As*. 36. 2. September 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post» Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr.» wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Misstonsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln.-) Brief des Hochw. k. Cuevas an ? Mendiat. Manilla, 20. October 1859. Hochw. Vater! Die Geschäfte gehen hier nicht so schnell, als Sie sich etwa denken mögen; wir sind noch nicht in Mindanao, und wissen auch nicht, wann wir uns dort werden ansiedeln können; jedoch ist eine Entdeckungs-Rundreise schon im Plane, welche nur wegen der schlechten Jahreszeit und der Nothwendigkeit meiner Gegenwart in Manilla bis zu Ende des Jahres verschoben worden ist. Wir hoffen sicher, diesen Ausflug machen zu können, und auch einen zur Errichtung einer Mission passenden Ort zu finden, um die zahlreichen Heiden, welche in den Bergen und längs der Küsten hernmirren, unter den Hort des Glaubens zu bringen. Die Briefe nach Mindanao müssen die Aufschrift „über Manilla" haben, weil diese Stadt der Centralpunct aller Curiere für den ganzen Archipel ist. Dieses Land ist sehr schön, und ohne Uebertreibung eines der reichsten im Orient; wenn die spanische Regierung es verstünde, sie recht zu verwalten, so könnte ihr diese Colonie nützlicher werden als Cuba. Der Cacao, Zucker, Kaffee, Indigo gedeihen da im Ueberflusse; jedoch die einträglichsten Producte sind der Tabak und der Abaca, eine Gattung Hanf, welche in großer Menge nach Europa und Amerika ausgeführt wird. In dem öffentlichen Schatze dieses Landes sind immer viele Millionen, welche nach Spanien gebracht werden, und wohl die Auslagen ersetzen, die seit drei Jahrhunderten zur Cultivirung dieser früher unfruchtbaren Insel gemacht wurden. Gott der Herr hat sicher das Vertrauen Philipp II- belohnen wollen, welcher, als ihm seine Rathgeber diese Inseln auszugeben riethen, weil sie keine Gold- und Silber-Minen enthalten, erwiderte: „Aber sie enthalten viele Seelen, welche man für den Himmel gewinnen kann." Jedoch ist es nicht wahr, daß diese Gegenden gänzlich dieser Art Reichthümer entbehren; denn wenn man auch keine kostbaren Minen entdeckt, so findet man doch sehr viel Waschgold im Sande der Bäche und Flüsse. Die Bevölkerung dieser unter spanischem Scepter stehenden Inseln übersteigt fünf Millionen. Die Mehrzahl sind Katholiken, und nur gegen Süden bei Mindanao und in den entlegensten Bergen des Nordens bei Leizon findet man Ungläubige. In dieser Insel, sowie in Jolo und Basilay und andern hängen die Küstenbewohner dem Mohamedanismus an, und sind daher, wie alle Anhänger des Korans, sehr schwer für das Evangelium zu gewinnen, während *) Bekanntlich reiS'ten vor einem Jahre aus Spanien eine Anzahl Missionare d. G. I. nach den Philippinen. die Ungläubigen hingegen Missionäre begehren, um unterrichtet und getauft zu werden; aber es sind nicht genug Arbeiter hier für einen so großen Weinberg. Die Pfarren werden durch 500 spanische Mönche aus den Orden des heiligen Dominicus, Franciscus und Augustinus besorgt; der Hochw. Hr. Erzbischof, sowie die drei Bischöfe, deren Hirtensorge dieser Archipel anvertraut ist, sind ebenfalls Spanier und auch aus diesen Orden. Es gibt sehr wenige Bewohner spanischer Abkunft, aber beinahe keine andere als europäische Priester; wohl gibt es indianische, aber dieser einheimische Klerus sowohl hier als in andern Gegenden ist für mich eine Utopie; er macht dem geistlichen Stande weder durch seinen Eifer noch durch seine Tugenden Ehre; ich glaube, daß man dem Lande eine große Wohlthat erwiese, wenn man diese indianischen Priester durch europäische ersetzen würde. Die Unterhaltsmittel fehlen nicht; im Gegentheil ist der Klerus sehr reich; es gibt Seelsorgsstationen, welche eine jährliche Rente von 50—60,000 Frcs. eintragen. Die Wohnungen der Priester gleichen Palästen; eine Menge Indianer stehen ihnen zu Diensten, auch besitzt jeder Priester seinen Wagen oder wenigstens ein Pferd zu seinen Reisen. Damit Sie sich einen Begriff von den hiesigen Zuständen machen können, wird es genügen, Ihnen zu sagen, daß in dem Augustiner-Kloster zu Manilla sich hundert Dienstboten zur Bedienung des Hauses befinden. Die Pfarreien sind jedoch noch zu sehr ausgedehnt; es gibt deren, welche über ^40,000 Seelen zählen. Was den Cultus anbelangt, läßt sich nichts Glänzenderes denken; viele Kirchen besitzen sehr hohe Altäre von Silber, und beinahe jede hat ihr eigenes Orchester, denn die Indianer sind große Musikfreunde und man würde schwerlich einen Marktflecken finden, der nicht gut damit versehen wäre. Auch dürfen Sie etwa nicht glauben, daß diese Indianer in dieser Beziehung mit etwas Mittelmäßigem zufrieden wären; man führt hier die beliebtesten europäischen Compo- sitionen aus und bedient sich derselben Instrumente. Am ersten Sonntage im October sah ich hier die Procession, welche, wie auch in Spanien, zur Erinnerung an die Schlacht von Lepanto abgehalten wird. Sie könnten sich nichts Schöneres vorstellen. Dreitausend Personen mit Fackeln in der Hand schritten in zwei Reihen in größter Ordnung und tiefster Stille einher; an der Spitze die Männer, dann die Frauen mit einem Marienbilde. Hierauf folgten 15 Fahnen, worauf die Geheimnisse des Rosenkranzes in Gold und Silber gestickt waren; so auch die Bildnisse der Heiligen Vincenz Ferrerius, Pins V., U. F vom Rosenkränze in reichstem Schmucke. Es waren auch Einige, welche auf herrlichen Sänften im Werthe von tausend Francs getragen wurden, auch folgten 2 Compagnien Soldaten mit Fackeln, die einen Einheimische, die andern Europäer; drei oder vier Militär-Banden, dann der Klerus des Dominicaner-Ordens, des lateranischen Collegiums und jener des heil. Thomas; endlich kam ein Priester, welcher den Rosenkranz laut vorbetete, der vom Volke in größter Andacht nachgesprochen wurde. Ich versichere Sie, daß ich ganz gerührt war bei diesem' erbaulichen Anblicke, und wenn ich dachte, wie Spanien diese ehedem so wilden Völker derart umgestalten konnte, daß sie nun civilisirt, religiös und wohlthätig geworden. An jenem Tage sind in der einzigen Kirche des heiligen Dominicus nicht weniger als 5000 Communionen gespendet worden; vier von unsern Vätern saßen diese ganze Woche Morgens und Abends fortwährend im Beichtstühle, ohne ausruhen zu können. Die hiesigen Indianer sind sehr fromm; die Frauen tragen das Scapulier und die Männer den Rosenkranz aus der Brust; sobald die Glocke des englischen Grußes ertönt, halten augenblicklich alle Wagen an, und alles Volk verrichtet das Gebet, und dies überall sowohl in der Calzada als im Prado de Manilla, und da auf dieser Promenade oft zwei- bis dreihundert Wägen fahren, so ist 283 dies ein auffallend schöner Anblick, selbe Leim ersten Glockenton Plötzlich anhalten zu sehen; die tiefste Stille folgt aus den betäubendsten Lärm. Die spanische Regierung unterhält zur Vertheidigung dieser Inseln zehn Regimenter, welche ganz wie die spanische Armee disciplinirt sind; die Gemeinen sind Eingeborne, die Corporäle, Feldwebel und Officiere beinahe durchgängig Spanier; es ist auch ein Lancier-Regiment hier, und zwei Brigaden Artillerie, wovon die eine aus Einheimischen, die andere aus Europäern besteht; um die Inseln kreuzen 5 oder 6 Kriegsdampser, und wir erwarten noch ^ oder 5 andere sammt 20 Kanonenbooten. Mögen aber die Aufgeklärten dieses Jahrhunderts sagen, was sie wollen, die beste Infanterie, Cavallerie und Artillerie bleiben doch die Frailes (die Mönche); sie sind es, welche ven spanischen Namen bei den Indianern beliebt machen. Einer der würdigsten sagte mir einmal, daß er es allein auf sich nehmen würde, ein Pronunciamento (Volksauflauf) zu ersticken, nur durch das Läuten der Glocken zu einer Procession in seiner Pfarre, und durch das Aus- stellen der Kirchen-Fahnen an der Kirchenthüre; denn sicher würde der Gedanke an eine Procession das Pronunciamento vergessen machen. Möchten Sie doch, mein Vater, in Paris Nonnen suchen, welche die Erziehung der Mädchen unserer Stadt Manilla auf sich nehmen würden; ich glaube, daß sie viel Gutes wirken könnten und Nichts entbehren dürften. (Schluß folgt.) Die Landschaft. 6. Mutter! welche köstliche Fernsicht! — rief die entzückte Clara, welche von Frau Ellen auf einen Berg geführt worden war, und von ihrem erhöhten Standpuncte aus die Gegend bewunderte. Warum gefällt Dir diese Fernsicht so außerordentlich? Warum? Ich weiß es selbst nicht, liebe Mutter! Einmal ist mir, als ob ich alles Schöne in einem Ueberblicke zusammenfaßte, und dann meine ich wieder, es fehle noch Etwas, ohne eigentlich zu wissen, was. Ach, so viele Gegensätze bieten sich dem Auge, und doch: welche Einheit! Siehe, mein Kind! Dir gefällt diese Ansicht so sehr, weil sich, Dir selbst unbewußt, in diesem Bilde der Natur ein Bild des menschlichen Lebens ausprägt. Wie so dies? Sagtest Du nicht, Du meintest alles Schöne in einen Ueberblick zusammenzufassen, und doch fehle diesem Alles immer noch Etwas? Was wolltest Du mit dieser Aeußerung andeuten. Mutter! mir gefällt es so sehr, daß alle Theile dieser Landschaft: der düstere Wald, der schlängelnde Bach, das freundliche Dörfchen gleichsam ein in sich abgerundetes und vollendetes Gemälde ausmachen, und daß dies Gemälde alle denkbaren Naturschönheiten in sich aufnimmt. Darum meine ich, alles Schöne in Einen Blick zusammenzufassen. — Wenn ich aber frage, was liegt hinter diesem Dörfchen, hinter diesem Walde, das meinem Auge unzugänglich ist; so dünkt mir wieder: das Gemälde sei nicht abgeschlossen, sondern nur eingeschränkt, und diesem Alles müsse noch Etwas, noch sehr Vieles fehlen. Und der Mensch? Betrachte selbst den Glücklichsten oder Tugendhaftesten! Vor Dir glaubst Du einen Sterblichen zu gewahren, dessen irdische oder innerliche Vollkommenheit unübertrefflich, in sich abgerundet scheint. Allein könntest Du Deinen beschränkten Geisteskreis erweitern bis in's innerste Innere dieses Sterb- 284 lichen: was ruht hinter diesem Abglanze von Glück oder Tugend verborgen: vielleicht ein noch stilleres, erhabneres Glück, eine noch vollendetere Tugend, ewig unerreichbar dem körperlichen oder geistigen Auge des fremden Beschauers? — Doch was entzückte Dich noch ferner an diesem landschaftlichen Gemälde? Der Wald, aus dessen düsterem Hintergründe nur um so mehr das freundliche Dörfchen sich hebt. Erkenne hierin den Gegensatz von Schatten und Licht! Er drückt sich im menschlichen Leben aus durch die Nacht der Trauer und den Tag der Freude. O mein Kind! Eine nur sonnige Landschaft blendet und ermattet, eine blos schattige Gegend aber verdüstert daS menschliche Auge, wenn anderes Licht ohne Schatten, oder Schatten ohne Licht denkbar ist. Nur Glück würde das menschliche Herz zur hohlen Ueppigkeit, nur Schmerz zur dumpfen Verzweiflung bringen. Der weise Wechsel aber von Lust und Harm erhält die Seele in jenem Gleichgewichte, welches so wohlthuend auf das eig'ne Herz, wie auf das fremde Auge wirkt. — Sprachst Du nicht auch vom schlängelnden Bache? — — Ja, liebe Mutter! Siehe nun, der Bach versinnbildet die Bewegung, das Schlängeln die sanfte, gemäßigte, erquickende Bewegung als Gegensatz der Ruhe, welche das freundliche Dörfchen, der düstere Wald darstellen. Wie in dieser Landschaft, so ist es auch im Leben des wahrhaft glücklichen Menschen. Wie dort augenla- bende Bewegung mit Ruhe, so wechselt hier still und sicher wirkende Thätigkeit mit süßer Erholung. Allein wäre der Anblick eines stürzenden Gießbaches nicht erhabner? fragte Clara. In dieser Ladnschaft schwerlich. Sie gewährt uns den Gesammteindruck einer glücklichen, mildsriedlichen Gegend, in welcher alles Rauschen und Toben ein störender Mißklang wäre. Aber die Anwendung hievdn auf's Leben des Glücklichen? Sie liegt im Wesen des Glückes. » Worin besteht das Glück? Im Frieden. Und der Frieden? In einer Thätigkeit, welche von Mäßigung und Ueberlegung beherrscht wird. Eine sich überstürzende Thätigkeit: würde sie Wohl schaffen oder zerstören? Und wäre sie die Aeußerung eines gesunden, im Gleichgewichte sich haltenden Charakters? Nein, meine Mutter! Noch Etwas, Clara! Du hast bisher nur abwärts geschaut. Willst Du ein erschöpfendes Gesammtbild der Landschaft in Deine Seele prägen, dann mußt Du auch aufwärts blicken. — Was gewahrst Du da! Den blauen klaren Himmel. Wie dieser die Krone des landschaftlichen Gemäldes, so ist der gläubige und zuversichtliche Blick gegen den Himmel der schönste Trost, die heiterste Freude des wahrhaft glücklichen und tugendhaften Menschen. Ja, Landschaft und Mensch versänken ohne diesen Himmel und ohne die Hoffnung auf ihn in undurchdringliche Nacht und verzweislungsvolle Trübsal. Warum ist indessen der Himmel blau? Er könnte ja roth sein, Gottes Liebe, oder grün, des Menschen Hoffnung auf diese Liebe anzudeuten. Er hätte also eine rein göttliche, oder rein menschliche Beziehung. Durch die blaue Farbe hingegen vereinigt er beide Beziehungen in ihrem wahrsten und anschaulichsten Verhältnisse zu einander. Wie das? Blau ist die Farbe der Treue und Zuversicht. Die Treue bezeichnet die 285 göttliche Beziehung, indem Gott sicherlich seine Versprechungen erfüllen wird. Die Zuversicht bedeutet das menschliche Erkennen und Festhalten an der göttlichen Treue. Allein der Himmel ist auch klar. Recht, mein Kind I Er ist klar durch seine reine Bläue. Wolkenverschleiert wäre er grau. So ist des Menschen zuversichtlicher Blick zu Gott ein klarer; sein verzagendes, kleinmüthiges Auge hingegen ein umdüstertes. — Doch jetzt laß uns nach Hause gehen! O Mutter! tief hat sich das Bild dieser Landschaft in meine Seele geprägt. Könnte sich es nur ausprägen im Bilde eines wahrhaft tugendhaften und glücklichen'Menschen! Noch einmal, liebe Clara! vergiß nur nicht den Himmel! Mit Gott im Bunde können wir uns selbst besiegen. Jesuit und Redemptorist auf dem Sterbebette. (Schluß.) Treten wir jetzt au das Sterbebett eines Jesuiten! Am 26. Februar 1858 starb zu Paris L. Ravignan, der ehedem so berühmte Kanzelreduer und vielgesuchte Beichtvater. I>. Ravignan war im Jahre 1793 in Bayonne aus einer sehr angesehenen Familie geboren. Seine ersten Studien machte er zu Paris im College Bourbon und widmete sich hieraus der Rechtswissenschaft. Lizentiat geworden unterzog er sich dem Amte eines Sachwalters am königlichen Gerichtshöfe in Paris mit so glücklichem Erfolge, daß er schon im 23. Jahre seines Lebens zum Staatsprocurator ernannt ward. Im August 1821 wurde er Sub- stitut des Oberprocurators am Tribunal der Seine, legte aber bereits im Mai 1822 ! dieses Amt in die Hände des Generalprocurators nieder, um in den Orden der Jesuiten einzutreten. — Es soll hier nicht von den unglaublichen Mühen und Arbeiten die Rede sein, denen dieser demüthige und seelencifrige Jesuit im ^ Dienste des Herrn sich unterzogen, auch wollen wir nicht von den gesegneten ! und glänzenden Erfolgen sprechen, die er mit Gottes Gnadenbeistand als Prediger und Beichtvater erzielt; wir beschränken uns daraus, nur das erhabene Schauspiel seines Todes zu erzählen! Das Hinscheiden Raviguau's war würdig seines Lebens; damit ist Alles in Einem Worte ausgedrückt. Seit langer Zeit waren die Quellen der Existenz wie erschöpft in ihm. Er hatte seine Kräfte mit einem solchen Uebermaß der christlichen Liebe in seinem Berufe verzehrt, daß ihm nur ein schwacher Hauch des Lebens geblieben war und daß die Stärke seines Körpers nicht mehr im Einklänge mit der so mächtigen und feurigen Seele stand, die er umhüllte. Schwere Leiden, mit Heldenmuth ertragen, mahnten ihn von Zeit zu Zeit, daß i der Augenblick vielleicht nicht mehr ferne sei, da dieser gebrechliche Leib in Staub ' zerfallen werde.' Der gute Pater setzte jedoch sein erhabenes Amt fort, getheilt s zwischen dem Wunsche, das Reich Gottes und die Zahl der für den Glauben ^ wiedergewonnenen Seelen durch seine Verdienste zu mehren, und zwischen der Sehnsucht „aufgelöst und bei Christo zu sein." > In diesem Zustande fand ihn die Krankheit, die ihn durch lange und ! schmerzliche Leiden zur ewigen Glückseligkeit führen sollte. Es war etwa zwei Monate vor seinem Tode, als er von einem schweren Brustübel befallen, auf's H Krankenlager sank, um sich nicht wieder zu erheben. Schon in den ersten Tagen ! erkannten die Aerzte die Bedenklichkeit des Uebels und bald erklärten sie den > Kranken für rettungslos. Die, Erschöpfung der Natur war so groß, daß keine menschliche Macht mehr helfen konnte. Auch der Kranke sah ein, daß sein Ende nahe sein müsse, und als man endlich ihm dieß mit deutlichen Worten sagte, konnte er einen Ausruf der Freude nicht zurückhalten. Man leidet — sprach er zu seinem Arzte mit einem Ausdruck den man nicht schildern kann — man leidet, aber nach dem stirbt man! Und sein Antlitz strahlte vor Heiterkei und Gottesliebe. Sechs Wochen lang litt er unsäglich und ohne Unterlaß; man konnte sagen, er sei während dieser ganzen Zeit jeden Tag und jeden Tag mehrere Male gestorben. Er war dem Ersticken nahe, der Athem fehlte ihm und doch kein Gedanke an sich selbst, keine Klage, kein Zeichen der Ungeduld, das ihm entschlüpft wäre! Er verwendete diese ganze Zeit, um für die Kirche, für Frankreich, für die ihm so theure, so bewundernswürdige und doch so viel verkannte Gesellschaft Jesu, um für alle jene in der ganzen Welt zerstreuten Seelen zu beten, die er für die Gnade wieder gewonnen und mit Gott versöhnt hatte. Indeß veminderten sich seine Kräfte von Tag zu Tag, und die Stunde des Scheidens nahte sich sichtbar. Donnerstag den 25. Februar In der Abendzeit verkündeten allzu sichere Vorzeichen das nahe Ende. Gegen 11 in der Nacht betrat der k. Superior des Jesuitenhauscs in der Straße Sevres die Zelle des Sterbenden, um ihn für den großen Schritt vorzubereiten. ?. Ravignan lag auf seinem ärmlichen Krankenbette erschöpft, leidend, betend. Der Superior gab ihm zu verstehen, daß der Augenblick seines Todes herannahe und daß das Opfer seiner Vollendung entgegengehe. Auf diese Nachricht ward der Kranke nachdenklich und schwieg einige Augenblicke. „Was ist Ihnen, mein guter Vater — sprach der Superior zu ihm — sollte ich Sie schmerzlich berührt haben, da ich Ihnen diese Ankündigung so unvorbereitet und rasch machte?" — „O nein! mein Vater — entgegnete der fromme Ordensmann, indem er die Augen zum Himmel erhob —> aber es scheint mir, als ob ich noch nicht genug gelitten habe." — Als ihm der Superior sofort sein Ende als gewiß ankündigte, erwiderte der Sterbende: „O um so besser, um so besser! Wie gut ist Gott, ich hatte die Hölle verdient und stehe da, er gibt mir das Paradies." — „Welches Fest feiern wir Morgen?" — „Das Fest der Wunden Christi." — „Das offene Herz Jesu; welch' schönes Thor, um in den Himmel zu gehen" rief U. Ravignan freudig aus. Als der Provinzial ihn Tags zuvor etwas gefragt hatte, hatte er geantwortet: „Ich bin sehr angegriffen?' Aber so ganz erfüllt war sein Geist von Geduld und Selbstverleugnung, daß er sich dieses einfache Wort als Fehler anrechnete, und, da er eine halbe Stunde vor seinem Tode den k. Provinzial in seine Zelle treten sah, alle seine Kräfte aufraffte, um ihm mit vernehmlicher Stimme zu sagen: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Vater, wegen des Wortes, das ich gestern Abends gegen Sie ausgesprochen." Gegen Mitternacht sagte ihm der Superior, er wolle ihm jetzt die Absolution geben und ihn der Früchte des Jubiläums theilhaftig machen, das die Pariser Erzdiözese feiere, k. Ravignan sammelte sich vollkommen, machte eines von jenen Kreuzeszeichen, die voll Majestät und Kraft bei ihm eine ganze Predigt waren und sprach, seine abgemagerten Hände mit Innigkeit faltend, in einem Tone voll erhabener Demuth: „Mein Gott, ich bitte Dich um Verzeihung für alle Beleidigungen in meinem Leben." Nachdem hierauf die entsprechenden Bedingniffe jerfüllt waren, sagte der Superior: „Damit Sie Ihren Jubiläums- Ablaß gewinnen und die vorgeschriebenen Kirchenbesuche ersetzen, küssen Sie das Kreuz." Der Sterbende drückte seine Lippen mit Inbrunst auf dasselbe. „Und jetzt, mein Vater, um die Fasten einzubringen, weihen Sie Gott das Opfer Ihres Lebens." — „Von ganzem Herzen." — Nach diesen rührenden und erhabenen Worten begann man das Sterbgebet, ,dem U- Ravignan bis zum Ende l i > > ! mit vollständig bellem Bewußtsein folgte. Gegen den Schluß dieses Gebetes bemerkte der U. Superior, daß der letzte Augenblick gekommen sei; er hielt das Bild des gekreuzigten Heilandes vor die Augen des Sterbenden, der es unverwandt betrachtete, drei leichte Seufzer ausstieß und im Frieden des Herrn entschlief. Es war der 26. Februar um halb zwei Uhr Morgens. So verließ die große Seele des U Ravignan ihre sterbliche Hülle und diese Welt der Schmerzen, um einzugehen in den Besitz der göttlichen Liebe. Aber man konnte sagen, sie habe zuvor noch ihren Eindruck im Körper zurückgelassen, so sehr spiegelte sich im Antlitz des großen Todten seine Heiligkeit, sein Glaube und jene kraftvolle und überzeugende Milde wieder, die ihm Aller Herzen gewonnen. Drei Tage lang war die Hülle des Seligen der Betrachtung und Verehrung einer unzähligen Menschenmenge ausgesetzt, auf seinem Todenbette liegend, im Ordensgewand, in seinen gefalteten Händen ein Kruzifix auf's Herz gedrückt, und der Ausdruck seiner Züge war so schön und so fromm, daß man glauben konnte, er wolle den Mund öffnen, um von Gott zu sprechen. — So stirbt man in den Orden der Jesuiten und Redemptoristen; — setzen wir bei: auch wie diese beiden Männer U. Ravignan und l'. Passerat ihr Leben hinbrachten, so bringen es sämmtliche Mitglieder genannter Orden hin, d. i. Gutes wirkend in einem Maße, das nur durch die Schmähungen und Beleidigungen der Gottlosen und jener Armen überboten wird, die dabei nicht wissen, was sie thun. — Sollte man aber vernünftiger Weise, statt diese Orden zu hassen, zu verlenmden und zu bekämpfen, nicht vielmehr wünschen und mit allen Kräften dahin arbeiten, daß sie sich allenthalben immer weiter ausbreiten, damit auch Andere — und recht Viele durch sie die Kunst lernten, recht zu leben, und die Kunst der Künste, selig zu sterben? — Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle. Es war einmal ein alter Griesgram. Diesem ging's wie es alten Menschen zu gehen pflegt, er erkrankte und starb. Während seiner Krankheit beeilten sich Neffen und Nichten, Vettern und Basen, deren Zahl Legion hieß, ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt zu umgeben. Der gute Alte war nämlich Wittwer, er hatte keine Kinder und besaß ein namhaftes Vermögen. Doch diese Zudringlichkeit war nicht von sehr langer Dauer. Gleich in den ersten Tagen seiner Krankheit ließ er alle Erben zu sich rufen und hielt ihnen folgende Rede: „Ich habe euch alle sehr gern, meine lieben Freunde; allein sehet, ich befinde mich nicht wohl, weswegen es mir lästig ist, so viele Menschen stets um mich her versammelt zu sehen. Mein altes, gutes Lieschen, die ja meine Bedürfnisse weiß, möchte ich allein bei mir behalten. Denn damit sich Niemand von euch bevorzugt glaube und jeder Eifersucht zuvorgekommen sei, so darf Keines von euch bei mir bleiben." Da war's ein Jammer und Wehklagen unter den Vettern und Basen. Jeder betheuerte, er könne ihn nicht verlassen, er stände ganz zu seinem beliebigen Dienste. „Ich hab's schon gesagt," erwiderte der Alte, „ihr seid mir zur Last, macht mich nicht überdrüssig; fort, laßt mich allein! Wer sich untersteht, auch nur noch ein Mal vor meinem Angesichts zu erscheinen, der wird von der Liste meiner Erben gestrichen. Verlaßt euch daraus!" Das war getroffen, ein wahres Zauberwort. Keiner hätte mehr gewagt, zu Widerreden und seine Pflege anzubieten. Still und ruhig zogen sie sich zurück in ihre Wohnungen, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Um aber beim Herrn Oheim nicht in Vergessenheit zu kommen, so unterließen sie nicht, jeden Tag sich bei Lieschen nach seiner GesE^t zu erkundigen. Doch eine der Nichten des Alten, ein junges, schlichtes, offenes Mädchen, Maria mit Namen, war bei jener Familien-Versammlung nicht zugegen gewesen. Bei ihrer Ankunft ging sie geraden Weges zu ihrem Oheim. Obschon sie von dessen Willen in Kenntniß gesetzt ward, so war doch kein Schwanken in ihrem Entschlüsse zu gewahren. Sie nahm ihre geringen Habseligkeiten unter den Arm und verlangte dreist von dem Oheim, daß sie bei ihm wohnen dürfe. „Geh mir doch aus den Augen," sprach der Alte, „ich will allein sein. Weißt du denn nicht, was ich allen Vettern und Basen befohlen habe? Willst du dich denn durch deine Widerspenstigkeit von meiner Erbschaft ausschließen?" — „Ich weiß das alles ganz gut, mein lieber Oheim, aber was liegt mir denn an ihrer Erbschaft? Ich will, daß sie gesund werden; dies, und dies allein liegt mir am Herzen. Sie sind krank, ihre Magd ist alt und schwach; meine Pflege ist also nicht ganz zu verschmähen. Sollten sie mich auch enterben; gilt gleich, hier bleib ich!" Was ein Weib will, das will's. Uebel oder wohl, der Oheim mußte Maria bei sich behalten. Sechs Monate nachher starb der gute Mann, trotz aller Sorgfalt des liebenswürdigen Kindes. Jetzt liefen die Verwandten, höhnisch lachend über die Gut- müthigkeit der Maria, znm Notar, in der Hoffnung, den Lohn ihres Gehorsams zu erhalten. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie Einsicht von dem Testamente nahmen, das in folgenden Worten abgefaßt war: „Da ich mein Vermögen nur demjenigen meiner Verwandten hinterlassen woFte, der mir einen untrüglichen Beweis seiner Liebe gegeben hätte , so unterwarf ich sie einer Prüfung, durch welche die Beschaffenheit ihrer Gesinnungen an den Tag treten würde. Die Gleichgültigkeit, die sie alle, mit Ausnahme der kleinen Maria, für meine Person hatten, gab mir zu erkennen, daß sie mehr an meinem Vermögen, als an mir selbst hingen. Maria allein hat meinem scheinbar sich widersetzenden Willen Trotz geboten; bis znr letzten Stunde hat sie mir beigestanden und mich mit kindlicher Hingebung gepflegt. Sie allein soll auch die Erbin meines ganzen Vermögens sein." Jetzt wurde geflucht und geschworen! In ihrem Innern gaben sie doch dem Oheim das Zeugniß, daß er kein Narr war, und dachten an das Sprüchwort: „Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle." Dies ist auch in der That die einzige Lebensregel für den rechtschaffenen Mann, die tngendsame Frau und besonders den wahren Christen. Denn Jesus Christus hat zu Allen gesagt: Suchet zuerst das Reich Gottes (das heißt, die Wahrheit und Gerechtigkeit), und alles^ Uberige wird euch hinzugegeben werden." Gebet znm heil. Aloifins. (Für Kinder.) Jesu, bleib in meiner Seele, Halte mich von Sünden frei, Mach, daß ich nur Gutes wähle, Und dereinst ein Engel sei; Schütze mich in Leibsgefahren, Laß die Unschuld mich bewahren, Aloisi, Aloist, Aloisi, steh mir bei! Redaction un« Verlag: Ilr- M. Huttlc.r. von I. M. Kleint.c.