5O. 9. December 1860. Das Augsburger Sonntagsblatl (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post- Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährige Abonncmentspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Greuelscenen in Syrien. *) Es ist kaum einige Monate her, daß eine Schreckenskunde das christliche Europa mit tiefer Trauer erfüllte. In einer asiatischen Provinz des zusehends dahinsterbenden und nur durch die Eifersucht der Großmächte zusammgehaltenen ottomanischen Reiches war der Fanatismus der Drusen wild aufgeflackert, und hatte, unterstützt von jenem der Muselmänner, sich in so schauderhaften Greuelscenen kundgegeben, daß nicht weniger durch die Menge der Opfer, als durch die Grausamkeit der würgenden Horden die civilistrte Welt an die Zeiten der großen Christenverfolgungen gemahnt wurde. Jede neue Post brachte auch neue Nachrichten von schauerlichem, jedes christliche und menschliche Gefühl auf's tiefste empörendem Inhalte Und wahrlich! wessen Herz könnte ungerührt, wessen Hand geschlossen bleiben bei der Aufzählung und Schilderung eines so großen, eines so namenlosen Elendes! In Syrien sind ermordet 20,000 Menschen, gefallen bei der Vertheidigung mit den Waffen in der Hand über 1000, nach der Küste und in's Gebirge geflohen und daher gezwungen von Almosen zu leben 75,000, Waisen beiderlei Geschlechts 10,000, Wittwen 6000. Ferner sind 360 Dörfer mit ihren Heerden vernichtet, 28 christliche Schulen und neun religiöse europäische Anstalten zerstört, 560 Kirchen und Klöster niedergerissen oder verbrannt, der ganze Ernte-Ertrag, alle Lebensmittel, Maulbeerbäume und Seidenvorräthe auf einer Strecke von 50 Stunden Länge und 30 Stunden Breite zu Grunde gerichtet. In Folge dessen gehen die überlebenden Bewohner bei dem nahenden Winter einem nicht zu schildernden Elende entgegen, wenn nicht die christliche Mildthätigkeit denselben in ganz ungewöhnlicher Weise zu Hilfe kommt; wie groß die eben erwähnten Verluste sind, mag man daraus entnehmen, daß der Gesammtschaden auf eine Summe von 250 Millionen Piaster geschätzt wird. Zunächst waren es die Drusen, die alten Feinde der katholischen Maroniten, durch welche, unterstützt von Muselmännern, worunter sogar türkische Pascha's und Soldaten sich befanden, auf dem Libanon und Antilibauon jede Art von » Greul verrichtet wurde; später folgte diesen sich eine Zeit lang fortsetzenden Schreckensthaten noch das große Blutbad in Damascus. So Außerordentliches brachte denn doch die europäische Diplomatie in Bewegung; in Paris wurde eine Vereinbarung zwischen den Großmächten abgeschlossen, gemäß derer 12,000 Mann europäischer Truppen sich nach Syrien begeben sollten, um die türkische Regierung bei Bestrafung der Schuldigen zu unterstützen. Die Hälfte dieser Truppen sollten Franzosen sein, die andere Hälfte aus andern europäischen Truppen bestehen; bis jetzt sind nur die Franzosen unter dem Oberbefehl des Divisions-Generals Beau- fort d'Hautpoul nach Syrien abgegangen, doch liegen Fahrzeuge von fast allen Nationen au der syrischen Küste. Auch ist ein General-Bevollmächtigter der Pforte, *) Aus dem „Organ" des Vereines vom h>. Grabe. Fuad-Pascha, bereits in Syrien angekommen, und mit der Untersuchung der Ereignisse und der Bestrafung der Schuldigen beschäftigt. Ohne die Dazwischen- kunft der Großmächte und die Anwesenheit der europäischen Truppen würde es um die Bestrafung der Schuldigen wohl um so schlechter gestanden haben, als die türkische Regierung schon in gewöhnlichen Zeiten nicht im Stande ist, in den entlegenen Theilen des Reiches dem Rechte Geltung zu verschaffen und die türkischen Beamten sich schwerlich ein Werk hätten angelegen sein lassen, zu dem, von allem Andern abgesehen, ihnen augenscheinlich die Macht abgeht. In Damascus sind .bereits hundert und einige dreißig Personen gehängt und erschossen worden, und noch jüngst der Gouverneur dieser Stadt mit einigen Officieren. In Beirut wird nun die noch weit schwierigere Untersuchung gegen die Drusen und ihre auf dem Libanon verübten Greul fortgesetzt werden. Fuad- Pascha hatte bereits die Scheits derselben aufgefordert, sich daselbst zu stellen und sich zu verantworten. Auf diese Aufforderung hat sich jedoch nur eine ganz geringe Anzahl derselben, und höchst wahrscheinlich nur diejenigen, die am wenigsten schuldig waren, eingestellt. Jetzt hat Fuad Pascha wiederholt eine Aufforderung an die drusischen Scheiks erlassen, worin denselben angezeigt wird daß, im Falle sie sich nicht zur Untersuchung in Beirut einfinden, sie ihrer Stellen entsetzt, ihre Güter eingezogen und sie in contumaciam ohne Appell ver- urtheilt werden würden, es sei denn, daß sie ihr Ausbleiben mit triftigen Grüdenzu entschuldigen vermöchten. Es wird sich nun bald zeigen ob die Drusen dieser Aufforderung Folge leisten, oder ob, wie es den Anschein hat, die Franzosen, welche sich bereits zu Deir el Kamar im Gebirge zur Beschützung der Christen befinden, auch noch den Türken helfen müssen, um die Schuldigen herbeizuschaffen. Es darf nicht unerwähnt gelassen werden, daß auch England einen Commissar, Lord Dufferin, nach Beirut gesandt hat, ohne Zweifel um das englische Ansehen und Interesse zu wahren, und gewiß nicht weniger, damit seinen edlen Freunden und Schützlingen, den Drusen, nur ja nicht zu wehe geschehe.*) Hamdan Belmini, der Großpriester der Drusen, hat für diese auch bereits den Schutz der Königin von England nachgesucht. Mit Bezug aus die Zustände in Syrien und auch der ganzen Türkei kann der Katholik die Anwesenheit der französischen Truppen in Syrien nur mit Freuden begrüßen; zwar ist die Zahl derselben gering, doch werden schon andere Truppen nachfolgen, wenn sich diese Zahl als ungenügend erweisen sollte, ehe die übrigen 6000 Mann europäischer Truppen eingetroffen sind. Nachdem so schreckliche Ereignisse sich zugetragen, gibt es nur den einen Wunsch und die eine Hoffnung, daß die Züchtigung eine so strenge, gründliche und eklatante werde, um auch dem türkischen Volke, d. h. jedem einzelnen gewöhnlichen Türken, das begreiflich zu machen, was die türkischen Würdenträger, wie Fuad-Pascha, längst wissen, nämlich, daß den christlichen Mächten, wenn sie den redlichen Willen dazu haben die Kraft inne wohnt, nicht bloß jedem an den Christen verübten Frevel die Strafe auf dem Fuße folgen zu lassen, sondern nöthigenfalls dem ganzen türkischen Reiche ein Ende zu machen. Wäre man jenes guten Willens der Mächte versichert, so würde gewiß jeder Christ und Menschenfreund beruhigt sein und die Franzosen nach den in der Vereinbarung stipulirten sechs Monaten gern *) Ein Gespräch, das in Gegenwart des Msgr. MiSIin zwischen einem Engländer und einem maronitischen Scheik Statt hatte, bezeichnet in Kürze die Stellung, welche England zu den götzendienerischen Drusen einnimmt. „England und Frankreich," sagte der Engländer, „find zwei rivalistrende Mächte, deren Interessen fich gegenüberstehen; wenn also Frankreich in Eurem Lande seinen Einfluß durch die Maroniten begründet, so muß England nothwendiger Weise bestrebt sein, demselben durch die Drusen ein Gegengewicht zu schaffen." — „Dann wird," erwiederte kalt der Scheik, „an dem Tage, wo Frankreich sich für Gott erklärt, England mit Nothwendigkeit für den Teufel Partei ergreifen müssen," (llislin, bos SaiiUs Ineux, tom I. cliap. VIII») s-» -- ^--'E 395 wieder abziehen sehen. Allein unter den obwaltenden Umständen sind wir fast geneigt, zu glauben, daß die Franzosen Syrien nicht eher verlassen werden, als bis die wichtige orientalische Frage gelöst ist, und bei der Nähe des Verfalles des türkischen Reiches müssen wir, offen gestanden, dieses auch wünschen: ein Abzug vor diesem Zeitpunkte würde wenn nicht eine gänzliche Umwandlung in den muselmännischen Gemüthern, die doch nicht zu erwarten ist, vor sich gegangen, nichts Anderes bedeuten, als die ganze christliche Bevölkerung des Landes und wohl darüber hinaus dem muselmännischen Fanatismus Preis geben. In dieser Sache dürfte übrigens die Macht der Ereignisse wohl mehr für die Unterdrückten thun, als die seinberechneten Maßnahmen der europäischen Diplomatie, welche in der Regel nur von dem kalten Egoismus eingegeben sind. Wie dem sei, die Kirche zählt eine große Anzahl von Blutzeugen mehr, darunter Priester, Mönche, Nonnen und Kindern, deren Fürbitte dem unglücklichen Lande und seinen Bewohnern jedenfalls mehr nutzen wird, als die Gewalt und der Erfolg der Waffen. Wir können diese Zeilen nicht schließen, ohne einen Augenblick bei dem rührenden Gedanken zu verweilen, den das Schauspiel gewährt, zu einer Zeit, wo das Oberhaupt der Kirche selbst so schwer geprüft ist, das treue Volk der Maro- niten, das dem römischen Papste vielleicht vor allen andern in Liebe zugethan ist,*) so schwere Prüfungen um des Glaubens willen erdulden zu sehen. Möchte für den milden Papst und für die ihm in Liebe zugeneigten Söhne der Berge bald der Tag erscheinen, der ihren Leiden ein Ende macht. Wir sind diesmal wegen Mangels an Raum nicht im Stande, auch nur gedrängt Näheres über den Schauplatz der Ereignisse und die interessanten Völkerschaften desselben mitzutheilen. Außer den Briefen aus dem h. Lande, so wie einigen näheren Todesnachrichten, müssen wir uns daher auf die Mittheilungen eines Schreibens aus Beirut und eines andern aus Damaskus beschränken, welche die Haupt-Ereignisse in anschaulicher Kürze und lebendiger Schilderung vorführen. (Föns. folgr.) »^1 Die katholische Kirche in den Bereinigten Staaten Nordamerika's. s(Schluß.) „Der katholische Theil unseres Volkes, gleichviel ob im Auslande oder hier geboren, wagt es bis jetzt noch kaum, sich frei zu fühlen in diesem Lande der Freiheit. Sie sind so lange eine zertretene Masse gewesen, daß sie Mühe haben, sich ihre Freiheit hier als wirklich gesichert zu denken. Sie haben sich nie mit dem alten puritanischen Gemeinwesen aus England versöhnen können und neben *) „Die Maroniten charaktcrtstren sich durch eine fast beispiellose Anhänglichkeit an den römischen Stuhl und den unbedingten Gehorsam gegen ihre Priester. Es kann zweifelhaft sein, ob sich irgendwo ein Volk nachweisen läßt, welches eine so aufrichtige und tiefe Verehrung für den Papst hegt, als die Maromten in Syrien." Robinson, Palästina u. s. w. Bd. 3., S. 747. — „Bald kam die Rede auf Pius IX. Alle diese guten Maroniten küßten mit der größten Verehrung eine Medaille, auf welcher sich das Portrait des h. Vaters befand, uno die ihnen von Msgr. Pompallier gezeigt worden war. Auf einmal erhoben sie sich entblößten das Haupt, und Einer von ihnen stimmte das Gebet an, welches sie in der Kirche für das Oberhaupt der Kirche zu singen pflegen; alle Andern antworteten darauf im Chor. „Während in Italien," so fährt der Verfasser fort, der im Jahre 1848 die Maroniten besuchte und dessen Worte heute leider wieder zutreffend sind, „während in Italien ein Volk, daS Pius >X. mit Wohlthaten überhäuft hat, sein Herz mit Bitterkeit tränkt, segnet hier ein verlassenes, armes und unterdrücktes Volk seinen Namen und singt sein Lob auf den höchsten Gipfeln des Libanons. Wie tröstlich ist es, die innige Anhäiiglichkeit dieser guten Maroniten an die Religion zu bemerken; sie ist der Anfang und das Ende aller ihrer Handlungen." sölislin, bes Samts bieux, tom I. cbsp. IX.) ihrem alten Katholicismus halten sie noch an zu Vielem fest, was an die persönliche und staatliche Verkommenheit der BoUrbonen und Stuarte erinnert. Sie sind in ihrer großen Mehrzahl den republikanischen Einrichtungen unseres Landes zugethan, in einem solchen Grade, daß keine Klasse unserer Staatsbürger es ihnen daran zuvorthut, und sie würden zu deren Schutz ihr Leben zum Opfer bringen. Aber ihr inneres Leben hat sich noch nicht zu vollem Einklang mit denselben umgestimmt, und sie sind geneigt, entweder in ihrem Eiter für die amerikanische Demokratie sich in den äußersten Radicalismus zu verlieren, oder im Eifer für Gesetz und Ordnung dem übertriebensten Conservatismus zu huldigen. Sie wissen nicht immer die rechte Mitte zu treffen. Aber das darf uns nicht Wunder nehmen, denn kein Mensch hält diese Mitte, wenn nicht sein inneres Leben und sein ganzes Wesen dieser Richtung nachgebildet ist.-Wo die Verhältnisse gleich sind, da wissen katholische Einwanderer sich weit leichter in unsere Rechtsversassung einzuleben, als irgend eine andere Klasse von Fremden, und unter den Katholiken, das bemerke man wohl, gelingt vas denen am besten, welche ihre Religion am besten kennen und am meisten üben. Diejenigen, welche vom wahren Amerikanerthum am weitesten entfernt sind, und sich am leichtesten von Demagogen irre führen lassen, das sind solche, die vom Katholicismus fast nichts weiter an sich haben, als daß sie von katholischen Eltern geboren und gleich nach der Geburt zur Taufe gebracht worden sind. Sie sind es, die auf die Gesammtheit ihrer Glaubensgenossen ein falsches Licht werfen. -Daß die Wirren in Europa auf die Denkart der Katholiken in unserem Lande Einfluß gehabt haben, ist sehr wahr, und es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Einfluß hier und da ein ungünstiger gewesen ist. Einige von unsern neu eingewanderten Katholiken, aus welchen zu Hause Las Joch des Despotismus gelastet hatte, fühlen sich, sobald sie hier gelandet sind, aller Fesseln entledigt; sie achten nicht mehr des Gehorsams, welchen sie den vom heiligen Geiste über sie gesetzten Hirten und Bischöfen schuldig sind; sie werden widerspenstig und leben mehr wie Protestanten, denn als Katholiken. Andere, des revolutionären Geistes herzlich satt und um der üblen Folgen willen, die er in der alten Welt gehabt, tief bekümmert, trauen nicht der Unabhängigkeit und persönlichen Würde, deren sich der Amerikaner überall der Obrigkeit gegenüber bewußt bleibt, und sind geneigt, in jedem Eingeborenen einen Mann zu sehen, dessen Herz dem Geiste des Umsturzes, wo nicht dem Unglauben, verfallen sei. Sie haben keinen rechten Maßstab für den amerikanischen Charakter, der sich immer vor dem Gesetze, nie aber vor Personen beugt, und der immer sorgfältig zu unterscheiden pflegt zwischen dem Manne und dem Amte; sie sehen diese Denkweise gern für eine solche an, die sich mit der vom Evangelium eingeschärften wahren Lehre vom Gehorsam nicht vereinigen lasse. Aber sie und ihre conservativen Brüder in Europa verkennen, dünkt mich, den wahren Charakter des Amerikaners. Es gibt in der Christenheit kein loyaleres Volk, keines, das mehr aus Recht und Gesetz hielte, als die echten Bürger unseres Staatenbundes. Ich habe den Geist der Kirche ganz mißverstanden, wenn ein erleuchteter Gehorsam, ein Gehorsam, welcher weiß, warum er gehorcht, welcher aus Grundsatz, Ueberzeugung, freiem Willen und Pflichtgefühl hervorgeht, ihrem mütterlichen Herzen nicht angenehmer ist, als die blinde, gedankenlose, kriechende Unterwürfigkeit Derer, welche nichts wissen von Freiheit. Knechtische Furcht zählt bei den katholischen Gottesgelehrten nicht sehr hoch, und die Kirche wünscht die Menschen als solche, die sich ihrer selbst bewußt sind, zu regieren, wie der allmächtige Gott sie regiert, d. h. in Uebereinstimmung mit der Natur, welche Er ihnen angeschaffen, als mit Vernunft und freiem Willen begabte Wesen.- -Indem ich von katholischen Völkern spreche und sie auf katholischer Wage wäge, finde ich Vieles zu bedauern, zu beklagen und selbst zu tadeln ; 397 vergleiche ich sie aber mit nichtkatholischen Nationen, so stellt sich das Urtheil ganz anders, und ich kann nicht zugeben, daß die katholische Bevölkerung irgend eines Landes zurückstehen sollte hinter irgend einem protestantischen Volke, und auch nicht in den Eigenschaften, in welchen man gerade am liebsten den Katholiken die größten Mangel Schuld zu geben Pflegt. Bei keinem katholischen Volke wird man jene Großthuerei finden, die Carlyle an den mittleren Klaffen in Groß- britanien so unbarmherzig dem Gelächter preisgibt, oder jene Hochachtung vor dem bloßen Reichthum, die abgöttische Verehrung des Geldbeutels oder die gemeine Kriecherei vor dem großen Haufen oder der öffentlichen Meinung, welche in den Vereinigten Staaten so allgemein verbreitet und der öffentlichen und persönlichen Tugend so verderblich sind. Ich spreche unserer katholischen Presse kein gar hohes Verdienst zu; sie ermangelt mit wenigen Ausnahmen der Würde, der Gedankensrische, der weiten Umschau, erscheint auf einen ungelehrten Leserkreis berechnet; doch herrscht in ihr ein Ernst, eine Aufrichtigkeit, ein Freimuth, eine Unabhängigkeit, wie man sie in unserer nichtkatholischen Presse, der religiösen und der weltlichen, vergebens suchen wird. Auch haben die Katholiken unseres Landes, im Ganzen genommen, sich persönliche Freiheit der Gesinnung, Unabhängigkeit, Selbstachtung, Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Hingabe an bestimmte Grundsätze in einem Maße bewahrt, wie man sie in allen übrigen Klaffen der amerikanischen Staatsbürgerschaft vergebens suchen wird. Der sittliche Ton ist bei ihnen, wie der sittliche Maßstab für sie ein höherer, und sie lassen sich allgemeiner regieren von dem Bewußtsein tiefer Verantwortlichkeit gegen Gott und gegen ihr Vaterland. — Die Katholiken unseres Landes, sie, die nichts weniger als für die Blüthe gelten können des katholischen Volkes in ihrer alten katholischen Heimat, richten sich in ihrer großen Mehrheit nach ehrlich angenommenen Grundsätzen, nach aufrichtiger und ernster Ueberzeugung, und sind bereit, eher zu sterben, als in irgend einer wichtigen Frage abzuweichen von dem, was sie für Wahrheit und Gerechtigkeit halten. Sie haben den Grundsatz und die Willenskraft, festzustehen in dem, was ihnen als wahr und gerecht gilt, im Glück und Unglück, gleichviel ob die Welt mit ihnen geht oder gegen sie. So laßen sie sich auch eines Besseren belehren durch Gründe, die ihrer Vernunft annehmbar gemacht werden, und lassen sich antreiben durch Berufung aus ihr Gewissen, auf die Furcht vor Gott und auf die Liebe zur Gerechtigkeit. Der Nichtkatholik hat keinen Begriff von dem Schatze, welchen die Vereinigten Staaten in diesen zwei oder drei (3-—4) Millionen Katholiken besitzen, wie niedrig auch äußerlich die Mehrzahl derselben gestellt sein mag. Ich habe nie etwas von einer Neigung verrathen, ihre Fehler zu bemänteln oder zu beschönigen; aber wie ich sie und meine nichtkatholischen Landsleute kenne, darf ich unbedenklich die Behauptung wagen, sie seien trotz allen ihren Fehlern und Mängeln doch das Salz des amerikanischen Gemeinwesens und der wahrhaft couservative Lebenskeim im amerikanischen Volke. — -Ohne Zweifel wird unsere katholische Bevölkerung — größtenteils aus den verschiedenen Ländern Europa's hieher eingewandert, ein buntes Gemisch aller Arten von Volkstümlichkeiten in Gesinnung, Charakter, Geschmack, Lebensart und Gewohnheit, bis jetzt noch in nichts Anderem, als in der Religion zu einem Ganzen verwachsen, — allerdings wohl Züge an sich tragen, die dem seinem eigenen Volksthum von Herzen zugethanen und erst vor Kurzem zum katholischen Glauben bekehrten Amerikaner mehr oder weniger abstoßend erscheinen. Indessen aber die Leichtigkeit, womit diese-verschiedenartigen Elemente sich mit einander verschmelzen, und die Schnelligkeit, womit die katholische Gesammtheit ein gemeinsames Gepräge annimmt, in die Strömung des amerikanischen Lebens eingeht und in Allem, was nicht der Religion zuwider ist, sich nach der neuen Heimat umstimmt und gestaltet, beweist die Kraft des Katho- licismus und dessen unermeßliche Bedeutung für die Bildung eines wahren und edlen National-Charakters und für die Erzeugung und Erhaltung einer wahren, edelu, hochherzigen Vaterlandsliebe. In wenigen Jahren werden sie die Amerikaner der Amerikaner sein, und auf sie wird es ankommen, ob das herrliche Werk der Erhaltung amerikanischer Civilisation durchgeführt und die Hoffnungen der Gründer unseres großen und wachsenden Freistaates in Erfüllung gehen werden." Dies sind die aus tief eingehenden Studien und Beobachtungen hervorgehenden Ansichten eines Mannes, der durch reiche Lebenserfahrungen, durch Stellung und Beruf vor Tausenden befähigt erscheint, über die sittlichen und religiösen Zustände seines Vaterlandes ein gewichtvolles Urtheil zu fällen, der in seinen bisherigen Leistungen sich als einen nüchternen, umsichtigen und scharfen Beobachter gezeigt hat, und dessen Unparteilichkeit und Wahrheitsliebe wir um so weniger anzufechten berechtigt sind, als seinem Urtheil über die Zukunft seines Vaterlandes das einer anderen, zweifelsohne vollwichtigen Autorität beipflichtend zur Seite steht. Wir meinen Papst Gregor XVI., der zwar die amerikanischen Verhältnisse und Zustände nicht aus eigener Anschauung kannte, wohl aber durch seinen Verkehr mit den unzähligen Amerikanern, die Rom alljährlich besuchten und von denen Keiner Rom verließ, ohne dem heiligen Vater seine Ehrfurcht bezeugt zu haben. In einer Unterredung mit Jarke, die dieser zu den merkwürdigsten Erinnerungen seines Lebens zählt, und deren er in seinem bereits erwähnten Buche (Principienfragen) erwähnt, hatte sich dieser große Kirchenfürst auf ähnliche Weise wie der Amerikaner über die religiöse Zukunft dieses Volkes ausgesprochen. Er, der wie kein Anderer seit Jahren Gelegenheit gehabt, täglich eine Musterkarte der Menschheit vor sich ausgebreitet zu sehen, stellte von allen Völkern den angelsächsischen Stamm und die Angloamerikaner insbesondere in die erste Reihe. Dies seien die, welche, wie der Papst ausdrücklich bemerkte, selbst ohne Unterschied ihres religiösen Bekenntnisses „diesem heiligen Stuhle und somit dem, dessen Stelle der Nachfolger Petri aus Erden vertritt" die meiste Ehrfurcht zu beweisen pflegten. Auch Gregor prophezeite dem amerikanischen Volke, „dem es um den Glauben tiefer Ernst sei," eine große Zukunft Der Schutzengel. Erzählung aus meinem Leben. Die gesürchteten Prüfungen waren glücklich vorüber, das hl. Dankamt gefeiert und jeder eilte mit Sehnsucht der Heimat zu, um dort im Kreise der Seinen die Ferien zu genießen; gibt es ja doch für den Studenten keine größere Freude, als wenn er nach zehnmonatlicher Plage und nach mancherlei Entbehrungen, die insbesondere bei armen Studenten nie ganz fehlen, mit einem guten Zeugnisse versehen eine zweimonatliche Freiheit vor sich sieht. Auch ich wollte keinen Augenblick mehr in der Stadt verlieren und begab mich mit meinem Ränzlein versehen auf das Schiff, das mich — nicht nach Hause — aber doch der Heimat näher führen sollte. Doch diesmal sollte meine Sehnsucht nach der theuren Heimat noch zuerst einige Prüfung durchmachen, ehe sie gestillt wurde. Nach wenigen Stunden mußte das Schiff das mich aufgenommen hatte, — damals fuhren noch keine Dampfschiffe, denn es war im Jahre 1832 — heftigen Windes wegen anlegen und, wie man sagt, windseie n, was mir gar nicht taugen wollte. Nun wurde eine Strecke zu Fuß zurückgelegt, nächsten Tag wieder eine Strecke zu Schiff und abermals zwang der Wind zur Landung, erst am dritten Tage gelangte ich nach S., wohin ich bei günstigem Winde an einem Tage hätte gelangen können. — Ich hatte nun noch einen Weg von 399 mehreren Stunden zu Fuß zu machen; zwar hatte der Himmel mit düsteren Wolken sich umzogen, welche sich bemühten, mein Heimweh mit ihrem nassen Inhalt abzukühlen, und wenn zuweilen das liebliche Blau aus den Wolken hervorblickte, so war es nur auf wenige Minuten, dann aber folgte wieder Regen, der. je weiter ich ging, desto stärker sich ergoß. Doch junges Blut hat frischen Muth und ich war wohlgemuth weiter marschirt und bis nach A. gekommen, obwohl ganz durchnäßt. Da winkte mir außerhalb des Ortes ein wohlbekannter Fußsteig, in einer Stunde längstens soll er mich nach Hause bringen. Ich hatte mir, obwohl von dem beschwerlichen Wege ziemlich erschöpft, keine Labung mehr gegönnt, schien mir ja jede Viertelstunde verloren, die ich mich hätte aufhalten müssen und so folgte ich dem Fußwege fast die Schritte zählend, die ich noch bis zum lieben Vaterhause zurückzulegen hatte. Doch Halt! Da stehe ich Plötzlich an dem Büchlein, das sonst kaum ein paar Schritte breit ruhig und sanft seine Reise durch das grüne Thal macht, aber heute zum tobenden Wildbache angeschwollen ist, der in hastiger Eile seine schlammigen Wassermaffen dahin- wälzt und den ganzen Thalgrund erfüllet. Einige Augenblicke stehe ich vor dem stürmischen Elemente, zweifelnd, ob ich werde hindurchkommen können. Doch was soll ich thun? Den Weg zurück machen? Das hieße mich von der Heimat entfernen; eine Brücke oder auch nur ein Steg ist nicht in der Nähe —> also ich wage es in Gottes Namen, gehe etliche Schritte in das reissende Wasser und schon glaubte ich, die tiefste Stelle des Bettes erreicht zu haben und war nur bis an die Brust im Wasser, also voll guter Hoffnung, da mache ich noch einen Schritt vorwärts und der Boden schwindet unter meinen Füßen, der Strom hat mich erfaßt und reißt mich fort — ein ängstlicher Blick nach Oben, ein Act der Reue und „heiliger Schutzengel rette mich!" Das ist Alles was ich thun und sagen konnte unv schon sah ich den sichern Tod vor Augen. Doch da ist's, als zöge mich eine unsichtbare Hand'aus der heftigen Strömung seitwärts und ich weiß selbst nicht wie, aber ich stehe unversehrt auf festem Boden, freilich, wieder auf jener Seite, auf der ich zum Wasser gekommen war. Noch heute wenn ich daran denke, erkenne ich in jener Rettung das Werk des heiligen Schutzengels. Jetzt blieb also wohl nichts anderes übrig, als auf die Straße zurückzukehren, um auf derselben den Heimweg fortzusetzen. Ich mußte da einen Umweg machen hart an dem Marktflecken N. vorbei, und es war mir, als sagte eine Stimme: Bleibe in diesem Orte über Nacht! aber das Verlangen die liebe Mutter nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen, war mächtiger; ich ging an N. vorbei rüstig die Straße entlang, bis mich abermals ein bekannter Fußweg einlud, auf dem ich in kürzerer Zeit zum ersehnten Ziele zu gelangen hoffte. Mittlerweile fing es zu dunkeln an und Plötzlich war ich vom rechten Wege abgekommen. Da irrte ich nun in unheimlich finsterer Nacht stundenlange auf und ab und konnte den Weg nicht mehr finden, den ich so oft gegangen, mich überhaupt nicht mehr zurecht finden in der ganzen Gegend; ich meinte gewiß mehr als eine Stunde weit vom Ziele abgekommen zu sein und entschloß mich endlich, diese Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; auf einem durchnäßten Feldraine suchte ich selbst ganz durchnäßt die Ruhe. vom Froste geschüttelt lag ich ermattet da, während die Wolken vom heftigen Winde getrieben über mir hinzogen, zum Glücke regnete es nicht mehr; aber der Schlaf floh die müden Glieder und wie unendlich lange währten die Stunden, bis endlich im fernen Osten der Morgen zu grauen begann. Zuletzt hatte nicht ein Schlaf, sondern eine Art Betäubung von der großen Anstrengung des vergangenen Tages und von der überstandenen Angst sich eingestellt und schauerliche Bilder zogen an meinem Geiste vorüber, da horch! ertönt ein Glöcklein so mild, der Ton ist mir so bekannt, ich habe ihn wohl viele hundert Male gehört, es ist 400 das Glöcklein von G., das so lieblich „Ave Maria!" ruft. Ave Maria! sprach auch ich und erhob mich, und nur 20 Schritte von meinem Nachtlager ist der gesuchte Weg und in einer Viertelstunde stehe ich am Vaterhause und klopfe, da noch Alles in Ruhe ist, an die Thüre. Schnell kommt die Mutter und öffnet und als ich nach herzlicher Begrüßung ihr die Erlebnisse des gestrigen Tags und der Nacht erzählt hatte, sprach sie: „O mein Sohn! da hat dich gestern Anbends der h. Schutzengel vom Wege abgeführt,?jum dir ein zweites Mal das Leben zu retten. Denn wisse! der letzte Bach über den du hättest gehen müssen war zu einer furchtbaren Höhe angeschwollen, der Steg vom Wasser weggerissen und du wärest sicherlich ertrunken, wenn du in der Nacht hättest darüber gehen wollen." — So die Mutter und sie hatte Recht, zweimal an einem Tage hat mir der Schutzengel das Leben gerettet. — O wie oft ist im Leben das, was wir für ein Unglück halten, ein großes Glück! Macht'S nach. „Wie geht es mit Ihrem neuen Hochaltar in F.", fragte vor einiger Zeit einen Amtsbruder ein Pfarrer, der in wenigen Jahren alle Kirchen seiner Gemeinde im Innern gänzlich und schön erneuert hat, und eben im Begriffe war, das edle Werk mit dem letzten Altare zu vollenden. „Wie geht es mit Ihrem Hochaltar?" — „Gut; angebaut ist er schon!" antwortete derselbe. Von dieser Antwort überrascht, fragte der Andere weiter: „Was willst du mit deinem „angebaut^ sagen? — Der eifrige Pfarrer erwiederte ihm Folgendes: Bei der letzten Aussaat habe er mit seiner Gemeinde die Verabredung getroffen, daß Jeder, je nach der Größe seines Gutes und seines guten Willens einen kleinen Theil seines Fruchtfeldes oder Weinberges für den neuen Altar anbauen wolle. So sei es auch geschehen. Bei der Ernte und im Herbste habe ihm Jeder den versprochenen Beitrag an Korn, Weizen, Gerste, Most u. s. w. ins Pfarrhaus gebracht, das Gesammelte sei alsdann verkauft worden, und aus diese Art habe er das Geld zu seinem Altare herbeigeschafft. Saget: ist das nicht ein schöner trefflicher Gedanke und Werth, nachgeahmt zu werden? Probirt's mal, ihr Landleute, und ihr werdet bald, ohne daß es euch so wehe thut, als wenn ihr baares Geld hergebet, euere neue Kirche oder Capelle „angebaut" haben; oder wenn ihr die schon besitzet, dann „bauet an" zur Verschönerung und Ausschmückung derselben. Euere Geistlichen werden euch schon sagen, und wenn ihr klare katholische Augen habt, werdet ihr auch selbst sehen, was euch noch Noth thut, bis das Haus Gottes hübsch in Ordnung ist. Für die Misfio» in Perleberg: „Von der Altmühl" . e.2 fl. —kr. Redaction und Verlag: vr. M. Huttler. — Druck »an I. M. Äle inte.