AiigsbiiM SmillagMM. Mr. 14. 1. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. An das Veilchen. So hast du'doch vernommen Den Sehnsuchts-Nuf nach dir. Und bist verjüngt gekommen Du erste Garten-Zier! Du Freude deiner Finder ^ Auf frischcrgrünter Au, Du Liebling aller Kinder, Mein Veilchen hold und blau! Mein- blaues, holdes Veilchen, Wie hoch entzückst du mich; Es wird mir nur zum Weilchen Ein Tag bei Lob auf dich! Dein Sinnen, dein Verlangen» Und deiner Wünsche Ziel Ist Prunken nicht, noch Prangen Durch buntes Farbenspiel. Aus Stolz dein Haupt zu heben, Nie fällt dir dieses ein: Dein wärmstes, reinstes Streben Ist, klein, gering zu sein. Du liebst es, still, verborgen, Aus zartem Blätter-Grün Ob Abend oder Morgen Zu duften und zu blüh'n. Du lässest gern dich finden Von Kleinen ohne Schuld; Und dich zum Sträußchen winden Voll herzlicher Geduld. Ein reiches Honig-Brünnlein Nur athmend Wohlgeruch Erstattet treu das Bienlein Alltäglich dir Besuch. Von dir ich möcht erlernen. Am Geiste mild und zart. Mich niemals zu entfernen Von kindlich frommer Art. Bei dir ich Tröstung finde Für's trauervolle Herz; Bei dir mir wirv gelinde Auch herber Trennungs-Schmerz. Denn deine Ankunft kündet Mir an den Ostertag, An dem der Tod verschwindet, Und wie durch Zauberschlag Berühret all die Lieben Zum Leben aufersteh'n; Und wir verkläret drüben Bei Gott uns wiedersehen; Und wir mit Engel-Chören Durch Alleluja-Nuf Den Ersterstand'nen ehren, Der uns und dich erschuf; — Dich schuf zum schönen Bilde Der hohen Lieb' und Lust Zur Demuth, Einfalt, Milde In eig'ner, reinster Brust; — Uns schuf, damit wir ahmen In Tugend allgemach Zum Lob' auf seinen Namen Auch dir, o Veilchen, nach! Die römische Inquisition. (Schluß.) Wie zu erwarten war, wußte man znr Zeit der römischen Republik v. 18-19 den Nutzen wohl zu würdigen, der bei einiger Klugheit und List aus der Jnqui- sition zn ziehen war. Man fand es sehr zweckmäßig, den befreiten Römern, welche so lange Opfer des „PfaffentrugeS" gewesen waren, die Geheimnisse der Tyrannei zu enthüllen, unter welcher sie so lange geseufzt hatten, und ohne die Revolution noch jetzt seufzen würde». Demgemäß wurde ein kleines Spektakelstück arrangirt und mit glänzendem Erfolge aufgeführt. Ju einem der Gemächer des h. OfficinmS brachte man eine Fallthüre an, nnd in einem Loche, welches man eigens zu dem Zwecke grub, häufte mau einige Knochen auf, die man in den Kellern ansgegraben hatte; nachdem alles arrangirt war — Fallthüre, Grube, Kerker, d. i. die Keller und Knochen — stellte man es dem leichtgläubigen nnd staunenden Pöbel zur Schau, und daS protestantische Europa begrüßte die „Entdeckung" mit den gewohnten Ausrufen des Entsetzens. Die römische Republik erreichte ihr Ende, und die zurückgekehrten Beamten der Inquisition hatten uuu Gelegenheit, die Zweckdienlichkeit der Veränderungen, die man vorgenommen hatte, zn bewundern. Daß man menschliche Gebeine aus dem Boden anSgrabeu konnte, war nicht zu verwundern, da der Theil des Gebäudes, unter welchem man dieselben fand, auf einem Platze steht, welcher früher als Kirchhof benutzt worden war. Aber ein Pöbelhaufen pflegt keine besonders ausgedehnten archäologischen Kenntnisse zu haben, und wiewohl man in London und Paris und andern Städten nicht selten Menschenknochen und ganze Skelette da auSgräbt, wo jetzt Hänser stehen, ohne daß dieses besondere Aufmerksamkeit erregt, so ist eS ganz etwas Anderes, wenn man dergleichen zu Rom findet, zumal unter den Kellergewölben der Inquisition, wenn man gegen die päpstliche Regierung eine Anklage zu erheben wünscht. Sehr begierig, die „Kerker der Inquisition" mit eigenen Augen zu sehen, begab ich mich eines TageS mit einem Freunde auS England nach dem Gebäude des hl. OfficiumS, welches gegenwärtig von den Franzosen als Kaserne benützt wird. Die Gefälligkeit des dienstthuenden französischen OfficierS setzte uns in den Stand, das ganze große Gebäude in allen seinen Theilen zn besehen. Große Gemächer und schöne Hallen, zum Theil mit herrlichen Fresken von großen Meistern geziert, wur- den mit sträflicher Gleichgiltigkeit raschen Schrittes durchwandert, da die Begierde, die „Kerker" zu sehen, uns unaufhaltsam voran trieb. Unser Führer, ei» sehr höf- licher und lebhafter Franzose, brachte uns endlich an das Ziel unserer Wünsche. Aber welche Enttäuschung! „Kerker" der Art, wie sie in den gewöhnlichen romanhaften Vorstellungen von der Inquisition vorkommen, fanden wir gar nicht, und als Ersatz dafür nur eine Anzahl von Hallen, die etwa 12 Fuß breit und 15 Fuß lang waren, und einige Gemächer von 16—18 Fuß Länge und Breite. Erstere waren zur vorläufigen Unterbringung von Verhafteten, letztere als Gefängniß der zu zeit- welliger Einsperrnng Verurteilten benutzt worden. Statt tief unter der Oberfläche zu liegen, wo sich der Romanleser „die Opfer der priesterlichen Tyrannei in der giftigen Atmosphäre eines dunkeln und dumpfen KerkcrS schmachtend denkt," befanden sich alle diese Räume im zweiten Stockwerk, und waren vielleicht besser erhellt, als nach italienischen Begriffen, namentlich während deS Sommers, bequem nnd angenehm ist. Man kann sich gar keine gewöhnlichern und minder merkwürdigen Räumlichkeiten denken, als diese „Kerker" der römischen Inquisition. Man steht nicht einmal einen Nagel an den nackten Wänden, an den man einen Verdacht hängen könnte, und kein Zeichen und keinen Strich auf dem Fußboden, welcher ahnen ließe, daß sich etwas Schreckliches unter demselben befinden konnte. Eine Zelle in einem gewöhnlichen Kloster bietet mehr Anlaß zu Phantasien; die Einfachheit und Unver- 107 dächtigkeit dieser Gemächer ist in der That so groß, daß sie anf Jeden, der mit den gewöhnlichen Vorstellungen hinkommt, einen unangenehmen Eindruck machen müssen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, fanden wir auch noch einen Garten mit Bäumen und breiten Wegen, wo früher die Gefangenen täglich ihren Spazicrgang machten, und -war ohne Ketten, Fesseln und andere dergleichen Dinge, mit welchen sich eine lebhafte Phantasie die Gefangenen des h. OfficiumS geschmückt denken könnte. Wo übrigens vormals Cardinäle beriethen, und ihre Consultoreu wichtige Puncte des GlanbenSsystcmS der katholischen Welt erörterten, da fanden wir jetzt französische Soldaten träge anf ihren Betten liegen, muntere Lieder von Liebe oder Ruhm singen, oder Domino spielen; und Säbel nnd Musketen standen in den Gemächer», wo früher die dicken Folianten aufgestellt waren, in welchen die dogmatischen Entscheidnngeu der Congrcgation des hl. OfficiumS aufgezeichnet wnrden. Mit einem Worte: so wenig man die Beschreibung, welche TacituS von Nero'S goldenem Hause gibt, bestätigt findet, wenn man die Hänfen von Steinen und Schutt betrachtet, welche jetzr die einzige Spur seiner frühern Eristeoz sind, eben so wenig kaun man in der prosaischen Darstellung dessen, was daS h. Officinm wirklich ist, die Jugnisiton wieder erkennen, wie wir sie in Romanen und romanhaften Geschichtswerkcn in den Tagen unserer gläubigen Jugend mit so köstlichem Schaudern geschildert lasen.*) *) Balmes charakterisier in seinem vortcfflichen Werke über die europäische Civilisation die Milde der römischen Inquisition im Gegensatze zu der Strenge der spanischen, und zeigt, wie der Geist des hl. Stuhles von dem aller europäischen Regierungen und Nationen zu einer Jett sich unterschied, welche wohl als die Periode der Verfolgungen bezeichnet werden könnte. „In der Zeit der größten Strenge gegen die judaisirenden Christen", sagt er, „verdient eine Thatsache Beachtung. Manche, weiche bei der Inquisition angeklagt waren oder deren Verfolgung fürchteten, gaben sich alle Mühe, aus dem Bereiche dieses Tribunals zu entkommen, indem sie Spanien verließen uuv nach Rom gingen. Werden diejenigen, welche meinen, Rom sei immer das wahre Treibhaus der Intoleranz, ein Fcucrbrand der Verfolgung gewesen, dieses glaublich finden? In zahllosen Fällen wurden während der ersten fünfzig Jahre des Bestehens der spanischen Inquisition die Processe von Spanien nach Rom hinübcr- genommcn und fast in allen Fällen zeichnete sich Rom durch größere Milde aus. Ich glaube nicht, daß man einen einzigen Fall namhaft machen kann, in welchem nicht der Angeklagte durch eine Appellation nach Rom Vortheil gewann. Die Geschichte der Inquisition in dieser Zeit berichtet von vielen Streitigkeiten zwischen Königen nnd Päpsten, und wir finden durchgängig daß der heil. stuhl sich bestrebte, die Inquisition in den Schranken der Gerechtigkeit und Humanität zu halten. Die Weisungen der römischen Curie wurden nicht immer gebührend beachtet; so sahen sich denn die Päpste genöthigt, viele Appellationen anzunehmen, und das Loos zu mildern, welches die Appellanten getroffen haben würde, wenn ihre Sache in Spanien cndgiltig entschieden worden wäre ... In einer Bulle vom 2. August 1483 sagt der Papst, er habe die Appellation einer großen Anzahl von Bewohnern von Sevilla angenommen, welche aus Furcht, verhaftet zu werben, es nicht gewagt hätten, in Spanien an den höhern Gerichtshof zu appellircn... Später beklagte er sich darüber, daß man die Strafmilderungen, welche er mehrcrn Angeklagten bewilligt, in Sevilla nicht gebührend berückficht habe. Nach mehrern andern Ermahnungen weist er Ferdinand und Jsabella daraus hin, daß Milde gegen die schuldigen Gort wohlgefälliger sei, als Härte, und erinnert an den guten Hirten, der dem verirrten Schafe nachgehe. Schließlich ermähnt er sie, diejenigen milde zu behandeln, welche ihre Vergeben freiwillig cingcstäuden; er wünscht, mau möge ihnen gestatten, zu Sevilla oder an einem andern Orte, den sie wünschen möchten, zu wohnen und im Besitze ihres Eigenthums zu bleiben, als wenn sie sich des Vergehens dcr Ketzerei schuldig gar nicht gemacht hätten. „Wenn Angeklagte sich nach Rom wendeten, so geschah dieses nicht immer, um die Aufhebung eincS ungerechten Urtheils zu erlangen, sondern oft, weil sie wußten, daß sie dort Gnade und Nachsicht finden würden. Einen Beweis dafür liefert die große Zahl von spanischen Flüchtlingen, welche zu Nom wegen Nückfalls in das Judcnthum vcrurtheilt wurden. Man fand deren einmal im Jahre 1498 250; aber keiner derselben wurde hingerichtet. Es wurden ihnen nur einige Bußwcrke aufgelegt, und dann wurde ihnen die Lossprechung ertheilt und gestattet, nach Hause zurückzukehren. „Es ist bemerkenswerth, daß die römische Inquisition niemals ein Todcsurtheil fällte, vbschon damals auf dem apostolischen Stuhle Päpste saßen, welche in Allem, was auf die bürgerliche Verwaltung Bezug hatte, äußerst strenge waren. In allen Theilen Europas fin- Marrauna vom heil. Nincenz a Paula. (Fortsetzung.) Was Ihres Pfarrers Amtspflicht ist, habe ich nicht zu unterscheiden; aber der Priester, — der übrigens am Sterbebette weit mehr zu thun hat, als ein Capitel aus der Bibel vorzulesen — ist nicht gewohnt, die Erfüllung einer seiner wichtigsten Pflichten einer Krankcnwärterin oder einem Arzte zu überlassen. Einige vielleicht am andern Ende des Zimmers gemurmelte Gebete, eine eilige Frage nach diesem oder jenem Kranken: und die geistlichen Funetionen euerer Spital-Geistlichen sind zu Ende. Noch mehr-Was ist denn das? fragte hier Frau M. die Magd, welche hereintrat und Marie ein beschmutztes, sonderbar gefaltetes Papier übergab, welches mit einer kolossalen, noch feuchten Oblate zugemacht war. — Marie blickte auf die Adresse, welche lautete: An das geehrte Fräulein v. S— Gnaden; sie öffnete den Brief lächelnd und las folgende, in wunderlicher Orthographie geschriebene Worte: Höchst gütiges und ehrwürdiges Fräulein, — Bitte, Fräulein, Eur' unterthänigste Dienerin, Winnh Prall, liegt sprachlos aus dem Sterbebett, und sagt, Fräulein, sie kann nicht ruhig sterben, wenn sie Sie nicht sieht; so hoffen wir demüthig, Eur' Gnaden wollen nicht zögern, da unsere Mutter die Nacht durchaus nicht überleben kann. Eur' Gnaden ergebenste Diener, ihre Söhne Franz und Joseph Prall, Fischerbrücke rc. Laß Las Mädchen hereinkommen, sagte Marie, und ehe noch Frau M. fragen konnte: Was soll denn dies Alles heißen, so spät in der Nacht? stand ein blasses Mädchen vor ihr, dessen Züge die Spuren von Sorge und Entbehrung trugen. — Ist denn die Frau Prall wirklich so krank? Ich bin nur eine Nachbarin von ihr. Aber ich hörlc, sie wäre schon fast besinnungslos; sie könne aber nicht sterben, ehe Sie kämen. Hat man den Geistlichen rufen lassen? fragte Marianne ängstlich. — Ich weiß nichts, gar nichts; aber wenn Euer Gnaden kommen, so werden Sie Alles erfahren! und das Mädchen wendete sich hastig zur Thüre. — Gut, ich werde mit dir da sein, sagte Marie. — Aber du willst doch nicht wirklich gehen, Marie? meinte Frau M...., als ihre Nichte den Hut aufsetzte und sich die Mantille reichen ließ: Es ist ja spät! — Es ist sehr spät; jedoch in diesem Falle ruft den wir das Schaffet aufgerichtet, um Vergehen gegen die Religion zu bestrafen, und überall sehen wir Scenen, die das Herz mit Trauer ertüllen: Nom bildet eine Ausnahme von der Regel, dasselbe Rom, welches man als ein Ungeheuer von Intoleranz und Grausamkeit dargestellt hat. Allerdings haben die Päpste nicht, wie die Protestanten, allgemeine Duldung gepredigt; aber die Thatsachen zeigen den wahren Unterschied zwischen den Päpsten und den Protestanten: die Päpste haben trotz ihres intoleranten Tribunales keinen Tropfen Blut vergossen, die Protestanten und Philosophen ganze Ströme. „Ich will nicht eine ausführliche Prüsting des Benehmens der spanischen Inquisition gegen die judaisircndcn Christen versuchen, und ich bin weit entfernt, ihre Strenge gegen diese Menschen der Milbe vorzuziehen, welche die Päpste empfahlen und übten. Ich wollte hier nur zeigen, daß die Strenge eine Folge von außerordentlichen Umstände», ein Ausdruck der damals bei den europäischen Völkern herrschenden harten Anschauungen und Sitten war. Dem Katholicismus können diese durch verschiedene Gründe veranlaßten Ercesse nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wenn wir aber ferner den Geist beachten, welcher in allen Instruktionen der Päpste in Betreff der Inquisition herrscht, wenn wir sehen, wie sie augenscheinlich immer zur Milde geneigt und bemüht waren, den Schandflecken zu vertilgen, welcher an den Schuldigen und an ihren Familien haftete, so dürfen wir annehmen, daß die Päpste wohl noch weiter gegangen sein würden, wenn sie nicht gefürchtet hätten, dadurch allzusehr die Unzufriedenheit der Könige zu erregen und verderbliche Zwistigkeiten zu veranlassen. „Welches Verfahren wurde von Luther empfohlen? Nach Seckendorf sagte er: man solle die Synagogen der Juden anzünden, ihre Häuser niederreißen, ihre Gebetbücher, den Talmud, und selbst die Bücher des Alten Testamentes ihnen wegnehmen und ihren Rabbineri verbiete» zu lehren, und sie nöthigen durch Handarbeit ihr Brod zu verdienen." 109 mich eine gebieterische Pflicht. — Aber ich sehe hier gar keine Pflicht — und ich glaube die Frau kann auch warten bis morgen. Ich würde mich kaum wundern, wenn Alles nur eine List wäre, um dich herauszulocken und zu ermorden. — Ich wüßte nicht, was man dabei gewinnen könnte; aber ich kenne die Frau. Dennoch begreife ich nicht, was es dich angeht! murrte Frau M.... Protestantische Damen kennen ihre Pflichten gegen die Gesellschaft zu gut, als daß sie sich unter solche Leute wagen sollten! Ueberdics dürste kein Frauenzimmer in eine Krankenstube gehen, ehe sie wenigstens Jahre alt ist. Aber ich könnte eben so gut zu einer Bildsäule reden, fuhr sie fort, als die Thür sich hinter M. schloß, ich wünsche zu Gott, sie wäre einmal verheirathet, dann würde sie vielleicht gescheiter werden. Mit leichten, eiligen Schritten und ruhiger Entschlossenheit schritt Fräulein S. durch einige Straßen, dann über einen Platz und ließ nicht eher von ihrer Eile ab, bis Sie die Wohnung erreicht hatte. Das Gesicht der kranken Frau Prall hatte schon jene grünlichblaue Farbe angenommen, welche das letzte Stadium der fürchterlichen Krankheit begleitet. Ihre Söhne und einige Frauen befanden sich bei ihr; aber wenn sie gleich geschäftig hin und her liefen, so sah man doch, daß Keiner von ihnen sich der Stubenccke zu nähern wagte, wo die Kranke lag. Es ist die Cholera, sagte Marie, indem sie die Hand der Frau ergriff. Sie erblaßte, als sie den schnellen, aber schwachen Pulsschlag derselben fühlte. Sie hat nicht lange mehr zu leben; habt ihr nach dem Geistlichen geschickt? — Sie wollte sich von uns nichts sagen lassen und verlangte nur nach Ihnen. Trinken! Trinken! Ich ersticke, kreischte die Frau; gebt mir zu trinken, sag'ich. Marie fand in einer zerbrochenen Tasse etwas kalt gewordenen Thee, welchen sie der Kranken an die Lippen hielt. Dann schrieb sie ein paar Zeilen auf ein Blatt ihres Taschenbuches und übergab dieses dem Sohne Franz mit der Weisung, ja leine Zeit zu verlieren, bis er es in die Hände eines Geistlichen überliefert bättc. Wer ist da? schrie die Frau und starrte um sich. Teufel sind's, die ich überall sehe. Ich sterbe, ich sterbe — und was wirb aus meiner armen Seele werden? O Mutter, sagte Joseph, indem er sich vorsichtig näherte, der Geistliche wird gleich hier sein, und Fräulein S. will mit dir beten. — Guten Abend, Fräulein, sagte die Mutter hastig, hab' ich nicht versprochen, ich wollte zu meiner Pflicht zurückkehren? Jetzt ist es zu spät; ich werde todt sein, ehe der Geistliche kommt, und beten kann ich auch nicht. Ein neuer fürchterlicher Krampf trat ein, so daß M. glaubte, diese Befürchtung möchte in Erfüllung gehen. — Ich will für Euch beten, sagte M-, als die Kranke etwas ruhiger wurde. Sie kniete nieder und begann die Litanei für die Sterbenden; von Zeit zu Zeit blickte sie ängstlich nach der Thüre. — Sagen Sie mir, Fräulein, sagte Plötzlich die Frau und erhob sich in ihrem Bette, müssen wir unsern Feinden vergeben? Das möchte ich gern wissen. — Gewiß, wenn wir selbst Verzeihung hoffen wollen; sicherlich haben wir Gott öfter beleidiget, als irgend ein Geschöpf uns beleidigt haben kann. — Wie? ich soll meinem Manne vergeben? Hat er mich verlassen, daß ich mit den Kindern Hungers sterben konnte? Und hat er nicht vor meinen Augen eine genommen, die protestantisch ist, wie er selbst? Hat er mich nicht getreten, geschlagen und — Denkt jetzt nicht an seine Mißhandlungen! Betet, damit ihr beide einst im Himmel glücklich zusammen werdet. — Im Himmel! schrie die Kranke, mit einem mehr noch von Wuth, als von Schmerz entstellten Gesichte; im Himmel? Was soll der im Himmel thun, der Abtrünnige! Wollte er mich nicht dahin bringen, daß ich meine Religion verkaufen und heucheln sollte wie er, blos um das Armen- geld zu bekommen? Mißhandelte er mich nicht, weil ich die Kinder nicht von ihm zu Heiden gemacht haben wollte? Und hat er mir nicht mein liebes Mädchen gestohlen, damit es ihm und seinem Weibsbilde aufwarten mußte? Hat er nicht einen Teufel aus mir gemacht und mich zum Gotteslästern gebracht? Aber jetzt wird der Satan uns beide in die Klauen bekommen. — Ein neuer Krampf- anfall folgte; die arme W. sank erschöpft und ohnmächtig auf das Lager hin. Mit zitternder Stimme begann M. von Neuem die Litanei; sie sah, daß das schlecht angewandte Leben der unglücklichen Frau sich dem Ende näherte. — Mit einem unterdrückten Freudenrufe aber sprang sie auf als der Priester hereintrat. Komm ich zu spät? fragte der Priester. Fräulein M. Zeigte auf das Bett. Der Geistliche beugte sich darüber, richtete einige Worte an die Kranke und gab dann den Anwesenden ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Mit der Gefühllosigkeit, welche die Folge gewohnheitsmäßiger Gotteslästerung ist, schlichen die Männer auf den Gang, die Frauen waren in der anstoßenden Kammer bald am Plaudern. Marianna kniete auf der morschen Treppe nieder und verweilte die nächste halbe Stunde im heißen Gebete, auf daß die heil. Jungfrau Fürbitte einlege zu Gunsten des verirrten Geschöpfes, welches bald vor seinen beleidigten Richter treten sollte. Und wie brachte der Priester diese Zeit zu? Angegriffen und erschöpft durch ein Tagewerk voller Anstrengung, war er mit freudiger Bereitwilligkeit dem Gebot der Pflicht gefolgt, welche ihn abrief, als er eben sich der ersehnten Ruhe überlassen wollte. Jetzt stand er gestützt auf die Lehne des Bettes' er athmete die stinkende, verpestete Luft des schmutzigen, von Ungeziefer wimmelnden Zimmers ein; er beugte sich über die Kranke, deren Athem den Tod bringen konnte, deren Wnthausbrüche wie giftigePfeile für sein Herz waren, welches gern das Leben geopfert hätte, um das Heil einer einzigen unsterblichen Seele zu erkaufen. Er dachte nicht an Müdigkeit oder Gefahr; es war seine Pflicht. „Pflicht!" jenes wunderthätige Wort — das Fcldgeschrei der kath. Priester — die Fahne, um welche sie sich schaaren; das Wort, welches Verfolgung, Undankbarkeit, Krankheit, Armuth, jedes Hinderniß verachten lehrt, — das sie zum Siege oder Tode führt. Ohne Rücksicht auf den Beifall oder die Verachtung der Welt, voll Mitleid, aber erhaben über die kleinlichen Sorgen des Lebens, streben sie vorwärts, bis das Opfer ihrer Jugend oder die mühevolle Sorge eines langen Lebens mit der Martyrerkrone und mit ewiger Seligkeit belohnt wird. — Endlich öffnete sich die Thüre und auf ein Zeichen vom Priester kam M. wieder ins Zimmer. „Ich werde ihr das heil. Abendmahl reichen", sagte der Geistliche feierlich. Fräulein M. sah sich vergebens nach einer Stelle um, welche sie für das allerhciligste Sacrament würdig vorrichten konnte. — Der Priester begann jene ergreifenden Gebete, welche die Kirche für solche Gelegenheiten vorschreibt. Es wäre eine wirkungsvolle Scene für einen Maler gewesen: das wüste verfallene Zimmer, das helle Mondlicht, welches durch die zertrümmerten Fenster siel, die Gegenstände mit seinem eigenthümlichen Glänze umsäumte und voll auf das weiße Kleid der knieenden Jungfrau fiel, die mit gebeugtem Haupte und gefalteten Händen für nichts als die Gegenwart Gottes Sinn zu haben schien; die entfärbten und verzogenen Gesichtszüge der sterbenden Frau, deren Augen nun mit einem Ausdruck hoffnungsvoller Ergebung an den Zügen des Priesters hingen, welcher sich über sie gebeugt hatte und in dessen Gesichte jene tiefe Andacht sich ausdrückte, welche der Feierlichkeit des Augenblickes und Dem gebührte, dessen erhabene Gegenwart jene Hütte des Elendes jetzt erfüllte. (Schluß folgt.) Napoleon I. in der Katechese. K. Im Jahre 1811 gegen Ende März rief Napoleon l. unvermuthet eine Versammlung zu sich. Sie bestand aus den Cardinälen Fesch, Maury, dem Erzbischof von Mecheln, den Bischöfen von Nantes, Trier, Evreux, Verweil und Abbö Emerv und p. Fontaer. Zwei Stunden ließ er auf sich warten. Menschen, sagte er, welche gewartet hätten, werden „stumpfsinniger." Endlich erschien er in außerordentlichem Aufzuge von seinen Großoffieieren umgeben. In einer sehr langen und heftigen Rede ward die Sitzung eröffnet gegen den Widerstand des Papstes Pins VII. Keiner der Cardinäle oder Bischöfe hatte den Muth gegen die Verläumdungen und Entstellung die Wahrheit gegen die Macht und Gewalt des Kaisers und Königs geltend zu machen. Zum Ruhm der Religion fand sich aber ein einfacher Geistlicher — ein anderes Mitglied jener Versammlung. Es war nämlich der 80jährige Priester Greis Abbö Emerh, empfehlenswert!) durch seine Wissenschaft und Frömmigkeit. Nachdem Napoleon gesprochen hatte, sah er alle Anwesenden an und fragte hierauf diesen Abbö: „Mein Herr, was halten Sie von der Gewalt des Papstes?" Mit einer Art ehrerbietigem Vorzüge blickte er den Bischöfen und Cardinälen in's Angesicht, als wollte er sie um die Erlaubniß bitten, seine Meinung zuerst auszusprechen und antwortete dann: „Sire! Ich kann keine andere Gesinnung haben, als jene, die in dem Katechismus enthalten ist, der aus Ihren Befehl in allen Kirchen gelehrt wird. Auf die Frage: Was ist der Papst? heißt es dort: Er ist das Oberhaupt der Kirche, der Stellvertreter Jesu Christi, dem alle Christen Gehorsam schuldig sind. „Kann nun je ein Körper seines Hauptes, kann er desjenigen entbehren, dem er nach göttlichem Rechte Gehorsam schuldig ist?" Nachdem Napoleon das Wort Katechismus murrend ausgespochen, fuhr er fort: 'Nun dann, ich streite Ihnen die geistliche Gewalt des Papstes nicht ab, da er dieselbe von Christus empfangen hat, aber Christus hat ihm die zeitliche Macht nicht gegeben; diese hat Carl der Große ihm gegeben, und ich, der Nachfolger Carl des Großen, will dieselbe ihm Hinwegnehmen, weil er sie nicht zu gebrauchen weiß und sie ihn verhindert, seine geistlichen Funktionen auszuüben. Wie denken Sie hierüber, Herr Emerp? Derselbe erwiederte: Eure Majestät ehren den großen Bossnet und finden Gefallen daran, ihn oft anzuführen. Nun kann ich selbst keine andere Gesinnung haben, als Bossuet in seiner Vertheidigung des Klerus ausspricht. Ich will die Stelle anführen, die daraus meinem Gedächtniß genau gegenwärtig ist. Bossuet, Sire, spricht also: Wir wissen es wohl, daß die römischen Päpste und der priesterliche Stand durch die Verleihung der Könige Güter, Rechte und Fürstenthümer (imperia) erhielten und solche rechtmäßig besitzen, wie andere Menschen mit sehr gutem Rechte dieselben besitzen. Wir wissen, daß diese Besitzungen, insoferne sie Gott gewidmet sind, heilig sein müssen, und daß man solche ohne gotteslästerlichen Raub nicht überfallen noch rauben und an Weltliche verschenken kann. Man hat dem apostolischen Stuhl die Oberherrschaft über die Stadt Rom und andere Besitzungen verliehen, damit derselbe freier und gesicherter seine Gewalt in der ganzen Welt ausübte. Dazu wünschen wir nicht nur dem apostolischen Stuhle, sondern auch der gesammten Kirche Glück und beten aus ganzem Verlangen unseres Herzens, daß dieses geheiligte Fürsten thum (nrinichmt) auf alle Weise frei und unberührt bleibe. Iüi>. I. 860t. 10, eap. 16. Nachdem Napoleon in Geduld zugehört, sprach er in sanften Worten: Ich verwerfe das Ansehen Bossuets nicht; dieß Alles war wahr zu seiner Zeit. Als Europa mehrere Oberherrn erkannte, war es nicht schicklich, daß der Papst einem besondern Souverän unterworfen wäre, allein, was kann es wohl wehren, P?.-.' iK 112 daß der Papst mir unterworfen sei, da Europa keinen anderen Herrn als nur mich anerkennt. Herr Emery schien sich zu bedenken, weil er die persönliche Hosfart des Kaisers nicht beleidigen wollte und sagte unter Anderm zuletzt die Worte: Sire! Sie kennen die Geschichte der Revolutionen so gut, wie ich; es ist möglich, daß, was jetzt besteht, nicht immer besteht. Man muß also eine mit so großer Weisheit gegründete Ordnung nicht ändern. Bevor die Sitzung endete, fragte Napoleon einen der Bischöfe, ob es wahr sei, was Emery aus dem Katechismus gesagt habe. Auf eine bejahende Antwort schickte er sich an sich zu entfernen; da ihm einige Prälaten bemerken wollten, Emery habe ihm vielleicht mißfallen, sprach der Kaiser: Ihr seid irrig, ich zürne ihm keineswegs, er hat wie ein Mann gesprochen, der seinen Gegenstand kennt und ich sehe es gerne, daß man so mit mir spreche. Hr. Emery denkt nicht wie ich, aber Jedermann darf hier seine freie Meinung haben. Mit Achtung und Ehrfurcht grüßte Napoleon beim Vorübergehen, aber letztens den Abbö. Durch Uebermuth und Stolz verblendet, achtete er aber nicht auf die letzten Worte seines wohlmeinenden Lehrers und wird sich wohl erst auf St. Helena erinnert haben, daß derselbe auch ein Prophet gewesen, weil, „was einst bestand, nicht mehr war" und der große Kaiser zum kleinen General degradirt wurde. Gleiches oder ähnliches Geschick trifft ohne Zweifel Napoleon III-, wenn derselbe wirklich es wagt, an die geheiligte Person des Statthalters Hand anlegen zu lassen und über das geheiligte Fürstenthum mit List oder Gewalt einen andern zu setzen als den, welchen die göttliche Weltregierung eingesetzt hat. Möge daher dieser neue Franzosen-Kaiser die Katechese, dieLection, in welche er durch die trefflichen Hirtenbriefe der Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe seines Reiches noch zur rechten Zeit genommen wurde, nicht gleich den alten, für Meinung nur, sondern für eine Wahrheit halten, die ihn frei machen wird von schwerer Schuld und Strafe. I'-'E: Für -en KLrchenbau der armen Katholiken in Stargard und Köslin ist der erste Baustein von Augsburg angekommen in Gestalt einer 10 st. Banknote! (Herzliches Vergelt's Colt dafür dem wackern, braven Manne «... D. R.) Und schnell ist ihm ein zweiter gefolgt: Von Pf. I. P. L. 3 st. Gebe Gott Segen und Gedeihen für und für! Milde Gaben für die Mission in Prrleberg. Durch X. IV. von mehreren Freunden der armen Pcrleberger, welche das Glück haben, in schönen und herrlichen Gotteshäusern ihre Andacht verrichten zu können ....... st. 18 kr. Redaciiau und Verlag: Dr. M. H u tt l e r. — Druck vd» I. M. Älcinle.