AllgstMgtt AmtljMjt. S1. 20. Mai 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt rur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., woftir es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Mai-Andacht. Es fällt mein Blick am frühen Morgen, Wenn ich von Ruh' gekräftigt bin, Zum Labsal für die neuen Sorgen Auf's Bild der Mutter Gottes hin. Ich muß es lange still beschauen, Dann greis ich erst die Arbeit an, Mit Andacht, Demuth und Vertrauen Hab' ich gar bald ste abgethan. Am späten Abend kehr' ich wieder Zu ihrem lieben Bild zurück, Und lege dankend vor ihm nieder DeS Tagewerkes Leid und Glück. Mein Auge läßt nicht ab zu schauen Nach ihr, der Mutter meines Herrn, Der benedeitesten der Frauen, Der Tage Trost, der Nächte Stern. Die Kirche in Piemont seit 1848. Die „Armonia" hat sich die Mühe genommen, alle gegen die katholische Kirche seit dem Jahre 1847 bis 1857 in Piemont geübten Feindseligkeiten zu registriren. Uin leichter überblicken zu können, wie systematisch die Feinde der Religion zu Werke gehen, wenn sie irgendwo die Oberhand bekommen, wollen wir diese Aufzeichnungen hier in Uebersetzung bringen. — Die piemontesische Freiheit ward geboren im October 1847, und es wurde die Presse frei erklärt, ausgenommen die Hirtenbriefe der Bischöfe, welche zur Revision an die politische Behörde gelangen mußten. Die subalpinischen Bischöfe protestirten, und Msgr. Charvaz, damals Bischof von Pigncrol, verlangte und erhielt seine Entlassung. Im März 1848 wurden die Jesuiten auf die schonungsloseste Weise aus dem Lande geschafft, so daß sogar (Äioberti darob empört die Piemontesen fragte: „Ist dies euer Cdelmuth gegen die geheiligten Rechte des Unglückes?" Am 20. Juni erhob sich in der Kammer ein Sturm gegen den Bischof von Nizza, weil er einem in notorischer Unbußfcrtigkeit Verstorbenen das kirchliche Begräbniß verweigerte. Am 18. Juli verhandelte man über die Aufhebung der Oblaten, man wußte aber nicht, ob jene der sel. Jungfrau oder des heil. Carl. gemeint seien. Am 25. August ward ein Decret ausgefe tigt, laut welchem die Jesuiten und die Frauen vom hh. Herzen Jesu definitiv aus dein Lande verbannt wurden. Am 15. Sept. schrieb der Minister Pinelli einen trotzigen Brief an den Erz- » bischof von Vercelli, undam4. Oct. veröffentlichte Buoneompagni sein Gesetz über den öffentlichen Unterricht, welches später die Bischöfe und der Papst verdammten. Am 23. Oct. protestirt der Bischof von Tortvna gegen Buoncampagni, der sich anmaßte, die geistlichen Directoren in den Collegien zu ernennen. Am 11. November wurden zu Turin scandalöse Komödien aufgeführt, und „il Pirata", das Theaterjournal, beklagte sich, daß die Regierung erlaube, einen Katheder der Prostitution auszurichten. Am 20. Nov. werden die Geistlichen, welche ein Straßenauflauf aus Genua vertrieben, gewarnt, nicht mehr zurückzukehren, weil sie „nicht die Sympathien der Regierung besäßen." Am 8. Decbr. verbietet der Präsident des Universitätsrathes zu Turin durch ein Circulare, die theologischen Thesen, welche zu öffentlichen Disputationen bestimmt sind, den Bischöfen zur Revision einzureichen. Am 25. Dec. befiehlt Ratazzi den Bischöfen, sich den Ansichten der Regierung zu conformiren, wenn sie eine politische Materie behandeln. — Im Jahre 1849. Die ersten Monate zog der Krieg alle Aufmerksamkeit auf sich, die Kirche konnte aufathmen. Allein kaum war der Friede mit Oesterreich geschlossen, begannen wieder die Feindseligkeiten gegen den Katholicismus. Im Juli 1849 protestirten 22 Pfarrer von Genua wider den gottlosen Mißbrauch der Preßfreiheit; am 22. August stürmische Kammersitzung wider den Erzbischof von Turin und den Bischof vonAsti; am 26. Sept. eine insolente Zuschrift des Ministeriums an den heil. Stuhl mit der Drohung, den Ehedispensen im ersten Grade der Affinität das Exequatur zu verweigern. Am 2. Jänner 1850 Sequestrirung der erzbischöflichen Mensa von Cagliari, weil der Erzbischof einer Zehent-Aufhebungs-Commission sich nicht fügen wollte. Im Februar citirt Minister Siccardi den ehrwürdigen Bischof von Saluzzo, um sich wegen eines Fastenpatentes zu verantworten. Am 25. Februar wurde das famose Gesetz Siccardi gegen die geistlichen Immunitäten vor die Kammer gebracht und am 9. April angenommen; am nämlichen Tag verließ der päpstliche Nuntius Turin. Im Mai wurde der Erzbischof von Turin eingekerkert, und einen Monat lang in der Citadelle gefangen gehalten. In demselben Monat Einkerkerung und Perurtheilung des Erzbischvfes v. Sassari. Im Juli zweite Einkerkerung des Erzbischofes von Turin und fruchtlose Haussuchung bei den Oblaten tiolla (^!on- soliita. Am 26. August billigt Graf Cavour im „Nisorgimento" die außerordentlichen Maßregeln gegen den Erzbischof Fransvni von Turin. Im September Perurtheilung, Beraubung und Verbannung des Erzbischofes. Das nämliche Loos trifft den Erzbischof von Sassari. Durch eine „außerordentliche" Verfügung werden auch die Servilen aus Turin vertrieben. Der Fastenprediger von Mon- dovi wird verhaftet, nach 2 Monaten Gefängniß als unschuldig entlassen. Ein anderer Prediger in Cuneo verhaftet, unschuldig erklärt nach 45tägigem Gefängniß. Der berühmte Canonicus Audisio wird aus der kgl. Akademie von Soperga ausgeschlossen. Am 1. November beklagt sich Pius IX. in einer Allocution über Alles, was im Königreich Sardinien gegen die Kirche geschehen ist. Im nämlichen Monat will das Ministerium auf dem Wege der Berufung wegen Mißbrauch gegen den Bischof von Acqui einschreiten, doch widersetzt sich dem der Magistrat von Casale. — Im Jahre 1851 am 15. Jänner sagte der Abgeordnete Brofferio in der Kammer: „Da wir die Oesterreicher nicht überwinden konnten, wollen wir wenigstens die Gesellschft des heil. Paulus unterdrücken." Am 6. März erklärt der Minister des Innern dem Senate, daß zwischen dem heil. Stuhle und der Regierung keine Spaltung bestehe, wurde aber von: „Giornale di Roma" zurechtgewiesen. Am 17. März brachte der Abgeordnete Peyron einen Gesetzentwurf wider die Klostergelübde in der Kammer ein. Am 18. wurde eine Mitra und ein Kelch sequestrirt, welchen die Katholiken vou Genua ihrem Mitbürger, dem Erzbischof von Turin gewidmet hatten. Am 13. Mai erließ der Minister des Unterrichts verschiedene unkirchliche Vorschriften an die Bischöfe rücksichtlich des theologischen Studiums. Am 28. Juni nahm man eine HauS- untersuchung im Franziscanerconvente zu Alghero in Sardinien vor, wogegen der Bischof protestirte. Ueberdics beschwerte man die Kirchengüter mit einer neuen Amortisationssteuer. Am 6. Aug. protestirten die Bischöfe gegen die ungesetzliche und constitutionswidrige Erlaubniß, daß dieWaldenscr ein öffentliches Bethaus in Turin eröffnen dürfen. Am 22. Aug. verdammt Pius IX die auf der Universität von Turin von Professor Nuitz vorgetragenen Lehren. Am 17. November wurde der Regierung eine mit 10,154 Unterschriften, größtentheils von Familienvätern, bedeckte Petition um Zurückberufung des Erzbischofes von Turin überreicht, aber erfolglos. Im December wenden sich die Bischöfe an den König, weil er auf der Universität die Vortrüge von schismatischen, ketzerischen und protestantisirenden Lehren noch immer fortdauern. Eine Regierungscommission untersucht die Verwaltung der Gesellschaft ves heil. Paulus, und findet sie der öffentlichen Belobung würdig. Am 17. Jänner 1852 wurde die benannte Gesellschaft sowohl der Verwaltung als des Besitzes aller ihrer Güter beraubt. Am 12. Juni übergibt Buoncompagni einen Gesetzentwurf über die Civilehe „zur Sicherstellung der Familien!" Im Juli unterwirft der Minister des Innern in einem eigenen Decrete die Pfarrer der besonderen Oberaufsicht der Intendanten, der Finanz- nnd anderer Regierungsbehörden, weil gegen genanntes Gesetz viele Petitionen zur Unterzeichnung im Umlauf waren- Im August erklärt derselbe Minister, es stehe „ausschließlich" der Civilgewalt zu, die Erlaubniß, an Festtagen zu arbeiten, zu ertheilen. Am 12. August wurde der Graf Costa della Torre, Rath des Cassationshofes, wegen Herausgabe eines Buches gegen die Civilehe processirt, zu zwei Monaten Gefängniß und 2000 Lire Strafe verurtheilt, und später seines Postens enthoben. Am 19. Sept. nimmt ein kgl. Decret der Congregation civil» Ali^vi-ivorcii» zu Casale ihre Güter; diese protestirt am 11. October feierlichst gegen solche Ungerechtigkeit. Am nämlichen 19. Sept. schrieb Papst Pius IX. dem König Victor Emanuel einen Brief, und fragt, welches denn die Verbrechen des Klerus seien und welche die Schuldigen? Bis heute sind weder Verbrechen, noch Namen genannt. Am 27. December verhöhnte man in ^>er Deputirtcnkammer die subalpinischen Bischöfe, und nannte sie Barbaren, Ehrsüchtige, Heuchler. Im Jahre 1853. Im Jänner wurden die drei Pfarrer von Roneo, Villareggio nnd S. Giusto in den Kerker geworfen, als der Aufwiegelung und anderer Intriguen schuldig; allein nach einigen Wochen Gefängniß kümmert man sich nicht mehr um sie. Am 10. Jäner ward die Gesellschaft der Schwestern civil» (lmnsm^ionv in Savoyen aufgelöst und beraubt. Im Mai wurde die Anzahl der Kleriker und Novizen, welche Militärbefreiung genießen, verringert. Am 29. Juni beklagt sich Papst Pius IX. gegen die piemon- tesische Regierung, welche seit 3 Jahren unterlassen, die Bedingungen eines Vertrages zwischen Bencdict XIV. und dem König Carl Emanuel III. vom 5. Jän. 1741 zu erfüllen. Am 31. Aug. säcularisirt ein kgl. Decret das königliche apostolische Oeconomat (ein Kirchenfond unter dem Patronate des Königs). Im October wird ein Circulare des Ministers des Innern gegen die Seelsorger publicirt. Am 21. October ein drohendes Circulare an die Oberen der geistl. Orden in Piemont; am 27. ein Circulare der Quästur von Turin gegen die Pfarrer. Am 3. November ein Circulare des Justizministers, um zur Einrichtung der berüchtigten (lass» vveivsianliv» den Weg zu bahnen. Am 13. Decbr. feierliche Eröffnung des waldensischen Tempels in Turin. — (Schluß folgt.) Der RevivalismuS iu England. (Schluß.) Die revivalistische Bewegung ist nicht allein auf den ärmeren Theil der Bevölkerung beschränkt geblieben, obwohl allerdings die meisten Bekehrten den unbegüterten Classen angehören, auch unter den gebildeten Ständen haben sich manche Leute davon hinreißen lassen. So wird erzählt, daß zwölf bis zwanzig Studenten einen Wandel über ihren Geist hätten kommen suhlen, und daß sie anstatt zu rauchen und zu trinken, nur noch beteten. Ein begüterter Mann im Spiritushandel und Eigenthümer verschiedener Branntweinschenkcn in Newcastle erhielt einen so tiefen Eindruck von den revivalistischen Zusammenkünften, daß er in voller Versammlung seine Absicht erklärte, nichts mehr mit Schnaps zu thun zu haben, sondern nur noch Thee trinken zu wollen; dies erregte, wie sich leicht denken läßt, ungeheure Sensation. — In Wcdegar, einer Stadt in Wales, predigte vor einiger Zeit ein hausirender Scheerenschleifer, und machte solchen Eindruck bei seiner Zuhörerschaft, daß an einem einzigen Tage dreitausend Personen sich verpflichteten, keinen Whisky mehr zu trinken. Nicht blos Civilisten, sondern auch das Militär nahm an einigen Otren an der Bewegung Theil, indem die Soldaten jeden Morgen vor und jeden Abend nach der Parade Be- täübungen hielten. — Außerdem wird von den Freunden und Beförderern des Revivalismus angegeben, Laß der moralische Wandel iu der Bevölkerung überall gleichen Schritt mit der religiösen Bewegung gehalten habe; Trunkenheit sei fast ganz verschwunden; der Steuereinnehmer in einem verhältnißmäßig unbedeutenden Districte habe erklärt, daß daselbst in einem einzigen Monat für 600 Pfd. Sterl. (6000 fl.) weniger Schnaps getrunken sei als früher; Ruhestörungen und schlechte Aufführung sei ganz unerhört; die Polizei habe nichts mehr zu thun; die Branntweinschenken stünden leer und die Wirthe machten Bankerott;- kleine Diebstähle von Obst uud Kartoffeln, die früher so häufig gewesen seien, kämen jetzt gar nicht mehr vor; die Almosensammler iu den Kirchen bemerkten, daß arme Leute, welche früher nie etwas gegeben hätten, jetzt regelmäßig ihre Pfennige in den Klingelbeutel legten; Priester aller Art, Episkopaten, Pres- byterianer, Jndependcnten, Methodisten, Baptisten, Nemouisten (?), kämen in väterlicher Liebe und christlicher Gemeinschaft zusammen, läsen, bäten und sängen; Processe hätten aufgehört, lüderliche Frauenzimmer gäbe es gar nicht mehr; dagegen bekämen die Sparkassen bedeutende Einlagen; von politischen Parteiungen sei gar keine Rede; Streitigkeiten aller Art seien zu Ende; der Redacteur einer Zeitung sei ganz unfähig geworden, seine Gedanken beisammen zu halten, und die Setzer in einer großen Druckerei hätten die Lettern nicht mehr manipuliren können; — geflucht würde gar nicht mehr und überall fließe der Strom der Harmonie, des Friedens und der Menschenliebe." Nun das sind doch noch Resultate, die sich der Mühe lohnen und die sich die kühnste Phantasie kaum zu hoffen wagen durfte. Was wollen hiegegen die Erfolge der Missionsbcstrebungen der kathol. Kirche, die Wirksamkeit aller der verschiedenen Vereinigungen zur Besserung und Veredelung des Menschengeschlechtes bedeuten? Unser Missionär scheint Recht gehabt zu haben, als er meinte, der heilige Geist habe den Strom seiner Gnade über das glückliche England ergossen und das Weltende muß nahe sein, denn der Mensch hat dort ja den Gipfel der Vollkommenheit erreicht. Was werden nun alle die armen unnützen Richter und Advocaten, die Policisten und Prediger anfangen, die nun auf einmal entbehrlich gemacht werden durch die „Wiederbelebung des Geistes?" Das glückliche England! Bei uns müssen unaufhörlich Straf- und Arbeitshäuser gebaut werden, während sie dort bald gar nicht mehr werden gebraucht werden. 165 Doch gemach, noch scheint das große Werk nicht ganz vollendet. Unser Londoner ärztliche Berichterstatter zieht in seiner »«poetischen materiellen Anschauungsweise einen neuen Factor in Betracht: die Statistik, und kommt dadurch zu ganz anderen Resultaten, als die neuen Heiligen Albions uns glauben machen wollen. Er sagt: „Gegen einige von diesen Behauptungen legen indessen die unerbittlichen Zahlen Zeugniß ab; so finden wir z. B. daß die Trunkenheit in den vom Revi- valismus heimgesuchten Districten durchaus nicht abgenommen, sondern sich im Gegentheil bedeutend gesteigert hat, indem in der betreffenden Zeit in einem einzigen Districte -182 Leute mehr als sonst im Durchschnitt wegen Trunkenheit und unordentlichen Betragens vor die Polizeihöfe gekommen sind; ferner daß die Unsittlichkcit guvml noxu», durchaus nicht aufgehört, indem besonders am Sonntag Abend, wo am wildesten gepredigt wird, bei großen Versammlungen oft fünfzig und hundert Individuen wegen — unanständigen Betragens eingesteckt werden müssen. Es wäre in der That zu Wunsche», daß die Behörden sich hier in's Mittel legten, und wenigstens nicht zuließen, daß Wunder geschähen, wie vor Zeiten auf das Grab des Abbk- Paris geschrieben wurde: „I)e pnr le Nui — o'«>st «Ivl'eiid» I)e Nur« iiiinicw ilrin» Neu." (Verboten ifl's durch Königs Wort, Wunder zu thun an diesem Ort.) In einigen Fällen von Revivalismus haben übrigens Aerzte sich veranlaßt gesehen, therapeutische Versuche zumachen und dabei das folgende Verfahren auf der Höhe des Paroxysmus wirksam gefunden: Man gießt kaltes Wasser strom- weise den Niedergeschmetterten auf das Gesicht und durchnäßt ihre Haare, ihre Kleidung und ihren ganzen Körper, so daß sie sich äußerst unbehaglich fühlen; außerdem zieht man 'eine lange Schecre hervor und sagt halblaut: das Haar (bei Frauen) oder der Bart (bei Männern) müsse durchaus abgeschnitten werden. Auf diese Medication ist in manchen Fällen überraschend schnelle Heilung erfolgt." Der ärztliche Bericht ist so klar und deutlich, daß es einer weitern Erörterung der Sache nicht bedarf, um sich ein Urtheil hierüber bilden zu können. Das Mutter-Söbnchen. Paul lebte mit seiner Frau sonst in gutem Frieden, der einzig und allein nur der Kinder wegen gestört wurde. Paul war ein besonnener strenger Vater, seine Frau aber eine unbesonnene dumme Mutter. Er sah den Kindern keinen Fehler nach, sie aber bemäntelte die gröbsten Vergehungen in ihrer Affenliebe. Es kann keinen größeren Fehler in der Erziehung geben, als wenn die Eltern nicht eines Sinnes sind, oder wenn sie sogar in Gegenwart der Kinder mit einander streiten, ihre gegenseitige Erziehung tadeln; solche Kinder entarten gewiß, aber zum Nachtheile der eigenen Eltern, welche die Rnthenschläge, die sie au dem Kinde sparen, dann gar oft von den eigenen Kindern bekommen. — Paul hatte fünf Kinder, einen Knaben und vier Mädchen, deren Erziehung ihm, wie ich schon sagte, sehr am Herzen lag, doch konnte er sie nicht so besorgen und leiten, wie er wollte, denn sein Geschäft gestattete ihm nur die Mittags- und einige Abendstunden unter seinen Kindern zu verweilen, oft rief es ihn tage-, ja wochenlang aus dem Hause. Er war Handelsmann. Die Mutter hatte nun ihre ganze und zwar übertriebene Liebe auf das einzige Söhnchen geworfen, eben weil es das einzige war; die armen Mädchen mußten das oft gar bitter erfahren. Denn das Fränzchen — so hieß der Knabe — mußte immer Recht haben, wenn er auch die größten Ausgelassenheiten beging. Die verblendete Mutter wußte ihn immer zu verheidigcn. Lasse dir nun, lieber Leser, einige Scenen erzählen, wie sie da oft vorkamen. — Eines Abends, als Vater Paul nach Hause kam, sah er, daß alle vier Mädchen rothgeweinte Augen hatten. Er stutzte darüber, rief die Kinder zu sich uud fragte sie um die Ursache. Von neuem begannen die armen Kinder zu schluchzen und wollten nicht gestehen, was geschehen war, denn sie fürchteten den Zorn der eigenen Mutter. Nur als diese einige Augenblicke sich entfernte, entdeckte das eine Mädchen, daß sie es nicht sagen dürfen, wenn es die Mutter höre. Franz sei sehr grob und abscheulich gewesen, Habe im Zorne mit dem Stocke sie geschlagen, ihnen ihre Schulbücher beschmutzt und zerrissen und sie auf die abscheulichste Art bei der Arbeit geneckt. Sie hätten es der Mutter geklagt, und anstatt Recht zu finden, habe die Mutter ihnen mit Schlägen gedroht. Indessen trat die Mutter ein. Paul rief den Knaben und hielt es ihm vor; der aber, verzogen wie er war, begann zu weinen und zu schreien. „Aber sag' mir doch, was hast Du denn mit dem armen Kinde?" fragte höchst erzürnt die einfältige Mutter. „Bis jetzt noch nichts", antwortete Paul, „gehet, Kinder, zeiget mir eure Aufgaben." Die Kinder gingen und brachten ihre Bücher und Paul sah, daß sie Wahrheit gesprochen hatten. „Franz, komm her zu mir. Sage mir, wer hat denn diese Bücher so mit Schmutz und Tinte befleckt, ja sogar zerrissen?" „Ich nicht", schrie der Bube, zappelte mit Händen und Füßen und lies zur Mutter. Doch der Vater erwischte ihn noch und gewann Zeit, ihm mit der Ruthe einige Streiche zu geben. In größter Wuth sprang die blinde Mutter dazwischen, entwand dem Vater die Ruthe, zog den Buben zu sich und schalt den Vater aus die empörendste Weise: „Was hast du doch immer mit dem Knaben ! Ja, ich weiß es längst, daß er dir ein Dorn im Auge ist. Nichts hat der Knabe begangen. Er hat mit den vier lügenhaften Dingern ein wenig gescherzt, sonst nichts. So ein Kind wird auch sehr schlagen können", sagte sie bitter höhnend. „Diese empfindlichen Dinger lügen dich an, weil sie schon wissen, daß sie bei dir Hülse finden. — Komm, mein Fränzchen, komm zu deiner Mutter, dein Vater kann dich, armes Kind, so nicht leiden, hast auf der Welt so Niemanden, als deine Mutter, die dir gut ist. Armes Kind, wie würde man mit dir umgehen, wenn ich nicht wäre!" Was weiter geschah, kannst du dir denken, lieber Leser. Einige Wochen darnach nahm Paul, als er eben aus der Kirche kam, den Knaben her, gebot ihm, seine Schulbücher zu zeigen, fragte ihn nach Dem und Jenem, und da er weder in den Büchern Ordnung fand, noch eine Antwort von dem Knaben erhielt, befahl er, ihm nichts Anderes zu geben, als einen Teller Suppe und ein Stück Brod. Und da der Knabe in einen wüthenden Zorn ge- rieth, ließ es Vater Paul auch an körperlicher Strafe nicht fehlen. Die Ursache alles dessen war, weil sowohl der Pfarrer, als der Lehrer über den Buben geklagt hatten, sowohl wegen seiner großen Ausgelassenheit als auch wegen seiner Nachlässigkeit. Nun hätte man ein tolles Weib in der Frau des Paul sehen sollen. Die Entziehung des Mittagsessens konnte sie nicht verhindern, denn Paul hatte sich ernstlich gegen jeden Widerspruch verwahrt und sein väterliches Ansehen zu schützen gewußt. Nun ließ das tolle Weib seinen Zorn gegen Pfarrer und Lehrer aus und schimpfte in Gegenwart der Kinder auf beide, den Kindern ehrwürdige Personen, so daß die vier Mädchen helllaut weinten. Alles Verbot Pauls half nichts. Er selbst nahm Stock und Hut, um nur von dem furiosen 167 Weibe wegzukommen. Kaum war er zur Thüre hinaus, so bekam das ungezogene Kind alles Erdenkliche zu essen. Der verzogene Knabe überaß sich, als hätte er dem Vater wollen einen Possen beweisen! Die Folge aber davon war, daß ihn eine Krankheit fast zum Sterben brachte. — Wäre nicht Schade gewesen, aber Unkraut verdirbt nicht, sagt das Sprichwort. Das Neble war, daß nun der Knabe, nachdem er genesen war, noch lange kränkelte und so gegen jede Strafe gleichsam geschützt war. Alle seine Unarten und Untugenden wußte die Mutter zu verheimliche«, zu entschuldigen und das Muttersöhnchen zu schützen. Es könnte dich langweilen, lieber Leser, wenn ich dir alle die entsetzlichen traurigen Scenen beschreiben wollte, die sich da zugetragen haben. Man gab ihn in die Lehre, aber es geschah, daß ihn kein Meister behalten wollte, obwohl die verblendete Mutter alles zudeckte, was ihr verdorbener Sohn that. Da und dort zahlte sie, was er gestohlen und verdorben hatte, hier wieder legte sie alle Schuld aus den Meister und die Gesellen. Man gab ihn in Schulen, er sollte studiren, auch da kam Klage auf Klage, aber Alles lenkte die Mutter ab, und alle Welt mußte Unrecht haben, nur gegen ihren Franz ließ sie nichts sagen. Vater Paul, sonst ein sehr braver rechtschaffener Mann, durchblickte die ganze Sache. Doch er war einerseits zu schwach, um dem Unwesen Einhalt zu thun, anderseits ließ es ihm sein Geschäft nicht zu, und beides war Ursache, daß das Uebel schon viel zu weit um sich gegriffen hatte, als daß er hätte entgegenwirken können. Kurz, der Gram ergriff ihn und zehrte am Marke seines Lebens, bevor noch alle seine Kinder versorgt waren. Er starb mit Thränen bitteren Schmerzes in den brechenden Augen. Diese Thränen, o sie waren verzehrende Feuer, sie waren dem sterbenden Vater erpreßt von einer blinden Gattin an einem ungerathenen Sohne. — Gefühllos standen beide am Grabe des Ehrenmannes. — Nothdürftig waren die vier Töchter verheirathet. Franz hatte sich endlich der Jägerei gewidmet, und, da er sich mehrmals im Interesse der Herrschaft, wo er diente, gegen Waldfrevler und Wilddiebe mit Aufopferung seines Lebens ausgezeichnet hatte, bekam er eine Försterei, die ihm allenfalls ein Auskommen verschaffte. Diese Beschäftigung war ihm eben recht, das Herumwildern in den Wäldern gefiel ihm, und dabei durfte er seinem rohen Gemüthe, aus dem er oft den armen Holzsammleru alles Unheil bereitete, ungestraft Nahrung verschaffen. Er war gefürchtet und gehaßt in der ganzen Gegend. Bei all seiner Rohheit hatte er doch noch so viel Gefühl, daß er seiner Mutter ein Plätzchen im Hause einräumte, aber wieder nur deßhalb, weil ihm nun das alte Weib Magd sein mußte. Verheirathet hatte er sich nicht, dazu war er selbst zu roh und entartet, und von Allen gefürchtet und verabscheut. Das waren bisher die Früchte einer Mutter, welche die Sünde vertheidigte. Lasse dir auch das Ende dieser Mutter und dieses Sohnes, und somit die entsetzliche Frucht einer für nichts gehaltenen fremden Sünde erzählen, die da heißt: die Sünde vertheidigen. Siehe dort, im einsamen Jägerhanse sitzt in einem Winkel, zusammengekrümmt vor Hunger und Jammer, das alte Weib, und harret mit Zittern und Beben der Heimkunft ihres Sohnes. Todt, still, öde und einsam ist's ums Försterhaus, in welchem sich kein lebendiges Wesen befand, als die alte Mutter und zwei Kettenhunde, die vor Hunger heulten. Nun kam der rohe entartete Sohn in einem fürchterlichen Zustande. Es war Nacht. Unterwegs hatten ihn die über seine Rohheit entrüsteten Leute aus der Nachbarschaft abgelauert und ihm einmal einen Denkzettel angehängt. Er blutete aus mehreren Wunden. Da er jener nicht Herr werden konnte, so ließ er nun — mit Entsetzen erzähle ich es — seine Wuth an der eigenen Mutter aus. Die beklagenswerthe Alte konnte ihm, da er nach Hanse kam, nichts zu essen vorsetzen; sie hatte nichts und der * Hunger quälte sie selbst entsetzlich. Das empörte den Wütherich. Ihre mitleidigen Fragen wegen seiner Wunden hielt er für Hohn; denn das Gewissen war laut. — Er mißhandelte seine alte Mutter. — Sie mußte nun die Schläge, die sie in ihrer Blindheit von dem Sohne abgehalten hatte, in ihrem Alter selbst erleiden. Nach einigen Wochen war sie, von Alter, Gram und Mißhandlungen getödtet, eine Leiche. Einige Tage nachher fand man im Dickicht des Waldes den Förster todt in seinem Blute. Nach dem Tode seiner Mutter, die noch das einzige menschliche Wesen war, das bei ihm ausgehalten hatte, wilderte er ganze Nächte im Walde herum; denn mit wahrer Tigerwuth verfolgte er die Raubschützen. Diese hingegen hatten sich vorgenommen, Jagd auf ihn zu machen, wie auf eine allgemein gefürchtete Bestie. Und wahrlich, sein Betragen war ein wahrhaft bestialisches. Denn selbst gegen arme Leute, welche von der Herrschaft die Erlaubniß hatten, dürre Aeste zu brechen und zu sammeln, hatte er seine Rohheiten ausgeübt. Kurz, er war so verachtet und gehaßt, daß sich der Pfarrer nicht getraute, ihm ein öffentliches, ehrenvolles Begräbniß zu gestatten. In der Stille trugen ihn einige Männer aus dem Walde auf den Kirchhof und in aller Stille segnete ihn der Pfarrer ein. Keine Thräne floß ihm, kein Vater unser ward für seine Seele gebetet. Seufzend gedachte der Pfarrer in der heil. Messe seiner armen Seele. * Mein lieber Leser und besonders liebe Leserin, bedenke dies Lebensbild ernst und still. Siehe da die entsetzliche Frucht einer Sünde, die schreckliches Wehe nach sich zieht, und diese Sünde heißt: die Sünde vertheidigen. Ein Unrecht, über das sich Manche so leicht hinaussetzen, ja, das sie gar oft für recht halten. Die Sünde vertheidigen, heißt den Bösewicht ärger machen, als er ist und war, und Jeder, der es thut, ladet schreckhafte Schuld aus seine eigene Seele. Besonders im Ehestände, in häuslichen Verhältnissen, ereignet es sich so oft, daß verblendete Mütter die Fehler ihrer Kinder bemänteln, sie auch bei den gröbsten Fehlern in Schutz nehmen und vertheidigen, oft sogar, wie es hier geschah, dem eigenen Vater gegenüber vertheidigen. Solche Mütter, die größten Theils selbst keine Erziehung haben, bedenken es nicht, daß sie sich selbst die Ruthe binden, mit der sie in alten Tagen von ihren eigenen verzogenen Söhnen und Töchtern gestraft werden. Möge diese kurze Erzählung manchen so verblendeten Eltern die Augen öffnen, und sie sich das Wort der Schrift zu Gemüthe führen, die da sagt (Sprüchw. 17, 15J: „Der den Gottlosen rechtfertigt und der den Gerechten verdammt, die sind beide ein Gräuel vor dem Herrn." H. S. R Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard nnd Köslin. Uebertrag.33 fl. — kr. „Von einem Eaplane in Obersranken".10 fl.— kr. Summa: ä3 fl. — kr. Redaction und Ncrlaq: Oiv M. HutNcr. — Druck von I. M. Kleinlc.