AlijMgkl Zmiltli stlatt. Hr SS 15. Juli 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Zlugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Inzwischen rückten wir immer südlicher voran. Am 20. Mai hieß es, wir wären bereits mit Rio auf demselben Breitengrade. Es war so, aber leider lag das Ziel unserer Reise noch fünf Längegrade fern. Wir griffen nach dem Fernrohr, um mit bewaffnetem Auge Land zu entdecken, das sich dem bloßen Blicke entzog. Mancher entdeckte Land, aber leider nur in seiner Einbildung. Die Schiffsbeamten antworteten auf alle einschlägigen Fragen sehr mysteriös mit zweideutigen Restrictionen. Am Freitag Morgen trieb die Entdeckungslust Viele noch bei Nacht und Nebel auf's Verdeck. Und wirklich, noch hatte die Sonne den Horizont nicht erreicht, als man eben in nicht weiter Ferne hohe Bergketten erblickte, die allerdings noch in einen dichten Nebel gehüllt waren. Die Erklärung des Capitäns, der uns darin nur Wolken erkennen lassen wollte, konnte Niemanden mehr täuschen. Zudem änderte sich die Farbe des Wassers; sie ward erst blaßgrün, bald aber dunkelgrün. Schwärme von Vögeln kamen uns entgegen, die Bergspitzen traten immer deutlicher hervor, augenscheinliche Beweise, daß wir der Küste nahe seien. Wir fuhren bereits in der Bai von Rio; das Cap Frio, das dieselbe nach Norden begränzt, lag schon hinter uns, das Cap Negro zog sich in seinen Auszackungen zu unserer Rechten hin. Nun bot sich der Anblick ^ der Küste deutlich dem freien Auge dar: gewaltige Granitfelsen, die in sestge- schlossenen Reihen, aber in vielfachen Windungen häufige halbkreisförmige Einschnitte bilden, sich aber senkrecht in's Meer herablassen, und so die anprallenden Wogen zurückwerfen. — Allein gerade jetzt trat Windstille ein. Vergebens winkte uns der Leuchtthurm von Rio, und erkannten wir schon die Einfahrt in den Hafen. Eben so wenig vermochte der schöne wolkenlose Himmel, der in Brasilien sonst immer den Fremden bezaubert, unsere Sehnsucht zu befriedigen. Denn zwei Tage noch auf dem Schiffe zu balanciren im Angesichte des Hafens, ist gerade nicht sehr reizend. Doch was half das Murren? Am Vorabende von Pfingsten, den 22. Mai sollten wir aus der Arche steigen. Schon morgens neun Uhr wurde um ein Dampfschiff telegraphirt, das uns in den Hafen bringen sollte. Allein bis Nachmittag vier Uhr mußten wir warten. Dann erst rauchte der „Protector" heran und brachte uns nach anderthalb Stunden in den Hafen. Ungefähr in einer halbstündigen Entfernung vom User ließ er uns zurück. Der Anker wird ausgeworfen, die brasilianischen Zoll- und Sanitäts-Commissionen rudern aus Barken unter Zelten heran und besteigen mit bedeutsamer Miene die „Petropolis." Wir werden als zulassungsfähig erklärt; ein Boot, das so eben die kaiserlichen Commissäre an Bord gebracht, nimmt uns auf, und binnen 25 Minuten stehen wir wieder auf festem Lande am Hafen gegenüber dem kaiserlichen Palaste. — Somit haben wir einen Weg von 75 Breite- und 50 Längegraden in 35 Tagen zurückgelegt. Der Herr war mit uns und auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau wendete er alles Unheil von uns ab. Ihm allein sei dafür Ehre, Opfer und Anbetung; unserer gebenedeiten Beschützerin aber Lob und Preis immerdar! II Den Eindruck, den die glückliche Ankunft in der neuen Welt auf mich machte, vermag ich Ihnen kaum zu schildern. Wenn der Anblick der riesenhaften Bergketten, die an der Küste beginnend wellenförmig in's Innere des Landes fortlaufen, großartig ist, so darf man die üppige Vegetation auf den hohen Granitgebirgen prachtvoll nennen. Sie tragen bis zu den äußersten Spitzen auf ihren schrägen Flächen die schönsten der Bäume, die Palmen, an deren Kronen herrliche Blumen prangen, mit anderen tropischen Gewächsen jeglicher Art, die ohne alle Cultur gedeihen. In den Thälern aber erst entfaltet sich ein paradiesischer Schmuck. Eine ganz neue Flora findet man hier; nur in größeren botanischen Gärten Deutschlands erinnere ich mich, einige dieser Pflanzen gesehen zu haben. Aber was sind diese abgelebten Treibhaus-Produkte gegen ihre Stammgenossen, die hier ganz frei vegitiren und wuchern? Daher die ausgebildete Größe selber bei Blumen, daher die Frische, Lebendigkeit und Mannichfaltigkeit der Farben, an denen sich anfangs das Auge nicht genug ergötzen kann. Dieses reiche und frische Colorit findet sich auch in den Häusern, an den Kleidern und Gemälden sehr geschmackvoll gemischt wieder. Die verschiedenartigen süßen Früchte sind für den Europäer zwar sehr anlockend, aber mäßig zu genießen, will er nicht bald ein Opfer des gelben Fiebers werden. — O wenn sich doch nicht auf dies herrliche Bild der Natur aus dem sittlichen Gebiete des Volkes dunkle Schatten lagerten! Doch ehe ich Sie dort hinüberführe, möchte ich Ihre Sinne noch ein wenig an das Irdische fesseln, indem ich in schwachen Umrissen die Stadt selbst zeichne. Eine der größten Merkwürdigkeiten der jetzigen Hauptstadt Brasiliens ist wohl ihr schöner, großartiger Hafen, zu dem man von der hohen See durch die Bai von Rio Janeiro gelangt. Es gibt nur eine einzige Einfahrt in denselben. Während nämlich längs der Küste die hohen Granitfelsen sich senkrecht in das Meer hinablassen und nur kleinere halbkreisförmige Ausschnitte bilden, so erstreckt sich einer dieser Ausschnitte unabsehbar in das Land hinein, und der Fremde, welcher der Küste entlang fährt, möchte glauben, ein mächtiger Strom münde hier in's Meer. Diese scheinbare Mündung des Stromes ist in Wirklichkeit die Einströmung des Meeres in die weite Bergschlucht und bildet den Eingang zum Hafen. Sie ist etwa eine halbe Stunde breit. An beiden Enden erheben sich zwei hohe Felsen, die Ausläufer der hier durchbrochenen Gebirgskette. Der eine dieser Felsen steigt kegelförmig hervor und heißt deßhalb „Zuckerhut;" der andere fällt mehr terrassenförmig schräg in die Bucht, an dessen Abhängen ein großes wohlbesetztes Fort erbaut ist, das die Brasilianer mit der Festigkeit des Malakoff vergleichen möchten. Diesem gegenüber unter dem „Zuckerhut" liegt ein kleineres weiter der Stadt zu ein drittes Fort, um so jeder feindlichen Flotte den Eingang zu verwehren. Diese Einströmung des Meeres erstreckt sich der Länge nach sehr weit in's Land, etwas weniger der Breite nach, jedoch so, daß zu beiden Seiten in die Thäler noch viele Nebenströmc auslaufen, die so tief sind, baß die größten Kriegs- und Kauffarthei-Schiffe an's Ufer fahren können. Die eigentliche Stadt breitet sich halbinselförmig längs des Hauptstromes (Rio) und des einzigen südwestlich auslaufenden Nebenstromes aus, fast in am- phitheatralischer Erhöhung mit kolossalen Gebirgen im Hintergründe, deren äußerste Spitzen der Schaulustige wie auf Stufen ersteigen kann, falls ihn nicht der glühende Sonnenstrahl zurückhält. Ursprünglich wurde die Stadt entlang dem Ufer des Rio und des südwestlichen Nebenstromes gegründet, nämlich im rechten Winkel beider Ströme. Jnerhalb dieses Raumes liegen die Hauptgebäude der Stadt: 227 das kaiserliche Schloß, die allmiciogg (Zollhaus), die «snta ca-m 6a misoncorclia (Spital), die Benedictinerabtei, ein Theil des alten Jesuitencollegiums, der pgssoio pulilioo, die Mariaschule, Kaufhallen. Doch bei zunehmender Vergrößerung rückte man bald über die ebene Fläche hinaus und siedelte sich auf den terrassen- artigen Anhöhen im Halbkreis an. Auch unsere Kater erweiterten ihre erste Niederlassung, und stiegen mit ihrem Bau bergan. Von der Fronte des Kollegiums aus, die zunächst auf den unten liegenden Garten schaut, hat man eine wundervolle Aussicht auf die Stadt und den Hafen. Der Neubau der Kirche wurde wegen Aufhebung der Gesellschaft Jesu nicht vollendet; bisweilen wird darin noch die heil. Messe gelesen. Einen Theil des geräumigen Kollegiums bewohnen jetzt die Patres Lazaristen, den andern nimmt dies oder jenes Bureau der Verwaltung ein, in die übrige Wohnung theilen sich Soldaten, Gefangene und zahllose Neger. Den Haupteingang ziert noch der Namenszug des Erlösers. Ich wandere alle Tage um diese theure Stätte und seufze zu ihrem ersten Gründer, dem ehrwürdigen l'. Anchieta empor, den die Brasilianer jetzt noch als ihren Apostel verehren. Viele und zwar gebildete Brasilianer erzählen noch mit freudiger Wehmuth von ihren Vätern, wie sie die alten Patres nennen. — Unter dem Garten des Kollegiums liegt das weitberühmte Spital: 8anta easa 6a miski-i- eui6ia; das Leproscnhaus, uuser ehemaliges Noviziat, liegt in St. Christoph außer der Stadt. Rio-Janeiro selbst ist zwanglos angelegt, mit nicht gar breiten, aber sehr langen Straßen, mit großen freien Plätzen und Promenaden in der Nähe des Hafens. Die Häuser sind meist Nur zwei Stock hoch, stehen tief im Boden und bieten nicht selten den Anblick eines alten Stadtviertels in Nieder- dentschland; die älteren Kaufläden sind finster und schwärzlich, und erinnern, zumal wenn gerade das Auge auf viele Negergesichter fällt, an die in gewissen Gegenden altherkömmliche Rauchbühne. Das kaiserliche Schloß ist nichts weniger als palastartig nach europäischen Begriffen, manches Gymnasium oder Rathhaus in Deutschland könnte sich mit ihm messen. Allein je unansehnlicher hier manchmal die Häuser von Außen, desto bequemer sind sie im Innern. Fast jedes Zimmer gleicht dem Salon einer Sommer-Villa, geschmückt mit prächtigen Tapeten und seltenen Blumen; schön sind die Gänge und Altanen, auf denen Wasserbecken zur Kühlung angebracht sind. Ueberhaupt ist die ganze Anlage und Bauart der Häuser für die heiße Zone berechnet, um gegen die Gluth der Sonne ein Asyl zu gewähren. Die Stadt selbst, ihre Theile, Straßen und öffentliche Gebäude sind nach Heiligen benannt, was allerdings nicht befremdet, da ja dies auch in vielen anderen Städten geschieht; aber mehr als auffallend ist es zu hören, wie die verschiedenen Theater, auf denen noch mehr Unsitte, wie in Europa herrscht, 8. ?o6rv 6a ^icanelara, 8. "lore-ai, 8. OrIci8, 8. Antonio heißen. Freilich unsere jetzigen europäischen Industriellen benennen nicht mehr so die hier gebauten Schiffe, angelegten Straßen und Eisenbahnen. — Einige Theile sind schmutzig und für den Fußgänger sehr unbequem. Steinklötze, die etwas mit Erde beworfen sind, sollen das Pflaster bilden, indeß sie tiefe Löcher offen lassen, die bei Nacht lebensgefährlich werden können. Man wirft Abfälle jeder Art aus die Straße, und namentlich leisten die Neger hierin Ausgezeichnetes, trotzdem daß die civilisirten Europäer mit Aufgebot der Wissenschaft dagegen raisonniren und schreiben. — Die Ausdehnung der Stadt ist, ich möchte fast sagen, unermeßlich. An Raum fehlt es nicht. Wem die Ebene nicht gefällt, dem stehen die.Götzen zur Verfügung. Wohin man nur geht, überall findet man guten Boden, überall Schönheiten der Natur. Daher ringsum die vielen Landhäuser (qui»li>8) mit herrlicheu Gärten, Palmenhainen und Blumenwäldern, wo reiche Eigenthümer aus verschiedenen Erdtheilen, besonders Kaufleute, wohnen. — Die ganze Stadt ist mit Gas beleuchtet, und wegen ihrer Lage ist diese Erscheinung fast feenhaft. Wenn man in der Abenddämmerung vom Hasen in die Stadt blickt, schimmern Millionen Lichter in allen Farben entgegen. Ueberhaupt kostet es hier wenig Mühe, die Pracht und den Glanz der großen europäischen Städte in weit höherem Grade zu reproduciren, worauf denn auch Engländer, Frauzosen und Deutsche kräftig hinarbeiten. (Fortsetzung folgt.) Die heilige Messe. * Es ist wahr, daß wir nach dem Gebote der Kirche nur alle Sonn- und Feiertage der heiligen Messe mit Andacht beiwohnen sollen, allein, mein Christ, frage Dein Herz: Was thut der göttliche Menschenfreund in der heiligen Messe für Dich? Er erneuert unblutiger Weise sein blutiges Kreuzopfer. — Und Du? Erneuerst nicht Du Christi Leiden und Sterben, aber blutiger Weise und nicht im göttlichen Sinne? Deine Hartherzigkeit gegen die Armen, Deine Unredlichkeit im Handel und Wandelberauben Jesum seiner Kleider, Deine Unkcuschheit geisselt ihn, Dein Hochmuth hüllt ihn in einen rothen Mantel, Deine Glaubenslosigkeit setzt ihm die Dornenkrone aufs Haupt und verspottet ihn als einen König der Juden, Dein unwürdiger Empfang des heiligen Altarsacramentes reicht dem am Kreuze dürstenden Heilande Essig zum Tränke. Siehe, o Mensch! täglich, vielleicht stündlich erneuerst Du das Leiden Jesu auf so blutige, Gott beleidigende Weise. Warum willst Du dies heilige Leiden nicht auch unblutiger Weise und nach göttlichem Wohlgefallen täglich durch Anhörung einer heiligen Messe mit erneuern? Zeugt Deine Lauheit, die dich streng festhalten lehrt am kirchlichen Gebote, von Liebe und Danbarkeit zu Deinem Schöpfer? Und sollst Du nicht Gott lieben aus ganzem Gemüthe, aus vollstem Herzen und aus tiefster Seele? Welche Verdienste wirkt eine Messe, welcher Du mit Andacht beigewohnt hast, für Dein eigenes Seelenheil? — Diese Verdienste sind dreifacher Art. Die heilige Messe ist 1) nicht nur ein Opfer, sondern auch ein Vorbild des Opfers. — Christus opfert sich für uns seinem himmlischen Vater auf, und hierin beruht das Opfer. — Er zeigt uns ferner, wie auch wir uns unserm himmlischen Vater aufopfern sollen, nämlich mit gänzlicher Hingebung in den göttlichen Willen, und hierin leuchtet er uns als Vorbild vor. Diese ungeteilteste Hingebung ist freilich bei Christus und den Menschen entgegengesetzter Art. Christus verleugnet gewisser Massen seine göttliche Natur, indem Er, der Reine, Schuldlose, die Schuld der Unreinen auf sich nimmt. Wir aber müssen unsre menschliche Natur möglichst verleugnen, indem wir abstreifen unsre Leidenschaften, bösen Neigungen und Begierden. — Die heilige Messe ist: 2) eine gvttesdrenstliche Feier und zwar die erhabenste, verdienstvollste. Wenn nun Gott schon durch die inbrünstige Verrichtung einer minder erhabenen Andacht zur Erfüllung jener Bitten bewogen wird, deren Gewährung unser Bestes bezielt, wird diese Erfüllung dann nicht in doppeltem und dreifachem Maße bewirkt werden durch die andächtige Anhörung einer heiligen Messe? — Das dritte Verdienst des heiligen Meßopfers endlich besteht im Nachlasse der geringen läßlichen Sünden. — Glaubst Du nun, o Mensch! wahrhaft Dich selbst zu lieben, wenn Du von diesem Quell der Gnaden und Verdienste nur die Sonntage und Feiertage schöpfest, während er täglich für Dich fließt? Du darfst und sollst Dich aber selbst lieben. Denn es steht geschrieben: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst. Wenn nun die Liebe zu Gott, welche das erste Gebot vorschreibt, keine sinnliche, aus irdischen Neigungen beruhende sein darf, sondern rein geistig sein muß, so wird auch die Liebe zu uns selbst eine rein geistige, über irdische Neigungen erhabene sein müssen, indem ja sonst die Liebe in einer sich widersprechenden Auffassung: einmal als übersinnliche und dann wieder als sinnliche 229 Gott wohlgefällig sein müßte; und diese rein geistige Liebe nun findet ihre erquickendste Nahrung im heil. Meßopfer. Welche Verdienste kannst Du durch andächtige Beiwohnung einer heiligen Messe Deinem Nächsten zuwenden? — Das heil. Meßopfer enthält ein älomcnto für die Lebendigen, und auch eines für die Todten. Allein nicht nur diese beiden Denkgebete, sondern jeden einzelnen Theil des heiligen Meßopfers, ja die ganze Messe können wir dem geistigen, wie leiblichen Heile eines Mitbruders zuwenden. Wie tröstend ist der Gedanke, geliebten Seelen im Reinigungsorte, welche nichts mehr für sich thun können, Jesu Verdienste, vielleicht auch ein kleines Verdienst unser selbst zuwenden zu dürfen? Wie beruhigend ist es für das menschliche Herz, einem Mitbruder in einer frommen Meinung bei der heiligen Messe geistiger Weise begegnen zu können, während wir vielleicht körperlicherseits weit von einander getrennt leben müssen? — Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst, also auch mit geistiger, übersinnlicher Liebe! Liebst Du nun ihn in Wahrheit, wenn Du aus den höchsten Liebesquelle nur alle Sonn- und Festtage, nicht täglich für ihn schöpfen willst? Das elfenbeinerne Crucifix von Genua.*) Dieses berühmte Crucifix, das so große Aufmerksamkeit auf sich zog, als es über derLeiche des Hochwürdigsten Bischofs Neumann stand, während dieselbe in der Kathedral-Capelle auf dem Paradebette lag, verdient mehr als eine vorübergehende Beachtung. Der verstorbene Prälat schätzte diese Reliquie mehr als alle andern irdischen Besitzungen, und kaufte sie um eine große Summe, um sie in der neuen Kathedrale aufzustellen. Wir fügen unten die Geschichte des Crucifixes selbst, sowie auch eine kurze Skizze des gottbegeisterten Künstlers bei, von welchem dieses merkwürdige, wenn nicht wunderbare Werk vollendet wurde. Um das zu thun, sagt der (latlloliv Ileralli null Vüilor vom 7. Februar 1857, müssen wir unsere Leser bitten, uns im Geiste nach einem der lieblichsten Thäler zu begleiten, welche unter dem blauen italienischen Himmel liegen. Beinahe ganz umringt von Bergen, scheint das Thal von Brcmbana, in einer Entfernung von 50 Meilen von Mailand, gänzlich von einer Welt der Sorge und des Ehrgeizes, des Streites und menschlichen Stolzes ausgeschlossen zu sein. Der reiche Boden des Thales hatte Jahrhunderte lang alle Lebensbedürfnisse der einfachen Einwohner erzeugt, deren irdische Bedürfnisse gering, deren Freudentage die Feste der Kirche, und deren ahnungsvolle, sehnsüchtige Erwartung auf das himmlische Reich gerichtet waren, wo sie nach diesem Leben zu wohnen hofften. In jenem friedlichen Thale erblickte Carlo Antonio Pesenti am 22. Februar 1801 zuerst das Licht der Welt. Die niedere, aber niedliche Wohnung amBerg- abhange, in welcher Carlo's Eltern wohnten, erfüllte sich mit Freude über diese Begebenheit, denn er war ihr erstgeborner Sohn, und als er am Taufstein den Namen des erlauchten heiligen Carl, später bei seiner Confirmation den des heiligen Antonius erhielt, freuten sich die Dorfbewohner in der Freude seiner Eltern. Er nahm unter dem Mutterauge zu an Tugend, und seine Gutmüthig- keit und Frömmigkeit machte ihn bald zum Liebling bei dem ehrwürdigen Pater, der in Wahrheit der geistliche Vater der guten Landleute im Thale war. Der Knabe zeigte ein hohes Verlangen nach Kenntnissen. Die traditionellen Geschichten der Heiligen Gottes, welche Glorie über die Kirche ergossen hatten, waren ihm bekannt von den Lippen seiner Eltern. Er wünschte mehr über dieselben von *) Aus der zu Philadelphia kürzlich erschienenen Broschüre „Leichenfeierlichkeit des Hochwurdigsten I. N. Neumann, v. v. e. 88. k. eic." dem geliebten Priester zu erfahren, und da der gute Pater ihn als eifrigen Schüler erkannte, lehrte er ihn lesen. Um sein achtzehntes Lebensjahr hatte er sein großes Ziel erreicht, er konnte in der Bibliothek des guten Priesters von der Reinheit und Demuth der Jungfrauen und Beichtiger der Kirche, von dem Heldenmnthe der Märtyrer und der Heiligkeit des Lebens lesen, welches ihre zahllosen Einsiedler und Einsiedlerinnen in allen Zeitaltern des Christenthums auszeichnete. Den jungen Carlo verlangte es, in seinen Mußestunden die glorreichen Beispiele Derer nachzuahmen, deren Leben er studirt hatte. Aus den Büchern die er las, erwarb er die Tugenden christlichen Heldenmuths, der Demuth, des Gehorsams, der Keuschheit und Ausvauer, der Barm- herzikeit und des Gebetes. Er beschloß, diesen Vollkomcnheiten nachzueifern. In seinen Mußestunden schnitzte er rauhe Bilder der Jungfrau und seiner heiligen Patrone; seine einzigen Modelle waren die Muttergottesbilder am Wege, oder die Statue des heiligen Carlo, die in der Kirche stand, sein Material ein Stück Holz, sein einziges Werkzeug ein Messer. Bei den lebhaften Erinnerungen an die ehrwürdigen Persönlichkeiten, welche Gott geehrt hatte, erhöhte sich das mit ihm aufgewachsene Gefühl der Andacht von Jahr zu Jahr. Als Carlo sich dem Mannesalter näherte, beschloß er, sich Gott allein zu weihen. Einer seiner heißesten Wünsche war, die ewige Stadt, den Weltsitz des Christenthums, zu besuchen; nicht um einer eitlen Neugier zu fröhnen, sondern um dem Grabe der Apostel seine Ehrfurcht zu zollen. Sein Vater stand noch in der Blüthe seines Lebens, ein jüngerer Bruder wuchs heran, und in seinem 22. Jahre begann er mit Einwilligung seiner Eltern seine Wallfahrt nach der heiligen Stätte. Der Bruder seiner Mutter wohnte zu Rom, und zu ihm beschloß der junge Carlo zu gehen, um Gelegenheit zur Befriedigung seines löblichen Verlangens zu finden. Es trug sich zu, daß in Folge einer Aufregung in den Kirchenstaaten Fremde keine Erlaubniß erhielten, hineinzukommen, und unser junger Wanderer wandte sich deßhalb zur Seite »ach dem Kloster St. Nieolai von Tolentino, wo ihm, nach Angabe seiner Wünsche und Enttäuschungen, der Superior zu bleiben gestattete. Das Kloster von St. Nicolaus, außerhalb der Mauern von Carbonara, steht wie eine Krone auf einem der erhabenen Berge, welche „Genua, die Prächtige" überschauen. Von dort konnte man die Kirchen und Paläste sehen, welche die Stadt verschönern. Aus der Südseite breiten sich die Gewässer des Mittelmeeres aus, in deren Wogen sich von der einen Seite die Spitzen der hohen Alpen spiegeln, und von der andern Seite die Appenninnen, vergoldet von der aufgehenden und untergehenden Sonne. Die Erhöhung, auf welcher das Kloster stand, war fast umgeben von einem Amphitheater höherer Berge. Der Effect desselben, nebst den Palästen in der Ferne, den Orangen-Plantagen mit ihren goldenen Früchten, den purpurnen Weinreben und dem sanft abfallenden Berge war eben so herrlich als erhaben. Aber für die Mönche von Tolentino hatte die Stadt der Paläste mit ihren daran stoßenden Schönheiten keine Gewalt, um sie aus ihren friedlichen Zellen zu ziehen. Die ruhige Zufriedenheit der Religion war für sie alles, was sie wünschten, und nirgends konnte man diese Empfindungen besser genießen, als innerhalb der stillen Klostermauern. (Schluß folgt.) Der König und sein Diener. * Ein König wollte bei einem seiner niedrigen Bediensteten Einkehr halten, und er sandte deßhalb köstliche Speisen und prächtige Geräthschaften voraus, damit er würdig empfangen werde. Der Diener aber verpraßte mit seinen Freunden die Speisen und Getränke und zertrümmerte die Geräthschaften. Als nun der König kam, fand er nicht nur Nichts zu seiner Bewirthung, sondern auch das Haus seines Dieners beschmutzt und in Unordnung. Der Bedienstete hatte Strafe verdient, aber sein Herr verschonte ihn für diesmal. Ja, damit der Verschwender sein Vergehen wieder gut machen könne, ließ er sich zum zweiten Male als Gast ansagen und sandte zum zweiten Male die köstlichsten Speisen und Geschirre. Allein der Treulose machte es jetzt noch ärger, als vorher. Und so ging es dem armen Könige noch viele Male. Da ward er endlich ungeduldig und ließ den treulosen Diener für die übrige Lebenszeit in einen dunklen Kerker werfen. Der König, mein Christ! ist Dein Heiland! der treulose Knecht bist Du das Gastmahl ist die heilige Kommunion, die Speisen und Geräthschasten sind die geistigen Dorzügs, welche Du von Gott empfangen, die Gnaden, die er Dir mittheilt, damit Du sie zu seinem Dienste gebrauchest. Die Freunde sind die Welt und ihre Verlockungen, in deren Dienste Du Deine Vorzüge und Talente vergeudest. Wenn nun Christus in Dein Herz einziehen will, findet er Deine Gaben und Fähigkeiten im Dienste der Welt verwendet, die Wirkungen seiner Gnade ertödtet, Dein Herz in Unordnung und mit ungczähmten Leidenschaften beschmutzt. Da theilt er Dir von Neuem seine Gnade mit, erhält und steigert Deine Fähigkeiten. Du aber verharrest im Dienste der Welt und empfängst wiederum unwürdig den Leib des Herrn. So mißbrauchst Du gar oft die Güte Deines Gottes, bis Dich der Tod abruft zu den Qualen der ewigen Finsterniß. Heimsuchung Gottes. Gentilezza, eine vornehme römische Dame, war stolz und eitel über ihre Schönheit, den Freuden der Welt und dem Putze sehr ergebeu. Sie vernachlässigte ihre Pflichten gegen ihren Mann und ihre Kinder, und überließ sich sorglos den Vergnügungen. Die hl. Franzisca hatte Mitleid mit ihrem Zustande, und suchte sie durch liebevolle Ermahnungen aus bessere Wege zu bringen. Allein die leichtfertige Dame lachte der guten Worte und spotette der Ermahnungen. Franzisca betete für sie und sprach eines Tages zu ihr: „Du verlachst meine Ermahnungen und die deines Beichtvaters; aber bald wirst du sehen, daß man nicht ungestraft der Gewalt des Herrn der Welt widerstehen kann." Bald darauf that Gentilezza, die in der Hoffnung war, einen schweren Fall auf der Stiege ihres Palastes. Ihre Diener hoben sie halbtodt auf; sie hatte sich die Nase gebrochen und die Lippen gespalten. Die Aerzte erklärten ihren Zustand hoffnungslos. In diesem furchtbaren Augenblick dachte sie nur an den Verlust ihrer Schönheit, nicht an den ihrer Seele. Da trat die heilige Franzisca an ihr Bett, um sie zu trösten, und ihr beizustehen. Mit aller Güte, aber auch mit Ernst hielt sie der Kranken ihr früheres Benehmen vor, erklärte ihr daß dieser Vorfall eine Strafe wäre, welche Gott ihr in seiner väterlicher Barmherzigkeit zugeschickt, um sie von den Wegen des Verderbens zurückzuführen, und mahnte sie zur Reue und Buße. Da ging Gentilezza in sich, erkannte die Gefahr ihrer Seele, und überzeugte sich, daß sie Gott gezüchtiget und daß sie noch größere Strafe verdient hätte. Mit Ergebung ertrug sie die Schmerzen ihrer Krankheit, und als sie wieder gesund wurde, ward sie eine der frömmsten, musterhaftesten Frauen Roms. 232 Ein MuttergotteSbildchen. Ueber einen Familienvater waren hintereinander (ob durch seine eigene Schuld oder nicht, ich weiß es nicht) so schwere Schicksale hereingebrochen, daß sein Vertrauen auf Gott und die Menschen von der Verzweiflung überwältigt wurde. Die Verzweiflung ist aber das Allerschlimmste in einem Menschenherzen; denn der Familienvater nahm einen Strick, um sich daran aufzuhängen. Beim Fortgehen wollte er seine Kinderchen, auch seine Ehefrau nicht mehr ansehen, damit er nicht etwa durch den rührenden Anblick an seinem schrecklichen Vorhaben gehindert würde. Er wählte sich einen vor der Stadt gelegenen einsamen, mit Weidenbänmen bepflanzten Platz zur Ausführung seiner verzweiflungsvollen Gedanken. Da sah er beim Hinschleichen im Pfade ein weißes viereckiges Papier liegen. Er hob es auf und drehte es um — es war ein Muttergottesbildchen, worunter die Worte standen: „O Maria, ohne Sünd' empfangen, Litt' für uns, Die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen." „Ei, das ist ja eine wunderbare Fügung", dachte der Mann und blieb stehen. „Muß ich denn gerade dieses Bildchen jetzt finden, sehen, aufheben, lesen?" Er ging weiter, indem er auf die Worte sah: Bitt für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen. Jetzt bleibt er wieder stehen, — es wird ihm plötzlich so leicht im Herzen, neue Lebenslust kehrt in seine Brust zurück, er betet: Bitt' für uns — er wendet sich um, — er betet: die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen, — er schleudert den Strick weg, — er küßt das Muttergottesbildchen und eilt in seine Familie zurück, umarmt sein Weib und seine Kinderchen, bittet sie um Verzeihung, zeigt ihnen das Bild und alle knieen hin und beten: „O Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!" Hierauf entdeckte der Mann sein sündhaftes Vorhaben auch seinem ehemaligen Beichtvater und bald war es mit Gottes Hülfe gelungen, den Familienvater vor aller weiteren Noth zu retten. Das Bildchen aber bewahrte er heilig, weil er sagte: „Durch dieses Muttergottesbildchen hat mich Gott erhalten." Die letzten Stunden gläubiger Bekenner Christi. Als der Abt Johannes dem Sterben nahe kämm, und zwar, wie Kinder gegen ihre Eltern,in solcher Stunde zu thun pflegen, umgeben von seinen Jüngern, baten ihn diese inständig, er möchte ihnen doch etwas zu ihrem Troste und zu ihrem geistigen Fortschritte sagen, und ihnen eine denkwürdige Vorschrift, gleichsam als ein Erbstück, hinterlassen, wodurch sie, wie vermittelst einer kurzen Anleitung, desto leichter zum Gipfel der Vollkommenheit gelangen könnten. — Einen tiefen Seufzer holend antwortete darauf der Abt: „Niemals that ich meinen Willen, und niemals lehrte ich Jemanden etwas, was ich nicht selbst im Werke geübt habe!" Carl lll., König von Spanien, lag auf dem Sterbebette. Bevor er die heilige Wegzehrung empfing, wurde er von dem Patriarchen von Indien befragt, ob er auch seinen Feinden verzeihe? Und der Kranke gab die wahrhaft christliche und königliche Antwort: „Also hätte ich bis auf diesen ernsten Augenblick warten sollen, um meinen Feinden zu verzeihen? Ich habe ihnen gleich damals schon verziehen, als sie mich beleidigten!" Redaction und Verlag: I)n. M. Huktlcr. — Druck von I. M. Klei nie.