AWimgrr AmntagÄalt. Mr. 44. 27. Oktober 1860. DaS Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Vorn Urtheile über Predigten und geistliche Betrachtungen. O. Unser göttlicher Lehrmeister spricht im Gleichnisse vom Säemann nur über die Befolgung, nicht auch über die Art und Weise der Anhörung seines heiligen Wortes. Ein Sittenspruch lehrt: „Gottes Wort und gute Lehren muß man üben, nicht blos hören." Wie aber der Glaube den Tugenden die sie heiligende Grundlage verleiht, so kann auch nur die richtige Erkenntniß des Wortes Gottes die Quelle seiner richtigen Befolgung bilden, und diese Erkenntniß des Wortes selbst wieder wurzelt in der richtigen Anhörung oder Lesung des göttlichen Wortes. Diese richtige Anhörung oder Lesung nun besteht in der einfachen Regel: „Stelle Dich nicht über das Wort des Herrn durch voreilige Urtheile von seinen Verkündern, von der Fassung der vorgetragenen Wahrheiten, sondern unterordne Verstand und Herz diesem göttlichen Worte durch demüthige Beziehung auf Dich selbst!" Christus lehrte seine Wahrheiten in einfachen Gleichnissen oder in ganz schmucklosen Sätzen. Warum verlangst Du eine Llnmenreiche Sprache, oder künstliche Schlüsse? Die Wahrheiten Jesu bilden das göttliche Wort, und dieses Wort soll Fleisch werden im menschlichen Leben, wie es Fleisch geworden im Leben des Gottmenschen. Christus wollte leiden für uns; wir müssen leiden unser selbst und Christi willen. Wenn schon die bessern Schulen der heidnischen Philosophen Entsagung predigen, so sollen auch wir der treuern Nachfolge Jesu willen, welcher die heidnischen Mächte überwunden hat, neben den verhängten Prüfungen noch freiwillige Leiden uns auferlegen. Rauh also und den Sinnen abhold ist der Weg durch's irdische zum ewigen Leben in zweierlei Hinsicht; die Worte aber, welche uns den christlichen Wandel auf diesem Wege lehren sollen, dürften glatt sein und in üppiger Bildersülle den Sinnen .schmeicheln? Wäre da kein Widerspruch zwischen Inhalt und Form, kein Gegensatz zwischen dem beschauenden Leben im Hause des Herrn und dem werkthätigen Berufe im Getriebe der Welt? Oder willst Du gar in Worten der Entsagung auf Erden, die Deine Phantasie bestechen, Deinen Selbstmuth heben, den Vorgeschmack kosten des Genusses im Himmel, einen sinnlichen Vorgeschmack für einen übersinnlichen Genuß? Die katholische Religion ist ein Ausfluß Gottes. Ihre Worte wurzeln in der göttlichen Weisheit, ihre Thatkraft aber und Leidensstärkc im Wirken und duldenden Gehorsame bis zum Kreuzestode unseres erhabenen Mittlers. Wenn nun Gott der Urquell alles Schönen ist, wie, der edelste Ausfluß dieser Quelle dürfte seinen Ursprung verleugnen durch Mangel an wahrhaft geistiger Schönheit und Lieblichkeit? Vergleichen wir die Physische Weltschöpfung und die geistige Schöpfung der Kirche! Die erste ist dem Gesetze der Vernichtung in ihrer Gesammtheit wie in ihren einzelnen Theilen unterworfen, die zweite kennt eine ewige Fortdauer für sich und ihre Glieder in der triumphirenden Kirche. Die erste huldigt dem Wechsel als der Grundbedingung ihrer Existenz. Stetigkeit ist das innerste Wesen der zweiten. Unwandelbar, unerschütterlich ist die geistige Schöpfung als Ganzes, und die Pforten der Hölle haben sie nicht überwältigt. Die Weihe der Unerschütterlichkeit will sie allen ihren Gliedern auf dieser Erde mittheilen durch die Fülle ihrer Wahrheiten, die Schätze ihrer Gnadenmittel, und zwar nicht nur sür's ewige Leben im Himmel, sondern auch jetzt schon für die Zeit des Kampfes auf Erden. Wer ein Mitglied der triumphirenden Kirche werden will, muß ein wahrhaftes Glied der streitenden Kirche gewesen sein. Welche dieser beiden Schöpfungen nun als in allen Beziehungen die heiligere, vollkommnere wird den Stempel der göttlichen Schönheit in höherem Lichte an sich tragen: die von der allwirkenden Macht, oder die von der allleidenden Liebe am Kreuze in's Dasein gerufene? Betrachten wir die katholische Kirche als Bindeglied zwischen Gott und Mensch! Gott ist das Urbild der Schönheit, der Mensch das Ebenbild der göttlichen Schönheit. Und die Kirche, die von Gott für den Menschen bestimmte und den Menschen für Gott bestimmende, sollte alle Eigenschaften ihres göttlichen Stifters und nur die Schönheit nicht an sich tragen? Freilich ist der Begriff dieser himmlischen Schönheit übersinnlich, der Gegensatz unsrer sinnlichen Anschauungsweise. Suche deßhalb die Schönheit der katholischen Kirche, die Schönheit der katholischen Religion als des Lehrgebäudes dieser Kirche nicht in gewählten Worten von der Kanzel herab, oder aus Büchern heraus zur Befriedigung deiner sinnlichen Denk- und Empfindungsart! Suche sie vielmehr in ihrer Verkörperung am Leben der Heiligen, in ihrer Vergeisti- gung am Brode des ewigen Lebens, welches Brod alle Lust in sich begreift! Es genügt indeß nicht, am Leben der Heiligen zu suchen, was wir an uns selbst finden sollten: die Bethätigung nämlich der christlichen Wahrheiten in unserm Leben durch ihre Befolgung im Geiste des Herrn. Wer nun das Wort des Herrn im Geiste Gottes erfüllen will, der muß dasselbe im Geiste kennen lernen. Der Geist Gottes aber ist der Geist der Demuth, der Geist der Hingebung an Gott nach dem Vorbilde Jesu, welcher sich den Menschensohn genannt, und ausgerufen hat: „Vater! nicht mein sondern Dein Wille geschehe!" Da nun die Anhörung von Predigten und die Lesung geistlicher Bücher Haupterkenntnißquellen der göttlichen Lehre bilden, so müssen wir aus diesen Quellen im Geiste demüthiger Unterwerfung schöpfen. Nicht dem Vortheile unsres kurzsichtigen Verstandes, sondern ganz der Erkenntniß des göttlichen Wortes zum Zwecke der Erfüllung sollen wir uns hingeben. Gehören wir z. B. dem gebildeten Stande an, so sollten wir vorzüglich folgende drei Puncte erwägen: 1) Nicht der Rang vor der Welt, sondern der Rang vor Gott, nicht eitle Wissensfülle, sondern brünstige Liebesfülle zu Gott bestimmen den Grad der wahrhaften Bildung, welche nicht, wie häufig die Weltbildung, das Herz unbeachtet läßt. Haben uns nun in dieser wahrhaften Bildung nicht schon viele Heilige beschämt? Beschämen uns vielleicht nicht noch Mache, welche wir für große Sünder halten? 2) Alle Prediger haben als Diener Christi das göttliche Wort erfaßt, denn der Geist des Herrn ist über sie gekommen. „Ich bitte Dich, daß Du die Gnade Gottes wieder erweckst, welche Dir durch Auflegung meiner Hände zu Theil wurde." 2. Tim: 1, 6.1. Tim: 4. 14. Nicht Alle jedoch besitzen die Fähigkeit, das erfaßte Wort in glänzende Perlen zu fassen, welche dein geistiges Auge blenden und dennoch lichtlos find gegen die Strahlen der von ihnen umkleideten göttlichen Wahrheit. Ferner gibt es viele Menschen, deren Bildung ausschließlich in der Einfalt ihres Herzens, in einem frommgläubigen Gemüthe besteht. Diesen genügt die Wahrheit in schmucklosem Gewände, und sie verdienen um so größere Berücksichtigung, als sie vielleicht der ächten Bildung näher kommen, denn die gebildet sein Wollenden. Endlich, wenn Du Dich wirklich begabter, 947 kenntnisreicher fühlen solltest, als der Verkünder des göttlichen Wortes, so frage gar nicht: „Beruht dies Gefühl nicht auf selbstgefälliger Einbildung?!" Eine solche Frage beschäftigt sich mit der Form als etwas Ausserwesentlichem im Vergleiche zum Inhalte. Sie ist ferner eine Frage des Hochmuths, und ihre Beantwortung mit ja hieße im Hochmuthe verharren. So fragt nicht ein gläubiges Gemüth, welches um das Verständniß des göttlichen Wortes besorgt ist, sondern ein selbstsüchtiger Geist, der sich mit seinem eigenen Verstände beschäftiget. Unterwirf Dich also in Demuth unbedingt dem göttlich vollkommnen Worte aus dem Munde eines unvollkommenen Menschen! Erkenne in dieser Selbstver- demüthigung einen Schritt zur Selbsterkcnntniß, in der Selbsterkenntniß aber einen Schritt zur Gotterkenntniß! 3) Diese Selbsterkenntniß fragt nicht nach unserm Wohlgefallen am Vortrage des göttlichen Wortes, oder gar am göttlichen Worte selbst, sie fragt vielmehr nach dem göttlichen Wohlgefallen an uns. Sie will unser Herz in ein gutes Erdreich wandeln, in welchem die Körnlein des göttlichen Wortes sprossen und Früchte bringen. Sie lehrt, daß nicht der Mensch, sondern Gottes Gnade in ihm das Vollbringen gibt, und daß Gott seine Gnade nur den Demüthigen mittheilt. Die Tadler an der Form des göttlichen Wortes sind minder hoffärtig, minder gefährlich, als Jene, welche bald das göttliche Wort selbst, bald seine Verkünder, bald seine Hörer und Anhänger ihrem bittern Tadel unterbreiten. Wer über die göttlichen Wahrheiten freventlich urtheilt, der hat nicht diese, sondern sich selbst verurtheilt. Wer sie vor den Augen der Welt verwirft und in seiner Verwerfung beharrt bis zum letzten Tage seines Lebens, den wird auch der Herr vor den Augen der Welt verwerfen am Tage des allgemeinen Gerichts. Mensch, der Du Dich einen Christen nennst, warum urtheilst Du über die Diener Christi in der Erfüllung ihres Berufes, in ihrem Lebenswandel? Wisse: nicht die Seele Deines geistlichen Hirten wird von Dir gefordert werden, wohl aber Deine Seele von Deinem geistlichen Hirten. Wehe dem Priester, welcher Aergerniß gibt! Wehe aber auch dem Laien, welcher aus Lieblosigkeit Aergerniß nimmt! Der Ausspruch eines heiligen Bischofs möge uns Alle beruhigen! „Wie oft" — sagt der fromme Mann — „hätte ich vor meinem Beichtkinde nieder- knieen und ausrufen mögen:" „Du bist heilig, ich aber ein großer Sünder!" Warum urtheilst Du, o Christ! über Deinen Nebenmenschen, indem Du sagst: „Dieses, oder jenes Wort möge Dieser, oder Jener sich zu Herzen nehmen!" Die christliche Religion ist eine Relgion der Liebe, Du aber willst sie zu einer Religion des Hasses entweihen. Christus jagte die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel, den sie zu einem Kaufhause gemacht hatten. Dich sollte er in sein Reich eingehen lassen, nachdem Du seine heilige Wohnstätte zur Richtstätte über die Ehre Deines Nächsten gewählt hast? Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Fortsetzung.) Als der wilde Fanatismus der europäischen Revolution die meisten Ordens- fraucn aus den stillen Zufluchtsstätten des beschaulichen Lebens vertrieben hatte, sahen sie bald ein, daß, so lange eine solche antireligiöse. Richtung die Zeit beherrsche, ihre Rückkehr nur möglich sei durch das Thor der Spitäler und Schulen. Und fürwahr! Armuth des Geistes und des Körpers waren und sind jene beiden furchtbaren Uebel, die so viel Elend erzeugten und so viele Hilfsbedürftige hervorbrachten, daß selbst Staatsgewalten, die nichts weniger als religiösen Gesinnungen huldigten, sich für unfähig erkannten, den immer mehr anwachsenden Uebeln zu steuern und religiöse Institute der katholischen Kirche zu Hilfe riefen. Darum sind Unterricht und Erziehung, wodurch der meistens auch zur wirth- schaftlichen Verarmung führenden Geistesarmuth gesteuert wird, und leibliche Pflege, welche zunächst die Leiden des Körpers in den Armen und Kranken zu lindern bestrebt ist, die beiden Hauptaufgaben, welche die neueren Frauen-Jnsti- tute zu lösen bestrebt sind. Und so vielartig auch die Seiten der Noth sind, welche die genannte Doppelarmuth im Gefolge hat, keine bleibt von der zum religiösen Enthusiasmus gesteigerten Nächstenliebe dieser Institute unberücksichtigt. Seien es Findelhäusec, welche jene unglücklichen Geschöpfe aufnehmen, die sonst dem Laster und dem Elend preisgegeben sind, oder Krippcnanstalten, Kleinkinderbewahranstalten, Volks-, Feiertags-, Töchter-, Industrie-Schulen, Waisenhäuser, Rettungsanstalten, Zuftuchts- Häuser junger Mädchen, Corrections-, Irrenhäuser, Strafanstalten, Versorgung^ Häuser — endlich noch die große Masse jener, welche irgend eine von den tausenderlei menschlichen Krankheiten auf das Schmerzenslager niedergestreckt hält, sei es in Hospitälern, Krankenanstalten, oder in Privatwohnungen vom leichten Fieberkranken anfangend bis zu den mit jenen ekelhaften Krankheiten Behafteten, vor denen selbst eine heroische, abgetödtete Natur in natürlicher Scheu zurückbebt, alle habe die neueren religiösen Frauen-Jnstitute zum Felde ihrer Thätigkeit erwählt. Und dieser Zweck soll erreicht werden nicht blos in reichen Städten, sondern selbst in armen Dörfern und Flecken. Die religiösen Frauenorden der früheren Zeit huldigten zumeist der betrachtenden Richtung. Fern von dem Geräusche der Welt, in stiller Beschaulichkeit, wollten die Jungfrauen Gott dienen und ihrem Seelenheile leben. Zwar wurde die Erziehung von Mädchen nicht ganz vernachlässiget, aber es fand dieß nur unter gewissen Beschränkungen statt. Großartiges leistete in dieser Beziehung seit dem 12. Jahrhundert der unter dem Namen Beghuinen bekannte klösterliche Verein frommer Jungfrauen und Wittwen, die in mancher Beziehung mit den neueren religiösen Frauen-Jnstituten Ähnlichkeit haben. Es wird von ihnen gerühmt, daß sie als Beschützerinnen ihres Geschlechtes, als Krankenpflegerinnen und Erzieherinnen, sowie durch Frömmigkeit, Fleiß und Ehrbarkeit Achtung und Theilnahme sich erwarben. Leider versäumten sie, durch rechtzeitige Annahme einer von der Kirche approbirten Ordensregel ihrem Werke eine bestimmte Richtung und gesetzliche Unterlage zu geben; manche von ihnen drängten sich all- mälig in eine ihrem Berufe ganz fremde Sphäre, und zogen sich den gegründeten Verdacht religiöser Schwärmerei und eines unsittlichen Lebens zu, waS ihre Auflösung an vielen Orten zur Folge hatte. Glücklicher war später in dem Vorhaben, die Erziehung des weiblichen Geschlechtes zu übernehmen, die von der heil. Angela Merici gegründete Gesellschaft der Ursulinerinnen. Ihr Beispiel blieb nicht ohne Einwirkung auf andere wirkliche Frauenklöster. Die Stätten des leiblichen Elends hat die'Kirche von jeher als diejenigen betrachtet, aus denen sie ihrem göttlichen Berufe gemäß mit der Allgewalt ihrer Liebe helfend, tröstend und erquickend sich erweisen sollte. Es läßt sich wohl annehmen, daß jene, vom kirchlichen Geiste so tief durchdrungenen, reinen Seelen, welche gegen das vor dem Bischöfe abgelegte Gelübde immerwährender Keuschheit von diesem zu gottgeweihten Jungfrauen eingesegnet wurden, und die wir als die ersten Knospen des später in reicher Blüthenpracht sich entfaltenden weiblichen Ordensleben begrüßen, jener liebenden Fürsorge der Kirche für das leibliche Elend der Menschen sich nicht entzogen haben werden. Und so finden wir denn auch derlei Jungfrauen als Krankenpflegerinnen in Spitälern auf den Pilgerzügen in das heilige Land; ferner gehören hieher die mehr als 20 weiblichen Hospitalorden nach der Regel des hl. Äugustin; jene frommen Seelen, die erfaßt von der Liebesglut des heil. Franz von Assist sich in den dritten (regulirten) Orden aufnehmen ließen u. a. m. Diese Orden waren in Folge ihres abgelegten Gelübdes zur strengen Clausur verflichtst; ganz verschieden davon sind die derartigen neueren Frauengenossenschaften. Es war offenbar, daß bei der durch das eigentliche Ordcnswesen bedingten Zurückgezogenheit und ascetischen Lebensweise viele Ideen der Humanität, deren Ausführung ein Bedürfniß war, Seitens der weiblichen Orden unberücksichtigt bleiben mußten. So drängte denn theils das allgemeine Bedürfniß, theils der dem strengen Ordensleben feindliche Charakter der Zeitalter, wie in natürlicher Entwicklung zur Bildung frommer Vereine und Genossenschaften, in denen für christliches Wohlthun begeisterte Frauen und Jungfrauen ihren Eifer nach den Bedürfnissen der Zeit und der Menschen ungestört walten ließen, und ohne die Strenge des eigentlichen Klosterlebens aus sich nehmen zu müssen, dennoch die Vortheile des klösterlichen Lebens genießen konnten. Die Schöpfung des hl. Vincenz von Paul, der in den Töchtern der christlichen Liebe (barmherzigen Schwestern) eine solche Genossenschaft ins Leben rief, wirkte wahrhaft elektrisch. Eine lange Reihe der wohlthätigsten Schöpfungen der christlichen Charitas sind seitdem in's Dasein getreten. Zeugniß geben hie- für die mannichfachen Arten der Hospitaliterinnen, die in der Sorge für die Pflege des Nächsten miteinander wetteifern. Aber es ist ein Unterschied zwischen den Hospitaliterinnen, die wirkliche Klosterfrauen sind, und zwischen jenen, die den genannten Genossenschaften angehören. Während bei den Ersteren die Krankenpflege dem eigentlichen Ordenswesen untergeordnet erscheint, ist bei den Letzteren von Kloster und Klosterwesen nur so viel adoptirt, als sich mit der Hingabe an den speciellen Zweck der Armen- und Krankenflege verträgt. Die barmherzigen Schwestern sind keine Nonnen, sondern Frauen, welche kommen und gehen, wie weltliche. Und es war gut, daß der heil. Vincenz mehr auf den Geist als aus die Form seiner Stiftung sah, indem gerade dadurch ihre Verbreitung in den verschiedenen Ländern und ihre Verträglichkeit mit den bestehenden Gesetzen und Verhältnissen ermöglichet wurde. Es haben die barmherzigen Schwestern als Klöster die Häuser der Kranken, als Zellen ein durstiges Zimmer, das oft nur gemiethet ist, als Capelle ihre Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen ihrer Stadt, als Clausur den Gehorsam, als Gitter die Furcht Gottes, als Schleier die hl. Bescheidenheit. Von diesem Gesichtspuncte aus sind in den neueren religiösen Instituten die Verhältnisse der Frauen zur Krankenpflege geregelt. Diese besorgen sie in ihrem Hause — außer demselben, als ambulante Krankenwärterinnen — ohne Unterschied des Standes und Alters der Hilfsbedürftigen — ohne Unterschied des Bekenntnisses — ohne Unterschied des Geschlechtes. Wie in der Natur nur ein Gesetz herrscht, das Alles, vom Größten bis zum Kleinsten in Harmonie und Einheit leitet; wie nur jene Religion die wahre sein kann, die durch ihre Einheit den göttlichen Ursprung offenbart; wie ja Jesus Christus nur deshalb auf die Erde gekommen ist, um die zerstörte Verbindung zwischen Gott und Menschen wieder herzustellen, so sehen wir denn auch in allen religiösen Genossenschaften, welche durch freiwillige Uebernahme der drei evangelischen Räthe, der Armuth, Keuschheit, des Gehorsams, sich zu einem innigen Bunde vereinigten, daß sie diese Einheit nicht blos als ein äußeres charakteristisches Merkmal erstrebten, sondern daß dieselbe sogar mit der Existenz der Genossenschaft als gleichbedeutend erscheint. Diese Einheit wird zunächst bedingt durch eine gemeinsame Regel. Die Frauenvereine der neueren Zeit beschränken sich nicht, wie ehemals, auf einzelne Länder, sondern sie haben die Schranken der Oertlichkeit durchbrochen, und doch soll das Band der Einheit Alle umschlingen und Alle sollen ein organisches Ganze, wie eine große stufenweise sich erweiternde Familie bilden. Wo immer die Kirche ihren Weinberg bebaut, können ihr als muthige Arbeiterinnen die Frauen-Jnstitute nachfolgen. Sie sind beweglich, wie der Segen des Thaues und Regens. Die barmherzigen Schwestern eilen aus Frankreich in die Türkei, in den neuesten Zeiten nach Cochinchina, um die kranken Soldaten zu pflegen, die dem dortigen Klima nnb der heidnischen Barbarei unterliegen; die Schwestern der Kongregation Jesus- Maria von Lyon nach Quebeck, die englischen Fräulein aus Bayern nach Ostindien, und rührend ist es zu vernehmen, wie die Muhamedaner und Hindus, welche mit jeder erdenklichen Grausamkeit alle anderen Europäer mordeten, an einzelnen Orten gerade diese Schwestern sorgsam schützten, die armen Schul- schwestern aus München nach Nordamerika u. s. w. Alle diese einzelnen Niederlassungen, so entlegen sie auch sein mögen, bestehen nicht für sich allein, sondern bilden ein Ganzes, sie sind nur Glieder einer Familie, Aeste eines großen Baumes. Und wie der Ast mit dem Stamme nothwendig in Verbindung sein muß, damit er durch ihn Lebenskraft empfange, so auch stehen diese einzelnen klösterlichen Niederlassungen nothwendig in Verbindung mit dem Muttcrhause, von dem sie den Personalstand, neue Arbeitskräfte an die Stelle der durch Tod oder Krankheit aufgeriebenen, sogleich Hilfe bei vorkommenden Unglücksfällen, somit gleichsam die Dauer ihrer Existenz beständig empfangen. Jede Jungfrau, die ihre Gelübde abgelegt hat, opfert sich damit dem Besten des Ganzen; sie gehört nicht mehr dem einzelnen Hause an, wie in den wirklichen Frauenklöstern, sondern sie ist bereit dem Gebote der Vorsteherin Folge zu leisten, wohin immer ihr Ruf sie führt. (Schluß folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 3 . Die Noth steigt aufsHöchste. Da trat der Beamte des Ortes, ein erfahrner stattlicher Mann, auf den Pfarrer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, sagte sodann laut zu den Umstehenden: Verhaltet euch nur ruhig und gehe jeder in sein Haus oder an seine Arbeit, dem Hochwürdigen Herrn Pfarrer soll dennoch nichts Leides geschehen. Die Leute gehorchten, denn der Mann hatte Ansehen. Aber die meisten gingen statt an die Arbeit in die Kirche, um den lieben Gott in so schwerer Noth anzurufen. Ihrer Drei oder Vier, denen der Vorsteher der Gemeinde gewinkt hatte, blieben bei diesem, und nachdem der Priester noch einige Sachen in seiner Wohnung geordnet, das Wichtigste an Schriften unter den Arm genommen hatte, zog er in Begleitung der Männer in einen benachbarten Wald hinaus. Dort stand beinahe in Mitte des Gehölzes eine halb zerfallene Köhlerhütte, in welche sich sofort der Pfarrer verbarg. Der Vorsteher kehrte nun wieder in das Dorf zurück, die andern Männer blieben aber bewaffnet im Walde, theils um ihren Seelsorger im Nothsall zu vertheidigen, theils um ihn zu hindern, sich selbst freiwillig auszuliefern. Wie die Gemeinde für ihren Vater, so betete der Pfarrer in seinem dunkeln Schlupfwinkel für seine lieben Kinder, der Herr möchte sie vor Unglück bewahren. Aber anders war es vom Herrn geordnet/ Des folgenden Tages kam wirklich, wie man es angekündigt hatte, eine Schaar von 80 Bewaffneten, unter Anführung des Repräsentanten, und 2 Kanonen mit sich schleppend nach St. Agatha. Die Compagnie stellte sich auf dem Hauptplatze des Dorfes, wenn man so sagen darf, das heißt in Mitte zwischen den Häusern auf, der Commandant beschied die Dorfbewohner vor sich und ließ dann eine Aufforderung verlesen des Hauptinhaltes: Sie sollen ihren Pfarrer ausliefern. Die Leute erwiderten gutmüthig, sie könnten das nicht, da der Pfarrer nicht zu Hause sei. „Man kennt euch, ehrloses Lumpenpack, wir wollen den Pfarrer schon finden," schrie der Commandant, ließ die geladenen Kanonen gegen den Pfarrhof aufpflanzen und begab sich sofort mit der Hälfte der Mannschaft in denselben. Alles wurde durchsucht, die Kästen, Schränke, welche zertrümmert wurden, alle Zimmer, aber umsonst. Von da ging es in die Kirche, wo übermal nicht nur kein Winkel undurch- sucht blieb, sondern auch die größten Gotteslästerungen verübt wurden. So ging es ferner in allen Hütten des Dorfes, doch alles umsonst, denn der Gesuchte war nicht zu finden. Da entbrannte der Commandant in Wuth. Noch einmal ließ er die Dorfbewohner, versammeln, forderte sie noch einmal auf im Namen des Gesetzes, den wiedrspenstigen Priester, wie er ihn nannte, auszuliefern— und als abermals alles schwieg, erklärte er den Flüchtigen vogelsrei und als ausser dem Gesetze stehend, demjenigen aber, der ihn einbringen würde, versprach er die schöne, runde Summe von 20,000 Franken. Keiner hatte Lust das Blutgeld zu gewinnen, und doch wußten Viele, wo ihr Pfarrer war, und Viele ahnten, was sie bei solcher Weigerung zu erwarten hatten. Wirklich ließ der Anführer die Kirche, den Pfarrhof, das ganze Dörfchen anzünden und zusammenschießen. Die Strohhütten faßten nur zu leicht Feuer und in wenigen Stunden lagen Schutt und Trümmer, wo die Wohnungen armer, aber glücklicher Menschen gestanden waren. Der Tambour wirbelte, die Mordbrenner zogen ab, denn es war nichts mehr zu verbrennen. Die Leute aber schlugen die Hände über den Kopf zusammen und Viele vermochten sich kaum in das große Elend zu fügen. Denn anders sieht das Elend aus, wenn es in der Ferne steht und anders, wenn es uns wirklich heimsucht; da thut es oft recht Noth in Jammer und Trauer zu gedenken des Wortes: „Selig, die da trauern, denn sie werden getröstet werden." (Fortsetzung folgt.) Der TageSlauf. Q. Weßhalb betrachten wir die Sonne mit verschiedenen Empfindungen, folgen aber stets sehnsuchtsvoll dem Laufe der nächtlichen Gestirne? — fragte Clara ihre Mutter. Weil wir unbewußt in der Sonne und den nächtlichen Gestirnen den Spiegel des eigenen Lebensglückes schauen. Wie Las? Dir dies klar zu machen, wollen wir den Lauf des Tages betrachten. — Früh geht die Sonne aus, und Alles fühlt sich erquickt und gestärkt von ihrem neuvelebenden Strahle. — Wie ist der Mensch in einem neuen Glücke, in welches er sich gleichsam noch nicht recht gefunden? Es ergreift ihn Freude in der Empfindung, Lust zur Thätigkeit. Doch die Strahlen der Sonne brennen stärker, wir gewöhnen uns mehr an unser Glück? Dann lassen die Geschöpfe von ihrem Jubel, die Menschen von freudiger Empfindung und Thätigkeit ab. Beide werden gleichgiltig gegen Sonne und Glück. Nun erreicht die Sonne die Mittagshöhe in der Natur, das Glück in den äußern Umständen des Menschen? Dann, liebe Mutter! suchen die Vogel den Schatten, verdorren die Gesträuche. — Der Mensch ist seines Glückes überdrüssig, wünscht sich ein geringeres Maß, manchmal gar das Unglück. Die Sonne, das Glück stehen in Abnahme begriffen, auf einer der Natur, dem Menschen zuträglichen Stufe? Hier tritt wiederum Gleichgiltigkeit ein, wie früher bei der erträglichen Zunahme der Sonne, des Glückes. Die Sonne, das Glück schwinden allmälig oder Plötzlich am Erdenhimmel. Nacht ruht auf der Schöpfung, Nacht stürmt im Herzen des Menschen? Dann treten die leuchtenden Gestirne an den nächtlichen Himmel. Der Schöpfung ja, nicht immer des menschlichen Herzens — unterbrach die Mutter die Sprecherin. — Jetzt kommt der Grund der verschiedenen Gefühle Lei Betrachtung der Sonne, des Einen Gefühls beim Anschauen der Sterne. Er beruht im Unterschiede der Wirklichkeit, welche ik^ 'rrfinnbildung in der Sonne, der Hoffnung, welche die ihre in den Sternen , . Ich habe ihn erfaßt — fiel die begeisterte Clara e.« — Wirklichkeit erweckt in uns verschiedene Gefühle, bald der Freude, bald des Schmerzes; hier der Nimmerersättigüng, dort des Ueberdrusses. Hoffnung belebt nur mit Einem Gefühle: jenem der Sehnsucht. Wir sehnen uns also nach dem entschwundenen Glücke. Diese Sehnsucht ist der Stern uns'res Herzens. Wie den nächtigen Gestirnen die Sonne des Tages, — hoffen wir — werde der Sehnsucht die Befriedigung folgen. Mutter! Ich war vorhin zu eilig. Nicht immer treten die Sterne an den nächtlichen Himmel. Glaubst Du? Die Gestirne sind da, aber ein neidischer Wolkenschleier verhüllt dieselben dem menschlichen Auge. Das ist ein trauriger Unterschied zwischen dem Erdenhimmel und dem Lebenshimmel.. An letztem schwindet gar oft der Stern der Hoffnung. Nein. Der Stern ist da. Aber das von nächtiger Verzweiflung umflorte Herz will ihn nicht schauen. — Kennst Du diesen Stern, mein Kind? Er leuchtet nicht nur am Himmel, sondern im Himmel dem gerechten Hartgeprüften. Mutter! Gott schützte Jeden vor der Blindheit des Herzens, damit er stets diesen Stern schaue! , Die schönste Perle. Mutter! welche ist wohl die schönste Perle? — fragte Clara und schob der Mutter ein Kästchen voll Perlen hin. Die Mutter schob das Kästchen weg. — Die schönste Perle — erwiderte sie — ist die Thräne des Mitleids. Sie schmückt, wenn sie in unserem Auge glänzt, unser Herz, während andere Perlen nur Hals und Arme zieren. Sie erquickt uns ferner, wenn sie uns geweint wird, auf geistige, alles andere Perlen- geschmeide auf sinnliche Weise. Verwerthe die kostbarste Perle! Sie wird das nicht geben können, was dir die Perle des Mitleides gewährt: Trost und liebevolle Hilfe. Sicductiru un» iLcrlag: vr. M. Huttlcr. — Druck »ou 3. M. Slcinlc.