AilgMgtr ZWMgMatt. Air. 1L. 11. März 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburg er Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. RomS Name. Höret ihr den Namen Rom, Denkt nicht täppisch nur die Stadt, Die am gelben Tiberstrom Herrscht und einst geherrschct hat. Römer sein und Herr der Welt Galt vereinst so ziemlich gleich. Ist das ird'sche Rom zerschellt, Kam des Geistes größeres Reich. Und es bleibt die Stadt der Welt, Herrschet selber ohne Rom. Wo das Haupt ist, steht und fällt Christi Stadt, sein Geist, sein Dom. Die römische Inquisition Kein Institut der römischen Kirche ist so angefeindet worden, als die Inquisition. Wenn schon in neuerer Zeit viel Fleiß nnd Mühe angewendet worden ist, auf dem Gebiete der Geschichte das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Zweifelhaften, das Wirkliche vom Enstelltm und Uebertriebenen zn sondern, nnd wenn schon insbesondere über die Inquisition berühmte Gelehrte, wie Graf Maistre, ganz andere Aufklärungen geliefert haben, als von protestantischen Autoren und ihren Nachbetern gewöhnlich zu Markte gebracht werden, so ist eS noch lange nicht an dem, daß über besagtes Institut genuine Begriffe allgemein verbreitet wären. Feinde der Religion und der Kirche spekuliren noch immer auf die Unwissenheit und die Borurtheile der Menge, um durch recht grelle Ausmalung der Gränel der Inquisition das Papstthum verhaßt zu machen. Wie die römischen Republikaner von 18^9 jene Gräuel in grauser Wirklichkeit den Römern in Erinnerung zu bringen versuchten, ist im Juden von Verona zu lesen, und wird auch im Verlaufe dieser Abhandlung gemeldet. Wir entnehmen dieselbe dem interessanten Werke Maguire's: „Rom und sein Beherscher", zweite Abtheilung, welche erst kürzlich erschienen ist; und zwar nicht, als wenn wir bei unsern geehrten Lesern auch irrige Vorstellungen in Betreff der römischen Jnqui- fition voraussetzten, sondern weil in unseren Gegenden die Bedeutung und der Wirkungskreis derselben Wenigen näher bekannt ist, und unsere Zeitverhältnisse eine sichere Kenntniß päpstlicher Einrichtungen erwünscht zu machen scheinen. Maguire beginnt über diesen Gegenstand folgendermaßen: An einem der letzten Tage des Monats Oktober im Jahre 1858 stand eine Gruppe von vier oder fünf Fremden vor einem der schönen Gemälde, welche die Vaticanische Galerie, wiewohl sie au Ausdehnung und Manchfaltigkeit von andern Sammlungen übertreffen wird, weltberühmt gemacht haben. Das fragliche Gemälde ist merkwürdig, aber nicht besonders lieblich anzusehen, sondern macht vielmehr eine» peinlichen Eindruck: eS ist eine sehr anschauliche Darstellung deS Martyriums der heiligen ProccssuS und Martiniauuö, au welchen die heidnischen Henker mit crstu- derischcr Grausamkeit ihre Wuth auslasten. Gerade vor dem Bilde stand eitler der ausgezeichnetsten Prälaten der irischen Kirche, einige Schritte von ihm entfernt stand ein Herr mit seiner Tochter. — „O Papa", fragte das junge Mädchen, „was stellt denn dieses Bild dar?" — „Das, mein Kind", antwortete der wohlunterrichtete Vater, „ist eine Scene von der Inquisition; diese armen Leute werden auf Befehl der Inquisition gefoltert." Der Prälat, welcher diese eigenthümliche Erklärung eines sonst ziemlich bekannten Kunstwerkes zu seiner eben so großen Erheiterung wie Verwunderung hörte, sah nach dem Sprecher hin, da ihm unwillkürlich der Gedanke kommen mochte, er werde vielleicht in der Kleidung und äußern Erscheinung deS Fremden etwas wahrnehmen, was die Albernheit seiner Worte entschuldigen konnte. Aber nein, es schien ein gebildeter und vornehmer Herr zu sein. — Hätte dieser Gelehrte nur aus den Zettel am Rahmen des Gemäldes blicken wollen, so würde er sich nicht durch die Bemerkung lächerlich gemacht haben, welche ihm seine Unwissenheit und seine Vor- urtheile eingaben; aber es gibt freilich Leute, welche Augen haben, und doch nicht sehen. Die Tochter eines solchen Vaters ist wahrscheinlich eine junge Dame von großer Wißbegierde; vielleicht hat sie im Laufe des Tages den Vater noch weiter gefragt, ob die Inquisition zu Rom auch jetzt noch bestehe, und ob man die Leute auch jetzt noch so foltere und martere, wie zn der Zeit, welche „jenes schreckliche Bild" darstelle. Hat sie so gefragt, so hat sie gewiß die Antwort erhalten: „O ja, mein Kind, die Inquisition besteht freilich noch , und ich zweifle nicht daran, daß die nämlichen Grausamkeiten auch heute noch verübt werden, nur vielleicht nicht mehr so öffentlich, wie in frühern Zeiten. Wie man eS früher getrieben hat, das hast du auf jenem Bilde gesehen, welches auf Befehl des Papstes selbst im Vatican ausgestellt ist." „Himmel! Wie schrecklich!" mag das arme Kind gedacht haben. Es gibt aber viele Leute, welche von der Inquisition nicht viel mehr wissen und nicht viel besser denken, als dieser gelehrte Fremde. Darum dürsten einige Beiner- kuugen über die römische Inquisition — den es besteht allerdings noch jetzt in der ewigen Stadt ein heiliges Officinm — hier am Orte sein. Was zunächst die Aufgabe und Einrichtung des heiligen Officiums betrifft, so kann dasselbe als ein Gerichtshof bezeichnet werden, dessen Pflicht cS ist, über die Reinheit und Unversehrtheit des Glaubens zn wachen, dem Eindringen von Irrtümern in die Kirche zu wehren, und den Bischöfen in schwierigen und zweifelhaften Angelegenheiten der Art Belehrungen und Weisungen zn ertheilen. Präsident dieses Gerichtshofes ist der Papst selbst; wenn sehr wichtige Sachen verhandelt und entschieden werden, führt er persönlich den Vorsitz, und die Sitzungen werden dann im päpstlichen Palaste gehalten; gewöhnlich aber versammeln sich die Mitglieder in dem Dominicanerkloster neben der schönen gothischen Kirche an der Piazza di Minerva. Die Cougregation der Inquisition hat mehrere Cardinäle, lauter bejahrte, ehrwürdige, gelehrte und erfahrene Männer, zu Mitgliedern. Ihnen stehen die „Consultoreu" zur Seite, Erzbischöfe und Bischöfe, welche zu Rom wohnen, hochgestellte Prälaten und die gelehrtesten Obern der religiösen Orden. Der General der Dominicaner, der Llggi-itkr 8k>cri pglatii, der Commissarius des h. Officiums und sein 8r>cius oder erster Assistent sind geborne Consultoreu. Au der Spitze der Consultoren, deren eS gewöhnlich fünfundzwanzig bis dreißig gibt, steht der Assessor des hl. Officiums. Sie haben die Fragen, welche ihnen vorgelegt werden, zu stndiren, und ihr Gutachten darüber abzugeben. Verbunden mit dem heil. Officium ist die Kanzlei unter der Leitung deö Custos der Archive, welche von der größten Wichtigkeit sind, da darin alle seit Jahrhunderten von diesem Tribunal erlassenen dogmatischen Entscheidungen aufbewahrt werden. Zn den Beamten des h. Officiums gehören ferner ein erster Notar mit 8 Assistenten, welche alle Priester sind, ein Sommista und eine Anzahl Secretäre und Schreiber. Einer der Consultoren heißt Fiscal-Advocat, und fungirt in Cciminalsache» als Ankläger, ein anderer hat den Angeklagten zu vertreten. 83 Die Jurisdiktion der Inquisition ist theils criminalgerichtlich, theils rein doctrinell. Da letztere der bei weitem wichtigere Theil der Aufgabe des heil. Osfi- ciums ist, so rede ich davon zuerst. Das heilige Officinm hat namentlich die Anfragen der Bischöfe aus allen Theilen der Welt zu beantworten, welche die Verwaltung der Sacramente betreffen, zum Beispiel die Ehe, und zwar die Ehen sowohl zwischen Katholiken, als die gemischten Ehen, die Ehehindernisse u. s. w. Ich erwähne einige Fälle, in welchen das heilige Officinm sich über die giltige Spendnug eines Sakramentes ansznsprechen hatte. Ein schiSmatischer Grieche ließ sich in die lateinische Kirche aufnehmen; er war von einem griechischen Priester in einem Patriarchate des Morgenlandes gcfirmt worden, und es entstand nun die Frage, ob die Firmung gütig gewesen sei, oder ob er nochmals gesinnt werden sollte. Nach einer langen und sorgfältigen Untersuchung wurde erklärt, daß der Grieche nicht gütig gesinnt worden sei, hauptsächlich darum, weil Benedict XIV. den griechischen Priestern jenes Patriarchates die Gewalt zu firmen entzogen hatte. Unter dem Pontificate Clemens XI. wurde bei Gelegenheit der Rückkehr eines schottischen Bischofs, Namens Gordon, zur katholischen Kirche von dem heil. Officinm die Frage nach der Gütigkeit der Ordination, welche er von einem andern schottischen Bischöfe empfangen hatte, verhandelt und verneinend entschieden. Wenn ferner in einem Theile der katholischen Welt eine Irrlehre anftanchr, z. B. in einem Buche vorgetragen wird, und durch dieses Verbreitung findet, und der Bischof der betreffenden Diöccse eine entscheidende Erklärung der höchsten kirchlichen Behörde nachsucht, so wird die Sache dem h. Osficium überwiesen. In solchen und ähnlichen Fällen ist das Verfahren folgendes. Der Commifsarius des heil. Offi- cinmS und seine beiden Socii oder Assistenten stellen die betreffenden Sätze zusammen, suchen in den Archiven die frühern, darauf irgendwie bezüglichen Entscheidungen, und entwerfen eine kurze und übersichtliche Darstellung der ganzen Sache. Die Kongregation beauftragt dann einen der Consultoren, den Gegenstand zu studiren, nnd zur Diskussion vorzubereiten. Dieser verfaßt dann ein ausführliches, motivirtes Gutachten, welches gedruckt und den andern Consultoren mitgetheilt wird. Nachdem auch diese die Sache studirt haben, treten sie zusammen nnd discntiren dieselbe in Gegenwart eines Notars, welcher die von den Einzelnen vorgetragenen Bemerkungen aufzeichnet. Dieses Protokoll wird gleichfalls gedruckt und allen Cardinälen eingehändigt, welche Mitglieder der Kongregation sind. Nach einigen Tagen trete» die Car- dinäle zu einer Berathung zusammen, welcher auch die Consultoren beiwohnen. In dieser Sitzung wird die Frage von den Cardtnälen mit Stimmenmehrheit entschieden. Ihre Entscheidung wird dem Papste vorgetragen, und wird erst durch dessen Bestätigung rechtskräftig. Gewöhnlich werden jede Woche zwei Fragen verhandelt, eine doctrinclle nnd eine criminalgerichtliche. (Fortsetzung folgt.) Die Bedrückungen -er Katholiken in Polen. (Schluß.) Kaum in Dzierzanowicze angekommen, begab er sich des Nachts, gleichsam, als wollte er den Popen nnd der Polizei verborgen bleiben, von Haus zu Haus, weint mit den beklagenswerthen Bauern, bittet und beschwört ste im Namen seines guten Herrn und als ihr aufrichtiger Freund, sie sollten doch ia ihrer Hartnäckigkeit nachgeben. „Ihr seid wirklich sehr unglücklich, sag'e er zu ihnen; mein Leben gäbe ich für euch, könnte ich euch helfen. Ihr wißt es ja, wie sehr ich euch liebe; es ist euch nicht minder bekannt, wie viel euer Herr auf euch hält. Aber Alles, was wir für euch gethan zu eurer Rettung, war fruchtlos. Bereits ist das Dorf von den Soldaten umringt. Morgen, ja morgen schon, wenn ihr noch ferner dem Willen des Kaisers widerstrebet, werden die Martern wieder beginnen, und noch zehnmal ärgere als bisher an euch verübt werden. Erstens wird man mit ZOO Hieben beginnen, und wer sich widersetzt bekommt noch weitere 500 und so fort. Dann kommt die Knute und zuletzt Sibirien. Eure Weiber, Schwestern und Töchter fallen den entarteten Soldaten anheim. Wenn euch also euer Leben und eure Ehre, die Ehre eurer Weiber, Schwestern und Töchter lieb ist, so bitte ich euch inständigst, widersetzet euch nicht länger mehr dem Befehle des Kaisers, sondern tretet zur griechischen Kirche über; denn sein Entschluß ist unwioerrnflich. Ihr seid der Verfolgung ver- fallen, selbst über das Grab hinaus. Wollt ihr als Katholiken sterben, so wird man euch einscharren wie llnheilige. Auf solche Worte hin konnte daS brave Volk keine Antwort finden; eS betete nnd befahl laut jammernd sein trauriges Schicksal dem Schatze Gottes. Tags daraus führte man vor der gesainmten versammelten Gemeinde den unglücklichen Vincent ein, der, früher ihr einziger Schutz nnd ihre Stütze, jetzt in Folge seiner entsetzlichen Leiden seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Und nur in solchem Zustande war eS auch möglich, daß er eine sogenannte Erklärung seiner Anhänglichkeit an die Orthodoxie unterzeichnete, womit man dann hochprahlcnd das Volk aufforderte, ihm, der als ihr Hanpt jetzt zur wahren Kirche sich gewendet, ebenfalls nachzufolgen. Dieser Leidensmensch, fast unkenntlich gemacht durch die erlittenen Unbilden, stand da vor seinem Volke, aus Erschöpfung zitternd nnd die Augen niedergeschlagen, gleich einem Verbrecher, nnd ein lang anhaltender tiefer Senfzer entwand sich der Brnst aller Anwesenden. Und dennoch waren alle diese teuflischen Erfindungen nicht vermögend, den Glauben dieses Heldeuvölklcins zu erschüttern. Vergebens blieben selbst jetzt noch erneute Foltern, die der Gendarmerie-Oberst so vortrefflich anzuwenden verstand. Allein die ganze Angelegenheit mußte zn Ende geführt werden; so kantete der Befehl des Senators, nnd zwar mit Hinweisung entweder auf die Gnade oder auf die Ungnade des Kaisers. Man nahm also wieder seine Zuflucht zur Spendnng des Sacramentes, und ordnete auf den andern Tag, eS war den 14. Juli 1858 alter Zeitrechnung, eine allgemeine Commnnion an. Sowie Jemand ans seinem Hanse trat, nm seiner Feldarbeit nachzugehen, ergriff man ihn, schleppte ihn in die Kirche nnd nöthigte sie ihm unter fortwährender Mißhandlung mit Gewalt ans. Nach diesem wurden die Namen sämmtlicher Einwohner, gleichviel, ob sie gegenwärtig waren oder nicht, noch einmal in das Buch des Verderbens eingetragen, des Verderbens nämlich für diejenigen, die da mehr oder minder betheiligt waren. Dieses verhängnißvolle Buch wurde dann durch den elenden ZarnowSki gleichsam als ein Zeichen des Triumphes dem Senator übergeben, der vor lauter Rührung ihm nm den Hals fiel, ihn mehrmal küßte, seinen beiden jüngern Töchtern Freiplätze im ErziehnngSinstitnte der Kaiserin auswirkte nnd ihm noch weitere AnSsichten auf noch größere Gnnstbezengnngen nnd Belohnungen eröffnete. Der unbegreifliche Herr von Korsak setzte diesem Werke erst noch die Krone ans dadurch, daß er unmittelbar darauf die ältere Tochter dieses Schuften als seine Gattin heimführte. Und ach! vielleicht schon während dieser Hochzeitfeier nehmen diese blutigen Tranerscenen mit dem Tode eines so höchst bedauernswürdigen Unglücklichen ihren endlichen Abschluß. Der edle Vincent nämlich, dem man jetzt wieder seinen Aufenthalt in Dzier- zanowicze gestattet-hatte, erfuhr später seinen angeblichen Abfall vom wahren Glauben. Da wurde der gute Mann ganz trostlos. Er lief von Hans zn HauS, beweinte überall seinen Fehler nnd brachte ganze Nächte im Gebet und Jammern vor einem Bilde der heil. Jungfrau zn. Bereits gränzte sein Schmerz an Wahnsinn, nnd in einem äußerst heftigen Anfalle in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli, machte er auch wirklich durch eine Pistolenkugel seinem elenden Leben ein Ende. 85 Um das Unglück der Gemeinde voll zn machen, tauften die russischen Geistlichen mit Gewalt alle Kinder der Pfarrei nach dem griechischen RitnS, und trugen ihre Namen auch in ihre Register ein. Die Eltern zwar werden in ihrem Herzen fort katholisch bleiben, allein was wird aus den Nachkommen werden unter einer Regierung, welche erlaubt, daß die grausamsten und blutigsten Verfolgungen wieder Platz greifen dürfen, welche erst vor Kurzem wieder den Befehl ergehen ließ, daß unter schwerer Strafe kein katholischer Priester Jemanden zum Genusse eines Sacramentes zulassen darf, der nicht ein amtliches Zeugniß vorweisen kann, daß er auch wirklich der katholischen Kirche angehört und angehören darf? WaS wird endlich aus so vielen Millionen Katholiken werden, die so zu sagen an Händen und Füssen gebunden fort und fort in Gefahr schweben, vom weit geöffneten Schlnnde des Schisma verschlungen zu werden, wenn Gott selbst nicht eine mächtige Hand erweckt, die sie errettet?! I. Hd. Arm und Reich. Don Karl B'cyerl. (Schluß.) IV Denen, die Gott lieben, muß Alles zum Guten gereichen- Röm. VIII., 28. Der Sommer des Jahres 1849 neigte sich zn Ende. Inmitten des Europa erschütternden Aufruhrs hatte die Stadt an innerer Gesundheit und Kraft zugenommen. Da beliebte es einem vielgcwanderten Trenftcund*), dort eine Rede zn halten. Zu der in pomphaften Ankündigungen voransbcstimmten Stunde erschien der Mann der Zukunft auf dem großen Marktplätze und bestieg eine eigens für ihn errichtete Tribune. Es war an einem Sonntage, und das müßige Volk stellte sich neugierig sehr zahlreich ein. Der Redner war einer von den Gewaltigen jener Tage. Er verstand eS meisterhaft, dem Volke zu schmeicheln und seine schwachen Seiten zu fassen. Selbstliebe, Haß und Genußsucht waren die Grundtöne, aber er verhüllte sie, wie eine Viper in Rosen,-in prächtigen und stolzen Phrasen von Staatsweisheit, Weltlage und anderen großen Dingen, dann kam die Unterdrückung der Menschenrechte, dann zuckten Racheblitze gegen alle kirchliche und weltliche Autorität, gegen alle Besitzer, dann flöteten die Sircnenlocknngen der Freiheit — da wartete der Arme nicht mehr auf die Brosamen des Reichen, da setzte er sich selbst an die wohlbesetzte Tafel, da war Wohlleben überall in Hülle und Fülle! Waren auch die Zuhörer bisher ruhig und besonnen geblieben, solche Worte regten den sinnlichen Menschen auf, sie zündeten, und der Redner konnte es fortfahrend wagen, den Krieg gegen Kirche, Gesetz und Besitz als verdienstlich, als nothwendig zu preisen. Schon erhitzten sich die Gemüther, das Gemnrmel unter dem Volke wird lauter, einzelne gefährliche Rufe erschallen: Vorboten eines drohenden Sturmes — da wird eö plötzlich still, der Lärm sinkt znm Geflüster herab, der Redner selbst schweigt verblüfft — durch die lautlose Stille tönt das helle Klingen eines näher kommenden GlöckleinS — ein Prister schreitet heran, das Allerheiligste tragend, nm einer zur Vergeltung abgerufenen Seele den letzten Trost zu bringen. DaS Volk, wie aus einer Fieberphantasie erwacht, sinkt auf die Kniee und beugt sich vor dem allmächtigen Schöpfer und Richter des Himmels und der Erde. Und wie der Priester weiter wandelt, fliegt eine ernste Frage, eine unerwartete, erschütternde Antwort durch die Menge. — „Wer stirbt?" — „Eine Wöchnerin — die gute Frau!" — *) Siehe „die Vogel" von Goethe. MK M 86 Da folgte dem Priester ein unabsehbarer Zug schweigender, trauernder Menschen bis zum Hause Arthurs, und während der Diener dcS Herrn Agnes auf dem Wege zum liebenden Vater im Himmel vorbereitete, kniete unten das Volk im heißen innigen Gebete. Als der Priester das Haus verließ, blieb das Volk noch betend vor demselben. Oben standen Arthur und der Doctor am Lager der Sterbenden. In höchster Erschöpfung schloß sie die Augen. Arthur suchte mit quallvollem Bangen die Blicke des Doctors, der unverwandt ernst die Leidende beobachtete. Hedwig kniete in stummem Schmerz zur Seite des Bettes. Das Schluchzen des Volles tönte herauf. Der Doctor wechselte Zeichen mit Arthur, dieser verstand ihn, schlich leise aus dem Zimmer und ging hinab. Als er aus dem Hause trat, da harrte noch lange das Volk, wie eS hergezogen war. Theilnahme unv Schmerz lag auf allen Gesichtern, selbst die Augen rauher Mänuer waren feucht. Ehrerbietig, wie eine Schaar ergebener Kinder, lauschte die Menge dem guten Reichen, der jetzt so blaß, so schmerzerfüllt dastand, und mit bebender Stimme den Tiefergriffeuen seiner Gattin letzte Grüße und seinen Dank verkündete und sie bat, mit ihm zum Herrn des Lebens um Rettung der Theuren zu flehen. „Wir wollen in den Dom gehen und beten!" rief leise eine Stimme, und das Volk zog in den Dom und betete wie mit Einem Herzen heiß und bange für die Jnuig- geliebte. Agnes schlummerte lange, und als sie erwachte, sah sie Wonnethränen in Arthur'S Augen; Helfer sprach so selig wie noch nie das Freudcnwort „gerettet!" und empfahl Ruhe; Hedwig legte vor Entzücken weinend ein schönes Kindlein an die Brust der glücklichen Mutter, und der kleine Heinrich fragte an der Thüre, ob er nun endlich zum Mütterlein dürfe. Hedwig fliegt fort und verkündet des Himmels wunderbare Hilfe dem Volke, das hocherfreut dem Herrn dankt für die doppelte Rettung, für die der guten Frau und seine eigene! Die Freude über das allgemeine Mitgefühl trug nicht wenig zu Agnes baldiger Erstarkung bei, und Gott blieb bei ihr und segnete sie und ihren Gemahl mit dem reinsten häuslichen Glück. Arthur und Agnes sind bis jetzt als die Wohlthäter der Stadt von Allen hoch geehrt und innigst geliebt; Helfer,-der verehrungS- würdige Greis, ist von ihnen unzertrennlich und verbindet jugendkräftig mit seinem menschenfreundlichen Berufe begeisterte Liebesthaten und Hedwig, die Gute, ist bescheiden geblieben und glaubt sich der Kränze nicht werth, mit denen sie die Freundschaft schmückt. Mögen die Edlen noch recht lange glücklich sein im Beglücken und werde es doch überall zur Wahrheit, was der gute Doctor sagte, als am zweiten Geburtstage der kleinen Marie eine Schaar blühender Kinder danksagend und glückwünschend im Palaste erschien: „Möchte doch in jeder Stadt sich eine Agnes unter den Reichen, eine Hedwig unter den Armen finden! Solche Frauen vereinigen als Symbole und Priesterinncn der versöhnenden Liebe die Höhen und Tiefen der Welt, die heilige CharitaS leuchtet siegreich aus ihrem zarten Bunde auf, und auch die stolzen und hochstrebenden Männer nähern sich allmälig einander in diesem Lichte, denn ewig wahr bleibt'S und Alle sehen es klar: Kein lorbeerbekränztes Streben, keine Heldenthat, keine irdische Größe ist so reich an wahrer Ehre, so beseligend, so unsterblich groß wie die Liebe, die größte von Allen!" 87 Ein paar Variationen über das Thema: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Uarr'n, es wird nichts draus!" I. Von der Mang fall. Für unsere gegenwärtige Lage möchten beifolgende Begebenheiten geeignet sein, für die heilige Kirche und ihr Oberhaupt nicht zu sehr bekümmert zu werden, weil der alte Gott noch lebt, und es wahr ist, daß: „Wenn es lange noch so fort geht, geht eS nicht mehr lange so fort." Nachdem nämlich Napoleon I. 1804 sich in Gegenwart PinS VII. selbst die usarpirte Kaiserkrone aufgesetzt, lag demselben Alles daran, dieses Oberhaupt der Kirche für seine Pläne zu gewinnen und keine Güte und keine in Aussicht gestellte Strenge und Gewalt blieb unversucht, um den ruhig in sich abgeschlossenen Kirchenfürsten fügsam und nachgiebig zu machen. In einer geheimen Conferenz lud er den Papst zu sich ein, um auf diese Art mit dem, was er eigentlich wollte, den Anfang zu machen. Unruhig ging Napoleon in seinem Schlosse zu Fontainebleau auf und ab, und erwartete PiuS Vll., indem er nach seiner Gewohnheit im Zustande der Aufregung mit einem eisernen Instrumente in Tische und Stühle stieß, stach und bohrte. Endlich trat nach öfterem vergeblichem Hinausgehen, der ehrwürdige heilige Vater ernst und feierlich inS Cabinel des neuen Kaisers ein. Ehrerbietig bot ihm derselbe einen prachtvollen Stuhl an, und PiuS setzte sich. Nnu trug Napoleon in traulicher, schmeichelnder, süßer Rede seine Wünsche vor, bittend, rathend, den Sitz von Rom nach Paris zu ver- legen, wo er dann in einem der kaiserlichen Schlösser seinen Thron errichten möchte. Mit ihm wolle er die Kirche auf dem ganzen Erdkreise regieren, seine Einkünfte verdoppeln und eine glänzende Leibwache ihm beigeben. Papst Pins VII. hörte die Rede des Kaisers ruhig an, und antwortete am Schlüsse derselben daS kurze, wiederholte Wort: „Comödiante!" Dieses war genug, um den Stolz des Gewaltigen zu beleidigen, und zornig aufspringend rief er aus: „Was, ich ein Komödiant! Pfaffe, nun ist's aus mit uns." Heftig und schnaubend auf- und abgehend, ergriff er ein auf dem Tisch stehendes Kunstwerk in Mosaik, die Peterskirche in Rom vorstellend, und vor den still sitzen gebliebenen Papst hiutreteud, warf er es in Stücke zur Erde mit den donnernden Worten: „Siehst Du, so werde ich nun Dich, Deinen Stuhl, Deine Kirche und Dein Reich zerschmettern; der Tag des Zornes ist über Dich auSgebrochen." — Und der heilige Vater sprach in derselben feierlichen Haltung klar und fest wie das Erstemal, jetzt das einzige Wort: „Tragödiante!" und verließ dann das Cabiuet. — Gut hatte PiuS VII. vorherverkündigt. Fünf Jahre ward Napoleon durch seine Siege bei Ansterlitz, Friedland, Erlan, AbenSbcrg, Regensburg, Landshut, Wagram das Weltwunder. Völker und Fürsten huldigten ihm, dem großen Schauspieler, dem eS eine Last war, Menschen nach Millionen hinopferu zu lassen, um sein Spiel gut zu spielen; kaum er aber das Oberhaupt der Kirche gefangen von Rom (1809) abführen ließ, begann auch schon der Wendepnnct, die Nachtseite seines Lebens, eS begann sein Trauerspiel, wo er wieder die Hauptperson spielte im ersten Act in Rußland 1812, als er fliehend vor den Kosaken, mit genauer Mühe sein Leben rettete auf dem Schlitten eines polnischen Juden. Seinen Soldaten, die znm Theil erfroren oder erhungerten, fielen deßhalb die Gewehre aus den Händen, obwohl er mit dem Banne beladen, spottend sagte: deßwegen würden die Gewehre den Soldaten noch nicht aus den Händen fallen. Der zweite Act spielte bei Leipzig 1813, der dritte, als er abdanken (1814) mußte, in Paris, der vierte 1815 in Niedcrland, als bei Water- loo der Stern seines Glückes gänzlich erblaßte, und der fünfte war, als er, von den Engländern gefangen, auf der verlassenen Insel Helena sein Trauerspiel durch den Tod (1821) schloß. PiuS VU. war aber längst wieder in seinen Kirchenstaat zurückgekehrt, und sein Stuhl, sein Reich und die Kirche wurden also nicht zerschmettert. — U. Im Vorhofe der Tailerien zu Paris sah man vor etwa 47 Jahren einen Knaben, der in seine kleinen Hände klatschend freudig umhersprang, bei dem Anblicke der Eskorte der Soldaten nnd glänzenden Officiere, die den Wagen seines Vaters umdrängten. Um diesen Knaben zu ergötzen, hatte man zn seinen Spazierfahrten sanfte blendend weiße Lämmer abgerichtet, man spannte sie vor seinen kleinen Wagen, dem bereits seine künftigen Kammerherren, die Söhne derjenigen, welche in den Gemächern seines Vates als solche den Dienst verrichteten, folgten. Als man dieses Kind zu seiner mit goldenen Bienen verzierten, kleinen Equipage, einem Genius gleich, vorüberbegleitcn sah, flüsterte man sich einander bewundernd zu: „Das ist der Sohn Napoleons, der König von Rom, und voll Hoffnung setzte man bei: Eines Tages wird er Kaiser der Franzosen werden." Doch anders kam's in der Zeiten Laus. Napoleons Sohn war kein Kind der Vorsehung, und darum sollte es weder den Thron seines Vaters in Paris besteigen, noch weniger aber König von Rom werden. Napoleon Franz brachte es nur zu einem Major eines k. k. Regiments in Wien, wo er 1832 in der Blüthe seiner Jahre starb. Seine Leiche in der Kaisergrnft dortselbst muß uns daher wieder lebhaft überzeugen, wie wahr jenes Wort sei: Der Mensch denkt, Gott lenkt, oder wie der Dichter sagt: „Gott Vater schaut zum Fenster raus Und spricht: Ihr Narr'n, es wird nichts d'raus." Es wird darum Napoleon U1. solange es dem Himmel beliebt als Comödiante die Welt iu Erstaunen setzen, man wird ihn respectiren, Weihrauch streuen, fürchten und gewähren lassen, weil er einmal die Macht und den Willen hat, glaubt sich derselbe jedoch noch ferner berufen, auch den Ordner in der Kirche zu spielen und durch List oder Gewalt das geheiligte Oberhaupt derselben zu bedrängen und über seinen Besitz zu verfügen nach Willkür, dann beginnt er als Tragödiante sein Trauerspiel. Act auf Act wird sich folgen. Sein Ende wird kläglich sein. Wenn der ' mächtige Hohenstaufe Kaiser Friedrich U. mit seinen 7 Kronen das Haupt am Felsen der Kirche sich zerschmetterte, wird ein Napoleon IU. für das seine keine Ausnahme erwarten dürfen und sogenannte Ideen vermögen ihn nicht zu schützen vor der Hand des Herru, er mag sie noch so praktisch auszuführen wissen. Glaubenseifer eines KindeS. Als sich LeonidaS, Vater des berühmten Kirchenvaters OrigeneS, wegen des christlichen Glaubens im Kerker befand, überschickre ihm dieser zärtliche noch nicht 14 Jahr alte Sohn folgenden Brief: „Ach Vater! ich bitte dich knieend, verläugne nicht unsertwegen Christum. Ich werde statt deiner meine Matter und meine sechs Brüder ernähren, ich werde von Haus zu Haus betteln, damit sie leben könueu, wenn du für den Glauben stirbst." Reaction uud Lrrtag: Dr. Mar Huttlcr. — Druck »>m 3. M, Nlcinle.