9. September 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige i Abonnementsprets ist 2Ü kr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und aste Buchhandlungen bezogen werden kann. > i Aus den Misfionsbriefen der Gesellschaft Jesu. Philippinische Inseln. Brief des u. Bellarte Hochw. Vater! an den Hochw. U. Novizenmeister von Loh ola. Fernando-Po, 10. Decbr. 1859. Sie werden sicher schon die zwei Briese erhalten haben, die ich Ihnen nach meiner Ankunft in dieser Colonie schrieb. Am 3. dieses Monats habe ich die jährlichen Exercitien in Gesellschaft von 3 Vatern nnd 3 Brudern gemacht; da aber k. Dalmaser und k Aranjo selbe zu unterbrechen gezwungen waren, so haben sie am 19. selbe wieder begonnen, und zwar mit den übrigen Vatern und Brudern. Sobald Alles vollendet war, verfügten 0. Aeövc-do und ich uns zum Könige der Bubis nach Ba-na-pa. Unser Zweck war, ihm anzukündigen, daß wir wünschten, mitten unter seinen Unterthanen wohnen zu dürfen, um ihnen Gutes thun zu können. Ein Portugiese bot sich an, uns zu begleiten und als Dolmetscher zu dienen. Da der erste Tag nicht hinreichte, um an's Ziel unserer Reise zu gelangen, so mußten wir in einer großen Hütte Unterkunft suchen, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden, denn diese guten Inselbewohner betrachten uns als „Männer Gottes", welchen Namen sie uns stets auch geben. Wir waren gleich anfangs von den einfachen Sitten dieses Volkes angenehm überrascht; sie versammeln sich zu 20, 30 oder 40 in einer dieser großen Hütten, und sprechen ruhig unter einander, die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite, unermüdlich mit der Verfertigung von Strohhüten beschäftigt, ohne sich um die Männer zu bekümmern. Alle horchten begierig auf uns, obwohl unser Wort erst durch einen langweiligen Dolmetscher zu ihnen gelangen konnte; und als wir ihnen den Zweck unserer Reise eröffneten, so wurden sie erst recht aufmerksam, und verlangten sogleich, daß wir ihnen von dem neuen Gotte, den wir verkünden, erzählen sollten, was wir auch sogleich zu ihrer großen Befriedigung thaten. Da wir nun den Weg nach Ba-na-pa nicht kannten, so bot sich der Häuptling des Stammes als Begleiter für den nächsten Tag an; aber der Schlaue spielte uns einen Streich, den wir ihm in Rücksicht der frommen List, die er Hiebei anwendete, gerne verziehen. Sobald wir seine Hütte verlassen hatten, durchlief er in aller Eile die ganze Umgebung, um allen seinen Stammesgenoffen anzukünden, daß Männer Gottes angekommen seien, welche ihnen Allen die frohe Kunde und die himmlische Botschaft dieses neuen Gottes mittheilen würden. Als wir am folgenden Morgen in seine Hütte kamen, um Abschied von ihm zu nehmen, sagte er uns, daß er während der Nacht beim Könige von Bama-pa gewesen sei, um ihm den Zweck unserer Reise zu eröffnen, und daß Punct 8 Uhr der König selbst, seine Kinder und ein großer Theil seines Volkes 290 A hieher kommen würden; wir mußten also warten. Um 8 Uhr führte er uns in eine große Hütte, wo wir wirklich eine große Anzahl Bubis versammelt sahen, aber keine königliche Familie. Es war ganz einfach der Stamm unseres guten Freundes, den er selbst während der Nacht zusammenberufen hatte; nun setzt er sich selbst ganz majestätisch nieder, und ist bereit mit seinem ganzen Volke uns zu hören. Unmöglich ist er zu bewegen, uns weiter zu begleiten, und das ganze Volk vereint sich mit ihm, um uns aufzuhalten, indem sie uns die Reise nach Ba na-pa als mit unübersteiglichen Hindernissen verbunden schilderten. Wir blieben aber unerschütterlich bei unserem Vorhaben, denn die Befehle des heil. Gehorsams lauteten zu bestimmt. Da wir den guten Häuptling nicht zu unserer Begleitung mehr bewegen konnten, so entschlossen wir uns, die Fortsetzung unserer Reise über Berg^ und Thal mit unserm armen portugiesischen Wegweiser, welcher ganz verwirrt war, allein zu wagen; wir nahmen also, obwohl mit schwerem und gepreßtem Herzen, Abschied von dieser guten Gemeinde mit dem Versprechen zurückzukommen, sobald wir unser Vorhaben ausgeführt hätten. Zugleich erinnerten wir uns auch, daß an jenem Tage das Fest der Vorstellung Mariä im Tempel war, und so empfahlen wir uns ihrem Schutze und jenem unserer heiligen Schutzengel und des heil. Franciscus Taverius, und gingen geraden Weges voll Vertrauen vorwärts. Die Reise war zwar etwas abenteuerlich, dennoch aber recht angenehm, bis auf eine Strecke sehr tiefen Schlammes, der uns zwang, barfuß zu gehen und das Kleid bis zu den Knieen aufzuschürzen; auch war uns diese Begegnung um so auffallender, als es seit Langem schon nicht mehr geregnet hatte. Wir hatten 6 Flüsse zu durchschreiten, bald watend, bald schwimmend, wie wir eben konnten; einmal, als wir einen sehr breiten, aber wenig tiefen Fluß durchwateten, glitschte?. Acevedo ein wenig aus, und streckte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, die eine Hand aus, in welcher er seine Strümpfe hielt; durch diese Bewegung entschlüpften ihm dieselben und rollten schon im raschen Laufe dem Meere zu; doch unser Dolmetscher eilte ihnen noch zu rechter Zeit nach, und rettete sie; tausend andere kleine Vorfälle trugen nicht wenig dazu bei, uns die Beschwerden der Reise zu versüßen. Endlich gelangten wir nach Ba na-pa, wo wir vom Könige auf das Herzlichste und Freundlichste aufgenommen wurden. Und hier werde ich aufhören, denn die überseeischen Blätter werden Ihnen die Folgen unserer Erlebnisse mittheilen; es genüge Ihnen, zu wissen, daß unser königlicher Gastgeber sich sehr wohlwollend gegen uns beweist, und schon ein Haus für unsere Väter bauen läßt. Gott sei gelobt! Alle diese gutmüthigen Bubis lieben uns sehr, bis auf die arbeitende Classe, welche sich entfernt hält. Diese einzige Insel von Fernando-Po würde um 12 Missionäre mehr bedürfen; auch die umliegenden von Spanien abhängigen Inseln Corisco und Cabode-San-Juan bedürften ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft. Was ist das für ein Kummer für das Herz eines Jesuiten! Diese armen Inselbewohner rufen zu uns, und wir können ihnen jetzt noch nicht helfen! — Die Lerche und der Adler. 6. Welcher Vogel fliegt am höchsten? — fragte Clara ihre Mutter. Der Adler. Warum? Weil er am ruhigsten und stetesten fliegt. Und andere Vögel? Die stiegen nicht so hoch, so ruhig und so stet, wie z. B. die Lerche, welche vor ihrem Auffluge ihr Nest in immer höhern Kreisen umschwebt. Dennoch fliegt auch sie so hoch, als es ihre Kraft und die Milde der Luft gestatten. 291 Der Herr Pfarrer hat gesagt, daß unser Gebet wie auf Adlersflügeln zu Gott empordringen soll. Ich möchte ein Adler sein, wenn ich bete. Sage das nicht und begnüge Dich mit dem Jubelopfer der Lerche! Und weßhalb! Du wirst dies Weßhalb begreifen, wenn wir die Natur der Lerche, wie des Adlers betrachten. Wodurch unterscheiden sich beide am augenfälligsten? Der Adler ist groß, die Lerche klein. Du willst also vor Gott groß sein. Weißt Du denn, ob Du nicht klein, vielleicht ein Garnichts vor ihm bist? Gehen wir zum Aufenthalte beider Vogel über! Wo hat der Adler seinen Horst? Auf hohen Felsen, in unwirthbaren Gegenden. Und die Lerche ihr Nestchen? In Feld und Wald, leicht zugänglich dem Menschen. Siehe! wie die Wohnungen dieser Vogel, so sind auch die Herzen jener Menschen beschaffen, welche im Emporschauen zu Gott dem Adler, oder der Lerche gleichen. Das Herz des Adlermenschen ist verschlossen, unzugänglich den Schwächen seines Mitbruders, abgelenkt von allem Irdischen, was auch dem Bestgesinnten, aber doch der Welt Anhängenden Leid und Freude bringen könnte. Das Herz dieses letztern hingegen strebt zwar nicht so hoch, aber doch auch zu seinem Schöpfer empor. — Begreifst du jetzt, warum der Adler so hoch, so sicher fliegt, die Lerche aber in niedern Kreisen emporschwebt? Weil der Adler zu seinem Horste auswärts fliegt, die Lerche jedoch von ihrem Nestchen sich erhebt. Getroffen, mein Kind! Es kann Herzen geben, welche, wenn sie beten, gleichsam in ihre Heimath eingehen. Keine Sorge für's Irdische beunruhigt sie mehr. Die bittersten Entbehrungen tragen sie freudig Gott zu Liebe. Solche Gottesfürchtige empfinden durch ihr tief inbrünstiges Gebet den Vorgenuß der zukünftigen Heimath für uns Alle schon in der Gegenwart, des Himmels hier auf Erden. — Andere aber, welche süße Bande an's Irdische fesseln, können zwar auch brünstig und innig zu Gott beten, aber nur allmälig, wie die Lerche, reißen sie sich von ihrer irdischen Heimath los, versetzen sich nie ganz so tief in jenen seligen Vorschmack, weil sie, bildlich gesprochen, die so hoch fliegen, wie der Adler. — Wie schwingt sich die Lerche empor? Anfangs in engem und niederm, dann in stets weiterm und höherem Kreise, bis sie ihren Ausflug nimmt. So auch, mein gutes Kind! jene Herzen, welche wir der Lerche vergleichen. Nicht plötzlich, wie der Adler, nur durch allmälige Angewöhnung und häufige Uebung reißen sie sich vom Irdischen los. — Worin aber beschämt sie der fröhliche Liedersänger? Wie seinen Ausflug, so auch nimmt er umgekehrt seinen Niederflug. Und der Mensch, oder wenigstens die meisten Menschen? Mutter! Darf ich die Hand auf's Herz legen, so muß ich bekennen, es bedarf lange, sehr lange, bis wir uns in andächtige Stimmung versetzen; allein im Nu kehren wir zu unsern irdischen Gedanken zurüü. — Wie hoch nun fliegt die Lerche und wie hoch der Adler? Der Adler, liebe Clara! erhebt sich in den Aether, d. h. in den reinsten Luftkreis, während die Lerche im Dunstkreise der Athmosphäre bleibt. Doch die Bezugnahme dieses Gleichnisses aus den Menschen? Sie liegt nahe. Der eine Beter erhebt seine Seele in jene Höhe, wo nichts Irdisches mehr bestehen kann; der andere streift nie, selbst nicht im brünstigsten Gebete, die Liebe zum Irdischen ganz von seinem Herzen ab. — Worin glaubst Du, daß diese Liebe bestehen dürfe? Ich weiß es nicht. Der Hinblick auf die Lerche wird Dir's sagen. — Wovon reißt sie sich los? Von ihrem Nestchen. Wer wohnt darinnen? Ihre Jungen. Welche Liebe zum Irdischen darf also dem Gebete seinen rein göttlichen Charakter nehmen, von diesem hinwiederum die Weihe ihrer Heiligung empfangen? Kindesliebe, Elternliebe. Nur diese? Ich glaube: die Liebe zu allen Menschen. Du glaubst das Wahre. Lerche und Lerche lieben sich gegenseitig auch ohne Familienbande. — Der Mensch sollte sich beschämen lassen? Mutter! Jetzt möchte ich eine Lerche sein. Und weßwegen. Die Lerche singt so hübsche Lieder, der Adler erhebt ein unheimliches Geschrei. Setze hinzu: vor den menschlichen Ohren. Was dem göttlichen Ohre wohlklingender, oder ob ihm beides nicht gleich angenehm ist, wissen wir nicht. Wie soll ich das verstehen? So geht es mit dem Gebete des Menschen. Wer noch an der Erde und ihren schuldlosen Freuden hängt, mag den Menschen ein wohlgefälligeres Vorbild sein. Wer aber mehr Gnade gefunden vor Gott: ob dieser, ob sein nur frommen Uebungen lebender Mitbruder; darüber dürfen wir nicht richten, aus daß auch wir nicht gerichtet werden. Die christliche Mutter.*) Der Herr ward von Mitleid über sie gerührt und sprach zu ihr: „Weine nicht!" Luk. 7, 13. Wir wundern uns nicht, Geliebte, daß die Wittwe von Naim bittere Thränen weinte, als sie dem Leichenzuge ihres einzigen Sohnes folgte; wir Wundern uns nicht; denn über die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde — zumal zu ihrem einzigen Sohne, geht keine Liebe, darum ist auch der Schmerz einer Mutter über den Tod ihres einzigen Sohnes der höchste natürliche Seelen- schmerz. Wir- finden deßhalb gerecht diese Thränen der Wittwe zu Naim und können uns leicht auch denken, wie groß, wie innig ihre Herzensfreude gewesen, als der Herr über Leben und Tod vor der Leiche ihres Sohnes das allmächtige Wort gesprochen: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Wir können uns denken, wie herzlich sie dem lieben Gott gedankt, als der belebende Ruf des Heilandes den im Tode verlorenen Sohn ihr wieder zurückgegeben — als dieser sie wieder als seine liebe Mutter begrüßte! Doch — gibt es denn für die Menschenkinder nicht noch einen andern Tod, der tausendmal mehr zu beklagen ist, als ihr zeitlicher, ihr leiblicher Tod; gibt es kein anderes Leben, das tausendmal höher angeschlagen werden muß, als das irdische Leben, das Leben in der Hülle des Körpers? Ach — Geliebte! Wer im Solde der Sünde steht, dessen unsterbliche, für Gott geschaffene Seele ist gleichfalls gestorben; wer die heiligmachende Gnade verloren und den Leidenschaften dient, dessen Seele ist auf Erden schon todt für den Himmel. Das ist der zweite Tod — bei lebendigem Leibe; das ist die ewige Trennung von Gott, die zu beweinen selbst ein Thränenmeer nicht Thränen genug bieten könnte. Indeß — es gibt auch ein zweites Leben, es gibt ein Leben der heiligmachenden Gnade; *) Predigt, gehalten am Feste der heil. Monika von G- M. R. es gibt ein von Gott getragenes, übernatürliches Leben, das, auf Erden beginnend, seine glückseligste Fortsetzung findet im Jenseits. Die Gnade Gottes selbst ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Heilande. Das ist jenes ewige Leben, für dessen Wonne wir hienieden zwar keinen genügenden Maßstab haben, dessen Herrlichkeit aber der Apostel andeutet, wenn er spricht: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben!" Und wenn nun der Sohn einer wahrhaft christlichen Mutter vorn Tode der Seele zum Leben der Gnade erwacht in Christus dem Herrn, wer vermöchte dann die Freude eines solch christlichen Mutterherzens zu erfassen, wer solch einer Mutter nach Gebühr Glück zu wünschen! O deßwegen preisen wir glücklich die heil. Monica, denn die Seele ihres Sohnes Augustiners war gestorben, das Leben der Gnade war nicht in ihm, weil er nicht dem heil. Glauben ergeben war, weder in der Gesinnung, noch im Leben. Der Herr aber hat in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihn erweckt vom Tod der Sünde zum Leben der Gnade. Und das that er aus das beharrliche Thränengebet der heil. Monica. Ihr kennet Wohl Alle die Geschichte der heil. Monica, und deßhalb ist es nicht nöthig, näher anf dieselbe einzugehen; wir haben auch an ihrem heutigen Feste zu ihrer Verherrlichung genug gethan, wenn wir ernst ins Auge fassen, daß Monica nicht blos die leibliche Mutter des heil. Augustinus gewesen, daß sie vielmehr Lurch ihr unablässiges Gebet ihn für den Himmel geboren; wir haben genug gethan zu ihrer Verherrlichung, wenn wir zu erkennen uns bestreben, was eine wahrhaft christliche Mutter für die Tugend und das ewige Leben ihrer Kinder vermag, wie glücklich deßhalb auch jeder Mensch ist, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Das sei zunächst der Gegenstand unserer Betrachtung; darauf wollen wir sehen, wie unglücklich derjenige sei, dem keine wahrhaft christliche Mutter be- schieden war. l. Als die erste Mutter des Menschengeschlechtes, als Eva ihren Erstgebornen gebar, rief sie aus: „Ich habe einen Menschen von Gott empfangen!" Auch du, o christliche Mutter, erhältst dein Kind von Gott. Doch — du e hältst dein Kind nicht allein von Gott du erhältst es auch für Gott. Du sollst es. wieder Gott zuführen. Jeder christlichen Mutter gilt das freundliche, einladende Wort des Herrn: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, und wehrt es ihnen nicht." Deßhalb hat der Herr der Mutter ein Mutterherz gegeben, auf daß sie ihren Beruf, ihre Kinder zu Gott zu führen, auch erfüllen könne. Etwas Wunderbares ist es um solch ein Mutterherz. Es hat fast unbedingte Gewalt über das Kind — sei es zum Guten oder zum Bösen. Das Kind wird gewöhnlich das, was die Mutter durch Wort und Beispiel aus ihm macht — gut oder bös, selig oder verworfen. So war es schon vor den christlichen Zeiten. Wie Elisabeth, die Gattin des Zacharias, gerecht vor Gott war, und in allen Satzungen und Geboten des Herrn tadellos wandelte, so that es auch ihr Sohn, der h. Johannes; und wie Herodias der Eitelkeit und Sinnenlust ergeben war, so auch ihre unglückliche Tochter, die das Haupt des h. Johannes begehrte. Es zeigt sich hier, was sich uns jetzt noch in tausend Fällen zeigt: die Kinder treten gewöhnlich in die Fußstapfen ihrer Eltern, und ganz besonders in die Fußstapfen ihrer Mütter. Es zeigt sich, daß die Zweige heilig sind, wenn die Wurzel heilig ist, daß aber auch die Zweige schlecht sind, wenn die Wurzel schlecht ist. Drum, o christlich e Mutter, wie glücklich bist du zu preisen; du vermagst deine Kinder wahrhaft glücklich zu machen — eben weil du ihre Mutter bist. Von dir empfängt ja dein Kind die ersten Wohlthaten. Deßhalb hat es auch an dich eine besondere Anhänglichkeit, hängt mit dankbarer Liebe und kindlichem Ver- trauen an dir, nimmt alle deine Ermahnungen und Unterweisungen arglos in sein Herz auf. Unter allen Geschöpfen auf Erden liebt dich, o Mutter, dein Kind am meisten. Wenn du nun dieses Gefühl der Liebe hinüberleitest auf den ewigen Vater, der Alle liebt, Alle erhält. Allen Gutes erweiset, so wird unfehlbar in dem Herzen deines Kindes die Liebe zu Gott erwachen. Wenn du dem Kinde sagst, sobald es dich nur verstehen kann: Alles, was du issest, hat der liebe Gott erschaffen, Alles, was du siehst, kömmt von ihm, Alles, was du vonnöthen hast, gibt er dir, so wird auch Dankbarkeit gegen Gott in dem Herzen deines Kindes lebendig werden. Durch diese Dankbarkeit ehrt es Gott und dieß ist zugleich der Weg, auf dem der Herr, wie der Psalmist sagt, ihm das Heil zeigen will. — Sagst du dem Kinde weiter: der himmlische Vater ist der höchste und heiligste Herr Himmels und der Erde, er ist überall gegenwärtig, wo du auch immer bist, mein Kind; überall sieht dich der liebe Gott; was du thust, thust du vor seinen Augen; was du denkst, weiß er; gute Kinder liebt und belohnt er; böse Kinder bestraft er; sagst du das deinem Kinde schon in den ersten Jahren seiner Verstandesthätigkeit, sagst du es ihm wieder und wieder, schon bevor und während es die Schule besucht, so wird auch Ehrfurcht und Vertrauen gegen Gott in dem Herzen deines Kindes sich begründen; diese Lehren schreiben sich wie mit goldenen Buchstaben in seine Seele, und glänzen in derselben alle Tage seines Lebens; sie glänzen mitten in den Versuchungen, mitten in den Stürmen der irdischen Wanderschaft; sie glänzen wie Sterne in dunkler Nacht, und führen dein Kind durch alle Gefahren zu einem seligen Ende. — In der That! die ersten guten Endrücke, die in der frühsten Jugend von der Mutter der so weichen, biegsamen, empfänglichen Seele des Kindes gegeben werden, werden so sehr zur anderen Natur des Kindes, daß sie sich später nicht leicht wieder verlöschen lassen, und jener christliche Gelehrte hat ganz Recht, wenn er sagt: „Die Erziehung des Menschen wird großenteils in den ersten sechs Jahren auf dem Schooße der Mutter vollendet, und was sich in späteren Jahren im Kinde entwickelt, hat die Mutter vielfach in den ersten Lebenslagen dem Kinde eingepflanzt." Noch mehr! Selbst dann, wenn manche Mutter schon lauge im Grabe ruhte, und das Kind, das sie einst unter dem Herzen getragen, auf den Wogen des Lebens hin und her geworfen, seinen Glauben und seine Tugend verloren hatte und nahe daran war, für immer zu Grunde zu gehen — selbst dann ist schon manchem Kinde in seiner Verirrung die fromme Gestalt seiner im Herrn entschlafenen Mutter vor die Augen getreten, und hat es mit wunderbarer unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg der Tugend, des Glaubens und der Seligkeit zurückgeführt. Wie die heilige Monica im Leben ihren Augustinus durch inständiges Gebet vom Verderben errettete, so hat auch schon manche Mutter nach ihrem Tode durch ihr Flehen vor dem Throne Gottes die Bekehrung ihrer Kinder bewirkt. — So kam vor einigen Jahren ein junger Mann, der seine Studien an einer der österreichischen Universitäten eben vollendet hatte, in ein in der Nähe gelegenes Dorf, um seine zerrüttete Gesundheit bei seiner dort wohnenden Schwester wieder herzustellen. Neben der leiblichen Pflege suchte ihn diese auch durch religiöse Trostgründe aufzurichten und zu erheitern. Bald aber erklärte ihr der unglückliche Bruder, daß er an Nichts mehr glaube und auch in seiner Krankheit Nichts von religiösen Zusprüchen wissen wolle. Die gute Schwester eilte zum würdigen Pfarrer des Ortes, klagte unter vielen Thränen ihre Noth, und bat ihn, er möge doch der Bekehrung ihres armen Bruders seine ganze Sorgfalt widmen. Da der junge Mann, der in hohem Grade an der Schwindsucht litt, bei gutem Wetter bisweilen noch spazieren ging, so benützte der seeleneifrige Priester diese Gelegenheit, sich ihm zu nähern. Er traf ihn eines Tages auf einem solchen Gange und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden. Der Kranke aber ward finster, sprach wenig; ja, als der Seelsorger das Gespräch hinleitetc auf den Trost, den die Religion im Leiden verleihe, verabschiedete er sich sogleich trotzig mit der Bemerkung, daß das anhaltende Sprechen seiner Gesundheit schade. Bald darauf verschlimmerte sich die Krankheit des jungen Mannes und der Arzt sprach die Befürchtung aus, daß er wohl nur mehr wenige Wochen zu leben haben werde. Da war es nun die Pflicht des Seelsorgers ihn zu besuchen und mit Ernst und Liebe auf sein ewiges Heil aufmerksam zu machen. Nachdem er am Morgen während der hl. Messe die bisher verlorene Seele des Kranken dem guten Hirten empfohlen und um Beistand und Erleuchtung zu Gott gesteht hatte, trat er den schweren Gang zu dem Leidenden an. Die treue Schwester geleitete den Seelsorger zu dem schwer kranken Bruder. Doch dieser warf ihr einen zornigen Blick zu, und erklärte auch sogleich dem Seelsorger, daß sein Besuch ihm geradezu unangenehm sei. Vergeblich sprach der Seelsorger die freundlichsten Wörte, vergeblich waren alle Hinweisungen auf den vielleicht nicht sehr fernen Gang in die Ewigkeit, vergeblich alle Erinnerungen an die gläubigen Tage der Kindheit des Kranken. Alles vergeblich! Die Schwester war trostlos. Nicht genug! Kaum war der Pfarrer unverrichteter Dinge wieder zu Hause angekommen, da erhielt er auch schon ein Briefchen, das der Kranke mit zitternder Hand geschrieben. Er verbat sich darin alle weiteren Besuche, und erklärte auch seiner Schwester, nicht länger in ihrem Hause bleiben zu wollen, wenn sie nochmals einen Geistlichen zu ihm führe. — Aber welch' plötzliche Gesinnungsveränderung des Kranken schon nach wenigen Tagen! Eines Morgens gleich nach der hl. Messe kam die Schwester eilig zum Pfarrer und rief voll Freude aus: „Gott sei Dank! mein Bruder ist wieder ein Christ, kommen Sie bald zu ihm; er will Sie seines seitherigen Verhaltens wegen um Verzeihung bitten. Als der Pfarrer erschien, bat er ihn unter Thränen, des Vorgefallenen nicht mehr zu gedenken und fügte bei: „Danken Sie mit mir dem lieben Gott; ich bin wieder ein Christ. Helfen Sie mir, baß ich als guter Christ sterbe. Gestern Abends — sprach er — durchmusterte ich die Bücher in dem Wandschranke meiner Schwester. Da fiel mir das Gebetbuch meiner Mutter in die Hand. Ich öffnete es, und das Erste, was ich sah, war dieses Bildchen da. Sehen Sie, die gute Mutter hat darauf den Tag meiner ersten Communion, Den 14. April, bemerkt, und darunter dieses Gebet geschrieben: „ „Jesus Christus! du bist in das Herz meines Sohnes herabgekommen; ich preise deine unendliche Liebe, und bitte dich, erhalte ihn im Glauben und in heiliger Unschuld; führe ihn durch die Gefahren der Welt zum ewigen Leben!" " O — sagte er weiter — als ich dieses gelesen, da trat meine gute Mutter mir klagend vor die Seele; ich gedachte ihrer Lehren und Warnungen, nicht minder auch der Versprechen, die ich ihr am glücklichen Tage meiner ersten hl. Communion gegeben, und zugleich meiner späteren Verirrungen. Endlich fand ich auch das Abendgebet, das sie mit uns Kindern täglich verrichtete. Da sank ich unwillkürlich auf meine zitternden Kniee. Ich betete nach drei Jahren wieder zum ersten Male. Es war mir, als ob meine gute Mutter neben mir knieete und mit mir betete. Tief erschüttert und Thränen bitterer Reue weinend, legte ich mich zu Bette. Ich konnte lange nicht schlafen. Endlich bezeichnete ich mich mit dem Zeichen des h. Kreuzes und verfiel darauf in einen erquickenden Schlaf. Als ich heute Morgen erwachte, betete ich das Morgengebet meiner Kindheit und wurde in dem Entschlüsse bestärkt, mich wieder zu Gott zu wenden. Gott hat mich jetzt — es sei ihm tausendmal gedankt — von meinen Zweifeln befreit; vor dem Lichte der Gnade verschwanden die Scheingründe, womit ich meinen Unglauben vor mir selbst zu rechtfertigen suchte, und nun habe ich keine größere Sehnsucht, als nach langer Zeit wieder zum erstenmale die hl. Sacramente zu empfangen.— Er empfing sie nach entsprechender Vorbereitung mit größter Andacht. Der 296 frühere Mißmuth war nun gänzlich verschwunden; er war froh und heiter und trug sein schweres Körperleiden mit großer Geduld. Es war ihm immer eine Herzensfreude, von seiner frommen Mutter zu sprechen, und in ihrem Gebetbuche zu beten, oder daraus sich vorbeten zu lassen. Wenige Tage vor seinem Hinscheiden ließ er sich nochmals die hl. Sacramente reichen, sah dann dem Tode mit der Ruhe und dem Vertrauen eines Christen entgegen und freute sich besonders auf die Wiedervereinigung mit seiner Mutter. Eine halbe Stunde vor seinem Ende versank er in einen Schlummer. Auf einmal erwachte er, breitete seine Arme aus und rief freudig: „Mutter, Mutter!" Dann neigte er sein Haupt und entschlief sanft. — Geliebte! War die fromme, verklärte Mutterseele für diesen Kranken nicht sein zweiter, schützender Engel? Verdankte er nebst Gott nicht gerade ihr seine Rückkehr auf den Weg des Heils und eine glückselige Sterbstunde? O gewiß, es steht fest: Glücklich ist der Mensch, dem eine wahrhaft christliche Mutter zu Theil wurde. Die Compaßblume. 6. Die Compaßblume, eine neuentdeckte Pflanze Amerikas, neigt sich stets nach Norden bei freundlichem Sonnenschein, wie während des tosenden Sturmes. Durch diese Eigenschaft kann sie den Compaß bei Seereisen ersetzen, aber unendlich nützlicher ist ihre symbolische Bedeutung für den Menschen bei seiner Reise durch das Leben. Die Compaßblume neigt sich stets nach Einer Richtung, und auch der Sterbliche soll stets nur Eine Richtung verfolgen. Diese Richtung ist bei der Compaßblume der strenge und unfreundliche Norden, die mitternächtige Gegend; bei dem Staubgebornen aber soll sie der Weg, die Nacht des Leidens, der Trübsale sein. Wohl dem Menschen, an dessen Erdenhimmel es Mitternacht geworden ist, d. h. dessen Leiden den für seine Kräfte höchsten Grad erreicht haben! denn über seine Kräfte wird Keiner versucht. Der Herr gibt einem Solchen die Gewalt gleichsam in die Hand, mit welcher er den überirdischen Himmel an sich reißen soll. Der Mensch muß den Weg des Leidens gehen beim tosenden Sturme, d. h. wenn der himmlische Vater Heimsuchungen und Drangsale über sein Haupt gesammelt hat. Allein auch beim Sonnenschein des Glückes soll der Sterbliche den Weg des Leidens gehen durch freiwillige Entsagung, und indem er Andere ihre Leiden tragen hilft, wie Christus diesen Weg gewandelt ist, da er freiwillig den Freuden des Himmels entsagte und freiwillig unsägliche Schmerzen litt für fremde Sündenschuld. In diesen Deutungen also kann und soll die Compaßblume dem Sterblichen zum Vorbild dienen. Es gibt indessen auch Gegensätze zwischen der Blume und dem Menschen. Die Blume muß der Gewalt des Sturmes weichen. Geknickt neigt sie das Haupt zur Verdorrung. Der Mensch jedoch soll durch Lebensprüfungen zu Gott empor gerichtet werden. Die Blume neigt sich bestimmungslos gegen Norden. Der Sterbliche aber soll auf dem Wege der Leiden seiner ewigen Bestimmung: der Vereinigung mit Gott entgegengehen. Redaction uu> Verlag: vn. M. Huttier. — Druck von Z. M. Kleinle.