AWliilM AmtigMalt. Ä. 8. Januar 1860. DaS Airgsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Aboimementspreis ist 20 rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Auf das „Augsburger Sountagsblatt", vierteljährig 20 kr., kann «ran sich noch immer abonniren, was bei der nächstgelegenen Post geschehen möge. Der wahre Bräutigam.*) ^ „Warum weinst du, Agathe?" — fragte die Mutter. „Ach! schon bricht die Nacht herein, und noch ist Heinrich nicht da" — ent- gegnete die Tochter. — „Hat er seine Braut vergessen, oder ist ihm ein Unglück zugestoßen?" Bald sollte die bange Ungewißheit des armen Mädchens in schreckliche Gewißheit sich wandeln. Marie, Agathens Schwesterchen, stürzte herein. — „Denke dir, Mutter!" begann das Kind mit geschäftiger Eile — „Heinrich ist bei einem Scheingefechte auf dem Ercrcierplatze von einem Soldaten unvorsichtiger Weise erstochen worden und augenblicklich todt geblieben." „Todt!" — schrie Agaihe und sank ohnmächtig zu Boden. Den Bemühungen der Mutter, deS herbeigeholten Arztes gelang es, Agathen zwar zum Leben, aber nicht mehr zur vollen Gesundheit zurückzurufen. Das Auge verlor seinen Glanz, die Wange ihre Blüthe, und die Lippen hauchten oft den Namn:: „Heinrich!" In einer Nacht senkte sich der wohlthätige Schlummer über die oft schlaflosen Augenlider der unglücklichen Kranken und ein süßer Traum erquickte ihre Seele. Ihr war'S: sie säße beim Lampenscheine vor ihrer Arbeit und harre ihres Heinrichs. Eine unnennbare Bangigkeit beschlich ihr Herz, denn das Licht der Lampe erlosch, ihr Auge ermüdete, und Heinrich kam noch nicht. Da kniete sie sick vor das Bild des Gekreuzigten, sich und ihren Bräutigam dem Schutze des Allmächtigen zu empfehlen. Siehe! mit einem Male erfüllte ein Lichtglanz ihr Zimmer, überirdisch strahlend und doch nicht blendend. Und das Lichtmeer nmfloß einen Jüngling, welcher wie ein Seraph in's Gemach schwebte und freundlich lächelnd zur Beterin jagte: „Stehe auf, mein Kind, und schaue mich an! Ich bin dein Bräutigam." Agathe blickte auf und sah in die himmlisch schönen Züge des Jünglings. Dann sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd: „Du bist mein Heinrich nicht." Mit Hoheit und Milde versetzte der Jüngling: „Ich bin Christus, der wahre und einzige Bräutigam deiner Seele. Warum also weinst du? Agathens Auge suchte den Boden. Heilige Schauer ergriffen sie. Der Jüngling fuhr fort: „Siehe die Strahlen, die Funken des mich umgebenden Lichtmeeres! Jeder Strahl, jeder Funke ist ein Heiliger, ein Seliger, welche alle in mir, ihrem Mittelpunkte, Anögang und Znströmung zu meiner, wie zu ihrer Verherrlichung erkennen. Dein Auge sei für einen Augenblick mit himmlischer Seh- ) Diese Erzählung ist Eigenthum des Sonntagsblattes. W W 10 kraft gerüstet! Gewahrst dn deinen Heinrich als Funke des unendlichen Lichtmceres?" „Ein leises Ja entfloh den Lippen AgathenS, welche anbetend niedergesunken war. Der göttliche Sprecher nahm von Neuem das Wort: Willst auch du ein Funke, ein Strahl dieses Lichtmeeres werden, um einst in der innigsten Vermählung mit mir dich deinem Heinrich zum ewigen Bunde vermählen zu können, so suche in mir gleich deinem verstorbenen Freunde, welcher im irdischen Leben nicht nur für Fürst und Vaterland, sondern auch für Gottes Ehre durch Heiligkeit des Wandels kämpfte, den Anfang, den Mittelpunkt deines Strebens, welches zu keinem Ende, sondern zu unendlicher, ewiger Herrlichkeit führt!" „O Herr!" — antwortete die Jungfrau — „Ich bin ein Gefäß der Sünde und nicht der Gnade. Sprich: welche Handlungsweise kann mir die Würde einer so hehren Brantschaft erwerben?" „Betrachte das heilige Meßopfer! Nur reiner Wein, ohne künstliche Zumischung, vvm Gewächse des Weinstockes bereitet, verdient es, in das heilige Blut, so ich am Kreuze vergossen, verwandelt zn werden. Und ich sage Dir: nur eine Thräne anS reinster, tiefster Rene und Sehnsucht nach Gottvcrsöhnung ohne Beimischung irgend eines irdischen Schmerzes kann vor dem Herrn als unblutige Sühne deiner Ver- gehungen gewürdigt werden. Frage nun deine Seele, weßhalb sie trauert: etwa ihrer Uebertretnngen willen, oder weil derjenige, welchen dn znm Begründer deines zeitlichen Glückes bestimmt hast, jetzt schon im Himmel mit brünstigem Gebete dir eine ewige Wohnstätte zu bereiten trachtet? — Willst du dich aber vom Leiblichen loSschäleu, gehe bin, empfange nach würdiger Vorbereitung meinen heiligen Leib! Er ist die Nahrung der Seele, welche andere Nahrung ausschließt, gleichwie eS meine einzige Speise war, dem Willen meines göttlichen Vaters bis zum Tode am Kreuze zn gehorsamen." „O Herr! nicht alle Tage ladet uns daS Brod deS ewigen Lebens, alle Tage jedoch zeitliche Lockung schuldloser, wie sündiger Art." „Wer sagt dir, daß du deinen Jesum nicht täglich genießen könntest, sei cS auch nnr geistiger Weise durch Anhörung einer heiligen Messe, in welcher du deine fromme Meinung mit jener des communicirenden Priesters vereinigst, oder weil Krankheit an's Lager dich fesselt, durch den festen, alles Irdischen entkleideten Willen, dich geistiger Weise deinem Jesu zu vermählen? „O Herr! wer vermag alles Irdischen sich zu entkleiden, wenn wonnige Bande, oder leidgetränkte Erinnerungen an die Erde ihn fesseln, wenn der Gedanke uns festhält, daß diese Wonnen, diese Erinnerungen nicht Sünde, sondern erlaubt, geboten seien? War es Sünde, meinen Heinrich mit reiner Liebe als Gatten zu wünschen, schon im Geiste mir heitere Bilder auszumalen, wie ich einst, christlicher Verpflichtung treu, des Lebens Bitterkeit mittragen, durch die Obsorge für die Erfüllung seiner Wünsche, für tausend kleine Bequemlichkeiten sein Dasein versüßen wolle?" „Ist deine Liebe zu Heinrich eine so reine, in mir, deinem Heilande sich begegnende, warum kannst dn nicht den Kelch der Entsagung leeren, wenn dir statt Menschlichem Göttliches gewährt werden soll, wenn du selbst dieses Göttliche nicht ausschließlich geistig zn empfangen und zn genießen brauchst? Dn hängst am Irdischen, am Mittragen von Lebensbitterkeiten, an der Obsorge für die Erfüllung erlaubter Wünsche, für kleine Bequemlichkeiten? So erkenne in jedem Armen und Hilfsbedürftigen gleichsam die irdische Natur deines göttlichen Bräutigams! Der einem Unglücklichen von dir gestillte Schmerz ist mir gestillt, die ihm gewährte Freude mir gewährt,, und, wenn du einem Kranken aus reiner Liebe zn mir auch nnr das Kopfkissen ausschüttelst, so hast Du mir sanfte Ruhe bereitet." „Ein Gedanke überkömmt meine Seele. Wenn Dn, o Herr! mir Genesung wiederschenkest, so sei mein Leben dem Orden der barmherzigen Schwestern geweiht, die für's Vaterland blutenden Krieger zn pflegen. Jede z« verbindende Wunde sei mir Heinrichs TodeSwuzide, die ich nicht verbinden konnte; jedes Auge eines Sterbenden, welches ich zudrücke, Heinrichs im Tode gebrochenes Auge, das ich nicht mehr schauen durfte. So ehre ich des Verblichenen Andenken auf eine dir wohlgefällige, den Menschen ersprießliche Weise." Der Lichtglanz verdunkelte sich. Der Jüngling schwebte langsam dein Auö- gange zu. „O Herr!" — rief Agathe — „bleibe bei mir, denn eS will Abend, Nacht in meiner Seele werden." „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so bleibe, lebe, wirke auch du in mir, dem entsündigenden Vermittler, und nicht im entsündigten Geschöpfe, welches, wandelte eS nicht in meiner Anschauung, wohl deines Gebetes, aber nicht deines von allem Himmlischen wie Irdischen Dich losreißenden Schmerzes bedurft hätte!" „Kann ich dies thun, o Herr, wenn du nicht das Vollbringen gibst? Der heilige Paulas, von der Sünde befreit, rief anS: „„Nicht ich habe vieles gewirkt, sondern Gottes Gnade in mir."" Und ich, über und über mit dem Aussatze der Sünde beladen, sollte, wen» auch nur Weniges, aus mir selbst wirken können?" „Dir haben Glaube, Gottvcrtranen und Demuth geholfen, so daß ich mit dem reinen Wollen mich begnügen werde. Dulde nnn den letzten irdischen Schmerz! Denn heute noch wirst du mit mir im Paradiese wandeln!" Nach diesen Worten löste sich ein Strahl von göttlichem Lichtmeere und wandelte sich rascher, als des Gedankens raschester Flug, in einen Greis mit ernst-freundlichem, ehrwürdigen Haupte, dessen Kinn ein silberweißer Bart bis znr Brust herab schmückte. Der Greis führte in seiner Rechten einen Stab, mit welchem er leise die Brust Agathens berührte. Da schwand wie auf einen Zanberschlag der Lichtkreis nutz der von ihm umflossene göttliche Jüngling. Der wonnige Traum löste sich auf in schmerzliche Wirklichkeit. „Mutter! Mutter!" — schrie das geängstete Mädchen. Die Mutter, welche im Zimmer ihrer Tochter schlief, sprang erschreckt vom Lager auf. Ein Blutstrom bedeckte über und über ihr krankes Kind, dessen Gesicht von TodeSblässe überzogen war. „Marie! Marie! den Arzt, den Geistlichen:" — riefdie halbverzwcifelndeFrau. , „Mutter! Schwester! verzeiht mir!" — hauchte Agathens ersterbende Stimme. „Ich vergebe dir den einzigen Schmerz, welchen du mir durch deinen Tod bereitest" — schluchzte dte Mutter und warf sich auf die leblose Hülle ihres KindcS. Als Agathe zu Grabe getragen ward, schmückte ihren Sarg ein Kranz von Lilien nnd weißen Rosen zum Zeichen, daß sie eine reine Jungfrau, im göttlichen Menschenfreunde allein den wahren Bräutigam erkannt habe. O möchte jede Jungfrau, jeder Jüngling, deren Sarg dies heilige Sinnbild reinster Jungfräulichkeit schmückt, desselben auch im Leben vollkommen würdig gewesen sein! Pfarrer nnd Pfarrgemeinde. In jedem Kirchspreugcl wohnt eiu^Mann, der keine Familie hat und doch zu jeder Familie gehört, den man als Zeugen, Rath oder Theilnehmer zn den feierlichsten Verhandlungen des Lebens zieht; der den Menschen bei der Geburt empfängt nnd erst am Grabe verläßt, der die Wiege, das Ehe- nnd Sterbebett und den Sarg segnet und einweiht; ein Mann, den die kleinen Kinder zn lieben, zu verehren und zu furchten gewohnt sind; dem die Christen ihre innersten Geständnisse, ihre geheim- sten Thränen zu Füßen legen; ein Mann, welcher der berufene Tröster in allem Elend der Seele nnd deö Leibes, der verpflichtete Vermittler des Reichthums nnd der Bedürftigkeit ist, der den Armen nnd den Reichen abwechselungSweise an seine Thüre 12 klopfen sieht; den Reichen, nm sein geheimes Almosen darzubringen, den Armen, nm es ohne Erröthen zn empfangen; ein Mann, der, ohne einen bestimmten Rang in der Gesellschaft einzunehmen, allen Classen anf gleiche Weise angehört; den unteren Classen durch seine einfache Lebensweise und nicht selten durch die Niedrigkeit seiner Herkunft; den höheren Classen durch seine Erziehung, Wissenschaft und den Adel der Gefühle, die eine menschenfreundliche Religion einflößt und verlangt; mit Einem Worte, ein Mann, der Alles wissen, Alles sagen darf und dessen Wort mit dem Gewichte und der Gewalt einer göttlichen Sendung zu dem Verstände und dem Herzen der Menschen spricht. — Dieser Mann ist der Seelsorger — der Pfarrer. Nicht umsonst will die Kirche, daß die Gläubigen in den Qnatemberwochen Gott durch Fasten, Beten und andere gute Werke inständig anflehen, daß er seiner Kirche würdige Diener nud Hirten verleihen möge, denn Niemand kann einer Gemeinde mehr Gutes oder Schlimmes erweisen, als der Seelsorger — der Pfarrer, je nachdem er seinen hohen Beruf erfüllt oder mißkennt. Dagegen ist es aber auch eine große Gnade, die Gott einem Pfarrer erzeigt, wenn er dessen Obhut eine Gemeinde anvertraut, die willig ihr Ohr dem öffnet, was deren Scclenhirte aus einem frommen und väterlich besorgten Herzen zn ihr spricht und das Nichts Anderes bezweckt, als das zeitliche und ewige Wohl der Pfarrkinder selbst. Als eine derartige Gemeinde hat sich in der neueren Zeit unter vielen andern eine Pfarrei in der Schweiz bewährt, der wir einige Augenblicke jetzt uns zuwenden wollen. Welcher Tourist hat jemals daran gedacht, von Frei bürg in der Schweiz anS das eine Stunde davon entfernte Dorf Dudingen zu besuchen? Die Weg- weiser wissen kein Wort von ihm, man findet dort weder celtische Druidenstcine, noch römisches Mauerwerk, weder Schwefelquellen, noch Wasserfälle, noch sonst irgend Etwas, was der Bemerkung werth wäre; sogar von Felsen und Tannen ist nicht mehr da, als gerade nöthig ist, wenn ein schweizerisches Dorf nicht gänzlich nm seinen guten Namen kommen soll. Und dennoch gibt es hier für eine christliche Seele viel Liebes und Schönes! Die Pfarrei Dudingen zählt im Ganzen gegen viertausend Seelen; darunter waren vor etwa drei Jahrzehnten noch sehr viele Arme. Die Kirche des Ortes drohte einzustürzen, und der Pfarrer beschäftigte sich Tag und Nacht mit seinen zwei heißesten Wünschen: mit dem sehnlichen Verlangen das Elend zu mildern und das Gotteshaus wieder herzustellen. Er fing mit dem Dringlichsten an und die christliche Liebe fehlte nicht. Indessen, mochte die Anzahl der Armen zu beträchtlich, oder die fördernde Ordnung bei der Vertheilung der Unterstützung nicht möglich sein, die Hilfsmittel reichten nicht aus. Nun versammelte er seine Pfarrkinder: „Wir haben — sagte er zn ihnen — nur Ein Mittel, des Elends Meister zn werden, wir müssen die Armen, besonders die Kinder, unter uns theilen. Die Größeren lassen wir arbeiten, die Kleinen ziehen wir groß, und Alle sind so geborgen. Dann können wir ruhiger und auch wirksamer für die Bedürfnisse der Frauen und Greise sorgen. Was haltet ihr davon?" — Die ehrlichen Pfarrkinder wußten im ersten Augenblick nicht, was sie thun sollten, und es ließen sich hier and dort kleine Bedenklichkciten hören. „Verschieben wir die Sache auf ein paar Tage!" — meinte der Pfarrer und ließ die Versammlung anS- einandergehen. — Am nächsten Sonntage bestieg er die Kanzel. „Ihr lieben Freunde, wir müssen die Sache mit nnseren Armen denn doch in Ordnung bringen, denn wir haben wohl Zeit genug zum Ueberlegen, sie aber nicht zum Warren!" Als Text hatte er den Spruch eines Heiligen gewählt: „Wenn einer von Euch sieben Kinder hat, so nehme er ein achtes an Kindesstatt an, und mit diesem wird der gütige Gott in sein Hans ziehen!" Was er dazu gefügt, wie er alle Gemüther bewegt hat, wir wissen eö nicht; nur das wissen wir, daß alle Stimmen, zn einer einzigen Stimme vereint, willig und freudig seine Rede mit dem Rufe >»««>»» «!!>>l 13 beantworteten: „Wir Alle wollen davon haben, wir wollen sie Alle nehmen!" Und sogleich, noch in derselben Stunde, vertheilte man die arme» Kinder unter sich, und nicht nach dem Maßstabe des Vermögens, sondern nach dem Dränge des Herzens und Erbarmens eines Jeden. Dieser nahm eines, Jener zwei, ein Anderer noch mehr; und die Langsamen, die später kamen und verlangten, konnten keine mehr erhalten. Ehrwürdiger Priester! welcher Redner wurde jemals herrlicher befriedigt, als Du? Wer durfte dem Himmel inniger danken für die Gabe des Wortes und Herzens? Wer war glücklicher, als Du? Nicht nur jene geretteten Armen müssen Dich segnen, sondern auch alle die wackeren Leute, deren Familie Du vermehrt, unter deren Dach Du eine lebende gute That eingeführt hast, die zu ihnen spricht, und mit Liebe und Dank ihnen zugethan ist! Bald nach jenem schönen Tage kam ein Fremder nach Dndingen. Es war ein Festtag; die Preise wurden in den Schulen vertheilt, und die schweizerische Gast- sreundlichkeit lud den Neuangekommenen zu der Feierlichkeit ein. Und als er die Kinderschaar so zufrieden, heiter, reinlich und wvhlgekleidet erblickte, und sich zum Pfarrer wendend fragte: „Haben Sie denn hier keine Armen?" erwiderte ihm dieser mit feuchten Augen: „Nein, nein, Gott sei Dank! wir haben keine mehr!" Was aber hier geschah, war keineswegs die Wirkung einer raschen vergänglichen Aufwallung. Die christliche Liebe zu Dudingeu hat sich dauerhaft und echt katholisch, d. h. in einem hohem Grunde, als in bloßen Gesühlsanwandlungeu wurzelnd, bewährt, die Kinder sind unter dem Dache, das sie aufgenommen, geblieben, mehrere wurden förmlich adoptirt, Alle haben aber in ihren Beschützern wohlwollende Väter gewonnen. Auch für die erwachsenen Armen fand sich bald die entsprechende Hilfe. — Der Pfarrer scheint indeß wohl gewußt zu haben, welche Verbindlichkeit er durch die Verheißung übernahm: daß eS Jeglichem wohl ergehen werde, der Haus und Herz den Armen deö barmherzigen Gottes eröffnete. Der Segen des Himmels ist an dieser Stelle augenscheinlich geworden, und die Wohlfahrt des Ortes ist wahrhaft wunderbar, was durch das Folgende klar wird. Die Armen hatten ihre Wohnung, und eS war nun die Frage: wo der liebe Gott wohnen sollte? Denn die alte Kirche zerfiel gänzlich, und es wurde dringend, eine neue zu bauen. Dem Gesetze gemäß ließ mau einen bescheidenen Bauplan entwerfen, und bat um die Ermächtigung zum Baue und zu einer entsprechenden Umlage. Allein der Kanton Freiburg hatte eben zu dieser Zeit nach dem Beispiele Frankreichs eine kleine Revolution aufgeführt; die Regierung war noch neu und voll Eifer, aufgeklärt und zeitgeistig zu erscheinen und zu verfahren. Demnach mußte ihr das, was die Einwohner von Dudingeu wollten, sehr ungelegen kommen ; sie hielten eS für zweckmäßig, die Ausführung zu hindern, und so hieß eS denn: „Bauet, wenn ihr wollt, wir können eS euch nicht verbieten, aber wir gestatten keine Anfinge!" — Diese väterliche Entschließung gelaugte nach Dudingeu und der Pfarrer theilte sie seinen Bauern mit. — „Aber wir bauen unsere Kirche dennoch, nicht wahr?" fragte er. — „O ganz gewiß!" — „Und eS soll auch nichts daran fehlen?" — „Durchaus nichts!" — „Wann wollen wir anfangen?" — „Morgen schon! — Und sie fingen in der That an. Jeder lief in die Sakristei, um seine Erklärung aufzuschreiben, wie viel er an Geld beitragen wolle; und am nämlichen Abend erreichte die Unterzeichnung schon nahebei die Summe von fünf und dreißig Tausend Frank. Ein Einziger hatte widersprochen; auch einige Einwohner der Stadt, welche Ländereien in der Gemeinde besaßen und vielleicht selbst zu den RegierungSmit- gliedern gehörte», verweigerten die Beisteuer. „Desto schlimmer für sie!" sagte» die Bauern. U M- 7M- -,-z ' LW I-,^ -Ä'i ML^.I Ir. 18 8 14 Der Pfarrer sprach nun abermals zn der Gemeinde, und die Herzen öffneten sich seinem Worte ebenso bereiiwillig, als au dem Tage, wo er ihnen die Armen empfohlen hatte. Derselbe Znrnf, derselbe Erfolg antwortete ihm; die Reichen gaben das Geld, die Frauen ihre Kleinodien, die Armen die Kraft ihrer Hände. Man schrirt unter der Leitung des CaplanS eifrig zum Werke. Die Einen trugen Holz und Steine bei, die Andern waren Maurer, wieder Andere dienten als Handlanger. Niemals kam es zu Klagen und Schwierigkeiten, wenn cS sich um den Vollzug der übernommenen Verpflichtungen handelte; ja sogar, wenn nachträgliche Leistungen nöthig wurden, was zwei- oder dreimal üatlfand, zeigte sich kein Verdruß und kein Hinderniß. Der Pfarrer versammelte nur seine geistlichen Kinder, stieg auf die Kanzel und sagte: „Kinder, wir haben Nichts mehr, es ist Alles ausgegeben!" und am nächsten Morgen war wieder Geld in der Kasse. Das Wunderbarste aber war, daß Niemand wußte und auch nicht zn erfahren suchte, was der Andere gegeben hatte. Nur der Pfarrer kannte das Geheimniß Aller. Die Arbeit wurde ohne Rast und Ermüdung fortgesetzt nnd in wenigen Jahren war die Kirche vollendet. Sie ist schön und geräumig. Sie kostete der Gemeinde von vier Tausend Seelen über hundert und dreißig Tausend Francs, aber sie ist auch der Stolz und die Freude der guten Leute. Wir haben dieser Erzählung Nichts beizusetzen; sie spricht für sich selber. Nur den Einen Wunsch haben wir, daß allenthalben, wo es sich um eine christliche Versorgung von den Armen, oder um die würdige Herstellung eines heruntergekommene» Gotteshauses in einer Gemeinde handelt, der jeweilige Pfarrer ein eben so bereitwilliges und werkthäligeS Entgegenkommen von Seite seiner Pfarrkinder finden möge, wie es sich dessen der Pfarrer von Dudingen zu erfreuen hatte! Die Pest der schlechten Bücher. Von I'. K. Clemens. (Fortsetzung.) Der zweite faule Fleck dieser Ausrede liegt in der Prahlerei mit einer Freiheit, die eigentlich gar keine Freiheit ist. So ein Leser sagt: „Ich bin mein eigener Herr, ich kaun lesen, waS ich will; eS geht Niemand etwas an!" Aber besteht denn die Freiheit etwa darin, daß man treiben kann, was Einem einfällt? Wenn das wäre, dann müßten die Räuber in den Appeninnen und Pyrenäen und die Wilden in Australien die fceicsten Menschen sein. Allerdings besteht die Freiheit darin, daß mau nach eigener, unbeschränkter Wahl sich für oder gegen Etwas entscheiden kann. Wahrhaft frei ist aber nur der- jenige Wille, der in Gott seinen EinignngSpunct und Ruhepunct gefunden hat. Ein Wille dagegen, der an etwas Unheiligem nnd Sündhaftem hängt, ist nimmermehr ein freier Wille, sondern es ist ein sklavischer, geknechteter Wille und darum daS Armseligste, was es geben kann. Adam nnd Eva hatten freilich auch freien Willen, von dem verbotenen Baume zu essen, nnd als sie eS thaten, da geschah es jedenfalls aus freiem Willen. WaS war aber die Folge davon? Ich will jetzt von allem Elende, das dadurch über die Welt gekommen ist, ganz absehen und nur beim freien Willen stehen bleiben. Nun, hat dadurch der freie Wille gewonnen oder verloren? Er wurde geschwächt — und das ist der Fluch der Sünde und eine ihrer schrecklichsten Folgen, daß auch jetzt noch durch jede Sünde der Wille geschwächt wird. Mit Recht sagt der heilige Angnstinuö: „Gefällt nnS die ächte Freiheit, „nun so streben wir, frei zn werden von der Anhänglichkeit an die wandelbaren „Dinge; und wem Herrschaft gefällt, der hange in Unterwürfigkeit nnd in größerer „Liebe, als zu sich selbst, Gott, dem einen Herrscher aller Dinge an. DaS ist die 1 ^- 7 ' 15 „volle Gerechtigkeit, daß wir das Bessere mehr, das Geringere weniger lieben. Aber „wir sind in Eitelkeiten und schändlichen Tand so versunken, daß wir auf die Frage: „ob daS Wahre oder das Falsche besser sei, zwar einstimmig antworten: das Wahre! „allein dabei doch der Lust nnd dem Tand weit inniger anhangen, als den Lehren „der Wahrheit." (Sr- Augustiners, von der wahren Religion.) Ein Anderer sagt: „Ich habe mit dem Bücherlescn gewiß keine bösen Absichten. Ich lese znr Unterhaltung. Man kann doch nicht in Einem fort an der Arbeit sein, oder daS Gebetbuch und das Leben der Heiligen immer in der Hand haben. Wenn ich nun hier und da in freien Stunden zu meiner Erholung und Unterhaltung ein schönes Buch lese, so möchte ich doch wissen, wer das mit Recht tadeln kann?" Wenn wir diesen Grund anhören, so müssen wir sigen: Nein, dagegen läßt sich nichts einwenden. Willst dn zuweilen zn deiner Erholung etwas lesen, so darfst dn daS gewiß. Darin sind wir ganz einig. Aber warum wählst dn dir gerade solche verliebte Geschichten? Warn», gerade solche süßliche Romane? Warum gerade jene weichlichen Taschenbücher, die schon durch ihre schmachtenden Titel: Vielliebchcn, Vergißmeinnichtchen, Lilien und Rosen, Perlen, Cvrnelia n. s. w. verrathen, in welchem Sumpfe sie gewachsen sind? Warnm gerade solche Werke, welche von dem blauen Dunste der falschen Aufklärung erfüllt sind? Gibt es denn keine besseren Bücher? — Das ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß du gerade solche Bücher schön nnd interessant findest. Suchen wir darüber klar zu werden. Wie lieblich ist es, im Frühlinge hinauszugehen und das prachtvolle Blüthen- kleid der Erde zn betrachten. Von, Garten nnd von der Wiese des Thales an bis hinauf zur steilen Felsenwand ist Alles mit Blnmen geschmückt. Und welch ein Leben herrscht überall! Bunte Schmetterlinge wiegen sich auf den Blnmen und saugen begierig den Honig ein. Unzählige Bienen sind von früh bis spät geschäftig, den süßen Honig in ihre Zellen zu tragen, und auch die Käfer finden da ihren Tisch gedeckt nnd wühlen behaglich in dem gelben Blüthcnstaub nnd nagen mit Lust an den zarten Blnmenblättchcn, die ihnen zur Nahrung dienen. Dagegen gibt es wieder ganze Schwärme von Fliegen nnd auch mehrere Arten von Käfern, die sich anS den schönen Blumen gar nichts machen. Spüren sie aber von ferne Gegenstände, die in Fäulniß übergehen, und von denen sich der Menschheit Auge und Nase voll Abscheu wegwenden muß, so fliegen sie eilig darauf zu und fallen mit dem nämlichen Behagen darüber her, wie die Bienen und Schmetterlinge über die Honig- reichen Blumen. Hier haben wir ein Gleichniß, das keine weitere Erklärung bedarf. — „Auch ich — sagt wieder ein Anderer — lese nicht aus böser Absicht. Nein, ich lese bloß deßhalb, weil ich einsehe, daß man sich heutzutage nicht ganz gegen die Literatur abschließen kann. Man muß doch wenigstens wissen, was in der Welt vorgeht und mit der Zeitcntwicklung einigermaßen gleichen Schritt halten. In dieser Absicht lese ich sowohl waS für, als auch was gegen die gute Sache geschrieben wird." Man kann diesen Zweck gewiß nicht unbedingt verwerfen. Es kommt nur darauf an, suf welcher religiösen Stnfe Jemand steht. Wenn in dem Geiste eines Menschen der Glaube zn einer großen Klarheit und in dem Herzen zu einer großen Entschiedenheit gelangt ist, dann ist allerdings keine Gefahr zn fürchten. Ein solcher Leser wird schon mit der nöthigen Vorsicht und Selbstüberwindung lesen. Seine religiöse Festigkeit kann dadurch vielleicht noch gewinnen, gleichwie ein Feuer, welches vielen Brennstoff um sich nnd über sich hat, vom Sturme nicht ausgelöscht, sondern nnr noch mehr angeblasen wird. ES kaun ihm gehen, wie einem reichen Gutsherrn, der zn Hans Alles in Fülle besitzt nnd am Ende etwas gleichgiltig gegen sein Glück wird. Kommt dieser Herr aber einmal in die Hütten der Armuth nnd sieht da, wie die Armen vor Kälte zittern nnd das tägliche Brod nicht haben und noch dazu krank sind, da schätzt er sein Glück um so höher und spricht: „Was gibt eS doch so großes Elend in der Welt; wahrhaftig ich kann meinem Gott nicht genug danken, 16 daß er mich nicht in so traurige Verhältnisse verseht hat." So wird auch ein im religiösen Leben befestigter Mensch noch fester und entschiedener werden, wenn er wahrnimmt, welche niederträchtige Aufklärern und welch abscheuliches Gift heutiges Tages in Schriften verbreitet wird. Auf diese Voraussetzungen kommt es eben an und auf dieselben muß man den schärfsten Nachdruck legen. Wer im religiösen Leben aber noch schwankend ist und wer sich weder mit einem an Brennstoff reichen Feuer, noch mit einem sehr wohlhabenden Gutsherrn vergleichen kaun, der wird vom Lesen solcher Bücher nur Verlust, statt Gewinn zu erwarten haben- (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Nachrichten. Preußen. Paderborn. Unser altehrwürdiger Dom war am 27. Nov., dem ersten Adventsonntage — Zeuge einer eben so ergreifenden, als großartigen Kundgebung. Unser hochw. Bischof Konrad hatte in einer Predigt am Feste Allerheiligen alle guten Katholiken, denen in den jetzigen schweren Zeiten die Sache des hartgedrückten heiligen VakerS am Herzen liege, eingeladen, am ersten Adventssonntage bei Gelegenheit des ewigen Gebets in unserer Domkirche für nnscren Ober- hirten, PiuS IX., die heilige Kommunion zu empfangen. Nachdem der hochw. Herr Bischof um 5 Uhr das feierliche Amt gehalten und eine Betstunde für den heiligen Vater eröffnet hatte, begann Hochderselbe kurz nach 6 Uhr die Ausspendung der heiligen Ccmmnnion. Kurz darauf erschien zu demselben Zwecke der hochw. Hr. Weihbischof; unausgesetzt bis 9 Uhr setzten die beiden hochw. Herren die Allstheilung des hl. Sakramentes fort, — über viertausend Gläubige haben aus ihren Händen den heiligen Leib des Herrn empfangen. Wegen Mangel an Zeit sahen viele Hunderte sich gezwungen, in den anderen Kirchen der Stadt die Spcndung des heiligen Sakramentes zu erbitten, und man kann deßhalb die Gesammtzahl der Kommunionen auf fünftausend anschlagen. Milde Gaben für die Mission in Perleberg Uebortrag.71 fl. 57 kr. Von einer Frau znm neuen Jahr für die armen Perlebcrger (Gott vermehre es tausendfach).— fl. 12 kr. Zweiter Beitrag von einem „Kaplan aus Oberfranken" .... 5 fl. 12 kr. Summa: 77 fl. 21 kr. Redaction und Verlag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »on I. M, Klcinle.