Hl-. S4 lSbMgkl 10. Juni 1860. Das AugSburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Angsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Religiöse Zustände Englands. Die „Armonia" erhält von dorther folgende Correspondenz: Seit einigen Monaten machen die Protestanten außerordentliche Anstrengungen, tun ihren Glaubensgenossen, wenn anders noch möglich, ein wenig religiöses Leben einzuhauchen, welches, wie jeder Beobachter sehen muß, völligem Erlöschen nahe ist, und die Anstrengungen selbst sind ein klarer Beweis, daß die unglücklichen Schüler Luthers und Calvins bereits merken, daß ihnen dies Leben ausgeht. Nach den im Jahre 1855 angestellten Berechnungen gibt es in England über 5,500,000 Menschen, welche nie einen Fuß in ein dem Gottesdienste gewidmetes Local setzen, und der größte Theil der klebrigen gibt nur selten zu erkennen, daß er eine Religion übe; darum entzündete sich der Eifer vieler der entschiedensten Protestanten, und sie beschlossen, alle möglichen Mittel zu versuchen, um die erlöschenden Lebensgeister wieder aufzuwecken. Es war damals, daß Lord Shaftesbury vom Parlamente die Befugniß erhielt, daß Jedermann innerhalb seines Eigenthums Stätten des öffentlichen Cultus eröffnen dürfe, ohne bei der Regierung um weitere Erlaubniß sich bewerben zu müssen; und man legte nun Hand an's Werk neue Kirchen und Capellen zu erbauen, Gelder in großer Menge einzusammeln, um zu diesem Werke an ärmeren Orten behilflich zu sein, ferner in den Dom- und anderen Hauptkirchen specielle Funktionen einzuführen, welche gewöhnlich im Absingen einiger Psalmen mit zahlreicher musikalischer Begleitung und in einer Predigt bestehen, welche letztere von gewählten Rednern im Turnus gehalten wird. Nichtsdestoweniger aber blieb die Masse des Volkes wie früher ohne religiöses Leben; denn was sind denn in London z. B. 15,000 Personen, welche bei diesen Extra-Gottesdiensten sich einfinden, wovon auch der größte Theil bei den gewöhnlichen erscheint, im Vergleich mit beinahe 2 Millionen, welche an Sonn- und Festtagen nicht den mindesten Religionsact ausüben? Rücksichtlich der Kirchen bemerkten die protestantischen Blätter wiederholt, daß nicht das mindeste Bedürfniß vorhanden sei, deren neue zu bauen, indem die bereits bestehenden immer leer seien. Da es sich also zeigte, daß diese Weckmittel nicht hinlänglich sich erwiesen, sann man auf ein anderes, nämlich die Theater zu Stätten der Predigt und des religiösen Unterrichtes zu verwenden; ein Mittel, darauf wirklich nur Protestanten verfallen konnten; denn man wird nie gehört haben, daß die Heiden, Mohamedaner, Juden je das Theater zu gottesdienstlichen Handlungen benutzt hätten. Wer Montags die in der Hauptstadt erscheinenden Blätter in die Hand nimmt, kann, wenn er will, zu seiner Erbauung die Rechenschaftsberichte über die religiösen Funktionen lesen, welche in den vornehmsten Theatern stattgefunden hatten. Da wird der Anzug und Putz der Damen beschrieben, die natürlich durch ihr Erscheinen keinen Unterschied zwischen dieser und einer andern Unterhaltung machen; ferner die scenische Verzierung der Kanzel, von welcher der herausgeputzte Prediger, ganz Feuer für die Angelegenheiten der Seele, seine Beredsamkeit glänzen ließ, während die Zuschauer, zum Beweise der tiefen Gefühle der Frömmigkeit und Zerknirschung sich, wie gewöhnlich, mit Pomeranzen, Confect, Ligueurs, Gefrorenem und anderen Erfrischungen reichlich versahen, die von Hand zu Hand bereitwilligst gereicht wurden; endlich auch, welche Zeichen der Zu-oder Mißstimmung bemerkt wurden, das Stillschweigen oder das Gesumme, nach den verschiedenen Eindrücken, welche die Predigt hervorbrachte. Ihre Leser werden vielleicht Aergerniß nehmen an einer solchen Art und Weise, den Tag des Herrn zu heiligen; auch Lord Dungannon aUerirte sich darüber und erhob Klage im Parlamente; allein der Pseudobischof von London trat allsogleich als Vertheidiger auf, und der sehr fromme Pseudoerzbischof von Can- terbury bemerkte scharfsinnig mit Gamaliel daß, wenn diese Neuerung nurMeu- schenwerk sei, sie alsbald verschwinden werde; komme sie aber von Gott, soll man ihr kein Hinderniß in den Weg legen. Den Eiferern ist es aber noch zu wenig, die Theater als Kirchen zu gebrauchen, sie ersannen noch ein Mittel, welches für einige Zeit wohl zweckdienlich sein mag, inzwischen aber schneller als ein anderes den Ruin des Protestantismus durch Anbahnung des völligen Jndifferentismus herbeiführen wird. Sie senden nämlich nach allen Seiten Missionäre mit dem Auftrage aus, alle Diejenigen, bei denen sie noch einen Funken religiöser Anwandlung vermuthen können, zu den Versammlungen einzuladen, welche im Stadthause gehalten werden, wo sich Alle, jeden Unterschied im Dogma oder Ritus beiseits lassend, zum gemeinschaftlichen Gebete vereinen. Beim ersten Anblicke möchte es wirklich scheinen, daß die religiöse Vereinigung in England wiedererstanden sei, und mit derselben auch Frömmigkeit und Eifer; denn nicht blos an allen Straßenecken und an den Thoren der gottesdienstlichen Gebäude der verschiedenen Seelen sieht man die Einladungszettel zur religiösen Versammlung im Saale des Stadthauses angeheftet, sondern fast in jeder Kneipe bekömmt, man dieselben zu lesen, und sie machen keinen , Unterschied zwischen einem Methodisten oder einem Ouäcker, einem Baptisten oder einem Unitarier, einem Schwedenborgianer oder einem Congregationalisten. Be- ! gebt ihr euch nun hin in -jene Versammlung, so werdet ihr staunen nicht blos über die außerordentliche Anzahl der Andächtigen, sondern über die Cordialität, mit welcher Personen von so entgegengesetzten religiösen Ansichten und Meinungen einander begegnen. Wie ihr aber einmal die Predigt gehört, so werdet ihr gleich erkennen, daß die ganze religiöse Einigkeit darin besteht, nichts zu glauben und die kath. Kirche zu hassen. Dies ist das Ziel, welches die verschiedenen religiösen Associationen, welche in neuester Zeit gleichsam als Nachässung der zahlreichen im Schooße der hl. Kirche blühenden kathol. Vereine unter den Protestanten sich gebildet haben, verfolgen. Unter anderen führt eine derselben den Titel: „Association der Jünglinge". Vor wenigen Tagen sah man an allen Straßenecken von Cardiff große Zettel angeheftet, worin die Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer Reihe von Predigten eingeladen wurden, welche während der Fastenzeit von tüchtigen Rednern gehalten werden. In meiner Neugierde las ich den ganzen Inhalt der Ankündigung, und ich entnehme nicht ohne Verwunderung, daß die erste Predigt von einem anglikanischen Prädicanten, die zweite in der Capelle , der Baptisten, die dritte in jener der Unitarier gehalten werden sollte. Die Methodisten werden die Ehre der vierten haben, und so wurden die Jünglinge eingeladen, die Schriftauslegung nach den Ansichten der verschiedenen Secten der Reihe nach anzuhören. Ich sagte, nicht ohne Verwunderung; denn bisher galten den Anglicanern die Dissidenten für Ketzer, und sie wollten mit ihnen keine Gemeinschaft Pflegen; nun aber ist es offenbar, daß sie alle miteinander gemeinsame Sache machen, und daß der Protestantismus am Vorabende ist, das zu werden, was er in seiner innersten Wirklichkeit ist, ein reiner Deismus. Inzwischen lenkt es auch die Vorsehung, daß die Puseyiten, welche sich schmeichelten, die Ueberzeu^ gung zu begründen, die anglicanische Kirche sei ein Ast der katholischen, fast 187 täglich mahnende Beweise erhalten, wie sehr sie darin irren. Die Tumulte, welche seit langer Zeit die Funetionen in der protestantischen Kirche des h. Georg im Westende Londons wegen der dort vom Pastor eingeführten puseytischen Neuerungen stören, Tumulte welche letzthin so arg wurden (man zerschlug die Altarzierden und zerriß die gottesdienstlichen Gewänder), daß sie den Unwillen aller Parteien erregten, weil dadurch die Meinungsfreiheit und der öffentliche Anstand straflos gehöhnt wurden, zeigen offenbar, daß die Masse der Protestanten weder von Dogmen noch von religiösen Ceremonien etwas wissen, sondern ihr Heiden- thum, mit ein wenig christlichem Firniß übertüncht, sich bewahren will; ganz charakteristisch für den Protestantismus überhaupt! Die katholische Kirche aber gewinnt fortwährend an Terrain. Neue Kirchen, neue Schulen, neue Convente und Klöster entstehen allerwärts. Die Klosterfrauen insbesondere vermehren sich, und breiten sich auf wunderbare Weise aus, und überall will man sie als Lehrerinnen in den Schulen. Der Ausnahmszustand, in dem sich hier die kath. Kirche befindet, bewirkt, daß dies Alles geschieht, der Katholicismus sich befestigt und im steten Fortschreiten begriffen ist. Wer aus katholischen Gegenden hieher kömmt, die kathol. Kirchen und Institute zu besuchen, glaubt in seinem Daterlande und nicht in einem protestantischen Lande sich zu befinden. So weit genannte Correspondenz. Da wir von den Bemühungen eifriger Protestanten zur religiösen Wiederbelebung ihrer Landsleute in England gehört, so wollen wir auch einen Bericht der „N. preuß. Zeitung" anfügen, der uns von originellen Besserungsversuchen erzählt, welche mehrere anglikanische Geistliche und Laien zur Gewinnung lasterhafter Personen für ein christliches Leben anstellten. „London, 17. Februar. Eine Anzahl protestantischer Geistlicher der „evangelischen" oder l.o^v-Giuec-li (niederkirchlichen Richtung), so lautet der Bericht, „die mit Liebe und Aufopferung dem Reiche Gottes dienen und seit Jahren überall eines ehrenvollen Rufes genießen" — Männer wie Mr. Brock, Mr. Maxwell, Mr. Baptist Noel (der Sohn des Carl of Gerrisborough) und Andere hatten sich zu einem sehr eigentühmlichen Vorhaben vereinigt. Seit längerer Zeit galt ein Theil ihrer Wirksamkeit der Wiedergewinnung verlorener Dirnen. Betrübt über die geringen Erfolge ihrer Bemühungen und in der Unmöglichkeit, dem Gegenstand ihrer Sorge anders als auf offener Straße und nach Mitternacht beizukommen, beschlossen sie, ein bisher unerprobtes Mittel zu versuchen. Acht Tage lang verbrachten sie die zweite Hälfte der Nacht auf den Straßen. Wo sie eine Person der betreffenden Classe sahen, schlichen sie leise heran, drückten ihr ein elegantes Billet in die Hand, und entflohen, um allen Weiterungen zu entgehen. So vertheilten sie mehr als tausend gedruckte Briefe folgenden Inhalts: „Einige Freunde erlauben sich die Bitte um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft in der Restauration von St. James, Regent Street, für Mittwoch den 8. um 12 Uhr Nachts auszusprechen." — Diese Nacht kam, und mit ihr an 250 der geladenen Dirnen! Männliche Begleitung wurde nicht mit eingelassen, was Verdacht erregte und Viele noch an der Thür vom Eintritt zurückhielt. Drinnen fanden sie einen wohlbesetzten Theetisch, und daran den genannten Geistlichen, den reichen Banquier Latouche, Mr. Maxwell, den Sohn Lord Farnham's und eine kleine Gesellschaft von andern Menschenfreunden aus den höchsten Ständen der Gesellschaft; zusammen an zwanzig Gentlemen. Die Dirnen setzten sich, mit all dem elenden Flitter ausstaffirt, der den sittlichen Abgrund ihres Daseins überdeckt, lustig an den Tisch. Sie griffen zu und benahmen sich, wie sie dem mysteriösen Briefchen zufolge sich berechtigt glaubten. Um 1 Uhr endlich, als der Thee vorüber war, und die Gesellschaft vollzählig schien, und als den Tafelnden wohl schon beträchliche Zweifel an dem Zwecke der Reunion aufgestiegen waren, trat der Nev. Mr. V. Brock mit einer geistlichen Ansprache vor sie hin. Er sprach für seinen Zweck vortrefflich. Wenn er keine Achtung vor der Versammlung ausdrücken konnte, so drückte er seine Achtung vor dem aus was sie sein sollten, ja sein würden, im Augenblick da sie es wollten. Ihm folgte der Hon. und Rev. Mr. Baptist Noel mit einer schlichten Beschreibung des Lebenslaufes einer tugendhaften Frau. Viele schluchzten. Die Mehrheit, welche gleichgiltig blieb, verhielt sich ruhig, da die Beachtung und das schonende Entgegenkommen Allen wohlthat. Schließlich versprach man jeder einzelnen genügende Beihilfe zur Begründung eines neuen Lebens, und das Meeting trennte sich, nicht ohne eine Hoffnung auf gute Frucht in den Herzen feiner Veranstalter zurückzulassen. In Deutschland wäre es wohl nicht denkbar, daß Männer von so reinen Zwecken und so ernstem Sinne sich eines derartigen weltlichen Mittels, gleichsam einer Begleichung und Ueberraschung der Sünde, bedienen würden, um ihre christlichen Ziele zu fordern." Gebt mir gute Mntter und ich bekehre die Welt. Andreas Corsini, ein Sohn des Nikolaus Corsini und dessen Gattin Pere- grina, war in Florenz im Jahre 1302 geboren. Obschon er im Elternhause stets Gutes gehört und gesehen, so schied er doch frühzeitig von der Bahn des Guten und überließ sich, dem Beispiele wüster Genossen folgend, vielen Ausschweifungen. Statt Freuden bereitete er seinen Elken: Kummer und Schmerz. Es herrschte nur Trauer in ihrem Palaste, nur noch die Stille des Grabes, von Schluchzen und Seufzen der schwer betrübten Mntter unterbrochen. Mit wahrhaft christlicher Sanftmuth suchte Peregrina ihren Sohn auf den Weg des Heils zurückzuführen; doch jedes Wort, jede Bitte floh wie Windeswehen, ohne eine Spur zurücklassend, unwirksam an seinem Herzen vorüber. Peregrina, überwältigt von ihrem Weh, legte nun alle Pracht der Kleidung, wie sie ihrem vornehmen Stande gebührte, ab und hüllte sich in Trauerkleider. Stundenlang kniete sie vor dem Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes iu der Karmeliterkirche und flehte um Fürbitte bei Gott für die Bekehrung ihres armen, unglücklichen Sohnes Andreas. Die Stätte, wo sie in Andacht versunken zu weinen pflegte, zeigte sich jedesmal von unzähligen Thränen benetzt. Eines Tages begegnete Andreas zufällig seiner Mutter in den Trauerkleidern, als sie eben durch die Karmeliterkirche schritt. Er sah ihre rothgeweinten Augen, bemerkte ihre blassen Wangen und ihr sichtbares Gcbcugtsein. Stumm gab er ihr das Geleite. Ihr Anblick-Hatte ihn betroffen gemacht. Ihr Schweigen aus dem Heimwege drückte ihn noch mehr. In der Behausung angelangt, sagte er endlich: Aber liebe Mutter, du trauerst ja. Es muß Jemand in unserer Familie gestorben sein, weil ich Dich in diesem dunklen Anzüge erblicke. Warum hast du mir diesen Sterbefall nicht angezeigt? Auch ich hätte dann, wie es sich ziemt, Tranerkleider angelegt. — Ja, mein Sohn, es ist Jemand in unserer Familie gestorben, aber nicht den Tod des Leibes, sondern den Tod der Seele. Und dieser Gestorbene List — du. Denn durch dein lasterhaftes Leben, das du seither führst, bist du todt für Gott und Seligkeit. Und um diesen deinen entsetzlichen Tod traure und weine ich Tag und Nacht, aber ich bete auch Tag und Nacht^ daß Gottes Huld nud Gnade dich erwecken und erleuchten möge, daß du vor meiner Sterbestunde noch auferstehen mögest zum Leben in Christo und dann ich zu deinem ehrwürdigen Baker in Frieden in die Ewigkeit hinübergehen könne I Ach du bist wohl der Wolf, den ich ehedem im Traume gesehen habe. Durch Liese Worte fühlte sich Andreas tief erschüttert. Er wurde unruhig, griff nach der Hand seiner Mutter und bat sie, ihm diesen Traum zu erzählen. 189 Peregrina sagte ernsten, doch liebesanften Tones: „Am Tage vor deiner Geburt, mein Sohn Andreas, hatte ich einen seltenen, fürchterlichen, nachher aber in gar wundersamer Tröstung sich ändernden Traum. Mir war, als hätte ich einen Wolf geboren. Entsetzt und halb ohnmächtig siel ich zu Boden, flehte zu Gott um Erbarmen in dieser gräßlichen Noth, und siehe, Gott erhörte mein Gebet, denn der Wolf verwandelte sich in ein anmuthiges Lamm, das da in die Kirche lief, und — ich erwachte. O, mein Sohn! der erste Theil meines Traumes, der so fürchterliche, ist leider bereits erfüllt. Durch dein sündhaftes Leben bist du seither der entsetzliche Wolf gewesen. Wann, ach wann wird sich der zweite Theil meines Traumes, der so tröstliche, erfüllen, daß du ein Lamm in der Kirche Gottes werdest? Wann, ach wann schlägt diese glückselige Stunde? Ach, sie schlägt vielleicht — nie. O ich ärmste Mutter, hätte ich dich doch nimmer geboren I Andreas, den in diesen rührenden Worten die Gnade Gottes sichtbar und mächtig ergriff, sank weinend zu seiner Mutter Füßen nieder, bat sie reumüthig und demüthig um Verzeihung und rief aus der Tiefe seines Herzens das feierliche Gelübde ihr entgegen: „O meine gute Mutter, vergib mir! Ja ich will von nun an ein Lamm in der Kirche Gottes werden und es auch bleiben bis an mein Lebesende. Dazu verhelfe mir die Fürbitte der heil. schmerzhaften Mutter Gottes und die Barmherzigkeit ihres gebenedeiten Sohnes, meines gekreuzigten Heilandes." Am anderen Tage ging Andreas mit seiner Mutter in die Karmeliterkirche, legte dort einem greisen Priester seine Beicht ab, und Mutter und Sohn empfingen beim Altare der schmerzhaften Mutter Gottes die hl. Communivn. Noch lauge knieete dort der Jüngling, sein seitheriges leichtsinniges Leben mit heißen Bußethränen beweinend. Er opferte sich nun Gott unter dem Schutze der gnadcn- vollen Jungfrau gänzlich auf und anstatt in die Welt zurückzukehren, nahm er das Ordenskleid. In der Abgeschiedenheit des Klosters bändigte er mit wunderbar heldenmüthiger Kraft alle Versuchungen des bösen Feindes, er kreuzigte sein Fleisch und dessen Begierden durch schmerzliche Geißelung, Fasten, Stillschweigen, Gebet und Betrachtung unter dem K euze seines Erlösers, und namentlich durch Uebung solcher Tugenden, die von seinem früheren Lasterleben das Gegentheil bildeten. Nach abgelegtem Ordenseid und Gelübden wurde er Priester, studirte noch drei Jahre in Paris, kehrte dann in sein Kloster zu Florenz zurück, wo man ihn wegen seiner ausgezeichneten Wissenschaft und Frömmigkeit zum Prior einsetzte. Durch sein frommes Beispiel und seine salbungsreichen Predigten, die Tausende und Tausende verstockter Sünder zur Buße riefen, nannte man ihn geradezu den Apostel des Landes und wählte ihn später, als der Bischofssitz zu Fiesolie erledigt war, einstimmig zum Bischöfe. Als Bischof vermehrte er seine Wachsamkeit und sein Gebet und übte die christlichen Tugenden um so angestrengter, als er einsah, wie heilig er in einer so hohen Stellung leben müsse. Sein Lager waren Reiser von Weinreben, seine Nahrung war strenges Fasten und Darben, seine Erholung Armenpflege. Um seinem Heilande soviel wie möglich in Allein ähnlich zu werden, pflegte er an jedem Donnerstage den Armen die Füße zu waschen und sich auf diese Art zu demüthigen. Einmal wollte ein Armer die Füße nicht darreichen, weil sie voll Geschwüre waren. Der Bischof wusch sie dennoch, und der Kranke war davon befreit; denn Gott hatte dem großen Büßer auch die Gabe der Wunder verliehen, und nach allen Richtungen hin glich sein Leben einem frischen Baume, der die besten Früchte trug. In der Christnacht 1372 überfiel ihn während der heiligen Messe eine große Schwäche, die in ein qualvolles Fieber überging. Er bereitete sich durch Empfang der heiligen Wegzehrung auf die Ankunft des Herrn vor und starb am 6. Jänner 1373, nachdem er auf dem Krankenlager noch oft ausgerufen hatte: „O meine gute Mutter im Himmel, wäre ich doch eine Lamm geworden! 190 Ach, mein süßer Jesus, wäre ich doch ein Lamm in deiner hl. Kirche geworden!" Er starb in einem Alter von 70 Jahren gottselig im Herrn. Siehe da, mein lieber Leser, einen zweiten Augustin, der durch das Gebet und die Thränen seiner Mutter von den Irrwegen der Sünde auf den Pfad der Tugend und Heiligkeit geleitet wurde. O möchten alle Mütter so zärtlich für daS Seelenheil ihrer Kinder sorgen, wie gut wäre es! Sie sorgen zwar: aber statt des Kleides der Unschuld geben sie ihnen das Kleid der Eitelkeit, statt sie für Gott christlich und fromm zu erziehen, erziehen sie sie für die Eitelkeit. Mit Recht konnte ein weiser Mann rufen: „Gebt mir gute Mütter und ich bekehre die Welt." — Mütter, das beherziget! Seht, soviel hängt von der Erziehung ab, die ihr euern Kindern gebet. _ Gottlob, baß der Korb fertig ist! „Aber, lieber Doctor, wo sind Sie so lange gesteckt? Die ganze Gesellschaft hat Sie wohl eine Stunde lang erwartet. Machen Sie nur nicht Miene, sich entschuldigen zu wollen. Wir wissen ja doch, was Sie sagen wollen. Sie haben Kranke besuchen müssen, nicht wahr? O ja, ein Doctor kann sich leicht entschuldigen." „Gewiß! Hat's meine Frau nicht erzählt? Ich genoß so eben das Vergnügen, sie hierher zu begleiten, als ich mitten auf dem Wege angehalten wurde. Eine beliebige Alte war sicher mir zum Trotze krank geworden, und so mußte ich meine junge Anna allein pilgern lassen und mich zur alten Susanna begeben." „Und da blieben Sie so lange?" „Daß ich ein Narr gewesen wäre! Ich schrieb ihr ein Recept auf „O weh' mir, wie wird mir!" und entfloh ihr, als sie eben daran war, mit unergründlichem Scharfsinn mir eine ellenlange Rede halten zu wollen. Daraus"- „Eilten Sie gewiß nicht hierher! Wo sind Sie gewesen?" „Ich stürmte vorwärts, wie ein Schnellläuser, holte in jener Straße kaum einmal Athem und segelte so rasch an den Leuten vorbei, daß ich mit dem einmaligen Hutabnehmen an zwölf Grüße zugleich beantworten konnte, und doch"- „Nun, was kam dazwischen?" „Ein Korbmacher und seine Frau. Aber meine Herrschaften rechts und links, laßt mich erst zur Ruhe kommen! So, da steht mein Stock, hier mein Hut, dort der Sessel ist mein; gut, ich bin da und sitze. Darf ich bitten um eine Tasse Thee? Ach, schön; ich danke einmal, zweimal und dreimal." „Aber der Korbmacher und seine Frau?" „O es ist etwas ganz Unbedeutendes. Ich kam vor seinem Hause vorbei und hörte in demselben ein Fluchen und Schalten, ein Kreischen uud Heulen, ein Schlagen und Prügeln, daß ich Alles vergaß und in die Thüre trat, um Ordnung zu stiften. Es war richtig, wie ich mir dachte, der Mann prügelte seine Frau; sie hatte aber auch das Ihrige geleistet, denn seine Nase blutete nicht wenig. Als ich erschien, fuhren sie auseinander und bedrängten mich nun so mit gegenseitigen Erklärungen und gegenseitigen Verwünschungen, daß ich fast blind und taub wurde. Ich hatte Arbeit, beide zum Schweigen zu bringen, und dann erst eine Partei und daraus die andere ihre Sache vorbringen zu lassen. Der Meister hatte, so erzählte er, die ganze Woche auf einen Korb gearbeitet, erst heute, am Sonnabend Abend, war sein Werk vollendet. Er betrachtete es, belobte es, weil es gut gelungen war und in aller Freude rief er aus: Gottlob, daß der Korb fertig ist. Seine Frau hatte im Zimmer gesessen und auf seine Gemüthsbewegungen keine Rücksicht genommen. Und weil ihr trockenes, kaltes Gesicht ihn ärgerte, rief er ihr zu: So freue dich nun auch einmal! Sag auch einmal: Gottlob, daß der Korb fertig ist! 191 Die Frau erwiderte zerstreut: Wie sagst du? Der Meister: Du sollst dich auch einmal freuen, sollst auch einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Warum sollte ich denn das sagen? fragte sie. Und er: Warum? Das ist eine Frage! Ich freue mich, ich sage es; du sollst dich auch freuen, sollst es auch sagen! Sie: Ja, du bist mir ein Mensch! Was geht mich dein Korb an? Ich habe ja nicht daran gearbeitet! Er: Was dich mein Korb angeht? Muß ich dich nicht mit meiner Hände Arbeit ernähren? Wird dieser Korb uns nicht ein gutes Stück Geld einbringen? Sie: Freilich, über das Geld, das du von dem Gewinne mir gibst, will ich mich freuen; aber mit deinem Korbe schweig' nur still! Er: So thue es mir zum Gefallen. Sie: Ach, sei kein Narr! Wenn ich meine Wäsche gewaschen habe und am Ende spreche: Gottlob, daß ich mit der Wäsche fertig bin, sprichst du mir dann nach: Gottlob, baß ich mit der Wäsche fertig bin? Lass' die Dummheiten! Thue du deine Sachen und freue dich über das Deinige; überlast' mir meine Sachen, und ich will mich freuen über das Meinige. Der Mann konnte sie durch Bitten nicht bewegen, nicht durch Drohungen, nicht durch Schelten. Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht, und nach diesem entbrannte der heftigste Krieg, und Hand und Fuß arbeiteten, als ich in's Zimmer trat. Nachdem mir der Mann dies erzählt hatte, nahm ich die Frau vor. Sie theilte mir dasselbe mit, suchte aber mit großer Erregtheit ihr Benehmen nicht nur zu entschuldigen, sondern auch als vernünftig und recht darzustellen und klagte bitter über die Gefühllosigkeit ihres Mannes und über das grobe Benehmen desselben. Was sollte ich beginnen? Jcy gedachte den Streit zu schlichten und den Frieden wieder herzustellen und bat deßhalb die Frau, den Wunsch ihres Mannes zu erfüllen, es sei ja nur eine Kleinigkeit. Sie weigerte sich. Ich suchte sie zu überreden und brachte, nachdem sie der Mann mit schönen Argumenten nicht hatte überzeugen können, Argumente all twminom, -,ct tominam, all angkllim vor, und als ich ganz fest glaubte, sie sei erweicht, drängte ich sie wiederum, sie sollte doch nur einmal sagen: Gottlob, daß der Korb fertig istl Und wissen Sie, was sie erwiderte? Lieber will ich mich rädern und Viertheilen lassen! So erklärte sie. Und der Mann, dem ich Nachgiebigkeit predigte, wollte nicht nachgeben, sondern bestand mit Gewalt auf seiner Forderung und schrie: eher sollte die Erde zu Grunde gehen, ehe er auch nur ein Wort von seinem Verlangen zurücknähme! Ich merkte, es ging mir schlecht ab mit dem Friedensstiften, ich muß das leider bekennen. Ja noch mehr. Ich sorgte für mein eigenes Leben, nahm die Flucht, und während der Kamps wahrscheinlich wieder in voller Blüthe steht, sitze ich hier wohlbehalten an der Seite meiner lieben Frau, mit der ich mich noch nie gescholten habe. Und ich freue mich, daß meine Anna nicht so ist, wie die Frau des Korbmachers. (Schluß folgt.) Rose nnd Dorn. 6. Eine Heilige war gezwungen, ihrer Pflicht der Mildthätigkeit nur im strengsten Geheimen zu genügen, da sie einen hartherzigen und jähzornigen Gatten besaß. Einstmals jedoch begegnete ihr derselbe, als sie gerade einen Korb voll Brod einer dürftigen Familie bringen wollte, und fragte sie barsch: Was trägst du in diesem Korbe? Rosen — erwiderte die Heilige erschrocken. 192 Der Gatte deckte ungestüm den Korb auf, und siehe! die lieblichsten Rosen dufteten ihm entgegen. Die Heilige nahm eine der Rosen und steckte sie an ihre Brust. Doch ein Dorn senkte sich tief in's Fleisch und quälte sie mit fürchterlichem Schmerze. Da klagte die Gemarterte Gott ihr Leid und fragte, wodurch sie es verschuldet habe. — Und eine innere Stimme flüsterte ihr zu: Erkenne in den Rosen den glücklichen Erfolg, welchen die Lüge für Dich gehabt hat, und welchen jede Versündigung zuweilen haben kann; im Dorne aber den Stachel der Reue, welcher jeder Sünde unausbleiblich folgen muß. Wohl dem Menschen der diesen Stachel noch in diesem Erdenleben fühlt, wo es noch nicht zu spät ist, ihn aus der Brust zu ziehen und die offne Wunde mit dem Balsam frommer Bußübungen zu schließen! Der Name Maria. Im orientalischen Kriege, in Konstantinopel wie in Algier, haben die Muselmänner, da sie die französischen Soldaten, wenn sie sich zuriefen oder sich fragten, immer die zwei Worte: „vis doim" (sag doch) wiederholen horten, mit der Zeit in ihrer Einbildung diesen Zuruf mit der Benennung Soldat verwechselt. Somit bedeutet für das Volk von Stambul ein <1,8