AWblirgtt Amuligsbl«». 4S 21. Oktober 1860. DaS Augsburg er Tonntagsbkatt (Sonntags-Beiblatt zur AugSburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 er., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. »il Hei. Laß, Herr, mich den Altar betreten, Auf dem Du als das reinste Lamm Dich opferst zu der Menschen Heile Wie dort am blut'gen Kreuzesstamm! Wie soll ich Armer es erfassen, So hohen Reichthums werth zu sein, Daß Du zum höchsten, reichsten Mahle Den armen Sünder ladest ein? O daß die Brust von Andacht flammte Wie dort die reinen Kerzen glüh'n: Daß ich mir heiligem Ernst mich möchte Melchisedech zu sein bemüh'n! So gieße, Herr, der Liebe Schaale Hinein in Deines Dieners Herz, Daß es von des Altares Stufen Entschwebe selig himmelwärts! I. B. Tafrathshofer. Die Schaumünze. (Erzählung.) (Schluß.) Die Wünsche des Amtmanns und seiner frommen Gattin schienen sich bewahrheiten und für die Familie selbst segensreich werden zu wollen. Finner war ein fleißiger Arbeiter, ein stiller und ernster, aber dennoch freundlicher Hausgenosse. Dies Benehmen erwarb ihm nicht nur die Achtung aller Familienangehörigen des Herrn Jost, sondern auch die Liebe Mariens, welche in der von ihren Eltern vollkommen gebilligten Wahl dieses Mannes die Bürgschaft ihres künftigen Lebensglückes zu erblicken glaubte. Allein der Becher des Leidens, welchen Gott seinen treuen Anhängern schickt, sollte auch von der christlichen Familie des Amtmanns gekostet und bis zur Hefe geleert werden. Von des Amtmanns Zimmerchen, dessen Fenster die Aussicht in den Garten gewährten, tönte eines Tages ein so heftiger Lärmen, daß Marie und August, im Garten beschäftigt, voll Schrecken in's Gemach des Vaters eilten. Bruder Fritz war von der benachbarten Stadt gekommen und umklammerte heftig des Amtmanns Kniee. — „Vater!" — rief er — „Nur diesmal hilf mir noch! Meine Ehre, meine Freiheit ist verloren." — „Ein Spieler kennt weder Freiheit, noch Ehre" — versetzte Herr Jost mit ernstem und anscheinend festem Tone. — „Dir nochmals helfen und zwar mit einer so großen Summe von fünfzig Gulden hieße Deine Schwestern bestehlen." „Väterchen!" — fiel Marie in die Rede. „Still, Kind! Glaubst Du: ich würde Dir erfüllen, was ich Deinem Bruder abschlagen mußte?" „Stehlen! das ist das rechte Wort" — sagte Fritz mit bitterm Tone — „Ich muß den Vater bestehlen, welcher mir meine Ehre rauben will." Ein strenger Blick des Amtmanns bannte die Verlobten aus dem Zimmer und dem Sohne das Wort auf die Lippen. — „Ungerathener!" — rief der alte Jost — „Aus meinen Augen I" — 333 Fritz blieb, die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe legend. „So werde ich gehen." — Mit diesen Worten verließ der Amtmann das Zimmer. Der junge Mann war allein. Rasch nahte er dem Bette seines Vaters, von einem Gedanken plötzlich erregt. Ein Griff unter das Kopfkissen, und die Hauptcassenschlüssel waren sein. Die Ehre der Welt gebot, die Ehre Gottes und seiner selbst verbot diese Handlung. So stand er, äußerlich ruhig, innerlich von heißem Kampfe durchtobt, und Stunde nach Stunde verrann. Wiederum erschien der Amtmann. — „Noch hier?" — fragte er finster.— „Geh' schlafen, damit du morgen zeitig in die Stadt zurückkehren kannst! Ich will Dir leuchten." Als Beide in Fritzens Schlafzimmer waren, warf sich der Sohn noch einmal zu des Vaters Füßen. Auch Mutter und Schwestern unterstützten seine Bitten, allein vergeblich. Unten im Dorfe schlug es zehn Uhr. Bei seiner Rückkehr traf der Amtmann August im Cassenzimmer, ihn erwartend, wie es schien. — „Verzeihung!" — stammelte Finner verlegen — „Schon zweimal war ich hier, ohne Sie oder Fritz zu treffen. Nun beschloß ich, Sie zu erwarten." „Womit kann ich dienen?" — fragte der alte Jost. August ward immer verlegener. — „Sie wollen Ihrem Sohn nicht helfen?" „Aus Grundsätzen. Augenblickliche Hilfe stürzt ihn für immer in's sittliche, wie zeitliche Verderben. Augenblickliche Gefahr rettet ihn vielleicht für's ganze Leben." „Verweigern Sie ihm wenigstens nicht die Unterstützung eines Freundes! Meine Ersparnisse betragen freilich nur zehn Gulden." „Braver Mann! Dieser Abend hat mir einen Sohn verloren, und einen neuen gewonnen. Mein Dank für Ihren Edelmuth kann nur im unbegrenztesten Vertrauen bestehen. Furcht vor Entehrung sei meinem Fritz die einzige Strafe für die Unruhe, welche er über mich gebracht hat, und einst über sich selbst bringen wird, wenn er sich nicht bessert. Die in drei Tagen verfall'ne Schuld soll einer meiner Stadtfreunde mit der ihm bis dahin von mir übersandten Summe tilgen." — Dies sprechend, drückte er Finners Rechte. Beide suhlten das Zittern ihrer Hände. Als der Alte allein war, nahte er dem Bette. Die Schlüssel lagen un- verrückt. — „Gott! ich danke Dir" — rief er, auf die Kniee sinkend — „mein Sohn ist kein Verbrecher geworden." — Dann schrieb er bis in die tiefe Nacht. Des andern Morgens schloß er Fritz zärtlich in seine Arme. — „Du hilfst mir?" — fragte Fritz, freudig überrascht. „Nein" — entgegnete der Vater fest, aber doch milder, als gestern, und ruhiger, wenn auch nicht heiter, trat Mariens Bruder die Reise in die Stadt an. Einige Stunden nach diesem Auftritte stürzte der alte Jost in das Zimmer seiner Gattin — „Johanna!" — schrie er mit herzzerreißender Stimme: „Die Casse ist bestohlen, und mein Sohn der Dieb." „Heinrich!" — versetzte die arme Mutter, einer Ohnmacht nahe. — „Gestern entzogst du deinem Sohne die väterliche Liebe, heute nimmst du ihm die Achtung." „Urtheile selbst! Nicht wahr: mein Schlafzimmer, in welchem die Casse sich befindet, ist immer verschlossen und der Schlüssel fast stets in meiner Tasche? Weiter! Niemand hält sich in diesem Zimmer auf, ausser in meinem Beisein. Nur gestern ließ ich Fritz mehrere Stunden allein daselbst strotz einer verfäng- 339 lichen Aeußerung von ihm, weil mir der Eifer keine Ueberlegung gönnte, und weil ich das in der That für unmöglich hielt, was schon durch das Wort mir die Zornsröthe, meinem Sohne leider nicht die Schamröthe in's Gesicht trieb. Bei meiner Rückkunft war Fritz noch da, und stand, wie ich mich nun genau entsinne, gerade vor meinem Bette." „Dein Gedächtniß ist grausam." „Aber treu. Ferner: wer kennt den ausnahmsweisen Versteck der Schlüssel unter meinem Kopfkissen?" „Niemand, ausser mir und Deinen beiden ältern Kindern, falls ihn nicht Marie Finnern entdeckt hat." „Was ich sogleich erfahren werde." — Jost öffnete das Fenster und rief seiner im Hofe beschäftigten Tochter. Marie erschien. — „Hast Du je" — fragte er sie streng — „Finner den Gewahrsam meiner Lasse schlüssel gezeigt?" „Um des Himmels Willen! Was ist geschehen?" „Du sollst antworten." „Bei Allem, was mir heilig ist, nie. Aber, Vater! sprich doch!" „Geh!" — Marie wollte gesenkten Auges gehorchen. Da winkte ihr der Vater zurück. — „Geh Kind!" — sprach er mit erkünstelter Freundlichkeit — „Später erfährst Du Alles." Kleinlaut fragte Johanna ihren Gattin: „Weißt Du gewiß, daß sonst Niemand im Zimmer war?" „Ich weiß gerade das Gegentheil." Ein leiser Hoffnungsstrahl belebte die Brust der armen Mutter. „Als ich aus Fritzens Schlafgemach zurückgekehrt war, traf ich August im Gästezimmer." „ O Gott!" — schluchzte Frau Jost — „Entweder eine schreckliche Vergangenheit des Sohnes, oder eine düstere Zukunft für die Tochter!" „Fürchte Nichts für Marien! Finner kennt nicht den Versteck meiner Schlüssel, Fritz kennt ihn; Finner war nur die kurze Zeit im Cassezimmer, welche ich in meines Sohnes Schlafzimmer verweilte, Fritz aber lange, sehr lange. Zudem fehlen fünfzig Gulden, genau die von meinem Sohne geforderte Summe, Finner aber kam, seine geringe Baarschaft zur Unterstützung anzubieten. Fritz ist ein Verschwender, August lebt sparsam." „Halt' ein! Ich muß das Schuldig sprechen. Was indeß willst Du thun?" „Meine Pflicht als Staatsdiener und als Vater: den traurigen Vorfall verschweigen, die Summe ersetzen, den reuigen Sohn zwar hart strafen, aber dennoch an die Vaterbrust drücken, den verstockten hingegen nach Amerika senden, damit ihn das Elend bessere." „Und ich will in die Kirche gehen, und Gott bitten, daß er das Herz meines Sohnes und sein Geschick zum Guten wende" — Frau Jost wankte zur Thüre. Bei'm Oeffnen gewahrte sie Emma. — .„Du hast Alles gehört?" — fragte sie erschrocken. „Nur, daß Fritz gestohlen haben soll" — entgegnete die Kleine. Drohend erhob der Amtmann die Hand. „Züchtige mich, Vater! weil ich Strafe verdiente, aber schone den schuldlosen Fritz!" „Wer sagt Dir das?" „Mein Herz. — Mutter! laß mich in's Kirchlein gehn! Das Jesukind will ich bitten, daß es den Dieb nenne, will ihm versprechen, recht brav zu sein, es lieb zu haben, wie Euch und Marie und Fritz. Gewiß! dann schlägt mir das heilige Christkind Nichts ab." „Du gutes Mädchen I Laß ja kein Wort über Deine Lippen kommen!" „Wie sollt' ich Böses vom Bruder plaudern, der nichts Böses that!" Des andern Tages war der Amtmann in die Stadt gegangen. Mutter und Kinder lagen am Abende im brünstigen Gebete. Da ward heftig vor der Hausthüre geschellt. „Der Vater kommt. Kehre mit ihm Gottes Segen ein!" — rief die Mutter und eilte zu öffnen. Vater und Sohn traten ein. Die Mutter stieß einen Schrei aus. Schweigend gingen sie in's Zimmer. — „Fritz will Abschied nehmen" — hub der Amtmann an. „Was heißt das?" — fragte die Mutter erschüttert. „Das heißt, daß ein Verbrecher" — fiel der alte Jost ein. „Vater!" — unterbrach ihn Fritz — „Nicht vor Mutter und Schwestern will ich meine Unschuld betheuern. In ihren Zügen lese ich ja die harten Worten Deines Mundes. Nur um Vergebung flehe ich für die dem Mutterauge abgepreßten Thränen. Sie haben sich in einem Kelch gesammelt, welchen ich jetzt austrinken muß bis zur Hefe." „Ich vergebe Dir Deine Fehltritte. Geh' mit Gott! Du bist nicht immer mit ihm gegangen" — sagte die Mutter weinend. „Mutter!" — begann Fritz von Neuem, in Thränen ausbrechend — „Deinen Segen! Ich gehe an den Rhein, mich Lei'm dortigen Hilfscorps anwerben zu lassen." „Gott segne Dich durch meine Hand!" —versetzte Frau Jost feierlich und erhob die segnende Rechte über den knieenden Sohn. „Marie!" — sagte Fritz mit bittendem Blicke — „Auge und Hand wendest Du von mir, ist auch Dein Herz von mir gekehrt?" „Nein, nein!" — rief diese heftig erschüttert — „Gott bess're Dich!" Lautschluchzend trat Emma herzu und klammerte sich fest an ihren Bruder. — „Bleibe, bleibe bei uns!" — schrie sie mit durchdringender Stimme — „Innig habe ich im Kirchleiu zu Marien und ihrem Kinde gefleht, daß die Strahlen ihrer himmlischen Sonnen auf deine Schuldlosigkeit fallen möchten, habe die von der Mutter geschenkte Schaumünze in den Opferkasten geworfen, und die göttliche Jungfrau und ihr Kindlein verschmähten die Gabe nicht, lächelten mir zu. Deckt nun der Himmel Deine Unschuld auf, und Du weilst uns ferne, wer bringt Dir diese Freudenbotschaft?" „Herzliebes Schwesterchen! Tausend Dank Dir für Deinen Glauben an meine Unschuld!" Jetzt vernahm man leise Tritte im Hausgange. Der Amtmann öffnete gerade die Zimmerthüre, als Finner die Treppe in's obere Stockwerk, woselbst er wohnte, hinaufgehen wollte. „Verzeihung!" — stotterte er betreten — „Ich fand die Hausthüre offen." „Wahrscheinlich aus Versehen offen geblieben" — entgegnete der Amtmann. „Hierher, August!" — begann Emma — „und halte Fritz fest, daß er uns nicht verlasse!" — Die Kleine zupfte an Finners Rockschooße und zog den Zaudernden vollends in's Zimmer. Plötzlich fiel etwas Klingendes auf den Boden. Emma hob es rasch in die Höhe. — „Das ist ja die von mir der Gottesmutter geschenkte Schaumünze" — rief sie verwundert. Finners widerstrebende Bewegung gegen Emma's drängende Gewalt mußte der Münze in der überfüllten Tasche seines Roä- schooßes den verräterischen Ausgang geöffnet haben. Auch der Verrathene bückte sich hastig, das Uebcrführuiigsmiltel seiner Schuld uneingeweihten Blicken zu entziehen. Allein ein zweites Geldstück entfiel seiner Tasche. 341 Alle standen, wie vom Donner gerührt. Marie allein hatte sich nieder gelassen, denn ihre Füße vermochten sie nicht zu tragen. Herr Jost erholte sich zuerst von seinem Schrecken. — „Die Schlüssel zu Ihrem Zimmer, Herr Finner!" — begann er ernst, aber ohne Bitterkeit. „Was ich besitze" — entgegnete der Genannte niedergeschlagen — „verdanke ich Ihrer Güte, fünf Zehnguldenrollen, mit deren Entwendung ich Ihre Liebe vergalt, und das im erbrochenen Opferstocke des Kirchleins gefundene Geld ausgenommen." „Herr Finner!" — fuhr der Amtmann in demselben Tone fort: — „kein Vorwurs komme über meine Lippen I Der Anblick meiner durch Sie unglücklichen Tochter, welche bewußtlos zu Boden liegt, meiner Gattin, welche mit stiller Ergebung ihr armes Kind in's Leben zurückzurufen sucht, sei Ihre Strafe!" Fritz trat auf den Vernichteten zu: „Gehen Sie" — sagte er dringend — „statt meiner zur Rheinarmee! Fliehen Sie noch diese Nacht, bevor Sie der Arm der Gerechtigkeit erreicht!" „Nein!" — versetzte August fest — „So viel Edelmuth erdrückt mich. Nur die Sühne vor dem Gesetze kann mich mit Gott, mit Ihrer Familie, mit mir selbst aussöhnen. Diese Nacht sei meine letzte in Ihrem gastlichen Hause!" — Der Sprecher ging mit einem Blicke voll unbeschreiblicher Wehmuth auf Marien. Finner konnte nicht Wort halten, denn das göttliche Gericht griff der menschlichen Gerechtigkeit vor. Man fand ihn des anderen Morgens todt im Bette. Ein Schlagfluß hatte sein Leben geendet. Die Persönlichkeit des unglücklichen Verbrechers konnte nie ermittelt werden, da seine Erzählung bei'm ersten Erscheinen in des Amtmanns Hause wohl schwerlich auf Wahrheit beruhte. Fritz sank bei'm Anblicke der Leiche August's an des Vaters Brust mit dem Ausrufe: „Ich will mich bessern." — Dann schloß er sein Schwesterchen in die Arme — „Dein Gottvertrauen hat mich vom ewigen, Marien vom zeitlichen Verderben gerettet" — sagte er mit Thränen im Auge. „Und die lieben Eltern lehrten mich dies Gottvertrauen" — erwiderte das gute Kind. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 2 . Wie große Noth über das Dorf hereinbricht. Die Revolution in Frankreich war seit einigen Jahren ausgebrochen, hatte bereits mit Flammen und Schwert alle Hauptstädte, alle Städtchen und größern Dörfer durchzogen. Der uralte Königsthron des heiligen Ludwig war gestürzt, die Religion, so weit es in menschlicher Macht lag, vernichtet und ein neues Staatsgesetz gegründet. Es war zu hoffen, daß indessen alle diese Vorgänge das arme Dörfchen St. Agatha nicht berühren werden. Doch dem war nicht also. Eines Abends, als der ehrwürdige Pfarrer vor seiner Hütte saß und eben in einem alten Buche blätterte, trat ein etwas wild aussehender Mann mit einem Briese in der Hand vor ihn. Es war ein Schreiben von der höchsten Stelle des Departements, wodurch er aufgefordert war, aufdieBürger Constitu tion der Geistlichkeit, wie man sie damals hieß, den Eid zu leisten; widrigenfalls er von seiner Pfründe abtreten und seine Amtsverrichtungen einstellen sollte. Bekanntlich enthielt jene Konstitution Dinge, die ein katholischer Priester, ohne an der Kirche treulos und ein Verräther zu werden, nicht beschwören durfte. Da- her viel tausend Geistliche in die Verbannung zogen, oder ihr Leben der Pflichttreue opferten und des Martyrertodes starben. Der ehrwürdige Pfarrer von St. Agatha las das Schreiben bedächtlich, sah, daß es nichts von Lehre und Seelsorge, wozu er doch eigentlich berufen war, enthielt, und daß es keineswegs von seinen rechtmäßigen Obern ausgegangen sei; daher gab er das Papier zurück ohne den Schwur zu leisten. Daß er aber seine Pfarrkinder deßhalb verlassen sollte, kam ihm nicht einmal in den Sinn. So blieb er also in St. Agatha und verrichtete ferner was seines Amtes war, als ob gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Unterdessen erregte jener Befehl von der Revolutions-Obrigkeit, vermöge welchem alle Priester den Eid der Treue schwören sollten und wogegen die meisten derselben sich erhoben, in vielen Departements bedenkliche Unruhen. Besonders war dies in den westlichen Provinzen der Fall. Hier, wo sich viele Geistliche geweigert hatten den ungerechten Eid zu leisten, ließ die Regierung dieselben einziehen und ins Gefängniß werfen. Dagegen aber stellten sich an vielen Orten die Gemeinden und vertheidigten ihre Priester; entschlossen, Blut und Leben für ihre geistlichen Führer zu geben, rotteten sie sich bewaffnet zusammen, bildeten Vereine mit Nachbargemeinden, und hin und wieder mußten die Gerichtsdiener unverrichteter Sache abziehen. Da bot die Regierung, um den Trotz der Ungehorsamen zu bändigen, Truppen auf und ließ sie gegen die Bauern marschiren. Da geschah manche Unthat, manche Flamme röthete den Himmel, manches Saatfeld wurde zerstört, manches unschuldige Blut vergossen. Lange und weitausgedehnt bildete sich der Widerstand aus, und die Flamme konnte nur mit vielem vergossenen Blute gelöscht werden. Den Truppen gingen besonders beauftragte Commissäre voran. Einer derselben kam nach Niort. Dieser Unmensch war einer von den Vielen, die sich durch blutige That, durch Gewaltstreiche bei der Regierung Kredit erwerben und zugleich die Aufrührer einschüchtern wollten; er ließ einen Priester um den andern ins Gefängniß werfen und setzte Preise auf den Kopf der entflohenen. Auch der ehrwürdige Pfarrer Leonhard sollte der Acht nicht entgehen, und ehe er sich's versah, wurde ihm eines Abends die Anzeige gemacht, es werde Tags darauf eine Compagnie Freiwilliger unter Anführung des jüngst in Niort eingesetzten Beamten anrücken, um ihn zum Eid zu zwingen. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von Hütte zu Hütte, die Bewohner thaten sich zusammen, Drohungen gegen die Soldaten, vermischt mit Jammern und Klagen, hörte man allerwärts. Die Männer waren entschlossen, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen, selbst Weiber und Kinder schlössen sich den Tapfern an: Sie sollen es wagen, unsern alten ehrwürdigen Pfarrer wegzunehmen! Wer würde uns von Sünden lösen? Wer uns das hochheilige Sacrament reichen? Wer sollte uns auf dem Todtenbette die letzte Oelung geben? Ach! nicht mehr könnten wir dem h. Meßopfer beiwohnen! Nicht mehr das Wort Gottes hören! Während die Einen weinten, riefen die Andern: Wer soll uns dann trösten, wer soll uns rathen, wer in dem Anliegen unserer Seele helfen? Er hat uns ja getauft — in der h. Religion Jesu unterrichtet, uns die Los- sprechung ertheilt, und so oft haben wir das h. Sacrament aus seinen Händen empfangen. — Ja, wie oft hat er uns auf der Kanzel gebeten, recht fromme, gute, liebevolle Christen zu sein, das reine Herz stets zu bewahren, damit wir einst Alle Gott anschauen. Wie rührend waren nicht seine Worte am Krankenbette! — Nur über unsere Leichen geht ihr Weg zu seinem Hause! Wir lassen ihn nicht aus unserer Mitte, riefen Alle, den Priester des Herrn — wir wollen mit unserm Hirten leben und sterben! Der Pfarrer vernahm den Tumult auf der Gasse und Plötzlich trat er hinaus unter seine Kinder und mit wenigen Worten wußte er sie wieder zu be- 343 sonstigen, da er sie auf Lehre und Beispiel Jesu und seiner Jünger aufmerksam machte. Vor Allem wiederholte er die Worte: „Selig sind die Sanft wüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. Unter den neueren religiösen Frauen-Jnstituten versteht man jene Genossenschaften von Frauen, die nach Art einer Ordensgemeinde ein gemeinschaftliches Leben nach einer approbirten Regel führen, unter der Oberleitung einer gemeinsamen Oberin in geschlossener Einheit zu einem Ganzen vereinigt sind, und entweder nur durch einfache Versprechen oder durch einfache Gelübde ohne strenge Clausur-Verpflichtung gebunden werden. Der Unterschied der neueren religiösen Frauen-Jnstitute von den wirklichen kirchlichen Frauen-Orden liegt im Begriff, den das Kirchenrecht von Orden und Ordensfrau aufstellt, und in den Organisationsverordnungen, welche die kirchliche Gesetzgebung für die wirklichen Frauen-Orden erlassen hat. Der Orden in kirchenrechtlichem Sinne ist ein Verein von Personen einerlei Geschlechtes, welche durch Ablegung der Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams in einer als solche vom Papste approbirten Genossenschaft sich auf Lebensdauer verpflichtet haben, ihr Leben nach einer approbirten Regel und unter Einhaltung strenger Clausur einzurichten. Die neueren religiösen Frauen-Genossenschaften sind in Bezug auf die Gelübde, auf die Lebensweise, so wie auf ihre Organisation von den Ordensge- noffenschaften, wie sie die Kirchenversammlung von Trient kennt, ganz verschiedene Institute. Der Orden hat die päpstliche Approbation und somit feierliche Gelübde; in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist blos die Regel derselben vom Papste approbirt, Nsie dieß z. B. erst im vorigen Jahre noch bei der Regel der „armen Schulschwestern U 344 Jahre 1705 bezüglich der englischen Fräulein. Wenn aber dennoch später religiöse Frauen-Jnstitute von der Kirche approbirt wurden, wie z. B. im I. 1819 die von der Jeanne-Antide Thouret gestiftete Genossenschaft barmherziger Schwestern, so ist diese Approbation, im Unterschied von der Approbation eines Ordens, nur als das Resultat der über den Zweck und die Moralität eines Institutes angestellten Untersuchung, gleichsam als der richterliche Aussprnch zu betrachten, durch welchen die höchste kirchliche Autorität erklärt, daß die nach klösterlicher Art lebende Genossenschaft erlaubt, fromm, lobwürdig sei und geeignet, die sich ihr Anschließenden zum ewigen Heil zu führen, ohne ihr jedoch das eigentliche Ordenswesen mitzutheilen. So gelangten die Mitglieder derartig approbirter Frauen-Jnstitute in eine Mittelstellung zwischen dem Laien- und Ordensstande, und finden darum auch verschiedene Bestimmungen des Kirchenrechts und Decrete der allgemeinen Kirchen- versammlung von Trient z. B. über Clausur und Bestrafung der Clausur-Verletzung, über die Bestellung eigener Beichtväter durch den Bischof rc., die für die eigentlichen Ordensfrauen gelten, auf die Mitglieder der neueren Institute keine Anwendung. So viel zur Feststellung des Unterschiedes zwischen den ältern und neueren religiösen Frauen-Geuossenschaften. Sinv indeß die letzteren auch keine wirklichen Orden, so ist ihnen damit von ihrer hohen Bedeutsamkeit für die Gegenwart Nichts genommen. Ziel und Ende des klösterlichen Lebens war von jeher: bei dem Ausbau des Reiches Gottes aus Erden in thatenreicher Weise mitzuwirken; zur Erreichung des großen Zweckes der Erlösung und Heiligung in den vielen Hilfsbedürftigen durch Pflege der Kranken, durch Unterstützung und Tröstung der Armen und Betrübten, durch Unterricht des Nächsten hilfreiche Hand zu bieten, durch Uebung der Buße und eifrige Selbstheiligung den Herrn zu verherrlichen. — Und gerade das wollen ja auch die neueren religiösen Frauen- Jnstitute. (Schluß folgt.) Von der Lauheit. 6. „Weil Du lau, weder kalt, noch warm bist, so will ich Dich aus meinem Munde ausspeien." (Off. 3, 16. Röm. 12, 11.) Wer Gutes zu thun weiß und nicht thut, dem gereicht es zur Sünde. (Jak. 4, 17.) Diese zwei Stellen predigen laut gegen die Lauheit im Guten. Massillon, ein gelehrter Gottesmann, äußerte in seinen Schriften, daß es nicht genüge, keine Sünde zu begehen, sondern daß man auch Gutes thun müsse. Betrachte, o Mensch! ein kleines Kind! Kann es gedeihen, wenn nur die schädlichsten Einflüsse von ihm ferne gehalten werden und es das Nöthigste empfängt? Und Deine Seele? Sie wandelte im Lichte der Auserwählten, wenn sie nur frei bliebe von schwerer Dergehung, wenn sie zufrieden sein müßte mit der spärlichsten Gnadennahrung? Diese Wahrheit beherzige, o Sterblicher! der Du nicht Mörder, nicht Ehebrecher bist, und nur einmal des Jahres das Brod des ewigen Lebens genießest! R-dacti-n un» D-rla,: Dr. M. Huttlcr. — Druck ,»» 2. M. Kl-inlc.