AngMgtt AmtlijMatt. Hl'. 8. 19. Februar 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die ehrwürdige Maria Christina von Savoyen, Königin beider Sicilien. (lllvilt» csttolics.) (Uebersktzimg der Kachel. Blauer aus Tirol.) (Fortsetzung.) Schon seit längerer Zeit waren geheime aber ernstliche Unterhandlungen wegen der Verbindung Maria Christinens von Savoyen mit König Ferdinand U. zwischen den Höfen von Neapel und Turin gepflogen worden, so daß man nun die Angelegenheit als abgemacht ansehen konnte. Da aber Carl Albert die Abneigung kannte, welche Christine gegen die Ehe zeigte, so ließ er kein Mittel unversucht, sie nach seinem Willen zu stimmen. Alle, die sie umgaben, bemühten sich im Auftrag des KönigS mit lästiger Zudringlichkeit, auf sie einzuwirken. Christine schätzte Anfangs den erst unlängst erfolgten Tod der Mutter vor, dann die Vorliebe znr Einsamkeit, und mehrere andere Gründe, um ihre Abneigung vor einer Standesänderung kundzugeben. ES kam aus Lacca die Herzogin, ihre Schwester, um sie zur Einwilligung zu bewegen, auch wurde sie zur Herzogin von Modena geführt, welche sie als die älteste Schwester wie eine zweite Mutter liebte und verehrte; aber Alles umsonst. Für Diejenige aber, welche nur durch geistliche Beweggründe geleitet wurde, mußte die Stimme dessen, der an Gottes Statt ihre Seele führte, das größte Gewicht haben. AIS der Beichtvater ihren festen Entschluß, in's Kloster zu gehen, vernahm, sagte er zu ihr: „Der Stand, den Sie erwählen wollen, ist sehr beschwerlich, und erfordert große Tugenden und einen besondern Beruf; ich meine aber, daß Gott von Ihnen dies nicht verlangt, sondern daß eS Ihm vielmehr angenehm wäre, wenn Sie die Verbindung eingingen, die er selbst Ihnen anbietet." Dies war hinreichend; in ihrer ungewöhnlichen Demuth glaubte sie wirklich, die für den geistlichen Stand nöthigen Tugenden nicht zu besitzen, und tröstete sich damit bei diesem schweren Acte des Gehorsams; sie blieb eine Zeiilang ruhig and in sich versammelt, und sich dann dem Ausspruche ihres Beichtvaters fügend, willigte sie endlich ein, die Gemahlin des KönigS beider Sicilien zu werden. Wir wissen nicht, aus welchen Gründen der Mann Gottes diese Worte sprach, wohl aber, daß kraft derselben ein Opfer beschlossen worden, welches den königlichen Thron in den Augen der Völker verherrlichte, und der katholischen Kirche in kurzer Zeit eine jener heißen Thränen trocknete, deren sie so viele über ihre treulosen und aufwieglerischen Kinder weint. In den Tagen lebendigen Glaubens leuchtete die Heiligkeit auf dem Throne und an den Höfen der Könige ebenso, und vielleicht noch mehr, als in den Hütten der Armen und in den Zellen der Orden. Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, England, Schottland, Ungarn, Dänemark gaben von ihren Königen und Fürsten der Kirche so viele Heilige, daß, wenn man die geringe Anzahl so hochgestellter Personen im Verhältniß zu andern anschlägt, viel mehr Heilige unter den Ersten zu finden sind, als in jedem andern Stande. Und es war wirklich ein herrliches Schauspiel, wel- ches Erde rrnd Himmel erfreute, jene Helden und Heldinnen, welche man auf dem Throne bewundert hatte, auch auf den Altären verehrt zu sehen, was leider in unsern Zeiten nicht mehr so oft geschieht, wo, nachdem der Glaube verschwunden, die Fürsten beinahe freiwillig die durch Gottes Gnaden sie schmückende Krone niederlegten, nm sich durch die Gnade des veränderlichen, unsteten Volkes auf ihren Sitzen erhalten und geschützt zu erklären. Es fehlten zwar auch in diesen schlechten Zeiten den königlichen Höfen nicht alle heldenmüthigen Tugenden; und eS scheint eine besondere Fügung der Vorsehung, daß die beiden, den Ehren der Heiligen nächstftehenden königlichen Frauen, Clotilde und Christine, ihre Nichte, aus dem Hanse Savoyen hervorgehen sollten, unter dessen Schild jetzt so gotteSräuberische Willkür gegen die Kirche und ihr Oberhaupt geübt wird. Eben deßhalb war es nöthig, daß jene Blume nicht in ein Kloster, wo, Gott sei Dank, noch viele andere gedeihen, sondern in eine Königsburg gepflanzt wurde, wo sie wegen der Seltenheit auf solchem Erdreich desto Hellern Glanz der Heiligkeit verbreitet hat. Und wahrlich, Alle, die sie kannten, sagten schon bei der Trauung voraus, was sich in der Folge durch die That bewährte. Bei ihrer Abreise im November 1831 war am ganzen sardinischcn Hofe, wie auch im Gefolge des Königs von Neapel, welches zu seiner Begleitung mit nach Genua gekommen war, nur Eine Stimme: Christine sei ein Engel. Und erst als das neapolitanische Volk mit seinem so warmen Herzen und so lebendigen Glauben, mit seiner so feurigen Phantasie und ausdrucksvollen Affectcn, das sich in dichtem Gedränge bei ihrer Ankunft versammelt hatte, jene demüthige, aber würdevolle Haltung der Prinzessin beobachtete, welche in ihrer blendenden Schönheit, in der Blüthe der Jahre und auf dem Gipfel irdischer Hoheit der bewandertste Gegenstand des glänzendsten Hofstaates war, da hörten die Freudenrnfe, die Bewunderung und die Segenswünsche nicht mehr auf, und wie aus Einem Munde erscholl es, in Neapel sei eine heilige Königin angekommen. Als die königliche Jungfrau Gattin und Königin geworden war, setzte sie sich eine feste Richtschnur des Handelns vor, welcher sie ihr noch übriges Lrben mit un- verbrüchlicher Ausdauer nachkam; leider dauerte dies nur so kurz! Als Gattin hatte sie sich vorgenommen, in Allem dem Fürsten, der Thron und Scepter mit ihr getheilt, unterworfen zu sein, ohne jedoch zu versäumen, ihn immer vom Guten zum Bessern hinzuleiten. Außerdem wollte sie in der königl. Familie das goldene Band des Friedens sein, der süße Strahl der Freude, der Trost, die Eintracht, daS gute Beispiel für die ganze Königsburg. Sie hatte Schwiegermutter, Schwäger und Schwägerinnen, war von Hofdamen, Fräulein und zahlreichen Hausgenossen umgeben, denen Allen sie sich stets liebreich und hilfreich nach eines Jeden Bedürfniß zu zeigen sich vornahm. Von der Schwiegermutter angefangen, welche in den Familien oft ein Stein des Anstoßes für junge Frauen ist, wenn sie nicht die nothwendige demüthige Bescheidenheit und Selbstbeherrschung besitzen, ermangelte sie gegen dieselbe keiner irgendwie denkbaren Ehrerbietung. Sie erbat sich Anfangs vom Könige die Erlaubniß, ihr täglich die Hand küssen zu dürfen, und brachte ihn am Ende alle Tage selbst dazu. Ja, in den Verhandlungen steht, daß, „wenn sie zehnmal des TageS mit der Königin zusammentraf, sie ihr zehnmal die Hand küßte, und zwar mit solcher Ehrfurcht, daß sie beinahe vor ihr niederkniete. Den übrigen Verwandten begegnete sie mit so vieler Zuvorkommenheit und Zutranlichkeit, daß sie ihre Herzen, wie jenes der Königin-Mutter, vollständig gewann. WaS die Dienerschaft betrifft, so verhielt sie sich stets mit bewunderungswürdiger Bescheidenheit gegen dieselbe, und wenn sie etwas von Jemand derselben forderte, geschah es immer mit der Formel: „Thun Sie mir die Gefälligkeit." Noch besonders hervorzuheben ist die Gleichmäßigkeit ihres Betragens gegen Alle, wodurch sie die Eifersucht unter ibrer Umgebung verhinderte, so daß sich Jeder selbst für den von ihr Bevorzugten hielt. Und da dies eine schwierige Aufgabe ist, besonders bei lebhaftem feurigem 59 Charakter, so betete sie jeden Morgen um diese Gabe, „wie uns die Königin selbst erzählte." Die liebevolle Unterwürfigkeit, welche sie dem Könige, ihrem Gemahl, erzeigte, läßt sich kaum beschreiben. ES schien, als ob sie keinen eigenen Willen gehabt, oder daß sie den Willen des Mannes, den ihr Gott gegeben, zn dem ihrigen gemacht hätte; und eS ist gewiß etwas Außerordentliches, daß Mehrere eidlich versichern können, niemals habe man eine Handlung beobachtet oder ein Wort vernommen, welches auch nur von ferne einen Widerspruch gegen einen Wunsch des Königs angedeutet hätte. Ueber diesen Punct sind viele Einzelnheiten in den Verhandlungen aufgezeichnet; wir wollen nur die Eine anführen, daß, so oft Christine Briefe von ihren Schwestern erhielt, sie selbe zuerst immer «»eröffnet ihrem Gemahl übersendete, und selbe erst dann las, nachdem sie ihr vom Könige wieder waren eingehändigt worden. Da sie wegen ihrer anerkannten Klugheit von dem Könige und von den Staatsmännern oft in schwierigen Fällen zu Rathe gezogen wurde, so antwortete sie dann gewissenhaft nach ihrer Ueberzeugung; aber in ihrem gewöhnlichen Umgänge mit dem Könige verließ sie nie ihre Einfächheit und Demuth. Es wird unsern Lesern gewiß erwünscht sein, zn hören, wie König Ferdinand II., rühmlichen Angedenkens, selbst seiner Christine Lobeserhebungen spendet, und wie er keinen Anstand nimmt, frei zu bekennen, daß er durch ihre gütigen und freundlichen Bestrebungen in den drei glücklichen Jahren seines Zusammenlebens mit ihr nicht wenig in der Frömmigkeit gefördert worden sei. Ebenso wie Clotilde bei Clodwig, König der Franken, wie die hl. Elisabeth bei Ludwig, Landgrafen von Hessen und Thüringen, und die heil. Hedwig bei Heinrich, Herzog von Polen und wie viele Andere, wirkte sie bei ihrem Gcmabl sehr mächtig für den Fortschritt in den christlichen Tugenden. DaS m:t einem Eide bekräftigte Zeugniß des Königs lautet also: „Die Dienerin Gottes, unsere erlauchte Gemahlin, ist während der ganzen Zeit ihrer Ehe religiös und fromm und in Sitten makellos gewesen; die Erhabenheit ihrer Würde paarte sie mit Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, so daß wir versichern können, daß sie uns nie Anlaß auch nur zur geringsten Klage gegeben hat; im Gegentheil war sie es, welche bei znwei- ligen, in keiner Familie zu vermeidenden Vorfällen durch ihre Ansprnchlosigkeit, durch ihre religiöse Gesinnung und bewundernugswürdiges Benehmen immer Alles wieder in'S rechte Geleise brachte. Man bewunderte ihre Zurückhaltung in Worten und im Benehmen, während sie doch immer ihre Würde hehaupteke, und dabei die wahre Demuth eines echten Christen bewahrte. Ihr Betragen hat nie zu irgend einer üblen Nachrede Gelegenheit geboten." Weiter unten seht er noch hinzu: „Wir gestehen, daß wir der Dienerin Gottes sehr viel verdanken, indem sie unS stets zn Uebungen der Tugend und Frömmigkeit angeleitet, und von vielen geistigen Uebeln bewahrt hat, da ihre Ruhe, Sanftmuth und Frömmigkeit auf uns stets großen Eindruck machte." (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen der Katholiken in Polen. I. G In dem Regierungsbezirke von WitebSk (Alt-Weißrußland, einem Theile des frühern Königreichs Polen), Distrikt Dryzna, liegt ein großer Marktflecken, Namens Dzierzanowicze, deren Bewohner als Grundholden einem Herrn Anton von Kor- sack zugehören. Die Vorfahren dieser adelichen Familie gründeten vor unvordenklichen Zeiten daselbst eine Pfarrkirche und überließen die Seelsorge in derselben den ehrwürdigen Vätern der Dominicaner. Auch noch mehrere umliegende Ortschaften wurden diesem römisch-katholischen Kirchensprengel zugetheilt. Im Jahre 1842, während der großen Verfolgung der mit den Katholiken nnir- ten Griechen, fiel man auch über die Kirche und Pfarrei Dzierzanowicze her, unter dem Vorwande, dieselbe habe früher zu den nnirtcn schismatischen Griechen gehört. Man nahm daher diese Kirche zn Dzierzanowicze zu Gunsten des Schisma weg, und die Pfarrei sah fich gezwungen, nach der Waldkapelle Siodlowo sich zurückzuziehen. Allein schon nach Verlauf eines Jahres befahl der abtrünnig gewordene Bischof LusyuSki, ein würdiger Geselle des Erzapostatcn Siemaszko, daß diese Pfarrei, wie so viele andere in gleicher Bedräugniß, zum Uebertritte gezwungen werden solle. Das Verfahren, das man dabei anwendete, ist bekannt. Man organisirte eine sogenannte orthodore MissionSgesellfchaft aus griechischen Priestern, Polizeibcamten und Jnfanterieabtheilnngen. Dicke BekehrungStrnppe begann damit, die Katholiken zur Theilnahme an der Kommunion in der griechisch n Kirche aufzufordern, um dadurch ihre Anhänglichkeit an den griechischen Glauben bezeugen zn können. Da jedoch dergleichen Aufforderungen immer fruchtlos blieben, so trieb man das Volk mit Bajonetten in die griechische Kirche, und jene, denen nicht das Glück zu Theil wurde, ihr Widerstreben mit dem Tode büßen zn können, warf man anf das Kirchenpflaster hin nnd zwang ihnen, die bereits mit Blut bedeckt und in verzweifeltem Kampfe ohnmächtig geworden, die Kommunion mit Gewalt anf. Nach solch schauderhaftem Verfahren, das an Mehreren verübt wurde, erklärte man die ganze Pfarrei für griechisch rechtgläubig oder orthodor. Vorstehend geschilderte, allgemein angewendete Vergewaltigung mußte in seiner ganzen Strenge die Gemeinde Dzierzanowicze unter der Regierung deS Kaisers Nikolaus l. im Jahre 1843 erdulden. Unter Kaiser Alexander ll. wiederholte sich diese Handlungsweise 1858 abermals an dem nämlichen Unglücksorte. Diese Pfarrei blieb nämlich während des langen Zeitraums von 15 Jahren, wie so manche andere, die mit ihr ein ähnliches Schicksal rheilte, der katholischen Religion treu. Kein Mitglied betrat die russische Kirche. Die Eltern tauften ihre Kinder selbst, und junge Leute enthielten sich von jeder ehelichen Verbindung mit Andersgläubigen- Dessen uugeachter spiegelten die Popen, griechische Geistliche, der vorgesetzten Behörde immer vor, alle Einwohner wären sehr zufrieden, der Orthodoxie ganz eifrig ergeben und verrichteten immer regelmäßig ihre Religionspflichten zn Ostern in der schismatischen Kirche. Dieser Zustand, der fast in allen zur griechischen Kirche gewaltthätig gedrängten Gemeinden derselbe war, währte in der Pfarrei Dzierzanowicze bis zum Jahre 1857. Da richteten die Mitglieder derselben, anf die Milde des Kaisers Alexander li. bauend, ein Bittgesuch um freie Ausübung ihrer katholischen Religion an ihn. Dieses Gesuch wurde aber von der einschlägigen hohen Stelle mit Verweis zurückgesendet, und die guten Leute wagten eS, dasselbe 1858 zn erneuern. So große Beharrlichkeit beunruhigte jedoch die Provinzialbehörden, nnd der Bischof LuzynSki ordnete eine neue Mission ab, ähnlich der von 1843. Anf sein Ansuchen beauftragte Kolokoliow, der Gouverneur von WitebSk, den StaatSrath Howorowicz, sich mit dem Abgeordneten des abtrünnigen Bischofs, dem Erzpriester Humilew, nach Dziernowicze zu begeben, um durch vollständige Bekehrung der dortigen Einwohner, die doch im Jahre 1853 (43?) daselbst einen so guten Anfang genommen, Ruhe und Ordnung herzustellen. Genannte Herrn kamen Anfangs April 1858 in Dzierzonowicze an. Denselben waren weiter beigegeben derDistrictS- Polizeichef Spodarcon mit seinen zwei Assessoren ZelinSki und Loweyko und ein Stellvertreter Namens Popowy, der später durch einen dritten Assessor, Namens SidelSky, ersetzt wurde. Mehrere griechische Geistliche, deren Zahl in der Folge bis anf 40 anwuchs, und endlich eine Abtheilung Truppen, bildeten die nunmehrige BekehruugS- misfion. 61 Mit Austheilnng von Faustschlägen und Prügeln wurde dieselbe eingeführt, und ihr erstes Geschäft war, herauszubringen, wer die Verwegenheit haben konnte, zur Abfassung eines Bittgesuchs an den Kaiser zu rathen und dasselbe niederzuschreiben. Schon floß allenthalben Blut. Da trat beim Anblicke so vieler Glaubensbe« kenner ein Mann hervor, der zur Schonung der Uebrigen bereit war, allein sich dem Martertode zu weihen. Sein Name ist Vincent. Er war Schlosser und Chirurg im Orte, geliebt und geachtet von Allen, weil er in Allem Helfer und Stütze im Glauben zugleich war. Auf ihn entlud sich nun die ganze Wuth der Popen und der Mannschaft. Man schlug ihm die Zähne ein, trat ihn mit Füßen und mißhandelte ihn der Art, daß er keinem Menschen mehr gleich sah. Obwohl dem Tode nahe, unterlag doch seine kräftige Natur nicht ganz, aber er verlor seine Besinnung, und in diesem Zustande warf man ihn, schwer mil Ketten belastet, nebst noch drei Andern, die man für Mitschuldige hielt, grausam in einen schauerlichen Kerker. Da man aber diesem Nur glücklichen kein Gcständniß irgend einer Art zu erpressen vermochte, so kehrte man seine Behausung von unten zu oberst, durchstöberte alle Winkel, um nur ein Anzeichen von dem angeblichen Staatsverbrechen zu entdecken, etwa eine Liste der Ver- schwornen, oder vielmehr der eifrigsten Katholiken, und diese Hausdurchsuchung geschah mit solcher Unmenschlichkeit, daß die Frau des Vincent und eine ihrer Nachbarinnen, die eben guter Hoffnung waren, eine Frühgeburt erlitten und Beide TagS darauf in Folge dessen starben. Die Gefangenen wurden Anfangs in Deyzna und später in WitebSk eingesperrt, wo sie vorläufig den gemeinsten Slräflingsarbeiten unter- warfen waren. Diejenigen, welche bei diesen ersten Vorgängen am meisten durch Grausamkeit sich hervorthaten, waren die Popen, der Polizei-Director Spodariow und der Assessor ZalinSki. Man konnte aber auch nicht einmal eine Abschrift von dem erwähnten Bittgesuch au den Kaiser entdecken, so sehr man eine solche aufzufinden sich Mühe gab. Da versuchte man mit der nämlichen Rohheit jene katholischen Geistlichen ausfindig zu machen, bei denen dieses brave Volk während eines fünfzehnjährigen Katacomben- lebens seine Beichte verrichtete. Aber auch hierüber wurde nichts verlantbar, so daß man am Ende den Verdacht schöpfte, eS könnten dieß wohl keine andern sein, als die dem Orte zunächst liegenden Dominicaner. Einige Tage darauf traf der Gendarmerie-Oberst Losiew mit mehreren seiner Leute ein, und gab Befehl, alle Mannschaft von der ganzen Umgebung habe in Dzierzanowicze sich zu versammeln. Hierauf verlegte er sie zu den Bauern der Pfarrei inS Quartier, mit dem Auftrage, durch alle erdenklichen HauSqnälereien an dem Be- kehrungSwerke mitzuwüken. Er selbst stieg im Schlosse ab und stattete eine Abtheilung, das sogenannte schwarze Zimmer, mit den nöthigen Folterwerkzeugen für die Bauern aus, die einer nach dem andern herbeigerufen wurden. Fortwährende Schmerzensrufe und Stöhnen von diesem Zimmer her kündeten die Art der apostolischen Mission an, die daselbst gehalten wurde. Unterdessen waren die Popen nicht minder eifrig. Ueberall schlichen sie, zwei oder drei beisammen, in und außerhalb der Dörfer umher, und wo sie irgend einen einzelnen Bauern abseits überraschen konnten, fielen sie über ihn her, schlugen ihn nieder mit dem wüthenden Rufe: „Bekenne die Wahrheit und nimm unsern Glauben an." (Fortsetzung folgt.) Ä7, '«^..7^-'.^-/>Et»74-7? 62 M IM M IN-, Arm und Reich. Bon Karl BcyerI. (Fortsetzung.) II Wc>ui ich die Sprache der Menschen und der Engel redete, hatte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. Ja, wenn ich mein ganzes Vermögen zum Unterhalte der Armen austheilte, und meinen Leib hin- opserte, so daß ich mich verbrennen ließe, es fehlte mir aber an Liebe, iv hülfe es mir nichts. l. Korinth. XIII. 1. und 3. Es ist eine der größten Schändlichkeiten der schlechten Literatur, daß sie so oft die Würde der Frauen in den Staub tritt und ihre Heldinnen — namentlich in den höheren Kreisen — als unnatürliche Mannweiber oder als mnth- und kraftlose Geschöpfe malt. Blickt hin auf die heiligen Heroinen der Vorzeit, seht in der Gegenwart auf jene geweihten Jungfrauen, welche der Welt und ihren Freuden entsagend sich mit innigster Hingebung dem schweren Berufe der Erziehung widmen oder in freiwilliger Armuth ein ganzes reiches Menschendasein dem dornenvollen Dienste bei Kranken, Sterbenden nnd Todten opfern! Schauet auf die vielen hochherzigen und zartfühlenden Frauen unserer Zeit vom Throne bis zur letzten Hütte, gedenket eurer Mütter und der Sorgen nnd Schmerzen des Mntterhcrzens! Thut dies Alles, und ihr werdet die Geschöpfe einer George Sand erbärmlich finden! Agnes war eine wahrhaft fromme nnd edle Frau. In ihr hatte der Schöpfer recht herrlich sein Ebenbild ausgeprägt: in der schönen Form die schöne Seele. Ein reiches, inniges Gemüth, ein unauslöschliches RcchtSgefühl, das Bewußtsein ihrer Würde und Pflicht und vor Allem der reine Wille, nur Gott wohlzugefallen, machten sie zu einem jener liebenswürdigen Wesen, die ihre ganze Umgebung mit einem Lichtkreise des Friedens und der Freude erhellen. MD - kii In der weisen nnd eintrachtsvollcn Regierung Gottes wird die Absichr im allerhöchsten Grade erreicht, nach welchem die menschliche Politik ringt, daß nämlich jedes Mitglied das gemeinsame Beste befördere, indem es an seinem eigenen Wohlsein arbeitet, denn kein verständiges Wesen kann seine wahre Glückseligkeit befördern, ohne ein Wohlthäter der ganzen Schöpfung zu werden, so genau, so unzertrennlich hänget im Staate Gottes das besondere und allgemeine Interesse zusammen. Moses Mendelssohn. Arthur, Agnes und der treue Hansfreund saßen in einer Laube im Garten. Agnes erzählte ihren Traum und offenbarte ihren Entschluß, selbst einige arme Familien zu besuchen und den Armen und Bedrängten fortan den Zutritt zu ihr zu gestatten, um ihre Bedürfnisse und die Mittel zur Abhilfe in Wahrheit kennen zu lerne». „Denn gewiß", fügte sie bei, „mit dem kalten Gelde allein ist nicht geholfen, dem Armen gereicht oft ein guter Rath, ein freundliches Wort zu größerem Nutzen nnd Troste, als ein Geschenk, das ihm blos wie eine Abfindung für seine Ansprüche auf Menschenglück und Menschenrang zugeworfen wird." Arthur blickte mit Wehmnth in daS unschuldige, von innerem Frieden selig- strahlende Antlitz seiner Gemahlin. „Armes Kind", sagte er, „fürchtest du keine Ent- täuschung? Wird nicht die Menge deine Seelengute als einen Tribut au ihre wach- 63 sende Macht betrachten? Wehe dir, wenn dn die Würdigen beschenkst! die schlimme Mehrzahl wird dir deßwegen znm rachesüchtigen. Feinde. Willst du daS finstere Chaos der Leidenschaften, welche über die Masse wogen, mit dem Lichte der Bildung erhellen, die Entarteten mit der sittlichen Reinheit adeln, in welcher die Liebe lebt? Erinnere dich an die Warnung in Schiller'S Glocke: „Web denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Hinnnelsfackel leih'n, Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden, Und äschert Stadt' und Dörfer ein." „Erlaube mir", erwiderte Agnes sanft, diesen Versen andere eines bekannten Dichters entgegenzusetzen, die, wenn ich nicht irre, so lauten: „Was der größte Schmerz im Leben? Ganz in Liebe zu entbrennen, Nah sich stch'n, sich nicht umfassen. Und sich, ach! nicht lieben können! —" So ist's zwischen den Vornehmen und Geringen; Gott schuf sie zu gleichem Ziele, sie möchten sich gegenseitig beglücken, sie entbrennen in Liebe, sie stehen sich so nahe und können sich nicht umfassen, und ach, nicht lieben! Das ist der große Schmerz unserer Zeit! Eine Mauer von Eis durchschneidet die Menschheit: der Stolz! Leider ist es bittre Wahrheit, daß die Stände vielfach nur in ihrem Kreise den Menschen anerkennen, daß die Glücklichen verachten, die Entbehrenden trotzen! Die Liebe, welche Alles kann, Alles überwindet, die weltbefreiende Liebe wird auch diese Götzenmaner mit ihrem Strahle zerbrechen. Durchdränge ein echter christlicher Sinn die Welt, o dann wäre nicht dieses Mißbehagen in den feindlich sich aneinander reibenden Schichten der Gesellschaft, dann gäbe eS wieder eine hehre einige Menschenfamilie, die Mißtöne würden nicht mehr in Chören erschallen, sondern vereinzelt in der großen Harmonie verklingen." . „Gut, aber wie willst du mit Erfolg in diesem Sinne wirken?" fragte Arthur. „Nichts ist leichter", entgegnete Agnes, „ich wirke im Stillen." Arthur sann nach. Endlich sagte er gerührt: „Folge deinem Herzen und laß mir die Freude: dich dabei zu unterstützen. Wie wäre es, Doctor! wenn wir auch beitrügen?" — „Einverstanden!" rief Helfer fröhlich. „Wir wollen uns noch darüber berathen. Es wird sich Manches finden." — „Genug, genug!" meinte der Doctor. „Ich könnte zum Beispiele", sagte Arthur, „fleißigen Gewerbslentcn kleine Capitalien ohne Zins vorschießen?" — „Ja, thun Sie das, solche Capitalien sind nie verloren!" „Auch werde ich noch mit meinen Freunden darüber sprechen", fuhr Arthur fort. „Ich auch", sagte Helfer. Agnes lächelte selig. „Fürwahr", sagte sie, „so gut hätte ich eS nicht erwartet. Ihr seid ja schon ganz auf meiner Seite. Lieber Arthur! führe deine edle Absicht durch, du wirst himmlischen Lohn empfangen. O wie viele Familien, die jetzt für immer verloren sind, hätten im rechten Augenblicke mit einer kleinen Beihilfe für immer gerettet werden können! Gewiß, dn wirst noch viele dankbare Menschen durch dich glücklich sehen! Nun aber wollt ihr hören, was ich in den letzten drei Tagen so heimlich that, daß es selbst euch verborgen blieb?" Auf die bejahende Bitte deS Gemahls und des Hausfreundes holte Agnes ihr Tagbnch und laS: „Den 16. August 18^8. Mit dem Beistand der Himmelskönigin trat ich heute Nachmittags von Hedwig begleitet meine Reise in das Vandiemensland unserer Stadt an. Die Vorsehung lenkte unsere ersten Tritte. Wir gingen über den Promcnadeplatz, auf dem eben die Oleanderstanden in voller Blüthe stehen. Wir eilten an einer ärmlich gekleideten Frau vorüber, welche ein etwa sechsjähriges Mäd- chen an der Hand führte. „Sieh, Mntter, die schönen Blumen!" rief munter das I.H- '< 7 ' IM?! 8 iW 64 Mädchen. „Ach, Kind", sagte die Frau, „laß mich mit deinen Blumen, ich wollte lieber, ich wüßte, wo ich auf dse Nacht Brod hernehme." Im Weitergehen hörte ich die Frau noch seufzen: „Ach Gott! eS ist schrecklich! nun stirb nur, ThereSchen, wir haben nichts mehr zu essen!" Ich wandte mich um und sah ein leidvolles Gesicht zum Himmel schauen. Schnell waren wir bei der Frau und gingen mit ihr in ihre Wohnung. Sie ist eine verschämte Hausarme, eine Wittwe mit sieben Kindern, zwei davon sind krank, die Mutter muß sie verpflegen und kann also wmig verdienen. Welches Elend! „Wir wären ohne den Doctor Helfer, der uns wöchentlich eine Unterstützung gibt, längst verschmachtet", sagte die Arme. Der edle liebe Doctor, er schenkt Alles seinen Armen, er muß selbst arm sein! „Wenn der gute Doctor wieder zu der Wittwe kommt, wird er freudig sehen, daß Frauenhände dort walteten; die zerrissenen Kleider, die modrige Spreu, die papiernen Fensterscheiben sind verschwunden, die kleinen Kranken liegen in reinlichen Betten, die gesunden Kinder sitzen sauber gekleidet um ein blankes Tischlein von Fichtenholz und lernen vergnügt und stolz in neuen Schulbüchern; die größeren stricken, spinnen oder malen nach meiner Anleitung Bilderbogen für eine Spielwaaren- Handlung; so verdienen sie schon etwas. Der Mutter, einer geübten Stickerin, habe ich einen Auftrag gegeben und die Materialien verschafft, deren sie znr Stickerei bedarf. Es sieht jetzt dort, wo erst eine düstere Keuche war, Alles so freundlich aus, und die Sonne blickt mit Lust durch die hellen, von Schlingpflanzen umrankten Fenster über die Blumen, welche ThereSchen bcgießt, in das heitere Stübchen. Mit den Arbeitswerkzeugen, die ich den Guten kaufte, hoffen sie nun, die größte Noth schon abwehren zn können, und die Mutter glaubt, das kleine Capital, das ich bei ihr anlegte, nur selten angreifen zn dürfen. Hätte mir doch heute mein Arthur zugesehen! Mit dem ersten Tage bin ich sehr zufrieden." „Den 17. August 1848. Heute führte mich Hedwig zu einer Sterbenden. Am äußersten Ende der Hauptstraße hinter den stolzen Palästen der Glücklichen steht in der Stadtmauer ein uralter Thurm. In diesem ist ein enges Gemach, durch dessen zersprungene Fenster der Wind saust. Dort lag eine junge Wittwe auf hartem Lager. Sie hatte die heiligen Sterbsacramente schon empfangen und betete. Ihre vier Kinder knieten schluchzend neben ihr. Die armen Kleinen, zwei Knaben und zwei Mädchen, sollten nun getrennt werden, denn das Waisenhaus sondert seine Zöglinge nach den Geschlechtern ab. Die arme Mutter warf noch einen Blick voll Liebe und Schmerz auf ihre Kinder. „Ich will für sie sorgen!" rief ich und sie lächelte selig, im Verscheiden noch einen leuchtenden Blick auf mich werfend." „Ich war tief erschüttert und weinte laut mit den Kindern. Hedwig richtete mich auf. Sie gab mir den Rath, die Kinder einer braven, kinderlosen Familie znr Erziehung gegen billige Vergütung zn übergeben. Dieß, sagte sie, könnten wir noch öfter thun. So thaten wir denn, wir brachten die Kinder zu einem braven Schreiner, der mit seiner Gattin Elternstelle an ihnen vertreten wird. So werde ich noch öfter verlassenen Kindern einen Vater und eine Mutter geben, und wenn mein Nadelgeld nicht mehr hinreicht, dann weiß ich ja besser als die armen Waisen, wo ich betteln darf, die Cassa meines theuren Arthur ist ja reich, und noch reicher ist sein Herz." (Fortsetzung folgt.) W Äeoacnvil und Verlag: Max Huttlcr. —- Lrua ven M. Kleinte. 62- Beilage zum AugSb. Sountagsblatt Nro. 8. Arm und Reich. (Fortsetzung zu II k ES war am 15. August 18^8. Die Glocken läuteten feierlich durch die Abendstille den Tag zur Ruhe, an welchem einst die Himmelskönigin zum Throne ihres ewigen Sohnes emporschwebte. Und als das Ave Maria der Thürme verhallt war, als die Nacht kam, und die geheimnißvolle Weltenschrift des Allmächtigen am Himmel flammte, da eilte Agnes an den Flügel, die Saiten erklangen seelenvoll unter ihren Händen, und in den reinsten Tönen sang sie sehnend und ahnend ein Lied an Madonna. Und drüben öffnete der arme Mann das Fenster und lauschte mit den Seinen und sagte: „Müßte ich den Flügel der edlen Frau stundenweis zu ihr schleppen, ich würde en freudig thun. Wie sie singt! So muß es droben über den Sternen klingen!" — Als die Reichen drüben anf seidenen Kissen, die Armen herüben auf ihrem Strohlager mit friedlichen, der Versöhnung geöffneten Herzen entschlummerten, da schwebten liebende Engel herab auf die Träumenden und aus dem Allerheiligsten des Himmels strömte der Eine Segen des Vaters ungetheilt auf Palast und Hütte. Einschlummernd wiederholte sich Agnes die Gedanken und Gefühle des vergangenen Tages. Sie erinnerte sich, wie sie einst von Visionen frommer Seelen gelesen und dabei ungläubig gelächelt hatte — jetzt war ihre Stimmung eine andere, heiligere — sie gedachte der Erscheinung des Engels vor Maria, der Bekehrung des Paulus, des Auferstehungswunders; sie erwog, wie schon die Gemälde eines Raphael dem Widerglanze aus einer höheren Welt gleichen, wie göttlich erst ein Bild sein müsse, blos vom gläubigen, gotterfüllten Geiste im Momente der glühendsten Entzückung erschaut in einer Schönheit, wie keine Kunst sie, die überirdische Erscheinung, festzuhalten vermag; sie sehnte sich, ihr Seelenauge möchte einem solcheli Schauen des Unsterblichen, wenn auch nur im Traume, geöffnet werden. Mit diesem Wunsche schloß sie die Augen. Sie befand sich außerhalb einer großen fremden Stadt. Prächtige Linden- hallen wölbten sich am Ufer eines breiten Stromes, auf dessen blauem Spiegel festlich geschmückte Schiffe vorüberglitten. Scherzend und plaudernd lustwandelten Herren und Damen in den Alleen. Inmitten des fröhlichen Treibens saß unter einer Linde ein blinder Greis, in Lumpen gehüllt. Niemand beachtete ihn, von Hunderten kaum Einer warf ihm einen Pfennig zu und hörte mit den heiteren Gruppen forteilend nicht mehr sein inniges: Vergelte es Gott! Nur sein kleiner Hund leckte ihm freundlich die Hände und die Linde bot ihm theilnehmend ihren Schatten. Agnes eilte zu dem Blinden. Die trübe Schrift des Elends stand ergreifend auf dem lichtlosen Angesichte: „Nicht genug, dem Schwachen aufzuhelfen, Auch stützen muß man ihn!" — So sprach das edle Herz in ihr, als sie den Armen fragte: „Wie geht es, lieber Mann, habt ihr Nahrung und Pflege?" Das Antlitz des Greises erheiterte sich zu jenem unbeschreiblich rührenden Ausdrucke, der den Blinden eigen ist. Er lächelte so gutmüthig dankbar, so erquickt und seelenfroh! Mit ihm, dem verlassenen Paria der christlichen Gesellschaft, hatte ein Mensch menschlich gesprochen! Er schlug die lichtlosen Augen auf, als müßten sie ihm dieses liebende Wesen zeigen! „Mich pflegt Niemand", sprach er, „als Kind schon ward ich Waise und blind; seit ich denke, muß ich leider betteln." — „Armer Mann!" rief Agnes, „wo wohnt Ihr, wie schlaft Ihr?" „Der Himmel ist mein Dach bei Tage," erwiderte der Greis > „die Nacht habe ich auch schon oft unter diesem Baume zugebracht, aber gewöhnlich lassen mich gute Leute in meinem nahen Heimath- dorfe in Scheunen oder Ställen schlafen." Vom tiefsten Mitleid bewegt sprach Agnes: „Kommt, lieber Mann, geht mit mir, auch Euer treues Hündchen sollt ss,: > V 62 «« Ihr mitnehmen. Ihr sollt nicht mehr betteln, sollt Ruhe für Eure müden Glieder, Nahrung und Pflege erhalten, kommt, laßt Euch leiten!" Der blinde Greis richtete sich auf und legte die Hand segnend auf die Stirne der Trösterin, und ein heiliger Schauer durchrieselte sie, als hätte sie der Finger Gottes berührt, ihre Kniee brachen, ihre Augen starrten in himmlischer Entzückung empor, das Gewand des Bettlers leuchtete blendend weiß, und vor ihr stand strahlend in unsäglicher Schönheit und Majestät der Welterlöscr, und mit allen Harmonien des Himmels drangen von seinem göttlichen Munde in ihre Seele die Worte der Verheißung: „Was du immer den Geringsten von diesen thust, das hast du mir gethan!" Als Agnes erwachte, strahlte die Morgensonne hell auf die Wirklichkeit um sie, aber die Erscheinung blieb in ihrer Seele, und gläubig dankte sie der ewigen Gnade mit glühender Inbrunst. >sie glaubte an eine Weihe von oben, sie fühlte diese im seligen Herzen, und tiesdurchdrungen von dieser Weihe, die ihr ganzes Wesen um eine Stufe höher im Seelenrciche hob, gelobte sie, sich keiner, irdischen Rücksicht mehr zu unterwerfen und erhaben über alle Furcht vor Men- schcntadel zu sein eine treue Magd des Herrn. — Seit die Arme sie um Arbeit angesprochen, Pflegte die edle Frau täglich, sobald sie angekleidet war, theilnehmend nach den kleinen -Fenstern hinüber zu blicken. Sie sah, wie die Strickerin arbeitete vom frühesten Morgen bis in die tiefe Nacht. Liebe und Sorge zogen sie hinüber: sie befürchtete, das Geld möchte nicht ausreichen, die Armen möchten Mangel leiden. Endlich heute war die Unermüdliche fertig geworden, Agnes sah es, wie sie Paar auf Paar zusammenlegte und sich zum Ausgehen anschickte. Bald kam sie auch schüchtern mit der feinen sauberen Arbeit. Agnes äußerte ihre Zufriedenheit und fragte theilnehmend nach den Verhältnissen der armen Familie: — da erfuhr sie die volle Wahrheit, den ganzen Umfang des Elendes verschämter Armuth! Lne Unglücklichen hatten einst bessere Tage gesehen, ja sie waren wohlhabend gewesen, und als sie sich ein kleines Anwesen kaufen wollten, da fallirte ein stolzes Haus und begrub mit dem Vermögen vieler Familien auch das ihre. Und nun lange Jahre des Mangels! Fünf Kinder uud oft kein Brod! Und im Winter keine warmen Kleider, keine Betten, kein Holz! Und inmitten des Jammers, des Hungers, welches Gottvertrauen, welche Redlichkeit! Welche Anstrengung der müden Hände, der thränendunklen Augen noch bei Lampenlicht und Mondenschein! Diese Frau, welche schöne Seele im Gewände der Demuth und Niedrigkeit! „Als mein ältestes Mädchen", schloß Hedwig ihre Erzählung, „vier Jahre alt war, wollte es das Waisenhaus aufnehmen. Wir waren für diese Wohlthat dankbar und gaben das Kind her. Aber wir hatten keine Ruhe. Die ganze Nacht durch glaubte ich mein Kind schreien zu hören, und als es Tag ward, ging mein Mann und holte es wieder — 0 wie weinte die Kleine vor Freude an meinem Halse, und ich mit ihr!" Agnes war Anfangs gesonnen, eines von den Kindern zu sich zu nehmen, jetzt stand sie davon ab, aber ein anderer, ein großer, heiliger Gedanke erleuchtete sie. Wie verklärt stand sie da, und die Arme glaubte zu träumen, als die reiche Dame sie Plötzlich umschlang, ihre Hand ergriff und innig bat: „Seien Sie meine Freundin!" Die Arme wagte nicht zu antworten, und Agnes fuhr fort: „Ja, Sie müssen meine Freundin sein! In uns Beiden reichen sich jetzt Armuth und Reichthum die Hände zur Versöhnung, zum Frieden! Die Welt ist zerklüftet; auch in dieser Stadt gähnt zwischen den Reichen und Armen ein schwarzer Riß, ein Abgrund des Hasses — ein Hauch der Liebe und Rosen füllen ihn aus! Ich will Blumen in die Wüste pflanzen, will helfen, trösten, rathen, wo ich kann, und Sie sollen mich dabei geleiten. Lassen Sie uns das Amt der Versöhnung üben, es ist ein Engclsamt! Wollen Sie, meine Freundin?" Die Arme blickte auf die Reiche, nicht mehr zaghaft, sondern mit einer heiligen Ehrfurcht, gehoben von dem Feuer der hochherzigen Frau rief sie begeistert: „Ich will!"