AiigMgtt AmtagsM. 18. 29. April 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt znr Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Chile, l Auf den Wunsch mehrerer Freunde veröffentlichen wir hier einige Briefe zweier Priester der Gesellschaft Jesu, P. Th. Schwerter und P. Bernh. Engbert, die mit dem Laienbruder Joseph Schorro im October 1858 von uns Abschied nahmen, um in Chile, einem Freistaate auf der westlichen Küste Südamerika's, eine Mission unter den eingewanderten Deutschen zu gründen. Groß war bis dahin die Verlassenheit dieser armen Colonisten, die wegen des großen Mangels an Priestern und der gänzlichen Unmöglichkeit, einen deutschen Seelsorger zu erhalten, so verwahrlost waren, daß die Erwachsenen Jahre lang die heil. Sacramente nicht empfingen, die Kinder aber ohne allen Religionsunterricht aufwuchsen und in Folge dessen mit dem Verfall der Sitten auch der Verlust des Glaubens zu befürchten stand. Dringend und ernst war daher der Hülseruf nach eifrigen Verkündigen: des göttlichen Wortes und Ausspendern der heil. Geheimnisse; inständig vor Allem die Bitten des hochw. Bischofs jener Gegend an die Obern der Gesellschaft Jesu, sie möchten doch, eingedenk ihrer treuen Hingebung an den Statthalter Christi, der ihm diesen Theil seiner Heerde anvertraut, seinen verlassenen Schäflein zu Hülfe kommen. So geschah es nun, daß die besagten Patres zu diesem gottgefälligen Werke bestimmt wurden. Vielen Priestern und Gläubigen in den Diöccsen Münster und Paderborn find die Namen der beiden Missionäre bekannt; manche Familie, manche Gemeinde und religiöse Genossenschaft nennt sie mit Liebe und Verehrung; sowohl hier als in andern Gegenden Deutschlands leben Freunde und Verwandte jener deutschen Colonisten; manche Andere haben durch Opfer christlicher Liebe und durch Gebete innige Theilnahme an dem Unternehmen bewiesen: — weßhalb wir hoffen dürfen, daß auch Dielen die hier mitzutheilenden Nachrichten willkommen sein werden. Denn selbst abgesehen von den angedeuteten Beziehungen nehmen ja alle katholischen Leser ein gemeinsames Interesse an den Schicksalen und der Verbreitung unserer heil. Kirche, deren göttliche Merkmale der Einheit und Katholicität so herrlich hervortreten, wenn wie einst von den Gestaden des See's Genesareth die frohe Botschaft durch die Apostel an den Indus und die Tiber gebracht wurde, so 18 Jahrhunderte später durch Glaubensboten, die auf den Ruf der Nachfolger der Apostel herbeieilen, von den Usern der Nordsee über Tausende von Meilen hin bis an die Gewässer der Südsee auf der andern Erdhälfte die Leuchte des Evangeliums getragen wird. Und wie tröstlich ist es auch für den Sohn der Kirche, wenn er vernimmt, daß, während entartete Kinder den heil. Vater durch gottlose Frevel in seinen eigenen Staaten tief betrüben, aus den Urwäldern des fernsten Südamerika's Dank- und Bittgebete zum Himmel emporsteigen für ihn, den treuen Hirten, welcher der zerstreuten Schäflein seiner großen Heerde in Liebe gedachte und sie, die hülfslos Umherirrenden, mit zärtlicher Sorgfalt aufsuchen ließ. Den ersten Brief, den wir hier mittheilen, schrieb P. Schwerter noch in Bordeaux kurz vor seiner Abreise aus Europo. II Brief des P. Schwerter. Bordeaux, 24. Oktober 1858. Den 18. October früh um 5 Uhr trafen wir hier ein und erfreuten uns einer sehr herzlichen Aufnahme. In Paris trafen wir einen Priester aus Chile, der eine Wallfahrt nach Jerusalem und Rom gemacht hat, und nun im Begriffe ist, nach Chile zurückzureisen. Seine Begleitung ist uns namentlich für die Landreise sehr erwünscht, da er die Gewohnheiten und Sprache des Landes gut kennt. Wir erhielten in Paris ein für einen Missionär höchst werthvolles Möbel: ein schönes verschließbares Kästchen von 2 Fuß Länge, IV, Fuß Breite und Vr Fuß Höhe, das alles für die heilige Messe Nothwendige auf's Beste geordnet enthält: Kelch, Kännchen, Albe, Meßgewand, Meßbuch, Leuchter, dazu noch Ciborium, Gefäße für die heil. Oele, ein Eisen um Hostien zu backen; freilich Alles so klein und dünn wie möglich, aber doch zum Gebrauch geeignet und für uns sowohl zur See, als später aus Excursionen sehr bequem. Der Kasten selbst dient als Altartisch und bedarf nur einer Unterlage, wie sie ein gewöhnlicher Tisch bietet. Da wir in Paris den Altarstein nicht mehr konnten consecriren lassen, mußten wir hier einen andern consecrirten mitnehmen. In jener Hauptstadt lernten wir einen Mitbruder kennen, der mit drei andern nach Schanz- > Hai in China abreisen wird, so wie hier in Bordeaux den P. Cabus, der gerade jetzt mit sechs andern Missionären die Reise nach Madure antritt. Gewiß sehr ermunternde Beispiele für uns. Was uns aber so rechte Hochachtung für unsern heil. Beruf einflößte, war die Freundlichkeit eines ehrwürdigen greisen Priesters in Paris gegen uns. Es schien als wollte er durch Liebe zu den Missionären sein Unvermögen zu den Missionen selber ersetzen. Mit kindlicher Freude brachte er uns bald ein Bild, bald ein Büchlein, bald ein anderes Andenken. Wir benutzten die Tage vor der Abfahrt des Schiffes, das Merkwürdigste ! der Stadt, besonders was religiöses Interesse hat, in Augenschein zu nehmen. Vom St. Michaels Thurm hatten wir einen herrlichen Ueberblick über die Stadt ' und den Hafen. Unter den schönen Kirchen zeichnet sich der Dom vor allen aus: ein majestätisches altgothisches Gebäude mit 5 Schiffen, ganz aus Sandsteinen ! gebaut. Die zwei Thürme an der Nordseite sind ganz von derselben Hohe und ! Bauart, wie die am Kölner Dome werden sollen. Auch an der Südseite wollte l man zwei bauen, die aber nicht fertig geworden sind. Im Dome liegt der heil. Simon Stock, Gründer der Scapulier-Bruderschast, begraben. Zur Erlangung einer Vollmacht behufs der Aufnahme in diese Bruderschaft kamen mir die hie- ^ sigen Carmeliten freundlich entgegen. Wir besuchten ihre neue Kirche, die wirklich schön gebauet ist; in und außer derselben erscheinen die Ordensmänncr im weißen Habit mit braunem Mantel. Bordeaux war der Geburtsort des heil. Paulinus, dessen Namen noch ein Platz in der Stadt führt, und vieler andern Heiligen, namentlich auch des großen heil. Severin, Erzbischofs von Köln und Freundes des heil. Martin von Tours. Der Kirchhof in der Nähe des schönen alten Karthäuserklosters wird schwerlich in Frankreich oder Deutschland seines Gleichen haben an Größe und Schönheit. Auf sehr vielen Familiengräbern stehen kunstreich gebaute gothische Capellen mit Altären, an welchen von Zeit zu Zeit die heilige Messe gelesen wird. 139 Wir besichtigten auch das Haus von der Barmherzigkeit, das denselben Zweck hat, wie die Klöster vvm guten Hirten. Die Stisterin war eine adelige Dame, die im Rufe der Heiligkeit gestorben ist und aus deren Leben man uns viel Wunderbares erzählte. Man nennt sie nur „die gute Mutter." Die Ordensschwestern feiern noch am Feste der heil. Theresia ihren Namenstag, gerade als ob sie unter ihnen lebte. Die jetzige Oberin ist ihre Nichte und scheint ihre Tugenden geerbt zu haben. Es befinden sich in dem Hause gegen 300 Personen, die auf diese Weise den Gefahren der Welt entrissen worden. Frägt man die Schwestern, wovon sie alle leben, so antworten sie, von der göttlichen Vorsehung. Die gute selige Mutter hatte die Hausschlüssel der Mutter Gottes und dem heiligen Joseph übergeben. Fehlte etwas, so hielt sie eine neuntägige Andacht, und ihr Vertrauen ward nie getäuscht. Größeres Gottvertrauen als bei diesen Schwestern fand ich noch nirgends. Wir mußten unsere Namen in ein großes Buch einschreiben, wo wir die Namen vieler Missionäre aufgezeichnet fanden, und erhielten die Versicherung, daß man beständig für uns beten werde. Wie wohlthuend ist es, eine solche Versicherung mit auf's Meer nehmen zu können, zu der sich das tröstliche Bewußtsein gesellt, daß so viele theuere Mitbrüdcr in Europa, und so viele Gläubige, die an unserm Schicksal Theil nehmen, uns mit ihren frommen Gebeten begleiten. So treten wir denn wohlgemuth unter Gottes und Mariä Schutz und mit dem treuen Beschützer der Reisenden, dem heil. Erzengel Raphael, dessen Fest wir heute feiern, die weite Reise an. Uns drei begleiten wenigstens auf der Seefahrt sechs unserer Mitbrüder, die für verschiedene Stationen Südamerika's bestimmt sind; nämlich: P. Brindesi, ein Grieche, von der Insel Delos gebürtig, der außer der griechischen, auch die türkische, russische, italienische und französische Sprache redet. Er wird bis Montevideo unser Oberer sein; P. Ciaceri, ein Sicilianer aus Palermo, sehr lebhaften Charakters. Da er uns erzählte, er habe einige Zeit deutsch gelernt, und wir daher eine deutsche Unterredung mit ihm anknüpfen wollten, erwiderte er: »o» spreü», ncm »xreko: P. Bofarull, ein «Spanier aus Catalonien, mit zwei Laienbrüdern seiner Nation, Jturzaota und Ortiz, wovon ersterer das Glück hat, nahe beim väterlichen Hause des heil. Jgnatius geboren zu sein — und mit einem jungen spanischen Scholastiker Puig, der uns viel Interessantes über Majores und Loyola, sowie über das Aufblühen der katholischen Kirche in seinem Vaterlande mittheilte. Wir haben in diesem liebenswürdigen Mitbrüder einen tüchtigen Lehrer der spanischen Sprache, auf deren Erlernung wir uns eifrig verlegen. Da keine große Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind, — namentlich ist die Aussprache sehr leicht — so hoffen wir in kurzer Zeit große Fortschritte zu machen. Meinen nächsten Brief schreibe ich Ihnen, so Gott will, aus Montevideo. Theodor Schwerter, 8. 1. (Fortsetzung folgt.) Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (^rnionis.) Niemals konnte sich ein Souverän, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen. (Graf Maistrc in einem Briefe an den König von Sardinien vom 6. Juni 1810.) Lactantius schrieb im vierten Jahrhundert das Buch: „l)e morto per- üeouwrum", worin er das tragische Ende der Feinde Gottes und seines Gesalbten nachgewiesen. Ein Buch dieser Art, welches die Fürsten, von denen die Päpste Verfolgungen zu leiden hatten, namhaft machen und zeigen würde, wie 140 sie sämmtlich schon in dieser Welt von der göttlichen Gerechtigkeit erreicht, und entweder in ihrer Person oder in isiren Nachkommen schrecklich gestraft wurden, wäre heutzutage gewiß ein sehr nützliches. Eine solche Arbeit zu unternehmen, fehlt uns aber der Muth und die Zeit. Doch wollen wir einige bezügliche Thatsachen anführen, und sie der Betrachtung unserer Leser anheimgeben. Die Gegner werden freilich sagen, es seien Zufälle, Zusammentreffen der Umstände, Ohngefähr u. s. w.; allein eine fortgesetzte Reihe von ähnlichen Ereignissen muß doch einem jeden nicht ganz Hirnlosen etwas zu denken geben. Von Nero bis auf Julian den Abtrünnigen wurde die Kirche und die römischen Päpste von 18 Kaisern verfolgt und von diesen machten 4 durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende, 9 wurden von andern ermordet und 5 gingen sonst auf elende Weise zu Grunde. Nero, der den heil. Petrus todten ließ, nahm sich aus Verzweiflung mittelst des Schwertes das Leben. Maximian Herkuleus erwürgte sich mit einer Schnur. Aurel und Hadrian wählten freiwilligen Hungertod. Einige brachte Verrath der Ihrigen um das Leben, wie Domitian, Julius Maximin, Aurelian, Gallus, der den Papst Cornelius nach Civitavecchia verbannte, und Volusian. Andere fielen im Kriege in der Schlacht, wie Decius, oder nach dem Kriege als Sieger, wie Licinius, der auf Befehl des Konstantin erdrosselt wurde, oder wie Valerian, der, nachdem er dem persischen König Sapor als Fußschemel gedient, hernach geschunden und wie ein Schlachtthier einge- salzen wurde. Trajan, welcher den Papst Clemens aus Rom vertrieben, starb sehr wahrscheinlich an Gift. Diocletian wurde mehr vom Aerger, nicht im Stande gewesen zu sein, den Christenglauben mit Blut zu ersticken, als vom langsamen Fieber verzehrt. Den Severus tödtete die Melancholie, Galerius und Marimin wurden bei lebendigem Leibe von Würmern verzehrt. Julian der Apostat erhielt einen Pfeilschuß von unbekannter Hand, und seine Wunde war so schmerzlich, daß er in der Verzweiflung sein eigenes Blut gen Himmel spritzte, und den Sieg des „Galiläers" bekannte, den er so frevelhaft bekämpft hatte. — Von den ersten heidnischen Verfolgern übergehend zu den ketzerischen, finden wir den Kaiser Konstantins, den fanatischen Begünstiger der Arianer. Dieser vertrieb den Papst Liberius aus Rom, und verbannte ihn nach Thracien. Wie endete aber Konstantins? Er wurde ein Spielball seiner Höflinge, und hätte sein Reich verloren, wenn er nicht am Fuße des Taurus ganz unvermuthet gestorben wäre im Jahre 361. — Papst Johann I.. durch den Ehrgeiz des Gothenkönigs Theodorich gezwungen, nach Konstantinopel zu reisen, wurde nach seiner Zurückkauft in Ravenna gefangen gehalten, weil er mit den Plänen des hochmüthigen Königs nicht einverstanden war. Wie endete Theodorich? Er kam in einer Schlacht elend uin's Leben. Anastasius >., Kaiser von Konstantinopel, beschimpft die Legaten des Papstes Shmmachus, der ihn excommunicirt. Nach mehrfachen Empörungen starb der unglückliche Monarch, von einem Blitzstrahl getroffen, im Jahre 518. Die Päpste Silverius und Vigilius trieb Kaiser Justinian l. in die Verbannung. Allein von dem Zeitpuncte an, wo er die Päpste feindselig behandelte, wurde er auch der Tyrann seiner Völker, selbst aber tyrannisirt von Theodora, jener schamlosen Buhlerin, die er zum Weibe genommen. Der heil. Papst Martin wurde vom Kaiser Konstans II. verfolgt, verjagt und mißhandelt. Der Verfolger starb jedoch grausam ermordet im Jahre 668. Andreas, Sohn des Patriciers Troilus, folgte ihm eines Tages in das Bad unter dem Vorwand, ihn zu bedienen. Dort nahm er das Wassergefäß und schlug es ihm so heftig an den Kopf, daß er ihn todt niederstreckte. Der Kaiser Justinian ll. erklärte sich als persönlichen Feind des Papstes Sergius, welcher weder seinen Lastern noch seinen Missethaten Beifall gab. Und Justinian fiel als ein Opfer eines Volksaufstandes, man schnitt ihm die Nase ab, und schickte ihn nach dem Cher- sonnes in die Verbannung. Von den bilderstürmenden Kaisern, Feinden und I > i j Verfolgern der Päpste und der kathol. Kirche starb Theophilus aus purer Herzensangst; Leo der Armenier wurde von den Verschworenen in der Kirche in Stücke gehauen; Leo IV. erlitt schmerzlichen Tod wegen ekelhafter Kopfgeschwüre. Konstantin Kopronimus nahm ein ähnliches Ende, und Nicephorus ward im Kriege von den Bulgaren getödtet. Papst Leo III- mußte von Denjenigen, welche seine treuesten Freunde und Mithelfer sein sollten, Verfolgungen leiden. Allein Gott beschützte den Papst aus wunderbare Weise; aus Rom vertrieben, kehrte er triumphirend in Mitte seines Volkes, das ihm entgegen kam, zurück. Karl der Große verurtheilte die beiden Verfolger des Papstes zum Tode. Leo III. rächte sich aber als hoher Priester, indem er vom Kaiser Gnade erbat und erhielt. Papst Johann VIII. war genöthigt, in Frankreich eine Zuflucht zu suchen, um sich den Plackereien Lamberts, des Herzogs von Spoleto, zu entziehen, der in Rom unerhörte Gewaltthätigkeiten verübte. Jedoch bald darauf wurde Lam- bert aus seinem eigenen Herzogthume vertrieben. Crescentius, der gegen Ende des 10. Jahrhunderts in Rom den Aufruhr anzettelte, sich an die Stelle des Papstes setzen wollte, und dessen zeitliche Herrschaft usurpirte, endete damit, daß er auf Befehl Otto III. auf den Zinnen der Engelsburg aufgeknüpft wurde. Der Demagog Arnaldo da Brescia, welcher dem Papste sein zeitliches Besitzthum rauben wollte, wurde eingekerkert, verbrannt und seine Asche in die Tiber geworfen, während die Römer dem Papst Hadrian IV. vie Huldigung leisteten. Cola Rienzi, der sich im Jahre 1354 ebenfalls der Usurpation der Oberherrlichkcit über Rom schuldig gemacht hatte, wurde von dem wüthenden Volke aus der Stadt gejagt; ein Diener des Hauses Cölonua stößt ihm den Dolch in's Herz, und die Römer hängen seinen blutigen Leichnam an den Galgen. (Schluß folgt.) Der gesellige Verkehr. Je weniger die häusliche-und die in der Schule und in der Kirche erlangte Erziehung für die Festigkeit der Denkungsweise gewirkt hat, je mehr diese Wirkung durch die nachherige Uebergangszeit der Lehrjahre und des bewachten Jugendalters abgeschwächt worden ist, desto größer muß — bei den verschiedenen Classen des Nährstandes — die Einwirkung des geselligen Verkehrs auf die Volksbildung sein; und diese Einwirkung ist, leider! — in sehr häufigen Fällen auf traurige Weise entscheidend. Willst Du wissen, wer du bist, sieh, wer Deine Gesellschaft ist. — Böse Gesellschaften verderben gute Sitten. — Alte, vergeblich wiederholte Sprichwörter! Aber welche Gesellschaft ist denn böse? — Die ernste? — In dieser versammelt mau sich nur um der Geschäfte willen, und auch sie schließt gewöhnlich mit Heiterkeit. — Vielleicht die heitere? — Gewiß nicht; denn Heiterkeit ist ja die Würze des Lebens, die Erholung, welche jeder thätige Mensch sich gönnen darf, sich gönnen soll; sie ist eine Aeußerung der Gesundheit des Körpers und der Seele, und fördert sogar wieder diese doppelte Gesundheit. Aber Heiterkeit geht nicht selten in Lustigkeit über, nud hier stehn wir an einer Grenze, wo das richtige Maß sehr leicht überschritten werden kann, um so mehr von der unerfahrenen Jugend. Uebrigeus ist jede Gesellschaft gemischt. In jeder werden Ansichten, Meinungen und Behauptungen vorgebracht, welche neu, anziehend, witzig, treffend sind und auf Kops und Herz ihre Wirkung nicht verfehlen, und das um so minder, je geringer die vorausgegangene Bildung des Zuhörers, je beachtenswerther, wir sagen nicht achtungswerther die Persönlichkeit, die Erfahrung des Sprechenden, 142 je blendender, wir sagen nicht gründlicher seine Redeweise, sein Vertrag ist; und derlei Erscheinungen gehören allen Classen des Volkes an. Der Knabe, der heranwachsende Jüngling, der in den Lehrjahren oder in einem, diesen ähnlichen Verhältnisse mit einer gewissen Geringschätzung sich behandelt sieht, welcher er gern entwachsen sein möchte, sehnt sich nach der Zeit, wo er, der Gleiche unter den Gleichen, mitsprechen darf über sein Erlerntes, über seine, wenn auch kurzen Erfahrungen, die mit jedem Tage zunehmen, die bei jedem Einzelnen anders sich gestalten. In der Werkstätte Geselle mit den Gesellen, Arbeiter mit den Arbeitern, findet er bald scheinbar, bald wirklich Ueberlegene, sei es im Geschäfte, sei es in sonstigem Wissen; er findet in den Einen Anziehendes, in den Ändern Abstoßendes; aber darin liegt leider nicht selten die Täuschung; was ihn anzieht, sollte er prüfen, ob es auch werth ist, ihn anzuziehen; was ihm unangenehm, rauh, ernst erscheint, sollte er ebenfalls prüfen, um zu erfahren, ob nicht die herbe Schale einen guten Kern verbirgt; und an dem Mangel dieser Lebensklugheit scheitern so Viele. Mit der Unabhängigkeit des jungen Mannes fängt aber auch gewöhnlich die Genußsucht an, und sie äußert sich im zeitweisen Besuche des Wirthshauses, der Schenke. Samstage, Sonntage, Montage vereinigen die Arbeiter meistens beim Weine, beim Biere. Der junge unerfahrene Mensch bekommt da Gelegenheit, einige Worte zu hören, welche die Wortführer besonders gerne im Munde führen, Worte, die so aufklärungsmäßig erscheinen, bald klar, bald minder klar ausgesprochen werden, die man auch in sogenannten Volksbüchern — was wird nicht Alles für das liebe Volk geschrieben! — häufig lesen kann, Worte, welche eben deßwegen eine nähere Beleuchtung verdienen; — sie heißen: Vcrdummung, — freie Forschung. Diese Wörter, sammt den Begriffen, welche sie darstellen, sind übrigens nicht aus unserm Boden entstanden, sie sind weiter her und haben eben deßhalb so freundliche Aufnahme gefunden. Wenn Du übrigens, lieber Leser, das Wort: Nerdummung, im geselligen Gespräche von irgend Jemand hörst, so bist Du fast ausnahmslos berechtigt, den, der es gebraucht, selbst für bedeutend verdummt zu halten; denn gewöhnlich bezeichnet er damit Deine Achtung für Alles, was Dir bisher heilig war; Deine Ächtung für göttliche und menschliche Gesetze und für Diejenigen, die mit ihrer Handhabung betraut sind; Deine Achtung für Treue und Glauben, für die Alten und für die Eltern; Deine Achtung für Dienertreue und Unterthanentreue; Dein Gefühl für Pflicht, ohne immerwährenden, eifersüchtelnden, anmaßenden Rückblick auf Rechte. Findest Du das erwähnte Wort in einem Buche, und Du wirst ihm, zumal in vielen sogenannten Volksbüchern nur zu häufig begegnen, so wirf solch eine Schrift ohne Wetters weg; etwas Nützliches wirst Du keinen Falls aus ihr lernen; wäre jedoch der Inhalt so anziehend, so fesselnd, daß Du Dich nicht davon trennen könntest, so lies wenigstens mit jenem Mißtrauen, mit jener prüfenden Vorsicht, die nicht Alles, was ein gewandter Schwätzer auftischt, für baare Münze hinnimmt, sondern Wahrheit von Trug, den Schein vom Wesen zu unterscheiden weiß. Du wirst dann finden, daß das Ziel eben dasselbe ist, wie bei den daraus erlernten Gesprächen, nicht zu erbauen, sondern zu untergraben; selbst das an sich Wahre zu verdrehen und zu mißbrauchen; denn auch das ist einer der Kunstgriffe der Vcrdcrber. Freie Forschung! Es ist schon häufig erwähnt worden, daß die Natur in der Begabung des Menschen mit gesundem Verstände eben nicht verschwenderisch ist; seine vielfältigen, heftigen Leidenschaften, um so wirksamer, wenn Erziehung und Religion sie nicht gezügelt haben, sind weit entfernt, ihn zu fördern; seine Lebensansichten werden eben dadurch höchst einseitig; auch das richtige Denken will erlernt wer- den; stellen wir uns nun einen Menschen vor, behaftet mit allen diesen Unvoll- kommenheiten, und aufgefordert zum — freien Forschen! — zum freien Forschen über Alles, was Gegenstand des menschlichen Ersorschens sein kann, oder auch nicht sein kann. Gibt es etwas Lächerlicheres in der Zumuthung? etwas Lächerlicheres, aber zugleich auch Traurigeres in der Ausführung? und dennoch ist es mit unserer Volksbildung dahin gekommen, daß Alle sich anmaßen über Alles abzusprechen. Allerdings spricht der Weber nicht über Metallarbeit, und der Metallarbeiter nicht über Schneiderei, aber über Staatseinrichtung, Gesetzgebung und Sittenlehre sprechen sie Alle; — und wie? das muß man hören. Wer die Folgen dieses Uebelstandes beobachtet hat, der kann es nur bedauern, daß es noch immer angebliche Volksschriftsteller gibt, welche, aus eigennütziger Specula- tion, — solcher Lehre anhängen und ihr Geltung zu verschaffen suchen. Ein Maler im Alterthume stellte seine Gemälde vor seiner Werkstätte der öffentlichen Beurtheilung aus, und, dahinter verborgen, vernahm er die verschiedenen Aeußerungen der Vorübergehenden. Unter andern fand ein Schuster die Fußbekleidung eines Mannes auf dem ausgestellten Bilde ganz unrichtig und tadelte, was zu tadeln war. Der Künstler unterließ nicht, dem Gebrechen abzuhelfen, und ebenso unterließ auch der Tadler nicht, dieser Verbesserung seinen Beifall zu spenden, als er, ein paar Tage darnach, dieselbe bemerkte. Dieser Beweis von Gelehrigkeit gab ihm jedoch den Muth, das Werk einer genaueren Betrachtung zu unterziehen und sich zu äußern, daß der ganze Fuß überhaupt verzeichnet zu sein scheine. Da rief der Maler aus seinem Verstecke hervor: Du, Schuster, bleibe beim Leisten! Die von den Rednern der Schenke und in den Flugblättern der sogenannten Volksschriststeller so häufig gebrauchten, oben angeführten Kraftausdrücke gehen auch, unter hundert Fällen in neunundneunzig von Denjenigen aus, die eine Aufklärung verbreiten wollen, welche keine ist; von Denjenigen, denen daran liegt, den Glauben, das Gewissen, das Vertrauen der Unwissenden aber auch noch Unverdorbenen zu untergraben; allen Leidenschaften, zumal der Eitelkeit zu schmeicheln; die leicht zu Verführenden mit jenem Dünkel zu erfüllen, in welchem sie sich über Alles erheben, über Alles hinwegsetzen, Alles mit Argwohn betrachten; das Volk berufen zu erklären für Dinge, zu denen es nie berufen war, noch ist, noch sein wird und nie berufen sein kann, wie die Weltgeschichte es allen Denen beweiset, welche Augen haben zu sehen, und auch sehen wollen; — sie sind eingegeben vom Haschen nach Dolksgunst, von der Sucht, den Leidenschaften des Pöbels zu sröhnen, von der gewissenlosesten Buch-- händlerspeculation, und wenn im hundertsten Falle Einer einmal in argloser Einfalt, in aufrichtig guter Meinung sie gebrauchte, so geschieht es entweder im Aberwitze oder er ist ein Verblendeter, ein Verführter. Selbst aus diesen etlichen Zeilen geht deutlich hervor, wie wichtig für die Volksbildung der gesellige Verkehr, überhaupt hinsichtlich der zu Bürgern heranreifenden Handwerksgesellen ist, für welche leider die Schenke nur zu oft eine einladende Schule der Verzogenheit und Verderbtheit ist. (A.A.B.) Ein wahrer Hirt. Der allverehrte Patriarch von Venedig pflegt in später Abendstunde die verschiedenen Stadtviertel zu durchstreifen und in vorkommenden Fällen Hilfe und Trost zu spenden. Nach Hause zurückkehrend, traf Se. Eminenz vor der Thüre einer ärmlichen Hütte in Canareggio einen Mann, welcher bitterlich weinte und wehklagte. Auf die Frage des Patriarchen, was ihm fehle, erzählte der Mann unter Schluchzen, daß sein Weib todtkrank darniederliege und er nicht die Mittel habe, ihr die nöthige Pflege, angedeihen zu lassen, da er nicht einmal so viel Geld besitze, Oel zu kaufen und deßhalb die Kranke im Finstern allein mit ihrem Schmerze ohne Hilfe darniederliege. „Führe mich zu der Kranken — sprach der fromme Seelenhirt — ich werde ihr nach meinen Kräften geistige und körperliche Hilfe leisten." Auf die verzagte Antwort des Mannes, daß er und sein Weib der jüdischen Religion angehörten, erwiderte der Patriarch: „Jude oder Christ, wir sind Alle Kinder Eines Gottes, und ich werde Euch als Bruder beistehen. In der That folgte der edle Kirchensürst dem Gatten zum Krankenlager seiner Frau, der er in wahrhaft christlicher Weise Trost zusprach und ihr versicherte, daß er für sie sorgen werde. So geschah es auch; eine Geldspende setzte den betrübten Gatten in die Lage, die Pflege seiner Frau zu besorgen, und der auf Befehl des Patriarchen sogleich erschienene Hausarzt desselben verordnete die nöthigen Arzneien. Kurz, bald erschien der glückliche Gatte mit seiner vollkommen genesenen Frau bei seinem edlen Wohlthäter, um seinen Dank auszusprechen, und wurde mit wahrhaft väterlicher Güte empfangen und über sein künftiges Loos beruhigt, da der Patriarch ihm eine seinen Verhältnissen angemessene Anstellung versprach. Seltene Ehrlichkeit. Als einstens Robert Thomas durch den Broadway in die Stadt ging, verlor er sein Taschenbuch mit 1200 Doll. in Banknoten und anderen wichtigen Papieren. Sobald er seinen Verlust bemerkte, eilte er denselben Weg zurück und begegnete zwischen Franklin Avenue und Washstraße einem zwölfjährigen Knaben, Namens John Moore, dem Sohn einer armen Wittwe, der, das ängstliche Umherschauen des Mannes bemerkend, ihn fragte, ob er etwas verloren habe. Aus die bejahende Antwort sagte der ehrliche Knabe, der von dem Verkauf von Zeitungen sich und seine Mutter erhält, er habe ein Taschenbuch gefunden. Der Fremde nahm den Knaben mit nach einem nahen Laden, beschrieb ihm sein verlorenes Taschenbuch genau, worauf es ihm der Knabe unversehrt einhändigte. In seiner Freude nahm Thomas den ehrlichen Jungen mit nach einem Kleiderladen und kaufte ihm einen vollständigen Anzug. Von da führte er ihn zu einem Uhrmacher, von dem er eine hübsche silberne Taschenuhr entnahm, in deren Deckel er die Worte graviren ließ: „Robert Thomas von Ken- tuckv dem kleinen John Moore", mit dem Motto: „Ehrlichkeit ist die beste Politik", und schenkte sie ihm. Außerdem kaufte er noch eine seidene Börse, that zwanzig Dollars in Gold hinein und hieß den erfreuten Kleinen seinen wohlerworbenen Reichthum seiner Mutter bringen. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.25 fl. — kr. Für die armen Katholiken in Stargard.^ fl. — kr. Für die armen Katholiken in Köslin .4 fl. — kr. Motto: „Gott segne es." Summa: 33 fl. — kr. Motto: Milde Gaben für die Misfion in Perleberg Uebertrag. Gott segne es 8 fl. 18 kr. 4 fl. 12 kr. Summa: 12 fl. 30 kr. Redaction und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druek von 3. M. Ltciiilc.