25. November 1860. Mr. 4?. Das Augsburg er SonntagSblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonnementspreis ist 2V rr., wofür es durch alle r. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nnrdamerika's. (Fortsetzung.) Wunderbar! Die katholische Kirche in Nordamerika ist vollständig souverain; sie kann frei und ungehindert sich nach allen Richtungen entfalten und ausbreiten, Klöster aller Art errichten und llor-istliite stiem! sogar Jesuiten für ihre Zwecke verwenden, und-der Staat geht nicht unter? schreitet vielmehr trotz dieser „Feinde der Freiheit, dieser Werkzeuge des absolutesten Despotismus" mit Riesenschritten in seiner Entwickelung vorwärts? Seltsame Gegensätze! Die Gothaer in Baden fuhren entsetzt in die Höhe, als sie den Abschluß des badischen Concordates vernahmen; Himmel und Erde setzten sie in Bewegung, um das Volk gegen dasselbe aufzustacheln und den Fürsten des Landes dadurch zum Bruche eines rechtsgiltigen Vertrages zu bewegen; die bloße Angst vor der ungefesselten Kirche spiegelte sich in all ihren Reden und Handlungen ab, und riß sie zu den unsinnigsten Expectorationen gegen dieselbe hin. Sie haben dadurch sich und der Sache, der sie dienen, ein vollgiltiges Armuthszeugniß ausgestellt. Die Kirche anderseits hat vor ihnen keine Angst, ob sie auch in ihrem blinden Hasse gemeinschaftliche Sache mit der Revolution machen. Denn wenn Garibaldi, der jetzige Herrscher von Sicilien von Louis Napoleons und Victor Emanuels Gnaden, in einem seiner letzten Erlasse die Jesuiten und Liguocianer für Feinde der Freiheit und willige Werkzeuge der bisherigen absolutistischen Regierung erklärt, sie demgemäß aus dem Lande jagt und ihre Besitzungen einzieht und für Staatseigenthum erklärt, was hat er Schlimmeres gethan als die Liberalen in allen den Ländern, wo sie zum Unheil des Landes das Heft der Regierung in die Hände bekamen? Garibaldi ist ein Revolutionär von Prosession, es war nichts Anderes von dem Manne der Gewalt zu erwarten, aber die Thaten jener, unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit verübt, stinken noch weit mehr zum Himmel, um mit Shakespeare zu reden. Die katholische Kirche ist keine Feindin der Freiheit. Die Geschichte lehrt, wie sie jederzeit sich der Unterdrückten angenommen, wie sie stets der Schirm und Schutz der Völker gegen die Despotie der Fürsten gewesen; daher das gewaltige Anstürmen der mächtigen Dynasten aller Zeiten gegen sie; wir erinnern nur an die Hohenstaufen, Philipp den Schönen, Napoleon rc. rc. Auch ist der gewaltige Aufschwung, den die Kirche in den Vereinigten Staaten genommen, nicht zum geringsten Theile der vollständigen Freiheit der Bekenntnisse zuzuschreiben. Wäre es anders, sie hätte längst aufhören müssen zu sein. In diesem Sinne spricht sich auch die New-Uorker „Katholische Kirchen-Zeitung" dahin aus: „Das Katholische nimmt hier zu, denn der Protestantismus nimmt hier ab. Ein besonderer Grund, warum unsere Kirchen sich immer mehr füllen, während protestantische Prediger zu leeren Stühlen reden, liegt wohl in der freien Verfassung unseres Landes, wo Jedermann ungenirt dem Dränge seines Geistes und Herzens folgen kann. Und wo das Innere den Menschen hindrängt, da geht er leicht hin, wenn kein ollstseulum sonst ihm im Wege steht. Die katholische Religion ist die Religion der Freiheit, und das Herz Dessen, der nach Religion verlangt (und das Himmlische nicht blos in gut Essen und gut Trinken setzt), findet in der katholischen Kirche allein die vollste Befriedigung. Und hier in Amerika, wo alle? menschliche Zwang aufhört, da ist so ein glücklicher Schritt (zur Conversion) leichter geschehen, als drüben in Europa, wo konfessionelle und andere Rücksichten oftmals einen großen Hemmschuh anlegen. Kurzum, es ist hier die Religionsfreiheit und der Drang der Seele nach Wahrheit auf der einen, und die geistige Gewalt der Kirche auf der andern Seite die Ursache, warum wir Katholiken nicht ab-, sondern immer mehr zunehmen in Amerika." Dieser vollständigen Glaubensfreiheit in Amerika stehen noch andere Momente helfend zur Seite. Während nämlich die Katholiken in ihrer Minderheit eine einheitliche geschlossene Masse bilden, ist der Protestantismus in unzählige Seelen zerfallen, von denen auch nicht eine dem Katholicismus an Zahl der Bekenner gleich kömmt. Zudem ist der weitaus größte Theil der Protestanten im vollständigen Jndifferentismus befangen, so daß die Berichterstatter in den Jahrbüchern der Glaubens-Verbreitung (1850) nicht mit Unrecht sagen, daß „ehemals Amerika in der That protestantisch war, während dasselbe es heute nur noch dem Namen nach ist." Von der damaligen Bevölkerung gehörten nämlich zwei Millionen der katholischen Kirche, 4 Millionen zur einen oder zur andern der unzähligen Seelen, wovon die Vereinigten Staaten wimmeln, die übrigen 14 Millionen haben sich noch für keine Religion entschieden, hoffen aber, wie sie sagen, noch vor ihrem Tode ihre Wahl zu treffen. „Nach ihren Reden zu urtheilen, dürfen wir größere Hoffnungen hegen, als jede andere Religion. Aus diesen Thatsachen erhellt, daß der Protestantismus sich in dem nämlichen Maße aus Amerika zurückzieht, als der Katholicismus darin fortschreitet; daß derselbe bei der großen Mehrzahl nur noch Gleichgiltigkeit findet und jeden Tag mehr dahin strebt, sich in dem Nichts seines Ursprunges aufzulösen." Mit dieser Beobachtung des katholischen Priesters stimmt der Ausspruch eines protestantischen Angloamerikaners vollständig überein, dessen Jarke erwähnt: „Wir sind Indifferentsten dem Gesetze nach, aber Religionseiferer durch die Sitte und das religiöse Gefühl. Was das Dogma betrifft, so wird Amerika in jenem Zustande der Trennung der Kirche vom Staate bleiben, bis wir in völlig unbeirrter Freiheit, unsere Wahl getroffen haben werden." (Principiensragen, Paderb. 1854. S. 109.) Das ist aber der Unterschied zwischen den amerikanischen Jndifferentisten und denen der alten Welt, daß jene, mögen auch Tausende von ihnen ihr Leben im Zustande der Unentschiedenheit beschließen, dennoch dem Grundsätze nach die Nothwendigkeit des Entschlusses anerkennen und Keinen verlästern und beschimpfen, der seine Wahl getroffen, während unsere Liberalen, seien sie Freimaurer oder nicht, jeden, der sich nach seiner Ueberzeugung auf einen conservativ-religiösen Standpunct stellt, mit Koth beweisen. In dem amerikanischen Jndifferentisten „der noch keine Wahl getroffen" (i Nave not ^et msllo elioice, ist ein überaus häufig gehörter Ausdruck), lebt ihm unbewußt ein tiefes religiöses Gefühl, und es muß dies eine in die Augen fallende Erscheinung sein, da so viele Beobachter amerikanischen Lebens und Treibens darin übereinstimmen. So fällt ein protestantischer Schriftsteller, Jacob Naumann, der viele Jahre in Amerika gelebt und mit scharfem Blicke die dortigen Verhältnisse beobachtet und geprüft, ein merkwürdiges Urtheil über das dort bestehende Verhältniß zwischen Religion und Staat. „In keinem Lande der Erde," sagt er, „gibt es so viele verschiedene, obgleich ursprünglich sämmtlich dem Christenthum entstammte Religionsparteien und Seelen, wie in den Vereinigten Staaten, aber es gibt auch 379 vielleicht kein Volk außer dem amerikanischen, Lei welchem durchgehend so tiefe und unverkennbare Spuren des allgemeinen Einflusses der Religion wahrzunehmen wären, bei welchem der Glaube so sehr als das höchste wahre Gut betrachtet würde, oder bei welchem, wenn schon der Staat, in Betreff der äußeren Religion, sich als völlig theilnahmlos verhält, die Religion selbst so sehr zur großen Haupt-Pulsader alles Lebens und Webens geworden wäre." (Nordamerika, sein Volksthum und seine Institutionen. Lpz. 1848. S. 95.) Daher genießt denn auch die katholische Religion in den Vereinigten Staaten allgemeiner Achtung und großen Ansehens, wozu die in jeder Weise achtungswerthe Haltung des Klerus nicht wenig beiträgt. „Die katholische Kirche in Nordamerika," sagt Heinrich Berghaus, „geht unverdrossen und unbekümmert um das politische Treiben ihren festen Schritt, die Zahl ihrer Bekenner mehrt sich mit jedem Jahre und die Geistlichen dieser Kirche sind tüchtige Männer, deren uneigennützige Hingebung selbst in Amerika Bewunderung erregt." (Allgemeine Länder- und Völkerkunde, Stuttg. 1844, Bd. 6., S. 97.) Diese Achtung und Bewunderung gab sich unter andern in der sonst wegen ihres puritanischen Eifers bekannten Stadt Boston auf auffallende Weise kund. Im Jahre 1846 starb der berühmte und hochverdiente Bischof Fenwick. Der Zug, der die Leiche zur Grabstätte bringen sollte, durchzog die Straßen der Stadt, wobei zum ersten Male priesterliche Ornate, Kreuze, Fahnen und die ganze Pracht des katholischen Cultus offen einhergetragen und überall von der staunenden Menge mit Ehrfurcht empfangen wurde. Von zwei protestantischen Kirchen herab tönte Grabgeläute, und verwundert nahm man wahr, daß der Tod eines katholischen Bischofs ein Ereigniß für Boston war. Ein ähnliches Beispiel gewährte 1849 Baltimore, als daselbst die Väter der siebenten Kirchenversammlung versammelt waren. Zwei Erzbischöse und dreiundzwanzig Bischöfe zogen durch die Straßen, um am Fuße des nämlichen Altars die letzte Sitzung zu schließen. Eine unzählbare Menge Menschen von verschiedenen Religionen hatte sich diesem Zuge angereiht, der unter dem feierlichen Geläute aller Glocken der Stadt und dem Absingen geistlicher Lieder in der ganzen bischöflichen Pracht sich nach der Hauptkirche bewegte, um dort seiner freudenreichen und fruchtbaren Verbindung das Siegel aufzudrücken. Ueberall, auf dem ganzen Durchzug, beugte sich die Menge vor diesen ehrfurchtgebietenden Bischöfen, die alle schon seit langen Jahren als Missionäre gewirkt und von denen die meisten ihre Kirchen selbst gegründet hatten. Der Anblick dieser Greise, deren zitternde Hand sich ohne Unterlaß zum Segnen erhob, der Gesang dieser durch das Verkünden des heiligen Wortes gebrochenen Stimmen gab selbst den Protestanten zu erkennen, daß die segnende, betende und sich selbst aufopfernde Obrigkeit die einzige ist, deren Befehle mit Liebe befolgt werden. Dieses tiefe, in der Majorität des Volkes herrschende religiöse Gefühl und sein Ernst um den Glauben sind es, die den ruhigen, Alles erwägenden Forscher und Beobachter über die Zukunft dieses Volkes beruhigen, eines Volkes, das wie kein anderes eine Menge der verschiedensten Elemente in sich aufnehmen und zu einer im Ganzen und Großen gleichartigen Masse verschmelzen muß. Denn es sind nicht blos die Nachkommen jener ersten Ansiedler, die in streng puritanischem Eifer ihr Vaterland verließen, um in Amerika eine neue Heimat zu gründen, die hier in Betracht kommen. Seit einer langen Reihe von Jahren wirkt das Meer alljährlich eine große Anzahl Menschen aus allen Ländern Europa's an die amerikanischen Gestade, die Daselbst eine bessere Existenz zu finden hoffen, als das verlassene Vaterland ihnen zu bieten vermochte. Wenn wir hören, daß die Zahl dieser, an Sprache, Religion und Sitten so wesentlich von einander verschiedenen Einwanderer nicht selten die Höhe von einer halben Million erreicht, so können wir uns leicht einen oberflächlichen Z80 Ueberschlag über die Gesammtmenge dieser neuen Ankömmlinge machen. Dabei ist zu erwägen, daß es der großen Mehrzahl nach gerade nicht die edelsten ihrer Söhne sind, die Deutschland, England und Irland, Frankreich und Belgien u. s. w. entsendet, daß weder der Reichthum noch die Bildung dieser Länder durch jene repräsentirt wird, daß vielmehr oftmals der Abschaum, die unterste Hefe der Bevölkerung sich unter ihnen befindet, die ihr altes Vaterland nicht länger in seinem Schooße dulden mag. Und alle diese verschiedenartigen Elemente, die daheim längst alle Achtung vor dem Gesetze verloren hatten, hier lernen sie sich ihm beugen, und werden sie durch die Liebe zu ihrem neuen Vaterlande, das ihnen gastliche Aufnahme und volle Freiheit ihres politischen und religiösen Bekenntnisses gewährt, zu einer im Ganzen und Großen achtungswerthen Masse umgewandelt. Wenn wir wissen, daß allein Irland fast die Hälfte sämmtlicher Einwanderer liefert, daß außer Deutschland Frankreich, Belgien und Spanien ein beträchtliches Contingent stellen, so wird die überraschende Zunahme der katholischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten erklärlich, da mindestens zwei Dritttheile der gesammten Einwanderung der katholischen Kirche angehören, während gleichzeitig die Zahl der jährlich, stattfindenden Conversionen eine un- gemein beträchtliche ist. Haben wir bisher die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten nach ihrer äußeren Erscheinung betrachtet, so wollen wir auch der Innerlichkeit derselben einige Aufmerksamkeit zuwenden und uns hierbei der Führung eines Mannes überlassen, dem als geborenem Amerikaner und ehemaligen Protestanten, der nach anhaltender tiefer Betrachtung und Forschung „seine Wahl getroffen," und der sich der Kirche anvertraut, in der allein Heil zu finden, dem, wiederholen wir, in Folge der eingehendsten Studien über den Charakter seiner anglo- amerikauischen Landsleuie, wie Keinem ein berechtigtes Urtheil zusteht. Wir meinen Brownson. (Fortsetzung folgt.) Charakteristische Züge aus dem Leben Pius 1^. Unter diesem Titel ist ein kleines Werk von Abbe v. Dumax erschienen (in deutscher Uebersetzung bei Kirchheim in Mainz), das des Interessanten, Rührenden und Erbaulichen viel enthält, und aus welchem das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg einiges von dem minder Bekannten mittheilt. Ein Bild der äußeren Erscheinung des hl. Vaters entwirft ein mitgetheilter Privatbrief in folgender Weise: .... Man hat viele Porträts des Papstes sowohl zu Rom, als zu Paris verfertigt, wenige darunter sind ähnlich, die meisten bleiben weit hinter der Wahrheit zurück. — In der breiten und hohen Stirne Pius IX., seinen ausdrucksvollen Augen mit dem lebhaften Blick voll Scharfsinn, Verstand, Wohlwollen und Güte, dem intelligenten Ausdrucke des Mundes, dem hinreißenden Lächeln, dem Antlitz, über welches eine sanfte Heiterkeit ausgegossen ist, die das Unglück zwar verschleiern, aber nicht gänzlich verwischen konnte, in all' dem liegt ein geheimnißvoller Reiz, den die Künstler nicht wiederzugeben vermochten; fast scheint es, als ob sie nicht wagten, dieses erhabene Antlitz nach Muße zu beschauen. Pius IX. ist über mittlere Größe, seine Haltung ernst und ohne Ziererei, seine ganze Persönlichkeit macht den Eindruck eines überaus wohlwollenden und mit hervorragenden geistigen Kräften ausgestatteten Mannes, ein Eindruck, dem sich Niemand zu entziehen vermag. Am Altare scheint sein Antlitz von einer himmlischen Schönheit zu leuchten; alle Pilger, die ihre Frömmigkeit nach Rom führt, sagen dieß, und selbst die leichtfertigsten Touristen sind gezwungen, es zuzugeben. Ich meinestheils werde nie den erhabenen Eindruck vergessen, der mein Inneres bewegte als es mir zum ersten Male vergönnt war, ihn am Altare zu sehen: Welche Anmuth! Welche Hoheit! Welcher Friede! Welche Frömmigkeit! — Ich hatte herrliche Musik gehört, großartige Feierlichkeiten gesehen .... aber meine Blicke hingen an dem hl. Vater, ich hatte nur Ohren, um seine Stimme zu hören, als er sie in dem Heiligthume erhob, um für die Kirche zu beten und zu segnen. Die Stimme Pius tX. ist sanft und wohlklingend, und hat in der Unterhaltung eine bezaubernde Wirkung; zugleich vermag sie nach Bedürfniß, ohne dabei etwas von ihrem Wohlktang einzubüßen, eine solche Kraft zu entfalten, daß wenige ihr gleichkommen. Es ist, sagt man, eine der schönsten und gewaltigsten Stimmen Roms. Stets waren die Fremden entzückt, wenn sie dieselbe widerhallen hörten an den Gewölben der Peterskirche in dem Gesänge der Präsation, oder des Pater noster, oder wenn in den feierlichen Worten der päpstlichen Segnung am heiligen Ostertage sie über den Petersplatz mit einer Kraft erscholl, daß der letzte Widerhall jenseits des großen Obelisken zurück- tönte! Der Papst spricht gut französisch, kaum einige italienische Worte entschlüpfen ihm in der Unterhaltung mit Franzosen. Seine Sprackweise ist elegant und einfach und trägt in vertrauteren Gesprächen das Gepräge von Wohlwollen und Leutseligkeit und — ich kaun den Ausdruck wiederholen, dessen sich einer seiner Geschichtsschreiber bediente, — einer ausgezeichneten Gutherzigkeit, welche sich nichts von ihrer Würde vergibt und zugleich anzieht. In der Predigt erhebt sich seine Sprache zur Beredsamkeit, und Alle, die ihn predigen hörten, versichern einstimmig, daß er seine Zuhörer fesselt. Beim Empfang zeigt der Papst das herablassendste Wohlwollen. Man hat gesagt, daß dann sein Blick zum Herzen dringt und der Ausdruck seines Gesichtes und sein Lächeln eine unwiderstehliche Wirkung üben; wenn man ihn verlasse, so trage man einen Strahl seiner Seele mit sich. Es beruht dieses auf Wahrheit, und alle jene, welchen die Ehre zu Theil wurde, zugelassen zu werden, haben diese glückliche Erfahrung gemacht. Auch ich habe sie gemacht, und ich wünschte, sagen zu können, mit welcher Güte, welcher väterlichen Zuneigung er die Priester empfängt! wie er sie anredet: mein Sohn! Welch' liebenswürdiges Lächeln seine Lippen belebt! Wie er jeder Bitte nachgibt, die man an ihn richtet, mit welcher Gnade er sie gewährt, mit welcher Rührung er segnet! — O ich wünschte, dieß alles sagen zu lönnen! Werde ich es jemals! Man bewahrt in der Seele einen tiefen Eindruck, welcher sie durchdringt, im Gedächtnisse eine Erinnerung, welche niemals erlischt; aber das Wort ist zu schwach, sie auszudrücken. „Er ist ein geborner Herrscher," schrieb ein Fürst, nachdem er den Papst gesehen; dieß ist wahr, es ist der Eindruck, welchen man sofort empfindet. Einer der römischen Großen drückte nach seiner ersten Audienz mit nicht geringerer Energie den nämlichen Gedanken aus: „Er ist ein König," sagte er, „und man möchte glauben, daß er es stets gewesen ist." Vor kaum einem Jahre schrieb ein französischer Geistlicher zu Rom folgendes an ein religiöses Blatt: Pius lX. ist aus dieser Welt die schönste Personi- ficirung der Güte und christlichen Liebe. Ueber sein Antlitz ist eine unbeschreibliche Mischung von Geist und Sanftmuth ausgegossen, seine lebhafte und für alles Gute empfängliche Seele scheint in seinen Augen und seinen Zügen zu liegen. Einige Wochen früher sagte ein französischer Soldat, indem er von Pius 3S2 IX. sprach: „Es ist ein wohlthuendes Gefühl, ihn zu sehen. Das Herz ist von einem Balsam erquickt, wenn man vom Papste kommt, und man befindet sich für den Rest des Tages in gehobener freudiger Stimmung." Als die junge Prinzessin von Preußen die Peterskirche mit ihrem Vater besuchte, begegneten sie dort dem Papste, welcher einige Worte an sie richtete, wie er sie zu sprechen versteht. Die Prinzessin, obgleich Protestantin, war von Bewunderung hingerissen. . . . Man hatte eine Erfrischung aufgetragen, und lud sie ein, sich zur Tafel zu setzen. „O nein." antwortete sie, „mein Herz. ist zu voll, ich fühle mich gesättigt von dem Glücke Pius !X. gesehen und gehört zu haben." _ Die christlichen Dienstboten. . (Schluß.) Mein Entschluß, Priester zu werden, schien indeß durch ein unerwartetes Ereigniß zu Wasser werden zu wollen, da ein älterer Bruder vom Vater zum Studiren bestimmt und mit Sack und Pack zur Stadt gebracht wurde, um dort Ungestört seine Vorbereitung beginnen und ausführen zu können. Das wollte mir gar nicht gefallen, weil ich meinte, der Vater würde mich nun davon zurückhalten. Wem konnte ich meine Bekümmernisse darüber besser mittheilen, als der guten Marie, die zu Allem Rath wußte? Die sagte mir, das thäte nichts, weil der Vater Geld genug habe, wenn wir auch alle vier studireu wollten. Das beruhigte mich vollkommen; dazu dauerte das Studium des ältern Bruders nicht lange. Kaum war derselbe einige Tage in der Stadt gewesen, als derselbe an einem Abend im Zwielichte wieder auf dem väterlichen Hofe erschien mit der Erklärung, er möge in der Stadt gar nicht sein. Der Vater aber, der von seinem Willen nie abging, bestellte augenblicklich einen Knecht, der den weinenden Gerhard wieder zu seinen Büchern bringen mußte. Dadurch war jedoch seine Lust zum Stadtleben nicht größer geworden. Als wie einige Tage später zusammen zu Mittag speiseten, stellte sich der Student nochmals wieder vor: mit weinenden Augen stand er an der Thüre und gab die Schlußerklärung, er wolle lieber sterben, als länger in derStadt sein I Die Mägde und Schwestern liefen vor Schrecken davon; dem starken Baumeister sogar entfiel aus Furcht vor dem Zorne des Vaters, der vom Stuhle aufsprang und nur mit Mühe von der besänftigenden Mutter zurückgehalten wurde, der Löffel aus der Hand. Keiner glaubte, daß der Vater nachgeben werde! Während dieser so im schweigenden Zorne nach dem stehenden Sohne sah, flüsterte mir die treue Marie, die allein Stand gehalten hatte und neben mir saß, zu, ich möchte sagen, daß ich später gern in der Stadt bleiben und studiren wolle. Ich that das auch ganz beherzt, und gab dadurch der Scene eine sehr glückliche Wendung. Der Vater nannte mich Weiser als den großen Gerhard und schien Plötzlich ganz besänftigt. Den das Aeußerste fürchtenden Bruder holte er an der Hand zum Tische und gestattete ihm ausdrücklich, jetzt zu Hause zu bleiben, „nur müsse er jetzt wissen zu arbeiten," wozu er sich auch sehrbereit erklärte. Als ich dann wieder mit meiner Ju- gendsühreren allein war, wurde ich von ihr angewiesen, die Rückkunft des Bruders aus der Stadt als eine Fügung des lieben Gottes anzusehen, und zu glauben, daß ich, und nicht der andere Bruder, zum Priesterstand berufen sei; nur müßte ich fleißig beten, und schon jetzt anfangen recht fromm zu sein. — In solcher Weise wußte sie einen frommen Sinn in mir zu wecken und Lust zu meinem späteren Berufe zu beleben; kein Wunder, daß ich sie als meine zweite Mutter liebte. Daher wurde ich in die größte Trauer versetzt, als es hieß, sie werde unser verlassen nnd sich weit von da verheirathen. Ich bot Alles auf, ihr Ver- bleiben zu erwirken: bald wandte ich mich an den Vater mit der Bitte, er möge ihr das Weggehen verbieten, dann wäre es ja aus. Der Vater galt mir als ein ganz unumschränkter Gebieter. Bald suchte ich durch die Mutter ihr Verbleiben durchzusetzen, indem ich den Vorschlag machte, die Mutter möge den Vater dazu bewegen, daß er Maria erlaube bei uns zu bleiben und ihren Mann herüber zu holen. Die Mutter trug diese meine Bitte auch wirklich vor, sobald der Vater mit den Arbeitern vom Felde heimgekehrt war. Das gab zu meinem größten Erstaunen eine allgemeine Heiterkeit und ein schallendes Gelächter. Wenn ich bei ihr allein war, wollte ich sie durch allerlei Ueberredungskünste von ihrem Vorhaben abbringen, und ich sah mich genöthiget, das letzte und nach meiner Meinung unfehlbare Mittel, sie zum Verbleiben zu bewegen, in Anwendung zu bringen. In unserem Hause wohnte damals ein Geometer, der die Vermessung der zu verteilenden Heidegründe vornahm. Der hatte mir von seiner Reise einen Stock mit einem großen „goldenen Knopf" mitgebracht, welcher einen Pferdefuß mit blankem Hufeisen vorstellte. Dies Geschenk hatte in meinen Kindesaugen einen solchen Werth, daß ich es für Alles in der Welt nicht lassen, konnte. Der Vater bot mir oft einen blanken Thaler dafür, aber vergeblich; dann sagte er, er wolle mir dafür die Auswahl eines unserer sechs Pferde gestatten, ich aber meinte, der Knopf sei werthvoller, als alle sechs zusammen. Nach langem Bedenken, als alle Mittel erschöpft waren, beschloß ich, durch Hinopferung meines „immensen" Schatzes meine gute Jugendführerin zum Bleiben gleichsam zu zwingen. An einem Sonntag Morgen, als sie mir eben wieder durch ihren Unterricht eine große Freude gemacht hatte, nahm ich beherzt ein großes Messer, schnitt den schönen Knopf wirklich vom Stocke ab und reichte ihr denselben unter der Bedingung ihres Verbleibens. Dieser rührende Act meiner kindlichen Anhänglichkeit ging der Person so zu Herzen, daß kie sich der Thränen nicht erwehren konnte, wie ich mich noch sehr deutlich erinnere. Und doch erreichte ich meine Absicht nicht! Sie verließ unser Haus, und auch ich wurde bald zur Stadt geschickt, wo ich der weiten Entfernung des elterlichen Hauses wegen im Hause des Lehrers Wohnung und Aufnahme fand. Jene Person habe ich in meinem Leben nie wieder gesehen, ihr Andenken aber blieb immer bei mir in Segen. — Nach eingezogenen Erkundigungen ist sie, die von Aaus aus arm war, von Gott auch mit zeitlichem Segen ungewöhnlich beglückt, dessen sie nach obiger, wahrheitsgetreuer Schilderung in ihrer Dienstzeit so würdig geworden ist, und lebt jetzt im hohen Alter glücklich und zufrieden." — So weit die Erzählung meines Freundes. Das ist ein Beispiel aus der Wirklichkeit. So kann ein treuer Dienstbote im Stillen durch frommen Einfluß auf die Kinder des Hauses einen Dienst leisten, der nach Geldeswerth nicht abgeschätzt werden kann. So kann eine gute Magd oder ein guter Knecht durch Theilnahme an der Erziehung der Kinder der Herrschaft sich des göttlichen Segens für das ganze künftige Leben gewiß machen, und Herrschaft und Kinder zu lebenslänglichem Danke verpflichten. So hat auch im Stillen der Heiland seine Lehrer und Diener gelehrt, die wirken zu seiner Ehre und zur Ausbreitung seines heiligen Reiches. So bestellt der Heiland nicht allein die seligen Geister des Himmels, sondern auch fromme Menschen zu Schutzengeln der Unschuld. Veilchen und Tulpe. 6. Mutter! — sagte einst Clara — die Tulpe prangt so majestätisch schön, das Veilchen ist kaum sichtbar. 381 5-->r Aber das^ Veilchen, mein Kind! verbreitet einen lieblichen Geruch, die Tulpe einen unangenehmen Duft. — Was wird hieraus folgen? Daß wir die Tulpe stehen lassen, wenn wir uns an ihr satt gesehen, das Veilchen hingegen an die Brust stecken, bis es verdorrt. Wer, glaubst Du; ist vor dem Winde besser geschützt, Deichen oder Tulpe? Das Veilchen. Leicht biegt sich der Stiel mit dem Blümchen, der Tulpe hochaufstrebender Stengel jedoch wird gebrochen, sie selbst entblättert. Siehe! so ist das Gute oder Böse nie vereinzelt, sondern stets vereint mit mehren Vorzügen oder mehreren Gebrechen in der großen Welt sowohl der herrlichen Schöpfung, als auch in der kleinen Welt des menschlichen Herzens. — Was versinnbilden Veilchen und Tulpe? Demuth und Hoffart. Das demüthige Herz wirkt im Stillen. Der hoffärtige Geist prangt mit Wahnverdienst und Scheinverdienst, selten mit wahren Vorzügen. Ist nun die ungesuchte Demuth gefunden, so verbreitet sie einen lieblich lockenden Duft. Der Stolze hingegen macht selbst angenehme Vorzüge niedrig durch Eigendünkel und Eigenlob. — Was wird die Folge davon sein? Sie schwebt uns vor in der Betrachtung von Veilchen und Tulpe. Recht so. Die vielleicht bewunderten Vorzüge des Hvffärtigen lassen uns gegen ihn selbst gleichgiltig, wenn wir uns in der Bewunderung ersättigt. Am demüthigen Herzen vergessen wir gerne seine Unvollkommenheiten, ziehen es an unsere Freundesbrust, bis ihm oder uns der ewige Friede winkt. Mutter! nun erklärt sich auch, warum der Demüthige fest dem Unglücke trotzt, der Hoffärtige erliegt. Der Sturm beugt den Ersteren zwar, allein der Gebeugte erhebt sich am Freundesherzen im tröstenden Bewußtsein, daß er nicht vereinzelt stehe. Der Hoffärtige, welcher nie sich beugen gelernt, wird gebrochen vom schrecklichen Gefühle gänzlicher Verlassenheit, die er im Glücke selbst gesucht. Du hast's nur annähernd getroffen, Clara! Allerdings erhebt den Demüthigen der Trost, daß seine Thränen nicht ungezählt fließen, schmettert den Hvffärtigen das Bewußtsein nieder gänzlicher Verlassenheit. Allein diese belebenden und vernichtenden Gefühle ruhen nicht immer im Vertrauen auf menschliche Freundschaft, welche der Uebermüthige nach seiner Weise im Glücke nicht verschmähte, der Demuthvolle im Unglücke oft nicht findet. Worin beruhen sie dann, wenn nicht im Vertrauen auf göttliche Freundschaft? Jetzt bist Du auf dem rechten Wege. Der Demüthige setzt seine Stärke in Gott, der Hoffärtige die seine in sich selbst. — Wer wird besser das Unglück tragen können? Der welcher mit Gott, nicht jener welcher ohne Gott trägt. Dies Letztere versucht der Hochmüthige, der selbst in der Stunde der Prüfung Gott nicht finden will. Thörichte Furcht. Als der deutsche König Rupert gefährlich krank darnieder lag und an den Empfang der heil. Sacramente der Buße und des Altars ermähnt wurde, sich auch die h. Oelung ertheilen zu lassen, weigerte er sich dessen mit dem Vorgeben, er müsse sonst sterben. Da nun die Krankheit überhand nahm, willigte er endlich ein. Wie er nun bei der Spendung dieses hl. Sacramentes den Priester auch um die Gesundheit des Leibes beten hörte, rief er aus: „Hätte ich gewußt, daß die letzte Oelung auch zur Gesundheit des Leibes verhilflich sei, würde ich sie schon langst empfangen haben." Er wurde auch wirklich gesund. Redactivn u»v Verlag: Dr. M. Hu liier. — Druck »au 3. M. Klei nie.