H» . ÄS. 17. Juni 1860. Das Augsburger Sonnlagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Aeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2Ü kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. «Abonnements - Einladung. Beim Herannahen des III. Quartals oder II. Semesters 1860 erlauben wir uns, unsere ergebenste Einladung zur baldigen Bestellung des Augsburger Sonntagsblattes (Beiblatt zur Augsburger Post-Zeitung) zu machen, auf daß wir die Auslage bemessen und unsern Titl. Herrn Abonnenten vollständige Exemplare liefern können. Der Abonnements - Preis bleibt derselbe (pro Quartal 20 kr.). Man bestellt bei der nächstgelegenen Poststation. Auch durch den Buchhandel kann der Bezug bewerkstelliget werden. Die Expedition. Deutsche Misston in Brasilien. I. Im April 1858 verließen auf den Ruf ihrer Oberen zwei Priester der Gesellschaft Jesu Europa, um in den Urwäldern Brasiliens, wo sich deutsche Colonisten eine neue Heimath gegründet, ihres heiligen Amtes zu Pflegen und den beinahe aus dem Verkehre der gebildeten Welt Geschiedenen die Tröstungen der heiligen Religion zu bringen. Wohl arbeiteten dort schon seit mehreren Jahren zwei ihrer Mitbrüder mit rastlosem Eifer und opferwilliger Anstregung; allein die stets zunehmende Bevölkerung der Einwanderer und die großen Schwierigkeiten, welche aus örtlichen Verhältnissen entstehen, zu denen noch die schwächliche Gesundheit des Einen hinzutrat, machten es ihnen unmöglich, die religiösen Bedürfnisse der Misstonsangehörigen Alle zu befriedigen. Sie wendeten daher, wie immer die Glaubensboten der letzten Jahrhunderte, ihre Blicke erwartungsvoll nach Europa hin, und sandten ihren dringenden Hilferuf über die Meere. Ist ja doch Europa nach den Erbarmungsvollen Rathschlägen der göttlichen Vorsehung der Sitz des wahren Glaubens, der Mittelpunct der von Jesu Christo gestifteten Kirche, deren oberster Hirt gemäß dem göttlichen Befehle zur Verbreitung des Reiches Gottes auf Erden in alle Länder Verkündiger der Wahrheit sendet. — Die Stimme aus dem fernen Südamerika wurde gehört, und jene zwei Priester, k. Bonifacius Klüber und k. Michael Kellner mit dem Laienbruder Franz Ruhkamp erhielten den ehrenvollen Auftrag, die apostolische Laufbahn anzutreten. — Schon hatten sich Beide auf den Missionen in Deutschland, namentlich in Westphalen, wie in einer Vorschule geübt nnv ihren Seelen- eifer mehrfach bethätigt. Noch wenige Monate vor ihrer Abreise, als in einem Theile der Diöcese Paderborn in der Nähe von Arnsberg eine bösartige Krankheit sich verbreitete, die Schrecken wie Elend in viele Ortschaften brachte, spendeten Beide mit bereitwilliger Aufopferung den Kranken geistliche und leibliche 194 Hilfe, den noch Gesunden, aber vor Angst Beklommenen Trost und Ermunterung, so daß sie jetzt noch bei den dankbaren Einwohnern im gesegneten Andenken stehen. Bald nach ihrer Ankunft in Brasilien begannen die Missionäre das schwierige aber heilsame Werk, und es gefiel Gott, schon bei den ersten Bemühungen durch glücklichen Erfolg ihre Thätigkeit zu ermuntern. Da die Briefe, in denen sie uns sowohl ihre Reise, als die Anfänge ihre Wirksamkeit schildern, höchst interessante und zugleich erbauliche Nachrichten enthalten, die geeignet sein dürften, auch in weiteren Kreisen eine nützliche und anziehende Lectüre zu bieten, so wird es nicht unangemessen erscheinen, dieselben der Ocsfentlichkeit zu übergeben, zumal in unsern Tagen — was ein erfreuliches Zeichen des wiedererwachenden religiösen Lebens ist — das Interesse für die Verbreitung des Glaubens und die Missionsthätigkeit der katholischen Kirche aller Orten sich kund gibt, und da die Gläubigen gerade durch diese innige Theilnahme, welche sie den Heilsboten in fernen Welttheilen widmen, in der Liebe zur gemeinsamen Mutter der Kirche erstarken und deshalb auch für die Angelegenheiten der Religion im eigenen Daterlande desto regeren Eifer beweisen. II. Bries des k Kellner. Rio de Janeiro, den 9. Juni 1858. Wir gingen Samstag den 17. April eilf Uhr Vörmittag in Havre an Bord der „Petropolis." Dieser herrliche Dreimaster gilt allenthalben in Frankreich wie in Brasilien als eines der besten Schiffe sowohl wegen der Trefflichkeit seines Baues und der Eleganz seiner Einrichtung für Passagiere, als vorzüglich wegen der Tüchtigkeit seines Capitäns. Um 1 Uhr setzt sich das Schiff in Bewegung, die«Thore der Hafenbassins öffnen sich, bei dem letzten erwartet uns der Dampfer „Herkules," um die „Petropolis" in's Schlepptau zu nehmen. Bald liegt der Hafen hinter uns, das Land verschwindet, zuletzt auch die Leuchtthürme von Havre; wir befinden uns auf der hohen See. Sofort suchten wir uns in unsrer Reisegesellschaft zu orientiren uud gelangten zu folgendem Resultat. Zur ersten Cajüte gehören dreizehn Personen: der Capitän nebst drei höheren Schiffsbeamten, wir drei*), ein junger Goldarbeiter aus Paris, ein Juwelier aus Paris, der aber ein geborner Deutscher aus Heinsberg ist, ein Commis aus Elberfeld und drei Frauenzimmer, die Gattin des Juweliers, eine Schauspielerin, die auf dem französischen Theater in Rio ihr Genie will glänzen lassen, und eine stille, unbekannte Person. — Es wird vier Uhr, man geht zu Tische. Aber nur die Männer sitzen an der Tafel; die Uebrigen lagen schon im Kampfe mit der Seekrankheit. Wir indessen speisten wohlgemuth und hofften dem Erbfeinde der Seereisenden kühn die Stirne zu bieten. Der Abend kommt; und wir schlafen das erste Mal auf dem Meere — ganz gut. Sonntag früh nahmen wir Rücksprache mit dem Capitän, ob wir die heilige Messe lesen könnten. Mit französischer Artigkeit entgegnete er uns: „Ja wohl, Sie dürfen ganz frei über den Salon verfügen." Und es war sein Ernst; denn er ließ gleich ein festes Gestell aufrichten, nm darauf unsern Altar sicher anbringen zu können, und bedeutete dem Wärter, uns nicht im Mindesten zu stören. Unsere Hoffnung, die Mannschaft und Passagiere würden wenigstens an Sonntagen dem heiligen Opfer beiwohnen, wurde nicht ganz erfüllt. Allerdings, so viel ich sehen und hören konnte, wollen diese frazösischcn Seeleute und Reisenden katholisch sein, sie rühmen sich dessen und .die höheren Schiffsbeamten nebst den drei Passagieren waren höchst erstaunt und entrüstet, wenn jene zwei *) l'. Bonifacius Klüber, ?. Michael Kellner und der Laienbruder Franz Ruhkamp. 195 deutschen Glücksritter aberwitzige Grundsätze, die aus sittenlosen Romanen und verkehrten Herzen hervorgingen, mit frivoler Arroganz und Inkonsequenz äußerten, und sie verargten es uns deshalb nicht, wenn wir so zügellose Zungen auf geziemende Weise züchtigten. Aber das alles ist noch fern von selbstthätiger Ausübung religiöser Pflichten. Freilich, wie könnte es auch anders sein bei der so sehr verbreiteten schlechten Lectüre, daß selbst auf dem Schiffe von Reisenden erster und zweiter Classe Romane neuerer, gewiß nicht empsehlenswerther Verfasser mit Heißhunger verschlungen wurden? Wenn man überdies die Unwissenheit in religiösen Dingen nebst den darauf bezüglichen Vorurtheilen bedenkt und bei der Schiffsmannschaft die oft eintretende Unmöglichkeit, die Hilfsmittel der Religion zu benutzen, wodurch allmälig Gleichgiltigkeit und Mißachtung entsteht, dann erklärt es sich leicht, warum aus das Zeichen zur heiligen Messe nur wenige Passagiere erschienen. — Sonst war das sittliche Verhalten unserer Gesellschaft im Ganzen tadellos. Es herrschte viel Heiterkeit auf dem Schiffe. Wir hielten uns natürlich fern, wenn die Änderen aus dem Verdecke bis in die tiefste Nacht dcelamirten, lärmten und einförmige Melodien sangen. Doch Niemand wagte es, uns auch nur im Geringsten bei Ausübung unserer priesterlichen Pflichten hinderlich zu sein, noch darüber eine kränkende Bemerkung zu äußern. So war also das Eine Nothwendige in Sicherheit; wir konnten ein unserem Staude entsprechendes Leben führen, wenn wir wollten. Und gerade das war unser Trost, der uns die wenigen Beschwerden, die mit einer so laugen Reise verbunden sind, beinahe süß, ja selbst wünschenswert!) machte. Die Einförmigkeit des Schiffslebens, möchte man vermuthen, stimme zur Schwermut!) und Langweile; doch gewiß nicht einen Priester und Ordensmann, der im apostolischen Amte zum Heile der Seelen die Fahrt unternimmt. Aber auch vom bloß natürlichen Standpuncte aus betrachtet, bietet sie viel Angenehmes dar. Viele Beobachtungen, deren Kenntniß man nur aus Büchern schöpft, kann man hier in Wirklichkeit mit eigenen Augen machen. Sie werden das mehr im Einzelnen sehen, wenn ich Ihnen Einiges aus meinem Tagebuche mittheile. Wir fuhren der normannischen Küste entlang und kamen an den gleichnamigen Inseln vorbei, ganz nahe der kleinen Insel d'Aurigny, wo die Engländer sich festgesetzt und in den benachbarten Kriegshafen Cherbourg hinüber- lauern. Dann bog das Schiff um das Cap Finisterre längs der französischen und spanischen Küste. In dieser s. g. Gaseogne herrschte damals eine grimmige Kälte, die bis zum 40. Grad nördlicher Breite anhielt. Die milde Luft, die mich wie verjüngte, empfanden wir zuerst an der portugiesischen Küste und sie währte, bis wir die eanarischen Inseln hinter uns hatten. Dann ging es in die heiße Zone. Auf dem 16. Grad nördlicher Breite fielen die Sonnenstrahlen senkrecht nieder und wir sahen das uns ungewohnte Phänomen, wie um die Mittagszeit die Körper keine Schatten warfen. Aber die Hitze war bald drückend und der Schweiß floß fortwährend von der Stirn, bei Nacht noch mehr als bei Tage. Wie willkommen war mir nun die leichte Kleidung, die ich Ihrer liebevollen Fürsorge verdanke! Bald näherten wir uns der Linie. Doch vom 7. bis 2. Grad nördlicher Breite war noch eine für die Seefahrer sehr fatale Strecke zu durchschiffen, die auf den Karten mit schwarzen Farben gezeichnet ist. Man nennt sie puteau noir, weil man glaubt, es gehe durch eine ganz finstere Straße. Während nämlich innerhalb der Wendekreise der schönste Sternenhimmel das Auge entzückt und der Seefahrer ganz sorgenlos dahin steuert, so hängt an bezeichneter Stelle der Himmel düster und drohend hernieder. Der helle Sternen- glanz verschwindet, dichte Wolken ziehen nur in geringer Höhe hin, und was das Peinlichste ist, häufig tritt gänzliche Windstille ein, so daß man mehrere Wochen liegen bleiben muß. — Doch der liebe Gott war uns gnädig. Wir pas- sirten diese gesürchtete Stelle in zwei Tagen: der heilige Franz von Hieronymo, 166 an dessen Fest wir sie durchschnitten, erhörte unser Gebet. Wir flogen wie im Sturme dahin; Regen siel in Strömen nieder, der sich besonders nach Afrika hinzog, das Meer wüthete in der Nacht so stark, daß sein Toben, welches vom tiefsten Grunde sich erhob, einem starken Donner glich: das Schiff schien einen lochenden Salzsee zu durchschneiden nnd in seiner Cabine wurde es Manchem unheimlich, der sich dann auf das Verdeck flüchtete. Hier aber eilte er der rächenden Nemisis in die Arme. Denn während er sich an den Mast oder an ein Segeltan anklammerte, schleuderte das zürnende Meer eine hohe Woge auf ihn, so Laß dem harmlosen Flüchtling die Lust zum Bleiben verging und er wie ein scheues Reh in die Cajüte eilte, um mit allgemeinem Gelächter empfangen zu werden. — Der Capitän, ein äußerst solider und gebildeter Mann, schwieg weislich, wenn irgend eine Gefahr zu drohen schien, oder er antwortete auf neugierige, unnöthige Fragen mit allgemeinen, unbefriedigenden Redensarten. Eben so bot uns seine Energie, seine Erfahrung und erprobte Umsicht, so wie die treffliche musterhafte disciplinirte zahlreiche Mannschaft bei etwaigen Gefahren nach menschlichem Urtheil hinlänglich Bürgschaft. Das Schiff bedienten nämlich vierundzwanzig Matrosen, kräftige, flink? Burschen, die sich am wohlsten fühlten, wenn die Winde mit aller Gewalt die Segel schwellten, die Wellen sie bei ihrer Mahlzeit überschütteten, der Capitän sie auf die thurmhohen Mäste jagte, oder sie sonst ein wenig andonnerte. Unter einander waren sie zuvorkommend, gegen die Reisenden höflich und gefällig, so daß wir zu unserer größten Zufriedenheit nicht die leiseste Spur der so verrufenen Matrosenbrutalität fanden. Allerdings wurden die jüngeren oft etwas unzart angeredet, aber wenn sie im Fluge wie Falken auf die obersten Spitzen der Masten sich schwangen und auf den Tauen wie Pfeile dahinsuhrcn, oder die Segel im Nu eingezogen hatten, so hieß es: bravo, mos lils, lues mit'aots, IIIUS ami>. Nur war es eine Lust, zu sehen, wie geschickt und zierlich sie auszuweichen wußten, wenn sie die Hand des Capitäns hinter ihren Ohren witterten. Meist retteten sie sich auf den Mastkorb oder lenkten die Wucht der strafenden Faust des erzürnten Herrn durch einen kühnen Seitensprung ab. Was aber alle Furcht verringern mußte, war die nach den Gesetzen der Nautik und Physik vollendete Struktur des Schiffes selbst: denn obwohl ein gewaltiger Coloß von bedeutender Länge, 16 Fuß unter Wasser gehend, seine Masten 129 Fuß über dem Verdeck erhebend, war es von verhältnißmäßig sehr geringer Breite, so daß es dem Anprallen des Windes und der Wogen siegreich trotzte. Und so geschah es, daß wir am fünf und dreißigsten Tage in dem Hasen von Rio vor Anker lagen. Eine rasche und glückliche Fahrt, wie sie von uns Allen angesehen wurde. Wir hatten freilich im Ganzen gerechnet eine Woche verloren; denn unter Madeira trat einige Tage Windstille ein, und die letzten drei Tage trieben wir uns langsam in der Bai von Rio an der brasilianischen Küste umher. Ferner hatten wir den Wind nur seitwärts, meistens innerhalb der heißen Zone von Südost, während uns nur der Nordost höchst förderlich sein konnte. Und doch war die Fahrt eine so außerordentlich rasche, wie fast bisher um diese Jahreszeit noch keine. Mögen Andere der Geschicklichkeit unseres Capitäns die Ehre geben,, mir sei es erlaubt, einen höheren Grund zu suchen. Während wir von den Meereswogen dahingetragen wurden, stiegen in Europa aus den frommen Herzen unserer Mitbrüder und anderer Gläubigen wirksame Gebete zum Throne des Herrn empor. Er war es, der die Winde und Wellen uns dienstbar machte. Wie oft wird das äve maris stell» für uns gebetet worden sein zur unbefleckten Jungfrau, der Maikönigin! Der Weg auf dem wir hin- segclten, ist ein heiliger Weg; denn auf ihm sind mehr als 200Jahre lang dieApo- stel, Märtyrer, die Heiligen unserer Gesellschaft nach drei Welttheilen hingefahren, um den Namen Jesu Völkern und Fürsten kund zu thun: ein heiliger Franz Xaver, Peter Claver, Johann de Britto, die vierzig Märtyrer, die Heilsboten 197 für Ost- und Westindien, jene Männer, welche Millionen Seelen im nahen Süd- amerika, wie im fernen Asien mit ihrem Schweiße und Blute für den Herrn gewonnen. — Das ist der Weg, auf dem unsere Vater im vorigen Jahrhundert als Gefangene und Geächtete nach Enropa gebracht wurden. Die guten Hirten! man riß sie hinweg aus der Mitte ihrer theuren Heerden, die sie für die heilige Kirche und für das ewige Leben groß gezogen hatten. Arm, krank, von Anstrengung und Arbeit im Dienste des Herrn erschöpft, mit Schmach und Unbild aller Art beladen, wurden sie aus Südamerika hinweggeschleppt, und so ein großer Theil des Landes in eine dem religiösen wie socialen Leben verderbliche Barbarei gestürzt, von welcher sich der Augenzeuge mit Schmerz und Schrecken wegwendet. Besonders, als wir längs den kanarischen Inseln hinsteuerten, als Madeira, Teneriffa, Ferro sich uns zeigten, und wir in etwa die Richtung nach der Insel Palma einschlugen, wie wäre es möglich gewesen, hier der Apostel Brasiliens, der vierzig Märtyrer zu vergessen, die an dieser Stelle die glorreiche Palme errungen haben? — So wachten also diese heiligen Beschützer über uns; und wer den allmächtigen Gott, die heilige Jungfrau, die Engel und Seligen des Himmels in Vereinigung mit den Gerechten auf Erden zu Freunden und Führern hat, wie sicher ist der vor Unglück geborgen, so daß er selbst auf der stürmischen Fluth des Meeres wie ein Kind auf den Armen der Mutter sorgenlos dahingetragen wird. Das Auge des Herrn sah uns mit gnädigen Blicken an. Dieser Gedanke drängte sich uns auf, wenn wir innerhalb des tropischen Himmelsstriches den schönen Horizont beim nächtlichen Rauschen der Wogen betrachteten. Der Glanz der Sterne ist hier weit lebendiger und doch milder, weit schöner und reiner, als ich ihn in Deutschland je gesehen. Der Himmel ist in eigentlichem Sinne des Wortes mit Sternen besäet, deren Größe so mannigfaltig, deren Gruppirung so schön ist. Ein unbeschreiblicher Eindruck! Hier lernte ich die rührende Betrachtung des heiligen Jgnatius besser verstehen, wenn er sich von den Geschöpfen zur Größe, Güte und Schönheit des Schöpfers erhebt, verständlicher wurden mir die herrlichen Stellen im Buche Job und in den Psalmen, namentlich die, welche wir ml recitiren. Gottlob, daß der Korb fertig ift! (Schluß.) So sprach der Doctor, und die Gesellschaft trank Thee, lachte und machte ihre Bemerkungen. Vor Allem ergriff der Hausherr, der Amtmann von Sp_ das Wort und ließ es so laut erschallen, daß die Uebrigen, aus Furcht, er möchte die Klingel ziehen und sie über die Seite bringen lassen, bald verstummten und schwiegen. „Mit den Ehen unter dem gemeinen Volke", so erklärte er, „steht es schlecht. Es ist keine Einheit, keine Zusammengehörigkeit zwischen Mann und Frau. Sie sind zusammengewürfelt, wie es sich eben fügte, und daher kommt es leicht dahin, daß sie so gleichgültig sind bei des Andern Freuden und Leiden. Ich bin überzeugt, Emilie", — hiermit wandte er sich an seine Frau Gemahlin — wenn ich der Korbmacher gewesen wäre, du hättest nicht so geantwortet. Du hättest dich gefreut und gesagt: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" Und die Frau Gemahlin entgegnetc: „Ja was sind das für Reden! bist du denn ein Korbmacher?" „Gesetzt den Fall, ich wäre einer." „Dann hätte ich dich nicht geheirathet. Nimm mir's nicht übel, lieber Mann!" — 198 „Du hast Recht, liebe Frau. Aber sieh, ich setze ja nur den Fall, es ist nur ein Spiel der Einbildungskraft. Wir können es uns ja denken, daß ich ein Korbmacher wäre, daß ich viele Tage an einem Korbe gearbeitet, daß ich nach beendigter Arbeit mich gefreut und gejubelt hätte: Gottlob, daß der Korb fertig ist! Hätte ich dann aufgefordert, dasselbe zu sagen, so würdest du jedenfalls — —" „Nein, nein! Ich kann mir den Fall gar nicht denken, daß ich eineKorb- macherin wäre. Ueberhaupt ich liebe dies Gespräch nicht, und sähe gern, wenn du mich mit solchen Znmuthungen verschontest." „Frau, du bist eine Närrin. So will ich denn verzichten auf den Titel eines Korbmachers, damit deine Qual sich legt; titulux no>, ext vitulux. Aber ich verzichte nicht darauf, hiermit zu sagen: Gottlob, daß der Korb fertig ist! und verzichte nicht darauf zu wünschen, daß du mir die Worte nachsprichst." „Wenn du nicht Korbmacher bist, so hat ja der Wunsch gar keinen Sinn !" „Ja, was in der Welt hat immer einen Sinn. Aber du hörst ja, ich bitte dich!" „Das höre ich freilich, kann mich indessen nicht entschließen, die Bitte zu erfüllen." „So befehle ich!" „Oho!" „Bin ich nicht Herr?" „Das versteht sich, und ich bin die Herrin!" Der Diener, welcher die Aufwartung besorgte, hatte mit offenem Munde dem Gespräch zugehört, und das Erste, als er wieder die Küche erreichte, war, daß er der Köchin das sonderbare Erlebuiß mittheilte. „Das sind mir Ehen unter den Vornehmen", bemerkte er darauf. „Da heißt es immer: »Lieber Mann" und „Liebe Frau;" aber sollen sie die Liebe einmal beweisen, so fallen sie jämmerlich durch. - Warum diese eigentlich heirathen?" Die Köchin versetzte: „Du meinst, unser Herr hätte seine Frage zur Seite lassen sollen?" „O nein, unsere Frau hätte den Wunsch des Amtmanns erfüllen sollen!" „Das sehe ich nicht ein!" „Sei doch vernünftig, Mädchen! In einem Vierteljahre werden wir uns heirathen, und wir werden ein glückliches Paar werden. Ich will dich auf den Händen tragen und du wirst mir gut sein. Wenn ich nun, dein Mann, dessen Leiden und Freuden du mitträgst, dann eines guten Tages Veranlassung habe, mich zu freuen und zu sprechen: Gottlob, daß der-Korb fertig ist! Und ich spräche zu dir: Nun sage doch auch: Gottlob, daß der Korb fertig ist! was würdest du thun?" „Ich würde nichts thun, und schweigen!" „Das wäre kaltes Wasser auf meine Freude!" „Warum stelltest du solch ein Begehren!" „An dich? Du wärest ja doch meine Frau!" „Also mit den Frauen kann man machen, was man will? „Du würdest also meine Freuden nicht theilen?" „Ist das eine Freude für den Mann, wenn die Frau sein Papagei wird!" „Ei, du verstehst mich nicht! Ich will und verlange, daß du sprichst, wenn wir uns erst geheirathet haben: Gottlob, daß der Korb fertig ist!" „Wenn du später so aufzutreten gedenkst, so-" > „Du erwartest wohl, ich werde einstens dein dummer Junge sein?" „Nein, du wirst aber auch nicht mein Mann sein. Suche dir eine andere Frau, ich nehme mein Versprechen zurück." „Danke!" rief der Diener, und eilte zornig wieder in den GesellschaftsSaal. Hier war inzwischen der Streit zwischen Amtmann und Frau auf den höchsten Gipfel gestiegen. Mit geröthetem Gesichte und flammenden Augen saßen sie sich gegenüber, und nur die Gegenwart der Fremden verhütete Unheil über Unheil. Diese waren verlegen, und stumm sah Einer den Andern an. Die Männer rannten den Amtmann in die Seite oder gaben ihm sonstige Winke; die Frauen zupften Madame am Kleide, und suchten sie zurückzuhalten. Eine Windstille herrschte und ein unheimliches Schweigen. Da gedachte der Doctor, der an dem ganzen Unglücke die Schuld trug, das Schifflein der Frölichteit wieder stott zu machen. Er rechnete Lei sich aus: stelle ich an meine Frau die Frage, so wird sie sofort willfährig antworten, Alles wird in Gelächter ansprechen, und wo gelacht wird, läßt sich der Friedensboden leicht aufbauen. „Anna", so redete er im schmeichelnden, liebkosenden Tone zur Frau Doctorin, „wenn ich nun riefe: Gottlob, der Korb ist fertig, ich zweifle nicht, du würdest im Augenblick -" „Nun auch er! Nun kommt das Wetter auch auf mich!" schalt Frau Anna und zürnte, warf ihm einen drohenden Blick zu, sprang aus vom Sessel und eilte aus dem Zimmer. Die Frau des Amtmanns sprang ihr nach, und alle Damen, vielleicht aus Furcht, daß nun sie an die Reihe kämen, folgten in Hast. Und durch die Flucht der Frauen waren die Männer geschlagen; nur der Amtmann und der Doctor, die sehr beschämt waren und sich für schwer beleidiget hielten, brachten ganz unfeine Redensarten hervor. Der Diener gab ihnen Recht, und hätte gern mitgeschimpft. „So geht's", lachte der Kaufmann Knippknapp, „wenn man in der Familie keine Ordnung hat." „Haben sie bessere?" brummte der Amtmann. „Freilich, ich wechsle ab im Regiment. Die eine Woche regiert meine Frau, die andere gehorche ich. Und wenn sie regiert, so hüte ich mich wohl, eine Bitte zu wiederholen, die sie einmal mit Nein beantwortet hat!" „Kein übler Vorschlag für einen armen Ehemann: die erste Woche laß' deine Frau regieren, und in der zweiten Woche gehorche du!" spotteten einige, während Andere vorschlugen, man solle rasch Frieden vermitteln zwischen den Männern und den geflohenen Frauen. Nach einigem Hin- und Herredeu machte man die Versuche, erhielt aber nur einen knappen Waffenstillstand, und nach dem Schlüsse der Gesellschaft wird der Krieg wohl wieder ausgebrochen sein. Papst Plus 1L. und ein französischer Soldat. Es geschah vor nicht langer Zeit, daß in Rom ein dort in Garnison liegender französischer gemeiner Soldat die große Treppe, die zum Vatican führte, betrat. Da sieht man beständig ein Duzend oder mehr von den bunt gekleideten s Schweizergardisten nicht eben in kriegerischer Haltung aufgestellt. Die Einen legen sich mit der Hellebarde an die Wand, Andere sitzen auf einer hölzernen Bank. Doch kann sich der Papst jederzeit auf seine Wächter verlassen. Nun kommt der französische Rothhösler und redet einen der Schweizer an, und gibt ihm, so gut er's kann, zu verstehen, er wolle direct zum Papste. Der Schweizer i sieht den Rothhösler verwundert an, ohne ein Wort zu sagen. „Ja ja, zum , Papste will ich, wisse? pgzser." — „Zum Papst? Hast du die Erlaubniß?" — ^ „Brauch keine Erlaubniß. Große Herrn brauchen dergleichen, wir Andern werden ohne Ceremonien behandelt; seid so gut und führt mich sogleich in's Zimmer des Papstes, die Sache pressirt." Dem Schweizer aber pressirte es nicht, und ' erst nachdem er gesehen, daß der Franzose sich nicht ergeben und die Festung mit Sturm nehmen wollte, führte er ihn zn einem der Prälaten, welche die Fremden dem Papste zur Audienz vorstellen. Auch hier trug der Soldat sein Anliegen vor, und da der Prälat wissen wollte, was er denn eigentlich vom Papste verlange, so zeigte es sich, daß ein Brief von einem Kriegskameraden aus der Krimm angelangt war, worin dieser eine schreckliche Schilderung der Leiden machte, welche die französischen Soldaten dort zu ertragen hatten. Deswegen solle er, der Empfänger des Briefes, den heiligen Vater ersuchen, für das Wohl der französischen Arme eine heil. Messe zu lesen. Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, den Franzosen eines Bessern zu belehren, ging endlich der Prälat zum Papste und meldete den sonderbaren Besuch. Der heilige Vater ließ ihn vortreten. Nicht wenig erstaunten die in den prächtigen Vorsälen des Vaticans befindlichen weltlichen und geistlichen Herren, als der französische Gemeine diese Säle durchschritt, und in das einfache Gemach, worin gewöhnlich der Papst Audienzen ertheilte, eintrat. Der Gemeine ließ sich aber nicht einschüchtern und blieb, als er vor dem Papste erschien, in militärischer Haltung aufrecht stehen, hob zur Begrüßung die Hand an die Stirn und sprach dann mit einem so entschiedenen Tone, als stehe er vor seinen Offizieren: „Mein Papst, da ist der Bries eines Kriegskameraden aus der Krimm; lesen Sie denselben und sagen Sie mir dann, was ich antworten soll. Zugleich überreichte er mit der einen Hand den Brief, in der andern etwas Geld. Der Papst nimmt den Brief, liest ihn und gibt ihn mit den Worten zurück: „Guter Freund, meine Messe ist für morgen schon unabänderlich bestimmt, übermorgen aber werde ich unfehlbar für jenes große französische Heer Messe lesen. Doch setze ich die Bedingung, daß du derselben beiwohnest und dich vorbereitest, bei derselben die heilige Communion zu empfangen. Das Geld magst du behalten und für dasselbe aus die Gesundheit deiner Kameraden trinken. — „Gut, mein Papst," antwortete der Besucher, „sogleich gehe ich, mich auf eine kleine Revue bei unserm Feldprediger zu rüsten und übermorgen bin ich zur bestimmten Stunde aus meinem Posten." Darauf salutirte er wieder mit der Hand, machte halbe Wendung rechts un zog sich zurück, wie er gekommen war. Der Papst aber sah mit Vergnügen dem sonderbaren Gaste nach. Am angesagten Tage erschien dieser wirklich bei der päpstlichen Messe und hatte das Glück, aus den Händen des heiligen Vaters die Communion zu empfangen. Thomas Morus, der edle Lordkanzler von England, wohnte täglich gewissenhaft der heil. Messe bei, und zwar immer schon, ehe er an seine Geschäfte ging, ohne sich hierin stören zu lassen, selbst wenn der König ihn zu sich berufen hatte. Selbst in dringenden Fällen, wenn die königlichen Boten auf seinem alsbaldigen Erscheinen bestanden, gab er ganz ruhig die Antwort: „Er habe zuvor einem größeren Herrn zu gehorchen und dann werde er dem Könige ohne weiteren Verzug aufwarten." M hielt es für eine Ehre, dem Priester beim heil. Meßopfer zu dienen, selbst dann noch, als er zur Würde des Reichskanzlers emporgestiegen war. Und als einst der Herzog von Norfolk zn ihm kam, um bei ihm zu speisen und ihn in der Kirche mit dem Ministrantenkleide angethan fand und nach geendigtem Gottesdienste ihm zurief: „Wie, der Lordkanzler ein Küster? Ihr entehrt ja den König und sein Amt!" erwiderte Morus lächelnd: „Keineswegs, denn dem Könige, meinem und eurem Herrn, kann wohl das nicht mißfallen, was ich aus Gehorsam gegen Gott, den Herrn des Königs thue, noch wird sein Amt dadurch geschändet." Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Äleinle.