AngMrgcr AmtGM. Hir. LV. 22. Juli 1860. Da- AugSburger SonntagSbltta (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Poji- Aettung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür eS durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Misskonen in Brasilien. I. (Fortsetzung.) Nun aber, wie ich Ihnen vorher andeutete, muß ich zu dem hellen Bilde auch die Schattenseite liefern. Mit Schmerzen gehe ich an diese Ausgabe, da ja gerade auf jene Partie der Schatten fällt, von wo aus sich das Licht verbreiten sollte. Nur zu wahr ist es, für die Ehre des Herrn ist in Rio-Janeiro wenig gesorgt. Vor hundert Jahren genügten wohl die Kirchen den religiösen Bedürfnissen, denn die Stadt zählte damals kaum den sechsten Theil der jetzigen Bevölkerung, die, wie man mich versichert, schon 300,000 weit übersteigt, und täglich fabelhaft zunimmt. Im Verlaufe der Zeit wurden einige alte Klosterkirchen in Kasernen oder Hallen verwandelt, andere sind ganz oder theilweise verfallen, dazu aber nur wenige Capellen gebaut, so daß die neueren Stadttheile fast alle ohne Kirche sind, oder nur ein Blockhaus zur Abhaltung des Gottesdienstes haben. Sind auch die älteren Kirchen nicht geschmacklos gebaut, und mit Statuen oder anderen, selbst kostbaren Zierrathen geschmückt, so sind sie für jetzt doch sehr vernachlässiget und bieten einen bejammernswerthen Anblick dar. Noch betrübender aber für das katholische Gemüth ist der Gottesdienst selber, bei dem man feierlichen Ernst, kirchlichen Anstand und religiöse Würde so sehr vermißt. Während ein profanes Orchester den theatralischen Gesang begleitet, werden von den Anwesenden laute Unterhaltungen angeknüpft, worauf noch manchmal possenhafte, weltliche Aufzüge folgen. Wie es da erst mit dem Empfange der heiligen Sacra- mente bestellt sei, können Sie wohl denken. — Allerdings ist das Volk noch gläubig und hält am katholischen Glaupen, dessen Gepräge ihm, ich möchte sagen, unvertilgbar aufgedrückt ist, wenn ich die gegen denselben von verschiedenen Seiten, mitunter von Oben herab in Thätigkeit gebrachten zersetzenden Elemente betrachte. Der Segen des Priesters geht dem Brasilianer über alles und hat besonders am Freitage nach seiner Meinung eine ausnehmende Kraft. Der heiligen Mutter Gottes (Ao88g 8enhora) ist er ungemein zugethan, freilich nach seiner Art, in etwas übertriebener, daher auch »»kirchlicher Richtung. Todtenmessen lind hier zahlreicher als irgendwo, selbst der Ungläubigste läßt deren zur Seelenruhe seiner verstorbenen Angehörigen abhalten und ladet im Haupt-Journale seine Freunde dazu ein. Jeder ohne Ausnahme, der Vermögen besitzt, vermacht Etwas dem Spitale zur Misericordia: hochgestellte Beamte, selbst Minister gehören zur Bruderschaft, deren Aufgabe eS ist, das Gedeihen dieser Anstalt zu fördern. Eben solche und selbst jene, die Mitglieder geheimer Gesellschaften sind, erscheinen auch bei vfsentlichen Processionen, im Gewände irgend einer Bruderschaft, der sie einverleibt sind. Die, welche noch die heilige Messe hören, thuen es knieend, mögen sie Soldaten, Beamte, sein gekleidete Damen, oder Neger und Mamelucken sein. Man kann es zwar Manchem ansehen, daß ihm das Knieen sauer wird, dennoch harrt er aus. Es gibt auch in den Kirchen weder Kniebänke noch Sitze. Beim 234 Eintritt in dieselbe besprengt sich Jeder mit Weihwasser und macht 'eine so ehrerbietige Verbeugung, wie ich sie an manchen Orten Deutschlands kaum bemerkt habe, die ganz Frommen gehen dann zu den Bildern und Statuen, die sie küssen und besteigen manchmal das Postament dieser letzteren, woran die Kinder selbst hinaufklettern. Dann hat aber auch bei sehr Vielen die Andacht ihr Ende erreicht, und ganz weltliche Zerstreuung tritt an deren Stelle. So sehen Ew. Hochwürden, daß wirklich der Glaube noch im Volke wurzelt, obwohl er, weil der ihn belebende Geist gewichen, bei Vielen in ein mechanisches, todtes, säst abergläubisches Formenwesen übergegangen ist. Zwar möchte ich hierin nicht Alles einer bloßen Äußerlichkeit oder einem Gepränge von Religiosität, die man zur Schau tragen will, zuschreiben, immerhin aber darf ich behaupten, daß es hier mit der Religion und den sittlichen Zuständen recht schlimm stehe. Die Ansicht erfahrener und urtheilssähiger Männer leitet und unterstützt meine eigenen Beobachtungen. An der nothwendigsten Wissenschaft der ewigen Heilswahrheiten und des Religionsunterrichtes gebricht es, so zu sagen, ganz. In den Schulen wird daraus keine oder nur geringe Rücksicht genommen; da überhaupt die ganze Erziehung, besonders die der studirenden Jugend, der Töchter höherer Stände, junger Zöglinge für Marine und Handel in den Händen europäischer Pädagogen und Lehrer liegt, von denen Manche durch ihren rationalen Liberalismus und Jn- differentismus eher geeignet sind Religion und Sittlichkeit zu untergraben, als dieselben einzupflanzen und zu fördern. Nicht einmal gründliche, profane Wissenschaft und echte Bildung darf man da erwarten. Freilich muß eine schöne Schminke von Aufklärung und sogennantem Fortschritt das Oberflächliche und Principienlose decken. Umsonst sucht man in den Tagesblättern einen etwas gediegenen Aufsatz, umsonst irgend welche gesunde Erzeugnisse klassischer Literatur und gründlicher Philosophie zur Nahrung des Geistes. Nur für Industrie, Materialismus und Genußsucht scheint die Presse rührig zu sein. Sehr selten sind hier gute Bücher, indeß leichtfertige, schlüpfrige, schändliche Romane der Menge nach in's Land gebracht und verbreitet werden. Und wären diese verderblichen Schriften nur die einzigen unheilbringenden Producte, welche Europa mit Brasilien austauscht! Der Reichthum dieses Landes, welcher dem Handel so ergiebige Quellen bietet, und die Leichtigkeit, mit der hier manche Ausländer zu Vermögen und Ansehen gelangen, ziehen zahlreiche Fremde aus den verschiedensten Ländern hierher, namentlich Engländer, Franzosen, Deutsche und Portugiesen, wohl auch Nordamerikaner, und es kann da nicht ausbleiben, daß sie etwas weit Schlimmeres, als bloße Speculationen und Handelsgelüste mit hineinbringen: die Einen feine Genußsucht und üppigen Luxus, zugleich mit rohem Materialismns, die Anderen freisinnigen Rationalismus und religiösen Jndisferentismus, dessen letzte Konsequenz Unglaube und Haß gegen die Kirche ist. Die Brasilianer aber, unerfahren und halbgebildet, wie sie sind, von Natur zur Bequemlichkeit, fast zur Trägheit hinneigend, ein phantastisches, auf eingebildete Größe stolzes Volk, das der Schmeichelei so leicht zugänglich ist, läßt sich gern in goldene Träume einwiegen und schlürft das Gift unvermerkt, ja Wohl selbst mit behaglichem Genusse ein. Die Brasilianer können nun einmal die Europäer nicht entbehren. Sie brauchen sehr viel zum Leben, können aber die dazu erforderlichen Gewerbe- und Kunsterzeugnisse selbst nicht liefern. Kostbare Naturalien und Geld besitzen sie: Lockspeise genug für die industriellen Europäer, ihnen das Uebrige zu verschaffen. Für Gold aus den Minen, die nun freilich größtentheils die Engländer in der Provinz Minas Geraes ausbeuten, für Kaffee, Zucker, Farbeholz, Ochsenhäute und andere Artikel liefern sie ihnen Fabricate jeder Art; Alles, was zum Leben und zum heiteren Lebensgenuß nützlich, bequem oder angenehm ist; bauen Straßen und Eisenbahnen, Fabriken, Gasthöfe, Theater und erlangen so einen bedeutenden 235 Einfluß auf das Volk. Gewiß bringen sie in materieller Beziehung selber teilweise in der Civilisation bessere Zustände hervor: wie wir es ihnen denn gern Dank wissen/ wenn sie für die Reinlichkeit und Beleuchtung der Straßen, für Verdünnung der mephitischen Luft, für angemessene Civilisirung der Neger, wohl auch zur Wahrung des öffentlichen Austandes manches Lobenswerthe thun. — Aber eine Umwandlung der Herzen, eine Besserung des unsittlichen Lebens, die bringen sie wahrlich mit aller Aufklärung nicht zu Stande. Und es ist doch in der That grausenhaft, wenn man in diesen Abgrund moralischer Verkommenheit hineinblickt, der sich selber der Öffentlichkeit nicht verschließt. Meine Feder sträubt sich, Ihnen hiervon eine genauere Schilderung zu entwerfen. — Und wie muß Liese so vielfach genährte Fäulniß immer mehr um sich greisen, da leider auch das Salz mitunter schal geworden ist! Was hierbei noch einigermaßen tröstet, ist, daß sowohl die Lazaristen, die einige Knabenseminare und ein bischöfliches Priesterseminar leiten, als auch die Capuziner, die mehr gelegentlich einigen Theologen Anweisung zum geistlichen Leben ertheilen, nach Kräften zur Förderung des kirchlichen Lebens beitragen. Die Lazaristen sind hier zunächst die geistlichen Väter der barmherzigen Schwestern und daher auch Seelsorger für die von denselben geleiteten Spitäler und Schulen. Mit der größten Liebe haben sie uns empfangen und theilen mit uns ihre Wohnung. Die Capuziner sind in ihrem Berufe sehr thätig und wahre Apostel der armen Neger. Ihre Kirche, in der ich oft die heil. Messe lese, wird von vielen noch treuen und eifrigen Katholiken, auch aus den höheren und gebildeten Ständen besucht. Sie stehen, wie überhaupt Ordenspriester aus Europa beim Volke in Achtung, und man hört ihre Predigten mit Aufmerksamkeit, zuweilen mit lauten Aeußerungen des Beifalls oder Unwillens. Leider sind die guten Patres, wie auch andere Priester in ihrem Wirken behindert, wo die Grundsätze, welche am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts an manchen Orten in Europa Geltung fanden, bedeutenden Einfluß üben. Diesen gemäß, wird die katholische Kirche als Staatsanstalt angesehen und als solche behandelt, was natürlich auf die Entwickelung des religiösen Lebens höchst nach- theilig wirken muß. Nehmen Sie noch hinzu, daß auch hier wie in Europa die geheimen Gesellschaften stark sich verbreiten, so wird Ihnen manche Schattirung in diesem düsteren Bilde nicht mehr so räthselhaft vorkommen. Im verflossenen Jahre war einige Aussicht auf bessere Zustände vorhanden, da durch Vermittelung des hier anwesenden päpstlichen Legaten, dessen Weisheit und Geschäftskunde von der Regierung wie von den fremden Gesandten hochgeachtet wurden, ein Concordat mit dem heil. Stuhle erzielt werden sollte, zu dessen nahem Abschluß wirklich Alles vorbereitet war. Da raffte leider das gelbe Fieber den erlauchten Prälaten hinweg und noch sind keine weiteren Verhandlungen angeknüpft, obwohl man fortwährend einen neuen Legaten erwartet. Der häufige Verkehr, in dem wir hier mit den hochwürdigen Patres Lazaristen und Capuzinern stehen, die schon längere Zeit in diesem Lande die Verrichtungen ihres heiligen Amtes üben und alle Verhältnisse genau kennen, ist für uns sehr nützlich, da diese würdigen Männer mit großer Zuvorkommenheit ihre Erfahrungen uns mittheilen. Besonders gab mir der hochwürdige Pater Wendelin, Capuziner aus Tirol, über Manches sehr angemessene Ausschlüsse. Dieser eifrige Priester hat Brasilien nach allen Richtungen durchwandert, verkehrte mit den höchstge- stellten Personen, denen er auch am Sterbebette beistand, wie mit den ärmsten Negern, deren Protector er ist und mit Fremden aus verschiedenen Nationen. Bald wird er eine Reise nach Europa antreten. Es gibt hier auch noch einige Patres Franziskaner vom heiligen Grabe. Diese Ordensmänner leisten, wie die vorgenannten, derKirche wesentliche Dienste.— Allein was ist ihre geringe Zahl für diese Millionen Menschen, deren unsterbliche Seelen vom Verderben gerettet werden sollen! Einen nicht unbedeutenden Theil bilden unter dieser Bevölkerung die Neger, welche auf die sittlichen Zustände des Landes sehr großen Einfluß üben und ganz besonderer Pflege bedürfen. Doch über diesen Punct, so wie über einige weitere Beobachtungen, die für Ew. Hochwürden nicht ohne Interesse sein werden, in einem anderen Briefe. Das gelbe Fieber hat uns, Gott sei Dank, bisher verschont. Beten Sie, daß wir auch ferner gesund bleiben, um doch Etwas zum Heile der Seelen wirken zu können. Michael Kellner, 8. Das elfenbeinerne Crucifix von Genua. (Schluß.) Ein Jahr war vorüber, seit der junge Carlo diese abgeschiedene Zufluchtsstätte betreten hatte. Sein Noviziat war zu Ende, und der Superior, gerührt von seinen frommen Bitten, gestattete ihm als Laienbruder die feierlichen Gelübde abzulegen. Er gab sich sofort den Pflichten hin, die er erkoren hatte. Jahre glitten in Frieden vorüber. Jenseits der Mauern war Bruder Carlo nicht gekannt, außer von den Armen, den Bejahrten oder Kranken in der Umgegend der Gebirge, denen die Mönche durch den Laienbruder Carlo Trost und Hilfe sandten. Die Zeit, welche er nicht in Liebeswerken oder den zum Kloster gehörenden Arbeiten, im Gebet oder in frommer Betrachtung zubrachte, verwandte er zum Lesen der frommen Bücher in der Klosterbibliothek, oder zum Schnitzen künstlicher Bilder des Titnlar-Patrons des Klosters, des heil. Nicolaus oder der Jungfrau und ihres Gotteskindes. Seine Lectüre und sein beschauliches Leben hatten in seiner Seele die erhabenen Eindrücke der Liebe, Dankbarkeit und Verehrung befestigt. Eines Abends saß er in seiner einsamen Zelle, und dachte über die Leiden nach, durch welche sein Heiland seine Erlösung erkauft hatte. Während er so in Gedanken versunken war, schien er einen Augenblick sich selbst entrückt zu sein — äußerliche Gegenstände waren für ihn nicht vorhanden. Finsterniß war um ihn her — nicht die kalte, bekannte Finsterniß der Nacht, sondern ein dunkel- rother Schimmer, gefärbt durch eine dicke, bleifarbene Masse, welche den Tag schrecklich dunkel machte, so wie man es sich wohl beim Untergang der Welten denken könnte. Anfangs war in dieser entsetzlichen Düsterheit kein Gegenstand sichtbar. Der Geist des Beobachters war gedrückt — er schien zu ersticken, ohne Kraft, es abzuwenden — allmälig traf ein heftiges Gemurmel das Ohr des Mönches, es schwoll an wie das Getöse eines starken, rauhen, mißtönenden Tumultes. Es war kein Jubel in dem Schalle, er schwoll wie ein Sturmgebrüll, das plötzlich in dem weiten Raume der Finsterniß gehemmt wird und verloren geht. Die Seele des Mönches war schwer — niedergedrückt mit der Vision des Cal- varienberges — das Getöse, in ein hohles Spottgelächter umgewandelt, ward durch das dumpfe Brüllen hindurch gehört, und eben, als die Sonne aus der greifbaren Düsterheit hervorzubrechen schien, fühlte er sich neu belebt. Er sah den eben noch so stürmischen Haufen verstummt, als ob ein elektrischer Schlag sie leblos niedergestreckt hätte — als er nochmals hinsah, hatten sie sich langsam hinweg- gewandt. Dumpfer Kummer und Scham beugte ihre Häupter, und da am Fuße des Kreuzes des Erlösers schien der Mönch allein und stumm zu stehen. Ueber ihm hing das göttliche Opfer für die Sünden der Menschen. Der Mönch blickte empor, ein Lichtstrahl schien auf das Antlitz des todten Heilandes, das Leben war in demselben Augenblicke entflohen, als das Licht wiederkehrte. Leiden hatte dort geherrscht, es war jetzt hinweg, der Schmerz des Todes hatte ein Zeichen aus der Stirne zurückgelassen, gleichsam zum Zeugniß, daß er vorhanden gewesen war. Dennoch ruhte ein süßes Lächeln unbeschreiblich still auf den Gestchtszügen. 237 Es war ein Schmerzenslächeln, durch göttliche, obwohl unvergoltene Liebe erhellt. Der Strahlenschein wurde glänzender, als der Mönch mit liebeverllärtem Mitleid auf die Züge des Todten blickte, der den Tod besiegte. Diese himmelerhclltcn Züge waren in seinem Herzen portraitirt, während eine Stimme in seiner Seele ihm gebot, jenen Blick auf irgend einem unvergänglichen Stoffe zu fesseln. Der Mönch erwachte für dir äußerliche Welt als wie aus einer todesähn- lichen Verzückung — er erhob sich von der harten Erde, auf welcher er unbewußt niedergestreckt lag — er weinte. Er hatte oft zuvor in den tiefen Betrachtungen in seiner Zelle versucht, die Scenen aufzufassen, welche das Vollbringen der Erlösung der Welt begleiteten. Er wünschte dort gewesen zu sein, um seine Liebe zu erklären. War jene Mission ihm verliehen, und das große Werk ihm als Bußarbeit auferlegt? Er fühlte seine eigene Unwürdigkeit und seine Schwachheit zur Vollführung des Gebotes, welches ihm noch durch jeden Nerv, jede Fiber und durch sein Gehirn strömte. Aber die bald zurückkehrende Vernunft sagte ihm, daß der Mensch stets im Stande ist, die ihm auferlegte Last zu tragen, wenn er Kraft sucht, wo sie allein gefunden werden kann. Er fühlte, wie tief auch seine eigene Unwürdigkeit sein möge, daß er in der unbefleckten Mutter des Heilands eine Schutzpatronin habe, welche nie ihre Bittenden verläßt, wenn man sich mit Zuversicht an sie wendet. Der Mönch rief ihren Beistand an, auf daß sie ihn leiten und Kraft verleihen möge zur Erfüllung seines Werkes. Die Hoffnung belebte ihn — er fühlte, die Kraft werde ihm verliehen werden. In dem alten Vorrathszimmer des Klosters, wohin Bruder Carlo's Pflichten ihn häufig riefen, lag ein massives Stück Elfenbein. Nimand wußte, woher es kam, außer durch eine alte, jetzt fast vergessene Tradition, welche es als den Fangzahn irgend eines Ungeheuers von der Elephanten-Gattung beschrieb, das vor der Sündfluth die Erde stampfte. Sicherlich existirt jetzt kein Thier, welches eine so große Masse Elfenbein als Fangzahn tragen könnte. Es war in früheren Zeiten häufig von Antiquaren untersucht worden, und alle waren darin einverstanden, daß sie ihm ein vorsündfluthliches Datum beilegten. Man hatte ferner gemuthmaßt, daß es in früheren Zeitaltern durch ein genuesisches Schiff aus dem Orient gebracht worden sei. Es konnte in der That keinem neueren Zeitalter angehören. Es maß über drei Fuß in der Länge, vierzehn Zoll im Durchmesser, und wog einhundert und fünf und zwanzig Pfund. Als der Mönch in jener Nacht auf seinem harten Lager lag, dachte er an diese ungeheure Masse Elfenbein. Er dachte nicht an die Schwierigkeiten ihrer Umbildung in die erforderliche Gestalt, er sah darin nur den von der Vorsehung dargereichten Gegenstand, aus dem er eine Darstellung jener leidenden, aber göttlichen Züge schneiden sollte, die so unvertilgbar in seinem Herzen eingegraben waren. Er dankte dem Himmel und erneuerte seine Andacht zu ihr, die man die I'urris eburnka nannte. Am nächsten Tage schaffte er unter dem Beistande seiner Mönchsbrüder, denen er seine Vision mitgetheilt hatte, die beinahe vergessene Masse Elfenbein nach seiner einsamen Zelle, nebst solchen Werkzeugen, wie er sie sich verschaffen konnte. Und jetzt begann er sein großes Werk — ein Werk der Buße und der Liebe. Er mußte erst die verdorbenen Theile entfernen. Die Außenseite war ein schmutziges, poröses Grau, die zunächst liegenden Theile waren dichter und gefleckt braun', dann folgte eine Abtheilung, so schwarz wie Ebenholz, und nachdem dies hinweggeschasit war, wurde eine zolldicke Haut, fast so hart wie Glas abgehauen, und dann blieb ein solides Stück reinen Elfenberns übrig, kaum weniger hart, von gelblicher Rahm-Farbe. Und nun konnte Bruder Carlo die Verkörperung seiner Vision beginnen. Vier volle Jahre lang arbeitete er an einem Block, der zu hart für den Meißel war. Ost arbeitete er zwanzig, zuweilen sogar dreißig Stunden hinter einander mit kaum soviel Speise, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war, und versagte sich die Ruhe, bis ihn die Natur zwang, kurze Rast zu suchen. Zuweilen beschlichen ihn auch Gedanken der Ermüdung oder Trägheit, und sein innerer Kampf wurde auf seinen eingefallenen Zügen sichtbar. Aber er verjagte solche Gedanken augenblicklich als Eingebungen des Bösen, um ihn von seinem ihm zugetheilten Werke zu verführen oder zu schrecken. Dann Pflegte er seine Zuflucht zum Gebet zu nehmen, und sich vor dem Heilande niederzuwerfen, oder zur Jungfrau zu flehen, daß sie ihm die Gnade der Ausdauer in seinem Werke verleihe. Wenn er sich aus dem Kampfe erhob, gaben seine hohe, bleiche Stirn und seine glühenden, sinnenden Augen Zeugniß von der Hoffnung und dem hohen Entschlüsse. Als das Werk der Vollendung zuschritt, war die Geschichte seiner außerordentlichen Verdienste als Kunstwerk und der außerordentlichen Umstände, unter denen es geschaffen wurde, sowie der Inspiration, nach welcher es modellirt war, über die Klostermauern hinausgedrungen. Aber der Künstler- Mönch hatte keine Eitelkeit, welcher das Lob der Welt schmeicheln konnte, obwohl häufig ausgezeichnete Männer von Zeit zu Zeit seine abgeschlossene Zelle besuchten. Er war stets bescheiden, warf sich häufig vor dem Bilde seines gekreuzigten Meisters nieder und betete, daß es in einer Weise vollendet werden möge, die Seiner in Etwas würdig sei. Er war jetzt 19 Jahre im St. Nicolauskloster gewesen, im ersten Jahre als Novice, und hatte sich in den letzten vier Jahren dem Werke gewidmet. Am Schluß des Jahres 18-13 besuchte Mr. E. Lester, Consul der Ver. Staaten zu Genua, das Kloster, und von Bewunderung über seine Vollkommenheit betroffen, beschloß er, der Besitzer des Werkes zu werden. Nach langer Ueberredung wurde der Mönch bewogen, sich von seinem großen Werke für eine sehr große Summe zu trennen, welche, da er das Gelübde der Armuth abgelegt hatte, zum Gebrauch des Klosters für mildthätige Zwecke verwendet wurde. Sechs Monate lang, nachdem das Crucifix aus seinem Besitz gegangen war, besuchte der Mönch mit Erlaubniß seines Superiors die Wohnung des Mr. Lester, um dem Werke den letzten Ausputz zu geben und kehrte dann zu seinen Pflichten als der einfache Laienbruder von St. Nicolaus von Tolentino zurück. Das Meisterwerk der Kunst wurde in der Akademie der schönen Künste zu Genua ausgestellt, und Künstler aus allen Theilen Italiens strömten herbei, es zu betrachten. Die berühmtesten Anatomen Italiens prüften es, und erklärten es einstimmig für ein Werk unnachahmlicher Kunst und anatomischer Genauigkeit, das als nichts Geringeres, als ein Wunder betrachtet werden könne, da es aus den Händen eines einfachen Mönchs kam, dem nie ein irdischer Meister die Grundzüge anotomischen Wissens gelehrt, und der dieselben nie von Menschen empfangen hatte. In der Figur des gekreuzigten Christus steht man die zarten Adern, als ob sie durch die Haut cursirten, jede Muskel ist geformt, als ob sie lebte — und alles dies mit den genauesten Einzelheiten, die man nur nach eifrigem Studium kennen lernen konnte. Die Form eines jeden Theiles eines von einem Kreuze herabhängenden Körpers ist auf's Wundervollste zur Anschauung gebracht. Aber der Triumph des Werkes (wenn ein Theil einen andern übertreffen kann) ist in dem göttlichen Antlitz. Von Genua wurde es auf Anregung des größten amerikanischen Bildhauers, Herrn Powers, nach Florenz gebracht. Er glaubte einen Theil der Augenbraunen verbessern zu können, und die Statue blieb zehn Tage lang zu dem Zwecke bei ihm, aber als diese zehn Tage verstrichen waren, erkannte er aufrichtig an, daß es seiner Ansicht nach von keinem Künstler auf Erden, und gewiß „nicht von mir", fügte er hinzu, verbessert werden könne. Es wurde später in mehreren Städten Europa's und Amerika'? ausgestellt (ein Umstand, der uns verhindert, näher auf die Einzelnheiten einzugehen), und aller 239 Orten ist es von den fähigsten Richtern als ein unübertreffliches Kunstwerk betrachtet worden. Aus dem Besitz des Herrn Powers, der es von Hrn. Lester kaufte, ging es in die Hände des Kosmopolitan-Kunstvereins über, welcher es um die Summe, von 10,000 Dollars kaufte, von da an einen Herrn dieses Staates, und von diesem in den Besitz des Hochwürdigsten Bischofs Neumann, durch welchen es seine passende Bestimmung in dem Tempel jenes göttlichen Wesens erreichen sollte, von welchem die Inspiration kam, nach der das Werk gebildet wurde. _ Der Allerseelentag. 6. Am Allerseelentage besuchte Leuthold mit seinem dreizehnjährigen Sohne den Friedhof. Beide durchwandelten die Reihen der mit Blumen reich geschmückten Gräber, und der Knabe äußerte die lebhafteste Freude, wenn er ein Grab nach seinem Sinne recht geschmackvoll geziert fand. Da kamen sie an ein Grab, welches mit keinen Blumen bekränzt war. Nur ein Mädchen kniete vor dem einfachen Kreuze und betete und weinte bitterlich. Ach! — sagte der Knabe — dies Grab ist ja gar nicht geschmückt. Glaubst Du? — entgegnete der Vater — Ich sage Dir, es ist schöner geschmückt, als alle verzierten Gräber ringsumher. Wie das? mein Vater! Blumen schmücken doch mehr als keine Blumen. Woher weißt Du, mein Kind! daß nicht auch dieses Grab mit Blumen geschmückt ist? Ich sehe keine. Es sind Blumen der Andacht und Dankbarkeit, welche aus dem Gebete, den Thränen dieses kleinen Mädchens erblühen. Beide Blumen sagen uns, daß unter diesem Grabe ein edles Herz schlummern muß, welches des Dankes und seiner Bethätigung durch inbrünstiges Gebet zu Gott nicht unwürdig ist. Doch die Blumen der andern Gräber, zeugen nicht auch sie von der dankbaren Erinnerung an die in den Gräbern Schlummernden? — fragte der Kleine. Möglich, und auch nicht möglich — versetzte Leuthold. Warum auch nicht möglich? Hast Du nicht bemerkt, daß alle Gräber, dies einzige ausgenommen, mit Blumen bekränzt sind? Freilich, allein weßhalb diese Frage? Siehe! die größere Zahl gleichartiger Erscheinungen bildet stets die Regel, die kleinere Zahl entgegengesetzter Erscheinungen die Ausnahme von diese Regel. Die geschmückten Gräber bilden also die Regel, das nicht geschmückte die Ausnahme. Ist es uun nicht denkbar, daß Manche nur deßhalb die Gräber ihrer Entschlafenen mit Blumen umwinden, um nicht zu dieser Ausnahme zu gehören? Wohl wahr, lieber Vater! Manche Gräber jedoch, und zwar die wenigeren sind so mit Kränzen und Guirlanden überladen, daß auch sie gegen die übrigen mindergezierten die Ausnahme bilden, weil ja gerade in der geringern Zahl die Ausnahme liegt. Die Angehörigen von den Bewohnern dieser Gräber strafen also Deine Behauptung Lugen. Freilich bilden auch diese eine Ausnahme. Was bemerkst Du indeß bei'm Vergleiche dieser Ausnahme mit der frühern? Daß beide Ausnahmen sich gegenüberstehen. Richtig — versetzte der Vater — dieser Gegensatz äußert sich nun auch in entgegengesetzten Wirkungen. Worin bestehen diese entgegengesetzten Wirkungen? — fragte der junge Leuthold. In dem Aussehen, welches das nicht gezierte und die überzierten Gräber durch 240 ihre Augenfälligkeit vor den übrigen erregen müssen, sowie in dem Urtheile, welches die Menge hierüber fällt. Die Menge urtheilt dem Aussenscheine nach. Ist dieser Schein glänzend, wie bei den überschmückten Gräbern, dann fällt auch das Urtheil glänzend aus. Ist er vermieden, dann ist das Urtheil zum mindesten bemitleidend, oft sogar bitter. Die Eigenthümer jener überzierten Gräber also haben nicht ihre Todten, sondern sich selbst ehren wollen, indem sie der Welt dargethan, daß sie keine Kosten scheuten, um einer an sich frommen, aber oft bis zur Thorheit mißbrauchten Sitte zu huldigen. Wie glücklich ist der Todte dagegen, welcher in diesem Grabe schlummert? Keine Zierrath an seinem Kreuze deutet auf einen Angehörigen, der vor der Menge glänzen wollte; ihn aber ehrt dies knieende Mädchen vor den Augen der Welt, wie vor Gottes Auge. Vor den Augen der Welt? Ja, mein Kind! Für wen nach seinem Tode mit solcher Inbrunst gebetet wird, der besitzt Jemanden auf der Welt, welcher sich ihm zu heißestem Danke verpflichtet fühlt. Er muß sich also dieses Dankes durch edle Handlungen werth gemacht haben, und kann mithin kein schlechter Mensch gewesen sein. Und vor Gottes Angesicht? Ich habe Thränen und Gebet dieser Kleinen schon früher Blumen der Dankbarkeit und Andacht genannt. Die Wohlgerüche dieser Blumen steigen zu Gott empor, sie sammeln sich zu Verdiensten für den Verblichenen und wägen vielleicht die letzten Makeln auf, welche bisher die Seele des Verewigten der göttlichen Anschauung noch nicht würdig machten. — Ist dieser Entschlafene nicht in Wahrheit geehrt? Und glücklich, lieber Vater! Wie bemitleidenswerth dagegen sind die Bewohner der übrigen, mit Blumen geschmückten Gräber? Urtheilen wir nicht zu vorschnell! Schon beim Anfange unseres Gespräches habe ich die Möglichkeit einer dankbaren Erinnerung ihrer Hinterbliebenen zugegeben, welche Erinnerung ja auch durch Gebet werkthätig und fruchtbringend werden kann. Die Blumenverzierungen sind also nutzlos und eitel? Das nicht, mein liebes Kind! Sie dienen zur Versinnbildung der dankbaren, im Gebete sich geistiger Weise äußernden Erinnerung und erfüllen so ihren Zweck vollkommen. Fehlt aber diese Erinnerung als Seele des Sinnbilves, dann wird dies kindlich einfache Sinnbild ein Prunkbild vor der Welt. — Das Sinnbild, liebes Kind! verdorrt, und sei es aus den schönsten Blumen geschlungen; allein das Versinnbildete: die Blume des Dankes und der Andacht erblüht ewig, unverwelklich. _ Fragen und Antworten. 1. Frage. Wer ist der wahrhaft freie Mann? Antwort. Den keine Lust mehr knechten kann. 2. Frage. Sag', welches ist der beste Weg, zum Himmel zu gelangen? Antwort. Der ist es, den der Herr vom Himmel selbst vorangegangen. 3. Frage. Wie wird es sein in jenem Leben? Antwort. Es wird auf dieses Antwort geben. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »on 3. M. jkleinle.