AiiggbNM AmtagMtt. 18. November 1860. Das Augsburger Sonntagsblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten Nordamerika's. (Fortsetzung.) Bald nahm das Gebiet der Kirche zu. Als die Staaten 1794 das bis dahin französische Louisiana mit einer überwiegenden katholischen Bevölkerung erkauften, wurde in der Hauptstadt Neu-Orleans ein zweiter Bischofssitz errichtet, dem sich im I. 1808 die Bisthümer Bardstown im Staate Kentuky, New-Uork im Staate gleichen Namens, Boston im Staate Massachusets und Philadelphia in Pensylvanien anreihten, so daß es im genannten Jahre bereits 6 Bisthümer gab. Im Laufe der folgenden zwanzig Jahre mußten abermals vier neue Bisthümer errichtet werden, Charlestown in Süd-Carolina, Richmvnd in Virginien, Cincinnati (1821) in Ohio und St. Louis in Missouri, so daß im Jahre 1830 10 Bisthümer mit 230 Priestern vorhanden waren. Von da ab "nahm die Zahl der Katholiken durch Einwanderer aus Europa, zumeist Jrländer und Deutsche, sowie durch zahlreiche Bekehrungen und Uebertritte aus andern Re- ligionssecten aus eine so überraschende Weise zu, daß es im I. 1845, also nach beiläufig einem halben Jahrhundert seit der Begründung eines selbstständigen Kirchenthums, bereits 23 Diöcesen gab, die unter sechs Metropolitensitze, Baltimore (seit 1808), St, Louis, Oregon-Citp, New-Dork, Cincinnati und New- Orleans vertheilt war^n. Die Zahl der Gläubigen betrug damals annähernd anderthalb Millionen (1,300,000). Welche colossale Entwickelung. 1791 1 Bis- thum mit einigen Capellen und 22 Priestern und 25,000 Gläubigen, 54 Jahre später 23 Bisthümer mit anderthalb Millionen Gläubigen. Es hatte also durchschnittlich eine jährliche Zunahme von circa 27,000 Seelen stattgehabt, eine Durchschnittszahl, die üch in den folgenden fünf Jahren beinahe verfünffacht. Nach den Berichten in den Jahrbüchern der Glaubensverbreitung war der Stand 1er Kirche im Jahre 1850 folgender: Statt des einzigen Bisthums vom Jahre g790 gab es deren nun dreißig; an die Stelle jener 22 Priester waren 1100 betreten, die an mehr als 1300 Kirchen und Capellen fungirten. Während eS damals nur ein einziges Frauenkloster gab, kirchliche Institute aber gar nicht vorhanden waren, zählte man 1850 29 Seminarien zur Ausbildung katholischer Geistlichen, 9 geistliche Orden, 23 Genossen-Gesellschaften, 34 von Priestern geleitete Kollegien, 58 Frauenklöster, 86 Lehranstalten und Schulen für Mädchen, zahllose Spitäler, Zufluchts- und Rettungshäuser, sämmtliche unter Leitung gottgeweihter Jungfrauen, und statt einer Bevölkerung von 24,500 Seelen, deren mehr als zwei Millionen, so daß bei einer Gesammt-Bevölkerung von p. p. zwanzig Millionen Einwohnern je der zehnte freie Nordamerikaner Katholik war. Freilich läßt sich dieses riesige Wachsthum erklären, wenn wir in dem Schreiben, das die im Jahre 1849 zu Baltimore versammelten Väter des siebenten Concils an die Präsidenten der Glaubensverbreitung richteten, die Notiz lesen, daß jährlich mehr denn 250,000 Katholiken aus Europa nach den Vereinigten Staaten auswandern. Ist diese Notiz annäherungsweise richtig, wie wir keinen 370 Augenblick Anstand nehmen zu glauben, so muß die Zahl der Katholiken gegenwärtig mindestens vier Millionen betragen. Begreiflicher Weise läßt sich eine endgiltige Feststellung derselben, bei dem Mangel officieller Populationslisten und der Unmöglichkeit, solche bei dem fortwährenden Herfluthen der Einwanderer genau anzufertigen, nicht ermitteln. Mit dem Wachsthum der Gläubigenzahl haben auch die kirchlichen Einrichtungen gleichen Schritt gehalten. Die Zahl der Kirchenprovinzen ist bis auf 7 gestiegen, die der Bischöfe von 27 auf 49, die der Priester von l lOO auf 2235, die der Kirchen und Capellen von 1300 auf 385 Kirchen und 1128 Stationen und Capellen. In gleichem Verhältnisse haben die Seminarien (von 29 auf 49), die Collegien für Knaben, Akademie en und Pensionate für Mädchen, die Freischulen, die Spitäler, Klöster, Waisenhäuser u. s. w. zugenommen. — Und gleichwohl sind der Arbeiter im Weinberge immer noch zu wenige, und reichen alle die genannten kirchlichen Institute bei Weitem nicht aus, um den dringenden Bedürfnissen zu genügen. Man muß hierbei wohl erwägen, daß der größte Theil der katholischen Bevölkerung arm, sehr arm sei, denn nicht die Reichen wandern aus, sondern größtenteils doch nur solche, die sich eine bessere Existenz gründen wollen. Wenn, wie die Augs- burger Postzeitung berichtet, im verflossenen Jahre in den Vereinigten Staaten 46 Kirchen eingeweiht und zu 25 der Grundstein gelegt wurde, so sind im Durchschnitte alle 14 Tage drei katholische Kirchen eingeweiht oder im Bau begonnen worden. Eine Thätigkeit im kirchlichen Leben, wie sie die Geschichte kaum ein zweites Mal nachzuweisen vermag. Und diese Thätigkeit beschränkt sich nicht nur auf das kirchliche Gebiet. Wie sehr katholische Gesinnung und Anschauung in Fleisch und Blut übergegangen, hiervon gibt beispielsweise Cincinnati, eine Stadt, die man füglich das amerikanische Rom nennen könnte, und in welcher allein über 40,000 deutsche Katholiken wohnen, einen glänzenden Beleg. Die dortigen Deutschen haben im vorigen Jahre, „um die katholische Jugend von Cincinnati gegen schlechte Gesellschaft und die täglich mehr zunehmenden Gefahren der Jmmoralität zu schützen," ein Institut auf Actien errichtet, in welchem dem Plane gemäß die Jugend, aber auch die gesammte katholische Bevölkerung im Allgemeinen, Gelegenheit und Mittel für Unterricht, Erholung und gegenseitige Ausbildung durch sociale katholische Unterhaltung finden soll. Genauer findet sich der Zweck der Anstalt in einer eigenen Broschüre entwickelt (Geschichte und Organisation des katholischen Institutes in Cincinnati, Cinc. 1860.), wo es §. 1. der Statuten heißt: Zweck und Aufgabe ist, ein Gebäude zu errichten, verbunden mit einer großen Halle, wo die Katholiken der Stadt und Umgegend zur Abhaltung von Vorlesungen, Debatten, Concerten und Fairs (Ausstellungen) zusammenkommen, die katholischen Vereine ihre Versammlungen halten können, wo durch Errichtung einer Bürger- oder Fortbildungsschule, einer Lesehalle und Bibliothek den Katholiken Gelegenheit zur weiteren Ausbildung geboten wird, und wo die katholische Familie auch zur geselligen Unterhaltung sich versammeln kann." Die Anstalt zerfällt in eine musikalische, literarische, historische Section, Debattirklub (Zweck: die intellectuelle Vervollkommnung der Mitglieder durch Lesen von Aufsätzen und Besprechungen von Fragen allgemeinen und besonderen Interesses) und in eine gymnastische Section. Der erste Director ist der jedesmalige Erzbischof von Cincinnati, z. Z. der hochw. Herr I. B. Purcell; die übrigen Directoren sind Deutsche. Es ist dies ein Werk, das für die Katholiken Cincinnati's von unbechenbaren wohlthätigen Folgen sein muß. „Die Idee," sagt der Erzbischof in seinem Empfehlungsschreiben, „ist der deutschen Katholiken von Cincinnati würdig, welche wegen ihrer unerschütterlichen Anhänglichkeit an den alten Glauben ihres Vaterlandes, wegen Erbauung prachtvoller Kirchen, Unterhaltung ihrer Schulen, wegen der Verbreitung der heiligen Grundsätze der Religion, Moralität und des erleuchteten Patriotismus 371 einer katholischen Presse sich einen beneidenswerthen Ruf daheim und auch auswärts erworben haben." Wir haben dieses neuen und großartigen Werkes deshalb ausführlicher erwähnt, weil wir uns nicht entsinnen, in ganz Deutschland, wo es doch auch Städte gibt, die 40,000 katholische Bewohner zählen*), von einem auch nur annähernd ähnlichen gehört zu haben. Und doch, wie Noth thäten bei der Herrschaft des Materialismus und des Unglaubens dergleichen Institute an gar vielen Orten. Wir kehren nach dieser Abschweifung zu unserem Thema zurück. Während sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein Verhältniß zwischen Katholiken und Protestanten wie l: 200 herausstellte, war im Jahre 1850 fast schon der zehnte Amerikaner Katholik. Dieses Verhältniß ist heute, nach kaum zehn Jahren schon wieder ein anderes, da sich die Zahl der Katholiken verdoppelt, während die Zunahme der Gesammt-Bevölkerung nicht gleichen Schritt gehalten hat, da dieselbe sonst auf 40,000,000 angewachsen sein müßte, während sie kaum mehr als 29 Millionen betragen dürfte, wonach sich also ein Verhältniß von 1 :7 herausstellt. Daß ein so bedeutendes Element auch in politischer Beziehung von nickt untergeordnetem Interesse sein könne, beweisen die letzten Präsidentenwahlen auf das entschiedenste, wo die Candidaten der verschiedensten Parteien sich um das Wohlwollen der Katholiken bewarben. Daß die früheren, aus dem freien England nach Amerika verpflanzten Ausnahme-Zustände, gesetzliche Zurücksetzung und Bedrückungen der Katholiken längst aufgehört, kann als bekannt vorausgesetzt werden, tw. England, Bischof von Charlestown in Süd-Carolina, sprach sich bei seiner Anwesenheit in Wien im I. 1833 über diese Verhältnisse in einem an den Fürst-Erzbischof von Wien als Präses des Leopolden-Vereins gerichteten Bericht folgendermaßen aus, nachdem er der früheren Zustände kurz gedacht: „Wir haben völlige Befugniß, Alles zu thun, was wir möglicher Weise begehren oder für die Religion ersprießlich halten können. Wir können Ordenshäuser, Kollegien, Klöster, Seminarien, Schulen und Kirchen errichten, wir können ^ deren Eigenthum versichern lassen und unter Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften die allerausgedehnteste Sicherheit erlangen, nicht nur gegen die Raublust von Individuen, sondern selbst gegen die Möglichkeit eines Eingriffes der > Regierung in religiöse Stiftungen. Die amerikanischen Regierungen beschützen ! die Rechte aller Religions-Gesellschaften, ohne sich in die innere Disciplin irgend einer zu mischen. Wir brauchen unsere Regeln keiner Aufsicht zu unterwerfen, nie ist's Jemand in den Sinn gekommen, Correspondenzen mit dem heiligen Stuhle zu beengen; wenn wir von dieser höchsten Stelle Weisungen erhalten, so vollziehen wir den Inhalt derselben ohne Hinderniß. Man erklärt uns ganz einfach, daß wir den Gesetzen verantwortlich sind, wenn wir sie verletzen, und daß die Regierung mit unseren geistigen Angelegenheiten, sowie der Papst mit unserer weltlichen Regierung nichts zu thun hätten, und daher unsere Correspon- denz mit ihm sie nichts anginge. Unsere getrennten Brüder genießen gleiche Rechte, die sie frei gebrauchen, und sie, wie wir, sind mit derselben Wärme unserer Verfassung ergeben, die uns diese Rechte selbst gegen die Gewalt des > Präsidenten oder Congresses gewährleistet." (Forts, f.) *) Unser Breslau zählt auch mehr als 40,000 Katholiken, die eine sogenannte katholische Ressource haben, deren Zweck allerdings ein wesentlich anderer ist, als der obigen Institutes, und wo Kladderadatsch und Jllustrirte Zeitung neben dem Kirchenblatt die Haupt- und einzige Lectüre bilden. 372 Die christlichen Dienstboten. Ein frommer Dienstbote bringt nach der Lehre der heil. Schrift den Segen Gottes in das Haus seines Herrn. Besonders vermag er den wohlthätigsten Einfluß aus die Kinder des Hauses auszuüben, und daher soll der Hausherr gute Dienstboten angelegentlich suchen, der Katechet aber im Unterrichte über das vierte Gebot den Kindern die Pflichten eines guten Dienstboten eifrigst darlegen und auch im Einzelnen zeigen, wie ein guter Knecht und eine gute Dienstmagd die Kinder des Hauses zum Guten anhalten und wirklich zu ihrer guten Erziehung beitragen kann. Es wird nicht ohne Interesse sein, wenn ich in nachfolgenden Erlebnissen eines Freundes an einem Beispiele zeige, wie eine fromme Magd Maria in ihm, einem Geistlichen und Lehrer, Liebe zur Religion und Lust zu seinem jetzigen Berufe zuerst gefördert hat. „In meiner Jugend," so erzählte mir mein Freund, „hatten wir im elterlichen Hause eine fromme Magd Maria, der ich vor allen übrigen den Vorzug gab und die ich zu allen Arbeiten begleitete. Wenn sie Gemüse aus dem Garten holen wollte, setzte sie mich aus den Schubkarren und schaukelte mich bis zum Platze ihrer Arbeit, während welcher ich mich an ihrer Seite hielt. Dann sagte sie mir, daß der liebe Gott alle die schönen Gewächse des Gartens aus Liebe und Fürsorge für uns Menschen hervorbringe und wachsen lasse, und wir dafür recht dankbar sein und deßhalb andächtig unser Gebet bei Tische verrichten müßten. Wenn ich mich auf den Rasen hinlegte und mit dem Gesichte nach oben fragte, was da doch sei über der Sonne, so gab ich ihr Gelegenheit auf ihr Lieblingsthema, den Himmel, zu kommen, dessen Schönheit sie mir mit unerschöpflicher Beredsamkeit zu schildern wußte. Bald stellte sie mir die lieben unzähligen Engel am Throne Gottes dar, die auch, auf Flügeln getragen, zu uns Menschen heruntersteigen, uns helfen und schützen, und nach dem Tode zum Himmel bringen. Bald zeigte sie mir die Freuden des Himmels an bekannten irdischen Freuden, die wir da beim lieben Gott haben werden. Ihre Katechese über den Himmel ging mir immer so zu Herzen, daß ich auf ihre Frage, ob ich wohl sterben möchte, wenn ich wüßte, daß die Himmelsthüre mir durch den hl. Petrus würde geösfet werden, mit herzlichem Ja antworten konnte. Ich fragte sie einmal, welche Menschen Wohl am sichersten in den Himmel kämen, worauf sie mir sagte daß die Geistlichen die beste Gelegenheit hätten, denselben zu erwerben. Von dem Augenblicke an war der Entschluß gefaßt, Geistlicher zu werden, und ich habe diesen Entschluß nie wieder aufgegeben, sondern zur Ausführung gebracht. Nach den Geistlichen, meinte sie, wären die Lehrer in der glücklichsten Gelegenheit, sich den Himmel zuverdienen, daun aber dürften die Landleute, die sich alle Tage so plagen müßten, die sicherste Hoffnung auf den Himmel haben. Ich hörte sie besonders deshalb so gern an, weil sie mit der größten Geduld alle meine Fragen anhörte und mit Vergnügen mir dieselben beantwortete, während die Mutter, welche täglich für zwanzig Personen das Hauswesen versorgte, sich nicht viel mit mir abgeben konnte. Bloß des Abends, wenn sie mich zn Bette brachte und die Gebete lehrte, konnte ich durch ihre Belehrungen meine Wißbegierde befriedigen und ich schätzte mich glücklich, wenn ich ihr sichtlich durch Nacherzählen Desjenigen Freude machte, was ich Tags über von der guten Maria gehört hatte. An den Vater wandte ich mich nicht gern mit meinen tausenderlei Fragen, weil ich zu viel Scheu und Ehrfurcht vor ihm hatte, obschon derselbe nie schalt oder strafte. Zuweilen jedoch schenkte mir auch der Vater einige Aufmerksamkeit und ließ mich meine Gebete repetiren. Wenn ich meine Sache zu seiner Zufriedenheit machte, versprach er mir Belohnungen, die er mir nächstens aus der entlegenen Stadt mitbringen werde. Das war mir Freude genug, denn er 373 hielt immer Wort, und ich wagte nur dann meine Wünsche zu offenbaren, wenn er es mir erlaubte und mich aufforderte, zu sagen, was ich am liebsten hätte. War mein Kreidevorrath zu Ende, so war es immer die angelegentlichste Bitte mir ein tüchtiges Stück mitzubringen. Diese Bitte gewährte er mir aber nicht gern, weil ich alle Thüren und Fenster damit besudelte, und doch bedurfte ich der Kreide ganz besonders in meiner Sonntagsschule, welche die fromme Maria mit mir hielt. Ich litt an Körperschwäche und konnte vor dem neunten Lebensjahre weder Schule noch Kirche besuchen. Wenn die Reihe an Maria kam, am Sonntag Morgen während des Hochamtes das Haus zu hüten, wurde in unserer Küche eine gute Sonntagsschule gehalten. Wir waren dann abgeredeter Maßen allein zu Hause, indem Maria den andern Mägden gestattete, nur alle zur Kirche zu gehen. Zuvor suchten wir uns in Sicherheit und Ruhe zu setzen; Maria holte den großen Kettenhund, einen wahren Cerberus, nach der Schlafkammer des Vaters, in welcher, wie wir wußten, der Geldvorrat!) aufbewahrt wurde, ich holte den Jagdhund von seiner Kette und band ihn an die Hausthüre. Dann setzten wir uns am großen, langen, abgescheuerten Küchentische hin und fingen unsere Uebungen an, nachdem ich mein Stück Kreide in Bereitschaft gelegt hatte. Zuvor aber mußte ich noch erst Alles beten, was ich konnte, d. h. vom Vaterunser an bis zu den sechs Stücken; dann erst durfte der Unterricht beginnen, der ein völlig zwangloser und dessen Gang ein ganz ungewöhnlicher war, indem ich die Fragen stellte und der Lehrerin die Kreide zur Hand gab. Bald mußte sie mir einen Altar Hinmalen, bald einen Predigtstuhl, bald eine Orgel u s. w., weil mir das Innere einer Kirche völlig unbekannt war. Ich fand ihre Zeichnungen immer sehr gelungen und konnte dieselben einzeln wieder nennen, wenn die Tischplatte beschrieben war. Die Erinnerung an diese Freuden gehört zu den angenehmsten meines ganzen Lebens! Unser Unterricht, der mir nie zu lange dauerte, wurde nach dem Willen meiner frommen Gouvernante immer auf eine sehr feierliche Weise auf einige Augenblicke unterbrochen. Wenn es ihr nämlich ungefähr Zeit zu sein schien, ging sie auf den Hof und horchte, ob man mit der Glocke das Zeichen der heil. Wandlung gab, wie es in unser er Gemeinde Sitte war. Sobald sie das herüberschallende Läuten hörte, eilte sie zu mir, um es zu verkündigen. Wir fielen dann beide auf unsere Knie und beteten den Heiland an mit einer Andacht, die den beim heil. Opfer Gegenwärtigen nicht selten fehlt. Darnach durfte ich nicht gleich wieder Figuren- malen, von ihr verlangen, sondern sie setzte ihre Andacht eine kleine Weil fort. Wollte ich aber wissen, was der Priester jetzt am Altare thue und wie die Anwesenden in der Kirche die hl. Handlung mit ihrer Andacht begleiteten, so hielt sie diese Frage nicht für störend, sondern zur Andacht förderlich. So war diese Sonntagsschule für mich sehr bildend und belehrend. Als ich dann später für's erste Mal mit zur Kirche ging, fand ich darin Alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich konnte mit wirklicher Andacht zugegen sein. (Schluß folgt.) Die Maienglöcklein. 6. Mein liebes Kind! — sagte einst die Mutter zu Clara, welche ihr einen Strauß Maienblumen gebracht, wie die Passionsblume die Blume der Geduld, die Immortelle jene der Unsterblichkeit, so sind die Maienglocken die Blumen der Andacht. Wie das? Sage mir: welche Farbe hat die Blume? Sie ist weiß. »d'hl W Weiß ist die Farbe der Reinheit. — Wir sollen Gott stets ein sünden- reines Herz im Gebete aufopfern. — Welche Gestalt hat die Blume? Von der Gestalt trägt sie den Namen der Glocke. Und die Glocke? Sie diente, wie du mir erzähltest, früher nur zum Gebetrufe der Gläubigen. Später erst ward sie nebstdem weltlichen Zwecken geweiht. So auch, mein Kind! lebten die ersten Christen nur frommem Gebete im Worte, wie im Wandel. Später erst hat das weltliche Leben ihre Herzen dem Irdischen und Sinnlichen geöffnet. Wie aber die Glocke ihren ursprünglichen Zweck nicht hintansetzt, sondern stets als Hauptzweck betrachtet, so sollen wir über unsere weltlichen Angelegenheiten des göttlichen Berufes nicht vergessen, ja ihn stets als das Endziel vor Augen haben. — Welche Eigenschaft theilt ferner die Maienglocke mit der ehernen, wenn auch in einem andern Eindrucke aus die Sinne. Die eherne Zunge trägt weithin ihren Schall, die Maienglocke weithin ihren Duft. Das Gebet des Frommen hat diese Eigenschaft in doppelter Beziehung. Sein körperlicher Ausdruck begeistert unwillkürlich zur Nachfolge. Sein geistiger Inhalt «her findet durch die Erhörung des himmlischen Vaters die weitreichendste Wirkung für den Beter sowohl, wie für seine Mitmenschen. — Betrachte die Glocke der Maiblume! Strebt sie empor, oder senkt sie sich niederwärts? Sie ist niederwärts gesenkt. Das gesenkte Auge ist das Auge der Demuth. Wie Blume und Glocke der Wirkungen ihres Duftes und Klanges, müssen wir unbewußt bleiben der Doppelwirkung unseres Gebetes. Warum befinden sich an einem Stengel mehre Glocken? Hierin erblicke das Sinnbild der Vereinigung! Wie mehre Glocken süßer duften, denn eine, so steigt das Gebet mehrer Frommen brünstiger zu Gott empor. Der Stengel vereiniget die Glocken. Die Andächtigen möge das Gotteshaus versammeln! Wenn diese Blume so bedeutungsvoll ist, warum blüht sie nur im Mai und nicht das ganze Jahr hindurch als Versinnbildung des gottgefälligen Gebetes? Hierin ruht die sinnigste der Deutungen. — Weßhalb heißt der Mai der Wonnemonat? Weil er der schönste Monat des Jahres ist. Alles jubelt zum neuen Leben erwacht. So auch sollen wir in Glück und Wonne, nicht erst in den Tagen des Elendes an Gott denken. Wir sollen jubeln, wie die Vögel, zum neuen Leben erwacht. Das Glück erweckt zum Leben, denn es gibt immer Gelegenheit zum Gutesthun für unsre Mitmenschen. Leider beten wir gewöhnlich erst im Unglücke zu Gott: da, wo unsre Kräfte zu ersterben drohen unter der Bürde des eigenen Schmerzes. — Welches ist aber die Glück- nnd Wonnezeit des Lebens? Es ist der Mai, die Blüthezeit der goldnen Jugend. Ja, mein Kind! da sollen wir oft und viel zu Gott beten, daß unsre Blüthen nicht rasch abfallen, wie die Maiglocken, sondern zur Frucht reifen. Viele versäumen Frühling, Sommer und Herbst, manche denken kaum im Winter des Lebens an Gott, der alle Tage unser eingedenk ist. 375 Einiges über die Verhältnisse der Katholiken in Sachsen. Dem Oesterr. Volksfreunde wurde vor Kurzem aus dem Königreiche Sachsen geschrieben: „Die Berichte Ihres geschätzten Blattes über die gedrückte Stellung der Katholiken in Mecklenburg, Holstein und anderen protestantischen Ländern veranlassen mich, auch einiges über unsere Lage in Sachsen zu bringen. Auch sie ist keine beneidenswerthe. So hat man jetzt gleichsam zum Höhne des katholischen Königshauses ins Schloß die protestantische Capelle gesetzt, um ja zu wachen, ob nicht der Fürst etwa in der Nacht einen Jesuiten sähe, da es bei Tage durch andere Mittel verhindert ist. Auch sorgt die Presse ihrerseits hinreichend für Haß und Verachtung des Katholicismus, damit der Katholik Sachsens nur als Paria des Landes erscheine. Zum Beweise hierfür diene eine Corre- spondenz der „Deutsch. Allg. Ztg." über den St. Vincentius-Verein Sachsens. Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn jenes Blatt in Betreff dieses Vereines, der doch meistens aus Laien besteht, also schreibt: „Es handelt sich hierbei (nämlich bei der Zulassung des St. Vincentius-Vereines durch die Regierung) um Zulassung und Zutritt eines in Spanien, Frankreich, Oesterreich und sonst verbreiteten „Ordens" (?), dessen Stiftungszweck darin besteht, seine Mitglieder überall hinzuschicken, wohin sie durch Bischöfe berufen oder von Pfarrern zugelassen werden, um verwahrlosten Menschen, wozu von der römisch-katholischen Kirche „selbstverständlich" (?) die protestantischen Ketzer gezählt werden, durch Unterricht und Seelsorge beizustehen; daneben beschäftigen sich die Mitglieder, „welche auch Lazaristen heißen" (das Lächerliche einer solchen albernen Unwissenheit leuchtet ein, abgesehen von der Bosheit sonstiger Motive), allerdings auch mit Krankenpflege; dies ist aber weder Haptzweck noch Hauptbeschäftigung." Ist es „Dummheit" oder „Bosheit," wenn die Zeitung weiter behauptet, daß „der St. Vincentius-Verein oder „Orden" (?) in engster Verbindung mit dem Jesuitenorden stehe, oder vielmehr ihm affiliirt sei (?), weshalb das Erstaunen Derer, welche die Verhältnisse „genau kennen" (?), gerechtfertigt gewesen sei, als sie lesen mußten, daß in Sachsen einer der in Evangelicis beauftragten Minister kein Bedenken getragen habe, dem St. Vincentius-Verein den Zutritt in Sachsen zu gestatten." Ist es ferner „Dummheit" oder „Bosheit," wenn weiterhin behauptet wird, „es sei Thatsache (!), daß der Verein zwei Schulen (?) habe, eine für Mädchen, die andere für Knaben; er beschäftige sich also mit Unterricht und namentlich mit Religionsunterricht, wie es die Regeln des Ordens (?) vorschreiben." Ferner sei es „Thatsache (!), daß in den Schulen desselben bereits jetzt schon mehrere Kinder protestantischer Eltern und Protestantisch getauft, in den Lehren der römisch-katholischen Kirche erzogen werden, — als „schlagender" Beweis, Laß der Vincentius-Verein allerdings das Kirchliche und Confcssionclle sehr stark ins Auge faßt." Ein Zeichen mehr von „Bosheit" als „Dummheit" scheint uns schließlich die Behauptung jener Zeitung: es gehöre bekanntlich (!) zu den Pflichten jedes römisch-katholischen Geistlichen, ganz besonders aber auch der Mitglieder des „Vincentius-Ordens" (?), die Glaubensfreiheit als Ketzerei nach Kräften zu bekämpfen, und es sei ein alter und bekannter (!) Kunstgriff der römisch-katholischen Geistlichkeit, über Bedrückung zu klagen, wenn ihr die Freiheit genommen wird, die Glaubensfreiheit Anderer zu unterdrücken." Der kleinste Theil aller dieser lügnerischen Verleumdungen und Entstellungen — gegen einen protestantischen Verein, oder die protestantische Geistlichkeit gerichtet — hätte genügt, die ganze «katholische Presse in Alarm zu setzen, oder auch die Confiscation des Blattes, das sie enthielt, zu verhängen. Aber wir Katholiken in Sachsen scheinen kein Recht zu haben, denn man hat ungehindet diese Injurien und Lügen gegen und über uns verbreiten und lesen dürfen." Die glaub enstreuen Gefangenen. Sechszehn spanische Gefangene, welche von den Marokkanen nach Tetuan gebracht worden waren, erzählen von ihrer Gefangenschaft, daß sie die unwürdigste Behandlung erfuhren. Sie wurden mit Ketten beladen mit einem eisernen Ring am Halse in verpestete Keuchen gesteckt. Man versuchte alle möglichen Mittel, sie zur Verleugnung ihrer Religion zu verleiten; aber nichts hat ihren Glauben und ihren Muth erschüttert. Sie haben Vergnügungen, Reichthum, Grade und Besehlshaberstellen, die man ihnen anbot, verachtet; sie wollten lieber Hunger, Durst, Nacktheit, Beschimpfungen und die Aussicht auf einen gewissen Tod erdulden, als ihre Pflicht als Christen und Soldaten verletzen. Ein einziger von den Gefangenen hat sein Vaterland und seinen Glauben verrathen, es ist ein gewisser Carranque, Freiwilliger in den baskischen Bataillonen. Dieser Elende war der eingefleischteste Feind der Gefangenen, welcher den Fanatismus und die Wuth der Marokkaner gegen seine Brüder und ehemaligen Landsleute aufstachelte. Eines von den schrecklichen Mitteln, welche die Mauren anwandten, um die Gefangenen mürbe zu machen, bestand darin, daß sie die Köpfe der andern Christen, welche sie als Siegeszeichen nach Fez brachten, unter sie warfen. Diese tapferen und unglücklichen Soldaten haben endlich am Mai Fez verlassen; als sie aus der Stadt abzogen, bekam jeder einen vollkommenen sehr reichen und eleganten maurischen Anzug: die Verkündigung des Friedens hatte die Mauren ihnen geneigter gemacht. Welcher Art die Begegnung war, welche sie erfuhren, davon mag auch zeugen, daß Hauptmann Roeamora, welcher sich unter ihnen befand, in seiner Gefangenschaft wahnsinnig wurde. Das Zusammentreffen dieses Unglücklichen mit seiner Mutter, welche nach Tetuan gekommen war, war eine rührende und zugleich herzzerreißende Scene: der Sohn kannte seine Mutter nicht. Praktische Nächstenliebe. Vor Kurzem gingen vier Soldaten von der Linie in einem französischen Dorfe, der Gemeinde Jakob, spazieren; da sahen sie eine arme alte Frau trostlos an der Schwelle ihres Hauses stehen. Auf Befragen versetzte sie, ihr Mann wäre seit lang her krank, es wäre jetzt der Augenblick, wo im Weinberge Gruben gemacht werden müßten; sie bekäme keine Arbeiter, weil sie sogleich bezahlt sein wollten und sie die Mittel dazu nicht habe. Es war Mittag. Unsere Kriegskameraden sahen einander einen Augenblick an, ziehen ihre Weste aus, lassen sich Werkzeuge geben und machten sich bis vier Uhr an die Arbeit. Den andern Tag kamen sie wieder und machten die Arbeit vollends fertig. Das arme Weib dankte ihnen lebhaft und bot ihnen eine Maß Wein an. Aber sie wollten nichts annehmen und sagten erfreut im Weggehen, wenn vor der Herstellung ihres Mannes noch eine Arbeit zu thun wäre, wollten sie wieder kommen. Diese gute That christlicher Liebe erhöht noch die Einfachheit und Uneigen- nützigkeit, mit der sie vollbracht ward, ganz im Sinne der Lehre dessen, der da sagt: „Was ihr dem Geringsten unter euch thut, das habt ihr mir gethan." Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. Druck »an I. M. Klcinlc.