4 Zr. S8. 8. Juli 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentsprcis ist 2tt kr», wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vormals und Jetzt. (Schluß.) Merseburg, das westliche Nachbarbisthum von Meisten, ebenfalls eine Stiftung Otto's I., weiset uns in der Reihenfolge seiner Oberhirtcn die berühmten Namen Dietmar, Werner, Thilo u. A. auf; — der erstgenannte, ein Mann von höchst edlem und liebenswürdigem Charakter und tiefer Frömmigkeit, die sich auch in den acht Büchern der von ihm verfaßten Chronik abspiegeln; der andere bekannt durch die Kämpfe, welche er gegenüber dem Kaiser Heinrich IV. zu bestehen hatte, und von segenreichem Einflüsse auch für spätere Jahrhunderte als Gründer des Benedictinerklosters zum hl. Petrus; der dritte, in der letzten Hälfte des fünfzehnten und dem Anfange des sechszehtcn Jahrhunderts (im Ganzen achtundvierzig Jahre lang) regierend, war gewissermaßen dazu bestimmt, wie eine prächtig leuchtende Abendsonne über die Kirche von Merseburg noch einmal den schönsten Glanz zu verbreiten, ehe das Licht des wahren Glaubens aus derselben gänzlich entschwand. Noch ein fünftes Suffragan-Bisthum von Magdeburg hatte Kaiser Otto l. innerhalb des oben umschriebenen Territoriums *) im Südwesten des Merseburger Sprengels errichtet und demselben Zeitz (an der Elster) als Sitz angewiesen. Indeß bereits der vierte Bischof dieser Diözese, Hildeward, verlegte mit Genehmigung des Papstes Johann XX und des Kaisers Conrad II. die bischöfliche Residenz nach Naumburg an der Saale, als einer sicherer gelegenen und feindlichen Ueber- fällen weniger ausgesetzten Stadt. In dem majestätischen Dome, dessen Ban besonders der Bischof Dietrich II-, Nachfolger des Verdienstreichen Engelhard (j- 1242) betrieb, erblickt man unter andern Erinnerungen an die katholische Zeit auch noch das Bild des letzten katholischen Bischofs, des wackern Julius von Pflug (1- 1564). Außer der Metropole Magdeburg mit den genannten fünf Suffragan-Bis- thümern bestand während des Mittelalters in dem hier in Rede stehenden Theile des nördlichen Deutschlands noch eine andere Kirchenprovinz, deren Gebiet übrigens in westlicher und noch mehr in nördlicher Richtung (zeitweilig auch nach Osten) sich über die Gränzen hinauscrstrcckte, welche wir uns abgesteckt haben. Es ist die erzbischöfliche Kirche von Hamburg-Bremen mit ihren Suffraganen: Lübeck, Schwerin, Ratzeburg; von dem jenseits der Eider gelegenen Schleswig rc. sehen wir ab. Sogleich von der Zeit an, wo der h. Ansgar als erster Erzbischof den vereinigten Kirchen Hamburg und Bremen vorgesetzt wurde, erlangte dieses Erzbisthum eine hervorragende und angesehene Stellung; die Kirche des „Apostels des Nordens" erschien wie von selber zur Metropole des Nordens bestimmt und erwies sich auch in der That als eine solche durch die eifrige Be- *) Eine sechste, jedoch außerhalb des hier uns beschäftigendcnDistrictS giegene Sussragan- kirchc von Magdeburg war Posen, welches aber späterhin zu der polnischen Metropole Gnescn sich hielt. Heiligung ihrer Oberhirten an der Begründung des Christenthums und der Ordnung des Kirchenwesens in Dänemark, Schweden, Norwegen; selbst für das ferne Island wurde der erste ständige Bischof, Jslcf, im Jahre 1056 durch Adal- bert von Bremen geweiht. Ebenso ist bekannt, wie nicht allein dieser Adalbert, sondern bereits seine Vorgänger einen wesentlichen Antheil an den Angelegenheiten des deutschen Reichs und seiner Nachbarländer genommen haben. Erz- bischof Adalach war ein vertrauter Freund des Kaisers Otto 1- und zog mit diesem nach Rom; bei ihm verlebte auch der Papst Benedict V., an der Fortführung des Pontificats durch den mächtigen Herrscher gehindert, den Rest seiner Lage. — Der Glanz und Einfluß, welchen die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen durch die Errichtung eigener Metropolitanstühle in Scandinavien (zu Lund, ilpsala und Drontheim) und die Verbindung der ältern, sowie der jüngern bischöflichen Kirchen dieser Länder mit letztem allmälig im Norden verloren, wurde ihnen wiederersetzt durch die Erweiterung ihres Metropolitansprengels nach Osten. Schon Otto l. hatte zu Aldenburg (oder Oldenburg — im äußersten Nordosten des heutigen Holstein) ein Bisthnm gegründet, welches aber fast zweihundert Jahre hindurch das (früher erwähnte) Schicksal seines südlichen Nachbar- bisthums Havelberg theilen mußte. Erst dem kräftigen Arme Heinrichs des Löwen und noch mehr der apostolischen Ständhaftigkeit des heiligen Vicelin sollte es gelingen, die Ländergebiete des jetzigen Fürstenthums Holstein-Lauenburg und der beiden Mecklenburg für das Christenthum dauernd zu gewinnen. Vicelin, zu Hameln an der Weser geboren, zu Padcrborn durch den gelehrten Hartmann in den Wissenschaften ausgebildet*) und durch den heil. Norbert zu Magdeburg im Jahre 1126 zum Priester geweiht, hatte es durch die ausdauernde und unermüdliche Thätigkeit, welche er dreiundzwanzig Jahre lang den wilden Volksstämmen in diesen Gegenden widmete, unterstützt durch die äußere Beihülfe der sächsischen Herzoge, insbesondere Heinrichs des Löwen, endlich dahin gebracht, daß das schon seit lange eingegangene Bisthum Aldenburg, und zwar mit Aussicht auf festen Bestand, wiederhergestellt werden konnte. Er selber sollte die neue Reihe der Oldenburger Bischöfe eröffnen und empfing im Jahre 11^49 durch die Hand des Bremer Erzbischofs Hartwich die Conseeration. Im Jahre 1163 — neun Jahre nach Vincelins Tode — wurde auf den Wunsch Heinrichs des Löwen der Sitz dieses Bisthums nach Lübeck verlegt. Hier regierte um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts der Bischof Albert, vordem Glaubensprediger in Liefland und nachmals Erzbischof von Riga, während um die nämliche Zeit Gerhart, Graf von der Lippe, der erzbischöflichen Kirche von Hamburg-Bremen vorstand; — der erstere durch seinen Namen**) und sein eigenes Wirken, der andere durch seine Abkunft***) auf die Verdienste hinweisend, welche der deutsche Norden in seinen edelsten Söhnen sich um die Bekehrung der jetzigen russischen Ostscepro- vinzcn erwarb. Auch noch kurz vor Ausbruch der kirchlichen Wirren des scchs- zehnten Jahrhunderts hatte wie Magdeburg an Friedrich, Merseburg an Thilo, so Lübeck an Nikolaus und Arnold, zweier ausgezeichneten Oberhirten sich zu erfreuen. Ersterer, ein großer Wohlthäter der Armen und strenger Wächter der *) In dem Bencdictinerkloster Ubdinghoff zu Padcrborn bewahrte man eine Lebensbeschreibung der heiligen Bischöfe Willehad, Änsgar und Nimbcrt, welche Vicelin in freundschaftlicher Erinnerung an seinen frühern Verkehr mit den Benediktinern ihnen von Bremen aus zum Geschenk gemacht hatte. **) Einige Jahrzehnte früher war ein anderer Albert (von Apeldern) der eigentliche Apostel Lieflands geworden. ***) Der Vater dieses Gerhart war in seinem scchszigsten Lebensjahre Cisterzienser und Glaubcnsbote in Liefland und endlich Bischof von Lehall geworden. Sein Sohn Otto, Bischof von Utrecht, ertheilte ihm die bischöfliche Conseeration; er selber weihte darauf unter Assistenz Dieses Otto seinen andern Sohn Gerhart zum Erzbischof von Bremen; und endlich weihte dieser Gerhart im Jahre 1228 einen dritten aus diesem Bruderkrcise, Bernard, zum Bischöfe von Paderborn. So trugen der Vater und drei Söhne die bischöfliche Jnfula. 219 Zucht, wurde ebenfalls für den Mctropolitanstuhl von Riga in Aussicht genommen, zog aber vor, bei seiner Kirche zu bleiben; Arnold (von Westfalen) war wegen seiner gelehrten Bildung, namentlich wegen seiner Rechtskenntuisse berühmt, und gleich seinem Vorgänger auf das Wohl seiner Kirche eifrig bedacht. Neben Lübeck bestanden in jenen Gegenden, deren Apostel der heilige Vicelin geworden war, noch zwei andere Sufsraganbisthümer der Hamburger Kirchenpro- vinz; Schwerin nämlich und Ratzeburg. Ersteres Bisthum, dessen ursprünglicher Sitz zu Mecklenburg (nördlich von Schwerin) sich befand, hatte mit dem alten Bisthum Oldenburg das Loos zeitweiligen Eingehens und nach erfolgter Restauration, eine bald darauf vorgenommene Verlegung des bischöflichen Sitzes gemein. Seit 1169 war Schwerin Residenz der Oberhirten dieses Sprengels, unter denen noch zwei der letzten ihrer Regierung die gerechtesten Ansprüche aus den Dank aller Wohlgesinnten verschafften: Conrad, der während seiner zwanzigjährigen Amtsverwaltung den äußeren Wohlstand, wie die innern Zustände in seinem Bisthum ungeachtet seines hohen Alters mit jugendlichem Feuer stetig zu bessern und zu heben sich bestrebte, und sein zweiter Nachfolger Petrus ('s 1516), der vermöge seiner geistigen Tüchtigkeit und in Folge seines länger» Aufenthaltes in Rom zu einem noch ausgedehnteren Wirkungskreise wie berufen erschien. — Das Bisthum Ratzeburg, dessen Gründung*) und Wiederherstellung gleichzeitig mit derjenigen des eben besprochenen Bisthums erfolgte, hatte den Ruhm, unter den Kirchensürsten, welche im ersten Jahrhundert nach seiner Restauration ihm vorgesetzt waren, nicht weniger als drei als Heilige verehrt zu sehen: Evermod, Jsfried und Ludolf. Auch des Letzter» Namensgenosse, Ludolf II., der zwei Jahrhunderte später regierte (ch 1166), war, um die Worte seines Zeitgenossen Alb. Kranz (Metrop. IX. 50.) zu gebrauchen — „ein wahrhaft apostolischer Mann, der das Muster eines Bischofs abgab." — Mit den bisher angeführten theils zur Magdeburger theils zur Hamburger- Provinz gehörenden Diözesen — zusammen zwei Erzbisthümer und acht Bis- thümer — sind wir noch nicht am Abschluß der Reihe von bischöflichen Kirchen angelangt, welche in der älteren Zeit im Innern des nördlichen Deutschlands existirten, gegenwärtig aber eingegangen sind. Auch abgesehen von dem Bisthum Lebus, dessen Sitz zwar links von der Oder**), dessen Sprengel aber großentheils jenseits dieses Flusses gelegen war (wie es denn auch zu der polnischen Metropole Gnesen gehörte), bleiben noch zwei andere hier zu erwähnen, welche der ersten und größten deutschen Kirchenprovinz zugewiesen waren. Der Erzstuhl des heil. Bonifacius zu Mainz, dessen Metropolitanhoheit nach Süden bis tief in die Alpen und nach Norden bis in die unmittelbare Nähe'Hamburgs sich erstreckte***), *) Die bedeutenden Fortschritte, welche das Christenthum um die Mitte des elften Jahrhunderts durch die Bemühungen des Wcndenfürsten Gottschalk in jenen Gegenden machte, gaben Anlaß, neben dem Bisthum Äldenburg noch diese zwei: Mecklenburg und Ratzeburg zu errichten. **) In den letzten Zeiten v or der Reformation war der Sitz vieses Bisthums in Fürstenwalde an der Spree. ***) »Der Erzverband von Mainz" — sagt Gfrörer (Gregor Vll. und sein Zeitalter I. S- 301) — »übertraf an Umfang vier deutsche Königreiche von heute. Der geistliche Arm der Nachfolger des heiligen Bonifacius reichte vom Comcrsce bis zur Niederelbe, vom Don- nersbcrg bis zu der Stelle, wo die Unstrut in die Saale mündet." Wer» — fährt er fort — „der eine solche Würde einnimmt, wird sie nicht behaupten wollen! Behauptet konnte sie aber nur dann werden, wenn das iuiporiui», das Reich germanischer Nation, aufrecht blieb. Die Mainzer Erzbischöfe waren daher in Allem, waS löblich und recht, geborne Zwillingsbrüder der Kaiser und Vater unseres Volks. Und wie eifrig haben sie in älternZeiten ihre Aufgabe erfüllt! Auf die Grundlage der kirchlichen Einrichtungen hin, welche der h. Bonifacius schuf, ist durch den Bcrduner Vertrag der deutsche Neichskörpcr gebaut worden. Als zu Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts ein Haufe mächtiger Uebelthäter das Reich zerreißen, die deutsche Nation wie eine herrenlose Heerde theilen wollte, zog sie Hatt» zur wohlverdienten Rechenschaft. Abermals zwei bis drei Menschenaltee später hat Willigis, der Unvergeßliche, dreimal den wankenden Staat gerettet." 220 hatte hier im Norden außer Hilbesheim noch zwei andere Suffragankirchen, nämlich Gerden und Halberstadt. Beider Alter ging über ein Jahrhundert hinter die Gründung der sächsisch-slavischen Bisthümer: Magdeburg, Mersebnrg u. s. w. zurück; sie waren unter den acht, deren Errichtung sich an die zur Zeit Carls des Großen und Ludwig des Frommen bewerkstelligte Einführung des Christenthums unter den Sachsen anschloß. Auch die spätern Schicksale derselben verliefen insofern auf die nämliche Weise, als beide, obwohl in ihrem Bestände bereits während des sechzehnten Jahrhunderts erschüttert, kurz vor Mitte des sieben- zehnten noch einmal sehr günstige Aussichten auf Wiedergewinnung des an den Protestantismus verlorenen Terrains erhielten; Werden, als der kräftige Füst- bischof von Osnabrück, Franz Wilhelm von Wartemberg, im Auftrage des päpstlichen Stuhles die Verwaltung des Bisthums übernahm und in der Cathedrale zu Werden am 8. Mai 1630 eine Synode feierte; — Halberstadt, als um die nämliche Zeit ein österreichischer Erzherzog an die Stelle der seitherigen lutherisch gesinnten Administratoren eintrat. Indeß das Wasfenglück Gustav Adolfs und seiner Bundesgennossen, und die Bestimmungen des im Jahre 16-18 geschlossenen westfälischen Friedens vereitelten die Hoffnungen, welche hinsichtlich der Restauration der in diesen Gegenden gelegenen katholischen Bischofssitze angeregt waren. Um den gewaltigen Abstand zwischen Vormals und Jetzt einigermaßen uns zu vergegenwärtigen, dürfen wir endlich nicht vergessen, wie viele sonstige kirchliche Stiftungen: Klöster, Canonicat-Stifter u. dgl. neben den angeführten nunmehr eingegangenen Bisthümern in jenen Landstrichen früher vorhanden waren. Außer den Bischöfen, die durchweg Reichsfürsten waren, treffen wir in der Zahl dieser unmittelbar unter dem Kaiser stehenden kirchlichen Würdenträger den Abt von Saalfeld (oberhalb Rudolstadt) und die Äbtissinnen von Quedlinburg, Gan- dershcim und Gernrode. Zu diesen reichsunmittelbaren Stiftern kommen nicht wenige andere, deren Vorsteher zwar nicht den Fürstenrang genossen, von denen aber manche dennoch immerhin höchst bedeutend und angesehen waren. Dahin gehören die Abteien Helmstädt, St. Michael zu Lüneburg, Bergen bei Magdeburg, Pegau, Altzell, Gesek, Pforta, Lauterbach u. s. w. — der langen Reihe von Mendicanten-Klöstern gar nicht einmal zu gedenken. Diese alte Herrlichkeit, dieser Reichthum an kirchlichen Anstalten ist dort nunmehr entschwunden; möchten aber bald wieder, wenn auch nicht die Kuppeln neuer Stifter und Dome, doch wenigstens die Kreuze bescheidener Capcllen an zahlreichen Stellen daselbst sich in die Lüfte erheben — zur Ehre Gottes und seiner heiligen Kirche und zum Troste unserer verlassenen und vereinsamten Glaubensgenossen. Der Stein. kl. Alle Dinge der Natur — sagte einst die Mutter zu Clären — sind unserer Betrachtung werth: nicht nur, weil sie Gott in's Dasein gerufen nnd an ihre und keine andere Stelle gesetzt hat, sondern weil sie gleichsam den Schlüssel zu vielen goldenen Regeln unseres sittlichen Verhaltens und Nicht- verhaltens bilden können. Auch der Stein? Vorzüglich der Stein, wenn wir ihn nach seinen verschiedenen Merkmalen und Arten betrachten. — Der Stein wird einmal ausgehöhlt durch das oftmalige Auffallen von Wassertropfen. Sollen wir ihn hierin nachahmen? Nein, liebe Mutter! wenn ich auch leider bekennen muß, daß Deine Ermahnungen nicht selten auf einen Stein fallen und also oft wiederkehren müssen, bis sie eindringen. 221 Also hinsichtlich des Guten sollen wir uns gleich erweichen lassen. Wie ist es nun mit dem Bösen zu halten? Da sollen wir unerweichlich sein. Gleichen wir im Betreff des Guten dem Steine, so beschämt er uns im Bösen. Er wird nur hohl durch oftmaliges Auffallen von Wassertropfen. Unser Herz öffnet nicht selten auf leisestes Anpochen der Verführung das innerste Heiligthum. — Gehen wir zu etwas Anderem über! Wodurch unterscheidet sich der werthvolle Stein vom gewöhnlichen? Den gewöhnlichen finden wir auf der Straße ohne Mühe, den kostbaren nur mit großen Anstrengungen aus tiefem Bergesschachte. So auch begegnen uns der gewöhnlichen Menschen viele auf dem Lebenswege, die seltenen hingegen finden wir nur mit klug prüfendem Blicke. Was verbürgt diesem Blicke seine Sicherheit? Wiederum das Hinschauen auf den Stein. Die gewöhnliche Gattung dieses Minerals trägt ihre Eigenschaften auf der Oberfläche; der gewöhnliche Mensch Herz und Charakter im Aeußern, manchmal gar nur auf der Zunge. Und der edle Mensch? Dieser findet sein Ebenbild am edelsten der Steine: dem Diamanten, dessen Farben erst durch mühsames Schleifen im blitzenden Lichte erstrahlen. Auch er entkleidet die ihm innewohnenden Tugenden der unscheinbaren Hülle der Alltäglichkeit, wenn wir diese Hülle durch vertrauten Umgang behutsam abgestreift haben. Weßhalb indeß strahlt der Diamant in herrlichern Farben, als ein anderer Edelstein, wenn man ihn geschliffen? Weil er ein einfacher und gediegener Stoff, die andern Edelsteine meistens zusammengesetzte Körper, stets aber geringeren Stoffes sind. Wende dieß aus den Menschen an! Derjenige, dessen Wille mehre und niedrige Ziele verfolgt, welche oft nicht vereinbar sind, wie die Einen Stein bildenden Stoffmassen, sondern sich geradezu ausschließen, wird wegen seiner unvereinbaren, oder sich unter- und beiordnenden Wünsche nie etwas Großes erreichen. Wer aber seinen ganzen Willen, seine ganze Kraft nur auf Ein erhabenes Ziel richtet, der ist groß in der Weise seines Strebens, selbst wenn dies Streben bescheiden oder unerreichbar wäre. Doch der Diamant strahlt in mehreren Farben. Dies spricht gegen die Einheit. Wie der Diamant ein einmastiger und reiner Körper ist, so muß auch der Wille des Menschen von einheitlichem und edlem Streben beseelt sein. Bildet nun die Stoffeinheit und Reinheit des Diamanten die Ursache seines vielfachen Farbenspieles, so wird die Einheit des guten Willens in mehreren trefflichen Eigenschaften sich ausprägen, welche dem Schwachsinnigen und Bösen abgehen. Wo Willenseinheit, da herrscht Ueberzeugungstreue, da Festigkeit; wo Festigkeit, da ein geregeltes Handeln. Siehe Clara! diese Versinnbildungen liegen in den natürlichen Eigenschaften des Steines und seiner Abarten. Hältst Du ihn noch immer für einen bedeutungslosen Beitrag zur Verfinnbildung des ganzen Menschen, wie sie erstrahlt aus der ganzen Schöpfung? Nein, meine Mutter! Nun tritt die Symbolik der Kunst hinzu, mannichfaltig, wie jene der Natur. — Betrachte den einzelnen Stein! Was ist er selbst in der Gestalt eines ungeheuren Felsens? Ein Stäubchen gegen das All der Schöpfung. Aber zusammengehäuft und ausgethürmt in unübersehbaren Felsmassen zum Gebirge? Da erscheint er gleichsam als irdische Wohnung des unendlichen Weltgeistes. Was ist nun die Kunst? 222 Das menschliche Nachbild des göttlichen Vorbildes in der Weltschöpfung. Wie konnte die Kunst diesen großen Gedanken einer irdischen Wohnung des unendlichen Geistes im Kleinen nachahmen? Dadurch, daß sie Häuser schuf zum endlichen Aufenthalte für den endlichen Menschen. Nachdem Gott den Stoff im Steine gegeben, gab er auch einen Fingerzeig zu seiner Benützung in demselben Minerale. Woran erkennen wir diesen Fingerzeig? Das Gcbirg: ward es gebildet aus Einem Felsen? Und das Haus, wird es erbaut aus Einem Steine? Nein. Der Mensch jedoch baut nach bestimmtem Risse; planlos schichten sich die Felsmasscu zum Gebirge empor. Mit Nichten. Gleich dem menschlichen hatte und hat auch der göttliche Baumeister seinen Plan, welcher jedem Ständchen seine Stelle anwies und noch anweist; allein dieser Plan ist uns unsichtbar, wie sein erhabener Begründer und Verwirkliche!. — Welches ist ferner der Hauptzwek und Urzweck des Hauses? Es bildet die feste Niederlage der Familie. Die Familie aber im Großen bezüglich ihrer religiösen und weltlichen Vereinigung, wie heißt man sie? Staat und Kirche. Die festen Grundlagen nun: d. h. die ewigen, oder nur nach bestimmten Regeln wandelbaren Gesetze des kirchlichen, staatlichen Rechts und Völkerrechtes in ihrer gewissenhaftesten Befolgung versinnbilden sich im Begriffe des Hauses, wie die auf diesen Grundlagen ruhenden Gemeinschaften im Begriffe der Familie. Diese Versiunbildung ist die Symbolik der Baukunst. Mutter! Noch beschäftigt sich eine zweite Kunst mit dem Steine: minder erhaben, doch unmuthiger, als die Baukunst. Du meinst die edle Bildhauerkunst. Welches ist ihr schönstes Ziel? Menschen und menschliche Thaten zu verherrlichen im herrlichsten Werke. Du nanntest sie unmuthiger. Auch ihre geistige Beziehung und Anwendbarkeit in dieser Richtung auf uns ist lieblicher, trostreicher und gleich erhaben, wie jene der Baukunst. Ihre sinnigsten Leistungen sind also Grabsteine. — Worauf setzt man einen Grabstein? Auf's Grab eines Verblichenen. Weßhalb? Anzudeuten, wer hier den Schlaf der Ewigkeit schlafe, geliebt und unvergessen von seinen Zurückgebliebenen, welche Liebe und Gedächtniß an den Todten Lurch den Denkstein kund geben. Nun gibt es noch ein Grab, in welchem der Verstorbene nicht schlafen, sondern gleichsam fortleben soll. Dies Grab wird das Herz sein der zurückgelassenen Freunde. Und ist das Herz ein Grab, kann nicht der ganze Mensch, der dies Herz umschließt, ein Grabstein sein, welcher nicht den Namen, sondern die Persönlichkeit des Verewigten vor Augen stellt? Wie das? Dadurch, daß wir den edeln Charakter des Verblichenen in unserm Charakter vergegenwärtigen, seine treffliche Handlungsweise nicht dem geistigen Auge der Erinnerung überlassen, sondern in unsern Handlungen neu verkörpern. — Vergleicht man den erdbeworfenen Todtenhügel mit einer solchen Gruft, dann heißt es: dort schläft, hier aber lebt der Verblichene. — Und dies ist die rührendste Symbolik der Bildhauerei. , Diese Verstnnbildung, liebe Mutter! ist um so trostvoller, da sie nicht, wie 223 jene der Baukunst, einer Gesammtheit von Menschen, sondern jedem einzelnen Sterblichen zur Nacheiserung vorschwebt. Welches Labsal! mit dem Tode nicht vergessen zu sein! Dies Labsal erquickt nur den, welcher selbst seiner Vergangenen nicht vergißt. Bis jetzt kennen wir nur einen todten Stammbaum von Namensregistern in den Familien. Lebendig würde ein Stammbaum aus Tugeudregistern blühen und Früchte tragen. Aus dem Leben Pins LX.. Im Jahre 1824 begegnete Feretti in Rom einem jungen Verbrecher, Namens Gactano, in dem Augenblick, als dieser zur Richtstätte geführt wurde. Durch das sanfte, gottergebene Ansehen des Unglücklichen gerührt, begab sich der Priester eilends in den Vatican und erwirkte dessen Begnadigung zu lebenslänglichem Gefängniß. Er wurde in der Engelsburg in Haft gebracht. Zweinndzwanzig Jahre später war jener mitleidige Priester Papst Pins IX. geworden. Er hatte Gaetano nicht vergessen und wollte sich nun selbst überzeugen, ob der Begnadigte seine Güte verdiene und sich bekehrt habe; zu gleicher Zeit wollte er sehen, wie man die Gefangenen in seiner Hauptstadt behandle. Er kleidete sich deshalb als einfacher Priester und machte sich Abends ganz allein auf den Weg nach der Engelsburg. Dort angekommen, wandte er sich an den Beschließer um Zulassung. Dieser, ein brutaler Mensch, wollte ihn abweisen; als ihm aber der vermeintliche einfache Priester einen schriftlichen Befehl des Papstes vorzeigte, wonach ihm ein Besuch des Gefangenen gestattet war, ließ er ihn mürrisch zu. Pius >X. trat in die Zelle Gaetano's. Dieser kannte ihn ebenfalls nicht und fragte zitternd nach seiner Absicht. „Ich bringe Nachrichten von Ihrer Mutter!" war die Antwort. Bei diesem süßen Namen rief der Gefangene: „Meine Mutter! Sie lebt also noch? Gott sei's gedankt!" — „Sie lebt und schickt mich zu Ihnen, um Ihnen die Hoffnung einer besseren Zukunft zu bringen." Der Gefangene wirst sich überglücklich in die Arme des Priesters, der ihn liebevoll an sein Herz drückt. „Gott erbarmt sich also meiner, indem er mir einen Engel des Trostes schickt?" Nachdem die ersten Augenblicke dieser rührenden Scene vorüber waren, erzählte ihm der unglückliche junge Mann die Geschichte seiner zweiundzwanzig Leidensjahre. „Sie hätten an den Papst schreiben, sagt ihm der Geistliche, und seine Gnade anrufen sollen. Ein Verbrechen, im siebenzehnten Jahre begangen, war hinlänglich gesühnt." — „Ich schrieb, aber meine Briefe blieben ohne Antwort." — „Schreiben Sie nochmals!" — „Mein Brief würde aufgefangen, bevor er zu Gregor XVI. käme." — „Gregor XVI. lebt nicht mehr; schreiben Sie an Pius IX." — „Wer wird ihm den Brief übergeben?" — „Ich; schreiben Sie, hier ist Papier und Bleistift." Der Gefangene schrieb einen Brief ohne Bitterkeit und voll edler Gefühle. „So, noch vor Abend soll der Papst den Brief haben. Leben Sie wohl, mein Freund, vertrauen Sie auf Gott, bitten Sie Ihn für Pius IX. und hoffen Sie." Darauf kehrte er zu dem Beschließer, der voll Zorn und Ungeduld aus seinem Zimmer umherging, zurück. „Zum Teufel! Herr Abbate, Sie haben sich schwer vergangen, schrie dieser ihn an; Sie sollten nur eine Stunde hier bleiben und jetzt sind schon zwei Minuten darüber; machen Sie, daß Sie fortkommen !" — „Ihr vergeht euch durch das Fluchen; wenn das der Papst wüßte!" — „Nun, wenn er's auch wüßte! Der Papst kümmert sich so wenig um mich, als ich mich um ihn." — „Ihr kennt denn Papst nicht, sonst wüßtet Ihr, daß er von Keinem verächtlich denkt. Wie heißt Ihr?" — „Das geht Euch nichts an; scheert Euch zum Kukuk!" — Der Papst begab sich sogleich zum Gouverneur der Engelsburg. Dieser war nicht minder übel gelaunt. „Noch ein Lästiger! rief 224 er; rasch, Herr Abbate, was wollen Sie, ich bin beschäftigt!" — „Ich fordere die Freiheit für ihren Gefangenen Gaetano." — „Sie scherzen; nur der Papst taun begnadigen." — „Ich komme auch im Namen des Papstes, mich an Sie zu wenden." — „Der Beweis?" — „Hier!" — Pins IX. nahm eine Feder und schrieb: „Ich befehle dem Gouverneur der Engelsburg, Gaetano sogleich in Freiheit zu setzen und seinen Beschließer fortzujagen. Unterzeichnet: Pius, Papst." Der Gouverneur stürzte dem Papst zu Füßen und flehte um Gnade wegen seines barschen Benehmens. Der grobe Beschließer erhielt nach Verlauf von zwei Monaten einen kleinen Posten, nachdem er versprochen, nicht mehr zu fluchen und nicht mehr brutal zu sein. Er hielt Wort. Die letzten Stunden eines gläubigen Bekenners Christi. Balthasar Alvarez, geboren zu Cervera in Spanien, ließ sich in die Gesellschaft Jesu aufnehmen. Er war einer der gelehrtesten Männer seines Zeitalters, Beichtvater der h. Theresia von Jesu, und begleitete in dem Orden die ansehnlichsten Aemter. Der General der Jesuiten ernannte ihn zum Provinzial in Toledo und schrieb dabei der Provinz: „Ich gebe das Beste, was ich habe, indem ich euch den Pater Balthasar schicke!" — Er reiste dahin, wie er zu sagen pflegte, „mit Jesus dem Gekreuzigten im Herzen", und mit seinen drei Gefährten „Armuth, Verachtung und Leiden." — Auf der Reise wurde er von der Sonnenhitze, von seinen anstrengenden Arbeiten und anderen Beschwerden so abgemattet, daß sein schwacher Körper unterlag. Der Arzt wollte ihm die Gefahr verbergen; aber Balthasar sprach zu ihm: „Fürchten Sie sich nicht, mein Herr, mir gerade herauszusagen, daß ich sterben muß! Ich achte dieses Leben nicht, und betrübe mich nicht über dessen Verlust! Wenn es einmal sein muß, warum denn jetzt nicht?" — Nach einer siebentägigen Krankheit endigte er sanft und selig seine Pilgerschaft, im stillen Genuß der Nähe Gottes. Die Folgen des Irrwahns. Eine französische Zeitung sagt: Einem sehr beklagenswerthen Volksurtheil, das wir nur allzu oft zu bekämpfen hatten, ist in Montpellier ein neues Opfer gefallen. Kürzlich wurde in dem St. Lazeruskirchhofe nicht weit von der Capelle ein neugeborenes Kind ausgesetzt. Der Leichenwärter fand es noch lebendig gegen 10 Uhr; aber statt alsogleich für dasselbe Sorge zu tragen, wie es dessen Lage erforderte, ließ er es, einem unseligen Vorurtheile folgend, einer kalten Temperatur ausgesetzt, und kaum in ein wenig Leinwand eingehüllt, liegen, und benachrichtigte den Polizeicommissär Capin von der Sache. Dieser Beamte begab sich sogleich an Ort und Stelle und ließ das Kind in die Stube der Wächter bringen, wo es alle nöthige Pflege erhielt. Aber es war zu spät, das arme kleine Geschöpf starb einige Augenblicke, nachdem es getauft worden war. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht genug daran erinnern, daß es in allen Selbstmordfällen oder beim Versuche dazu die Pflicht der anwesenden Personen ist, dem in Gefahr befindlichen Individuum Leizuspringen; das Zweite ist, die Agenten der Obrigkeit von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen. Anders handeln heißt gegen die Gesetze der Menschlichkeit handeln, gegen die christliche Liebe verstoßen, und eine schwere moralische Verantwortlichkeit auf sich laden. Redaction nuo Verlag: Div M. H'uttlcr. —> Druck von I. M. Klein lc.