AiigMgcr AmtkgsM. S«. 13. Mai 1860. DaS AugSburger Sonntagsblatt (SonntagS-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zwei Bruder. 6. In einer großen Stadt Deutschlands lebten zwei Bruder, welche ein sehr geringes väterliches Erbtheil erhalten. Der Eine hatte sich der Schriftstellern gewidmet und erwarb durch die Abfassung von Romanen, Schauspielen und ähnlichen Schriften nicht nur den Beifall des gebilvet sein wollenden Pub- lieums, sondern auch ein reichliches Einkommen für sich und die Seinen. Er verband mit ausgezeichneten Anlagen zu seinem Berufe nicht nur hervorragende Kenntnisse und gründliches Wissen, sondern auch in seinem Privatumgange feine Sitten und ein wahrhaft liebenswürdiges Benehmen, so daß er in gleichem Ansehen bei der gelehrten Welt, wie in den vornehmsten Zirkeln stand. Bei all' diesen glänzenden Eigenschaften beseelte ihn das aufrichtigste Streben nach dem, was er für's Beste seiner Familie hielt. Seine Gattin nahm an seinen Vergnügungen, seinem Ruhme Theil. Antonien, seiner einzigen Tochter, einem hoffnungsvollen Mädchen von siebzehn Jahren, sollte ein nach des Vaters Meinung glänzendes Loos beschieden werden. Darum durchwachte Aerr Ellen — so wollen wir den Schriftsteller nennen — nicht selten halbe Nächte bei anstrengenden Kopfarbeiten, um seinem lieben Kinde Nichts versagen zu müssen, was, wie er glaubte, die Bildung des Geistes, den Genuß des Lebens erhöhte. Antonie war belesen in den gefeiertsten Schriftstellern des In- unv des Auslandes, ja zur Freude ihrer Eltern berechtigten ihre eigenen Versuche im Gebiete der Poesie zu den schönsten Hoffnungen. Durch den seelenvollen Vertrag, welcher ihrem Gesänge, ihrem Klavierspiele innewohnte, riß sie ihre Zuhörer zur Bewunderung hin, und ward auf diese Weise nicht selten die Königin eines geselligen Festes. Auch in der Malerei, in kunstvollen weiblichen Arbeiten war sie nicht ungeübt, und eine große Fertigkeit in der französischen, wie englischen Sprache war der Schlußstein ihrer modernen Bildung. Alle diese Künste und Wissenschaften trieb Antonie mit großem Eifer und ausdauerndem Fleiße; allein die größte Vorliebe hegte sie doch für die Literatur nach ihrem Geschmacke: Romane, Schauspiele und verwandte Dichtungen, welche ihren Sinnen schmeichelten und ihre Einbildungskraft aufregten. Alle Zeit, welche sie ihren andern Beschäftigungen, ihren geselligen Vergnügungen entziehen konnte, wurde dem Lesen solcher Bücher geweiht, und da das Mädchen, wie dies bei Menschen von seltenen Naturanlagen häufig der Fall ist, äußerst reizbare Nerven besaß, so mußte die Befriedigung dieser ihrer Lieblingsneigung schon ihrer körperlichen Entwicklung schädlich sein. Ihre thörichten Eltern hätten dies wohl einsehen sollen; allein Antonie war ja im Wachsen, und so mußten sich alle krankhaften Erscheinungen an ihr mit dem Eintritte der reifern Jahre verlieren. Unersetzbar jedoch war der Verlust an geistiger Bildung, welche Antonie aus solchen Büchern schöpfte, unverzeihlich war es, einer Tochter, die ihren Eltern große Freude bereitete, ein so schuldloses Vergnügen zu nehmen. Von einem sittlichen Verderben konnte ohnedies keine Rede sein, denn Antonie wax nach der Meinung ihrer verblendeten 156 mehr ausschließlich Röberts und Justinens Kind, auch ir^ Oheim und Tante verehrte sie von jetzt Vater und Mutter an Antoniens Stelle. In ihrer glücklichen Verbindung mit Richard schenkte ihr Gott zwei hoffnungsvolle Kinder, die Franz wie seine Enkel liebte, aber nicht, wie einst seine Tochter verzärtelte. Möchte die in diesen Zeilen liegende Wahrheit jeder Vater, jede Mutter beherzigen! Die romanlesende Jugend fehlt oft nur aus Unverstand; jene Ael- tern aber, welche derlei Vergnügungen gestatten, sündigen stets mit vollem Verstände. Missionsleben in Texas. (Fortsetzung.) Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserem Missionär zurück. Von Sän Antonio gelangte er bald nach dem nicht sehr entlegenen Orte seiner Bestimmung, Castroville. Aber was für ein seltsamer Empfang harret seiner! „Bei meiner Ankunft zu Castroville", erzählt er, „begab ich mich gleich nach dem Hause des Missionärs, um mich darin einzurichten. Wie groß war mein Erstaunen, als ich es bewohnt fand. Eine Familie hatte es in Besitz genommen und lebte darin, als wenn es ihr eigen wäre. Ein leer stehendes Haus ist leicht zu nehmen. Indessen wurde ich sehr anständig aufgenommen, das muß ich bekennen: es wurde mir ein Bett zurecht gemacht, man machte den Wirth in einem Hause, welches man sich angeeignet hatte. Bei diesen unerwarteten Freunden schlief ich so gut, daß ich mich später erhob als die Sonne, ich kleidete mich in aller Eile an, und las schnell die heilige Messe in der erbärmlichen Hütte, welche den Namen einer Kirche führte. Niemand wohnte ihr bei; meine Ankunft war nicht bekannt geworden. Nach dieser einsamen Handlung untersuchte ich das Haus. Der AbbS Dubuis hatte es in Gemeinschaft mit dem verstorbenen Pater Chapelle, seinem Gefährten, erbaut. Es war aus Holz, Stein und Backstein; die Winkel hatten sich stellenweise auseinander gegeben, und eröffneten den Eidechsen und Schlangen in Begleitung von Ratten, Ameisen und Skorpionen einen vielbenutzten Durchgang. Dieses Besitzthum bestand aus zwei, durch einen Gang und einen Speicher getrennten Zimmern; davor lag ein Gemüsegarten und ein Hühnerhof, zur Seite zwei Hütten, von denen die eine nach Belieben ein Pserdeställ, ein Vorrathshaus und ein Hühnerhaus, manchmal auch alles zusammen war, während die andere, aus Baumästen errichtet und mit einem Strohdache versehen, die Kirche und die Schule enthielt. Diese Kirche bestand, wie schon gesagt, aus einer Hütte von Holz und Erde; kaum ein paar Familien hatten darin Platz, und die meisten Gläubigen mußten dem Gottesdienst vor der Kirche beiwohnen. Wir liehen von einem Ansiedler ein Glöckchen; es war ein Schweizer, welcher dasselbe nach dem Gebrauche seines Landes einer Kuh an den Hals gehängt hatte. Auf dem Dache der Kirche wurden vier Bretter zusammengelegt, welche den Thurm vorstellten. So klein auch die Glocke war, so wurde boch ihr Geläute, weil die Luft sehr rein ist, von der ganzen Stadt und sogar auf der Ebene und auf den Bergen, zumal des Abends und des Morgens, gehört. Uebrigens trug der Eifer des Abbe Dubuis seine Früchte. Die Bewohner fingen an, den Sonntag heilig zu halten, und gaben die Gewohnheit auf, an diesem Tag zu arbeiten, um sich am folgenden beim Saufen und Schwelgen auszuruhen. Einige Warnungen der Vorsehung hatten den Predigten des guten Missionärs Nachdruck gegeben; mehrere Colonisten, welche am Sonntage arbeiteten, hatten Unglücksfälle erlitten und die Bevölkerung begriff, daß es an diesem Tag sicherer wäre, wenn man in die Kirche ginge. Das Osterfest 18-19 war für uns wahrhaft tröstlich; fast alle 157 Katholiken in Castroville gingen zur heiligen Communion. Vor und nach dem Gottesdienst kamen Viele zu uns und fragten uns um Rath in Betreff der Verwaltung und Verbesserung ihrer Farmen; dem Abbe Dubuis legten sie ihre Streitigkeiten vor. Sie erblickten in dem Missionär nicht bloß einen Mann, welcher unterweist, ermuntert und tröstet, sondern auch einen praktischen Mann, welcher tausend Mittel kennt, um die materielle Noth zu überwinden, den Boden fruchtbar zu machen, kurz einen Familienvater, welcher für das geistige und leibliche Glück seiner Kinder sorgt, welcher sich um ihretwillen vergißt, um ihretwillen sich so vielen Anstrengungen und Entbehrungen unterzieht. Auch war uns unsere Arbeit lieb und unsere Heerde theuer; wir genossen froh, was wir Gutes thaten. Die Frömmigkeit unserer Ansiedler, die Armuth unserer kleinen Kirche, die Einfachheit unserer gottesdieustlichen Handlungen machten mir oft das Herz weich und entlockten mir Thränen, während ich unsere einzige Monstranz in den Händen hielt. In den schönen Kirchen Europas ist der Gottesdienst voll Glanz: Gold, Crpstalle, Lichter blenden die Augen, Alles richtet sich an die Phantasie; hier dagegen spricht Alles zum Herzen und zieht es gerührt und liebeerfüllt hin zu den Füßen Gottes. Jeden Sonntag um 10 Uhr wurde eine heilige Messe mit Musik gehalten, denn wir hatten einen Singchor errichtet, welcher gar nicht zu verachten war. Um drei Uhr versammelte sich die Gemeinde, um einen Rosenkranz zu beten; dann sangen wir die Vesper. Am Tage vor Ostern wünschte ich unsere Capelle geschmückt zu sehen und ihr ein festliches Ansehen zu geben; ich borgte alle Shawls, Stoffe und Leuchter in Castroville, und sogar zwei kleine Thüren, um Seitenaltäre zu errichten. Die Mousseline und Shawls verwendete ich zu Behängen. Ich machte aus gedrehtem Holz, welches ich vergoldete, und aus Moos Gefäße; hier that ich Blumen von jeder Größe und Farbe, welche in den Wäldern und auf der Ebene gepflückt waren, hinein. Unsere Colonisten waren ganz in Verwunderung über die große Pracht. Am folgenden Tage wohnten sämmtliche Katholiken aus der Stadt und von den Farmen dem Gottesdienst in tiefer Andacht bei, auf der Erde und im hohen Grase lange Stunden knieend, mit entblößtem Haupt und ohne an die drückende Sonnenhitze zu denken, welche ihnen die Stirne verbrannte. Du armes, vereinsamtes Volk, wie groß, aufrichtig und rührend war deine Andacht! der Allmächtige muß an jenem Tage gütig auf das Stückchen Erde, wo du betetest, herabgeschaut haben. (Schluß folgt.) Der Revivalismns in Gngland. Es ist ein eigenes Ding um den Volksgeist. Weder Kirche, noch Schule, noch Polizei haben vermocht, ihn seiner Geneigtheit zu phantastischen Kundgebun- gebungen zu entwöhnen und die oft excentrischen Ausbrüche desselben zu verhüten. Zwar sehen wir vornehm von der Höhe unseres realistischen Standpunctes auf das Mittelalter herab, in welchem dergleichen allerdings häufig genug in die Erscheinung traten, man denke nur an die Geißlerfahrten, an den Hexenglauben mit seinen Teufeln und Dämonen, an die Kinderkreuzfahrten u. s. w., aber ist es denn unserem aufgeklärten und so ganz und gar materialistischen Zeitalter, dem Zeitalter der Intelligenz, gelungen, jenen wunderlichen Geist zu bannen? Freilich haben sich Gendarmen und Schulmeister redlich bemüht, dem Volke seine von den Vätern überkommenen oft schönen und sinnigen Gebräuche und Sitten zu nehmen, und leider ist es ihnen oft nur zu gut gelungen, ihm dieselben als abergläubische Ueberreste einer dunkeln Vorzeit, die sich für unsere auf- 158 geklärte Zeit nicht mehr schicken wollen, zu verleiden, ohne in ihrer Kasernen- dressur einen genügenden Ersatz bieten zu können. Und so ist denn ein nüchternes, aller Poesie daares Geschlecht herangewachsen, ohne dessen Dasein der Cultus der Materie nicht hätte ein so allgewaltiger und alleinseligmachender werden können, als jetzt leider der Fall ist. Den finstern Geist des Aberglaubens aber haben sie nicht zu bannen vermocht. Er ist, kümmerlich verdeckt durch den Firniß der Cultur, zurückgeblieben in all' seiner Kraft und Macht, um bei jeder Gelegenheit die ihm widerwärtige Hülle zu sprengen. Wir dürfen uns nicht aushalten bei den Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen des vorigen Jahrhunderts, die Gegenwart gibt uns hinlänglich Stoff zu ernster Betrachtung. Thierischer Magnetismus, Somnambulismus und Hellseherei haben ungescheut ihr Wesen bis aus die letzten Tage treiben dürfen. Vornehmer und geringer, reicher und armer, gebildeter und ungebildeter Pöbel ist gläubig und schaaren- weise in die Behausung von Betrügern und Betrügerinnen gewallfahrtet, um angebliche Wundererscheinungen und das „Hereinragen der Geisterwelt" in die Gegenwart mit leiblichen Augen zu schauen; Tischrückerei und Geisterklopferei haben ihren Umzug durch die Welt gehalten und schon berichten die Zeitungen wieder von einer neuen derartigen Erscheinung in dem aufgeklärten England, die, weil solche moralische Epidemien ansteckend sind, vielleicht auch noch bei uns wird beobachtet werden können. Es ist dies der sogenannte Revivalismus. (Wiederaufleben des Geistes.) „Der heilige Geist", erzählte emphatisch ein hiesiger, eben von dort zurückgekehrter Bibel-Gesellschasts-Missionär dem Referenten, „der heilige Geist hat sich über England ergossen, die Kirchen vermögen die Menge der zu ihnen wallenden frommen Beter nicht zu fassen, die Täuzsäle werden in Bethäuser verwandelt, die Schenken geschlossen u. s. w." Also England ist wieder auf dem Wege das zu werden, was es einst gewesen, „die Insel der Heiligen." Nun wir wünschen es lebhaft und bitten zu Gott, daß dem so werden möchte. Einstweilen aber wollen wir uns Nachrichten darüber verschaffen, welche Bewandtniß es mit der verkündeten Ausgießung des heiligen Geistes über jenes Land habe. Und da kommt uns der Bericht eines Arztes aus London in einer medicinischen Zeitung wie erwünscht, so daß wir denselben hier auszugsweise mittheilen wollen. „Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß die englischen Revivalisten es nicht ganz so toll treiben, wie es vor einer Reihe von Jahren in Amerika geschah, wo ein fanatischer Prediger in den Hinterwäldern Männer und Weiber, die sich in seinem Lager versammelten, zu Hunderten mit eigner Faust niederschlug und dann einen Triumphgesang anstimmte, daß er so und so viele Seelen aus den Klauen des Satans gerettet habe. Hier haben wir nur große Zusammenkünfte von reumüthigen Sündern, entweder im freien Felde, oder in Kirchen, oder aus offenen Plätzen, oder in Privathäusern, unter welchen fanatische Prediger ihr Möglichstes aufbieten, um hysterische Paroxismen herbeizuführen. Sie halten keine eigentlichen Predigten, sondern schreien in Einem fort in außerordentlich schrillen Tönen von Hölle, Verdammniß, Gnade, und wenn dies eine Zeitlang gedauert hat, offenbaren sich auch allmälig die Wirkungen in der Zuhörerschaft. Dieselben sind sehr verschieden je nach der Individualität; meistentheils sind es unverheiratete Frauenzimmer, welche am ärgsten befallen werden, aber auch Kinder und „weibische Männer" werden häufig afficirt. Während der Geistliche noch im höchsten Discant Gott anfleht, sofort auf die Erde hinabzusteigen und alle Unbekehrten zu Boden zu schmettern, entsteht ein wahrer Sturm von Schreien, Grunzen, Stöhnen, Heulen und Brüllen — kurz eine Scene, wie sie in einem Irrenhause schwerlich geduldet werden würde. Einige schreien stundenlang Nichts als Hölle! Hölle! Andere stoßen blos tiefe Seufzer aus, Manche rufen: Herr Jesus habe Erbarmen mit meiner armen Seele! Dabei zittert der ganze Kör- per wie Espenlaub, die Befallenen fühlen eine unerträgliche Last auf ihrer Brust, ein Gefühl von Erstickung ergreift sie, sie schlagen mit Händen und Füßen um sich, erholen sich dann nach einer gewissen Zeit und erklären nun, daß sie Gnade gefunden haben. Andere fallen gleich auf die Erde wie vom Schlage gerührt, ohne ein Wort zu sagen; Manche reißen sich die Haare aus; Andere sitzen stundenlang im Gebete da, oder citiren in einem eigenthümlich nasalen Tone die hl. Schrift, lesen ihren Namen „im Lebensbuche des Lammes" und haben Offenbarungen dutzendweise. Eine junge Frau schrie einmal ernstlich um Gnade, als plötzlich ein Junge einen Lichtstrahl am Fenster sah und ausrief: Nun wird sie Frieden bekommen, ich sehe das Licht! die übrigen Anwesenden singen den Ruf auf und wiederholten ihn, und obwohl die Laterne, welche den plötzlichen Lichtstrahl veranlaßt hatte, bald deutlich sichtbar wurde, indem ihr Träger an's Fenster trat, so blieben doch die Revivalisten einmüthig dabei, daß sie ein übernatürliches Zeichen von Gottes gnädiger Aufnahme der Seele dieser Frau gesehen hatten. Einige Leute sind blind und taub und Andere vollständig verrückt geworden; Andere zeigten Blutflecke und Wunden an ihren Händen und Füßen; Manche hatten sogar Zeichen und Symbole Plötzlich auf ihre Brust gedrückt und das Wort „ 61 M 8 U 8 " (unorthographisch für Jesus) durch die Kraft des heiligen Geistes auf die Haut eingegraben; bei genauer Untersuchung dieser Fälle stellte sich heraus, daß Zeichen und Worte, wo sie sich überhaupt vorfanden, auf sehr rohe Weise mit einer Nadel und blauer Farbe eintättowirt worden waren. Auch Wunder sind vorgekommen; einer von den Bekehrten in Mopse in Irland,— so schreibt ein Vater an seinen Sohn — war stumm allezeit bis er zum zweitenmal niedergeworfen wurde, und die Liebe Gottes breitete sich so in seinem Herzen aus, daß er betete, der Herr möge seinen Mund öffnen und seine Zunge loslassen, damit er Andern sagen könne, was Gott für seine Seele gethan habe. Von der Zeit an erhörte ihn Gott und eröffnete seinen Mund, und er kann jetzt so laut sprechen, wie irgend Jemand; bis er niedergeschmettert wurde, hatte Niemand jemals ein Wort von ihm gehört, selbst nicht seine Verwandten, welche sich mit ihm durch Zeichen verständlich zu machen pflegten. (Schluß folgt.) Jugendklänge von Franz von Sales Walk. (Eichstätt, 1860. Eigenthum des Verfassers. Preis 30 kr.) Nicht gar fern sind die Tage, in welchen unter andern traurigen Begebenheiten unser armes Deutschland auch von einer heillosen schwarzen Fluth aus den jugendlichen Federn noch nicht flügge gewordener Gymnasiasten überschwemmt wurde. Seitdem ist in dieser Beziehung eine wohlthuende Ebbe eingetreten, zurückgeblieben aber ist ein gerechtes Vorurtheil. Möge man jedoch eine ehrenvolle Ausnahme gestatten. Eine solche scheint durch vorliegende „Jugendklänge" gerechtfertigt zu sein. Der Verfasser derselben zeichnet sich zwar keineswegs durch die beliebten Gedankenblitze und überraschende Großartigkeit der Ideen aus, allein es liegt in diesen Tönen, abgesehen von der, einige wenige Unebenheiten der Sprache ausgenommen, durchweg tadellosen Form, eine Zartheit und Kindlichkeit des Gefühls, die unmittelbar zum Herzen spricht. Der Inhalt ist vorwiegend religiös und das möchte — leider muß man es sagen — für Manchen Grund genug sein, das Büchlein zu ignoriren. Aber man höre, wie der Verfasser auch solche Stoffe anziehend zu machen weiß. 160 A b e n d b i t t e. Mein Auge! schließe Dich zu. Du, Vater, gieße, Süße Ruh' In seine Gluth. Trübe ist es von Sorgen; Stille bis Morgen, Vater, sie du! Trost. Die Lieben brauchen Hilfe, Die mir sind ferne; Ich kann nicht, und ich hälfe So gerne, gerne. Ich sag's dein Himmel, Der überall ist. Der hilft den Lieben. Frage. um Himmel streben ic Blümlein der Au. Zum Himmel schweben Die Vvglcin in's Blau. Mein Herz, wohin strebst du? Such' hicnicden Nicht den Frieden, In Gott ist deine Ruh'! Ist es nicht erquickend, statt der allzu wohlriechenden Salonsdüfte und der säuselnden „Sommerabendlüfte" ein wenig morgensrische Gottesluft zu athmen? Aber auch auf dem weltlichen, freilich nicht auf dem „sinnlichen" Gebiete der Poesie hat der Verfasser der „Jugendklänge" manches Schöne geliefert. Es sei uns erlaubt, auch hievon ein paar Beispiele anzuführen: Klage um den Freund. Ich wandle in dem Maien, Im weichen Gras ich ruh'! Rings Blümlein blüh'n zu zweien Und rufen da mir zu: Meine! Weine! Ich geh' dahin im Walde, Im Schalten halt ich Rast. Da zwitschern mir alsbaldc Zwei Vöglein von dem Ast: Meine! Meine! Ich nahe mich der Quelle Und schaue sinnend drein. Da lispelt, ach, die Welle Dem Äug' und Ohre mein: Meine! Meine! Besondere Hervorhebung verdienen noch: „Berthold und Hedwig" (S. 9), „Der Maienkönigin" (S. 32), „Sonnenuntergang" (S. 48), „Vaters Fluch" (S. 49), „Die Abendwolken" (S. 67). So schließen wir denn mit dem Wunsche, der geneigte Leser möge sich selbst von der Wahrheit unserer Worte überzeugen, ihm auffallende Mängel aber der Jugend des Verfassers zu Gute halten, dessen schönes Talent zu seiner höheren Entwicklung vor Allem freundlicher Ermuthigung bedarf und derselben jedenfalls nicht unwerth ist. Der Druck (von C. Fr. Meyer in Weissenburg) ist schön und correct; die Ausstattung überaus geschmackvoll. Rath. Laß kriechen And're! Was da kriecht auf Erden, Ach, wie leicht Kann es zertreten werden. Laß fliegen And're! Sieh', aus hohen Lüften Fällt man leicht Zerschmetternd sich in Klüften. Gehe männlich du Deinem Ziele zu. Wahre Nächstenliebe. Das „Echo de la Marne" erzählt folgenden Zug von dem jüngst verstorbenen Bischof von Chalons. Einem armen Familienvater von Chalons, welcher kein Mittel mehr sah, seine Kinder zu ernähren, wurde gerathen, sich an den Bischof zu wenden. Er ging in den bischöflichen Palast, trug dem Bischof seine Lage vor, und dieser behändigte ihm 15 Francs. — Der gewissenhafte Mann nahm das Geschenk nicht an, ohne vorher zu erklären, daß er ein Jude sei. — Der Bischof aber öffnete seine Börse von Neuem und sagte: „Mein Freund, alle Menschen sind Kinder Gottes; ich gab Ihnen 15 Fr. im Namen des Sohnes, hier sind 15 andere Fr. im Namen des Vaters." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Nlcinle.