AiigMgn §mt«gM«1t. 45 . 4. November 1860. Da» Augsburger Sonntagsblatt lSonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige AbonnementSpreis ist 2Y kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien. Die von k- Terwecoren in Belgien erscheinenden I>rc-c>s bisrorlgues enthalten folgende interessante Episode über die Vertreibung der Jesuiten aus Sicilien: Die göttliche Vorsehung bediente sich eines Jesuiten aus Belgien, des Lambelin, welcher bereits vier Jahre auf dieser Insel sich aushielt, um seinen Mitbrüdern den Schmerz und die Leiden ihrer Verbannung zu versüßen und zu erleichtern. Die Ereignisse, welche sich seit dem 4. April daselbst zugetragen, sind hinlänglich bekannt. Sie bildeten das Tagesgespräch aller Journale. Am 23. Mai hatten die Oberen der sicilianischen Provinz den k Lambelin nebst zwei anderen Vatern und einem Laienbruder aus der ehemaligen Provinz Turin nach Neapel geschickt, wo sie ihre fernere Bestimmung abwarten sollten. Man verlangte hier für den Pronp, ein Schiff des französischen Geschwaders, welches auf der Höhe von Neapel kreuzte, einen Schiffscaplan. k>. Lambelin ward dazu bestimmt. So machte er nun Bekanntschaft mit den französischen Seeofficieren, die ihn mit aller möglichen Aufmerksamkeit behandelten. Herr Barbier de Tinan, Vice- Admiral und Obercommandant des französischen Geschwaders, erwies ihm jene Achtung, welche dem priesterlichen Charakter gebührt. Hier erhielt k>. Lambelin Kenntniß von dem Decrete Garibaldi's vom 17. Juni, wodurch er alle Güter der Gesellschaft Jesu auf Sicilien mit Beschlag belegte und die Glieder dieser Gesellschaft rücksichtslos von der Insel verbannte. — Sogleich begab sich k. Lambelin zum französischen Vice-Admiral, stellte ihm die traurige Lage seiner Mitbrüder auf Sicilien vor Augen, und erhielt von ihm die ausgedehnte Vollmacht, sich auf einem französischen Kriegsschiffe nach Palermo zu begeben und seinen Mitbrüdern auf Sicilien mitzutheilen, daß sie auf einem Schiffe seines Geschwaders unentgeldlich abreisen könnten. Der Herr Vice-Admiral gab ihm außerdem noch ein Begleitschreiben mit an den Contre-Admiral Jehenne, welcher sich auf der Rhede von Palermo befand, und ersuchte denselben, dir Jesuiten der Insel unter seinen Schutz zu nehmen, ihre Einschiffung zu erleichtern, und überhaupt dafür zu sorgen, daß ihnen von Seiten der revolutionären Regierung kein Leid zugefügt werde. Das edelmüthige Benehmen dieser französischen Officiere zeigte sich über alles Lob erhaben; alle die schönen Züge, welche dem französischen Nationalcharakter angehören, erschienen in den persönlichen Eigenschaften dieser Männer noch mehr veredelt. Ihre Achtung gegen Priester und ihr Mitleid mit fremdem Unglück gewährten den von der Revolution Geächteten Trost und Hilfe. U. Lambelin schiffte sich also auf der Mouette, einem Aviso- Schiff des Geschwaders, ein. Er erhielt hier seine eigene Cajüte, ward vom Capitän täglich zu Tisch geladen, und gelangte nach Palermo. Herr Jehenne, der Contre-Admiral, hatte bereits mit offenem Freimuthe und zarter Theilnahme über die unglückliche Lage der geächteten Jesuiten Er- kundigung eingezogen. Er wollte ihre Leiden vermindern, und dem Lambelin zur Erreichung seiner Sendung behilflich sein. Täglich stieg der Pater an's Land, gewöhnlich in Begleitung eines Seeofficiers, bisweilen auch in Gesellschaft des SchiffScaplans, und suchte seine Mitbrüder auf. Er selbst schlief gewöhnlich am Bord der Mouette oder des Kriegsschiffes Donawerth. Er ließ zuerst diejenigen sich einschiffen, welche schon zur Abreise bereit waren; unter ihnen befand sich auch der U. Provinzial. Unter dem Schutze des französischen Geschwaders war es den Jesuiten möglich, manche dringende Geschäfte noch zu erledigen und einige Werthgegenstände ihres Eigenthums auf das Schiff des Contre-Ad- mirals zu bringen. Der U. Provinzial hatte vor seiner Abreise nach Rom dem u Lambelin den Auftrag ertheilt, in Palermo zu bleiben, um seinen übrigen Mitbrüdern zur Abreise behilflich zu sein. So blieb U. Lambelin noch 3 Wochen in Palermo. Die erste Abtheilung der geächteten Jesuiten war noch nicht lange abgereist, als der Polizei-Minister der revolutionären Regierung an allen Straßen Palermo's eine Verordnung anheften ließ, worin den Jesuiten bedeutet wurde, innerhalb ^8 Stunden die Insel zu räumen. Die Verordnung selbst war in einer Sprache abgefaßt, wie sie nur revolutionären Mordbrennern eigen ist, und gab das Leben dieser Ordenspriester der höchsten Gefahr Preis. u. Lambelin las diese Verordnung und sprach darüber mit dem Contre- Admiral auf dem Schiffe Donawerth. Herr Jehenne rieth dem Pater, ungescheut eine Audienz bei Garibaldi zu verlangen, und ihm offen alle Folgen dieser Verordnung auseinanderzusetzen. Dies geschah am Juli. Zwei Wochen vorher, am 20. Juni, hatte Garibaldi dem Contre-Admiral einen Höflichkeitsbesuch am Bord seines Schiffes abgestattet. Zufrieden mit dem Empfange, den er von Seiten des Contre-Admirals gefunden, soll er bei seiner Entfernung Herrn Jehenne seine Gegendienste verheißen haben, wenn er deren bedürfe. Nun war die Gelegenheit dazu geboten. Der Contre Admiral, Herr Jehenne, hatte zwar dieses Versprechen sich nicht erbeten, aber wollte doch davon Gebrauch machen. Er schrieb also nicht so fast als französischer Admiral, denn als eifriger Katholik, der den Unglücklichen Hilfe bringen wollte, an den Dictator, und bat ihn, dem I'. Lambelin, einem Belgier von Geburt, eine Audienz zu gewähren. Er sagte ihm zugleich in dem Schreiben, daß dieser Pater ihn für sich und seine Mitbrüder, nämlich die sämmtlichen auf Sicilien geächteten Jesuiten, noch um Aufschub für einige Tage bitten werde, damit sie das zur Abreise Nothwendige leichter vorbereiten und eine schickliche Gelegenheit zur Einschiffung nach Neapel abwarten könnten. Das Schreiben setzte Garibaldi davon in Kenntniß, daß in Ermanglung eines Handelsschiffes Herr Jehenne vom Herrn Vice-Admiral bevollmächtiget sei, den von Sicilien vertriebenen Vätern der Gesellschaft Jesu die Abfahrt nach jener Stadt auf einem der Staatsschiffe zu gestatten, wenn ein solches dorthin abgehe; aber für den Augenblick stand keines zur Verfügung. Deßhalb mußten die Ordensmänner, ohne beunruhigt zu werden, auf der Insel den Tag ihrer Einschiffung abwarten können. Ueberdies mußte der Dictator wissen, daß die polizeiliche Verordnung, die am Tage vorher angeheftet war, den Vätern nur W Stunden fernern Aufenthalts in ihrem Vaterland gestattete. Weil kein Fahrzeug zur Einschiffung abging, sahen sich die Väter in die absolute Unmöglichkeit versetzt, diesem Decrete Folge zu leisten. Deßhalb verwandte sich der Contre-Admiral bei Garibaldi für 1^. Lambelin, der gegenwärtig am Bord des französischen Geschwaders Zuflucht gesucht, und sich an den Contre-Admiral gewandt habe, daß er ihm doch in diesen mißlichen Umständen zu Hilfe komme; er erbat von Garibaldi die Gunst, um die U. Lambelin ihn dringend angehe, weil es sich durchaus um eine Frage der Menschlichkeit handle. 355 Der Dictator wohnt in dem königlichen Palast; eben nicht sehr demokratisch! Es ist unmöglich, ohne Karte Audienz bei ihm zu bekommen; auch das ist wenig populär, doch was liegt den Leuten daran? Lambelin hatte keine Karte. Er händigte statt dessen dem wachthabenden Officier das Schreiben des Contre-Admirals ein, und sagte ihm, daß er mit dem Dictator in einer sehr dringenden Angelegenheit zu verhandeln habe. Ein Officier führte ihn durch sehr viele Salons und zahlreiche Schildwachen bis zu einem Vorzimmer, worin sich der dienstthuende General-Adjutant befand. Dieser meldete ihn bei Garibaldi an, der in sogleich eintreten ließ. Der Officier führte den Jesuiten ein, welcher hier eine ganz unerwartete Ausnahme fand. Der Dictator bewohnte ein sehr einfaches Zimmer in dem Pavillon über dem neuen Portal des Palastes. Es fand sich dann ein kleiner leerer Tisch vor, von ärmlichem Aussehen, und einige ganz gewöhnliche Sessel. Der Jesuit glaubte sich bei diesem Anblick in seine Zelle versetzt. Bei seinem Eintritt erhob sich Garibaldi, nahm für den Pater einen Sessel und setzte sich mit ihm nieder. Der Dictator trägt eine rothe Blouse von Flanell, wie unsere Metzger; — ein trauriges Sinnbild des vielen Blutes, das er fließen läßt! Ein lederner Gurt schließt über diese Blouse seine aschgrauen Pantalons; — ein trauriges Bild so großer Verheerungen! um seinen Hals hängt nachlässig ein Tuch, das in Form eines Dreiecks doppelt gelegt, kunstlos zusammengerollt und im Nacken geknüpft ist. Dies ist die vorschriftsmäßige Kleidung der Garibaldianer. Wäre der Pater nicht ganz anders berichtet gewesen, er hätte geglaubt, daß er es hier mit einem Diener, nicht aber mit dem Herrn zu thun habe. Uebrigens ist Garibaldi ein schöner Mann, von mittelmäßigem Wuchs, schöngebautem Körper und verräth ein Alter von 50 Jahren. Seine schlanke Gestalt, die durch einen Bart noch verschönert wird, trägt keineswegs die wilden Züge und das geheimnißvolle Anzeichen seiner verruchten Thaten an sich, sondern scheint vielmehr Spuren von Güte und Zuvorkommenheit zu verrathen. Er empfängt die Fremden sogar mit vieler Würde. (Fortsetzung folgt.) Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute. (Schluß.) Die Regierungsform in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist monarchisch. An der Spitze steht die General-Oberin, der einige Frauen zur Assistenz beigegeben sind. Diesen sind untergeordnet alle Localoberinnen der einzelnen Filialen. — Erst die neuere Zeit hat das Institut der Generaloberinnen ausgebildet. In dem geistlichen Rechte suchen wir vergebens einen Canon, der die Rechte und Pflichten einer Ordensfrau angibt, die eine gewisse Gewalt nicht blos in dem Umfange einer Diözese ausübt, sondern über Häuser sogar, die in verschiedenen Saatsgebieten, ja in verschiedenen Welttheilen liegen. Die allgemeine Kirchenversammlung von Trient bestimmt vielmehr (25. Sitzung), daß die Superiorität einer und derselben Ordensfrau nur über ein einziges Haus sich erstrecke. Erst durch die Erfahrung mußte sich allmälig herausstellen, weche Regierungsprinzipien für diese neueren Institute unter den mannigfachen Verhältnissen heilsam, nützlich und nothwendig seien, und welche nicht. Daher die Erscheinung, daß der hl. Stuhl anfänglich die ersten Generaloberinnen auf ein sehr geringes Maß der Gewalt einschränkte, und erst später größere Vollmachten verlieh. Für alle neueren religiösen Frauen-Jnstitute überhaupt wichtig ist die Entscheidung Benedicts XlV. zu Gunsten der englischen Fräulein in München i. I. 17^9. Darnach hat die General-Oberin das Recht, t) alle 356 Häuser ihres Institutes zu visttiren, von der Beobachtung der klösterlichen Ordnung und dem Stande des ganzen Hauses Einsicht zu nehmen und in dieser Hinsicht geeignete Verfügung zu treffen. 2) Sie führt das Oberaufsichtsrecht über die Schulen und Pensionate und wacht über den geeigneten Fortschritt in Lehre und Erziehung. 3) Sie ist berechtigt, die Fräulein in die verschiedenen Häuser zu entsenden, und, wo solches nöthig oder dienlich erscheint, Personalveränderungen vorzunehmen. In Ausübung aller dieser Rechte ist sie von den re- spcctiven Diözesan-Bischöfen stets abhängig — jedoch mit Aufrechthaltung des Gencralverbands. — Die Generaloberin erscheint demnach gleichsam als eine Mutter für die Congregation ihrer Töchter, die sie zum Lehramte oder Hospitaldienste erzieht, jeder ihren Wirkungskreis zutheilt, ihre Thätigkeit überwacht, die Disciplin aufrecht erhält, und wird darum von den Schwestern auch gewöhnlich mit dem Namen „ehrwürdige Mutter" bezeichnet. Der Verband aller Häuser und Personen wird endlich unterstützt und erhalten durch eine gemeinsame Casse. Behält auch jede Filiale ihrer Spezial- casse, so verbleibt dieser doch die Pflicht der Rechenschaft an die General-Oberin, und alle Activa und Passiva berühren das ganze Institut, so daß eine genaue Rechnungslage erforderlich ist, damit nicht etwa durch übermäßige Sparsamkeit eine Anhäufung von Schätzen stattfinde, sondern daß die allenfallsigen Ueber- schüsse nach Vorschrift der Regel zu geeigneten Zwecken verwendet werden. So freudig nun auch jeder Menschenfreund die neueren religiösen Frauen- Jnstitute für Krankenpflege und Schule begrüßen muß und die letzteren namentlich von großem Segen sich erweisen werden, wenn sie in Demuth fortfahren, den Nachdruck ihrer Thätigkeit auf die religiös sittliche Erziehung der Jugend zu legen, und nicht etwa zu jener Weise des Unterrichtes neigen, bei der man mit einem eitlen Gedächtniß-Mechanismus mehr glänzt, als nützt — so dürfen dabei dennoch jene religiösen Frauen-Genossenschaften, die rein betrachtender Natur find, auch in der Gegenwart nicht unterschätzt werden. So gewiß es ist, daß es jederzeit Viele gibt, die für das Unterrichtsfach oder die Krankenpflege weder Neigung noch Geschick, aber dennoch einen entschiedenen Beruf für das klösterliche Leben haben, so unleugbar ist es auch, daß für diese ein betrachtender Orden Bedürfniß ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese jungfräuliche Schaar durch ihre Gebete und stellvertretende Buße die Gnade des Himmels auf Viele herniederziehe. Und wenn man noch hinzufügen kann, wie dort Zucht und keusche Sitten blühen, wie begüterte Töchter, selbst aus höheren Ständen, der herrschenden Genußsucht sich entziehen, um innerhalb der stillen Klosterräume ein Leben der Entsagung und Abtödtung zuführen; wie von den Erübrigungen durch ihre Genügsamkeit so vielen Armen das tägliche Brod gespendet werden kann, so dürfte damit der überzeugendste Beweis geliefert sein, daß auch die Klöster zu «seelischen Zwecken, insbesondere gegenüber dem Sittenverderbniffe, wovon die Schwurgerichtsverhandlangen allerwärts ein so schauderhaftes Gemälde entwerfen, liebliche Sterne in der Nacht sind, und weit entfernt, in unseren Tagen überflüssig zu sein, vielmehr nothwendig erscheinen für die krankhaften socialen Zustände der Gegenwart, nicht minder, als jene Institute, welche sich mit Unterricht und Krankenpflege besassen. Die Rose. 6. Mutter! — fragte Clara — welche Tugend versinnbildet die Rose? Keine Tugend insonderheit — versetzte die Mutter — sondern die Tugend in ihrer allgemeinen Bedeutung. Welches ist die allgemeine Bedeutung der Tugend? 357 Eine doppelte:, einmal der Begriff irgend eines sittlichen Vorzuges, und dann der Inbegriff mehrerer solcher sittlichen Vorzüge. Wir wollen sehen, in wiefern die Rose diese letzte Bedeutung des Tugendbegriffes versinnbildet. Warum, glaubst Du, ist diese Blume die Königin der Blumen? Jede Blume hat irgend einen Vorzug: die eine Schönheit der Farbe, die andere Lieblichkeit des Geruches, eine dritte Zartheit der Form. In der Rose nun findet nicht nur eine Vereinigung, sondern auch eine Steigerung dieser Eigenschaften statt. Getroffen. Warum indessen — wähnst du — steigen diese Eigenschaften in der Rose zu einem Hähern Grade der Vollkommenheit? Ei, weil ein Vorzug den andern emporhebt, ihn erst ins rechte Licht setzt. Dasselbe ist nun beim Tugendhaften der Fall. Er erstrahlt nicht in Einem, sondern in mehreren sittlichen Vorzügen. Er beherrscht durch diese Vervollkommnungen seine Mitmenschen, die unwillkübrlich sich vor ihm beugen, entweder in Verwunderung oder Liebe, oder im edlen Nachahmungseifer. Seine Vorzüge endlich heben sich selbst gegenseitig und zwar auf doppelte Weise. Wie das, liebe Mutter? Einmal in den Augen der Menschen. Wie wir den Purpur lieber an einem Gewände bewundern, wo sich mit der Schönheit der Farbe das Ebenmaß der Form paart, als an einem mißgestalteten Lappen; in gleicher Weise gewahren wir die Aeußerungen der Andacht lieber auf den Lippen des Sanftmütigen, als auf jenen des Schmähsüchtigen. Zeigen wir an diesem Beispiele die zweite Art der gegenseitigen Erhebung! Diese, liebe Mutter! ist das innere Wachsthum der Tugend. Woraus schließest Du das? Ich denke: wenn das Wohlgefallen die Wirkung der Tugenden in den Augen der Menschen ist, so müssen sie doch auch eine Wirkung in den Augen Gottes, in sich selbst haben, da sie ja ihren Zweck im Gottesurtheile und in sich, aber nicht im Menschenurtheile tragen. Du denkst richtig, denn jeder Selbstzweck kann nur der des Wachsthumes, der Vervollkomnung sein. Glaubst Du nun, daß wahre Andacht in einem liebevollen Herzen leichter gedeihe, als in einem zur Schmähsucht sich neigenden Gemüthe? Freilich, denn die Liebe gegen Gott und die Nichtliebe des Nebenmenschen, welche letzte die Quelle der Schmähsucht ist, bilden einen Widerspruch. Ein solches Gemüth muß also letztere unterdrücken, bei seiner Schwäche oft unterdrücken, die Andacht zu erstreben. Aber, Mutter! wir haben rothe und weiße Rosen. Gibt es denn auch zweierlei Begriffe von der wahrhaften Tugend? Nein. Es gibt nur eine Wahrheit, nur eine Wahrhaftigkeit, also auch nur einen wahrhaften Gesammtbegriff der Tugend, welcher sich indessen in den verschiedensten Ausflüssen vereinzelt und verkörpert. Was nun die Blume in getrennter Gestaltung versinnbildet, das vereinigt in Wahrheit der menschliche Herzenstempel der Tugend. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Unsre Seele muß rein sein von niedrigen Leidenschaften. Roth ist die Farbe der Liebe. Unser Gemüth muß erfüllt sein mit erhebender Liebe zu Gott; dann erst wird in unser Herz die Tugend einziehen. Ist denn diese Reinheit und Liebesfülle eine leichte Aufgabe? Nein, ihre Erlangung und Bewahrung erfordern unsäglichen Kampf. Und diesen Kampf versinnbildet die Rose auf die schönste, erhabenste Weise: Keine Rose ohne Dornen; keine Herzensreinheit und Gottesliebe ohne den Stachel der Entsagung, welcher unsre Fleischeslust verwunden und ertödten muß. Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Fortsetzung.) 4 . Der Pfarrer lehrt zurück. Aengstlich hatte indessen der fromme Greis in der Köhlerhütte gewartet, was da kommen sollte; den ihm ahnete nichts Gutes für seine Heerde. Gegen Mittag sah er mit Schrecken, wie der Himmel gegen die Richtung von St. Agatha sich röthete. Er hieß einen der Männer, die bei ihm waren, auf einen Baum klettern, um zu sehen, was das wäre. Der Mann kletterte auf eine hohe Tanne und sah leider, wie das ganze Dorf in Flammen stand. Bald darauf hörte man Jammer und Wehklagen durch daz dichte Gehölze erschallen. Es kamen einzelne Weiber und Kinder mit weinenden Augen und zerrissenen Kleidern, ein wahres Bild des Jammers, und erzählten weitläufig alles, was geschehen. Da brach der Pfarrer in lautes Weinen aus und klagte sich selber an, daß um seinetwillen so großes Unheil über sein Volk gekommen sei. „Ich muß wieder zu ihnen, ich muß sie sehen, muß sie trösten." So sprach er. Es hals alles Abwehren der ihm beigeordneten Männer nichts, und der Greis eilte aus seinem Schlupfwinkel heraus, drängte sich durchs Gebüsch und bald stand er außerhalb des Waldes. Welch ein trauriges Bild sah er nun vor sich. Einige Schutthaufen bezeichneten die Stelle, wo das Dörfchen St. Agatha gestanden. Noch wirbelte der Rauch empor und die Mauertrümmer der Kirche standen in Mitte der Verwüstung wie ein verstümmelter alter Krieger auf dem Schlachtfelde unter den Leichen seiner Bruder. Traurig aber war der Anblick der unglücklichen Dorfbewohner, die sich mit dem Wenigen, was sie aus den Flammen retten konnten, und mit dem übergebliebenen Vieh aus dem Felde gelagert hatten. Hier Weiber, die sich die Haare zerrauften, Kinder, die unaufhörlich nach Brod schrieen, und die Mutter konnte ihnen keines mehr geben, Männer, die stumm und starr mit dem Blicke der Verzweiflung auf den Boden sahen. Doch der fromme Priester-Greis kam immer näher und näher — da hieß es auf einmal: „Unser Vater kommt" — und die Betäubten erwachten ein wenig und gingen ihm entgegen. Er kam mit entschlossenem Herzen, sie aufzurichten und zu trösten, aber als er ihre Thränen sah, ihr Schluchzen hörte, da brach auch seine Kraft, und weinend rief er: „Kinder, warum habt ihr das gethan? warum mir kein Wort gesagt? warum meinen Aufenthalt dem Commandanten nicht endcckt? Waren denn die wenigen Monate oder Tage, die ich noch zu leben habe, es werth, so theuer erkauft und bezahlt zu werden? Was gilt mein graues Haar gegen die rothen Wangen dieser unschuldigen Kinder, die starken Arme dieser Jünglinge und Männer." Aber die guten Leute erwiderten ihm ganz einfach: Er sei ihr Vater, sein Leben um jeden Preis zu erkaufen, sei Pflicht der Gerechtigkeit gewesen, jener Gerechtigkeit, von welcher er ihnen so oft geprediget, sie sollten darnach hungern und dursten; werden sie nun auch großen Mangel und Noth leiden, sie wollen gerne alles erdulden, da er nun gerettet sei; haben sie auch kein irdisches Brod mehr, der Mensch lebe ja nicht vom Brode allein, und auch so seien sie selig nach dem Worte: „Selig, die da hungern und dursten nach Gerechtigkeit, denn sie werden ersattiget werden." 5 . Der Pfarrer wird verrathen. Drei Tage nach diesen schrecklichen Vorfällen saß der Volksrepräsentant, der nach St. Agatha gezogen war, in seinem Arbeitszimmer zu Niort, wo er sich 359 so eben mit dem öffentlichen Ankläger und dem Henker über die Mittel besprach, die Aufrührer durch gewaltsame Maßregeln zu schrecken und sie zur Pflicht zurückzuführen. Sie waren noch nicht lange beisammen, als man einen alten Mann in das Zimmer führte. Dieser ging gebeugt an seinem Knotenstock einher, sein Haupt war kahl, der Blick aber voll Leben und Feuer; die ärmliche lange schwarze Kleidung ließ in ihm einen Geistlichen vermuthen; die bestaubten Schuhe zeigten an, daß er einen weiten Weg hieher gemacht. „Bürger Repräsentant", sagte der eingetretene alte Mann, indem er sich ihm muthig näherte, „Sie ließen in St. Agatha bekannt machen, es sollen demjenigen, der den Pfarrer jener Gemeinde ausliefere, 20,000 Francen ausbezahlt werden. Geben Sie mir diese versprochene Summe und ich verspreche Ihnen dagegen den genannten Pfarrer auszuliefern." So sehr auch der Beamte an die Schlechtigkeit der Menschen gewohnt war, so schauderte er doch bei dem unerhörten Antrag, mit welchem ein Mann, der nur noch einige Schritte vom Grabe entfernt war, ihm den Kopf eines andern Greises gleichsam zu Füßen legen wollte. „Priester", sprach er erstaunt, „wie ist es für einen Mann Ihres Standes und Alters möglich, mir ein solches Anerbieten zu machen?" „Nicht so unmöglich, als Sie glauben. Wollen Sie es annehmen?" „Ich nehme es an, aber das vergossene Blut falle zurück auf Ihr graues Haupt." „Nun ja; so geben Sie die versprochenen 20,000 Francen heraus." „Sobald Sie mir den Schurken von St. Agatha ausliefern." „Versteht sich. Aber merken Sie wohl, ich verlange überdies, daß Sie mir die nöthige Zeit und Mittel gewähren, um das Geld, sobald ich es gewonnen und erhalten habe, nach meinem Belieben zu verwenden." „Wie könnte ich Ihnen Zeit und Mittel zu solchem Vorhaben verweigern? Gehört Ihnen denn das Geld nicht eigenthümlich zu, sobald Sie es erhalten?" „Daß weiß ich alles. Versprechen Sie mir nur einstweilen, um das ich bitte; ich habe meine guten Gründe, auf diesem Puncte zu bestehen." „Zwar sehe ich nicht ein, wozu das dienen soll, doch verspreche ich Ihnen als wahrer Republikaner feierlich, die nöthige Zeit und Mittel zu gewähren, um über den Lohn dieser Schandthat zu verfügen." „Nun gut. So geben Sie mir das Geld, denn ich selbst bin der Pfarrer von St. Agatha und ich überliefere mich in Ihre Hände. „Sie!" schrie der Repräsentant, der vor Erstaunen plötzlich Ton und Sprache änderte, „Sie — Pfarrer von St. Agatha? „Ich selbst", erwiderte kaltblütig der Alte. „Und Sie wollen sich mir selbst überliefern?" „Ich liefere mich aus, um die versprochenen 20,000 Fr. zu erhalten." „Was wollen Sie mit dem Gelde anfangen? Wissen Sie nicht, was Jhney bevorsteht? Sie sind außer dem Gesetze." „Eben darum verlange ich die bewußte Summe und will auf der Stelle zu meinen Pfarrkindcrn nach St. Agatha geführt werden." „Was willst du dort?" „Das mögen die Wachen erzählen, die Sie mir zum Geleite dorthin geben." Der Repräsentant zahlte dem Pfarrer die 20,000 Francen in Papiergeld aus, welche dieser sofort in seine Brieftasche legte, und nun verlangte, ohne Verzug in sein zerstörtes Dörfchen zurückgeführt zu werden, um dort eine der schönsten Thaten auszuüben, und sich so bei seinem baldigen Tode Gottes Erwärmung zu sichern nach dem Worte: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." (Schluß folgt.) Was ist das gegenwärtige Leben? Man fragte einst einen Philosophen, was das gegenwärtige Leben sei, und er antwortete: „Es ist die Reise, die ein Verbrecher, nachdem man ihm sein Urtheil verlesen, von seinem Kerker bis an die Gerichtsstätte macht." In der That sind wir Alle vom Mutterschooße aus zum Tode Verdammte, und wir gehen daraus nur hervor, um uns an unsere Todesstätte zu begeben. Zwar verbindet man uns die Augen nicht, wie den Verbrechern; allein, was auf vas Nämliche herauskömmt, man verbirgt uns die Todesstätte. Wir rücken diesem Orte immer näher, aber ohne zu wissen, wo er ist, und ohne zn wissen, ob wir demselben nahe oder ferne sind. Alles, was wir wissen, ist dieses, daß wir uns ihm alle Tage nähern, daß wir ihm heute näher sind als gestern, daß wir einst dahin werden gekommen sein ohne es zn wissen, und daß wir uns vielleicht schon wirklich da befinden, oder nur noch einen Schritt dahin zu hun haben. Etwas, das wir noch nicht wissen, ist die Todesart, wozu wir verdammt sind, welche in dem Urtheilsspruche nicht ausgedrückt ist, und die uns Gott im Dunkel seiner Vorsehung noch verborgen hält. Wird sie sanft, wird sie grausam sein? Wird sie schnell und plötzlich, oder lang und von Dauer sein? Werden wir noch einen Augenblick haben, uns zu erkennen und unsere Geschäfte in Ordnung zu bringen, oder werden wir ihn nicht mehr haben? Das wissen wir nicht. Wirklich zum Erstaunen ist, daß wir, beladen mit dem Todesurtheile, während dieser Reise, die wir aus dem Kerker an die Richtstatte thun , noch sündigen, lachen, Possen treiben, Projecte machen! So geschieht es aber anch häufig, daß Viele mitten unter ihren Freuden und Unternehmungen sich am Ziele finden, das sie noch weit entfernt glaubten, nämlich, daß sie, ohne vorbereitet zu sein, Plötzlich äuf dem Richtplatze stehen.und die Strafe des Todes erleiden müssen, an die sie nicht gedachten. (Aus Bonag ventura's Parabeln.) Ein Jähzorniger. Ein Gelehrter, welcher ein Buch über „geistige Krankheiten" geschrieben, erzählt darin: er habe als Knabe einen Menschen gesehen, der sich sehr beeilte, eine verschlossene Thüre mit einem Schlüssel auszuschließen, es wollte ihm aber nicht gelingen, obschon er mit dem Schlüssel auf allerlei Weise es probirte. Kurz, es ging nicht! Darüber nun und namentlich weil es Eile hatte, gerieth jener Mensch in solche Wuth und verfiel in solchen Zorn, daß er den Schlüssel zerbeißen und die Thüre mit Fußtritten einstoßen wollte. Da auch dies nicht gelang, so verstärkte sich sein Zorn dermassen, daß er die Fäuste ballte, die schrecklichsten Flüche ausstieß, Schaum vor dem Mund bekam und anfing zu toben, wie ein Wasserscheuer. Seine Augen funkelten und traten vor den Kopf, so daß man fürchten mußte, der wüthende Mensch werde sich einen Tod anthun. — „Bei diesem Anblicke, schreibt der Gelehrte, habe ich einen solchen Abscheu vor dem Laster des Zornes bekommen, daß mich von dieser Zeit an kein Mensch mehr erzürnt sah, weil ich fürchtete, ich möchte einmal jenem Rasenden ähnlich werden." (Folge dem Beispiele dieses Gelehrten.) Redacliou und Berlaz: 1-1°. M. Hutller. — Druck »ou 3. M. Klciule.