AilgMzcr Amillagstlatt. 1S. 6. Mai 1860. Das Augsburger Tonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. MisfionSleben in Texas. Der überaus eifrige französische Missionär, Emanuel Domenech, hat in verschiedenen Berichten Interessantes aus seinem Missionsleben in Texas mitgetheilt. Das ist ein Land, wohin vornehmlich Deutsche auswandern, und der wackere Missionär hat sich auch vorzüglich unserer deutschen Landsleute dort angenommen. Es kann daher von doppeltem Interesse für uns katholische Deutsche sein, einige Bilder aus dem Wanderleben des genannten Missionärs kennen zu lernen. Von Frankreich aus begab sich der noch jugendliche Missionär nach Galve- ston in Texas, dem Sitze des Bischofs, dessen Palast aus drei Hütten mit circa sieben bis acht kleinen Zimmern besteht. Da bekommen wir nun gleich einen Begriff von dem Leben eines katholischen Bischofs in Amerika. „Des Abends besuchten einige Katholiken den Bischof, und unter einem von Feigen und Rosenlorbeeren beschatteten Gang versammelt, horchten wir auf die Erzählung von seinen Reisen und die Entwicklung seiner Gedanken über die Bedürfnisse und Zukunft der Mission. Das waren die angenehmsten Stunden. Die Hauptkirche, welche sich jetzt in Galveston erhebt, war damals noch nicht vollendet, und der Gottesdienst wurde in einer kleinen hölzernen Capelle gehalten, welche die Gläubigen kaum faßte. Wenn es regnete, drang das Wasser durch das Dach. An einem Sonntage regnete es während der Predigt des Bischofs Odin sehr stark, das Wasser sickerte durch die Ritzen und fiel in Tröpfchen auf die Gläubigen, so daß sie mitten in der Kirche ihre Schirme ausmachen mußten. Wenn so die Kathedrale des armen Bischofs beschaffen war,, wie muß es erst um die übrigen Kirchen des Landes aussehen! Hier ist nicht Vieles, sondern noch Alles zu thun. Auf der Reise nach seinem Bestimmungsort kam unser Missionär auch nach dem bekannten Braunfels. Sehr naiv ist die Schilderung von einem Stück deutschen Lebens, welches Domenech hier zu beobachten Gelegenheit fand. Braunfels ist eine große deutsche Colonie. Wir langten daselbst am Abend an, und sahen nichts als Gruppen von Betrunkenen, welche schrieen und dis- putirten, durch den Wein und die Reden doppelt erhitzt. Ich getraute mir nicht, die Nacht in solcher Gesellschaft hinzubringen; allein man sagte zu mir: „Achten Sie nicht darauf, es ist heute Wahltag, der Lärm ist größer als der Schaden." In der Wirthsstube befanden sich tüchtige Weintrinker, welche mit der Cigarre im Munde und dem Glas in der Hand Politik machten. Ein Musikant erschien und wurde mit Hurrah begrüßt. Alle schrieen, er solle ihnen was zu tanzen aufspielen. Der Musikant erklärte, sein Instrument ginge nicht, so lange seine Gurgel trocken wäre, es würde aber gehen, so lange seine Gurgel feucht wäre. Neue Hurrah's. Der Tisch bedeckte sich mit Wein- und Branntweinflaschen. Alsbald entströmen der Geige Walzer und Tänze mit kreischenden Tönen und unbarmherzigen Mißlauten. Die Wähler sprangen, arbeiteten sich ab, drehten sich, heulten, daß einmi Tauben das Trommelfell hätte zerspringen mögen. Nach dreistündigem Hexenlärm zersprang zum Glück an der Geige eine Saite; Musik und Tanz hielten inne, und die Leute taumelten auseinander. Der gute Missionär aber suchte die Nachtruhe in einem in der Zechstube selbst befindlichen Bette. Nicht viel besser als in Braunfels erging es ihm mit einem Nachtlager in dem Städtchen Sän Antonio, in dessen Nachbarschaft die einst berühmten Missionen liegen, welche nun, wie so viele in Amerika, das Bild des traurigsten Verfalls zeigen. Zwei bis drei Meilen von Sän Antonio, am Flüßchen gleichen Namens, befinden sich die beiden alten Missionen Sän Josö und La Conception. Die eine steht mitten in einem Chaparal (großem Gebüsch), die andere liegt in einem Wäldchen verborgen, welches sie mit seinen riesigen Bäumen bedeckt. Sän Josö hat noch eine dicke Mauer auszuweisen, welche drei bis vier Morgen einschließt. Hier erhebt sich eine Kirche von mittlerer Größe mit schönen Verhältnissen, reichen Sculpturen und einem zierlichen Thurm. Während des Befreiungskrieges haben die Flinten der Texaner einige Arabesken beschädigt und einige Heilige in ihren Nischen zerbrochen. Die Zeit nagt mehr und mehr an dem Gebäude; aber der Kitt ist so fest, daß, wenn die Hand der Menschen nicht nachhilft, noch manches Jahrhundert verstreichen wird, ehe es zusammenstürzt. Dieser Kitt, berichtet die Sage, ist aus Kuh- und Schafmilch bereitet worden, und darum ist er so stark. Früher brachten die Spanier an diesen entlegenen Ort indianische Gefangene, welche die Franziskaner in der Religion, im Ackerbau und in einigen Handwerken unterrichteten. Die Häuschen dieser barbarischen Zöglinge waren an die Mauer gelehnt. Gegenwärtig haben sich ihre Nachkommen nach Sän Antonio oder auf andere Puncte am Fluß begeben; es sind nur noch ein paar arme indo-mexanische Familien übrig, welche ein wenig Mais bauen, in schrecklichem Schmutze leben und sich des Abends neben ihre verfallenen Hütten legen mit der unvermeidlichen Cigarre in der Hand; die Kirche wird nur noch von Wolken von Fledermäusen besucht; die weiten Löcher in den Ringmauern lassen das Wild, die Indianer und sogar die ungeheueren, langsamen, von Ochsen gezogenen Wagen mit ihren massiven Rädern ein. La Conception liegt auf der anderen Seite von Sän Antonio, die Kirche ist kahl und klein; aber der kühle Schatten und das kühle Wasser müssen es zu einem angenehmen Aufenthalt gemacht haben. Die Priester in Sän Antonio waren Spanier; sie bewohnten ein garstiges Haus von Stein auf dem Marktplatze. Ich wurde in eine Bodenhälfte gesteckt. Das Mobiliar bestand aus einem elenden Gurtenbette ohne Matratze und Strohsack, aus einem hinfälligen Tische, zwei Stühlen, wovon der eine keinen Sitz und der andere nur drei Beine hatte, und aus einem Sarg, mit der Bestimmung, die Armen auf den Kirchhof zu tragen, von wo der Sarg ohne den Leichnam zurückkehrte, um denselben Dienst zu unbestimmter Zeit zu wiederholen. Ein Fensterchen ging auf die Straße von Mexico; in dem Dache war eine Lücke angebracht; das Dach ließ den Regen und namentlich die heißen Sonnenstrahlen durch. An Bewohnern fehlte es in meinem Verstecke durchaus nicht: die Fledermäuse, Ratten, Spinnen, Moskitos, Scorpionen, Jnsecten aller Art lebten mit mir. Der spanische Pfarrer erzählte mir, daß er lange Zeit keinen Todten auf den Kirchhof, welcher nur einen Pistolenschuß weit von der Pfarre entfernt ist, habe begleiten können, ohne sich von Bewaffneten escortiren zu lassen; so unsicher ist die Gegend. Dieser Schilderung eines Pfarrhofes in Texas können wir ein Gegenstück aus dem Berichte eines anderen Reisenden, des Hrn. Olmstedt Law, zur Seite stellen, sowohl um die Wahrheitsliebe unseres Missionärs zu bezeugen, als auch den Lesern anschaulich zu machen, was texanische Pfarrer sind. „Während die Pferde beschlagen wurden, ritt ich", so erzählt Herr Olm- stedt, „nach der alten mexanischen Stadt La Bahia oder Alt Goliad hinüber, um die Kirche und die Mission zu besehen. Sie scheint in dieser Gegend die bedeutendste gewesen zu sein." Ich ritt durch Dorf und Fort und hielt vor den Thüren der zertrümmerten Kirche still. Ueber eine Mauer guckte das Gesicht eines Mannes, welchem ich einen guten Abend bot; ich fügte die Frage hinzu, ob ich mir das Innere des Gebäudes betrachten könne. „Gewiß, gewiß; warum denn nicht?" war die Antwort. In einem Glockenstuhle hingen zwei alte spanische Glocken; dort band ich mein Pferd an. Jener Mann konnte mich für einen Banditen oder einen texanischen Ranger halten, wenigstens sah ich einem solchen ähnlich. Wir waren in dieser Gegend vor Pferdedieben gewarnt worden; in meinem Gürtel steckten einige Revolver und ein Bowiemesser; als der Nordwind kam, hatte ich einen Kittel von blauem Flanell übergeworfen und meine Kappe bis dicht an die Nase gezogen; am Sattel hing meine Flinte. Der Mann, mit welchem ich in solcher Weise zusammentraf, mochte etwa-40 Jahre alt sein; er war mager, von dunkeler Gesichtsfarbe und schien intelligent zu sein. Ich lüftete meine Kappe zum Gruß, sagte, ich sei gekommen, um die Ruinen zu sehen, wollte aber nicht etwa einer Familie Störung verursachen. Er entgegnete, daß er allein wohne und keine Familie habe, fragte, woher ich komme, und meinte New-Dork sei recht weit entfernt. Dann fuhr er fort: „Es freut mich, Sie hier zu sehen; kommen Sie doch herein und betrachten Sie sich die Ruine. Die Kirche war früher sehr hübsch, aber die Amerikaner haben Alles zerstört, dort jene Gallerie verbrannt, die Schnitzereien vernichtet. Alles ist zu Trümmern geworden. Es ist bitter, daß meine Landsleute hier so arm sind; Sie können sich kaum ein Begriff davon machen; Alle zusammen haben gewiß nicht dreißig Dollars im Vermögen. Ich bin vor acht Tagen hier angekommen, während der letzten Tage war ich unterwegs und habe Kranke besucht. Sehen Sie, hier habe ich einen Anfang gemacht, um die Ruinen etwas Zu beseitigen." Er hatte an dem einen Ende der Kirche die Wände geweißt, den Boden gereinigt, einen Theil der Mauer mit Kattun beschlagen, ein beschädigtes Heiligenbild wieder aufgestellt, vor welchem einige Glasleuchter mit Kerzen standen. Aber der Regen war schon hineingeschlagen, die Weiße Wand von Schlamm wieder verunreinigt und der Kattun hing schlaff herab; der Nordwind hatte ihn am heutigen Morgen zerrissen und der Geistliche, denn das war der Mann, hatte noch nicht Zeit gefunden, ihn auszubessern. Von der Geschichte dieser Kirche wußte er nichts zu erzählen, außer daß die Amerikaner Kirche und Fort eingenommen und große Zerstörungen angerichtet hatten. Er führte mich in seine Wohnnng, die er in einer vormaligen Capelle aufgeschlagen hatte. „Hier ist mein kleines Zimmer, ich konnte kein anderes bekommen. Die Mexicaner leben wie die Hühner, alle ohne Unterschied des Geschlechtes schlafen in einem und demselben Zimmer. Die Leute sind recht gutmüthig, aber arm; wenn sie mit ihrer Aussaat fertig sind, wollen sie mir hilfreich an die Hand gehen, die Kirche wieder säubern und ausbessern und ein Haus bauen. Dann bekomme ich auch wohl irgend eine alte Person, die mir etwas kocht. Es thut mir leid, daß ich Ihnen nichts zur Erfrischung anbieten kann; wenn mich hungert, muß ich im ersten besten Hause vorsprechen und essen, was ich eben vorfinde; aber ich kann Ihnen eine sehr gute Cigarre geben." Der Mann wohnte in einem feuchten Gewölbe bei offenen Kisten und Kasten, und einigen hundert gut eingebundenen Büchern, welche schon zu schimmeln anfingen, einer Pritsche, auf welcher Kleider lagen, und einem Stuhle; den letzteren bot er mir an, und wir 148 unterhielten uns eine Weile. Er sagte mir, der Bischof habe ihn hieher gesandt, um zu sehen, ob sich etwas für diese Leute thun lasse, aber die Aussichten seien sehr schlecht, hier sei Alles Verfall. Und doch sei die Gegend gesund, schön und fruchtbar, wenn ich mich ansiedeln wolle, so könne ich keinen geeigneteren Punct finden. Ich dankte dem würdigen Pfarrer für seine Freundlichkeit und ritt (Fortsetzung folgt.) 14 '''NA Welch ein Ende die Verfolger der Päpste genommen. (Armanis.) (Schluß.) Schlaget auf das Buch der Geschichte, schreibt Cretineau-Joly in der zweiten Ausgabe seines Werkes: „Die römische Kirche Angesichts der Revolution", durchgehet die Regierung eines Feindes der Kirche, eines Usurpators ihres Pa- trimoniums, und sei er auch deutscher Kaiser wie Heinrich t V. oder Friedrich II-, unausweichlich bietet sich euch eines jener Trauerspiele dar, welche die Einbildungskraft erschrecken. Der Fürst ist mit dem Anathem belegt und ein Verächter Gottes, in einer Reihe von Missethaten führt er zu gleicher Zeit einen vater- mörderischen Krieg wider seine empörten Söhne und wider den heil. Stuhl. Allenthalben trifft man auf schreckliche Todfälle, Verschwörungen ohne Ende, gottlose Kämpfe, wüthenden Haß und Rachsucht, welche in Mitte des Christenthums an das Schicksal der unglücklichen Atriden zu denken zwingen. Von einer Verwegenheit zur andern fortschreitend, sieht dieser große Stamm der Hohen- staufen das Haupt Konradins, seines letzten Sprößlings, auf dem Blutgerüste rollen, und das „äolietü majorum iminkritu>; lues" findet in seinem vergossenen Blute eine schauerliche Anwendung. Otto I-, genannt der Große, vertrieb Johann XII. aus Rom, der ihm doch kurz zuvor das kaiserliche Diadem aufgesetzt hatte, und Otto starb bald darauf am Schlagflusse. Otto IV. von Sachsen wurde 1209 vom Papste excommunicirt, weil er sich wider die heiligsten Vorschriften der Gerechtigkeit und auch wider seine feierlichsten Versprechungen der Ländereien des heil. Stuhles bemächtiget hatte. Und Gott der Allmächtige bestätigte den Bannfluch, Otto bekam Frankreich und ganz Deutschland gegen sich, und verlor zuletzt den eigenen Thron, während er darnach strebte, den eines Andern zu besteigen. — Friedrich der Rothbart beanspruchte die Oberherrlichkeit über Rom und ganz Italien, und wurde vom Papste Alexander lll. in den Bann gethan. Von dieser Zeit an nahmen die Angelegenheiten Friedrichs eine so üble Wendung, und er wurde, wie ein Schriftsteller sagt, vom höchsten Richter dermaßen gezüchtiget, daß er endlich gezwungen war, sich zu demüthigen, und durch Gesandte von dem Papste die Lossprechung zu erbitten. (Baronius, d. I. 1176. Fleury, Kirchengerichte, 73. Buch.) Kaiser Heinrich V., Verfolger des Papstes Pascal II., mußte Alles leiden, was ein Mann und ein Fürst leiden kann. Sein ungerathener Sohn starb nach einer sehr unruhigen Regierung an der Pest. Friedrich II., der die Päpste verhöhnte und deren Städte in Besitz nahm, endete nach seiner Absetzung vom Kaiserthum durch Gift, das ihm sein eigener Sohn reichte. Philipp der Schöne, der Verfolger des Papstes Bonifaz VIII., starb an einem Sturze vom Pferde im Alter von 47 Jahren. Wenn die Vorsehung, fährt Cretineau-Jolh fort, den Schuldigen nur mittelbar bestraft, wie Lndwig den Bayer oder Philipp IV. von Frankreich, so straft sie mit solchen Töchtern, welche unter dem Namen Jsabella als Königinnen zu Paris oder in London den Staat zu Grunde richten und den Thron schänden. Dieser Fluch, der in allen Jahrhunderten sich findet, schont weder die Siegreichen, .noch selbst die Reuigen. Sie haben sich an dem Gesalbten des Herrn vergriffen! Die Geschichte des Hauses Savoyen erzählt glücklicher Weise nicht viele Beispiele von Attentaten gegen den heil. Stuhl. Diejenigen aber, welche vielfältig Victor Amadeus tl. und dessen Widersetzlichkeiten gegen den Papst anführen, mögen nickt vergessen, wie unglücklich er geendet, und wie bald darauf sein ganzer Stamm erloschen! — Ludwig XIV. versündigte sich eben nicht durch allzu demüthige Unterwürfigkeit gegen den heil. Stuhl, und als seine Tage aus die Neige gingen, schrieb er Vorsichtshalber um seines Scelenheiles willen den famosen Brief an Clemens XI., der seinen Widerruf enthielt. Napoleon I. konnte wohl das Original, aber nicht die Copien davon verbrennen. Indessen, was Ludwig XIV. verschuldet, wie mußte Ludwig XVI. es büßen! —> Napoleon I., der Pius VII. fünf Jahre hindurch gefangen hielt, sah sich gezwungen, im nämlichen Palaste zu Fontainebleau der Krone zu entsagen, in welchem er dem Statthalter Christi seine Gesetze dictirte, und nach fünfjähriger Verbannung starb er verlassen auf St. Helena. Joachim Murat, welcher in das Patrimonium des heil Petrus einfiel, und sich zum Herrn von ganz Italien machen wollte, wurde nach drei Monaten zu Pizzo erschossen. Napoleon II., von seinem Vater König von Rom genannt, führte keineswegs ein glückliches Leben, und starb im blühendsten Alter in jenem Palast zu Wien, in welchem sein Vater das unselige Decret, das den Papst der zeitlichen Herrschaft beraubte, unterzeichnete. So erging es den Verfolgern in früheren Zeiten, und so wird es Denjenigen ergehen, die ihre gottesräuberischcn Hände gegen den heil. Vater erheben, sein Herz betrüben, und seine Rechte mit Fußen treten. Eine exemplarische Mutter. Vor nicht langer Zeit ließ sich in Valenee in Frankreich eine arme deutsche Arbeiterfamilie nieder. Sie stammte aus der oberen Moselgegcnd, von wo sie schon seit 5 Jahren aus Mangel von Arbeit und Verdienst ausgewandert war, um in den benachbarten französischen Provinzen beides zu suchen. Als sie zu den Thoren von Valence einzog, litt der Mann, Nikolaus Hübschgen, bereits an einer auszehrenden Krankheit, die ihn für jede Arbeit untauglich machte. In einer elenden Wohnung am äußersten Ende einer jener schaurigen Gassen, die in keiner größern Stadt fehlen, fand diese Familie, die außer dem kranken Manne noch aus fünf Köpfen, darunter vier Kinder, wovon das jüngste kaum zwei Jahre zählte, bestand, ein höchst armseliges, dürftiges Unterkommen. Die einzige Stütze dieses wandernden Elendes war ein dem Anschein nach junger blasser Mensch von zwciundzwanzig Jahren, den man Michael nannte, der den Vater verpflegte und für die Kinder sorgte. Die Kinder nannte er seine Geschwister, wie er denn auch den kranken Mann als seinen Vater behandelte. Während der letztere nun zu Hause verweilte und auf die Kinder Acht hatte, ging Michael zu den Bauhandwerkern in Tagelohn, machte den Handlanger bei den Maurern, oder arbeitete an der Eisenbahn mit Hacke und Schaufel, wie er es schon seit 5 Jahren gewohnt war. Der Michael hatte dabei sein eigenes Wesen. Früh Morgens, noch bevor das Tagwerk begann, eilte er zur Kirche, um beim heiligen Meßopfer sich Trost und Stärkung zu harter Arbeit zu holen; bei der Arbeit selbst war er still und eingezogen, hielt sich von allen Kameraden ferne, verzehrte unnöthig keinen Pfennig, ließ sich nicht einmal auf ein Geplauder ein, sondern schaffte so fleißig und ordentlich, daß man ihm endlich noch täglich zwei Silbergroschen zu seinem bedungenen Lohne zusetzte. Vielleicht wußte 150 man auch, mit welch' treuer Liebe Michael für die zahlreiche, blutarme Familie daheim sorgte. War nämlich das Tagewerk gethan, dann eilte Michael heim, richtete und schaffte in dem kleinen Haushalte, pflegte den immer kränker werdenden Vater und besorgte die Kinder mit einer so rührenden Sorgfalt, daß dieses selbst den übrigen Bewohnern des Hauses auffiel. Besonders trug er gerne das Jüngste herum, das in arbeitslosen Stunden fast nicht von seinen Armen kam. Nun brach die Winterszeit herein. Es war ein besonders strenger Winter, so daß arme Leute sich kaum der Kälte zu erwehren wußten. Damit war die Arbeit bei den Eisenbahnen und Bauwerken in's Stocken gerathen; und war es bisher unserem Michael schon schwer geworden, der zahlreichen Familie von dem noch immerhin kargen Tagelohn das Allernothwcndigste zu beschaffen, so fing die rechte Noth nun erst an, da alle Lebensmittel im Preise stiegen, die Feuerung da sein mußte und sich kaum hie und da eine Gelegenheit fand, einen Franken zu verdienen. Bald fehlte es in dem Haushalte Michaels an Allem, was des Lebens dringendste Noth erheischt. Dazu legte sich nun der Hausvater aufs Krankenlager, das ihm zum Sterbebette werden sollte, und Gott allein weiß, was die arme, deutsche Familie ausgestanden hat in jenen Tagen der Bedrängniß an einem Orte, wo kein Mensch an sie.dachte. Da war es allerdings nicht anders möglich, als daß Michael sich nach fremder Hilfe umsehen mußte, und so besuchten dann die Mitglieder des Vereines vom heiligen Dincenz von Paula die arme Familie und brachten dieß und das zur Linderung des ärgsten Elendes, während noch hinreichend übrig blieb, um den frommen Glauben an Gottes allwaltende Vaterliebe auf harte Proben zu stellen. Doch wie jammervoll es auch in der elenden Kammer aussah, Vater Nikolaus hielt treu aus seinen Gott und dem Michael sank der Muth nicht, wie tief auch Kummer uud Elend anf seinem blaffen Gesichte sich eingruben. — Um Weihnachten gings mit Vater Nikolaus zum Sterben. Michael war und blieb der treue Pfleger, der mit der rührendsten Sorgfalt, wie es sonst kein Mensch ihm nachzumachen verstanden, den sterbenden Vater Pflegte und sich den letzten Bissen vom Munde abbrach, um den Hunger der Kinder zu stillen. Endlich erlöste der liebe Gott am 31. December den kranken Vater von seinen Leiden. Mit den heiligen Sacramenten gestärkt, ist er als ein blutarmer Mann, aber als ein guter Christ gestorben. Michael und die Kinder weinten bei seiner Leiche. Noch an demselben Tage wurde Michael mit den nunmehrigen Waisen — die Frau des Verstorbenen sollte vor zwei Jahren gestorben sein, — auf das Bürgermeisteramt beschieden, um den Todesfall des Vaters anzugeben und die Kinder in die Waisenlisten eintragen zu lassen. Hier sollte er von seiner vorgeblich verstorbenen Mutter Vor- und Zunamen angeben, wann und wo sie gestorben, wie auch den betreffenden Todtenschein beibringen. — Michael gerieth in bange Verwirrung und wollte mit der Antwort nicht heraus. „Darüber", sagte er endlich, „kann ich keine Erklärung abgeben." Das aber galt vor dem Amte nicht und man drängte ihn, die nöthige Auskunft zu ertheilen. Endlich sagte er stotternd: „Ich kann und darf keine Lüge sagen. Ich selbst bin die Frau des Verstorbenen, Susanne Arzt, und die Mutter dieser Kinder. Die armen Kinder, die nun erst merkten, um was es sich handle, schrieen nun auch dazwischen: „Ja, ja, es ist unsere gute Mutter! indem sie sich um dieselbe drängten. Das arme Weib zog sie innig an sich, während ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Die Beamten standen erstaunt und ergriffssn bei dem seltsamen Auftritt und trauten kaum ihren Augen und Ohren. Aber es war wirklich so, wie die männlich gekleidete Fran gesagt. Bereits vor 5 Jahren hatte sie, da damals schon der Mann zu kränkeln begann, ihre Haare abgeschniten, männliche Kleider an- 151 gezogen und war statt des Mannes an die harte Arbeit gegangen. Durch ihr Herumwandern war ihr diese List möglich geworden, ohne auch nur Verdacht gegen sich zu erregen. So hatte die heldeumüthige Mutter Jahr aus Jahr ein das Brod für die Familie herbeigeschafft, bis in Valence die ärgste Noth über sie hereinbrach und des Mannes Tod sie zur Entdeckung zwang. Auf ihrem Betragen ruhte kein Mackel. Auch in der rauhen Umgebung und unter dem Arbeiter-Kittel hatte sie des Weibes christliche Würde bewahrt. Die Kunde von dieser Entdeckung verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt und gar viele Leute, die das Große um so mehr bewundern, als sie weniger im Stande sind, es nachzumachen, eilten nach der Wohnung des verstorbenen Hübschgens, um die herrliche Mutter zu sehen, die mit solch heldenmütiger Hingebung für ihre Familie gearbeitet, gekämpft und gelitten. Man fand eine erschreckliche Armuth. Da war kein Tisch, kein Stuhl — die armen Kinder saßen auf kleinen Holzstückcn, — kein Bett und Geräthe. — Die Leiche lag noch da auf dem letzten Rest von Stroh und alten Kleidungsstücken, worauf der arme Mann seinen Geist aufgegeben. Aber bei dem Kommen und Zusehen blieb es natürlich nicht. Man brachte Speise und Trank, Mobilien und Kleider, Bett und Geräthe und was sonst zu des Lebens Nothdurft gehört. Man rechnete es sich zur Ehre an, hier Hilfleistung zu bringen. Selbst der todte Mann gelangte noch zu einem recht anständigen Begräbnisse. Als man der armen Frau neue Frauenkleider brachte, äußerte sie nur die eine Furcht, in den langen Gewändern ihrer gewohnten Arbeit nicht nachgehen zu können. Und wie sollte sie sonst ihre Kleinen ernähren? Mit diesem letzten hatte es indeß keine Noth mehr, die Gaben flössen so reichlich, daß die gute Wittwe sich bereits in einigem Wohlstände befindet und zu Hacke und Schaufel ihre Zuflucht nicht mehr zu nehmen braucht. Sie selbst kann nur nicht begreifen, was die Leute Großes darin finden, daß eine Mutter sich für Mann und Kinder aufopfert. Das, meint die fromme Frau, verstehe sich ja von selbst. Deßhalb hat sie auch bisher in ihrem Leben nichts geändert, bleibt eingezogen, fromm und bescheiden und verdient dadurch die gerechte Bewunderung aller braven Leute noch mehr, als durch die frühere harte Arbeit. Der Präfect des Drome-Departements, in welchem Valence liegt, hat die edle und die hochherzige Handlungsweise der Wittwe Hübschgen nach Paris an den Kaiser berichtet. Die Kaiserin hat durch ihren Secretär der braven Frau ein einiges Schreiben zugeschickt, das folgendermaßen lautet: „Madame! Die Kaiserin hat die Schilderung der frommen List, zu der Sie Ihre Zuflucht genommen, um Ihren kranken Mann und Ihre Kinder zu ernähren, mit besonderer Theilnahme gelesen. Durch diese Schilderung tief gerührt, kam der Kaiserin sogleich der Gedanke, sich Ihnen hilfreich anzubieten und die Versorgung zweier Ihrer Kinder zu übernehmen und sie hat mir besohlen, mich zu dem Zwecke mit dem Herrn Präfecten des Drome-Departements zu verständigen. Die Kaiserin weiß wohl, daß es Tugenden gibt, für welche die Großen dieser Erde keine Belohnung haben; allein Sie möchte Ihnen doch auch ein Zeugniß davon geben, welche Gefühle Ihr Thun in Ihrem Herzen rege gemacht; sie will Sie überzeugen davon, Madame, daß die sich aufopfernde Gattin und entschlossene Familienmutter ihren höchst persönlichen Beifall erworben hat. Ich bitte Sie, Madame, empfangen Sie die Versicherung meiner ehrfurchtsvollsten Huldigung. — Palast der Tuilerien, den 18. Jänner 1854. Der Secretär der geheimen Angelegenheiten." So schlägt oft unter der ärmsten Hülle das größte Herz! So lohnt Gott oft in diesem Leben wahre Tugend — doch nicht immer hier, jenseits aber gewiß noch reichlicher! Warme Herzen unter einem groben Rock. In einer Stadt eilte ein armer Handwerksgeselle schnell znm Thore hinaus, weil man schon die Sperre läutete. Unter WegS begegnete ihm ein Greis, welcher ebenfalls, um einen Kreuzer zu ersparen, eiligst aus der Stadt gehen wollte. Allein er war zu schwach, er konnte nicht fortkommen, obwohl er um eines Kreuzers wegen seine letzte Kraft anstrengte. „Guter Alter!" sagte der junge Handwerksbursche, welcher die Anstrengung des alten Mannes sah, „ich will euch gerne helfen; gebt mir euer« Arm. Der Jüngling führte den Greis; allein sie hatten doch zu lange gezögert. DaS Thor war schon gesperrt. Der Greis fing bitterlich zu weinen an. „Guter Bursche", sagte er, „ich habe mir heute den ganzen Tag nicht mehr als zwei Kreuzer erbettelt, und nun ist die Hälfte dahin." „Sorge doch nicht, alter Vater, erwiderte der HandwerkSburscke; ich habe sechs Kreuzer, bin noch jung und werde bald Arbeit bekommen; da hast du all' mein Geld. Laß dir eine Maß Bier holen und thue dir etwas GuteS; ich kann wohl ein paar Tage hinbringen. Hierauf zahlte er den Sperrkreuzer und sie gingen znm Thore hinaus. AIS sie vor das Thor kamen, zankten sie sich immer. Der Alte wollte daS Geld nicht nehmen, sich nicht satt essen und jenen hungern lassen. Zu diesem edlen Streit kam ein Grenadier, der auf der Wache war uud ihnen schon eine Weile zugehört hatte. „Ha, Brüder!" rief er, „was seid ihr ehrliche KerlS!" und eine Thräne fiel ihm auf seinen Schnurbart. „Ich will den Ausschlag geben. Hier hab' ich mir einen Zwanziger erspart nnd wollte am Sonntag mit meinem Mädchen zum Biere gehen; aber hol der T_ das Bier nnd den Tanz, wenn ihr Noth leiden solltet. Da habt ihr den Zwanziger; nur macht mir nicht viel Flausen." Der Greis uud der HandwerkSbnrsche standen wie versteinert über diesen SchiedSmanu und ein Dank vom Herzensgründe war alles, was sie ihm antworten konnten; der Grenadier aber eilte nach der Wachtstube und trillerte sich eiu Lied vor mit vergnügter Seele. _ Eine kaiserliche That. Ein Jnde, der als Soldat im österreichischen Heere diente, sich bei Montebello ausgezeichnet und die große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, wurde bei Magenta gefangen; doch gelang es ihm, auf die abenteuerlichste Weise zu entkommen und er traf gerade recht bei -seinem Corps ein, um die Schlacht von Solferino mitzumachen, wobei er sich abermals dermaßen auszeichnete, daß er die goldene Tapferkeitsmedaille erhielt. In dieser Schlacht wurde er jedoch schwer verwundet und ver- ließ in der Folge den Militärdienst. Dieser Mann fand sich vorige Woche iu der Audienz bei Sr. Majestät ein und stellte in derselben die Bitte, Se. Majestät möge geruhen, ihm eine Anstellung zu verleihen. Er trug bei der Audienz einen ziemlich fadenscheinigen Rock, an welchem die beiden Medaillen, jedoch ohne Bänder geheftet waren. Nachdem der Bittsteller sein Gefach vorgetragen hatte, fragte der Kaiser: „Warum tragen Sie die Medaillen ohne Band?" Der Mann erwiderte, eS fehle ihm daS Geld, nm Bänder zu kaufen. „Geben Sie die Medaillen her!" sagte der Kaiser in dem kurzen Ton des Kommandos. Der Mann erblaßte nnd legte schweigend die Medaillen in die Hände des Monarchen, worauf der Kaiser, sagte: „Morgen verfügen sie sich zu meinem Generaladjntauten, wo sie daS Nähere erfahren werden." — TagS darauf begab sich der Mann in die Burg; der Generaladjutaut empfing ihn sehr freundlich, ging iu ein Nebenzimmer und brachte aus demselben einen OfficierSwaffenrock, auf welchen die beiden Medaillen nnd der Orden der eisernen Krone geheftet waren, und übergab ihm denselben mit den Worten: „Se. Majestät ernennt Sie hiemit znm Lieutenant und sendet Ihnen hier die Medaillen mit Bändern versehen, nebst 400 st. zu ihrer Eqnipirnng." Ncdacüvn und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Älcinlc.