AugstiiM"' .. Hr 4V 30. September 1860. Das Augsbürger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus den Mifsivnsbriefen der Gesellschaft Jesu. Schreiben des k D. Smet aus der Gesellschaft Jesu an den hochwürdigsten k>. General derselben Gesellschaft. (Fortsetzung.) Wir hatten auf der Reise großes Elend und viele Gefahren auszustehen wegen des Hochwassers der Flüsse und der großen Menge Schnee. Zehn Tage hindurch mußten wir uns einen Weg bahnen mitten durch diese Wälder, wo Tausende von Bäumen, die Winde und Wetter umgeworfen hatten, und die 6—8 Schuh hoch mit Schnee bedeät waren, über den Weg lagen. Mehrere Pferde gingen zu Grunde. Ich und mein Pferd, wir stürzten oft, aber außer einigen Kontusionen, einem durchlöcherten Hute und einem zerrissenen Kleide kam ich frisch und gesund aus diesem schlimmen Walde heraus. Ich sah dort Weiße Cedern, deren Stamm 5, 6 und 7 Ellen im Umfange hatte, und deren Höhe damit im Verhältnisse war. Nach der Reise von einem Monate kamen wir glücklich im Forte Van Couver an. Am 18. Mai hatte die Zusammenkunft des Generals und des Ober-Intendanten mit den indianischen Häuptlingen statt; sie war für beide Theile sehr befriedigend. Man bestimmte beiläufig drei Wochen dazu, daß die Häuptlinge auf Kosten der Regierung die vorzüglichsten Städte des Staates von Oregon und des Gebietes von Washington besuchen sollen, um alles Merkwürdige zu besichtigen, die Fabriken, die Dampfmaschinen, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, die Druckereien u. s. w., lauter Dinge, von denen die armen Indianer entweder gar nichts oder doch nur sehr wenig verstanden. Am meisten schien die Häuptlinge das Gefängniß von Portland zu interesstren, und die Unglücklichen, welche sie dort mit Ketten beladen erblickten, besonders als man ihnen die Ursachen und die Dauer ihrer Kerkerstrafe erklärte. Dies blieb vorzüglich dem Häuptling Alexander im Gedächtniß. Kaum war er in sein Feldlager zurückgekommen, so versammelte er sein Volk und erzählte ihm alle die wunderbaren Dinge der Weißen, und besonders die Geschichte von dem Gefängnisse. „Wir haben", sprach er, „weder Ketten noch Gefängnisse, deßwegen sind so Viele böse und haben ein hartes Ohr. In meiner Eigenschaft als Häuptling bin ich entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen. Ich werde mich der Ruthe bedienen, um die Schuldigen zu strafen. Alle, die sich etwas vorzuwerfen haben, mögen sich vorstellen." Nach dieser kurzen Ansprache trat Einer nach dem Andern vor, um seine Portion Schläge zu empfangen, der Eine mehr, der Andere weniger. Diese Geißelung dauerte einen und einen halben Tag. Ehe die Häuptlinge das civilisirte Land verließen, erhielten sie Geschenke vom General und Ober-Intendanten und kehrten ganz fröhlich und zufrieden nach Hause zurück. Ich meines Theils hatte die von der Regierung mir gegebene Aufgabe bei den Indianern vollendet. Ich stellte dem General die Gründe 314 vor, warum ich wünschte, durch das Innere des Landes nach St. Louis zurückzukehren. Er stimmte meinem Wunsche mit aller Freundlichkeit bei, und in seiner langen Antwort sprach er sehr ehrenvoll seine Anerkennung über die von mir geleisteten Dienste aus. Am 15. Juni verließ ich mit den Häuptlingen das Fort Van Couver, um in die Gebirge zurückzukehren. Ich brachte den 7., 8. u. 9. Juli in der Mission vom Herzen Jesu unter den Coeurs d'Alönes zu. Von da setzte ich mit i^. Con- giato meine Reise nach St. Jgnaz fort, die wir in 8 Tagen zurücklegten. Die Beschwerden derselben verdienen eine kurze Erwähnung. Stellen Sie sich die dichtesten Urwälder vor, wo sich Tausende von umgestürzten Bäumen befinden. Der Fußsteig ist kaum erkennbar, und ist mit Barrikaden verlegt, welche die Pferde immerdar übersteigen müssen, und welche jedesmal das Leben des Reiters der Gefahr aussetzen. Zwei schöne Flüsse oder vielmehr 2 große Waldbäche, der Coeur d'Alene und der S. Franz Borgias durchschneiden in Schlangenwindungen diese Wälder. Ungeheure Felsenblöcke und große, durch das Wasser abgerundete Steine bilden ihr Flußbett. Auf dem Fußsteige muß man den ersten Waldbach 39mal, den andern 32mal übersetzen. Das Wasser geht oft bis zum halben Bauche des Pferdes, manchmal bis über den Sattel; man darf sich Glück wünschen, wenn man jedesmal, so oft man das Wasser übersetzt, nur nasse Füsse bekömmt. Ein hoher Berg von 5000 Fuß oder vielmehr eine Kette von Bergen, „bittere Wurzel" genannt, trennt die zwei Flüsse. Die Abhänge dieser Felsen, mit dichten Wäldern von Cedern und verschiedenen Gattungen Fichten und Tannen bewachsen, erschweren den Weg außerordentlich wegen der Menge von umgestürzten Bäumen über den Weg und am Rande von Abgründen, wozu endlich noch große Flächen, mit 8 bis 12 Schuh tief Schnee bedeckt, kommen, die man durchschreiten muß. Nach 8 Stunden einer sehr beschwerlichen und ermüdenden Reise kamen wir aus die schöne und mit Blumen Lesäete Ebene, wo ich, als ich vor 16 Jahren das erste Mal hieher kam, ein Kreuz ausgepflanzt habe. Auf diesem schönen Platze wünschte ich nach einem so rauhen Marsche unser Lager aufzuschlagen. Aber 1>. Congiato meinte, wir könnten in zwei Stunden an den Fuß des Berges kommen, und somit setzten wir unsere Reise fort. Nachdem wir die geglaubten 2 Meilen zurückgelegt hatten, und hierauf noch andere 4 Meilen, überfiel uns die Dunkelheit in Mitte aller dieser Hindernisse. Auf der Ostseite des Berges hatten wir Schneehügel und Barrikaden von umgestürzten Bäumen zu passiren, hier am Ufer spitzige Felsen, dort einen so steilen Abhang, daß es nur des kleinsten saschen Schrittes bedurfte, um in die Tiefe zu stürzen. Ohne Führer, ohne Weg, in ganzer Finsterniß, Einer von dem Andern getrennt, ruft ein Jeder um Hilfe, ohne sie erhalten zu können. Man fällt, man tappt herum, man kriecht auf allen Vieren, immer geht es abwärts. Endlich leuchtet einige Hoffnung. Wir vernehmen von weitem das Rauschen der Gewässer und das Getöse der Wasserfälle des großen Stromes, den wir suchen. Ein Jeder schlägt die Richtung nach dieser Seite ein, Alle kamen endlich glücklich an, Einer nach dem Andern, um 11 und 12 Uhr in der Nacht, nach einem Marsch von 16 Stunden, ermüdet und gleichsam kampfunfähig, die Kleider in Stücke zerrissen, voll Kontusionen, jedoch nicht von Bedeutung. Man macht in aller Eile das Mittags- und Abendessen, Jeder erzählt die Geschichte seiner Wanderung und unterhält seine Gefährten. Der l>. Congiato erkennt den Fehler seiner Berechnung und ist der Erste, der sich darüber lustig macht. Die armen Pferde fanden an diesem Orte nichts zum Fressen die ganze Nacht hindurch. — Ich kann hier nicht umhin, allen Vätern und Brüdern der Mission vom Herzen Jesu meine Dankbarkeit auszusprechen für ihre wahrhaft brüderliche Liebe, die sie mir erwiesen, und ihren Werthen Beistand, um die mir anvertraute Mission zu erfüllen. 315 Der ?. Congiato wird Eurer Paternität über den Stand der Mission in den Bergen umständlich Bericht erstatten. Ich beschränke mich darauf, diese armen Bewohner der Wüste Ihrer Vorsorge anzuempfehlen. Ich hoffe, die göttliche Vorsorge wird sie nicht verlassen. Viele tausend Kinder, die nach empfangener Taufe gestorben sind, und eine sehr große Zahl Erwachsener, die als gute Christen gelebt haben und fromm gestorben sind, werden schon jetzt ein himmlischer Fürsprecher sein. Sie dürfen besonders aus den Schutz der Louise aus der Völkerschaft der Coeurs d'Alenes und des Loyola, Häuptling der Kalipets, rechnen, deren Leben eine Reihe von ununterbrochenen heroischen Tugendacten war, und die gleichsam im Gerüche der Heiligkeit gestorben sind. Ich nehme mir vor, Eurer Paternität die Notizen über ihr erbauliches Leben und ihren Tod zu übersenden. (Schluß folgt.) Das Gift. 6. Frau Ellen hatte ihrer Tochter das Dasein gewisser Gifte erklärt, deren Wirkungen die Wirkungen anderer Gifte aufheben. Ei! — versetzte Clara — da könnte man eine Untugend mit der andern vertreiben. Nehmen wir auch die Wahrheit dieser Behauptung an und wollen z. B. den Hang zur Verschwendung durch die Neigung zum Geize ersticken, so würde eben das Laster des Geizes in unserm Herzen fortwuchern, während das schaden- tilgende Gift keinen neuen Schaden im menschlichen Körper anrichtet. Woher rührt dies? Von der Art und Weise, wie unser Körper ein Gift, unser Herz eine Untugend als Gegenmittel empfängt. Unterscheiden sich diese beiden Empsangsweisen? Allerdings; das Gegengift für den Körper wird in keiner starken Gabe, nicht rein, sondern vermischt mit andern Stoffen gereicht, welche ihm seine tödtende oder zerstörende Kraft rauben. Das Gegengift für das Herz aber, wenn wir des Gleichnisses willen diesen Namen den Untugenden leihen dürfen, nehmen wir nur zu bereitwillig im größten, alle andern Kräfte niederdrückenden Maße, nehmen es rein ohne die geringste Vermischung mit irgend einer Tugend, welche seine schädlichen Wirkungen mildern könnte. Das Leben erweist die Wahrheit dieser Behauptung an den abschreckendsten Beispielen. Schon mancher Verschwender, der sich ernstlich bessern wollte, ward ein Geiziger, mancher Tollkühne ein Feigling, mancher Zornmüthige nahm eine verächtliche Gleichgiltigkeit an, welche Alles über sich ergehen läßt; mancher Hosfärtige erniedrigte sich zum demüthigsten Schmeichler. Könnte man also keine Untugend ablegen, ohne in die entgegengesetzte zu fallen? Wir können es im Hinblicke auf den Gebrauch des Gegengiftes für den Körper, welches durch Beimischung anderer Stoffe seine schädliche Einwirkung verliert, mithin aufhört, Gift zu sein. Wir müssen demnach jene Untugenden, welche das Gegengift des Herzens sein sollen, mit Tugenden vermischen, welche ihnen, unbeschadet ihrer Gegenwirkung, ihre Gefährlichkeit nehmen, sie also in erlaubte, ja erstrebenswerthe Vorzüge verwandeln. Du hast die Bezeichnung unrichtig gewählt. Eine Untugend bleibt, was sie ist; auch unter der Verhüllung der erhabensten Tugenden. Es kommt also nicht auf ihre Vermengung mit dem Guten, sondern aus ihre Verwandlung durch das Gute an, bevor wir sie in unser Herz aufnehmen. Der Proceß, welcher 316 beim Körper nach Empfang des Gegengiftes, muß bei der Seele vor Empfang des Gegenmittels sich entwickeln. Welches Gute veredelt aber das Böse? Die Betrachtung des Gegengiftes führt uns auf den rechten Weg. Gift und Gegengift haben die entgegengesetztesten Wirkungen; allein beide Wirkungen würden sich in der Kraft, zu schaden, berühren, wenn nicht der dem Gegengifte beigemischte Stoff in der Mitte zwischen beiden Giften den schädlichen Wirkungen derselben das Gleichgewicht hielte. Die richtige Mitte ist also der die Untugenden veredelnde Geist des Guten. Getroffen, mein Kind! Sie bildet den Inhalt der christlichen Weisheit, und, indem sie den Untugenden ihre Schärfe nimmt, verwandelt sie dieselben in eine milde Tugend. Zwischen Geiz und Verschwendung steht die Sparsamkeit; zwischen Hoffarth und kriechender Demuth gerechtes Selbstvertrauen im Hinblicke auf den göttlichen Beistand; zwischen aufbrausendem Zorne und charakterloser Sanftmuth der gerechte Zorn, der nur bei einer gerechte^ Veranlassung in weiser Mäßigung sich zeigt. Aber, Mutter! Vertreiben Untugenden auch nie das Böse überhaupt, so pflanzen sie doch Tugenden in unser Herz. Wir sind z. B. geduldig aus Prunksucht in dieser Tugend. Wenn wir indeß mit unserer Geduld nicht mehr prunken könnten, sondern uns demüthigen würden in den Augen der Menschen, wären wir da nicht stolz auf unsre Ungeduld? Wann würden wir unsern Stolz demüthigen in der Geduld? Wenn wir geduldig wären in der Demüthigung unseres Stolzes. Siehe mein Kind! daß der Zweck das Mittel heilige, ist ein verkehrter Satz; um wie viel verkehrter muß erst der Satz sein: daß Las Mittel den Zweck heilige? Worin nun zeigt sich die Falschheit eines Zweckes äußerlich? In seiner Dauer. Eine gottähnliche Absicht des Wirkens ist gewissermassen unbegränzt, wie das Göttliche selbst, endet also in ihrer reinen Erhaltung erst mit unserm Leben. Eine weitgemäße Absicht begränzt sich durch die Begriffe der Welt, ändert sich mit der Veränderung oder dem Widersprüche dieser Begriffe. Wie verräth sich der Unterschied beider Absichten in unserer Handlungsweise? Wer nach göttlichem Gesetze handelt, sucht Gott nachzuahmen in der Einheit seines Geistes. Wer die Welt zur Richtschnur nimmt, ahmt sie nach in der Vielheit ihrer Charakterlosigkeit. Die Bedrückung der Kirche iu den katholischen Staaten im 18 . und 19 . Jahrhundert und ihre Folgen. „Niemals konnte sich ein Souverain, welcher seine Hand gegen einen Papst erhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen." Inwieweit die Geschichte diesen Ausspruch des berühmten sardinischen Staatsmannes bewahrheitet, ist in einem dem Mainzer Sonntagsblatt entlehnten, Aufsätze des Kirchenblattes (Nr. 17.) in kurzen Zügen nachgewiesen worden. Die Geschichte zeigt aber auch, wie alle die katholischen Staaten, deren Regierungen, von falschen Voraussetzungen ihrer Oberhoheit ausgehend, und in völliger Verkennung ihrer Stellung zum heil. Stuhle und zur Kirche, die letztere zu unterdrücken und als Mittel zur Erreichung ihrer absolutistischen Zwecke herabzuwürdigen bestrebt waren, von dem göttlichen Strafgerichte getroffen wurden. Nachdem der Bourbonische Ludwig XlV., dessen Absolutismus die sogenannten gallicanischen Freiheiten ihr Dasein verdanken, in Frankreich den Reigen eröffnet hatte, waren ihm die Vettern aus seinem Hause, die Regenten von Spanien, 317 Neapel und Parma eifrigst in ihren lirchenfeindlichen Bestrebungen gefolgt; das Haus Braganza in Portugal überbot diese an Trotz und Gewaltthätigkeit gegen die Kirche und ihre Organe, und Joseph ll. brachte in Oesterreich sein, einen Abklatsch jener gallicanischen Kirchenverfassung bildendes System der Aufklärung in Ausführung, unter dessen unheilvollen, verderblichen Folgen Volk und Regierung heute noch empfindlich zu leiden haben. Das ganze 18. Jahrhundert war ein ununterbrochener Kampf der weltlichen Mächte gegen die Gewalt der Kirche, ein fortwährendes Hindrängen zum Cäsareopapismus. Den Nachfolgern auf dem Stuhle des heiligen Petrus ward statt mit der gewohnten Verehrung und Hingebung, mit Trotz und Uebermuth. mit Hohn und Spott begegnet, und wahrlich, wenn man die Geschichtsbücher jener Periode durchblättert, so wird man wie von Wehmuth, von innigstem Mitgefühl für diese erhabenen Märtyrer ergriffen, denen eine glaubenslose, freche Zeit den Leidensbecher bis aus den letzten Tropfen zu verkosten gab. Unter allen jenen Ländern ist auch nicht eines, das der Zorn Gottes nicht getroffen und unter seine Strafruthe nicht gebeugt hätte. Wie die Verfolgung der Kirche von Frankreich ausging und ihren Umzug hielt durch die Staaten Europa's, so war jenes Land auch die Geburtsstätte und Wiege der Revolution, die von dort aus sich wie ein Strom ergoß über alle Länder und seit jener Zeit ununterbrochen fortgedauert hat bis aus den heutigen Tag, hier unter der Asche glimmend, dort in Flammensäulen auflodernd, nur daß sie heute nicht blos von den Völkern ausgeht, sondern auch von Regierungen und Herrschern gehegt und gepflegt wird. Es ist aber die Revolution ein vielköpfiges Ungeheuer, das auch seinen eigenen Erzeuger verzehrt. „Beuge das Haupt," sprach bei der Taufe der hl. Remigius zum Herrscher des Frankenreiches, Chlodwig, „beuge das Haupt, stolzer Sigamber, verbrenne was du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast." Und Chlodwig beugte sein Haupt auf das Geheiß des Bischofs und erhielt mit Wasser die hl. Taufe. — Vierzehn Jahrhunderte später beugte abermals ein Herrscher des Frankenreichs sein Haupt, nicht auf das sanfte Gebot eines Bischofs, sondern aus das Wuthgeschrei eines entfesselten, blutberauschten Pöbels, und er beugte sein Haupt — um mit Blut die Taufe zu erhalten durch das Schwert des Nach- richters. Dieser Herrscher war ein Enkel jenes stolzen Ludwig des Vierzehnten, der sich den Großen nennen ließ, der seine Person mit dem Staate identificirte (t vl.n c'esr moi), und seinen Willen frech zum höchsten Gebot auch über das der Kirche setzte. Und jener so allgewaltig herrschende, souveraine Pöbel, der Frankreich in einem Meere von Blut zu ersäufen drohte, er war das würdige Erzeugniß einer Zeit, die durch die unheilvollen Lehren jener so bewunderten und vergötterten Verkünder der Menschenrechte, jener Apostel der Freiheit, der Aufklärungs-Philosophen des 18. Jahrhunderts hervorgerufen war, die den Fürsten begreiflich zu machen wußten, daß ihre Macht durch die Unterdrückung der Kirche stärker und fester würde werden, und welchen diese hinwieder ihre Dankbarkeit nicht besser zu bezeugen wußten, als daß sie eine christliche Kirche zu ihren Ehren in einen heidnischen Tempel umwandelten. Mit eisernem Fuße zertrat Napoleon der Hydra der Revolution den Kopf und stellte als Grundsäulen der neuen Ordnung der Dinge das katholische Kirchenthum wieder her. Aber auch ihm sollte die Kirche nur als Hebel für die Ausführung seiner Pläne, als Mittel zum Zweck dienen. Sie ward durch organische Gesetze in spanische Stiefeln eingeschnürt, und als sie gleichwohl sich nicht zum bereitwilligen Werkzeuge seiner Weltherrschafts-Jdeen hergeben wollte, da, um sie mit Gewalt zu beugen, streckte er seine gewaltige Hand aus gegen die geheiligte Person des Statthalters Christi. Aber die Hand Gottes war noch stärker. Sie erfaßte ihn in den eisigen Gefilden Rußlands, und seine Weltherr- KÄ rs MG 318 schaft war vernichtet. Fünfzehn Monate später, als er dem gefangenen Papste das falsche Concordat von Fontainebleau abgezwungen hatte, mußte er in demselben Fontainebleau seine Abdanlungsurkunde unterzeichnen. Die Bourbonen nahmen ihren alten Thron ein. -Aber dieses Geschlecht hatte Nichts vergessen und Nichts gelernt. Der Gallicanismus ward wieder proclamirt und in den Kammerverhandlungen (1827) durch die Weiherede des Bischofs von Hermopolis sanctionirt. Schon nach drei Jahren macht eine neue Revolution der Bourbonenherrschaft ein Ende. Ihr Nachfolger ist der liberale Bürgerkönig, Ludwig Philipp, der Sohn jenes berüchtigten Herzogs von Orleans, Philipp Egalite, der für den Tod seines Königs, seines so nahen Verwandten gestimmt hatte. Klug und verschlagen, sucht er die Stützen seiner Herrschaft nicht in der Kirche, nicht in der Aristokratie, sondern in dem Ton angebenden Philisterthum des Bürgerthums, dem er aus jede Weise schmeichelte, um es an sein Interesse zu fesseln. Die Universität zu Paris wird die Kanzel, von der herab Haß und Verachtung gegen die Kirche ungescheut gepredigt, wo der Jugend frühzeitig jene Grundsätze der Glaubenslosigkeit eingeprägt werden dürfen, der er selbst, der alte Voltairianer, huldigte, und die ihn, den allwärts Freundlichen, veranlaßt, der Kirche feindlich gegenüber zu treten. Achtzehn Jahre hatte er regiert, unverletzt von den Kugeln, die von Mörderhand neunmal gegen ihn entsendet wurden; seine Dynastie ist nach menschlicher Berechnung lange gesichert, da ereilt auch ihn das Geschick. Wenige Stunden reichen hin, um seinen durch alle Mittel menschlicher Klugheit befestigten Thron zu stürzen. Wie sein Vorgänger, stirbt auch er als Flüchtling auf fremder Erde. Abermals herrscht die Revolution und abermals wird sie von einem Napoleon niedergetreten. Wie die Bestrebungen dieses Mannes, der, aus was immer für Motiven, zu der wüthendsten Verfolgung gegen Las Oberhaupt der Kirche das Hallali geblasen, wie diese enden werden, das steht in dem Buche der Vorsehung geschrieben, die allen menschlichen Bestrebungen und Entwürfen ein Ziel setzt. Die Geschichte aber gibt deutliche Winke, die keiner Erläuterung bedürfen. Wenige Zeit nach dem Falle der Julidynastie schrieb einer der geistvollsten deutschen Publicisten, einer der größten Geister Deutschlands überhaupt, dessen vollen Werth erst eine dankbare Nachwelt zu würdigen wissen wird, schrieb Carl Ernst Jarcke:-„Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände, daß, Wider alle menschliche Berechnung und Vorsicht, jede Macht in Frankreich, welche die Kirche knechten wollte, jedesmal bald nachher ihren Untergang fand. Hätten wir irgend einem künftigen Beherrscher dieses Landes, wie er auch heiße, einen Rath zu geben, so dürfte es vielleicht an der Zeit sein, ihm den Vorschlag zu machen: er möge es einmal auf dem entgegengesetzten Wege versuchen. Er möge das Experiment machen, die Kirche nicht zu verfolgen, aber auch nicht durch seinen Schutz zu erdrücken, sondern sie frei zu geben und für sich selbst sorgen zu lassen. Es wäre, scheint es, doch des Versuches werth. Schlimmeres als der alten Monarchie, dem Kaiserreiche, der Restauration und dem Julikönig- thume könnte ihm doch nicht begegnen, wenn er die gallicanischen Grundsätze aufgäbe. Und wer weiß, ob nicht die von den Staatsfesseln befreite Kirche wieder fähig würde, jenen Frieden in den Gemüthern wiederherzustellen, ohne welchen Freiheit und Ordnung der Gesellschaft Worte der Täuschung und Lüge sind." Ludwig Napoleon hat diesen Weg nicht eingeschlagen, sondern mit der Erbschaft seines Oheims auch dessen Kampf gegen die Kirche übernommen. Damit ist auch sein Schicksal besiegelt. Das Land aber muß, aus tausend Wunden blutend, für die Verblendung seiner Herrscher büßen.*) (Schluß folgt.) *) tzuiä^uiä äelirrml reßes, pleciuvtur Xrckivi. Virxil. Reflexionen über da«s Wallfahrten nach Eiufiebeln. Verschiedene öffentliche Blätter in der Schweiz und im Ausland haben im verflossenen Jahre gemeldet, die 3 Gesandten der Mächte Frankreich's, Oesterreichs und Sardinien's hätten, nachdem sie das in Villafranca zwischen den beiden Kaisern Frankreich's und Oesterreich'? begründete Friedenswerk in seinen ^ Hauptzügen zu Zürch gezeichnet hatten, eine Wallfahrt nach Ein siedeln . gemacht, und seien in dem dasigen Kloster von dem sehr humanen und gefälligen Herrn Prälaten gastfreundlichst bewirthet worden. Was! Abgeordnete der größten Mächte Europa's wallfahrten noch in ' der Mitte des aufgeklärten XIX Jahrhunderts ! Wallfahrten nach Ein siedeln, der Zufluchtsstätte des einfältigen Volkes! wallfahrten zu einem dort der Verehrung ausgesetzten sog. wunderthätrgen Bilde! wallfahrten dahin wohl auch wegen der weit in die Welt Hinausschallenden Sagen von einer wund urbaren, ja göttlichen Einweihung einer für dieses Bild dort er- ! richteten Capelle, welche schon vor uralter Zeit geschehen sein soll. Wohl möchte manches nach Einsiedeln locken: die romantische Lage des Ortes, die Pracht des dortigen Klosters, die prachtvolle Kirche, die ergreifende ! Würde des Gottesdienstes, die herrliche Musik, der imposante Choralgesang, die > Gesänge und Gebete der tausend Pilger, welche von verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, in den mannigfaltigsten Trachten an diesen Ort her ^ wallfahrten, und bis in die späte Nacht hinein in dem düster erleuchteten Gottes- j Hause um die marmorne Capelle der Gottesmutter herum sitzen oder knieen, ! dieses muß wohl anziehen und ansprechen. 1 Alle diese ansprechenden und anziehenden Dinge sind aber nur Ausflüsse des Glaubens an jenes unendlich wichtige Ereigniß der wunderbaren Einweihung der Capelle, welches Allem zum Grunde liegt, und ohne welches alle diese i Dinge entweder gar nicht wären, was sie jetzt sind, jenes Ereigniß, welches die > ursprüngliche Chronik des Klosters erzählt, das Ereigniß nämlich der Einweihung der Cappelle durch Christus selbst und seiner hl. Engel, weßwegen sie Engelweihe genannt wird, und welche im Jahre 948 in der Nacht des 14. September geschehen sein soll. So erzählt dieselbe Chronik: „Im September „des Jahres 948 lud Abt Eberhart den Bischof Konrad von Konstanz zur feierlichen Einweihung der erneuerten Mnttergotescapelle nach Einsiedeln ein. „Um Mitternacht des zur Einweihungsfeier bestimmten Tages begab sich Konrad „mit noch einigen Mönchen in die Kirche zu Gebet und Betrachtung. Da ver- ! „nimmt der Bischof, wie er in die Kirche eintritt, einen wunderschönen Gesang. „Er schaut umher, und gewahrt immer deutlicher, daß Engel dieselben Cerrmonien „verrichteten, welche bei Einweihung einer Kirche gebräuchlich sind. Jener sieht „ausdrücklich,.daß Christus selbst in der Gnadencapelle das heiligste Opfer dar- . »bringt, umgeben von mehreren hl. Vätern. Während dieser Handlung stand die s „seligste Jungfrau Maria in glänzender Lichtgestalt vor dem Altare. Mittler- „weile rüM der Morgen an; es war Donnerstag, den 14. Herbstmonat, Alles „zur Weihung erforderliche war bereit und man drang in Konrad, die Weihung „endlich vorzunehmen. Allein, als er sich dazu herbeilassen und die Einweihung „beginnen wollte, ertönte von der Höhe herab die Stimme: „Höre auf Bruder, ' „die Capelle ist schon göttlich eingeweiht!" — Die Anwesenden, „welche diese Worte mitanhörten, und zwar zum drittenmal«!, wurden von heiligem Schauer ergriffen, und Konrav stand ab von der Einweihung der Capelle „und weihte dagegen nur die neugebaute Kirche" u. s. w. So erzählt die älteste Chronik des Klosters Einsiedeln und diese Erzäh- 320 lung wurde schon von Abt Konrad an den damaligen Papst Leo XIII. nach Rom gesendet, von diesem in einer eigenen Bulle als glaubwürdig dargestellt, und dann zu verschiedenen Zeiten von zwölf Päpsten bestätiget; der letzte war noch Pius VI. im Jahre 1795. Da drängt sich nun wohl die wichtige Frage auf: „Was ist von dieser Erzählung der wunderbaren Einweihungder Capele zu halten? — Ist eine solche möglich? Wäre es wohl möglich, daß Christus selbst vom Himmel Herabkomme auf die Erde und an den Ort, auf welchem die Kirche und die Capelle Einfiedeln stehen, und daß Er dann selbst die kirchliche Einweihung derselben unter dem Beistande von Engeln und hl. Vätern verrichtete? War dieses wohl möglich? Die Möglichkeit läßt sich wohl kaum bezweifeln. Denn was könnte dem Allmächtigen unmöglich sein? Wäre ja diese Herabkunft vom Himmel auf die Welt offenbar ein kleineres Wunder, als die erste durch die Menschwerdung es war, und als die letzte sein wird, wann Er kommen wird in großer Kraft und Herrlichkeit, die Lebendigen und Todten zu richten? Und ist er ja nach der Auferstehung in seiner verklärten Gestalt mannigfaltig hie und da erschienen, aß und trank sogar mit seinen Jüngern Fische und Honig u. s. s. — Also an der Möglichkeit läßt sich nicht zweifeln. Allein wie steht es mit der Wirklichkeit? können und dürfen wir diese vernünftig und historisch als sicher annehmen? Es sind in dieser Sache nur drei Dinge möglich, von denen Eines wir annehmen müssen. Entweder ist die ganze Sache nur ein Phantasie-Gesicht, d. h. ein Traum. Es hat vielleicht dem frommen Bischof Konrad nur so geträumt; es war eine schöne Biston des hl. Mannes, sagt die Well. Allein die Chronik sagt: Konrad sei um Mitternacht am 14. Sept. mit einigen Mönchen in die Kirche gegangen zum Gebete. Sollte es nun wohl wahrscheinlich gewesen sein, daß er und alle, die mit ihm waren, im Gebete eingeschlafen wären und geträumt hätten? Diese heiligen Männer, welche gewiß manche ganze Nacht im Gebete und Betrachtung zugebracht hatten, wären so leicht eingeschlafen! Und sollte jdieser weise Bischof auf einen bloßen Traum so viel abgestellt haben? Oder hätte sich ein bloßer Traum so viele Jahrhunderte lang in der Täuschung erhalten können? —Nein, bloßer Traum oder Phantasie- Gesicht kann jene göttliche Erscheinung nicht gewesen sein; denn ein bloßer Traum wäre schon lange verschwunden. Aber vielleicht war es eine geistige Vision, welche der hl. Mann in einer geistigen Entzückung gesehen hat? Aber sind denn gerade alle, welche beisammen in der Capelle waren, so auf einmal verzückt geworden? Die Chronik sagt aber: „Alle Anwesenden „haben die Engel gesehen, wie sie die Cermonien der Einweihung vernichteten. und haben die StimmevonOben herab gehört: Höre aus Bruder! die Capelle ist schon göttlich eingewiht!" — Also auch eine Vision kann es kaum gewesen sein, weil ja das Ereigniß gesehen und gehört wurde, und zwar nicht von Einem sondern von Mehreren. (Schluß folgt.) Redaction nno Verlag: I)r. M. Huttler. — Druck von 3. M. Kleinle.