Ailgsbmgtt SmitiigMiltt. ICr. LA. 25. Mär; 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt rur Auasburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementsprcis ist 20 er., wofür es durch alle k. barer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Nachts. Wenn die Sterne aufgezogen llnd der Mond am Himmelszelt, Schweben lichte Gottesboten, Heil'ge Engel auf die Welt. Wandeln facht durch alle Straßen Und in jedes Kämmerlein, D'rin noch Sorg' und Kummer wachen Treten leife sie hinein. Wägen all die stillen Seufzer, Die Gebete ohne Zahl, All' die Thränen, welche fließen Auf dem weiten Erdenthal. Gießen aus den gold'nen Schalen Frieden, Trost nnv Schlummer aus, Und Verlagen, wie sie kamen, Leise, segnend dann das Haus. Niemand hört die stillen Tritte, Keiner ihrer Flügel Schlag, Ihre Lichtgestalt kein irdisch Auge je erschauen mag. Doch ein Paradieses Ahnen Füllt die Seele wundermtld, Und in sel'ge Träume dämmert Leis hinein ihr himmlisch Bild. Aus Perleberg, Provinz Brandenburg in Preußen, haben wir nachstehendes Schreiben erhalten: Hochgeehrtester Herr! 12. März 1860. Im Juli v. I. baten wir Cw. Wohlgeboren um gütige Ausnahme eines Artikels: „die Leiden und Freuden der Misston Perleberg." Diese Bitte muß wohl geneigtes Gehör gefunden haben, denn wir empfingen vor einigen Wochen durch den Herrn Missions-Vicar Müller zu Berlin von dort her den Betrag von 100 Gulden. Diese Nachricht hat uns große Freude bereitet, sie war Charpie für wunde Herzen, die hier noch fortwährend unter der Ueberzahl der Protestanten kämpfen. Gott vergelt es daher den edlen Wohlthätern von Augsburg, da wir es nicht anders als durchs Gebet vermögen und das wird geschehen, so lange noch einer in der Gemeinde Gedächtniß für empfangene Wohlthaten hat. Vorläufig unseren herzinnigen Dank auch Ihnen, hochgeehrtester Herr, für Ihre Bemühungen, die Sie für eine unbekannte arme Gemeinde angewendet haben. Wenn doch unsere entfernten Glaubensbrüder und Schwestern die Noth der Missionen im Norden des Vaterlandes in ihrem ganzen Umfange besser kennten, gewiß, dessen halten wir uns überzeugt, würde so manches milde Herz im Westen und Süden desselben sein Schärflein zur Linderung der kirchlichen Noth für die armen zerstreuten Katholiken gerne beitagen. Am 1. October v. I. sind wir in das neuerworbene Haus eingezogen. Wenngleich noch nicht der Würde entsprechend eingerichtet, war doch allerseits die Freude unbeschreiblich groß, nunmehr den lieben Gott in einem Eigem thum beherbergen zu können. Schnell wurde alles soviel, wie es die vorgerückte Jahreszeit gestattete, in Stand gesetzt, das Fehlende bis zum Sommer dieses Jahres ausgesetzt, am Allerheiligen-Feste, 1. November, Kirchweihfest gehalten, zu dem sich zum Theil aus großer Ferne, auch Protestanten hiesiger Stadt, ein- gefunden hatten, die sich alle mit uns herzlich freuten. — Seitdem halten wir nun in unsrer kleinen, wenn auch noch dürftig ausgestalten Mutter-Gottes-Capelle abwechselnd feierlichen und Laien-Gottesdienft und versäumen es nie, varin recht dringend für unsere guten Wohlthäter zu beten. Von diesen sind etwas über 900 Thlr. eingegangen, so daß wir am 1. Oct. v. I. die eontractlich festgestellte Zahlung der 900 Thlr. machen konnten. Die übrigen 1400 Thlr. bleiben für 3 Gläubiger aus dem Grundstück hypothekarisch haften und die Zinsen zu 41/2 °/o werden von der Gemeinde aufgebracht. Wir wären schon recht sehr zufrieden mit diesen Ergebnissen, wenn wir die Mittel besäßen, die im vorigen Jahre ausgesetzten, noch nöthigen Erweiterungen der kleinen Capelle auszuführen. Unsere Armuth gestattet es nicht, dies aus eigenen Mitteln zu bewirken — wir vertrauen auch in dieser Beziehung auf den lieben Gott, daß er uns helfen wird. Im Uebrigen machen wir hier gute Fortschritte. Wenn wir uns auch alle Reckte erst erkämpfen müssen, so bringen diese Kämpfe doch eben Leben in die Gemeinde. Zuerst war es die Kirchhofsfrage, welche von uns in Angriff genommen wurde. Nachdem von der hiesigeck protestantischen Geistlichkeit in zwei Fällen das katholische Begräbnis? auf dem protestantischen Kirchhofe verweigert worden war, beschwerten wir uns direet bei dem Minister und von diesem empfingen wir den vom 30. September v. I. datirten Bescheid, daß nunmehr die protestantischen Prediger hierselbst sich einverstanden erklärt hatten, daß die Beerdigung der Mitglieder der katholischen Gemeinde durch deren Pfarrer auf dem protestautischcu Kirchhofe liturgisch vollzogen werde. Sodann war es die Schulfrage, welche einen langen und scharfen Kampf hervorrief. Die Stadtbehörden protestirten gegen die von uns beantragte Concession einer Schule, auch hier mußte eine mehrseitige gerechte Beschwerde uns helfen — genug des Protestes ungeachtet empfingen wir im November v. I. die Concession zur Errichtung einer katholischen Schule, in der gegenwärtig 25 Kinder unterrichtet werden und welche dem Katholicismus einen daurcnden und festen Halt gibt. Um die Mitglieder der kleinen Gemeinde stets wach zu erhalten, ist im vorigen Jahre neben dem vor mehreren Jahren gestifteten und aggregirtcn St- Wineentius-Vcrein noch ein Pius-Verein hier gegründet, der fleißig besucht wird. Aus Allem bicsem wollen Sie hochgeehrter Herr schließen, daß wir in Beziehung auf unsere hl. Religion ein reges Leben führen, was in der jetzigen bedrängten für die Katholiken so verhängnißvollen Zeit wohl noth thut. Wollen Sie unseren edlen Wohlthätern aus dem Vorstehenden die densel'» den interessirenden Nachrichten in Verbindung mit unserem herzinnigsten Danke für die gespendeten Gutthaten mittheilen, so würde uns das recht lieb sein, möglich daß ein Wohlthäter auch unserer ferneren Noth gedächte und ein weiteres Schärflein zur Abhilfe derselben uns schenkte, was wir mit besonderer Freude und großem Danke annehmen würden. Im Uebrigen verharren wir als Ew. Wohlgeboren dankergebene Diener Der Vorstand der katholischen Gemeinde Wesener. Henke. Hövel. Wie man sieht, ist, Dank der Hilfe Gottes, die auch in unsern so entfernten Gegenden manches Herz und manche Hand geführt und gerührt hat, zur Linderung geistiger Noth beizusteuern, für das Nöthigste wenigstens nunmehr in Perleberg gesorgt. Die noch in unseren Händen befindlichen Gaben im 99 Betrag von 32 fl. 11 kr., zu denen nachträglich aus Biber ach noch 6 fl. *) hinzugekommen, in Summa also 38 fl. II kr. , die wir nun gleichfalls an ihren Bestimmungsort abgehen lassen, werden daselbst nicht minder willkommen sein. Wir erlauben uns aber bei diesem Anlasse unsere geehrten Leser zugleich auf den nachstehenden Artikel aufmerksam zu machen, wo uns die Lage katholischer Gemeinden geschildert werden, in denen es leider noch an dem Aller- nöthigsten — nämlich fehlt. Die unglückliche Lage der Katholiken in Stargard und GoeöLin in Pommern. Stargard ist eine verkehrsreiche Stadt von 1-1,000 Einwohnern. Die katholische Gemeinde zählt am Orte ^00 Seelen vom Civilstande und 150 Militär-Personen. Außerdem leben in drei angränzenden Kreisen zerstreut noch an 200 Katholiken, welche in Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ausschließlich auf Stargard angewiesen sind. Für diese 600 Katholiken nun, zu welchen noch eine bedeutende Zahl ab- und zugehender Beamteten und Reisenden kommt, ist als Gotteshaus eine außer der Stadt gelegene Capclle, um jährlich 6 Thlr. vermickhcl, welche 36' lang, 18' breit, 20' hoch und mit 100 Personen überfüllt ist. Rechnet man von der angegebenen Zahl der Katholiken an Sonn- und Feiertagen nur den 3. Theil als Kirchenbesncher, so erhellt, daß die Hälfte vom Zutritt znm Gottesdienste ausgeschlossen bleibt. An einen herzerhebcudeu Schmuck der Capellc ist nicht zu denken; eine Fahne gibt es nicht; eine Sakristei kennt man nicht, ein Umgang beim sieht wie Ironie anS, Processioncn sind unbekannt, die erhebenden Feierlichkeiten der Charwochc, des Frohnlcichnams ganz fremd. Keine Glocke ruft die Irenen Seelen zur Kirche, mahnt sie zum Gebet oder geleitet sie zum Giabe. Es eristirr kein Tausstein, der die erwachsene Jugend au den ersten mit ihrer Mutter, der Kirche, geschlossenen Bund erinnerte, und auf akatholischen Kirchhöfen müssen die letzten Ruheplätzchen mit schwerem Gelde erkauft werden. Vergebens haben sich seit 18^3 Geistliche und Gemeinde an die Behörden um Abhilfe dieser Ucbelstände gewendet,- man hat nichts gethan, als sie anf das Einsammeln milder Spenden verwiesen, mit deren Hilfe denn auch bic Erwerbung eines Pfarr- und Schulgcbäudcs, eines Banplatzes und die Anlage eines kleinen BancapitalS ermöglicht wurde, aber die Mittel den Ban zn beginnen, oder auch nur um die Genehmigung hiezn nachzusuchen, sind noch viel zu gering, und das Beste, eine Kirche, fehlt daher noch immer. — Gleich traurig wie in Stargard sind die Verhältnisse der Katholiken in CoeSlin. In dieser Stadt, welche einst der Sitz eines Bischofs gewesen, sind in der ehmals katholischen Lateinschule eine Capelle, das Schnlloeal sowie die nöthigen Wohnangcn für den Geistlichen und interimistischen Lehrer eingerichtet, und so nothdürftig als denkbar ausgestattet. Alles was von der Aermlichkeir und Unzulänglichkeit des GottcSdienstslocalS in Stargard gesagt worden, gilt in gleicher Weise auch von CoeSlin. Alle jene Katholiken, welche das Glück haben ihrem Gölte ohne Hinderniß und Beschwerde dienen zn können, besonders aber jene, welche mit zeitlichen Schätzen gesegnet sind, finden hier ein weites Feld für die Thätigkeit christlicher Liebe, nud wir sind überzeugt, daß sie eingedenk deS Wortes: „sammelt euch Schätze für den Himmel" ihr Schärflein beitragen werden zur Hcbnng des katholischen Glaubens, und zur Verherrlichung ihrer Religion. — Gott wird's lohnen! *) Als Motto wurden diesen jüngsten Gaben beigefügt: Durch 3. 0. ?. aus Biberach.— fl. 30 kr. Nachträgliches Opfer in der wöchentlichen Roscnkranzandacht für das Wohl des heiligen Vaters.5 fl. 30 kr. Summa: 6 fl. — kr. Die römische Inquisition. (Fortsetzung.) Vor nicht langer Zeit — vor zwei oder drei Jahren — wurde zu Rom von einer Person von außerordentlicher Heiligkeit gesprochen; sie wirke Wunder, hieß cS, und weissage, sie habe Verzückungen, Visionen und übernatürliche Offenbarungen, und trage die Wundmale an Händen und Füßen. Der Ruf der Heiligen, welche zu Sezze, fünfzig englische Meilen von Rom, wohnte, wachs von Tag zu Tag; man vernahm immer mehr Berichte über Wunder, die sie gewirkt, und über schreckliche Ereignisse, die sie prophezeit hatte. Pilger von allen Classen und Ständen strömten zn ihrer Zelle. Selbst bejahrte Leute ließen sich für einige Zeit von dem Strudel mit fortreißen; jüngere Leute kamen in Schaarcu zn der Heiligen. Die Prophetin war nichts weniger als wortkarg und strenge: während sie ernstere Besucher durch Weissagungen von Calamitäten und unglücklichen Ereignissen in Schrecken setzte, ließ sie sich doch auch herab, Manchen in zarten Herzens- und Familien-Angelegenheiten die Zukunft zu enthüllen. Die Engländer in Rom bestanden in dieser Versuchung nicht besser, schienen vielmehr die Italiener an Gläubigkeit zu übertreffen; hat cS ja einen gewissen Reiz ^ für den Menschen, zn vernehmen, daß schreckliche Ereignisse drohend über dem Haupte eines ganzen Volkes schweben, namentlich eines fremden Volkes. Ein ehrwürdiger „Jusnlaucr," welcher eben von einem länger» Besuche bei Katharina Fanelli — so hieß die vermeintliche Heilige — zurückgekehrt war, traf einen Bekannten, der gleichfalls aus einer der briliischen Inseln geboren war, und machte demselben durch Ge- i berden cbensowhl wie durch Worte begreiflich, daß er der anscrwählte Träger eines furchtbaren Geheimnisses sei. Sein Freund fragte, was das Alles zu bedeuten habe, erhielt aber einige Zeit keine andere Antwort, als eine Reihe von wunderlichen Ausrufungen, begleitet von entsprechenden Grimassen; endlich sagte der Geheimnißkrämer, ' theils um dem Fragenden einen Beweis seiner Freundschaft zu geben, theils um sein eigenes Herz zn erleichtern, mit feierlicher Stimme: „Ich habe Grund zn glauben daß eine schreckliche Pest über Rom kommen wird; am Feste Mariä Himmelfahrt wird sie beginnen." Dann ging er fort in der wohlwollenden Absicht, auch Andern die schreckliche Kunde mitzutheilen. Der Tag, an welchem der Todesengel die unglückliche Stadt betreten sollte, kam und ging vorüber; von der Pest sah man keine Spur. „Nun. die Zeit ist da," fragte einige Wochen später der Freund seinen gläubigen Landsmann, „was sagen Sie jetzt von der Prophezeiung Ihrer Heiligen?" In seinem festen Glauben gar nicht erschüttert, meinte er, die Römer müßten mittlerweile Buße gethan und den Zorn des Himmels besänftigt haben. Ich kenne Fälle, wo Damen von mehr als „einem gewissen Alter" voll freudigen Entzückens waren, da sie von den Lippen der Heiligen die Versicherung vernommen hatten, daß sie binnen Jahresfrist verheirathet, und demnächst von lieblichen Kindern umgeben sein würden. — Die Verblendung ging so weit, daß Manche Rom verließ, um in der Nähe und gleichsam unter dem Schatten der Heiligen ihren Wohnsitz zu nehmen. Wenn sie in die Stadt kam, drängten sich Tag und Nacht Hunderte , zu dem Hause hin, wo sie sich aufhielt. Endlich wurde Katharina bei dem h. Ofsicium angezeigt, welches selbst nicht die Initiative zn ergreifen und die Schuldigen aufzusuchen pflegt. Die lange und sorgfältige Untersuchung, welche angestellt wurde, konnte nur zu Einem Resultate führen: Katharina wurde für eine Betrügerin erklärt. ES stellte sich heraus, daß noch schlimmere Dinge, als die Erdichtung von Weissagungen und Wundern der Anerkennung ihrer Heiligkeit im Wege standen. Sie gestand selbst ihre Schuld ein, aber erst nachdem dieselbe unwidersprcchlich erwiesen war. Sie wurde in das Kloster der Frauen vom guten Hirten gebracht, und auf den öffentlichen Plätzen von Rom wurde die Sentenz ihrer Verurtheilung zn ILjährigem Kerker angeschlagen. 101 Auch Fossombrone hatte daS Glück eine Heilige derselben Classe zu besitzen, — Maria Bordonr, welche im Jahre 1852 blühte, vier Jahre früher, als Katharina Fanelli berühmt wurde. Auch sie wurde dem h. Officium denuucirr, und ihre Schuld erwiesen durch eine Untersuchung, welche selbst ein an ein langsames Gerichtsverfahren gewöhnter Engländer nicht übereilt nennen wird. DaS sind einige der Fälle, wie sie zur Criminal-Jarisdiction deS h. Osficiums gehören. Die Freunde deS Wunderbaren, welche die römische Inquisition nur aus spannenden Romane» kennen, oder nach den Berichten über das strenge und blutige, halb politische, halb religiöse Tribunal beurtheilen, welches früher in Spanien bestand*), würden die römische Inquisition, wenn sie dieselbe kennen lernten, wie sie wirklich ist, für ein langweiliges Institut erklären, welches kein romantisches oder dramatisches In- teresse darbietet. Die römische Inquisition röstet keine Juden, foltert keine Ketzer, spannt keine abtrünnige Priester auf die Tortur, und mauert keine Nonnen ein; in der That muß denjenigen, welche an aufregenden Berichten von Grausamkeiten und Quälereien Ge- fallen finden, die Milde und Nachsicht der römischen Inquisition wahrhaft langweilig und uninteressant vorkommen. Da der eigentliche Zweck derselben Besserung nicht Bestra- *) Man mag in unserer milderen Zeit die Maßregeln der spanischen Inquisition noch so strenge beurtbeilen, es darf dabei nickt übersehen werden, was die Geschichte fast aller europäischen Völker beweist, daß religiöse Verfolgnngssncht in frühern Jahrhunderten ein allgemein verbreiteter Fehler war. Das grausame Verfahren gegen die Häretiker in Spanien unter Ferdinand und Jsabclla läßt sich einigermaßen erklären, freilich nicht entschuldigen. „Dieses letzte Sckauspiel, das Autodafe", sagt Prcscott in seinem Leben Philipps II., „war eine natürliche Folge der langen Kriege mit den Moslemin, welche die Spanier dem religiösen Unglauben gegenüber sehr intolerant machten." Man wußte, daß die Juden den Ungläubigen, welche so lange die schönsten Theile der spanisckeu Halbinsel in Besitz, gehabt hatten, gewogener waren, als den Christen; und Unwissenheit und Vorurthcilc verstärkten den Widerwillen, den man damals in der ganzen Christenheit gegen die Nachkommen derjenigen empfand, durch wclcke des Menschen Sohn dem sckmählichsten Tode preisgegeben worden war. Die Spanier des fünfzehnten Jahrhunderts sahen in den Juden Feinde Jesu Christi, und hielten es für eine Pflicht, dieselben zu bekehren, oder für ihre Hartnäckigkeit zu bestrafen; 'Aber wenden wir unsere Blicke von Spanien im fünfzehnten Jahrhundert nach einem andern Lande im sechszehntcn Jahrhundert. Unter Heinrich VIll. von England wurden Leute dcnuncirt und vcrurtheilt, nicht weil sie an die Erlösung der Menschen durch den Sohn Gottes nicht glauben wollten, sondern weil sie an dem Glauben ihrer katholischen Vorführer festhielten, oder weil sie in ihren Ansichten noch etwas weiter von dem Glauben der altchristlichen Kirche abwichen, als die herrschende Partei. Es war eine Zeit, wo die Menschen, nachdem sie den sichern Ankergrund des Glaubens verlassen, auf dem Meere der Meinungen und Zweifel hin und her getrieben wurden, und wo oft heute etwas Anveres gelehrt wurde, als gestern. Man hätte erwarten sollen, daß die Ungewißheit, in welcher sich die Reformatoren hinsichtlich dessen, was zu glauben und was nicht zu glauben sei, befanden, sie zur Toleranz und Milde stimmen würde; sie schien aber im Gegentheil die Vcrfolgungssucht nur zu befördern. In den Annalen der spanischen Inquisition findet sich schwerlich ein schrecklicherer Fall von Härte oder Grausamkeit, als die Hinrichtung des Londoner Schulmeisters Lambert, welchen vr. Barnes, ein Lutheraner, wegen irriger Meinungen über das Abendmahl denuncirt hatte. „Nack den jetzt geltenden Gesetzen", sagtHumc, „war Barnes geradeso schuldig, wie Lambert; aber so groß war die damals herrschende Verfolgungssucht, daß er auf die Bestrafung dieses Mannes drang, weil derselbe in der Abweichung von dem alten Glauben einen Schritt weiter ging, als er selbst... Lambert wurde auf einem langsamen Feuer verbrannt; seine Füße und Beine waren schon ganz vom Feuer verzehrt, da machten einige voir der Wache, welche mitleidiger waren, als die Ändern, seinen Qualen dadurch ein Ende, daß sie ihn mit ihren Hellebarden ganz in's Feuer warfen." Man lese ferner die Berichte über den Justizmord zweier berühmten Männer, Fischers, den Hallam als den „unbeugsamsten und ehrlichsten Prälaten jener Zeit" bezeichnet, und Morc's, „dessen Name", wie derselbe Schrifstcller sagt, „keines Beiwortes bedarf", — und man sehe, ob die spanische Inquisition je ungerechtere Urtheile gefällt hat. Huinc erzählt ihre Geschichte also: „John Fischer, Bischof von Röthester, war ein Prälat, ausgezeichnet noch mehr durch seine Gelehrsamkeit und Tugend, als durch seine hohe kirchliche Würde und die Gunst, in welcher er lange bei dem Könige gestanden hatte... Er wurde angeklagt, vcrurkhcilt und enthauptet, weil er die Suprematie des KönigS gcläugnet hatte. — Die Hinricktung dieses Prälaten sollte zugleich eine Warnung für More sein, dessen Nachgeben wegen des großen Ansehens, das er in England und st, andern Ländern genoß, und wegen des Ruhmes seiner Gelehrsamkeit und fang ist, so erlangt Jeder, welcher sein Vergehen bekennt und bereut, leicht Verzeihung, und eS kommt nicht selten vor, daß Personen, welche dem h. Officium angezeigt zu werden fürchten, der Anzeige zuvorkommen, und durch ein freiwilliges Bekenntniß ihres Fehlers der Strafe entgehen. Die härteste Strafe, selbst für so grobe Vergehen, wie ich sie erwähnt habe, ist Einsperrnng, je nach dem Charakter des Vergehens, auf kürzere oder längere Zeit; in gewöhnlichen Fällen ist die zeitweilige Einschließung in ein Kloster die einzige Strafe, welche tnseS,Tribunal, das einen so gefürchtet?» Namen trägt zu verhängen pflegt. (Schluß folgt.) Ein kleines Bild von der großen europäischen Welt. Dem im Jahre 1829 im Josephs-Hospital zu München verstorbenen ehemaligen Missionär Pater Wolfgang Bock wurde 1811, als er aus dem Oriente zurückkam, von der Polizei verboten, in seiner Ordenstracht der Carmelitcr auszugehen. Da legte der kluge Pater schnell türkische Kleidung an, wozu sein schöner, langer Bart gut paßte, und siehe, den die Polizei als Ordensmann nicht duldete, ließ sie als Türken ungenirt in der Stadt München erscheinen, was nicht geringes Aufsehen machte, so daß ein Künstler den Pater im Türkenanznge abbildete, und der Kupferstich schnell vergriffen ward. Auch erhielt Pater Wolfgang in feinem Türkencostüm Audienz beim Könige Mar Joseph, und ward mit 100 bayerischen Thalern beschenkt, um sich die Kleidung eines Weltgeistüchen anschaffen zu können. — Heutzutage scheint die große europäische Welt auch den Grundsatz zu haben: Lieber Türk als OrdenS- mann! Den Thron der europäischen Türkei hat man mit größeren Opfern, als 100 Thalern, gestützt und geschützt, und dem Obern aller Ordens- und Ehristeuleute, dem heil. VatH zu Rom, will man versagen und rauben, was er mit mehr Recht besitzt, als der Türke sein geraubtes Reich, und mit älterem Rechte, als alle Fürsten Enropa'S ihre Kronen. Tugend dem Könige sehr erwünscht gewesen sein würde... Rieh, der General-Fiscal, wurde zu More ins Gefängniß^gcschickr, um mit ihm zu verhandeln. More beobachtete hinsichtlich der Suprematie ein vorsichtiges Stillschweigen; er ließ sich nur zu der Bemerkung verleiten, eine Frage über das Gesetz in Betreff der Suprematie sei ein zweischneidiges Schwert; die eine Antwort auf diese Frage bringe vas Leben der Seele, die andere das Leben des Leibes in Gefahr. Mehr bedurfte man nicht, um More des Hocbverraths anzuklagen. Sein Schweigen erklärte man für böswillig und verbrecherisch, unv jene Worte, die er hatte fallen lassen, legte man als Läugnung der Suprematie aus. Die gerichtlichen Untersuchungen waren unter diesem Könige bloße Formalitäten; die Geschworenen erklärten More für schuldig. Er hatte sein Schicksal lange erwartet, und bedurfte keiner Vorbereitungen, um sich gegen die Schrecken des Todes zu stärken... Am 6. Juli wurde er im 53. Lebensjahre enthauptet." — „Viele andere, minder ausgezeichnete Männer", sagtHallam, „namentlich Geistliche, wurden später aus Grund desselben Gesetzes hingerichtet." Hume sagt über die Hinrichtungen unter Heinrich VIll.: „Wir wissen nicht viel von der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des über diese Männer gesprochenen Urtheils, wir wissen nur, daß die Verurtbcilung eines Mannes in dieser Zeit noch kein Beweis für seine Schuld ist." — „Heinrich", sagtHallam, „zeigte sich unparteiisch in seiner Intoleranz, sofern er abwechselnd bald die eine, bald die andere der beiden streitenden Parteien verfolgte. Ein Mal wurden drei Personen, welche seine Suprematie bestricken, und drei, welche die Transsubstantion gcläugnct hatten, aus demselben Karren zum Nicht- platzc gefahren." Wenn das ein treues Bild von England im sechszehnten Jahrhunderte ist, verdient dann blos die spanische Inquisition des fünfzehnten Jahrhunderts unfern Tadel? Preseott muß zugeben, daß Sirius IV. „den übermäßigen Eifer der Inquisitoren tadelte, und sie sogar mit Absetzung bedrohte." Alexander Vl. setzte den Thomas dc Tor-' qucmada wirklich ab. 103 Alls dem Pariser Leben. * Ein junger Maler war für eine abgelieferte Arbeit so glänzend bezahlt worden, Laß es ihn drängle, seinen Freunden eines jener colossalen Frühstücke zu geben, die Mittags anfangen und erst am nächsten Tage endigen; Gelage, bei welchen der Champagner in Strömen stießt, die Gläser und Flaschen zertrümmert unv die Wände deS Locales mit den Eingeweiden der Pasteten bemalt werden, kurz, die glücklich abgelaufen sinv, wenn man mit blauem Auge und den Nest der Nacht auf der Polizci-Wachtstube davongekommen ist. Es war um eilf Morgens, als unser Künstler im besten Anzüge and in heiterster Laune sich nach dem verabredeten Locale begab und mit einem Leichenzugc zusammen traf, der außerordentlich armselig war, denn keine Seele begleitete den armen unbekannten Todten nach seiner letzten Ruhestätte. So froh gestimmt der Künstler auch war, er blieb stehen und sagte: „Ach, es ist doch sehr traurig, einen Menschen so ganz allein zum Kirchhofe zu führen! Das ist eine Schande! Nein, so etwas sollte zu Paris nicht vorkommen. Ich will ihn begleiten. Die Freunde mögen warten." Er geht also hinter der Leiche her. Bald aber bemerkte er, daß er nicht allein war, er hatte zum Begleiter bei der frommen Pflichterfüllung einen jener kleinen alten schwarzen Hunde, die gern ihrem Herrn folgen,-der aber sehr schmutzig aussah, denn eS war Regcnwetter. Mann kommt auf den Kirchhof, und der arme Todte sollte in die allgemeine Grube hinabgesenkt werden. Das that dem Künstler wehe; er beeilte sich, ihm eine Begräbniß- stätte zu kaufen. Es war in jeder Beziehung ein reicher Tag für ihn. Nachdem man ein kleines schwarzes Kreuz über dem Hügel aufgepflanzt hatte, in dem der Unbekannte ruhete, kehrte er zu seinen Freunden zurück. Er eilte in großen Schritten, als er Etwas zwischen seinen Füßen verspürte. Es war der kleine schwarze Hund, welcher ihn lieb- kosele. „Geh," sagte er, „Du machst mich schmutzig, du weißt nicht, daß ich meine besten Kleider anhabe." Und er bemühte sich, ihn fortzujagen. Aber kaum hatte der junge Mann einige Schritte vorwärts gethan, so war auch der Hund wieder da und verdoppelte seine unangenehmen Liebkosungen. Bald hätte das arme Thier einen Schlag mit dem Stocke erhalten; eS entfernte sich auf diese Drohung, blickte aber immer rückwärts, wenn eS etwas Vorsprung hatte. „Drolliges Thier," sagte der Künstler, „man sollte glauben, es wünsche, daß ich ihm folgen möge. Laßt sehen, was daraus wird." Der Hund verfolgte seinen Weg, blicket aber von Zeit zu Zeit zurück, lenkte endlich in eine enge Gasse ein, dann in den Eingang eines alten, armseligen Hauses, fünf Stockwerke hinauf, und kratzte nun mit den Pfoten an einer Thüre, um Einlaß zu erhalten. Der junge Künstler half ihm, indem er die Klingel zog, war aber ganz bestürzt, als ein Mädchen mit rothgeweinten Augen die Thüre öffnete. „Ich bringe Ihnen den Hund zurück, Mademoiselle," sagte er. Es war das gerade das Gegentheil, was er hätte sagen müssen. „Sie haben Jemanden verloren?" . . . Das junge Mädchen seufzte und verbarg ihr Gesicht und ihre Thränen mit dem Tuche. Da warf der junge brave Künstler einen Blick in das traurige Wohnzimmer. Auf einem armseligen Strohsacke bemerkte er eine abgemagerte, vor Kälte zitternde Frau, deren Haut nur noch Knochen umhüllte; ein wahres Gerippe mit den Zügen der fürchterlichsten Leiden . . . Diese Familie betrieb einen Handel in der Provinz, aber nach mancherlei Unglücksfällen war sie, wie so viele andere, nach PariS gekommen, um dort ihr Glück zu suchen, oder ihren Fall zu verbergen. DaS Elend war ihr Antheil. Der Künstler nahete sich der kranken Frau. „Sie sind krank," redete er sie an. — „Ach, ja," antwortete sie, „ich bin krank und sehr unglücklich. Ich habe meinen Mann gelödtet; ich bin die Ursache seines Todes . . . Der arme gute Mann sah mich seit sechs Wochen krank und arbeitete Tag und Nacht, um zu verhindern, daß ich nicht ins Spital gebracht werde ... Er war so schlecht genährt! Er ist vor Mattigkeit und Kumme gestorben ... Aber ich will meine Tochter nicht umbringen, wie ich meinen Mann umgebracht habe . . . Meine Tochter ist noch das Einzige, was mir auf Erden geblieben . . . Morgen will ich ins Spital gehen." Bei diesen Worten umschlang das junge Mädchen seine Mutter mit beiden Armen, bedeckte sie mit Küssen und Thränen und schluchzte unter Seufzern: „Mutter, meine gute Mutter, warum sprichst Du so? . . . Nein, Du gehst nicht ins Spital . . . Auch ich will Tag und Nacht arbeiten. Wenn es sein muß, so ernähren wir uns hier beide zusammen ... So lange ich Arbeit habe . . ." Man kann sich leicht denken, wie dem Künstler zu Muthe war; er war ties gerührt, und die Thränen entströmten seinen Augen . . . Die letzten Worte des jungen Mädchens waren eine Offenbarung für ihn. „Was arbeiten Sie?" fragte er dasselbe. — „Ich bin Näherin." — „Gut, einer meiner Freunde hat Hemden zu machen, ich werde sie Ihnen herbringen." Des anderen Tages erschien er mit einem Ballen Tuch, den er mit seinem Gelde bezahlt hatte. Er ließ einen Arzt holen, den er für einen seiner Freunde ausgab, der aber aus seiner Börse das theuere Honorar bezog. Der Arzt bestätigt, die arme Wittwe sei nur krank wegen Armuth und Entbehrungen. Er verordnete eine gute Nahrung, Fleischbrühen und kräftiges Fleisch; nichts durfte fehlen. Der gure Künstler, welcher bisher nur halbe Tage gearbeitet, änderte dieselben in Tage um, und zwar unter dem Spotte seiner Freunde, die seinen Fleiß und seine Zurückgezogenheit verspotteten. Er hatte aber einen wahren Schatz gefunden: das Glück der Arbeit und Ordnung. Die Lage der beiden Frauen hatte sich indessen wesentlich verbessert. Behaglichkeit war an die Stelle der Noth getreten. Bei seinen öfteren Besuchen hatte der Künstler die edlen Eigenschaften des jungen Mädchens kennen gelernt, das durchaus nicht für das Leben der Armuth bestimmt schien. Der junge Künstler, welcher, wie so viele Andere, bisher nur von einer reichen Verbindung geträumt hatte, nur an Lurus gedacht, verlangte von der Mutter Die zur Ehe, welche nichts mitbrachte, als eine schöne Seele .... Wenige Tage nachher segnete die Kirche ihre Verbindung. Der Segen des Himmels wird ihnen gewiß nicht ausbleiben. Recept zur Dämpfung eines Bolksaufstaudes. * Im Jahre 18^8 war in einer kleinen französischen Provinzialstadt ein Aufruhr ausgebrochen; ein Bataillvnscommandant wurde zur Dämpfung dorthin beordert. Derselbe war ein munterer, jovialer Soldat, dem es nicht darum zu thun war, Blut zu vergießen, und er wendete deshalb ein ganz eigenthümliches Mittel an, den Aufstand zu überwältigen, ein Mittel, das in nichts Geringerem bestand, als in seiner ausgezeichnet schönen Stimme. Als er vor dem Volkshaufen ankam, der aus Revolutionären aller Schattirungcn bestand, sah er, wie ein Redner von seinem Karren herab die Masse haran« guirte und die Köpfe erhitzte. Der Commandant ließ ihn Herabsteigen und nahm sogleich seinen Platz ein, indem er ausrief: „ES ist noch nicht genug gesprochen worden, jetzt kommt erst noch die Reihe an mich!" und damit stimmte er vor der erstaunten und verblüfften Menge ein altfranzöstscheS Lied an, das bet den Aufrührern sehr bald ein allgemeines Gelächter hervorbrachte. Damit war aber auch der Aufstand total besiegt, denn der Franzose ist entwaffnet, wenn es gelingt, ihn zum Lachen zu bringen. (Mulleis und Müller, das Elend zu Paris). Redacn'en uu« Bering: Dr. M. Huttler. — Druck vo» I. M. Älcinle.