschrecken kannst! Die ganze Welt erwartete sie voriges Jahr, und man traf seine Maßregeln darnach; aber es kam keine Cholera. — Fragen sie Sommer, was er denkt, erwiderte M. ruhig. Doch er ist vielleicht zu politisch, als daß er die Patienten von sich fortscheuchen sollte. — Nun, er sagte, es kämen vielleicht einige vereinzelte Fälle vor; doch rieth er in höchst uneigennütziger Weise, die Stadt zu verlassen, sobald dieser langweilige Proceß es gestatten würde. Es scheint nämlich nicht, als ob Angela und ihr Bräutigam in dieser Saison schon einen festen Entschluß fassen werden. Der Graf sagte, er würde dich gern mitnehmen, wenn — ich könnte dann nach M. gehen. Wenn — was? Aber warum sprach mein Onkel nicht mit mir selbst? Weil er glaubte, du würdest seine Bedingungen nicht annehmen; er weiß, daß du alle Fehler deiner mütterlichen Vorfahren geerbt hast. Nicht annehmen? Sind denn seine Bedingungen so unannehmbar, daß Sie fürchten, dieselben zu nennen? Nun, meine Liebe, er verlangt sie auch nur für einstweilen. Wolltest du nur mit der Familie zu unserer (Protest.) Kirche gehen ober ruhig zu Hause bleiben, und nicht der ganzen Nachbarschaft dadurch Aergerniß geben, daß du in die Spelunke gehst, die ihr Kapelle nennt, und wo man solche abscheuliche Mummereicn treibt, Laß man sich darüber wundern muß, daß ein so vernünftiges (!) Mädchen, wie dn, sich dabei des Lachens enthalten kann; — wolltest du blos dieses Bekreuzen bei Tische sein lassen, wenn unser Hausgeistlicher das Tischgebet spricht, und nicht so ernst drein sehen, wenn er Polka tanzt oder etwas leichtsinnig witzelt; und wenn du Freitags Fleisch essen wolltest, und — Kurz, wenn ich meinem Gewissen eine Zwangsjacke anlegen ließe! Sagen Sie doch, erwartete der Onkel dies von mir? Bei dieser Frage blitzten Mariens Augen und ihre Wangen glühten vor Entrüstung. Keineswegs erwartete er das, im Gegentheil, er hielt es für vergeblich, davon zu sprechen. Er sprach Etwas von einem großen Opfer, welches du gebracht hättest, und meinte, es sei Thorheit, dich nun noch zum Nachgeben bewegen zu wollen. Ich weiß aber doch nichts von einem Opfer, das du hättest bringen müssen. Du hast Alles, was du bedarfst, und wenn du für gut findest, deine Zeit auf so wunderbare Weise zuzubringen, so hast du das allein zu verantworten. Es freut mich, daß der Graf mir wenigstens Gerechtigkeit widerfahren läßt, bemerkte M. bitter. Was Dr. S. betrifft, so weiß er eben so gut wie ich, daß die Cholera schon seit einiger Zeit hier ist, und obschon ich selbst bis jetzt noch keinen Fall gesehen habe, der tödtlich gewesensist, so weiß ich doch, Laß die Sterbe- Register sich täglich mehr füllen. — Noch nicht gesehen?! Wie, Marie, willst du wirklich sagen, du habest die Cholera gesehen? fragte Frau M. blaß vor Schrecken. Aber dn besuchst doch wohl keine Leute, welche die Cholera haben? Und eucre kathol. Priester sind doch nicht so wahnwitzig, das sie sich an solche Herde der Ansteckung wagen? — Was sollte denn aus unsern Armen werden? fragte Marie, indem sie kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. — Die müssen in's Spital kommen, natürlich! Da gibt es Wärterinnen, Aerzte und alles das, und sie haben es dort besser als zu Hause. Soweit es den Leib angeht, wohl, — obschon nebenbei bemerkt, die Hospitäler bald zu klein für Alle sein werden. Aber was sollte aus ihren unsterblichen Seelen werden, wenn die Katholiken nicht so „wahnwitzig" wären, sich zu ihnen zu wagen? Davon seien Sie überzeugt, Tante, daß man keines dieser 94 armen Geschöpfe ohne geistlichen Trost wird hinsterben lassen, so lange man noch Einen Geistlichen hat, der ihnen die heil. Sacramcnte spenden kann, wußte er auch, daß augenblicklicher Tod die Folge seiner Aufopferung wäre. -— Du willst doch nicht behaupten, daß dieß zu euerem Glauben gehört? fragte Frau M., in Lein sie die Äugen aufriß. Ich dächte, euere Geistlichen kümmerten sich blos um reiche Leute, beschwätzten sie, ihr Testament zu machen, ihre .Kinder zu enterben und ihre Tochter'in's Kloster zu schicken, und — Fräulein S. lachte hell auf und sagte: Es ist doch erstaunlich, wie trotz all diesen so leicht erworbenen Reichthümern unsere Kirchen so arm bleiben; noch erstaunlicher aber ist, wie alle diese enterbten Kinder solche Ungerechtigkeiten sich ruhig gefallen lassen, da man nie etwas von ihnen hört. — Doch, das ist sicher, sei die Gefahr auch noch so groß, die Seelen kath. Ärmen werden niemals eueren Wärterinnen, Aerzten oder Spital-Geistlichen überlassen werden, selbst wenn — Aber, Marie, was hast du denn gegen die Spital-Geistlichen? Du erwartest doch nicht, daß unser Pfarrer sein schätzbares Leben auf das Spiel setzen und seine Frau mit ihren sechs lieben Kindern in Gefahr bringen sollte, angesteckt zu werden, da doch jeder Andere den Kranken einige Eapitel aus der Bibel vorleien kann.? (Fortsetzung folgt.) Die christliche Barmherzigkeit. 1. Der Besucher des Speisckastcns. Gras Rumford, dieser verdienstvolle Mann für so viele herrliche und nützliche Institute BayernS sowohl, als besonders Münchens, errichtete auch in dem von ihm gegründeten Arbeitshaus in der Vorstadt Au eine Anstalt für Arme und Noth- Icidende, welche, wen» sie nirgend eine Mitiagsuppe bekämen, dort eine nahrhaft und hinreichende Schüssel Suppe gegen Erlag eines Kreuzers genießen konnten, um wenigstens veS Tages Einmal gesättigt zu werden. Diese Anstalt wurde später in die Hauptstadt verlegt, und war um so wohlthätiger, als durch die Gastfreundlichkcit und mildthätige Spende der aufgehobenen Klöster die ärmste Elaste, die dort an den Pforten täglich verpflegt wurde, diese wahrhaft christliche Mildthätigkeit entbehren mußte. Diese Snppe bestand aus guter gerebelter Gerste, Erbsen, mit Essig und Pflanzengewächscn nahrhaft nnd geschmackvoll gekocht. Das Loeal hatte, außer der geräumigen Küche, einen Speisesaal mit Tischen und Bänken, auf welchen die reinlichen Geschirre der Gäste harrten. An diesen Saal gränzte ein geheimes Speisezimmer, unter dem bekannten Namen „Speisekasten", zu welchem ein eigener, jedem Auge entzogener Gang führte. In dieses konnten die Leute gehen, ohne bemerkt zu werden, die, ihrer Armuth oder augenblicklichen Noth sich öffentlich schämend, dort im Stillen und geheim die sparsame Mittagskost einnehmen wollten. Es war bei dieser wahrhaft wohlthätigen Anstalt zugleich gesorgt, daß man auf Verlangen zur Suppe auch ein Stückchen Fleisch erhalten konnte. In den „Speisekasten", wo die Heimlichen aßeu, gelaugte die Speise mittelst einer Drehwinde, die in der Küchen- waud eingemauert war, so daß durch diese zarte Schonung Niemand erkannt wurde. Der Gast durfte nur an die Winde klopfen, in welche er Geschirr und Kreuzer legte, und schnell schwang die Winde dem Unbekannten die Speise herein. Dieses gastliche, wohlthätige Asyl wurde täglich von einer Menge Menschen besucht, dort ihre Labung zu finden. Aber anch viele Wohlthäter sendeten mehrmals Geld, Fleisch, Gemüse und andere Lebensrnittel in die Gemeinküche, um die Besucher zuweilen auch au Feier- und Festtagen mit besserer Speise zu laben. — Einer der 95 ausgezeichnetsten Wohlthäter war der menschenfreundliche König Maximilian. Mir Grvßmnth unterstützte er gleich Anfangs diese wohlthätige Anstalt und gedachte der Hungrigen mit reichlichen Sendungen. Täglich bezahlte er zweihundert Billets, welche den Allerdürfiigsten ausgetheilt wurden. Sein gütiges Herz riß ihn sogar dahin, daß er persönlich (so wie er oft anch Krankenhäuser und Spitäler besucht hatte) nicht nur mehrmals sondern häufig auf dem heimlichen Wege in den „Speisekasten" ging, dort sich zu den Armen fitzte, einen Teller nahm, selbst zur Winde trat und sich wie jeder Andere die Suppe durch das Zeichen um einen Kreuzer geben ließ, damit er sich selbst persönlich überzeuge, ob die Küche den Armen die nahrhafte und gut bereitete Suppe reiche. Nachdem er so oft in ganz einfachem Anzug unter den Armen Platz nahm und von derselben Suppe gegessen hatte, verließ er die Speise- winde nie, ohne mehrere Kronenthaler unter den Teller zu legen, so daß man nicht selten diesen Geber an der Gabe zu erkennen glaubte. Welcher Fürst kann je mit segenvolleren Empfindungen eine Stätte verlassen, als König Mar diesen von ihm so herzlich mild behandelten Zufluchtsort der Noth verließ? — Aber nicht genug, daß der Gütigste der Fürsten, während seiner vielen Besuche, stets wohlthätige Schenkungen hinterließ, er gedachte auch in der Residenz desselben OrteS. An hohen Festtagen und anderen feierlichen Zeiten schickte er durch einen Vertrauten immer eine bedeutende Summe in die Küche um mit Braten, Würsten und Fleisch die Armen zn bewirthen, und auch au solche» Tagen ging er oft hin, sich zn überzeugen, wie sein guter Wille vollzogen werde. Man zeigt noch manchen Stuhl in Bayern, auf welchem Napoleon während seiner Schlachten dem fechtenden Heere zusah; wahrlich, der Stuhl, auf welchem Mar oft hier im „Speise- kasten" nnter seinen Armen saß, verdiente wohl eben diese Erinnerung. 2. Die Ueberraschung. Herr Daviau, Erzbischof von Bordeanr, hatte eine so große Liebe zn den Armen, daß er ihnen nicht nur Alles schenkte, was er besaß, sondern anch, um ihnen bei- zustehen, sich oft das Allernöthigste versagen mußte. Es war so weit gekommen, daß er nur noch zwei Hemden hatte. Wenn die Hc^spitalschwesteru, die es über- uommen, seine Wäsche zn besorgen, Geld von ihm verlangten, um ihm dafür Leinwand und Strümpfe anzuschaffen, so gab es immer einen Nothleidenden, den der wohlthätige Prälat nicht warten lassen konnte. Die guten Schwestern ersannen daher eine List, indem sie ihm eines TageS vorstellten: „Ein kränklicher nnd bejahrter Herr sei durch Almosenspenden so sehr verarmt, daß er auf eine anständige Weise nicht mehr vor den Leuten erscheinen könne, weshalb sie den Herrn Erzbischof bäten, ihnen ein Almosen zu geben, um diesem verarmten Christen sechs Hemden und sechs Paar Strümpfe zn kaufen!" Der fromme Prälat beeilte sich, ihnen die nöthige Summe einzuhändigen, und nach einigen Tagen brachten die Hospitalschwekeru ihm die Hemden nnd Strümpfe. Als nun der mildthätige Erzbischof in sie drang, diese Sachen dem verarmten Herrn, von welchem sie ihm geredet, bald zukommen zu lassen, sprachen sie zn ihm: „Eure Gnaden wissen nicht, wem Sie in der Armuth beigestanden haben.-Sie sind es selbst!" — Wie steht es, werther Leser, mit der Barmherzigkeit in deinem Herzen? Gottes Herz, das ganz voll ist von Barmherzigkeit und daher die Barmherzigkeit liebt, kann mit Wohlgefallen und Liebe sich nur zuwenden einem Herzen, in welchem die Barmherzigkeit wohnt, nnd wendet sich mit Mißfallen von jedem Herzen ab, dem dieselbe fehlt, und entzieht, demselben Seine Gnade. Sei also, mein Christ, reich an Theilnahme, an Mitleid, aber anch reich, nach Kräften reich an Hülfe nnd Gabe, nnd sei dann versichert, daß der Herr dich in Gnaden ansehe und dich mit Gnade» überhäufe und auch an dirBarmherzigkeit thue. Der österreichische Minister Metternich über die weltliche Gewalt des Papstes. AlS einst in einer Unterredung L. VeuillotS (Hanptredacteur des „UniverS") mit dem Fürsten Metternich das Gespräch ans die weltliche Gewalt des Papstes führte, setzte Fürst Metternich zunächst auseinander, daß der Papst als Unterthan irgend eines Staates nicht frei wäre, vielmehr stets von dein betreffenden Staate zur Erweiterung seines staatlichen Einflusses auf andere Staaten gebraucht zn wer- den, Gefahr liefe; dann fuhr er fort: DaS habe ich einst auch zu Napoleon gesagt: als der Papst in Savona Frankreichs Gefangener war. Napoleon schenkte mir eine gewisse Zuneigung, und wußte, daß der Papst mich mit seinem Vertrauen beehrte. Eines Tages nun ließ er mich kommen, und sagte zn mir: „Leisten Sie mir einen Dienst; ich bin der Gefangenschaft des Papstes müde. Ans dieser Lage kann nichts Gutes hervorgehen, es ist von Werth, sie nicht länger bestehen zn lassen. Ich wünsche, daß Sie nach Savona gehen. Der Papst schenkt Ihnen sein Wohlwollen, Sie werden von meiner Seite aus als gemeinschaftlicher Freund mit ihm reden und ihn bestimmen, einen Plan anzunehmen, den ich aufgesetzt habe, um diese leidige Angelegenheit zu berei- vigen." Ich wand ihm ein, daß ich dazu der Erlaubniß meines Kaisers bedürfe. „Sie verweigern mir also den Dienst?" entgegncte er. „Mir scheint, daß Sie sich durchaus nicht compromittireu würden, wenn Sie für den Frieden der Welt Dienste leisten." Daran eben, fuhr ich fort, zweifle ich, ob eS der Frieden ist, den Ew. Majestät dem Papste vorschlagen. Wollen Sie mir diesen Plan wissen lassen? „Hier ist er", versetzte Napoleon ganz ruhig, „iu Zukunft wird der Sitz der Kirche nicht mehr zu Rom, sondern in Paris sein. . ..." „Ja", fuhr der furchtbare Mann fort, „ich lasse den Papst nach Paris kommen, und errichte dort den Sitz der Kirche. Aber ich will, daß der Papst unabhängig sei. Ich gründe ihm bei der Hauptstadt eine angemessene Ansiedlung; ich schenke ihm ein Schloß, und daß er auf eigenem Boden wohne, mache ich aus einer Strecke Laubes von etlichen Stunden ein neutrales Gebiet. Er wird dort sein Car- dinalScollegium, sein diplomatisches CorpS, seine Kongregationen, seinen Hof haben; und damit ihm nichts fehle, füge ich eine jährliche Dotation von sechs Millionen zu. Glauben Sie, daß er daS auSschlägt?" Ich behaupte das, und ganz Europa wird ihn in seiner Weigerung unter- stützen. Der Papst wird nicht ohne Grund finde», daß er auch bei Ihren 6 Millio- neu so gut Gefangener wäre als in Savona. Napoleos fuhr iu seiner Art auf, und brachte tausend Gründe für seine Plane vor. Endlich sagte ich zu ihm: Ew. Majestät entreißen mir ein Geheimniß. Auch der Kaiser von Oesterreich hat denselben Gedanken gehabt wie Sie. Er sieht, daß Sie den Papst nicht nach Rom entlassen wollen, er will nicht, daß der Papst iu Gefangenschaft bleibt, und denkt ebenfalls daran, ihm eine Existenz zu schaffen. Ew. Majestät kennen das Schloß zu Schönbronu: der Kaiser schenkt es dem Papst mit einem Gebiet von 10—15 Stunden, das ganz neutral sein wird; er fügt eine Dotation von 12 Mill. Einkünfte bei. Wenn der Papst auf dieses Arrangement eingeht, werden Sie ebenfalls einwilligen. Er begriff vollständig, was ich damit vertheidigen wollte; aber er war der Stärkere und wollte die Ansicht PinS Vil. über seinen Plan erfahren. Der Papst gab zur Antwort, waS ich so leicht vorausgesehen hatte: daß ihm Savona ein so gutes Gefängniß scheine als PariS; daß er sich wie anderswo im Mittelpuncte der Kirche befinde; daß sein Gewissen sein freier Boden sei, daß 6 Mill. Einkünfte für seine Bedürfnisse nicht nothwendig seien, und daß er mit 20 SouS täglich auskomme, die er gern als Almosen der Christenheit erhalten würde. Stcdaciiou un« Verlag: Dr. M. Hutkler, — Druck »an 3. M. Steinte. Ailgsbmgtt SmitiigMiltt. ICr. LA. 25. Mär; 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt rur Auasburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementsprcis ist 20 er., wofür es durch alle k. barer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nachts. Wenn die Sterne aufgezogen llnd der Mond am Himmelszelt, Schweben lichte Gottesboten, Heil'ge Engel auf die Welt. Wandeln facht durch alle Straßen Und in jedes Kämmerlein, D'rin noch Sorg' und Kummer wachen Treten leife sie hinein. Wägen all die stillen Seufzer, Die Gebete ohne Zahl, All' die Thränen, welche fließen Auf dem weiten Erdenthal. Gießen aus den gold'nen Schalen Frieden, Trost nnv Schlummer aus, Und Verlagen, wie sie kamen, Leise, segnend dann das Haus. Niemand hört die stillen Tritte, Keiner ihrer Flügel Schlag, Ihre Lichtgestalt kein irdisch Auge je erschauen mag. Doch ein Paradieses Ahnen Füllt die Seele wundermtld, Und in sel'ge Träume dämmert Leis hinein ihr himmlisch Bild. Aus Perleberg, Provinz Brandenburg in Preußen, haben wir nachstehendes Schreiben erhalten: Hochgeehrtester Herr! 12. März 1860. Im Juli v. I. baten wir Cw. Wohlgeboren um gütige Ausnahme eines Artikels: „die Leiden und Freuden der Misston Perleberg." Diese Bitte muß wohl geneigtes Gehör gefunden haben, denn wir empfingen vor einigen Wochen durch den Herrn Missions-Vicar Müller zu Berlin von dort her den Betrag von 100 Gulden. Diese Nachricht hat uns große Freude bereitet, sie war Charpie für wunde Herzen, die hier noch fortwährend unter der Ueberzahl der Protestanten kämpfen. Gott vergelt es daher den edlen Wohlthätern von Augsburg, da wir es nicht anders als durchs Gebet vermögen und das wird geschehen, so lange noch einer in der Gemeinde Gedächtniß für empfangene Wohlthaten hat. Vorläufig unseren herzinnigen Dank auch Ihnen, hochgeehrtester Herr, für Ihre Bemühungen, die Sie für eine unbekannte arme Gemeinde angewendet haben. Wenn doch unsere entfernten Glaubensbrüder und Schwestern die Noth der Missionen im Norden des Vaterlandes in ihrem ganzen Umfange besser kennten, gewiß, dessen halten wir uns überzeugt, würde so manches milde Herz im Westen und Süden desselben sein Schärflein zur Linderung der kirchlichen Noth für die armen zerstreuten Katholiken gerne beitagen. Am 1. October v. I. sind wir in das neuerworbene Haus eingezogen. Wenngleich noch nicht der Würde entsprechend eingerichtet, war doch allerseits die Freude unbeschreiblich groß, nunmehr den lieben Gott in einem Eigem thum beherbergen zu können. Schnell wurde alles soviel, wie es die vorgerückte Jahreszeit gestattete, in Stand gesetzt, das Fehlende bis zum Sommer dieses Jahres ausgesetzt, am Allerheiligen-Feste, 1. November, Kirchweihfest gehalten, zu dem sich zum Theil aus großer Ferne, auch Protestanten hiesiger Stadt, ein- gefunden hatten, die sich alle mit uns herzlich freuten. — Seitdem halten wir nun in unsrer kleinen, wenn auch noch dürftig ausgestalten Mutter-Gottes-Capelle abwechselnd feierlichen und Laien-Gottesdienft und versäumen es nie, varin recht dringend für unsere guten Wohlthäter zu beten. Von diesen sind etwas über 900 Thlr. eingegangen, so daß wir am 1. Oct. v. I. die eontractlich festgestellte Zahlung der 900 Thlr. machen konnten. Die übrigen 1400 Thlr. bleiben für 3 Gläubiger aus dem Grundstück hypothekarisch haften und die Zinsen zu 41/2 °/o werden von der Gemeinde aufgebracht. Wir wären schon recht sehr zufrieden mit diesen Ergebnissen, wenn wir die Mittel besäßen, die im vorigen Jahre ausgesetzten, noch nöthigen Erweiterungen der kleinen Capelle auszuführen. Unsere Armuth gestattet es nicht, dies aus eigenen Mitteln zu bewirken — wir vertrauen auch in dieser Beziehung auf den lieben Gott, daß er uns helfen wird. Im Uebrigen machen wir hier gute Fortschritte. Wenn wir uns auch alle Reckte erst erkämpfen müssen, so bringen diese Kämpfe doch eben Leben in die Gemeinde. Zuerst war es die Kirchhofsfrage, welche von uns in Angriff genommen wurde. Nachdem von der hiesigeck protestantischen Geistlichkeit in zwei Fällen das katholische Begräbnis? auf dem protestantischen Kirchhofe verweigert worden war, beschwerten wir uns direet bei dem Minister und von diesem empfingen wir den vom 30. September v. I. datirten Bescheid, daß nunmehr die protestantischen Prediger hierselbst sich einverstanden erklärt hatten, daß die Beerdigung der Mitglieder der katholischen Gemeinde durch deren Pfarrer auf dem protestautischcu Kirchhofe liturgisch vollzogen werde. Sodann war es die Schulfrage, welche einen langen und scharfen Kampf hervorrief. Die Stadtbehörden protestirten gegen die von uns beantragte Concession einer Schule, auch hier mußte eine mehrseitige gerechte Beschwerde uns helfen — genug des Protestes ungeachtet empfingen wir im November v. I. die Concession zur Errichtung einer katholischen Schule, in der gegenwärtig 25 Kinder unterrichtet werden und welche dem Katholicismus einen daurcnden und festen Halt gibt. Um die Mitglieder der kleinen Gemeinde stets wach zu erhalten, ist im vorigen Jahre neben dem vor mehreren Jahren gestifteten und aggregirtcn St- Wineentius-Vcrein noch ein Pius-Verein hier gegründet, der fleißig besucht wird. Aus Allem bicsem wollen Sie hochgeehrter Herr schließen, daß wir in Beziehung auf unsere hl. Religion ein reges Leben führen, was in der jetzigen bedrängten für die Katholiken so verhängnißvollen Zeit wohl noth thut. Wollen Sie unseren edlen Wohlthätern aus dem Vorstehenden die densel'» den interessirenden Nachrichten in Verbindung mit unserem herzinnigsten Danke für die gespendeten Gutthaten mittheilen, so würde uns das recht lieb sein, möglich daß ein Wohlthäter auch unserer ferneren Noth gedächte und ein weiteres Schärflein zur Abhilfe derselben uns schenkte, was wir mit besonderer Freude und großem Danke annehmen würden. Im Uebrigen verharren wir als Ew. Wohlgeboren dankergebene Diener Der Vorstand der katholischen Gemeinde Wesener. Henke. Hövel. Wie man sieht, ist, Dank der Hilfe Gottes, die auch in unsern so entfernten Gegenden manches Herz und manche Hand geführt und gerührt hat, zur Linderung geistiger Noth beizusteuern, für das Nöthigste wenigstens nunmehr in Perleberg gesorgt. Die noch in unseren Händen befindlichen Gaben im 99 Betrag von 32 fl. 11 kr., zu denen nachträglich aus Biber ach noch 6 fl. *) hinzugekommen, in Summa also 38 fl. II kr. , die wir nun gleichfalls an ihren Bestimmungsort abgehen lassen, werden daselbst nicht minder willkommen sein. Wir erlauben uns aber bei diesem Anlasse unsere geehrten Leser zugleich auf den nachstehenden Artikel aufmerksam zu machen, wo uns die Lage katholischer Gemeinden geschildert werden, in denen es leider noch an dem Aller- nöthigsten — nämlich fehlt. Die unglückliche Lage der Katholiken in Stargard und GoeöLin in Pommern. Stargard ist eine verkehrsreiche Stadt von 1-1,000 Einwohnern. Die katholische Gemeinde zählt am Orte ^00 Seelen vom Civilstande und 150 Militär-Personen. Außerdem leben in drei angränzenden Kreisen zerstreut noch an 200 Katholiken, welche in Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ausschließlich auf Stargard angewiesen sind. Für diese 600 Katholiken nun, zu welchen noch eine bedeutende Zahl ab- und zugehender Beamteten und Reisenden kommt, ist als Gotteshaus eine außer der Stadt gelegene Capclle, um jährlich 6 Thlr. vermickhcl, welche 36' lang, 18' breit, 20' hoch und mit 100 Personen überfüllt ist. Rechnet man von der angegebenen Zahl der Katholiken an Sonn- und Feiertagen nur den 3. Theil als Kirchenbesncher, so erhellt, daß die Hälfte vom Zutritt znm Gottesdienste ausgeschlossen bleibt. An einen herzerhebcudeu Schmuck der Capellc ist nicht zu denken; eine Fahne gibt es nicht; eine Sakristei kennt man nicht, ein Umgang beim sieht wie Ironie anS, Processioncn sind unbekannt, die erhebenden Feierlichkeiten der Charwochc, des Frohnlcichnams ganz fremd. Keine Glocke ruft die Irenen Seelen zur Kirche, mahnt sie zum Gebet oder geleitet sie zum Giabe. Es eristirr kein Tausstein, der die erwachsene Jugend au den ersten mit ihrer Mutter, der Kirche, geschlossenen Bund erinnerte, und auf akatholischen Kirchhöfen müssen die letzten Ruheplätzchen mit schwerem Gelde erkauft werden. Vergebens haben sich seit 18^3 Geistliche und Gemeinde an die Behörden um Abhilfe dieser Ucbelstände gewendet,- man hat nichts gethan, als sie anf das Einsammeln milder Spenden verwiesen, mit deren Hilfe denn auch bic Erwerbung eines Pfarr- und Schulgcbäudcs, eines Banplatzes und die Anlage eines kleinen BancapitalS ermöglicht wurde, aber die Mittel den Ban zn beginnen, oder auch nur um die Genehmigung hiezn nachzusuchen, sind noch viel zu gering, und das Beste, eine Kirche, fehlt daher noch immer. — Gleich traurig wie in Stargard sind die Verhältnisse der Katholiken in CoeSlin. In dieser Stadt, welche einst der Sitz eines Bischofs gewesen, sind in der ehmals katholischen Lateinschule eine Capelle, das Schnlloeal sowie die nöthigen Wohnangcn für den Geistlichen und interimistischen Lehrer eingerichtet, und so nothdürftig als denkbar ausgestattet. Alles was von der Aermlichkeir und Unzulänglichkeit des GottcSdienstslocalS in Stargard gesagt worden, gilt in gleicher Weise auch von CoeSlin. Alle jene Katholiken, welche das Glück haben ihrem Gölte ohne Hinderniß und Beschwerde dienen zn können, besonders aber jene, welche mit zeitlichen Schätzen gesegnet sind, finden hier ein weites Feld für die Thätigkeit christlicher Liebe, nud wir sind überzeugt, daß sie eingedenk deS Wortes: „sammelt euch Schätze für den Himmel" ihr Schärflein beitragen werden zur Hcbnng des katholischen Glaubens, und zur Verherrlichung ihrer Religion. — Gott wird's lohnen! *) Als Motto wurden diesen jüngsten Gaben beigefügt: Durch 3. 0. ?. aus Biberach.— fl. 30 kr. Nachträgliches Opfer in der wöchentlichen Roscnkranzandacht für das Wohl des heiligen Vaters.5 fl. 30 kr. Summa: 6 fl. — kr. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Vor nicht langer Zeit — vor zwei oder drei Jahren — wurde zu Rom von einer Person von außerordentlicher Heiligkeit gesprochen; sie wirke Wunder, hieß cS, und weissage, sie habe Verzückungen, Visionen und übernatürliche Offenbarungen, und trage die Wundmale an Händen und Füßen. Der Ruf der Heiligen, welche zu Sezze, fünfzig englische Meilen von Rom, wohnte, wachs von Tag zu Tag; man vernahm immer mehr Berichte über Wunder, die sie gewirkt, und über schreckliche Ereignisse, die sie prophezeit hatte. Pilger von allen Classen und Ständen strömten zn ihrer Zelle. Selbst bejahrte Leute ließen sich für einige Zeit von dem Strudel mit fortreißen; jüngere Leute kamen in Schaarcu zn der Heiligen. Die Prophetin war nichts weniger als wortkarg und strenge: während sie ernstere Besucher durch Weissagungen von Calamitäten und unglücklichen Ereignissen in Schrecken setzte, ließ sie sich doch auch herab, Manchen in zarten Herzens- und Familien-Angelegenheiten die Zukunft zu enthüllen. Die Engländer in Rom bestanden in dieser Versuchung nicht besser, schienen vielmehr die Italiener an Gläubigkeit zu übertreffen; hat cS ja einen gewissen Reiz ^ für den Menschen, zn vernehmen, daß schreckliche Ereignisse drohend über dem Haupte eines ganzen Volkes schweben, namentlich eines fremden Volkes. Ein ehrwürdiger „Jusnlaucr," welcher eben von einem länger» Besuche bei Katharina Fanelli — so hieß die vermeintliche Heilige — zurückgekehrt war, traf einen Bekannten, der gleichfalls aus einer der briliischen Inseln geboren war, und machte demselben durch Ge- i berden cbensowhl wie durch Worte begreiflich, daß er der anscrwählte Träger eines furchtbaren Geheimnisses sei. Sein Freund fragte, was das Alles zu bedeuten habe, erhielt aber einige Zeit keine andere Antwort, als eine Reihe von wunderlichen Ausrufungen, begleitet von entsprechenden Grimassen; endlich sagte der Geheimnißkrämer, ' theils um dem Fragenden einen Beweis seiner Freundschaft zu geben, theils um sein eigenes Herz zn erleichtern, mit feierlicher Stimme: „Ich habe Grund zn glauben daß eine schreckliche Pest über Rom kommen wird; am Feste Mariä Himmelfahrt wird sie beginnen." Dann ging er fort in der wohlwollenden Absicht, auch Andern die schreckliche Kunde mitzutheilen. Der Tag, an welchem der Todesengel die unglückliche Stadt betreten sollte, kam und ging vorüber; von der Pest sah man keine Spur. „Nun. die Zeit ist da," fragte einige Wochen später der Freund seinen gläubigen Landsmann, „was sagen Sie jetzt von der Prophezeiung Ihrer Heiligen?" In seinem festen Glauben gar nicht erschüttert, meinte er, die Römer müßten mittlerweile Buße gethan und den Zorn des Himmels besänftigt haben. Ich kenne Fälle, wo Damen von mehr als „einem gewissen Alter" voll freudigen Entzückens waren, da sie von den Lippen der Heiligen die Versicherung vernommen hatten, daß sie binnen Jahresfrist verheirathet, und demnächst von lieblichen Kindern umgeben sein würden. — Die Verblendung ging so weit, daß Manche Rom verließ, um in der Nähe und gleichsam unter dem Schatten der Heiligen ihren Wohnsitz zu nehmen. Wenn sie in die Stadt kam, drängten sich Tag und Nacht Hunderte , zu dem Hause hin, wo sie sich aufhielt. Endlich wurde Katharina bei dem h. Ofsicium angezeigt, welches selbst nicht die Initiative zn ergreifen und die Schuldigen aufzusuchen pflegt. Die lange und sorgfältige Untersuchung, welche angestellt wurde, konnte nur zu Einem Resultate führen: Katharina wurde für eine Betrügerin erklärt. ES stellte sich heraus, daß noch schlimmere Dinge, als die Erdichtung von Weissagungen und Wundern der Anerkennung ihrer Heiligkeit im Wege standen. Sie gestand selbst ihre Schuld ein, aber erst nachdem dieselbe unwidersprcchlich erwiesen war. Sie wurde in das Kloster der Frauen vom guten Hirten gebracht, und auf den öffentlichen Plätzen von Rom wurde die Sentenz ihrer Verurtheilung zn ILjährigem Kerker angeschlagen. 101 Auch Fossombrone hatte daS Glück eine Heilige derselben Classe zu besitzen, — Maria Bordonr, welche im Jahre 1852 blühte, vier Jahre früher, als Katharina Fanelli berühmt wurde. Auch sie wurde dem h. Officium denuucirr, und ihre Schuld erwiesen durch eine Untersuchung, welche selbst ein an ein langsames Gerichtsverfahren gewöhnter Engländer nicht übereilt nennen wird. DaS sind einige der Fälle, wie sie zur Criminal-Jarisdiction deS h. Osficiums gehören. Die Freunde deS Wunderbaren, welche die römische Inquisition nur aus spannenden Romane» kennen, oder nach den Berichten über das strenge und blutige, halb politische, halb religiöse Tribunal beurtheilen, welches früher in Spanien bestand*), würden die römische Inquisition, wenn sie dieselbe kennen lernten, wie sie wirklich ist, für ein langweiliges Institut erklären, welches kein romantisches oder dramatisches In- teresse darbietet. Die römische Inquisition röstet keine Juden, foltert keine Ketzer, spannt keine abtrünnige Priester auf die Tortur, und mauert keine Nonnen ein; in der That muß denjenigen, welche an aufregenden Berichten von Grausamkeiten und Quälereien Ge- fallen finden, die Milde und Nachsicht der römischen Inquisition wahrhaft langweilig und uninteressant vorkommen. Da der eigentliche Zweck derselben Besserung nicht Bestra- *) Man mag in unserer milderen Zeit die Maßregeln der spanischen Inquisition noch so strenge beurtbeilen, es darf dabei nickt übersehen werden, was die Geschichte fast aller europäischen Völker beweist, daß religiöse Verfolgnngssncht in frühern Jahrhunderten ein allgemein verbreiteter Fehler war. Das grausame Verfahren gegen die Häretiker in Spanien unter Ferdinand und Jsabclla läßt sich einigermaßen erklären, freilich nicht entschuldigen. „Dieses letzte Sckauspiel, das Autodafe", sagt Prcscott in seinem Leben Philipps II., „war eine natürliche Folge der langen Kriege mit den Moslemin, welche die Spanier dem religiösen Unglauben gegenüber sehr intolerant machten." Man wußte, daß die Juden den Ungläubigen, welche so lange die schönsten Theile der spanisckeu Halbinsel in Besitz, gehabt hatten, gewogener waren, als den Christen; und Unwissenheit und Vorurthcilc verstärkten den Widerwillen, den man damals in der ganzen Christenheit gegen die Nachkommen derjenigen empfand, durch wclcke des Menschen Sohn dem sckmählichsten Tode preisgegeben worden war. Die Spanier des fünfzehnten Jahrhunderts sahen in den Juden Feinde Jesu Christi, und hielten es für eine Pflicht, dieselben zu bekehren, oder für ihre Hartnäckigkeit zu bestrafen; 'Aber wenden wir unsere Blicke von Spanien im fünfzehnten Jahrhundert nach einem andern Lande im sechszehntcn Jahrhundert. Unter Heinrich VIll. von England wurden Leute dcnuncirt und vcrurtheilt, nicht weil sie an die Erlösung der Menschen durch den Sohn Gottes nicht glauben wollten, sondern weil sie an dem Glauben ihrer katholischen Vorführer festhielten, oder weil sie in ihren Ansichten noch etwas weiter von dem Glauben der altchristlichen Kirche abwichen, als die herrschende Partei. Es war eine Zeit, wo die Menschen, nachdem sie den sichern Ankergrund des Glaubens verlassen, auf dem Meere der Meinungen und Zweifel hin und her getrieben wurden, und wo oft heute etwas Anveres gelehrt wurde, als gestern. Man hätte erwarten sollen, daß die Ungewißheit, in welcher sich die Reformatoren hinsichtlich dessen, was zu glauben und was nicht zu glauben sei, befanden, sie zur Toleranz und Milde stimmen würde; sie schien aber im Gegentheil die Vcrfolgungssucht nur zu befördern. In den Annalen der spanischen Inquisition findet sich schwerlich ein schrecklicherer Fall von Härte oder Grausamkeit, als die Hinrichtung des Londoner Schulmeisters Lambert, welchen vr. Barnes, ein Lutheraner, wegen irriger Meinungen über das Abendmahl denuncirt hatte. „Nack den jetzt geltenden Gesetzen", sagtHumc, „war Barnes geradeso schuldig, wie Lambert; aber so groß war die damals herrschende Verfolgungssucht, daß er auf die Bestrafung dieses Mannes drang, weil derselbe in der Abweichung von dem alten Glauben einen Schritt weiter ging, als er selbst... Lambert wurde auf einem langsamen Feuer verbrannt; seine Füße und Beine waren schon ganz vom Feuer verzehrt, da machten einige voir der Wache, welche mitleidiger waren, als die Ändern, seinen Qualen dadurch ein Ende, daß sie ihn mit ihren Hellebarden ganz in's Feuer warfen." Man lese ferner die Berichte über den Justizmord zweier berühmten Männer, Fischers, den Hallam als den „unbeugsamsten und ehrlichsten Prälaten jener Zeit" bezeichnet, und Morc's, „dessen Name", wie derselbe Schrifstcller sagt, „keines Beiwortes bedarf", — und man sehe, ob die spanische Inquisition je ungerechtere Urtheile gefällt hat. Huinc erzählt ihre Geschichte also: „John Fischer, Bischof von Röthester, war ein Prälat, ausgezeichnet noch mehr durch seine Gelehrsamkeit und Tugend, als durch seine hohe kirchliche Würde und die Gunst, in welcher er lange bei dem Könige gestanden hatte... Er wurde angeklagt, vcrurkhcilt und enthauptet, weil er die Suprematie des KönigS gcläugnet hatte. — Die Hinricktung dieses Prälaten sollte zugleich eine Warnung für More sein, dessen Nachgeben wegen des großen Ansehens, das er in England und st, andern Ländern genoß, und wegen des Ruhmes seiner Gelehrsamkeit und fang ist, so erlangt Jeder, welcher sein Vergehen bekennt und bereut, leicht Verzeihung, und eS kommt nicht selten vor, daß Personen, welche dem h. Officium angezeigt zu werden fürchten, der Anzeige zuvorkommen, und durch ein freiwilliges Bekenntniß ihres Fehlers der Strafe entgehen. Die härteste Strafe, selbst für so grobe Vergehen, wie ich sie erwähnt habe, ist Einsperrnng, je nach dem Charakter des Vergehens, auf kürzere oder längere Zeit; in gewöhnlichen Fällen ist die zeitweilige Einschließung in ein Kloster die einzige Strafe, welche tnseS,Tribunal, das einen so gefürchtet?» Namen trägt zu verhängen pflegt. (Schluß folgt.) Ein kleines Bild von der großen europäischen Welt. Dem im Jahre 1829 im Josephs-Hospital zu München verstorbenen ehemaligen Missionär Pater Wolfgang Bock wurde 1811, als er aus dem Oriente zurückkam, von der Polizei verboten, in seiner Ordenstracht der Carmelitcr auszugehen. Da legte der kluge Pater schnell türkische Kleidung an, wozu sein schöner, langer Bart gut paßte, und siehe, den die Polizei als Ordensmann nicht duldete, ließ sie als Türken ungenirt in der Stadt München erscheinen, was nicht geringes Aufsehen machte, so daß ein Künstler den Pater im Türkenanznge abbildete, und der Kupferstich schnell vergriffen ward. Auch erhielt Pater Wolfgang in feinem Türkencostüm Audienz beim Könige Mar Joseph, und ward mit 100 bayerischen Thalern beschenkt, um sich die Kleidung eines Weltgeistüchen anschaffen zu können. — Heutzutage scheint die große europäische Welt auch den Grundsatz zu haben: Lieber Türk als OrdenS- mann! Den Thron der europäischen Türkei hat man mit größeren Opfern, als 100 Thalern, gestützt und geschützt, und dem Obern aller Ordens- und Ehristeuleute, dem heil. VatH zu Rom, will man versagen und rauben, was er mit mehr Recht besitzt, als der Türke sein geraubtes Reich, und mit älterem Rechte, als alle Fürsten Enropa'S ihre Kronen. Tugend dem Könige sehr erwünscht gewesen sein würde... Rieh, der General-Fiscal, wurde zu More ins Gefängniß^gcschickr, um mit ihm zu verhandeln. More beobachtete hinsichtlich der Suprematie ein vorsichtiges Stillschweigen; er ließ sich nur zu der Bemerkung verleiten, eine Frage über das Gesetz in Betreff der Suprematie sei ein zweischneidiges Schwert; die eine Antwort auf diese Frage bringe vas Leben der Seele, die andere das Leben des Leibes in Gefahr. Mehr bedurfte man nicht, um More des Hocbverraths anzuklagen. Sein Schweigen erklärte man für böswillig und verbrecherisch, unv jene Worte, die er hatte fallen lassen, legte man als Läugnung der Suprematie aus. Die gerichtlichen Untersuchungen waren unter diesem Könige bloße Formalitäten; die Geschworenen erklärten More für schuldig. Er hatte sein Schicksal lange erwartet, und bedurfte keiner Vorbereitungen, um sich gegen die Schrecken des Todes zu stärken... Am 6. Juli wurde er im 53. Lebensjahre enthauptet." — „Viele andere, minder ausgezeichnete Männer", sagtHallam, „namentlich Geistliche, wurden später aus Grund desselben Gesetzes hingerichtet." Hume sagt über die Hinrichtungen unter Heinrich VIll.: „Wir wissen nicht viel von der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des über diese Männer gesprochenen Urtheils, wir wissen nur, daß die Verurtbcilung eines Mannes in dieser Zeit noch kein Beweis für seine Schuld ist." — „Heinrich", sagtHallam, „zeigte sich unparteiisch in seiner Intoleranz, sofern er abwechselnd bald die eine, bald die andere der beiden streitenden Parteien verfolgte. Ein Mal wurden drei Personen, welche seine Suprematie bestricken, und drei, welche die Transsubstantion gcläugnct hatten, aus demselben Karren zum Nicht- platzc gefahren." Wenn das ein treues Bild von England im sechszehnten Jahrhunderte ist, verdient dann blos die spanische Inquisition des fünfzehnten Jahrhunderts unfern Tadel? Preseott muß zugeben, daß Sirius IV. „den übermäßigen Eifer der Inquisitoren tadelte, und sie sogar mit Absetzung bedrohte." Alexander Vl. setzte den Thomas dc Tor-' qucmada wirklich ab. 103 Alls dem Pariser Leben. * Ein junger Maler war für eine abgelieferte Arbeit so glänzend bezahlt worden, Laß es ihn drängle, seinen Freunden eines jener colossalen Frühstücke zu geben, die Mittags anfangen und erst am nächsten Tage endigen; Gelage, bei welchen der Champagner in Strömen stießt, die Gläser und Flaschen zertrümmert unv die Wände deS Locales mit den Eingeweiden der Pasteten bemalt werden, kurz, die glücklich abgelaufen sinv, wenn man mit blauem Auge und den Nest der Nacht auf der Polizci-Wachtstube davongekommen ist. Es war um eilf Morgens, als unser Künstler im besten Anzüge and in heiterster Laune sich nach dem verabredeten Locale begab und mit einem Leichenzugc zusammen traf, der außerordentlich armselig war, denn keine Seele begleitete den armen unbekannten Todten nach seiner letzten Ruhestätte. So froh gestimmt der Künstler auch war, er blieb stehen und sagte: „Ach, es ist doch sehr traurig, einen Menschen so ganz allein zum Kirchhofe zu führen! Das ist eine Schande! Nein, so etwas sollte zu Paris nicht vorkommen. Ich will ihn begleiten. Die Freunde mögen warten." Er geht also hinter der Leiche her. Bald aber bemerkte er, daß er nicht allein war, er hatte zum Begleiter bei der frommen Pflichterfüllung einen jener kleinen alten schwarzen Hunde, die gern ihrem Herrn folgen,-der aber sehr schmutzig aussah, denn eS war Regcnwetter. Mann kommt auf den Kirchhof, und der arme Todte sollte in die allgemeine Grube hinabgesenkt werden. Das that dem Künstler wehe; er beeilte sich, ihm eine Begräbniß- stätte zu kaufen. Es war in jeder Beziehung ein reicher Tag für ihn. Nachdem man ein kleines schwarzes Kreuz über dem Hügel aufgepflanzt hatte, in dem der Unbekannte ruhete, kehrte er zu seinen Freunden zurück. Er eilte in großen Schritten, als er Etwas zwischen seinen Füßen verspürte. Es war der kleine schwarze Hund, welcher ihn lieb- kosele. „Geh," sagte er, „Du machst mich schmutzig, du weißt nicht, daß ich meine besten Kleider anhabe." Und er bemühte sich, ihn fortzujagen. Aber kaum hatte der junge Mann einige Schritte vorwärts gethan, so war auch der Hund wieder da und verdoppelte seine unangenehmen Liebkosungen. Bald hätte das arme Thier einen Schlag mit dem Stocke erhalten; eS entfernte sich auf diese Drohung, blickte aber immer rückwärts, wenn eS etwas Vorsprung hatte. „Drolliges Thier," sagte der Künstler, „man sollte glauben, es wünsche, daß ich ihm folgen möge. Laßt sehen, was daraus wird." Der Hund verfolgte seinen Weg, blicket aber von Zeit zu Zeit zurück, lenkte endlich in eine enge Gasse ein, dann in den Eingang eines alten, armseligen Hauses, fünf Stockwerke hinauf, und kratzte nun mit den Pfoten an einer Thüre, um Einlaß zu erhalten. Der junge Künstler half ihm, indem er die Klingel zog, war aber ganz bestürzt, als ein Mädchen mit rothgeweinten Augen die Thüre öffnete. „Ich bringe Ihnen den Hund zurück, Mademoiselle," sagte er. Es war das gerade das Gegentheil, was er hätte sagen müssen. „Sie haben Jemanden verloren?" . . . Das junge Mädchen seufzte und verbarg ihr Gesicht und ihre Thränen mit dem Tuche. Da warf der junge brave Künstler einen Blick in das traurige Wohnzimmer. Auf einem armseligen Strohsacke bemerkte er eine abgemagerte, vor Kälte zitternde Frau, deren Haut nur noch Knochen umhüllte; ein wahres Gerippe mit den Zügen der fürchterlichsten Leiden . . . Diese Familie betrieb einen Handel in der Provinz, aber nach mancherlei Unglücksfällen war sie, wie so viele andere, nach PariS gekommen, um dort ihr Glück zu suchen, oder ihren Fall zu verbergen. DaS Elend war ihr Antheil. Der Künstler nahete sich der kranken Frau. „Sie sind krank," redete er sie an. — „Ach, ja," antwortete sie, „ich bin krank und sehr unglücklich. Ich habe meinen Mann gelödtet; ich bin die Ursache seines Todes . . . Der arme gute Mann sah mich seit sechs Wochen krank und arbeitete Tag und Nacht, um zu verhindern, daß ich nicht ins Spital gebracht werde ... Er war so schlecht genährt! Er ist vor Mattigkeit und Kumme gestorben ... Aber ich will meine Tochter nicht umbringen, wie ich meinen Mann umgebracht habe . . . Meine Tochter ist noch das Einzige, was mir auf Erden geblieben . . . Morgen will ich ins Spital gehen." Bei diesen Worten umschlang das junge Mädchen seine Mutter mit beiden Armen, bedeckte sie mit Küssen und Thränen und schluchzte unter Seufzern: „Mutter, meine gute Mutter, warum sprichst Du so? . . . Nein, Du gehst nicht ins Spital . . . Auch ich will Tag und Nacht arbeiten. Wenn es sein muß, so ernähren wir uns hier beide zusammen ... So lange ich Arbeit habe . . ." Man kann sich leicht denken, wie dem Künstler zu Muthe war; er war ties gerührt, und die Thränen entströmten seinen Augen . . . Die letzten Worte des jungen Mädchens waren eine Offenbarung für ihn. „Was arbeiten Sie?" fragte er dasselbe. — „Ich bin Näherin." — „Gut, einer meiner Freunde hat Hemden zu machen, ich werde sie Ihnen herbringen." Des anderen Tages erschien er mit einem Ballen Tuch, den er mit seinem Gelde bezahlt hatte. Er ließ einen Arzt holen, den er für einen seiner Freunde ausgab, der aber aus seiner Börse das theuere Honorar bezog. Der Arzt bestätigt, die arme Wittwe sei nur krank wegen Armuth und Entbehrungen. Er verordnete eine gute Nahrung, Fleischbrühen und kräftiges Fleisch; nichts durfte fehlen. Der gure Künstler, welcher bisher nur halbe Tage gearbeitet, änderte dieselben in Tage um, und zwar unter dem Spotte seiner Freunde, die seinen Fleiß und seine Zurückgezogenheit verspotteten. Er hatte aber einen wahren Schatz gefunden: das Glück der Arbeit und Ordnung. Die Lage der beiden Frauen hatte sich indessen wesentlich verbessert. Behaglichkeit war an die Stelle der Noth getreten. Bei seinen öfteren Besuchen hatte der Künstler die edlen Eigenschaften des jungen Mädchens kennen gelernt, das durchaus nicht für das Leben der Armuth bestimmt schien. Der junge Künstler, welcher, wie so viele Andere, bisher nur von einer reichen Verbindung geträumt hatte, nur an Lurus gedacht, verlangte von der Mutter Die zur Ehe, welche nichts mitbrachte, als eine schöne Seele .... Wenige Tage nachher segnete die Kirche ihre Verbindung. Der Segen des Himmels wird ihnen gewiß nicht ausbleiben. Recept zur Dämpfung eines Bolksaufstaudes. * Im Jahre 18^8 war in einer kleinen französischen Provinzialstadt ein Aufruhr ausgebrochen; ein Bataillvnscommandant wurde zur Dämpfung dorthin beordert. Derselbe war ein munterer, jovialer Soldat, dem es nicht darum zu thun war, Blut zu vergießen, und er wendete deshalb ein ganz eigenthümliches Mittel an, den Aufstand zu überwältigen, ein Mittel, das in nichts Geringerem bestand, als in seiner ausgezeichnet schönen Stimme. Als er vor dem Volkshaufen ankam, der aus Revolutionären aller Schattirungcn bestand, sah er, wie ein Redner von seinem Karren herab die Masse haran« guirte und die Köpfe erhitzte. Der Commandant ließ ihn Herabsteigen und nahm sogleich seinen Platz ein, indem er ausrief: „ES ist noch nicht genug gesprochen worden, jetzt kommt erst noch die Reihe an mich!" und damit stimmte er vor der erstaunten und verblüfften Menge ein altfranzöstscheS Lied an, das bet den Aufrührern sehr bald ein allgemeines Gelächter hervorbrachte. Damit war aber auch der Aufstand total besiegt, denn der Franzose ist entwaffnet, wenn es gelingt, ihn zum Lachen zu bringen. (Mulleis und Müller, das Elend zu Paris). Redacn'en uu« Bering: Dr. M. Huttler. — Druck vo» I. M. Älcinle. AiigsbiiM SmillagMM. Mr. 14. 1. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. An das Veilchen. So hast du'doch vernommen Den Sehnsuchts-Nuf nach dir. Und bist verjüngt gekommen Du erste Garten-Zier! Du Freude deiner Finder ^ Auf frischcrgrünter Au, Du Liebling aller Kinder, Mein Veilchen hold und blau! Mein- blaues, holdes Veilchen, Wie hoch entzückst du mich; Es wird mir nur zum Weilchen Ein Tag bei Lob auf dich! Dein Sinnen, dein Verlangen» Und deiner Wünsche Ziel Ist Prunken nicht, noch Prangen Durch buntes Farbenspiel. Aus Stolz dein Haupt zu heben, Nie fällt dir dieses ein: Dein wärmstes, reinstes Streben Ist, klein, gering zu sein. Du liebst es, still, verborgen, Aus zartem Blätter-Grün Ob Abend oder Morgen Zu duften und zu blüh'n. Du lässest gern dich finden Von Kleinen ohne Schuld; Und dich zum Sträußchen winden Voll herzlicher Geduld. Ein reiches Honig-Brünnlein Nur athmend Wohlgeruch Erstattet treu das Bienlein Alltäglich dir Besuch. Von dir ich möcht erlernen. Am Geiste mild und zart. Mich niemals zu entfernen Von kindlich frommer Art. Bei dir ich Tröstung finde Für's trauervolle Herz; Bei dir mir wirv gelinde Auch herber Trennungs-Schmerz. Denn deine Ankunft kündet Mir an den Ostertag, An dem der Tod verschwindet, Und wie durch Zauberschlag Berühret all die Lieben Zum Leben aufersteh'n; Und wir verkläret drüben Bei Gott uns wiedersehen; Und wir mit Engel-Chören Durch Alleluja-Nuf Den Ersterstand'nen ehren, Der uns und dich erschuf; — Dich schuf zum schönen Bilde Der hohen Lieb' und Lust Zur Demuth, Einfalt, Milde In eig'ner, reinster Brust; — Uns schuf, damit wir ahmen In Tugend allgemach Zum Lob' auf seinen Namen Auch dir, o Veilchen, nach! Die römische Inquisition. (Schluß.) Wie zu erwarten war, wußte man znr Zeit der römischen Republik v. 18-19 den Nutzen wohl zu würdigen, der bei einiger Klugheit und List aus der Jnqui- sition zn ziehen war. Man fand es sehr zweckmäßig, den befreiten Römern, welche so lange Opfer des „PfaffentrugeS" gewesen waren, die Geheimnisse der Tyrannei zu enthüllen, unter welcher sie so lange geseufzt hatten, und ohne die Revolution noch jetzt seufzen würde». Demgemäß wurde ein kleines Spektakelstück arrangirt und mit glänzendem Erfolge aufgeführt. Ju einem der Gemächer des h. OfficinmS brachte man eine Fallthüre an, nnd in einem Loche, welches man eigens zu dem Zwecke grub, häufte mau einige Knochen auf, die man in den Kellern ansgegraben hatte; nachdem alles arrangirt war — Fallthüre, Grube, Kerker, d. i. die Keller und Knochen — stellte man es dem leichtgläubigen nnd staunenden Pöbel zur Schau, und daS protestantische Europa begrüßte die „Entdeckung" mit den gewohnten Ausrufen des Entsetzens. Die römische Republik erreichte ihr Ende, und die zurückgekehrten Beamten der Inquisition hatten uuu Gelegenheit, die Zweckdienlichkeit der Veränderungen, die man vorgenommen hatte, zn bewundern. Daß man menschliche Gebeine aus dem Boden anSgrabeu konnte, war nicht zu verwundern, da der Theil des Gebäudes, unter welchem man dieselben fand, auf einem Platze steht, welcher früher als Kirchhof benutzt worden war. Aber ein Pöbelhaufen pflegt keine besonders ausgedehnten archäologischen Kenntnisse zu haben, und wiewohl man in London und Paris und andern Städten nicht selten Menschenknochen und ganze Skelette da auSgräbt, wo jetzt Hänser stehen, ohne daß dieses besondere Aufmerksamkeit erregt, so ist eS ganz etwas Anderes, wenn man dergleichen zu Rom findet, zumal unter den Kellergewölben der Inquisition, wenn man gegen die päpstliche Regierung eine Anklage zu erheben wünscht. Sehr begierig, die „Kerker der Inquisition" mit eigenen Augen zu sehen, begab ich mich eines TageS mit einem Freunde auS England nach dem Gebäude des hl. OfficiumS, welches gegenwärtig von den Franzosen als Kaserne benützt wird. Die Gefälligkeit des dienstthuenden französischen OfficierS setzte uns in den Stand, das ganze große Gebäude in allen seinen Theilen zn besehen. Große Gemächer und schöne Hallen, zum Theil mit herrlichen Fresken von großen Meistern geziert, wur- den mit sträflicher Gleichgiltigkeit raschen Schrittes durchwandert, da die Begierde, die „Kerker" zu sehen, uns unaufhaltsam voran trieb. Unser Führer, ei» sehr höf- licher und lebhafter Franzose, brachte uns endlich an das Ziel unserer Wünsche. Aber welche Enttäuschung! „Kerker" der Art, wie sie in den gewöhnlichen romanhaften Vorstellungen von der Inquisition vorkommen, fanden wir gar nicht, und als Ersatz dafür nur eine Anzahl von Hallen, die etwa 12 Fuß breit und 15 Fuß lang waren, und einige Gemächer von 16—18 Fuß Länge und Breite. Erstere waren zur vorläufigen Unterbringung von Verhafteten, letztere als Gefängniß der zu zeit- welliger Einsperrnng Verurteilten benutzt worden. Statt tief unter der Oberfläche zu liegen, wo sich der Romanleser „die Opfer der priesterlichen Tyrannei in der giftigen Atmosphäre eines dunkeln und dumpfen KerkcrS schmachtend denkt," befanden sich alle diese Räume im zweiten Stockwerk, und waren vielleicht besser erhellt, als nach italienischen Begriffen, namentlich während deS Sommers, bequem nnd angenehm ist. Man kann sich gar keine gewöhnlichern und minder merkwürdigen Räumlichkeiten denken, als diese „Kerker" der römischen Inquisition. Man steht nicht einmal einen Nagel an den nackten Wänden, an den man einen Verdacht hängen könnte, und kein Zeichen und keinen Strich auf dem Fußboden, welcher ahnen ließe, daß sich etwas Schreckliches unter demselben befinden konnte. Eine Zelle in einem gewöhnlichen Kloster bietet mehr Anlaß zu Phantasien; die Einfachheit und Unver- 107 dächtigkeit dieser Gemächer ist in der That so groß, daß sie anf Jeden, der mit den gewöhnlichen Vorstellungen hinkommt, einen unangenehmen Eindruck machen müssen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, fanden wir auch noch einen Garten mit Bäumen und breiten Wegen, wo früher die Gefangenen täglich ihren Spazicrgang machten, und -war ohne Ketten, Fesseln und andere dergleichen Dinge, mit welchen sich eine lebhafte Phantasie die Gefangenen des h. OfficiumS geschmückt denken könnte. Wo übrigens vormals Cardinäle beriethen, und ihre Consultoreu wichtige Puncte des GlanbenSsystcmS der katholischen Welt erörterten, da fanden wir jetzt französische Soldaten träge anf ihren Betten liegen, muntere Lieder von Liebe oder Ruhm singen, oder Domino spielen; und Säbel nnd Musketen standen in den Gemächer», wo früher die dicken Folianten aufgestellt waren, in welchen die dogmatischen Entscheidnngeu der Congrcgation des hl. OfficiumS aufgezeichnet wnrden. Mit einem Worte: so wenig man die Beschreibung, welche TacituS von Nero'S goldenem Hause gibt, bestätigt findet, wenn man die Hänfen von Steinen und Schutt betrachtet, welche jetzr die einzige Spur seiner frühern Eristeoz sind, eben so wenig kaun man in der prosaischen Darstellung dessen, was daS h. Officinm wirklich ist, die Jugnisiton wieder erkennen, wie wir sie in Romanen und romanhaften Geschichtswerkcn in den Tagen unserer gläubigen Jugend mit so köstlichem Schaudern geschildert lasen.*) *) Balmes charakterisier in seinem vortcfflichen Werke über die europäische Civilisation die Milde der römischen Inquisition im Gegensatze zu der Strenge der spanischen, und zeigt, wie der Geist des hl. Stuhles von dem aller europäischen Regierungen und Nationen zu einer Jett sich unterschied, welche wohl als die Periode der Verfolgungen bezeichnet werden könnte. „In der Zeit der größten Strenge gegen die judaisirenden Christen", sagt er, „verdient eine Thatsache Beachtung. Manche, weiche bei der Inquisition angeklagt waren oder deren Verfolgung fürchteten, gaben sich alle Mühe, aus dem Bereiche dieses Tribunals zu entkommen, indem sie Spanien verließen uuv nach Rom gingen. Werden diejenigen, welche meinen, Rom sei immer das wahre Treibhaus der Intoleranz, ein Fcucrbrand der Verfolgung gewesen, dieses glaublich finden? In zahllosen Fällen wurden während der ersten fünfzig Jahre des Bestehens der spanischen Inquisition die Processe von Spanien nach Rom hinübcr- genommcn und fast in allen Fällen zeichnete sich Rom durch größere Milde aus. Ich glaube nicht, daß man einen einzigen Fall namhaft machen kann, in welchem nicht der Angeklagte durch eine Appellation nach Rom Vortheil gewann. Die Geschichte der Inquisition in dieser Zeit berichtet von vielen Streitigkeiten zwischen Königen nnd Päpsten, und wir finden durchgängig daß der heil. stuhl sich bestrebte, die Inquisition in den Schranken der Gerechtigkeit und Humanität zu halten. Die Weisungen der römischen Curie wurden nicht immer gebührend beachtet; so sahen sich denn die Päpste genöthigt, viele Appellationen anzunehmen, und das Loos zu mildern, welches die Appellanten getroffen haben würde, wenn ihre Sache in Spanien cndgiltig entschieden worden wäre ... In einer Bulle vom 2. August 1483 sagt der Papst, er habe die Appellation einer großen Anzahl von Bewohnern von Sevilla angenommen, welche aus Furcht, verhaftet zu werben, es nicht gewagt hätten, in Spanien an den höhern Gerichtshof zu appellircn... Später beklagte er sich darüber, daß man die Strafmilderungen, welche er mehrcrn Angeklagten bewilligt, in Sevilla nicht gebührend berückficht habe. Nach mehrern andern Ermahnungen weist er Ferdinand und Jsabella daraus hin, daß Milde gegen die schuldigen Gort wohlgefälliger sei, als Härte, und erinnert an den guten Hirten, der dem verirrten Schafe nachgehe. Schließlich ermähnt er sie, diejenigen milde zu behandeln, welche ihre Vergeben freiwillig cingcstäuden; er wünscht, mau möge ihnen gestatten, zu Sevilla oder an einem andern Orte, den sie wünschen möchten, zu wohnen und im Besitze ihres Eigenthums zu bleiben, als wenn sie sich des Vergehens dcr Ketzerei schuldig gar nicht gemacht hätten. „Wenn Angeklagte sich nach Rom wendeten, so geschah dieses nicht immer, um die Aufhebung eincS ungerechten Urtheils zu erlangen, sondern oft, weil sie wußten, daß sie dort Gnade und Nachsicht finden würden. Einen Beweis dafür liefert die große Zahl von spanischen Flüchtlingen, welche zu Nom wegen Nückfalls in das Judcnthum vcrurtheilt wurden. Man fand deren einmal im Jahre 1498 250; aber keiner derselben wurde hingerichtet. Es wurden ihnen nur einige Bußwcrke aufgelegt, und dann wurde ihnen die Lossprechung ertheilt und gestattet, nach Hause zurückzukehren. „Es ist bemerkenswerth, daß die römische Inquisition niemals ein Todcsurtheil fällte, vbschon damals auf dem apostolischen Stuhle Päpste saßen, welche in Allem, was auf die bürgerliche Verwaltung Bezug hatte, äußerst strenge waren. In allen Theilen Europas fin- Marrauna vom heil. Nincenz a Paula. (Fortsetzung.) Was Ihres Pfarrers Amtspflicht ist, habe ich nicht zu unterscheiden; aber der Priester, — der übrigens am Sterbebette weit mehr zu thun hat, als ein Capitel aus der Bibel vorzulesen — ist nicht gewohnt, die Erfüllung einer seiner wichtigsten Pflichten einer Krankcnwärterin oder einem Arzte zu überlassen. Einige vielleicht am andern Ende des Zimmers gemurmelte Gebete, eine eilige Frage nach diesem oder jenem Kranken: und die geistlichen Funetionen euerer Spital-Geistlichen sind zu Ende. Noch mehr-Was ist denn das? fragte hier Frau M. die Magd, welche hereintrat und Marie ein beschmutztes, sonderbar gefaltetes Papier übergab, welches mit einer kolossalen, noch feuchten Oblate zugemacht war. — Marie blickte auf die Adresse, welche lautete: An das geehrte Fräulein v. S— Gnaden; sie öffnete den Brief lächelnd und las folgende, in wunderlicher Orthographie geschriebene Worte: Höchst gütiges und ehrwürdiges Fräulein, — Bitte, Fräulein, Eur' unterthänigste Dienerin, Winnh Prall, liegt sprachlos aus dem Sterbebett, und sagt, Fräulein, sie kann nicht ruhig sterben, wenn sie Sie nicht sieht; so hoffen wir demüthig, Eur' Gnaden wollen nicht zögern, da unsere Mutter die Nacht durchaus nicht überleben kann. Eur' Gnaden ergebenste Diener, ihre Söhne Franz und Joseph Prall, Fischerbrücke rc. Laß Las Mädchen hereinkommen, sagte Marie, und ehe noch Frau M. fragen konnte: Was soll denn dies Alles heißen, so spät in der Nacht? stand ein blasses Mädchen vor ihr, dessen Züge die Spuren von Sorge und Entbehrung trugen. — Ist denn die Frau Prall wirklich so krank? Ich bin nur eine Nachbarin von ihr. Aber ich hörlc, sie wäre schon fast besinnungslos; sie könne aber nicht sterben, ehe Sie kämen. Hat man den Geistlichen rufen lassen? fragte Marianne ängstlich. — Ich weiß nichts, gar nichts; aber wenn Euer Gnaden kommen, so werden Sie Alles erfahren! und das Mädchen wendete sich hastig zur Thüre. — Gut, ich werde mit dir da sein, sagte Marie. — Aber du willst doch nicht wirklich gehen, Marie? meinte Frau M...., als ihre Nichte den Hut aufsetzte und sich die Mantille reichen ließ: Es ist ja spät! — Es ist sehr spät; jedoch in diesem Falle ruft den wir das Schaffet aufgerichtet, um Vergehen gegen die Religion zu bestrafen, und überall sehen wir Scenen, die das Herz mit Trauer ertüllen: Nom bildet eine Ausnahme von der Regel, dasselbe Rom, welches man als ein Ungeheuer von Intoleranz und Grausamkeit dargestellt hat. Allerdings haben die Päpste nicht, wie die Protestanten, allgemeine Duldung gepredigt; aber die Thatsachen zeigen den wahren Unterschied zwischen den Päpsten und den Protestanten: die Päpste haben trotz ihres intoleranten Tribunales keinen Tropfen Blut vergossen, die Protestanten und Philosophen ganze Ströme. „Ich will nicht eine ausführliche Prüsting des Benehmens der spanischen Inquisition gegen die judaisircndcn Christen versuchen, und ich bin weit entfernt, ihre Strenge gegen diese Menschen der Milbe vorzuziehen, welche die Päpste empfahlen und übten. Ich wollte hier nur zeigen, daß die Strenge eine Folge von außerordentlichen Umstände», ein Ausdruck der damals bei den europäischen Völkern herrschenden harten Anschauungen und Sitten war. Dem Katholicismus können diese durch verschiedene Gründe veranlaßten Ercesse nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wenn wir aber ferner den Geist beachten, welcher in allen Instruktionen der Päpste in Betreff der Inquisition herrscht, wenn wir sehen, wie sie augenscheinlich immer zur Milde geneigt und bemüht waren, den Schandflecken zu vertilgen, welcher an den Schuldigen und an ihren Familien haftete, so dürfen wir annehmen, daß die Päpste wohl noch weiter gegangen sein würden, wenn sie nicht gefürchtet hätten, dadurch allzusehr die Unzufriedenheit der Könige zu erregen und verderbliche Zwistigkeiten zu veranlassen. „Welches Verfahren wurde von Luther empfohlen? Nach Seckendorf sagte er: man solle die Synagogen der Juden anzünden, ihre Häuser niederreißen, ihre Gebetbücher, den Talmud, und selbst die Bücher des Alten Testamentes ihnen wegnehmen und ihren Rabbineri verbiete» zu lehren, und sie nöthigen durch Handarbeit ihr Brod zu verdienen." 109 mich eine gebieterische Pflicht. — Aber ich sehe hier gar keine Pflicht — und ich glaube die Frau kann auch warten bis morgen. Ich würde mich kaum wundern, wenn Alles nur eine List wäre, um dich herauszulocken und zu ermorden. — Ich wüßte nicht, was man dabei gewinnen könnte; aber ich kenne die Frau. Dennoch begreife ich nicht, was es dich angeht! murrte Frau M.... Protestantische Damen kennen ihre Pflichten gegen die Gesellschaft zu gut, als daß sie sich unter solche Leute wagen sollten! Ueberdics dürste kein Frauenzimmer in eine Krankenstube gehen, ehe sie wenigstens Jahre alt ist. Aber ich könnte eben so gut zu einer Bildsäule reden, fuhr sie fort, als die Thür sich hinter M. schloß, ich wünsche zu Gott, sie wäre einmal verheirathet, dann würde sie vielleicht gescheiter werden. Mit leichten, eiligen Schritten und ruhiger Entschlossenheit schritt Fräulein S. durch einige Straßen, dann über einen Platz und ließ nicht eher von ihrer Eile ab, bis Sie die Wohnung erreicht hatte. Das Gesicht der kranken Frau Prall hatte schon jene grünlichblaue Farbe angenommen, welche das letzte Stadium der fürchterlichen Krankheit begleitet. Ihre Söhne und einige Frauen befanden sich bei ihr; aber wenn sie gleich geschäftig hin und her liefen, so sah man doch, daß Keiner von ihnen sich der Stubenccke zu nähern wagte, wo die Kranke lag. Es ist die Cholera, sagte Marie, indem sie die Hand der Frau ergriff. Sie erblaßte, als sie den schnellen, aber schwachen Pulsschlag derselben fühlte. Sie hat nicht lange mehr zu leben; habt ihr nach dem Geistlichen geschickt? — Sie wollte sich von uns nichts sagen lassen und verlangte nur nach Ihnen. Trinken! Trinken! Ich ersticke, kreischte die Frau; gebt mir zu trinken, sag'ich. Marie fand in einer zerbrochenen Tasse etwas kalt gewordenen Thee, welchen sie der Kranken an die Lippen hielt. Dann schrieb sie ein paar Zeilen auf ein Blatt ihres Taschenbuches und übergab dieses dem Sohne Franz mit der Weisung, ja leine Zeit zu verlieren, bis er es in die Hände eines Geistlichen überliefert bättc. Wer ist da? schrie die Frau und starrte um sich. Teufel sind's, die ich überall sehe. Ich sterbe, ich sterbe — und was wirb aus meiner armen Seele werden? O Mutter, sagte Joseph, indem er sich vorsichtig näherte, der Geistliche wird gleich hier sein, und Fräulein S. will mit dir beten. — Guten Abend, Fräulein, sagte die Mutter hastig, hab' ich nicht versprochen, ich wollte zu meiner Pflicht zurückkehren? Jetzt ist es zu spät; ich werde todt sein, ehe der Geistliche kommt, und beten kann ich auch nicht. Ein neuer fürchterlicher Krampf trat ein, so daß M. glaubte, diese Befürchtung möchte in Erfüllung gehen. — Ich will für Euch beten, sagte M-, als die Kranke etwas ruhiger wurde. Sie kniete nieder und begann die Litanei für die Sterbenden; von Zeit zu Zeit blickte sie ängstlich nach der Thüre. — Sagen Sie mir, Fräulein, sagte Plötzlich die Frau und erhob sich in ihrem Bette, müssen wir unsern Feinden vergeben? Das möchte ich gern wissen. — Gewiß, wenn wir selbst Verzeihung hoffen wollen; sicherlich haben wir Gott öfter beleidiget, als irgend ein Geschöpf uns beleidigt haben kann. — Wie? ich soll meinem Manne vergeben? Hat er mich verlassen, daß ich mit den Kindern Hungers sterben konnte? Und hat er nicht vor meinen Augen eine genommen, die protestantisch ist, wie er selbst? Hat er mich nicht getreten, geschlagen und — Denkt jetzt nicht an seine Mißhandlungen! Betet, damit ihr beide einst im Himmel glücklich zusammen werdet. — Im Himmel! schrie die Kranke, mit einem mehr noch von Wuth, als von Schmerz entstellten Gesichte; im Himmel? Was soll der im Himmel thun, der Abtrünnige! Wollte er mich nicht dahin bringen, daß ich meine Religion verkaufen und heucheln sollte wie er, blos um das Armen- geld zu bekommen? Mißhandelte er mich nicht, weil ich die Kinder nicht von ihm zu Heiden gemacht haben wollte? Und hat er mir nicht mein liebes Mädchen gestohlen, damit es ihm und seinem Weibsbilde aufwarten mußte? Hat er nicht einen Teufel aus mir gemacht und mich zum Gotteslästern gebracht? Aber jetzt wird der Satan uns beide in die Klauen bekommen. — Ein neuer Krampf- anfall folgte; die arme W. sank erschöpft und ohnmächtig auf das Lager hin. Mit zitternder Stimme begann M. von Neuem die Litanei; sie sah, daß das schlecht angewandte Leben der unglücklichen Frau sich dem Ende näherte. — Mit einem unterdrückten Freudenrufe aber sprang sie auf als der Priester hereintrat. Komm ich zu spät? fragte der Priester. Fräulein M. Zeigte auf das Bett. Der Geistliche beugte sich darüber, richtete einige Worte an die Kranke und gab dann den Anwesenden ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Mit der Gefühllosigkeit, welche die Folge gewohnheitsmäßiger Gotteslästerung ist, schlichen die Männer auf den Gang, die Frauen waren in der anstoßenden Kammer bald am Plaudern. Marianna kniete auf der morschen Treppe nieder und verweilte die nächste halbe Stunde im heißen Gebete, auf daß die heil. Jungfrau Fürbitte einlege zu Gunsten des verirrten Geschöpfes, welches bald vor seinen beleidigten Richter treten sollte. Und wie brachte der Priester diese Zeit zu? Angegriffen und erschöpft durch ein Tagewerk voller Anstrengung, war er mit freudiger Bereitwilligkeit dem Gebot der Pflicht gefolgt, welche ihn abrief, als er eben sich der ersehnten Ruhe überlassen wollte. Jetzt stand er gestützt auf die Lehne des Bettes' er athmete die stinkende, verpestete Luft des schmutzigen, von Ungeziefer wimmelnden Zimmers ein; er beugte sich über die Kranke, deren Athem den Tod bringen konnte, deren Wnthausbrüche wie giftigePfeile für sein Herz waren, welches gern das Leben geopfert hätte, um das Heil einer einzigen unsterblichen Seele zu erkaufen. Er dachte nicht an Müdigkeit oder Gefahr; es war seine Pflicht. „Pflicht!" jenes wunderthätige Wort — das Fcldgeschrei der kath. Priester — die Fahne, um welche sie sich schaaren; das Wort, welches Verfolgung, Undankbarkeit, Krankheit, Armuth, jedes Hinderniß verachten lehrt, — das sie zum Siege oder Tode führt. Ohne Rücksicht auf den Beifall oder die Verachtung der Welt, voll Mitleid, aber erhaben über die kleinlichen Sorgen des Lebens, streben sie vorwärts, bis das Opfer ihrer Jugend oder die mühevolle Sorge eines langen Lebens mit der Martyrerkrone und mit ewiger Seligkeit belohnt wird. — Endlich öffnete sich die Thüre und auf ein Zeichen vom Priester kam M. wieder ins Zimmer. „Ich werde ihr das heil. Abendmahl reichen", sagte der Geistliche feierlich. Fräulein M. sah sich vergebens nach einer Stelle um, welche sie für das allerhciligste Sacrament würdig vorrichten konnte. — Der Priester begann jene ergreifenden Gebete, welche die Kirche für solche Gelegenheiten vorschreibt. Es wäre eine wirkungsvolle Scene für einen Maler gewesen: das wüste verfallene Zimmer, das helle Mondlicht, welches durch die zertrümmerten Fenster siel, die Gegenstände mit seinem eigenthümlichen Glänze umsäumte und voll auf das weiße Kleid der knieenden Jungfrau fiel, die mit gebeugtem Haupte und gefalteten Händen für nichts als die Gegenwart Gottes Sinn zu haben schien; die entfärbten und verzogenen Gesichtszüge der sterbenden Frau, deren Augen nun mit einem Ausdruck hoffnungsvoller Ergebung an den Zügen des Priesters hingen, welcher sich über sie gebeugt hatte und in dessen Gesichte jene tiefe Andacht sich ausdrückte, welche der Feierlichkeit des Augenblickes und Dem gebührte, dessen erhabene Gegenwart jene Hütte des Elendes jetzt erfüllte. (Schluß folgt.) Napoleon I. in der Katechese. K. Im Jahre 1811 gegen Ende März rief Napoleon l. unvermuthet eine Versammlung zu sich. Sie bestand aus den Cardinälen Fesch, Maury, dem Erzbischof von Mecheln, den Bischöfen von Nantes, Trier, Evreux, Verweil und Abbö Emerv und p. Fontaer. Zwei Stunden ließ er auf sich warten. Menschen, sagte er, welche gewartet hätten, werden „stumpfsinniger." Endlich erschien er in außerordentlichem Aufzuge von seinen Großoffieieren umgeben. In einer sehr langen und heftigen Rede ward die Sitzung eröffnet gegen den Widerstand des Papstes Pins VII. Keiner der Cardinäle oder Bischöfe hatte den Muth gegen die Verläumdungen und Entstellung die Wahrheit gegen die Macht und Gewalt des Kaisers und Königs geltend zu machen. Zum Ruhm der Religion fand sich aber ein einfacher Geistlicher — ein anderes Mitglied jener Versammlung. Es war nämlich der 80jährige Priester Greis Abbö Emerh, empfehlenswert!) durch seine Wissenschaft und Frömmigkeit. Nachdem Napoleon gesprochen hatte, sah er alle Anwesenden an und fragte hierauf diesen Abbö: „Mein Herr, was halten Sie von der Gewalt des Papstes?" Mit einer Art ehrerbietigem Vorzüge blickte er den Bischöfen und Cardinälen in's Angesicht, als wollte er sie um die Erlaubniß bitten, seine Meinung zuerst auszusprechen und antwortete dann: „Sire! Ich kann keine andere Gesinnung haben, als jene, die in dem Katechismus enthalten ist, der aus Ihren Befehl in allen Kirchen gelehrt wird. Auf die Frage: Was ist der Papst? heißt es dort: Er ist das Oberhaupt der Kirche, der Stellvertreter Jesu Christi, dem alle Christen Gehorsam schuldig sind. „Kann nun je ein Körper seines Hauptes, kann er desjenigen entbehren, dem er nach göttlichem Rechte Gehorsam schuldig ist?" Nachdem Napoleon das Wort Katechismus murrend ausgespochen, fuhr er fort: 'Nun dann, ich streite Ihnen die geistliche Gewalt des Papstes nicht ab, da er dieselbe von Christus empfangen hat, aber Christus hat ihm die zeitliche Macht nicht gegeben; diese hat Carl der Große ihm gegeben, und ich, der Nachfolger Carl des Großen, will dieselbe ihm Hinwegnehmen, weil er sie nicht zu gebrauchen weiß und sie ihn verhindert, seine geistlichen Funktionen auszuüben. Wie denken Sie hierüber, Herr Emerp? Derselbe erwiederte: Eure Majestät ehren den großen Bossnet und finden Gefallen daran, ihn oft anzuführen. Nun kann ich selbst keine andere Gesinnung haben, als Bossuet in seiner Vertheidigung des Klerus ausspricht. Ich will die Stelle anführen, die daraus meinem Gedächtniß genau gegenwärtig ist. Bossuet, Sire, spricht also: Wir wissen es wohl, daß die römischen Päpste und der priesterliche Stand durch die Verleihung der Könige Güter, Rechte und Fürstenthümer (imperia) erhielten und solche rechtmäßig besitzen, wie andere Menschen mit sehr gutem Rechte dieselben besitzen. Wir wissen, daß diese Besitzungen, insoferne sie Gott gewidmet sind, heilig sein müssen, und daß man solche ohne gotteslästerlichen Raub nicht überfallen noch rauben und an Weltliche verschenken kann. Man hat dem apostolischen Stuhl die Oberherrschaft über die Stadt Rom und andere Besitzungen verliehen, damit derselbe freier und gesicherter seine Gewalt in der ganzen Welt ausübte. Dazu wünschen wir nicht nur dem apostolischen Stuhle, sondern auch der gesammten Kirche Glück und beten aus ganzem Verlangen unseres Herzens, daß dieses geheiligte Fürsten thum (nrinichmt) auf alle Weise frei und unberührt bleibe. Iüi>. I. 860t. 10, eap. 16. Nachdem Napoleon in Geduld zugehört, sprach er in sanften Worten: Ich verwerfe das Ansehen Bossuets nicht; dieß Alles war wahr zu seiner Zeit. Als Europa mehrere Oberherrn erkannte, war es nicht schicklich, daß der Papst einem besondern Souverän unterworfen wäre, allein, was kann es wohl wehren, P?.-.' iK 112 daß der Papst mir unterworfen sei, da Europa keinen anderen Herrn als nur mich anerkennt. Herr Emery schien sich zu bedenken, weil er die persönliche Hosfart des Kaisers nicht beleidigen wollte und sagte unter Anderm zuletzt die Worte: Sire! Sie kennen die Geschichte der Revolutionen so gut, wie ich; es ist möglich, daß, was jetzt besteht, nicht immer besteht. Man muß also eine mit so großer Weisheit gegründete Ordnung nicht ändern. Bevor die Sitzung endete, fragte Napoleon einen der Bischöfe, ob es wahr sei, was Emery aus dem Katechismus gesagt habe. Auf eine bejahende Antwort schickte er sich an sich zu entfernen; da ihm einige Prälaten bemerken wollten, Emery habe ihm vielleicht mißfallen, sprach der Kaiser: Ihr seid irrig, ich zürne ihm keineswegs, er hat wie ein Mann gesprochen, der seinen Gegenstand kennt und ich sehe es gerne, daß man so mit mir spreche. Hr. Emery denkt nicht wie ich, aber Jedermann darf hier seine freie Meinung haben. Mit Achtung und Ehrfurcht grüßte Napoleon beim Vorübergehen, aber letztens den Abbö. Durch Uebermuth und Stolz verblendet, achtete er aber nicht auf die letzten Worte seines wohlmeinenden Lehrers und wird sich wohl erst auf St. Helena erinnert haben, daß derselbe auch ein Prophet gewesen, weil, „was einst bestand, nicht mehr war" und der große Kaiser zum kleinen General degradirt wurde. Gleiches oder ähnliches Geschick trifft ohne Zweifel Napoleon III-, wenn derselbe wirklich es wagt, an die geheiligte Person des Statthalters Hand anlegen zu lassen und über das geheiligte Fürstenthum mit List oder Gewalt einen andern zu setzen als den, welchen die göttliche Weltregierung eingesetzt hat. Möge daher dieser neue Franzosen-Kaiser die Katechese, dieLection, in welche er durch die trefflichen Hirtenbriefe der Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe seines Reiches noch zur rechten Zeit genommen wurde, nicht gleich den alten, für Meinung nur, sondern für eine Wahrheit halten, die ihn frei machen wird von schwerer Schuld und Strafe. I'-'E: Für -en KLrchenbau der armen Katholiken in Stargard und Köslin ist der erste Baustein von Augsburg angekommen in Gestalt einer 10 st. Banknote! (Herzliches Vergelt's Colt dafür dem wackern, braven Manne «... D. R.) Und schnell ist ihm ein zweiter gefolgt: Von Pf. I. P. L. 3 st. Gebe Gott Segen und Gedeihen für und für! Milde Gaben für die Mission in Prrleberg. Durch X. IV. von mehreren Freunden der armen Pcrleberger, welche das Glück haben, in schönen und herrlichen Gotteshäusern ihre Andacht verrichten zu können ....... st. 18 kr. Redaciiau und Verlag: Dr. M. H u tt l e r. — Druck vd» I. M. Älcinle. AilgMgtt AmtligMM. M» 1S. 8. April 1860. DaS Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnemcntspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. Bayer. Postämter und alle Buchhand- lungen bezogen werden kann.* Marianna vom heil. Nincenz a Paula. (Schluß.) Unter den vielen feierlichen und bedeutungsvollen Ceremonien der Kirche gibt es keine ergreifendere, keine rührendere, als wenn der wiederversöhnte Sun der, dessen Leben eine ununterbrochene Folge von Leiden und Armuth, vielleicht auch von schweren Verschuldungen gewesen, im Begriffe steht, zum letzten Male den Gott in sein Herz aufzunehmen, vor dem die Seraphim ihr Antlitz verhüllen, vor dem die Großen der Erde nichts sind und vor dem der Sünder in wenigen Augenblicken erscheinen soll. Dasselbe Sacrament, welches wir im Triumphe wenigstens einmal im Jahre durch die Stadt feierlich geleiten, von Priestern in reichen Gewändern, von flatternden Fahnen und zahlreichen Lichtern umgeben, den Weihrauchwolken umwallt und umdustet von prächtigen Blumen, diesem schönen Schmucke der herrlichen Schöpfung Gottes, — wird sonst in gar demüthigender Weise von dem Priester, allein, zu Fuße, oft im rauhcsten Wetter, zu dem Lager eines Sterbenden getragen, um dort, vielleicht ohne daß ein einziger Mensch dabei ein Gebet spricht, des Armen Abschied von dieser Welt zu versüßen und ihn aus seinem letzten furchtbaren Wege zu begleiten. Die Tröstungen der Religion waren der unglücklichen Frau Prall zu Theil geworden und die letzten Gebete waren noch auf des Priesters Lippen, als Marianne, deren Augen auf die Kranke gewandt waren, eine Bewegung bemerkte, welche sie überzeugte, daß der Lebensfunke erloschen sei. Sie erhob die Hand und der Geistliche, der sie augenblicklich verstand, begann die Gebete für die Verstorbenen zu sprechen. Der Priester, der vor Müdigkeit fast niedersank, wollte sich eben entfernen und auch Marianne, welche sich der späten Stunde erinnerte, war im Begriff das Zimmer zu verlassen, als ein wild aussehender Kerl, der an der Schwelle stand, ihren Arm ergriff. — Um Vergebung, Fräulein, begann er, was bedeutet dieser Lärm hier? Es kommt einem Manne doch sonderbar vor, wenn er heimkommt und seine Stube mit solchem Volk gefüllt findet. Es ist ja, als wenn ein Irrenhaus geöffnet worden wäre, — nichts für ungut, Fräulein! Es ist wahrhaftig Prall selbst, der schändliche Mann der Verstorbenen! schrie eine kleine Person. Tritt näher, du Mörder deines Weibes und betrachte dein Weib hier: schämst du dich nicht deinen beiden Jungen unter die Augen zu treten? Aber du hast das Schämen längst verlernt, du nichtsnutziger Landstreicher! Um Gotteswillen, Fräulein, sagen Sie mir, was sie meint, sagte der Mann, der Plötzlich sehr blaß geworden war und verstört um sich blickte. Er war offenbar berauscht. — M..... trat ängstlich zurück — und sprach: Euer Weib ist todt und ohne das Kind gesehen zu haben, das Sie mitgenommen hatten. Vollständig ernüchtert durch diese Mittheilung stöhnte er die Worte hervor: Um Gotteswillen, Fräulein, sprechen Sie die Wahrheit? — Er stürzte auf das 114 Bett zu und starrte tu das Gesicht der Leiche, dem die Merkmale der schrecklichen Krankheit deutlich ausgeprägt waren. O Weib, rief er aus, indem er neben dem Bette auf die Kniee sank, sieh mich noch ein Mal an, deinen unglücklichen Mann, der wieder zu dir zurückgekehrt ist. Ich weiß, ich bin ein schändlicher Mensch, ein verworfener Hund: schilt mich nur, aber laß mich noch einmal deine Stimme hören! Sie ist todt und alles Klagen ist nutzlos, sagte M.mit thränenvollen Augen. — Da wandte er seine blutunterlaufenen Augen gegen das Fräulein und seufzte: Hören Sie mich 'mal an! — Ich war vor dreiundzwanzig Jahren Soldat — auch eben kein Glück für mich — und *mcin Regiment stand in Coblenz. War es nun mein rother Rock oder mein frisches Gesicht — ich war damals ziemlich hübsch — genug, dies arme Weib ließ sich von mir überreden, bei der Versetzung unseres Regiments aus dem elterlichen Hause zu entfliehen. Sie war das einzige Kind eines bejahrten Mannes und leider mutterlos. Wir wurden von einem evang. Prediger getraut. Anfangs war ich auch recht gütig gegen sie, wenigstens so weit mir dies bei meinem heftigen Charakter möglich war; aber das Trinken und schlechte Gesellschaft — und keine Kirche, waren mein Verderben. Ich wurde degradirt, verließ das Militär, ging auf Fabrik und behandelte mein Weib schlimmer als einen Hund. Zuletzt ließ ich sie ganz im Stich und hauSte mit einer Andern. Ich liebte diese nicht, aber sie paßte zu mir, weil sie eben so verdorben war, als ich selber; auch kümmerte sie sich nicht darum, wie ich zu dem Gelde kam, wenn sie es nur verprassen konnte. Von Zeit zu Zeit besuchte ich mein Weib: sie hoffte noch immer auf meine Rückkehr, aber die Andere hatte mich in den Klauen. Sie war hinter meine Schliche gekommen und konnte mich, wenn sie wollte, in den Ochsenkops bringen. So wurde ich von Tag zu Tag schlechter. Ich fühlte mich auch immer unglücklicher: mein Herz sehnte sich, irgend einen Gegenstand zu lieben, und alles schien mich zu hassen, ausgenommen mein Töchterchen. So oft ich nach Hause kam, schlang das Kind seine Aermchen um meinen Hals, küßte mich und nannte mich „Vater!" Ich entschloß mich zuletzt, das Kind zu stehlen und brachte es zu Martha in's Haus. Dadurch wurde aber meine Lage immer schlimmer. Das Weib haßte mein Kind; mißhandelte es, um es zu zwingen, aus dem Hause zu laufen. Das Mädchen war sehr hübsch geworden, als sie heranwuchs, zu hübsch — ganz wie ihre Mutter, als ich sie zuerst kennen lernte. Ich hoffte ihr einen Dienst zu verschaffen; aber wer wollte die Tochter eines solchen Vaters zu sich in's Haus nehmen? Martha, die elende Creatur, hat sich aus dem Staube gemacht! Um sie kümmerte ich mich wenig; aber mein Kind ist auch fort — mein einziger Schatz, den ich mit Gefahr meines Lebens, auf Kosten meines Seelenheils geraubt hatte! Ich spürte dem erbärmlichen Weibe nach und fand sie bei einem Menschen, der, so schlecht ich auch bin, doch noch tausendmal schlechter ist, als ich. Sie gab mir, als ich nach meinem Kinde fragte, mit höhnischem Gelächter zur Antwort, ich möchte sie — aus den — aus den Straßen suchen! Diese Worte brachten mich dem Wahnsinn nahe. Und nun hier das Elend! — Ach, daß ich meiner Frau nicht gefolgt, nicht mit zum kathol. Priester gegangen bin! — Sie, hochw. Herr, waren ja der Beichtiger meiner Frau, als sie noch zur kathol. Kirche ging! — Ach — wenn's einen Gott gibt! helfen Sie mir! Marianne und der Priester dachten nach, was hier zu thun sei. hätten wir Klöster für die Ausgestoßenen der Menschheit, hieß es — jetzt aber wäre bei dem Mangel an Anstalten für solche Unglückliche kein rechtes Mittel, das sichere Hoffnung auf Besserung gebe. Man fand später das Mädchen, — allein schon vergiftet an der Seele. Alle Besserungsmittel der Humanität und der freien Gabe des Sct.-Vincentius- 115 Vereins fanden in den Herzen, welche durch die Sünde durchlöchert waren und Lie kein Sacrament der Buße kannten, keinen Boden mehr. Beide, Vater und Tochter — geriethen später ins Zuchthaus, wo sie wenigstens der Mitwelt unschädlich gemacht sind. Den unsterblichen Seelen war wohl kein Heil mehr im Gefolge der schwersten Versumpfung in Sünden des Vl. Gebotes, der Vater st^-b — nicht einmal im letzten Augenblicke zu Gott gewendet, wie sein Weib doch zuletzt gethan. Was thut nun wohl Noth, daß der St.-Vineentius-Verein nicht blos leiblicher Armuth wehre, sondern der geistigen Armuth, die der leiblichen Noth seiner Pfleglinge vorausgegangen, zu steueru vermöge?! — Marianne weiß es, und betet. Gott wird helfen. Der Schmied von Regendach. Im Fürstenthume Hohenlohe-Langcnburg liegt ein Dorf, heißt Regendach, wo sich vor mehreren Jahren die folgende herzzcreißcnde, aber auch herzerhebende Geschichte zugetragen hat. Es war an einem Sonntag Nachmittag, da saßen in der Wirthsstube zu Regenbach viele Männer und Frauen aus dem Dorfe gemüthlich bei einander bei ihrem Krug Bier und Keiner von ihnen hatte eine Ahnung, was an diesem Tage noch Schreckliches und Furchtbares geschehen sollte. Auch der Schmied saß unter den Leuten, ein starker, rüstiger Mann, mit einem recht entschlossenen Gesicht und kühnen Blick, aber auch mit einem so gutmüthigen Lächeln auf den Lippen, daß ein Jeder ihn lieb haben mußte, wer ihn nur ansah. Jeder schlimme Gesell aber mochte ihm ja aus dem Wege gehen, denn der wackere Schmied konnte kein Unrecht leiden, und es war nicht gerathen, mit ihm anzubinden, außer im Guten. Seine Arme waren wie Eisenstangen und seine Fäuste glichen Schmicdhämmern. Nur wenige Menschen gab es, die es an Körperkraft mit ihm aufnehmen konnten. Der wackere Schmied saß nicht weit von der Thür und plauderte mit einem Nachbar. Auf einmal springt die Thüre auf und ein großer Hund kommt in Lie Stube, ein großes, mächtiges Thier von grimmigem, schrecklichem Aussehen. Den Kopf mit den rothglühenden Augen hielt er gesenkt, das Maul stand ihm offen, die bleifarbene Zunge hing ihm weit aus dem Halse und den Schwanz hatte er zwischen den Hinterbeinen geklemmt. So kam das Thier zur Stube herein, die keinen Ausgang weiter hatte, als nur die einzige Thür. Kaum hatte aber der Nachbar des Schmieds, es war der Chirurg vom Ort, das Thier gesehen, so wurde der Mann plötzlich todtenblaß; er sprang aus und rief mit entsetzter Stimme: „Gott sei uns gnädig, Leute, der Hund ist toll!" Nun gabs einen Schrecken! Die Stube war fast von Menschen angefüllt und das wüthende Thür stand vor dem einzigen Ausgang und Niemand konnte ins Freie, außer daß er an ihm vorbeigemußt. Die Bestie aber schnappte wild nach rechts und links und Keiner vermochte an ihm vorüberzukommen, ohne von ihm gebissen zu werden. Das Angstgeschrci war entsetzlich; Alle wichen zurück, sprangen auf Tische und Bänke und schauten mit stieren Blicken voll Todesangst auf den tollen Hund. Wo gabs Rettung vor ihm? Da stand auch der Schmied auf und wie er die Todesangst so vieler Menschen sah, gedachte er sogleich, wie viele der glücklichen und zufriedenen Leute durch den tollen Hund könnten grenzenlos unglücklich gemacht werden, und er faßte einen Entschluß, wie es kaum seines Gleichen in der Geschichte der Menschheit gibt, der an Hochherzigkeit und Edelsinn ihm gliche. Freilich erblaßte seine 116 gebräunte Wange ein wenig, aber sein Auge funkelte in wahrhaft göttlichem Feuer und eine erhabene Entschlossenheit leuchtete von der Stirn des schlichten, einfachen Mannes. „Zurück Alle!" donnerte er mit seiner tiefen, kräftigen Stimme. „Keiner rübre sich, denn Keiner kann das Thier zwingen außer ich. Ein Opfer muß fallen, um Alle zu retten, und dies Opfer will ich sein! Ich bändige das Thier und während ich's thue, entflieht!" Und der Schmied hatte kaum diese Worte gesprochen, so kam die Bestie von tollen Hund heran und gerade auf den krächzenden Mcnschenknäucl zu. Kam aber nicht weit. „Drauf mit Gott!" rief der Schmied, und drauf stürzte er, packte es mit seinen Riesenarmen und warf es zu Boden- Aber ach, das war ein entsetzlicher, schrecklicher Kampf, der nun folgte! Grimmig biß der Hund um sich und sträubte sich mit Stöhnen und dumpfem Geheul. Seine zolllangen Zähne zerisscn den Arm, den Schenkel des hochherzigen Schmieds, aber der Schmied ließ ihn nicht los. Nicht achtend des grimmigen Schmerzes, nicht achtend den gewissen schrecklichen Tod, der dem Kampfe folgen mußte, hielt er mit Riesenkraft die schnappende, beißende und stöhnende Bestie nieder, bis Alle entflohen waren, bis Alle gerettet und in Sicherheit waren, nur er mit dem Hunde noch allein blieb. Da schleuderte er die halberwürgte Bestie von sich gegen die Wand und bluttriefend, mit giftigem Geifer besudelt, verließ er das Zimmer und verschloß die Thüre hinter sich. Durch das Fenster schoß man den Hund todt. Aber, o barmherziger Gott, was sollte aus dem unglücklichen, wackeren Schmied werden? Weinend und wehklagend umringten ihn die Leute, die er gerettet hatte, gerettet auf Kosten seines eigenen Lebens. „Seid still, Männer, weinet nicht um mich, Frauen und Kinder", sagte er, „Einer muß sterben", um die Anderen zu retten. Dankt mir auch nicht, denn ich habe nur eine heilige Pflicht erfüllt. Wenn ich todt bin, so gedenkt meiner in Liebe und betet für mich, daß mich Gott nicht zu lange und zu sehr leiden läßt. Daß aber kein weiterer Schade durch mich geschieht, da ich nun freilich toll werden muß, dafür will ich schon sorgen!" Und er ging geraden Weges zu seiner Schmiedewerkstatt und da suchte erschwere Ketten heraus, die schwersten und festesten aus seinem ganzen Vorrath, dann sachte er ein mächtiges Kohlensauer an und glühetc dabei die Ketten und mit eigener Hand schmiedete er sie um Hand und Fuß und auch um den Amboß, welchen keine Menschenkraft aus der Erde reißen konnte, so wie keine Menschenkraft im Stande war, die eisernen Ketten zu brechen. — „So, nun ist's geschehen", sagte er nach ernst vollbrachtem Werke, „nun seid ihr sicher und ich bin unschädlich. So lange ich lebe, bringt mir meine Kost, das Andere füge Gott. In seine Hände befehle ich meinen Geist!" —> Nichts konnte den braven Schmied retten, nicht Weinen, nicht Jammern, nicht Gebet. Die Wuth ergriff ihn und nach den neun Tagen mußte er sterben, aber wahrlich, er starb nur, um an Gottes Throne zu einem schöneren, zu dem herrlichsten Leben zu erwachen! Er starb, aber sein Andenken lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht, von Kind zu Kind, und gesegnet sei es bis an der Welt Ende. Schaut Euch um in den Büchern der Geschichte der Menschheit — keine That werdet Ihr finden, mehr des Ruhmes, des Edelsten Werth, als die That dieses einfachen Mannes, des Schmieds von Regenbach. In den Opfertod zu gehen mit der Gewißheit sterben zu müssen, und zudem auf den schrecklichsten Tod noch warten zu müssen, fürchterliche Stunden und Tage hindurch — das heißt nicht ein Mal, das heißt tausend Mal sterben. Und solchen Tod starb der Schmied, solches Opfer brachte der Schmied von Regenbach zur Rettung seiner Nebenmenschen! Darum sei uns sein Andenken heilig! ._ 117 Die Fregatte „Novara" in Neu-Seeland. Man schreibt aus Anckland (Nen-Seeland, Anstralien) dem „UniverS": Das österreichische Kriegsschiff „Novara" hatte vorzüglich eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen; allein deßungeachtet erfüllten seine Officiere und Matrosen noch eine »ndere Sendung, nämlich: für einen katholischen Großstaat in fernen Gegenden, wo kaum sein Name bekannt war, Gefühle der Bewunderung einzustoßen, und sowohl die Bischöfe als Missionäre zu erfreuen — diese Glaubensheldcn, welche aus Eifer für das Seelenheil sich zum Leben auf einer so vereinsamten Insel entschlossen, wohin nur selten Europäer kommen. Gegen Weihnachten des verflossenen Jahres warf die „Novara" vor Nen-Seeland die Anker. Den folgenden Tag stattete der Kommodore B. WüllerSdorf, begleitet vom SchiffScapitän, seinen Besuch in der höflichsten Weise unserem Bischöfe ab. Diese Aufwartung erregte unter den Eingeboruen desto größeres Aufsehen, weil mau in diesem Hafen niemals ein stattlicheres Kriegsschiff und ein Osficiercorps von so guter Haltung erblickte, so daß unsere MaoriS von der Nation, der die Soldaten angehören, einen hohenBegriff sich bildeten. Am nächsten Sonntage, dem ersten des Jahres 1859, wurde der Schifföcaplan vom Bischöfe eingeladen, das Hochamt zu lesen, bei welchem der hochwürdigste Oberhirt eine Predigt in der Landessprache hielt. Die gesammte Mannschaft, welche durch den Dienst anf dem Fahrzeuge nicht verhindert war, wohnte in voller Parade dem Gottesdienste bei — zur Erbauung des ganzen Volkes. Dieö gute Volk, das in seiner Abgeschlossenheit sich — in Bezug des Glaubens — mit seinen 10—12 Missionären so vereinsamt vorkömmt, war vor Freude fast außer sich, als es angesehene Männer von so fernen Ländern an seinen religiösen Uebungen Theil nehmen sah, und dadurch den Beweis hatte, daß cS durch die Bande der gleichen Religion mit großen Nationen anderer Welttheile vereinigt sei. Alö unser Bischof den Officieren der Fregatte den Gegenbesuch abstattete, ließ er sich von einigen der vornehmsten MaoriS (Nen-Seeländern) begleiten, welche durch die herrliche Einrichtung des Schiffes und besonders durch die ihrem Bischöfe erwiesenen Ehren ganz entzückt wurden. Der Kommodore, in der Parade-Uniform, empfing ihn am Borde, stellte ihm daS ganze Osficiercorps vor, und geleitete ihn in alle Theile der Fregatte. Zur Heimkehr bot er dem Bischöfe seine eigene Barke an, begrüßte ihn bei der Abfahrt mit dreizehn Kanonenschüssen, und ließ ihm durch den Marinecaplan das Geleite bis zur Wohnung geben. — Als der Kommodore nach einem Aufenthalte von zehn Tagen im Begriffe war, die Anker zu lichten, händigte er im Namen Sr. apostolischen Majestät des Kaisers von Oesterreich dem Bischöfe einen ganzen Kirchcnornat von ausgezeichneter Schönheit, eine Monstranz von kunstvollster Arbeit und andere Gegenstände für den Gottesdienst zum Gebrauche der Mission ein. Man kann sich die Ueberraschung und Freude nicht nur der Missionäre, sondern vorzüglich der eingeborenen Katholiken vorstellen, welche nie etwas AehnlicheS gesehen, und sich durch einen mächtigen Kaiser geehrt fühlen, für den sie mit Inbrunst beten werden, seinen Namen dankbar segnend. Auch die Klosterfrauen unserer Mission, zwanzig an der Zahl, welche beiläufig dreihundert Mädchen unterrichten, erhielten von dem Kaiser Franz Joseph ein herrliches Geschenk: zwei schön geschmückte Statuen der unbefleckt empfangenen Gottesmutter. Eine dieser Statuen, in einer der heiligsten Jungfrau geweihten Capelle aufgestellt, bot den Anlaß, daß sich die Verehrung der Himmelskönigin verdoppelte; denn man kömmt aus allen Theilen der Stadt, um vor diesem Bilde zu beten. Unsere Klosterfrauen sind aus dem Orden zur „Erlösung der Gefangenen", und der Abstammung nach alle Inländerinnen, welche englisch und maorisch lehren. — Unser Bischof schenkte dagegen den Officieren die Werke, welche er in englischer und maorrscher Sprache für seine Diöcese herausgab, sowie einige Gegenstände der neu-seeläudischeu Industrie, besonders Bildhauerarbeiten, welche, obgleich keine Meisterstücke, doch glück- liche Fähigkeiten anreizen. — Während ihres VerweilenS anf der Insel sah man die österreichischen Matrosen und Soldaten oft schaarenweise zu dem Bischof gehen, der ihnen seinen Segen und verschiedene geweihte Sachen gab. Auch nach der Abreise erfuhr man nicht das Mindeste, was den durch ihre Haltung bewirkten guten Eindruck geschwächt hätte. Noch muß ich erwähnen, daß die Fregatte vom Vorgebirge der guten Hoffnung fünf Neger von 12—15 Jahren auf den Bord nahm. Um ihre Seelen zu retten, lernte der Schiffscaplan Marochiui ihre Sprache, machte grammatikalische Bemerkungen, verfaßte ein kleines Wörterbuch, und brachte eS dahin, daß er ihnen die vorzüglichsten Wahrheiten des christlichen Glaubens vortragen konnte. Er wurde ihr Schüler in der Sprache, nnd sie wurden seine Schüler in der Religion. Als sie in Neuseeland anlangten, waren sie schon so unterrichtet, daß sie hätten getauft werden können; allein man verschob diese heil. Handlung anf eine noch feierlichere Gelegenheit. — Das war unser größter Trost, den wir im Laufe des Jahres in unserer Drangsal und den Umtrieben hatten, durch welche die Lüge und der Irrthum die Seelen Gott dem Herrn entreißen will. Die Mission in Neuseeland besteht seit 23 Jahren; sie hat 2 Diöcesen und 30,000 Gläubige, darunter 25,000 Eingcborne und 5000 Europäer. Pantine, das Weltkind, oder Weltfinu fuhrt zum Verderben. Im Jahre 1839 lebte zu Freiburg in der Schweiz ein Mädchen von 18 Jahren mit "Namen Pauline. Dieselbe war in ihrer frühesten Jugend recht brav, fromm und eingezogen, aber seit sie in die öffentlichen Gesellschaften mitgehen, alle Vergnügungsorte besuchen und sich öffentlich sehen lassen durfte, seit sie von Vielen bewundert und von angesehenen Jünglingen verehrt wurde, da war auf einmal der fromme Sinn bei ihr geschwunden. Sie dachte nur mehr an irdische Dinge; Theater, Ball und Vergnügungsplätze waren ihre Lieölings- »rte, Romane ihre Lieblingsleetüre, schöne Kleider ihre größten Freuden, all ihr Verlangen bezog sich aus immer neue Vergnügungen. Sie floh das Gebet, ihre Gebetbücher lagen bestaubt und ungebraucht in einem Schranke ihres Wohnzimmers, das Crucifix mußte einem neumodischen Spiegel Platz machen, das Marienbildchen mußte den von ihren Verehrern ihr geschenkten Nippsachen weichen, der Betstuhl mußte auf den Speicher wandern — kurz, wie in ihrem Herzen, so war auch in ihrem Wohnzimmer eine große Veränderung vor sich gegangen. Sie mied die Kirche und den Gottesdienst, und vernachlässigte den Empfang der heil. Sacramente, was ihr früher immer so viel Trost und Freude gebracht hatte, sie brachte einen großen Theil des Tages vor dem Spiegel zu, entwarf immer neue Pläne, welche neuen Kleider sie sich noch beschaffen würde und selbst in ihren Träumen beschäftigte sich ihr Geist stets mit Kleidern und sinnlichen Vergnügungen. Da warf Gott das gottvergessene Weltkind aufs Krankenlager. Die Aerzte erschöpften ihre Kunst, um zu helfen, aber tagtäglich wurde es schlimmer mit ihr. Man holte einen Priester herbei. Dieser erkannte sogleich, daß dem Leben des Mädchens große Gefahr drohe und dasselbe bald sterben werde, und ermähnte sie ernstlich, an Gott und ihr Seelenheil zu deuten und die heiligen Sacramente als Vorbereitung aus die Ewigkeit zu empfangen. Er sagte zu ihr: Pauline, bereite dich zu beichten — denn du wirst sterben. Aber von allen dem wollte sie nichts wissen. Unruhig schaute sie nach ihrem Kleiderschränke, richtete sich mühsam in ihrem Bette auf, blickte starr vor sich hin, dann seufzte sie tief auf und schrie: O mein Gott und meine schönen Kleider! sank aus ihr Lager zurück und war eine Leiche. — So weit, bis zur Unbußfertigkeit, führt die Liebe zur Welt und ihren Eitelkeiten. M. 0. 119 Der brave Zsraelit. Ein elternloser 14jähnger Knabe aus Südstadt, im AmteBrinzhausen, im Königreiche Hannover, konnte in seinem Geburtsorte und der Umgegend kein Unterkommen finden, weil er an Geist und Körper durch Mangel an Unterricht und an gehöriger regelmäßiger Nahrung verkrüppelt war. Er entschloß sich daher, in das Oldcnburgische zu gehen. Hier hatte er dasselbe traurige Schicksal. Bettelnd, mit erfrornen Füßen, abgezehrt, mit angeschwollenem Unterleibe, ein lebendes Bild des Elendes und des nagenden Hungers suchte er sein Brod vor den Thüren der mildthätigen Oldenburger, jedoch vergebens um Ausnahme flehend. So kam er endlich in den Flecken Ovelgönne. Hier wurde der edel- müthige Jsraelite Leib von seinem traurigen Zustande gerührt, nahm den christlichen von seinen Mitchristen (?) verlassenen Knaben in sein Haus, ließ ihn kleiden, die Wunden Füße verbinden und den armen Knaben durch einen geschickten Arzt auf seine Kosten herstellen. Sodann behielt er ihn bei sich, ließ ihn im Schreiben und Rechn?n gehörig unterrichten und bildete ihn zu einem ge schickten und redlichen Handelsmanne. Als dem inzwischen militärpflichtig gewordenen jungen Manne im Jahre 1824 verstattet wurde, einen Stellvertreter zu stellen, lieh ihm sein großherziger Wohlthäter, der Jsraelit, 200 Reichsthaler dazu und unterstützte ihn mit Rath und That dermaßen, daß es ihm gelang, in kurzer Zeit nicht nur die Kosten des Stellvertreters, sondern auch dasjenige, was. er durch den plötzlichen Eintritte zum Militärdienste und während desselben zugesetzt hatte, wieder zu verdienen. Der brave Jsraelit und sein Schützling erfreuten sich fortwährend der vorzüglichen Achtung und des Zutrauens ihrer Mitbürger. Ein armer Geiger. * Eine Frau war reich und verstand es, auf die zarteste Weise reichliche Wohlthaten zu spenden. AI- sie eines Tages nach Hause kam, fand ste an ihrer Thüre einen armen Geiger; er zitterte vor Kälte, denn es war Winter, und seine Kleidung har- monirte durchaus nicht mit der Jahreszeit; seine Fußbedeckung setzte ihn dem Schnee und Kothc so auS, daß seine Füße mit diesen in die innigste Berührung kamen; sein Aussehen war blaß und blau angelaufen, von seiner Magerkeit gar nicht zu sprechen. In diesem Zustande mußte er die Geige spielen und die Zuhörer ergötzen. Die junge Frau, von Mitleid erfüllt, ließ ihn in ihren Salon eintreten, setzte ihn an's Feuer, erquickte ihn mit einem Glase Wein und gutem Brode, was alles gewürzt ward durch ihre freundlichen, tröstlichen Worte. Er verließ das Haus mit von Freude und Dankbarkeit erfüllten Herzen. Die junge Frau dachte nicht mehr an ihn, er aber vergaß seine Wohlthäterin nie, er erkundigte sich stets nach ihr, sein Herz folgte ihr überall, er war glücklich in ihrem Glücke. Aber ach, auch für ste kamen böse Tage; ein gänzlicher Verlust ihres Vermögens nöthigte sie, ihre kostspielige Wohnung zu verlassen, die reiche Einrichtung wurde verkauft, und bald mußte sie, um ihr Leben zu fristen, auch den letzten Rest ihres ehemaligen Glückes veräußern und ihre Brieftasche mit Pfandscheinen anfüllen. Unglückselige Scheine, wo findet man dieselben heutzutage nicht? Eine Person redet uns schüchtern und mit demüthiger Miene an, zeigt einen dicken Bündel Papier, weißes, gelbes, buntes Papier, eS sind PsandhauSscheine: das heißt Elend, Elend, daS man täglich sehen kann. Der gute Geiger hört ihre Noth, er vervielfacht sich in der Kunst, im Muth, arbeitet Tag und Nacht, arbeitet sogar spät Abends unter Gefahr, mit der Polizei zu verfallen, sein Talent scheint zuzunehmen, ein edler Gedanke begeistert ihn, entlockt seiner armen Geige Töne, die sie nie kannte, und die kleinen SouS regnen von den Fenstern herab. Auf der anderen Seite legt er sich Entbehrungen auf, ein Stückchen Brod ist fast seine ganze Nahrung, von Wein ist gar keine Rede mehr, das Gläschen Branntwein ist verpönt; wiewohl er eS bisher als den unentbehrlichsten Trost des Lebens angesehen . . . Kraft dieser Arbeit und Entbehrungen bringt der brave Geiger eine Summe von hundert Franken zusammen. Nun ist er reich, glücklich, nicht für sich, sondern des Guten wegen, das er thun will. Er sucht also seine Wohlthäterin in ihrer Mansarde auf; sein Gesicht strahlt vor Freude, und er schien die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen, gar nicht zu bemerken; er beschäftigte sich nur mit ihrer Person, ihr seine Erkenntlichkeit zu bezeugen; ihre Wohlthätigkeit habe ihm Glück gebracht, er mache seit dieser Zeit gute Geschäfte, er habe keinen Mangel mehr, er habe sogar mehr, als er zum Leben brauche; er lege Geld bei Seite, er habe sogar hundert Franken bei sich, er wisse nicht, waS er dann' anfangen solle; wenn sie dieselben annehmen wolle, so würde sie ihn sehr verbinden, ihn glücklich machen: kurz, er sprach so lange und so gut, daß sie dieselben annahm. Er kam nun öfter, und stets brachte er ein Fünffrankenstück, was er nicht bedurfte, und wenn es angenommen wurde, ging er fort, und auf seinem blassen Gesichte erglänzte ein unbeschreiblicher Ausdruck der Freude und des Glückes . . . Zuletzt wollte doch die zartfühlende Frau nichts mehr annehmen, sie fürchtete, ihm ein zu großes Opfer aufzulegen; da wurde unser wandernder Musikus untröstlich, aber sein Herz fand ein anderes Mittel, das man nicht abweisen durfte: er schlug ihr Vor, das Geld leihweise anzunehmen. Dieses Anerbieten konnte man natürlich nicht abweisen, aber, WaS bei Geschäftsleuten nicht vorkommt, er wollte so viel und so oft verleihen, daß seine in Schutz Genommene ihm sagen mußte: „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen je wiedergeben kann!" — ,,Bah, bah!" antwortete er, „was liegt daran, nehmen Sie nur; Sie geben es mir wieder, wenn Sie wieder reich geworden sind." Kurz, es ging nun so gut, daß bei der armen Frau Muth und mit diesem auch ein gewisser Wohlstand zurückkehrten; sie fing, Dank der Vorschüsse deS Geigers, einen kleinen Handel an; das Geschäft ging gut, und sie wurde sogar wieder reich: die Wohlthätigkeit brachte Beiden daS irdische Glück zurück. Der Künstler ist ein ansehnlicher Mann in der Gesellschaft geworden, und seine Wohlthäterin lebt wieder in ruhiger Behaglichkeit. (MulloiS und Müller, das Elend zu Paris.) Für den Kirchenbau -er armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Aus Traunstein: „Rette, o Herr, den heiligen Vater aus den Händen seiner Feinde!" ..3 st. — kr. Milde Gaben firr die Mission in Perleberg. Aus Traunstein: „Rette, o Herr, den heiligen Vater aus den Händen seiner Feinde!".3 st. — kr. Redaction und Verlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Kleittlc. AWlwM" Hl'. 16. 15. April 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Rundschreiben des heiligen Vaters Papst PiuS IX. an die ge- samrnte katholische Christenheit. An unsere ehrwürdigen Bruder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und übrigen Ortsordinarien, die in Gemeinschaft mit dem hl. Stuhle stehen. Pins IX. Papst. Ehrwürdige Brüder, Gruß und apostolischer Segen! Wir können es mit Worten nicht ausdrücken, ehrwürdige Brüder, welchen Trost und welche Freude in allen unseren Schmerzen euere und der euch anvertrauten Gläubigen ausgezeichnete und wundervolle Treue, Frömmigkeit und Anhänglichkeit an uns und diesen apostolischen Stuhl, sowie die Einstimmigkeit, die Schnelligkeit, der Eifer und die Standhaftigkeit in der Vertheidigung der Rechte dieses Stuhles und der Sache der Gerechtigkeit uns bereitet haben. Kaum hattet ihr aus unserem Rundschreiben vom 18. Juni des vorigen Jahres und dann aus unseren zwei Ansprachen, welche wir im Consistorium gehalten, zu euerem großen Schmerze die schweren Heimsuchungen vernommen, welche über Kirche und Staat in Italien gebracht worden sind, kaum hattet ihr Kunde erhalten von den schmählichen Bewegungen und Wagnissen des Aufruhres gegen die legitimen Fürsten Italiens, und gegen unsere nnd dieses heiligen Stuhles geheiligte und legitime Herrschaft, — da habet ihr, unseren Wünschen und Sorgen sogleich entsprechend, ohne Verzug öffentliche Gebete in eueren Diöcesen mit aller Sorgfalt angeordnet. Ferner habet ihr nicht nur in den ergebensten und liebevollsten Schreiben an uns, sondern auch in Hirtenbriefen und andern religiösen und gelehrten, unter dem Volke verbreiteten Schriften euere bischöfliche Stimme zum ausgezeichneten Ruhme eueres Standes und Namens erhoben, ihr habet die Sache unserer heiligen Religion und der Gerechtigkeit tapfer verfochten und eueren Abscheu gegen die gottesräuberischen Angriffe auf die weltliche Herrschaft standhaft schützend, mit Freuden bekannt und gelehrt, daß sie durch eine besondere Fügung der Alles regierenden und leitenden Vorsehung dem römischen Papste gegeben worden sei, auf daß derselbe, keiner weltlichen Gewalt je Unterthan, das von Christus dem Herrn und Gott selbst ihm anvertraute höchste Amt des apostolischen Berufes zu vollster Freiheit und ohne irgend ein Hinderniß ausüben könne über die ganze Erde. Auch die theuersten Söhne der katholischen Kirche haben, durch euere Lehre genährt und durch euer treffliches Beispiel ermuntert, sich bestrebt, dieselbe Gesinnung uns zu bezeugen, und thun es noch bis auf diese Stunde. Denn aus allen Ländern der ganzen katholischen Welt haben wir fast unzählige Schreiben, sowohl von Geistlichen als Laien jeder Stellung und jedes Standes erhalten, unter ihnen solche, welche von Hunderttausenden von Katholiken unterzeichnet sind, in welchen sie ihre kindliche Anhänglichkeit und Verehrung gegen uns und diesen Stuhl des heil. Petrus laut bekräftigen, den Aufruhr und die Wühlereien, welche in einigen unserer Provinzen vorgekommen sind, entschieden ver- 122 werfen und erklären, daß das Erbtheil des heil. Petrus völlig unversehrt und unverletzt zu erhalten und gegen jede Unbill zu vertheidigen sei. Nicht wenige von den Unterzeichnern haben außerdem Dasselbe in zu sehr gelegener Zeit veröffentlichten Schriften gelehrt und weise bewiesen. Alle diese herrlichen Kundgebungen von euerer und der Gläubigen Seite, die des höchsten Lobes würdig und mit goldenen Buchstaben in die Annalen der katholischen Kirche einzutragen sind, haben uns so tief ergriffen, daß wir freudig ausrufen mußten: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Kümmerniß!" Unter den schweren Aengsten, welche auf uns lasten, konnte uns nämlich nichts Angenehmeres, Freudigeres und Erwünschteres begegnen, als zu sehen, von welchem einträchtigen und wunderbaren Eifer zur Vertheidigung der Rechte dieses heiligen Stuhles ihr Alle, ehrwürdige Brüder, beseelt und begeistert seid, und mit welchem vortrefflichen guten Willen die euerer Sorge anvertrauten Gläubigen nach demselben Ziele streben. Ihr könnet euch darum schon selbst leicht denken, wie sehr unsere väterliche Liebe gegen euch und gegen das ganze katholische Volk, wohl verdient und mit dem besten Rechte, von Tag zu Tag zunimmt. Während aber diese euere und der Gläubigen herrliche Gesinnung und Liebe gegen uns und den heiligen Stuhl unseren Schmerz linderte, kam uns von einer anderen Seite her eine neue Ursache zur Trauer, und wir schreiben euch deshalb diesen Brief, damit in einer Sache von so hoher Bedeutung unsere Gesinnung euch vor Allen und von Neuem kund werde. Wie mehrere von euch schon wissen werden, ist nämlich in der Pariser Zeitung, welche den Titel „Moniteur" führt, ein Schreiben des Kaisers der Franzosen veröffentlicht worden, durch welches er auf unseren Brief antwortet, in welchem wir Seine kaiserliche Majestät eindringlich gebeten hatten, daß er auf dem Pariser Congresse unsere und dieses heiligen Stuhles weltliche Herrschaft durch sein mächtiges Fürwort unversehrt und unverletzt erhalten, und selbe von einer verbrecherischen Rebellion befreien möge. In diesem seinem Schreiben weist der erhabene Kaiser auf einen Plan hin, den er uns kurz vorher über diese unsere rebellischen Provinzen vorgelegt und gibt uns jetzt den Rath, daß wir auf den Besitz dieser Provinzen verzichten möchten, da "seiner Ansicht nach nur auf diese Weise der gegenwärtigen Verwirrung gesteuert werden könne. Ein jeder von euch, ehrwürdige Brüder, sieht ein, daß wir, unserer schwersten Pflicht eingedenk, nicht schweigen konnten, als wir einen derartigen Brief empfingen. Wir haben uns daher beeilt, ohne Verzug demselben Kaiser zurückzuschreiben, indem wir ihm mit apostolischem Freimuth klar und offen erklärten, daß wir in keiner Weise seinem Rathe beipflichten könnten, weil „unüberwindliche Schwierigkeiten mit demselben verbunden seien, in Betracht unserer und dieses heiligen Stuhles Würde und unseres geheiligten Charakters, und wegen der Rechte desselben Stuhles, die nicht den Nachfolgern und Erben irgend einer königlichen Familie, sondern allen Katholiken angehören;" zugleich sprachen wir aus: „daß wir nicht abtreten können, was nicht unser ist, und daß wir ganz wohl einsehen, wie jener Sie^, welchen er den aufrührerischen Einwohnern von Aemilien gewährt zu sehen Wunsche, den eingeborenen und auswärtigen Wühlern anderer Provinzen eine Ermunterung sein werde, dasselbe zu verüben, wenn sie sähen, welcher glückliche Erfolg den Rebellen zu Theil geworden." Weiter haben wir unter Anderem demselben Kaiser eröffnet: „daß wir auf die erwähnten in Aemilien gelegenen Provinzen unserer päpstlichen Herrschaft nicht Verzicht leisten können, weil wir in diesem Falle den feierlichen Eid, durch welken wir gebunden sind, verletzen, Unzufriedenheit und Unruhen in unseren übngen Provinzen erregen, allen Katholiken eine Schmach anthun, und endlich die Rechte nicht nur jener italienischen Fürsten, welche ihrer Herrschaft ungerecht beraubt worden, 123 sondern auch aller anderen Fürsten in der ganzen Christenheit schwächen würden, welche nicht gleichgiltig zusehen können, daß die gefährlichsten Grundsätze zur Geltung gelangen.". Auch unterließen wir nicht, hervorzuheben, „daß es Seiner Majestät bekannt sein müsse, durch welche Menschen, mit welchem Geld und welcher Unterstützung die neuen Versuche der Revolution in Bologna, Ra- venna und in anderen Städten angestiftet und vollzogen worden sind, indem der bei Weitem größte Theil der Bevölkerung jenen Bewegungen, die sie nicht im Geringsten ahnten, wie erstarrt gegenüberstand und in keiner Weise sich geneigt bezeigte, denselben sich anzuschließen." Und weil der durchlauchtigste Kaiser der Ansicht war, daß jene Provinzen deßhalb von uns abgetreten werden müßten, weil dort eine revolutionäre Bewegung angezettelt worden, so antworteten wir ihm ganz sachgemäß, daß ein solcher Beweis nichts beweise, weil er zuviel beweise, denn ähnliche Bewegungen sind sowohl in Europa, als anderwärts schon sehr oft vorgekommen. Allein jeder Vernünftige sieht ein, daß das kein legitimer Grund ist, um den Bestand eines Staates zu vermindern. Wir unterließen es ferner nicht, demselben Kaiser auseinanderzusetzen, daß jener erste Brief, den er vor dem italienischen Kriege an uns gerichtet und der uns Trost, nicht Betrübniß gebracht hat, — ganz anders gelautet habe, als diese seine letzten Schreiben. Da aber aus einigen Worten jenes kaiserlichen Schreibens, welches die besagte Zeitung veröffentlichte, sich für uns die Befürchtung ergab, es möchten am Ende gar diese unsere Provinzen in Acmilicn schon als von unserer päpstlichen Herrschaft getrennt betrachtet werden, deßhalb baten wir Seine Majestät im Namen der Kirche: es möge Dieselbe auch mit Rücksicht auf das eigene Wohl und den Nutzen Seiner Majestät dahin wirken, daß diese unsere Furcht völlig verschwinde. Und mit jener väterlichen Liebe, womit wir für das ewige Heil Aller sorgen müssen, haben wir Ihm zu Gemüthe geführt, daß von Allen dereinst eine genaue Rechenschaft abgelegt und ein strenges Gericht bestanden werden muß vor dem Richterstuhle Christi, und daß daher Jeder sorgfältig dahin streben müsse, lieber der Barmherzigkeit, als der Gerechtigkeit, Wirkungen an sich zu erfahren. Das war es vorzugsweise, was wir unter Anderem dem erhabenen Kaiser der Franzosen geantwortet und wir haben es für nothwendig gehalten, euch, ehrwürdige Brüder, es mitzutheilen, damit vor Allen ihr und die ganze katholische Welt mit euch immer mehr und mehr erkenne, daß wir mit Gottes Hilfe und nach unserer Pflicht und Schuldigkeit furchtlos Alles wagen und nichts unversucht lassen werden, um die Sache der Religion und der Gerechtigkeit tapfer zu vertheidigen, die weltliche Herrschaft der römischen Kirche, ihren irdischen Besitz und ihre Rechte, welche der ganzen katholischen Welt gehören, mit Sündhaftigkeit unversehrt und unverletzt zu erhalten und zu schützen, sowie für die gerechte Sache aller übrigen Fürsten in die Schranken zu treten. Vertrauend aus die göttliche Hilfe Desjenigen, der da gesagt hat: „In der Welt werdet ihr gedrückt werden; aber fasset Muth, ich habe die Welt überwunden" (Joh. 16, 33.), und: „Selig Diejenigen, welche Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen" (Matth. 5, 10.), — sind wir bereit, in die glänzenden Fußtapfen unserer Vorfahren zu treten, ihrem Beispiel nachzufolgen, alles Harte und Bittere zu leiden und selbst unser Leben lieber hinzugeben, als daß wir in irgend einer Weise von der Sache Gottes, der Kirche und der Gerechtigkeit abtrünnig würden. Ihr könnet euch leicht denken, ehrwürdige Brüder, welcher bittere Schmerz uns ergreift, wenn wir sehen, durch welchen abscheulichen Krieg unsere heilige Religion zum größten Nachtheile der Seelen heimgesucht, und durch welche gewaltige Stürme die Kirche und dieser heilige Stuhl erschüttert werden. Ebenso begreifet ihr unsere tiefe Bekümmerniß, wenn wir die Gefahren betrachten, in welchen so viele Seelen in jenen empörten Provinzen schweben, wo namentlich durch Schriften, die man gleich einer Pest unter dem Volke verbreitet, Frömmig- keit, Religion, Treue und Ehrbarkeit der Sitten tagtäglich mehr untergraben werden. Ihr also, ehrwürdige Bruder, die ihr zur Theilnahme an unserer Hirtensorgfalt berufen seid, und mit so großer Treue und Sündhaftigkeit und Kraft zur Vertheidigung der Religion, der Kirche und des apostolischen Stuhles euch erhoben habet, — fahret fort, mit noch größerem Muthe und Eifer dieselbe Sache zu vertreten, und die euerer Obsorge anvertrauten Gläubigen täglich mehr zu entflammen, damit sie unter euerer Führung alle ihre Thatkraft, ihr Sinnen und Trachten unaufhörlich auf die Vertheidigung der katholischen Kirche und dieses heiligen Stuhles, sowie auf die Schützung der weltlichen Herrschaft dieses Stuhles und des Erbtheiles des heiligen Petrus verwenden, indem dessen Vertheidigung eine Pflicht für alle Katholiken ist. Und auch Das verlangen wir von euch abermals und abermals, ehrwürdige Bruder, daß ihr mit uns und mit den eurer Obsorge anvertrauten Gläubigen die inbrünstigsten Gebete ohne Unterlaß zu dem allmächtigen und gütigen Gotte richtet, damit er den Stürmen und dem Meere Ruhe gebiete, damit er mit seiner sichtbaren Hilfe uns beistehe, damit er sich erhebe und seine Sache richte, damit er mit seiner himmlischen Gnade alle Feinde der Kirche und des apostolischen Stuhles gnädig erleuchten und sie mit seiner allmächtigen Kraft auf den Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Heiles zurückführen wolle. Und damit Gott, durch Bitten erweicht, um so eher sein Ohr hinneige zu unserem, euerem und aller Gläubigen Gebet, so lasset uns anrufen vor Allem, ehrwürdige Brüder, die Fürbitte der unbefleckten und heiligsten Gottesmutter und Jungfrau Maria, welche die liebevollste Mutter und eine feste Hoffnung von uns Allen, eine kräftige Schätzerin und Säule der Kirche, und deren Fürbitte bei Gott so mächtig ist. Flehen wir ferner um die Fürbitte des allerseligsten Fürsten der Apostel, den Christus der Herr in seiner Kirche aufgestellt hat als einen Felsen, gegen welchen die Pforten der Hölle nie etwas vermögen werden, dann auch seines Mitapostels Paulus und aller Heiligen, die mit Christus im Himmel herrschen. Wir zweifeln nicht, ehrwürdige Brüder, daß ihr nach eurer bewährten Frömmigkeit und priesterlichem Eifer diesen unseren Wünschen und Bitten auf das Eifrigste nachkommen werdet. Indessen aber ertheilen wir als ein Unterpfand unserer glühenden Liebe zu euch, aus tiefstem Herzensgründe und mit dem Wuirsche alles wahren Glückes, den apostolischen Segen euch selbst, ehrwürdige Brüder, und allen Geistlichen und Laien, die eurer Fürsorge anvertraut sind, mit aller Liebe. Gegeben zum Rom bei St. Peter am 19. Januar 1860, im vierzehnten Jahre unseres Pontificates. Aus den MissionSbriefen der Gesellschaft Jesu. China. Schang-Hai, den 21. Jänner 1859. Die Mission von Kiang-nan ist noch ziemlich klein, wenn wir die Zahl der Heiden bedenken, die noch zu bekehren sind; denn wir predigen das Evangelium in einem Lande von 70 Millionen Einwohnern, und wir haben bisher nicht mehr denn 75,000 Christen. Allein wenn wir all das Gute, was geschehen ist und fortwährend geschieht, in Anschlag bringen, darf die verwendete Zeit und Mühe nicht bereuet werden. Seit den 12 Jahren, als ich hier bin, sah ich die Anzahl der wahren Gottesverehrer um mehr als 20,000 zunehmen; die älteren Gläubigen sind besser unterrichtet und auch eifriger; die in großer Anzahl gestorbenen Kinder unserer Christen, welche die Unschuld uoch nicht verlieren konnten, und deßwegen nun gewiß im Paradiese wohnen, sind nicht hinzugerechnet. Beiläufig 100,000 kleine Heidenkinder, welche in der Todesgefahr getauft wurden, haben wir ebenfalls 125 dahin gesendet. Mehrere Tausende junger Heiden, welche die Taufe überlebt haben, wurden in unseren Anstalten oder bei Christen auferzogen; gegen 5000 Kinder besuchen unsere Schulen und erhalten eine solide Erziehung; ein Kollegium, höhere Schulen und ein Semiuarium liefern uns Priester und Katechisten, und aus Allem können Sie entnehmen, daß die Arbeiten von einigen 30 Missionären nicht ohne Resultat sind. Fügen Sie noch zu ihrer Auserbauung hinzu, daß mit wenigen Ausnahmen „ein Christ" hier soviel sagen will, als einer, der seine Andachten fleißig verrichtet, der die hl. Sacramente empfängt, der die Gebote Gottes und der Kirche gewissenhaft beobachtet, der sehr besorgt ist, sich im Stande der Gnade zu erhalten. So haben wir also den Trost, hoffen zu können, daß die Tausende von Christen, welche jährlich in den Missionen sterben, beinahe eben so viele Seelen seien, die wir in den Himmel schicken. Glauben Sie auch nicht, daß unsere Christen, da sie im Allgemeinen sehr lenksam und eifrig sind, solches aus Stumpfheit oder einer Art Gleichgültigkeit seien, weßwcgen sie leicht geleitet werden können, indem sie uns nicht zu widerstehen vermögen. Der Chinese hat wie jeder Mensch seine guten Eigenschaften und seine Fehler, und ich möchte auf keiner Seite etwas übertreiben: allein die göttliche Gnade, welche ebenso wenig in Europa als in China mangelt, beiseits, so glaube ich, daß der Grund, aus welchem die Chinesen in Erfüllung ihrer Christenpflichten genauer als viele Europäer sind, darin liege, daß sie mehr positiv sind und folgerichtiger handeln. Ein Christ heißen, einige Religionsübun- gen vornehmen, und dennoch das nicht thun wollen, was zur Rettung deiner Seele nothwendig ist, das heißt dich einschiffen, und doch bis zum Hafen nicht Hinsegeln wollen, es heißt eine Sache nur halb wollen, und sie nicht erlangen wollen. Unsere Chinesen räsonniren besser. „Ich bin ein Christ", sagen sie, „ich will es auch so sein, um die Vortheile davon zu haben, ich will es sein bis zu dem Puncte, um Gott, meinem Herrn und Richter, zu gefallen, ich will folglich alle Gebote halten, und mich im Stande der Gnade erhalten." Einige beobachten sogar die evangelischen Räthe, und arbeiten ernstlich an ihrer Vervollkommnung. Beten Sie für diese guten Leute, sowie für die zahllosen Heiden, für die Missionäre und insbesonders für mich u. s. w. Audienz und Hofdienst. Zwei Freunde, Johannes und Bernhard, begegneten sich in den Straßen Wiens, und es entspann sich folgender Diseurs: Johannes. Wohin Nachbar Bernhard in diesem Putze und mit dieser Eile? Bernhard. Ich habe heute Audienz und Hofdienst. Joh. Wie? was? Au—dienz und Hof—dienst? Bist Du nicht bei Trost? Es ja Niemand vom Allerhöchsten Haf da, und wenn auch, wie kämest Du, Nachbar Bernhard, zum Hofdienste? Beruh. Ich sage Dir, der allerhöchste Herr mit seinem ganzen Hofstaat ist Wohl da und ertheilt -Audienz. Ich habe hier in meiner Seitentasche einen ganzen Bündel Bittschriften, die ich alle vortragen werde. Ja, wundere Dich nur, ich darf zur Audienz kommen, wann und wie oft ich will und auch mitbringen, wen ich will. Joh. Entweder träumst Du oder ich — Beruh. Nun wir wollen sehen. Komm mit, Du sollst Dich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen. Sie gingen mit einander noch eine Straße entlang; dann blieb Bernhard in der Nähe einer Kirche stehen und sprach: „Siehe, Johannes, hier die Hofburg >^L--:'-"uÄt^- IM k^5- M MfÄ M^i A 126 des Königs der Könige, des Herrn der Hcerschaaren, der sich gewürdigt hat, in Brodcsgestalt bei uns Armseligen zu wohnen. Umgeben von unsichtbaren Geistern, Engeln und Heiligen, thront er auf unserem Altare. Der allerhöchste Herr gibt hier allezeit Audienz. Er steht auf seinem Throne und ruft Allen zu: „Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken! Rufet mich an zur Zeit der Noth, ich will euch erretten! Bittet, ihr werdet empfangen, klopfet an, es wird euch aufgethan werden; suchet, ihr werdet finden!" Siehe, Nachbar her zeigte ihn: ein Gebetbuch) hier habe ich einen ganzen Bund Bittschriften, Dankadressen, Huldigungsschrcibcn, auch Gesuche um Amnestie, dann eine Menge Grüße an die königliche Mutter, sowie an die Herren und Damen des Hofstaates, Bitten um deren Fürsprache. Diese alle will ich jetzt vortragen. Aber Johannes, Du wirst ja so nachdenkend. Ist es vielleicht gefällig, mitzugehen? Ich darf mitbringen, wen und wie Viele ich will. Je mehr, desto lieber ist es dem Allerhöchsten Herrn. Joh. (ernst.) Ich bin jetzt zu einer solchen Audienz nicht gekleidet, auch noch nicht vorbereitet. Beruh. O, da mache Dir keine Sorgen! Dieser Herr sieht nicht aus das Kleid; er sieht nur auf das Herz. Betrachte dort die arme Wittwe und hier den Bettler! Er empfängt sie alle mit gleicher Liebe und Güte. Es dauerte nicht eine halbe Stunde, so betrat Johannes mit seiner Frau im Sonntags-Anzüge die Kirche: sie gingen zur Audienz und verrichteten Hofdienst beim Könige des Himmels. X. 8. Verachte das Gespött der Weltkinder, und trachte nach der ewigen Glückseligkeit. Der heilige Jvo, in Bretagne gebürtig, anfänglich beider Rechte Dvctor, hatte den Titel „Armen-Advocat" bekommen, weil er die Armen um Christi willen stets zn seiner Tafel zog, ja sie nach Kräften in seinem eigenen Hanse unterhielt und nährte, nnd ihre rechtlichen Sachen unentgeltlich vertheidigte. Hernach aber entsagte er diesem müheseligen Amte, wurde Priester nnd war ein besonderer Verehrer Mariens, derer mütterlicher Fürbitte nnd Schutz er sich immerdar befahl. Er achtete keineswegs das Gespött der Weltlente, die ihn in seinem Stande gering achteten, ja oftmals seiner ärmlichen Lebensweise spotteten; da er hingegen in der Welt ein angesehenes Leben hätte führen nnd noch zn höheren Ehrenstellcn gelangen können. Denn die Weltkinder schätzen nur das, was glänzt, nnd urtheilen nach dem Acnßern schief. Allein ihm, dem GotteSmann, war die Ehre Christi über Alles, und die Sorge für sein nnd seiner Brüder ewiges Heil angelegener, als blos RechtShäudel der Menschen, des irdischen GewinncS wegen, schlichten; denn er betrachtete, daß Jesus Christus die Seelen mit seinem Blute so theuer erkauft hatte. Nach diesem göttlichen Mnster führte er deshalb ein armes Leben, liebte den Frieden und söhnte entzweite Herzen gerne aus. — Einstmals, da er ebenfalls ein Brod von seinem Munde für einen Armen ersparte, geschah cS wundersam, daß eine ansehnliche Frau dafür ihm drei Brode brachte: welche er selber für mehr denn eine gewöhnliche Erscheinung, ja für die allerseligste Jungfrau Maria selbst hielt, die er kindlich in allen Nöthen anzurufen pflegte. — Er fastete gewöhnlich an gebotenen Fasttagen bei Wasser nnd Brod, nnd nährte so zu sagen seine Seele mit geistlicher Nahrung, mit dem Lesen und Betrachten der heiligen Schrift; besonders war er beständig in die Betrachtung des bitteren Leidens Jesu vertieft, und betete oft stundenlarrg bei einem Crucifire, wobei er auch zuletzt betrachtend gottselig seinen Geist aufgab. So lebt und stirbt der Gerechte. Der Wandel des Gerechten ist im Himmel, d. h. nnr darauf gerichtet, einst den Himmel zu erwerben. Nicht auf der Welt, L27 sonderu r>nr im Himmel ist wahre Glückseligkeit zu finden, nud darum fragten auch alle GotteSniänner, wie der h. Jvo, nicht nach dem Gespötte der Weltkinder, die Ehre Gottes, des Nächsten Heil und ihre Seele zu retten, das allein lag ihnen am Herzen. Nach welcher Glückseligkeit, mein Christ, ist das Verlangen deines Herzens gerichtet? Strebst auch du vor Allein nach dem Himmel? Und wenn du darnach strebst, handelst du auch stets so, daß du hoffen darfst, die Sehnsucht deines Herzens dereinst wirklich befriedigt zu sehen? Erforsche dich hierüber einmal ernstlich und zwar noch am heutigen Tage. Maria, Matter der Barmherzigkeit. Vor einigen Jahren wurde ein Priester in Straßburg zu einem Herrn gerufen, der sein ehemaliger Mitschüler gewesen, aber leider im Laufe der Zeit am Glauben Schiffbruch gelitten hatte, und nun ernstlich erkrankt, von keiner Bekehrung zu Gott wissen wollte. Der Priester erscheint nud versucht es mit allen Mitteln der Beredsamkeit, den Kranken aas heilsame Gesinnungen zu bringen; allein vergeblich. Alle Einwendungen des Ungläubigen wußte der Priester zu widerlegen; aber sein Herz konnte er nicht erweichen. Da gerieth er auf den Gedanken, den armen Sünder der Himmelskönigin zu empfehlen. „Lieber Freund!" sprach er zu ihm, „mit Angst und Betrübniß sehe ich Sie ohne Versöhnung mit Gott in die Ewigkeit hin- übcrgehen. Haben Sie mir auch Alles versagt, so versagen Sie mir nicht, ein kleines Gebet zur seligsten Jungfrau, ein Ave Maria zu verrichten. Und sollte eS Ihnen au Zutrauen fehlen, so bringen Sie der göttlichen Mutter das meinige dar: sie ist so gütig, daß sie auch auf ein fremdes hinsehen wird. Wenn Sie mir eS versprechen wollen, so getrau ich mir Ihnen die Versicherung zu geben, daß Sie am künftigen Marien-Feste mit Gott sich aussöhnen werden." Die Wangen des Kranken benetzten einige Thränen; er reichte freundlich dem Priester die Hand und betheuerte, daß er eS thun wolle. Mit immer größerer Andacht betete er das Ave Maria. Am Tag Mariä-Verküudignng war der Kranke ganz verändert; die Mutter der Barmherzigkeit hatte ihm die Gnade der Bekehrung erfleht. Er beichtete mit allen Aeußerungen der Reue und empfing die hl. Sterbsacramente mit glühender Andacht. Sein letztes Wort war ein Dank gegen seine mildeste Beschützerin Maria! Wahrheiten für Jedermann. 1. Gute Ermahnungen sind oft, wie die Wintersaat, die Monate lang in der Erde liegt, bis sie ausgeht. 2 . Blicken wir auf die Fehler Anderer, so nehmen wir gerne ein scharfes Fernrohr; sollen wir dagegen auf die eigenen sehen, so kehren wir das Rohr schnell um — und Alles erscheint uns winzig klein. 3. Was man mit Ungestüm verlangt, erhält man entweder gar nie, oder erst dann, wenn man es nicht mehr mit Leidenschaft erstrebt. L Ein guter Mensch wird um so besser, je mehr sein Lebensweg zur Neige geht, gleichwie die Sonne am schönsten wird beim Untergehen. 128 Mit Schwelgen etwas tragen, Ist mehr, als laut zu klagen. 6 . Gehaßt werden oft auch die Besten, niemals aber verachtet. 7. Wenn spielende Kinder sich verstecken, so vermuthet Jedes das Andere in dem Busch, in welchen! es selbst gewesen. Ebenso vermuthet der Mensch Andere gerne in demjenigen Laster, in dem er selber gesteckt war. Darum wollen die Geizigen überall Kargheit, die Stolzen überall Hofsart finden u. s. w. 8 . Wie im Kiesel der Funke schläft, so liegt auch im harten Herzen noch eine Spur von Tugend. 9. Wenn Silbergeschirr geputzt wird, muß es zuvor trüb und schmutzig gemacht werden. Auch die Tugend glänzt am hellsten, wenn zuvor eine Verleumdung über sie gekommen und Freundschaften werden oft um so aufrichtiger, reiner und wahrer, wenn sie durch Verleumdung und Mißverständnisse hindurchgegangen sind. '8 l > Für den Kirchenbau der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag . Ein Baustein von der Mangfall. Für die armen Katholiken in Stargard. Für die armen Katholiken in Köslin . Motto: „Gottes Gnade verlasse mich nicht." 16 sl. — kr. 1 fl. — kr. 2 fl. 15 kr. 2 fl. 15 kr. Summa: 21 fl. 30 kr. Milde Gaben für die Miffion in Perleberg Uebertrag.3 fl. 18 kr. Von der Mangfall. 1 fl. — kr. Motto: „Gottes Gnade verlasse mich nicht.".2 fl. 15 kr. , Summa: 6 fl. 33 kr. Redaction uno Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von 3. M. Äleinlc. H». LT. 22. April 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Auqsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Drei Marien - Gedichte cilS Beitrag zur Mai-Andacht von t »,I »N,«I>. 1) Morgen und Abend. Es fällt mein Blick am frühen Morgen, Wann ich von Ruh' gekräftigt bin, Zum Labsal für die neuen Sorgen Aufs Bild der Mutter Gottes hin. Ich muß es lange still beschauen, Dann greif' ich erst die Arbeit an, Mit Andacht, Demuth und Vertrauen Hab' ich gar bald sie abgethan. Am späten Abend kehr' ich wieder Zu ihrem lieben Bild zurück, lind lege dankend vor ihm nieder Des Tagewerkes Leid und Glück. Mein Auge läßt nicht ab zu schauen Nach ihr, der Mutter meines Herrn, Der benebeltesten der Frauen, Der Tage Tr'ost, der Nächte Stern. 2) Die Patronin Mariä Trost hab' ich empfunden Zur Zeit, da ich mich selbst verließ, Er wandelte zum Paradies Die Bitterkeit der trübsten Stunden. Mariä Hilf ist mein Vertrauen, Denn sie erfocht für mich den Sieg, Als jeder and'rc Helfer schwieg, Auf den ich glaubte fest zu bauen. Mariä Rath trat mir zur Seite Und ließ mich nicht in Zweifel steh'n, Ich konnte still und ruhig seh n Auf meinen Feind im ärgsten Streite. Mariä Schutz wird mich erhalten, Ich seh' das Kind in ihrem Arm, Das eine Welt voll Leid und Harm Zur Auferstehung konnt' entfalten. Mit ihrem' Trost und Rath versehen, Von ihrer Hilf' und Schutz bedacht, Will ich am Tage wie bei Nacht Durch jedes Schicksals Windung gehen. ' ' ' ik 130 3) Die Ernte. Ich sehe dich in immer sanft'rcm Lichte, Vermenschlicht, wie es unser Aug' verlangt. Doch mit dem Himmelsstrahl im Angeflehte, Herniederschweben in das Thal, das bangt. Ich sehe Segen aus den Händen fließen, Wie Saamen aus der vollen Hand entfährt, Von Erd' und Himmel wirst du lobgkpricsen Und Alles, was dich siehet, ist verklärt. So stehst du, meinen Blicken nicht verborgen. Der Schutz der Ernte, wenn die Wetter zich'n, Sie freuet sich an deinem Gnaden-Morgen Und trinkt den Thau der Wolken, die entflieh'». O wögst du auch in meiner Lebens-Ernte, Behüterin des nahen Schnittes, steh'», Die — nicht genug, daß sie Gefahr entfernte, — Verderben läßt in Segen übergeh'n! Aus den Missionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Madurö in Vorderindien. Während die Stürme der Revolution im nördlichen Indien sich zu legen begannen, sah man im Süden andere sich erheben, zwar von verschiedener Natur, doch aber geeignet, für die Landesbehörden binnen kurzer Zeit sehr bedenklich zu werden. Ich spreche von dem sehr pro- noncirten Kampf und Widerstand der Kasten Wider den Protestantismus, den die Prädicanten durch ihr Benehmen compromittirten. Die Königin von England hatte in ihrer Proklamation erklärt, daß alle Religionen Indiens respectirt werden sollten. Nach diesem Versprechen sollte keine Religion Ursache der Ausschließung von irgend einem Amte oder Befähigung sein. In Folge dessen glaubten die Jndier, denen die Idee von Religion und Kaste synonym ist, daß ihre Gebräuche von der Regierung respectirt würden. An denselben hängt der Jndier, wie an seinem Leben. Nun sind aber die protestantischen Missionäre die erbittertsten Feinde der Kasteneinrichtungen. Immer das Geld in Händen, immer rechnend auf die ihnen auch selten verweigerte Unterstützung der Behörden, geberden sich diese Evangelischen als die muthwilligsten Widersacher der indischen Dorurtheile, und rechnen es sich zum Ruhme, darüber zu triumphiren. Diese Triumphe aber sind am Ende weder Fortschritte in der Civilisation, noch in der Religion; im Gegentheile, sie sind wahre Niederlagen. Wie sie nur irgend einen Vortheil erringen, entzündet sich der Haß aller Jndier, die zu einer etwas höheren Kaste gehören, und wenn sich morgen günstige Gelegenheit ergibt, so werden sich die indischen Bevölkerungen in Masse erheben, um gegen diese protestantische Propaganda eine sicilianische Vesper einzuläuten. Um dies anschaulicher zu machen, will ich erzählen, was in jüngsten Tagen geschehen ist. Es ist eine Episode jenes großen Kampfes, der sich vorbereitet, heute noch unter der Asche lodert, morgen aber zum Ausbruche kommen kann. Nicht weit von meinem Wohnorte ist eine große Stadt, deren sehr berühmte Pagode gleichsam einen der großen Vereinigungspuncte des indischen Heiden- thumes bildet. Die Stadt heißt Tinnevelly. Kein Europäer hat sich je dort niedergelassen. Die Bevölkerung ist ganz eingeboren, besteht aber aus vielen Kasten und vielerlei Religionen. Katholiken gibt es nur wenige, 80 Familien unter den Parias und 7 oder 8 Familien einer besseren Kaste. Die Protestan- 131 ten sind in noch geringerer Anzahl, als wir; ihr Contingent mag 3—4 Familien betragen, doch haben sie eine ziemlich große Kirche erbaut. Dies geschah, weil sie früher große Hoffnungen hegten, die aber nun zu Wasser geworden sind. Eine Anzahl von <40 Leinweberfamilicn, welche, ohne jedoch geadelt zu sein, in Tinnevelly sehr in Ansehen stehen, brauchten Schutz wegen gewisser noch schwebender Processe. Da sie solchen von den Prädieanten erwarteten, so wurden sie evangelische Christen. Als die Gefahr vorüber war, beseitigten sie die neue Religion und deren Diener, und kehrten zum Heidenthum zurück. Ein einziges Individuum fuhr fort, sich Protestant zu nennen. Er that dies aus Interesse und Politik. Da sehe man den Beweis. Dies Individuum war schon sehr alt und dem Tode nahe. Wenige Stunden vor seinem Tode ließ er den Superior der anglikanischen Missionare zu sich rufen, und sagte zu ihm: „Ich bitte um eine Gnade; veranstaltet doch, daß mein Leichnam mit großem Gepränge am Flusse begraben werde, welcher zwischen Palamacottah und Tinnevelly stießt. Ich habe wohl ein Recht auf diese Ehre, weil ich der Einzige bin, der gläubig geblieben ist." Von Seite des Sterbenden war dies die reine Wahrheit. Er wollte, daß man von ihm spreche, und wenn man seinen Leichnam durch eine seiner Kaste verbotene Straße trüge, so wollte er sich dadurch mit ihr einigermaßen aussöhnen. Der Wortsdiener erblickte darin ein Mittel, die Herzen seiner ungetreuen Schäflein wieder zu gewinnen und darüberhin eine Gelegenheit, seine Macht zu zeigen. Er gab also sein Ehrenwort und so war die Sache beschlossen. Sie siel aber anders aus, als der Sterbende und der Geistliche geglaubt hatten. Bald darauf starb der Kranke. Alsogleich wandte sich der Geistliche an den englischen Oberbeamtcn, der ein eifriger Anhänger der Secte und intimer Freund desselben ist, und verlangte eine Ordre an den Magistrat behufs der Beschützung des Leichcnzuges. Dies geschah; allein kaum war es bekannt, als sich die ganze Stadtbevölkerung erhob. Drei Tage hindurch waren alle Kaufläden geschlossen, aller Verkehr gehemmt, und die Straßen mit zornentbrannten Jndiern, die sich mit Prügeln und Steinen bewaffnet hatten, angefüllt. Die Localobrigkeit fürchtete die Folgen solcher allgemeiner Erbitterung, und glaubte deßwegen eine Abänderung des Auftrages der Obcrbehörde unternehmen zu dürfen, weil ein früherer Auftrag diesem widersprach, und ordnete die Nebertragung des Todten durch eine andere Straße an und dessen Beisetzung nach den alten Gebräuchen. Das Volk beruhigte sich und die bewaffneten Zusammenrottungen zerstreuten sich; die Protestanten aber, solchergestalt gedemüthigt, sannen auf Rache; sie weigerten sich für jetzt den Leichnam an gewöhnlicher «stelle einzuscharren, sondern begruben ihn in aller Eile und ohne Feierlichkeit auf ihrem Kirchhof. Die Gelegenheit eines neuen Versuches ließ aber nicht lange auf sich warten. FünfTage darauf wurde einer ihrer Anhänger, ein Mensch aus der untersten Kaste, von der Cholera befallen. Sie eilten, ihn in's Hospital zu schassen, wo er bald starb. Während dieser Zeit wurde ein neuer Magistrat bestellt, dem nun der Oberbeamte die nämliche Ordre, wie das vorige Mal, übersandte. Dieses Mal gehorchte der Magistrat. Strenge Befehle wurden ertheilt, damit der Leichenzug auf der ominösen Straße geschützt werde. Das Volk erhob sich aus's Neue, und die Polizei wich vor der drohenden Menge zurück. Der Magistrat wollte aber nicht nachgeben, und rief das Militär zur Hilfe; 500 Mann rücken eiligst herbei und besetzen die Wege, um das Volk aufzuhalten, welches auf das Gerücht dieses Vorganges von allen Dörfern der Nachbarschaft haufenweise herzuströmte. Der Commandant, ein englischer Officier, und der Magistrat begleiteten den Leichenzug. Kaum hatten sie den Fuß in die für die Todten aus jener Kaste verbotene Straße gesetzt, als die Steine über ihren Häuptern regneten. Die Truppen machten Miene mit dem Bajonette anzugreifen; allein die Masse des Volkes wich nicht von der Stelle. Man droht, Feuer zu geben; zwei Dechargen schießt man in die Luft; aber das Volk, fern sich einschüchtern zn lassen, widersteht lebhaft. Die Steine fliegen in noch größerer Anzahl, und der Commandant wird im Gesichte getroffen. Da nehmen die Sachen eine andere Wendung, die Truppen feuern auf das Volk und zahlreiche Opfer stürzen zn Boden. Man ficht diese Unglücklichen von den ersten Stockwerken des Thurmes der Pagode todt niederstürzen. Andere fielen anf allen Seiten. In Mitte dieses Gemetzels tonnte der protestantische Leichnam vor der Pagode vorbcigetragen werden, und die ganze Begleitung ihren ' Triumphzug fortsetzen. Die Herren Prädicanten waren Sieger! Am folgenden Tag wurde in den öffentlichen Blättern angezeigt, die Zahl der Getödteten be- ' trage 6, am Abend desselben Tages waren es schon 20, Tags darauf wußte man, daß ^6 gefallen seien, und nun weiß man ganz bestimmt, daß deren An zahl 7^ bis 77 sei. Seitdem bewahrt das Volk ein düsteres Schweigen; allein es ist wutherfüllt in seinem Innersten. Alle Jndier sind gereizt durch diese Abschaffung der Kasten, alle sinnen aus Rache. Mittlerweile aber handelt die Regierung sehr energisch. Ein Brahmane erlaubte sich öffentlich, den Protestantismus und die Behörden zu tade ln; man führte ibn vor den Magistrat, von dort zum Richter, der ihn zu dreijähriger Kcttcnstrafe verurtheilte. Mehrere Individuen, welche beschuldigt wurden, Steine geworfen zu haben, wurden ergriffen, und die einen zu 3, die andern zu 5 Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Die vornehmsten Jndier haben Agenten nach Madras gesendet, um Gerechtigkeit zn erlangen und die Sachen stehen nun anf diesem Punct. —- Ich komme nun auf einen noch schwerer wiegenden Gegenstand, der gegenwärtig ganz Malleallan, oder das Königreich Travancor in Aufregung versetzt. ^>er König dieses Landes ist ein Heide, und hat nicht mehr Macht, als das britannische Gouvernement ihm einzuräumen für gut findet. Er bedarf der aus- > drücklichen Erlaubniß des englischen Residenten, wenn er mit einem Europäer sprechen, oder aus einer gewissen Umgrenzung hinansschreiten will. Unter dem Schutze dieses gefangenen Königs haben sich jedoch die Gebräuche der Kasten besser erhalten, als im Nachbarlande, wo ich wohne. Unter diesen zahllosen Gebräuchen ist einer ein sehr abgeschmackter, unsittlicher, und eines für civilisirt gehaltenen Landes sehr unwürdiger. Wenn nämlich eine Person aus einer niederen Kaste mit einer andern aus einer höhern Kaste spricht, oder sich nur ihr vorstellt, so muß sie ihre Schultern, ja den ganzen Oberleib bis zum Gürtel entblößen. Folglich müssen die Frauenspersonen, so oft sie öffentlich erscheinen, dieser Entblößung sich unterziehen. Der Katholicismus konnte natürlich solche Unanständigkeiten nicht gleichgiltig zulassen; allein die Missionäre, aller menschlichen Hilfe bar, konnten diesen Unfug auch nicht direct angreifen. Die besonnene, sanfte und geduldige Verfahrungsart der apostolischen Arbeiter im Verein mit den Ideen europäischer Civilisation hatte gute Erfolge. In den der englischen Herrschaft gänzlich unterworfenen Ländern, wie der District von Tinnevelly und selbst in Travancor, können die katholischen Frauen öffentlich herumgehen, ohne besagtem unsittlichen Gebrauch sich unterwerfen zu müssen. Nur für gewisse Gegenden herrscht eine Ausnahme, wo nämlich die Brahmanen oder andere höhere Kasten wohnen, oder sich häufiger einsiuden Die Protestanten aber, anstatt wie wir einfach und demüthig zu Werke zu gehen, wollten auch hier ihre Macht zeigen, und haben Alles verdorben. Was thaten sie? In Travancor schnürten sie alle liederlichen Weibsleute und alle Schulmädchen in Corsette ein. Wie diese Unglücklichen mit der europäischen Toilette auf den Gassen erschienen, wurden sie mit Hohngelächter empfangen, und so oft sich ein solches Corsett zeigt, schreiet Alles zusammen: „Sehet eine protestantische Parias!" Die Katechisten ärgerten sich darobs, und fingen an, ihre Frauen nach Art der vornehmeren Kasten zu kleiden. Dies verursachte nun große Verwirrung. Die Heiden der 3 untersten 133 Kasten hofften von ihrer Erniedrigung erlöst zu werden, wenn sie sich an die protestantische Bewegung anschlössen. Die nächste Wirkung hievon waren Streitigkeiten, Processe und tödtliche Feindschaften. Die Sache kam bis vor den König. Dieser, nachdem er die Bewilligung der englischen Regierung erhalten, erklärte sich zu Gunsten der höheren Kasten, und ließ unter Trommelschlag verkünden, daß die Frauen der drei letzten .Kasten, seien sie Christen oder Heiden, nur im Zustande der Nacktheit nach altindischem Gebrauche öffentlich erscheinen dürften. Die noblen Kasten, um die Physische Nebermacht der Gegenpartei zu schwächen, und ihre eigene Anzahl zu vermehren, erklärten die Türken, die Paravers und die Moukouvcrs für Leute edler Racc, deren Frauen sich bedecken dürfen. Die beiden letzgenannten Kasten sind zahlreich und katholisch, und hätten der Partei, die man demüthigen wollte, ein beträchtliches Ncbcrgewicht verliehen. Die Ehre, die mau ihnen aus Barmherzigkeit, aber auch aus Berechnung zugestand, sollte sie nun davon trennen. Die königliche Proclamation hat Niemanden befriediget, und das Uebel nur ärger gemacht. Seitdem kann kein Weib mehr öffentlich sich sehen lassen, ohne von der einen oder andern Partei angefallen zu werden, und ihre Kleidung bis zum Gürtel in Stücke gerissen zu sehen. Es sind gegen 100 Sipahis unter dem Commando eines englischen Ossiciers, an der Spitze derselben der erste Minister des Königs von Travancor, auch eine englische Creatur, angekommen, um das so unanständige Decret des Königs zur Ausführung zu bringen. Raufereien und Brandlegungen sind die ersten Folgen davon. Die Bewegung theilt sich schon den Nachbardistricten mit, und die Souars v. Tinne- velly wollten jenen von Travancor zu Hilfe eilen, wurden aber von den englischen Truppen daran gehindert. Ceylon und Madurö sind sonach in einem Zustand der Aufregung, der Alles befürchten läßt, wenn die Protestanten noch länger schalten und walten können. — Die Proclamation, welche jeglichem Cult gleichen Schutz zusagte, könnte unseren braven Katholiken große Vortheile bringen. Bis nnn sind bei der Post, der Polizei, der Finanz, den Gerichten alle Stellen ausschließlich mit Türken, Heiden und Protestanten besetzt. Der Katholicismus war factisch ein Titel der Ausschließung und nichtsdestoweniger, wenn einige Katholiken mehr in der Armee und in der Verwaltung gewesen wären, wären die Engländer nicht so abscheulich verrathen und hiugemordet worden. Es ist gegen 50 Jähre, daß in einem Sipahi-Regiment eine Meuterei ausbrcchen und alle europäischen Officiere ermordet werden sollten. Allein im Regimente diente ein katholischer Sipahi, der brave Castouri; er zeigte Alles dem Commandanten an, und das Complvtt scheiterte. Zur Belohnung schenkte die Regierung dem Castouri ein gewisses Terrain in der Nähe von Palamacottah. Eine gleiche Belohnung erhielt auch ein türkischer Sipahi von Trichintipaly, welcher ebenso treu gehandelt hatte. Beide Männer, zu gleicher Zeit, auf gleiche Weise und wegen der gleichen Handlung belohnt, sind schon lange todt. Die Familie des Türken befindet sich noch im Besitz des geschenkten Terrains; die katholische Familie aber, daraus verdrängt und von Allem entblößt, lebt in größtem Elende. Die Kinder des treuen Castouri mögen Wohl seit zehn Jahren petitioniren, sie werden bald unter dem einen, bald unter dem andern Verwand abgewiesen. Diese unglücklichen Armen, denen ich oft ein Almosen gegeben habe, um die Kosten des Bittgesuches und das Postporto zu bestreitcn. Wären sie Protestanten geworden, so hätten sie ihre Güter längst schon zurückerhalten; aber nun haben ihre Bitten noch nichts erwirkt, und arm und katholisch zu sein, ist für sie ein doppeltes Unglück. Papst Pius IX und der Schichflicker. Papst Pius IX., der 259. Nachfolger des heil. Petrus, steht jetzt in einem Alter von 68 Jahren. Seine Gestalt ist von mittlerer Größe; in seiner ganzen Haltung und Bewegung liegt jedoch eine Ehrfurcht gebietende Majestät. Aus seiner offenen freien Stirne thront Hoheit und Würde; aus seinen lebendigen Augen leuchtet Verstand und Entschlossenheit; seine klangvolle Stimme erweckt Vertrauen, um seinen Mund spielt beständig ein freundliches Lächeln; seine Züge sind voll, aber sie lassen bemerken, daß schwere Leiden darüber hinweggezogen sind. Wenn der heilige Vater sich zeigt in dieser liebenswürdigen, anmuths- vollen Gestalt, mit seinen weißen Haaren, angethan mit seinem großen, ganz Weißen Talare und der hohenpricsterlichen Stola, glaubt man eine tröstende Erscheinung aus einer besseren Welt zu sehen. Das Aeußere des heil. Vaters ist ein Bild seines Seelenlebens. Pius IX. ist keiner von jenen Päpsten, welche die Welt mit der unbeugsamen Durchführung großer Ideen in Erstaunen setzten; nicht mit unerbittlicher Strenge will er das Scepter eines Statthalters Christi auf Erden führen: sein ganzes Wesen ist Milde und Herzonsgüte. Wie einst Gott dem Elias nicht im Sturm und Erdbeben und Feuer, sondern im Säuseln sanfter Lüste erschien, so will auch Pius IX. seinem Volke und dem Universalreich der Kirche mehr «in gütiger Vater als ein strenger Herrscher sein. Diese väterliche Liebe des Papstes zieht sich wie ein goldener Faden durch seine ganze Wirksamkeit. Nachdem Johann Mastai-Ferretti (dies ist sein Familienname), Sohn des Grafen Jerome Mastai zu Sinigaglia, seine Vorstudien am Gymnasium zu Volterra beendet und die Theologie mit großer Auszeichnung zu Rom absolvirt hatte, wurde ihm die Leitung einer schönen Waisenanstalt ^ übertragen, die in Rom unter dem Namen Tata Giovanni bekannt ist; in der bescheidenen Kapelle dieses Hauses brachte er Gott zum ersten Mal das heilige Meßopfer dar. Diese Anstalt, durch einen braven Maurer gegründet, zählte ungefähr 100 Waisenkinder. Der Abbate Mastai war für diese Kleinen ein Vater. All' sein Geld gab er hin, um den Kleinen wärmere Kleider und eine gesundere Nahrung zu verschaffen; er ließ es auch an Freude und Vergnügen nicht fehlen. Da er selbst von Natur sehr munter ist, so war er ganz glücklich, wenn er diesen verlassenen Kleinen so recht frohe und heitere Stunden bereiten konnte. Es ist noch gar nicht lange, als der heilige Vater in Begleitung eines Prälaten seines Hauses an einer Mauer vorüberging, die zum Theil abgebrochen war. „Ich selbst", sagte er, „habe dies thun lassen; ich suchte überall einen Garten für meine kleinen Waisen, konnte aber nirgends einen solchen erhalten; nun stand hier ein Haus, welches mir zugehörte; ich ließ es abbrechen und so hatte ich einen Garten." Es ist fast unnütz zu sagen, wie sehr er von allen Kleinen geliebt wurde. Ein armer Schuhflicker, der früher unter seiner Leitung ein Waisenkind dieser Anstalt war, sagt von ihm Folgendes: - „Als der Cardinal Mastai zum Papste erwählt war, sagten ich und seine früheren Zöglinge: Wahrlich, er ist für uns ein Papst der Armen und Verlassenen!... Ich erinnere mich noch immer meines Platzes, den ich im Speisesaale zu Giovanni an der Ecke eines Tisches acht Jahre besessen, und da ich nicht sehr still, noch sehr reinlich war, so blieb Abbe Mastai sehr oft bei mir stehen und gab mir eine väterliche Rüge... „Ich habe zu Tata Giovanni einender traurigsten Auftritte meines ganzen Lebens erlebt; es war an einem herrlichen Sommerabende, ich vergesse ihn nie. Nach einem Aufenthalte von sieben Jahren mußte uns Abbe, Mastai verlassen, weil er für eine ferne Mission bestimmt war. Wir wußten es noch nicht, als 135 schon der Augenblick unserer Trennung geloinmen war. Wir bemerkten, daß erwählend des Abendessens kein einziges Work gesagt hatte. In dem Augenblicke, als wir das Dankgebet gesprochen und vom Tische aufstehen wollten, gab er uns ein Zeichen, sitzen zu bleiben; und nun theilte er uns die traurige Nachricht mit... Ein Schrei des Schmerzes ertönte von einem Ende des Speisesaales bis zum anderen. „Wir waren unser 122, Große und Kleine, und Alle weinten vom Kleinsten bis zum Größten. Alle zusammen verließen wir unsere Plätze, um uns in seine Arme zu werfen! Einige küßten seine Hände, Andere hängten sich an seine Kleider; Diejenigen, welche ihn nicht berühren konnten, riefen seinen theueren Namen und flehten zu ihm, uns doch nicht zu verlassen. Wer soll uns trösten? ... Wer wird uns lieben? ... Er wurde so bewegt über unser Jammergeschrei, daß er selbst mit Thränen in den Augen ausrief, indem er einige der Zunächststehendcn an seine Brust drückte: „Ich hatte niemals geglaubt, daß unsere Trennung so hart sein würde." Darauf riß er sich aus unserer Mitte und stürzte in sein Zimmer, aber er versuchte vergeblich, die Thür zuzumachen, Wir traten mit ihm hinein. Diesen Abend wollte Keiner schlafen. Er tröstete, er ermähnte uns aus die rührendste Art. Er empfahl uns die Arbeit, den Gehorsam gegen seinen Nachfolger, die Liebe zu unseres Gleichen, die Erfüllung aller unserer Pflichten und Ergebung und Geduld bei allen Unglückssällen. „Der Tag brach endlich an, und wir hörten schon vor der Thüre den Wagen stille halten, der unseren Wohlthäter wegführen sollte. Eine Stunde nachher und wir waren Waisen zum zweiten Mal!".. Der arme Schuster vergoß eine Thräne, indem er seine Erzählung beendigte. Eines Tages sprach man mit dem heiligen Vater über ihn, der lächelte, da er erfuhr, daß eines seiner früheren Waisenkinder in Pins IX den Abbö Mastai wiedererkannte. Wir müssen, sagte er, dafür ein Andenken geben. Und schon den anderen Tag schickte er ihm einige Doublone in Gold, die der arme Mann mit seinen Küssen bedeckte, und wie eine kostbare Reliquie bis heute aufbewahrt. Nächstenliebe. Ein Berliner sehr achtbarer Geschäftsmann war in letzter Zeit- durch allerlei Unglücksfälle in seinen Vermögensverhältni'sscn derart derangirt worden, daß er Erecntionen nicht mehr abzuwenden vermochte und kürzlich sogar zum Schuldenarrest abgeführt wurde. Für die Familie war dies ein um so härteres Unglück, als dieselbe früher in guten Verhältnissen gelebt hatte und nun sogar ihres Ernährers beraubt war. Wie aber so oft im Leben das schwerste Geschick zuweilen sich nicht so hart erweist, daß es nicht auch gute Folgen haben könnte, so auch hier. Der Kaufmann und Lederhändler N. steht im Begriff, eine andere Wechselforderung gegen den unglücklichen Familienvater einzutreiben und begibt sich dieserhalb in die Wohnung desselben. Da erfährt er, was geschehen, — ohne sich zn besinnen, hebt er die eigene Erecntion auf, tröstet Frau und Kinder in herzlichen Worten und da er sich jedem Dank entziehen will, wendet er sich an einen andern Geschäftsfreund mit dem Anftrage, den Unglücklichen beiznstehen und ihnen zur Linderung der drückend- sten Noth dasjenige an baarem Gelde zu behänvigen, was seine Theilnahme für'S Erste bestimmt hatte. Nachdem dies geschehen, suchte er bei Freunden und Verwandten ein Sümmchen zusammen zu bringen, läßt mit den Gläubigern seines eigenen Schuldners eben so schleunig als thatkräftig unterhandeln und arrangirt die Sache soweit, daß in diesem Augenblicke die gegründete Hoffnung vorhanden ist, dem armen Zurückgekommenen werde vollständig geholfen werden. Solche Züge wahrer Herzensgute und uneigennütziger Handlungsweise verdienen gewiß öffentliche Anerkennung. Die wahre Auferstehung. Haubs erzählt in seinen Homilien eine einfache Geschichte, die uns mit wenigen Worten zeigt, wie wir vom Tode der Sünde auferstehen sollen. — Ein junger Mensch, heißt es da, begegnete nach Ostern einer Person, mit welcher er vorher einen verbotenen Umgang gepflogen, die aber das große Glück hatte, sich zu bekehren. Erstaunt, daß sie, ohne auf ihn zu achten und ihn zu grüßen, an ihm vorüberging, redet er sie also an: „Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich bin ja der und der .... " Sie antwortete: „M ö gen Sie Iener sein, ich bin aber nicht mehr Jene." — Das heißt von den Todten auferstehen, wenn man seine früheren Sündenwege verläßt, seine sündhaften Gewohnheiten, Bekanntschaften und Neigungen aufgibt, und nichts mehr sucht, nichts mehr will, als nur Christum und der Seele Heil. — Die heilige katholische Kirche, unsere liebevoll sorgsame Mutter, fordert gleichfalls eine solche heilsame Auferstehung von allen ihren Kindern; darum verordnet sie nicht ohne weise Absicht gerade zur Osterzeit die sogenannte österliche Beicht und Comm union. Wohl Jenen, die dem Rufe ihres auferstandenen Heilandes und der weisen Anordnung ihrer heiligen Kirche treulich folgen! Alina d' Eldir. In Paris lebte vor einigen dreißig Jahren eine Schriftstellerin, die von Geburt eine indische Prinzessin und eine rechtmäßige DeScendeutin von Timur oder Tamerlan war. Sie wurde von gewinnsüchtigen Räubern in der Kindheit entführt und endlich nach Frankreich gebracht. Sie hieß Altna d' Eldir. Sie wurde dem Hofe Lnvwig XVI. vorgestellt und kannte die unglückliche Königin Maria Antoinette, von der sie in ihren Schriften sehr sinnreich sagt: Sie besaß die Anmuth Frankreichs, die Klugheit Englands, die Lieblichkeit Italiens, die Strenge des Nor- denS und die Majestät Asiens. Im Jahre 1818 kam ein indischer Scheich in Paris au, um sie im Namen der regierenden Familie in Indien vom srauzössischen Hofe zurück zu fordern. Allein die Prinzessin, welche inzwischen den christlichen Glauben angenommen hatte, wollte lieber arm in Frankreich bleiben, als unter dem Pompe des OrieutS die wahre Religion verlassen, der sie von ganzem Herzen gehuldigt hatte. Für den Kirchenbau der armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Uebertrag.21 sl. 30 kr. Bon München ein Baustein für die armen Katholiken in Stargard 1 fl. -15. kr., Bon München ein Baustein für die armen Katholiken in Köslin 1 fl. 45 kr. , ,, Summa: 25 fl. — kr. Milde Gaben für die Mission in Perleberg. Uebertrag.6 fl. 33 kr. Von München.. 1 fl. 45 kr. Summa: 8 fl. 18 kr. Redaction uno Verlag: II n. M. Hüttler. —. Druck oo» I. M. Kleinlc. AiigMgtt AmtagsM. 18. 29. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt znr Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Chile, l Auf den Wunsch mehrerer Freunde veröffentlichen wir hier einige Briefe zweier Priester der Gesellschaft Jesu, P. Th. Schwerter und P. Bernh. Engbert, die mit dem Laienbruder Joseph Schorro im October 1858 von uns Abschied nahmen, um in Chile, einem Freistaate auf der westlichen Küste Südamerika's, eine Mission unter den eingewanderten Deutschen zu gründen. Groß war bis dahin die Verlassenheit dieser armen Colonisten, die wegen des großen Mangels an Priestern und der gänzlichen Unmöglichkeit, einen deutschen Seelsorger zu erhalten, so verwahrlost waren, daß die Erwachsenen Jahre lang die heil. Sacramente nicht empfingen, die Kinder aber ohne allen Religionsunterricht aufwuchsen und in Folge dessen mit dem Verfall der Sitten auch der Verlust des Glaubens zu befürchten stand. Dringend und ernst war daher der Hülseruf nach eifrigen Verkündigen: des göttlichen Wortes und Ausspendern der heil. Geheimnisse; inständig vor Allem die Bitten des hochw. Bischofs jener Gegend an die Obern der Gesellschaft Jesu, sie möchten doch, eingedenk ihrer treuen Hingebung an den Statthalter Christi, der ihm diesen Theil seiner Heerde anvertraut, seinen verlassenen Schäflein zu Hülfe kommen. So geschah es nun, daß die besagten Patres zu diesem gottgefälligen Werke bestimmt wurden. Vielen Priestern und Gläubigen in den Diöccsen Münster und Paderborn find die Namen der beiden Missionäre bekannt; manche Familie, manche Gemeinde und religiöse Genossenschaft nennt sie mit Liebe und Verehrung; sowohl hier als in andern Gegenden Deutschlands leben Freunde und Verwandte jener deutschen Colonisten; manche Andere haben durch Opfer christlicher Liebe und durch Gebete innige Theilnahme an dem Unternehmen bewiesen: — weßhalb wir hoffen dürfen, daß auch Dielen die hier mitzutheilenden Nachrichten willkommen sein werden. Denn selbst abgesehen von den angedeuteten Beziehungen nehmen ja alle katholischen Leser ein gemeinsames Interesse an den Schicksalen und der Verbreitung unserer heil. Kirche, deren göttliche Merkmale der Einheit und Katholicität so herrlich hervortreten, wenn wie einst von den Gestaden des See's Genesareth die frohe Botschaft durch die Apostel an den Indus und die Tiber gebracht wurde, so 18 Jahrhunderte später durch Glaubensboten, die auf den Ruf der Nachfolger der Apostel herbeieilen, von den Usern der Nordsee über Tausende von Meilen hin bis an die Gewässer der Südsee auf der andern Erdhälfte die Leuchte des Evangeliums getragen wird. Und wie tröstlich ist es auch für den Sohn der Kirche, wenn er vernimmt, daß, während entartete Kinder den heil. Vater durch gottlose Frevel in seinen eigenen Staaten tief betrüben, aus den Urwäldern des fernsten Südamerika's Dank- und Bittgebete zum Himmel emporsteigen für ihn, den treuen Hirten, welcher der zerstreuten Schäflein seiner großen Heerde in Liebe gedachte und sie, die hülfslos Umherirrenden, mit zärtlicher Sorgfalt aufsuchen ließ. Den ersten Brief, den wir hier mittheilen, schrieb P. Schwerter noch in Bordeaux kurz vor seiner Abreise aus Europo. II Brief des P. Schwerter. Bordeaux, 24. Oktober 1858. Den 18. October früh um 5 Uhr trafen wir hier ein und erfreuten uns einer sehr herzlichen Aufnahme. In Paris trafen wir einen Priester aus Chile, der eine Wallfahrt nach Jerusalem und Rom gemacht hat, und nun im Begriffe ist, nach Chile zurückzureisen. Seine Begleitung ist uns namentlich für die Landreise sehr erwünscht, da er die Gewohnheiten und Sprache des Landes gut kennt. Wir erhielten in Paris ein für einen Missionär höchst werthvolles Möbel: ein schönes verschließbares Kästchen von 2 Fuß Länge, IV, Fuß Breite und Vr Fuß Höhe, das alles für die heilige Messe Nothwendige auf's Beste geordnet enthält: Kelch, Kännchen, Albe, Meßgewand, Meßbuch, Leuchter, dazu noch Ciborium, Gefäße für die heil. Oele, ein Eisen um Hostien zu backen; freilich Alles so klein und dünn wie möglich, aber doch zum Gebrauch geeignet und für uns sowohl zur See, als später aus Excursionen sehr bequem. Der Kasten selbst dient als Altartisch und bedarf nur einer Unterlage, wie sie ein gewöhnlicher Tisch bietet. Da wir in Paris den Altarstein nicht mehr konnten consecriren lassen, mußten wir hier einen andern consecrirten mitnehmen. In jener Hauptstadt lernten wir einen Mitbruder kennen, der mit drei andern nach Schanz- > Hai in China abreisen wird, so wie hier in Bordeaux den P. Cabus, der gerade jetzt mit sechs andern Missionären die Reise nach Madure antritt. Gewiß sehr ermunternde Beispiele für uns. Was uns aber so rechte Hochachtung für unsern heil. Beruf einflößte, war die Freundlichkeit eines ehrwürdigen greisen Priesters in Paris gegen uns. Es schien als wollte er durch Liebe zu den Missionären sein Unvermögen zu den Missionen selber ersetzen. Mit kindlicher Freude brachte er uns bald ein Bild, bald ein Büchlein, bald ein anderes Andenken. Wir benutzten die Tage vor der Abfahrt des Schiffes, das Merkwürdigste ! der Stadt, besonders was religiöses Interesse hat, in Augenschein zu nehmen. Vom St. Michaels Thurm hatten wir einen herrlichen Ueberblick über die Stadt ' und den Hafen. Unter den schönen Kirchen zeichnet sich der Dom vor allen aus: ein majestätisches altgothisches Gebäude mit 5 Schiffen, ganz aus Sandsteinen ! gebaut. Die zwei Thürme an der Nordseite sind ganz von derselben Hohe und ! Bauart, wie die am Kölner Dome werden sollen. Auch an der Südseite wollte l man zwei bauen, die aber nicht fertig geworden sind. Im Dome liegt der heil. Simon Stock, Gründer der Scapulier-Bruderschast, begraben. Zur Erlangung einer Vollmacht behufs der Aufnahme in diese Bruderschaft kamen mir die hie- ^ sigen Carmeliten freundlich entgegen. Wir besuchten ihre neue Kirche, die wirklich schön gebauet ist; in und außer derselben erscheinen die Ordensmänncr im weißen Habit mit braunem Mantel. Bordeaux war der Geburtsort des heil. Paulinus, dessen Namen noch ein Platz in der Stadt führt, und vieler andern Heiligen, namentlich auch des großen heil. Severin, Erzbischofs von Köln und Freundes des heil. Martin von Tours. Der Kirchhof in der Nähe des schönen alten Karthäuserklosters wird schwerlich in Frankreich oder Deutschland seines Gleichen haben an Größe und Schönheit. Auf sehr vielen Familiengräbern stehen kunstreich gebaute gothische Capellen mit Altären, an welchen von Zeit zu Zeit die heilige Messe gelesen wird. 139 Wir besichtigten auch das Haus von der Barmherzigkeit, das denselben Zweck hat, wie die Klöster vvm guten Hirten. Die Stisterin war eine adelige Dame, die im Rufe der Heiligkeit gestorben ist und aus deren Leben man uns viel Wunderbares erzählte. Man nennt sie nur „die gute Mutter." Die Ordensschwestern feiern noch am Feste der heil. Theresia ihren Namenstag, gerade als ob sie unter ihnen lebte. Die jetzige Oberin ist ihre Nichte und scheint ihre Tugenden geerbt zu haben. Es befinden sich in dem Hause gegen 300 Personen, die auf diese Weise den Gefahren der Welt entrissen worden. Frägt man die Schwestern, wovon sie alle leben, so antworten sie, von der göttlichen Vorsehung. Die gute selige Mutter hatte die Hausschlüssel der Mutter Gottes und dem heiligen Joseph übergeben. Fehlte etwas, so hielt sie eine neuntägige Andacht, und ihr Vertrauen ward nie getäuscht. Größeres Gottvertrauen als bei diesen Schwestern fand ich noch nirgends. Wir mußten unsere Namen in ein großes Buch einschreiben, wo wir die Namen vieler Missionäre aufgezeichnet fanden, und erhielten die Versicherung, daß man beständig für uns beten werde. Wie wohlthuend ist es, eine solche Versicherung mit auf's Meer nehmen zu können, zu der sich das tröstliche Bewußtsein gesellt, daß so viele theuere Mitbrüdcr in Europa, und so viele Gläubige, die an unserm Schicksal Theil nehmen, uns mit ihren frommen Gebeten begleiten. So treten wir denn wohlgemuth unter Gottes und Mariä Schutz und mit dem treuen Beschützer der Reisenden, dem heil. Erzengel Raphael, dessen Fest wir heute feiern, die weite Reise an. Uns drei begleiten wenigstens auf der Seefahrt sechs unserer Mitbrüder, die für verschiedene Stationen Südamerika's bestimmt sind; nämlich: P. Brindesi, ein Grieche, von der Insel Delos gebürtig, der außer der griechischen, auch die türkische, russische, italienische und französische Sprache redet. Er wird bis Montevideo unser Oberer sein; P. Ciaceri, ein Sicilianer aus Palermo, sehr lebhaften Charakters. Da er uns erzählte, er habe einige Zeit deutsch gelernt, und wir daher eine deutsche Unterredung mit ihm anknüpfen wollten, erwiderte er: »o» spreü», ncm »xreko: P. Bofarull, ein «Spanier aus Catalonien, mit zwei Laienbrüdern seiner Nation, Jturzaota und Ortiz, wovon ersterer das Glück hat, nahe beim väterlichen Hause des heil. Jgnatius geboren zu sein — und mit einem jungen spanischen Scholastiker Puig, der uns viel Interessantes über Majores und Loyola, sowie über das Aufblühen der katholischen Kirche in seinem Vaterlande mittheilte. Wir haben in diesem liebenswürdigen Mitbrüder einen tüchtigen Lehrer der spanischen Sprache, auf deren Erlernung wir uns eifrig verlegen. Da keine große Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind, — namentlich ist die Aussprache sehr leicht — so hoffen wir in kurzer Zeit große Fortschritte zu machen. Meinen nächsten Brief schreibe ich Ihnen, so Gott will, aus Montevideo. Theodor Schwerter, 8. 1. (Fortsetzung folgt.) Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (^rnionis.) Niemals konnte sich ein Souverän, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen. (Graf Maistrc in einem Briefe an den König von Sardinien vom 6. Juni 1810.) Lactantius schrieb im vierten Jahrhundert das Buch: „l)e morto per- üeouwrum", worin er das tragische Ende der Feinde Gottes und seines Gesalbten nachgewiesen. Ein Buch dieser Art, welches die Fürsten, von denen die Päpste Verfolgungen zu leiden hatten, namhaft machen und zeigen würde, wie 140 sie sämmtlich schon in dieser Welt von der göttlichen Gerechtigkeit erreicht, und entweder in ihrer Person oder in isiren Nachkommen schrecklich gestraft wurden, wäre heutzutage gewiß ein sehr nützliches. Eine solche Arbeit zu unternehmen, fehlt uns aber der Muth und die Zeit. Doch wollen wir einige bezügliche Thatsachen anführen, und sie der Betrachtung unserer Leser anheimgeben. Die Gegner werden freilich sagen, es seien Zufälle, Zusammentreffen der Umstände, Ohngefähr u. s. w.; allein eine fortgesetzte Reihe von ähnlichen Ereignissen muß doch einem jeden nicht ganz Hirnlosen etwas zu denken geben. Von Nero bis auf Julian den Abtrünnigen wurde die Kirche und die römischen Päpste von 18 Kaisern verfolgt und von diesen machten 4 durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende, 9 wurden von andern ermordet und 5 gingen sonst auf elende Weise zu Grunde. Nero, der den heil. Petrus todten ließ, nahm sich aus Verzweiflung mittelst des Schwertes das Leben. Maximian Herkuleus erwürgte sich mit einer Schnur. Aurel und Hadrian wählten freiwilligen Hungertod. Einige brachte Verrath der Ihrigen um das Leben, wie Domitian, Julius Maximin, Aurelian, Gallus, der den Papst Cornelius nach Civitavecchia verbannte, und Volusian. Andere fielen im Kriege in der Schlacht, wie Decius, oder nach dem Kriege als Sieger, wie Licinius, der auf Befehl des Konstantin erdrosselt wurde, oder wie Valerian, der, nachdem er dem persischen König Sapor als Fußschemel gedient, hernach geschunden und wie ein Schlachtthier einge- salzen wurde. Trajan, welcher den Papst Clemens aus Rom vertrieben, starb sehr wahrscheinlich an Gift. Diocletian wurde mehr vom Aerger, nicht im Stande gewesen zu sein, den Christenglauben mit Blut zu ersticken, als vom langsamen Fieber verzehrt. Den Severus tödtete die Melancholie, Galerius und Marimin wurden bei lebendigem Leibe von Würmern verzehrt. Julian der Apostat erhielt einen Pfeilschuß von unbekannter Hand, und seine Wunde war so schmerzlich, daß er in der Verzweiflung sein eigenes Blut gen Himmel spritzte, und den Sieg des „Galiläers" bekannte, den er so frevelhaft bekämpft hatte. — Von den ersten heidnischen Verfolgern übergehend zu den ketzerischen, finden wir den Kaiser Konstantins, den fanatischen Begünstiger der Arianer. Dieser vertrieb den Papst Liberius aus Rom, und verbannte ihn nach Thracien. Wie endete aber Konstantins? Er wurde ein Spielball seiner Höflinge, und hätte sein Reich verloren, wenn er nicht am Fuße des Taurus ganz unvermuthet gestorben wäre im Jahre 361. — Papst Johann I.. durch den Ehrgeiz des Gothenkönigs Theodorich gezwungen, nach Konstantinopel zu reisen, wurde nach seiner Zurückkauft in Ravenna gefangen gehalten, weil er mit den Plänen des hochmüthigen Königs nicht einverstanden war. Wie endete Theodorich? Er kam in einer Schlacht elend uin's Leben. Anastasius >., Kaiser von Konstantinopel, beschimpft die Legaten des Papstes Shmmachus, der ihn excommunicirt. Nach mehrfachen Empörungen starb der unglückliche Monarch, von einem Blitzstrahl getroffen, im Jahre 518. Die Päpste Silverius und Vigilius trieb Kaiser Justinian l. in die Verbannung. Allein von dem Zeitpuncte an, wo er die Päpste feindselig behandelte, wurde er auch der Tyrann seiner Völker, selbst aber tyrannisirt von Theodora, jener schamlosen Buhlerin, die er zum Weibe genommen. Der heil. Papst Martin wurde vom Kaiser Konstans II. verfolgt, verjagt und mißhandelt. Der Verfolger starb jedoch grausam ermordet im Jahre 668. Andreas, Sohn des Patriciers Troilus, folgte ihm eines Tages in das Bad unter dem Vorwand, ihn zu bedienen. Dort nahm er das Wassergefäß und schlug es ihm so heftig an den Kopf, daß er ihn todt niederstreckte. Der Kaiser Justinian ll. erklärte sich als persönlichen Feind des Papstes Sergius, welcher weder seinen Lastern noch seinen Missethaten Beifall gab. Und Justinian fiel als ein Opfer eines Volksaufstandes, man schnitt ihm die Nase ab, und schickte ihn nach dem Cher- sonnes in die Verbannung. Von den bilderstürmenden Kaisern, Feinden und I > i j Verfolgern der Päpste und der kathol. Kirche starb Theophilus aus purer Herzensangst; Leo der Armenier wurde von den Verschworenen in der Kirche in Stücke gehauen; Leo IV. erlitt schmerzlichen Tod wegen ekelhafter Kopfgeschwüre. Konstantin Kopronimus nahm ein ähnliches Ende, und Nicephorus ward im Kriege von den Bulgaren getödtet. Papst Leo III- mußte von Denjenigen, welche seine treuesten Freunde und Mithelfer sein sollten, Verfolgungen leiden. Allein Gott beschützte den Papst aus wunderbare Weise; aus Rom vertrieben, kehrte er triumphirend in Mitte seines Volkes, das ihm entgegen kam, zurück. Karl der Große verurtheilte die beiden Verfolger des Papstes zum Tode. Leo III. rächte sich aber als hoher Priester, indem er vom Kaiser Gnade erbat und erhielt. Papst Johann VIII. war genöthigt, in Frankreich eine Zuflucht zu suchen, um sich den Plackereien Lamberts, des Herzogs von Spoleto, zu entziehen, der in Rom unerhörte Gewaltthätigkeiten verübte. Jedoch bald darauf wurde Lam- bert aus seinem eigenen Herzogthume vertrieben. Crescentius, der gegen Ende des 10. Jahrhunderts in Rom den Aufruhr anzettelte, sich an die Stelle des Papstes setzen wollte, und dessen zeitliche Herrschaft usurpirte, endete damit, daß er auf Befehl Otto III. auf den Zinnen der Engelsburg aufgeknüpft wurde. Der Demagog Arnaldo da Brescia, welcher dem Papste sein zeitliches Besitzthum rauben wollte, wurde eingekerkert, verbrannt und seine Asche in die Tiber geworfen, während die Römer dem Papst Hadrian IV. vie Huldigung leisteten. Cola Rienzi, der sich im Jahre 1354 ebenfalls der Usurpation der Oberherrlichkcit über Rom schuldig gemacht hatte, wurde von dem wüthenden Volke aus der Stadt gejagt; ein Diener des Hauses Cölonua stößt ihm den Dolch in's Herz, und die Römer hängen seinen blutigen Leichnam an den Galgen. (Schluß folgt.) Der gesellige Verkehr. Je weniger die häusliche-und die in der Schule und in der Kirche erlangte Erziehung für die Festigkeit der Denkungsweise gewirkt hat, je mehr diese Wirkung durch die nachherige Uebergangszeit der Lehrjahre und des bewachten Jugendalters abgeschwächt worden ist, desto größer muß — bei den verschiedenen Classen des Nährstandes — die Einwirkung des geselligen Verkehrs auf die Volksbildung sein; und diese Einwirkung ist, leider! — in sehr häufigen Fällen auf traurige Weise entscheidend. Willst Du wissen, wer du bist, sieh, wer Deine Gesellschaft ist. — Böse Gesellschaften verderben gute Sitten. — Alte, vergeblich wiederholte Sprichwörter! Aber welche Gesellschaft ist denn böse? — Die ernste? — In dieser versammelt mau sich nur um der Geschäfte willen, und auch sie schließt gewöhnlich mit Heiterkeit. — Vielleicht die heitere? — Gewiß nicht; denn Heiterkeit ist ja die Würze des Lebens, die Erholung, welche jeder thätige Mensch sich gönnen darf, sich gönnen soll; sie ist eine Aeußerung der Gesundheit des Körpers und der Seele, und fördert sogar wieder diese doppelte Gesundheit. Aber Heiterkeit geht nicht selten in Lustigkeit über, nud hier stehn wir an einer Grenze, wo das richtige Maß sehr leicht überschritten werden kann, um so mehr von der unerfahrenen Jugend. Uebrigeus ist jede Gesellschaft gemischt. In jeder werden Ansichten, Meinungen und Behauptungen vorgebracht, welche neu, anziehend, witzig, treffend sind und auf Kops und Herz ihre Wirkung nicht verfehlen, und das um so minder, je geringer die vorausgegangene Bildung des Zuhörers, je beachtenswerther, wir sagen nicht achtungswerther die Persönlichkeit, die Erfahrung des Sprechenden, 142 je blendender, wir sagen nicht gründlicher seine Redeweise, sein Vertrag ist; und derlei Erscheinungen gehören allen Classen des Volkes an. Der Knabe, der heranwachsende Jüngling, der in den Lehrjahren oder in einem, diesen ähnlichen Verhältnisse mit einer gewissen Geringschätzung sich behandelt sieht, welcher er gern entwachsen sein möchte, sehnt sich nach der Zeit, wo er, der Gleiche unter den Gleichen, mitsprechen darf über sein Erlerntes, über seine, wenn auch kurzen Erfahrungen, die mit jedem Tage zunehmen, die bei jedem Einzelnen anders sich gestalten. In der Werkstätte Geselle mit den Gesellen, Arbeiter mit den Arbeitern, findet er bald scheinbar, bald wirklich Ueberlegene, sei es im Geschäfte, sei es in sonstigem Wissen; er findet in den Einen Anziehendes, in den Ändern Abstoßendes; aber darin liegt leider nicht selten die Täuschung; was ihn anzieht, sollte er prüfen, ob es auch werth ist, ihn anzuziehen; was ihm unangenehm, rauh, ernst erscheint, sollte er ebenfalls prüfen, um zu erfahren, ob nicht die herbe Schale einen guten Kern verbirgt; und an dem Mangel dieser Lebensklugheit scheitern so Viele. Mit der Unabhängigkeit des jungen Mannes fängt aber auch gewöhnlich die Genußsucht an, und sie äußert sich im zeitweisen Besuche des Wirthshauses, der Schenke. Samstage, Sonntage, Montage vereinigen die Arbeiter meistens beim Weine, beim Biere. Der junge unerfahrene Mensch bekommt da Gelegenheit, einige Worte zu hören, welche die Wortführer besonders gerne im Munde führen, Worte, die so aufklärungsmäßig erscheinen, bald klar, bald minder klar ausgesprochen werden, die man auch in sogenannten Volksbüchern — was wird nicht Alles für das liebe Volk geschrieben! — häufig lesen kann, Worte, welche eben deßwegen eine nähere Beleuchtung verdienen; — sie heißen: Vcrdummung, — freie Forschung. Diese Wörter, sammt den Begriffen, welche sie darstellen, sind übrigens nicht aus unserm Boden entstanden, sie sind weiter her und haben eben deßhalb so freundliche Aufnahme gefunden. Wenn Du übrigens, lieber Leser, das Wort: Nerdummung, im geselligen Gespräche von irgend Jemand hörst, so bist Du fast ausnahmslos berechtigt, den, der es gebraucht, selbst für bedeutend verdummt zu halten; denn gewöhnlich bezeichnet er damit Deine Achtung für Alles, was Dir bisher heilig war; Deine Ächtung für göttliche und menschliche Gesetze und für Diejenigen, die mit ihrer Handhabung betraut sind; Deine Achtung für Treue und Glauben, für die Alten und für die Eltern; Deine Achtung für Dienertreue und Unterthanentreue; Dein Gefühl für Pflicht, ohne immerwährenden, eifersüchtelnden, anmaßenden Rückblick auf Rechte. Findest Du das erwähnte Wort in einem Buche, und Du wirst ihm, zumal in vielen sogenannten Volksbüchern nur zu häufig begegnen, so wirf solch eine Schrift ohne Wetters weg; etwas Nützliches wirst Du keinen Falls aus ihr lernen; wäre jedoch der Inhalt so anziehend, so fesselnd, daß Du Dich nicht davon trennen könntest, so lies wenigstens mit jenem Mißtrauen, mit jener prüfenden Vorsicht, die nicht Alles, was ein gewandter Schwätzer auftischt, für baare Münze hinnimmt, sondern Wahrheit von Trug, den Schein vom Wesen zu unterscheiden weiß. Du wirst dann finden, daß das Ziel eben dasselbe ist, wie bei den daraus erlernten Gesprächen, nicht zu erbauen, sondern zu untergraben; selbst das an sich Wahre zu verdrehen und zu mißbrauchen; denn auch das ist einer der Kunstgriffe der Vcrdcrber. Freie Forschung! Es ist schon häufig erwähnt worden, daß die Natur in der Begabung des Menschen mit gesundem Verstände eben nicht verschwenderisch ist; seine vielfältigen, heftigen Leidenschaften, um so wirksamer, wenn Erziehung und Religion sie nicht gezügelt haben, sind weit entfernt, ihn zu fördern; seine Lebensansichten werden eben dadurch höchst einseitig; auch das richtige Denken will erlernt wer- den; stellen wir uns nun einen Menschen vor, behaftet mit allen diesen Unvoll- kommenheiten, und aufgefordert zum — freien Forschen! — zum freien Forschen über Alles, was Gegenstand des menschlichen Ersorschens sein kann, oder auch nicht sein kann. Gibt es etwas Lächerlicheres in der Zumuthung? etwas Lächerlicheres, aber zugleich auch Traurigeres in der Ausführung? und dennoch ist es mit unserer Volksbildung dahin gekommen, daß Alle sich anmaßen über Alles abzusprechen. Allerdings spricht der Weber nicht über Metallarbeit, und der Metallarbeiter nicht über Schneiderei, aber über Staatseinrichtung, Gesetzgebung und Sittenlehre sprechen sie Alle; — und wie? das muß man hören. Wer die Folgen dieses Uebelstandes beobachtet hat, der kann es nur bedauern, daß es noch immer angebliche Volksschriftsteller gibt, welche, aus eigennütziger Specula- tion, — solcher Lehre anhängen und ihr Geltung zu verschaffen suchen. Ein Maler im Alterthume stellte seine Gemälde vor seiner Werkstätte der öffentlichen Beurtheilung aus, und, dahinter verborgen, vernahm er die verschiedenen Aeußerungen der Vorübergehenden. Unter andern fand ein Schuster die Fußbekleidung eines Mannes auf dem ausgestellten Bilde ganz unrichtig und tadelte, was zu tadeln war. Der Künstler unterließ nicht, dem Gebrechen abzuhelfen, und ebenso unterließ auch der Tadler nicht, dieser Verbesserung seinen Beifall zu spenden, als er, ein paar Tage darnach, dieselbe bemerkte. Dieser Beweis von Gelehrigkeit gab ihm jedoch den Muth, das Werk einer genaueren Betrachtung zu unterziehen und sich zu äußern, daß der ganze Fuß überhaupt verzeichnet zu sein scheine. Da rief der Maler aus seinem Verstecke hervor: Du, Schuster, bleibe beim Leisten! Die von den Rednern der Schenke und in den Flugblättern der sogenannten Volksschriststeller so häufig gebrauchten, oben angeführten Kraftausdrücke gehen auch, unter hundert Fällen in neunundneunzig von Denjenigen aus, die eine Aufklärung verbreiten wollen, welche keine ist; von Denjenigen, denen daran liegt, den Glauben, das Gewissen, das Vertrauen der Unwissenden aber auch noch Unverdorbenen zu untergraben; allen Leidenschaften, zumal der Eitelkeit zu schmeicheln; die leicht zu Verführenden mit jenem Dünkel zu erfüllen, in welchem sie sich über Alles erheben, über Alles hinwegsetzen, Alles mit Argwohn betrachten; das Volk berufen zu erklären für Dinge, zu denen es nie berufen war, noch ist, noch sein wird und nie berufen sein kann, wie die Weltgeschichte es allen Denen beweiset, welche Augen haben zu sehen, und auch sehen wollen; — sie sind eingegeben vom Haschen nach Dolksgunst, von der Sucht, den Leidenschaften des Pöbels zu sröhnen, von der gewissenlosesten Buch-- händlerspeculation, und wenn im hundertsten Falle Einer einmal in argloser Einfalt, in aufrichtig guter Meinung sie gebrauchte, so geschieht es entweder im Aberwitze oder er ist ein Verblendeter, ein Verführter. Selbst aus diesen etlichen Zeilen geht deutlich hervor, wie wichtig für die Volksbildung der gesellige Verkehr, überhaupt hinsichtlich der zu Bürgern heranreifenden Handwerksgesellen ist, für welche leider die Schenke nur zu oft eine einladende Schule der Verzogenheit und Verderbtheit ist. (A.A.B.) Ein wahrer Hirt. Der allverehrte Patriarch von Venedig pflegt in später Abendstunde die verschiedenen Stadtviertel zu durchstreifen und in vorkommenden Fällen Hilfe und Trost zu spenden. Nach Hause zurückkehrend, traf Se. Eminenz vor der Thüre einer ärmlichen Hütte in Canareggio einen Mann, welcher bitterlich weinte und wehklagte. Auf die Frage des Patriarchen, was ihm fehle, erzählte der Mann unter Schluchzen, daß sein Weib todtkrank darniederliege und er nicht die Mittel habe, ihr die nöthige Pflege, angedeihen zu lassen, da er nicht einmal so viel Geld besitze, Oel zu kaufen und deßhalb die Kranke im Finstern allein mit ihrem Schmerze ohne Hilfe darniederliege. „Führe mich zu der Kranken — sprach der fromme Seelenhirt — ich werde ihr nach meinen Kräften geistige und körperliche Hilfe leisten." Auf die verzagte Antwort des Mannes, daß er und sein Weib der jüdischen Religion angehörten, erwiderte der Patriarch: „Jude oder Christ, wir sind Alle Kinder Eines Gottes, und ich werde Euch als Bruder beistehen. In der That folgte der edle Kirchensürst dem Gatten zum Krankenlager seiner Frau, der er in wahrhaft christlicher Weise Trost zusprach und ihr versicherte, daß er für sie sorgen werde. So geschah es auch; eine Geldspende setzte den betrübten Gatten in die Lage, die Pflege seiner Frau zu besorgen, und der auf Befehl des Patriarchen sogleich erschienene Hausarzt desselben verordnete die nöthigen Arzneien. Kurz, bald erschien der glückliche Gatte mit seiner vollkommen genesenen Frau bei seinem edlen Wohlthäter, um seinen Dank auszusprechen, und wurde mit wahrhaft väterlicher Güte empfangen und über sein künftiges Loos beruhigt, da der Patriarch ihm eine seinen Verhältnissen angemessene Anstellung versprach. Seltene Ehrlichkeit. Als einstens Robert Thomas durch den Broadway in die Stadt ging, verlor er sein Taschenbuch mit 1200 Doll. in Banknoten und anderen wichtigen Papieren. Sobald er seinen Verlust bemerkte, eilte er denselben Weg zurück und begegnete zwischen Franklin Avenue und Washstraße einem zwölfjährigen Knaben, Namens John Moore, dem Sohn einer armen Wittwe, der, das ängstliche Umherschauen des Mannes bemerkend, ihn fragte, ob er etwas verloren habe. Aus die bejahende Antwort sagte der ehrliche Knabe, der von dem Verkauf von Zeitungen sich und seine Mutter erhält, er habe ein Taschenbuch gefunden. Der Fremde nahm den Knaben mit nach einem nahen Laden, beschrieb ihm sein verlorenes Taschenbuch genau, worauf es ihm der Knabe unversehrt einhändigte. In seiner Freude nahm Thomas den ehrlichen Jungen mit nach einem Kleiderladen und kaufte ihm einen vollständigen Anzug. Von da führte er ihn zu einem Uhrmacher, von dem er eine hübsche silberne Taschenuhr entnahm, in deren Deckel er die Worte graviren ließ: „Robert Thomas von Ken- tuckv dem kleinen John Moore", mit dem Motto: „Ehrlichkeit ist die beste Politik", und schenkte sie ihm. Außerdem kaufte er noch eine seidene Börse, that zwanzig Dollars in Gold hinein und hieß den erfreuten Kleinen seinen wohlerworbenen Reichthum seiner Mutter bringen. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.25 fl. — kr. Für die armen Katholiken in Stargard.^ fl. — kr. Für die armen Katholiken in Köslin .4 fl. — kr. Motto: „Gott segne es." Summa: 33 fl. — kr. Motto: Milde Gaben für die Misfion in Perleberg Uebertrag. Gott segne es 8 fl. 18 kr. 4 fl. 12 kr. Summa: 12 fl. 30 kr. Redaction und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druek von 3. M. Ltciiilc. AilgMzcr Amillagstlatt. 1S. 6. Mai 1860. Das Augsburger Tonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. MisfionSleben in Texas. Der überaus eifrige französische Missionär, Emanuel Domenech, hat in verschiedenen Berichten Interessantes aus seinem Missionsleben in Texas mitgetheilt. Das ist ein Land, wohin vornehmlich Deutsche auswandern, und der wackere Missionär hat sich auch vorzüglich unserer deutschen Landsleute dort angenommen. Es kann daher von doppeltem Interesse für uns katholische Deutsche sein, einige Bilder aus dem Wanderleben des genannten Missionärs kennen zu lernen. Von Frankreich aus begab sich der noch jugendliche Missionär nach Galve- ston in Texas, dem Sitze des Bischofs, dessen Palast aus drei Hütten mit circa sieben bis acht kleinen Zimmern besteht. Da bekommen wir nun gleich einen Begriff von dem Leben eines katholischen Bischofs in Amerika. „Des Abends besuchten einige Katholiken den Bischof, und unter einem von Feigen und Rosenlorbeeren beschatteten Gang versammelt, horchten wir auf die Erzählung von seinen Reisen und die Entwicklung seiner Gedanken über die Bedürfnisse und Zukunft der Mission. Das waren die angenehmsten Stunden. Die Hauptkirche, welche sich jetzt in Galveston erhebt, war damals noch nicht vollendet, und der Gottesdienst wurde in einer kleinen hölzernen Capelle gehalten, welche die Gläubigen kaum faßte. Wenn es regnete, drang das Wasser durch das Dach. An einem Sonntage regnete es während der Predigt des Bischofs Odin sehr stark, das Wasser sickerte durch die Ritzen und fiel in Tröpfchen auf die Gläubigen, so daß sie mitten in der Kirche ihre Schirme ausmachen mußten. Wenn so die Kathedrale des armen Bischofs beschaffen war,, wie muß es erst um die übrigen Kirchen des Landes aussehen! Hier ist nicht Vieles, sondern noch Alles zu thun. Auf der Reise nach seinem Bestimmungsort kam unser Missionär auch nach dem bekannten Braunfels. Sehr naiv ist die Schilderung von einem Stück deutschen Lebens, welches Domenech hier zu beobachten Gelegenheit fand. Braunfels ist eine große deutsche Colonie. Wir langten daselbst am Abend an, und sahen nichts als Gruppen von Betrunkenen, welche schrieen und dis- putirten, durch den Wein und die Reden doppelt erhitzt. Ich getraute mir nicht, die Nacht in solcher Gesellschaft hinzubringen; allein man sagte zu mir: „Achten Sie nicht darauf, es ist heute Wahltag, der Lärm ist größer als der Schaden." In der Wirthsstube befanden sich tüchtige Weintrinker, welche mit der Cigarre im Munde und dem Glas in der Hand Politik machten. Ein Musikant erschien und wurde mit Hurrah begrüßt. Alle schrieen, er solle ihnen was zu tanzen aufspielen. Der Musikant erklärte, sein Instrument ginge nicht, so lange seine Gurgel trocken wäre, es würde aber gehen, so lange seine Gurgel feucht wäre. Neue Hurrah's. Der Tisch bedeckte sich mit Wein- und Branntweinflaschen. Alsbald entströmen der Geige Walzer und Tänze mit kreischenden Tönen und unbarmherzigen Mißlauten. Die Wähler sprangen, arbeiteten sich ab, drehten sich, heulten, daß einmi Tauben das Trommelfell hätte zerspringen mögen. Nach dreistündigem Hexenlärm zersprang zum Glück an der Geige eine Saite; Musik und Tanz hielten inne, und die Leute taumelten auseinander. Der gute Missionär aber suchte die Nachtruhe in einem in der Zechstube selbst befindlichen Bette. Nicht viel besser als in Braunfels erging es ihm mit einem Nachtlager in dem Städtchen Sän Antonio, in dessen Nachbarschaft die einst berühmten Missionen liegen, welche nun, wie so viele in Amerika, das Bild des traurigsten Verfalls zeigen. Zwei bis drei Meilen von Sän Antonio, am Flüßchen gleichen Namens, befinden sich die beiden alten Missionen Sän Josö und La Conception. Die eine steht mitten in einem Chaparal (großem Gebüsch), die andere liegt in einem Wäldchen verborgen, welches sie mit seinen riesigen Bäumen bedeckt. Sän Josö hat noch eine dicke Mauer auszuweisen, welche drei bis vier Morgen einschließt. Hier erhebt sich eine Kirche von mittlerer Größe mit schönen Verhältnissen, reichen Sculpturen und einem zierlichen Thurm. Während des Befreiungskrieges haben die Flinten der Texaner einige Arabesken beschädigt und einige Heilige in ihren Nischen zerbrochen. Die Zeit nagt mehr und mehr an dem Gebäude; aber der Kitt ist so fest, daß, wenn die Hand der Menschen nicht nachhilft, noch manches Jahrhundert verstreichen wird, ehe es zusammenstürzt. Dieser Kitt, berichtet die Sage, ist aus Kuh- und Schafmilch bereitet worden, und darum ist er so stark. Früher brachten die Spanier an diesen entlegenen Ort indianische Gefangene, welche die Franziskaner in der Religion, im Ackerbau und in einigen Handwerken unterrichteten. Die Häuschen dieser barbarischen Zöglinge waren an die Mauer gelehnt. Gegenwärtig haben sich ihre Nachkommen nach Sän Antonio oder auf andere Puncte am Fluß begeben; es sind nur noch ein paar arme indo-mexanische Familien übrig, welche ein wenig Mais bauen, in schrecklichem Schmutze leben und sich des Abends neben ihre verfallenen Hütten legen mit der unvermeidlichen Cigarre in der Hand; die Kirche wird nur noch von Wolken von Fledermäusen besucht; die weiten Löcher in den Ringmauern lassen das Wild, die Indianer und sogar die ungeheueren, langsamen, von Ochsen gezogenen Wagen mit ihren massiven Rädern ein. La Conception liegt auf der anderen Seite von Sän Antonio, die Kirche ist kahl und klein; aber der kühle Schatten und das kühle Wasser müssen es zu einem angenehmen Aufenthalt gemacht haben. Die Priester in Sän Antonio waren Spanier; sie bewohnten ein garstiges Haus von Stein auf dem Marktplatze. Ich wurde in eine Bodenhälfte gesteckt. Das Mobiliar bestand aus einem elenden Gurtenbette ohne Matratze und Strohsack, aus einem hinfälligen Tische, zwei Stühlen, wovon der eine keinen Sitz und der andere nur drei Beine hatte, und aus einem Sarg, mit der Bestimmung, die Armen auf den Kirchhof zu tragen, von wo der Sarg ohne den Leichnam zurückkehrte, um denselben Dienst zu unbestimmter Zeit zu wiederholen. Ein Fensterchen ging auf die Straße von Mexico; in dem Dache war eine Lücke angebracht; das Dach ließ den Regen und namentlich die heißen Sonnenstrahlen durch. An Bewohnern fehlte es in meinem Verstecke durchaus nicht: die Fledermäuse, Ratten, Spinnen, Moskitos, Scorpionen, Jnsecten aller Art lebten mit mir. Der spanische Pfarrer erzählte mir, daß er lange Zeit keinen Todten auf den Kirchhof, welcher nur einen Pistolenschuß weit von der Pfarre entfernt ist, habe begleiten können, ohne sich von Bewaffneten escortiren zu lassen; so unsicher ist die Gegend. Dieser Schilderung eines Pfarrhofes in Texas können wir ein Gegenstück aus dem Berichte eines anderen Reisenden, des Hrn. Olmstedt Law, zur Seite stellen, sowohl um die Wahrheitsliebe unseres Missionärs zu bezeugen, als auch den Lesern anschaulich zu machen, was texanische Pfarrer sind. „Während die Pferde beschlagen wurden, ritt ich", so erzählt Herr Olm- stedt, „nach der alten mexanischen Stadt La Bahia oder Alt Goliad hinüber, um die Kirche und die Mission zu besehen. Sie scheint in dieser Gegend die bedeutendste gewesen zu sein." Ich ritt durch Dorf und Fort und hielt vor den Thüren der zertrümmerten Kirche still. Ueber eine Mauer guckte das Gesicht eines Mannes, welchem ich einen guten Abend bot; ich fügte die Frage hinzu, ob ich mir das Innere des Gebäudes betrachten könne. „Gewiß, gewiß; warum denn nicht?" war die Antwort. In einem Glockenstuhle hingen zwei alte spanische Glocken; dort band ich mein Pferd an. Jener Mann konnte mich für einen Banditen oder einen texanischen Ranger halten, wenigstens sah ich einem solchen ähnlich. Wir waren in dieser Gegend vor Pferdedieben gewarnt worden; in meinem Gürtel steckten einige Revolver und ein Bowiemesser; als der Nordwind kam, hatte ich einen Kittel von blauem Flanell übergeworfen und meine Kappe bis dicht an die Nase gezogen; am Sattel hing meine Flinte. Der Mann, mit welchem ich in solcher Weise zusammentraf, mochte etwa-40 Jahre alt sein; er war mager, von dunkeler Gesichtsfarbe und schien intelligent zu sein. Ich lüftete meine Kappe zum Gruß, sagte, ich sei gekommen, um die Ruinen zu sehen, wollte aber nicht etwa einer Familie Störung verursachen. Er entgegnete, daß er allein wohne und keine Familie habe, fragte, woher ich komme, und meinte New-Dork sei recht weit entfernt. Dann fuhr er fort: „Es freut mich, Sie hier zu sehen; kommen Sie doch herein und betrachten Sie sich die Ruine. Die Kirche war früher sehr hübsch, aber die Amerikaner haben Alles zerstört, dort jene Gallerie verbrannt, die Schnitzereien vernichtet. Alles ist zu Trümmern geworden. Es ist bitter, daß meine Landsleute hier so arm sind; Sie können sich kaum ein Begriff davon machen; Alle zusammen haben gewiß nicht dreißig Dollars im Vermögen. Ich bin vor acht Tagen hier angekommen, während der letzten Tage war ich unterwegs und habe Kranke besucht. Sehen Sie, hier habe ich einen Anfang gemacht, um die Ruinen etwas Zu beseitigen." Er hatte an dem einen Ende der Kirche die Wände geweißt, den Boden gereinigt, einen Theil der Mauer mit Kattun beschlagen, ein beschädigtes Heiligenbild wieder aufgestellt, vor welchem einige Glasleuchter mit Kerzen standen. Aber der Regen war schon hineingeschlagen, die Weiße Wand von Schlamm wieder verunreinigt und der Kattun hing schlaff herab; der Nordwind hatte ihn am heutigen Morgen zerrissen und der Geistliche, denn das war der Mann, hatte noch nicht Zeit gefunden, ihn auszubessern. Von der Geschichte dieser Kirche wußte er nichts zu erzählen, außer daß die Amerikaner Kirche und Fort eingenommen und große Zerstörungen angerichtet hatten. Er führte mich in seine Wohnnng, die er in einer vormaligen Capelle aufgeschlagen hatte. „Hier ist mein kleines Zimmer, ich konnte kein anderes bekommen. Die Mexicaner leben wie die Hühner, alle ohne Unterschied des Geschlechtes schlafen in einem und demselben Zimmer. Die Leute sind recht gutmüthig, aber arm; wenn sie mit ihrer Aussaat fertig sind, wollen sie mir hilfreich an die Hand gehen, die Kirche wieder säubern und ausbessern und ein Haus bauen. Dann bekomme ich auch wohl irgend eine alte Person, die mir etwas kocht. Es thut mir leid, daß ich Ihnen nichts zur Erfrischung anbieten kann; wenn mich hungert, muß ich im ersten besten Hause vorsprechen und essen, was ich eben vorfinde; aber ich kann Ihnen eine sehr gute Cigarre geben." Der Mann wohnte in einem feuchten Gewölbe bei offenen Kisten und Kasten, und einigen hundert gut eingebundenen Büchern, welche schon zu schimmeln anfingen, einer Pritsche, auf welcher Kleider lagen, und einem Stuhle; den letzteren bot er mir an, und wir 148 unterhielten uns eine Weile. Er sagte mir, der Bischof habe ihn hieher gesandt, um zu sehen, ob sich etwas für diese Leute thun lasse, aber die Aussichten seien sehr schlecht, hier sei Alles Verfall. Und doch sei die Gegend gesund, schön und fruchtbar, wenn ich mich ansiedeln wolle, so könne ich keinen geeigneteren Punct finden. Ich dankte dem würdigen Pfarrer für seine Freundlichkeit und ritt (Fortsetzung folgt.) 14 '''NA Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (Armanis.) (Schluß.) Schlaget auf das Buch der Geschichte, schreibt Cretineau-Joly in der zweiten Ausgabe seines Werkes: „Die römische Kirche Angesichts der Revolution", durchgehet die Regierung eines Feindes der Kirche, eines Usurpators ihres Pa- trimoniums, und sei er auch deutscher Kaiser wie Heinrich t V. oder Friedrich II-, unausweichlich bietet sich euch eines jener Trauerspiele dar, welche die Einbildungskraft erschrecken. Der Fürst ist mit dem Anathem belegt und ein Verächter Gottes, in einer Reihe von Missethaten führt er zu gleicher Zeit einen vater- mörderischen Krieg wider seine empörten Söhne und wider den heil. Stuhl. Allenthalben trifft man auf schreckliche Todfälle, Verschwörungen ohne Ende, gottlose Kämpfe, wüthenden Haß und Rachsucht, welche in Mitte des Christenthums an das Schicksal der unglücklichen Atriden zu denken zwingen. Von einer Verwegenheit zur andern fortschreitend, sieht dieser große Stamm der Hohen- staufen das Haupt Konradins, seines letzten Sprößlings, auf dem Blutgerüste rollen, und das „äolietü majorum iminkritu>; lues" findet in seinem vergossenen Blute eine schauerliche Anwendung. Otto I-, genannt der Große, vertrieb Johann XII. aus Rom, der ihm doch kurz zuvor das kaiserliche Diadem aufgesetzt hatte, und Otto starb bald darauf am Schlagflusse. Otto IV. von Sachsen wurde 1209 vom Papste excommunicirt, weil er sich wider die heiligsten Vorschriften der Gerechtigkeit und auch wider seine feierlichsten Versprechungen der Ländereien des heil. Stuhles bemächtiget hatte. Und Gott der Allmächtige bestätigte den Bannfluch, Otto bekam Frankreich und ganz Deutschland gegen sich, und verlor zuletzt den eigenen Thron, während er darnach strebte, den eines Andern zu besteigen. — Friedrich der Rothbart beanspruchte die Oberherrlichkeit über Rom und ganz Italien, und wurde vom Papste Alexander lll. in den Bann gethan. Von dieser Zeit an nahmen die Angelegenheiten Friedrichs eine so üble Wendung, und er wurde, wie ein Schriftsteller sagt, vom höchsten Richter dermaßen gezüchtiget, daß er endlich gezwungen war, sich zu demüthigen, und durch Gesandte von dem Papste die Lossprechung zu erbitten. (Baronius, d. I. 1176. Fleury, Kirchengerichte, 73. Buch.) Kaiser Heinrich V., Verfolger des Papstes Pascal II., mußte Alles leiden, was ein Mann und ein Fürst leiden kann. Sein ungerathener Sohn starb nach einer sehr unruhigen Regierung an der Pest. Friedrich II., der die Päpste verhöhnte und deren Städte in Besitz nahm, endete nach seiner Absetzung vom Kaiserthum durch Gift, das ihm sein eigener Sohn reichte. Philipp der Schöne, der Verfolger des Papstes Bonifaz VIII., starb an einem Sturze vom Pferde im Alter von 47 Jahren. Wenn die Vorsehung, fährt Cretineau-Jolh fort, den Schuldigen nur mittelbar bestraft, wie Lndwig den Bayer oder Philipp IV. von Frankreich, so straft sie mit solchen Töchtern, welche unter dem Namen Jsabella als Königinnen zu Paris oder in London den Staat zu Grunde richten und den Thron schänden. Dieser Fluch, der in allen Jahrhunderten sich findet, schont weder die Siegreichen, .noch selbst die Reuigen. Sie haben sich an dem Gesalbten des Herrn vergriffen! Die Geschichte des Hauses Savoyen erzählt glücklicher Weise nicht viele Beispiele von Attentaten gegen den heil. Stuhl. Diejenigen aber, welche vielfältig Victor Amadeus tl. und dessen Widersetzlichkeiten gegen den Papst anführen, mögen nickt vergessen, wie unglücklich er geendet, und wie bald darauf sein ganzer Stamm erloschen! — Ludwig XIV. versündigte sich eben nicht durch allzu demüthige Unterwürfigkeit gegen den heil. Stuhl, und als seine Tage aus die Neige gingen, schrieb er Vorsichtshalber um seines Scelenheiles willen den famosen Brief an Clemens XI., der seinen Widerruf enthielt. Napoleon I. konnte wohl das Original, aber nicht die Copien davon verbrennen. Indessen, was Ludwig XIV. verschuldet, wie mußte Ludwig XVI. es büßen! —> Napoleon I., der Pius VII. fünf Jahre hindurch gefangen hielt, sah sich gezwungen, im nämlichen Palaste zu Fontainebleau der Krone zu entsagen, in welchem er dem Statthalter Christi seine Gesetze dictirte, und nach fünfjähriger Verbannung starb er verlassen auf St. Helena. Joachim Murat, welcher in das Patrimonium des heil Petrus einfiel, und sich zum Herrn von ganz Italien machen wollte, wurde nach drei Monaten zu Pizzo erschossen. Napoleon II., von seinem Vater König von Rom genannt, führte keineswegs ein glückliches Leben, und starb im blühendsten Alter in jenem Palast zu Wien, in welchem sein Vater das unselige Decret, das den Papst der zeitlichen Herrschaft beraubte, unterzeichnete. So erging es den Verfolgern in früheren Zeiten, und so wird es Denjenigen ergehen, die ihre gottesräuberischcn Hände gegen den heil. Vater erheben, sein Herz betrüben, und seine Rechte mit Fußen treten. Eine exemplarische Mutter. Vor nicht langer Zeit ließ sich in Valenee in Frankreich eine arme deutsche Arbeiterfamilie nieder. Sie stammte aus der oberen Moselgegcnd, von wo sie schon seit 5 Jahren aus Mangel von Arbeit und Verdienst ausgewandert war, um in den benachbarten französischen Provinzen beides zu suchen. Als sie zu den Thoren von Valence einzog, litt der Mann, Nikolaus Hübschgen, bereits an einer auszehrenden Krankheit, die ihn für jede Arbeit untauglich machte. In einer elenden Wohnung am äußersten Ende einer jener schaurigen Gassen, die in keiner größern Stadt fehlen, fand diese Familie, die außer dem kranken Manne noch aus fünf Köpfen, darunter vier Kinder, wovon das jüngste kaum zwei Jahre zählte, bestand, ein höchst armseliges, dürftiges Unterkommen. Die einzige Stütze dieses wandernden Elendes war ein dem Anschein nach junger blasser Mensch von zwciundzwanzig Jahren, den man Michael nannte, der den Vater verpflegte und für die Kinder sorgte. Die Kinder nannte er seine Geschwister, wie er denn auch den kranken Mann als seinen Vater behandelte. Während der letztere nun zu Hause verweilte und auf die Kinder Acht hatte, ging Michael zu den Bauhandwerkern in Tagelohn, machte den Handlanger bei den Maurern, oder arbeitete an der Eisenbahn mit Hacke und Schaufel, wie er es schon seit 5 Jahren gewohnt war. Der Michael hatte dabei sein eigenes Wesen. Früh Morgens, noch bevor das Tagwerk begann, eilte er zur Kirche, um beim heiligen Meßopfer sich Trost und Stärkung zu harter Arbeit zu holen; bei der Arbeit selbst war er still und eingezogen, hielt sich von allen Kameraden ferne, verzehrte unnöthig keinen Pfennig, ließ sich nicht einmal auf ein Geplauder ein, sondern schaffte so fleißig und ordentlich, daß man ihm endlich noch täglich zwei Silbergroschen zu seinem bedungenen Lohne zusetzte. Vielleicht wußte 150 man auch, mit welch' treuer Liebe Michael für die zahlreiche, blutarme Familie daheim sorgte. War nämlich das Tagewerk gethan, dann eilte Michael heim, richtete und schaffte in dem kleinen Haushalte, pflegte den immer kränker werdenden Vater und besorgte die Kinder mit einer so rührenden Sorgfalt, daß dieses selbst den übrigen Bewohnern des Hauses auffiel. Besonders trug er gerne das Jüngste herum, das in arbeitslosen Stunden fast nicht von seinen Armen kam. Nun brach die Winterszeit herein. Es war ein besonders strenger Winter, so daß arme Leute sich kaum der Kälte zu erwehren wußten. Damit war die Arbeit bei den Eisenbahnen und Bauwerken in's Stocken gerathen; und war es bisher unserem Michael schon schwer geworden, der zahlreichen Familie von dem noch immerhin kargen Tagelohn das Allernothwcndigste zu beschaffen, so fing die rechte Noth nun erst an, da alle Lebensmittel im Preise stiegen, die Feuerung da sein mußte und sich kaum hie und da eine Gelegenheit fand, einen Franken zu verdienen. Bald fehlte es in dem Haushalte Michaels an Allem, was des Lebens dringendste Noth erheischt. Dazu legte sich nun der Hausvater aufs Krankenlager, das ihm zum Sterbebette werden sollte, und Gott allein weiß, was die arme, deutsche Familie ausgestanden hat in jenen Tagen der Bedrängniß an einem Orte, wo kein Mensch an sie.dachte. Da war es allerdings nicht anders möglich, als daß Michael sich nach fremder Hilfe umsehen mußte, und so besuchten dann die Mitglieder des Vereines vom heiligen Dincenz von Paula die arme Familie und brachten dieß und das zur Linderung des ärgsten Elendes, während noch hinreichend übrig blieb, um den frommen Glauben an Gottes allwaltende Vaterliebe auf harte Proben zu stellen. Doch wie jammervoll es auch in der elenden Kammer aussah, Vater Nikolaus hielt treu aus seinen Gott und dem Michael sank der Muth nicht, wie tief auch Kummer uud Elend anf seinem blaffen Gesichte sich eingruben. — Um Weihnachten gings mit Vater Nikolaus zum Sterben. Michael war und blieb der treue Pfleger, der mit der rührendsten Sorgfalt, wie es sonst kein Mensch ihm nachzumachen verstanden, den sterbenden Vater Pflegte und sich den letzten Bissen vom Munde abbrach, um den Hunger der Kinder zu stillen. Endlich erlöste der liebe Gott am 31. December den kranken Vater von seinen Leiden. Mit den heiligen Sacramenten gestärkt, ist er als ein blutarmer Mann, aber als ein guter Christ gestorben. Michael und die Kinder weinten bei seiner Leiche. Noch an demselben Tage wurde Michael mit den nunmehrigen Waisen — die Frau des Verstorbenen sollte vor zwei Jahren gestorben sein, — auf das Bürgermeisteramt beschieden, um den Todesfall des Vaters anzugeben und die Kinder in die Waisenlisten eintragen zu lassen. Hier sollte er von seiner vorgeblich verstorbenen Mutter Vor- und Zunamen angeben, wann und wo sie gestorben, wie auch den betreffenden Todtenschein beibringen. — Michael gerieth in bange Verwirrung und wollte mit der Antwort nicht heraus. „Darüber", sagte er endlich, „kann ich keine Erklärung abgeben." Das aber galt vor dem Amte nicht und man drängte ihn, die nöthige Auskunft zu ertheilen. Endlich sagte er stotternd: „Ich kann und darf keine Lüge sagen. Ich selbst bin die Frau des Verstorbenen, Susanne Arzt, und die Mutter dieser Kinder. Die armen Kinder, die nun erst merkten, um was es sich handle, schrieen nun auch dazwischen: „Ja, ja, es ist unsere gute Mutter! indem sie sich um dieselbe drängten. Das arme Weib zog sie innig an sich, während ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Die Beamten standen erstaunt und ergriffssn bei dem seltsamen Auftritt und trauten kaum ihren Augen und Ohren. Aber es war wirklich so, wie die männlich gekleidete Fran gesagt. Bereits vor 5 Jahren hatte sie, da damals schon der Mann zu kränkeln begann, ihre Haare abgeschniten, männliche Kleider an- 151 gezogen und war statt des Mannes an die harte Arbeit gegangen. Durch ihr Herumwandern war ihr diese List möglich geworden, ohne auch nur Verdacht gegen sich zu erregen. So hatte die heldeumüthige Mutter Jahr aus Jahr ein das Brod für die Familie herbeigeschafft, bis in Valence die ärgste Noth über sie hereinbrach und des Mannes Tod sie zur Entdeckung zwang. Auf ihrem Betragen ruhte kein Mackel. Auch in der rauhen Umgebung und unter dem Arbeiter-Kittel hatte sie des Weibes christliche Würde bewahrt. Die Kunde von dieser Entdeckung verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt und gar viele Leute, die das Große um so mehr bewundern, als sie weniger im Stande sind, es nachzumachen, eilten nach der Wohnung des verstorbenen Hübschgens, um die herrliche Mutter zu sehen, die mit solch heldenmütiger Hingebung für ihre Familie gearbeitet, gekämpft und gelitten. Man fand eine erschreckliche Armuth. Da war kein Tisch, kein Stuhl — die armen Kinder saßen auf kleinen Holzstückcn, — kein Bett und Geräthe. — Die Leiche lag noch da auf dem letzten Rest von Stroh und alten Kleidungsstücken, worauf der arme Mann seinen Geist aufgegeben. Aber bei dem Kommen und Zusehen blieb es natürlich nicht. Man brachte Speise und Trank, Mobilien und Kleider, Bett und Geräthe und was sonst zu des Lebens Nothdurft gehört. Man rechnete es sich zur Ehre an, hier Hilfleistung zu bringen. Selbst der todte Mann gelangte noch zu einem recht anständigen Begräbnisse. Als man der armen Frau neue Frauenkleider brachte, äußerte sie nur die eine Furcht, in den langen Gewändern ihrer gewohnten Arbeit nicht nachgehen zu können. Und wie sollte sie sonst ihre Kleinen ernähren? Mit diesem letzten hatte es indeß keine Noth mehr, die Gaben flössen so reichlich, daß die gute Wittwe sich bereits in einigem Wohlstände befindet und zu Hacke und Schaufel ihre Zuflucht nicht mehr zu nehmen braucht. Sie selbst kann nur nicht begreifen, was die Leute Großes darin finden, daß eine Mutter sich für Mann und Kinder aufopfert. Das, meint die fromme Frau, verstehe sich ja von selbst. Deßhalb hat sie auch bisher in ihrem Leben nichts geändert, bleibt eingezogen, fromm und bescheiden und verdient dadurch die gerechte Bewunderung aller braven Leute noch mehr, als durch die frühere harte Arbeit. Der Präfect des Drome-Departements, in welchem Valence liegt, hat die edle und die hochherzige Handlungsweise der Wittwe Hübschgen nach Paris an den Kaiser berichtet. Die Kaiserin hat durch ihren Secretär der braven Frau ein einiges Schreiben zugeschickt, das folgendermaßen lautet: „Madame! Die Kaiserin hat die Schilderung der frommen List, zu der Sie Ihre Zuflucht genommen, um Ihren kranken Mann und Ihre Kinder zu ernähren, mit besonderer Theilnahme gelesen. Durch diese Schilderung tief gerührt, kam der Kaiserin sogleich der Gedanke, sich Ihnen hilfreich anzubieten und die Versorgung zweier Ihrer Kinder zu übernehmen und sie hat mir besohlen, mich zu dem Zwecke mit dem Herrn Präfecten des Drome-Departements zu verständigen. Die Kaiserin weiß wohl, daß es Tugenden gibt, für welche die Großen dieser Erde keine Belohnung haben; allein Sie möchte Ihnen doch auch ein Zeugniß davon geben, welche Gefühle Ihr Thun in Ihrem Herzen rege gemacht; sie will Sie überzeugen davon, Madame, daß die sich aufopfernde Gattin und entschlossene Familienmutter ihren höchst persönlichen Beifall erworben hat. Ich bitte Sie, Madame, empfangen Sie die Versicherung meiner ehrfurchtsvollsten Huldigung. — Palast der Tuilerien, den 18. Jänner 1854. Der Secretär der geheimen Angelegenheiten." So schlägt oft unter der ärmsten Hülle das größte Herz! So lohnt Gott oft in diesem Leben wahre Tugend — doch nicht immer hier, jenseits aber gewiß noch reichlicher! Warme Herzen unter einem groben Rock. In einer Stadt eilte ein armer Handwerksgeselle schnell znm Thore hinaus, weil man schon die Sperre läutete. Unter WegS begegnete ihm ein Greis, welcher ebenfalls, um einen Kreuzer zu ersparen, eiligst aus der Stadt gehen wollte. Allein er war zu schwach, er konnte nicht fortkommen, obwohl er um eines Kreuzers wegen seine letzte Kraft anstrengte. „Guter Alter!" sagte der junge Handwerksbursche, welcher die Anstrengung des alten Mannes sah, „ich will euch gerne helfen; gebt mir euer« Arm. Der Jüngling führte den Greis; allein sie hatten doch zu lange gezögert. DaS Thor war schon gesperrt. Der Greis fing bitterlich zu weinen an. „Guter Bursche", sagte er, „ich habe mir heute den ganzen Tag nicht mehr als zwei Kreuzer erbettelt, und nun ist die Hälfte dahin." „Sorge doch nicht, alter Vater, erwiderte der HandwerkSburscke; ich habe sechs Kreuzer, bin noch jung und werde bald Arbeit bekommen; da hast du all' mein Geld. Laß dir eine Maß Bier holen und thue dir etwas GuteS; ich kann wohl ein paar Tage hinbringen. Hierauf zahlte er den Sperrkreuzer und sie gingen znm Thore hinaus. AIS sie vor das Thor kamen, zankten sie sich immer. Der Alte wollte daS Geld nicht nehmen, sich nicht satt essen und jenen hungern lassen. Zu diesem edlen Streit kam ein Grenadier, der auf der Wache war uud ihnen schon eine Weile zugehört hatte. „Ha, Brüder!" rief er, „was seid ihr ehrliche KerlS!" und eine Thräne fiel ihm auf seinen Schnurbart. „Ich will den Ausschlag geben. Hier hab' ich mir einen Zwanziger erspart nnd wollte am Sonntag mit meinem Mädchen zum Biere gehen; aber hol der T_ das Bier nnd den Tanz, wenn ihr Noth leiden solltet. Da habt ihr den Zwanziger; nur macht mir nicht viel Flausen." Der Greis uud der HandwerkSbnrsche standen wie versteinert über diesen SchiedSmanu und ein Dank vom Herzensgründe war alles, was sie ihm antworten konnten; der Grenadier aber eilte nach der Wachtstube und trillerte sich eiu Lied vor mit vergnügter Seele. _ Eine kaiserliche That. Ein Jnde, der als Soldat im österreichischen Heere diente, sich bei Montebello ausgezeichnet und die große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, wurde bei Magenta gefangen; doch gelang es ihm, auf die abenteuerlichste Weise zu entkommen und er traf gerade recht bei -seinem Corps ein, um die Schlacht von Solferino mitzumachen, wobei er sich abermals dermaßen auszeichnete, daß er die goldene Tapferkeitsmedaille erhielt. In dieser Schlacht wurde er jedoch schwer verwundet und ver- ließ in der Folge den Militärdienst. Dieser Mann fand sich vorige Woche iu der Audienz bei Sr. Majestät ein und stellte in derselben die Bitte, Se. Majestät möge geruhen, ihm eine Anstellung zu verleihen. Er trug bei der Audienz einen ziemlich fadenscheinigen Rock, an welchem die beiden Medaillen, jedoch ohne Bänder geheftet waren. Nachdem der Bittsteller sein Gefach vorgetragen hatte, fragte der Kaiser: „Warum tragen Sie die Medaillen ohne Band?" Der Mann erwiderte, eS fehle ihm daS Geld, nm Bänder zu kaufen. „Geben Sie die Medaillen her!" sagte der Kaiser in dem kurzen Ton des Kommandos. Der Mann erblaßte nnd legte schweigend die Medaillen in die Hände des Monarchen, worauf der Kaiser, sagte: „Morgen verfügen sie sich zu meinem Generaladjntauten, wo sie daS Nähere erfahren werden." — TagS darauf begab sich der Mann in die Burg; der Generaladjutaut empfing ihn sehr freundlich, ging iu ein Nebenzimmer und brachte aus demselben einen OfficierSwaffenrock, auf welchen die beiden Medaillen nnd der Orden der eisernen Krone geheftet waren, und übergab ihm denselben mit den Worten: „Se. Majestät ernennt Sie hiemit znm Lieutenant und sendet Ihnen hier die Medaillen mit Bändern versehen, nebst 400 st. zu ihrer Eqnipirnng." Ncdacüvn und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Älcinlc. AiigMgcr AmtkgsM. S«. 13. Mai 1860. DaS AugSburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zwei Bruder. 6. In einer großen Stadt Deutschlands lebten zwei Bruder, welche ein sehr geringes väterliches Erbtheil erhalten. Der Eine hatte sich der Schriftstellern gewidmet und erwarb durch die Abfassung von Romanen, Schauspielen und ähnlichen Schriften nicht nur den Beifall des gebilvet sein wollenden Pub- lieums, sondern auch ein reichliches Einkommen für sich und die Seinen. Er verband mit ausgezeichneten Anlagen zu seinem Berufe nicht nur hervorragende Kenntnisse und gründliches Wissen, sondern auch in seinem Privatumgange feine Sitten und ein wahrhaft liebenswürdiges Benehmen, so daß er in gleichem Ansehen bei der gelehrten Welt, wie in den vornehmsten Zirkeln stand. Bei all' diesen glänzenden Eigenschaften beseelte ihn das aufrichtigste Streben nach dem, was er für's Beste seiner Familie hielt. Seine Gattin nahm an seinen Vergnügungen, seinem Ruhme Theil. Antonien, seiner einzigen Tochter, einem hoffnungsvollen Mädchen von siebzehn Jahren, sollte ein nach des Vaters Meinung glänzendes Loos beschieden werden. Darum durchwachte Aerr Ellen — so wollen wir den Schriftsteller nennen — nicht selten halbe Nächte bei anstrengenden Kopfarbeiten, um seinem lieben Kinde Nichts versagen zu müssen, was, wie er glaubte, die Bildung des Geistes, den Genuß des Lebens erhöhte. Antonie war belesen in den gefeiertsten Schriftstellern des In- unv des Auslandes, ja zur Freude ihrer Eltern berechtigten ihre eigenen Versuche im Gebiete der Poesie zu den schönsten Hoffnungen. Durch den seelenvollen Vertrag, welcher ihrem Gesänge, ihrem Klavierspiele innewohnte, riß sie ihre Zuhörer zur Bewunderung hin, und ward auf diese Weise nicht selten die Königin eines geselligen Festes. Auch in der Malerei, in kunstvollen weiblichen Arbeiten war sie nicht ungeübt, und eine große Fertigkeit in der französischen, wie englischen Sprache war der Schlußstein ihrer modernen Bildung. Alle diese Künste und Wissenschaften trieb Antonie mit großem Eifer und ausdauerndem Fleiße; allein die größte Vorliebe hegte sie doch für die Literatur nach ihrem Geschmacke: Romane, Schauspiele und verwandte Dichtungen, welche ihren Sinnen schmeichelten und ihre Einbildungskraft aufregten. Alle Zeit, welche sie ihren andern Beschäftigungen, ihren geselligen Vergnügungen entziehen konnte, wurde dem Lesen solcher Bücher geweiht, und da das Mädchen, wie dies bei Menschen von seltenen Naturanlagen häufig der Fall ist, äußerst reizbare Nerven besaß, so mußte die Befriedigung dieser ihrer Lieblingsneigung schon ihrer körperlichen Entwicklung schädlich sein. Ihre thörichten Eltern hätten dies wohl einsehen sollen; allein Antonie war ja im Wachsen, und so mußten sich alle krankhaften Erscheinungen an ihr mit dem Eintritte der reifern Jahre verlieren. Unersetzbar jedoch war der Verlust an geistiger Bildung, welche Antonie aus solchen Büchern schöpfte, unverzeihlich war es, einer Tochter, die ihren Eltern große Freude bereitete, ein so schuldloses Vergnügen zu nehmen. Von einem sittlichen Verderben konnte ohnedies keine Rede sein, denn Antonie wax nach der Meinung ihrer verblendeten 156 mehr ausschließlich Röberts und Justinens Kind, auch ir^ Oheim und Tante verehrte sie von jetzt Vater und Mutter an Antoniens Stelle. In ihrer glücklichen Verbindung mit Richard schenkte ihr Gott zwei hoffnungsvolle Kinder, die Franz wie seine Enkel liebte, aber nicht, wie einst seine Tochter verzärtelte. Möchte die in diesen Zeilen liegende Wahrheit jeder Vater, jede Mutter beherzigen! Die romanlesende Jugend fehlt oft nur aus Unverstand; jene Ael- tern aber, welche derlei Vergnügungen gestatten, sündigen stets mit vollem Verstände. Missionsleben in Texas. (Fortsetzung.) Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserem Missionär zurück. Von Sän Antonio gelangte er bald nach dem nicht sehr entlegenen Orte seiner Bestimmung, Castroville. Aber was für ein seltsamer Empfang harret seiner! „Bei meiner Ankunft zu Castroville", erzählt er, „begab ich mich gleich nach dem Hause des Missionärs, um mich darin einzurichten. Wie groß war mein Erstaunen, als ich es bewohnt fand. Eine Familie hatte es in Besitz genommen und lebte darin, als wenn es ihr eigen wäre. Ein leer stehendes Haus ist leicht zu nehmen. Indessen wurde ich sehr anständig aufgenommen, das muß ich bekennen: es wurde mir ein Bett zurecht gemacht, man machte den Wirth in einem Hause, welches man sich angeeignet hatte. Bei diesen unerwarteten Freunden schlief ich so gut, daß ich mich später erhob als die Sonne, ich kleidete mich in aller Eile an, und las schnell die heilige Messe in der erbärmlichen Hütte, welche den Namen einer Kirche führte. Niemand wohnte ihr bei; meine Ankunft war nicht bekannt geworden. Nach dieser einsamen Handlung untersuchte ich das Haus. Der AbbS Dubuis hatte es in Gemeinschaft mit dem verstorbenen Pater Chapelle, seinem Gefährten, erbaut. Es war aus Holz, Stein und Backstein; die Winkel hatten sich stellenweise auseinander gegeben, und eröffneten den Eidechsen und Schlangen in Begleitung von Ratten, Ameisen und Skorpionen einen vielbenutzten Durchgang. Dieses Besitzthum bestand aus zwei, durch einen Gang und einen Speicher getrennten Zimmern; davor lag ein Gemüsegarten und ein Hühnerhof, zur Seite zwei Hütten, von denen die eine nach Belieben ein Pserdeställ, ein Vorrathshaus und ein Hühnerhaus, manchmal auch alles zusammen war, während die andere, aus Baumästen errichtet und mit einem Strohdache versehen, die Kirche und die Schule enthielt. Diese Kirche bestand, wie schon gesagt, aus einer Hütte von Holz und Erde; kaum ein paar Familien hatten darin Platz, und die meisten Gläubigen mußten dem Gottesdienst vor der Kirche beiwohnen. Wir liehen von einem Ansiedler ein Glöckchen; es war ein Schweizer, welcher dasselbe nach dem Gebrauche seines Landes einer Kuh an den Hals gehängt hatte. Auf dem Dache der Kirche wurden vier Bretter zusammengelegt, welche den Thurm vorstellten. So klein auch die Glocke war, so wurde boch ihr Geläute, weil die Luft sehr rein ist, von der ganzen Stadt und sogar auf der Ebene und auf den Bergen, zumal des Abends und des Morgens, gehört. Uebrigens trug der Eifer des Abbe Dubuis seine Früchte. Die Bewohner fingen an, den Sonntag heilig zu halten, und gaben die Gewohnheit auf, an diesem Tag zu arbeiten, um sich am folgenden beim Saufen und Schwelgen auszuruhen. Einige Warnungen der Vorsehung hatten den Predigten des guten Missionärs Nachdruck gegeben; mehrere Colonisten, welche am Sonntage arbeiteten, hatten Unglücksfälle erlitten und die Bevölkerung begriff, daß es an diesem Tag sicherer wäre, wenn man in die Kirche ginge. Das Osterfest 18-19 war für uns wahrhaft tröstlich; fast alle 157 Katholiken in Castroville gingen zur heiligen Communion. Vor und nach dem Gottesdienst kamen Viele zu uns und fragten uns um Rath in Betreff der Verwaltung und Verbesserung ihrer Farmen; dem Abbe Dubuis legten sie ihre Streitigkeiten vor. Sie erblickten in dem Missionär nicht bloß einen Mann, welcher unterweist, ermuntert und tröstet, sondern auch einen praktischen Mann, welcher tausend Mittel kennt, um die materielle Noth zu überwinden, den Boden fruchtbar zu machen, kurz einen Familienvater, welcher für das geistige und leibliche Glück seiner Kinder sorgt, welcher sich um ihretwillen vergißt, um ihretwillen sich so vielen Anstrengungen und Entbehrungen unterzieht. Auch war uns unsere Arbeit lieb und unsere Heerde theuer; wir genossen froh, was wir Gutes thaten. Die Frömmigkeit unserer Ansiedler, die Armuth unserer kleinen Kirche, die Einfachheit unserer gottesdieustlichen Handlungen machten mir oft das Herz weich und entlockten mir Thränen, während ich unsere einzige Monstranz in den Händen hielt. In den schönen Kirchen Europas ist der Gottesdienst voll Glanz: Gold, Crpstalle, Lichter blenden die Augen, Alles richtet sich an die Phantasie; hier dagegen spricht Alles zum Herzen und zieht es gerührt und liebeerfüllt hin zu den Füßen Gottes. Jeden Sonntag um 10 Uhr wurde eine heilige Messe mit Musik gehalten, denn wir hatten einen Singchor errichtet, welcher gar nicht zu verachten war. Um drei Uhr versammelte sich die Gemeinde, um einen Rosenkranz zu beten; dann sangen wir die Vesper. Am Tage vor Ostern wünschte ich unsere Capelle geschmückt zu sehen und ihr ein festliches Ansehen zu geben; ich borgte alle Shawls, Stoffe und Leuchter in Castroville, und sogar zwei kleine Thüren, um Seitenaltäre zu errichten. Die Mousseline und Shawls verwendete ich zu Behängen. Ich machte aus gedrehtem Holz, welches ich vergoldete, und aus Moos Gefäße; hier that ich Blumen von jeder Größe und Farbe, welche in den Wäldern und auf der Ebene gepflückt waren, hinein. Unsere Colonisten waren ganz in Verwunderung über die große Pracht. Am folgenden Tage wohnten sämmtliche Katholiken aus der Stadt und von den Farmen dem Gottesdienst in tiefer Andacht bei, auf der Erde und im hohen Grase lange Stunden knieend, mit entblößtem Haupt und ohne an die drückende Sonnenhitze zu denken, welche ihnen die Stirne verbrannte. Du armes, vereinsamtes Volk, wie groß, aufrichtig und rührend war deine Andacht! der Allmächtige muß an jenem Tage gütig auf das Stückchen Erde, wo du betetest, herabgeschaut haben. (Schluß folgt.) Der Revivalismns in Gngland. Es ist ein eigenes Ding um den Volksgeist. Weder Kirche, noch Schule, noch Polizei haben vermocht, ihn seiner Geneigtheit zu phantastischen Kundgebun- gebungen zu entwöhnen und die oft excentrischen Ausbrüche desselben zu verhüten. Zwar sehen wir vornehm von der Höhe unseres realistischen Standpunctes auf das Mittelalter herab, in welchem dergleichen allerdings häufig genug in die Erscheinung traten, man denke nur an die Geißlerfahrten, an den Hexenglauben mit seinen Teufeln und Dämonen, an die Kinderkreuzfahrten u. s. w., aber ist es denn unserem aufgeklärten und so ganz und gar materialistischen Zeitalter, dem Zeitalter der Intelligenz, gelungen, jenen wunderlichen Geist zu bannen? Freilich haben sich Gendarmen und Schulmeister redlich bemüht, dem Volke seine von den Vätern überkommenen oft schönen und sinnigen Gebräuche und Sitten zu nehmen, und leider ist es ihnen oft nur zu gut gelungen, ihm dieselben als abergläubische Ueberreste einer dunkeln Vorzeit, die sich für unsere auf- 158 geklärte Zeit nicht mehr schicken wollen, zu verleiden, ohne in ihrer Kasernen- dressur einen genügenden Ersatz bieten zu können. Und so ist denn ein nüchternes, aller Poesie daares Geschlecht herangewachsen, ohne dessen Dasein der Cultus der Materie nicht hätte ein so allgewaltiger und alleinseligmachender werden können, als jetzt leider der Fall ist. Den finstern Geist des Aberglaubens aber haben sie nicht zu bannen vermocht. Er ist, kümmerlich verdeckt durch den Firniß der Cultur, zurückgeblieben in all' seiner Kraft und Macht, um bei jeder Gelegenheit die ihm widerwärtige Hülle zu sprengen. Wir dürfen uns nicht aushalten bei den Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen des vorigen Jahrhunderts, die Gegenwart gibt uns hinlänglich Stoff zu ernster Betrachtung. Thierischer Magnetismus, Somnambulismus und Hellseherei haben ungescheut ihr Wesen bis aus die letzten Tage treiben dürfen. Vornehmer und geringer, reicher und armer, gebildeter und ungebildeter Pöbel ist gläubig und schaaren- weise in die Behausung von Betrügern und Betrügerinnen gewallfahrtet, um angebliche Wundererscheinungen und das „Hereinragen der Geisterwelt" in die Gegenwart mit leiblichen Augen zu schauen; Tischrückerei und Geisterklopferei haben ihren Umzug durch die Welt gehalten und schon berichten die Zeitungen wieder von einer neuen derartigen Erscheinung in dem aufgeklärten England, die, weil solche moralische Epidemien ansteckend sind, vielleicht auch noch bei uns wird beobachtet werden können. Es ist dies der sogenannte Revivalismus. (Wiederaufleben des Geistes.) „Der heilige Geist", erzählte emphatisch ein hiesiger, eben von dort zurückgekehrter Bibel-Gesellschasts-Missionär dem Referenten, „der heilige Geist hat sich über England ergossen, die Kirchen vermögen die Menge der zu ihnen wallenden frommen Beter nicht zu fassen, die Täuzsäle werden in Bethäuser verwandelt, die Schenken geschlossen u. s. w." Also England ist wieder auf dem Wege das zu werden, was es einst gewesen, „die Insel der Heiligen." Nun wir wünschen es lebhaft und bitten zu Gott, daß dem so werden möchte. Einstweilen aber wollen wir uns Nachrichten darüber verschaffen, welche Bewandtniß es mit der verkündeten Ausgießung des heiligen Geistes über jenes Land habe. Und da kommt uns der Bericht eines Arztes aus London in einer medicinischen Zeitung wie erwünscht, so daß wir denselben hier auszugsweise mittheilen wollen. „Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß die englischen Revivalisten es nicht ganz so toll treiben, wie es vor einer Reihe von Jahren in Amerika geschah, wo ein fanatischer Prediger in den Hinterwäldern Männer und Weiber, die sich in seinem Lager versammelten, zu Hunderten mit eigner Faust niederschlug und dann einen Triumphgesang anstimmte, daß er so und so viele Seelen aus den Klauen des Satans gerettet habe. Hier haben wir nur große Zusammenkünfte von reumüthigen Sündern, entweder im freien Felde, oder in Kirchen, oder aus offenen Plätzen, oder in Privathäusern, unter welchen fanatische Prediger ihr Möglichstes aufbieten, um hysterische Paroxismen herbeizuführen. Sie halten keine eigentlichen Predigten, sondern schreien in Einem fort in außerordentlich schrillen Tönen von Hölle, Verdammniß, Gnade, und wenn dies eine Zeitlang gedauert hat, offenbaren sich auch allmälig die Wirkungen in der Zuhörerschaft. Dieselben sind sehr verschieden je nach der Individualität; meistentheils sind es unverheiratete Frauenzimmer, welche am ärgsten befallen werden, aber auch Kinder und „weibische Männer" werden häufig afficirt. Während der Geistliche noch im höchsten Discant Gott anfleht, sofort auf die Erde hinabzusteigen und alle Unbekehrten zu Boden zu schmettern, entsteht ein wahrer Sturm von Schreien, Grunzen, Stöhnen, Heulen und Brüllen — kurz eine Scene, wie sie in einem Irrenhause schwerlich geduldet werden würde. Einige schreien stundenlang Nichts als Hölle! Hölle! Andere stoßen blos tiefe Seufzer aus, Manche rufen: Herr Jesus habe Erbarmen mit meiner armen Seele! Dabei zittert der ganze Kör- per wie Espenlaub, die Befallenen fühlen eine unerträgliche Last auf ihrer Brust, ein Gefühl von Erstickung ergreift sie, sie schlagen mit Händen und Füßen um sich, erholen sich dann nach einer gewissen Zeit und erklären nun, daß sie Gnade gefunden haben. Andere fallen gleich auf die Erde wie vom Schlage gerührt, ohne ein Wort zu sagen; Manche reißen sich die Haare aus; Andere sitzen stundenlang im Gebete da, oder citiren in einem eigenthümlich nasalen Tone die hl. Schrift, lesen ihren Namen „im Lebensbuche des Lammes" und haben Offenbarungen dutzendweise. Eine junge Frau schrie einmal ernstlich um Gnade, als plötzlich ein Junge einen Lichtstrahl am Fenster sah und ausrief: Nun wird sie Frieden bekommen, ich sehe das Licht! die übrigen Anwesenden singen den Ruf auf und wiederholten ihn, und obwohl die Laterne, welche den plötzlichen Lichtstrahl veranlaßt hatte, bald deutlich sichtbar wurde, indem ihr Träger an's Fenster trat, so blieben doch die Revivalisten einmüthig dabei, daß sie ein übernatürliches Zeichen von Gottes gnädiger Aufnahme der Seele dieser Frau gesehen hatten. Einige Leute sind blind und taub und Andere vollständig verrückt geworden; Andere zeigten Blutflecke und Wunden an ihren Händen und Füßen; Manche hatten sogar Zeichen und Symbole Plötzlich auf ihre Brust gedrückt und das Wort „ 61 M 8 U 8 " (unorthographisch für Jesus) durch die Kraft des heiligen Geistes auf die Haut eingegraben; bei genauer Untersuchung dieser Fälle stellte sich heraus, daß Zeichen und Worte, wo sie sich überhaupt vorfanden, auf sehr rohe Weise mit einer Nadel und blauer Farbe eintättowirt worden waren. Auch Wunder sind vorgekommen; einer von den Bekehrten in Mopse in Irland,— so schreibt ein Vater an seinen Sohn — war stumm allezeit bis er zum zweitenmal niedergeworfen wurde, und die Liebe Gottes breitete sich so in seinem Herzen aus, daß er betete, der Herr möge seinen Mund öffnen und seine Zunge loslassen, damit er Andern sagen könne, was Gott für seine Seele gethan habe. Von der Zeit an erhörte ihn Gott und eröffnete seinen Mund, und er kann jetzt so laut sprechen, wie irgend Jemand; bis er niedergeschmettert wurde, hatte Niemand jemals ein Wort von ihm gehört, selbst nicht seine Verwandten, welche sich mit ihm durch Zeichen verständlich zu machen pflegten. (Schluß folgt.) Jugendklänge von Franz von Sales Walk. (Eichstätt, 1860. Eigenthum des Verfassers. Preis 30 kr.) Nicht gar fern sind die Tage, in welchen unter andern traurigen Begebenheiten unser armes Deutschland auch von einer heillosen schwarzen Fluth aus den jugendlichen Federn noch nicht flügge gewordener Gymnasiasten überschwemmt wurde. Seitdem ist in dieser Beziehung eine wohlthuende Ebbe eingetreten, zurückgeblieben aber ist ein gerechtes Vorurtheil. Möge man jedoch eine ehrenvolle Ausnahme gestatten. Eine solche scheint durch vorliegende „Jugendklänge" gerechtfertigt zu sein. Der Verfasser derselben zeichnet sich zwar keineswegs durch die beliebten Gedankenblitze und überraschende Großartigkeit der Ideen aus, allein es liegt in diesen Tönen, abgesehen von der, einige wenige Unebenheiten der Sprache ausgenommen, durchweg tadellosen Form, eine Zartheit und Kindlichkeit des Gefühls, die unmittelbar zum Herzen spricht. Der Inhalt ist vorwiegend religiös und das möchte — leider muß man es sagen — für Manchen Grund genug sein, das Büchlein zu ignoriren. Aber man höre, wie der Verfasser auch solche Stoffe anziehend zu machen weiß. 160 A b e n d b i t t e. Mein Auge! schließe Dich zu. Du, Vater, gieße, Süße Ruh' In seine Gluth. Trübe ist es von Sorgen; Stille bis Morgen, Vater, sie du! Trost. Die Lieben brauchen Hilfe, Die mir sind ferne; Ich kann nicht, und ich hälfe So gerne, gerne. Ich sag's dein Himmel, Der überall ist. Der hilft den Lieben. Frage. um Himmel streben ic Blümlein der Au. Zum Himmel schweben Die Vvglcin in's Blau. Mein Herz, wohin strebst du? Such' hicnicden Nicht den Frieden, In Gott ist deine Ruh'! Ist es nicht erquickend, statt der allzu wohlriechenden Salonsdüfte und der säuselnden „Sommerabendlüfte" ein wenig morgensrische Gottesluft zu athmen? Aber auch auf dem weltlichen, freilich nicht auf dem „sinnlichen" Gebiete der Poesie hat der Verfasser der „Jugendklänge" manches Schöne geliefert. Es sei uns erlaubt, auch hievon ein paar Beispiele anzuführen: Klage um den Freund. Ich wandle in dem Maien, Im weichen Gras ich ruh'! Rings Blümlein blüh'n zu zweien Und rufen da mir zu: Meine! Weine! Ich geh' dahin im Walde, Im Schalten halt ich Rast. Da zwitschern mir alsbaldc Zwei Vöglein von dem Ast: Meine! Meine! Ich nahe mich der Quelle Und schaue sinnend drein. Da lispelt, ach, die Welle Dem Äug' und Ohre mein: Meine! Meine! Besondere Hervorhebung verdienen noch: „Berthold und Hedwig" (S. 9), „Der Maienkönigin" (S. 32), „Sonnenuntergang" (S. 48), „Vaters Fluch" (S. 49), „Die Abendwolken" (S. 67). So schließen wir denn mit dem Wunsche, der geneigte Leser möge sich selbst von der Wahrheit unserer Worte überzeugen, ihm auffallende Mängel aber der Jugend des Verfassers zu Gute halten, dessen schönes Talent zu seiner höheren Entwicklung vor Allem freundlicher Ermuthigung bedarf und derselben jedenfalls nicht unwerth ist. Der Druck (von C. Fr. Meyer in Weissenburg) ist schön und correct; die Ausstattung überaus geschmackvoll. Rath. Laß kriechen And're! Was da kriecht auf Erden, Ach, wie leicht Kann es zertreten werden. Laß fliegen And're! Sieh', aus hohen Lüften Fällt man leicht Zerschmetternd sich in Klüften. Gehe männlich du Deinem Ziele zu. Wahre Nächstenliebe. Das „Echo de la Marne" erzählt folgenden Zug von dem jüngst verstorbenen Bischof von Chalons. Einem armen Familienvater von Chalons, welcher kein Mittel mehr sah, seine Kinder zu ernähren, wurde gerathen, sich an den Bischof zu wenden. Er ging in den bischöflichen Palast, trug dem Bischof seine Lage vor, und dieser behändigte ihm 15 Francs. — Der gewissenhafte Mann nahm das Geschenk nicht an, ohne vorher zu erklären, daß er ein Jude sei. — Der Bischof aber öffnete seine Börse von Neuem und sagte: „Mein Freund, alle Menschen sind Kinder Gottes; ich gab Ihnen 15 Fr. im Namen des Sohnes, hier sind 15 andere Fr. im Namen des Vaters." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Nlcinle. AllgstMgtt AmtljMjt. S1. 20. Mai 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt rur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., woftir es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Mai-Andacht. Es fällt mein Blick am frühen Morgen, Wenn ich von Ruh' gekräftigt bin, Zum Labsal für die neuen Sorgen Auf's Bild der Mutter Gottes hin. Ich muß es lange still beschauen, Dann greis ich erst die Arbeit an, Mit Andacht, Demuth und Vertrauen Hab' ich gar bald ste abgethan. Am späten Abend kehr' ich wieder Zu ihrem lieben Bild zurück, Und lege dankend vor ihm nieder DeS Tagewerkes Leid und Glück. Mein Auge läßt nicht ab zu schauen Nach ihr, der Mutter meines Herrn, Der benedeitesten der Frauen, Der Tage Trost, der Nächte Stern. Die Kirche in Piemont seit 1848. Die „Armonia" hat sich die Mühe genommen, alle gegen die katholische Kirche seit dem Jahre 1847 bis 1857 in Piemont geübten Feindseligkeiten zu registriren. Uin leichter überblicken zu können, wie systematisch die Feinde der Religion zu Werke gehen, wenn sie irgendwo die Oberhand bekommen, wollen wir diese Aufzeichnungen hier in Uebersetzung bringen. — Die piemontesische Freiheit ward geboren im October 1847, und es wurde die Presse frei erklärt, ausgenommen die Hirtenbriefe der Bischöfe, welche zur Revision an die politische Behörde gelangen mußten. Die subalpinischen Bischöfe protestirten, und Msgr. Charvaz, damals Bischof von Pigncrol, verlangte und erhielt seine Entlassung. Im März 1848 wurden die Jesuiten auf die schonungsloseste Weise aus dem Lande geschafft, so daß sogar (Äioberti darob empört die Piemontesen fragte: „Ist dies euer Cdelmuth gegen die geheiligten Rechte des Unglückes?" Am 20. Juni erhob sich in der Kammer ein Sturm gegen den Bischof von Nizza, weil er einem in notorischer Unbußfcrtigkeit Verstorbenen das kirchliche Begräbniß verweigerte. Am 18. Juli verhandelte man über die Aufhebung der Oblaten, man wußte aber nicht, ob jene der sel. Jungfrau oder des heil. Carl. gemeint seien. Am 25. August ward ein Decret ausgefe tigt, laut welchem die Jesuiten und die Frauen vom hh. Herzen Jesu definitiv aus dein Lande verbannt wurden. Am 15. Sept. schrieb der Minister Pinelli einen trotzigen Brief an den Erz- » bischof von Vercelli, undam4. Oct. veröffentlichte Buoneompagni sein Gesetz über den öffentlichen Unterricht, welches später die Bischöfe und der Papst verdammten. Am 23. Oct. protestirt der Bischof von Tortvna gegen Buoncampagni, der sich anmaßte, die geistlichen Directoren in den Collegien zu ernennen. Am 11. November wurden zu Turin scandalöse Komödien aufgeführt, und „il Pirata", das Theaterjournal, beklagte sich, daß die Regierung erlaube, einen Katheder der Prostitution auszurichten. Am 20. Nov. werden die Geistlichen, welche ein Straßenauflauf aus Genua vertrieben, gewarnt, nicht mehr zurückzukehren, weil sie „nicht die Sympathien der Regierung besäßen." Am 8. Decbr. verbietet der Präsident des Universitätsrathes zu Turin durch ein Circulare, die theologischen Thesen, welche zu öffentlichen Disputationen bestimmt sind, den Bischöfen zur Revision einzureichen. Am 25. Dec. befiehlt Ratazzi den Bischöfen, sich den Ansichten der Regierung zu conformiren, wenn sie eine politische Materie behandeln. — Im Jahre 1849. Die ersten Monate zog der Krieg alle Aufmerksamkeit auf sich, die Kirche konnte aufathmen. Allein kaum war der Friede mit Oesterreich geschlossen, begannen wieder die Feindseligkeiten gegen den Katholicismus. Im Juli 1849 protestirten 22 Pfarrer von Genua wider den gottlosen Mißbrauch der Preßfreiheit; am 22. August stürmische Kammersitzung wider den Erzbischof von Turin und den Bischof vonAsti; am 26. Sept. eine insolente Zuschrift des Ministeriums an den heil. Stuhl mit der Drohung, den Ehedispensen im ersten Grade der Affinität das Exequatur zu verweigern. Am 2. Jänner 1850 Sequestrirung der erzbischöflichen Mensa von Cagliari, weil der Erzbischof einer Zehent-Aufhebungs-Commission sich nicht fügen wollte. Im Februar citirt Minister Siccardi den ehrwürdigen Bischof von Saluzzo, um sich wegen eines Fastenpatentes zu verantworten. Am 25. Februar wurde das famose Gesetz Siccardi gegen die geistlichen Immunitäten vor die Kammer gebracht und am 9. April angenommen; am nämlichen Tag verließ der päpstliche Nuntius Turin. Im Mai wurde der Erzbischof von Turin eingekerkert, und einen Monat lang in der Citadelle gefangen gehalten. In demselben Monat Einkerkerung und Perurtheilung des Erzbischvfes v. Sassari. Im Juli zweite Einkerkerung des Erzbischofes von Turin und fruchtlose Haussuchung bei den Oblaten tiolla (^!on- soliita. Am 26. August billigt Graf Cavour im „Nisorgimento" die außerordentlichen Maßregeln gegen den Erzbischof Fransvni von Turin. Im September Perurtheilung, Beraubung und Verbannung des Erzbischofes. Das nämliche Loos trifft den Erzbischof von Sassari. Durch eine „außerordentliche" Verfügung werden auch die Servilen aus Turin vertrieben. Der Fastenprediger von Mon- dovi wird verhaftet, nach 2 Monaten Gefängniß als unschuldig entlassen. Ein anderer Prediger in Cuneo verhaftet, unschuldig erklärt nach 45tägigem Gefängniß. Der berühmte Canonicus Audisio wird aus der kgl. Akademie von Soperga ausgeschlossen. Am 1. November beklagt sich Pius IX. in einer Allocution über Alles, was im Königreich Sardinien gegen die Kirche geschehen ist. Im nämlichen Monat will das Ministerium auf dem Wege der Berufung wegen Mißbrauch gegen den Bischof von Acqui einschreiten, doch widersetzt sich dem der Magistrat von Casale. — Im Jahre 1851 am 15. Jänner sagte der Abgeordnete Brofferio in der Kammer: „Da wir die Oesterreicher nicht überwinden konnten, wollen wir wenigstens die Gesellschft des heil. Paulus unterdrücken." Am 6. März erklärt der Minister des Innern dem Senate, daß zwischen dem heil. Stuhle und der Regierung keine Spaltung bestehe, wurde aber von: „Giornale di Roma" zurechtgewiesen. Am 17. März brachte der Abgeordnete Peyron einen Gesetzentwurf wider die Klostergelübde in der Kammer ein. Am 18. wurde eine Mitra und ein Kelch sequestrirt, welchen die Katholiken vou Genua ihrem Mitbürger, dem Erzbischof von Turin gewidmet hatten. Am 13. Mai erließ der Minister des Unterrichts verschiedene unkirchliche Vorschriften an die Bischöfe rücksichtlich des theologischen Studiums. Am 28. Juni nahm man eine HauS- untersuchung im Franziscanerconvente zu Alghero in Sardinien vor, wogegen der Bischof protestirte. Ueberdics beschwerte man die Kirchengüter mit einer neuen Amortisationssteuer. Am 6. Aug. protestirten die Bischöfe gegen die ungesetzliche und constitutionswidrige Erlaubniß, daß dieWaldenscr ein öffentliches Bethaus in Turin eröffnen dürfen. Am 22. Aug. verdammt Pius IX die auf der Universität von Turin von Professor Nuitz vorgetragenen Lehren. Am 17. November wurde der Regierung eine mit 10,154 Unterschriften, größtentheils von Familienvätern, bedeckte Petition um Zurückberufung des Erzbischofes von Turin überreicht, aber erfolglos. Im December wenden sich die Bischöfe an den König, weil er auf der Universität die Vortrüge von schismatischen, ketzerischen und protestantisirenden Lehren noch immer fortdauern. Eine Regierungscommission untersucht die Verwaltung der Gesellschaft ves heil. Paulus, und findet sie der öffentlichen Belobung würdig. Am 17. Jänner 1852 wurde die benannte Gesellschaft sowohl der Verwaltung als des Besitzes aller ihrer Güter beraubt. Am 12. Juni übergibt Buoncompagni einen Gesetzentwurf über die Civilehe „zur Sicherstellung der Familien!" Im Juli unterwirft der Minister des Innern in einem eigenen Decrete die Pfarrer der besonderen Oberaufsicht der Intendanten, der Finanz- nnd anderer Regierungsbehörden, weil gegen genanntes Gesetz viele Petitionen zur Unterzeichnung im Umlauf waren- Im August erklärt derselbe Minister, es stehe „ausschließlich" der Civilgewalt zu, die Erlaubniß, an Festtagen zu arbeiten, zu ertheilen. Am 12. August wurde der Graf Costa della Torre, Rath des Cassationshofes, wegen Herausgabe eines Buches gegen die Civilehe processirt, zu zwei Monaten Gefängniß und 2000 Lire Strafe verurtheilt, und später seines Postens enthoben. Am 19. Sept. nimmt ein kgl. Decret der Congregation civil» Ali^vi-ivorcii» zu Casale ihre Güter; diese protestirt am 11. October feierlichst gegen solche Ungerechtigkeit. Am nämlichen 19. Sept. schrieb Papst Pius IX. dem König Victor Emanuel einen Brief, und fragt, welches denn die Verbrechen des Klerus seien und welche die Schuldigen? Bis heute sind weder Verbrechen, noch Namen genannt. Am 27. December verhöhnte man in ^>er Deputirtcnkammer die subalpinischen Bischöfe, und nannte sie Barbaren, Ehrsüchtige, Heuchler. Im Jahre 1853. Im Jänner wurden die drei Pfarrer von Roneo, Villareggio nnd S. Giusto in den Kerker geworfen, als der Aufwiegelung und anderer Intriguen schuldig; allein nach einigen Wochen Gefängniß kümmert man sich nicht mehr um sie. Am 10. Jäner ward die Gesellschaft der Schwestern civil» (lmnsm^ionv in Savoyen aufgelöst und beraubt. Im Mai wurde die Anzahl der Kleriker und Novizen, welche Militärbefreiung genießen, verringert. Am 29. Juni beklagt sich Papst Pius IX. gegen die piemon- tesische Regierung, welche seit 3 Jahren unterlassen, die Bedingungen eines Vertrages zwischen Bencdict XIV. und dem König Carl Emanuel III. vom 5. Jän. 1741 zu erfüllen. Am 31. Aug. säcularisirt ein kgl. Decret das königliche apostolische Oeconomat (ein Kirchenfond unter dem Patronate des Königs). Im October wird ein Circulare des Ministers des Innern gegen die Seelsorger publicirt. Am 21. October ein drohendes Circulare an die Oberen der geistl. Orden in Piemont; am 27. ein Circulare der Quästur von Turin gegen die Pfarrer. Am 3. November ein Circulare des Justizministers, um zur Einrichtung der berüchtigten (lass» vveivsianliv» den Weg zu bahnen. Am 13. Decbr. feierliche Eröffnung des waldensischen Tempels in Turin. — (Schluß folgt.) Der RevivalismuS iu England. (Schluß.) Die revivalistische Bewegung ist nicht allein auf den ärmeren Theil der Bevölkerung beschränkt geblieben, obwohl allerdings die meisten Bekehrten den unbegüterten Classen angehören, auch unter den gebildeten Ständen haben sich manche Leute davon hinreißen lassen. So wird erzählt, daß zwölf bis zwanzig Studenten einen Wandel über ihren Geist hätten kommen suhlen, und daß sie anstatt zu rauchen und zu trinken, nur noch beteten. Ein begüterter Mann im Spiritushandel und Eigenthümer verschiedener Branntweinschenkcn in Newcastle erhielt einen so tiefen Eindruck von den revivalistischen Zusammenkünften, daß er in voller Versammlung seine Absicht erklärte, nichts mehr mit Schnaps zu thun zu haben, sondern nur noch Thee trinken zu wollen; dies erregte, wie sich leicht denken läßt, ungeheure Sensation. — In Wcdegar, einer Stadt in Wales, predigte vor einiger Zeit ein hausirender Scheerenschleifer, und machte solchen Eindruck bei seiner Zuhörerschaft, daß an einem einzigen Tage dreitausend Personen sich verpflichteten, keinen Whisky mehr zu trinken. Nicht blos Civilisten, sondern auch das Militär nahm an einigen Otren an der Bewegung Theil, indem die Soldaten jeden Morgen vor und jeden Abend nach der Parade Be- täübungen hielten. — Außerdem wird von den Freunden und Beförderern des Revivalismus angegeben, Laß der moralische Wandel iu der Bevölkerung überall gleichen Schritt mit der religiösen Bewegung gehalten habe; Trunkenheit sei fast ganz verschwunden; der Steuereinnehmer in einem verhältnißmäßig unbedeutenden Districte habe erklärt, daß daselbst in einem einzigen Monat für 600 Pfd. Sterl. (6000 fl.) weniger Schnaps getrunken sei als früher; Ruhestörungen und schlechte Aufführung sei ganz unerhört; die Polizei habe nichts mehr zu thun; die Branntweinschenken stünden leer und die Wirthe machten Bankerott;- kleine Diebstähle von Obst uud Kartoffeln, die früher so häufig gewesen seien, kämen jetzt gar nicht mehr vor; die Almosensammler iu den Kirchen bemerkten, daß arme Leute, welche früher nie etwas gegeben hätten, jetzt regelmäßig ihre Pfennige in den Klingelbeutel legten; Priester aller Art, Episkopaten, Pres- byterianer, Jndependcnten, Methodisten, Baptisten, Nemouisten (?), kämen in väterlicher Liebe und christlicher Gemeinschaft zusammen, läsen, bäten und sängen; Processe hätten aufgehört, lüderliche Frauenzimmer gäbe es gar nicht mehr; dagegen bekämen die Sparkassen bedeutende Einlagen; von politischen Parteiungen sei gar keine Rede; Streitigkeiten aller Art seien zu Ende; der Redacteur einer Zeitung sei ganz unfähig geworden, seine Gedanken beisammen zu halten, und die Setzer in einer großen Druckerei hätten die Lettern nicht mehr manipuliren können; — geflucht würde gar nicht mehr und überall fließe der Strom der Harmonie, des Friedens und der Menschenliebe." Nun das sind doch noch Resultate, die sich der Mühe lohnen und die sich die kühnste Phantasie kaum zu hoffen wagen durfte. Was wollen hiegegen die Erfolge der Missionsbcstrebungen der kathol. Kirche, die Wirksamkeit aller der verschiedenen Vereinigungen zur Besserung und Veredelung des Menschengeschlechtes bedeuten? Unser Missionär scheint Recht gehabt zu haben, als er meinte, der heilige Geist habe den Strom seiner Gnade über das glückliche England ergossen und das Weltende muß nahe sein, denn der Mensch hat dort ja den Gipfel der Vollkommenheit erreicht. Was werden nun alle die armen unnützen Richter und Advocaten, die Policisten und Prediger anfangen, die nun auf einmal entbehrlich gemacht werden durch die „Wiederbelebung des Geistes?" Das glückliche England! Bei uns müssen unaufhörlich Straf- und Arbeitshäuser gebaut werden, während sie dort bald gar nicht mehr werden gebraucht werden. 165 Doch gemach, noch scheint das große Werk nicht ganz vollendet. Unser Londoner ärztliche Berichterstatter zieht in seiner »«poetischen materiellen Anschauungsweise einen neuen Factor in Betracht: die Statistik, und kommt dadurch zu ganz anderen Resultaten, als die neuen Heiligen Albions uns glauben machen wollen. Er sagt: „Gegen einige von diesen Behauptungen legen indessen die unerbittlichen Zahlen Zeugniß ab; so finden wir z. B. daß die Trunkenheit in den vom Revi- valismus heimgesuchten Districten durchaus nicht abgenommen, sondern sich im Gegentheil bedeutend gesteigert hat, indem in der betreffenden Zeit in einem einzigen Districte -182 Leute mehr als sonst im Durchschnitt wegen Trunkenheit und unordentlichen Betragens vor die Polizeihöfe gekommen sind; ferner daß die Unsittlichkcit guvml noxu», durchaus nicht aufgehört, indem besonders am Sonntag Abend, wo am wildesten gepredigt wird, bei großen Versammlungen oft fünfzig und hundert Individuen wegen — unanständigen Betragens eingesteckt werden müssen. Es wäre in der That zu Wunsche», daß die Behörden sich hier in's Mittel legten, und wenigstens nicht zuließen, daß Wunder geschähen, wie vor Zeiten auf das Grab des Abbk- Paris geschrieben wurde: „I)e pnr le Nui — o'«>st «Ivl'eiid» I)e Nur« iiiinicw ilrin» Neu." (Verboten ifl's durch Königs Wort, Wunder zu thun an diesem Ort.) In einigen Fällen von Revivalismus haben übrigens Aerzte sich veranlaßt gesehen, therapeutische Versuche zumachen und dabei das folgende Verfahren auf der Höhe des Paroxysmus wirksam gefunden: Man gießt kaltes Wasser strom- weise den Niedergeschmetterten auf das Gesicht und durchnäßt ihre Haare, ihre Kleidung und ihren ganzen Körper, so daß sie sich äußerst unbehaglich fühlen; außerdem zieht man 'eine lange Schecre hervor und sagt halblaut: das Haar (bei Frauen) oder der Bart (bei Männern) müsse durchaus abgeschnitten werden. Auf diese Medication ist in manchen Fällen überraschend schnelle Heilung erfolgt." Der ärztliche Bericht ist so klar und deutlich, daß es einer weitern Erörterung der Sache nicht bedarf, um sich ein Urtheil hierüber bilden zu können. Das Mutter-Söbnchen. Paul lebte mit seiner Frau sonst in gutem Frieden, der einzig und allein nur der Kinder wegen gestört wurde. Paul war ein besonnener strenger Vater, seine Frau aber eine unbesonnene dumme Mutter. Er sah den Kindern keinen Fehler nach, sie aber bemäntelte die gröbsten Vergehungen in ihrer Affenliebe. Es kann keinen größeren Fehler in der Erziehung geben, als wenn die Eltern nicht eines Sinnes sind, oder wenn sie sogar in Gegenwart der Kinder mit einander streiten, ihre gegenseitige Erziehung tadeln; solche Kinder entarten gewiß, aber zum Nachtheile der eigenen Eltern, welche die Rnthenschläge, die sie au dem Kinde sparen, dann gar oft von den eigenen Kindern bekommen. — Paul hatte fünf Kinder, einen Knaben und vier Mädchen, deren Erziehung ihm, wie ich schon sagte, sehr am Herzen lag, doch konnte er sie nicht so besorgen und leiten, wie er wollte, denn sein Geschäft gestattete ihm nur die Mittags- und einige Abendstunden unter seinen Kindern zu verweilen, oft rief es ihn tage-, ja wochenlang aus dem Hause. Er war Handelsmann. Die Mutter hatte nun ihre ganze und zwar übertriebene Liebe auf das einzige Söhnchen geworfen, eben weil es das einzige war; die armen Mädchen mußten das oft gar bitter erfahren. Denn das Fränzchen — so hieß der Knabe — mußte immer Recht haben, wenn er auch die größten Ausgelassenheiten beging. Die verblendete Mutter wußte ihn immer zu verheidigcn. Lasse dir nun, lieber Leser, einige Scenen erzählen, wie sie da oft vorkamen. — Eines Abends, als Vater Paul nach Hause kam, sah er, daß alle vier Mädchen rothgeweinte Augen hatten. Er stutzte darüber, rief die Kinder zu sich uud fragte sie um die Ursache. Von neuem begannen die armen Kinder zu schluchzen und wollten nicht gestehen, was geschehen war, denn sie fürchteten den Zorn der eigenen Mutter. Nur als diese einige Augenblicke sich entfernte, entdeckte das eine Mädchen, daß sie es nicht sagen dürfen, wenn es die Mutter höre. Franz sei sehr grob und abscheulich gewesen, Habe im Zorne mit dem Stocke sie geschlagen, ihnen ihre Schulbücher beschmutzt und zerrissen und sie auf die abscheulichste Art bei der Arbeit geneckt. Sie hätten es der Mutter geklagt, und anstatt Recht zu finden, habe die Mutter ihnen mit Schlägen gedroht. Indessen trat die Mutter ein. Paul rief den Knaben und hielt es ihm vor; der aber, verzogen wie er war, begann zu weinen und zu schreien. „Aber sag' mir doch, was hast Du denn mit dem armen Kinde?" fragte höchst erzürnt die einfältige Mutter. „Bis jetzt noch nichts", antwortete Paul, „gehet, Kinder, zeiget mir eure Aufgaben." Die Kinder gingen und brachten ihre Bücher und Paul sah, daß sie Wahrheit gesprochen hatten. „Franz, komm her zu mir. Sage mir, wer hat denn diese Bücher so mit Schmutz und Tinte befleckt, ja sogar zerrissen?" „Ich nicht", schrie der Bube, zappelte mit Händen und Füßen und lies zur Mutter. Doch der Vater erwischte ihn noch und gewann Zeit, ihm mit der Ruthe einige Streiche zu geben. In größter Wuth sprang die blinde Mutter dazwischen, entwand dem Vater die Ruthe, zog den Buben zu sich und schalt den Vater aus die empörendste Weise: „Was hast du doch immer mit dem Knaben ! Ja, ich weiß es längst, daß er dir ein Dorn im Auge ist. Nichts hat der Knabe begangen. Er hat mit den vier lügenhaften Dingern ein wenig gescherzt, sonst nichts. So ein Kind wird auch sehr schlagen können", sagte sie bitter höhnend. „Diese empfindlichen Dinger lügen dich an, weil sie schon wissen, daß sie bei dir Hülse finden. — Komm, mein Fränzchen, komm zu deiner Mutter, dein Vater kann dich, armes Kind, so nicht leiden, hast auf der Welt so Niemanden, als deine Mutter, die dir gut ist. Armes Kind, wie würde man mit dir umgehen, wenn ich nicht wäre!" Was weiter geschah, kannst du dir denken, lieber Leser. Einige Wochen darnach nahm Paul, als er eben aus der Kirche kam, den Knaben her, gebot ihm, seine Schulbücher zu zeigen, fragte ihn nach Dem und Jenem, und da er weder in den Büchern Ordnung fand, noch eine Antwort von dem Knaben erhielt, befahl er, ihm nichts Anderes zu geben, als einen Teller Suppe und ein Stück Brod. Und da der Knabe in einen wüthenden Zorn ge- rieth, ließ es Vater Paul auch an körperlicher Strafe nicht fehlen. Die Ursache alles dessen war, weil sowohl der Pfarrer, als der Lehrer über den Buben geklagt hatten, sowohl wegen seiner großen Ausgelassenheit als auch wegen seiner Nachlässigkeit. Nun hätte man ein tolles Weib in der Frau des Paul sehen sollen. Die Entziehung des Mittagsessens konnte sie nicht verhindern, denn Paul hatte sich ernstlich gegen jeden Widerspruch verwahrt und sein väterliches Ansehen zu schützen gewußt. Nun ließ das tolle Weib seinen Zorn gegen Pfarrer und Lehrer aus und schimpfte in Gegenwart der Kinder auf beide, den Kindern ehrwürdige Personen, so daß die vier Mädchen helllaut weinten. Alles Verbot Pauls half nichts. Er selbst nahm Stock und Hut, um nur von dem furiosen 167 Weibe wegzukommen. Kaum war er zur Thüre hinaus, so bekam das ungezogene Kind alles Erdenkliche zu essen. Der verzogene Knabe überaß sich, als hätte er dem Vater wollen einen Possen beweisen! Die Folge aber davon war, daß ihn eine Krankheit fast zum Sterben brachte. — Wäre nicht Schade gewesen, aber Unkraut verdirbt nicht, sagt das Sprichwort. Das Neble war, daß nun der Knabe, nachdem er genesen war, noch lange kränkelte und so gegen jede Strafe gleichsam geschützt war. Alle seine Unarten und Untugenden wußte die Mutter zu verheimliche«, zu entschuldigen und das Muttersöhnchen zu schützen. Es könnte dich langweilen, lieber Leser, wenn ich dir alle die entsetzlichen traurigen Scenen beschreiben wollte, die sich da zugetragen haben. Man gab ihn in die Lehre, aber es geschah, daß ihn kein Meister behalten wollte, obwohl die verblendete Mutter alles zudeckte, was ihr verdorbener Sohn that. Da und dort zahlte sie, was er gestohlen und verdorben hatte, hier wieder legte sie alle Schuld aus den Meister und die Gesellen. Man gab ihn in Schulen, er sollte studiren, auch da kam Klage auf Klage, aber Alles lenkte die Mutter ab, und alle Welt mußte Unrecht haben, nur gegen ihren Franz ließ sie nichts sagen. Vater Paul, sonst ein sehr braver rechtschaffener Mann, durchblickte die ganze Sache. Doch er war einerseits zu schwach, um dem Unwesen Einhalt zu thun, anderseits ließ es ihm sein Geschäft nicht zu, und beides war Ursache, daß das Uebel schon viel zu weit um sich gegriffen hatte, als daß er hätte entgegenwirken können. Kurz, der Gram ergriff ihn und zehrte am Marke seines Lebens, bevor noch alle seine Kinder versorgt waren. Er starb mit Thränen bitteren Schmerzes in den brechenden Augen. Diese Thränen, o sie waren verzehrende Feuer, sie waren dem sterbenden Vater erpreßt von einer blinden Gattin an einem ungerathenen Sohne. — Gefühllos standen beide am Grabe des Ehrenmannes. — Nothdürftig waren die vier Töchter verheirathet. Franz hatte sich endlich der Jägerei gewidmet, und, da er sich mehrmals im Interesse der Herrschaft, wo er diente, gegen Waldfrevler und Wilddiebe mit Aufopferung seines Lebens ausgezeichnet hatte, bekam er eine Försterei, die ihm allenfalls ein Auskommen verschaffte. Diese Beschäftigung war ihm eben recht, das Herumwildern in den Wäldern gefiel ihm, und dabei durfte er seinem rohen Gemüthe, aus dem er oft den armen Holzsammleru alles Unheil bereitete, ungestraft Nahrung verschaffen. Er war gefürchtet und gehaßt in der ganzen Gegend. Bei all seiner Rohheit hatte er doch noch so viel Gefühl, daß er seiner Mutter ein Plätzchen im Hause einräumte, aber wieder nur deßhalb, weil ihm nun das alte Weib Magd sein mußte. Verheirathet hatte er sich nicht, dazu war er selbst zu roh und entartet, und von Allen gefürchtet und verabscheut. Das waren bisher die Früchte einer Mutter, welche die Sünde vertheidigte. Lasse dir auch das Ende dieser Mutter und dieses Sohnes, und somit die entsetzliche Frucht einer für nichts gehaltenen fremden Sünde erzählen, die da heißt: die Sünde vertheidigen. Siehe dort, im einsamen Jägerhanse sitzt in einem Winkel, zusammengekrümmt vor Hunger und Jammer, das alte Weib, und harret mit Zittern und Beben der Heimkunft ihres Sohnes. Todt, still, öde und einsam ist's ums Försterhaus, in welchem sich kein lebendiges Wesen befand, als die alte Mutter und zwei Kettenhunde, die vor Hunger heulten. Nun kam der rohe entartete Sohn in einem fürchterlichen Zustande. Es war Nacht. Unterwegs hatten ihn die über seine Rohheit entrüsteten Leute aus der Nachbarschaft abgelauert und ihm einmal einen Denkzettel angehängt. Er blutete aus mehreren Wunden. Da er jener nicht Herr werden konnte, so ließ er nun — mit Entsetzen erzähle ich es — seine Wuth an der eigenen Mutter aus. Die beklagenswerthe Alte konnte ihm, da er nach Hanse kam, nichts zu essen vorsetzen; sie hatte nichts und der * Hunger quälte sie selbst entsetzlich. Das empörte den Wütherich. Ihre mitleidigen Fragen wegen seiner Wunden hielt er für Hohn; denn das Gewissen war laut. — Er mißhandelte seine alte Mutter. — Sie mußte nun die Schläge, die sie in ihrer Blindheit von dem Sohne abgehalten hatte, in ihrem Alter selbst erleiden. Nach einigen Wochen war sie, von Alter, Gram und Mißhandlungen getödtet, eine Leiche. Einige Tage nachher fand man im Dickicht des Waldes den Förster todt in seinem Blute. Nach dem Tode seiner Mutter, die noch das einzige menschliche Wesen war, das bei ihm ausgehalten hatte, wilderte er ganze Nächte im Walde herum; denn mit wahrer Tigerwuth verfolgte er die Raubschützen. Diese hingegen hatten sich vorgenommen, Jagd auf ihn zu machen, wie auf eine allgemein gefürchtete Bestie. Und wahrlich, sein Betragen war ein wahrhaft bestialisches. Denn selbst gegen arme Leute, welche von der Herrschaft die Erlaubniß hatten, dürre Aeste zu brechen und zu sammeln, hatte er seine Rohheiten ausgeübt. Kurz, er war so verachtet und gehaßt, daß sich der Pfarrer nicht getraute, ihm ein öffentliches, ehrenvolles Begräbniß zu gestatten. In der Stille trugen ihn einige Männer aus dem Walde auf den Kirchhof und in aller Stille segnete ihn der Pfarrer ein. Keine Thräne floß ihm, kein Vater unser ward für seine Seele gebetet. Seufzend gedachte der Pfarrer in der heil. Messe seiner armen Seele. * Mein lieber Leser und besonders liebe Leserin, bedenke dies Lebensbild ernst und still. Siehe da die entsetzliche Frucht einer Sünde, die schreckliches Wehe nach sich zieht, und diese Sünde heißt: die Sünde vertheidigen. Ein Unrecht, über das sich Manche so leicht hinaussetzen, ja, das sie gar oft für recht halten. Die Sünde vertheidigen, heißt den Bösewicht ärger machen, als er ist und war, und Jeder, der es thut, ladet schreckhafte Schuld aus seine eigene Seele. Besonders im Ehestände, in häuslichen Verhältnissen, ereignet es sich so oft, daß verblendete Mütter die Fehler ihrer Kinder bemänteln, sie auch bei den gröbsten Fehlern in Schutz nehmen und vertheidigen, oft sogar, wie es hier geschah, dem eigenen Vater gegenüber vertheidigen. Solche Mütter, die größten Theils selbst keine Erziehung haben, bedenken es nicht, daß sie sich selbst die Ruthe binden, mit der sie in alten Tagen von ihren eigenen verzogenen Söhnen und Töchtern gestraft werden. Möge diese kurze Erzählung manchen so verblendeten Eltern die Augen öffnen, und sie sich das Wort der Schrift zu Gemüthe führen, die da sagt (Sprüchw. 17, 15J: „Der den Gottlosen rechtfertigt und der den Gerechten verdammt, die sind beide ein Gräuel vor dem Herrn." H. S. R Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Uebertrag.33 fl. — kr. „Von einem Eaplane in Obersranken".10 fl.— kr. Summa: ä3 fl. — kr. Redaction und Ncrlaq: Oiv M. HutNcr. — Druck von I. M. Kleinlc. AiigsdiiM ZmMgsM. Hi. SS. 27. Mai 1860. DaS Augsburger SonntagSblatt (SonntagS-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnemenkspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Kirche in Piemont seit 1848. (Schluß.) Im Jahre 1854 im September quält man einen Pfarrer in der Grafschaft Nizza, um in seinem Hause einen Schatz zu suchen. Im Oktober werden die Servilen aus Alessandria vertrieben; im November wird der laich. Friedhof von Novara entweiht. Am 28. desselben Monates wird dem Parlament ein Gesetz gegen die Klöster vorgelegt, welches der Episcopat als „ungerecht, ungesetzlich, antikatholisch und antisocial" erklärt. Im Jänner 1855 veröffentlicht der „Jndipendente" von Aosta ein Thema, welches ein Professor des dortigen Collegiums seinen Schülern dictirte, wo der Satz vorkömmt: „Ich glaube weder an Gott, noch an den Teufel." Pius IX. beklagt in einer Allocution die zahllosen Uebel, welche die Kirche von Piemont zu erdulden habe. Am 6. Februar spöttelt GrafCavour in der Kammer über den Papst; das Ministerium sendet ein Circulare herum, daß die Pfarrer überwacht würden, damit sie in der Kirche keine Anspielung aus die päpstliche Allocution machten. Am 22. Februar erklärte Cavour in der Kammer: „Wir werren anfangen, die wohlhabenderen Klöster aufzuheben." Am 9. März erklärte ein gerichtliches Urtheil 16 Pfarrer für unschuldig, welche angeklagt waren, Unruhen im Val d'Aosta angezettelt zu haben, und aus dem fiskalischen Requisitorium ging hervor, daß der Klerus zu den Aufständischen sich nur verfügte, um die Ruhe wiederherzustellen. Am 26. April bot der Episcopat der Regierung die Summe von 928,412 Lire. „Ein neuer Beweis, sagte Graf Cavour, des patriotischen Gefühls, welches den Episkopat beseelt." Das Anerbieten wurde zurückgewiesen, und die Klöster aufgehoben. Am 29. Mai wurde die kirchliche Akademie von Soperga ebenfalls aufgehoben. Am 6. Juni pro- testirte der Erzbischof von Tnrin Wider das Klosteraufhebungsgesetz, sein Protest wurde aber sequestrirt. Am 29. Juni unterwirft ein Decret die weiblichen Klosterschulen der Aufsicht der Regierungsbehörden, und zwar trotz einem widersprechenden Decrete vom 18. Februar 1851. Am 12. Juli gewaltsames Eindringen in das Kloster der heil. Clara zu Cuneo; am 20. erbrach man die Thore des Kapucinerklosters; am 15. Oktober mußten die Klosterfrauen der Marchesa von Barolo vermöge Ministerialverordnung den Unterricht der kleinen Kinder im ABC einstellen. Am 1. Nov. verwandelte man das Kloster stell» llonüolata in eine Schenke. Am 13. erhielt der kgl. Senat einen Gesetzentwurf, welcher die Wucherfreiheit anordnet. — Das Jahr 1856 beginnt mit einer Adresse der Protestanten an den König, worin sie sich Glück wünschen ob der Thätigkeit seiner Minister. Am 2. Jänner sendet die „Maga" von Genua als Angebinde nach Rom „die Mündung einer Kanone;" am 3. Jänner entließ der Magistrat von Turin die Schulbrüder, „weil sie geneigt seien, die kirchlichen Autoritäten zu unterstützen." Am 26. März wird in der Deputirtenkammer der Generalvicar von Fossano beschimpft. Am 27. März haben die Pfarrer von Savoyen das zweite Semester 1855 ihrer Congrua noch nicht empfangen. Im Mai protestiren die Bischöfe gegen ein neues Unterrichtsgesetz. Am 27. März übergeben die sardinischen Bevollmächtigten dem Pariser Congreß eine Note gegen die päst- liche Regierung. Am 3. Mai erging an mehrere Ordenshäuser der Auftrag der Concentrirung. Am 1. Juui machte man dem Pfarrer von Derres den Proceß, Welcher bei einer Taufe einen Excommunicirten nicht als Pathe annehmen wollte. Am 9. Juni ein Ministerialbefehl an die Polizeibehörden zur Ueberwachung des Klerus. Am 1. Juli ein neues geheimes Circulare des Ministers des Innern Wider die Pfarrer. Am 13. Juli bezeugt der protestantische Pfarrer Bert, daß viele katholische Friedhöfe durch Bestattung von Akatholiken im Austrage der Civilbehörden entweiht seien. Am 26. Juli Proceß gegen den Pfarrer von Ca- stagnole, der für unschuldig erkannt wird; am 11. August Proceß gegen den Pfarrer von Bosconero, der ebenfalls unschuldig. Am 11. September Untersuchung der Agenten der Lass» eeelesiastica im Convente der Augustiner von Genua; am 23. wird vom Intendanten zu Oneglia eine Lehrerin abgesetzt, weil sie einer Processton beiwohnte! Am 25. Oct. Einbruch in das Kloster ciells An- vsle-m und Vertreibung der Religiösen. Am 10. Jänner 1857 hat der ministerielle Deputirte Antonio Galenga eingestanden, daß er im Auftrage Mazzini's dem Leben des Königs Carl Albert nachgestellt, und verließ deßwegen die Kammer; Graf Cavour empfängt von den Aufständischen in der Romagna eine Medaille, und am 18. Jänner widerruft der Ankläger jener Pfarrer von Val d'Aosta seine Verläumdung. Am 26. wird in der Kammer ein Antrag verhandelt über Ausschließung jeglichen katholischen Unterrichtes aus den öffentlichen Schulen. Im Februar veröffentlichte man einen Ausweis, aus welchem erhellte, daß durch das Gesetz gegen die Klöster 7850 Personen betroffen wurden. Am 30. März berieth die Deputirtenkammer den Modus, die Rabbiner zu wählen. Die Rechnungsausweise der l!35»u trcolosi-istier, zeigen, daß sie vom 29. Mai 1855 bis Ende 1856 schon 317 Processe führen mußte, von denen 32 bereits gegen sie entschieden wurden. Eine Ministerialverordnung verbietet die fernere Besetzung von Dompräbenden. Ferner wurden die Serviten aus Genua, die Dominicaner aus Alessandria, die Augustiner aus Carmagnola, die Cistercienser aus Cortemiglia, die Olivetaner aus Duarto, die Carmeliter aus Turin u. s. w. vertrieben. Am 29. April erklärt Gras Cavour in der Kammer, daß es nicht möglich sei, mit Rom eine Vereinbarung zu treffen. Am 22. Mai wird im Senate der Klerus von Savoyen mit Unbilden überhäuft. Der Minister Desoresta sendet einem Diacon eine Heirathserlaubniß, indem erste mit einer Altersdispense verwechselt. Am 6. Juni errichtet der Minister in Savoyen öffentliche Bordelle. Am 30. Juli erhebt der Bischof von Jvrea feierliche Klage wegen der fortwährenden sacrilegi- schen Räubereien. Am 13. August ein Circulare des Ministers Ratazzi gegen den Bischof von Jvrea. Am 15. Nov. die allgemeinen Wahlen zu Gunsten der Conservativen, welche dann größtenteils von der Kammer für ungiltig erklärt wurden. Am 30. Dec. insultirt Cavour die französischen Bischöfe, welche die römische Liturgie in ihren Diöcesen eingeführt hatten. Die Ereignisse der Jahre 1858 und 1859 sind noch in zu frischem Gedächtnisse, als daß es nöthig wäre, sie einzeln aufzuzählen. Das bedeutendste Attentat gegen die Kirche war 1858 die Ausschließung der Canoniker aus der Deputirtenkammer unter dem Dorwand, sie befaßten sich mit der Seelsorge, indem das Statut die Seelsorger für nicht wählbar erklärt. Uebrigens seufzt die kath. Kirche noch immer unter gleichem Drucke, die Mitglieder der unterdrückten geistlichen Genossenschaften nagen am Hungertuche, und die armen Pfarrer, deren Loos die Liberalen durch Verwendung der eingezogenen Klostergüter verbessern zu wollen stolz verkündeten, müssen 5 — 6 Monate und noch länger warten, bis ihnen ihre kurzbemessene Congrua ausbezahlt wird, wie erst wieder in den letzten Tagen die Klage der Pfarrer aus der Insel Sardinien herübertönte. Die 171 6s85A ecclesisgtios hat lange schon Bankerott gemacht, die Klostergüter sind verschleudert, die Zehenten aufgehoben, und so muß genannte Cassa aus der StaatS- Cassa, d. i. aus dem Säckel der Unterthanen dotirt werden, und da sind die Geistlichen die Letzten, die daraus etwas beziehen. So hat es nun auch Farini in Modena gemacht, der dort im schönen herzoglichen Palast in Saus und BrauS die anticipirten Steuern des unterdrückten Volkes verschlemmt. Er hat auch Zehenten und Sammlungen aufgehoben, d. h. zu Gunsten der Staatscassa, indem dafür die Steuern verdoppelt werden; dann hat er den Gehalt der Pfarrer auf 800 Lire, also auf kaum 300 fl. erhöht (!), und glaubt wie großmüthig gehandelt zu haben, wenn diese miserable Ziffer auf dem Papier steht, und die mitten unter dem geplünderten Volke stehenden Seelsorger der Willkür eines jeden sreimaurerischen Cassaschreibers preisgegeben werden. In geistlicher Beziehung erleidet die Kirche Piemonts ebenfalls immerwährende Verluste. 10 —12 bischöfl. Sitze sind erledigt, und unter gegenwärtigen Umständen ist nicht daran zu denken, daß die kirchlichen Verhältnisse geordnet werden könnten, denn die Regierung bietet nur zu jenem die Hanv, wodurch der Kirche neue Wunden geschlagen werden; so gestattet sie die unsittlichsten Darstellungen aus den Theatern, die öffentliche Ankündigung und Schaustellung der obscönsten Bücher, Bilder u. s. w., sie duldet, daß das Land mit verfälschten Bibeln, Traktätlein und Broschüren, welche mit wüthendstem Hasse gegen Rom erfüllt sind, überschwemmt werde; alle protestantischen Agenten haben den freiesten Verkehr im Lande, öffentliche Aergernisse, auch die rohesten Ausschweieungen bleiben ungestraft; selbst Mordanfälle gegen Priester, die das Allerheiligste zu Sterbenden trugen, ereigneten sich, ohne daß man vernommen, daß solche Ruchlosigkeiten gezüchtigt, oder wenigstens auf die Thäter gefahndet worden wäre. Daß Seelsorger in Aufrechthaltnng der öffentlichen Zucht und Sitte irgend eine Unterstützung vom Staate zu erwarten hatten, darf man sich ohnehin nicht einbilden, und so braucht es wohl ein unerschütterlich katholisches Volk, kernfeste Gesinnung bei Hausvätern und Gemeinde- Vorständen, die treu den Seelsorgern zur Seite stehen, um den Strom der Ent- christlichung und Entsittlichung, der in diesem so schwer heimgesuchten Lande aus allen Ufern getreten, wenigstens nothdürftig einzudämmen, damit die Verheerung nicht allgemein werde. So ist es aber auch und der Herr erweckt, wie immer in den Zeiten allgemeiner Begriffsverwirrung und sittlicher Verkommenheiten, auch nun in Piemont Männer, die wie feste Säulen des Rechtes, der Religion und Gerechtigkeit dastehen, von denen wir blos an einige bekannte erlauchte Namen aus dem Laienstande erinnern wollen, als Graf Solaro della Margherita, Graf Revel, Marchese Brignole, de la Motte u. s. w., welche durch die Kraft ihrer Rede und die Gründlichkeit ihrer Schriften sich auszeichnen, wie vorzüglich Ersterer durch seine Schrift gegen das Libell „Der Papst und der Congreß", die bereits in's Französische übersetzt ist, großes Aufsehen machte. Ebenso hütet der Herr und facht in den Herzen des Volkes immer wieder neu die Flamme deS Glaubens an, und die Verfolgung der Kirche muß selbst dazu dienen, in Vieler Herzen das schlummernde kath. Bewußtsein zu wecken, und ihm lebendigen Ausdruck zu geben, wie wir solches in den vielen Adressen an den heil. Vater aus allen Theilen des Landes und den zahlreichen Geldbeiträgen für denselben ersehen. (Kathol. Blätter aus Tirol.) DaS Testament. Der alte Granson lag schwer krank. Er fühlte, daß die Zeit den letzten Zoll von ihm fordere. Er nannte diese Krankheit schon das Anklopfen deS Todes bei ihm. Er hatte recht empfunden, denn bald war er nicht mehr. Doch vor der Scheidestunde ließ er seine beiden Söhne bei dem Sterbebette erscheinen. Er theilte die großen Summen seines Vermögens unter dieselben. Die Abendglocke schlug sieben. Draußen stürmte die kalte Herbstluft und schüttelte die welken Blätter von den Bäumen, wie der Tod bald die Körperhülle von der Seele des alten Granson abstreifte. Die Lampe brannte düster in der Krankenstube des alten Granson, und warf einen trüben melancholischen Lichtschein nach den ringshin braun getäfelten Wanden. Auf dem Schranke, der mit zierlichen Glasarbeiten umstellt war, lagerte sich der schwarze Hauskater und schielte mit seinen flammenden Augen aus dieser durchsichtigen Umgebung hervor und regte sich auch furchtsam oft, als bedrohe ihn das Aufsteigen von Gewitterstürmen. Die Wanduhr aus alter Zeit noch kommend, knarrte mit ihrem einförmigen Schlagklange durch die Todten- stille des Gemaches, welche dann zuweilen von den schweraufkeuchenden Seufzern und von dem unheimlichen und qualvollen Athemholen des alten Granson unterbrochen wurde. Seine beiden Söhne und der Gerichtshalter der Gegend traten herein. Der letztere schauderte. Werner Granson, der jüngere, betete mit bangem Herz- erzittern; Franz Granson, der ältere Sohn, bewegte die Mienen wie zum jauchzenden Lächeln. Er gedachte der Erbschaft und der freien Tage später. Der Anblick Granson's mußte furchtbar sein. Er war ein Bild der Verzweiflung. Abgemagert und abgezehrt lag, im Leben schon das Gerippe des Todes, sein Körper da. Die Brust röchelte dumpf. Er schien der Lunge mühsam noch diese leisen und letzten Bewegungen abzuzwingen. Das wirre Auge quoll aus seinen Höhlen. Kalter Schweiß rann ihm von der kahlen Stirne, sobald er aus den wildgährenden Fieberträumen auffuhr, und mit den langen grauen Fingern an der Wand herumtappte. Diese Finger wurden ihm jetzt zur Peinquelle. Er sah sie und ihm wurde das Gedächtniß zu den falschen Eiden hingerissen, die sein Mund und sein Herz geschworen. Er sah Blut kleben an diesen Fingern von Unschuldigen, die sein Urtheil zu Grunde richten ließ, und darüber erhoben sich die umherstehenden und von Gold strotzenden Säcke als die lautesten Ankläger. Wie mit Eishänden hielt ihn der Gedanke auf diese Thaten seines Wirkens gedrückt. Aus dem Gewissen stieg ihm ein finsterer Geist hervor. Der weckte die Stimme der Vergangenheit noch mehr auf, und dem Sterbenden dröhnten wie Gerichtstagdonner die Klagen der Wittwen und Waisen in das Ohr, welche sein Betrug um Hab und Gut gebracht hatte. Er rang sich auf, drohte, die Finger zur Faust ballend, diese Klaggestalten von seinem Lager fort. Sie blieben aber starr, und ihr Jammern und Seufzen preßte ihm ein Mark und Bein erschütterndes Heulen aus. Dabei nahm das eingefallene tief- gelbe Gesicht, im trübsten Lampenschimmer, eiue Schwärze an, die Entsetzen erregte. „Das Vermögen ist euer, theilt euch in dasselbe. Aber nun bitt ich euch, lasset mir doch bald, den Priester kommen, ja recht bald, daß ich ruhig sterben kann!" So deutete der Alte seinen Söhnen jetzt. Er sprach's. Aber der Tod überfiel ihn plötzlich, wie ein gewappneter Mann. Er starb. Werner weiyte kindlich, Franz jedoch frohlockte teuflisch. Die Brüder theilten sich in das Vermögen. Es ward dem Einen zum Fluche, dem Andern zum Segen. Franz nahm einen großen Theil seiner Erbschaft und zog in die Welt hinaus am Stab des Leichtsinnes. Er vergaß Gott und Kirche und Tugend, und warf sich in den Strudel ekler und sündhafter Zerstreungen. Werner Granson aber blieb getreu den guten Lehren seiner vielbeweinten Mutter , welche dieselben noch vom Sterbebette herab ihm in's Herz gesprochen. Er hielt fest am Glauben seiner Väter, verweilte gern im Hause Gottes, und war der Spender zahlreicher milder Gaben an die Armen. Er lebte fromm und übte Barmherzigkeit am Nächsten stets, bis daß er starb. Die von ihm erquickte 173 Armuth goß ihm Thränen des Dankes auf die Gruft hin. Matt segnete sein Andenken. Ein Glöckchen der Waldcapelle dort im Gransou'schen Besitzthume tönte zur Ferne und lud die Gläubigen zum Gebete bei der Todtenmesse. Die Capelle, grau durch das Alter, stand inmitten grüner weitverzweigter Linden. Es war stille hier. Rings sah man Bildstöcke angebracht, welche Bilder aus der Leidensgeschichte Jesu vorstellten, und welche die Andacht zu umwandeln pflegte. Schon sangen die Geistlichen die Todtenvesper und an Grab und Gericht mahnten die Psalmen. Wurde von den Priestern innig für den Verstorbenen gebetet, so gewiß auch von den Armen, welche vor der Capelle knieten auf dem Sandboden. Sonderbar mußte der Eindruck auf das Herz eines Fremden wirken, wenn der durch diese Waldeinsamkeit geschritten wäre. Auf der rechten Seite befanden sich fünfzig Männer und auf der linken fünfzig Frauen, zu zweien stets gereiht. Alle trugen den Schnee des Alters in den wenigen Haaren noch. Ihre Kleider waren die stummen Zeugen ihrer Noth. Ihr Gebet war salbungsvoll auch durch die äußere fromme Haltung. Thränen befeuchteten manches Auge. Wer diese Greisen sah, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß bei Manchen vielleicht das Kirchen- gehen bald ein Ende habe. Die Glöckchcn läuteten eben zusammen und der Gottesdienst begann. Da war auch keiner unter den Anwesenden, welchen diese Gedächtnißfeier für einen geliebten Todten nicht tief gerührt und zum Gebete und zum Danke gestimmt hätte. Klagsam schallte durch den Wald der Gesang und hallte in seinen Gründen feierlich wieder. Horch! Rossegewieher und Peitschenknall und Hörnerklingen und Stimmen- geräusch wurde vernehmbar, und die Wogen der Töne kamen immer näher. Ein junger Mann, umgeben von rohen Gesellen, ritt daher, und der Chor der Todten- lieder machte keinen Eindruck auf ihn. Er lachte laut über diese Meßklänge und ließ die Hörner blasen, um die ernsten Choralstimmen zu bedecken. Die Gesellschaft kam heran. Sie stutzte. Nun aber lärmten Alle fort, und doch wieder unterbrachen sie ihr Getöse, als sie vor der Capelle die betenden Greise sahen. Der junge Mann gebot Ruhe seiner Schaar, welche fast dem wilden Heere glich. Er selbst schien bald einem vom Sturme gerüttelten Baume ähnlich. Seit Jahren mied er die leiseste Berührung mit allem, was an Tugend und Gott und Ewigkeit mahnte. Er ward darum nur schlecht der Raubgras genannt. Die Vorsehung schien ihn Plötzlich hieher geführt zu haben. Die Grablieder, wemuthvoll und dumpf und auf Verwesung deutend, lasteten auf seinem Herzen. Er fühlte, daß des Christen Beruf höher sei als nur das Vertieftsein in's Irdische und in das Lasterhafte. Er schämte sich seiner Vergangenheit und der Meisterführer verworfener Menschen zu sein. Er wünschte seine Umgebung in ferne Welttheile. Es waren ihm Alle treuergebene Genossen, weil des Verschwenders Geld für sie zur goldenen Kette geworden. Er scheute jetzt den Anblick der Abentheurer. Dieser junge Mann war Franz Granson, der seithin das reiche Erbtheil von seinem Vater bis zur Hälfte schon mit dieser Schaar vergeudet hatte. Er stand im ernsten Sinnen. Der Gottesdienst war beendigt und die Lieder erklangen. Die fünfzig Männer und die fünfzig Frauen schlössen vor dem Kirchlein einen Kreis. Der Meßpriester trat heraus mit einer großen Papierrolle und las unter Anderm: „Das ist noch mein besonderer Wille, daß alljährlich an meinem Todestage hundert arme Personen gekleidet und frei bewirthet werden. Der Gotteslohn dafür sei, daß sie beten für Granson, den Vater, und für mich Werner Granson!" — „Danket dem Allerhöchsten, ihr Armen," rief .der Priester, „für solches Testament, für solche heilbringende Verwendung des Ueberflußes zeitlicher Güter! Gott erquicke Werner Granson's und seines Vaters Seele dafür in der Ewigkeit!" Der Priester schwieg, und an die hundert Personen wurden vollständige Kleidungsstücke vertheilt und eine kleine Geldzulage beigegeben. Die Beschenkten knien noch einmal nieder und riefen dankbar den Namen des Menschenfreundes „Werner Granson." Franz Granson ward in diesem Augenblicke für den Himmel gewonnen. „Guter Bruder!" rief er laut, „wie christlich hast du, und wie unchristlich hab' ich gehandelt! Ich will dir nachfolgen! Ich will besser werden!" Seinem frommen Entschlüsse folgte bald auch die schöne Verwirklichung. Er schritt fortan wie ein treuer Jüngling des Erlösers durch das Leben. Wohlthuend begrüßte er die Hütte der Armuth oft. Sein Testament später glich dem seines Bruders. Vor dem Tode. 6. Valentin war ein braver Taglöhner, welcher sein ganzes Leben lang Gott vor Augen gehabt hatte. Jetzt lag er an einem unheilbaren Lungenleiden schwer darnieder. Seine betrübte Frau, seine beiden erwachsenen Kinder sahen mit Bekümmerniß dem Frühjahre entgegen. Der Arzt hatte gesagt, daß diese überall hin Leben und Freude bringende Zeit für den Kranken, für seine Familie die Zeit des Todes und des Schmerzes sein werde. Der Leidende allein hoffte zuversichtlich auf Wiedergenesung, und, da man ihm mit der Hoffnung für das Leben das Leben selbst genommen hätte, und ihm deßhalb die traurige Wahrheit verhehlen mußte, so konnten ihn weder die eindringlichen Bitten der Seinen, noch die ernsten Mahnungen seines Seelsorgers zum Empfange der heiligen Sacramente bewegen. — „Der heiligen Oelung bedarf ich nicht" — pflegte er zu sagen — „denn ich bin nicht auf den Tod krank, und die übrigen Sacramente empfange ich lieber, wenn ich wieder gesunden Leibes bin. Dann ist mein Geist zum Erkennen klarer, mein Gemüth minder niedergeschlagen." — Der Arzt, ein glaubensloser Mann, welcher durch den Empfang der heiligen Sacramente Minderung der Lebenshosfnung und als Folge zu große Aufregung für den Kranken fürchtete, bestärkte denselben in seiner vorgefaßten Meinung. Veronika hingegen, des Taglöhners Gattin, und ihre beiden Kinder wurden von tiefster Gemüthsunruhe ergriffen. Denn selbst der Gerechte fällt des Tages siebenmal. Wie leicht also konnte Gatte und Vater für's zeitliche, wie für's ewige Leben verloren gehen? Während Anna, die Tochter, der Mutter im Hauswesen, in der Pflege des Kranken treulich half und auf diese Weise nur wenig mit weiblichen Arbeiten verdienen konnte, war hingegen Franz, der Sohn, darauf hingewiesen, mit seiner Hände Fleiß fast die ganze Familie zu ernähren. Zu arm, ein Gewerbe erlernen zu können, war, wie früher bei'm Vater, Taglohn seine einzige Quelle des Broderwerbs, und mit rastlosem Eifer arbeitete er vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. Ein Gewitter im Leben der Natur ist die Aufeinanderfolge mehrerer Blitzstrahle und Donnerschläge. Nicht selten verhält es sich auf gleiche Weise bei den Gewittern, welche den menschlichen Lebenshimmel trüben. Der Vater lag auf dem Siechbette, und der Sohn wurde eines Abends bewußtlos in's Haus getragen. Ein von der Höhe auf seinen Kopf fallender Gegenstand hatte eine Ohnmacht hervorgerufen. Der bei'm Vater weilende Arzt erklärte dieselbe als Wirkung einer leichten, gefahrlosen Hirnerschütterung. Wirklich kehrte das Bewußtsein bald wieder, und Tags darauf fühlte sich Franz so weit hergestellt, daß er leichtere Geschäfte verrichten konnte. Franzens Bewahrung vor so augenscheinlicher Todesgefahr erfüllte die Familie mit unbeschreiblicher Freude. Der Kranke betete in seinem Bette, Veronika jedoch und Anna eilten in die Kirche, Gott zu danken, welcher ihnen nicht nur ein Glied, sondern auch die Stütze der Familie erhalten hatte. Franz aber glaubte, mehr thun zu müssen. — „Wie leicht" — sagte er — „wäre ich nicht mehr zum Leben erwacht, und also unvorbereitet vor den Richterstuhl des Herrn getreten! Gott hat mich aus doppelter Gefahr errettet. Bezüglich einer mnftigen Leibesgefahr stehe ich in seiner Vaterhanv. Was indessen die Gefahr der Seele betrifft, so soll mir dieser Vorgang eine ernste Warnung sein, mein ganzes Leben so einzurichten, daß ich mit des Allerbarmers Hilfe mich möglichst vorbereitet seinem gerechten Richterstuhle nahen kann." — Er ging in's Gotteshaus, legte ein reuiges Sündenbekenntniß ab, und empfing das Brod des ewigen Lebens. Am fünften Tage nach jenem Unglücksabende kehrt Franz äußerst erschöpft von der Arbeit zurück. Es stellte sich Erbrechen ein, und die Miene des gerufenen Arztes ließ das Aergste befürchten. Wirklich, nach zwei Tagen qualvoller Leiden war der Unglückliche eine Leiche. Mutter und Tochter weinten laut auf. Der Vater aber war still, in sich gekehrt. Ohne Zureden begehrte er seinen Seelsorger. — „Franz" — sagte er — hatte die ersten Tage nach seinem Unfälle keine oder nur geringe Schmerzen. Meine Brust brennt mich oft, als ob die Sünden meines ganzen Lebens in ihr nagten. Franz hatte Recht; das Heil der Seele, aber nicht des Leibes ist in unsere Hand gegeben." Die Befürchtungen des Arztes erwiesen sich als falsch. Denn nach dem Empfange der heiligen Sacramente war das Gemüth des Kranken so ruhig, so heiter, daß es aus den Körper die wohlthuendste Wirkung übte. Als Valentin sanft in den Herrn entschlafen war, gestand der Arzt selbst, daß die gefaßte Haltung des Kranken nach seiner geistigen Vorbereitung ihm das Leben wenigstens einige Tage verlängert habe. Leser! Wohl dem, welcher den milden Zuruf Gottes in den heil. Gnaden- mitteln selbst aufsucht! Der Herr braucht ihm dann nicht mit ernster Prüfung zu nahen, damit er seine Seele rette. Möge diese Wahrheit nicht nur der Kranke auf dem Todtenbette, sondern auch der Mensch in vollster Lebensblüthe beherzigen! Fluche nicht! Der Fluch einer unnatürlichen Mutter ist vor Kurzem auf eine schreckliche Art an einem jungen, fleißigen Mädchen aus dem Veßprimer Comitate (in Ungarn) in Erfüllung gegangen, welches schon seit mehreren Jahren an einer Drehmaschine der dortigen Herrschaft arbeitete und ihre greise Mutter, ein boshaftes, unverträgliches Weib, durch ihrer Hände Arbeit ernährte. Diese entließ nun eines Morgens ihre Tochter eines geringfügigen Anlasses halber mit dem herzlosen Fluche: „Möae dir doch einmal die Maschine dein: Hand zerschmettern." Nächster Tage ging auch der furchtbare Fluch in Erfüllung. Das arme Mädchen strauchelte nämlich am Tische der Maschine, griff mit der rechten Hand in die Räder und verlor in einem Augenblicke den Arm bis an's obere Gelenk; die herzlose Mutter machte ihren Gewissensvorwürfen in verzweifelten Verwünschungen Luft und das brave Mädchen tröstete seine Mutter damit, daß sie ihr auch mit der linken Hand allein das Brod zu verschaffen im Stande sei. Seelenstärke eines katholischen Priesters. Unter die vielen Priester, die in der französischen Revolution als Opfer ihrer religiöseil Standhaftigkeit fielen, gehört auch der 28jährige Geistliche Novi, Caplan von Anjac. — Nachdem er aus den Marktplatz der Stadt Bans war geführt worden, wo man eben 8 Priester, die der Republik nicht zugeschworen, hingerichtet hatte, ließen die Mörder den Vater des Caplans Novi kommen und umgeben von den 8 hingestreckten Leichnamen erklärten sie ihm: „Es werde das Loos seines Sohnes nur von seinem Rathe und Einflüsse abhängen; sein Sohn werde sterben gleich den Anderen, wenn er noch länger auf der Weigerung des Eides bestünde; leben würde er, wenn es dem Vader'gelänge, ihn zur Leistung des Eides zu bewegen." — Der unglückliche Vater, unschlüssig, zwischen den Gefühlen der Natur und der Religion hin und her gezogen, stürzt sich zuletzt, von Zärtlichkeit überwunden, seinem Sohne um den Hals; mehr noch durch seine Thränen -und durch sein Schluchzen, als durch Worte dringt er in ihn und fleht: „Mein Sohn! erhalte mir das Leben, indem du das deinige erhältst!" „Ich will's besser machen, mein Vater" — versetzte der Sohn — „Ihrer und meines Gottes würdig will ich sterben! — Sie haben mich in der katholischen Religion erzogen; ich bin so glücklich ein Priester dieser Religion zu sein; es wird Ihnen zum süßeren Troste gereichen, einen Matyrer zum Sohne zu haben, als einen Abtrünnigen!" Der Vater wußte nicht, welchem Eindrucke er sich hingeben sollte; er umarmt nochmal diesen Helden, er benetzte ihn nochmal mit seinen Thränen. „Mein Sohn!" — mehr kann er nicht sagen. — Die Schergen entreißen ihm den Sohn; er sieht ihn den Hals unter das Beil hinhalten; da schreit er auf und stört und hindert die Mörder an ihrem unseligen Geschäfte. Zwei unsichere Hiebe haben den Priester zu Boden geworfen und es hat den Anschein, als ob die Henker ihn so liegen lassen wollten. Sein Brevier war den Händen entfallen; er hebt es ruhig auf, und er reicht das Haupt nochmal dar; siehe! da trifft ihn ein neuer Hieb mit der Axt und sein Opfer ist vollendet. Chinesischer Spruch. Nicht den leicht'sten Fehler kannst du hegen, Der mit schwerem Schaden dich verschone, Doch auch nicht die kleinste Tugend pflegen, Die sich dir nicht zwiefach lohne. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.43 fl. — kr. Aus Beuerberg: „Möchten recht viele Katholiken ihren Brudern im Norden zu einem würdigen Tempel verhelfen!! ... 2 fl. 42 kr. Summa: 45 fl. 42 kr, Redaction uno Verlag : Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie. AiigMgrr AmtugMM. SL. 3. Juni 1860. DaS Augsburger TonntaaSblatt (Sonntags-Beiblatt zur AuqSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die LeidenSblume.*) 6. Im Dorfe wohnte ein Amtmann, dessen Töchterchen der kleinen Clara Altersgenosfin und Gespielin war. Einst kam nun Clara voll Freude nach Hause gesprungen. — Mutter! — rief sie — Ich chabe heute bei Amtmanns eine wunderschöne Blume gesehen; aber sage mir, warum heißt sie denn Leidensblume, wie sie Röschen nannte? Sie ist so lieblich, daß bei ihrem Anblicke das Herz vor Freude brechen möchte. Sie heißt Leidensblume, weil sie das Leiden unseres Erlösers versinnbildet. Wie das? Sage mir erst, welche Farbe die Blume hatte, weil es deren mehre Arten gibt. Sie war weiß und in der Mitte purpurroth. Gib nun Acht! Die Blume ist weiß, die Schuldlosigkeit des Leidens unseres Heilandes anzudeuten. Roth ist überhaupt die Farbe des Leidens. Daß aber die Mitte der Blume, also ihr Strahlenkranz roth ist, soll uns daran erinnern, daß das Herz Jesu, der Mittelpunct des Lebens, am tödlichsten vom Leiden betroffen ward. Der Strahlenkranz ist ferner die Krone jeder Blume. Mit der Krone verbinden wir den Begriff des Höchsten. — Das soll also sagen — fiel Clara der Mutter in's Wort — daß das Leiden Christi die höchste Stufe erreicht hat. Getroffen, mein Kind! Nun laß Dir noch Etwas bemerken, was Du vielleicht nicht beobachten konntest. Gerne stützt sich der Stiel dieser Blume an die benachbarte stärkere Pflanze. Selbst in diesem geringfügigen Umstände liegt die tiefste sinnreichste Deutung. Ich habe sie, ich habe sie — rief Clara frohlockend — Simon half Jesu sein Kreuz tragen. Und warum meinst Du wohl, daß dies geschah? Ei aus demselben Grunde, aus welchem ein Mensch dem Andern Etwas tragen hilft, weil Einer für die Last zu schwach ist. Nachdem Clara dies gesprochen, ward sie Plötzlich ernst und nachdenkend. Einige Minuten herrschte Stille. Dann begann die Mutter: Worüber sinnst Du, mein Kind! Du hast mir so oft gesagt, daß der Mensch das höchste Wesen auf Erden sei. Jetzt beneide ich diese Blume um ihr herrliches Loos. Thue das nicht! Was die Blume unfreiwillig ist, das kann der Mensch aus freien Stücken werden: das möglichst vollkommene Abbild des göttlichen Leidens. Bitte, bitte, Mütterchen! zeige mir das und nimm dazu einen recht braven, frommen Menschen, denn gewiß nur ein solcher kann ein Abbild Gottes werden. Du hast nicht ganz Unrecht; allein wir sollen nicht immer an andern *) Die weiße Passionsblume. Menschen lernen wollen. Am besten lernen wir an uns selbst; deßhalb habe ich Dich hiezu gewählt. Mich? bin ich denn so brav und fromm? — fragte Clara ganz verwundert. Gott behüte mich, daß ich dieses je behaupte; allein Du kannst und sollst es werden. Und ich will es werden, meine liebe, gute Mutter! Das freut mich. Lege jetzt einen Beweis davon ab, indem Du hübsch aufmerkst! Siehe: Während der Heiland freiwillig litt, so müssen wir Alle, der mehr, jener minder, unfreiwillig leiden. Wir Alle? Ja, auch Du, mein Kind! Hat Dir noch nie ein Finger, oder der Kopf, oder sonst Etwas wehe gethan? Oft schon. Aber meistens war ich selbst Schuld daran. Wenn mich der Finger schmerzte, hatte ich mich geschnitten oder gestoßen. Darin unterscheiden wir uns also vom Heilande, der ohne Selbstverschulden litt, während wir gewöhnlich selbst Ursache an unsern Leiden sind. Allein in einer andern Art können wir Jesum in der Schuldlosigkeit des Leidens nachahmen. Ich weiß, liebe Mutter! was Du sagen willst. Mir fällt die alte Martha bei'm Tode ihres Kindes ein. Sie gab in ihrem Schmerze Alles Gott anheim. Du hast's gesunden. Wie der Mittler sein unverschuldetes, so müssen wir unser verschuldetes Leiden tragen gleich einem Schuldlosen durch die gänzliche Hingabe an Gott, den Schuldlosesten. — Welcher Schmerz indessen hat Dir unter allen Schmerzen am Wehesten gethan? Der Schmerz, welchen mein Herz empfand. Sie hierin eine Ähnlichkeit mit dem göttlichen Leiden! Die ausgebreiteten Arme, die durchbohrten Füße am Kreuze, die Dornenkrone auf dem Haupte ! schmerzten den erhabenen Dulder nicht so tief, als die Wunden seines Herzens. — Weßhalb, oder wann nun that Dir das Herz am Wehesten? Wenn ich Dich beleidigt hatte, liebe Mutter! Hierin liegt ein Gegensatz, welcher uns so recht an den Unterschied des göttlichen und menschlichen Leidens erinnert. Erkläre mir dies deutlicher! Den Heiland schmerzten die Wunden des Herzens am meisten, weil er es ^ mit dem Herzen empfand, daß ihn die Menschen verwundeten, deren Wunden er unaufhörlich geheilt. Uns thut das Herz am Wehesten, wenn und weil wir ^ fühlen, daß wir Andern wehe gethan. — Der göttliche Dulder empfand die Wunden, welche ihm geschlagen wurden. Wir empfinden da gleichsam die Wunden, die wir selbst geschlagen. Clara weinte. Weine nicht, mein Kind! Es gibt Etwas, das uns selbst im herbsten Leide tröstet. Auch hierin erinnert uns die Passionsblume an eine Ähnlichkeit und einen Unterschied des göttlichen und menschlichen Leidens. Ich verstehe Dich nicht. Wenn Dir etwas wehe thut, wem klagst Du es? Dir, liebe Mutter! weil ich weiß, daß Du an meinem Schmerze treulich Theil nimmst. Wie also Simeon Jesu das Kreuz tragen tragen half, so haben wir auf Erden Menschen, die unser Kreuz tragen helfen. Hierin beruht die Ähnlichkeit zwischen beiden Leiden, wenn gleichwohl Simeon unfreiwillig half, wir aber öfter zu aufrichtiger Theilnahme bereitwillige Herzen finden. Nun höre weiter! Als ich jüngst so krank war, daß ich den Tod erwartete, und der Arzt Dir verboten, Dir etwas gegen mich verlauten zu lassen; wem klagtest Du da Deinen Kummer? Vielleicht der Nachbarin? ! 179 O nein, Mutter! Sie war so griesgrämig, theilnahmlos. Wem denn? Ich eilte in mein Stübchen und schloß dem lieben Gott mein Herz auf. Wie fühltest Du Dich nach dem Gebete? Mir war so wohl, wie wenn mir eine schwere Last zur Hälfte abgenommen worden. Gewahrst Du jetzt die Verschiedenheit!? Ja, Mutter! Gott ward im Kreuztragen von einem Menschen unterstützt, wir aber erfreuen uns hierbei der göttlichen Hilfe. Wessen Kreuz wird also eine sanftere Bürde sein? Gewiß das uns'rige. Noch mehr. Wenn uns Gott das Kreuz eine Strecke Weges tragen half, so nimmt er uns oft ganz. Ja, allein auch Jesu ward das Kreuz genommen, nachdem es ihm Simeon mitgetragen. Wohl war! Als aber Jesu das Kreuz abgenommen, ward er nicht daran geheftet, um zu sterben? — Und Du? Als mir Gott mein Kreuz genommen und Dich wieder gesund werden ließ, begann für mich ein neues Leben. Siehe! mein Kind! So ist die Passionsblume ein Mahnbild, wie wir im Leiden dem Erlöser ähnlich werden können und sollen zur Belebung unseres Muthes; sie erinnert uns aber auch an die unendliche Verschiedenheit zwischen göttlichem und menschlichem Leiden zur Demüthigung unseres Herzens. Der Verein der unbefleckten Empfängnis Mariä zur Unterstützung der Katholiken im Orient. In mannigfachen Weisen tönen schon seit vielen Jahrzehnten die Seufzer der katholischen Bewohner der westlichen Provinzen des türkischen Reiches in die österreichische Monarchie hinüber. Indeß die Bevölkerung des östlichen Bosnien dem Schisma heimfiel, ist die näher liegende des Westens vom Anbeginn Heu bis zum heutigen Tage der katholischen Kirche treu geblieben. Der Adel des Landes sicherte Lei dem Einbruch der Türken seinen Besitz durch den Abfall zum Islam. Unter öfters wiederkehrenden schweren Verfolgungen fand sich ein großer Theil der glaubenstreuen Einwohner zur Auswanderung genöthigt. Von dreißig Fran- ziscanerklöstern, die einst für die Erhaltung der christlichen Lehre und des christlichen Lebens wirkten, haben blos drei die schweren Stürme der Zeit überdauert, die andern sieben und zwanzig sind verschwunden. Jenen ist die Erhaltung des katholischen Glaubens unter großen Mühen, unter niemals weichenden Gefahren zu verdanken. Sämmtliche Priester des Landes gehören diesem eifervollen Orden an. Aus einem Flächenraume, welcher den von Mähren und österreichisch Schlesien übertrifft, wohnen 120,000 Katholiken des kroatischen Volksstammes. Sie sind insgesammt eben so arm, als glaubenscifrig. Durch das ganze Land zerstreut werden sie Wohl in 56 Pfarreien eingetheilt, besitzen aber blos fünf Kirchen, drei davon jenen Franziscaner-Conventen angebaut, zwei kleine anderwärts. Da jedoch alle fünf zusammen kaum den sechzigsten Theil der Katholiken fassen könnten, diese nicht selten, um zu einer solchen zu gelangen, Tagereisen zurückzulegen hätten, so müssen die Priester die hl. Messe meistentheils auf freiem Felde, unter Zeltdächern oder Laubhütten feiern; an Orten, wo sie etwas besser dran sind, in Bretter- Hütten neben Viehställen, an Oertlichkeitcn, welche einzig dem Priester ein noth- dürftiges Obdach gewähren, während die Gemeinde in Staub, Schlamm oder Schnee knieend dem Gottesdienst beiwohnt. Oft muß von dem bewaffneten und nach türkischer Weise gekleideten Ordensmanne die heil. Wegzehrung über unwegsame Gebirge auf Tagreisen weit gebracht werden. Daß es überhaupt in diesem Lande noch Priester gibt, ist einzig der christlichen Fürsorge des österreichischen Kaiserhauses zu danken. Zwar hat in neuerer Zeit die Verhandlung des verstorbenen F--M.-L- Grafen von Leiningen mit dem Sultan den katholischen Christen Bosniens die Befugniß erwirkt, neue Kirchen bauen, neue Franziscanerconvente gründen zu dürfen. Wie sollen aber die Gläubigen bei ihrer bitteren Armuth dieses erfreuliche Zugeständniß sich zu Nutze machen, da es ihnen an allen Mitteln hiesür gebricht? Wohl haben sie aus ihren Nothpfennigen Bauplätze sich angekauft, wohl schleppen sie auf ihren Schultern über Pfadlose Strecken Steine und andere Baumaterialien zusammen; aber mit all dem erheben sich noch keine, wenn auch noch so ärmlich ausgestattete Kirchen. Erst seit einigen Jahren fließt aus den Sammlungen des St. Franz-Laver-Missionsvereins den Bosniern jährlich eine Summe zu; aber auch das ist dem schreienden Bedürfnisse gegenüber nur ein ärmlicher Nothbehels. Diese Thatsachen, obiger wahrheitsgemäßen Schilderung der kirchlichen Zustände Bosniens an die Seite gestellt, heben die Nothwendigkeit eines ausgiebigeren und nachhaltigen Mitwirkens durch die Gläubigen des Abendlanves in der augenfälligsten Weise hervor. Diese Nothwendigkeit wird noch einleuchtender durch die Erwägung, daß einzig die katholische Geistlichkeit, d. i. der seraphische Orden es ist, welche die Achtung vor abendländischer Sitte, Bildung und Wissenschaft auch unter den Muhamedanern Bosniens fortwährend erhält, und. daß es wahrscheinlich nur eines ernsten Anstoßes bedürfte, um die ursprünglich slavische Bevölkerung dieses Landes in großer Zahl zum christlichen Glauben zurückzuführen. Demnach würde andauernde Bethätigung christlicher Liebe nicht s blos tröstend, beruhigend, ermunternd auf die Mitlebenden einwirken, sondern zu- ! gleich eine erfreulichere Zukunft anbahnen. Ist zwar in Alt-Serbien die Zahl der Katholiken unbeträchtlicher, als in den bisher genannten Landschaften, so ist deren Erhaltung um so dringlicher, da dort das höchst Berücksichtigungswerthe vorkömmt, daß hier und da in einem Hause heimlich katholischer Gottesdienst gefeiert wird, indeß die Bewohner öffentlich in der türkischen Moschee sich einfinden. Knüpft sich nicht hierin die Hoffnung, die noch nicht erloschenen Erinnerungen an die Vergangenheit dürften früher oder später wieder zum hellen Bewußtsein sich entfalten? Soll nicht Jeder, dem sein Glaube und seine Kirche lieb sind, hierin eine Mahnung erkennen, zur Erhaltung des noch Vorhandenen, zur Anbahnung einer heiteren Zukunft willfährig beizutragen ? Wenden wir uns nach Macedonien. und dem Oesterreichs Gränzen noch näher gelegenen Albanien. Auch in diesen Landschaften ist die Erhaltung des katholischen Glaubens einzig dem unbesiegbaren Eifer der armen Jünger des heil. Franziscus zu ver- i danken. Unter dem Erzbischof von Durazzo stehen in achtzehn Gemeinden etwas über 8000 Katholiken, unter 140,000 Muhamedaner und eben so viele Schismatiker zerstreut. Drei von jenen Gemeinden entbehren einer Kirche, so daß der Priester zur Feier des Gottesdienstes einer Privatwohnung sich bedienen muß. Die vorhandenen Kirchen sind meistentheils sehr klein, nach morgenländischer Weise blos aus getrockneten Backsteinen erbaut. Mehr, als Materialien für ihre gottes- dicnstlichen Gebäude mühsam herbeizuschaffen, vermögen bei drückender Armuth die Gläubigen auch hier nicht. Die meisten dieser Kirchen besitzen ein eiziges Meßgewand, welches für jedes Fest dienen muß, einen einzigen Kelch, diesen nicht immer in der vorgeschriebenen Beschaffenheit. Dann fehlen Altarleuchter und f 181 Anderes, was der einfachste Gottesdienst erheischt. Wie dringlich wäre nicht Hilfe schon in dieser Beziehung! Der Erzsprengel von Antivari, ebenfalls in Albanien, zählt gegen 7000 ' Katholiken; in den Sprengeln von Scutari und Alexia wohnen deren mehr. Die Lage Aller ist keine günstigere, als in den bisher genannten Landschaften der europäischen Türkei. Wie sehr die von Armuth gedrückten Katholiken der Unterstützung ihrer diesseitigen Glaubensgenossen bedürfen, erhellet auch daraus, daß ihre Bischöfe sich hinreichend ausgestattet sehen, wenn jedem 200 Scudi durch die Propaganda zu Rom zugestellt werden, sie im Uebrigen auf die Gaben der Armuth ihrer höchst bedürftigen Pflegebefohlenen sich angewiesen sehen; so wie daß ein Missionär mit dem zehnten Theile des erwähnten Betrages durch das ganze Jahr hiedurch sich behelfen muh. Betrübend muß es für jedes lebendige Glied der Kirche sein, zu vernehmen, daß die Zahl der Katholiken in den Provinzen der europäischen Türkei sich vermindert. Aus dieser Thatsache sollte eine ernste Mahnung an dasselbe ergehen, vereint mit Anderen dazu beizutragen, daß die noch Vorhandenen in ihrem Glauben erhalten werden, die Zahl derselben sich mehre. Zu jener Verminderung haben freilich Verfolgungen Lurch die Moslemin, arge Bedrückungen von Seite der Schismatiker vielfach beigetragen; ein Grund derselben liegt aber auch in dem Mangel an Priestern. Dieser zwingt nicht selten die Gläubigen, ihre Ehen durch Schismatiker einsegnen, durch diese ihre Kinder taufen zu lassen. So ist es gekommen, daß selbst ganze Gemeinden ihrem katholischen Glauben entsagt haben, wie dieses zu Nikopolis an der Donau in Bulgarien geschehen ist. Jenen, durch Jahrhunderte andauernden Bedrängnissen und Beschränkungen gegenüber hat die neueste Zeit das Erfreuliche gebracht, daß von den Christen in de^ Türkei — namentlich den katholischen — durch den Hat-Humayum des Sultans der bisher auf ihnen lastende Druck, das empfindlichste Hemmniß ihrer gottesdienstlichen Uebungen, hinweggenommen werden soll. Stellen sich auch der Durchführung dieses Erlasses noch manche Hindernisse entgegen, der Verlauf der Zeit, der Glaubensmuth unserer Mitchristen wird dieselben allmälig beseitigen; die Befugniß, neue Kirchen zu Lauen, die bisherigen herzustellen, sie zu erweitern, wird und muß endlich vom Papier ins Leben übergehen. Damit dieses geschehe, müssen diese armen Völkerschaften auf das Gebet und die werkthätige Mithilfe ihrer begüterten und rücksichtlich ihrer geistlichen Bedürfnisse längst sicher gestellten Mitbürger zählen dürfen. Diese Zustände, die übrigens auch in Kleinasien und bis hinein an den Ganges sich fühlbar machen, haben bei mehreren wohlgesinnten Männern der österreichischen Monarchie — geistlichen und weltlichen Standes — die Frage hervorgerufen: ob es nicht pflichtgemäß und möglich wäre, den Katholiken dieser Gebiete einige Hilfe zuzuwenden? Der Gedanke an Gründung eines über die ganze Monarchie sich erstreckenden Vereines zu diesem Endzweck lag- nahe. Bedenken wir die Katholiken Nordamerikas, machen wir es möglich, daß den Negern des innersten Afrika'» das Licht des Evangeliums leuchte, sollten da nicht auf die ungleich näher liegenden hilfsbedürftigen Glaubensgenossen ebenfalls die Blicke und die Bestätigung der christlichen Liebe zu wenden sein? Unter diesen Erwägungen reifte der Vorsatz, die Gründung eines Vereins unter dem Schutze ver unbefleckt empfangenen heil. Jungfrau und zum Zweck der Unterstützung der Katholiken im türkischen Reiche und im Orient in Anregung zu bringen. Da dieses Vorhaben die Kirche berührte, ward zuerst die Willensmeinung des Oberhirten der Wiener Erzdiözese, Sr. Em. des Cardinal-Erzbischofs v. Rauscher vernommen. Seine Eminenz sah in dem Vorhaben ein an sich verdienstliches in seinen Folgen und Wirkungen auch anderweitig ersprießliches Werk, säumte daher nicht, dasselbe gutzuheißen. Hiernach ergab sich kein Hinderniß, von 182 »E dem Vorhaben auch die höchsten weltlichen Behörden in Kenntniß zu setzen, denselben die Statuten und den Entwurf einer Bekanntmachung vorzulegen, und um Erlaubniß zu bitten, die Sache ins Werk setzen zu dürfen. Unter dem 6. August 1857 langte von dem hohen Ministerium des Cultus und des Unterrichts die Eröffnung herab: „Se. k. k. apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschließung vorn 31. v. M. allergnädigst zu gestatten geruht, daß durch den Verein der unbefleckten Empfängniß Marien's behufs der Unterstützung der Katholiken im Oriente im ganzen Umfange der Monarchie Sammlungen eingeleitet werden." Se. Eminenz der Cardinal-Crzbischof hatte die Gnade, das Protectorat des Vereins zu übernehmen. Sofort wurde die definitive Aufstellung eines Comites vorgenommen und die hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe der Monarchie durch das hohe Ministerium des Cultus von der Stiftung des Vereines in Kenntniß gesetzt und um ihre Mitwirkung angegangen. Se. Heiligkeit Papst Pius IX. gewährte durch Breve vom 25. Juni 1858 dem Verein, „damit derselbe mit der Hilfe Gottes von Tag zu Tag größere Ausbreitung gewinne," zugleich mit der kirchlichen Anerkennung reiche Ablaßbewilligungen aus dem Gnadenschatz der Kirche. Der erste Jahresbericht des Vereins bis zum 31. März v. I. liegt vor uns und wir können nicht verkennen, daß Gottes Segen sichtbar und in reichem Maße auf dem neuen Werke ruht, das zu Ehren seiner unbefleckt empfangenen Mutter gegründet worden. An Sammelbeiträgen aus bisher 37 dem Vereine beigetretenen Bisthümern der Monarchie sind im ersten Jahre 24,264 st. CM. eingegangen. Dazu kommen noch verschiedene einzelne Gaben für die Vereinszwecke. Die Ausgabeposten theilen wir einzeln mit, da die Art und Richtung der mannigfaltigen Wirksamkeit des Vereins hieraus am besten erkannt wird. Von den eingelaufenen frommen Gaben wurden verwendet: Zum Ausbaue der katholischen Kirche zu Plojest in der Walachei 800 sl. Zum Baue mehrerer katholischen Kirchen in Bosnien 1500 sl. Für den Unterhalt der kath. Schule zu Belgrad in Serbien 250 sl. Zum Baue einer neuen kath. Kirche zu Bellina in Bulgarien 500 sl. Für die Bedürfnisse der Katholiken in Indien dem Hrn. Athanasius Zuber, Bischof von Patna, 1500 fl. Für die Bedürfnisse der armenisch-kathol. Missionen im Orient 1000 sl. Zum Baue einer neuen Kirche zu Pagnevo dem Herrn Bischöfe von Scopia in Albanien, Urban Bogdanovich 500 fl. Für das armenische Priester-Seminar in Tokat in Kleinasien 400 fl. Zum Baue einer Mädchenschule den englischen Fräulein zu Bukarest in der Walachei 1600 fl. Zur Restaurirung der Kirche San-Giovanni in Albanien 320 fl. Zur Restaurirung der Kirche zu Benzi in Albanien 320 fl. Für die Bedürfnisse der Armenisch-katholischen Schulen zu Smyrna und Aiden in Kleinasien 2000 fl. Dem apostolischen Vicar von Bosnien, Herrn Marian Sunjic, für die Ausstattung der Kirche in Gucia-Gora 300 Ducaten — 1480 fl. Für die zwei Mechitaristen-Misstonen in Perstcn 1000 fl. Für die armenische Mission in Konflantinpel 2000 fl. Für ein ordinäres Meßkleid für die Kirche zu Scutari in Albanien 28 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 1 silberner Kelch zu 140 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 1 Festmeßkleid zu 129 fl. Für die katholische Kirche zu Rimnik in der Walachei 6 metallene Altarleuchter, 3 Kanontafeln und 1 Rauchfaß angeschafft zu 206 fl. Für ein Vereins- und Procuraturstegel, 1 Stampiglie und ein Rechnungs-Journal 18 fl. Für die Drucklegung der Statuten, Aufrufe und Sammelblätter 111 fl. Für das Lithographien der Empfangsbestätigungen 20 fl. Dem Kupferstecher für das Vereinsbild 105 fl. Dem Kupferdrucker für 4000 Abdrücke 80 fl. Für den Kauf einer niederöst.^ Grundentlastungs-Obligation 183 pr. 100 fl, ausgelegt 91 fl. An Stempel-, Aviso- und Geldbriefegebühren 29 fl. Für Canzlei-Ersordernisse 43 fl. Summa der dießjährigen Ausgaben 16,172 fl. Diese neue Blüthe am Baume der katholischen Kirche: Der Verein der unbefleckten Empfängniß Mariä zur Unterstützung der Katholiken im Orient, die zu so schönen Hoffnungen für die Ausbreitung der kathol. Religion im Orient berechtigt, stimmt gewiß jedes gläubige Herz zu heiliger Freude und erfüllt es mit den innigsten Segenswünschen für das Land, in welchem sie sich entfaltet: für das glaubenseifrige Oesterreich und sein frommes Kaiserhaus! Eine neue Predigtmethode in Amerika. Es wird eine Zeit kommen, wo die Leute sich selber Lehrer aufladen, die predigen, wonach ihnen die Ohren jucken. (St. Paulus, 2 Tim. 10.) Unsere Sectenprediger sind schon seit längerer Zeit in größter Verlegenheit, was sie ihren Schafen vorpredigen sollen. Jahr ein Jahr aus haben's über den Papst, über'» Bibelverbot in der katholischen Kirch', über's Cölibat, über die Klöster, über die Beicht, über's Fegfeuer, über die „Anbetung" Mariä und der Heiligen und so weiter und so weiter sich auf der Kanzel Sonntags ereifert; aber die Sach' zieht jetzt nicht mehr und eckelt an, nach dem bayerischen Spruch: Was zu lang währt, laut't nicht schön. Das Gähnen und zuletzt gar noch der Kirchenschlaf kommt über Männlein und Fräulein, zumal in den comfortabel gepolsterten Kirchstühlen, und der Reverend Prediger hat höchstens noch ein paar alte Weiber vor sich, die ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zuhören. Diesem Uebelstand abzuhelfen, sind manche Prediger auf den Einfall gerathen, die Politik mit hineinzuziehen und auf die Kanzel zu stellen. So hat seller Henry W. Beecher in Brooklyn den Kossuth, gottseligen Andenkens, einmal seinen andächtigen Schafen vorgestellt, und ihn als den Messias des 19. Jahrhunderts promulgirt. Das zog, da kam Alles gelaufen. Später hat selbiger Prediger das blutende Kansas auf die Kanzel mitgenommen und ausgerufen: Lcco Kansas — sieh, wie jämmerlich Kansas gemartert tvird von der Democratie! Zuletzt aber kam der John Brown dran. Dieser „Märtyrer" der Freiheit figu- rirte in der neuesten Zeit in sehr vielen protestantischen Kirchen, und das zog Schaaren von Zuschauern an. Da nun aber auch dieses Feuer bald wieder sich abkühlte, und die alte Langeweile jetzt wieder ihr Medusenhaupt in die protestantischen Tempel und „Meeting"-Häuser hineinzustecken anfängt, so ist ein Prediger, Rev. Corbett von der Methodistengemeinschaft, auf einen interessanten Einfall gerathen, und hat vorigen Samstag in den Zeitungen angekündigt, daß er am darauffolgenden Sonntag Abends in der Kirche an der Ecke von Broome und Green St. eine Predigt halten wolle für die Diebe und Huren (Ibievas SN(! Ilarlots) der Stadt Neuyork. Da hätte nun Jemand das Gelaufe sehen sollen vorigen Sonntag. Wie der hiesige „Herald" berichtet, so war schon eine halbe Stunde vor dem Anfang der Predigt kein Platz mehr zu finden. Gentlemen und Lädies, meistens den sog. „respectabeln" Classen der Gesellschaft angehörend, drängten sich mit neugieriger Hast in die Kirche. Ein Geheimpolizist (Spitzel), der den Reporter des „Herald" begleitete, bemerkte demselben, daß er im Ganzen nur vier stadtbekannte Ilarlots anwesend sehe; von den (in der Diebs- gallerie abconterfeiten) Püievvs aber nicht einen einzigen; trotzdem daß der Prediger hatte publiciren lassen, diese beiden Sorten sollten nur beherzt kommen, die Polizei werde sie nicht incommodiren. Die Rede für die genannten Sünder und Sünderinnen, wie das vorausgehende Gebet wurden häufig mit den Zurufen 184 „Amen" unterbrochen. Nach der Predigt und dem Singen einiger Verse ging die ganze Versammlung ruhig auseinander. Bei'm Hinweggehen aber (wie der „Herald" berichtet) nahm ein Jeder von den Männern seine Taschen wohl in Acht, da ja im Gedränge ein naher Dieb leicht manipuliren konnte, und die Damen straften mit einem strengen Blick jedes Mannsbild, das etwas zu stark sie anglotzte, um nicht für Ilarlok gehalten zu werden. Daß solcher Humbug übrigens nur demoralisirend einwirken kann, das liegt auf klarer Hand. Kein Wunder, daß die protestantischen Sectentempel immer leerer werden. (N.-Y. K.-Z.) Ein Zug von Sixtus V. Sirius der Fünfte erinnerte sich als Papst Anfangs ganz und gar nicht mehr eines Advocaten, mit dem er in der vertrautesten Freundschaft gelebt hatte, als er noch Franziscanermönch gewesen. Der ehrliche Advocat ward krank, und in seinen äußerst dürftigen Umständen fehlte es ihm durchaus an jeder Art von Pflege und Erleichterung. Ganz von ungefähr brachte seine alte Wirthin den päpstlichen Leibarzt zu ihm, eben durch ein solches Ungefähr erwähnte der Leibarzt der Krankheit des Advocaten beim Papste und sagte, daß er die große Dürftigkeit des Mannes für die Ursache seiner Krankheit halte. Sixtus lenkte das Gespräch auf etwas anderes. „Apropos, sagte er den folgenden Tag zu dem Leibarzt, wißt Ihr, daß ich mich auch mit Receptverordnen abgebe? Ich denke, das meinige wird nicht unwirksam gewesen sein, Ihr spracht gestern von dem armen Jurinaz; ich erinnere mich jetzt schon mit Vergnügen daß ich diesen armen Mann ehedem recht gut gekannt habe, ich habe ihm Kräuter zu einem trefflichen Salat geschickt, die ihn wahrscheinlich gesund machen werden." „Salat? Heiliger Vater! in der That, die Curart ist ganz neu!" „Sagt dem Jurinaz," erwiderte der Papst lächelnd, daß er in Zukunft keinen andern Arzt als mich brauchen soll; diese Kundschaft schnappe ich Euch weg. Der Arzt, der nicht erwarten konnte, wie die Cur abgelaufen sein würde, verfügte sich eiligst zu seinem Kranken, den er auch wirklich ganz hergestellt fand, worüber er denn nicht wenig stutzte. — „Zeigen Sie mir doch den Salat, den Ihnen Se. Heiligkeit geschickt hat; ich muß doch die Natur dieser wunderthätigen Kräuter kennen lernen." „Ja!" versetzte der Kranke mit sichtbarer Zufriedenheit, „sie sind in der That wunderthätig; ich bin überzeugt, daß Ihre ganze Heilkunst keine so glückliche Cur macht." Nun brachte der Advocat einen Korb mit gewöhnlichen Kräutern zum Vorschein. „Was," davon wären Sie besser geworden?" — „Untersuchen Sie nur etwas genauer, tiefer unten liegt die rechte Panacee!" Der Arzt that es und fand eine sehr ansehnliche Summe Zechinen. — „Solche Mittel können wir unsern Kranken freilich nicht verschreiben." — Er ging zum Papst. — „Heiliger Vater, Sie hatten wohl recht, Sie sind der geschickteste Arzt von der ganzen Welt." Sixtus antwortete: „Ich behandle aber nicht alle meine Kranken nach dieser Methode." — Die Geschichte ist sprichwörtlich geworden. Wenn man von Jemanden redete, dem mit Geld geholfen wäre, so sagte man: ihm fehlt ein Salat von Papst Sixtus dem Fünften. D e n k f p r ü ch e. 1. Was nützt es, wenn Jemand katholisch glaubt und heidnisch lebt. 2. Wehe demjenigen, der die Gesundheit mehr als die Heiligkeit liebt. Rrdaclion uno W-rlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M, «l-inle. Hl-. S4 lSbMgkl 10. Juni 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Religiöse Zustände Englands. Die „Armonia" erhält von dorther folgende Correspondenz: Seit einigen Monaten machen die Protestanten außerordentliche Anstrengungen, tun ihren Glaubensgenossen, wenn anders noch möglich, ein wenig religiöses Leben einzuhauchen, welches, wie jeder Beobachter sehen muß, völligem Erlöschen nahe ist, und die Anstrengungen selbst sind ein klarer Beweis, daß die unglücklichen Schüler Luthers und Calvins bereits merken, daß ihnen dies Leben ausgeht. Nach den im Jahre 1855 angestellten Berechnungen gibt es in England über 5,500,000 Menschen, welche nie einen Fuß in ein dem Gottesdienste gewidmetes Local setzen, und der größte Theil der klebrigen gibt nur selten zu erkennen, daß er eine Religion übe; darum entzündete sich der Eifer vieler der entschiedensten Protestanten, und sie beschlossen, alle möglichen Mittel zu versuchen, um die erlöschenden Lebensgeister wieder aufzuwecken. Es war damals, daß Lord Shaftesbury vom Parlamente die Befugniß erhielt, daß Jedermann innerhalb seines Eigenthums Stätten des öffentlichen Cultus eröffnen dürfe, ohne bei der Regierung um weitere Erlaubniß sich bewerben zu müssen; und man legte nun Hand an's Werk neue Kirchen und Capellen zu erbauen, Gelder in großer Menge einzusammeln, um zu diesem Werke an ärmeren Orten behilflich zu sein, ferner in den Dom- und anderen Hauptkirchen specielle Funktionen einzuführen, welche gewöhnlich im Absingen einiger Psalmen mit zahlreicher musikalischer Begleitung und in einer Predigt bestehen, welche letztere von gewählten Rednern im Turnus gehalten wird. Nichtsdestoweniger aber blieb die Masse des Volkes wie früher ohne religiöses Leben; denn was sind denn in London z. B. 15,000 Personen, welche bei diesen Extra-Gottesdiensten sich einfinden, wovon auch der größte Theil bei den gewöhnlichen erscheint, im Vergleich mit beinahe 2 Millionen, welche an Sonn- und Festtagen nicht den mindesten Religionsact ausüben? Rücksichtlich der Kirchen bemerkten die protestantischen Blätter wiederholt, daß nicht das mindeste Bedürfniß vorhanden sei, deren neue zu bauen, indem die bereits bestehenden immer leer seien. Da es sich also zeigte, daß diese Weckmittel nicht hinlänglich sich erwiesen, sann man auf ein anderes, nämlich die Theater zu Stätten der Predigt und des religiösen Unterrichtes zu verwenden; ein Mittel, darauf wirklich nur Protestanten verfallen konnten; denn man wird nie gehört haben, daß die Heiden, Mohamedaner, Juden je das Theater zu gottesdienstlichen Handlungen benutzt hätten. Wer Montags die in der Hauptstadt erscheinenden Blätter in die Hand nimmt, kann, wenn er will, zu seiner Erbauung die Rechenschaftsberichte über die religiösen Funktionen lesen, welche in den vornehmsten Theatern stattgefunden hatten. Da wird der Anzug und Putz der Damen beschrieben, die natürlich durch ihr Erscheinen keinen Unterschied zwischen dieser und einer andern Unterhaltung machen; ferner die scenische Verzierung der Kanzel, von welcher der herausgeputzte Prediger, ganz Feuer für die Angelegenheiten der Seele, seine Beredsamkeit glänzen ließ, während die Zuschauer, zum Beweise der tiefen Gefühle der Frömmigkeit und Zerknirschung sich, wie gewöhnlich, mit Pomeranzen, Confect, Ligueurs, Gefrorenem und anderen Erfrischungen reichlich versahen, die von Hand zu Hand bereitwilligst gereicht wurden; endlich auch, welche Zeichen der Zu-oder Mißstimmung bemerkt wurden, das Stillschweigen oder das Gesumme, nach den verschiedenen Eindrücken, welche die Predigt hervorbrachte. Ihre Leser werden vielleicht Aergerniß nehmen an einer solchen Art und Weise, den Tag des Herrn zu heiligen; auch Lord Dungannon aUerirte sich darüber und erhob Klage im Parlamente; allein der Pseudobischof von London trat allsogleich als Vertheidiger auf, und der sehr fromme Pseudoerzbischof von Can- terbury bemerkte scharfsinnig mit Gamaliel daß, wenn diese Neuerung nurMeu- schenwerk sei, sie alsbald verschwinden werde; komme sie aber von Gott, soll man ihr kein Hinderniß in den Weg legen. Den Eiferern ist es aber noch zu wenig, die Theater als Kirchen zu gebrauchen, sie ersannen noch ein Mittel, welches für einige Zeit wohl zweckdienlich sein mag, inzwischen aber schneller als ein anderes den Ruin des Protestantismus durch Anbahnung des völligen Jndifferentismus herbeiführen wird. Sie senden nämlich nach allen Seiten Missionäre mit dem Auftrage aus, alle Diejenigen, bei denen sie noch einen Funken religiöser Anwandlung vermuthen können, zu den Versammlungen einzuladen, welche im Stadthause gehalten werden, wo sich Alle, jeden Unterschied im Dogma oder Ritus beiseits lassend, zum gemeinschaftlichen Gebete vereinen. Beim ersten Anblicke möchte es wirklich scheinen, daß die religiöse Vereinigung in England wiedererstanden sei, und mit derselben auch Frömmigkeit und Eifer; denn nicht blos an allen Straßenecken und an den Thoren der gottesdienstlichen Gebäude der verschiedenen Seelen sieht man die Einladungszettel zur religiösen Versammlung im Saale des Stadthauses angeheftet, sondern fast in jeder Kneipe bekömmt, man dieselben zu lesen, und sie machen keinen , Unterschied zwischen einem Methodisten oder einem Ouäcker, einem Baptisten oder einem Unitarier, einem Schwedenborgianer oder einem Congregationalisten. Be- ! gebt ihr euch nun hin in -jene Versammlung, so werdet ihr staunen nicht blos über die außerordentliche Anzahl der Andächtigen, sondern über die Cordialität, mit welcher Personen von so entgegengesetzten religiösen Ansichten und Meinungen einander begegnen. Wie ihr aber einmal die Predigt gehört, so werdet ihr gleich erkennen, daß die ganze religiöse Einigkeit darin besteht, nichts zu glauben und die kath. Kirche zu hassen. Dies ist das Ziel, welches die verschiedenen religiösen Associationen, welche in neuester Zeit gleichsam als Nachässung der zahlreichen im Schooße der hl. Kirche blühenden kathol. Vereine unter den Protestanten sich gebildet haben, verfolgen. Unter anderen führt eine derselben den Titel: „Association der Jünglinge". Vor wenigen Tagen sah man an allen Straßenecken von Cardiff große Zettel angeheftet, worin die Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer Reihe von Predigten eingeladen wurden, welche während der Fastenzeit von tüchtigen Rednern gehalten werden. In meiner Neugierde las ich den ganzen Inhalt der Ankündigung, und ich entnehme nicht ohne Verwunderung, daß die erste Predigt von einem anglikanischen Prädicanten, die zweite in der Capelle , der Baptisten, die dritte in jener der Unitarier gehalten werden sollte. Die Methodisten werden die Ehre der vierten haben, und so wurden die Jünglinge eingeladen, die Schriftauslegung nach den Ansichten der verschiedenen Secten der Reihe nach anzuhören. Ich sagte, nicht ohne Verwunderung; denn bisher galten den Anglicanern die Dissidenten für Ketzer, und sie wollten mit ihnen keine Gemeinschaft Pflegen; nun aber ist es offenbar, daß sie alle miteinander gemeinsame Sache machen, und daß der Protestantismus am Vorabende ist, das zu werden, was er in seiner innersten Wirklichkeit ist, ein reiner Deismus. Inzwischen lenkt es auch die Vorsehung, daß die Puseyiten, welche sich schmeichelten, die Ueberzeu^ gung zu begründen, die anglicanische Kirche sei ein Ast der katholischen, fast 187 täglich mahnende Beweise erhalten, wie sehr sie darin irren. Die Tumulte, welche seit langer Zeit die Funetionen in der protestantischen Kirche des h. Georg im Westende Londons wegen der dort vom Pastor eingeführten puseytischen Neuerungen stören, Tumulte welche letzthin so arg wurden (man zerschlug die Altarzierden und zerriß die gottesdienstlichen Gewänder), daß sie den Unwillen aller Parteien erregten, weil dadurch die Meinungsfreiheit und der öffentliche Anstand straflos gehöhnt wurden, zeigen offenbar, daß die Masse der Protestanten weder von Dogmen noch von religiösen Ceremonien etwas wissen, sondern ihr Heiden- thum, mit ein wenig christlichem Firniß übertüncht, sich bewahren will; ganz charakteristisch für den Protestantismus überhaupt! Die katholische Kirche aber gewinnt fortwährend an Terrain. Neue Kirchen, neue Schulen, neue Convente und Klöster entstehen allerwärts. Die Klosterfrauen insbesondere vermehren sich, und breiten sich auf wunderbare Weise aus, und überall will man sie als Lehrerinnen in den Schulen. Der Ausnahmszustand, in dem sich hier die kath. Kirche befindet, bewirkt, daß dies Alles geschieht, der Katholicismus sich befestigt und im steten Fortschreiten begriffen ist. Wer aus katholischen Gegenden hieher kömmt, die kathol. Kirchen und Institute zu besuchen, glaubt in seinem Daterlande und nicht in einem protestantischen Lande sich zu befinden. So weit genannte Correspondenz. Da wir von den Bemühungen eifriger Protestanten zur religiösen Wiederbelebung ihrer Landsleute in England gehört, so wollen wir auch einen Bericht der „N. preuß. Zeitung" anfügen, der uns von originellen Besserungsversuchen erzählt, welche mehrere anglikanische Geistliche und Laien zur Gewinnung lasterhafter Personen für ein christliches Leben anstellten. „London, 17. Februar. Eine Anzahl protestantischer Geistlicher der „evangelischen" oder l.o^v-Giuec-li (niederkirchlichen Richtung), so lautet der Bericht, „die mit Liebe und Aufopferung dem Reiche Gottes dienen und seit Jahren überall eines ehrenvollen Rufes genießen" — Männer wie Mr. Brock, Mr. Maxwell, Mr. Baptist Noel (der Sohn des Carl of Gerrisborough) und Andere hatten sich zu einem sehr eigentühmlichen Vorhaben vereinigt. Seit längerer Zeit galt ein Theil ihrer Wirksamkeit der Wiedergewinnung verlorener Dirnen. Betrübt über die geringen Erfolge ihrer Bemühungen und in der Unmöglichkeit, dem Gegenstand ihrer Sorge anders als auf offener Straße und nach Mitternacht beizukommen, beschlossen sie, ein bisher unerprobtes Mittel zu versuchen. Acht Tage lang verbrachten sie die zweite Hälfte der Nacht auf den Straßen. Wo sie eine Person der betreffenden Classe sahen, schlichen sie leise heran, drückten ihr ein elegantes Billet in die Hand, und entflohen, um allen Weiterungen zu entgehen. So vertheilten sie mehr als tausend gedruckte Briefe folgenden Inhalts: „Einige Freunde erlauben sich die Bitte um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft in der Restauration von St. James, Regent Street, für Mittwoch den 8. um 12 Uhr Nachts auszusprechen." — Diese Nacht kam, und mit ihr an 250 der geladenen Dirnen! Männliche Begleitung wurde nicht mit eingelassen, was Verdacht erregte und Viele noch an der Thür vom Eintritt zurückhielt. Drinnen fanden sie einen wohlbesetzten Theetisch, und daran den genannten Geistlichen, den reichen Banquier Latouche, Mr. Maxwell, den Sohn Lord Farnham's und eine kleine Gesellschaft von andern Menschenfreunden aus den höchsten Ständen der Gesellschaft; zusammen an zwanzig Gentlemen. Die Dirnen setzten sich, mit all dem elenden Flitter ausstaffirt, der den sittlichen Abgrund ihres Daseins überdeckt, lustig an den Tisch. Sie griffen zu und benahmen sich, wie sie dem mysteriösen Briefchen zufolge sich berechtigt glaubten. Um 1 Uhr endlich, als der Thee vorüber war, und die Gesellschaft vollzählig schien, und als den Tafelnden wohl schon beträchliche Zweifel an dem Zwecke der Reunion aufgestiegen waren, trat der Nev. Mr. V. Brock mit einer geistlichen Ansprache vor sie hin. Er sprach für seinen Zweck vortrefflich. Wenn er keine Achtung vor der Versammlung ausdrücken konnte, so drückte er seine Achtung vor dem aus was sie sein sollten, ja sein würden, im Augenblick da sie es wollten. Ihm folgte der Hon. und Rev. Mr. Baptist Noel mit einer schlichten Beschreibung des Lebenslaufes einer tugendhaften Frau. Viele schluchzten. Die Mehrheit, welche gleichgiltig blieb, verhielt sich ruhig, da die Beachtung und das schonende Entgegenkommen Allen wohlthat. Schließlich versprach man jeder einzelnen genügende Beihilfe zur Begründung eines neuen Lebens, und das Meeting trennte sich, nicht ohne eine Hoffnung auf gute Frucht in den Herzen feiner Veranstalter zurückzulassen. In Deutschland wäre es wohl nicht denkbar, daß Männer von so reinen Zwecken und so ernstem Sinne sich eines derartigen weltlichen Mittels, gleichsam einer Begleichung und Ueberraschung der Sünde, bedienen würden, um ihre christlichen Ziele zu fordern." Gebt mir gute Mntter und ich bekehre die Welt. Andreas Corsini, ein Sohn des Nikolaus Corsini und dessen Gattin Pere- grina, war in Florenz im Jahre 1302 geboren. Obschon er im Elternhause stets Gutes gehört und gesehen, so schied er doch frühzeitig von der Bahn des Guten und überließ sich, dem Beispiele wüster Genossen folgend, vielen Ausschweifungen. Statt Freuden bereitete er seinen Elken: Kummer und Schmerz. Es herrschte nur Trauer in ihrem Palaste, nur noch die Stille des Grabes, von Schluchzen und Seufzen der schwer betrübten Mntter unterbrochen. Mit wahrhaft christlicher Sanftmuth suchte Peregrina ihren Sohn auf den Weg des Heils zurückzuführen; doch jedes Wort, jede Bitte floh wie Windeswehen, ohne eine Spur zurücklassend, unwirksam an seinem Herzen vorüber. Peregrina, überwältigt von ihrem Weh, legte nun alle Pracht der Kleidung, wie sie ihrem vornehmen Stande gebührte, ab und hüllte sich in Trauerkleider. Stundenlang kniete sie vor dem Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes iu der Karmeliterkirche und flehte um Fürbitte bei Gott für die Bekehrung ihres armen, unglücklichen Sohnes Andreas. Die Stätte, wo sie in Andacht versunken zu weinen pflegte, zeigte sich jedesmal von unzähligen Thränen benetzt. Eines Tages begegnete Andreas zufällig seiner Mutter in den Trauerkleidern, als sie eben durch die Karmeliterkirche schritt. Er sah ihre rothgeweinten Augen, bemerkte ihre blassen Wangen und ihr sichtbares Gcbcugtsein. Stumm gab er ihr das Geleite. Ihr Anblick-Hatte ihn betroffen gemacht. Ihr Schweigen aus dem Heimwege drückte ihn noch mehr. In der Behausung angelangt, sagte er endlich: Aber liebe Mutter, du trauerst ja. Es muß Jemand in unserer Familie gestorben sein, weil ich Dich in diesem dunklen Anzüge erblicke. Warum hast du mir diesen Sterbefall nicht angezeigt? Auch ich hätte dann, wie es sich ziemt, Tranerkleider angelegt. — Ja, mein Sohn, es ist Jemand in unserer Familie gestorben, aber nicht den Tod des Leibes, sondern den Tod der Seele. Und dieser Gestorbene List — du. Denn durch dein lasterhaftes Leben, das du seither führst, bist du todt für Gott und Seligkeit. Und um diesen deinen entsetzlichen Tod traure und weine ich Tag und Nacht, aber ich bete auch Tag und Nacht^ daß Gottes Huld nud Gnade dich erwecken und erleuchten möge, daß du vor meiner Sterbestunde noch auferstehen mögest zum Leben in Christo und dann ich zu deinem ehrwürdigen Baker in Frieden in die Ewigkeit hinübergehen könne I Ach du bist wohl der Wolf, den ich ehedem im Traume gesehen habe. Durch Liese Worte fühlte sich Andreas tief erschüttert. Er wurde unruhig, griff nach der Hand seiner Mutter und bat sie, ihm diesen Traum zu erzählen. 189 Peregrina sagte ernsten, doch liebesanften Tones: „Am Tage vor deiner Geburt, mein Sohn Andreas, hatte ich einen seltenen, fürchterlichen, nachher aber in gar wundersamer Tröstung sich ändernden Traum. Mir war, als hätte ich einen Wolf geboren. Entsetzt und halb ohnmächtig siel ich zu Boden, flehte zu Gott um Erbarmen in dieser gräßlichen Noth, und siehe, Gott erhörte mein Gebet, denn der Wolf verwandelte sich in ein anmuthiges Lamm, das da in die Kirche lief, und — ich erwachte. O, mein Sohn! der erste Theil meines Traumes, der so fürchterliche, ist leider bereits erfüllt. Durch dein sündhaftes Leben bist du seither der entsetzliche Wolf gewesen. Wann, ach wann wird sich der zweite Theil meines Traumes, der so tröstliche, erfüllen, daß du ein Lamm in der Kirche Gottes werdest? Wann, ach wann schlägt diese glückselige Stunde? Ach, sie schlägt vielleicht — nie. O ich ärmste Mutter, hätte ich dich doch nimmer geboren I Andreas, den in diesen rührenden Worten die Gnade Gottes sichtbar und mächtig ergriff, sank weinend zu seiner Mutter Füßen nieder, bat sie reumüthig und demüthig um Verzeihung und rief aus der Tiefe seines Herzens das feierliche Gelübde ihr entgegen: „O meine gute Mutter, vergib mir! Ja ich will von nun an ein Lamm in der Kirche Gottes werden und es auch bleiben bis an mein Lebesende. Dazu verhelfe mir die Fürbitte der heil. schmerzhaften Mutter Gottes und die Barmherzigkeit ihres gebenedeiten Sohnes, meines gekreuzigten Heilandes." Am anderen Tage ging Andreas mit seiner Mutter in die Karmeliterkirche, legte dort einem greisen Priester seine Beicht ab, und Mutter und Sohn empfingen beim Altare der schmerzhaften Mutter Gottes die hl. Communivn. Noch lauge knieete dort der Jüngling, sein seitheriges leichtsinniges Leben mit heißen Bußethränen beweinend. Er opferte sich nun Gott unter dem Schutze der gnadcn- vollen Jungfrau gänzlich auf und anstatt in die Welt zurückzukehren, nahm er das Ordenskleid. In der Abgeschiedenheit des Klosters bändigte er mit wunderbar heldenmüthiger Kraft alle Versuchungen des bösen Feindes, er kreuzigte sein Fleisch und dessen Begierden durch schmerzliche Geißelung, Fasten, Stillschweigen, Gebet und Betrachtung unter dem K euze seines Erlösers, und namentlich durch Uebung solcher Tugenden, die von seinem früheren Lasterleben das Gegentheil bildeten. Nach abgelegtem Ordenseid und Gelübden wurde er Priester, studirte noch drei Jahre in Paris, kehrte dann in sein Kloster zu Florenz zurück, wo man ihn wegen seiner ausgezeichneten Wissenschaft und Frömmigkeit zum Prior einsetzte. Durch sein frommes Beispiel und seine salbungsreichen Predigten, die Tausende und Tausende verstockter Sünder zur Buße riefen, nannte man ihn geradezu den Apostel des Landes und wählte ihn später, als der Bischofssitz zu Fiesolie erledigt war, einstimmig zum Bischöfe. Als Bischof vermehrte er seine Wachsamkeit und sein Gebet und übte die christlichen Tugenden um so angestrengter, als er einsah, wie heilig er in einer so hohen Stellung leben müsse. Sein Lager waren Reiser von Weinreben, seine Nahrung war strenges Fasten und Darben, seine Erholung Armenpflege. Um seinem Heilande soviel wie möglich in Allein ähnlich zu werden, pflegte er an jedem Donnerstage den Armen die Füße zu waschen und sich auf diese Art zu demüthigen. Einmal wollte ein Armer die Füße nicht darreichen, weil sie voll Geschwüre waren. Der Bischof wusch sie dennoch, und der Kranke war davon befreit; denn Gott hatte dem großen Büßer auch die Gabe der Wunder verliehen, und nach allen Richtungen hin glich sein Leben einem frischen Baume, der die besten Früchte trug. In der Christnacht 1372 überfiel ihn während der heiligen Messe eine große Schwäche, die in ein qualvolles Fieber überging. Er bereitete sich durch Empfang der heiligen Wegzehrung auf die Ankunft des Herrn vor und starb am 6. Jänner 1373, nachdem er auf dem Krankenlager noch oft ausgerufen hatte: „O meine gute Mutter im Himmel, wäre ich doch eine Lamm geworden! 190 Ach, mein süßer Jesus, wäre ich doch ein Lamm in deiner hl. Kirche geworden!" Er starb in einem Alter von 70 Jahren gottselig im Herrn. Siehe da, mein lieber Leser, einen zweiten Augustin, der durch das Gebet und die Thränen seiner Mutter von den Irrwegen der Sünde auf den Pfad der Tugend und Heiligkeit geleitet wurde. O möchten alle Mütter so zärtlich für daS Seelenheil ihrer Kinder sorgen, wie gut wäre es! Sie sorgen zwar: aber statt des Kleides der Unschuld geben sie ihnen das Kleid der Eitelkeit, statt sie für Gott christlich und fromm zu erziehen, erziehen sie sie für die Eitelkeit. Mit Recht konnte ein weiser Mann rufen: „Gebt mir gute Mütter und ich bekehre die Welt." — Mütter, das beherziget! Seht, soviel hängt von der Erziehung ab, die ihr euern Kindern gebet. _ Gottlob, baß der Korb fertig ist! „Aber, lieber Doctor, wo sind Sie so lange gesteckt? Die ganze Gesellschaft hat Sie wohl eine Stunde lang erwartet. Machen Sie nur nicht Miene, sich entschuldigen zu wollen. Wir wissen ja doch, was Sie sagen wollen. Sie haben Kranke besuchen müssen, nicht wahr? O ja, ein Doctor kann sich leicht entschuldigen." „Gewiß! Hat's meine Frau nicht erzählt? Ich genoß so eben das Vergnügen, sie hierher zu begleiten, als ich mitten auf dem Wege angehalten wurde. Eine beliebige Alte war sicher mir zum Trotze krank geworden, und so mußte ich meine junge Anna allein pilgern lassen und mich zur alten Susanna begeben." „Und da blieben Sie so lange?" „Daß ich ein Narr gewesen wäre! Ich schrieb ihr ein Recept auf „O weh' mir, wie wird mir!" und entfloh ihr, als sie eben daran war, mit unergründlichem Scharfsinn mir eine ellenlange Rede halten zu wollen. Daraus"- „Eilten Sie gewiß nicht hierher! Wo sind Sie gewesen?" „Ich stürmte vorwärts, wie ein Schnellläuser, holte in jener Straße kaum einmal Athem und segelte so rasch an den Leuten vorbei, daß ich mit dem einmaligen Hutabnehmen an zwölf Grüße zugleich beantworten konnte, und doch"- „Nun, was kam dazwischen?" „Ein Korbmacher und seine Frau. Aber meine Herrschaften rechts und links, laßt mich erst zur Ruhe kommen! So, da steht mein Stock, hier mein Hut, dort der Sessel ist mein; gut, ich bin da und sitze. Darf ich bitten um eine Tasse Thee? Ach, schön; ich danke einmal, zweimal und dreimal." „Aber der Korbmacher und seine Frau?" „O es ist etwas ganz Unbedeutendes. Ich kam vor seinem Hause vorbei und hörte in demselben ein Fluchen und Schalten, ein Kreischen uud Heulen, ein Schlagen und Prügeln, daß ich Alles vergaß und in die Thüre trat, um Ordnung zu stiften. Es war richtig, wie ich mir dachte, der Mann prügelte seine Frau; sie hatte aber auch das Ihrige geleistet, denn seine Nase blutete nicht wenig. Als ich erschien, fuhren sie auseinander und bedrängten mich nun so mit gegenseitigen Erklärungen und gegenseitigen Verwünschungen, daß ich fast blind und taub wurde. Ich hatte Arbeit, beide zum Schweigen zu bringen, und dann erst eine Partei und daraus die andere ihre Sache vorbringen zu lassen. Der Meister hatte, so erzählte er, die ganze Woche auf einen Korb gearbeitet, erst heute, am Sonnabend Abend, war sein Werk vollendet. Er betrachtete es, belobte es, weil es gut gelungen war und in aller Freude rief er aus: Gottlob, daß der Korb fertig ist. Seine Frau hatte im Zimmer gesessen und auf seine Gemüthsbewegungen keine Rücksicht genommen. Und weil ihr trockenes, kaltes Gesicht ihn ärgerte, rief er ihr zu: So freue dich nun auch einmal! Sag auch einmal: Gottlob, daß der Korb fertig ist! 191 Die Frau erwiderte zerstreut: Wie sagst du? Der Meister: Du sollst dich auch einmal freuen, sollst auch einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Warum sollte ich denn das sagen? fragte sie. Und er: Warum? Das ist eine Frage! Ich freue mich, ich sage es; du sollst dich auch freuen, sollst es auch sagen! Sie: Ja, du bist mir ein Mensch! Was geht mich dein Korb an? Ich habe ja nicht daran gearbeitet! Er: Was dich mein Korb angeht? Muß ich dich nicht mit meiner Hände Arbeit ernähren? Wird dieser Korb uns nicht ein gutes Stück Geld einbringen? Sie: Freilich, über das Geld, das du von dem Gewinne mir gibst, will ich mich freuen; aber mit deinem Korbe schweig' nur still! Er: So thue es mir zum Gefallen. Sie: Ach, sei kein Narr! Wenn ich meine Wäsche gewaschen habe und am Ende spreche: Gottlob, daß ich mit der Wäsche fertig bin, sprichst du mir dann nach: Gottlob, baß ich mit der Wäsche fertig bin? Lass' die Dummheiten! Thue du deine Sachen und freue dich über das Deinige; überlast' mir meine Sachen, und ich will mich freuen über das Meinige. Der Mann konnte sie durch Bitten nicht bewegen, nicht durch Drohungen, nicht durch Schelten. Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht, und nach diesem entbrannte der heftigste Krieg, und Hand und Fuß arbeiteten, als ich in's Zimmer trat. Nachdem mir der Mann dies erzählt hatte, nahm ich die Frau vor. Sie theilte mir dasselbe mit, suchte aber mit großer Erregtheit ihr Benehmen nicht nur zu entschuldigen, sondern auch als vernünftig und recht darzustellen und klagte bitter über die Gefühllosigkeit ihres Mannes und über das grobe Benehmen desselben. Was sollte ich beginnen? Jcy gedachte den Streit zu schlichten und den Frieden wieder herzustellen und bat deßhalb die Frau, den Wunsch ihres Mannes zu erfüllen, es sei ja nur eine Kleinigkeit. Sie weigerte sich. Ich suchte sie zu überreden und brachte, nachdem sie der Mann mit schönen Argumenten nicht hatte überzeugen können, Argumente all twminom, -,ct tominam, all angkllim vor, und als ich ganz fest glaubte, sie sei erweicht, drängte ich sie wiederum, sie sollte doch nur einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig istl Und wissen Sie, was sie erwiderte? Lieber will ich mich rädern und Viertheilen lassen! So erklärte sie. Und der Mann, dem ich Nachgiebigkeit predigte, wollte nicht nachgeben, sondern bestand mit Gewalt auf seiner Forderung und schrie: eher sollte die Erde zu Grunde gehen, ehe er auch nur ein Wort von seinem Verlangen zurücknähme! Ich merkte, es ging mir schlecht ab mit dem Friedensstiften, ich muß das leider bekennen. Ja noch mehr. Ich sorgte für mein eigenes Leben, nahm die Flucht, und während der Kamps wahrscheinlich wieder in voller Blüthe steht, sitze ich hier wohlbehalten an der Seite meiner lieben Frau, mit der ich mich noch nie gescholten habe. Und ich freue mich, daß meine Anna nicht so ist, wie die Frau des Korbmachers. (Schluß folgt.) Rose nnd Dorn. 6. Eine Heilige war gezwungen, ihrer Pflicht der Mildthätigkeit nur im strengsten Geheimen zu genügen, da sie einen hartherzigen und jähzornigen Gatten besaß. Einstmals jedoch begegnete ihr derselbe, als sie gerade einen Korb voll Brod einer dürftigen Familie bringen wollte, und fragte sie barsch: Was trägst du in diesem Korbe? Rosen — erwiderte die Heilige erschrocken. 192 Der Gatte deckte ungestüm den Korb auf, und siehe! die lieblichsten Rosen dufteten ihm entgegen. Die Heilige nahm eine der Rosen und steckte sie an ihre Brust. Doch ein Dorn senkte sich tief in's Fleisch und quälte sie mit fürchterlichem Schmerze. Da klagte die Gemarterte Gott ihr Leid und fragte, wodurch sie es verschuldet habe. — Und eine innere Stimme flüsterte ihr zu: Erkenne in den Rosen den glücklichen Erfolg, welchen die Lüge für Dich gehabt hat, und welchen jede Versündigung zuweilen haben kann; im Dorne aber den Stachel der Reue, welcher jeder Sünde unausbleiblich folgen muß. Wohl dem Menschen der diesen Stachel noch in diesem Erdenleben fühlt, wo es noch nicht zu spät ist, ihn aus der Brust zu ziehen und die offne Wunde mit dem Balsam frommer Bußübungen zu schließen! Der Name Maria. Im orientalischen Kriege, in Konstantinopel wie in Algier, haben die Muselmänner, da sie die französischen Soldaten, wenn sie sich zuriefen oder sich fragten, immer die zwei Worte: „vis doim" (sag doch) wiederholen horten, mit der Zeit in ihrer Einbildung diesen Zuruf mit der Benennung Soldat verwechselt. Somit bedeutet für das Volk von Stambul ein <1,8 . Nur war es eine Lust, zu sehen, wie geschickt und zierlich sie auszuweichen wußten, wenn sie die Hand des Capitäns hinter ihren Ohren witterten. Meist retteten sie sich auf den Mastkorb oder lenkten die Wucht der strafenden Faust des erzürnten Herrn durch einen kühnen Seitensprung ab. Was aber alle Furcht verringern mußte, war die nach den Gesetzen der Nautik und Physik vollendete Struktur des Schiffes selbst: denn obwohl ein gewaltiger Coloß von bedeutender Länge, 16 Fuß unter Wasser gehend, seine Masten 129 Fuß über dem Verdeck erhebend, war es von verhältnißmäßig sehr geringer Breite, so daß es dem Anprallen des Windes und der Wogen siegreich trotzte. Und so geschah es, daß wir am fünf und dreißigsten Tage in dem Hasen von Rio vor Anker lagen. Eine rasche und glückliche Fahrt, wie sie von uns Allen angesehen wurde. Wir hatten freilich im Ganzen gerechnet eine Woche verloren; denn unter Madeira trat einige Tage Windstille ein, und die letzten drei Tage trieben wir uns langsam in der Bai von Rio an der brasilianischen Küste umher. Ferner hatten wir den Wind nur seitwärts, meistens innerhalb der heißen Zone von Südost, während uns nur der Nordost höchst förderlich sein konnte. Und doch war die Fahrt eine so außerordentlich rasche, wie fast bisher um diese Jahreszeit noch keine. Mögen Andere der Geschicklichkeit unseres Capitäns die Ehre geben,, mir sei es erlaubt, einen höheren Grund zu suchen. Während wir von den Meereswogen dahingetragen wurden, stiegen in Europa aus den frommen Herzen unserer Mitbrüder und anderer Gläubigen wirksame Gebete zum Throne des Herrn empor. Er war es, der die Winde und Wellen uns dienstbar machte. Wie oft wird das äve maris stell» für uns gebetet worden sein zur unbefleckten Jungfrau, der Maikönigin! Der Weg auf dem wir hin- segclten, ist ein heiliger Weg; denn auf ihm sind mehr als 200Jahre lang dieApo- stel, Märtyrer, die Heiligen unserer Gesellschaft nach drei Welttheilen hingefahren, um den Namen Jesu Völkern und Fürsten kund zu thun: ein heiliger Franz Xaver, Peter Claver, Johann de Britto, die vierzig Märtyrer, die Heilsboten 197 für Ost- und Westindien, jene Männer, welche Millionen Seelen im nahen Süd- amerika, wie im fernen Asien mit ihrem Schweiße und Blute für den Herrn gewonnen. — Das ist der Weg, auf dem unsere Vater im vorigen Jahrhundert als Gefangene und Geächtete nach Enropa gebracht wurden. Die guten Hirten! man riß sie hinweg aus der Mitte ihrer theuren Heerden, die sie für die heilige Kirche und für das ewige Leben groß gezogen hatten. Arm, krank, von Anstrengung und Arbeit im Dienste des Herrn erschöpft, mit Schmach und Unbild aller Art beladen, wurden sie aus Südamerika hinweggeschleppt, und so ein großer Theil des Landes in eine dem religiösen wie socialen Leben verderbliche Barbarei gestürzt, von welcher sich der Augenzeuge mit Schmerz und Schrecken wegwendet. Besonders, als wir längs den kanarischen Inseln hinsteuerten, als Madeira, Teneriffa, Ferro sich uns zeigten, und wir in etwa die Richtung nach der Insel Palma einschlugen, wie wäre es möglich gewesen, hier der Apostel Brasiliens, der vierzig Märtyrer zu vergessen, die an dieser Stelle die glorreiche Palme errungen haben? — So wachten also diese heiligen Beschützer über uns; und wer den allmächtigen Gott, die heilige Jungfrau, die Engel und Seligen des Himmels in Vereinigung mit den Gerechten auf Erden zu Freunden und Führern hat, wie sicher ist der vor Unglück geborgen, so daß er selbst auf der stürmischen Fluth des Meeres wie ein Kind auf den Armen der Mutter sorgenlos dahingetragen wird. Das Auge des Herrn sah uns mit gnädigen Blicken an. Dieser Gedanke drängte sich uns auf, wenn wir innerhalb des tropischen Himmelsstriches den schönen Horizont beim nächtlichen Rauschen der Wogen betrachteten. Der Glanz der Sterne ist hier weit lebendiger und doch milder, weit schöner und reiner, als ich ihn in Deutschland je gesehen. Der Himmel ist in eigentlichem Sinne des Wortes mit Sternen besäet, deren Größe so mannigfaltig, deren Gruppirung so schön ist. Ein unbeschreiblicher Eindruck! Hier lernte ich die rührende Betrachtung des heiligen Jgnatius besser verstehen, wenn er sich von den Geschöpfen zur Größe, Güte und Schönheit des Schöpfers erhebt, verständlicher wurden mir die herrlichen Stellen im Buche Job und in den Psalmen, namentlich die, welche wir ml recitiren. Gottlob, daß der Korb fertig ift! (Schluß.) So sprach der Doctor, und die Gesellschaft trank Thee, lachte und machte ihre Bemerkungen. Vor Allem ergriff der Hausherr, der Amtmann von Sp_ das Wort und ließ es so laut erschallen, daß die Uebrigen, aus Furcht, er möchte die Klingel ziehen und sie über die Seite bringen lassen, bald verstummten und schwiegen. „Mit den Ehen unter dem gemeinen Volke", so erklärte er, „steht es schlecht. Es ist keine Einheit, keine Zusammengehörigkeit zwischen Mann und Frau. Sie sind zusammengewürfelt, wie es sich eben fügte, und daher kommt es leicht dahin, daß sie so gleichgültig sind bei des Andern Freuden und Leiden. Ich bin überzeugt, Emilie", — hiermit wandte er sich an seine Frau Gemahlin — wenn ich der Korbmacher gewesen wäre, du hättest nicht so geantwortet. Du hättest dich gefreut und gesagt: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" Und die Frau Gemahlin entgegnetc: „Ja was sind das für Reden! bist du denn ein Korbmacher?" „Gesetzt den Fall, ich wäre einer." „Dann hätte ich dich nicht geheirathet. Nimm mir's nicht übel, lieber Mann!" — 198 „Du hast Recht, liebe Frau. Aber sieh, ich setze ja nur den Fall, es ist nur ein Spiel der Einbildungskraft. Wir können es uns ja denken, daß ich ein Korbmacher wäre, daß ich viele Tage an einem Korbe gearbeitet, daß ich nach beendigter Arbeit mich gefreut und gejubelt hätte: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Hätte ich dann aufgefordert, dasselbe zu sagen, so würdest du jedenfalls — —" „Nein, nein! Ich kann mir den Fall gar nicht denken, daß ich eineKorb- macherin wäre. Ueberhaupt ich liebe dies Gespräch nicht, und sähe gern, wenn du mich mit solchen Znmuthungen verschontest." „Frau, du bist eine Närrin. So will ich denn verzichten auf den Titel eines Korbmachers, damit deine Qual sich legt; titulux no>, ext vitulux. Aber ich verzichte nicht darauf, hiermit zu sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! und verzichte nicht darauf zu wünschen, daß du mir die Worte nachsprichst." „Wenn du nicht Korbmacher bist, so hat ja der Wunsch gar keinen Sinn !" „Ja, was in der Welt hat immer einen Sinn. Aber du hörst ja, ich bitte dich!" „Das höre ich freilich, kann mich indessen nicht entschließen, die Bitte zu erfüllen." „So befehle ich!" „Oho!" „Bin ich nicht Herr?" „Das versteht sich, und ich bin die Herrin!" Der Diener, welcher die Aufwartung besorgte, hatte mit offenem Munde dem Gespräch zugehört, und das Erste, als er wieder die Küche erreichte, war, daß er der Köchin das sonderbare Erlebuiß mittheilte. „Das sind mir Ehen unter den Vornehmen", bemerkte er darauf. „Da heißt es immer: »Lieber Mann" und „Liebe Frau;" aber sollen sie die Liebe einmal beweisen, so fallen sie jämmerlich durch. - Warum diese eigentlich heirathen?" Die Köchin versetzte: „Du meinst, unser Herr hätte seine Frage zur Seite lassen sollen?" „O nein, unsere Frau hätte den Wunsch des Amtmanns erfüllen sollen!" „Das sehe ich nicht ein!" „Sei doch vernünftig, Mädchen! In einem Vierteljahre werden wir uns heirathen, und wir werden ein glückliches Paar werden. Ich will dich auf den Händen tragen und du wirst mir gut sein. Wenn ich nun, dein Mann, dessen Leiden und Freuden du mitträgst, dann eines guten Tages Veranlassung habe, mich zu freuen und zu sprechen: Gottlob, daß der-Korb fertig ist! Und ich spräche zu dir: Nun sage doch auch: Gottlob, daß der Korb fertig ist! was würdest du thun?" „Ich würde nichts thun, und schweigen!" „Das wäre kaltes Wasser auf meine Freude!" „Warum stelltest du solch ein Begehren!" „An dich? Du wärest ja doch meine Frau!" „Also mit den Frauen kann man machen, was man will? „Du würdest also meine Freuden nicht theilen?" „Ist das eine Freude für den Mann, wenn die Frau sein Papagei wird!" „Ei, du verstehst mich nicht! Ich will und verlange, daß du sprichst, wenn wir uns erst geheirathet haben: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" „Wenn du später so aufzutreten gedenkst, so-" > „Du erwartest wohl, ich werde einstens dein dummer Junge sein?" „Nein, du wirst aber auch nicht mein Mann sein. Suche dir eine andere Frau, ich nehme mein Versprechen zurück." „Danke!" rief der Diener, und eilte zornig wieder in den GesellschaftsSaal. Hier war inzwischen der Streit zwischen Amtmann und Frau auf den höchsten Gipfel gestiegen. Mit geröthetem Gesichte und flammenden Augen saßen sie sich gegenüber, und nur die Gegenwart der Fremden verhütete Unheil über Unheil. Diese waren verlegen, und stumm sah Einer den Andern an. Die Männer rannten den Amtmann in die Seite oder gaben ihm sonstige Winke; die Frauen zupften Madame am Kleide, und suchten sie zurückzuhalten. Eine Windstille herrschte und ein unheimliches Schweigen. Da gedachte der Doctor, der an dem ganzen Unglücke die Schuld trug, das Schifflein der Frölichteit wieder stott zu machen. Er rechnete Lei sich aus: stelle ich an meine Frau die Frage, so wird sie sofort willfährig antworten, Alles wird in Gelächter ansprechen, und wo gelacht wird, läßt sich der Friedensboden leicht aufbauen. „Anna", so redete er im schmeichelnden, liebkosenden Tone zur Frau Doctorin, „wenn ich nun riefe: Gottlob, der Korb ist fertig, ich zweifle nicht, du würdest im Augenblick -" „Nun auch er! Nun kommt das Wetter auch auf mich!" schalt Frau Anna und zürnte, warf ihm einen drohenden Blick zu, sprang aus vom Sessel und eilte aus dem Zimmer. Die Frau des Amtmanns sprang ihr nach, und alle Damen, vielleicht aus Furcht, daß nun sie an die Reihe kämen, folgten in Hast. Und durch die Flucht der Frauen waren die Männer geschlagen; nur der Amtmann und der Doctor, die sehr beschämt waren und sich für schwer beleidiget hielten, brachten ganz unfeine Redensarten hervor. Der Diener gab ihnen Recht, und hätte gern mitgeschimpft. „So geht's", lachte der Kaufmann Knippknapp, „wenn man in der Familie keine Ordnung hat." „Haben sie bessere?" brummte der Amtmann. „Freilich, ich wechsle ab im Regiment. Die eine Woche regiert meine Frau, die andere gehorche ich. Und wenn sie regiert, so hüte ich mich wohl, eine Bitte zu wiederholen, die sie einmal mit Nein beantwortet hat!" „Kein übler Vorschlag für einen armen Ehemann: die erste Woche laß' deine Frau regieren, und in der zweiten Woche gehorche du!" spotteten einige, während Andere vorschlugen, man solle rasch Frieden vermitteln zwischen den Männern und den geflohenen Frauen. Nach einigem Hin- und Herredeu machte man die Versuche, erhielt aber nur einen knappen Waffenstillstand, und nach dem Schlüsse der Gesellschaft wird der Krieg wohl wieder ausgebrochen sein. Papst Plus 1L. und ein französischer Soldat. Es geschah vor nicht langer Zeit, daß in Rom ein dort in Garnison liegender französischer gemeiner Soldat die große Treppe, die zum Vatican führte, betrat. Da sieht man beständig ein Duzend oder mehr von den bunt gekleideten s Schweizergardisten nicht eben in kriegerischer Haltung aufgestellt. Die Einen legen sich mit der Hellebarde an die Wand, Andere sitzen auf einer hölzernen Bank. Doch kann sich der Papst jederzeit auf seine Wächter verlassen. Nun kommt der französische Rothhösler und redet einen der Schweizer an, und gibt ihm, so gut er's kann, zu verstehen, er wolle direct zum Papste. Der Schweizer i sieht den Rothhösler verwundert an, ohne ein Wort zu sagen. „Ja ja, zum , Papste will ich, wisse? pgzser." — „Zum Papst? Hast du die Erlaubniß?" — ^ „Brauch keine Erlaubniß. Große Herrn brauchen dergleichen, wir Andern werden ohne Ceremonien behandelt; seid so gut und führt mich sogleich in's Zimmer des Papstes, die Sache pressirt." Dem Schweizer aber pressirte es nicht, und ' erst nachdem er gesehen, daß der Franzose sich nicht ergeben und die Festung mit Sturm nehmen wollte, führte er ihn zn einem der Prälaten, welche die Fremden dem Papste zur Audienz vorstellen. Auch hier trug der Soldat sein Anliegen vor, und da der Prälat wissen wollte, was er denn eigentlich vom Papste verlange, so zeigte es sich, daß ein Brief von einem Kriegskameraden aus der Krimm angelangt war, worin dieser eine schreckliche Schilderung der Leiden machte, welche die französischen Soldaten dort zu ertragen hatten. Deswegen solle er, der Empfänger des Briefes, den heiligen Vater ersuchen, für das Wohl der französischen Arme eine heil. Messe zu lesen. Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, den Franzosen eines Bessern zu belehren, ging endlich der Prälat zum Papste und meldete den sonderbaren Besuch. Der heilige Vater ließ ihn vortreten. Nicht wenig erstaunten die in den prächtigen Vorsälen des Vaticans befindlichen weltlichen und geistlichen Herren, als der französische Gemeine diese Säle durchschritt, und in das einfache Gemach, worin gewöhnlich der Papst Audienzen ertheilte, eintrat. Der Gemeine ließ sich aber nicht einschüchtern und blieb, als er vor dem Papste erschien, in militärischer Haltung aufrecht stehen, hob zur Begrüßung die Hand an die Stirn und sprach dann mit einem so entschiedenen Tone, als stehe er vor seinen Offizieren: „Mein Papst, da ist der Bries eines Kriegskameraden aus der Krimm; lesen Sie denselben und sagen Sie mir dann, was ich antworten soll. Zugleich überreichte er mit der einen Hand den Brief, in der andern etwas Geld. Der Papst nimmt den Brief, liest ihn und gibt ihn mit den Worten zurück: „Guter Freund, meine Messe ist für morgen schon unabänderlich bestimmt, übermorgen aber werde ich unfehlbar für jenes große französische Heer Messe lesen. Doch setze ich die Bedingung, daß du derselben beiwohnest und dich vorbereitest, bei derselben die heilige Communion zu empfangen. Das Geld magst du behalten und für dasselbe aus die Gesundheit deiner Kameraden trinken. — „Gut, mein Papst," antwortete der Besucher, „sogleich gehe ich, mich auf eine kleine Revue bei unserm Feldprediger zu rüsten und übermorgen bin ich zur bestimmten Stunde aus meinem Posten." Darauf salutirte er wieder mit der Hand, machte halbe Wendung rechts un zog sich zurück, wie er gekommen war. Der Papst aber sah mit Vergnügen dem sonderbaren Gaste nach. Am angesagten Tage erschien dieser wirklich bei der päpstlichen Messe und hatte das Glück, aus den Händen des heiligen Vaters die Communion zu empfangen. Thomas Morus, der edle Lordkanzler von England, wohnte täglich gewissenhaft der heil. Messe bei, und zwar immer schon, ehe er an seine Geschäfte ging, ohne sich hierin stören zu lassen, selbst wenn der König ihn zu sich berufen hatte. Selbst in dringenden Fällen, wenn die königlichen Boten auf seinem alsbaldigen Erscheinen bestanden, gab er ganz ruhig die Antwort: „Er habe zuvor einem größeren Herrn zu gehorchen und dann werde er dem Könige ohne weiteren Verzug aufwarten." M hielt es für eine Ehre, dem Priester beim heil. Meßopfer zu dienen, selbst dann noch, als er zur Würde des Reichskanzlers emporgestiegen war. Und als einst der Herzog von Norfolk zn ihm kam, um bei ihm zu speisen und ihn in der Kirche mit dem Ministrantenkleide angethan fand und nach geendigtem Gottesdienste ihm zurief: „Wie, der Lordkanzler ein Küster? Ihr entehrt ja den König und sein Amt!" erwiderte Morus lächelnd: „Keineswegs, denn dem Könige, meinem und eurem Herrn, kann wohl das nicht mißfallen, was ich aus Gehorsam gegen Gott, den Herrn des Königs thue, noch wird sein Amt dadurch geschändet." Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Äleinle. Das Augsburger Sonnlaasblatt -(Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Aberglauben. Die Tugend liegt in der Mitte, nämlich mitten zwischen zwei Lastern. So z. B. ist der Geiz auf der einen, die Verschwendung auf der anderen Seite ein Laster, mitten zwischen beiden aber steht die Sparsamkeit als christliche Tugend. Die Mittelstraße ist also die beste und sicherste, das ist der Weg der Tugend, der zum Himmel führt. Aber leider! diese Mittelstraße finden und gehen die wenigsten Menschen, und wenn sie auch eine Zeitlang auf derselben wandeln, so kommen sie doch oft und leicht wieder davon ab; sie lassen sich bald rechts und bald links auf die Seite ziehen, und gerathen so auf die verschiedenen Abwege des Irrthums und der Sünde. Jene sind die Glücklichsten, die den Mittelweg einschlagen, und weder rechts noch links von der Wahrheit und Tugend abweichen. Dieses gilt vor allem Anderen von der Pflicht des Glaubens. Wer zu wenig oder gar Nichts glaubt, ist ein Ungläubiger, wer aber zu viel oder gar Alles glaubt, ist ein Abergläubiger, und beide stehen fern vorn wahren und rechten Glauben, der nur an das glaubt, von dessen Wahrheit er hinlängliche Beweise hat. Beide, der Unglaube wie der Aberglaube, sind gleich thöricht, vernunftwidrig und sündhaft. Etwas läugnen, für dessen Wahrheit doch die stärksten und klarsten Beweise sprechen, ist eben so unvernünftig, als etwas glauben ohne genügenden und vernünftigen Grund. Und doch sind diese beiden Extreme und entgegengesetzten Abweichungen vorn goldenen Mittelwege des wahren Glaubens auch heutzutage noch häufig zu finden. Es herrscht in unserer Zeit nicht blos viel Unglauben, sondern auch noch viel Aberglaube in allen Ständen. Von dem letzteren soll nun hier die Rede sein. Das Wort Aberglaube bezeichnet einen thörichten, widersinnigen, grundlosen Glauben, welcher der Vernunft und der göttlichen Offenbarung widerstreitet. Der Aberglaube besteht darin, daß man gewissen (natürlichen oder auch heiligen) Dingen und Handlungen eine geheime Kraft und Wirkung zuschreibt, die sie weder von Natur aus, noch von Gott, noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Man unterscheidet drei Arten des Aberglaubens: den natürlichen, den dämonischen und den religiösen, — je nachdem sich derselbe entweder aus das Verhältniß der Geschöpfe zu einander, oder auf den Einfluß der bösen Geister, oder auf gottesdienstliche Handlungen, Gebete rc. bezieht. Leider ist auch in unserem „aufgeklärten" Jahrhunderte der Aberglaube unter allerlei Formen sowohl auf dem Lande, als auch in den Städten, bei den höheren wie bei den niederen Ständen, noch häufig anzutreffen. Man kann denselben am häufigsten wahrnehmen in der Form der Wahrsagerei, welche darin besteht, daß man aus eitlen Zeichen, aus zufälligen Ereignissen, oder einzelnen Sachen, die weder an sich noch durch göttliche Anordnung hierzu geeignet sind, die Zukunft erspähen und vorhersagen, die Schicksale der Menschen entziffern und verborgene Dinge erforschen will. So z. B. gibt es Christen, die da glauben, Wenn zur Nachtszeit ein Hund heulet, so werde gewiß bald Jemand in der Nach- 202 barschaft sterben; oder wenn Einem beim Ausgehen ein Hase quer über den Weg läuft, so bedeute dies ein nahes Unglück, das ihn treffen wird; oder so oftmal man im Frühlinge den Kuckkuck schreien hört, so viele Jahre werde man noch leben rc. Unter den gebildet sein Wollenden gibt es so Manche, die da glauben, wenn zufällig dreizehn an einem Tische zusammensitzen, so werde bald Einer davon sterben, warum? weil Christus mit seinen Aposteln beim letzten Abendmahle die Zahl dreizehn vollmachte und bald daraus starb. Um zu wissen, welcher von zwei Ehegatten früher sterben werde, dürfe man nur die Buchstaben ihrer Vor- und Zunamen zusammenzählen, bei dessen Namen eine ungerade Zahl herauskommt, der stirbt zuerst. An einem Freitage soll man keine Arbeit anfangen, keine Reise unternehmen, denn dies sei ein Unglnckstag, sagt man, und warum? weil an einem Freitage Judas sich erhängte! u. s. w. Welche Thorheiten! Eine andere Form des herrschenden Aberglaubens liegt in der Traumdeuterei. Wohl hat Gott oft schon durch Träume den Menschen wichtige, zukünftige Dinge geoffenbaret, wie dies die Geschichte des ägyptischen Josephs, des Königs Pharao, des Nährvaters Jesu Christi n. s. w. beweiset; aber in der Regel sind doch die Träume nichts anderes, als ein natürliches Erzeugnis unserer Phantasie, die gewöhnlich im Schlafe das weiter ausmalt, was den Tag über oder am Abende besonderen Eindruck auf uns gemacht hat. Thörichter und sündhafter Aberglaube ist es daher, im Allgemeinen den Träumen Glauben zu schenken und danach die Zukunft zu deuten. Darum heißt es schon im Buche Sirachs (3^i, 1—7.): „Eitle Hoffnung und Lüge täuschen den Thoren, leere Träume machen stolz den Unverständigen. Wie Einer, der nach dem Schatten greift und den Wind erhäschen will, ist Derjenige, der auf falsche Träume hält. Wahrsagerei, lügenhafte Deutung aus dem Vogelfluge und die Träume sind Eitelkeit .... Hänge dein Herz nicht daran; es wäre denn das Gesicht von dem Allerhöchsten gesendet. Denn Viele wurden durch Träume betrogen und in ihrem Vertrauen daraus getäuscht." Ja getäuscht durch die Träume und deren eitle und willkürliche Auslegung (nach dem sogenannten Tranmbüchelchen) haben schon Viele, besonders aus der ärmeren Classe, all ihre Habe verschwendet, sich und die Ihrigen an den Bettelstab gebracht und Viele sind noch gegenwärtig auf dem Wege dahin. Bei den vornehmeren wie bei den unteren Ständen ist der Aberglaube häufig auch zu finden in der Fom des Kartenschlagens. Aus der Aufeinanderfolge gemischter Kartenblätter will man verborgene, gegenwärtige und zukünftige Dinge erforschen, etwa, wer dies oder jenes gestohlen habe, ob diese oder jene Person noch lebe, wo und wie sie sich befinde, ob der Ehegatte treu sei, oder ob man mit dieser oder jener Person eine glückliche Ehe treffen werde, und dergleichen Albernheiten mehr, wodurch man Gottes Vorsehung, seine Weisheit und Allmacht gleichsam zu Schanden machen will. Denn daß diese leblosen und unvernünftigen Dinge, die nicht einmal von sich selbst etwas wissen, noch viel weniger von den Schicksalen der Menschen etwas wissen und angeben können, soll doch wohl jedem vernünftig Denkenden eben so einleuchten, als daß Gott, wenn er schon einem Menschen über sein eigenes oder Anderer Schicksal etwas offenbaren will, sich gewiß nicht so unwürdiger Dinge, wie der Karten, bedienen würde. Und wenn doch, wie man behauptet, schon öfters durch diese und dergleichen eitle Zeichen wirklich verborgene Dinge erforscht und angezeigt worden sind, so kann dies nur durch den Einfluß und durch Hilfe der bösen Geister geschehen, die vermöge ihrer Natur nicht nur wissen, was in der Gegenwart an entfernten Orten geschieht, sondern auch einen, wenn gleich beschränkten Blick in die Zukunft thun und auf den Menschen blendend und verderbend einwirken können, in wie weit es Gott zuläßt. So war auch zur Zeit, als der Apostel Paulus zu Philipps das Evangelium predigte, daselbst eine Magd, die einen Wahrsager- geist hatte, d. h. von einem bösen Geiste besessen war und manches Zukünftige vorhersagte, und dadurch ihrer Herrschaft großen Gewinn verschaffte, die aber Liese ihre Kunst alsbald verlernt, nachdem Paulus den bösen Geist beschworen und ausgetrieben hatte. (Apostelg. 16.) Eine von der Wahrsagerei dem Zwecke (d. i. Erforschung zukünftiger und verborgener Dinge) nach verschiedene Form des Aberglaubens ist der Gebrauch eitler und nur durch Beihilfe der bösen Geister wirksamer Mittel, um gewisse, nicht in der Natur der Sache, nicht in göttlicher Anordnung und kirchlicher Weihe gegründete Wirkungen, z. B. Heilungen von Krankheiten an Menschen und Thieren hervorzubringen. Wenn es auch in der That sogenannte sympathetische Heilmittel für verschiedene Krankheiten gibt, deren Heilkraft nicht einzusehen, deren Wirkung aber durch die Erfahrung und das Zeugniß verständiger Aerzte außer Zweifel gesetzt ist, und wenn auch dieser Mangel an Einsicht nichts Bedenkliches dagegen haben kann, weil die Natur überhaupt noch vielfach für den Menschen ein verschlossenes Buch ist, und weil wir an tausend täglichen Erscheinungen der Natur wohl die Ursache und Wirkung, aber nicht den Zusammenhang beider, d. h. wie denn diese Ursache eine solche Wirkung hervorbringen könne, einsehen: so ist es doch gewiß ein thörichter und sündhafter Aberglaube, wenn man z. B. unbekannte Namen, sinnlose und geheimnißvolle Worte auf einen Zettel schreibt, dieselben immer bei sich trägt und anhängt, und dabei glaubt, diese eitlen Zeichen und Zettel können vor Krankheiten bewahren oder dieselben heilen, vor Verzauberung schützen, oder bewirken, daß gestohlene Sachen wieder zurückgebracht werden, oder daß man von keiner feindlichen Kugel getroffen, von keines Meuchlers Dolch durchstochen werde u. s. w. Eine häufig anzutreffende Form des Aberglaubens besteht endlich noch darin, daß man an sich gute und heilige Mittel gebrauchet, aber zu einem nnheiligen Zwecke, indem man nämlich diesen heiligen Mitteln, z. B. dem Gebete und verschiedenen Andachtsübungen, eine ausserordentliche Wirkung und eine gewisse unfehlbare Kraft zuschreibt, welche sie durchaus nicht haben, wodurch dann eben der sonst gute Gebrauch jener Mittel abergläubisch wird. Wir haben nämlich in der katholischen Kirche Heilige, die wir verehren und anrufen, Bilder und Reliquien der Heiligen, die wir in Ehren halten, Zeichen gewisser Bruderschaften und Andachten. Die Kirche selbst weiht diese und noch andere Dinge z. B. Brod, Wasser, Wein, Salz, Fleisch rc., und sie billiget den Gebrauch dieser geweihten Dinge nicht nur, sondern sie hat dabei die Absicht, die sie auch bei der Weihe dieser Dinge ausspricht und um was sie auch zu Gott bittet, daß er nämlich diese Dinge durch die Verdienste Jesu Christi zum zeitlichen nnd ewigen Wohle Derjenigen gereichen lassen wolle, welche sie mit kindlichem Vertrauen auf Gott und in Vereinigung ihrer Andachten mit dem Gebete der Kirche gebrauchen. Allein Aberglaube ist es, wenn man dergleichen geweihte Dinge bei sich trägt und gebrauchet zu einem ganz anderen Zwecke, als den die Kirche bet der Weihe derselben intendirt, oder wenn man von ihnen eine gewisse Wirkung erwartet, die sie weder an sich noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Aberglaube ist's, wenn man meint und sagt: wer beständig den Rosenkranz, ein Scapulier oder ein anderes geweihtes Ding bei sich trägt, der werde nicht eines jähen Todes sterben, nicht in's Fegseuer kommen, oder iiü Handeln glücklich sein, von keinem Räuber angefallen werden rc. Bei solchem Aberglauben, wie sehr wird das Seelenheil vernachlässigt! Man betrachtet oft diese geweihten Sachen als Freiheitsbriefe für die Sünden, da sie doch vielmehr Erinnerung»- und Ermunterungszeichen zur Pflichterfüllung sind. Was soll wohl der Rosenkranz in der Tasche, in welcher sich etwa auch ungerechtes Gut befindet? Ist die Erwartung, die man von der Kraft solcher heiligen Dinge sich macht, nicht Aberglaube ? 204 Noch immer kann man in Städten und auf dem Lande von gewinnsüchtigen Krämern verbreitete, recht kräftige und fromm scheinende Gebete und Büchlein finden, denen nebst der Verheißung von verschiedenen Ablässen auch die Versicherung beigedruckt ist, daß, wer dieses Gebet in seinem Hause hat, oder selbes Lei sich trägt, oder aber täglich mit Andacht hersagt, dem werde kein Unglück widerfahren weder zu Wasser, noch zu Land, dem hat die Mutter Gottes versprochen, sie wolle ihm auf dem Sterbebette erscheinen und ihn ohne Beicht nicht sterben lassen rc. rc. Und noch immer gibt es Christen, welche diesen eitlen Verheißungen und Betrügereien allen Glauben schenken und mit allem Fleiße danach thun. Um das leichtgläubige Volk desto mehr zu täuschen, ist solchen abergläubischen Gebeten auch zuweilen der Name eines Papstes oder Bischofes beigesetzt, der diese Andacht, dieses Gebet angeordnet, gutgeheißen, oder mit Ablässen von so und so viel Tagen und Jahren beschenkt haben soll rc. Aber woher denn noch so viel Aberglauben in unserem aufgeklärten Zeitalter, wo doch so viel gelehrt, gepredigt, gedruckt und geschrieben und gearbeitet wird an der intellectuellen und moralischen Bildung des Volkes? oder mit anderen Worten, welche sind denn die Quellen des noch so häufigen Aberglaubens ? Die verschiedenen Arten und Formen des Aberglaubens kommen auch aus verschiedenen Quellen. Eine Hauptquelle des besonders in den Städten herrschenden Aberglaubens ist der Unglaube. Der Mensch ist einmal so beschaffen, daß er ohne Glauben nicht leben kann. Glaubt er nicht der ewigen Wahrheit, so fällt er dem Aberglauben anheim. Alle Kenntniß und Wissenschaft des Menschen beruht, streng genommen, auf Glauben. Auch das Wissen, zu welchem der Mensch durch die sinnlichen Anschauungen und Wahrnehmungen, durch Gesicht, Gehör rc. gelangt, ist ein Fürwahrhalten oder Glauben auf das Zeugniß der Sinne, die freilich oft genug täuschen. Daß die Kenntniß des Ueberstnnlm chen aus Glauben beruhe, ist ohnehin klar, nur kommt es hierbei darauf an, daß der Glaube vernünftig sei, d. i. auf vernunftgemäße Gründe sich stütze, der Vernunft nicht widerspreche. Es ist ein ungerechter Vorwurs, den man gar oft der katholischen Kirche macht, daß sie nur blinden Glauben verlange und die Vernunft gar nichts gelten lasse. Wie wäre dies möglich, da ja der Mensch ohne Vernunft gar nicht glauben könnte, weil ihm das geistige Auge zur Auffassung des Lichtes der göttlichen Wahrheit fehlen würde? Indessen lehrt es die Erfahrung, daß gerade Diejenigen, die sich eines starken Geistes, einer aufgeklärten Vernunft rühmen, am meisten unvernünftig sind in ihrem Glauben und Handeln. Glauben, was Gott geoffenbaret, was Jesus Christus gelehret hat und was die heilige katholische Kirche, geleitet vom heiligen Geiste, lehret und zu glauben vorstellt, was so sichere Wahrheit ist, daß kein vernünftiger Zweifel dagegen obwalten kann, das nennt man Köhlerglauben, Geisteszwang rc.; aber glauben, was die eigene Phantasie eingibt, oder was ein listiger Betrüger vor- schwätzt, das ist Beweis eines starken Geistes, einer hohen Vernunft! Ja, das ist eine schandvolle Strafe des Unglaubens, daß Diejenigen, die die Wahrheit wegwerfen, über alles Heilige sich hinaussetzen, über Vorurtheile und Aberglauben scherzen und schmähen, welchem nach ihrer Meinung frommgläubige Christen huldigen, daß gerade diese am meisten und am tiefsten in den Aberglauben verfallen Man will die katholische Lehre nicht glauben, weil man mit dem schwachen Verstände Manches nicht begreifen kann; aber wie Vieles glaubt man doch wieder ohne allen Grund, wie Vieles nimmt man auf eitles Menschenwort hin für wahr an, dessen Wahrheit doch schwer zu begreifen und sehr zu bezweifeln ist! Man glaubt nicht, was der Geist Gottes in der katholischen Kirche lehrt,, aber wohl glaubt man, was ein altes Weib aus den Kartenblättcrn enträthseln will, was die Phantasie im nächtlichen Traume vorspiegelt rc. Wahrlich hier 205 gilt das Wort des Apostels Paulus: „Von der Wahrheit werden sie das Gehör abwenden, zu den Fabeln aber hinwenden." (2 Tim. 4.) Es liegt in der Natur der Sache und die Erfahrung bestätigt es, daß man, je mehr man sich vom Mittelpuncte der katholischen Kirche entfernt, je mehr der wahrhaft göttliche Glaube sich verdünnt und verliert, um so mehr dem Aberglauben anheim falle, und daß vollendeter Unglaube mit vollendetem Aberglauben identisch sei. Das beweiset auch die ganze Geschicke des alten und neuen Heidenthumes. Oft hat der Aberglaube seinen Grund in den von den Voreltern erzählten und ererbten Sagen und Geschichten, die der leichtgläubige Landmanu bloß auf's Wort hin, weil es der Großvater rc. gesagt hat, unbezweifelt für wahr hält, oder die er etwa gar durch irgend eine zufällige Begebenheit bestätigt gefunden hat. Von solchen Leuten sagt der Wcltapostel: „Ich gebe ihnen das Zeugniß, daß sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Einsicht." (Röm. 10, 2.) Eine der vorzüglichsten Quellen des religiösen Aberglaubens unter weniger unterrichteten Leuten sind die leider noch immer verbreiteten schlechten Büchlein und gedruckten Gebetsformeln, deren Gebrauche die albernsten Gnadenwirkungen zur Erlangung des zeitlichen und ewigen Glückes verheißen sind, welchen Verheißungen man so gern glaubt, bloß darum, weil es ja hier gedruckt steht, folglich auch wahr sein muß. Aus der Vernunft und Offenbarung, sowie aus den traurigen Folgen, welche die Erfahrung aufzählen kann, läßt sich klar beweisen, wie thöricht und sündhaft, wie eines vernünftigen Menschen, eines Christen unwürdig der Aberglaube sei und wie derselbe der wahren Gottesverehruug, dem christlichen Glauben und Vertrauen, sowie der christlichen Nächstenliebe zuwider sei und wie sehr man sich durch den Aberglauben gegen Gottes heilige und gütige Vorsehung und höchst weise Weltregieruug versündigen und in die Fallstricke des Satans gerathen kann. Uebrigens muß man jedoch wohl unterscheiden zwischen dem, was eigentlicher Aberglaube ist, und zwischen dem, was die Welt als solchen ausruft, die nicht selten die ganze christliche Religion selbst, besonders aber die Einrichtungen, Ceremonien und Segnungen der katholischen Kirche als Aberglauben verschreien will. Weder ungläubig noch zu leichtgläubig, fern von der Sucht nach außerordentlichen Dingen, halte sich daher der katholische Christ fest an die Entscheidungen und Aussprüche der heiligen katholischen Kirche und so wird er den goldenen Mittelweg des echten und wahren Glaubens und durch denselben das Land der ewigen Seligkeit finden. DaS baufällige Haus. 6. Es besaß Jemand ein Haus, welches sehr baufällig war. Die Bauver- ständlgen riethen ihm, er solle es gänzlich einreisten und wieder von Neuem ausbauen lassen, damit es fest und haltbar würde. Der Eigenthümer aber lachte und bequemte sich nur zu den nöthigsten Reparaturen. Da stürzte in einer Nacht plötzlich das Haus ein und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. Mensch! dies baufällige Haus ist Dein sündhafter Lebenswandel, der Bewohner dieses Hauses Deine Seele, welche durch diesen Lebenswandel den Grad ihrer Unheiligkeit verräth. Da kommt der Bauverständige, d. h. Dein Beichtvater zu Dir und sagt: Reiste Dein Haus gänzlich ein, d. h. tilge Deinen sündhaften Lebenswandel vor Gott und vor Dir selbst durch eine giltige und umfassende Generalbeicht, welche Dein ganzes Leben von der frühesten Kindheit bis zur Jetztzeit dem Priester und Dir vor Augen führt. Dein Beichtvater fügt bei: 206 und baue es von Neuem wieder auf, d. h. wenn Du nun durch die Geueralbeicht Deinen Lebenswandel vor Gott und vor Dir getilgt hast, dann fange einen neuen Lebenswandel an, der fest und haltbar ist. Verstehen wir aber unter der Baufälligkeit die Sündhaftigkeit, so müssen wir unter der Festigkeit und Haltbarkeit die Tugend begreifen und zwar, wenn wir nur unsre Seele im Auge behalten, die unsern sündhaften Neigungen gerade entgegengesetzten Tugenden. — Du aber lachst, d. h. Dein Eigendünkel hält Dich für Weiser und verständiger, als Gottes Stellvertreter und verwirfst dessen wohlmeinenden Rath. — Du bequemst Dich nur zu den nothwendigsten Reparaturen, d. h. du beichtest zwar, aber nur die Sünden nach Deiner letzten Beicht. Du gehst auf die Vergangenheit Deines ganzen Lebens nicht zurück, welche Dir allein und ausschließlich in einem Gesammtüberblicke Deine Leidenschaften und Neigungen als die Quelle Deiner Versündigungen offenbaren könnte. So tilgst Du also Deinen alten Lebenswandel nicht vom Herzensgründe aus, und kannst mithin auch keinen gänzlich neuen Lebenswandel, ausgeschmückt mit dem Liebreize aller Tugenden, an seine Stelle setzen, da Sünde und Tugend nicht unter einem Dache leben können. Alle guten Werke, welche die Früchte Deiner Beicht sind, bessern zwar Deinen Lebenswandel, aber sie sind ohne Dauer, selbst wenn sie in Tugendübungen bestehen, welche als Gegensätze zu Deinen Begierden von der augenblicklichen Besiegung derselben Zeugniß ablegen. Demnach bleibt die nicht in ihrer vollen Tiefe erkannte Leidenschaft als wankender Grundstein im Herzen zurück, der Deinen Tugendbau untergräbt. Da stürzte des Nachts das Haus ein. Die Nacht ist die Zeit des sorglosen Schlummers. So lebt auch der, welcher eine augenblickliche Dämpfung seiner Leidenschaften mit ihrer völligen Unterjochung verwechselt und wegen der durch die Kürze des Zeitraumes beschränkten Beobachtung verwechseln muß, mit stets geringerer und lauer werdender Wachsamkeit auf die Regungen seiner Seele dahin, indem er ja der Tugend sich ergeben wähnt. — Plötzlich stürzte das Haus ein, d. h. ohne vorheriges Wanken, vielleicht auch ohne äußere Veranlassung. Und plötzlich stürzt Dein unhaltbares Tugendgebäude ein, und die nur schlummernde Leidenschaft erwacht mit erneuter Stärke, ohne daß ein allmäliger Uebergang in Deiner Seele Dich vorbereitete, ohne daß vielleicht eine äußere Gelegenheit Dich lockte. — Und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. — O Mensch! Dein Tugendgebäude ist eingestürzt; Deine Seele, vergraben in der Sünde, stirbt den geistigen Tod, vielleicht ohne je wieder zum Leben in Christus zu erwachen, wenn sie in diesem Zustande die leibliche Hülle abstreifen muß. Darum, o Mensch! schlage nicht an die sündige Brust mit dem Ausrufe: Ich habe gesündigt seit vier, sechs oder acht Wochen, sondern sprich: Ich habe gesündigt mein ganzes Leben hindurch, d. h. lege so oft, als Deine Umstände erlauben, eine Geueralbeicht ab! Wenn Du des Jahres zwölfmal beichtest, sollte mindestens Eine Beicht eine Generalbeicht sein. Freiwillige Selbstbestrafung. Eine englische Zeitschrift theilt die nachstehende Anekdote von Kur großen Gelehrten Samuel Johnson mit: Es war im November 1776 bei einem entsetzlichen Wetter, denn es regnete nnd es schneite und es wehrte ein kalter, schneidender Wind. Alle angesehenen Personen der Stadt Lichtfield und der Umgegend hatten sich bei der Gräfin v. L_ versammelt, um mit dem Doctor Johnson zu speisen, der seinen Geburtsort besuchte. Die Stunde der bestimmten Zeit verging und Johnson kam nicht; man wartete zwei Stunden vergeblich und aß 207 endlich ohne ihn. Man hatte bereits den Thee getrunken, es war dunkel geworden und die Gesellschaft wollte sich entfernen, als man den Doctor anmeldete. Er trat ein und sein ungewöhnliches Aussehen fiel sogleich allen Anwesenden auf. Es war nicht mehr jenes stolze, rauhe Wesen, das ihm so viele Feinde zuzog, trotz seiner vortrefflichen Eigenschaften; er sah vielmehr bleich, schwach und ermattet aus; sein Anzug befand sich in großer Unordnung und war mit Schnee und Reis bedeckt. Man sah ihn schweigend an. Er schritt auf die Gräfin zu und sagte: „Gnädige Frau, ich bitte mich zu entschuldigen. Als ich versprach zu Ihnen zu kommen, dachte ich nicht daran, daß heute — der 21. November wäre. Sie verstehen dieß nicht? Nun wohl, ich will es Ihnen erzählen; es wird eine Buße mehr sein. Heute vor vierzig Jahren, am 21. November, sagte mein alter, kranker Vater zu mir: „Samuel, nimm den Wagen, da ich nicht wohl bin, fahre auf den Markt nach Walstall und verkaufe für mich die Bücher in den Laden." Ich, gnädige Frau, thöricht, stolz auf die Kenntnisse, die er mir gegeben, ich, der ich nur das Brod seiner Arbeit gegessen hatte, ich, dem es bisher an Brod gefehlt hatte..., ich weigerte mich. Der Vater drang mit einer Sanftmut!), an die ich jetzt mit dem größten Schmerze denke, in mich und sagte: „Samuel, sei ein guter Sohn, geh', es wäre Schade, einen Markttag einzubüßen." Ich weigerte mich aus thörichtem Stolze fortwährend; da fuhr mein Vater selbst, und es war ein Wetter, wie heute; mein Vater ging und starb wenige Tage nachher." In diesem Augenblicke bedeckte der Doctor mit seinen beiden Händen die Thränen, welche über sein würdevolles Antlitz rannen. Dann fuhr er fort: „Dies geschah vor vierzig Jahren; seitdem komme ich jeden 21. November nach Lichtfield. Den Weg, den ich damals nicht fahren wollte, mache ich zu Fuße und ohne gegessen zu haben, ich bleibe vier Stunden auf dem Markte von Walstall mit unbedecktem Haupte an der Stelle stehen, wo mein Vater dreißig Jahre lang die Bude hatte, die ihn und mich nährte. Es sind seitdem vierzig Jahre vergangen, ich bin älter geworden, als mein Vater war, da er starb, und kann nicht sterben!" Niemand wagte Johnson zu trösten, aber kein Auge blieb bei der rührenden Erzählung des reuigen alten Mannes thränenleer. Gehorche deinen Eltern! Verlaum-ung. Die Verläumdung ist eine Art Mord. Denn dreifach ist unser Leben: das geistige Leben, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das durch die Seele gehalten wird, und das bürgerliche, das in Ehre und gutem Rufe seinen Bestand hat. Der Verläumder begeht durch einen einzigen Stich seiner Zunge gewöhnlich drei Mordthaten auf einmal. Er tödtet geistiger Weise seine eigene Seele, raubt demjenigen, den er verläumdet, das bürgerliche Leben, verwundet z tödtlich auch die Seele desjenigen, der ihn anhört. „Denn, wie ein weiser Mann spricht, sowohl der Verläumder, als der Anhörer desselben haben den Teufel bei sich, dem einen sitzt er auf der Zunge, dem andern im Ohr." Oder wie David sagt: „Die Verläumder haben ihre Zungen gespitzt, wie eine Natter." Die Nattern haben eine Gabelzunge mit zwei Spitzen, und mit einer ähnlichen Zunge durchsticht und vergiftet der Verläumder mit Einem Male sowohl den guten Namen desjenigen, von vem er spricht, als auch das Herz desjenigen, der ihn anhört, und es kommt nicht ihm zu Gute, wenn das Herz des Anhörers mit einem edlen Gegengifte bewaffnet ist. Jene nun, welche bei ihren Verläumdungen erst ehrenvolle Vorreden halten oder allerlei Artigkeiten von Liebe und Lob dazwischen bringen, sind die schlauesten und giftigsten Verläumder von allen. Sie sagen zum Beispiel: „Ich habe ihn wirklich recht lieb, oder: ich weiß sonst nichts Uebles von ihm, oder: er ist sonst ein rechtschaffener und gebildeter Mann — aber was wahr ist, ist wahr: in diesem Puncte n. s. w." Wer mit dem Bogen schießen will, zieht, so stark er ist, den Pfeil an sich, aber nur deshalb, damit er ihn mit desto größerer Gewalt abschnelle. Ebenso scheinen auch jene den Pfeil der Verläumdung an sich zu ziehen um desto sicherer Las Herz der Zuhörer zu treffen und desto tiefer in dasselbe einzudringen. Noch grausamer, wenn auch nicht so boshaft, ist diejenige Verläumdung, welche scherzweise vorgebracht wird. Der Schierling ist an und für sich kein schnelles Gift; er wirkt vielmehr ziemlich langsam und kann durch Gegenmittel gehemmt werden; wird er aber mit Wein vermischt, so ist jedes Mittel vergeblich. Eben so bleibt auch die Verläumdung um so fester im Herzen der Anhörer sitzen, wenn sie durch ein witziges oder Lachen erregendes Wort gewürzt wird. Sie ist dann recht eigentlich wie Natterngist, das anfänglich nur einen angenehmen Kitzel erregt, dadurch aber das Herz und die Eingeweide erweitert und sich dann desto tiefer einsaugt. Franz von Sales. Die einfache Antwort. Ein Metzgerbursche Namens Lavoine hat ohnlängst auf dem Weg nach St. Germain eine muthvolle That vollbracht. Ein Ochse hatte sich in einem Anfalle von Wuth auf zwei junge Eheleute gestürzt; er hatte den jungen Mann mit den Hörnern aufgehoben und einen Theil seiner Kleidungsstücke zerrissen, ohne ihn jedoch zu verwunden, und kehrte sich nun gegen die Frau, welche sich hinter einen Baum zu flüchten gesucht hatte; da bewaffnete sich Lavoine mit einem Messer und stieg aus dem Wagen, auf dem er mit drei Kameraden saß. Diese riefen ihm zu: „Du gehst in den Tod!" Lavoine stellte sich, ohne auf sie zu hören, entschlossen gerade vor das wüthende Thier hin; der Ochse, in der Meinung, er könne sich seiner so wie seines früheren Opfers entledigen, stürzte sich auf ihn, aber Lavoine machte eine geschickte Wendung und stieß ihm seine Waffe mit so vieler Kraft und Gewandtheit in das Genick, daß er das Rückenmark traf und das Thier wälzte sich unmittelbar zu den Füßen seines Siegers. Dieses unerwartete Gefecht währte nicht länger als drei Minuten, und als das junge Paar sich in Ausdrücken des Dankes gegen seinen Befreier ergoß und Jedermann wiederholte, er habe eine Heldenthat gethan, antwortete Lavoine bescheiden: „Habe ich eine gute That begangen, so wird mir die Vorsehung sie einst lohnen!" Heilige Stimmen. O unfruchtbare Seele, was thust du? Was List du so träge, sündhafte Seele! Der Tag des Gerichtes kommt, nahe ist der große Tag des Herrn, nahe und sehr nahe. Der Tag des Zornes, jener Tag! Der Tag der Trübsal und der Angst! Der Tag des Unglücks und des Elends! Der Tag der Finsterniß und der Dunkelheit! Der Tag des Nebels und des Sturmes! Der Tag der Posaune und des Tones! O bittere Stimmen des Tages des Herrn! Was schläfst du, laue und des Ausschüttens Werthe Seele? Was schläfst du? Wer nicht aufwacht, wer nicht zittert bei solchem Donner, der schläft nicht, sondern ist todt. H. Anselm. Redaction und Bcrlag: M. Hutttcr. — Druck von I. M. Klcinle. ST 1. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Manna. 0. Eine der lehrreichsten Geschichten des alten Testamentes ist jene des Himmelsbrodes. Der Herr hatte den Kindern Israels über's Meer geholfen nnd sie in die Wüste geführt. Eine Wüste nun ist eine Strecke Landes, unfruchtbar und unbewohnt. Daher bietet sie den Reisenden leine Nahrung, und die Kinder Israels empfanden Lies bald, nachdem sie die aus Aegypten mitgenommenen Vorräthe aufgezehrt hatten. Allein Gott sorgt für die Seinen. Er ließ ihnen Brod vom Himmel thauen, und sättigte sie mit dieser Speise, welche sie das Himmelsbrod, Manna, nannten, auf ihrem langen Zuge durch die Wüste. — Gewiß! — rief Clara, nachdem sie der erzählenden Mutter aufmerksam zugehört, — hatten die Kinder Israels vertrauensvoll zu Gott in ihrer Noth gebetet, weil er sie so wunderbar errettet, und ihm für seine Hilfe im Herzen und im Wandel gedankt. Nein, mein Kind! Im Elende murrten sie und wünschten sich die Fleischtöpfe Aegyptens zurück. Nnd als sie das Brod hatten, rissen es die Gewalt- thätigeren an sich und wollten die Schwächeren darben lassen. Später selbst war ihnen das Himmelsbrod verleidet, nnd es gelüstete sie nach Fleisch. Die Undankbaren! Sie hatten Brod für lange Zeit und brauchten nicht zu arbeiten. Wie mancher arme Mann, der nicht murrt, Gott gerne danken würde, muß sich abplagen nnd darbt am täglichen Brode! Was schließest Du daraus? Der Schluß liegt nahe. Fast möchte man sagen: Gott ist liebevoll gegen die, welche ihn verlassen, und verläßt jene, welche ihm liebevoll anhangen. Du hast dem ersten Anscheine nach nicht ganz unrecht. Wie, Mutter!? Ich sage: auf den ersten Anblick! Betrachte viele Reichen! Sie gehören zu jenen, welchen gleichsam das Brod vom Himmel regnet, indem sie bei geringer oder gar keiner Arbeit Ueberfluß haben an Allem. Sind sie nicht, wie die Kinder Israels? Sie murren gegen Gott, vergessen seiner und beten das goldene Kalb des Mammons an. Unzufrieden mit ihrem Ueberflusse jagen sie nach Mehreren:. Und Gott gibt ihnen mit vollen Händen. Doch mancher Arme? Du hast vorhin in wenigen Zügen sein Bild selbst entworfen. — Wohin nun wirst Du einen zweiten, tiefern Blick richten müssen, diesen Widerspruch zu lösen, diese Gegensätze auszugleichen? Nach dem Himmel. Recht so, meine Clara! Doch nicht ausschließlich nach ihm als dem Throne des Herrn, sondern auch nach ihm als der künftigen Wohnung der vor Gott treu Befundenen, zu welchen der vertrauensvolle Arme, doch nicht der undankbare Reiche zählt. Wohl wahr, liebe Mutter! Aber Du selbst hast nur von vielen undankbaren Reichen und manchen vertrauensvollen Armen gesprochen. Allerdings. Was meinst Du damit? Es muß also auch dankbare Reiche und Vertrauenslose Arme geben? Unzweifelhaft. Da nun die Dankbaren und Vertrauensvollen treu befunden werden vor Gott, so müssen dankbare Reiche in den Himmel kommen, vertrauenslvse Arme von demselben ausgeschlossen bleiben? Gewiß. Armuth und Reichthum sind demnach nicht die Förderungs- oder Hinderungs- mitte! des Himmelreichs? Wenigstens nicht ausschließlich und nicht nothwendig. So könnte Gott Armuth und Reichthum ausgleichen oder aufheben, indem er wiederum Manna vom Himmel regnen ließe für die ganze Dauer unserer Lebensreise. Die Mutter konnte sich eines Lächelns über die ausgesuchte Spitzfindigkeit Clarens nicht erwehren. Gleich zu Anfange hatte sie das Ziel der Einwürfe erkannt, und beschloß nun, ihre Tochter auf die einfachste Weise von ihren Abwegen zurückzuführen. — Das könnte Gott freilich — gab sie scheinbar zu — um so mehr, da er auch, wie bei den Jsraeliten, uns nur einen Moses zu senden brauchte, welcher das gesammelte Brod unter Alle nach Bedarf vertheilen müßte. Nichts destoweniger würden wir einen der schönsten Genüsse des Christenthums verlieren. Der wäre? Das Gebet des Herrn so recht aus Herzensgründe, — versetzte die Mutter. Oder könntest Du beten: Unser tägliches Brod gib uns heute! die vierte Bitte dieses herrlichen Gebetes? Warum denn nicht? Du selbst hast der Jsraeliten Aufenthalt in der Wüste mit unserer Reise durch das Leben verglichen. Wenn wir nun Manna oder ausreichenden Bedarf hätten für das ganze Leben, warum dann noch Gott Tag für Tag um das bitten, was er uns schon auf immer gewährt hat? — Glaubst Du: wir wären nicht minder undankbar, wie die Kinder Israels; trachteten nicht minder nach Mehrerem, unzufrieden mit dem Genug? Ich glaube nicht, liebe Mutter! das Christenthum hat uns veredelt. Bist auch Du Christin? Mutter! Du fragst sonderbar. Du bist verwundert. Wo ist denn Deine Veredlung durch das Christenthum? Du setzest Dich zu Tische und hast vorher Gott kaum oberflächlich mit den Lippen gedankt. Du möchtest mehrere und bessere Speisen genießen. Du stehst auf und betest zerstreut, Deiner unerehrbietigen Stellung nach zu urtheilen. Der Mutter aber gedenkest Du gar nicht. Dem Mädchen traten Thränen in die Augen. Weßhalb thust Du dies? Mutter! Ich weiß nicht. Gewiß geschieht es nicht aus bösem Herzen. Aber siehe! Mit der Essenszeit kommt das Essen wie von selbst. Ich möchte sagen: es regnet vom Himmel. Würdest Du ernstlicher darüber nachdenken, so müßtest Du erkennen, daß es Dir Gott durch Deine Mutter bescheert. Was nun in den Kinderjahren Gleichgiltigkeit ist, das wird in reifern Jahren Herzensbosheit. — Wann indeß Hast Du mich doch um Essen gebeten? So oft mich hungerte und Du mich darben ließest. Wann geschah dies? 211 Sobald ich mich gegen Deine Vorschriften verfehlt hatte. Schöpfe aus dem bisher Gesagten zwei Lehren! einmal: der vertrauensvolle Arme betet zu Gott aus brünstiger Seele: Unser tägliches Brod gib uns heute! weil seiner Bitte auch Wahrheit, nämlich Mangel und nicht allein demüthige Erkenntniß der gewährenden Vaterhuld zu Grunde liegt. Der Reiche ferner, dessen Herz noch nicht verhärtet ist gegen jede bessere Empfindung, wird durch zeitweises Entbehren des irdischen Wohlseins von seinen Abirrungen zurüü- geleitet auf den Weg der Wahrheit. Unter dem täglichen Brode begreifen wir nicht nur Speise und Trank, sondern auch die Sorge für alles Irdische. Wenn aber Gott die aufrichtige Bitte des Armen oder Reichen in der Stunde der Prüfung um das tägliche Brod nicht erhört? Erinnerst Du Dich nicht — fragte die Mutter dagegen — einer Zeit, wo Du klagtest: es hungere Dich gar sehr, und dennoch gab ich Dir nichts oder wenig zu essen? Als ich krank gewesen und mich auf dem Wege der Genesung befand. Wohl, mein Kind! Weßhalb — glaubst Du — geschah dieses? Der Arzt hatte gesagt: Das geringste Speisenübermaaß könnte mir tödt- lich, mindestens höchst gefährlich sein. Doch als Du völlig hergestellt warst? Da durfte ich wieder essen und trinken, bis ich gesättigt war. So, liebe Clara! würde das geringste Maß oder Uebermaß irdischen Wohlseins diesem Armen, jenem Reichen gefährlich sein für das geistige Heil. Der Vater im Himmel sieht dies voraus, und deßhalb versagt er dem Kind, die Gewährung der zur Zeit thörichten Bitte. Hat nun der Geprüfte durch sein Leiden das Maß der Kräftigung erhalten, welches nöthig ist, zur Ertragung selbst eines bescheidenen Glückes; dann erhört Gott die durch diese Kräftigung des Bittenden jetzt weise gewordenen Bitte. Wie aber, wenn der Geprüfte dieses Maß der Kräftigung nie erreicht? Dann besckließt oft die göttliche Vorsehung über Jenen immerwährendes Leid, dessen Seele in der Freude zu Grunde gehen würde. Jetzt ersässe ich die Seligkeit der Noth- und Kummerleidenden. Es ist die Seligkeit der Zukunft. Wie unglücklich aber sind jene Reichen, bei denen die Bitte um das tägliche Brod wirklich nur eine demüthige Anerkennung der gewährenden Vaterhuld und nicht wahrhafte Bitte wäre! Ihr Leichtsinn, der das Beten vergißt, ist strafbar, aber doch verzeihlich! , Begreifen wir, liebe Clara! unter dem täglichen Brode, wie schon bemerkt, unser ganzes irdisches Wohlsein, dann ist kein Reicher, kein Glücklicher auf Erden, der nicht täglich diese Bitte aus Herzensgründe zu Gott richten dürfte. Läßt der Schöpfer einem Reichen bei kleinerem Leiden ein größeres Maß der Freude und versteht dieser scheinbar Glückliche das Maß nicht zu nützen für sein und seiner Mitmenschen Heil; dann dürfen wir annehmen, daß ihn Gott nicht Werth befunden der zukünftigen Seligkeit und ihn deßhalb genießen lasse die Seligkeit der Gegenwart. Im Ganzen, gute Mutter! haben die Jsraeliten doch den Vorzug vor den Christen, daß ihnen Gott einst das Brod vom Himmel regnen ließ. Das Brod des Leibes, ja. Bei der Nahrung der Seele verhält es sich umgekehrt. Die Juden hatten nur Eine Bundeslade, nur Ein Allerheiligstes. Den Christen regnet das Brod des Lebens in zahllosen Kirchen durch die Unterweisungen zahlloser Geistlicher gleichsam vom Himmel. — Worin, glaubst Du, gleichen wir den Kindern Israels? Die Jsraeliten wurden des Himmelsbrodes satt und sehnten sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Auch wir verachten das Himmelbrod, welches wir kaum oder nicht gekostet haben, und begehren die Fleischtöpfe der Welt und Sinneslust. Wir Thoren wollen lieber Knechtschaft und Genuß, als Freiheit und Selbstverläugnung. Die Gebetstunde.*) Das Fronleichnamsfest ist ein Massenzeugniß der katholischen Welt für den Glauben an die wirkliche, wahrhafte und wesentliche Gegenwart Jesu Christi im allerheil. Sacramente des Altares.. Diesem lauten, feierlichen, allgemeinen Bekenntniß des Glaubens gegenüber steht das Einzelzeugniß einer gott liebenden Seele. Wir wollen einen betrachteden Blick auf dieses Zeugniß werfen und das Gemälde vor unseren Augen entrollen, wie sich das Einzel gebet eines kathol. Christen in der Stille und Einsamkeit gestaltet, eines jener Stundengete, welches die Glieder des Vereines zur beständigen Anbetung des allerheil. Sacramentes gelobt haben. Ist die Fronleichnamsfeier wie ein Frühlingsfesttag, der tausend Blumen aus der frischerquickten Erde hervorlockt; wie Sonnenschein, der die jubelnde Stimme der Vögelein im Walde wach ruft: so ist das Einzelgebet wie ein duftendes Veilchen, das im hohen Grase verborgen blüht, oder wie eine seltene Blume, die von kundiger Hand im Wohnzimmer gepflegt selbst im Winter erblüht, und wenn auch nur von Wenigen gekannt, doch diese um so mehr entzückt. Was am schillernden Glänze und äußern Pompe, was am lauthintönenden Jubelgesang abgeht, das ist reichlich durch die Glut der Gottesliebe, durch die Innigkeit der Glaubenstreue ersetzt. Hier zeigt es sich wahrhaft, daß das Gebet der Lebensodem der Seele ist, und daß sich der Christ anf den Flügeln der Andacht von der Erdenschwere loslösen nnd in den Himmel erheben kann. Stellen wir aber die Annahme voraus, jene fromme Seele, welche das Stundengebet zu halten hat, sei in ihren äußeren Lebensverhältnissen unabhängig und sie könne ungestört und ungehindert nach ihrem Sinne in ihrem Gemache der Andacht obliegen, und nehmen wir ferner an, die Gebetstunde treffe in der eilften Stunde zur Nachtzeit ein. Schon der vorausgehende Vormittag findet die fromme Seele in einer religiös aufgeregteren Stimmung, der Tag hat für sie eine gewisse Feierlichkeit, und wenn es anders möglich zu machen war, empfing sie am Morgen die heil. Sacramente der Buße und des Altares, um zu ihrem Engelsgeschäfte in der Nacht ein Gott wohlgefälliges Herz mitzubringen. Lange bevor die bestimmte Stunde hereinbricht, ist mit einer eigenen ängstlichen Sorgfalt der Betaltar schon geordnet, das Cruzifix ist mit Blumen geschmückt, die Lichter sind hergerichtet, das Gebetbuch, der Rosenkranz ist bereitet. Zu Hause näml'.ch in ihrem stillen, verschwiegenen Kämmerlein wird sie die Gebetstunde halten, denn das Haus Gottes ist um diese nächtliche Stunde verschlossen, das allerheil. Sacrament ist im dunklen Tabernakel verborgen und nur ein sanftes Ampellicht vor demselben deutet dort mit leisem Schimmer auf die Gegewart jenes geheimnißvollen ewigen Lichtes, das zugleich die Wahrheit, der Weg und das Leben ist. Der Frieden und die Stille der Nacht breitet sich immer dunkler über die Erde aus und ringsum versinkt alles in Schlaf und Ruhe, doch das Vereins- initglied wacht noch mit Hellem Auge und horcht auf den Schlag der sich nähern- *) Die Mitglieder des „V er ein es zur beständigen Anbetung des allerh eiligsten Sacramentes" wählen sich bekanntlich „in jedem Monate eine stündliche Anbetung des hochwürdigsten Gutes." („Der kath. Christ" 1859. II. 139^) Diese Stunde ist eine Stunde der ungetrübtesten Freude und, wir wollen es zuversichtlich hoffen, auch eine Stunde der Gnade. 213 den Stunde. Da werden die Lichter an dem Betschämel angezündet und unwillkürlich denkt die Seele an jenes Mitglied, dessen Gebet nun zu Ende geht. Sie weiß nicht, wer dies sei, ob der hochwürdigste Bischof, oder ein anderer Priester, oder ein Laie, ob eine Frau oder ein Mann, ob eine vornehme Dame oder eine Magd; sie weiß nur das eine, daß der Ruf „Heilig" in dieser Stadt nicht verstummen soll und daß sie selbst denselben alsogleich fortsetzen wird, sobald er auf anderer Lippe zu Ende ging. Horch! da schlägt die eilfte Stunde; und beim ersten Schlage sinkt die christliche Seele auf die Kniee, bezeichnet sich mit dem heil. Kreuze, neigt das Haupt, faltet die Hände und stellt sich in die Gegenwart Gottes, in die Gegenwart des allerheil. Altarssacramentes; dann hebt sie leise, leise zu beten an: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth, Himmel und Erde sind deiner Herrlichkeit voll! — Hochgelobt und gebenedeit sei ohne End" — Jesus Christus im allerheiligsten Altarssacrament!" Wahrhaftig! bei diesem Rufe bebt ein heiliger Schauer durch das Gebein, das Herz erzittert und pocht fast mit lautem Schlage, der Geist fühlt die Nähe der heiligen Gottheit; denn es geschieht, was die heil. Schrift sagt: „Alsbald wird zu seinem Tempel kommen der Herrscher, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, nach dem ihr verlanget." — Wie! eines Menschen Kind, ein sündhaftes Menschenherz wagt es, in den himmlischen Lobgesang der Cherubim und Seraphim am Throne des Lammes seine irdische Stimme hineinzumischen! Ein Erdensohn wagt es, dasselbe Wort zu sagen, was die Engel im Himmel nur zitternd aussprechcn, das Wort, den Namen, bei dem sich alle Kniee beugen sollen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde! Ja, der katholische Christ wagt es und er darf es; er darf sein Auge zum Himmel aufschlagen, denn der Sohn Gottes selbst, der gekreuzigte Heiland hat ihm die Pforten des Himmels erschlossen. „Wenn ich werde erhöhet sein" — sprach er — „werde ich alle an mich ziehen." Und so blickt die gläubige Seele auf zu dem Herrn mit Entzücken, mit vertrauensvoll ergebenem Herzen, denn sieh! der Heiland ist in den Himmel erhöht, er zieht >— zieht jetzt die betende Seele an sich, daß nun mit größerer Glut, mit wachsender Begeisterung von den zitternden Lippen das Wort fließt: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth!" Und sieh! der entzückte Geist weilt nicht mehr eingeschlossen in die enge Kammer, er fliegt hinaus zur Kirche, er weilt vor dem Hochaltare, er liegt auf den Knieen vor dem Altarssacramente. Doch sieht er das Haus Gottes nicht in's nächtliche Dunkel gehüllt, er schaut es in seiner Herrlichkeit; im hellen Lichterkranze strahlt der Altar; das silberweise Brod des Lebens leuchtet herab aus der goldenen Monstranze. Da neigt sich der Christ tief zur Erde und vergeht fast in stiller, stummer Anbetung; die Worte versagen ihm, nur seufzen, nur weinen kann er, weinen vor Freude. Die Macht des heil. Geheimnisses ist über die andächtige Seele hereingedrungen und hat sie bewältigt. Sie denkt nichts, als den Gedanken der unendlichen Güte des Sohnes Gottes, der nicht bloß sterben wollte für uns, sondern auch leben; der nicht bloß lebt für uns, sondern auch wohnt unter uns; der nicht nur wohnt unter uns, sondern uns auch nährt zum- ewigen Leben, daß nicht wir leben, sondern Christus in uns. — O unbegreifliche, unendliche Gnade! „Heilig, heilig, heilig! Hosianna in der Höhe! Gepriesen sei, der da kömmt im Namen des Herrn! Hosianna!" Und sieh! der Geist wandert auf den Flügeln der begeisterten Andacht hinaus, höher hinauf zum Himmel; er blickt in den Himmel, den geöffneten Himmel. Das liebende Herz wird weit, so weit — es öffnet sich mit allen seinen Poren, es möchte den Himmel in sich hiueinsaugen und ihn nimmer lassen, denn es sieht darin seinen Heiland, den süßen Heiland, Jesus Christus. 214 O wie beflügelt wird nun der Athem des Gebetes! o wie steigt es rasch auf zum Himmel, unablässig, wie der Springbrunnen eines Ziergartens, unablässig, wie der Duft einer Frühlingsblüthe. Minute um Minute fließt und mit ihr die Lebensseufzer und die Thränen heiliger Rührung. O mein Gott, wie lieb bist du und wie entzückend ist deine Gnade! Nun entströmt begeistert die Litanei zu Ehren des allerheil. Sacramentes und alle ihre süßen Liebesworte, nun folgt Gebet auf Gebet ohne Rast, ohne Ruhe; aber wer wollte, wer könnte sie alle aufzählen, die Gebete, welche eine gottbegeisterte Seele zu ihrem Gott emporzuschicken versteht. — Und doch müssen wir eines Gebetes noch erwähnen, eines Gebetes von ergreifender echt katholischer Bedeutung. Die christliche Seele betet nämlich nicht für sich allein; so eben hat sie alle Mitglieder des Vereines, so eben alle ihre Theuren im Leben und dann alle katholische Christen in ihr Gebet eingeschlossen. Doch welcher Gedanke steigt nun in ihr auf, wie eine schwere Gewitterwolke am reinen Abendhimmel. Er preßt bittere Thränenperlen aus, die schwer über die Wange rollen und die Stätte netzen. Ja, die fromme Seele weint Thränen des Schmerzes, denn sie gedenkt in tiefer Reue und Zerknirschung ihrer eigenen Sünden und ach! der Sünden ihrer Mitchristen. Sie sieht im Geiste das allerheil. Sacrament von Vielen, ach! von sehr Vielen vergessen, mißachtet, verunehrt, gelästert. Mit glühender Liebe bittet sie dem Erlöser all' diese Wunden, all' diese Geißelhiebe, all' diese Stacheln der Dornenkrone ab, bittet um Gnade für seine Feinde, um die Gnade der Erkenntniß, Reue, Buße und Besserung. — O könnte sie mit ihren Thränen und Seufzern auch nur die fremde Schuld tilgen uud auslöschen! Die katholische Seele betet nicht für sich allein, Ihr Blick und ihr Gebet wendet sich auch denen zu, die sich selbst nicht mehr helfen können. Mit inniger Theilnahme empfindet sie in der Tiefe ihres Herzens die Sehnsucht der armen Seelen im Fegefeuer nach Erlösung. Sie sieht gleichsam die Hände derselben flehend nach oben gestreckt, sie hört die unaufhörlichen Seufzer um Erretung aus dem Orte der Büßung. Ach! wer, mit einem christlichen Herzen in der Brust, sollte jener Lieben und Theuren vergessen, die uns im Tode vorausgingen, wer sollte derer vergessen, welchen wir am schauerlichen Grabe ein thränenvolles „ruhe im Fieden" nachriefen. Ruhe im Frieden des ewigen Lichtes, Ruhe in Gott! wann kann diese Bitte wohl kräftiger wirken, als wenn sie in der Anbetung des allerheil. Altarssacramentes gestellt wird, das ja eben ein Unterpfand dieses Friedens ist, erkauft mit dem kostbaren Blute des Heilandes. O möge die Bitte um Gnade gesegnet sein! So betet das fromme Vereinsmitglied und unter solchen Gebeten entschwindet die Stunde — wie ein Augenblick. Es schlägt zwölf Uhr: die Lichter verlöschen; das Gebet ist beendet. Während in einem anderen Hause mittlerweile ein anderes Vereinsmitglied seine Gebetstunde beginnt, sinkt hier der Christ, zufrieden über das treu vollbrachte Tagewerk, in die Arme des Schlafes. Der heil. Schutzengel aber wacht über dem Schlafe des Gerechten. Vormals und Jetzt. Das Bonifacius-Blatt entwirft in Nr. 1 d, I., um einige Anregung zu geben zur Betheiligung an dem Werke, welches der nach dem Apostel Deutschlands benannte Verein sich vorgesetzt hat, ein kleines Bild von der kirchlichen Vergangenheit desjenigen Theiles unseres deutschen Vaterlandes, welchem der Bonifacius-Verein seine Aufmerksamkeit und Fürsorge vornehmlich widmet. Die Armuth und Noth, in welcher dort die Kirche gegenwärtig sich befindet, tritt 215 um so greller hervor, wenn man sie vergleicht mit der glänzenden Lage und Stellung, deren sie sich in den nämlichen Gegenden ehemals erfreute. Wir meinen die Landstriche in Mitte des nördlichen Deutschlands, wo, wie das gegenwärtige Bedürfniß, so auch der Unterschied zwischen Vormals und Jetzt am augenfälligsten sich zeigt. In dem weiten Gebiete, welches im Süden von der obern Werra, dem Thüringer Walde und Erzgebirge, — im Osten von der Neisse und der untern Oder, — im Norden von der Ostsee und der Eider — und im Westen von der Weser begränzt wird, besteht gegenwärtig nur ein einziger Bischofssitz, nämlich zu Hildesheim; die Katholiken, welche nicht zu diesem Bisthum gehören, sind theils den ziemlich entlegenen bischöflichen Kirchen von Paderborn, Fulda und Brcslau, theils den apostolischen Vicarien zu München, Dresden und Osnabrück überwiesen. Die Diözese Paderborn allein hat in ihrem sächsischen Antheile Bruchstücke von nicht weniger als acht nunmehr eingegangenen Bisthümern; und an Orten, wo vor Zeiten um die bischöfliche Kathedrale mit ihrem zahlreichen Klerus eine beträchtliche Zahl von andern Stifts- oder Klosterkirchen und Psarr- gemeinden sich reiheten. trifft man dermalen in mehr als einem Falle nur eine nothdürftig ausgestattete katholische Capclle oder auch nicht einmal diese, sondern nur ein zikr Abhaltung des katholischen Gottesdienstes gemiethetes Zimmer. Wenden wir uns dagegen um vier bis fünf Jahrhunderte oder noch weiter in der Geschichte zurück: — welch' einen ganz andern Anblick gewährt uns da der äußere Stand der Kirche in jener Gegend! — Da finden wir zunächst, fast im Mittelpuncte des vorher bezeichneten Ländereomplexes, das Erz bisthum Magdeburg — gegründet im Jahre 968 durch Kaiser Otto l- —, dessen erster Oberhirt jener Adalbert war, den der nämliche Kaiser nicht lange vorher an die Ufer des Dniepr nach Kiew entsandte, um auf den Wunsch der russischen Großfürstin Olga unter ihrem Volke als Apostel des christlichen Glaubens zu wirken. Nach ihm waren Tagino (dem sein Freund, der heilige Wolfgang von RegenZburg auf dem Sterbebette diese Erhebung vorher verkündigt hatte), Hunfried aus dem Burkaroskloster zu Wüczburg, Werner, ein Bruder des h. Anno ll. von Köln, ganz besonders aber der hl. Norbert (Stifter des Prämonstratenser-Ordens, 1134). so wie weiterhin Theodor ich, vordem Bischof von Minden (si 1367), und Friedrich (fi 1464) Zierden dieses Erzstuhles gewesen. Noch steht als ein beredter Zeuge des einstigen Glanzes dieser bereits in den Stürmen der Reformation und später vollends durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens der Säcularisation anheimgefallenen Metropole der herrliche (nunmehr Protest.) Dom, welcher, nachdem vier Generationen daran gebaut, von dem obengenannten Theodorich in Anwesenheit zahlreicher Bischöfe, Aebte und weltlicher Großen im Jahre 1363 eingeweiht wurde. Diesem erzbischöflichen Stuhle waren fünf Diözesen als Suffraganbis- thümer untergeordnet: Brandenburg, Havelberg, Meissen, Merseburg, Naumburg. Die beiden erstgenannten Bischofssitze, von Otto l- 946 errichtet und bis zum Jahre 968 vor der Hand der Mainzer Kirchenprovinz zugehörig, bildeten, weil am meisten nach Osten und jenseits der Elbe gelegen, lange Zeit hindurch gewissermaßen die am weitesten vorgeschobenen Gränzwachen christlichgermanischer Cultur dem slavischen Heidenthum gegenüber; freilich vermochten sie, immer aufs Neue von Osten her bedrängt, fast zwei Jahrhunderte lang kaum sich zu behaupten; erst mit dem Auftreten des Markgrafen Albrecht des Bären in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wurde die deutsche Herrschaft und damit zugleich die Existenz dieser Bisthümer sichergestellt. Havelberg sah sogleich in Anselm, dem Bruder des Markgrafen und vertrauten Freunde des heil. Bernard von Clairvaux, seinen berühmtesten Bischof. Bewandert nicht nur in den geistlichen Wissenschaften, sondern namentlich auch in der griechischen Sprache, wurde er sowohl vom Kaiser Lothar, wie von Friedrich Barbarossa mit einer Gesandt- schaft nach Constantinvpel betraut; und dieser letztere Kaiser war es gleichfalls, der in dankbarer Anerkennung der durch Anselm ihm geleisteten Dienste dessen Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl von Ravenna bewirkte. — Die mehr nach Süden, am linken Elbufer gelegene feste Stadt Meissen von Heinrich dem Finkler erbaut, hatte gleichzeitig mit Magdeburg durch Otto's 1 Vermittlung einen Bischofssitz mit einem weit ausgedehnten Spreugel erhalten, welcher im Westen bis an die Mulde und im Osten bis an die Oder sich erstreckte und also einen großen Theil des jetzigen Königreichs Sachsen, sowie der preußischen Provinz Schlesien umfaßte. Treu und gewissenhaft hatten die ersten Bischöfe von Meissen, namentlich Jdo und der heilige Benno die Absicht, welche dem Stifter ihrer Kirche vorschwebt, zu e reichen und die Herrschaft des Christenthums unter den Slaven nach Osten und Süd-Osten zu verbreiten und zu befestigen gestrebt; mit zahlreichen Schöpfungen christlicher Frömmigkeit und Barmherzigkeit hatten auch deren spätere Nachfolger ihre Regierung bezeichnet; aber — merkwürdiges Verhängniß — der Meissener Bischofsstuhl und mit ihm beinahe sämmtliche frommen Stiftungen, welche dessen seitherige Inhaber in's Leben gerufen, sollten fast in dem nämlichen Augenblicke zusammenstürzen, als die Tugenden und Verdienste des ausgezeichnetsten Meissener Bischofs, des heil. Benno, durch dessen 'vom Papste Hadrian VI- im Jahre 1523 vorgenommene Canonisation ihre feierliche Anerkennung und Aussprache fanden*). Das Bisthum, dessen Sitz nach Stolpen und dann nach Würzen verlegt worden war und an diesen Orten noch eine Weile seine Existenz gefristet hatte, ging bereits zwei Jahrzehnte vor dem Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts vollständig ein; und von den vielen Stiftern und Klöstern, welche ehedem in diesen Gegenden blühten, haben nur drei durch alle Stürme der Reformations- und der folgenden Zeit hindurch glücklich bis aus den heutigen Tag sich erhalten. Es sind die in der sächsischen Lausitz gelegenen Nonnenklöster Marienthal und Marienstern, und in dem nämlichen Landestheile das Domstift zu Bautzen, durch die Bemühungen des Domdecans Leisen tritt (7 1586) für den Katholicismus gerettet. (Schluß folgt.) Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Carl V 1 !I., König von Frankreich, besichtigte das Schloß Amboise, welches er aufbauen ließ. In Folge einer starken Verletzung, die er am Kopfe erlitt, > als er schnell durch eine sehr niedrige Thüre dieses Gebäudes schreiten wollte, fiel er rücklings in der Gallerie nieder, durch die er mit der Königin gegangen ^ war. Die Kopfw unde erwies sich als tödtlich, und man legte den bewußtlosen König auf einen armseligen Strohsack, der das Eigenthum eines der dort arbeitenden Maurer gewesen; und auf diesem elenden Lager harrte der Herrscher Frankreichs seinem letzten Stündlein entgegen. Dreimal gewann er die Sprache und dreimal rief er aus: Mein Gott! Du glorreiche Jungfrau Maria! Mein heiliger Claudius und Blasius! Stehet mir bei!" Und erst Abends um neun Uhr erschien seine Seele vor Gottes Thron in der Ewigkeit! — Die Königin aber knieete neben der Leiche, rang die Hände und rief: „Was ist der Mensch ? ! — , Was ist ein König?! — Alles ist Eitelkeit der Eitelkeiten!!" *) Luther veröffentlichte bei diesem Anlaß die Schrift: „Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meissen soll erhoben werden." — Gegenwärtig ruhen die Reliquien deS b. Benno in der Domkirche zu München, wohin sie schon einige Jahrzehnte nach der Einführung der Reformation in Meissen auf Anstehen des damaligen Herzogs von Bayern gebracht wurven. Redaction unv Ncrlag: Dr. M. Hutttcr. — Druck uou.J. M. ÄleiNIc. 4 Zr. S8. 8. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentsprcis ist 2tt kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vormals und Jetzt. (Schluß.) Merseburg, das westliche Nachbarbisthum von Meisten, ebenfalls eine Stiftung Otto's I., weiset uns in der Reihenfolge seiner Oberhirtcn die berühmten Namen Dietmar, Werner, Thilo u. A. auf; — der erstgenannte, ein Mann von höchst edlem und liebenswürdigem Charakter und tiefer Frömmigkeit, die sich auch in den acht Büchern der von ihm verfaßten Chronik abspiegeln; der andere bekannt durch die Kämpfe, welche er gegenüber dem Kaiser Heinrich IV. zu bestehen hatte, und von segenreichem Einflüsse auch für spätere Jahrhunderte als Gründer des Benedictinerklosters zum hl. Petrus; der dritte, in der letzten Hälfte des fünfzehnten und dem Anfange des sechszehtcn Jahrhunderts (im Ganzen achtundvierzig Jahre lang) regierend, war gewissermaßen dazu bestimmt, wie eine prächtig leuchtende Abendsonne über die Kirche von Merseburg noch einmal den schönsten Glanz zu verbreiten, ehe das Licht des wahren Glaubens aus derselben gänzlich entschwand. Noch ein fünftes Suffragan-Bisthum von Magdeburg hatte Kaiser Otto l. innerhalb des oben umschriebenen Territoriums *) im Südwesten des Merseburger Sprengels errichtet und demselben Zeitz (an der Elster) als Sitz angewiesen. Indeß bereits der vierte Bischof dieser Diözese, Hildeward, verlegte mit Genehmigung des Papstes Johann XX und des Kaisers Conrad II. die bischöfliche Residenz nach Naumburg an der Saale, als einer sicherer gelegenen und feindlichen Ueber- fällen weniger ausgesetzten Stadt. In dem majestätischen Dome, dessen Ban besonders der Bischof Dietrich II-, Nachfolger des Verdienstreichen Engelhard (j- 1242) betrieb, erblickt man unter andern Erinnerungen an die katholische Zeit auch noch das Bild des letzten katholischen Bischofs, des wackern Julius von Pflug (1- 1564). Außer der Metropole Magdeburg mit den genannten fünf Suffragan-Bis- thümern bestand während des Mittelalters in dem hier in Rede stehenden Theile des nördlichen Deutschlands noch eine andere Kirchenprovinz, deren Gebiet übrigens in westlicher und noch mehr in nördlicher Richtung (zeitweilig auch nach Osten) sich über die Gränzen hinauscrstrcckte, welche wir uns abgesteckt haben. Es ist die erzbischöfliche Kirche von Hamburg-Bremen mit ihren Suffraganen: Lübeck, Schwerin, Ratzeburg; von dem jenseits der Eider gelegenen Schleswig rc. sehen wir ab. Sogleich von der Zeit an, wo der h. Ansgar als erster Erzbischof den vereinigten Kirchen Hamburg und Bremen vorgesetzt wurde, erlangte dieses Erzbisthum eine hervorragende und angesehene Stellung; die Kirche des „Apostels des Nordens" erschien wie von selber zur Metropole des Nordens bestimmt und erwies sich auch in der That als eine solche durch die eifrige Be- *) Eine sechste, jedoch außerhalb des hier uns beschäftigendcnDistrictS giegene Sussragan- kirchc von Magdeburg war Posen, welches aber späterhin zu der polnischen Metropole Gnescn sich hielt. Heiligung ihrer Oberhirten an der Begründung des Christenthums und der Ordnung des Kirchenwesens in Dänemark, Schweden, Norwegen; selbst für das ferne Island wurde der erste ständige Bischof, Jslcf, im Jahre 1056 durch Adal- bert von Bremen geweiht. Ebenso ist bekannt, wie nicht allein dieser Adalbert, sondern bereits seine Vorgänger einen wesentlichen Antheil an den Angelegenheiten des deutschen Reichs und seiner Nachbarländer genommen haben. Erz- bischof Adalach war ein vertrauter Freund des Kaisers Otto 1- und zog mit diesem nach Rom; bei ihm verlebte auch der Papst Benedict V., an der Fortführung des Pontificats durch den mächtigen Herrscher gehindert, den Rest seiner Lage. — Der Glanz und Einfluß, welchen die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen durch die Errichtung eigener Metropolitanstühle in Scandinavien (zu Lund, ilpsala und Drontheim) und die Verbindung der ältern, sowie der jüngern bischöflichen Kirchen dieser Länder mit letztem allmälig im Norden verloren, wurde ihnen wiederersetzt durch die Erweiterung ihres Metropolitansprengels nach Osten. Schon Otto l. hatte zu Aldenburg (oder Oldenburg — im äußersten Nordosten des heutigen Holstein) ein Bisthnm gegründet, welches aber fast zweihundert Jahre hindurch das (früher erwähnte) Schicksal seines südlichen Nachbar- bisthums Havelberg theilen mußte. Erst dem kräftigen Arme Heinrichs des Löwen und noch mehr der apostolischen Ständhaftigkeit des heiligen Vicelin sollte es gelingen, die Ländergebiete des jetzigen Fürstenthums Holstein-Lauenburg und der beiden Mecklenburg für das Christenthum dauernd zu gewinnen. Vicelin, zu Hameln an der Weser geboren, zu Padcrborn durch den gelehrten Hartmann in den Wissenschaften ausgebildet*) und durch den heil. Norbert zu Magdeburg im Jahre 1126 zum Priester geweiht, hatte es durch die ausdauernde und unermüdliche Thätigkeit, welche er dreiundzwanzig Jahre lang den wilden Volksstämmen in diesen Gegenden widmete, unterstützt durch die äußere Beihülfe der sächsischen Herzoge, insbesondere Heinrichs des Löwen, endlich dahin gebracht, daß das schon seit lange eingegangene Bisthum Aldenburg, und zwar mit Aussicht auf festen Bestand, wiederhergestellt werden konnte. Er selber sollte die neue Reihe der Oldenburger Bischöfe eröffnen und empfing im Jahre 11^49 durch die Hand des Bremer Erzbischofs Hartwich die Conseeration. Im Jahre 1163 — neun Jahre nach Vincelins Tode — wurde auf den Wunsch Heinrichs des Löwen der Sitz dieses Bisthums nach Lübeck verlegt. Hier regierte um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts der Bischof Albert, vordem Glaubensprediger in Liefland und nachmals Erzbischof von Riga, während um die nämliche Zeit Gerhart, Graf von der Lippe, der erzbischöflichen Kirche von Hamburg-Bremen vorstand; — der erstere durch seinen Namen**) und sein eigenes Wirken, der andere durch seine Abkunft***) auf die Verdienste hinweisend, welche der deutsche Norden in seinen edelsten Söhnen sich um die Bekehrung der jetzigen russischen Ostscepro- vinzcn erwarb. Auch noch kurz vor Ausbruch der kirchlichen Wirren des scchs- zehnten Jahrhunderts hatte wie Magdeburg an Friedrich, Merseburg an Thilo, so Lübeck an Nikolaus und Arnold, zweier ausgezeichneten Oberhirten sich zu erfreuen. Ersterer, ein großer Wohlthäter der Armen und strenger Wächter der *) In dem Bencdictinerkloster Ubdinghoff zu Padcrborn bewahrte man eine Lebensbeschreibung der heiligen Bischöfe Willehad, Änsgar und Nimbcrt, welche Vicelin in freundschaftlicher Erinnerung an seinen frühern Verkehr mit den Benediktinern ihnen von Bremen aus zum Geschenk gemacht hatte. **) Einige Jahrzehnte früher war ein anderer Albert (von Apeldern) der eigentliche Apostel Lieflands geworden. ***) Der Vater dieses Gerhart war in seinem scchszigsten Lebensjahre Cisterzienser und Glaubcnsbote in Liefland und endlich Bischof von Lehall geworden. Sein Sohn Otto, Bischof von Utrecht, ertheilte ihm die bischöfliche Conseeration; er selber weihte darauf unter Assistenz Dieses Otto seinen andern Sohn Gerhart zum Erzbischof von Bremen; und endlich weihte dieser Gerhart im Jahre 1228 einen dritten aus diesem Bruderkrcise, Bernard, zum Bischöfe von Paderborn. So trugen der Vater und drei Söhne die bischöfliche Jnfula. 219 Zucht, wurde ebenfalls für den Mctropolitanstuhl von Riga in Aussicht genommen, zog aber vor, bei seiner Kirche zu bleiben; Arnold (von Westfalen) war wegen seiner gelehrten Bildung, namentlich wegen seiner Rechtskenntuisse berühmt, und gleich seinem Vorgänger auf das Wohl seiner Kirche eifrig bedacht. Neben Lübeck bestanden in jenen Gegenden, deren Apostel der heilige Vicelin geworden war, noch zwei andere Sufsraganbisthümer der Hamburger Kirchenpro- vinz; Schwerin nämlich und Ratzeburg. Ersteres Bisthum, dessen ursprünglicher Sitz zu Mecklenburg (nördlich von Schwerin) sich befand, hatte mit dem alten Bisthum Oldenburg das Loos zeitweiligen Eingehens und nach erfolgter Restauration, eine bald darauf vorgenommene Verlegung des bischöflichen Sitzes gemein. Seit 1169 war Schwerin Residenz der Oberhirten dieses Sprengels, unter denen noch zwei der letzten ihrer Regierung die gerechtesten Ansprüche aus den Dank aller Wohlgesinnten verschafften: Conrad, der während seiner zwanzigjährigen Amtsverwaltung den äußeren Wohlstand, wie die innern Zustände in seinem Bisthum ungeachtet seines hohen Alters mit jugendlichem Feuer stetig zu bessern und zu heben sich bestrebte, und sein zweiter Nachfolger Petrus ('s 1516), der vermöge seiner geistigen Tüchtigkeit und in Folge seines länger» Aufenthaltes in Rom zu einem noch ausgedehnteren Wirkungskreise wie berufen erschien. — Das Bisthum Ratzeburg, dessen Gründung*) und Wiederherstellung gleichzeitig mit derjenigen des eben besprochenen Bisthums erfolgte, hatte den Ruhm, unter den Kirchensürsten, welche im ersten Jahrhundert nach seiner Restauration ihm vorgesetzt waren, nicht weniger als drei als Heilige verehrt zu sehen: Evermod, Jsfried und Ludolf. Auch des Letzter» Namensgenosse, Ludolf II., der zwei Jahrhunderte später regierte (ch 1166), war, um die Worte seines Zeitgenossen Alb. Kranz (Metrop. IX. 50.) zu gebrauchen — „ein wahrhaft apostolischer Mann, der das Muster eines Bischofs abgab." — Mit den bisher angeführten theils zur Magdeburger theils zur Hamburger- Provinz gehörenden Diözesen — zusammen zwei Erzbisthümer und acht Bis- thümer — sind wir noch nicht am Abschluß der Reihe von bischöflichen Kirchen angelangt, welche in der älteren Zeit im Innern des nördlichen Deutschlands existirten, gegenwärtig aber eingegangen sind. Auch abgesehen von dem Bisthum Lebus, dessen Sitz zwar links von der Oder**), dessen Sprengel aber großentheils jenseits dieses Flusses gelegen war (wie es denn auch zu der polnischen Metropole Gnesen gehörte), bleiben noch zwei andere hier zu erwähnen, welche der ersten und größten deutschen Kirchenprovinz zugewiesen waren. Der Erzstuhl des heil. Bonifacius zu Mainz, dessen Metropolitanhoheit nach Süden bis tief in die Alpen und nach Norden bis in die unmittelbare Nähe'Hamburgs sich erstreckte***), *) Die bedeutenden Fortschritte, welche das Christenthum um die Mitte des elften Jahrhunderts durch die Bemühungen des Wcndenfürsten Gottschalk in jenen Gegenden machte, gaben Anlaß, neben dem Bisthum Äldenburg noch diese zwei: Mecklenburg und Ratzeburg zu errichten. **) In den letzten Zeiten v or der Reformation war der Sitz vieses Bisthums in Fürstenwalde an der Spree. ***) »Der Erzverband von Mainz" — sagt Gfrörer (Gregor Vll. und sein Zeitalter I. S- 301) — »übertraf an Umfang vier deutsche Königreiche von heute. Der geistliche Arm der Nachfolger des heiligen Bonifacius reichte vom Comcrsce bis zur Niederelbe, vom Don- nersbcrg bis zu der Stelle, wo die Unstrut in die Saale mündet." Wer» — fährt er fort — „der eine solche Würde einnimmt, wird sie nicht behaupten wollen! Behauptet konnte sie aber nur dann werden, wenn das iuiporiui», das Reich germanischer Nation, aufrecht blieb. Die Mainzer Erzbischöfe waren daher in Allem, waS löblich und recht, geborne Zwillingsbrüder der Kaiser und Vater unseres Volks. Und wie eifrig haben sie in älternZeiten ihre Aufgabe erfüllt! Auf die Grundlage der kirchlichen Einrichtungen hin, welche der h. Bonifacius schuf, ist durch den Bcrduner Vertrag der deutsche Neichskörpcr gebaut worden. Als zu Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts ein Haufe mächtiger Uebelthäter das Reich zerreißen, die deutsche Nation wie eine herrenlose Heerde theilen wollte, zog sie Hatt» zur wohlverdienten Rechenschaft. Abermals zwei bis drei Menschenaltee später hat Willigis, der Unvergeßliche, dreimal den wankenden Staat gerettet." 220 hatte hier im Norden außer Hilbesheim noch zwei andere Suffragankirchen, nämlich Gerden und Halberstadt. Beider Alter ging über ein Jahrhundert hinter die Gründung der sächsisch-slavischen Bisthümer: Magdeburg, Mersebnrg u. s. w. zurück; sie waren unter den acht, deren Errichtung sich an die zur Zeit Carls des Großen und Ludwig des Frommen bewerkstelligte Einführung des Christenthums unter den Sachsen anschloß. Auch die spätern Schicksale derselben verliefen insofern auf die nämliche Weise, als beide, obwohl in ihrem Bestände bereits während des sechzehnten Jahrhunderts erschüttert, kurz vor Mitte des sieben- zehnten noch einmal sehr günstige Aussichten auf Wiedergewinnung des an den Protestantismus verlorenen Terrains erhielten; Werden, als der kräftige Füst- bischof von Osnabrück, Franz Wilhelm von Wartemberg, im Auftrage des päpstlichen Stuhles die Verwaltung des Bisthums übernahm und in der Cathedrale zu Werden am 8. Mai 1630 eine Synode feierte; — Halberstadt, als um die nämliche Zeit ein österreichischer Erzherzog an die Stelle der seitherigen lutherisch gesinnten Administratoren eintrat. Indeß das Wasfenglück Gustav Adolfs und seiner Bundesgennossen, und die Bestimmungen des im Jahre 16-18 geschlossenen westfälischen Friedens vereitelten die Hoffnungen, welche hinsichtlich der Restauration der in diesen Gegenden gelegenen katholischen Bischofssitze angeregt waren. Um den gewaltigen Abstand zwischen Vormals und Jetzt einigermaßen uns zu vergegenwärtigen, dürfen wir endlich nicht vergessen, wie viele sonstige kirchliche Stiftungen: Klöster, Canonicat-Stifter u. dgl. neben den angeführten nunmehr eingegangenen Bisthümern in jenen Landstrichen früher vorhanden waren. Außer den Bischöfen, die durchweg Reichsfürsten waren, treffen wir in der Zahl dieser unmittelbar unter dem Kaiser stehenden kirchlichen Würdenträger den Abt von Saalfeld (oberhalb Rudolstadt) und die Äbtissinnen von Quedlinburg, Gan- dershcim und Gernrode. Zu diesen reichsunmittelbaren Stiftern kommen nicht wenige andere, deren Vorsteher zwar nicht den Fürstenrang genossen, von denen aber manche dennoch immerhin höchst bedeutend und angesehen waren. Dahin gehören die Abteien Helmstädt, St. Michael zu Lüneburg, Bergen bei Magdeburg, Pegau, Altzell, Gesek, Pforta, Lauterbach u. s. w. — der langen Reihe von Mendicanten-Klöstern gar nicht einmal zu gedenken. Diese alte Herrlichkeit, dieser Reichthum an kirchlichen Anstalten ist dort nunmehr entschwunden; möchten aber bald wieder, wenn auch nicht die Kuppeln neuer Stifter und Dome, doch wenigstens die Kreuze bescheidener Capcllen an zahlreichen Stellen daselbst sich in die Lüfte erheben — zur Ehre Gottes und seiner heiligen Kirche und zum Troste unserer verlassenen und vereinsamten Glaubensgenossen. Der Stein. kl. Alle Dinge der Natur — sagte einst die Mutter zu Clären — sind unserer Betrachtung werth: nicht nur, weil sie Gott in's Dasein gerufen nnd an ihre und keine andere Stelle gesetzt hat, sondern weil sie gleichsam den Schlüssel zu vielen goldenen Regeln unseres sittlichen Verhaltens und Nicht- verhaltens bilden können. Auch der Stein? Vorzüglich der Stein, wenn wir ihn nach seinen verschiedenen Merkmalen und Arten betrachten. — Der Stein wird einmal ausgehöhlt durch das oftmalige Auffallen von Wassertropfen. Sollen wir ihn hierin nachahmen? Nein, liebe Mutter! wenn ich auch leider bekennen muß, daß Deine Ermahnungen nicht selten auf einen Stein fallen und also oft wiederkehren müssen, bis sie eindringen. 221 Also hinsichtlich des Guten sollen wir uns gleich erweichen lassen. Wie ist es nun mit dem Bösen zu halten? Da sollen wir unerweichlich sein. Gleichen wir im Betreff des Guten dem Steine, so beschämt er uns im Bösen. Er wird nur hohl durch oftmaliges Auffallen von Wassertropfen. Unser Herz öffnet nicht selten auf leisestes Anpochen der Verführung das innerste Heiligthum. — Gehen wir zu etwas Anderem über! Wodurch unterscheidet sich der werthvolle Stein vom gewöhnlichen? Den gewöhnlichen finden wir auf der Straße ohne Mühe, den kostbaren nur mit großen Anstrengungen aus tiefem Bergesschachte. So auch begegnen uns der gewöhnlichen Menschen viele auf dem Lebenswege, die seltenen hingegen finden wir nur mit klug prüfendem Blicke. Was verbürgt diesem Blicke seine Sicherheit? Wiederum das Hinschauen auf den Stein. Die gewöhnliche Gattung dieses Minerals trägt ihre Eigenschaften auf der Oberfläche; der gewöhnliche Mensch Herz und Charakter im Aeußern, manchmal gar nur auf der Zunge. Und der edle Mensch? Dieser findet sein Ebenbild am edelsten der Steine: dem Diamanten, dessen Farben erst durch mühsames Schleifen im blitzenden Lichte erstrahlen. Auch er entkleidet die ihm innewohnenden Tugenden der unscheinbaren Hülle der Alltäglichkeit, wenn wir diese Hülle durch vertrauten Umgang behutsam abgestreift haben. Weßhalb indeß strahlt der Diamant in herrlichern Farben, als ein anderer Edelstein, wenn man ihn geschliffen? Weil er ein einfacher und gediegener Stoff, die andern Edelsteine meistens zusammengesetzte Körper, stets aber geringeren Stoffes sind. Wende dieß aus den Menschen an! Derjenige, dessen Wille mehre und niedrige Ziele verfolgt, welche oft nicht vereinbar sind, wie die Einen Stein bildenden Stoffmassen, sondern sich geradezu ausschließen, wird wegen seiner unvereinbaren, oder sich unter- und beiordnenden Wünsche nie etwas Großes erreichen. Wer aber seinen ganzen Willen, seine ganze Kraft nur auf Ein erhabenes Ziel richtet, der ist groß in der Weise seines Strebens, selbst wenn dies Streben bescheiden oder unerreichbar wäre. Doch der Diamant strahlt in mehreren Farben. Dies spricht gegen die Einheit. Wie der Diamant ein einmastiger und reiner Körper ist, so muß auch der Wille des Menschen von einheitlichem und edlem Streben beseelt sein. Bildet nun die Stoffeinheit und Reinheit des Diamanten die Ursache seines vielfachen Farbenspieles, so wird die Einheit des guten Willens in mehreren trefflichen Eigenschaften sich ausprägen, welche dem Schwachsinnigen und Bösen abgehen. Wo Willenseinheit, da herrscht Ueberzeugungstreue, da Festigkeit; wo Festigkeit, da ein geregeltes Handeln. Siehe Clara! diese Versinnbildungen liegen in den natürlichen Eigenschaften des Steines und seiner Abarten. Hältst Du ihn noch immer für einen bedeutungslosen Beitrag zur Verfinnbildung des ganzen Menschen, wie sie erstrahlt aus der ganzen Schöpfung? Nein, meine Mutter! Nun tritt die Symbolik der Kunst hinzu, mannichfaltig, wie jene der Natur. — Betrachte den einzelnen Stein! Was ist er selbst in der Gestalt eines ungeheuren Felsens? Ein Stäubchen gegen das All der Schöpfung. Aber zusammengehäuft und ausgethürmt in unübersehbaren Felsmassen zum Gebirge? Da erscheint er gleichsam als irdische Wohnung des unendlichen Weltgeistes. Was ist nun die Kunst? 222 Das menschliche Nachbild des göttlichen Vorbildes in der Weltschöpfung. Wie konnte die Kunst diesen großen Gedanken einer irdischen Wohnung des unendlichen Geistes im Kleinen nachahmen? Dadurch, daß sie Häuser schuf zum endlichen Aufenthalte für den endlichen Menschen. Nachdem Gott den Stoff im Steine gegeben, gab er auch einen Fingerzeig zu seiner Benützung in demselben Minerale. Woran erkennen wir diesen Fingerzeig? Das Gcbirg: ward es gebildet aus Einem Felsen? Und das Haus, wird es erbaut aus Einem Steine? Nein. Der Mensch jedoch baut nach bestimmtem Risse; planlos schichten sich die Felsmasscu zum Gebirge empor. Mit Nichten. Gleich dem menschlichen hatte und hat auch der göttliche Baumeister seinen Plan, welcher jedem Ständchen seine Stelle anwies und noch anweist; allein dieser Plan ist uns unsichtbar, wie sein erhabener Begründer und Verwirkliche!. — Welches ist ferner der Hauptzwek und Urzweck des Hauses? Es bildet die feste Niederlage der Familie. Die Familie aber im Großen bezüglich ihrer religiösen und weltlichen Vereinigung, wie heißt man sie? Staat und Kirche. Die festen Grundlagen nun: d. h. die ewigen, oder nur nach bestimmten Regeln wandelbaren Gesetze des kirchlichen, staatlichen Rechts und Völkerrechtes in ihrer gewissenhaftesten Befolgung versinnbilden sich im Begriffe des Hauses, wie die auf diesen Grundlagen ruhenden Gemeinschaften im Begriffe der Familie. Diese Versiunbildung ist die Symbolik der Baukunst. Mutter! Noch beschäftigt sich eine zweite Kunst mit dem Steine: minder erhaben, doch unmuthiger, als die Baukunst. Du meinst die edle Bildhauerkunst. Welches ist ihr schönstes Ziel? Menschen und menschliche Thaten zu verherrlichen im herrlichsten Werke. Du nanntest sie unmuthiger. Auch ihre geistige Beziehung und Anwendbarkeit in dieser Richtung auf uns ist lieblicher, trostreicher und gleich erhaben, wie jene der Baukunst. Ihre sinnigsten Leistungen sind also Grabsteine. — Worauf setzt man einen Grabstein? Auf's Grab eines Verblichenen. Weßhalb? Anzudeuten, wer hier den Schlaf der Ewigkeit schlafe, geliebt und unvergessen von seinen Zurückgebliebenen, welche Liebe und Gedächtniß an den Todten Lurch den Denkstein kund geben. Nun gibt es noch ein Grab, in welchem der Verstorbene nicht schlafen, sondern gleichsam fortleben soll. Dies Grab wird das Herz sein der zurückgelassenen Freunde. Und ist das Herz ein Grab, kann nicht der ganze Mensch, der dies Herz umschließt, ein Grabstein sein, welcher nicht den Namen, sondern die Persönlichkeit des Verewigten vor Augen stellt? Wie das? Dadurch, daß wir den edeln Charakter des Verblichenen in unserm Charakter vergegenwärtigen, seine treffliche Handlungsweise nicht dem geistigen Auge der Erinnerung überlassen, sondern in unsern Handlungen neu verkörpern. — Vergleicht man den erdbeworfenen Todtenhügel mit einer solchen Gruft, dann heißt es: dort schläft, hier aber lebt der Verblichene. — Und dies ist die rührendste Symbolik der Bildhauerei. , Diese Verstnnbildung, liebe Mutter! ist um so trostvoller, da sie nicht, wie 223 jene der Baukunst, einer Gesammtheit von Menschen, sondern jedem einzelnen Sterblichen zur Nacheiserung vorschwebt. Welches Labsal! mit dem Tode nicht vergessen zu sein! Dies Labsal erquickt nur den, welcher selbst seiner Vergangenen nicht vergißt. Bis jetzt kennen wir nur einen todten Stammbaum von Namensregistern in den Familien. Lebendig würde ein Stammbaum aus Tugeudregistern blühen und Früchte tragen. Aus dem Leben Pins LX.. Im Jahre 1824 begegnete Feretti in Rom einem jungen Verbrecher, Namens Gactano, in dem Augenblick, als dieser zur Richtstätte geführt wurde. Durch das sanfte, gottergebene Ansehen des Unglücklichen gerührt, begab sich der Priester eilends in den Vatican und erwirkte dessen Begnadigung zu lebenslänglichem Gefängniß. Er wurde in der Engelsburg in Haft gebracht. Zweinndzwanzig Jahre später war jener mitleidige Priester Papst Pins IX. geworden. Er hatte Gaetano nicht vergessen und wollte sich nun selbst überzeugen, ob der Begnadigte seine Güte verdiene und sich bekehrt habe; zu gleicher Zeit wollte er sehen, wie man die Gefangenen in seiner Hauptstadt behandle. Er kleidete sich deshalb als einfacher Priester und machte sich Abends ganz allein auf den Weg nach der Engelsburg. Dort angekommen, wandte er sich an den Beschließer um Zulassung. Dieser, ein brutaler Mensch, wollte ihn abweisen; als ihm aber der vermeintliche einfache Priester einen schriftlichen Befehl des Papstes vorzeigte, wonach ihm ein Besuch des Gefangenen gestattet war, ließ er ihn mürrisch zu. Pius >X. trat in die Zelle Gaetano's. Dieser kannte ihn ebenfalls nicht und fragte zitternd nach seiner Absicht. „Ich bringe Nachrichten von Ihrer Mutter!" war die Antwort. Bei diesem süßen Namen rief der Gefangene: „Meine Mutter! Sie lebt also noch? Gott sei's gedankt!" — „Sie lebt und schickt mich zu Ihnen, um Ihnen die Hoffnung einer besseren Zukunft zu bringen." Der Gefangene wirst sich überglücklich in die Arme des Priesters, der ihn liebevoll an sein Herz drückt. „Gott erbarmt sich also meiner, indem er mir einen Engel des Trostes schickt?" Nachdem die ersten Augenblicke dieser rührenden Scene vorüber waren, erzählte ihm der unglückliche junge Mann die Geschichte seiner zweiundzwanzig Leidensjahre. „Sie hätten an den Papst schreiben, sagt ihm der Geistliche, und seine Gnade anrufen sollen. Ein Verbrechen, im siebenzehnten Jahre begangen, war hinlänglich gesühnt." — „Ich schrieb, aber meine Briefe blieben ohne Antwort." — „Schreiben Sie nochmals!" — „Mein Brief würde aufgefangen, bevor er zu Gregor XVI. käme." — „Gregor XVI. lebt nicht mehr; schreiben Sie an Pius IX." — „Wer wird ihm den Brief übergeben?" — „Ich; schreiben Sie, hier ist Papier und Bleistift." Der Gefangene schrieb einen Brief ohne Bitterkeit und voll edler Gefühle. „So, noch vor Abend soll der Papst den Brief haben. Leben Sie wohl, mein Freund, vertrauen Sie auf Gott, bitten Sie Ihn für Pius IX. und hoffen Sie." Darauf kehrte er zu dem Beschließer, der voll Zorn und Ungeduld aus seinem Zimmer umherging, zurück. „Zum Teufel! Herr Abbate, Sie haben sich schwer vergangen, schrie dieser ihn an; Sie sollten nur eine Stunde hier bleiben und jetzt sind schon zwei Minuten darüber; machen Sie, daß Sie fortkommen !" — „Ihr vergeht euch durch das Fluchen; wenn das der Papst wüßte!" — „Nun, wenn er's auch wüßte! Der Papst kümmert sich so wenig um mich, als ich mich um ihn." — „Ihr kennt denn Papst nicht, sonst wüßtet Ihr, daß er von Keinem verächtlich denkt. Wie heißt Ihr?" — „Das geht Euch nichts an; scheert Euch zum Kukuk!" — Der Papst begab sich sogleich zum Gouverneur der Engelsburg. Dieser war nicht minder übel gelaunt. „Noch ein Lästiger! rief 224 er; rasch, Herr Abbate, was wollen Sie, ich bin beschäftigt!" — „Ich fordere die Freiheit für ihren Gefangenen Gaetano." — „Sie scherzen; nur der Papst taun begnadigen." — „Ich komme auch im Namen des Papstes, mich an Sie zu wenden." — „Der Beweis?" — „Hier!" — Pins IX. nahm eine Feder und schrieb: „Ich befehle dem Gouverneur der Engelsburg, Gaetano sogleich in Freiheit zu setzen und seinen Beschließer fortzujagen. Unterzeichnet: Pius, Papst." Der Gouverneur stürzte dem Papst zu Füßen und flehte um Gnade wegen seines barschen Benehmens. Der grobe Beschließer erhielt nach Verlauf von zwei Monaten einen kleinen Posten, nachdem er versprochen, nicht mehr zu fluchen und nicht mehr brutal zu sein. Er hielt Wort. Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Balthasar Alvarez, geboren zu Cervera in Spanien, ließ sich in die Gesellschaft Jesu aufnehmen. Er war einer der gelehrtesten Männer seines Zeitalters, Beichtvater der h. Theresia von Jesu, und begleitete in dem Orden die ansehnlichsten Aemter. Der General der Jesuiten ernannte ihn zum Provinzial in Toledo und schrieb dabei der Provinz: „Ich gebe das Beste, was ich habe, indem ich euch den Pater Balthasar schicke!" — Er reiste dahin, wie er zu sagen pflegte, „mit Jesus dem Gekreuzigten im Herzen", und mit seinen drei Gefährten „Armuth, Verachtung und Leiden." — Auf der Reise wurde er von der Sonnenhitze, von seinen anstrengenden Arbeiten und anderen Beschwerden so abgemattet, daß sein schwacher Körper unterlag. Der Arzt wollte ihm die Gefahr verbergen; aber Balthasar sprach zu ihm: „Fürchten Sie sich nicht, mein Herr, mir gerade herauszusagen, daß ich sterben muß! Ich achte dieses Leben nicht, und betrübe mich nicht über dessen Verlust! Wenn es einmal sein muß, warum denn jetzt nicht?" — Nach einer siebentägigen Krankheit endigte er sanft und selig seine Pilgerschaft, im stillen Genuß der Nähe Gottes. Die Folgen des Irrwahns. Eine französische Zeitung sagt: Einem sehr beklagenswerthen Volksurtheil, das wir nur allzu oft zu bekämpfen hatten, ist in Montpellier ein neues Opfer gefallen. Kürzlich wurde in dem St. Lazeruskirchhofe nicht weit von der Capelle ein neugeborenes Kind ausgesetzt. Der Leichenwärter fand es noch lebendig gegen 10 Uhr; aber statt alsogleich für dasselbe Sorge zu tragen, wie es dessen Lage erforderte, ließ er es, einem unseligen Vorurtheile folgend, einer kalten Temperatur ausgesetzt, und kaum in ein wenig Leinwand eingehüllt, liegen, und benachrichtigte den Polizeicommissär Capin von der Sache. Dieser Beamte begab sich sogleich an Ort und Stelle und ließ das Kind in die Stube der Wächter bringen, wo es alle nöthige Pflege erhielt. Aber es war zu spät, das arme kleine Geschöpf starb einige Augenblicke, nachdem es getauft worden war. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht genug daran erinnern, daß es in allen Selbstmordfällen oder beim Versuche dazu die Pflicht der anwesenden Personen ist, dem in Gefahr befindlichen Individuum Leizuspringen; das Zweite ist, die Agenten der Obrigkeit von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen. Anders handeln heißt gegen die Gesetze der Menschlichkeit handeln, gegen die christliche Liebe verstoßen, und eine schwere moralische Verantwortlichkeit auf sich laden. Redaction nuo Verlag: Div M. H'uttlcr. —> Druck von I. M. Klein lc. AlijMgkl Zmiltli stlatt. Hr SS 15. Juli 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Zlugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Inzwischen rückten wir immer südlicher voran. Am 20. Mai hieß es, wir wären bereits mit Rio auf demselben Breitengrade. Es war so, aber leider lag das Ziel unserer Reise noch fünf Längegrade fern. Wir griffen nach dem Fernrohr, um mit bewaffnetem Auge Land zu entdecken, das sich dem bloßen Blicke entzog. Mancher entdeckte Land, aber leider nur in seiner Einbildung. Die Schiffsbeamten antworteten auf alle einschlägigen Fragen sehr mysteriös mit zweideutigen Restrictionen. Am Freitag Morgen trieb die Entdeckungslust Viele noch bei Nacht und Nebel auf's Verdeck. Und wirklich, noch hatte die Sonne den Horizont nicht erreicht, als man eben in nicht weiter Ferne hohe Bergketten erblickte, die allerdings noch in einen dichten Nebel gehüllt waren. Die Erklärung des Capitäns, der uns darin nur Wolken erkennen lassen wollte, konnte Niemanden mehr täuschen. Zudem änderte sich die Farbe des Wassers; sie ward erst blaßgrün, bald aber dunkelgrün. Schwärme von Vögeln kamen uns entgegen, die Bergspitzen traten immer deutlicher hervor, augenscheinliche Beweise, daß wir der Küste nahe seien. Wir fuhren bereits in der Bai von Rio; das Cap Frio, das dieselbe nach Norden begränzt, lag schon hinter uns, das Cap Negro zog sich in seinen Auszackungen zu unserer Rechten hin. Nun bot sich der Anblick ^ der Küste deutlich dem freien Auge dar: gewaltige Granitfelsen, die in sestge- schlossenen Reihen, aber in vielfachen Windungen häufige halbkreisförmige Einschnitte bilden, sich aber senkrecht in's Meer herablassen, und so die anprallenden Wogen zurückwerfen. — Allein gerade jetzt trat Windstille ein. Vergebens winkte uns der Leuchtthurm von Rio, und erkannten wir schon die Einfahrt in den Hafen. Eben so wenig vermochte der schöne wolkenlose Himmel, der in Brasilien sonst immer den Fremden bezaubert, unsere Sehnsucht zu befriedigen. Denn zwei Tage noch auf dem Schiffe zu balanciren im Angesichte des Hafens, ist gerade nicht sehr reizend. Doch was half das Murren? Am Vorabende von Pfingsten, den 22. Mai sollten wir aus der Arche steigen. Schon morgens neun Uhr wurde um ein Dampfschiff telegraphirt, das uns in den Hafen bringen sollte. Allein bis Nachmittag vier Uhr mußten wir warten. Dann erst rauchte der „Protector" heran und brachte uns nach anderthalb Stunden in den Hafen. Ungefähr in einer halbstündigen Entfernung vom User ließ er uns zurück. Der Anker wird ausgeworfen, die brasilianischen Zoll- und Sanitäts-Commissionen rudern aus Barken unter Zelten heran und besteigen mit bedeutsamer Miene die „Petropolis." Wir werden als zulassungsfähig erklärt; ein Boot, das so eben die kaiserlichen Commissäre an Bord gebracht, nimmt uns auf, und binnen 25 Minuten stehen wir wieder auf festem Lande am Hafen gegenüber dem kaiserlichen Palaste. — Somit haben wir einen Weg von 75 Breite- und 50 Längegraden in 35 Tagen zurückgelegt. Der Herr war mit uns und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau wendete er alles Unheil von uns ab. Ihm allein sei dafür Ehre, Opfer und Anbetung; unserer gebenedeiten Beschützerin aber Lob und Preis immerdar! II Den Eindruck, den die glückliche Ankunft in der neuen Welt auf mich machte, vermag ich Ihnen kaum zu schildern. Wenn der Anblick der riesenhaften Bergketten, die an der Küste beginnend wellenförmig in's Innere des Landes fortlaufen, großartig ist, so darf man die üppige Vegetation auf den hohen Granitgebirgen prachtvoll nennen. Sie tragen bis zu den äußersten Spitzen auf ihren schrägen Flächen die schönsten der Bäume, die Palmen, an deren Kronen herrliche Blumen prangen, mit anderen tropischen Gewächsen jeglicher Art, die ohne alle Cultur gedeihen. In den Thälern aber erst entfaltet sich ein paradiesischer Schmuck. Eine ganz neue Flora findet man hier; nur in größeren botanischen Gärten Deutschlands erinnere ich mich, einige dieser Pflanzen gesehen zu haben. Aber was sind diese abgelebten Treibhaus-Produkte gegen ihre Stammgenossen, die hier ganz frei vegitiren und wuchern? Daher die ausgebildete Größe selber bei Blumen, daher die Frische, Lebendigkeit und Mannichfaltigkeit der Farben, an denen sich anfangs das Auge nicht genug ergötzen kann. Dieses reiche und frische Colorit findet sich auch in den Häusern, an den Kleidern und Gemälden sehr geschmackvoll gemischt wieder. Die verschiedenartigen süßen Früchte sind für den Europäer zwar sehr anlockend, aber mäßig zu genießen, will er nicht bald ein Opfer des gelben Fiebers werden. — O wenn sich doch nicht auf dies herrliche Bild der Natur aus dem sittlichen Gebiete des Volkes dunkle Schatten lagerten! Doch ehe ich Sie dort hinüberführe, möchte ich Ihre Sinne noch ein wenig an das Irdische fesseln, indem ich in schwachen Umrissen die Stadt selbst zeichne. Eine der größten Merkwürdigkeiten der jetzigen Hauptstadt Brasiliens ist wohl ihr schöner, großartiger Hafen, zu dem man von der hohen See durch die Bai von Rio Janeiro gelangt. Es gibt nur eine einzige Einfahrt in denselben. Während nämlich längs der Küste die hohen Granitfelsen sich senkrecht in das Meer hinablassen und nur kleinere halbkreisförmige Ausschnitte bilden, so erstreckt sich einer dieser Ausschnitte unabsehbar in das Land hinein, und der Fremde, welcher der Küste entlang fährt, möchte glauben, ein mächtiger Strom münde hier in's Meer. Diese scheinbare Mündung des Stromes ist in Wirklichkeit die Einströmung des Meeres in die weite Bergschlucht und bildet den Eingang zum Hafen. Sie ist etwa eine halbe Stunde breit. An beiden Enden erheben sich zwei hohe Felsen, die Ausläufer der hier durchbrochenen Gebirgskette. Der eine dieser Felsen steigt kegelförmig hervor und heißt deßhalb „Zuckerhut;" der andere fällt mehr terrassenförmig schräg in die Bucht, an dessen Abhängen ein großes wohlbesetztes Fort erbaut ist, das die Brasilianer mit der Festigkeit des Malakoff vergleichen möchten. Diesem gegenüber unter dem „Zuckerhut" liegt ein kleineres weiter der Stadt zu ein drittes Fort, um so jeder feindlichen Flotte den Eingang zu verwehren. Diese Einströmung des Meeres erstreckt sich der Länge nach sehr weit in's Land, etwas weniger der Breite nach, jedoch so, daß zu beiden Seiten in die Thäler noch viele Nebenströmc auslaufen, die so tief sind, baß die größten Kriegs- und Kauffarthei-Schiffe an's Ufer fahren können. Die eigentliche Stadt breitet sich halbinselförmig längs des Hauptstromes (Rio) und des einzigen südwestlich auslaufenden Nebenstromes aus, fast in am- phitheatralischer Erhöhung mit kolossalen Gebirgen im Hintergründe, deren äußerste Spitzen der Schaulustige wie auf Stufen ersteigen kann, falls ihn nicht der glühende Sonnenstrahl zurückhält. Ursprünglich wurde die Stadt entlang dem Ufer des Rio und des südwestlichen Nebenstromes gegründet, nämlich im rechten Winkel beider Ströme. Jnerhalb dieses Raumes liegen die Hauptgebäude der Stadt: 227 das kaiserliche Schloß, die allmiciogg (Zollhaus), die «snta ca-m 6a misoncorclia (Spital), die Benedictinerabtei, ein Theil des alten Jesuitencollegiums, der pgssoio pulilioo, die Mariaschule, Kaufhallen. Doch bei zunehmender Vergrößerung rückte man bald über die ebene Fläche hinaus und siedelte sich auf den terrassen- artigen Anhöhen im Halbkreis an. Auch unsere Kater erweiterten ihre erste Niederlassung, und stiegen mit ihrem Bau bergan. Von der Fronte des Kollegiums aus, die zunächst auf den unten liegenden Garten schaut, hat man eine wundervolle Aussicht auf die Stadt und den Hafen. Der Neubau der Kirche wurde wegen Aufhebung der Gesellschaft Jesu nicht vollendet; bisweilen wird darin noch die heil. Messe gelesen. Einen Theil des geräumigen Kollegiums bewohnen jetzt die Patres Lazaristen, den andern nimmt dies oder jenes Bureau der Verwaltung ein, in die übrige Wohnung theilen sich Soldaten, Gefangene und zahllose Neger. Den Haupteingang ziert noch der Namenszug des Erlösers. Ich wandere alle Tage um diese theure Stätte und seufze zu ihrem ersten Gründer, dem ehrwürdigen l'. Anchieta empor, den die Brasilianer jetzt noch als ihren Apostel verehren. Viele und zwar gebildete Brasilianer erzählen noch mit freudiger Wehmuth von ihren Vätern, wie sie die alten Patres nennen. — Unter dem Garten des Kollegiums liegt das weitberühmte Spital: 8anta easa 6a miski-i- eui6ia; das Leproscnhaus, uuser ehemaliges Noviziat, liegt in St. Christoph außer der Stadt. Rio-Janeiro selbst ist zwanglos angelegt, mit nicht gar breiten, aber sehr langen Straßen, mit großen freien Plätzen und Promenaden in der Nähe des Hafens. Die Häuser sind meist Nur zwei Stock hoch, stehen tief im Boden und bieten nicht selten den Anblick eines alten Stadtviertels in Nieder- dentschland; die älteren Kaufläden sind finster und schwärzlich, und erinnern, zumal wenn gerade das Auge auf viele Negergesichter fällt, an die in gewissen Gegenden altherkömmliche Rauchbühne. Das kaiserliche Schloß ist nichts weniger als palastartig nach europäischen Begriffen, manches Gymnasium oder Rathhaus in Deutschland könnte sich mit ihm messen. Allein je unansehnlicher hier manchmal die Häuser von Außen, desto bequemer sind sie im Innern. Fast jedes Zimmer gleicht dem Salon einer Sommer-Villa, geschmückt mit prächtigen Tapeten und seltenen Blumen; schön sind die Gänge und Altanen, auf denen Wasserbecken zur Kühlung angebracht sind. Ueberhaupt ist die ganze Anlage und Bauart der Häuser für die heiße Zone berechnet, um gegen die Gluth der Sonne ein Asyl zu gewähren. Die Stadt selbst, ihre Theile, Straßen und öffentliche Gebäude sind nach Heiligen benannt, was allerdings nicht befremdet, da ja dies auch in vielen anderen Städten geschieht; aber mehr als auffallend ist es zu hören, wie die verschiedenen Theater, auf denen noch mehr Unsitte, wie in Europa herrscht, 8. ?o6rv 6a ^icanelara, 8. "lore-ai, 8. OrIci8, 8. Antonio heißen. Freilich unsere jetzigen europäischen Industriellen benennen nicht mehr so die hier gebauten Schiffe, angelegten Straßen und Eisenbahnen. — Einige Theile sind schmutzig und für den Fußgänger sehr unbequem. Steinklötze, die etwas mit Erde beworfen sind, sollen das Pflaster bilden, indeß sie tiefe Löcher offen lassen, die bei Nacht lebensgefährlich werden können. Man wirft Abfälle jeder Art aus die Straße, und namentlich leisten die Neger hierin Ausgezeichnetes, trotzdem daß die civilisirten Europäer mit Aufgebot der Wissenschaft dagegen raisonniren und schreiben. — Die Ausdehnung der Stadt ist, ich möchte fast sagen, unermeßlich. An Raum fehlt es nicht. Wem die Ebene nicht gefällt, dem stehen die.Götzen zur Verfügung. Wohin man nur geht, überall findet man guten Boden, überall Schönheiten der Natur. Daher ringsum die vielen Landhäuser (qui»li>8) mit herrlicheu Gärten, Palmenhainen und Blumenwäldern, wo reiche Eigenthümer aus verschiedenen Erdtheilen, besonders Kaufleute, wohnen. — Die ganze Stadt ist mit Gas beleuchtet, und wegen ihrer Lage ist diese Erscheinung fast feenhaft. Wenn man in der Abenddämmerung vom Hasen in die Stadt blickt, schimmern Millionen Lichter in allen Farben entgegen. Ueberhaupt kostet es hier wenig Mühe, die Pracht und den Glanz der großen europäischen Städte in weit höherem Grade zu reproduciren, worauf denn auch Engländer, Frauzosen und Deutsche kräftig hinarbeiten. (Fortsetzung folgt.) Die heilige Messe. * Es ist wahr, daß wir nach dem Gebote der Kirche nur alle Sonn- und Feiertage der heiligen Messe mit Andacht beiwohnen sollen, allein, mein Christ, frage Dein Herz: Was thut der göttliche Menschenfreund in der heiligen Messe für Dich? Er erneuert unblutiger Weise sein blutiges Kreuzopfer. — Und Du? Erneuerst nicht Du Christi Leiden und Sterben, aber blutiger Weise und nicht im göttlichen Sinne? Deine Hartherzigkeit gegen die Armen, Deine Unredlichkeit im Handel und Wandelberauben Jesum seiner Kleider, Deine Unkcuschheit geisselt ihn, Dein Hochmuth hüllt ihn in einen rothen Mantel, Deine Glaubenslosigkeit setzt ihm die Dornenkrone aufs Haupt und verspottet ihn als einen König der Juden, Dein unwürdiger Empfang des heiligen Altarsacramentes reicht dem am Kreuze dürstenden Heilande Essig zum Tränke. Siehe, o Mensch! täglich, vielleicht stündlich erneuerst Du das Leiden Jesu auf so blutige, Gott beleidigende Weise. Warum willst Du dies heilige Leiden nicht auch unblutiger Weise und nach göttlichem Wohlgefallen täglich durch Anhörung einer heiligen Messe mit erneuern? Zeugt Deine Lauheit, die dich streng festhalten lehrt am kirchlichen Gebote, von Liebe und Danbarkeit zu Deinem Schöpfer? Und sollst Du nicht Gott lieben aus ganzem Gemüthe, aus vollstem Herzen und aus tiefster Seele? Welche Verdienste wirkt eine Messe, welcher Du mit Andacht beigewohnt hast, für Dein eigenes Seelenheil? — Diese Verdienste sind dreifacher Art. Die heilige Messe ist 1) nicht nur ein Opfer, sondern auch ein Vorbild des Opfers. — Christus opfert sich für uns seinem himmlischen Vater auf, und hierin beruht das Opfer. — Er zeigt uns ferner, wie auch wir uns unserm himmlischen Vater aufopfern sollen, nämlich mit gänzlicher Hingebung in den göttlichen Willen, und hierin leuchtet er uns als Vorbild vor. Diese ungeteilteste Hingebung ist freilich bei Christus und den Menschen entgegengesetzter Art. Christus verleugnet gewisser Massen seine göttliche Natur, indem Er, der Reine, Schuldlose, die Schuld der Unreinen auf sich nimmt. Wir aber müssen unsre menschliche Natur möglichst verleugnen, indem wir abstreifen unsre Leidenschaften, bösen Neigungen und Begierden. — Die heilige Messe ist: 2) eine gvttesdrenstliche Feier und zwar die erhabenste, verdienstvollste. Wenn nun Gott schon durch die inbrünstige Verrichtung einer minder erhabenen Andacht zur Erfüllung jener Bitten bewogen wird, deren Gewährung unser Bestes bezielt, wird diese Erfüllung dann nicht in doppeltem und dreifachem Maße bewirkt werden durch die andächtige Anhörung einer heiligen Messe? — Das dritte Verdienst des heiligen Meßopfers endlich besteht im Nachlasse der geringen läßlichen Sünden. — Glaubst Du nun, o Mensch! wahrhaft Dich selbst zu lieben, wenn Du von diesem Quell der Gnaden und Verdienste nur die Sonntage und Feiertage schöpfest, während er täglich für Dich fließt? Du darfst und sollst Dich aber selbst lieben. Denn es steht geschrieben: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst. Wenn nun die Liebe zu Gott, welche das erste Gebot vorschreibt, keine sinnliche, aus irdischen Neigungen beruhende sein darf, sondern rein geistig sein muß, so wird auch die Liebe zu uns selbst eine rein geistige, über irdische Neigungen erhabene sein müssen, indem ja sonst die Liebe in einer sich widersprechenden Auffassung: einmal als übersinnliche und dann wieder als sinnliche 229 Gott wohlgefällig sein müßte; und diese rein geistige Liebe nun findet ihre erquickendste Nahrung im heil. Meßopfer. Welche Verdienste kannst Du durch andächtige Beiwohnung einer heiligen Messe Deinem Nächsten zuwenden? — Das heil. Meßopfer enthält ein älomcnto für die Lebendigen, und auch eines für die Todten. Allein nicht nur diese beiden Denkgebete, sondern jeden einzelnen Theil des heiligen Meßopfers, ja die ganze Messe können wir dem geistigen, wie leiblichen Heile eines Mitbruders zuwenden. Wie tröstend ist der Gedanke, geliebten Seelen im Reinigungsorte, welche nichts mehr für sich thun können, Jesu Verdienste, vielleicht auch ein kleines Verdienst unser selbst zuwenden zu dürfen? Wie beruhigend ist es für das menschliche Herz, einem Mitbruder in einer frommen Meinung bei der heiligen Messe geistiger Weise begegnen zu können, während wir vielleicht körperlicherseits weit von einander getrennt leben müssen? — Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst, also auch mit geistiger, übersinnlicher Liebe! Liebst Du nun ihn in Wahrheit, wenn Du aus den höchsten Liebesquelle nur alle Sonn- und Festtage, nicht täglich für ihn schöpfen willst? Das elfenbeinerne Crucifix von Genua.*) Dieses berühmte Crucifix, das so große Aufmerksamkeit auf sich zog, als es über derLeiche des Hochwürdigsten Bischofs Neumann stand, während dieselbe in der Kathedral-Capelle auf dem Paradebette lag, verdient mehr als eine vorübergehende Beachtung. Der verstorbene Prälat schätzte diese Reliquie mehr als alle andern irdischen Besitzungen, und kaufte sie um eine große Summe, um sie in der neuen Kathedrale aufzustellen. Wir fügen unten die Geschichte des Crucifixes selbst, sowie auch eine kurze Skizze des gottbegeisterten Künstlers bei, von welchem dieses merkwürdige, wenn nicht wunderbare Werk vollendet wurde. Um das zu thun, sagt der (latlloliv Ileralli null Vüilor vom 7. Februar 1857, müssen wir unsere Leser bitten, uns im Geiste nach einem der lieblichsten Thäler zu begleiten, welche unter dem blauen italienischen Himmel liegen. Beinahe ganz umringt von Bergen, scheint das Thal von Brcmbana, in einer Entfernung von 50 Meilen von Mailand, gänzlich von einer Welt der Sorge und des Ehrgeizes, des Streites und menschlichen Stolzes ausgeschlossen zu sein. Der reiche Boden des Thales hatte Jahrhunderte lang alle Lebensbedürfnisse der einfachen Einwohner erzeugt, deren irdische Bedürfnisse gering, deren Freudentage die Feste der Kirche, und deren ahnungsvolle, sehnsüchtige Erwartung auf das himmlische Reich gerichtet waren, wo sie nach diesem Leben zu wohnen hofften. In jenem friedlichen Thale erblickte Carlo Antonio Pesenti am 22. Februar 1801 zuerst das Licht der Welt. Die niedere, aber niedliche Wohnung amBerg- abhange, in welcher Carlo's Eltern wohnten, erfüllte sich mit Freude über diese Begebenheit, denn er war ihr erstgeborner Sohn, und als er am Taufstein den Namen des erlauchten heiligen Carl, später bei seiner Confirmation den des heiligen Antonius erhielt, freuten sich die Dorfbewohner in der Freude seiner Eltern. Er nahm unter dem Mutterauge zu an Tugend, und seine Gutmüthig- keit und Frömmigkeit machte ihn bald zum Liebling bei dem ehrwürdigen Pater, der in Wahrheit der geistliche Vater der guten Landleute im Thale war. Der Knabe zeigte ein hohes Verlangen nach Kenntnissen. Die traditionellen Geschichten der Heiligen Gottes, welche Glorie über die Kirche ergossen hatten, waren ihm bekannt von den Lippen seiner Eltern. Er wünschte mehr über dieselben von *) Aus der zu Philadelphia kürzlich erschienenen Broschüre „Leichenfeierlichkeit des Hochwurdigsten I. N. Neumann, v. v. e. 88. k. eic." dem geliebten Priester zu erfahren, und da der gute Pater ihn als eifrigen Schüler erkannte, lehrte er ihn lesen. Um sein achtzehntes Lebensjahr hatte er sein großes Ziel erreicht, er konnte in der Bibliothek des guten Priesters von der Reinheit und Demuth der Jungfrauen und Beichtiger der Kirche, von dem Heldenmnthe der Märtyrer und der Heiligkeit des Lebens lesen, welches ihre zahllosen Einsiedler und Einsiedlerinnen in allen Zeitaltern des Christenthums auszeichnete. Den jungen Carlo verlangte es, in seinen Mußestunden die glorreichen Beispiele Derer nachzuahmen, deren Leben er studirt hatte. Aus den Büchern die er las, erwarb er die Tugenden christlichen Heldenmuths, der Demuth, des Gehorsams, der Keuschheit und Ausvauer, der Barm- herzikeit und des Gebetes. Er beschloß, diesen Vollkomcnheiten nachzueifern. In seinen Mußestunden schnitzte er rauhe Bilder der Jungfrau und seiner heiligen Patrone; seine einzigen Modelle waren die Muttergottesbilder am Wege, oder die Statue des heiligen Carlo, die in der Kirche stand, sein Material ein Stück Holz, sein einziges Werkzeug ein Messer. Bei den lebhaften Erinnerungen an die ehrwürdigen Persönlichkeiten, welche Gott geehrt hatte, erhöhte sich das mit ihm aufgewachsene Gefühl der Andacht von Jahr zu Jahr. Als Carlo sich dem Mannesalter näherte, beschloß er, sich Gott allein zu weihen. Einer seiner heißesten Wünsche war, die ewige Stadt, den Weltsitz des Christenthums, zu besuchen; nicht um einer eitlen Neugier zu fröhnen, sondern um dem Grabe der Apostel seine Ehrfurcht zu zollen. Sein Vater stand noch in der Blüthe seines Lebens, ein jüngerer Bruder wuchs heran, und in seinem 22. Jahre begann er mit Einwilligung seiner Eltern seine Wallfahrt nach der heiligen Stätte. Der Bruder seiner Mutter wohnte zu Rom, und zu ihm beschloß der junge Carlo zu gehen, um Gelegenheit zur Befriedigung seines löblichen Verlangens zu finden. Es trug sich zu, daß in Folge einer Aufregung in den Kirchenstaaten Fremde keine Erlaubniß erhielten, hineinzukommen, und unser junger Wanderer wandte sich deßhalb zur Seite »ach dem Kloster St. Nieolai von Tolentino, wo ihm, nach Angabe seiner Wünsche und Enttäuschungen, der Superior zu bleiben gestattete. Das Kloster von St. Nicolaus, außerhalb der Mauern von Carbonara, steht wie eine Krone auf einem der erhabenen Berge, welche „Genua, die Prächtige" überschauen. Von dort konnte man die Kirchen und Paläste sehen, welche die Stadt verschönern. Aus der Südseite breiten sich die Gewässer des Mittelmeeres aus, in deren Wogen sich von der einen Seite die Spitzen der hohen Alpen spiegeln, und von der andern Seite die Appenninnen, vergoldet von der aufgehenden und untergehenden Sonne. Die Erhöhung, auf welcher das Kloster stand, war fast umgeben von einem Amphitheater höherer Berge. Der Effect desselben, nebst den Palästen in der Ferne, den Orangen-Plantagen mit ihren goldenen Früchten, den purpurnen Weinreben und dem sanft abfallenden Berge war eben so herrlich als erhaben. Aber für die Mönche von Tolentino hatte die Stadt der Paläste mit ihren daran stoßenden Schönheiten keine Gewalt, um sie aus ihren friedlichen Zellen zu ziehen. Die ruhige Zufriedenheit der Religion war für sie alles, was sie wünschten, und nirgends konnte man diese Empfindungen besser genießen, als innerhalb der stillen Klostermauern. (Schluß folgt.) Der König und sein Diener. * Ein König wollte bei einem seiner niedrigen Bediensteten Einkehr halten, und er sandte deßhalb köstliche Speisen und prächtige Geräthschaften voraus, damit er würdig empfangen werde. Der Diener aber verpraßte mit seinen Freunden die Speisen und Getränke und zertrümmerte die Geräthschaften. Als nun der König kam, fand er nicht nur Nichts zu seiner Bewirthung, sondern auch das Haus seines Dieners beschmutzt und in Unordnung. Der Bedienstete hatte Strafe verdient, aber sein Herr verschonte ihn für diesmal. Ja, damit der Verschwender sein Vergehen wieder gut machen könne, ließ er sich zum zweiten Male als Gast ansagen und sandte zum zweiten Male die köstlichsten Speisen und Geschirre. Allein der Treulose machte es jetzt noch ärger, als vorher. Und so ging es dem armen Könige noch viele Male. Da ward er endlich ungeduldig und ließ den treulosen Diener für die übrige Lebenszeit in einen dunklen Kerker werfen. Der König, mein Christ! ist Dein Heiland! der treulose Knecht bist Du das Gastmahl ist die heilige Kommunion, die Speisen und Geräthschasten sind die geistigen Dorzügs, welche Du von Gott empfangen, die Gnaden, die er Dir mittheilt, damit Du sie zu seinem Dienste gebrauchest. Die Freunde sind die Welt und ihre Verlockungen, in deren Dienste Du Deine Vorzüge und Talente vergeudest. Wenn nun Christus in Dein Herz einziehen will, findet er Deine Gaben und Fähigkeiten im Dienste der Welt verwendet, die Wirkungen seiner Gnade ertödtet, Dein Herz in Unordnung und mit ungczähmten Leidenschaften beschmutzt. Da theilt er Dir von Neuem seine Gnade mit, erhält und steigert Deine Fähigkeiten. Du aber verharrest im Dienste der Welt und empfängst wiederum unwürdig den Leib des Herrn. So mißbrauchst Du gar oft die Güte Deines Gottes, bis Dich der Tod abruft zu den Qualen der ewigen Finsterniß. Heimsuchung Gottes. Gentilezza, eine vornehme römische Dame, war stolz und eitel über ihre Schönheit, den Freuden der Welt und dem Putze sehr ergebeu. Sie vernachlässigte ihre Pflichten gegen ihren Mann und ihre Kinder, und überließ sich sorglos den Vergnügungen. Die hl. Franzisca hatte Mitleid mit ihrem Zustande, und suchte sie durch liebevolle Ermahnungen aus bessere Wege zu bringen. Allein die leichtfertige Dame lachte der guten Worte und spotette der Ermahnungen. Franzisca betete für sie und sprach eines Tages zu ihr: „Du verlachst meine Ermahnungen und die deines Beichtvaters; aber bald wirst du sehen, daß man nicht ungestraft der Gewalt des Herrn der Welt widerstehen kann." Bald darauf that Gentilezza, die in der Hoffnung war, einen schweren Fall auf der Stiege ihres Palastes. Ihre Diener hoben sie halbtodt auf; sie hatte sich die Nase gebrochen und die Lippen gespalten. Die Aerzte erklärten ihren Zustand hoffnungslos. In diesem furchtbaren Augenblick dachte sie nur an den Verlust ihrer Schönheit, nicht an den ihrer Seele. Da trat die heilige Franzisca an ihr Bett, um sie zu trösten, und ihr beizustehen. Mit aller Güte, aber auch mit Ernst hielt sie der Kranken ihr früheres Benehmen vor, erklärte ihr daß dieser Vorfall eine Strafe wäre, welche Gott ihr in seiner väterlicher Barmherzigkeit zugeschickt, um sie von den Wegen des Verderbens zurückzuführen, und mahnte sie zur Reue und Buße. Da ging Gentilezza in sich, erkannte die Gefahr ihrer Seele, und überzeugte sich, daß sie Gott gezüchtiget und daß sie noch größere Strafe verdient hätte. Mit Ergebung ertrug sie die Schmerzen ihrer Krankheit, und als sie wieder gesund wurde, ward sie eine der frömmsten, musterhaftesten Frauen Roms. 232 Ein MuttergotteSbildchen. Ueber einen Familienvater waren hintereinander (ob durch seine eigene Schuld oder nicht, ich weiß es nicht) so schwere Schicksale hereingebrochen, daß sein Vertrauen auf Gott und die Menschen von der Verzweiflung überwältigt wurde. Die Verzweiflung ist aber das Allerschlimmste in einem Menschenherzen; denn der Familienvater nahm einen Strick, um sich daran aufzuhängen. Beim Fortgehen wollte er seine Kinderchen, auch seine Ehefrau nicht mehr ansehen, damit er nicht etwa durch den rührenden Anblick an seinem schrecklichen Vorhaben gehindert würde. Er wählte sich einen vor der Stadt gelegenen einsamen, mit Weidenbänmen bepflanzten Platz zur Ausführung seiner verzweiflungsvollen Gedanken. Da sah er beim Hinschleichen im Pfade ein weißes viereckiges Papier liegen. Er hob es auf und drehte es um — es war ein Muttergottesbildchen, worunter die Worte standen: „O Maria, ohne Sünd' empfangen, Litt' für uns, Die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen." „Ei, das ist ja eine wunderbare Fügung", dachte der Mann und blieb stehen. „Muß ich denn gerade dieses Bildchen jetzt finden, sehen, aufheben, lesen?" Er ging weiter, indem er auf die Worte sah: Bitt für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen. Jetzt bleibt er wieder stehen, — es wird ihm plötzlich so leicht im Herzen, neue Lebenslust kehrt in seine Brust zurück, er betet: Bitt' für uns — er wendet sich um, — er betet: die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen, — er schleudert den Strick weg, — er küßt das Muttergottesbildchen und eilt in seine Familie zurück, umarmt sein Weib und seine Kinderchen, bittet sie um Verzeihung, zeigt ihnen das Bild und alle knieen hin und beten: „O Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!" Hierauf entdeckte der Mann sein sündhaftes Vorhaben auch seinem ehemaligen Beichtvater und bald war es mit Gottes Hülfe gelungen, den Familienvater vor aller weiteren Noth zu retten. Das Bildchen aber bewahrte er heilig, weil er sagte: „Durch dieses Muttergottesbildchen hat mich Gott erhalten." Die letzten Stunden gläubiger Bekenner Christi. Als der Abt Johannes dem Sterben nahe kämm, und zwar, wie Kinder gegen ihre Eltern,in solcher Stunde zu thun pflegen, umgeben von seinen Jüngern, baten ihn diese inständig, er möchte ihnen doch etwas zu ihrem Troste und zu ihrem geistigen Fortschritte sagen, und ihnen eine denkwürdige Vorschrift, gleichsam als ein Erbstück, hinterlassen, wodurch sie, wie vermittelst einer kurzen Anleitung, desto leichter zum Gipfel der Vollkommenheit gelangen könnten. — Einen tiefen Seufzer holend antwortete darauf der Abt: „Niemals that ich meinen Willen, und niemals lehrte ich Jemanden etwas, was ich nicht selbst im Werke geübt habe!" Carl lll., König von Spanien, lag auf dem Sterbebette. Bevor er die heilige Wegzehrung empfing, wurde er von dem Patriarchen von Indien befragt, ob er auch seinen Feinden verzeihe? Und der Kranke gab die wahrhaft christliche und königliche Antwort: „Also hätte ich bis auf diesen ernsten Augenblick warten sollen, um meinen Feinden zu verzeihen? Ich habe ihnen gleich damals schon verziehen, als sie mich beleidigten!" Redaction und Verlag: I)n. M. Huktlcr. — Druck von I. M. Klei nie. AngMrgcr AmtGM. Hir. LV. 22. Juli 1860. Da- AugSburger SonntagSbltta (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poji- Aettung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Misskonen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Nun aber, wie ich Ihnen vorher andeutete, muß ich zu dem hellen Bilde auch die Schattenseite liefern. Mit Schmerzen gehe ich an diese Ausgabe, da ja gerade auf jene Partie der Schatten fällt, von wo aus sich das Licht verbreiten sollte. Nur zu wahr ist es, für die Ehre des Herrn ist in Rio-Janeiro wenig gesorgt. Vor hundert Jahren genügten wohl die Kirchen den religiösen Bedürfnissen, denn die Stadt zählte damals kaum den sechsten Theil der jetzigen Bevölkerung, die, wie man mich versichert, schon 300,000 weit übersteigt, und täglich fabelhaft zunimmt. Im Verlaufe der Zeit wurden einige alte Klosterkirchen in Kasernen oder Hallen verwandelt, andere sind ganz oder theilweise verfallen, dazu aber nur wenige Capellen gebaut, so daß die neueren Stadttheile fast alle ohne Kirche sind, oder nur ein Blockhaus zur Abhaltung des Gottesdienstes haben. Sind auch die älteren Kirchen nicht geschmacklos gebaut, und mit Statuen oder anderen, selbst kostbaren Zierrathen geschmückt, so sind sie für jetzt doch sehr vernachlässiget und bieten einen bejammernswerthen Anblick dar. Noch betrübender aber für das katholische Gemüth ist der Gottesdienst selber, bei dem man feierlichen Ernst, kirchlichen Anstand und religiöse Würde so sehr vermißt. Während ein profanes Orchester den theatralischen Gesang begleitet, werden von den Anwesenden laute Unterhaltungen angeknüpft, worauf noch manchmal possenhafte, weltliche Aufzüge folgen. Wie es da erst mit dem Empfange der heiligen Sacra- mente bestellt sei, können Sie wohl denken. — Allerdings ist das Volk noch gläubig und hält am katholischen Glaupen, dessen Gepräge ihm, ich möchte sagen, unvertilgbar aufgedrückt ist, wenn ich die gegen denselben von verschiedenen Seiten, mitunter von Oben herab in Thätigkeit gebrachten zersetzenden Elemente betrachte. Der Segen des Priesters geht dem Brasilianer über alles und hat besonders am Freitage nach seiner Meinung eine ausnehmende Kraft. Der heiligen Mutter Gottes (Ao88g 8enhora) ist er ungemein zugethan, freilich nach seiner Art, in etwas übertriebener, daher auch »»kirchlicher Richtung. Todtenmessen lind hier zahlreicher als irgendwo, selbst der Ungläubigste läßt deren zur Seelenruhe seiner verstorbenen Angehörigen abhalten und ladet im Haupt-Journale seine Freunde dazu ein. Jeder ohne Ausnahme, der Vermögen besitzt, vermacht Etwas dem Spitale zur Misericordia: hochgestellte Beamte, selbst Minister gehören zur Bruderschaft, deren Aufgabe eS ist, das Gedeihen dieser Anstalt zu fördern. Eben solche und selbst jene, die Mitglieder geheimer Gesellschaften sind, erscheinen auch bei vfsentlichen Processionen, im Gewände irgend einer Bruderschaft, der sie einverleibt sind. Die, welche noch die heilige Messe hören, thuen es knieend, mögen sie Soldaten, Beamte, sein gekleidete Damen, oder Neger und Mamelucken sein. Man kann es zwar Manchem ansehen, daß ihm das Knieen sauer wird, dennoch harrt er aus. Es gibt auch in den Kirchen weder Kniebänke noch Sitze. Beim 234 Eintritt in dieselbe besprengt sich Jeder mit Weihwasser und macht 'eine so ehrerbietige Verbeugung, wie ich sie an manchen Orten Deutschlands kaum bemerkt habe, die ganz Frommen gehen dann zu den Bildern und Statuen, die sie küssen und besteigen manchmal das Postament dieser letzteren, woran die Kinder selbst hinaufklettern. Dann hat aber auch bei sehr Vielen die Andacht ihr Ende erreicht, und ganz weltliche Zerstreuung tritt an deren Stelle. So sehen Ew. Hochwürden, daß wirklich der Glaube noch im Volke wurzelt, obwohl er, weil der ihn belebende Geist gewichen, bei Vielen in ein mechanisches, todtes, säst abergläubisches Formenwesen übergegangen ist. Zwar möchte ich hierin nicht Alles einer bloßen Äußerlichkeit oder einem Gepränge von Religiosität, die man zur Schau tragen will, zuschreiben, immerhin aber darf ich behaupten, daß es hier mit der Religion und den sittlichen Zuständen recht schlimm stehe. Die Ansicht erfahrener und urtheilssähiger Männer leitet und unterstützt meine eigenen Beobachtungen. An der nothwendigsten Wissenschaft der ewigen Heilswahrheiten und des Religionsunterrichtes gebricht es, so zu sagen, ganz. In den Schulen wird daraus keine oder nur geringe Rücksicht genommen; da überhaupt die ganze Erziehung, besonders die der studirenden Jugend, der Töchter höherer Stände, junger Zöglinge für Marine und Handel in den Händen europäischer Pädagogen und Lehrer liegt, von denen Manche durch ihren rationalen Liberalismus und Jn- differentismus eher geeignet sind Religion und Sittlichkeit zu untergraben, als dieselben einzupflanzen und zu fördern. Nicht einmal gründliche, profane Wissenschaft und echte Bildung darf man da erwarten. Freilich muß eine schöne Schminke von Aufklärung und sogennantem Fortschritt das Oberflächliche und Principienlose decken. Umsonst sucht man in den Tagesblättern einen etwas gediegenen Aufsatz, umsonst irgend welche gesunde Erzeugnisse klassischer Literatur und gründlicher Philosophie zur Nahrung des Geistes. Nur für Industrie, Materialismus und Genußsucht scheint die Presse rührig zu sein. Sehr selten sind hier gute Bücher, indeß leichtfertige, schlüpfrige, schändliche Romane der Menge nach in's Land gebracht und verbreitet werden. Und wären diese verderblichen Schriften nur die einzigen unheilbringenden Producte, welche Europa mit Brasilien austauscht! Der Reichthum dieses Landes, welcher dem Handel so ergiebige Quellen bietet, und die Leichtigkeit, mit der hier manche Ausländer zu Vermögen und Ansehen gelangen, ziehen zahlreiche Fremde aus den verschiedensten Ländern hierher, namentlich Engländer, Franzosen, Deutsche und Portugiesen, wohl auch Nordamerikaner, und es kann da nicht ausbleiben, daß sie etwas weit Schlimmeres, als bloße Speculationen und Handelsgelüste mit hineinbringen: die Einen feine Genußsucht und üppigen Luxus, zugleich mit rohem Materialismns, die Anderen freisinnigen Rationalismus und religiösen Jndisferentismus, dessen letzte Konsequenz Unglaube und Haß gegen die Kirche ist. Die Brasilianer aber, unerfahren und halbgebildet, wie sie sind, von Natur zur Bequemlichkeit, fast zur Trägheit hinneigend, ein phantastisches, auf eingebildete Größe stolzes Volk, das der Schmeichelei so leicht zugänglich ist, läßt sich gern in goldene Träume einwiegen und schlürft das Gift unvermerkt, ja Wohl selbst mit behaglichem Genusse ein. Die Brasilianer können nun einmal die Europäer nicht entbehren. Sie brauchen sehr viel zum Leben, können aber die dazu erforderlichen Gewerbe- und Kunsterzeugnisse selbst nicht liefern. Kostbare Naturalien und Geld besitzen sie: Lockspeise genug für die industriellen Europäer, ihnen das Uebrige zu verschaffen. Für Gold aus den Minen, die nun freilich größtentheils die Engländer in der Provinz Minas Geraes ausbeuten, für Kaffee, Zucker, Farbeholz, Ochsenhäute und andere Artikel liefern sie ihnen Fabricate jeder Art; Alles, was zum Leben und zum heiteren Lebensgenuß nützlich, bequem oder angenehm ist; bauen Straßen und Eisenbahnen, Fabriken, Gasthöfe, Theater und erlangen so einen bedeutenden 235 Einfluß auf das Volk. Gewiß bringen sie in materieller Beziehung selber teilweise in der Civilisation bessere Zustände hervor: wie wir es ihnen denn gern Dank wissen/ wenn sie für die Reinlichkeit und Beleuchtung der Straßen, für Verdünnung der mephitischen Luft, für angemessene Civilisirung der Neger, wohl auch zur Wahrung des öffentlichen Austandes manches Lobenswerthe thun. — Aber eine Umwandlung der Herzen, eine Besserung des unsittlichen Lebens, die bringen sie wahrlich mit aller Aufklärung nicht zu Stande. Und es ist doch in der That grausenhaft, wenn man in diesen Abgrund moralischer Verkommenheit hineinblickt, der sich selber der Öffentlichkeit nicht verschließt. Meine Feder sträubt sich, Ihnen hiervon eine genauere Schilderung zu entwerfen. — Und wie muß Liese so vielfach genährte Fäulniß immer mehr um sich greisen, da leider auch das Salz mitunter schal geworden ist! Was hierbei noch einigermaßen tröstet, ist, daß sowohl die Lazaristen, die einige Knabenseminare und ein bischöfliches Priesterseminar leiten, als auch die Capuziner, die mehr gelegentlich einigen Theologen Anweisung zum geistlichen Leben ertheilen, nach Kräften zur Förderung des kirchlichen Lebens beitragen. Die Lazaristen sind hier zunächst die geistlichen Väter der barmherzigen Schwestern und daher auch Seelsorger für die von denselben geleiteten Spitäler und Schulen. Mit der größten Liebe haben sie uns empfangen und theilen mit uns ihre Wohnung. Die Capuziner sind in ihrem Berufe sehr thätig und wahre Apostel der armen Neger. Ihre Kirche, in der ich oft die heil. Messe lese, wird von vielen noch treuen und eifrigen Katholiken, auch aus den höheren und gebildeten Ständen besucht. Sie stehen, wie überhaupt Ordenspriester aus Europa beim Volke in Achtung, und man hört ihre Predigten mit Aufmerksamkeit, zuweilen mit lauten Aeußerungen des Beifalls oder Unwillens. Leider sind die guten Patres, wie auch andere Priester in ihrem Wirken behindert, wo die Grundsätze, welche am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts an manchen Orten in Europa Geltung fanden, bedeutenden Einfluß üben. Diesen gemäß, wird die katholische Kirche als Staatsanstalt angesehen und als solche behandelt, was natürlich auf die Entwickelung des religiösen Lebens höchst nach- theilig wirken muß. Nehmen Sie noch hinzu, daß auch hier wie in Europa die geheimen Gesellschaften stark sich verbreiten, so wird Ihnen manche Schattirung in diesem düsteren Bilde nicht mehr so räthselhaft vorkommen. Im verflossenen Jahre war einige Aussicht auf bessere Zustände vorhanden, da durch Vermittelung des hier anwesenden päpstlichen Legaten, dessen Weisheit und Geschäftskunde von der Regierung wie von den fremden Gesandten hochgeachtet wurden, ein Concordat mit dem heil. Stuhle erzielt werden sollte, zu dessen nahem Abschluß wirklich Alles vorbereitet war. Da raffte leider das gelbe Fieber den erlauchten Prälaten hinweg und noch sind keine weiteren Verhandlungen angeknüpft, obwohl man fortwährend einen neuen Legaten erwartet. Der häufige Verkehr, in dem wir hier mit den hochwürdigen Patres Lazaristen und Capuzinern stehen, die schon längere Zeit in diesem Lande die Verrichtungen ihres heiligen Amtes üben und alle Verhältnisse genau kennen, ist für uns sehr nützlich, da diese würdigen Männer mit großer Zuvorkommenheit ihre Erfahrungen uns mittheilen. Besonders gab mir der hochwürdige Pater Wendelin, Capuziner aus Tirol, über Manches sehr angemessene Ausschlüsse. Dieser eifrige Priester hat Brasilien nach allen Richtungen durchwandert, verkehrte mit den höchstge- stellten Personen, denen er auch am Sterbebette beistand, wie mit den ärmsten Negern, deren Protector er ist und mit Fremden aus verschiedenen Nationen. Bald wird er eine Reise nach Europa antreten. Es gibt hier auch noch einige Patres Franziskaner vom heiligen Grabe. Diese Ordensmänner leisten, wie die vorgenannten, derKirche wesentliche Dienste.— Allein was ist ihre geringe Zahl für diese Millionen Menschen, deren unsterbliche Seelen vom Verderben gerettet werden sollen! Einen nicht unbedeutenden Theil bilden unter dieser Bevölkerung die Neger, welche auf die sittlichen Zustände des Landes sehr großen Einfluß üben und ganz besonderer Pflege bedürfen. Doch über diesen Punct, so wie über einige weitere Beobachtungen, die für Ew. Hochwürden nicht ohne Interesse sein werden, in einem anderen Briefe. Das gelbe Fieber hat uns, Gott sei Dank, bisher verschont. Beten Sie, daß wir auch ferner gesund bleiben, um doch Etwas zum Heile der Seelen wirken zu können. Michael Kellner, 8. Das elfenbeinerne Crucifix von Genua. (Schluß.) Ein Jahr war vorüber, seit der junge Carlo diese abgeschiedene Zufluchtsstätte betreten hatte. Sein Noviziat war zu Ende, und der Superior, gerührt von seinen frommen Bitten, gestattete ihm als Laienbruder die feierlichen Gelübde abzulegen. Er gab sich sofort den Pflichten hin, die er erkoren hatte. Jahre glitten in Frieden vorüber. Jenseits der Mauern war Bruder Carlo nicht gekannt, außer von den Armen, den Bejahrten oder Kranken in der Umgegend der Gebirge, denen die Mönche durch den Laienbruder Carlo Trost und Hilfe sandten. Die Zeit, welche er nicht in Liebeswerken oder den zum Kloster gehörenden Arbeiten, im Gebet oder in frommer Betrachtung zubrachte, verwandte er zum Lesen der frommen Bücher in der Klosterbibliothek, oder zum Schnitzen künstlicher Bilder des Titnlar-Patrons des Klosters, des heil. Nicolaus oder der Jungfrau und ihres Gotteskindes. Seine Lectüre und sein beschauliches Leben hatten in seiner Seele die erhabenen Eindrücke der Liebe, Dankbarkeit und Verehrung befestigt. Eines Abends saß er in seiner einsamen Zelle, und dachte über die Leiden nach, durch welche sein Heiland seine Erlösung erkauft hatte. Während er so in Gedanken versunken war, schien er einen Augenblick sich selbst entrückt zu sein — äußerliche Gegenstände waren für ihn nicht vorhanden. Finsterniß war um ihn her — nicht die kalte, bekannte Finsterniß der Nacht, sondern ein dunkel- rother Schimmer, gefärbt durch eine dicke, bleifarbene Masse, welche den Tag schrecklich dunkel machte, so wie man es sich wohl beim Untergang der Welten denken könnte. Anfangs war in dieser entsetzlichen Düsterheit kein Gegenstand sichtbar. Der Geist des Beobachters war gedrückt — er schien zu ersticken, ohne Kraft, es abzuwenden — allmälig traf ein heftiges Gemurmel das Ohr des Mönches, es schwoll an wie das Getöse eines starken, rauhen, mißtönenden Tumultes. Es war kein Jubel in dem Schalle, er schwoll wie ein Sturmgebrüll, das plötzlich in dem weiten Raume der Finsterniß gehemmt wird und verloren geht. Die Seele des Mönches war schwer — niedergedrückt mit der Vision des Cal- varienberges — das Getöse, in ein hohles Spottgelächter umgewandelt, ward durch das dumpfe Brüllen hindurch gehört, und eben, als die Sonne aus der greifbaren Düsterheit hervorzubrechen schien, fühlte er sich neu belebt. Er sah den eben noch so stürmischen Haufen verstummt, als ob ein elektrischer Schlag sie leblos niedergestreckt hätte — als er nochmals hinsah, hatten sie sich langsam hinweg- gewandt. Dumpfer Kummer und Scham beugte ihre Häupter, und da am Fuße des Kreuzes des Erlösers schien der Mönch allein und stumm zu stehen. Ueber ihm hing das göttliche Opfer für die Sünden der Menschen. Der Mönch blickte empor, ein Lichtstrahl schien auf das Antlitz des todten Heilandes, das Leben war in demselben Augenblicke entflohen, als das Licht wiederkehrte. Leiden hatte dort geherrscht, es war jetzt hinweg, der Schmerz des Todes hatte ein Zeichen aus der Stirne zurückgelassen, gleichsam zum Zeugniß, daß er vorhanden gewesen war. Dennoch ruhte ein süßes Lächeln unbeschreiblich still auf den Gestchtszügen. 237 Es war ein Schmerzenslächeln, durch göttliche, obwohl unvergoltene Liebe erhellt. Der Strahlenschein wurde glänzender, als der Mönch mit liebeverllärtem Mitleid auf die Züge des Todten blickte, der den Tod besiegte. Diese himmelerhclltcn Züge waren in seinem Herzen portraitirt, während eine Stimme in seiner Seele ihm gebot, jenen Blick auf irgend einem unvergänglichen Stoffe zu fesseln. Der Mönch erwachte für dir äußerliche Welt als wie aus einer todesähn- lichen Verzückung — er erhob sich von der harten Erde, auf welcher er unbewußt niedergestreckt lag — er weinte. Er hatte oft zuvor in den tiefen Betrachtungen in seiner Zelle versucht, die Scenen aufzufassen, welche das Vollbringen der Erlösung der Welt begleiteten. Er wünschte dort gewesen zu sein, um seine Liebe zu erklären. War jene Mission ihm verliehen, und das große Werk ihm als Bußarbeit auferlegt? Er fühlte seine eigene Unwürdigkeit und seine Schwachheit zur Vollführung des Gebotes, welches ihm noch durch jeden Nerv, jede Fiber und durch sein Gehirn strömte. Aber die bald zurückkehrende Vernunft sagte ihm, daß der Mensch stets im Stande ist, die ihm auferlegte Last zu tragen, wenn er Kraft sucht, wo sie allein gefunden werden kann. Er fühlte, wie tief auch seine eigene Unwürdigkeit sein möge, daß er in der unbefleckten Mutter des Heilands eine Schutzpatronin habe, welche nie ihre Bittenden verläßt, wenn man sich mit Zuversicht an sie wendet. Der Mönch rief ihren Beistand an, auf daß sie ihn leiten und Kraft verleihen möge zur Erfüllung seines Werkes. Die Hoffnung belebte ihn — er fühlte, die Kraft werde ihm verliehen werden. In dem alten Vorrathszimmer des Klosters, wohin Bruder Carlo's Pflichten ihn häufig riefen, lag ein massives Stück Elfenbein. Nimand wußte, woher es kam, außer durch eine alte, jetzt fast vergessene Tradition, welche es als den Fangzahn irgend eines Ungeheuers von der Elephanten-Gattung beschrieb, das vor der Sündfluth die Erde stampfte. Sicherlich existirt jetzt kein Thier, welches eine so große Masse Elfenbein als Fangzahn tragen könnte. Es war in früheren Zeiten häufig von Antiquaren untersucht worden, und alle waren darin einverstanden, daß sie ihm ein vorsündfluthliches Datum beilegten. Man hatte ferner gemuthmaßt, daß es in früheren Zeitaltern durch ein genuesisches Schiff aus dem Orient gebracht worden sei. Es konnte in der That keinem neueren Zeitalter angehören. Es maß über drei Fuß in der Länge, vierzehn Zoll im Durchmesser, und wog einhundert und fünf und zwanzig Pfund. Als der Mönch in jener Nacht auf seinem harten Lager lag, dachte er an diese ungeheure Masse Elfenbein. Er dachte nicht an die Schwierigkeiten ihrer Umbildung in die erforderliche Gestalt, er sah darin nur den von der Vorsehung dargereichten Gegenstand, aus dem er eine Darstellung jener leidenden, aber göttlichen Züge schneiden sollte, die so unvertilgbar in seinem Herzen eingegraben waren. Er dankte dem Himmel und erneuerte seine Andacht zu ihr, die man die I'urris eburnka nannte. Am nächsten Tage schaffte er unter dem Beistande seiner Mönchsbrüder, denen er seine Vision mitgetheilt hatte, die beinahe vergessene Masse Elfenbein nach seiner einsamen Zelle, nebst solchen Werkzeugen, wie er sie sich verschaffen konnte. Und jetzt begann er sein großes Werk — ein Werk der Buße und der Liebe. Er mußte erst die verdorbenen Theile entfernen. Die Außenseite war ein schmutziges, poröses Grau, die zunächst liegenden Theile waren dichter und gefleckt braun', dann folgte eine Abtheilung, so schwarz wie Ebenholz, und nachdem dies hinweggeschasit war, wurde eine zolldicke Haut, fast so hart wie Glas abgehauen, und dann blieb ein solides Stück reinen Elfenberns übrig, kaum weniger hart, von gelblicher Rahm-Farbe. Und nun konnte Bruder Carlo die Verkörperung seiner Vision beginnen. Vier volle Jahre lang arbeitete er an einem Block, der zu hart für den Meißel war. Ost arbeitete er zwanzig, zuweilen sogar dreißig Stunden hinter einander mit kaum soviel Speise, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war, und versagte sich die Ruhe, bis ihn die Natur zwang, kurze Rast zu suchen. Zuweilen beschlichen ihn auch Gedanken der Ermüdung oder Trägheit, und sein innerer Kampf wurde auf seinen eingefallenen Zügen sichtbar. Aber er verjagte solche Gedanken augenblicklich als Eingebungen des Bösen, um ihn von seinem ihm zugetheilten Werke zu verführen oder zu schrecken. Dann Pflegte er seine Zuflucht zum Gebet zu nehmen, und sich vor dem Heilande niederzuwerfen, oder zur Jungfrau zu flehen, daß sie ihm die Gnade der Ausdauer in seinem Werke verleihe. Wenn er sich aus dem Kampfe erhob, gaben seine hohe, bleiche Stirn und seine glühenden, sinnenden Augen Zeugniß von der Hoffnung und dem hohen Entschlüsse. Als das Werk der Vollendung zuschritt, war die Geschichte seiner außerordentlichen Verdienste als Kunstwerk und der außerordentlichen Umstände, unter denen es geschaffen wurde, sowie der Inspiration, nach welcher es modellirt war, über die Klostermauern hinausgedrungen. Aber der Künstler- Mönch hatte keine Eitelkeit, welcher das Lob der Welt schmeicheln konnte, obwohl häufig ausgezeichnete Männer von Zeit zu Zeit seine abgeschlossene Zelle besuchten. Er war stets bescheiden, warf sich häufig vor dem Bilde seines gekreuzigten Meisters nieder und betete, daß es in einer Weise vollendet werden möge, die Seiner in Etwas würdig sei. Er war jetzt 19 Jahre im St. Nicolauskloster gewesen, im ersten Jahre als Novice, und hatte sich in den letzten vier Jahren dem Werke gewidmet. Am Schluß des Jahres 18-13 besuchte Mr. E. Lester, Consul der Ver. Staaten zu Genua, das Kloster, und von Bewunderung über seine Vollkommenheit betroffen, beschloß er, der Besitzer des Werkes zu werden. Nach langer Ueberredung wurde der Mönch bewogen, sich von seinem großen Werke für eine sehr große Summe zu trennen, welche, da er das Gelübde der Armuth abgelegt hatte, zum Gebrauch des Klosters für mildthätige Zwecke verwendet wurde. Sechs Monate lang, nachdem das Crucifix aus seinem Besitz gegangen war, besuchte der Mönch mit Erlaubniß seines Superiors die Wohnung des Mr. Lester, um dem Werke den letzten Ausputz zu geben und kehrte dann zu seinen Pflichten als der einfache Laienbruder von St. Nicolaus von Tolentino zurück. Das Meisterwerk der Kunst wurde in der Akademie der schönen Künste zu Genua ausgestellt, und Künstler aus allen Theilen Italiens strömten herbei, es zu betrachten. Die berühmtesten Anatomen Italiens prüften es, und erklärten es einstimmig für ein Werk unnachahmlicher Kunst und anatomischer Genauigkeit, das als nichts Geringeres, als ein Wunder betrachtet werden könne, da es aus den Händen eines einfachen Mönchs kam, dem nie ein irdischer Meister die Grundzüge anotomischen Wissens gelehrt, und der dieselben nie von Menschen empfangen hatte. In der Figur des gekreuzigten Christus steht man die zarten Adern, als ob sie durch die Haut cursirten, jede Muskel ist geformt, als ob sie lebte — und alles dies mit den genauesten Einzelheiten, die man nur nach eifrigem Studium kennen lernen konnte. Die Form eines jeden Theiles eines von einem Kreuze herabhängenden Körpers ist auf's Wundervollste zur Anschauung gebracht. Aber der Triumph des Werkes (wenn ein Theil einen andern übertreffen kann) ist in dem göttlichen Antlitz. Von Genua wurde es auf Anregung des größten amerikanischen Bildhauers, Herrn Powers, nach Florenz gebracht. Er glaubte einen Theil der Augenbraunen verbessern zu können, und die Statue blieb zehn Tage lang zu dem Zwecke bei ihm, aber als diese zehn Tage verstrichen waren, erkannte er aufrichtig an, daß es seiner Ansicht nach von keinem Künstler auf Erden, und gewiß „nicht von mir", fügte er hinzu, verbessert werden könne. Es wurde später in mehreren Städten Europa's und Amerika'? ausgestellt (ein Umstand, der uns verhindert, näher auf die Einzelnheiten einzugehen), und aller 239 Orten ist es von den fähigsten Richtern als ein unübertreffliches Kunstwerk betrachtet worden. Aus dem Besitz des Herrn Powers, der es von Hrn. Lester kaufte, ging es in die Hände des Kosmopolitan-Kunstvereins über, welcher es um die Summe, von 10,000 Dollars kaufte, von da an einen Herrn dieses Staates, und von diesem in den Besitz des Hochwürdigsten Bischofs Neumann, durch welchen es seine passende Bestimmung in dem Tempel jenes göttlichen Wesens erreichen sollte, von welchem die Inspiration kam, nach der das Werk gebildet wurde. _ Der Allerseelentag. 6. Am Allerseelentage besuchte Leuthold mit seinem dreizehnjährigen Sohne den Friedhof. Beide durchwandelten die Reihen der mit Blumen reich geschmückten Gräber, und der Knabe äußerte die lebhafteste Freude, wenn er ein Grab nach seinem Sinne recht geschmackvoll geziert fand. Da kamen sie an ein Grab, welches mit keinen Blumen bekränzt war. Nur ein Mädchen kniete vor dem einfachen Kreuze und betete und weinte bitterlich. Ach! — sagte der Knabe — dies Grab ist ja gar nicht geschmückt. Glaubst Du? — entgegnete der Vater — Ich sage Dir, es ist schöner geschmückt, als alle verzierten Gräber ringsumher. Wie das? mein Vater! Blumen schmücken doch mehr als keine Blumen. Woher weißt Du, mein Kind! daß nicht auch dieses Grab mit Blumen geschmückt ist? Ich sehe keine. Es sind Blumen der Andacht und Dankbarkeit, welche aus dem Gebete, den Thränen dieses kleinen Mädchens erblühen. Beide Blumen sagen uns, daß unter diesem Grabe ein edles Herz schlummern muß, welches des Dankes und seiner Bethätigung durch inbrünstiges Gebet zu Gott nicht unwürdig ist. Doch die Blumen der andern Gräber, zeugen nicht auch sie von der dankbaren Erinnerung an die in den Gräbern Schlummernden? — fragte der Kleine. Möglich, und auch nicht möglich — versetzte Leuthold. Warum auch nicht möglich? Hast Du nicht bemerkt, daß alle Gräber, dies einzige ausgenommen, mit Blumen bekränzt sind? Freilich, allein weßhalb diese Frage? Siehe! die größere Zahl gleichartiger Erscheinungen bildet stets die Regel, die kleinere Zahl entgegengesetzter Erscheinungen die Ausnahme von diese Regel. Die geschmückten Gräber bilden also die Regel, das nicht geschmückte die Ausnahme. Ist es uun nicht denkbar, daß Manche nur deßhalb die Gräber ihrer Entschlafenen mit Blumen umwinden, um nicht zu dieser Ausnahme zu gehören? Wohl wahr, lieber Vater! Manche Gräber jedoch, und zwar die wenigeren sind so mit Kränzen und Guirlanden überladen, daß auch sie gegen die übrigen mindergezierten die Ausnahme bilden, weil ja gerade in der geringern Zahl die Ausnahme liegt. Die Angehörigen von den Bewohnern dieser Gräber strafen also Deine Behauptung Lugen. Freilich bilden auch diese eine Ausnahme. Was bemerkst Du indeß bei'm Vergleiche dieser Ausnahme mit der frühern? Daß beide Ausnahmen sich gegenüberstehen. Richtig — versetzte der Vater — dieser Gegensatz äußert sich nun auch in entgegengesetzten Wirkungen. Worin bestehen diese entgegengesetzten Wirkungen? — fragte der junge Leuthold. In dem Aussehen, welches das nicht gezierte und die überzierten Gräber durch 240 ihre Augenfälligkeit vor den übrigen erregen müssen, sowie in dem Urtheile, welches die Menge hierüber fällt. Die Menge urtheilt dem Aussenscheine nach. Ist dieser Schein glänzend, wie bei den überschmückten Gräbern, dann fällt auch das Urtheil glänzend aus. Ist er vermieden, dann ist das Urtheil zum mindesten bemitleidend, oft sogar bitter. Die Eigenthümer jener überzierten Gräber also haben nicht ihre Todten, sondern sich selbst ehren wollen, indem sie der Welt dargethan, daß sie keine Kosten scheuten, um einer an sich frommen, aber oft bis zur Thorheit mißbrauchten Sitte zu huldigen. Wie glücklich ist der Todte dagegen, welcher in diesem Grabe schlummert? Keine Zierrath an seinem Kreuze deutet auf einen Angehörigen, der vor der Menge glänzen wollte; ihn aber ehrt dies knieende Mädchen vor den Augen der Welt, wie vor Gottes Auge. Vor den Augen der Welt? Ja, mein Kind! Für wen nach seinem Tode mit solcher Inbrunst gebetet wird, der besitzt Jemanden auf der Welt, welcher sich ihm zu heißestem Danke verpflichtet fühlt. Er muß sich also dieses Dankes durch edle Handlungen werth gemacht haben, und kann mithin kein schlechter Mensch gewesen sein. Und vor Gottes Angesicht? Ich habe Thränen und Gebet dieser Kleinen schon früher Blumen der Dankbarkeit und Andacht genannt. Die Wohlgerüche dieser Blumen steigen zu Gott empor, sie sammeln sich zu Verdiensten für den Verblichenen und wägen vielleicht die letzten Makeln auf, welche bisher die Seele des Verewigten der göttlichen Anschauung noch nicht würdig machten. — Ist dieser Entschlafene nicht in Wahrheit geehrt? Und glücklich, lieber Vater! Wie bemitleidenswerth dagegen sind die Bewohner der übrigen, mit Blumen geschmückten Gräber? Urtheilen wir nicht zu vorschnell! Schon beim Anfange unseres Gespräches habe ich die Möglichkeit einer dankbaren Erinnerung ihrer Hinterbliebenen zugegeben, welche Erinnerung ja auch durch Gebet werkthätig und fruchtbringend werden kann. Die Blumenverzierungen sind also nutzlos und eitel? Das nicht, mein liebes Kind! Sie dienen zur Versinnbildung der dankbaren, im Gebete sich geistiger Weise äußernden Erinnerung und erfüllen so ihren Zweck vollkommen. Fehlt aber diese Erinnerung als Seele des Sinnbilves, dann wird dies kindlich einfache Sinnbild ein Prunkbild vor der Welt. — Das Sinnbild, liebes Kind! verdorrt, und sei es aus den schönsten Blumen geschlungen; allein das Versinnbildete: die Blume des Dankes und der Andacht erblüht ewig, unverwelklich. _ Fragen und Antworten. 1. Frage. Wer ist der wahrhaft freie Mann? Antwort. Den keine Lust mehr knechten kann. 2. Frage. Sag', welches ist der beste Weg, zum Himmel zu gelangen? Antwort. Der ist es, den der Herr vom Himmel selbst vorangegangen. 3. Frage. Wie wird es sein in jenem Leben? Antwort. Es wird auf dieses Antwort geben. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »on 3. M. jkleinle. Aiigslmgcr Somit« M«tt. 29. Juli 1860. Das AugSburger Sonntagsbltta (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) lll. Brief des U Kellner. Portalegre, 25. Juni 1858. Wir sind nun um ein Bedeutendes unserem Ziele näher gerückt; doch bevor ich Ihnen etwas über unsere Reise von Rio-Janeiro hierher erzähle, muß ich noch, wie ich in meinem letzten Briefe versprach, Ihnen über einige Puncte nähern Ausschluß geben. Ich beginne mit dem interessantesten, der die Neger betrifft. Früher holten europäische Schiffe ganze Ladungen dieser Unglücklichen an der afrikanischen Küste und brachten sie wie Stücke Vieh aus die Sclavenmärkte Brasiliens. Was sich da zugetragen, wird einst offenbar werden. Seitdem in neuerer Zeit diese Einfuhr von Negern verboten worden, blieben die bereits eingeführten, so wie Alle, die von einer Negersclavin abstammen, Sclaven. Häufig besteht das ganze Vermögen eines Brasilianers im Besitze von Negern. Denn sie sind die Arbeiter, und was ist hier ein Landbesitzer ohne Arbeiter? Das Loos dieser Sclaven hat sich jetzt physisch bedeutend gebessert. Man treibt sie nicht mehr wie Maulthiere auf den Markt, sondern kauft und verkauft sie unter der Hand; man peitscht sie nicht mehr in Masse zu Tode, der Neger kann sich sogar loskaufen, man wirft ihre Leichen nicht mehr, wie Aas, auf die Straßen; kurz, die barbarische Denk- und Handlungsweise hat sich geändert. Gleichwohl gilt der Unglückliche noch als Waare; ein Stück erster Qualität kostet immer seine 1500 bis 2000 Thaler. Ein solches Capital muß er nun durch Arbeit seinem Herr wieder einbringen; auf dem Lande braucht man ihn in den Plantagen und Bergwerken, in der Stadt als Knecht, Lastträger, Hausirer mit Waaren. Es gibt solche, die deren einige Dutzend besitzen, und sie, wie man etwa in Deutschland bei Lohnkutschern Pferde und Wagen vermiethet, täglich um einige Franken verdingen. Oder der Sclave muß sich selber Arbeit suchen und dafür seinem Herrn jeden Tag ein Gewisses zahlen. Verdient nun der arme Mensch unglücklicher Weise nicht so viel, dann hat er es durch Prügel zu ersetzen, verdient er mehr, so gehört der Ueberschuß ihm. Sie verdienen aber schon ihren Taglohn; denn, es ist fast unglaublich, ein Neger trägt mehrere Centner und zwar auf dem Kopf, so daß ich nicht begreife, wie diese gewaltigen Lasten ihnen nicht den Schädel zerquetschen. — Der Herr seinerseits muß sie nähren und kleiden. Hungern läßt man sie nun nicht, es liegt dies im eigenen Interesse; aber für die Kleider wurde ebenfalls schlecht gesorgt. Der Sclave bekam ein baumwollen Hemd, eine Hose und eine Jacke, und das mußte er tragen, so lange die Lumpen noch zusammenhielten. Da haben denn die Europäer mit Klagen und Schimpfen den Brasilianern solch eine Unsitte begreiflich gemacht, und jetzt bekommt der Neger nach Bedürfniß entweder abgetragene Kleider von der Familie, oder seine freien Stunden zur Arbeit, damit er sich Geld für Kleidung verdienen könne. Nun, — weil er sich für schöner als die Weißen hält, und wenigstens eben so eitel ist, wie sie, — sucht er sich auch aufzuputzen, und geht am Sonntage in Staatskleidern herum: in schwarzem Rock oder Jacke, weißen oder schwarzen Pantalons, einem im Regen verunglückten Seidenhut mit breiten herabhangenden Krampen, einer Weste mit Chemisette, worauf sich die Farbe seines Gesichts abgespiegelt hat, die Finger voll Ringe (dazu dient ihm ein alter Fingerhut oder der Ring von einer Tasse oder sonst einem zerbrochenen Gefäß); eine Cigarre oder Ghpspfeife im Munde, und wenn diese verdampft ist, eine Maultrommel; aber ohne Fußbekleidung, denn die darf er nicht tragen. Die Negerin, die in der Küche, mit der Wäsche, bei den Kindern beschäftigt ist, zeigt sich selten auf der Straße: erscheint sie in Gala, so geschieht es im weiten Kleide mit verschiedenen Abstufungen, woran unzählige Glöckchen hängen und was sie sonst etwa geschenkt bekommen hat, halb wild, halb parisermäßig, ebenfalls barfuß. Unter einander nennen sich die Neger ,,8e„üor," was sie von den hochtrabenden Titulaturen ihrer Herren angenommen haben, denn der Brasilianer hat zehn oder zwölf Titel vor seinem Namen und eben so viele dahinter. Läßt sich aber einer ihrer Ra?e einfallen, nicht mehr sein schlechtes Portugiesisch zu krächzen und zu kreischen, sondern nimmt er einen Anlauf, rein zu sprechen, so fragen sie ihn, ob er vielleicht ein braneo üiäslgo (ein weißer Edelmann) geworden sei. — Ganz ausfallend, was ein Neger aushalten kann. Mit bloßem Kopfe in der glühenden Mittagshitze arbeiten, aus freier Straße campiren, oder in der Hausflur auf bloßem Boden schlafen, in einen Pestilenzischen Dunstkreis gehüllt sein, nicht selten tüchtige Hiebe fühlen müssen: das thut ihm alles nichts, er ist dabei wohl und zufrieden; nur der Cholera kann er nicht trotzen, die besonders unter den Schwarzen ihre Opfer sucht. Aber, werden Sie fragen, wie sieht es mit ihrer Moral und Religion aus? Leider, nicht gut. Und darf das wohl befremden? Man sagt zwar: der Neger sei dumm und undankbar, flegelhaft, könne nur mit Prügeln gebessert werden. Allerdings wahr, aber wenn man ihn, wild wie er ist, in seiner Wildheit erhält, ihm keinerlei Unterricht ertheilt, sein Herr sich gar nicht darum kümmert, ob und wie er Religion übe, ja wenn er von seinem zügellosen Herrn nichts Gutes sieht und hört oder selbst zum Bösen angeleitet wird, — wie kann er da gut gesittet werden oder bleiben? Zudem sind diese Sclaven mit Arbeit überladen, manchmal taub und blödsinnig, jedenfalls sehr bornirt, woran auch, wie mir Wendelin bemerkte, das fortwährende Lasttragen auf dem Kopse schuld ist. So geschieht es, daß die Meisten ohne alle Begriffe von Religion aufwachsen. Die guten Patres Capuziner halten ihnen Christenlehre und hören besonders die Alten und Tauben Beicht, was eine entsetzliche Mühe ist. Gleichwohl sagen die Patres im Spital, daß die kranken und sterbenden Neger für die Hilfe der Religion am empfänglichsten seien. Sie glauben kaum, wie wehe es uns that, wenn wir diese Armen sahen und ihnen nicht helfen konnten. Ueber 100,000 sind in Rio-Janeiro allein, über drei Millionen in Brasilien, und jeder derselben hat eine unsterbliche Seele! Großer Gott! wann kommt denn ein zweiter Apostel, wie der selige p. Claver, um so vielem geistigen Elende zu steuern? Ich bin überzeugt, daß es nicht so schwer wäre, sie für Gott und den Himmel zu gewinnen, wenn man nur freundlich mit ihnen umgehen kann. Sie sind gutmüthig, und weil ihrer eigenen Unfähigkeit nnd Niedrigkeit bewußt, gelehrig und folgsam. Aber Erwachsene wie Kinder haben eine angeborene Furcht vor den Weißen, nnb wenn man ihnen noch so freundlich begegnet, zittern sie doch zuerst einige Augenblicke. Wenn ich die Kinder anredete oder Miene machte, sie bei der Hand zu nehmen, so fingen sie an zu lausen und zu schreien, und 243 guckten mich mit ihren Mohrengesichtern wie scheue Hündchen an. Wenn ihnen darauf ein Bekannter vom Hause ein Stück Brod oder eine süße Frucht zeigte, so kamen sie wieder heran, und ich hätte mich mit ihnen unterhalten können, falls wir uns verstanden hätten. Die Waisenkinder im Spital sind gar interessant, und die barmherzigen Schwestern erziehen sie vortrefflich. Nichts macht mir mehr Vergnügen, als unter einem Corps solcher Kinder zu stehen, die alle Farben im Gesichte tragen, von der blaßweißen bis zur kohlschwarzen, und dabei so bunt gekleidet sind, wie die Vogel Brasiliens. Die Kinder der Weißen sind hier wie überall; sie lärmen, schreien und schlagen sich, indeß die Negerkinder sanfter und nachgiebiger sind. O, wie viel Gutes könnte man hier allein bei den Kindern wirken! Tausende wachsen auf, wie die jungen Waldbewohner, die von einem Ast zum andern springen; der Schulbesuch ist frei, und nur die Reichen schicken ihre Kinder zur Schule. — Eines Tages hatten die barmherzigen Schwestern eine Schaar Schwarzer von fünf bis acht Jahren in ein Schulzimmer eingeschlossen. Ich ging vorbei, da vernahm ich Plötzlich ein Geschrei, als wären Raben in der Nähe. Ich blickte um mich, siehe! die kleinen Schwarzen steckten durch die Fenstergitter ihre wolligen Köpfe und glänzenden Gesichter. „Venor, Vener," riefen sie Allemir entgegen. Ich trat näher. „Ihrsprecht ja französisch, Kinder!" — Oui, ülonsieur. Ich unterhielt mich dann mit ihnen, sie waren so herzlich und munter, redeten so verständlich, daß ich ganz entzückt war. Da fragte ich: „Woher kennt ihr mich?" — Sie haben uns heute die heilige Messe gelesen. „Habt ihr etwa beigewohnt?" — Ja, ja! „Habt ihr gebetet?" — Ja! Ich stellte dann ein Gespräch über den Katechismus an. Unter Anderem sagte ich Einem: „Da ihr Alle das Kreuz machen könnt, gut, du Kleiner, mache es." Da fletschte der Junge die Zähne, warf seine funkelnden Aeuglein umher, stieß einen fast affenartigen Laut aus und ballte ingrimmig die Faust gegen mich. Was da Plötzlich für Ideen in dem schwarzen Köpfchen auftauchten, weiß ich nicht: ob sich sein Ehrgefühl durch eine so gewöhnliche Frage verletzt glaubte? Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und mußte die Unterhaltung schließen. Alle Kinder verabschiedeten sich so artig, wie sonst Kinder in gebildeten Familien, reichten mir durch das Gitter die Hand und entließen mich unter Freudengeschrei. Ein anderes Mal lernte ich von ?. Wendelin, der das trefflich versteht, wie man mit den ziemlich abgestumpften und doch gutmüthigen Negern ganz eigenthümlich umgehen müsse. Ein Schwarzer lief ihm gerade in die Hände, dessen nicht musterhaften Wandel er kannte. „Du bist doch ein rechter Taugenichts, daß du solche Gemeinheiten begehst." — 8ou twmem, sou komem (ich bin ein Mensch). „Was, ein Mensch bist du? — Du handelst ja wie ein unvernünftiges Thier." — Pater, soll ich einen Act der Reue erwecken? „Ja wohl, das hast du schon nothwendig. Du hast dadurch gesündigt." Dies Letztere schien er nicht gefaßt zu haben. 1*. Wendelin half also nach, .um ihm deutlich zu machen, was sündigen heiße. „Du bist ein Sclave?" — Ja! „Siehe, dein Herr kann mit deinem Leibe machen, was er will, dich verkaufen, dich prügeln, dir Lasten auflegen. Aber über deine Seele hat er Nichts zu sagen. Denn diese kriegt er nicht, weil sie ihm der himmlische Vater versteckt hat. Bist du brav, so kommst du in den Himmel und kriegst eine goldene Krone, während dein Herr vielleicht in die Hölle kommt, und du ein König wirst, er aber ein Sclave. .." (Letzteres gefiel dem Neger.) „Ja/ fuhr der Pater fort, „es ist so. Aber jetzt bist du nicht blos ein Sclave deines Herrn, sondern auch ein Sclave des Teufels. Du bist das Pferd des Teufels, woraus er reitet." — klon ^esu Oboist! miillm Lonlior»! (Guter Heiland! meine Gebieterin, Maria!) „Ja, du hast unserem Herrn ein Messer in's Herz gestoßen. Das machte den Neger immer nachdenkender, und nach einigen Augenblicken fragte ihn der Pater: ob er das wieder thun wolle. — >unen iiuiis, nunoo inais, meu Mute«! (Nie wieder, mein Vater!) Ich meinte, es müsse dem Burschen jetzt Ernst sein; allein ?. Wendelin zweifelte und fürchtete, bis zum Abend würde er wieder der alte Sünder sein. Da die Neger wegen des verpönten afrikanischen Sclavenhandels nun seltener werden und man doch Arbeiter braucht, so macht man Jagd auf Weiße und Auswanderer; die nicht vorsichtig sind, fallen Speculanteu oder ihren Agenten in die Hände und haben fast kein günstigeres Loos, als die Sclaven. Unlängst klagte ein betrogener Schweizer bitter bei ?. Wendelin, wie ein solcher Plan- tagenbesitzer eine Schweizer-Colonie kommen ließ, aber die arglosen, unbemittelten Leute durch perfide Contracte fast zu seinen Sclaven gemacht hat. Als endlich die Schweizer aus seinen Fesseln entkommen, lockte er eine Schaar Chinesen an, die ihm nun willfährig sein müssen. Die Regierung selbst verfährt nicht so treulos und schimpflich, wenn sie Colonisten herruft. Aber da sie vieler Mittelspersonen sich bedienen muß, kann immer noch Betrug stattfinden, k. Wendelin fragte beim Minister an, ob auswandernde Tiroler freie Uebersahrt, Beförderung an Ort und Stelle, und ein Stück Land erhielten. Der Minister antwortete ihm: Freie Uebersahrt nicht, wohl aber das Andere. Wie eben dieser erfahrene Mis- fionair versicherte, stehen sich die Eingewanderten, freilich nachdem sie vieles Bittere gekostet, in vielen deutschen Colonien, die er kennt, sehr gut; namentlich gilt dies von der größtentheils deutschen Colonie Petropolis, die jetzt zur Stadt erhoben und in der heißen Jahreszeit von angesehenen Brasilianern und Ausländern, sogar vom Hofe bewohnt wird. Bereits führt von Rio-Janeiro eine Eisenbahn dahin. (Fortsetzung folgt.) Wie Hannchen beten lernt. In einem kleinen Orte, der von prächtigen Wiesen und Wäldern umgeben ist, hatten brave Eltern ein Mädchen von sieben Jahren. Sie liebten ihr Hannchen gar sehr, und alle Leute hatten es gern, denn es war ein freundliches, gutes Kind. Es blickte die Menschen aus seinen blauen Augen freundlich und treuherzig an, und an dem lächelnden Munde und den beiden Grübchen in den Wangen merkte man gleich, daß es gern lustig sei. Mit ihren Händen hatte Hannchen immer etwas zu thun; recht ruhig konnte sie dieselben nicht leicht halten und die Füßchen vollends wollten gar nie lange an einem Platze bleiben. Sie wäre gerne in die Schule gegangen, wenn man dort nur auch ein wenig hätte herumspringen dürfen. Kurz, Hannchen war ein sehr lebhaftes Mädchen. Sie war aber nicht nur lustig, sondern sie hatte auch ein liebes gutes Herz, das keinem Thierchen und keinem Kinde wehe thun konnte; sie war den Eltern gehorsam; denn wenn sie es auch einmal nicht war, so geschah es nicht aus Un- gehorsam, sondern aus Leichtsinn; und wenn man sie deßhalb bestrafte, machte sie kein trotziges Gesicht, sondern weinte, versprach in Zukunft folgsamer zu sein, wischte sich die Thränen ab und war hierauf für viele Tage aufmerksam auf die Befehle der Eltern und des Lehrers. Aber einen großen Fehler hatte Hannchen doch: es dauerte ihr Alles gleich zu lang, was ihr nicht Unterhaltung gewährte; besonders wurde ihr beim Beten gar bald die Zeit zu lang. — Ja, wenn der Lehrer in der Schule vom guten Gott sprach, wie schön er die Welt gemacht habe und wie das Alles nur durch sein Allmachtswort entstanden sei, — da dauerte es ihr immer zu kurz. Aber beten und im süßen Namen Jesu mit dem lieben Himmelsvater sprechen, das that sie doch nicht gern, oder doch nicht lange; denn sie meinte: weil Gott Alles wisse, so müsse er auch wissen, daß sie ihn lieb habe; ihm danke oder ihn in ihrem Herzen um Dieses oder Jenes bitte. Darum sagte sie beim Abendgebet gar gern: „Lieber Gott! du weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Das war aber nicht recht von Hannchen; und eben, weil der liebe Gott wohl wußte, was sie brauchte, lehrte er sie vor Allem selbst das Beten, so daß sie es nicht mehr verlernte, so lange sie lebte. Hört nur, wie das geschah. Es war ein wunderschöner Sommertag; die Mücken tanzten in der Luft, die Grille zirpte in ihrer kleinen Höhle, die Wachtel schlug im Grase und die Vögel sangen die schönsten Lieder; der Himmel war so blau, daß ihn kein einziges Wölkchen verdüsterte; nur die kleinen weißen Himmelsschäffchen versilberten ihn, und im Walde, da reiften bereits die süßen Erdbeeren, so daß Hannchen meinte, die Mutter brauche gar nicht mehr zu kochen. Die Schule war aus, die Eltern hatten im Felde zu thun. Auf dem Lande ist es nicht wie in der Stadt, wo die Kindsmagd das Vesperbrod bringt; auf dem Lande holen es sich die Kinder selbst, wenn der Wald so nahe ist und es Erdbeeren gibt. Hannchen ging also in den Wald hinaus, ganz allein, das war ihr nicht verboten, denn das thun alle Dorfkinder; nur war ihr befohlen, beim Gebetläuten wieder zu Hause zu sein. Hannchen hatte ein Töpfchen bei sich, in bas sie die Erdbeeren, welche sie nicht selber aß, hineinthat, um sie des andern Tages an die Stadtkinder zu verkaufen. Beim Beerensuchen kam sie immer tiefer in den Wald hinein, wo das Gras, die Kräuter, die Blumen und das Moos immer schöner werden, weil die heiße Sonne nur mild durch die Zweige blickt, und sie also nicht austrocknet und der Fuß der Menschen sie nicht zertritt. Da gibt es auch noch schönere Schmetterlinge und noch glänzendere Käfer als nahe beim Wege und Dorfe. Hannchen hatte bereits viele Beeren im Töpfchen und noch mehr im Magen; sie meinte also nun ausruhen zu dürfen, und legte sich in's hohe, weiche Gras, sah die schöne blaue Himmelsfarbe durch die Zweige der Bäume schimmern und dann blickte sie wieder zur Erde nieder auf das Käferchen, das über den Grashalm kroch, und wieder herunterfiel und dann wieder hinaufkletterte, und dachte, daß es weit geduldiger sei, als sie selbst; dann horchte sie aus den Gesang der Vögel und ahmte ihre Stimmen nach; und dann mußte sie über Alles, über sich selbst lachen, und das war lustig. Hier und da dachte sie freilich an's Heimgehen; aber wenn sie einige Schritte gegangen war, mußte sie wieder stehen bleiben; denn sie sah ja dorten im Gebüsch ein Häschen sich putzen, und dort auf dem Baume ein Eichhörnchen springen, und da eine so große prächtige Erdbeere, die allein schon einen Kreuzer werth war, und die sie pflücken mußte. So kam allmälig der Abend heran; es wurde schon ein wenig düster, denn die Sonne war bereits untergegangen; sie hatte aber doch das Gebetläuten noch nicht gehört und war noch gar nicht müde und schläfrig. Nun machte sie sich aber doch eilig auf den Weg; denn Plötzlich wurde ihr bange, zuerst nur, weil sie fürchtete, von der Mutter gezankt zu werden; dann 246 fiel ihr ein, daß der Vater ihr früher einmal wegen zu langen Ausbleibens Strafe angeboten hatte. Sie lief nun, was sie konnte, aber sie kam doch nicht schnell weiter; bald blieb sie mit den Kleidern am Gesträuche hängen; bald schlugen ihr die Zweige in's Gesicht; zuletzt trat sie in einen Dorn und sank vor Schmerz zur Erde nieder; zugleich wurde es ihr ganz wirre im Kopse, sie erkannte den Weg nicht mehr und es war inzwischen auch ganz dunkel geworden. Weiter gehen konnte sie nicht, denn die bloßen Füße waren ganz wund getreten und der scharfe Dorn verursachte entsetzliche Schmerzen, wenn sie auftrat. Was sollte sie thun? — Sie weinte bitterlich und das Herz pochte laut in entsetzlicher Angst. Der sonst so schöne Wald kam ihr grausenhaft vor; die Stille, welche nunmehr eingetreten, machte es ihr recht klar, wie allein und ganz verlassen sie war; und wenn es hier und da im Gebüsche rauschte, — dann hörte das Herzchen beinahe zu klopfen auf vor Angst. Nun fürchtete sie sich nicht mehr vor Vater und Mutter; o wie gerne hätte sie Zank und Strafe hingenommen, wenn nur Eines von ihnen gekommen wäre; aber wie sie auch nach Vater und Mutter rief — Niemand kam. In dieser entsetzlichen Angst fiel ihr Plötzlich ein Verslein des Büchleins, in dem sie in der Schule lasen, ein: „Gebet erlöst aus aller Noth; Drum bete und vertrau auf Gott!" Und wieder ein anderes: „Vertrau auf Gott und laß ihn walten; Er wird dich wunderbar erhalten!" Nun war dem armen Hannchen plötzlich leichter um's Herz; sie wußte, was sie thun konnte. Augenblicklich kniete sie nieder, faltete die Händchen, sagte aber nicht: „Lieber Gott, vu weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Nein, sie rief mit inniger, flehender Stimme: „Lieber Gott! ich habe mich im Walde verirrt; ich fürchte mich entsetzlich! Gewiß thut mir ein böses Thier etwas, oder ein Räuber nimmt mich mit, daß ich nie mehr zu Vater und Mutter komme; oder ich muß im Walde verhungern! O Gott! du hast ja deine Kinder lieb und erhörst sie, wenn sie beten! O hilf mir und sende meine Eltern zu mir, daß sie mich nach Hause führen, und laß meinen Schutzengel über mir wachen!" Als Hannchen oft und oft dieses Gebet verrichtet hat, fiel es ihr schwer auf's Herz, daß sie früher gar nicht beten wollte; da erinnerte sie sich vieler frommer Verse, die sie in der Schule hatte lernen müssen, und wie sie so im Grase lag, wiederholte sie einen derselben und sprach leise: „Bin ich allein in dunkler Nacht, Und will mir bange werden, So denk ich: Sternlein halten Wacht Nun statt der Sonn auf Erden. Und denke das sind Engelein, Die alle mich bewahren, Und jedes Kind, so schwach und klein, Umgeben in Gefahren. Und denke: Wie der Mond so klar Sieht Gottes Aug hernieder; Und legt den Schlaf so wunderbar Aus meine Augenlider. Und webet süße Träume mir In meinem tiefen Schlummer; Drum wacht mein Heiland über mir, So schlaf ich ohne Kummer. O scheinet Mond und Sternelein! Ihr sollt ein Bild mir werden Von Gott und seinen Engelein, Die wachen stets auf Erden!" Hannchen hatte die letzten Worte schon halb im Schlafe gesprochen; denn 247 von Müdigkeit, Angst und Weinen wurde sie leise in Schlummer gewiegt, und ein schöner Traum von „Gott und seinen Engelein, Die wachen stets aus Erden", versüßte den Schlummer des armen Kindes. — Sie mochte geraume Zeit geschlafen haben; der Mond war inzwischen aufgegangen und belauschte ihren Schlaf. Da wurde es Plötzlich ganz hell im Walde; große Lichter, von Männern getragen, zogen daher und voraus lief eine Frau, welche unter Schluchzen laut rief: „O Hannchen! mein Kind! wo bist du?" — Als sie zu der Stelle kamen, wo Hannchen schlief, fiel eben der klare Mondschein auf das blasse Kindesgesicht, und mit dem lauten Schrei: „Das ist mein Kind! mein kleines, verlorenes Hannchen!" stürzte die Mutter auf die Kniee und drückte ihr Mädchen auf die Brust. Hannchen öffnete verwundert die Augen: noch erkannte sie ihre Mutter nicht; sie hielt die Lichter für den Schein der Engel, von denen sie geträumt hatte. Als sie aber den Vater und die übrigen Männer sah, stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und siel ihrer guten Mutter um den Hals. O wie hatte sich diese inzwischen geängstiget, als es Nacht wurde, und ihr Töchterchen nicht vom Walde zurückkam! — Alle Nachbarn theilten ihren Jammer und suchten mit ihr seit vielen Stunden das Verlorne Kind, und die arme Mutter hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, ihr Hannchen wieder lebend an's Herz zu drücken. Als sie nun ihr Mädchen gefunden hatte, sank sie mit demselben auf die Kniee und rief laut aus: „Gott im Himmel, ich danke dir!" Der Vater nahm nun Hannchen auf den Arm, trug es heim und legte es in's warme Bettchen. Als Hannchen des andern Tags erwachte, war ihr Erstes, Gott knieend für ihre Errettung zu danken. Sie hatte, obwohl noch ein kleines Kind, doch in der großen Noth gelernt, wie heilsam und tröstlich das Beten sei, und daß diese Lehre, welche der gute Gott ihr im dunklen'Walde gegeben hatte, für sie sehr nothwendig gewesen wäre. — Von dieser Zeit an durfte man Hannchen aber nimmer zum Gebete mahnen, es dauerte ihr auch nie mehr zu lange, — vielmehr war es für sie eine süße Freude. Was sagt Schiller über den Papst? Es ist gewiß überaus merkwürdig, daß gerade die hochbegabtesten Männer, selbst wenn sie nach ihrer sonstigen Denkweise zu den Gegnern des Papstes und der katholischen Kirche gehören, dennoch vom geschichtlichen Standpuncte aus eine große Achtung und Erfurcht vor dem Papstthum an den Tag legen. So sagt Schiller, den Deutschland als seinen größten Dichter ehrt, in seiner „universalhistorischen Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I.: „Man sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Dränge der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen ungetreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnet selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß, und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhles und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupte. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart 248 und Fähigkeit sein mochten; so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht einzuflößen; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, zerfloß in ihrer Würde, und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch geknüpft wurde, — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch verlassen wurde; so war dies doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zu verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." Die Thüre. * Der Bruder des seligen Thomas von Kempis hatte ein schönes Haus bauen lassen, und jeden Besucher machte er aus die Schönheiten desselben aufmerksam und fragte ihn dann nach seinem Urtheile. Die Meisten seiner Freunde und Bekannten lobten dasselbe ausserordentlich. Einer aber wollte doch einen Fehler an ihm erkennen. — Welchen? — fragte der Hausbesitzer gereizt. —> Daß das Haus eine Thüre hat — erwiderte der Tadelnde ruhig. — Wie! — versetzte der Bruder des gottseligen Thomas von Kempis mit spöttischer Miene: — hat nicht jedes Haus eine Thüre, damit man ein- und ausgehen kann? — Wohl — entgegnete der Tadler — allein für Dich ist dies ein Fehler, denn aus dieser Thüre wirst Du einst todt herausgetragen werden und dann von allen Annehmlichkeiten Deines Hauses, welche dir dasselbe jetzt so anziehend machen, keine einzige mit Dir nehmen können. Mensch! diesem Hause ist in vielen Beziehungen dein Körper vergleichbar, die Wohnstätte deiner Seele. Du hast ihn zwar nicht selbst geschaffen, allein auf seine Erhaltung und Bequemlichkeit verwendest Du das Uebermaaß deiner Kräfte. Seine Reize und Vorzüge bewunderst Du und läßt sie so gerne von Andern bewundern. Du vergissest jedoch, daß Du fünf Sinne hast, durch welche der geistige Tod, wie durch Pforten, zu deiner Seele eindringen kann. Und ist Deine Seele ein Opfer dieses Todes für immer geworden, welche körperlichen Reize und Vorzüge kann sie mit sich nehmen in die Ewigkeit? Belächle also nicht den Freund, der Dich auf die Lust Deiner Sinne aufmerksam macht, und sage nicht zu ihm: habe ich nicht Augen, damit ich sehe, und Ohren, auf daß ich höre? Denn wisse: der verblendete Bruder jenes gottseligen Mannes besaß nur Einen Freund, welcher ihm die thörichte Liebe zu seinem Hause vorhielt. Alle Andern aber stimmten in das Lob des Hauses mit ein und rechtfertigten so die eitle Liebe zn demselben. _ Gerechte Strafe. Im Departement Untere Charente in Frankreich lebte eine beiläufig neun und achtzig Jahr alte Frau, welche vor langer Zeit eine hohe Stellung eingenommen hatte, von Almosen unter Entbehrungen. Ohnlängst wurde sie auf einmal von einem heftigen Uebelfinden befallen: einer ihrer Neffen, der anwesend war, wollte einen Arzt holen, aber die liebe Frau, welche wußte, daß dieser Besuch etwas kosten würde, setzte sich dem Verlangen des jungen Menschen hartnäckig entgegen. Nach Verlaus einer Stunde starb die arme Alte aus Mangel an Hilfe. Man fand in ihrem Bettstroh 1750 Fünffrankenstücke, 530 Zwanzig- srankenstücke, 9 Banknoten zu 1000 Fr. und 10 Obligationen öer Stadt Paris, jede nach der gegenwärtigen Taxe 1130 Fr. werth. Die Strafe war grecht: sie hat gegen Gott, gegen ihre Nächsten und gegen sich selbst gesündigt. Redaction un» Verlag i I)in M. Hutilcr. — Druck von I. M. Aleinlc. H- 3S 5. August 1860. Das Augsburger Sonntagsbltta (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) IV. Picade da Sau Jose, 28. October 1859. Nach einem zweitägigen Aufenthalt verließen wir Porto Alegre. Aus einem Dampfschiffchen, woraus sich fast nur Deutsche hier ansäßigo Colonisteuin deutscher Manier zusammenfanden, fuhren wir weiter auf dem Rio dos Sinos nach St. Leopold, dem Hauptorte unserer deutschen Colonie. Hier mußten wir übernachten. Am andern Morgen gegen 11 Uhr gewahrten wir auf der andern Seite des Flusses einige Männer mit Pferden für uns. Wir ließen unser Gepäck in Verwahr, schifften hinüber und fanden recht herzliches Willkommen unter diesen deutschen Pflanzern, die zwar nicht zum Pfarrbezirk unserer güten Patres gehörten, aber doch von ihnen den Auftrag erhalten hatten, im Falle unserer Ankunft uns zur Weiterreise behilflich zu sein. Von jetzt an geht alles Reisen zu Pferde, da es hier noch keine Straßen zum Fahren gibt und mit diesem Ritt legten wir die erste Probe von unserer Reitkunst ab. Wir bestanden sie nicht alle glücklich; denn Einer fand sich nach einer Weile auf dem Wege abgesetzt, und sein muthiges Pferd hatte sich in die weite wilde Welt verloren. Doch zum Glück war dem Reiter selbst kein Leid widerfahren. Auf dem Hamburger Berg, wo sich verschiedene Handelsleute niedergelassen haben, bestiegen wir andere Pferde und nun ging's auf steilen und abschüssigen, ich möchte sagen, halsbrecherischen Wegen nach der Baum-Picade (Illo-uw «tos cious Irmaos), wo wir mit einbrechender Nacht am 27. Juni, Gottlob! endlich endlich bei dem hochw. P. Lipinski eintrafen. Wie groß die wechselseitige Freude war, können Sie sich wohl vorstellen: die seinige, über die lang ersehnte und nun angelangte Hilfe, die unsrige, über die glückliche Ankunft am Ziele der weiten Reise. Die religiöse Liebe und Armuth bereiteten uns einen herzlichen Empfang. Wir bewohnen ein einsames, einstöckiges Hüttchen, von einem kleinen Garten umgeben. Der Palast besteht aus vier Kammern, wovon die vierte, Speisesaal und Vorrathskammer, Schul- und Empfangssaal, Arbeits- und Schlafzimmer für die Brüder ist. Ein großer Saal säst ohne alle Kirchenornamente bildet die Capelle zum heil. Michael, die uns eben so wenig gehört, wie das Häuschen und der Garten. Wir leben precär von Almosen, die ziemlich sparsam, von Stipendien, die dann und wann geboten werden, von Victualien, die man mitunter bringt, die sich aber hier zu Lande nicht lange aufbewahren lassen; frisches Fleisch ' hält sich zur Zeit der Hitze keinen Tag. Nach einem Monat ging ich zu der 6 Stunden entfernten Station des l>. Sedlak, kioculo clo 8--»n .lose. Man nennt diese Flecken Picadcn, d. i. Durchstich, weil eben an solchen Stellen der Wald durchstochen, niedergehauen ist. Was nun das Feld unserer geistlichen Wirksamkeit betrifft, so ist dies ein sehr großes. Die ganze deutsche Cokonie St. Leopold zählt gewiß 17—18,000 Deutsche, wovon fast die Hälfte katholisch. Sie ist auf drei Kirchspiele (trogne-nii.-;) vertheilt; in zweien derselben fungiren die beiden Patres Lipinski und Sedlak, die schon mehrere Jahre als Missionaire hier wirken, als Pfarrer; im dritten ein brasilianischer Priester, der im Städtchen St. Leopold seinen Sitz hat. In dem Kirchspiele des 0- Sedlak leben zudem noch sehr viele Brasilianer, die im Volksmunde Portugiesen heißen, so daß die ganze Frequesie nahe an 300 Familien in sich schließt, mit einer Scelenzahl von 3000, wenn nicht mehr. Ueberdies kommt noch die Hälfte der Pfarrgenossen von St. Leopold zu uns zur Beichte, zum Gottesdienste, zur Kranken-Provisur, da sie von ihrer Pfarrkirche zu weit entfernt sind, und dann dort einen Priester finden, der nur portugiesisch versteht. Gerade jetzt wird in unserem Bezirke noch eine neue Colonie mit einer Stadt angelegt, wo vorläufig für 1000 Familien eine Unterkunft vermittelt werden soll. Um sich genauer orientiren zu können, gebe ich Ihnen eine kleine Beschreibung der Colonie. Sie ward 1827 gegründet. Die ersten deutschen Ankömmlinge waren vorn Hundsrücken und von der Mosel, nämlich aus dem Gebiete zwischen Trier, Saarlouis, Koblenz und Birkenfeld. Die damalige Kaiserin, eine österreichische Prinzessin, wollte Deutsche in Brasilien haben, von denen schon seit 1813 viele als Soldaten angeworben waren. Die Regierung beförderte sie unentgeltlich von den deutschen und holländischen Seehäfen nach der südlichsten Provinz Rio Grande do Sul, und wies ihnen im Urwald, ungefähr 30 Meilen von der östlichen Meeresküste, nach Süd- und Nordwest hin Colonien umsonst an, von denen eine 100 brayas in der Breite, 1600 in der Länge mißt. Eine bra^38 ist etwas weniger als 7 Fuß. — Aber ein amerikanischer Urwald, welche wild üppige, riesenhafte Vegetation! Man sieht hier Bäume, die dreimal so hoch sind, als deutsche Eichen, und ihre Kronen in einem für einen Nichtaugenzeugen unglaublichen Durchmesser ausbreiten. Sie stehen da im frischesten Grün oder zur Zeit der Blüthe in Rosen- und Lilicnbüschen. Daneben ragen in zweiter Ordnung eine Menge tropischer Gewächse empor, von denen ich bis jetzt nur die Palme, die Kokosnuß, den Jasmin und eine Art Theebaum erkennen konnte. Unten wächst dichtes Rohrgras, das beste Futter für's Vieh, und Schlingpflanzen die in allen möglichen Windungen und Verzweigungen undurchdringliche, wie aus festen Schiffstauen geflochtene Netze bilden und oft noch die höchsten Bäume umstrickt halten. Der Urwald selbst ist ein Abhang der Terra, eines sägeartigen Gebirgszuges, der von Norden nach Süden läuft. Auf diesem Abhang, der gleichsam die Rippen der Terra bildet, erheben sich zwischen sehr breiten Thälern einzelne Berge, so daß der ganze Urwald sich wellenförmig in die Serra anlehnt und gegen Osten an das Meer, gegen Süden und Westen aber in Ebenen (oam>> 08 ) ausläuft. Diesen Urwald nun, bisher blos bewohnt von Indianern, Bukrer genannt, von Tigern, Tapiren, Schlangen, Affen, Papageien, und von unbändigen Waldströmen durchrauscht, sollten die armen Einwanderer fern von aller menschlichen Gesellschaft, ohne alle Verbindungswege, cultiviren und hatten nichts anderes als Axt, Säge, Spaten, Hacke, nebst Doppelgewehr und Dolch. Es gelang ihnen, freilich unter unzähligen Entbehrungen und Drangsalen aller Art, besonders in den ersten Jahren, wegen der häufigen Einfälle der Bukrer und des Bürgerkrieges, der von 1836 bis 1845 in der Provinz tobte, und in den die Deutschen theils durch schimpfliche Parteiungen ihrer eigenen Stammgenossen, theils durch brasilianische Räuberhorden mit verwickelt wurden. Allmälig wuchs die Bevölkerung des brasilianischen Deutschlands. Gegen 25 Picaden, von denen die größten 70 bis 90 Familien zählen, also gegen 25 Gemeiden führen schon das regste Leben und die ältern Picaden sind in der That sehr wohlhabend. Denn die Prodncte 251 des Bodens, wie Milch, Bohnen u. s. w. gehen in die übrigen Provinzen zu hohen Preisen; dabei liefern die vielen Hausthiere, die hier frei umher laufen und sich selbst Nahrung suchen, reichlichen Vorrath an Lebensmitteln. Kein Wunder, wenn ein Moselländer, der in seiner Heimath ein winziges Stück Weinberg und zwei Ziegen besaß, nunmehr ein oavallikiro bniüüeiro zu sein glaubt, weil er eine hübsche Strecke Landes, eine dazu passende Wirthschaft, 5 Reitpferde u. s. w. besitzt. Da darf freilich an seinem Gesicht der Knebelbart und an seiner Bekleidung das englische Leder nicht fehlen. — Die Regierung selbst scheint den Deutschen sehr gewogen zu sein und thut ihnen sehr Vieles zu Gefallen. Sie wirbt jetzt wieder in Deutschland Colonisten und fast täglich sehen wir Schaaren von Einwanderern an unserm Hause vorbeiziehen oder in dem uns gegenüber liegenden ehemaligen protestantischen Bethause untergebracht werden, die dann weiter geyen Westen nach Ncupetrvpolis gehen sollen. Sie kommen von Hamburg und sind meistens Protestanten aus Sachsen und Pommern. Zu den ersten katholischen Ansiedlern gesellten sich später andere aus dem Mainzischen und Hannöverschen, aus Pfalzbayern und Sachsen. Die ganze deutsche Colonie erstreckt sich jetzt 12 Stunden in die Länge und 10 in die Breite. Mir liegt es hauptsächlich ob als Missionair, die verschiedenen Bezirke zu besuchen; besondere Sorgfalt muß ich denen widmen, die 5 oder 6 Stunden von der Pfarrkirche entfernt im dichten Wald liegen, damit sie nicht verwildern und endlich vergessen, daß sie katholisch sind. Auf einem solchen Ausfluge, der 4 bis 5 Tage dauert, halte ich dreitägige Missionsübungen in kurzen Vortragen, höre täglich 30 bis ^0 Beichten und versammle die Kinder zur Christenlehre. Nebenbei besuche ich die Kranken, klopfe an die Herzensthür armer, verkommener Menschen, nnd biete auch den Negern und Portugiesen die Hilfe der heiligen Religion an. Sie sind im höchsten Grade unwissend, lassen sich aber durch geistliche Gespräche, die man glücklich einleiten muß, in vertraulicher Unterredung gewinnen und belehren. In unserer Pfarrkirche selbst habe ich mehrere Male im Monat zu predigen, wo immer eine große Volksmenge aufmerksam zuhört. Auch bereitete ich hier schon Kinder auf die erste heilige Communion vor. Hätten wir nur für die armen Kleinen gut eingerichtete katholische Schulen! Einige gehen nun in die der Protestanten, die hierfür bereits gehörig gesorgt haben und uns mit ihren Bemühungen hindernd in den Weg treten. Wenigstens eben so viel Nachtheil bringen uns die lähmenden Maßregeln, die hier nicht selten gegen die Kirche ergriffen werden. Ich habe diesen Uebelstand schon in einem Briefe berührt, den ich Ihnen von Rio-Janeiro aus schrieb. Betrübender aber für uns sind die Schwierigkeiten, denen wir manchmal bei den Deutschen selber begegnen. Sie bringen mitunter aus Europa einen Freiheitsschwindel her, der da beansprucht völlig ledig zu sein von Allem, was schwer fällt und Ueberwindung kostet, und der nicht selten in einer zügellosen Großsprecherei, in einem groben und arroganten Benehmen sich kund gibt. die rastlose Arbeitswuth, von welcher der neue Ankömmling aus Noth, der ältere Colonist aus Gewinnsucht getrieben wird, erstickt das religiöse Streben nach überirdischen Gütern; endlich sind die fremdartigen Elemente, die aus allen deutschen Gauen und Religionsbekenntnissen zusammenströmen und mit den etwa vorhandenen guten Bestandtheilen sich mischen, unserem Wirken nicht gar förderlich. Einen Trost haben wir doch; das abscheuliche Laster gegen die Sittlichkeit ist unter den Deutschen, besonders wenn sie getrennt von Brasilianern leben> sehr selten. Die gleichsam durch die Ansiedelung bedingte Lebensart schützt sie davor, indem manche äußere anderswo so schädliche Gelegenheiten nicht da sind, und junge Leute, die sich verglichen wollen, bald mit reger Arbeitsamkeit eine sichere Existenz haben. — Ich wundere mich über den kräftigen schönen Wuchs der hier geborenen Deutschen; sie haben weit ausgeprägter die deutsche Physiognomie, als die Ankömmlinge aus Deutschland. Ihr riesenhafter Knochenbau, ihre blonden Haare, blauen Augen, vollen Gesichter, ihr schlanker, proportionirter Wuchs erinnert lebhaft an die glten Germanen. Ueberhaupt scheint der liebe Gott diese deutschen Ansiedelungen zu begünstigen. Der ungemein große Wohlstand bei Oekonomen und Handwerkern, das rasche Wachsthum der Bevölkerung, das hohe Alter, welches sie erreichen, die geringe Sterblichkeit, endlich, was noch weit mehr ist, die wunderbare Fügung, wie die armen Deutschen von spanischen Patres aufgefunden, mit der Kirche wieder in Verbindung gebracht, und durch ihre Bemühungen mit deutschen Priestern versehen wurden: alle diese Umstände dienen zum Aufblühen der Colonie und sind handgreifliche Beweise des Wohlwollens, womit die göttliche Vorsehung über sie wacht. Gern bringt da der Missivnair das geringe Opfer seiner Mühen und Entbehrungen; seien es nun die schlechten Wege, besonders zur Regenzeit, wo die Pferde tief in den Schlamm sinken, oder das Tage lange Sitzen auf dem Pferde, oder die schmalen Pfade, welche voll Wurzeln und Steingeröll unten, von oben mit Aesten und Flechtwerk überwölbt lind, so daß man immer gebückt auf dem Pferde sitzen muß, oder die lästigen Mücken, oder die ärmlichen Herbergen und gar ärmlichen Capellcu, oder endlich der rasche Temperaturwechsel. Alles zum Heile dieser verlassenen Seelen, bei denen sich doch schon erfreuliche Früchte der Arbeiten unserer beiden thätigen Vorgänger zeigen, und die Hoffnung geben, daß sie durch ihren Eifer den Absichten der heiligen Kirche und den Anstrengungen der von ihr gesendeten Priester entsprechen werden. Mögen Ihre frommen Gebete unsere Wünsche und Hoffnungen verwirklichen! (Fortsetzung folgt.) " M. Ke lluer, 8. R Christus in der heiligen Connnunion. C. 'Wenn du Jesum in der heiligen Cvmmunion empfängst, dann denke, o gläubiger Christ! es ist derselbe Jesus, welcher als neugeborenes Kind in der Krippe lag. Willst auch Du ihm einen so dürftigen Lagerstall in Deinem Herzen bereiten? Du nimmst das göttliche Jesukind in Deinem Herzen auf, zu welchem drei Könige aus fernem Morgenlande kamen, es anzubeten. Siehe: Dir ist es so nahe, kommt selbst zu Dir. Willst Du es nicht auch anbeten? Du genießest denselben Jesum, welcher der Verfolgungen des Herodes willen aus Bethlehem flüchten mußte. Glaubst Du nicht, daß er aus Deinem Herzen flüchten werde, wenn Du ihn mit Deiner Sündhaftigkeit verfolgst, derentwillen er am Kreuze bluten mußte? Als der göttliche Jesusknabe zwölf Jahre alt war, nahmen ihn Joseph und Maria nach Jerusalem mit zur Feier des Osterfestes im heiligen Tempel. Wie nun Jesus in seinem zwölften Lebensjahre zum ersten Male das Heiligthum seines himmlischen Vaters betrat, so und auf noch innigere Weise sollst auch Du, mein Christ! im zwölften Lebensjahre zum ersten Male dein Tempel des Aller- heiligsten, dem Tische des Herrn Dich nahen! — Siehe! der zwölfjährige Jesus weilte im Tempel, mitten unter den Lehrern, fragte sie und antwortete auf ihre Fragen. Weilst auch Du nach der heiligen Communion in Deinem Jesus, wie Jesus in Dir weilt, hörst auf die Zuslüsterungen seiner mahnenden Stimme, fragst ihn: „Herr! liebst Du mich?" und antwortest ihm, wenn er dich fragt: „Ja, Herr! ich liebe Dich!" Du wirst diese Fragen verneinen müssen, denn wenn Du in der Stunde der Prüfung deinen Heiland suchst, dann muß er dir zurufen: „Weißt du denn nicht, daß ich im Hausi meines Vaters sein muß?" Das Haus seines Vaters aber wäre dein Herz, wenn Du es in der Liebe und Furcht des Herrn zu einer ständigen Wohnstätte Deines Gottes bereit erhalten wolltest. 253 Du genießest Jesum im heiligen Abendmahle, ihn, der dreißig Jahre lang in stiller Einsamkeit lebte, gehorsam dem Willen seiner Eltern, sich vorbereitend auf seinen wichtigen Beruf als Stifter einer neuen Lehre, eines neuen Opfers. Doch Du, lebst auch Du nur Ein Jahr, Einen Monat, Eine Stunde in stiller Zurückgezogenheit vor der Welt, gehorsam dem Willen Deines himmlischen Vaters, Dich vorbereitend zu dem ernsten und heiligsten Berufe, ein Bürger zu werden der von Gott gestifteten triumphirenden Kirche? Jesus kommt zu Dir in der heiligen Hostie, Er, der seine Jünger um sich sammelte, indem er ihnen zurief: „Kommet und sehet!" und: „folget mir nach!" Willst nicht auch Du sein Jünger werden? O so komm recht oft zu seinem Tische, und siehe die Wirkungen seiner heiligen Gnade! Willst Du sein Jünger werden, so nimm Dein Kreuz auf Dich, und folge ihm nach! Derselbe Jesus wird dir in der heiligen Kommunion zu Theil, der im Tempel Gottes deir Viehhändlern und Wechslern zugerufen: Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!" Siehe! Auch Dein Herz ist nun ein Haus Deines Gottes geworden. Soll es noch ferner ein Marktplatz weltlicher Angelegenheiten, ein Tummelplatz irdischer Vergnügungen bleiben? Die Viehhändler und Wechsler wurden nicht, weil sie überhaupt Handel getrieben, sondern nur, weil sie Gottes Haus zu einem Kaufhause gemacht, aus dem Heilig- thume des Herrn gejagt. Auch Du darfst Dein Herz weltlichen Geschäften, schuldlosen Freuden erschließen, nur nicht zu jener Zeit, welche dem Dienste Gottes gehört: sei es in versammelter Gemeinde, sei es bei stillem Gebete in einsamer Kammer. Denn Jesus entfernt nicht die zeitlichen Sorgen und Zerstreuungen aus Deinem Herzen, welches sein Heiligthum sein soll, wie er einst die Verkäufer aus dem Tempel getrieben hat, sondern er entfernt sich selbst aus dem ihm fremd gewordenen Tempel Deiner Seele und überläßt sie weltlicher Verstrickung. Jesus reicht Dir im heiligen Abcndmahle das Brod des Lebens, Er, welcher der Samariterin am Brunnen lebendiges Wasser versprach. Wer von diesem lebendigen Wasser trank, den sollte in Ewigkeit nicht mehr dürsten nach dem Becher der Lust. Und möchtest Du ein einziges Mal würdig von diesem Brode essen, Dich dürfte in Ewigkeit nicht mehr hungern nach den Fleischtöpfen der Welt. Allein leider unterscheidest Du nicht dieses lebendige Brod von einer gemeinen Speise, und so issest und trinkst Du Dir selbst das Gericht und nach dem Gerichte die Verdammung, wo ein ewig nagender Hunger, ein ewig brenender Durst Dich quälen. Jesus naht sich Dir in der heiligen Communion, Er, der zu seinen Jüngern sagte: „Ich will Euch zu Menschenfischern machen." Auch Dich kann er zu einem Menschensischcr machen, wenn Du die Gnade, welche Dir durch die heilige Communion zu Theil wird, in Dir wirken läßest, so daß sie aus Deinem ganzen Lebenswandel gleichsam herauslcuchtet und du in Andern die Sehnsucht erweckest nach einem Strahle dieser leuchtenden Gnade. Nur mußt Du zuvor, wie der heilige Petrus, Deinem Heilande zu Füssen fallen und ausrufen: „Herr! geh' von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch!" d. h. Du mußt beichten nach vollkommenster Selbsterkenntniß, in tiefster Zerknirschung, mit festestem Vorsätze zum Guten. Jesus kehrt durch den Empfang der heiligen Hostie in Dein Herz ein, Er, welcher zu den Bewohnern Kapharnaums sprach, da er in ihrer Stadt weilte: „Thut Buße! das Himmelreich ist nahe!" Wehe dir, wenn Du nicht schon Buße gethan hast vor seiner Einkehr bei Dir! Christus und mit ihm das Leben wird dir am Tische des Herrn gereicht, jener Christus, der die Tochter des Jairus vom Tode erweckte. Bist du schuldlos, wie dieses Kind, von welchem der Heiland sagte: „Es ist nicht gestorben, es schläft nur?" Oder schläfst du den Schlaf der Sünde so fest, daß Jesus dir zurufen müßte: „Du schläfst nicht, Du bist gestorben ?" Jesus brachte der Tochter des Jairus das Leben, als er zu ihr trat. Bringt er auch Dir das Leben der Seele, wenn er in Dein Herz einzieht, oder vielleicht ihren ewigen Tod, indem Du zum göttlichen Gastmahle gehst ohne ein hochzeitliches Kleid? O mein Christ! Du genießest im heiligen Abendmahle Deinen Mittler, der den acht und dreißig Jahre lang Kranken gesund gemacht hat. Auch Dich will er gesund machen, und wärest Du viel länger, viel ärger krank. An einem Sabbathe heilte der göttliche Menschenfrend den Kranken, und deßhalb ladet dich die katholische Kirche alle Sonnabende und Vorabende heiliger Feste zum ernsten Bußgerichte, weil es ihm an Sonn- und Feiertagen die innigste Freude gewährt, Kranken die Gesundheit, Todten das Leben wieder zu schenken durch den Genuß seines heiligsten Leibes und Blutes. Doch Du, machst Du nicht gerade an diesen Tagen, die vorzüglich Deinem Gott gewidmet sein sollten, Dich krank durch übermäßigen oder unerlaubten Genuß von Weltsreudcn? Jesus erquickt Dein Herz durch die heilige Communion mit himmlischem Labsale, Er, welcher der büssenden Magdalena die Sünden vergeben, nachdem sie seine Füsse mit köstlicher Salbe begossen. Siehe! Du bist nicht würdig, Deinem Herrn und Meister die Schuhriemcn aufzulösen, vielweniger seine Füsse zu salben, zu küssen oder mit Thränen zu benetzen. Dennoch hat er Dir Deine Sünden vergeben und reicht Dir nicht nur seine Füsse, sondern sich ganz, mit Leib und Blut in der heiligsten Brodgestalt. Du jedoch, benetzest Du ihn mit den Thränen wirksamer Reue, mit dem Oele der Gottinnigkeit, oder beschmutzest Du ihn nicht vielmehr mit dem Gisthanche Deiner Sünden? Dein Heiland besucht Dich im allerheiligsten Altarssacramente, wenn Du ihn in Dein Herz aufnehmen willst, Er, welcher dem Stnrme auf hoher See gebor, daß er schweige, wird er nicht auch durch seine in Dir wirkende Gnade dem Sturme Deiner Leidenschaften gebieten können, sich zu legen, wenn Du nur nicht ihn wach erhalten willst? Warum also, Kleingläubiger! verzweifelst Du an der Kraft der göttlichen Gnade und Deiner eigenen ernsten Mitwirkung, und sagst: „meine Leidenschaften sind zu tief eingewurzelt, als daß ich sie bekämpfen könnte!" Verschließe der Gnade Dein Herz nicht, welche durch den Empfang der heiligsten Hostie Dich überströmt. Christus auf hoher See gebot uur Ruhe, Christus in Deinem Herzen aber gebietet nicht nur dem Sturme Deiner Begierden und Neigungen Ruhe, sondern er wirkt auch in Dir neue Kraft zur Tugend. Jesus kommt zu Dir im heiligen Abendmahle, der einst zu Petrus gesagt hat: „Deinem Bruder sollst Du stebenzig Mal sieben Mal vergeben." Siehe! auch Dir vergibt er stebenzig Mal sieben Mal. Wann nun willst Du zum letzten Male sündigen? Jesus sättigt Deinen Liebeshunger in der hochheiligen Brodgestalt. Mit fünf Broden hat er Tausende von Menschen gespeist. O undurchdringliches Geheimniß! Mit einem Brode speist er Millionen! Es ist dies das Brod des ewigen Lebens für die nach der Tugend Hungernden und Dürstenden, das Brod des ewigen Todes für die im Giftbecher der Sünde unersättlich Schwelgenden. O Geheimniß der Geheimnisse! Jesus labt und stärkt Dich mit seinem heiligsten Leibe und Blute. Labst auch Du ihn mit der Inbrunst Deines Herzens, mit heißer Sehnsucht nach seinem Besitze? Siehe! die Kleinen, welche von den Müttern zu Jesu gebracht wurden, mußten von den Jüngern des Meisters rauhe Worte hören, bis er ihnen zurief: „Lasset die Kleinen zu mir kommen!" Doch Du? Deine Mutter, die katholische Kirche führt auch Dich zu Deinem Mittler. Jesus und seine Jünger, die Priester, laden Dich mit den liebreichsten Worten, oft, recht oft zu kommen. Niemand drängt Dich zurück, und Du kommst dennoch nicht, oder vielleicht nur Ein Mal des Jahres. Warum nicht? Weil Du nicht schuldlos und rein bist, wie diese Kleinen waren; weil Du nicht mehr werden willst, wie sie. 255 Jesus geht ein unter Dein Dach, wenn Du auch seiner nicht würdig bist. Er spricht nur Ein Wort und Deine Seele wird gesund, aber er spricht dies Wort nicht immer gleich. Die Mutter der vom bösen Geiste besessenen Tochter hörte er Anfangs nicht, dann gab er ihr scheinbar unfreundliche Worte. Doch sie hörte nicht auf, nach ihm zu rufen. Und so sprach er: „Dein Glaube ist groß," und heilte ihre Tochter. Siehe! Du hast ihn aufgenommen in Dir, und Du fühlst nicht die Wirkungen seiner Gnade im Kampfe gegen den bösen Geist der Sünde. Du rufst ihn, und er schweigt. Du rufst nochmal und er antwortet Dir, wie jenem Weibe: „Erst müssen die Kinder, d. h. die Schuldlosen satt werden. Es ist nicht billig, daß man den Kindern das Brod, d. h. das Brod des Lebens mit seinen Gnadenwirkungen nehme und es den Hündchen, d. h. den Unreinen und Sündern vorwerfe." Wenn Du nun in Herzensdemuth antwortest, wie jenes Weib: „Ich weiß es, Herr! allein die Hündchen bekommen doch Etwas von den Brosamen ihrer Herren," dann wirst Du gewiß in Dir die Stimme Deines Mittlers vernehmen, die da spricht: „Dein Glaube, Deine Hoffnung, Deine Liebe sind groß, fest, wie Felsen, und auf diesen Felsen will ich mir eine Kirche bauen, eine Wohnstätte meiner Gnadenwirkungen bereiten. (Schluß folgt.) Ein protestantisches Zeugniß für -as katholische Ordensleben. Gegenüber den vielen Angriffen und teilweise gemeinen Ausfällen, welche besonders wieder seit neuerer Zeit gegen das Ordensleben gemacht werden, ist es gewiß nicht ohne Interesse, auch das Urtheil eines Mannes zu höreu, der sich eben so sehr durch das größte Wissen als die lauterste Wahrheitsliebe ausgezeichnet hat, — nämlich des größen sächsischen Philosophen Leibnitz. Dasselbe lautet also: „Da Jeder auf verschiedenerlei Art entweder durch Befehl oder durch Beispiel, nach Stand und Fähigkeit, die Ehre Gottes fördern und seinem Mitmenschen nützlich sein kann, so ist es offenbar, daß es nebst denen, welche als Staatsbeamte und Privatpersonen leben, zum größten Nutzen auch in der Kirche asketische und contemplative Männer gebe, die losgetrennt von allen irdischen Sorgen und abgeschält von den Vergnügungen, sich ganz in der Anschauung des göttlichen Wesens und in die Bewunderung seiner Werke versenken, oder auch aller eigenen Geschäfte entlöst, nur auf das bedacht sind, daß sie den Nöthen Anderer zu Hilfe kommen, indem sie entweder die Unwissenden und Irrenden belehren, oder den Dürftigen und MülMjgm beistehen, und dies ist nicht die geringste aus den Eigenschaften, welche jene Kirche empfehlen, die allein den Namen und das Kennzeichen der Katholicität zu jeder Zeit behauptete und in der wir allein die hehren Beispiele der herrlichsten Tugenden und des ascetischen Lebens allenthalben glänzen und sich fortpflanzen sehen. Ich gestehe also, daß ich allzeit die klösterlichen Vereine, die frommen Confraternitäten und Gesellschaften und andere dergleichen lvbenswürdige Anstalten vorzüglich gebilligt habe, denn diese sind gleichsam eine Himmelsmiliz auf Erden, wenn sie nur, ferne von Verderbniß und Mißbräuchen, nach den Satzungen ihrer Stifter regieret und vom obersten Bischof zum Nutzen der allgemeinen Kirche angewendet werden." Was sollte in der That ruhmvoller sein, als das Licht der Wahrheit durch Fluthen, Feuer und Schwerter zu den entferntesten Völkern tragen, nur mit dem Heile der Seelen sich beschäftigen, auf verschiedene Vergnügungen und selbst auf den Reiz der Unterhaltungen und Gesellschaften verzichten, um der Betrachtung der unergründlichen Wahrheiten und der göttlichen Beschauung obzuliegen, sich der Erziehung der Jugend widmen, um sie zu den Wissenschaften und zur Tugend zu bilden; den Elenden, Verzweifelten, Unglücklichen, Gefangenen, Verurteilten, I kl'... » W- 256 Kranken, im Unstath, in den Banden, in weit entfernten Gegenden Hilfe leisten, ihnen beistehen, nnd sich sogar nicht einmal durch die Schrecknisse der Pest vor ausgebreiteten Liebeswerken abschrecken lassen: „Wer dieses verkennt oder vernichtet, der hat nur einen gemeinen oder niedern Begriff von der Tugend und beschränkt in dummer Einfalt die Pflichten der Menschen gegen Gott schlechthin auf äußerliche Verrichtungen und geistlose Gewohnheiten, welche insgemein ohne Eifer und Gefühl geschehen." Der berühmte Philosoph Leibnitz denkt und urtheilt also über die Orden ganz anders, als mancher badische Professor und Landstand. Ein treu geliebter Seelenhirte. Aus Treno in der Lombardei schreibt man: Unser ehrwürdiger Pfarrer und Decan wurde am 8. Mai aus dem Gefängnisse entlassen. Die Richter in Bergamo wurden es endlich müde, den guten Pfarrer, welcher der Majestätsbeleidigung angeklagt oder vielmehr verdächtiget worden war, nach 2 und i/z Monaten gesänglicher Haft länger zu quälen, da sie nicht einmal einen Schein des angeschuldigten Verbrechens aufzufinden vermochten; sie begründeten ihr desfallsiges Erkenntniß mit dem Verwände, daß nach dem seit dem l. dieses eingeführten Gesetze es nicht möglich gewesen wäre, ihn zu verurtheilen. Wie dem nun auch sei, so kann man sich keine Vorstellung machen von der Freude der Bewohner Treno's und der Umgegend, als dieselben die Freilassung ihres Seelsorgers erfuhren; sie kamen noch denselben Abend nach Bergamo, um ihn ungesäumt zurückzuführen, mußten aber bis zum nächsten Tage ihr Vorhaben aufschieben, welche Zeit sie indeß benützten, um geeignete Vorbereitungen zu treffen, den Empfang noch glänzender und feierlicher zu machen. Lange vor der Wagen in Treno anlangte, waren alle Glocken in Bewegung und die Landleute gaben Feuersalven mit Flinten, Pistolen, Böllern, kurz mit Allem, was sie eben zur Hand hatten. Bis eine Meile von dem Flecken war das Volk dicht an der Straße geschaart, so daß der Wagen bei seiner Ankunft nur im Schritte vorwärts kommen konnte. Ein Jeder wollte seinen Pfarrer zuerst sehen und ihm die Hände drücken, und Alles schrie ohne Aufhören: „Es lebe unser Pfarrer!" „Es lebe die Unschuld!" rc. Als man endlich zum Pfarrhause gelangte, sah man die Unmöglichkeit in das Haus zu gelangen; denn dasselbe, der Garten, die Bäume, Alles war dicht mit Menschen besetzt. Die Priester des ganzen Decanats, welche ihrem Vorstand entgegengeeilt waren, führten ihn also in die Kirche, wo ein „Gott Dich loben wir" angestimmt und hierauf mit dem allerheiligsten Sacramente der Segen ertheilt wurde. Als die Feierlichkeit geendet war, wollte Niemand die Kirche verlassen, denn die Gemeinde wünschte, der Pfarrer möchte noch die Kanzel besteigen und einige Worte an sie richten. Allein der gute Decan war so gerührt von dem herzlichen Empfange, daß er nichts hervorzubringen vermochte: da bestieg nun ein anderer Priester die Kanzel, nnd hielt eine vortreffliche Ansprache von den Tröstungen, welche Gott denen bereitet, die für die Religion Leiden und Trübsale erdulden. Die braven Leute weinten vor Rührung, so daß der Redner inne halten mußte, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Endlich verließen sie die Kirche, umringten aber den Pfarrer und verließen ihn nicht eher, bis ihm Jeder die Hand geküßt hatte. So wurde der gute Seelsorger für mehr als zweimonatliche Gefangenschaft und Trübsal im reichsten Maße durch die Liebe seiner Psarrangehörigen an einem einzigen Tage entschädigt. Redaction un» Verlag: vn. M. Huttler. — Druck von I. M. Aleinlc. 12. August 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) V. Brief des 1'. Klüber. Picada dos duos Jrmaos, im November 1858. Wie wir am 27. Juni glücklich hier angelangt sind, werden Sie schon vernommen haben. Wir fanden ein weites, weites Feld, das noch manchem apostolischen Arbeiter, den sein Eifer nach Südamerika hinzieht, Raum, Beschäftigung und Beschwerden bietet. Ich hoffe auch, daß der Boden in religiöser Beziehung mit der Zeit eben so ergiebig sein wird, als er es im Pflanzenreiche ist. Von der erstaunlichen Fruchtbarkeit habe ich mich selbst überzeugt, als ich die Plantagen besuchte. Aus Einem Roggen- oder Weizen- oder Gerstenkorn habe ich 30, äO, 60 und noch mehr große volle Aehren mit ihren Halmen aufgesprossen gezählt. Das sogenannte Milienkorn trägt das <100- bis 500 fache. Dazu jährlich mehrere Ernten. Der Mangel an leichten Communicationsmit- teln hindert die Colonisten, ihre Producte besser zu verwerthen. Aller Transport geschieht durch Pferde und Maulthiere. Aber ein kleiner deutscher Knabe zu Pferd an der Spitze und seine kleine Schwester zu Pferde im Nachtrab reichen hin, um die längste Karawane meilenweit über Flüsse und Berge zu comman- diren. Ueberhaupt können hier schon die kleinen Kinder bei der Arbeit behilflich sein, da außer dem Waldhauen, das sehr beschwerlich ist, verschiedene der übrigen Arbeiten leicht und gesund sind; aber alle müssen fast nur durch Menschenhand verrichtet werden. Das Klima, obwohl einen guten Theil des Jahres sehr warm, ist doch in der Provinz Rio Grande für die Deutschen so ausnehmend gesund, daß es unter ihnen beinahe keine Krankheiten gibt und sie trotz der Arbeit sehr alt werden, an die hundert Jahre und darüber. Alle Ritte die ich zu den Kranken mache, bestätigen es. Außer den Kindern, die etwa in ihren ersten Jahren verscheiden, sterben die Andern ungefähr nur vor Alter, oder durch ein äußeres Unglück. Wie viele Achtziger, Neunziger habe ich schon gesprochen, welche die Zahl ihrer Kinder und Enkel nicht zusammenbringen können, indeß sie selbst noch ganz rüstig wie ein Vierziger alle schwere Arbeiten verrichten. Die schon mehrmals mit den letzten heil. Sakramenten Versehenen wollen garnicht sterben und stehen oft den andern Tag wieder in der Plantage. Hätten einmal die Gottesfurcht und der heil. Glauben in den einzelnen Familien Wurzel gefaßt, so würde bei dem patriarchalischen Leben, und dem Mangel äußerer Gelegenheiten Das Gute sich leicht erhalten und fortpflanzen. Die Protestanten sind hier größer an Zahl und mächtiger an Einfluß, was daher rührt, daß viele Katholiken ganz arm herkamen; Loch auch diese können, wenn sie arbeitsam sind, nicht nur der drückenden Noth entgehen, sondern selbst wohlhabend werden. Nur Eine bittere Noth verkümmert allen Verständigen ihr sonstiges irdisches Glück; das ist der Mangel an guten deutschen katholischen Schulen, um die Nachkommen christlich zu erziehen. Da hier Lehrfreiheit herrscht, könnten wir sogleich beginnen, wenn wir nur tüchtige Lehrer hätten. Aber woher anders, als von Deutschland können wir solche erwarten? Ich bin überzeugt, daß da mancher tugendhafte Lehrer edelmüthig genug sein wird, um dem Zuge der Gnade hieher zu folgen. Aber entschieden für seinen Lehrerberuf muß er sein, damit er voll Eifer die verlassenen deutschen Kinder für die Religion und den Himmel rette und nicht Gefahr laufe, seinen Lehrerstand bei einem lockenden Vortheil ganz aufzugeben, um wie die Anderen nur den Boden zu cultiviren; obwohl es allerdings gut wäre, wenn er in beschränktem Maße für sich Oekonomie betreiben könnte. — Haben wir einmal etwas weiter vorangearbeitet, dann hoffen wir auch aus die Erziehung der weiblichen Jugend eine sorgsamere Pflege verwenden zu können durch deutsche Klosterfrauen, für die in unsern Picaden ein Klösterchen erbaut werden müßte, mit einem Schul- und Erziehungshause zur Heranbildung der jungen Mädchen in allen weiblichen Arbeiten und Tugenden. Denn wachsen diese unwissend und verwildert auf, wie geht es dann mit der Religion? Die große Entfernung vieler Colonisten, die sich tief im Urwald angesiedelt haben, von Kirche und Priester hemmt ebenfalls das Aufblühen der katholischen Religion. Wir müssen es den guten Leuten in so fern erleichtern, daß wir von Zeit zu Zeit entweder die einzelnen Ortschaften besuchen, oder uns an irgend einem Mittelpuncte, wohin sie von verschiedenen Seiten kommen können, länger aufhalten. Letzteres habe ich neulich versucht, indem ich mehrere Wochen aus dem Buckerberge verweilte und während der Zelt Missions-Uebungen vornahm. Einen genaueren Bericht über dieses erste Unternehmen werde ich Ihnen nächstens abstatten. — Der eben erwähnte Uebelstand würde schon durch Errichtung guter katholischer Schulen auf verschiedenen Puncten bedeutend vermindert. Hierzu kommt aber noch eine Noth, die gerade wegen der zweifachen genannten noch fühlbarer wird, da sie eben deshalb nachtheiligere Folgen hat, nämlich der Mangel an guten katholischen Büchern. Wir brauchen nothwendig Tausende von Katechismen, biblischen Geschichten, Gebet- und Gesangbüchern, sodann Erklärungen des Katechismus und der Evangelien, Leben der Heiligen und andere nützliche Werke zur Belehrung und christlichen Erbauung. Welch ein kräftiges Mittel hätten wir hierin, um der Unwissenheit und' Verwilderung so vieler uns anvertrauten Seelen zu steuern! Wie eifrig würden es unsere guten Deutschen benutzen, denen in ihrer Waldeinsamkeit ein gutes katholisches Buch ein willkommener Freund wäre! Sie haben wirklich einen Heißhunger darnach, und wären bereit, auch die ärmeren, große Opfer zu bringen. O wüßte das manche edle Seele in Deutschland: wie Viele würden nicht bereitwillig ihren katholischen Landsleuten in Brasilien zur Erlangung eines so nothwendigen und heilsamen Mittels hilfreiche Hand bieten. Ach! muß denn überall das Böse dem Guten voraneilen; muß denn Las Gift vor der gesunden Nahrung gereicht werden? Es ist unglaublich, was von Deutschland aus, namentlich in den Seestädten zur Verbreitung schlechter Bücher geschieht. Schon in Hamburg, Bremen u. s. w. werden den unwissenden Auswanderern die gottlosesten und schändlichsten Bücher, Romane, Traktätleiu zugeschoben. In Masse werden solche verpestete Schriften hierher geschickt, und unter den Protestanten bestehen ganze Leihbibliotheken; ja bis ganz in den Urwald hinein habe ich in den Händen der Katholiken die abscheulichsten Bücher gefunden. O! darf man es da dem katholischen Missionair verargen, wenn er mit blutendem Herzen seine klagende und flehende Stimme über die Meere schickt? 259 Ich weiß, wie innig Ihr liebevolles Herz unsere Noth und meinen Kummer mit mir suhlt, und wie gerne Sie helfen möchten, wenn Sie könnten. Um Eines bitte ich Sie aber dringend, unterstützen Sie mich, Ihren schwachen Mit- bruder, mit Ihrem Gebete, damit sich Gottes unendliche Barmherzigkeit zu unsern deutschen Gemeinden Herabneige. Bonifacius Klüber, 8. 5. (Fortsetzung folgt.) Christus in der heiligen Communion. (Schluß.) 0. Gläubige Seele! Du schauest und genießest in der Brodgestalt Deinen göttlichen Mittler, welcher sich einst seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in seiner Gottverklärung auf dem Berge zeigte. Diese Apostel genossen nur mit dem Auge, was Du mit dem Auge, der Zunge, dem Herzen genießest. Und dennoch waren sie durchschauert von heiliger Gottesfurcht. Warum bist nicht auch Du durch- bebt von dieser heilwirkenden Furcht, durchglüht von der innigsten Liebe zu Gott, welche beide Anfang und Ende der Weisheit bilden? Denn wisse: Jene empfanden nur die Herrlichkeit, Du aber verkostest auch die Lieblichkeit des Herrn. — Petrus sprach zu Jesus: „Herr! hier ist gut sein" und er wollte ihm mit seinen beiden Freunden eine Hütte bauen. Jesus hat schon aus Deinem Herzen nicht eine Hütte, sondern einen Tempel für sich erbaut, als er Einkehr bei Dir hielt. Was willst Du nun thun, ihn in diesem Tempel festzuhalten? denn: „Wo der Herr ist, da ist gut sein." Zachaus, welcher ein sündiger Zöllner gewesen war, sagte zum Herrn, als dieser ihm versprach, in seinem Hause einzukehren: „Herr! mein halbes Vermögen gebe ich den Armen, und, wenn ich Jemanden betrogen, erstatte ich es vierfach zurück." Siehe! Jesus kehrt auch in Deinem Herzen ein. Warum willst Du nicht arm werden im Geiste, damit Deiner das Himmelreich sei? — Um unzählige Stunden hast Du deinen Heiland betrogen, und sie der Welt geopfert. Willst Du von nun an auch nur den vierten Theil dieser Zeit Deinem Mittler in frommen Tugendübungen widmen, und ihm so Einiges von dem zurücker- erstatten, was ihm gehört? Schon siebenzig Mal sieben Mal hast Du deinen Erlöser und dein Herz betrogen. Willst Du es ihm auch nur ein einziges Mal ganz und ungetheilt zu eigen geben? Jesus kommt zu Dir im heiligen Abendmahle, Er, der den Blindgeborncn wieder sehend gemacht. Dich Blindgebornen hat er in der heiligen Taufe von der Blindheit der Erbsünde geheilt, Dich Selbstverblendeten im heiligen Büß- gerichte von der Selbstverblendung. Nun naht er sich Dir, Er, das Licht, die Wahrheit und das Leben. Siehe, o Christ! den Blinden hat er nur einmal sehend gemacht, und der Geheilte ward sein Anhänger. Dich hat er schon unzählige Male geheilt. Warum willst Du ein Anhänger der Welt bleiben, die Dich wieder blind macht? Maria hat aus Dankbarkeit zu Jesus, der ihren Bruder Lazarus von den Todten erweckt hatte, die Füße des Herrn mit köstlichem Oele gesalbt, als dieser in ihrem Hause weilte, und mit der Salbung nicht bis zum Bcgräbnißtage des göttlichen Menschenfreundes gewartet, wie sie anfänglich gewollt. Erblicke hierin, o Christ! ein Beispiel zur Nachfolge! Du willst Jesum mit den Thränen Deiner Reue, mit dem Oele Deiner Tugendübungen nicht eher benetzen, als bis dessen Todes- und Auserstehungsfeier wiederkehren, d. h. zur österlichen Zeit, wo Jeder die heiligen Sacramente empfangen muß. O warte nicht! Vielleicht mehr, als Maria, hast Du dem Heilande zu danken. Maria's Bruder hat er nur Ein 260 Mal vvm leiblichen Tode erweck!. Wie oft hat er Dich schon vor dem Tode der Seele, des Leibes bewahrt? Dies nun, o Mensch! sind einige der Empfindungen, welche sich Dir aufdrängen müssen, wenn Du Jesum Christum im heiligen Altarsaeramente als Kind, als Lehrer in Wort und Wandel betrachten willst. Welche heiligen Gefühle müssen Deine Brust durchschauen:, wenn Du Deinen Heiland als Mittler zwischen seinem himmlischen Mater, dem Reinen, und Dir und Deinen Mit- Lrüdern, den Unreinen, als Sühnopfer für fremde Schuld auffassen willst! die Vermittlung und das Sühnopfer sind es ja, welche in diesem hochheiligen Gnadenmittel ihre Bethätigung und unblutige Erneuerung finden. Wie lehrreich ist die Betrachtung von Jesu und seinem Verräther, da wir in ihr so ganz das Bild einer ungiltigen Deicht und unwürdigen Communion enthüllt sehen? Nicht offen warnte Christus den Verräther, nur im Geheimen warnte er ihn mit liebevoller Stimme. Und dasselbe thut er heutzutage mit Dir durch den Mund Deines Beichtigers. Warum nun heuchelst Du im Beichtstühle den Bußfertigen, während Du eine schwere Sünde verschweigst, da es Dich doch Nichts fruchtet? Unglücklicher! So verrathe denn Deinen Heiland! Wie Judas den Bissen genossen, iß Du dir das Gericht und geh hinaus in die Nacht und Finsterniß der Sünde! Du empfängst Jesum im Geheimnisse seines göttlichen Leibes und Blutes, ihn, welcher seinen drei geliebten Jüngern am Oelberge zugerufen: „Nicht einmal Eine Stunde könnet Ihr mit mir wachen? O wachet und betet, damit Ihr nicht der Versuchung unterlieget!" Allein die Jünger schliefen: dennoch wieder ein. Siehe! diese Jünger hingen Christo, Du hängst der Welt an. Diese Jünger waren gleich Dir kurz zuvor durch den Genuß des beiligen Abendmahles geftärl: worden. Sie konnten keine Stunde wachen. Glaubst Du dein:, eine einzige Minute wachen zu tonnen, wenn Du nicht beständig um die Gnade Gottes stehest? Als der göttliche Dulder von den Häschern und Dienern des hohen Rathes gefangen genommen werden sollte, zeigte er seine Allmacht, die nur freiwillig die Verfolgungen und Qualen der Ohnmächtigen über sich ergehen lassen wollte, dadurch, daß auf sein einfaches Wort: „Ich bin es!" Alle zu Boden stürzten. Siehe! auch Dich könnte seine Allmacht augenblicklich zu Boden stürzen oder tödten, wenn Du durch den unwürdigen Genuß des heiligen Abendmahles noch einmal seine namenlosen Qualen und Leiden über das göttliche Osterlamn: verhängest. Allein seine Langmuth, welche nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, duldet nochmals freiwillig die Qualen und Martern. Der Herr ist zwar ewig, aber auch in seiner Langmuth gegen Dich? Wir empfangen Jesum in der heiligen Hostie, welcher zu Annas sprach: „Was fragst du mich über meine Lehren? Frage meine Zuhörer! Sie wissen es, was ich gelehrt." Siehe! Dein Erlöser in höchst eigener Person, mit Fleisch und Blut kommt zu Dir im heiligen Abendmahle. Warum forderst Du, daß er auch noch unmittelbar aus seinem göttlichen Munde seine heilige Lehre Dir verkünde? Glaube doch den Lehrern, die er gesandt hat, den Büchern, die unter Eingebung des heiligen Geistes niedergeschrieben worden sind. Willst Du aber auch diesen keinen Glauben beimessen, o so glaube dem Schauer und der Süßigkeit, welche Dein Herz durchdrungen nach dem Empfange des allerheiligsten Leibes und Blutes! Dieser Schauer, diese Süßigkeit verkünden Dir die Erhabenheit und Lieblichkeit eines Gottes, welcher es nicht verschmäht hat, in einem menschlichen Herzen Wohnung zu nehmen. Merke auf, o Christ, wie tief Dich Judas, der Verräther, beschämt. Als er das Todesurtheil seines verrathenen Herrn und Meisters vernahm, wollte er ihn noch retten. Er bekannte den Hohenpriestern, daß er einen Unschuldigen ver- 261 rathen habe, die aber verlachten ihn, und so verzweifelte er und nahm sich das Leben. Nun frage Dein Herz! Reut es Dich, durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland dein Gerichte der Menschen von Neuem, oder empfindest Du Reue, Dich dem ewigen Gerichte überliefert zu haben, wenn Du überhaupt Reue fühlst? Wie tief Du aber auch in dieser Beziehung unter Judas stehst, in anderer Weise kömmst Du ihm oft völlig gleich. Wenn Dich nämlich die Welt und die Sünde verlassen haben und Du Deine verkaufte Unschuld zurückfordern willst, und die Welt Dich verlacht und verspottet, dann verzweifelst Du an Dir selbst und, anstatt Trost zu suchen im wirklichen oder auch nur im geistigen Genusse des hochheiligsten Leibes und Blutes, nimmst Du Dir zwar nicht, wie Judas, das zeitliche, aber doch auch das ewige Leben. Als Pilatus das jüdische Volk fragte, ob er Christum, den Schuldlosen, oder Barrabas, den Mörder, freigeben solle, schrie die Masse: „Den Barrabas gib frei, Christum aber kreuzige!" Und Du, mein Christ! nachdem Christus in Dein Herz Einkehr gehalten, wenn die Leidenschaft es wieder heimsucht mit ihren Anfechtungen, rufst nicht selten, wenn auch nicht in Worten, doch in Werken: „Hinweg mit Christus! an's Kreuz mit ihm! der Sünde aber volle Freiheit über meine Seele!" Und Christus ist doch rein und schuldlos, die Sünde aber nicht, wie Barrabas, ein Aufrührer gegen irdische Gesetze, ein Mörder des Leibes, sondern ein Empörer gegen göttliche Gesetze, ein Mörder der Seele. Sieben Todsünden sind es vorzüglich, welche die Sittenlehre als das Gepräge unserer Hauptleidenschaftcn darstellt. Sie sind: Die Hosfart, der Geiz, die Unkeuschhcit, der Neid, die Unmäßigkeit, der Zorn und die Trägheit. Für jede dieser Sünden mußte der Erlöser eine eigene Marter dulden. Der Geiz beraubte ihn seiner Kleider, die Unkeuschheit geißelte ihn, die Hoffarth drückte die Dornenkrone auf sein Haupt, gab ihm den rothen Mantel um die Schulter und das Rohr in die Hand. Die Trägheit ließ Jesum selbst das Kreuz auf den Calvaricnbcrg tragen; der Zorn ließ ihn zwischen zwei Missethätern kreuzigen, auf daß er in dem Ausrufe: „Vater! verzeih ihnen! Sie wissen nicht, was sie thun!" das schönste Vorbild der Sanftmut!) uud Feindesliebe gebe. Neid und Mißgunst zogen dem göttlichen Dulder den Spott eines mitgekreuzigten Verbrechers zu, der im schadenfrohen Bewußtsein, einen Leidensgefährten zu haben, seiner eigenen Dualen halb vergaß. Die Unmäßigkeit reichte dem am Kreuze Blutenden einen Schwamm, mit Essig gefüllt, als er ausrief: „Mich dürstet!" Nun, o Christ, würdest Du einem Menschen eines dieser Leiden auch nur innerlich auwünschen, selbst wenn er Dein Feind wäre? Und Deinem Heilande, Deinem besten Freunde, wünschest Du nicht nur solche Leiden, sondern Du fügest sie ihm selbst zu, indem Du ihn in Dein Herz aufnimmst und den kaum Aufgenommenen Deiner Hoffarth, Deinem Zorne, oder welcher einer von diesen Todsünden von Neuem preisgibst. Du, o moderner Christ, der Du nur alle Sonntage der raschgelescnsten Messe beiwohnst, jährlich nur Ein Mal zur heiligen Beicht und Communion gehst, und Deine Barmherzigkeit nur in wohlthätigen Vereinen und zu milden Zwecken veranstalteten Vergnügungen öffentlich zur Schau trägst, erblicke in Pilatus das vollkommenste Ebenbild Deiner selbst! Dieser römische Landpfleger wusch sich die Hände und rief: „Ich bin unschuldig an diesem Blute!" Er erkannte die Hoheit und Würde, die Anmuth und Reinheit des Gottmenschen und ließ ihn doch zum Tode führen. Und Du, moderner Christ! erkennst nicht auch Du die Heiligkeit und Schönheit Deiner Religion, die Lieblichkeit Deines geopferten Erlösers und bleibst dennoch lau, also weder warm, noch kalt? In dieser Lauheit nun willst Du Jesum in Dir aufnehmen, welcher ein liebeglühendes Herz verlangt. Oberflächlich erforschest Du Dein Gewissen, welchem Du ein ganzes Jahr Schweigen auferlegt hast, kennst keine Neue über das Böse, keinen Vorsatz zum Guten, beichtest ungültig, überlieferst durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland von Neuem dem Kreuzestode, und, nachdem Du ihn gekreuzigt, schreibst Du an's Kreuz: „Dies ist der König der Wahrheit!", wie einst Pilatus geschrieben: „Dies ist der König der Juden!" Warum thust Du dies Alles? Wie Pilatus nicht mit dem römischen Kaiser und den Juden, möchtest du es nicht mit der Welt verderben. Darum handelst Du gegen Einsicht und Gewissen und glaubst, Deine Hände in Unschuld waschen zu können, wenn Du Deine Lauheit dem Dränge der Geschäfte, dem scheinbar Nachahmungswerthen Vorbilde sogenannter Ehrenmänner zuschreibst. Wasche, wasche nur zu! das schuldlos vergossene Blut bleibt an Deinen Fingern kleben, und die Flammen der Hölle werden es nicht austilgen können. Du genießest Jesum im heiligen Abendmahlc, welchem Joseph von Ari- mathäa und Nicodemus ein ehrliches und köstliches Grab bereiteten. Frage Dein Herz, ob es nicht schon oft eine Richtstätte, ein Grab für Verbrecher gewesen war, in welches Du den empfangenen Heiland legtest? Aus dem Grabe des Joseph ging Jesus verherrlicht zu neuem Leben hervor. Aus Deinem Herzen aber wird er entweichen, beschmutzt, entweiht vcrunehrt. Kurz vor seiner Himmelfahrt äußerte sich der göttliche Erlöser gegen seine Apostel und Jünger: „Ich bin alle Tage bei Euch bis an's Ende der Welt." Auch bei Dir, mein Christ, der Du ja auch sein Jünger und Nachfolger sein sollst, würde er alle Tage bleiben bis an's Ende Deines Lebens, wenn Du ihn nur würdig empfangen und bewahren wolltest. Dieser Jesus alio wird in der heiligen Kommunion empfangen. Wer aber sind die Empfangenden? Wenn du dies, mein Christ! aufrichtig erwägest, dann mußt Du an Dein Herz schlagen und ausrufen: „O mein Herr! Ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, sondern sprich nur Ein Wort, und meine Seele wird gesund." Der Gang der Volksbildung in unfern Tagen. Die Grundlagen der Volksbildung sind: die häusliche Erziehung, der Schulunterricht, die Religiouslehre im Vaterhause, in der Schule und in der Kirche, die Geschästslehre, der Verkehr mit der Welt oder mit den jeweiligen Umgebungen, das Bücherlesen, der Verkehr mit sich selbst. Die erste, die wichtigste, die entscheidendste Sorge für das hilflose Geschöpf, das einst Mensch im vollen Sinne des Wortes, das einst Staatsbürger werden soll, hat dev Allgütige in die Hand, in das Herz der Mutter gelegt. Die ersten zwei, drei, vier Jahre des Kindes sind fast ausschließlich der Mutter überlassen; die Eindrücke, die Gefühlsrichtungcn, die es da empfängt, sind in den meisten Fällen entscheidend für das ganze Leben. Unser Geistiges wird theilweise so sehr durch unser Körperliches bestimmt, daß wir später nur sehr schwer den Neigungen und Leidenschaften uns erwehren und entringen können, die wir, so zu sagen, mit der Muttermilch eingesogen haben. Tritt nach und nach entscheidender, etwa nach dem vierten Jahre, der Einfluß des Vaters hinzu, wenn er sich überhaupt um die Erziehung der kleinen Wesen bekümmert, so ist schon Vieles oder Alles gewonnen, Vieles oder Alles verloren. Wir setzen hier immer voraus, daß wenigstens einige Eintracht unter den Gatten herrsche, die Ehe eine ziemlich glückliche sei. Doch man kennt unsere Zeit! „Die Kinder sind stolz, hochfahrend, zornmüthig, neidisch, neugierig, eigennützig, träge, flatterhaft, furchtsam, unmäßig, lügnerisch, heuchlerisch, sie wollen nichts Uebles leiden, thunes aber gern Anderen," sagte einer der größten Men- 263 schenkenner im siebenzehnten Jahrhundert. Diese Fehler, deren Quelle in der körperlichen Trägheit, in dem Streben nach Bequemlichkeit, nach Ueberlegenheit und Herrschaft liegt, zu beseitigen, zu überwinden, an ihre Stelle die entgegengesetzten Tugenden einzupflanzen, kostet Thätigkeit und Kampf, und das ist vorzugsweise Aufgabe der häuslichen, vorzugsweise der väterlichen Erziehung. Hat nun die Mutter derlei Fehler einwurzeln, um sich greifen, erstarken lassen, so wird das Bemühen des Vaters, ihnen entgegen zn wirken, wenn nicht gute Anlagen vorhanden sind, ein äußerst schwieriges sein. Wir reden hier vom Volke, vom Nährstande. Wir reden von der Kindheit des Knechtes, des Ackerbauers, des Häuslers, des einfachen Grundbesitzers auf dem Lande; des Taglvhners, des Dieners, des Arbeiters, des Handwerkers, des Schreibers, des Unterlehrers in der Stadt. Das Kind hat nun das schulpflichtige Alter erreicht. Dieses fällt bald nach Umständen, bald nach dem Willen der Eltern zwischen das sechste und siebente Jahr seines Lebens. Der Eintritt in die Schule ist ein kleines Vorbild seines Eintrittes in die Welt. Der Kreis seiner Umgebungen, seiner neuen Bekannten und Lehrgenossen ist ein weit größerer als der seiner bisherigen Spielgefährten, da sind reifere und minder reife, lustigere und stillere. Seine Vorgesetzten sind ihm neu und fremd, sie haben nicht den Ton des Vaterhauses, sie haben einen Ton, in den das Kind sich erst finden muß, wenn es sich nur hineinfinden kann, was jedoch in der Regel bald geschieht. Allein mit welcher Vorbereitung tritt das Kind in die Schule? was ist geschehen, um es auf seiner Huth zu erhalten vor bösen Gesellen? denn es ist so unmöglich als unklug, dasselbe immer am Gängelbande führen zu wollen. Was geschieht, um seine sittlichen wie seine geistigen Fortschritte wahrzunehmen, wir wollen nicht sagen, zu überwachen? Wenn hier nicht die häusliche Erziehung immer Hand in Hand mit dem Schulunterrichte geht, so wird der letztere, in der Regel, nur geringe Früchte tragen. Es hat im Volke achtungswürdige Mütter gegeben, und es gibt deren gewiß noch viele, welche in dieser Beziehung höchst Ersprießliches leisten. Nun aber auch zur Schattenseite. Es gibt leider! jederzeit Eltern, welche, der eine Theil oder der andere, oder auch beide, die Kinder als eine Last betrachten, und sie nähren, weil es eben sein muß, ohne weder um ihre gegenwärtige, noch um ihre künftige Ausbildung sich zu bekümmern; Eltern, die von den Anstalten zum Unterrichte der Jugend, und von den Männern, die an denselben sich verwenden, mit Geringschätzung und noch schlimmer sprechen: wie läßt sich erwarten, daß Kinder solcher Väter und Mütter gehörig vorbereitet seien zum Eintritt in eine Schule, daß sie von dem Besuche derselben den entsprechenden Vortheil ziehen. Aber so wunderbar sind die Wege der Vorsehung, daß auch Söhne solcher Eltern bisweilen und ausnahmsweise vortrefflich gediehen sind. Bewundern wir die Gnade des Allgütigen, welche mitwirkt, sobald der Mensch will. Die Dauer des Schulbesuches ist fünf, sechs, sieben Jahre; bald unterbrochen, bald ununterbrochin; der Erfolg ist bedingt durch Talent, Fleiß und häusliche Forderung, entweder sehr gut, gut, mittelmäßig, schwach oder schlecht, das heißt unter Null; Mancher bringt sogar noch Uebleres heim, als er hineingebracht hat, was dann ungerechter Welse der Schule zur Last gelegt wird. Die Jahre des Schulbesuches sind vorüber. Der austretende Schüler, die austretende Schülerin soll lesen, schreiben, rechnen können, und das Wesentlichste der Religionslehre wissen. Zur Erhaltung nnd Befestigung dieses Wissens sind Wicderholungsschulen eingeführt. (Schluß folgt.) 264 Die sterbende Nonne. * Als eine Nonne, welche wie eine Heilige gelebt hatte, auf dem Sterbebette lag, ward sie von einer frommen Mitschwester gefragt, welche wohl die drei schönsten Stunden ihres Lebens gewesen wären. Die erste — erwiderte sie — war jene, in welcher ich das erste Mal das hochheilige Altarsacrament empfing. Ich fühlte innerlich, wie mein Jesus sich mit mir vereinigte. Denn ich besaß damals ein reines schuldloses Herz, wie niemehr in meinem späteren Leben. Die zweite glücklichste Stunde war jene, in welcher ich das Gelübde des ewigen Gehorsams ablegte. Da wußte ich, daß ich mich nun ganz und unge- theilt meinem Jesus scheuten mußte, wie sich Jesus schon so oft ganz und ungeteilt mir geschenkt hatte im heiligen Abendmahle. Ich begriff, daß mein Leben von diesem Augenblicke an ein ununterbrochenes Streben sein müsse nach steter, immer fester werdender Vereinigung mit Jesu. Ob die dritte, wichtigste Stunde meines Lebens auch die schönste desselben bilden werde, weiß Gott allein, der Allbarmherzige. Es ist die Stunde meines Todes, deren Herannahen ich fühle, und ich hoffe und vertraue auf die Gnade meines Gottes, daß sie die Stunde sein werde ewiger und innigster Vereinigung mit Jesu. Zwei Jungfrauen. Als man die heil. Euphrasia in ein Haus der Sünde bringen ließ, auf daß sie dort durch Gewalt verlöre die jungfräuliche Keuschheit, folgte ihr ein frecher Soldat, die Gelegenheit zu nützen. Die Jungfrau war klug; sie hatte ein Fläschchcu voll Oel bei sich und sagte zu dem Soldaten also: Mit der Bedingung, daß du von deinem Vorhaben abstehest, will ich dir ein gewisses Oel geben; wenn du damit bestrichcn in's Feld ziehst, wirst du von den Feinden nicht verwundet werden können. Und willst du vich von der Kraft des Oels überzeugen, so sieh meinen Hals, damit bestrichen, mache den Versuch mit deinem Schwerte und zwar mit aller Gewalt. Der Soldat that es und entlud einen Streich, so gewaltig er konnte. Das Haupt der Heiligen sprang vorn Rumpfe, der Leib fiel enseelt zu'Boden, doch die jungfräuliche Reinheit blieb aufrecht stehen und unversehrt. Das war die Jungfran Euphrasia von Antiochia. * Aehnlich ist die Geschichte der heil. Digua von Aquiläa. Nachdem Attila, der König der Hunnen, sich diese Stadt unterworfen, wurde die Heilige als Beute einem Anführer zu Theil, der sie des theuersten Kleinodes berauben wollte, das sie als solches Christo geweiht hatte. Jener befand sich mit den Seinigen in einem Thurm, welcher am Flusse Natizon lag; zur Sünde von ihrem Gebieter aufgefordert, ersuchte sie ihn — ohne zu thun, als wenn sie in sein Begehren nicht einwilligen wollte, er möchte mit ihr die höchste Stelle des Thurmes, als den einsamsten Ort, besteigen. Sie gehen hinauf, und sobald sich dort Digna steht, da spricht sie zu dem Barbaren sich wendend, der ihr nachkam: Wenn du mich besitzen willst, so folge mir nach! und mit diesen Worten stürzte sie sich in die brausenden Fluthen, wo sie ihre Keuschheit mit dem Tode rettete. O ihr heiligen Jungfrauen! ihr seid würdig, daß man eurem Muthe zwei ewige Denkmale im Tempel der Tugend errichte! Beide seid ihr noch reiner aus der Gefahr für eure Reinheit hervorgegangen — die eine durch Blut, die andere durch Wasser! Redaction uu» Dcrlug: Or. M. Huttlcr. — Druck vou I. M. Äleinle. AiizMgtt SmtlllMtt. L4. 19. August 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Nugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) Vl. Brief des 1>. Kellner. Picada da Sän Jose, im October 1858. Wenn ich nicht auf Missionsreisen bin, wohne ich hier bei I>. Sedlak in dem stillen Häuschen, wohin weder weltliches Getümmel, noch weltliche Nachrichten dringen. Und wir bedürfen deren auch nicht, da wir ja den lieben Gott besitzen, der uns in brüderlicher Liebe vereint erhält und desto mehr himmlischen Trost uns ertheilt, je weniger wir menschlichen verkosten. Auch Bruder Ruhkamp sollte uns beigesellt werden, hatte aber noch auf den Stationen des k. Lipinski einige Arbeiten zu vollenden, die der andere dort wohnende Bruder, Anton Sonntag, nicht allein vollbringen konnte. Vor Kurzem besuchte uns der Obere der ganzen Mission, ?. Sato von Montevideo und hinterließ uns sehr heilsame Vorschriften, um in verschiedenen eventuellen Lagen so genau wie möglich unsere heil. Regeln beobachten zu können, wofür wir ihm zu innigem Danke verpflichtet sind. Unlängst traf ich auf meiner Missionsreise viele französische Familien aus dem Canton Freiburg in der Schweiz, welche die heil. Sacramente zu empfangen wünschten. Wie freute ich mich, als sie mit sichtbarer Rührung von den Patres sprachen, die sie in der Schweiz gekannt, und von denen sie geistliche Hilfe empfangen hatten. Bald werde ich sie wieder besuchen. Westphalen habe ich hiernach nicht angetroffen, ausgenommen einen Arzt aus Billerbcck, dessen Frau aus Münster ist. Er besuchte uns auf unserer Durchreise in Porto Alegre, wo er wohnt. Die dortigen Patres rühmten ihn uns als einen geschickten Arzt und beide als sehr eifrige Katholiken. Trotz der weiten Entfernung ist dieser Herr unser nächster Arzt. Wir wären daher übel berathen, wenn wir nicht den lieben Gott und die heil. Engel zu Beschützern unserer Gesundheit hätten. Unter so liebreicher Obhut aber wurden wir diese vier Monate im besten Wohlsein erhalten. Ich befinde mich frischer und stärker, als in Europa. Die gefürchtete Hitze habe ich bisher nicht verspürt, wohl aber litt ich im Juni, Juli und August von der Kälte, namentlich auf der Seefahrt von Rio-Janeiro hierher und hier in den naßkalten Regennächten besagter drei Monate. Es kam mir bisher selten wärmer vor, als zu Münster im Monat Mai. tleberhaupt scheint es auf dieser südlichen Hemisphäre kälter zu sein, als auf der nördlichen. Die Missionaire, die etwa um das Cap Horn nach Chile segeln, sollen sich gut mit warmen Kleidern versehen, denn wie ich von V. Sato hörte, ist es da zum Erfrieren kalt. Hier im Urwalde wird die Luft jeden Tag regelmäßig zwischen 1 und 2 Uhr Nachmittags durch einen angenehmen Wind gekühlt, so daß es selbst in den heißesten Sommermonaten, December und Januar, von 3 Uhr an erträglich wird. Von 10 bis 3 Uhr flüchtet sich um jene Zeit Alles in den Schatten der Wohnungen, die von Palmen, Orangen und andern tropischen Bäumen umgeben sind. Auch die lebendigste Phantasie wird befriedigt beim Anblick der wirklich fabelhaften prächtigen Pflanzenwelt und der in dem schönsten buntfarbigen Federschmuck prangenden Vogelschwärme, die leider nicht, wie die europäischen, durch melodischen Gesang erfreuen, sondern nur durch ihr Geschrei und unarticulirtes Gezwitscher des Reiters Unmuth reizen. Dazu helfen noch die schreienden schwatz- s haften Papageien und die geschwänzten Waldbewohner, das listige, diebische Volk- lein, die vielartigen Affen. Die Thiere sind nicht so bösartig, als man es nach ^ der geographischen Lage des Landes erwarten sollte. Es gibt zwar Schlangen in Unzahl, sehr giftige, worunter besonders die ganz kleine Corallenschlange, die ^ 7 Fuß lange und armsdicke Schararak, ein boshaftes Thier, dessen Biß selten ! Rettung zuläßt, auch andere Arten, die 10 bis 16 Fuß lang sind: aber doch ! selten greifen sie den Menschen an, wenn man nicht unversehens auf sie tritt, ja alle fliehen vor ihm. Unsere Deutschen sind gegen sie in unversöhnlichem Kampfe, den sie mit Kühnheit und Gewandtheit führen, selbst Kinder und Frauen; ^ die Schlange wird entweder erschossen oder erschlagen. Gefährlicher sind die Spinnen, deren Biß tödtlich ist. Hätte ich eine gute praktische Naturgeschichte, so könnte ich manche nützliche Beobachtung machen, wohl auch einige Sammlungen anlegen. Ein seltsames Natur-Phänomen waren mir die heftigen Orkane, welche Gewittern vorangehen, so wie die mit starken Regengüssen verbundenen Gewitter selbst. Dabei zucken schreckliche Blitze und fortwährender Donner kracht und rollt, als müßte er die ganze Linie zwischen den zwei Polen durchlaufen. Dies Schauspiel dauert eine ganze Nacht, nicht selten den ganzen Tag, sogar zwei oder , drei Tage, so daß mir beim ersten Male etwas bange wurde und ich den Ausbruch eines Erdbebens erwartete, was aber, wie ich höre, in Brasilien völlig unbekannt ist. Die Provinz Rio Grande do Sul, in der unsere deutschen Picaden liegen, > gehört wohl zu den besten des großen brasilianischen Kaiserreiches und das verdankt sie gerade diesen Colonien, wo reges Leben und mit Ordnung geleitete Betriebsamkeit herrscht. Von hier aus wird sich wahrscheinlich die Cultur über die westlichen Provinzen und noch weiter verbreiten, falls nicht Anarchie den Plan vereitelt. Es ist nämlich unleugbar: nur der schmale Küstenstrich am atlantischen Meer ist cultivirt, der größte Theil des Innern von Brasilien ist noch so gut wie unbekannt und unangebaut. Größtentheils sind es Hypothesen und Phantasien, was man in Büchern europäischer Gelehrten weitläufig über Boden, Beschaffenheit und Produete des innern westlichen Brasiliens liest: denn vielleicht hat es bis jetzt Niemand vollständig bereist, am allerwenigsten jene europäischen Touristen, die sich wohl hüten, auf Maulthieren Monate lang in Sümpfen und Wäldern das Innere zu besichtigen, sondern gemächlich in den Seestädten sitzen bleiben, und ihre Feder irgend einer Partei verkaufen, von wo 1 aus ihnen dann der Bericht für das Publicum in Europa vordictirt wird. — Dreißig bis vierzig Stunden von uns entfernt im südwestlichen Theile dieser Provinz, genannt das Gebiet der A 1>88068 (Missionen), liegen die ehemaligen Reductionen, wo die Vater unserer Gesellschaft bekehrte Indianer zu Gemeinden versammelten, und noch bestehen die von ihnen angelegten Flecken: St. Borgia, St. Maria, St. Stanislaus, St. Gabriel; die schönsten Kirchen jedoch sind verfallen und die großen Glocken liegen im hohen Grase der Campos. Dieser ehemals wirklich heilige Boden, an dem für uns so theure Erinnerungen haften, wird jetzt von großen Viehheerden abgeweidet und zertreten. Aber auch diesen Gegenden scheint Gottes Barmherzigkeit wieder nahe zu sein. An den Gränzen von Paraguay, etwa 90 Stunden von hier, wohnen Indianer (Bukrer). Einer ihrer Caziken hat vor nicht langer Zeit sich an den Präsidenten der Provinz und an den Minister gewendet, mit der Bitte, ihm doch Missionaire zu schicken, und versicherte: er kenne noch einen andern Häuptling, der über 5000 Indianer herrscht, der ebenfalls gesonnen sei, Christ zu werden. Auf den Wunsch des Präsidenten ist nun einer unserer Pater unlängst hingereist, um die Stimmung und Verhältnisse der dortigen Indianer-Stämme zu untersuchen. Gott gebe, daß sich zu deren Bekehrung Alles günstig gestalte! Vielleicht würde dann mir Unwürdigen noch die Gnade zu Theil, Mitarbeiter dieses schönen Werkes zu werden. Indeß bin ich so zufrieden mit der mir angewiesenen Mission, daß, sollte ich nach meinem Tode wieder auf die Erde kommen und wäre mir die Wahl gelassen, ich abermals bitten würde, wieder nach Brasilien geschickt zu werden. Sagen Sie das doch meinen lieben Mitbrüdern in Deutschland, und fügen Sie bei, daß ich, obwohl nahe dem südlichen Eismeer, auf der westlichen Hemisphäre im dichten Urwald manchmal in meinen Gedanken nach Nordost mich wende, um mich in Ihre Mitte zu versetzen; vorzüglich aber bitten Sie alle um Gebet für mich, deun ich bedarf dessen. M. Kellner, 8. 1. VI!. Brief des Klüber. Picada dos dous Jrmaos, 30. November 1858. Am Feste des heil. Michael, unseres Kirchenpatrones, empfingen -10 Kinder, deren Unterricht ich gleich nach meiner Ankunft begonnen hatte, zum ersten Male die heil. Cominunion. Tages darauf traf unerwartet der hochw. k. Superior Jose Sato hier ein, für uns alle eine große Freude. Aber am selben Tage stellten sich auch drei Männer ein, um mich zu der für die vier deutschen Gemeinden Buckerberg, Wallachei, Theewald und Jammerthal bestimmten Mission abzuholen. So hatte ich den Trost und den Schmerz einer sehr kurzen Unterhaltung mit dem liebreichen Pater. — Es ging somit fort trotz dem Rcgenwetter aus den für die Pferde schlüpfrigen Wegen, vie steilen Berge hinauf und hinunter durch Thäler und Flüsse, hin zum ersten derartigen Missionsversuche unter den Deutschen in diesen brasilianischen Urwäldern. Ich ritt zwar mit Vertrauen auf Gott, aber auch mit Besorgniß, weil ich so viel Schlimmes von jenem leichtsinnigen Völklein vernommen, von denen Viele Jahr aus Jahr ein in keine Kirche, sondern an Sonntagen lieber auf die Jagd gingen, Viele von Unglauben angesteckt waren, so zwar, daß ? Lipinski diesen Versuch der Gnade schon zum Voraus, wenn nicht durch Worte, so doch durch Miene, als einen mißlingenden zu weissagen schien. Wir erklommen den steilen hohen Buckerberg, Berg der Wilden, weil da vor der Ankunft der Deutschen die Indianer noch hausten. Als wir die Mitte des Berges erreicht, sahen wir vor uns auf einer kleinen mit ungebrannten Baumstämmen übersäeten grünen Ebene eine artige Capelle liegen, welche die Deutschen erbaut und dem heil. Franz Taver, dem Patrone aller Missionaire, geweiht hatten. Ich stieg sogleich vom Pferde ab, um der unbefleckten Jungfrau und dem heil. Taverius mich und diesen Ansang der Missionen wie ihren Fortgang zu empfehlen mit dem sichern Vertrauen, nicht unerhört zu bleiben. Der Mann, welcher die Capelle besorgt, Nikolaus Müßniß mit Namen, den ich im Verlauf der Mission als eine sehr edle, zum Wohle dieser Gegend von Gott auserwählte Seele kennen lernte, hieß mich in seiner naheliegenden, einstöckigen, bescheidenen, aber anständigen Colonistenwohnung ein Kämmerlein beziehen. Es waren noch manche Vorbereitungen für die Mission zu treffen, ein kleiner Tabernakel zur Aufbewahrung des hochwürdigsten Gutes, eine tragbare Kanzel und Anderes zu fabriciren. Am Sonntag Morgen, gerade an demselben Rosen- kranzseste, an dem ich vor zwei Jahren mein Verlangen nach den überseeischen Missionen meinen Obern vorgelegt hatte, geschah die Eröffnung. Die Leute stellten sich ziemlich ein, aber bei Weitem nicht so zahlreich, wie man erwartet hatte; dazu Manche mit dem zum Voraus ausgesprochenen Entschlüsse, die heil. Mission nicht mitzumachen, weil es die weite Entfernung und ihre Arbeiten durchaus nicht gestatteten. Aber die Gnade des allbarmherzigen Gottes wirkte schon durch die zwei Predigten des ersten Tages und auf das viele Gebet, das man von da an überall verrichtet hat, so daß es aller Orten zu Haus bei Jung und Alt hieß: „Nein, es mag gehen, wie es will, es mag Alles liegen und stehen bleiben, ich bleibe keinen Tag zu Haus." Und wenn es einen Streit gab, so war es nur der, wer das Haus hüten müsse. Wiewohl es noch am selben Abend, die ganze Nacht hindurch und noch den ganzen Morgen bis zur Predigt in furchtbaren Güssen regnete, so daß ich, wie alle Andern, säst glaubte, es werde Niemand über die gefährlichen Uios (Flüsse) aus der Wallachei, oder dem Jammerthale, oder dem Theewald kommen, da Alle Stunden lang halsbrecherische Wege zu reiten haben; so waren sie doch beinahe Alle da, jedenfalls weit zahlreicher, als am Sonntage. Gegen die Wenigen aber, die noch ausgeblieben, übten mehrere Männer aus eigenem Antrieb ein heilsames Apostolat, indem sie nach allen Richtungen durch die Picaden bei ihren bekannten oder verwandten Mitcolonisten herumritten, die Saumseligen zur Theilnahme an der heil. Mission aufzurufen, mit der Drohung, im Weigerungsfälle alle freundschaftlichen Verhältnisse mit ihnen abzubrechen, da sie sich ihrer als katholischer Landsleute ja nur schämen müßten. Andere Männer aus dem Theewald. meistens Moselaner, brachten Werkzeuge mit, nur auf der Heimkehr sich einen kürzeren Weg über die Berge durch den Urwald zu hauen. "— Aber nach der Misston, bei einem Ausflug in den Theewald, habe ich es in eigener Person gefühlt, was das für ein entsetzlicher Weg war, den die Männer so wie die Frauen mit ihren Kindern täglich erklommen. Denn von der einmaligen Tour mußte ich mehrere Tage ausruhen, und an der abschüssigen Stelle, wo das Pferd und der abgestiegene Reiter nur Hinabrutschen können, wäre ich auf der Rückreise beinahe um's Leben gekommen, wenn mich Maria nicht beschützt. Als ich die Höhe erstiegen, sank ich ohnmächtig zu Boden. Was erst müssen diese guten Leute ausgestanden haben? Aber es scheint, sie haben in ihren Weinbergen an der Mosel das Bergklettern gut gelernt. Es würde zu lang, wenn ich beschreiben wollte, mit welch begeistertem und standhaftem Eifer alle Tage schon am frühen Morgen trotz Regen, trotz der schwierigen weiten Wegen über die Berge, durch Flüsse und Wälder alle daher geritten kamen, die kleinen Knaben und Mädchen, wie die alten Männer und Frauen, Greise, die sonst wohl kaum ihren Fuß über die Hausschwelle setzen mochten, und die Mütter mit ihren Kindern aus dem Arm zu Pferde. Und gerade Jene, die seit Jahren an Sonntagen anstatt zur heil. Messe in die Kirche zu reiten, auf die Jagd durch Berg und Wald, oder sonst zu einer unterhaltenden Beschäftigung gegangen waren, zeigten sich am eifrigsten und entschiedensten. Und wie zahlreich die Fremden sich einfanden, so freigebig und gastfreundlich benahmen sich gegen dieselben die Buckerberger Colonisten, indem sie dieselben unentgeltlich bewirtheten und die wegen Beicht oder aus anderen Gründen zurückblicken, auch beherbergten, so daß meist Jeder der umherwohnenden Colonisten gewöhnlich 20, 30, selbst 40 Gäste an seinem Tisch zu bewirthen hatte. Schon am zweiten Sonntage kamen sie im wahren Büßgänge zu Fuß aus den verschiedenen Picaden in drei schönen andächtigen Pocessionen zur Taverius-Capelle. Der Missionair ging von da aus mit einer jedes Mal durch die neu Angekom- 269 menen verstärkten Procession zum Empfang und Segen entgegen. Ein wahrhaft rührendes Schauspiel in diesem fremden Lande, die Einen von den Höhen der Berge durch die Wälder herab-, die Andern über den Fluß aus den Thälern heraufsteigen, das Kreuz und die Fahne voran wallen zu sehen, und sie so aus Herzensgrund mit ihren hellen deutschen Stimmen ihre frommen Lieder singen oder so eifrig beten zu hören, daß Berge und Thäler das Echo andächtig wieder- hallten. Wahrlich, sagte ich mir, Jesus ist eifersüchtig darauf, den Armen vor Allen das Evangelium zu verkünden und der liebe Gott wird reichliche Gnaden über so gute Seelen ausziehen. Bis auf Einen, der das Heilmittel von sich wies, legten Alle ihre Beicht ab und mit welcher Zerknirschung, aber auch mit welchem Troste nachher! so daß sie, wie man mir mehrmals hinterbracht hat, vor übergroßer Freude nur zu aufrichtig einander gestanden: „Ohne diese Beicht, ohne diese heil. Mission war ich ewig verloren." Die Einen meinten: jetzt komme ihnen die ganze Natur ganz anders — freudig — vor; die Berge, Thäler und Plantagen lachten sie nur so an; Andere, die vorher entschlossen waren, ganz von hier fortzuziehen, änderten ihren Entschluß. Rührend war es auch, Ehemänner zu sehen, wie sie von weither ihre kranken Frauen, die vor Schwäche nicht reiten konnten, an der Hand herzuführten und über die steilen Berge oder Flüsse trugen, damit doch auch sie dieser großen Gnade theilhaft würden. Da die Mislion mehrere Wochen dauerte, gingen ungefähr Alle noch zum zweiten und dritten Male zur heil. Beicht und mit musterhafter Andacht zur heil. Kommunion. Ueber den jungen Mann, der von der Beicht zurückgeblieben, indem er nach dem Unterrichte darüber frech gesagt, so könne d. h. giltig wolle er nicht beichten, und deßhalb unter dem Vorwande, einem Freunde beim Waldhanen helfen zu müssen, an den Rio Taquarh fortgezogen war, über ihn ließ der Herr ein anderes Gericht ergehen: da er beim Niederstürzen eines gefällten Baumes, von einem winzigen Aestchen im Nacken getroffen, augenblicklich todt niedersank. — Die Bekehrungen waren entschieden. Ueberall versöhnten sich Alle unter vielen Thränen, auch jene, welche durch alte eingewurzelte Feindschaften getrennt waren. Von einer jeden Familie wäre manches Interessante zu erzählen, was unter den Mitgliedern derselben oder zwischen Nachbarn vorgefallen und jedes christliche Gemüth erbauen würde. Mehrere gingen in ihrem besonderen Eifer weinend sogar zu ihren protestantischen Nachbarn, baten um Verzeihung oder boten ihnen Versöhnung an; was diesen natürlich unerhört und ganz unbegreiflich vorkam. Andere schrieben Briefe oder unternahmen weite Ritte, um mit ihren Feinden wieder Ein Herz zu werden. Als eine wackere katholische Frau, die ungeachtet ihrer kleinen Kinder und des furchtbaren Weges keine Predigt versäumt hatte, eines Tages wieder nach Hause kam, mußte sie alsbald Geschäfte halber zu einer protestantischen Familie. Sie fand die Stube voll protestantischer Weiber; sie stellten natürlich manche neugierige Frage. Da fing sie ihnen so von den gehörten Wahrheiten zu wiederholen und zu predigen an, daß im ganzen Zimmer Nichts als Weinen und Schluchzen gehört ward. Und überhaupt mußten die Protestanten, zu denen der Ruf drang, denn nur Wenige wohnten bei, nicht ohne einen gewissen Neid das große Glück der Katholiken offen eingestehen, daß sie verwundert sagten: „O welch ein himmelweiter Unterschied zwischen eurem Glauben und dem unsrigen! Wir haben gar nichts. O daß auch unsere Prediger uns ein ähnliches Glück verschafften!" (Fortsetzung folgt.) 270 Der Gang der Volksbildung in unsern Tagen. (Schluß.) Nun tritt die Zeit der Geschäftsbildung ein. Der ganz Arme wird au dem Lande Knecht, der Vernachlässigte in der Stadt Taglöhner, der Verwendbare wird Lehrjunge in irgend einem Handwerke, der Federfertige, der sich etwas mehr zu sein dünkt, sucht Schreibcrsdienste u. s. w. Diese Uebergangsjahre, vom zwölften oder vierzehnten bis zum zwanzigsten des Menschenlebens, sind die entscheidendsten und die gefährlichsten für die Volksbildung. Die sprudelnde Jugendkraft, die Empfänglichkeit für alles Neue, Schöne, Große, die Unerfahrenheit, selbst das mißverstandene Gefühl für Edelmuth und Opfer- willigkeit sind eben so viele Klippen für tiefer und zarter fühlende Gemüther, deren es im Nährstande auch gibt; als andererseits Stärke und Roheit zu gemeinen Leidenschaften hinreißen. Ausgebreiteter wird des jungen Mannes Verkehr mit der Welt. Ausländer bringen großsprechend in seiner Gegenwart Weisheit zu Markte, und jedes Wort, jede neue Anschauungsweise prägt tief sich ein in das jugendliche, in das nur zu empfängliche Gemüth. Ein fester Schild, ein eherner Schild gegen jede Gefahr ist unstreitig in dieser Uebergangszeit die Religion, die Religion, von der ein höchst ehrwürdiger und Weiser Zeitgenosse*) in einer so Wahrheit- als würdevollen Rede sagte: „Sie ist das Wiederanknüpfen des Diesseits an das Jenseits, des sterblichen Menschen an den ewigen, unsichtbaren, außer- und überweltlichen, dreipersönli- chen Gott, keine bloß zufällige Erfindung, keine willkürliche Einrichtung, mit der sich die Welt je nach Laune oder wechselnder Mode beschäftigen, oder deren sich Jever, der es wollte, auch ganz einschlagen, oder von der man möglicher Weise gar keine Kenntniß nehmen könnte. Nein! die Religion beruht auf den dringendsten und allgemeinsten Bedürfnissen der Menschennatur; sie hat ihren nothwendigen. unverlierbaren Platz im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft." Religion ist Anbetung, Glaube, Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Gehorsam. Sie ist nach allem Diesem mehr Sache des Herzens, als des Verstandes. Wer wollte auch sich anmaßen die Geheimnisse des Herrn, des ewig Unerforschlichen mit seinem Verstände zu ergründen! Die Keime religiösen Gefühles in das Herz des Kindes zu legen, ist unstreitig die heilige Pflicht einer guten Mutter, die auch alle Ursache hat es zu thun, an jedem Morgen, an jedem Abend, in Leiden wie in Freuden. Sie zu befestigen mit ernsten, frommen Worten, mit Berufung auf die Erfahrungen seines Lebens ist eine leicht zu erfüllende Pflicht des Vaters; denn wer hätte nicht, wenn er es nur will, das Walten der Gnade Gottes in seinem Leben bei irgend einem Anlasse, ja bei vielen Anlässen wahrgenommen? Tritt nun ein Jüngling also vorbereitet in das Leben, so ist er so ziemlich gerüstet gegen die Gefahren, die seiner Denkungswcise und seiner Sittlichkeit nachtheilig werden könnten. Junge Leute, eben in diesem Uebergangsalter, wenn sie einige Fertigkeit im Lesen haben, ergeben sich sehr gern dem Lesen von — Unterhaltungsbüchern. Wir können sie nicht anders als Unterhaltungsbücher nennen, weil es gewöhnlich nur solche sind. Für den ersten Anblick scheint die Sache ganz unschuldig, ja sogar empfehlenswürdig, denn die Schriften werden gewöhnlich unter der Bezeichnung: „classische Werke" angepriesen. Allein was ist die Frucht, welches ist der Nutzen solchen Bücherlesens? Die meisten dieser Werke sind von Verfassern, deren Denkungsart und Anschauungsweise mit der uns anerzogenen im Wider- *) Dr. Joh. Kutschker, Rector-Magnificus der Wiener Hochschule. spräche steht; ihr Styl ist einnehmend, bestechend, er führt uns irre; die Bilder und Schilderungen, die uns vorgeführt werden, sind blendend; sie erscheinen wahr, aber sie sind es nicht; Tugenden und Laster werden auf die Spitze gestellt, und wir verlieren den richtigen Maßstab für das wirkliche Leben. Welchen Nutzen gewährt also solch ein Lesen? Durchaus keinen. Noch ist aber zu erwähnen, was von dem genossenen Unterrichte verloren gegangen, was verderbt worden ist. Wie viele von tausend Kindern, welche die Schule besucht haben, können noch lesen, noch schreiben? rechnen können sie wohl, in so fern es das Nothdürftigste betrifft; aber um auf das Wesentlichste zu kommen, welche Begriffe sind ihnen geblieben von Sittlichkeit und Religion nach dem Verkehre mit einer Welt, die in dieser Beziehung so Vieles wünschen läßt? Doch nun zum letzten Puncte, znm Verkehr mit sich selbst. Wenn der junge Mann, der eine früher, der andere später, der Schule entwachsen ist, wenn kein Lehrer, kein Lehrherr, kein Vormund mehr über seine Handlungen zu gebieten, eine unwiderstehliche Einwirkung auf dieselben zu üben hat, da tritt ein Gefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung, wie man es gern nennt, ein; und in diesem Zeitpuncte ist der Verkehr mit sich selbst, das Nachdenken über Das, was man ist rind was man geleistet hat, so für sich wie für Andere, von der größten Wichtigkeit, wird aber, wie aus dem bisher Gesagten sich ergibt, in der Regel gänzlich vernachlässigt. Ein alter Spruch sagt: „Was du auch 'thun magst, das thue mit Vorsicht und bedenke das Ende." Das Christenthum ermähnt uns, unser Gewissen täglich zu erforschen. Die gewöhnliche Lebensklugheit gebietet uns, aus dem, was wir gethan, was wir erfahren, Lehren für die Zukunft zu schöpfen. Ein kluger Vater, ein guter Vater wird seine Kinder zeitig anhalten bei Allem, auch dem Unbedeutendsten, was sie thun, zu denken; denn es gibt Nichts, wie unscheinbar es auch sein möge, das, unbesonnen gethan, nicht von nachtheiligen Folgen sein kann. Dieser Verkehr mit sich selbst, richtig geleitet, ist auch der wirksamste Weg zu einer ersprießlichen Volksbildung. Das weinende Kind. * Charfreitag war es, der Todestag unseres göttlichen Heilandes, und ein Kind vergoß in einer Kirche am heiligen Grabe des Gottmenschen die bittersten Zähren. Ein frommer Priester trat hinzu, und fragte dasselbe: „Warum weinst Du so, meine Kleine!?" „Ach!" — versetzte das Mädchen —- „Wenn ich bedenke, was mein Heiland für mich gelitten hat, soll ich da nicht in Thränen ausbrechen?" „Weine nicht über den göttlichen Mittler, sondern über Dich!" — ent- gegnete der Priester — „denn siehe! schon über achtzehnhundert Jahre ist der Menschensohn am Kreuze gestorben, und nicht nur an seinem Todestage, sondern alle Tage fließen die Thränen der Gerechten und Büßer vor seinem Grabe, seines Opfertodes willen. Du aber bist vielleicht noch kein Jahr todt, und dennoch fließt keine Thräne deinetwillen. Darum weine über Dich und nicht über Christus! Der Heiland und Erlöser bedarf keiner Thräne, denn er ist nach seinem Opfertode eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters. Weißt Du, ob auch Du nach deinem Tode die Freuden der Seligen genießen wirst? Darum weine über Dich und nicht über Christus! Weine, da es noch Zeit ist! Wenn die Ewigkeit für Dich naht, dann ist es zu spät." 272 I." e. lW ML I. Kloster und Fabrik. (Die Congregatio n der Schwestern vom hl. Kreuz.) Mehrere Blätter brachten unlängst die Nachricht, die gräflich v. Waldstein'sche Tuchfabrik in Oberleutensdorf sei dem Capuziuerorden käuflich überlassen worden, welcher dieselbe in ein Kloster umzuwandeln gedenkt. Diese Notiz ist nicht ganz richtig. Genannte Fabrik, welche sonst in Händen von Pächtern war, seit vielen Jahren aber nicht mehr in Betrieb ist, wurde allerdings und zwar um den Preis von 100,000 st. verkauft, jedoch nicht an den Capuzinerorden behufs der Umwandlung in ein Kloster, sondern an die Congregation der Schwestern vom h. Kreuze, welche diese durch ihre Erzeugnisse einst berühmte Fabrik in kurzer Zeit wieder in Betrieb setzen, mit diesem Betriebe aber erziehliche und andere wohlthätige Zwecke verbinden wird. Diese Congregation wurde erst in der Neuzeit von einem Priester des Capuzinerordens, dem hochw. Hrn. U Theodosius, derzeitigen Su- perior dieser religiösen Gesellschaft, zu Chur in der Schweiz gegründet, wo sich auch noch jetzt das Mutterhaus derselben befindet. Die in diesen Verein eintretenden Damen, meist Töchter aus intelligenteren Familien, werden an denselben nicht für ihre ganze Lebenszeit gebunden, wie dies bei anderen Orden der Fall ist, sondern sie legen ihr Gelübde immer nur für drei Jahre ab; sie widmen sich neben ihren religiösen Standpspflichten nicht nur der Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend, sondern besorgen außerdem auch Krankenpflege, errichten Klcinkinderbewahranstalten, Waisenhäuser, haben in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland bereits über 70 Filiale gegründet, und sich durch ihre erfreulichen Erfolge allseitige Anerkennung erworben. Besonders segensreich wirkt diese Congregation dadurch, daß sie zur Erreichung ihrer humanen Zwecke auch die Industrie benützt; sie besitzt nämlich schon 2 Fabriken, welche sie selbst leitet — wobei sie die darin verwendeten Arbeiter an Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und wahrhaft christliches Leben gewöhnt, Waisen und andere arme oder moralisch verwahrlos'te Kinder der Umgegend aufnimmt, diese unterrichtet, erzieht und durch passende Arbeiten zu nützlichen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft heranzubilden sucht. Diese industriellen Unternehmungen haben sich bisher mit 20—25 Procent verzinset, da die Leitung wenig Auslagen verursacht, die Schwestern ein anspruchloses Leben führen, wie Familienglieder vereint sind, und zahlreiche Wohlthäter, theils durch prcismäßige Lieferung von Rohstoffen, theils durch bereitwillige Abnahme der Erzeugnisse den edlen Zweck solcher Etablissements zu fördern bemüht sind. Auch in Oesterreich wird dieser schöne Verein bald seine Thätigkeit entfalten. Schon trifft der hochw. Hr. Hfarrer P. F. Habel in Oberleutensdorf im Namen dieses Vereins die nöthigen Vorbereitungen, damit die daselbst angekaufte Tuchfabrik baldmöglichst in Betrieb komme; auch sind schon von mehreren hohen Gönnern Zusagen auf Lieferung von Wolle nnd Bestellungen auf Tuch erfolgt. Und so wird denn das freundliche Städtchen Oberleutensdorf für dessen Umgegend und das nahe Erzgebirge eine Zufluchtsstätte für arbeitslose Arme und verlassene Kinder werden. Außerdem ist diese Congregation auch mit mehreren Städten dieser Gegend, namentlich auch mit Dux, Komotau und Bilin, wegen Uebernahme der öffentlichen Mädchenschulen in Unterhandlung. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttlcr. —. Druck von Z. M. Kl einte. AWtiiM AmtliiMoIt. Mi 35. 26. August 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poft- Aeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) Alle Tage der Mission, besonders aber die beiden, welche dem allerheiligsten Altarssacramente und unserer unbefleckten Jungfrau Maria geweiht wären, sahen unzählige Thränen des Schmerzes und der Liebe fließen. Wir haben uns bemüht, diese Tage bei unserer äußersten Armuth so sinnig und kindlich zu feiern, wie es unsere schwache Kräften gestatteten. Angenehm und trostvoll war es zu sehen, wie die Blumen und Kränze zum Schmucke der Himmelskönigin nicht von Mädchen und Jungfrauen, sondern mit frommem Kindersinn von den Männern und ehrwürdigen Greisen gewunden wurden, die sich einmal diese Ehre nicht nehmen lassen wollten, obwohl sie schon viele Kindeskinder zählen. Und wie gnadenreich leuchtete das einfache ganz ärmliche Muttergottes-Bild — wie wir es in der Noth hier ausweiden konnten — zwischen Lichtern, grünen Palmzweigen, Blumen und Kränzen auf die ihr fromm ergebenen, mit Gott wieder versöhnten Kinder hernieder, welche den ganzen ihr geweihten Tag, wie auch die folgenden nicht müde wurden, aus frohem Herzen zu ihrer Ehre die andächtigsten Lieder zu singen. — Mit gleicher Entschiedenheit, wie die Aussöhnungen, gingen, wie man mir berichtigte, die Rückerstattungen ungerechten Gutes vor sich, sei es an Gegenwärtige oder an Abwesende, sogar bis nach Europa. Man trat ganze Theile von Colonien wieder ab. Auch dem Branntwein entsagten sie; gleichwohl dürfte hierin an der Beharrlichkeit des einen oder andern Trinkers gezweifelt werden, da keine kirchliche Bruderschaft oder ähnliche Hilfe sie im Kampfe gegen die starke Neigung und häufige Gelegenheit unterstützt. — Während der Mission hatte ich natürlich allein Beicht zu hören und zu predigen; dabei oft zu taufen und zu begraben. Am Morgen hielt ich die Predigten oder Unterricht, gewöhnlich zwei, oft auch dreimal. Nach der ersten Woche waren jeden Nachmittag die Beichten bis in die Nacht. Aber nach den ersten 14 Tagen, um mit den Beichten mehr voranzukommen, hielt ich drei Tage keine Predigt. Und später setzte ich noch einmal sechs Tage aus. Der Schluß der von Gott reichlich gesegneten Mission war am Feste Allerheiligen. Möchten doch Alle die heilsamen Einwirkungen der Gnade und inneren Ergriffenheit mit durchs Leben auf das Todtenbett bringen! Die dankbare Liebe zur römisch-katholischen Kirche und besonders die treueste Ergebenheit an den heil. Vater den Papst strahlte auf Aller Antlitz. Die Schlußpredigt war über das heil. Missionskreuz, welches neben der Capelle des heil. Raverius in einem Halbkreis von schönen Palmbäumen gerade an jener Stelle steht, wo es in vier Thäler hinabblickt und alle Vorübergehenden schon von ferne zum Gebete einladet. Seit der Zeit ist nun auch frommer Brauch, wie ich anfangs selbst sah und später erzählen hörte, daß Alle, Jung und Alt, wenn sie vorüber- reiten, absteigen und vor dem Kreuze betend niederknieen. — Kaum war die 274 Mission für die Lebenden geschlossen, so begannen die nun eifrig gewordenen Colonisten alsbald am Allerseelentage eine Mission zur Erlösung der Verstorbenen, indem sie 8 Tage jeden Abend auf das Zeichen des Glöckleins, das hell über die benachbarten Berge und Thäler schallt, mit Gebet das Herz Gottes zu Gunsten der armen Seelen bestürmten, wie sie es einen Monat lang für die Bekehrung der Sünder gethan. Am Allerseelentage haben die Priester in Brasilien das Privilegium, drei heilige Messen zu lesen. Alle Gläubigen opferten die heilige Communion für die Verstorbenen auf. Nach der Predigt hielten wir feierlichen Umgang über den Gottesacker unter Gebet und Gesang; dann zogen wir hin zum heiligen Missionskreuz, unter dem wir nach einem Gebete um Beharrlichkeit von einander Abschied nahmen. Tages darauf ritt ich über hohe und abschüssige Berge in das „Jammerthal," begleitet von einem langen Zuge Reiter und Reiterinnen. Als wir in das tiefe Thal hinabestiegen, kamen uns die frommen Bewohner in Procession singend entgegen. In einer mit Blumen und Palmen ausgeschmückten Lehmhütte, die noch nicht vollendet war und künftig als Schule dienen soll, brachte ich das hochheilige Opfer dar, bei dem sich von ferne her unsere Deutschen — auch Protestanten im Feierkleide — einfanden. An dem improvisirten ländlichen Altare hatte der fromme Sinn der guten Einwohner wohl alle Bilder und Bilderchen zusammengebracht, die sich in der ganzen Picade finden ließen. Nach der heil. Messe schritten wir in Procession zur Einsegnung des Missionskreuzes, das mit Kränzen umwunden ebenfalls in einem Halbkreise von Palm- bäumen an einem zur Andacht einladenden Orte steht. Daraus folgte die Einweihung des Gottesackers und eine Predigt unter dem Friedhofskreuze. Endlich bewegte sich der Zug zum heil. Missionskreuze zurück, wo wir nach andächtigem Gebete einander Lebewohl sagten. — Dasselbe geschah Tages darauf in der andern Picade „Wallachei," wo die Bewohner mit vereinten Kräften in heiliger Freude Alles aufgeboten hatten zum Schmucke ihres Missionskreuzes und einzusegnenden Gottesackers. Während der Mission war mein Kämmerlein aus dem Buckerbergc lange in Belagerungszustand versetzt, da sich Alle um die wenigen frommen Gegenstände, Bilder, Rosenkränze, Medaillen, die ich Lei mir hatte, förmlich stritten, besonders aber Männer und Jünglinge um jeden Preis sich einen Rosenkranz verschaffen wollten; ja würdige Männer, die vielleicht in ihrem Leben nie einen Rosenkranz angerührt hatten, thaten weite Ritte zu mir oder zu k Lipinski, um einen solchen als Missionsandenken zu erhalten. Hätte ich nur einen großen Worrath solcher Gegenstände, welch große Freude könnte ich diesen guten Leuten machen; wie leicht und wie oft würden sie sich an die gehörten Wahrheiten und die gefaßten Entschlüsse erinnern, und wie manche fromme Gebete würden sie vor den Bildern und beim Gebrauche des Rosenkranzes verrichten! Endlich nach sechs Wochen kehrte ich heim. Den Sonntag darauf erschienen nach dem Gottesdienste in Masse alle vier Picaden, Gläubige jeden Alters und Geschlechtes, vor unserm Häuslein, wiewohl der Regen in starken Güssen vom Himmel stürzte, um auf alle Weise dem hochw. k. Lipinski für die Wohlthat zu danken, daß er ihnen den Missionair geschickt habe. Während ihre Abgeordneten eintraten, stimmte draußen das ganze Volk das „Großer Gott, dich loben wir" an, und nachdem sie dreimal laut den Segen des Himmels auf uns Herabgerufen, hörte man sie unter Jubelgesängen zu Ehren der Mutter Gottes von dannen ziehen. Das wäre also die erste oder so ein Anfang von Misston unter unsern deutschen Auswanderern, zwar ein sehr bescheidener, wobei nicht, wie in Deutschland, 15 oder 20,000 Zuhörer sich einfanden, aber immer doch ein von Gottes Gnade reichlich gesegneter, und ich darf sagen, eine Mission, wie mir noch keine ähnliche vorgekommen, wo die armen Leute gerade wegen der Mission so viele und große Schwierigkeiten zu überwinden gehabt und sie auch wirklich edelmüthig überwunden hätten. Indem Gott allein davon alles Lob gehört, der mit seiner Gnade diejenigen, welche ihr selbst bei Missionsgelegenheiten in Europa widerstanden, endlich im fernen Brasilien zu besiegen wußte, so möge zur Vermehrung seiner Ehre das Licht des katholischen Eifers und der christlichen Erbauung, das unsere armen Deutschen in den Urwäldern Amerika'? leuchten lassen, auch hinüberdringen in ihr altes Hcimathland zum Troste ihrer dort zurückgebliebenen Landsleute, aber auch zum Beweise für Alle, denen das Heil dieser verlassenen Seelen zu Herzen geht, daß sich hier gar Manches, ja Alles für die katholischen Deutschen und die Brasilianer selber bewerkstelligen ließe, wenn uns von Deutschland aus geeignete Hilfe zukäme. Indessen wollen wir die uns zu Gebote stehenden Mittel und Kräfte fleißig und treu benutzen, um die trostreichen Worte des Herrn vernehmen zu können: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht, weil du in Wenigem getreu warst, will ich dich über Vieles setzen." Bonifacius Klüber, 8. 5. Die gegenwärtige Lage der Genfer Katholiken. Seit dem Berichte, welchen die Kirchenzeitung Anno 1857 über Genf erstattete, hat die Lage der Katholiken sich daselbst immer mehr befestiget und erweitert. Wir reden nicht von der Landschaft; denn hier ist sie ungefähr die nämliche geblieben, doch nimmt das Uebergewicht der Katholiken dort immer mehr zu. Dieses Uebergewicht, an und für sich gerecht und sich in mäßigen Schranken haltend, ist eine Folge der Verfassung von 18-16. Auch in der Stadt vermehrt sich der Einfluß der Katholiken, nicht etwa durch Uebertritte der Calvinisten zum Katholicismus (davon ist keine Rede), sondern weil unter den vielen Ankömmlingen, welche die Bevölkerung vermehren, die Mehrzahl Katholiken sind: Folge der Eisenbahnen, durch welche, zum Nachtheile der kleinern, größere Mittelpuncte der Industrie gebildet werden. So entsteht in Genf eine neue Bevölkerung von Industriellen und meistens Bedürftigen. So schlägt der Katholicismus immer tiefere Wurzeln und befestigt sich immer mehr. Indeß wird diese Bevölkerung, wenn auch im Zunehmen begriffen, den Protestanten gegenüber, was sociale Stellung und Einfluß betrifft, noch lange die schwächere sein, theils weil sie noch nicht alt genug ist, theils weil ihr gehörige Wohlhabenheit und Bildung großenteils fehlen. Denn die Zahl einzig, wenn die gehörigen Eigenschaften abgehen, gibt in dieser Welt noch nicht den Ausschlag. Durch das allgemeine Stimmrecht gelangt Wohl eine ziemlich große Anzahl Katholiken in den Großen Rath, aber da sie, wie gesagt, meistens ohne socialen Einfluß sind und nur durch die radicale Strömung hineingeführt werden, so gelten sie bloß als Zahlen bei den Abstimmungen und weiter nichts. Handelt es sich blos um materielle Interessen, so sucht man diese katholische Bevölkerung zu befriedigen. Ist aber von höheren, moralischen oder politischen Fragen die Rede, so folgt dieselbe gelehrig der Regierung, sei es, weil dieselbe nichts gegen ihr Gewissen von ihnen verlangt, oder weil die hartnäckige Verfolgung von Seite der conservativen protestantischen Partei sie zwingt, ihre Interessen mit denen der Radikalen zu vereinigen. Auch muß man gestehen, daß die dermalige Regierung gegen die Katholiken immer im höchsten Grade gemäßigt und billig ist. Freilich ist dieselbe auch von den revolutionären, antikatholischen Lorurtheilen angesteckt, aber in der Praxis zeigt sie sich über dieselben erhaben und respectirt den nicht unbedeutenden Einfluß der Katholiken. Daher wird unsere Geistlichkeit von der Regierung mit vieler Achtung behandelt. Die protestantisch-conservative Partei hat dermalen weder im Regierungsrathe noch im Kantonsrathe einigen Einfluß, wohl aber im Stadtrathe von Genf und auf diesen Einflnß ist sie sehr eifersüchtig. Hier ist sie Meister und läßt es die Katholiken bei jedem Anlasse fühlen, immerhin aber bloß in administrativen Angelegenheiten. Vorzüglich bei Naturalisationen ist die Stadt Calvin's ihren alten Traditionen treu geblieben; der Stadtrath sucht seine Partei durch häufige Naturalisation von Protestanten zu vergrößern. Seien diese > übrigens wer sie wollen, dem Parteigeist sind sie alle willkommen. Außerhalb den Behörden üben die Katholiken übrigens einen reellen Einfluß aus. Sie üben denselben aus durch einen ausgezeichnet guten Klerus, > welcher die Welt und die Zeit kennt und seiner Aufgabe in einer Stadt, wo er ! sich beständiger Eifersucht und Kritik ausgesetzt sieht, vollkommen gewachsen ist. Sie üben ihn aus durch die Vereinigung einiger ausgezeichneter Familien, welchen sich die katholischen Weltleute anschließen, und in welchen auch viele Fremde Zutritt suchen und finden. Was Einzelnes betrifft, habe ich Ihnen zu melden, daß unsere neue Kirche unter dem Titel der unbestellten Empfangn iß seit 20 Monaten dem öffentlichen Cultus übergeben ist. Wir haben zwei Pfarrabtheilungen, die von üiotrk-vame und jene der vormaligen Kirche von St. Gervais. Diese Vertheilung war bei einer katholischen Bevölkerung von 17,000 Seelen durchaus nothwendig und hat schon sehr glückliche Resultate herbeigeführt. Es ist bewiesen, daß über ^000 Personen gegenwärtig die hl. Messe anhören, welche vor zwei Jahren nicht daran dachten, dieses zu thun. Der Empfang der hl. Kommunion hat in gleichem Maße zugenommen. Die Zahl derjenigen, welche sich > nicht kirchlich verheiratheten, welche ihre Kinder nicht taufen ließen, welche mit einem Worte ohne Cult lebten, hat bedeutend abgenommen. Solche wie Wilde lebende Katholiken kommen gewöhnlich aus Mittel-Deutschland oder aus den größern Städten Frankreichs. Unter diesen Unglücklichen sucht die protestantische Propaganda durch Geld sich zu recrutiren. Ist es zu verwundern das es ihr zuweilen gelingt? Aber solche Seelenkäufe sind wenig solid; besser gelingt es ihnen durch die Mischehen, die sie auf alle Art und Weise befördern. Die Protestanten zeigen in Genf eine große Rührigkeit; sie suchen die Aufmerksamkeit der Katholiken durch alle Mittel, durch Conferenzen, Controversen, Lehrcurse rc. auf sich zu ziehen. Aber die Katholiken achten nicht darauf; hat sich doch sogar eine aus erkauften italienischen Flüchtlingen bestehende protestantische Gemeinde wieder aufgelöst. Die durch den Bundesrath letzten Winter geforderten Maßregeln haben in dieser seinsollenden Kirche große Verirrungen hervorgerufen. In unsern beiden Kirchen zu ?lotro-vam6 und St. Gervais blühen mehrere fromme Vereine, Kongregationen des Herzens Jesu, des Allerheiligsten Altars- sacramentes, die Frauen der christlichen Liebe, die Gesellschaft für Dienstboten rc. Im Kanton bestehen überdieß vier St. Vincentius-Conferenzen. Unsere „Lieb-Frauen-Kirche" ist noch nicht vollendet und schwere Schuldenlast drückt noch unsern verehrungswürdigen Hm. Pfarrer. Auch mangelt noch ein Pfarrhaus, um die 6 Priester unterzubringen, welche unter der Leitung des Hochw. Hrn. Abbö Mermillod die Pfarrei besorgen. Diese Pfarrei öiolre- V»M6 empfängt keine Unterstützung von der Regierung, der Unterhalt und die Wohnung der Priester, der ganze Cultus, kurz Alles muß durch die Gläubigen bestritten werden. Eine Dame, welche den Katholiken von Genf schon viele Wohlthaten erwiesen, hat uns in der Nähe der neuen Kirche einen Theil.ihres Parks abge- , treten, um dort ein Haus für die barmherzigen Schwestern zu bauen. Unser so thätige und intelligente Klerus fährt übrigens fort unter der Leitung des Abbe Mermillod die so geschätzten „Katholischen Annalen von Genf" herausgegeben. Diese Annalen verdienten unter dem Klerus eine größere Leserzahl, denn sie behandeln protestantische Angelegenheiten nicht nur von Genf, sondern auch von ganz Europa. Ihr Genfer Korrespondent möchte endlich die Aufmerlsamkeit gerne noch auf einen andern Gegenstand lenken, nämlich auf die Rehablitation (Wieder- gültigmachung) der so zahlreichen ungültigen Ehen. — In der Fremde gibt es tausend und tausend Katholiken, die sich zum Concubinate verleiten lassen. Wenn die „Gesellschaft des hl. Regis", die sich's zur Aufgabe gestellt hat, solchen Verbindungen die Gültigkeit der Ehe zu verschaffen, in der Schweiz Schritte thut, um die nöthigen Papiere zu erhalten, so stößt sie auf tausend Schwierigkeiten. Es gibt sogar Kantone, wie St. Gallen, Graubündten, Thurgau, Aargau und andere, wo solche Rehabilitationen unmöglich sind, weil die Gemeinden übermäßige Taxen fordern. Könnte die Eidgenossenschaft, die Bundesbehörden, welche sich um Ehescheidungen und Mischehen so sehr bekümmern, nicht auch Etwas für diese Unglücklichen thun, und es ihnen nicht länger unmöglich machen, den Opfern der Ausschweifung wieder zu ihrer Ehre zu verhelfen? Diese Frage verdient Beachtung. Mir scheint unmöglich, daß man mit Geduld und Aus- harrung am Ende nicht Etwas erlange. Jesuit und Redemptorifi auf dem Sterbebette. Die Gegner der katholischen Kirche haben keinen der religiösen Orden, die im Laufe der christlichen Jahrhunderte entstanden, so gehaßt, verleumdet und verfolgt als den der Jesuiten und Redemptoristen. Es kaun nicht im Zwecke dieser Blätter liegen, eine ausführliche Vertheidigung dieser vielge- schmähten kirchlichen Institute zu unternehmen; ohnedieß haben unterrichtetere und gelehrtere Männer schon hundert und tausendmal es vor uns gethan, so daß Jeder, der hier eine genügende Belehrung sucht, sie auch leicht finden kann; aber Eines möchten wir doch zu bedenken geben, wie nämlich der alte Satz: „Der Tod ist eine Probe auf das Leben" gerade sin den genannten Orden sich oft so glänzend bewahrheitet. Wir theilen hier aus Vielen nur zwei Sterbebilder mit: eines aus dem Orden der Redemptoristen, das andere aus dem der Jesuiten und gewiß muß Jeder, der unbefangen diese Aufzeichnungen liest, sich eingestehen: Orden, in denen man so stirbt, können nicht schlecht und verwerflich sein, wie man sie häufig schildern hört. — Vor anderthalb Jahren verschied zu Tournah in Belgien im Hause der I>. I>. Redemptoristen der hochw. I*. Joseph Passerat, der zweite General- vicar der transalpinischen Provinzen der Kongregation des allerheiligsten Erlösers. Geboren zu Joinville im I. 1772 — 15 Jahre vor dem Tode des heil. Alphons von Liguori, Stifters dieser Kongregation — lebte ?. Passerat nicht viel weniger, als ein Jahrhundert; und dieses Leben, so reich an Jahren, war es nicht minder an Arbeiten und Tugenden. Getreu der Gnade, die ihn berief, sich Gott zu weihen, war er im Begriffe, für den heiligen Dienst der Seelen sich vorzubereiten, als er seinen Studien und seinem Vaterlande durch die französische Revolution sich entrissen sah. Die Vorsehung lenkte es indessen, daß er in Polen wieder die Freiheit erlangte, seinem Berufe zu folgen. Er trat zu Warschau in die Kongregation des allerheiligsten Erlösers, wo er im Jahre 1796 in die Hände des e. Hoffbauer, des ersten Generalvicars des Ordens, seine Gelübde ablegte. 278 Der Geist des Gebetes, der Liebe und der Selbstverleugnung vermehrte sich in ihm nach dem Maße, als er weiter aus dem Wege kam, den Gott ihn führte, und er zeigte in der Folge einen solchen Muth und eine solche Stand- haftigkeit mitten unter den härtesten und langwierigsten Proben in jener Zeit der Verirrnng, daß der hochwürdige r>. Hosfbauer sterbend noch ihn als den Fähigsten bezeichnete, die Bürde seines hl. Amtes zu tragen. u. Passerat wurde demnach im Jahre 1820 zum Generalvicar ernannt. Unter, seiner väterlichen Regierung und durch seine Sorge geschah es, daß das apostolische Institut des heil. Alphons von Liguori in Deutschland und in der Schweiz, in Frankreich, in Portugal, in Belgien, in Holland, in England und in den vereinigten Staaten von Nordamerika sich ausbreitete. Gott hatte ihn zu einem vorzüglichen Werkzeug seiner Ehre erkoren und erfüllte ihn mit seinen Gaben, deren dieser keine verloren gehen ließ. Er war vor Allem ein innerlicher Mensch, wie es diejenigen sein müssen, die sich's zur Aufgabe machen, den Fußstapfen der Heiligen zu folgen; er führte seine Schüler zur Liebe des Gebetes durch Rath und Beispiel, und man konnte von ihm in Wahrheit sagen, das Gebet sei das Athemholen seiner Seele gewesen, denn Gebet fand sich in Begleitung bei allen seinen Werken und machte den eigentlichen Grund seines Lebens aus. Seine Herzensgütte war nicht blos die eines Vaters, sondern die einer Mutter. Als der Nuntius des heil. Stuhles eines Tages ihn für einen bischöflichen Sitz vorschlagen wollte, suchte U. Hosfbauer den Gesandten des heiligen Vaters abzubringen, indem er sagte: „Ich kann seiner nicht entbehren, er ist wie die Mutter der Congregation." Dieses Zartgefühl des Herzens für seine Brüder mußte desto mehr bewundert werden, je mehr er streng und abgetödtet gegen sich selbst war. Die heilige Schrift war ihm das kostbarste Vergnügen; Kraft, Salbung, Einfachheit und Autorität charakterisirten in bei Verkündigung des göttlichen Wortes. Personen vom höchsten Range in der Kirche und in der Welt wurden in seiner Gegenwart von Rührung ergriffen und beugten sich vor dem ehrwürdigen Greis, während er allein, sanft und demüthig von Herzen, nicht wußte, in welch' hohem Grade die Vereinigung mit Gott so zu sagen aus seiner ganzen Person herausstrahlte. Die traurigsten Ereignisse konnten ihn nicht verwirren, noch vermochten die trostreichsten Begebenheiten ihm die Ruhe des Herzens zu nehmen, indem seine Seele so innig mit demjenigen vereiniget war, dem man sich auf dem Wege der Heiligen sowohl durch Freude als durch Schmerz nähert. Für Alle, die ihn kannten, ist sein Andenken wie eine Gnade; sie werden, was sie von ihm hörten, wohl nie vergessen; seine zahlreichen Briefe über das innerliche Leben, seine geistliche Leitung und Führung werden immer ein Schatz für seine Jünger bleiben. Eine Revolution war es die ihn aus seinem Vaterlande entfernt hatte, eine andere Revolution vertrieb ihn aus Wien im Jahre 1848. Sein Herz führte ihn nach Belgien. Sein hohes Alter ließ ihn die Befreiung von der Last seines AmteS verlangen und dort diesen Wunsch auch erreichen. Das Ende seines Lebens war die Krone desselben nach den Worten der Schrift: „Die Geduld vollendet das Werk." Jak. 1, 4. Zweimal vom Schlage getroffen schien er nur leben zu müssen, um zu leiden; indeß verwendete er noch seine ganze Kraft, um dafür den Herrn zu preisen und von göttlichen Dingen zu sprechen. Durch die Unmöglichkeit, in die er versetzt war, das heil. Meßopfer zu feiern, war er seines größten Trostes beraubt; daher hörte er täglich mehrere hl. Messen und empfing täglich die hl. Communion. Obgleich schwer leidend nahm er sich doch in keinem einzigen Puncte von der Ordensregel aus, was seine Umgebung mit Staunen erfüllte. Die Frömmigkeit, und zwar die Frömmigkeit eines Heiligen, war die Seele 279 seines zurückgezogenen, wie seines ganzen früheren Lebens. Alle, die das Glück hatten, Zeugen der letzten Jahre des Seligen gewesen zu sein, sprechen mit Rührung von seinen zahlreichen Uebungen der Liebe zu Gott, des Vertrauens auf die unendlichen Verdienste Jesu Christi und auf die Fürsprache der unbefleckten Jungfrau Maria, des heil. Joseph, der hl. Apostel und des hl. Alphons, von jener unveränderlichen Sanftmuth, von jenen demüthigen Ausdrücken, womit er für jede, auch die geringste Dienstleistung dankte, von seiner Geduld, die sich immer gleich blieb, von seiner beständigen Ergebung in den Willen des Herrn. Denselben Tag an dem er das drittemal vom Schlage getroffen wurde, ließ er sich den Gedanken des heil. Franz von Sales mehreremal wiederholen: „Daß die vollkommene Ergebung in Beziehung auf den Tod, der eine gerechte Strafe für die Sünde ist, zugleich auch eine vollkommene Sühnung dafür in Jesu Christo sei." Da der heilige Greis sein Ende nahe glaubte, verlangte er alle Mitglieder der Communität vor sich vereint zu sehew; doch vermochte er damals nicht, zu ihnen zu reden, dafür aber sagte er während der Nacht zu dem seiner Mitbrüder, der bei ihm Wache hielt: „Ich wollte ihnen gestern Abends empfehlen, immer in der Furcht Gottes zu leben. Versprechen .Sie mir, dieß allen meinen Mitbrüdern sagen zu lassen." Man konnte nicht umhin, bis zu Thränen gerührt zu werden, wenn man ihn das Gebet für die Verstorbenen aus sich selbst anwenden hörte: „Herr, gib mir die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte mir!" Indessen erhörte ihn Gott nicht sogleich und schien zu wollen, ihn noch auf Erden das Fegfeuer der Heiligen durchgehen zu lassen, welches darin besteht, daß er ihnen die Erfüllung der Hoffnung nach dem verzögert, wornach sie so heiß verlangen. Das Uebernatürliche bei diesen Prüfungen war unschwer zu erkennen; denn während er das Gedächtniß für Alles das, was zeitliche Dinge anbelangt, beinahe gänzlich verloren hatte, hörte man ihn über göttliche Dinge wie einen wahren Weisen reden, der vom Geiste Gottes erfüllt ist. Bis zu seiner letzten Stunde gab er denen, die ihn über ihren Seelenzustand zu Rathe zogen, Antworten voll Erleuchtung. Er hörte nicht aus, die Acte der Liebe zu Gott und dem Nächsten zu erneuern, und bat den Bruder Krankenwärter, nach dem Beispiele des hl. Alphons, ihm solche Acte der Liebe vorzubeten, welche die vollkommensten wären. Es war hinreichend, in seiner Gegenwart den Namen Maria auszuspre- chen, um allen seinen Zügen den Ausdruck kindlicher Freude zu geben, und eine Quelle in seinem Herzen zu eröffnen voll der glühendsten und vertrauensvollsten Gebete. Der Rosenkranz kam nie aus seinen Händen, und das Ave Maria war das letzte Gebet, das er mit hinsterbender Stimme gesprochen. Er verschiev, getröstet durch die heil. Sacramente der Kirche, ohne Todeskamps in der Vigil von Allerheiligen des Jahres 1858. — Das ist der Tod eines Redemp- to risten. (Schluß folgt.) Religion und Industrie. Es dürfte nützlich sein, bekannt zu geben, was die Vertreter der Industrie in Belgien thun, um die moralischen und physischen Zustände der arbeitenden Classe zu heben. Der Vorsteher an den Hochöfen, die an einem berühmten Flusse liegen, erschrack, als er sein Amt antrat, über die Verkommenheit und Stumpfheit, in welcher die Familien der seinen Befehlen Unterstehenden sich befanden. Von nun an beseelte ihn nur ein Gedanke, jener nämlich: einer solchen Lage abzuhelfen und diese Seelen der menschlichen Gesellschaft wiederzugeben. Auf einer Reise nach Paris hatte er das Vorhaben, sich an die Oberin der Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul (barmh. Schwestern) zu wenden und ihr seine Gedanken vorzulegen. Das den Schwestern dargebotene Schlachtfeld, wo sie ihren Eifer, ihre Ergebung zeigen sollten, war ein ihnen bisher unbekanntes; es handelte sich darum: ohne Schleier in große, vom Rauche geschwärzte Werkstätten, wo eine unermeßliche Hitze herrscht, zu dringen; Männern, die Teufeln gleichen, die süßeste, die sanfteste der Erscheinungen zu bringen; die Erscheinungen von Engeln in Menschengestalt, diesen Menschen in Gestalt von Gespenstern das Licht des himmlischen Lebens zu bringen, ihre Kinder zu lehren, ihre Kranken zu Pflegen und zu heilen. Nach einigem Unterhandeln wurde das gemachte Programm angenommen, und fünf französische Nonnen sollten sich auf den Weg machen, um die Bewohner von Kohlendistricten zu civilisiren. Der Vorsteher zauberte gleichsam ein anständiges Haus für die barmherzigen Schwestern aus der Erde heraus, und sie nahmen es in Besitz. Es sind nun beiläufig fünf Jahre, daß sie ihre Arbeit an den Pforten einer Anstalt, die 2000 Arbeiter zählt, begannen und man kann bestätigen, ohne des Gegentheils überführt zu werden, daß sie die Gegend ganz geändert haben. Sie halten Mädchenschule, und Abends halten sie Stunden für die Erwachsenen. Eine 23-jährige Nonne erklärt jungen Leuten die großen Wahrheiten unserer hl. Religion, und lehrt ihnen Alles, damit sie hier als vollkommene Christen, gute und ehrliche Arbeiter und ehrsame Hausväter leben können. Wird in den Hammerwerken ein Arbeiter, sei es Mann oder Weib, beschädigt, was da, wo die Dampfkraft in Bewegung ist, nicht selten vorkömmt, so wird er alsogleich zu den barmherzigen Schwestern getragen, wo er mit mütterlicher Sorgfalt gepflegt wird. Frauen von christlichen Vereinen besuchen alle Wochen mit einer barmherzigen Schwester die ärmsten Familien und erleichtern ihnen ihr trauriges Loos. Ich war Augenzeuge dessen, was die guten Schwestern den Kranken thun, und ich habe mich an ihren Leistungen erbaut. Wie erhält sich ein so nützliches, patriotisches Werk? Der Edelmann, der es gestiftet, ist von Gott begeistert worden. — Zuerst hat er gewollt, daß alle Arbeiter Sonntags die heil. Messe hören, und Jene, welche Sorge zu tragen haben, daß die Oesen nicht erlöschen, treten ihre Arbeit erst um halb 8 Uhr an, nachdem sie vor 6 Uhr ihren Pflichten als Katholiken nachgekommen sind. Auch segnet ihn die Vorsehung in Allem was er unternimmt. Noch einige solche, vom Geiste Gottes beseelte Jndustriemänner, und die schweren Forderungen der Industrie wären im schönsten Einklänge mit den Geboten Gottes und der Kirche. Um nichts zu verschweigen, soll es gesagt sein, daß das Beispiel dieses so frommen und intelligenten Vorstehers die schönste Frucht, die es tragen konnte, gebracht hat. Es hat sich in Brüssel eine unter den Schutz des Grafen Merus gestellte Gesellschaft gebildet, deren Zweck ist, in den Kohlendistricten von Lüttich, Brüssel u. s. w. zu überwachen, daß 1. katholische Schulen für die Kinder der Arbeiter erhalten werden; 2. Zufluchtsstätten für greise und kranke Arbeiter bestehen. Diese Schulen und Spitäler sollen so viel als möglich unter der Leitung von Priestern stehen. — Edle und großmüthige Fabrikbesitzer! geht vorwärts, ohne euch von Hindernissen abschrecken zu lassen, Ihr werdet an das Ziel gelangen, Ihr werdet so den großen Bedürfnissen nachkommen. Ich habe die barmherzigen Schwestern in Mitte dieser von Rauch und Steinkohlen geschwärzten unzähligen Arbeiter betrachtet, und ich habe sie eben so reich an Entsagung und Ergebung, als auf den Schlachtfeldern der Krim gefunden. Es sind immer barmherzige Schwestern; da, wo sie sind, athmet man den Duft der heldenmütigsten Tugenden ein. Redaction un» Wcrlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Klein le. As*. 36. 2. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr.» wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misstonsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln.-) Brief des Hochw. k. Cuevas an ? Mendiat. Manilla, 20. October 1859. Hochw. Vater! Die Geschäfte gehen hier nicht so schnell, als Sie sich etwa denken mögen; wir sind noch nicht in Mindanao, und wissen auch nicht, wann wir uns dort werden ansiedeln können; jedoch ist eine Entdeckungs-Rundreise schon im Plane, welche nur wegen der schlechten Jahreszeit und der Nothwendigkeit meiner Gegenwart in Manilla bis zu Ende des Jahres verschoben worden ist. Wir hoffen sicher, diesen Ausflug machen zu können, und auch einen zur Errichtung einer Mission passenden Ort zu finden, um die zahlreichen Heiden, welche in den Bergen und längs der Küsten hernmirren, unter den Hort des Glaubens zu bringen. Die Briefe nach Mindanao müssen die Aufschrift „über Manilla" haben, weil diese Stadt der Centralpunct aller Curiere für den ganzen Archipel ist. Dieses Land ist sehr schön, und ohne Uebertreibung eines der reichsten im Orient; wenn die spanische Regierung es verstünde, sie recht zu verwalten, so könnte ihr diese Colonie nützlicher werden als Cuba. Der Cacao, Zucker, Kaffee, Indigo gedeihen da im Ueberflusse; jedoch die einträglichsten Producte sind der Tabak und der Abaca, eine Gattung Hanf, welche in großer Menge nach Europa und Amerika ausgeführt wird. In dem öffentlichen Schatze dieses Landes sind immer viele Millionen, welche nach Spanien gebracht werden, und wohl die Auslagen ersetzen, die seit drei Jahrhunderten zur Cultivirung dieser früher unfruchtbaren Insel gemacht wurden. Gott der Herr hat sicher das Vertrauen Philipp II- belohnen wollen, welcher, als ihm seine Rathgeber diese Inseln auszugeben riethen, weil sie keine Gold- und Silber-Minen enthalten, erwiderte: „Aber sie enthalten viele Seelen, welche man für den Himmel gewinnen kann." Jedoch ist es nicht wahr, daß diese Gegenden gänzlich dieser Art Reichthümer entbehren; denn wenn man auch keine kostbaren Minen entdeckt, so findet man doch sehr viel Waschgold im Sande der Bäche und Flüsse. Die Bevölkerung dieser unter spanischem Scepter stehenden Inseln übersteigt fünf Millionen. Die Mehrzahl sind Katholiken, und nur gegen Süden bei Mindanao und in den entlegensten Bergen des Nordens bei Leizon findet man Ungläubige. In dieser Insel, sowie in Jolo und Basilay und andern hängen die Küstenbewohner dem Mohamedanismus an, und sind daher, wie alle Anhänger des Korans, sehr schwer für das Evangelium zu gewinnen, während *) Bekanntlich reiS'ten vor einem Jahre aus Spanien eine Anzahl Missionare d. G. I. nach den Philippinen. die Ungläubigen hingegen Missionäre begehren, um unterrichtet und getauft zu werden; aber es sind nicht genug Arbeiter hier für einen so großen Weinberg. Die Pfarren werden durch 500 spanische Mönche aus den Orden des heiligen Dominicus, Franciscus und Augustinus besorgt; der Hochw. Hr. Erzbischof, sowie die drei Bischöfe, deren Hirtensorge dieser Archipel anvertraut ist, sind ebenfalls Spanier und auch aus diesen Orden. Es gibt sehr wenige Bewohner spanischer Abkunft, aber beinahe keine andere als europäische Priester; wohl gibt es indianische, aber dieser einheimische Klerus sowohl hier als in andern Gegenden ist für mich eine Utopie; er macht dem geistlichen Stande weder durch seinen Eifer noch durch seine Tugenden Ehre; ich glaube, daß man dem Lande eine große Wohlthat erwiese, wenn man diese indianischen Priester durch europäische ersetzen würde. Die Unterhaltsmittel fehlen nicht; im Gegentheil ist der Klerus sehr reich; es gibt Seelsorgsstationen, welche eine jährliche Rente von 50—60,000 Frcs. eintragen. Die Wohnungen der Priester gleichen Palästen; eine Menge Indianer stehen ihnen zu Diensten, auch besitzt jeder Priester seinen Wagen oder wenigstens ein Pferd zu seinen Reisen. Damit Sie sich einen Begriff von den hiesigen Zuständen machen können, wird es genügen, Ihnen zu sagen, daß in dem Augustiner-Kloster zu Manilla sich hundert Dienstboten zur Bedienung des Hauses befinden. Die Pfarreien sind jedoch noch zu sehr ausgedehnt; es gibt deren, welche über ^40,000 Seelen zählen. Was den Cultus anbelangt, läßt sich nichts Glänzenderes denken; viele Kirchen besitzen sehr hohe Altäre von Silber, und beinahe jede hat ihr eigenes Orchester, denn die Indianer sind große Musikfreunde und man würde schwerlich einen Marktflecken finden, der nicht gut damit versehen wäre. Auch dürfen Sie etwa nicht glauben, daß diese Indianer in dieser Beziehung mit etwas Mittelmäßigem zufrieden wären; man führt hier die beliebtesten europäischen Compo- sitionen aus und bedient sich derselben Instrumente. Am ersten Sonntage im October sah ich hier die Procession, welche, wie auch in Spanien, zur Erinnerung an die Schlacht von Lepanto abgehalten wird. Sie könnten sich nichts Schöneres vorstellen. Dreitausend Personen mit Fackeln in der Hand schritten in zwei Reihen in größter Ordnung und tiefster Stille einher; an der Spitze die Männer, dann die Frauen mit einem Marienbilde. Hierauf folgten 15 Fahnen, worauf die Geheimnisse des Rosenkranzes in Gold und Silber gestickt waren; so auch die Bildnisse der Heiligen Vincenz Ferrerius, Pins V., U. F vom Rosenkränze in reichstem Schmucke. Es waren auch Einige, welche auf herrlichen Sänften im Werthe von tausend Francs getragen wurden, auch folgten 2 Compagnien Soldaten mit Fackeln, die einen Einheimische, die andern Europäer; drei oder vier Militär-Banden, dann der Klerus des Dominicaner-Ordens, des lateranischen Collegiums und jener des heil. Thomas; endlich kam ein Priester, welcher den Rosenkranz laut vorbetete, der vom Volke in größter Andacht nachgesprochen wurde. Ich versichere Sie, daß ich ganz gerührt war bei diesem' erbaulichen Anblicke, und wenn ich dachte, wie Spanien diese ehedem so wilden Völker derart umgestalten konnte, daß sie nun civilisirt, religiös und wohlthätig geworden. An jenem Tage sind in der einzigen Kirche des heiligen Dominicus nicht weniger als 5000 Communionen gespendet worden; vier von unsern Vätern saßen diese ganze Woche Morgens und Abends fortwährend im Beichtstühle, ohne ausruhen zu können. Die hiesigen Indianer sind sehr fromm; die Frauen tragen das Scapulier und die Männer den Rosenkranz aus der Brust; sobald die Glocke des englischen Grußes ertönt, halten augenblicklich alle Wagen an, und alles Volk verrichtet das Gebet, und dies überall sowohl in der Calzada als im Prado de Manilla, und da auf dieser Promenade oft zwei- bis dreihundert Wägen fahren, so ist 283 dies ein auffallend schöner Anblick, selbe Leim ersten Glockenton Plötzlich anhalten zu sehen; die tiefste Stille folgt aus den betäubendsten Lärm. Die spanische Regierung unterhält zur Vertheidigung dieser Inseln zehn Regimenter, welche ganz wie die spanische Armee disciplinirt sind; die Gemeinen sind Eingeborne, die Corporäle, Feldwebel und Officiere beinahe durchgängig Spanier; es ist auch ein Lancier-Regiment hier, und zwei Brigaden Artillerie, wovon die eine aus Einheimischen, die andere aus Europäern besteht; um die Inseln kreuzen 5 oder 6 Kriegsdampser, und wir erwarten noch ^ oder 5 andere sammt 20 Kanonenbooten. Mögen aber die Aufgeklärten dieses Jahrhunderts sagen, was sie wollen, die beste Infanterie, Cavallerie und Artillerie bleiben doch die Frailes (die Mönche); sie sind es, welche ven spanischen Namen bei den Indianern beliebt machen. Einer der würdigsten sagte mir einmal, daß er es allein auf sich nehmen würde, ein Pronunciamento (Volksauflauf) zu ersticken, nur durch das Läuten der Glocken zu einer Procession in seiner Pfarre, und durch das Aus- stellen der Kirchen-Fahnen an der Kirchenthüre; denn sicher würde der Gedanke an eine Procession das Pronunciamento vergessen machen. Möchten Sie doch, mein Vater, in Paris Nonnen suchen, welche die Erziehung der Mädchen unserer Stadt Manilla auf sich nehmen würden; ich glaube, daß sie viel Gutes wirken könnten und Nichts entbehren dürften. (Schluß folgt.) Die Landschaft. 6. Mutter! welche köstliche Fernsicht! — rief die entzückte Clara, welche von Frau Ellen auf einen Berg geführt worden war, und von ihrem erhöhten Standpuncte aus die Gegend bewunderte. Warum gefällt Dir diese Fernsicht so außerordentlich? Warum? Ich weiß es selbst nicht, liebe Mutter! Einmal ist mir, als ob ich alles Schöne in einem Ueberblicke zusammenfaßte, und dann meine ich wieder, es fehle noch Etwas, ohne eigentlich zu wissen, was. Ach, so viele Gegensätze bieten sich dem Auge, und doch: welche Einheit! Siehe, mein Kind! Dir gefällt diese Ansicht so sehr, weil sich, Dir selbst unbewußt, in diesem Bilde der Natur ein Bild des menschlichen Lebens ausprägt. Wie so dies? Sagtest Du nicht, Du meintest alles Schöne in einen Ueberblick zusammenzufassen, und doch fehle diesem Alles immer noch Etwas? Was wolltest Du mit dieser Aeußerung andeuten. Mutter! mir gefällt es so sehr, daß alle Theile dieser Landschaft: der düstere Wald, der schlängelnde Bach, das freundliche Dörfchen gleichsam ein in sich abgerundetes und vollendetes Gemälde ausmachen, und daß dies Gemälde alle denkbaren Naturschönheiten in sich aufnimmt. Darum meine ich, alles Schöne in Einen Blick zusammenzufassen. — Wenn ich aber frage, was liegt hinter diesem Dörfchen, hinter diesem Walde, das meinem Auge unzugänglich ist; so dünkt mir wieder: das Gemälde sei nicht abgeschlossen, sondern nur eingeschränkt, und diesem Alles müsse noch Etwas, noch sehr Vieles fehlen. Und der Mensch? Betrachte selbst den Glücklichsten oder Tugendhaftesten! Vor Dir glaubst Du einen Sterblichen zu gewahren, dessen irdische oder innerliche Vollkommenheit unübertrefflich, in sich abgerundet scheint. Allein könntest Du Deinen beschränkten Geisteskreis erweitern bis in's innerste Innere dieses Sterb- 284 lichen: was ruht hinter diesem Abglanze von Glück oder Tugend verborgen: vielleicht ein noch stilleres, erhabneres Glück, eine noch vollendetere Tugend, ewig unerreichbar dem körperlichen oder geistigen Auge des fremden Beschauers? — Doch was entzückte Dich noch ferner an diesem landschaftlichen Gemälde? Der Wald, aus dessen düsterem Hintergründe nur um so mehr das freundliche Dörfchen sich hebt. Erkenne hierin den Gegensatz von Schatten und Licht! Er drückt sich im menschlichen Leben aus durch die Nacht der Trauer und den Tag der Freude. O mein Kind! Eine nur sonnige Landschaft blendet und ermattet, eine blos schattige Gegend aber verdüstert daS menschliche Auge, wenn anderes Licht ohne Schatten, oder Schatten ohne Licht denkbar ist. Nur Glück würde das menschliche Herz zur hohlen Ueppigkeit, nur Schmerz zur dumpfen Verzweiflung bringen. Der weise Wechsel aber von Lust und Harm erhält die Seele in jenem Gleichgewichte, welches so wohlthuend auf das eig'ne Herz, wie auf das fremde Auge wirkt. — Sprachst Du nicht auch vom schlängelnden Bache? — — Ja, liebe Mutter! Siehe nun, der Bach versinnbildet die Bewegung, das Schlängeln die sanfte, gemäßigte, erquickende Bewegung als Gegensatz der Ruhe, welche das freundliche Dörfchen, der düstere Wald darstellen. Wie in dieser Landschaft, so ist es auch im Leben des wahrhaft glücklichen Menschen. Wie dort augenla- bende Bewegung mit Ruhe, so wechselt hier still und sicher wirkende Thätigkeit mit süßer Erholung. Allein wäre der Anblick eines stürzenden Gießbaches nicht erhabner? fragte Clara. In dieser Ladnschaft schwerlich. Sie gewährt uns den Gesammteindruck einer glücklichen, mildsriedlichen Gegend, in welcher alles Rauschen und Toben ein störender Mißklang wäre. Aber die Anwendung hievdn auf's Leben des Glücklichen? Sie liegt im Wesen des Glückes. » Worin besteht das Glück? Im Frieden. Und der Frieden? In einer Thätigkeit, welche von Mäßigung und Ueberlegung beherrscht wird. Eine sich überstürzende Thätigkeit: würde sie Wohl schaffen oder zerstören? Und wäre sie die Aeußerung eines gesunden, im Gleichgewichte sich haltenden Charakters? Nein, meine Mutter! Noch Etwas, Clara! Du hast bisher nur abwärts geschaut. Willst Du ein erschöpfendes Gesammtbild der Landschaft in Deine Seele prägen, dann mußt Du auch aufwärts blicken. — Was gewahrst Du da! Den blauen klaren Himmel. Wie dieser die Krone des landschaftlichen Gemäldes, so ist der gläubige und zuversichtliche Blick gegen den Himmel der schönste Trost, die heiterste Freude des wahrhaft glücklichen und tugendhaften Menschen. Ja, Landschaft und Mensch versänken ohne diesen Himmel und ohne die Hoffnung auf ihn in undurchdringliche Nacht und verzweislungsvolle Trübsal. Warum ist indessen der Himmel blau? Er könnte ja roth sein, Gottes Liebe, oder grün, des Menschen Hoffnung auf diese Liebe anzudeuten. Er hätte also eine rein göttliche, oder rein menschliche Beziehung. Durch die blaue Farbe hingegen vereinigt er beide Beziehungen in ihrem wahrsten und anschaulichsten Verhältnisse zu einander. Wie das? Blau ist die Farbe der Treue und Zuversicht. Die Treue bezeichnet die 285 göttliche Beziehung, indem Gott sicherlich seine Versprechungen erfüllen wird. Die Zuversicht bedeutet das menschliche Erkennen und Festhalten an der göttlichen Treue. Allein der Himmel ist auch klar. Recht, mein Kind I Er ist klar durch seine reine Bläue. Wolkenverschleiert wäre er grau. So ist des Menschen zuversichtlicher Blick zu Gott ein klarer; sein verzagendes, kleinmüthiges Auge hingegen ein umdüstertes. — Doch jetzt laß uns nach Hause gehen! O Mutter! tief hat sich das Bild dieser Landschaft in meine Seele geprägt. Könnte sich es nur ausprägen im Bilde eines wahrhaft tugendhaften und glücklichen'Menschen! Noch einmal, liebe Clara! vergiß nur nicht den Himmel! Mit Gott im Bunde können wir uns selbst besiegen. Jesuit und Redemptorist auf dem Sterbebette. (Schluß.) Treten wir jetzt au das Sterbebett eines Jesuiten! Am 26. Februar 1858 starb zu Paris L. Ravignan, der ehedem so berühmte Kanzelreduer und vielgesuchte Beichtvater. I>. Ravignan war im Jahre 1793 in Bayonne aus einer sehr angesehenen Familie geboren. Seine ersten Studien machte er zu Paris im College Bourbon und widmete sich hieraus der Rechtswissenschaft. Lizentiat geworden unterzog er sich dem Amte eines Sachwalters am königlichen Gerichtshöfe in Paris mit so glücklichem Erfolge, daß er schon im 23. Jahre seines Lebens zum Staatsprocurator ernannt ward. Im August 1821 wurde er Sub- stitut des Oberprocurators am Tribunal der Seine, legte aber bereits im Mai 1822 ! dieses Amt in die Hände des Generalprocurators nieder, um in den Orden der Jesuiten einzutreten. — Es soll hier nicht von den unglaublichen Mühen und Arbeiten die Rede sein, denen dieser demüthige und seelencifrige Jesuit im ^ Dienste des Herrn sich unterzogen, auch wollen wir nicht von den gesegneten ! und glänzenden Erfolgen sprechen, die er mit Gottes Gnadenbeistand als Prediger und Beichtvater erzielt; wir beschränken uns daraus, nur das erhabene Schauspiel seines Todes zu erzählen! Das Hinscheiden Raviguau's war würdig seines Lebens; damit ist Alles in Einem Worte ausgedrückt. Seit langer Zeit waren die Quellen der Existenz wie erschöpft in ihm. Er hatte seine Kräfte mit einem solchen Uebermaß der christlichen Liebe in seinem Berufe verzehrt, daß ihm nur ein schwacher Hauch des Lebens geblieben war und daß die Stärke seines Körpers nicht mehr im Einklänge mit der so mächtigen und feurigen Seele stand, die er umhüllte. Schwere Leiden, mit Heldenmuth ertragen, mahnten ihn von Zeit zu Zeit, daß i der Augenblick vielleicht nicht mehr ferne sei, da dieser gebrechliche Leib in Staub ' zerfallen werde.' Der gute Pater setzte jedoch sein erhabenes Amt fort, getheilt s zwischen dem Wunsche, das Reich Gottes und die Zahl der für den Glauben ^ wiedergewonnenen Seelen durch seine Verdienste zu mehren, und zwischen der Sehnsucht „aufgelöst und bei Christo zu sein." > In diesem Zustande fand ihn die Krankheit, die ihn durch lange und ! schmerzliche Leiden zur ewigen Glückseligkeit führen sollte. Es war etwa zwei Monate vor seinem Tode, als er von einem schweren Brustübel befallen, auf's H Krankenlager sank, um sich nicht wieder zu erheben. Schon in den ersten Tagen ! erkannten die Aerzte die Bedenklichkeit des Uebels und bald erklärten sie den > Kranken für rettungslos. Die, Erschöpfung der Natur war so groß, daß keine menschliche Macht mehr helfen konnte. Auch der Kranke sah ein, daß sein Ende nahe sein müsse, und als man endlich ihm dieß mit deutlichen Worten sagte, konnte er einen Ausruf der Freude nicht zurückhalten. Man leidet — sprach er zu seinem Arzte mit einem Ausdruck den man nicht schildern kann — man leidet, aber nach dem stirbt man! Und sein Antlitz strahlte vor Heiterkei und Gottesliebe. Sechs Wochen lang litt er unsäglich und ohne Unterlaß; man konnte sagen, er sei während dieser ganzen Zeit jeden Tag und jeden Tag mehrere Male gestorben. Er war dem Ersticken nahe, der Athem fehlte ihm und doch kein Gedanke an sich selbst, keine Klage, kein Zeichen der Ungeduld, das ihm entschlüpft wäre! Er verwendete diese ganze Zeit, um für die Kirche, für Frankreich, für die ihm so theure, so bewundernswürdige und doch so viel verkannte Gesellschaft Jesu, um für alle jene in der ganzen Welt zerstreuten Seelen zu beten, die er für die Gnade wieder gewonnen und mit Gott versöhnt hatte. Indeß veminderten sich seine Kräfte von Tag zu Tag, und die Stunde des Scheidens nahte sich sichtbar. Donnerstag den 25. Februar In der Abendzeit verkündeten allzu sichere Vorzeichen das nahe Ende. Gegen 11 in der Nacht betrat der k. Superior des Jesuitenhauscs in der Straße Sevres die Zelle des Sterbenden, um ihn für den großen Schritt vorzubereiten. ?. Ravignan lag auf seinem ärmlichen Krankenbette erschöpft, leidend, betend. Der Superior gab ihm zu verstehen, daß der Augenblick seines Todes herannahe und daß das Opfer seiner Vollendung entgegengehe. Auf diese Nachricht ward der Kranke nachdenklich und schwieg einige Augenblicke. „Was ist Ihnen, mein guter Vater — sprach der Superior zu ihm — sollte ich Sie schmerzlich berührt haben, da ich Ihnen diese Ankündigung so unvorbereitet und rasch machte?" — „O nein! mein Vater — entgegnete der fromme Ordensmann, indem er die Augen zum Himmel erhob —> aber es scheint mir, als ob ich noch nicht genug gelitten habe." — Als ihm der Superior sofort sein Ende als gewiß ankündigte, erwiderte der Sterbende: „O um so besser, um so besser! Wie gut ist Gott, ich hatte die Hölle verdient und stehe da, er gibt mir das Paradies." — „Welches Fest feiern wir Morgen?" — „Das Fest der Wunden Christi." — „Das offene Herz Jesu; welch' schönes Thor, um in den Himmel zu gehen" rief U. Ravignan freudig aus. Als der Provinzial ihn Tags zuvor etwas gefragt hatte, hatte er geantwortet: „Ich bin sehr angegriffen?' Aber so ganz erfüllt war sein Geist von Geduld und Selbstverleugnung, daß er sich dieses einfache Wort als Fehler anrechnete, und, da er eine halbe Stunde vor seinem Tode den k. Provinzial in seine Zelle treten sah, alle seine Kräfte aufraffte, um ihm mit vernehmlicher Stimme zu sagen: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Vater, wegen des Wortes, das ich gestern Abends gegen Sie ausgesprochen." Gegen Mitternacht sagte ihm der Superior, er wolle ihm jetzt die Absolution geben und ihn der Früchte des Jubiläums theilhaftig machen, das die Pariser Erzdiözese feiere, k. Ravignan sammelte sich vollkommen, machte eines von jenen Kreuzeszeichen, die voll Majestät und Kraft bei ihm eine ganze Predigt waren und sprach, seine abgemagerten Hände mit Innigkeit faltend, in einem Tone voll erhabener Demuth: „Mein Gott, ich bitte Dich um Verzeihung für alle Beleidigungen in meinem Leben." Nachdem hierauf die entsprechenden Bedingniffe jerfüllt waren, sagte der Superior: „Damit Sie Ihren Jubiläums- Ablaß gewinnen und die vorgeschriebenen Kirchenbesuche ersetzen, küssen Sie das Kreuz." Der Sterbende drückte seine Lippen mit Inbrunst auf dasselbe. „Und jetzt, mein Vater, um die Fasten einzubringen, weihen Sie Gott das Opfer Ihres Lebens." — „Von ganzem Herzen." — Nach diesen rührenden und erhabenen Worten begann man das Sterbgebet, ,dem U- Ravignan bis zum Ende l i > > ! mit vollständig bellem Bewußtsein folgte. Gegen den Schluß dieses Gebetes bemerkte der U. Superior, daß der letzte Augenblick gekommen sei; er hielt das Bild des gekreuzigten Heilandes vor die Augen des Sterbenden, der es unverwandt betrachtete, drei leichte Seufzer ausstieß und im Frieden des Herrn entschlief. Es war der 26. Februar um halb zwei Uhr Morgens. So verließ die große Seele des U Ravignan ihre sterbliche Hülle und diese Welt der Schmerzen, um einzugehen in den Besitz der göttlichen Liebe. Aber man konnte sagen, sie habe zuvor noch ihren Eindruck im Körper zurückgelassen, so sehr spiegelte sich im Antlitz des großen Todten seine Heiligkeit, sein Glaube und jene kraftvolle und überzeugende Milde wieder, die ihm Aller Herzen gewonnen. Drei Tage lang war die Hülle des Seligen der Betrachtung und Verehrung einer unzähligen Menschenmenge ausgesetzt, auf seinem Todenbette liegend, im Ordensgewand, in seinen gefalteten Händen ein Kruzifix auf's Herz gedrückt, und der Ausdruck seiner Züge war so schön und so fromm, daß man glauben konnte, er wolle den Mund öffnen, um von Gott zu sprechen. — So stirbt man in den Orden der Jesuiten und Redemptoristen; — setzen wir bei: auch wie diese beiden Männer U. Ravignan und l'. Passerat ihr Leben hinbrachten, so bringen es sämmtliche Mitglieder genannter Orden hin, d. i. Gutes wirkend in einem Maße, das nur durch die Schmähungen und Beleidigungen der Gottlosen und jener Armen überboten wird, die dabei nicht wissen, was sie thun. — Sollte man aber vernünftiger Weise, statt diese Orden zu hassen, zu verlenmden und zu bekämpfen, nicht vielmehr wünschen und mit allen Kräften dahin arbeiten, daß sie sich allenthalben immer weiter ausbreiten, damit auch Andere — und recht Viele durch sie die Kunst lernten, recht zu leben, und die Kunst der Künste, selig zu sterben? — Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle. Es war einmal ein alter Griesgram. Diesem ging's wie es alten Menschen zu gehen pflegt, er erkrankte und starb. Während seiner Krankheit beeilten sich Neffen und Nichten, Vettern und Basen, deren Zahl Legion hieß, ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt zu umgeben. Der gute Alte war nämlich Wittwer, er hatte keine Kinder und besaß ein namhaftes Vermögen. Doch diese Zudringlichkeit war nicht von sehr langer Dauer. Gleich in den ersten Tagen seiner Krankheit ließ er alle Erben zu sich rufen und hielt ihnen folgende Rede: „Ich habe euch alle sehr gern, meine lieben Freunde; allein sehet, ich befinde mich nicht wohl, weswegen es mir lästig ist, so viele Menschen stets um mich her versammelt zu sehen. Mein altes, gutes Lieschen, die ja meine Bedürfnisse weiß, möchte ich allein bei mir behalten. Denn damit sich Niemand von euch bevorzugt glaube und jeder Eifersucht zuvorgekommen sei, so darf Keines von euch bei mir bleiben." Da war's ein Jammer und Wehklagen unter den Vettern und Basen. Jeder betheuerte, er könne ihn nicht verlassen, er stände ganz zu seinem beliebigen Dienste. „Ich hab's schon gesagt," erwiderte der Alte, „ihr seid mir zur Last, macht mich nicht überdrüssig; fort, laßt mich allein! Wer sich untersteht, auch nur noch ein Mal vor meinem Angesichts zu erscheinen, der wird von der Liste meiner Erben gestrichen. Verlaßt euch daraus!" Das war getroffen, ein wahres Zauberwort. Keiner hätte mehr gewagt, zu Widerreden und seine Pflege anzubieten. Still und ruhig zogen sie sich zurück in ihre Wohnungen, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Um aber beim Herrn Oheim nicht in Vergessenheit zu kommen, so unterließen sie nicht, jeden Tag sich bei Lieschen nach seiner GesE^t zu erkundigen. Doch eine der Nichten des Alten, ein junges, schlichtes, offenes Mädchen, Maria mit Namen, war bei jener Familien-Versammlung nicht zugegen gewesen. Bei ihrer Ankunft ging sie geraden Weges zu ihrem Oheim. Obschon sie von dessen Willen in Kenntniß gesetzt ward, so war doch kein Schwanken in ihrem Entschlüsse zu gewahren. Sie nahm ihre geringen Habseligkeiten unter den Arm und verlangte dreist von dem Oheim, daß sie bei ihm wohnen dürfe. „Geh mir doch aus den Augen," sprach der Alte, „ich will allein sein. Weißt du denn nicht, was ich allen Vettern und Basen befohlen habe? Willst du dich denn durch deine Widerspenstigkeit von meiner Erbschaft ausschließen?" — „Ich weiß das alles ganz gut, mein lieber Oheim, aber was liegt mir denn an ihrer Erbschaft? Ich will, daß sie gesund werden; dies, und dies allein liegt mir am Herzen. Sie sind krank, ihre Magd ist alt und schwach; meine Pflege ist also nicht ganz zu verschmähen. Sollten sie mich auch enterben; gilt gleich, hier bleib ich!" Was ein Weib will, das will's. Uebel oder wohl, der Oheim mußte Maria bei sich behalten. Sechs Monate nachher starb der gute Mann, trotz aller Sorgfalt des liebenswürdigen Kindes. Jetzt liefen die Verwandten, höhnisch lachend über die Gut- müthigkeit der Maria, znm Notar, in der Hoffnung, den Lohn ihres Gehorsams zu erhalten. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie Einsicht von dem Testamente nahmen, das in folgenden Worten abgefaßt war: „Da ich mein Vermögen nur demjenigen meiner Verwandten hinterlassen woFte, der mir einen untrüglichen Beweis seiner Liebe gegeben hätte , so unterwarf ich sie einer Prüfung, durch welche die Beschaffenheit ihrer Gesinnungen an den Tag treten würde. Die Gleichgültigkeit, die sie alle, mit Ausnahme der kleinen Maria, für meine Person hatten, gab mir zu erkennen, daß sie mehr an meinem Vermögen, als an mir selbst hingen. Maria allein hat meinem scheinbar sich widersetzenden Willen Trotz geboten; bis znr letzten Stunde hat sie mir beigestanden und mich mit kindlicher Hingebung gepflegt. Sie allein soll auch die Erbin meines ganzen Vermögens sein." Jetzt wurde geflucht und geschworen! In ihrem Innern gaben sie doch dem Oheim das Zeugniß, daß er kein Narr war, und dachten an das Sprüchwort: „Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle." Dies ist auch in der That die einzige Lebensregel für den rechtschaffenen Mann, die tngendsame Frau und besonders den wahren Christen. Denn Jesus Christus hat zu Allen gesagt: Suchet zuerst das Reich Gottes (das heißt, die Wahrheit und Gerechtigkeit), und alles^ Uberige wird euch hinzugegeben werden." Gebet znm heil. Aloifins. (Für Kinder.) Jesu, bleib in meiner Seele, Halte mich von Sünden frei, Mach, daß ich nur Gutes wähle, Und dereinst ein Engel sei; Schütze mich in Leibsgefahren, Laß die Unschuld mich bewahren, Aloisi, Aloist, Aloisi, steh mir bei! Redaction un« Verlag: Ilr- M. Huttlc.r. von I. M. Kleint.c. 9. September 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige i Abonnementsprets ist 2Ü kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und aste Buchhandlungen bezogen werden kann. > i Aus den Misfionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln. Brief des u. Bellarte Hochw. Vater! an den Hochw. U. Novizenmeister von Loh ola. Fernando-Po, 10. Decbr. 1859. Sie werden sicher schon die zwei Briese erhalten haben, die ich Ihnen nach meiner Ankunft in dieser Colonie schrieb. Am 3. dieses Monats habe ich die jährlichen Exercitien in Gesellschaft von 3 Vatern nnd 3 Brudern gemacht; da aber k. Dalmaser und k Aranjo selbe zu unterbrechen gezwungen waren, so haben sie am 19. selbe wieder begonnen, und zwar mit den übrigen Vatern und Brudern. Sobald Alles vollendet war, verfügten 0. Aeövc-do und ich uns zum Könige der Bubis nach Ba-na-pa. Unser Zweck war, ihm anzukündigen, daß wir wünschten, mitten unter seinen Unterthanen wohnen zu dürfen, um ihnen Gutes thun zu können. Ein Portugiese bot sich an, uns zu begleiten und als Dolmetscher zu dienen. Da der erste Tag nicht hinreichte, um an's Ziel unserer Reise zu gelangen, so mußten wir in einer großen Hütte Unterkunft suchen, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden, denn diese guten Inselbewohner betrachten uns als „Männer Gottes", welchen Namen sie uns stets auch geben. Wir waren gleich anfangs von den einfachen Sitten dieses Volkes angenehm überrascht; sie versammeln sich zu 20, 30 oder 40 in einer dieser großen Hütten, und sprechen ruhig unter einander, die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite, unermüdlich mit der Verfertigung von Strohhüten beschäftigt, ohne sich um die Männer zu bekümmern. Alle horchten begierig auf uns, obwohl unser Wort erst durch einen langweiligen Dolmetscher zu ihnen gelangen konnte; und als wir ihnen den Zweck unserer Reise eröffneten, so wurden sie erst recht aufmerksam, und verlangten sogleich, daß wir ihnen von dem neuen Gotte, den wir verkünden, erzählen sollten, was wir auch sogleich zu ihrer großen Befriedigung thaten. Da wir nun den Weg nach Ba-na-pa nicht kannten, so bot sich der Häuptling des Stammes als Begleiter für den nächsten Tag an; aber der Schlaue spielte uns einen Streich, den wir ihm in Rücksicht der frommen List, die er Hiebei anwendete, gerne verziehen. Sobald wir seine Hütte verlassen hatten, durchlief er in aller Eile die ganze Umgebung, um allen seinen Stammesgenoffen anzukünden, daß Männer Gottes angekommen seien, welche ihnen Allen die frohe Kunde und die himmlische Botschaft dieses neuen Gottes mittheilen würden. Als wir am folgenden Morgen in seine Hütte kamen, um Abschied von ihm zu nehmen, sagte er uns, daß er während der Nacht beim Könige von Bama-pa gewesen sei, um ihm den Zweck unserer Reise zu eröffnen, und daß Punct 8 Uhr der König selbst, seine Kinder und ein großer Theil seines Volkes 290 A hieher kommen würden; wir mußten also warten. Um 8 Uhr führte er uns in eine große Hütte, wo wir wirklich eine große Anzahl Bubis versammelt sahen, aber keine königliche Familie. Es war ganz einfach der Stamm unseres guten Freundes, den er selbst während der Nacht zusammenberufen hatte; nun setzt er sich selbst ganz majestätisch nieder, und ist bereit mit seinem ganzen Volke uns zu hören. Unmöglich ist er zu bewegen, uns weiter zu begleiten, und das ganze Volk vereint sich mit ihm, um uns aufzuhalten, indem sie uns die Reise nach Ba na-pa als mit unübersteiglichen Hindernissen verbunden schilderten. Wir blieben aber unerschütterlich bei unserem Vorhaben, denn die Befehle des heil. Gehorsams lauteten zu bestimmt. Da wir den guten Häuptling nicht zu unserer Begleitung mehr bewegen konnten, so entschlossen wir uns, die Fortsetzung unserer Reise über Berg^ und Thal mit unserm armen portugiesischen Wegweiser, welcher ganz verwirrt war, allein zu wagen; wir nahmen also, obwohl mit schwerem und gepreßtem Herzen, Abschied von dieser guten Gemeinde mit dem Versprechen zurückzukommen, sobald wir unser Vorhaben ausgeführt hätten. Zugleich erinnerten wir uns auch, daß an jenem Tage das Fest der Vorstellung Mariä im Tempel war, und so empfahlen wir uns ihrem Schutze und jenem unserer heiligen Schutzengel und des heil. Franciscus Taverius, und gingen geraden Weges voll Vertrauen vorwärts. Die Reise war zwar etwas abenteuerlich, dennoch aber recht angenehm, bis auf eine Strecke sehr tiefen Schlammes, der uns zwang, barfuß zu gehen und das Kleid bis zu den Knieen aufzuschürzen; auch war uns diese Begegnung um so auffallender, als es seit Langem schon nicht mehr geregnet hatte. Wir hatten 6 Flüsse zu durchschreiten, bald watend, bald schwimmend, wie wir eben konnten; einmal, als wir einen sehr breiten, aber wenig tiefen Fluß durchwateten, glitschte?. Acevedo ein wenig aus, und streckte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, die eine Hand aus, in welcher er seine Strümpfe hielt; durch diese Bewegung entschlüpften ihm dieselben und rollten schon im raschen Laufe dem Meere zu; doch unser Dolmetscher eilte ihnen noch zu rechter Zeit nach, und rettete sie; tausend andere kleine Vorfälle trugen nicht wenig dazu bei, uns die Beschwerden der Reise zu versüßen. Endlich gelangten wir nach Ba na-pa, wo wir vom Könige auf das Herzlichste und Freundlichste aufgenommen wurden. Und hier werde ich aufhören, denn die überseeischen Blätter werden Ihnen die Folgen unserer Erlebnisse mittheilen; es genüge Ihnen, zu wissen, daß unser königlicher Gastgeber sich sehr wohlwollend gegen uns beweist, und schon ein Haus für unsere Väter bauen läßt. Gott sei gelobt! Alle diese gutmüthigen Bubis lieben uns sehr, bis auf die arbeitende Classe, welche sich entfernt hält. Diese einzige Insel von Fernando-Po würde um 12 Missionäre mehr bedürfen; auch die umliegenden von Spanien abhängigen Inseln Corisco und Cabode-San-Juan bedürften ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft. Was ist das für ein Kummer für das Herz eines Jesuiten! Diese armen Inselbewohner rufen zu uns, und wir können ihnen jetzt noch nicht helfen! — Die Lerche und der Adler. 6. Welcher Vogel fliegt am höchsten? — fragte Clara ihre Mutter. Der Adler. Warum? Weil er am ruhigsten und stetesten fliegt. Und andere Vögel? Die stiegen nicht so hoch, so ruhig und so stet, wie z. B. die Lerche, welche vor ihrem Auffluge ihr Nest in immer höhern Kreisen umschwebt. Dennoch fliegt auch sie so hoch, als es ihre Kraft und die Milde der Luft gestatten. 291 Der Herr Pfarrer hat gesagt, daß unser Gebet wie auf Adlersflügeln zu Gott empordringen soll. Ich möchte ein Adler sein, wenn ich bete. Sage das nicht und begnüge Dich mit dem Jubelopfer der Lerche! Und weßhalb! Du wirst dies Weßhalb begreifen, wenn wir die Natur der Lerche, wie des Adlers betrachten. Wodurch unterscheiden sich beide am augenfälligsten? Der Adler ist groß, die Lerche klein. Du willst also vor Gott groß sein. Weißt Du denn, ob Du nicht klein, vielleicht ein Garnichts vor ihm bist? Gehen wir zum Aufenthalte beider Vogel über! Wo hat der Adler seinen Horst? Auf hohen Felsen, in unwirthbaren Gegenden. Und die Lerche ihr Nestchen? In Feld und Wald, leicht zugänglich dem Menschen. Siehe! wie die Wohnungen dieser Vogel, so sind auch die Herzen jener Menschen beschaffen, welche im Emporschauen zu Gott dem Adler, oder der Lerche gleichen. Das Herz des Adlermenschen ist verschlossen, unzugänglich den Schwächen seines Mitbruders, abgelenkt von allem Irdischen, was auch dem Bestgesinnten, aber doch der Welt Anhängenden Leid und Freude bringen könnte. Das Herz dieses letztern hingegen strebt zwar nicht so hoch, aber doch auch zu seinem Schöpfer empor. — Begreifst du jetzt, warum der Adler so hoch, so sicher fliegt, die Lerche aber in niedern Kreisen emporschwebt? Weil der Adler zu seinem Horste auswärts fliegt, die Lerche jedoch von ihrem Nestchen sich erhebt. Getroffen, mein Kind! Es kann Herzen geben, welche, wenn sie beten, gleichsam in ihre Heimath eingehen. Keine Sorge für's Irdische beunruhigt sie mehr. Die bittersten Entbehrungen tragen sie freudig Gott zu Liebe. Solche Gottesfürchtige empfinden durch ihr tief inbrünstiges Gebet den Vorgenuß der zukünftigen Heimath für uns Alle schon in der Gegenwart, des Himmels hier auf Erden. — Andere aber, welche süße Bande an's Irdische fesseln, können zwar auch brünstig und innig zu Gott beten, aber nur allmälig, wie die Lerche, reißen sie sich von ihrer irdischen Heimath los, versetzen sich nie ganz so tief in jenen seligen Vorschmack, weil sie, bildlich gesprochen, die so hoch fliegen, wie der Adler. — Wie schwingt sich die Lerche empor? Anfangs in engem und niederm, dann in stets weiterm und höherem Kreise, bis sie ihren Ausflug nimmt. So auch, mein gutes Kind! jene Herzen, welche wir der Lerche vergleichen. Nicht plötzlich, wie der Adler, nur durch allmälige Angewöhnung und häufige Uebung reißen sie sich vom Irdischen los. — Worin aber beschämt sie der fröhliche Liedersänger? Wie seinen Ausflug, so auch nimmt er umgekehrt seinen Niederflug. Und der Mensch, oder wenigstens die meisten Menschen? Mutter! Darf ich die Hand auf's Herz legen, so muß ich bekennen, es bedarf lange, sehr lange, bis wir uns in andächtige Stimmung versetzen; allein im Nu kehren wir zu unsern irdischen Gedanken zurüü. — Wie hoch nun fliegt die Lerche und wie hoch der Adler? Der Adler, liebe Clara! erhebt sich in den Aether, d. h. in den reinsten Luftkreis, während die Lerche im Dunstkreise der Athmosphäre bleibt. Doch die Bezugnahme dieses Gleichnisses aus den Menschen? Sie liegt nahe. Der eine Beter erhebt seine Seele in jene Höhe, wo nichts Irdisches mehr bestehen kann; der andere streift nie, selbst nicht im brünstigsten Gebete, die Liebe zum Irdischen ganz von seinem Herzen ab. — Worin glaubst Du, daß diese Liebe bestehen dürfe? Ich weiß es nicht. Der Hinblick auf die Lerche wird Dir's sagen. — Wovon reißt sie sich los? Von ihrem Nestchen. Wer wohnt darinnen? Ihre Jungen. Welche Liebe zum Irdischen darf also dem Gebete seinen rein göttlichen Charakter nehmen, von diesem hinwiederum die Weihe ihrer Heiligung empfangen? Kindesliebe, Elternliebe. Nur diese? Ich glaube: die Liebe zu allen Menschen. Du glaubst das Wahre. Lerche und Lerche lieben sich gegenseitig auch ohne Familienbande. — Der Mensch sollte sich beschämen lassen? Mutter! Jetzt möchte ich eine Lerche sein. Und weßwegen. Die Lerche singt so hübsche Lieder, der Adler erhebt ein unheimliches Geschrei. Setze hinzu: vor den menschlichen Ohren. Was dem göttlichen Ohre wohlklingender, oder ob ihm beides nicht gleich angenehm ist, wissen wir nicht. Wie soll ich das verstehen? So geht es mit dem Gebete des Menschen. Wer noch an der Erde und ihren schuldlosen Freuden hängt, mag den Menschen ein wohlgefälligeres Vorbild sein. Wer aber mehr Gnade gefunden vor Gott: ob dieser, ob sein nur frommen Uebungen lebender Mitbruder; darüber dürfen wir nicht richten, aus daß auch wir nicht gerichtet werden. Die christliche Mutter.*) Der Herr ward von Mitleid über sie gerührt und sprach zu ihr: „Weine nicht!" Luk. 7, 13. Wir wundern uns nicht, Geliebte, daß die Wittwe von Naim bittere Thränen weinte, als sie dem Leichenzuge ihres einzigen Sohnes folgte; wir Wundern uns nicht; denn über die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde — zumal zu ihrem einzigen Sohne, geht keine Liebe, darum ist auch der Schmerz einer Mutter über den Tod ihres einzigen Sohnes der höchste natürliche Seelen- schmerz. Wir- finden deßhalb gerecht diese Thränen der Wittwe zu Naim und können uns leicht auch denken, wie groß, wie innig ihre Herzensfreude gewesen, als der Herr über Leben und Tod vor der Leiche ihres Sohnes das allmächtige Wort gesprochen: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Wir können uns denken, wie herzlich sie dem lieben Gott gedankt, als der belebende Ruf des Heilandes den im Tode verlorenen Sohn ihr wieder zurückgegeben — als dieser sie wieder als seine liebe Mutter begrüßte! Doch — gibt es denn für die Menschenkinder nicht noch einen andern Tod, der tausendmal mehr zu beklagen ist, als ihr zeitlicher, ihr leiblicher Tod; gibt es kein anderes Leben, das tausendmal höher angeschlagen werden muß, als das irdische Leben, das Leben in der Hülle des Körpers? Ach — Geliebte! Wer im Solde der Sünde steht, dessen unsterbliche, für Gott geschaffene Seele ist gleichfalls gestorben; wer die heiligmachende Gnade verloren und den Leidenschaften dient, dessen Seele ist auf Erden schon todt für den Himmel. Das ist der zweite Tod — bei lebendigem Leibe; das ist die ewige Trennung von Gott, die zu beweinen selbst ein Thränenmeer nicht Thränen genug bieten könnte. Indeß — es gibt auch ein zweites Leben, es gibt ein Leben der heiligmachenden Gnade; *) Predigt, gehalten am Feste der heil. Monika von G- M. R. es gibt ein von Gott getragenes, übernatürliches Leben, das, auf Erden beginnend, seine glückseligste Fortsetzung findet im Jenseits. Die Gnade Gottes selbst ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Heilande. Das ist jenes ewige Leben, für dessen Wonne wir hienieden zwar keinen genügenden Maßstab haben, dessen Herrlichkeit aber der Apostel andeutet, wenn er spricht: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben!" Und wenn nun der Sohn einer wahrhaft christlichen Mutter vorn Tode der Seele zum Leben der Gnade erwacht in Christus dem Herrn, wer vermöchte dann die Freude eines solch christlichen Mutterherzens zu erfassen, wer solch einer Mutter nach Gebühr Glück zu wünschen! O deßwegen preisen wir glücklich die heil. Monica, denn die Seele ihres Sohnes Augustiners war gestorben, das Leben der Gnade war nicht in ihm, weil er nicht dem heil. Glauben ergeben war, weder in der Gesinnung, noch im Leben. Der Herr aber hat in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihn erweckt vom Tod der Sünde zum Leben der Gnade. Und das that er aus das beharrliche Thränengebet der heil. Monica. Ihr kennet Wohl Alle die Geschichte der heil. Monica, und deßhalb ist es nicht nöthig, näher anf dieselbe einzugehen; wir haben auch an ihrem heutigen Feste zu ihrer Verherrlichung genug gethan, wenn wir ernst ins Auge fassen, daß Monica nicht blos die leibliche Mutter des heil. Augustinus gewesen, daß sie vielmehr Lurch ihr unablässiges Gebet ihn für den Himmel geboren; wir haben genug gethan zu ihrer Verherrlichung, wenn wir zu erkennen uns bestreben, was eine wahrhaft christliche Mutter für die Tugend und das ewige Leben ihrer Kinder vermag, wie glücklich deßhalb auch jeder Mensch ist, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Das sei zunächst der Gegenstand unserer Betrachtung; darauf wollen wir sehen, wie unglücklich derjenige sei, dem keine wahrhaft christliche Mutter be- schieden war. l. Als die erste Mutter des Menschengeschlechtes, als Eva ihren Erstgebornen gebar, rief sie aus: „Ich habe einen Menschen von Gott empfangen!" Auch du, o christliche Mutter, erhältst dein Kind von Gott. Doch — du e hältst dein Kind nicht allein von Gott du erhältst es auch für Gott. Du sollst es. wieder Gott zuführen. Jeder christlichen Mutter gilt das freundliche, einladende Wort des Herrn: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, und wehrt es ihnen nicht." Deßhalb hat der Herr der Mutter ein Mutterherz gegeben, auf daß sie ihren Beruf, ihre Kinder zu Gott zu führen, auch erfüllen könne. Etwas Wunderbares ist es um solch ein Mutterherz. Es hat fast unbedingte Gewalt über das Kind — sei es zum Guten oder zum Bösen. Das Kind wird gewöhnlich das, was die Mutter durch Wort und Beispiel aus ihm macht — gut oder bös, selig oder verworfen. So war es schon vor den christlichen Zeiten. Wie Elisabeth, die Gattin des Zacharias, gerecht vor Gott war, und in allen Satzungen und Geboten des Herrn tadellos wandelte, so that es auch ihr Sohn, der h. Johannes; und wie Herodias der Eitelkeit und Sinnenlust ergeben war, so auch ihre unglückliche Tochter, die das Haupt des h. Johannes begehrte. Es zeigt sich hier, was sich uns jetzt noch in tausend Fällen zeigt: die Kinder treten gewöhnlich in die Fußstapfen ihrer Eltern, und ganz besonders in die Fußstapfen ihrer Mütter. Es zeigt sich, daß die Zweige heilig sind, wenn die Wurzel heilig ist, daß aber auch die Zweige schlecht sind, wenn die Wurzel schlecht ist. Drum, o christlich e Mutter, wie glücklich bist du zu preisen; du vermagst deine Kinder wahrhaft glücklich zu machen — eben weil du ihre Mutter bist. Von dir empfängt ja dein Kind die ersten Wohlthaten. Deßhalb hat es auch an dich eine besondere Anhänglichkeit, hängt mit dankbarer Liebe und kindlichem Ver- trauen an dir, nimmt alle deine Ermahnungen und Unterweisungen arglos in sein Herz auf. Unter allen Geschöpfen auf Erden liebt dich, o Mutter, dein Kind am meisten. Wenn du nun dieses Gefühl der Liebe hinüberleitest auf den ewigen Vater, der Alle liebt, Alle erhält. Allen Gutes erweiset, so wird unfehlbar in dem Herzen deines Kindes die Liebe zu Gott erwachen. Wenn du dem Kinde sagst, sobald es dich nur verstehen kann: Alles, was du issest, hat der liebe Gott erschaffen, Alles, was du siehst, kömmt von ihm, Alles, was du vonnöthen hast, gibt er dir, so wird auch Dankbarkeit gegen Gott in dem Herzen deines Kindes lebendig werden. Durch diese Dankbarkeit ehrt es Gott und dieß ist zugleich der Weg, auf dem der Herr, wie der Psalmist sagt, ihm das Heil zeigen will. — Sagst du dem Kinde weiter: der himmlische Vater ist der höchste und heiligste Herr Himmels und der Erde, er ist überall gegenwärtig, wo du auch immer bist, mein Kind; überall sieht dich der liebe Gott; was du thust, thust du vor seinen Augen; was du denkst, weiß er; gute Kinder liebt und belohnt er; böse Kinder bestraft er; sagst du das deinem Kinde schon in den ersten Jahren seiner Verstandesthätigkeit, sagst du es ihm wieder und wieder, schon bevor und während es die Schule besucht, so wird auch Ehrfurcht und Vertrauen gegen Gott in dem Herzen deines Kindes sich begründen; diese Lehren schreiben sich wie mit goldenen Buchstaben in seine Seele, und glänzen in derselben alle Tage seines Lebens; sie glänzen mitten in den Versuchungen, mitten in den Stürmen der irdischen Wanderschaft; sie glänzen wie Sterne in dunkler Nacht, und führen dein Kind durch alle Gefahren zu einem seligen Ende. — In der That! die ersten guten Endrücke, die in der frühsten Jugend von der Mutter der so weichen, biegsamen, empfänglichen Seele des Kindes gegeben werden, werden so sehr zur anderen Natur des Kindes, daß sie sich später nicht leicht wieder verlöschen lassen, und jener christliche Gelehrte hat ganz Recht, wenn er sagt: „Die Erziehung des Menschen wird großenteils in den ersten sechs Jahren auf dem Schooße der Mutter vollendet, und was sich in späteren Jahren im Kinde entwickelt, hat die Mutter vielfach in den ersten Lebenslagen dem Kinde eingepflanzt." Noch mehr! Selbst dann, wenn manche Mutter schon lauge im Grabe ruhte, und das Kind, das sie einst unter dem Herzen getragen, auf den Wogen des Lebens hin und her geworfen, seinen Glauben und seine Tugend verloren hatte und nahe daran war, für immer zu Grunde zu gehen — selbst dann ist schon manchem Kinde in seiner Verirrung die fromme Gestalt seiner im Herrn entschlafenen Mutter vor die Augen getreten, und hat es mit wunderbarer unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg der Tugend, des Glaubens und der Seligkeit zurückgeführt. Wie die heilige Monica im Leben ihren Augustinus durch inständiges Gebet vom Verderben errettete, so hat auch schon manche Mutter nach ihrem Tode durch ihr Flehen vor dem Throne Gottes die Bekehrung ihrer Kinder bewirkt. — So kam vor einigen Jahren ein junger Mann, der seine Studien an einer der österreichischen Universitäten eben vollendet hatte, in ein in der Nähe gelegenes Dorf, um seine zerrüttete Gesundheit bei seiner dort wohnenden Schwester wieder herzustellen. Neben der leiblichen Pflege suchte ihn diese auch durch religiöse Trostgründe aufzurichten und zu erheitern. Bald aber erklärte ihr der unglückliche Bruder, daß er an Nichts mehr glaube und auch in seiner Krankheit Nichts von religiösen Zusprüchen wissen wolle. Die gute Schwester eilte zum würdigen Pfarrer des Ortes, klagte unter vielen Thränen ihre Noth, und bat ihn, er möge doch der Bekehrung ihres armen Bruders seine ganze Sorgfalt widmen. Da der junge Mann, der in hohem Grade an der Schwindsucht litt, bei gutem Wetter bisweilen noch spazieren ging, so benützte der seeleneifrige Priester diese Gelegenheit, sich ihm zu nähern. Er traf ihn eines Tages auf einem solchen Gange und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden. Der Kranke aber ward finster, sprach wenig; ja, als der Seelsorger das Gespräch hinleitetc auf den Trost, den die Religion im Leiden verleihe, verabschiedete er sich sogleich trotzig mit der Bemerkung, daß das anhaltende Sprechen seiner Gesundheit schade. Bald darauf verschlimmerte sich die Krankheit des jungen Mannes und der Arzt sprach die Befürchtung aus, daß er wohl nur mehr wenige Wochen zu leben haben werde. Da war es nun die Pflicht des Seelsorgers ihn zu besuchen und mit Ernst und Liebe auf sein ewiges Heil aufmerksam zu machen. Nachdem er am Morgen während der hl. Messe die bisher verlorene Seele des Kranken dem guten Hirten empfohlen und um Beistand und Erleuchtung zu Gott gesteht hatte, trat er den schweren Gang zu dem Leidenden an. Die treue Schwester geleitete den Seelsorger zu dem schwer kranken Bruder. Doch dieser warf ihr einen zornigen Blick zu, und erklärte auch sogleich dem Seelsorger, daß sein Besuch ihm geradezu unangenehm sei. Vergeblich sprach der Seelsorger die freundlichsten Wörte, vergeblich waren alle Hinweisungen auf den vielleicht nicht sehr fernen Gang in die Ewigkeit, vergeblich alle Erinnerungen an die gläubigen Tage der Kindheit des Kranken. Alles vergeblich! Die Schwester war trostlos. Nicht genug! Kaum war der Pfarrer unverrichteter Dinge wieder zu Hause angekommen, da erhielt er auch schon ein Briefchen, das der Kranke mit zitternder Hand geschrieben. Er verbat sich darin alle weiteren Besuche, und erklärte auch seiner Schwester, nicht länger in ihrem Hause bleiben zu wollen, wenn sie nochmals einen Geistlichen zu ihm führe. — Aber welch' plötzliche Gesinnungsveränderung des Kranken schon nach wenigen Tagen! Eines Morgens gleich nach der hl. Messe kam die Schwester eilig zum Pfarrer und rief voll Freude aus: „Gott sei Dank! mein Bruder ist wieder ein Christ, kommen Sie bald zu ihm; er will Sie seines seitherigen Verhaltens wegen um Verzeihung bitten. Als der Pfarrer erschien, bat er ihn unter Thränen, des Vorgefallenen nicht mehr zu gedenken und fügte bei: „Danken Sie mit mir dem lieben Gott; ich bin wieder ein Christ. Helfen Sie mir, baß ich als guter Christ sterbe. Gestern Abends — sprach er — durchmusterte ich die Bücher in dem Wandschranke meiner Schwester. Da fiel mir das Gebetbuch meiner Mutter in die Hand. Ich öffnete es, und das Erste, was ich sah, war dieses Bildchen da. Sehen Sie, die gute Mutter hat darauf den Tag meiner ersten Communion, Den 14. April, bemerkt, und darunter dieses Gebet geschrieben: „ „Jesus Christus! du bist in das Herz meines Sohnes herabgekommen; ich preise deine unendliche Liebe, und bitte dich, erhalte ihn im Glauben und in heiliger Unschuld; führe ihn durch die Gefahren der Welt zum ewigen Leben!" " O — sagte er weiter — als ich dieses gelesen, da trat meine gute Mutter mir klagend vor die Seele; ich gedachte ihrer Lehren und Warnungen, nicht minder auch der Versprechen, die ich ihr am glücklichen Tage meiner ersten hl. Communion gegeben, und zugleich meiner späteren Verirrungen. Endlich fand ich auch das Abendgebet, das sie mit uns Kindern täglich verrichtete. Da sank ich unwillkürlich auf meine zitternden Kniee. Ich betete nach drei Jahren wieder zum ersten Male. Es war mir, als ob meine gute Mutter neben mir knieete und mit mir betete. Tief erschüttert und Thränen bitterer Reue weinend, legte ich mich zu Bette. Ich konnte lange nicht schlafen. Endlich bezeichnete ich mich mit dem Zeichen des h. Kreuzes und verfiel darauf in einen erquickenden Schlaf. Als ich heute Morgen erwachte, betete ich das Morgengebet meiner Kindheit und wurde in dem Entschlüsse bestärkt, mich wieder zu Gott zu wenden. Gott hat mich jetzt — es sei ihm tausendmal gedankt — von meinen Zweifeln befreit; vor dem Lichte der Gnade verschwanden die Scheingründe, womit ich meinen Unglauben vor mir selbst zu rechtfertigen suchte, und nun habe ich keine größere Sehnsucht, als nach langer Zeit wieder zum erstenmale die hl. Sacramente zu empfangen.— Er empfing sie nach entsprechender Vorbereitung mit größter Andacht. Der 296 frühere Mißmuth war nun gänzlich verschwunden; er war froh und heiter und trug sein schweres Körperleiden mit großer Geduld. Es war ihm immer eine Herzensfreude, von seiner frommen Mutter zu sprechen, und in ihrem Gebetbuche zu beten, oder daraus sich vorbeten zu lassen. Wenige Tage vor seinem Hinscheiden ließ er sich nochmals die hl. Sacramente reichen, sah dann dem Tode mit der Ruhe und dem Vertrauen eines Christen entgegen und freute sich besonders auf die Wiedervereinigung mit seiner Mutter. Eine halbe Stunde vor seinem Ende versank er in einen Schlummer. Auf einmal erwachte er, breitete seine Arme aus und rief freudig: „Mutter, Mutter!" Dann neigte er sein Haupt und entschlief sanft. — Geliebte! War die fromme, verklärte Mutterseele für diesen Kranken nicht sein zweiter, schützender Engel? Verdankte er nebst Gott nicht gerade ihr seine Rückkehr auf den Weg des Heils und eine glückselige Sterbstunde? O gewiß, es steht fest: Glücklich ist der Mensch, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Die Compaßblume. 6. Die Compaßblume, eine neuentdeckte Pflanze Amerikas, neigt sich stets nach Norden bei freundlichem Sonnenschein, wie während des tosenden Sturmes. Durch diese Eigenschaft kann sie den Compaß bei Seereisen ersetzen, aber unendlich nützlicher ist ihre symbolische Bedeutung für den Menschen bei seiner Reise durch das Leben. Die Compaßblume neigt sich stets nach Einer Richtung, und auch der Sterbliche soll stets nur Eine Richtung verfolgen. Diese Richtung ist bei der Compaßblume der strenge und unfreundliche Norden, die mitternächtige Gegend; bei dem Staubgebornen aber soll sie der Weg, die Nacht des Leidens, der Trübsale sein. Wohl dem Menschen, an dessen Erdenhimmel es Mitternacht geworden ist, d. h. dessen Leiden den für seine Kräfte höchsten Grad erreicht haben! denn über seine Kräfte wird Keiner versucht. Der Herr gibt einem Solchen die Gewalt gleichsam in die Hand, mit welcher er den überirdischen Himmel an sich reißen soll. Der Mensch muß den Weg des Leidens gehen beim tosenden Sturme, d. h. wenn der himmlische Vater Heimsuchungen und Drangsale über sein Haupt gesammelt hat. Allein auch beim Sonnenschein des Glückes soll der Sterbliche den Weg des Leidens gehen durch freiwillige Entsagung, und indem er Andere ihre Leiden tragen hilft, wie Christus diesen Weg gewandelt ist, da er freiwillig den Freuden des Himmels entsagte und freiwillig unsägliche Schmerzen litt für fremde Sündenschuld. In diesen Deutungen also kann und soll die Compaßblume dem Sterblichen zum Vorbild dienen. Es gibt indessen auch Gegensätze zwischen der Blume und dem Menschen. Die Blume muß der Gewalt des Sturmes weichen. Geknickt neigt sie das Haupt zur Verdorrung. Der Mensch jedoch soll durch Lebensprüfungen zu Gott empor gerichtet werden. Die Blume neigt sich bestimmungslos gegen Norden. Der Sterbliche aber soll auf dem Wege der Leiden seiner ewigen Bestimmung: der Vereinigung mit Gott entgegengehen. Redaction uu> Verlag: vn. M. Huttier. — Druck von Z. M. Kleinle. Hl'e'. 38. 16. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misfionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des ?- D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten u. General derselben Gesellschaft. Mein hochwürdigster 1'. General! Aus kindlicher Ehrfurcht und nach dem Wunsche des hochwürdigen U. Provinzial schreibe ich an Eure Paternität, um Ihnen eine kurze Schilderung meiner Beschäftigung mitzutheilen während jener Zeit, die ich bei der Armee der vereinigten Staaten als Feldcaplan zubrachte, nämlich von dem halben Mai 1858 angefangen bis zum 23. September 1859, an welchem Tage ich wieder nach St. Louis zurückkam. Am 13. Mai 1858 erhielt ich ein Schreiben des Kriegsministers folgenden Inhalts: „Der Präsident der vereinigten Staaten wünscht Sie der Armee von „Utah in der Eigenschaft als Feldcaplan bcizugeben. Er ist der Ansicht, daß „Sie hiedurch dem öffentlichen Wohle wichtige Dienste leisten würden, und zwar „in mehrfacher Beziehung, namentlich wegen des dermaligen Zustandes unserer „Angelegenheiten in Utah. Deßwegen hat er auf Sie, als eine hiezu geeignete „Person, seinen Blick gewendet, und mir aufgetragen, Ihnen seine Wünsche in „dieser Beziehung kund zu geben. Er hofft, daß Sie seinen Antrag annehmen „werden, und daß die Stelle eines Feldcaplans mit Ihren geistlichen Pflichten „nicht unverträglich und Ihrer persönlichen Gesinnung nicht entgegen sein werde." Der hochw. ?. Provinzial und alle Consultoren waren mit Rücksicht auf die Verhältnisse der Zeit der Meinung, daß man den Antrag annehmen müsse. Ich begab mich alsobald auf die Reise nach dem Fort Leavenworth, um bei der Armee einzutreffen, und erhielt meinen Platz bei dem 7. Regiment, welches aus 800 Soldaten bestand, wovon drei Viertheile Katholiken waren, unter dem Oberst Morisson und einem zahlreichen Generalstab von Officieren und Ingenieuren. Der Chef der Armee stellte mich persönlich dem Obersten vor, welcher, obgleich Protestant, ihm herzlich dankte, indem er sagte: „General, ich habe es schon für eine große Begünstigung angesehen, daß man mir das Geniecorps anvertraut hat, heute krönen Sie Ihr Wohlwollen dadurch, daß Sie mir einen Repräsentanten der alten und ehrwürdigen Kirche beigeben." — Indem er mir freundlich die Hand drückte, hieß er mich in ihrer Mitte willkommen und gab mir die Versicherung, daß ich meine heiligen Verrichtungen bei den Soldaten mit aller Freiheit werde ausüben können. Der würdige Oberst hat auch getreu sein Wort gehalten während der ganzen Zeit, die ich mich bei dem Corps befand, das er commandirte, und alle Officiere waren gegen mich nicht minder gefällig. Ich habe bei der Ausübung meiner geistlichen Pflichten nicht das geringste Hinderniß erfahren. Die Soldaten hatten immerdar freien Zutritt zu meinem Zelt, sowohl beim Unterrichte, als um zu beichten, oft schon sehr früh Morgens. Ich hatte den Seelentrost, das heilige Meßopfer darzubringen, und jedes Mal fand sich dabei eine große Zahl Soldaten zur Cvmmunion ein. 298 Als ich durch das Thal des Platastromes reiste, stieß ich auf mehrere Feldlager der Wilden, welche mich dringend baten, ihre Kinder zu taufen. Ich taufte deren 208. Sie gehörten hauptsächlich zu der Völkerschaft der Pawnies und Bacotoha oder Sioux. Alle nahmen mich mit Zeichen der Freude und Hochachtung auf, und äußerten das lebhafteste Verlangen, Schwarzröcke zu ihrem Unterricht zu haben. Die Armee hatte auf ihrem Marsche nach Utah ungefähr die Hälfte des Weges, das ist 1000 Meilen von St. Louis zurückgelegt, als der General Hearny die Nachricht von dem hergestellten Frieden bei den Mormonen und den Auftrag erhielt, nach dem Fort Leavenworth zurückzukehren. Ich kehrte mit ihm zurück, und kam dann nach St. Louis. Ich übergab dem Kriegsminister meine Erklärung, das Amt als Feldcaplan niederzulegen. Meine Abdankung wurde nicht angenommen. weil so eben ein neuer Krieg zwischen den Völkerschaften der steinigen Berge und der Regierung ausgebrochen war. Durch den Telegraphen kam mir die Weisung zu, mich nach New-Dork zu verfügen, und mich dort mit dem General Hearny und seinem Generalstabe einzuschiffen. Am 20. Sept. 1858 verließen wir den Hafen von New-Uork um uns nach AsPinwall zu begeben, das 2000 Meilen entfernt war. Da die Aequinoctialzeit war, so hatten wir auf der Ueberfahrt bei den Inseln von Bahame einige Stürme und große Windstöße zu bestehen. Wir fuhren eine Zeit hindurch längs der Ostküste der Insel Cuba und sahen einige Vorgebirge von St. Domingo und Jamaika. Am 29. passirte ich aus einer guten Eisenbahn die Landenge von Panama, die eine Breite von 47 Meilen hat. Tags darauf hatte ich das Glück, in der Kathedralkirche von Panama das Opfer der h. Messe darzubringen. Der hochwürdigste Bischof bat michs dringend, mich bei Eurer Paternität zu verwenden, um eine Ansiedlung von Jesuiten zu erhalten. Er drückte den lebhaften Wunsch aus, sein geistliches Seminar der Sorge der Gesellschaft Jesu anzuvertrauen. Neu Granada und so viele andere Länder des spanischen Südamerika wären allerdings ein weites Feld für den Eifer unserer Väter. (Fortsetzung folgt.) Der katholische» Kirche Obsorge sür das Leibliche. 6. Bei genauer Betrachtung der katholischen Kirche und ihrer segenreichen Wirkungen mag die geringe Zahl ihrer treuen Anhänger im Verhältnisse zur großen Menge der Weltdieuer seltsam erscheinen. Der Grund liegt nahe. Wir vergessen der großen Aengstlichkeit um des Irdischen willen gerne der Sorge um das Himmlische, während vernunftnothwendig in der Wohlfahrt der Seele die einzige und wahre Wohlfahrt des Leibes begründet wird. Wirkt nun die katholische Kirche das Heil der Seele, dann muß sie auch das Heil des Leibes wirken. Sie sorgt nun 1) sür das leibliche Heil in steter und inniger Vereinigung mit der Obsorge sür das geistige Wohl zum Unterschiede von der Welt, welche die Wohlfahrt des Leibes stets im Ausschlüsse oder mit Nichtbeachtung des geistigen Heiles zu erstreben sucht. Eine wichtige Folge dieser vereinten Sorgfalt ergibt sich aus dem Verhältnisse der Seele zu dem Körper. Die Seele ist unendlich wichtiger, als der Körper. Die Sorge für die Seele muß also stets wichtiger, als jene sür den Leib sein. Darum richten alle Einrichtungen der katholischen Kirche ihr Augenmerk erst auf die Seele, dann auf den Leib. Es ist in keiner kirchlichen Einrichtung ein Zwiespalt denkbar zwischen der Sorge sür die Seele und jener sür den Leib, eine Oberhand des leiblichen Interesses über das geistige. Denn sonst würde die Kirche ihren hohen Beruf vergessen, das Heil der Seele zu Wirten. Gleich undenkbar ist in irgend einer kirchlichen Einrichtung eine wahrhafte Vernachlässigung, ein wirkliches Schadennehmen des Leibes zu Gunsten der Seele. Denn sonst wäre der Satz unwahr, daß die leibliche Wohlfahrt sich ausschließlich gründe aus das geistige Heil. Die katholische Kirche sorgt 2) für das leibliche Wohl in steter Uebereinstimmung mit den Anforderungen der menschlichen Vernunft, ja, sie erweitert das Maß dieser Forderungen, unterstützt und ermöglicht ihre Erreichung. Die katholische Kirche erweitert das Maß der Anforderungen der menschlichen Vernunft. Die Vernunft lehrt Mäßigkeit im Genusse des Erlaubten, die katholische Kirche jedoch preist die Tugend der Versagung selbst eines erlaubten Genusses. Wer nun ist unabhängiger in der Welt: der mäßig Genießende mit wenig Bedürfnissen, oder der dem Genusse Entsagende mit noch geringerem Bedürfe? — Wessen Körper mag der kräftigere sein: der Körper dessen, welcher, wenn auch in mäßigem Genusse, Bequemlichkeit und Wohlbehagen, die Quelle der Verweichlichung, liebt, oder jenes Menschen Körper, der abgehärtet ist in Entbehrungen jeglicher Art? Die katholische Kirche unterstützt uns, ermöglicht es uns, den Anforderungen der menschlichen Vernunft zu genügen. Die Vernunft des Weisen sucht die irdische Glückseligkeit nicht im Genusse, sondern in den wohlthätigen Wirkungen einer im ruhigen Gleichgewichte sich befindenden Seele auf den Körper und alle äußern Lebensverhältnisse. Die Vernunft befiehlt also, jegliche Leidenschaft zu bekämpfen, weil sie dies Gleichgewicht stört und seine segnenden Wirkungen entfernt. Die katholische Kirche nun kennt des Sterblichen unzulängliche Kraft zu diesem Kampfe und vermittelt dem Menschen göttlichen Beistand. Warum aber sind alle diese aufgeführten Vorzüge nur im Geiste der katholischen Kirche gelegen? — Ferne sei es von uns, anderen christlichen Religions- Gcnossenschaften manche Vorzüge für das Zeitliche abzusprechen. Allein solche Vorzüge haben diese Religionsgemeinschaften bei ihrer Lostrennung von der katholischen Kirche mit hinüber genommen in ihre neu begründete Genossenschaft, z. B. die segensreichen Wirkungen des Gebetes für zeitliche Angelegenheiten, soferne wir im Geiste der Demuth, des Gehorsams und der Genügsamkeit beten. Bei allen jenen kirchlichen Einrichtungen aber, welche von andern christlichen Genossenschaften abgeändert oder gänzlich verworfen sind, erstrecken sich die schädlichen Folgen dieser Abänderung oder Nichtanerkennung nicht nur auf das geistige, sondern auch auf das leibliche Wohl der Menschheit. Betrachten wir z. B. die schädlichen Folgen der Auflösbarkeit der Ehe, welcher die Protestanten huldigen, auf Staat, Familie, Vermögen! Haben aber solche Genossenschaften Einrichtungen mit schädlichen Wirkungen auf einzelne zeitliche Verhältnisse, so tragen sie eben nicht den gesammten Bedürfnissen der Zeitlichkeit genügsame Rechnung. Diese mangelhafte Sorge für das Leibliche entspringt aus der mangelhaften Sorgfalt für die Seele, und es muß als nothwendiger Gegensatz bei der katholischen Kirche aus der allumfassenden Sorgfalt für das Geistige auf die allumfassende Sorge für den Leib geschlossen werden. Wie viele Segnungen kennt nnn die katholische Kirche für das leibliche Wohl? Sie sind unzählbar. — Wie ist ihr Einfluß beschaffen aus das Zeitliche? — Ihr Einfluß kann unmittelbar oder mittelbar sein. Der Einfluß ist unmittelbar, wenn die Einrichtung neben der geistigen auch noch eine leibliche Wirkung bezielt. Dies finden wir bei der vierten Bitte des Gebetes des Herrn: Unser tägliches Brod gib uns heute! Hier bitten wir erst um das Brod des ewigen Lebens und dann um die Nahrung für das zeitliche Leben. — Der Ein- 300 fluß ist mittelbar, wenn nicht neben, sondern aus der geistigen Wirkung eine leibliche bezielt wird. Die siebente Bitte desselben Gebetes: Erlöse uns von dem Uebel! zeigt dies deutlich: Das Uebel ist der Tod der Seele, welcher von der Sünde hervorgerufen wird. Wir bitten also um gnädige Verschonung vom Tode der Seele, und nur vom Leben der Seele in Jesu hängt die Verherrlichung ab unsres Leibes nach seiner Auferstehung. Hier also die erste trostreichste Wirkung zwar nicht für das Zeitliche, aber doch für den Leib, welche aus der Erhörung dieser Bitte für die Seele fließt. — Ferner: der Tod für die Seele kann nicht nur Lurch die Beharrlichkeit im Bösen bewirkt werden, sondern auch durch das plötzliche Hinsterben in der Sünde. Diese Bitte bezielt also auch die Verschonung von einem jähen Tode. Hier also die zweite für die Zeitlichkeit höchst wichtige Folgerung aus einer Bitte für das Geistige. Nur noch einige der zahllosen Segnungen für das Zeitliche, welche die katholische Kirche über ihre Kinder ausbreitet: 1) Das Gebet. Gott hat die Erde erschaffen, auf daß sich der Mensch durch weisen Gebrauch ihrer Früchte freue und veredle. Wir werden also Gott um die Gewährung irdischer Dinge zu diesem Zwecke bitten dürfen. Mit diesem Schlüsse der menschlichen Vernunft stimmt die Lehre der katholischen Kirche überein. Gott will, daß wir ihn um das bitten, was wir brauchen, und, da wir auch Zeitliches bedürfen, sollen wir auch um das Zeitliche bitteu. Unser tägliches Brod gib uns heute! hat uns Jesus selbst beten gelehrt. Damit wir nun auf die rechte Weise das Rechte von Gott erflehen möchten, .hatte die katholische Kirche sowohl bezüglich unserer himmlischen, wie uns'rer irdischen Angelegenheiten zu verschiedenen Zeiten, wie an verschiedenen Orten verschiedene öffentliche Gebete oder Antachtsübungen eingeführt oder gebilligt. Wer kennt nicht die Bitt- woche, die Maienbetstunden, in welchen wir Gott für das Gedeihen der Feld- früchte anflehen? In der Litanei zu allen Heiligen bitten wir Gott gleichfalls um das Gedeihen der Erdfrüchte. Bei Krieg, Hungersnoth, ansteckender Krankheit und dringender Gefahr werden: allgemeine Andachten abgehalten; das rührendste Gebet in theilweise irdischer Angelegenheit aber ist das allgemeine Gebet für einen schwer Erkrankten. 2) Eine gleich wichtige Segnung, vorzüglich dem Gebildeten zu empfehlen, ist die Betrachtung. Wenn selbst der unbedeutendste Gegenstand der Natur oder Kunst zu den lehr- und trostreichsten Gedanken anregen kann, so muß dies um so mehr bei den erhabenen Geheimnissen der katholischen Religion der Fall sein. Gott selbst hat uns auf das Feld der Betrachtung geführt, indem er gerne in Gleichnissen redete und lehrte. Wenn nun in diesen Gleichnissen von irdischen Dingen die Anwendung gemacht wird auf das Göttliche, so muß folgerichtig die Beziehung göttlicher Geheimnisse oder heiliger Begebenheiten auf irdische Angelegenheiten gestattet sein. Was könnte beispielsweise der für Gesundheit und Vermögen so verderblichen Modesucht besser steuern, als der häufige geistige Hinblick auf den rothen Mantel, welcher den göttlichen Dulder umhüllte? Siehe, v Reicher! Deinen Heiland Wider Willen gekleidet in ein Gewand der königlichen Farbe, verspottet in diesem Anzüge, dann jeglicher Hülle beraubt und an's Kreuz genagelt. Du kleidest Dich mit Freuden in die kostbarsten Stoffe und Farben, die Aller Augen auf Dich locken müssen. Glaubst Du nicht, daß die Anhänger der Welt Dir nur eine wohlgefällige Miene zeigen, Dich aber im Herzen beneiden, zu verderben suchen, Dich innerlich verhöhnen, wie sie Jesum äußerlich verspottet haben? Siehe die Bosheit der Menschen, oder die prüfende Hand Gottes entkleidet Dich des blendenden Flitters. Nackt und elend wirst Du an's Kreuz der öffentlichen und herzlosen Meinung geschlagen. — Würde eine solche Betrachtung Eingang finden in den Herzen der Vornehmsten und Reichsten, die größere Einfachheit der höhern Stände müßte unzweifelhaft die größere Einfachheit der minder Vornehmen und minder Reichen herbeiführen, wie auch die Prunksucht von den Angesehenern auf die Geringeren übergegangen ist. (Schluß folgt.) Die Katholiken in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein gehört gegenwärtig wieder zu den Ländern, die den Politikern viel zu schaffen machen. Bei dem Drucke, den Dänemark auf die Herzogthümer ausübt, um deutsche Sitte und deutsche Sprache zu vernichten, regen sich allerwärts die Sympathien der Deutschen für die „Meerumschlungenen," und herüber und hinüber erschallt der Hilferuf gegen die Unterdrücker eines der „edelsten" deutschen Stämme. Dänemark hat das Recht der „Meerumschlungenen" schwer gekränkt; das bestreitet Niemand, der noch ein offenes Auge hat. Niemand wird aber auch bestreiten, daß die Schleswig-Holsteiner einen harten Druck ausüben gegen ihre deutschen Brüder, die Katholiken, und dieser Druck muß die Sympathien bedeutend schwächen, welche die „Meerumschlungenen" beanspruchen. Und die Presse muß Act nehmen von jenem Druck. Wir wissen wohl, daß wir dadurch nach der Ansicht gewisser Leute einen „Mißton" anschlagen; aber das soll uns nicht abhalten, unsere Pflicht zu thun: als eine Pflicht aber sehen wir es an, diese schwarze Seite in dem Leben der Schleswig-Holsteiner zu zeigen, in der Hoffnung, daß auch sie endlich ihre Brüder nicht mehr knechten, sondern ihren billigen Forderungen Gerechtigkeit widerfahren lassen werden. Denn wer Gerechtigkeit von Anderen fordert, muß erst selber gerecht sein. Schleswig-Holstein, eine lutherische Feste, ist intolerant gegen Katholiken und Reformirte. Das Loos Aller, die sich nicht zur lutherischen Landeskirche bekennen, ist wahrhaft abscheulich; Zeugniß davon geben die vielen Gesetze, die gegen die Nichtlutherischen vorhanden sind und bis auf den heutigen Tag mit aller Strenge gehandhabt werden; die Gesetze sind erlassen worden kurz nach dem Westfälischen Frieden und nach Emanirung der deutschen Bundesacte. In denselben herrscht ein Geist der Intoleranz, wie erste selbst in derTürkei nicht zu finden ist. Indem wir dieselben näher in's Auge fassen, berühren wir natürlich nur das Loos der Katholiken, und zwar in Holstein, als dem eigentlich deutschen Lande. Die Holsteincr können das Läuten katholischer Glocken nicht hören, — vielleicht bekommen sie Nervenzucken davon, — deshalb sind die Glocken verboten. Die Holsteincr können keinen katholischen Kirchthurm anschauen, darum darf ein solcher nicht errichtet werden. Die Holsteincr können den Anblick eines katholischen Bischofes nicht ertragen, darum darf derselbe ihr Land nicht betreten. Es gibt nur vier „privilegirte" Orte — Alton«, Glückstadt, Kiel und Rendsburg, — an denen ein katholischer Priester Gottesdienst halten darf, während die Katholiken in anderen Orten nicht einmal die Erlaubniß haben, einen Geistlichen auf eigene Kosten zu sich kommen zu lassen, es sei denn, daß ein schwer Ertränkter des geistlichen Beistandes bedürfte. Gemischte Ehen dürfen von einem katholischen Geistlichen nicht eingesegnet werden- selbst wenn Leide Brautleute es wünschen. Kinder aus gemischten Ehen dürfen durchaus nicht katholisch erzogen werden, selbst wenn der lutherische Ehetheil vollkommen mit der katholischen Erziehung einverstanden ist, oder sie gar wünscht. Sollte ein Holsteincr lutherischer Confession das Bedürfniß fühlen, sich der katholischen Confession anzuschließen, so darf der katholische Priester oder ein katholischer Laie ihm dabei nicht behilflich sein, wenn anders er unter den „edelmüthigen" Holsteinern noch länger verweilen will. Don katholischen Begräbnissen kann in 302 Holstein natürlich gar keine Rede sein; denn kein Kirchhof in Holstein hat eine Abtheilung, aus der die Katholiken nach ihrem Ritus beerdigt werden dürfen, was doch im umgekehrten Falle in Oesterreich stattfindet. Holstein ist „toleranter," denn es verbietet dem katholischen Geistlichen den Zutritt zum Kirchhof. Nun aus der Unzahl der Thatsachen zur Charakteristik der „Toleranz" der Schleswig-Holsteiner nur einige. Im Jahre 18^i3 wurde der erste Geistliche für die neu errichtete Station Kiel ernannt; indessen mußte er erst sieben Monate warten, bis ihm von der holstein'schen Regierung die Erlaubniß ertheilt ward, Gottesdienst halten zu dürfen. Dem Bau der Kirche in Kiel hat man tausend Hindernisse in den Weg gelegt; der damalige Bürgermeister der Stadt äußerte öffentlich, er wolle es noch dahin bringen, daß das neue Gebäude zu einem Tanzsaale würde. Die Kirche ist freilich fertig, der Bürgermeister aber auf der Insel Sylt gestorben. — Dem Geistlichen wurden allerlei Chicanen bereitet, ja es hat gar den Anschein, als ob man sieh der katholischen Kirchenvorsteher dazu bedient hätte, denn auf deren Antrag wurde, während der Geistliche auf Missionen abwesend war, einige Tage vor seiner Rückkehr sein Zimmer gerichtlich erbrochen, ein Inventar aufgenommen, seine Bücher und Papiere durchsucht, die Kirche erbrochen, sogar das Tabernakel, — angeblich um ein Inventar des kirchlichen Besitzes aufzunehmen. Außerdem wurden diejenigen Schubladen, deren Erbrechung man sich doch nicht erlaubte, versiegelt. Wenn nun auch diese Inventaraufnahme und Versiegelung von den katholischen Kirchenvorstehern ausging und deßhalb die Kirchencasse selbst die tiefe Schmach bezahlen mußte, so war doch der Magistrat der Universitätsstadt Kiel gewiß sehr human und edelmüthig, dem Antrage solcher Leute nachzukommen,, namentlich da der Geistliche nach drei oder vier Tagen heimkehrte; man hätte glauben sollen, der Magistrat würde sich eher tausendmal bedache haben, als daß er auf diesen Antrag hin das Heiligthum der Katholiken, das Tabernakel, mit schmutzigen Fäusten öffnen ließ. Interessant ist außerdem das aufgenommene Inventar selbst. Man erinnere sich, daß der Vorsteher den Antrag der Inventaraufnahme nur dahin gestellt hatte das Besitz- thum der Kirche kennen zu lernen; aber es scheint döch ein Hohn zu sein, wenn in derselben neben der Bibliothek des Pfarrers und den heiligen Gefäßen auch mehrere Beinkleider paradircn, deren schadhafte Stellen genauer beschrieben werden. Man sollte glauben, der edelmüthige „deutsche Sinn" und die Bildung des Magistrates der Universitätsstadt Kiel hätte wissen sollen, daß Beinkleider nicht zuipr Kircheninvcntar gehören. Im Jahre 1856 wurden eines schönen Tages alle Eltern, welche in die neu errichtete katholische Schule zu Kiel Kinder geschickt hatten, Plötzlich vor Gericht bcschieden; es verlautete schon, man wolle die Schule unterdrücken. Die Katholiken wendeten sich Schutz suchend an den französischen Consul zu Kiel, der sich gleich mit dem dänischen Stadtdirector in Verbindung setzte, und dieser dänische Stadtd irector verbot alsbald dem deutschen Stadtconsistorium, gegen die katholische Schule etwas zu unternehmen. Man hat sogar die Absicht gehabt, die katholische Gemeinde sammt ihrem Pfarrer dem lutherischen Stadtconsistorium zu Kiel zu unterstellen. Das interessante Aktenstück, von der (deutschen) holsteinischen Regierung erlassen, liegt noch vor. Aber eine Jmmediatein- gabe an König Christian Vlll. hatte den Erfolg, daß dieser Fürst das Damoklesschwert von dem Haupte der katholischen Gemeinde entfernte. Im Jahre 1852 wollte ein Katholik sein Kind in der Stadt Oldesloh von dem katholischen Geistlichen in Lübeck taufen lassen. Der Magistrat erhielt Kunde davon und ließ ein Aktenstück ausfertigen, in welchem er sich auf das Gesetz berief, daß die Katholiken in nicht privilegirten Orten ihren Geistlichen nicht zu sich kommen lassen dürften. Im Jahre 1857 wollte sich ein Katholik mit einer Person lutherischer Confession verheirathen; aber er wollte die Ehe 303 nur unter den Bedingungen eingehen, daß er 1) katholisch getraut würde, 2) seine zu erwartenden Kinder katholisch erzogen würden. Von Seiten der Braut ward nichts dagegen erinnert, desto mehr aber von den Predigern. Um allen Widerwärtigkeiten auszuweichen, geht der Mann mit seiner Braut nach Hamburg und wird dort in der katholischen Kirche getraut. Nach seiner Heimkehr aber wird die Ehe einfach annullirhund der Mann lebt vor dem Gesetze im Concubinat. — In demselben Jahre 1857 wurde der Geistliche in Alton« verklagt, weil er zur Winterzeit in dem nichtprivilegirten Bellingen ein Kind katholischer Eltern getauft habe. Posfirlich war die Klageschrift des lutherischen Predigers; er zog ebenfalls obiges Gesetz an und setzte dem Gerichte zugleich auseinander, daß anch dem Concil von Trient der lutherische Prediger das Kind eben so gut hätte taufen können, denn das Concilium Tridentiuum erkenne solche Taufe an. 0 s-meta siinchwims! — Der Graf Hahn wurde 1858 zur Rechenschaft gezogen, weil er in seiner Hauscapelle die heil. Messe hatte feiern lassen. — In demselben Jahre 1858 convertirte eine Dame, v. Woliser, die an einer Privatschule Lehrerin war. Durch ihre Conversion wurde sie nicht allein von dieser Schule, an der sie keinen Religionsunterricht gab, entfernt sondern es wurde ihr auch untersagt, irgendwo und in welchem Fache auch immer Privatunterricht zu ertheilen, wodurch die Arme, die bis dahin auch ihre alte Mutter unterstützt hatte, in die äußerste Noth gerieth. — Bei einer Vernehmung seitens des Magistrates in Kiel, betreffend die „strafbare Trauung" eines k. k. österreichischen Hauptmannes mit einer lutherischen Holstcinerin durch den katholischen Geistlichen, wurde dem Geistlichen vor dem ganzen Magistrate von einem Mitgliede desselben öffentlich gesagt, alle katholischen Geistlichen achteten sich protestantischen Behörden gegenüber nicht zur Wahrhaftigkeit, verpflichtet. Diese Aeußerung wurde weder von dem Vorsitzenden, dem noch jetzt fungirendcn Syndikus der Stadt Kiel, Witt, gerügt, noch auch von einem der übrigen Herrn Senatoren mit einem Zeichen der Mißbilligung begleitet. Als der beleidigte Geistliche sich wegen dieser Aeußerung klagend an das Stadtdirectorium wandte, dem der Baron v. Plessen, der Präsident des letzten holsteinischen Landtages, vorstand, wurde er von demselben zwar artig, aber doch abschlägig beschicken, so daß es ihm nicht möglich wurde, seine Klage anhängig zu machen. Ueberhaupt haben diese zu verschiedenen Malen stattgehabten Verhöre vor dem Kieler Magistrate in besonderer Weise den liebenswürdigen Edelmuth der Holsteiner gezeigt. Und das Alles in Kiel, das sich rühmt, eine Hauptleuchte der Bildung und Humanität, ein Hauptfitz deutscher Sitte und deutschen Lebens zu sein! Wegen allen diesen Bedrängnissen, die der holsteinische Edelmuth den Katholiken auferlegt hat, wandte man sich von Seiten der Katholiken an den vorigjährigen Landtag zu Jtzehoe. Der Graf Hahn brachte ihre Petition vor und vertheidigte dieselbe. Aber Keiner der Versammelten schloß sich ihm, dem einzigen Katholiken des Landtages, an; Advocat Lehmann aus Kiel, einer der Vorsteher und Festesser des Nationalvereines im englischen Hause, hüllte sich bei den Bedrängnissen der Katholiken in unverwüstliches Schweigen, er, dem ein dänisches Wort schon Fingerzucken macht, Lehmann, der den Toast des Professors Mommsen auf Holsteins edlen Bruderstamm gemüthlich einstrich — Lehmann sagte nichts. Und Deutschland mußte es vernehmen, daß die Holsteiner über die himmelschreienden Leiden ihrer katholischen Brüder zur Tagesordnung übergegangen. So handeln die freisinnigen, edlen Holsteiner! Worin hat nun diese Intoleranz ihren Ursprung? Bei den Einen zum größten Theil in der Unwissenheit, bei den Anderen in der Gewinnsucht. Man möge es dem gemeinen Holsteiner nicht verdenken, wenn er gegen die Katholiken so eingenommen ist, die er kaum für Christen hält. Daß das so ist, liegt in dem Unterricht; bezüglich des Katholicismus herrscht in Holstein ein System 304 der Verdummung, über welches man staunen muß. Ein Beispiel davon geben wir in Folgendem. Versmann, Prediger an der Stiftskirche zu Jtzehoe und Vorkämpfer des Lutheranismus und als solcher auf dem letzten Landtage ebenfalls gegen die Beschwerden der Katholiken, gibt ein Kirchenblatt heraus, in welchem er die aberwitzigsten Dinge über den Katholicismus vorbringt, und Loch glaubt der Herr, ein sehr gelehrter Theologe zu sein. Eine katholische Lehrerin bekam eines Tages das Blatt zufällig in die Hand. Entrüstet über diese, wie sie glaubte, Böswilligkeit — sagen wir lieber, Unwissenheit, — kaufte sie einen Ketechismus und sandte diesen dem Herrn Prediger mit der Bitte, daß, wenn er künftig wieder den Beruf in sich verspüren sollte, über katholische Dinge zu schreiben, er zuvor in dem übersandten Katechismus über dieselben sich in- sormiren möge. Die Intoleranz der Holsteiner, namentlich ihrer Behörden, ist ferner aus dem Grunde zu erklären, daß die lutherische Geistlichkeit einen sehr überwiegenden Einfluß ausübt. Ihre Pfründen find durchschnittlich sehr reiche Pfründen. Dadurch sind sie in den Stand gesetzt, ihre Kinder gut erziehen zu können, die dann meistens Beamte werden. Wir möchten Wohl glauben, daß es in ganz Holstein keinen höheren Beamten gibt, der nicht entweder eines Predigers Sohn, oder dessen Schwiegersohn oder Schwiegervater ist; selten aber wird es vorkommen, daß ein höherer Beamter einen Prediger zum Sohne hat. Schließlich die Bemerkung, daß man ja nicht glauben darf, jene Verfolgungen gingen von den Dänen aus; die Dänen sind daran völlig unschuldig: die Dänen unterdrücken das deutsche Wesen in Holstein, die Holsteiner aber unterdrücken die Katholiken, und Beides ist trotz Mommscn kein Edelmuth. Die sieben Gnadenbitten im Gebete des Herrn. 6. Die sieben Bitten im Gebete des Herrn haben sieben Gnaden zum Gegenstände. Die erste Bitte ist eine Bitte um die Gnade der Gottverherrlichung. In der zweiten Bitte erflehen wir die Gnade der Selbstheilignng. Denn das Reich des Herrn, welches uns schon auf Erden zukommen soll, kann nur ein gottgeheiligtes Herz beherrschen. Die dritte Bitte umschließt die Gnade des Gehorsams, die vierte nach ihrer geistigen Richtung die Gnade der Vereinigung mit Gott, die fünfte die Gnade der Sündenvergebung. Anscheinend seltsamer Weise folgt hier die Sündenvergebung der Vereinigung mit Gott, während im Leben der Kirche die Sündenlossprechung dem Empfange der heiligen Communion vorangeht. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem Gebete des Herrn und dem Leben der Kirche löst sich auf einfache Weise. Die Ordnung im Gebete des Herrn ist eben eine andere, als die Ordnung im kirchlichen Leben, ohne daß die eine die andere ausschlöße. Im Gebete des Herrn nämlich umfassen die vier ersten Bitten die Beziehungen eines von der Sünde gereinigten Menschen zu seinem Schöpfer. Die drei letzten Bitten hingegen erstreben jene Gnaden, die zur Tilgung oder Verhütung der Sünde dienen. Die sechste Bitte nämlich bezielt die Gnade des Tugendsieges bei jedem Kampfe, jeder Gelegenheit zur Sünde, ja ein Fernehalten der Gelegenheit selbst, soweit dies des Herrn weiser Rathschluß zuläßt; die siebente Bitte endlich die ununterbrochene Fortsetzung dieser Gnade des Tugendsiegcs bis zu einem gottseligen Ende, d. h. die Gnade der Beharrlichkeit. Die Ordnung im Gebete des Herrn bezweckt mithin das leichte . Verständniß des Betenden. Die Ordnung des kirchlichen Lebens hingegen beobachtet die Gnadenaufeinanderfolge in der Seele des Menschen. Nach dieser Ordnung daher muß die Gnade der Sündenlossprechung jener der Gottvereinigung vorangehen. Redaetl»« »n» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »,n 3. M. Kleiste. AilgMgtt SmtajMiilt. Mr. 3S. 23. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Nugsburget Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misstonsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des k. D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten u. General derselben Gesellschaft. (Fortsetzung.) Die Entfernung von Panama nach St. Francesco beträgt mehr als 3000 Meilen. Das Dampfschiff legte in der prachtvollen Bai von Acapuca, einem kleinen Seehafen von Mexico an, um die Briefpost, Wasser und Kohlen einzunehmen. Am 16. Oct. Abends kam ich zu St. Francesco an, und schätzte mich glücklich, in einem Hause der Gesellschaft und in der Mitte mehrerer meiner Brüder in I. Ch. mich zu befinden, welche mich mit Beweisen der Güte und der herzlichsten Liebe überhäuften. Man fühlt und schätzt es besonders, qusm licmum et suecmäum Imlntaro lcMi'es in nimm, wenn man ein californisches Schiff verläßt, auf dem mau sich einige Zeit in der Mitte von 1400 bis 1500 Menschen aus allen Nationen der Erde befunden hat, die Alle von dem Goldfieber angesteckt sind, und an nichts denken und von nichts reden und träumen, als von Goldminen und von den irdischen Freuden, welche ihnen das Gold späterhin verschaffen wird. Aber diese Hoffnung wird oft fürchterlich getäuscht. Wir reisten am 20. von St. Francesco ab, und legten mehr als 1000 Meilen in 4 Tagen zurück, um uns nach dem Fort Van Couver in Columbien zu begeben. Zu Van Couver erhielt man die Nachricht von der Einstellung der Feindseligkeiten und der Unterwerfung der indianischen Völkerschaften. Indeß mußte man den Wilden noch ihre Vorurtheile und Unruhe benehmen, und falsche Gerüchte berichtigen und widerlegen, die ausgestreut waren und späterhin leicht neue Feindseligkeiten hätten herbeiführen können. Mit den Aufträgen des commandirenden Generals 'versehen, verließ ich das Fort Van Couver am 26. Octbr., und begab mich unter die Völkerschaften der Gebirge, die etwa 800 Meilen entfernt waren. Auf meiner Reise besuchte ich die katholischen Soldaten in den festen Plätzen zu Dalle-city und Walla-Walla. Hier traf ich zu meinem großen Troste den hochw. U. Congiato auf seiner Rückreise von den Missionen und erhielt von ihm sehr beruhigende Nachrichten über die Stimmung der Wilden. Der würdige Commandant des Forts hatte die ausgezeichnete Güte, auf mein Begehren allen Gefangenen und den Geiseln der Coeurs d'Alönes und Spokanes die Freiheit zu schenken, und er vertraute mir es an, sie zu ihren betreffenden Völkerschaften zurückzuführen. Diese guten Wilden, besonders die Coeurs d'Alenes, waren während ihrer Gefangenschaft der Gegenstand großer Erbauung in Mitte der Soldaten, welche sie oft mit Verwunderung umgaben, wenn sie Morgens und Abends ihre andächtigen Uebungen hatten und ihre frommen Lieder sangen. Gewiß fühlten manche der Soldaten Hiebei innerlich einen Vorwurf- Auf der 306 ganzen Reise gaben sie mir fortwährend Zeichen ihrer aufrichtigen Dankbarkeit, und ihre Genauigkeit bei den religiösen Uebungen war für mich eine Quelle des Trostes und der Freude. Den 21. November kam ich in der Mission vom heiligsten Herzen Jesu an. Des gefallenen Schnees wegen mußte ich daselbst bis zum 18. Februar 1859 verbleiben. Während dieser Zeit schneite es mehr oder weniger durch 43 Tage und 43 Nächte; 7 Tage hatten wir Regen, 21 Tage trübes Wetter, und 16 Tage war das Wetter heiter und hell. Ich verließ die Mission am 18. Februar mit dem hochw. 1> Joset, der mich begleitete, bis wir mit dem hochw. U. Hoecken zusammentrafen, der uns auf dem Flusse bis Klark oder Pends d'oreille entgegenkam. Eis, Schnee, Regen und Winde verzögerten sehr unsere Reise, die wir in schwachen Kähnen von Baumrinde auf den Flüssen und großen Seen zu machen hatten. Oft waren wir in Gefahr durch die Strömungen und Wasser- stürze umzukommen, von denen der Fluß Clarke besäet ist. Ich habe aus einem Wege von 70 Meilen deren 34 gezählt. Ueberall fanden wir kleine Feldlager der Indianer in ihren Winterquartieren. Beim Herannahen dieser Jahreszeit sind sie in der Nothwendigkeit, sich in kleine Parthien zu theilen, und sich in Wäldern und längs der Flüsse und Seen aufzuhalten, wo sie von der Jagd und vom Fischfänge leben. Sie nahmen uns überall mit dem größten Wohlwollen auf, und trotz ihrer äußersten Armuth theilten sie doch gern mit uns ihren kleinen Vorrath an Lebensmitteln. Sie benützten unsere Anwesenheit auf das Eifrigste, um dem Unterrichte, den wir ertheilten, und der heil. Messe, sowie den Andachtsübungen Morgens und Abends beizuwohnen, die wir abhielten, so viel es die Umstände erlaubten. Am 11. März kam ich in der Mission von St. Jgnaz bei den Bergbewohnern von Pends d'oreilles an. — Als die Kocktanois, Nachbarn der Pends d'oreilles, meine Ankunft erfahren hatten, machten sie einen Weg von mehreren Tagreisen mitten durch den Schnee, um mir die Hand zu drücken, und ihre kindliche Dankbarkeit auszusprechen. Ich war der erste Priester, der ihnen das Wort Gottes verkündet hatte, und hatte alle ihre Kinder und Erwachsene getauft. Sie kamen jetzt mit einer bewunderungs- und der ersten Christen würdigen Einfalt und Demuth, um mich zu versichern, daß sie dem Gebet, das heißt der Religion, getreu geblieben sind, und allen guten Lehren, die sie erhalten haben. Alle Väter ertheilten diesen guten Wilden das größte Lob. Es herrscht bei ihnen in voller Blüthe die brüderliche Einigkeit, evangelische Einfalt, Unschuld und Friede. Ihre Ehrlichkeit ist so groß und bekannt, daß der Gastwirth, wenn er sich manchmal für einige Wochen entfernt, sein Haus und seine Lorrathskammer offen stehen läßt. Die Indianer kommen und bedienen sich selbst dessen, was sie gerade nöthig haben; und wenn der Wirth zurückkehrt, bezahlen sie auf das getreueste, was sie zum Gebrauch genommen haben. Er hat mir dlbst erklärt, daß er bei dieser Gattung von Handelschaft niemals verkürzt werfen sei, auch nicht um den Werth einer Stecknadel. Am 18. März begab ich mich mitten durch den Schnee in das Thal St. Marie, das 70 Meilen weit entfernt war, um meine ersten und ältesten geistlichen Kinder in den Bergen wiederzusehen, die armen und verlassenen Tetes-plates. Sie waren sehr erfreut zu hören, daß Eure Paternität sich ihr geistliches Wohl zu Herzen nehme, und die Absicht haben, die Mission wieder besorgen zu lassen. Ihr oberster Vorsteher versicherte mich, daß sie seit der Abreise der Väter nicht aufgehört haben, sich Morgens und Abends zu versammeln, um ihr Gebet zu verrichten, zur gewöhnlichen Stunde zum englischen Gruße zu läuten, und an den Sonntagen sich einzufindeu, um den großen Tag des Herrn zu feiern. Um nicht zu lange zu werden, gehe ich nicht in eine ausführliche Schilderung ein über den gegenwärtigen Zustand dieser kleinen Völkerschaft. In Abwesenheit ihrer 1 307 Däter hat der Teufel manches Uebel unter ihnen angestiftet, indessen mit der Gnade des Herrn ist der Schaden nicht unheibar. Ihre täglichen Gebetsübungen und die Besprechungen, die ich in diesen Tagen mehrmal mit ihnen hatte, geben mir die tröstliche Ueberzeugung, daß der Glaube sich unter ihnen erhalten hat, und noch Früchte des Heils wirkt. Ich wurde bei meinem flüchtigen Besuche der Mission in den steinigen Bergen überall von den Indianern mit Zeichen aufrichtiger und kindlicher Freude ausgenommen. Ich glaube, Eurer Paternität sagen zu dürfen, daß meine Gegenwart in ihrer Mitte von einigem Nutzen war, sowohl in religiöser Beziehung als aus ihr zeitliches Beste. Ich habe mein Möglichstes gethan, um sie zu ermuntern, getreu und beständig zu sein in den Uebungen unserer heiligen Religion, und die Bedingungen des mit der Regierung abgeschlossenen Friedens genau einzuhalten. Auf dieser Wanderung habe ich die Freude gehabt, mehr als hundert Kinder und eine schöne Zahl Erwachsener zu taufen. Am 16. April begab ich mich nach dem Auftrag des commandirenden Generals in das Fort Van Couver, und verließ die Mission St. Jgnaz. Auf mein Verlangen begleiteten mich alle Häuptlinge der verschiedenen Völkerschaften aus den Bergen, um den Frieden mit dem General und den Intendanten der indianischen Angelegenheiten zu erneuern. Ich setze ihre Namen bei, und den Namen der Völkerschaften, welchen sie angehören: Alexander Temploghetzin oder der Mann ohne Haare, Häuptling der Pends d'oreilles: Victor Alamiken oder der glückliche Mann (er verdient diesen Namen ganz wunderbar, denn er ist ein Heiliger), Häuptling der Totes Plates: Adolph Kwitkwisshapo oder die rothe Feder, Häuptling der Totes Plates; Franz Saxa oder der Fraguese, ein anderer Häuptling der Totes plates; Dionysins Sementietze oder Kleid des Donners , Häuptling der Schujelpi; Andreas Bonaventura, Häuptling unter den Coeurs d'Alönes oder Sleizonmich; Kamiatein der Jakomans und Gezzy, oberster Häuptling der Spokanes. — Diese zwei Letzteren sind noch Heiden, aber ihre Kinder haben bereits die Taufe erhalten. (Fortsetzung folgt.) Der katholischen Kirche Obsorge sür -as^Leibliche. (Schluß.) 6. 3) Die Wirkungen der beiden vorhergehenden Segnungen erkennen auch christliche Genossenschaften mit andern Glaubenssymbolen. Wir betrachten nun mehre göttliche Gnadenspendungen, welche fast ausschließlich oder doch zum größer» Theile im Schooße der katholischen Kirche sproßen. Hieher zählen die hl. Sacramente und andere Gnadenmittel. Die sichtbaren Zeichen mehrer dieser heiligen Gnadenmittel erinnern uns gleichsam an ihre sichtbaren Wirkungen für das zeitliche Wohl der Menschheit. Das Bekenntniß der Sünden, die Losspre- chung des Priesters in der heiligen Beicht sind von gleich fruchtbaren Einflüsse auf die Gegenwart, auf die Zukunft sür das irdische Wohl des Einzelnen, wie auf den ganzen Weltkörper. Menschen, deren Gewissen eine schwere Schuld drückte, waren schon oft der Verzweiflung nahe, und in der gänzlichen Zerrüttung des Gemüthes keimte die Zerrüttung der körperlichen Gesundheit. Da wälzte ihre reumüthige Schuldanklage, das gewichtige Wort des Priestirs „adsolvo te!" eine Zentnerlast von ihrer Seele, und Ruhe kehrte in das Herz und frisches Leben in den siechen Körper zurück. Anders glaubende Christen, oder Katholiken, deren Glaube erloschen ist, kennen keine Linderung, keine Befreiung von der Gewissensfolter, und oft stei- gert sich ihre Verzweiflung zum Selbstmorde. Wie unermeßlich endlich sind die Wirkungen des heiligen Bußsacramentes für den Weltverkehr? Liebe, Friede kehren in Familien, Gemeinden zurück, in denen früher Haß und Zwietracht herrschte. Redlichkeit erstattet ungerecht gewonnenes Gut, und in frommer Mildthätigkeit gegen Einzelne findet der reuige Sünder ein Sühnemittel für seine Verbrechen an Gott, au sich selbst, an den Mitmenschen. Während das heilige Bußsacrament das Herz von der Sünde befreit, erfüllt es das heilige Altarssacrament mit den unendlichen Segnungen göttlicher - Liebe. Dieser Gegensatz einer tilgenden und gewährenden Gnade prägt sich auch in den zeitlichen Wirkungen dieser erhabenen Heilmittel aus. Die heilige Buße nimmt von der Seele die Folter des Gewissens; ihr Zustand wird Ruhe vom Sturme. Das allerheiligste Altarssacrament erfüllt die Seele mit der stillen Heiterkeit befriedigter Sehnsucht; ihr Zustand wird Ruhe in Gott. ^ Sobald der Sinn für diese stille Heiterkeit, für diesen Frieden im Herrn ; aus der Menschenbrust entflieht, weicht auch der Geist Gottes von uns, welcher ! durch seine Einkehr in unser Herz diesen stillen Sinn weckte und belebte. Wir ergötzen uns wieder au den rauschenden Vergnügungen des Tanzes, des Theaters, Wirthshausbesuches, weil der rauschende Weltgeist, der Urheber dieser Genüsse, wiederum in unserm Herzen wohnt. Die letzte Oelung ist für den Kranken ein Gnadenmittel zur Wiedererlan- ^ gung seiner Gesundheit, wenn dieselbe für seine Seele heilsam ist. Aber eben j dieses Wenn macht diese Wirkung wenigstens zu keiner regelmäßigen. Die ficht- s Laren Zeichen jedoch der Salbung und des priesterlichen Gebetes lassen uns nicht selten sichtbare Wirkungen der innern Gnade am Kranken gewahren, welche derselbe vor dem Empfange dieses heiligen Sacramentes nicht empfunden hatte. s Diese sichtbaren Wirkungen haben ihre Quelle in der jetzt erlangten Krast, den > körperlichen Schmerz, die geistige Furcht vor dem Tode zu beherrschen, wie im neubelebten, oder erst gewonnenen Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, und üben auf das geistige wie leibliche Wohl des Kranken den wohlthätigsten Einfluß aus. Haben in letzter Beziehung Schmerz und Furcht keine Gewalt mehr über den Verstand, so erlangt dieser die nöthige Kraft zur Ordnung irdischer ! Angelegenheiten. Die Hoffnung aus Gottes nachsichtsvolle Huld macht den Leidenden nachsichtsvoll und dankbar gegen seine Umgebung. Und doch kann menschlicher Unverstand aus Furcht vor der entgegengesetzten Wirkung dem Kranken diese stärkende Tröstung ganz oder zu rechter Zeit versagen? Die Ehe in der sakramentalen Auffassung der katholischen Kirche ist eine Nachbildung der Verbindung Jesu mit seiner heiligen Kirche und als solche von doppelter Wirkung auf das Wohl der Menschheit. Wie der Geist Gottes bei der Kirche bleiben wird, so wird er auch stets über eine Verbindung wachen, welche das Gepräge dieser kirchlichen Verbindung an sich trägt. Das Bewußtsein von diesem geistigen Schutze, welches durch die priesterliche Einsegnung belebt und gestärkt wird, ermuntert die Ehegatten zur Erfüllung ihrer religiösen, wie irdischen Berusspflichten, zum treuen Aushalten und Hoffen auf Gott in der Stunde ewiger, wie zeitlicher Gefahr. Wie ferner die Verbindung Jesn mit seiner heiligen Kirche eine unauflösbare ist, so muß auch ihre Nachbildung: die Ehe unzertrennlich sein bis in den Tod. Diese Unauflösbarkeit der Ehe muß vor der Eingehung beide Theile und die zur Einsprache Berechtigten zur reiflichen Erwägung des wichtigsten Lebensschrittes bewegen. Im Ehestände selbst aber verbürgt die Unauflösbarkeit der Gattin die der Frauenwürde gebührende Lebensstellung, den Kindern die ihrem geistigen, wie leiblichen Heile ersprießlichste Erziehung zu brauchbaren Gliedern der Menschheit. Einer der rührendsten Beweise der mütterlichen Sorgfalt der katholischen ! Kirche für ihre Kinder ist der Ablaß, d. h. Nachlaß der durch die Sünde ver- ! dienten zeitlichen Strafen, welcher an die Erfüllung gewisser äußerst gelinder und dem Seelenheils förderlicher Bedingungen geknüpft ist. D Eine fernere Bürgschaft für unser zeitliches Wohlergehen gewähren die trostreichen Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche. Die Gemeinschaft der Heiligen versichert uns der Fürsprache uns'rer himmlischen Brüder, sowie die Gemeinschaft mit der leidenden Kirche diese Fürsprache von uns verlangt, damit sie auch uns einst zu Theil werde im Orte der Reinigung. Wenn wechselseitiges Geben und Empfangen schon die Seele und Seligkeit weltlicher Freundschaft und Liebe bildet, um wie viel mehr muß dies bei einer so rein geistigen, heiligen Brudergemeinschaft der Fall sein? Und wenn schon irdische Freundschaft Segnungen ausbreitet über Geist, Gemüth und irdisches Wohlergehen des geliebten Freundes, wird dann dieses von Gott gestiftete himmlische Freundschaftsband unberücksichtigt lassen eine dieser Beziehungen? Wir wissen, daß Christus dxn obersten Eckstein, das unsichtbare Haupt dieser von ihm gegründeten Gemeinschaft bildet, und daß wir also als Glieder dieser Gemeinschaft Verbündete Gottes sein müssen. Durch diesen Bund mit Gott und der Kirche wissen wir, daß wir nicht allein stehen im Kampfe gegen das Böse, sondern im Leben und nach dem Tode durch liebende Brüder Fürsprache finden vor Gottes Thron. Dies tröstende Bewußtsein verleiht unserm ganzen Wesen eine ernste Heiterkeit, eine entschlossene Haltung, eine richtige Schätzung aller irdischen Dinge, welche wir lieben, wenn sie zum Guten, und hassen, wenn sie zum Bösen führen, eine Liebe welche nicht nur beim Gebete bleibt, sondern durch fromme Werkthätigkeit sich und den Brü- dern aus Erden, im Reinigungsorte Verdienste sammeln will. Der Protestant, welcher im Leben keinen Vermittler kennt zwischen sich und seinem Gott, nach dem Tode keinen Rettungsanker, wirkt nicht in Furcht und Zittern, sondern in Verzweiflung; nicht in demüthigem Gottverirauen, sondern im stolzen Selbstvertrauen das Heil seiner Seele und hat eine kalte Tugend ohne Liebe, oder er gibt sich auf im Kampfe gegen das Böse und hat eine brennende Liebe ohne Tugend, eine Liebe zu allem Sündhaften. 5) Die heiligen Tugendübungen gelten in allen christlichen Religions- genossenschaftcn, in den meisten philosophischen Lehrgebäuden als mitthätige oder ausschließliche Begründerinnen geistiger, wie irdischer Wohlfahrt. Jedes Laster trägt in sich den Zerstörungskeim der menschlichen Gesundheit; jede entgegengesetzte Tugend entfernt nicht nur diesen schädlichen Keim, sondern befestigt auch die menschliche Gesundheit.in der einem bestimmten Laster entgegenwirkenden Richtung. Wir erinnern an Völlerei und Mäßigkeit, an Zorn und Sanftmuth. Dies war schon die heidnische Anschauung, wie sie Senecca in seinen Büchern über den Zorn darlegt. Unendlich höher steht die christliche Anschauung, soweit sie von der katholischen Kirche in die übrigen christlichen Genossenschaften übergegangen ist. Sie lehrt uns nicht nur die Tugenden um Gotteswillen lieben, sondern sie hat auch viele den Heiden unbekannte Tugenden z. B. Demuth, Feindesliebe aufgestellt. Unerreichbar ist die Auffassung der katholischen Kirche, welche nicht nur die vorerwähnte Anschauung in sich schließt, sondern auch durch Aufstellung eines neuen Grundes die Liebe zur Tugend eine neue Tugend gegründet hat. Es ist dies die Tugend der Gottinnigkeit, welche uns jede Tugend nicht nur ihrer selbst willen, sondern als Ausfluß und Eigenschaft des höchsten Wesens lieben lehrt. Da nun durch die Tugenden jeder irdische Genuß seine dem Christen allein geziemende Veredlung erhält, z. B. der Genuß von Speise und Trank durch die Tugend der Mäßigkeit; so muß dieser durch die Tugenden auf Gott bezogene Genuß irdischer Güter von unberechenbarem Einflüsse sein auf unser zeitliches Wohl und zwar in doppelter Weise: für uns selbst, für unsere Mit- Lrüdcr. Keine Speise und kein Trank, kein Schlummer kann uns wahren Schaden bringen, wenn sie zur Verherrlichung Gottes dienen. Kein Verlust eines irdischen 310 Gutes ist schmerzerweckend, weil der Name des Herrn nicht durch den Genuß, sondern im Entbehren des Verlornen Gutes verherrlicht werden soll. Diese Liebe zu Gott erzeugt Dankbarkeit gegen ihn, den Geber alles Zeitlichen, und da wir ihm das Zeitliche nicht in ihm selbst zurückgeben können, so geben wir es ihm nach seinem eigenen Gebote in unsern dürftigen Mitmenschen zurück. Daher hat die mit Entsagung verbundene Mildthäthigkeit in keiner Religionsgenossenschaft eine solche Blüthe erreicht, wie in der katholischen Kirche, weil ihre frommen Jünger im Armen und Kranken den nackten und dürstenden, den leidenden und blutenden Gottmenschen erblicken. Den zeitlichen Segen aber einer solchen liebevollen Mildthätigkeit für den Geber, wie Empfänger erkennen Alle. Dies nur wenige zeitliche Wohlthaten der Segnungen der katholischen Kirche, abgesehen von ihren unendlich ersprießlicheren Wirkungen auf das Heil der Seele. Vieles blieb unberührt, wie der wohlthuende Einfluß des Fastens, der Entsagung, des gottesfürchtigen Beispiels. Vergleichen wir dagegen den Genuß der Welt von zeitlichen Gütern! Der fromme Christ erstrebt Zufriedenheit, der Weltling Befriedigung im zeitlichen Genusse. Daher verliert der Weltmensch mit den zeitlichen Gütern Alles, der Christ Nichts, weil der Christ in der Ewigkeit seine Befriedigung sucht, der Weltjünger diese Ewigkeit verwerfen möchte. Des Christen Genuß zeitlicher Güter ist für die ganze Lebensdauer, des Weltanhängers Genuß nur für den flüchtigen Augenblick berechnet. Darum ist des Christen Herz stets mit Freude erfüllt, des Weltjüngers Herz stets leer an der wahren, oft auch an der eingebildeten, selbst vorgelogenen Lebensfreude. Des Christen Quelle, woraus er den Genuß irdischer Güter schöpft, ist Liebe zu Gott, zur eigenen Seele, zu des Nächsten Seelenheile. Des Weltmcnschen Ge- nußanelle bildet die Liebe zum eigenen Körper, die Selbstsucht. Mensch! nur aus Einer, nicht aus beiden Quellen kannst Du trinken. Trinkst Du aus der Quelle der Selbstsucht, so wirst Du den ewig quälenden Durst der Hölle empfinden. Schöpfest Du aus dem Quelle der Liebe von dem lebendigen Wasser, dessen Jesus im Gespräche mit der Samariterin am Brunnen erwähnte, so wird es Dich in Ewigkeit nicht dürsten. Die Lage der katholischen Kirche in Australien. Die Geschichte der Kirche in Australien beginnt unter besonders günstigen Auspizien, die Vortheilhaft mit den Anfängen der Kirche in den amerikanischen Unions-Staaten contrastiren. Es würde in der That schwer sein, in Staaten, die eine confessionell gemischte Bevölkerung haben, günstigere Verhältnisse zu finden, als sie Australien hat. In allen Colonien Australiens gehört es zu den Grundrechten, daß alle Religionen vor dem Gesetze gleich sind. In Folge hiervon erhalten der katholische Bischof und seine Priester ebenso vom Staate ihre Besoldung, als die Diener des protestantischen Cultus. Ebenso wird das Schulwesen nach gleichen Bestimmungen behandelt. Es find getrennte Schulen für die Kinder jeder Consession errichtet und obgleich gegenwärtig eine mächtige Partei in Australien für s. g. „Mischschulen" thätig ist, so berichten wir doch mit Freuden, daß zu Sydney die katholischen Schulen ihr Terrain behaupten und sich besser und wohlfeiler als ihre Rivalen beweisen. Dasselbe Princip findet auch Anwendung auf das höhere Schulwesen. Das Colleg von St. Johann, welches die Katholiken von Neu-Süd-Wales so glänzend dotirt haben, ist durch Parlaments-Acte der Universität von Sydney einverleibt; ebenso gibt es ein mit der Universität von Melbourne verbundenes katholisches Colleg. Die Katholiken Australiens bilden nicht weniger als ein Viertel der Totalbevölkerung des Landes und sie sind daselbst gleichmäßig in allen Classen und Ständen vertreten. In Amerika legt die demokratische Partei großes Gewicht aus die Stimme der Jrländer, aber dennoch ist die Zahl der Katholiken, welche als Abgeordnete im Repräsentantenhause sitzen, unbedeutend und wir erinnern uns nicht des Namens irgend eines katholischen Staatsmannes von Bedeutung. In Australien dagegen haben wir katholische Minister, katholische Ober- und Unterbeamte, sowie katholische Repräsentanten. Die Katholiken figuriren also mit Ehre in allen Rangstufen der politischen und socialen Hierarchie. Bei solchen erfreulichen Verhältnissen ist es auffallend, daß die Zahl der kirchlichen Gebäude und Priester dem Einflüsse und der Größe der Kirche in Australien nicht entspricht. In der Diöcese Melbourne zählt man nur 23 Priester inmitten einer katholischen Bevölkerung von 90,000 Seelen, die sich von Tag zu Tag vermehrt und über ein großes Ländergebiet verbreitet ist. Die Diöcese Brisbane zählt 7000 zerstreut wohnende Katholiken und doch hat der Bischof dieser großen Diöcese nur zwei Priester zu Mitarbeitern. Ueber die kathol. Bevölkerung des Bisthums Adelaide finden wir keine statistischen Angaben; sie wird sicher 30,000 Seelen erreichen und doch zählt man dort nur neun Missionaire. Im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung und Bevölkerung scheint die Diöcese Hobart-Thown die am besten organisirte von allen Diäresen Australiens zu sein; sie zählt äO Priester. Der Erzbischof von Sydney hat zwar die beträchtliche Zahl von 53 Priestern. Aber wenn man den großen Umfang der Diöcese Sydney und die großen Entfernungen, welche die einzelnen Pfarren trennen, betrachtet, so wird man erkennen, daß das Leben eines Seelsorgers ein äußerst mühseliges ist. Die katholische Bevölkerung der Metropolitan- stadt beträgt schon 32,000 Seelen. In den andern großen Städten, z. B. Goulburne, Dass, Bathurst, gibt es Pfarren von 3000 bis 5000 Seelen. Und überall, wo eine irgendwie beträchtliche Schaar Katholiken sich ansiedelt und sammelt, da wird mit einer wahrhaft irländischen Opferwilligkeit für die Gründung von Pfarren alles Mögliche geleistet. Man liest häufig in den Zeitungen, daß „eine schöne katholische Kirche" da und dort vollendet oder in Angriff genommen sei. Zu Aass sind unlängst drei Kirchen erbaut, vier andere in Wagga, Jugiony, Gunning und Gundagai. Und für diese sieben mit großen Kosten erbauten Kirchen hat man nur — zwei Priester! Der Schematismus gibt die Totalsumme der Katholiken in der Diöcese Sydney nicht an; aber sie kann nicht unter 80,000 sein. Schon nach der Zählung von 1851 betrug sie 56,889 Seelen, seitdem aber ist die Einwanderung von Katholiken beständig im Wachsen. 1851 war Australien den Jrländern kaum als ein Feld zur Auswanderung bekannt und seitdem, also in 9 Jahren, hat sich seine Bevölkerung verdoppelt! Der Staat zahlt jährlich für die verschiedenen Culte ^6,000 Pfd. Sterling und von dieser Summe empfangen die Katholiken 11,000 Pfd. Die statistischen Angaben über die Schulen sind befriedigend. Die Katholiken von Neu-Süd-Wales besitzen 100 katholische Schulen, welche 7,600 Schüler zählen. Jeder Schüler kostet den Staat 27 Francs, während in den s. g. „Mischschulen" aus den Schüler 68 Francs kommen. Mehr als für jede andere Frage müssen die Katholiken in neuen Colonien sich für die Unterrichtsfrage einig, wachsam und entschlossen zeigen. Im Mutterlande Europa ist diese Frage die wichtigste, von allen. In den Unions-Staaten Amerika's haben die katholischen Interessen viel gelitten von dem ungläubigen Ecziehungs-System in den vorn Staate gegründeten Mischschulen. Für die Katholiken Australiens dagegen ist es ein Glück, daß ihre Beziehungen zum Staate so freisinnig geordnet sind, und es würde ihre eigene Schuld sein, wenn sie in der Folgezeit die errungenen Vortheile verlieren sollten. 312 Eine große Lücke in dem kirchlichen Leben Australiens ist der Mangel jeglichen Männerordens. Man kamst sich ohne Mannsklöster kaum große katholische Kirchensysteme mit Bischöfen und Capiteln, mit Kathedralen und Collegien denken. Sydney ist allerdings durch seinen berühmten Erzbischof theil- weise mit Hilfe der Benedictiner organistrt. In Amerika sind alle Orden der Kirche, von den Augustinern bis zu den Passionistcn, gleichsam repräsentirt, und das Aufblühen der Kirche in den Unions-Staaten verdankt man zum großen Theile diesem Ordens-Klerus. In Australien würden die religiösen Orden ein unermeßliches Feld für ihr Apostolat finden, ein Feld, für dessen sorgfältige Bebauung der Psarr-Klerus zu wenig zahlreich ist. Nach zwanzig Jahren wird Australien wahrscheinlich eine Million gut unterrichteter und reicher Katholiken zählen; sie werden in politischer Hinsicht einflußreich sein und ihre Vertreter in allen hohen Staatsämtern und gesetzgebenden Versammlungen haben. Gerade jetzt ist es Zeit, für den Ausbau der Kirche und für Verbreitung kirchlicher Institution in Australien thätig zu sein. Wenn auch der materialistische Geist unseres Jahrhunderts dort viele Verehrer des goldenen Kalbes sammelt, so hat anderseits der dortige Staat die Kirche noch nicht in beengende Fesseln geschlagen. Die katholischen Interessen sind geschützt durch die Bestimmungen der Constitution; es besteht volle Freiheit des Unterrichts. Bei solchen günstigen Verhältnissen muß das katholische Australien nach Verlauf von zwanzig Jahren eine der blühendsten Provinzen der Kirche sein, und wir bitten Gott, daß er dazu seinen Segen gebe. Gottes und der Welt Ehre. 0. Jede an sich tugendhafte Handlung, z. B. Beten, Fasten, Almosengeben können wir dadurch entheiligen, daß wir sie nicht zur Ehre Gottes, sondern zur Ehre der Welt unternehmen. Umgekehrt können wir jede an sich weltliche Handlung, soferne sie nur dem göttlichen Sittengebote nicht widerstreitet, dadurch heiligen, daß wir uns ihr zur Ehre Gottes unterziehen. In Bezug auf diese letzte Behauptung schreibt der heilige Paulus (Cor. 10, 31. Col. 3, 17): „Ihr möget essen oder trinken, oder etwas Anderes thun, so thuet es zur Ehre Gottes!" Hätte der heilige Paulus die christlichen Pharisäer an dieser Stelle bekämpfen wollen, seine Worte müßten lauten: „Ihr möget beten, fasten oder Almosen geben, oder sonst etwas an sich Verdienstliches thun, so thuet es zur Ehre Gottes, und nicht zur Ehre d^rWelt!" Mensch! bei jedem Vergnügen, das Du genießen, bei jedem Gewinne, den Du ziehen willst, frage Dich: „thue ich es, oder kann ich es zur Ehre Gottes thun?"! Müßtest Du diese Frage mit Nein beantworten, so unterlasse die Handlung! Denn sie würde einem göttlichen Sittengebote Widerstreiten. Lebensurtheile. 6. „Das Leben ist süß", ruft der Sterbliche aus, wenn er aus dem Becher des Glückes trinkt. „Das Leben ist sauer", klagt derjenige, welcher im Schweiße des Angesichtes sein Brod verdienen muß. „Das Leben ist bitter", seufzt der von den Drangsalen Geängstigte. Thoren, die ihr für das Leben den sinnlichen Geschmack als Maßstab anlegt! Das Leben ist übersinnlich für den, welcher sein ganzes Dasein in Gott versenkt. Redaction uno Verlag: Vi'. M. Hutrler. — Druck von I. M. Äle inte. AugstiiM"' .. Hr 4V 30. September 1860. Das Augsbürger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Mifsivnsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des k D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten k>. General derselben Gesellschaft. (Fortsetzung.) Wir hatten auf der Reise großes Elend und viele Gefahren auszustehen wegen des Hochwassers der Flüsse und der großen Menge Schnee. Zehn Tage hindurch mußten wir uns einen Weg bahnen mitten durch diese Wälder, wo Tausende von Bäumen, die Winde und Wetter umgeworfen hatten, und die 6—8 Schuh hoch mit Schnee bedeät waren, über den Weg lagen. Mehrere Pferde gingen zu Grunde. Ich und mein Pferd, wir stürzten oft, aber außer einigen Kontusionen, einem durchlöcherten Hute und einem zerrissenen Kleide kam ich frisch und gesund aus diesem schlimmen Walde heraus. Ich sah dort Weiße Cedern, deren Stamm 5, 6 und 7 Ellen im Umfange hatte, und deren Höhe damit im Verhältnisse war. Nach der Reise von einem Monate kamen wir glücklich im Forte Van Couver an. Am 18. Mai hatte die Zusammenkunft des Generals und des Ober-Intendanten mit den indianischen Häuptlingen statt; sie war für beide Theile sehr befriedigend. Man bestimmte beiläufig drei Wochen dazu, daß die Häuptlinge auf Kosten der Regierung die vorzüglichsten Städte des Staates von Oregon und des Gebietes von Washington besuchen sollen, um alles Merkwürdige zu besichtigen, die Fabriken, die Dampfmaschinen, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, die Druckereien u. s. w., lauter Dinge, von denen die armen Indianer entweder gar nichts oder doch nur sehr wenig verstanden. Am meisten schien die Häuptlinge das Gefängniß von Portland zu interesstren, und die Unglücklichen, welche sie dort mit Ketten beladen erblickten, besonders als man ihnen die Ursachen und die Dauer ihrer Kerkerstrafe erklärte. Dies blieb vorzüglich dem Häuptling Alexander im Gedächtniß. Kaum war er in sein Feldlager zurückgekommen, so versammelte er sein Volk und erzählte ihm alle die wunderbaren Dinge der Weißen, und besonders die Geschichte von dem Gefängnisse. „Wir haben", sprach er, „weder Ketten noch Gefängnisse, deßwegen sind so Viele böse und haben ein hartes Ohr. In meiner Eigenschaft als Häuptling bin ich entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen. Ich werde mich der Ruthe bedienen, um die Schuldigen zu strafen. Alle, die sich etwas vorzuwerfen haben, mögen sich vorstellen." Nach dieser kurzen Ansprache trat Einer nach dem Andern vor, um seine Portion Schläge zu empfangen, der Eine mehr, der Andere weniger. Diese Geißelung dauerte einen und einen halben Tag. Ehe die Häuptlinge das civilisirte Land verließen, erhielten sie Geschenke vom General und Ober-Intendanten und kehrten ganz fröhlich und zufrieden nach Hause zurück. Ich meines Theils hatte die von der Regierung mir gegebene Aufgabe bei den Indianern vollendet. Ich stellte dem General die Gründe 314 vor, warum ich wünschte, durch das Innere des Landes nach St. Louis zurückzukehren. Er stimmte meinem Wunsche mit aller Freundlichkeit bei, und in seiner langen Antwort sprach er sehr ehrenvoll seine Anerkennung über die von mir geleisteten Dienste aus. Am 15. Juni verließ ich mit den Häuptlingen das Fort Van Couver, um in die Gebirge zurückzukehren. Ich brachte den 7., 8. u. 9. Juli in der Mission vom Herzen Jesu unter den Coeurs d'Alönes zu. Von da setzte ich mit i^. Con- giato meine Reise nach St. Jgnaz fort, die wir in 8 Tagen zurücklegten. Die Beschwerden derselben verdienen eine kurze Erwähnung. Stellen Sie sich die dichtesten Urwälder vor, wo sich Tausende von umgestürzten Bäumen befinden. Der Fußsteig ist kaum erkennbar, und ist mit Barrikaden verlegt, welche die Pferde immerdar übersteigen müssen, und welche jedesmal das Leben des Reiters der Gefahr aussetzen. Zwei schöne Flüsse oder vielmehr 2 große Waldbäche, der Coeur d'Alene und der S. Franz Borgias durchschneiden in Schlangenwindungen diese Wälder. Ungeheure Felsenblöcke und große, durch das Wasser abgerundete Steine bilden ihr Flußbett. Auf dem Fußsteige muß man den ersten Waldbach 39mal, den andern 32mal übersetzen. Das Wasser geht oft bis zum halben Bauche des Pferdes, manchmal bis über den Sattel; man darf sich Glück wünschen, wenn man jedesmal, so oft man das Wasser übersetzt, nur nasse Füsse bekömmt. Ein hoher Berg von 5000 Fuß oder vielmehr eine Kette von Bergen, „bittere Wurzel" genannt, trennt die zwei Flüsse. Die Abhänge dieser Felsen, mit dichten Wäldern von Cedern und verschiedenen Gattungen Fichten und Tannen bewachsen, erschweren den Weg außerordentlich wegen der Menge von umgestürzten Bäumen über den Weg und am Rande von Abgründen, wozu endlich noch große Flächen, mit 8 bis 12 Schuh tief Schnee bedeckt, kommen, die man durchschreiten muß. Nach 8 Stunden einer sehr beschwerlichen und ermüdenden Reise kamen wir aus die schöne und mit Blumen Lesäete Ebene, wo ich, als ich vor 16 Jahren das erste Mal hieher kam, ein Kreuz ausgepflanzt habe. Auf diesem schönen Platze wünschte ich nach einem so rauhen Marsche unser Lager aufzuschlagen. Aber 1>. Congiato meinte, wir könnten in zwei Stunden an den Fuß des Berges kommen, und somit setzten wir unsere Reise fort. Nachdem wir die geglaubten 2 Meilen zurückgelegt hatten, und hierauf noch andere 4 Meilen, überfiel uns die Dunkelheit in Mitte aller dieser Hindernisse. Auf der Ostseite des Berges hatten wir Schneehügel und Barrikaden von umgestürzten Bäumen zu passiren, hier am Ufer spitzige Felsen, dort einen so steilen Abhang, daß es nur des kleinsten saschen Schrittes bedurfte, um in die Tiefe zu stürzen. Ohne Führer, ohne Weg, in ganzer Finsterniß, Einer von dem Andern getrennt, ruft ein Jeder um Hilfe, ohne sie erhalten zu können. Man fällt, man tappt herum, man kriecht auf allen Vieren, immer geht es abwärts. Endlich leuchtet einige Hoffnung. Wir vernehmen von weitem das Rauschen der Gewässer und das Getöse der Wasserfälle des großen Stromes, den wir suchen. Ein Jeder schlägt die Richtung nach dieser Seite ein, Alle kamen endlich glücklich an, Einer nach dem Andern, um 11 und 12 Uhr in der Nacht, nach einem Marsch von 16 Stunden, ermüdet und gleichsam kampfunfähig, die Kleider in Stücke zerrissen, voll Kontusionen, jedoch nicht von Bedeutung. Man macht in aller Eile das Mittags- und Abendessen, Jeder erzählt die Geschichte seiner Wanderung und unterhält seine Gefährten. Der l>. Congiato erkennt den Fehler seiner Berechnung und ist der Erste, der sich darüber lustig macht. Die armen Pferde fanden an diesem Orte nichts zum Fressen die ganze Nacht hindurch. — Ich kann hier nicht umhin, allen Vätern und Brüdern der Mission vom Herzen Jesu meine Dankbarkeit auszusprechen für ihre wahrhaft brüderliche Liebe, die sie mir erwiesen, und ihren Werthen Beistand, um die mir anvertraute Mission zu erfüllen. 315 Der ?. Congiato wird Eurer Paternität über den Stand der Mission in den Bergen umständlich Bericht erstatten. Ich beschränke mich darauf, diese armen Bewohner der Wüste Ihrer Vorsorge anzuempfehlen. Ich hoffe, die göttliche Vorsorge wird sie nicht verlassen. Viele tausend Kinder, die nach empfangener Taufe gestorben sind, und eine sehr große Zahl Erwachsener, die als gute Christen gelebt haben und fromm gestorben sind, werden schon jetzt ein himmlischer Fürsprecher sein. Sie dürfen besonders aus den Schutz der Louise aus der Völkerschaft der Coeurs d'Alenes und des Loyola, Häuptling der Kalipets, rechnen, deren Leben eine Reihe von ununterbrochenen heroischen Tugendacten war, und die gleichsam im Gerüche der Heiligkeit gestorben sind. Ich nehme mir vor, Eurer Paternität die Notizen über ihr erbauliches Leben und ihren Tod zu übersenden. (Schluß folgt.) Das Gift. 6. Frau Ellen hatte ihrer Tochter das Dasein gewisser Gifte erklärt, deren Wirkungen die Wirkungen anderer Gifte aufheben. Ei! — versetzte Clara — da könnte man eine Untugend mit der andern vertreiben. Nehmen wir auch die Wahrheit dieser Behauptung an und wollen z. B. den Hang zur Verschwendung durch die Neigung zum Geize ersticken, so würde eben das Laster des Geizes in unserm Herzen fortwuchern, während das schaden- tilgende Gift keinen neuen Schaden im menschlichen Körper anrichtet. Woher rührt dies? Von der Art und Weise, wie unser Körper ein Gift, unser Herz eine Untugend als Gegenmittel empfängt. Unterscheiden sich diese beiden Empsangsweisen? Allerdings; das Gegengift für den Körper wird in keiner starken Gabe, nicht rein, sondern vermischt mit andern Stoffen gereicht, welche ihm seine tödtende oder zerstörende Kraft rauben. Das Gegengift für das Herz aber, wenn wir des Gleichnisses willen diesen Namen den Untugenden leihen dürfen, nehmen wir nur zu bereitwillig im größten, alle andern Kräfte niederdrückenden Maße, nehmen es rein ohne die geringste Vermischung mit irgend einer Tugend, welche seine schädlichen Wirkungen mildern könnte. Das Leben erweist die Wahrheit dieser Behauptung an den abschreckendsten Beispielen. Schon mancher Verschwender, der sich ernstlich bessern wollte, ward ein Geiziger, mancher Tollkühne ein Feigling, mancher Zornmüthige nahm eine verächtliche Gleichgiltigkeit an, welche Alles über sich ergehen läßt; mancher Hosfärtige erniedrigte sich zum demüthigsten Schmeichler. Könnte man also keine Untugend ablegen, ohne in die entgegengesetzte zu fallen? Wir können es im Hinblicke auf den Gebrauch des Gegengiftes für den Körper, welches durch Beimischung anderer Stoffe seine schädliche Einwirkung verliert, mithin aufhört, Gift zu sein. Wir müssen demnach jene Untugenden, welche das Gegengift des Herzens sein sollen, mit Tugenden vermischen, welche ihnen, unbeschadet ihrer Gegenwirkung, ihre Gefährlichkeit nehmen, sie also in erlaubte, ja erstrebenswerthe Vorzüge verwandeln. Du hast die Bezeichnung unrichtig gewählt. Eine Untugend bleibt, was sie ist; auch unter der Verhüllung der erhabensten Tugenden. Es kommt also nicht auf ihre Vermengung mit dem Guten, sondern aus ihre Verwandlung durch das Gute an, bevor wir sie in unser Herz aufnehmen. Der Proceß, welcher 316 beim Körper nach Empfang des Gegengiftes, muß bei der Seele vor Empfang des Gegenmittels sich entwickeln. Welches Gute veredelt aber das Böse? Die Betrachtung des Gegengiftes führt uns auf den rechten Weg. Gift und Gegengift haben die entgegengesetztesten Wirkungen; allein beide Wirkungen würden sich in der Kraft, zu schaden, berühren, wenn nicht der dem Gegengifte beigemischte Stoff in der Mitte zwischen beiden Giften den schädlichen Wirkungen derselben das Gleichgewicht hielte. Die richtige Mitte ist also der die Untugenden veredelnde Geist des Guten. Getroffen, mein Kind! Sie bildet den Inhalt der christlichen Weisheit, und, indem sie den Untugenden ihre Schärfe nimmt, verwandelt sie dieselben in eine milde Tugend. Zwischen Geiz und Verschwendung steht die Sparsamkeit; zwischen Hoffarth und kriechender Demuth gerechtes Selbstvertrauen im Hinblicke auf den göttlichen Beistand; zwischen aufbrausendem Zorne und charakterloser Sanftmuth der gerechte Zorn, der nur bei einer gerechte^ Veranlassung in weiser Mäßigung sich zeigt. Aber, Mutter! Vertreiben Untugenden auch nie das Böse überhaupt, so pflanzen sie doch Tugenden in unser Herz. Wir sind z. B. geduldig aus Prunksucht in dieser Tugend. Wenn wir indeß mit unserer Geduld nicht mehr prunken könnten, sondern uns demüthigen würden in den Augen der Menschen, wären wir da nicht stolz auf unsre Ungeduld? Wann würden wir unsern Stolz demüthigen in der Geduld? Wenn wir geduldig wären in der Demüthigung unseres Stolzes. Siehe mein Kind! daß der Zweck das Mittel heilige, ist ein verkehrter Satz; um wie viel verkehrter muß erst der Satz sein: daß Las Mittel den Zweck heilige? Worin nun zeigt sich die Falschheit eines Zweckes äußerlich? In seiner Dauer. Eine gottähnliche Absicht des Wirkens ist gewissermassen unbegränzt, wie das Göttliche selbst, endet also in ihrer reinen Erhaltung erst mit unserm Leben. Eine weitgemäße Absicht begränzt sich durch die Begriffe der Welt, ändert sich mit der Veränderung oder dem Widersprüche dieser Begriffe. Wie verräth sich der Unterschied beider Absichten in unserer Handlungsweise? Wer nach göttlichem Gesetze handelt, sucht Gott nachzuahmen in der Einheit seines Geistes. Wer die Welt zur Richtschnur nimmt, ahmt sie nach in der Vielheit ihrer Charakterlosigkeit. Die Bedrückung der Kirche iu den katholischen Staaten im 18 . und 19 . Jahrhundert und ihre Folgen. „Niemals konnte sich ein Souverain, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen." Inwieweit die Geschichte diesen Ausspruch des berühmten sardinischen Staatsmannes bewahrheitet, ist in einem dem Mainzer Sonntagsblatt entlehnten, Aufsätze des Kirchenblattes (Nr. 17.) in kurzen Zügen nachgewiesen worden. Die Geschichte zeigt aber auch, wie alle die katholischen Staaten, deren Regierungen, von falschen Voraussetzungen ihrer Oberhoheit ausgehend, und in völliger Verkennung ihrer Stellung zum heil. Stuhle und zur Kirche, die letztere zu unterdrücken und als Mittel zur Erreichung ihrer absolutistischen Zwecke herabzuwürdigen bestrebt waren, von dem göttlichen Strafgerichte getroffen wurden. Nachdem der Bourbonische Ludwig XlV., dessen Absolutismus die sogenannten gallicanischen Freiheiten ihr Dasein verdanken, in Frankreich den Reigen eröffnet hatte, waren ihm die Vettern aus seinem Hause, die Regenten von Spanien, 317 Neapel und Parma eifrigst in ihren lirchenfeindlichen Bestrebungen gefolgt; das Haus Braganza in Portugal überbot diese an Trotz und Gewaltthätigkeit gegen die Kirche und ihre Organe, und Joseph ll. brachte in Oesterreich sein, einen Abklatsch jener gallicanischen Kirchenverfassung bildendes System der Aufklärung in Ausführung, unter dessen unheilvollen, verderblichen Folgen Volk und Regierung heute noch empfindlich zu leiden haben. Das ganze 18. Jahrhundert war ein ununterbrochener Kampf der weltlichen Mächte gegen die Gewalt der Kirche, ein fortwährendes Hindrängen zum Cäsareopapismus. Den Nachfolgern auf dem Stuhle des heiligen Petrus ward statt mit der gewohnten Verehrung und Hingebung, mit Trotz und Uebermuth. mit Hohn und Spott begegnet, und wahrlich, wenn man die Geschichtsbücher jener Periode durchblättert, so wird man wie von Wehmuth, von innigstem Mitgefühl für diese erhabenen Märtyrer ergriffen, denen eine glaubenslose, freche Zeit den Leidensbecher bis aus den letzten Tropfen zu verkosten gab. Unter allen jenen Ländern ist auch nicht eines, das der Zorn Gottes nicht getroffen und unter seine Strafruthe nicht gebeugt hätte. Wie die Verfolgung der Kirche von Frankreich ausging und ihren Umzug hielt durch die Staaten Europa's, so war jenes Land auch die Geburtsstätte und Wiege der Revolution, die von dort aus sich wie ein Strom ergoß über alle Länder und seit jener Zeit ununterbrochen fortgedauert hat bis aus den heutigen Tag, hier unter der Asche glimmend, dort in Flammensäulen auflodernd, nur daß sie heute nicht blos von den Völkern ausgeht, sondern auch von Regierungen und Herrschern gehegt und gepflegt wird. Es ist aber die Revolution ein vielköpfiges Ungeheuer, das auch seinen eigenen Erzeuger verzehrt. „Beuge das Haupt," sprach bei der Taufe der hl. Remigius zum Herrscher des Frankenreiches, Chlodwig, „beuge das Haupt, stolzer Sigamber, verbrenne was du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast." Und Chlodwig beugte sein Haupt auf das Geheiß des Bischofs und erhielt mit Wasser die hl. Taufe. — Vierzehn Jahrhunderte später beugte abermals ein Herrscher des Frankenreichs sein Haupt, nicht auf das sanfte Gebot eines Bischofs, sondern aus das Wuthgeschrei eines entfesselten, blutberauschten Pöbels, und er beugte sein Haupt — um mit Blut die Taufe zu erhalten durch das Schwert des Nach- richters. Dieser Herrscher war ein Enkel jenes stolzen Ludwig des Vierzehnten, der sich den Großen nennen ließ, der seine Person mit dem Staate identificirte (t vl.n c'esr moi), und seinen Willen frech zum höchsten Gebot auch über das der Kirche setzte. Und jener so allgewaltig herrschende, souveraine Pöbel, der Frankreich in einem Meere von Blut zu ersäufen drohte, er war das würdige Erzeugniß einer Zeit, die durch die unheilvollen Lehren jener so bewunderten und vergötterten Verkünder der Menschenrechte, jener Apostel der Freiheit, der Aufklärungs-Philosophen des 18. Jahrhunderts hervorgerufen war, die den Fürsten begreiflich zu machen wußten, daß ihre Macht durch die Unterdrückung der Kirche stärker und fester würde werden, und welchen diese hinwieder ihre Dankbarkeit nicht besser zu bezeugen wußten, als daß sie eine christliche Kirche zu ihren Ehren in einen heidnischen Tempel umwandelten. Mit eisernem Fuße zertrat Napoleon der Hydra der Revolution den Kopf und stellte als Grundsäulen der neuen Ordnung der Dinge das katholische Kirchenthum wieder her. Aber auch ihm sollte die Kirche nur als Hebel für die Ausführung seiner Pläne, als Mittel zum Zweck dienen. Sie ward durch organische Gesetze in spanische Stiefeln eingeschnürt, und als sie gleichwohl sich nicht zum bereitwilligen Werkzeuge seiner Weltherrschafts-Jdeen hergeben wollte, da, um sie mit Gewalt zu beugen, streckte er seine gewaltige Hand aus gegen die geheiligte Person des Statthalters Christi. Aber die Hand Gottes war noch stärker. Sie erfaßte ihn in den eisigen Gefilden Rußlands, und seine Weltherr- KÄ rs MG 318 schaft war vernichtet. Fünfzehn Monate später, als er dem gefangenen Papste das falsche Concordat von Fontainebleau abgezwungen hatte, mußte er in demselben Fontainebleau seine Abdanlungsurkunde unterzeichnen. Die Bourbonen nahmen ihren alten Thron ein. -Aber dieses Geschlecht hatte Nichts vergessen und Nichts gelernt. Der Gallicanismus ward wieder proclamirt und in den Kammerverhandlungen (1827) durch die Weiherede des Bischofs von Hermopolis sanctionirt. Schon nach drei Jahren macht eine neue Revolution der Bourbonenherrschaft ein Ende. Ihr Nachfolger ist der liberale Bürgerkönig, Ludwig Philipp, der Sohn jenes berüchtigten Herzogs von Orleans, Philipp Egalite, der für den Tod seines Königs, seines so nahen Verwandten gestimmt hatte. Klug und verschlagen, sucht er die Stützen seiner Herrschaft nicht in der Kirche, nicht in der Aristokratie, sondern in dem Ton angebenden Philisterthum des Bürgerthums, dem er aus jede Weise schmeichelte, um es an sein Interesse zu fesseln. Die Universität zu Paris wird die Kanzel, von der herab Haß und Verachtung gegen die Kirche ungescheut gepredigt, wo der Jugend frühzeitig jene Grundsätze der Glaubenslosigkeit eingeprägt werden dürfen, der er selbst, der alte Voltairianer, huldigte, und die ihn, den allwärts Freundlichen, veranlaßt, der Kirche feindlich gegenüber zu treten. Achtzehn Jahre hatte er regiert, unverletzt von den Kugeln, die von Mörderhand neunmal gegen ihn entsendet wurden; seine Dynastie ist nach menschlicher Berechnung lange gesichert, da ereilt auch ihn das Geschick. Wenige Stunden reichen hin, um seinen durch alle Mittel menschlicher Klugheit befestigten Thron zu stürzen. Wie sein Vorgänger, stirbt auch er als Flüchtling auf fremder Erde. Abermals herrscht die Revolution und abermals wird sie von einem Napoleon niedergetreten. Wie die Bestrebungen dieses Mannes, der, aus was immer für Motiven, zu der wüthendsten Verfolgung gegen Las Oberhaupt der Kirche das Hallali geblasen, wie diese enden werden, das steht in dem Buche der Vorsehung geschrieben, die allen menschlichen Bestrebungen und Entwürfen ein Ziel setzt. Die Geschichte aber gibt deutliche Winke, die keiner Erläuterung bedürfen. Wenige Zeit nach dem Falle der Julidynastie schrieb einer der geistvollsten deutschen Publicisten, einer der größten Geister Deutschlands überhaupt, dessen vollen Werth erst eine dankbare Nachwelt zu würdigen wissen wird, schrieb Carl Ernst Jarcke:-„Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände, daß, Wider alle menschliche Berechnung und Vorsicht, jede Macht in Frankreich, welche die Kirche knechten wollte, jedesmal bald nachher ihren Untergang fand. Hätten wir irgend einem künftigen Beherrscher dieses Landes, wie er auch heiße, einen Rath zu geben, so dürfte es vielleicht an der Zeit sein, ihm den Vorschlag zu machen: er möge es einmal auf dem entgegengesetzten Wege versuchen. Er möge das Experiment machen, die Kirche nicht zu verfolgen, aber auch nicht durch seinen Schutz zu erdrücken, sondern sie frei zu geben und für sich selbst sorgen zu lassen. Es wäre, scheint es, doch des Versuches werth. Schlimmeres als der alten Monarchie, dem Kaiserreiche, der Restauration und dem Julikönig- thume könnte ihm doch nicht begegnen, wenn er die gallicanischen Grundsätze aufgäbe. Und wer weiß, ob nicht die von den Staatsfesseln befreite Kirche wieder fähig würde, jenen Frieden in den Gemüthern wiederherzustellen, ohne welchen Freiheit und Ordnung der Gesellschaft Worte der Täuschung und Lüge sind." Ludwig Napoleon hat diesen Weg nicht eingeschlagen, sondern mit der Erbschaft seines Oheims auch dessen Kampf gegen die Kirche übernommen. Damit ist auch sein Schicksal besiegelt. Das Land aber muß, aus tausend Wunden blutend, für die Verblendung seiner Herrscher büßen.*) (Schluß folgt.) *) tzuiä^uiä äelirrml reßes, pleciuvtur Xrckivi. Virxil. Reflexionen über da«s Wallfahrten nach Eiufiebeln. Verschiedene öffentliche Blätter in der Schweiz und im Ausland haben im verflossenen Jahre gemeldet, die 3 Gesandten der Mächte Frankreich's, Oesterreichs und Sardinien's hätten, nachdem sie das in Villafranca zwischen den beiden Kaisern Frankreich's und Oesterreich'? begründete Friedenswerk in seinen ^ Hauptzügen zu Zürch gezeichnet hatten, eine Wallfahrt nach Ein siedeln . gemacht, und seien in dem dasigen Kloster von dem sehr humanen und gefälligen Herrn Prälaten gastfreundlichst bewirthet worden. Was! Abgeordnete der größten Mächte Europa's wallfahrten noch in ' der Mitte des aufgeklärten XIX Jahrhunderts ! Wallfahrten nach Ein siedeln, der Zufluchtsstätte des einfältigen Volkes! wallfahrten zu einem dort der Verehrung ausgesetzten sog. wunderthätrgen Bilde! wallfahrten dahin wohl auch wegen der weit in die Welt Hinausschallenden Sagen von einer wund urbaren, ja göttlichen Einweihung einer für dieses Bild dort er- ! richteten Capelle, welche schon vor uralter Zeit geschehen sein soll. Wohl möchte manches nach Einsiedeln locken: die romantische Lage des Ortes, die Pracht des dortigen Klosters, die prachtvolle Kirche, die ergreifende ! Würde des Gottesdienstes, die herrliche Musik, der imposante Choralgesang, die > Gesänge und Gebete der tausend Pilger, welche von verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, in den mannigfaltigsten Trachten an diesen Ort her ^ wallfahrten, und bis in die späte Nacht hinein in dem düster erleuchteten Gottes- j Hause um die marmorne Capelle der Gottesmutter herum sitzen oder knieen, ! dieses muß wohl anziehen und ansprechen. 1 Alle diese ansprechenden und anziehenden Dinge sind aber nur Ausflüsse des Glaubens an jenes unendlich wichtige Ereigniß der wunderbaren Einweihung der Capelle, welches Allem zum Grunde liegt, und ohne welches alle diese i Dinge entweder gar nicht wären, was sie jetzt sind, jenes Ereigniß, welches die > ursprüngliche Chronik des Klosters erzählt, das Ereigniß nämlich der Einweihung der Cappelle durch Christus selbst und seiner hl. Engel, weßwegen sie Engelweihe genannt wird, und welche im Jahre 948 in der Nacht des 14. September geschehen sein soll. So erzählt dieselbe Chronik: „Im September „des Jahres 948 lud Abt Eberhart den Bischof Konrad von Konstanz zur feierlichen Einweihung der erneuerten Mnttergotescapelle nach Einsiedeln ein. „Um Mitternacht des zur Einweihungsfeier bestimmten Tages begab sich Konrad „mit noch einigen Mönchen in die Kirche zu Gebet und Betrachtung. Da ver- ! „nimmt der Bischof, wie er in die Kirche eintritt, einen wunderschönen Gesang. „Er schaut umher, und gewahrt immer deutlicher, daß Engel dieselben Cerrmonien „verrichteten, welche bei Einweihung einer Kirche gebräuchlich sind. Jener sieht „ausdrücklich,.daß Christus selbst in der Gnadencapelle das heiligste Opfer dar- . »bringt, umgeben von mehreren hl. Vätern. Während dieser Handlung stand die s „seligste Jungfrau Maria in glänzender Lichtgestalt vor dem Altare. Mittler- „weile rüM der Morgen an; es war Donnerstag, den 14. Herbstmonat, Alles „zur Weihung erforderliche war bereit und man drang in Konrad, die Weihung „endlich vorzunehmen. Allein, als er sich dazu herbeilassen und die Einweihung „beginnen wollte, ertönte von der Höhe herab die Stimme: „Höre auf Bruder, ' „die Capelle ist schon göttlich eingeweiht!" — Die Anwesenden, „welche diese Worte mitanhörten, und zwar zum drittenmal«!, wurden von heiligem Schauer ergriffen, und Konrav stand ab von der Einweihung der Capelle „und weihte dagegen nur die neugebaute Kirche" u. s. w. So erzählt die älteste Chronik des Klosters Einsiedeln und diese Erzäh- 320 lung wurde schon von Abt Konrad an den damaligen Papst Leo XIII. nach Rom gesendet, von diesem in einer eigenen Bulle als glaubwürdig dargestellt, und dann zu verschiedenen Zeiten von zwölf Päpsten bestätiget; der letzte war noch Pius VI. im Jahre 1795. Da drängt sich nun wohl die wichtige Frage auf: „Was ist von dieser Erzählung der wunderbaren Einweihungder Capele zu halten? — Ist eine solche möglich? Wäre es wohl möglich, daß Christus selbst vom Himmel Herabkomme auf die Erde und an den Ort, auf welchem die Kirche und die Capelle Einfiedeln stehen, und daß Er dann selbst die kirchliche Einweihung derselben unter dem Beistande von Engeln und hl. Vätern verrichtete? War dieses wohl möglich? Die Möglichkeit läßt sich wohl kaum bezweifeln. Denn was könnte dem Allmächtigen unmöglich sein? Wäre ja diese Herabkunft vom Himmel auf die Welt offenbar ein kleineres Wunder, als die erste durch die Menschwerdung es war, und als die letzte sein wird, wann Er kommen wird in großer Kraft und Herrlichkeit, die Lebendigen und Todten zu richten? Und ist er ja nach der Auferstehung in seiner verklärten Gestalt mannigfaltig hie und da erschienen, aß und trank sogar mit seinen Jüngern Fische und Honig u. s. s. — Also an der Möglichkeit läßt sich nicht zweifeln. Allein wie steht es mit der Wirklichkeit? können und dürfen wir diese vernünftig und historisch als sicher annehmen? Es sind in dieser Sache nur drei Dinge möglich, von denen Eines wir annehmen müssen. Entweder ist die ganze Sache nur ein Phantasie-Gesicht, d. h. ein Traum. Es hat vielleicht dem frommen Bischof Konrad nur so geträumt; es war eine schöne Biston des hl. Mannes, sagt die Well. Allein die Chronik sagt: Konrad sei um Mitternacht am 14. Sept. mit einigen Mönchen in die Kirche gegangen zum Gebete. Sollte es nun wohl wahrscheinlich gewesen sein, daß er und alle, die mit ihm waren, im Gebete eingeschlafen wären und geträumt hätten? Diese heiligen Männer, welche gewiß manche ganze Nacht im Gebete und Betrachtung zugebracht hatten, wären so leicht eingeschlafen! Und sollte jdieser weise Bischof auf einen bloßen Traum so viel abgestellt haben? Oder hätte sich ein bloßer Traum so viele Jahrhunderte lang in der Täuschung erhalten können? —Nein, bloßer Traum oder Phantasie- Gesicht kann jene göttliche Erscheinung nicht gewesen sein; denn ein bloßer Traum wäre schon lange verschwunden. Aber vielleicht war es eine geistige Vision, welche der hl. Mann in einer geistigen Entzückung gesehen hat? Aber sind denn gerade alle, welche beisammen in der Capelle waren, so auf einmal verzückt geworden? Die Chronik sagt aber: „Alle Anwesenden „haben die Engel gesehen, wie sie die Cermonien der Einweihung vernichteten. und haben die StimmevonOben herab gehört: Höre aus Bruder! die Capelle ist schon göttlich eingewiht!" — Also auch eine Vision kann es kaum gewesen sein, weil ja das Ereigniß gesehen und gehört wurde, und zwar nicht von Einem sondern von Mehreren. (Schluß folgt.) Redaction nno Verlag: I)r. M. Huttler. — Druck von 3. M. Kleinle. AiigMgcr §mMg§M. Ml. 41. 7. Oktober 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Missionsbriefen -er Gesellschaft Jesu. Schreiben des ?. D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten k. General derselben Gesellschaft. (Schluß.) Am 22. Juli verließ ich die Mission von St. Jgnaz, begleitet von ?. Congiato und einigen Führern und Jägern der Wilden. Das Fort Benton liegt in einer Entfernung von beiläufig 200 Meilen. Das Land, welches man vier Tage lang durchzieht, ist schön und malerisch, und bietet keine Schwierigkeit dar. Es ist eine Reihe von freien Wäldern, schönen Wiesen, Strömen und Bächen, und hie und da erblickt man Seen, die 3—4 Meilen im Umfange haben, deren Wasser klar ist wie Krystall, und das Auge des Reisenden entzückt. Dem größten See haben wir den Namen Maria gegeben. Am 26. Juli überschritten wir den Berg, welcher die Quellen der Flüsse Colombie und Missouri von einander scheidet; er liegt im 48. Grade nördlicher Breite und im 3. der Länge. Der Uebergang über diesen Berg ist sehr leicht, selbst für Wagen, und dauert kaum 20 Minuten. Wir zogen dann im Thale des Sonnenflusses fort, säst bis zu seiner Mündung. Im Vorbeigehen besuchten wir die größten Wasserstürze des Missouri. Der vorzüglichste hat 93 Fuß; die andern machen zusammengenommen 400 Fuß aus aus einem Wege von 19 Meilen. Die U?. Höcken und Mogri kamen uns entgegen. Am 29. kamen wir in dem Fort Benton an, eine Station der Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis, wo alle Beamte uns sehr freundlich aufnahmen. Die Schwarzfüße bewohnen einen ungeheuren Landstrich. Sie zählen 10—12,000 Seelen in den sechs Völkerschaften, die ihre Nation bilden. Seit mehreren Jahren haben sie Schwarzröcke begehrt; dies ist ihr allgemeiner Wunsch. Als ich sie im Jahre 1846 besuchte, baten sie mich, ihnen einen Priester zu verschaffen, der sie unterrichte. In Folge dessen brachte damals der 1'. Point einen Winter in ihrer Mitte zu. Das Resultat seiner Mission erhellt aus meinem 23. Briefe (kl-öcis Iiisloriquö). Ihr großes Verlangen scheint endlich erfüllt zu sein; U. Hocken wohnt in diesem Augenblicke bei ihnen, und ich habe,mit größtem Vergnügen in den Annalen zur Verbreitung des Glaubens gelesen, daß das Werk der Bekehrung der Schwarz- süße mit völliger Gutheißung Eurer Paternität begonnen hak. Bei unserer Ankunft in diesen Gegenden lagerte eine große Zahl Indianer in der Umgebung und in der Nähe des Fort. Es war die Zeit, wo ihnen jährlich von den Agenten der Regierung Geschenke ausgetheilt werden. Sie bezeigten ihre Freude und Zufriedenheit über die Anwesenheit des Missionärs in ihrem Lande und hofften, daß Alle ihr Ohr und Herz eröffnen werden, das heißt nach ihrer Sprachweise, daß Alle seinen Unterricht gelehrig und aufmerksam vernehmen werden. Der Häuptling eines großen Feldlagers, das wir besuchten, erzählte uns eine sehr merkwürdige Thatsache, die Erwähnung verdient. Die Kunde davon hatte sich in den Lagern der Schwarzfüße überall verbreitet, und machte bei ihnen den Eindruck einer großen Hochschätzung unserer heiligen Religion. Als k. Point sich unter den Schwarzfüßen befand vertheilte er an einige Häuptlinge mehrere Kreuze als besonderes Unterscheidungszeichen. Er hatte ihnen die Bedeutung des Kreuzes und der Abbildung Christi erklärt, und sie ermuntert, besonders zur Zeit der Gefahr den Sohn Gottes, dessen Bild sie tragen, anzurufen und auf ihn ihr ganzes Vertrauen zu setzen. Der Häuptling der dies erzählte, stand an der Spitze von 30 Kriegern, welche gegen die Raben in's Feld gezogen waren. Als diese die Absichten ihrer Feinde erkannt hatten, versammelten sie sich eilends in großer Anzahl, um sie zu vernichten. Sie entdeckten sie bald in einem Walde, durch trockene Baumstämme verschanzt, und umgaben sie mit Kriegsgeschrei. Die Schwarzfüße waren bei dem Anblicke der überlegenen Zahl ihrer Gegner, die sie unvermuthet überfielen, der festen Ueberzeugung, daß sie alle zu Grunde gehen müssen. Einer von ihnen trug das Zeichen des Heiles, das Kreuz auf der Brust. Er dachte alsdann an die Worte des Schwarzrockes, und theilte sie seinen Gefährten mit, und alle riefen aus: „Das Kreuz allein ist für uns noch Hoffnung des Heils." Sie rufen sodann die Hilfe des Gekreuzigten an und verlassen die Barrikade. Der Träger des Kreuzes zieht an der Spitze, die Andern folgen ihm. Die Raben schleudern eine große Menge Kugeln und Pfeile gegen sie; aber Niemand ist ernstlich getroffen, und Alle entkommen glücklich. — Als der Häuptling diese Erzählung endigte, fügte er mit einem Tone des Vertrauens zu: Ja führwahr, das Gebet (die Religion) des Sohnes Gottes ist Allen gut und mächtig; wir verlangen Alle sie anzunehmen und ihrer würdig zu sein. Als ich den General Hearney verließ, hatte ich die Absicht, mit seiner Beistimmung, die ganze Reise bis St. Louis zu Pferd zu machen, in der Hoffnung, einer großen Anzahl indianischer Völkerschaften zu begegnen, namentlich der zahlreichen und kriegerischen Völkerschaft der Comanchen, um mit ihnen in Bezug auf meine Mission zu verhandeln. Ich mußte jedoch auf diesen Plan Verzicht leisten, denn die sechs arme Pferde waren ganz erschöpft und nicht mehr im Stande, den langen Weg zurückzulegen, der noch übrig blieb; sie waren fast alle auf dem Rücken verwundet, die übermäßige Hitze vermehrte noch das Uebel; da sie nicht beschlagen waren, so waren ihre Hufe durch die vielen Steine und Felsenwege sehr beschädigt. In der Verlegenheit, in der ich mich befand, ließ ich im Forte Benton ein kleines Boot zurichten, und der würdige Herr Danton, Oberintendant der Pelzwaarengesellschaft, hatte die ausgezeichnete Güte, mir drei Ruderknechte und einen Piloten zu bewilligen. Am 3. August nahm ich von U Congiato und Höcken und vom lieben Bruder Mogri Abschied, und schiffte mich auf dem Missouri ein, welcher Fluß wegen seiner Felsen und Wassergefahren berühmt ist. Auf unserm gebrechlichen Fahrzeuge fuhren wir beiläufig 2ä00 Meilen stromabwärts. Wir machten gewöhnlich 50 bis 60 Meilen des Tages, manchmal sogar bei günstigem Winde 80 Meilen. ^Sobald wir das erste Dampfschiff begegneten, schifften wir uns mit unseren kleinen Effecten aus demselben ein. Von da aus machten wir 700 Meilen in sechs Tagen, und am 23. Sept., am Vorabend des Mariensestes von der Erlösung der Gefangenen, liefen wir in den Hasen von St. Louis ein. Auf dieser langen Wasserfahrt brachten wir die Nächte unter freiem Himmel zu, oder in einem kleinen Zelte. Oft blieben wir auf Sandbänken, um uns vor den Mosquiten zu schützen, oder am Sande einer Ebene oder in einem 323 Urwald. Oft hörten wir in unserer Nähe das Geheul der Wölfe oder das dumpfe Schreien des grauen Bären, des Königs der Thiere in den hiesigen Gegenden, ohne sehr zu erschrecken. Man lernt vorzugsweise in der Wüste erkennen, daß der Herr allen Thieren Furcht vor dem Menschen eingeflößt hat. Eben so lernt man in der Wüste und fern von allen menschlichen Wohnstätten die väterliche Vorsehung Gottes bewundern, die so überflüssig für die Bedürfnisse der Menschenkinder gesorgt hat. Die Worte des hl. Matthäus 5, 26. drücken dies so wunderbar aus: „Betrachtet die Vogel des Himmels, sie säen nicht u. s. w., aber euer himmlischer Vater erhält sie. Seid ihr nicht biel mehr werth, als diese?" Während der ganzen Reise hat Gott immerfort für uns gesorgt. Ja wir lebten sogar im Ueberflusse. Die Flüsse lieferten uns ausgezeichnete Fische verschiedener Gattung, Wasserhühner, Enten und Schwanen. Die Wälder und die Ebenen versahen uns mit Wurzeln und Früchten. Wildpret hat uns keinen einzigen Tag gefehlt. Ueberall trafen wir bald Heerden von Büffeln, bald Rehe, Fasanen^ Tauben, wilde Hühner und Rebhühner. Den Weg auf dem Missouri entlang begegnete ich Tausenden von Indianern aus verschiedenen Völkerschaften der Assiniboins, der Raben, der Minotaries, Mandans, Ricories, Sioux u. s. w. Ueberall verweilte ich einen oder zwei Tage unter ihnen; sie gaben mir von ihrer Seite die größten Beweise von Hochachtung und Zuneigung, und schenkten meinen Ermahnungen die lebendigste Aufmerksamkeit. Seit vielen Jahren verlangen alle diese Völkerschaften Missionäre und Unterweisung. Mein großer Trost, und ich möchte fast sagen mein einziger, ist, daß ich auf dieser langen Reise in der Hand der göttlichen Vorsehung ein Werkzeug des ewigen Heils für beiläufig 900 arme, verlassene Kinder war, denen ich die Taufe ertheilte. Es schien, als ob Viele derselben gleichsam auf dieses Glück warteten, um dann sogleich in den Himmel zu fliegen, und Gott durch die ganze Ewigkeit zu loben. Gott und der seligsten Jungfrau Maria sei die Ehre und unser demüthig- ster, innigster Dank für den Schutz und die erhaltenen Gnaden auf dieser langen und letzten Reise. Nachdem ich zu Lande und auf den Flüssen 8314 englische Meilen und auf dem Meere 6950 englische Meilen ohne irgend ein bedeutendes unglückliches Ereigniß zurückgelegt hatte, kam ich frisch und gesund zu St. Louis in der Mitte meiner lieben Brüdcr in Jesu Christo an. Ich bin mit tiefster Hochachtung und aufrichtigster Ergebenheit Hochwürdigster Vater Ihr demüthiger und gehorsamsterDiener in Jesu Christo p. I. de Smet 8. g. Universität von St. Louis am 1. Nov. 1859. Die Bedrückung der Kirche in den katholischen Staaten Lm 18. nnd 19. Jahrhundert und ihre Folgen. (Schluß.) So ist das stolze Spanien, das unter der Herrschaft freimaurerischer Ideen sich dem allgemeinen Sturme gegen die Kirche angeschlossen hatte, aus dessen Drängen vorzüglich Papst Clemens XI V. den Jesuitenorden aufzuheben genöthigt ward, von seiner einstigen Höhe zu einer Macht dritten Ranges herabgcsunken. Kaum vom Napoleonischen Joche befreit, ward es der Schauplatz ununterbrochener Revolutionen und Bürgerkriege, während welcher Kirche und Klerus unterdrückt, 324 die Klöster aufgehoben, ihre Besitzungen eingezogen, Mönche und Nonnen dem Mangel und Elend preisgegeben und aus die Wohlthätigkeit der srommgesinnten Gläubigen verwiesen wurden^ Die Priester, die sich dagegen auszusprechen wagten, wurden bestraft und die pflichttreuen Bischöfe, die das Werk der Gewalt anzuerkennen sich weigerten, in die Verbannung geschickt, so daß der greise Papst Gregor XVI. sich veranlaßt fühlte (1842), eine Aufforderung zu öffentlichen Gebeten für die bedrängte Kirche in Spanien zu erlassen. Trotz alledem oder vielleicht gerade deshalb blieb das Land in seiner Ent« Wickelung zurück Wie überall zeigte sich auch hier, daß durch die Beraubung der Kirche und ihrer Institute, für welchen Akt der Gewalthätigkeit die Neuzeit die euphemistische Bezeichnung: Säkularisation erfunden hat, der allgemeine Wohlstand nicht vergrößert worden ist, während die Massenarmuth entschieden zugenommen hat. Erst in der allerjüngsten Zeit, nachdem die weltliche Macht ihren Frieden mit der Kirche geschlossen, macht sich ein Aufschwung zum Besseren nach allen Richtungen bemerklich, vorzüglich wohl auch darum, weil der gesammte Kern des Volkes sich von fremden Einflüssen abgeschlossen und mit Innigkeit und Herzlichkeit seinem alten katholischen Glauben treu verblieben. Das angrenzende Portugal dagegen, das katholische Land, in welchem noch jüngst barmherzige Schwestern, jene herrlichen Töchter der christlichen Charitas, denen die ungläubigen Herrscher der Türkei und Perstens ihre Achtung und Anerkennung zu erkennen gaben, denen selbst die wüthenden und blutdürstigen indischen Rebellen, ihrer uneigennützigen Thätigkeit eingedenk, Schonung ange- deihen ließen, wo diese öffentlich beschimpft wurden, Portugal, das Vaterland der Albuquerque und Vasco de Gama, ist fast aus der Reihe der selbststäudigen Staaten gestrichen und eine englische Colonie geworden, in welcher Ungläubige und Freimaurer ihre verderbliche Herrschaft führen. Das Volk aber ist verarmt, die Beraubung der Kirche hat es nicht reich gemacht, es ist in Künsten und Wissenschaften zurückgeblieben und kaum ein namhafter Dichter ist in der Neuzeit in dem Vaterlande der Gil Vincente und Camoöns erstanden. Auch Neapel, deren Herrscher dem Beispiel seiner Bourbonischen Vettern folgend, sich an dem heiligen Stuhle versündigt, auch Neapel hat dies bis aus den heutigen Tag zu büßen. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts von Revolutionen heimgesucht, deren Grund allerdings nicht sowohl in der Unzufriedenheit des Volkes, als in fremden Wühlereien und Umtrieben zu suchen ist, konnte es natürlich nicht zu einer gedeihlichen Entwickelung gelangen, obschon nicht zu läugnen, daß der jüngstverstorbcne, über Gebühr verlästerte und geschmähte König Ferdinand, außerordentlich viel für den materiellen Wohlstand des Landes gethan. Eben jetzt ist der Aufstand, Dank englischer und sardinischer Hetzerei, wieder in lodernden Flammen ausgebrochen, und der junge Herrscher wird aller Kraft und Energie bedürfen, um ihn zu unterdrücken, um sich und sein Geschlecht auf dem wankenden Throne zu halten. Die Regenten Toskana's und Parma's, deren Vorgänger in den Reigen der Kirchenstürmer eingestimmt, sind ihres Thrones beraubt und essen das Brod der Verbannung, ihre Länder aber sind die Beute raubsichtiger Abentheurer und Revolutionäre geworden. Oesterreich endlich, wo man die Kirche durch den starrsten Bureautratis- mus ersetzen zu können vermeinte, auch Oesterreich ist von seinem Schicksal ereilt worden. Die Ereignisse des glorreichen Jahres 1848, und noch mehr der letzte italienische Krieg, der dem Reiche die Lombardei kostete, sowie die mit demselben in engster Verbindung stehenden jüngsten Enthüllungen, haben eine Cor- ruption in den Kreisen jener plumpen, glaubenslosen Bureaukratie erblicken lasten, die wie ein fressender Krebsschaden an dem Mark und Kern des wackeren Volkes nagte und sein bestes Herzblut aussaugte, und die die Wiederherstellung der Autorität der Kirche im Concordat im glänzendsten Licht erscheinen läßt. Es war dies ein Akt wie der Gerechtigkeit, so der Nothwendigkeit. Denn die Geschichte hatte gezeigt, daß die autoritätslose Kirche keine Stütze mehr war für den Thron und daß jener starre Bureaukratismus der Revolution Thür und Riegel öffnete. Daß die Beseitigung der kirchlichen Obergewalt eben die Fürsten zur Revolution geführt, ist keine „ultramontane Anschauung," wie man gegenerischer- seits behauptet, sondern eine Thatsache, die von der Umsturzpartei sehr gut gekannt und gewürdigt wird. Als Beleg führen wir eine treffende Stelle aus einem Werke Proudhons, an. Der bekannte Socialist spricht sich in seinen „Bekenntnissen eines Revolutionairs" folgendermaßen aus: „Seit undenklichen Zeiten war der Staat bestrebt, sich von der Kirche unabhängig zu machen. Das Zeitliche hatte sich vom Geistlichen losgerissen. Die Könige als die ersten Revolutionäre kamen dahin, den Papst mit ihrem Eisenhandschuh zu ohrfeigen. Indem das Königthum sich gegen den Papst erklärte, betrat es den Weg zu seinem Untergang. Indem die Kirche gedemüthigt war, fand sich das Princip der Autorität an der Wurzel angegriffen; die Gewalt war nur noch ein Schatten. Jeder Bürger konnte die Regierung fragen: Wer bist du, daß ich dir gehorchen soll? Der Socialismus verfehlte nicht, diese Consequenz zu ziehen, und wenn er, die Hand auf eine Charte gestützt, welche das Evangelium leugnete, sich der Monarchie in's Angesicht zur Anarchie, zur Leugnung jeder Autorität zu bekennen wagte: so hat er nur die Folgerung aus einem Raisonnement gezogen, welches sich seit tausend Jahren unter der revolutionären Action der Regierungen und der Könige entfaltet hatte." In diesem tausendjährigen Kampfe des Königthums gegen die kirchliche Obergewalt, hat das erstere nur schwere, unheilvolle Wunden davongetragen, während die Kirche aus all ihren Bedrängnissen in immer erneuerter und gesteigerter Macht- und Kraftfülle hervorgegangen ist. Und grade diejenigen Herrscher, welche am gewaltigsten gegen die Kirche anstürmten haben zur Befestigung der Macht und des Ansehens derselben, allerdings gegen ihren Willen am meisten beigetragen. So die Hohenstaufen, so Heinrich IV., so Napoleon I.; sie alle unterlagen der moralischen Kraft des Papstthums, das auch in Gregor XVI. den Kaiser Nikolaus, jenen starren, unbeugsamen Czaren, demüthigte, und in dem jetzt wahrhaft glorreich regierenden heiligen Vater Pius IX., auch den Sieg über den zweiten Napoleon und seine Trabanten davontragen wird. In der so glänzend zu Tage gekommenen Anhänglichkeit und Liebe der Gläubigen des ganzen Erdkreises liegt eine solche Fülle des freudigen Trostes und der Genugthuung für den so schwer geprüften Statthalter Christi, daß er ungebeugten Muthes allen den Prüfungen und Heimsuchungen entgegensehen kann, die der Herr in seiner Langmuth und Weisheit zum Heile der Kirche zulassen will. Reflexionen über das Wallfahrten nach Einfiedeln. (Schluß.) Vielleicht aber ist die ganze Sache nur eine Täuschung oder gar absichtliche Betrügerei des Klosters, um damit Millionen Pilger und Wallfahrter nach Einfiedeln zu ziehen, und diesen ihre Spar-Pfennige aus der Tasche herauslocken zu können. Vielleicht ist die ganze Sache nur eine spekulative Spiegelfechterei der Mönche in Einfiedeln. Allein eine Täuschung, könnte sie sich auch bereits 1000 Jahre lang erhalten?! Sollte es möglich sein, daß eine Täuschung während so langer Zeit, von so gelehrten Männern, wie das Kloster Einfiedeln zu allen Zeiten zählte, nie entdeckt worden wäre? Nein gewiß nicht! — Oder tonnte es gar absichtlicher Betrug oder eben specu- lativc Spiegelfechterei des Klosters Einsiedeln sein, um durch die Wallfahrt viele Pilger für das Kloster zu erwerben, wie es die arge Welt und boshafte Menschen auslegen, nach dem bekannten Grundsätze der Welt: Nunllu» vull cwe'ijii, llocllchMui' Allein bedenke man, welch eine schändliche Verruchtheit ein solcher Betrug wäre. — Betrügen, und zwar wissentlich und mit Absicht und aus ungerechter Gewinnsucht betrügen, und zwar Millionen Menschen und um Millionen Gulden — betrügen im Heiligthume der Religion und dcsGlaubens! wahrlich für die Verruchtheit eines solchen Betruges gäbe es keine Benennung. Und ein solcher Betrug geschebc durch gelehrte, geachtete, heilige Männer, welche von der katholischen Kirche auch als Heilige anerkannt worden, und geschehe durch neun Iahrhunderte hindurch!! Welch' eine höllische Verruchtheit wäre dies nicht! Wer dürfte eine solche einem Institute zutrauen, welches seit Jahrhunderten sich den Ruhm der Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Wvhlthätigkeitbewahrt hat, und manchem Sturm trotzte, und aus mancher Niederlage sich wieder erhob?! — Nein solche Scheusale von Volksbetrügcrn können keine in einem Institute wohnen, dessen Zweck und Bestreben nur Heiligung seiner selbst und der Nebenmenschen ist! --- Wenn es aber so ist, wenn jenes Ereigniß der wunderbaren ja göttlichen Einweihung der Capelle im Kloster zu Einsiedeln, weder ein Traum oder bloße Vision und noch viel weniger absichtlicher Betrug oder speeula- tive Spiegelfechterei von Seite des Klosters sein kann, was bleibt dann Anderes übrig, als anzunehmen und zu glauben, daß dasselbe in der That und Wahrheit das gewesen sei, für was es Jahrhunderte gehalten wurde, nämlich eben eine wunderbare, ja göttliche Einweihung jener Cape lle durch Christus und seine hl. Engel, um welcher willen die Sache eben Engel weihe genannt wird. — Da es aber so ist, — für was müssen wir wohl jene geheiligte Stätte halten, und was sollen wir dort thun? Müssen wär jene heilige Capelle nicht für eine Hütte Gottes bei den Menschen halten, von welcher der hl. Johannes in seiner geheimen Offenbarung schreibt: „Sieh da die Hütte Gottes bei den Menschen! Er „wird bei ihnen wohiren, und sie werden sein Volk sein, und Er der Gott mit „Ihnen, wird sein Gott sein. Er wird abwischen alle Thränen von ihren Augen, „und es wird nicht mehr sein Jammer und Klage und Schmerz." Osfenb. 21.10. Wenn es aber so ist, wie es wohl zuverlässig ist — dürsten wir uns wohl schämen, in jene Hütte Gottes zu pilgern und zu wallfahrten? Ja wer möchte nicht gerne, wohnen in der Hütte Gottes bei den Menschen? — Und was sollen wir in derselben vorzugsweise thun? Ach müssen wir nicht uns freuen der Güte und Menschenfreundlichkeit unsers Herrn und Gottes, welcher sich würdiget zu uns zu kommen und Wohnung unter uns aufzuschlagen? Und müssen wir nicht anbetend preisen die Erbarmung und Lieb'e unseres Gottes, daß Er uns in dieser Seiner Hütte eine Zufluchtsstätte in jeder Noth und eine Trostquelle in jeder Betrübniß des Leibes und der Seele angewiesen hat. Und sollen wir nicht die angebotene Erbarmung und Gnade von Oben dankbar annehmen und anwenden zu seiner Ehre und unserm Heile, und aus dem Uebermaße seiner Erbarmung durch die vermittelnde Fürbitte seiner Mutter, schöpfenVergebung, wenn wir gesündiget haben, Kraft, wenn wir schwach find, Muth, wenn wir gedrängt werden durch Leiden und Verfolgung, Trost, wenn Unglück uns drückt und Heil und Segen in zeitlichen und ewigen Dingen. Ja hört, der Herr ruft aus jener Capelle uns entgegen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, „ich Will euch erquicken! Ja kommet und empfanget mit Zuversicht, was ihr bedürfet!" — Oder sollte vielleicht Jemand an der Möglichkeit solch wunderbarer Dinge zweifeln, so möge er bedenken, daß ein Wunder ja immer erwas Ungewöhnliches und Unerklärliches ist; daß man konsequent entweder alle Wunder leugnen oder doch wenigstens jene annehmen müsse, welche man factisch und historisch nicht leugnen kann — daß dem Allmächtigen nichts unmöglich sein kann — er solle denken an das Wandeln Gottes im Paradiese, an seinen vertrauten Umgang mit den ersten Menschen — an die Erscheinung Gottes dem Moses im Dornbüsche. In dem neuen Bunde an die verschiedenen Erscheinungen des auferstandenen und neu lebendigen Heilandes bei seinen Jüngern z. B. im Saale zu Jerusalem, aus dem Wege nach Emaus, am See Liberias, ja das Essen und Trinken des sonst vergeistigten und verklärten Christus u. s. w. Dann auch noch an sein Wohnen in dem Tabernakel unserer katholischen Kirchen in der sacramentalischen Brodesgestalt und endlich an sein von Ihm selbst vorgesagtes Wiederkommen am letzten Gerichtstage als Richter der Lebendigen und der Todten. O lasset uns nicht ungläubig, sondern gläubig sein! Scheuen wir uns nicht im zuversichtlichen Glauben an die Heiligkeit jener ehrwürdigen Capelle in der Kirche zu Einsiedeln, in diese zu wallfahrten im Dränge des Herzens und da aus dieser Heilesquelle zu schöpfen Gnade um Gnade und Heil für die Zeit und für die Ewigkeit! Aus dem Leben einer Fürstentochter. Zu den edelsten und ruhmwürdigsten Sprossen am Stamme des österreichischen Kaiserhauses zählt Anna Julian«, Erzherzogin von Oesterreich, 1566 zu Mantua geboren. Ihr Vater war Herzog Wilhelm III. von Mantua, und ihre Mutter Eleonora, des Kaisers Ferdinand 1. Tochter, beide hangend mit innigster Zärtlichkeit an dieser letzten zartesten Frucht ihres Ehestandes, die in ihrer ersten Jugend lange hoffnungslos krank darniederlag, eine vielbestrittene Himmelsblüthe, kaum gewöhnbar an die Schärfe der irdischen Luft, nur mühsam dem frühzeitigen Verwelken abgerungen. „Jesus und Maria!" war das süße Wort auf ihrer kaum gelösten Zunge, oft wiederholt mit heiligster Andacht der Leitstern ihres Lebens, das, abgewandt von den Freuden dieser Welt, in reinster Gottesliebe emporschlug in die Wonnen himmlischer Betrachtung. Kaum sechszehn Jahre alt geworden, völlig unbekannt mit den Reizen der prangenden Sünden dieser Welt, für alle reinen Seelen überaus liebenswürdig in ihrer harmlosen Unschuld, wanderte sie nach Innsbruck, und trat im Jahre 1582 an die Stelle der gefeierten Philippine Weiser als zweite Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand, geziert mit den Erinnerungen an ihre fromme Mutter, daher dem Volke Tirols als Sprosse des österreichischen Kaiserhauses höchst wohlgefällig, in aller Ueber- macht der italienischen Glaubensinnigkeit, unerbittlich der Irrlehre vom Norden her. Mit allem Feuer ihrer herzlichen Frömmigkeit, mit aller Aufopferung einer himmlisch gesinnten Seele ehrte und liebte sie ihren Gemahl, der bereits bejahrt mit der sinkenden Flamme seines Lebens athmete und wirkte für die Rechtgläubigkeit der Tiroler, für sein eigenes ewiges Heil, und bewog ihn, überall die Ehre des Erlösers und seiner Mutter Maria zu befördern, und dadurch die Glut der katholischen Andacht im Volke anzufachen. Mit emsiger Sorgfalt linderte sie seine Negierungssorgen, wie ein Engel Gottes betete sie neben dem Nachtschlummer ihres Herrn und Vaters — denn so pflegte sie ihn zu nennen — daß der gute Geist von Oben ihn durchdringe zur Heiligung des Vaterlandes im wahren Glauben, in unverfälschter Tugend. Alle irdischen Begierden waren in ihrer reinen Seele ausgestorben, nur der eine, kindlichstille, himmlischklare Sinn lebendig, dem göttlichen Heilande in strenger Abtödtung zu dienen, und den Hauch der Gnade durch alle Thäler ihrer neuen Heimath zu verbreiten. Ihre weibliche Dienerschaft wählte sie ausschließlich aus Edelfräulein des Tirolerlandes, sie anhaltend zu fleißiger Arbeit, übend in heiliger Zucht, das zukünftige Glück ihrer Ehe bewachend, die untugendhaften Bewerber zurückstoßend. Dadurch wurde im weiblichen Geschlechte des eingebornen Adels die alte lernhafte Frömmigkeit wieder eingepflanzt, und durch den göttlich erneuten Fraueneinfluß unberechenbare Vortheile für die Versittlichung verwildeter Gemüther begründet. Alle Armen fanden an ihr die zärtlichste Mutter, und an jede fürstliche Gabe war die Ermahnung geknüpft: „O Kinder! Lieber hundert Mal sterben, als eine Todsünde begehen!" Der Ruf: „Lieber hundert Mal sterben, als eine Todsünde begehen!" scholl durch's ganze Land, geweiht durch den warmen Liebeshauch der Landesmutter, bestärkt durch die H^jligkeit und Reinheit ihres Beispiels, eine Gottesmacht für alle noch nicht erstorbenen Herzen, entwurzelnd die Sündenlust, himmlische Begeisterung für die Tugend weckend. Sie speiste selbst täglich zwölf arme Weiber, ihre Füße waschend, ihre Wunden küssend, sich selbst vernichtigend im Liebesdienste gegen diese kostbaren Glieder des Leibes Christi, in dieser selbstgewählten Vernichtung des menschlichen Stolzes eine Predigt zur Buße für den ganzen Hofstaat, die eindringlichste, siegreichste Lehre der Demuth gegen die Prunkliebe und Schwungsucht der Großen in der damaligen Zeit. In allen Leiden dieser Erde war sie empfindunglos gegen die Bitterkeiten weltlicher Anfechtung, emporgerichtet an's Kreuz ihres Erlösers, vertieft in die Schmerzen ihrer himmlischen Mutter Maria. Ihr Beichtvater war Joseph Maria Bracht, ein italienischer Capuziner, von Mantua gebürtig, daher der Fürstin von Jugend auf werth, ein Mann von schlicht .einfältigen Sitten, gebildeter in der Schule der Leiden Christi, als in weltlicher Wissenschaft, arm und abgelöst von aller Anhänglichkeit an diese Welt. Mit ihm sprach sie oft von göttlichen Dingen, versunken in die Wonnen und Schmerzen heiliger Liebe zu JesuS, unserem Herrn. — , (Schluß folgt.) Bon der wahren Weisheit. 6. „Die Wurzel der Weisheit ist die Furcht des Herrn" ruft Sirach, 1, 25. Die Blüthe der dem Sterblichen möglichsten Vollendung in der Weisheit indeß wirb die Liebe zum Herrn sein. Dafür spricht der Unterschied zwischen der übernatürlich unvollkommenen und natürlich vollkommenen Reue in ihrem Wesen, ihrer Folge. Beide sind übernatürlich, weil sie sich auf Gott beziehen. Die erste indeß ist unvollkommen ob ihres Ausflusses aus der Furcht des Herrn, der den unbekehrten Sünder einst mit ewiger Strafe belegen wird; die zweite aber vollkommen ob ihres Ursprunges in der Liebe, welche den reuigen Sünder mit unermeßlichen Wohlthaten überhäuft hat. Nur diese Reue, nicht auch die unvollkommene kann uns Sünden- verzeihung erwirken, wenn wir ausser der Möglichkeit einer giltigen Beichtable- gung und im ernsten Vorsätze aufrichtiger Besserung uns befinden. Wie nun, die Liebe zu Gott stünde in der Reue ob unserer Missethaten über, in der Ausübung verdienstlicher Werke aber unter der Furcht des Herrn? Nedacm» uno Verlag : Dr. M. Hatt! er. — Druck »o» I. M. Äleinlr. H>>. 4S. 14. October 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Veiblatt zur Augsburg er Post« Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die sichere Bucht. Da grause Stürme wüthend droh'n Dein Lebensschtfflein zu zerschellen, Das wild erfaßt der Gruiim der Wellen, Daß schier die Rettung Dir entfloh'»: Such' ungesäumt dem Schiffbruch zu entrinnen, Die sichre Bucht der Kirche zu gewinnen! Da rief der Hoffnung Anker aus, Daß in des Glaubens tiefem Grunde Er wurzelt, und zu günst'ger Stunde Dir winkt der Liebe gastlich Haus, In dem willkommen Du mit sel'gen Gaben Froh magst am reichen Mahle dich erlaben! __ I. B. Tafratshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) 6. Stolz vom Bertze herabschauend, beherrschte Schloß Waldegg, welches früher einer adeligen Familie angehört hatte, und nunmehr die Wohnung eines Amtmanns bildete, das im Thäte liegende Dörfchen. Jost — so hieß der Bewohner des Schlosses — war im Amtsrocke ein treuer Diener des Staates, im Wirthshausrvcke der Freund und Rathgeber Aller, im Schlafrocke der liebenswürdigste Familienvater. Seine Gattin, eine ehrwürdige Matrone, lebte und webte nur für Gatten und Kind. Fritz, der Sohn, trat nicht in die Fußstapfen seiner braven Eltern. Er hatte die Hochschule der benachbarten Stadt bezogen, sich zu einem tüchtigen Beamten im Rechtssache heranzubilden; allein die ausschweifenden Lustbarkeiten seiner Studienfreunde ließen ihn nicht selten den Ernst des Lebens vergessen. Marie, seine ältere Schwester, war still und einfach, wie die sie umgebende ländliche Natur, und seltsamer Widerspruch eines demüthigen Herzens! — was sie zu besitzen selbst nicht wähnte, das suchte sie mit sorgfältigem Eifer zu vervollkommnen: einen Wandel im frommen Glauben und in Einfalt der Sitte. Von ihrem Schwesterchen Emma galt der Ausspruch des göttlichen Kinderfreundcs: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Fürwahr! der Himmel der Unschuld strahlte in ihr Herz, aus ihrem Auge. Das fühlte der mit freundlichem Gruße Bedachte, wenn sie den Bergabhang hinab an ihm vorbei zum Schulbesuche eilte. Diesen Abhang schmückte ein Kirchlcin, Tags über dem frommen Beter offen. Nie ging die Kleine den Weg zur Schule, oder nach Hause ohne Einsprache in der Capelle. In der Schule ward zwar auch gebetet, und, wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen — hatte nach des Pfarrers Lehre der Herr gesprochen. Dennoch ließ sich's allein traulicher mit dem Gottes- kiude schwatzen. — Die uns Begegnenden muß man freundlich grüßen — hatte die Mutter gesagt. Warum sollte man den lieben Herrgott nicht besuchen dürfen, wenn man an seinem heiligen Hanse vorüberkam? Ihrer frommen Gewohnheit gemäß hatte Emma einst an frühem Morgen die Kirche kaum betreten, als sie mit einem Schreckensrufe dieselbe hastig wiederum verließ. 330 „Warum stürzest du so athemlos zum Zimmer herein? — fragte Frau Jost ihr heimgekehrtes Kind. — „Du wirst kaum in der Schule gewesen sein." „Mutter! Mutter! Ein Todter!" „Närrchen!" — sprach der eben eingetretene Amtmann. „Nein, Vater! im Küchlein. Mir graust noch jetzt vor dem Anblicke." „So will ich selbst mit dem Knechte gehen und sogleich den Dorfarzt besorgen lassen. Du, Frauchen! halte Zimmer und Bett bereit für den Fall, daß ein Unglücklicher unserer Hilfe bedarf." * Kaum waren diese Anordnungen befolgt, als auch der Amtmann mit dem Dorfarzte wieder erschien. Ihm folgten zwei Männer mit einer Tragbahre, auf welcher ein junger Mann ohne Lebenszeichen ausgestreckt lag; allein bald siegte das Gefühl der Menschlichkeit über den Schrecken. Doch als die aufopfernde Sorgfalt der braven Familie sich mit glücklichem Erfolge gekrönt sah, und der Fremde zum Leben wieder erwacht, den Umstehenden warm die Hand drückte, erinnerte sich vorzüglich die fromme Mutter, daß nicht sie und die Ihrigen sich in den Dank zu theilen hatten, sondern daß dieser dem Herrn ausschließlich gebühre. Sie eilte daher in's Kirchlein und dankte brünstig, daß Gott einem Unglücklichen Hilfe und ihnen die Gelegenheit zu einem verdienstlichen Werke gewährt habe. Nach Hause gekommen, wollte sie Emma zeigen, daß eine edle That nebst der innern Belohnung der Selbstzufriedenheit auch schon in diesem Leben oft einen äußern Lohn mit sich bringe. — „Liebes Kind!" — sagte sie — „heute hast du mich so sehr erfreut, daß ich dir gerne eine Gegenfreude machen möchte." „Bitte, Mütterchen! schenke mir jene Schaumünze, die du mir versprochen hast, wenn Du einmal besonders mit mir zufrieden sein könntest. Heute war ich doch recht brav." „Nur nicht stolz, mein liebes Kind!" — versetzte die Mutter mit dem Finger drohend. — „Du vergissest über Dein geringes Verdienst, was dem Herrn gebührt." — Emma hüpfte vor Jubel, als sie die seltene Münze in Händen hielt, welche die Amtmännin als junges Mädchen von ihrer Pathin empfangen hatte. Mit großen Augen betrachtete sie'die räthselhafte Schrift der Kehrseite, die Figuren der Vorscite, welche eine heilige Handlung darstellte. Aber plötzlich legte sie das Goldstück weg. — „Mutter! Nicht eher mag ich die Münze, als bis du mich geküßt hast." — Sie sprang der Mutter auf den Schooß und küßte sie und ließ sich küssen. ^ , Herr Jost wollte sich nicht durch unbescheidenes Forschen nach den Schicksalen des. Erretteten für sein und der Seinen geleistete Dienste bezahlt machen. Allein sobald der Unbekannte sich so weit erholt hatte, daß er ohne zu große Anstrengung sprechen konnte, erzählte er unaufgefordert seine Lebensgeschichte, weil es ihm, wie er sagte, Bedürfniß, Pflicht der Dankbarkeit war, sein Herz in die Brust eines Mannes anszugießen, dessen edles Wohlwollen sich vorzüglich gegen ihn geäußert hatte. August Finner — so nannte sich der Fremde — ein geborner Deutscher, war in früher Jugend mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert und führte dort im Schooße seiner Familie ein friedsames Leben, dem Kaufmannstande sich widmend. Die französische Revolution gegen Ludwig XlV. sollte auch diese Glücklichen nicht verschonen. Augusts Eltern starben auf dem Schafotte dewTod für Gott und Vaterland. Er selbst entkam uur durch die List eines Gefangen- wärters und irrte, mit wenigem Gelde versehen, Tage lang umher, bis er die Gränze erreichte. Freundlich winkte ihm die Kirche vom Berge. Dort wollte er von allem Irdischen verlassen, zu Gott seine Zuflucht nehmen. Kaum hatte er 331 ihre heilige Schwelle betreten, als seine fast erschöpften Kräfte gänzlich schwanden. —' „Die letzte Stunde meines Lebens schien mir genaht" — schloß er seine Erzählung mit thränennassem Auge. „Nur die letzte Stunde Ihres Elends," — versetzte Jost, — „wenn sie anders mit der bescheidnen, aber sichern Stellung eines Schreibers bei meinem Amte, mit einem stillen Plätzchen an meinem Heerde nur einigermassen sich trösten können für Ihre unersätzlichen Verluste. — Bist du's zufrieden, Johanna? fragte er seine Gattin, welche schon zu Anfange der Erzählung Finners eingetreten war. „Mit dir und meinem neuen Hausgenossen. Ich wiederhole den Wunsch meines Gatten: mögen Sie in uns, wenn auch nicht völligen, doch einigen Ersatz für ihre Verlornen Eltern finden!" „Und Sie bei Gott den Entgelt, den ich nicht geben kann!" — entgegncte Finner, Frau Jost gerührt die Hand reichend. (Schluß folgt.) Aus dem Leben einer Fürstentochter. (Schluß.) Sie spornte sich täglich selbst an zum Eifer in der Tugend und sprach: „O mein Gott! Du bist von so Vielen geehrt und geliebt, soll nicht auch ich etwas thun zu Deiner Ehre? O Jesus leidend für mich unendliche Pein! soll nicht auch ich etwas leiden um Deinetwillen? Tausende hast Du zu Deinem besonderen Dienste berufen, soll ich allein zurückstehen? Ach! wozu, o Herr! bin ich geboren? Gewiß nicht, Freude und Kurzweil zu genießen, das Paradies auf dieser Welt, ewige Pein in der anderen! O nein! o nein! mein Herr und mein Gott! Mache mit mir, was Du willst, ich will nicht aufhören Dich zu lieben, weil Du mich liebest ohne mein Verdienst! In Dir will ich glühen in ewiger Liebe, ausziehend alles Sterbliche, mir anbildend das himmlische Leben im Paradiese." — Mit besonderer Andacht war sie der allerseligsten Jungfrau Maria zugewandt, dieser gottgesetzten Führerin der tirolischen Volkskraft auf allen Wegen der irdischen Trübsal, und beförderte allenthalben ihre Ehre, durch die jungfräuliche Reinigkeit der Gottesgcbärerin ausfegend die Fäulniß einer besudelten Zeit, die Gemüther empfänglich machend für die Spannkraft der keuschen Gesinnung. Aus aller Noth der weltlichen Strudeleien flüchtete sie in's Herz ihres Heilandes, und betete mit Innigkeit: „Sei gegrüßt, reinstes Herz Jesu, meines süßesten Herrn und Meisters, mit unzähligen Wunden für mich durchbohrt! Deine Wunden durchflammen meine Seele mit den Pfeilen der göttlichen Liebe! Versenke mich in die Tiefen Deiner heiligen Seee, tränke mich statt mit dem Weine Deiner himmlischen Gnaden, daß ich Dir vereint lebe und sterbe in unaussprechlicher Liebe!" Als ihr Gemahl im Jahre 1594 tödtlich erkrankte, blühte sie hell auf aus den Thränen ihrer tiefen Hcrzbekümmerniß mit den Wunderblüthen der Gott- ergebung, der Geduld, der zartinnigsten Theilnahme, unermüdlich am Lager dessen, dem sie in kindlichster Treue an dreizehn Jahre gedient, ihn pflegend mit lieber Hand, ihm zusprechend im Tode, ihn hinüberbetend in die ewige Freude, dem Todten opfernd ihr Blüthenalter von acht und zwanzig Jahren, mit der Liebe, die keinem Zweiten gilt, wenn auch umworben von den ehrenvollsten Anträgen fürstlicher Bewerber nach dem Tode des Landesfürsten. Mit ihrer Liebe unveräußerlich hinübergeschlungen an die Seele ihres Gemahls am Herzen Gottes, saß sie einsam in ihrer Wittwenzelle, die verwaisten Töchter hangend an ihrem Gewände, mit Thränen heiliger Sehnsucht nach der ewigen Heimath. Gold und N 332 Edelsteine hatte sie abgelegt, ein schwarzes Bnßkleid umhüllte ihre Glieder, sie setzte sich zur schmerzenreichen Mutter Maria, aufathmeno in gläubiger Andacht, sie wählend zum Vorbilde in der Trauer um ihren göttlichen Sohn. „Diese —> sagte sie — war in der Jugend meine Lust, in der Ehe mein Trost, und soll mir im Wittwenstande der einzige Ruhm, der Gegestand meiner besonderen Verehrung sein." Die Hofbetten verschwanden, zellenhaft klein und schmucklos stand ihr zurückgezogenes Schlafgemach. Sie betrieb mit allen Hausgenossen die tägliche Handarbeit auf das Eifrigste. „Es gibt nichts köstlicheres, als die Zeit — war ihr Grundsatz — diese ist das heiligste Kleinod aller frommen Seelen. Der Arbeitsame, trotz aller Anfechtung des Teufels, er lebt in der Ruhe eines guten Gewissens!" Ihre Marienliebe kannte keine Gränzen. „O süße Mutter Gottes! - betete sie ohne Unterlaß — wüßte ich nur, was Dir angenehm ist, mit Freuden wollte ich es thun! Alles, Alles will ich Dir geben, selbst das Herz aus meinem Leibe!" Zu Fuße besuchte sie die umliegenden Andachtsstätten der allerseligsten Jungfrau, Mils, Loretto bei Hall, Wiltau, Waldrast und andere, dem gemeinsten Volke gleichgestelt und durch ihre Demuth jedes christliche Gemüth erbauend. Selbst die Tadelsucht der Andachtlofen entwaffnete ihre Sanftmut!), ihr mildes Wesen, , ihr menschenfreundliches Vergessen aller Unbild. Im eigenen kleinen Hofhalte war sie die lauterste, herablassendste Liebe, sie bediente in eigener Person die Kranken, reinigte ihre Wunden, erquickte ihre Seele mit freundlichen Zusprüchen. Ost wirkte die von ihr bereitete und dargereichte Arznei wunderbare Heilung, denn die Gnade Gottes war mit ihr. Besonders liebevoll stand sie am Bette der Sterbenden, ihren Todeskampf segnend, ihn erleichternd mit dem Gebete ihres reinen Herzens. Mit dieser gottseligen Lebensweise nicht zufrieden, gespornt vom Gluthauche der wachsenden Gottesliebe, gründete Anna Juliana schon im Jahre 1606 das sogenannte versperrte Kloster fürJungfrancn im Stadtsaggen zu Innsbruck, und baute daran ein Regelhaus für Wittwen, in welches letztere sie selbst eintrat, entschlossen, ganz der Welt zu entsagen und dem armen Erlöser zu folgen in strengster Los- sagung vor allen zeitlichen Dingen, nach der Regel der Dienerinnen Mariens, die sie aus Italien nach Deutschland verpflanzte, unter der geistlichen Obhut der Väter des nämlichen Ordens, denen sie zu Innsbruck das Kloster des heiligen Joseph stiftete. Die Jungfrauen waren durch bleibende Gelübde lebenslänglich gebunden, die Wittwen als sogenannte-Drittordensschwestern durch einfache (Belobung ihnen beigefügt.- Von Anna Juliana's Töchtern war Eleonore in früher Jugend gestorben, Anna heirathete den König Matthias, und Maria folgte ihrer Mutter in die jungfräuliche Klosterstille. Der Eintritt erfolgte im Jahre 1612. Man sammelte sich am 1. Juni in der Pfarrkirche, sieben Jungfrauen, fünf Wittwen, die Stisterin und ihre Tochter. In feierlichem Zuge, der von geistlichen und weltlichen Würdenträgern, von allen Zünften der Bürger und vielen Anderen geleitet war, schritt man nach dem Kloster. Die sieben Gottesbräute waren alle in Weiße Seide gekleidet, mit einem blauseidenen Baude um die Mitte gegürtet, und trugen eine Lilie in der einen, ein Kreuzbild in der andern Hand, aus der Finsterniß irdischer Eitelkeit eilend zur Hochzeit mit dem himmlischen Bräutigam. — Hierauf erfolgte in der Ordenskirche die Einkleidung. Als Anna Juliana vor allem Volke erschien, in schlichtem Gewände, thränennaß von Andacht und Liebe, brachen alle Gegenwärtigen in Thränen aus; denn es war die Eitelkeit des Lebens gerichtet durch die Demuth und Weltverachtung der Erzherzoginnen. Nach der Einkleidung kam die Nachricht, daß ihre Tochter Anna zur Königin gekrönt sei. „Wohlan! — rief Juliana aus — erfreue dich, meine Tochter, der Kaiserkrone, und der Segen Gottes möge dich stets mit himmlischen Gnaden überströmen! Ich Lrfreue mich mit herzinniger Lust meines Schleiers, womit mich die allerseligste Jungfrau Maria gekrönt hat!" Sie entsagte sofort 1^2 333 aller Dienerschaft, allem Unterschiede der Person, schwesterlich lebend mit den Schwestern, deren Kleider sie demüthig flickte, selbst des abgenütztesten Anzuges froh. Tief beklagte sie ihre leibliche Schwachheit, die ihr nicht erlaubte, an den gemeinsten Haus - und Küchenarbeiten Antheil zu nehmen. Alle Tage betete sie in der innigsten Zufriedenheit ihres Herzens: „O mein Jesus! O Bräutigam meiner Seele! O glorwürdigste Jungfrau Maria! Wie habe ich die Gnade verdient, dieses hl. Trauerkleid zu tragen und mit der Mutter Gottes den Tod meines Erlösers zu beklagen! O hätte ich es mit dem Reichthume der ganzen Welt, mit tausend Leben erkauft, es wäre nicht zu theuer bezahlt!" Sie feierte oft das Leiden Christi innerhalb der Mauern ihres stillen Klosters auf eigenthümliche Weise. Alle Schwestern zogen durch die Klostergänge, barfuß, jede mit einem Strick um den Hals, ein schweres Kreuz auf den Schultern, eine Dornenkrone aus dem Haupte, Klagelieder singend dem gekreuzigten Heilande. Sie selbst, weil leiblich zu schwach für die Last des Kreuzes, ließ sich mit einer eisernen Kette um den Hals, mit gebundenen Händen mitschleppen, in solcher Andacht und Zerknirschung, daß die Schwestern, in ihr Christus erblickend, wie er zum ungerechten Richter geschleppt wurde, bitter weinten im schmerzhaftesten Wehgesühle. In jeder Noth und Trübsal sprach sie voll Ergebung in den göttlichen Willen: „Das Leiden und Sterben Jesu Christi und das Mitleiden und Mitsterben der seligsten Jungfrau Maria sei allzeit in meiner Seele und meinem Leibe!" Sie litt sehr an Gichtschmcrzen, Nervenansälle warfen sie oft mit grimmiger Gewalt die Stiege hinunter, wiederkehrende große Leibesschwäche, durch strenge Abtödtung vermehrt, rückte sie vor der Zeit an den Rand des Grabes. Im Jahre 1618 erkrankte sie so ernstlich, daß sie nie mehr ganz gesundete, aber der tröstliche Grundsatz: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn!" hielt sie aufrecht in allen Lcibesnöthen. Sie wurde das lebendige Leiden Christi. Im Kopfweh fühlte sie mit inniger Freude die Dornenkrone ihres göttlichen Meisters. Zur Zeit gänzlicher Entkräftung flüsterte sie: „O wie gedrückt ist Jesus unter dem Kreuze um meinetwillen! O wie schmerzlich fällt er zur Erde!" Schmerzte sie die Hüfte, so fühlte sie die Geißelstreiche ihres Gottes; sie athmete leise: „Jetzt geißelt mich der Herr, ich muß leiden, ich will leiden, um ihm für seine schmerzhafte Geißelung zu danken!" Wollten sie ihre Füße nicht tragen, so seufzte sie bei jedem Schmerzenstiche durch Mark und Bein: „Kein Schmerz unter der Sonne gleicht dem Schmerze Christi am Kreuze. O könnte ich mit ihm sterben im schrecklichen Kreuztode, ich stürbe mit Freuden, und dankte mit Inbrunst für diese ausgezeichnete Gnade." Ihre Augen wurden durch anhaltende Kopfflüsse oft unbrauchbar; sie betete in diesem Zustande der Blindheit die Leiden Christi an, die er von seinen Feinden mit verbundenen Augen in bitterster Verhöhnung gelitten. So fühlte und betete sie sich aus ihrem Leiden in das Leiden ihres Heilandes hinein, mitleidend mit seinem göttlichen Herzen, und je schwächer der Leib, desto größer wurde ihr Lcidcnsdurst, desto süßer versank ihre Seele in den Wonnen des Erlösers. Gegen das Fest der heil. Anna des Jahres 1621 befiel sie eine tödtliche Schwäche. Sie mußte zu Bette gehen, ein starkes Fieber stellte sich ein, alle Lust zum Essen und Schlafen verschwand. „Die heilige Anna ruft mich zu sich!" sagte sie lächelnd, und verggß im Gespräche von den Freuden des ewigen Lebens allen Schmerz ihrer Krankheit. Am 2. August wurde ihr Zustand bedenklicher, sie fühlte das Nahen ihrer Todesstunde und sprach: „An dem Mittwoch bin ich nicht mehr bei euch, laßt mich sorgen für meine Seele!" Ihr Auge hing mit seinem letzten Schimmer an dem holzgeschnitztcn Bilde des Gekreuzigten. Furchtbare Seitenstiche, nach ihrem eigenen Geständnisse die Pein des Fegfcncrs, marterten sie durch volle 2^ Stunden mit den grimmigsten Qualen. Sie umfaßte das Kreuz mit der innigsten Zärtlichkeit, ihr einziges Heil, ihre Todesruhe, ihren M p W 334 Himmelstrost und sprach leise: „Lebet wohl, o Schwestern, im Paradiese sehen wir uns wieder!" Man fragte sie, ob sie dürste? „Mich dürstet — fiel sie lebhaft ein — nach dem Wasser der himmlischen Brunnen." Ihre letzte Kraft war geschwunden, im Sterben segnete sie noch die Zurückbleibenden, ihnen wünschend die ungetrübte Wahrheit der katholischen Kirche, Todesmuth für die Gnade des heiligen Glaubens. Sie entschlief am 3. August, 55 Jahre alt, wovon sie die neun letzten im Kloster zugebracht hatte. Man stellte ihren Leichnam in der schwarz ansgeschlagenen Kirche zur Schau. Eine Dornenkrone ruhte auf ihrem Haupte, ein Todtenkops lag zu ihren Füßen, und ein hölzernes Kreuz in ihren Händen. Ihr Leib war mit Blumen bestreut, die von den Besuchenden gierig aufgelesen wurden als Denkmal an die heilige Frau. Als man ihren Sarg 27 Jahre nach ihrem Tode öffnete, fand man ihre Leiche unverwesen, weich anzufühlen, bräunlich gefärbt. Eine strengärztliche Untersuchung bestätigte die Thatsache. Dieses merkwürdige Weib war, wenn auch kaum hervorgetaucht aus den beschränkten Denkkreisen des mädchenhaften Alters, gleichwohl schon bei ihrem Einteilte in's Tirol auf den universellen Standpunct, auf die Höhe des welt- erobernden kathol. Princips getreten, abhold aller revolutionären Nationalität, namentlich der kindisch trotzigen Deutschthümelei, die den inneren Volks- und Neichswurmstich durch einseitige Losgerissenheit von Rom zudecken und heilen wollte, mit der Kraftliebe ihres flammenwerfendeu Gemüthes die ganze Welt umfassend als eine große Völkerinnung unter dem kühlenden Schatten der römisch-katholischen Kirche. Die südliche Lebenswärme des Katholicismus dem tirolischen Landesfürsten als Brautschmuck zuführend, setzte sie mit dem Muthe einer gcbornen Heldenseele das volle Menschenleben ein für das Gedeihen dieser Himmclspflanze in den Bergen Tirols. Sie war in diesem Berufe eines jener höchst interessanten Doppelwesen, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob das männliche oder weibliche Element in ihrer Art vorherrscht, ob der Muth des Helden die Zartheit des Gemüthes überwiege. Ihr dunkelblickendes, sprühendes Auge, angeglüht von der geistig entflammten Innerlichkeit, ihr entschlossener Ausdruck, ihre Züge, in denen die weibliche Anmuth von niederhaltendem Mannesernste umleuchtet ward, waren die geheimnißvollen Strahlen ihrer verborgenen Seelen- kraft, selbst die Liebsten nnd Vertrautesten mit strenger Ehrfurcht durchdringend. Deßhalb blieb sie, wie Alle ihresgleichen, fremd auf Erden ihr ganzes Leben lang, den unsichtbaren Geisterkräften allein befreundet, selbst von ihren eigenen Verwandten mehr gefürchtet, als geliebt, ein lebender Schrecken für alle Religions- Feinoe im Lande, wie ein Gottesgericht einschlagend in die Nacht verstockter Gewissen. Was an ihr dem ersten Anscheine nach irdisch aussah, war der Zug ihres Herzens nach den religionsfreudigen, blüthenreichcn Erinnerungen ihrer italienischen Heimath, an die Männer, die ihre Jugend begeistert, an die Freuden heil. Unschuld in argloser Kindesseele, an die liebgewonnenen Formen des jugendlichen Gottesdienstes. Sie blieb demselbeu unverbrüchlich treu bis zum Tode, stets bereiter Anhaltspunct aller Religionsströmnngen von Italien nach Deutschland, aushäl- tige Freundin der muthigen Männer, die lebenverachtend in's Gebirge eindrangen zur Steuer der wahren Kirche, hold allen Ordensvereinen, die in Deutschland über das Verderben der Zeit gesiegt, sie heraussehnend zur Kampfarbeit auf deutscher Erde. Aus diesem Dränge ihres Gemüthes gingen das Capuciner- kloster und der Servitenverein in Innsbruck hervor, beide die ersten ihrer Art in Deutschland, und von hier aus mit Glück vordringend in's deutsche Reich. — Verurteilt von lauen Höflingen, von Verwandten selbst als verschwenderisch und überspannt getadelt, von Neuerungssüchtigen oft bitter angegriffen in ihrem Rückschritt zur alten Kirche stand sie unbewegt in ihrer geistigen Eigenthümlichkeit, mit Ausdauer und Gemüthsruhe, oft mit der genialen Findigkeit höherer Gedankenweihe einstürmend auf's vorgesetzte Ziel ohne Nebenblick, ohne Furcht — nur dem inneren Rufe folgend. Und diese fast übermännliche Seelenstärke stand in keinem Verhältnisse zu ihrer schwächlichen Leibeshülle, und war daher fortwährend der Grund zu schmerzlicher Krankhaftigkeit. Weit ausgreifend in ihren Christusideen umschlang sie mit gleicher Innigkeit die zerstreuten Reste des Judenvolks, die Türken und Heiden, wie die in Irland verfolgten Glaubensmartprer, die Einen herüberbetend in den Schoß der Kirche, die Anderen auf alle mögliche Weise unterstützend. Daher gewährte sie auch zwei Jüdinnen und einer Türkin, die sie an Kindes Statt angenommen, den Schleier ihres Klosters, sich kindlich freuend über diesen Seelengewinn. Unter den lieben Adoptivkindern dieser Art zeichnete sich vorzüglich der Jr- länder O'dale aus, ein Knabe noch, mit seinen glaubensflüchtigen Eltern nach Belgien übergesiedelt. Hier starben Vater und Mutter bald, O'dale stand allein, arm, verlassen. Der Primas von Irland, Petrus Lombardus, ebenfalls land- flüchtig, nahm sich des Knaben an, schickte ihn zu studiren nach Rom, und unterhielt ihn dort mit äußerst sparsamen Mitteln. Als sein Fortkommen daselbst unmöglich wurde, ging er auf das Anrathen seines Wohlthäters nach Köln zurück, unter der Obhut treuer Begleiter. Mit diesen kam er an die Gränzen Tirols, verlor sie ebenfalls durch plötzliches Unglück, und stand wieder allein, auf deutscher Erde, ohne Reisegeld, ohne Vaterland, ohne Kenntniß der deutschen Sprache. In der Nähe von Innsbruck begegnete er zwei Capucincrn, diesen eröffnete er seine Lage in gebrochenem Latein, sie empfahlen ihn der weltumfassenden Anna Julian«. Diese nahm den helläugigen Knaben als ein Gottesgeschenk freudig auf, als ihr liebes Kind, schickte ihn nach Hall, wo er, von ihr unterhalten, studirte und später als erster Zögling in das von ihr gegründete Servitenkloster zu Innsbruck kam. „Ich vergaß — sagt er selbst — von dieser Zeit an mein Volk und das Haus meines Vaters, und hing der Anna Juliana, meiner zweiten Mutter, an. Ihr Volk wurde mein Volk, ihr Gott mein Gott." Er wirkte in Innsbruck segensreich als Lehrer des Klosters in allen Fächern der Theologie, ein eben so gewandter Lateiner, als gründlicher Verfechter der katholischen Glaubenslehre. Als seine zärtliche Mutter im Todeskampse lag, war er mit den übrigen Mitbrüdern seines Ordens gegenwärtig, er flehte hingestreckt auf die Erde vor ihrem Bette um den Segen, und netzte den Boden mit heißen Thränen; denn die einzige verwandte Seele auf Erden sollte ihm entschwinden. Als aber die Todte rosen- haft erblühte, strahlend in reinster Himmelswürde, trocknete er seine Thränen ab und Preßte das Todesbild seiner fürstlichen Retterin in die innerste Seele, daß es ein Frühling werde für seine eigene Erlösung aus den Banden des Leibes. Seine Vorstände nöthigten ihn, das Leben der Anna Juliana zu schreiben. Er that es unter der Bedingung, daß es nach seinem Tode erst veröffentlicht werde. Darin spricht er sich aus mit aller Uebermacht des kindlichen Gefühls, mit aller Farbenfrische der grünen Berge von Erin, mit aller Beweglichkeit der blauen Wogen um die Vorgebirge seiner Heimat. Dieser Jrländer, am Grabe der Landesfürstin, der Fremdling in den Bergen Tirols, die Fremdgebliebene preisend in kühner, regelloser Sprache, mit den Ausbrüchen einer nur wenig gezügel- ten Phantasie setzt der Charakteristik des seltenen Weibes die Krone auf, und redet uns mit stummen Zügen die große Wahrheit an's Herz: „Der Glaube der Katholiken umkreiset die ganze Welt, ohne Maß und Beschränkung, wie die Luft des ewigen Himmels, seelenanziehend, seelcnvereinigend in göttlicher Liebe, unhemmbar durch irdische Macht, alle engherzigen Dämme nationaler Vorurtheile durchbrechend, Alles verschlingend in die Flut heiliger Gottesbegeisterung, wogend und brausend ohne Rast, bis Ein Hirte aus Erden Eine Heerde regiert!" 336 Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. 1 . ^ Von dem Dörfchen St. Agatha in den Tagen des Glückes. />(> Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts stand in einem der unbekanntesten und entferntesten Ecken des tieux—8övie Departements in Frankreich ein Dörfchen, wenn man das Häuser nennen durfte, was eher einem alten Bretterverschlag oder einem Viehstalle glich. Die Mauern waren meistens aus Aesten zusammengefügt, die mit einem Pflaster von gehacktem Stroh und etwas Lehm überzogen waren. Die Dächer waren mit Schilfrohr oder Stroh gedeckt. Die Bewohner des Dörfchens, das unter den Schutz der h. Agatha gestellt war und deswegen St. Agatha hieß, hatten von ihren Voreltern Armuth und mancherlei Noth geerbt, aber daneben auch ein Herz voll Biedersinn, Redlichkeit und Einfalt. Es war, als habe der Geist des Hochmuthes, der Lüsternheit und anderer » Laster den Weg in dies^-abgelegene Gegend tnich gefunden. So war denn das Dörfchen bei allem äußern Elend Loch glücklich zu nennen, weil sich das Glück als eine Himmelsgabe nicht nach schönen Röcken und schönen Häusern richtet, sondern nach der Verfassung des Herzens, und goldene Herzen in schmutzigem Kittel find, vielleicht eben so häufig, als schmutzige Herzen in goldenen Mänteln. Ndch bei dem Ausbruche der französischen'Revolution, in den letzten Achtzigerjahren, lebte als Pfarrer in dem kleinen Orte ein alter, ehrwürdiger, frommer Geistlicher, der schon bald nach seinem Antritt des Priesteramts, im Alter von 25 Jahren, diese Pfründe übernommen hatte. Seit 50 Jahren war er der Gemeinde Helfer, Tröster, Vater gewesen. Sein Pfarrhof, arm, wie die anderen Hütten, stand dennoch jedem Hülssbedürftigen offen. Er war im buchstäblichen Sinne berufen, den Armen das Evangelium zu predigen, den Gedrückten die Last des Lebens zu erleichtern, die Unwissenden zu lehren, die Bedürftigen durch himmlische Gaben zu bereichern. Das that er denn auch als ein getreuer Haushalter und war darum auch von allen Pfarr- kindern als Vater geehrt und geliebt, ja man nannte ihn nur „Vater Leonhard" — dies war sein Name. A>" liebsten hatten ihn die Kinder, er aber sah vor allem auch darauf, diese für Gott zu gewinnen, und das in ihnen schlummernde Gute, den reinen einfältigen Sinn zu pflegen. In Voraussicht der traurigen Ereignisse, die bevorstanden, sagte er oft: „Es werden böse Tage kommen und sie sind schon da, wo die Menschen glauben, sie brauchen keinen Gott mehr. Die sieben Todsünden werden regieren. Die Reichen werden geizig sein und den Nothleidenden nicht nach ihrem Vermögen mittheilen und ihr Herz wird hart wie Stein sein. Die Armen hingegen werden wieder neidisch sein, und denen die mehr haben als sie, Alles mißgönnen. Ueberall wird die Hoffart sich breit machen durch Putz und Gefallsucht — durch Prahlerei und liebloses Urtheil über den Nächsten; der Landmann wird sich in feine Tücher kleiden und nicht mehr zufrieden sein mit der gewöhnlichen Hausmannskost. Die Menschen werden glauben, sie seien nur auf der Welt, um zu essen und zu trinken — daher wird überall Fraß und Völlerei herrschen. Die Unzucht wird in die Häuser eindringen und schreckliche Verwüstungen unter den Seelen anrichten. Viele werden durch die Unkeuschheit aus einem Tempel des hl. Geistes ein Tempel des Satans werden und dem Leibe zwar lebendig, der Seele nach aber todt sein — wenige Häuser wird es nur mehr geben, wo man Seelen findet, die ein reines Herz haben und dasselbe zu Gott erheben. Selig, wer sich dann von dieser falschen Weisheit nicht bethören läßt; selig, wer in Einfalt des Herzens nur nach himmlischen Gütern trachtet: „selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." (Forts, folgt.) Redaction u,w Verlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Klei nie. AWblirgtt Amuligsbl«». 4S 21. Oktober 1860. DaS Augsburg er Tonntagsbkatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 er., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. »il Hei. Laß, Herr, mich den Altar betreten, Auf dem Du als das reinste Lamm Dich opferst zu der Menschen Heile Wie dort am blut'gen Kreuzesstamm! Wie soll ich Armer es erfassen, So hohen Reichthums werth zu sein, Daß Du zum höchsten, reichsten Mahle Den armen Sünder ladest ein? O daß die Brust von Andacht flammte Wie dort die reinen Kerzen glüh'n: Daß ich mir heiligem Ernst mich möchte Melchisedech zu sein bemüh'n! So gieße, Herr, der Liebe Schaale Hinein in Deines Dieners Herz, Daß es von des Altares Stufen Entschwebe selig himmelwärts! I. B. Tafrathshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) (Schluß.) Die Wünsche des Amtmanns und seiner frommen Gattin schienen sich bewahrheiten und für die Familie selbst segensreich werden zu wollen. Finner war ein fleißiger Arbeiter, ein stiller und ernster, aber dennoch freundlicher Hausgenosse. Dies Benehmen erwarb ihm nicht nur die Achtung aller Familienangehörigen des Herrn Jost, sondern auch die Liebe Mariens, welche in der von ihren Eltern vollkommen gebilligten Wahl dieses Mannes die Bürgschaft ihres künftigen Lebensglückes zu erblicken glaubte. Allein der Becher des Leidens, welchen Gott seinen treuen Anhängern schickt, sollte auch von der christlichen Familie des Amtmanns gekostet und bis zur Hefe geleert werden. Von des Amtmanns Zimmerchen, dessen Fenster die Aussicht in den Garten gewährten, tönte eines Tages ein so heftiger Lärmen, daß Marie und August, im Garten beschäftigt, voll Schrecken in's Gemach des Vaters eilten. Bruder Fritz war von der benachbarten Stadt gekommen und umklammerte heftig des Amtmanns Kniee. — „Vater!" — rief er — „Nur diesmal hilf mir noch! Meine Ehre, meine Freiheit ist verloren." — „Ein Spieler kennt weder Freiheit, noch Ehre" — versetzte Herr Jost mit ernstem und anscheinend festem Tone. — „Dir nochmals helfen und zwar mit einer so großen Summe von fünfzig Gulden hieße Deine Schwestern bestehlen." „Väterchen!" — fiel Marie in die Rede. „Still, Kind! Glaubst Du: ich würde Dir erfüllen, was ich Deinem Bruder abschlagen mußte?" „Stehlen! das ist das rechte Wort" — sagte Fritz mit bitterm Tone — „Ich muß den Vater bestehlen, welcher mir meine Ehre rauben will." Ein strenger Blick des Amtmanns bannte die Verlobten aus dem Zimmer und dem Sohne das Wort auf die Lippen. — „Ungerathener!" — rief der alte Jost — „Aus meinen Augen I" — 333 Fritz blieb, die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe legend. „So werde ich gehen." — Mit diesen Worten verließ der Amtmann das Zimmer. Der junge Mann war allein. Rasch nahte er dem Bette seines Vaters, von einem Gedanken plötzlich erregt. Ein Griff unter das Kopfkissen, und die Hauptcassenschlüssel waren sein. Die Ehre der Welt gebot, die Ehre Gottes und seiner selbst verbot diese Handlung. So stand er, äußerlich ruhig, innerlich von heißem Kampfe durchtobt, und Stunde nach Stunde verrann. Wiederum erschien der Amtmann. — „Noch hier?" — fragte er finster.— „Geh' schlafen, damit du morgen zeitig in die Stadt zurückkehren kannst! Ich will Dir leuchten." Als Beide in Fritzens Schlafzimmer waren, warf sich der Sohn noch einmal zu des Vaters Füßen. Auch Mutter und Schwestern unterstützten seine Bitten, allein vergeblich. Unten im Dorfe schlug es zehn Uhr. Bei seiner Rückkehr traf der Amtmann August im Cassenzimmer, ihn erwartend, wie es schien. — „Verzeihung!" — stammelte Finner verlegen — „Schon zweimal war ich hier, ohne Sie oder Fritz zu treffen. Nun beschloß ich, Sie zu erwarten." „Womit kann ich dienen?" — fragte der alte Jost. August ward immer verlegener. — „Sie wollen Ihrem Sohn nicht helfen?" „Aus Grundsätzen. Augenblickliche Hilfe stürzt ihn für immer in's sittliche, wie zeitliche Verderben. Augenblickliche Gefahr rettet ihn vielleicht für's ganze Leben." „Verweigern Sie ihm wenigstens nicht die Unterstützung eines Freundes! Meine Ersparnisse betragen freilich nur zehn Gulden." „Braver Mann! Dieser Abend hat mir einen Sohn verloren, und einen neuen gewonnen. Mein Dank für Ihren Edelmuth kann nur im unbegrenztesten Vertrauen bestehen. Furcht vor Entehrung sei meinem Fritz die einzige Strafe für die Unruhe, welche er über mich gebracht hat, und einst über sich selbst bringen wird, wenn er sich nicht bessert. Die in drei Tagen verfall'ne Schuld soll einer meiner Stadtfreunde mit der ihm bis dahin von mir übersandten Summe tilgen." — Dies sprechend, drückte er Finners Rechte. Beide suhlten das Zittern ihrer Hände. Als der Alte allein war, nahte er dem Bette. Die Schlüssel lagen un- verrückt. — „Gott! ich danke Dir" — rief er, auf die Kniee sinkend — „mein Sohn ist kein Verbrecher geworden." — Dann schrieb er bis in die tiefe Nacht. Des andern Morgens schloß er Fritz zärtlich in seine Arme. — „Du hilfst mir?" — fragte Fritz, freudig überrascht. „Nein" — entgegnete der Vater fest, aber doch milder, als gestern, und ruhiger, wenn auch nicht heiter, trat Mariens Bruder die Reise in die Stadt an. Einige Stunden nach diesem Auftritte stürzte der alte Jost in das Zimmer seiner Gattin — „Johanna!" — schrie er mit herzzerreißender Stimme: „Die Casse ist bestohlen, und mein Sohn der Dieb." „Heinrich!" — versetzte die arme Mutter, einer Ohnmacht nahe. — „Gestern entzogst du deinem Sohne die väterliche Liebe, heute nimmst du ihm die Achtung." „Urtheile selbst! Nicht wahr: mein Schlafzimmer, in welchem die Casse sich befindet, ist immer verschlossen und der Schlüssel fast stets in meiner Tasche? Weiter! Niemand hält sich in diesem Zimmer auf, ausser in meinem Beisein. Nur gestern ließ ich Fritz mehrere Stunden allein daselbst strotz einer verfäng- 339 lichen Aeußerung von ihm, weil mir der Eifer keine Ueberlegung gönnte, und weil ich das in der That für unmöglich hielt, was schon durch das Wort mir die Zornsröthe, meinem Sohne leider nicht die Schamröthe in's Gesicht trieb. Bei meiner Rückkunft war Fritz noch da, und stand, wie ich mich nun genau entsinne, gerade vor meinem Bette." „Dein Gedächtniß ist grausam." „Aber treu. Ferner: wer kennt den ausnahmsweisen Versteck der Schlüssel unter meinem Kopfkissen?" „Niemand, ausser mir und Deinen beiden ältern Kindern, falls ihn nicht Marie Finnern entdeckt hat." „Was ich sogleich erfahren werde." — Jost öffnete das Fenster und rief seiner im Hofe beschäftigten Tochter. Marie erschien. — „Hast Du je" — fragte er sie streng — „Finner den Gewahrsam meiner Lasse schlüssel gezeigt?" „Um des Himmels Willen! Was ist geschehen?" „Du sollst antworten." „Bei Allem, was mir heilig ist, nie. Aber, Vater! sprich doch!" „Geh!" — Marie wollte gesenkten Auges gehorchen. Da winkte ihr der Vater zurück. — „Geh Kind!" — sprach er mit erkünstelter Freundlichkeit — „Später erfährst Du Alles." Kleinlaut fragte Johanna ihren Gattin: „Weißt Du gewiß, daß sonst Niemand im Zimmer war?" „Ich weiß gerade das Gegentheil." Ein leiser Hoffnungsstrahl belebte die Brust der armen Mutter. „Als ich aus Fritzens Schlafgemach zurückgekehrt war, traf ich August im Gästezimmer." „ O Gott!" — schluchzte Frau Jost — „Entweder eine schreckliche Vergangenheit des Sohnes, oder eine düstere Zukunft für die Tochter!" „Fürchte Nichts für Marien! Finner kennt nicht den Versteck meiner Schlüssel, Fritz kennt ihn; Finner war nur die kurze Zeit im Cassezimmer, welche ich in meines Sohnes Schlafzimmer verweilte, Fritz aber lange, sehr lange. Zudem fehlen fünfzig Gulden, genau die von meinem Sohne geforderte Summe, Finner aber kam, seine geringe Baarschaft zur Unterstützung anzubieten. Fritz ist ein Verschwender, August lebt sparsam." „Halt' ein! Ich muß das Schuldig sprechen. Was indeß willst Du thun?" „Meine Pflicht als Staatsdiener und als Vater: den traurigen Vorfall verschweigen, die Summe ersetzen, den reuigen Sohn zwar hart strafen, aber dennoch an die Vaterbrust drücken, den verstockten hingegen nach Amerika senden, damit ihn das Elend bessere." „Und ich will in die Kirche gehen, und Gott bitten, daß er das Herz meines Sohnes und sein Geschick zum Guten wende" — Frau Jost wankte zur Thüre. Bei'm Oeffnen gewahrte sie Emma. — .„Du hast Alles gehört?" — fragte sie erschrocken. „Nur, daß Fritz gestohlen haben soll" — entgegnete die Kleine. Drohend erhob der Amtmann die Hand. „Züchtige mich, Vater! weil ich Strafe verdiente, aber schone den schuldlosen Fritz!" „Wer sagt Dir das?" „Mein Herz. — Mutter! laß mich in's Kirchlein gehn! Das Jesukind will ich bitten, daß es den Dieb nenne, will ihm versprechen, recht brav zu sein, es lieb zu haben, wie Euch und Marie und Fritz. Gewiß! dann schlägt mir das heilige Christkind Nichts ab." „Du gutes Mädchen I Laß ja kein Wort über Deine Lippen kommen!" „Wie sollt' ich Böses vom Bruder plaudern, der nichts Böses that!" Des andern Tages war der Amtmann in die Stadt gegangen. Mutter und Kinder lagen am Abende im brünstigen Gebete. Da ward heftig vor der Hausthüre geschellt. „Der Vater kommt. Kehre mit ihm Gottes Segen ein!" — rief die Mutter und eilte zu öffnen. Vater und Sohn traten ein. Die Mutter stieß einen Schrei aus. Schweigend gingen sie in's Zimmer. — „Fritz will Abschied nehmen" — hub der Amtmann an. „Was heißt das?" — fragte die Mutter erschüttert. „Das heißt, daß ein Verbrecher" — fiel der alte Jost ein. „Vater!" — unterbrach ihn Fritz — „Nicht vor Mutter und Schwestern will ich meine Unschuld betheuern. In ihren Zügen lese ich ja die harten Worten Deines Mundes. Nur um Vergebung flehe ich für die dem Mutterauge abgepreßten Thränen. Sie haben sich in einem Kelch gesammelt, welchen ich jetzt austrinken muß bis zur Hefe." „Ich vergebe Dir Deine Fehltritte. Geh' mit Gott! Du bist nicht immer mit ihm gegangen" — sagte die Mutter weinend. „Mutter!" — begann Fritz von Neuem, in Thränen ausbrechend — „Deinen Segen! Ich gehe an den Rhein, mich Lei'm dortigen Hilfscorps anwerben zu lassen." „Gott segne Dich durch meine Hand!" —versetzte Frau Jost feierlich und erhob die segnende Rechte über den knieenden Sohn. „Marie!" — sagte Fritz mit bittendem Blicke — „Auge und Hand wendest Du von mir, ist auch Dein Herz von mir gekehrt?" „Nein, nein!" — rief diese heftig erschüttert — „Gott bess're Dich!" Lautschluchzend trat Emma herzu und klammerte sich fest an ihren Bruder. — „Bleibe, bleibe bei uns!" — schrie sie mit durchdringender Stimme — „Innig habe ich im Kirchleiu zu Marien und ihrem Kinde gefleht, daß die Strahlen ihrer himmlischen Sonnen auf deine Schuldlosigkeit fallen möchten, habe die von der Mutter geschenkte Schaumünze in den Opferkasten geworfen, und die göttliche Jungfrau und ihr Kindlein verschmähten die Gabe nicht, lächelten mir zu. Deckt nun der Himmel Deine Unschuld auf, und Du weilst uns ferne, wer bringt Dir diese Freudenbotschaft?" „Herzliebes Schwesterchen! Tausend Dank Dir für Deinen Glauben an meine Unschuld!" Jetzt vernahm man leise Tritte im Hausgange. Der Amtmann öffnete gerade die Zimmerthüre, als Finner die Treppe in's obere Stockwerk, woselbst er wohnte, hinaufgehen wollte. „Verzeihung!" — stotterte er betreten — „Ich fand die Hausthüre offen." „Wahrscheinlich aus Versehen offen geblieben" — entgegnete der Amtmann. „Hierher, August!" — begann Emma — „und halte Fritz fest, daß er uns nicht verlasse!" — Die Kleine zupfte an Finners Rockschooße und zog den Zaudernden vollends in's Zimmer. Plötzlich fiel etwas Klingendes auf den Boden. Emma hob es rasch in die Höhe. — „Das ist ja die von mir der Gottesmutter geschenkte Schaumünze" — rief sie verwundert. Finners widerstrebende Bewegung gegen Emma's drängende Gewalt mußte der Münze in der überfüllten Tasche seines Roä- schooßes den verräterischen Ausgang geöffnet haben. Auch der Verrathene bückte sich hastig, das Uebcrführuiigsmiltel seiner Schuld uneingeweihten Blicken zu entziehen. Allein ein zweites Geldstück entfiel seiner Tasche. 341 Alle standen, wie vom Donner gerührt. Marie allein hatte sich nieder gelassen, denn ihre Füße vermochten sie nicht zu tragen. Herr Jost erholte sich zuerst von seinem Schrecken. — „Die Schlüssel zu Ihrem Zimmer, Herr Finner!" — begann er ernst, aber ohne Bitterkeit. „Was ich besitze" — entgegnete der Genannte niedergeschlagen — „verdanke ich Ihrer Güte, fünf Zehnguldenrollen, mit deren Entwendung ich Ihre Liebe vergalt, und das im erbrochenen Opferstocke des Kirchleins gefundene Geld ausgenommen." „Herr Finner!" — fuhr der Amtmann in demselben Tone fort: — „kein Vorwurs komme über meine Lippen I Der Anblick meiner durch Sie unglücklichen Tochter, welche bewußtlos zu Boden liegt, meiner Gattin, welche mit stiller Ergebung ihr armes Kind in's Leben zurückzurufen sucht, sei Ihre Strafe!" Fritz trat auf den Vernichteten zu: „Gehen Sie" — sagte er dringend — „statt meiner zur Rheinarmee! Fliehen Sie noch diese Nacht, bevor Sie der Arm der Gerechtigkeit erreicht!" „Nein!" — versetzte August fest — „So viel Edelmuth erdrückt mich. Nur die Sühne vor dem Gesetze kann mich mit Gott, mit Ihrer Familie, mit mir selbst aussöhnen. Diese Nacht sei meine letzte in Ihrem gastlichen Hause!" — Der Sprecher ging mit einem Blicke voll unbeschreiblicher Wehmuth auf Marien. Finner konnte nicht Wort halten, denn das göttliche Gericht griff der menschlichen Gerechtigkeit vor. Man fand ihn des anderen Morgens todt im Bette. Ein Schlagfluß hatte sein Leben geendet. Die Persönlichkeit des unglücklichen Verbrechers konnte nie ermittelt werden, da seine Erzählung bei'm ersten Erscheinen in des Amtmanns Hause wohl schwerlich auf Wahrheit beruhte. Fritz sank bei'm Anblicke der Leiche August's an des Vaters Brust mit dem Ausrufe: „Ich will mich bessern." — Dann schloß er sein Schwesterchen in die Arme — „Dein Gottvertrauen hat mich vom ewigen, Marien vom zeitlichen Verderben gerettet" — sagte er mit Thränen im Auge. „Und die lieben Eltern lehrten mich dies Gottvertrauen" — erwiderte das gute Kind. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 2 . Wie große Noth über das Dorf hereinbricht. Die Revolution in Frankreich war seit einigen Jahren ausgebrochen, hatte bereits mit Flammen und Schwert alle Hauptstädte, alle Städtchen und größern Dörfer durchzogen. Der uralte Königsthron des heiligen Ludwig war gestürzt, die Religion, so weit es in menschlicher Macht lag, vernichtet und ein neues Staatsgesetz gegründet. Es war zu hoffen, daß indessen alle diese Vorgänge das arme Dörfchen St. Agatha nicht berühren werden. Doch dem war nicht also. Eines Abends, als der ehrwürdige Pfarrer vor seiner Hütte saß und eben in einem alten Buche blätterte, trat ein etwas wild aussehender Mann mit einem Briese in der Hand vor ihn. Es war ein Schreiben von der höchsten Stelle des Departements, wodurch er aufgefordert war, aufdieBürger Constitu tion der Geistlichkeit, wie man sie damals hieß, den Eid zu leisten; widrigenfalls er von seiner Pfründe abtreten und seine Amtsverrichtungen einstellen sollte. Bekanntlich enthielt jene Konstitution Dinge, die ein katholischer Priester, ohne an der Kirche treulos und ein Verräther zu werden, nicht beschwören durfte. Da- her viel tausend Geistliche in die Verbannung zogen, oder ihr Leben der Pflichttreue opferten und des Martyrertodes starben. Der ehrwürdige Pfarrer von St. Agatha las das Schreiben bedächtlich, sah, daß es nichts von Lehre und Seelsorge, wozu er doch eigentlich berufen war, enthielt, und daß es keineswegs von seinen rechtmäßigen Obern ausgegangen sei; daher gab er das Papier zurück ohne den Schwur zu leisten. Daß er aber seine Pfarrkinder deßhalb verlassen sollte, kam ihm nicht einmal in den Sinn. So blieb er also in St. Agatha und verrichtete ferner was seines Amtes war, als ob gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Unterdessen erregte jener Befehl von der Revolutions-Obrigkeit, vermöge welchem alle Priester den Eid der Treue schwören sollten und wogegen die meisten derselben sich erhoben, in vielen Departements bedenkliche Unruhen. Besonders war dies in den westlichen Provinzen der Fall. Hier, wo sich viele Geistliche geweigert hatten den ungerechten Eid zu leisten, ließ die Regierung dieselben einziehen und ins Gefängniß werfen. Dagegen aber stellten sich an vielen Orten die Gemeinden und vertheidigten ihre Priester; entschlossen, Blut und Leben für ihre geistlichen Führer zu geben, rotteten sie sich bewaffnet zusammen, bildeten Vereine mit Nachbargemeinden, und hin und wieder mußten die Gerichtsdiener unverrichteter Sache abziehen. Da bot die Regierung, um den Trotz der Ungehorsamen zu bändigen, Truppen auf und ließ sie gegen die Bauern marschiren. Da geschah manche Unthat, manche Flamme röthete den Himmel, manches Saatfeld wurde zerstört, manches unschuldige Blut vergossen. Lange und weitausgedehnt bildete sich der Widerstand aus, und die Flamme konnte nur mit vielem vergossenen Blute gelöscht werden. Den Truppen gingen besonders beauftragte Commissäre voran. Einer derselben kam nach Niort. Dieser Unmensch war einer von den Vielen, die sich durch blutige That, durch Gewaltstreiche bei der Regierung Kredit erwerben und zugleich die Aufrührer einschüchtern wollten; er ließ einen Priester um den andern ins Gefängniß werfen und setzte Preise auf den Kopf der entflohenen. Auch der ehrwürdige Pfarrer Leonhard sollte der Acht nicht entgehen, und ehe er sich's versah, wurde ihm eines Abends die Anzeige gemacht, es werde Tags darauf eine Compagnie Freiwilliger unter Anführung des jüngst in Niort eingesetzten Beamten anrücken, um ihn zum Eid zu zwingen. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von Hütte zu Hütte, die Bewohner thaten sich zusammen, Drohungen gegen die Soldaten, vermischt mit Jammern und Klagen, hörte man allerwärts. Die Männer waren entschlossen, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen, selbst Weiber und Kinder schlössen sich den Tapfern an: Sie sollen es wagen, unsern alten ehrwürdigen Pfarrer wegzunehmen! Wer würde uns von Sünden lösen? Wer uns das hochheilige Sacrament reichen? Wer sollte uns auf dem Todtenbette die letzte Oelung geben? Ach! nicht mehr könnten wir dem h. Meßopfer beiwohnen! Nicht mehr das Wort Gottes hören! Während die Einen weinten, riefen die Andern: Wer soll uns dann trösten, wer soll uns rathen, wer in dem Anliegen unserer Seele helfen? Er hat uns ja getauft — in der h. Religion Jesu unterrichtet, uns die Los- sprechung ertheilt, und so oft haben wir das h. Sacrament aus seinen Händen empfangen. — Ja, wie oft hat er uns auf der Kanzel gebeten, recht fromme, gute, liebevolle Christen zu sein, das reine Herz stets zu bewahren, damit wir einst Alle Gott anschauen. Wie rührend waren nicht seine Worte am Krankenbette! — Nur über unsere Leichen geht ihr Weg zu seinem Hause! Wir lassen ihn nicht aus unserer Mitte, riefen Alle, den Priester des Herrn — wir wollen mit unserm Hirten leben und sterben! Der Pfarrer vernahm den Tumult auf der Gasse und Plötzlich trat er hinaus unter seine Kinder und mit wenigen Worten wußte er sie wieder zu be- 343 sonstigen, da er sie auf Lehre und Beispiel Jesu und seiner Jünger aufmerksam machte. Vor Allem wiederholte er die Worte: „Selig sind die Sanft wüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. Unter den neueren religiösen Frauen-Jnstituten versteht man jene Genossenschaften von Frauen, die nach Art einer Ordensgemeinde ein gemeinschaftliches Leben nach einer approbirten Regel führen, unter der Oberleitung einer gemeinsamen Oberin in geschlossener Einheit zu einem Ganzen vereinigt sind, und entweder nur durch einfache Versprechen oder durch einfache Gelübde ohne strenge Clausur-Verpflichtung gebunden werden. Der Unterschied der neueren religiösen Frauen-Jnstitute von den wirklichen kirchlichen Frauen-Orden liegt im Begriff, den das Kirchenrecht von Orden und Ordensfrau aufstellt, und in den Organisationsverordnungen, welche die kirchliche Gesetzgebung für die wirklichen Frauen-Orden erlassen hat. Der Orden in kirchenrechtlichem Sinne ist ein Verein von Personen einerlei Geschlechtes, welche durch Ablegung der Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams in einer als solche vom Papste approbirten Genossenschaft sich auf Lebensdauer verpflichtet haben, ihr Leben nach einer approbirten Regel und unter Einhaltung strenger Clausur einzurichten. Die neueren religiösen Frauen-Genossenschaften sind in Bezug auf die Gelübde, auf die Lebensweise, so wie auf ihre Organisation von den Ordensge- noffenschaften, wie sie die Kirchenversammlung von Trient kennt, ganz verschiedene Institute. Der Orden hat die päpstliche Approbation und somit feierliche Gelübde; in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist blos die Regel derselben vom Papste approbirt, Nsie dieß z. B. erst im vorigen Jahre noch bei der Regel der „armen Schulschwestern U 344 Jahre 1705 bezüglich der englischen Fräulein. Wenn aber dennoch später religiöse Frauen-Jnstitute von der Kirche approbirt wurden, wie z. B. im I. 1819 die von der Jeanne-Antide Thouret gestiftete Genossenschaft barmherziger Schwestern, so ist diese Approbation, im Unterschied von der Approbation eines Ordens, nur als das Resultat der über den Zweck und die Moralität eines Institutes angestellten Untersuchung, gleichsam als der richterliche Aussprnch zu betrachten, durch welchen die höchste kirchliche Autorität erklärt, daß die nach klösterlicher Art lebende Genossenschaft erlaubt, fromm, lobwürdig sei und geeignet, die sich ihr Anschließenden zum ewigen Heil zu führen, ohne ihr jedoch das eigentliche Ordenswesen mitzutheilen. So gelangten die Mitglieder derartig approbirter Frauen-Jnstitute in eine Mittelstellung zwischen dem Laien- und Ordensstande, und finden darum auch verschiedene Bestimmungen des Kirchenrechts und Decrete der allgemeinen Kirchen- versammlung von Trient z. B. über Clausur und Bestrafung der Clausur-Verletzung, über die Bestellung eigener Beichtväter durch den Bischof rc., die für die eigentlichen Ordensfrauen gelten, auf die Mitglieder der neueren Institute keine Anwendung. So viel zur Feststellung des Unterschiedes zwischen den ältern und neueren religiösen Frauen-Geuossenschaften. Sinv indeß die letzteren auch keine wirklichen Orden, so ist ihnen damit von ihrer hohen Bedeutsamkeit für die Gegenwart Nichts genommen. Ziel und Ende des klösterlichen Lebens war von jeher: bei dem Ausbau des Reiches Gottes aus Erden in thatenreicher Weise mitzuwirken; zur Erreichung des großen Zweckes der Erlösung und Heiligung in den vielen Hilfsbedürftigen durch Pflege der Kranken, durch Unterstützung und Tröstung der Armen und Betrübten, durch Unterricht des Nächsten hilfreiche Hand zu bieten, durch Uebung der Buße und eifrige Selbstheiligung den Herrn zu verherrlichen. — Und gerade das wollen ja auch die neueren religiösen Frauen- Jnstitute. (Schluß folgt.) Von der Lauheit. 6. „Weil Du lau, weder kalt, noch warm bist, so will ich Dich aus meinem Munde ausspeien." (Off. 3, 16. Röm. 12, 11.) Wer Gutes zu thun weiß und nicht thut, dem gereicht es zur Sünde. (Jak. 4, 17.) Diese zwei Stellen predigen laut gegen die Lauheit im Guten. Massillon, ein gelehrter Gottesmann, äußerte in seinen Schriften, daß es nicht genüge, keine Sünde zu begehen, sondern daß man auch Gutes thun müsse. Betrachte, o Mensch! ein kleines Kind! Kann es gedeihen, wenn nur die schädlichsten Einflüsse von ihm ferne gehalten werden und es das Nöthigste empfängt? Und Deine Seele? Sie wandelte im Lichte der Auserwählten, wenn sie nur frei bliebe von schwerer Dergehung, wenn sie zufrieden sein müßte mit der spärlichsten Gnadennahrung? Diese Wahrheit beherzige, o Sterblicher! der Du nicht Mörder, nicht Ehebrecher bist, und nur einmal des Jahres das Brod des ewigen Lebens genießest! R-dacti-n un» D-rla,: Dr. M. Huttlcr. — Druck ,»» 2. M. Kl-inlc. AWimgrr AmntagÄalt. Mr. 44. 27. Oktober 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Urtheile über Predigten und geistliche Betrachtungen. O. Unser göttlicher Lehrmeister spricht im Gleichnisse vom Säemann nur über die Befolgung, nicht auch über die Art und Weise der Anhörung seines heiligen Wortes. Ein Sittenspruch lehrt: „Gottes Wort und gute Lehren muß man üben, nicht blos hören." Wie aber der Glaube den Tugenden die sie heiligende Grundlage verleiht, so kann auch nur die richtige Erkenntniß des Wortes Gottes die Quelle seiner richtigen Befolgung bilden, und diese Erkenntniß des Wortes selbst wieder wurzelt in der richtigen Anhörung oder Lesung des göttlichen Wortes. Diese richtige Anhörung oder Lesung nun besteht in der einfachen Regel: „Stelle Dich nicht über das Wort des Herrn durch voreilige Urtheile von seinen Verkündern, von der Fassung der vorgetragenen Wahrheiten, sondern unterordne Verstand und Herz diesem göttlichen Worte durch demüthige Beziehung auf Dich selbst!" Christus lehrte seine Wahrheiten in einfachen Gleichnissen oder in ganz schmucklosen Sätzen. Warum verlangst Du eine Llnmenreiche Sprache, oder künstliche Schlüsse? Die Wahrheiten Jesu bilden das göttliche Wort, und dieses Wort soll Fleisch werden im menschlichen Leben, wie es Fleisch geworden im Leben des Gottmenschen. Christus wollte leiden für uns; wir müssen leiden unser selbst und Christi willen. Wenn schon die bessern Schulen der heidnischen Philosophen Entsagung predigen, so sollen auch wir der treuern Nachfolge Jesu willen, welcher die heidnischen Mächte überwunden hat, neben den verhängten Prüfungen noch freiwillige Leiden uns auferlegen. Rauh also und den Sinnen abhold ist der Weg durch's irdische zum ewigen Leben in zweierlei Hinsicht; die Worte aber, welche uns den christlichen Wandel auf diesem Wege lehren sollen, dürften glatt sein und in üppiger Bildersülle den Sinnen .schmeicheln? Wäre da kein Widerspruch zwischen Inhalt und Form, kein Gegensatz zwischen dem beschauenden Leben im Hause des Herrn und dem werkthätigen Berufe im Getriebe der Welt? Oder willst Du gar in Worten der Entsagung auf Erden, die Deine Phantasie bestechen, Deinen Selbstmuth heben, den Vorgeschmack kosten des Genusses im Himmel, einen sinnlichen Vorgeschmack für einen übersinnlichen Genuß? Die katholische Religion ist ein Ausfluß Gottes. Ihre Worte wurzeln in der göttlichen Weisheit, ihre Thatkraft aber und Leidensstärkc im Wirken und duldenden Gehorsame bis zum Kreuzestode unseres erhabenen Mittlers. Wenn nun Gott der Urquell alles Schönen ist, wie, der edelste Ausfluß dieser Quelle dürfte seinen Ursprung verleugnen durch Mangel an wahrhaft geistiger Schönheit und Lieblichkeit? Vergleichen wir die Physische Weltschöpfung und die geistige Schöpfung der Kirche! Die erste ist dem Gesetze der Vernichtung in ihrer Gesammtheit wie in ihren einzelnen Theilen unterworfen, die zweite kennt eine ewige Fortdauer für sich und ihre Glieder in der triumphirenden Kirche. Die erste huldigt dem Wechsel als der Grundbedingung ihrer Existenz. Stetigkeit ist das innerste Wesen der zweiten. Unwandelbar, unerschütterlich ist die geistige Schöpfung als Ganzes, und die Pforten der Hölle haben sie nicht überwältigt. Die Weihe der Unerschütterlichkeit will sie allen ihren Gliedern auf dieser Erde mittheilen durch die Fülle ihrer Wahrheiten, die Schätze ihrer Gnadenmittel, und zwar nicht nur sür's ewige Leben im Himmel, sondern auch jetzt schon für die Zeit des Kampfes auf Erden. Wer ein Mitglied der triumphirenden Kirche werden will, muß ein wahrhaftes Glied der streitenden Kirche gewesen sein. Welche dieser beiden Schöpfungen nun als in allen Beziehungen die heiligere, vollkommnere wird den Stempel der göttlichen Schönheit in höherem Lichte an sich tragen: die von der allwirkenden Macht, oder die von der allleidenden Liebe am Kreuze in's Dasein gerufene? Betrachten wir die katholische Kirche als Bindeglied zwischen Gott und Mensch! Gott ist das Urbild der Schönheit, der Mensch das Ebenbild der göttlichen Schönheit. Und die Kirche, die von Gott für den Menschen bestimmte und den Menschen für Gott bestimmende, sollte alle Eigenschaften ihres göttlichen Stifters und nur die Schönheit nicht an sich tragen? Freilich ist der Begriff dieser himmlischen Schönheit übersinnlich, der Gegensatz unsrer sinnlichen Anschauungsweise. Suche deßhalb die Schönheit der katholischen Kirche, die Schönheit der katholischen Religion als des Lehrgebäudes dieser Kirche nicht in gewählten Worten von der Kanzel herab, oder aus Büchern heraus zur Befriedigung deiner sinnlichen Denk- und Empfindungsart! Suche sie vielmehr in ihrer Verkörperung am Leben der Heiligen, in ihrer Vergeisti- gung am Brode des ewigen Lebens, welches Brod alle Lust in sich begreift! Es genügt indeß nicht, am Leben der Heiligen zu suchen, was wir an uns selbst finden sollten: die Bethätigung nämlich der christlichen Wahrheiten in unserm Leben durch ihre Befolgung im Geiste des Herrn. Wer nun das Wort des Herrn im Geiste Gottes erfüllen will, der muß dasselbe im Geiste kennen lernen. Der Geist Gottes aber ist der Geist der Demuth, der Geist der Hingebung an Gott nach dem Vorbilde Jesu, welcher sich den Menschensohn genannt, und ausgerufen hat: „Vater! nicht mein sondern Dein Wille geschehe!" Da nun die Anhörung von Predigten und die Lesung geistlicher Bücher Haupterkenntnißquellen der göttlichen Lehre bilden, so müssen wir aus diesen Quellen im Geiste demüthiger Unterwerfung schöpfen. Nicht dem Vortheile unsres kurzsichtigen Verstandes, sondern ganz der Erkenntniß des göttlichen Wortes zum Zwecke der Erfüllung sollen wir uns hingeben. Gehören wir z. B. dem gebildeten Stande an, so sollten wir vorzüglich folgende drei Puncte erwägen: 1) Nicht der Rang vor der Welt, sondern der Rang vor Gott, nicht eitle Wissensfülle, sondern brünstige Liebesfülle zu Gott bestimmen den Grad der wahrhaften Bildung, welche nicht, wie häufig die Weltbildung, das Herz unbeachtet läßt. Haben uns nun in dieser wahrhaften Bildung nicht schon viele Heilige beschämt? Beschämen uns vielleicht nicht noch Mache, welche wir für große Sünder halten? 2) Alle Prediger haben als Diener Christi das göttliche Wort erfaßt, denn der Geist des Herrn ist über sie gekommen. „Ich bitte Dich, daß Du die Gnade Gottes wieder erweckst, welche Dir durch Auflegung meiner Hände zu Theil wurde." 2. Tim: 1, 6.1. Tim: 4. 14. Nicht Alle jedoch besitzen die Fähigkeit, das erfaßte Wort in glänzende Perlen zu fassen, welche dein geistiges Auge blenden und dennoch lichtlos find gegen die Strahlen der von ihnen umkleideten göttlichen Wahrheit. Ferner gibt es viele Menschen, deren Bildung ausschließlich in der Einfalt ihres Herzens, in einem frommgläubigen Gemüthe besteht. Diesen genügt die Wahrheit in schmucklosem Gewände, und sie verdienen um so größere Berücksichtigung, als sie vielleicht der ächten Bildung näher kommen, denn die gebildet sein Wollenden. Endlich, wenn Du Dich wirklich begabter, 947 kenntnisreicher fühlen solltest, als der Verkünder des göttlichen Wortes, so frage gar nicht: „Beruht dies Gefühl nicht auf selbstgefälliger Einbildung?!" Eine solche Frage beschäftigt sich mit der Form als etwas Ausserwesentlichem im Vergleiche zum Inhalte. Sie ist ferner eine Frage des Hochmuths, und ihre Beantwortung mit ja hieße im Hochmuthe verharren. So fragt nicht ein gläubiges Gemüth, welches um das Verständniß des göttlichen Wortes besorgt ist, sondern ein selbstsüchtiger Geist, der sich mit seinem eigenen Verstände beschäftiget. Unterwirf Dich also in Demuth unbedingt dem göttlich vollkommnen Worte aus dem Munde eines unvollkommenen Menschen! Erkenne in dieser Selbstver- demüthigung einen Schritt zur Selbsterkcnntniß, in der Selbsterkenntniß aber einen Schritt zur Gotterkenntniß! 3) Diese Selbsterkenntniß fragt nicht nach unserm Wohlgefallen am Vortrage des göttlichen Wortes, oder gar am göttlichen Worte selbst, sie fragt vielmehr nach dem göttlichen Wohlgefallen an uns. Sie will unser Herz in ein gutes Erdreich wandeln, in welchem die Körnlein des göttlichen Wortes sprossen und Früchte bringen. Sie lehrt, daß nicht der Mensch, sondern Gottes Gnade in ihm das Vollbringen gibt, und daß Gott seine Gnade nur den Demüthigen mittheilt. Die Tadler an der Form des göttlichen Wortes sind minder hoffärtig, minder gefährlich, als Jene, welche bald das göttliche Wort selbst, bald seine Verkünder, bald seine Hörer und Anhänger ihrem bittern Tadel unterbreiten. Wer über die göttlichen Wahrheiten freventlich urtheilt, der hat nicht diese, sondern sich selbst verurtheilt. Wer sie vor den Augen der Welt verwirft und in seiner Verwerfung beharrt bis zum letzten Tage seines Lebens, den wird auch der Herr vor den Augen der Welt verwerfen am Tage des allgemeinen Gerichts. Mensch, der Du Dich einen Christen nennst, warum urtheilst Du über die Diener Christi in der Erfüllung ihres Berufes, in ihrem Lebenswandel? Wisse: nicht die Seele Deines geistlichen Hirten wird von Dir gefordert werden, wohl aber Deine Seele von Deinem geistlichen Hirten. Wehe dem Priester, welcher Aergerniß gibt! Wehe aber auch dem Laien, welcher aus Lieblosigkeit Aergerniß nimmt! Der Ausspruch eines heiligen Bischofs möge uns Alle beruhigen! „Wie oft" — sagt der fromme Mann — „hätte ich vor meinem Beichtkinde nieder- knieen und ausrufen mögen:" „Du bist heilig, ich aber ein großer Sünder!" Warum urtheilst Du, o Christ! über Deinen Nebenmenschen, indem Du sagst: „Dieses, oder jenes Wort möge Dieser, oder Jener sich zu Herzen nehmen!" Die christliche Religion ist eine Relgion der Liebe, Du aber willst sie zu einer Religion des Hasses entweihen. Christus jagte die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel, den sie zu einem Kaufhause gemacht hatten. Dich sollte er in sein Reich eingehen lassen, nachdem Du seine heilige Wohnstätte zur Richtstätte über die Ehre Deines Nächsten gewählt hast? Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Fortsetzung.) Als der wilde Fanatismus der europäischen Revolution die meisten Ordens- fraucn aus den stillen Zufluchtsstätten des beschaulichen Lebens vertrieben hatte, sahen sie bald ein, daß, so lange eine solche antireligiöse. Richtung die Zeit beherrsche, ihre Rückkehr nur möglich sei durch das Thor der Spitäler und Schulen. Und fürwahr! Armuth des Geistes und des Körpers waren und sind jene beiden furchtbaren Uebel, die so viel Elend erzeugten und so viele Hilfsbedürftige hervorbrachten, daß selbst Staatsgewalten, die nichts weniger als religiösen Gesinnungen huldigten, sich für unfähig erkannten, den immer mehr anwachsenden Uebeln zu steuern und religiöse Institute der katholischen Kirche zu Hilfe riefen. Darum sind Unterricht und Erziehung, wodurch der meistens auch zur wirth- schaftlichen Verarmung führenden Geistesarmuth gesteuert wird, und leibliche Pflege, welche zunächst die Leiden des Körpers in den Armen und Kranken zu lindern bestrebt ist, die beiden Hauptaufgaben, welche die neueren Frauen-Jnsti- tute zu lösen bestrebt sind. Und so vielartig auch die Seiten der Noth sind, welche die genannte Doppelarmuth im Gefolge hat, keine bleibt von der zum religiösen Enthusiasmus gesteigerten Nächstenliebe dieser Institute unberücksichtigt. Seien es Findelhäusec, welche jene unglücklichen Geschöpfe aufnehmen, die sonst dem Laster und dem Elend preisgegeben sind, oder Krippcnanstalten, Kleinkinderbewahranstalten, Volks-, Feiertags-, Töchter-, Industrie-Schulen, Waisenhäuser, Rettungsanstalten, Zuftuchts- Häuser junger Mädchen, Corrections-, Irrenhäuser, Strafanstalten, Versorgung^ Häuser — endlich noch die große Masse jener, welche irgend eine von den tausenderlei menschlichen Krankheiten auf das Schmerzenslager niedergestreckt hält, sei es in Hospitälern, Krankenanstalten, oder in Privatwohnungen vom leichten Fieberkranken anfangend bis zu den mit jenen ekelhaften Krankheiten Behafteten, vor denen selbst eine heroische, abgetödtete Natur in natürlicher Scheu zurückbebt, alle habe die neueren religiösen Frauen-Jnstitute zum Felde ihrer Thätigkeit erwählt. Und dieser Zweck soll erreicht werden nicht blos in reichen Städten, sondern selbst in armen Dörfern und Flecken. Die religiösen Frauenorden der früheren Zeit huldigten zumeist der betrachtenden Richtung. Fern von dem Geräusche der Welt, in stiller Beschaulichkeit, wollten die Jungfrauen Gott dienen und ihrem Seelenheile leben. Zwar wurde die Erziehung von Mädchen nicht ganz vernachlässiget, aber es fand dieß nur unter gewissen Beschränkungen statt. Großartiges leistete in dieser Beziehung seit dem 12. Jahrhundert der unter dem Namen Beghuinen bekannte klösterliche Verein frommer Jungfrauen und Wittwen, die in mancher Beziehung mit den neueren religiösen Frauen-Jnstituten Ähnlichkeit haben. Es wird von ihnen gerühmt, daß sie als Beschützerinnen ihres Geschlechtes, als Krankenpflegerinnen und Erzieherinnen, sowie durch Frömmigkeit, Fleiß und Ehrbarkeit Achtung und Theilnahme sich erwarben. Leider versäumten sie, durch rechtzeitige Annahme einer von der Kirche approbirten Ordensregel ihrem Werke eine bestimmte Richtung und gesetzliche Unterlage zu geben; manche von ihnen drängten sich all- mälig in eine ihrem Berufe ganz fremde Sphäre, und zogen sich den gegründeten Verdacht religiöser Schwärmerei und eines unsittlichen Lebens zu, waS ihre Auflösung an vielen Orten zur Folge hatte. Glücklicher war später in dem Vorhaben, die Erziehung des weiblichen Geschlechtes zu übernehmen, die von der heil. Angela Merici gegründete Gesellschaft der Ursulinerinnen. Ihr Beispiel blieb nicht ohne Einwirkung auf andere wirkliche Frauenklöster. Die Stätten des leiblichen Elends hat die'Kirche von jeher als diejenigen betrachtet, aus denen sie ihrem göttlichen Berufe gemäß mit der Allgewalt ihrer Liebe helfend, tröstend und erquickend sich erweisen sollte. Es läßt sich wohl annehmen, daß jene, vom kirchlichen Geiste so tief durchdrungenen, reinen Seelen, welche gegen das vor dem Bischöfe abgelegte Gelübde immerwährender Keuschheit von diesem zu gottgeweihten Jungfrauen eingesegnet wurden, und die wir als die ersten Knospen des später in reicher Blüthenpracht sich entfaltenden weiblichen Ordensleben begrüßen, jener liebenden Fürsorge der Kirche für das leibliche Elend der Menschen sich nicht entzogen haben werden. Und so finden wir denn auch derlei Jungfrauen als Krankenpflegerinnen in Spitälern auf den Pilgerzügen in das heilige Land; ferner gehören hieher die mehr als 20 weiblichen Hospitalorden nach der Regel des hl. Äugustin; jene frommen Seelen, die erfaßt von der Liebesglut des heil. Franz von Assist sich in den dritten (regulirten) Orden aufnehmen ließen u. a. m. Diese Orden waren in Folge ihres abgelegten Gelübdes zur strengen Clausur verflichtst; ganz verschieden davon sind die derartigen neueren Frauengenossenschaften. Es war offenbar, daß bei der durch das eigentliche Ordcnswesen bedingten Zurückgezogenheit und ascetischen Lebensweise viele Ideen der Humanität, deren Ausführung ein Bedürfniß war, Seitens der weiblichen Orden unberücksichtigt bleiben mußten. So drängte denn theils das allgemeine Bedürfniß, theils der dem strengen Ordensleben feindliche Charakter der Zeitalter, wie in natürlicher Entwicklung zur Bildung frommer Vereine und Genossenschaften, in denen für christliches Wohlthun begeisterte Frauen und Jungfrauen ihren Eifer nach den Bedürfnissen der Zeit und der Menschen ungestört walten ließen, und ohne die Strenge des eigentlichen Klosterlebens aus sich nehmen zu müssen, dennoch die Vortheile des klösterlichen Lebens genießen konnten. Die Schöpfung des hl. Vincenz von Paul, der in den Töchtern der christlichen Liebe (barmherzigen Schwestern) eine solche Genossenschaft ins Leben rief, wirkte wahrhaft elektrisch. Eine lange Reihe der wohlthätigsten Schöpfungen der christlichen Charitas sind seitdem in's Dasein getreten. Zeugniß geben hie- für die mannichfachen Arten der Hospitaliterinnen, die in der Sorge für die Pflege des Nächsten miteinander wetteifern. Aber es ist ein Unterschied zwischen den Hospitaliterinnen, die wirkliche Klosterfrauen sind, und zwischen jenen, die den genannten Genossenschaften angehören. Während bei den Ersteren die Krankenpflege dem eigentlichen Ordenswesen untergeordnet erscheint, ist bei den Letzteren von Kloster und Klosterwesen nur so viel adoptirt, als sich mit der Hingabe an den speciellen Zweck der Armen- und Krankenflege verträgt. Die barmherzigen Schwestern sind keine Nonnen, sondern Frauen, welche kommen und gehen, wie weltliche. Und es war gut, daß der heil. Vincenz mehr auf den Geist als aus die Form seiner Stiftung sah, indem gerade dadurch ihre Verbreitung in den verschiedenen Ländern und ihre Verträglichkeit mit den bestehenden Gesetzen und Verhältnissen ermöglichet wurde. Es haben die barmherzigen Schwestern als Klöster die Häuser der Kranken, als Zellen ein durstiges Zimmer, das oft nur gemiethet ist, als Capelle ihre Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen ihrer Stadt, als Clausur den Gehorsam, als Gitter die Furcht Gottes, als Schleier die hl. Bescheidenheit. Von diesem Gesichtspuncte aus sind in den neueren religiösen Instituten die Verhältnisse der Frauen zur Krankenpflege geregelt. Diese besorgen sie in ihrem Hause — außer demselben, als ambulante Krankenwärterinnen — ohne Unterschied des Standes und Alters der Hilfsbedürftigen — ohne Unterschied des Bekenntnisses — ohne Unterschied des Geschlechtes. Wie in der Natur nur ein Gesetz herrscht, das Alles, vom Größten bis zum Kleinsten in Harmonie und Einheit leitet; wie nur jene Religion die wahre sein kann, die durch ihre Einheit den göttlichen Ursprung offenbart; wie ja Jesus Christus nur deshalb auf die Erde gekommen ist, um die zerstörte Verbindung zwischen Gott und Menschen wieder herzustellen, so sehen wir denn auch in allen religiösen Genossenschaften, welche durch freiwillige Uebernahme der drei evangelischen Räthe, der Armuth, Keuschheit, des Gehorsams, sich zu einem innigen Bunde vereinigten, daß sie diese Einheit nicht blos als ein äußeres charakteristisches Merkmal erstrebten, sondern daß dieselbe sogar mit der Existenz der Genossenschaft als gleichbedeutend erscheint. Diese Einheit wird zunächst bedingt durch eine gemeinsame Regel. Die Frauenvereine der neueren Zeit beschränken sich nicht, wie ehemals, auf einzelne Länder, sondern sie haben die Schranken der Oertlichkeit durchbrochen, und doch soll das Band der Einheit Alle umschlingen und Alle sollen ein organisches Ganze, wie eine große stufenweise sich erweiternde Familie bilden. Wo immer die Kirche ihren Weinberg bebaut, können ihr als muthige Arbeiterinnen die Frauen-Jnstitute nachfolgen. Sie sind beweglich, wie der Segen des Thaues und Regens. Die barmherzigen Schwestern eilen aus Frankreich in die Türkei, in den neuesten Zeiten nach Cochinchina, um die kranken Soldaten zu pflegen, die dem dortigen Klima nnb der heidnischen Barbarei unterliegen; die Schwestern der Kongregation Jesus- Maria von Lyon nach Quebeck, die englischen Fräulein aus Bayern nach Ostindien, und rührend ist es zu vernehmen, wie die Muhamedaner und Hindus, welche mit jeder erdenklichen Grausamkeit alle anderen Europäer mordeten, an einzelnen Orten gerade diese Schwestern sorgsam schützten, die armen Schul- schwestern aus München nach Nordamerika u. s. w. Alle diese einzelnen Niederlassungen, so entlegen sie auch sein mögen, bestehen nicht für sich allein, sondern bilden ein Ganzes, sie sind nur Glieder einer Familie, Aeste eines großen Baumes. Und wie der Ast mit dem Stamme nothwendig in Verbindung sein muß, damit er durch ihn Lebenskraft empfange, so auch stehen diese einzelnen klösterlichen Niederlassungen nothwendig in Verbindung mit dem Muttcrhause, von dem sie den Personalstand, neue Arbeitskräfte an die Stelle der durch Tod oder Krankheit aufgeriebenen, sogleich Hilfe bei vorkommenden Unglücksfällen, somit gleichsam die Dauer ihrer Existenz beständig empfangen. Jede Jungfrau, die ihre Gelübde abgelegt hat, opfert sich damit dem Besten des Ganzen; sie gehört nicht mehr dem einzelnen Hause an, wie in den wirklichen Frauenklöstern, sondern sie ist bereit dem Gebote der Vorsteherin Folge zu leisten, wohin immer ihr Ruf sie führt. (Schluß folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 3 . Die Noth steigt aufsHöchste. Da trat der Beamte des Ortes, ein erfahrner stattlicher Mann, auf den Pfarrer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, sagte sodann laut zu den Umstehenden: Verhaltet euch nur ruhig und gehe jeder in sein Haus oder an seine Arbeit, dem Hochwürdigen Herrn Pfarrer soll dennoch nichts Leides geschehen. Die Leute gehorchten, denn der Mann hatte Ansehen. Aber die meisten gingen statt an die Arbeit in die Kirche, um den lieben Gott in so schwerer Noth anzurufen. Ihrer Drei oder Vier, denen der Vorsteher der Gemeinde gewinkt hatte, blieben bei diesem, und nachdem der Priester noch einige Sachen in seiner Wohnung geordnet, das Wichtigste an Schriften unter den Arm genommen hatte, zog er in Begleitung der Männer in einen benachbarten Wald hinaus. Dort stand beinahe in Mitte des Gehölzes eine halb zerfallene Köhlerhütte, in welche sich sofort der Pfarrer verbarg. Der Vorsteher kehrte nun wieder in das Dorf zurück, die andern Männer blieben aber bewaffnet im Walde, theils um ihren Seelsorger im Nothsall zu vertheidigen, theils um ihn zu hindern, sich selbst freiwillig auszuliefern. Wie die Gemeinde für ihren Vater, so betete der Pfarrer in seinem dunkeln Schlupfwinkel für seine lieben Kinder, der Herr möchte sie vor Unglück bewahren. Aber anders war es vom Herrn geordnet/ Des folgenden Tages kam wirklich, wie man es angekündigt hatte, eine Schaar von 80 Bewaffneten, unter Anführung des Repräsentanten, und 2 Kanonen mit sich schleppend nach St. Agatha. Die Compagnie stellte sich auf dem Hauptplatze des Dorfes, wenn man so sagen darf, das heißt in Mitte zwischen den Häusern auf, der Commandant beschied die Dorfbewohner vor sich und ließ dann eine Aufforderung verlesen des Hauptinhaltes: Sie sollen ihren Pfarrer ausliefern. Die Leute erwiderten gutmüthig, sie könnten das nicht, da der Pfarrer nicht zu Hause sei. „Man kennt euch, ehrloses Lumpenpack, wir wollen den Pfarrer schon finden," schrie der Commandant, ließ die geladenen Kanonen gegen den Pfarrhof aufpflanzen und begab sich sofort mit der Hälfte der Mannschaft in denselben. Alles wurde durchsucht, die Kästen, Schränke, welche zertrümmert wurden, alle Zimmer, aber umsonst. Von da ging es in die Kirche, wo übermal nicht nur kein Winkel undurch- sucht blieb, sondern auch die größten Gotteslästerungen verübt wurden. So ging es ferner in allen Hütten des Dorfes, doch alles umsonst, denn der Gesuchte war nicht zu finden. Da entbrannte der Commandant in Wuth. Noch einmal ließ er die Dorfbewohner, versammeln, forderte sie noch einmal auf im Namen des Gesetzes, den wiedrspenstigen Priester, wie er ihn nannte, auszuliefern— und als abermals alles schwieg, erklärte er den Flüchtigen vogelsrei und als ausser dem Gesetze stehend, demjenigen aber, der ihn einbringen würde, versprach er die schöne, runde Summe von 20,000 Franken. Keiner hatte Lust das Blutgeld zu gewinnen, und doch wußten Viele, wo ihr Pfarrer war, und Viele ahnten, was sie bei solcher Weigerung zu erwarten hatten. Wirklich ließ der Anführer die Kirche, den Pfarrhof, das ganze Dörfchen anzünden und zusammenschießen. Die Strohhütten faßten nur zu leicht Feuer und in wenigen Stunden lagen Schutt und Trümmer, wo die Wohnungen armer, aber glücklicher Menschen gestanden waren. Der Tambour wirbelte, die Mordbrenner zogen ab, denn es war nichts mehr zu verbrennen. Die Leute aber schlugen die Hände über den Kopf zusammen und Viele vermochten sich kaum in das große Elend zu fügen. Denn anders sieht das Elend aus, wenn es in der Ferne steht und anders, wenn es uns wirklich heimsucht; da thut es oft recht Noth in Jammer und Trauer zu gedenken des Wortes: „Selig, die da trauern, denn sie werden getröstet werden." (Fortsetzung folgt.) Der TageSlauf. Q. Weßhalb betrachten wir die Sonne mit verschiedenen Empfindungen, folgen aber stets sehnsuchtsvoll dem Laufe der nächtlichen Gestirne? — fragte Clara ihre Mutter. Weil wir unbewußt in der Sonne und den nächtlichen Gestirnen den Spiegel des eigenen Lebensglückes schauen. Wie Las? Dir dies klar zu machen, wollen wir den Lauf des Tages betrachten. — Früh geht die Sonne aus, und Alles fühlt sich erquickt und gestärkt von ihrem neuvelebenden Strahle. — Wie ist der Mensch in einem neuen Glücke, in welches er sich gleichsam noch nicht recht gefunden? Es ergreift ihn Freude in der Empfindung, Lust zur Thätigkeit. Doch die Strahlen der Sonne brennen stärker, wir gewöhnen uns mehr an unser Glück? Dann lassen die Geschöpfe von ihrem Jubel, die Menschen von freudiger Empfindung und Thätigkeit ab. Beide werden gleichgiltig gegen Sonne und Glück. Nun erreicht die Sonne die Mittagshöhe in der Natur, das Glück in den äußern Umständen des Menschen? Dann, liebe Mutter! suchen die Vogel den Schatten, verdorren die Gesträuche. — Der Mensch ist seines Glückes überdrüssig, wünscht sich ein geringeres Maß, manchmal gar das Unglück. Die Sonne, das Glück stehen in Abnahme begriffen, auf einer der Natur, dem Menschen zuträglichen Stufe? Hier tritt wiederum Gleichgiltigkeit ein, wie früher bei der erträglichen Zunahme der Sonne, des Glückes. Die Sonne, das Glück schwinden allmälig oder Plötzlich am Erdenhimmel. Nacht ruht auf der Schöpfung, Nacht stürmt im Herzen des Menschen? Dann treten die leuchtenden Gestirne an den nächtlichen Himmel. Der Schöpfung ja, nicht immer des menschlichen Herzens — unterbrach die Mutter die Sprecherin. — Jetzt kommt der Grund der verschiedenen Gefühle Lei Betrachtung der Sonne, des Einen Gefühls beim Anschauen der Sterne. Er beruht im Unterschiede der Wirklichkeit, welche ik^ 'rrfinnbildung in der Sonne, der Hoffnung, welche die ihre in den Sternen , . Ich habe ihn erfaßt — fiel die begeisterte Clara e.« — Wirklichkeit erweckt in uns verschiedene Gefühle, bald der Freude, bald des Schmerzes; hier der Nimmerersättigüng, dort des Ueberdrusses. Hoffnung belebt nur mit Einem Gefühle: jenem der Sehnsucht. Wir sehnen uns also nach dem entschwundenen Glücke. Diese Sehnsucht ist der Stern uns'res Herzens. Wie den nächtigen Gestirnen die Sonne des Tages, — hoffen wir — werde der Sehnsucht die Befriedigung folgen. Mutter! Ich war vorhin zu eilig. Nicht immer treten die Sterne an den nächtlichen Himmel. Glaubst Du? Die Gestirne sind da, aber ein neidischer Wolkenschleier verhüllt dieselben dem menschlichen Auge. Das ist ein trauriger Unterschied zwischen dem Erdenhimmel und dem Lebenshimmel.. An letztem schwindet gar oft der Stern der Hoffnung. Nein. Der Stern ist da. Aber das von nächtiger Verzweiflung umflorte Herz will ihn nicht schauen. — Kennst Du diesen Stern, mein Kind? Er leuchtet nicht nur am Himmel, sondern im Himmel dem gerechten Hartgeprüften. Mutter! Gott schützte Jeden vor der Blindheit des Herzens, damit er stets diesen Stern schaue! , Die schönste Perle. Mutter! welche ist wohl die schönste Perle? — fragte Clara und schob der Mutter ein Kästchen voll Perlen hin. Die Mutter schob das Kästchen weg. — Die schönste Perle — erwiderte sie — ist die Thräne des Mitleids. Sie schmückt, wenn sie in unserem Auge glänzt, unser Herz, während andere Perlen nur Hals und Arme zieren. Sie erquickt uns ferner, wenn sie uns geweint wird, auf geistige, alles andere Perlen- geschmeide auf sinnliche Weise. Verwerthe die kostbarste Perle! Sie wird das nicht geben können, was dir die Perle des Mitleides gewährt: Trost und liebevolle Hilfe. Sicductiru un» iLcrlag: vr. M. Huttlcr. — Druck »ou 3. M. Slcinlc. AiigMgn §mt«gM«1t. 45 . 4. November 1860. Da» Augsburger Sonntagsblatt lSonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige AbonnementSpreis ist 2Y kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien. Die von k- Terwecoren in Belgien erscheinenden I>rc-c>s bisrorlgues enthalten folgende interessante Episode über die Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien: Die göttliche Vorsehung bediente sich eines Jesuiten aus Belgien, des Lambelin, welcher bereits vier Jahre auf dieser Insel sich aushielt, um seinen Mitbrüdern den Schmerz und die Leiden ihrer Verbannung zu versüßen und zu erleichtern. Die Ereignisse, welche sich seit dem 4. April daselbst zugetragen, sind hinlänglich bekannt. Sie bildeten das Tagesgespräch aller Journale. Am 23. Mai hatten die Oberen der sicilianischen Provinz den k Lambelin nebst zwei anderen Vatern und einem Laienbruder aus der ehemaligen Provinz Turin nach Neapel geschickt, wo sie ihre fernere Bestimmung abwarten sollten. Man verlangte hier für den Pronp, ein Schiff des französischen Geschwaders, welches auf der Höhe von Neapel kreuzte, einen Schiffscaplan. k>. Lambelin ward dazu bestimmt. So machte er nun Bekanntschaft mit den französischen Seeofficieren, die ihn mit aller möglichen Aufmerksamkeit behandelten. Herr Barbier de Tinan, Vice- Admiral und Obercommandant des französischen Geschwaders, erwies ihm jene Achtung, welche dem priesterlichen Charakter gebührt. Hier erhielt k>. Lambelin Kenntniß von dem Decrete Garibaldi's vom 17. Juni, wodurch er alle Güter der Gesellschaft Jesu auf Sicilien mit Beschlag belegte und die Glieder dieser Gesellschaft rücksichtslos von der Insel verbannte. — Sogleich begab sich k. Lambelin zum französischen Vice-Admiral, stellte ihm die traurige Lage seiner Mitbrüder auf Sicilien vor Augen, und erhielt von ihm die ausgedehnte Vollmacht, sich auf einem französischen Kriegsschiffe nach Palermo zu begeben und seinen Mitbrüdern auf Sicilien mitzutheilen, daß sie auf einem Schiffe seines Geschwaders unentgeldlich abreisen könnten. Der Herr Vice-Admiral gab ihm außerdem noch ein Begleitschreiben mit an den Contre-Admiral Jehenne, welcher sich auf der Rhede von Palermo befand, und ersuchte denselben, dir Jesuiten der Insel unter seinen Schutz zu nehmen, ihre Einschiffung zu erleichtern, und überhaupt dafür zu sorgen, daß ihnen von Seiten der revolutionären Regierung kein Leid zugefügt werde. Das edelmüthige Benehmen dieser französischen Officiere zeigte sich über alles Lob erhaben; alle die schönen Züge, welche dem französischen Nationalcharakter angehören, erschienen in den persönlichen Eigenschaften dieser Männer noch mehr veredelt. Ihre Achtung gegen Priester und ihr Mitleid mit fremdem Unglück gewährten den von der Revolution Geächteten Trost und Hilfe. U. Lambelin schiffte sich also auf der Mouette, einem Aviso- Schiff des Geschwaders, ein. Er erhielt hier seine eigene Cajüte, ward vom Capitän täglich zu Tisch geladen, und gelangte nach Palermo. Herr Jehenne, der Contre-Admiral, hatte bereits mit offenem Freimuthe und zarter Theilnahme über die unglückliche Lage der geächteten Jesuiten Er- kundigung eingezogen. Er wollte ihre Leiden vermindern, und dem Lambelin zur Erreichung seiner Sendung behilflich sein. Täglich stieg der Pater an's Land, gewöhnlich in Begleitung eines Seeofficiers, bisweilen auch in Gesellschaft des SchiffScaplans, und suchte seine Mitbrüder auf. Er selbst schlief gewöhnlich am Bord der Mouette oder des Kriegsschiffes Donawerth. Er ließ zuerst diejenigen sich einschiffen, welche schon zur Abreise bereit waren; unter ihnen befand sich auch der U. Provinzial. Unter dem Schutze des französischen Geschwaders war es den Jesuiten möglich, manche dringende Geschäfte noch zu erledigen und einige Werthgegenstände ihres Eigenthums auf das Schiff des Contre-Ad- mirals zu bringen. Der U. Provinzial hatte vor seiner Abreise nach Rom dem u Lambelin den Auftrag ertheilt, in Palermo zu bleiben, um seinen übrigen Mitbrüdern zur Abreise behilflich zu sein. So blieb U. Lambelin noch 3 Wochen in Palermo. Die erste Abtheilung der geächteten Jesuiten war noch nicht lange abgereist, als der Polizei-Minister der revolutionären Regierung an allen Straßen Palermo's eine Verordnung anheften ließ, worin den Jesuiten bedeutet wurde, innerhalb ^8 Stunden die Insel zu räumen. Die Verordnung selbst war in einer Sprache abgefaßt, wie sie nur revolutionären Mordbrennern eigen ist, und gab das Leben dieser Ordenspriester der höchsten Gefahr Preis. u. Lambelin las diese Verordnung und sprach darüber mit dem Contre- Admiral auf dem Schiffe Donawerth. Herr Jehenne rieth dem Pater, ungescheut eine Audienz bei Garibaldi zu verlangen, und ihm offen alle Folgen dieser Verordnung auseinanderzusetzen. Dies geschah am Juli. Zwei Wochen vorher, am 20. Juni, hatte Garibaldi dem Contre-Admiral einen Höflichkeitsbesuch am Bord seines Schiffes abgestattet. Zufrieden mit dem Empfange, den er von Seiten des Contre-Admirals gefunden, soll er bei seiner Entfernung Herrn Jehenne seine Gegendienste verheißen haben, wenn er deren bedürfe. Nun war die Gelegenheit dazu geboten. Der Contre Admiral, Herr Jehenne, hatte zwar dieses Versprechen sich nicht erbeten, aber wollte doch davon Gebrauch machen. Er schrieb also nicht so fast als französischer Admiral, denn als eifriger Katholik, der den Unglücklichen Hilfe bringen wollte, an den Dictator, und bat ihn, dem I'. Lambelin, einem Belgier von Geburt, eine Audienz zu gewähren. Er sagte ihm zugleich in dem Schreiben, daß dieser Pater ihn für sich und seine Mitbrüder, nämlich die sämmtlichen auf Sicilien geächteten Jesuiten, noch um Aufschub für einige Tage bitten werde, damit sie das zur Abreise Nothwendige leichter vorbereiten und eine schickliche Gelegenheit zur Einschiffung nach Neapel abwarten könnten. Das Schreiben setzte Garibaldi davon in Kenntniß, daß in Ermanglung eines Handelsschiffes Herr Jehenne vom Herrn Vice-Admiral bevollmächtiget sei, den von Sicilien vertriebenen Vätern der Gesellschaft Jesu die Abfahrt nach jener Stadt auf einem der Staatsschiffe zu gestatten, wenn ein solches dorthin abgehe; aber für den Augenblick stand keines zur Verfügung. Deßhalb mußten die Ordensmänner, ohne beunruhigt zu werden, auf der Insel den Tag ihrer Einschiffung abwarten können. Ueberdies mußte der Dictator wissen, daß die polizeiliche Verordnung, die am Tage vorher angeheftet war, den Vätern nur W Stunden fernern Aufenthalts in ihrem Vaterland gestattete. Weil kein Fahrzeug zur Einschiffung abging, sahen sich die Väter in die absolute Unmöglichkeit versetzt, diesem Decrete Folge zu leisten. Deßhalb verwandte sich der Contre-Admiral bei Garibaldi für 1^. Lambelin, der gegenwärtig am Bord des französischen Geschwaders Zuflucht gesucht, und sich an den Contre-Admiral gewandt habe, daß er ihm doch in diesen mißlichen Umständen zu Hilfe komme; er erbat von Garibaldi die Gunst, um die U. Lambelin ihn dringend angehe, weil es sich durchaus um eine Frage der Menschlichkeit handle. 355 Der Dictator wohnt in dem königlichen Palast; eben nicht sehr demokratisch! Es ist unmöglich, ohne Karte Audienz bei ihm zu bekommen; auch das ist wenig populär, doch was liegt den Leuten daran? Lambelin hatte keine Karte. Er händigte statt dessen dem wachthabenden Officier das Schreiben des Contre-Admirals ein, und sagte ihm, daß er mit dem Dictator in einer sehr dringenden Angelegenheit zu verhandeln habe. Ein Officier führte ihn durch sehr viele Salons und zahlreiche Schildwachen bis zu einem Vorzimmer, worin sich der dienstthuende General-Adjutant befand. Dieser meldete ihn bei Garibaldi an, der in sogleich eintreten ließ. Der Officier führte den Jesuiten ein, welcher hier eine ganz unerwartete Ausnahme fand. Der Dictator bewohnte ein sehr einfaches Zimmer in dem Pavillon über dem neuen Portal des Palastes. Es fand sich dann ein kleiner leerer Tisch vor, von ärmlichem Aussehen, und einige ganz gewöhnliche Sessel. Der Jesuit glaubte sich bei diesem Anblick in seine Zelle versetzt. Bei seinem Eintritt erhob sich Garibaldi, nahm für den Pater einen Sessel und setzte sich mit ihm nieder. Der Dictator trägt eine rothe Blouse von Flanell, wie unsere Metzger; — ein trauriges Sinnbild des vielen Blutes, das er fließen läßt! Ein lederner Gurt schließt über diese Blouse seine aschgrauen Pantalons; — ein trauriges Bild so großer Verheerungen! um seinen Hals hängt nachlässig ein Tuch, das in Form eines Dreiecks doppelt gelegt, kunstlos zusammengerollt und im Nacken geknüpft ist. Dies ist die vorschriftsmäßige Kleidung der Garibaldianer. Wäre der Pater nicht ganz anders berichtet gewesen, er hätte geglaubt, daß er es hier mit einem Diener, nicht aber mit dem Herrn zu thun habe. Uebrigens ist Garibaldi ein schöner Mann, von mittelmäßigem Wuchs, schöngebautem Körper und verräth ein Alter von 50 Jahren. Seine schlanke Gestalt, die durch einen Bart noch verschönert wird, trägt keineswegs die wilden Züge und das geheimnißvolle Anzeichen seiner verruchten Thaten an sich, sondern scheint vielmehr Spuren von Güte und Zuvorkommenheit zu verrathen. Er empfängt die Fremden sogar mit vieler Würde. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Schluß.) Die Regierungsform in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist monarchisch. An der Spitze steht die General-Oberin, der einige Frauen zur Assistenz beigegeben sind. Diesen sind untergeordnet alle Localoberinnen der einzelnen Filialen. — Erst die neuere Zeit hat das Institut der Generaloberinnen ausgebildet. In dem geistlichen Rechte suchen wir vergebens einen Canon, der die Rechte und Pflichten einer Ordensfrau angibt, die eine gewisse Gewalt nicht blos in dem Umfange einer Diözese ausübt, sondern über Häuser sogar, die in verschiedenen Saatsgebieten, ja in verschiedenen Welttheilen liegen. Die allgemeine Kirchenversammlung von Trient bestimmt vielmehr (25. Sitzung), daß die Superiorität einer und derselben Ordensfrau nur über ein einziges Haus sich erstrecke. Erst durch die Erfahrung mußte sich allmälig herausstellen, weche Regierungsprinzipien für diese neueren Institute unter den mannigfachen Verhältnissen heilsam, nützlich und nothwendig seien, und welche nicht. Daher die Erscheinung, daß der hl. Stuhl anfänglich die ersten Generaloberinnen auf ein sehr geringes Maß der Gewalt einschränkte, und erst später größere Vollmachten verlieh. Für alle neueren religiösen Frauen-Jnstitute überhaupt wichtig ist die Entscheidung Benedicts XlV. zu Gunsten der englischen Fräulein in München i. I. 17^9. Darnach hat die General-Oberin das Recht, t) alle 356 Häuser ihres Institutes zu visttiren, von der Beobachtung der klösterlichen Ordnung und dem Stande des ganzen Hauses Einsicht zu nehmen und in dieser Hinsicht geeignete Verfügung zu treffen. 2) Sie führt das Oberaufsichtsrecht über die Schulen und Pensionate und wacht über den geeigneten Fortschritt in Lehre und Erziehung. 3) Sie ist berechtigt, die Fräulein in die verschiedenen Häuser zu entsenden, und, wo solches nöthig oder dienlich erscheint, Personalveränderungen vorzunehmen. In Ausübung aller dieser Rechte ist sie von den re- spcctiven Diözesan-Bischöfen stets abhängig — jedoch mit Aufrechthaltung des Gencralverbands. — Die Generaloberin erscheint demnach gleichsam als eine Mutter für die Congregation ihrer Töchter, die sie zum Lehramte oder Hospitaldienste erzieht, jeder ihren Wirkungskreis zutheilt, ihre Thätigkeit überwacht, die Disciplin aufrecht erhält, und wird darum von den Schwestern auch gewöhnlich mit dem Namen „ehrwürdige Mutter" bezeichnet. Der Verband aller Häuser und Personen wird endlich unterstützt und erhalten durch eine gemeinsame Casse. Behält auch jede Filiale ihrer Spezial- casse, so verbleibt dieser doch die Pflicht der Rechenschaft an die General-Oberin, und alle Activa und Passiva berühren das ganze Institut, so daß eine genaue Rechnungslage erforderlich ist, damit nicht etwa durch übermäßige Sparsamkeit eine Anhäufung von Schätzen stattfinde, sondern daß die allenfallsigen Ueber- schüsse nach Vorschrift der Regel zu geeigneten Zwecken verwendet werden. So freudig nun auch jeder Menschenfreund die neueren religiösen Frauen- Jnstitute für Krankenpflege und Schule begrüßen muß und die letzteren namentlich von großem Segen sich erweisen werden, wenn sie in Demuth fortfahren, den Nachdruck ihrer Thätigkeit auf die religiös sittliche Erziehung der Jugend zu legen, und nicht etwa zu jener Weise des Unterrichtes neigen, bei der man mit einem eitlen Gedächtniß-Mechanismus mehr glänzt, als nützt — so dürfen dabei dennoch jene religiösen Frauen-Genossenschaften, die rein betrachtender Natur find, auch in der Gegenwart nicht unterschätzt werden. So gewiß es ist, daß es jederzeit Viele gibt, die für das Unterrichtsfach oder die Krankenpflege weder Neigung noch Geschick, aber dennoch einen entschiedenen Beruf für das klösterliche Leben haben, so unleugbar ist es auch, daß für diese ein betrachtender Orden Bedürfniß ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese jungfräuliche Schaar durch ihre Gebete und stellvertretende Buße die Gnade des Himmels auf Viele herniederziehe. Und wenn man noch hinzufügen kann, wie dort Zucht und keusche Sitten blühen, wie begüterte Töchter, selbst aus höheren Ständen, der herrschenden Genußsucht sich entziehen, um innerhalb der stillen Klosterräume ein Leben der Entsagung und Abtödtung zuführen; wie von den Erübrigungen durch ihre Genügsamkeit so vielen Armen das tägliche Brod gespendet werden kann, so dürfte damit der überzeugendste Beweis geliefert sein, daß auch die Klöster zu «seelischen Zwecken, insbesondere gegenüber dem Sittenverderbniffe, wovon die Schwurgerichtsverhandlangen allerwärts ein so schauderhaftes Gemälde entwerfen, liebliche Sterne in der Nacht sind, und weit entfernt, in unseren Tagen überflüssig zu sein, vielmehr nothwendig erscheinen für die krankhaften socialen Zustände der Gegenwart, nicht minder, als jene Institute, welche sich mit Unterricht und Krankenpflege besassen. Die Rose. 6. Mutter! — fragte Clara — welche Tugend versinnbildet die Rose? Keine Tugend insonderheit — versetzte die Mutter — sondern die Tugend in ihrer allgemeinen Bedeutung. Welches ist die allgemeine Bedeutung der Tugend? 357 Eine doppelte:, einmal der Begriff irgend eines sittlichen Vorzuges, und dann der Inbegriff mehrerer solcher sittlichen Vorzüge. Wir wollen sehen, in wiefern die Rose diese letzte Bedeutung des Tugendbegriffes versinnbildet. Warum, glaubst Du, ist diese Blume die Königin der Blumen? Jede Blume hat irgend einen Vorzug: die eine Schönheit der Farbe, die andere Lieblichkeit des Geruches, eine dritte Zartheit der Form. In der Rose nun findet nicht nur eine Vereinigung, sondern auch eine Steigerung dieser Eigenschaften statt. Getroffen. Warum indessen — wähnst du — steigen diese Eigenschaften in der Rose zu einem Hähern Grade der Vollkommenheit? Ei, weil ein Vorzug den andern emporhebt, ihn erst ins rechte Licht setzt. Dasselbe ist nun beim Tugendhaften der Fall. Er erstrahlt nicht in Einem, sondern in mehreren sittlichen Vorzügen. Er beherrscht durch diese Vervollkommnungen seine Mitmenschen, die unwillkübrlich sich vor ihm beugen, entweder in Verwunderung oder Liebe, oder im edlen Nachahmungseifer. Seine Vorzüge endlich heben sich selbst gegenseitig und zwar auf doppelte Weise. Wie das, liebe Mutter? Einmal in den Augen der Menschen. Wie wir den Purpur lieber an einem Gewände bewundern, wo sich mit der Schönheit der Farbe das Ebenmaß der Form paart, als an einem mißgestalteten Lappen; in gleicher Weise gewahren wir die Aeußerungen der Andacht lieber auf den Lippen des Sanftmütigen, als auf jenen des Schmähsüchtigen. Zeigen wir an diesem Beispiele die zweite Art der gegenseitigen Erhebung! Diese, liebe Mutter! ist das innere Wachsthum der Tugend. Woraus schließest Du das? Ich denke: wenn das Wohlgefallen die Wirkung der Tugenden in den Augen der Menschen ist, so müssen sie doch auch eine Wirkung in den Augen Gottes, in sich selbst haben, da sie ja ihren Zweck im Gottesurtheile und in sich, aber nicht im Menschenurtheile tragen. Du denkst richtig, denn jeder Selbstzweck kann nur der des Wachsthumes, der Vervollkomnung sein. Glaubst Du nun, daß wahre Andacht in einem liebevollen Herzen leichter gedeihe, als in einem zur Schmähsucht sich neigenden Gemüthe? Freilich, denn die Liebe gegen Gott und die Nichtliebe des Nebenmenschen, welche letzte die Quelle der Schmähsucht ist, bilden einen Widerspruch. Ein solches Gemüth muß also letztere unterdrücken, bei seiner Schwäche oft unterdrücken, die Andacht zu erstreben. Aber, Mutter! wir haben rothe und weiße Rosen. Gibt es denn auch zweierlei Begriffe von der wahrhaften Tugend? Nein. Es gibt nur eine Wahrheit, nur eine Wahrhaftigkeit, also auch nur einen wahrhaften Gesammtbegriff der Tugend, welcher sich indessen in den verschiedensten Ausflüssen vereinzelt und verkörpert. Was nun die Blume in getrennter Gestaltung versinnbildet, das vereinigt in Wahrheit der menschliche Herzenstempel der Tugend. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Unsre Seele muß rein sein von niedrigen Leidenschaften. Roth ist die Farbe der Liebe. Unser Gemüth muß erfüllt sein mit erhebender Liebe zu Gott; dann erst wird in unser Herz die Tugend einziehen. Ist denn diese Reinheit und Liebesfülle eine leichte Aufgabe? Nein, ihre Erlangung und Bewahrung erfordern unsäglichen Kampf. Und diesen Kampf versinnbildet die Rose auf die schönste, erhabenste Weise: Keine Rose ohne Dornen; keine Herzensreinheit und Gottesliebe ohne den Stachel der Entsagung, welcher unsre Fleischeslust verwunden und ertödten muß. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 4 . Der Pfarrer lehrt zurück. Aengstlich hatte indessen der fromme Greis in der Köhlerhütte gewartet, was da kommen sollte; den ihm ahnete nichts Gutes für seine Heerde. Gegen Mittag sah er mit Schrecken, wie der Himmel gegen die Richtung von St. Agatha sich röthete. Er hieß einen der Männer, die bei ihm waren, auf einen Baum klettern, um zu sehen, was das wäre. Der Mann kletterte auf eine hohe Tanne und sah leider, wie das ganze Dorf in Flammen stand. Bald darauf hörte man Jammer und Wehklagen durch daz dichte Gehölze erschallen. Es kamen einzelne Weiber und Kinder mit weinenden Augen und zerrissenen Kleidern, ein wahres Bild des Jammers, und erzählten weitläufig alles, was geschehen. Da brach der Pfarrer in lautes Weinen aus und klagte sich selber an, daß um seinetwillen so großes Unheil über sein Volk gekommen sei. „Ich muß wieder zu ihnen, ich muß sie sehen, muß sie trösten." So sprach er. Es hals alles Abwehren der ihm beigeordneten Männer nichts, und der Greis eilte aus seinem Schlupfwinkel heraus, drängte sich durchs Gebüsch und bald stand er außerhalb des Waldes. Welch ein trauriges Bild sah er nun vor sich. Einige Schutthaufen bezeichneten die Stelle, wo das Dörfchen St. Agatha gestanden. Noch wirbelte der Rauch empor und die Mauertrümmer der Kirche standen in Mitte der Verwüstung wie ein verstümmelter alter Krieger auf dem Schlachtfelde unter den Leichen seiner Bruder. Traurig aber war der Anblick der unglücklichen Dorfbewohner, die sich mit dem Wenigen, was sie aus den Flammen retten konnten, und mit dem übergebliebenen Vieh aus dem Felde gelagert hatten. Hier Weiber, die sich die Haare zerrauften, Kinder, die unaufhörlich nach Brod schrieen, und die Mutter konnte ihnen keines mehr geben, Männer, die stumm und starr mit dem Blicke der Verzweiflung auf den Boden sahen. Doch der fromme Priester-Greis kam immer näher und näher — da hieß es auf einmal: „Unser Vater kommt" — und die Betäubten erwachten ein wenig und gingen ihm entgegen. Er kam mit entschlossenem Herzen, sie aufzurichten und zu trösten, aber als er ihre Thränen sah, ihr Schluchzen hörte, da brach auch seine Kraft, und weinend rief er: „Kinder, warum habt ihr das gethan? warum mir kein Wort gesagt? warum meinen Aufenthalt dem Commandanten nicht endcckt? Waren denn die wenigen Monate oder Tage, die ich noch zu leben habe, es werth, so theuer erkauft und bezahlt zu werden? Was gilt mein graues Haar gegen die rothen Wangen dieser unschuldigen Kinder, die starken Arme dieser Jünglinge und Männer." Aber die guten Leute erwiderten ihm ganz einfach: Er sei ihr Vater, sein Leben um jeden Preis zu erkaufen, sei Pflicht der Gerechtigkeit gewesen, jener Gerechtigkeit, von welcher er ihnen so oft geprediget, sie sollten darnach hungern und dursten; werden sie nun auch großen Mangel und Noth leiden, sie wollen gerne alles erdulden, da er nun gerettet sei; haben sie auch kein irdisches Brod mehr, der Mensch lebe ja nicht vom Brode allein, und auch so seien sie selig nach dem Worte: „Selig, die da hungern und dursten nach Gerechtigkeit, denn sie werden ersattiget werden." 5 . Der Pfarrer wird verrathen. Drei Tage nach diesen schrecklichen Vorfällen saß der Volksrepräsentant, der nach St. Agatha gezogen war, in seinem Arbeitszimmer zu Niort, wo er sich 359 so eben mit dem öffentlichen Ankläger und dem Henker über die Mittel besprach, die Aufrührer durch gewaltsame Maßregeln zu schrecken und sie zur Pflicht zurückzuführen. Sie waren noch nicht lange beisammen, als man einen alten Mann in das Zimmer führte. Dieser ging gebeugt an seinem Knotenstock einher, sein Haupt war kahl, der Blick aber voll Leben und Feuer; die ärmliche lange schwarze Kleidung ließ in ihm einen Geistlichen vermuthen; die bestaubten Schuhe zeigten an, daß er einen weiten Weg hieher gemacht. „Bürger Repräsentant", sagte der eingetretene alte Mann, indem er sich ihm muthig näherte, „Sie ließen in St. Agatha bekannt machen, es sollen demjenigen, der den Pfarrer jener Gemeinde ausliefere, 20,000 Francen ausbezahlt werden. Geben Sie mir diese versprochene Summe und ich verspreche Ihnen dagegen den genannten Pfarrer auszuliefern." So sehr auch der Beamte an die Schlechtigkeit der Menschen gewohnt war, so schauderte er doch bei dem unerhörten Antrag, mit welchem ein Mann, der nur noch einige Schritte vom Grabe entfernt war, ihm den Kopf eines andern Greises gleichsam zu Füßen legen wollte. „Priester", sprach er erstaunt, „wie ist es für einen Mann Ihres Standes und Alters möglich, mir ein solches Anerbieten zu machen?" „Nicht so unmöglich, als Sie glauben. Wollen Sie es annehmen?" „Ich nehme es an, aber das vergossene Blut falle zurück auf Ihr graues Haupt." „Nun ja; so geben Sie die versprochenen 20,000 Francen heraus." „Sobald Sie mir den Schurken von St. Agatha ausliefern." „Versteht sich. Aber merken Sie wohl, ich verlange überdies, daß Sie mir die nöthige Zeit und Mittel gewähren, um das Geld, sobald ich es gewonnen und erhalten habe, nach meinem Belieben zu verwenden." „Wie könnte ich Ihnen Zeit und Mittel zu solchem Vorhaben verweigern? Gehört Ihnen denn das Geld nicht eigenthümlich zu, sobald Sie es erhalten?" „Daß weiß ich alles. Versprechen Sie mir nur einstweilen, um das ich bitte; ich habe meine guten Gründe, auf diesem Puncte zu bestehen." „Zwar sehe ich nicht ein, wozu das dienen soll, doch verspreche ich Ihnen als wahrer Republikaner feierlich, die nöthige Zeit und Mittel zu gewähren, um über den Lohn dieser Schandthat zu verfügen." „Nun gut. So geben Sie mir das Geld, denn ich selbst bin der Pfarrer von St. Agatha und ich überliefere mich in Ihre Hände. „Sie!" schrie der Repräsentant, der vor Erstaunen plötzlich Ton und Sprache änderte, „Sie — Pfarrer von St. Agatha? „Ich selbst", erwiderte kaltblütig der Alte. „Und Sie wollen sich mir selbst überliefern?" „Ich liefere mich aus, um die versprochenen 20,000 Fr. zu erhalten." „Was wollen Sie mit dem Gelde anfangen? Wissen Sie nicht, was Jhney bevorsteht? Sie sind außer dem Gesetze." „Eben darum verlange ich die bewußte Summe und will auf der Stelle zu meinen Pfarrkindcrn nach St. Agatha geführt werden." „Was willst du dort?" „Das mögen die Wachen erzählen, die Sie mir zum Geleite dorthin geben." Der Repräsentant zahlte dem Pfarrer die 20,000 Francen in Papiergeld aus, welche dieser sofort in seine Brieftasche legte, und nun verlangte, ohne Verzug in sein zerstörtes Dörfchen zurückgeführt zu werden, um dort eine der schönsten Thaten auszuüben, und sich so bei seinem baldigen Tode Gottes Erwärmung zu sichern nach dem Worte: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." (Schluß folgt.) Was ist das gegenwärtige Leben? Man fragte einst einen Philosophen, was das gegenwärtige Leben sei, und er antwortete: „Es ist die Reise, die ein Verbrecher, nachdem man ihm sein Urtheil verlesen, von seinem Kerker bis an die Gerichtsstätte macht." In der That sind wir Alle vom Mutterschooße aus zum Tode Verdammte, und wir gehen daraus nur hervor, um uns an unsere Todesstätte zu begeben. Zwar verbindet man uns die Augen nicht, wie den Verbrechern; allein, was auf vas Nämliche herauskömmt, man verbirgt uns die Todesstätte. Wir rücken diesem Orte immer näher, aber ohne zu wissen, wo er ist, und ohne zn wissen, ob wir demselben nahe oder ferne sind. Alles, was wir wissen, ist dieses, daß wir uns ihm alle Tage nähern, daß wir ihm heute näher sind als gestern, daß wir einst dahin werden gekommen sein ohne es zn wissen, und daß wir uns vielleicht schon wirklich da befinden, oder nur noch einen Schritt dahin zu hun haben. Etwas, das wir noch nicht wissen, ist die Todesart, wozu wir verdammt sind, welche in dem Urtheilsspruche nicht ausgedrückt ist, und die uns Gott im Dunkel seiner Vorsehung noch verborgen hält. Wird sie sanft, wird sie grausam sein? Wird sie schnell und plötzlich, oder lang und von Dauer sein? Werden wir noch einen Augenblick haben, uns zu erkennen und unsere Geschäfte in Ordnung zu bringen, oder werden wir ihn nicht mehr haben? Das wissen wir nicht. Wirklich zum Erstaunen ist, daß wir, beladen mit dem Todesurtheile, während dieser Reise, die wir aus dem Kerker an die Richtstatte thun , noch sündigen, lachen, Possen treiben, Projecte machen! So geschieht es aber anch häufig, daß Viele mitten unter ihren Freuden und Unternehmungen sich am Ziele finden, das sie noch weit entfernt glaubten, nämlich, daß sie, ohne vorbereitet zu sein, Plötzlich äuf dem Richtplatze stehen.und die Strafe des Todes erleiden müssen, an die sie nicht gedachten. (Aus Bonag ventura's Parabeln.) Ein Jähzorniger. Ein Gelehrter, welcher ein Buch über „geistige Krankheiten" geschrieben, erzählt darin: er habe als Knabe einen Menschen gesehen, der sich sehr beeilte, eine verschlossene Thüre mit einem Schlüssel auszuschließen, es wollte ihm aber nicht gelingen, obschon er mit dem Schlüssel auf allerlei Weise es probirte. Kurz, es ging nicht! Darüber nun und namentlich weil es Eile hatte, gerieth jener Mensch in solche Wuth und verfiel in solchen Zorn, daß er den Schlüssel zerbeißen und die Thüre mit Fußtritten einstoßen wollte. Da auch dies nicht gelang, so verstärkte sich sein Zorn dermassen, daß er die Fäuste ballte, die schrecklichsten Flüche ausstieß, Schaum vor dem Mund bekam und anfing zu toben, wie ein Wasserscheuer. Seine Augen funkelten und traten vor den Kopf, so daß man fürchten mußte, der wüthende Mensch werde sich einen Tod anthun. — „Bei diesem Anblicke, schreibt der Gelehrte, habe ich einen solchen Abscheu vor dem Laster des Zornes bekommen, daß mich von dieser Zeit an kein Mensch mehr erzürnt sah, weil ich fürchtete, ich möchte einmal jenem Rasenden ähnlich werden." (Folge dem Beispiele dieses Gelehrten.) Redacliou und Berlaz: 1-1°. M. Hutller. — Druck »ou 3. M. Klciule. H>>'. 4G. 11. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baper. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Bertreibung der Jesuiten aus Sicilien. (Fortsetzung und Schluß.) .k Lambelin bat um die Erlaubniß, sein Anliegen dem Herrn Dictator vorbringen zu dürfen, und sprach dann ungefähr in folgenden Worten: „Herr Dictator, ich erscheine in der Tracht eines französischen Feldpriesters, ! aber Sie müssen wissen, daß ich ein Mitglied der Gesellschaft Jesu bin. Ich bin Jesuit, Belgier von Geburt. Als ich zu Neapel weilte, vernahm ich die mißliche Lage unserer Vater auf Sicilien, und ich begab mich daher nach Pa- > lermo, um ihnen dort Hilfe zu leisten. Nachdem die Regierung ihre Vertrei- > bung beschlossen, suchten unsere Däter ein Mittel, sich aus dem Vaterlande zu ! entfernen, konnten aber kein Schiff finden. Dennoch dringt man auf ihre Ab- ! fahrt; der Polizei-Minister läßt in den Straßen Palermo's eine mordbrennerische Verordnung anschlagen, die uns der Wntb des Volkes Preis gibt, wofern wir nicht abreisen. Wir wollen gern und hätten uns schon entfernt, wäre nur Gelegenheit zur Einschiffung dagewesen. Was unsere Lage noch verschlimmert, ist der Umstand, daß die Regierung unsere Güter eingezogen und uns aller Mittel beraubt hat, Vorkehrungen zu unserer Abfahrt zu treffen." Garibaldi hörte aufmerksam, und sogar mit einer gewissen Theilnahme zu. Er antwortete dem Pater in französischer Sprache, und zwar sehr geläufig: „Mein Herr, ich kenne die Verordnung vom 17. Juni, durch die ich mich genöthigt sah, die Jesuiten von Sicilien zu entfernen: denn die Väter sind, wie Sie wohl wissen, der Bewegung in Italien nicht günstig. Aber es war nicht meine Absicht, dieselben so sehr zu drängen; ich wollte Ihren Vätern Muße lassen, damit sie Vorkehrungen treffen und den günstigen Augenblick zur Einschiffung abwarten könnten. Was aber jene Verordnung angeht, von der Sie sprachen, so habe ich nicht die geringste Kenntniß davon." (8io!) — „Herr Dictator, wenn Sie diesen Ministerial-Erlaß nicht kennen, werden Sie erlauben, selben Ihnen vorzulegen. Hier ist er." — „Ich möchte diese Verordnung gerne lesen." — Er las dieselbe und sagte dann: „Erlauben Sie mir, mein Herr, dieselbe aufzubewahren, denn sie wird mir dienlich sein können." — Garibaldi fügte hinzu, daß er sogleich an den Polizei-Minister schreiben werde, um ihn zu beauftragen, er solle, da die Forderung des Pater sehr billig sei, über die persönliche Sicherheit der Jesuiten wachen, und ihnen alle Zeit lassen, die zu den für die Reise nöthigen Vorkehrungen erforderlich sei. Darauf fragte er den Lambelin, wie viel Zeit es denn gebrauche? Der Pater erwiderte: „Es ist schwer, dieselbe genau zu bestimmen, und zwar wegen der großen Schwierigkeit, alle Mitglieder, welche sich seit der Veröffentlichung jenes Be- ! schlusses aus der ganzen Insel zerstreut haben, wieder zu vereinigen. Dazu ist Zeit nöthig, um so mehr, da die Briefe nicht so schnell an Ort und Stelle ge- ! langen können. Ich wünsche daher eine unbestimmte Zeit, verspreche aber, daß 362 die Väter dieselbe nicht mißbrauchen werden, zumal, da sie unter der neuen Herrschaft auf Sicilien sich nicht mehr glücklich suhlen können, sondern sogar so bald als möglich sich zu entfernen wünschen." Der Dictator ging in dieses Gesuch ein. Es handelte sich noch um den Widerruf der an den Straßen angehefteten Verordnung, welche wie ein Damocles-Schwert über den Häuptern der Jesuiten schwebte, und das Volk jeden Augenblick gegen sie aufregen konnte, denn der Minister erklärte darin, daß im Falle des Ungehorsams gegen diesen allerhöchsten Befehl die Regierung keine weitere Verantwortlichkeit auf sich nehme; folglich überlieferte sie die Väter als öffentliche Ruhestörer der Wuth des Volkes, das in jenen Tagen seine Lust daran hatte, die Häscher, Polizei-Aufseher, Gendarmen und alle Jene niederzumetzeln, von denen es, ob mit Recht oder mit Unrecht, vermuthete, daß sie noch mit dem Könige halten, oder daß sie der Revolution feindselig gesinnt seien. U. Lambelin bedeutete dem Dictator noch, daß das Volk von der durch Garibaldi verordneten Zurücknahme jenes Erlasses in Kenntniß zu setzen sei, weil es sonst, wofern es die Jesuiten in Palermo erblicke, jenem Ministerial- Erlaß gemäß gegen dieselben einschreiten könne. — „Diese Ihre Bemerkung" — erwiderte Garibaldi — „ist ganz billig. Ich werde dem Minister anzeigen; daß er dem Volke meinen Willen bekannt mache." Er bat dann den Pater, er möge sich auf einige Minuten in das Vorzimmer zurückziehen, damit er zwei Zeilen an den französischen Contre-Admiral schreibe, und fügte hinzu, er werbe dann den Pater bitten, diese Antwort mit sich zu nehmen. Nach wenigen Augenblicken wurde U- Lambelin wieder vorgelassen, und nahm den Brief Garibaldis in Empfang, der ihn dann mit den Worten entließ: „Mein Herr, wenn Sie meiner noch bedürfen, steht es Ihnen frei, wieder zu kommen." — Das waren allerdings schöne Worte! Aber warum nahm er sein tyrannisches Decret nicht ganz zurück? Auch Liese Maßregel wäre sehr billig gewesen, und war die einzige, deren die Ordensmänner von Seite ihres Verfolgers bedurften. In dem Brief an den Contre-Admiral schrieb Garibaldi, daß das Ansuchen des Herrn Jehenne, den Jesuiten zur Vorbereitung für ihre Abreise noch einige Tage Aufenthalt aus der Insel zu gestatten, ganz billig sei; er werde alsbald Befehl geben, daß den Wünschen des Contre-Admirals willfahrt werde. ?. Lambelin blieb auf der Rhede zurück, um dort die sicilianischen Väter zur Abreise zu versammeln. Allmälig kamen sie an, und die Geächteten schifften sich nach Neapel ein, um von da sich in verschiedene Länder zu vertheilen. ?. Lambelin verlängerte noch seinen Aufenthalt in Palermo, um wo möglich noch manche ihrer Habseligkeiten zu retten. Er fand indessen noch öfters Gelegenheit, mit Subaltern-Beamten der neuen Regierung zu sprechen, die er kurze Zeit vorher in den Gefängnissen, worin er seine priesterlichen Verrichtungen ausübte, kennen gelernt hatte. Sie ? schrieen über den Despotismus der päpstlichen Regierung; der Pater hätte diese ^ Beschuldigung zurückweisen und aus jenen Despotismus anwenden können, dessen Opfer die sicilianischen Väter wurden. Unterdessen hatte das Schiff Donawerth Befehl erhalten, die Rhede von ^ Palermo zu verlassen und nach Syrien abzugehen. Der Pater ging einen pie- montesischen Admiral um Schutz an, der ihn sogleich zusagte, mit dem Bemerken die Väter würden zwar nicht alle erwünschten Bequemlichkeiten der Reise vorfinden, aber man würde für sie Sorge tragen. Die Empfehlung des Contre- Admirals Jehenne leistete ihm auch für diesen Fall gute Dienste; der Pater blieb noch am Bord des Aviso-Schiffes Mouette. < Zwei Aerzte hatten von der Regierung die Weisung bekommen, die kranken und älteren Mitglieder der Gesellschaft Jesu zu besuchen, und zu entscheiden, ob vielleicht der eine oder andere von der Verbannung auszunehmen sei. Von einem jener Aerzte nun erfuhr ?. Lambelin am Tage vor seiner Abreise von Palermo, daß ein Jesuit ins Gefängniß geworfen sei. Das schien ihm unbegreiflich, da doch Niemand für die Reise fehlte. Der Pater forschte genauer nach und hörte auf der Polizei, daß der Polizeiminister in Folge höheren Befehls genöthigt ' gewesen sei, einen Jesuiten gesanglich einzuziehen, weil sich derselbe als Laie ' gekleidet habe, um sich desto leichter in die Familien einzuschleichen und überall die gefährlichen Lehren der Jesuiten zu verbreiten. Der Pater antwortete, er sei nicht Willens, sich in eine Erörterung über die Lehren der Jesuiten einzulassen, da er zum Voraus wisse, daß er mit seinem Gegner nicht einig werde. Er erkundigte sich nach dem Namen des Gefangenen, sowie nach der Zeit, Art und Ursache der Gefangennehmung. Man konnte ihm kein Vergehen namhaft machen, ! und der Pater mußte drohen, bei dem piemontesischen Contre-Admiral Gerechtig- ' keit für den Gefangenen zu verlangen. „Endlich" — erzählte ?. Lambelin — „hatte ich den großen Trost, selbst dem Gefangenen die Thür seines Kerkers zu öffnen; dies geschah noch am selben Tage, Abends gegen 11^ Uhr. Am andern Tage führte ich ihn mit noch 13 andern Vater am Bord der Mouette nach Neapel." Das Verbrechen des eingekerkerten Jesuiten war folgendes: Der r. Vigna, Minister im Pensionat der Adeligen zu Neapel, hatte einige ! Zöglinge bei ihrer Rückkehr in die Heimat bis Reggio begleitet. Bei seiner ! Rückreise wurde der Dampfer Elba, auf dem er sich befand, von der Veloee, ! einer neapolitanischen Corvette, genommen, und von dieser, die sich einige Tage ! vorher dem Garibaldi ergeben hatte, nach Palermo geführt. Alle Passagiere wurden freigelassen; nur Vigna nicht, welcher nur für die Zeit seiner Reise Civilkleidung trug, aber sich offen für einen Jesuiten ausgab, ein Umstand der genügte, ihn zu einem ehrenvollen Gefängniß zu verurtheilen. Die Einwohner von Palermo hatten anfänglich, als sie den ? Lambelin in der Gesellschaft französischer Marineofficiere sahen, geglaubt, er habe die Gesellschaft Jesu verlassen, um die Stellung eines Schiffscaplans bei dem Geschwader einzunehmen. „Wie Vortheilhaft auch" — sagte ?. Lambelin — „für meine persönliche Sicherheit diese falsche öffentliche Meinung war, so kränkte sie mich doch zu sehr, als daß ich darob hätte schweigen können. Ich erklärte deßhalb ganz frei und rückhaltslos, wie auch vor Garibaldi, daß ich noch Jesuit sei mit Leib und Seele (i„ o-»?ns er ossibus sagt das Original), und nur als solcher habe ich mich dem französischen Admiral vorgestellt, und seinen Schutz erhalten. Diese Freimüthigkeit, die vielleicht etwas gewagt sein mochte, hatte nicht nur keinen Nachtheil für mich, sondern gewann mir vielmehr wenigstens dem Anschein nach die Gunst dieser Leute. Der Staatssecretär, dessen feindselige Gesinnung gegen unsere Gesellschaft bekannt war, sagte mir eines Tages, daß . ich mit ihm noch eine Sache abzumachen habe; er sehe mit Vergnügen, daß ich ein Mann von Grundsätzen sei, daß die Regierung in mir eine Ueberzeugung ahne, die ich nicht zu verhehlen suchte, wie es einige meiner Mitbrüder gethan, ! die er, der Minister, sehr höflich Gauner, Verbrecher und Verräther nannte. Er fügte hinzu, daß das gegen die auf Sicilien befindlichen Jesuiten ge- ^ richtete Verbannungs-Decret auf mich gar keine Anwendung finde; ich könne also mit voller Freiheit auf der Insel verbleiben, und die Regierung werde sogar erforderlichen Falls für meinen Lebensunterhalt sorgen. Man begreift leicht, welches meine Antwort auf diese so sonderbare Anrede gewesen sei. Es paßten hier treffend die Worte: ->ngui8 in üvrka (die Schlange versteckt sich unter ; Blumen), um so smehr, da sechs oder sieben Tage vorher, als ich mich gerade- zu an den Dictator Garibaldi wandte, derselbe Minister gezwungen war, öffentlich seine Verordnung zurück zu nehmen." Dieß sind die hauptsächlichsten Umstände bei der Abreise der sicilianischen Väter. Von 308 Mitgliedern, welche die Gesellschaft Jesu daselbst zählte, waren nur 8 wegen Kränklichkeit und Schwäche von der Verbannung ausgeschlossen. Ein Greis von 84 Jahren mußte gleich den Uebrigen sich der Acht unterziehen, und unter einem andern Himmelsstrich die Freiheit suchen, welche durch die Revolution auf Sicilien vernichtet ward, wie dies überall geschieht, wo die Revolution zur Herrschaft kommt. — Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika s. Bei den Stürmen, die jetzt von allen Seiten den Felsen Petri umtoben und das Herz des getreuen katholischen Christen mit Trauer und Bangigkeit erfüllen, muß eine so ausfallende Erscheinung, wie sie die großartige äußere wie innere Entwickelung der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten Nord- Amerika's darbietet, von einer um so erfreulicheren und wahrhaft trostreichen Rückwirkung sein. Der Hinblick auf das wahrhaft wunderbare Wachsthum der Kirche in einem Lande, in welchem die unbeschränkteste Freiheit in politischer und religiöser Beziehung herrscht, wo jeder Einzelne nach Maßgabe seiner individuellen Geistesrichtung eine neue Religion zu verkünden und als deren Messias aufzutreten berechtiget ist, wo der L>taat als solcher keine Religionsform begünstigt oder unterdrückt; in einem Lande endlich, wo jede Leidenschaft sich nach jeder Richtung und in der ungezügelsten Weise geltend machen darf, der Hin- vlick aus alles dieses liefert aufs Reue den schlagenden und unwiderleglichen Beweis, daß die Kirche keine veraltete und verrottete menschliche Einrichtung sei, aus der der göttliche Geist des Stifters gewichen und die sich dadurch zu einem starren, äußerlichen Formenwerk krhstallisirt habe. Wenn es je des Beweises bedürfte, daß die katholische Kirche als ein göttliches Werk nie veralte, sondern, unberührt von dem Zeitenstrom, in unwandelbarer, ewiger Jugend und Schöne sortblühe, die Idee Gottes auf Erden überall verwirklichend, wo nicht die Menschen von Blindheit geschlagen ihrem Wirken gewaltsam hemmend entgegentreten, so liefert ihn ihre'Entwickelungs-Geschichte in dem genannten Lande, die wir hier in kurzen Zügen darzulegen versuchen wollen, auf das vollständigste und überzeugendste. Als in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Katholikenhetze im freien England ihren höchster: Grad erreicht hatte, so daß das Verharren und Festhalten an der altenKirche gleich dem schwersten Verbrechen mit den härtesten Strafen, selbst Tod und Verbannung, belegt wurde, da verließen im Jahre 1633 zweihundert katholische Familien ihr Vaterland, um sich im neuen Welttheil eine neue Heimath zu suchen, in welcher sie, frei von jedem Zwange und jeder Verfolgung, ungestört ihrem alten Glauben anhangen und der Gewissensfreiheit genießen könnten, die ihnen daheim nicht gewährt wurde. Unter Leitung von Lord Baltimore ließen sie sich im heutigen Maryland (Marienland zu Ehren der heiligen Jungfrau von ihnen genannt) nieder und begründeten daselbst die Stadt Baltimore. Hier nun genossen sie eine Zeitlang des mit so vielen Opfern erkauften und errungenen Friedens, während ringsherum unter den schon damals zahlreichen protestantischen Secten Haß und Verfolgungsgeist wütheten, dergestalt daß, je nach dem augenblicklichen Siege der einen oder andern Partei, die Sieger die Anhänger der unterlegenen Secte von ihren Sitzen vertrieben. Einzelne dieser Flüchtlinge wandten sich nach Maryland, wo sie von den Katholiken freundlich ausgenommen wurden und sich der vollkommensten Glaubensfreiheit erfreuen durften. Kaum wurde dies bekannt, als die Zahl der von allen Seiten herbeiströmenden Sectirer so. groß ward, daß sie bald das numerische Uebergewicht über ihre katholischen Gastfreunde erlangten. Und nun vereinigten sich in der katholischen Colonie alle die Sectirer, die sich kurz vorher auf das bitterste angefeindet und verfolgt hatten, zu einem Act schwärzester Undankbarkeit. Die gastfreundliche Aufnahme von Seiten ihrer Wirthe, die echt christliche Liebe, mit der ihnen dieselben Rechte verliehen wurden, deren die Katholiken sich erfreuten, belohnten sie dadurch, daß sie, ihre Ueberzahl benutzend, jenen, die sich allein in ihrem Unglücke ihrer erbarmt hatten, die Ausübung ihrer Religion verboten. „Noch zählte die Ansiedelung von Baltimore," heißt es in dem Berichte des Missionsvereins, „noch keine fünf und zwanzig Jahre, und schon sahen sich die Katholiken ihrer bürgerlichen, religiösen und politischen Rechte beraubt; eine Heerde Fremdlinge, vor Kurzem noch verbannt, zog die Güter jener ein, die sie gastlich aufgenommen hatten, machte Jagd auf ihre Priester, wie auf schädliche Thiere, und um die Bekenner des Glaubens herabzuwürdigen, setzte man auf einen Jrländer, der sein Vaterland verlassen hatte, um seinem Gott getreu zu bleiben, die nämliche Eingangstaxe wie auf einen Neger. Bei dieser erniedrigenden Vergleichung blieb man nicht einmal stehen; denn der Sclave konnte doch ungehindert seine Götzenbilder anbeten, während der edle Sohn Irlands nicht ungestraft das Kreuz verehren durste auf einem Boden, wo er besteuert und gebrandmarkt wurde. „Aus diese Art," so schrieb der protestantische Geschichtschreiber Mac Mahon, „wurde in einer von Katholiken gegründeten Colonie, die unter der Regierung eines Katholiken zu Macht und Wohlhabenheit gelangt war, der Katholik allein das Opfer der religiösen Intoleranz." So vergingen anderthalb Jahrhunderte, während welcher die ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu, unter dem härtesten Drucke und beständigen Drangsalen, ununterbrochen das Seelenheil der Colonisten leiteten. Da brach der Unabhängigkeitskampf der Colonien aus, an welchem sich auch die eingeborenen Katholiken betheiligten. Es wurden dreizehn Staaten gebildet, die sich jeder einzelne seine Gesetzgebung gaben. Aber nicht einer war unter ihnen, in dem die neuerrungene Freiheit auch auf die katholischen Mitbürger übergegangen wäre. Sie blieben überall gesetzmäßig von allen öffentlichen Aemtern und Ehrenstellen ausgeschlossen, und selbst das Jahr 1789, in welchem die noch gegenwärtig bestehende Verfassung an die Stelle der ursprünglichen Bundesartikel trat, brachte ihnen keine Erleichterung. General Washingthon, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, an welchen sich die Katholiken vertrauensvoll mit dem Gesuche wandten, seinen Einfluß bei den Staaten auch auf den Widerruf jener sie bedrückenden Beschränkungen zu verwenden, gab zwar die Ungerechtigkeit jener Beschränkungen zu, meinte jedoch rücksichtlich ihres Gesuches, „daß der Widerruf das Ergebniß der besseren Ueberzeugung ihrer Mtbrüder werden müsse, die, gleich ihm, das Wohlverhalten und die Treue ihrer katholischen Brüder erkennen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen würden." Wir haben bereits bemerkt, daß die geistliche Obhut der Katholiken in den Vereinigten Staaten lediglich der Sorgfalt der Väter der Gesellschaft Jesu überlassen war, die selbst nach der Auslösung ihres Ordens in Europa dem ihnen anvertrauten Werke mit der größten Aufopferung ihre Kräfte widmeten. Bis dahin hatten sie unter dem apostolischen Vicar von London gestanden. Als aber die Unabhängigkeit der Staaten erkämpft war, wurde auch die Gegenwart eines eigenen Oberhirten als dringendes Bedürfniß erkannt. Die Geistlichkeit Mary- lands und Pensylvaniens, als der Hauptsitze der Katholiken, deren Gesammt- zahl im Jahre 1790 nicht über 25,000 betrug, wandte sich an den Papst Pins VIl., der ihr die Erlaubniß gewährte, sich selbst einen Bischof zu wählen. Ihre Wahl fiel einstimmig auf den ehrwürdigen John Carrol von der Gesellschaft 366 Jesu, einen allgemein verehrten, und auch Lei Protestanten in hoher Achtung stehenden Mann, bei dem die Gründer der amerikanischen Freiheit sich Raths erholten, um den Grundsatz der Religions-Unabhängigkeit in die Constitution einzuführen, und der mit ihnen die feierliche Bundes-Urkunde unterzeichnete. Als Bischof Carrol im Jahre 1791 die erste Diöccsan-Synode hielt, der seine sämmtlichen Priester beiwohnten, waren ihrer zwei und zwanzig, bei einer Gläubigenzahl von 24,500. Mit Ausnahme eines einzigen Klosters, das von Schwestern der hl. Theresia bewohnt war, gab es im ganzen Lande weder Klöster) noch Collegien, noch Seminarien, noch endlich katholische Schulen; ja, mit Ausnahme der katholischen Kirche zu Baltimore, auch keine Kirchen. Was als solche bezeichnet wurde, bestand in kleinen Hütten oder Privathäusern. Das war der Bestand der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten im I. 1791. (Fortsetzung folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Schluß.) 6 . Die Rückkehr des Pfarrers nach St. Agatha. Indessen war in St. Agatha alles in großer Besorgniß, wie es doch ihrem alten Seelsorger gegangen, und wo er hingekommen sei. Man vermuthete irgend ein Unglück, und einige Männer traten zusammen und beriethen sich auf offenem Felde über die Mittel, den Verlornen wieder in ihre Mitte zu bringen. Der eine glaubte, jeder Versuch dieser Art wäre überflüssig, da gewiß ihr Pfarrer schon verrathen und verurtheilt sei; andere dachten, er könnte sich in irgend einem Schlupfwinkel aushalten, wo es ihm an der nöthigen Nahrung und Unterhalt fehlte; wieder andere meinten, er sei nur für kurze Zeit fort, und nach seiner großen Liebe zu seinen Pfarrkindern zu schließen, werde er bald wieder zurückkehren. Man wurde indessen einig, aus jeden Fall einige Männer nach verschiedener Richtung auszusenden, um den gnten Priester aufzusuchen und zu bitten, wieder nach St. Agatha zurückzukehren. Aber während sie sich also beriethen und die bezeichneten Männer schon bereit waren, ihren Weg zur Aufsuchung des Pfarrers anzutreten, sah man von Weitem Staub aus der Straße wirbeln, bald zeigte sich ein kl iner mit Ochsen bespannter Wagen, der sich dem Orte näherte, wo die armen Abgebrannten aus dem Felde beisammen waren. Wie freute sich nicht die ganze Gemeinde, als der Wagen ankam und man aus demselben den geliebten Pfarrer erkannte. Zwar erschracken viele Anfangs bei dem Anblick der vier bärtigen Soldaten, die bewaffnet zu seiner Seite waren; denn sie erkannten, daß dieselben auch bei dem Brande und der Plünderung ihres Dörfchens unter den Thätigsten gewesen waren, aber bald erkannten sie an den frohen Mienen und den Begrüßungen des Pfarrers, daß es diesmal sich um etwas anderes handle, als ihr Unglück zu vermehren. Also lief Alles eilends herbei; man hob den Greis von seinem harten Wagensitze herab und Jung und Alt drängte sich um ihn, küßte ihm die Hand, bat ihn um seinen Segen und bestürmte ihn mit tausend Fragen, wo er gewesen, wie es ihm gegangen, wie es komme, daß diese Soldaten bei ihm seien. Er wollte reden, konnte aber lange nicht zu Worte kommen, da besonders die Kinder ihn umringten, seine Hände tüßten und ihre kindliche Freude auf mancherlei Art äußerten. Endlich gelang es ihm zu sprechen, und mit tiefer Bewegung, obwohl dem Anscheine nach ruhig, begann er folgendermaßen zu reden: „Kinder, ich bin wieder unter euch und darum fühle ich mich Wohl. Ich sehe an euerm Gedränge, an euern Mienen, daß ibr mich nicht vergessen, daß ihr es gut und redlich mit mir meint, daß eure Gesinnung rein ist, wie Gold, und ihr ein keusches, reines, unschuldsvolles, frommes Herz besitzt. O bewahret dieses kindlich reine Herz: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen." 7. Schluß. „In der Einfalt eures Herzens", so fuhr der Pfarrer fort, „wäret ihr unzufrieden mit mir; ihr meintet, ich habe euch, ohne Abschied zu nehmen, verlassen, ihr glaubtet, mich nicht wiederzusehen. Ihr habt euch getäuscht. Kinder, man scheidet nicht so von einander, wenn man sich fünfzig Jahre lieb gehabt hat. Ich hatte im Städtchen ein keines Geschäft, und aus Furcht, ihr möchtet mich zurückhalten, begab ich mich heimlich dahin. Da nun dieses Geschäft nach Wunsch besorgt ist, so komme ich, darüber mit euch zu sprechen." Hier machte der Pfarrer eine lange Pause und Alles war in der gespanntesten Erwartung. „Mir zu Lieb, mich zu retten, habt ihr", so fuhr er zu reden fort, „eure Wohnungen, eure Hausgeräthe und die Frucht einer langen mühevollen Arbeit ohne die geringste Klage hingeopfert. Wohlan! ich bringe euch etwas, um euern Verlust wenigstens zum Theil zu ersetzen. In dieser Brieftasche — er hob sie vor Aller Augen empor — liegen 20,000 Franken, ich übergebe sie dem Vorsteher der Gemeinde, mit der Bitte, diese Summe unter euch nach Verhältniß des betreffenden Verlustes zu vertheilen. Fragt mich nicht, wie ich dies Geld erhalten, das bleibt für jetzt ein Geheimniß, später möget ihr es erfahren, wo es herkommen möchte. Ich werde mit diesen Herren, die mich hieher führten, zurückkehren und euch auf unbestimmte Zeit wieder verlassen. Wann und wo wir uns wieder treffen, das steht in der Hand desjenigen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt." Hier wischte sich der ehrwürdige Greis flüchtig die nassen Augen, und in großer Gemüthsbewegung fuhr er fort: „Gott erhalte euch in euerm friedlichen, arbeitsamen Geiste, bei den einfachen, von den Vorvätern ererbten Sitten. Liebe und Eintracht sei zwischen euch; vor allem aber bewahret die Furcht Gottes, welche ist der Anfang der Weisheit. Traget stets eine keusche Seele in einem keuschen Leibe und verunehret nicht den Tempel Gottes, zu dem ihr in der heil. Taufe geweiht worden seid. Fürchtet, — fürchtet und meidet die schrecklichen Todsünden; lieber sterben, als Gott durch die Sünde zu beleidigen, das sei auch fortan euer heiliger Vorsatz. Gedenket eures alten Pfarrers, der die meisten aus euch zu christlichen Menschen erzogen, und bei euerm Leiden immer gern das eigene vergessen hat. Früher oder später treffen wir uns wieder in dem schönen Vaterlande, wo alle, die sich in Wahrheit liebten, sich wieder sehen werden. Daher ihr Eltern, ihr Väter und Mütter — euch bitte ich besonders, habet Acht aus die Seelen eurer Kinder, gebet thuen kein Aergerniß, haltet sie ab von allem Bösen und führet sie an eurer Hand ins himmlische Land. Betet mit ihnen auch fortan knieend das Morgen- und Abendgebet und gedenket dabei auch meiner, denn auch ich werde den himmlischen Vater für euch bitten. Und ihr Kinder gehorchet euern Eltern, wie immer, macht ihnen Freude durch eure Unschuld und Tugend, und vergesset meine Lehren nicht, — ihr wisset, wie lieb ich euch habe, denn euch ist ja das Himmelreich verheißen. Eines möchte ich Allen noch besonders ans Herz legen, ja ich mache es zur Bedingniß, unter welcher ihr dies Geld annehmen sollt. Segnet eure Verfolger, fluchet nicht denen, die euch hassen 368 vergeltet nicht Böses mit Bösem, auf daß ihr Kinder des Vaters im Himmel seid, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse. Die Scheltenden nicht wieder schelten, den wüthendsten Feinden verzeihen, für Gott selbst dem Tode sich weihen, — das führt uns ins himmlische Reich. Ja diese versöhnende friedfertige Gesinnung ist es allein, die euch zu wahren Kindern Gottes macht. Steht nicht geschrieben: „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." „Und nun, meine Kinder, knieet nieder und empfanget, vielleicht zum letztenmal, meinen väterlichen, priesterlichen Segen." Bei diesen Worten warf sich die ganze Gemeinde und selbst die Soldaten, die den Pfarrer bewachten, schluchzend und weinend auf die Erde. Der Greis aber erhob Auge und Geist in die himmlischen Regionen, streckte die Arme weit aus, faltete sie dann mit Inbrunst und flehte den Segen des Allbarmherzigen herab für die Verfolger. Nach ge- endigtem Gebete wandte er sich mit freudigem Muthe zu seiner Wache, mit den Worten: „Meine Herren, Sie haben zu befehlen, mein Geschäft ist zu Ende." Auf dem Karren wurde er nach Niort zurückgeführt, und die ganze Ge- meinde folgte ihm weinend und betend nach. Der Repräsentant, dem er sich auslieferte, wollte indeß die Verantwortung nicht auf sich nehmen, ihn selbst zum Tode zu verurtheilen, und das Urtheil vollziehen zu lassen, daher sandte er ihn nach Nantes, wo er drei Monate nachher in den Fluthen der Loire die Krone der Märtyrer sich erwarb. St. Agatha wurde nicht mehr erbaut. Seine Bewohner, die lange nicht erfuhren, *>wie es ihrem greisen Priester ergangen, zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen sich in den umliegenden Ortschaften nieder. Groß war immer noch ihr Elend, trotz der erhaltenen Unterstützung. Nur Eines vermochte sie in solcher Noth aufzurichten, die Aussicht in jene Heimat, wo kein Verfolger mehr eindringt, und die gerade den hier auf Erden Verfolgten verheißen ist. „Selig, die da Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, den ihrer ist das Himmelreich." k. v. Edle That. Der Schiffsofficiant Stokker, welcher die belgische Schaluppe Nr. 5 führte, begegnete in der Nacht in der Nordsee beiläufig 12 Meilen von Westcapelle dem Bracke des gescheiterten schwedischen Norden von Stockholm, Capitain Savenson, mit Holz und Eisen beladen. Die Mannschaft der Schaluppe hörte das Angstgeschrei von neun Unglücklichen, welche mitten in dem fürchterlichen Sturme schon sechs Stunden lang auf diesen Trümmern gegen den Tod kämpften. Anfangs konnte man sie wegen der Dunkelheit nicht unterscheiden; aber der brave Stokker verließ darum die Unglücklichen nicht. Er näherte sich ihnen beim ersten Lichtstrahl trotz der Gefahr wegen der Brandungen umher. Man setzt das Boot in See und hat die süße Genugthuung die neun Menschen zu retten. Das war indeß der Schaluppe nicht genug. Die neun unglücklichen Schiffbrüchigen, erschöpft, fast sterbend vor Leiden und Entbehrungen, größtenteils ihrer Kleidungsstücke beraubt, wurden am Bord der Schaluppe mit bewundernswürdiger Liebe gepflegt und in's Leben gebracht. Die belgischen Seeleute nahmen sich um die Wette ihre Kleidungsstücke vom Leibe und bedeckten damit die erstarrten Schweden. Ja sie führten die Schiffbrüchigen bis auf den Quai, wo sie in einer Herberge untergebracht wurden.. Rcdl>cli,n un« Lerl-z: vr. M. Huttlrr. — Druck ,»n Z. M. «lcinle. AiiggbNM AmtagMtt. 18. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerika's. (Fortsetzung.) Bald nahm das Gebiet der Kirche zu. Als die Staaten 1794 das bis dahin französische Louisiana mit einer überwiegenden katholischen Bevölkerung erkauften, wurde in der Hauptstadt Neu-Orleans ein zweiter Bischofssitz errichtet, dem sich im I. 1808 die Bisthümer Bardstown im Staate Kentuky, New-Uork im Staate gleichen Namens, Boston im Staate Massachusets und Philadelphia in Pensylvanien anreihten, so daß es im genannten Jahre bereits 6 Bisthümer gab. Im Laufe der folgenden zwanzig Jahre mußten abermals vier neue Bisthümer errichtet werden, Charlestown in Süd-Carolina, Richmvnd in Virginien, Cincinnati (1821) in Ohio und St. Louis in Missouri, so daß im Jahre 1830 10 Bisthümer mit 230 Priestern vorhanden waren. Von da ab "nahm die Zahl der Katholiken durch Einwanderer aus Europa, zumeist Jrländer und Deutsche, sowie durch zahlreiche Bekehrungen und Uebertritte aus andern Re- ligionssecten aus eine so überraschende Weise zu, daß es im I. 1845, also nach beiläufig einem halben Jahrhundert seit der Begründung eines selbstständigen Kirchenthums, bereits 23 Diöcesen gab, die unter sechs Metropolitensitze, Baltimore (seit 1808), St, Louis, Oregon-Citp, New-Dork, Cincinnati und New- Orleans vertheilt war^n. Die Zahl der Gläubigen betrug damals annähernd anderthalb Millionen (1,300,000). Welche colossale Entwickelung. 1791 1 Bis- thum mit einigen Capellen und 22 Priestern und 25,000 Gläubigen, 54 Jahre später 23 Bisthümer mit anderthalb Millionen Gläubigen. Es hatte also durchschnittlich eine jährliche Zunahme von circa 27,000 Seelen stattgehabt, eine Durchschnittszahl, die üch in den folgenden fünf Jahren beinahe verfünffacht. Nach den Berichten in den Jahrbüchern der Glaubensverbreitung war der Stand 1er Kirche im Jahre 1850 folgender: Statt des einzigen Bisthums vom Jahre g790 gab es deren nun dreißig; an die Stelle jener 22 Priester waren 1100 betreten, die an mehr als 1300 Kirchen und Capellen fungirten. Während eS damals nur ein einziges Frauenkloster gab, kirchliche Institute aber gar nicht vorhanden waren, zählte man 1850 29 Seminarien zur Ausbildung katholischer Geistlichen, 9 geistliche Orden, 23 Genossen-Gesellschaften, 34 von Priestern geleitete Kollegien, 58 Frauenklöster, 86 Lehranstalten und Schulen für Mädchen, zahllose Spitäler, Zufluchts- und Rettungshäuser, sämmtliche unter Leitung gottgeweihter Jungfrauen, und statt einer Bevölkerung von 24,500 Seelen, deren mehr als zwei Millionen, so daß bei einer Gesammt-Bevölkerung von p. p. zwanzig Millionen Einwohnern je der zehnte freie Nordamerikaner Katholik war. Freilich läßt sich dieses riesige Wachsthum erklären, wenn wir in dem Schreiben, das die im Jahre 1849 zu Baltimore versammelten Väter des siebenten Concils an die Präsidenten der Glaubensverbreitung richteten, die Notiz lesen, daß jährlich mehr denn 250,000 Katholiken aus Europa nach den Vereinigten Staaten auswandern. Ist diese Notiz annäherungsweise richtig, wie wir keinen 370 Augenblick Anstand nehmen zu glauben, so muß die Zahl der Katholiken gegenwärtig mindestens vier Millionen betragen. Begreiflicher Weise läßt sich eine endgiltige Feststellung derselben, bei dem Mangel officieller Populationslisten und der Unmöglichkeit, solche bei dem fortwährenden Herfluthen der Einwanderer genau anzufertigen, nicht ermitteln. Mit dem Wachsthum der Gläubigenzahl haben auch die kirchlichen Einrichtungen gleichen Schritt gehalten. Die Zahl der Kirchenprovinzen ist bis auf 7 gestiegen, die der Bischöfe von 27 auf 49, die der Priester von l lOO auf 2235, die der Kirchen und Capellen von 1300 auf 385 Kirchen und 1128 Stationen und Capellen. In gleichem Verhältnisse haben die Seminarien (von 29 auf 49), die Collegien für Knaben, Akademie en und Pensionate für Mädchen, die Freischulen, die Spitäler, Klöster, Waisenhäuser u. s. w. zugenommen. — Und gleichwohl sind der Arbeiter im Weinberge immer noch zu wenige, und reichen alle die genannten kirchlichen Institute bei Weitem nicht aus, um den dringenden Bedürfnissen zu genügen. Man muß hierbei wohl erwägen, daß der größte Theil der katholischen Bevölkerung arm, sehr arm sei, denn nicht die Reichen wandern aus, sondern größtenteils doch nur solche, die sich eine bessere Existenz gründen wollen. Wenn, wie die Augs- burger Postzeitung berichtet, im verflossenen Jahre in den Vereinigten Staaten 46 Kirchen eingeweiht und zu 25 der Grundstein gelegt wurde, so sind im Durchschnitte alle 14 Tage drei katholische Kirchen eingeweiht oder im Bau begonnen worden. Eine Thätigkeit im kirchlichen Leben, wie sie die Geschichte kaum ein zweites Mal nachzuweisen vermag. Und diese Thätigkeit beschränkt sich nicht nur auf das kirchliche Gebiet. Wie sehr katholische Gesinnung und Anschauung in Fleisch und Blut übergegangen, hiervon gibt beispielsweise Cincinnati, eine Stadt, die man füglich das amerikanische Rom nennen könnte, und in welcher allein über 40,000 deutsche Katholiken wohnen, einen glänzenden Beleg. Die dortigen Deutschen haben im vorigen Jahre, „um die katholische Jugend von Cincinnati gegen schlechte Gesellschaft und die täglich mehr zunehmenden Gefahren der Jmmoralität zu schützen," ein Institut auf Actien errichtet, in welchem dem Plane gemäß die Jugend, aber auch die gesammte katholische Bevölkerung im Allgemeinen, Gelegenheit und Mittel für Unterricht, Erholung und gegenseitige Ausbildung durch sociale katholische Unterhaltung finden soll. Genauer findet sich der Zweck der Anstalt in einer eigenen Broschüre entwickelt (Geschichte und Organisation des katholischen Institutes in Cincinnati, Cinc. 1860.), wo es §. 1. der Statuten heißt: Zweck und Aufgabe ist, ein Gebäude zu errichten, verbunden mit einer großen Halle, wo die Katholiken der Stadt und Umgegend zur Abhaltung von Vorlesungen, Debatten, Concerten und Fairs (Ausstellungen) zusammenkommen, die katholischen Vereine ihre Versammlungen halten können, wo durch Errichtung einer Bürger- oder Fortbildungsschule, einer Lesehalle und Bibliothek den Katholiken Gelegenheit zur weiteren Ausbildung geboten wird, und wo die katholische Familie auch zur geselligen Unterhaltung sich versammeln kann." Die Anstalt zerfällt in eine musikalische, literarische, historische Section, Debattirklub (Zweck: die intellectuelle Vervollkommnung der Mitglieder durch Lesen von Aufsätzen und Besprechungen von Fragen allgemeinen und besonderen Interesses) und in eine gymnastische Section. Der erste Director ist der jedesmalige Erzbischof von Cincinnati, z. Z. der hochw. Herr I. B. Purcell; die übrigen Directoren sind Deutsche. Es ist dies ein Werk, das für die Katholiken Cincinnati's von unbechenbaren wohlthätigen Folgen sein muß. „Die Idee," sagt der Erzbischof in seinem Empfehlungsschreiben, „ist der deutschen Katholiken von Cincinnati würdig, welche wegen ihrer unerschütterlichen Anhänglichkeit an den alten Glauben ihres Vaterlandes, wegen Erbauung prachtvoller Kirchen, Unterhaltung ihrer Schulen, wegen der Verbreitung der heiligen Grundsätze der Religion, Moralität und des erleuchteten Patriotismus 371 einer katholischen Presse sich einen beneidenswerthen Ruf daheim und auch auswärts erworben haben." Wir haben dieses neuen und großartigen Werkes deshalb ausführlicher erwähnt, weil wir uns nicht entsinnen, in ganz Deutschland, wo es doch auch Städte gibt, die 40,000 katholische Bewohner zählen*), von einem auch nur annähernd ähnlichen gehört zu haben. Und doch, wie Noth thäten bei der Herrschaft des Materialismus und des Unglaubens dergleichen Institute an gar vielen Orten. Wir kehren nach dieser Abschweifung zu unserem Thema zurück. Während sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein Verhältniß zwischen Katholiken und Protestanten wie l: 200 herausstellte, war im Jahre 1850 fast schon der zehnte Amerikaner Katholik. Dieses Verhältniß ist heute, nach kaum zehn Jahren schon wieder ein anderes, da sich die Zahl der Katholiken verdoppelt, während die Zunahme der Gesammt-Bevölkerung nicht gleichen Schritt gehalten hat, da dieselbe sonst auf 40,000,000 angewachsen sein müßte, während sie kaum mehr als 29 Millionen betragen dürfte, wonach sich also ein Verhältniß von 1 :7 herausstellt. Daß ein so bedeutendes Element auch in politischer Beziehung von nickt untergeordnetem Interesse sein könne, beweisen die letzten Präsidentenwahlen auf das entschiedenste, wo die Candidaten der verschiedensten Parteien sich um das Wohlwollen der Katholiken bewarben. Daß die früheren, aus dem freien England nach Amerika verpflanzten Ausnahme-Zustände, gesetzliche Zurücksetzung und Bedrückungen der Katholiken längst aufgehört, kann als bekannt vorausgesetzt werden, tw. England, Bischof von Charlestown in Süd-Carolina, sprach sich bei seiner Anwesenheit in Wien im I. 1833 über diese Verhältnisse in einem an den Fürst-Erzbischof von Wien als Präses des Leopolden-Vereins gerichteten Bericht folgendermaßen aus, nachdem er der früheren Zustände kurz gedacht: „Wir haben völlige Befugniß, Alles zu thun, was wir möglicher Weise begehren oder für die Religion ersprießlich halten können. Wir können Ordenshäuser, Kollegien, Klöster, Seminarien, Schulen und Kirchen errichten, wir können ^ deren Eigenthum versichern lassen und unter Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften die allerausgedehnteste Sicherheit erlangen, nicht nur gegen die Raublust von Individuen, sondern selbst gegen die Möglichkeit eines Eingriffes der > Regierung in religiöse Stiftungen. Die amerikanischen Regierungen beschützen ! die Rechte aller Religions-Gesellschaften, ohne sich in die innere Disciplin irgend einer zu mischen. Wir brauchen unsere Regeln keiner Aufsicht zu unterwerfen, nie ist's Jemand in den Sinn gekommen, Correspondenzen mit dem heiligen Stuhle zu beengen; wenn wir von dieser höchsten Stelle Weisungen erhalten, so vollziehen wir den Inhalt derselben ohne Hinderniß. Man erklärt uns ganz einfach, daß wir den Gesetzen verantwortlich sind, wenn wir sie verletzen, und daß die Regierung mit unseren geistigen Angelegenheiten, sowie der Papst mit unserer weltlichen Regierung nichts zu thun hätten, und daher unsere Correspon- denz mit ihm sie nichts anginge. Unsere getrennten Brüder genießen gleiche Rechte, die sie frei gebrauchen, und sie, wie wir, sind mit derselben Wärme unserer Verfassung ergeben, die uns diese Rechte selbst gegen die Gewalt des > Präsidenten oder Congresses gewährleistet." (Forts, f.) *) Unser Breslau zählt auch mehr als 40,000 Katholiken, die eine sogenannte katholische Ressource haben, deren Zweck allerdings ein wesentlich anderer ist, als der obigen Institutes, und wo Kladderadatsch und Jllustrirte Zeitung neben dem Kirchenblatt die Haupt- und einzige Lectüre bilden. 372 Die christlichen Dienstboten. Ein frommer Dienstbote bringt nach der Lehre der heil. Schrift den Segen Gottes in das Haus seines Herrn. Besonders vermag er den wohlthätigsten Einfluß aus die Kinder des Hauses auszuüben, und daher soll der Hausherr gute Dienstboten angelegentlich suchen, der Katechet aber im Unterrichte über das vierte Gebot den Kindern die Pflichten eines guten Dienstboten eifrigst darlegen und auch im Einzelnen zeigen, wie ein guter Knecht und eine gute Dienstmagd die Kinder des Hauses zum Guten anhalten und wirklich zu ihrer guten Erziehung beitragen kann. Es wird nicht ohne Interesse sein, wenn ich in nachfolgenden Erlebnissen eines Freundes an einem Beispiele zeige, wie eine fromme Magd Maria in ihm, einem Geistlichen und Lehrer, Liebe zur Religion und Lust zu seinem jetzigen Berufe zuerst gefördert hat. „In meiner Jugend," so erzählte mir mein Freund, „hatten wir im elterlichen Hause eine fromme Magd Maria, der ich vor allen übrigen den Vorzug gab und die ich zu allen Arbeiten begleitete. Wenn sie Gemüse aus dem Garten holen wollte, setzte sie mich aus den Schubkarren und schaukelte mich bis zum Platze ihrer Arbeit, während welcher ich mich an ihrer Seite hielt. Dann sagte sie mir, daß der liebe Gott alle die schönen Gewächse des Gartens aus Liebe und Fürsorge für uns Menschen hervorbringe und wachsen lasse, und wir dafür recht dankbar sein und deßhalb andächtig unser Gebet bei Tische verrichten müßten. Wenn ich mich auf den Rasen hinlegte und mit dem Gesichte nach oben fragte, was da doch sei über der Sonne, so gab ich ihr Gelegenheit auf ihr Lieblingsthema, den Himmel, zu kommen, dessen Schönheit sie mir mit unerschöpflicher Beredsamkeit zu schildern wußte. Bald stellte sie mir die lieben unzähligen Engel am Throne Gottes dar, die auch, auf Flügeln getragen, zu uns Menschen heruntersteigen, uns helfen und schützen, und nach dem Tode zum Himmel bringen. Bald zeigte sie mir die Freuden des Himmels an bekannten irdischen Freuden, die wir da beim lieben Gott haben werden. Ihre Katechese über den Himmel ging mir immer so zu Herzen, daß ich auf ihre Frage, ob ich wohl sterben möchte, wenn ich wüßte, daß die Himmelsthüre mir durch den hl. Petrus würde geösfet werden, mit herzlichem Ja antworten konnte. Ich fragte sie einmal, welche Menschen Wohl am sichersten in den Himmel kämen, worauf sie mir sagte daß die Geistlichen die beste Gelegenheit hätten, denselben zu erwerben. Von dem Augenblicke an war der Entschluß gefaßt, Geistlicher zu werden, und ich habe diesen Entschluß nie wieder aufgegeben, sondern zur Ausführung gebracht. Nach den Geistlichen, meinte sie, wären die Lehrer in der glücklichsten Gelegenheit, sich den Himmel zuverdienen, daun aber dürften die Landleute, die sich alle Tage so plagen müßten, die sicherste Hoffnung auf den Himmel haben. Ich hörte sie besonders deshalb so gern an, weil sie mit der größten Geduld alle meine Fragen anhörte und mit Vergnügen mir dieselben beantwortete, während die Mutter, welche täglich für zwanzig Personen das Hauswesen versorgte, sich nicht viel mit mir abgeben konnte. Bloß des Abends, wenn sie mich zn Bette brachte und die Gebete lehrte, konnte ich durch ihre Belehrungen meine Wißbegierde befriedigen und ich schätzte mich glücklich, wenn ich ihr sichtlich durch Nacherzählen Desjenigen Freude machte, was ich Tags über von der guten Maria gehört hatte. An den Vater wandte ich mich nicht gern mit meinen tausenderlei Fragen, weil ich zu viel Scheu und Ehrfurcht vor ihm hatte, obschon derselbe nie schalt oder strafte. Zuweilen jedoch schenkte mir auch der Vater einige Aufmerksamkeit und ließ mich meine Gebete repetiren. Wenn ich meine Sache zu seiner Zufriedenheit machte, versprach er mir Belohnungen, die er mir nächstens aus der entlegenen Stadt mitbringen werde. Das war mir Freude genug, denn er 373 hielt immer Wort, und ich wagte nur dann meine Wünsche zu offenbaren, wenn er es mir erlaubte und mich aufforderte, zu sagen, was ich am liebsten hätte. War mein Kreidevorrath zu Ende, so war es immer die angelegentlichste Bitte mir ein tüchtiges Stück mitzubringen. Diese Bitte gewährte er mir aber nicht gern, weil ich alle Thüren und Fenster damit besudelte, und doch bedurfte ich der Kreide ganz besonders in meiner Sonntagsschule, welche die fromme Maria mit mir hielt. Ich litt an Körperschwäche und konnte vor dem neunten Lebensjahre weder Schule noch Kirche besuchen. Wenn die Reihe an Maria kam, am Sonntag Morgen während des Hochamtes das Haus zu hüten, wurde in unserer Küche eine gute Sonntagsschule gehalten. Wir waren dann abgeredeter Maßen allein zu Hause, indem Maria den andern Mägden gestattete, nur alle zur Kirche zu gehen. Zuvor suchten wir uns in Sicherheit und Ruhe zu setzen; Maria holte den großen Kettenhund, einen wahren Cerberus, nach der Schlafkammer des Vaters, in welcher, wie wir wußten, der Geldvorrat!) aufbewahrt wurde, ich holte den Jagdhund von seiner Kette und band ihn an die Hausthüre. Dann setzten wir uns am großen, langen, abgescheuerten Küchentische hin und fingen unsere Uebungen an, nachdem ich mein Stück Kreide in Bereitschaft gelegt hatte. Zuvor aber mußte ich noch erst Alles beten, was ich konnte, d. h. vom Vaterunser an bis zu den sechs Stücken; dann erst durfte der Unterricht beginnen, der ein völlig zwangloser und dessen Gang ein ganz ungewöhnlicher war, indem ich die Fragen stellte und der Lehrerin die Kreide zur Hand gab. Bald mußte sie mir einen Altar Hinmalen, bald einen Predigtstuhl, bald eine Orgel u s. w., weil mir das Innere einer Kirche völlig unbekannt war. Ich fand ihre Zeichnungen immer sehr gelungen und konnte dieselben einzeln wieder nennen, wenn die Tischplatte beschrieben war. Die Erinnerung an diese Freuden gehört zu den angenehmsten meines ganzen Lebens! Unser Unterricht, der mir nie zu lange dauerte, wurde nach dem Willen meiner frommen Gouvernante immer auf eine sehr feierliche Weise auf einige Augenblicke unterbrochen. Wenn es ihr nämlich ungefähr Zeit zu sein schien, ging sie auf den Hof und horchte, ob man mit der Glocke das Zeichen der heil. Wandlung gab, wie es in unser er Gemeinde Sitte war. Sobald sie das herüberschallende Läuten hörte, eilte sie zu mir, um es zu verkündigen. Wir fielen dann beide auf unsere Knie und beteten den Heiland an mit einer Andacht, die den beim heil. Opfer Gegenwärtigen nicht selten fehlt. Darnach durfte ich nicht gleich wieder Figuren- malen, von ihr verlangen, sondern sie setzte ihre Andacht eine kleine Weil fort. Wollte ich aber wissen, was der Priester jetzt am Altare thue und wie die Anwesenden in der Kirche die hl. Handlung mit ihrer Andacht begleiteten, so hielt sie diese Frage nicht für störend, sondern zur Andacht förderlich. So war diese Sonntagsschule für mich sehr bildend und belehrend. Als ich dann später für's erste Mal mit zur Kirche ging, fand ich darin Alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich konnte mit wirklicher Andacht zugegen sein. (Schluß folgt.) Die Maienglöcklein. 6. Mein liebes Kind! — sagte einst die Mutter zu Clara, welche ihr einen Strauß Maienblumen gebracht, wie die Passionsblume die Blume der Geduld, die Immortelle jene der Unsterblichkeit, so sind die Maienglocken die Blumen der Andacht. Wie das? Sage mir: welche Farbe hat die Blume? Sie ist weiß. »d'hl W Weiß ist die Farbe der Reinheit. — Wir sollen Gott stets ein sünden- reines Herz im Gebete aufopfern. — Welche Gestalt hat die Blume? Von der Gestalt trägt sie den Namen der Glocke. Und die Glocke? Sie diente, wie du mir erzähltest, früher nur zum Gebetrufe der Gläubigen. Später erst ward sie nebstdem weltlichen Zwecken geweiht. So auch, mein Kind! lebten die ersten Christen nur frommem Gebete im Worte, wie im Wandel. Später erst hat das weltliche Leben ihre Herzen dem Irdischen und Sinnlichen geöffnet. Wie aber die Glocke ihren ursprünglichen Zweck nicht hintansetzt, sondern stets als Hauptzweck betrachtet, so sollen wir über unsere weltlichen Angelegenheiten des göttlichen Berufes nicht vergessen, ja ihn stets als das Endziel vor Augen haben. — Welche Eigenschaft theilt ferner die Maienglocke mit der ehernen, wenn auch in einem andern Eindrucke aus die Sinne. Die eherne Zunge trägt weithin ihren Schall, die Maienglocke weithin ihren Duft. Das Gebet des Frommen hat diese Eigenschaft in doppelter Beziehung. Sein körperlicher Ausdruck begeistert unwillkürlich zur Nachfolge. Sein geistiger Inhalt «her findet durch die Erhörung des himmlischen Vaters die weitreichendste Wirkung für den Beter sowohl, wie für seine Mitmenschen. — Betrachte die Glocke der Maiblume! Strebt sie empor, oder senkt sie sich niederwärts? Sie ist niederwärts gesenkt. Das gesenkte Auge ist das Auge der Demuth. Wie Blume und Glocke der Wirkungen ihres Duftes und Klanges, müssen wir unbewußt bleiben der Doppelwirkung unseres Gebetes. Warum befinden sich an einem Stengel mehre Glocken? Hierin erblicke das Sinnbild der Vereinigung! Wie mehre Glocken süßer duften, denn eine, so steigt das Gebet mehrer Frommen brünstiger zu Gott empor. Der Stengel vereiniget die Glocken. Die Andächtigen möge das Gotteshaus versammeln! Wenn diese Blume so bedeutungsvoll ist, warum blüht sie nur im Mai und nicht das ganze Jahr hindurch als Versinnbildung des gottgefälligen Gebetes? Hierin ruht die sinnigste der Deutungen. — Weßhalb heißt der Mai der Wonnemonat? Weil er der schönste Monat des Jahres ist. Alles jubelt zum neuen Leben erwacht. So auch sollen wir in Glück und Wonne, nicht erst in den Tagen des Elendes an Gott denken. Wir sollen jubeln, wie die Vögel, zum neuen Leben erwacht. Das Glück erweckt zum Leben, denn es gibt immer Gelegenheit zum Gutesthun für unsre Mitmenschen. Leider beten wir gewöhnlich erst im Unglücke zu Gott: da, wo unsre Kräfte zu ersterben drohen unter der Bürde des eigenen Schmerzes. — Welches ist aber die Glück- nnd Wonnezeit des Lebens? Es ist der Mai, die Blüthezeit der goldnen Jugend. Ja, mein Kind! da sollen wir oft und viel zu Gott beten, daß unsre Blüthen nicht rasch abfallen, wie die Maiglocken, sondern zur Frucht reifen. Viele versäumen Frühling, Sommer und Herbst, manche denken kaum im Winter des Lebens an Gott, der alle Tage unser eingedenk ist. 375 Einiges über die Verhältnisse der Katholiken in Sachsen. Dem Oesterr. Volksfreunde wurde vor Kurzem aus dem Königreiche Sachsen geschrieben: „Die Berichte Ihres geschätzten Blattes über die gedrückte Stellung der Katholiken in Mecklenburg, Holstein und anderen protestantischen Ländern veranlassen mich, auch einiges über unsere Lage in Sachsen zu bringen. Auch sie ist keine beneidenswerthe. So hat man jetzt gleichsam zum Höhne des katholischen Königshauses ins Schloß die protestantische Capelle gesetzt, um ja zu wachen, ob nicht der Fürst etwa in der Nacht einen Jesuiten sähe, da es bei Tage durch andere Mittel verhindert ist. Auch sorgt die Presse ihrerseits hinreichend für Haß und Verachtung des Katholicismus, damit der Katholik Sachsens nur als Paria des Landes erscheine. Zum Beweise hierfür diene eine Corre- spondenz der „Deutsch. Allg. Ztg." über den St. Vincentius-Verein Sachsens. Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn jenes Blatt in Betreff dieses Vereines, der doch meistens aus Laien besteht, also schreibt: „Es handelt sich hierbei (nämlich bei der Zulassung des St. Vincentius-Vereines durch die Regierung) um Zulassung und Zutritt eines in Spanien, Frankreich, Oesterreich und sonst verbreiteten „Ordens" (?), dessen Stiftungszweck darin besteht, seine Mitglieder überall hinzuschicken, wohin sie durch Bischöfe berufen oder von Pfarrern zugelassen werden, um verwahrlosten Menschen, wozu von der römisch-katholischen Kirche „selbstverständlich" (?) die protestantischen Ketzer gezählt werden, durch Unterricht und Seelsorge beizustehen; daneben beschäftigen sich die Mitglieder, „welche auch Lazaristen heißen" (das Lächerliche einer solchen albernen Unwissenheit leuchtet ein, abgesehen von der Bosheit sonstiger Motive), allerdings auch mit Krankenpflege; dies ist aber weder Haptzweck noch Hauptbeschäftigung." Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn die Zeitung weiter behauptet, daß „der St. Vincentius-Verein oder „Orden" (?) in engster Verbindung mit dem Jesuitenorden stehe, oder vielmehr ihm affiliirt sei (?), weshalb das Erstaunen Derer, welche die Verhältnisse „genau kennen" (?), gerechtfertigt gewesen sei, als sie lesen mußten, daß in Sachsen einer der in Evangelicis beauftragten Minister kein Bedenken getragen habe, dem St. Vincentius-Verein den Zutritt in Sachsen zu gestatten." Ist es ferner „Dummheit" oder „Bosheit," wenn weiterhin behauptet wird, „es sei Thatsache (!), daß der Verein zwei Schulen (?) habe, eine für Mädchen, die andere für Knaben; er beschäftige sich also mit Unterricht und namentlich mit Religionsunterricht, wie es die Regeln des Ordens (?) vorschreiben." Ferner sei es „Thatsache (!), daß in den Schulen desselben bereits jetzt schon mehrere Kinder protestantischer Eltern und Protestantisch getauft, in den Lehren der römisch-katholischen Kirche erzogen werden, — als „schlagender" Beweis, Laß der Vincentius-Verein allerdings das Kirchliche und Confcssionclle sehr stark ins Auge faßt." Ein Zeichen mehr von „Bosheit" als „Dummheit" scheint uns schließlich die Behauptung jener Zeitung: es gehöre bekanntlich (!) zu den Pflichten jedes römisch-katholischen Geistlichen, ganz besonders aber auch der Mitglieder des „Vincentius-Ordens" (?), die Glaubensfreiheit als Ketzerei nach Kräften zu bekämpfen, und es sei ein alter und bekannter (!) Kunstgriff der römisch-katholischen Geistlichkeit, über Bedrückung zu klagen, wenn ihr die Freiheit genommen wird, die Glaubensfreiheit Anderer zu unterdrücken." Der kleinste Theil aller dieser lügnerischen Verleumdungen und Entstellungen — gegen einen protestantischen Verein, oder die protestantische Geistlichkeit gerichtet — hätte genügt, die ganze «katholische Presse in Alarm zu setzen, oder auch die Confiscation des Blattes, das sie enthielt, zu verhängen. Aber wir Katholiken in Sachsen scheinen kein Recht zu haben, denn man hat ungehindet diese Injurien und Lügen gegen und über uns verbreiten und lesen dürfen." Die glaub enstreuen Gefangenen. Sechszehn spanische Gefangene, welche von den Marokkanen nach Tetuan gebracht worden waren, erzählen von ihrer Gefangenschaft, daß sie die unwürdigste Behandlung erfuhren. Sie wurden mit Ketten beladen mit einem eisernen Ring am Halse in verpestete Keuchen gesteckt. Man versuchte alle möglichen Mittel, sie zur Verleugnung ihrer Religion zu verleiten; aber nichts hat ihren Glauben und ihren Muth erschüttert. Sie haben Vergnügungen, Reichthum, Grade und Besehlshaberstellen, die man ihnen anbot, verachtet; sie wollten lieber Hunger, Durst, Nacktheit, Beschimpfungen und die Aussicht auf einen gewissen Tod erdulden, als ihre Pflicht als Christen und Soldaten verletzen. Ein einziger von den Gefangenen hat sein Vaterland und seinen Glauben verrathen, es ist ein gewisser Carranque, Freiwilliger in den baskischen Bataillonen. Dieser Elende war der eingefleischteste Feind der Gefangenen, welcher den Fanatismus und die Wuth der Marokkaner gegen seine Brüder und ehemaligen Landsleute aufstachelte. Eines von den schrecklichen Mitteln, welche die Mauren anwandten, um die Gefangenen mürbe zu machen, bestand darin, daß sie die Köpfe der andern Christen, welche sie als Siegeszeichen nach Fez brachten, unter sie warfen. Diese tapferen und unglücklichen Soldaten haben endlich am Mai Fez verlassen; als sie aus der Stadt abzogen, bekam jeder einen vollkommenen sehr reichen und eleganten maurischen Anzug: die Verkündigung des Friedens hatte die Mauren ihnen geneigter gemacht. Welcher Art die Begegnung war, welche sie erfuhren, davon mag auch zeugen, daß Hauptmann Roeamora, welcher sich unter ihnen befand, in seiner Gefangenschaft wahnsinnig wurde. Das Zusammentreffen dieses Unglücklichen mit seiner Mutter, welche nach Tetuan gekommen war, war eine rührende und zugleich herzzerreißende Scene: der Sohn kannte seine Mutter nicht. Praktische Nächstenliebe. Vor Kurzem gingen vier Soldaten von der Linie in einem französischen Dorfe, der Gemeinde Jakob, spazieren; da sahen sie eine arme alte Frau trostlos an der Schwelle ihres Hauses stehen. Auf Befragen versetzte sie, ihr Mann wäre seit lang her krank, es wäre jetzt der Augenblick, wo im Weinberge Gruben gemacht werden müßten; sie bekäme keine Arbeiter, weil sie sogleich bezahlt sein wollten und sie die Mittel dazu nicht habe. Es war Mittag. Unsere Kriegskameraden sahen einander einen Augenblick an, ziehen ihre Weste aus, lassen sich Werkzeuge geben und machten sich bis vier Uhr an die Arbeit. Den andern Tag kamen sie wieder und machten die Arbeit vollends fertig. Das arme Weib dankte ihnen lebhaft und bot ihnen eine Maß Wein an. Aber sie wollten nichts annehmen und sagten erfreut im Weggehen, wenn vor der Herstellung ihres Mannes noch eine Arbeit zu thun wäre, wollten sie wieder kommen. Diese gute That christlicher Liebe erhöht noch die Einfachheit und Uneigen- nützigkeit, mit der sie vollbracht ward, ganz im Sinne der Lehre dessen, der da sagt: „Was ihr dem Geringsten unter euch thut, das habt ihr mir gethan." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. Druck »an I. M. Klcinlc. 25. November 1860. Mr. 4?. Das Augsburg er SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nnrdamerika's. (Fortsetzung.) Wunderbar! Die katholische Kirche in Nordamerika ist vollständig souverain; sie kann frei und ungehindert sich nach allen Richtungen entfalten und ausbreiten, Klöster aller Art errichten und llor-istliite stiem! sogar Jesuiten für ihre Zwecke verwenden, und-der Staat geht nicht unter? schreitet vielmehr trotz dieser „Feinde der Freiheit, dieser Werkzeuge des absolutesten Despotismus" mit Riesenschritten in seiner Entwickelung vorwärts? Seltsame Gegensätze! Die Gothaer in Baden fuhren entsetzt in die Höhe, als sie den Abschluß des badischen Concordates vernahmen; Himmel und Erde setzten sie in Bewegung, um das Volk gegen dasselbe aufzustacheln und den Fürsten des Landes dadurch zum Bruche eines rechtsgiltigen Vertrages zu bewegen; die bloße Angst vor der ungefesselten Kirche spiegelte sich in all ihren Reden und Handlungen ab, und riß sie zu den unsinnigsten Expectorationen gegen dieselbe hin. Sie haben dadurch sich und der Sache, der sie dienen, ein vollgiltiges Armuthszeugniß ausgestellt. Die Kirche anderseits hat vor ihnen keine Angst, ob sie auch in ihrem blinden Hasse gemeinschaftliche Sache mit der Revolution machen. Denn wenn Garibaldi, der jetzige Herrscher von Sicilien von Louis Napoleons und Victor Emanuels Gnaden, in einem seiner letzten Erlasse die Jesuiten und Liguocianer für Feinde der Freiheit und willige Werkzeuge der bisherigen absolutistischen Regierung erklärt, sie demgemäß aus dem Lande jagt und ihre Besitzungen einzieht und für Staatseigenthum erklärt, was hat er Schlimmeres gethan als die Liberalen in allen den Ländern, wo sie zum Unheil des Landes das Heft der Regierung in die Hände bekamen? Garibaldi ist ein Revolutionär von Prosession, es war nichts Anderes von dem Manne der Gewalt zu erwarten, aber die Thaten jener, unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit verübt, stinken noch weit mehr zum Himmel, um mit Shakespeare zu reden. Die katholische Kirche ist keine Feindin der Freiheit. Die Geschichte lehrt, wie sie jederzeit sich der Unterdrückten angenommen, wie sie stets der Schirm und Schutz der Völker gegen die Despotie der Fürsten gewesen; daher das gewaltige Anstürmen der mächtigen Dynasten aller Zeiten gegen sie; wir erinnern nur an die Hohenstaufen, Philipp den Schönen, Napoleon rc. rc. Auch ist der gewaltige Aufschwung, den die Kirche in den Vereinigten Staaten genommen, nicht zum geringsten Theile der vollständigen Freiheit der Bekenntnisse zuzuschreiben. Wäre es anders, sie hätte längst aufhören müssen zu sein. In diesem Sinne spricht sich auch die New-Uorker „Katholische Kirchen-Zeitung" dahin aus: „Das Katholische nimmt hier zu, denn der Protestantismus nimmt hier ab. Ein besonderer Grund, warum unsere Kirchen sich immer mehr füllen, während protestantische Prediger zu leeren Stühlen reden, liegt wohl in der freien Verfassung unseres Landes, wo Jedermann ungenirt dem Dränge seines Geistes und Herzens folgen kann. Und wo das Innere den Menschen hindrängt, da geht er leicht hin, wenn kein ollstseulum sonst ihm im Wege steht. Die katholische Religion ist die Religion der Freiheit, und das Herz Dessen, der nach Religion verlangt (und das Himmlische nicht blos in gut Essen und gut Trinken setzt), findet in der katholischen Kirche allein die vollste Befriedigung. Und hier in Amerika, wo alle? menschliche Zwang aufhört, da ist so ein glücklicher Schritt (zur Conversion) leichter geschehen, als drüben in Europa, wo konfessionelle und andere Rücksichten oftmals einen großen Hemmschuh anlegen. Kurzum, es ist hier die Religionsfreiheit und der Drang der Seele nach Wahrheit auf der einen, und die geistige Gewalt der Kirche auf der andern Seite die Ursache, warum wir Katholiken nicht ab-, sondern immer mehr zunehmen in Amerika." Dieser vollständigen Glaubensfreiheit in Amerika stehen noch andere Momente helfend zur Seite. Während nämlich die Katholiken in ihrer Minderheit eine einheitliche geschlossene Masse bilden, ist der Protestantismus in unzählige Seelen zerfallen, von denen auch nicht eine dem Katholicismus an Zahl der Bekenner gleich kömmt. Zudem ist der weitaus größte Theil der Protestanten im vollständigen Jndifferentismus befangen, so daß die Berichterstatter in den Jahrbüchern der Glaubens-Verbreitung (1850) nicht mit Unrecht sagen, daß „ehemals Amerika in der That protestantisch war, während dasselbe es heute nur noch dem Namen nach ist." Von der damaligen Bevölkerung gehörten nämlich zwei Millionen der katholischen Kirche, 4 Millionen zur einen oder zur andern der unzähligen Seelen, wovon die Vereinigten Staaten wimmeln, die übrigen 14 Millionen haben sich noch für keine Religion entschieden, hoffen aber, wie sie sagen, noch vor ihrem Tode ihre Wahl zu treffen. „Nach ihren Reden zu urtheilen, dürfen wir größere Hoffnungen hegen, als jede andere Religion. Aus diesen Thatsachen erhellt, daß der Protestantismus sich in dem nämlichen Maße aus Amerika zurückzieht, als der Katholicismus darin fortschreitet; daß derselbe bei der großen Mehrzahl nur noch Gleichgiltigkeit findet und jeden Tag mehr dahin strebt, sich in dem Nichts seines Ursprunges aufzulösen." Mit dieser Beobachtung des katholischen Priesters stimmt der Ausspruch eines protestantischen Angloamerikaners vollständig überein, dessen Jarke erwähnt: „Wir sind Indifferentsten dem Gesetze nach, aber Religionseiferer durch die Sitte und das religiöse Gefühl. Was das Dogma betrifft, so wird Amerika in jenem Zustande der Trennung der Kirche vom Staate bleiben, bis wir in völlig unbeirrter Freiheit, unsere Wahl getroffen haben werden." (Principiensragen, Paderb. 1854. S. 109.) Das ist aber der Unterschied zwischen den amerikanischen Jndifferentisten und denen der alten Welt, daß jene, mögen auch Tausende von ihnen ihr Leben im Zustande der Unentschiedenheit beschließen, dennoch dem Grundsätze nach die Nothwendigkeit des Entschlusses anerkennen und Keinen verlästern und beschimpfen, der seine Wahl getroffen, während unsere Liberalen, seien sie Freimaurer oder nicht, jeden, der sich nach seiner Ueberzeugung auf einen conservativ-religiösen Standpunct stellt, mit Koth beweisen. In dem amerikanischen Jndifferentisten „der noch keine Wahl getroffen" (i Nave not ^et msllo elioice, ist ein überaus häufig gehörter Ausdruck), lebt ihm unbewußt ein tiefes religiöses Gefühl, und es muß dies eine in die Augen fallende Erscheinung sein, da so viele Beobachter amerikanischen Lebens und Treibens darin übereinstimmen. So fällt ein protestantischer Schriftsteller, Jacob Naumann, der viele Jahre in Amerika gelebt und mit scharfem Blicke die dortigen Verhältnisse beobachtet und geprüft, ein merkwürdiges Urtheil über das dort bestehende Verhältniß zwischen Religion und Staat. „In keinem Lande der Erde," sagt er, „gibt es so viele verschiedene, obgleich ursprünglich sämmtlich dem Christenthum entstammte Religionsparteien und Seelen, wie in den Vereinigten Staaten, aber es gibt auch 379 vielleicht kein Volk außer dem amerikanischen, Lei welchem durchgehend so tiefe und unverkennbare Spuren des allgemeinen Einflusses der Religion wahrzunehmen wären, bei welchem der Glaube so sehr als das höchste wahre Gut betrachtet würde, oder bei welchem, wenn schon der Staat, in Betreff der äußeren Religion, sich als völlig theilnahmlos verhält, die Religion selbst so sehr zur großen Haupt-Pulsader alles Lebens und Webens geworden wäre." (Nordamerika, sein Volksthum und seine Institutionen. Lpz. 1848. S. 95.) Daher genießt denn auch die katholische Religion in den Vereinigten Staaten allgemeiner Achtung und großen Ansehens, wozu die in jeder Weise achtungswerthe Haltung des Klerus nicht wenig beiträgt. „Die katholische Kirche in Nordamerika," sagt Heinrich Berghaus, „geht unverdrossen und unbekümmert um das politische Treiben ihren festen Schritt, die Zahl ihrer Bekenner mehrt sich mit jedem Jahre und die Geistlichen dieser Kirche sind tüchtige Männer, deren uneigennützige Hingebung selbst in Amerika Bewunderung erregt." (Allgemeine Länder- und Völkerkunde, Stuttg. 1844, Bd. 6., S. 97.) Diese Achtung und Bewunderung gab sich unter andern in der sonst wegen ihres puritanischen Eifers bekannten Stadt Boston auf auffallende Weise kund. Im Jahre 1846 starb der berühmte und hochverdiente Bischof Fenwick. Der Zug, der die Leiche zur Grabstätte bringen sollte, durchzog die Straßen der Stadt, wobei zum ersten Male priesterliche Ornate, Kreuze, Fahnen und die ganze Pracht des katholischen Cultus offen einhergetragen und überall von der staunenden Menge mit Ehrfurcht empfangen wurde. Von zwei protestantischen Kirchen herab tönte Grabgeläute, und verwundert nahm man wahr, daß der Tod eines katholischen Bischofs ein Ereigniß für Boston war. Ein ähnliches Beispiel gewährte 1849 Baltimore, als daselbst die Väter der siebenten Kirchenversammlung versammelt waren. Zwei Erzbischöse und dreiundzwanzig Bischöfe zogen durch die Straßen, um am Fuße des nämlichen Altars die letzte Sitzung zu schließen. Eine unzählbare Menge Menschen von verschiedenen Religionen hatte sich diesem Zuge angereiht, der unter dem feierlichen Geläute aller Glocken der Stadt und dem Absingen geistlicher Lieder in der ganzen bischöflichen Pracht sich nach der Hauptkirche bewegte, um dort seiner freudenreichen und fruchtbaren Verbindung das Siegel aufzudrücken. Ueberall, auf dem ganzen Durchzug, beugte sich die Menge vor diesen ehrfurchtgebietenden Bischöfen, die alle schon seit langen Jahren als Missionäre gewirkt und von denen die meisten ihre Kirchen selbst gegründet hatten. Der Anblick dieser Greise, deren zitternde Hand sich ohne Unterlaß zum Segnen erhob, der Gesang dieser durch das Verkünden des heiligen Wortes gebrochenen Stimmen gab selbst den Protestanten zu erkennen, daß die segnende, betende und sich selbst aufopfernde Obrigkeit die einzige ist, deren Befehle mit Liebe befolgt werden. Dieses tiefe, in der Majorität des Volkes herrschende religiöse Gefühl und sein Ernst um den Glauben sind es, die den ruhigen, Alles erwägenden Forscher und Beobachter über die Zukunft dieses Volkes beruhigen, eines Volkes, das wie kein anderes eine Menge der verschiedensten Elemente in sich aufnehmen und zu einer im Ganzen und Großen gleichartigen Masse verschmelzen muß. Denn es sind nicht blos die Nachkommen jener ersten Ansiedler, die in streng puritanischem Eifer ihr Vaterland verließen, um in Amerika eine neue Heimat zu gründen, die hier in Betracht kommen. Seit einer langen Reihe von Jahren wirkt das Meer alljährlich eine große Anzahl Menschen aus allen Ländern Europa's an die amerikanischen Gestade, die Daselbst eine bessere Existenz zu finden hoffen, als das verlassene Vaterland ihnen zu bieten vermochte. Wenn wir hören, daß die Zahl dieser, an Sprache, Religion und Sitten so wesentlich von einander verschiedenen Einwanderer nicht selten die Höhe von einer halben Million erreicht, so können wir uns leicht einen oberflächlichen Z80 Ueberschlag über die Gesammtmenge dieser neuen Ankömmlinge machen. Dabei ist zu erwägen, daß es der großen Mehrzahl nach gerade nicht die edelsten ihrer Söhne sind, die Deutschland, England und Irland, Frankreich und Belgien u. s. w. entsendet, daß weder der Reichthum noch die Bildung dieser Länder durch jene repräsentirt wird, daß vielmehr oftmals der Abschaum, die unterste Hefe der Bevölkerung sich unter ihnen befindet, die ihr altes Vaterland nicht länger in seinem Schooße dulden mag. Und alle diese verschiedenartigen Elemente, die daheim längst alle Achtung vor dem Gesetze verloren hatten, hier lernen sie sich ihm beugen, und werden sie durch die Liebe zu ihrem neuen Vaterlande, das ihnen gastliche Aufnahme und volle Freiheit ihres politischen und religiösen Bekenntnisses gewährt, zu einer im Ganzen und Großen achtungswerthen Masse umgewandelt. Wenn wir wissen, daß allein Irland fast die Hälfte sämmtlicher Einwanderer liefert, daß außer Deutschland Frankreich, Belgien und Spanien ein beträchtliches Contingent stellen, so wird die überraschende Zunahme der katholischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erklärlich, da mindestens zwei Dritttheile der gesammten Einwanderung der katholischen Kirche angehören, während gleichzeitig die Zahl der jährlich, stattfindenden Conversionen eine un- gemein beträchtliche ist. Haben wir bisher die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten nach ihrer äußeren Erscheinung betrachtet, so wollen wir auch der Innerlichkeit derselben einige Aufmerksamkeit zuwenden und uns hierbei der Führung eines Mannes überlassen, dem als geborenem Amerikaner und ehemaligen Protestanten, der nach anhaltender tiefer Betrachtung und Forschung „seine Wahl getroffen," und der sich der Kirche anvertraut, in der allein Heil zu finden, dem, wiederholen wir, in Folge der eingehendsten Studien über den Charakter seiner anglo- amerikauischen Landsleuie, wie Keinem ein berechtigtes Urtheil zusteht. Wir meinen Brownson. (Fortsetzung folgt.) Charakteristische Züge aus dem Leben Pius 1^. Unter diesem Titel ist ein kleines Werk von Abbe v. Dumax erschienen (in deutscher Uebersetzung bei Kirchheim in Mainz), das des Interessanten, Rührenden und Erbaulichen viel enthält, und aus welchem das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg einiges von dem minder Bekannten mittheilt. Ein Bild der äußeren Erscheinung des hl. Vaters entwirft ein mitgetheilter Privatbrief in folgender Weise: .... Man hat viele Porträts des Papstes sowohl zu Rom, als zu Paris verfertigt, wenige darunter sind ähnlich, die meisten bleiben weit hinter der Wahrheit zurück. — In der breiten und hohen Stirne Pius IX., seinen ausdrucksvollen Augen mit dem lebhaften Blick voll Scharfsinn, Verstand, Wohlwollen und Güte, dem intelligenten Ausdrucke des Mundes, dem hinreißenden Lächeln, dem Antlitz, über welches eine sanfte Heiterkeit ausgegossen ist, die das Unglück zwar verschleiern, aber nicht gänzlich verwischen konnte, in all' dem liegt ein geheimnißvoller Reiz, den die Künstler nicht wiederzugeben vermochten; fast scheint es, als ob sie nicht wagten, dieses erhabene Antlitz nach Muße zu beschauen. Pius IX. ist über mittlere Größe, seine Haltung ernst und ohne Ziererei, seine ganze Persönlichkeit macht den Eindruck eines überaus wohlwollenden und mit hervorragenden geistigen Kräften ausgestatteten Mannes, ein Eindruck, dem sich Niemand zu entziehen vermag. Am Altare scheint sein Antlitz von einer himmlischen Schönheit zu leuchten; alle Pilger, die ihre Frömmigkeit nach Rom führt, sagen dieß, und selbst die leichtfertigsten Touristen sind gezwungen, es zuzugeben. Ich meinestheils werde nie den erhabenen Eindruck vergessen, der mein Inneres bewegte als es mir zum ersten Male vergönnt war, ihn am Altare zu sehen: Welche Anmuth! Welche Hoheit! Welcher Friede! Welche Frömmigkeit! — Ich hatte herrliche Musik gehört, großartige Feierlichkeiten gesehen .... aber meine Blicke hingen an dem hl. Vater, ich hatte nur Ohren, um seine Stimme zu hören, als er sie in dem Heiligthume erhob, um für die Kirche zu beten und zu segnen. Die Stimme Pius tX. ist sanft und wohlklingend, und hat in der Unterhaltung eine bezaubernde Wirkung; zugleich vermag sie nach Bedürfniß, ohne dabei etwas von ihrem Wohlktang einzubüßen, eine solche Kraft zu entfalten, daß wenige ihr gleichkommen. Es ist, sagt man, eine der schönsten und gewaltigsten Stimmen Roms. Stets waren die Fremden entzückt, wenn sie dieselbe widerhallen hörten an den Gewölben der Peterskirche in dem Gesänge der Präsation, oder des Pater noster, oder wenn in den feierlichen Worten der päpstlichen Segnung am heiligen Ostertage sie über den Petersplatz mit einer Kraft erscholl, daß der letzte Widerhall jenseits des großen Obelisken zurück- tönte! Der Papst spricht gut französisch, kaum einige italienische Worte entschlüpfen ihm in der Unterhaltung mit Franzosen. Seine Sprackweise ist elegant und einfach und trägt in vertrauteren Gesprächen das Gepräge von Wohlwollen und Leutseligkeit und — ich kaun den Ausdruck wiederholen, dessen sich einer seiner Geschichtsschreiber bediente, — einer ausgezeichneten Gutherzigkeit, welche sich nichts von ihrer Würde vergibt und zugleich anzieht. In der Predigt erhebt sich seine Sprache zur Beredsamkeit, und Alle, die ihn predigen hörten, versichern einstimmig, daß er seine Zuhörer fesselt. Beim Empfang zeigt der Papst das herablassendste Wohlwollen. Man hat gesagt, daß dann sein Blick zum Herzen dringt und der Ausdruck seines Gesichtes und sein Lächeln eine unwiderstehliche Wirkung üben; wenn man ihn verlasse, so trage man einen Strahl seiner Seele mit sich. Es beruht dieses auf Wahrheit, und alle jene, welchen die Ehre zu Theil wurde, zugelassen zu werden, haben diese glückliche Erfahrung gemacht. Auch ich habe sie gemacht, und ich wünschte, sagen zu können, mit welcher Güte, welcher väterlichen Zuneigung er die Priester empfängt! wie er sie anredet: mein Sohn! Welch' liebenswürdiges Lächeln seine Lippen belebt! Wie er jeder Bitte nachgibt, die man an ihn richtet, mit welcher Gnade er sie gewährt, mit welcher Rührung er segnet! — O ich wünschte, dieß alles sagen zu lönnen! Werde ich es jemals! Man bewahrt in der Seele einen tiefen Eindruck, welcher sie durchdringt, im Gedächtnisse eine Erinnerung, welche niemals erlischt; aber das Wort ist zu schwach, sie auszudrücken. „Er ist ein geborner Herrscher," schrieb ein Fürst, nachdem er den Papst gesehen; dieß ist wahr, es ist der Eindruck, welchen man sofort empfindet. Einer der römischen Großen drückte nach seiner ersten Audienz mit nicht geringerer Energie den nämlichen Gedanken aus: „Er ist ein König," sagte er, „und man möchte glauben, daß er es stets gewesen ist." Vor kaum einem Jahre schrieb ein französischer Geistlicher zu Rom folgendes an ein religiöses Blatt: Pius lX. ist aus dieser Welt die schönste Personi- ficirung der Güte und christlichen Liebe. Ueber sein Antlitz ist eine unbeschreibliche Mischung von Geist und Sanftmuth ausgegossen, seine lebhafte und für alles Gute empfängliche Seele scheint in seinen Augen und seinen Zügen zu liegen. Einige Wochen früher sagte ein französischer Soldat, indem er von Pius 3S2 IX. sprach: „Es ist ein wohlthuendes Gefühl, ihn zu sehen. Das Herz ist von einem Balsam erquickt, wenn man vom Papste kommt, und man befindet sich für den Rest des Tages in gehobener freudiger Stimmung." Als die junge Prinzessin von Preußen die Peterskirche mit ihrem Vater besuchte, begegneten sie dort dem Papste, welcher einige Worte an sie richtete, wie er sie zu sprechen versteht. Die Prinzessin, obgleich Protestantin, war von Bewunderung hingerissen. . . . Man hatte eine Erfrischung aufgetragen, und lud sie ein, sich zur Tafel zu setzen. „O nein." antwortete sie, „mein Herz. ist zu voll, ich fühle mich gesättigt von dem Glücke Pius !X. gesehen und gehört zu haben." _ Die christlichen Dienstboten. . (Schluß.) Mein Entschluß, Priester zu werden, schien indeß durch ein unerwartetes Ereigniß zu Wasser werden zu wollen, da ein älterer Bruder vom Vater zum Studiren bestimmt und mit Sack und Pack zur Stadt gebracht wurde, um dort Ungestört seine Vorbereitung beginnen und ausführen zu können. Das wollte mir gar nicht gefallen, weil ich meinte, der Vater würde mich nun davon zurückhalten. Wem konnte ich meine Bekümmernisse darüber besser mittheilen, als der guten Marie, die zu Allem Rath wußte? Die sagte mir, das thäte nichts, weil der Vater Geld genug habe, wenn wir auch alle vier studireu wollten. Das beruhigte mich vollkommen; dazu dauerte das Studium des ältern Bruders nicht lange. Kaum war derselbe einige Tage in der Stadt gewesen, als derselbe an einem Abend im Zwielichte wieder auf dem väterlichen Hofe erschien mit der Erklärung, er möge in der Stadt gar nicht sein. Der Vater aber, der von seinem Willen nie abging, bestellte augenblicklich einen Knecht, der den weinenden Gerhard wieder zu seinen Büchern bringen mußte. Dadurch war jedoch seine Lust zum Stadtleben nicht größer geworden. Als wie einige Tage später zusammen zu Mittag speiseten, stellte sich der Student nochmals wieder vor: mit weinenden Augen stand er an der Thüre und gab die Schlußerklärung, er wolle lieber sterben, als länger in derStadt sein I Die Mägde und Schwestern liefen vor Schrecken davon; dem starken Baumeister sogar entfiel aus Furcht vor dem Zorne des Vaters, der vom Stuhle aufsprang und nur mit Mühe von der besänftigenden Mutter zurückgehalten wurde, der Löffel aus der Hand. Keiner glaubte, daß der Vater nachgeben werde! Während dieser so im schweigenden Zorne nach dem stehenden Sohne sah, flüsterte mir die treue Marie, die allein Stand gehalten hatte und neben mir saß, zu, ich möchte sagen, daß ich später gern in der Stadt bleiben und studiren wolle. Ich that das auch ganz beherzt, und gab dadurch der Scene eine sehr glückliche Wendung. Der Vater nannte mich Weiser als den großen Gerhard und schien Plötzlich ganz besänftigt. Den das Aeußerste fürchtenden Bruder holte er an der Hand zum Tische und gestattete ihm ausdrücklich, jetzt zu Hause zu bleiben, „nur müsse er jetzt wissen zu arbeiten," wozu er sich auch sehrbereit erklärte. Als ich dann wieder mit meiner Ju- gendsühreren allein war, wurde ich von ihr angewiesen, die Rückkunft des Bruders aus der Stadt als eine Fügung des lieben Gottes anzusehen, und zu glauben, daß ich, und nicht der andere Bruder, zum Priesterstand berufen sei; nur müßte ich fleißig beten, und schon jetzt anfangen recht fromm zu sein. — In solcher Weise wußte sie einen frommen Sinn in mir zu wecken und Lust zu meinem späteren Berufe zu beleben; kein Wunder, daß ich sie als meine zweite Mutter liebte. Daher wurde ich in die größte Trauer versetzt, als es hieß, sie werde unser verlassen nnd sich weit von da verheirathen. Ich bot Alles auf, ihr Ver- bleiben zu erwirken: bald wandte ich mich an den Vater mit der Bitte, er möge ihr das Weggehen verbieten, dann wäre es ja aus. Der Vater galt mir als ein ganz unumschränkter Gebieter. Bald suchte ich durch die Mutter ihr Verbleiben durchzusetzen, indem ich den Vorschlag machte, die Mutter möge den Vater dazu bewegen, daß er Maria erlaube bei uns zu bleiben und ihren Mann herüber zu holen. Die Mutter trug diese meine Bitte auch wirklich vor, sobald der Vater mit den Arbeitern vom Felde heimgekehrt war. Das gab zu meinem größten Erstaunen eine allgemeine Heiterkeit und ein schallendes Gelächter. Wenn ich bei ihr allein war, wollte ich sie durch allerlei Ueberredungskünste von ihrem Vorhaben abbringen, und ich sah mich genöthiget, das letzte und nach meiner Meinung unfehlbare Mittel, sie zum Verbleiben zu bewegen, in Anwendung zu bringen. In unserem Hause wohnte damals ein Geometer, der die Vermessung der zu verteilenden Heidegründe vornahm. Der hatte mir von seiner Reise einen Stock mit einem großen „goldenen Knopf" mitgebracht, welcher einen Pferdefuß mit blankem Hufeisen vorstellte. Dies Geschenk hatte in meinen Kindesaugen einen solchen Werth, daß ich es für Alles in der Welt nicht lassen, konnte. Der Vater bot mir oft einen blanken Thaler dafür, aber vergeblich; dann sagte er, er wolle mir dafür die Auswahl eines unserer sechs Pferde gestatten, ich aber meinte, der Knopf sei werthvoller, als alle sechs zusammen. Nach langem Bedenken, als alle Mittel erschöpft waren, beschloß ich, durch Hinopferung meines „immensen" Schatzes meine gute Jugendführerin zum Bleiben gleichsam zu zwingen. An einem Sonntag Morgen, als sie mir eben wieder durch ihren Unterricht eine große Freude gemacht hatte, nahm ich beherzt ein großes Messer, schnitt den schönen Knopf wirklich vom Stocke ab und reichte ihr denselben unter der Bedingung ihres Verbleibens. Dieser rührende Act meiner kindlichen Anhänglichkeit ging der Person so zu Herzen, daß kie sich der Thränen nicht erwehren konnte, wie ich mich noch sehr deutlich erinnere. Und doch erreichte ich meine Absicht nicht! Sie verließ unser Haus, und auch ich wurde bald zur Stadt geschickt, wo ich der weiten Entfernung des elterlichen Hauses wegen im Hause des Lehrers Wohnung und Aufnahme fand. Jene Person habe ich in meinem Leben nie wieder gesehen, ihr Andenken aber blieb immer bei mir in Segen. — Nach eingezogenen Erkundigungen ist sie, die von Aaus aus arm war, von Gott auch mit zeitlichem Segen ungewöhnlich beglückt, dessen sie nach obiger, wahrheitsgetreuer Schilderung in ihrer Dienstzeit so würdig geworden ist, und lebt jetzt im hohen Alter glücklich und zufrieden." — So weit die Erzählung meines Freundes. Das ist ein Beispiel aus der Wirklichkeit. So kann ein treuer Dienstbote im Stillen durch frommen Einfluß auf die Kinder des Hauses einen Dienst leisten, der nach Geldeswerth nicht abgeschätzt werden kann. So kann eine gute Magd oder ein guter Knecht durch Theilnahme an der Erziehung der Kinder der Herrschaft sich des göttlichen Segens für das ganze künftige Leben gewiß machen, und Herrschaft und Kinder zu lebenslänglichem Danke verpflichten. So hat auch im Stillen der Heiland seine Lehrer und Diener gelehrt, die wirken zu seiner Ehre und zur Ausbreitung seines heiligen Reiches. So bestellt der Heiland nicht allein die seligen Geister des Himmels, sondern auch fromme Menschen zu Schutzengeln der Unschuld. Veilchen und Tulpe. 6. Mutter! — sagte einst Clara — die Tulpe prangt so majestätisch schön, das Veilchen ist kaum sichtbar. 381 5-->r Aber das^ Veilchen, mein Kind! verbreitet einen lieblichen Geruch, die Tulpe einen unangenehmen Duft. — Was wird hieraus folgen? Daß wir die Tulpe stehen lassen, wenn wir uns an ihr satt gesehen, das Veilchen hingegen an die Brust stecken, bis es verdorrt. Wer, glaubst Du; ist vor dem Winde besser geschützt, Deichen oder Tulpe? Das Veilchen. Leicht biegt sich der Stiel mit dem Blümchen, der Tulpe hochaufstrebender Stengel jedoch wird gebrochen, sie selbst entblättert. Siehe! so ist das Gute oder Böse nie vereinzelt, sondern stets vereint mit mehren Vorzügen oder mehreren Gebrechen in der großen Welt sowohl der herrlichen Schöpfung, als auch in der kleinen Welt des menschlichen Herzens. — Was versinnbilden Veilchen und Tulpe? Demuth und Hoffart. Das demüthige Herz wirkt im Stillen. Der hoffärtige Geist prangt mit Wahnverdienst und Scheinverdienst, selten mit wahren Vorzügen. Ist nun die ungesuchte Demuth gefunden, so verbreitet sie einen lieblich lockenden Duft. Der Stolze hingegen macht selbst angenehme Vorzüge niedrig durch Eigendünkel und Eigenlob. — Was wird die Folge davon sein? Sie schwebt uns vor in der Betrachtung von Veilchen und Tulpe. Recht so. Die vielleicht bewunderten Vorzüge des Hvffärtigen lassen uns gegen ihn selbst gleichgiltig, wenn wir uns in der Bewunderung ersättigt. Am demüthigen Herzen vergessen wir gerne seine Unvollkommenheiten, ziehen es an unsere Freundesbrust, bis ihm oder uns der ewige Friede winkt. Mutter! nun erklärt sich auch, warum der Demüthige fest dem Unglücke trotzt, der Hoffärtige erliegt. Der Sturm beugt den Ersteren zwar, allein der Gebeugte erhebt sich am Freundesherzen im tröstenden Bewußtsein, daß er nicht vereinzelt stehe. Der Hoffärtige, welcher nie sich beugen gelernt, wird gebrochen vom schrecklichen Gefühle gänzlicher Verlassenheit, die er im Glücke selbst gesucht. Du hast's nur annähernd getroffen, Clara! Allerdings erhebt den Demüthigen der Trost, daß seine Thränen nicht ungezählt fließen, schmettert den Hvffärtigen das Bewußtsein nieder gänzlicher Verlassenheit. Allein diese belebenden und vernichtenden Gefühle ruhen nicht immer im Vertrauen auf menschliche Freundschaft, welche der Uebermüthige nach seiner Weise im Glücke nicht verschmähte, der Demuthvolle im Unglücke oft nicht findet. Worin beruhen sie dann, wenn nicht im Vertrauen auf göttliche Freundschaft? Jetzt bist Du auf dem rechten Wege. Der Demüthige setzt seine Stärke in Gott, der Hoffärtige die seine in sich selbst. — Wer wird besser das Unglück tragen können? Der welcher mit Gott, nicht jener welcher ohne Gott trägt. Dies Letztere versucht der Hochmüthige, der selbst in der Stunde der Prüfung Gott nicht finden will. Thörichte Furcht. Als der deutsche König Rupert gefährlich krank darnieder lag und an den Empfang der heil. Sacramente der Buße und des Altars ermähnt wurde, sich auch die h. Oelung ertheilen zu lassen, weigerte er sich dessen mit dem Vorgeben, er müsse sonst sterben. Da nun die Krankheit überhand nahm, willigte er endlich ein. Wie er nun bei der Spendung dieses hl. Sacramentes den Priester auch um die Gesundheit des Leibes beten hörte, rief er aus: „Hätte ich gewußt, daß die letzte Oelung auch zur Gesundheit des Leibes verhilflich sei, würde ich sie schon langst empfangen haben." Er wurde auch wirklich gesund. Redactivn u»v Verlag: Dr. M. Hu liier. — Druck »au 3. M. Klei nie. AWhSM AMljMIt. 49. 2. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. (Fortsetzung.) „Ohne Zweifel," sagt Brownson in der erwähnten Schrift, „hat die katholische Bevölkerung unseres Landes, größtentheils ein Zusammenfluß aus den niederen Classen in der alten Welt, soweit in dreihundert Jahren ihre Vater von der Bigotterie, der Unduldsamkeit, den Verfolgungen, den Unterdrückungen Seitens protestantischer oder halbprotestantischer Regierungen zu leiden hatten, manche Züge angenommen in ihrem Charakter, ihren Sitten und ihrem Betragen, welche für den nichtkatholischen Amerikaner äußerlich wenig Anziehendes, ja etwas Abstoßendes haben. Unleugbar mag sich in unseren größeren Städten eine, leider, unverhältnißmäßig zahlreiche Volksclasse von Namenkatholiken finden, die weder ihrer Religion, noch dem Lande ihrer Geburt oder dem Lande, das sie aufgenommen, zur Ehre gereichen. Kein Katholik wird leugnen, daß die Kirche dieser Leute schmählich vernachlässigt worden, daß man sie ohne den geringsten Unterricht in den Grundlehren der Sittlichkeit und Religion aufwachsen und unsern lasterhaften Pöbel, die Menge unserer Taugenichtse und Galgenstricke anschwellen läßt. Das ist gewiß sehr zu beklagen, aber es erklärt sich leicht, ohne ein übles Licht auf die Kirche zu werfen, wenn man die nachteiligen Verhältnisse in Erwägung zieht: die Lage, in welcher diese Leute sich befanden, ehe sie hieher kamen; die Enttäuschungen und Entmuthigungen im fremden Lande; die Wehrlosigkeit den neuen und unvorgesehcnen Versuchungen gegenüber; die Thatsache, daß sie auch in ihrer Heimat nicht zu den besten Katholiken gehörten; ihre Armuth, Verlassenheit, Unwissenheit, mangelhafte Bildung, nebst einer gewissen Unbeholfenheit und Sorglosigkeit; endlich unsern großen Mangel an Schulen, Kirchen und Priestern. Es ist übrigens das Verhältniß dieser Leute zu unserer ganzen katholischen Bevölkerung ein weit geringeres, als man gewöhnlich annimmt. Auch sind sie nicht so durch und durch verdorben, als sie scheinen; denn selten oder nie bekümmern sie sich um ihr Aeußeres und sie verstehen es schlecht, ihre Fehler zu verbergen. Wie tief sie auch stehen und wie verkommen sie auch sein mögen, so sind sie doch nie so gemein und lasterhaft als die entsprechende Classe von Protestanten in protestantischen Ländern. Ein lasterhafter protestantischer Pöbel ist immer schlechter, ein lasterhafter katholischer immer besser, als er zu sein scheint. In den Schlechtesten unter diesen ist immer noch ein Keim, der mit angemessener Sorgfalt zum Leben herangezogen werden, Blüthe treiben und Frucht bringen kann. In unseren engen Gassen, geschlossenen Häfen, dumpfen Kellern und schwülen Bodenkammern, wo es wie in einem Bienenstöcke schwärmt und summt, — im tiefsten Schmutz und im zerlumptesten Elend, wo der Trunk die Luft verpestet und die Lästerung laut aufjauchzt und flucht, — da, wo man äußerlich nichts sieht, als Höhlen des Lasters und des Verbrechens und der Schande, da findet man oft einzelne Personen, von welchen man wohl annehmen darf, sie haben ihre Taufunschuld noch nicht 4 ' ' zss " verloren, wahre llour» >le Nai'ie, die sich immer rein und unbefleckt erhalten und die in ihrem niederen Lebenskreise glänzende Beispiele liefern der helden- müthigsten, christlichen Tugenden. Der größere Theil unserer katholischen Bevölkerung besteht aus ungelehrten Bauern, armen Handwerkern, Dienstmädchen und Taglöhnern aus verschiedenen Theilen Europa's; wenn auch an sich ganz schätzbare Leute und brauchbare Kräfte für das Land, können sie doch, wenigstens von einem weltlichen und gesellschaftlichen Standpuncte aus gesehen, nicht für solche gelten, nach welchen über die Katholiken ihrer Heimat ein unbefangenes Urtheil zu fällen möglich wäre. Der katholische Adel, die gebildeteren, wohlhabenderen Classen, die besseren Schichten im Gcwerbestande sind nicht hierher gewandert. Zwei oder drei Millionen aus den niederen, ärmeren, weniger gebildeten, und oft weniger tugendhaften Classen des katholischen Volkes in Europa sind in einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraume an unsre Ufer geworfen worden, ohne oder fast ohne daß Vorsorge getroffen worden wäre für die Befriedigung ihrer geistigen, sittlichen oder religiösen Bedürfnisse. Und dennoch sehen wir, was diese Bevölkerung ist und was mit jedem Jahre mehr aus ihr erwächst, so können wir nur staunen über ihre wunderbare Willenskraft und ihre Fortschritte. Die geistige Thätigkeit der Katholiken tritt, wenn man Alles erwägt, weit glänzender hervor als die unserer nicht- katholischen Landsleute, und im Verhältniß zu ihrer Anzahl und ihren Mitteln tragen sie weit mehr als irgend eine andere Classe der amerikanischen Bürger- schaft zu Erziehungs zwecken, für niedere und höhere Bildungsanstalten bei, denn aus dem öffentlichen Schatze erhalten sie wenig oder nichts, und außer dem, was sie für ihre eigenen zahlreichen Schulen thun, haben sie ihren Beitrag zu liefern für die Staatsanstaltcn. Ich behaupte nicht, daß die katholische Bevölkerung unseres Landes lite- rarisch hoch stehe, oder daß ihr als einem Ganzen überhaupt nur in einigermaßen strengem Sinne geistige Bildung zugeschrieben werden dürfe. Wie wäre das möglich, da die meisten dieser Leute sich abzuarbeiten hatten um das tägliche Brod und alle ihre Kräfte in Anspruch genommen sahen durch die Sorge für die dringendsten Bedürfnisse der Religion und ihrer persönlichen und häuslichen Selstständigkeit? Gleichwohl ist ein achtbares katholisch-amerikanisches Schriftenthum im Aufblühen begriffen, und die Katholiken haben ihre Vertreter unter den ersten Gelehrten und wissenschaftlichen Größen des Landes. In der Metaphysik, in der theoretischen und praktischen Philosophie stehen sie bereits an der Spitze; in der Naturgeschichte und den physikalischen Wissenschaften bleiben sie nicht weit zurück; und wird erst einmal die Schranke gefallen sein zwischen ihnen und der nichtkatholischen Lesewelt, so werden sie in der gemeinnützigen und schönwissenschaftlichen Literatur bald die erste Stelle einnehmen. Noch ist unser eigenes lesendes Publicum aus den oben erwähnten Ursachen leider nicht zahlreich genug, um den Schriftstellern aufmunternd entgegenzukommen, und die übrige Lesewelt macht es sich zum Gesetze, unsere, der Katholiken, literarische Bemühungen zu übersehen*). Aber das wird nicht immer so fortgehen, denn es streitet mit den Vortheilen und dem Geiste aller edelfreicn Bildung, und die katholischen Schriftsteller werden bald ein Publicum finden, das ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Die Nichtkatholiken thun sich selbst großes Unrecht, .indem sie nach dem Grundsätze handeln, von Nazareth könne nichts Gutes kommen; denn in dem, was wir selbst schreiben, was wir von den Werken unserer Brüder im Lrititschen Reiche abdrucken, und was wir an katholischen Büchern aus dem *) Dieselbe Erscheinung macht sich auch bei uns täglich bemerkbar. Die hervorragendsten Erzeugnisse katholischer Schriftsteller werden vornehm ignorirt oder nur erwähnt, um durch geringschätzende Kritik und wegwerfendes Urtheil ihrem Eindringen in das lesende Publicum entgegenzuarbeiten. Ueberall doch dieselbe Tactik! Deutschen, Französischen, Spanischen und Italienischen übersetzen, haben wir bereits eine reichere und auch vom gelehrten und wissenschaftlichen Standpuncte aus betrachtet gewichtvollere Literatur, als unsere Gegner vermuthen. Ich habe lange und genaue Bekanntschaft gepflogen mit dem protestantischen Klerus der Vereinigten Staaten und bin keineswegs geneigt, die natürlichen Fähigkeiten oder die gelehrten und wissenschaftlichen Kenntnisse desselben zu niedrig anzuschlagen, und wiewohl ich die jetzt lebenden Mitglieder desselben für sehr tief unter ihren Vorgängern stehend erachte, so habe ich doch hohe Achtung vor den Beiträgen, die sie zur Wissenschaft und Literatur unseres ge- s meiusamen Vaterlandes geliefert haben und zu liefern fortfahren. Aber unsere katholische Geistlichkeit wiewohl in mancher Beziehung wegen Ungunst der Verhältnisse weniger gebildet, als sie es sein sollte, kann, abgesehen von solchen Mitgliedern, deren Muttersprache nicht die unsere ist, in Bezug auf Genauigkeit und Feinheit im englischen Ausdrucke nicht anders als sehr zu ihrem Vortheile mit Jenen verglichen werden. Im Ganzen genommen übertrifft sie den nicht- katholischen Klerus an wohl eingeschulter Logik, an theologischer Wissenschaftlich- keit und an Gründlichkeit, nicht selten auch an Reichthum und Mannigfaltigkeit der Kenntnisse. Ich habe in der That unter den Katholiken in ihrem Denken, ihrem sittlichen Urtheil, ihrem persönlichen und gesellschaftlichen Verhalten einen höheren Ton vorwaltend gefunden, als ich ihn jemals auch unter günstigeren Verhältnissen bei meinen nichtkatholischen Landsleuten zu beobachten Gelegenheit hatte; und nimmt man die katholische Bevölkerung unseres Landes auch nur als das, was sie unter allen Nachtheilen ihrer Lage gegenwärtig ist, so wird auch der gebildetste und feinste Mann der Wissenschaft oder der Gesellschaft nichts finden, weshalb er sich zu schämen brauchte und nicht gern bekennen möchte, er sei ein Katholik. — s -Freilich habe ich Ursache gehabt, mich über Katholiken bei uns und in andern Ländern zu beklagen; allein nicht, als stünden sie in Vergleich mit den Nichtkatholiken auf tieferer Stufe, sondern weil sie von der Höhe, die sie als Katholiken behaupten sollten, herabgesunken sind. Ich finde in der Denk- und Handlungsweise zwar lange nicht Aller, aber doch nur zu Vieler wie zur andern Natur geworden einen Mangel an männlichem Muthe, an Willenskraft und Geradheit, welche mir als eine eben so große Unklugheit erscheinen, wie sie für die Besscrgesinnten unter den Engländern und Amerikanern etwas Abstoßendes haben. In Dingen, die nicht zum Glauben gehören, herrscht unter uns weniger Einmüthigkeit und weniger Hochsinn, weniger Schicklichkeitsgefühl und weniger Neigung, alle berechtigten Meinungsverschiedenheiten sich frei aussprechen zu lassen, als man erwarten sollte. Aber ich weiß ja, daß ich selber nicht unfehlbar bin, und mich vielleicht beklage, wo ich es nicht sollte. Vieles mag mir als Unrecht erscheinen, weil ich nicht daran gewöhnt bin. Einiges muß auf das eigenthümliche Wesen des Volkscharakters und seine Entwickelung zurückgeführt werden; und was weder durch natürliche noch durch geschichtliche Verhältnisse zu ^ rechtfertigen oder zu entschuldigen sein möchte, das läßt sich in allen Fällen aus Ursachen herleiten, die mit der Religion nichts gemein haben. Die Gewohn- > heiten und Eigenthümlichkeiten, welche mir am wenigsten behagen wollen, sind offenbar daher entsprungen, daß unsere Katholiken größtenteils aus Ländern eingewandert sind, wo entweder der katholische Theil der Bevölkerung unterdrückt wurde von einer nichtkatholichen Regierung, die grundsätzlich den Katholicismus zu schwächen und zu ersticken suchte, oder wo der Staat dem Despotismus verfallen war, welcher aus den unseligen Religionswirren im 16. Jahrhundert hervorging, und welcher dem gemeinen Volke keine Rechte zuerkannte und ihm nicht > gestattete, sich der herrschenden Masse gleich zu achten. Unter den despotischen ! Regierungen einiger katholischer Länder und unter der Bigotterie und Jntole- ranz protestantischer Staaten konnte es kaum fehlen, daß sie sich mancherlei angewöhnten, was nicht stimmt zu der Art nnd Weise solcher, die niemals verfolgt wurden und sich nie gezwungen sahen, um leben zu können, darauf zu sinnen, wie sie grausamen Willkürgesetzen oder den Launen eines Gewaltherrn ausweichen möchten. (Schluß folgt.) Misfionsberichte -es hochw. I*. Franz Xaver Weninger. Ich begann das Jahr 1859 in Cincinnati, mit meiner eigenen Mission, d. h. mit den geistlichen Uebungen des hl. Jgnazius. Diese Ordnung hat kür mich eine ganz eigene Wichtigkeit und Bedeutung. Da mich nämlich mein Beruf als Missionär dazu auffordert, Anderen aus allen meinen Kräften beizustehen, damit sie das Geschäft ihres Heiles in Sicherheit setzen, so thue ich wohl am Besten, wenn ich bei dem Beginne des Jahres zuerst bei mir selbst anfange. Denn „was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und an seiner Seele Schaden leidet." Ueberdies sind Exercitien gerade das von Gott begnadigte Mittel, den Eifer für die Ehre Gottes und die Rettung der Seelen immer von Neuem zu beleben. Bekannterweise ging die Stiftung der Gesellschaft Jesu, deren mindestes Glied ich mich zu nennen das Glück habe, eben aus den geistlichen Uebungen hervor, welche der hl. Jgnazius einst mit sich selbst zu Manrosa hielt. Ich thue demnach gut, wenn ich diesem Winke folgend jährlich die ^geistlichen Uebungen in Cincinnati durchmache, und dann als Fortsetzung derselben die Missionen gebe. — Ich Pflege scherzweise mich eines Vergleiches zu bedienen, den mir besonders Amerika überall vor Augen stellt. Ich Pflege nämlich zu sagen: Zuerst heize ich die Locomotive und erhebe die Dampfkraft, dann hänge ich die Waggons der Misston an und fahre davon. Es versteht sich, daß man dabei auch während der Fahrt nicht unterlassen darf, nachzuheizen und nachzupumpen, aber vorerst hat nian die Dampfkraft selbst gehörig zu conden- siren. So eben, was den Seeleneifer für das Werk der Missionen, und über^ Haupt der Seelsorge betrifft. — „Mich verlangt nicht, von deiner Armuth reich zu werden," so ruft der hl. Bernhard denjenigen Arbeitern im Weinberg des Herrn zu, die viel arbeiten aber wenig beten. Die erste Mission gab ich hierauf in der Stadt Louisburgh, Cincinnati gegenüber. Die Mission kam um so gelegener, da so eben ein großes Vergehen des Pfarrers derselben Gemeinde gewaltiges Aergerniß gegeben hatte. Jetzt befindet dieselbe sich wieder in einem vortrefflichen Zustand. — Ich gab hierauf noch vier Missionen in der Diöcese Fort-Wayne, und entschloß mich, dieses Jahr Texas mit Missionen zu bereisen. Ich hatte bereits vor zehn Jahren dem hochwürdigsten Bischof von Gal- veston, Hrn. Odin, versprochen, seine Diöcese mit Missionen zu bereisen; allein es war mir nicht möglich, es früher zu thun, und so war es besser. Die Mission konnte nicht gelegener kommen als gerade dieses Jahr, wo Texas beinahe alle seine deutschen Priester zugleich verlieren sollte. — Ich gestehe jedoch daß ich übergroße Beschwerden von dieser Mission befürchtete, wenngleich ich nicht wußte, woher insbesondere dieselben mir erwachsen würden. Ich wußte nur, daß es ein tropisches Klima habe und von unzähligen giftigen Jnsecten wimmle, und daß das gelbe Fieber an der Küste des Golfes von Merico in entsetzlicher Weise wüthe. Indeß es gab andere noch größere Hindernisse zu überwältigen, wie der Verlauf meiner Erzählung sogleich darüber Aufschluß gehen wird. Ich reiste von Cincinnati mit Anfang des Monats März ab. Der Bischof wünschte, ich sollte die Mission in der Faste beginnen. Leider war damals die Eisenbahn bis New-Orleans noch nicht vollständig fertig, wie sie es heute ist, und so mußte ich einen Tag und zwei Nächte in amerikanischen Reisekutschen> und zwar durch die Moräste und Wälder des Staates Misfisippi zubringen. Nie hat mich eine Reise so sehr erschöpft wie diese. Die Passagiere an diesen Plätzen waren öfter genöthigt, mit aller Anstrengung die mit Koffern bepackten Wagen aus den Morasthöhlen herauszuheben, und neben denselben im tiefen Koth zu waten. Wie froh ist man dann, wenn man nach solchen Strapazen wieder das Pfeifen der Eisenbahn hört! Durch Hilfe deS Dampfes gelang es mir dennoch, die Strecke von 1600 englischen Meilen in drei Tagen zurückzulegen. Die ganze Reise von Cincinnati nach Galveston kann jetzt in H Tagen zurückgelegt werden. — Ich begann die Mission in der Kathedrale selbst, und zwar am ersten Fasten-Sonntag. Bald wurde es mir nun klar, welche Prüfung der Herr mir besonders für Texas aufbewahrt habe. Es war nicht sowohl das Klima und die physischen Uebelstände, als der Fanatismus der Methodisten, die besonders hier in Texas mächtig sind. — Die Veranlassung zu dieser Art von Raserei und Opposition der Methodisten gab der „Wahrheitsfreund" von Cincinnati. Derselbe verkündigte meine Abreise nach Texas mit der Bemerkung, daß ich daselbst den Methodismus zu begraben gedächte. Diese Aeußerung brachte die Methodisten in Angst und Wuth. Die Redacteure eines ihrer Haupt-Jour- nale, nämlich „des christlichen Apologeten," stellten sich an die Spitze der Bewegung. Sowie die Mission begann, störmten diese Methodisten schaarenweise herbei, und die Pastoren notirten sich bei der Predigt, was ihnen besonders ausfiel. Indeß sie konnten dabei wenig gewinnen; ich gab die Mission nach ihrer Ordnung und polemisirte nicht. — Da bot ihnen der Beichtstuhl mehr Gelegenheit zu Verleumdungen dar. Es gibt in Texas eine Unzahl von gemischten Ehen, und leider ist bei sehr vielen die katholische Kindererziehung nicht gesichert. Da hieß es nun auf einmal, und wurde auch sogleich durch Zeitungen ausposaunt, es habe eine katholische Frau bei mir gebeichtet, die einen protestantischen Mann, einen Büchsenmacher, geheiratet, und die ihre Kinder in der protestantischen Kirche taufen und protestantisch erziehen ließ. Dieser Frau nun hätte ich gesagt, daß die Taufe ungiltig sei, und daß sie besser gethan hätte, wenn sie die Kinder in kochendes Wasser gesetzt und ihnen die Haut über die Ohren herabgezogen hätte. Jeder Mensch sieht leicht ein, was an der Sache Wahres gewesen sei, und wie der Lügengeist die Sache entstellte, um den Methodisten einen solchen Braten aufzutischen, nach welchem ihnen gerade gelüstete.— Herr Mölnig, der Redacteur des Apologeten, ein abgefallener Katholik, richtete demnach, und zwar. im Namen aller Protestanten von Galveston ein offenes Sendschreiben an mich, mit der Aufforderung, ich sollte mich über diesen Beichtfall vertheidigen. Ich ergriff diese Gelegenheit, um, abgesehen von dem Beichtfalle, einige Fragen zu beantworten, die sich auf solche Lehren der h. Kirche beziehen, welche von den Feinden derselben besonders entstellt zu werden Pflegen. Ich schrieb ein Pamphlet. Im Eingang erklärte ich Hrn. Mölnig, daß ich sein Schreiben, wenn es indessen alleinigem Namen an mich gerichtet gewesen wäre, Wetters auch nicht berücksichtigt hätte. Ihn treffe der Ausspruch des deutschen Dichters: „Ein solcher Wurm erstickt in seinem eigenen Gestank." Wenn ich dessenungeachtet auf eine Antwort eingehe, so geschehe es nur aus Rücksicht aus die Protestanten von ganz Galveston, in deren Namen er das Schreiben an mich gerichtet habe. Unter diesen seien allerdings ehrenwerthe Männer und für diese sei die Antwort geschrieben. Ich bemerkte jedoch, wie unpassend es für ihn als abgefallenen Katholiken sei, mich über einen Beichtsall zu fragen. Er wisse doch, daß ich als kathol. Priester daraus nicht antworten könne. Wolle er und Consorten wissen, Wie ich Beichtende anzureden Pflege, so möge er selbst kommen und beichten. — 390 Die Fragen, die ich dann abgesehen vorn Beichtfalle selbst^ beantwortete, waren diese: 1. Was halten wir Katholiken von der Taufe durch Protestanten ertheilt, und warum werde dieselbe zeitweise unter Bedingung ertheilt? , 2. Warum verlangt die lathol. Kirche die lathol. Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen, und was ist von einer katholischen Mutter zu halten, welche die kathol. Kirche als die allein seligmachende Kirche erkennt, und ihre Kinder dennoch aus Rücksicht für ihren Mann protestantisch erziehen läßt? 3. Verdammen wir Katholiken die Protestanten, wenn wir behaupten, daß die kathol. Kirche die allein seligmachende sei, oder verdammen sich dieselben selbst, wenn sie freiwillig irren? Ist freiwilliger Irrthum im Glauben wirklich eine schwere Sünde. 5. Ist der Beweisgrund für die Wahrheit der kathol. Kirche wirklich durchaus an und für sich peremtorisch: Die erste Kirche die wahre? Diese Fragen beantwortete ich so bündig, einfach und klar, als es mir nur möglich war, und ließ das Pamphlet an den protestantischen Kirchthüren vertheilen. — Der Eindruck war ein gewaltiger. Während man früher aus offener Straße debattirte, verstummte nun Alles. (Fortsetzung folgt.) Zufall oder Strafe. Bei der immer höher steigenden Fluth der Gottlosigkeit und des Sitten- verderbnisses in Italien treten auch immer häufiger merkwürdige Erscheinungen zu Tage, in welchen das noch gläubige Volk mit Recht die strafende Hand Gottes erkennt. Als neulich der Präsident der sardonischen Kammer das Ver- zeichniß der Abgeordneten aus den annexirten Staaten verlas und eben die Namen der Deputirten aus der Nomagna, jener dem Papste und der katholischen Kirche gewaltsam entrissenen Provinz, aussprechen wollte, sank er vom Schlage getroffen ohnmächtig nieder und mußte aus dem Saale bewußtlos fortgetragen werden. Dieser Vorfall verursachte unter den Anwesenden einen solchen Schrecken, daß die beiden ältesten Glieder der Kammer, welche das Präsidium zu übernehmen gebeten wurden, diese Ehre ablehnten. Noch auffallender ist folgender Fall, der erst vor wenigen Tagen in den öffentlichen Blättern mitgetheilt wurde. Ein Gottloser trat in ein Wirthshaus und forderte ein Glas Liqueur mit den Worten: „Gebt mir für zwei Kreuzer von der Excommunication!" Er trank das Glas in einem Zuge aus >— und fiel todt zu Boden. An einem Wallfahrtsorte fand ein wohlbeleibter Volksversührer sich bemüßigt, eine Versammlung in der Nähe der Kirche zu halten und gegen die Excommunication zu Felde zu ziehen. Der Pfarrer öffnet seine Kirche und läßt mit der Glocke ein Zeichen zum Gebete geben; Alles eilt zur Kirche, wo der Priester über den geistigen Tod spricht. Der Volksverführer lästert fort und ereifert sich im Fluchen so sehr, daß er, vom Schlage getroffen, zusammenbrach. Ein Student, der in Rom den Universitätsscandal gegen die Unterzeichnung der Adresse an den Papst veranlaßt und öfter gesagt hatte, es sei besser zu sterben, denn als Sclave der Priester zu leben, bekam plötzlich den Blutsturz und erklärte in der Todesgefahr vor einem Priester und vor eigens berufenen Zeugen, er nehme den frevelhaften, von ihmden geheimen Gesellschaften geschworenen Eid zurück und bitte um Verzeihung des gegebenen Aergernisses. Er starb eines christlichen Todes. — In Bologna starb eines jähen Todes jener Deputirte der Nationalversammlung, welcher das Decret der Entthronung des heiligen Vaters verfaßt hatte. — Zu Cesena, einer gleichfalls in der Roma- gna gelegenen Stadt, ließ sich Graf Spada zum Deputirten wählen und war Tags darauf eine Leiche. — Salvagnoli in Florenz, der dort den Cultusminister abgab, hatte kaum durch ein Decret das Concordat mit dem heiligen Stuhl außer Kraft gesetzt, als er vom Schlage gerührt wurde. Er ließ zwar einen Priester rufen, allein da er sich weigerte, sein Decret zu widerrufen, wurden ihm die hl. Sacramente nicht gereicht. — Vor etwa zwei Monaten ging ein Dampfschiff auf dem Wege von Livorno nach der Insel Corsica in der Nähe von Bastia zu Grunde. Auf demselben befand sich eine Schauspielertruppe, die kurz zuvor in Florenz ein schändliches Stück zur Verhöhnung des heiligen Vaters aufgeführt hatte. Eine freche Dirne hatte darin den Papst gespielt, war aber noch am selben Abend in Wahnsinn verfallen, in welchem sie sich aus dem Fenster auf das Pflaster herabstürzte und todt blieb; ihre übrige Gesellschaft fand danach den Tod in den Wellen. — Als jüngst eine Abtheilung päpstlicher Gendarmen unter Oberst Pimodan von dem Strerfzuge gegen die aus Toscana eingefallenen Freischärler heimkehrte, klagte ein Osficier über seine Erschöpfung, die ihm den Weitermarsch unmöglich machte. Oberst Pimodan überließ ihm deßhalb sein Pferd, das jedoch der Unglückliche kaum bestiegen hatte, als er herab geschleudert ward, wobei ihm die Hirnschale so schwer verletzt wurde, daß er daran starb. Da fand sich unter seinen Papieren der schriftliche Beweis, daß daß er bereits mit den Aufrührern in Unterhandlung getreten war und die Zusicherung von 2000 römischen Thalern im Fall seines Desertirens erhalten hatte. — Aus diesen wohlverbürgten Strafbeispielen geht hervor, daß Gott immer noch der Herr ist über Leben und Tod und daß er schon dafür zu sorgen weiß, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Unsere Hoffnung. Eines Tages — vor beinahe 1000 Jahren — als die Raubschaaren der Saracenen ganz Italien bedrohten, erschienen neapolitanische Gesandte im Lager eines Emirs, um ein Bündniß zu schließen. Aber dieser würdigte sie nicht einmal einer Audienz, sondern ließ ihnen, nachdem er sie einige Tage in einer angstvollen Ungewißheit gehalten hatte, folgende verhöhnende Antwort geben: „Diese Leute mögen in ihre Heimat zurückkehren und ihren elenden Herren sagen, daß die Sorge für das Abendland mir gebühre. Ich werde schon wissen, nach meinem Gutdünken das Schicksal seiner Bewohner zu regeln. Sie mögen abreisen und es sich merken, daß ich nicht blos Neapel und seine ganze Umgebung zum Untergänge verurtheilt habe, sondern auch die Stadt jenes schwachen Greises, den sie Petrus nennen." Wenige Tage nachher, sagt die alte Legende, schlief dieser Fürst der Ungläubigen in einer alten Capelle, als Plötzlich eine ehrwürdige Gestalt vor ihn trat. Der Emir ist unwillig, daß man so seinen Schlaf stört und stößt im Traume heftige Drohungen aus, aber plötzlich fühlt er sich von einem Stäbe getroffen, den die Erscheinung in der Hand führte. Erschreckt fährt er aus dem Schlafe auf, ruft seine Wache und befiehlt, nachzuforschen, ob sich irgend ein Römer in seinem Lager befinde, und ihn dann herbeizuführen. „Als man mich entdeckt hatte — berichtet der Erzähler — führten sie mich vor den Emir." „Male mir, rief er, das Gesicht des Greises Petrus." „Ich kenne keinen Petrus," antwortete ich ängstlich. „Aber, rief der Emir von Neuem, ich meine den Petrus von Rom." Als ich ihm dann die Gesichtszüge des h. Petrus hingemalt hatte, sagte er: „Ja, ich erkenne ihn wieder; er ist es, der mich tödtlich verwundet hat während des Schlafes, gerade da, als ich so eben in Gedanken den Plan zur Eroberung des Abendlandes und vor Allem zur Vernichtung Moms entworfen hatte." Diese alte Geschichte bleibt ewig wahr und neu; unter welchem Namen immer der Feind der christlichen Civilisation, der Verwüster des Friedens, der Ehre und des Lebens der Völker auftritt, gegen den heil. Petrus — gegen den Papst, seinen Nachfolger — richtet er seine grimmigsten, unaufhörlich wieder- ^ holten Angriffe; es ist die Vernichtung der Kirche, ihrer Autorität, ihrer Unabhängigkeit, worauf er neben seinen andern finstern Planen vorzugsweise sinnt. Aber welche Prüfungen auch über den h. Stuhl in seiner Bedrängniß ergehen mögen, welche Grausamkeit, Perfidie und Schwäche auch immerhin sich verbünden 1 mögen, um ihn zu beschimpfen, zu berauben und zu demüthigen — er ist es, welcher thatsächlich alle Gewaltthätigkeit wie alle Ränke beherrscht; es ist der Stab des schwachen Greises, welcher die stolzesten Gegner zu Boden wirft; es ist der hl. Petrus, welcher die Feinde des Herrn und der Gesellschaft tödtlich verwundet. Die Wirkung der Bilder. Ein katholischer Geistlicher ist einmal mit der hl. Wegzehrung zu einem Schwindsüchtigen gekommen, der beim Empfang des hl. Sacramentes, obwohl unter Protestanten lebend, einen ungewöhnlich kräftigen Glauben und innige Andacht an den Tag legte und ihm Folgendes erzählte: Von katholischen Eltern gut erzogen entschied er sich bei der Standeswahl für das Geschäft eines Weinhändlers, bei dem er allmälig, indem er den verschiedenen Versuchungen unterlag, ein leidenschaftlicher Trinker wurde. Die Vorwürfe seines Gewissens über die dadurch herbeigeführte Zerrüttung seiner häuslichen Verhältnisse suchte er durch unmäßigen Branntweingenuß zu übertäuben. Das religiöse Gefühl war längst abgestumpft. Eines Abends spät kehrte er von einem Geschäftsgang in seinen Wohnort zurück, fiel in der Trunkenheit nieder und blieb liegen. Als er Morgens aus dem Schlaf erwachte, sah er über sich das Bild des Gekreuzigten, da er gerade unter einem Feldkreuz niedergefallen war. Dieser unerwartete Anblick und der Umstand, daß er eine kalte Märznacht ohne Schaden auf freiem Felde zugebracht hatte, machte einen so tiefen Eindruck auf den Mann, daß er an Ort und Stelle unter einem Strom von Reuethränen das Gelübde ablegte, nie mehr einen Tropfen Branntwein zu trinken. Zugleich hörte er von der Stadt her das Geläute zum Frühgottesdienste am Feste der Verkündigung Mariä, und dies vollendete seine Umwandlung. Er legte sofort eine hl. Beicht ab, die erste wieder seit mehreren Jahren, und hielt von da an treulich das Gelübde, das er unter'm Kreuzbilde gemacht hatte. Das Gewissen. Es ist mit dem Gewissen, wie mit einem Wecker an der Uhr. Der Wecker weckt, mahnt und schreckt nur, aber er zwingt dich nicht aufzustehen, noch viel weniger hebt er dich selber aus dem Bett, was oft nöthig wäre. So mahnt auch das Gewissen, aber du kannst gleichwohl thun, was du willst. Ferner fällt der Wecker ein-, zwei-, dreimal und du hörst ihn; stehst du aber nicht aus, sondern schläfst wieder ein, so hörst du ihn immer weniger, bis du seiner gar nicht mehr achtest; er fällt zwar und lärmt stark genug, aber dich weckt er nicht, du hast dich gewöhnt, ihm nicht zu folgen. So redet das Gewissen immer zu und stößt und mahnt dich; aber ein-, zwei- und dreimal nicht gefolgt, — da wird es stiller; es weiß ja, daß es nichts nützt. Das letzte Sonntagsblatt wurde unrichtig anstatt mit Nr. 48 mit Nr. 47 bezeichnet. Sikdatti»» uuv Lcrlaz: Dr. M. Hutller. Druck von 3. M. Kleiulc. 5O. 9. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatl (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Greuelscenen in Syrien. *) Es ist kaum einige Monate her, daß eine Schreckenskunde das christliche Europa mit tiefer Trauer erfüllte. In einer asiatischen Provinz des zusehends dahinsterbenden und nur durch die Eifersucht der Großmächte zusammgehaltenen ottomanischen Reiches war der Fanatismus der Drusen wild aufgeflackert, und hatte, unterstützt von jenem der Muselmänner, sich in so schauderhaften Greuelscenen kundgegeben, daß nicht weniger durch die Menge der Opfer, als durch die Grausamkeit der würgenden Horden die civilistrte Welt an die Zeiten der großen Christenverfolgungen gemahnt wurde. Jede neue Post brachte auch neue Nachrichten von schauerlichem, jedes christliche und menschliche Gefühl auf's tiefste empörendem Inhalte Und wahrlich! wessen Herz könnte ungerührt, wessen Hand geschlossen bleiben bei der Aufzählung und Schilderung eines so großen, eines so namenlosen Elendes! In Syrien sind ermordet 20,000 Menschen, gefallen bei der Vertheidigung mit den Waffen in der Hand über 1000, nach der Küste und in's Gebirge geflohen und daher gezwungen von Almosen zu leben 75,000, Waisen beiderlei Geschlechts 10,000, Wittwen 6000. Ferner sind 360 Dörfer mit ihren Heerden vernichtet, 28 christliche Schulen und neun religiöse europäische Anstalten zerstört, 560 Kirchen und Klöster niedergerissen oder verbrannt, der ganze Ernte-Ertrag, alle Lebensmittel, Maulbeerbäume und Seidenvorräthe auf einer Strecke von 50 Stunden Länge und 30 Stunden Breite zu Grunde gerichtet. In Folge dessen gehen die überlebenden Bewohner bei dem nahenden Winter einem nicht zu schildernden Elende entgegen, wenn nicht die christliche Mildthätigkeit denselben in ganz ungewöhnlicher Weise zu Hilfe kommt; wie groß die eben erwähnten Verluste sind, mag man daraus entnehmen, daß der Gesammtschaden auf eine Summe von 250 Millionen Piaster geschätzt wird. Zunächst waren es die Drusen, die alten Feinde der katholischen Maroniten, durch welche, unterstützt von Muselmännern, worunter sogar türkische Pascha's und Soldaten sich befanden, auf dem Libanon und Antilibauon jede Art von » Greul verrichtet wurde; später folgte diesen sich eine Zeit lang fortsetzenden Schreckensthaten noch das große Blutbad in Damascus. So Außerordentliches brachte denn doch die europäische Diplomatie in Bewegung; in Paris wurde eine Vereinbarung zwischen den Großmächten abgeschlossen, gemäß derer 12,000 Mann europäischer Truppen sich nach Syrien begeben sollten, um die türkische Regierung bei Bestrafung der Schuldigen zu unterstützen. Die Hälfte dieser Truppen sollten Franzosen sein, die andere Hälfte aus andern europäischen Truppen bestehen; bis jetzt sind nur die Franzosen unter dem Oberbefehl des Divisions-Generals Beau- fort d'Hautpoul nach Syrien abgegangen, doch liegen Fahrzeuge von fast allen Nationen au der syrischen Küste. Auch ist ein General-Bevollmächtigter der Pforte, *) Aus dem „Organ" des Vereines vom h>. Grabe. Fuad-Pascha, bereits in Syrien angekommen, und mit der Untersuchung der Ereignisse und der Bestrafung der Schuldigen beschäftigt. Ohne die Dazwischen- kunft der Großmächte und die Anwesenheit der europäischen Truppen würde es um die Bestrafung der Schuldigen wohl um so schlechter gestanden haben, als die türkische Regierung schon in gewöhnlichen Zeiten nicht im Stande ist, in den entlegenen Theilen des Reiches dem Rechte Geltung zu verschaffen und die türkischen Beamten sich schwerlich ein Werk hätten angelegen sein lassen, zu dem, von allem Andern abgesehen, ihnen augenscheinlich die Macht abgeht. In Damascus sind .bereits hundert und einige dreißig Personen gehängt und erschossen worden, und noch jüngst der Gouverneur dieser Stadt mit einigen Officieren. In Beirut wird nun die noch weit schwierigere Untersuchung gegen die Drusen und ihre auf dem Libanon verübten Greul fortgesetzt werden. Fuad- Pascha hatte bereits die Scheits derselben aufgefordert, sich daselbst zu stellen und sich zu verantworten. Auf diese Aufforderung hat sich jedoch nur eine ganz geringe Anzahl derselben, und höchst wahrscheinlich nur diejenigen, die am wenigsten schuldig waren, eingestellt. Jetzt hat Fuad Pascha wiederholt eine Aufforderung an die drusischen Scheiks erlassen, worin denselben angezeigt wird daß, im Falle sie sich nicht zur Untersuchung in Beirut einfinden, sie ihrer Stellen entsetzt, ihre Güter eingezogen und sie in contumaciam ohne Appell ver- urtheilt werden würden, es sei denn, daß sie ihr Ausbleiben mit triftigen Grüdenzu entschuldigen vermöchten. Es wird sich nun bald zeigen ob die Drusen dieser Aufforderung Folge leisten, oder ob, wie es den Anschein hat, die Franzosen, welche sich bereits zu Deir el Kamar im Gebirge zur Beschützung der Christen befinden, auch noch den Türken helfen müssen, um die Schuldigen herbeizuschaffen. Es darf nicht unerwähnt gelassen werden, daß auch England einen Commissar, Lord Dufferin, nach Beirut gesandt hat, ohne Zweifel um das englische Ansehen und Interesse zu wahren, und gewiß nicht weniger, damit seinen edlen Freunden und Schützlingen, den Drusen, nur ja nicht zu wehe geschehe.*) Hamdan Belmini, der Großpriester der Drusen, hat für diese auch bereits den Schutz der Königin von England nachgesucht. Mit Bezug aus die Zustände in Syrien und auch der ganzen Türkei kann der Katholik die Anwesenheit der französischen Truppen in Syrien nur mit Freuden begrüßen; zwar ist die Zahl derselben gering, doch werden schon andere Truppen nachfolgen, wenn sich diese Zahl als ungenügend erweisen sollte, ehe die übrigen 6000 Mann europäischer Truppen eingetroffen sind. Nachdem so schreckliche Ereignisse sich zugetragen, gibt es nur den einen Wunsch und die eine Hoffnung, daß die Züchtigung eine so strenge, gründliche und eklatante werde, um auch dem türkischen Volke, d. h. jedem einzelnen gewöhnlichen Türken, das begreiflich zu machen, was die türkischen Würdenträger, wie Fuad-Pascha, längst wissen, nämlich, daß den christlichen Mächten, wenn sie den redlichen Willen dazu haben die Kraft inne wohnt, nicht bloß jedem an den Christen verübten Frevel die Strafe auf dem Fuße folgen zu lassen, sondern nöthigenfalls dem ganzen türkischen Reiche ein Ende zu machen. Wäre man jenes guten Willens der Mächte versichert, so würde gewiß jeder Christ und Menschenfreund beruhigt sein und die Franzosen nach den in der Vereinbarung stipulirten sechs Monaten gern *) Ein Gespräch, das in Gegenwart des Msgr. MiSIin zwischen einem Engländer und einem maronitischen Scheik Statt hatte, bezeichnet in Kürze die Stellung, welche England zu den götzendienerischen Drusen einnimmt. „England und Frankreich," sagte der Engländer, „find zwei rivalistrende Mächte, deren Interessen fich gegenüberstehen; wenn also Frankreich in Eurem Lande seinen Einfluß durch die Maroniten begründet, so muß England nothwendiger Weise bestrebt sein, demselben durch die Drusen ein Gegengewicht zu schaffen." — „Dann wird," erwiederte kalt der Scheik, „an dem Tage, wo Frankreich sich für Gott erklärt, England mit Nothwendigkeit für den Teufel Partei ergreifen müssen," (llislin, bos SaiiUs Ineux, tom I. cliap. VIII») s-» -- ^--'E 395 wieder abziehen sehen. Allein unter den obwaltenden Umständen sind wir fast geneigt, zu glauben, daß die Franzosen Syrien nicht eher verlassen werden, als bis die wichtige orientalische Frage gelöst ist, und bei der Nähe des Verfalles des türkischen Reiches müssen wir, offen gestanden, dieses auch wünschen: ein Abzug vor diesem Zeitpunkte würde wenn nicht eine gänzliche Umwandlung in den muselmännischen Gemüthern, die doch nicht zu erwarten ist, vor sich gegangen, nichts Anderes bedeuten, als die ganze christliche Bevölkerung des Landes und wohl darüber hinaus dem muselmännischen Fanatismus Preis geben. In dieser Sache dürfte übrigens die Macht der Ereignisse wohl mehr für die Unterdrückten thun, als die seinberechneten Maßnahmen der europäischen Diplomatie, welche in der Regel nur von dem kalten Egoismus eingegeben sind. Wie dem sei, die Kirche zählt eine große Anzahl von Blutzeugen mehr, darunter Priester, Mönche, Nonnen und Kindern, deren Fürbitte dem unglücklichen Lande und seinen Bewohnern jedenfalls mehr nutzen wird, als die Gewalt und der Erfolg der Waffen. Wir können diese Zeilen nicht schließen, ohne einen Augenblick bei dem rührenden Gedanken zu verweilen, den das Schauspiel gewährt, zu einer Zeit, wo das Oberhaupt der Kirche selbst so schwer geprüft ist, das treue Volk der Maro- niten, das dem römischen Papste vielleicht vor allen andern in Liebe zugethan ist,*) so schwere Prüfungen um des Glaubens willen erdulden zu sehen. Möchte für den milden Papst und für die ihm in Liebe zugeneigten Söhne der Berge bald der Tag erscheinen, der ihren Leiden ein Ende macht. Wir sind diesmal wegen Mangels an Raum nicht im Stande, auch nur gedrängt Näheres über den Schauplatz der Ereignisse und die interessanten Völkerschaften desselben mitzutheilen. Außer den Briefen aus dem h. Lande, so wie einigen näheren Todesnachrichten, müssen wir uns daher auf die Mittheilungen eines Schreibens aus Beirut und eines andern aus Damaskus beschränken, welche die Haupt-Ereignisse in anschaulicher Kürze und lebendiger Schilderung vorführen. (Föns. folgr.) »^1 Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika's. s(Schluß.) „Der katholische Theil unseres Volkes, gleichviel ob im Auslande oder hier geboren, wagt es bis jetzt noch kaum, sich frei zu fühlen in diesem Lande der Freiheit. Sie sind so lange eine zertretene Masse gewesen, daß sie Mühe haben, sich ihre Freiheit hier als wirklich gesichert zu denken. Sie haben sich nie mit dem alten puritanischen Gemeinwesen aus England versöhnen können und neben *) „Die Maroniten charaktcrtstren sich durch eine fast beispiellose Anhänglichkeit an den römischen Stuhl und den unbedingten Gehorsam gegen ihre Priester. Es kann zweifelhaft sein, ob sich irgendwo ein Volk nachweisen läßt, welches eine so aufrichtige und tiefe Verehrung für den Papst hegt, als die Maromten in Syrien." Robinson, Palästina u. s. w. Bd. 3., S. 747. — „Bald kam die Rede auf Pius IX. Alle diese guten Maroniten küßten mit der größten Verehrung eine Medaille, auf welcher sich das Portrait des h. Vaters befand, uno die ihnen von Msgr. Pompallier gezeigt worden war. Auf einmal erhoben sie sich entblößten das Haupt, und Einer von ihnen stimmte das Gebet an, welches sie in der Kirche für das Oberhaupt der Kirche zu singen pflegen; alle Andern antworteten darauf im Chor. „Während in Italien," so fährt der Verfasser fort, der im Jahre 1848 die Maroniten besuchte und dessen Worte heute leider wieder zutreffend sind, „während in Italien ein Volk, daS Pius >X. mit Wohlthaten überhäuft hat, sein Herz mit Bitterkeit tränkt, segnet hier ein verlassenes, armes und unterdrücktes Volk seinen Namen und singt sein Lob auf den höchsten Gipfeln des Libanons. Wie tröstlich ist es, die innige Anhäiiglichkeit dieser guten Maroniten an die Religion zu bemerken; sie ist der Anfang und das Ende aller ihrer Handlungen." sölislin, bes Samts bieux, tom I. cbsp. IX.) ihrem alten Katholicismus halten sie noch an zu Vielem fest, was an die persönliche und staatliche Verkommenheit der BoUrbonen und Stuarte erinnert. Sie sind in ihrer großen Mehrzahl den republikanischen Einrichtungen unseres Landes zugethan, in einem solchen Grade, daß keine Klasse unserer Staatsbürger es ihnen daran zuvorthut, und sie würden zu deren Schutz ihr Leben zum Opfer bringen. Aber ihr inneres Leben hat sich noch nicht zu vollem Einklang mit denselben umgestimmt, und sie sind geneigt, entweder in ihrem Eiter für die amerikanische Demokratie sich in den äußersten Radicalismus zu verlieren, oder im Eifer für Gesetz und Ordnung dem übertriebensten Conservatismus zu huldigen. Sie wissen nicht immer die rechte Mitte zu treffen. Aber das darf uns nicht Wunder nehmen, denn kein Mensch hält diese Mitte, wenn nicht sein inneres Leben und sein ganzes Wesen dieser Richtung nachgebildet ist.-Wo die Verhältnisse gleich sind, da wissen katholische Einwanderer sich weit leichter in unsere Rechtsversassung einzuleben, als irgend eine andere Klasse von Fremden, und unter den Katholiken, das bemerke man wohl, gelingt vas denen am besten, welche ihre Religion am besten kennen und am meisten üben. Diejenigen, welche vom wahren Amerikanerthum am weitesten entfernt sind, und sich am leichtesten von Demagogen irre führen lassen, das sind solche, die vom Katholicismus fast nichts weiter an sich haben, als daß sie von katholischen Eltern geboren und gleich nach der Geburt zur Taufe gebracht worden sind. Sie sind es, die auf die Gesammtheit ihrer Glaubensgenossen ein falsches Licht werfen. -Daß die Wirren in Europa auf die Denkart der Katholiken in unserem Lande Einfluß gehabt haben, ist sehr wahr, und es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Einfluß hier und da ein ungünstiger gewesen ist. Einige von unsern neu eingewanderten Katholiken, aus welchen zu Hause Las Joch des Despotismus gelastet hatte, fühlen sich, sobald sie hier gelandet sind, aller Fesseln entledigt; sie achten nicht mehr des Gehorsams, welchen sie den vom heiligen Geiste über sie gesetzten Hirten und Bischöfen schuldig sind; sie werden widerspenstig und leben mehr wie Protestanten, denn als Katholiken. Andere, des revolutionären Geistes herzlich satt und um der üblen Folgen willen, die er in der alten Welt gehabt, tief bekümmert, trauen nicht der Unabhängigkeit und persönlichen Würde, deren sich der Amerikaner überall der Obrigkeit gegenüber bewußt bleibt, und sind geneigt, in jedem Eingeborenen einen Mann zu sehen, dessen Herz dem Geiste des Umsturzes, wo nicht dem Unglauben, verfallen sei. Sie haben keinen rechten Maßstab für den amerikanischen Charakter, der sich immer vor dem Gesetze, nie aber vor Personen beugt, und der immer sorgfältig zu unterscheiden pflegt zwischen dem Manne und dem Amte; sie sehen diese Denkweise gern für eine solche an, die sich mit der vom Evangelium eingeschärften wahren Lehre vom Gehorsam nicht vereinigen lasse. Aber sie und ihre conservativen Brüder in Europa verkennen, dünkt mich, den wahren Charakter des Amerikaners. Es gibt in der Christenheit kein loyaleres Volk, keines, das mehr aus Recht und Gesetz hielte, als die echten Bürger unseres Staatenbundes. Ich habe den Geist der Kirche ganz mißverstanden, wenn ein erleuchteter Gehorsam, ein Gehorsam, welcher weiß, warum er gehorcht, welcher aus Grundsatz, Ueberzeugung, freiem Willen und Pflichtgefühl hervorgeht, ihrem mütterlichen Herzen nicht angenehmer ist, als die blinde, gedankenlose, kriechende Unterwürfigkeit Derer, welche nichts wissen von Freiheit. Knechtische Furcht zählt bei den katholischen Gottesgelehrten nicht sehr hoch, und die Kirche wünscht die Menschen als solche, die sich ihrer selbst bewußt sind, zu regieren, wie der allmächtige Gott sie regiert, d. h. in Uebereinstimmung mit der Natur, welche Er ihnen angeschaffen, als mit Vernunft und freiem Willen begabte Wesen.- -Indem ich von katholischen Völkern spreche und sie auf katholischer Wage wäge, finde ich Vieles zu bedauern, zu beklagen und selbst zu tadeln ; 397 vergleiche ich sie aber mit nichtkatholischen Nationen, so stellt sich das Urtheil ganz anders, und ich kann nicht zugeben, daß die katholische Bevölkerung irgend eines Landes zurückstehen sollte hinter irgend einem protestantischen Volke, und auch nicht in den Eigenschaften, in welchen man gerade am liebsten den Katholiken die größten Mangel Schuld zu geben Pflegt. Bei keinem katholischen Volke wird man jene Großthuerei finden, die Carlyle an den mittleren Klaffen in Groß- britanien so unbarmherzig dem Gelächter preisgibt, oder jene Hochachtung vor dem bloßen Reichthum, die abgöttische Verehrung des Geldbeutels oder die gemeine Kriecherei vor dem großen Haufen oder der öffentlichen Meinung, welche in den Vereinigten Staaten so allgemein verbreitet und der öffentlichen und persönlichen Tugend so verderblich sind. Ich spreche unserer katholischen Presse kein gar hohes Verdienst zu; sie ermangelt mit wenigen Ausnahmen der Würde, der Gedankensrische, der weiten Umschau, erscheint auf einen ungelehrten Leserkreis berechnet; doch herrscht in ihr ein Ernst, eine Aufrichtigkeit, ein Freimuth, eine Unabhängigkeit, wie man sie in unserer nichtkatholischen Presse, der religiösen und der weltlichen, vergebens suchen wird. Auch haben die Katholiken unseres Landes, im Ganzen genommen, sich persönliche Freiheit der Gesinnung, Unabhängigkeit, Selbstachtung, Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Hingabe an bestimmte Grundsätze in einem Maße bewahrt, wie man sie in allen übrigen Klaffen der amerikanischen Staatsbürgerschaft vergebens suchen wird. Der sittliche Ton ist bei ihnen, wie der sittliche Maßstab für sie ein höherer, und sie lassen sich allgemeiner regieren von dem Bewußtsein tiefer Verantwortlichkeit gegen Gott und gegen ihr Vaterland. — Die Katholiken unseres Landes, sie, die nichts weniger als für die Blüthe gelten können des katholischen Volkes in ihrer alten katholischen Heimat, richten sich in ihrer großen Mehrheit nach ehrlich angenommenen Grundsätzen, nach aufrichtiger und ernster Ueberzeugung, und sind bereit, eher zu sterben, als in irgend einer wichtigen Frage abzuweichen von dem, was sie für Wahrheit und Gerechtigkeit halten. Sie haben den Grundsatz und die Willenskraft, festzustehen in dem, was ihnen als wahr und gerecht gilt, im Glück und Unglück, gleichviel ob die Welt mit ihnen geht oder gegen sie. So laßen sie sich auch eines Besseren belehren durch Gründe, die ihrer Vernunft annehmbar gemacht werden, und lassen sich antreiben durch Berufung aus ihr Gewissen, auf die Furcht vor Gott und auf die Liebe zur Gerechtigkeit. Der Nichtkatholik hat keinen Begriff von dem Schatze, welchen die Vereinigten Staaten in diesen zwei oder drei (3-—4) Millionen Katholiken besitzen, wie niedrig auch äußerlich die Mehrzahl derselben gestellt sein mag. Ich habe nie etwas von einer Neigung verrathen, ihre Fehler zu bemänteln oder zu beschönigen; aber wie ich sie und meine nichtkatholischen Landsleute kenne, darf ich unbedenklich die Behauptung wagen, sie seien trotz allen ihren Fehlern und Mängeln doch das Salz des amerikanischen Gemeinwesens und der wahrhaft couservative Lebenskeim im amerikanischen Volke. — -Ohne Zweifel wird unsere katholische Bevölkerung — größtenteils aus den verschiedenen Ländern Europa's hieher eingewandert, ein buntes Gemisch aller Arten von Volkstümlichkeiten in Gesinnung, Charakter, Geschmack, Lebensart und Gewohnheit, bis jetzt noch in nichts Anderem, als in der Religion zu einem Ganzen verwachsen, — allerdings wohl Züge an sich tragen, die dem seinem eigenen Volksthum von Herzen zugethanen und erst vor Kurzem zum katholischen Glauben bekehrten Amerikaner mehr oder weniger abstoßend erscheinen. Indessen aber die Leichtigkeit, womit diese-verschiedenartigen Elemente sich mit einander verschmelzen, und die Schnelligkeit, womit die katholische Gesammtheit ein gemeinsames Gepräge annimmt, in die Strömung des amerikanischen Lebens eingeht und in Allem, was nicht der Religion zuwider ist, sich nach der neuen Heimat umstimmt und gestaltet, beweist die Kraft des Katho- licismus und dessen unermeßliche Bedeutung für die Bildung eines wahren und edlen National-Charakters und für die Erzeugung und Erhaltung einer wahren, edelu, hochherzigen Vaterlandsliebe. In wenigen Jahren werden sie die Amerikaner der Amerikaner sein, und auf sie wird es ankommen, ob das herrliche Werk der Erhaltung amerikanischer Civilisation durchgeführt und die Hoffnungen der Gründer unseres großen und wachsenden Freistaates in Erfüllung gehen werden." Dies sind die aus tief eingehenden Studien und Beobachtungen hervorgehenden Ansichten eines Mannes, der durch reiche Lebenserfahrungen, durch Stellung und Beruf vor Tausenden befähigt erscheint, über die sittlichen und religiösen Zustände seines Vaterlandes ein gewichtvolles Urtheil zu fällen, der in seinen bisherigen Leistungen sich als einen nüchternen, umsichtigen und scharfen Beobachter gezeigt hat, und dessen Unparteilichkeit und Wahrheitsliebe wir um so weniger anzufechten berechtigt sind, als seinem Urtheil über die Zukunft seines Vaterlandes das einer anderen, zweifelsohne vollwichtigen Autorität beipflichtend zur Seite steht. Wir meinen Papst Gregor XVI., der zwar die amerikanischen Verhältnisse und Zustände nicht aus eigener Anschauung kannte, wohl aber durch seinen Verkehr mit den unzähligen Amerikanern, die Rom alljährlich besuchten und von denen Keiner Rom verließ, ohne dem heiligen Vater seine Ehrfurcht bezeugt zu haben. In einer Unterredung mit Jarke, die dieser zu den merkwürdigsten Erinnerungen seines Lebens zählt, und deren er in seinem bereits erwähnten Buche (Principienfragen) erwähnt, hatte sich dieser große Kirchenfürst auf ähnliche Weise wie der Amerikaner über die religiöse Zukunft dieses Volkes ausgesprochen. Er, der wie kein Anderer seit Jahren Gelegenheit gehabt, täglich eine Musterkarte der Menschheit vor sich ausgebreitet zu sehen, stellte von allen Völkern den angelsächsischen Stamm und die Angloamerikaner insbesondere in die erste Reihe. Dies seien die, welche, wie der Papst ausdrücklich bemerkte, selbst ohne Unterschied ihres religiösen Bekenntnisses „diesem heiligen Stuhle und somit dem, dessen Stelle der Nachfolger Petri aus Erden vertritt" die meiste Ehrfurcht zu beweisen pflegten. Auch Gregor prophezeite dem amerikanischen Volke, „dem es um den Glauben tiefer Ernst sei," eine große Zukunft Der Schutzengel. Erzählung aus meinem Leben. Die gesürchteten Prüfungen waren glücklich vorüber, das hl. Dankamt gefeiert und jeder eilte mit Sehnsucht der Heimat zu, um dort im Kreise der Seinen die Ferien zu genießen; gibt es ja doch für den Studenten keine größere Freude, als wenn er nach zehnmonatlicher Plage und nach mancherlei Entbehrungen, die insbesondere bei armen Studenten nie ganz fehlen, mit einem guten Zeugnisse versehen eine zweimonatliche Freiheit vor sich sieht. Auch ich wollte keinen Augenblick mehr in der Stadt verlieren und begab mich mit meinem Ränzlein versehen auf das Schiff, das mich — nicht nach Hause — aber doch der Heimat näher führen sollte. Doch diesmal sollte meine Sehnsucht nach der theuren Heimat noch zuerst einige Prüfung durchmachen, ehe sie gestillt wurde. Nach wenigen Stunden mußte das Schiff das mich aufgenommen hatte, — damals fuhren noch keine Dampfschiffe, denn es war im Jahre 1832 — heftigen Windes wegen anlegen und, wie man sagt, windseie n, was mir gar nicht taugen wollte. Nun wurde eine Strecke zu Fuß zurückgelegt, nächsten Tag wieder eine Strecke zu Schiff und abermals zwang der Wind zur Landung, erst am dritten Tage gelangte ich nach S., wohin ich bei günstigem Winde an einem Tage hätte gelangen können. — Ich hatte nun noch einen Weg von 399 mehreren Stunden zu Fuß zu machen; zwar hatte der Himmel mit düsteren Wolken sich umzogen, welche sich bemühten, mein Heimweh mit ihrem nassen Inhalt abzukühlen, und wenn zuweilen das liebliche Blau aus den Wolken hervorblickte, so war es nur auf wenige Minuten, dann aber folgte wieder Regen, der. je weiter ich ging, desto stärker sich ergoß. Doch junges Blut hat frischen Muth und ich war wohlgemuth weiter marschirt und bis nach A. gekommen, obwohl ganz durchnäßt. Da winkte mir außerhalb des Ortes ein wohlbekannter Fußsteig, in einer Stunde längstens soll er mich nach Hause bringen. Ich hatte mir, obwohl von dem beschwerlichen Wege ziemlich erschöpft, keine Labung mehr gegönnt, schien mir ja jede Viertelstunde verloren, die ich mich hätte aufhalten müssen und so folgte ich dem Fußwege fast die Schritte zählend, die ich noch bis zum lieben Vaterhause zurückzulegen hatte. Doch Halt! Da stehe ich Plötzlich an dem Büchlein, das sonst kaum ein paar Schritte breit ruhig und sanft seine Reise durch das grüne Thal macht, aber heute zum tobenden Wildbache angeschwollen ist, der in hastiger Eile seine schlammigen Wassermaffen dahin- wälzt und den ganzen Thalgrund erfüllet. Einige Augenblicke stehe ich vor dem stürmischen Elemente, zweifelnd, ob ich werde hindurchkommen können. Doch was soll ich thun? Den Weg zurück machen? Das hieße mich von der Heimat entfernen; eine Brücke oder auch nur ein Steg ist nicht in der Nähe —> also ich wage es in Gottes Namen, gehe etliche Schritte in das reissende Wasser und schon glaubte ich, die tiefste Stelle des Bettes erreicht zu haben und war nur bis an die Brust im Wasser, also voll guter Hoffnung, da mache ich noch einen Schritt vorwärts und der Boden schwindet unter meinen Füßen, der Strom hat mich erfaßt und reißt mich fort — ein ängstlicher Blick nach Oben, ein Act der Reue und „heiliger Schutzengel rette mich!" Das ist Alles was ich thun und sagen konnte unv schon sah ich den sichern Tod vor Augen. Doch da ist's, als zöge mich eine unsichtbare Hand'aus der heftigen Strömung seitwärts und ich weiß selbst nicht wie, aber ich stehe unversehrt auf festem Boden, freilich, wieder auf jener Seite, auf der ich zum Wasser gekommen war. Noch heute wenn ich daran denke, erkenne ich in jener Rettung das Werk des heiligen Schutzengels. Jetzt blieb also wohl nichts anderes übrig, als auf die Straße zurückzukehren, um auf derselben den Heimweg fortzusetzen. Ich mußte da einen Umweg machen hart an dem Marktflecken N. vorbei, und es war mir, als sagte eine Stimme: Bleibe in diesem Orte über Nacht! aber das Verlangen die liebe Mutter nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen, war mächtiger; ich ging an N. vorbei rüstig die Straße entlang, bis mich abermals ein bekannter Fußweg einlud, auf dem ich in kürzerer Zeit zum ersehnten Ziele zu gelangen hoffte. Mittlerweile fing es zu dunkeln an und Plötzlich war ich vom rechten Wege abgekommen. Da irrte ich nun in unheimlich finsterer Nacht stundenlange auf und ab und konnte den Weg nicht mehr finden, den ich so oft gegangen, mich überhaupt nicht mehr zurecht finden in der ganzen Gegend; ich meinte gewiß mehr als eine Stunde weit vom Ziele abgekommen zu sein und entschloß mich endlich, diese Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; auf einem durchnäßten Feldraine suchte ich selbst ganz durchnäßt die Ruhe. vom Froste geschüttelt lag ich ermattet da, während die Wolken vom heftigen Winde getrieben über mir hinzogen, zum Glücke regnete es nicht mehr; aber der Schlaf floh die müden Glieder und wie unendlich lange währten die Stunden, bis endlich im fernen Osten der Morgen zu grauen begann. Zuletzt hatte nicht ein Schlaf, sondern eine Art Betäubung von der großen Anstrengung des vergangenen Tages und von der überstandenen Angst sich eingestellt und schauerliche Bilder zogen an meinem Geiste vorüber, da horch! ertönt ein Glöcklein so mild, der Ton ist mir so bekannt, ich habe ihn wohl viele hundert Male gehört, es ist 400 das Glöcklein von G., das so lieblich „Ave Maria!" ruft. Ave Maria! sprach auch ich und erhob mich, und nur 20 Schritte von meinem Nachtlager ist der gesuchte Weg und in einer Viertelstunde stehe ich am Vaterhause und klopfe, da noch Alles in Ruhe ist, an die Thüre. Schnell kommt die Mutter und öffnet und als ich nach herzlicher Begrüßung ihr die Erlebnisse des gestrigen Tags und der Nacht erzählt hatte, sprach sie: „O mein Sohn! da hat dich gestern Anbends der h. Schutzengel vom Wege abgeführt,?jum dir ein zweites Mal das Leben zu retten. Denn wisse! der letzte Bach über den du hättest gehen müssen war zu einer furchtbaren Höhe angeschwollen, der Steg vom Wasser weggerissen und du wärest sicherlich ertrunken, wenn du in der Nacht hättest darüber gehen wollen." — So die Mutter und sie hatte Recht, zweimal an einem Tage hat mir der Schutzengel das Leben gerettet. — O wie oft ist im Leben das, was wir für ein Unglück halten, ein großes Glück! Macht'S nach. „Wie geht es mit Ihrem neuen Hochaltar in F.", fragte vor einiger Zeit einen Amtsbruder ein Pfarrer, der in wenigen Jahren alle Kirchen seiner Gemeinde im Innern gänzlich und schön erneuert hat, und eben im Begriffe war, das edle Werk mit dem letzten Altare zu vollenden. „Wie geht es mit Ihrem Hochaltar?" — „Gut; angebaut ist er schon!" antwortete derselbe. Von dieser Antwort überrascht, fragte der Andere weiter: „Was willst du mit deinem „angebaut^ sagen? — Der eifrige Pfarrer erwiederte ihm Folgendes: Bei der letzten Aussaat habe er mit seiner Gemeinde die Verabredung getroffen, daß Jeder, je nach der Größe seines Gutes und seines guten Willens einen kleinen Theil seines Fruchtfeldes oder Weinberges für den neuen Altar anbauen wolle. So sei es auch geschehen. Bei der Ernte und im Herbste habe ihm Jeder den versprochenen Beitrag an Korn, Weizen, Gerste, Most u. s. w. ins Pfarrhaus gebracht, das Gesammelte sei alsdann verkauft worden, und aus diese Art habe er das Geld zu seinem Altare herbeigeschafft. Saget: ist das nicht ein schöner trefflicher Gedanke und Werth, nachgeahmt zu werden? Probirt's mal, ihr Landleute, und ihr werdet bald, ohne daß es euch so wehe thut, als wenn ihr baares Geld hergebet, euere neue Kirche oder Capelle „angebaut" haben; oder wenn ihr die schon besitzet, dann „bauet an" zur Verschönerung und Ausschmückung derselben. Euere Geistlichen werden euch schon sagen, und wenn ihr klare katholische Augen habt, werdet ihr auch selbst sehen, was euch noch Noth thut, bis das Haus Gottes hübsch in Ordnung ist. Für die Misfio» in Perleberg: „Von der Altmühl" . e.2 fl. —kr. Redaction und Verlag: vr. M. Huttler. — Druck »an I. M. Äle inte. 51. 16. December 1860. Das Augsburg» Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburg» Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. AGP- Beim Herannahen des Jahres und resp. des I. Quartals oder I. Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Augsburg» Sonntags-Blattes (Beiblatt zur Augsburg» Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auflage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der Abonncments-PreiS ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal 20 kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei der n ächstgelegenen Poststation. Auch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. Vifion Verdüstert zieht am nächt'gen Htmmelsbogen Des Mondes Horn herauf in flücht'ger Eile> Als ob ein Nachen die umschäumtcn Wogen Mit seines Kieles Brüstung jäh zertheile. Die cw'ge Stadt am lauten Tibcrstrande Hat schon in stillen Schlummer sich gebettet; Nur Einer wacht, der von des Abgrunds Rande Als muth'gcr Hirt die scheue Hecrde rettet. In stummer Andacht tief das Haupt gesenket Vor des Erlösers lichtumstrahltem Bilde, Erfleht der Greis für die, so ihn gckränket, Inbrünstig des barmherz'gen Richters Milde. Und eine Thräne, wie im Sonnenstrahls Der Thau erglänzt, benetzt die bleiche Wange; Da sich! Ein Engel faßt mit gold'ner Schaale Die rinnende, und seufzet schwer und bange. Er schaut im Geiste wohl, wie die Gefahren Sich thürmen gleich den sturmgejagten Wellen, Und hört, wie sie mit frevelndem Gebühren Sauer Petri Schifflein drohen zu zerschellen. Nun breitet aus die Stirne des Geprüften Der Bote Gottes segnend aus die Hände, Und licht entschwebt er nach des Himmels Lüften Mit des bewährten Dulders Opferspende. „Plus getröstc fromm sich mit der Hecrde" „In der Versuchung Noth!" spricht der Gerechte; „Um dieser Einen Zähre willen werde" „Sein Leos ein glänzendes, dem treuen Knechte!" G. B. TafrathShof». Die Greuelfcenen in Syrien. (Fortsetzung.) Beirut, den 1. August 1860. Der nördliche Theil des Libanon, von Tripolis bis zum Nähr el Kelb oder Hundsflusse, der sich anderthalb Stunden nördlich von Beirut befindet, ist ausschließlich von maronitischen Christen bewohnt. Dort befindet sich in nur geringer Entfernung vorn Nähr el Kelb, in dem Districte von Kes- ruan, die Residenz des maronitischen Patriarchen, des apostolischen Delegaten, die berühmten Kollegien von Antura und von Ghazir, mit einem Worte, die vorzüglichsten katholischen Anstalten des Landes. Jenseit des Nähr el Kelb und ganz um Beirut herum, erstreckt sich eine andere Region, in welcher die Bevölkerung ziemlich gleichmäßig aus Maroniten und Drusen besteht. Dann 402 ^ >1 kommt das Ras et Metn, Her Mittelpünct der drufischen Macht, in dem.jedoch, aber ganz abgeschnitten von den andern maronitischen Gegenden, die christliche Stadt Dei'r el Kamar, die alte Residenz des Emir Beschir liegt; dieselbe zählt etwa 4000 Einwohner. Im Süden von Ras el Metn, auf dem Gebirge und an dem Ufer bis nach Scuda (dem alten Sidon) ist das Land von außerordentlich verschiedenen Volksstämmen bewohnt: Drusen, Metuabrs oder Muselmänner von der Seele Ali's, arabische Sunniten, Maroniten, unirte und schismatische Griechen wohnen daselbst. Nach der Organisation, die dem Libanon im Jahre 1840 von den fünf Großmächten gegeben worden, ist das Gebirge beinahe ganz frei, regiert sich selbst und zahlt der Pforte nur einen Tribut; diese ernennt die Kaimakan's, welche die höchste Gewalt inne haben und aus den Leuten des Landes gewählt werden müssen. Nördlich ist das Land einem maronitischen, südlich einem drufischen Kai- makan unterstellt, mit Ausnahme der Leiden Städte Zahl eh und Det'r el Kamar, wovon die erste Stadt sich selbst regiert, die andere aber direct unter der Pforte steht. Händel, ja selbst Kriege zwischen Drusen und Maroniten kommen sehr häufig vor. So gab es noch im vorigen Jahre einige Kämpfe, weil die Maroniten den Kaimakan nicht annehmen wollten, den die Pforte ihnen sandte; durch das Dazwischentreten der Consuln wurde diesen Kämpfen aber bald ein Ende gemacht. Aber keiner dieser Kriege, selbst nicht jener von 1845, der doch so viel Aussehen in Europa gemacht hat, kommt dem diesjährigen nur entfernt nahe. Seit mehreren Monaten konnte man die Vorzeichen desselben bemerken: in den drufischen Dörfern waren christliche Reisende und ein maronitischer Priester ermordet worden, auch herrschte die größte Aufregung aus dem ganzen Libanon. Inzwischen hoffte man noch immer, daß die Feindseligkeiten nicht vor dem Ende des Sommers ausbrechen würden, und man ihnen vielleicht noch zuvorkommen könne. Man näherte sich nämlich der Zeit, wo die Ernte der Cocons beginnen sollte, und da die Unterbrechung dieser Ernte den Drusen und den Maroniten gleichen Nachtheil bringt, so pflegen nm diese Zeit, selbst in den heftigsten Kriegen, alle Feindseligkeiten aufzuhören. Ungeachtet dieser Hoffnung versammelten sich, da der Horizont sich immer drohender umwölkte, am 20. Mai d. I. die bedeutendsten europäischen Kaufleute von Beirut in den Sälen der türkischen Bank, und unterzeichneten eine an die Consuln der verschiedenen Mächte gerichtete Petition, um von diesen zu erlangen, daß sie sich hei dem Pascha zu dem Zwecke verwendeten, damit er die Sicherheit der Stadt und den Frieden im Gebirge aufrecht erhalte, welches Beides nothwendig sei, wenn die Handelsthätigkeit fortbestehen sollte. Zwei oder drei Tage später erfuhr man, daß am Nähr el Kelb ein Zusammenstoß stattgefunden hatte. Um unparteiisch zu sein, muß ich anerkennen, daß an diesem Tage die Christen zuerst das Feuer eröffnet hatten.*) Erschreckt durch die von den Drusen verübten Mordthaten, und durch das Gericht, welches eine allgemeine Metzelei der Christen in Aussicht stellte, wollten die Maroniten dieser Gefahr dadurch zuvorkommen, daß sie selbst ihre Feinde angriffen. Der Krieg hatte begonnen, aber seine Ausdehnung konnte noch immer verhindert werden. Die Consuln wendeten sich deshalb an Kurschid-Pascha, den Gouverneur dieses Theiles von Syrien, und dieser machte die schönsten Versprechungen von der Welt. *) Die schlechte Presse hat nicht verfehlt diese Thatsache in ihrer Weise zu benutzen; gerade als ob dieser Umstand genüge, die Grcuelthaten der Drusen zu entschuldigen. Poriges Jahr hat sie es mit der Kriegserklärung Oesterreich'S eben so gemacht. In Folge dieser Versprechungen verließ er Beirut mit 750 Mann regelmäßiger Truppen, mit Kanonen und einer großen Anzahl von Baschi-Bozuks und wandte sich nach dem Gebirge unter dem Vorgeben, dort den Frieden wieder herzustellen. Aber kaum hatte er die Stadt verlassen, so hielt er Plötzlich an und ließ ohne scheinbaren Grund zwei Kanonenschüsse abfeuern. Man hätte denken können, dies sei ein Signal gewesen, denn so zu sagen in demselben Augenblicke erhob sich eine große Flamme auf einem der obern Puncte des Libanon. Es war dies das schöne christliche Dorf Veit Meri, zwei Stunden von Beirut, welches so eben von einer beträchtlichen Schaar Drusen überrascht und in Brand gesteckt worden war. Bald darauf sah man die Feuersbrünste, sich über das ganze Gebirge verbreiten, und man hörte Gewehrfeuer in allen Richtungen. Während der ersten Tage widerstanden die Christen mit Muth und Erfolg; sie drängten die Drusen in Unordnung zurück und drangen mit ihnen gemeinschaftlich in den Ras el Mein ein, dessen vorzüglichstes Dorf, genannt El Metn, sie als Repressalie in Brand steckten. Um diesen glücklichen Erfolg aufrecht zu erhalten, bedurften die Christen an den Orten, wo der Kampf stattgefunden hatte der Unterstützung; sie bedurften der Hilfe der Bevölkerungen aus den durchaus christlichen Districten, besonders jene ihrer Nachbarn, der kriegerischen Bewohner des Kesruan, die den Drusen ein Schrecken sind. Nun hatte aber Kurschid- Pascha auf seinem Marsche plötzlich Halt gemacht und sein Lager zwei Stunden von Beiruth aufgerichtet, an einem Orte, genannt Babdah, das er seitdem nicht mehr verlassen, und wo er durch einen Zufall, der sorgfältig berechnet zu sein scheint, den einzigen Weg abschnitt, auf welchem die Männer des Kesruan zu den Maroniten hätten gelangen können, bei welchen der Kampf begonnen hatte. Bis dahin hatte der Krieg, obgleich er einen ganz besonders wilden Cha- ratter trug, sich in den gewöhnlichen Grenzen dieser Art von Vorkommnissen gehalten. Plötzlich erfuhr man aber, daß er eine bis dahin unbekannte Ausdehnung annahm. Der Dschihad oder „heilige Krieg" war gepredigt worden unter den Drusen des Hauran, und inmitten aller Beduinen-Stämme Coelesyriens in der Umgegend von Balbek, und Alle machten sich auf, um den Drusen des Libanon zu Hilfe zu eilen. Zu derselben Zeit schloffen die Metualis aus der Umgegend von Saida mit den Drusen ein Bündniß, und ergriffen die Waffen, nm denselben beizu- stehen. In den Metzeleien und Feuersbrünsten um Sa-da und Sur machte sich bald eine gewisse Regelmäßigkeit bemerkbar, und schon waren die Bischöfe dieser beiden Städte gezwungen gewesen, zu fliehen und sich nach Beirut zu flüchten. Alle Stämme, welche ich soeben aufgezählt habe, und die sich in einem Augenblicke erhoben hatten, eilten alle nach ein und demselben Punkte. Welcher war dieser Punkt? Niemand wußte es. Auf den Abhängen des Anti-Libanon, nach der Seite von Damaseus hin, bestanden zwei reiche und blühende Districte, die beinahe ausschließlich von griechischen Christen bewohnt wurden, nämlich jene von Hasheia und Rascheia. Dies war der Weg, dem die Drusen des Hauran folgen mußten, um den Kamm des Libanon zu erreichen und ihre Vereinigung mit ihren Glaubensgenossen aus der Gegend von Beirut zu bewerkstelligen. Die Einwohner von Hasbeia und Rascheia lebten in der vollkommensten Sicherheit. Der Krieg war weit von ihnen entfernt, und nie hatten sie sich bei ähnlichen Gelegenheiten bedroht gesehen. Sie lagen daher mit vollem Vertrauen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen ob, als ihr Territorium von einer wahren Fluth von' Barbären über- 404 schwemmt wurde; von Damascus, angeblich zur Aufrechthaltung der Ordnung gesandte Soldaten, keine Baschi-Bozuks, wie bei Beirut, sondern Nizams, Soldaten der regulären Infanterie, langten zur selben Zeit in den beiden Distrikten an. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, begannen die Christen lebhaften Widerstand zu leisten, so daß die Entscheidung schwankte. Aber die Nizams sielen ihnen in den Rücken und begannen das Blutbad, an dem nun die zurückkehrenden Drusen einen thätigen Antheil nahmen. Die Schlächterei dauerte mehrere Tage ohne Unterbrechung fort, und die christliche Bevölkerung von Hasbeia und Rascheia ist so zu sagen vernichtet. Kaum 2000 Seelen dieser beiden Districte mögen entschlüpft sein, und sich inmitten von tausend Gefahren nach Beirut und nach dem Kesruan geflüchtet haben. Bei diesem Schrecken fühlt das Herz sich erquickt durch einen Zug des Muthes und der Aufforderung. Den District von Hasbeia bewohnte eine gewisse Anzahl von muselmännischen Emir's, die inmitten der christlichen Bevölkerung und in großer Eintracht mit derselben lebte. Als die Drusen des Hauran das Land überflutheten, hätten diese Emir's sich leicht außerhalb jeder Gefahr stellen können. Sie thaten dies durchaus nicht. Sie griffen mit den Christen zu den Waffen, thaten alles um sie zu vertheidigen und theilten auch ganz ihr Schicksal. Einunddreißig derselben fielen in dem Gemetzel, und gegenwärtig sind ihrer nur noch drei vorhanden; nach Beirut geflüchtet, sind sie gezwungen, wie die ärmsten der Flüchtlinge, ihr Brod in den Straßen zu betteln. Von Hasbeia und Rascheia streiften die Drusen bis in die Umgebungen von Damascus, wo sie ihre Vereinigung mit den Beduinen von Balbek bewerkstelligten, und wo sie von Neuem alle christlichen Dörfer anzündeten. Jeden Augenblick glaubte man sie in Damascus einziehen zusehen, und die ungeheuere muselmännische Bevölkerung dieser Stadt sprach mehrere Tage lang von nichts, als davon, der Sache ein Ende zu machen und alle Giaurs (Ungläubige) zu tödten; sie warteten nur auf ein Signal. Die Christen der ersten Stadt Syriens werden nur durch die plötzliche Dazw i schenkunst und die Thatkraft Abd-el-Kader's gerettet. Aber bald sammelten sich alle muselmännischen Streitkcäfte vor Zahleh, dem Schlüssel aller christlichen Positionen auf dem Libanon, einer bis dahin unbesiegten Stadt, deren Einwohner-in den vorhergehenden Kriegen immer die Drusen zum Zittern gebracht hatten. Für die Feinde der Christen war die Eroberung dieser Stadt der größte Erfolg, den sie erringen konnten, der. Haupt- und entscheidende Triumph. So waren denn auch alle Anstrengungen gegen diesen Punkt gerichtet. Drusen vom Libanon, Metualis, Drusen vom Hauran, Araber, Beduinen Coelesyriens und aus der Ebene Esdrelon, Baschi-Bozuks, Arnauten, reguläre türkische Infanterie mit sechs Stück Kanonen, aus Damascus abgezogen und unterwegs ausständig geworden, versammelten sich vor den Mauern Zahleh's. Die Einwohner zählten nur 2000 streitbare Männer, sie hatten wenig Lebensmittel und wenig Munition, und dabei waren sie mit einer großen Anzahl von Frauen und Kindern beschwert, die aus benachbarten Gehöften in ihre Stadp geflüchtet waren. Nichts desto weniger hielten sie sich mehrere Tage und wichen nur der unverhältnißmäßigen Uebermacht ihrer Feinde. Als in Beirut die Gefahr bekannt wurde von der Zahleh bedroht war, gab sich daselbst eine große Aufregung kund. Von Neuem hielten die Cosuln Rath, und da sie einsahen, daß das Geschick christlicher Dürfen, welche noch auf dem Gebirge bestanden, so wie die Sicherheit der Stadt Damascus selbst zum größten Theil von dem Geschicke Zahle's abhänge, entschlossen sie sich, statt vereinzelter Schritte, einen feierlichen gemeinsamen Schritt zu thun, um die türkische Behörde zu veranlassen, die Belagerung aufheben zulassen. So begab sich denn das ganze 40ö Corps der Consuln, begleitet von ihren Dolmetschern, bis nach Bladah zu dem Pascha. Dieser empfing dasselbe mit den Versicherungen der besten Art. Alles, was man von ihm verlangte, bewilligte er auf der Stelle. Auf Ehrenwort verpflichtete er sich die Einnahme Zahleh's zu verhindern, und um die Consuln zu beruhigen, ließ er vor ihren Augen mehrere Regimenter abziehen mit der Weisung der Belagerung ein Ende zu machen. (Fortsetzung folgt.) Missionsberichte -es hochw. 1^. Franz Xaver Weninger. (Fortsetzung.) Ich reiste von Galveston ab; indeß das Methodisten-Blatt stieß die Drohung aus, daß im Fall ich es wagen würde durch Texas durchzureisen, sie mir zweifelsohne den Garaus machen und die Haut über die Ohren herabziehen würden. — Ich konnte natürlich auf solche Drohungen nicht achten, und begab mich in die große, Galveston zunächst gelegene texanische Handelsstadt Houston, wo auch die nächste deutsche Gemeinde sich befand. Die Mission ging ohne Störung vor sich. Die Protestanten und Radicalen murmelten sich nur in die Ohren, was sie aus den Zeitungen erfuhren; „das ist Der," hieß es — aber dabei blieb es auch. Ich trat nun meine Reise in das Innere von Texas nordwestlich an. Die erste deutsche Gemeinde in dieser Richtung befindet sich in Victoria. Man fährt, um dahin zu gelangen, über den Golf von Merico nach Port-Lavaca, Der Golf ist als ein sehr bösartiges Meer bekannt. Er ist nicht tief und da gewöhnlich eine sehr starke Brise sich Nachmittags erhebt, so schaukeln die kleineren Dampfboote ungemein, und Alles wird seekrank. Ich leide nicht an dieser Krankheit, allein man fühlt doch immer sehr deutlich, daß man nicht auf dem festem Lande sei. So wie man an das Cap Powderhocn gelangt, und um so mehr, so bald man in die davon nicht ferne liegende Seestadt Port-Lavaca kommt, da merkt man, daß man in ein Land kommt, welches mehr den Typus von Mexico als von den Vereinigten Staaten an sich trägt. Die Vereinigten Staaten sind buchstäblich Neu-England. Die ganze Lebensweise ist die der Engländer, ebenso der Bau der Wohnhäuser. Nebstbei sind die Vereinigten Staaten nun kreuz und quer von Eisenbahnen durchschnitten. Texas hat erst einige Ansäge von Houston aus mit Anlegung von Eisenbahnen gemacht. Bis jetzt werden die Transporte mit Ochsen-Caravanen bewerkstelligt, und Passagiere reisen mit den berüchtigten amerikanischen „Stages," eine Art Eilpost aus der älteren Zeit. Da ist man doch auf den so gefährlichen amerikanischen Eisenbahnen noch weit sicherer als in diesen Postkutschen, in die man wie Pickelhäringe eingepfercht sitzt. Es ist in der That ein merkwürdiger Anblick, eine ganze Stadt gleichsam mit Ochsen-Zügen belagert zu erblicken. Alle Straßen sind mit Wagen der ganzen Länge nach besetzt, vor welchen gewöhnlich mindestens sechs Joch Ochsen gespannt sind, die ganz majestätisch vor denselben auf der Erde liegen, bis die Zeit zur Abfahrt da ist; da fahren dann mehrere zugleich fort, zehn bis zwanzig Wagen, um sich an schlechten Sumpfstellen auf dem Weg wechselseitig Hilfe zu leisten. Welch ein Contrast im Vergleich mit den mächtigen Eiscnbahnzügen, wo die Ochsen selbst zu Tausenden in Wägen sitzen! — Was das Land selbst betrifft, so bietet dasselbe von Port-Lavaca bis Victoria den Anblick einer unabsehbaren Steppe. Hat man so eben im Golf nur Himmel und Wasser gesehen, so sieht man jetzt nur Himmel und Gras. ES 406 thut deyr Auge wohl, wenn man das anmuthige Städtlein Victoria mit wald- begränzten Anhöhen vor sich erblickt. Ich bemerke hier gelegenheitlich etwas über die Beschaffenheit des Staates Texas, von dem so viel für und wider in Deutschland geredet und geschrieben wird. Texas unterscheidet sich, was den Boden betrifft, wesentlich, je nachdem man den nordöstlichen oder südwestlichen Theil betrachtet. Der Norden und Osten unterscheidet sich wenig von den übrigen südlichen Staaten. Hingegen die Südwest-Seite ist häufig sanddürres Land und leidet oft sehr an Wassermangel. Es kann geschehen, daß es da sechs bis acht Monate mrd noch länger nicht regnet. Der Boden an und für sich ist jedoch durchweg fruchtbar, auch in diesen trockenen Theilen; namentlich was die Haupterzeugnisse, Baumwolle und Welschkorn betrifft. Für beide ist Texas das eigentliche Vaterland. Merkwürdig ist es, daß einige Flüsse auch von der größten jahrelangen Trockenheit nicht beeinflußt werden. Ihre Quellen sprudeln immer gleichmäßig hervor, ja manchmal bei großer Trockenheit noch reichlicher. Glücklich, wer sein Land an diesen Flüssen gelegen hat, und dasselbe mit Cauälen bewässern kann. So ist namentlich der St. Antoniusfluß beschaffen. Was das Klima betrifft, so hat Texas ein beinahe mexikanisches Schön- wetter. Winter und Sommer unterscheiden sich, was die Sonnenhitze selbst betrifft, wenig von einander. Das heißt, wenn kein Nordwind weht, so hat die Sonne immer große Kraft; doch wenn der Nordwind heult, dann kann es auch in zehn Minuten eine solche Veränderung geben, wie Niemand es glauben kann der es nicht erfahren hat. Es kann geschehen, daß ein paar Männer ohne Rock mit einander reden und schwitzen, und auf einmal erhebt sich im Winter ein Nordwind, der bis in das Mark der Gebeine dringt und selbst das Wasser gefrieren macht, und wo Alles beeilt ist, in den Oefen und Kaminen Feuer anzuzünden. Doch wie der Wind nachläßt, tritt sogleich die Wärme an seine Stelle. Man sollte meinen, ein so schneller Wechsel der Temperatur müsse nachteilig auf die Gesundheit einwirken; in der That ist aber das in Texas dennoch nicht der Fall. Texas ist am Golf bis 12 Meilen landeinwärts ein wegen der Pest des gelben Fiebers höchst gefährliches Land. Hingegen im Innern ist Texas das nach Minnesota gesundeste Land, das ich in Amerika angetroffen. Ich fürchtete die drückende Hitze, allein ich fand dieselbe in der That nicht so lästig wie in den nördlichen Staaten, oder wie in New-Orleans und überhaupt in Louisiana. Es weht nämlich durch die zehn warmen Monate beständig die angenehmste Brise vom Golf landeinwärts, so daß beide Winde, der Süd- und Nordwind, kühl und erfrischend wehen. Während in New-Aork an einem heißen Sommertag zehn Todesfälle am Sonnenstich sich ereignen können, ist ein Sonnenstich in Texas unerhört. Doch wehe, wenn die Brise ausbleibt; da schnappt man auch im Innern von Texas nach Luft wie der Fisch nach Wasser; allein es ist selten der Fall- Ich fand auch durchweg, daß die Leute, die in Texas ein paar Jahre gelebt nicht ohne Schrecken an die Winter des Nordens gedenken können. Die göttliche Vorsehung vertheilte das Angenehme und Unangenehme so in der Welt, daß jeder Theil seine Bewohner an sich zu fesseln geeignet ist; sonst würden wohl Alle sich gerade nur an die besten und angenehmsten Stätten drängen, und die Erde würde nicht allgemein bewohnt, sondern nur an gewissen Orten ganz überfüllt sein So anziehend z. B. das Klima von Texas im Vergleich mit den nördlichen Staaten ist, so hat es doch anderseitsso abschreckende Eigenthümlichkeiten, daß Tausende ohne Bedenken ihm jede Strenge des Winters vorziehen. Dieses Abschreckende sind die unzähligen ekelhaften und höchst gefährlichen Jnsecten. Die lästigen Moskitos sind freilich nur am Golf, das Innere von Texas ist von dieser Plage des Nordens frei; aber welch eine Unzahl von schwarzen Spinnen, Seorbionen, Taranteln und besonders von den berüchtigten eoini^eä oder Tausendfüßlern durchwimmelt das Land. Am wenigsten gefähr- lich find aus diesen die Scorpionen. Ihr Biß schmerzt wüthend eine sehr kurze Zeit, dann ist es vorbei. Es gibt Wespen, die ärger stechen. Die schwarzen Spinnen können lebensgefährlich werden. Die Taranteln sind noch weit gefährlicher; am giftigsten aber sind die Lenripeä. Diese colossalen ekelhaften giftig befaßten Würmer erreichen die Länge von 9 bis 16 Zoll. Ihr Biß ist mehr gefürchtet, als der einer Klapperschlange. Sie halten sich in altem oder feuchtem Gemäuer, und in faulem Holze aus. Was die Klapperschlangen betrifft, so kommen selbe selbst in den Städten bis in die Zimmer, wie z. B. nach St. Antonio, wo es jährlich Todesfälle in Folge von solchen Bissen gibt. Es ist Hiebei jedoch zu bemerken, daß jedes dieser giftigen Thiere den Menschen flieht, so lange es kann. Darum thun die Mexicaner nicht schwer mit denselben. Sie lassen solche gewähren, d. h. diese Jnsecten halten sich über den Zimmern unter denMächern auf, und dableiben sie. So wie man sie aber dort verfolgt kriechen sie überall herum und werden um so gefährlicher. Der Deutsche bliebt ein reinliches Haus, und so kommt er nicht selten mit dergleichen Miteinwoh- nern in Conflict. Ich halte es jedoch für etwas außerordentliches, daß trotz der Menge dieser Thiere es doch jo selten vorkömmt, daß Jemand verletzt wird. Es kam mir nicht ein einziger Fall vor, daß ein Deutscher von einem Oemipeä gebissen wurde, und doch sind deren überall zu finden, kriechen manchmal die Kleider hinan oder fallen in der Stube vor dem Gesichte auf den Boden nieder. Ja die Scheu, die anfänglich jeden Einwanderer vor diesem Ungeziefer befällt, verwandelt sich bald in eine wirkliche Verachtung dieser Gefahr. Es gibt Viele, welche das ganze Jahr im Freien schlafen ohne die geringste Angst vor dem nächtlichen Besuch solcher Jnsecten. Wenn somit einer meiner geehrten Leser Lust hat, nach Texas einzuwandern, so darf er sicher sein, die Angst vor dieser Landplage dürfe ihn durchaus nicht zurückhalten. Es bewährt sich da ganz auffallend das Wort des Herrn: Kein Haar werde ohne den Willen Gottes von euerem Haupte fallen. So viel im Vorübergehen von dem Lande selbst. Ich rathe Keinem hin, ich rathe Keinem ab; aber würden die guten Tiroler von Priestern begleitet auswandern, so meinte ich doch, Minnesota und Texas im Inland wäre, weil so gesund, eine weit geeignetere Aösiedlung als Peru. Ich nehme den Faden meines Missionsberichtes wieder auf. In Victoria hatte ich wie in Houston englisch und deutsch zu predigen. Das ist in der That lästig und anstrengend. Ich mußte dabei den Heißhunger des englischen Volkes nach dem Worte Gottes bewundern. Menschen aus den besten Ständen, selbst Advocaten und Prediger, saßen durch eine ganze Stunde da, bis die deutsche Predigt vorüber war, und dann die Reihe an sie kam. Es fing der Methodisten-Sauerteig allda zu gähren an; doch kam die Sache erst nach mir zum Ausbruch. Es reute die Methodisten, daß sie mich so unbeirrt gewähren ließen, besonders da ich zu Victoria, wie auch zu Houston und Galveston Protestanten in den Schooß der katholischen Kirche aufnahm. Ich ging nach St. Antonio ab, um allda zuerst die Charwoche zu feiern, und dann am hl. Ostersonn- tag selbst mit der Mission zu beginnen. In St. Antonio lebt eine große Anzahl Mexicaner. Sie haben eine große Kirche. St. Antonio kann ungefähr 12,000 Einwohner zahlen. Auch die Deutschen sind dort sehr zahlreich. TexaS erhielt einen beträchtlichen Theil der Einwanderer vom Jahre 1848. Ich hätte nie geglaubt, daß diese Stadt es sein sollte, wo das Gewitter der Methodisten- und Radicalen-Verfolgung sich über mich entladen sollte, um mich dann durch ganz Texas zu begleiten. (Fortsetzung folgt. 408 Der Bamu und die Quelle. 6. Clara war von einem Besuche aus der Stadt zurückgekehrt und klagte über die vielen reichen Leute, die da müsfig umhergingen. Woraus schließest du aus den Müsfiggang dieser Leute? — fragte die Mutter. Aus ihrer Berufslosigkeit und der Zwecklosigkeit ihres Daseins. Bei Allen? Ich wüßte keinen Grund zu einer Ausnahme. Frau Ellen ließ das Gespräch fallen. Nachmittags herrschte eine heitere, aber ungewöhnlich heiße Witterung. Die Mutter machte mit der Tochter einen Spaziergang. Sie gingen nicht die besuchte Straße, sondern einen entlegenen Pfad durch Felder und Wiesen. Bald war Clara müde und klagte über brennende Hitze und glühenden Durst. Tröste Dich, mein Kind! Wir finden bald an einem lieblichen Plätzchen Abwehr gegen beide. Und wirklich. Nur noch eine kleine Strecke waren sie gegangen. Da lud sie ein Baum mit weitausstrebenden dichtbelaubten Aesten zur Ruhe, da bot ein Quell köstliches Wasser zur Labung. Erkenne in diesem Baume und in dieser Quelle das Bild vieler scheinbarer reicher Müssiggänger! versetzte die Mutter. Wie? — entgegnete Clara! — Die Reichen der Stadt sind mitten im Weltgetriebe, Baum und Quelle in abgeschiedener Verborgenheit. Gerade dieser Gegensatz verdeutlicht noch mehr die Ähnlichkeit des Bildes. Baum und Quelle würden mehre Wanderer erquicken, lägen sie an der Landstraße, und mancher Reiche vielleicht mehr Gutes stiften mit seinem Ueberflusse, lebte er, der einzige Wohlhabende, auf dem Lande in durstiger Gegend. Dessenungeachtet thun Baum und Quelle, thut mancher Reiche in der Stadt aner- kennenswerthes Gntes. Baum und Quelle würden also Mehrere erfreuen bei der günstigen Lage an der Landstraße? Allerdings, deßgleichen thäte auch mancher Reiche mehr Gutes, wenn er sich an jenen Platz stellte, an welchen ihn sein Talent und die Gelegenheit, dasselbe auszubilden, bestimmt haben. Verbringt er gleichwohl sein Leben in behaglicher Ruhe, verdient er doch insoweit uns're Achtung und nicht lieblose Aburtheilung, als er durch Mildthätigkeit dem allgemeinen Berufe genügt, seinen Mitmenschen Gntes zu thun. Woher aber wissen wir, daß er diesem Berufe genügt? Ich gewahrte an diesen Reichen kein Kennzeichen ihrer Mildthätigkeit. ^Djes wissen wir freilich selten und müssen deßhalb so lange das Gute vermuthen, bis wir vom Gegentheile überzeugt sind. Allein deine Frage erinnert mich an einen zweiten Vergleichungspunkt in unserm bisherigen Bilde. Hättest du wohl die Labsale des Baumes und der Quelle so beachtet, wenn sich beide in einer Wald und wasserreichen Gegend befinden würden? Keines Falles. Halte jetzt an dem äußern Gegensatze fest, welcher sich schon bei unserm ersten Vergleiche ergab! Die Mildthätigkeit des wohlhabenden Mannes nämlich finde umgekehrt größere Beachtung durch ihre Vereinzelnung in dürftiger Gegend, als durch ihre Vereinigung mit der Mildthätigkeit reicher Genossen. In großen Städten wirkt oft die Liebe Gutes im Gewände christlicher Demuth. Redaction un« Verlag: Or. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie. AiigZhllM Äililtagslililtt. Hr. LS 23. December 1860. DaS AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Rüg Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Beim Herannahen des JahrcS und resp. des I. Quartals oder I Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Rugsburger Sonntags-Blattes (Beiblatt zur AugSburger Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auflage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der Abonnements-Preis ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal 20 kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei der nächstgelegenen Poststation. Ruch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. (Eingesandt.) An PinS IX. Gerüstet mit des Glaubens Schild und Bogen, Des starken Glaubens, der da spielt mit Bergen, Der stolze Niesen nievcrwicsl gleich Zwergen, Und furchtlos schreitet auf deS Meeres Wogen, So kommst Du in den großen Kampf gezogen; Doch nicht Giganten nah'n, noch grimme Fergen, Nein, Pharisäer senden ihre Schergen, Den Geist zu sah'», der himmelan geflogen. Da neigt zu Dir sich ganz deS Heilands Liebe, Daß er den treuen Streiter herrlich lohne, Bekränzt er dich mit seiner Dornenkrone; Schon würfeln frech um Dein Gewand die Diebe Und rasen blind, nicht Dir, nur sich zum Höhne: Du stehst unsterblich groß vor Gottes Throne. K. D. Die Greuelfcenen in Syrien. (Fortsetzung.) Alles dies war aber nur eine Falle. Die Consuln merkten sie nicht, und kehrten voller Vertrauen in die Rechtlichkeit des Pascha nach Beirut zurück. Dieses Vertrauen war so groß, daß der französische Consul dem mächtigsten christlichen Scheik des Gebirges Namens Joseph Kawam, der an der Spitze einer Truppe aus der Umgegend von Tripolis kam, und im Begriffe stand Zahle!) zu Hilfe zu eilen, den förmlichen Befehl zugehen ließ, sich ruhig zu verhalten und nichts zu unternehmen, weil der Pascha alles Nöthige zu tbun übernommen habe. Was war die Folge dieses Vertrauens? Die von dem Pascha angeblich nach Zahlet) gesandten Truppen machten an einer Stelle Halt, wo durch sie alle. Hilfe an Menschen, Lebensmitteln und *'.I "' 17 -' Munition, die der Stadt noch hätte geleistet werden können, abgeschnitten war, und dort blieben sie ohne sich zn rühren. Die Einwohner Zahlchs erwarteten mit Ungeduld die Hilfe Joseph Kawam's, die ihnen angezeigt worden war. Als sie ihn nicht eintreffen sahen, und weder Brod noch Pulver mehr hatten, entschlossen sie sich, die Stadt zn räumen und sich kämpfend durch ihre Feinde nach dem Kesruan durchzuschlagen, Nicht Alle erreichten dieses Land der Rettung: eine große Anzahl blieb auf dem Wege; indessen kann man sagen, daß es der Mehrzahl der Bevölkerung von Zahleh gelang, sich zu retten. Es waren in der Stadt einige Nachzügler, einige Frauen und einige Kinder zurückgeblieben, Leute, welche hofften, nichts für ihr Leben befürchten zu müssen. Alle mußten über die Klinge springen. Zwei Jesuitenväter empfingen zu Zahleh die Martyhrer-Palme: der eine, ein Araber, wurde getödtet in dem Augenblick, wo er auf seine Rettung bedacht war; der andere, ein Franzose, der Pater Billotet wurde im Beichtstühle ermordet, wo er einigen Unglücklichen, die sich zum Tode vorbereiteten, die Absolution gab. Die Drusen des Hauran zeigten vor allen andern eine besondere Wildheit. Die Drusen des Libanon zogen gegen dieselben den Säbel, um aus ihren Händen die französischen Ingenieure zu befreien, die auf dem Wege nach Damakus beschäftigt sind, und die sie ebenfalls morden wollten. Dieses geschah am l8. Juni. Am folgenden Tag wandten die Würger sich in Menge von Zaleh nach Deck- el Kamar. Der türkische Divisions-General Feryk-Pascha war noch mit seinen Soldaten in der Stadt, und zwar unter dem Scheine, die Ausführung des Vertrages zu garantircn, welchen er die Einwohner hatte unterzeichnen lassen. Als die Horden, welche Zaleh genommen hatten, vor Dew el Kamar anlangten ließ Feryk-Pascha die Christen sich versammeln und sagte ihnen, daß sie von einer großen Gefahr bedroht seien; daß sie derselben aber entgehen könnten, wenn sie ihre Waffen ablieferten und sich in das Serail zurückzögen unter dem Schutze der türkischen Ehre. Die Unglücklichen glaubten seinem Worte, lieferten ihre Gewehre ab, und zogen sich so entwaffnet, theils in das Serail, theils in die Kirche und Häuser zurück. Daraus wurden die Stadtthore den Drusen geöffnet, welche, unterstützt von den türkischen Soldaten, die Schlächterei begannen. Alle Häuser wurden mit Gewalt genommen; was aber die Christen betrifft, welche in das Serail geflüchtet waren, so wurden sie mit Stockschlägen und Bayonnet- stichen gezwungen, einer nach dem andern das Serail zu verlassen und sich den Schüssen der Mörder auszusetzen, welche aus sie gerichtet wurden, sobald sie vor der Thüre erschienen. Das Blutbad dauerte vom Morgen bis zum Sonnenuntergang; 2730 Personen verloren dabei das Leben. Ich kann Ihnen diese Zahl verbürgen; sie ist auf authentische Weise durch ein Actenstück beglaubigt, das den verschiedenen Consulaten zugestellt worden ist/') Was nun die Details betrifft, welche erzählt werden von einzelnen Personen, die dem Blutbad haben entrinnen, so wie von Verwundeten, die sich bis Beirut haben schleppen können, so sind sie grausenerregend. An diesem Bluttage bestand der Lieblingsscherz der Drnsen und Türken, darin, die unglücklichen Christen von De>r el Kamar aus dem Kreuze zu ermorden, indem sie ihnen zuriefen: „Warum rettet dich jetzt dein Gott nicht?" Andere sind auf der französischen Flagge mit ähnlichen Worten getödtet worden. Die Schule der Stadt hatte, als Zeichen des Schutzes, die dreifarbige Fahne aufgezogen; sie ist nichts desto weniger verbrannt und die Farben Frankreichs in den Koth getreten worden. Was wird Europa? was wird Frankreich zu diesen Greuelthateu sagen? * * * ___ * *) Als die französischen Truppen nach De'i'r el Kamar kamen, fanden siedaselbst in den Straßen noch 300 unbegrabene Leichen, welche von ihnen bestattet wurden. 4,1 Damascus, den 12. Juli. Dies ist ohne Zweifel mein letzter Brief, und ich schreibe ihn, damit Du, Wenn ich nicht mehr bin, die Verluste beanspruchen kannst, die wir durch Plünderung und Feuer erlitten haben .... Das christliche Quartier besteht nicht mehr, das jüdische Quartier ist zerstört, und das Feuer dehnt sich schon nach dem türkischen aus; der Anfang wurde von den Türken gemacht, später fielen noch vielleicht 50,000 Drusen, Araber, Beduinen u. s. w. über die Stadt her, die überall plündern und brennen, selbst in den muselmännischen Quartieren: die christliche Bevölkerung zu Damascus besteht aus 20,000 Seelen und 5—6000 von jenen, welche in benachbarten Städten und Dörfern dem Blutbad entronnen sind^ in diesem Augenblicke haben sich 4—5000 in die Festung geflüchtet, 1000 in türkische Häuser, die andern sind unter der Axt gefallen oder verbrannt; später, wenn Gott will, daß ich der Gefahr entgehe, werde ich das Nähere mittheilen. Der Emir Abd-el-Kader wird zuletzt angegriffen werden; er hat 3000 entschlossene Algierer um sich, aber das Feuer kann auch ihn zwingen. (Schluß folgt.) Misstonsberichte -es hochw. t?. Franz Xaver Weninger. (Fortsetzung.) Meine Feinde hatten die Sache sehr schlau angelegt. Sie verbreiteten durch Zeitungen, ich zöge durch das Land, um alle katholischen Frauen von ihren protestantischen Männern zu jagen. Das wirkte; denn das allarmirte ^ alle diese Portestanten und gab auch den Radicalen einen erwünschten Anhalts- punet. Sie wußten wohl, daß sie mit den Verleumdungen der Missionen an und für sich nicht durchdringen konnten. Es traf sich nun, daß der reichste und einflußreichste Protestant zu St. Antonio, ein Bierbrauer, eine katholische Frau hatte. Dieser Mann stellte sich wie ein Absalon an die Kirchthür und forderte die Hineingehenden auf, mich zu lynchen, d. h. durch Volksjustiz zu richten. Davon weiß man in Deutschland und überhaupt in Europa nichts mehr, seit den Tagen der Revolution. Hier in St. Antonio ist das kein ungewöhnlicher Fall. Derselbe ereignet sich auch sonst in den Vereinigten Staaten. Wenn das Volk eines großen Verbrechers habhaft wird, so hängt man denselben ohne Weiteres auf. Es geschah schon, daß um St. Antonio herum mehrere Leichen zugleich von den Bäumen hingen. Die Sache wollte jedoch nicht ziehen, bis sich ihm ein Sherif der Stadt selbst anschloß. Er hatte ein Weib, die früher schon drei Männer hatte. Als diese ihm erklärte, sie könne keine Lossprechung erhalten, sondern müsse ihn vorerst verlassen, da brach der Stnrm los. Er kam zu einem katholischen Bürger, zeigte ihm einen Dolch und sagte: Dieser Dolch ist für den Missionär heute Abend bestimmt. Man sagte es mir. Ich predigte den- . selben Abend von der Verehrung des h. Herzens Jesu, und sah eine Menge ganz , ungewöhnlicher Gesichter in der schönen, großen deutschen Kirche, die 30,000 l Thaler gekostet. Ich hatte auch da in zwei Sprachen zu predigen. Man hörte mich mit gespannter Aufmerksamkeit an. Als die Predigt vorüber war, erhob sich ein Gemurmel. Die Verschworenen besprachen sich, was zu thun, und wagten sich nicht an mich. Ich gab den Segen mit dem allerhl. Sacrament und entließ das Volk. Es sollte nun der besondere Standesunterricht der Jünglinge beginnen. Ich bemerkte, daß sich das Volk nicht entfernen wolle. Ich fragte um die Ursache; da hieß es, die ganze Straße sei voll von bewaffneten Protestanten. Der Rädelsführer kam ganz nahe an mich. Ich trug ihm dagegen ganz ruhig einen Platz an. Da wendete er sich um, und sagte ganz entrüstet: Jetzt haben wir ihn doch nicht. Er entfernte sich und ich hielt meinen Stan- 412 des-Unterricht. Man erwartete des Nachts einen Angriff auf das Haus, wo ich bei den Schulbrüdern wohnte. Es geschah jedoch nichts. Des andern Tages hingegen war die ganze Stadt voll Drohgerüchte. Man wolle, koste es was es wolle mich Abends in der Kirche ermorden, oder außer der Kirche aufhängen. Das erfuhren nun auch die Katholiken, und ohne daß ich etwas davon wußte, bewaffneten sich dieselben. Namentlich zeigte sich dabei der französische Charakter in seinem eigenthümlichen Lichte. Es gab Franzosen, die wohl 30 Jahre nicht mehr in die Kirche gingen, Allein als andere zu ihnen kamen und ihnen sagten: ^ujourciliui notre »sinkt! ivligion sora stlsguee — venex pour 1s llekencle-:! (Heute wird unsere h. Religion angegriffen, — kommt, um sie zu vertheidigen) -— da zogen sie sogleich ihr Pistol und gingen mit: Ssn» cloukv, oui — il t'sm I,. lletenäl't! ! (Ohne Zweifel — ja — man muß sie vertheidigen). Als die Rebellen davon Wind bekamen, da kühlte sich ihr Müthchen ab. Die ganze Kirche war gedrängt voll und bewaffnet; auch der Major der Stadt war gegenwärtig. Ich feierte die Erwählung Mariä zur Mutter, und Alles lauschte auf jedes Wort mit Ehrfurcht und Bangen. Es geschah nichts und ich beschloß den andern Tag hochfeierlich die Mission. Hierauf gab ich noch den Ursulinerinnen in französischer Sprache die ltou-siie, und ging nach Castroville. Da lebt eine große Anzahl von Elsäßern und Schweizern. Auch da ge'' lüftete es einem She'rif, das Beispiel von St. Antonio nachzuahmen. Doch mit Elsäßern und Schweizern ist nicht viel zu scherzen. Er gab sein Ansinnen bald wieder aus. Dagegen war die nächste Station eine höchst gefährliche. Es war die letzte, sehr nahe an der Gränze von Mexico gelegen. Der Priester, der mich dahin begleitete, sagte: Ich kenne die Leute; ich gehe nicht dahin, es sei denn, ich habe zuvor eine Generalbeicht abgelegt. Es gab dort ganz wüthende Ra- dieale. Der Ort heißt D'Haunis. Al» wir dort ankamen, da rotteten sich diese Kameraden sogleich der Kirche gegenüber in einem Gasthause zusammen, und fingen zu saufen und zu singen an. Ich hatte die Nacht allein in einer höchst unsaubern von Ungeziefer wimmelnden Sacristei zuzubringen. Das war eine in der That sehr unsichere Nacht, die ich lange nicht vergessen werde. Doch auch hier verzog sich das Drohgewitter. Gott fügte es nämlich hier und an allen folgenden Orten, daß sich jedesmal ein Haupträdelssührer bekehrte, der mich dann beschützte. So hier zu D'Haunis. Als ich allein im Wohnhaus war, das ich nach jener Nacht bewohnte, da kam er zu mir und sagte: Fürchten Sie sich nicht vor mir; ich komme um Ihnen meinen Respect zu beweisen. Man wird Ihnen gesagt haben, ich stünde an der Spitze des Mob, den man gegen Sie angezettelt. Hochwürdiger Herr! ich habe Ihre Predigt gehört, und jetzt solle Einer etwas gegen Sie anfangen, da rechnen Sie nur auf meine Hilfe. — Es trug sich übrigens in D'Haunis ein sehr merkwürdiger Fall zu. Ich pflege nämlich in den Kirchen, wo ich Missionen gebe, wenn das Kreuz sich nicht im Freien ausrichten läßt, in der Kirche selbst ein Kreuz, 12 Fuß hoch, aus Wallnußholz verfertigt, aufzurichten. Jedes dieser Kreuze trägt die Inschrift in Gold: „Wer ausharrt bis ans Ende, wird selig." Da nun in dem kleinen Städtlein D'Haunis kein Vergolder war, so ließ ich das Kreuz zu Castroville verfertigen, und mit der Inschrift in Gold zieren- Man wickelte das Kreuz ein und legte es auf einen Wagen. Mir bangte gleich anfänglich, die Inschrift würde beim Fahren abgerieben und verletzt werden. So war es auch. Als das Kreuz ankam und enthüllt wurde, da war dir Inschrift beinahe unleserlich und ganz weggerieben. Der Pfarrer war trostlos. Doch siehe, was geschieht. Das Kreuz blieb so drei Tage lang in meinem Zimmer stehen. Als die Zeit kam, daß man dasselbe zur Einweihung in die Kirche bringen sollte, siehe, da stand die Inschrift unversehrt in vollem Goldglanze da. Wie der Pfarrer das sah, rief er: das haben 413 Sie gethan! — Freund, wie können Sie so etwas denken, war meine Antwort, ich habe doch kein Gold mitgebracht, und verstehe mich auch nicht darauf. Alles verwunderte sich. Das Kreuz stund die ganze Zeit in meinem Zimmer. Niemand berührte es. Da sagte ich den Leuten: Wisset ihr, Freunde, was dies zu bedeuten hat? Weder mein Predigen, noch eure Vorsätze können uns die Gnade der Beharrlichkeit versichern, sondern sie ist und bleibt eine Gnade. Bitten wir Gott recht oft und inständig um dieselbe vor diesem Kreuze. — Mir war dieser Fall um so trostreicher, weil es die äußerste Station meiner Missionsreisen in dieser Richtung war. Ich ging von D'Haunis nach Friedrichsburg. Diese Stadt liegt säst an dem Territorium der wilden Comanches- Jndianer. Da zog sich wieder gegen mich das Gewitter des Hasses und der Wuth der Radikalen schwarz in den drohendsten Formen zusammen. Eben zur Zeit der Mission sollten auch die Sänger von Texas ihr Sängerfest dort feiern. Was konnte diesen ungelegener kommen, als eben diese Mission? Es fügte, sich, daß die Kirche, wo ich Mission hielt, gerade an dem entgegengesetzten Theil der Stadt gelegen war. Dies war ein sehr erwünschter Umstand. Die Sänger hatten sich ein Gezelt für Musik, Spiel und Tanz aufgeschlagen, und vor der Kirche wurde auch ein Zeltdach aufgespannt, um die Menge der Zuhörer zu beschatten, welche nicht Raum in der Kirche fanden. Die Sänger wagten es nicht, sich dem Stadttheil der deutschen Kirche zu nahen; selbst nicht als sie ihre Proeessions-Umzüge hielten. Man hörte ihr Lärmen nur von ferne, während das andächtige Glöcklein der Kirche die Leute zu den geistlichen Uebungen rief. Das ganze war eine lebhafte Illustration der Meditation von den zwei Fahnen. Indeß, die Sache sollte doch nicht ohne Mobversuch gegen mich ablaufen. Es erhoben sich einige der Haupträdelsführer und beantragten, mich in der Nach: zu besuchen unb aus Friedrichsburg zu verjagen. Dagegen nahm ein Advokat aus St. Antonio das Wort. Wie, sagte er, meine Herren, Sie thun sich so viel auf die Redefreiheit von Amerika zu Gute! wie können Sie einem Priester verwehren, in der Kirche rundweg seine Meinung herauszusagen? Wenn Ihnen seine Predigt nicht zusagt, so bleiben Sie davon. Im Falle Sie sich unterstehen und thun dem Priester Gewalt an, dann meine Herren haben Sie es mit mir zu thun; ich werde ihn vertheidigen. Darauf erwiederten die Haupträdelsführer: Nun denn, wenn es hier nicht geschieht, daß der Missionär gemobt wird, so soll das doch gewiß in Neu-Braunsfeld geschehen. Sie gingen darauf eine Champagner-Wette ein, mich in Braunsfeld zu überfallen. Ich ging dahin ab, und es kostete sehr viel, einen Priester als Begleiter dahin zu bekommen. Jeder fürchtete sich. Die Gemeinde war schon drei Jahre ohne Priester, um so weniger durfte ich dort die Mission unterlassen. Endlich entschloß sich der Generalvicar von St. Antonio mit mir zu gehen. Die Lage der Kirche selbst erleichterte jedes Attentat gegen mich. Die katholischen Bürger sind seit Erbauung derselben größtentheils 5, 6 bis 8 Meilen weg von der Stadt auf das Land gezogen. So war ich mitten unter deu Protestanten. Sie konnten ihre Wette leicht gewinnen. Man warnte mich besonders vor einem Wirthe daselbst. Ich jedoch ging, als ich ankam, gerade zu ihm, und speiste daselbst. Der Mann wurde ganz enthusiastisch für mich und die Mission eingenommen. Als die Mitte der Mission herankam und die Rädelsführer an ihre Champagner-Wette dachten, da sprachen sie ganz offen im Gasthaus von ihrem Plan. Allein der reiche Gastwirth nahm meine Partei und sagte: Meine Herren, ich warne Sie, dem Missionär etwas anzuhaben. Sie sollen wissen, daß ich bereit bin. denselben zu vertheidigen, und koste es mich mein ganzes Vermögen. Sogleich bezahlen Sie den Champagner, nnd wir trinken denselben im Frieden mit einander aus. So geschah es auch. Ich bemerke hier gelcgenheitlich, daß ich in Braunsfeld auch den Trost hatte, zwei Tirolerfamilien zu begrüßen. Graf 414 Coreth wohnt nämlich ein paar Meilen von Braunsfeld entfernt, nnd Herr Carl v. Mayerhofen ungefähr 30 Meilen. Letzterem schrieb ich. Er kam mit seiner Gemahlin, was mich sehr erfreute, und wohnte dem Schluß der Mission bei. Ich begab mich von Braunsfeld nach Austin, der Hauptstadt des Landes. Die Anzahl der Deutschen ist daselbst klein. Ich predigte vorzüglich englisch. Wer sollte es glauben — selbst hier wurde ich bedroht. Man schrieb nämlich ganz absurde und infame Lügen in die deutschen Zeitungen, als hätte mich die Bevölkerung von Castroville, aufgeregt durch meine anstößigen Standespredigtcn, bis St. Antonio verfolgt rc- rc. Von allem war kein Wort wahr. Doch schlechte deutsche Radicale übersetzten diese Berichte ins Englische, und lasen dieselben auf Gassen und Straßen den Amerikanern vor. Indeß, diese konnten mich selbst hören, und somit verzog sich das Ungewitter auch hier. Es erübrigten noch drei deutsche Gemeinden in der Nähe von Friedrichsburg. Auch da war ich in einer dieser Gemeinden in großer Gefahr. Ein Protestant, dessen Frau katholisch war, und die ihm erklärte, daß alle Kinder katholisch erzogen werden müßten, kam in Raserei und sprengte an die Kirche heran. Nachdem er sich um dieselbe herum satt geflucht, wollte er den Mob einleiten. Allein Gott fügte es, daß gerade Der, welchen er zum Leiter des Aufstandes sich erkoren, bereits zur Beichte gekommen war und ihm erklärte, er schieße ihn sogleich nieder, wenn er etwas gegen mich unternähme. So kam ich auch hier unversehrt davon und hatte noch den Trost, in der nächsten Pfarre acht Protestanten in die h. Kirche aufzunehmen, d. h. alle, die in jener Pfarre sich befanden. Ich wohnte bei dieser Mission in einem ganz bethlehemitischen Pfarrhaus, nämlich in einem Pferdestall. Es war dies die einzige Hütte nahe an der im Walde gelegenen Küche. Indeß bietet ein solches Pfarrhaus doch mebr Trost in meinem Beruf, als alle die bequemen Wohnungen, die ich als Missionär in Deutschland bei Missionen bewohnte. Die Bisthnmer Asiens. Asien, der größte Welttheil, die Wiege des Menschengeschlechts, dessen größere Hälfte er allein in sich birgt, die Geburtsstätte des Christenthums, dessen göttlicher Stifter daselbst seine irdische Laufbahn wandelte, hat hinsichtlich der Ausbreitung der christlichen Religion durch Gottes Zulassung ungemeine Rückschritte gemacht. Alle jene blühenden Gemeinden und Bischofssitze, Zeugen der ruhmvollen Wirksamkeit der Väter der Kirche, sie sind zerstört, auf ihren Trümmern Hausen rohe Horden, fanatische Feinde des Christenthums, deren Wuth erst ganz neuerdings Ströme christlichen Blutes geflossen sind. Auch in den weiter gelegenen Ländern dieses ungeheuren Welttheils kämpft Satan mit äußerster Macht für seine Herrschaft, und weicht nur Schritt vor Schritt vor dem von allen Seiten eindringenden Evangelium zurück. Ob aber auch dieses Eindringen bisher nur sehr langsam von Statten gegangen ist, so dürfen wir uns doch ' der Hoffnung hingeben, baß auch für diese im Todesschlaf befangenen Gegenden der Tag des Erwachens nahe sei. Unter 650 Millionen Bewohnern befinden sich im Ganzen annähernd sechs bis höchstens sieben Millionen katholischer Christen (die Anzahl der Protestanten ist kaum nennenswerth), von welchen die größere Hälfte allein auf die Philippinischen Inseln kommen. Sie sind unter 109 Diöcesen vertheilt, von denen 38 allein auf die asiatische Türkei kommen, 25 auf Ehina und seine Nebenlande, 22 auf Ostindien, 8 auf Anam, 4 auf die Philippinen, 3 auf Persten, auf Japan, Siam, Java, Borneo je 1. Die der Zahl der Gläubigen nach größten Diöcesen befinden sich begreiflicher Weise auf den Philippinen, wo 3Vr Million Gläubige in vier Diözesen vertheilt sind, so daß fast auf jede eine Million Seelen kommen. Alle andern sind bedeutend kleiner bis zu vier, die sogar weniger als tausend (1000) Gläubige zählen; es sind dies Sero im griechischen Archipelagus mit 500, Zer (Tprus) in Syrien mit 700, Diarbekir und Kaisanich in Kleinasien, letzteres gar nur mit 250 Seelen, Armeniern, die erst neuerdings zur Kirche zurückgetreten sind. Die Zahl der Säcularpriester beträgt aber 6500, von denen 3000 auf die Philippinen kommen, 1900 auf die asiatische Türkei (darunter 1200 maronitische, 300 lateinische, 200 malchitische, 100 armenische, 100 syrische), 1000 auf Vorder-Jndien, 300 auf Anam, 200 auf China, die übrigen in geringerer Zahl zerstreut über den ganzen Erdtheil wirkend. — Von männlichen Ordensvereinigungen sind 19 in 188 Häusern vertreten, von denen die größte Anzahl (127) auf die asiatische Türkei kommt, während sich auf den Philippinen 30, in Ostindien 16 Niederlassungen befinden. Am zahlreichsten sind die Maroniten in 60 Häusern (1500 Mitglieder), die Franziskaner in 37, die Kapuziner in 20, die Lazaristen in 17, die Jesuiten in 14 Häusern; alle übrigen sind in geringerer Anzahl vertreten. Die Zahl sämmtlicher Ordensmitglieder ist unermittelt. — Von weiblicher Congregation finden wir 13 in 63 Häusern verzeichnet, von denen 35 auf die asiatische Türkei, 11 auf Ostindien, die übrigen in geringerer Zahl verstreut. Am zahlreichsten unter ihnen sind die Maronitinnen, 14 mit 400 Mitgliedern, die barmherzigen Schwestern in 12, die Josephsschwestern in 10 Häusern; außer ihnen finden sich die Schwestern vom guten Hirten (in 2 Häusern), Englischer Fräulein (2), Lorettinerinnen (3), Congregation der Heimsuchung Maria (3), Töchter von Sion (2), die Schwestern von Nazareth in Palästina, Morizschwestern (in China), Damen vom hl. Mauros (in Hinter-Jndien), Jgnatiusschwestern und Carmeliter Ordens- srauen in einer Niederlassung. Die Zahl der Mitglieder ist ebenfalls nicht ermittelt. (Schluß folgt.) Die letzten Lebensmomente Sr. Ein. des Cardinals Btale-Prela, Erzbischofs von Bologna. ß Gegen das Ende deS Monats Februar hat sich der Cardinal bei der allzu rauhen Jahreszeit ein Brnstleiden zugezogen, das er bei der Erfüllung seiner Berufspflichten nicht beachtete, und dessen Hebung er in seinem Eifer nicht die Aufmerksamkeit widmete, die es erheischte. Das Leiden steigerte sich mit jedem Tage; aber er unterließ nicht, mit Wärme sich allem Dem zuzuwenden, was sein beschwerliches Amt ihm auflegte. Im April hatte das Leiden solche Fortschritte gemacht, daß man an seiner Rettung verzweifelte; aber durch seine Geisteskraft und seine Seelenstärke mochte er an eine Besserung mit dem Eintritte der bessern Jahreszeit und mit einer Luftveränderung glauben. Eitle Hoffnung! die Landlnft war ihm nicht zuträglich, sondern vielleicht sogar schädlich. Die Symptome mehrten sich und schwächten seine Kraft, aber nicht seinen Muth, obgleich die damaligen Verhältnisse ihm daS Herz sehr verbitterten. Nach einigen Tagen Aufenthalt war er zur Rückkehr nach Bologna genöthigt, und kam daselbst viel gebrechlicher und schwächer am 8. Mai des Abends an. Am folgenden Tage verließ er daS Bett und blieb den ganzen Tag hindurch auf. Durch die Bitten derer, die ihn besuchten, ließ er sich am folgenden Tage bestimmen, im Bette zu bleiben, und gegen Abend sowie während der Nacht stellte sich ein heftiges Fieber ein, das ihm die Besinnung raubte. Am 11. kehrte diese zwar wieder zurück, aber die Kräfte schwanden immer mehr. Am Sonntage den 13. empfing er die hl. Wegzehrung und richtete an den Klerus und au die vielen Bologneser, welche bei der hl. Handlung anwesend waren, folgende Worte: „Bevor ich von meinem innigstgeliebten Volke scheide, will l '-s ich, daß es durch mich Zeugniß erhalte von dem Glauben, der Frömmigkeit und Nächstenliebe, welche ich zu meinem großen Troste iu seiner Mitte habe blühen sehen. Dann will ich, baß mau wisse und kenne die besondere Liebe zu meinem Klerus, hauptsächlich zu meinem Capitel und der gesammten Pfarrgeistlichkeit, die sich durch Eifer und ein musterhaftes Leben so sehr auszeichnet, und die meine Hilfe und Stütze gewesen. Ich bitte dann Alle, immer mehr zu wachsen iu der religiösen Gesinnung, welche Bologna so sehr auszeichnet, und unerschütterlich festzustehen iu der Vereinigung mit dem Mittelpuncte der Einheit, der Säule der Wahrheit, dem Stuhle des hl. Petrus, dem römischen Papste. Ich habe mein Leben zum Opfer gebracht für mein Volk; und wenn der Herr mich gnädig in den Himmel aufnimmt, so werde ich vollenden das Werk, au dessen Ausführung mich die Kürze des Lebens und die Ungunst der Zeitverhältnisse auf Erden gehindert." Thränen iraten in die Augen aller Anwesenden, und das zahllose Volk, welches den Hofraum des. erzbischöflichen Palastes anfüllte, stimmte ein iu die Klagen deS Klerus, der das allerheiligste Altarssacrameut begleitete. Er segnete alle seine Diener, seine Freunde und Anwesenden, die um das Bett herum knieten. Da er ihre Thränen bemerkte, so sagte er mit heiterer nnd lächelnder Miene, daß sie ja keine Ursache haben sich zu betrüben, sondern daß sie sich vielmehr freuen sollten, weil Christus der Herr sein Flehen erhört und seine Wünsche, sich zum Besten seines Volkes zum Opfer zu bringen, erfüllt habe. Diesen nnd den folgenden Tag brachte er in beständiger Betrachtung nnd im Gebete zu, soweit eS sein schweres Leiden ermöglichte. Das, was ihn bedrohte, erfnhr er zwar nicht mehr, wohl aber sah er noch die Gefangeuuehmung seines GeneralvicarS, des Monsignor Ratta, die in demselben Augenblicke stattfand, in dem er ihm die hl. Wegzehrung reichen sollte. Auch seine Verhaftung würde erfolg! sein, wenn fein Zustand die Trausporiirung in den Kerker erlaub! hätte. Gegen die Nacht vom 14. auf den 15. war der Schmerz sehr groß; er war auf das Höchste gestiegen; zu den Personen, welche knieend für ihn beteten, sprach er, sie möchten lauter beten, weil er noch mit ihnen beten wollte. Es war schon Mitternacht, wenige Augenblicke nur mehr in seinem Lebe, da verlangte er eines seiner Gebetbücher, mit dem Titel „Das Licht nnd die Liebe der Welt" Luzern 1833 und las das in demselben enthaltene Gebet bei der vierzehnten Kreuzwegsstatiou. Als er eS gelesen, bat er die Umstehenden, daß sie drei Vaterunser und Ave zn Ehren deS heiligen Michael beten möchten, und entschlief dann im Frieden deS Herrn. Wer seinem Glauben nicht treu ist, der ist auch seinem Könige nicht treu. Der Kaiser Constantius Chlorus stellte sich, als wolle er nach seiner Vorgänger Sitte die Christen aufs Neue verfolgen und sie zwingen, den Götzen zu opfern. Er drohete seinen Hofdienern mit Lein Verluste ihrer Güter und Ehren- stellen, wofern sie nicht an dem Götzendienste Theil nehmen wollen. Mehrere gaben alsbald ihre Bereitwilligkeit kund, dem Willen des Kaisers nachzukommen; Andere standen fest wie Eisen in ihrem Glauben und erklärten offen heraus, sie würden um keinen Preis von demselben ablassen. Die Letzteren behielt Constantius in seinem Dienste, die Ersteren verabschiedete er alle insgesammt. Recht so! Wer seiner Religion und seiner Kirche Treue und Gehorsam beweiset, der wird sich als der beste Unterthan und der zuversichtlichste Freund bewähren. Redaction und Verlag: Dr. M. Huitlcr. — Druck von I. M. Älcinlc. Hi. LS. 30. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür cS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. HM" Beim Herannahen des Jahres und resp. des l. Quartals oder I. Semesters 1861 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Augsburger Sonntags-Blattcs (Beiblatt zltr AugSbnrger Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auslage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der AbonnementS-Preis ist derselbe wie im abgelaufenen Jahre (pro Quartal SO kr., pro Semester 40 kr). Man abonnirt bei -er nächstgelegenen Poststation. Auch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelligt werden. Die Expedition. Die Grenelscenen in Syrien. (Schluß.) Damascus, den 16. Juli. Ich schreibe Dir in Eile einige Worte, die ich einem genaueren Berichte entnehme. Montag, den 9. Juli. — Am Morgen hatte man auf die Thüren mehrerer Häuser geschrieben: Tod den Christen! Gegen Mittag sah sich das christliche Quartier plötzlich von muselmännischen Banden überfluthet; das Haus des Consuls von Rußland wird unter den ersten angegriffen, geplündert und verbrannt; der Consul war in diesem Augenblick nicht zu Hause; auf mehreren Punkten bricht Feuer aus; die Besatzung, welche Kanonen hat, läßt Alles geschehen; die Plünderer stehlen ganz offen, ja selbst Soldaten verlassen ihre Reihen, um ihren Theil an der Beute zu haben, auch sieht man Frauen, die von den Terrassen herunter die Männer zur Plünderung und zum Gemetzel antreiben. Wir denken daran uns zu vertheidigen, da wir des Glaubens sind, daß es sich nur um einige Banditen handelt; aber da wir hören, daß sie zu Hunderten auf einmal die Häuser erstürmen, daß sie zugleich morden, und das Feuer uns bald umgeben wird, so denken wir an die Flucht; es war hohe Zeit, denn während wir auf die Terrasse steigen, stößt man bereits die Thür ein; mit Hilfe einer Leiter gelangen wir von Terrasse zu Terrasse zu dein Hause Boulade, welches auf die Hauptstraße geht und dem Consulate Griechenlands gegenüber liegt. Es ziehen Truppen vorüber; wir sprechen mit dem Ofsicier; derselbe antwortet uns, Geduld zu haben; einer seiner Soldaten legt das Gewehr auf uns an, und wir haben nur eben Zeit, uns zurückzuziehen; wir beeilen uns, während von Weitem fortwährend Flintenschüsse auf uns gerichtet werden, die Straße zu passiren, und uns zu dem Consul Griechenlands zu flüchten, vor dessen Hause sich eine Abtheilung Soldaten befindet; aber zehn Minuten später zieht diese Abtheilung schon ab und läßt uns von Neuem unserm Schicksal ausgesetzt, als glücklicherweise der Emir Abd-el-Kader an der Spitze seiner Algierer erscheint, um die Flucht der Christen zu beschützen und alle, die er kennt, in seine Wohnung zu führen; wir schließen uns ihm an, und auf dem Wege bemerken wir Soldaten, die ebenfalls plündern. Nach sehr vielen Gefahren kommen wir beim Emir an, wo wir die Con- suln von Frankreich und Rußland finden, die sich bereits dahin geflüchtet hatten .... Nach und nach langen die Vater Lazaristen, die Schulschwestern mit ihren Waisen und 200 Kindern, griechische, syrische, maronitische und viele andere Christen an, welche die Algierer herbeiführen; das HauS des Emirs ist überfüllt. Während der Nacht schickt der Gouverneur und läßt die Consuln und Europäer fragen, ob sie wünschen, nach der Festung geführt zu werden, wo ein geeigneter Raum hergerichtet ist; der Consul Frankreichs und andere Europäer lehnen dies ab, der russische Consul, ein Arzt und ich, so wie zwei Lazaristen nehmen das Anerbieten an. Aus dem Wege laufen wir die größte Gefahr; dreimal werden wir von den Türken angehalten, welche verlangen, daß man uns ihnen überliefere; endlich, ein wenig vor Tagesanbruch langen wir an. Die Feuersbrunst ist ungeheuer; der Himmel ist vom Feuer geröthet. Dienstag, den 10. Juli. — Die Algierer Abd-el-Kader's haben inmitten der Flammen die ganze Nacht das christliche Quartier durchzogen und alles was sie finden konnten mit sich geführt; aus Mangel an Raum führt man die Christen in Zügen nach der Festung; bald befinden sich dort mehrere Tausend Männer, Frauen, halbnackte Kinder, wovon einige verwundet sind. Man erfährt, daß die Drusen, Türken und Araber der Umgegend angelangt sind, um an der Plünderung Theil zu nehmen; da die Letztem zu spät gekommen sind, so schleppen sie Frauen und Mädchen mit sich in die Wüste. Die Feuersbrunst dauert fort. Wir fühlen uns in der Festung, wo die Thüren offen stehen, und worin sich nicht 100 Soldaten befinden, nicht sicher; wir erinnern uns des Blutbades von Hasbeia und Rascheia,*) wo unter dem Verwände, die Christen zu beschützen, man dieselben vereinigt hatte und dann die Soldaten sie durch die Drusen hatten morden lassen. Zuletzt langen die Christen mit Tausenden in der Festung an, und wir fürchten, daß der Hunger gar bald die Folge sein werde; wir ziehen von einer Escorte begleitet nach dem Serail, unter dem Verwände einer Mittheilung an den Pascha, in Wahrheit aber; um dort wo möglich eine Zuflucht zu finden. Die beiden Secretäre des Pascha's veranlassen uns, bei ihnen zu bleiben; dort langen alle Nachrichten, alle Details an. An diesem Tage wird das französische Consulat sechs Mal angegriffen, aber der Angriff wird immer von den Algierern abgeschlagen, und die Nachbarn verhindern, daß man über die Terrassen in das Gebäude gelange. An diesem Tage wurden auch die Unglücklichen, welche sich mit Hunderten in die Kirchen und Klöster geflüchtet hatten, verbrannt; Die Väter des h. Landes kamen alle um, und in der griechischen Kirche mehr als 500 Opfer. Da der Pascha unsere Ankunft im Serail erfährt, läßt er uns zu sich rufen und ladet uns zum Mittagessen ein; der Pascha scheint guter Dinge, und während 14,000 Leichen in den Straßen liegen, speisen wir beim Schalle der Musik; es war wirklich herzzerreißend. Der Pascha richtet einige Worte an uns über die Ereignisse: er gibt als Grund an, daß er nur 600 Soldaten habe, die seit 35 Monaten keinen Sold empfangen und von denen die Hälfte Uebelthäter seien, die man mit Gewalt zu Soldaten gemacht. Wir stellen uns, als ob wir diese Gründe für zutreffend halten, aber wir wissen, daß die besten Truppen absichtlich auf die Seite gebracht worden sind; denn Emir-Pascha (Ungar) und Mustapha Pascha (ein entschlossener Mann) sind zu Balbek und im Hauran mit nichtssagenden Missionen betraut. (Ahmed Pascha, der Gouverneur von Damascus, ist mit mehreren andern Officieren am 8. September in Damascus standrechtlich erschossen worden.) *) Vielleicht eine Verwechslung mit dem Vorgänge zu De-r ei Kamar. 419. Mtsfionsberichle des hochw. ^ Franz Laver Weninger. (Schluß.) Nachdem ich aus solche Weise den zwölf deutschen Gemeinden in Texas die Mission abgehalten, kam ich glücklich nach Galveston zurück. Ich dankte Gott, daß ich dort kein gelbes Fieber fand. Das wäre gefährlicher gewesen, als alle die durchgemachten Glaubensversolgungen. — Während meiner Abwesenheit von Galveston starb allda ein Franzose, an dessen Krankenbett ich auch einen nicht uninteressanten Pastoralsall erlebte. Dieser Franzose war bereits gegen 70 Jahre alt; ein echtes Muster französischer Nationalität. Er rühmte sich, katholisch zu sein, hatte aber in seinem ganzen Leben noch nie gebeichtet. Er entschuldigte sich immer, es sei ihm unmöglich, Reue und Leid zu erwecken, und so sei es für ihn unnöthig zu beichten; er könne doch nicht losgesprochen werden. Der hochwürdigste Bischof ersuchte mich, zu ihm zu gehen, denn sein Lebensende könne nicht mehr ferne sein. Er lag allein in einem Hause, und man kam nur zeitweise nachzusehen, wie es ihm gehe, und um ihm Nahrung zu bringen. Ich ging zu ihm. Er antwortete mir wie Allen, die Beicht sei umsonst, da er keine Reue erwecken könne. Da ich schon öfter wahrgenommen, daß dergleichen Menschen, denen die Beichte ein Bedürfniß war, und die nur durch teuflische List aus Furcht von der Beichte zurückgehalten wurden, auch außer der Beichte, wenn man sie so ausfragt wie im Beichtstuhl, ganz aufrichtig antworten und beichten, so fing ich die Beichte mit diesem Kranken geradezu an, und fragte ihn aus. Er antwortete ganz unbefangen auf alle meine Fragen. Als ich die Gewissenserforschung beendigt hatte, sagte ich ganz freundlich zu ihm: Sehen Sie, jetzt haben Sie gebeichtet. Er machte große Augen. Ja wohl, sagte ich, oder wissen Sie noch etwas. Er antwortete: Nein, aber was hilft es, ich kann ja keine Reue erwecken. Da zog ich ein Kreuzbild heraus, und hielt es ihm vor. Sehen Sie auf das Kreuzbild, sagte ich, und ich werde für Sie die Reue erwecken. Da erweckte ich laut diesen Act, und so nachdrücklich als ich konnte. Der Kranke blickte dabei bald auf mich, bald auf das Kreuz. Auf einmal füllten sich seine Augen mit Thränen. Mein Gott! rief er aus, was ist doch das, was ich jetzt fühle; ist das nicht die Reue? Ja wohl, sagte ich, und sprach ihn los. Ich hoffe, er starb als ein Kind der Seligkeit. Ich feierte das Fest des hl. Jgnatius in New-Orleans, im Collegium der Unseligen. Ich habe nie eine Kirche im mozarabischen Styl gesehen. In diesem ist unsere prachtvolle Kirche in New-Orleans gebaut. t>. Camhiaso entwarf den Plan und leitete den Bau. Darauf gab ich drei Missionen im Staate Jndiana, nämlich zu Canelton, Trotz und Ronport, und begab mich nach Brooklyn, New-Vork gegenüber. Ich hatte, so lange ich in Amerika bin und Missionen gebe, keine so große Menschenmasse versammelt gesehen, als unter dem Missionskreuz zu Brooklyn. Wer sollte es glauben, daß es mir möglich war, ein Missionskreuz im Freien zwischen den drei mächtigen Städten New-Uork, Brooklyn und Williamsburg aufzurichten, welche drei Städte eigentlich nur eine Stadt bilden. Ich hatte so was freilich nicht geträumt, als ich vor eils Jahren zum ersten Mal New-Vork erblickte. Hierauf gab ich die Misston zu Randout am Hudson-Strom. Ich fand beinahe die Hälfte der großen Gemeinde aus gemischten Familien bestehend. Da gab es nun Arbeit, um die Erziehung der Kinder der heil. katholischen Kirche zu sichern. Doch Gott Lob und Dank, es gelang mir. Ich ging hieraus in die Höhen der Olleghanys, in jene Gegenden, wo Fürst Galizin die katholischen Gemeinden gründete. Ich gab die erste Mission daselbst in der großen Fabriksstadt Johnstown. Allda arbeiten an 3000 Männer in einer einzigen Eisensabrik, Ei » s W 420 Hierauf gab ich die Mission zu Carrolton und in drei angränzeuden Gemeiden, und zuletzt noch in der Stadt Jndiana, gleichfalls auf den Höhen der Olle- ghanys gelegen. Es war mir ein wahrer Trost, auf'diesen höchsten Höhen der östlichen Berge der Vereinigten Staaten das siegreiche Banner des hl. Kreuzes zu erheben. Alle diese Pfarren werden jetzt von den UU. Benedietinern von St. Vincenz versorgt. Ich begab mich hierauf nach Fort-Wahs, wo sich die deutschen Katholiken eine ungemein stattliche Kirche im gothischen Styl erbauten. Bischof Luers, mein alter Freund aus Cincinnati, wo er früher Pfarrer war, beehrte die ganze Mission mit seiner Gegenwart. Hier ereignete sich auch ein merkwürdiger Versöhnungsfall. Es lebt daselbst ein Vater, der einen solchen Haß gegen seinen bereits verheirateten vierzigjährigen Sohn faßte, daß er denselben im Friedhof selbst bei einem Leichenbegängnis; erschießen wollte. Nach der Predigt von der Versöhnung kam der Sohn in die Sacristei, und bat mich unter Thränen, ihn mit seinem Vater zu versöhnen. Ich ließ den alten Mann aus der Kirche rufen. Sowie er in die Sacristei eintrat, fällt der Sohn ihm weinend zu Füßen. Da kniet der alte Vater sich auch vor ihm nieder. Beide weinten und unarmten sich vor mir auf den Knien. Es geschah bei derselben Predigt, daß Einer, der in tödtlicher Feindschaft mit einem anderen Manne lebte, sich bei der Predigt dachte: Ach Gott, was fange ich an; wenn ich zu dem Manne gehe, so schießt er mich doch nieder. Wie er so nachdenkt, da klopft ihm Jemand auf die Schulter. Er sieht sich um: das war eben der Feind, der ihm während der Predigt die Hand zur Versöhnung reichte. Nun eilte ich nach Cincinnati, um allda die Festpredigt in der neu con- secrirten St. Franziskus-Kirche zu halten, wovon bereits ein Bericht, so viel ich weiß, an Ihre geehrten Blätter abgegangen. Ich erneuerte hieraus noch die Mission in der Kirche des heil. Augustin und beging dabei zugleich den Schluß des Jahres. Ich hatte Ursache, der göttlichen Vorsehung besonders für deren huldreichen Schutz in den Missionen von Texas zu danken. Ich dankte aber dabei für nichts so sehr, als daß es mir gelang, für Texas den Orden der Benediktiner von St. Vincenz zu gewinnen. Gott gebe diesem hochverdienten Orden ein recht gesegnetes Feld allda, und besonders den deutschen Gemeinden durch denselben eine bleibende Stütze Es lebe Jesus! k>. F. L. Weninger, Missionär aus der Gesellschaft Jesu. Glauvenseifer eines Kindes. Als sich Leonidas, Vater des berühmten Kirchenvaters Origenes, wegen des christlichen Glaubens im Kerker befand, überschickte ihm dieser zärtliche, noch nicht 14 Jahre alte Sohn folgenden Brief: „Ach Vater! ich bitte dich knieend, verleugne nicht unsertwegen Christum. Ich werde statt deiner meine Mutter und meine sechs Brüder ernähren, ich werde von Haus zu Haus betteln, damit sie leben tonnen, wenn du für den Glauben stirbst." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler.— Druck von I. M. Rleinlc.