ST 1. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Das Manna. 0. Eine der lehrreichsten Geschichten des alten Testamentes ist jene des Himmelsbrodes. Der Herr hatte den Kindern Israels über's Meer geholfen nnd sie in die Wüste geführt. Eine Wüste nun ist eine Strecke Landes, unfruchtbar und unbewohnt. Daher bietet sie den Reisenden leine Nahrung, und die Kinder Israels empfanden Lies bald, nachdem sie die aus Aegypten mitgenommenen Vorräthe aufgezehrt hatten. Allein Gott sorgt für die Seinen. Er ließ ihnen Brod vom Himmel thauen, und sättigte sie mit dieser Speise, welche sie das Himmelsbrod, Manna, nannten, auf ihrem langen Zuge durch die Wüste. — Gewiß! — rief Clara, nachdem sie der erzählenden Mutter aufmerksam zugehört, — hatten die Kinder Israels vertrauensvoll zu Gott in ihrer Noth gebetet, weil er sie so wunderbar errettet, und ihm für seine Hilfe im Herzen und im Wandel gedankt. Nein, mein Kind! Im Elende murrten sie und wünschten sich die Fleischtöpfe Aegyptens zurück. Nnd als sie das Brod hatten, rissen es die Gewalt- thätigeren an sich und wollten die Schwächeren darben lassen. Später selbst war ihnen das Himmelsbrod verleidet, nnd es gelüstete sie nach Fleisch. Die Undankbaren! Sie hatten Brod für lange Zeit und brauchten nicht zu arbeiten. Wie mancher arme Mann, der nicht murrt, Gott gerne danken würde, muß sich abplagen nnd darbt am täglichen Brode! Was schließest Du daraus? Der Schluß liegt nahe. Fast möchte man sagen: Gott ist liebevoll gegen die, welche ihn verlassen, und verläßt jene, welche ihm liebevoll anhangen. Du hast dem ersten Anscheine nach nicht ganz unrecht. Wie, Mutter!? Ich sage: auf den ersten Anblick! Betrachte viele Reichen! Sie gehören zu jenen, welchen gleichsam das Brod vom Himmel regnet, indem sie bei geringer oder gar keiner Arbeit Ueberfluß haben an Allem. Sind sie nicht, wie die Kinder Israels? Sie murren gegen Gott, vergessen seiner und beten das goldene Kalb des Mammons an. Unzufrieden mit ihrem Ueberflusse jagen sie nach Mehreren:. Und Gott gibt ihnen mit vollen Händen. Doch mancher Arme? Du hast vorhin in wenigen Zügen sein Bild selbst entworfen. — Wohin nun wirst Du einen zweiten, tiefern Blick richten müssen, diesen Widerspruch zu lösen, diese Gegensätze auszugleichen? Nach dem Himmel. Recht so, meine Clara! Doch nicht ausschließlich nach ihm als dem Throne des Herrn, sondern auch nach ihm als der künftigen Wohnung der vor Gott treu Befundenen, zu welchen der vertrauensvolle Arme, doch nicht der undankbare Reiche zählt. Wohl wahr, liebe Mutter! Aber Du selbst hast nur von vielen undankbaren Reichen und manchen vertrauensvollen Armen gesprochen. Allerdings. Was meinst Du damit? Es muß also auch dankbare Reiche und Vertrauenslose Arme geben? Unzweifelhaft. Da nun die Dankbaren und Vertrauensvollen treu befunden werden vor Gott, so müssen dankbare Reiche in den Himmel kommen, vertrauenslvse Arme von demselben ausgeschlossen bleiben? Gewiß. Armuth und Reichthum sind demnach nicht die Förderungs- oder Hinderungs- mitte! des Himmelreichs? Wenigstens nicht ausschließlich und nicht nothwendig. So könnte Gott Armuth und Reichthum ausgleichen oder aufheben, indem er wiederum Manna vom Himmel regnen ließe für die ganze Dauer unserer Lebensreise. Die Mutter konnte sich eines Lächelns über die ausgesuchte Spitzfindigkeit Clarens nicht erwehren. Gleich zu Anfange hatte sie das Ziel der Einwürfe erkannt, und beschloß nun, ihre Tochter auf die einfachste Weise von ihren Abwegen zurückzuführen. — Das könnte Gott freilich — gab sie scheinbar zu — um so mehr, da er auch, wie bei den Jsraeliten, uns nur einen Moses zu senden brauchte, welcher das gesammelte Brod unter Alle nach Bedarf vertheilen müßte. Nichts destoweniger würden wir einen der schönsten Genüsse des Christenthums verlieren. Der wäre? Das Gebet des Herrn so recht aus Herzensgründe, — versetzte die Mutter. Oder könntest Du beten: Unser tägliches Brod gib uns heute! die vierte Bitte dieses herrlichen Gebetes? Warum denn nicht? Du selbst hast der Jsraeliten Aufenthalt in der Wüste mit unserer Reise durch das Leben verglichen. Wenn wir nun Manna oder ausreichenden Bedarf hätten für das ganze Leben, warum dann noch Gott Tag für Tag um das bitten, was er uns schon auf immer gewährt hat? — Glaubst Du: wir wären nicht minder undankbar, wie die Kinder Israels; trachteten nicht minder nach Mehrerem, unzufrieden mit dem Genug? Ich glaube nicht, liebe Mutter! das Christenthum hat uns veredelt. Bist auch Du Christin? Mutter! Du fragst sonderbar. Du bist verwundert. Wo ist denn Deine Veredlung durch das Christenthum? Du setzest Dich zu Tische und hast vorher Gott kaum oberflächlich mit den Lippen gedankt. Du möchtest mehrere und bessere Speisen genießen. Du stehst auf und betest zerstreut, Deiner unerehrbietigen Stellung nach zu urtheilen. Der Mutter aber gedenkest Du gar nicht. Dem Mädchen traten Thränen in die Augen. Weßhalb thust Du dies? Mutter! Ich weiß nicht. Gewiß geschieht es nicht aus bösem Herzen. Aber siehe! Mit der Essenszeit kommt das Essen wie von selbst. Ich möchte sagen: es regnet vom Himmel. Würdest Du ernstlicher darüber nachdenken, so müßtest Du erkennen, daß es Dir Gott durch Deine Mutter bescheert. Was nun in den Kinderjahren Gleichgiltigkeit ist, das wird in reifern Jahren Herzensbosheit. — Wann indeß Hast Du mich doch um Essen gebeten? So oft mich hungerte und Du mich darben ließest. Wann geschah dies? 211 Sobald ich mich gegen Deine Vorschriften verfehlt hatte. Schöpfe aus dem bisher Gesagten zwei Lehren! einmal: der vertrauensvolle Arme betet zu Gott aus brünstiger Seele: Unser tägliches Brod gib uns heute! weil seiner Bitte auch Wahrheit, nämlich Mangel und nicht allein demüthige Erkenntniß der gewährenden Vaterhuld zu Grunde liegt. Der Reiche ferner, dessen Herz noch nicht verhärtet ist gegen jede bessere Empfindung, wird durch zeitweises Entbehren des irdischen Wohlseins von seinen Abirrungen zurüü- geleitet auf den Weg der Wahrheit. Unter dem täglichen Brode begreifen wir nicht nur Speise und Trank, sondern auch die Sorge für alles Irdische. Wenn aber Gott die aufrichtige Bitte des Armen oder Reichen in der Stunde der Prüfung um das tägliche Brod nicht erhört? Erinnerst Du Dich nicht — fragte die Mutter dagegen — einer Zeit, wo Du klagtest: es hungere Dich gar sehr, und dennoch gab ich Dir nichts oder wenig zu essen? Als ich krank gewesen und mich auf dem Wege der Genesung befand. Wohl, mein Kind! Weßhalb — glaubst Du — geschah dieses? Der Arzt hatte gesagt: Das geringste Speisenübermaaß könnte mir tödt- lich, mindestens höchst gefährlich sein. Doch als Du völlig hergestellt warst? Da durfte ich wieder essen und trinken, bis ich gesättigt war. So, liebe Clara! würde das geringste Maß oder Uebermaß irdischen Wohlseins diesem Armen, jenem Reichen gefährlich sein für das geistige Heil. Der Vater im Himmel sieht dies voraus, und deßhalb versagt er dem Kind, die Gewährung der zur Zeit thörichten Bitte. Hat nun der Geprüfte durch sein Leiden das Maß der Kräftigung erhalten, welches nöthig ist, zur Ertragung selbst eines bescheidenen Glückes; dann erhört Gott die durch diese Kräftigung des Bittenden jetzt weise gewordenen Bitte. Wie aber, wenn der Geprüfte dieses Maß der Kräftigung nie erreicht? Dann besckließt oft die göttliche Vorsehung über Jenen immerwährendes Leid, dessen Seele in der Freude zu Grunde gehen würde. Jetzt ersässe ich die Seligkeit der Noth- und Kummerleidenden. Es ist die Seligkeit der Zukunft. Wie unglücklich aber sind jene Reichen, bei denen die Bitte um das tägliche Brod wirklich nur eine demüthige Anerkennung der gewährenden Vaterhuld und nicht wahrhafte Bitte wäre! Ihr Leichtsinn, der das Beten vergißt, ist strafbar, aber doch verzeihlich! , Begreifen wir, liebe Clara! unter dem täglichen Brode, wie schon bemerkt, unser ganzes irdisches Wohlsein, dann ist kein Reicher, kein Glücklicher auf Erden, der nicht täglich diese Bitte aus Herzensgründe zu Gott richten dürfte. Läßt der Schöpfer einem Reichen bei kleinerem Leiden ein größeres Maß der Freude und versteht dieser scheinbar Glückliche das Maß nicht zu nützen für sein und seiner Mitmenschen Heil; dann dürfen wir annehmen, daß ihn Gott nicht Werth befunden der zukünftigen Seligkeit und ihn deßhalb genießen lasse die Seligkeit der Gegenwart. Im Ganzen, gute Mutter! haben die Jsraeliten doch den Vorzug vor den Christen, daß ihnen Gott einst das Brod vom Himmel regnen ließ. Das Brod des Leibes, ja. Bei der Nahrung der Seele verhält es sich umgekehrt. Die Juden hatten nur Eine Bundeslade, nur Ein Allerheiligstes. Den Christen regnet das Brod des Lebens in zahllosen Kirchen durch die Unterweisungen zahlloser Geistlicher gleichsam vom Himmel. — Worin, glaubst Du, gleichen wir den Kindern Israels? Die Jsraeliten wurden des Himmelsbrodes satt und sehnten sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Auch wir verachten das Himmelbrod, welches wir kaum oder nicht gekostet haben, und begehren die Fleischtöpfe der Welt und Sinneslust. Wir Thoren wollen lieber Knechtschaft und Genuß, als Freiheit und Selbstverläugnung. Die Gebetstunde.*) Das Fronleichnamsfest ist ein Massenzeugniß der katholischen Welt für den Glauben an die wirkliche, wahrhafte und wesentliche Gegenwart Jesu Christi im allerheil. Sacramente des Altares.. Diesem lauten, feierlichen, allgemeinen Bekenntniß des Glaubens gegenüber steht das Einzelzeugniß einer gott liebenden Seele. Wir wollen einen betrachteden Blick auf dieses Zeugniß werfen und das Gemälde vor unseren Augen entrollen, wie sich das Einzel gebet eines kathol. Christen in der Stille und Einsamkeit gestaltet, eines jener Stundengete, welches die Glieder des Vereines zur beständigen Anbetung des allerheil. Sacramentes gelobt haben. Ist die Fronleichnamsfeier wie ein Frühlingsfesttag, der tausend Blumen aus der frischerquickten Erde hervorlockt; wie Sonnenschein, der die jubelnde Stimme der Vögelein im Walde wach ruft: so ist das Einzelgebet wie ein duftendes Veilchen, das im hohen Grase verborgen blüht, oder wie eine seltene Blume, die von kundiger Hand im Wohnzimmer gepflegt selbst im Winter erblüht, und wenn auch nur von Wenigen gekannt, doch diese um so mehr entzückt. Was am schillernden Glänze und äußern Pompe, was am lauthintönenden Jubelgesang abgeht, das ist reichlich durch die Glut der Gottesliebe, durch die Innigkeit der Glaubenstreue ersetzt. Hier zeigt es sich wahrhaft, daß das Gebet der Lebensodem der Seele ist, und daß sich der Christ anf den Flügeln der Andacht von der Erdenschwere loslösen nnd in den Himmel erheben kann. Stellen wir aber die Annahme voraus, jene fromme Seele, welche das Stundengebet zu halten hat, sei in ihren äußeren Lebensverhältnissen unabhängig und sie könne ungestört und ungehindert nach ihrem Sinne in ihrem Gemache der Andacht obliegen, und nehmen wir ferner an, die Gebetstunde treffe in der eilften Stunde zur Nachtzeit ein. Schon der vorausgehende Vormittag findet die fromme Seele in einer religiös aufgeregteren Stimmung, der Tag hat für sie eine gewisse Feierlichkeit, und wenn es anders möglich zu machen war, empfing sie am Morgen die heil. Sacramente der Buße und des Altares, um zu ihrem Engelsgeschäfte in der Nacht ein Gott wohlgefälliges Herz mitzubringen. Lange bevor die bestimmte Stunde hereinbricht, ist mit einer eigenen ängstlichen Sorgfalt der Betaltar schon geordnet, das Cruzifix ist mit Blumen geschmückt, die Lichter sind hergerichtet, das Gebetbuch, der Rosenkranz ist bereitet. Zu Hause näml'.ch in ihrem stillen, verschwiegenen Kämmerlein wird sie die Gebetstunde halten, denn das Haus Gottes ist um diese nächtliche Stunde verschlossen, das allerheil. Sacrament ist im dunklen Tabernakel verborgen und nur ein sanftes Ampellicht vor demselben deutet dort mit leisem Schimmer auf die Gegewart jenes geheimnißvollen ewigen Lichtes, das zugleich die Wahrheit, der Weg und das Leben ist. Der Frieden und die Stille der Nacht breitet sich immer dunkler über die Erde aus und ringsum versinkt alles in Schlaf und Ruhe, doch das Vereins- initglied wacht noch mit Hellem Auge und horcht auf den Schlag der sich nähern- *) Die Mitglieder des „V er ein es zur beständigen Anbetung des allerh eiligsten Sacramentes" wählen sich bekanntlich „in jedem Monate eine stündliche Anbetung des hochwürdigsten Gutes." („Der kath. Christ" 1859. II. 139^) Diese Stunde ist eine Stunde der ungetrübtesten Freude und, wir wollen es zuversichtlich hoffen, auch eine Stunde der Gnade. 213 den Stunde. Da werden die Lichter an dem Betschämel angezündet und unwillkürlich denkt die Seele an jenes Mitglied, dessen Gebet nun zu Ende geht. Sie weiß nicht, wer dies sei, ob der hochwürdigste Bischof, oder ein anderer Priester, oder ein Laie, ob eine Frau oder ein Mann, ob eine vornehme Dame oder eine Magd; sie weiß nur das eine, daß der Ruf „Heilig" in dieser Stadt nicht verstummen soll und daß sie selbst denselben alsogleich fortsetzen wird, sobald er auf anderer Lippe zu Ende ging. Horch! da schlägt die eilfte Stunde; und beim ersten Schlage sinkt die christliche Seele auf die Kniee, bezeichnet sich mit dem heil. Kreuze, neigt das Haupt, faltet die Hände und stellt sich in die Gegenwart Gottes, in die Gegenwart des allerheil. Altarssacramentes; dann hebt sie leise, leise zu beten an: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth, Himmel und Erde sind deiner Herrlichkeit voll! — Hochgelobt und gebenedeit sei ohne End" — Jesus Christus im allerheiligsten Altarssacrament!" Wahrhaftig! bei diesem Rufe bebt ein heiliger Schauer durch das Gebein, das Herz erzittert und pocht fast mit lautem Schlage, der Geist fühlt die Nähe der heiligen Gottheit; denn es geschieht, was die heil. Schrift sagt: „Alsbald wird zu seinem Tempel kommen der Herrscher, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, nach dem ihr verlanget." — Wie! eines Menschen Kind, ein sündhaftes Menschenherz wagt es, in den himmlischen Lobgesang der Cherubim und Seraphim am Throne des Lammes seine irdische Stimme hineinzumischen! Ein Erdensohn wagt es, dasselbe Wort zu sagen, was die Engel im Himmel nur zitternd aussprechcn, das Wort, den Namen, bei dem sich alle Kniee beugen sollen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde! Ja, der katholische Christ wagt es und er darf es; er darf sein Auge zum Himmel aufschlagen, denn der Sohn Gottes selbst, der gekreuzigte Heiland hat ihm die Pforten des Himmels erschlossen. „Wenn ich werde erhöhet sein" — sprach er — „werde ich alle an mich ziehen." Und so blickt die gläubige Seele auf zu dem Herrn mit Entzücken, mit vertrauensvoll ergebenem Herzen, denn sieh! der Heiland ist in den Himmel erhöht, er zieht >— zieht jetzt die betende Seele an sich, daß nun mit größerer Glut, mit wachsender Begeisterung von den zitternden Lippen das Wort fließt: „Heilig, heilig, heilig, Herr Gott Sabaoth!" Und sieh! der entzückte Geist weilt nicht mehr eingeschlossen in die enge Kammer, er fliegt hinaus zur Kirche, er weilt vor dem Hochaltare, er liegt auf den Knieen vor dem Altarssacramente. Doch sieht er das Haus Gottes nicht in's nächtliche Dunkel gehüllt, er schaut es in seiner Herrlichkeit; im hellen Lichterkranze strahlt der Altar; das silberweise Brod des Lebens leuchtet herab aus der goldenen Monstranze. Da neigt sich der Christ tief zur Erde und vergeht fast in stiller, stummer Anbetung; die Worte versagen ihm, nur seufzen, nur weinen kann er, weinen vor Freude. Die Macht des heil. Geheimnisses ist über die andächtige Seele hereingedrungen und hat sie bewältigt. Sie denkt nichts, als den Gedanken der unendlichen Güte des Sohnes Gottes, der nicht bloß sterben wollte für uns, sondern auch leben; der nicht bloß lebt für uns, sondern auch wohnt unter uns; der nicht nur wohnt unter uns, sondern uns auch nährt zum- ewigen Leben, daß nicht wir leben, sondern Christus in uns. — O unbegreifliche, unendliche Gnade! „Heilig, heilig, heilig! Hosianna in der Höhe! Gepriesen sei, der da kömmt im Namen des Herrn! Hosianna!" Und sieh! der Geist wandert auf den Flügeln der begeisterten Andacht hinaus, höher hinauf zum Himmel; er blickt in den Himmel, den geöffneten Himmel. Das liebende Herz wird weit, so weit — es öffnet sich mit allen seinen Poren, es möchte den Himmel in sich hiueinsaugen und ihn nimmer lassen, denn es sieht darin seinen Heiland, den süßen Heiland, Jesus Christus. 214 O wie beflügelt wird nun der Athem des Gebetes! o wie steigt es rasch auf zum Himmel, unablässig, wie der Springbrunnen eines Ziergartens, unablässig, wie der Duft einer Frühlingsblüthe. Minute um Minute fließt und mit ihr die Lebensseufzer und die Thränen heiliger Rührung. O mein Gott, wie lieb bist du und wie entzückend ist deine Gnade! Nun entströmt begeistert die Litanei zu Ehren des allerheil. Sacramentes und alle ihre süßen Liebesworte, nun folgt Gebet auf Gebet ohne Rast, ohne Ruhe; aber wer wollte, wer könnte sie alle aufzählen, die Gebete, welche eine gottbegeisterte Seele zu ihrem Gott emporzuschicken versteht. — Und doch müssen wir eines Gebetes noch erwähnen, eines Gebetes von ergreifender echt katholischer Bedeutung. Die christliche Seele betet nämlich nicht für sich allein; so eben hat sie alle Mitglieder des Vereines, so eben alle ihre Theuren im Leben und dann alle katholische Christen in ihr Gebet eingeschlossen. Doch welcher Gedanke steigt nun in ihr auf, wie eine schwere Gewitterwolke am reinen Abendhimmel. Er preßt bittere Thränenperlen aus, die schwer über die Wange rollen und die Stätte netzen. Ja, die fromme Seele weint Thränen des Schmerzes, denn sie gedenkt in tiefer Reue und Zerknirschung ihrer eigenen Sünden und ach! der Sünden ihrer Mitchristen. Sie sieht im Geiste das allerheil. Sacrament von Vielen, ach! von sehr Vielen vergessen, mißachtet, verunehrt, gelästert. Mit glühender Liebe bittet sie dem Erlöser all' diese Wunden, all' diese Geißelhiebe, all' diese Stacheln der Dornenkrone ab, bittet um Gnade für seine Feinde, um die Gnade der Erkenntniß, Reue, Buße und Besserung. — O könnte sie mit ihren Thränen und Seufzern auch nur die fremde Schuld tilgen uud auslöschen! Die katholische Seele betet nicht für sich allein, Ihr Blick und ihr Gebet wendet sich auch denen zu, die sich selbst nicht mehr helfen können. Mit inniger Theilnahme empfindet sie in der Tiefe ihres Herzens die Sehnsucht der armen Seelen im Fegefeuer nach Erlösung. Sie sieht gleichsam die Hände derselben flehend nach oben gestreckt, sie hört die unaufhörlichen Seufzer um Erretung aus dem Orte der Büßung. Ach! wer, mit einem christlichen Herzen in der Brust, sollte jener Lieben und Theuren vergessen, die uns im Tode vorausgingen, wer sollte derer vergessen, welchen wir am schauerlichen Grabe ein thränenvolles „ruhe im Fieden" nachriefen. Ruhe im Frieden des ewigen Lichtes, Ruhe in Gott! wann kann diese Bitte wohl kräftiger wirken, als wenn sie in der Anbetung des allerheil. Altarssacramentes gestellt wird, das ja eben ein Unterpfand dieses Friedens ist, erkauft mit dem kostbaren Blute des Heilandes. O möge die Bitte um Gnade gesegnet sein! So betet das fromme Vereinsmitglied und unter solchen Gebeten entschwindet die Stunde — wie ein Augenblick. Es schlägt zwölf Uhr: die Lichter verlöschen; das Gebet ist beendet. Während in einem anderen Hause mittlerweile ein anderes Vereinsmitglied seine Gebetstunde beginnt, sinkt hier der Christ, zufrieden über das treu vollbrachte Tagewerk, in die Arme des Schlafes. Der heil. Schutzengel aber wacht über dem Schlafe des Gerechten. Vormals und Jetzt. Das Bonifacius-Blatt entwirft in Nr. 1 d, I., um einige Anregung zu geben zur Betheiligung an dem Werke, welches der nach dem Apostel Deutschlands benannte Verein sich vorgesetzt hat, ein kleines Bild von der kirchlichen Vergangenheit desjenigen Theiles unseres deutschen Vaterlandes, welchem der Bonifacius-Verein seine Aufmerksamkeit und Fürsorge vornehmlich widmet. Die Armuth und Noth, in welcher dort die Kirche gegenwärtig sich befindet, tritt 215 um so greller hervor, wenn man sie vergleicht mit der glänzenden Lage und Stellung, deren sie sich in den nämlichen Gegenden ehemals erfreute. Wir meinen die Landstriche in Mitte des nördlichen Deutschlands, wo, wie das gegenwärtige Bedürfniß, so auch der Unterschied zwischen Vormals und Jetzt am augenfälligsten sich zeigt. In dem weiten Gebiete, welches im Süden von der obern Werra, dem Thüringer Walde und Erzgebirge, — im Osten von der Neisse und der untern Oder, — im Norden von der Ostsee und der Eider — und im Westen von der Weser begränzt wird, besteht gegenwärtig nur ein einziger Bischofssitz, nämlich zu Hildesheim; die Katholiken, welche nicht zu diesem Bisthum gehören, sind theils den ziemlich entlegenen bischöflichen Kirchen von Paderborn, Fulda und Brcslau, theils den apostolischen Vicarien zu München, Dresden und Osnabrück überwiesen. Die Diözese Paderborn allein hat in ihrem sächsischen Antheile Bruchstücke von nicht weniger als acht nunmehr eingegangenen Bisthümern; und an Orten, wo vor Zeiten um die bischöfliche Kathedrale mit ihrem zahlreichen Klerus eine beträchtliche Zahl von andern Stifts- oder Klosterkirchen und Psarr- gemeinden sich reiheten. trifft man dermalen in mehr als einem Falle nur eine nothdürftig ausgestattete katholische Capclle oder auch nicht einmal diese, sondern nur ein zikr Abhaltung des katholischen Gottesdienstes gemiethetes Zimmer. Wenden wir uns dagegen um vier bis fünf Jahrhunderte oder noch weiter in der Geschichte zurück: — welch' einen ganz andern Anblick gewährt uns da der äußere Stand der Kirche in jener Gegend! — Da finden wir zunächst, fast im Mittelpuncte des vorher bezeichneten Ländereomplexes, das Erz bisthum Magdeburg — gegründet im Jahre 968 durch Kaiser Otto l- —, dessen erster Oberhirt jener Adalbert war, den der nämliche Kaiser nicht lange vorher an die Ufer des Dniepr nach Kiew entsandte, um auf den Wunsch der russischen Großfürstin Olga unter ihrem Volke als Apostel des christlichen Glaubens zu wirken. Nach ihm waren Tagino (dem sein Freund, der heilige Wolfgang von RegenZburg auf dem Sterbebette diese Erhebung vorher verkündigt hatte), Hunfried aus dem Burkaroskloster zu Wüczburg, Werner, ein Bruder des h. Anno ll. von Köln, ganz besonders aber der hl. Norbert (Stifter des Prämonstratenser-Ordens, 1134). so wie weiterhin Theodor ich, vordem Bischof von Minden (si 1367), und Friedrich (fi 1464) Zierden dieses Erzstuhles gewesen. Noch steht als ein beredter Zeuge des einstigen Glanzes dieser bereits in den Stürmen der Reformation und später vollends durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens der Säcularisation anheimgefallenen Metropole der herrliche (nunmehr Protest.) Dom, welcher, nachdem vier Generationen daran gebaut, von dem obengenannten Theodorich in Anwesenheit zahlreicher Bischöfe, Aebte und weltlicher Großen im Jahre 1363 eingeweiht wurde. Diesem erzbischöflichen Stuhle waren fünf Diözesen als Suffraganbis- thümer untergeordnet: Brandenburg, Havelberg, Meissen, Merseburg, Naumburg. Die beiden erstgenannten Bischofssitze, von Otto l- 946 errichtet und bis zum Jahre 968 vor der Hand der Mainzer Kirchenprovinz zugehörig, bildeten, weil am meisten nach Osten und jenseits der Elbe gelegen, lange Zeit hindurch gewissermaßen die am weitesten vorgeschobenen Gränzwachen christlichgermanischer Cultur dem slavischen Heidenthum gegenüber; freilich vermochten sie, immer aufs Neue von Osten her bedrängt, fast zwei Jahrhunderte lang kaum sich zu behaupten; erst mit dem Auftreten des Markgrafen Albrecht des Bären in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wurde die deutsche Herrschaft und damit zugleich die Existenz dieser Bisthümer sichergestellt. Havelberg sah sogleich in Anselm, dem Bruder des Markgrafen und vertrauten Freunde des heil. Bernard von Clairvaux, seinen berühmtesten Bischof. Bewandert nicht nur in den geistlichen Wissenschaften, sondern namentlich auch in der griechischen Sprache, wurde er sowohl vom Kaiser Lothar, wie von Friedrich Barbarossa mit einer Gesandt- schaft nach Constantinvpel betraut; und dieser letztere Kaiser war es gleichfalls, der in dankbarer Anerkennung der durch Anselm ihm geleisteten Dienste dessen Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl von Ravenna bewirkte. — Die mehr nach Süden, am linken Elbufer gelegene feste Stadt Meissen von Heinrich dem Finkler erbaut, hatte gleichzeitig mit Magdeburg durch Otto's 1 Vermittlung einen Bischofssitz mit einem weit ausgedehnten Spreugel erhalten, welcher im Westen bis an die Mulde und im Osten bis an die Oder sich erstreckte und also einen großen Theil des jetzigen Königreichs Sachsen, sowie der preußischen Provinz Schlesien umfaßte. Treu und gewissenhaft hatten die ersten Bischöfe von Meissen, namentlich Jdo und der heilige Benno die Absicht, welche dem Stifter ihrer Kirche vorschwebt, zu e reichen und die Herrschaft des Christenthums unter den Slaven nach Osten und Süd-Osten zu verbreiten und zu befestigen gestrebt; mit zahlreichen Schöpfungen christlicher Frömmigkeit und Barmherzigkeit hatten auch deren spätere Nachfolger ihre Regierung bezeichnet; aber — merkwürdiges Verhängniß — der Meissener Bischofsstuhl und mit ihm beinahe sämmtliche frommen Stiftungen, welche dessen seitherige Inhaber in's Leben gerufen, sollten fast in dem nämlichen Augenblicke zusammenstürzen, als die Tugenden und Verdienste des ausgezeichnetsten Meissener Bischofs, des heil. Benno, durch dessen 'vom Papste Hadrian VI- im Jahre 1523 vorgenommene Canonisation ihre feierliche Anerkennung und Aussprache fanden*). Das Bisthum, dessen Sitz nach Stolpen und dann nach Würzen verlegt worden war und an diesen Orten noch eine Weile seine Existenz gefristet hatte, ging bereits zwei Jahrzehnte vor dem Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts vollständig ein; und von den vielen Stiftern und Klöstern, welche ehedem in diesen Gegenden blühten, haben nur drei durch alle Stürme der Reformations- und der folgenden Zeit hindurch glücklich bis aus den heutigen Tag sich erhalten. Es sind die in der sächsischen Lausitz gelegenen Nonnenklöster Marienthal und Marienstern, und in dem nämlichen Landestheile das Domstift zu Bautzen, durch die Bemühungen des Domdecans Leisen tritt (7 1586) für den Katholicismus gerettet. (Schluß folgt.) Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Carl V 1 !I., König von Frankreich, besichtigte das Schloß Amboise, welches er aufbauen ließ. In Folge einer starken Verletzung, die er am Kopfe erlitt, > als er schnell durch eine sehr niedrige Thüre dieses Gebäudes schreiten wollte, fiel er rücklings in der Gallerie nieder, durch die er mit der Königin gegangen ^ war. Die Kopfw unde erwies sich als tödtlich, und man legte den bewußtlosen König auf einen armseligen Strohsack, der das Eigenthum eines der dort arbeitenden Maurer gewesen; und auf diesem elenden Lager harrte der Herrscher Frankreichs seinem letzten Stündlein entgegen. Dreimal gewann er die Sprache und dreimal rief er aus: Mein Gott! Du glorreiche Jungfrau Maria! Mein heiliger Claudius und Blasius! Stehet mir bei!" Und erst Abends um neun Uhr erschien seine Seele vor Gottes Thron in der Ewigkeit! — Die Königin aber knieete neben der Leiche, rang die Hände und rief: „Was ist der Mensch ? ! — , Was ist ein König?! — Alles ist Eitelkeit der Eitelkeiten!!" *) Luther veröffentlichte bei diesem Anlaß die Schrift: „Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meissen soll erhoben werden." — Gegenwärtig ruhen die Reliquien deS b. Benno in der Domkirche zu München, wohin sie schon einige Jahrzehnte nach der Einführung der Reformation in Meissen auf Anstehen des damaligen Herzogs von Bayern gebracht wurven. Redaction unv Ncrlag: Dr. M. Hutttcr. — Druck uou.J. M. ÄleiNIc.