Aiigslmgcr Somit« M«tt. 29. Juli 1860. Das AugSburger Sonntagsbltta (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) lll. Brief des U Kellner. Portalegre, 25. Juni 1858. Wir sind nun um ein Bedeutendes unserem Ziele näher gerückt; doch bevor ich Ihnen etwas über unsere Reise von Rio-Janeiro hierher erzähle, muß ich noch, wie ich in meinem letzten Briefe versprach, Ihnen über einige Puncte nähern Ausschluß geben. Ich beginne mit dem interessantesten, der die Neger betrifft. Früher holten europäische Schiffe ganze Ladungen dieser Unglücklichen an der afrikanischen Küste und brachten sie wie Stücke Vieh aus die Sclavenmärkte Brasiliens. Was sich da zugetragen, wird einst offenbar werden. Seitdem in neuerer Zeit diese Einfuhr von Negern verboten worden, blieben die bereits eingeführten, so wie Alle, die von einer Negersclavin abstammen, Sclaven. Häufig besteht das ganze Vermögen eines Brasilianers im Besitze von Negern. Denn sie sind die Arbeiter, und was ist hier ein Landbesitzer ohne Arbeiter? Das Loos dieser Sclaven hat sich jetzt physisch bedeutend gebessert. Man treibt sie nicht mehr wie Maulthiere auf den Markt, sondern kauft und verkauft sie unter der Hand; man peitscht sie nicht mehr in Masse zu Tode, der Neger kann sich sogar loskaufen, man wirft ihre Leichen nicht mehr, wie Aas, auf die Straßen; kurz, die barbarische Denk- und Handlungsweise hat sich geändert. Gleichwohl gilt der Unglückliche noch als Waare; ein Stück erster Qualität kostet immer seine 1500 bis 2000 Thaler. Ein solches Capital muß er nun durch Arbeit seinem Herr wieder einbringen; auf dem Lande braucht man ihn in den Plantagen und Bergwerken, in der Stadt als Knecht, Lastträger, Hausirer mit Waaren. Es gibt solche, die deren einige Dutzend besitzen, und sie, wie man etwa in Deutschland bei Lohnkutschern Pferde und Wagen vermiethet, täglich um einige Franken verdingen. Oder der Sclave muß sich selber Arbeit suchen und dafür seinem Herrn jeden Tag ein Gewisses zahlen. Verdient nun der arme Mensch unglücklicher Weise nicht so viel, dann hat er es durch Prügel zu ersetzen, verdient er mehr, so gehört der Ueberschuß ihm. Sie verdienen aber schon ihren Taglohn; denn, es ist fast unglaublich, ein Neger trägt mehrere Centner und zwar auf dem Kopf, so daß ich nicht begreife, wie diese gewaltigen Lasten ihnen nicht den Schädel zerquetschen. — Der Herr seinerseits muß sie nähren und kleiden. Hungern läßt man sie nun nicht, es liegt dies im eigenen Interesse; aber für die Kleider wurde ebenfalls schlecht gesorgt. Der Sclave bekam ein baumwollen Hemd, eine Hose und eine Jacke, und das mußte er tragen, so lange die Lumpen noch zusammenhielten. Da haben denn die Europäer mit Klagen und Schimpfen den Brasilianern solch eine Unsitte begreiflich gemacht, und jetzt bekommt der Neger nach Bedürfniß entweder abgetragene Kleider von der Familie, oder seine freien Stunden zur Arbeit, damit er sich Geld für Kleidung verdienen könne. Nun, — weil er sich für schöner als die Weißen hält, und wenigstens eben so eitel ist, wie sie, — sucht er sich auch aufzuputzen, und geht am Sonntage in Staatskleidern herum: in schwarzem Rock oder Jacke, weißen oder schwarzen Pantalons, einem im Regen verunglückten Seidenhut mit breiten herabhangenden Krampen, einer Weste mit Chemisette, worauf sich die Farbe seines Gesichts abgespiegelt hat, die Finger voll Ringe (dazu dient ihm ein alter Fingerhut oder der Ring von einer Tasse oder sonst einem zerbrochenen Gefäß); eine Cigarre oder Ghpspfeife im Munde, und wenn diese verdampft ist, eine Maultrommel; aber ohne Fußbekleidung, denn die darf er nicht tragen. Die Negerin, die in der Küche, mit der Wäsche, bei den Kindern beschäftigt ist, zeigt sich selten auf der Straße: erscheint sie in Gala, so geschieht es im weiten Kleide mit verschiedenen Abstufungen, woran unzählige Glöckchen hängen und was sie sonst etwa geschenkt bekommen hat, halb wild, halb parisermäßig, ebenfalls barfuß. Unter einander nennen sich die Neger ,,8e„üor," was sie von den hochtrabenden Titulaturen ihrer Herren angenommen haben, denn der Brasilianer hat zehn oder zwölf Titel vor seinem Namen und eben so viele dahinter. Läßt sich aber einer ihrer Ra?e einfallen, nicht mehr sein schlechtes Portugiesisch zu krächzen und zu kreischen, sondern nimmt er einen Anlauf, rein zu sprechen, so fragen sie ihn, ob er vielleicht ein braneo üiäslgo (ein weißer Edelmann) geworden sei. — Ganz ausfallend, was ein Neger aushalten kann. Mit bloßem Kopfe in der glühenden Mittagshitze arbeiten, aus freier Straße campiren, oder in der Hausflur auf bloßem Boden schlafen, in einen Pestilenzischen Dunstkreis gehüllt sein, nicht selten tüchtige Hiebe fühlen müssen: das thut ihm alles nichts, er ist dabei wohl und zufrieden; nur der Cholera kann er nicht trotzen, die besonders unter den Schwarzen ihre Opfer sucht. Aber, werden Sie fragen, wie sieht es mit ihrer Moral und Religion aus? Leider, nicht gut. Und darf das wohl befremden? Man sagt zwar: der Neger sei dumm und undankbar, flegelhaft, könne nur mit Prügeln gebessert werden. Allerdings wahr, aber wenn man ihn, wild wie er ist, in seiner Wildheit erhält, ihm keinerlei Unterricht ertheilt, sein Herr sich gar nicht darum kümmert, ob und wie er Religion übe, ja wenn er von seinem zügellosen Herrn nichts Gutes sieht und hört oder selbst zum Bösen angeleitet wird, — wie kann er da gut gesittet werden oder bleiben? Zudem sind diese Sclaven mit Arbeit überladen, manchmal taub und blödsinnig, jedenfalls sehr bornirt, woran auch, wie mir Wendelin bemerkte, das fortwährende Lasttragen auf dem Kopse schuld ist. So geschieht es, daß die Meisten ohne alle Begriffe von Religion aufwachsen. Die guten Patres Capuziner halten ihnen Christenlehre und hören besonders die Alten und Tauben Beicht, was eine entsetzliche Mühe ist. Gleichwohl sagen die Patres im Spital, daß die kranken und sterbenden Neger für die Hilfe der Religion am empfänglichsten seien. Sie glauben kaum, wie wehe es uns that, wenn wir diese Armen sahen und ihnen nicht helfen konnten. Ueber 100,000 sind in Rio-Janeiro allein, über drei Millionen in Brasilien, und jeder derselben hat eine unsterbliche Seele! Großer Gott! wann kommt denn ein zweiter Apostel, wie der selige p. Claver, um so vielem geistigen Elende zu steuern? Ich bin überzeugt, daß es nicht so schwer wäre, sie für Gott und den Himmel zu gewinnen, wenn man nur freundlich mit ihnen umgehen kann. Sie sind gutmüthig, und weil ihrer eigenen Unfähigkeit nnd Niedrigkeit bewußt, gelehrig und folgsam. Aber Erwachsene wie Kinder haben eine angeborene Furcht vor den Weißen, nnb wenn man ihnen noch so freundlich begegnet, zittern sie doch zuerst einige Augenblicke. Wenn ich die Kinder anredete oder Miene machte, sie bei der Hand zu nehmen, so fingen sie an zu lausen und zu schreien, und 243 guckten mich mit ihren Mohrengesichtern wie scheue Hündchen an. Wenn ihnen darauf ein Bekannter vom Hause ein Stück Brod oder eine süße Frucht zeigte, so kamen sie wieder heran, und ich hätte mich mit ihnen unterhalten können, falls wir uns verstanden hätten. Die Waisenkinder im Spital sind gar interessant, und die barmherzigen Schwestern erziehen sie vortrefflich. Nichts macht mir mehr Vergnügen, als unter einem Corps solcher Kinder zu stehen, die alle Farben im Gesichte tragen, von der blaßweißen bis zur kohlschwarzen, und dabei so bunt gekleidet sind, wie die Vogel Brasiliens. Die Kinder der Weißen sind hier wie überall; sie lärmen, schreien und schlagen sich, indeß die Negerkinder sanfter und nachgiebiger sind. O, wie viel Gutes könnte man hier allein bei den Kindern wirken! Tausende wachsen auf, wie die jungen Waldbewohner, die von einem Ast zum andern springen; der Schulbesuch ist frei, und nur die Reichen schicken ihre Kinder zur Schule. — Eines Tages hatten die barmherzigen Schwestern eine Schaar Schwarzer von fünf bis acht Jahren in ein Schulzimmer eingeschlossen. Ich ging vorbei, da vernahm ich Plötzlich ein Geschrei, als wären Raben in der Nähe. Ich blickte um mich, siehe! die kleinen Schwarzen steckten durch die Fenstergitter ihre wolligen Köpfe und glänzenden Gesichter. „Venor, Vener," riefen sie Allemir entgegen. Ich trat näher. „Ihrsprecht ja französisch, Kinder!" — Oui, ülonsieur. Ich unterhielt mich dann mit ihnen, sie waren so herzlich und munter, redeten so verständlich, daß ich ganz entzückt war. Da fragte ich: „Woher kennt ihr mich?" — Sie haben uns heute die heilige Messe gelesen. „Habt ihr etwa beigewohnt?" — Ja, ja! „Habt ihr gebetet?" — Ja! Ich stellte dann ein Gespräch über den Katechismus an. Unter Anderem sagte ich Einem: „Da ihr Alle das Kreuz machen könnt, gut, du Kleiner, mache es." Da fletschte der Junge die Zähne, warf seine funkelnden Aeuglein umher, stieß einen fast affenartigen Laut aus und ballte ingrimmig die Faust gegen mich. Was da Plötzlich für Ideen in dem schwarzen Köpfchen auftauchten, weiß ich nicht: ob sich sein Ehrgefühl durch eine so gewöhnliche Frage verletzt glaubte? Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und mußte die Unterhaltung schließen. Alle Kinder verabschiedeten sich so artig, wie sonst Kinder in gebildeten Familien, reichten mir durch das Gitter die Hand und entließen mich unter Freudengeschrei. Ein anderes Mal lernte ich von ?. Wendelin, der das trefflich versteht, wie man mit den ziemlich abgestumpften und doch gutmüthigen Negern ganz eigenthümlich umgehen müsse. Ein Schwarzer lief ihm gerade in die Hände, dessen nicht musterhaften Wandel er kannte. „Du bist doch ein rechter Taugenichts, daß du solche Gemeinheiten begehst." — 8ou twmem, sou komem (ich bin ein Mensch). „Was, ein Mensch bist du? — Du handelst ja wie ein unvernünftiges Thier." — Pater, soll ich einen Act der Reue erwecken? „Ja wohl, das hast du schon nothwendig. Du hast dadurch gesündigt." Dies Letztere schien er nicht gefaßt zu haben. 1*. Wendelin half also nach, .um ihm deutlich zu machen, was sündigen heiße. „Du bist ein Sclave?" — Ja! „Siehe, dein Herr kann mit deinem Leibe machen, was er will, dich verkaufen, dich prügeln, dir Lasten auflegen. Aber über deine Seele hat er Nichts zu sagen. Denn diese kriegt er nicht, weil sie ihm der himmlische Vater versteckt hat. Bist du brav, so kommst du in den Himmel und kriegst eine goldene Krone, während dein Herr vielleicht in die Hölle kommt, und du ein König wirst, er aber ein Sclave. .." (Letzteres gefiel dem Neger.) „Ja/ fuhr der Pater fort, „es ist so. Aber jetzt bist du nicht blos ein Sclave deines Herrn, sondern auch ein Sclave des Teufels. Du bist das Pferd des Teufels, woraus er reitet." — klon ^esu Oboist! miillm Lonlior»! (Guter Heiland! meine Gebieterin, Maria!) „Ja, du hast unserem Herrn ein Messer in's Herz gestoßen. Das machte den Neger immer nachdenkender, und nach einigen Augenblicken fragte ihn der Pater: ob er das wieder thun wolle. — >unen iiuiis, nunoo inais, meu Mute«! (Nie wieder, mein Vater!) Ich meinte, es müsse dem Burschen jetzt Ernst sein; allein ?. Wendelin zweifelte und fürchtete, bis zum Abend würde er wieder der alte Sünder sein. Da die Neger wegen des verpönten afrikanischen Sclavenhandels nun seltener werden und man doch Arbeiter braucht, so macht man Jagd auf Weiße und Auswanderer; die nicht vorsichtig sind, fallen Speculanteu oder ihren Agenten in die Hände und haben fast kein günstigeres Loos, als die Sclaven. Unlängst klagte ein betrogener Schweizer bitter bei ?. Wendelin, wie ein solcher Plan- tagenbesitzer eine Schweizer-Colonie kommen ließ, aber die arglosen, unbemittelten Leute durch perfide Contracte fast zu seinen Sclaven gemacht hat. Als endlich die Schweizer aus seinen Fesseln entkommen, lockte er eine Schaar Chinesen an, die ihm nun willfährig sein müssen. Die Regierung selbst verfährt nicht so treulos und schimpflich, wenn sie Colonisten herruft. Aber da sie vieler Mittelspersonen sich bedienen muß, kann immer noch Betrug stattfinden, k. Wendelin fragte beim Minister an, ob auswandernde Tiroler freie Uebersahrt, Beförderung an Ort und Stelle, und ein Stück Land erhielten. Der Minister antwortete ihm: Freie Uebersahrt nicht, wohl aber das Andere. Wie eben dieser erfahrene Mis- fionair versicherte, stehen sich die Eingewanderten, freilich nachdem sie vieles Bittere gekostet, in vielen deutschen Colonien, die er kennt, sehr gut; namentlich gilt dies von der größtentheils deutschen Colonie Petropolis, die jetzt zur Stadt erhoben und in der heißen Jahreszeit von angesehenen Brasilianern und Ausländern, sogar vom Hofe bewohnt wird. Bereits führt von Rio-Janeiro eine Eisenbahn dahin. (Fortsetzung folgt.) Wie Hannchen beten lernt. In einem kleinen Orte, der von prächtigen Wiesen und Wäldern umgeben ist, hatten brave Eltern ein Mädchen von sieben Jahren. Sie liebten ihr Hannchen gar sehr, und alle Leute hatten es gern, denn es war ein freundliches, gutes Kind. Es blickte die Menschen aus seinen blauen Augen freundlich und treuherzig an, und an dem lächelnden Munde und den beiden Grübchen in den Wangen merkte man gleich, daß es gern lustig sei. Mit ihren Händen hatte Hannchen immer etwas zu thun; recht ruhig konnte sie dieselben nicht leicht halten und die Füßchen vollends wollten gar nie lange an einem Platze bleiben. Sie wäre gerne in die Schule gegangen, wenn man dort nur auch ein wenig hätte herumspringen dürfen. Kurz, Hannchen war ein sehr lebhaftes Mädchen. Sie war aber nicht nur lustig, sondern sie hatte auch ein liebes gutes Herz, das keinem Thierchen und keinem Kinde wehe thun konnte; sie war den Eltern gehorsam; denn wenn sie es auch einmal nicht war, so geschah es nicht aus Un- gehorsam, sondern aus Leichtsinn; und wenn man sie deßhalb bestrafte, machte sie kein trotziges Gesicht, sondern weinte, versprach in Zukunft folgsamer zu sein, wischte sich die Thränen ab und war hierauf für viele Tage aufmerksam auf die Befehle der Eltern und des Lehrers. Aber einen großen Fehler hatte Hannchen doch: es dauerte ihr Alles gleich zu lang, was ihr nicht Unterhaltung gewährte; besonders wurde ihr beim Beten gar bald die Zeit zu lang. — Ja, wenn der Lehrer in der Schule vom guten Gott sprach, wie schön er die Welt gemacht habe und wie das Alles nur durch sein Allmachtswort entstanden sei, — da dauerte es ihr immer zu kurz. Aber beten und im süßen Namen Jesu mit dem lieben Himmelsvater sprechen, das that sie doch nicht gern, oder doch nicht lange; denn sie meinte: weil Gott Alles wisse, so müsse er auch wissen, daß sie ihn lieb habe; ihm danke oder ihn in ihrem Herzen um Dieses oder Jenes bitte. Darum sagte sie beim Abendgebet gar gern: „Lieber Gott! du weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Das war aber nicht recht von Hannchen; und eben, weil der liebe Gott wohl wußte, was sie brauchte, lehrte er sie vor Allem selbst das Beten, so daß sie es nicht mehr verlernte, so lange sie lebte. Hört nur, wie das geschah. Es war ein wunderschöner Sommertag; die Mücken tanzten in der Luft, die Grille zirpte in ihrer kleinen Höhle, die Wachtel schlug im Grase und die Vögel sangen die schönsten Lieder; der Himmel war so blau, daß ihn kein einziges Wölkchen verdüsterte; nur die kleinen weißen Himmelsschäffchen versilberten ihn, und im Walde, da reiften bereits die süßen Erdbeeren, so daß Hannchen meinte, die Mutter brauche gar nicht mehr zu kochen. Die Schule war aus, die Eltern hatten im Felde zu thun. Auf dem Lande ist es nicht wie in der Stadt, wo die Kindsmagd das Vesperbrod bringt; auf dem Lande holen es sich die Kinder selbst, wenn der Wald so nahe ist und es Erdbeeren gibt. Hannchen ging also in den Wald hinaus, ganz allein, das war ihr nicht verboten, denn das thun alle Dorfkinder; nur war ihr befohlen, beim Gebetläuten wieder zu Hause zu sein. Hannchen hatte ein Töpfchen bei sich, in bas sie die Erdbeeren, welche sie nicht selber aß, hineinthat, um sie des andern Tages an die Stadtkinder zu verkaufen. Beim Beerensuchen kam sie immer tiefer in den Wald hinein, wo das Gras, die Kräuter, die Blumen und das Moos immer schöner werden, weil die heiße Sonne nur mild durch die Zweige blickt, und sie also nicht austrocknet und der Fuß der Menschen sie nicht zertritt. Da gibt es auch noch schönere Schmetterlinge und noch glänzendere Käfer als nahe beim Wege und Dorfe. Hannchen hatte bereits viele Beeren im Töpfchen und noch mehr im Magen; sie meinte also nun ausruhen zu dürfen, und legte sich in's hohe, weiche Gras, sah die schöne blaue Himmelsfarbe durch die Zweige der Bäume schimmern und dann blickte sie wieder zur Erde nieder auf das Käferchen, das über den Grashalm kroch, und wieder herunterfiel und dann wieder hinaufkletterte, und dachte, daß es weit geduldiger sei, als sie selbst; dann horchte sie aus den Gesang der Vögel und ahmte ihre Stimmen nach; und dann mußte sie über Alles, über sich selbst lachen, und das war lustig. Hier und da dachte sie freilich an's Heimgehen; aber wenn sie einige Schritte gegangen war, mußte sie wieder stehen bleiben; denn sie sah ja dorten im Gebüsch ein Häschen sich putzen, und dort auf dem Baume ein Eichhörnchen springen, und da eine so große prächtige Erdbeere, die allein schon einen Kreuzer werth war, und die sie pflücken mußte. So kam allmälig der Abend heran; es wurde schon ein wenig düster, denn die Sonne war bereits untergegangen; sie hatte aber doch das Gebetläuten noch nicht gehört und war noch gar nicht müde und schläfrig. Nun machte sie sich aber doch eilig auf den Weg; denn Plötzlich wurde ihr bange, zuerst nur, weil sie fürchtete, von der Mutter gezankt zu werden; dann 246 fiel ihr ein, daß der Vater ihr früher einmal wegen zu langen Ausbleibens Strafe angeboten hatte. Sie lief nun, was sie konnte, aber sie kam doch nicht schnell weiter; bald blieb sie mit den Kleidern am Gesträuche hängen; bald schlugen ihr die Zweige in's Gesicht; zuletzt trat sie in einen Dorn und sank vor Schmerz zur Erde nieder; zugleich wurde es ihr ganz wirre im Kopse, sie erkannte den Weg nicht mehr und es war inzwischen auch ganz dunkel geworden. Weiter gehen konnte sie nicht, denn die bloßen Füße waren ganz wund getreten und der scharfe Dorn verursachte entsetzliche Schmerzen, wenn sie auftrat. Was sollte sie thun? — Sie weinte bitterlich und das Herz pochte laut in entsetzlicher Angst. Der sonst so schöne Wald kam ihr grausenhaft vor; die Stille, welche nunmehr eingetreten, machte es ihr recht klar, wie allein und ganz verlassen sie war; und wenn es hier und da im Gebüsche rauschte, — dann hörte das Herzchen beinahe zu klopfen auf vor Angst. Nun fürchtete sie sich nicht mehr vor Vater und Mutter; o wie gerne hätte sie Zank und Strafe hingenommen, wenn nur Eines von ihnen gekommen wäre; aber wie sie auch nach Vater und Mutter rief — Niemand kam. In dieser entsetzlichen Angst fiel ihr Plötzlich ein Verslein des Büchleins, in dem sie in der Schule lasen, ein: „Gebet erlöst aus aller Noth; Drum bete und vertrau auf Gott!" Und wieder ein anderes: „Vertrau auf Gott und laß ihn walten; Er wird dich wunderbar erhalten!" Nun war dem armen Hannchen plötzlich leichter um's Herz; sie wußte, was sie thun konnte. Augenblicklich kniete sie nieder, faltete die Händchen, sagte aber nicht: „Lieber Gott, vu weißt schon, was ich brauche, gib es mir! Amen." Nein, sie rief mit inniger, flehender Stimme: „Lieber Gott! ich habe mich im Walde verirrt; ich fürchte mich entsetzlich! Gewiß thut mir ein böses Thier etwas, oder ein Räuber nimmt mich mit, daß ich nie mehr zu Vater und Mutter komme; oder ich muß im Walde verhungern! O Gott! du hast ja deine Kinder lieb und erhörst sie, wenn sie beten! O hilf mir und sende meine Eltern zu mir, daß sie mich nach Hause führen, und laß meinen Schutzengel über mir wachen!" Als Hannchen oft und oft dieses Gebet verrichtet hat, fiel es ihr schwer auf's Herz, daß sie früher gar nicht beten wollte; da erinnerte sie sich vieler frommer Verse, die sie in der Schule hatte lernen müssen, und wie sie so im Grase lag, wiederholte sie einen derselben und sprach leise: „Bin ich allein in dunkler Nacht, Und will mir bange werden, So denk ich: Sternlein halten Wacht Nun statt der Sonn auf Erden. Und denke das sind Engelein, Die alle mich bewahren, Und jedes Kind, so schwach und klein, Umgeben in Gefahren. Und denke: Wie der Mond so klar Sieht Gottes Aug hernieder; Und legt den Schlaf so wunderbar Aus meine Augenlider. Und webet süße Träume mir In meinem tiefen Schlummer; Drum wacht mein Heiland über mir, So schlaf ich ohne Kummer. O scheinet Mond und Sternelein! Ihr sollt ein Bild mir werden Von Gott und seinen Engelein, Die wachen stets auf Erden!" Hannchen hatte die letzten Worte schon halb im Schlafe gesprochen; denn 247 von Müdigkeit, Angst und Weinen wurde sie leise in Schlummer gewiegt, und ein schöner Traum von „Gott und seinen Engelein, Die wachen stets aus Erden", versüßte den Schlummer des armen Kindes. — Sie mochte geraume Zeit geschlafen haben; der Mond war inzwischen aufgegangen und belauschte ihren Schlaf. Da wurde es Plötzlich ganz hell im Walde; große Lichter, von Männern getragen, zogen daher und voraus lief eine Frau, welche unter Schluchzen laut rief: „O Hannchen! mein Kind! wo bist du?" — Als sie zu der Stelle kamen, wo Hannchen schlief, fiel eben der klare Mondschein auf das blasse Kindesgesicht, und mit dem lauten Schrei: „Das ist mein Kind! mein kleines, verlorenes Hannchen!" stürzte die Mutter auf die Kniee und drückte ihr Mädchen auf die Brust. Hannchen öffnete verwundert die Augen: noch erkannte sie ihre Mutter nicht; sie hielt die Lichter für den Schein der Engel, von denen sie geträumt hatte. Als sie aber den Vater und die übrigen Männer sah, stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und siel ihrer guten Mutter um den Hals. O wie hatte sich diese inzwischen geängstiget, als es Nacht wurde, und ihr Töchterchen nicht vom Walde zurückkam! — Alle Nachbarn theilten ihren Jammer und suchten mit ihr seit vielen Stunden das Verlorne Kind, und die arme Mutter hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, ihr Hannchen wieder lebend an's Herz zu drücken. Als sie nun ihr Mädchen gefunden hatte, sank sie mit demselben auf die Kniee und rief laut aus: „Gott im Himmel, ich danke dir!" Der Vater nahm nun Hannchen auf den Arm, trug es heim und legte es in's warme Bettchen. Als Hannchen des andern Tags erwachte, war ihr Erstes, Gott knieend für ihre Errettung zu danken. Sie hatte, obwohl noch ein kleines Kind, doch in der großen Noth gelernt, wie heilsam und tröstlich das Beten sei, und daß diese Lehre, welche der gute Gott ihr im dunklen'Walde gegeben hatte, für sie sehr nothwendig gewesen wäre. — Von dieser Zeit an durfte man Hannchen aber nimmer zum Gebete mahnen, es dauerte ihr auch nie mehr zu lange, — vielmehr war es für sie eine süße Freude. Was sagt Schiller über den Papst? Es ist gewiß überaus merkwürdig, daß gerade die hochbegabtesten Männer, selbst wenn sie nach ihrer sonstigen Denkweise zu den Gegnern des Papstes und der katholischen Kirche gehören, dennoch vom geschichtlichen Standpuncte aus eine große Achtung und Erfurcht vor dem Papstthum an den Tag legen. So sagt Schiller, den Deutschland als seinen größten Dichter ehrt, in seiner „universalhistorischen Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I.: „Man sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Dränge der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen ungetreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnet selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß, und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhles und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupte. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart 248 und Fähigkeit sein mochten; so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht einzuflößen; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, zerfloß in ihrer Würde, und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch geknüpft wurde, — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch verlassen wurde; so war dies doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zu verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." Die Thüre. * Der Bruder des seligen Thomas von Kempis hatte ein schönes Haus bauen lassen, und jeden Besucher machte er aus die Schönheiten desselben aufmerksam und fragte ihn dann nach seinem Urtheile. Die Meisten seiner Freunde und Bekannten lobten dasselbe ausserordentlich. Einer aber wollte doch einen Fehler an ihm erkennen. — Welchen? — fragte der Hausbesitzer gereizt. —> Daß das Haus eine Thüre hat — erwiderte der Tadelnde ruhig. — Wie! — versetzte der Bruder des gottseligen Thomas von Kempis mit spöttischer Miene: — hat nicht jedes Haus eine Thüre, damit man ein- und ausgehen kann? — Wohl — entgegnete der Tadler — allein für Dich ist dies ein Fehler, denn aus dieser Thüre wirst Du einst todt herausgetragen werden und dann von allen Annehmlichkeiten Deines Hauses, welche dir dasselbe jetzt so anziehend machen, keine einzige mit Dir nehmen können. Mensch! diesem Hause ist in vielen Beziehungen dein Körper vergleichbar, die Wohnstätte deiner Seele. Du hast ihn zwar nicht selbst geschaffen, allein auf seine Erhaltung und Bequemlichkeit verwendest Du das Uebermaaß deiner Kräfte. Seine Reize und Vorzüge bewunderst Du und läßt sie so gerne von Andern bewundern. Du vergissest jedoch, daß Du fünf Sinne hast, durch welche der geistige Tod, wie durch Pforten, zu deiner Seele eindringen kann. Und ist Deine Seele ein Opfer dieses Todes für immer geworden, welche körperlichen Reize und Vorzüge kann sie mit sich nehmen in die Ewigkeit? Belächle also nicht den Freund, der Dich auf die Lust Deiner Sinne aufmerksam macht, und sage nicht zu ihm: habe ich nicht Augen, damit ich sehe, und Ohren, auf daß ich höre? Denn wisse: der verblendete Bruder jenes gottseligen Mannes besaß nur Einen Freund, welcher ihm die thörichte Liebe zu seinem Hause vorhielt. Alle Andern aber stimmten in das Lob des Hauses mit ein und rechtfertigten so die eitle Liebe zn demselben. _ Gerechte Strafe. Im Departement Untere Charente in Frankreich lebte eine beiläufig neun und achtzig Jahr alte Frau, welche vor langer Zeit eine hohe Stellung eingenommen hatte, von Almosen unter Entbehrungen. Ohnlängst wurde sie auf einmal von einem heftigen Uebelfinden befallen: einer ihrer Neffen, der anwesend war, wollte einen Arzt holen, aber die liebe Frau, welche wußte, daß dieser Besuch etwas kosten würde, setzte sich dem Verlangen des jungen Menschen hartnäckig entgegen. Nach Verlaus einer Stunde starb die arme Alte aus Mangel an Hilfe. Man fand in ihrem Bettstroh 1750 Fünffrankenstücke, 530 Zwanzig- srankenstücke, 9 Banknoten zu 1000 Fr. und 10 Obligationen öer Stadt Paris, jede nach der gegenwärtigen Taxe 1130 Fr. werth. Die Strafe war grecht: sie hat gegen Gott, gegen ihre Nächsten und gegen sich selbst gesündigt. Redaction un» Verlag i I)in M. Hutilcr. — Druck von I. M. Aleinlc.