AilgsbiiM AmiltijMtt. 1S. 18. März 1860. Da« Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nur Unverzagt! Nur unverzagt. Du Felsenmann, So grimm die Stünne toben; Voll Gottvcrtrau'n sei unverwandt Dein Blick zum Herrn erhoben! Es schirmet Dich der Arm deS Herrn, Der Deinen FclS begründet Im Zeitenmcer, und Dich der Welt Als Felsenmann verkündet. An seinem Worte, ewig wahr. Zerstieb die Macht der Bösen, Die stolz des Rechtes heilig Band Mit wildem Trutze lösen. Der Heidcnkaiser Tyrannei, Die Wuth der Häresien: Wir seh'n sie schmachbedeckt vor Dir Zn blut'ger Schlacht entfliehen. Als Frevler in den deutschen Gau'n Sich gegen Rom empörten. Und Frankreichs Söhne glaubenslos Altar und Thron zerstörten: — Die Felsenburg ragt unversehrt Hoch aus der Brandung Wogen, Und die zu stürzen sie vermeint. Sind schmählich abgezogen! Wie viele Wellen stürmten schon Heran zum hohen Walle, Und drohten Deiner Fclsenburg Bald mit dem nahen Falle! So bleibe, frommer Felscnmann, Getröstet in den Stürmen, Ob auch der Bosheit und der List Gewölke auf sich thürmen! Er lebt, der bei Tiberias Gebot den mächt'gen Wellen, Und läßt nicht vor der Hölle Macht Sanct Petri Fels zerschellen. I. B- Tafrathshofer. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Zur Jurisdiktion des h. OfsiciumS gehören alle Verbrechen und Vergehe» gegen den Glauben, z. B. Gotteslästerung, Verunehrung der Sakramente, Bigamie als Verunehrung des Sakramentes der Ehe, Erschleichuug der h. Weihen und unerlaubte Consecration eines Bischofs als Verunehrung des Sakramentes der Priesterweihe, Vergehen eines Beichtvaters als Verunehrung des Sakramentes der Buße, ferner vorgebliche Heiligkeit, Wunder und Prophezeihuugeu, kurz alle Vergehen, welche von Personen, die sich zur kath. Religion bekennen und äußerlich Mitglieder der kath. Kirche sind, gegen den kath. Glauben begangen werden. Ich will den Charakter und den Nutzen dieser criminalgerichtlicheu JuriSdic- tiou des hl. OfsiciumS durch einige Beispiele veranschaulichen, schicke aber einige Bemerkungen über das Verfahren desselben voraus. DaS h. Officium leitet eine Untersuchung ein auf Grund van freiwilligen Aussagen, wozu sich Gläubige durch eine Gcwissenspflicht angetrieben fühlen. Diese Aussagen müssen aber in der gesetzlichen Form und eidlich gemacht werden. ES wird ferner eine sorgfältige Untersuchung des Charakters, der Glaubwürdigkeit und der Beweggründe der Zeugen angestellt, um die Möglichkeit zn verhüten, daß sie als Werkzeug persönlicher Feindseligkeit oder Rachsucht sich gebrauchen lassen. Auch über den Charakter des Angeklagten werden genaue Crkundignngcu eingezogen. Der Gerichtshof läßt die Sache fallen, wenn er nicht die feste Ueberzeugung von der Glaubwürdigkeit und Ehrenhaftigkeit der Ankläger gewinnt. Steht diese fest, so wird der Angeklagte vorgeladen, und über alle Puncte der Anklage in der vorgeschriebenen Weise vernommen. Ueber daS Verhör wird ein Protokoll aufgenommen, und daraus der Advocat des Angeklagten gehört. Die Sache wird darauf in einer Plenarsitzung verhandelt, nnd nach reiflicher Ueberlegung das Unbeil gesprochen. Alle Betheiligten müssen sich eidlich zum Schweigen verpflichten: dadurch will man einerseits den Rnf des Angeklagten schonen, andererseits diejenigen, welche sich durch ihr Gewissen zur Anklage angetrieben fühlen, vor Belästigung und Rache schützen. In den nachstehend mitgetheilten Fällen handelte eS sich nm allgemein bekannte Vergehen, in Bezug ans welche das Geheimhalten unklug gewesen sein würde, wenn es auch möglich gewesen wäre. Die Untersuchung wurde allerdings, wie sonst, in der Stille geführt-, daS Urtheil aber wurde öffentlich verkündet, wie daS Vergehen öffentlich verübt wurde. Vor ungefähr dreißig Jahren gelang einem Egyptier, welcher als Student in der Propaganda aufgenommen war, ein merkwürdiger Betrug. Er verbarg hinter einem unbedeutenden, ja unangenehmen Aeußeru ein ungewöhnliches Maß von Schlauheit und Ehrgeiz. Als namenloser und nichts weniger als ausgezeichneter Student faßte er den verwegenen Plan, sich in die höchsten kirchlichen Ehrenstellen einzudrängen, nnd für einen Augenblick gelang es ihm. Mit Hilfe von angeblichen Schreiben des Pascha'S von Egypten nnd anderer hochgestellter Personen jenes Landes, in welchen sein Gesuch durch sehr starke, daS Aufblühen der katholischen Religion in Egypten betreffende Gründe unterstützt wurde, wußte er cS dahin zu bringen, daß er nicht nur zum Priester geweiht, sondern sogar zum Erzbischof consecrirt wurde. Einige Zeit war Leo X1>. gar nicht geneigt, auf daü so ungewöhnliche Gesuch einzugehen, so dringend auch dasselbe in jenen Docnmenten befürwortet wurde. Nach langem Bitten ließ er sich durch die anscheinend sehr triftigen Gründe zu der Zusage bestimmen, er wolle selbst den jungen Priester consecriren. An dem festgesetzten Tage sühlle sich der Papst plötzlich unwohl; dieser Umstand, verbunden mit seinen nicht ganz beschwichtigten frühern Bedenken und einer dunkeln Ahnung, daß nicht Alles richtig sei, bestimmten ihn zn dem Entschlüsse, die Cousecration mindestens zu verschieben. Leider ließ er sich doch wieder von diesem Entschlüsse abbringen, und der Egyptier empfing die bischöfliche Weihe von den Händen deS ehrwürdigen Leo. Der junge Erzbischof blieb »och einige Zeit in Rom im vollen Genusse seiner hohen Würde; freilich wird er in der Furcht vor der anf die Dauer unvermeidlichen Entdeckung seines Betruges mit nicht ganz ungetrübter Freude die ihm gezollten Ehrenbezeugungen und Glückwünsche seiner Bekannten entgegengenommen haben. An einen Betrug dachte Anfangs Niemand, zumal mau die geringe geistige Begabung des jungen Mannes kannte. Mit Rücksicht auf seine Jugend und Nnerfahrcnheit wurde ein Geistlicher von großer Klugheit und Erfahrung bestimmt, ihn nach Egypten zu begleiten, um ihn in allen wichtigen Angelegenheiten mit seinem Rathe zn unterstützen, oder eigentlich ibn zu leiten. — Als die Nachricht von der Cousecration nach Egypten kam, waren die Behörden im höchsten Grade erstaunt und daö Volk so erbittert, daß man den Betrüger, wenn er auf seiner Absicht, in Egypten zu landen, beharrt hätte, au den Galgen gehängt haben würde. Der Erzbischof sah sich also 01 genöthigt, mit seinem Begleiter nach Rom zurückzukehren ; aus der Reist gab er mehrere Male durch sein schlechtes Benehmen großen Anstoß. Als er zu Rom ankam, wurde» die Docnmeute, mit deren Hilfe ihm sein Betrug gelungen war, nochmals untersucht, und man fand nun, daß das Papier der angeblich in Egypteu geschriebenen Briese das Wasserzeichen einer Fabrik zu Foliguo im Kirchenstaate trug. Es wurde ihm nun der Proceß gemacht, und er wurde zu lebenslänglicher Einsperrnng.vernrtheilt. Zugleich wurde er in der Eapelle des hl. OfstcinmS feierlich degradirt in Gegenwart einer Anzahl von Studenten der Propaganda, der Anstalt, welche er durch sein Verbrechen besonders beschimpft hatte. Es waren ungefähr zwanzig bis dreißig Personen bei dieser ergreifenden Ceremonie zugegen. Der Schuldige wurde von den Beamten dcS Gefängnisses in die Eapelle geführt, bekleidet mit den Gewändern und Jnstgien der bischö flichen Würde; sein Gesicht, welches immer abstoßend war, sah vor Scham und Schrecken ganz gespenstisch aus. Der snngirende Bischof nahm ihm die Miira, das Zeichen der bischöflichen Würde, welche er entehrt hatte, vom Haupte und warf sie auf den Boden; das Evangelicnbuch wurde ihm aus der Hand genommen, zum Zeichen, daß ihm das Recht zu lehren entzogen worden sei; der Ring, „das Zeichen der Treue", wurde ihm vom Finger gezogen und auf den Boden geworfen, weil er „die Kirche, die Braut Christi, verunehrt" hakte: der Hirtcnstab, welcher seine Gewalt zu leiten und zu strafen vcrsinnbildere, wurde ihm anS der Hand genommen; das Haupt und die Hände wurden abgeschabt, um gleichsam die Wirkungen der Salbung mit dem hl. Salböl zu vernichten; die Gewänder deS hl. AmteS, welches er beschimpft hatte, wurden ihm abgerissen und mit Füßen getreten; bei jedem einzelnen Theile der Ceremonie sprach der Bischof die von der Kirche vorgeschriebenen feierlichen und ergreifenden Worte, durch welche die Bedeutung der Degradation erläutert wird. Der Unglückliche sank endlich nieder, wurde mit einem Büßergewandc beccckt und wie leblos anS der Eapelle hinausgetragen. Die spätern Schicksale dieses unglücklichen Menschen können iu wenigen Worten erzählt werden. Er wnrdc iu das Gefängniß des heil. Osficinms gebracht, erhielt aber die Erlaubniß, in dem ganzen großen Gebäude der Inquisition frei umherzugehen. Er that aufrichtig Buße. Der Sturm der Revolution von l8si8 störte ihn in seinen Gedanken an eine bessere Welt; er wurde genöthigt, daS Gebäude zu verlassen, welches er mehr als Stätte heiliger Znrückgezogenheit, denn als Gefängniß anzusehen sich gewöhnt hatte. Die republikanischen Behörden glaubten in ihm ein passendes Werkzeug für ihre Zwecke zu finden, nnd ersuchten ihn, iu Sanct Peter das hl. Meßopfer darzubringen; er wies — zn seiner Ehre sei es gesagt — dieses Ansinnen mir Entrüstung zurück. Hätte ihn nicht die Gewisscnspflicht dazn bestimmt, so würden schon Rücksichten der Dankbarkeit für die Milde, mit der er behandelt worden war, ihn dazu vermocht haben, auf einen derartigen Vorschlag nicht einzugehen. Als die römische Republik nach kurzem Bestehen durch die Waffen dcS republikani- schen Frankreich vernichtet worden war, stellte er sich freiwillig wieder bei dem heil. Officium, und erklärte sich bereit, sein Gefängniß von neuem zu beziehen ; aber der Papst gestattete ihm, in Anerkennung seiner lobeuSwerthen Festigkeit gegenüber einer großen Versuchung, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nach einiger Zeit wurde ihm von dem heil. Vater nicht nur vollständige Begnadigung zu Theil, sondern auch eine Pension von monatlich 20 Scndi ausgesetzt. Noch jetzt kann man den egyptischen Büßer zu Rom an den hohen Festtagen vor den Altären der Kirche beten sehen, welcher er in seiner Jugend so großes Aergerniß gegeben. Ein furchtbares Sacrilegium wurde von einem Weibe begangen, welches eine Nonne gewesen war — es war die einzige Nonne welche während des wüsten Taumels der Revolution abtrünnig wurde. Nachdem sie daS Kloster verlassen, begann sie ein schlechtes Leben, und hauStc mit einem der wüthenstcn Schreier gegen die päpstliche Regierung zusammen. Nach der Wiederherstellung der Ordnung wurde sie von dem Cardival-Vicar einer Anstalt zur Besserung verkommener Frauenzimmer überwiesen. Bon teuflischem Hasse gegen die Religion beseelt, und durch ihr zügelloses Leben durch und durch verdorben, beschloß sie, ihrer au Wahnsinn grenzenden Wuth in einer Weise Luft zu machen, welche katholische Herzen auf'S tiefste verwunden mußte. Sie wußte die Wachsamkeit der andern Bewohner der Anstalt zu täuschen, und schlich sich in der Stille der Nacht in die Capellc, in welcher das hl. Sacra- ment aufbewahrt wurde, sie öffnete das Tabernakel, nahm das Ciborium heraus, schüttete den beiliqeu Inhalt desselben auf den Boden, und trat ihn mit Füßen. Das furchtbare Sacrilegium, das schrecklichste, welches ein Katholik sich denken kann, wurde am folgenden Morgen zum großen Entsetzen der Bewohner des Hauses entdeckt. DaS war ein Fall, in welchem das h. Officium einschreiten mußte; nach einer sorgfältigen Untersuchung, durch welche die Schuld des Weibeö unwidersprechlich erwiesen wurde, wurde dasselbe zu einer mehrjährigen Gefängnißstrase verurthcilt. (Fortsetzung folgt.) Marianna vorn heil, Vincenz a Paula. So heißt die fromme Jungfrau, die als Gründerin eines Vincentius- Frauen-Vereines eben von einem Werke der Nächstenliebe heimkehrt, und zu Hause wieder in die Schule der Geduld eintritt, in welcher sie bei einer katho- likenfeindlichen Tante, Frau M.täglich geübt wird. Marie, wer mag wohl die Häckelnadel erfunden haben, weißt du nicht? fragte Frau M.... an einem schwülen Juni-Abende, als sie eben ihre Aufmerksamkeit zwischen ihrer Handarbeit und einem offenen Buche, das vor ihr lag, theilte. Marianne schüttelte verneinend mit dem Kopfe. Ach, du weißt auch nie etwas Nützliches; man hat gar keinen Trost an dir. Ich glaube, euere Religion besteht darin, daß ihr stillschweigt und betrübt dreinschaut: jetzt hast du wieder seit einer Stunde kein Wort gesprochen — man lebt mit dir, wie mit einer Taubstummen. Da'..jetzt haben wir's! Ich Hache eine Masche fallenlassen und das kommt alles durch dich! rief die alte Dame aus und griff nach ihrer Brille. Ich glaube, ich kann nicht mehr sehen, um sie wieder aufzunehmen. Wo war ich? Aha, mindere einen, nimm zwei auf, stricke — jetzt bin ich verwirrt und muß die ganze Stricknadel aufziehen. Nun, ihr Katholiken seid doch ohne Ausnahme die lästigsten Leute in der Welt; ihr sprecht immer, wenn... und denkt an nichts, als an eure nichtswürdigen Armen! Du bist gar nicht mehr das Mädchen, das du früher warst, und ich wundere mich nicht, daß der Vetter so über dich spricht, — sei doch stille! Marie, ich glaube, ich bring' es wieder in Ordnung. Marie, die au Frau M_'s mürrische Rechthaberei gewöhnt war, hatte ein Buch zur Hand genommen und hörte dem Selbstgespräche der guten Dame gelassen zu. Auf ihrer freien Stirne ruhte ein fast strenger Ausdruck von Ernst; ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, wie dies gewöhnlich der Fall war, wenn sie einen Entschluß gefaßt hatte, oder, wie Frau M.... es bezeichnete: wenn sie einen Anfall von Eigensinn hatte. Ein tiefer Seufzer, der unwillkürlich sich ihrem Busen entwand, erregte die Aufmerksamkeit ihrer Tante, die eben ihre Schwierigkeit überwunden und nun Zeit hatte, auch anderen Gegenständen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Was fehlt dir, Kind? fragte sie. Woran magst du doch wohl immer denken? Du ermüdest dich zu sehr, indem du den ganzen Morgen, Gott weiß wo, herumläufst. Doetor Sommer sagte zu deiner Cousine, du würdest dir noch den Tod holen, wenn du in diesem heißen Wetter damit fortführest. 93 Ich Lachte an Las, bemerkte Marie, was jetzt alle unsere Gedanken in Anspruch nehmen sollte, an — die Cholera. Gott stehe mir bei, meine Liebe! Dn willst Loch nicht etwa sagen, daß sie hier sei? Wie du einen erschrecken kannst! Die ganze Welt erwartete sie voriges Jahr, und man traf seine Maßregeln darnach; aber es kam keine Cholera. — Fragen sie Sommer, was er denkt, erwiderte M. ruhig. Doch er ist vielleicht zu politisch, als daß er die Patienten von sich fortscheuchen sollte. — Nun, er sagte, es kämen vielleicht einige vereinzelte Fälle vor; doch rieth er in höchst uneigennütziger Weise, die Stadt zu verlassen, sobald dieser langweilige Proceß es gestatten würde. Es scheint nämlich nicht, als ob Angela und ihr Bräutigam in dieser Saison schon einen festen Entschluß fassen werden. Der Graf sagte, er würde dich gern mitnehmen, wenn — ich könnte dann nach M. gehen. Wenn — was? Aber warum sprach mein Onkel nicht mit mir selbst? Weil er glaubte, du würdest seine Bedingungen nicht annehmen; er weiß, daß du alle Fehler deiner mütterlichen Vorfahren geerbt hast. Nicht annehmen? Sind denn seine Bedingungen so unannehmbar, daß Sie fürchten, dieselben zu nennen? Nun, meine Liebe, er verlangt sie auch nur für einstweilen. Wolltest du nur mit der Familie zu unserer (Protest.) Kirche gehen ober ruhig zu Hause bleiben, und nicht der ganzen Nachbarschaft dadurch Aergerniß geben, daß du in die Spelunke gehst, die ihr Kapelle nennt, und wo man solche abscheuliche Mummereicn treibt, Laß man sich darüber wundern muß, daß ein so vernünftiges (!) Mädchen, wie dn, sich dabei des Lachens enthalten kann; — wolltest du blos dieses Bekreuzen bei Tische sein lassen, wenn unser Hausgeistlicher das Tischgebet spricht, und nicht so ernst drein sehen, wenn er Polka tanzt oder etwas leichtsinnig witzelt; und wenn du Freitags Fleisch essen wolltest, und — Kurz, wenn ich meinem Gewissen eine Zwangsjacke anlegen ließe! Sagen Sie doch, erwartete der Onkel dies von mir? Bei dieser Frage blitzten Mariens Augen und ihre Wangen glühten vor Entrüstung. Keineswegs erwartete er das, im Gegentheil, er hielt es für vergeblich, davon zu sprechen. Er sprach Etwas von einem großen Opfer, welches du gebracht hättest, und meinte, es sei Thorheit, dich nun noch zum Nachgeben bewegen zu wollen. Ich weiß aber doch nichts von einem Opfer, das du hättest bringen müssen. Du hast Alles, was du bedarfst, und wenn du für gut findest, deine Zeit auf so wunderbare Weise zuzubringen, so hast du das allein zu verantworten. Es freut mich, daß der Graf mir wenigstens Gerechtigkeit widerfahren läßt, bemerkte M. bitter. Was Dr. S. betrifft, so weiß er eben so gut wie ich, daß die Cholera schon seit einiger Zeit hier ist, und obschon ich selbst bis jetzt noch keinen Fall gesehen habe, der tödtlich gewesensist, so weiß ich doch, Laß die Sterbe- Register sich täglich mehr füllen. — Noch nicht gesehen?! Wie, Marie, willst du wirklich sagen, du habest die Cholera gesehen? fragte Frau M. blaß vor Schrecken. Aber dn besuchst doch wohl keine Leute, welche die Cholera haben? Und eucre kathol. Priester sind doch nicht so wahnwitzig, das sie sich an solche Herde der Ansteckung wagen? — Was sollte denn aus unsern Armen werden? fragte Marie, indem sie kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. — Die müssen in's Spital kommen, natürlich! Da gibt es Wärterinnen, Aerzte und alles das, und sie haben es dort besser als zu Hause. Soweit es den Leib angeht, wohl, — obschon nebenbei bemerkt, die Hospitäler bald zu klein für Alle sein werden. Aber was sollte aus ihren unsterblichen Seelen werden, wenn die Katholiken nicht so „wahnwitzig" wären, sich zu ihnen zu wagen? Davon seien Sie überzeugt, Tante, daß man keines dieser 94 armen Geschöpfe ohne geistlichen Trost wird hinsterben lassen, so lange man noch Einen Geistlichen hat, der ihnen die heil. Sacramcnte spenden kann, wußte er auch, daß augenblicklicher Tod die Folge seiner Aufopferung wäre. -— Du willst doch nicht behaupten, daß dieß zu euerem Glauben gehört? fragte Frau M., in Lein sie die Äugen aufriß. Ich dächte, euere Geistlichen kümmerten sich blos um reiche Leute, beschwätzten sie, ihr Testament zu machen, ihre .Kinder zu enterben und ihre Tochter'in's Kloster zu schicken, und — Fräulein S. lachte hell auf und sagte: Es ist doch erstaunlich, wie trotz all diesen so leicht erworbenen Reichthümern unsere Kirchen so arm bleiben; noch erstaunlicher aber ist, wie alle diese enterbten Kinder solche Ungerechtigkeiten sich ruhig gefallen lassen, da man nie etwas von ihnen hört. — Doch, das ist sicher, sei die Gefahr auch noch so groß, die Seelen kath. Ärmen werden niemals eueren Wärterinnen, Aerzten oder Spital-Geistlichen überlassen werden, selbst wenn — Aber, Marie, was hast du denn gegen die Spital-Geistlichen? Du erwartest doch nicht, daß unser Pfarrer sein schätzbares Leben auf das Spiel setzen und seine Frau mit ihren sechs lieben Kindern in Gefahr bringen sollte, angesteckt zu werden, da doch jeder Andere den Kranken einige Eapitel aus der Bibel vorleien kann.? (Fortsetzung folgt.) Die christliche Barmherzigkeit. 1. Der Besucher des Speisckastcns. Gras Rumford, dieser verdienstvolle Mann für so viele herrliche und nützliche Institute BayernS sowohl, als besonders Münchens, errichtete auch in dem von ihm gegründeten Arbeitshaus in der Vorstadt Au eine Anstalt für Arme und Noth- Icidende, welche, wen» sie nirgend eine Mitiagsuppe bekämen, dort eine nahrhaft und hinreichende Schüssel Suppe gegen Erlag eines Kreuzers genießen konnten, um wenigstens veS Tages Einmal gesättigt zu werden. Diese Anstalt wurde später in die Hauptstadt verlegt, und war um so wohlthätiger, als durch die Gastfreundlichkcit und mildthätige Spende der aufgehobenen Klöster die ärmste Elaste, die dort an den Pforten täglich verpflegt wurde, diese wahrhaft christliche Mildthätigkeit entbehren mußte. Diese Snppe bestand aus guter gerebelter Gerste, Erbsen, mit Essig und Pflanzengewächscn nahrhaft nnd geschmackvoll gekocht. Das Loeal hatte, außer der geräumigen Küche, einen Speisesaal mit Tischen und Bänken, auf welchen die reinlichen Geschirre der Gäste harrten. An diesen Saal gränzte ein geheimes Speisezimmer, unter dem bekannten Namen „Speisekasten", zu welchem ein eigener, jedem Auge entzogener Gang führte. In dieses konnten die Leute gehen, ohne bemerkt zu werden, die, ihrer Armuth oder augenblicklichen Noth sich öffentlich schämend, dort im Stillen und geheim die sparsame Mittagskost einnehmen wollten. Es war bei dieser wahrhaft wohlthätigen Anstalt zugleich gesorgt, daß man auf Verlangen zur Suppe auch ein Stückchen Fleisch erhalten konnte. In den „Speisekasten", wo die Heimlichen aßeu, gelaugte die Speise mittelst einer Drehwinde, die in der Küchen- waud eingemauert war, so daß durch diese zarte Schonung Niemand erkannt wurde. Der Gast durfte nur an die Winde klopfen, in welche er Geschirr und Kreuzer legte, und schnell schwang die Winde dem Unbekannten die Speise herein. Dieses gastliche, wohlthätige Asyl wurde täglich von einer Menge Menschen besucht, dort ihre Labung zu finden. Aber anch viele Wohlthäter sendeten mehrmals Geld, Fleisch, Gemüse und andere Lebensrnittel in die Gemeinküche, um die Besucher zuweilen auch au Feier- und Festtagen mit besserer Speise zu laben. — Einer der 95 ausgezeichnetsten Wohlthäter war der menschenfreundliche König Maximilian. Mir Grvßmnth unterstützte er gleich Anfangs diese wohlthätige Anstalt und gedachte der Hungrigen mit reichlichen Sendungen. Täglich bezahlte er zweihundert Billets, welche den Allerdürfiigsten ausgetheilt wurden. Sein gütiges Herz riß ihn sogar dahin, daß er persönlich (so wie er oft anch Krankenhäuser und Spitäler besucht hatte) nicht nur mehrmals sondern häufig auf dem heimlichen Wege in den „Speisekasten" ging, dort sich zu den Armen fitzte, einen Teller nahm, selbst zur Winde trat und sich wie jeder Andere die Suppe durch das Zeichen um einen Kreuzer geben ließ, damit er sich selbst persönlich überzeuge, ob die Küche den Armen die nahrhafte und gut bereitete Suppe reiche. Nachdem er so oft in ganz einfachem Anzug unter den Armen Platz nahm und von derselben Suppe gegessen hatte, verließ er die Speise- winde nie, ohne mehrere Kronenthaler unter den Teller zu legen, so daß man nicht selten diesen Geber an der Gabe zu erkennen glaubte. Welcher Fürst kann je mit segenvolleren Empfindungen eine Stätte verlassen, als König Mar diesen von ihm so herzlich mild behandelten Zufluchtsort der Noth verließ? — Aber nicht genug, daß der Gütigste der Fürsten, während seiner vielen Besuche, stets wohlthätige Schenkungen hinterließ, er gedachte auch in der Residenz desselben OrteS. An hohen Festtagen und anderen feierlichen Zeiten schickte er durch einen Vertrauten immer eine bedeutende Summe in die Küche um mit Braten, Würsten und Fleisch die Armen zn bewirthen, und auch au solche» Tagen ging er oft hin, sich zn überzeugen, wie sein guter Wille vollzogen werde. Man zeigt noch manchen Stuhl in Bayern, auf welchem Napoleon während seiner Schlachten dem fechtenden Heere zusah; wahrlich, der Stuhl, auf welchem Mar oft hier im „Speise- kasten" nnter seinen Armen saß, verdiente wohl eben diese Erinnerung. 2. Die Ueberraschung. Herr Daviau, Erzbischof von Bordeanr, hatte eine so große Liebe zn den Armen, daß er ihnen nicht nur Alles schenkte, was er besaß, sondern anch, um ihnen bei- zustehen, sich oft das Allernöthigste versagen mußte. Es war so weit gekommen, daß er nur noch zwei Hemden hatte. Wenn die Hc^spitalschwesteru, die es über- uommen, seine Wäsche zn besorgen, Geld von ihm verlangten, um ihm dafür Leinwand und Strümpfe anzuschaffen, so gab es immer einen Nothleidenden, den der wohlthätige Prälat nicht warten lassen konnte. Die guten Schwestern ersannen daher eine List, indem sie ihm eines TageS vorstellten: „Ein kränklicher nnd bejahrter Herr sei durch Almosenspenden so sehr verarmt, daß er auf eine anständige Weise nicht mehr vor den Leuten erscheinen könne, weshalb sie den Herrn Erzbischof bäten, ihnen ein Almosen zu geben, um diesem verarmten Christen sechs Hemden und sechs Paar Strümpfe zn kaufen!" Der fromme Prälat beeilte sich, ihnen die nöthige Summe einzuhändigen, und nach einigen Tagen brachten die Hospitalschwekeru ihm die Hemden nnd Strümpfe. Als nun der mildthätige Erzbischof in sie drang, diese Sachen dem verarmten Herrn, von welchem sie ihm geredet, bald zukommen zu lassen, sprachen sie zn ihm: „Eure Gnaden wissen nicht, wem Sie in der Armuth beigestanden haben.-Sie sind es selbst!" — Wie steht es, werther Leser, mit der Barmherzigkeit in deinem Herzen? Gottes Herz, das ganz voll ist von Barmherzigkeit und daher die Barmherzigkeit liebt, kann mit Wohlgefallen und Liebe sich nur zuwenden einem Herzen, in welchem die Barmherzigkeit wohnt, nnd wendet sich mit Mißfallen von jedem Herzen ab, dem dieselbe fehlt, und entzieht, demselben Seine Gnade. Sei also, mein Christ, reich an Theilnahme, an Mitleid, aber anch reich, nach Kräften reich an Hülfe nnd Gabe, nnd sei dann versichert, daß der Herr dich in Gnaden ansehe und dich mit Gnade» überhäufe und auch an dirBarmherzigkeit thue. Der österreichische Minister Metternich über die weltliche Gewalt des Papstes. AlS einst in einer Unterredung L. VeuillotS (Hanptredacteur des „UniverS") mit dem Fürsten Metternich das Gespräch ans die weltliche Gewalt des Papstes führte, setzte Fürst Metternich zunächst auseinander, daß der Papst als Unterthan irgend eines Staates nicht frei wäre, vielmehr stets von dein betreffenden Staate zur Erweiterung seines staatlichen Einflusses auf andere Staaten gebraucht zn wer- den, Gefahr liefe; dann fuhr er fort: DaS habe ich einst auch zu Napoleon gesagt: als der Papst in Savona Frankreichs Gefangener war. Napoleon schenkte mir eine gewisse Zuneigung, und wußte, daß der Papst mich mit seinem Vertrauen beehrte. Eines Tages nun ließ er mich kommen, und sagte zn mir: „Leisten Sie mir einen Dienst; ich bin der Gefangenschaft des Papstes müde. Ans dieser Lage kann nichts Gutes hervorgehen, es ist von Werth, sie nicht länger bestehen zn lassen. Ich wünsche, daß Sie nach Savona gehen. Der Papst schenkt Ihnen sein Wohlwollen, Sie werden von meiner Seite aus als gemeinschaftlicher Freund mit ihm reden und ihn bestimmen, einen Plan anzunehmen, den ich aufgesetzt habe, um diese leidige Angelegenheit zu berei- vigen." Ich wand ihm ein, daß ich dazu der Erlaubniß meines Kaisers bedürfe. „Sie verweigern mir also den Dienst?" entgegncte er. „Mir scheint, daß Sie sich durchaus nicht compromittireu würden, wenn Sie für den Frieden der Welt Dienste leisten." Daran eben, fuhr ich fort, zweifle ich, ob eS der Frieden ist, den Ew. Majestät dem Papste vorschlagen. Wollen Sie mir diesen Plan wissen lassen? „Hier ist er", versetzte Napoleon ganz ruhig, „iu Zukunft wird der Sitz der Kirche nicht mehr zu Rom, sondern in Paris sein. . ..." „Ja", fuhr der furchtbare Mann fort, „ich lasse den Papst nach Paris kommen, und errichte dort den Sitz der Kirche. Aber ich will, daß der Papst unabhängig sei. Ich gründe ihm bei der Hauptstadt eine angemessene Ansiedlung; ich schenke ihm ein Schloß, und daß er auf eigenem Boden wohne, mache ich aus einer Strecke Laubes von etlichen Stunden ein neutrales Gebiet. Er wird dort sein Car- dinalScollegium, sein diplomatisches CorpS, seine Kongregationen, seinen Hof haben; und damit ihm nichts fehle, füge ich eine jährliche Dotation von sechs Millionen zu. Glauben Sie, daß er daS auSschlägt?" Ich behaupte das, und ganz Europa wird ihn in seiner Weigerung unter- stützen. Der Papst wird nicht ohne Grund finde», daß er auch bei Ihren 6 Millio- neu so gut Gefangener wäre als in Savona. Napoleos fuhr iu seiner Art auf, und brachte tausend Gründe für seine Plane vor. Endlich sagte ich zu ihm: Ew. Majestät entreißen mir ein Geheimniß. Auch der Kaiser von Oesterreich hat denselben Gedanken gehabt wie Sie. Er sieht, daß Sie den Papst nicht nach Rom entlassen wollen, er will nicht, daß der Papst iu Gefangenschaft bleibt, und denkt ebenfalls daran, ihm eine Existenz zu schaffen. Ew. Majestät kennen das Schloß zu Schönbronu: der Kaiser schenkt es dem Papst mit einem Gebiet von 10—15 Stunden, das ganz neutral sein wird; er fügt eine Dotation von 12 Mill. Einkünfte bei. Wenn der Papst auf dieses Arrangement eingeht, werden Sie ebenfalls einwilligen. Er begriff vollständig, was ich damit vertheidigen wollte; aber er war der Stärkere und wollte die Ansicht PinS Vil. über seinen Plan erfahren. Der Papst gab zur Antwort, waS ich so leicht vorausgesehen hatte: daß ihm Savona ein so gutes Gefängniß scheine als PariS; daß er sich wie anderswo im Mittelpuncte der Kirche befinde; daß sein Gewissen sein freier Boden sei, daß 6 Mill. Einkünfte für seine Bedürfnisse nicht nothwendig seien, und daß er mit 20 SouS täglich auskomme, die er gern als Almosen der Christenheit erhalten würde. Stcdaciiou un« Verlag: Dr. M. Hutkler, — Druck »an 3. M. Steinte.