Das Augsburger Sonnlaasblatt -(Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Aberglauben. Die Tugend liegt in der Mitte, nämlich mitten zwischen zwei Lastern. So z. B. ist der Geiz auf der einen, die Verschwendung auf der anderen Seite ein Laster, mitten zwischen beiden aber steht die Sparsamkeit als christliche Tugend. Die Mittelstraße ist also die beste und sicherste, das ist der Weg der Tugend, der zum Himmel führt. Aber leider! diese Mittelstraße finden und gehen die wenigsten Menschen, und wenn sie auch eine Zeitlang auf derselben wandeln, so kommen sie doch oft und leicht wieder davon ab; sie lassen sich bald rechts und bald links auf die Seite ziehen, und gerathen so auf die verschiedenen Abwege des Irrthums und der Sünde. Jene sind die Glücklichsten, die den Mittelweg einschlagen, und weder rechts noch links von der Wahrheit und Tugend abweichen. Dieses gilt vor allem Anderen von der Pflicht des Glaubens. Wer zu wenig oder gar Nichts glaubt, ist ein Ungläubiger, wer aber zu viel oder gar Alles glaubt, ist ein Abergläubiger, und beide stehen fern vorn wahren und rechten Glauben, der nur an das glaubt, von dessen Wahrheit er hinlängliche Beweise hat. Beide, der Unglaube wie der Aberglaube, sind gleich thöricht, vernunftwidrig und sündhaft. Etwas läugnen, für dessen Wahrheit doch die stärksten und klarsten Beweise sprechen, ist eben so unvernünftig, als etwas glauben ohne genügenden und vernünftigen Grund. Und doch sind diese beiden Extreme und entgegengesetzten Abweichungen vorn goldenen Mittelwege des wahren Glaubens auch heutzutage noch häufig zu finden. Es herrscht in unserer Zeit nicht blos viel Unglauben, sondern auch noch viel Aberglaube in allen Ständen. Von dem letzteren soll nun hier die Rede sein. Das Wort Aberglaube bezeichnet einen thörichten, widersinnigen, grundlosen Glauben, welcher der Vernunft und der göttlichen Offenbarung widerstreitet. Der Aberglaube besteht darin, daß man gewissen (natürlichen oder auch heiligen) Dingen und Handlungen eine geheime Kraft und Wirkung zuschreibt, die sie weder von Natur aus, noch von Gott, noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Man unterscheidet drei Arten des Aberglaubens: den natürlichen, den dämonischen und den religiösen, — je nachdem sich derselbe entweder aus das Verhältniß der Geschöpfe zu einander, oder auf den Einfluß der bösen Geister, oder auf gottesdienstliche Handlungen, Gebete rc. bezieht. Leider ist auch in unserem „aufgeklärten" Jahrhunderte der Aberglaube unter allerlei Formen sowohl auf dem Lande, als auch in den Städten, bei den höheren wie bei den niederen Ständen, noch häufig anzutreffen. Man kann denselben am häufigsten wahrnehmen in der Form der Wahrsagerei, welche darin besteht, daß man aus eitlen Zeichen, aus zufälligen Ereignissen, oder einzelnen Sachen, die weder an sich noch durch göttliche Anordnung hierzu geeignet sind, die Zukunft erspähen und vorhersagen, die Schicksale der Menschen entziffern und verborgene Dinge erforschen will. So z. B. gibt es Christen, die da glauben, Wenn zur Nachtszeit ein Hund heulet, so werde gewiß bald Jemand in der Nach- 202 barschaft sterben; oder wenn Einem beim Ausgehen ein Hase quer über den Weg läuft, so bedeute dies ein nahes Unglück, das ihn treffen wird; oder so oftmal man im Frühlinge den Kuckkuck schreien hört, so viele Jahre werde man noch leben rc. Unter den gebildet sein Wollenden gibt es so Manche, die da glauben, wenn zufällig dreizehn an einem Tische zusammensitzen, so werde bald Einer davon sterben, warum? weil Christus mit seinen Aposteln beim letzten Abendmahle die Zahl dreizehn vollmachte und bald daraus starb. Um zu wissen, welcher von zwei Ehegatten früher sterben werde, dürfe man nur die Buchstaben ihrer Vor- und Zunamen zusammenzählen, bei dessen Namen eine ungerade Zahl herauskommt, der stirbt zuerst. An einem Freitage soll man keine Arbeit anfangen, keine Reise unternehmen, denn dies sei ein Unglnckstag, sagt man, und warum? weil an einem Freitage Judas sich erhängte! u. s. w. Welche Thorheiten! Eine andere Form des herrschenden Aberglaubens liegt in der Traumdeuterei. Wohl hat Gott oft schon durch Träume den Menschen wichtige, zukünftige Dinge geoffenbaret, wie dies die Geschichte des ägyptischen Josephs, des Königs Pharao, des Nährvaters Jesu Christi n. s. w. beweiset; aber in der Regel sind doch die Träume nichts anderes, als ein natürliches Erzeugnis unserer Phantasie, die gewöhnlich im Schlafe das weiter ausmalt, was den Tag über oder am Abende besonderen Eindruck auf uns gemacht hat. Thörichter und sündhafter Aberglaube ist es daher, im Allgemeinen den Träumen Glauben zu schenken und danach die Zukunft zu deuten. Darum heißt es schon im Buche Sirachs (3^i, 1—7.): „Eitle Hoffnung und Lüge täuschen den Thoren, leere Träume machen stolz den Unverständigen. Wie Einer, der nach dem Schatten greift und den Wind erhäschen will, ist Derjenige, der auf falsche Träume hält. Wahrsagerei, lügenhafte Deutung aus dem Vogelfluge und die Träume sind Eitelkeit .... Hänge dein Herz nicht daran; es wäre denn das Gesicht von dem Allerhöchsten gesendet. Denn Viele wurden durch Träume betrogen und in ihrem Vertrauen daraus getäuscht." Ja getäuscht durch die Träume und deren eitle und willkürliche Auslegung (nach dem sogenannten Tranmbüchelchen) haben schon Viele, besonders aus der ärmeren Classe, all ihre Habe verschwendet, sich und die Ihrigen an den Bettelstab gebracht und Viele sind noch gegenwärtig auf dem Wege dahin. Bei den vornehmeren wie bei den unteren Ständen ist der Aberglaube häufig auch zu finden in der Fom des Kartenschlagens. Aus der Aufeinanderfolge gemischter Kartenblätter will man verborgene, gegenwärtige und zukünftige Dinge erforschen, etwa, wer dies oder jenes gestohlen habe, ob diese oder jene Person noch lebe, wo und wie sie sich befinde, ob der Ehegatte treu sei, oder ob man mit dieser oder jener Person eine glückliche Ehe treffen werde, und dergleichen Albernheiten mehr, wodurch man Gottes Vorsehung, seine Weisheit und Allmacht gleichsam zu Schanden machen will. Denn daß diese leblosen und unvernünftigen Dinge, die nicht einmal von sich selbst etwas wissen, noch viel weniger von den Schicksalen der Menschen etwas wissen und angeben können, soll doch wohl jedem vernünftig Denkenden eben so einleuchten, als daß Gott, wenn er schon einem Menschen über sein eigenes oder Anderer Schicksal etwas offenbaren will, sich gewiß nicht so unwürdiger Dinge, wie der Karten, bedienen würde. Und wenn doch, wie man behauptet, schon öfters durch diese und dergleichen eitle Zeichen wirklich verborgene Dinge erforscht und angezeigt worden sind, so kann dies nur durch den Einfluß und durch Hilfe der bösen Geister geschehen, die vermöge ihrer Natur nicht nur wissen, was in der Gegenwart an entfernten Orten geschieht, sondern auch einen, wenn gleich beschränkten Blick in die Zukunft thun und auf den Menschen blendend und verderbend einwirken können, in wie weit es Gott zuläßt. So war auch zur Zeit, als der Apostel Paulus zu Philipps das Evangelium predigte, daselbst eine Magd, die einen Wahrsager- geist hatte, d. h. von einem bösen Geiste besessen war und manches Zukünftige vorhersagte, und dadurch ihrer Herrschaft großen Gewinn verschaffte, die aber Liese ihre Kunst alsbald verlernt, nachdem Paulus den bösen Geist beschworen und ausgetrieben hatte. (Apostelg. 16.) Eine von der Wahrsagerei dem Zwecke (d. i. Erforschung zukünftiger und verborgener Dinge) nach verschiedene Form des Aberglaubens ist der Gebrauch eitler und nur durch Beihilfe der bösen Geister wirksamer Mittel, um gewisse, nicht in der Natur der Sache, nicht in göttlicher Anordnung und kirchlicher Weihe gegründete Wirkungen, z. B. Heilungen von Krankheiten an Menschen und Thieren hervorzubringen. Wenn es auch in der That sogenannte sympathetische Heilmittel für verschiedene Krankheiten gibt, deren Heilkraft nicht einzusehen, deren Wirkung aber durch die Erfahrung und das Zeugniß verständiger Aerzte außer Zweifel gesetzt ist, und wenn auch dieser Mangel an Einsicht nichts Bedenkliches dagegen haben kann, weil die Natur überhaupt noch vielfach für den Menschen ein verschlossenes Buch ist, und weil wir an tausend täglichen Erscheinungen der Natur wohl die Ursache und Wirkung, aber nicht den Zusammenhang beider, d. h. wie denn diese Ursache eine solche Wirkung hervorbringen könne, einsehen: so ist es doch gewiß ein thörichter und sündhafter Aberglaube, wenn man z. B. unbekannte Namen, sinnlose und geheimnißvolle Worte auf einen Zettel schreibt, dieselben immer bei sich trägt und anhängt, und dabei glaubt, diese eitlen Zeichen und Zettel können vor Krankheiten bewahren oder dieselben heilen, vor Verzauberung schützen, oder bewirken, daß gestohlene Sachen wieder zurückgebracht werden, oder daß man von keiner feindlichen Kugel getroffen, von keines Meuchlers Dolch durchstochen werde u. s. w. Eine häufig anzutreffende Form des Aberglaubens besteht endlich noch darin, daß man an sich gute und heilige Mittel gebrauchet, aber zu einem nnheiligen Zwecke, indem man nämlich diesen heiligen Mitteln, z. B. dem Gebete und verschiedenen Andachtsübungen, eine ausserordentliche Wirkung und eine gewisse unfehlbare Kraft zuschreibt, welche sie durchaus nicht haben, wodurch dann eben der sonst gute Gebrauch jener Mittel abergläubisch wird. Wir haben nämlich in der katholischen Kirche Heilige, die wir verehren und anrufen, Bilder und Reliquien der Heiligen, die wir in Ehren halten, Zeichen gewisser Bruderschaften und Andachten. Die Kirche selbst weiht diese und noch andere Dinge z. B. Brod, Wasser, Wein, Salz, Fleisch rc., und sie billiget den Gebrauch dieser geweihten Dinge nicht nur, sondern sie hat dabei die Absicht, die sie auch bei der Weihe dieser Dinge ausspricht und um was sie auch zu Gott bittet, daß er nämlich diese Dinge durch die Verdienste Jesu Christi zum zeitlichen nnd ewigen Wohle Derjenigen gereichen lassen wolle, welche sie mit kindlichem Vertrauen auf Gott und in Vereinigung ihrer Andachten mit dem Gebete der Kirche gebrauchen. Allein Aberglaube ist es, wenn man dergleichen geweihte Dinge bei sich trägt und gebrauchet zu einem ganz anderen Zwecke, als den die Kirche bet der Weihe derselben intendirt, oder wenn man von ihnen eine gewisse Wirkung erwartet, die sie weder an sich noch durch die Segnungen der Kirche haben können. Aberglaube ist's, wenn man meint und sagt: wer beständig den Rosenkranz, ein Scapulier oder ein anderes geweihtes Ding bei sich trägt, der werde nicht eines jähen Todes sterben, nicht in's Fegseuer kommen, oder iiü Handeln glücklich sein, von keinem Räuber angefallen werden rc. Bei solchem Aberglauben, wie sehr wird das Seelenheil vernachlässigt! Man betrachtet oft diese geweihten Sachen als Freiheitsbriefe für die Sünden, da sie doch vielmehr Erinnerung»- und Ermunterungszeichen zur Pflichterfüllung sind. Was soll wohl der Rosenkranz in der Tasche, in welcher sich etwa auch ungerechtes Gut befindet? Ist die Erwartung, die man von der Kraft solcher heiligen Dinge sich macht, nicht Aberglaube ? 204 Noch immer kann man in Städten und auf dem Lande von gewinnsüchtigen Krämern verbreitete, recht kräftige und fromm scheinende Gebete und Büchlein finden, denen nebst der Verheißung von verschiedenen Ablässen auch die Versicherung beigedruckt ist, daß, wer dieses Gebet in seinem Hause hat, oder selbes Lei sich trägt, oder aber täglich mit Andacht hersagt, dem werde kein Unglück widerfahren weder zu Wasser, noch zu Land, dem hat die Mutter Gottes versprochen, sie wolle ihm auf dem Sterbebette erscheinen und ihn ohne Beicht nicht sterben lassen rc. rc. Und noch immer gibt es Christen, welche diesen eitlen Verheißungen und Betrügereien allen Glauben schenken und mit allem Fleiße danach thun. Um das leichtgläubige Volk desto mehr zu täuschen, ist solchen abergläubischen Gebeten auch zuweilen der Name eines Papstes oder Bischofes beigesetzt, der diese Andacht, dieses Gebet angeordnet, gutgeheißen, oder mit Ablässen von so und so viel Tagen und Jahren beschenkt haben soll rc. Aber woher denn noch so viel Aberglauben in unserem aufgeklärten Zeitalter, wo doch so viel gelehrt, gepredigt, gedruckt und geschrieben und gearbeitet wird an der intellectuellen und moralischen Bildung des Volkes? oder mit anderen Worten, welche sind denn die Quellen des noch so häufigen Aberglaubens ? Die verschiedenen Arten und Formen des Aberglaubens kommen auch aus verschiedenen Quellen. Eine Hauptquelle des besonders in den Städten herrschenden Aberglaubens ist der Unglaube. Der Mensch ist einmal so beschaffen, daß er ohne Glauben nicht leben kann. Glaubt er nicht der ewigen Wahrheit, so fällt er dem Aberglauben anheim. Alle Kenntniß und Wissenschaft des Menschen beruht, streng genommen, auf Glauben. Auch das Wissen, zu welchem der Mensch durch die sinnlichen Anschauungen und Wahrnehmungen, durch Gesicht, Gehör rc. gelangt, ist ein Fürwahrhalten oder Glauben auf das Zeugniß der Sinne, die freilich oft genug täuschen. Daß die Kenntniß des Ueberstnnlm chen aus Glauben beruhe, ist ohnehin klar, nur kommt es hierbei darauf an, daß der Glaube vernünftig sei, d. i. auf vernunftgemäße Gründe sich stütze, der Vernunft nicht widerspreche. Es ist ein ungerechter Vorwurs, den man gar oft der katholischen Kirche macht, daß sie nur blinden Glauben verlange und die Vernunft gar nichts gelten lasse. Wie wäre dies möglich, da ja der Mensch ohne Vernunft gar nicht glauben könnte, weil ihm das geistige Auge zur Auffassung des Lichtes der göttlichen Wahrheit fehlen würde? Indessen lehrt es die Erfahrung, daß gerade Diejenigen, die sich eines starken Geistes, einer aufgeklärten Vernunft rühmen, am meisten unvernünftig sind in ihrem Glauben und Handeln. Glauben, was Gott geoffenbaret, was Jesus Christus gelehret hat und was die heilige katholische Kirche, geleitet vom heiligen Geiste, lehret und zu glauben vorstellt, was so sichere Wahrheit ist, daß kein vernünftiger Zweifel dagegen obwalten kann, das nennt man Köhlerglauben, Geisteszwang rc.; aber glauben, was die eigene Phantasie eingibt, oder was ein listiger Betrüger vor- schwätzt, das ist Beweis eines starken Geistes, einer hohen Vernunft! Ja, das ist eine schandvolle Strafe des Unglaubens, daß Diejenigen, die die Wahrheit wegwerfen, über alles Heilige sich hinaussetzen, über Vorurtheile und Aberglauben scherzen und schmähen, welchem nach ihrer Meinung frommgläubige Christen huldigen, daß gerade diese am meisten und am tiefsten in den Aberglauben verfallen Man will die katholische Lehre nicht glauben, weil man mit dem schwachen Verstände Manches nicht begreifen kann; aber wie Vieles glaubt man doch wieder ohne allen Grund, wie Vieles nimmt man auf eitles Menschenwort hin für wahr an, dessen Wahrheit doch schwer zu begreifen und sehr zu bezweifeln ist! Man glaubt nicht, was der Geist Gottes in der katholischen Kirche lehrt,, aber wohl glaubt man, was ein altes Weib aus den Kartenblättcrn enträthseln will, was die Phantasie im nächtlichen Traume vorspiegelt rc. Wahrlich hier 205 gilt das Wort des Apostels Paulus: „Von der Wahrheit werden sie das Gehör abwenden, zu den Fabeln aber hinwenden." (2 Tim. 4.) Es liegt in der Natur der Sache und die Erfahrung bestätigt es, daß man, je mehr man sich vom Mittelpuncte der katholischen Kirche entfernt, je mehr der wahrhaft göttliche Glaube sich verdünnt und verliert, um so mehr dem Aberglauben anheim falle, und daß vollendeter Unglaube mit vollendetem Aberglauben identisch sei. Das beweiset auch die ganze Geschicke des alten und neuen Heidenthumes. Oft hat der Aberglaube seinen Grund in den von den Voreltern erzählten und ererbten Sagen und Geschichten, die der leichtgläubige Landmanu bloß auf's Wort hin, weil es der Großvater rc. gesagt hat, unbezweifelt für wahr hält, oder die er etwa gar durch irgend eine zufällige Begebenheit bestätigt gefunden hat. Von solchen Leuten sagt der Wcltapostel: „Ich gebe ihnen das Zeugniß, daß sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Einsicht." (Röm. 10, 2.) Eine der vorzüglichsten Quellen des religiösen Aberglaubens unter weniger unterrichteten Leuten sind die leider noch immer verbreiteten schlechten Büchlein und gedruckten Gebetsformeln, deren Gebrauche die albernsten Gnadenwirkungen zur Erlangung des zeitlichen und ewigen Glückes verheißen sind, welchen Verheißungen man so gern glaubt, bloß darum, weil es ja hier gedruckt steht, folglich auch wahr sein muß. Aus der Vernunft und Offenbarung, sowie aus den traurigen Folgen, welche die Erfahrung aufzählen kann, läßt sich klar beweisen, wie thöricht und sündhaft, wie eines vernünftigen Menschen, eines Christen unwürdig der Aberglaube sei und wie derselbe der wahren Gottesverehruug, dem christlichen Glauben und Vertrauen, sowie der christlichen Nächstenliebe zuwider sei und wie sehr man sich durch den Aberglauben gegen Gottes heilige und gütige Vorsehung und höchst weise Weltregieruug versündigen und in die Fallstricke des Satans gerathen kann. Uebrigens muß man jedoch wohl unterscheiden zwischen dem, was eigentlicher Aberglaube ist, und zwischen dem, was die Welt als solchen ausruft, die nicht selten die ganze christliche Religion selbst, besonders aber die Einrichtungen, Ceremonien und Segnungen der katholischen Kirche als Aberglauben verschreien will. Weder ungläubig noch zu leichtgläubig, fern von der Sucht nach außerordentlichen Dingen, halte sich daher der katholische Christ fest an die Entscheidungen und Aussprüche der heiligen katholischen Kirche und so wird er den goldenen Mittelweg des echten und wahren Glaubens und durch denselben das Land der ewigen Seligkeit finden. DaS baufällige Haus. 6. Es besaß Jemand ein Haus, welches sehr baufällig war. Die Bauver- ständlgen riethen ihm, er solle es gänzlich einreisten und wieder von Neuem ausbauen lassen, damit es fest und haltbar würde. Der Eigenthümer aber lachte und bequemte sich nur zu den nöthigsten Reparaturen. Da stürzte in einer Nacht plötzlich das Haus ein und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. Mensch! dies baufällige Haus ist Dein sündhafter Lebenswandel, der Bewohner dieses Hauses Deine Seele, welche durch diesen Lebenswandel den Grad ihrer Unheiligkeit verräth. Da kommt der Bauverständige, d. h. Dein Beichtvater zu Dir und sagt: Reiste Dein Haus gänzlich ein, d. h. tilge Deinen sündhaften Lebenswandel vor Gott und vor Dir selbst durch eine giltige und umfassende Generalbeicht, welche Dein ganzes Leben von der frühesten Kindheit bis zur Jetztzeit dem Priester und Dir vor Augen führt. Dein Beichtvater fügt bei: 206 und baue es von Neuem wieder auf, d. h. wenn Du nun durch die Geueralbeicht Deinen Lebenswandel vor Gott und vor Dir getilgt hast, dann fange einen neuen Lebenswandel an, der fest und haltbar ist. Verstehen wir aber unter der Baufälligkeit die Sündhaftigkeit, so müssen wir unter der Festigkeit und Haltbarkeit die Tugend begreifen und zwar, wenn wir nur unsre Seele im Auge behalten, die unsern sündhaften Neigungen gerade entgegengesetzten Tugenden. — Du aber lachst, d. h. Dein Eigendünkel hält Dich für Weiser und verständiger, als Gottes Stellvertreter und verwirfst dessen wohlmeinenden Rath. — Du bequemst Dich nur zu den nothwendigsten Reparaturen, d. h. du beichtest zwar, aber nur die Sünden nach Deiner letzten Beicht. Du gehst auf die Vergangenheit Deines ganzen Lebens nicht zurück, welche Dir allein und ausschließlich in einem Gesammtüberblicke Deine Leidenschaften und Neigungen als die Quelle Deiner Versündigungen offenbaren könnte. So tilgst Du also Deinen alten Lebenswandel nicht vom Herzensgründe aus, und kannst mithin auch keinen gänzlich neuen Lebenswandel, ausgeschmückt mit dem Liebreize aller Tugenden, an seine Stelle setzen, da Sünde und Tugend nicht unter einem Dache leben können. Alle guten Werke, welche die Früchte Deiner Beicht sind, bessern zwar Deinen Lebenswandel, aber sie sind ohne Dauer, selbst wenn sie in Tugendübungen bestehen, welche als Gegensätze zu Deinen Begierden von der augenblicklichen Besiegung derselben Zeugniß ablegen. Demnach bleibt die nicht in ihrer vollen Tiefe erkannte Leidenschaft als wankender Grundstein im Herzen zurück, der Deinen Tugendbau untergräbt. Da stürzte des Nachts das Haus ein. Die Nacht ist die Zeit des sorglosen Schlummers. So lebt auch der, welcher eine augenblickliche Dämpfung seiner Leidenschaften mit ihrer völligen Unterjochung verwechselt und wegen der durch die Kürze des Zeitraumes beschränkten Beobachtung verwechseln muß, mit stets geringerer und lauer werdender Wachsamkeit auf die Regungen seiner Seele dahin, indem er ja der Tugend sich ergeben wähnt. — Plötzlich stürzte das Haus ein, d. h. ohne vorheriges Wanken, vielleicht auch ohne äußere Veranlassung. Und plötzlich stürzt Dein unhaltbares Tugendgebäude ein, und die nur schlummernde Leidenschaft erwacht mit erneuter Stärke, ohne daß ein allmäliger Uebergang in Deiner Seele Dich vorbereitete, ohne daß vielleicht eine äußere Gelegenheit Dich lockte. — Und begrub den Eigenthümer unter seinen Trümmern. — O Mensch! Dein Tugendgebäude ist eingestürzt; Deine Seele, vergraben in der Sünde, stirbt den geistigen Tod, vielleicht ohne je wieder zum Leben in Christus zu erwachen, wenn sie in diesem Zustande die leibliche Hülle abstreifen muß. Darum, o Mensch! schlage nicht an die sündige Brust mit dem Ausrufe: Ich habe gesündigt seit vier, sechs oder acht Wochen, sondern sprich: Ich habe gesündigt mein ganzes Leben hindurch, d. h. lege so oft, als Deine Umstände erlauben, eine Geueralbeicht ab! Wenn Du des Jahres zwölfmal beichtest, sollte mindestens Eine Beicht eine Generalbeicht sein. Freiwillige Selbstbestrafung. Eine englische Zeitschrift theilt die nachstehende Anekdote von Kur großen Gelehrten Samuel Johnson mit: Es war im November 1776 bei einem entsetzlichen Wetter, denn es regnete nnd es schneite und es wehrte ein kalter, schneidender Wind. Alle angesehenen Personen der Stadt Lichtfield und der Umgegend hatten sich bei der Gräfin v. L_ versammelt, um mit dem Doctor Johnson zu speisen, der seinen Geburtsort besuchte. Die Stunde der bestimmten Zeit verging und Johnson kam nicht; man wartete zwei Stunden vergeblich und aß 207 endlich ohne ihn. Man hatte bereits den Thee getrunken, es war dunkel geworden und die Gesellschaft wollte sich entfernen, als man den Doctor anmeldete. Er trat ein und sein ungewöhnliches Aussehen fiel sogleich allen Anwesenden auf. Es war nicht mehr jenes stolze, rauhe Wesen, das ihm so viele Feinde zuzog, trotz seiner vortrefflichen Eigenschaften; er sah vielmehr bleich, schwach und ermattet aus; sein Anzug befand sich in großer Unordnung und war mit Schnee und Reis bedeckt. Man sah ihn schweigend an. Er schritt auf die Gräfin zu und sagte: „Gnädige Frau, ich bitte mich zu entschuldigen. Als ich versprach zu Ihnen zu kommen, dachte ich nicht daran, daß heute — der 21. November wäre. Sie verstehen dieß nicht? Nun wohl, ich will es Ihnen erzählen; es wird eine Buße mehr sein. Heute vor vierzig Jahren, am 21. November, sagte mein alter, kranker Vater zu mir: „Samuel, nimm den Wagen, da ich nicht wohl bin, fahre auf den Markt nach Walstall und verkaufe für mich die Bücher in den Laden." Ich, gnädige Frau, thöricht, stolz auf die Kenntnisse, die er mir gegeben, ich, der ich nur das Brod seiner Arbeit gegessen hatte, ich, dem es bisher an Brod gefehlt hatte..., ich weigerte mich. Der Vater drang mit einer Sanftmut!), an die ich jetzt mit dem größten Schmerze denke, in mich und sagte: „Samuel, sei ein guter Sohn, geh', es wäre Schade, einen Markttag einzubüßen." Ich weigerte mich aus thörichtem Stolze fortwährend; da fuhr mein Vater selbst, und es war ein Wetter, wie heute; mein Vater ging und starb wenige Tage nachher." In diesem Augenblicke bedeckte der Doctor mit seinen beiden Händen die Thränen, welche über sein würdevolles Antlitz rannen. Dann fuhr er fort: „Dies geschah vor vierzig Jahren; seitdem komme ich jeden 21. November nach Lichtfield. Den Weg, den ich damals nicht fahren wollte, mache ich zu Fuße und ohne gegessen zu haben, ich bleibe vier Stunden auf dem Markte von Walstall mit unbedecktem Haupte an der Stelle stehen, wo mein Vater dreißig Jahre lang die Bude hatte, die ihn und mich nährte. Es sind seitdem vierzig Jahre vergangen, ich bin älter geworden, als mein Vater war, da er starb, und kann nicht sterben!" Niemand wagte Johnson zu trösten, aber kein Auge blieb bei der rührenden Erzählung des reuigen alten Mannes thränenleer. Gehorche deinen Eltern! Verlaum-ung. Die Verläumdung ist eine Art Mord. Denn dreifach ist unser Leben: das geistige Leben, das in der Gnade Gottes besteht, das körperliche, das durch die Seele gehalten wird, und das bürgerliche, das in Ehre und gutem Rufe seinen Bestand hat. Der Verläumder begeht durch einen einzigen Stich seiner Zunge gewöhnlich drei Mordthaten auf einmal. Er tödtet geistiger Weise seine eigene Seele, raubt demjenigen, den er verläumdet, das bürgerliche Leben, verwundet z tödtlich auch die Seele desjenigen, der ihn anhört. „Denn, wie ein weiser Mann spricht, sowohl der Verläumder, als der Anhörer desselben haben den Teufel bei sich, dem einen sitzt er auf der Zunge, dem andern im Ohr." Oder wie David sagt: „Die Verläumder haben ihre Zungen gespitzt, wie eine Natter." Die Nattern haben eine Gabelzunge mit zwei Spitzen, und mit einer ähnlichen Zunge durchsticht und vergiftet der Verläumder mit Einem Male sowohl den guten Namen desjenigen, von vem er spricht, als auch das Herz desjenigen, der ihn anhört, und es kommt nicht ihm zu Gute, wenn das Herz des Anhörers mit einem edlen Gegengifte bewaffnet ist. Jene nun, welche bei ihren Verläumdungen erst ehrenvolle Vorreden halten oder allerlei Artigkeiten von Liebe und Lob dazwischen bringen, sind die schlauesten und giftigsten Verläumder von allen. Sie sagen zum Beispiel: „Ich habe ihn wirklich recht lieb, oder: ich weiß sonst nichts Uebles von ihm, oder: er ist sonst ein rechtschaffener und gebildeter Mann — aber was wahr ist, ist wahr: in diesem Puncte n. s. w." Wer mit dem Bogen schießen will, zieht, so stark er ist, den Pfeil an sich, aber nur deshalb, damit er ihn mit desto größerer Gewalt abschnelle. Ebenso scheinen auch jene den Pfeil der Verläumdung an sich zu ziehen um desto sicherer Las Herz der Zuhörer zu treffen und desto tiefer in dasselbe einzudringen. Noch grausamer, wenn auch nicht so boshaft, ist diejenige Verläumdung, welche scherzweise vorgebracht wird. Der Schierling ist an und für sich kein schnelles Gift; er wirkt vielmehr ziemlich langsam und kann durch Gegenmittel gehemmt werden; wird er aber mit Wein vermischt, so ist jedes Mittel vergeblich. Eben so bleibt auch die Verläumdung um so fester im Herzen der Anhörer sitzen, wenn sie durch ein witziges oder Lachen erregendes Wort gewürzt wird. Sie ist dann recht eigentlich wie Natterngist, das anfänglich nur einen angenehmen Kitzel erregt, dadurch aber das Herz und die Eingeweide erweitert und sich dann desto tiefer einsaugt. Franz von Sales. Die einfache Antwort. Ein Metzgerbursche Namens Lavoine hat ohnlängst auf dem Weg nach St. Germain eine muthvolle That vollbracht. Ein Ochse hatte sich in einem Anfalle von Wuth auf zwei junge Eheleute gestürzt; er hatte den jungen Mann mit den Hörnern aufgehoben und einen Theil seiner Kleidungsstücke zerrissen, ohne ihn jedoch zu verwunden, und kehrte sich nun gegen die Frau, welche sich hinter einen Baum zu flüchten gesucht hatte; da bewaffnete sich Lavoine mit einem Messer und stieg aus dem Wagen, auf dem er mit drei Kameraden saß. Diese riefen ihm zu: „Du gehst in den Tod!" Lavoine stellte sich, ohne auf sie zu hören, entschlossen gerade vor das wüthende Thier hin; der Ochse, in der Meinung, er könne sich seiner so wie seines früheren Opfers entledigen, stürzte sich auf ihn, aber Lavoine machte eine geschickte Wendung und stieß ihm seine Waffe mit so vieler Kraft und Gewandtheit in das Genick, daß er das Rückenmark traf und das Thier wälzte sich unmittelbar zu den Füßen seines Siegers. Dieses unerwartete Gefecht währte nicht länger als drei Minuten, und als das junge Paar sich in Ausdrücken des Dankes gegen seinen Befreier ergoß und Jedermann wiederholte, er habe eine Heldenthat gethan, antwortete Lavoine bescheiden: „Habe ich eine gute That begangen, so wird mir die Vorsehung sie einst lohnen!" Heilige Stimmen. O unfruchtbare Seele, was thust du? Was List du so träge, sündhafte Seele! Der Tag des Gerichtes kommt, nahe ist der große Tag des Herrn, nahe und sehr nahe. Der Tag des Zornes, jener Tag! Der Tag der Trübsal und der Angst! Der Tag des Unglücks und des Elends! Der Tag der Finsterniß und der Dunkelheit! Der Tag des Nebels und des Sturmes! Der Tag der Posaune und des Tones! O bittere Stimmen des Tages des Herrn! Was schläfst du, laue und des Ausschüttens Werthe Seele? Was schläfst du? Wer nicht aufwacht, wer nicht zittert bei solchem Donner, der schläft nicht, sondern ist todt. H. Anselm. Redaction und Bcrlag: M. Hutttcr. — Druck von I. M. Klcinle.