AiizMgtt SmtlllMtt. L4. 19. August 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Nugsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Missionen in Brasilien. (Fortsetzung.) Vl. Brief des 1>. Kellner. Picada da Sän Jose, im October 1858. Wenn ich nicht auf Missionsreisen bin, wohne ich hier bei I>. Sedlak in dem stillen Häuschen, wohin weder weltliches Getümmel, noch weltliche Nachrichten dringen. Und wir bedürfen deren auch nicht, da wir ja den lieben Gott besitzen, der uns in brüderlicher Liebe vereint erhält und desto mehr himmlischen Trost uns ertheilt, je weniger wir menschlichen verkosten. Auch Bruder Ruhkamp sollte uns beigesellt werden, hatte aber noch auf den Stationen des k. Lipinski einige Arbeiten zu vollenden, die der andere dort wohnende Bruder, Anton Sonntag, nicht allein vollbringen konnte. Vor Kurzem besuchte uns der Obere der ganzen Mission, ?. Sato von Montevideo und hinterließ uns sehr heilsame Vorschriften, um in verschiedenen eventuellen Lagen so genau wie möglich unsere heil. Regeln beobachten zu können, wofür wir ihm zu innigem Danke verpflichtet sind. Unlängst traf ich auf meiner Missionsreise viele französische Familien aus dem Canton Freiburg in der Schweiz, welche die heil. Sacramente zu empfangen wünschten. Wie freute ich mich, als sie mit sichtbarer Rührung von den Patres sprachen, die sie in der Schweiz gekannt, und von denen sie geistliche Hilfe empfangen hatten. Bald werde ich sie wieder besuchen. Westphalen habe ich hiernach nicht angetroffen, ausgenommen einen Arzt aus Billerbcck, dessen Frau aus Münster ist. Er besuchte uns auf unserer Durchreise in Porto Alegre, wo er wohnt. Die dortigen Patres rühmten ihn uns als einen geschickten Arzt und beide als sehr eifrige Katholiken. Trotz der weiten Entfernung ist dieser Herr unser nächster Arzt. Wir wären daher übel berathen, wenn wir nicht den lieben Gott und die heil. Engel zu Beschützern unserer Gesundheit hätten. Unter so liebreicher Obhut aber wurden wir diese vier Monate im besten Wohlsein erhalten. Ich befinde mich frischer und stärker, als in Europa. Die gefürchtete Hitze habe ich bisher nicht verspürt, wohl aber litt ich im Juni, Juli und August von der Kälte, namentlich auf der Seefahrt von Rio-Janeiro hierher und hier in den naßkalten Regennächten besagter drei Monate. Es kam mir bisher selten wärmer vor, als zu Münster im Monat Mai. tleberhaupt scheint es auf dieser südlichen Hemisphäre kälter zu sein, als auf der nördlichen. Die Missionaire, die etwa um das Cap Horn nach Chile segeln, sollen sich gut mit warmen Kleidern versehen, denn wie ich von V. Sato hörte, ist es da zum Erfrieren kalt. Hier im Urwalde wird die Luft jeden Tag regelmäßig zwischen 1 und 2 Uhr Nachmittags durch einen angenehmen Wind gekühlt, so daß es selbst in den heißesten Sommermonaten, December und Januar, von 3 Uhr an erträglich wird. Von 10 bis 3 Uhr flüchtet sich um jene Zeit Alles in den Schatten der Wohnungen, die von Palmen, Orangen und andern tropischen Bäumen umgeben sind. Auch die lebendigste Phantasie wird befriedigt beim Anblick der wirklich fabelhaften prächtigen Pflanzenwelt und der in dem schönsten buntfarbigen Federschmuck prangenden Vogelschwärme, die leider nicht, wie die europäischen, durch melodischen Gesang erfreuen, sondern nur durch ihr Geschrei und unarticulirtes Gezwitscher des Reiters Unmuth reizen. Dazu helfen noch die schreienden schwatz- s haften Papageien und die geschwänzten Waldbewohner, das listige, diebische Volk- lein, die vielartigen Affen. Die Thiere sind nicht so bösartig, als man es nach ^ der geographischen Lage des Landes erwarten sollte. Es gibt zwar Schlangen in Unzahl, sehr giftige, worunter besonders die ganz kleine Corallenschlange, die ^ 7 Fuß lange und armsdicke Schararak, ein boshaftes Thier, dessen Biß selten ! Rettung zuläßt, auch andere Arten, die 10 bis 16 Fuß lang sind: aber doch ! selten greifen sie den Menschen an, wenn man nicht unversehens auf sie tritt, ja alle fliehen vor ihm. Unsere Deutschen sind gegen sie in unversöhnlichem Kampfe, den sie mit Kühnheit und Gewandtheit führen, selbst Kinder und Frauen; ^ die Schlange wird entweder erschossen oder erschlagen. Gefährlicher sind die Spinnen, deren Biß tödtlich ist. Hätte ich eine gute praktische Naturgeschichte, so könnte ich manche nützliche Beobachtung machen, wohl auch einige Sammlungen anlegen. Ein seltsames Natur-Phänomen waren mir die heftigen Orkane, welche Gewittern vorangehen, so wie die mit starken Regengüssen verbundenen Gewitter selbst. Dabei zucken schreckliche Blitze und fortwährender Donner kracht und rollt, als müßte er die ganze Linie zwischen den zwei Polen durchlaufen. Dies Schauspiel dauert eine ganze Nacht, nicht selten den ganzen Tag, sogar zwei oder , drei Tage, so daß mir beim ersten Male etwas bange wurde und ich den Ausbruch eines Erdbebens erwartete, was aber, wie ich höre, in Brasilien völlig unbekannt ist. Die Provinz Rio Grande do Sul, in der unsere deutschen Picaden liegen, > gehört wohl zu den besten des großen brasilianischen Kaiserreiches und das verdankt sie gerade diesen Colonien, wo reges Leben und mit Ordnung geleitete Betriebsamkeit herrscht. Von hier aus wird sich wahrscheinlich die Cultur über die westlichen Provinzen und noch weiter verbreiten, falls nicht Anarchie den Plan vereitelt. Es ist nämlich unleugbar: nur der schmale Küstenstrich am atlantischen Meer ist cultivirt, der größte Theil des Innern von Brasilien ist noch so gut wie unbekannt und unangebaut. Größtentheils sind es Hypothesen und Phantasien, was man in Büchern europäischer Gelehrten weitläufig über Boden, Beschaffenheit und Produete des innern westlichen Brasiliens liest: denn vielleicht hat es bis jetzt Niemand vollständig bereist, am allerwenigsten jene europäischen Touristen, die sich wohl hüten, auf Maulthieren Monate lang in Sümpfen und Wäldern das Innere zu besichtigen, sondern gemächlich in den Seestädten sitzen bleiben, und ihre Feder irgend einer Partei verkaufen, von wo 1 aus ihnen dann der Bericht für das Publicum in Europa vordictirt wird. — Dreißig bis vierzig Stunden von uns entfernt im südwestlichen Theile dieser Provinz, genannt das Gebiet der A 1>88068 (Missionen), liegen die ehemaligen Reductionen, wo die Vater unserer Gesellschaft bekehrte Indianer zu Gemeinden versammelten, und noch bestehen die von ihnen angelegten Flecken: St. Borgia, St. Maria, St. Stanislaus, St. Gabriel; die schönsten Kirchen jedoch sind verfallen und die großen Glocken liegen im hohen Grase der Campos. Dieser ehemals wirklich heilige Boden, an dem für uns so theure Erinnerungen haften, wird jetzt von großen Viehheerden abgeweidet und zertreten. Aber auch diesen Gegenden scheint Gottes Barmherzigkeit wieder nahe zu sein. An den Gränzen von Paraguay, etwa 90 Stunden von hier, wohnen Indianer (Bukrer). Einer ihrer Caziken hat vor nicht langer Zeit sich an den Präsidenten der Provinz und an den Minister gewendet, mit der Bitte, ihm doch Missionaire zu schicken, und versicherte: er kenne noch einen andern Häuptling, der über 5000 Indianer herrscht, der ebenfalls gesonnen sei, Christ zu werden. Auf den Wunsch des Präsidenten ist nun einer unserer Pater unlängst hingereist, um die Stimmung und Verhältnisse der dortigen Indianer-Stämme zu untersuchen. Gott gebe, daß sich zu deren Bekehrung Alles günstig gestalte! Vielleicht würde dann mir Unwürdigen noch die Gnade zu Theil, Mitarbeiter dieses schönen Werkes zu werden. Indeß bin ich so zufrieden mit der mir angewiesenen Mission, daß, sollte ich nach meinem Tode wieder auf die Erde kommen und wäre mir die Wahl gelassen, ich abermals bitten würde, wieder nach Brasilien geschickt zu werden. Sagen Sie das doch meinen lieben Mitbrüdern in Deutschland, und fügen Sie bei, daß ich, obwohl nahe dem südlichen Eismeer, auf der westlichen Hemisphäre im dichten Urwald manchmal in meinen Gedanken nach Nordost mich wende, um mich in Ihre Mitte zu versetzen; vorzüglich aber bitten Sie alle um Gebet für mich, deun ich bedarf dessen. M. Kellner, 8. 1. VI!. Brief des Klüber. Picada dos dous Jrmaos, 30. November 1858. Am Feste des heil. Michael, unseres Kirchenpatrones, empfingen -10 Kinder, deren Unterricht ich gleich nach meiner Ankunft begonnen hatte, zum ersten Male die heil. Cominunion. Tages darauf traf unerwartet der hochw. k. Superior Jose Sato hier ein, für uns alle eine große Freude. Aber am selben Tage stellten sich auch drei Männer ein, um mich zu der für die vier deutschen Gemeinden Buckerberg, Wallachei, Theewald und Jammerthal bestimmten Mission abzuholen. So hatte ich den Trost und den Schmerz einer sehr kurzen Unterhaltung mit dem liebreichen Pater. — Es ging somit fort trotz dem Rcgenwetter aus den für die Pferde schlüpfrigen Wegen, vie steilen Berge hinauf und hinunter durch Thäler und Flüsse, hin zum ersten derartigen Missionsversuche unter den Deutschen in diesen brasilianischen Urwäldern. Ich ritt zwar mit Vertrauen auf Gott, aber auch mit Besorgniß, weil ich so viel Schlimmes von jenem leichtsinnigen Völklein vernommen, von denen Viele Jahr aus Jahr ein in keine Kirche, sondern an Sonntagen lieber auf die Jagd gingen, Viele von Unglauben angesteckt waren, so zwar, daß ? Lipinski diesen Versuch der Gnade schon zum Voraus, wenn nicht durch Worte, so doch durch Miene, als einen mißlingenden zu weissagen schien. Wir erklommen den steilen hohen Buckerberg, Berg der Wilden, weil da vor der Ankunft der Deutschen die Indianer noch hausten. Als wir die Mitte des Berges erreicht, sahen wir vor uns auf einer kleinen mit ungebrannten Baumstämmen übersäeten grünen Ebene eine artige Capelle liegen, welche die Deutschen erbaut und dem heil. Franz Taver, dem Patrone aller Missionaire, geweiht hatten. Ich stieg sogleich vom Pferde ab, um der unbefleckten Jungfrau und dem heil. Taverius mich und diesen Ansang der Missionen wie ihren Fortgang zu empfehlen mit dem sichern Vertrauen, nicht unerhört zu bleiben. Der Mann, welcher die Capelle besorgt, Nikolaus Müßniß mit Namen, den ich im Verlauf der Mission als eine sehr edle, zum Wohle dieser Gegend von Gott auserwählte Seele kennen lernte, hieß mich in seiner naheliegenden, einstöckigen, bescheidenen, aber anständigen Colonistenwohnung ein Kämmerlein beziehen. Es waren noch manche Vorbereitungen für die Mission zu treffen, ein kleiner Tabernakel zur Aufbewahrung des hochwürdigsten Gutes, eine tragbare Kanzel und Anderes zu fabriciren. Am Sonntag Morgen, gerade an demselben Rosen- kranzseste, an dem ich vor zwei Jahren mein Verlangen nach den überseeischen Missionen meinen Obern vorgelegt hatte, geschah die Eröffnung. Die Leute stellten sich ziemlich ein, aber bei Weitem nicht so zahlreich, wie man erwartet hatte; dazu Manche mit dem zum Voraus ausgesprochenen Entschlüsse, die heil. Mission nicht mitzumachen, weil es die weite Entfernung und ihre Arbeiten durchaus nicht gestatteten. Aber die Gnade des allbarmherzigen Gottes wirkte schon durch die zwei Predigten des ersten Tages und auf das viele Gebet, das man von da an überall verrichtet hat, so daß es aller Orten zu Haus bei Jung und Alt hieß: „Nein, es mag gehen, wie es will, es mag Alles liegen und stehen bleiben, ich bleibe keinen Tag zu Haus." Und wenn es einen Streit gab, so war es nur der, wer das Haus hüten müsse. Wiewohl es noch am selben Abend, die ganze Nacht hindurch und noch den ganzen Morgen bis zur Predigt in furchtbaren Güssen regnete, so daß ich, wie alle Andern, säst glaubte, es werde Niemand über die gefährlichen Uios (Flüsse) aus der Wallachei, oder dem Jammerthale, oder dem Theewald kommen, da Alle Stunden lang halsbrecherische Wege zu reiten haben; so waren sie doch beinahe Alle da, jedenfalls weit zahlreicher, als am Sonntage. Gegen die Wenigen aber, die noch ausgeblieben, übten mehrere Männer aus eigenem Antrieb ein heilsames Apostolat, indem sie nach allen Richtungen durch die Picaden bei ihren bekannten oder verwandten Mitcolonisten herumritten, die Saumseligen zur Theilnahme an der heil. Mission aufzurufen, mit der Drohung, im Weigerungsfälle alle freundschaftlichen Verhältnisse mit ihnen abzubrechen, da sie sich ihrer als katholischer Landsleute ja nur schämen müßten. Andere Männer aus dem Theewald. meistens Moselaner, brachten Werkzeuge mit, nur auf der Heimkehr sich einen kürzeren Weg über die Berge durch den Urwald zu hauen. "— Aber nach der Misston, bei einem Ausflug in den Theewald, habe ich es in eigener Person gefühlt, was das für ein entsetzlicher Weg war, den die Männer so wie die Frauen mit ihren Kindern täglich erklommen. Denn von der einmaligen Tour mußte ich mehrere Tage ausruhen, und an der abschüssigen Stelle, wo das Pferd und der abgestiegene Reiter nur Hinabrutschen können, wäre ich auf der Rückreise beinahe um's Leben gekommen, wenn mich Maria nicht beschützt. Als ich die Höhe erstiegen, sank ich ohnmächtig zu Boden. Was erst müssen diese guten Leute ausgestanden haben? Aber es scheint, sie haben in ihren Weinbergen an der Mosel das Bergklettern gut gelernt. Es würde zu lang, wenn ich beschreiben wollte, mit welch begeistertem und standhaftem Eifer alle Tage schon am frühen Morgen trotz Regen, trotz der schwierigen weiten Wegen über die Berge, durch Flüsse und Wälder alle daher geritten kamen, die kleinen Knaben und Mädchen, wie die alten Männer und Frauen, Greise, die sonst wohl kaum ihren Fuß über die Hausschwelle setzen mochten, und die Mütter mit ihren Kindern aus dem Arm zu Pferde. Und gerade Jene, die seit Jahren an Sonntagen anstatt zur heil. Messe in die Kirche zu reiten, auf die Jagd durch Berg und Wald, oder sonst zu einer unterhaltenden Beschäftigung gegangen waren, zeigten sich am eifrigsten und entschiedensten. Und wie zahlreich die Fremden sich einfanden, so freigebig und gastfreundlich benahmen sich gegen dieselben die Buckerberger Colonisten, indem sie dieselben unentgeltlich bewirtheten und die wegen Beicht oder aus anderen Gründen zurückblicken, auch beherbergten, so daß meist Jeder der umherwohnenden Colonisten gewöhnlich 20, 30, selbst 40 Gäste an seinem Tisch zu bewirthen hatte. Schon am zweiten Sonntage kamen sie im wahren Büßgänge zu Fuß aus den verschiedenen Picaden in drei schönen andächtigen Pocessionen zur Taverius-Capelle. Der Missionair ging von da aus mit einer jedes Mal durch die neu Angekom- 269 menen verstärkten Procession zum Empfang und Segen entgegen. Ein wahrhaft rührendes Schauspiel in diesem fremden Lande, die Einen von den Höhen der Berge durch die Wälder herab-, die Andern über den Fluß aus den Thälern heraufsteigen, das Kreuz und die Fahne voran wallen zu sehen, und sie so aus Herzensgrund mit ihren hellen deutschen Stimmen ihre frommen Lieder singen oder so eifrig beten zu hören, daß Berge und Thäler das Echo andächtig wieder- hallten. Wahrlich, sagte ich mir, Jesus ist eifersüchtig darauf, den Armen vor Allen das Evangelium zu verkünden und der liebe Gott wird reichliche Gnaden über so gute Seelen ausziehen. Bis auf Einen, der das Heilmittel von sich wies, legten Alle ihre Beicht ab und mit welcher Zerknirschung, aber auch mit welchem Troste nachher! so daß sie, wie man mir mehrmals hinterbracht hat, vor übergroßer Freude nur zu aufrichtig einander gestanden: „Ohne diese Beicht, ohne diese heil. Mission war ich ewig verloren." Die Einen meinten: jetzt komme ihnen die ganze Natur ganz anders — freudig — vor; die Berge, Thäler und Plantagen lachten sie nur so an; Andere, die vorher entschlossen waren, ganz von hier fortzuziehen, änderten ihren Entschluß. Rührend war es auch, Ehemänner zu sehen, wie sie von weither ihre kranken Frauen, die vor Schwäche nicht reiten konnten, an der Hand herzuführten und über die steilen Berge oder Flüsse trugen, damit doch auch sie dieser großen Gnade theilhaft würden. Da die Mislion mehrere Wochen dauerte, gingen ungefähr Alle noch zum zweiten und dritten Male zur heil. Beicht und mit musterhafter Andacht zur heil. Kommunion. Ueber den jungen Mann, der von der Beicht zurückgeblieben, indem er nach dem Unterrichte darüber frech gesagt, so könne d. h. giltig wolle er nicht beichten, und deßhalb unter dem Vorwande, einem Freunde beim Waldhanen helfen zu müssen, an den Rio Taquarh fortgezogen war, über ihn ließ der Herr ein anderes Gericht ergehen: da er beim Niederstürzen eines gefällten Baumes, von einem winzigen Aestchen im Nacken getroffen, augenblicklich todt niedersank. — Die Bekehrungen waren entschieden. Ueberall versöhnten sich Alle unter vielen Thränen, auch jene, welche durch alte eingewurzelte Feindschaften getrennt waren. Von einer jeden Familie wäre manches Interessante zu erzählen, was unter den Mitgliedern derselben oder zwischen Nachbarn vorgefallen und jedes christliche Gemüth erbauen würde. Mehrere gingen in ihrem besonderen Eifer weinend sogar zu ihren protestantischen Nachbarn, baten um Verzeihung oder boten ihnen Versöhnung an; was diesen natürlich unerhört und ganz unbegreiflich vorkam. Andere schrieben Briefe oder unternahmen weite Ritte, um mit ihren Feinden wieder Ein Herz zu werden. Als eine wackere katholische Frau, die ungeachtet ihrer kleinen Kinder und des furchtbaren Weges keine Predigt versäumt hatte, eines Tages wieder nach Hause kam, mußte sie alsbald Geschäfte halber zu einer protestantischen Familie. Sie fand die Stube voll protestantischer Weiber; sie stellten natürlich manche neugierige Frage. Da fing sie ihnen so von den gehörten Wahrheiten zu wiederholen und zu predigen an, daß im ganzen Zimmer Nichts als Weinen und Schluchzen gehört ward. Und überhaupt mußten die Protestanten, zu denen der Ruf drang, denn nur Wenige wohnten bei, nicht ohne einen gewissen Neid das große Glück der Katholiken offen eingestehen, daß sie verwundert sagten: „O welch ein himmelweiter Unterschied zwischen eurem Glauben und dem unsrigen! Wir haben gar nichts. O daß auch unsere Prediger uns ein ähnliches Glück verschafften!" (Fortsetzung folgt.) 270 Der Gang der Volksbildung in unsern Tagen. (Schluß.) Nun tritt die Zeit der Geschäftsbildung ein. Der ganz Arme wird au dem Lande Knecht, der Vernachlässigte in der Stadt Taglöhner, der Verwendbare wird Lehrjunge in irgend einem Handwerke, der Federfertige, der sich etwas mehr zu sein dünkt, sucht Schreibcrsdienste u. s. w. Diese Uebergangsjahre, vom zwölften oder vierzehnten bis zum zwanzigsten des Menschenlebens, sind die entscheidendsten und die gefährlichsten für die Volksbildung. Die sprudelnde Jugendkraft, die Empfänglichkeit für alles Neue, Schöne, Große, die Unerfahrenheit, selbst das mißverstandene Gefühl für Edelmuth und Opfer- willigkeit sind eben so viele Klippen für tiefer und zarter fühlende Gemüther, deren es im Nährstande auch gibt; als andererseits Stärke und Roheit zu gemeinen Leidenschaften hinreißen. Ausgebreiteter wird des jungen Mannes Verkehr mit der Welt. Ausländer bringen großsprechend in seiner Gegenwart Weisheit zu Markte, und jedes Wort, jede neue Anschauungsweise prägt tief sich ein in das jugendliche, in das nur zu empfängliche Gemüth. Ein fester Schild, ein eherner Schild gegen jede Gefahr ist unstreitig in dieser Uebergangszeit die Religion, die Religion, von der ein höchst ehrwürdiger und Weiser Zeitgenosse*) in einer so Wahrheit- als würdevollen Rede sagte: „Sie ist das Wiederanknüpfen des Diesseits an das Jenseits, des sterblichen Menschen an den ewigen, unsichtbaren, außer- und überweltlichen, dreipersönli- chen Gott, keine bloß zufällige Erfindung, keine willkürliche Einrichtung, mit der sich die Welt je nach Laune oder wechselnder Mode beschäftigen, oder deren sich Jever, der es wollte, auch ganz einschlagen, oder von der man möglicher Weise gar keine Kenntniß nehmen könnte. Nein! die Religion beruht auf den dringendsten und allgemeinsten Bedürfnissen der Menschennatur; sie hat ihren nothwendigen. unverlierbaren Platz im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft." Religion ist Anbetung, Glaube, Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Gehorsam. Sie ist nach allem Diesem mehr Sache des Herzens, als des Verstandes. Wer wollte auch sich anmaßen die Geheimnisse des Herrn, des ewig Unerforschlichen mit seinem Verstände zu ergründen! Die Keime religiösen Gefühles in das Herz des Kindes zu legen, ist unstreitig die heilige Pflicht einer guten Mutter, die auch alle Ursache hat es zu thun, an jedem Morgen, an jedem Abend, in Leiden wie in Freuden. Sie zu befestigen mit ernsten, frommen Worten, mit Berufung auf die Erfahrungen seines Lebens ist eine leicht zu erfüllende Pflicht des Vaters; denn wer hätte nicht, wenn er es nur will, das Walten der Gnade Gottes in seinem Leben bei irgend einem Anlasse, ja bei vielen Anlässen wahrgenommen? Tritt nun ein Jüngling also vorbereitet in das Leben, so ist er so ziemlich gerüstet gegen die Gefahren, die seiner Denkungswcise und seiner Sittlichkeit nachtheilig werden könnten. Junge Leute, eben in diesem Uebergangsalter, wenn sie einige Fertigkeit im Lesen haben, ergeben sich sehr gern dem Lesen von — Unterhaltungsbüchern. Wir können sie nicht anders als Unterhaltungsbücher nennen, weil es gewöhnlich nur solche sind. Für den ersten Anblick scheint die Sache ganz unschuldig, ja sogar empfehlenswürdig, denn die Schriften werden gewöhnlich unter der Bezeichnung: „classische Werke" angepriesen. Allein was ist die Frucht, welches ist der Nutzen solchen Bücherlesens? Die meisten dieser Werke sind von Verfassern, deren Denkungsart und Anschauungsweise mit der uns anerzogenen im Wider- *) Dr. Joh. Kutschker, Rector-Magnificus der Wiener Hochschule. spräche steht; ihr Styl ist einnehmend, bestechend, er führt uns irre; die Bilder und Schilderungen, die uns vorgeführt werden, sind blendend; sie erscheinen wahr, aber sie sind es nicht; Tugenden und Laster werden auf die Spitze gestellt, und wir verlieren den richtigen Maßstab für das wirkliche Leben. Welchen Nutzen gewährt also solch ein Lesen? Durchaus keinen. Noch ist aber zu erwähnen, was von dem genossenen Unterrichte verloren gegangen, was verderbt worden ist. Wie viele von tausend Kindern, welche die Schule besucht haben, können noch lesen, noch schreiben? rechnen können sie wohl, in so fern es das Nothdürftigste betrifft; aber um auf das Wesentlichste zu kommen, welche Begriffe sind ihnen geblieben von Sittlichkeit und Religion nach dem Verkehre mit einer Welt, die in dieser Beziehung so Vieles wünschen läßt? Doch nun zum letzten Puncte, znm Verkehr mit sich selbst. Wenn der junge Mann, der eine früher, der andere später, der Schule entwachsen ist, wenn kein Lehrer, kein Lehrherr, kein Vormund mehr über seine Handlungen zu gebieten, eine unwiderstehliche Einwirkung auf dieselben zu üben hat, da tritt ein Gefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung, wie man es gern nennt, ein; und in diesem Zeitpuncte ist der Verkehr mit sich selbst, das Nachdenken über Das, was man ist rind was man geleistet hat, so für sich wie für Andere, von der größten Wichtigkeit, wird aber, wie aus dem bisher Gesagten sich ergibt, in der Regel gänzlich vernachlässigt. Ein alter Spruch sagt: „Was du auch 'thun magst, das thue mit Vorsicht und bedenke das Ende." Das Christenthum ermähnt uns, unser Gewissen täglich zu erforschen. Die gewöhnliche Lebensklugheit gebietet uns, aus dem, was wir gethan, was wir erfahren, Lehren für die Zukunft zu schöpfen. Ein kluger Vater, ein guter Vater wird seine Kinder zeitig anhalten bei Allem, auch dem Unbedeutendsten, was sie thun, zu denken; denn es gibt Nichts, wie unscheinbar es auch sein möge, das, unbesonnen gethan, nicht von nachtheiligen Folgen sein kann. Dieser Verkehr mit sich selbst, richtig geleitet, ist auch der wirksamste Weg zu einer ersprießlichen Volksbildung. Das weinende Kind. * Charfreitag war es, der Todestag unseres göttlichen Heilandes, und ein Kind vergoß in einer Kirche am heiligen Grabe des Gottmenschen die bittersten Zähren. Ein frommer Priester trat hinzu, und fragte dasselbe: „Warum weinst Du so, meine Kleine!?" „Ach!" — versetzte das Mädchen —- „Wenn ich bedenke, was mein Heiland für mich gelitten hat, soll ich da nicht in Thränen ausbrechen?" „Weine nicht über den göttlichen Mittler, sondern über Dich!" — ent- gegnete der Priester — „denn siehe! schon über achtzehnhundert Jahre ist der Menschensohn am Kreuze gestorben, und nicht nur an seinem Todestage, sondern alle Tage fließen die Thränen der Gerechten und Büßer vor seinem Grabe, seines Opfertodes willen. Du aber bist vielleicht noch kein Jahr todt, und dennoch fließt keine Thräne deinetwillen. Darum weine über Dich und nicht über Christus! Der Heiland und Erlöser bedarf keiner Thräne, denn er ist nach seinem Opfertode eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters. Weißt Du, ob auch Du nach deinem Tode die Freuden der Seligen genießen wirst? Darum weine über Dich und nicht über Christus! Weine, da es noch Zeit ist! Wenn die Ewigkeit für Dich naht, dann ist es zu spät." 272 I." e. lW ML I. Kloster und Fabrik. (Die Congregatio n der Schwestern vom hl. Kreuz.) Mehrere Blätter brachten unlängst die Nachricht, die gräflich v. Waldstein'sche Tuchfabrik in Oberleutensdorf sei dem Capuziuerorden käuflich überlassen worden, welcher dieselbe in ein Kloster umzuwandeln gedenkt. Diese Notiz ist nicht ganz richtig. Genannte Fabrik, welche sonst in Händen von Pächtern war, seit vielen Jahren aber nicht mehr in Betrieb ist, wurde allerdings und zwar um den Preis von 100,000 st. verkauft, jedoch nicht an den Capuzinerorden behufs der Umwandlung in ein Kloster, sondern an die Congregation der Schwestern vom h. Kreuze, welche diese durch ihre Erzeugnisse einst berühmte Fabrik in kurzer Zeit wieder in Betrieb setzen, mit diesem Betriebe aber erziehliche und andere wohlthätige Zwecke verbinden wird. Diese Congregation wurde erst in der Neuzeit von einem Priester des Capuzinerordens, dem hochw. Hrn. U Theodosius, derzeitigen Su- perior dieser religiösen Gesellschaft, zu Chur in der Schweiz gegründet, wo sich auch noch jetzt das Mutterhaus derselben befindet. Die in diesen Verein eintretenden Damen, meist Töchter aus intelligenteren Familien, werden an denselben nicht für ihre ganze Lebenszeit gebunden, wie dies bei anderen Orden der Fall ist, sondern sie legen ihr Gelübde immer nur für drei Jahre ab; sie widmen sich neben ihren religiösen Standpspflichten nicht nur der Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend, sondern besorgen außerdem auch Krankenpflege, errichten Klcinkinderbewahranstalten, Waisenhäuser, haben in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland bereits über 70 Filiale gegründet, und sich durch ihre erfreulichen Erfolge allseitige Anerkennung erworben. Besonders segensreich wirkt diese Congregation dadurch, daß sie zur Erreichung ihrer humanen Zwecke auch die Industrie benützt; sie besitzt nämlich schon 2 Fabriken, welche sie selbst leitet — wobei sie die darin verwendeten Arbeiter an Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und wahrhaft christliches Leben gewöhnt, Waisen und andere arme oder moralisch verwahrlos'te Kinder der Umgegend aufnimmt, diese unterrichtet, erzieht und durch passende Arbeiten zu nützlichen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft heranzubilden sucht. Diese industriellen Unternehmungen haben sich bisher mit 20—25 Procent verzinset, da die Leitung wenig Auslagen verursacht, die Schwestern ein anspruchloses Leben führen, wie Familienglieder vereint sind, und zahlreiche Wohlthäter, theils durch prcismäßige Lieferung von Rohstoffen, theils durch bereitwillige Abnahme der Erzeugnisse den edlen Zweck solcher Etablissements zu fördern bemüht sind. Auch in Oesterreich wird dieser schöne Verein bald seine Thätigkeit entfalten. Schon trifft der hochw. Hr. Hfarrer P. F. Habel in Oberleutensdorf im Namen dieses Vereins die nöthigen Vorbereitungen, damit die daselbst angekaufte Tuchfabrik baldmöglichst in Betrieb komme; auch sind schon von mehreren hohen Gönnern Zusagen auf Lieferung von Wolle nnd Bestellungen auf Tuch erfolgt. Und so wird denn das freundliche Städtchen Oberleutensdorf für dessen Umgegend und das nahe Erzgebirge eine Zufluchtsstätte für arbeitslose Arme und verlassene Kinder werden. Außerdem ist diese Congregation auch mit mehreren Städten dieser Gegend, namentlich auch mit Dux, Komotau und Bilin, wegen Uebernahme der öffentlichen Mädchenschulen in Unterhandlung. Redaction un» Verlag: Dr. M. Huttlcr. —. Druck von Z. M. Kl einte.