H>>. 4S. 14. October 1860. Das Augsburger SonntagSblatt (Sonntags-Veiblatt zur Augsburg er Post« Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 rr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die sichere Bucht. Da grause Stürme wüthend droh'n Dein Lebensschtfflein zu zerschellen, Das wild erfaßt der Gruiim der Wellen, Daß schier die Rettung Dir entfloh'»: Such' ungesäumt dem Schiffbruch zu entrinnen, Die sichre Bucht der Kirche zu gewinnen! Da rief der Hoffnung Anker aus, Daß in des Glaubens tiefem Grunde Er wurzelt, und zu günst'ger Stunde Dir winkt der Liebe gastlich Haus, In dem willkommen Du mit sel'gen Gaben Froh magst am reichen Mahle dich erlaben! __ I. B. Tafratshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) 6. Stolz vom Bertze herabschauend, beherrschte Schloß Waldegg, welches früher einer adeligen Familie angehört hatte, und nunmehr die Wohnung eines Amtmanns bildete, das im Thäte liegende Dörfchen. Jost — so hieß der Bewohner des Schlosses — war im Amtsrocke ein treuer Diener des Staates, im Wirthshausrvcke der Freund und Rathgeber Aller, im Schlafrocke der liebenswürdigste Familienvater. Seine Gattin, eine ehrwürdige Matrone, lebte und webte nur für Gatten und Kind. Fritz, der Sohn, trat nicht in die Fußstapfen seiner braven Eltern. Er hatte die Hochschule der benachbarten Stadt bezogen, sich zu einem tüchtigen Beamten im Rechtssache heranzubilden; allein die ausschweifenden Lustbarkeiten seiner Studienfreunde ließen ihn nicht selten den Ernst des Lebens vergessen. Marie, seine ältere Schwester, war still und einfach, wie die sie umgebende ländliche Natur, und seltsamer Widerspruch eines demüthigen Herzens! — was sie zu besitzen selbst nicht wähnte, das suchte sie mit sorgfältigem Eifer zu vervollkommnen: einen Wandel im frommen Glauben und in Einfalt der Sitte. Von ihrem Schwesterchen Emma galt der Ausspruch des göttlichen Kinderfreundcs: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Fürwahr! der Himmel der Unschuld strahlte in ihr Herz, aus ihrem Auge. Das fühlte der mit freundlichem Gruße Bedachte, wenn sie den Bergabhang hinab an ihm vorbei zum Schulbesuche eilte. Diesen Abhang schmückte ein Kirchlcin, Tags über dem frommen Beter offen. Nie ging die Kleine den Weg zur Schule, oder nach Hause ohne Einsprache in der Capelle. In der Schule ward zwar auch gebetet, und, wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen — hatte nach des Pfarrers Lehre der Herr gesprochen. Dennoch ließ sich's allein traulicher mit dem Gottes- kiude schwatzen. — Die uns Begegnenden muß man freundlich grüßen — hatte die Mutter gesagt. Warum sollte man den lieben Herrgott nicht besuchen dürfen, wenn man an seinem heiligen Hanse vorüberkam? Ihrer frommen Gewohnheit gemäß hatte Emma einst an frühem Morgen die Kirche kaum betreten, als sie mit einem Schreckensrufe dieselbe hastig wiederum verließ. 330 „Warum stürzest du so athemlos zum Zimmer herein? — fragte Frau Jost ihr heimgekehrtes Kind. — „Du wirst kaum in der Schule gewesen sein." „Mutter! Mutter! Ein Todter!" „Närrchen!" — sprach der eben eingetretene Amtmann. „Nein, Vater! im Küchlein. Mir graust noch jetzt vor dem Anblicke." „So will ich selbst mit dem Knechte gehen und sogleich den Dorfarzt besorgen lassen. Du, Frauchen! halte Zimmer und Bett bereit für den Fall, daß ein Unglücklicher unserer Hilfe bedarf." * Kaum waren diese Anordnungen befolgt, als auch der Amtmann mit dem Dorfarzte wieder erschien. Ihm folgten zwei Männer mit einer Tragbahre, auf welcher ein junger Mann ohne Lebenszeichen ausgestreckt lag; allein bald siegte das Gefühl der Menschlichkeit über den Schrecken. Doch als die aufopfernde Sorgfalt der braven Familie sich mit glücklichem Erfolge gekrönt sah, und der Fremde zum Leben wieder erwacht, den Umstehenden warm die Hand drückte, erinnerte sich vorzüglich die fromme Mutter, daß nicht sie und die Ihrigen sich in den Dank zu theilen hatten, sondern daß dieser dem Herrn ausschließlich gebühre. Sie eilte daher in's Kirchlein und dankte brünstig, daß Gott einem Unglücklichen Hilfe und ihnen die Gelegenheit zu einem verdienstlichen Werke gewährt habe. Nach Hause gekommen, wollte sie Emma zeigen, daß eine edle That nebst der innern Belohnung der Selbstzufriedenheit auch schon in diesem Leben oft einen äußern Lohn mit sich bringe. — „Liebes Kind!" — sagte sie — „heute hast du mich so sehr erfreut, daß ich dir gerne eine Gegenfreude machen möchte." „Bitte, Mütterchen! schenke mir jene Schaumünze, die du mir versprochen hast, wenn Du einmal besonders mit mir zufrieden sein könntest. Heute war ich doch recht brav." „Nur nicht stolz, mein liebes Kind!" — versetzte die Mutter mit dem Finger drohend. — „Du vergissest über Dein geringes Verdienst, was dem Herrn gebührt." — Emma hüpfte vor Jubel, als sie die seltene Münze in Händen hielt, welche die Amtmännin als junges Mädchen von ihrer Pathin empfangen hatte. Mit großen Augen betrachtete sie'die räthselhafte Schrift der Kehrseite, die Figuren der Vorscite, welche eine heilige Handlung darstellte. Aber plötzlich legte sie das Goldstück weg. — „Mutter! Nicht eher mag ich die Münze, als bis du mich geküßt hast." — Sie sprang der Mutter auf den Schooß und küßte sie und ließ sich küssen. ^ , Herr Jost wollte sich nicht durch unbescheidenes Forschen nach den Schicksalen des. Erretteten für sein und der Seinen geleistete Dienste bezahlt machen. Allein sobald der Unbekannte sich so weit erholt hatte, daß er ohne zu große Anstrengung sprechen konnte, erzählte er unaufgefordert seine Lebensgeschichte, weil es ihm, wie er sagte, Bedürfniß, Pflicht der Dankbarkeit war, sein Herz in die Brust eines Mannes anszugießen, dessen edles Wohlwollen sich vorzüglich gegen ihn geäußert hatte. August Finner — so nannte sich der Fremde — ein geborner Deutscher, war in früher Jugend mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert und führte dort im Schooße seiner Familie ein friedsames Leben, dem Kaufmannstande sich widmend. Die französische Revolution gegen Ludwig XlV. sollte auch diese Glücklichen nicht verschonen. Augusts Eltern starben auf dem Schafotte dewTod für Gott und Vaterland. Er selbst entkam uur durch die List eines Gefangen- wärters und irrte, mit wenigem Gelde versehen, Tage lang umher, bis er die Gränze erreichte. Freundlich winkte ihm die Kirche vom Berge. Dort wollte er von allem Irdischen verlassen, zu Gott seine Zuflucht nehmen. Kaum hatte er 331 ihre heilige Schwelle betreten, als seine fast erschöpften Kräfte gänzlich schwanden. —' „Die letzte Stunde meines Lebens schien mir genaht" — schloß er seine Erzählung mit thränennassem Auge. „Nur die letzte Stunde Ihres Elends," — versetzte Jost, — „wenn sie anders mit der bescheidnen, aber sichern Stellung eines Schreibers bei meinem Amte, mit einem stillen Plätzchen an meinem Heerde nur einigermassen sich trösten können für Ihre unersätzlichen Verluste. — Bist du's zufrieden, Johanna? fragte er seine Gattin, welche schon zu Anfange der Erzählung Finners eingetreten war. „Mit dir und meinem neuen Hausgenossen. Ich wiederhole den Wunsch meines Gatten: mögen Sie in uns, wenn auch nicht völligen, doch einigen Ersatz für ihre Verlornen Eltern finden!" „Und Sie bei Gott den Entgelt, den ich nicht geben kann!" — entgegncte Finner, Frau Jost gerührt die Hand reichend. (Schluß folgt.) Aus dem Leben einer Fürstentochter. (Schluß.) Sie spornte sich täglich selbst an zum Eifer in der Tugend und sprach: „O mein Gott! Du bist von so Vielen geehrt und geliebt, soll nicht auch ich etwas thun zu Deiner Ehre? O Jesus leidend für mich unendliche Pein! soll nicht auch ich etwas leiden um Deinetwillen? Tausende hast Du zu Deinem besonderen Dienste berufen, soll ich allein zurückstehen? Ach! wozu, o Herr! bin ich geboren? Gewiß nicht, Freude und Kurzweil zu genießen, das Paradies auf dieser Welt, ewige Pein in der anderen! O nein! o nein! mein Herr und mein Gott! Mache mit mir, was Du willst, ich will nicht aufhören Dich zu lieben, weil Du mich liebest ohne mein Verdienst! In Dir will ich glühen in ewiger Liebe, ausziehend alles Sterbliche, mir anbildend das himmlische Leben im Paradiese." — Mit besonderer Andacht war sie der allerseligsten Jungfrau Maria zugewandt, dieser gottgesetzten Führerin der tirolischen Volkskraft auf allen Wegen der irdischen Trübsal, und beförderte allenthalben ihre Ehre, durch die jungfräuliche Reinigkeit der Gottesgcbärerin ausfegend die Fäulniß einer besudelten Zeit, die Gemüther empfänglich machend für die Spannkraft der keuschen Gesinnung. Aus aller Noth der weltlichen Strudeleien flüchtete sie in's Herz ihres Heilandes, und betete mit Innigkeit: „Sei gegrüßt, reinstes Herz Jesu, meines süßesten Herrn und Meisters, mit unzähligen Wunden für mich durchbohrt! Deine Wunden durchflammen meine Seele mit den Pfeilen der göttlichen Liebe! Versenke mich in die Tiefen Deiner heiligen Seee, tränke mich statt mit dem Weine Deiner himmlischen Gnaden, daß ich Dir vereint lebe und sterbe in unaussprechlicher Liebe!" Als ihr Gemahl im Jahre 1594 tödtlich erkrankte, blühte sie hell auf aus den Thränen ihrer tiefen Hcrzbekümmerniß mit den Wunderblüthen der Gott- ergebung, der Geduld, der zartinnigsten Theilnahme, unermüdlich am Lager dessen, dem sie in kindlichster Treue an dreizehn Jahre gedient, ihn pflegend mit lieber Hand, ihm zusprechend im Tode, ihn hinüberbetend in die ewige Freude, dem Todten opfernd ihr Blüthenalter von acht und zwanzig Jahren, mit der Liebe, die keinem Zweiten gilt, wenn auch umworben von den ehrenvollsten Anträgen fürstlicher Bewerber nach dem Tode des Landesfürsten. Mit ihrer Liebe unveräußerlich hinübergeschlungen an die Seele ihres Gemahls am Herzen Gottes, saß sie einsam in ihrer Wittwenzelle, die verwaisten Töchter hangend an ihrem Gewände, mit Thränen heiliger Sehnsucht nach der ewigen Heimath. Gold und N 332 Edelsteine hatte sie abgelegt, ein schwarzes Bnßkleid umhüllte ihre Glieder, sie setzte sich zur schmerzenreichen Mutter Maria, aufathmeno in gläubiger Andacht, sie wählend zum Vorbilde in der Trauer um ihren göttlichen Sohn. „Diese —> sagte sie — war in der Jugend meine Lust, in der Ehe mein Trost, und soll mir im Wittwenstande der einzige Ruhm, der Gegestand meiner besonderen Verehrung sein." Die Hofbetten verschwanden, zellenhaft klein und schmucklos stand ihr zurückgezogenes Schlafgemach. Sie betrieb mit allen Hausgenossen die tägliche Handarbeit auf das Eifrigste. „Es gibt nichts köstlicheres, als die Zeit — war ihr Grundsatz — diese ist das heiligste Kleinod aller frommen Seelen. Der Arbeitsame, trotz aller Anfechtung des Teufels, er lebt in der Ruhe eines guten Gewissens!" Ihre Marienliebe kannte keine Gränzen. „O süße Mutter Gottes! - betete sie ohne Unterlaß — wüßte ich nur, was Dir angenehm ist, mit Freuden wollte ich es thun! Alles, Alles will ich Dir geben, selbst das Herz aus meinem Leibe!" Zu Fuße besuchte sie die umliegenden Andachtsstätten der allerseligsten Jungfrau, Mils, Loretto bei Hall, Wiltau, Waldrast und andere, dem gemeinsten Volke gleichgestelt und durch ihre Demuth jedes christliche Gemüth erbauend. Selbst die Tadelsucht der Andachtlofen entwaffnete ihre Sanftmut!), ihr mildes Wesen, , ihr menschenfreundliches Vergessen aller Unbild. Im eigenen kleinen Hofhalte war sie die lauterste, herablassendste Liebe, sie bediente in eigener Person die Kranken, reinigte ihre Wunden, erquickte ihre Seele mit freundlichen Zusprüchen. Ost wirkte die von ihr bereitete und dargereichte Arznei wunderbare Heilung, denn die Gnade Gottes war mit ihr. Besonders liebevoll stand sie am Bette der Sterbenden, ihren Todeskampf segnend, ihn erleichternd mit dem Gebete ihres reinen Herzens. Mit dieser gottseligen Lebensweise nicht zufrieden, gespornt vom Gluthauche der wachsenden Gottesliebe, gründete Anna Juliana schon im Jahre 1606 das sogenannte versperrte Kloster fürJungfrancn im Stadtsaggen zu Innsbruck, und baute daran ein Regelhaus für Wittwen, in welches letztere sie selbst eintrat, entschlossen, ganz der Welt zu entsagen und dem armen Erlöser zu folgen in strengster Los- sagung vor allen zeitlichen Dingen, nach der Regel der Dienerinnen Mariens, die sie aus Italien nach Deutschland verpflanzte, unter der geistlichen Obhut der Väter des nämlichen Ordens, denen sie zu Innsbruck das Kloster des heiligen Joseph stiftete. Die Jungfrauen waren durch bleibende Gelübde lebenslänglich gebunden, die Wittwen als sogenannte-Drittordensschwestern durch einfache (Belobung ihnen beigefügt.- Von Anna Juliana's Töchtern war Eleonore in früher Jugend gestorben, Anna heirathete den König Matthias, und Maria folgte ihrer Mutter in die jungfräuliche Klosterstille. Der Eintritt erfolgte im Jahre 1612. Man sammelte sich am 1. Juni in der Pfarrkirche, sieben Jungfrauen, fünf Wittwen, die Stisterin und ihre Tochter. In feierlichem Zuge, der von geistlichen und weltlichen Würdenträgern, von allen Zünften der Bürger und vielen Anderen geleitet war, schritt man nach dem Kloster. Die sieben Gottesbräute waren alle in Weiße Seide gekleidet, mit einem blauseidenen Baude um die Mitte gegürtet, und trugen eine Lilie in der einen, ein Kreuzbild in der andern Hand, aus der Finsterniß irdischer Eitelkeit eilend zur Hochzeit mit dem himmlischen Bräutigam. — Hierauf erfolgte in der Ordenskirche die Einkleidung. Als Anna Juliana vor allem Volke erschien, in schlichtem Gewände, thränennaß von Andacht und Liebe, brachen alle Gegenwärtigen in Thränen aus; denn es war die Eitelkeit des Lebens gerichtet durch die Demuth und Weltverachtung der Erzherzoginnen. Nach der Einkleidung kam die Nachricht, daß ihre Tochter Anna zur Königin gekrönt sei. „Wohlan! — rief Juliana aus — erfreue dich, meine Tochter, der Kaiserkrone, und der Segen Gottes möge dich stets mit himmlischen Gnaden überströmen! Ich Lrfreue mich mit herzinniger Lust meines Schleiers, womit mich die allerseligste Jungfrau Maria gekrönt hat!" Sie entsagte sofort 1^2 333 aller Dienerschaft, allem Unterschiede der Person, schwesterlich lebend mit den Schwestern, deren Kleider sie demüthig flickte, selbst des abgenütztesten Anzuges froh. Tief beklagte sie ihre leibliche Schwachheit, die ihr nicht erlaubte, an den gemeinsten Haus - und Küchenarbeiten Antheil zu nehmen. Alle Tage betete sie in der innigsten Zufriedenheit ihres Herzens: „O mein Jesus! O Bräutigam meiner Seele! O glorwürdigste Jungfrau Maria! Wie habe ich die Gnade verdient, dieses hl. Trauerkleid zu tragen und mit der Mutter Gottes den Tod meines Erlösers zu beklagen! O hätte ich es mit dem Reichthume der ganzen Welt, mit tausend Leben erkauft, es wäre nicht zu theuer bezahlt!" Sie feierte oft das Leiden Christi innerhalb der Mauern ihres stillen Klosters auf eigenthümliche Weise. Alle Schwestern zogen durch die Klostergänge, barfuß, jede mit einem Strick um den Hals, ein schweres Kreuz auf den Schultern, eine Dornenkrone aus dem Haupte, Klagelieder singend dem gekreuzigten Heilande. Sie selbst, weil leiblich zu schwach für die Last des Kreuzes, ließ sich mit einer eisernen Kette um den Hals, mit gebundenen Händen mitschleppen, in solcher Andacht und Zerknirschung, daß die Schwestern, in ihr Christus erblickend, wie er zum ungerechten Richter geschleppt wurde, bitter weinten im schmerzhaftesten Wehgesühle. In jeder Noth und Trübsal sprach sie voll Ergebung in den göttlichen Willen: „Das Leiden und Sterben Jesu Christi und das Mitleiden und Mitsterben der seligsten Jungfrau Maria sei allzeit in meiner Seele und meinem Leibe!" Sie litt sehr an Gichtschmcrzen, Nervenansälle warfen sie oft mit grimmiger Gewalt die Stiege hinunter, wiederkehrende große Leibesschwäche, durch strenge Abtödtung vermehrt, rückte sie vor der Zeit an den Rand des Grabes. Im Jahre 1618 erkrankte sie so ernstlich, daß sie nie mehr ganz gesundete, aber der tröstliche Grundsatz: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn!" hielt sie aufrecht in allen Lcibesnöthen. Sie wurde das lebendige Leiden Christi. Im Kopfweh fühlte sie mit inniger Freude die Dornenkrone ihres göttlichen Meisters. Zur Zeit gänzlicher Entkräftung flüsterte sie: „O wie gedrückt ist Jesus unter dem Kreuze um meinetwillen! O wie schmerzlich fällt er zur Erde!" Schmerzte sie die Hüfte, so fühlte sie die Geißelstreiche ihres Gottes; sie athmete leise: „Jetzt geißelt mich der Herr, ich muß leiden, ich will leiden, um ihm für seine schmerzhafte Geißelung zu danken!" Wollten sie ihre Füße nicht tragen, so seufzte sie bei jedem Schmerzenstiche durch Mark und Bein: „Kein Schmerz unter der Sonne gleicht dem Schmerze Christi am Kreuze. O könnte ich mit ihm sterben im schrecklichen Kreuztode, ich stürbe mit Freuden, und dankte mit Inbrunst für diese ausgezeichnete Gnade." Ihre Augen wurden durch anhaltende Kopfflüsse oft unbrauchbar; sie betete in diesem Zustande der Blindheit die Leiden Christi an, die er von seinen Feinden mit verbundenen Augen in bitterster Verhöhnung gelitten. So fühlte und betete sie sich aus ihrem Leiden in das Leiden ihres Heilandes hinein, mitleidend mit seinem göttlichen Herzen, und je schwächer der Leib, desto größer wurde ihr Lcidcnsdurst, desto süßer versank ihre Seele in den Wonnen des Erlösers. Gegen das Fest der heil. Anna des Jahres 1621 befiel sie eine tödtliche Schwäche. Sie mußte zu Bette gehen, ein starkes Fieber stellte sich ein, alle Lust zum Essen und Schlafen verschwand. „Die heilige Anna ruft mich zu sich!" sagte sie lächelnd, und verggß im Gespräche von den Freuden des ewigen Lebens allen Schmerz ihrer Krankheit. Am 2. August wurde ihr Zustand bedenklicher, sie fühlte das Nahen ihrer Todesstunde und sprach: „An dem Mittwoch bin ich nicht mehr bei euch, laßt mich sorgen für meine Seele!" Ihr Auge hing mit seinem letzten Schimmer an dem holzgeschnitztcn Bilde des Gekreuzigten. Furchtbare Seitenstiche, nach ihrem eigenen Geständnisse die Pein des Fegfcncrs, marterten sie durch volle 2^ Stunden mit den grimmigsten Qualen. Sie umfaßte das Kreuz mit der innigsten Zärtlichkeit, ihr einziges Heil, ihre Todesruhe, ihren M p W 334 Himmelstrost und sprach leise: „Lebet wohl, o Schwestern, im Paradiese sehen wir uns wieder!" Man fragte sie, ob sie dürste? „Mich dürstet — fiel sie lebhaft ein — nach dem Wasser der himmlischen Brunnen." Ihre letzte Kraft war geschwunden, im Sterben segnete sie noch die Zurückbleibenden, ihnen wünschend die ungetrübte Wahrheit der katholischen Kirche, Todesmuth für die Gnade des heiligen Glaubens. Sie entschlief am 3. August, 55 Jahre alt, wovon sie die neun letzten im Kloster zugebracht hatte. Man stellte ihren Leichnam in der schwarz ansgeschlagenen Kirche zur Schau. Eine Dornenkrone ruhte auf ihrem Haupte, ein Todtenkops lag zu ihren Füßen, und ein hölzernes Kreuz in ihren Händen. Ihr Leib war mit Blumen bestreut, die von den Besuchenden gierig aufgelesen wurden als Denkmal an die heilige Frau. Als man ihren Sarg 27 Jahre nach ihrem Tode öffnete, fand man ihre Leiche unverwesen, weich anzufühlen, bräunlich gefärbt. Eine strengärztliche Untersuchung bestätigte die Thatsache. Dieses merkwürdige Weib war, wenn auch kaum hervorgetaucht aus den beschränkten Denkkreisen des mädchenhaften Alters, gleichwohl schon bei ihrem Einteilte in's Tirol auf den universellen Standpunct, auf die Höhe des welt- erobernden kathol. Princips getreten, abhold aller revolutionären Nationalität, namentlich der kindisch trotzigen Deutschthümelei, die den inneren Volks- und Neichswurmstich durch einseitige Losgerissenheit von Rom zudecken und heilen wollte, mit der Kraftliebe ihres flammenwerfendeu Gemüthes die ganze Welt umfassend als eine große Völkerinnung unter dem kühlenden Schatten der römisch-katholischen Kirche. Die südliche Lebenswärme des Katholicismus dem tirolischen Landesfürsten als Brautschmuck zuführend, setzte sie mit dem Muthe einer gcbornen Heldenseele das volle Menschenleben ein für das Gedeihen dieser Himmclspflanze in den Bergen Tirols. Sie war in diesem Berufe eines jener höchst interessanten Doppelwesen, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob das männliche oder weibliche Element in ihrer Art vorherrscht, ob der Muth des Helden die Zartheit des Gemüthes überwiege. Ihr dunkelblickendes, sprühendes Auge, angeglüht von der geistig entflammten Innerlichkeit, ihr entschlossener Ausdruck, ihre Züge, in denen die weibliche Anmuth von niederhaltendem Mannesernste umleuchtet ward, waren die geheimnißvollen Strahlen ihrer verborgenen Seelen- kraft, selbst die Liebsten nnd Vertrautesten mit strenger Ehrfurcht durchdringend. Deßhalb blieb sie, wie Alle ihresgleichen, fremd auf Erden ihr ganzes Leben lang, den unsichtbaren Geisterkräften allein befreundet, selbst von ihren eigenen Verwandten mehr gefürchtet, als geliebt, ein lebender Schrecken für alle Religions- Feinoe im Lande, wie ein Gottesgericht einschlagend in die Nacht verstockter Gewissen. Was an ihr dem ersten Anscheine nach irdisch aussah, war der Zug ihres Herzens nach den religionsfreudigen, blüthenreichcn Erinnerungen ihrer italienischen Heimath, an die Männer, die ihre Jugend begeistert, an die Freuden heil. Unschuld in argloser Kindesseele, an die liebgewonnenen Formen des jugendlichen Gottesdienstes. Sie blieb demselbeu unverbrüchlich treu bis zum Tode, stets bereiter Anhaltspunct aller Religionsströmnngen von Italien nach Deutschland, aushäl- tige Freundin der muthigen Männer, die lebenverachtend in's Gebirge eindrangen zur Steuer der wahren Kirche, hold allen Ordensvereinen, die in Deutschland über das Verderben der Zeit gesiegt, sie heraussehnend zur Kampfarbeit auf deutscher Erde. Aus diesem Dränge ihres Gemüthes gingen das Capuciner- kloster und der Servitenverein in Innsbruck hervor, beide die ersten ihrer Art in Deutschland, und von hier aus mit Glück vordringend in's deutsche Reich. — Verurteilt von lauen Höflingen, von Verwandten selbst als verschwenderisch und überspannt getadelt, von Neuerungssüchtigen oft bitter angegriffen in ihrem Rückschritt zur alten Kirche stand sie unbewegt in ihrer geistigen Eigenthümlichkeit, mit Ausdauer und Gemüthsruhe, oft mit der genialen Findigkeit höherer Gedankenweihe einstürmend auf's vorgesetzte Ziel ohne Nebenblick, ohne Furcht — nur dem inneren Rufe folgend. Und diese fast übermännliche Seelenstärke stand in keinem Verhältnisse zu ihrer schwächlichen Leibeshülle, und war daher fortwährend der Grund zu schmerzlicher Krankhaftigkeit. Weit ausgreifend in ihren Christusideen umschlang sie mit gleicher Innigkeit die zerstreuten Reste des Judenvolks, die Türken und Heiden, wie die in Irland verfolgten Glaubensmartprer, die Einen herüberbetend in den Schoß der Kirche, die Anderen auf alle mögliche Weise unterstützend. Daher gewährte sie auch zwei Jüdinnen und einer Türkin, die sie an Kindes Statt angenommen, den Schleier ihres Klosters, sich kindlich freuend über diesen Seelengewinn. Unter den lieben Adoptivkindern dieser Art zeichnete sich vorzüglich der Jr- länder O'dale aus, ein Knabe noch, mit seinen glaubensflüchtigen Eltern nach Belgien übergesiedelt. Hier starben Vater und Mutter bald, O'dale stand allein, arm, verlassen. Der Primas von Irland, Petrus Lombardus, ebenfalls land- flüchtig, nahm sich des Knaben an, schickte ihn zu studiren nach Rom, und unterhielt ihn dort mit äußerst sparsamen Mitteln. Als sein Fortkommen daselbst unmöglich wurde, ging er auf das Anrathen seines Wohlthäters nach Köln zurück, unter der Obhut treuer Begleiter. Mit diesen kam er an die Gränzen Tirols, verlor sie ebenfalls durch plötzliches Unglück, und stand wieder allein, auf deutscher Erde, ohne Reisegeld, ohne Vaterland, ohne Kenntniß der deutschen Sprache. In der Nähe von Innsbruck begegnete er zwei Capucincrn, diesen eröffnete er seine Lage in gebrochenem Latein, sie empfahlen ihn der weltumfassenden Anna Julian«. Diese nahm den helläugigen Knaben als ein Gottesgeschenk freudig auf, als ihr liebes Kind, schickte ihn nach Hall, wo er, von ihr unterhalten, studirte und später als erster Zögling in das von ihr gegründete Servitenkloster zu Innsbruck kam. „Ich vergaß — sagt er selbst — von dieser Zeit an mein Volk und das Haus meines Vaters, und hing der Anna Juliana, meiner zweiten Mutter, an. Ihr Volk wurde mein Volk, ihr Gott mein Gott." Er wirkte in Innsbruck segensreich als Lehrer des Klosters in allen Fächern der Theologie, ein eben so gewandter Lateiner, als gründlicher Verfechter der katholischen Glaubenslehre. Als seine zärtliche Mutter im Todeskampse lag, war er mit den übrigen Mitbrüdern seines Ordens gegenwärtig, er flehte hingestreckt auf die Erde vor ihrem Bette um den Segen, und netzte den Boden mit heißen Thränen; denn die einzige verwandte Seele auf Erden sollte ihm entschwinden. Als aber die Todte rosen- haft erblühte, strahlend in reinster Himmelswürde, trocknete er seine Thränen ab und Preßte das Todesbild seiner fürstlichen Retterin in die innerste Seele, daß es ein Frühling werde für seine eigene Erlösung aus den Banden des Leibes. Seine Vorstände nöthigten ihn, das Leben der Anna Juliana zu schreiben. Er that es unter der Bedingung, daß es nach seinem Tode erst veröffentlicht werde. Darin spricht er sich aus mit aller Uebermacht des kindlichen Gefühls, mit aller Farbenfrische der grünen Berge von Erin, mit aller Beweglichkeit der blauen Wogen um die Vorgebirge seiner Heimat. Dieser Jrländer, am Grabe der Landesfürstin, der Fremdling in den Bergen Tirols, die Fremdgebliebene preisend in kühner, regelloser Sprache, mit den Ausbrüchen einer nur wenig gezügel- ten Phantasie setzt der Charakteristik des seltenen Weibes die Krone auf, und redet uns mit stummen Zügen die große Wahrheit an's Herz: „Der Glaube der Katholiken umkreiset die ganze Welt, ohne Maß und Beschränkung, wie die Luft des ewigen Himmels, seelenanziehend, seelcnvereinigend in göttlicher Liebe, unhemmbar durch irdische Macht, alle engherzigen Dämme nationaler Vorurtheile durchbrechend, Alles verschlingend in die Flut heiliger Gottesbegeisterung, wogend und brausend ohne Rast, bis Ein Hirte aus Erden Eine Heerde regiert!" 336 Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. 1 . ^ Von dem Dörfchen St. Agatha in den Tagen des Glückes. />(> Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts stand in einem der unbekanntesten und entferntesten Ecken des tieux—8övie Departements in Frankreich ein Dörfchen, wenn man das Häuser nennen durfte, was eher einem alten Bretterverschlag oder einem Viehstalle glich. Die Mauern waren meistens aus Aesten zusammengefügt, die mit einem Pflaster von gehacktem Stroh und etwas Lehm überzogen waren. Die Dächer waren mit Schilfrohr oder Stroh gedeckt. Die Bewohner des Dörfchens, das unter den Schutz der h. Agatha gestellt war und deswegen St. Agatha hieß, hatten von ihren Voreltern Armuth und mancherlei Noth geerbt, aber daneben auch ein Herz voll Biedersinn, Redlichkeit und Einfalt. Es war, als habe der Geist des Hochmuthes, der Lüsternheit und anderer » Laster den Weg in dies^-abgelegene Gegend tnich gefunden. So war denn das Dörfchen bei allem äußern Elend Loch glücklich zu nennen, weil sich das Glück als eine Himmelsgabe nicht nach schönen Röcken und schönen Häusern richtet, sondern nach der Verfassung des Herzens, und goldene Herzen in schmutzigem Kittel find, vielleicht eben so häufig, als schmutzige Herzen in goldenen Mänteln. Ndch bei dem Ausbruche der französischen'Revolution, in den letzten Achtzigerjahren, lebte als Pfarrer in dem kleinen Orte ein alter, ehrwürdiger, frommer Geistlicher, der schon bald nach seinem Antritt des Priesteramts, im Alter von 25 Jahren, diese Pfründe übernommen hatte. Seit 50 Jahren war er der Gemeinde Helfer, Tröster, Vater gewesen. Sein Pfarrhof, arm, wie die anderen Hütten, stand dennoch jedem Hülssbedürftigen offen. Er war im buchstäblichen Sinne berufen, den Armen das Evangelium zu predigen, den Gedrückten die Last des Lebens zu erleichtern, die Unwissenden zu lehren, die Bedürftigen durch himmlische Gaben zu bereichern. Das that er denn auch als ein getreuer Haushalter und war darum auch von allen Pfarr- kindern als Vater geehrt und geliebt, ja man nannte ihn nur „Vater Leonhard" — dies war sein Name. A>" liebsten hatten ihn die Kinder, er aber sah vor allem auch darauf, diese für Gott zu gewinnen, und das in ihnen schlummernde Gute, den reinen einfältigen Sinn zu pflegen. In Voraussicht der traurigen Ereignisse, die bevorstanden, sagte er oft: „Es werden böse Tage kommen und sie sind schon da, wo die Menschen glauben, sie brauchen keinen Gott mehr. Die sieben Todsünden werden regieren. Die Reichen werden geizig sein und den Nothleidenden nicht nach ihrem Vermögen mittheilen und ihr Herz wird hart wie Stein sein. Die Armen hingegen werden wieder neidisch sein, und denen die mehr haben als sie, Alles mißgönnen. Ueberall wird die Hoffart sich breit machen durch Putz und Gefallsucht — durch Prahlerei und liebloses Urtheil über den Nächsten; der Landmann wird sich in feine Tücher kleiden und nicht mehr zufrieden sein mit der gewöhnlichen Hausmannskost. Die Menschen werden glauben, sie seien nur auf der Welt, um zu essen und zu trinken — daher wird überall Fraß und Völlerei herrschen. Die Unzucht wird in die Häuser eindringen und schreckliche Verwüstungen unter den Seelen anrichten. Viele werden durch die Unkeuschheit aus einem Tempel des hl. Geistes ein Tempel des Satans werden und dem Leibe zwar lebendig, der Seele nach aber todt sein — wenige Häuser wird es nur mehr geben, wo man Seelen findet, die ein reines Herz haben und dasselbe zu Gott erheben. Selig, wer sich dann von dieser falschen Weisheit nicht bethören läßt; selig, wer in Einfalt des Herzens nur nach himmlischen Gütern trachtet: „selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." (Forts, folgt.) Redaction u,w Verlag: Dr. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Klei nie.