AiigsdiiM ZmMgsM. Hi. SS. 27. Mai 1860. DaS Augsburger SonntagSblatt (SonntagS-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnemenkspreis ist 20 kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Kirche in Piemont seit 1848. (Schluß.) Im Jahre 1854 im September quält man einen Pfarrer in der Grafschaft Nizza, um in seinem Hause einen Schatz zu suchen. Im Oktober werden die Servilen aus Alessandria vertrieben; im November wird der laich. Friedhof von Novara entweiht. Am 28. desselben Monates wird dem Parlament ein Gesetz gegen die Klöster vorgelegt, welches der Episcopat als „ungerecht, ungesetzlich, antikatholisch und antisocial" erklärt. Im Jänner 1855 veröffentlicht der „Jndipendente" von Aosta ein Thema, welches ein Professor des dortigen Collegiums seinen Schülern dictirte, wo der Satz vorkömmt: „Ich glaube weder an Gott, noch an den Teufel." Pius IX. beklagt in einer Allocution die zahllosen Uebel, welche die Kirche von Piemont zu erdulden habe. Am 6. Februar spöttelt GrafCavour in der Kammer über den Papst; das Ministerium sendet ein Circulare herum, daß die Pfarrer überwacht würden, damit sie in der Kirche keine Anspielung aus die päpstliche Allocution machten. Am 22. Februar erklärte Cavour in der Kammer: „Wir werren anfangen, die wohlhabenderen Klöster aufzuheben." Am 9. März erklärte ein gerichtliches Urtheil 16 Pfarrer für unschuldig, welche angeklagt waren, Unruhen im Val d'Aosta angezettelt zu haben, und aus dem fiskalischen Requisitorium ging hervor, daß der Klerus zu den Aufständischen sich nur verfügte, um die Ruhe wiederherzustellen. Am 26. April bot der Episcopat der Regierung die Summe von 928,412 Lire. „Ein neuer Beweis, sagte Graf Cavour, des patriotischen Gefühls, welches den Episkopat beseelt." Das Anerbieten wurde zurückgewiesen, und die Klöster aufgehoben. Am 29. Mai wurde die kirchliche Akademie von Soperga ebenfalls aufgehoben. Am 6. Juni pro- testirte der Erzbischof von Tnrin Wider das Klosteraufhebungsgesetz, sein Protest wurde aber sequestrirt. Am 29. Juni unterwirft ein Decret die weiblichen Klosterschulen der Aufsicht der Regierungsbehörden, und zwar trotz einem widersprechenden Decrete vom 18. Februar 1851. Am 12. Juli gewaltsames Eindringen in das Kloster der heil. Clara zu Cuneo; am 20. erbrach man die Thore des Kapucinerklosters; am 15. Oktober mußten die Klosterfrauen der Marchesa von Barolo vermöge Ministerialverordnung den Unterricht der kleinen Kinder im ABC einstellen. Am 1. Nov. verwandelte man das Kloster stell» llonüolata in eine Schenke. Am 13. erhielt der kgl. Senat einen Gesetzentwurf, welcher die Wucherfreiheit anordnet. — Das Jahr 1856 beginnt mit einer Adresse der Protestanten an den König, worin sie sich Glück wünschen ob der Thätigkeit seiner Minister. Am 2. Jänner sendet die „Maga" von Genua als Angebinde nach Rom „die Mündung einer Kanone;" am 3. Jänner entließ der Magistrat von Turin die Schulbrüder, „weil sie geneigt seien, die kirchlichen Autoritäten zu unterstützen." Am 26. März wird in der Deputirtenkammer der Generalvicar von Fossano beschimpft. Am 27. März haben die Pfarrer von Savoyen das zweite Semester 1855 ihrer Congrua noch nicht empfangen. Im Mai protestiren die Bischöfe gegen ein neues Unterrichtsgesetz. Am 27. März übergeben die sardinischen Bevollmächtigten dem Pariser Congreß eine Note gegen die päst- liche Regierung. Am 3. Mai erging an mehrere Ordenshäuser der Auftrag der Concentrirung. Am 1. Juui machte man dem Pfarrer von Derres den Proceß, Welcher bei einer Taufe einen Excommunicirten nicht als Pathe annehmen wollte. Am 9. Juni ein Ministerialbefehl an die Polizeibehörden zur Ueberwachung des Klerus. Am 1. Juli ein neues geheimes Circulare des Ministers des Innern Wider die Pfarrer. Am 13. Juli bezeugt der protestantische Pfarrer Bert, daß viele katholische Friedhöfe durch Bestattung von Akatholiken im Austrage der Civilbehörden entweiht seien. Am 26. Juli Proceß gegen den Pfarrer von Ca- stagnole, der für unschuldig erkannt wird; am 11. August Proceß gegen den Pfarrer von Bosconero, der ebenfalls unschuldig. Am 11. September Untersuchung der Agenten der Lass» eeelesiastica im Convente der Augustiner von Genua; am 23. wird vom Intendanten zu Oneglia eine Lehrerin abgesetzt, weil sie einer Processton beiwohnte! Am 25. Oct. Einbruch in das Kloster ciells An- vsle-m und Vertreibung der Religiösen. Am 10. Jänner 1857 hat der ministerielle Deputirte Antonio Galenga eingestanden, daß er im Auftrage Mazzini's dem Leben des Königs Carl Albert nachgestellt, und verließ deßwegen die Kammer; Graf Cavour empfängt von den Aufständischen in der Romagna eine Medaille, und am 18. Jänner widerruft der Ankläger jener Pfarrer von Val d'Aosta seine Verläumdung. Am 26. wird in der Kammer ein Antrag verhandelt über Ausschließung jeglichen katholischen Unterrichtes aus den öffentlichen Schulen. Im Februar veröffentlichte man einen Ausweis, aus welchem erhellte, daß durch das Gesetz gegen die Klöster 7850 Personen betroffen wurden. Am 30. März berieth die Deputirtenkammer den Modus, die Rabbiner zu wählen. Die Rechnungsausweise der l!35»u trcolosi-istier, zeigen, daß sie vom 29. Mai 1855 bis Ende 1856 schon 317 Processe führen mußte, von denen 32 bereits gegen sie entschieden wurden. Eine Ministerialverordnung verbietet die fernere Besetzung von Dompräbenden. Ferner wurden die Serviten aus Genua, die Dominicaner aus Alessandria, die Augustiner aus Carmagnola, die Cistercienser aus Cortemiglia, die Olivetaner aus Duarto, die Carmeliter aus Turin u. s. w. vertrieben. Am 29. April erklärt Gras Cavour in der Kammer, daß es nicht möglich sei, mit Rom eine Vereinbarung zu treffen. Am 22. Mai wird im Senate der Klerus von Savoyen mit Unbilden überhäuft. Der Minister Desoresta sendet einem Diacon eine Heirathserlaubniß, indem erste mit einer Altersdispense verwechselt. Am 6. Juni errichtet der Minister in Savoyen öffentliche Bordelle. Am 30. Juli erhebt der Bischof von Jvrea feierliche Klage wegen der fortwährenden sacrilegi- schen Räubereien. Am 13. August ein Circulare des Ministers Ratazzi gegen den Bischof von Jvrea. Am 15. Nov. die allgemeinen Wahlen zu Gunsten der Conservativen, welche dann größtenteils von der Kammer für ungiltig erklärt wurden. Am 30. Dec. insultirt Cavour die französischen Bischöfe, welche die römische Liturgie in ihren Diöcesen eingeführt hatten. Die Ereignisse der Jahre 1858 und 1859 sind noch in zu frischem Gedächtnisse, als daß es nöthig wäre, sie einzeln aufzuzählen. Das bedeutendste Attentat gegen die Kirche war 1858 die Ausschließung der Canoniker aus der Deputirtenkammer unter dem Dorwand, sie befaßten sich mit der Seelsorge, indem das Statut die Seelsorger für nicht wählbar erklärt. Uebrigens seufzt die kath. Kirche noch immer unter gleichem Drucke, die Mitglieder der unterdrückten geistlichen Genossenschaften nagen am Hungertuche, und die armen Pfarrer, deren Loos die Liberalen durch Verwendung der eingezogenen Klostergüter verbessern zu wollen stolz verkündeten, müssen 5 — 6 Monate und noch länger warten, bis ihnen ihre kurzbemessene Congrua ausbezahlt wird, wie erst wieder in den letzten Tagen die Klage der Pfarrer aus der Insel Sardinien herübertönte. Die 171 6s85A ecclesisgtios hat lange schon Bankerott gemacht, die Klostergüter sind verschleudert, die Zehenten aufgehoben, und so muß genannte Cassa aus der StaatS- Cassa, d. i. aus dem Säckel der Unterthanen dotirt werden, und da sind die Geistlichen die Letzten, die daraus etwas beziehen. So hat es nun auch Farini in Modena gemacht, der dort im schönen herzoglichen Palast in Saus und BrauS die anticipirten Steuern des unterdrückten Volkes verschlemmt. Er hat auch Zehenten und Sammlungen aufgehoben, d. h. zu Gunsten der Staatscassa, indem dafür die Steuern verdoppelt werden; dann hat er den Gehalt der Pfarrer auf 800 Lire, also auf kaum 300 fl. erhöht (!), und glaubt wie großmüthig gehandelt zu haben, wenn diese miserable Ziffer auf dem Papier steht, und die mitten unter dem geplünderten Volke stehenden Seelsorger der Willkür eines jeden sreimaurerischen Cassaschreibers preisgegeben werden. In geistlicher Beziehung erleidet die Kirche Piemonts ebenfalls immerwährende Verluste. 10 —12 bischöfl. Sitze sind erledigt, und unter gegenwärtigen Umständen ist nicht daran zu denken, daß die kirchlichen Verhältnisse geordnet werden könnten, denn die Regierung bietet nur zu jenem die Hanv, wodurch der Kirche neue Wunden geschlagen werden; so gestattet sie die unsittlichsten Darstellungen aus den Theatern, die öffentliche Ankündigung und Schaustellung der obscönsten Bücher, Bilder u. s. w., sie duldet, daß das Land mit verfälschten Bibeln, Traktätlein und Broschüren, welche mit wüthendstem Hasse gegen Rom erfüllt sind, überschwemmt werde; alle protestantischen Agenten haben den freiesten Verkehr im Lande, öffentliche Aergernisse, auch die rohesten Ausschweieungen bleiben ungestraft; selbst Mordanfälle gegen Priester, die das Allerheiligste zu Sterbenden trugen, ereigneten sich, ohne daß man vernommen, daß solche Ruchlosigkeiten gezüchtigt, oder wenigstens auf die Thäter gefahndet worden wäre. Daß Seelsorger in Aufrechthaltnng der öffentlichen Zucht und Sitte irgend eine Unterstützung vom Staate zu erwarten hatten, darf man sich ohnehin nicht einbilden, und so braucht es wohl ein unerschütterlich katholisches Volk, kernfeste Gesinnung bei Hausvätern und Gemeinde- Vorständen, die treu den Seelsorgern zur Seite stehen, um den Strom der Ent- christlichung und Entsittlichung, der in diesem so schwer heimgesuchten Lande aus allen Ufern getreten, wenigstens nothdürftig einzudämmen, damit die Verheerung nicht allgemein werde. So ist es aber auch und der Herr erweckt, wie immer in den Zeiten allgemeiner Begriffsverwirrung und sittlicher Verkommenheiten, auch nun in Piemont Männer, die wie feste Säulen des Rechtes, der Religion und Gerechtigkeit dastehen, von denen wir blos an einige bekannte erlauchte Namen aus dem Laienstande erinnern wollen, als Graf Solaro della Margherita, Graf Revel, Marchese Brignole, de la Motte u. s. w., welche durch die Kraft ihrer Rede und die Gründlichkeit ihrer Schriften sich auszeichnen, wie vorzüglich Ersterer durch seine Schrift gegen das Libell „Der Papst und der Congreß", die bereits in's Französische übersetzt ist, großes Aufsehen machte. Ebenso hütet der Herr und facht in den Herzen des Volkes immer wieder neu die Flamme deS Glaubens an, und die Verfolgung der Kirche muß selbst dazu dienen, in Vieler Herzen das schlummernde kath. Bewußtsein zu wecken, und ihm lebendigen Ausdruck zu geben, wie wir solches in den vielen Adressen an den heil. Vater aus allen Theilen des Landes und den zahlreichen Geldbeiträgen für denselben ersehen. (Kathol. Blätter aus Tirol.) DaS Testament. Der alte Granson lag schwer krank. Er fühlte, daß die Zeit den letzten Zoll von ihm fordere. Er nannte diese Krankheit schon das Anklopfen deS Todes bei ihm. Er hatte recht empfunden, denn bald war er nicht mehr. Doch vor der Scheidestunde ließ er seine beiden Söhne bei dem Sterbebette erscheinen. Er theilte die großen Summen seines Vermögens unter dieselben. Die Abendglocke schlug sieben. Draußen stürmte die kalte Herbstluft und schüttelte die welken Blätter von den Bäumen, wie der Tod bald die Körperhülle von der Seele des alten Granson abstreifte. Die Lampe brannte düster in der Krankenstube des alten Granson, und warf einen trüben melancholischen Lichtschein nach den ringshin braun getäfelten Wanden. Auf dem Schranke, der mit zierlichen Glasarbeiten umstellt war, lagerte sich der schwarze Hauskater und schielte mit seinen flammenden Augen aus dieser durchsichtigen Umgebung hervor und regte sich auch furchtsam oft, als bedrohe ihn das Aufsteigen von Gewitterstürmen. Die Wanduhr aus alter Zeit noch kommend, knarrte mit ihrem einförmigen Schlagklange durch die Todten- stille des Gemaches, welche dann zuweilen von den schweraufkeuchenden Seufzern und von dem unheimlichen und qualvollen Athemholen des alten Granson unterbrochen wurde. Seine beiden Söhne und der Gerichtshalter der Gegend traten herein. Der letztere schauderte. Werner Granson, der jüngere, betete mit bangem Herz- erzittern; Franz Granson, der ältere Sohn, bewegte die Mienen wie zum jauchzenden Lächeln. Er gedachte der Erbschaft und der freien Tage später. Der Anblick Granson's mußte furchtbar sein. Er war ein Bild der Verzweiflung. Abgemagert und abgezehrt lag, im Leben schon das Gerippe des Todes, sein Körper da. Die Brust röchelte dumpf. Er schien der Lunge mühsam noch diese leisen und letzten Bewegungen abzuzwingen. Das wirre Auge quoll aus seinen Höhlen. Kalter Schweiß rann ihm von der kahlen Stirne, sobald er aus den wildgährenden Fieberträumen auffuhr, und mit den langen grauen Fingern an der Wand herumtappte. Diese Finger wurden ihm jetzt zur Peinquelle. Er sah sie und ihm wurde das Gedächtniß zu den falschen Eiden hingerissen, die sein Mund und sein Herz geschworen. Er sah Blut kleben an diesen Fingern von Unschuldigen, die sein Urtheil zu Grunde richten ließ, und darüber erhoben sich die umherstehenden und von Gold strotzenden Säcke als die lautesten Ankläger. Wie mit Eishänden hielt ihn der Gedanke auf diese Thaten seines Wirkens gedrückt. Aus dem Gewissen stieg ihm ein finsterer Geist hervor. Der weckte die Stimme der Vergangenheit noch mehr auf, und dem Sterbenden dröhnten wie Gerichtstagdonner die Klagen der Wittwen und Waisen in das Ohr, welche sein Betrug um Hab und Gut gebracht hatte. Er rang sich auf, drohte, die Finger zur Faust ballend, diese Klaggestalten von seinem Lager fort. Sie blieben aber starr, und ihr Jammern und Seufzen preßte ihm ein Mark und Bein erschütterndes Heulen aus. Dabei nahm das eingefallene tief- gelbe Gesicht, im trübsten Lampenschimmer, eiue Schwärze an, die Entsetzen erregte. „Das Vermögen ist euer, theilt euch in dasselbe. Aber nun bitt ich euch, lasset mir doch bald, den Priester kommen, ja recht bald, daß ich ruhig sterben kann!" So deutete der Alte seinen Söhnen jetzt. Er sprach's. Aber der Tod überfiel ihn plötzlich, wie ein gewappneter Mann. Er starb. Werner weiyte kindlich, Franz jedoch frohlockte teuflisch. Die Brüder theilten sich in das Vermögen. Es ward dem Einen zum Fluche, dem Andern zum Segen. Franz nahm einen großen Theil seiner Erbschaft und zog in die Welt hinaus am Stab des Leichtsinnes. Er vergaß Gott und Kirche und Tugend, und warf sich in den Strudel ekler und sündhafter Zerstreungen. Werner Granson aber blieb getreu den guten Lehren seiner vielbeweinten Mutter , welche dieselben noch vom Sterbebette herab ihm in's Herz gesprochen. Er hielt fest am Glauben seiner Väter, verweilte gern im Hause Gottes, und war der Spender zahlreicher milder Gaben an die Armen. Er lebte fromm und übte Barmherzigkeit am Nächsten stets, bis daß er starb. Die von ihm erquickte 173 Armuth goß ihm Thränen des Dankes auf die Gruft hin. Matt segnete sein Andenken. Ein Glöckchen der Waldcapelle dort im Gransou'schen Besitzthume tönte zur Ferne und lud die Gläubigen zum Gebete bei der Todtenmesse. Die Capelle, grau durch das Alter, stand inmitten grüner weitverzweigter Linden. Es war stille hier. Rings sah man Bildstöcke angebracht, welche Bilder aus der Leidensgeschichte Jesu vorstellten, und welche die Andacht zu umwandeln pflegte. Schon sangen die Geistlichen die Todtenvesper und an Grab und Gericht mahnten die Psalmen. Wurde von den Priestern innig für den Verstorbenen gebetet, so gewiß auch von den Armen, welche vor der Capelle knieten auf dem Sandboden. Sonderbar mußte der Eindruck auf das Herz eines Fremden wirken, wenn der durch diese Waldeinsamkeit geschritten wäre. Auf der rechten Seite befanden sich fünfzig Männer und auf der linken fünfzig Frauen, zu zweien stets gereiht. Alle trugen den Schnee des Alters in den wenigen Haaren noch. Ihre Kleider waren die stummen Zeugen ihrer Noth. Ihr Gebet war salbungsvoll auch durch die äußere fromme Haltung. Thränen befeuchteten manches Auge. Wer diese Greisen sah, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß bei Manchen vielleicht das Kirchen- gehen bald ein Ende habe. Die Glöckchcn läuteten eben zusammen und der Gottesdienst begann. Da war auch keiner unter den Anwesenden, welchen diese Gedächtnißfeier für einen geliebten Todten nicht tief gerührt und zum Gebete und zum Danke gestimmt hätte. Klagsam schallte durch den Wald der Gesang und hallte in seinen Gründen feierlich wieder. Horch! Rossegewieher und Peitschenknall und Hörnerklingen und Stimmen- geräusch wurde vernehmbar, und die Wogen der Töne kamen immer näher. Ein junger Mann, umgeben von rohen Gesellen, ritt daher, und der Chor der Todten- lieder machte keinen Eindruck auf ihn. Er lachte laut über diese Meßklänge und ließ die Hörner blasen, um die ernsten Choralstimmen zu bedecken. Die Gesellschaft kam heran. Sie stutzte. Nun aber lärmten Alle fort, und doch wieder unterbrachen sie ihr Getöse, als sie vor der Capelle die betenden Greise sahen. Der junge Mann gebot Ruhe seiner Schaar, welche fast dem wilden Heere glich. Er selbst schien bald einem vom Sturme gerüttelten Baume ähnlich. Seit Jahren mied er die leiseste Berührung mit allem, was an Tugend und Gott und Ewigkeit mahnte. Er ward darum nur schlecht der Raubgras genannt. Die Vorsehung schien ihn Plötzlich hieher geführt zu haben. Die Grablieder, wemuthvoll und dumpf und auf Verwesung deutend, lasteten auf seinem Herzen. Er fühlte, daß des Christen Beruf höher sei als nur das Vertieftsein in's Irdische und in das Lasterhafte. Er schämte sich seiner Vergangenheit und der Meisterführer verworfener Menschen zu sein. Er wünschte seine Umgebung in ferne Welttheile. Es waren ihm Alle treuergebene Genossen, weil des Verschwenders Geld für sie zur goldenen Kette geworden. Er scheute jetzt den Anblick der Abentheurer. Dieser junge Mann war Franz Granson, der seithin das reiche Erbtheil von seinem Vater bis zur Hälfte schon mit dieser Schaar vergeudet hatte. Er stand im ernsten Sinnen. Der Gottesdienst war beendigt und die Lieder erklangen. Die fünfzig Männer und die fünfzig Frauen schlössen vor dem Kirchlein einen Kreis. Der Meßpriester trat heraus mit einer großen Papierrolle und las unter Anderm: „Das ist noch mein besonderer Wille, daß alljährlich an meinem Todestage hundert arme Personen gekleidet und frei bewirthet werden. Der Gotteslohn dafür sei, daß sie beten für Granson, den Vater, und für mich Werner Granson!" — „Danket dem Allerhöchsten, ihr Armen," rief .der Priester, „für solches Testament, für solche heilbringende Verwendung des Ueberflußes zeitlicher Güter! Gott erquicke Werner Granson's und seines Vaters Seele dafür in der Ewigkeit!" Der Priester schwieg, und an die hundert Personen wurden vollständige Kleidungsstücke vertheilt und eine kleine Geldzulage beigegeben. Die Beschenkten knien noch einmal nieder und riefen dankbar den Namen des Menschenfreundes „Werner Granson." Franz Granson ward in diesem Augenblicke für den Himmel gewonnen. „Guter Bruder!" rief er laut, „wie christlich hast du, und wie unchristlich hab' ich gehandelt! Ich will dir nachfolgen! Ich will besser werden!" Seinem frommen Entschlüsse folgte bald auch die schöne Verwirklichung. Er schritt fortan wie ein treuer Jüngling des Erlösers durch das Leben. Wohlthuend begrüßte er die Hütte der Armuth oft. Sein Testament später glich dem seines Bruders. Vor dem Tode. 6. Valentin war ein braver Taglöhner, welcher sein ganzes Leben lang Gott vor Augen gehabt hatte. Jetzt lag er an einem unheilbaren Lungenleiden schwer darnieder. Seine betrübte Frau, seine beiden erwachsenen Kinder sahen mit Bekümmerniß dem Frühjahre entgegen. Der Arzt hatte gesagt, daß diese überall hin Leben und Freude bringende Zeit für den Kranken, für seine Familie die Zeit des Todes und des Schmerzes sein werde. Der Leidende allein hoffte zuversichtlich auf Wiedergenesung, und, da man ihm mit der Hoffnung für das Leben das Leben selbst genommen hätte, und ihm deßhalb die traurige Wahrheit verhehlen mußte, so konnten ihn weder die eindringlichen Bitten der Seinen, noch die ernsten Mahnungen seines Seelsorgers zum Empfange der heiligen Sacramente bewegen. — „Der heiligen Oelung bedarf ich nicht" — pflegte er zu sagen — „denn ich bin nicht auf den Tod krank, und die übrigen Sacramente empfange ich lieber, wenn ich wieder gesunden Leibes bin. Dann ist mein Geist zum Erkennen klarer, mein Gemüth minder niedergeschlagen." — Der Arzt, ein glaubensloser Mann, welcher durch den Empfang der heiligen Sacramente Minderung der Lebenshosfnung und als Folge zu große Aufregung für den Kranken fürchtete, bestärkte denselben in seiner vorgefaßten Meinung. Veronika hingegen, des Taglöhners Gattin, und ihre beiden Kinder wurden von tiefster Gemüthsunruhe ergriffen. Denn selbst der Gerechte fällt des Tages siebenmal. Wie leicht also konnte Gatte und Vater für's zeitliche, wie für's ewige Leben verloren gehen? Während Anna, die Tochter, der Mutter im Hauswesen, in der Pflege des Kranken treulich half und auf diese Weise nur wenig mit weiblichen Arbeiten verdienen konnte, war hingegen Franz, der Sohn, darauf hingewiesen, mit seiner Hände Fleiß fast die ganze Familie zu ernähren. Zu arm, ein Gewerbe erlernen zu können, war, wie früher bei'm Vater, Taglohn seine einzige Quelle des Broderwerbs, und mit rastlosem Eifer arbeitete er vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. Ein Gewitter im Leben der Natur ist die Aufeinanderfolge mehrerer Blitzstrahle und Donnerschläge. Nicht selten verhält es sich auf gleiche Weise bei den Gewittern, welche den menschlichen Lebenshimmel trüben. Der Vater lag auf dem Siechbette, und der Sohn wurde eines Abends bewußtlos in's Haus getragen. Ein von der Höhe auf seinen Kopf fallender Gegenstand hatte eine Ohnmacht hervorgerufen. Der bei'm Vater weilende Arzt erklärte dieselbe als Wirkung einer leichten, gefahrlosen Hirnerschütterung. Wirklich kehrte das Bewußtsein bald wieder, und Tags darauf fühlte sich Franz so weit hergestellt, daß er leichtere Geschäfte verrichten konnte. Franzens Bewahrung vor so augenscheinlicher Todesgefahr erfüllte die Familie mit unbeschreiblicher Freude. Der Kranke betete in seinem Bette, Veronika jedoch und Anna eilten in die Kirche, Gott zu danken, welcher ihnen nicht nur ein Glied, sondern auch die Stütze der Familie erhalten hatte. Franz aber glaubte, mehr thun zu müssen. — „Wie leicht" — sagte er — „wäre ich nicht mehr zum Leben erwacht, und also unvorbereitet vor den Richterstuhl des Herrn getreten! Gott hat mich aus doppelter Gefahr errettet. Bezüglich einer mnftigen Leibesgefahr stehe ich in seiner Vaterhanv. Was indessen die Gefahr der Seele betrifft, so soll mir dieser Vorgang eine ernste Warnung sein, mein ganzes Leben so einzurichten, daß ich mit des Allerbarmers Hilfe mich möglichst vorbereitet seinem gerechten Richterstuhle nahen kann." — Er ging in's Gotteshaus, legte ein reuiges Sündenbekenntniß ab, und empfing das Brod des ewigen Lebens. Am fünften Tage nach jenem Unglücksabende kehrt Franz äußerst erschöpft von der Arbeit zurück. Es stellte sich Erbrechen ein, und die Miene des gerufenen Arztes ließ das Aergste befürchten. Wirklich, nach zwei Tagen qualvoller Leiden war der Unglückliche eine Leiche. Mutter und Tochter weinten laut auf. Der Vater aber war still, in sich gekehrt. Ohne Zureden begehrte er seinen Seelsorger. — „Franz" — sagte er — hatte die ersten Tage nach seinem Unfälle keine oder nur geringe Schmerzen. Meine Brust brennt mich oft, als ob die Sünden meines ganzen Lebens in ihr nagten. Franz hatte Recht; das Heil der Seele, aber nicht des Leibes ist in unsere Hand gegeben." Die Befürchtungen des Arztes erwiesen sich als falsch. Denn nach dem Empfange der heiligen Sacramente war das Gemüth des Kranken so ruhig, so heiter, daß es aus den Körper die wohlthuendste Wirkung übte. Als Valentin sanft in den Herrn entschlafen war, gestand der Arzt selbst, daß die gefaßte Haltung des Kranken nach seiner geistigen Vorbereitung ihm das Leben wenigstens einige Tage verlängert habe. Leser! Wohl dem, welcher den milden Zuruf Gottes in den heil. Gnaden- mitteln selbst aufsucht! Der Herr braucht ihm dann nicht mit ernster Prüfung zu nahen, damit er seine Seele rette. Möge diese Wahrheit nicht nur der Kranke auf dem Todtenbette, sondern auch der Mensch in vollster Lebensblüthe beherzigen! Fluche nicht! Der Fluch einer unnatürlichen Mutter ist vor Kurzem auf eine schreckliche Art an einem jungen, fleißigen Mädchen aus dem Veßprimer Comitate (in Ungarn) in Erfüllung gegangen, welches schon seit mehreren Jahren an einer Drehmaschine der dortigen Herrschaft arbeitete und ihre greise Mutter, ein boshaftes, unverträgliches Weib, durch ihrer Hände Arbeit ernährte. Diese entließ nun eines Morgens ihre Tochter eines geringfügigen Anlasses halber mit dem herzlosen Fluche: „Möae dir doch einmal die Maschine dein: Hand zerschmettern." Nächster Tage ging auch der furchtbare Fluch in Erfüllung. Das arme Mädchen strauchelte nämlich am Tische der Maschine, griff mit der rechten Hand in die Räder und verlor in einem Augenblicke den Arm bis an's obere Gelenk; die herzlose Mutter machte ihren Gewissensvorwürfen in verzweifelten Verwünschungen Luft und das brave Mädchen tröstete seine Mutter damit, daß sie ihr auch mit der linken Hand allein das Brod zu verschaffen im Stande sei. Seelenstärke eines katholischen Priesters. Unter die vielen Priester, die in der französischen Revolution als Opfer ihrer religiöseil Standhaftigkeit fielen, gehört auch der 28jährige Geistliche Novi, Caplan von Anjac. — Nachdem er aus den Marktplatz der Stadt Bans war geführt worden, wo man eben 8 Priester, die der Republik nicht zugeschworen, hingerichtet hatte, ließen die Mörder den Vater des Caplans Novi kommen und umgeben von den 8 hingestreckten Leichnamen erklärten sie ihm: „Es werde das Loos seines Sohnes nur von seinem Rathe und Einflüsse abhängen; sein Sohn werde sterben gleich den Anderen, wenn er noch länger auf der Weigerung des Eides bestünde; leben würde er, wenn es dem Vader'gelänge, ihn zur Leistung des Eides zu bewegen." — Der unglückliche Vater, unschlüssig, zwischen den Gefühlen der Natur und der Religion hin und her gezogen, stürzt sich zuletzt, von Zärtlichkeit überwunden, seinem Sohne um den Hals; mehr noch durch seine Thränen -und durch sein Schluchzen, als durch Worte dringt er in ihn und fleht: „Mein Sohn! erhalte mir das Leben, indem du das deinige erhältst!" „Ich will's besser machen, mein Vater" — versetzte der Sohn — „Ihrer und meines Gottes würdig will ich sterben! — Sie haben mich in der katholischen Religion erzogen; ich bin so glücklich ein Priester dieser Religion zu sein; es wird Ihnen zum süßeren Troste gereichen, einen Matyrer zum Sohne zu haben, als einen Abtrünnigen!" Der Vater wußte nicht, welchem Eindrucke er sich hingeben sollte; er umarmt nochmal diesen Helden, er benetzte ihn nochmal mit seinen Thränen. „Mein Sohn!" — mehr kann er nicht sagen. — Die Schergen entreißen ihm den Sohn; er sieht ihn den Hals unter das Beil hinhalten; da schreit er auf und stört und hindert die Mörder an ihrem unseligen Geschäfte. Zwei unsichere Hiebe haben den Priester zu Boden geworfen und es hat den Anschein, als ob die Henker ihn so liegen lassen wollten. Sein Brevier war den Händen entfallen; er hebt es ruhig auf, und er reicht das Haupt nochmal dar; siehe! da trifft ihn ein neuer Hieb mit der Axt und sein Opfer ist vollendet. Chinesischer Spruch. Nicht den leicht'sten Fehler kannst du hegen, Der mit schwerem Schaden dich verschone, Doch auch nicht die kleinste Tugend pflegen, Die sich dir nicht zwiefach lohne. Für den Kirchenban der armen Katholiken in Stargard und Köslin. Uebertrag.43 fl. — kr. Aus Beuerberg: „Möchten recht viele Katholiken ihren Brudern im Norden zu einem würdigen Tempel verhelfen!! ... 2 fl. 42 kr. Summa: 45 fl. 42 kr, Redaction uno Verlag : Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie.