12. August 1860. Das Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) V. Brief des 1'. Klüber. Picada dos duos Jrmaos, im November 1858. Wie wir am 27. Juni glücklich hier angelangt sind, werden Sie schon vernommen haben. Wir fanden ein weites, weites Feld, das noch manchem apostolischen Arbeiter, den sein Eifer nach Südamerika hinzieht, Raum, Beschäftigung und Beschwerden bietet. Ich hoffe auch, daß der Boden in religiöser Beziehung mit der Zeit eben so ergiebig sein wird, als er es im Pflanzenreiche ist. Von der erstaunlichen Fruchtbarkeit habe ich mich selbst überzeugt, als ich die Plantagen besuchte. Aus Einem Roggen- oder Weizen- oder Gerstenkorn habe ich 30, äO, 60 und noch mehr große volle Aehren mit ihren Halmen aufgesprossen gezählt. Das sogenannte Milienkorn trägt das <100- bis 500 fache. Dazu jährlich mehrere Ernten. Der Mangel an leichten Communicationsmit- teln hindert die Colonisten, ihre Producte besser zu verwerthen. Aller Transport geschieht durch Pferde und Maulthiere. Aber ein kleiner deutscher Knabe zu Pferd an der Spitze und seine kleine Schwester zu Pferde im Nachtrab reichen hin, um die längste Karawane meilenweit über Flüsse und Berge zu comman- diren. Ueberhaupt können hier schon die kleinen Kinder bei der Arbeit behilflich sein, da außer dem Waldhauen, das sehr beschwerlich ist, verschiedene der übrigen Arbeiten leicht und gesund sind; aber alle müssen fast nur durch Menschenhand verrichtet werden. Das Klima, obwohl einen guten Theil des Jahres sehr warm, ist doch in der Provinz Rio Grande für die Deutschen so ausnehmend gesund, daß es unter ihnen beinahe keine Krankheiten gibt und sie trotz der Arbeit sehr alt werden, an die hundert Jahre und darüber. Alle Ritte die ich zu den Kranken mache, bestätigen es. Außer den Kindern, die etwa in ihren ersten Jahren verscheiden, sterben die Andern ungefähr nur vor Alter, oder durch ein äußeres Unglück. Wie viele Achtziger, Neunziger habe ich schon gesprochen, welche die Zahl ihrer Kinder und Enkel nicht zusammenbringen können, indeß sie selbst noch ganz rüstig wie ein Vierziger alle schwere Arbeiten verrichten. Die schon mehrmals mit den letzten heil. Sakramenten Versehenen wollen garnicht sterben und stehen oft den andern Tag wieder in der Plantage. Hätten einmal die Gottesfurcht und der heil. Glauben in den einzelnen Familien Wurzel gefaßt, so würde bei dem patriarchalischen Leben, und dem Mangel äußerer Gelegenheiten Das Gute sich leicht erhalten und fortpflanzen. Die Protestanten sind hier größer an Zahl und mächtiger an Einfluß, was daher rührt, daß viele Katholiken ganz arm herkamen; Loch auch diese können, wenn sie arbeitsam sind, nicht nur der drückenden Noth entgehen, sondern selbst wohlhabend werden. Nur Eine bittere Noth verkümmert allen Verständigen ihr sonstiges irdisches Glück; das ist der Mangel an guten deutschen katholischen Schulen, um die Nachkommen christlich zu erziehen. Da hier Lehrfreiheit herrscht, könnten wir sogleich beginnen, wenn wir nur tüchtige Lehrer hätten. Aber woher anders, als von Deutschland können wir solche erwarten? Ich bin überzeugt, daß da mancher tugendhafte Lehrer edelmüthig genug sein wird, um dem Zuge der Gnade hieher zu folgen. Aber entschieden für seinen Lehrerberuf muß er sein, damit er voll Eifer die verlassenen deutschen Kinder für die Religion und den Himmel rette und nicht Gefahr laufe, seinen Lehrerstand bei einem lockenden Vortheil ganz aufzugeben, um wie die Anderen nur den Boden zu cultiviren; obwohl es allerdings gut wäre, wenn er in beschränktem Maße für sich Oekonomie betreiben könnte. — Haben wir einmal etwas weiter vorangearbeitet, dann hoffen wir auch aus die Erziehung der weiblichen Jugend eine sorgsamere Pflege verwenden zu können durch deutsche Klosterfrauen, für die in unsern Picaden ein Klösterchen erbaut werden müßte, mit einem Schul- und Erziehungshause zur Heranbildung der jungen Mädchen in allen weiblichen Arbeiten und Tugenden. Denn wachsen diese unwissend und verwildert auf, wie geht es dann mit der Religion? Die große Entfernung vieler Colonisten, die sich tief im Urwald angesiedelt haben, von Kirche und Priester hemmt ebenfalls das Aufblühen der katholischen Religion. Wir müssen es den guten Leuten in so fern erleichtern, daß wir von Zeit zu Zeit entweder die einzelnen Ortschaften besuchen, oder uns an irgend einem Mittelpuncte, wohin sie von verschiedenen Seiten kommen können, länger aufhalten. Letzteres habe ich neulich versucht, indem ich mehrere Wochen aus dem Buckerberge verweilte und während der Zelt Missions-Uebungen vornahm. Einen genaueren Bericht über dieses erste Unternehmen werde ich Ihnen nächstens abstatten. — Der eben erwähnte Uebelstand würde schon durch Errichtung guter katholischer Schulen auf verschiedenen Puncten bedeutend vermindert. Hierzu kommt aber noch eine Noth, die gerade wegen der zweifachen genannten noch fühlbarer wird, da sie eben deshalb nachtheiligere Folgen hat, nämlich der Mangel an guten katholischen Büchern. Wir brauchen nothwendig Tausende von Katechismen, biblischen Geschichten, Gebet- und Gesangbüchern, sodann Erklärungen des Katechismus und der Evangelien, Leben der Heiligen und andere nützliche Werke zur Belehrung und christlichen Erbauung. Welch ein kräftiges Mittel hätten wir hierin, um der Unwissenheit und' Verwilderung so vieler uns anvertrauten Seelen zu steuern! Wie eifrig würden es unsere guten Deutschen benutzen, denen in ihrer Waldeinsamkeit ein gutes katholisches Buch ein willkommener Freund wäre! Sie haben wirklich einen Heißhunger darnach, und wären bereit, auch die ärmeren, große Opfer zu bringen. O wüßte das manche edle Seele in Deutschland: wie Viele würden nicht bereitwillig ihren katholischen Landsleuten in Brasilien zur Erlangung eines so nothwendigen und heilsamen Mittels hilfreiche Hand bieten. Ach! muß denn überall das Böse dem Guten voraneilen; muß denn Las Gift vor der gesunden Nahrung gereicht werden? Es ist unglaublich, was von Deutschland aus, namentlich in den Seestädten zur Verbreitung schlechter Bücher geschieht. Schon in Hamburg, Bremen u. s. w. werden den unwissenden Auswanderern die gottlosesten und schändlichsten Bücher, Romane, Traktätleiu zugeschoben. In Masse werden solche verpestete Schriften hierher geschickt, und unter den Protestanten bestehen ganze Leihbibliotheken; ja bis ganz in den Urwald hinein habe ich in den Händen der Katholiken die abscheulichsten Bücher gefunden. O! darf man es da dem katholischen Missionair verargen, wenn er mit blutendem Herzen seine klagende und flehende Stimme über die Meere schickt? 259 Ich weiß, wie innig Ihr liebevolles Herz unsere Noth und meinen Kummer mit mir suhlt, und wie gerne Sie helfen möchten, wenn Sie könnten. Um Eines bitte ich Sie aber dringend, unterstützen Sie mich, Ihren schwachen Mit- bruder, mit Ihrem Gebete, damit sich Gottes unendliche Barmherzigkeit zu unsern deutschen Gemeinden Herabneige. Bonifacius Klüber, 8. 5. (Fortsetzung folgt.) Christus in der heiligen Communion. (Schluß.) 0. Gläubige Seele! Du schauest und genießest in der Brodgestalt Deinen göttlichen Mittler, welcher sich einst seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in seiner Gottverklärung auf dem Berge zeigte. Diese Apostel genossen nur mit dem Auge, was Du mit dem Auge, der Zunge, dem Herzen genießest. Und dennoch waren sie durchschauert von heiliger Gottesfurcht. Warum bist nicht auch Du durch- bebt von dieser heilwirkenden Furcht, durchglüht von der innigsten Liebe zu Gott, welche beide Anfang und Ende der Weisheit bilden? Denn wisse: Jene empfanden nur die Herrlichkeit, Du aber verkostest auch die Lieblichkeit des Herrn. — Petrus sprach zu Jesus: „Herr! hier ist gut sein" und er wollte ihm mit seinen beiden Freunden eine Hütte bauen. Jesus hat schon aus Deinem Herzen nicht eine Hütte, sondern einen Tempel für sich erbaut, als er Einkehr bei Dir hielt. Was willst Du nun thun, ihn in diesem Tempel festzuhalten? denn: „Wo der Herr ist, da ist gut sein." Zachaus, welcher ein sündiger Zöllner gewesen war, sagte zum Herrn, als dieser ihm versprach, in seinem Hause einzukehren: „Herr! mein halbes Vermögen gebe ich den Armen, und, wenn ich Jemanden betrogen, erstatte ich es vierfach zurück." Siehe! Jesus kehrt auch in Deinem Herzen ein. Warum willst Du nicht arm werden im Geiste, damit Deiner das Himmelreich sei? — Um unzählige Stunden hast Du deinen Heiland betrogen, und sie der Welt geopfert. Willst Du von nun an auch nur den vierten Theil dieser Zeit Deinem Mittler in frommen Tugendübungen widmen, und ihm so Einiges von dem zurücker- erstatten, was ihm gehört? Schon siebenzig Mal sieben Mal hast Du deinen Erlöser und dein Herz betrogen. Willst Du es ihm auch nur ein einziges Mal ganz und ungetheilt zu eigen geben? Jesus kommt zu Dir im heiligen Abendmahle, Er, der den Blindgeborncn wieder sehend gemacht. Dich Blindgebornen hat er in der heiligen Taufe von der Blindheit der Erbsünde geheilt, Dich Selbstverblendeten im heiligen Büß- gerichte von der Selbstverblendung. Nun naht er sich Dir, Er, das Licht, die Wahrheit und das Leben. Siehe, o Christ! den Blinden hat er nur einmal sehend gemacht, und der Geheilte ward sein Anhänger. Dich hat er schon unzählige Male geheilt. Warum willst Du ein Anhänger der Welt bleiben, die Dich wieder blind macht? Maria hat aus Dankbarkeit zu Jesus, der ihren Bruder Lazarus von den Todten erweckt hatte, die Füße des Herrn mit köstlichem Oele gesalbt, als dieser in ihrem Hause weilte, und mit der Salbung nicht bis zum Bcgräbnißtage des göttlichen Menschenfreundes gewartet, wie sie anfänglich gewollt. Erblicke hierin, o Christ! ein Beispiel zur Nachfolge! Du willst Jesum mit den Thränen Deiner Reue, mit dem Oele Deiner Tugendübungen nicht eher benetzen, als bis dessen Todes- und Auserstehungsfeier wiederkehren, d. h. zur österlichen Zeit, wo Jeder die heiligen Sacramente empfangen muß. O warte nicht! Vielleicht mehr, als Maria, hast Du dem Heilande zu danken. Maria's Bruder hat er nur Ein 260 Mal vvm leiblichen Tode erweck!. Wie oft hat er Dich schon vor dem Tode der Seele, des Leibes bewahrt? Dies nun, o Mensch! sind einige der Empfindungen, welche sich Dir aufdrängen müssen, wenn Du Jesum Christum im heiligen Altarsaeramente als Kind, als Lehrer in Wort und Wandel betrachten willst. Welche heiligen Gefühle müssen Deine Brust durchschauen:, wenn Du Deinen Heiland als Mittler zwischen seinem himmlischen Mater, dem Reinen, und Dir und Deinen Mit- Lrüdern, den Unreinen, als Sühnopfer für fremde Schuld auffassen willst! die Vermittlung und das Sühnopfer sind es ja, welche in diesem hochheiligen Gnadenmittel ihre Bethätigung und unblutige Erneuerung finden. Wie lehrreich ist die Betrachtung von Jesu und seinem Verräther, da wir in ihr so ganz das Bild einer ungiltigen Deicht und unwürdigen Communion enthüllt sehen? Nicht offen warnte Christus den Verräther, nur im Geheimen warnte er ihn mit liebevoller Stimme. Und dasselbe thut er heutzutage mit Dir durch den Mund Deines Beichtigers. Warum nun heuchelst Du im Beichtstühle den Bußfertigen, während Du eine schwere Sünde verschweigst, da es Dich doch Nichts fruchtet? Unglücklicher! So verrathe denn Deinen Heiland! Wie Judas den Bissen genossen, iß Du dir das Gericht und geh hinaus in die Nacht und Finsterniß der Sünde! Du empfängst Jesum im Geheimnisse seines göttlichen Leibes und Blutes, ihn, welcher seinen drei geliebten Jüngern am Oelberge zugerufen: „Nicht einmal Eine Stunde könnet Ihr mit mir wachen? O wachet und betet, damit Ihr nicht der Versuchung unterlieget!" Allein die Jünger schliefen: dennoch wieder ein. Siehe! diese Jünger hingen Christo, Du hängst der Welt an. Diese Jünger waren gleich Dir kurz zuvor durch den Genuß des beiligen Abendmahles geftärl: worden. Sie konnten keine Stunde wachen. Glaubst Du dein:, eine einzige Minute wachen zu tonnen, wenn Du nicht beständig um die Gnade Gottes stehest? Als der göttliche Dulder von den Häschern und Dienern des hohen Rathes gefangen genommen werden sollte, zeigte er seine Allmacht, die nur freiwillig die Verfolgungen und Qualen der Ohnmächtigen über sich ergehen lassen wollte, dadurch, daß auf sein einfaches Wort: „Ich bin es!" Alle zu Boden stürzten. Siehe! auch Dich könnte seine Allmacht augenblicklich zu Boden stürzen oder tödten, wenn Du durch den unwürdigen Genuß des heiligen Abendmahles noch einmal seine namenlosen Qualen und Leiden über das göttliche Osterlamn: verhängest. Allein seine Langmuth, welche nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, duldet nochmals freiwillig die Qualen und Martern. Der Herr ist zwar ewig, aber auch in seiner Langmuth gegen Dich? Wir empfangen Jesum in der heiligen Hostie, welcher zu Annas sprach: „Was fragst du mich über meine Lehren? Frage meine Zuhörer! Sie wissen es, was ich gelehrt." Siehe! Dein Erlöser in höchst eigener Person, mit Fleisch und Blut kommt zu Dir im heiligen Abendmahle. Warum forderst Du, daß er auch noch unmittelbar aus seinem göttlichen Munde seine heilige Lehre Dir verkünde? Glaube doch den Lehrern, die er gesandt hat, den Büchern, die unter Eingebung des heiligen Geistes niedergeschrieben worden sind. Willst Du aber auch diesen keinen Glauben beimessen, o so glaube dem Schauer und der Süßigkeit, welche Dein Herz durchdrungen nach dem Empfange des allerheiligsten Leibes und Blutes! Dieser Schauer, diese Süßigkeit verkünden Dir die Erhabenheit und Lieblichkeit eines Gottes, welcher es nicht verschmäht hat, in einem menschlichen Herzen Wohnung zu nehmen. Merke auf, o Christ, wie tief Dich Judas, der Verräther, beschämt. Als er das Todesurtheil seines verrathenen Herrn und Meisters vernahm, wollte er ihn noch retten. Er bekannte den Hohenpriestern, daß er einen Unschuldigen ver- 261 rathen habe, die aber verlachten ihn, und so verzweifelte er und nahm sich das Leben. Nun frage Dein Herz! Reut es Dich, durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland dein Gerichte der Menschen von Neuem, oder empfindest Du Reue, Dich dem ewigen Gerichte überliefert zu haben, wenn Du überhaupt Reue fühlst? Wie tief Du aber auch in dieser Beziehung unter Judas stehst, in anderer Weise kömmst Du ihm oft völlig gleich. Wenn Dich nämlich die Welt und die Sünde verlassen haben und Du Deine verkaufte Unschuld zurückfordern willst, und die Welt Dich verlacht und verspottet, dann verzweifelst Du an Dir selbst und, anstatt Trost zu suchen im wirklichen oder auch nur im geistigen Genusse des hochheiligsten Leibes und Blutes, nimmst Du Dir zwar nicht, wie Judas, das zeitliche, aber doch auch das ewige Leben. Als Pilatus das jüdische Volk fragte, ob er Christum, den Schuldlosen, oder Barrabas, den Mörder, freigeben solle, schrie die Masse: „Den Barrabas gib frei, Christum aber kreuzige!" Und Du, mein Christ! nachdem Christus in Dein Herz Einkehr gehalten, wenn die Leidenschaft es wieder heimsucht mit ihren Anfechtungen, rufst nicht selten, wenn auch nicht in Worten, doch in Werken: „Hinweg mit Christus! an's Kreuz mit ihm! der Sünde aber volle Freiheit über meine Seele!" Und Christus ist doch rein und schuldlos, die Sünde aber nicht, wie Barrabas, ein Aufrührer gegen irdische Gesetze, ein Mörder des Leibes, sondern ein Empörer gegen göttliche Gesetze, ein Mörder der Seele. Sieben Todsünden sind es vorzüglich, welche die Sittenlehre als das Gepräge unserer Hauptleidenschaftcn darstellt. Sie sind: Die Hosfart, der Geiz, die Unkeuschhcit, der Neid, die Unmäßigkeit, der Zorn und die Trägheit. Für jede dieser Sünden mußte der Erlöser eine eigene Marter dulden. Der Geiz beraubte ihn seiner Kleider, die Unkeuschheit geißelte ihn, die Hoffarth drückte die Dornenkrone auf sein Haupt, gab ihm den rothen Mantel um die Schulter und das Rohr in die Hand. Die Trägheit ließ Jesum selbst das Kreuz auf den Calvaricnbcrg tragen; der Zorn ließ ihn zwischen zwei Missethätern kreuzigen, auf daß er in dem Ausrufe: „Vater! verzeih ihnen! Sie wissen nicht, was sie thun!" das schönste Vorbild der Sanftmut!) uud Feindesliebe gebe. Neid und Mißgunst zogen dem göttlichen Dulder den Spott eines mitgekreuzigten Verbrechers zu, der im schadenfrohen Bewußtsein, einen Leidensgefährten zu haben, seiner eigenen Dualen halb vergaß. Die Unmäßigkeit reichte dem am Kreuze Blutenden einen Schwamm, mit Essig gefüllt, als er ausrief: „Mich dürstet!" Nun, o Christ, würdest Du einem Menschen eines dieser Leiden auch nur innerlich auwünschen, selbst wenn er Dein Feind wäre? Und Deinem Heilande, Deinem besten Freunde, wünschest Du nicht nur solche Leiden, sondern Du fügest sie ihm selbst zu, indem Du ihn in Dein Herz aufnimmst und den kaum Aufgenommenen Deiner Hoffarth, Deinem Zorne, oder welcher einer von diesen Todsünden von Neuem preisgibst. Du, o moderner Christ, der Du nur alle Sonntage der raschgelescnsten Messe beiwohnst, jährlich nur Ein Mal zur heiligen Beicht und Communion gehst, und Deine Barmherzigkeit nur in wohlthätigen Vereinen und zu milden Zwecken veranstalteten Vergnügungen öffentlich zur Schau trägst, erblicke in Pilatus das vollkommenste Ebenbild Deiner selbst! Dieser römische Landpfleger wusch sich die Hände und rief: „Ich bin unschuldig an diesem Blute!" Er erkannte die Hoheit und Würde, die Anmuth und Reinheit des Gottmenschen und ließ ihn doch zum Tode führen. Und Du, moderner Christ! erkennst nicht auch Du die Heiligkeit und Schönheit Deiner Religion, die Lieblichkeit Deines geopferten Erlösers und bleibst dennoch lau, also weder warm, noch kalt? In dieser Lauheit nun willst Du Jesum in Dir aufnehmen, welcher ein liebeglühendes Herz verlangt. Oberflächlich erforschest Du Dein Gewissen, welchem Du ein ganzes Jahr Schweigen auferlegt hast, kennst keine Neue über das Böse, keinen Vorsatz zum Guten, beichtest ungültig, überlieferst durch eine unwürdige Kommunion Deinen Herrn und Heiland von Neuem dem Kreuzestode, und, nachdem Du ihn gekreuzigt, schreibst Du an's Kreuz: „Dies ist der König der Wahrheit!", wie einst Pilatus geschrieben: „Dies ist der König der Juden!" Warum thust Du dies Alles? Wie Pilatus nicht mit dem römischen Kaiser und den Juden, möchtest du es nicht mit der Welt verderben. Darum handelst Du gegen Einsicht und Gewissen und glaubst, Deine Hände in Unschuld waschen zu können, wenn Du Deine Lauheit dem Dränge der Geschäfte, dem scheinbar Nachahmungswerthen Vorbilde sogenannter Ehrenmänner zuschreibst. Wasche, wasche nur zu! das schuldlos vergossene Blut bleibt an Deinen Fingern kleben, und die Flammen der Hölle werden es nicht austilgen können. Du genießest Jesum im heiligen Abendmahlc, welchem Joseph von Ari- mathäa und Nicodemus ein ehrliches und köstliches Grab bereiteten. Frage Dein Herz, ob es nicht schon oft eine Richtstätte, ein Grab für Verbrecher gewesen war, in welches Du den empfangenen Heiland legtest? Aus dem Grabe des Joseph ging Jesus verherrlicht zu neuem Leben hervor. Aus Deinem Herzen aber wird er entweichen, beschmutzt, entweiht vcrunehrt. Kurz vor seiner Himmelfahrt äußerte sich der göttliche Erlöser gegen seine Apostel und Jünger: „Ich bin alle Tage bei Euch bis an's Ende der Welt." Auch bei Dir, mein Christ, der Du ja auch sein Jünger und Nachfolger sein sollst, würde er alle Tage bleiben bis an's Ende Deines Lebens, wenn Du ihn nur würdig empfangen und bewahren wolltest. Dieser Jesus alio wird in der heiligen Kommunion empfangen. Wer aber sind die Empfangenden? Wenn du dies, mein Christ! aufrichtig erwägest, dann mußt Du an Dein Herz schlagen und ausrufen: „O mein Herr! Ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, sondern sprich nur Ein Wort, und meine Seele wird gesund." Der Gang der Volksbildung in unfern Tagen. Die Grundlagen der Volksbildung sind: die häusliche Erziehung, der Schulunterricht, die Religiouslehre im Vaterhause, in der Schule und in der Kirche, die Geschästslehre, der Verkehr mit der Welt oder mit den jeweiligen Umgebungen, das Bücherlesen, der Verkehr mit sich selbst. Die erste, die wichtigste, die entscheidendste Sorge für das hilflose Geschöpf, das einst Mensch im vollen Sinne des Wortes, das einst Staatsbürger werden soll, hat dev Allgütige in die Hand, in das Herz der Mutter gelegt. Die ersten zwei, drei, vier Jahre des Kindes sind fast ausschließlich der Mutter überlassen; die Eindrücke, die Gefühlsrichtungcn, die es da empfängt, sind in den meisten Fällen entscheidend für das ganze Leben. Unser Geistiges wird theilweise so sehr durch unser Körperliches bestimmt, daß wir später nur sehr schwer den Neigungen und Leidenschaften uns erwehren und entringen können, die wir, so zu sagen, mit der Muttermilch eingesogen haben. Tritt nach und nach entscheidender, etwa nach dem vierten Jahre, der Einfluß des Vaters hinzu, wenn er sich überhaupt um die Erziehung der kleinen Wesen bekümmert, so ist schon Vieles oder Alles gewonnen, Vieles oder Alles verloren. Wir setzen hier immer voraus, daß wenigstens einige Eintracht unter den Gatten herrsche, die Ehe eine ziemlich glückliche sei. Doch man kennt unsere Zeit! „Die Kinder sind stolz, hochfahrend, zornmüthig, neidisch, neugierig, eigennützig, träge, flatterhaft, furchtsam, unmäßig, lügnerisch, heuchlerisch, sie wollen nichts Uebles leiden, thunes aber gern Anderen," sagte einer der größten Men- 263 schenkenner im siebenzehnten Jahrhundert. Diese Fehler, deren Quelle in der körperlichen Trägheit, in dem Streben nach Bequemlichkeit, nach Ueberlegenheit und Herrschaft liegt, zu beseitigen, zu überwinden, an ihre Stelle die entgegengesetzten Tugenden einzupflanzen, kostet Thätigkeit und Kampf, und das ist vorzugsweise Aufgabe der häuslichen, vorzugsweise der väterlichen Erziehung. Hat nun die Mutter derlei Fehler einwurzeln, um sich greifen, erstarken lassen, so wird das Bemühen des Vaters, ihnen entgegen zn wirken, wenn nicht gute Anlagen vorhanden sind, ein äußerst schwieriges sein. Wir reden hier vom Volke, vom Nährstande. Wir reden von der Kindheit des Knechtes, des Ackerbauers, des Häuslers, des einfachen Grundbesitzers auf dem Lande; des Taglvhners, des Dieners, des Arbeiters, des Handwerkers, des Schreibers, des Unterlehrers in der Stadt. Das Kind hat nun das schulpflichtige Alter erreicht. Dieses fällt bald nach Umständen, bald nach dem Willen der Eltern zwischen das sechste und siebente Jahr seines Lebens. Der Eintritt in die Schule ist ein kleines Vorbild seines Eintrittes in die Welt. Der Kreis seiner Umgebungen, seiner neuen Bekannten und Lehrgenossen ist ein weit größerer als der seiner bisherigen Spielgefährten, da sind reifere und minder reife, lustigere und stillere. Seine Vorgesetzten sind ihm neu und fremd, sie haben nicht den Ton des Vaterhauses, sie haben einen Ton, in den das Kind sich erst finden muß, wenn es sich nur hineinfinden kann, was jedoch in der Regel bald geschieht. Allein mit welcher Vorbereitung tritt das Kind in die Schule? was ist geschehen, um es auf seiner Huth zu erhalten vor bösen Gesellen? denn es ist so unmöglich als unklug, dasselbe immer am Gängelbande führen zu wollen. Was geschieht, um seine sittlichen wie seine geistigen Fortschritte wahrzunehmen, wir wollen nicht sagen, zu überwachen? Wenn hier nicht die häusliche Erziehung immer Hand in Hand mit dem Schulunterrichte geht, so wird der letztere, in der Regel, nur geringe Früchte tragen. Es hat im Volke achtungswürdige Mütter gegeben, und es gibt deren gewiß noch viele, welche in dieser Beziehung höchst Ersprießliches leisten. Nun aber auch zur Schattenseite. Es gibt leider! jederzeit Eltern, welche, der eine Theil oder der andere, oder auch beide, die Kinder als eine Last betrachten, und sie nähren, weil es eben sein muß, ohne weder um ihre gegenwärtige, noch um ihre künftige Ausbildung sich zu bekümmern; Eltern, die von den Anstalten zum Unterrichte der Jugend, und von den Männern, die an denselben sich verwenden, mit Geringschätzung und noch schlimmer sprechen: wie läßt sich erwarten, daß Kinder solcher Väter und Mütter gehörig vorbereitet seien zum Eintritt in eine Schule, daß sie von dem Besuche derselben den entsprechenden Vortheil ziehen. Aber so wunderbar sind die Wege der Vorsehung, daß auch Söhne solcher Eltern bisweilen und ausnahmsweise vortrefflich gediehen sind. Bewundern wir die Gnade des Allgütigen, welche mitwirkt, sobald der Mensch will. Die Dauer des Schulbesuches ist fünf, sechs, sieben Jahre; bald unterbrochen, bald ununterbrochin; der Erfolg ist bedingt durch Talent, Fleiß und häusliche Forderung, entweder sehr gut, gut, mittelmäßig, schwach oder schlecht, das heißt unter Null; Mancher bringt sogar noch Uebleres heim, als er hineingebracht hat, was dann ungerechter Welse der Schule zur Last gelegt wird. Die Jahre des Schulbesuches sind vorüber. Der austretende Schüler, die austretende Schülerin soll lesen, schreiben, rechnen können, und das Wesentlichste der Religionslehre wissen. Zur Erhaltung nnd Befestigung dieses Wissens sind Wicderholungsschulen eingeführt. (Schluß folgt.) 264 Die sterbende Nonne. * Als eine Nonne, welche wie eine Heilige gelebt hatte, auf dem Sterbebette lag, ward sie von einer frommen Mitschwester gefragt, welche wohl die drei schönsten Stunden ihres Lebens gewesen wären. Die erste — erwiderte sie — war jene, in welcher ich das erste Mal das hochheilige Altarsacrament empfing. Ich fühlte innerlich, wie mein Jesus sich mit mir vereinigte. Denn ich besaß damals ein reines schuldloses Herz, wie niemehr in meinem späteren Leben. Die zweite glücklichste Stunde war jene, in welcher ich das Gelübde des ewigen Gehorsams ablegte. Da wußte ich, daß ich mich nun ganz und unge- theilt meinem Jesus scheuten mußte, wie sich Jesus schon so oft ganz und ungeteilt mir geschenkt hatte im heiligen Abendmahle. Ich begriff, daß mein Leben von diesem Augenblicke an ein ununterbrochenes Streben sein müsse nach steter, immer fester werdender Vereinigung mit Jesu. Ob die dritte, wichtigste Stunde meines Lebens auch die schönste desselben bilden werde, weiß Gott allein, der Allbarmherzige. Es ist die Stunde meines Todes, deren Herannahen ich fühle, und ich hoffe und vertraue auf die Gnade meines Gottes, daß sie die Stunde sein werde ewiger und innigster Vereinigung mit Jesu. Zwei Jungfrauen. Als man die heil. Euphrasia in ein Haus der Sünde bringen ließ, auf daß sie dort durch Gewalt verlöre die jungfräuliche Keuschheit, folgte ihr ein frecher Soldat, die Gelegenheit zu nützen. Die Jungfrau war klug; sie hatte ein Fläschchcu voll Oel bei sich und sagte zu dem Soldaten also: Mit der Bedingung, daß du von deinem Vorhaben abstehest, will ich dir ein gewisses Oel geben; wenn du damit bestrichcn in's Feld ziehst, wirst du von den Feinden nicht verwundet werden können. Und willst du vich von der Kraft des Oels überzeugen, so sieh meinen Hals, damit bestrichen, mache den Versuch mit deinem Schwerte und zwar mit aller Gewalt. Der Soldat that es und entlud einen Streich, so gewaltig er konnte. Das Haupt der Heiligen sprang vorn Rumpfe, der Leib fiel enseelt zu'Boden, doch die jungfräuliche Reinheit blieb aufrecht stehen und unversehrt. Das war die Jungfran Euphrasia von Antiochia. * Aehnlich ist die Geschichte der heil. Digua von Aquiläa. Nachdem Attila, der König der Hunnen, sich diese Stadt unterworfen, wurde die Heilige als Beute einem Anführer zu Theil, der sie des theuersten Kleinodes berauben wollte, das sie als solches Christo geweiht hatte. Jener befand sich mit den Seinigen in einem Thurm, welcher am Flusse Natizon lag; zur Sünde von ihrem Gebieter aufgefordert, ersuchte sie ihn — ohne zu thun, als wenn sie in sein Begehren nicht einwilligen wollte, er möchte mit ihr die höchste Stelle des Thurmes, als den einsamsten Ort, besteigen. Sie gehen hinauf, und sobald sich dort Digna steht, da spricht sie zu dem Barbaren sich wendend, der ihr nachkam: Wenn du mich besitzen willst, so folge mir nach! und mit diesen Worten stürzte sie sich in die brausenden Fluthen, wo sie ihre Keuschheit mit dem Tode rettete. O ihr heiligen Jungfrauen! ihr seid würdig, daß man eurem Muthe zwei ewige Denkmale im Tempel der Tugend errichte! Beide seid ihr noch reiner aus der Gefahr für eure Reinheit hervorgegangen — die eine durch Blut, die andere durch Wasser! Redaction uu» Dcrlug: Or. M. Huttlcr. — Druck vou I. M. Äleinle.