H>>'. 4G. 11. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 20 kr., wofür es durch alle k. baper. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Zur Geschichte der Bertreibung der Jesuiten aus Sicilien. (Fortsetzung und Schluß.) .k Lambelin bat um die Erlaubniß, sein Anliegen dem Herrn Dictator vorbringen zu dürfen, und sprach dann ungefähr in folgenden Worten: „Herr Dictator, ich erscheine in der Tracht eines französischen Feldpriesters, ! aber Sie müssen wissen, daß ich ein Mitglied der Gesellschaft Jesu bin. Ich bin Jesuit, Belgier von Geburt. Als ich zu Neapel weilte, vernahm ich die mißliche Lage unserer Vater auf Sicilien, und ich begab mich daher nach Pa- > lermo, um ihnen dort Hilfe zu leisten. Nachdem die Regierung ihre Vertrei- > bung beschlossen, suchten unsere Däter ein Mittel, sich aus dem Vaterlande zu ! entfernen, konnten aber kein Schiff finden. Dennoch dringt man auf ihre Ab- ! fahrt; der Polizei-Minister läßt in den Straßen Palermo's eine mordbrennerische Verordnung anschlagen, die uns der Wntb des Volkes Preis gibt, wofern wir nicht abreisen. Wir wollen gern und hätten uns schon entfernt, wäre nur Gelegenheit zur Einschiffung dagewesen. Was unsere Lage noch verschlimmert, ist der Umstand, daß die Regierung unsere Güter eingezogen und uns aller Mittel beraubt hat, Vorkehrungen zu unserer Abfahrt zu treffen." Garibaldi hörte aufmerksam, und sogar mit einer gewissen Theilnahme zu. Er antwortete dem Pater in französischer Sprache, und zwar sehr geläufig: „Mein Herr, ich kenne die Verordnung vom 17. Juni, durch die ich mich genöthigt sah, die Jesuiten von Sicilien zu entfernen: denn die Väter sind, wie Sie wohl wissen, der Bewegung in Italien nicht günstig. Aber es war nicht meine Absicht, dieselben so sehr zu drängen; ich wollte Ihren Vätern Muße lassen, damit sie Vorkehrungen treffen und den günstigen Augenblick zur Einschiffung abwarten könnten. Was aber jene Verordnung angeht, von der Sie sprachen, so habe ich nicht die geringste Kenntniß davon." (8io!) — „Herr Dictator, wenn Sie diesen Ministerial-Erlaß nicht kennen, werden Sie erlauben, selben Ihnen vorzulegen. Hier ist er." — „Ich möchte diese Verordnung gerne lesen." — Er las dieselbe und sagte dann: „Erlauben Sie mir, mein Herr, dieselbe aufzubewahren, denn sie wird mir dienlich sein können." — Garibaldi fügte hinzu, daß er sogleich an den Polizei-Minister schreiben werde, um ihn zu beauftragen, er solle, da die Forderung des Pater sehr billig sei, über die persönliche Sicherheit der Jesuiten wachen, und ihnen alle Zeit lassen, die zu den für die Reise nöthigen Vorkehrungen erforderlich sei. Darauf fragte er den Lambelin, wie viel Zeit es denn gebrauche? Der Pater erwiderte: „Es ist schwer, dieselbe genau zu bestimmen, und zwar wegen der großen Schwierigkeit, alle Mitglieder, welche sich seit der Veröffentlichung jenes Be- ! schlusses aus der ganzen Insel zerstreut haben, wieder zu vereinigen. Dazu ist Zeit nöthig, um so mehr, da die Briefe nicht so schnell an Ort und Stelle ge- ! langen können. Ich wünsche daher eine unbestimmte Zeit, verspreche aber, daß 362 die Väter dieselbe nicht mißbrauchen werden, zumal, da sie unter der neuen Herrschaft auf Sicilien sich nicht mehr glücklich suhlen können, sondern sogar so bald als möglich sich zu entfernen wünschen." Der Dictator ging in dieses Gesuch ein. Es handelte sich noch um den Widerruf der an den Straßen angehefteten Verordnung, welche wie ein Damocles-Schwert über den Häuptern der Jesuiten schwebte, und das Volk jeden Augenblick gegen sie aufregen konnte, denn der Minister erklärte darin, daß im Falle des Ungehorsams gegen diesen allerhöchsten Befehl die Regierung keine weitere Verantwortlichkeit auf sich nehme; folglich überlieferte sie die Väter als öffentliche Ruhestörer der Wuth des Volkes, das in jenen Tagen seine Lust daran hatte, die Häscher, Polizei-Aufseher, Gendarmen und alle Jene niederzumetzeln, von denen es, ob mit Recht oder mit Unrecht, vermuthete, daß sie noch mit dem Könige halten, oder daß sie der Revolution feindselig gesinnt seien. U. Lambelin bedeutete dem Dictator noch, daß das Volk von der durch Garibaldi verordneten Zurücknahme jenes Erlasses in Kenntniß zu setzen sei, weil es sonst, wofern es die Jesuiten in Palermo erblicke, jenem Ministerial- Erlaß gemäß gegen dieselben einschreiten könne. — „Diese Ihre Bemerkung" — erwiderte Garibaldi — „ist ganz billig. Ich werde dem Minister anzeigen; daß er dem Volke meinen Willen bekannt mache." Er bat dann den Pater, er möge sich auf einige Minuten in das Vorzimmer zurückziehen, damit er zwei Zeilen an den französischen Contre-Admiral schreibe, und fügte hinzu, er werbe dann den Pater bitten, diese Antwort mit sich zu nehmen. Nach wenigen Augenblicken wurde U- Lambelin wieder vorgelassen, und nahm den Brief Garibaldis in Empfang, der ihn dann mit den Worten entließ: „Mein Herr, wenn Sie meiner noch bedürfen, steht es Ihnen frei, wieder zu kommen." — Das waren allerdings schöne Worte! Aber warum nahm er sein tyrannisches Decret nicht ganz zurück? Auch Liese Maßregel wäre sehr billig gewesen, und war die einzige, deren die Ordensmänner von Seite ihres Verfolgers bedurften. In dem Brief an den Contre-Admiral schrieb Garibaldi, daß das Ansuchen des Herrn Jehenne, den Jesuiten zur Vorbereitung für ihre Abreise noch einige Tage Aufenthalt aus der Insel zu gestatten, ganz billig sei; er werde alsbald Befehl geben, daß den Wünschen des Contre-Admirals willfahrt werde. ?. Lambelin blieb auf der Rhede zurück, um dort die sicilianischen Väter zur Abreise zu versammeln. Allmälig kamen sie an, und die Geächteten schifften sich nach Neapel ein, um von da sich in verschiedene Länder zu vertheilen. ?. Lambelin verlängerte noch seinen Aufenthalt in Palermo, um wo möglich noch manche ihrer Habseligkeiten zu retten. Er fand indessen noch öfters Gelegenheit, mit Subaltern-Beamten der neuen Regierung zu sprechen, die er kurze Zeit vorher in den Gefängnissen, worin er seine priesterlichen Verrichtungen ausübte, kennen gelernt hatte. Sie ? schrieen über den Despotismus der päpstlichen Regierung; der Pater hätte diese ^ Beschuldigung zurückweisen und aus jenen Despotismus anwenden können, dessen Opfer die sicilianischen Väter wurden. Unterdessen hatte das Schiff Donawerth Befehl erhalten, die Rhede von ^ Palermo zu verlassen und nach Syrien abzugehen. Der Pater ging einen pie- montesischen Admiral um Schutz an, der ihn sogleich zusagte, mit dem Bemerken die Väter würden zwar nicht alle erwünschten Bequemlichkeiten der Reise vorfinden, aber man würde für sie Sorge tragen. Die Empfehlung des Contre- Admirals Jehenne leistete ihm auch für diesen Fall gute Dienste; der Pater blieb noch am Bord des Aviso-Schiffes Mouette. < Zwei Aerzte hatten von der Regierung die Weisung bekommen, die kranken und älteren Mitglieder der Gesellschaft Jesu zu besuchen, und zu entscheiden, ob vielleicht der eine oder andere von der Verbannung auszunehmen sei. Von einem jener Aerzte nun erfuhr ?. Lambelin am Tage vor seiner Abreise von Palermo, daß ein Jesuit ins Gefängniß geworfen sei. Das schien ihm unbegreiflich, da doch Niemand für die Reise fehlte. Der Pater forschte genauer nach und hörte auf der Polizei, daß der Polizeiminister in Folge höheren Befehls genöthigt ' gewesen sei, einen Jesuiten gesanglich einzuziehen, weil sich derselbe als Laie ' gekleidet habe, um sich desto leichter in die Familien einzuschleichen und überall die gefährlichen Lehren der Jesuiten zu verbreiten. Der Pater antwortete, er sei nicht Willens, sich in eine Erörterung über die Lehren der Jesuiten einzulassen, da er zum Voraus wisse, daß er mit seinem Gegner nicht einig werde. Er erkundigte sich nach dem Namen des Gefangenen, sowie nach der Zeit, Art und Ursache der Gefangennehmung. Man konnte ihm kein Vergehen namhaft machen, ! und der Pater mußte drohen, bei dem piemontesischen Contre-Admiral Gerechtig- ' keit für den Gefangenen zu verlangen. „Endlich" — erzählte ?. Lambelin — „hatte ich den großen Trost, selbst dem Gefangenen die Thür seines Kerkers zu öffnen; dies geschah noch am selben Tage, Abends gegen 11^ Uhr. Am andern Tage führte ich ihn mit noch 13 andern Vater am Bord der Mouette nach Neapel." Das Verbrechen des eingekerkerten Jesuiten war folgendes: Der r. Vigna, Minister im Pensionat der Adeligen zu Neapel, hatte einige ! Zöglinge bei ihrer Rückkehr in die Heimat bis Reggio begleitet. Bei seiner ! Rückreise wurde der Dampfer Elba, auf dem er sich befand, von der Veloee, ! einer neapolitanischen Corvette, genommen, und von dieser, die sich einige Tage ! vorher dem Garibaldi ergeben hatte, nach Palermo geführt. Alle Passagiere wurden freigelassen; nur Vigna nicht, welcher nur für die Zeit seiner Reise Civilkleidung trug, aber sich offen für einen Jesuiten ausgab, ein Umstand der genügte, ihn zu einem ehrenvollen Gefängniß zu verurtheilen. Die Einwohner von Palermo hatten anfänglich, als sie den ? Lambelin in der Gesellschaft französischer Marineofficiere sahen, geglaubt, er habe die Gesellschaft Jesu verlassen, um die Stellung eines Schiffscaplans bei dem Geschwader einzunehmen. „Wie Vortheilhaft auch" — sagte ?. Lambelin — „für meine persönliche Sicherheit diese falsche öffentliche Meinung war, so kränkte sie mich doch zu sehr, als daß ich darob hätte schweigen können. Ich erklärte deßhalb ganz frei und rückhaltslos, wie auch vor Garibaldi, daß ich noch Jesuit sei mit Leib und Seele (i„ o-»?ns er ossibus sagt das Original), und nur als solcher habe ich mich dem französischen Admiral vorgestellt, und seinen Schutz erhalten. Diese Freimüthigkeit, die vielleicht etwas gewagt sein mochte, hatte nicht nur keinen Nachtheil für mich, sondern gewann mir vielmehr wenigstens dem Anschein nach die Gunst dieser Leute. Der Staatssecretär, dessen feindselige Gesinnung gegen unsere Gesellschaft bekannt war, sagte mir eines Tages, daß . ich mit ihm noch eine Sache abzumachen habe; er sehe mit Vergnügen, daß ich ein Mann von Grundsätzen sei, daß die Regierung in mir eine Ueberzeugung ahne, die ich nicht zu verhehlen suchte, wie es einige meiner Mitbrüder gethan, ! die er, der Minister, sehr höflich Gauner, Verbrecher und Verräther nannte. Er fügte hinzu, daß das gegen die auf Sicilien befindlichen Jesuiten ge- ^ richtete Verbannungs-Decret auf mich gar keine Anwendung finde; ich könne also mit voller Freiheit auf der Insel verbleiben, und die Regierung werde sogar erforderlichen Falls für meinen Lebensunterhalt sorgen. Man begreift leicht, welches meine Antwort auf diese so sonderbare Anrede gewesen sei. Es paßten hier treffend die Worte: ->ngui8 in üvrka (die Schlange versteckt sich unter ; Blumen), um so smehr, da sechs oder sieben Tage vorher, als ich mich gerade- zu an den Dictator Garibaldi wandte, derselbe Minister gezwungen war, öffentlich seine Verordnung zurück zu nehmen." Dieß sind die hauptsächlichsten Umstände bei der Abreise der sicilianischen Väter. Von 308 Mitgliedern, welche die Gesellschaft Jesu daselbst zählte, waren nur 8 wegen Kränklichkeit und Schwäche von der Verbannung ausgeschlossen. Ein Greis von 84 Jahren mußte gleich den Uebrigen sich der Acht unterziehen, und unter einem andern Himmelsstrich die Freiheit suchen, welche durch die Revolution auf Sicilien vernichtet ward, wie dies überall geschieht, wo die Revolution zur Herrschaft kommt. — Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika s. Bei den Stürmen, die jetzt von allen Seiten den Felsen Petri umtoben und das Herz des getreuen katholischen Christen mit Trauer und Bangigkeit erfüllen, muß eine so ausfallende Erscheinung, wie sie die großartige äußere wie innere Entwickelung der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten Nord- Amerika's darbietet, von einer um so erfreulicheren und wahrhaft trostreichen Rückwirkung sein. Der Hinblick auf das wahrhaft wunderbare Wachsthum der Kirche in einem Lande, in welchem die unbeschränkteste Freiheit in politischer und religiöser Beziehung herrscht, wo jeder Einzelne nach Maßgabe seiner individuellen Geistesrichtung eine neue Religion zu verkünden und als deren Messias aufzutreten berechtiget ist, wo der L>taat als solcher keine Religionsform begünstigt oder unterdrückt; in einem Lande endlich, wo jede Leidenschaft sich nach jeder Richtung und in der ungezügelsten Weise geltend machen darf, der Hin- vlick aus alles dieses liefert aufs Reue den schlagenden und unwiderleglichen Beweis, daß die Kirche keine veraltete und verrottete menschliche Einrichtung sei, aus der der göttliche Geist des Stifters gewichen und die sich dadurch zu einem starren, äußerlichen Formenwerk krhstallisirt habe. Wenn es je des Beweises bedürfte, daß die katholische Kirche als ein göttliches Werk nie veralte, sondern, unberührt von dem Zeitenstrom, in unwandelbarer, ewiger Jugend und Schöne sortblühe, die Idee Gottes auf Erden überall verwirklichend, wo nicht die Menschen von Blindheit geschlagen ihrem Wirken gewaltsam hemmend entgegentreten, so liefert ihn ihre'Entwickelungs-Geschichte in dem genannten Lande, die wir hier in kurzen Zügen darzulegen versuchen wollen, auf das vollständigste und überzeugendste. Als in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Katholikenhetze im freien England ihren höchster: Grad erreicht hatte, so daß das Verharren und Festhalten an der altenKirche gleich dem schwersten Verbrechen mit den härtesten Strafen, selbst Tod und Verbannung, belegt wurde, da verließen im Jahre 1633 zweihundert katholische Familien ihr Vaterland, um sich im neuen Welttheil eine neue Heimath zu suchen, in welcher sie, frei von jedem Zwange und jeder Verfolgung, ungestört ihrem alten Glauben anhangen und der Gewissensfreiheit genießen könnten, die ihnen daheim nicht gewährt wurde. Unter Leitung von Lord Baltimore ließen sie sich im heutigen Maryland (Marienland zu Ehren der heiligen Jungfrau von ihnen genannt) nieder und begründeten daselbst die Stadt Baltimore. Hier nun genossen sie eine Zeitlang des mit so vielen Opfern erkauften und errungenen Friedens, während ringsherum unter den schon damals zahlreichen protestantischen Secten Haß und Verfolgungsgeist wütheten, dergestalt daß, je nach dem augenblicklichen Siege der einen oder andern Partei, die Sieger die Anhänger der unterlegenen Secte von ihren Sitzen vertrieben. Einzelne dieser Flüchtlinge wandten sich nach Maryland, wo sie von den Katholiken freundlich ausgenommen wurden und sich der vollkommensten Glaubensfreiheit erfreuen durften. Kaum wurde dies bekannt, als die Zahl der von allen Seiten herbeiströmenden Sectirer so. groß ward, daß sie bald das numerische Uebergewicht über ihre katholischen Gastfreunde erlangten. Und nun vereinigten sich in der katholischen Colonie alle die Sectirer, die sich kurz vorher auf das bitterste angefeindet und verfolgt hatten, zu einem Act schwärzester Undankbarkeit. Die gastfreundliche Aufnahme von Seiten ihrer Wirthe, die echt christliche Liebe, mit der ihnen dieselben Rechte verliehen wurden, deren die Katholiken sich erfreuten, belohnten sie dadurch, daß sie, ihre Ueberzahl benutzend, jenen, die sich allein in ihrem Unglücke ihrer erbarmt hatten, die Ausübung ihrer Religion verboten. „Noch zählte die Ansiedelung von Baltimore," heißt es in dem Berichte des Missionsvereins, „noch keine fünf und zwanzig Jahre, und schon sahen sich die Katholiken ihrer bürgerlichen, religiösen und politischen Rechte beraubt; eine Heerde Fremdlinge, vor Kurzem noch verbannt, zog die Güter jener ein, die sie gastlich aufgenommen hatten, machte Jagd auf ihre Priester, wie auf schädliche Thiere, und um die Bekenner des Glaubens herabzuwürdigen, setzte man auf einen Jrländer, der sein Vaterland verlassen hatte, um seinem Gott getreu zu bleiben, die nämliche Eingangstaxe wie auf einen Neger. Bei dieser erniedrigenden Vergleichung blieb man nicht einmal stehen; denn der Sclave konnte doch ungehindert seine Götzenbilder anbeten, während der edle Sohn Irlands nicht ungestraft das Kreuz verehren durste auf einem Boden, wo er besteuert und gebrandmarkt wurde. „Aus diese Art," so schrieb der protestantische Geschichtschreiber Mac Mahon, „wurde in einer von Katholiken gegründeten Colonie, die unter der Regierung eines Katholiken zu Macht und Wohlhabenheit gelangt war, der Katholik allein das Opfer der religiösen Intoleranz." So vergingen anderthalb Jahrhunderte, während welcher die ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu, unter dem härtesten Drucke und beständigen Drangsalen, ununterbrochen das Seelenheil der Colonisten leiteten. Da brach der Unabhängigkeitskampf der Colonien aus, an welchem sich auch die eingeborenen Katholiken betheiligten. Es wurden dreizehn Staaten gebildet, die sich jeder einzelne seine Gesetzgebung gaben. Aber nicht einer war unter ihnen, in dem die neuerrungene Freiheit auch auf die katholischen Mitbürger übergegangen wäre. Sie blieben überall gesetzmäßig von allen öffentlichen Aemtern und Ehrenstellen ausgeschlossen, und selbst das Jahr 1789, in welchem die noch gegenwärtig bestehende Verfassung an die Stelle der ursprünglichen Bundesartikel trat, brachte ihnen keine Erleichterung. General Washingthon, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, an welchen sich die Katholiken vertrauensvoll mit dem Gesuche wandten, seinen Einfluß bei den Staaten auch auf den Widerruf jener sie bedrückenden Beschränkungen zu verwenden, gab zwar die Ungerechtigkeit jener Beschränkungen zu, meinte jedoch rücksichtlich ihres Gesuches, „daß der Widerruf das Ergebniß der besseren Ueberzeugung ihrer Mtbrüder werden müsse, die, gleich ihm, das Wohlverhalten und die Treue ihrer katholischen Brüder erkennen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen würden." Wir haben bereits bemerkt, daß die geistliche Obhut der Katholiken in den Vereinigten Staaten lediglich der Sorgfalt der Väter der Gesellschaft Jesu überlassen war, die selbst nach der Auslösung ihres Ordens in Europa dem ihnen anvertrauten Werke mit der größten Aufopferung ihre Kräfte widmeten. Bis dahin hatten sie unter dem apostolischen Vicar von London gestanden. Als aber die Unabhängigkeit der Staaten erkämpft war, wurde auch die Gegenwart eines eigenen Oberhirten als dringendes Bedürfniß erkannt. Die Geistlichkeit Mary- lands und Pensylvaniens, als der Hauptsitze der Katholiken, deren Gesammt- zahl im Jahre 1790 nicht über 25,000 betrug, wandte sich an den Papst Pins VIl., der ihr die Erlaubniß gewährte, sich selbst einen Bischof zu wählen. Ihre Wahl fiel einstimmig auf den ehrwürdigen John Carrol von der Gesellschaft 366 Jesu, einen allgemein verehrten, und auch Lei Protestanten in hoher Achtung stehenden Mann, bei dem die Gründer der amerikanischen Freiheit sich Raths erholten, um den Grundsatz der Religions-Unabhängigkeit in die Constitution einzuführen, und der mit ihnen die feierliche Bundes-Urkunde unterzeichnete. Als Bischof Carrol im Jahre 1791 die erste Diöccsan-Synode hielt, der seine sämmtlichen Priester beiwohnten, waren ihrer zwei und zwanzig, bei einer Gläubigenzahl von 24,500. Mit Ausnahme eines einzigen Klosters, das von Schwestern der hl. Theresia bewohnt war, gab es im ganzen Lande weder Klöster) noch Collegien, noch Seminarien, noch endlich katholische Schulen; ja, mit Ausnahme der katholischen Kirche zu Baltimore, auch keine Kirchen. Was als solche bezeichnet wurde, bestand in kleinen Hütten oder Privathäusern. Das war der Bestand der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten im I. 1791. (Fortsetzung folgt.) Der Pfarrer von St. Agatha. Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution. (Schluß.) 6 . Die Rückkehr des Pfarrers nach St. Agatha. Indessen war in St. Agatha alles in großer Besorgniß, wie es doch ihrem alten Seelsorger gegangen, und wo er hingekommen sei. Man vermuthete irgend ein Unglück, und einige Männer traten zusammen und beriethen sich auf offenem Felde über die Mittel, den Verlornen wieder in ihre Mitte zu bringen. Der eine glaubte, jeder Versuch dieser Art wäre überflüssig, da gewiß ihr Pfarrer schon verrathen und verurtheilt sei; andere dachten, er könnte sich in irgend einem Schlupfwinkel aushalten, wo es ihm an der nöthigen Nahrung und Unterhalt fehlte; wieder andere meinten, er sei nur für kurze Zeit fort, und nach seiner großen Liebe zu seinen Pfarrkindern zu schließen, werde er bald wieder zurückkehren. Man wurde indessen einig, aus jeden Fall einige Männer nach verschiedener Richtung auszusenden, um den gnten Priester aufzusuchen und zu bitten, wieder nach St. Agatha zurückzukehren. Aber während sie sich also beriethen und die bezeichneten Männer schon bereit waren, ihren Weg zur Aufsuchung des Pfarrers anzutreten, sah man von Weitem Staub aus der Straße wirbeln, bald zeigte sich ein kl iner mit Ochsen bespannter Wagen, der sich dem Orte näherte, wo die armen Abgebrannten aus dem Felde beisammen waren. Wie freute sich nicht die ganze Gemeinde, als der Wagen ankam und man aus demselben den geliebten Pfarrer erkannte. Zwar erschracken viele Anfangs bei dem Anblick der vier bärtigen Soldaten, die bewaffnet zu seiner Seite waren; denn sie erkannten, daß dieselben auch bei dem Brande und der Plünderung ihres Dörfchens unter den Thätigsten gewesen waren, aber bald erkannten sie an den frohen Mienen und den Begrüßungen des Pfarrers, daß es diesmal sich um etwas anderes handle, als ihr Unglück zu vermehren. Also lief Alles eilends herbei; man hob den Greis von seinem harten Wagensitze herab und Jung und Alt drängte sich um ihn, küßte ihm die Hand, bat ihn um seinen Segen und bestürmte ihn mit tausend Fragen, wo er gewesen, wie es ihm gegangen, wie es komme, daß diese Soldaten bei ihm seien. Er wollte reden, konnte aber lange nicht zu Worte kommen, da besonders die Kinder ihn umringten, seine Hände tüßten und ihre kindliche Freude auf mancherlei Art äußerten. Endlich gelang es ihm zu sprechen, und mit tiefer Bewegung, obwohl dem Anscheine nach ruhig, begann er folgendermaßen zu reden: „Kinder, ich bin wieder unter euch und darum fühle ich mich Wohl. Ich sehe an euerm Gedränge, an euern Mienen, daß ibr mich nicht vergessen, daß ihr es gut und redlich mit mir meint, daß eure Gesinnung rein ist, wie Gold, und ihr ein keusches, reines, unschuldsvolles, frommes Herz besitzt. O bewahret dieses kindlich reine Herz: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen." 7. Schluß. „In der Einfalt eures Herzens", so fuhr der Pfarrer fort, „wäret ihr unzufrieden mit mir; ihr meintet, ich habe euch, ohne Abschied zu nehmen, verlassen, ihr glaubtet, mich nicht wiederzusehen. Ihr habt euch getäuscht. Kinder, man scheidet nicht so von einander, wenn man sich fünfzig Jahre lieb gehabt hat. Ich hatte im Städtchen ein keines Geschäft, und aus Furcht, ihr möchtet mich zurückhalten, begab ich mich heimlich dahin. Da nun dieses Geschäft nach Wunsch besorgt ist, so komme ich, darüber mit euch zu sprechen." Hier machte der Pfarrer eine lange Pause und Alles war in der gespanntesten Erwartung. „Mir zu Lieb, mich zu retten, habt ihr", so fuhr er zu reden fort, „eure Wohnungen, eure Hausgeräthe und die Frucht einer langen mühevollen Arbeit ohne die geringste Klage hingeopfert. Wohlan! ich bringe euch etwas, um euern Verlust wenigstens zum Theil zu ersetzen. In dieser Brieftasche — er hob sie vor Aller Augen empor — liegen 20,000 Franken, ich übergebe sie dem Vorsteher der Gemeinde, mit der Bitte, diese Summe unter euch nach Verhältniß des betreffenden Verlustes zu vertheilen. Fragt mich nicht, wie ich dies Geld erhalten, das bleibt für jetzt ein Geheimniß, später möget ihr es erfahren, wo es herkommen möchte. Ich werde mit diesen Herren, die mich hieher führten, zurückkehren und euch auf unbestimmte Zeit wieder verlassen. Wann und wo wir uns wieder treffen, das steht in der Hand desjenigen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt." Hier wischte sich der ehrwürdige Greis flüchtig die nassen Augen, und in großer Gemüthsbewegung fuhr er fort: „Gott erhalte euch in euerm friedlichen, arbeitsamen Geiste, bei den einfachen, von den Vorvätern ererbten Sitten. Liebe und Eintracht sei zwischen euch; vor allem aber bewahret die Furcht Gottes, welche ist der Anfang der Weisheit. Traget stets eine keusche Seele in einem keuschen Leibe und verunehret nicht den Tempel Gottes, zu dem ihr in der heil. Taufe geweiht worden seid. Fürchtet, — fürchtet und meidet die schrecklichen Todsünden; lieber sterben, als Gott durch die Sünde zu beleidigen, das sei auch fortan euer heiliger Vorsatz. Gedenket eures alten Pfarrers, der die meisten aus euch zu christlichen Menschen erzogen, und bei euerm Leiden immer gern das eigene vergessen hat. Früher oder später treffen wir uns wieder in dem schönen Vaterlande, wo alle, die sich in Wahrheit liebten, sich wieder sehen werden. Daher ihr Eltern, ihr Väter und Mütter — euch bitte ich besonders, habet Acht aus die Seelen eurer Kinder, gebet thuen kein Aergerniß, haltet sie ab von allem Bösen und führet sie an eurer Hand ins himmlische Land. Betet mit ihnen auch fortan knieend das Morgen- und Abendgebet und gedenket dabei auch meiner, denn auch ich werde den himmlischen Vater für euch bitten. Und ihr Kinder gehorchet euern Eltern, wie immer, macht ihnen Freude durch eure Unschuld und Tugend, und vergesset meine Lehren nicht, — ihr wisset, wie lieb ich euch habe, denn euch ist ja das Himmelreich verheißen. Eines möchte ich Allen noch besonders ans Herz legen, ja ich mache es zur Bedingniß, unter welcher ihr dies Geld annehmen sollt. Segnet eure Verfolger, fluchet nicht denen, die euch hassen 368 vergeltet nicht Böses mit Bösem, auf daß ihr Kinder des Vaters im Himmel seid, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse. Die Scheltenden nicht wieder schelten, den wüthendsten Feinden verzeihen, für Gott selbst dem Tode sich weihen, — das führt uns ins himmlische Reich. Ja diese versöhnende friedfertige Gesinnung ist es allein, die euch zu wahren Kindern Gottes macht. Steht nicht geschrieben: „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." „Und nun, meine Kinder, knieet nieder und empfanget, vielleicht zum letztenmal, meinen väterlichen, priesterlichen Segen." Bei diesen Worten warf sich die ganze Gemeinde und selbst die Soldaten, die den Pfarrer bewachten, schluchzend und weinend auf die Erde. Der Greis aber erhob Auge und Geist in die himmlischen Regionen, streckte die Arme weit aus, faltete sie dann mit Inbrunst und flehte den Segen des Allbarmherzigen herab für die Verfolger. Nach ge- endigtem Gebete wandte er sich mit freudigem Muthe zu seiner Wache, mit den Worten: „Meine Herren, Sie haben zu befehlen, mein Geschäft ist zu Ende." Auf dem Karren wurde er nach Niort zurückgeführt, und die ganze Ge- meinde folgte ihm weinend und betend nach. Der Repräsentant, dem er sich auslieferte, wollte indeß die Verantwortung nicht auf sich nehmen, ihn selbst zum Tode zu verurtheilen, und das Urtheil vollziehen zu lassen, daher sandte er ihn nach Nantes, wo er drei Monate nachher in den Fluthen der Loire die Krone der Märtyrer sich erwarb. St. Agatha wurde nicht mehr erbaut. Seine Bewohner, die lange nicht erfuhren, *>wie es ihrem greisen Priester ergangen, zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen sich in den umliegenden Ortschaften nieder. Groß war immer noch ihr Elend, trotz der erhaltenen Unterstützung. Nur Eines vermochte sie in solcher Noth aufzurichten, die Aussicht in jene Heimat, wo kein Verfolger mehr eindringt, und die gerade den hier auf Erden Verfolgten verheißen ist. „Selig, die da Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, den ihrer ist das Himmelreich." k. v. Edle That. Der Schiffsofficiant Stokker, welcher die belgische Schaluppe Nr. 5 führte, begegnete in der Nacht in der Nordsee beiläufig 12 Meilen von Westcapelle dem Bracke des gescheiterten schwedischen Norden von Stockholm, Capitain Savenson, mit Holz und Eisen beladen. Die Mannschaft der Schaluppe hörte das Angstgeschrei von neun Unglücklichen, welche mitten in dem fürchterlichen Sturme schon sechs Stunden lang auf diesen Trümmern gegen den Tod kämpften. Anfangs konnte man sie wegen der Dunkelheit nicht unterscheiden; aber der brave Stokker verließ darum die Unglücklichen nicht. Er näherte sich ihnen beim ersten Lichtstrahl trotz der Gefahr wegen der Brandungen umher. Man setzt das Boot in See und hat die süße Genugthuung die neun Menschen zu retten. Das war indeß der Schaluppe nicht genug. Die neun unglücklichen Schiffbrüchigen, erschöpft, fast sterbend vor Leiden und Entbehrungen, größtenteils ihrer Kleidungsstücke beraubt, wurden am Bord der Schaluppe mit bewundernswürdiger Liebe gepflegt und in's Leben gebracht. Die belgischen Seeleute nahmen sich um die Wette ihre Kleidungsstücke vom Leibe und bedeckten damit die erstarrten Schweden. Ja sie führten die Schiffbrüchigen bis auf den Quai, wo sie in einer Herberge untergebracht wurden.. Rcdl>cli,n un« Lerl-z: vr. M. Huttlrr. — Druck ,»n Z. M. «lcinle.