Nr. 1. Beilage ʒu Augsburger Poſtʒeitung. 8 Jan. 1897 Gedanken ʒur kommenden Melanchthonfeier. S. Am 16. Februar 1897 vollenden ſich 400 Jahre, daß in dem damals kurpfälʒiſchen Städtchen Bretten bei Bruchſal dem Waffenſchmiede und Rüſtmeiſter des Kurfürſten Philipp von der Pfalʒ, Georg Schwarʒerd, ein Söhnlein geſchenkt worden iſt, welches in der hl. Taufe den Namen Philipp erhalten hat. Der äußerſt ſtrebſame Jüngling beſuchte die Hochſchulen ʒu Heidelberg und Tübingen, wo er bereits 1514 mit der Magiſterwürde das Recht erhielt, in ſeiner Burſe Vorleſungen ʒu halten. Durch Reuchlins Vermittlung erhielt der junge Gelehrte, der ſeinen unmelodiſch klingenden Namen Schwarʒerd in den griechlſchen Melanchthon nach der Sitte der Humaniſten umänderte, 1518 den Lehrſtuhl der griechiſchen Sprache an der neu gegründeten Univerſität Wittenberg. Hier wurde er mit Luther bekannt und ſchloß ſich mit Begeiſterung deſſen religiöſen Neuerungen an. Obwohl Laie und ohne eigentliche theologiſche Durchbildung, wurde Melanchthon dennoch„der Wortführer ſeiner Partei, der officielle Anwalt des Proteſtantismus“(Döllinger, Reſormation I, 361). Von ihm ſtammt das erſte Glaubensbekenntniß der neuen Kirchenbildung, welches im Namen von ſieben Reichsfürſten und ʒwei Städten am 25. Juni 1530 dem Kaiſer Karl V. in doppelter Ausfertigung, lateiniſch und deutſch, überreicht worden iſt und als Confessio Kugustana ſpäterhin das wichtigſte ſymboliſche Buch der Lutherauer geworden iſt. Wir wollen hier nicht auf die alten Streitfragen über die Vorarbeiten ʒur Augsburger Bekenntnißſchrift, über Luthers Stellung ʒu derſelben, über Melanchthons ʒweideutige Abſichten und unehrenhafte Hintergedanken bei Abfaſſung deſelben ʒurückkommen, ſondern die Augustana, ſo wie ſie jetʒt vorliegt (die Originalexemplare ſind bis jetʒt noch nicht ermittelt), betrachten.(Müller, Die ſymboliſchen Bücher S. 33—70.) Die Augsburger Bekenntuißſchrift beſteht außer einer Vorrede und einem kurʒen Beſchluß aus 28 Artikeln, von welchen die erſten 21 Artikel den ganʒen Lehrbegriff, die 7 folgenden die „Mißbräuche und Menſchenſatʒungen“ darlegen. Die Vorrede bildet die Baſis, die Grundvorausſetʒung für das ganʒe Lehrſyſtem; dieſes ſollte nicht eine Urkunde der Treimmung, ſondern eine Formel der Einigung werden; aller Zwieſpalt in dem heiligen Glauben und in der chriſtlichen Religion ſollte abgethan und die Meinungen eines Jeden„ʒu einer einigen chriſtlichen Wahrheit gebracht werden“, ſo daß in Zukunft Alle in Einer chriſtlichen Kirche in Einheit und Eintracht leben ſollen, wie Alle unter Einem Chriſtus leben und ſtreiten. Sollte aber das Einigungswerk auf dem Reichstag nicht gelingen, ſo „erbieten gegen E. K. M. wir uns hiemit in aller Unterthänigkeit, erklären die Unterʒeichner der Bekenntnißſchrift, in berührtem Fall ferner auf ein ſolch gemein, frei, chriſtlich Concilium, darauf auf allen Reichstagen, ſo E. K. Majeſtät bei ihrer Regierung im Reich gehalten, durch Kurfürſten, Fürſten und Stände aus hohen und tapferen Bewegungen geſchloſſen, auch welches auch E. K. M. wir uns von wegen dieſer großwichtigſten Sachen in rechtlicher Weiſe und Form vorſchiener Zeit berufen und appellirt haben, der wir hiemit nachmals anhängig bleiben.“ Ohne Vorbehalt ſollte die Entſcheidung des Concils anerkannt und augenommen werden. Die erſten Artikel enthalten die Fundamentalwahrheiten über Gott, über die Erbſünde, über den Sohn Gottes. Dieſelben werden nicht erſt aus der Schrift bewieſen, ſondern nach den Ausſprüchen von Concilien und den Verwerfungsurtheilen gegen Häreſien, wie jene der Manichäer, Arianer, Eunomiauer uſw. waren, einfach als kirchliche Lehre angenommen und verkündet. Bei dem vierten Artikel über die Rechtfertigung fehlt bei den Worten: „daß wir Vergebung der Sünden bekommen und für Gott gerecht werden, aus Gnaden um Chriſtus willen durch den Glauben“, der eminent lutheriſche Zuſatʒ„allein“. Ueberhaupt, bemerkt Paſtor (Kirchenlexikon I. 1644), tritt in der Lehre von der Rechtfertigung wohl eine Abweichung von der katholiſchen Lehre hervor, aber man ſucht vergebens die lutheriſche Lehre vom alleinſeligmachenden Glauben, welche dem katholiſchen Dogma von dem durch die Liebe thätigen Glauben direkt gegenüberſteht. Auch die Nothwendigkeit guter Werke, um des göttlichen Gebotes willen, wird in Art. VI feſtgehalten. Die Lehre vom Primate des Papſtes iſt mit Stillſchweigen übergangen. Arlikel X lehrt über das Abendmahl des Herrn, daß „wahrer Leib und Blut Chriſti wahrhaftiglich unter der Geſtalt des Brods und Weins im Abendmahl gegenwärtig ſei und da ausgetheilt und genommen wird“. In dieſer urſprünglichen Faſſung iſt dem katholiſchen Dogma nicht ʒu nahe getreten. Die kirchlichen Gebräuche und Ceremonien ſind nach Art. XV inſoweit feſtʒuhalten, als ſie ohne Sünde beobachtet werden können und ʒur Ruhe und guten Ordnung in der Kirche beitragen, wie gewiſſe Tage, Feſte und Aehnliches. Vom freien Willen wird gelehrt, daß der Menſch etlichermaßen einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar ʒu leben und ʒu wählen unter den Dingen, ſo die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des hl. Geiſtes vermag der Menſch nicht Gott gefällig ʒu werden, Gott herʒlich ʒu fürchten, oder ʒu glauben, oder die angeborne böſe Luſt aus dem Herʒen ʒu werfen.(Art. XVII) Auch hier iſt Luthers Anſicht, daß der ſreie Wille ein inhaltsloser Name (res de solo titulo) ſei, preisgegeben; ja Art. XX beſchwert ſich ſogar gegen die Unterſtellung, als ob die Neugläubigen „gute Werke verbieten“. Gute Werke ſollen und müſſen nach Melanchthon geſchehen, nicht daß man darauf vertraue, Gnade damit ʒu verdienen, ſondern um Gottes willen und Gott ʒu Lob.“ Auch der Heiligendienſt wird nicht verworfen;„man ſoll nach Art. XXI der Heiligen gedenken, auf daß wir unſeren Glauben ſtärken“;„daß man Exempel nehme an ihren guten Werken, ein jeder nach ſeinem Beruf“. Freilich wird auch beigeſeꜩt:„Durch Schrift aber vermag man nicht beweiſen, daß man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen ſuchen ſoll.“ Aus Römerbrief 15, 30; I. Theſſ. 5, 25; aus Jakobus 5, 14, Apoc.'5, 8 hätte Melanchthon das Unʒuläſſige ſeiner Behauptung erkennen können. Der lehrhafte der Augustana ſchließt dann mit den Worten: „Dies iſt faſt die Summe der Lehre, welche in unſerenKirchen ʒu rechtem chriſtlichem Unterrichte und Troſte der Gewiſſen, auch ʒur Beſſerung der Gläubigen geprediget und gelehret wird; wie wir denn unſer eigen Seel und Gewiſſen je nicht gerne wollen für Gott mit Mißbrauch göttlichen Namens oder Workes in die höchſte und größte Gefahr ſetʒen oder auf unſere Kinder und Nachkommen eine andere Lehre, denn ſo dem reinen göttlichen Wort und chriſtlicher Wahrheit, fällen 2 oder erben. So denn dieſelbige in heiliger Schrift klar gegründet, und daʒu nach gemeiner chriſtlicher, ja römiſcher Kirchen, ſoviel aus der Väter Schrift ʒu vermerken, nicht ʒuwider noch entgegen iſt, ſo achten wir auch, unſere Widerſacher können in obangeʒeigten Artikeln nicht uneinig mit uns ſein. Derhalben handeln diejenigen ganʒ unfreundlich, geſchwind und wider alle chriſtliche Einigkeit und Liebe, ſo die Unſern derhalben als Ketʒer abʒuſondern, ʒu verwerfen und ʒu meiden ihnen ſelbſt ohne einigen beſtändigen Grund göttlicher Gebot oder Schrift fürnehmen. Denn die Irrung und Zank iſt fürnehmlich über etlichen Traditionen und Mißbräuchen.“ Als ſolche betrachtet nun die Augustana im ʒweiten Theile (Art. XXII-XXVIII) das Verbot des Kelches für die Laienkommunion, die Eheloſigkeit der Prieſter, Mönchsgelübde, die Kauf- oder Winkelmeſſe, wobei jedoch die Verwahrung Melanchthons wohl beachtet ʒu werden verdient: „Man legt den Unſern mit Unrecht auf, daß fie die Meſſe ſollen abgethan haben. Denn das iſt öffentlich, daß die Meſſe, ohne Ruhm ʒu reden, bei uns mit größerer Andacht und Ernſt gehalten wird, denn bei den Widerſachern.... So iſt auch in den öffentlichen Ceremonien der Meſſe keine merkliche Aenderung geſchehen, denn daß an etlichen Orten deutſche Geſänge neben lateiniſchem Geſang geſungen werden.“ Hinſichtlich der Beichte bemerkt Melanchthon: „Die Beicht(conlessio) iſt durch die Prediger dieſes Theiles nicht abgethan. Denn dieſe Gewohnheit wird bei uns gehalten, das Sakrament nicht ʒu reichen denen, ſo nicht ʒuvor verhört und abſolvirt ſind.“ Freilich ſoll man auch in Niemand dringen, die Sünde namhaft ʒu erʒählen. Im Artikel über den Unterſchied der Speiſen wird gelehret, „daß ein jeglicher ſchuldig ſei, ſich mit leiblicher Uebung, als Faſten und ander Uebung, alſo ʒu halten, daß er nicht Urſach ʒu Sünden gebe, nicht, daß er mit ſolchen Werken Gnaden verdiene“. Beſonders wichtig iſt der Art. XXVIII: von der biſchöflichen Gewalt, von welcher Melanchthon lehrt, daß fie darin beſtehe, das Evangelium ʒu predigen, die Sünden ʒu vergeben und ʒu behalten (wie kann aber dieſes nach dem Maßſtabe der Gerechtigkeit geſchehen, wenn das Bekenntniß der einʒelnen Vergehungen fehlt?), die Sakramente ʒu ſpenden. „Darum ſoll man die ʒwei Regiment, das geiſtliche und weltliche, nicht in einander mengen.“ „Dieſergeſtalt unterſcheiden die Unſern beide Regiment und Gewalt⸗Amt und heißen ſie beide als die höchſte Gabe Gottes auf Erden in Ehren halten.“„Derhalben iſt das biſchöfliche Amt nach göttlichen Rechten: das Evangelium predigen, Sünd vergeben, Lehr urtheilen, und die Lehr, ſo dem Evangelio entgegen, verwerfen, und die Gottloſen, deren gottlos Weſen offenbar iſt, aus chriſtlicher Gemeine ausſchließen, ohne menſchliche Gewalt, ſondern allein durch Gottes Wort. Und diesfalls ſind die Pfarrleute und Kirchen ſchuldig (im lateiniſchen Texte ſteht ſogar noch dabei: de jure divino nach göttlichem Rechte), den Biſchöfen gehorſam ʒu ſein.“ Mit dieſen Beſtimmungen hat ſich die Augustana in offenen Widerſpruch ʒu Luthers Cäſaropapismus geſtellt, welcher den Fürſten und Magiſtraten alle geiſtliche Gewalt der Biſchöfe und des Papſtes übertragen wollte. Thatſächlich hat die lutheriſche Auffaſſung den Sieg über das von Melanchthon ſo ſehr betonte göttliche Recht der biſchöflichen Gewalt davongetragen. Im Beſchluß wird noch einmal betont, daß in der Lehre und in den Ceremonien bei uns nichts aufgenommen ſei gegen die Schrift und die katholiſche Kirche; denn es liegt offen ʒu Tage, daß wir mit allem Fleis verhüt haben, damit je keine neue und gottloſe Lehre ſich in unſern Kirchen einflechte, einreiße und überhandnehme“. Ueberblicken wir nun die Artikel der Angustana, ſo wie ſie aus Melanchthons Feder urſprünglich gefloſſen und dem Kaiſer Karl V. vorgeleſen worden ſind, welche ſpäterhin ſymboliſches Anſehen erlangt haben, und vergleichen wir damit den dermaligen Ʒuſtand des deutſchen Proteſtantismus, ſo müſſen wir geſtehen, daß von dieſem grundlegenden Glaubensbekenntniſſe ſehr wenig übrig geblieben iſt. Die Auktorität des Concils, welche die proteſtirenden Reichsſtände ſo oft angerufen haben, iſt mit Hohn und Spott übergoſſen worden, als endlich in Trient die Verhandlungen eröffnet wurden; es ſei hier nur an Luthers rohes Pamphlet erinnert:„Das Papſtthum vom Teufel geſtiftet“; der wichtige Artikel X über das heiligſte Sakrament des Altars wurde durch die Variata im Sinne Zwinglis verflüchtigt, die Meſſe iſt ganʒ beſeitiget, vonq der biſchöflichen Gewalt iſt nicht einmal der Name geblieben — der deutſche Proteſtantismus hat ſomit kein Recht, die dogmatiſche Continuität mit Melanchthons Glaubensbekenntniß ʒu feiern. Heute gilt mehr denn je ʒuvor das bekannte Wort des proteſtantiſchen Hiſtorikers Leo aus dem Jahre 1861:„Jedermann führt dieſe Confeſſion im Munde, und faſt kein Menſch kennt ſie; Niemand ſucht ſie in ihrem urſprünglichen Sinne ʒu faſſen. Man erklärt ſie ʒum Eckſtein des Proteſtantismus, man hat ihr ʒu Ehren große Feſte gefeiert, jährlich wird ſie in jeder proteſtantiſchen Schule geprieſen, und faſt kein Menſch weiß, was darinnen ſteht.“ Vielleicht dient das Jahr 1897, in welchem Melanchthons Name wohl mehr als gebührend verherrlichet werden wird, daʒu, daß ſich die deutſchen Proteſtanten mit der Augustana etwas eingehender beſchäftigen und ʒu der Ueberʒeugung gelangen, daß dieſelbe nicht eine Trennung von der Mutterkirche, ſondern eine Einigung herbeiführen ſollte. Melanchthon und mit ihm die Augustana wiſſen nichts von dem hochgerühmten Principe der freien Forſchung, ſondern ſie anerkennen die Entſcheidungen früherer Concilien, berufen ſich auf die Ueberlieferungen der Väter die Anſchauungen des canoniſchen Rechtes, unterſtellen die Laien der Führung der Biſchöfe, ſie appelliren an ein chriſtliches Concil, dem ſie ſich ohne Vorbehalt unterwerfen wollen. Im Morgenland, in England, bei allen getrennten Bekenntniſſen macht ſich ein mächtiges Sehnen und Streben nach Einheit mit der Mutterkirche bemerkbar; überall hat man das Empfinden, ohne Papſt gelange man in die öden Sandwüſten eines unbeſtändigen Rationalismus ohne Lebenskraft. Sollte in Deutſchland an der Hand der Augustana Melanchthons nicht auch der Gedanke einmal ʒum Durchbruche kommen: Genug des Haders und der Irrung! wir wollen das Gelöbniß unſerer Väter ʒur Wahrheit machen: ohne Vorbehalt den Entſcheidungen des oberſten kirchlichen Lehramtes uns unterwerfen!? Culturgeſchichtliche Bilder aus Bayern. A. Vom landesfürſtlichen Unterſtütʒungsweſen um die Wende des 16. Jahrhunderts. G. F. Um was alles die Landesfürſten vergangener Jahrhunderte von ihren Unterthanen bittlich 3 angegangen wurden, davon geben uns die HofkammerSeſſions-Protokolle die ergötʒlichſten Beiſpiele. Es herrſchte alleʒeit unter dem Bayernvolk ein gutmüthiger, biederer, man möchte ſagen, herʒlicher Ton, der geraden, aufrichtigen Sinnes die Unterthanen mit ihrem Landesvater verknüpfte. Die Bittgeſuche gingen alle von den äußeren Pfleggerichten durch die Hofkammer — nach heutigen Begriffen etwa das Finanʒminiſterium— an den Herʒog oder, abermals modern geſprochen, an das Cabinet und von da wieder den gleichen Weg ʒurück an die Pfleggerichte, die mit der Hofkammer direct verkehrten. Das war der Dienſtweg, der bei den geringfügigſten Bitten ſtrenge eingehalten wurde. Die Hofkammer ʒu München nun beſtand aus dem„Hofkammer-Präſidenten“ und einem Collegium von mehreren Räthen, die ʒuſammen in ihren täglichen„Seſſionen“, Sitʒungen, alle Ein- und Ausläufe ʒu prüfen und ʒu inſtruiren hatten. Nur bei ganʒ gewöhnlichen Almoſen-Spenden ſtand ʒwiſchen dem Landesfürſten und der Hofkammer noch der„Elemoſinarius“, der aber auch wieder ohne Anweiſung aus dem Cabinet oder aus der Hofkammer nichts verabreichen durfte. Die größeren Unterſtütʒungen beſorgte die„Hofʒahlſtube“— Gelegenheit ʒum Geben gab es hier und dort vollauf. Die neugeweihten Prieſter„beriefen“, wie der Ausdruck heißt, den Landesfürſten und ſeine Familie ʒur Primiʒ, die Laien — wer nur immer von ihnen mit dem Hofe in Verbindung ʒu ſtehen oder irgend einen Titel darauf ʒu haben glaubte — ʒur Hochʒeit. Dieſe Einladungen erfolgten mittelſt„Ladſchreibens“ und brachten den Jubilaren nach altem Herkommen ſtets ein je nach ihrer Stellung oder Verbindung größeres oder kleineres herʒogliches Geſchenk ein, das manchmal durch einen eigenen„Abgeordneten“ in der Perſon eines Beamten als herʒoglichen Vertreter überreicht wurde. Doch laſſen wir die Urkunden ſelbſt ſprechen. Im Jahre 1601, „beruft“ der Caſtner Waiʒenbeck ʒu Roſenheim den Herʒog Maximilian ʒu ſeines Sohnes „primitiae*“. Der Pfleger von dort bekam nun den Auftrag,„in Vertretung“ dem Gottesdienſte und der Mahlʒeit beiʒuwohnen und „dem jungen Prieſter 12 fl. ʒu verehren“, während 1576 dem Pfleger von Dietfurth ʒur Hochʒeitsfeier durch ſeinen Amtscollegen von Riedenburg „im höchſten Auftrag“ ein„Becher ʒu 82 fl.“ überreicht und „Beglückwünſchung“ ausgeſprochen wird — Eine noch höhere Verehrung ſcheint Albert V. für den „hochgelehrten Sixt Kepfer“ getragen ʒu haben, denn ʒu deſſen Tochter Hochʒeit, die am 4. Auguſt 1576 ʒu Freiſing „angeſtellt“ wurde, und woʒu„Kepfer“ Se. Durchlaucht „ſammt der durchlauchtigſten Fürſtin auch Son und Dochter berufen“, erhielt „der Hofmeiſter von Freiſing, Hans Sigmund von Seiboltſtorff“ Befehl,„in fürſtlichem Namen ſolcher Hochʒeit beiʒuwohnen und dem Breitvolk Grautpaar) beiverwahrt(mitgeſendet) vergullt Trinkgeſchirr in derſelben aller Namen neben gebührlicher Gratulation und Beglückwünſchung auch Anmeldung Ihrer fürſtlichen Durchlaucht gnädigen Willens ʒu verehren.“ Auch niederſtehende Perſonen „berufen“ den Herʒog ʒur Hochʒeit, der „Hofmetʒger“ ʒum Beiſpiel, der „Trabant“ „Ferdinandus“ geweſter Türk“, der „Gutſchi“ Hofkutſcher), der „reiſige Knecht im Marſtall, ungariſch Hans genaunt“ uſw. Ja dieſe Gepflogenheit griff ſo um ſich und wurde als ſo ſelbſtverſtändlich betrachtet, daß im Jahre 1577 ein „Gutſchi“ an die Hofkammer meldet, er habe auf ſeine Hochʒeit Se. Durchlaucht berufen, aben „keinen Beſcheid erhalten“, er bitte daher, ihn „mit Geld ʒu bedenken“. Indeſſen die Hofkammer mußte in dieſer Bitte eine gewiſſe Berechtigung erblicken, denn ſie wies dem Petenten wirklich 4 fl. an. Allein mit der Zeit kamen von auswärtigen Pfleggerichten ganʒ untergeordnete Organe, ʒ. B. der „Zohlgegenſchreiber“ von Reichenhall, der ſogar um einen eigenen „Geſandten“ ʒu ſeiner Hochʒeit bittet, ja „Ausländer“, „Nichtunterthanen“ mit ſolchen „Ladſchreiben“ an die Hofkammer, ſo daß hierin Einſchränkungen angeordnet wurden, da „dadurch Uncoſten immer mehr über Hand greifen“, ſagen unſere Protokolle. Es gab außerdem ja Ausgaben genug in dieſer Sparte, und wir möchten in chronologiſcher Reihenfolge einige Beiſpiele hiefür ausʒiehen, welche nach unſern heutigen Begriffen beſonders draſtiſch wirken dürften, und die uns auch culturgeſchichtlich einigen Einblick in die damalige Zeit und ihre Verhältniſſe geſtatten. Im Sommer 1576 kam Herʒog Erich von Braunſchweig „ʒu unſers gnädigen Herrn Herʒog Wilhelms vorſtehenter Kindts Tauf“ nach München. Herʒog Wilhelm war damals, wenn wir ſo ſagen dürfen, der Kronprinʒ“. Natürlich gab es bei dieſem Anlaſſe verſchiedene Feſtlichkeiten und Beluſtigungen, von denen wir übrigens glauben müſſen, daß man mitunter ſehr beſcheidene Anſprüche an ſie machte, da die „Turner Georg Parth und Hans Schröffl“ nach Abreiſe der fürſtlichen Gäſte bei der Hofkammer um ein „Trinkgeld“ bitten „für ihre Müh, die ſie mit Anplaſung der anitʒt allhie geweſten frembden Herrſchaften gehabt“. Dem Beʒahlungsmodus nach ſcheint aber ihre Muſik nicht allſeits befriedigt ʒu haben, denn ſie erhalten ʒwar 1fl., aber„aus Gnade“ Noch ſonderbarer für unſer Verſtändniß war im gleichen Jahre — 1576 — die Zumuthung des „Anſelm Stböckl“ an Se. Durchlaucht. Denn da ihm Leꜩtere in einer Erbſchaftsangelegenheit nach Tirol ʒu reiſen erlaubte, Stöckl aber auch ſeine „Hausfrau“ mitnehmen wollte, ſo bat er auch, ihm „aus dem fürſtlichen Fuhrſtall 2 Roß ſammt einem Pürſchwägel ʒu vergonnen“. Allein die Hofkammer nahm das Anſinnen gütig auf und entſchuldigt ſich quasi noch, es nicht, erfüllen ʒu können, „weil man die Roß und Wagen bei dem fürſtlichen Wageunſtall in jetʒt vorſtehenter Feldarbeit nit entratten — Stöckl ſcheint bei Hof angeſtellt geweſen ʒu ſein. Ebenfalls 1576 am 15. Oktober bittet der „Herr Kuchenmeiſter“ für den „Viſcherknecht Balthaſar“ ,„ſo man über Land braucht“, d. h. der dienſtlich verreifen ſoll, „ihm in Bedenkung, daß er auf fürgangner Rais in Sachſen ſein gewänntl abgeriſſen und er ſich auf vorſtehente Rais in ſchwarʒ ʒe kleiden nit vermöcht, anitʒt ein gnädig Claid ʒu verordnen“, weßhalb er „ Ellen Münchner Tuech“ aus der „fürſtlichen Schneiderei“ erhält,„dann er deſſen wohl wert ſei“, ſetʒte das Bittgeſuch am Schluſſe bei. Weniger beſcheiden mit ſeinen Forderungen ſcheint der „Pürenmeiſter Peter Peckh“ geweſen ʒu ſein, der, gleichfalls 1576, bittet „ʒu den empfangenen 100 fl. um noch eine mehrere Ergetʒlichkeit“, da er „von wegen ʒwaier Kunſtſtuck, ſo er Sr. Durchlaucht verſchiener (verfloſſener) Ʒeit gemacht und überantwort, 100 Cronen wohl verdient hätte“. Auch er erhält noch 25 fl.„Ergetʒlichkeit“ d. h. Trinkgeld. „Nicolaus Caesareus Mathewmaticus von Eyß 4 leben“ verehrt Sr. Durchlaucht einen „Callender oder Prathica, ſo er auf künfftig Jahr 1577 gemacht“ und „in Sr. Durchlaucht Namen in Druck ausgehn laſſen“, und erhält dafür „ein paar Gulden“. Eine beſondere Ausʒeichnung wurde anno 1577 dem „Sulʒiſchen Präceptor Hilarius Pirkhmair“ ʒu Theil, nämlich für ein Sr. Durchlaucht „verehrtes Exemplar eines durch ihn gemachten Püechls“ ein „Ehrpfenning des kleinen Formbs“, den der „Ʒahlmeiſter“ eigens machen laſſen mußte — alſo eine Art Ordensausʒeichnung. (Ehrpfennige ſind Goldſtücke oder Medaillen, die, bei beſonderen Anläſſen geprägt, nicht ſelten am Halſe getragen wurden.) Ebenfalls 1577 bittet der Abt von Weihenſtephan „demüetig“, ihm, da ihm „ein Wagenroß umgefallen, mit einem andern ſolchen ʒu willfahren“, ein Geſuch, das dem „Herrn Stallmeiſter“ ʒugeleitet wurde mit dem Anfügen, „er wiſſ dem Suplikanten nach Gelegenheit ʒu helfen“. Eine weitere Ausgabe ergab ſich für den „Taufpathen“. Herʒog Ferdinand hat „dreien Burgern“, von denen er jedem ein Kind „aus der Tauf gehebt“, a Gfl. „in die Kindlbett verehrt“. Um eine Unterſtütʒung anderer Art bittet im gleichen Jahre — 1577 — Adam Perg“, der „das Werk mit Druckung der Meßbüecher in Freiſinger Bisſsthum auf ihne genommen“ und deßhalb „einer großen Anʒahl von Pirment (Pergament) bedürftig ſei“, weßhalb man ihm „die Kalbfell, ſo beim fürſtlichen Hofmetʒger vorhanden, um ein recht geld vor Andern ablaſſen mög“, eine Bitte, die allerdings nicht erfüllt werden konnte, da die Kalbfelle ſchon „dem Hofſchuſter verſprochen“. Intereſſiren wird uns bei dieſem Bittgeſuche hauptſächlich die Thatſache, daß „Adam Perg“ eigentlich der „Ordinartiats-Buchdrucker vom Bisthum Freiſing“ war, wenn wir ſo ſagen dürfen. Kaiſer Maximilian II. ſtarb 1576, und in Folge deſſen trat Landestrauer ein. Es bitten daher 1577 „Georg Parth und andere Turner, weil ihnen des Todes des Kaiſers wegen vergangene Weihnachten das Plaſen abgeſchafft wurde“, um Unterſtüꜩung, allein diesmal ohne Erfolg, denn „man hab erfahren“, heißt es in der Begründung, daß die Pekenten „nichts weniger das Neu Jahr erſuecht und eingebracht“, übrigens wiſſe man auch bei der Cammer „um dies Abſchaffen“ nichts. 1577 im April erhält der „geweſte Mundkoch Georg Götſchl“ auf ſeine Bitte 10 fl. als eine „Padſteuer für ſeine Hausfrau nach St. Peters Prunnen“. Alſo ſcheint Petersbrunn bei Leutſtetten damals ſchon eines heilkräftigen Rufes ſich erfreut ʒu haben — mehr wie jeꜩt. Einen gewiſſen Einblick in das damalige Theaterweſen und in deſſen Regie geben uns folgende Bittgeſuche, ebenfalls von 1577 —, die wir ʒur größeren Verſtändlichkeit in ihrem vollen Urtexte hieher ſetʒen: „Hans Hagmeiſter, Schmiedgeſöll, ʒeigt an, als er ſich ʒu jüngſt allhie gehaltner Camedi für einen Haggenſchütʒen gebrauchen ließ, ſei ihme auf den erſten Schuß ohne ſeine Verwahrloſung das Rohr ʒu ſtucken ʒerſprungen, er ſei dadurch hart verletʒt, habe groß Schmerʒ erlitten, Arbeitgeld eingebüeßt und 4 fl. Arʒtlohn beʒahlen müßen, weshalb er um Unterſtütʒung bittet“,— und der 2. Fall:„Georg Aicher bittet wegen in der Camedi durch ein ungerechts Gſchoß, das ʒerſrungen, erlittener Verwundung und Beʒahlung von 2 fl. Arʒtlohn au den Barbier, um Unterſtütʒung.“ Auch für vergeſſene oder nicht geleiſtete Beʒahlungen in Gaſthäuſern oder Herbergen wurde der Herʒog um Reſtituirung der Schuld gebeten. „Kaſpar Rieſch, Gutſchi allhie“, gibt an, „er habe des Pflegers ʒu Tölʒ, wie derſelbe 1577 auf dem Scheibenſchießen allhie geweſt, 3 Gutſchen-Roß 9 Nächt mit Heu und Streu verſehn, dafür von 1 Roß die Nacht 8 kr. Stallmiet gebühre, alſo 1 fl. 21 kr. guet, aber noch nichts erhalten“. Es wäre ʒwar möglich, daß der Pfleger auf höhere Einladung in München anweſend, alſo gleichſam Gaſt des Herʒogs war, wie das ja öfters geſchah, und dann wäre das Bittgeſuch entſchuldbar; jedenfalls viel naiver aber erſchien noch jenes des „Kaſpar Helmerſch von Eſterwerk“, eines „Tuechknappen“, der am 22. Oktober 1577 bei der Hofkammer bittet, ihn „mit einem Trinkgeld ʒu bedenken von wegen daß er dies jetʒt verſchienen Sontag auf dem Sayll ab Sannt Petters Thurn über den Markt herabgefahrn“. — Da die Herren Kammerräthe, wie es ſcheint, dieſer ſeiltänʒeriſchen Produktion nicht angewohnt haben, ſo wurde auch das Geſuch abſchlägig beſchieden.— Zum nähern Verſtändniß möge hier angefügt werden, daß ein „Tuechknapp“, „Tuechknab“ ein„Jägerjunge“ iſt; „Tnech“ iſt Jagdʒeug. Vom letʒten, allerdings nicht ſehr ruhmreichen, Türkenkriege in Ungarn kamen auch mehrere Gefangene nach Deutſchland, und auch nach München. Sie waren in einem beklagenswerthen Zuſtand, und es ſcheint ſich ihrer Niemand ſo recht angenommen ʒu haben, ſo daß ſie von milden Gaben guter Leute lebten. Indeſſen, wo ſo freigebig für Bittende geſorgt wurde wie in München, war das eigentliche „Betteln“ verboten, weßhalb auch „die türkiſchen Gefangenen“ auf ihre Bitte keine Erlaubniß erhielten, „vor den Kirchen ſambeln ʒu dürfen“. — Das war 1582, und im gleichen Jahre vor Oſtern bittet „ein armer Prieſter“, ein Pathenkind des Herʒogs, um einen „langen prieſterlichen Rock auf die vorſtehent heilig Zeit“, eine Bitte, die auch gewährt wurde, die uns aber auch ʒeigt, wie nothwendig Benefiʒiums⸗Stiftungen u. dgl. waren. Wir können nicht mehr denken, wie die früheren Generationen dachten, weil wir in ganʒ anderer Umgebung und in ganʒ anderen Verhältniſſen wohnen, von denen wir vollſtändig beeinflußt ſind, und deßhalb können wir auch nicht mehr ganʒ und voll die Geſchichte verſtehen und beurtheilen, denn ſonſt könnten wir das Anſinnen jener 2 „Turner“ mit keinem Namen belegen, welche im Jahre 1582 die Hofkammer um ein „Trinkgeld“ baten für Uebergabe eines „Verʒeichniß, was geſtalt ſie geſtetrt ʒu Nachts ein Wunderʒeichen am Himmel geſehn“. Damals aber fand man gar nichts Auffälliges in dieſer Bitte, denn die Entdecker dieſes „Wunderʒeichens“ erhielten 1 fl. Trinkgeld. Das war im Märʒ, und im September desſelben Jahres, wohl ermuthigt durch das Gelingen, baten abermals 2 „Turner“ (vielleicht dieſelben) um ein Trinkgeld und erhielten auch 1 fl., weil ſie wieder „Verʒeichniß“ eines „Wunderʒeichens“ einreichten, das ſie „verſchienen Sambſtag Nachts am Himmel geſehn“. Um Schadenerſatʒ reichte der „Pierprew Chriſtoph Mair“ von München im Jahre 1588 ein Geſuch bei der Hofkammer ein, weil, als am Fronleichnamstag „das große Gſchütʒ, ſo gleich vor ſeinem Hopfengarten vor dem Sendlinger Thor geſtanden“, abgeſchoſſen wurde, „ihme nit allein das geprettert Thill Bretter 5 Ʒaun) mit den Stillen ʒerſprengt“, ſondern auch „Schaden an den Stangen“ gemacht wurde. Mair bittet alſo, daß das„Thiä“ wieder gemacht und der Garten „befriedigt“*) werde. Das „große Gſchütʒ“ hat ſich alſo gut bewährt, wenn man bei dieſer Gelegenheit hat etwa auch gleich Schießverſuche damit anſtellen wollen. Wir haben oben ſchon angedeutet, wie einfach es damals ſelbſt bei hoher Feſtesfreude herging, und auch von 1584 erʒählen uns unſere urkundlichen Literalien, wie „3 Stadtpfeifer und ein Organiſt“ eine „Erkenntlichkeit“ von 12 fl. erhalten, weil ſie „auf des Landgrafen ʒu Leuchtenberg Hochʒeit vom Sonntag bis Mittwoch in der Neubeſt (der alte Theil der jetʒigen Reſidenʒ ʒu München) mit ihren Inſtrumenten haben ʒu Tanʒ aufmachen müßen“, und wenn wir jetʒt bei Hofconcerten und Bällen die Hof- und Kammermuſiker in ihren ʒum Theil geſtickten, ſchmucken Uniformen oder auch bei andern Feſtgelegenheiten Hunderte von Muſikern in unſern Monſtre-Produktionen auftreten ſehen, ſo muthet es uns faſt heiter an, ʒu vernehmen, wie 1585 „die 3 Geiger im Küegäßl jüngſt vergangne Faſtnacht in der Neuveſt ʒu Tanʒ gemacht“ und dafür „ein paar Thaler“ erhielten. Wir haben nun aus den Hofkammer-Seſſions-Protokollen einen kleinen Zeitraum um die Wende des 16. Jahrhunderts ausgehoben, um an wenig Beiſpielen ʒu ʒeigen, wie mannigfaltig ſich das landesfürſtliche Unterſtütʒungsweſen damals geſtaltete, und um ein kleines culturhiſtoriſches Gemälde jener Zeit flüchtig ʒu entwerfen. Es erſchien uns gerade dieſe Periode hiefür intereſſant, weil ja die Wende des 16. in das 17. Jahrhundert recht eigentlich auch culturgeſchichtlhich den Wendepunkt einer älteren, gemüthlicheren und einer neueren, ſtrammeren Zeit unſeres engeren Vaterlandes bedeutet. Die Ueberfluthung der Hofkammer mit den unbedeutendſten Geſuchen, oft ganʒ naiver Art, trat allmählig in normale Ufer ʒurück; eine kriegeriſche Periode nahte heran, die ſchon voraus ihre Schatten warf: Rüſtungen wurden eingeleitet, Muſterungen ausgeſchrieben, Feſtungen wie Ingolſtadt und Schärding angelegt, und die Gelder mußten möglichſt ʒuſammengehalten und eingeſpart werden. Mit dem neuen Herrn kam auch, wie das ja meiſt der Fall iſt, ein neuer Geiſt, und — Maximilian ʒog die Zügel ſtraffer an. Du Bois⸗ Reymond †. Als den größten Phyſiologen Deutſchlands, gleichʒeitig als einen der glänʒendſten Schriftſteller und Redner pflegten die Zeitgenoſſen den am 26. Deʒember 1896 an Altersſchwäche verſtorbenen Profeſſor Du Bois⸗Reymond ʒu beʒeichnen. Der Verſtorbene verdiente ohne Zweifel dieſe Lobſprüche; aber er war mehr, als dieſe Würdigung beſagt — er war der einʒige moderne Naturphiloſoph, welcher, obgleich nicht auf dem Boden des Chriſtenthums ſtehend, doch eine ſeltene Objectivität des Denkens in ſeinen Forſchungen bewies. Ja, wir übertreiben nicht, wenn wir ihn den bedeutendſten deutſchen Naturphiloſophen überhaupt nennen; von ſeinen Mitbewerbern auf dieſem Gebiete iſt keiner ſo tief in die Bedeutung der großen Welträthſel eingedrungen. Freilich an der Grenʒe des Supranaturalismus hat auch ein ſo *) Der alte Ausdruck „frieden“,„erfrieden“ ,„befrieden “, „umfrieden“ heißt mit einem„Fried“ d. i. mit einem Ʒaun umgeben— Burgfried. glänʒender Geiſt wie Du Bois⸗Reymond unentſchloſſen Halt gemacht. Die Alternative: Gibt es eine außer weltliche Urſache für Stoff und Leben, gibt es einen Schöpfer? Oder iſt dies Alles durch Zufall entſtanden? ließ er offen mit ſeinem hiſtoriſch gewordenen „Ignoramus et ignorabimus“. Immerhin war dies eine Wort in unſerm naturwiſſenſchaftlichen Zeitalter ſchon einer That gleichʒuachten. Setʒte es ſich doch mit den tendenʒiöſeſten Vorkämpfern der Darwin'ſchen Lehre durch dieſe Reſignation in den denkbar ſchärfſten Gegenſatʒ. Das „Ignorabimus“, wie es auch gemeint ſei, iſt ein Schlag ins Geſicht für die hoffärtige Wiſſenſchaft der Zunftgelehrten. Dieſer Schlag iſt für die moderne Wiſſenſchaft um ſo empfind licher, als es einer der ihren iſt, der ihn geführt hat, ohne Rückſicht auf das ungeheure Aufſehen, das er damit erregen würde. Profeſſor Du Bois⸗Reymond (geboren 7. Mai 1818 ʒu Berlin) war anerkannt als die erſte Autorität auf dem Gebiete der Phyſiologie. Als Schüler von Johannes Müller ſchon befaßte er ſich hauptſächlich mit der Phiſiologie der Nerven. Seine erſte Arbeit behandelte „den ſogenannten Froſchſtrom und die elektromotoriſchen Fiſche“, die Doctor⸗Diſſertation unterfuchte die Kenntniß der Alten von den elektriſchen Fiſchen. Das Hauptwerk ſind die „Unterſuchungen über die thieriſche Elektricität“, welche in den Jahren 1848—1860 erſchienen. Du Bois⸗Reymonds Werke ʒeichnen ſich ſämmtlich aus durch eine bei den meiſten andern Fachgelehrten überaus ſeltene Einheitlichkeit der Weltanſchauung. Es iſt, wie geſagt, nicht die Weltanſchauung des Chriſtenthums, und der geiſtvolle Berliner Profeſſor iſt mit all ſeiner Naturphiloſophie nicht darüber hinausgekommen, daß das letʒte Ergebniß ſeiner Forſchungen ein neues Räthſel, eine Welt voller Widerſprüche war. Eben hierdurch iſt für uns der Verewigte ein claſſiſcher Zeuge geworden für die Unʒulänglichkeit der einſeitig-⸗empiriſchen Erkenntnißtheorie. Sein Scalpell iſt in alle Formen und Zuſtände des menſchlichen Körpers, in alle Details der Nervenmaſſe eingedrungen; ſein ſcharfer Verſtand hat die geringſte Eigenbewegung des Organismus, die letʒte Nevenʒuckung beobachtet. Aber er iſt nicht durchgedrungen ʒu der kleinſten Erkenntniß von dem Uebergang ʒwiſchen der bewegten Materie und dem Bewußtſein; die Kenntniß von der Menſchenſeele hat mit allen Mitteln der Naturwiſſenſchaft nicht errungen werden können. Reſignirt hat der große Gelehrte dies ſelbſt anerkannt in dem häufig citirten Vortrag, den er am 14. Auguſt 1892 vor der 45. Verſammlung deutſcher Naturforſcher und Aerʒte ʒu Leipʒig hielt: „Ueber die Grenʒen des Naturerkennens.“ In dieſem, ſpäter ʒuſammen mit den ſieben Welträthſeln (Leipʒig 1882) erſchienenen Vortrag, der die ganʒe moderne Wiſſenſchaft in Aufregung verſetʒte, ſagte Du Bois⸗Rehmond wörtlich: „Was aber die geiſtigen Vorgänge ſelber betrifft, ſo ʒeigk ſich, daß ſie bei aſtronomiſcher Kenntniß*) des Seelenorgans uns ganʒ ebenſo unbegreiflich wären, wie jetʒt. Im Beſitʒ dieſer Kenntniß ſtänden wir vor ihnen heute als vor einem völlig Unvermittelten. Die aſtronomiſche Kenntniß des Gehirns, die höchſte, die wir davon erlangen können, enthüllt uns darin nichts, als bewegte *) Unter aſtronomiſcher Kenntniß des Gehirns verſteht Du Bois⸗Reymond die Kenntniß der rein mechaniſchen Vorgänge, die Bewegung der einʒelnen Atome. 6 Materie. Durch keine ʒu erſinnende Anordnung oder Bewegung materieller Theilchen aber läßt ſich eine Brücke in das Reich des Bewußtſeins ſchlagen. Bewegung kann nur Bewegung erʒeugen oder in potentielle Energie ſich ʒurückverwandeln. Potentielle Energie kann nur Bewegung erʒeugen, ſtatiſches Gleichgewicht erhalten, Druck oder Zug üben. Die Summe der Energie bleibt aber ſtets dieſelbe. Mehr, als dies Geſetʒ beſtimmt, kann in der Körperwelt nicht geſchehen, auch nicht weniger; die mechaniſche Urſache geht rein auf in der mechaniſchen Wirkung. Die neben den materiellen Vorgängen im Gehirn einhergehenden geiſtigen Vorgänge entbehren alſo für unſern Verſtand des ʒureichenden Grundes. Sie ſtehen außerhalb des Cauſalgeſetʒes, und ſchon darum ſind ſie nicht ʒu verſtehen, ſo wenig, wie ein Mobile perpetuum es wäre. Aber auch ſonſt ſind ſie unbegreiflich.“ Der innere Widerſpruch dieſer Deduction liegt auf der Hand. Die ſeeliſchen Vorgänge entbehren des ʒureichenden Grundes nur vom Standpunkte der rein empiriſchen Erkenntniß aus. Sehe ich trotʒdem ſolche Vorgänge uünverkennbar in und vor mir, ſo folgt daraus für mich nicht, daß ſie keinen ʒureichenden Grund haben, ſondern daß ich dieſen Grund außerhalb des Erfahrungskreiſes der empiriſchen Erkenntniß ʒu ſuchen habe. Dieſes Zugeſtändniß an den Supranaturalismus hat auch ein Du Bois⸗Reymond nicht gemacht — lieber verwickelt er ſich in einen handgreiflichen Widerſpruch und erklärt reſignirt: Ignoramus! Die Entſtehung des Bewußtſeins überhaupt ringt ihm dasſelbe Geſtändniß ab. Dieſe Entſtehung iſt in der Kette der Erfahrung etwas Neues, Unerhörtes,„etwas wiederum, gleich dem Weſen von Materie und Kraft, und gleich der erſten Bewegung Unbegreifliches. Der in negativ unendlicher Zeit angeſponnene Faden des Verſtändniſſes ʒerreißt, und unſer Naturerkennen gelangt an eine Kluft, über die kein Steg, kein Fittig trägt: wir ſtehen an der anderen Grenʒe unſeres Witʒes. Dies neue Unbegreifliche iſt das Bewußtſein.“ Und nun kommt Du Bois ʒu ſeinem hiſtoriſch gewordenen Bekenntniß, „daß nicht allein bei dem heutigen Stand unſerer Kenntniß das Bewußtſein aus ſeinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar iſt, was wohl ieder ʒugibt, ſondern daß es auch der Natur der Dinge nach aus dieſen Bedingungen nie erklärbar ſein wird. Die entgegengeſetʒte Meinung, daß nicht alle Hoffnung aufʒugeben ſei, das Bewußtſein aus ſeinen materiellen Bedingungen ʒu begreifen, daß dies vielmehr im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtauſende dem alsdann in ungeahnte Reiche der Erkenntniß vorgedrungenen Menſchengeiſte wohl gelingen könne: die iſt der ʒweite Irrthum, den ich in dieſem Vortrage bekämpfen will.“ Ignorabimus! Eine Fluth von Entgegnungen ergoß ſich gegen dieſe kühnen Behauptungen. Namentlich die extremen Darwinianer, welche aus Darwins Lehre die Affentheorie entwickelt hatten, fielen über den Berliner Profeſſor her. Aber widerlegt hat ihn keiner. Acht Jahre ſpäter konnte Du Bois⸗Rehmond in ſeinem ʒweiten claſſiſchen naturphiloſophiſchen Vortrage „Die ſieben Welträthſel“ mit überlegenem Humor die Hinfälligkeit der Widerlegungsverſuche darthun; die darin emhaltene Kritik der philoſophiſchen Durchſchnittskenntniſſe deutſcher Gelehrter iſt das Beißendſte, was es außer den Schopenhauer'ſchen Urtheilen gibt. Er warf den Philoſophen Verknöcherung und Einſeitigkeit vor, einen Mangel an Vorbegriffen naturwiſſenſchaftlicher Art uſw. Namentlich Häckel hat ſich im Kampfe gegen Du Bois⸗Reymond hervorgethan. Inʒwiſchen aber haben ſchon längſt Virchow und die meiſten übrigen Autoritäten die affentheoretiſchen Träume rückſichtslos ʒerſtört. Die Vorſehung benutʒt oft die Gegner der Kirche als ihre Werkʒeuge. Du Bois⸗Rehmond war ein ſolches. „Wo der Supranaturalismus anfängt, hört die Wiſſen ſchaft auf“, hat er wohl ſelbſt geſagt. Aber auf die Frage nach einem andern Ausweg hatte er, wie die ganʒe nichtchriſtliche Wiſſenſchaft, nur ein IIgnorabimus?“. (Germania.) Erwähnung verdient Du Bois⸗Reymonds Rede, die er im Jahre 1882 beim Antritt des Rectorates hielt über „Göthe und kein Ende“, worin er ſein Urtheil über die wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen des Dichters vom Staundpunkt exacter Wiſſenſchaft, abgibt. Wenn man weiß, welche Abgötterei stets mit Göthe getrieben wurde und heute noch getrieben wird, wie man den ſelben nicht bloß als Dichter ʒu verherrlichen ſucht, wogegen ja Niemand etwas einwenden kann, ſondern auch, als Ethiker, als Philoſophen, als Natur forſcher uſw. guf den Schild hebt, ſo wird man das Vorgehen des berühmten Phyſiologen nur loben müſſen. Was ſagt nun Du Bois? Er wählte den „Fauſt“ und ſtellte allerlei Betrachtungen, an über „den Helden des modernen deutſchen Nationalgedichtes“. Beſonders den Worten Mephiſto's: Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, und, grün des Lebens goldner Baum“, ſetʒte der Rector ſcharf ʒu. Er ging von, der ſehr naheliegenden Anſicht aus, daß die Muſenſöhne auf dieſe Sentenʒ hin es gar leicht vorʒiehen könnten, dem ernſten Studium einen gelinden Füßtritt ʒu geben, auf dem goldenen Baume des Lebens herumʒuklettern oder unter demſelben müßig abʒuwarten, bis ihnen die Früchte deſelben in das geöffnete Maul, hineinfallen. Iſt es überhaupt nöthig“, ſagt Du Bois mit Recht, die Menſchen ʒu einem praktiſchen und genießenden Leben anʒuhalten? Der, unermeßlichen Mehrʒahl Sinn iſt ja ganʒ von ſelbſt auf nichts Anderes gerichtet. Von nichts Anderm erʒählen Geſchichte und Dichtung, nichts Anderes wird auf den Brettern vorgeführt, welche die Welt bedeuten. Warum ſoll dann auch der Bruchtheil, der gerne im Ewigen und Abſoluten weilt, in Staub und Getümmel des Marktes gelockt werden?“ Auch dem Ausſpruch Göthe's über die Natur; „Was ſie deinem Geiſt nicht offenbaxen mag, das ʒwingſt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“, tritt der Rector als einer hochmüthigen Herabfetʒung des theoretiſchen Studiums entgegen: Fauſt hat ſehr Unrecht mit ſeiner Klage. Richtig gebaute und gebrauchte Inſtrumente erweitern Kenntniß und Macht des Menſchen innerhalb der Grenʒen des Naturerkennens und ſind daʒu unentbehrlich; innerhalb dieſer Grenʒen läßt ſich die Natur ʒu manchem Zugeſtändniß bewegen, wenn auch etwas mehr daʒu, gehört, als Hebel und Schrauben. Wie proſaiſch es klinge: iſt es nicht minder war, daß Fauſt, ſtatt an Hof ʒu gehen, ungedecktes Papiergeld ausʒugeben und ʒu den Müttern in die vierte Dimenſion ʒu ſteigen beſſer gethan hätte, Gretchen ʒu ſein Kind ehrlich ʒu machen, und Elektriſirmaſchine und Luftpumpe ʒu erfinden, wofür wir ihm dann an Stelle des Magdeburger Bürgermeiſters gebührenden Dank wiſſen würden“. Die Farbenlehre Göthe's nennt, Du Bois:„die todtgeborne Spielerei eines autodidaktiſchen Dilettanten“, und bemerkt,„der Begriff der mechaniſchen Cauſalität war es, der Göthe gänʒlich abging“. Auch Gothe's botaniſch⸗morphologiſche Reſultate und die vielgeprieſene Erfindung des berühmten Knochens werden hart mitgenommen, und der Satʒ ausgeſprochen, daß die Biologie auch ohne Göthe auf dem heutigen Standpunkte angelangt wäre. Daß es dit der in Bauſch und Bogen⸗Verhimmelung ſämmtlicher Ausſprüche, Sähe, Anſchauungen und Theorien 7 Göthe's nicht mehr ſo glatt weitergehen kann, wie ſeit 40 Jahren, das iſt evident geworden Leute, wie der bekannte Heinrich Dünꜩer in Köln, werden ſchon auf vielen Seiten nicht mehr recht ernſt genommen. Hören wir, wie dieſer Göthe⸗Exeget die Rectoratsrede des Du Bois abʒufertigen ſich erkühnt: „Ueber die ſchale Schmährede von Du Bois⸗Reymond ein Wort ʒu verlieren, verlohnt ſich nicht der Mühe!“ Düntʒer imponirt damit wohl Niemandem! Eine kritiſche Ausgabe der Papſt-Urkunden bis Innocenʒ III. plant, wie ſchon kurʒ in den Zeitungen gemeldet wurde, die königl, Geſellſchaft der Wiſſenſchaften ʒu Göttingen. Näheres über den großartigen Plan wurde durch eine Rede bekannt, welche Prof. P. Kehr, wohl der Urheber dieſes Planes, am 7, November in der öffentlichen Sitʒung der genannten Geſellſchaft hielt. Es konnte kein Zweifel fein, daß eine Herausgabe ſämmtlicher Papſt⸗Urkunden in der abgeſteckten Zeit, guch für eine gelehrte Geſellſchaft als eine kaum ʒu bewältigende Arbeit angeſehen werden mußte. Denn das bekannte Werk Jaffé's, welches die Regeſten der Papſt⸗Urkunden bis 1198 ʒuſammenſtellt, weiſt in der ʒweiten, 1888 abgeſchloſſenen Ausgabe ſchon 17,900 Urkunden auf, woʒu nun noch die immer weiter neun aufgefundenen Urkunden hinʒukommen. So konnte es ſich nur um die Frage handeln, wie die Göttinger Geſellſchaft ihre Edition beſchränken will. Es wird ʒunächſt ausgeſchieden die große Maſſe der älteren Papſtbriefe, die nicht in ſelbſtſtändiger Ueberlieſerung auf uns gekommen ſind, ſondern dem Intereſſe der Kirchenhiſtoriker oder Canones⸗Sammler ihre Erhaltung verdanken. Ebenſo werden die Ueberreſte der älteren Regiſterſexien nicht in Betracht geʒogen. Die Regiſter ſind jene Sammlungen päpſtlicher Schriftſtücke, welche in der päpſtlichen Kanʒlei angelegt wurden, Was von den ältern Regiſtern in Ausʒügen und Bearbeitungen erhalten iſt, die Londoner und Cambridger Sammlung wie die Regiſter Gregors I. und Gregors VII. liegt uns ſchon in neuen Editionen vor. Von InnocenʒIII. ab (1198- 1216) beginnt die Reihe der erhaltenen ʒuſammenhängenden Regiſterbände, deren Erforſchung ſeit Exöffnung des vaticaniſchen Archivs ʒahlreiche Gelehrte ſich widmen. Dieſe Reihe der jüngeren Regiſterbäude begrenʒt den Editionsplan, der eben mit 1188 abſchließen ſoll. Den Inhalt der Editionen ſollen alſo diejenigen eigentlichen päpſtlichen Urkunden bis 1198 bilden, welche nicht in geſchloſſenen Sammlungen ſelbſtſtändiger Ueberlieferung erhalten ſind, ſondern die von Rom erlaſſen über das ganʒe Abendland ſich ʒerſtreuten. Was ſind nun aber Urkunden im Sinne der geplanten Edition? Als Urkunden kommen nach Kehr für den Editionsplan nur, diejenigen Schriftſtücke der römiſchen Kanʒlei in Betxacht, „die in irgend einer Weiſe in die rechtlichen Verhältniſſe desjenigen, für den ſie ausgeſtellt wurden, eingriffen oder einʒugreifen beſtimmt waren. Es ſind ʒugleich diejenigen, die weniger den Theologen, um ſo mehr aber den Hiſtoriker und Juriſten angehen, es ſind nicht die Briefe und Decrete des die Gläubigen belehrenden und die Canones interpretirenden Oberhauptes der Kirche, ſondern die Urkunden des die Kirche und die mittelalterliche Welt regierenden Papſtthums“. Die päpſtlichen Schreiben der erſten Jahrhunderte ſeien meiſt Briefe ohne die ſpecifiſchen Formen und Wirkungen der Urkunde. Denn ſo groß gauch das Anſehen des römiſchen Biſchofs ſchon in den erſten Jahrhunderten, und ſo allgemein der Glaube verbreitet war, daß er die apoſtoliſche Tradition und die authentiſche Lehre St. Peters, des Apoſtelfürſten, bewahre, noch war ſeine Autorität ʒwar eine eminent moraliſche, aber weit entfernt davon, eine rechtliche ʒu ſein.“ Die Unterſcheidung, welche Kehr machen will, iſt eine ſehr feine, und es iſt vorausʒuſehen, daß ihr von katholiſchen Kirchenrechtslehrern Widerſpruch entgegengeſetʒt werden wird. R. v. Scherer ſagt, im Kirchenlerikon IX², 1423 über die Papſtbriefe ausdrücklich:„Doch darf aus der Briefform der äpſtlichen Erlaſſe und deren vorwiegend paränetiſchem Ton nicht gefolgert werden, daß denſelben kein rechtlicher Charakter, keine juriſtiſche Verbindlichkeit innewohne.“ Kehr geſteht auch ʒu, daß es überaus ſchwierig ſein wird, „die Urkunden im ſtrengen Sinn“ von der großen Maſſe der päpſtlichen Schriftſtücke der ältern Zeit ʒu unterſcheiden. Als die erſten päpftlichen Urkunden im ſtrengen Sinne ſieht er jene bis in das vierte Jahrhundert ʒurückreichende Schreiben an, in denen die Biſchöfe von Theſſalonich und Arles ʒu päpftlichen Vicaren beſtellt werden. Sodann rechnet er daʒu die eigentlichen Privilegien, durch welche die Päpſte das Verhältniß einʒelner Klöſter ʒu ihren Ordinarien ʒuerſt beſtätigten, dann aber, auch von ſich aus regelten. In Beʒug auf ſolche Privilegien will er eine Ausnahme von der Nichtberücksichtigung der älteren Sammlungen und Regiſter machen; ſie ſollen aus dieſen Sammlungen heraus⸗ geʒogen werden. Mehr einleuchtend als die Abgrenʒung des Editionsſtoffes ſind die kritiſchen Grundſäꜩe, welche Kehr für die Herausgabe als maßgebend hinſtellt. Der erſte Grundſaꜩ iſt, daß man auf die Originale ʒurückgehe, wenn ſolche nicht vorhanden, auf die nächſte beſte Ueberlieferung. Die Durchführung dieſes Grundſatʒes hat aber große Schwierigkeiten, da das älteſte uns im Original erhaltene Papſt⸗Privileg vom Jahre 819 iſt, im 9. und 10. Jahrhundert überhaupt kaum 20 Origingle vorhanden ſind, erſt im 11. Jahrhundert, in welchem die päpſtliche Kanʒlei von dem wenig dauerhaften Papyrus ʒum Pergament überging, gegen 200 Originale vorliegen, deren Zahl im 12. Jahrhundert freiſich dann bedeutend überschritten wird. Die ʒweite Aufgabe iſt die Scheidung des Echten von dem Unechten nach den aus der Vergleichung der Urkunden entnommenen Kriterien. Es werden bei der Ausführung dieſer Aufgaben ganʒ außerordentliche Leiſtungen von der noch jungen hiſtoriſchen Hilfswiſſenſchaft der Diplomatik verlangt, aber mit Recht kann Kehr auch von den außergewöhnlichen Erfolgen ſprechen, die hier winken, und es ſcheint uns auch, daß Kehr, nach ſeinen bisherigen Arbeiten ʒu urtheilen, ganʒ die Perſönlichkeit iſt, um ein ſolches Unternehmen glücklich ʒu leiten, Wir können nur wünſchen, daß er allenthalben die Beihilfe und Unterſtüꜩung findet, die er ſich erbittet. Köln. Volksʒtg.) Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck verboten.) Januar. 1. Aufſtand auf Formoſa; 1000 Rebellen greifen erfolglos Thei⸗ pe an. 1. Einbruch des engliſchen Flibuſtiers Dr. Jameſon in Transvaal; Schlacht bei Krügersdorf; die Engländer von den Boeren völlig geſchlagen; Dr. Jameſon gefangen genommen. 2. Die Hammerſtein⸗Affaire erſcheint in der Preſſe. 3. Glückwunſch⸗Telegramm des deutſchen Kaiſers an den Transvaal⸗Präſidenten Krüger wegen Abwehr des Jameſon'ſchen Einfalles. 6 Marſchall Martineʒ Campos gibt infolge ſeiner Mißerfolge auf Cuba ſeine Entlaſſung. 7. Aſſeſſor Wehlan wegen ſeiner Amtsführung als Reichsbeamter in Kamerun von der kaiſerlichen Disciplinarkammer in Potsdam ʒu 500 Mark Strafe verurtheilt. 8. Professor K. Röntgen in Würʒburg hat die X-Strahlen entdeckt. 9. Interpellation im bayeriſchen Abgeordnetenhauſe betr. die Vorfälle im Pſchorrbräu während der Sylveſternacht. 9. Wiedereröffnung des deutſchen Reichstages. 12. Peſtaloʒʒi⸗Feiern im Reiche. 15. Deutſcher Reichſtag: Antrag Hitʒe und Gen. betr. Arbeiterſchutʒ. 16. Deutſcher Reichſtag: Antrag Kanitʒ. 17. Deutſcher Reichſtag: Feierliche Einbringung des Entwurfes des bürgerlichen Geſetʒbuches durch den Reichskanʒler Fürſt Hohenlohe. 17. Dr. Jameſon und Genoſſen werden an England ʒur Beſtrafung ausgeliefert. 18. Allgemeine große Feier des 25jährigen Erinnerungstages der Neubegründung des deutſchen Reiches. 24. Das Fort Makalle von den Italienern geräumt; freier Abʒug der Garniſon mit Waſſen, Munition ꝛe. (Weiſt ſich ſpäter als Abʒug unter abeſſyniſcher Escorte aus.) 27. Audienʒ des Fürſten Ferdinand von Bulgarien beim Papſt;: dieſer verhält ſich ʒum Uebertritt des Prinʒen Boris ablehnend. 8 Februar. 1. Austritt des Hofpredigers Stöcker aus der conſervativen Partei. 1. Deutſcher Reichstag: Brauſewetter⸗Debatte. 1. Erſter Erfolg des ſpaniſchen Generals Weyler auf Cuba; die Aufſtändiſchen bei Santa Lucia geſchlagen. 3. Deutſcher Reichsſstag: Erſte Berathung des bürgerlichen Geſeꜩbuches. 5. Beginn des großen Lohnkampfes in der Confectionsbranche in Berlin. 8. Deutſcher Reichstag; Autrag Rückert und Gen, betr. Abänderung des Wahlgeſetzes für den deutſchen Reichstag abgenommen. 10. Großer Meteorfall in Madrid. 10. Deutſcher Reichſtag: Erſte Berathung der Gewerbeordnungs⸗Novelle. 11. Deutſcher Reichſtag: Berathung der Erklärung des Reichskanzlers zur Währungsfrage. 11. Große Niederlage des Kabinets Bourgeois im franzöſiſchen Senat bei der Eiſenbahnfrage und der Strafverfolgung Raynals. 11. Fürſt Ferdinand von Bulgarien vom türkiſchen Sultan officiell als Souverän von Bulgarien anerkannt. 14. Taufe des bulgariſchen Prinzen Boris in Sofia. 15. Die Wahlreform vor dem öſterreichiſchen Parlament. 15. Deutſcher Reichstag: Große Debatte betr. Soldatenmißhandlungen. 17. Eine Depeſche aus Irkutsk meldet die Rückkehr Nanſen's. 18. In der deutſchen Colonialgeſellſchaft wird Dr. Peters an Stelle des Prinzen Arenberg zum Vorſitzenden gewählt. 19. Der Ausſtand in der Confectionsbranche durch das Einigungsamt beigelegt. 25. Dr. Jameſon trifft in London ein und wird jubelnd empfangen. 28. Der Senat in Waſhington anerkennt mit großer Mehrheit Cuba als kriegführende Macht. März. 1. Schlacht bei Abba Carima (Adua); die Italiener unter General Baratieri werden von Menelik und den Abeſſyniern total geſchlagen und in wilder Flucht zerſtreut. Verluſt der Italiener ca. 8000 Mann und ſehr viel Kriegsmaterial; Heldentod des Generals Dabormida und Gallianos. 2. Das Repräſentantenhaus in Waſhington anerkennt ebenfalls mit erdrückender Mehrheit Cuba als kriegführende Macht. 2. Großer Empfang des Papſtes aus Anlaß ſeines Jahrestages der Thronbeſteigung, 3. Großes Gruben⸗Unglück auf der Kleophas⸗Grube bei Kattowitz; 109 Todte. 3. Ein Decret des Königs entbindet den General Baratieri von ſeinem Poſten als Gouverneur von Erythräa und ein Decret (vom 22. Februar) ernennt den General Baldiſſera zum Befehlshaber der italieniſchen Truppen in Afrika. 4. Die Demiſſion des Miniſteriums Criſpi vom König von Italien angenommen. 5. Stürmiſche Sitzung der römiſchen Deputirtenkammer. Große Inſulten gegen Criſpi und Bedrohung desſelben. Der römiſche Senat läßt Criſpi ebenfalls fallen. Krawalle in Mailand; Straßendemonſtrationen in Rom. 9. Neues italieniſches Kabinet Rudini. 11. Der lippiſche Landtag exklärt ſich gegen die Regentſchaſt des Prinzen Adolf. 13. Deutſcher Reichſstag: Kolonialdebatte; Erhebung furchtbarer Anklagen gegen Dr. Peters. Disciplinar⸗Unterſuchung gegen Dr. Peters eingeleitet; dieser legt den Vorſitz in der Kolonial-Geſellſchaft nieder. 16. Die franzöſiſche Deputirtenkammer genehmigt die Geſetzes⸗Vorlage betr. die Weltausſtellung. 21. 25jährige Jubelfeier des Reichstages. 22. Die italieniſche Deputirtenkammer bewilligt den Afrika⸗ Credit mit 217 gegen 122 Stimmen. 24. Das deutſche Kaiſerpaar in Genua ſehr gefeiert, 25. Im Lebaudy⸗Proceß funf Freiſprechungen, zwei Verurtheilungen. 26. Fürſt Ferdinand von Bulgarien vom kürkiſchen Sultan in Konſtantinopel in feierlicher Audienz empfangen. Recenſionen und Notizen. Hiſtoriſche Abhandlungen, herausgegeben von Dr. Th. Heigel und Dr. He Grauert. München, Lüneburg. IV. Heft: Das Ceremoniell der Kaiſerkrönungen von Otto I. bis Friedrich II. von Dr. phil. Anton Diemand. 1894. 150 Seiten. 8°. M. 5.—. V. Heft: Johann Heinrich v. Schüle und ſein Prozeß mit der Augsburger Weberzunft(1784 1785) von Dr. Armin Seidl. 18904. 60 Seiten. M. 240. VI. Heft: Der Friede von Füſſen(1745) von Dr. Georg Preuß. 1894. 128 Seiten. 8°. Die Ceremonien (Ordines) bei der Krönung der römiſchdeutſchen Kaiſer des früheren Mittelalters waren bereits von G. Waiß (Abhandlung der Göttinger Geſellſchaft der Wiſſenſchaften, Band 18) und J. Schwarzer (Forſch⸗ ungen zur deutſchen Geſchichte, Band 22) in eingehender Weiſe behandelt worden, Deßungeachtet iſt es A. Diemand in oben citirter Schrift, beſonders durch Vergleichung der Ordines der Kaiſerkrönung mit jenen der deutfſchen Königskrönung, gelungen, manche neue Geſichtspunkte zu gewinnen und ſeine Vorgänger verſchiedentlich zu berichtigen. Derſelbe ſtellt zunächſt die Ordines feſt, welche bei den einzelnen Kaiſerkrönungen in Anwendung kamen, wobei er drei Perioden in der Ausbildung des Ceremoniells conſtatiren kann. Die erſte reicht von Otto I. bis Heinrich V,, die zweite von Lothar III. bis Heinrich VI.; von ihr leitet die Krönung Otto's IV. zur dritten Entwicklungsphaſe (Friedrich II. und Heinrich VII.) über. Den zweiten Abſchnitt der Arbeit bildet die ſchon erwähnte Vergleichung der Kaiſerkrönung mit der Königskrönung. Im dritten Theile wird der Verlauf der Kaiferkrönung in den einzelnen Perioden der Entwicklung ihres Ceremoniells anſchaulich geſchildert, wobei neben den gedruckten und ungedruckten Ordines der Kaiſerkrönung auch die Nachrichten zeitgenöſſiſcher Schriftſteller, ſoweit ſie einer ſtrengen Kritik Stand hielten, die Quellen bilden. In einem Excurſe wird der vielumſtrittene Eid behandelt, den der deutſche König vor der Kaiſerkrönung dem Papſte zu leiſten hatte, und in der Beilage werden verſchiedene, bisher ungedruckte Ordines aus Handſchriften des 10. bis 14. Jahrhunderts zum erſten Male veröffentlicht. — Mit Benützung bisher unedirter Aeten des Augsburger Stadtarchivs und an der Hand überkommener Familienpapiere behandelt A. Seidl in erſchöpfender Weiſe den Streit des Neſtors der deutſchen Kattundrucker Heinrich von Schüle, mit der Augsburger Weberſchaft 1764—85). Die letztere ſah ſich durch die von Schüle betriebene En gros⸗Einfuhr oſtindiſcher Cottons in ihrer Exiſtenz bedroht und war deßhalb nach Kräften bemüht, dem rückſichtsloſen Groß⸗Induſtriellen das Handwerk zu legen. Der darüber entſtandene Prozeß ſpielte zumächſt vor dem Senate der ſchwäbiſchen Reichsſtadt und ſpäter vor dem kaiſerlichen Reichs⸗Hofrathe in Wien. Er erregte ob ſeiner wirthſchaftlichen Bedeutung weithin in deutſchen Landen berechtigtes Aufſehen. Bedeutete er doch für Augsburgs bedeutendſtes Gewerbe die wirthſchaftliche Revolution, welche dem Zunftweſen den Todesſtoß verſetzte und dem modernen Großbetriebe in Handel und Induſtrie die Wege bahnte. — Für die Monographie des G. Preuß über den Füſſener Frieden vom Jahre 1745, womit der Verſuch der bayeriſchen Wittelsbacher, dem Hauſe Habsburg die Führerrolle in Deutſchland dauernd zu entreißen, ein ſo klägliches Ende nahm lieferten neben den einſchlägigen bayeriſchen Staats⸗ und Privat⸗ Archiven das k. k. Geh, Haus⸗, Hof⸗ und Staatsarchiv und das k. k. Kriegsarchiv in Wien reichliches Quellenmaterial. Aufbauend auf, von Arneth's Meiſterwerk: „Maria Thereſia's erſte Regierungsjghre“ hat Preuß unter richtiger Würdigung der in München und Wien maßgebenden Verhältniſſe die beabſichtigte erſchöpfende Darſtellung des Verlaufes der Friedensverhandlungen geliefert. Der Schwerpunkt der Arbeit dürfte in dem Nachweiſe liegen, daß vor Allem die zweideutige Haltung des Grafen Seckendorff in der Kriegsführung und bei den Friedensverhandlungen ſchuld daran war, daß Bayern ſich zu dem wenig ehrenvollen Frieden bequemen mußte. Gl. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg. 2 15. Jan. 1897. Ein sociales Wirken in der Stille der Familie. Monsiguor Joseph Weis, er Gründer und Vater der Marien-Anstalt in München und Warenberg. 3. 8. Die neuere Natnrwissenschaft kommt immer mehr zur vollen Erkenntniß des Princips der Einfach heit, welches ehedem Galilei mit so großem Erfolg verwerthet hat. Die großen Revolutionen der Erdoberfläche sind in unseren Tagen auf die einfachsten Erscheinungen, das Gesetz der Schwere und das Gesetz der Temperatur-veränderung, reducirt worden. Vielleicht kommt unsere Wissenschaft von den Revolutionen des socialen Körpers auch einmal zu dem Verständnisse dessen, was Euler das Princip der kleinsten Aktion in der Mathematik genannt hat, oder was bei Matthäus 13, 33 zu lesen ist: „Gleich ist das Reich Gottes dem Sauerteig, den ein Weib nimmt und in drei Maße Mehl mischt, bis das Ganze durchsäuert ist." Wer etwa während eines Menschenalters Gelegenheit hatte, das stille Wirken des am 13. November 1895 dahingegangenen Geistlichen Rathes Weis zu beobachten, dem wird es kaum schwer werden, zu sagen, daß dieses Gesetz der Einfachheit die Lebensmaxime des Mannes war, der in stiller Zurückgezogenheit bis in die letzten Tage seines Lebens eine geradezu erstaunenswerthe Arbeitskraft war in aller Stille, im Kreise der Seinen. Wenn wohl auch dem Fernestehenden schon die äußere Erscheinung, die imponirende Gestalt, welche ein nicht geringes Maß von Energie bekundete, mit welcher jedoch Güte und Milde gepaart waren, auffallen mußte: seiner Umgebung war er noch viel mehr, er war allen seinen Kindern gegenüber die Liebe selbst. Seinen Freunden war er der treueste Freund, liebenswürdig, Niemand verletzend, heiter nach harten: Tagewerk. Nicht selten war seine Unterhaltung voll Humor, kleinen Schwächen Anderer gegenüber besaß er die seltene Gabe liebenswürdiger Schalkhaftigkeit. Bis in die letzten Tage seines Lebens gab er täglich fünf bis sechs Stunden Unterricht, nicht etwa bloß in der Religion, sondern auch in andern Gegenständen. Er unterrichtete die Schwestern und Kinder in Gesang und Musik, in den Gegenständen der Haushaltung, ja oft in den gewöhnlichen täglichen Arbeiten. Dazu hatte er als geistlicher Leiter der Anstalt den täglichen Gottesdienst, die Spendnng der Sakramente, den Beichtstuhl für die Kinder und Schwestern zu versehen. Jeden Sonntag hielt er noch abwechslungsweise besondere Vortrüge. Dabei fand er aber noch hinlänglich Zeit, die Arbeit der Hand in vielseitigster Weise zu verbinden mit der Arbeit des Kopfes. Beide Arten wechselten gegenseitig ab, die Arbeit der Hand war für ihn Erholung. Schon die ausgedehnten Gärten in der Anstalt München gaben ihm volle Gelegenheit, seine Kenntnisse als Pomologe und Gärtner zu verwerthen. Er verstand es, die feinsten Obstarten und besten Gemüse zu produciren. Erst aber, als er das in der Nähe von München gelegene Gut Warenberg mit einem Komplex von nahezu dreihundert Tagwerken erworben hatte, also in dem letzten Decenuium seines Lebens —, ein Gut, das nebenbei fast gänzlich vernachlässigt, dessen Gebäude und Inventar in trostlosem Zustande waren, — da entfaltete sich die ganze vielseitige Thätigkeit des Mannes auch als Leiter eines Oekonomie-Anwesens. Ueber 500 Bäume hat er in dem Garten selbst gesetzt. Der Zweck der Erwerbung desselben war zunächst, sich für eine tägliche Tischgenossenschaft von etwa dreihundert Personen, Schwestern, Pensionären, Kindern — die täglich kommenden und gehenden Dienstmädchen nicht gerechnet — die nothwendigsten Nahrungsmittel, Brod, Milch, Fleisch, Gemüse, zu verschaffen. Dazu kam noch — die Absicht, in Warenberg eine Filiale der Maricnanstalt München zu errichten, nämlich eine Haushaltungsschule für die Töchter der Landwirthe. Dieselbe wurde errichtet und von etwa 50 Mädchen besucht, sobald die Gebäude in Stand gesetzt waren. Welche Erfahrungen, welche Enttäuschungen mußte der gute Vater Weis machen, bis er die Gebäude der Anstalt in München, wie sie jetzt sind, zu Stande brachte — welche Sorgen und Mühen kostete das! Kaum war der Neubau der Maricnanstalt München zu Ende, begann der Umbau und Neubau in dem neu erworbenen Warenberg. Dort mußten Pferde, Kühe, Ochsen, Wagen, Pflüge gekauft, die Wirthschaft neu or- ganisirt, die vernachlässigten Gründe verbessert werden. Schon jetzt ist das Gut als Muster-wirthschaft zu bezeichnen. Und heute ist in München und in Warenberg nur Eine Klage der leitenden Organe: nämlich die, daß sie keinen Platz mehr für so viele arme Kinder und Dienstmädchen haben, obwohl täglich sechzig bis siebzig der letzteren ihre Unterkunft und Nahrung im Hanse vorübergehend haben; darunter viele, die von der Heimath kaum ein Paar Strümpfe, ein Hemd, vielleicht einige Mark — als ganze Habe mitbringen. Solcher armer Geschöpfe, welche hier ein Heim gefunden seit Vater Weis die Anstalt gegründet, sind etwa 70,000. Wenn man bedenkt, welche Gefahren einem armen Landmädchen drohen, das unerfahren wenn nicht der Verführung, so doch der Ausbeutung, der Schädigung der Gesundheit der Seele und des Leibes entgegengeht: so wird die sociale Wirksamkeit der Anstalt nach dieses Seite hin vielleicht nicht zu gering taxirt werden. Wenn man dazu oft die ganz eigenartige Hilflosigkeit rechnet, die Nachwehen einer vernachlässigten häuslichen Erziehung, manchmal sogar eine Art naiver Wider- borstigkeit, welche in der unbedingt nothwendigen Hausordnung einen Eingriff in die persönliche Freiheit sieht, von schlimmeren Dingen nicht zu reden, welche die Vorsteherin sogar nöthigen, die Polizei in Anspruch zu nehmen: so wird mau die Arbeit und Geduld der Schwestern verstehen. Dieses tägliche Kommen und Gehen, Sichan- und -abmelden, sich den betreffenden Hausmüttern — doch um modern zu sprechen — den Damen vorstellen lassen usw., von Morgen früh bis spät Abend. Dazu in jüngster Zeit die nicht selten telephonischen und telegraphischen Anfragen; von der brieflichen Correspondenz gar nicht zu reden. All das verlangt ganz selten beanlagte Naturen, die nicht ermüden, nicht ungeduldig, nicht zaghaft werden, um diesen Dienst von Morgen früh bis spät Abends zu thun, und — freudig zu thun. Dazu kommt noch die Eigenart — oder manchmal Unart — der Herrschaften, welche Dienstmädchen suchen, die Anstalt für alles Mögliche und Unmögliche haftbar machen, nicht selten selbst' Unmögliches von den armen Geschöpfen verlangen. Selbstverständlich fehlt es da nicht au Enttäusch- 10 «stgen, an Klagen, an Vorwürfen von Seite der Damenwelt, nicht bloß gegen die empfohlenen Mädchen, sondern gegen die empfehlenden Schwestern, gegen die Anstalt selbst. Wenn wir nun erwägen, wie so manche moderne Damen alle möglichen guten Eigenschaften besitzen, nur die eine einer guten Hausfrau nicht — so können wir ungefähr ahnen, wie die leitenden Schwestern täglich einen eigenartigen Kampf um's Dasein führen. Und doch — leidenschaftliche Auftritte sind höchstens auf Seite der Damenwelt. Die Schwestern selbst sind dabei stets freundlich, artig, erwidern die oft ungegründeten Angriffe, reduciren die übertriebenen Anforderungen auf das Mögliche. Gewöhnlich genügen drei Schwestern, um die ganze Last des Bureau's zu versehen, die Bücher zu besorgen, die Korrespondenzen zu pfl gen. Im Hintergründe steht die leitende, liebevoll gebietende, immer gleiche, freundliche Schwester Sophie — die Oberin der ganzen Anstalt, die nur eine Klage hat, — nicht die Klage über Undank, Müdigkeit, Unverstand, Hochnäsigkeit — nein — die Klage, daß sie nicht mehr zu leisten vermag, daß der Raum der Anstalt zu klein ist für die sich stets steigernde große Nachfrage. Nach München kommen jährlich Tausende dienstsnchender Geschöpfe. All das vollzieht sich stille in dem Erdgeschoß der Anstalt. In den oberen Etagen sind die Arbeitsschulen, die Arbeitsstätten, in denen unter der Leitung gewiegter Kräfte, technisch vorzüglich gebildeter Schwestern, alle möglichen weiblichen Näharbeiten, von der gewöhnlichsten bis zur feinsten, ausgeführt werden. Hier lernen nicht bloß die der Anstalt angehörigen internen Mädchen, sondern ebenso externe so viel, daß sie ihren Lebensunterhalt zu verdienen vermögen. Und Jahre lang war von all dem der leitende, führende Geist der geistliche Vater Weis. Bei ihm fanden die Schwestern stets Rath und Hilfe. Wenn es Schwierigkeiten und Hindernisse gab — sie kamen zu ihm. Er fand, freilich oft nach harten Mühen, immer wieder einen Ausweg. Wie viele Mütter, wie viele Väter kamen zu ihm, oft ohne einen Pfennig Geld, und baten ihn, ihr Kind in die Anstalt aufzunehmen! Wie viele Waisenkinder haben hier Vater und Mutter gefunden! Und wie viele Demüthigungen mußte der Dahingegangene erfahren bei Solchen, welche kein Verständniß für sein Wirken, für seine Ideen hatten, deren Hilfe oder deren Wohlwollen und Geneigtheit aber die Anstalt nothwendig bedurfte. In späteren Zeiten äußerte er sich über manche seiner mißlungenen Versuche, über manche Enttäuschungen oft humoristisch. Als einmal zu unseren Füßen eine Ameise vergeblich ein Stückchen Holz bald von dieser, bald von jener Seite packte, bis es ihr endlich gelang, die große Last zu bewegen, lachte der treffliche Mann herzlich — er hatte einen scharfen Sinn für Naturbeobachtung — und sagte: Gerade so ist mir's auch oft gegangen. Er mußte, wie so mancher Andere, bei seinen vielseitigen Unternehmungen, Bauten, Käufen usw. die Erfahrung machen, daß er von den Geschäftsleuten übel berathen und ungeschickt bedient oder geschädigt wurde in manchen Dingen, die er, auf fremden Rath sich verlassend, ausführte. Wie kam ihm da die Vielseitigkeit seiner Kenntnisse, sein praktischer, schnell das Rechte findender Sinn, namentlich seine Meuschenkenntniß zu statten! Wie oft dankte er seinem Vater, der als Lehrer auf i>em Lande eine Art Factotum der Bildung für seine Kinder sein mußte, in seinen späteren Lebensjahren, indem er dessen Maxime billigte: man kann nie zu viel lernen! Fast volle 40 Jahre war der sei. Weis Führer und Leiter, Stecken und Stab der Marien-Anstalt. Der Gründungstag war der 12. Oktober 1856. Geboren ist Joseph Weis den 8. Januar 181? als Sohn des Lehrers Weis in Waldeck in der Oberpfalz, Diöcese Negensburg. Er absolvirte das Gymnasium in Bayreuth, das Lyceum in Amberg, wurde den 15. Juli 1843 vom Bischof Valentin von Niedel in Negensburg zum Priester geweiht, versah seine ersten Seelsorgsposten in Ober- viechtach, Weiden, Tirschenreuth, Pressath, Neustadt a. d. W.-N. Als im Jahre 1846 sein Vater gestorben war, mußte der junge Priester die Sorge für seine Mutter und sieben kleinere Gcschwisterte übernehmen. Im Jahre 1853 wurde er Prediger an der Heil. Geistkirche in München, diese versah er bis 1865. Außerdem wurde er Religionslehrer an der damaligen Kreis-Gewerbeschule, eine Stelle, die er 25 Jahre mit voller Aufopferung versah. Ferner wirkte er Jahre lang in gleicher Eigenschaft an der Schule des kathol. Gesellenvereins. Dazu kam noch eine angestrengte Thätigkeit als Privatlehrer, um die Mittel für die Seinigen zu erwerben. (Schluß folgt.) Zur Geld- und Kreditwirthschaft im 16 . Jahrhundert. Von Dr. Franz Schweyer. Man braucht kein Anhänger der sogen, materialistischen Geschichtsauffassung zu sein, wenn man behauptet, daß die ökonomischen Verhältnisse einer Zeit, einer Nation einen weitgehenden Einfluß auf die allgemeine Entwickelung, insbesondere auch auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse, ausüben, und daß thatsächlich dieser Einfluß ein weit größerer ist, als gemeiniglich angenommen wird. Je mehr die Forschung aus dem Gebiete der Wirthschaftsgeschichte fortschreitet und uns über die Zustände einer früheren Wirthschaftsepoche aufklärt, je mehr wir wahrnehmen, daß hinter den Erscheinungen des politischen Lebens und den Ereignissen der Weltgeschichte als Triebfeder neben einer Reihe anderweitiger Faktoren insbesondere auch ökonomische Verhältnisse wirken, desto mehr wird die aufgestellte Behauptung allmählig zu einer unumstößlichen Thatsache, und desto mehr wird deßbalb die Wirthschaftsgeschichte au Ansehen und Bedeutung gewinnen. Neuerdings liegt ein Werk vor uns, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die wirthschaftlicheu Vcrbältuisse einer vergangenen Zeit nach einer ganz bestimmten Richtung hin eingehend zu untersuchen, die Ergebnisse der Untersuchung längst als feststehend anerkannten Thatsachen der Geschichte gegenüberzustellen und gar vielfach eine Wechselbeziehung derart darzuthun, daß erstere als Ursache oder wenigstens Mitursache, letztere als Wirkung erscheinen müssen. Es ist das vor nicht langer Zeit erschienene Werk des I)r. Richard Ehrenberg über das Zeitalter der Fugger.') 0 Ehrenberg (Nich.), Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Krcditverkehr im 16. Jahrhundert. Bd. 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts. Jena, Fischer. 1896. 8". M. 8. 11 Der Mensch mit seinem schwachen Erkenntuißver- m'ögen und seinem angeborenen Hang am Nächstliegenden, an der Gegenwart, hat nur zu rasch und zu leicht das Verständniß für frühere Verhältnisse verloren und ist nur zu sehr geneigt, die Vergangenheit mit dem Maßstabe der Gegenwart zu messen. Eine schwierige Aufgabe bleibt es darum für den Forscher, nicht bloß einzelne Thatsachen, sondern längst vergangene Zustände, nicht mehr gekannte Begriffe und Einrichtungen dem Verständnisse näher zu bringen. Je mehr es ihm dann gelingt, ein bereits zerrissenes Bild aus einzelnen Ueberresten wieder zu reconstrniren, in desto vollkommenerer Weise hat er seine Aufgabe erfüllt, und desto sicherer wird sein Werk auch verstanden und anerkannt werden. Der Verfasser hat nun mit staunenswerthem Eifer eine Fülle von Material, das zerstreut und oft nur wenig beachtet — weil in seinem Werthe nicht verstanden — in einzelnen Archiven sich vorfand, gesammelt, gesichtet und aus demselben ein stattliches Gebäude aufgeführt. Wenn wir trotzdem bedauern, daß einzelne Lücken in dem Ganzen sich finden, so liegt die Schuld an der unvollkommenen Ueberlieferung, nicht an der Person des Verfassers. Er hat ein vielseitiges Material der Vergessenheit, zum Theil auch dem Untergänge entrissen. Zu letzterer Annähme berechtigt wohl der Zustand, in dem er einzelnes Akten- matcrial vorfand. Dieser war vielfach ein solcher, daß man ersehen konnte, wie wenig Bedeutung bisher den ökonomischen Verhältnissen beigemessen wurde. Der Verfasser hat dem historischen Werthe des Materials zu der gebührenden Anerkennung verhelfen und sich damit ein großes Verdienst erworben. Wenn man das vorliegende Werk liest, so wird man unwillkürlich von dem Eindrucke festgenommen, als ob in den Ereignissen der Weltgeschichte, die wir theils als ein nationales Geschick bedauern, theils als ein Glück preisen, gar manchmal weniger die Wirkung idealer Momente, als vielmehr materieller Faktoren, insbesondere ökonomischer Verhältnisse, zu erblicken sei. Gar manche Ereignisse erscheinen in einem Bilde, das ebenso klar und verständlich zu uns spricht, als es andrerseits unerfreulich wirkt, je mehr man sich mit dem Zusammenhange der mitwirkenden wirthfchaftlichen Coöffizientcn vertraut macht. Demgegenüber darf man indessen die Art, die Anlage und den Zweck des Werkes nicht aus dem Auge verlieren. Man darf nicht vergessen, daß der Verfasser es sich zur Aufgabe gesetzt hat, gerade ökonomische Verhältnisse uns zu schildern, und daß deßhalb bei der dabei nothwendigen Betonung derselben die anderweitigen in der Geschichte wirkenden Ursachen einer besonderen Hervorhebung nicht bedurften und auch naturgemäß nicht finden konnten. So beurtheilt, ist das Werk nicht eine Stütze der materialistischen Geschichtsauffassung, wenn anderseits auch zu befürchten steht, daß dasselbe vielleicht als eine solche mißbraucht werden könnte, sondern vielmehr ein sprechender Beweis für die Nothwendigkeit und Dankbarkeit einer Verwendung und Verwerthung wirthschaftsgeschichtlichen Materials bei der Geschichtschreibung. Wenn wir auf eine kurze Schilderung des allgemeinen Inhalts des ersten Theiles des Werkes, welcher ein selbstständiges Ganzes bildet, eingehen sollen und dabei von den Details, die der Verfasser bei Schilderung der einzelnen Geldmächte vorführt, absehen, dieselben vielmehr als Bestätigung der allgemeinen Ergebnisse betrachten und nur einzelne selbstständige Bemerkungen hinzufügen, so entrollt sich uns folgendes Bild von der Geld- und Kreditwirthschaft des 16. Jahrhunderts. Die Zeit, in welche wir uns zu versetzen haben, ist eine Zeit- welche den Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte nicht nur in politischer, sondern auch in wirth- schaftlicher Beziehung bedeutet. Um die Wende des 15. Jahrhunderts trifft eine Reihe von Ereignissen zusammen, die auch eine Umwälzung auf wirthschaftlichem Gebiete zur nothwendigen Folge haben mußten: wir erinnern nur an die Entdeckung Amerika's, an die des Seewegs nach Ostindien, an die vollkommene innere Umgestaltung des Heer- und Kriegswesens, an die Entdeckung scheinbar unerschöpflicher Schätze edlen Metalls in den Ländern der neuen Welt, welche eine allgemeine Preisrevolution im Gefolge hatte. Bisher hatte die Naturalwirthschaft die unumschränkte Herrschaft besessen, nunmehr beginnt die Zeit des allmähligen Eindringens der Geldwirthschaft. Zwar wurde dem Grundbesitze bereits früher durch das Aufblühen der Städte seine ausschließliche Bedeutung benommen, indem der bewegliche Besitz zu immer höherem Ansehen kam, allein die Herrschaft der Naturalwirthschaft war damit noch keineswegs gebrochen. Dieser Bruch wurde erst eingeleitet und weitergeführt mit dem Aufkommen der Geld- wirthschaft, mit der allmähligen Loslösung des Werthes von Grund und Boden und dessen Früchten, mit der Anerkennung einer selbstständigen Bedeutung des beweglichen Besitzes und des Geldkapitals. Der Landbesitz ist nunmehr nicht mehr die einzige Art des Vermögens, daher auch nicht mehr die einzige Art der Entlohnung von Diensten. Die alte Feudalverfassung muß einer neuen Organisation der Verwaltung weichen, die nicht mehr auf dem Besitze von Grund und Boden und der Erblichkeit des Amtes, sondern mehr und mehr auf persönlicher Tüchtigkeit des Beamten und freier Anstellung beruhte. Dazu kam nun die Entwickelung des Geldwesens. Enorme Quantitäten edlen Metalls wurden aus der neuen Welt nach Europa gebracht, und in Folge dessen erfuhr der Baargeldschatz eine ungeheure Steigerung. Der Geldwerth begann zu sinken, die Preise stiegen; die Macht des Geldes stieg indeß gleichfalls. Die wunderbare Kraft des Goldes fand immer mehr Bewunderung, und ein wahres Goldfieber bemächtigte sich der ganzen damaligen Welt. Es ist, als ob die ganze Entwickelung der Geschichte sich in Gegensätzen nach den Gesetzen deS Pendels bewegen sollte, so fiel man von einem Extrem ins andere; früher nur Grund und Boden, jetzt nur mehr Geld. Das Geld wird sprichwörtlich zum norvus rarum §sron6aruin, zu einer Macht. Was Wunder» wenn damals die ganze Politik sich in dem Bestreben erschöpfte, möglichst viel Geld ins Land zu bekommen, denn das bedeutete möglichst viel Macht. So hat diese Entwickelung ein eigenes wirthschaftliches System hervorgebracht, das sogenannte Merkantilsystem, dessen Haupicharatteristicuin in einer besonderen Werthschätz- ung des Handels und geradezu in einer Ueber- fchähung des Geldes beruht. Die Macht des Geldes trat in den Erfolgen nun zunächst in die Erscheinung im Kriegswesen. Wie bereits hervorgehoben wurde, hatte das Kriegswesen eine vollständige Aenderung erfahren. An die Stelle der bisherigen Heeresverfassung trat die Einrichtung der stehenden Heere, die einen ungeheuren Aufwand von Geld erforderten. Der Krieg stand im 16. Jahrhundert so zu sagen auf der Tagesordnung; denn nur 25 Jahre im 12 ganzen Jahrhundert werden gezählt, in denen nicht größere Kriegsoperationen stattfanden. Und in diesen Kriegen, unter denen die Karls V. gegen Franz I. von Frankreich eine besonders wichtige Rolle einnehmen, lag die Entscheidung vielfach geradezu in der Summe der verfügbaren Mittel. Mehr als einmal sehen wir Karl V. seinem Verderben nahe und noch zu rechter Zeit wird er immer wieder aus seiner Lage befreit. Und fragen wir: wodurch? so ist die Antwort: durch das Geld; durch Eröffnung eines neuen Kredites, womit er sich die nöthigen Truppen verschaffen konnte. Am deutlichsten kommt indeß die Macht des Geldes zum Ausdrnct bei der Kaiserwahl Karls V. Hier hat bekanntlich das Geld eine außerordentliche, um nicht zu sagen widerliche Rolle gespielt. Die Bedeutung Franz' I. in seiner Eigenschaft als Rivale bei der Kaiserwahl beruhte vorzugsweise in den reichen Geldmitteln, über die er verfügte; die Wahlfrage war geradezu eine Geldfrage; die Kurfürsten gaben ihre Stimme nur gegen enorme Zahlungsversprechen, für deren Erfüllung zugleich die beste Sicherheit geboten werden mußte. Die Wahl zum Kaiser kostete Karl V. nahezu 1,0 0 0,0 0 0 fl., eine ungeheure Summe, wenn man den damaligen Werth des Geldes im Auge behält. Ein weiterer Punkt, der ungeheure Geldmittel erforderte, war die allmählige Umwandlung des mittelalterlichen Feudalstaates in einen Beamten st aat. Das Mittelalter hatte nach der ganzen Natur seiner Wirth- fchaftsverfassung lediglich Grundeigenthnm als Zahlungsmittel für öffentliche wie für private Dienstleistungen gekannt; die Neuorganisation der Verwaltung machte ungeheure Geldmittel nothwendig. Dazu kam, daß die Staatsthätigkeit allmählig bedeutend an Umfang gewann und deßhalb auch das Geld- bedürfniß entsprechend zunahm. Wir finden somit, daß die ganze Entwickelung zu einer immer steigenden Bedeutung der Macht des Geldes führte uist> daß bereits in der Zeit, welche wir uns vorzustellen haben, das Geldbedürfniß der Fürsten einen hohen Grad erreicht hatte. Demgegenüber taucht von selbst die Frage auf, wie diesem Bedürfnisse genügt wurde? Um diese Frage gebührend würdigen zu können, muß man die ganze staatsrechtliche Stellung eines Fürsten dieser Zeit und dessen Finanz wirthschaft im Auge behalten; und uns möchte es dünken, als ob der Verfasser in dieser Beziehung die Stellung des Fürsten nicht scharf genug hervorgehoben, sondern etwas zu viel als bekannt vorausgesetzt hat. Durch die goldene Bulle (1356) war die Reichsgewalt den Kurfürsten ausgeliefert worden; letztere waren zu wirklichen Landesherren geworden. Damit ward die Stellung des Kaisers eine bedeutend andere, eine abhängige. Aber auch die Stellung der Landesherren war in dieser Zeit eine durch die Macht der Landstände sehr beschränkte; gerade in unsrer Zeit waren die Landstände zur Blüthe ihrer Bedeutung gekommen. Diese Macht der Landstände und die entsprechende Ohnmacht der Fürsten tritt gerade in der Finanz Wirth schuft derselben am deutlichsten zu Tage. Die Fiuanzwirthschaft des Staates fiel auch jetzt noch im wesentlichen zusammen mit der Fiuanzwirthschaft des Fürsten, er hatte eine beschränkte Zahl von Einnahmequellen, die Staatsthätigkeit und damit die Bedürfnisse wuchsen immer mehr. Nehmen wir außerdem estuzu, daß die Fürsten vielfach zudem noch außerordentlich schlecht wirthschafteten, so fehlt nichts mehr, um uns deren ständige Geldverlegenheit zu erklären. Die Einkünfte des Fürsten bestehen im wesentlichen in Grundgefällen, in den Erträgnissen der sogen. Regalien, der nutzbringenden Hoheitsrechte: eine Einnahme aus eigentlichen Steuern in unserm Sinne kannte das Mittelalter nicht, Der Fürst suchte deßhalb seine Einkünfte gegenüber den steigenden Bedürfnissen zunächst zu steigern durch eine rationelle Ausbeutung der ihm zustehenden Rechte; die Domänen werden verpachtet, der Bergbau erhält einen neuen Aufschwung. Allein diese legale Steigerung der Kammereinkünfte reichte nicht hin zur vollen Befriedigung des Geldbedürfnisses, und da stand der Fürst vor der Wahl: entweder von seinen Ständen gegen Verzicht auf die wichtigsten Rechte, gegen Einräumung der weitgehendsten Zugeständnisse Abgaben bewilligt zu erhalten, oder unabhängig von den Ständen außerordentliche Maßregeln zu ergreifen, insbesondere auch den Kredit in Anspruch zu nehmen. Die zweite Art der Befriedigung wurde vielfach vorgezogen und kam in verschiedener Weise zur Geltung. (Schluß folgt.) Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Paliistinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspitals für Preußen von Professor Dr. Sepp.*) Dr. 8. L. Schon vor 50 Jahren hat der Verfasser des zu besprechenden Werkes seine erste Orieutreise unternommen und deren Resultate in dem „Pilgerbuch nach Palästina, Syrien und Aegypten" (2 Bde. 1863, 2. Aufl. mit 550 Illustrationen 1873 u. 1876) niedergelegt. 1874 hat er zum zweiten Male das hl. Land durchforscht und war seitdem bemüht, durch Forschen und Vergleichen die biblische Geographie und Topographie zu bereichern. Besonders lebhaft trat und tritt der Verfasser dafür ein, daß auch Deutschland im hl. Land Besitz erwerbe und von dem Nachlasse der Kreuzzüge soviel als möglich zu retten suche. Er hat vor allem auf den Muristan, das ehemalige Johanniterspital in Jerusalem, und auf Chirbet Minieh am See Genesareth hingewiesen und kann sich schmeicheln, daß seine Mahnungen williges Gebor fanden, indem der Muristan von den Protestanten, Chirbet Minieh von den Katholiken Deutschlands erworben wurde. Es ist das ein schöner Erfolg, dessen sich der energische Forscher rühmen kaun. Warum gerade Chirbet Minieh dem katholischen deutschen Palästinaverein so sehr an's Herz gelegt wurde, erklärt sich aus der von Professor Dr. Sepp mit aller Entschiedenheit vertretenen Ansicht, daß Chirbet Minieh mit Kapharnaum identisch sei. Dem Beweis für diese Behauptung ist ein ziemlicher Raum im vorliegenden Werke gewidmet. Bei der Wichtigkeit der Sache ist es wohl gestattet, näher darauf einzugehen. Sepp nimmt an, daß die Juden wegen der m Kapharnaum ansässigen Christen, welche in der Rabbinen- sprache: Nimm — Abtrünnige heißen, diese Stadt spott- weise Kaphar Miuim (richtiger wohl K. phar Miuim) genannt hätten. Sepp belegt zwar den Ausdruck Nimm — Christen, sowie die Thatsache, daß in Kapharnaum, *) Mit zwei Karten und zahlreichen Illustrationen. 2 Bände. (386 -s- 292.) München: Lit. Institut Dr. M. Huttler. 1896. Preis 12 M. > ) 13 > - > ) Christen wohnten; aber die Hauptsache, worauf es gerade ankommt, den Namen Kaphar Minim für Kapharuaum kann er nicht belegen. Seine Gleichung: Lupstnr Mstom — Xaximr Nimm — Lastr Ntoioli (so Berghaus 1835) — 6stirstet Niuiest ist zwar möglich, aber nicht erwiesen. In Kapitel 26 will Sepp aus der christlichen Tradition nachweisen, daß man zu Minieh das biblische Kapharuaum suchen müssen. Es ist höchst interessant, zu sehen, wie Quaresmius, Fröre Lisvin, Furrer (2vkV 1879), Sepp die Pilgerberichte für sich in Anspruch nehmen, wiewohl Quaresmius und Sepp für Minieh, Lkövin und Furrer für Tel Hum eintreten, die Ansichten also getheilt sind. Furrer hält den Beweis für erbracht, daß bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts nie irgend ein Reisender oder Geograph Kapharuaum anderswo als zu Tel Hum gesucht habe. Liövin hält nur Tel Hum für die richtige Stelle, obwohl die erste Autorität seines Ordens, der gelehrte Guardian Quaresmius, dem er sonst fast überall folgt, in der Oesoriptio tsrras snnotas 1628 (II, 854) ganz formell schreibt: „An der Stelle von Kapharuaum sieht man viele Ruinen und einen elenden Khan (äiversorium). Derselbe liegt 6 Mil- lien (— 2 Stunden) vom Jordaneinflnß und heißt Menieh." Interessant ist ferner, daß Sepp und Lisvin folgende Stelle des Arkulf (670) für sich in Anspruch nehmen: „Kapharuaum liegt ohne Mauer auf engem Raum zwischen Berg und See beschränkt in die Länge am Meeresufer hin, hat den Berg gegen Norden, den See auf der Morgenseite und dehnt sich von West nach Ost aus." (Huas murura noir Kastens, anZustv intsr niontem et staZnuin eoarctata sxatio per illain mnritima.ro oram longo tramite proteuäitur, moniern äst aguilons plaZa, lacum vero äst australi Kastens, äst noeasn in ortum extevsa ZiriZitur. (^6amnanus 2, 25.) Dazu bemerkt Sepp I, 162: „Diese Schilderung paßt einzig für Chan Minieh." Die gegenwärtige Autorität der Väter des hl. Landes, der Pilgerführer Lisvin (stavinius) de Hamme, behauptet das Gleiche von Teil Hhoum. In seinem Oniäe-inäiaateur äss sanetuaires st Ilvux stistorigues 18. Durch Dekret wird der Kriegszustand in Erythräa (Afrika) für beendet erklärt. 19. Neue Dynamit-Explosion der Anarchisten in Barcelona. 24. Rechtsanwalt Dr. Friedman» von der Unterschlagung freigesprochen. 25. Großes feierliches Konsistorium beim Papste in Rom; 16 neue Bischöfe. 25. Berufung der kretensifchen National-Versammlung durch die Pforte; diplomatische Vorstellungen der europäischen Mächte bei der Türkei. 27. Angebliches Attentat auf den neuen Schah von Persien Musaffer-Eddin, der unverletzt bleibt. 27. Deutscher Reichstag: Zweite Lesung des bürgerlichen Gesetzbuches beendet. 28. Entlassung des Ministers von Berlepsch und Unter- staatssekretär Brefeld zum preußischen Handelsminister ernannt. 30. F. Schröder, Beamter der deutsch-ostasrikanischen Plantagengesellschaft, wegen zahlreicher Schandthaten aus Befehl des deutschen Gerichtes in Buschiri verhaftet. Recensionen nnd Notizen. Oivus Iboinas oommentsriuw in8srvisns ^.esäsmiw st I-^oaeis Lellolastieaw «ootautibus. H Unter obigem Titel erscheint in Piacenza, Italien, eine Zeitschrist, welche jetzt schon im 17. Jahre, ganz in Uebereinstimmung mit dem berühmten Päpstlichen Rundschreiben „^stsrul Uatris" vom 4. August 1879, mit allem Eifer die echte Lehre des hl. Thomas von Aquin zu verbreiten sucht. Alle 2 Monate erscheinen 2 Fascikel mit je 16 Seiten in Groß-Quart; 36 Fascikel bilden einen Band (3 Jahrgänge), welchem ein nach den einzelnen Materien geordnetes fortlaufendes Jnhalts-Verzeichniß. sowie ein genaues alphabetisches Sachregister beigegeben ist. Der jährliche Abonnementsprcis beträgt nur 4 Mark. Der Inhalt ist ein reichhaltiger und umfaßt: Oowwsn- taria, Opuseula, Ui88srtatic>ns8, UiblioKrapbias, Varia (Nekrologe, Zeitschriften u. dgl.), 8ebc>1as st -reaäsmias Tbowistloas. Unter den Ooinmsritaria sind besonders be- merkcnswerth der von Cardinal Rotelli äs Inoarnations (8. lAso!. 3. 9.1—26); der tlz-stsriis Öbristi (3. 9.27—59), äs Intsllibsrs 11 si (8. Uliil. v. Osnt. I, cpp. 44 sgg.); der zum Päpstlichen Rundschreiben: Os Lt.uäiis 8aeras Lcrip- turas. Von den Opnsoula heben wir hervor: das äs Uso Duo; äs ^ntüsntia LvanKslioram; äs bnwana persouali- tats; unter den Ui88srtatiou68: äs naturis inäiviänalibu8 guoaä - positum, sogns ro1ißsio8in8 tsnsts, gnoä nv8ti8 oniu Or- äiais vs8tri oon8titutiouibu8 äscrsti8gus oinnino von- rxrnsrs. Lx tbs8auro opsrum Lquinatis, in oinns8 rsrain parts8 pras8tanti88imo, 8tuäste iutsKrain äoetrinam sx- promsrs, msntsin sju8 vsram, Isgitiins sxeutisuäo äi- luciäsqus sxplieanäo, grolsrrs, apta inäs 8UKAsrits aä- juwsuta aä vovas serornin opinionss rslntanäa8 omnia- gus aä inorswsllta äi8oiplinaruw, st, gnoä capnt 68t, aä rsü^ionis prassiäla, in tain aeri sx bostibus oonüivtiono, xruäsnts8 oonvsrtits." Eine den Wünschen des Papstes, gemäß dessen eigenen Worten im erwähnten Handschreiben, ganz entsprechende philosophisch-theologische Zeitschrift verdient sicherlich weiteste Verbreitung. Mit dem 17. Jahrgange hat der 6. Band begonnen. Am leichtesten abonmrt man mittelst internationaler Postanweisung an folgende Adresse: lllla Oirsrions äsl Usrioäioo — Üivu8 chhvrnLS, UiaosnLS (Italia). „Die katholische Wahrheit" oder „Die theologische Summa des heil. Thomas von Aquin ; deutsch wiedergegeben von vr Ccslaus M. Schneider. Lex.-8. 12 Bände. M. 60.-. Hlbfrzbde. M. 82.-; auch bandweise zu beziehen. Bei Gelegenheit der bedeutenden Preisermäßigung machen wir auf das noch viel zu wenig beachtete Wer! aufmerksam. Der Titel bereits drückt die demselben zu Grunde liegende Absicht aus. Die katholische, d. h. allumfassende, Wahrheit soll vorgelegt werden; wie nämlich die Principien des hl. Thomas geeignet sind, alle Wissenszweige befruchtend zu durchdrängen und zu einem für die Samenkörner der geoffenbarten Wahrheit empfänglichen Boden zu machen; wie zudem diese Principien zu allen Zeiten heilbringend für das menschliche Wissen gewesen sind. sowohl ber den großen heidnischen Philosophen, wie bei den christlichen Vätern. Die Uebersetzung will zunächst das Verständniß der „Summa" erleichtern. Darum ist alles gelehrte Beiwerk weggelassen. Der Text des Aquinaten ist im einfachsten, verständlichsten Deutsch wiedergegeben, insbesondere auch die tsrmini tsl-Iwiei. Kein Wort deS Textes ist Übergängen; kein Bild und Gleichniß ausgelassen: sogar der Bericht über die Meinungen der alten Natur-Philosophen ist mit aufgenommen. Man lernt eben die Größe des Engels der Schule erst kennen, wenn man sein System als ein zusammenhängendes Ganzes nimmt: ist doch, wie er selber sagt, seine Summa eben nur eine euwms,, d. h. eine kurze Zusammenfassung der Philosophie und Theologie, und darum in derselben nichts überflüssig. Weit entfernt, daß die Uebersetzung den Leser vom Urtexte abzieht, führt sie ihn vielmehr zum Urtexte zurück, weil sie dessen Verständniß eröffnet. Denn ist es einmal gelungen, dem Texte ein fruchtreiches Verständniß abzugewinnen, so wird man auch um so eifriger diesen lateinischen Text lesen und die darin verborgenen Schätze heben. Von Untersuchung zu Untersuchung sind, zumal im ersten Theile, kürze Ueberleitunnen angebracht. In denselben wird gezeigt, wie der engelsgleiche Lehrer die wissenschaftliche Richtschnur einer gesunden Äscese bietet, und wie die Schriftstellen und Väter, gleichsam von selbst, sich um die Lehre des hl. Thomas schaaren, ihr von ihrem Lichte mitzutheilen. Dabei ist auch in vielen Fällen insbesondere betont, wie einzelne Ausdrücke des Textes, welche meist unbeachtet bleiben, entscheidende Wichtigkeit haben und sehr fruchtbar sind für das praktische Leben. Niemand wird es gereuen. St. Thomas in Allem zum Leitstern genommen zu haben. In ihm ist eine wahre Goldgrube für alle Theile der christlichen Lehre vorhanden; eine wahrhaft katholische, alles umfassende Lehre liegt da vor. Die Eintheilung der einzelnen Haupttheile, wie der Artikel, ist genau beibehalten. Nur in den ersten Artikeln wurde der leitende Gedanke und der vernunftgemäße Zusammenhang der Einwürfe untereinander in der llebertragung mit hervorgehoben. Dadurch soll der Leser angeleitet werden, auch in den anderen Artikeln den Zusammenhang der Gegengrüude herauszufinden. Wir sehen hier ganz deutlich, wie iin Laufe der Jahrhunderte die Irrthümer wohl ihr Kleid wechseln, nicht aber ihren Inhalt. Die Bemerkungen zwischen den einzelnen Untersuchungen weisen immer wieder darauf hin» daß der heil. Lehrer mit seiner Wissenschaft durchaus zeitgemäß ist, nnd daß Papst Leo XIII. stn höchsten Grade Recht hat, wenn er befiehlt, in den katholischen Schulen die Philosophie des hl. Thomas wieder zu Grunde zu legen. Es darf aber dann von der Lehre des Aquinaten nichts hinweggenommen, nicht der Vordersatz geleugnet und der Hintersatz behaiiptet werden; man Mich sie in ihrem Ganzen nehmen gerade so wie sie ist. Um nun in vorliegendem Werke ein volles theologisches Ganzes zu bieten und zugleich davon zu überzeugen, wie die philosophischen und theologischen Principien des hl. Thomas auch 16 für unsere Zeit nach jeder Seite hin passen, sind jene Lehrvunkte, welche die moderne Theologie eingehender oder als Theil für sich zu behandeln pflegt, in Ergänzungs- bänden auf die Principien und die Praxis des Agui- naten zurückgeführt; und zwar nach dem ersten Haupttheile die Quellen der katholischenWahrheit (looi tKeoloZiei), nach dem zweiten die unbefleckte Em- pfängniß der Gottesmutter, nach dem dritten das Verhältniß des Natürlichen zum Uebernatür- lichen; alles geschrieben in mehr populärer, zum Herzen sprechender Werfe, möglichst ohne allen gelehrten Apparat. Der Schluß- und Registerband dient zum Nachschlagen und bietet zugleich einen kurzen Abriß der Lehre des Aguinaten. Aus Liebe zu St. Thomas ist dies Werk hervorgegangen; möge es Liebe zu dieser hellleuch- tenden Verstandessonne verbreiten! Ohne Zweifel wendet sich dann diese Liebe zum Urheber der großen Gnadenaben, welche der Engel der Schule besessen, zu Gott ein Dreieinen. vortrefflich redigirte Zeitschrift Immergrün hat meinen vollen Beifall." Der Dichter Franz Eichert schreibt im „Volksblatt für Stadt und Land": „Diese Zeitschrift zeichnet sich durch große Billigkeit aus. Man glaube aber nicht, daß diesem billigen Preise auch ein magerer und minderwertiger Inhalt entspreche. Ganz im Gegentheil! Wir finden neben hübschem Äilderschmuck eine Reichhaltigkeit des Lesestoffes, die fast für jeden Geschmack, für jedes Alter etwas Passendes bringt. Dadurch rechtfertigt .Immergrün' seinen Ruf als ausgezeichnete und billige christliche Familienzeitschrift und wir schließen uns gerne den Empfehlungen an, mit welchen die christliche Presse die bisherigen Jahrgänge dieses verdienstvollen Unternehmens begleitete." Vaterland vom 22. Dezember 1893: „Das im christlichen Geiste geschriebene .Immergrün' steht, ivas den Inhalt und den billigen Preis betrifft, vielleicht einzig in Oesterreich da und berechtigt zu den besten Hoffnungen." „Der Liberalismus." Von U. Georg Freund 0. 88. R. Wien, Heinrich Kirsch. 10 kr. — 20 Pf., per Post 12 kr. — 25 Pf. Zu den vielfachen von unserem bekannten Kanzelredner Sr. Hochw. U. Rector Freund herausgegebenen herrlichen Schriften ist wieder ein neues Büchlein, betitelt „Der Liberalismus", hinzugekommen. In gewohnter treffender Weise schildert der Verfasser den Liberalismus als den Feind Gottes, der Religion, der Heiligkeit der Ehe, der Eltern, der Kinder, als auch des arbeitenden Volkes. — Von den schönen Gedanken, welche wie Perle an Perle sich reihen, sei es gestattet, einen, die brennendsten Zeitfragen berührend, herauszugreifen. Der Liberalismus, ein Feind des arbeitenden Volkes. Ihm ist der Arbeiter kein Ebenbild Gottes, nicht ein Mitbruder, der denselben Schöpfer und Erlöser und dasselbe Endziel hat wie Jener, der nicht nöthig hat, ini Schweiße seines Angesichtes das Brod zu verdienen. Er sagt dann genau dasselbe, was ein sehr bekannter Grieche des Alterthums sagte: „Der Handarbeiter verdient nicht den Namen eines Bürgers, es ist kein Unterschied zwischen ihm und einem Sklaven, er hat keinen Adel der Gesinnung. Der Arbeiter ist nur Kraft; wird als Kraft erworben, gebraucht, verbraucht weggeworfen. Die Arbeiter find nur Wesen geringerer Kategorie, dazu auserwählt, die glücklichen Schemeldienste für die hocherhabenen Capitalisten zu verrichten. Zur Zeit, wo der Liberalismus im Rausche des Glückes seine wilden Orgien feierte und Niemand ihn darin störte, weil die Regierungen liberal waren, die Volksvertretung und Alles, ia Alles, was Etwas sein wollte, liberal war, und wo das Volk künstlich gegen seine wahren Freunde gehetzt wurde, zu dieser Zeit war die Ausbeutung und Knechtung des Arbeiters unbegrenzt: längste Arbeitszeit, geringster Arbeitslohn, Frauenconcurrenz, Kinderarbeit, willkürliche Entlassung. Im Unglücke und im Alter hinausgeworfen auf die offene Straße. Kein Ruhe- und Feiertag. Wenn in neuer und neuester Zeit durch die Gesetzgebungen die Ausbeutungswillkür des liberalen Ca- pitalismus etwas eingeschränkt wurde und das Loos der Arbeiter etwas menschlicher sich gestaltete, so kommt das nur daher, weil mittlerweile der Liberalismus seine Omni- votenz verloren und wirkliche volksfreundliche Factoren seine Tyrannei gebrochen haben. — Unsere Leser werden mit Freude dieses neue kleine Werk begrüßen. Möge es, aus Liebe zum Volke geschrieben, die größte Verbreitung finden! Die Kunst gut zu leben! Vom hl. Bernardus. Für den allgemeinen Gebrauch bearbeitet und mit einem vollständigen Gebetbuche versehen von Bernard Schmitz, Landdechant und Pfarrer zu Glandorf. Preis geb. in Calico 1 M. „Wie man sich nicht mit Mehl beschäftigen kann," sagte die hl. Theresia, ,,ohne bestäubt zu werden, so kann man sich auch nicht mit dem Leiden Christi beschäftigen, ohne einigen Nutzen daraus zu ziehen. — Dieses Wort findet auch eine passende Anwendung auf die Beschäftigung mit den Werken der hl. Väter. In ganz besonderer Weise glauben wir dieses von der vorstehenden Schrift des hl. Bernardus, des Honigfließenden Lehrers, sagen zu können, einer Schrift, in welcher wir von einem Kirchenlehrer und einem der größten Heiligen aller Zeiten in seiner ganz unnachahmlichen, herzlichen und zugleich eindringlichen Schreibweise über alle Tilgenden unterrichtet werden, welche zum guten, christlichen Leben nothwendig find. Zu einer geistlichen Lesung ist vorstehende Schrift besonders geeignet: ja, es kann dieses Büchlein der hochgeschätzten Philothea des hl. Franz von Sales auch in Beziehung auf das praktische Leben ebenbürtig an die Seite gestellt werden. Historisch-politische Blätter. Jahrgang 1897. 119. Band. Erstes Heft. Inhalt: Wieder Neujahr im Orient. — Die Rettung der Familie durch Christus. Eine culturhistorische Weih- nachtsbetrachtung. — Der Einfluß der Geschichte auf den Volkscharakter. — Der Klosterwald. — Karl Graf von Montalembert in seiner Jugendzeit (1810—1836). — Ein neuer Lebensführer für Gebildete. * Von Janssen's Geschichte des deutschen Volkes (Verlag von Herder, Freiburg) ist zu Ende des abgelaufenen Jahres der IV. Band bereits in 15. und 16. verbesserter Auflage ausgegeben worden. Derselbe ist von Professor Dr. Pastor, dem Fortsetzer des monumentalen Werkes, durchgesehen und verbessert worden; er umfaßt die politisch-kirchliche Revolution seit dem sogen. Augs- burger Religionsfrieden vom Jahre 1555 bis zur Ver- künoung der Concordienformel im Jahre 1580 und ihre Bekämpfung währmd dieser Zeit. , Die Zeitschrift „Immergrün" bringt jährlich 576 Seiten Text und ca. 80 Bilder in 12 schön ausgestatteten Heften ä 48 Seiten (mit zweifärbigem Umschlag), Verlag von A. Opitz in Warnsdorf (Nordböhmen) und Wien (Vm., Strozzigasse 41). Preis per Jahr nur 2 M. 80 Pf. —, Welcher Beliebtheit diese im 8. Jahrgange stehende, .—-.^ ^ besten Anzeiger: heimische Familienzeitschrift sich erfreut, durften am besten nachfolgende Urtheile beleuchten: Literarischer Anzeiger: „Die Auswahl der Themata ist sehr sorgfältig, die Erzählungen sind interessant, sittlich rein und Herz und Gemüth veredelnd." Westung. Volksblatt: „Immergrün ist sehr interessant und nett." Der bestbekannte Schriftsteller I Hr. Fr. Franziszi (Dechant in Grafendorf) schreibt: „Die ' * Von dem „Sendschreiben eines katholischen an einen orthodoxen Theologen", Augsburg 1895, chtet an Herrn Alexios von Maltzew, Propst an Kirche der kaiserlich russischen Botschaft in """ gerichtet „ „ . der Kirche der kaiserlich russischen Botschaft in Berlin, ist eine französische Uebersetzung erschienen mit dem. Titel: ll. L. Röbw, Obanovins äs ksssau, 1,'LZIisö ortboäoxs Krüoo-rs8ss. Oontroverss ä'un tbvo- loZisn oatboligus romain svso uu tk6olo§isu ortboäoxs sobismotignö; trsäuit ps.r L. Ll. Ommsr. karis st Lrn- xsllss 1897. Das erwähnte Sendschreiben hat eine lesens- werthe Erwiderung gefunden in der Schrift: „Antwort auf das Sendschreiben eines katholischen rk." von A. v. Maltzew, Berlin 1896. Verantw. Redacteur r Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas -. 3. Wagt zur AngskuM Fößzmiiiig. Ein sociales Wirken in der Stille der Familie. Monsignor Joseph Weis, der Gründer und Vater der Marien-Anstalt in München und Warenberg. (Schluß.) tl. 8. I. Weis war ein hervorragendes Mitglied des St. Vkncentius-Vercins und namentlich den armen weiblichen Dienstboten, deren Loos oft in späteren Jahren der Arbeits-Unfähigkeit ein recht trauriges war, galt seine Fürsorge. Er faßte den Entschluß, eine Anstalt für arme Dienstboten zu gründen und gewann für diesen seinen Plan eine wirklich geeignete Kraft, welche die Leitung des Hauswesens übernahm und als Seniorin — so hieß man sie — in die Anstalt eintrat. Es war die Erzieherin in der Familie des Freiherr» von Pfetten, Fräulein Marie Lindemann. Eine Wohnung in der Karlsstraße — allerdings in der vierten Etage — wurde gemiethet und am 12. Oktober 1856 die Marien-Anstalt eröffnet. Vier ausgediente Dienstboten wurden unentgeltlich zur Verpflegung und zwei junge Mädchen zur Heranbildung zu Dienstmädchen, nebst drei stellenbedürftigen Dienstmädchen — also die drei Kategorien der heutigen Anstalt wurden aufgenommen. Schon im ersten Jahre war die Wohnung zu klein geworden. Es fand eine Uebersiedeluug in ein Haus an der Hundskugcl statt. Leider war es dem trefflichen Fräulein Lindemann nur zwei Jahre gegönnt, Leiterin der jungen Anstalt zu sein. Sie starb 1859, zu früh für die Anstalt, welche erst nach einem langen, vergeblichen Suchen eine taugliche, der früheren Seniorin ebenbürtige Hauswirthin erhielt. Der Versuch, die Barmherzigen Schwestern zur Leitung zu gewinnen, war nicht ausführbar. Herr Präses Weis mußte den ganzen Werth, die ganze Vielseitigkeit einer leitenden Kraft kennen lernen, eben auf dem Wege des Suchcus und des Mißlingend. Der Bitterkeiten waren es nicht wenige; der Gründer der Anstalt mußte eine harte Geduldprobe durchmachen. — Doch gerade hier war seine Stärke. Bange machen gilt nicht, sagte er. Da endlich fand sein scharfes Auge in der erst im Jahre 1864 eingetretenen jugendlichen Schwester Sophie die Kraft, die jetzt seit mehr als dreißig Jahren die Leitung der fort und fort wachsenden Anstalt übernehmen mußte, trotz ihres Widerstrebens. Eines setzte die neue vierundzwanzigjährige „Seniorin" doch durch — nämlich dies, daß ihr, wahrlich nicht der lieben weiblichen Eitelkeit wegen, der vornehme, etwas humanistisch angehauchte und für deutsche Mädchen so nicht recht verständliche Titel „Seniorin", abgesehen von der Ironie der Verhältnisse, mit dem der „Schwester" vertauscht wurde. Diesen Titel führt sie bei den Ihrigen, sagen wir ihren Untergebenen, heute noch, trotzdem dieselben ihr gegenüber die volle Superiorität der Oberin der gesammten Anstalten re- spcktircn. Nach außen wird selbstverständlich sie als solche angesehen. Der Präses hatte mit der Wahl derselben keinen Mißgriff gemacht. Die jugendliche Leiterin fand sich sehr bald in ihre wahrlich nicht beneideuswerthe Aufgabe hinein. Sie begegnete überall einer keineswegs freundlichen Mitschwester, nämlich der Armuth. Spärliche freiwillige Beiträge waren Alles, auf was gerechnet werden konnte. Auch hier waren die Armen eigentlich die reichsten Geber, wie das nicht selten anderwärts der Fall ist. Zwei Erfordernisse hatte die Oberin wohl von Hanse — als unentbehrliche Gottesgaben — für ihr Amt mitgebracht, eine zähe Geduld, welche durch die größten Widerwärtigkeiten und die täglich auf's neue wiederkehrenden Prüfungen nicht erlahmt, und eine ebenso unverrückt ih- Ziel verfolgende Ausdauer. Jetzt konnte der sel. Präses den Plan fassen und verwirklichen, geeignete jugendliche Kräfte für die Zwecke der Anstalt heranzuziehen, welche dann zu einer Genossenschaft vereinigt wurden. Aus einem größeren Kreise, einer Wallfahrerbruderschaft, wählte der kundige Mann weitere drei Schwestern, die er für die speciellen Anstaltszwecke erzog und in strenge Disciplin nahm. So begann der Grundstock der Genossenschaft allmählig zu wachsen, bis dieselbe zu einer Anzahl von fünfzig heranwuchs, von welchen fünf bereits verstorben sind. Im Jahre 1859 erhielt die Anstalt ein Legat von 30,000 Gulden. Damit wurde das kleine Häuschen nebst Garten an der Briennerstraße Nr. 28 erworben/ welches 16,000 Gulden kostete. Sofort wurde auf diesem Grunde mit dem Neubau eines für die dreifachen Zwecke geeigneten Hauses: a) Versorgung alter Dienstboten, k) Beherbergung dienstsucheuder Mädchen, c) Erziehung junger Mädchen zu Dienstboten, begonnen. Der durchweg praktische Neubau konnte schon am 12. Oktober 1860 bezogen werden. ^ Natürlich war das geräumige Haus leer. Jetzt begann innerhalb der Genossenschaft die Kraft zu wirken, welche die beste und siegreichste Ueberwinderin der Armuth ist, nämlich die organisirte Arbeit. Durch diese Organisation der weiblichen Arbeitskräfte, dadurch, daß der Präses die geeigneten leitenden Personen fand und an die rechte Stelle in den Arbeitsstätten, in Haus und Küche, in dem Garten, in der Leitung der Ockonomie u. s. w., stellte, dadurch überwand er die zahllosen im Wege stehenden Hindernisse. ^ Durch richtig organisirte Arbeit und Arbeitstheilung sollte all das erworben, verdient, erspart werden, was die zehrenden Kräfte, die alten Dienstboten und die zur Erziehung in der Anstalt befindlichen Kinder, täglich kosteten. Das, was in den alten Klöstern als die Maxime des ganzen Ordens galt: Gebet und Arbeit, das war für den sel. Präses das Lebenselement seiner Familie. Als der sel. Weis einmal zur Bestätigung seiner Stiftung bei dem damaligen Cultusminister von Lutz sich vorstellen mußte, versuchte derselbe den Präses etwas in die Enge zu bringen, indem er ihm barsch erwiderte: „Nun, da werden Sie halt wieder betteln müssen!" Darauf gab der keineswegs aus der Fassung gebrachte Präses die Antwort: „Excellenz, wir arbeiten, und betteln nicht." „Wir arbeiten!" das war sein Motto. In der Arbeit unterrichtete er seine Schwestern und seine Kinder. Zur treuen Pflichterfüllung, zu Fleiß, Ausdauer spornte er sie täglich an. Für die Arbeit sollten die Kinder der Anstalt erzogen werden. Sie sollten sich — was so nothwendig und namentlich bei dem Weibe unentbehrlich ist — in der frühen Jugend an die Pflicht der Arbeit und der Entsagung gewöhnetk. Nicht aber an jene sklavische Arbeit, welche uns so häufig aus den mürrischen erbitterten Gesichtern, den gelben ab- 18 geleLten Zügen selbst jugendlicher Arbeiter unserer Fabriken in den Städten entgegentritt, die als Fluch, und nur um den Hunger vom Leibe zu halten, geübt oder besser ertragen wird: nicht diese Arbeit aus Verzweiflung, nein, die freie Arbeit um Gotteswillcn, welche, selbst wenn sie Schweiß kostet und Entsagung fordert, freudig und friedlich geleistet wird und darum die Kräfte nicht verbraucht und den Körper nicht zerstört: die vernünftige und den Kräften angepaßte Arbeit forderte er, von dem Grundsätze ausgehend, daß die Gaben verschiedene sind und nicht Jeglicher für Jegliches geeignet ist. Daher ist dieser Arbeit um Gotteswillen die Gabe der Geduld und Freudigkeit beigemessen. Deßhalb unterscheiden sich diese Arbeiter von den anderen durch die Heiterkeit des Gemüthes, den freudigen ruhigen Blick, durch rothe Wangen und gesunde Glieder. Mit welchem stillen Vergnügen sah der Verstorbene an den Sommer-Abenden den Spielen der Kinder und Schwestern im Garten zu! Da und dort griff er selbst ein, ordnend, das Ganze des Spieles fördernd. Und wenn die Kinder sangen, sang er mit und gab den Grundton an. Trotzdem die Anstalt ein eigenes Heim hatte, gab es noch harte Arbeit und harte Kämpfe, den gesteigerten Ansprüchen zu genügen, die Schulden allmählig abzutragen. Und doch bald war das so trefflich gebaute Haus wieder viel zu klein. Der Präses sah sich genöthigt, das Nachbarhaus der Anstalt in der Dachauerstraße zu Erwerben, das Austaltsgebäude um einen Flügel zu verlängern und über das Ganze einen dritten Stock zu bauen. Um den gegenwärtigen Raum für 70 Zöglinge, 70 dienstthuende Mädchen und 54 alte Personen zu bekommen, mußte die Bausumme von 170,000 Mark ausgegeben werden. Und auch dieses stattliche Haus ist gegenwärtig den täglich sich steigernden Bedürfnissen, namentlich den vielen dienstsnchenden Mädchen gegenüber, für welche kein Platz mehr ist und die mit schwerem Herzen abgewiesen werden müssen, — also gegenüber großstädtischen Verhältnissen — zu klein. Ebenso ist die Filiale Warnbcrg, welche 1886 um 170,000 M. erworben und fast neu gebaut wurde, zu klein. Es ist dort bereits eine Ziegelei errichtet, um demnächst die Oekonomie- und dann die Wohngebäude zu erweitern. Die prächtige Hauskapelle in der Münchner Anstalt wurde 1884 den 15. November von dem sel. Erzbischof von Steichele eingeweiht, ebenso wie in Warnberg selbst das äußerst zierliche Hauskapellcheu, welches, wenn auch vernachlässigt, so doch intakt von den ik?. Jesuiten in trefflicher Stuck-Arbeit herrührt. In Warnberg ist seit 1888 eine Haushaltungsschule von etwa 50 Zöglingen eingerichtet, in welcher der sel. Weis bis zu seinem Hingang der leitende Genius war, Unterricht nicht bloß in der Religion, sondern in der Haushaltung ertheilte. Für diese Anstalt wurde von dem Seligen als Gehilfe der seit einer Reihe von Jahren für dieselbe thätige und befreundete Pfarrer Wunibald Britzl- mayr, der jetzige Präses, gewonnen. Nach langen vorbereitenden Arbeiten und der Beseitigung mancher Hindernisse gelang es dem Dahingegangenen die Sanktion der Statuten der Anstalt von Seiten der geistlichen und weltlichen Behörden zu er- Ltzlgen. Alles dessen, was er bis jetzt auf eigene Gefahr erworben, erarbeitet und erspart hatte, wollte er ledig werden, ihm persönlich sollte nichts mehr eigen sein — obwohl er all sein Mühen und Arbeiten, seine bart ersparten Pfennige der Anstalt geopfert hatte. Deßhalb errichtete er unter Aufsicht des Staates eine Stiftung. Für diese erbat er die landesherrliche Bestätigung. In dem Kriegsjahre 1870 nahm er verwundet* Soldaten in sein Haus auf und entsendete einig* Schwestern zur Pflege der Verwundeten nach Frankreich. Er wurde in Folge dessen mit dem Verdienstkreuze ausgezeichnet. Im Jahre 1878 wurde er zum kgl. geistl. Rathe ernannt und 1894 zum Geheimkämmerer Sr. Heiligkeit Papst Leo's Xlll. Am 15. Juli 1893 feierte er das Freudenfest für seine Anstalt, seine Schwestern, Kinder, Dienstboten, Freunde und die weitesten Kreise, nämlich das fünfzigjährige Priesterjubiläum. Zwei Jahre später, am 13. November 1895, nahm ihn der Herr zu sich. Während des Sommers 1895 begannen seine Kräfte sichtlich abzunehmen. Ein lästiger Husten wollte nicht mehr weichen. Die sonst so rüstige aufrechte Haltung machte der des Greisenalters Platz. Die Stimme war matter geworden. Die Schwestern und Freunde baten ihn, sich zurückzuziehen, sich zu schonen. Doch dafür fehlte dem Dahingegangenen jegliches Verständniß. Mitten in den Sorgen und Arbeiten für die Anstalt wurde er am 6. November von einem schweren Anfall überrascht. Es war noch Hoffnung, sein Leben für einige Zeit zu fristen. Am 13. November hauchte er die edle Seele aus. Wenige Tage zuvor, etwa Ende Oktober, überraschte Schreiber dieses den Seligen mitten in dem zahlreichen Geflügel des Hühnerhofes stehend, das ihn umringte, das er mit den Brosamen von seinem Mittagstische mit eigener Hand fütterte. Die zutraulichen Thiere nahmen ihm das Futter aus der Hand, eine schwarze Henne ließ sich's nicht nehmen, stets empor zu ihm zu flattern, um ja die erste zu sein. Erst nachdem ich, ohne bemerkt zu werden, bis auf zwei Schritt vor ihm stand und mit Geduld und Genuß an dem Spiele mich ergötzt hatte — grüßte ich den vielbeschäftigten ehrwürdigen Greis, der mit freundlichem Lächeln die Frage an mich stellte, ob er jetzt schließen müsse. In dieser Situation ist er von befreundeter Seite, ohne daß er es ahnte, photographirt: es ist ein herziges Bild, das die volle Liebenswürdigkeit des edlen Mannes auch gegen die Thierwelt darstellt. Stets hatte er, wenn er durch die Ställe ging, ein Stückchen Brod für dieses oder jenes Thier. So sehr er den Schaden als Oekonom zu würdigen verstand, den auf den Feldern ein zahlreicher Wildstand anrichtet, so war er nicht unglücklich, wenn namentlich in Winterszeit ein Dutzend Rehe auf seinen Feldern ätzten. Seit Jahren hatte er vor seinem Fenster einen Käfig mit Kanarieuvögeln, die ganz an ihn gewöhnt waren; die Tauben flogen auf ihn zu, wenn er vor die Hansthüre kam. Was wir an dem Dahingegangenen außer seiner Menschenfreundlichkeit und Opferwilligkeit bewundert haben, das war seine hohe pädagogische Befähigung. Mag ja in ihm vielleicht etwas von Vererbung von seinem Vater, der, soviel wir wissen, ein. Schulmeisteren des Wortes ursprünglicher, bester Bedeutung war, — mag es die Folge oer jahrelangen Uebung und Selbstcrziehung gewesen sein: — die Gabe, zuerst sich selbst und vaun auch Andere zu leiten, in allen Dingen Ordnung, Zucht ( und Frieden zu schaffen, besaß er in hohem Maße. Er j besaß die Gabe des ächten Pädagogen — daß ihm die Angehörigen von verschiedenen geistigen und physischen Anlagen, von verschiedenen Bildungsgraden frei und gerne gehorchten, weil sie in ihm Gerechtigkeit und Liebe harmonisch gemischt fanden. Daher die sämmtlichen Schwestern, Kinder und Pensionäre ihm eine Liebe entgegengebracht, die stärker ist als der Tod, die über das Grab hinüberreicht. Zur Geld- und Kreditwirthschaft im 16 . Jahrhundert. Von Dr. Franz Schweyer. (Schluß.) Für Kriegszwecke wurde vom Fürsten ein besonderer Kriegsschatz angesammelt, eine Maßregel, die jedoch nur vereinzelt vorkam; der Fürst griff viel häufiger zu anderen Mitteln, wie zu einer oft schwunghaft betriebenen Münzverschlechterung, Verkauf von Aemtern oder Veräußerung bezw. Verpfändung von Krongütern. Einen eigentlichen Staatskredit in unserm Sinne gab es noch nicht; der Kredit war vorzugsweise Realkredit oder Personalkredit der Person des Fürsten. Die Vorstellung von einer uns geläufigen ewigen Dauer des Staates und ein darauf basirender öffentlicher Kredit war noch unbekannt oder jedenfalls erst im Entstehen begriffen. Die Uebernahme der Schulden eines Fürsten durch seinen Nachfolger galt keineswegs als selbstverständlich, weßhalb häufig der präsnmtive Nachfolger bereits bei Aufnahme einer Schuld die persönliche Haftung übernehmen mußte. Fand der Fürst wirklich Kredit, so mußte er meist seine Einkünfte auf Jahre hinaus verpfänden und dazu meist hohe Zinsen entrichten. Eine andere Art der Geldbeschaffung fanden die Fürsten im Laufe der Zeit in der Zwang sän leihe. Dieses Mittel wurde hauptsächlich solchen Unterthanen gegenüber angewendet, welche auf den besondern Schutz des Fürsten angewiesen waren, besonders den Juden. Allein thatsächlich waren diese sogenannten Anlchen meist eine Art Steuer. Die Fürsten anticipirten Abgaben in der Art, daß sie wohlhabende Unterthanen Zwangen, ihnen gegen Ucberlassuug künftiger Abgaben, die willkürlich geschätzt wurden, den Betrag der letzteren vorzuschießen, ohne jedoch eine spezielle Anweisung auf diese zu ertheilen. Anders wurden die freiwilligen Anlchen seitens der Fürsten behandelt. Für diese wurden meist hohe Zinsen, welche die Fürsten erst recht zu Grunde richteten, ferner Sicherstellung durch Bürgschaft oder Pfand geboten. Diese Bürgschaft wurde entweder, wie bereits hervorgehoben, vom Thronfolger oder den Groß- wnrdenträgern des Fürsten, den Ständen oder angesehenen Städten geleistet. Ein gestelltes Pfand bestand in Faustpfand (Juwelen und sonstige Kostbarkeiten), regelmäßig jedoch in der Verpfändung bestimmter Einkünfte. Gerade diese Verpfändungen haben eine weitgehende Zersplitterung und Schwächung der fürstlichen Einkünfte zur Folge gehabt. Die Anleihen der Fürsten waren regelmäßig zunächst Anticipatiouen, also, modern ausgedrückt: schwebende Anleihen. Diese wirkten besonders verderblich, einestheils wegen der außerordentlich hohen Zinsen, andern- theils deßhalb, weil die Einkünfte immer wieder auf Jahre hinaus in einer Weise belastet wurden, welche deren Leistungsfähigkeit oft weit überstieg. Fundirte Anleihen im heutigen Sinne kamen damals bei den Fürsten noch nicht oder nur vereinzelt vor. Dagegen finden wir solche im 16. Jahrhundert schon ziemlich häufig bei den Städten in der Form von Nentenan leihen. Wie die Fürsten, fielen auch die Städte gegen Ende des Mittelalters immer steigender Verschuldung anheim. Diese hatte ihren Grund in den Kriegen, die auch die Städte um diese Zeit vielfach führen mußten, ferner in der Nothwendigkeit starker Befestigung, die auf die Umgestaltung der Kriegsführung durch Anwendung der Feuerwaffen zurückzuführen ist. Der Kredit der Städte war ein weit größerer, als der der Fürsten. Sie konnten ohne Mühe durch freiwillige Anleihen oder Nentenverkäufe die nöthigen Summen aufbringen. Es herrschte geradezu eine außerordentliche Neigung, das Geld bei Städten anzulegen, so zwar, daß diese ihrerseits wieder mit dem aufgenommenen Gelde Kredit gewährten und somit in gewissem Sinne Bankgeschäfte trieben. Bei den Städten hatte sich eben bereits die Anschauung von einer ewigen Dauer, die von dem Bestehen des jeweiligen Geschlechtes unabhängig ist, gebildet; die Städte genossen bereits einen öffentlichen Kredit im Gegensatz zu den Fürsten, deren Kredit vorzugsweise Personalkredit war. Dieser Umstand war von wesentlicher Bedeutung für die Ausgestaltung eines öffentlichen Kredites im modernen Sinne. Hiezu trug vor allem auch der Umstand bei, daß für die Schulden der Städte nach damaliger Nechtsanschauung nicht allein die Stadt, die Gemeinde, als juristische Person, sondern vielmehr daneben jeder einzelne Bürger mit seiner Person und seinem Vermögen solidarisch für die Gesammtheit verhaftet war. Hierin lag ein großes Sicherungsmittel für den Gläubiger, ein Umstand, der das Vertrauen in das Zahlenkönnen des Schuldners als unerläßliche Voraussetzung des Kredits in hohem Grade bestärkte. Von einer derartigen unbeschränkten Solidarhaft konnte bei den Fürsten keine Rede sein. Auch die ältesten städtischen Anleihen waren in der Regel Anticipatiouen bestimmter Einkünfte, mit der bessern Ausgestaltung des öffentlichen Kredits wurde aber die Form des Rentenverkaufs die normale Art der Verschuldung. Gerade dieser Schuldtypus, dessen Wesen in einer einmaligen Hingabe eines Kapitals besteht, wofür die Gegenleistung seitens des Schuldners eine regelmäßig wiederkehrende Leistung von ewiger Dauer bildet, wofern nicht der Schuldner es vorzieht, seine Schuld abzulösen, gerade diese Schuldform, bei welcher dem Gläubiger ein Kündiguugsrecht nicht zustand und deßhalb regelmäßig dessen Ansprüche auf eine lange Zeitdauer sich erstreckten, setzte bereits ein großes Vertrauen in eine ewige Dauer deS städtischen Gemeinwesens voraus. Am meisten entwickelt war das städtische Kreditwesen in den Städten Oberitaliens, in welchen die sogen, uaonvi eine hervorragende Rolle spielten. Das Wesen dieses Instituts ist sehr bestricken. Der Verfasser findet die Hauptwnrzel derselben im Steuerpacht- syftem und ist der Ansicht, daß in dieser Einrichtung die Keime mehrerer moderner Einrichtungen zn finden wären. Und in der That muß man zugeben, daß dieselben mit unsern Aktiengesellschaften, Syndikaten von Staatsgläubigcrn und den eigentlichen Staatsanleihen Manches gemein haben. Soviel ist gewiß, 20 dak es feste Organisationen waren, die sowohl den Städten die Befriedigung ihrer Gcldbedürfnisse als auch den Kapitalisten eine Anlage ihres Kapitals ermöglichten. Wir stehen nunmehr vor der Frage, wer in unsrer Zeit die nöthigen Kapitalien vermittelte und aufbrachte? Am frühesten war der K aufmannsstand in der Lage, größere Kapitalien zu vermitteln, da sie zu ihrem Geschäftsbetriebe meist über größere Summen verfügen mußten. Gewerbsmäßig haben sich zuerst die Juden mit dem Ausleihen von Geldkapitalien befaßt und sich dem Geldgeschäfte ganz gewidmet, nachdem sie allmählig in Oberdcutschland aus dem Waarenhandel verdrängt wurden. Mit der wettern Ausbildung des Handels, insbesondere auch mit der allmähligen Durchbrechung des kanonischen Zinsverbotes, die gerade in unsere Zeit fällt, wurden die Juden, für welche das Zinsverbot nicht galt, auch aus dieser Position mehr und mehr verdrängt. Die christlichen Kaufleute größeren Stils befaßten sich neben dem Waarenhandel mit dem Geldhandel. Sie nahmen auch Geld von Privaten auf und versahen so die Funktionen einer Bank. Zuerst kamen die Florentiner zu einer gewissen Berühmtheit, und ihre Glanzperiode im 15. Jahrhundert knüpft sich an den Namen der Medici. Im 16. Jahrhundert kamen die Frescoboldi, Gualterotti und Strozzi zu einem Weltruf. Gleichzeitig kamen die Genuesen empor; gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland insbesondere die Fugger, die Weiseru. a. Wir haben bereis oben die Gelegenheit gehabt, die Bedeutung der Fngger theilweise kennen zn lernen, welche wiederholt großen Einfluß auf die Ereignisse der Geschichte hatten. Sie waren das bedeutendste Haus, die bedeutendste Geldmacht der damaligen Zeit, die über enorme Kapitalien verfügte, theilweise mit ungeheuren Gewinn st en arbeitete und einen geradezu unbeschränkten Kredit in der ganzen Christenheit genoß. Der größte Vermögensstand der Fngger fällt in das Jahr 1546 und bezifferte sich auf 4,700,000 fl. mit einem Goldwerth von etwa 40,000,000 Mark, was einen heutigen Kaufwerth vom Vierfach cn hievon repräsentirt. Die Geschäftsgewinne, mit welchen die Fngger beispielsweise arbeiteten, schwankten in der Zeit von 1511-1653 zwischen 2'/z °/g - 54'/, °/o pro Jahr, woraus allein das Unbeständige des damaligen Geldgeschäftes hervorgeht. Dabei ist das Nifico bei den Geschäften mit den damaligen Fürsten zu bedenken, das einen hohen Zinsfuß bedingte. Aus allem erklärt sich auch der rasche Aufschwung und der oft ebenso rasche Untergang oder wenigstens Rückgang der damaligen Geldgeschäfte treibenden Kaufhäuser. Diese Kaufhäuser waren meist offene Handelsgesellschaften mit einem ausgeprägten familiären Charakter, Familiengemeinschaften. Die Leitung war aber regelmäßig eine einheitliche und deßhalb umsichtige, sichere und feste. Die drei das Geschäft betreibenden Söhne des alten Jakob Fugger, unter denen Jakob II. der bedeutendste war, vereinbarten beispielsweise auch, daß das Vermögen des Mannesstammes u n« g-etheilt bleiben solle und nur die Töchter mit Heiraths- gütern abgefunden werden sollen. Dieser Grundsatz wurde auch in der Blüthezeit festgehalten und dadurch die ganze Macht fest und geschlossen erhalten. Die großen Häuser hatten damals au den gewichtigsten Platzen ihre Filialen, Faktoreien genannt, deren Leitung unter einem Faktor mit großen Befugnissen stand. Als die bedeutendsten Plätze erscheinen um diese Zeit Antwerpen, Lyon, Lissabon u. And. Gerade diese Einrichtung von Faktoreien ist zugleich ein Beweis, daß auch damals das Kapital eine internationale Bedeutung hatte, sie ist gleichzeitig aber auch das wirksamste Mittel, diese Jnternationalität zu fördern und zu begünstigen. Der Wechsel war damals bereits ein gewöhnliches Mittel für Geldtransaktionen. Anfangs suchten die Geldmächte vielfach international und neutral zu bleiben bei Abschluß von Geldgeschäften mit Fürsten. Allein im Laufe der Zeit begann eine Nationalisirung des Großkapitals, d. h. die einzelnen Geldmächte ergriffen im politischen Kampfe der Nationen und Fürsten die Partei eines Theiles und stellten sich nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd in dessen Dienst. So sind die Fugger von jeher auf Seiten der Habsburger gestanden, haben deren Geschicke getheilt und nicht selten auch bestimmt. Geraume Zeit waren die Geldmächte so mächtig, daß sie den Fürsten gegenüber das Uebergewicht hatten und letztere deßhalb in eine gewisse Abhängigkeit Miethen. Jedoch bald wurden die großen Häuser durch einseitigen und ausschließlichen Betrieb von Geldgeschäften ihrer eigentlichen kaufmännischen Aufgabe entfremdet, sie versäumten es, auf dem Gebiete des Handels und Gewerbes ihre Thätigkeit gehörig Zu entfalten. Dadurch zeigten sich alsbald die schädlichen Wirkungen derselben. So nützlich und unerläßlich nothwendig Kapital und Kredit für die Culturentwicklnng sind, indem sie eine unerläßliche Vorbedingung derselben bilden, so werden sie doch ungcmein schädliche Wirkungen üben können, wenn deren Inhaber ihre kulturelle Aufgabe außer Acht lassen und sich lediglich von einem weitgehenden Egoismus und einer daraus hervorgehenden Spekulationswuth leiten lassen. Als Steuerpächter und Staatsgläubiger begannen sie allmählig einzelne Völker zu bedrücken, als Kreditvermittler verwickelten sie vielfach kapitalrciche Völker in gefährliche Finanzkriseu, unter denen sie vielfach selbst zu Grunde gingen. Wir finden demnach, daß an der Schwelle des Ueberganges vom Mittelalter zur Neuzeit die wirthschaft- lichen Verhältnisse nothwendig zur Entstehung großer Geldmächte führen mußten, daß denselben wichtige wirthschaftliche Aufgaben zukamen, daß sie jedoch ihre Aufgabe schließlich einseitig in Finanzgeschäften suchten, wodurch die ganze Entwickelung einen bedeutenden Rückschlag erlitt; indeß ist dabei nicht außer Acht zu lassen, daß diese schädlichen Finanzgeschäfte vielfach doch nichts anderes waren als symptomatische Erscheinungen des Rückganges einer geordneten Erwerbsthätigkeit, für den Mangel einer genügenden gesunden Anlagegelegcnheit und Erwerbsmöglichkeit in der damaligen Zeit. Damit war auch das Schicksal derjenigen, die keine so zweifelhaften Finanzoperationen vornahmen, besiegelt; auch sie Miethen, wenn auch langsamer, so doch nicht, minder gründlich, ins Verderben. Wir fassen mit dem Verfasser die wirthschaftliche Bedeutung der Geldmächte des 16. Jahrhunderts dahin zusammen, „daß sie die Todtengräber des Mittelalters und die Fackelträger der Neuzeit waren, welche sie selbst aber nicht mehr erleben sollten; sie standen gleichsam Wache an der Pforte zu diesem neuen Zeitalter". 21 Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspitals für Preußen von Professor Dr. Sepp. (Fortsetzung.) Dr. 8. L. Eine hübsche Beigabe ist I, Kapitel 55, in welchem Sepp's Interview mit dem Hohenpriester Amram der Samariter erzählt wird. Echt orientalisch ist die Zurückhaltung des Kohen, der nur etwas wärmer wird bei der Erwähnung der Anstreitung des Garizim durch die Juden und beim Namen des Ozair — Esra. Sonst erfährt man mehr aus den Worten Sepp's, als aus den Bemerkungen des Kohen. Echt orientalisch ist der Schluß des Interview, welcher sich ganz kurz arabisch in die bekannten Worte zusammenfassen läßt: Bakschisch, Chaivadsche (ein Geschenk, Herr!). Es hat mich übrigens getröstet, daß Sepp auch nicht viel mehr herausgebracht hat, als ich bei meinen Fragen an Kopten, Syrer, Karaffen rc. Uebrigens sind seitdem die Samariter in der Cultur weiter fortgeschritten. Als ich vor 2 Jahren ihre Synagoge betrat, überreichte mir ein Knabe einen gedniäten Zettel, welcher in englischer Sprache, in ein paar Bibelsprüche eingewickelt, dieselbe Bitte enthielt, die vor 20 Jahren der Kohen Amram an Sepp stellte, nämlich die Bitte um fränkisches Geld. Im Verlauf dieses Gespräches erwähnt Sepp den Spottnamen, welchen die Samariter dem Tempel der Juden gaben. Statt wiciäasolr (Heiligthum) sagten sie: inrcktMoir — Mörser. Im vorliegenden Kapitel schreibt Sepp unrichtig inalcclosoll mit Daleth statt Thaw, übersetzt aber richtig mit Mörser; I, 18 dagegen schreibt er richtig wuktssolr mit Thaw, übersetzt aber irrthiimlich mit Aussatz. Derartige Flüchtigkeiten sind noch mehrere im Buche. Der Verfasser tritt mit den Samaritern dafür ein, daß der Garizim der Berg Moriah sei, also die Stätte, wo Abraham seinen Sohn opfern wollte. Dagegen wäre nichts einzuwenden» wenn die Beweise ftringenter wären. Ueber den 2. Theil, welcher von Jerusalem und Umgebung handelt, kann ich mich kürzer fassen. Zwar enthält derselbe Sepp's Ansichten über die Topographie des alten Jerusalem, welche von den übrigen Ansichten (es existiren ca. 20) in gar manchen Punkten abweicht. Aber da gerade jetzt die Ausgrabungen des Amerikaners Bliß am Ophcl die Jerusalemfrage in ein neues Stadium bringen, so will ich lieber die Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Ausgrabungen abwarten, als mit den unzulänglichen Mitteln, mit denen bisher die Frage mehr verwirrt als gelöst wurde, operiren. Sepp verlegt das praotorrum kilnti in die Nähe des Jaffathorcs, da, wo gegenwärtig die evangelische Christuskirche steht (II, 64). Demnach ist die via llolorcwa, unecht. Soweit Sepp sich damit beschäftigt, darzuthun, daß die Burg Antonio niemals das prnsvorium Uilutu gewesen sei, soweit halte ich seine Gründe für stichhaltig. Dagegen möchte ich nicht mit Sepv dasselbe beim Jaffathor suchen, sondern mit Zanccchia (Im iUaiWtina, ll'oAgi I, 240 n. ff.) in der Nähe des Bab es Silsile (Kcttenthor) des Haraui, in dem jetzt Mchkeme genannten Gebäude. Diese Ansicht hat die Tradition der ersten 10 Jahrhunderte für sich, wie der gelehrte Dominikaner looo citatn, ausführlich nachweist. Allerdings sind dann die ersten acht Stationen der traditionellen Via ävlvrosn an falscher Stelle, aber mit Recht bemerkt Zanecchia: in oZui vwclcr il visitars äetto stamoni L somxrs una buona, e Icr äovolö pralioa cii xiotL, altm g, lioüi rrmars allg, uronts i tatti oüo aeoompagnarono la xasowns cisl äivin Roäentoro. Aber wie konnte die wahre Richtung und Lage des Kreuzweges in Vergessenheit kommen? Darauf gibt Sepp II, 95 eine ganz befriedigende Antwort: „Die via äolorosa, hat die Krcuzschleppung des Hcraklius für sich." Der Weg also, auf welchem Heraklius das hl. Kreuz im Triumph durch die Straßen Jerusalems zur hl. Grabkirche trug, hat die Erinnerung an die echte via äoloi' 08 a, auf welcher der Heiland in bitterer Leidens- stnnde das Marterholz zum Calvarienberge schleppte, verdrängt. Sepp tritt mit aller Energie für die Echtheit des hl. Grabes ein. Es wäre doch ein ganz absonderliches psychologisches und historisches Räthsel, wenn den Christen die Kenntniß des Grabes Christi abhanden gekommen wäre. Die Funde bei dem russischen Hospiz haben auch den Gelehrten Recht gegeben, welche für die Echtheit des Kalvaria und des hl. Grabes eingetreten sind. Sepp fordert Oesterreich auf, das CLnaculum, welche» der Kaiser schon im Frieden zu Carlowitz 1699 beanspruchte, zu reclamiren. Ob die Sache so leicht geht, als sich Sepp denkt, kann ich nicht entscheiden; aber jedenfalls wäre es ein Freudentag für die ganze Christenheit, wenn im Abendmahlsaale zum ersten Male nach langer Zeit wieder die hl. Geheimnisse gefeiert würden, ljuoä taxit Oens. Ein Lieblingsthema des Pros. Sepp ist die Hypothese, daß die Omarmoschee ein Bauwerk Justiuians, also christlichen Ursprungs, die Aksamoschee dagegen ein arabisches Werk (von Abd el Malik) sei. Die Franziskaner- Tradition dagegen hält die Omarmoschee für ein arabisches und die Aksamoschee für ein christliches Baudenkmal. Die literarische Fehde über diesen Gegenstand, au welcher sich Nieß und Gildenmeister gegen Sepp ausgesprochen haben, hat gezeigt, daß die Entscheidung aus architektonischem Gebiete liegt und daß die Pilger- und Reiseberichte, sowie die historischen Zeugen, welche beide Parteien vorbrachten, allein die Frage nicht lösen können. Der verdiente Jerusalemkenner und -Forscher Vaurath Schick hat neuerdings eine Schrift über dieses Problem herausgegeben. Leider ist mir dieselbe noch nicht zu Gesicht gekommen. Jedoch aus Anzeigen dieses Buches geht hervor, daß Schick der gleichen oder doch ähnlicher Ansicht ist, wie Sepp. Letzterer erwähnt auch eines Congreffes von Architekten, Ingenieuren und Kunstverständigen, welcher mit 29 gegen 2 Stimmen ihm beipflichtete. (11. 43.) Wo dieser Congreß stattfand und wann, ist nicht erwähnt. Auch die Emmnusfrage wird auf's Neue angestellten und Emmaus mit Kolouieh idcntificirt. Die Franziskaner halten Kubcbe, 60 — 70 Stadien nordwestlich von Jerusalem, Zanecchia, Schiffers und Andere Amwns-Nikopolis, 176 oder 160 Stadien von Jerusalein, für das evangelische Emmaus. Diese drei Orte haben alle etwas für sich, und jeder hat vor dein. andern einen besonderen Vorzug, so daß die Entscheidung schwer ist. Kubebe ist von Jerusalem etwas mehr als 60 Stadien (---- 11 Kilometer — 2 Stunden 45 Minuten), vom Jaffathor gerechnet, entfernt, stimmt also mit der Vulgata Luc. 24 übcrcin; außerdem besitzt es die Rinnen einer herrlichen dreischiffigcn Basilika, für deren Errichtung an diesem Punkt man keinen Grund 22 einsieht, wenn man nicht Emmaus hier finden will. Amwas- Nikopolis hat den Namen, den hl. Hicrcmymus und Eusebins für sich, sowie eine Anzahl CodiceS, wie die meisten armenischen Handschriften, die Peschito, die 6ollä. graeLU8 LanFörwLiius, illulllonsis, Oz'prus, Linuitious, welche 160 Stadien lesen. Doch die Entfernung von 160 bis 175 Stadien — 30—32^2 Kilometer ist für die Luc. 24 erzählte Begebenheit zu groß. Kolonieh hat den Vorzug der Nähe von nur 30 Stadien — 5'/g Kilometer — 1 Stunde 20 Minuten und einen Brunnen Bet Amüs. Eine Handschrift des Josephus schreibt nach Sepp 30 Stadien, ebenso hat Nufiuus; alle sonstigen Handschriften des Josephus haben 60 Stadien. Die Stadien waren aber nicht immer gleich groß, z. B. in Aegypten — 216 Meter, anderswo — 180, 182, 185 Meter. Die Tradition nehmen natürlich alle drei Ansichten für sich in Anspruch. Die Vulgata - Lescart 60 Stadien ist wohl die ursprüngliche, da nur eine solche Entfernung mit der evangelischen Geschichte im Einklang steht; die Nummer 1 scheint von denjenigen vorgesetzt worden zu sein, welche Nikopolis dem evangelischen Emmaus gleichsetzten, in Wirklichkeit aber ist Nikopolis von Jerusalem 176 und nicht 160 Stadien entfernt. Auch glaube ich, daß, gerade um den Leser vor einer Verwechselung mit Emmcms- Nikopolis zu warnen, der Evangelist oder ein früher Glossator die Entfernung beigesetzt hat, ein Vorgang, der ganz ungewöhnlich ist; hätte Lucas die Stadt Emmaus im Auge gehabt, so wäre ein solcher Zusatz unnöthig gewesen. Ich bin leider gezwungen, zu gestehen, daß ich weder für Kolonieh noch für Amwas-Nikopolis mich entscheiden kann, auch nachdem ich Scpp's Ausführungen gelesen habe; ich neige mich vielmehr der Ansicht zu, daß Kubebe sehr viel für sich hat. Wenn es sich auch nicht sicher als das evangelische Emmaus erweisen läßt, so haben die Franziskaner mindestens ebensoviele und ebenso gewichtige Gründe für sich, als die Anhänger von Amwas und Kolonieh. Daher ist Sepp durch nichts berechtigt, II, 248, den Franziskanern folgende Zeilen zu widmen: „Die Ordensväter in der hl. Stadt brauchen gerne das Wort: No o äa, tolle, nag, solarnonto äolla trallitiono! Wohlgesprochen, wenn man traäitio im Sinne von ,Verrath' an der Wahrheit nehmen darf." Es gibt ein deutsches Sprichwort, welches einem hier unwillkürlich aus der Feder fließt: „Mein Freund, Du hast unrecht, denn Du wirst grob!" — Uebrigens hege ich die feste Ueberzeugung, daß die Väter nicht no S sondern iron Z sprechen beziehungsweise schreiben, ferner daß keiner der so sehr von oben herunter behandelten italienischen Patres jemals tr> ikiono gedruckt hätte, sondern wie jedes Wörterbuch der italienischen Sprache ausweist: tralliriono mit 2 . Die Franziskaner haben jedenfalls ebensoviel Recht, ihre eigene Ansicht zu haben, wie jeder andere, der sich mit der hl. Geographie beschäftigt. Solange sie ihre Tradition mit Gründen belegen können, solange hat man kein Recht, ihnen den schwer wiegenden Vorwurf des Verrathes an der Wahrheit zu machen. Ich halte keineswegs jede und alle Tradition der Väter vom hl. Land für wissenschaftlich haltbar; aber daran habe ich keinen Zweifel, daß alle Traditionen optimg, 6äo empfangen und überliefert werden. Quaresmius, auf den sich die Hüter der Tradition fast immer berufen, wird selbst von Sepp I, 163 der „gewissenhafteste Mann unter den Vatern des hl. Landes" genannt und mit dem Prädikat „gelehrt" geehrt. Wenn die Patres gegen die wissenschaftlichen Forschungen vielleicht zu skeptisch sind, so ist das ihnen nicht so sehr zu verargen; denn die Franziskanertradition hat gar viele Hypothesen entstehen und vergehen sehen. Z. B. nach einem Brief des Missionärs und Palästinaforschers Don Gatt in Gaza scheinen die neuen Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem die bisher so verpönte traditionelle Ansicht vom Sion zu bestätigen. — ^ Man bekämpfe also die Tradition, wo sie unhaltbar ist, mit wissenschaftlichen Waffen, aber werde nicht gleich nervös, wenn der Gegner auf seiner Meinung besteht, weil er gnte Gründe dafür zu haben glaubt. Die Franziskaner haben für das hl. Land mehr gethan, als alle europäischen Palüstinaforscher mit einander, sie haben oft ihr Leben eingesetzt, ihr Blut vergossen, um die heiligen Stätten zu vertheidigen; daher ist es undankbar und ungerecht, sie jetzt als guautitö noZIiZonbis zu behandeln. Damit will ich die Besprechung der geographischen Ausführungen Sepp's beschließen. Zu meinem Bedauern mußte ich fast immer erklären, daß mich die vorgebrachten Beweise nicht oder nicht ganz überzeugen konnten. Sepp's Methode krankt vor allem daran, daß er die Einwürfe seiner Gegner zu wenig ernst nimmt. Würde er sich der Mühe unterzogen haben, die Gründe der Gegner > eingehend zu prüfen und zu widerlegen, dann hätte er erkennen müssen, daß es auch seinen Gegnern mit dem Streben nach Wahrheit Ernst ist, und daß auch sie Gründe haben für ihre Meinung, und gar manches bittere und verbitternde Wort wäre ungeschrieben geblieben, und manche Hypothese wäre nicht aufgestellt worden. (Schluß folgt.) Die Ode Papst Leo's XIII. an Frankreich. ch Wie in Nr. 13 der Postzeltung („Aus der kathol. Welt. — Frankreich) bereits gemeldet wurde, bringen die französischen Blätter die Uebersetzung der von Leo XIII. zum 1400jährigen Chlodwig-Jubiläum gedichteten Ode. Das Poöm berührt mehrere große Ereignisse in Frankreichs Geschichte, z. B. Chlodwigs Bekehrung, die Pipinische Schenkung, die Krenzzüge, Jeanne d'Arc, die Reformation u. a. Der hl. Vater sandte die Ode an den Cardinal von Reims, welcher sie am heil. Christtage in seiner Kathedrale den Gläubigen verlas. > Soeben veröffentlicht das neueste Heft der Oivlltä eattolioa vom 16. Januar den Originaltext. Die Ueber- schrift lautet in Nachahmung der bekannten Stelle im Prologe zur 1 -ox Laliea: „Vivat Odristus gui äi- liAitk'rg.noos! Ob moworiain auspieatissiwi ovontus guum I'ranoornw natio praosnnto Oloäovoo ro^o ss Obristo acläixit, oäo." Was die historischen Anspielungen des Gedichtes betrifft, so kann man vom geschichtswissen- schaftlichen Standpunkte aus bisweilen anderer Meinung sein. Die Befürchtung, daß eine chauvinistische Ausnutzung der Ode durch unsere Nachbarn erfolgen wird, dürfte auch nicht unberechtigt erscheinen. Dazu verleitet schon das Wortspiel mit „^ranoi" rc. rc., obwohl der Papst z. B. in der 2. Strophe nicht ohne Absicht und angesichts seiner versatilen Sprachkunst gewiß nicht aus metrischem Zwang das Wort „loutonum" gewählt hat statt des näher liegenden, aber gerade sür Franzosen zweideutigen und darum leicht mißbräuchlichen ,,^Iaman- norum"! Das wirklich klassische Sprachgefühl und das jugendliche Gcistesfeuer des 87jährigen Papstes kann man ^ nur anstaunen. Es folgt hier der Text der Ode: „Oontinm oustos Osus est. Rspsnts Ltornit üwiZuss bumilssgus prowit: Llxitus roriim tonst atguo nutu lomporat asguo. Doutoniim pro 88 U 8 Olollovous arrnis, Ot 8U08 viciit tropicioo porioli, 23 I'srtur das voess iterssse, sä sstrs Rnmivs tenäens: . Oivs, gusm supplex sssxs mes eoniux l^unenpst ckssnm, mibi clsxtsr säsis; 81 iuvss xromxtus vslläusgne, totum Lle tibl äsäsm. » lilleo exeussns xsvor: seriores Dxeitai: virtus snimos; resur^it I'rsneus in xnKvsm; rait, et ernentos Oisiieit dostes. » Victor 1, voti Oloäovss eompos, 8ud inZo Obristi esxnt obllAstum Rone; ts Remis manet inkulsts Rronts ssesräos. Imäor? Da siZnis xositis sä srsm Ipse rex sacris rsnovstur unäis, Lt oodors omnis popnlnsgns äio llin^itnr smvs. » Roms ter kelix, caput o renstss Ltirpis bnmsnss, tns xsnäs rsKvs: Hsmgns vietriees tidi sxonts Isnros I'ran ei» äekert. I^s eolst mstt'em; tu» msior esse Oestist ustn: xotiors vits Liesest, se summa beneüäs Retro Llsrs keretur. II t midi lonßgim lidet intueri ^§msn deroum! Oomitor keroeis L'Äxet Xstolü, plus ille säen luris smstor, Remgue Romsnsm populsntis uttor Bis Per adruxtss metuenäus »Ipes Irrait, summogue Rstro volsntss >sserit indes. diaetus sämiror Lolxmis positss Vinäiees 8sneti lumuli pbalsnASs: Ns Rslsestims renovsts esmpis Rroslis tsnAUllt.') O novum robur eeledris xnellss Osstrs perrumpens iuimies! lurxem 6sUise elsäem repullt äosnns dlomine tret». 0 guot illustres snimss vsksuäs Lloustrs Lalvini äomuere, §sntem Rade tsm äirs xrodidere tortss 8eeptrsgus reZni! tzuo ksror! lemxus rsäit suspiestum llrises gno virtus suimis eslesest. Leee Remeusis^) eiet atgus säurZst Ooräs triumxbns. Eslliess xentss, iudsris vetusti die ciuiä odseuret rsäios, esvets: bleve suiknuäst malesusäus error LIsutidus umdrss. Vos reKst Odiistus, sidi guos reviuxit: Obsegui seetis xuässt probrosis; Oeeiäst livor, soeissgue in uunm Lo^ite vires. 8seels dis septsm eslor setuosss Rerstitit vitse, remrens perire: ') Anspielung auf die orientalischen Wirren unserer Tage. i -) Anspielung auf die neuerliche Konferenz in Reims. ! Lurrits sä Veslsm'): novus sestusdit Reetors kervor. Oissitis üoret msxis usgus terris Esllieum uomen: poprllis vel ipsis L.äsit eois, üäeigus sauetse Vots sveuuäet. I^ll Läs Ldristi prius: dse säempts Illl äiu kelix. 8tstit uuäs priseae 8umms laus Aeuti, msuet iuäs iuxis Öloria Osllos. d,eo xm. Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck »erbotn,.) Juli. S. Wahlen in Belgien. Resultat: Kolossales Anwachsen der Socialdemokratie, vollständiges Ende der Liberalen; Stichwahl zwischen Katholiken und Socialisten. 10. Ministerkrise in Italien; Rudini mit Neubildung des Cabinets wieder betraut. 11. Fünfundzwanzigjähriges Jubiläum des Klangs von Sachsen als Generalfeldmarschall. 14. Reconstruirtes italienisches Ministerium Rudini; Pelloux Krieg, der Herzog von Sermoneta (Aeutzeres) nicht mehr Minister. 16. Die Drusen werden von Tahir Pascha bei Taleh entscheidend geschlagen. 20. Visconti Venosta zum italienischen Minister des Aeußern ernannt. 20. Zahlreiche Christenermordungen durch Muhamedaner auf Creta. 22. Die Pforte rüst in Folge der Vorstellungen den Botschafter Abdullah Pascha von Creta ab. 23. Demonstrationen in Lille gelegentlich der Anwesenheit der deutschen Socialisten. 23. Das deutsche Kanonenboot „Iltis" während eines Taifuns in den asiatischen Gewässern untergegangen; Capitain Braun, alle Officiere und die Mannschaften, bis auf 10 Gerettete, untergegangen. 28. Sämmtliche Angeklagte im Prozeß Jameson verur- theilt; Jameson 15 Monate Gefängniß. 28. Internationaler Socialisten-Congreß in London. 29. Straßcntumulte in Zürich gegen italienische Arbeiter. 30. F. Schröder wird vom kaiserlichen Gericht in Tanga zu 15 Jahren Zuchthaus vernrtheilt. Äugn st. 1. Eine Fluthwelle überschwemmt die Provinz Kiangu (China) und richtet großen Schaden an. 2. Fünftes deutsches Sängcrbundesfest in Stuttgart. 4. Der erste Zug der transsibirischen Eisenbahn in Tomsk eingetroffen. 7. Dritter internationaler Congreß für Psychologie in München. 15. Entlassung des Kriegsministers Brousart von Schellen- dorff bewilligt: Nachfolger Geuerallieutcnautv.Goßler. 17. Fridtjof Nansen kommt in Hammerfest an; große Ehrungen. 20. Nansens Schiff „Fram" in Skjervö angekommen. 22. Entdeckung einer Verschwörung auf den spanischen Philippinen. 23. Erklärung im Staats- und Reichsanzeiger, betr. den Willen des Kaisers, einen Gesetzentwurf zur Militär- Itrafprozeß-Orduung vorzulegen. 23. Deutscher Katholikentag in Dortmund. 24. Audröe beschließt, wegen ungünstigen Windes mit dem Ballon nicht aufzusteigen. 25. Sultan Hamed bin Thwain von Zanzibar stirbt; lein Onkel Said-Kalid ergreift widerrechtlich Besitz vom Thron. 26. Furchtbares Blutbad unter den Armeniern in Kon- stantinopel. Eine Anzahl Armenier sind in die Ottomanbank eingedrungen, erreichen aber nichts. 27. Kaiser Nikolai II. von Rußland als Gast des österreichischen Kaisers in Wie». °) „Iklnmeu allnens Homos, nbi rei cbristisnse spuck Vrsneos äeäieals snut initial September. 1. Die Engländer werfen den Aufstand in Zauzibar nieder und nehmen den Sultan Said-Kalid gefangen. I. Massenhafte Verschwörer-Verhaftungen m Konstantinopel. 4. Festliche Kaisertage in Breslan; das deutsche Kaiserpaar gefeiert. , ^ 5. Festliche Ankunft des russischen Zarcnpaares in Breslan. ^ S. Vierzigjähriges Regicrungs - Jubiläum des Groß- herzogs Friedrich von Baden. 5. Kaisertoaste auf dem Festessen (Galatafel) in Breslan. Der Kaiser von Rußland sagt: »äs puis vons assuror, Lirs, gas zs suis. avimä ä ss intzmss ssutimsnts tra- äitionsls gus votrs Llazesto." Wolff's Telegraphenbureau bringt die drei letzten Worte „gas man xdro". 7. Neue cretische Verfassung vorn Sultan bewilligt. 8. Das russische Kaiserpaar in Kiel. 9. Großartige Empfangsfeier Nansens und der Fram- Leute in Christiania. 13. Entdeckung einer geheimen Dynamit-Fabrik in Antwerpen: angebliches Komplott gegen das Leben des Zaren; Tunan, die geheimnißvolle Nr. 1 der Uube- sieglichen, Ehef der senischen Mordbande, in Bonlogne verhaftet. 14. 20 . Krawalle von Opalenitza (Posen). '. we Eirtdeckung einer Bombenhöhle in Konstantinopel. — Deftige Unruhen im Innern Armeniens. 20. Versaminlimg deutscher Naturforscher und Aerzte in Frankfurt a. M. 23. Deftige Ausfälle Gladstones gegen den türkischen Sultan wegen der armenischen Gräuel. 24. Bomhen-Ausstellnng der türk. Polizei; 242 Bomben. 26. Feierliche Eröffnung des eisernen Thores zu Orsova. Recensionen und Notizen. Der Campo Santo der Deutschen zu Rom. Geschichte der nationalen Stiftung, zum elfhnndert- iährigen Jubiläum ihrer Gründung durch Karl den Großen herausgegeben von Anton deWaal, Rector des Campo Santo. Freiburg i. Breisgau, Herder, 1896. * Ueber diese treffliche Schrift lesen wir im Augsb. Diöcesan-Amtsblatt: Wir betrachten es als Ehrensache, der Geschichte der Nationalstiftung der Deutschen in Rom an dieser Stelle einige Worte zu widmen. Unter der Führung eines hervorragenden Gefchichts- und Alterthumskenners, der sich während der 25 Jahre seiner Anstellung am Oampo santo äst Isässobi mit der Geschichte desselben beschäftigt hat, eine Wanderung durch die im Verlaufe von 11 Jahrhunderten sich abspielenden wechsel- vollen Schicksale der Nationalstiftung zu machen, ist ein geistiger Genuß. Viel des Erbebende!: von treuem Zusammenschluß der nach Rom, diesem ebenso einzigartigen als vielseitigen Anziehungspunkte der Geister, wandernden Laudsleute, von mannigfacher Bethätigung religiöser Gesinnung, von Achtung gebietenden Bestrebungen aus den Gebieten christlicher Charitas, echter Kunst und katholischer Wissenschaft, und das alles eingestellt in den großen Rahmen der ewigen Stadt und ihrer Geschichte: ein überaus abwechslungsreiches und wirkungsvolles, dabei — Dank der Darstellungsgabe des Verfassers — äußerst anschauliches Gemälde. Mit aufrichtiger Freude und berechtigtem Stolze aber muß jeden deutschen Leser die Thatsache erfüllen, daß die Nationalstiftung in der jüngsten Zeit durch Zuweisung neuer und höchst zeitgemäßer, in erster Linie wissenschaftlicher Aufgaben einen ungeahnten Aufschwung genommen hat und geehrt und geachtet dasteht, wie kaum in einer der vorangehenden Blütheperioden. Den derzeitigen rührigen Herrn Rector, dessen Name in der wissenschaftlichen Welt selbst einen guten Klang hat und dessen Umsicht und Liebenswürdigkeit nicht zuletzt der gegenwärtige blühende Stand des Campo Santo mit zu verdanken ist, möchten wir gebeten haben, den Ausdruck unserer freudigsten Theilnahme aus Anlaß dieser seltenen Säcularfeler entgegen zn nehmen. Die prophetischeJnspiratiou. Biblisch-patristischs Studie von Dr. Franz Lcituer, Subregens des Georgianischen Clerikal - Seminars in München. (Biblische Studien, hcrausg. von O.Äarden- hewer, I. Band, 4. u. 5. Heft.) Freiburg, Herder, 1896. 8°. IX, 195 S. 3 M. 60 Pf. v. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gesetzt, den Einfluß begrifflich zu bestimmen, den Golt nach der Lehre der hl. Schrift und der Väter auf das Zustandekommen der Prophetie im weiteren Sinne des Wortes ausübt. Er zeigt in lichtvoller, überzeugender Darstellung, daß mrch für diese Form der (mündlichen) Verkündigung göttlicher Wahrheiten eine außerordentliche und übernatürliche Einwirkung Gottes nothwendig ist. in Folge deren sowohl der Inhalt der Prophetie rn Gott seinen Ursprung hat, als auch die Mittheilung der iuspirirten Gedanken auf göttlichen Antrieb und unter beständiger göttlicher Leitung geschieht. Mit den rationalistischen Versuchen, die Prophetie ohne göttliche Inspiration aus bloß natürlichen Airlagen und natürlichen Motiven zn erklären, zeigt L. sich bestens vertraut und legt in besonnener, ruhiger Kritik die Grundlosigkeit dieser Theorie dar. Anderseits tritt er auch der Annahme, die Inspiration bedeute die direkte Eingebung eines jeden Wortes, mit vollem Rechte entgegen und setzt auseinander, wie sich die Individualität des Propheten auch unter dem göttlichen Einflüsse in mannigfacher Richtung bethätigt. — L.'s sorgfältige und nach streng wissenschaftlicher Methode durchgeführte Arbeit reiht sich würdig den Werken an, die bislang in den „Biblischen Studien" erschienen sind, und bringt den ersten Band dieses vorzüglichen Organs trefflich zum Abschluß. „Katholischer Schulfreund" mit der Beilage „Der katholische Jüngling", Organ des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer. Ganzjährig 12 Hefte zuni Preise von fl. 1.20 sanrnit Postzusenduug. Bestellungen sind zu richten an die Vereinscanzlei Marienheim in Strebersdors bei Wien. Soeben kommt uns das 1. Heft des 2. Jahrganges dieser eigenartigen, vortrefflich redigirten Monatsschrift zu. Der „Schulfreund" beginnt nrit dem herrlichen Gedichte Franz Eichert's: „In Jesu Namen"; dann beginnt der begeisterte Kauzelredner ?. Emanuet Martine!. Franciscaner-Ordenspriester in Wien, einen Artikelcyclus: „Die Hauptaufgabe der Schule in unserer Zeit". Im ersten Theile behandelt er die Frage: „Christenthum oder Atheismus ?" — Von den hervorragenden Pädagogen aus der Schulbrüderconaregation wird uns der Bruder Philipp und sein begeistertes Streben vorgeführt, daran reiht sich eine kurze Geschichte der katholischen Universität Frei- bura in der Schweiz, eine Schilderung des Lehrerseminars in Tisis, die Fortsetzung Vänas schöner Erzählung u. s. w. — „Der katholische Jüngling" beginnt mit einem Leitstern für die Jugend von einem wohlbekannten Jugendfreunde: ein Gedicht: „Des katholischen Jünglings Liebe zum göttlichen Kinde"; eine Lcbensgeschichte Joseph Wichners; eine Schilderung des großen Pariser Jüng- lingsvereines, gegründet von Vicomte de Melnn, eine Oricntreise vom Hof-Photographen Scolik und vieles Interessante und Lehrreiche der mannigfachsten Art. Wir empfehlen dringeudst die Unterstützung und weiteste Verbreitung der tüchtigen pädagogischen Schrift. Der Mensch und sein Engel. Ein Gebetbuch für katholische Christen von Alban Stolz. Mit Approbation des Hochwürdigsten Herrn Erzbischofs von Freiburg. Zehnte Auflage, mit farbigem Titelbild. Freiburg i. Vr., Herder'sche Verlagshaudlung. * Alban Stolz regt in der Form von Betrachtung und Gebet in seiner kräftigen Sprache den Katholiken an zu recht vertrauensvollem und wirksamem Gebete. Das Gebetbuch enthält neben den üblichen Audachtsübungen, Beicht- und Communiongebeten sieben Meßgebete und als Zilgabe die Vesperpsalmen, mehrere Litaneien und sonst bei kirchlichen Andachten übliche Hymnen und Gebete, zum Theil im lateinischen Original mit deutscher Uebersetzung. Die große Zahl der Auflägen und der Name Alban Stolz bilden die beste Empfehlung für das Gebetbüchlein. Preis geb. von 1 M. 15 Ps. bis 5 M. 60 Pf. Derantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresvcrein in München.) 3. 6. Welcher Gegenstand läge dem forschenden menschlichen Geiste zugleich näher wie ferner als die Frage nach dem Wesen des Weltganzen, nach dem „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht". Welch wunderbares Gebilde ist nicht das Weltall! Sehen wir nicht darin die physische und die moralische Natur oft im Frieden, oft aber auch im Streite liegen? Sehen wir nicht, wie in diesem Universum das Ewige den Hintergrund abgibt für das Vergängliche, wie Sterbliches die Schaubühne bildet für Unsterbliches? Sehen wir nicht, wie in der Welt die größte Willkür verbunden ist mit der größten Dienstbarkeit? Kurz, sehen wir nicht in dem All, das uns umgibt, die schreiendsten Dissonanzen, und sieht nicht unser Geist, der ein Geist der Ordnung ist, hinter ihnen im letzten Grunde doch die größten Konsonanzen? Wem sollte darum nicht das Verlangen kommen, hinter das Geheimniß dieses großen scheinbaren Irr- und kVirrgartens einen Blick zu thun? Diesen Blick thun, heißt aber eine Weltanschauung haben. Wenn wir eine Weltanschauung suchen, dann suchen wir die Principien, wo möglich das eine Princip, aus dem wir der gesammten Welt Entstehen, Bestehen und Vergehen einheitlich zu begreifen vermögen; dann suchen wir den einen Punkt, das eine Rom, zu dem alle die viel- vcrschlungeneu, weitverzweigten Pfade des Weltalls in letzter Linie nothwendig hinführen. Wer dieses Rom erreicht hat, der hat eine Weltanschauung gewonnen. Viele Forscher haben nach einer Weltanschauung gerungen; auf manchen Wegen hat mau sie zu erreichen versucht. Leider waren es unr zu oft Irrwege; leider mußte sich und muß sich noch heute von der Lippe des sterbenden Forschers nur zu oft das Bekenntniß los- ringcn: „DrZo arraviwus", „Also war es doch verkehrt". Doch nicht alle sind so unglücklich. Schon aus dem Dunkel des Heideuthums sehen wir in Sokrates, Plato und namentlich in den: großen Stagiriten, dem „Meister der Wissenden'") die Erkenntniß der Wahrheit aufdämmern. Doch erst in der Zeit, wo der „Oriens ex alte", der „Morgenstern in der Höhe" über der Welt aufgeht, steigt das Licht der Wahrheit zur Mittagshöhe empor. Da sehen wir die großen Kirchcnväter und namentlich den Niesengeist des heil. Angustinus Gottes unermeßlichen Weltendom in kühnen Linien geistig nachbauen und unserm staunenden Sinn begreiflich machen. Allein noch finden wir auch bei diesen Leuchten der Wissenschaft nicht den Weltendom als Ganzes wieder; nur den einen oder andern mächtigen Stein zum Bau des Ganzen hat ein jeder von ihnen Herbeigetragen. Den Ban selbst hat zum erstenmale und zugleich mit unübertroffener Meisterschaft der hl. Thomas von Aqniir vollendet. Dieser Aufgabe ist namentlich sein meisterhaftes Buch „Lumina contra gsutss" gewidmet. Indem ich mir darum vorgenommen habe, das Bild einer Weltanschauung wenigstens in einigen Umrissen vor Ihren Augen zu zeichnen, werde ich mich getreulich an das Vorbild dieses großen englischen Lehrers halten. Möge nun der Name des heil. Thomas von Aquin Ihr Vertrauen zu meinen Worten erwecken; denn wahrlich dieser Name hat in der Kirche *) „I! maostro äi color olle saune". (Dante, luk. IV. 131.) und unter den Gelehrten einen guten Klang; es ist der ersten und besten einer?) So werden Sie mir auch in einem gewissen Punkte um so lieber Ihre Nachsicht gewähren; wenn ich nämlich aus der Noth des Zeitmangels eine Tugend der Darstellung mache und nicht jeden Satz, den ich ansspreche, ausführlich beweise. Oefter kann ich die Beweise nur andeuten, öfter kann ich auch nur die Thatsachen erwähnen. Wollte ich anders handeln, so würde ich auch nur mit einem nothdürftigen Bilde einer Weltanschauung im Rahmen eines Vortrages unmöglich fertig. Und nun an's Werk! Um die Darstellung übersichtlicher zu machen, wollen wir die Welt zuerst in ihrem Anfange und Ursprünge, dann in ihrem Bestände und schließlich in ihrem Endziele und ihrer Vollendung betrachten. I. Wenn der Mensch an die Dinge der Welt, die ihn umgeben, an Sonne und Sterne, an die Steine, die Pflanzen und Thiere, wenn er schließlich an sich selbst die Frage richtet: Woher denn seid ihr?, so hört er laut und einstimmig die Antwort: „Nicht wir haben uns gemacht, sondern Er, der über uns steht, hat uns geschaffen." „Aon ipsi Hos, sock ipso kamt uv8". Diese Frage an die Welt ist ein tiefes Nachdenken über ihr Wesen und ihre Ursachen, und die Antwort der Welt ist die gewonnene sichere Erkenntniß, daß über all diesem Veränderlichen auch ein Wesen existiren müsse, welches selber nie verursacht aller Dinge letzte Ursache sei. Dieses eine unverursachte, unveränderliche Wesen uenuen wir Gott?) Und so müssen sich im großen Gemälde des Weltalls immer zwei charakteristische Linien zeigen von grundverschiedenem Aussehen. Die eine bildet das Centrum, die andere die Peripherie; die eine ist ewig, unveränderlich, alles Bestehenden letzte Ursache, die andere ist zeitlich, vergänglich und geschaffen; die eine heißt Gott oder Schöpfer, die andere Welt oder Schöpfung. Was nun für die Peripherie das Centrum, was die Sonne für die Sterne, was für das Menscheuherz seine größte Liebe ist, das ist Gott für das Weltall, Ansgang und Ende, Vorbild und Leiter, « und c», kurz Alles. Es kann daher eine wahre Weltanschauung nur in engster Verbindung der Welt mit Gott gewonnen werden. Wie gelangt nun aber unsere Vernunft einigermaßen zu einem Begriff des göttlichen Wesens? Nur auf dem einen Wege, daß sie von dem unverursachten Urheber aller Dinge alle jene Unvollkommenheiten entfernt, welche den geschaffenen Wesen eben darum anhaften, weil sie einem anderen Wesen ihr Dasein verdankend) Die höchste Ursache aller Dinge muß also zunächst rein durch eigene Kraft existiren. Um das aber zu können, muß sie jeder Unvollkommenheit baar, die reine Wirklichkeit selbst sein, aetus purus. -h nxneri; Diese existireude unendliche Vollkommenheit ist aber nothwendig -) „Olle sovra ZU aktri eoms aquika veka". (Dante.) °) Herrlich hat diesen Gedanken der hl. Angustinus ausgeführt; vgl. 8. ilus. 8okikoguia cap. XXXI. — ek. 8. Illnin. 8. e. Zentss, Üb. 1. eap. XIII; 8. III. I. gu. 2. 8. Illoin. 8. v. §. Ull. I oax. XIV „Dst entern via reinet tonts ntsnänin praeeixme in consiäerations cll- vinas snllstantiae" ek. rel.; ek. 8. III. I. gu. XII a. 12; et g. 13 a. 12. °) „Dsns est priinnrn ens et prima eausa.., non itzitnr ballet in 8S akignick potentiae ackinixtum". 8. e. kill. I. cap. 16; ok. rel.; — in bletapllxs. kill. 9 ksot. 8. absolut einfach"), d. h. ohne jede Theilung oder Teilbarkeit in ihrem Wesen. Ebenso ist sie ewig?), d. h. ohne Anfang und Ende ihrer Existenz; schließlich kann die existirende unendliche Vollkommenheit nur eine") sein und muß daher alles Bestehenden und mit ihr nicht Identischen letzte absolute Ursache sein. Alles, was demnach in der Welt besteht und nicht dieses unendliche Wesen, Gott selbst ist, war einmal nichts und hat in letzter Linie von Gott sein Dasein empfangen. So war also der Ursprung der Welt auf ihrer Seite das Nichts, auf Gottes Seite die schöpferische Allmacht. °) Für den Ursprung der Welt war aber noch mehr als die Allmacht Gottes thätig. Schon eben sagten wir, daß Gott die existirende reine Wirklichkeit selbst ist. Dieser Begriff schließt den Gedanken ein, daß die göttliche Wesenheit alle und jede irgend mögliche Vollkommenheit in einem einfachen, unendlichen, reinen Acte umschließt.'") Daraus folgt unmittelbar, daß alles, was irgendwie Dasein und Vollkommenheit haben kann, in Gottes unendlicher Wesenheit seinen Urtypus besitzt, den es in einer genau bestimmten Weise nachahmt.") Da nun die göttliche Wesenheit unendlich vollkommen ist, so kann sie von den Dingen in unendlich mannigfalt ger Weise nachgeahmt werden, aber von keinem geschaffenen Dinge so, daß nicht noch eine Kluft weiter als Plancten- fernen zwischen ihm und Gottes Unendlichkeit läge. Indem nun ein jedes Ding in seiner Weise Gott nachahmt, würden schließlich umsomehr Seiten der göttlichen Wesenheit wiedergespiegelt werden, je mannigfaltiger die Dinge im Einzelnen sind und je vollkommener sie sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügen. Darum führt uns der Ursprung der Welt auf Gottes unendliche Wesenheit als auf ihr Urvorbild zurück. Dieses unerreichbare Vorbild ahmt das Weltall schon in allen seinen Theilen, ein jedes Ding in seiner Weise nach, mehr aber noch in der Gesammtheit seiner Existenz in Raum und Zeit.'?) Zwischen der Wesenheit und Allmacht Gottes fehlen aber noch zwei verbindende Glieder, die göttliche Erkenntniß und der göttliche Wille. Gerade sie sind aber Ar unsere Auffassung des Anfanges und Bestandes der Welt von grundlegendster Bedeutung. Wie die göttliche Wesenheit die ganze Fülle des Seins in einem reinen Acte vereinigt, so erstrahlt sie von Ewigkeit als die unendliche Wahrheit dem mit ihr dem Sein nach identischen göttlichen Verstände. Als die reine absolute Wahrheit, die keines Zuwachses, sei es an Inhalt, sei es an Sicherheit des Wissens fähig ist. erkennt und begreift Gott in unendlich vollkommener Weise durch alle Ewigkeit sich selbst.'") Es muß ferner im göttlichen Verstaube von Ewigkeit her alle und jede nur irgend mögliche Wahrheit ohne irgend welche Beschränk- ") 8. 1b. I. yrr. 3 a. 3. ') 8. o. §. üb. I. esp. XV; 8. 1b. I. q. 10. ') 8. o. §. lib. I. eap. 42; 8. 1b. I. ga. 11. ') 8. e. Ub. II. e. 6—8; 15, 16. 8. 1b. 1 gu. 44—46. ") „Kalla cls xsrleetioaibus ssssucU xotsst clsssss ei, huoä 68t jxsuill 6SS6 sul)sist6ii3". 8. 1. 4 a. 2 aä 3; 8. e. Ub. I eax>. 28. ") „Rolls ornuirro esse polest evtis ratio, in gaolibet: xsrrsrs, guallbstvs catsKoria, guas lorraaUssiras von ennstet spseiali gaoäai» illiitationsipsiasKsss sabsistsatis" tlmil. Killot, Ks I)so u»o. Komas 1693 p. 130). 8. Ibour. L. s. A. Ub. I cap. 29; 8. II-. 1 y. 4. a. 3. ") 8. o. A. Ub. III eap. 20; Ub. II eap. 45. ) 8 . o. §. Ub. I cap. 44 — 48. 8. Ibor». 1. o. 10 a. 5 ; rt. 14 a. 1—4. ung ideelle Existenz haben. Gottes Verstand begreift nämlich nothwendig absolut vollkommen die göttliche Wesenheit. In dieser sind aber gleichsam zwei Seiten zu unterscheiden. Auf der einen Seite erglänzt Gottes Wesenheit in ihrer eigenen absoluten Vollkommenheit, auf der andern Seite aber steht sie auch da als das große Urbild, das in unendlich vielen Stufen der Vollkommenheit von andern Dingen nachgeahmt werden kann. Daher gehört es zur unbegrenzten Vollkommenheit der göttlichen Erkenntniß, daß sie die göttliche Wesenheit nicht nur in ihren eigenen Zügen durchschaut, sondern daß sie als zweiten Gegenstand in dieser Wesenheit und durch sie alle ihre möglichen Abbilder, d. h. die ganze mögliche Welt des Seienden, soweit und so groß sie ist, sowohl in jeder Einzelheit wie in allem möglichen Zusammenhange ohne jede Dunkelheit, Beimengung oder Ungewißheit mit absoluter Klarheit ewig durchdrängt.") Wäre das nicht der Fall, so hätte Gott nicht von Ewigkeit her die ganze Wahrheit gegenwärtig gehabt, wäre also wenigstens seinem Verstände nach nicht unendlich vollkommen. Alles also, was in der jetzigen Welt seinen Platz hat, jeder Vogel in den Lüften, jedes Blümlein am Grunde, jedes Menschenherz, das in einer Menschen- brüst schlägt, ja jede freie Regung, die in diesem Herzen wach wird,'") die ganze physische und moralische Welt vorn Anfange bis zum Ende der Zeiten, in allen ihren Verkettungen und Verzweigungen, in allen ihren Dissonanzen und Konsonanzen, dies alles stand mit absolutester Deutlichkeit und Gewißheit bis in die kleinsten Differenzen des Seins ewig vor dem Sonnenauge des göttlichen Verstandes. Aber auch dies ist nur ein kleiner Bruchtheil der unendlichen göttlichen Erkenntniß. Auch alle die andern unzähligen möglichen Welten, jedes Blatt, das in dieser Welt auch anderswohin oder anderswann hätte fallen können, jeder freie Willensentschluß, der statt zum Bösen zum Guten sich hätte hinwenden können, alles, was irgend möglich ist, erstrahlt ewig mit der Helligkeit der Mittagssonne vor dem Geistesauge Gottes.'") Versuchen wir es, diese Hoheit der göttlichen Erkenntniß uns einigermaßen klar zu machen. Zwar werden wir nie hinter ihr ganzes Geheimniß kommen — denn nicht unlsonst heißt es von Gott, daß er hinter den Wolken sein Zelt aufgeschlagen —; aber auch das Wenige, was wir so erkennen, genügt vollständig, um uns zu zeigen, daß die heutige Welt nicht blind und aufs Gerathewohk entstanden ist, sondern nach dem Plane längst vorher, bis in die kleinsten Einzelheiten, genau bestimmter göttlicher Ideen.") Was aber ein vernünftiges Wesen nach ") 8. o. K. lib. I eap. 54; 8.1b. 1 tz. 14 a. S; tz. l>. äs Vsr. g. 3 a. 2. „Heus esssrrtiar» «asm psrlsots eo- Anoseit. llncls eoZnosoit sarn ssoauclum oraasm raoäai», guo coK»oseibiIis est. 'lotest autsm eoxaosei von solar» sseuaäum guocl i» ss sst, sscl sseaaäaor guoä sst par- tioipabiUs ssounclar» aligueai raoclui» siirrilitaäillis s crsaturis sie." — l. g. 15 a. 2. ") „Kivirrus illtsllsctas eomxrsbsaäsnclo ärviirar» ss- ssatiar», so ipso spserrlatrrr onrass possibilss tsrariuosiraits- bilitatis ipsirrs. Kirre, Osi iatuitus, prirao gaiclsr» Isrtur i» essential» suam; clsiaäs vsro,tra»s esssrrtiar» visarn,i» orrrrria possibiUa st oruuss, gaotguot saut, moilos sillAalaritatis eorurn; Isrtur itagus irr oirrirsrri volurrtatsar ersabilsr», sseulltturrr grrocl sst base irr incliviclrro volantas, ab omni alia xossibili voluatats äistineta ste.". Lillot I. o. p. 203. ol. 8. e. K. llb. I eap. 40, 54, 67, 68 ; 8.1b. I. g. 14 a. 13; tz. K. cls vsr. 4. 2 a. 12. 8. 1b. 1. grr. 14 a. 12. ") 8. 0. A. lib. I. cax. 64; lib. II. eap. 24.. 8. 1b.' 1. 0. 15. 90 . vorher erkannter Idee ins Dasein ruft, das ist sein Kunstwerk. Darum ist denn das Weltall das wohlüberlegte Kunstwerk des ewigen Künstlers über den Sternen, das XÜ 70 -: x-rr' der Abglanz der unendlichen Schönheit selbst. (Fortsetzung folgt.) Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt. Erwerbung Kapharnaums für das katholische Deutschland und des Johanniterspttals für Preußen von Professor Dr. Sepp. (Schluß.) Ich wollte hier die Etymologien Sepps einer genauern Besprechung unterziehen; aber ich will lieber die Theologie Sepps beleuchten. Seine Vorrede schließt mit den Worten: „Dieses Buch enthüll zugleich neue Religionsstudien auf dem Boden Palästinas. Ich fange Theologie zu stndiren da an, wo gewöhnlich die Gottesgelehrten aufhören." Es fällt mir natürlich nicht ein, alle theologischen Exkurse Sepps zu referiren, nur die hauptsächlichsten sollen zur Sprache kommen. I, 59: „Die Sage von der Empfängniß durch ein Bad verlautet schon in der Zendrcligion, wonach eine reine Jungfrau im hl. See Kan^u den LebenSkcim Zoroasters zur Geburt des Weltheilandes Saosios aufgenommen. Hierouimus aäv. llovin. I, 35 meldet von der entsprechenden Menschwerdung Buddha's, aber Ephrcm der Syrer und Angustiu, von Späteren nicht zu reden, übertragen die wunderbare Lenreptio per aureiu unbeanstandet auf den Logos des Evangeliums, namentlich das Brevier der Maroniten." Sepp scheint also nicht zu wissen, daß dieser Ausdruck coueeptiv per unrein nur ein Tropus ist!!!! Das war eine Probe aus der Patrologie. 1. 363: „Aus solchen Beispielen mag man den Abstand des alten Testamentes von der Religion Christi erkennen! Und diese politische Rachgier muß Jehovah gutheißen und mit seinem Namen decken! Gleichwohl zürnt uns der sehr gelehrte, vom Mosaismus herüber- bekehrte Paul Cassel (ülsmun IX, XII, XV), daß wir nicht den Geist des alten Testaments (tatet) im neuen wiederfinden (patet). Wir erwidern: Hat nicht Jesus in der Bergpredigt der alttestameutlicheu Moral wider- sagt und die neue Doktrin der alten entgegengesetzt? Daß Rom die Bibel den Laien lieber voreuthält, verdient keinen Vorwurf. Die in der biblischen Geschichte vorgetragenen Wunder von Moses, Josna, Simson, Ellas und Elisa usw. sind Legenden und verwirren den Verstand und die Phantasie der Jugend, ja wenn wir vom Judaismus uns nicht völlig bekehren, sind wir keine Christen. Ist eS doch Esra, den die Samariter als el Ozair (wie oben Kap. 55) charakterisiren, welcher den ältesten Bibelkanon zusammenstellt und Sage und Dichtung nicht ausgeschieden hat." Das ist gnostische oder modern-antisemitische Theologie; aber das Tridentiuum lehrt anders. Sepp, der sich in der Vorrede noch einen Anfänger in der Theologie nennt, ist bereits II, 20 ein Meister der Gottesgclehrtheit geworden und verkündet feierlich Ilrbi ab Drill: „ll'u es ketrus! ,Drei Worte nenn' ich euch inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde, sie schreiben sich aus der Bibel her, man deutet sie falsch bis zur Stunde? Drei Worte sind es ferner, wodurch das Mißverständniß gehoben wird; es sollte Matth. 16,18 heißen: /roe oder ck -7 Nämlich auf das Bekenntniß des Simon bar Jona: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! erwidert Jesus: ,Selig bist du, dein Fleisch und Blut haben dir dies nicht eingegeben, sondern mein Vater im Himmel, welcher zu mir spricht: Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen? Dies ist das richtige Bindeglied; denn gleich 5 Verse darauf kehrt sich der Herr zu Petrus mit den Worten: ,Hinweg von mir, Satan, du bist mir zu Aergerniß? In einem Athem kann nicht, der gegen die Hölle Stand hält, selber vielmehr zum Stein des Anstoßes werden und den Namen Satan verdienen, wie der Herr den Versucher in der Wüste gescholten. (Matth. IV, 10.) Unverkennbar steht das Wort des Herrn bildlich in Beziehung zum Tempelfels oder lapis kuuäameutalis, der nach der Idee der Schlußstein des Weltalls war und die Pforten des Abgrundes schloß, — die Theologen des neuen Bundes mögen sich das merken. Wie könnte Simon bar Jona der- Grundstein und daneben Christus der Eckstein heißen?" Soweit Sepp. Diese Worte Christi: „Selig bist du, Simon bar Jona, denn nicht Fleisch und Blut hat es dir geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel; aber auch ich sage dir, daß dn bist Petrus, und anf diesen Felsen werde ich meine Kirche, bauen, und die Pforten der Hölle werden nichts vermögen wider sie", haben schon den älteren protestantischen Exegcten Beschwerden verursacht, sie haben daher „diesen Felsen" bald auf Christus selbst bezogen, bald als Glauben des Petrus oder als christliche Predigt gedeutet. Die neuere protestantische Exegese ist, wie Schegg (Matth. II, 355) schreibt, „von dieser unwürdigen Art polemischer Exegese in besonnene Bahnen zurückgekehrt". Sie anerkennt nach dem Vorgänge von Grotius jetzt übereinstimmend, daß „auf diesen Fels" zu Petrus gehöre und daß jede andere Art der Verbindung und Deutung sprach- und denkwidrig nur in Folge dogmatischer Befangenheit gemacht worden sei, z. B. Banm- garteu: „il-rp« (Fels) geht ohne Zweifel auf die Person des Petrus. Andere Erklärungen entstanden ans befangener Scheu vor einem Primat des Petrus überhaupt oder seinem angeblichen Nachfolger." Diese Charakteristik paßt noch viel mehr auf dte Prokrustcs-Exegese des Pros. Sepp. Er begnügt sich nicht hineinzulegen statt auszulegen, sondern er wirft ohne jeden ersichtlichen Grund als den dogmatischer Befangenheit (wozu ich auch die Scheu vor einem gewissen Dogma rechne) ös c-c->. X- 70 , ans dem Texte heraus und ersetzt es durch sroe Xs-sTl, und der Lehrprimat ist aus der Welt geschafft. Diese Methode ist sehr einfach, aber gewaltthätig. Sepp kann keinen Zeugen dafür aufbringen, daß jemals die 3 Sepp'schen Worte im Text gestanden. Gleich auf der nächsten Seite II, 21 führt er sogar einen Zeugen aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts an, welcher sogar das Gegentheil beweist, nämlich daß die Worte tu es petra eto. auf Simon gehen und nicht auf Christus. Sepp citirt nämlich unsere Stelle ans dem Diatessarou, welche nach ihm dort also lautet: Leatus es Liiuou. Lt portas iukeri ts neu viuovut. 1u es petra. Das te und tu kaun sich hier auf niemand andern als auf Simon beziehen. Wenn Sepp daran Anstoß nimmt, daß einige Verse später der Herr zu Petrus sagt: „Hinweg von mir. Satan, du bist nur zum Aergerniß", und deducirt: „In 30 Beifall, denn die Phrasen klingen, dramatisch nnd theatralisch betrachtet aber ist es keinen Kreuzer werth". Beweis für den alten wahren Satz: äs Zuotidus nou est, äia- putanäuin! Eine bessere Zeit wollte 1824 für den Dichter beginnen mit seinen Vorlesungen über Shakespeare'sche Stücke, der Vortragssaal wurde zu klein, aber seine Frau kränkelte und dies „nagte selbst an meinem Leben", und als sie am 28. Januar 1825 an Herzbeutelentzündung starb, war sein Schmerz, denn wir dürfen seinen eigenen Bekenntnissen Glauben schenken, ein sehr großer. Die beiden Kinder wurden in neue Pflege übergeben, der Vater selbst wurde Direktionssekretär, Theaterdichter und Regisseur mit einem Jahreseinkommen von 800 Thalern beim Königstätter Theater. Aber auch hier bald wieder Unzufriedenheit nach außen und innen, mit Gott, der Welt und sich selbst, so daß wir ihn bald in Paris sehen, Vorlesungen haltend und mit den Schöngeistern und Theaterdichtern der damaligen Zeit verkehrend u. a. mit Scribe, Boieldieu, Rossini rc. Im Jahre 1820 ging's zurück nach Deutschland, wo sich der Dichter besonders in Weimar aufhielt und dann wieder in sein „geliebtes" Berlin zurückkehrte und von dort nach Breslau und wieder uach Berlin, wo er gnasi Zeitungsredacteur wurde und als solcher manchen gewaltigen Strauß zu bestehen hatte, wie dies ja das Schicksal der Redacteure aller Zeiten war, ist und sein wird. Sein „vielseitiges" Talent mag aus seinen eigenen Worten hervorgehen: „ich redigirte, schrift- stcllerte, correspondirte, dichtete, schwärmte, rasete, sang, trank, liebte, lebte und las vor" — Herz, was willst du noch mehr? „Meine Posse Maberl als Robiuson° wurde ausgezischt und ausgepfiffcn", aber es ließ ihn kalt; er wollte Frankreich nachahmen, kam aber in Deutschland schlecht weg. Wohl aber mußte damals schon in allen Gesellschaften das „Mantellicd" ertönen: „Und wenn die letzte Kngel kommt. Jn's preußische Herz hinein!" In Weimar machte er die Bekanntschaft Börne's, kam auch mit Göthe zusammen, wurde aber durch das brutale Wesen seines Sohnes August sehr verletzt. Doch gestaltete sich das Verhältniß später recht gut, so daß „der Sohn des Vater mich (Holtei) selbst bei seinem Abschied andichtete". In Berlin wurde unseres Dichters Schauspiel „Leonore" mit sehr gutem Erfolg gegeben, der Dichter wurde gerufen und nachher von seinem Freunde Schwelle mit den Worten empfangen: „wie kann man ein solches Stück geschrieben haben und so ein Schafsgesicht dazu machen, wie du jetzt eben gemacht hast?" „Ich hielt dies für eine ungeheure Schmeichelei." Mit seinem „Faust" prosperirte er desgleichen, sein „Stern" leuchtete wiederum, und eine zweite Frau Julie „verschönerte mir zudem das Leben", natürlich tvar es wieder „eine vom Theater". Wieder kommen Intriguen und wieder rast- und friedloses Wandern zwischen Darmstadt, Weimar und Berlin. Dankbar ist er, wenn Julie auftreten darf: „Ja, noch im Tode will ich Euer denken! Den tiefsten Gram habt ihr zum Glück geweiht. Und wenn sie mich in kühlen Boden senken. Versinken nie darf meine Dankbarkeit." Er schrieb damals (gegen das Jahr 1833) seine „Erzählungen" und das Schauspiel „Der dumme Peter", das sich bis zum Tode Ludwig DevrientS auf dem Ne- pertorium erhielt. Sein „Trauerspiel in Berlin" fand ebenfalls Beifall und mag als Kritik die Aeußerung einer ! Dame angeführt sein, die lautete: „Es weint sich nlr» gends so gut, als in Ihren Stücken, und das .Trauerspiel in Berlin' geht noch über .Leonard." Auch sein „Lorbeerbaum und Bettelstab" fand Beifall, ja „ich selbst als Schauspieler" in Berlin, Hamburg und München, in welch' letzterer Stadt nach seinem Geständniß die Theaterverhältnisse damals mangelhaft waren. In München verkehrte er besonders auch mit Sophie Schröder und Charlotte Birch-Pfeifer. Wieder ging es — ewiges Wandern! — nach Berlin. In den folgenden Jahren wurden Brunn, Baden und Wien besucht und die Schauspiele „Der Leiermann" und „Shakespeare in der Heimath" gedichtet und aufgeführt. Bald finden wir Holtei als Theaterdirektor in Riga-, jetzt saß er trocken, gute Einnahmen, keine Sorgen, stets Beifall, recht gute Freunde, „die Suppe ist gut eingebrockt". Aber es fehlte eben, wie immer auf die Zeit die Zufriedenheit und das ruhige gute Leben behagte dem „Zugvogel" nicht, wieder ging er mit seiner Frau, durchzog Oesterreich, Schlesien, gastirte, recitirte, und nun mußte er die magere Suppe wieder ausbrocken, Meubel verkaufen, es war ihm zu wohl oder wollte er neue Lorbeeren holen, sie wurden ihm oft zu Theil, aber auf Kosten eines oft harten täglichen Brodes. Keine Ruh . bei Tag und Nacht, gleichsam unstät und flüchtig durchzog er wieder einige Jahre die Welt! 1845 und folgende Zeit finden wir ihn wieder in seiner Vaterstadt, er machte neue Schauspiele, schreibt „große und kleine" Artikel und singt Kunstreiterinnen an — welch' vielseitiges Talent! wie oft mißbraucht! Auch ein Aufenthalt als „Großvater" bei den lieben Seinen be- bereitete ihm nur kurze Freude, bald zog er wieder von bannen, er wurde öffentlicher Vorleser in Dresden, er begann eine neue „Knustreise", Fortsetzung in Magdeburg und Halberstadt, Göttingen, Hannover, nie zufrieden und Künstlers Loos so oft — nie bei Kasse. „Was ist denn all das Geschrei von der Kunst? Ein eitler Scheiu ein blauer Dunst, Ein täuschender Nebel, der bald verweht. So lang die Knnst nach Brode geht." In Bremen verdiente er sich durch Vorlesungen ein vorzügliches Brod und noch nie hatte „ich so viel Geld bei einander, als da ich aus Bremen reisete". Das Jahr 1848 läßt ihn kalt als Politiker, er machte begeisterte Prologe auf den achtzehnten Oktober, den Tag bei Leipzig, und fand Beifall, dann zog er wieder in der weiten Welt herum. In Wien erfreute er sich der Bekanntschaft und Freundschaft Grillparzers, den er in mehreren Gedichten besang. Ein Vers aus einen: derselben sei hier citirt: „Die Rosen hast du kühn gepflückt Aus dem Dorngenist finsterer Tage, Des göttlichen Greises Haupt geschmückt. Daß Er blühend die blühenden trage." Mit dem Jahre 1850 schließt Holtei seine Selbstbiographie, die 4 starke Bände faßt mit rund 3000 Seiten, so detaillirt, daß es oft langweilig ist, sie zu lesen trotz selbstverständlich vieles Interesse erregenden Details. Mit' ihr wollen auch wir schließen. — Der Dichter starb am 12. Februar 1880 in Breslau. Im Jahre 1870 sang der greise Dichter: „Er (Napoleon) wähnt es schlimm zu machen, Gott hat es gut gemacht!" Es steht fest, Holtei hat viel geleistet, fast zu viel. Wäre er nicht stets „fahrend" gewesen, seine Leistungen 31 wären entschieden viel größer und bedeutender. Doch wird er stets einen geachteten Namen in der deutschen Literatur einnehmen. In seinen hübschen Liederspielen hat er das französische Vaudeville in deutsche Form umgegossen. Seine „Berliner in Wien", „Der alte Feldherr" mit dem „Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka?" und „Fordere Niemand, mein Schicksal zu hören I" feine Leonore mit dem berühmten Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt," sind Gemeingut des deutschen Volkes geworden. In dem vielbändigen Romane: „Die Vagabunden" schildert er.seine eigenen Irrfahrten als Thcarer- direktor und Theaterdichter, daneben aber das ganze Künstlerprolctariat, „alles, was gauckelt und sich sehen läßt um Geld". Sehr gemüthvoll ist auch sein Roman „Christian Lammfell", nur etwas weinerlich und zu breit. Bedeutender aber als seine hochdeutschen Dichtungen sind feine „Schlesischen Gedichte", zu denen er durch Hebel angeregt wurde. Darin trifft er den Volkston auf das trefflichste und charakterisirt Land und Leute seines Schlesierlandes auf das treueste. Reise in Kleinasien, Sommer 1895. Forschungen zur Seldschukischen Kunst und Geographie des Landes von Friedrich Sarre.*) In den Monaten Juni und Juli unternahmen Dr. Sarre und Or. mach. Osborne eine Forschungsreise in das Gebiet der alten Provinzen Phrygien, Ly- kaonien und Pisidien, dem jetzigen Wilajet Koma (Jkonium) in Kleinasien. Der Hauptzweck der Reise war das Studium der frühtürkischen Architektur, besonders jener des seldschukischen Reiches von Jkonium. Daneben wurden antike und mittelalterliche Inschriften gesammelt und zahlreiche photographische Aufnahmen gemacht; eine besondere Sorgfalt wurde der topographischen Aufnahme des eingeschlagenen Weges gewidmet, so daß die Kartographie eine wesentliche Förderung erfuhr. Die Beobachtungen sind mit großer Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit gemacht. Jede Zeile zeugt von deutscher Akribie. Nur was selbst erfahren und gesehen wurde, fand Aufnahme. Am interessantesten ist das Kapitel V über die feldschukische Kunst (im Mittelaltcr). Weitere Kreise dürfte die Seite 66 citirte Hypothese Niegel's (Stilfragen S. 277 u. ff.) intcressiren, wonach die „Arabesken" aus dem abgelösten Zacken des byzantinischen Akanthns hervorgegangen sind. Sarre schließt sich dieser geistvollen Hypothese an. Der Leser wäre ihm gewiß sehr dankbar gewesen, wenn er diesen Entwicklungsgang durch Abbildungen veranschaulicht hätte. Das Urtheil Sarre's über die feldschukische Kunst ist folgendes (px. 70): „Die Formenwelt der seldschukischen Kunst.scheint uns ... auf dem Boden der hellenistischrömischen und byzantinischen Kunst entstanden zu sein. Von dem nahen Syrien aus, das zu jener Zeit noch hervorragende architektonische Denkmäler aller vorhergehenden Kunstepochen besaß und selbst unter kräftigen muhammedanischen Fürsten eine hohe Cultur hatte, wurden Baumeister und Künstler in die Hauptstadt des jungen '-) Mit 76 Lichtdrucktafeln, zahlreichen, von O. Geerke und G. Rehlender gezeichneten Text-Illustrationen nach den Original-Photographien und mit einer Karte von R. Kiepert nach den Nouten-Aufnahmen des Verfassers. Berlin, 1896. Geographische Verlagshandlung Dietrich Reimer. 210 Seiten. Preis gebunden 18 Mark, geheftet 16 Mark. emporblühenden Staates berufen, um sie ihrer Bedeutung entsprechend zu schmücken, während das gerade unter dem Eindringen der Mongolen zu Grunde gehende, hoch- cultivirte Persien hierher den schönsten Zweig seiner heimischen Kunstübung verpflanzte: die mosaikartige Bekleidung der Wände mit buntglasirten Ziegeln, das Fayence-Mosaik." Die überaus zahlreichen, meist ausgezeichnet gelungenen Abbildungen geben uns einen Einblick in jene hochentwickelte Kunst, von der bisher so wenig bekannt war. Wenigstens in weiteren Kreisen hatte man von dem Vorhandensein solcher Kunstwerke keine Ahnung. In der griechischen Kirche des heil. Stephanus auf der Insel Nis im Egherdir-See erwarb Sarre eine zinnerne Schüssel, welche fünfmal die Legende HII^III'IILU (Martin Luther) zu enthalten scheint. Der Verfasser schreibt hiezu: „Derartige Schüsseln sind im Verlauf des XVI. und XVII. Jahrhunderts in Messing oder Zinn von der' Beckenschlägern der großen mitteldeutschen Städte, vor Allem Nürnbergs und Augsburgs, in großer Menge angefertigt und theils als Taufschüsseln, als Waschschüsseln in den Sakristeien, als Collectenschüsseln oder zu häuslichem Gebrauch benützt worden." (S. 152.) Besondere Erwähnung verdient das Seite 153 abgebildete und xa§. 155 beschriebene Weihrauchgefäß aus derselben Kirche, welches romanische, gothische und arabische Formen ausweist. Daß sich in den griechischen und armenischen Kirchen von Jsparta alte Monstranzen (xaZ. 168) vorfinden, dürfte auf Verwechslung beruhen. Es wäre das ein liturgisches änaL Der Anhang enthält noch mehrere Kapitel, darunter eines über die auf der Reise gemachten praktischen Erfahrungen, eines über die gesammelten Stickereien, eines über Ablesungen am Schleuder-Thermometer. Den Schluß bildei ein guter Index und 76 meist gelungene Lichtdrucktafeln nach Originalaufuahmen; ferner ist eine sehr genaue Karte des Wilajets Konia nach den Nouten-Aufnahmen der beiden Reisenden beigegeben. Das Werk ist mit Liebe, Sorgfalt und großen Kenntnissen verfaßt und sehr hübsch ausgestattet. Es bietet demjenigen, der seine geographischen und kunsthistorischen Kenntnisse erweitern will, eine Fülle von Anregung und Belehrung, und die zahlreichen Bilder der in Frage kommenden Bauwerke reichliches Material zum Studium der seldschukischen Kunst im XIII. Jahrhundert. Auch das kann man aus dem Buche lernen, wie man auf Reisen wissenschaftliche Beobachtungen anstellt. Wer aber Abenteuer und Reise- plaudereien sucht, für den ist das Werk nicht geschrieben. Im Verhältniß zu dem Gebotenen, namentlich zu der Fülle von Abbildungen und Lichtdrucktafeln, ist der Preis ein mäßiger. Ottmarshausen 1897. Dr. 8. L. Chronik des Jahres 1896. (Nachdruck verbot«».) Oktober. 1. Gladstone hält eine fulminante Rede gegen die Unthaten in der Türkei und den Sultan. 2. Der Exsultan Said-Kalid von Zanzibar flüchtet sich vor den Engländern auf das deutsche Schiff „See- Adler". 5. Landung des Zaren in Cherbourg. 6. Der Zar und die Zarin in Paris. 9. Große Parade vor dem Zaren-Paare bei ChalüNs. n. Die Brüsewii; - Affaire in Karlsruhe: Mechaniker Siebmann vom Lieutenant v. Brüscwiü erstochen. 13. Socialdemokratischer Parteitag in Gotha. 15. Demission des Kolonialdircktors Kayser. 15. Schlug der bayer. Landes-Ausstcllung in Nürnberg. 15. Schluß der Berliner Gewerbe-Ausstellung. 18. Ermordung des Justizraths Levy in Berlin durch zwei junge Burschen. 18. Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals auf dem Wittekindsberg (Porta Westfalica). — Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Düsseldorf. — Enthüllung des Kaiserin Augusta-Denkmals in Coblenz. 19. Freiherr v. Nichthoscn zürn Colonialdirektor ernannt. 20. Begegnung des Zaren und Kaiser Wilhelms in Wiesbaden. 21. Uebertritt der Prinzeß von Montenegro zur römisch- katholischen Kirche. 22. Bismarcks Enthüllungen über das Zustandekommen des russisch-französischen Einvernehmens. 24. Vermählung des italienischen Kronprinzen mit der Prinzeß von Montenegro. 26. Unterzeichnung des Friedens zwischen Italien und Menelik von Äbcssynien. 27. Der Reichsauzciger zu den Bismarck'schen Enthüllungen. 29. Wahlsieg der liberalen Partei in Ungarn. 31. Nochmalige Antwort des Ncichsanzeigers auf Bismarcks weitere Artikel. November. 2. Abfertigung der Hamburger Nachrichten (Bismarck) durch den Rcichsanzeiger: Die Frage, von welchem Zeitpunkt an geheime diplomatische Vorgänge den Charakter von Staatsgeheimnissen verlieren, kann ausschließlich von leitenden Staatsmännern auf Grund ihrer Verantwortlichkeit und ihrer besonderen Kenntniß der politischen Lage entschieden werden. 3. Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten (Sieg Mac Kinlcy's). 7. Schröder in der Äernfungs-Jnstanz zu 5 Jahren Gefängniß vernrtheilt. 10. Deutscher Reichstag wiedcreröfsnet: Zweite Lesung der Jnstiznovellc. 11. Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen dem Papste und dem Negus Menelik betr. Frellaffung der italienischen Gefangenen. 16. Deutscher Reichstags Interpellation betr. das Verhältniß zu Rußland im Hinblick auf Bismarcks Ent- hülluiigen; der Reichskanzler und der Staatssekretär von Marschall erklären: unbedingte Geheimhaltung f. Z. beschlossen; das Vertrauen der Bundesgenossen hat durch die Enthüllungen nicht gelitten: die Beziehungen zu Rußland sind gute. 17. Deutscher Reichstag: Interpellation betr. des Duells und Falls Brüscwitz. 20. Ormanian zum armenischen Patriarchen gewählt. 21. Der französische Minister Hanotaux über die Beziehungen Frankreichs zu Rußland. 24. Großer Streik der Hafenarbeiter in Hamburg. 30. Oberst Liebert, im Begriff nach China abzureisen, wird zurückberufen uno zum Gouverneur von Ost- Afrika ernannt. Dezember. 2. Demission des rumänischen Cabinets Stourdza; Au- rclian mit der Neubildung des Cabinets betraut. 2. Prozeß Leckert-v. Lützow in Berlin. Kampf der politischen Polizei gegen das Auswärtige Amt. Das Auswärtige Amt glänzend gerechtfertigt. 9. Der kubanische Jnsurgentcnführer Maceo fällt im Kampfe gegen die Spanier. 9. Der Lloyddampfer „Salier" an der Nordküste Spaniens im Sturm zu Grunde gegangen; 276 Todte. 14. Empörung auf Mindanao gegen die spanische-Herrschaft. 14. Ausstand der Seeleute und Heizer in Glasgow. 15. Deutscher Reichstag: Scheitern der Justiz-Novelle. 21. Bemnn des Prozesses gegen die Mörder Stambulows in Sofia. 22. Die 10 geretteten Leute vom Iltis kommen in Hamburg an. 22. Der türkische Sultan erläßt General-Amnestie für die Armenier. 22. Abgang der ersten Gruppe italienischer Gefangener aus Abessynien nach Italien. 25. Graf Schnwalow von seinem Posteil als General- Gouvcrnenr von Warschau auf feinen Wunsch enthoben. 26. Der König von Serbien nimmt die Demission des Kabinets an. 26. Professor Du Bois-Reymond h. 28. Im Prozeß Stambulow Georgiew, einer der wirklichen Thäter, freigesprochen, Tufektschiew und Athow der Beihilfe für schuldig erachtet: jeder 3 Jahre Gefäuguiß. 30. Im Münchener Habercr-Prozeß werden 59 Angeklagte zu Strafen von 4 Monaten bis zu 2M Jahren verurtheilt. Recensionen und Notizen. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 1896. Nr. 18 u. 19. Joseph Wilpert's „Ikraotio panis" (Ehrhard). — Weitere kritische Referate über Schmid Wirksamkeit des Bittgebetes (Deppe), 8abstti OoMpsuäium Ibsolotz-ias rooralis (Deppe), ^srtnz-8 PbsoloAia moralis (Prümmer), Baldns Verhältniß Justins des Märtyrers zu den synoptischen Evangelien (Blndau), 8. ^.lxlions. äs lsi Korio Oisssriatio äs prasäs8tinatious Obristi und Oarwina saora (Deppe), Hei osoonäo Osutsimrio äi 8. Nikons» (Bellesheim), Lstri äs Osoia Vita b. Okristiuas sä. kaulsou (A. Steffens), Osraräi äs I'raolisto Vitas k'ratrum Orä. Urasä. sä. Ksiobsrt (Fanlhaber), Eäriu I,ouis XIV. st ts 8t. 8isZs (Zimmermann), Esrarä rvbat VU8 tbs 6uu- polväsr iktot (Bellesheim), Lexis Stand der Währnngs- frage (F. Walter). — 41 Notizen über h Herm. Rolfus, viele kathol. Staildes- und Volkskalender für 1897 und einige andere Nova (Hülskamp). — Novitätenschan. Zeitschriften-Jnhalt. Literarifche Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 1 u. A.: lllwosllansa aus der Geschichte und Archäologie der christlichen Kunst. (Kraus.) — Heinrici, Der erste Brief an die Korinther. (Nisius.) — Oibsou, 8tuäia 8iuaitioa. Xr. V. Hpoor^püa 8inaitioa. (Bardenhewer.) — Kranich, Die Ascetik in ihrer dogmatischen Grundlage bei Basilius dein Großen. (Kihn.) — Lrauu8bsrAsr, Lsati Vstri Oanisii, 8ooistati8 losn, svwtulas st asta. (Künstle.) — Brück, Geschichte der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. (Peters.) — Watterich, Der Consecrationsmoment im hl. Abendmahl und seine Geschichte. (Schanz.) — Wasmann, Zur neueren Geschichte der Entwicklungslehre in Deutschland. (W. Schneider.) — Bendir, Die deutsche Rechtseinheit rc. Greifen.) — äs Oirarä, Lsttslsr ou la gusstiou ouvrisrs eto. (Franz.) — Hourri88on, Voltairs st Is VoltairiarÜEs. (v. Hertling.) — ltrans, Geschichte der christlichen Kunst. (Aldenkirchcn.) — Nachrichten. — Büchertisch. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Religioslehrer. Zugleich Correspondenzblatt desCanisius-Katecheten- Vereines. Herausgegeben von Pfarrer Franz Walk zu Konzenberg, Post Burqau (Schwaben). Kemvten, Verlag der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung. Preis pro Jahr 2 M. 40 Pf. Inhalt des 1. Heftes des 23. Bandes: Vom kleinen Katechismus zum großen. — Gedanken für eine Anrede am Kindheit-Jesu-Feste. — Ist im Religions-Unterrichte nur die erotematische Lehrform berechtigt? — Von heiligen Lippen. — Eine Antwort auf die „Katechismusfrage". — Literatur und Miscellen. — Correspondenz des Canisius- Katechctenvereins.' Verantw. Redacteur: Ad. Haaöin Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wi'. 6 30. IlM. 1897. / > Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. Gegen Ausgang des unheilvollen dreißigjährigen Krieges, der auch die Diöcese Eichstätt schwer belastete, waltete als Pfarrer in Schönfeld, welches damals zum Dekanate Monheim gehörte, Vitus Koch (1639—1647). Derselbe veröffentlichte 1641 ein gut geschriebenes, von solider ascetischer Schulung zeugendes Buch zur Verherrlichung und Nachfolge Mariens unter dem Titel: „Geistliches Mariaburg,') gedruckt zu Jngolstatt, wie es am Schlüsse heißt, in Verlegung Michaelis Strausen, Fürstl. Eychstättischen Richters, Castners und Forstmeisters, der zeit wohnhaft im Schloß Abenberg, welches die gottselige Jungfrau und Gräfin Stilla in ihren Lebzeiten selbst bewohnet." Dieses Werk widmete der Verfasser, welcher ehemals Beichtvater im Kloster Marienburg bei Abenberg, zwischen Spalt und Schwabach gelegen, gewesen war, der dortigen Priorin Christina; Datum Schönefeld, am Geburtstage der Jungfrau und Gottesmutter Maria 1641. Als Beleg für das erste Kapitel seiner „Geistlichen Marianischen Burg", worin die Frage behandelt wird, wie die Menschen dem Greuel der Sünde entfliehen sollen, bringt Koch im zweiten Kapitel (S. 4—13) das Leben der gottseligen Jungfrau und Gräfin Stilla, indem «r folgendermaßen berichtet: Man liefet in glaubwürdigen Historien, daß der wohlgeborne Herr Babo Graf zu Abensperg 32 Söhue und 8 Töchter beisammen im Leben gehabt, darunter einer Wolframns genannt; denselben begnadete Kaiser HeinricuS der heilige, als seinen Vetter mit der Graf- schaft Abensperg; allda zeuget er 3 Söhne als Othonem, Wolframum den anderen dieses Namens und Conradum, einen Bischof zu Salzburg. Wolframns der ander erzeuget Graf Zelchum; Graf Zelchus erzeuget mit Sophia, einer Gräfin von Hohen-Trichendingcn, 3 Kinder als Rapotonem, Conradum und die gottselige Stilla; dieselbe hatte, wie sie aufwuchs und ihr Vater und Mutter starben, zu Dienerinnen 3 edle Jungfrauen; die erste ward genannt Gewehra, die andere Widerbring, die dritte und jüngste Widerkumma; diese alle haben mit einander samt der gottseligen Stilla gar ein tugendsames heiliges Leben geführt. Die gottselige Stilla aber war in allen Tugenden sonderlich der Demuth und Barmherzigkeit vor den andern allen vortrefflich, hat sich allzeit mit Fleiß und großer Inbrunst geübet den Armen und Kranken zu dienen und ihnen das heilige Almosen mildiglich mitzutheilen; darum mäniglich zu ihr als einer Mutter gekommen und sie hat dieselben gespeiset, getränket, getröstet, ihrer gepfleget als eine Mutter ihrer Kinder, und wann sie ihren heiligen Segen über die Presthaften machte, so wurden sie gesund. Nun hatten ihre 2 Brüber ein Closter zu bauen willens auf einen Berg, so nicht ferne von ihrem Schloße lag, da dann jetziger Zeit das Closter Marienburg liegt; da konnte man kein Wasser haben und dünkte ihnen der Boden zu spröde zu einem Closter, sodaß sie ihr Vorhaben und guten Willen an einen anderen Orten hin- ') Sttttner, bibliotlisea ur. 423. Die Angabe Müllers (Die sel. Jungfrau Stilla, Gräfin von Abenberg: Regensburg, Habbel 1885 S. V), woruach das Buch von Vitus Koch nicht mehr zu existiren scheint, ist unrichtig. Denn ich benützte ein Exemplar zu dieser Arbeit. wendeten. Und als man nach Christi Geburt zählte 1182, mit kaiserlicher Hilfe, S. Ottonis des 9. Bischofes zu Bamberg, ihres Vetters, so ein geborner Graf von Andechs, so jetznndt der heilige Berg im oberen Bayern genannt, stifteten sie das herrliche Closter Heilsbrnnn Bernhardiner Ordens, wie dann diese beiden Stifter allda zu Heilsbrnnn samt ihren beiden Hausfrauen Mech- tildis und Sophia begraben liegen. Ihre Schwester aber die gottselige Stilla hatte stets die Begierde, eine Kirche auf dem vorgenannten Berge zu erbauen, so ein klein wenig dem Schloß gegenüber liegt, und fieng um dieselbe Jahreszeit an wie ihre Brüder mit Heilsbrunn und baute auf gedachtem Berge eine Kirche in der Ehr Gottes und des hl. Peter, Himmelfürsten und Zwölfboten. Sie war auch Willens, mit der Zeit ein Jnngfranencloster dahinzubauen. Aber unser Herr Gott forderte sie vom Leben ab; jedoch weissagte sie, daß inskünftig noch ein Closter allda werden sollte, wie denn jetziger Zeit ein Closter Marienburg besteht. Als die gottselige Stilla diese Kirche bauen ließ, geschah ein großes Wunderwerk; denn wenn zu Nacht die Werkleute ihren Lohn nehmen wollten, so griff sie in das Geld und gab einem jedem, soviel er verdient hatte; sie erhob auf einmal nicht mehr und nicht weniger als jedem von rechtswegen gebührte. Nachdem die Kirche gebauet und geweihet war, wallte die gottselige Stilla samt ihren Jungfrauen von dem Schloß aus alle Tage dorthin, und pflog ihrer Andacht und des Gebetes täglich mit großem Fleiße. Ließ auch zu dem Amte der hl. Messe einen Kelch machen. Einstmals stund sie auf der Mauer in ihrem Schloß und war sehr krank; da nahm sie ihre Handschuhe, warf sie in die Luft hinaus und sprach: wo man diese Handschuhe findet, dahin soll man mich begraben; also fand man dieselben in der Kirche, die sie selbst hatte bauen lassen und gerade an dem Orte, allda sie noch begraben liegt. Nachdem nun die gottselige Stilla in ihrem Schloß Abensperg?) verschieden, wollte man sie zu ihren Brüdern nach Heilsbrunn führen und daselbst begraben; da geschah ein großes Wnnderzeichen, indem man ihren Leichnam nirgendshin, wie sehr man sich bemühte, weder heben noch bringen konnte, zu einem Zeichen, daß sie nicht zu Heilsbrunn bei ihren Brüdern, sondern in der Kirche, die sie selbst erbaut hatte, begraben werden sollte: des Städtleins Abensperg, ihres lieben Vaterlandes, des ganzen löblichen Stifts Eychstätt und des Closters, so künftig dahin gebaut werden sollte, eine getreue Beschirmern! und Patronin für immer. Also setzte man Thierlein an einen Wagen und leget ihren hl. Leichnam darauf; da zogen sie denselben von dem Schloß aus ohne menschliche Hilfe und Leitung auf den Berg in ihr Gotteshaus; dahin begrub man Stilla an der Stätte, wo sie noch liegt, und machte über ihr Grab einen erhöhten Stein und ein hölzernes Gitter. Als aber ihre Heiligkeit immer mehr an den Tag kam und mäniglich erfuhr, was Gott für große Wunderzeichen wirke an denen, so zu ihrcin Grabe kommen, und in jenen Zeiten der h. Gundicarius Bischof zu Eychstätt war, und ihm die großen Wnnderzeichen am Grabe Stillas bekannt wurden, hat er erlaubt, einen Altar bei ihrem 2) Muß Abenberg bei Spalt verstanden werden. 34 Grabe in der Ehre der gottseligen Stilln zn bauen, welcher dann am nächsten Sonntag nach Pctri und Pauli, daran noch jährlich das Patrocininm gehalten werden soll, consckrirt und durch den Bischof mit besonderen Jndnl- genzen begnadet worden ist. Wie nun aber lang hernach das Kloster gcbauet und mit Klosterfrauen besetzt worden ist, schrieben die ersten Schwestern auf, was sie von wächsernen Bildern, Armen, Händen, Füssen, Augen und anderen unzähligen Sachen Lei ihrem Grabe gefunden, auch viele herumhängende Gemälde der vielfältigen Wunderwerke. Das Altarbild, ein Brustbild, soll der gottseligen Stilla an Gestalt und Aehnlichkeit nachgeschnitten sein. Obschon dieses Bild nunmehr etliche hundert Jahre alt, niemals erneuert worden ist, so bleibt es doch so frisch und schön, als wenn es vor wenigen Jahren gefaßt worden wäre. Da nun der hochw. Fürst und Herr, Herr Wilhelm von Reichenaw Bischof zn Aichstett, hochlöblicher Gedächtnis, auf das vielfältige Ansuchen vieler frommen Menschen um das Jahr 1452 ein Kloster zu dem St. Peters Gotteshaus zu bauen anfieng, und darauf mit frommen Closterjnngfrauen zum Anfang von Mariastein bei Aichstett, die waren lauter regulierte Chorfraucn S. Angnstini Ordens, besetzte, da kamen alle Tage viele froinme, andächtige Menschen, zum teil von weit entlegenen Orten, zu dem Grab der gottseligen Stilla. Schließlich bemerkt Mtns Koch: Dieses alles von Wort zu Wort ist genommen aus einer gar alten Schrift oder Tafel, so noch heutigen Tages zu sehen hängend bei .dem Grabe gemeldeter gottseligen Jungfrauen, welches ich weitläufiger erzählen wollte, teils weil es zu meinem Vorhaben dienlich ist, wegen des Titels Marienbnrg, teils weil aus diesem Exempel erscheint, wie gut und nützlich es sei, vom Greuel der Sünde oder von der Welt zu fliehen. (S. 13.) In kürzerer Fassung berichtet der eichstättische Generalvikar Vitus Priefcr, welcher Ende Juli 1601 das Kloster Marienburg bei Abenberg einer sehr eingehenden Prüfung unterzog, über die Stillalegendc folgendes: Als man nach unseres Seligmachers Geburt Eintausend einhundert Jahre zählte, war der wolgcborne Herr Zelchus der Reich Graf zu Amberg geuanut, ein Blutsfreund des hl. Kaisers Heinrich und Knmgundis. Dieser erzeugte mit seiner Gemahlin, einer Gräfin von Hohentrittingen, drei Kinder: Rabdonem, Conradum und die hl. Jungfrau Stillam. .4nno 1131 stifteten beide Brüder das Kloster Hailbrunn; damals fieng auch ihre Schwester diese Kirche zu bauen an, welche hernach der heilige bambergische Bischof Otto in der Ehre des hl. Petrus geweiht hat. Zur selbigen Zeit hat die hl. Stilla mit ihren drei Kammer-Jungfrauen Gewera (ursprünglich Gebera geschrieben), Widerkhuma und Wiederbringa Gott dem Allmächtigen auf Rat des hl. Otto ewige Jungfrauschaft gelobt, den Weihel (Schleier) von Otto empfangen. Sie hat täglich dieses Gotteshaus besucht, bis sie daselbst begraben wurde. Auf ihre Fürbitte hat Gott den Blinden das G:sicht, den Tauben die Rede gegeben und verschiedene Heilungen gewirkt. Auf diese Wuuderzeichcn hat Neimbotto diesen Altar zu Ehren Stillas anno 1290 geweiht; anno 1488 hat Bischof Wilhelm von Rcichenau das Kloster gebaut, 1588 wurde dasselbe neubcsctzt. In der Peterskapellc, berichtet Priefer ferner, beim linken Seitenaltare befindet sich Stillas Grab; auf dem Altare selbst erblickt mau ein Bild Stillas, das trotz des hohen Alters noch sehr schön ist, obwohl es bisher noch nicht renoviert worden ist. Auf der linken Seite hin, auch eine Tafel, welcher Priefer feine Mittheilungen ent' nahm. Diese rührte her von Wolfgaug Agrikola, Dekan in Spalt, wie deren Widmung bezeugt: In Ironors s. Ltiilao stociioat v. VVolkstavZug XArioola Lxalatinns 11. 1591: Zn Ehren Stillas von Wolfgang Agrikola von Spalt gewidmet 1591?) Dieser seeleueifrige Priester, welcher die Schulen zu Eichstätt, Amberg, Jngolstadt, Wien besucht hatte, hat sich um die Wiederbelebung des Frauenklosters in Marienburg sehr verdient gemacht und als Beichtvater für die aszetische Schulung der Ordens schwestern eifrig Sorge getragen, wie das Marienburger Nekrologium rühmend bezeugt: „welcher der fürnembste Ursacher dises unsers widerumb auffgerichteten Clostcrs, auch in die 13 Jar getrewer beichtvater und unzalparer grosser Guethäter gewesen ist."* *) Auf den Aufzeichnungen Agrikolas beruhen die Untersuchungen des Jngolstädter Jesuiten Jakob Greifer, welcher der Ehre Stillas ein Blatt in dem Leben der Eichstätter Diözesanheiligen widmete 1617 (Orstsori op. X, 828—829 ock. Uatisbon). Auf den Schultern Greifers stehen die Bollandisten (Xcta Lanotoruw msnss llulti IV, 656 — 663), welche über die Geschlechtsabfolge der Gründer von Heilsbronn einige Bedenken äußerten, ferner der Jesuit Math. Räder (Lavaria Lanota tom. II, 254—256), welcher Stilla von dem österreichischen Grafengeschlechte Stilla-Hefft ableiten zu können glaubte; dann der eichstättische Historiograph Heinrich von Falckenstein, °) ') Manuskript Priefers S. 237, 241 im bischöflichen Ordinariatsarchiv Eichstätt. *) Strauß, Viri iusiKues IFstott. p. 19. Ocmk. Luttnor, bidl. LMott. nr. 248; Suttner, Geschichte des bischöfl. Seminars in Eichstätt S. 14—15. Auf dem noch gut erhaltenen Chöre der Peterskirche zu Abenberg findet sich noch eine Art Grabkreuz von Wolfgaug Agrikola, welcher am 5. März 1601 in Abenberg gestorben ist, mit der Aufschrift „Lieben Kinder, bittet gott für mich. 1591." Agrikola verschaffte auch dem Kloster Marienburg ein hochgeehrtes Muttergottesbild aus Nürnberg. Um den in Nürnberg befindlichen und ihren Gelübden treu gebliebenen Nonnen der verschiedenen Klöster geistliche Hilfe zu bringen, begab er sich oft verkleidet nach Nürnberg. Er benützte diese Gelegenheiten, uin Reliquien, Bilder und Kirchengeräthe vor den Mißhandlungen des neuen Evangeliums zu retten Herzog Wilhelm V. von Bayern bediente sich Agrikola's um auch für sich Reliquien aus den Klöstern Nürnberg? zu erhalten. Unter andern brachte Agrikola für da? Kloster Marienburg, in einem Fuder Stroh versteckt, ein großes, schön geschnitztes Muttergottesbild, welches im Refektorium aufgestellt wurde. Seit der Säkularisation am Anfange des Jahrhunderts ist es verschwunden. (Past.- Bl. 1858, 190.) Noch uiigedruckt ist das älteste noch vorhandene Manuskript im Pfarrarchiv zu Abenberg, welches Schwester Monica Farcketin 1593 niedergeschrieben hat. Aus dem Jahre 1594 ist ebenfalls ein Manuskript vorhanden, sowie aus dem Jahre 1651, beide in Abenberg. st Ueber Falckenstein vergl. dessen posthumes Werk: Vollständige Geschichten des Herzogthnms und ehemaligen Königreichs Bayern (München 1763), wo in der Vorrede erzählt wird, daß der Verfasser am 4. Februar 1760 in Schwabach, 83 Jahre alt, gestorben ist. Er soll ein Schlesier von Geburt gewesen sein; er hatte am 6. Oktober 1677 das Licht der Welt erblickt. Nach dem Kirchen- lexikon Hergenröther-Kaulen war Falckenstein geb. 1682 (IV, 1212). In den Stcrberegistern der protest. Pfarrei Schwabach finden sich folgende Angaben: Falckenstein war geb. den 6. Okt. 1677 zu Darmstaot, starb am 2. Febr. 1760 in einem Alter von 82 Jahren 3 Mon. 27 Tagen. Beerdigt wurde er am 7. Februar des Nachts „mittelst einer Nacht-Prozeß-Leiche in der selbst erbauten Gruft". Die Standrede hielt Ärchidiakon Günther über Hebr. 13,14. Falckenstein verharrte in der katholischeil Religion bis an keinen Tod. Auf dem Todbette ließ er einen katholischen 35 welcher Stilla zu einer Tochter des Grafen Wolfram H. von Abenberg erhob, dabei aber Greiser selbst in seinen offenkundigen Fehlern nachschrieb, tvornach Bischof Wilhelm von Reichenau im Jahre 1382 das Kloster Marienburg errichtet haben soll (Lutignitates Xorässav. I, 52, Schwabach 1733), obwohl beide Historiker sonst ganz richtig anzugeben wußten, daß genannter Bischof erst 1464 den Stuhl des hl. Willibald bestiegen hat. (Kreis. 6a- talvA. episeox. LMeti. X, 870; k'alosteQstein, ^ntig. Xorckgav. I, 210.) Der Exjesuit Anton Crammer (Heiliges u. gottseliges Eichstädt 1780 S. 173 bis 184) und der Rebdorfer Angnstinermönch Maximilian Münch, welcher 1776—1783 Beichtvater in Marienburg war, vermochten über Stillas Leben keine neuen Resultate zu bieten. (Kurze Geschichte des Franenklosters Marienburg 1781.) H In unserm Jahrhunderte haben Asam, ehemals Stadtpfarrer in Abenberg (Snlzbacher Kalender für kath. Christen 1857 S. 96—.106), Snttner (Pastoralblatt des Bisthums Eichstätt 1856, S. 118 ff.), Jocham (Lavaria sanota II, S. 121—128) und Müller (Die sel. Jungfrau Stilla, Regensburg 1885) der Stillalegende ihre Aufmerksamkeit zugewendet und die abenbergische Geschlechtsabfolge Stillas festzuhalten versucht; ja Müller, der eifrigste Verfechter dieser Meinung, behauptet geradezu : „Die ganze Legende der seligen Stilla mit allen ihren Einzelheiten beruht auf eben dieser Voraussetzung." (1. o. p. V.) Unsere Aufgabe soll es nun sein, historisch-kritisch diese Voraussetzungen zu prüfen. (Fortsetzung folgt.) Stieve und Vetter. In den mittelalterlichen und nachtridentinischen katholischen Schulen wurde die bedingte Erlaubtheit des Tyrannenmordes sehr häufig behandelt; besonders rege und lebhaft wurde die Frage erörtert, als in Frankreich König Heinrich III. durch den Dominikaner Jacob Element 1598 ermordet, als König Heinrich IV. bei einer Fahrt durch Paris von Navaillac getödtet worden war. Unter den deutschen Jesuiten an der Wende des 16. Jahrhunderts stand der urderbe Conrad Vetter, als Schriftsteller sich gewöhnlich Conrad Andrae benennend, im Vordertreffen gegen die Angriffe Heilbrunner's und anderer neugläubiger Theologen. Hinsichtlich der Erlaubtheit des Tyrannen-Mordes nun soll Vetter nach der Darstellung Stieve's (Briefe und Acten zur Geschichte des 30 jährigen Krieges, V. Band. Die Politik Baherns 1591-1607, II. Hälfte S. 612) die Ansicht vertheidiget haben: Als Tyrann sei ein rechtmäßiger ketzerischer Fürst nur dann zu betrachten, wenn er die Katholiken verfolge; in diesem Falle sei auch der Geistlichen zu sich kommen, der ihm mit Conniveuz der Obrigkeit die Sakramente nach römischem Gebrauche, obwohl insgeheim, administrirte. Vergl. Strauß, viri in- sisai p. 106; Sax, Die Bischöfe und Neichsfürsten von Elchstadt S. 608. °) Gegen Münch veröffentlichte S. W. Oetter, Hochs, brandenburgischer Geschichtsschreiber, Leipzig 1783: Betrachtung über den Handschuh der Gräfin Stilla von Abenberg, welchen sie bei Erbauung der Peterskirche in die Höhe geworfen. Suttner, bidl. LMstt. nr. 1073. Das Archiv der Pfarrei Abenberg besitzt noch ein sehr schön geschriebenes Manuskript Mönchs, worin er die Arbeit Wilhelm Cupers bei den Bollandtsten über Stilla übersetzt und mit Noten versehen hat. Die Uebersetzung trägt die Jahrzahl 1778. Einzelne zu seiner Ermordung berechtigt; sonst dagegen dürfe man sich nicht gegen ihn auflehnen. Richard Krebs (Die politische Publicistik der Jesuiten und ihrer Gegner in den letzten Jahrzehnten vor Ausbruch des 30jährigen Krieges. Halle 1890. S. 29) schrieb getreulich nach, was Felix Stieve vorgesagt: „Daneben aber sprach er (Vetter) sogar dem Einzelnen das Recht zu, einen ketzerischen Fürsten zu tödten, falls dieser die Katholiken verfolge." Beide Schriftsteller berufen sich auf die gleiche Schrift Vetter's, deren langgezogener Titel vollständig lautet: „Puffer, das ist Zerschmetterungen deß Predicantischen Jesuwiderspiegels Philipp Heilbrunners mit lebendiger Beschreibung sein und seiner Znnfftgenossen Predicantischen Geistes, das ist Lugen-, Läster-, Lcrmen-, Auffrhur-, Mord- und Blntgirigen Geistes, gar ordentlich in 4 Püff abgetheylet, Deren I. Ist der verteutschte Appendix, aufs welchen der Heilbrnnner Lateinisch zn antworten, ihm selber nicht gctrawet. II. Ist eine auß- führliche Widerlegung aller Lügen und. Lästerungen, so in dem ersten Theyl seines Spiegels begriffen. III. Ist eine Zerschmeissung deß Spiegels in 164 Trümmer oder Scherben, das ist 164 öffentlicher und greifflicher Lugen, so in dem andern Theyl des Spiegels begriffen. IV. Ist der friedsame Luther, das ist deß Luthers und der Lutherischen Predicanten selbst eygne Zengnuß ihres fried- hässigen, anffrührischen und blutgirigen Geistes. Durch- N. Conradum Audreae rc. Jngolstadt in der Ederischen Truckerey durch Andream Angcrmeyr Unno LIVOI." Was lehrt nun Vetter in seinem „Puffer" über die Er- laubtheitdes Tyrannenmordes? „Die Theologi", sagt er S. 9,' „die Juristen und pstilosopüi rnoralas setzen dise Frag: Ob ein jede Privatperson dörffe einen Tyrannen umbringen? Sovil die Proposition oder Fürhalt diser Frag belangt, ist solcher weder lobens- noch scheudenswerth, sondern allein die ^ssortio und Aussag. Denn wenn die Frag: Ob man einen Tyrannen mit Recht und Fug möge umbringen, eine auffrührische Frag sein sollte, so muß fürwahr dise noch vielmehr auffrürisch sein: Ob man einen Unschuldigen oder ob mau die Sünder möge umbringen. Dann ja vil mehr Unschuldige und vil mehr Sünder seyn als Tyrannen. (S. 10—11.) Fragen macht kein Aufruhr, sondern das Predicantisch Jachtzen und Neinchtzen." Hierauf entwickelt Vetter die Anschauungen des Gregor von Valentin, des Cajetcm und des Soto (Seite 14—17) und zieht die Folgerung: Ein König, der tyrannisch regiert, aber im rechtmäßigen Besitze der Gewalt ist, darf nach St. Thomas von keiner Privatperson getödtet werden. Dann heißt es weiter: Die Frag: Ob eine Privatperson seinen oder eines anderen Herrn, den Er bei sich selbst für einen Tyrannen oder Ketzer hält, hinrichten möge, ist nicht der Jesuiten, sondern dein (Heilbrunner's) eigens schamloses Gedicht, so von dir als einem lutherischen Schalk und Betrüger den Jesuiten Angelogen und aufgelogen. Auf diese Frage aber antworte, wer da wölle, so ist gewiß, daß er mit trucknen Worte ein verneintliche Antwort geben würde. Dann es eine überaus schädliche Ketzerey wär, auf solche Frag ja sagen und recht heisscn: wäre auch dem Beschluß des Costenzcrs Concils zuwider.^ (S. 18.) Vetter lehrte somit das ') In der 16. Sitzung am 6. Juli 1415 verurtheilte das Concil zu Konstanz, ohne den Urheber, den Franziskaner Petit, zu nennen, den Satz: „Jeder Tyrann kann und muß erlaubter- und verdienstlicherweise von jedem, seiner Vasallen oder Untergebenen auch durch heimliche Nachstellung und fein ersonnene Schmeichelei getödtet werden, ohne Rücksicht auf einen geleisteten Eid oder einen ein» 36 gerade Gegentheil von dem, was ihm Stiebe und Krebs unterschieben. Beide Historiker haben offenbar die Auslassungen des schlagfertigen, zu Spott und Satire geneigten Jesuiten nicht gelesen; sonst wäre eine derartige Verdrehung der historischen Wahrheit unerklärlich. Jetzo aber, fährt Vetter gegen Heilbrunner fort, nenne du den Jesuiten, so du kannst, der diese Frage proponirt oder fürgehalten und auf solch fürgehaltene Frag den ja sprechenden Theyl dcfendirt und verfochten habe. Bell- armin (Os ioma.no ponkitioo Iit>. V oap. VII.) lehrt nicht, was man ihm unterschiebt.^) Dein gantz Fürnemen, schließt Vetter (S. 20), aber ist nichts anders als allein schänden und verleumbden, holippen und die Auflägen, so allbereit widerlegt und zu nichte gemacht, repetiren und widcrholen und solches mit unersättlichem Neid wider die Jesuiten, welcher einiger Ursache halber, da sonst gar nichts wär, du dich selbst für einen Heillosen und boshaftigen Menschen angibst und erklärst. (Vergleiche P^rannioiäium anotors ckaoodo Lslloro, 8. ll. LIo- vaoüii 1611. pax. 19—36.) Diese Ausführungen Vetter's erweisen die Anschuldigung Stieve's als völlig unzutreffend und mahnen überhaupt zur Vorsicht, wenn es sich um Vorwürfe gegen die Jesuiten handelt. Denn auch der belesenste Geschichtschreiber ist der Täuschung und dem Irrthume zugänglich. Schönfeld. Hirschmann. Franz Schubert. Zu seinem 10Ojähr. Geburtstag (31. Jan. 1797) von A. G. Zur Zeit sind alle Tagesblätter voll von Schubert- Feiern; alles, was singt und musicirt, will den größten Meister des deutschen Liedes bei der Wiederkehr seines hundertjährigen Geburtstages ehren, und zwar mit vollem Fug und Recht. So ist es auf der Welt: so lange das Genie lebt, kümmern sich oft wenige um dasselbe; wenn sein Körper verfault ist, dann sieht man ein, was der Verstorbene war. So erging es schon Hunderten, ganz und gar so Franz Schubert, den die Welt meist darben ließ. Freilich, er war auch ungemein bescheiden und demüthig — die Welt liebt Radau! Dann starb er auch früh, obwohl er sehr viel gearbeitet und geleistet, trotz seiner nicht vielen Lebensjahre; sein Leben verlief sodann ruhig, die Großen der Welt kümmerten sich nicht um ihn, gegangenen Vergleich und ohne daß man eine richterliche Sentenz oder den Auftrag eines Richters abzuwarten brauchte." 2) In der angezogenen Stelle ((vispntationss äs controvsrÄw dn'i8tiavks üäsi, Insolstaäii 1890 xa§. 1067) lehrt Bellarmin: „Den Christen ist es nicht erlaubt, einen ungläubigen oder häretischen König zu ertragen, wenn jener Versuche macht, die Unterthanen zu seiner Häresie oder zu seinem Unglauben herüberzuziehen; jedoch zu beurtheilen, ob der König zur Häresie verleite oder nicht, kommt dem Papste zu, dem die Sorge für die Religion übergeben ist: demnach ist es Sache des Papstes, zu entscheiden, ob der König abgesetzt werden solle oder nicht.. Wenn die Christen ehedem einen Nero, Diokletian, Julius Avostata, einen Valens nicht absetzten, so geschah dieses, weil den Christen die irdische Gewalt hiezu fehlte. Einen häretischen oder ungläubigen König ertragen, welcher das Volk zu seiner Secte verführt, heißt die Religion einer offenkundigen Gefahr aussetzen, wie die Kirchengeschichte in der Vergangenheit und in der Gegenwart beweist: UsAis aä sxsmplnm to1n8 eompouitur orbi8. Bellarmin spricht wohl von der Absetzbarkeit häretischer und ungläubiger Könige, aber nicht von dem Rechte, solche Fürsten zu morden. kannten ihn nicht, Gönner hatte er keine, suchte auch keine, Tag für Tag arbeitete er rastlos für sich, führte ein ungemein einfaches, man kann sagen kleinbürgerliches Dasein. Auch nach seinem Tode, der viel zu früh erfolgte, blieb er noch ziemlich lange unbekannt. Während heutzutage Biographien von Männern schon bei deren Lebzeiten erscheinen, weitschweifig und übertrieben gehalten, blieb Schubert lange still und unbekannt, und Dr. Kreißle war eigentlich der erste, welcher 1865 ihn und seine Werke aus der Vergessenheit zog, auf dessen Werk dann andere aufbauten. Mit seinen Werken war es mitunter gerade so; so wurde, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, seine herrliche II-moU-Syinphonie aufgeführt zum erstenmale im Jahre 1865, volle 40 Jahre nach des genialen Meisters Tod, und doch entstand sie bereits im Jahre 1822. Welch ein Contrast mit der heutigen Zeit! Er führte ein Tagebuch, Schicksal desselben? Ein Autographen-Sammler verkaufte Blatt für Blatt an Liebhaber, ja es ist verbürgt, daß kleine Kompositionen von ihm, Lieder als Fleißzettcl vertheilt wurden. Wie viel, wie viel Schönes mag auf solche Weise verloren gegangen sein! Und nun zum Meister selbst und seinen Werken! Franz Peter Schubert wurde geboren am 31. Januar 1797 — nicht 1798, wie es öfters heißt — in einer Vorstadt der Kaiserstadt Wien. Seine Familie entstammte einem Bauerngeschlechte aus Oesterr.-Schlesien. Franzens Vater, ebenfalls Franz nach seinem Vornamen, hatte nicht weniger als vierzehn Kinder sein eigen zu nennen, von denen fünf am Leben blieben, und war Franz der jüngste Sohn. Der Vater war Lehrer an einer Pfarrschule Wiens, ohne eigentlichen Gehalt, da er nur freie Wohnung und Schulgeld bezog; das Einkommen betrug höchstens alles in allem genommen jährlich 400 Gulden österreichischer. Währung, dazu eine zahlreiche Familie und hiedurch materielle Sorgen. Nachdem die Mutter schon 1812 starb, ging der Vater eine zweite Ehe ein, der wiederum fünf Kinder entsproßten. Der Vater leitete selbst die musikalische Erziehung seiner Kinder, und wurde er bei der Erziehung der jüngsten durch die älteren unterstützt. Franz war, wie so viele der großen Componisten, ein musikalisches Wunderkind, der bald seine einfachen Lehrer überragte, wie auch der Pfarrei-Musiker Michael Hölzer, eine Auktorität zur damaligen Zeit, bald erklärte, er könne den Knaben nichts mehr lehren, so daß Franz vom achten bis zwölften Jahre ohne eigentliche regelrechte Unterweisung aufwuchs. Er sang einen prächtigen Sopran, spielte Violine, Bratsche, Klavier und bisweilen auch die Orgel beim Gottesdienst. Im Jahre 1808 kam der Knabe als Sänger in die kaiserliche Hofkapelle in Wien und erhielt dadurch zugleich einen Stiftsplatz im Stadtconvikt, wo er bis znm siebzehnten Jahre blieb. Es war diese Anstalt ein Gymnasium, worin aber neben den Sprachen rc. auch fleißig Musik stndirt und geübt wurde, und aus diese warf sich Franz mit Feuereifer und erhielt das Zeugniß, und zwar sehr bald, daß er in den Symphonien von Mozart» Haydn, Beethoven trotz seiner Jugend die Violine muster- giltig spiele. An modernen „lustigen" Symphonien der damaligen Zeit fand er absolut keinen Geschmack und bezeichnete sie offen als „fad" und wunderte sich, wie man solches Zeug überhaupt neben Haydn nur aufführen könne. Mozart's Ouvertüre zu der noWs äi Vigaro nannte er — der Knabe! — „die schönste auf der ganzen Welt", fügte aber alsbald bei, „fast hätte ich die Zauberflöte vergessen". Schon damals hat er viel com- 37 ponirt, Phantasien, eine kleine Oper, eine Messe, ja selbst- , Symphonien und Sonaten, und so muhte man jetzt auf das große Talent aufmerksam werden. Er wurde ! Schüler des ersten Direktors der Wiener Hofkapelle. Des Maestro Antonio Salieri, der ihn zuerst in den Kontrapunkt einführte. Dem Lehrer sang er einmal ein selbst componirtes Lied vor, das ersterer lobte, worauf ihn Franz treuherzig anschaute und ihn fragte: „Glauben Sie, daß aus mir etwas werden wird?" Als der Meister sagte, er sei jetzt schon viel, fügte der jugendliche Com- ponist bei: „wer vermag aber nach Beethoven etwas zu machen?" Er schrieb damals eine Messe, ein Salve Regina und begann die „natürliche Zanberoper": des Teufels Lustschloß in drei Akten von Kotzebue, welche er im Jahre 1814 beendete, zurückgekehrt aus dem Con- vikt in das väterliche Haus, wo er, um der Aushebung zum Militär zu entgehen als Lehrer in die Elementarschule seines Vaters eintrat und in dieser Stellung bis Ende des Jahres 1816 verblieb. Komponist — und Elementarlehrer bei den Anfaugsschülernl welch ein Kontrast! Und doch, er ermüdete. nicht, obwohl er manchmal nicht genug zu essen hatte, im Gegentheil, er componirte mehr denn je, so allein im zweiten Jahre seines Aufenthaltes zu Hause: eine Symphonie, zwei vollständige Messen, vier Sonaten, viele Klavierstücke, nicht weniger als gegen 140 Lieder, bei denen er gegen 50 Gedichte Göthe's zu Grunde legte. Eines seiner bekanntesten Lieder aus damaliger Zeit ist sein „Erlkönig". Spaun schrieb damals an Göthe, machte den Dichter auf den jugendlichen Komponisten aufmerksam, Göthe aber ertheilte eine Antwort — nicht. Spaun gab sich auch viel Mühe, Schuberts Werke, wenigstens die bedeutendern, in Druck zu bringen, umsonst, — die fünf Symphonien aus damaliger Zeit wurden erst 68 Jahre später, im Oktober 1885, publicirt. An der Musikschule zu Laibach in Krain war eine Lehrerstelle zur Bewerbung ausgeschrieben mit einem Gesammtgehalt von 500 Gulden. Schubert bewarb sich darum» sein Lehrer Salieri empfahl ihn mit folgendem gewiß ganz und gar kaltem Begleitschreiben: „lo Hui Lottooerito allerrnv, c^uanto nella, snppliea, ät 1'rano6860 Lostubert in rixuaräo al posto unwioals Zj Imdiana. sta, espoato." Schubert fiel mit seiner Bewerbung durch, Salieri hatte hinter seinen Rücken einen zweiten besser empfohlen, der die Stelle erhielt, sein Name war Jakob Schaust. Rührende Doppelzüngigkeit eines Lehrers! Unser Schubert blieb vorerst der arme Schulgehilfe. Ende des Jahres nahm ihn der bekannte Schober in sein Haus auf und bald machte er die Bekanntschaft des berühmten Tondichters und Sängers Michael Vogl, der ihm treu blieb bis zu seinem Tode. In welch ärmlichen, elenden Verhältnissen aber unser Komponist zu leben hatte, mag der einzige Umstand beweisen, daß er für sich nicht einmal die Miethe für ein Klavier erschwingen konnte. Buchstäblich bettelarmer reichbegabter großer Künstler! Man sollte annehmen, daß diese elende materielle Lage auch den Schwung des Geistes beeinträchtigt hätte, doch nein, Schubert arbeitete unverdrossen weiter, und erwähnen wir aus jener Zeit unter vielen Arbeiten nur folgende: Ouvertüren im italienischen Stil, Claviersonaten, sein „Gesang der Geister über den Wassern", Sonetten, geistliche Lieder» Walzer — erste Versuche —die sechste Sinfonie in 6, verschiedene Kantaten — ein Beweis, daß er stets arbeitete nach dem alten Satze: null» äiss 8wo linea, — ja sius ulla ÜI163. (Schluß folgt.) Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aqnin. (Vortrug gehalten im akad. Görresverein in Münchens (Fortsetzung.) st. 6. Nicht alle Welten, die in Gottes ewigem Verstände ideell existiren, haben auch reale Existenz gewonnen. Warum ist also gerade die jetzige Welt von Gott geschaffen worden? Die Antwort kann nur lauten: Weil Gott es frei gewollt hat?) Um diese Antwort recht zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Gott ohne jede wirkliche Welt unendlich vollkommen ist; denn sonst wäre Gott, um ganz Gott zu sein, von etwas abhängig, was außer ihm und darum unter ihm ist. Es war also Gottes freiester Wille, wenn er sich entschloß, überhaupt eine Welt zu schaffen. Ebe"so war es aber auch Gottes freiester Wille, daß er aus der unzähligen Zahl möglicher Welten gerade die jetzige erkor. Der Grund ist einfach der, daß absolut gesprochen Gott überhaupt nichts so Vollkommenes schaffen kann, daß er nicht auch noch Vollkommeneres hätte schaffen können, weil zwischen allem Geschaffenen und seiner Unendlichkeit immer noch ein unendlicher Abgrund liegt. Welch wichtige Folgen ergeben sich nun aber wieder aus diesem Ursprünge der Welt für unsere Weltanschauung! Was vom freien Willen eines Andern abhängt, ist, so« weit es davon abhängt, sein persönliches Eigenthum. Nun ist aber die Welt in ihrem innersten Sein, in allen Fugen ihres Gebäudes vom freien Willen Gottes abhängig. Die Welt ist also auch durch ihre Natur ganz und gar Gottes absolutes Eigenthum?) Alles, was demnach in der Welt einen Platz hat, muß nach den Kräften seiner Natur Gott dienstbar sein. Damit ist aber auch zugleich die Aufgabe dieses Dienstes gegeben. Wenn nämlich Gott alles nach dem Vorbild seiner unendlichen Vollkommenheit geschaffen hat, so ist es die Aufgabe jedes einzelnen Dinges in der Welt, sich nach Maßgabe seiner Kräfte Gottes unendlichem Vorbild ähnlichzumachen. Gottähnlichkeit istdarum das große Ziel der Welt in ihrer Gesammtheit, wie in jedem ihrer Theile?) Wir können vom Willen Gottes nicht scheiden, ohne dem schönen Gedanken der christlichen Philosophie Ausdruck verliehen zu haben, daß gerade die Liebe und Güte Gottes an der Wiege der Welt gestanden hat. Gott besitzt nämlich in sich selbst das höchste unendliche Gut, welches ohne alle Maßen vollkommen ist. Darum ist Gott auch durch den ganzen unbeweglichen Gang der Ewigkeiten in sich selbst unendlich glückselig, absolut sich selbst genügend und unfähig, nur irgendwie eine St'eiger- 0 8. e. A. I eap. 81, 82; mo namentlich betont wird. daß Gott zwar alles wissen, aber nicht auch alles wollen muß; vk. oap. 87; 8. viom. 1 g. 19 a. 5. lieber diese Fragen vgl. Oillol I. e. p. 226—239. „Onm äivina dovitas (Vollkommenheit) sit a oroLtvris xenitne inckspon- äens, st nillil oinnino ex eis aognirsre gueat, ssguitnr eviäentsr, Osniv voll» ueesssitsrs volle all» a. se" (p. 226). ?) Sehr schön 8. o. K. lib. III oap. 1. ") „Kds oinnes oreatas suvt guasllaw imnAives prinn aZentis, se. Oei.. psrksdio iinaZinis sst, ut rexraeLsntet snnm exvinxlar per siinilltuäineni all ipsnm..... 8nnt iAjturrssoinnsspropteräivinamsiinilitnäinsM oonsegnenäain sient propter nltiwnm ünew? — 8, o. §. Ud. III esp. 19. 38 nng seines unendlichen Glückes zu erfahrend) Wenn daher Gott sich frei entschlossen hat, der Schöpfung den Morgen der Geburt zu schenken, dann hat er es nicht aus Bedürfniß oder Eigennutz gethan, als hätte er etwa die Welt nöthig, um das zu haben, was ihm an seinem vollen Glücke noch fehlte. Nein, wer einem derartigen Gedanken Raum gäbe, würde die unendliche Vollkommenheit Gottes unerträglich erniedrigen. Findet doch schon der Psalmist gerade in der Unabhängigkeit Gottes von äußeren Gütern das Kennzeichen seiner Gottheit: „Daus msn8 es tu, guia bonorum moorum non sZ68". Nur ein Gedanke konnte Gott bewegen, die Welt aus dem Schlafe des Nichts, den sie in seinen ewigen Ideen schlief, wachzurufen, der Gedanke, daß nun auch andere Wesen existiren würden, die an seiner Herrlichkeit Antheil bekämen und so in ihrer Weise glücklich wären. Darum gibt der hl. Thomas Gott den schönen Titel' „Ip36 8o1u8 Maxims liboi'Llm"?) Gott allein ist wahrhaft freigebig, weil er in seiner unendlichen Güte nur darum schenkt, weil er schenken kann und dadurch andere glücklich macht. Darum will Gott von seiner Seite allen Dingen nur Gutes?) Alle Dinge sollen seine unendliche Herrlichkeit in sich nachbilden, indem sie die ihnen geschenkten Kräfte richtig gebrauchen, und sollen so dem einzig wahren Glück und Gut so nahe kommen, als es die Schranken ihrer Natur erlauben. Der Schöpfungsabsicht Gottes steht nun schließlich die Schöpfungsaufgabe der Welt correlativ gegenüber; beide sind so naturgemäß verbunden, wie die Helle mit dem Lichte. Wenn ein Leonardo da Vinci aus reinster Freude an seiner Kunst sein herrliches „Abendmahl" hinzauberte, wenn das Künstlergenie eines Michelangelo Wand und Decke der sixtinischen Kapelle mit den wundervollsten Fresken schmückte, und wir stehen nun vor diesen Gemälden, was haben wir dann vor uns? Ein Abbild des Riesengeistes dieser Künstler, einen immerwährenden Lobhymnus auf ihr Genie haben wir dann vor uns. Könnte es nun mit dem großen Kunstwerk des Welten- domes anders sein? Unmöglich; die Welt offenbart ja in allen Linien ihres Gebäudes Gottes unendliche Herrlichkeit, deren Spiegel und Abglanz sie ist. Das ist also der große Endzweck der Schöpfung, der mit ihrer Natur unauflöslich verbunden ist, daß sie Gottes Größe nach außen offenbare und so der äußeren Verherrlichung Gottes diene?) Die Sterne darum, die am Abend sich am dunklen Himmelszelt entzünden, sie sind ebensoviele Gottes- lämpchen, die im Weltendom brennen vor dem einen Allerheiligsten, der in seiner erhabenen Sonnenhöhe in ewiger Ruhe über ihnen thront und ohne Unterlaß in das ganze weite Universum Licht und Leben, Glück und Vollkommenheit ausstrahlt. Und so soll die ganze Schöpfung von Morgen bis Abend ein großer Jubelhymnus sein auf Gottes Pracht und Herrlichkeit; von Pol zu Pol soll immerfort das eine wunderbare Lied durch sie wieder klingen, von Mund zu Mund soll es schallen: Oüoria. in 6 XL 6 I 318 Leo! Ehre, Lob, Preis und Ruhm sei Gott H Sehr schön 8. 0 . §. Üb. I eap. 102. H „8ie j§itur O6U8 vult st ss st nlia; ssck ss ut Kllsm, atm vsro ut nä tiusm; tu Quantum oonäsost äivinarn bonitstein, stiam all» ipsaw partioipars". — 8. 1 b. I. 19 a. 2 ; 8. s. S. Ub. m cap. 19 ; 8. 1 d. 1 . 4. 44 s. 4 . 0. st aä 1 . °) „Dtosnäum, yuock Heus oinnis, sxistsntia runat. 8sck amor Osi sst iu tnnäens st orsans bonitntsin in rebu8." — (8. 1 b. 1. g. 20 -r. 2; 8. 0. §. Ub. III oap. 16 . ') 8. e. x. Ub. III osp. 1 , 17 , 16 . 8. 1 b. 1 . 4 .103 a. 2 . in der Höhe, der uns erdacht in seiner Weisheit, der uns gewollt in seiner Liebe, der uns geschaffen in seiner Allmacht. — Mit diesem schönen Gedanken wollen wir uns jetzt vom Ursprünge der Welt ihrem Bestände zuwenden. II. Wie das weiße Sonnenlicht durch das Prisma in * die schillernden Farben des Spektrums zerstreut wird, so ist auch die eine unendliche Vollkommenheit Gottes in dein blumenreichen Kranz der Weltdinge gleichsam in ein großes Spektrum der verschiedensten Theilvollkommenheiten ausgebreitet. Und wie das Spektrum nur als Ganzes das ganze Sonnenlicht wiedergibt, so bilden auch die verschiedenen Wcltdinge erst zusammen das ganze Abbild der göttlichen Vollkommenheit. Alan muß diesen Gedanken der christlichen Philosophie wohl unterscheiden von dem Gedanken des Pantheismus, dessen Spuren oberflächliche Forscher wohl schon iu der Scholastik zu finden glaubten?) Nach dem Pantheismus machen die verschiedenen Weltdinge zusammen Gott aus, sie sind Gott. So spricht Goethe: „In Lebensfluthen, in Thatensturm Wall' ich auf und ab, . Wehe hin und her! ' Geburt und Grab, Ein ewig Meer, Ein wechselnd Weben. Ein glühend Leben. So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendig Kleid." (Faust.) Aber in der Anschauung des hl. Thomas ist die Welt zwar das Abbild Gottes, allein in ihrem Sein und Wirken sind Gott und die Welt innerlich und grund- wesentlich von einander verschieden?) Der Begriff Gottes liegt darin, daß Gott die in sich selbst subsistirende, reine Wirklichkeit, das reine absolute Sein ist (aotns purns; ixsuw 6886 8us>8l8t6N8). Ein solches Wesen kaun nur eines sein und absolut keinem Wechsel unterliegen. Alles Andere, was noch existirt, kann nur eine beschränkte Vollkommenheit haben und kann namentlich nicht das reine subsistirende Sein selbst sein. Vielmehr muß in allen geschaffenen Dingen eine substantielle Zusammensetzung aus Wesenheit und Dasein, wie aus Potenz und Akt an- -> erkannt werden. Ebensowenig, wie nun etwas zu gleicher Zeit reiner und zusammengesetzter, d. h. nicht reiner Akt sein kann, ebensowenig können Gott und die Welt identisch sein?") Indem wir diesen Gedanken dem Pantheismus gegenüber scharf betonen, müssen wir auch gleich einem andern Irrthum, der namentlich in Frankreich die Geister verwirrte (Malebranche), nicht weniger energisch entgegentreten. Wenn das Feuer das Holz anzündet, die Rose ihren Duft aushaucht, der Mensch denkt und will, kürz wenn die Geschöpfe thätig sind, so ist dies — nach diesen Philosophen — nur Schein. Im Grunde ist es — so °) Z. B- BarthSlemy Haursau, Paris 1672/81; in dem Ausdruck: rss sinansnt 2 vso. H „tzmäam kriv 0 lis r 2 t i 0 n i b u s äuoti vossusrunt, vsuin S88S äs substantia euiuslibst rsi sto? — tz. O. äs vsr. g. 21 s. 4 ; 8. 0. §. lib. I 02p. 26 . 8. 1 b. 1 . g. 4 L. 8. ") „DZss rseixitur in aliguo ssounäuin moäum ipsius st iäso tsrwinÄtnr siout gunsUbst 2U2 torms, guas äs 8S communis 68t, st ssounäuw guoä rsoipitur in sligno, tsrininatur sä illuä: st kos inoäo 8olnm äivinum S88S non S8t tsrininatuin; guia non sst reosptnm in nliguo, guoä S8t äivisuin ab so? — 1. äsnt.Oist. 8 g. 2 a. 1; 8. e. A. Ub. I oam 21 — 29 ; 8. 1 b. 1. g. 3 a. 4 . > 39 erklären sie — immer ausschließlich und allein Gott, der z. B. bei Gelegenheit der Berührung von Feuer und Höh das Holz anzündet; kurz Gott allein vollzieht alle Thätigkeit, die scheinbar von den Geschöpfen ausgeht. Diesem verderblichen Irrthum gegenüber finden wir bereits vom hl. Thomas scharf betont, daß Gott aus der Ueberfülle seiner Güte heraus den Geschöpfen nicht nur ein wirkliches Dasein, sondern auch ein wirkliches Thätigsein verliehen habe.") Und damit die Geschöpfe diese Thätigkeit als eine wirklich eigene ausüben, hat Gott ihnen bestimmte innere Thätigkeitsprineipien gegeben, die dem Grade ihrer Existenz genau entsprechen.") Gerade diese innern Thätigkeitsprineipien machen das aus, was wir die Natur der Dinge zu nennen pflegen. So kommt es, daß die Vorgänge und Erscheinungen, die sich in der Schöpfung abspielen, im eigentlichen Sinne des Wortes natürliche Vorgänge sind, d. h. Vorgänge, die in der Natur der Dinge selbst ihren physischen Grund haben.") Schließlich ist die Lehre des hl. Thomas auch direkt einer Auffassung entgegengesetzt, die unter den neuern Physikern einen breiten Boden gewonnen hat. Secchi, der große Astronom, hat sie in einem eigenen Werke: „Die Einheit der Naturkräfte", mit vielem Scharfsinn zu vertheidigen gesucht. Seine Ansicht gipfelt etwa in folgenden Worten"): „So sind wir zur wahren Philosophie der Natur zurückgekommen, die schon von Galilei inangurirt war, daß nämlich in der Natur alles Bewegung und Stoff ist, oder eine einfache Modifikation desselben durch eine reine Umstellung der Theile oder der Art der Bewegung." Dem gegenüber gipfelt die Naturphilosophie des hl. Thomas von Aqnin ganz und gar in der Anschauung, daß die Substanzen Träger eigentlicher, innerer Qualitäten seien. Diese Qualitäten stehen in naturgemäßer Proportion znr Wesenheit des Subjektes und bilden die nächsten innern Principien, durch welche die Dinge ihre eigenthümliche Thätigkeit ausüben; ja es läßt sich selbst die örtliche Bewegung der Körper ohne die Zuhilfenahme innerer Qualitäten, der Beweg- Mgsimpulse, sachlich nicht erklären.") Wenn nun so alle Geschöpfe ein eigenes Dasein und Thätigsein haben, so haben sie es doch durchaus nicht alle in: selben Grade der Vollkommenheit.") Vielmehr ist die Schöpfung einer großen, lückenlosen Stufenleiter zu vergleichen, die, je höher sie kommt, um so enger wird und über sich Gottes Unendlichkeit hat. Da finden wir zu untcrst die ganze todte Welt des Seienden. Was sie thut, das thut sie getrieben und bestimmt von den innern Principien ihrer Natur. In dieser todten Welt herrscht das strenge Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung, von der Beständigkeit der Materie, vom Austausch der Energien und der Unveränderlichkeit der in der Welt vorhandenen potentiellen und aktuellen Energiesnmme. Ueber dieser todten Welt aber baut sich die höhere Welt der lebenden Geschöpfe auf. Ihre Thätigkeit ist nicht --) 8. c. x. lib. m «Lp. 69. „8iont ab aZeuts (so. veo) eoukernntur elkevtm natnrali prioeixio, per guae snbsistit, ita prineipia, per yuae aliornni siteansa" (8. o. K. lid. III oap. 21.) 8. lllli. 1. g. 89 L. 1). ") 8. Vkom. in Lrist. Ullzn. lib. II Iset. 1; tz. O. äe pol. . III eap. 20, 22. mehr eine blos transeute, sondern auch eine immanente??) In der Pflanzenwelt dämmert diese Vollkommenheit gleichsam erst auf, indem der Aufbau des pflanzlichen Organismus durch rein mechanische Kräfte nicht mehr erklärt werden kann. Im Thierreich mit seinen sinnlichen Empfindungen und willkürlichen Bewegungen haben wir statt der Dämmerung bereits ein Morgenroth. Im Menschen mit dem geistigen Verstände und dem freien Willen ist das Morgenroth bereits zum Tageslicht geworden. Allein auch das geistige Erkennen des Menschen hängt noch wenigstens mittelbar von der sinnlichen, an die Schranken von Raum und Zeit gebundenen Wahrnehmung ab, und das freie Wollen des Menschen ist noch stark beeinflußt von den sinnlichen Regungen, so daß der Mensch selbst an seinem höchsten Gut öfter und öfter irre werden kann. Doch über dieser geistig-materiellen Welt des Menschen erhebt sich schließlich die Welt der reinen Geister, der Engel. In ihr steigt die Vollkommenheit der Schöpfung znr Mittagshöhe empor, von der es nur noch ein Herunter gibt. Erst die reinen Geister genießen ein geistiges Erkennen und ein rein geistiges, freies Wollen; was sie einmal als höchstes Gut sich erkoren haben, das halten sie unbeweglich fest. So haben denn die reinen Geister, die Gott auf der Stufenleiter der Schöpfung am nächsten stehen, auch am meisten Licht empfangen. Mit dieser Stufenleiter, auf der sich die Geschöpfe Gottes unendlicher Vollkommenheit nähern, geht durchaus die Stufenleiter parallel, mit der die Schöpfung zu Gottes absoluter Einfachheit und Einheit emporsteigt. Wenn nämlich auch alle Geschöpfe die Unvollkommeuheit gemeinsam haben, daß sie in ihrem Sein eine Verbindung von Wesenheit und Dasein darstellen, so ist die materielle Welt doch insofern noch weiter als die geistige Welt von der absoluten Einfachheit Gottes entfernt, als in ihr die Wesenheit selbst wieder ein Zusammengesetztes aus Materie und Form bildet.") In ähnlicher Weise bemerken wir in der Schöpfung ein allmähliches Aufsteigen znr Einheit Gottes. Auf der niedersten Stufe stehen jene Geschöpfe, bei denen wir zwischen Gattungen, Arten und Individuen zn trennen haben. So haben wir unter den materiellen Dingen die Gattungen der Mineralien, Pflanzen und Thiere. In jeder Gattung haben wir wieder Arten; so z. B. in der Gattung der Thiere die Fische, Böge! und Säugethiere. In jeder dieser Arten finden wir wieder Unterarten und darin schließlich Individuen. Beim Menschen ist aber die Einheit des Seins bereits stärker geworden. Es gibt nur noch eine Gattung Mensch, und die Artunterschiede, wie sie sich z. B. zwischen Vögeln und Fischen zeigen, sind verschwunden. Es sind nur noch Individuen derselben Gattung mit rein accidentiellen Unterschieden vorhanden. Bei den Engeln verschwindet schließlich nach der wohlbegrnndeten Meinung des hl. Thomas auch dieses noch. Bei den reinen Geistern ist jedes Individuum auch eine Gattung, eine Welt für sich, d. h. jedes Individuum enthält alle Vollkommenheit, deren seine Gattung fähig ist. Darüber gibt es nur noch eine höhere Vollkommenheit des Seins, die absolute Einheit Ouplex est rei operativ, „uns. gniäsm guse ia ipso operante mauet et est ipsina operantis per- t'eotivl, nt sentire, intelliAere et vells. ,4Iis> vero, gaas in exteriorsw rem tranÄt, «piae est perkeotio kaoti, giroü per ipsaur eoustituitur, ut ealet'aeere, ssoars st aeckillearv". — 8. o. Z-. IIP. II eap. 1. ") 8. e. §. lib. II eap. 64, 60, 61, 62. 40 Gottes.") So sehen wir also in der Schöpfung überall ein allmähliges stetiges Aufsteigen vom Unvollkommenen zum immer Vollkommiiern. Dabei verhalten sich die vollkommneren Wesen zu den unvollkommneren wie das Licht des Tages zum Lichte der Dämmerung und des Morgenroths. Wie nämlich das Licht des Tages alle Helligkeit, die in der Dämmerung und dem Morgenroth enthalten ist, auch enthält und noch eine neue, größere hinzufügt, so besitzt auch jede höhere Stufe der Schöpfung alle Vollkommenheit der untern und fügt eine neue Vollkommenheit hinzu?") Zum Schluß unserer Betrachtung des Weltalls in seinem Bestände können wir es darum mit etwas verändertem Gedanken wohl jenem System von Sphären vergleichen, von dem Cicero in seinem Traum des Scipio berichtet. Wenn wir uns um eine leuchtende Flamme, als um den gemeinsamen Mittelpunkt, eine Reihe von Kugeln gruppirt denken, so werden diese Kugeln, je weiter sie von der centralen Flamme abstehen, ebensosehr an Umfang zunehme^, wie an Helligkeit abnehmen. Aehn- lich haben wir in dem Weltall ein gemeinsames Centrum, Gott, von dem Licht, Leben und Vollkommenheit bis in die äußersten Grenzen des Universums ausstrahlt. Je weiter nun die Dinge von diesem Centrum entfernt sind, unsomehr wachsen sie an Zahl und Umfang, empfangen aber gleichzeitig umsoweniger Licht und Vollkommenheit. Doch wie zwar die näheren Kugeln mehr Helligkeit empfangen als die entfernteren, wie sie aber doch nicht alles Licht empfangen und wie so die ganze Kraft der centralen Flamme erst in allen beleuchteten Sphären zusammen ganz zur Geltung kommt, so sind auch im Weltganzen die Geschöpfe, welche Gott in der Ähnlichkeit näher stehen, vollkommener als jene, welche Gott in der Ähnlichkeit ferner stehen; und ist die ganze Gottähnlichkeit und damit die ganze Vollkommenheit der Schöpfung erst in der Welt als Ganzem zn finden. Darum heißt es auch mit tiefphilosophischem Sinn in der hl. Schrift, daß Gott am Ende jedes Schöpfungstages sah, daß sein Werk gut war, am Ende des letzten SchöpsungstageS aber, daß dieses ganze Werk sehr gut war. Und wahrlich! Das Weltall ist ein sehr gutes, ein vollendetes Kunstwerk, eine wohlgestimmte Leier, an der keine Saite stärker angespannt sein dürfte, ohne die Harmonie der Accorde zu mindern.^) In diesem Kunstwerk der Kunstwerke ist die bunteste Mannigfaltigkeit der Theile vereint mit der größten Einheit des Ganzen, das Vermeiden „M sie rslillguitur, guoä omnss LN»sIi Ld inviosm spsois ältkerunt sscuuäum maiorsm st miuorsm psr- Fseticmem kormarum simplieium ex maiori vsl minori axpropinguitats sä Oeum, gui sst Lotus purus st iiiünitas srkoetioms.... Osus vsro, gni sst in summopsr- sotiouis, oum uullo Lila eonvsnit nou solum iu spseis, ssä tu Asnsrs uso iu alio prasäieLto univoos." — tj. O. äs spir. orsuturis. c>. uu. s. 8. *°) Es ist aber zu berücksichtigen, daß die höheren Wesen die Vollkommenheiten der niederen theils kormalitsr, theils sminsutsr enthalten. Vgl. 8. 1I>. 1. g. 4 L. 2; g. 13 a. 3 sä 1. vk. Ll. Os Uaria ?kil. psrix.-sobol. Komas 1693. Vsl. III tr. 1. g. 3 L. 1; Lillot I. o. p. 81 s. „Universum, suppositis istis rsbus, non potsst ssss msllus proptsr äsosntissimum oräinsm kiis rsbus sttridutum a Osa, in guo bonum umvsrsi oonsistit; guoi'um si unum cäiguoä essst mslius, vorrumxsrotur proportio oräims: siout si un» oboräu plus äsbito intsnäsrstur, oorrumxsrstur citbaras msloäia. Kossst tLmsn Osus Llius rss ksoers vsl alias aääsrs istis rsbus faotis; st sssst aliuä Universum mslius." — 8. 9?ü. 1. a. 26 a. 6 aä 3. jedes plötzlichen Sprunges mit der Beständigkeit der einzelnen Glieder, die abseitigste Thätigkeit mit der größten Ordnung. Und warum dies? Weil alles ein Abbild der ewigen Ideen der göttlichen Weisheit ist. „Omiüa, in saxisntia runäasti." (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Wustmann Gust.. „Allerhand Sprachdumm- heiten". Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Läßlichen. Leipzig, Fr. W. Grunow, 1896. (II.) 12°. XII-st 410. 2 M. 50 Pf. UZ. k Wenn die Redensart vom „durchschlagenden Erfolg" je einmal am Platze ist, dann trifft sie gewiß bei diesem Buche zu. Ist doch der Titel des Werkes bereits zum geflügelten Worte geworden. Wer möchte sich gerne nachsagen lassen, daß er „Dummheiten" mache? Und dennoch wird sich jeder Leser oder Schriftsteller, der Wustmann's Buch einer aufmerksamen Durchsicht unterzieht, schuldbewußt solcher „Dummheiten" anklagen. Wir geben eben viel zu wenig in Wort und Schrift Obacht auf die Regeln unserer Muttersprache, sonst müßten wir uns auf Schritt und Tritt bei „Sprachdummheiten" ertappen und uns bestreben, die Sache besser zu machen. Den Nutzen soll das Buch haben, daß namentlich die Leute der Feder über der Hast des Ärbeitens die Sprachrichtigkeit nicht außer Acht lassen. Wustmann's Buch ist auch angefeindet worden, aber mit Unrecht. Freilich verwirft es manche Redewendung, die einfach im Laufe der Zeit der Sprachgebrauch sanctionirt hat, der eben ziemlich eigenmächtig und unbekümmert um Grammatik seinen Weg gebt. Im Ganzen aber wird man leider gestehen müssen, daß die Sorgsamkeit, rein und gut deutsch zu schreiben, seit den Tagen eines Lessing, Schiller, Göthe, Rückert in steter Abnahme begriffen ist und wir einer gänzlichen Nerlotterung unserer Sprache entgegensehen. Man behauptet vielfach, der Unterricht in den klassischen Sprachen verderbe den Stil; aber sehr mit Unrecht — denn fürs erste ist das Ergebniß klassischer Sprachstudien in der Gegenwart dermaßen erbärmlich, daß es qewiß keinen Einfluß auf die Muttersprache ausüben könnte, und dann lehrt die Geschichte, daß unsere Klassiker, die ein mustergiltiges Deutsch geschrieben, gerade einer Zeit angehören, die mit Ernst und Erfolg in griechischer und namentlich lateinischer Sprache schulte; und eben dieselben Meister unserer Sprache bekannten oftmals, dieser Schulung ihre Kunst zu verdanken. Die Ursache ist vielmehr überhaupt der Geist der Oberflächlichkeit und Geschmacksverrohung, der unsere Zeit auf allen Gebieten beherrscht, ein Geist, der zugleich seine Faulheit zu beschönigen sucht, indem er die Schuld sprachlicher Barbarei dem unbedeutenden, aber doch gern abgewälzten Betrieb der klassischen Sprachen aufzubürden sucht. — Wustmann gehört in die Hand eines jeden Gymnasiasten!! Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder. Freiburgi. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 1 des II. Jahrgangs: Von den Kleinen Schwestern der Armen und ihren Greisen. — Das preußische Waisenrathsamt und die Bestrebungen zur Belebung der Amtsthätigkeit der Waisenräthe. — Praktische Winke über die Zwangserziehung verwahrloster Kinder. — Der St. Elisabethen-Verein in München. — Die Bestrebungen der Nichtkatholiken auf dem Gebiete des Mädchenschutzes. — Vincenzverein und Wohnungsfrage. — Kleinere Mittheilungen rc. rc. * (Das Cönaculum des hl. Abendmahles.) Zu der Bemerkung in dem Palästina-Artikel (Beilage 3), daß in dem Saale, wo der Heiland das Abendmahl feierte, seit so langen Jahren das hl. Meßopfer nicht mehr gefeiert wurde, wird uns mitgetheilt, daß thatsächlich vor einigen Jahren, allerdings rm Geheimen, an jener ehrwürdigen Stätte, die leider nicht in christlichen Händen ist, die hl. Geheimnisse gefeiert worden sind._ Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Laas L Erabherr in Augsburg. Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. 8. 6. Die drei hervorragendsten Wallfahrtsorte des katholischen Erdkreises sind Jerusalem mit dem Grabe des Erlösers, Rom mit dem Grabe der Apostelfürsteu Petrus und Paulus, Santiago de Compostela in Spanien mit dem Grabe des hl. Apostels Jakobns des Aelteren. Wie hoch die Päpste diese drei heiligsten Orte der Christenheit verehrten, geht schon daraus hervor, daß die Dispense vom Gelöbniß, einen dieser drei Wallfahrtsorte zu besuchen, seit dem Jahre 1478 dem hl. Stuhl vorbehalten ist. Zahllos sind die Schaaren frommer Waller, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Herzensanliegen zu den drei hochberühmten Gnadenstätten trugen, zahllos sind die geistigen und leiblichen Wohlthaten, die sie von da mit fortnahmen. Jedes dieser drei Heilig- thiimer hat im Sturm der Zeiten viele Bedrängnisse onrchgemacht, am meisten aber hat vielleicht durch die Ungunst der Zeitverhältnisse die spanische Gnadeustätte Santiago de Compostela zu leiden gehabt; jetzt ist es eine Stadt von 25,000 Einwohnern in der spanischen Provinz Galizien. Die Christenheit verehrt dortselbst das kirchlich beglaubigte Grab des hl. Apostels Jakobus des Aelteren, über dem sich seit acht Jahrhunderten eine herrliche romanische Kathedrale erhebt, deren schlanke Thürme hoch in den azurnen Aether streben und den sehnsüchtigen Pilger von weitem grüßen. Im Anfange der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts wurden im Centrum der Absis der OapUIa inazior dieser Basilika die Gebeine des großen Apostels sowie seiner beiden Schüler Athanasius und Theodor glücklicher Weise wieder aufgefunden; eine päpstliche Bulle „Darm orvvi- xotona" vom 1. November 1884 bestätigte zur größten Freude aller Spanier und aller aufrichtigen Verehrer des großen Apostels Jakobus das Urtheil des damaligen Kardinal-Erzbischofes von Santiago," des Msgr. Don Paya y Nico, der für die Echtheit der kostbaren Ueber- reste eintrat. Die päpstliche Bulle sagt ausdrücklich: „Wir heißen gut und bestätigen mit sicherem Wissen, auf eigenen Antrieb und durch Unser Ansehen das Urtheil Unseres ehrwürdigen Bruders, des Kardinal-Erzbischofs von Santiago de Compostela, betreffs der Aechthcit der heiligen Leiber des Apostels Jakobns des Aelteren, sowie seiner hl. Schüler Athanasius und Theodor, und Wir bestimmen, daß dieses Urtheil für immerwährende Zeiten Kraft und Geltung haben solle." Außerdem verhängte dieselbe päpstliche Bulle die in blonderer Weise dem Papste vorbehaltene 8xeoiuw.uvi63.tio latno sevtevtias über alle diejenigen, welche es wagen sollten, in irgend einer Weise widerrechtlich sich die besagten hl. Reliquien oder auch nur Theile derselben anzueignen oder an einen anderen als den gegenwärtig für sie bestimmten Ort zu übertragen. Weiter fährt das päpstliche Schriftstück fort: „Wir thun kund und befehlen allen Unseren ehrwürdigen Brudern, den Patriarchen, Erzbischösen und Bischöfen, sowie den übrigen Prälaten der Kirche, daß sie feierlich und in der ihrem Ermessen anheimgestellten Form gegenwärtiges Schreiben in ihren Provinzen, Diözesen und Residenzstädten veröffentlichen, auf daß dieses glückliche Ereigniß allenthalben bekannt und von allen Gläubigen mit verdoppelter Frömmigkeit gefeiert werde, und damit man aufs neue und nach der Gewohnheit unserer Vorgänger Pilgerfahrten zu jenem heiligen Grabe unternehme." Hinsichtlich der Art und Weise, wie die Reliquien des hl. Apostels Jakobus nach Spanien gelangten, stellt sich die päpstliche Bulle vollständig auf den Boden der Ueberlieferung der spanischen Kirche; so heißt es: „Fortwährende und allgemeine Ueberlieferung, welche aus den apostolischen Zeiten stammt und durch die öffentlichen Erlasse unserer Vorgänger öfters bekräftigt worden ist, berichtet, daß der Leib des hl. Jakobns, nachdem der Apostel auf Geheiß des Herodcs den Tod des Blutzeugen erlitten hat, heimlich von seinen Schülern Athanasius und Theodor weggenommen wurde. In der lebhaften Besorgnis;, es möchten die Ueberreste des hl. Apostels, im Falle sie in die Gewalt der Juden kämen, vernichtet werden, brachten sie jene beiden in ein Fahrzeug, entführten sie so aus dem Land der Juden und erreichten nach glücklicher Fahrt Spanien, woselbst sie an der galizischen Küste landeten. In Spanien hatte ja der hl. Jakobus nach der Himmelfahrt Jesu Christi, wie eine ebenso alte als fromme Ueberlieferung berichtet, des apostolischen Amtes gewaltet." „Eine ebenso alte als fromme Ueberlieferung" nennt also der hl. Stuhl jenen Glauben der Spanier, daß in ihrem Lande dereinst der hl. Apostel Jakobns der Aeltere das Evangelium gepredigt habe. Wir wissen wohl, daß in dem mit Recht hochangesehenen Freiburger „Kirchen- lexikon" von Wetzer und Weite (II. Anst., Artikel „Compostela" Bd. III, S. 774 ff.) gegen die spanische Tradition Stellung genommen ist und der Kirchengeschichts- schreiber Natalis Alexander als jene Autorität angeführt wird, welche mit Gründlichkeit die Sage vom Aufenthalt des Apostels in Spanien widerlegt habe. Doch sehen wir uns durchaus nicht veranlaßt, dieser Autorität beizupflichten. Vielmehr gilt z. B. uns persönlich die Ansicht des geistvollen Münchener Exegeten Schegg, dessen Vorlesungen zu hören wir das Glück hatten, und der für die spanische Tradition inst wahrer Begeisterung eintrat, ein Urtheil, das uns um so schwerer wiegt, als Schegg ein kritisch scharfer, eher verneinender Geist war» der allen „Legenden" äußerst skeptisch gegenüberstand und uns manch andere licbgcwohnte Ansicht mit rauher Hand zerstörte. Daß spanische Gelehrte vollends modernen An- zweiflern gegenüber ihre Tradition von der Anwesenheit des hl. Apostels Jakobns in Spanien ebenso entschieden wie in früheren Zeiten aufrecht zu erhalten entschlossen sind, ist selbstverständlich. Vor uns liegt ein neueres, mit großer Beledenheit und Gelehrsamkeit verfaßtes Werk des Don Mariana Nougvs h Secall, betitelt: „Ilistorig, orrtivL x apologtztics, clo Is, VirZav 8u6stiL, Lenorn äsl 8ilar cls ZlaraZo?»"; der Verfasser verbreitet sich (S. 12 ff.) eingehend über die Anwesenheit des hl. Apostels Jakobus in Spanien und dessen apostolische Thätigkeit dortselbst und führt zu Gunsten der spanischen Tradition folgende Sätze an: 1. Die Tradition steht nicht im Widerspruch mit der Geschichte; 2. Die Tradition ist eine allgemeine und hat nie eine Unterbrechung erlitten; 3. Die Tradition hat für sich glaubwürdige und bis in die ersten Jahrhunderte zurückgehende Zeugnisse. Die Geschichte spricht nicht gegen die Tradition, im Gegentheil: Die Apostel hatten vom Herrn den Auftrag, das Evangelium in der ganzen Welt zn verkünden. Indem nun der hl. Apostel Jakobus nach Spanien kam, erfüllte er diesen Befehl, wie andere Apostel in anderen fernen Gegenden. Sein Martertod in Jerusalem fällt in die Zeit der zweiten Verfolgung der Apostel von Seite der Juden um das Jahr 44 n. Chr. Bis dahin war zu einer apostolischen Reise nach Spanien hinreichend Zeit. Für die Allgemeinheit der Tradition spricht, daß Hoch und Nieder, Reich und Arm, Fürst und Unterthan dieselbe gekannt haben; daß ferner Spanien ihn zu seinem Landespatron auserkoren hat. „Es mußte, sagt der portugiesische Schriftsteller Franz Maceda, ein sehr gewichtiger Grund vorliegen, der die Spanier veranlaßte, gerade diesen Heiligen allen andern vorzuziehen, und es konnte dies kein anderer Grund sein, als eben die Anwesenheit des Apostels in Spanien." Auch spricht zn Gunsten der spanischen Tradition, daß nicht bloß in Spanien, foitdern in der ganzen Christenheit dieselbe Ueberzeugung geherrscht hat. Als besondere Zeugen führt Mariana die Aussprüche des hl. Hieronymus, Hippolyt, Jsidor von Sevilla, Braulins (Bischof von Zaragoza), Julian (Bischof von Toledo im 7. Jahrhundert) und des Beda Vencrabilis (im Anfang des 8. Jahrhunderts) an. Auch das Martyrologium von Weissenburg im Elsaß ans deni Jahre 772, ferner die altspanische Liturgie und die von mehreren Päpsten bestätigten kirchlichen Officien von Toledo geben Zeugniß von der Tradition über das apostolische Wirken des hl. Jakobus in Spanien. Der berühmte Kritiker Don Juan'), Francisco Masdeu spricht sich in seiner „Roxans Romans? (R. III p. 204) über die Anwesenheit des Apostels in Spanien also aus: „Der hl. Apostel Jakobus der Aeltere war der erste Lehrer der Spanier, und es scheint, daß er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Spanien die heutige Provinz Galizien und einen kleinen Theil von Portugal besuchte und von da aus die Richtung nach Osten einschlagend über Leon und Altkastilien bis in die Mitte von Ara- gonieu vorgedrungen ist. Nachdem er dort zwei Jünger (Schüler) mit Fortsetzung seiner apostolischen Predigt betraut hatte, kehrte er mit sieben anderen Genossen nach Jerusalem zurück, wo Herodes um das Jahr 43 oder 44 unserer Zeitrechnung unter der Regierung des Kaisers Claudius ihm das Haupt abschlagen ließ.... Die Nachricht von der Predigt des hl. Jakobus des Äelteren in Spanien gründet sich in erster Linie auf Zeugnisse alter Schriftsteller, angefangen von Didymus von Älcxandrien (4. Jahrh.) bis ins Mittelalter. An diese Grundlage fügt sich die uralte Tradition, welche die spanischen Schriftsteller bezeugen." Läßt sich nun allerdings absolute Sicherheit nicht erreichen, so dürfte aus dem Gesagten doch hervorgehen, daß der Wahrscheinlichkeitsbeweis von hohem Werthe ist und es ganz ungerecht wäre, die uralte Ueberlieferung von der Thätigkeit des hl. Apostels Jakobus in Spanien ohne wciters in das Gebiet der Sage zu verweisen. Und wenn nun die hervorragendsten spanischen Schrift- ') Wir bitten die verehelichen Leser und namentlich Leserinnen dringend, die Worte der herrlichen spanischen Sprache nicht zu mißhandeln und etwa gar französisch ausznsprechen. Spanisches j lautet wie „ch" (rauh); II wie ,,lj"; n wie „nj" ; oll wie „tfch"; o vor o und i, sowie immer 2 wie „ds", sonst o wie „k"; 8 vor s und I wie weiches „ch", sonst wie „g"; gu wie „k"; §ü und gii wie „gw" und „kw": ll ist stumm; ^ ist alleinstehend „i", sonst konsonantisch. — Es ist zum Olirenzerrcipen die bekannte Mozart sehe Oper als französisch ausgesprochenen „Don Jouan zn hören! steller und kirchlichen Würdenträger die triftigsten Gründe für die Tradition anführen, ja wenn selbst der hl. Vater Papst Leo XIII. in einem officiellen Sendschreiben von einer „heiligen und uralten Ueberlieferung" spricht, so ist der, welcher diesem Glauben beipflichtet, zweifellos in der denkbar besten Gesellschaft, in Uebereinstimmung mit hoch erleuchteten Männern, deren Ueberzeugung auf festen Grund gebaut ist. Wie einfach und natürlich läßt sich hier Alles erklären im Vergleich etwa zur Tradition anderer Wallfahrtsorte oder Religuienschätze, die doch auch hoch verehrt werden, obgleich der historische Hintergrund äußerst unzuverlässig ist und die Ueberlieferung das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit gar zu sehr auf der Stirne trägt. Da steht denn doch Santiago de Com» postela auf ganz anderem Boden, und wehren sich die Spanier unseres Erachtens mit vollem Recht gegen die Zweifel deutscher Kritik. In dem Jahrhunderte lang währenden Heldenkampf des spanischen Volkes gegen den verzehrenden Fanatismus und die Grausamkeit des Islam galt ihm der hl. Jakobus stets als Beschützer und Vorkämpfer im hl. Kriege und als Herold des Sieges. Nicht weniger als 38 sichtbare Erscheinungen des hl. Apostels in ebensovielen Schlachten gegen die Sarazenen zählt ein gelehrter Geschichtschreiber Spaniens auf. Die berühmteste unter diesen Visionen ist jene in der Schlacht bei Clavija im Jahre 844, die uns Mariana, der spanische Livius, berichtet, wie folgt: „Nachdem die Christen einen ganzen Tag erfolglos gegen die Ucbermacht der Sarazenen gestritten und bei hereinbrechender Nacht sich zurückgezogen hatten, erschien der Apostel dem Kömge Don Ramiro I. im Traume und feuerte ihn zur Fortsetzung des Kampfes am anderen Tage an, wozu er ihm feinen Beistand versprach. Die Unfrigen griffen Tags darauf mit frischem Muthe den Feind an und umzingelten ihn, mit lauter Stimme den Schlachtruf „Santiago gebrauchend, mit welchem seit jener Schlacht bis auf den heutigen Tag die spanischen Soldaten in den Kampf ziehen. Die durch die unerwartete Kühnheit der Uusrigen. die bereits für überwunden galten, in Verwirrung gerathenen Barbaren erfaßte ob der uns vom Himmel zu Theil gewordenen Hilfe ein solcher Schrecken, daß sie dem ungestümen Angriff der Christen nicht Stand .zu hallen vermochten. Der hl. Apostel Jakobus wurde, wie er dem Könige verheißen hat, während der Schlacht gesehen als Kämpfer auf weißem Rosse und mit weißem Banner, dessen Mitte ein rothes Kreuz zierte. Sein Anblick entflammte den Muth der Unsrigen anf's höchste, und die Barbaren, auf allen Seiten geschlagen, ergriffen die Flucht." „Darum wird feit jenen Heldcntagen in Spauien der hl. Apostel Jakobus nicht bloß als friedlicher Verkündet der Gottesbotschaft mit Stab und Pilgerhut abgebildet, sondern ebenso gern als Ritter, hoch zu Roß mit gezücktem Schwert in der erhobenen Rechten und dem Banner in der Linken, während drei bewaffnete Sarazenen sich unter den Hufen seines aufbäumenden Streitrosses krümmen. Diese Darstellung sah ich nicht bloß in der Wallfahrtskirche zu Compostela, sondern in den verschiedensten Kirchen des Landes. Hat sich auch die Kirche über die Echtheit jener Erscheinung des hl. Apostels nicht ausgesprochen, so ist es doch Thatsache, daß seit der Schlacht von Clavijo 844 das Vertrauen auf den Schutz des Apostels wahre Wunder der Tapferkeit in den spanischen Heeren gegen die Mauren wirkte. Dieser Glaube ist es, der die Spanier rettete, wenn sie unter dein Gebete „Hilf uns Gott und Du, seliger Jakobus" in die siegreiche Schlacht zogen; ans Dankbarkeit brachten sie dann jedesmal einen Theil der Siegesbente als Weihe- 43 gäbe dem Apostel feierlich in sein Heiligt!,um nach Santiago de Compostela. Treffend bemerkt ?. Pins Gams O. 8. L. in seiner „Kirchengeschichte Spaniens" über die providentielle Bedeutung dieses Apostels für das ritterliche spanische Volk: „Der l,l. Jakobns vollbrachte das ihm von Gott übertragene Avostolat über Spanien vom nennten Jahrhundert an und vom Himmel herab. Der Herr der Kirche hat das unter dem Drucke der Mauren seufzende und beinahe untergehende christliche Spanien, das er nicht untergehen lassen, sondern wunderbar erretten wollte, in die Hände des Apostels Jakobus geistiger Weise übergeben und durch die Fürbitte und die Vermittlung des Apostels Jakobus eine solche Fülle von geistlicher Kraft über das christliche Spanien ausgegasten, daß es aus den, sonst unmöglichen Kampf als Sieger hervorging und nach acht Jahrhunderten den Besitz des durch eine Schlacht von acht Tagen verlorenen Landes wieder erlangte von den Pyrenäen und dem Kap Finisterrä bis zum Kap Sän Vicente und Gibraltar. Diese Ehre und Auszeichnung eines Volkes, wie sie Spanien durch den Schutz eines hl. Jakobus erlangt hat, ist einzig dastehend in der Weltgeschichte. An ihr nehmen aber auch die übrigen Völker des Abendlandes Antheil, denn wäre Spanien ganz muhammedanisch geworden und geblieben, so wäre das in der Mitte liegende christliche Europa von Westen und von Osten umspannt und von den Jüngern des falschen Propheten wohl erdrückt worden." Das Gesagte mag hinreichen, um zu begreifen, daß von allen Seiten die spanischen Pilger zum Grabe des hl. Apostels und ihres Patrons, nach Santiago wallten. Die Geschichte bezeugt uns aber auch, daß dies nicht allein von den Bewohnern der iberischen Halbinsel geschah, sondern auch von den Christen aller Länder Europa's, ja selbst Asiens. (Fortsetzung folgt.) Franz Schubert. Zu seinem 10Ojähr. Geburtstag (31. Jan. 1797) von A. G. (Schluß.) Selbstverständlich können wir nicht alle seine un- gcmein vielen Kompositionen anführen, noch weniger die einzelnen einer weiteren Kritik unterziehen, da dies den uns zugewiesenen Raum weit überschreiten würde. Bemerkt sei, dqß er damals schon ein paar Hundert Lieder geschrieben hatte, sie wurden gesungen, aber nicht edixt, der arme Künstler, hatte hiezn keine Mittel,- und die Musikalienhändler hüteten sich vor einem „aufkeimenden Talente". Welch ein Contrast zur heutigen Zeit! Im Jahre 1820 wurde sein erstes Stück, das Singspiel „Die Zwillinge", in Wien gegeben; es erlebte mit Vogl sechs Aufführungen und verschwand dann für immer vom Repertoire; die „Zanberharfe" hatte das gleiche Schicksal, die Textbücher waren eben damals oft auch zu abgeschmackt, manchmal trivial, die Musik wurde von Kritikern als „artig" bezeichnet. Es entstand das Oratorium (von Schubert „Ostercautate" genannt) „Lazarns oder die Feier der Auferstehung", bestehend aus Arien und Ariosen, Chören und Recitativen. Ein Jahr darauf (1821) schössen endlich einige einflußreiche Gönner des Komponisten das Geld zusammen für die commissionsweise Herausgabe eines Werkes. Jetzt hätte der Komponist zugreifen sollen — man kaun sagen — müssen, aber er war zu gutmüthig, sicherte sich kein Verlagsrecht, die Verlagshändler waren knickerig, übervortheilten ihn, und Schubert blieb wiederum arm, wie er gewesen. Aus dieser Zeit stammt ein Bild von ihm: eine jugendliche trotz Armuth ziemlich volle Gestalt, geträufeltes Haar und dcßgteichen Backenbart, Brille, ernstes Gesicht, man kann sagen: das Bild eines ernsten jungen Schullchrers. Er genoß jetzt einen Ruf als Liedercomponist, erhielt Einladungen, war aber kein Freund von Gesellschaften, da er zu wortkarg, zu schüchtern war. Seine Oper „Alfonso und Estrella", die damals entstand, wurde nur einmal aufgeführt, und zwar geraume Zeit nach seinem — Tode, wie die meisten seiner Werke. Interessant ist die Begegnung Carl Maria v. Wcbcr's mit Schubert. Ersterer war Ende des Jahres 1823 bei Aufführung seiner Oper „Euryanthe" nach Wien gekommen. Schubert war auch in der Vorstellung, äußerte sich aber nicht gar günstig über die Oper, er stellte vielmehr den „Freischütz" weit über sie; „der Freischütz lvar so zart und innig, er bezauberte durch Lieblichkeit, in der Euryanthe aber ist wenig Gemüthlichkeit zu finden". Weber, dem dieses Urtheil alsbald hinterbracht wurde, sagte: „Der Lasse soll früher etwas lernen, bevor er mich beurtheilt." Schubert ging hierauf selbst zu Weber mit seiner Oper „Alfonso und Estrella", Weber aber war damals unversöhnlich und sagte zu Schubert: „Ich sage Ihnen, daß man die ersten Hunde und die ersten Opern ertränkt." Er hielt das genannte Werk als das erste Schubert's; zu bemerken ist aber, daß Weber sich später sehr anerkennend über Schubert's Werke anssprach. Eitelkeit diktirt eben oft zuerst zu schroff! Erwähnt sei aus jener Zeit des Meisters 8-nwU- Symphonie, die erst 40 Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1865, zur Aufführung kam, allerdings seither eine große Runde machte. Sie dürfte der großen 6-6 ur- Symphonie des Meisters noch überlegen sein. Das Bild einer leidenden Seele — sein Bild — entrollt er in derselben. Er zeigt hier die Tiefe seines Geistes, den bewunderungswerthen Reichthum einer Natur, in der neben der ganzen Einfalt eines Kindes aus dem Volke auch -jene hervorragende Größe der Empfindung wohnte, die Beethovens Theil war. Er arbeitete unverdrossen weiter an Opern, die zurückgewiesen wurden oder einmal über die Bretter gingen, an Liedern und Kantaten, die er im Pult verschloß und die zum großen Theil verloren gingen. , Im Jahre 1826 wagte der schüchterne Meister, um die Stelle i eines Vicckapellulelsters in der kaiserlichen Hofkapelle aufzuhalten und fiel durch, Hoftheaterkapellmeister Josef Weigle siegte, Schubert kam gar nicht in Vorschlag beim Kaiser. Er aber nannte Weigle selbst „ganz würdig und tüchtig für diesen Posten, wcßhalb ich mich gern zufrieden gebe"! Es ivird von den Biographen betont, daß er wohl die Dirigentenstellc am Kärntnerthortheater erhalten hätte, allein er wollte Kürzungen und Vereinfachungen an einer Probcarbeit — obwohl er allgemein gebeten wurde bei den Proben, besonders auch von der Vertreterin der Hauptpartie Frl. Schechner — absolut nicht vornehmen, hier war er starr und eigensinnig, und mit der Anstellung hatte es nun sein Ende. In jener Zeit machte er eine Reise nach Graz mit und zu Freunden und war glückselig; die Zeit seines Lebens kam er einmal nach Ungarn, einmal nach Ober- österreich und nach Graz, und doch wäre er so gerne gereist, aber stets mangelte das nöthige Kleingeld. Aus damaliger Zeit sind von seinen Arbeiten zu erwähnen: „Der Hochzeitsbraten", „Der Schlachtgesang" von Klop- stock für Doppelchor, das „Ständchen" von Grillparzcr, eine italienische Kantate, die deutsche Messe rc., und vollendet- er die 0-Symphonie nebst Kompositionen für 44 Kammermusik. Seine Werke waren jetzt geschätzt, wurden mit Beifall aufgeführt, es fanden sich Berleger, welche zwar immer noch gering bezahlten, aber sie bezahlten doch, das Leben schien für den Meister rosiger zu werden; aber der Himmel wollte es anders; nach 9 tägiger Krankheit starb er in den Armen seines Bruders Ferdinand am 19. November 1828. Der betagte Vater hatte alsbald nach Beginn der Krankheit Sorge getragen, daß ihm die heil. Sakramente gespendet wurden. Ehrenvoll wurde er beerdigt und ruht ganz in der Nähe Beethovens, seines erhabenen Vorbildes, wie er es wünschte, wenn auch, wie berichtet wird, in Fieberphantasien. Bald erhob sich ein Grabmal über seinem Hügel. Freunde stifteten es aus dem Ertrag von Concerten mit seinen Compositionen; Franz Grillparzer verfaßte die Inschrift: Der Tod begrub hier einen reichen Besitz, Aber noch schönere Hoffnungen. Hier liegt Franz Schubert, geboren am 21. Jänner 1897, gestorben am 19. November 1828, 31 Jahre alt. Die zweite Linie wollte man Grillparzer übelnehmen, mit Unrecht, denn als Schubert starb, waren nicht einmal seine Lieder noch recht bekannt, und Grillparzer wollte sicher nur dem Gedanken Ausdruck geben, den wohl sehr viele bei dem Tode des jungen Tondichters hegten und wohl auch ungescheut anssprachen. Das ist das Leben des größten, genialsten Meisters des deutschen Liedes — kurz gefaßt, das Leben eines Künstlers, das still dahinfloß, gleichsam abseits der Straßen der großen Welt. Er hat gewiß auf allen Gebieten der Composition Vieles und mitunter Großes geleistet, sein eigentlichstes Gebiet aber war — das deutsche Lied; nicht weniger als sechshundert Lieder hat er geschrieben, von denen aber noch nicht alle veröffentlicht sind. Seine Nachfolger auf diesem Gebiete sind Mendelssohn und Robert Schumann, letztere^ sicher der genialste Nachfolger Schuberts. Die Jnstru- mentalwerke Schuberts fanden mitunter erst lange nach seinem Tode die richtige Anerkennung, seine Opern sind mitunter heute noch tarra inoognita, denn nur wenige kamen zur Aufführung, dcßgleichen Feine Messen. Erst die neueste Zeit hat den Werth des Tondichters und seiner Werke mehr gewürdigt; Frankreich ist dießbezüglich Deutschland vorangekommen. In Deutschland griffen zuerst in den reichen hinterlassenen Schatz des Meisters ein die großen Vereine seiner Vaterstadt Wien und das Concerthaus in Leipzig. Heute freilich kennt man Schubert in allen musikalischen Kreisen — lang' hat's gebraucht! — man kennt ihn, und er wird stets gelten als ein nngemein vielseitiger, origineller Tondichter, als eine Zierde, als ein Stolz Deutschlands! Stilla von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Die erste und wichtigste Frage ist diese: Was berichten die glcichzcitlichen Quellen? Besitzen wir von Stilla irgend eine Lebcusgeschichte des 12. oder 13. Jahrhunderts? Wird ihr Name urkundlich beglaubiget durch irgend ein Aktenstück ihrer Zeit? Nicht im mindesten. Muck (Geschichte von Kloster Hcilsbroun, Nördliugcn 1879, I, 5) schreibt: „Einer abeuüergischen Grafeutochtcr Stilla geschieht weder im Heilsbronuer Archiv, noch in der Bibliothek, noch in der alten Registratur Erwähnung. Der Heilsbronuer Todtenrotcl kennt den Namen Stilla nicht." Die erste Nachricht hierüber verdanken wir dem eich- stättischen Visitator Johann Vogt, Kanonikus am St. Willibaldsstifte, welcher 1480 die einzelnen Pfarreien der Diöccse besuchte. Zu Abenberg bemerkt er: Oappslla 8t. katri extra, Fhenstsrg aci cznoin inaxiinns üeret conenrsno stominuin. aä sttam Ltiliani, si sclitionratnr odorns ant altare rekormaretnr. Die Kapelle des hl. Petrus befindet sich außerhalb der Stadt Abenberg, zu welcher sich ein sehr großer Zusammenfluß von Menschen entwickeln würde zur sel. Stilla, wenn ein Chor erbaut oder der Altar wieder hergestellt würde (Manuskript des bischöflichen Ordinariatsarchivs Eichstätt x. 99b). Vogt kennt somit den Cult der seligen Stilla, welcher bei Erbauung eines Chores in der Petcrskapelle oder bei Erneuerung des Altares (ob derselbe mit dem Bildnisse Stilla's versehen war, kann aus den angeführten Worten nicht mit Bestimmtheit erschlossen werden) größere Dimensionen annehmen würde, aber über die Abstammung, das Zeitalter derselben schweigt er vollständig. War ihm die abenbergische Ortsüberlieserung unbekannt oder schenkte er derselben keinen Glauben? Der bischöfliche Visitator kam im gleichen Jahre auch nach Wendelstein. In der Pfarrkirche daselbst ruhte auf vier Säulen ein Steinsarg, in Form einer Kapelle gearbeitet, mit der Umschrift: „Hye liegt begraben dye Hehlig FFraw Sanct Atzin styfterin diß gotzhauß. E. Z." Im Jahre 1447 war derselbe geöffnet worden, im Innern hatte sich ein kleiner Schrein aus Blei vorgefunden, welcher Reliquien enthielt. Dieselben zeigten sich unversehrt, aber Schrift und Siegel waren verschwunden. An der nahen Mauer hing ein Holzgemälde mit Darstellung der Wunder- zeichen der Heilige», über welche der Frühmessen von Wendelstein, Heinrich Hcrtele, dem Visitator aus Eichstätt nähere Aufklärungen gab. (Past.-Bl. .1860, 222; 1873, 83.) Aehnlich handelte Vogt gegenüber der Pfarrer Georg Faber von Holnstein bei Bcrching.') In der dortigen Pfarrkirche findet sich dermalen noch ein nicht sehr großer Stein an den Stufen des Nebcnaltares auf der Evangelienseite eingemauert, welcher in rohen Umrissen das Bild eines Heiligen darstellt, eine Art von Barett aus dem Haupte und in der rechten und in der linken Hand Brod > wecken haltend. Der Stein trägt in frühgotischer Schrift die zwei Worte: Lenins Ilaz-rnotus. Pfarrer Faber berichtete nun 1480 dem bischöflichen Visitator Vogt: In seiner Kirche befinde sich ein Grab» zu welchem fast täglich Menschen zuströmen, besonders zahlreich in der Osteroktav, und den dort bestatteten Rcinbottns verehren; sie spenden Weizen und erhalten dafür gebackencs Brod. (Past.-Bl. 1876, 93.) Mochte nun auch beim Besuche Vogts die Pfarrei Abenberg, aus welche dem Domkapitel zu Eichstätt das ') Götz (Gcogr.-Histor. Handbuch v. Bayern I, 744) schreibt über Holnstein: „Es gehörte ursprünglich der Prälatnr Plankstetten, der es von den Stiftern dieses Klosters, den Grafen von Hirschberg, zur Fundation geschenkt worden war, ward 1624 von Herzog Maximilian I. an den General Titln als Mannslehen vergabt und ging 1728 an des Kurfürsten Karl Albrecht und der Freiin von Jngelheim natürlichen Sohn Ludwig über, welcher, vom Vater als legitim anerkannt, am 4. Oktober 1728 den Titel eines Grasen von Holnstein („aus Bayern") erhielt und 1768 in den Neichsgrafenstand erhoben wurde, dessen Nachkommen noch das Schloß besitzen." Letztere Angabe ist nicht mehr der Wahrheit entsprechend. Denn das Schloßgnt wurde 1881 zu einer Krelincnanstalt angekauft (Past.-Bl. 1881, 73). 1 45 Präsentationsrccht zustand, nur mit einem Verweser Wolfgang Swenker, welcher zu Augsburg geweiht worden war, besetzt sein, so erwartet man doch, daß die Bürgerschaft mit den Kirchenpröpsten an der Spitze den Vertreter des Bischofes auf das besondere Heiligthnm der Stadt, das Grab Stilla's, aufmerksam gemacht und ihm soweit als möglich Aufschluß über die adelige Herkunft der Jungfrau aus dein ortseingesessenen Grafeu- geschlechte gegeben habe. Oder sollte Vogt es versäumt und vergessen haben, die gesammelten Notizen über Stilla's Vergangenheit der Nachwelt zu überliefern? Jedenfalls sind ein zerfallener Chor, ein ruinöser Altar schlechte Zeugen für einen frischen, lebendigen Cnlt Stilla's. Doch wir wollen das arZumsiitum s silsntio nicht allzusehr betonen. Räder glaubt das Schweigen der Historiographen des Mittelalters über Stilla durch die Annahme erklären zu können, daß die Namen der Frauenspersonen gewöhnlich Übergängen worden seien, falls sie nicht in den Ehestand traten. Aber eine hl. Waldburga, Thckla, Lioba usw. sind urkundlich genügend bezeugt, ohne daß sie nöthig hatten, durch Ehemänner ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. In den Schanknngs- und Stiftungsnrkunden von Klöstern werden die Namen adeliger und nichtadeliger Klosterfrauen aufgeführt. So erscheinen z. B'. in den Kopialbüchern des Franenklosters St. Waldbnrg in Eichstätt die Namen: Jmma, Gisela, Berhteradis, Luichardis, Firidernni, Benedikta, Mach- tildis, Baselina, Jnta, Knnegnndis, zwischen 1035 bis 1200; gegen 1260 treten auf: Jrmengard, Gertrud, Irin, Agnes. (Sammclblatt des Histor. Vereins Eichstätt I, 38-39; IV, 18 ff.) Wärmn soll nun gerade der Name SMa allen Historikern vor 1480 entgangen sein? Haben sie vielleicht absichtlich die Trägerin dieses Namens totgeschwiegen ? Greiser leitet denselben her von Stille, Stillschweigen (8i1entmrin); Falckenstein bemerkt in gleicher Auffassung : Stilla kann etwa von dem deutschen Wort Stille seinen Ursprung haben und verweist auf die deutschen Francu- namen: Stillina und Stillimuot?) Müller (l. o. p. V) hält es für höchst wahrscheinlich, daß die in Frage stehende Grafcntochter von Abcnberg ursprünglich Hcdwig geheißen habe, jedoch später wegen ihrer Eingczogcnhcit und Sitisamkcit den Namen „Stilla" erhalten habe. Müller beruft sich für diese Annahme auf Pros. vr. Schund in Tübingen, welcher eine Geschichte der Grafen von Zolleru-Hohenberg (Stuttgart 1862, 2 Bde.) geschrieben hat. Aber hiegegcn ist zu betonen: Von der Möglichkeit einer derartigen Namensänderung, wie sie Schmid zugesteht, kann noch nicht auf die Wirklichkeit geschlossen werden, abgesehen von der Frage: warum und wann soll es gekommen sein, daß der eigentliche deutsche Name Hedwig mit dem latinisirten Stilla vertauscht und vergessen werden konnte? Wohin würde die Geschichtsforschung gerathen, wenn ohne sichere Belege Namen mit einander vermischt werden würden? Wenden wir uns nunmehr zu der Abstammung Stillas von den Grafen zu Abenberg. Nach Falckenstein XorclZav. I, 52) lvar Stilla eine Tochter des Grafen Wolfram II. von Aben- bcrg, welcher außer diesem Kinde noch zwei Söhne: Rapoto und Konrad, die späteren Gründer des Cister- cienser - Klosters Hcilsbronn, besaß. Suttner (Past.-Bl. 1856, 124) schloß sich dieser Anschauung an, während Greiseren Wolfram II. den Vater des Grafen Zelchus sah, welcher neben zwei Söhnen: Rapoto und Konrad, eine Tochter: Stilla, hinterließ. Hiegegcn stellte Seefried in seinem Werke; „Die Grafen von Abenberg, die Ahnen des preußischen Königshauses" (München 1869) Seite 41 folgenden Stamm» bäum auf: Wolfram I. (1045). Wolfram II. (1071—1108). Adalbert 4 1108 Otto v, Abenberg. _ 'Wolfram III. t o. 1148. Ottm Conrad, Domherr. - Rapoto, Otto Hedwig v. Vohburg. Erzbischof v. Salzburg. Graf v. Abenberg Bischof v.Bamberg. i ' , ch o.A130. -f 1139. Rapoto, Graf v. Abenberg, Hedwig, Reinhard, t 22. Mai 1172/73. verm. mit Bischof von Würzbnrg Poppo. -f 1183. Adalbert,' Eonrad I. Sungcnannte 4 c-. 1139. 1 Schwestern. ^ Conrad II., Stilla. Rapoto, Graf v. Abcnberg, Abt von Heilsbronn. Burggraf v. Nürnberg. -k v. 1191. In einer späteren Schrift: „Der definitive Ueber- gang der Bnrggrafschaft Nürnberg von den Grafen von Netz an die Grafen von Abenberg um 1177/78" (Augsburg 1895), berichtigte der Verfasser obige Stämmreihe, indem er Stilla's Gcfchlcchtsabfolge durch Konrad I. und Rapoto I. (o. 1122 bis 1127) von Wolfram II. (1071 bis 1108) ableitete. Gegen diese genealogischen Vermuthungen sprechen entschieden die Aufzeichnungen von Priefer und Koch, welche sich auf dieabenbergischenOrtsübcrlicfcrnngen stützen, wornach Stilla eine Tochter des Grafen Zelchus (auch Solchns, Zölch geschrieben) gewesen sei. Wer ist nun dieser Graf Zelchus? Die Geschichte kennt seinen Namen nicht. Suttner glaubte denselben von einer falschen Lesart in der später zu behandelnden Urkunde des Bischofes Bnrchard von Eichstätt: cwllulava in sufiurbio Ffieir- fivrgus a, pntrs Loleo inaom^stentor irmfiontam statt a xmtrs suo, loao inoowxstsuti inolicmtam" v) Orsts. X, 828; Kalelumstsm, ^.ntig. Xoi'üg'. I, 52. Förstemann, Althochdeutsches Namenbuch (1856) leitet S. 1123 Stilla her von still; nach Autele du lckmwtsisr: Z-vnascsnm saernm, Seite 1124 verzeichnet er: Stillimot, weiblicher Name aus dein 9. Jahrhundert, Stillamot und Stillimuot. Ueber deutsche Fraucnnamen im Mittelnltcr s. Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I, 9—28; Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, I, 201—207. Den Namen Stilla konnte ich weder im römischen Martyrologium (ecl. Karouing, Komas 1630) noch in jenen: Ados (sä. OeorZl, Komas 1744) noch bei Lechner, Mittclaltcrl. Kalendarien, noch bei Ebner. Quellen und Forschungen finden. Jnteresschalber sei aus Ebner S. 343 angeführt: 3. De,:. <1sp. 8. 8ols virK-. (!), sonst aber eon- t'sssar. Im martzn'ol. Hisronz-m. (Xvt. 88. msns. Xov. II, 57) wird genannt: VIII i(l. Llai: Ltlals. 46 (Pnst.-Bl. 1856, 126 ll. 1) herleite» zu dürfe». Zelchus kann aber auch nach demselben Forscher nur ei» Beiname des Grafen Wolfrain gewesen sei», oder es liegt eine Irrung des uiibekannten Kompilators jener Genealogie vor. Seefried dagegen schreibt: „Wir halte» die Bezeichnung Zelchus nicht so fast für eine» Beinamen, als vielmehr für eine ganz verkehrte Personifikation des älteren Grafen Konrad von Abenberg." (Die Grafen von Abenberg S. 25.) Zur Begründung dieses Satzes wird die Möglichkeit herangezogen, daß Kaiser Friedrich I., welcher im Jahre 1154 das Zollwescn im deutschen Reiche neu regelte, Konrad den älteren von Abenberg etwa znm Oberzollinspektor oder Generalzolladministrator in Nürnberg aufgestellt oder bestätigt habe. Wolfram von Eschen- bach nenne diese Zollbeamten: Av! unsre?) Indessen Seefried selbst schenkt seiner Combination wenig Vertrauen, und wir haben keine Veranlassung, ihr einen höheren Werth beizulegen. In der Biographie des Erzbischofes Kvnrad von Salzburg (1101 — 1147) wird berichtet, daß er bayerischem Blute entsprossen, der Bruder zweier sehr gefeierter Männer, nämlich der Grafen Otto und Wolfram, gewesen ist; der erstere starb kinderlos, während der andere den Grafen Rapoto von Abenberg, den Schutzvogt der Kirche von Bamberg, von der Schwester des Markgrafen Dictpold hinterließ. An einer anderen Stelle wird gesagt, daß Kourad Vatersbrudcr zweier Grafen von Abenberg, nämlich Otto's und Rapoto's, gewesen sci.ro) Letzterer erscheint als Zeuge eines Pfrüudetausches in Rcgensbnrg, vollzogen in Nürnberg 1140 (U. L. Xlll, 166). Als am 18. Oktober 1144 der Abt von Hcils- bronn Rabboto einen Zehntentausch mit Würzbnrg einging, leistete Graf Rapoto von Abenberg Zengschaft. (Lang, kgA. I, 199.) Derselbe hatte eine Schwester Namens Hedwig, welche wahrscheinlich an einen Grasen Poppo von Andcchs oder Henncbcrg vermählt war; denn sie erhielt mit ihrem Bruder Rapoto nach Urkunde von« °) Nach Scefried (l. o. p. 35) hatte Wolfram seinen Wohnsitz oder sein Hans auf Wildenberg, nun Wehlen- berg. Pfarrei AWnitrihr, zwischen Gnnzenhauseil und Esclwnbach. Im Parzival, gegen 1205 verfaßt (V. ,103, Ausgabe von Bartsch, Leipzig 1870), schildert der Säuger oie Gralsburg und vergleicht den, Schloßhof mit dem Anger zu Abenberg: In äis buro äse lciiens reit üt sins.n bot veit uncls breit, änieb sebimpk er nibt -rotesten was (ä» iitnont nl bnrr Kräons Aras cis was bnbnräisru vsrmiten) mit baniern selten übsrritsu also äse niiKsr 2 ' Absnbsre. -°) Llon. Oerm. 88. XI. 63 und 44. Ueber die Vita Konrads s. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsgnellen II, 5, 269, der ihn „aus der vornehmen bairischcn Familie der Grafen von Abensberg" abstammen läßt. Im Kirchen- lexikon VII, 958) fehlt Konrad von Salzburg gänzlich. Sein Großvater war Babo, äs sasas lumbis sxisrunt triAintn, 6lih ot ooto tllias omnss ex libsris inatribns pro^oniti. Haas, ülonamenta Absnbsi'Ksnsi» (Erlangen 1656) S. 37 hält Babo für eine Abkürzung von Adalbert, welcher Markgraf in Kärnten war und Güter an der Donau und im Rangan besaß. Außer den Abenbergeru sind die Dornbcrge, Bestenberge, Trnhendinge, die Hirsch- berge. die Lenchtenbergc, die Heidecke Nachkommen Äabo's (l. e. p. 42). Seefried dagegen hält den kinderreichen Babo von Abensberg lediglich als eine Schöpfung Aventins und statuirt einen Grafen Pabo im Chiemgan, dessen in einer Bestatigungsurkunde des Kaisers Heinrich II. im I. 1021 gedacht wird. (Die Grafen von Abenberg S. 6—7.) ' 27. März 1152 von dem Bischöfe Eberhard von Würzbnrg für die Beste Nordcck bei Stadtstcinach, welche aus den: Erbe 'Hedwigs vom Grafen Poppo an den Bischof vergabt worden war, als Entschädigung 11 Talente, die jährlich aus den zwischen der Burg Abenberg und der Hofmark Cronach gelegenen Bisthnmsgütern bezahlt werden mußten. (Lang, Rs§. I, 207 ; iäem, NsZostg. oiieuli kMntsnsis, Beilage znm histor. Verein des Rezatkreises 1835 S. 52; Scefried, Die Grafen von Abenberg, S. 15.) (Fortsetzung folgt.) Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas« von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München.) (Fortsetzung.) III. F. 6-, Eine Betrachtung des Ursprunges der Welt führte uns darauf, in der Schöpfung das Kunstwerk der ewigen Weisheit zu sehen, welches die Bestimmung in sich trägt, die innere Herrlichkeit Gottes nach außen z» offenbaren, wie das blaue Kindesange die Herrlichkeit der innern reinen Kindesseele wiederspiegelt. Dann belehrte uns ein nur flüchtiger Blick auf den Bestand der Welt über die wunderbar harmonischen Kreise, in denen die Schöpfung zu ihrem unendlichen Vorbild immer höher hinaufsteigt und so gleichsam in einem mystischen Sphären- gesang das 61orin in sxoslsis I)sc> Tag und Nacht anstimmt. Nnn bleibt uns noch die Aufgabe, in dem Bau unserer Weltanschauung den Schlußstein einzufügen. Noch müssen wir dem Streben der Schöpfung nach einem allgemeinen, letzten Ziele und ihrer Vollendung in der Erreichung desselben einige Worte widmen. Daß die Schöpfung naturgemäß als allgemeinen Endzweck die Verherrlichung Gottes habe, haben wir bereits erkannt. Ja Gott zu verherrlichen, ist das große Endziel der Schöpfung. Nnn kann aber diese Verherrlichung Gottes durch die Schöpfung nur darin bestehen, daß die Geschöpfe durch die Vollendung ihrer natürlichen Anlagen ihre relative Vollkommenheit erreichen, dadurch Gott nach Möglichkeit ähnlich werden und so nach außen kund thun, wie herrlich Gott fein muß, dessen Abbild sie sind. Darum folgt mit zwingender Nothwendigkeit, daß es " praktisch für die Geschöpfe auf eins hinauskommt, sich zu vervollkommnen und Gott zu verherrlichend) Durch den Endzweck der Verherrlichung Gottes ist den Geschöpfen nur der Weg gewiesen, auf dem sie allein ihre wahre Vollkommenheit erreichen können. Da nämlich Gott die unendliche Vollkommenheit selbst ist, so kann, was auf den Namen Vollkommenheit irgendwie Anspruch macht, dies nur insofern und in dem Grade thun, als es und in dem Grade wie es diesem unendlichen Urbilde ähnlich ist. Dieses Princip beherrscht die ganze Natur, es hat aber seine besondere Bedeutung für den Menschen. Des Menschen Endzweck kann kein anderer sein,') ') „.. Ib'imo aAsvii, gni sst iiZsvs fi. s. null» nwäo pstisusj tnntnm, nou sonvsnit NKSre proptsr nscjnwitioiisin n1ivnin8 iinis; seä intsnäit solnm 00 m in Union es 8 u n in ps 1 ks 0 ti 0 nsin, gn n s s 8 t sin 8 b 0 nitn 8. L t nnn gnnsgns 0 rsnturn intenäit 0 0 n 8 sgui 8 nnin psrkeotioii6ni,gunss8t8iinilitnäc>pvrtsotic>ni8 st bouitati8 äivinns. 8io si'KO äivinn bcmitn8 68t tinis i'si'mii oinnimn? — 8.1b. 1. g. 44 n. 4 0 . — 8. c. A. lib. 111 oap. 16—22. ") ot. 8. 1b. 1. 2. g. 1—5; 8. 0 . lib. 111 onp. 25; z. B.: „Operntio oninsübst isi est iiiii8 ein8:... Intelli§srs » - 47 als derjenige der ganzen Schöpfung. Auch der Mensch soll im Gebrauch seiner Kräfte sich Gott verähnlichen und so Gott verherrlichen und sich beseligen. Nun zeitigt die Natur des Menschen als ihre schönste Blüthe den geistigen Verstand und den freien Willen. Dem Verstände ist aber von Natur aus die Aufgabe gesetzt, das Wahre zu erkennen, und dem Willen, das Gute zu wollen. Wenn demnach die Erkenntniß der Wahrheit und das Erstreben des Guten die naturgemäße Vollendung des Menschen ist, so folgt nothwendig, daß die Erkenntniß der höchsten Wahrheit und das Erstreben des höchsten Gutes die naturgemäßeste und höchste Vollendung des Menschen ist. Die höchste Wahrheit und das höchste Gut ist aber unstreitig Gott und Gott allein. Gott zu erkennen und Gott als das höchste Gut über alles zu lieben, ist daher die höchste Vollendung und die heiligste Pflicht des Menschen. Indem aber der Mensch so aufwärts blickt zu Gott und sein Leben in vollste Harmonie nnt Gott zu bringen sucht?) wirkt er an seiner letzten Vollendung und seinem höchsten Glücke. Diese Vollendung ist dann endgiltig erreicht, wenn der Mensch dem Fallen und Steigen des Tageswogens, dem immerwährenden Wechsel entrückt nun unbeweglich mit der ganzen Kraft seines unsterblichen Geistesblickes in das unerschöpfliche Meer der göttlichen Wahrheit versenkt ist und mit der ganzen Liebeskraft, die seinen Willen zu erfüllen vermag, sich an das unendliche Gut anklammert und nun in einiger Sabbatruhe eine nie endende, .unaussprechliche Glückseligkeit in der göttlichen Umarmung genießt. Dann hat der Mensch alles erreicht, was er erreichen kann; sein Suchen nach Wahrheit, sein Streben nach Glück und Liebe sind ganz befriedigt; der Mensch hat seine Vollendung endgiltig gesundend) Der Mensch darf ruhen. Das gemeinsame Endziel schlingt ein festes, einheitliches Band um alle Kreise der Schöpfung. Mit dieser Gemeinsamkeit des Zieles ist aber die Gemeinsamkeit des Strebens nach demselben anf's innigste verknüpft. Die einzelnen Glieder sind zunächst für sich selbst da, daß sie im ordnungsgemäßen Gebrauch ihrer Kräfte sich selbst vervollkommnen. Dann sind die Theile aber weiter zum Besten des Ganzen da, proptsr bonnm eoininune. Hier herrscht das Princip, daß alles Unvollkommene dem jedesmal Vollkommeneren dienen muß, den Endzweck der Schöpfung zu erfüllen. Es liegt daher im Plane der göttlichen Weisheit, daß die unvernünftige Natur dem Menschen, und daß alles, was im Menschen ist, seinen höchsten Kräften, dem Verstände und dem freien Willen diene. Indem aber der Mensch selbst dem allgemeinem Endzweck der Natur Unterthan ist, kann besagter Dienst autem est proxria operativ substantia« intelleetualis..' tznoä iKitur «st xerkeetissimnm io bao opersticm«, koo «st nltimns ümis... «t sie, intslliAer« xerksctissimum intslliZivils, guock Osus «st, «st porkeotissimum in Zsiisrs buius opsrationis, gna« «st intsIIiZsrs. OoAvosoer« iZirnr Oeuin IlltsUiZencko «st Ultimos ünis ouinslidst intellectnalis substemtias." — st. dickst. Utbie. X. o. 10. Hierauf sind die Worte Daute's an Vergil anzuwenden : „Or va, cliv un sol volers s ä'amencku«: chn ilnea, tu siZnor« s tu masstro". — Int. 2. 138 t. — ek. 8. Mi. tz. v. ck« vor. g. 23 a. 7. 4) ck. 8. «. x. lib. III eax. 61—63; namentlich im eap. 63 zählt der hl. Thomas alle die verschiedenen Güter der Vollendung auf und schließt dann: „8ie iZitur patet, guock psr visionsm ckivinam vonseguuntur intöllsetuales substautias vsram kslieitatsm, in qua omnino U « si ck « rium eiui « tat u r st in gua est plena suüicientia vmnium bvnornm..." nur der Erfüllung dieses Endzweckes durch den Menschen gelten. So fassen denn die höheren Kreise der Schöpfung immer alle die Ehre zusammen, welche die niederen Gott darbieten können, und fügen die eigene hinzu. An der Spitze der sichtbaren Schöpfung steht dann der Mensch, in seinen unsterblichen Kräften des Verstandes und freien Willens alles andere weit überragend und beherrschend. Wie der Mensch nun so unmittelbar Gott allein dient, gibt er ihm die höchste Ehre und enipfängt das größte Glück in dieser sichtbaren Welt. Damit muß aber zugleich allesindcrWeltdemGlückedcs Menschen dienen; alles muß ihm dienen, daß er Gott verherrliche und sich beselige?) Dreifach ist dieser Dienst. Der erste und vornehmste Dienst ist der unmittelbare und direkte; so diente z. B. die Natur dem hl. Franziskus von Affisi unmittelbar zur Erkenntniß und zu wunderbarem Lobe ihres unendlich herrlichen Schöpfers?') Meistens ist aber dieser Dienst nur ein mittelbarer; so muß die unvernünftige Welt dem Menschen die Nahrung spenden, damit er leben und so Gott dienen kann. Immer aber muß dieser Dienst schließlich ein indirekter sein; indem nichts den Menschen hindern kann, daß er mit seinen höchsten Kräften Gott und seiner letzten Aufgabe angehöre.^ Darum schreibt der hl. Augustinus?) „Alles hast du unter die Füße des Menschen gestellt, damit der Mensch allein ganz nur dir Unterthan sei ... die äußeren Dinge has du nämlich alle für den Leib geschaffen; den Leib aber für die Seele, die Seele aber für dich, daß sie dir alle!» diene und dich allein liebe." Unter diesem Dienst der Dinge für die letzte Aufgabe des Menschen sind namentlich auch alle die privaten und socialen Einrichtungen begriffen, die von der freien Institution des Menschen selbst abhängen?) Jeder einzelne Mensch soll in einer seiner Natur entsprechenden und würdigen Weise dem Schöpfer dienen und an seiner eigenen wahren Vollendung arbeiten. Damit dies aber geschehen könne, ist vor allen Dingen die sociale Vereinigung nöthig. Diese aber muß eine dreifache sein, diejenige der Ehe'") und Familie, diejenige des Staates und diejenige der Kirche.") ") „8unt «lemsnta prvptsr eorpora mixt«,, das« vvro propter vivevti», in gnibns planta« suut propter snimalia, ammalia propter dominem, bowo euim «st ttvis totins Ksner-atioms? — ek. totum. 8. o. 8- lib. Hl oap. 22. 1. a. 47 rü 3. ,,8i ereatnrarmn bcmitas, pulobAtucko et suavitas sie auimos bominnm rcklicit, ipsius O«i Ions bcmitatis rivnlis bouitatum in sinZuIis orsaturis rsperti« ckiliZsntsr vomparatas, rmimos bomimrw intlammatos totaliter ack ss trabet." — 8. v. Z. lib. II oap. 2. 8. e. Z. üb. III cap. 77—79. °) 8. -Am. 8olil. e. XX in. „In rebus lnimanis ckioitnr «ss« alignick instum «x eo, gnock est reetnm seeuncknm reZulam rationis. Rationis autsm prima. reZnla «st lex naturae." — 8. lib. 1. 2. g. 98. a. 2. ") 8. rb. III g. 41. ") Es gibt nicht nur einen letzten Zweck des Menschen, sondern auch nähere und nächste Zwecke. Letztere sind zum Theil durch das Naturrccht gegeben, insofern die Natur des Menschen selbst auf sie hinweist: so verlangt das Naturrecht den Fortbestand des Menschengeschlechtes, und diesem Zwecke muß die Ehe und Familie dienen: dann fordert es den w ürdigeu Bestand des Menschengeschlechtes, der es allen ermöglicht, in Freiheit ihre natürlichen Kräfte zu entfalten und zu einer bürgerlichen Wohlfahrt zu gelangen; diesem Zweck hat der Staat zu dienen; schließlich muß das Menschengeschlecht auch direkt seiner höchsten Aufgabe dienen, und darin hat die Kirche ihren Ursprung. Es sotten daher die Ehe und der Staat zwar nicht direkt, aber doch indirekt der letzten Aufgabe des Menschen dienen, insofern sie nicht so geordnet werden Das Gebot der Ordnung bringt nn» wieder eine gegenseitige Beziehung dieser drei natürlichen menschlichen Bereinigungen mit sich. In jeder derselben mns; wieder eine Ordnung sein, die im nächsten Endzwecke der betreffenden Vereinigung Maß und Norm findet. In Unterordnung unter diese naturgemäßen Vereinigungen muß sich nun das private und individuelle Leben im Ausbau der natürlichen Kräfte des Menschen entwickeln. Alles dieses aber zusammen hat schließlich seinen letzten rechtlichen und vernünftigen Grund, sowie seine letzte Norm in der Endaufgabe des Menschen. Dieser End- aufgabe muß alles in der Welt dienen, direkt oder indirekt. So steht denn der Mensch gerade in dem, was ihn zum Menschen macht, auf der Spitze der sichtbaren Schöpfung; in seiner letzten Aufgabe eint und ordnet er die ganze unvernünftige und vernünftige, die ganze physische, rechtliche und sittliche Welt. Mit den Füßen berührt der Mensch die Welt unter sich, mit seinem Scheitel aber berührt er die Sterne, den ewigen Sonnen- thron Gottes. Nun dürfen wir den Satz aussprechen, daß die Welt ihr Ziel und ihre Vollendung im Glück des Menschen habe. Das Glück des Menschen ist es, was am sausenden Webstnhl der Zeiten gewoben wird. Hat der Mensch sein letztes Ziel erreicht, so hat auch die ganze Schöpfung ihren Endzweck, die Verherrlichung Gottes, in schönster Weise vollendet. Aber freilich, bis dieses Ziel erreicht ist, muß eine gewaltige Summe von Arbeit an diesem Webstnhl der Zeiten geleistet werden. Da ist es nun wieder Gott, der wachend und ordnend darüber steht. Gottes unendliche Weisheit sorgt, daß im großen Getriebe der Welt die einzelnen Fäden sich nicht verschlingen und heillos verknüpfen, daß die einzelnen Glieder der Weltmaschine nicht ihren Dienst versagen, daß sie richtig ineinandergreifen, kurz daß aus der unermeßlichen Vielfältigkeit des Strebens und Wcbens in Raum und Zeit ein einheitliches harmonisches Ganze erwachse.") Und so steht denn gleich der Sonne am Himmel die göttliche Vorsehung alles Seiende erhaltend"), bei allem Wirkenden mitwirkend"), alles Geschaffene leitend und vollendend über der Welt.") „Ueber dem Himmel wohnt" — schreibt Jos. v. Görres") — „die herrschende Gottesmachk; nicht von den Finsternissen der Tiefe umnachtet, ist vielmehr Licht c ihr eigenstes Wesen. Nicht blind und sich selber unverständlich ist sie daher in ihrem Wirken, sondern ihres Thuns sich bewußt handelt sie, selber frei, jegliche ethische Freiheit achtend. Und so steht diese ewige Geistersonne der Betrachtung über dem Weltall als die gebietende Mitte. Von allen Bahnen, in denen sich das natürliche Princip (die geschaffene Welt) bewegt, umkreist, in Licht gekleidet, in den Sterncnmantel gehüllt, lenkt sie als ewige Vorsehung den Lauf der Begebenheiten, die willigen Kräfte leitend, die wider- dttrfen, daß eine Befolgung dieser Ordnung der Beziehung des Menschen auf das letzte Ziel direkt entgegengesetzt sein würde. ") „Reoesoe est, ut Heus, gni est in ss uatursliter xsrtectus st omnibns entibus er sug potestste esse larZftur, omnium entmin rsctoi- erlstat; a unllo utigue ckireotus; nee est aliguicl, griocl ab eins reAlinins eronsetnr, siont nee est alignick, guock ob ich so esse non sortiatnr." — ß. c. §. Üb. II oap. I. ok. cax. 64. ") 8. o. ß'. lid. III cop. 6ö. 8. llb. I g. 104 a, I. 2. ") 8. o. §. Üb. III crm. 66-70. 8. 111. I q. 105 a. 5. ") 8. 1b. I. g. 103. Grundzüge einer Weltgeschichte S. 13. strebenden zwingend, und nur die geknechtete Natur im Zügel der Nothwendigkeit haltend und sie an unbeugsame Gesetze bindend." Das ist die göttliche Welt- regiernng. „Alles lenkt Gott, die ewige Gerechtigkeit, znm Ziele"; „nav ö-ru vu),uä", lesen wir beim großen Acschylus.") Aber im Alterthum war der Gedanke an die göttliche Vorsehung doch meistens verwandelt in das Schrcckensbild des Fatums. Die unerbittlichen Satzungen des Fatums haben die Schicksale des Menschen schon vor seiner Geburt entschieden; und der ohnmächtige Mensch muß auch beim besten Willen und Streben ins Verderben stürzen, wie jener unglückliche König Oedipus, wenn ihm dieses Loos von den Schicksalsparzen bestimmt ist. Darum konnte sich der gepreßten Brust des Heiden der Verzweiflungsruf entringen: „Vesiuv tnta, cleum sieoti spornre preonncko"; „Hoffe nicht, der Gottheit Spruch durch Beten zu beugen". In eine ganz andere, reinere Atmosphäre hat die christliche Philosophie das hehre Bild der göttlichen Vorsehung gerückt. Man könnte die göttliche Weltregiernng nicht ärger verkennen, als wenn man sich dächte, daß Gott durch das Auf- und Niederfluthen der Ereignisse das Weltenschiff, man verzeihe den Ausdruck, gleichsam in trotzigem Eigensinn mit rein mechanischem Zwang steuerte. Nein, das sei fern von Gott.") (Schluß folgt.) Literarisches. Frühvorträge über das Leiden Christi für je sechs Sonntage in der Fastenzeit auf neun Jahre, bearbeitet nach älteren Asceten von W. Loreuz, b. geistl. Rath, freires. Dechant und Pfarrer. Mit oberhirtl. Druckgenehmigung. Regens bürg, Pustet, 1897. IV. 319. 8. 2 M. Der hochw. Herr Verfasser dieser ,,Frühvorträge". früher Subregens des bischöflichen Klerrkalseminars zu Regensburg, dann etwa 25 Jahre Pfarrer, nun aber »durch Altersgebrechen unfähig geworden, an der aktiven Seelsorge ferner sich zu bethciligen", wollte „seinen Mit- brüdern besonders für die Fastenzeit in der Verkündigung des Wortes Gottes einige Beihilfe leisten" und hat darum diese Frühlehren, welche von ihm „zur Zeit des Culturkampfes in Deutschland" gehalten worden sind, dem Drucke übergeben (Vorw.). Dieselben sind wirklich nichts Gewöhnliches, sondern etwas recht Brauchbares und Gediegenes. Sie sind mit Sorgfalt ausgearbeitet, einfach und gut disponirt, durch packende Beispiele belebt und wahrhaft eindringlich und ergreifend. Als Frühvorträge sind sie nicht laug — 54 Vortrage auf 316 SS. 8° —, dürften aber auch zum Vortrage beim Hanptgottcsdienste ausreichen und können übrigens nach Bedürfniß leicht erweitert werden. Jene hochw. Herren Seelsorger, welche unter Leitung des Herrn Verfassers sich zum Priesterthum vorbereitet haben, werden diese „Frühvorträge" gewiß gerne als Andenken an ihren früheren hochverehrten Seminarsvorstand erwerben, zumal der Preis niedrig — 2 M. für 20 Druckbogen — und das Honorar „für seel- sorgliche Zwecke in der Diaspora" bestimmt ist. Möchte der ehrwürdige Priestergreis sich entschließen, ähnliche Vortrüge für das ganze Kirchenjahr herauszugeben; möchten nicht „Altersgebrechen" ihn daran verhindern und möchte ihm noch ein langes „otlum cum ckiKuitats" be- schieden sein! M. — r, Pfarrer. ") LZÄM. V. 782. ") Es ist vielmehr das Grundprincip der göttlichen Weltregierung, durchaus die Natur und Eigenart der Dinge zu wahren, so daß alles, was geschieht, gerade darum so geschieht, weil es die Natur der Dinge selbst mit sich bringt und bewirkt. ^ Gerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. JnslituiS von Haas L Grabherr in Augsburg. Hl'. 7. Mge zur Aügskmger Weitung. ° E Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Dem Grafen Rapoto von Abenberg nud Schutzvogte der bambergischen Kirche hatte seine Gemahlin Mcchtild, die Tochter des Grafen Dedo von Wettin, eine reiche Erbschaft in Meißen, nämlich die Grafschaft Altenburg und Leisnig, eingebracht, welche 1157 an den Kaiser Friedrich um 500 Mark verkauft wurde. (Laug, Regelten des RezatkreiseS I. v. x>. 57.) Im folgenden Jahre 1158 erschien Rapoto, Graf von Abenberg, der Burg und der Kirche von Bamberg Schutzvogt und durch deren Vergabung Graf im Radeuzgau (eomes RutmnAuvionsis), auf dem Reichstage zu Bamberg vor Kaiser Friedrich I. und beklagte sich über die Schäden, welche ihm Bischof Gebhard von Würzburg im Umfange seiner Grafschaft zugefügt hatte. Daher übergab Friedrich dem Bischof Eberhard von Bamberg die Grafschaft Nadenzgan. Dieselbe umfaßte Herzogcnaurach, Langeuzenn, Höchstadt, Oberhochstadt, Dachsbach, Uhlfeld, Mühlhausen, Wachen- , rode. Zufolge Urkunde vom 14. Februar 1160, ausgefertigt von Kaiser Friedrich I. zu Pavia in einer Streitsache zwischen Eberhard, Bischof von Bamberg, und Gebhard, Bischof von Würzburg, war Rapoto „des Reiches getreuer Advokat der Burg Bamberg, deßgleichen durch Verleihung der Kirche von Bamberg Graf im Rangau." (Lang, Regesten des Rezatkreises Seite 59; Seefried, Grafen von Abenberg, S. 16—17; Bauer, Die Grafen des Nangaues im hist. Verein von Mittelfranken 1860 S. 37; Haas, Der Rangau, Erlangen 1853 S. 147.)") Im Jahre 1172 wird Graf Rapoto zum letzten Male als Urkundenzeuge aufgeführt, und nach seinem Ableben wird er 1176 als Vater der Aebtissin Bertha von Kitztugen genannt, welche einem jungen Swepherus (vielleicht einem Schweppermaun) zwei Grundstücke zu Firnbach bet Würzburg zum Geschenke macht. (Haas, 1. e. S. 151.) Nach der Abeuberger Tradition hatte Rapoto einen Bruder, Namens Kourad, welcher ihm Beihilfe leistete bei der Gründung des Klosters Heilsbronn. In den Nekrologien des genannten Klosters aus dem 13. und 14. Jahrhunderte, wie sie Dr. Kerler im 33. Jahresbericht des Historischen Vereins für Mittelfrankcn (1865) S. 124 ff. veröffentlicht hat, erscheint der Name Cunrad von Abenberg fünfmal, aber die Ausscheidung nach Sterbe- und Lebensjahren ist noch nicht gelungen. In der Urkunde vom 15. Februar 1163 erscheinen als Zeugen: Rapoto, Graf von Abenberg, und Cun- radns, sein Sohn, während im Jahre 1165 Cunrad und Friedrich mit ihrem Vater Rapoto Zengschast leisten. (Lang, RoZ. eiro. Ikermt. p>. 60, 63.) Nach der genealogischen Tabelle von Scefried in dem ") Haas (I. o. 102): „Zu den östlichen Marken des Rangaues gehörte die Münchcnaue mit der Herrschaft Abenberg. Diese umfaßte außer dem Städtchen und dein Schlosse Abenberg, mit dem dazu gehörigen, von einer abenbergischen Tochter, der nachmals z. Z. Bischofs Wilhelm vonEichstätt, heiligt?) gesprochenen Stilla, gestifteten Angnstinerinneu-Kloster Marieuburg, welches auf einem Hügel dicht (?) unterhalb der Burg lag, die Fischerei in der Rezat bei Mungeuau und zwei Fischteiche bei Ber- tholsdorf, dann zwei Weiher zu Steinbach und Bechhofen, sowie wohl auch das kleine Dörfchen Kleinabenbcrg und Losenau in der Pfarrei Abenberg." Werke: Die Grafen von Abenberg (1869), S. 41 war Courad der Jüngere, der zweite dieses Namens als Graf von Abenberg, als Burggraf von Nürnberg der erste, der Bruder Stillos, während der Bruder Rapoto zum Abte von Heilsbronn erhoben wurde. In der „berichtigten Stammreihe" (der definitive Uebergang 1895) wird diese Geschlechtszusammcngchörigkeit beibehalten, nur mit dem Unterschiede, daß die Abkunft von Wolfram II. hergeleitet wird und Rapoto nicht bloß zum I., III. und VI. Abte von Heilsbroun, sondern auch zum II. Abte von Ebrach 1164—1170 befördert wird. Daraus dürfte ersichtlich sein, welche Unsicherheit über die von der Tradition festgehaltenen Brüdcr Stilla's herrscht. Ihre Mutter wird als Gräfin Sophia von Hohen-Trichendingen bezeichnet. Darunter ist ohne Zweifel Hohentrüdingen ") in der Grafschaft Truhen« dingen im Sualafelde zu verstehen, deren Edle unter Kaiser Heinrich V. gegen 1113 zum ersten Male als Schntzvögte des hl. Sola d. i. des Klosters Solnhofen auftreten. (Englert, Geschichte der Grafen von Truhen- diugen, Würzburg 1886, S. 11 nr. 1.) Als Bischof Gebhard II. von Eichstätt am 1. November 1138 das von ihm und seinen zwei Brüden: erbaute Kloster Plank- stetten bei Bcilugries kirchlich einweihte und reichlicher dotirte, nahm aus dem Adel Friedrich von Truhendtugen als Zeuge die erste Stelle ein (Lefflad, Regesten der Bischöfe von Eichstätt nr. 221); aber eine Gräfin Sophia von Truhendingen, welche einen Grafen Zelchus von Abenberg geheirathet haben soll, läßt sich nicht nachweisen. (Vergl. die Stammtafel der Truhendingen bet Englert S. 158.)") Wohl das Hauptgewicht der Abeuberger Ueberlieferung über Stilln liegt in der Klostergründung zu Heilsbronn durch ihre beiden Bruder Rapoto und Kourad. Bei Hocker (Hailsbronuischer Antiquitäten - Schatz, Ouolzbach 1731, I, 55) findet sich ein sehr schönes De- dikatiousgemälde aus der Klosterkirche zu Heilsbronn. Bischof Otto mit sehr jugendlichen Zügen hält an der Vorderseite eine Krenzkirche in den Händen, während ein Ritter mit wallendem Barte den Schlußtheil trägt. Hinter dieser ernsten Gestalt steht ein Knappe, des Ritters Schwert haltend ; daran reiht sich eine Frau, die Hände zum Gebete gefaltet, an welche sich ein jugendlicher Ritter anschließt, dem gleichfalls eine Frau folgt, den D Im Jahre 836 erscheint Truhendingen als Irubt- muntiga. N. d. 88. XV, 334; im Pontifikale des Eich- stätter Bischofs Gundakar II. als Irubsmuotinssn. Ll. d. 88. VII, 243. ") Die Grafen von Truhendingen kamen von Rheinfranken, wo sie ein Allod, aus 16V- Mausen bestehend, in Sulzheim, 6 Mansen in Sicherhausen, 8 Mansen in Breunchweiler besaßen. Wahrscheinlich wurden sie, unbestimmt in welcher Zeit, 1050 ca., von Fulda mit der Advokatie über Solenhofen und Heidenheim und den damit verbundenen Pfründen betraut. (Englert l. o. pA. 140.) Die Grafen von Truhendingen scheinen ein üppiges Hofleben geführt zu haben, wenigstens macht Wolfram von Eschenbach bei der Schilderung der Hungers« noth in Pelrapeire eine Anspielung: Lieb verlor: dL selten mit dem msts cksr 2uber oder ckiu Kanne: ein IrnbendinAaer xbanns mit krapksn selten cka ersebrei: in was der selber dun sntawsi, (Parzival, herausg. von Bartsch IV. 160—164.) 50 Blick gesenkt, die rechte Hand auf die Brust gelegt, während die linke den Rosenkranz hält. Zur Erklärung des Bildes dienen folgende Bcrse: Hase «Ismus Ottousm calit st Oomitsm Kapotlmuem vessul kuuckavit, eomss bans oxibus eumulavit ljul eomss ^.dsndsrK i'uit, die presul guogus Lunrber§. vis.junZAs coiuttem ckouriunm Orwrat.juulorsm lilselrtilckiu soeia eausuu^nturgno 8oplria. vost L1. 0. Olirtsts tiiAinta cluos soeius ists ^.irnas knuckatur llaiisbruii, gut rlts voeatur, Vw^tnis rrtgus pie matris sub Ironors Claris rVe sairotl ckaeodi gui mchor vot 2sbs«1si Da voniam ennetis veus! die reguis tidi kuuetis. Scefried (Die Grafen von Abcnberg S. 12) gibt folgende metrische Ucbersetzung: Otto verehrt die Kirche, sie verehrte den Grafen Rapoto, Da sie der Bischof gebaut und der Graf mit Gütern beschenkt hat; Dieser ein Graf von Abenbcrg und jener auch Bischof von Bamberg. Ihnen magst du beizählen den Grafen Herrn Conrad den Jüngern, Mechtild rrnd im Verbände mit ihr die Gemahlin Sophia. Tausend einhundert und zwei und dreißig Jahre nach Christus Stiftete jener Genosse Heilsbrunn, das so recht genannt wird, Unter dem Titel der Jungfrau und gütigen Mutter- Maria Auch zur Ehre St. Jakobs, des älteren, des Zebedäus. Allen Gnade, o Gott! die hier in dir Ruhe gefunden. Es erhebt sich mm sofort die Frage, welchem Jahrhunderte gehört das geschilderte Dedikationsgemälde an? Stammt es aus der Griindnngszcit des Klosters oder ist es spätere Arbeit? Für letztere Annahme sprechen die Benennungen „Bamberg" und „Hailsbrunn"; beide gehören dem späteren Mittclalter an. Ueber letzteres bemerkt Mnck (I. e. I, 3): „Der Ort hieß bis gegen das Jahr 1400 nie anders als .Halsprun' oder,Halesprnncn'; erst später begegnet uns der Name ,Hailsbronn' und ,Ior>8 saintis'." Die Schreibart „Heilsbrun" zeigt daher, daß die in Frage stehende Inschrift nicht aus grauer Vorzeit stammt; sie wurde vielmehr erst 1471 zur Zeit des Abtes Wegcl gefertigt. (Mnck 1. o. I, 13, 178 .)' 4 ) Diese Tafel steht aber auch in Widerspruch mit der Stiftungsnrkunde des Klosters Heilsbronn, welche im Originale sich dermalen im k. Neichsarchiv zu München befindet. Darnach gründete Bischof Otto von Bamberg, ") Hocker (Hailsbr. Antig.-Schah 8uppl. I, 1): In einer vidimirten Kopie des Diplomes Kaisers Rnpert vorn Jahre 1403 kommt zum erstenmale „veilsprnn" vor; in zwei Schriften des Concils von Basel 1437 und 1430 hat es den Namen voirs salutis. In der Stiftungsurkunde von Kloster Heilsbronn 1132 wird Otto von Bamberg: Otto badsuder^susis seclosias sxisoopus genannt (ibick. Snppl. I, 59). Eberhard von Bamberg nennt sich in der Confirmativnsurkunde einer Klosterherberge daselbst 1154: Dberlraickns, dabeirdsrAeusis spiseopus (1. o. 8upx1. I, 77). Der Verfasser des Zeitbildes „Der Renner" schreibt am Schlüsse: vor cito?. vueli Ksticbtst link VJttao cl'selml 20 tnrstat Wol vierriA gar vor Labonborob 175, Icke?. Iluk von T'rieuborvb. - - . vi bor ?.1t un bi äsn tao-on Da IZWebok leupolck bisobot' uas vsbenboreb an cko was las O'aokto Loott'aeürs an ck'bullen. Leopold 1. von Grnndlach leitete die Diözese Bamberg von 1290-1303; ihm folgte der vom Papste ernannte Wuelfing von «sliibenberg 1304-1316, ein Dominikaner. Kirchenler. Hergcurüthcr-Kaulen 1, 1019. dessen Wiege höchst wahrscheinlich in Mistelbach bei Plein- feld gestanden (Mnck I. c. I, 5—6; Seesried, Die Familie des hl. Otto, 1891; Kirchcnlex. IX, 1175), das Cistercienserklostcr Halcsprnnnen, nachdem er das leheu- freie Gut von dem Grafen Adelbcrt, dessen Bruder Chnnrad und ihren drei Schwestern preiswürdig cr- ivorbcn und dem hl. Petrus in Bamberg durch die Hand Adelberos von Tagestcttcn geschenkt hatte: chuaproptor, heißt die entscheidende Stelle im Urtext, nuiversorum noticio patsro voluwus, eiuaiilsr nos (Otto, sunotus IiahsnbsrKsnsis SLcIesiae Aratia Ooi sxisooxus) prno- äium apuck Ilaiesprumreu üb ^.äsldorto oowiks st a kratro 8uo Otiuuraäo atc^ns a tridus sororidus suis ckiZno xrstio oomxaravimua ickeJia h. kstro in bgchenhorAsnsi seolesin, eui auotoro Oeo clossrvirnus, per 1NNNN3 ^äsllisronis clo I'nZsstotton ckoimvimuZ. Die Urkunde ist ausgefertiget zu Bamberg 1132 in der X. Jndiktion des Kaisers (!) Lothar (derselbe wurde jedoch erst am 4. Juni 1133 durch Papst Jnnocenz II. zum römischen Kaiser gekrönt), und als Zeugen erscheinen: Adelbero von Tagcstetten, Adclbrcht von Dahs- bach, Friedrich von Hergoltisbach, Heinrich, Eberhard, Megingoz von Otlohesdors, Otnant von Eskoowa, Ezzo von Burgelin, Uto von Wilehalmisdorf, Gernot und sein Sohn Rudolf von Pntendorf, Macelin und Bcrchtold von Hufen, Wolfram von Stctebach, Chnnrad von fllinsaze, Dietmar von Hohcnekke, Egono von Chrigenbrunnen. Von den Bambcrger Kanonikern unterschrieben: Egilbert, Dekan; Cunrad, anstos; Dietpcrt; Udalrich der Lange; Volmar; SefridJ^) Es entsteht nun die Frage: Welchem Geschlechte gehörten die Gutsvcrkänfer von Halcsprnnnen: die Grasen Adelbert, Chnnrad und ihre drei Schwestern, an? Waren sie dem gräflichen Hause der Abenberger entsprossen? Gemäß Urkunde vom 19. Mai 1108 übergab Graf Wolfram von Abenperc, Bogt der Kirche zu Bamberg, sein Gut Hovehcim dem hl. Georins (d. h. dem Domkapitel) zu Bamberg ") für sein und seiner Eltern Seelenheil unter der Bedingung, daß Gerhilt und ihr Sohn Adalbert, wenn er Kanoniker in Bamberg bleibt, es lebenslänglich besitzen und den Jahrtag des genannten Grafen fromm feiern sollen. Nach ihrem Ableben soll das Allodinm, über welches der Sohn Adalbert bei Lebzeiten Gerhilts keine Gewalt haben soll, in die Gewalt der Bambcrger Brüder übergehen. (Looshorn I. e. II, 65.) Ist nun der hier genannte bambergische Kanoniker Adalbert aus dem abenbergischen Geschlechte mit dem Grafen Adelbcrt der Hcilsbronner Stiftnngsurknnde identisch? Wir glauben nicht. Denn während Adalbert, Wolframs von Abenberg Sohn, ohne weitere Verwandtschaft aufgeführt wird, besitzt Adelbert, der Verkäufer des Herrschaftsgntes in Halesprnnucn, außer einem Bruder Chunrad noch drei Schwestern, welche Miteigenthumsrechts an diesem Prädinm ausweisen konnten. In der Heils- brouuer Gründungsurknnde selbst wird der Geschlechts- ") Hocker, I. 0 . suppl. I, 59: Muck, 1. 0 . I, 6; Loos- horn, Geschichte des Bisthums Bamberg II, 292; Lkcm. Osrm. 88. XV, 1151,1160; XII, 708; XX, 759,833,886,911. Unter Bischof Graf Bertholt» von Leiningen 1258 bis 1285 lösten die Kanoniker am Dome zu Bamberg, die „Georgen-Brüder" genannt, die vita Lammmus auf und wurden „Domherrn", welche den Chordienst hauptsächlich den zahlreichen Chorvikarcn überließen, während sie selbst aus Erhaltung und Mehrung ihrer Einkünfte und Rechte bedacht waren. Kirchenler. 1. 1918. bi migehörigkeit der Verkäufer nicht Erwähnung gethan: daher kaun die aufgeworfene Frage bei dem Mangel anderweitiger Beweisstellen nicht genügend gelöst werden. Haas (Der Nangau S. 109) hält den Grafen Adclbert, seinen Bruder Chnnrad nebst den drei Schwestern für Hohenloy-Braunccke, während Muck die fünf Grafen- gcschwister abenbcrgischcn Stammes erachtet (1. e. I, 1), indem Otto gerade durch das Verwandtschaftsverhältniß mit den Abenbergern veranlaßt worden sei, in Heilsbronn ein Kloster zu gründen. Dann aber erscheint es noch auffallender, warum der Geschlechtsabfolge der Verkäufer und der verwandtschaftlichen Beziehungen derselben in der Stiftungsurknnde nicht gedacht wird, dann ist es noch unerklärlicher, warum nicht einmal unter den Zeugen ein Abcnbergcr genannt wird. Falckcnstein, das Gewicht dieses Einwnrfes wohl fühlend, glaubte in die Heilsbronner Stiftungsurknnde an Stelle des Namens Adelbert jenen des Grafen Rapoto, dessen abcnbergische Geschlcchtszugehöriglcit außer Zweifel steht, einschicken zu dürfen (Autici. Koräguv. II, 352); allein mit Recht wies schon Hocker diese unkritische Will- kürlichkeit zurück, indem auf diese Weise die Original- doknmentcn-Authentic in merklicher Gefahr stünde (Hcils- bronner Antig.-Schatz, suxpl. I, 5). Es ist vielmehr sehr wahrscheinlich, daß der Verkäufer des Heilsbronner Gutes Graf im Ratenzgan gewesen ist; denn zufolge Urkunde vorn 5. April 1130 hat König Lothar in Bamberg auf Verwendung seiner Gemahlin Richiza und für die treuen Dienste der Kongregation des heil. Georg im Dorfe Staffclstein, das im Ratenzgan in der Grafschaft des Grafen Adelbert gelegen ist, einen Markt abzuhalten bestimmt. (Looshorn 1. o. II, 71.) (Fortsetzung folgt.) Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. (Fortsetzung.) II. O. Eine natürliche Folge dieser zahlreichen Pilgerfahrten zum Grabe des „dran Fpvstol", wie der Spanier mit Vorliebe sagt, war, daß die Päpste die dem Heiligen geweihte Kirche in Santiago mit Gnaden, Ablässen und Vorrechten in reichstem Maße ausstatteten. Eines der bedeutendsten dieser Privilegien ist das nffubilso äs! Uno Laut»«, der Jubclablaß des hl. Jahres. Nach der Bulle des Papstes Alexander III. (1159 - 1181), ausgefertigt am 25. Juni 1179 zu Vitcrbo, sind rröos snntos (heilige Jahre) solche, in welchen das Fest des hl. Jakobns (25. Juli) auf einen Sonntag füllt; während eines solchen Jahres können die Gläubigen, welche nach würdigem Empfange der heiligen Sakramente die Kirche des hl. Jakobns in Santiago de Compostela besuchen und dort nach der Meinung des hl. Vaters beten, einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Diese päpstliche Bulle besteht noch in voller Geltung, und aus ihr ergibt sich, daß das gegenwärtige Jahr 1897 ein Jubeljahr ^no Konto" für Santiago de Com- postcla ist, denn im Verlaufe dieses Jahres fällt das Fest des hl. Apostels Jakobus des Aelteren auf einen Sonntag. — Der gegenwärtige Erzbischof von Santiago, Msgr. Joseph Maria Martin de Herrcra (geb. 26. August 1835 zu Aldua in der Diöccsc Salamanca), früher (bis 14. Februar 1889) Erzbischos von Santiago aus Cnba, erließ bereits am 8. Dezember 1896 einen Hirtenbriefs an seine Diöcsanen, worin er zu recht zahlreicher und eifriger Betheiligung an den Wallfahrten während dieses Gnadcnjahres auffordert. Am Tage nach Erlaß des erzbischöflichcn Schreibens sandte der Dekan und das Mctropolitankapitel von Santiago, urvordcnklichcr Gewohnheit folgend, an sämmtliche Prälaten Spaniens ein Einladungsschreiben zum Jubiläum des tliio sonto. Wir verdanken den Hirtenbrief der Güte des liebenswürdigen und gelehrten Don Candido Rios y Nial, der uns denselben mit der ausdrücklichen Bitte zugesandt hat, ihn verdeutscht unseren deutschen Landsleuten in einer katholischen Zeitung unsers Vaterlandes mitzutheilen, damit auch die deutschen Katholiken sich recht zahlreich an der Pilgerfahrt zum Grabe des „dran Axostol" bctheiligcn möchten. Mit Freuden willfahren wir der für uns so ehrenvollen Bitte des Herrn im fernen Spanien und erlauben unS dem Text des Hirtenbriefes zum besseren Verständniß für den deutschen Leser einige erläuternde Anmerkungen geschichtlichen Inhalts in Fußnoten beizufügen. Der genannte Hirtenbrief hat nun folgenden Wortlaut: Wir Dr. Joseph Martin de Herrera u de la Jglcsia, durch Gottes und des hl. apostolischen Stuhles Gnade Erzbischof von Santiago de Compostela, Großkaplan Seiner Majestät, ordentlicher Richter der kgl. Kapelle, des kgl. Hauses und Hofes, Großnotar des Königreichs Le»n, Großkrenzritter des kgl. Ordens Karls m., Senator des Königreiches sowie des Rathes Sr. Majestät u. s. w. u. s. w. an den ehrwürdigen Dekan und das Kapitel der hl. apostolischen Metropolitankirche von Santiago de Compostela, an den ehrwürdigen Abt und das Kapitel des Stiftes von Coruna, an unsere Erzpriester, Pfarrer und den übrigen Klerus, an die Ordenslente beiderlei Geschlechtes und an alle Gläubigen unserer Erzdiözese. l?ax Vobis — Friede sei mit euch. Nachdem Theodomir, Bischof von Jria-Flavia,*) auf ') Qarta pastoral äel Lxemo. 5 Rovmo. 8ss,or ^.rro- bispo äs LantiaZo äs Oomxostsl», cov motivo äs äubilso üsl Ttüo 8anto äs 1897. 8°, 32 pp. — 8»uti»§o, Imp. x Luv. äsl 8smiii»rio O. Osntr»! 1696. 2 ) Jria-Flavia, das heutige Padrän, an dem schiffbaren, in den Meerbusen von Ärrosa sich ergießenden Flusse Ulla in der spanischen Provinz Galizien gelegen, ist ein uralter christlicher Bischofssitz, der später nach Compostela verlegt wurde. Bei Jria-Flavia landete nach spanischer Tradition in wunderbarer Weise der Leib des Ist. Apostels Jakobus des Aelteren. Eine Frau, mit Namen Lupa, gestattete den Jüngern des Apostels, die hl. Ueber- reste des Meisters auf ihrem Besitzthum zu beerdigen. Später errichteten jene über der Grabstätte eine kleine Kapelle. Zwei der Schüler und Begleiter des Apostels, Athanasius und Theodor, blieben bei dem Heiligthum zurück, die anderen zogen zur Verkündigung des Evangeliums in andere Gegenden Spaniens. Nach ihrem Tode wurden die beiden Jünger zu den Seiten ihres Meisters bestattet. Die darauffolgenden unruhigen, kriegerischen Zeiten ließen das Heiligthum ganz in Vergessenheit gerathen, bis endlich ein wunderbares Ereigniß die Wiederauffindung desselben herbeiführte. Im Anfange des neunten Jahrhunderts stellte sich nämlich bei dem erwähnten Bischof Theodomir von Jria ein frommer Einsiedler Namens Pelagius (?swvo> ein und brachte die seltsame Botschaft, man könne auf dem nicht weit von seiner Klause gelegenen Berge Libre- Don jede Nacht himmlische Musik hören und ein geheim- uißvolles, den Sternen ähnliches Licht sehen. Auf diese Aussage hin begab sich Bischof Theodomir am 24. Juli 813 in den am Fuße des Lebre-Dou gelegenen Ort Sän Fix de Solovio, las dort die hl. Messe, bestieg darauf mit seinem Klerus und vielen« Volke den Berg, ließ das Gesträuch entfernen und Nachgrabungen anstellen. Da fand man eine Höhle mit zwei Bogcnwölbnngen, einem Altar und drei Gräbern, von denen das mittlere am größten war. Man öffnete letzteres und fand den Leib des hl. dem Sternfelde (6snwo äs la lstrolla) den verehrungs- würdigen Leib des hl. Apostels Jakobus entdeckt hatte, wuchs' die Andacht zu unserem Apostel in solch hohem Grase, daß die bescheidene, auf den Ruinen der ursprünglichen Kapelle erbaute Kirche, die stets den kostbaren Schatz hütete, sich in eine prächtige Kathedrale verwandelte und auf der Stelle des uralten Solovio die prächtige Stadt Compostela erstand. Gott. der in seilten Heiligen wunderbar ist. gefiel es, das Grab des ersten Blutzeugen aus der Schaar der Apostel und des ersten Verkünders des Evangeliums in Spanien dadurch zu verherrlichen, daß er Tausende von Pilgern aus allen Völkern, die von den auf Fürbitte des Heiligen den Spaniern erwiesenen Wohlthaten wußten uns herbeiströmten, zu demselben hinzog. Könige uns Fürsten, Hohe und Niedere, Reiche und Arme, Einheimische und Ausländer wanderten auf der alten Römerstraße nach Compostela. Die zahlreichen Pilger- schaaren und immer häufiger werdenden Wallfahrten hatten zur nothwendigen Folge die Erbauung von Pilgerhäusern uird Hospitälern an verschiedenen Punkten der Königreiche Castilien, Leon und Galizien. Ja, eine solche Bedeutung erlangten diese Pilgerzügc, daß man von allen Enden des ganzen christlichen Erdkreises zur Verehrung des berühmten Heiligthums und zur Erfüllung der in der fernen Hcimath aus Andacht und Vertrauen zum glorreichen Schutzherrn Spaniens gemachten Gelübde herbeieilte. — Noch nicht der vierte Theil eines Jahrhunderts war seit Wiederausfindung der Reliquien (813) verflossen, da berichtet bereits Walafried Estravon von den zahlreichen Pilgerfahrten nach Compostela und von dort geschehenen staunenswcrthen Wundern. Im Jahre 896 fand die Einweihung der vorn König Alphons III., dem Großen?) erbauten Basilika statt, wobei die hl. Ceremonien mit außerordentlicher Feierlichkeit in Anwesenheit des Königs selbst, der Königin (Dona Jimeua), der kgl. Prinzen, in Gegenwart von siebzehn Bischöfen, elf Grafen, aller Obrigkeiten und einer unermeßlichen, aus allen Nationen der Christenheit zusammengesetzten Volksmenge vollzogen winden. Im ersten Drittel des zehnten Jahrhunderts (915—928) sandte Papst Johann X. den Priester Zanelo zum Gnaden- orte, damit er Zeuge der zahllosen Menge von Pilgern am Grabe des Apostels und der auf dessen Fürbitte dort gewirkten Wunder sein könnte. Im Jahre 1040 kam nach Compostela als Pilger der griechische Bischof Stephan, der nach Verzicht auf seilt Apostels Jakvbus, sein vorn Rumpfe getrenntes Haupt und daneben einen Pilgcrstab. Ferner fand man eine Urkunde, welche die Echtheit des kostbaren Fundes bezeugte und angab, daß die beiden anderen Gräber den Begleitern des Apostels Athanasins und Theodor gehörten. Voll heiliger Freude warfen sich Bischof, Priester und Volk auf die Knie und dankten Gott. Theobomir ließ darauf die drei Gräber iviedcr verschließen und berichtete persönlich von der seltsamen Begebenheit dem damaligen König Alphons H. von Astnrien (791—842). Sofort begab sich der König selbst in Begleitung seines Öofes nach.dem Berge Libre-Don, bezeigte den Reliquien seine Verehrung, erbaute über denselben eine kleine Kirche und beschenkte das Hciligthnm außerdem mit sämmtlichem Lande auf drei Meilen im Umkreise. Auch dein damaligen Papste Leo III. (795—616) meldete Bischof Theodomir die wunderbare Wiederanffinduug des Leibes des hl. Apostels Jakobns. Der Papst machte die Nachricht den übrigen Bischöfen der Christenheit kund, und von da an datiern die Wallfahrten zum Grabe des Apostels. — Soweit die spanische Ueberlieferung. Recht glaubhaft klingt sie allerdings gerade nicht, namentlich im ersten Theil. . *) Alphons UI. König von Astnrien 866—910. Den Beinamen „des Großen" erhielt er wegen seiner Siege über die Mauren. Am Abend seines thätcnreichen Lebens wallte er noch einmal zum Grabe des hl. Jakobns. Von dort zurückgekehrt bat er seinen Sohn um ein Heer. um zum letztenmal gegen die Sarazenen ins Feld zu ziehen. Er wollte offenbar für den Glauben als Sieger sterben. Mit Zustimmung seines Sohnes zog Alphons an der Spitze seines Heeres noch einmal gegen die Mauren und erfocht, ohne rcdoch den ersehnten Heldentod zu finden, mehrere Siege. Im Jahre 910 starb er an einer Krankheit in Zamora. Vergl. Weiß, Weltgeschichte. (III. Anst.) B. V. S. 236. Bisthum den Rest seines Lebens dort zubrachte und in der Kirche des Apostels starb. Wegen der großeil Bedeutung der Wallfahrten und da die Basilika oes Königs Alphons III. die Pilger nicht mehr zu fassen vermochte, begann der Bischof Diego Pelaez im Jahre 1078 mit dem Baue der gegenwärtigen Basilika, die Don Diego Gelmire?) vollendete. Papst Urban II. erklärte im Jahre 1089 die Diözese von Compostela, deren Sitz hieher verlegt worden war?) für exempt von der Metropolitangerichtsbarkeit, und im Jahre 1102 gewährte Papst Paschalis II. dem Bischof Gelmirez den Gebrauch des Palliums. Am Ende des 11. und am Anfang des 12. Jahrhunderts ließ Santo Domingo aus Mitleid mit den vielen Beschwerlichkeiten und Mühsalen, welche die Pilger von Compostela zu erdulden hatten, auf jener Seite des Flusses Rioja, auf welcher heut zu Tage die Stadt gleichen Namens liegt, die Sümpfe austrocknen, den Fluß eindämmen, die Straße bahnen, ein geräumiges Pilgerhaus errichten und eine Kirche, die Kathedrale wurde und noch ist, erbauen. Im Jahre 1109 kam nach Compostela als Pilger der Erzbischof von Vienne aus der Dauphin« in Frankreich. Derselbe bestieg später unter dem Namen Calixtns II. den päpstlichen Stuhl und hat uns die Beschreibung jenes wundersamen Schauspiels, das jene Legionen von Pilgern aus allen christlichen Ländern in Santiago boten, hinterlassen. In diesem äußerst interessanten, eingehenden Berichte °) erzählt er uns unter anderem: „Man kann nicht umhin, mit staunender Freude das Schauspiel zu betrachten, welches die vor dem Grabe des hl. Jakobus wachenden Pilger bieten. Auf der einen Seite stellen sich die Deutschen auf, auf der anderen die Franzosen, etwas entfernter die Italiener, alle mit brennenden Kerzen in den Händen, so daß die ganze Kirche wie am hellen Tage vorn Sonnenlicht erleuchtet strahlt. Alle wachen und beten daselbst, singen und loben den Herrn. Die einen beweinen ihre Sünden, andere beten Psalmen; die verschiedensten Sprachen hört man dort, Laute und Lieder von Deutschen, Engländern, Griechen und allen übrigen Stämmen und Völkern aller Zonen. Keine Sprache, keine Mundart gibt es, deren Laut dort nicht wiederhabt. Die Nachtwachen werden unter Gebeten mit größtem Eifer gehalten; die einen gehen, die andern kommen, alle aber beten und spenden Opfergaben. Wer traurig hinzieht, geht fröhlich von bannen, es herrscht dort eine ununterbrochene Feier, ein fortwährendes Fest, das bei Tag wie bei Nacht nicht endet. Immerwährende Gesänge geben Zeugniß vom allgemeinen Jubel, von der himmlischen Fröhlichkeit und der Begeisterung der frommen Pilger zu Ehren des Herrn und feines hl. Apostels. Niemals schließen sich die Thore dieses Tempels beim Tage und bei der Nacht, deren Dunkel dem glänzenden Kerzenscheine weichen muß. Wir sehen da Arme und Reiche, tapfere Ritter, Kämpfer, die in den Krieg ziehen, Feldherren, Blinde und Lahme, Edelleute und Vornehme, Laien und Priester, die auf eigene Kosten, oder mit Hilfe von Almoien kommend, die einen zum Zeichen freiwilliger Buße mit Ketten beladen, die andern, wie die Griechen, Kreuze auf den Schultern tragend. Die einen theilen nach bestem Vermögen Gaben an die Armen aus, die andern bringen eigenhändig Eisen und Blei zum Ban des Tempels. Viele tragen Fnßfesseln und Handschellen, weil sie von diesen und aus den Gefängnissen der Gottlosen erlöst wurden; das sind die, welche Buße thun und ihre Sünden beweinen. Das ist Z Der Grundstein zu diesem majestätischen Tempel romanischen Stiles wurde am 11. Juli 1078 unter der Regierung des Königs Alphons VI. (1065—1109) gelegt. Gleich beim Beginn seiner Regierung gewährte dieser mächtige König, der wegen seiner vielen über die Mauren erfochtenen Siege und wegen der unter ihm in seinem Lande herrschenden Sicherheit den Beinamen „Schild und Leuchte Spaniens" erhielt, allen Santiago-Pilgern Zollfreiheit. Vgl. Weiß, a. a. O., B. V S. 246—247. ch Die Verlegung des Bischofssitzes von Jria-Flavia nach Compostela geschah also durch Papst Urban II. (1088—1099) im Interesse der Wallfahrt im Jahre 1089. Davon weicht allerdings L. Gams (8si-ies spisooporum pnA. 26) ab, der um das Jahr 843 schon einen gewissen Atanlf I. als ersten Bischof von Compostela anführt. H Vgl. I. N. lern. 8auebs/, 8antmZ'o, Isruealsv, Koma 1680. 53 der ausenvählte Stamm, das heilige Geschlecht, das Volk Gottes, die Blüthe der Nationen. Siehe, das ist die Stadt Compostela, die durch die Bitten, des seligen Jakobus geheiligte Stadt, das Heil der Heiligen, die Burg derer, die zu ihr kommen. O, welche Ehrfurcht, Ehre und Hochschätzunq verdient dieser himmlische Ort, an dem schon viele Tausende von Wundern geschehen, wo der heiligste Leib des großen Apostels aufbewahrt wird, der den Mensch gewordenen Gott zu sehen und zu berühren das Glück hatte." - Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München.) (Schluß.) Gott ist der oberste Meister des Werkes; aber er will nicht der alleinige sein. Gott hat andere Werk- leute sich zugesellt, um durch sie und in ihnen sein Reich zu erbauen. Diesen Werkleuten ani Gottesbau hat Gott alle Kräfte in die Hand gegeben, deren sie bedürfen?) Als diese Werkleute erscheinen in der Schöpfung zuerst die nothwendigen, an die ewigen Gesetze gebundenen Naturkräfte?) Getrieben von innerer Nothwendigkeit, kennen sie nur den einen Weg geradeaus. Darum thun sie, was Gott will; aber sie thun es ohne Verdienst, weil sie nicht anders können. So bauen sie das todte Reich, die Schaubühne für das lebendige Reich der freien Natur. Aber schon in diesem todten Reich herrscht nicht die Erstarrung durch eisernen Zwang; denn wenn auch die einzelnen Glieder und Kräfte nicht anders handeln können, als sie handeln, so kann das Ineinandergreifen aller Kräfte doch von Natur aus ein sehr mannigfaltiges sein. Da sehen wir nun, wie die göttliche Vorsehung diesem Ineinandergreifen feinen natürlichen Lauf läßt, der nothwendig auch Kollisionen und unvollendete Ausgestaltungen einzelner Glieder mit sich bringen muß?) Doch deutlicher wird dies in dem höheren lebenden Reich der freien Werkleute. Auch dieser freien Natur fehlt nicht jegliche Nöthigung. Aufgebaut auf der materiellen Natur, theilt sie deren Beschränktheit. Aber sie trägt die unsterbliche Seele in sich, die vom Zwang der Materie nicht berührt wird. Was bei der todten Natur Tribut der Nothwendigkeit ist, das soll bei ihr ein Geschenk der Freiheit sein. Die nöthigen Bedingungen dafür hat ihr Gott in reichem Maße gewährt, indem er ihr einheitliche innere Principien gegeben hat/) an denen ihr Denken und Wollen Maß und Halt findet, wie am ruhenden Pol die schwankende Magnetnadel. Die gleichen Grundprincipien der Erkenntniß sind lebendig im Verstand aller Menschen, und das gleiche Gesetz redet in aller Herzen; die eine Schöpfung mahnt Alle an den einen Schöpfer Aller, lind so gibt Gottes Vorsehung allen vernünftigen Wesen die Möglichkeit, daß sie ihre Aufgabe am Bau des Gottesreiches erkennen. Daß nun diese Aufgabe auch erfüllt werde, ist die Gottheit weise und liebevoll thätig. Wohl sehen nämlich alle vernünftigen Kreaturen ihre Aufgabe, Gott zu erkennen in Wahrheit und Gott zu dienen in Liebe, aber die Verwirklichung dieser Aufgabe hat Gottes unendliche Liebe ihrem eigenen freien Willen überlassen. So ist ') 8. o. §. lib. III oax. 69—77. Ueber das Fatum und den Sinn, in dem man von einem solchen mit Recht sprechen darf, vgl. 8. 1K. 1, g. I96; 8. v. Z. üb. III g. 93—SS. 2) 8. o. K. Üb. III oap: I, 24. 8. o. Z'. lib. III eap. 71, 72, 74. *) tz. O. cio vor. g. 11 a. 1 g. 22 a. 8; 8. 1k. 1., 2. g. 1(1 a. 1, 1. g. 62 a. 1. also der Wille des Menschen frei; was sein Herz sich erküren will, mag es gut oder böse sein, er mag es thun?) Aber freilich, Gottes Vorsehung kann nicht wollen, daß der Mensch sich zum Bösen wende; denn der Wille Gottes kennt und kann nur ein Ziel kennen, das Gute/) Aber indem Gott auf der andern Seite auch nicht knechten kann, was von Natur frei ist, indem er niemals sich selber widersprechen kann/) läßt er es geschehen, hindert er es nicht, daß der Mensch in dünkelhaftem Nebermuthe ihm die Treue bricht und ein Gebilde von Staub und Asche zu seinem Götzen wählt. Aber er läßt nur die Physische Freiheit zu, unmöglich die moralische Erlanbtheit. Dieser steht sein ewiges Gesetzt) hindernd gegenüber, damit so der Wille des Menschen wirklich frei sei und die Erreichung seiner ewigen Bestimmung dem Menschen nicht nur als Geschenk, sondern auch als wirkliches Verdienst anzurechnen sei.") Hier hört das bloße Zulassen auf, hier tritt der göttliche Wille ganz in Kraft. Gottes Wille ist es, daß der Mensch zur ewigen Vollendung gelange, und alle, die dorthin gelangen, kommen nur durch den Willen Gottes dorthin?") Indem aber so auf diesen Auserwählten ganz und voll der göttliche Wille ruht, sind sie auch der Grund, um derentwillen Gott das Böse zuläßt. Gott gestattet die Ausschweifung zum Bösen hin, weil er die freie Natur achtet") und weil er auch dieses zum Guten zu lenken weiß. So sind die Bösen zwar frei im Wollen, aber nicht im Vollbringen des Gcwolltcn. Auch was der Böse thut, muß dem Guten dienen. Und nicht nur das. Indem der sündige Wille sich zum Bösen entscheidet, lehnt er sich auf gegen die höchste Majestät und stützt sich auf sich selbst. Nimmermehr aber kann Gott solches dulden; Gott muß die ewige Ordnung vertheidigen gegen die Unordnung, das Gesetz gegen die Mißachtung; Gott muß sich Gehorsam verschaffen von seiner Kreatur. Und hat ihm das Geschöpf nicht frei gehorchen wollen, so muß es jetzt gehorchen seiner strengen Gerechtigkeit. Hat das Geschöpf nicht in Freiheit an Gottes Werke bauen wollen, so muß es jetzt mit Nothwendigkeit dasselbe fördern. Und so dient schließlich doch alles in der Welt den Zwecken Gottes, die da sind, alle glücklich zu machen, die eines guten Willens sind, und auch von allen denen, °) „Rososseset, guock Koma sit libori arbitrii er koo ipso, quoll rational^ ost." — 8. 1k. 1. g. 83 a. 1; g. 59 a. 3; 8. o. §. lib. II eap. 48. tz. v. cio vor. g. 22 a. 6; hier wird im besonderen ausgeführt, daß die Freiheit des Menschen eine dreifache sei. „Invonitar antom incto- terininntio volantatis rospoetn triam: se. rospoetn okisoti, rospoetn aetas, ot rospoetn orciinis tu tinsin." Dementsprechend pflegt man auch die Willensfreiheit zu dcfi- niren als „aetiva voluntatis inclotorminatio, nt voluntas possit vollo koo ant illuck, vollo ant von vollo, volle rects ant non roeto." °) 8. 1k. 1. g. 49; 8. v. K. lib. I vax. 95; „Nalum eulpao, yuocl privat oräinoin sä konmn ciivinnm- Dons unÜo inoclo vult." — 8. 1k. 1. g. 19 a. 9. ') 8. 1k. 1.

. cks inalo g. 3 a. 1. -) 8. 1d. 1. 2. g. 93 s. 6. °) „ . . . gnia oroatnra rationalis soipsam inovot all Ltz'enckun per liboram arkltriuw, nncie sua avtiy kabot rationoin rnoriti."— 8.1k. 1., 2. 114a. 1; cp 21 s. 4. '") 8. 1k. 1. 23. ") „ ... lntor rationale!? naturas solns vous kokst liboram arbitrinw natarallter impoceabilo st eon- ürmatnm in Kono, ereatnrao voro koo inosso, impossibils 65t." — tz. 11. äo vor. g. 24 a. 1; 8. 1k. 1. g. «13 a. 1; 8. e. A. lib. Ill eap. 109. 54 die es nicht sein wollen, den Tribut einzufordern, den olle seiner Verherrlichung darbringen müssen?-) Und so vereinigen sich in der göttlichen Vorsehung scheinbar die größten Gegensätze.") Auf der einen Seite herrscht die größte Freiheit, hat es jeder Mensch in seiner Gewalt, sich selbst zu entscheiden znin Guten oder Bösen; auf der anderen Seite aber ist nichts in der Welt, kein Stanbkörnlein am Grunde und keine freie Regung in der Mcnschcnbrnst, ausgenommen von dem allmächtigen, ordnenden, göttlichen Arm. Alles geschieht genau so, wie es die Natur und Wesenheit der Dinge verlangt, und doch stand Alles, was geschieht, schon von Ewigkeit her unerschütterlich fest. Die Versöhnung dieser scheinbaren Gegensätze liegt aber in der Unergründlichkeit der göttlichen Weisheit. Indem nämlich die göttliche Weisheit von Ewigkeit her in der göttlichen Wesenheit alles und jedes Seiende in seiner ganzen individuellen Diffcrenzirung und allem möglichen Zusammenhange aufs genaueste erkannte, bezogen sich die ewigen göttlichen Dccrete, durch welche diese Welt ins Dasein gerufen wurde, nicht nur auf ihr Dasein, sondern auch aus die Art und Weise ihres Daseins. Was daher von Gott erkannt wurde, als frei abhängend von einer freien Ursache, wurde auch in dieser seiner inneren Unabhängigkeit durch den göttlichen Willen aus der bloßen Möglichkeit in die Wirklichkeit übertragen.") Alles geschieht genau so, als wäre Gottes Wille gar nicht dabei. Der göttliche Wille ändert an der inneren Natur der Welt, d. h. an der inneren Abhängigkeit der Wirkungen von ihren nächsten, sei es freien, sei es nothwendigen Ursachen, gar nichts.") Und so kommt es, daß die freien vernünftigen Geschöpfe über ihre letzte Vollendung in Wirklichkeit selbst entscheiden, sei es znin Verdienst des guten Willens, sei es zur Bestrafung des bösen Strebens. Und dennoch ist i n letzter Linie die Erreichung der ewigen Vollendung auch ein wahres Geschenk Gottes, damit sich so erfülle was geschrieben steht: „Ilt iroir Zloristur in sonspsotu vornini orains Lnro", daß keiner vor Gott sich rühmen könne, in der That! Wie die Verherrlichung Gottes der letzte ^weck der Schöpfung ist, und wie dieser Zweck im ewigen Heil der vernünftigen Kreatur seine höchste Blüthe treibt, '-) ,,Vx dos patst, guoä sltiori moäo äivinn xro- viäentw Anksrnnt konos guain irmlos; rnali snirn änm all auo oräins proviäsntias sxsnnt, nt so. I)ei volnntatsin von kaoiant, ill llliuill oräinsm ckilaknutur, ut so. äs ois üivina volnntas tiat; ssä Kolli guiäsw ack ntruingus sunt ill rsoto orällls proviäsntias." — tz. O. äs vsr. g. S a. 6. vk. 8. äs spir. st litt. p. 86. ") Ueber die göttliche Vorsehung vgl. 8. llk. I. g. 19, 22, 23, 24; 103—105. 8. o. Z. Üb. I oap. 72—88; u. Uk. Ill oap. 64—83; 89—100. H. I>. äs vsr. g. 5—7. 8sut. I. üist. 39 g. 1. Einen ganz ausgezeichneten Commentar zn den philosophischen Speculatiouen des hl. Thomas über diese Frage hat jüngst geschrieben: lnä. Lillot. ,,vs vso Ullo". Komas 1893. p. Ü» p. 173—300. ") „^.ä pioviäslltiaw älvillllm lloll psrtillst llllturaill llsrnlll oollllnmpsll.s, ssä ssrvars. vnäs omllia morst ssounäum eornm eonckitionsm; ita guoä sx causis nsosssarils per motionsm äivinaiu ssguuntnr ellsotns ex llsosssitats, sx oansis autsm eontiuKsntibns segnuntur stkeotus oolltill§sutes.— 8. lk. 1., 2. o. 10 a. 4; ok. 1. g. 19 a. 3. ^) »In soientia siinpliois intslÜKentias (so. lsi) viästnr ullumglloäglls nt oxorisns g, oansis nsosssariis vsl liksris, pro sno moäo noosssitatis vsl eolltinKöntias. ^.äiuuotio autsm volnlltatis voll mutat äiotum oräillsm st moäum oausarnm, ssä kaolt äumtaxat, ut sit iam aotn prasparatus iäem 1pss vausarum oräo, gui plins mirs possikiliter se lmkskst." — LiUot I. c. p. 2' so hat der göttliche Wille bei allem, was er in der Schöpfung sei es direkt will, sei es nur zuläßt, diese seine höchste Ehre und diese größte Vcseligung der Geschöpfe vor Augen. Alle Verhältnisse ordnet also Gott so zusammen, daß sie zum Heil der Auserwählten führen und diese darum Gott gegenüber ewig die Pflicht der Dankbarkeit in sich tragen.") Wenn aber einige nicht zu ihrem Ziele gelangen, dann können sie sich nicht über Gott beklagen, denn auch ihnen hat Gott die vollste äußere und innere Möglichkeit gegeben, anders zu wollen. Darum ist es ihre Schuld und nur ihre eigenste und wahrste Schuld, daß sie verloren gehen. So lange der Mensch lebt, steht ihm die göttliche Vorsehung bei, hilft ihm, befähigt ihn durchaus, sein ewiges Glück zu erarbeiten; möge er es nur wollen.") Alle darum, die wollen, können selig werden, und nichts in der Welt kann ihnen die Ewigkeit rauben. Mit diesem erhebenden Gedanken wollen wir nunmehr unsere Weltanschauung ausklingcn lassen, lieber dem Ursprung, dem Bestand und der Vollendung der Schöpfung sehen wir hehr und herrlich wie ein freundliches Dreigestirn die göttliche Allmacht, Weisheit und Liebe glänzen. Was die Weisheit ersonnen, das hat die Liebe gewollt, das hat die Allmacht geschaffen, lind nur des Geschöpfes Unverstand und Uebcrmuth hat es mit sich gebracht, daß auch die strafende göttliche Gerechtigkeit in ihre Rechte trat. Aber, indem alles, was von Gott ist, göttlich und darum hehr und heilig ist, so vermag auch das Böse in der Welt den Ehrenschild der Schöpfung nicht zu beflecken. Auch das Böse hat seine Stelle im Weltenplaue-, auch das Böse muß Gottes Zwecken dienen, seine Herrlichkeit offenbaren und die Auscrwählten in mannigfacher Weise zu ihrem Glücke führen. Niemand aber braucht böse sein; Alle können guten Willens sein und eingehen in die Sabbathruhe Gottes. Dann ist der Endzweck der Welt voll erfüllt; Gottes Ehre ist geoffenbart und das Heil der Schöpfung vollendet. Und so mündet die ganze Weltanschauung schließlich in das eine Princip aus, das einst Engelsmund der Welt verkündete: „VIoria, in sxsslsis vso; st In tsrru pnx lloininibus stoirus volrmtutis"; Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind." Und nun erlauben Sie mir noch einige Worte zum Schlüsse. Es war ein großer Gedanke, würdig des genialen Geistes eines Joseph v. Görres, sich hinauszuheben über die engen Schranken der Hcimath, der einzelnen Länder, Völker und Staaten, und die ganze Weltgeschichte, soweit sie reichen mag durch die Länder und Zeiten, zu überschauen von der einen hohen Warte, der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden. Und auch heute bleibt es immer noch eine große Aufgabe, die Geschichte des Weltalls in allen Räumen und Zeiten zusammenzufassen in dem einen Gedanken der Verwirklichung der Gottesidee, nach deren Vorbild die Welt geschaffen ist und deren Zwecke dieses Universum gekettet an das rollende Rad der Zeiten erfüllt bis es einmündet in die Ewigkeit. Eine Weltgeschichte in diesem Sinne wird zugleich sein die erhabenste Kunstgeschichte; denn sie wird sein die Geschichte des erhabensten Kunstwerkes, das nur aus der schaffenden Hand des ewigen Künstlers hervor- "1 »Ooroimnäo vsus insrita nostra, ooronat in nokis Z'rntnita üoua sua, nt von Kloristar oinnis oaro in von- spsotu eins.." — killst p. 244; ok. p. 289 k. 8. llii. 1. 23 rr. 5» ") (j. v. äs vsr. g. 23 a. 2; g. 14 a. 11 aä 1. gehen konnte. In diesem Kunstwerk der Kunstwerke hat das Vornbereilcnde, das Einzelne, das im Strome der Zeiten Alis- und Niedertanchende um seiner selbst willen keinen Platz mehr. Darin hat Alles nur noch Raum, insofern es ein Stcinchcn ist znm Ban des einen Welten- domes, des Spiegels von Gottes Pracht und Herrlichkeit. Dann verschwinden auch alle Kleinigkeiten, alle Unebenheiten, alle Verworrenheiten. Freilich wird es einem Sterblichen wohl kaum vergönnt sein, in diesem hohen Sinne die Weltgeschichte erschöpfend nachzudenken und das Nach- gcdachte dem zu bieten, der diesem hohen Flug zu folgen vermag. Erst, wenn unser Lebcnsschifflcin im .Hafen der Ewigkeit seine Anker geworfen, dann erst haben wir das Gestade des verheißenen Vaterlandes erreicht, von dem aus wir mit einem alles umspannenden Blick das weite Weltall tief unter uns überschauen können. Dann wird aber auch nicht mehr die vergängliche Sonne unsern Tag erhellen, sondern dann wird Gott selbst sein das lumon Zloriae, die ewige Geistersonne, die unsern Verstand mit wunderbarem Licht erfüllen und zur Aufnahme der ganzen Wahrheit befähigen wird. Dann wird das wahre goldene Zeitalter anheben. Dann werden sich alle Disharmonien, die sich jetzt dem äußeren Blick nie ganz verbergen werden, auflösen in Harmonien; dann werden alle Dissonanzen ausklingen in die wunderbarsten Konsonanzen; eine heilige BreuZu Ooi wird dann das ganze Weltall friedlich vereinen. Dann wird das Schöne werden zum Guten, und das Gute wird werde» zum Wahren, und das Wahre wird schließlich seinen ewigen Ruhcpunkt finden in dem „ll'.vokw äxö-7/rov", dem unbewegten Beweger des Alls. Diese Hoffnung auf die Ewigkeit möge uns Antrieb sein, daß wir schon jetzt, wo wir noch mitten in des Tages Irren und Wirren stehen, unsere Blicke hoch erheben, so hoch als unsre Kräfte uns nur zu tragen vermögen, um von möglichst hoher Warte aus das Getriebe der Welt unter uns zu überblicken und so immer größere Ruhe und immer heiligeren Gottcsfrieden in unser Herz aufzunehmen. Wahrlich! Das ist ein Ziel, groß wie die Unsterblichkeit und wohl werth des Schweißes der Edlen. Recensionen und Notizen. CossaLnigi, Die ersten Elemente der Wirth schaftslehre. Deutsch bearbeitet von Ed. Moormeister. 8". VI -st 161 i>p. Freiburg i. Br., Herder- 1896. (III.) M. 1.50. Die „kriini slomenti äi oeouomia soeials" des Lnigi Costa, Professors an der Universität zu Pavia, nehmen in der national ökonomischen Literatur Italiens einen ganz hervorragenden Platz ein. Das Buch erlebte in seiner Hennath mehrere Auflagen und erscheint auch in deutschem Gewände bereits zum dritten Mal. Es verdient auch einen Ehrenplatz in der Reihe der Werke socialpolitischen Inhaltes, welche die Hcrder'sche Verlagsbuchhandlung herausgegeben hat. Der erste Abschnitt des überaus klar geschriebenen Buches handelt von den Vor- begrisfen der Wirthschaftslehrc; dann folgen fünf Abschnitte über die Produktion der Güter, ferner über den Umlauf (Werth, Geld, Handel), die Vertheiln»» und Konsumption der Güter: den Schluß bildet ein Abschnitt über wirthschaftliche Vereinigungen, und der Anhang bietet einen Ueberblick über die Geschichte der Wirthschaftslehre mit einer Bibliographie. Das Buch ist zu bekannt und beliebt, als daß es noch einer besonderen Empfehlung bedurfte. * Am 18. Juni 1896 starb im Kloster Andechs der „gute Pater August in", wie ihn die Leute nannten, ein eifriger, würdiger Benediktiner-Priester und vorzüglicher Pädagoge. Pater Angnstin Glnns war 1833 in Roltwcil geboren nnd arbeitete nach seiner Priesterweihe in der Seelsorge längere Jahre in Württemberg, zuletzt als Kavlan in Jsny. Bon dort trat er 1868 bei St. Bonifaz in München ein und wurde bald nach seiner Profcß nach Andechs geschickt als Wallsahrtspriestcr und zur Versorgung der Pfarrei Erling. Schon im August 1871 aber wurde ihm die Leitung der St. Nikolausänstalt für verwahrloste Knaben in Andechs übertragen, und hier entfaltete er nun eine bewunderuswertlie Thätigkeit, bis der Herr ihn aus diesem Leben abberief. Eine von warmer Verehrung, aber auch voller Wahrheitstreue getragene, schlichte Schilderung des Lebensgaugcs und des Wirkens dieses ausgezeichneten Mannes liegt in einem Schrislchen vor, das Herr ?. Emmcran Heiudl. O. 8. II.. Wall- fahrtspricster in Andechs, unter dem Titel „U. Angnstin Glnns, O. 8. L., von Andechs. Ein Mönchsbild aus moderner Zeit" geschrieben hat. Es ist mit einem Bildniß des Verewigten ausgestattet und wird gewiß nicht blos bei den Freunden des Verstorbenen, sondern auch in weiteren Kreisen dankbar begrüßt werden. (Es ist bei Herrn ?. Emmeran Heiudl oder im Andechser Klosterladen um 20 Pfg. zu erhalten.) I-. „Das ist des Deutschen Vaterland!" Unter diesem Titel kam noch vor Schluß des Jahres 1896 eine illnstrirte Schilderung des deutschen Reiches zum Abschluß. Das Werk ist herausgegeben von Jos. Kürschner in 18 Lieferungen L 50 Pfg. nnd erschien im Verlag von Hermann Hillger in Berlin. Der Verfasser will denjenigen, welchen die Mittel zum Reisen fehlen, durch zahlreiche Illustrationen vor Ästigen führen, was unser Vaterland in Kunst und Natur bietet, solchen, welche von der Reise heimkehren, ein schönes Andenken bieten, andere anspornen, nicht in die weite Ferne zu schweifen, sondern au dem sich zu freuen, was so nahe liegt. 1273, mitunter vorzüglich ausgeführte Bilder zieren das Werk; auf 442 Seiten Text finden wir eine gedrängte, und was bei der Fülle des Materials wohl reicht anders sein kann, etivas dürftige Beschreibung der deutschen Gaue. Gerade deßhalb hätte nran erwarten können, daß die Bearbeiter der einzelnen Abschnitte sich einer unparteiischen Darstellung geschichtlicher Ereignisse befleißen würden; das ist jedoch leider nicht der Fall. Schon auf der ersten Seite vernehmen wir — für uns allerdings nichts Neues —, daß Dr. M. Luther der Vater des deutschen Kirchenliedes sei. Der Beschreibung des Sachseulandcs ist vorangestellt das Stadtbild von Wittcnbcrg. Wir wollen daraus dein Verfasser keinen Vorwurf machen; weniger gefällt uns die Randverzierung des Bildes mit dem in „mittelalterlicher Finsterniß" stehenden Krummstab und der hochhäugenden Laterne, die jedenfalls au das zweifelhafte Licht erinnern soll, das von Wittcnberg aus über deutsche Lande hiu- strahlte. Geradezu empörend aber ist es, was wir bei der Schilderung Magdeburgs lesen: „Der Fluch wird sich an den Namen Tilln heften. Eine blühende Stadt ward an einem Tage der Verwüstung preisgegeben. An 33,000 Einwohner ließ der kaiserliche Bluthund an diesem grauenvollen Tage abschlachten." Weiß denn der Verfasser noch nicht — er nennt sich August Trinius —, daß bereits auch von protestantischer Seite der Akt der Zerstörung als ein beabsichtigtes Werk der eigenen Bürger der Stadt oder der Schweden angesehen wird? Ranke bemerkt: „Sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Stadtrathes eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. Es wäre ein früheres Moskau gewesen." Karl Wittig kommt nach Prüfung aller von katholischer nnd protestantischer Seite verfaßten Berichte von Augenzeugen zu dem Resultate, daß Tilly nicht mit der von vielen beliebten apodiktischen Gewißheit als Zerstörer der Stadt hingestellt werden könne; jedenfalls sei Tilst) „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt". Dies nur einige Urtheile. Sollte aber der Verfasser wider besseres Wissen sich in der oben erwähnten Weise geäußert haben, dann protcstiren wir als Bayern und Katholiken, denen Tilly's Andenken heilig ist, gegen eine derartige boshafte Verleumdung. Der Herausgeber sagt am Schlüsse seines Prospektes: „Mit Gott auf den Weg". Da muß mau denn doch fragen: „Wie reimt sich dieser fromme Wunsch zusammen mit den: ersichtlichen Bestreben einzelner Mitarbeiter, die 56 Katholiken in ihren Gefühlen zu kränken und die geschichtliche Wahrheit mit Füßen zu treten? Möge bei einer etwaigen Neuauflage die Redaction bestrebt sein, alles Verletzende bei einem für das deutsche Volk bestimmten Werke ferne zu halten! Dann kann man das Buch als geeignet, Liebe und Begeisterung für das weitere Vaterland zu wecken, bestens empfehlen. „Die Jugend des heiligen Vaters!" Die frühesten Briefe des heiligen Vaters Leo XIII. an seine Familie sind soeben von M. Boyer d'Agen, einem Freunde Sigmund Peccis, des Neffen des Papstes, bei Manie in Paris herausgegeben worden. Die Briefe umfassen die Zeit von seinem Eintritte ins Jesuitencolleg in Viterbo 1819 bis zu seiner Ernennung zum päpstlichen Delegaten von Venevent 1837 nach seinem Austritte aus der Akademie der blobili Leelssiastiei (adeligen Geistlichen). Der bewnndcrnswertheste Zug an der ganzen Korrespondenz ist die erstaunliche Einheit der Ideen, welche sich .in ihm von Kindheit bis zur Besteigung des päpstlichen Thrones mit jenem Glänze entfalteten, wie sie seitdem die Bewunderung der Welt geworden sind. Das reich illustrirte Werk wird demnächst in deutscher Uebersetzung und unter dem Titel „Die Jugend des Papstes Leo XIII." in der Nationalen Verlagsanstalt in Regensburg erscheinen und gewiß auch von den deutschen Katholiken mit großem Interesse erwartet gelesen werden. Hammer Phil., Sieben Predigten über des Menschen Ziel und Ende und letzten Dinge. 8°. XII -t- 208 SS. Fulda, Aktien- druckerei 1696. (II.) s Obgleich es wirklich Luxus ist, diese Gattung von Litteratur, womit wir bereits überschwemmt sind, noch zu vermehren, wurden doch Hammer's Predigten vor drei Jahren , sehr wohlwollend von der Kritik aufgenommen. Sie sind in der That auch über den Dnrch- schnittswerth solcher Bücher hinausgehend; sie wirken auf das Gemüth, belehren und unterhalten durch die große Fülle geschichtlicher Anspielungen. Poetische Citate sind gar zu zahlreich; wozu taugt (S. 177) Goethe's „Kennst du das Land, wo die Citronen blühst:?"! Auch sollte man Angaben vermeiden, welche der historischen Kritik nicht Stand halten. Das Allerlei ist überhaupt etwas zu üppig, stört dre Einheit des Gedankens und macht die Sache für den Leser zu zerfahren. Im mündlichen Vortrag mag es besser wirken, als es sich liest. Daß die Predigten, als ste gehalten wurden, unterstützt durch die gewaltigen oratorischen Mittel des Redners und Verfassers, einen ungeheueren Beifall fanden, ist durch gleichzeitige Zeitungsberichte bestätigt. Festschrift zum 1100jährigen Jubiläum des deutschen Campo Santo in Rom. Herausgegeben von Dr. Stephan Ehses. Verlag von Herder-Freiburg. Preis 12 Mk. Der 1100 jährige Bestand des deutschen Campo Santo hat erfreulichen Anlaß gegeben zu der vortrefflichen wissenschaftlichen Edition, welche vorstehend angezeigt ist. Sie ist dem hochverdienten Rector Dr. de Waal gewidmet, der durch die Gründung eines Kollegiums am Campo Santo al Vaticcme bereits zahlreichen deutschen Theologen die Möglichkeit geschaffen hat, für ihre wissen- chastlichcn Arbeiten in Rom ein paffendes Heini zu finden, das ihnen zugleich eine stattliche Bibliothek und reiche Anregung durch persönlichen Verkehr bietet. Der Heraus- geber Or. Ehses, sowie die übrigen Mitarbeiter haben die Wohlthat dieser de Waal'schen Gründung genossen, und so war es ein recht sinniger Gedanke, das 1100 jährige -subilaum der Campo-Santo-Stiftnng auch durch eine Festschrift zu feiern, in welcher ältere und jüngere Gäste des Collegiums (theilweise auch dem Laienstand ungehörig) wissenschaftliche Arbeiten niederlegten. Es sind die HH. Mbers, Baumgarten, Ebner, Ehrhard, Ehses, Endres, Dübel. Glasschröder, Grisar, Hackenberg, Jelic, Kaufmann, Kirsch, Merkle, Miller, Pieper, Reichert, Sauer, Sauer- And, 'Röllecht, Schmid, Schnitzer, Schwarz, Stopper, llnkel, Wehofer. Die Arbeiten sind meist dem kirchen- historischen oder christlich-archäologischen Gebiete entnommen. Die Ausstattung des Werkes, dem auch 2 Tafeln und 12 Abbildungen im Text beigefügt sind, ist vorzüglich. Münchner anihropolVgische Gesellschaft. ' München. 29. Jan. Der Vorsitzende Professor Dr. I. Ranke eröffnet die Sitzung mit der Proklamirnng von drei neuen Mitgliedern. Er ersucht dann um Genehmigung zur nachträglichen Ernennung der Herren Dr. G. Näcke, -Oberarzt, Hubertusburg, und Lindenschmit (Sohn), Vorstand des römisch-german. Centralmuseums, Mainz, die bei den Ernennungen beim 25jähr. Jubiläum am 16. März 1898 leider übersehen worden sind. Hierauf legt er das neueste Werk des 81 jähr. Dr. F. Tappeiner in Meran „Der europäische Mensch und die Tiroler" vor. Tappeiner hat sich noch in seinem hohen Alter der Mühe unterzogen, in den verschiedenen Museen Deutschlands die Mongolenschädel zu untersuchen. Er kam zu dem Resultate, daß die breiten Tirolerschädel mit den breiten Schädeln der Mongolen gar nichts zu thun haben. Dr. I. Ranke ist erfreut, daß Tappeiner dieses Werk ihm gewidmet hat. Ferner drängt es ihn, mitzutheilen, daß sein Sohn Dr. Karl Ranke am Samstag den 30. Januar von seiner Expedition nach den Quellflüssen des Schingu in Brasilien, wem: auch blessirt (er hat das linke Auge verloren), in München wieder eintrifft. Das Wort erhält dann Hr. kgl. Bauamtmann Jnama von Sternegg-Lands- hut zu seinem Vortrag: „Bericht über die neuen Ausgrabungen des römischen Äbusina bei Einstig". Es sind bis jetzt 4 Gebäude außerhalb des Lagers ausgegrasten, theils Wohnhäuser, theils Badehäuser mit verhältnismäßig gut erhaltenen Heizungsanlagen (sog.Hypokaustenanlagen). Außerdem ist auch die Lage des Lagers mit einem schöngelegenen Prätorium festgestellt. Das Prätorium ist nicht ivie sonst in der Mitte, sondern an einer Ecke des Lagers. Es fanden sich Münzen bis in die Zeit Theo- dosius des Großen. An der Diskitssion betheiligten sich die Herren Thiersch, Oberhummer. Kurtwängler, Schmid. Hieran schloß sich der Vortrag des Herrn Hauptmanns L>. Arnold: .Kulturgeschichtliches aus dein römischen Bayern, insbesondere vorn Lxereitns Lastioiw". Bis Kaiser Hadrian bestand das rhätische Heer nurausHilfs- truppen, dann kam die DoZäo m Italic», die aus circa 3000 und 12,000 Mann Fußtruppen bestand, dazu kam noch der Landsturm und die Grenzmiliz. Das römische Heer diente auch friedlichen Zwecken. Es wurde verwendet bei Bauten jeder Art, bei den Bergwerken u. s. w. Redner schildert sodann die allmähliche Entstehung von Niederlassungen bei den festen Lagern. Anfangs bestand die I-sAio Italic» wohl größtentheils aus italischen Soldaten, allmählig aber bekamen die Rhäter das Uebergewicht, zu denen Soldaten aus allen Theilen des römischen Reiches kamen. An das römische Heer erinnert uns jetzt noch unser Straßennetz, wenigstens in seinen Hauptzügen, sowie bedeutende Städte und Dörfer, die aus den Ansiedlungen bei den Lagern hervorgegangen sind. Theilweise weisen oft nur noch die Namen in die Römerzeit zurück. Indem der Vorsitzende den beiden Vortragenden dankt, schließt er die Versammlung. * „Zur Warnung vor grober Täuschung" erhebt Hr. Dr. Hülskamp in Nr. 20 des ,,Liter. Hand- weisers Protest gegen die Reclame, welche die „Nationale Verlagsanstalt" zu Gunsten der 4. Auflage ihrer „Real- encyclopädie" in jüngster Zeit wieder mit einer verjährten Empfehlung macht, die Hr. Dr. Hülskamp vor 24 Jahren abgab, und die niemals der „neuesten vierten Auflage", sondern der damals vollendeten und für ihre Zeit recht guten dritten Auflage galt. Die „neueste Auflage" die übrigens auch schor: 7—17 Jahre alt ist, hat schon inr Jahre 1880 zu einer Auseinandersetzung zwischen Herrn Dr. Hülskamp und dem damaligen Besitzer der Firma Manz geführt und hat Dr. Hülskamp damals schon betont, daß durch eine viel zu weitgehende Benützung der alten Stereotyp-Platten die neue Auflage des Werkes nicht entfernt den Anforderungen der Gegenwart entspreche. Um so weniger läßt sich heute die Bezugnahme, der Verlagsanstalt auf eine Empfehlung vom 20. Juli 1873 (!)' rechtfertigen. Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Justituis von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 8. Wage M Sügzüarger 13. Felir. 1897. Joseph Ruederer, der — erste bayerische Dichter. Von Gymnasiallehrer Coel. Schmid in München. In verschiedenen Dezember-Nummern der Beilage zur „Augsburger Postzeitung" sind tiefschauende Ausführungen über das Dreigestirn Jbsen-Sudermann-Haupt- manu erschienen. Ein Artikel der in Wien von Hermann Bahr herausgegebenen Zeitschrift „Die Zeit" (1897 Nr. 120) veranlaßt mich, als aufmerksamen Beobachter der „modernen" Erscheinungen, dazu eine Ergänzung nach anderer Richtung zu geben. Der besagte Artikel, der mich geradezu verblüffte, ist überschrieben: „Joseph Ruederer". Der Münchner Jos. Ruederer, allerdings, im vorhinein gesagt, ein nn- bezweifelbarcs lyrisch-dramatisches Talent, hat vor einigen Jahren einen Roman erscheinen lassen unter dein Titel „Ein Verrückter! Kampf und Ende eines Lehrers". Kurz darauf muß er auch das Bauernstück „Fahnenweihe" fertig gehabt Haben, mit dem er jedoch ziemlich lange Zeit vergeblich an allen Theatern anklopfte, bis dasselbe neulich in dem nengegründeteu Berliner „Theater des Westens" mit ziemlich durchschlagendem Erfolg aufgeführt wurde. Seitdem hat er auch schon wieder ein Novctlen- buch „Tragikomödie" erscheinen lassen, größtentheils Motive aus den bayerischen Bergen behandelnd. Der Artikel der „Zeit", Dr. Poppenberg-Bcrliu unterschrieben, bringt nun im Rahmen von dionysisch begeisterten, qualmigen Bcweihräucheruugeu auch folgende zwei lapidare Aufstellungen. Erstens soll Joseph Ruederer der Mann sein, der gleichsam Anzengruber, G. Keller — und Boeckliu zu intensiver Einheit sammeln und so, wohl recht bald, die langgesuchte hohe Tragikomödie, zu der ja auch unterdessen der Berliner moderne Gründer Schlaf einen wuchtigen Ansatz gemacht, liefern könnte. Fürs zweite soll er „tief in seiner eigenen Stammesart wurzeln und sie künstlerisch und wahr zur Erscheinung bringen"; und so soll denn auch „durch sein Werk mit eins das Bayernthum, kraftvoll anschaulich, litcrarisch in Erscheinung treten". Das erste bedeutet nach meiner Anschauung eine literarische Kurzsichtigkeit, dje alle Zeit- und Naturgesetze verkennt. Gegen das zweite kann nicht bestimmt und entrüstet genug protestirt werden. Und will man den zwischen den Zeilen zu lesenden Schluß aus diesen beiden Prämissen ziehen, daß allenfalls das Altbayernthnm berufen sein könnte, die große Tragikomödie der Zeit (oder wohl überhaupt?) zu liefern, so würde das, allem zu Trotz, erst recht heißen, Zeit und Bayernthum verkennen. Ein großes Verdienst haben, wie es auch Poppen- berg andeutet, Ruedcrer's Schöpfungen: er hat das andere Extrem zu der „Lampen- und Kulissenwelt" der Gang- hofer und Schmid und zu der noch unseligeren Schlier- seer Speculationsmache herausgetrieben. Da jedes bedeutende Resultat der Naturgesetze sowie des künstlerischen Schaffens aus dem Kämpfe zweier Extreme entspringen und denselben vermittelnd lösen muß, so könnte mit den „Werken" Ruedcrer's eine erste, grundlegende Vorbedingung gegeben sein, die zu wahr abgewogenen dramatischen Wesensbildern, wenigstens des bayerischen Oberlandes, führte. Hie verlogen tdcalisirende Combinirnng der bayerischen Vorlands- typcn einerseits (doch meistens an die nächste Vergangenheit anknüpfend) und specnlatioussüchtige Verhetzung eines hohl gewordenen Jndustriebauernthums andererseits, hie zäher, derber Grundschlamm eines in vielfachen Reibungen mit der nahen Hochcnlturwelt atomisirtcn, in sich verrohten oder verseuchten Volksthums. Aber auch diese neuen, vermittelnden Schöpfungen könnten als wahres Lebensprincip nur die Abwägung zwischen den beiden schlimmen Factoren haben. Gesunde Volkskunst, gar gesunde bajuvarische Volkskunst wird da kaum mehr zu schöpfen sein: je mehr man das wollte, umsomchr müßte man mit Suchen nach Motiven und Volksthum nach den noch vereinsamten, unentweihtcn Gegenden zwischen den Vorlandsmooren bis hinab zur mittleren Donau und den böhmisch-bayerischen Waldbergen gehen. Da wäre freilich für liebevoll eingehende Kenner noch Stoff genug für Volksdramatik zu finden. Aber auch hier muß der Gedanke an die hohe Tragikomödie himmelweit fernliegen. Vorher müßte dem bayerischen Volksstamm, der in seiner großen Entwicklung, trotz mancher epigrammatischen und kraftmimischen Leistung von heute, mit der großen mittelalterlichen Epopöe stecken geblieben ist, wenigstens die leiseste Ahnung von der tragischen Gewalt jener Epik wieder aufdämmern. Und da wiederum müßte natürlich vorher wenigstens ein Theil der Gebildeten, der zum Volk vermittelnd stände, einigermaßen begriffen haben. Wie soll man sonst eine die Tragik überwindende Tragikomödie von den Altbaycrn erwarten können? Jedermann sieht : wie die Prämisse, so bedeutet auch der Schluß einstweilen eine Absurdität. Es müßten vielleicht erschütternd, große, elementarische Dinge kommen, um das verschüttete und verträumte Bayernthum gar zu solchen literarischen Weiterentwicklungen aufrütteln zu können. Und vorher müßte der Durchschnitt unserer Gebildeten vor allein eine von der jetzigen wesentlich verschiedene Stellung zu Volk und Volksthum, zu Volksintercsse und geschichtlicher Anschauung einnehmen. Man braucht nur an das Schicksal der leider auch mit mancher Mache verbundenen historischen Aufführungen in Kraiburg (Ludwig der Bayer von Martin Greif) zu denken, um all das zunächst ins Fabelland der Träumerei verweisen zu müssen. Und doch soll ein Bayer, und zwar der Münchner Jos. Ruederer, der allerdings auch früher vielfach unter den Bauern gelebt haben soll, in Bälde berufen sein, gerade aus seiner bayerischen Eigenart heraus berufen sein, die höchsten Wünsche unserer sehr voreiligen Zeit erfüllen zu können. Eigentlich ein von Berlin aus ungewohntes, fast verblüffendes Kompliment für Bayern! Doch sehen wir zu, wie es sich des genaueren damit verhält! Nach meinen Informationen behandelt „Ein Verrückter" ein direkt lokales Motiv aus Farchant bei Gar- misch-Parteukirchen, wo sich Herr Ruederer mit Halbe, dem Dichter der „Jugend", zusammen viel aufhält. Die Fahnenweihe aber würde in einem benachbarten Markt, ebenfalls mit direkt lokalen Anspielungen und Motiven, spielen. Durch den Roman „Ein Verrückter" scheint sich Jos. Ruederer zu einem der Hochsitze der Münchner „Modernen", in deren Kreis er gewöhnlich verkehrt und bei deren einem Verein („Die Nebenregierung") er Vorsitzender ist, aufgeschwungen zu haben. Durch den sattsam bekannten Albert-München kam er in die Literatur. Mit der „Fahnenweihe" aber erlebte er nach eigenem Ausspruch eine ganze Komödie. Selbst Meßthaler scheint den Plan, die „Fahnenweihe" in seine Sammlung „Modernes Theater"' aufzunehmen, fallen gelassen zu haben, so un- 58 möglich mich manche andere Stücke seiner Sammlung sind. Sicher fignrirte das Stück nicht anf dem Repertoire- programm des „Deutschen Theaters" in München, in das doch selbst Panizza aufgenommen wurde. Sollte die „Fahnenweihe" selbst diese Leute geschreckt haben? Ich für meine Person wenigstens hörte, bevor ich das Stück noch selber kennen gelernt, von verschiedener, höchst freisinniger Seite Urtheile über dasselbe, die es überhaupt unmöglich erscheinen ließen, daß es zur Ausführung gelangen könne. Endlich erscholl, für den ersten Augenblick verblüffend, das Siegesgcschmcttcr von Berlin her: Jos. Rncderer war sogar mit einem Schlag znm ersten Saisonautor am Theater des Westens geworden. Und darauf die Dithyramben des Herrn Dr. Poppcnberg in der jndeugencigten, Decadence fördernden Wiener „Zeit", die aber auch für die moderne Wiener Bewegung entscheidend ist! „Ein Verrückter" und „Fahnenweihe" beruhen anf dem gemeinsamen Kunstprincip, ein winzig kleines Stück Erde und primitive Lcbenscultur in den Schmclzticgel zu nehmen, mit verschiedenen Reagentien zu vermischen, sodann das sonderbare Gebräu brodeln und seine Jchcultnr- triinme daraus aufsteigen zu lassen. In der ersten Schöpfung sind beide Parteien, sowohl der Lehrer als seine Widersacher, schuldig; in der „Fahnenweihe", anf deren Figuren man manchorts mit Fingern deuten können soll, gibt es erst recht keine Personen-Gestaltung, die einen Rest von Positivem, Lösendem hätte. Alles ist gleich, von dem kleinen, cholerisch vergrolltcn und verkümmerten Sub- alternbeamteii bis hinauf zu Pfarrer und Bürgermeister: und alles muß so sein. Nirgends hat jemand Recht oder bedeutet etwas wie ein charaktervoll in sich Geschlossenes, von positivem Wirken Beseeltes: und das muß so sein. Und zwar muß das alles so sein, weil Jos. Nuederer alle Qualitäten hat, in Bälde vom bayerischen Volksthum aus die große Tragikomödie liefern zu können: „Bergsteiger mit kühlem Blut, haarscharfer Sicherheit, überlegter Ruhe; ein wagmnthiger Werber um die Gefahr mit trotziger Zähigkeit und straffer Spannkraft; ein Mensch voll lebenden Gefühles, im Innersten erregt und aufgewühlt, durchschüttert im stillen Zimmer von den schwellenden Wogen der Meistersinger (Oper) oder den unendlich sich ergießenden und fließenden Melodicnwellen des Tristan, voll starker, heißer Herzcnsehrlichkcit und zähen Temperamentes, das nur mühsam sich im Zaum hält und mit starken Banernfäustcn auf den Tisch schlägt, daß die Zahmen und Verbindlichen zusammenfahren." So Poppenbcrg. krodaturn est! Nun haben wir's also! Ein Stück scheinbar primitiver Lokalgeschichte, nicht aus dem culturfremdcn, einsamen Norwegen, aus dem in die Natur versinkenden oder zu jäher, ungelöster Zwcifclfrage sich erhebenden Norwegen des Henrik Ibsen, sondern aus Farchant und nächster Umgebung» seit ziemlich langer Zeit vom großstädtischen, bald auch vom preußischen und jüdischen Touristen- und Sommcrsrischlerschlamm übcrwälzt: aber nach der Methode des Henrik Ibsen anf chronische Elemente und Reactionen geprüft, mit dem Schcidcwasscr des modernen Hochzwcifcls, der modernen Jnsichsclbsihcrrlichkcit übergössen. Tristan — Farchant sammt Umgebung — der „Moderne" Joseph Nuederer: und die hohe Tragikomödie aus echter, unverfälscht bayerischer Nationalität! Dazu noch etwas Poppcnberg: und die wirkliche Komödie ist fertig! Jede Reaction anf ein Extrem ist berechtigt, wird aber auch ihrerseits, soll sie wirtlich natürlich und gcsctz- entsprcchcnd sein, wieder ins Extrem fallen. Von diesem, aber auch nur von diesem abstrakten Standpunkt aus, der natürlich noch lange nicht auch eine Anerkennung verbissener Tendcnziösität in sich schließt, kann mau den Roman „Ein Verrückter" als verdienstliche That eines, wenn auch erst abzuklärenden, so doch zu berücksichtigenden Talentes gelten lassen. Das dramatische Wescnsbild „Fahnenweihe" aber als erster Versuch zu einer Tagikomödie ist lächerliche Uebcrhcbnng und brutale Mache. Gut, wenn der Verfasser, wie auch Poppcnberg andeutet, alle ausländischen Anlehnungen, mit Ausnahme der idealen Beziehungen Zu Anzengrnber, Keller und—Boccklin, ermangelt; in Herrn Ruedcrer's „kraftvoller Persönlichkeit" erlaube ich mir aber zunächst eine noch ungesundere Steigerung der ungesunden berlinisch- ostelbischcn Literatnrbcwcgung zu sehen, die in brutal voreiliger, alle tieferen Zeit- und Wcltgesctze mißkennender Weise mit allem Heiligen, mit allem Schauerlichen tändelt und am liebsten alle Sterne des Himmels auf einmal herabholen möchte — für das eigene RnhmeSdiadem als Schmuck. Auf jene Weise könnte man ja auch — ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht schon geschehen ist — den „prometheischen Denker", den Pfälzer Lndw. Scharf, mit seiner stellenweise geradezu scheußlichen Dichtung als künftiges Ideal der alemannischen oder, wenn man will, der rheinfränkischen Jndividualitätscnltnr hinstellen. Thatsächlich haben Beide gemeinsam das von Pappen- berg so sehr, und zwar jedenfalls in lobender Absicht, Betonte: den leidenschaftlichen Haß gegen die „Pfaffen", der sich bei Nuederer dann in den späteren Schöpfungen in romanisch pikanter Auffassung zu wcltiibcrwiudender, humoristischer Ironie abgeklärt haben soll. Durch seinen heiß verbissenen Kampfruf gegen die „Pfaffen" ist ja in der letzten Zeit auch der fast verschollene Tiroler Gilm, manchmal sogar mit dem Prädikat eines zweiten Walther von der Vogelweide, so sehr in Mode und Verehrung gekommen. Den thatsächlichen Schlüssel zu den beiden großen Süddeutschen Scharf und Nuederer, die man sich dann dvrch Hans v. Gumppeubcrg und Conrad zu einem erhabenen Quadrat ergänzt denken mag, gibt der ebenfalls große Panizza (siehe seinen „Abschied an München") ir einem Aufsatz „Variota" der „Gesellschaft", des moderne? Centralorgans. Er preist darin die in der schöne» Literatur am konsequentesten von dem Dentsch-Amerikanei Wedckind gepflogene Art der Dichtung, die den alten englischen Clown in der Lyrik wieder erstehen läßt, den genialen Lyriker selbst zum Clown macht, der mit dem Heiligsten und Nothwendigsten gebrochen und nun hierüber unter barocken Bockspriingcn, das Gesicht mit leichen- blasser Schminkkreide verschmiert, seine trüben, lachreizendcn Späße macht. Man fängt in Berlin über Bayern auch litcrarisch sonderbar zu denken an. Hans von Gumppenbcrg ist schon in Berlin: hole und behalte man dort lieber auch noch den Jos. Nuederer! Wir haben, wenn auch einige Filialen der nordost- deutschen Decadence (siehe den Artikel Decadence von Bartcls in „Kunstwort" Jan. 97) in München und sonst einzeln verstreut, so doch gottlob noch kein national- bayerisches Verfallzeitlerthnm. Wenn sich auch manche Kruste und mancher Schleier über bayerisches und bajnvarisches Volksthum und Nationalgefühl gezogen, so braucht man noch lauge nicht zu erwarten, daß das immer so bleiben wird. Um zu verstehen, wie sich dann das erwachende Bayernthnm manifeststen könnte, lese man gefälligst wieder einmal die großen Auffassungen eines Goerrcs und Deutinger, die neulich erschienene „Dnlcamara" des Paul Garin (Regensburg, Wnnderling) und nicht minder den mitteldeutschen Protestanten Richl („Land und Leute") nach! Santiago de Cvmpostela im Jubeljahr 1897. (Fortsetzung.) Als Papst Calixtus II. im Jahre 1120 die hohe Bedeutung, welche Compostela durch die Wallfahrten gewonnen hatte, wahrnahm, erhob er die dortige Kathedrale zur Mctropolitaukirche als Erbin der Jurisdiction von Mörida. Derselbe Papst gewährte im Jahre 1122 das Jubiläum des heiligen Jahres, welches seine Nachfolger Engen III., Anastasius IV. und Alexander III. bestätigten. Die Bulle des letzteren ist am 25. Juni 1179 ausgefertigt. (Es folgt nun im Original der Wortlaut der Bulle.) Vom Jahre 1130 bis 1181 wurde für die Santiago- Pilger in Leon ein Kloster mit Hospiz zum hl. Markus errichtet.') So groß war der Ruf des Heiligthums des Apostels, daß selbst Könige es für eine hohe Ehre hielten, wenn ihre Leiber in dieser Kathedralkirche nach dem Erdenleben ruhen durften; und so gab z. B. der Bischof Peter Elias von Le6n das Geleite nach Santiago den irdischen Ueber- resten der Kaiserin °) Dona Berenguela, der Gemahlin des Königs Alphons VII., die ihr Grab in der Religuien- Kapelle hat. Da es der Wunsch des Erzbischofes Peter Raimund von Santiago war, da); die gottesdienstlichcn Verrichtungen in einer so berühmten Kirche mit möglichst großer Feierlichkeit stattfinden, so verordnete er, daß dem Ma- tutinum auf das Fest des hl. Apostels und auf den Tag der Uebertragung seiner Reliquien alle Aebte und Prioren der Stadt und Diöcese beiwohnen sollten. Im 13. Jahrhundert fand ein solcher Andrang von Pilgern aus allen Weltgegenden statt zum „glorreichsten unter den Gräbern der Heiligen aller Völker der Erde" (um mit dem hl. Bouaveiitura zu reden), daß die vierzehn Thore der Kathedrale Tag und Nacht von der Menge der aus- und einströmenden Pilger dicht versperrt waren. Aus dieser Zeit stammt ohne Zweifel der gegen Ende des '') Leön in Alttastilien gehört zu den durch Geschichte und Kunst gleich merkwürdigen alten Königsstädten Spaniens. Das Interessanteste und Schönste von Leön ist sein an Zierlichkeit und Leichtigkeit unübertroffener gothischer Dom („I-sön en KsntilsLg"). Die zweite Merkwürdigkeit dieser Stadt ist die alte Abteikirchc des hl. Jsidor von Sevilla (1636), dessen Gebeine dort rächen und der nächst Jimencs der gefeiertste Bischof Spaniens ist. In der gleichen Kirche sind die Grabstätten der Könige von Leon und Leün-Castilien. Der dritte Monumentalbau von Leon ist das im vorliegenden Hirtenbrief genannte Pilgerhospiz Sän Marcos. Es liegt am Ufer der Veresga und fesselt den Blick durch eine wunderschöne Fa?ade, deren Hauptschmuck in Stein gemeißelte, auf die Pilgerfahrt nach Santiago sich beziehende Muscheln sind. Neben Uclcs war Sän Marcos einer der Hauptsihe des berühmten Ritterordens von Santiago de Compostela, dessen ursprünglicher Zweck war, die Pilger, welche nach Com- postcla wallfahrteten, zu beherbergen und gegen die Angriffe der Sarazenen zu beschützen. Die Stürme der Revolution vertrieben die Santiago-Ritter aus ihrem viel- hundertjährigeu Besitzthum Sän Marcos. Im Jahre 1859, als wieder ruhigere Zeiten für die Kirche in Spanien anbrachen, durften Jesuiten das Gebäude beziehen, mußten es aber später (1868) wieder verlassen. Jetzt werden die Räume des prächtigen Baues theüweise als Provinzial- museum verwendet. ') Der durch seine glänzenden Siege über die Mauren zu großer Berühmtheit gelangte Alphons VII.. .König von Leon und Kastilien, berief im Jahre 1135 die Großen seines Reiches nach Leon und ließ sich hier — mit dem Königstitel nicht mehr zufrieden — zum Kaiser krönen. Jahrhunderts nachweisbare Gebrauch des großen Rauchfasses (Lotakuwsiro),") das den Zweck hatte, die durch so riesige Menschenansammlung verdorbene Luft des Tempels zu reinigen. In den alten Cvnstitutioneu der Kirche findet mau Beschlüsse, welche der Erzbischof Johann Arias (1231 bis 1266) und das Metropolitankapitel ini Anschluß an altehrwürdiges Herkommen hinsichtlich der Ncliquicnverehruug in Santiago faßten. Diese Beschlüsse gebe«; einen werteren Nachweis von der unermeßlichen Zahl der Pilger und von der Aufrechterhaltung der Ordnung am Altar des heil. Apostels. „Zu Fuß und mit dem Stab in der Hand rief die Altarwache und ein Kleriker die frommen Wallfahrer nach Nationen und in ihrer Muttersprache herbei. Darauf sammelten sich diese, um die Ablässe zu gewinnen, um das Presbyterium, und wurden zum Zeichen mit dem Stäbe") leicht an der Schulter berührt. Alsdann sprach ein Priester die Absolutionsformel, indem die Nationalgruppen der Reihe nach vorgerufen wurden; dann betete er zum Apostel gewendet:") „Nimm wohl auf. heiliger Jakobus, den Donner, den Donner des Gebetes." Nach Schluß des Morgenofficiums traten die Pilger an den Altar des Apostels, wo sie ihre Opfergaben niederlegten; darauf bezeigten sie der Kette, womit die Juden unsern hl. Patron gefesselt hatten, ihre Verehrung und gingen dann zu den übrigen Stationen. „Wenn die Krone des Apostels, besagt ein Artikel jener Satzungen, sich auf dem Altar befindet, dann treten die Deutschen vor, um ihre Gaben bei der Krone, dann bei der Kette und zuletzt beim Bau- Opferkasten zu entrichten." ... Am 21. April 1211 wurde der herrliche Tempel vom Erzbischof Peter Muniz eingeweiht. Auf Geheiß des Königs Ferdinand III. des Heiligen ") von Kastilien und Leon brachten im Jahre 1236 maurische Kriegsgefangene auf ihren Schultern in die Basilika nach Santiago dieselben Glocken, welche 239 Jahre vorher gefangene Christen auf Befehl Almanzors nach Cördoba auf ihren Schultern gebracht hatten. Die hl. Elisabeth, Königin von Portugal, machte zweimal (1325 und 1335) die Wallfahrt nach Compostela und ließ dort kostbare Geschenke zurück. — Im Jahre 1340 nahm Erzbischof Martin Ferdinand Gres an der Schlacht am Salado theil.") Seit jener Zeit brennen fortwährend °) An Festen ersten Ranges ist das Lotstumeiro noch heutigen Tags in der Basilika des hl. Jakobus in Gebrauch. Es wird mittels eines in der mächtigen Vierungs- kuppel zwischen dem Domherruchor und dem Presbyterium angebrachten Mechanismus geschwungen. Zu anderen Zeiten wird „der König der Rauchfässer" (sl rsv äs los iiwsiisarios) oder „das große, einzigartig in der Welt bestehende Rauchfaß" (e! Kran inoonsario, nnico en la oristianiäact), wie unser Führer es mit Stolz nannte, im Bibliotheksaal des Metropolitaukapitels aufbewahrt. Es gibt in der That kaum anderswo auf dem Erdkreis ein größeres Rauchfaß: bei einer Höhe von 1 m 45 om und eurem Durchmesser von 60 am beträgt sein Gewicht 60 IiKr. — Wenn uns das „große Rauchfaß" als überflüssige, unwürdige Spielerei erscheint, an der das kindliche Mittelalter keinen Airstoß genommen, so sei daran erinnert, daß auch die Aesthetik moderner Frömmigkeit Geschmacksverirrungen ausweist, die viel ärger sind, z. B. die Moustre- Monstranzen, die eine Spezialität eucharistischer Vereine sein sollen. ") Dies geschah von dem Altarwächter und vom Kleriker. ") Die Worte des Gebetes spielen offenbar aus Marc. 3, 17 an; dort wird erzählt, daß Christus der Herr den beiden Söhnen des Zebedäus, Jakobus und Johannes, den Beinamen «->«»--(>7x5 (— Donnersöhne) gegeben hat. — Die obige Anrufung lautet in der Mundart der Galizier (OalleKos): „Ls tom a atrom, 8an Otama! s, atrom cks labro!" ") Ferdinand der Heilige (1218—1252), ein vom spanischen Volk hochverehrter Fürst, war der Erbe von Eör- doba und Sevilla; seine Gebeine ruhen in silbernem Schreine im Dome zu Sevilla. ") Die große Schlacht führt ihren Namen nach dem Flüßchen Salado in Südaudalusien. Die Siegesbeute der Christen war so groß. daß der Geldeswerth daraufhin um ein Sechstel fiel. Drei Stunden im Umkreis soll die Erde 60 Tag und Nacht vier Kerzen am Hochaltar der Basilika von Compostela, und zwar auf Grund einer Stiftung des Königs Alphons XI., der den Sieg in jener Schlacht der Fürbitte des hl. Apostels zuschrieb. Nach dem Zeugnisse des Geschichtschreibers Gil Gon- Mez d'Avila waren im Jahre 1643 unter den Nationen, die nach Compostela pilgerten, vertreten: Spanier, Franzosen. Italiener, Deutsche, Engländer. Schotten, Jrländer, Polen, Russen, Slovenen, Ungarn, sowie auch asiatische Stämme. In der Sitzung vom 3. Dez. 1666 verordnete das Metro- politankapitel, daß in der „Kapelle des Königs von Frankreich" woselbst den Pilgern gewöhnlich die hl. Kommunion gereicht wird, stets zwei Fackeln brennen sollen, um das AÜerheiligste zu begleiten, wenn es, wie bei großem Pilgerandrang, z. B. im Jubeljahre, nöthig ist. die hl. Kommunion im Schiffe äs la Solsäaä oder gar aus dem Platze Quintana") zu spenden. Im „heiligen Jahre" 1766 ordnete das Kapitel die Ausstellung von Altären im Kreuzgange an, um den Priestern die Feier der hl. Messe und der hl. Kommunion reichlicher zu ermöglichen. Im Jahre 1794 schrieb der Dombaumeister Michael Ferro, der Zudrang der Pilger sei so groß, daß an Festtagen kaum zwei Ärittheile der Andächtigen in der Kirche Platz hätten, die Einheimischen ganz abgerechnet. In den letzten sechs Tagen des Dezembers vom Jahre 1875 wurden in der Kommnmonkapelle der Kathedrale über 30,000 Kommunionen ausgetheilt, meist nur an fremde Pilger, und die hl. Kommunion wurde noch Abends um 6 und 7 Uhr. ja noch später, enipfangen. Wir können nicht umhin, einige gefeierte Namen von Santiago-Pilgern anzuführen. An erster Stelle erwähnen wir den hl. Franz von AM, den hl. Dominikns, den hl. Vinzenz Ferreri. den hl. Thuribius von Mogrovejo, die hl. Elisabeth, Königin von Portugal, die hl. Brigitta. Auch der regierenden Fürsten verschiedener Länder wollen wir nicht vergessen: die meisten, um nicht zu sagen alle, Könige von Le6n und Castilien pilgerten nach Santiago, Ferdinand und Jsabella, Philipp der Schöne und Johanna die Wahnsinnige, Katharina von Arragonien, Kömgin von England"), Karl V., Philipp II.. Philipp III., Jsabella II.. Alphons XII., sowie endlich auch Ihre Majestät Dona Maria Christina, die Königin-Regentin des Reiches. Zum Besuche der Reliquien des hl. Apostels tarnen auch viele Fürsten aus Frankreich und England, aus Portugal und anderen Königreichen. Unmöglich ist es uns, alle durch Wissenschaft, Gelehrsamkeit, Tapferkeit und hervorragende Stellung ausgezeichneten Personen aufzuzählen, die nach Compostela pilgerten; nur zwei Heldm dürfen wir nicht übergehen, den Cid Campeador im II. Jahrhundert und den „großen Feldherrn" (Oran vapitLu) Gonzalo Fernande; de Cördoba im 16. Jahrhundert. Schon aus dieser flüchtigen Umschau begreift es sich leicht, wie die stete Zunahme der Andacht zum hl. Apostel in allen Theilen der Christenheit unzählige Pilger zum Besuche seiner hl. Reliquien herbeilockte, und ivie diese Wallfahrten den römischen Päpsten Veranlassung gaben. mit Leichen bedeckt gewesen sein. Als der damalige Papst Bcnedikt XII. vom siegreichen König Alphons XI. die Ehrengaben mit dem von ihm dereinst geweihten Banner erhielt, stimmte er begeistert den bekannten Kircheuhymnus -Vexilla rsAis proäsunt" an, und Tarisende stimmten ein. Den König aber verglich er beim feierlichen Dankgottesdienst mit David. Vgl. Weiß, a. a. O. VI, 537. ") Der an die Kathedrale anschließende Platz heißt tzuintaua äs Nusitos, denn er war in früheren Zeiten die zur Basilika gehörende Begräbnißstätte. Jede Großstadt könnte auf diesen herrlichen Platz, den schönsten von Santiago, stolz sein. In diesem Jahrhundert erhielt er auch den Beinamen „t)uiiitaim äs lo,-- Uitsrsrio8" zum Gedächtniß an das aus „Studenten" der Universität Santiago gegen die napolconischen Heere gebildete Freiwillchencorps. Katharina (6e.ta1iua) von Arragonien, die lungste Tochter Jsabella's und des Königs Ferdinand, ist in der l ef-hichte nicht wc-niger ob ihrer Tugenden, als auch wegen ihre traurigen Geschickes bekannt; sie war die Gemahlin des wohllüftigen Tyrannen Heinrich VIII. von England. im Jubiläum des hl. Jahres ein ganz einzigartiges Privilegium zu gewähren, das seinerseits wieder die Pilgerfahrten mächtig förderte und den Ruhm des „Jerusalem des Abendlandes" von Tag zu Tag erhöhte. Unseren Tagen war es vorbehalten, daß der glückliche Fund der Reliquien des hl. Apostels und feiner beiden Schüler Athanasius und Theodor der ruhmreichen Geschichte des Heiligthums und der Pilgerfahrten nach Compostela ein unvergängliches Wahrzeichen ausdrückte und neuerdings eine mächtige Anspornung bot, daß Gläubige aus der ganzen katholischen Welt mit erneutem Eifer zum Besuche des ruhmvollen Grabes und des kostbaren Schreines herbeieilen, der nunmehr die heiligen Ueberreste des erhabenen Patrons von Spanien in sich birgt. Eine besondere Cardinalscougregation hat die Echtheit der Reliquien erklärt, die un Centrum der Absis unserer Metropolitankirche nicht weit vom ursprünglichen Aufbewahrungsorte gefunden wurden. Der Heilige Vater Papst Leo XIII. hat sich nicht damit begnügt, das Dekret dieser Cardinalscougregation zu bestätigen, sondern er hat am 1. November 1884 eigens eine Bulle „Heus omuixotsns" erlassen, in der wir nicht nur einen Akt der vom Statthalter Christi geübten Vollgemalt verehren, sondern auch ein historisches Denkmal von unschätzbarem Werthe besitzen, da diese Bulle Alles- was sich auf die Geschichte des hl. Apostels und seiner Reliquien bezieht, zusammenfaßt, und somit die, welche unseren wahlberechtigten Ruhm gehässig verkleinern wollen, nothwendig zum Schweigen zwingt. In dieser päpstlichen Bulle geschieht bereits der ältesten Wallfahrten zum Grabe des hl. Apostels Erwähnung: „Seit Wiederherstellung der Ruhe (nach den Christenverfolgungen durch die römischen Kaiser) verbreitete sich die Kunde von der Uebertragung des Leibes des heiliger» Jakobus uuter den Spaniern, welche von besonderer Verehrung zu diesen! Apostel durchdrungen waren, und Schaaren Volkes fingen an, sein Grab zu besuchen mit einem Eifer und einer Frömmigkeit, fast ebenbürtig jener, von der jene erblühten, die in NoM das Grab der Apostel und die Ruhestätten der ersten hl. Blutzeugen besuchten. .... Zahlreiche Wunder verherrlichten das Grab des hl. Jaköbus, so daß nicht bloß aus der Nachbarschaft, sondern auch aus den fernsten Gegenden das Volk herbeiströmte, um in der Nähe der hl. Reliquien zu beten. Deßhalb unternahm König Alphons III., dem Beispiele seines Vorgängers (Alphons II.) folgend, den Ban einer größeren Kirche, wobei er jedoch das alte Grab unberührt ließ, und stattete den bald glücklich vollendeten Tempel mit königlicher Pracht aus.Gegen Ende des 10. Jahrhunderts fielen von neuen» die wilden Horden der Araber in Spanien ein und zerstörten viele Städte. Nach einem schrecklichen Blutbade unter den Bewohnern trugen sie die Verwüstung nach allen Seiten mit Feuer und Schwert. Almanzor, der die Verehrung des Grabes des hl. Apostels wohl kannte, faßte deßhalb den wohlberechneten Plan, dasselbe zu zerstören, in der Meinung, damit das stärkste Bollwerk Spaniens zu Lande zu überwinden, da Spanien all seine Hoffnung darauf gesetzt hätte. Er beauftragte daher den Führer feiner Horden, geraden Wegs auf Compostela loszugehen und die Stadt mit den» Tempel sowie alles auf den Cult des Apostels Bezügliche im Feuer zu vertilgen. Gott aber erstickte die verzehrenden Flammen gerade an der Schwelle des Presbytcriums und suchte Almanzor mit seinem Heere durch solche Plagen heim, daß er sich zum Rückzüge genöthigt sah und Alle, außer Almanzor selbst, eines unerwarteten Todes starben.--) Die im Umkreis des Heiligthums verstreute Asche blieb allein übrig zur Erinnerung an die Wildheit des Feindes, aber auch als Zeichen himmlischen Schutzes. Nachdem Spanien von diesem Uebel befreit war, ließ Bischof Diego Pelaez von Compostela auf den Ruinen des alten Tempels einen anderen, noch größeren erstehen, dessen Glanz und Herrlichkeit durch die ehrende Auszeichnung einer „Basilika" noch erhöht wurde unter den» Nachfolger jenes Bischofs, Diego Gelmirez. Die Hanptsorge dieses Kirchenfürsten war jedoch, die Echtheit der Reliquien gewissenhaft zu prüfen und das Grab durch Aufführung einer neuen -°) Nach Weiß (a. a. O. V. 222) geschah die Eroberung Santiago's und die Niederbrennnng des Tempels durch die Mauren im Jahre 994. 61 Mauer unnahbar zu machen. . . Unterdessen hatte sich der Ruf des spanischen Heiligthums allenthalben verbreitet, und so groß war der Zufluß der frommen Pilger, daß uian ihn mit Recht demjenigen zu den heiligen Orten in Palästina und den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus vergleichen konnte. Deßhalb behielten die römischen Bischöfe. Unsere Vorfahren, dem Heiligen Stuhle die Enthebung vom Gelübde der Wallfahrt nach Com- postela vor."") (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Betrachtet man ohne Voreingenommenheit den Stiftnngsbrief des Klosters Heilsbronn, so gewinnt man die Ueberzeugung, daß der hl. Otto von Bambcrg allein, ohne Unterstützung seitens einer adeligen Familie, die Kosten der Klostergründung getragen hat. Dieser Auffassung huldigten auch die Mönche in Heilsbronn, denn in einem Visitationsprotokolle des Jahres 1311, worin es sich um die Pflichtmessen für die Stifter von Ordens- niederlassungen handelt, wird ausdrücklich gesagt: Originalst antsm nostor tuväator beatus tüit Otto, Hui uo8tris von inckigst, soll noa snst orationidus inäigswus. Unser Hauptstifter ist der hl. Otto gewesen, der jedoch unserer Fürbitte nicht bedarf, sondern vielmehr wir haben die seinige nöthig.") (Hocker, Heilsbr. Antiq.-Schatz, supxl. I, 5.) Erst im 15. Jahrhundert griff die Ansicht Platz, daß der Graf Rapoto von Abenberg das Heilsbronner Cistercienserkloster gestiftet habe. Während im ältesten Kalendarium dieses Klosters zum 22. Mai bloß der Vormerk sich findet: Obiit Rapoto eovaeo: Todestag des Grafen Rapoto, fügte eine spätere Hand hinzu: äe Fbenborg, tnmlator nostsr: von Abenberg, unseres Stifters, wie auch das Jahrtagsver- zeichniß vom Jahre 1483 die Worte enthält: 22. Mai: Jahresgedächtniß des Grafen Rapoto von Abenberg, > unseres Stifters. (33. Jahresbericht des Histor. Vereins von Mittelst'. 1865, 126; Seefried, Die Grafen von Abenberg S. 13.) Daher schreibt denn auch Muck (I. o. I, 10): Irrigerweise wurde in späterer Zeit Graf Rapoto von Abenberg als Mitbegründer von Heilsbronn genannt. Rapoto stand damals der Klosterstiftung noch ferne, ja feindlich gegenüber, bis er, durch die Bischöfe von Würz- burg und Bamberg bewogen, dem neuen Kloster befreundet und dessen Wohlthäter wurde. Der Umstand, daß der erste Abt von Heilsbronn den gleichen Namen wie der Graf von Abenberg getragen hat, berechtigt noch nicht zu dem Schlüsse, daß entweder beide identisch feien oder wenigstens im Verwandtschaftsverhältnisse zu einander stehen. Hinsichtlich des ersten Punktes bemerkt schon Hocker: Wäre Graf Rapoto ein Abt und zudem der erste von Heilsbronn gewesen, so wäre sicherlich beim Eintrag des Namens in das Todtenregister dieser geistlichen Würde nicht vergessen worden, da doch 16 Aebte vorgemerkt seien, denen Jahrtage zu halten waren. (Heilsbr. Antig.-Schatz S. 71; suppl. I, 6.) Secfried legt sich die Sache so zurecht, daß er der Stilln von Abenberg zwei Brüder: Rapoto und Konrad, zuweist. ") Es geschah dies, wie Eingangs erwähnt, durch Papst Sirius II. im Jahre 1478. ") Otto von Bamberg, welcher am 30. Juni 1139 das Zeitliche segnete, wnrde schon durch Papst Klemens III. am 1. Mai 1189 heilig gesprochen. (6rets. X, 669.) Aber daß ersterer dreimal die abteiliche Würde in Heilsbronn und einmal in Ebrach bekleidet habe, ist der Stilla- Legende völlig fremd. Daher schließen wir uns der Meinung Mucks an (I. o. I, 42), welcher sagt: Der erste Abt Rapoto 1132 — 1157 wurde durch den Klosterstifter aus dem Mutterkloster Ebrach nach Heilsbronn berufen. Gleichzeitige Aufzeichnungen berichten nichts über seine Herkunft und seine sonstigen Lcbensvcrhältnisse. Was man in späteren Zeiten hierüber geschrieben, ist Legende, Sage oder geradezu unwahr. In der Meinung, das Kloster gewinne durch adelige Aebte an Glanz, stempelte man gleich den ersten Abt zu einem Grafen von Abenberg, ja man identifizirte ihn mit dem gleichnamigen Grafen Rapoto. In der Heilsbronner Stiftungsnrknnde werden neben den Grafen Adalbert und Chunrad auch drei Schwestern genannt, deren Namen indessen nicht angegeben werden. Nach der Abenberger Ueberlieferung jedoch haben die Brüder Rapoto und Konrad, die angeblichen Gründer von Heilsbronn, nur eine einzige Schwester besessen, welche den Namen Stilla getragen. Somit stehen sich auch hier Geschichte und Legende widerspruchsvoll gegenüber. Die drei ungenannten Schwestern bilden wohl die historische Grundlage für den Zug der Stilla-Sage, daß drei gleichgefinnte adelige Jungfrauen das Ehrengeleits der frommen Grafcntochter von Abenberg gebildet haben. Uebrigens findet sich die Legende von drei Schwestern oder drei Jungfrauen, welche durch wohlthätige Stiftungen sich den Dank der Nachwelt erworben haben» in der Diöcese Eichstätt an manchen Orten vor. So hängen in den Kirchen Preith (bei Eichstätt), Wiirmersdorf und Wachenzell die Bildnisse dreier Jungstauen, die ihren Wald den drei Gemeinden vermacht haben sollen. Drei Fräulein, angeblich von Spielberg (Pfarrei Gnotzheim), vermachten der dortigen Gemeinde den Wald, Beischlag geheißen. Die Gemeinde Lanterhofen will ihren Gemeindewald von den Fräulein des Schlosses Oberlauter-' Höfen erhalten haben, die Gemeinde Wintershofen (Pfarrei Berching) erzählt ebenfalls, ihr Communalacker sei ein Geschenk dreier Schwestern. Auch verschiedenartige Stiftungen an Kirchen verdanken drei Jungfrauen ihren Ursprung. So gaben in Greding drei Schwestern von Liebeneck ihren Wald auf dem Pfaffelsberg zur Gemeinde, damit zn gewissen Zeiten in der Kirche geläutet werde; in Mettendorf (Pfarrei Greding) hängen die Bildnisse dieser drei Jungfrauen iu der Kirche. Aehnlich lautet die Sage in Berngan und Möning, in dem nunmehr protestantischen Pfarrdorfe Langenaltheim, Bittelbrunn und Bergen bei Thalmässing. Es werden auch die Namen dieser drei Jungfrauen genannt: Adelheide, Chrimhilde, Kunignnde; so zu Preith, Wiirmersdorf und Wachenzell; anderswo heißen sie: Gwerbetta, Ainbetta, Villbetta, auch Gwerre, Anbei, Cubet.^) Vergleicht man damit die Namen der drei abenbergischen Jungfrauen: Gewcrra, Widerbringa und Widerkuma, welche die Gespielinnen Stilla's waren, so erkennt man sofort den legendären Charakter der aben- In der Kavelle des Schlosses Leutstetten befindet sich ein Bild mit der Darstellung der auch iu Schlchdorf verehrten Heiligen Eiubcth (an welche auch die nahe Einöde Eiubettl erinnert). Gerbet und F-ürbet. Götz, geo- graphisch-histor. Handbuch von Bayern 1, 358. In dem Verzeichnisse der Relignien des Klosters Heilsbronn findet sich eine vom Arme der hl. Genera (cko braekno s. övvsras). Hocker, Heilsbr. Antig.-Schatz 1, 61. 62 bergischcn Ueberlieferung. (Past.-Bl. des Bisth. Eichstätt 1856, 127). An der Hand der Heilsbronner Stiftnngsurknnde des Jahres 1132 haben wir gefunden, das; die aben- bergischcn Grafen Rapoto und Konrad vollständig un- bctheiligt waren, als Bischof Otto von Bambcrg das Cistercienserkloster Heilsbconn gründete und mit verschiedenen Liegenschaften und Gütern begabte. Die aben- bergische Ueberlieferung entbehrt somit jeglicher historischen Grundlage. Die Legende weiß nun ferner zu berichten, daß Stilln auf dem Hügel zu Abenberg, welcher dem Schlosse gegenüber lag, eine Kirche erbaut habc,^) welche in der Ehre des hl. Petrus vom hl. Otto eingeweiht worden sei; bei dieser Gelegenheit habe die Grafcntochter aus den Händen des Bamberger Bischofes den Schleier als Zeichen ständiger Jungfräulichkeit entgegengenommen; auch sei sie Willens gewesen, daselbst ein Klöstcrlein zu errichten; der Tod jedoch habe sie an der Ausführung dieses Planes gehindert. Wenn wir das kostbare Pontifikale des heiligmäszigen Bischofes Gnndakar II. von Eichstätt 1057 — 1075 aufschlagen, so finden wir in dem Berzeichnisse der von ihm geweihten Kirchen an 113. Stelle auch Abenberg benannt. (U. (I. 88. Vll, 247; Lefflad, Regesten S. 16-17.) Suttner glaubt diese Kirchweihe in das Jahr 1072 verlegen zu dürfen. (Past.-Bl. 1856, 148.) Nun aber wird znr Zeit des, Grafen Rapoto von Abenberg, des angeblichen Bruders unserer Stilla, in einer Gebiets- rcgelnng zwischen dem Kloster Hcilsbronn und dem Grafen, auch eine Kapelle des hl. Jakobus (cmxella, s. -laoobi in abinberoli) in Abenberg erwähnt. (II. Jahresbericht des Hist. Vereins ini Rezatkr-eis 1831, 28.) Welche Kirche ist nun älter? Welche wurde wahrscheinlich von Gnndakar II. schon eingeweiht? Die Kirchen, welche dem hl. Apostclfürsten Petrus geweiht sind, gehören gewöhnlich einer sehr weit hinaufreichenden Periode christlicher Banthätigkcit an. Die alten Dome von Köln, Trier, Metz, Toul und Verdnn waren ihm gewidmet. (Beissel, Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland bis znm Beginne des 13. Jahrhunderts S. 9 .)^) Als der hl. Bonifatins in Geismar die von den heidnischen Hessen hochverehrte Donnerciche mit wenigen Hieben zum Falle gebracht hatte, erbaute er aus dem Holze derselben eine Kirche, welche er in der Ehre des hl. Petrus weihte. (Vita, 8. Lorü- t'atii, auotoro Willibaldo sd. Nürnberger p. 42.) Auch zu Fritzlar widmete er dem Apostelfürsten ein Gotteshaus (l. o. x. 44). In der Diöcese Eichstätt waren die Benediktinerkloster Wülzbnrg oberhalb Weissen- burg^) und Kastl bei Amberg unter den Schutz des hl. Petrus gestellt. Ersteres verdankte dem Frankenkönige '9 Achnlich wie von Stilla wird auch von der hl. Kunignudis erzählt, daß sie ein Gefäß mit Geld angefüllt in die Mitte des zu erbauenden Domes zu Bamberg gestellt habe, woraus jeder Arbeiter den ihn treffenden Lohnantheil erheben konnte, aber nicht mehr, als er thatsächlich verdient hatte. (6rets. X, 554.) Ein ähnlicher Vorgang wird auch von dem Bischöfe Virgilius berichtet, welcher die verfallene Basilika des bl. Rnpertus in Salzburg wieder anferbaute. l?rop. tast. dioeo. L^ststt. znm 27. Nov. Ueber den Bischof Virgilius vergl. N. O. Lpx>. III, I, 336, 360. Der hl. Rnpertus erbaute eine Peterskirche zuxta laemn vocabulo Walarsse, Keiuz, indienlus ^unonis pag. 27. '0 Die Pfarrkirche in Weissenbnrg war dem heiligen Andreas gewidmet. Karl dem Großen gegen das Jahr 792 seinen Ursprung (h'alobenstoin, ^.nti^. blord§. III, 403), während letzteres durch den Grafen Friedrich II. im Jahre 1098 gegründet worden ist. 22 ) (IUebenskein 1. 0 . II, 327.) In einer Urkunde vom 6. Juni 1053 wird genannt: Waltebirieba. in pago blortücnvo, Waldkircheu bei Berching, im Volksmunde jedoch Petersbcrg geheißen, weil eben dieses Gotteshaus dem hl. Petrus geweiht war. Auch Dollnstein, das auf römischer Grundlage auferbaut ist, und 1007 von Kaiser Heinrich an das Kloster Bergen vergabt wurde, ehrt heute noch den Apostelfürsten als Kirchenpatron;.Bischof Gnndakar II. fand ihn Wohl schon als solchen vor bei der Einweihung der dortigen Kirche 1063.2--) Wenn wir nun in Betracht ziehen, daß sowohl Greiser als Koch in Abenberg durch Bischof Gundakar II. einen Altar zn Ehren Stilla's in der Peterskirche errichtet werden lassen, obwohl Stilla einer späteren Periode angehört, so mag darin eine dunkle Erinnerung ausgesprochen sein, daß eben dieser Bischof in Abenberg die Peterskirche eingeweiht habe. Wenn die heutige Pfarrkirche mit einem gothischen Presbyterium noch im 12. Jahrhundert eine Kapelle des hl. Jakobns genannt wird, so dürfte "sie wohl kaum Anspruch darauf erheben können, schon gegen 1072 eingeweiht worden zu sein. Mag die Sache auch nicht mit voller Klarheit entschieden werden können, aber darüber kann unter besonnenen Forschern kein Zweifel obwalten, daß der hl. Otto von Bamberg, dessen Dom auch dem Apostelfürsten gewidmet ist, die Peterskirche in Abenberg nicht eingeweiht habe. Denn kein Biograph dieses, streng kirchlichen Oberhirten meldet, daß derselbe in Abenberg, welches doch unbestritten zur Diöcese Eichstätt gehörte, soinit seiner eigenen Jurisdiktion entzogen war, eine Kirchenconsekration vorgenommen habe; keine einzige Urkunde ist bislang von den Verfechtern des Stillacultes beigebracht worden, aus welcher klipp und klar erschlossen werden könnte, daß Bambergs Bischof auf eichstättischem Gebiete eine Kirche eingeweiht habe.^) Otto's Persönlichkeit sowohl, sagt 2 --) In Kastl standen schon vor Erbauung der Klosterkirche drei Kapellen; die Kastler Reimchronik berichtet vom Grafen Ernest Vers 140—144: Und Kastelberch was für sich kamen» Mit zwelf Huben widemt er In der Zwelfpoten Er Ein Capellen daz ist war. Auch fünfzig Zehent gab er dar. Und Vers 335-338: Ein ieglich Burk besunder Hat gemaches ellew Wunder Drin Capell ftent noch hivt den Tae Darinne man Gotesdinstes pflac. Die Kastler Reimchronik, deren Verfasser. Herman Abt zu Kastl war von 1323—1356, zählt nur 790 Verse und ist abgedruckt mit historischen Erörterungen in Frey- bergs ges. Schriften 1828, II, 455—483; und bei Moritz, Stammreihe der Grafen von Sulzbach 1833, II, 103—158. 22) Past.-Bl. 1856, 147: Wolfram von Eschenbach gedenkt im Parzival der streitbaren Kauffrauen von Dollnstein, wenn er erzählt, daß die Amazone Antikonie an ihres Buhlen Gawan Seite so tapfer und mannhaft gestritten: clin biinvZ'inue riebe streit da rittsrlivbs d! Oavan si verliebe sebeiv dar ckiu kout'vip 20 l'nlenstsin an der vasnabt nie bau Asstriten: van si tnontrr von gampslsiten unde innent an not ir lip. VIII, 409. 2*) 6rets. X, 568 — 669: Vita s. Ottonis. Oonk. Zeitschrift für kathol. Theologie 1889 S. 62; H,et. 88. llul. I, 63 Watteubnch (Deutschlands Geschichtsgnellen 5. Anst. II, 165), wie die außergewöhnlichen Umstände seiner Mis- sionsrciscn nach Pommern und der glänzende Erfolg derselben, regten frühzeitig zn schriftlichen Aufzeichnungen über ihn an, denen der Reichthum des vorliegenden Stoffes mehr Inhalt und Werth verlieh, als der Mehrzahl anderer Legenden. Warum sollte denn gerade die bischöfliche Thätigkeit Otto's in Abenbcrg vergessen worden sein? Oder war vielleicht der Stuhl des heil. Willibald damals verwaist? Von 1125 — 1149 trug in Eichstätt Bischof Gebhard II. aus dem Hanse der Grafen von Hirschberg das Rationale: am 5. Okt. 1129 weihte er das Kloster Kastl ein (Lefflad, Regesten nr. 209 und ff.), im März 1131 huldigte er zu Lüttich mit etloa fünfzig anderen Bischöfen dem Papste Jnnozenz Ist, 1135 am 17. März wohnte er dem Fürstentage zn Bamberg bei, 1138 war er in den Maitagen abermals zu Bamberg, am Allerheiligentag des genannten Jahres weihte er das von ihm und seinen Brüdcrn Ernest und Hartwic gegründete Kloster Plankstetten ein; 1140 unterzeichnete er zn Nürnberg eine Urkunde des Königs Tonrad III. Angesichts dieser regen Thätigkeit Gebhards war doch für den vielbeschäftigten Pommernapostel gar keine Veranlassung geboten, von Bamberg, wo auch die Ankaufsurkunde von Heilsbronn 1132 ausgefertigt worden ist, nach Abenberg zu eilen, um zu Gunsten einer sagenhaften Grafentochter die Peterskirche einzuweihen und das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit von Seite Stilla's entgegenzunehmen! Um in dieser Frage allen Täuschungen zn entgehen, wurden sowohl im kgl. Kreisarchive zu Nürnberg, als auch im kgl. allgemeinen Reichsarchive zn München Nachforschungen über Stilla und ihre Beziehungen zur Peterskirche angestellt, aber es konnte bei allem Entgegenkommen der Archivverwaltungen, wofür hier der gebührende Dank ausgesprochen sei, nicht das mindeste einschlägige Material vorgefunden werden."^) Was nun die beabsichtigte Klostergründnng Stilla's betrifft, so steht es außer Zweifel, daß im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts zn Abenberg ein Kloster bestanden habe, allerdings nicht für Frauen, sondern für Männer. In einer Urkunde des Bischofes Gebhard II. gegen das Jahr 1132, wodurch die Dörfer Halesbrunnen, Obercndorf, Velsenberg, Witrammcsdorf und Pezemanns- dorf, welche nunmehr dem Kloster Heilsbronn zugehören, von dem Zehenten zur Eichstätter Kirche befreit werden, erscheint neben dem Abte Heinrich von Plankstetten als Zeuge: Ondalric, Abt von Abenberch. (Lefflad, Regesten nr. 215.) Wo ein Abt sich findet, kann doch wahrlich auch ein Kloster nicht fehlen. Die Existenz eines solchen in Abenbcrg erhellt ferner klar aus einer Gebietsrcgclnng 349-463. Am 25. Juli 1123 (nach Goß. 1. o. I. 732: 1125) weihte Otto die Klosterkirche zu Ensdorf in der Ehre des hl. Jakobus ein, aber mit Erlaubniß des Bischofes Kuno von Rcgensburg (Ried, ooä. äipl. 1,179 ur. OXOI). Bischof Herman I. von Bamberg 1065—1075 gründete daselbst aus eigenen Mitteln das Augnstincrstift St. Jakob des Zebedäiden, Otto der Heilige vollendete es. (Grctscr X, 508: Kirchenlexikon I, 1917.) -5) Die Klostergründnng zu Heilsbronn, welches zur Diverse Eichstätt gehörte, kann nicht als Instanz gegen obige Darlegung aufgerufen werden, da Otto auch in der Diocele Regcnsburg Klöster errichtete, deren Kirchen er nic»t als zuständiger Ordinarius, sondern nur mit Er- lanbmß des Tiöcesanbischofes oder in dessen Gegenwart conickrirtc. zwischen dem Grafen Rapoto und dem Kloster Hcils- bronn, worin es heißt: Den Wald und was immer mit eigenen Mühen die Mönche in Abenberg enltivirt haben, erhält vom Kloster Heilsbronn der Graf Rapoto als Entschädigung, mit Ausnahme eines halben Mansns, den die Kapelle des hl. Jnkobns in Abenberg zurückbehalten hat?°) Wer hat Wohl dieses Kloster gegründet? Antwort hierauf gibt uns eine Urkunde des Bischofes Bnrthard von Eichstätt, aus welcher wir auch die Auflösung der Niederlassung erfahren. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nnd Notizen. Gehet zum hl. Anton ins! Gebet- und Erbanungs- büchlein von U. Arsenius Dotzler, O. 8. iA-. Zweite Auflage. Würzbnrg, Göbcl. Gcbd. in Ganz- (einwand. Rothschnitt 75 Pf. D Die erste, sehr starke Auflage war in k nrze r Zeit vergriffen. Das Büchlein hat also einem Bedürfnisse entsprochen. Die vielen Verehrer, welche St. Antonius wie anderwärts so auch in Deutschland hat, nahmen die Gabe aus der Hand des U. Dotzler mit Freuden entgegen. Die neue Auflage hat außer einigen kleinen Aenderungen im biographischen Theile durch ausführlichere Behandlung des „Äntoniusbrodcs" eine Erweiterung erfahren. Möge das Büchlein auch in seiner neuen Gestalt recht zahlreiche Abnehmer finden! Die sorgfältige, praktische Auswahl des Stoffes und die populäre Behandlung desselben empfehlen das Büchlein von selber. Nieszcn Jos. und Mcrtes Pet., Viktor Joseph De- wora, der Trier'sche Ovcrbcrg; Sein Leben, Wirken nnd feine Schriften. Trier, Löwenberg 1896. 8°, 296 SS. M. 3.60. -> Die beste nnd eindringlichste Empfehlung einer anf christlicher Grundlage beruhenden, gesunden Pädagogik ist ohne Zweifel das Leben und Wirken eines Mannes, der auf dieser Grundlage Großes hervorgebracht und reichen Nutzen gestiftet hat. Ein solcher Mann war der münster- länöische Priester Viktor Joseph Dcwora (1774—1837), welcher sein unermüdliches 'Arbeiten höchst segensreich in den Dienst der Jngendbildnng und Erziehung gestellt hat. Ein kerniger, christlicher Geist geht durch seine zahlreichen Schriften, die von Pädagogen nicht eifrig genug gelesen werden können. Wir sind den beiden Verfassern des Buches großen Dank schuldig, daß sie sich die Mühe nicht haben verdrießen lassen, alles Material gewissenhaft zu sammeln aus dem die anregende und lebensvolle Darstellung de Wirkens dieses katholischen Mnsterpädagvgen ersteht. Der erste Theil des Buches umfaßt außer dem Lebcnsabriß Deworas eine Uebersicht seiner gesammtcn Schriften. Der zweite Theil bringt Auszüge nnd Inhaltsangaben der be- 2 °) Oonoambinm intsr soelssiam Ualssbrnnsnsom st oomitsin 1 t. äs enrts no 8 tra Xstslsnäork. silvam st gnie- gniä propriis Isboribns sxeolnsrint wonaebi in abinbsrell rseopit a nobis U. somss pro rseompsnsations sxespto äimiäio man80, gnsm rstinnit eapslla 8 . .Inoobi in abin- dereb. II. Jahresbcr. des Histor. Vereins im Nezatkrcis 1831, 28. Diese Notiz gehört dem 12. Jahrh. an. Außerdem werden noch genannt: metslsnäork (Mettcndorf bei Grcding), tilsinbnrcb (Theilnberg), ixstsstsin (Hilpolk- stein?): intsr viiias änas rota et plmpbonbovsn (Roth und Pfaffenhofen bei Schwabach paK. 29: Urasäinm nostrmn in Ontslonbolon (Uttenhofen) smnnns ab ot- nanäo äs sebsnonevs oetotzinta äuabus niorois st ab »lüg gnibnsäain, viäsliost Itabotons äs tisrbaslr, anim- psrto st KIüs e.jns itiäsm, eonsilio vfnsäsw O. Stadt- pfarrer Fuchs von Spalt, ein um Eichstätts Diöcesan- geschichte hochverdienter Forscher, schreibt in Bezug auf obige Notiz im 25. Jahresbericht des Histor. Vereins in Mittelfranken 1857 Seite 14: Es ist Thatsache, daß die Mönche wirklich im Besitze zn Abenberg waren, allein sie vertauschten laut Urkunde, die aus dem Jahre 1151—1159 stammen soll, die abenbergischcn Güter wieder an den Grafen Rapoto. 64 deutendsten Werke desselben. Vollständig finden wir in dem Bande drei ausgezeichnete Schriften des großen Pädagogen über „die sittliche Erziehung der Kinder in den Elementarschulen" über „die zweckmäßigsten Strafen und Belohnungen" und über den „Lektionsplan des kgl. Schul- lchrer-Seminars zu St. Mattheis bei Trier". Es wäre nur zu wünschen, daß jene Lehrer, die über Pestalozzi und andere Götzen der Zeit so leicht in Verzückung gerathen, einen Blick in dieses Buch werfen, um zu erkennen, wie Gold und Flitter sich unterscheiden und wie unsere katholische pädagogische Literatur die beliebte Zurücksetzung ganz und gar nicht verdient. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg i. Vr. Erscheint, 16 Seiten stark, je an: 1. des Monats. Äbounementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 2 des II. Jahrgangs: Der Kapu- zinerpatcr Theodosius Florentini und die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuze zu Jngenbohl (Schweiz). I. — Das charitative Wirken der katholischen Kirche im Bisthum Münster. — Die Krippen-Anstalt in Augsburg links der Wertach. — Katholische Streiter im Kampf gegen die Unsittlich keit. I. — Der Mädchenschutz auf dem Charitas- tag zu Schwäbisch-Gmünd. — Kleinere Mittheilungen. — Katholische Mätzigkeitsblätter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 1: Ein Gclestswort für die „Mäßigkeitsblätter". — Die Alkoholfragc. — Fünf Fragen und Antworten über die Mäßlgkeitsbewegung. — Wie es einem geht, wenn man kein Vier mehr trinkt. — Katholische Mäßigkeitsschriften. U. s. w. — Österreichisches Literaturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von vr. Franz S chnürer. (Administration: Wien. I-, Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 3 u. A.: Rilkes N.. Lalsn- äarinin Manuals utrinsgus Leelssias orisntalis st oeci- äentalis. (vr. Aug. Rösler, Mautern in Stink.) (65.) — Poggel H., Der 2. und 3. Brief des hl. Apostels Johannes. (Theol.-Prof. vr. I. S ch i n d l e r, Leitmeritz.) (67.) — Seeböck Phil., St. Paulus, der Heidenapostel. (Theol.-Professor vr. A. Cigoi, Klagenfurt.) (69.) — Mahrenh oltz R.. Fvnelon, Erzbischof von Cambray. (k. L. Winter«, Braunau r. B.) (69.) — Spörr Bhd., Lebensbilder aus dem Serviten-Ordcn. IV. (Pros. vr. Alb. Hübl, Wien.) (69.) — Massow Julie v., Dorotheen- Körblein. (?- Gregor v. Holtum, Prag-Emaus.) (70.) — Gutberlet Const., Die Psychdlogie. (vr. Richard v. Kralik, Wien.) (70.) — Kehr ein L., Ueberhlick der Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes, herausg. von Kayser und Schultz. (vr. C. Lud ewig, Preßburg.) (71.) — Haffner A., Das LitLb ss-8a. (vr. Rud. Geyer, Scriptor der Hofbibliothek, Wien.) (75.) — Sattler A., Die religiösen Anschauungen Wolfram's v. Eschenbach. (vr. C. Domanig, Custos am kunsthist. Hofmuseum, Wien.) (76.) — Kraus Frz., Höhlenkunde, (Univ.-Pros. vr. Ed. Richter, Graz.) (80.) — Rank Emil, Das Eisenbahntariswesen. (vr. Friedr. Frhr. zu Weichs - Glon, Innsbruck.) (81.) -- Ellis Hav., Mann und Weib. — Ders., Verbrecher und Verbrechen, (vr. HZ. Krticzka Frhr. v. Jaden, Wien.) (82.) U. s. w. Das Archiv für katholisches Kirchenrecht, das im Jahre 1857 von Ernst Freiherr« v. Moy de Sons gegründet und durch viele Jahre unter Friedrich H. Vering's Verdienstreicher Redaction fortgeführt wurde, ist nunmehr seit letztem Sommer in die Hände des Freiburger Kirchen- rechtslehrers vr. Franz Heiner, Rectors des Kollegium Savientiae, übergegangen. Mit Freuden stellen wir fest, daß dieses Organ, in dessen bis jetzt erschienenen 76 Bänden ein reiche Fülle gründlich bearbeiteten canonistischen Materials niedergelegt ist, mit dem neuen Jahrgang 1897 eine erhebliche und glückliche Umgestaltung erfahren hat. Ist auch das äußere Aussehen der Hefte, sowie das Programm, in welchem Förderung wissenschaftlicher Forschung und Pflege kirchenrechtlicher Praxis zum friedlichen Bunde sich einen, selbstverständlich auch die correcte kirchliche Haltung Zeitschrift dieselbe geblieben, so fällt doch gleich bei e Inhaltsangabe des ersten Heftes die systematische Uebersichtlichkeit des Dargebotenen angenehm auf. Während früher die Artikel in zwangloser Reihenfolge dem Leser vorlagen, erscheinen dieselben jetzt in fünf Abtheilungen gegliedert, wovon die erste die wissenschaftlichen Abhandlungen, die zweite und dritte die kirchlichen und staatlichen Aktenstücke und Entscheidungen, letztere in mehreren Unterabtheilungen, die vierte kleinere Mittheilungen und endlich die fünfte eine Uebersicht der kirchen- rechtlichen Literatur uns bietet. Gerade durch sorgfältige Behandlung der letzter» neuhinzugefügten Abtheilung, mit der zugleich eine Zeitschriftenschau und ein Verzeichnis; der in den letzten Jahren erschienenen kirchenrechtlichen Werke verbunden ist, wird sich die Redaction den Dank der Leser verdienen. Ueberraschend wirkt ferner die lange Reihe der auf canonistischen; Gebiete thätigen Männer, welche ihre Mitarbeit am Archiv neuerdings zugesagt haben. Nicht weniger als 81 Namen zählen wir, unter deren Trägern kaum ein hervorragender Vertreter des Kirchenrechtes aus Deutschland und Oesterreich fehlen dürfte. Wenn wir auch auf den reichen, für den Praktiker wie den Theoretiker gleich interessanten Inhalt der Zeitschrift hier nicht näher eingehen können, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß gleich zu Anfang zwei junge Kräfte (Stiegler und Rösch) mit wirklich gediegenen Arbeiten auf dem Plane erscheinen, was im Zusammenhalt mit der großen Reihe von Mitarbeitern auf einen intensivern Betrieb der canonistischen Wissenschaft in nächster Zukunft hoffen läßt. Wir bemerken noch, daß die Zeitschrift in; neuen Jahre zugleich Organ des katholischen Juristenvereins geworden ist, wodurch hoffentlich die Neubelebung des letzter;; befördert wird. Auch in der Erscheinungsweise hat die Zeitschrift eine Aenderung erfahren, indem statt der sechs Hefte jährlich nunmehr vier Quartalhefte mit einem Umfange von wenigstens 12 Druckbogen ausgegeben werden. Hierdurch wurde auch eine wesentliche Herabsetzung des Preises von 15 auf 10 Mark ermöglicht, was vielen, besonders den Geistlichen, den Bezug sicherlich erleichtern wird.. Freilich wurde zu dieser Preisminderung die Verlagshandluug von Franz Kirchheim in Mainz auch durch die Erwartung bewogen, daß nunmehr die Auflage der Zeitschrift sich wesentlich heben werde. Wir wollen diese Erwartung durch eine warme Empfehlung des Archivs in dieser Zeitung womöglich noch steigern. Bei den zahlreichen katholischen Zeitschriften anderer Wissenszweige wäre ja die Frage einer Verminderung, behufs Couccnlration der Kräfte und Schonung des Geldbeutels, vielleicht uicht unangebracht; beim Archiv für katholisches Kirchenrecht müssen wir sagen, seine Existenz ist einfach nothwendig und seine Unterstützung eine Pflicht der katholischen, kirchlichen und gelehrten Laienkreise, wenn anders wir uicht aus diesen; Wissensgebiet uns für bedeutungslos erklären wollen. Es ist doch wahrlich keine Ehre für uns Katholiken, wenn auf den; uns so e;gcnen Gebiete des Kirchenrechtes Andersgläubige die schwierigen und umfassenden Arbeiten uns liefern müssen, deren Leistung uns vor allem obliegen und gebühren sollte. Wie ganz anders standen die deutschen Katholiken da zu den Zeiten eines Engel, Pirhiug, Reiffenstnel, Leuren, Schmalzgrueber, Pichler usw., deren Namen jetzt freilich mehr im Auslande als in der deutschen Heimath genannt werden, wie der Herausgeber des Archivs in dem schönen Einleitungsworte mit Recht bemerkt. Um so mehr Dank gebührt dem neuen Redacteur, daß er die Last der Redactwn in uneigennütziger Weise übernommen und so das altbewährte Organ vor dem Eingehen bewahrt hat; Dank ferner sei dem Verlag von Fr. Kirchheim ausgesprochen, der so lange Jahre hindurch uicht unerhebliche Opfer für dasselbe gebracht hat. An uns Katholiken ist es nun, dafür zu sorgen, daß das einzige deutsche wissenschaftliche Organ für katholisches Kirchenrecht lebensfähig und lebensfroh erhalten werde, damit in demselben viele junge Gelehrte ihre Kräfte üben können durch Bearbeitung der verschiedenen kirchenrechtlichen Gebiete und Beantwortung der manchfachen canonistischen Fragen, von denen viele noch auf dogmatische wie rechtsgesch;chtliche Vertiefung harren. (Köln. Volksztg.) Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. A?. 8 L8. Fevr. 1897. Das Schulwesen der kgl. bayerischen Haupt- i'.nd Residenzstadt München?) Auf dem Gebiete der Schnlgcschichte, dieses Wort kn seinem weitesten Umfange genommen, niacht sich in den letzten Jahren erfreulicher Weise eine sehr rege und fruchtbare Thätigkeit geltend; auch die Erforschung und Darstellung des bayerischen Schulwesens haben gerade in jüngster Zeit rüstige und tüchtige Hände wieder aufgegriffen und ersprießlich gefördert. Der Wetteifer mit manchem unserer Nachbarländer, so mit Württemberg, läßt uns in Bälde manche bedeutsame Arbeit dieser Art erwarten. Die nach manche» Richtungen hin sehr rühmens- werthe „Geschichte des Bolksschnlweseus in der Oberpfalz" twn dem Rcgensburger Lehrer Holl weck, von den Anfängen bis zum Jahre 1810 herab, macht in jedem Leser den Wunsch rege, es möchten recht bald auch andere Kreise Bayerns und sonstige größere Gemeinwesen eine ähnliche zusammenfassende Behandlung des Bolksschnlweseus auszuweisen haben. Das große, nicht genug zu begrüßende Unternehmen Dr. Kchrbachs „Novuwmitn Dornaariiaa linsäai-opficm" und die damit verbundenen „Mittheilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehnngs- und Schnl- geschichte" u. s. f. werden allmählich auch diese Seite des deutschen Schulwesens in den Kreis ihrer Qnellenforsch- lingen und historischen Darstellung hereinziehen, und die glücklicher Weise endlich auch in Bayern zu Stande gekommene „Gruppe" dieser Gesellschaft wird ihre Arbeiten bald auch auf diese hochwichtige und noch lange nicht genügend gewürdigte Seite des cnltiirelten Lebens vergangener Zeiten auszudehnen bestrebt sein. Was ein einziger Schnlordcn innerhalb unseres engeren bayerischen Vaterlandes im Laufe von zwei Jahrhunderten für das weibliche Unterrichts- und Erziehnngswesen gewirkt hat, lehrt uns die schöne und gehaltreiche Monographie Dr. Ludwig Mnggeuthalcrs „Der Schnlordcn der Salesianerinncn in Bayern von 1007 bis 1831" (Bam- berg 1895). Es kann nur schmerzlich beklagt werden, daß dieser treffliche und gewissenhafte Gelehrte und Lehrer, ein Mann von echt biederem und tüchtigem Wesen, so unerwartet rasch seinem edlen Wirken entrissen wurde; von ihm hätten wir noch manche äußerst schätzbare Gabe auf dem Gebiete der bayerischen Schul- geschichte erwarten können. — Oberlehrer Gebele in München hat mit dem vorliegenden Werkchcn, das im Auftrage des Ortsausschusses als Festgabe zur XIII. Hanptvcrsammsnng des Bayerischen Bolksschnllehrervereins im August vor. Js. herausgegeben wurde, den Versuch gemacht, das Münchener Schulwesen in seiner geschichtlichen Entwicklung und in seinem gegenwärtigen Bestände etwas eingebender vorzuführen. Es kann nicht verkannt werden, daß er für die Vergangenheit eine große Zahl zumeist im gemeindlichen Verwahr befindlicher Urkunden und Literalien sorgsam benützt hat — er theilt uns im Anhange des Buches auch einige derselben im Wortlaute mit —, doch ist die Darlegung über das ältere Schulwesen Münchens, von den Anfängen bis 1770, ziemlich dürftig. Eingehender wird die Darstellung für den Rest ch In seiner geschichtlichen Entwicklung und unter Berücksichtigung der älteren bäuerischen Schul,zustande aus archivalischcn Quellen dargestellt von Jos. Gebele, Oberlehrer. Mit 0 Abbildungen. München, 1M6. M. Kellerer's Hosbuchhaudlnng. 8». IV. 250, XXXll S. Preis M. 2,50. des 18. Jahrhunderts und die in demselben bethätigten „Ncformbcstrebungen" mit guten Seitenblicken auf da? benachbarte Gebiet der „realen" (Hanptbürger-) Schüttn. Bei den Ausführungen über den bekannten Schulrcformator Heinrich Braun (S. 41 ff.) hätte auf die neueste trefflich-: Arbeit über denselben von L. Wolfram hingewiesen werden sollen. Nach einem Kapitel „Die Umwälzung im Jahre 1801" wendet sich der Verfasser in längerer, zum Theile sehr detaillirter Ausführung „dem gegenwärtigen Stands des Münchener Schulwesens" zu, wobei die äußeren und inneren Verhältnisse desselben: Schulbezirke, Schnlhänser, Schnlbehörden, sowie Lehrpläne, Unterrichtsmittel, Stellung der Lehrer n. s. f., auch anhangsweise die männliche und weibliche Feiertags- und Fortbildungsschule nebst Central- zeichen- und Centralsingschnle zur Darstellung gelangen. Der großen und durchgreifenden Umgestaltung, welcher das Münchener Volksschulwescn mit dem Beginne der Siebzigerjahrc durch die neuen liberalen Stadthäupter und simultanen Schnlrcferentcn (Marschall, Nohmeder, Brannwart) unterzogen wurde, die mit der Zwangs- stmnltanisirnng derselben Hand in Hand ging, steht der Verfasser augenscheinlich sehr sympathisch gegenüber; er geizt nicht mit lobenden Beiwörtern für dieselben; daß es auch einmal um die Schule wohl verdiente Bürgermeister von konservativer Richtung, wie den unvergeßlichen Widder und Stcinsdorf, gegeben, würde man aus dem Büchlein nicht erfahren, und die Verdienste des edlen Priesters und milden Lehrerfreundes A. Meitinger, der auch mehrere Jahre hindurch bis zum Anbrnche der neuen Aera Stadtschulrcferent war, sind schon soweit in Vergessenheit gekommen, daß man nicht einmal mehr seinen Namen richtig wiedergeben kann (S. 186). Wer der Entwicklung der Dinge in jenen Jahren unmittelbar nahe stand, wie wir, weiß nur zu gut, daß auch damals durchaus nicht alles Gold war, was glänzte; gar manche Lehrer, die nach außen hin frohe Miene zeigten, seufzten im Innern unter dem Drucke der einzwängenden Schablone und des Polizciregiments des Mannes „mit dem marmornen Gesichte". Nebrigens soll nicht verkannt werden, das; diese letzten Abschnitte in Gebelc's Buch eine reiche Fülle interessanter und vcrlässiger Mittheilungen über ein Schulwesen enthalten, das schon nach seinem Umfange und seiner Organisation sowie nach den Aufwendungen, die für dasselbe gemacht werden, zu den bedeutsamsten in ganz Deutschland gehört. Die beigegebenen Pläne und Abbildungen von Münchener Schnlhünsern sind dankens- werlh, und die gcsammte Ausstattung des Buches verdient alle Anerkennung und entspricht durchaus der sorgsamen Bemühung, welche Gebele auf diese seine Arbeit verwendet hat: dafür wird ihm jeder Freund her „Schick- geschichte" Dank wissen. -ac;- k. Simon Nettenvacher, 0. 8. L., Oesterreichs Horaz. Während in Frankreich, England, Spanien die Literatur auf der Höhe der Entwickelung stand, mußte sich Deutschland mit dem Schwulste Lohcnsteins und der „Zucker- und Honigpoetcn" oder der nackten Nüchternheit der „Wasserpoeten" begnügen. Es war eine traurige Zeit. Noch waren die Wunden, welche die „fortgcsctzte Orgie der Bestialität", der 30jährige Krieg, dem Vaterlande geschlagen, nicht vernarbt, so drohten neue Feinde:. 68 ückens knnwi, nnlitiuk: votem, Zvttsrs inAoaii (U8pic.it omni» . . . novit laksstosgus retmntore Ltgus arosre proenl moonibaL impivs. In eiueiil herrlichen Bilde führt er uns den Bayern- löwen, Max Emnnuel, vor: 8>eat llvrcnnk leo 8»cvu8 tjnem Un»c8 ateox stimulat, kc-roell, 8tornit nrinentuin. laverat, vrusntv viripit vre . . . 8io ke>v8 'I'braees tu« ckextra rapit. Schon aus diesen dürftigen Proben ist leicht zn ersehen, das; wir ctz bei Ncttcnbachcr nicht mit einem gewandten Versedrcchslcr, sondern mit einem gottbegnadeten Dichter zn thun haben, der neben inniger Frömmigkeit Schärfe des Blicks, Menschenkenntnis; und glühenden Patriotismus besaß. Und wie Bälde gehört auch Reiten- bacher der deutschen Literaturgcschichte an trotz des fremde» Gewandes. vr. Eduard Stemplinger. Neceusroueu nnd Notizen. Wolfs Ioh. Ios.. Lesebuch für Fortbildungsschulen, zugleich ein Buch für die Familie und das Haus des Arbeiters und Handwerkers. 8", Xll -s- 466 SS. Frciburg, Herder 1896. M. 3,20; geb. M. 3.80. >. Die Herder'sche Verlagsbuchhandlung, welche ihre Erscheinungen nicht bloß auf die wissenschaftliche Fach- literatur ausdehnt, sondern auch ganz hervorragend gediegene Schulbücher bringt, bietet uns hier bei mäßigem Preise ein treffliches Lesebuch für Fortbildungsschulen, das ob seines reichen und abwechslungsvollen Inhaltes wohl bei keinem Leser Ueberdruß erregen wird. Selbstverständlich ist Alles vermieden, was Glaube und Sitten gefährden könnte oder für die Fugend unpassend wäre. Geschichtliche Aufsätze, Gedichte, geographische Darstellungen wechseln mit einer große» Anzahl belehrender Aufsätze aus dem Gebiete der Naturgeschichte in bunter Fülle ab. Im Ganzen haben wir 174 Lesestücke, denen noch Geschüftsaufsätze und Geschäftsbriefe, sowie ein Fremdwörter-Verzeichniß angehängt sind; 23 Abbildungen und 3 Kärtchen verschönern und beleben den Text. Für Abwechslung in sogenannter lateinischer und deutscher Schriftgattung ist Sorge getragen. Die Rechtschreibung steht auf dem jetzt geltenden, osficicllen Standpunkt, der aber freilich mit Anwendung großer Anfangsbuchstaben bei Hauptwörtern noch kein sehr vorgeschrittener nnd vernünftiger ist; es ivird noch lange dauern, bis die bei manchen philologischen 'Autoren allmählig sich mehr bahnbrechende Gepflogenheit durchgängig kleiner Buchstaben auch endlich einmal in der Schulorthographie Platz gewinnt. Wir begreifen, daß ein Schulbuch vorläufig noch nicht wagt, eine süße, aber grundlose Gewohnheit zn durchbrechen. Es besteht kein Zweifel, daß das tüchtige Lesebuch bald Freunde bei Lehrern und Schülern gewinnen wird. . krilmelam coe1o.8ts parvum je Majors tibro Onil. Xalmteni (s. -Ich exeerptnm st nsni ,javentniis titorurum stnckiosao aeeommockatum s Llatlli. -Himms (s. ,7.). 32° pp. XIV -s- 447. AI. 1.60 ti§. ItatiHbonas, IA. pn.8tet, 1806. § Ueber den Inhalt des allbeliebten Gebetbuches von U. Nakatcnns, das „Himmlische Palmgärtlein", braucht man kein Wort zn verlieren; es hat die Probe in den Händen von Tausenden bestanden. Niedlich und be- gucm ist die vorliegende, überaus billige Ausgabe mit abgekürztem Texstfür Studirendc. Wenn die liturgischen Bücher (lllissalv, Lreviarinm, Uituale) zum Gebrauch des Priesters mit Tonzeichen versehen sind, und die Erfahrung lehrt, daß es sehr nöthig ist, so wäre es um so weniger überflüssig, den Text eines Schülerbüchleins zu accentuiren, um die richtige Aussprache zu sichern. Bekanntlich sind ja die Erfolge des klassischen Sprachunterrichtes an unseren Gymnasien so schwach, daß man selbst noch aus dem accentnirten Text bei Alumnen, ja sogar bei älteren Geistlichen die gräulichsten Prosodicfehler hören muß. Die Ausstattung des Büchleins ist sehr gut; jeder Gymnasial-Religionslehrer sollte seinen Schülern ein solches Bündchen m die Hand geben. Praktisch nnd würdig sind besonders die Beicht- und Communion-An- dachtcn; alle süßliche Andächtelei, die den gebildeten Menschen so leicht zurückstößt, ist selbstverständlich vermieden. „Gemsencier", 2. Portion. (Alpin-Humoristisches in Wort und Bild von Dr. E. Baybcrger. Verlag von I. Kösel in Kempten.) -l- Es war eine glückliche Idee des Herausgebers, den seiner Zeit in Baumbach'S „Enzian" zum Ausdruck gebrachten Gedanken eines alpinen Hnmoristitüms wieder aufzugreifen. Daß er diese Idee auch glücklich durchgeführt bat, beweist die günstige Aufnahme dcS 1. Bündchens „Gemsencier", so daß schon nach kurzer Zeit die nun vor uns liegende 2. „Portion" folgen konnte. Der ganze Inhalt des Büchleins ist alpin, lind der bergfrische, echte, kernige Humor hält an von der erstell bis zur letzten Zeile, so daß die „Gemsencier" eine wirkliche Bereicherung der alpin-humoristischen Literatur bedeuten. Dem Leser ivird hier vieles geboten: zum Vortrug in geselligen Kreisen sich eignende humoristische Gedichte, kurze und längere Erzählungen aus dem Touristenleben, witzige Einfälle und kölnische Vorkommnisse, in ihrer Situation köstlich erdachte Bilder (es sind deren 43 in vorzüglicher Ausführung) und eine vornehme Ausstattung, die dem Verleger alle Ehre macht. — Dies alles zusammengenommen und der wirklich billige Preis, (brosch. 1 M. 20 Pf., gebd. 1 M. 60 Pf.) dürften auch dem 2. Bündchen eilte recht weite Verbreitung sichern. Hansjakob Hcinr., „Die Salpeterer". eine politisch- religiöse Sekte auf dem südöstlichen Schwarzwaid. 8°. IV -j- 100 Seiten. Frciburg i. Br., Herder 1896. (Itl.) Preis 1 M. 40 Pf. » Aus der Feder des als Schriftsteller mit Recht hochgeschätzten Verfassers stammt der Aufsatz über „Die Salpeterer" in Kanlen's „Kirchenlexikon". Es ist gewiß dankenswertb. denen, welche das große Werk nicht besitzen, eine neue erweiterte Sonderausgabe zu bieten, die in klarer und anregender Sprache eine kurze Geschichte jener trüben Zeiten vorführt, in denen jene Sektirer entstanden und der berüchtigte Herr von Weffenberg eine bedeutende Rolle spielt. Von beiden Seiten wurde damals gefehlt, wie fast immer; mit welcher Zähigkeit bedauernswertbe Sektirer bei ihrer Stellung verharren, dafür bieten die Salpeterer, wie ihre Geistesverwandten, die Manharter in Tirol, ein trauriges Beispiel. Wir freuen uns, daß daS Büchlein, welches 1867 in zweiter Auflage erschien, aber gänzlich vergriffen war, zum dritten Maie auf dem deutschen Büchermarkt erscheint; es verdient von Allen, die sich für Kirchengcschichte intercssiren, gelesen zn werden. Möchten solche, die es angeht, Belehrung daraus entnehmen, welch' milde und vorsichtige Behandlung die Volksschule beansprucht, nur Schäden zu verhüten, die. wenn einmal entstanden, mit größter Mühe nicht gut gemacht werden können. „Die Volksschnlfrage." Vortrag des Landgerichtsraths Dr. Kiene, Vicepräsident der württembergischen Abgeordnetenkammer, gehalten in der Versammlung katholischer Männer im Gessllenhanssaal zu Ravcns- burg am 17. Januar 1897. Navcnsburg 1897. Verlag von Hermann Kitz. Preis 40 Pfg. (10 Exemplare 3 Mark). ** Die Schulsrage, insbesondere die Volksschnlfrage ist eine der wichtigsten Zeitfragen, deren Lösung jedes Elternhaus, jede Gemeinde, den Staat und die Kirche gleich nahe berührt. Jedem, der sich für diese wichtige Frage inleressirt, können wir genanntes Werkchcn, das dieselbe nach allen Richtungen in erschöpfender Weise behandelt, würinstens empfehlen. Veranlw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Die Abteikirche zn Kastl. Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mcrder. Es war vor einigen Jahren, da durchwanderte ich zum erstenmal das schöne Thal der Lanterach, um die altehrwürdige Klosterkirche der ehemaligen Benediktinerabtei Kastl zn besuchen. Dieser Besuch flößte mir dauerndes Interesse ein für dieses merkwürdige Baudenkmal: es ist wohl der bedeutendste frühmittelalterliche Kirchenbau, der in der Diöcese Eichstätt erhalten blieb. Es mag deswegen für weitere Kreise interessant sein, einige kunstgeschichtliche Notizen über die Peterskirche in Kastl zu erfahren. Eine Wanderung durch das Lauterachthal — es liegt zwischen Amberg und Nenmarkt i. d. Oberpf. — lohnt sich schon wegen der landschaftlichen Reize, die dieser stillen, weltfernen Gegend eigen sind, und die jeder Besucher anerkennen wird, sofern er nicht etwa sein Herz für ewig den Gletschern und Schueefeldcrn des Hochgebirgs verschrieben hat. Wir passiren das malerisch gelegene Dorf Pfaffen- hofen; zu Klosters Zeiten war es die Pfarrei von Kastl. Ueber dem Orte auf felsiger Höhe erhebt sich die Schwcppermannsburg. Sie ist halb Ruine: der ritterliche Held ruht in der Klosterkirche zu Kastl. In Pfaffen- hofen hat sich ein sog. Karner aus spätromanischer Zeit erhalten; wir dürfen an dieser etwas heruntergekommenen Kapelle nicht vorbeigehen, ohne sie besucht zn haben: nur wenige dieser mittelalterlichen Bauten sind in Bayern erhalten geblieben. Der Karner zu Pfaffenhofen ist ein doppelgeschossiger, in beiden Geschossen mit Kreuzgewölben versehener Bau: oben die Kapelle zur Feier des Gottesdienstes, unten der Raum für die Todtengebeine. Die Apsis der Kapelle trat als Erker aus der Ostwand hervor: doch ist leider nur der feinprofilirte Sockel erhalten, auf dem sie ruhte. Interessant ist auch ein an der Nordwand außen befindliches Erkerchen; es war ein Armenseelenlicht-Häuschen, bestimmt zur Aufnahme eines Lichtes, wie es im Mittelalter auf den Friedhöfcn gebräuchlich war. Wir wandern die Straße weiter. Kaum haben wir Pfaffenhofen verlassen, da macht das Thal eine scharfe Biegung, und das Ziel unserer Wanderung, Kastl, liegt vor uns. Das Bild äst überraschend: Auf der Höhe des Klosterberges erhebt sich die ehemalige Abtei mit ihren Befestigungen, Thürmen, malerischen Gebäuden; dazwischen prächtige Baumgrnppcn, und alles überragt der ausdrucksvolle Thurm der Klosterkirche. Die Patina ehrwürdigen Alterthums verleiht dem Bilde seinen eigenen Reiz. Um den Fuß des Klosterberges grnppirt sich der Markt Kastl: das Charaktervolle des obigen Bildes fehlt auch ihm nicht. Die Benediktinerabtei zu Kastl, besonders die Klosterkirche sind aber nicht bloß als landschaftliches Motiv für Künstler und Touristen interessant, sondern diese Kirche nimmt auch in der deutschen bezw. bayerischen Kunstgeschichte eine bedeutsame Stellung ein, und nur die Abgelegcnheit Kastls vom großen Verkehrsweg macht es erklärlich, wie vn. B. Niehl bemerkt, daß dieser merkwürdige Ort bisher in der Kunstgeschichte nicht diejenige Beachtung gefunden hat, die ihni gebührt. Wenn man heute die Nbtcikirche besucht, so findet man allerdings nicht mehr jenen Ban und jene innere Ausstattung, wie es zu den Zeiten war, wo ein Schwepper- maun in den ehrwürdigen Hallen der Peterskirche auf dem Klosterberge zn Kastl betete, oder lvie es Kaiser Ludwig der Bayer vorgefunden, als er am 8. Januar des Jahres 1323 in dem Kloster zn Kastl das Dankfcst feierte für den Sieg, den er bei Mühldorf über Friedrich den Schönen errungen hatte: die wechselvolle Zeit hat oft mit rauher Hand in diesen heiligen Räumen gcwirth- schaftet. Doch ist im wesentlichen der Bau so erhalten, wie ihn das Mittelaltcr geschaffen. Das Kloster Kastl ist eine Stiftung der Nachkommen des Herzogs Ernst II. von Schwaben: des Grafen Verengen: von Sulzbach, des Grafen Friedrich von Kastl und der Enkelin des Herzogs Ernst, der Gräfin Luitgard. Luitgards Bruder war Bischof Gebhard III. von Konstanz. Gebhard war ohne Zweifel bei der Kastler Kloster- gründung betheiligt. Die ersten Mönche, die das Kloster zu Kastl bevölkerten, kamen nämlich aus Petershausen bei Constanz. Ihr Abt hieß Theodorich. Die Veranlassung zu dieser Berufung ist jedenfalls bei Bischof Gebhard zu suchen. Die Gründung des Klosters beginnt mit dem Jahre 1098. 1103 schritt man zum Bau der Kirche, 1129 wurde sie geweiht. Die Peterskirche zu Kastl ist eine im Chor fünf- schiffige, im Langhaus dreischiffige romanische Pfeilerbasilika. Qnerschiff besitzt sie keines. Den fünf Schiffen des Chores eusprechen fünf Apsiden, von denen die Hauptapsis und die Apsiden der inneren Nebenschiffe in gleicher Linie liegen. Die Apsiden der äußeren Nebenschiffe dagegen sind in die Westwand der beiden Thürme eingelassen. Die Thürme befinden sich nämlich östlich neben den zwei vorderen Jochen der inneren Nebenschiffe: sind also den äußeren Nebenschiffe» östlich vorgelegt. Im Westen besaß die Basilika eine dreischiffige Vorhalle. Die Länge von St. Peter beträgt mit Einschluß der Vorhalle 65 m (im Lichten), die Breite der drei Schiffe 19 in. Die Höhe des Mittelschiffes ist im Chor 12 IN, im Schiff 15 na; die Nebenschiffe haben eine durchlaufende Höhe von 8 m. Betreten wir die Kirche durch die Vorhalle im Westen — sie wird Paradies genannt! In ihrer jetzigen Gestalt ist dieselbe ein Werk der Gothik, wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das schöne Gewölbe entwickelt sich aus einem achtseitigen Ccntral- pfeiler, wie das Geästs eines Baumes. Jedenfalls waren symbolische Absichten bei dieser Anlage maßgebend; man mag an den Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses gedacht haben. Die heutige Vorhalle nimmt den Raum ein, den ehemals das Mittelschiff des romanischen Vestibüls inne hatte; sie mißt 12 ra in der Länge und 8'/^ m in der Breite wie das Mittelschiff der Kirche. . Die ursprüngliche romanische Vorhalle war aber dreischiffig. Diese Thatsache ist außer allem Zweifel: an der Nord- und Südwand der jetzigen Vorhalle sieht mau uoch die drei Arcadenbögen, durch welche das ehemalige Mittelschiff mit den Seitenhallen in Verbindung stand, sowie Fragmente der tragenden Säulen. Die mittlere Halle des ehemaligen Vestibüls war überdies doppelgeschossig. Eine derartige Anlage ist, wenn ich nicht irre, in Bayern ein llnicum; verwandte Beispiele finden sich zu Limburg a. d. Hardt, am Dom zu Spcyer, zu Gurk in Kärnten. Zwei nischcuartige Oeffmmgen gewährten von dem Obergeschoß der Vorhalle den Einblick in die Kirche. Diese Nischen sind rnndbogig überwölbt und haben eine gedrückte Gestalt: ihre Höhe ist 1,6 w, die Breite 1,7 w. Zwischen beiden Nischen sieht man noch eine etwas verstümmelte Console mit Ansätzen von Gcw'ölb- rippcn. Es geht daraus hervor, daß dieser obere Raum gewölbt war, und Zwar scheint es ähnlich der Wölbung des Paradieses ein Centralgewölbe gewesen zn sein. Die Lage des eben erwähnten Gewölbeansatzes ist wenigstens nicht erklärbar, wenn man nicht ein Centralgewölbe annimmt. Eine andere Möglichkeit wäre nur noch die, daß dieses Obergeschoß zweischiffig gewölbt war, entsprechend den zwei Nischen, die den Einblick in die Kirche gewährten; vielleicht erhob sich über dem sehr kräftigen Achleckspfciler im Paradies ein Gewölbeträger für die obere Halle. Den Profilen der erwähnten Console nach zu schließen, geschah die Wölbung des Obergeschosses gleichzeitig mit der jetzt noch vorhandenen Wölbung des Paradieses. Ursprünglich scheinen demnach die beiden Geschosse mit flacher Decke versehen gewesen zu sein öderes war die ursprüngliche Wölbung schadhaft geworden. Wie der Zugang zu der oberen Halle vermittelt war, läßt sich ohne Nachgrabungen nicht bestimmt feststellen. Die mit der Kastler Anlage verwandten Cluniacenserbauten lassen vermuthen, daß im Westen zwei Treppenthürme angelegt waren. Es ist möglich, daß dieselben neben den beiden Seitenschiffen der Vorhalle standen wie zu Limburg a. d. Hardt, oder aber daß sie westlich den Seitenschiffen vorlagen, und dann ergab sich zwischen den beiden Treppenihürmen eine zweite, kleinere Vorhalle, durch die man in das Paradies eintrat: das in großem Maßstab ausgeführte Vorbild für letztere Gestaltung bot die gewaltige Klosterkirche zu Cluny. Diese in Deutschland verhältnißmäßig seltene Vor- hallenanlage, wie sie die Basilika zu Kastl besaß, hat zwar nicht den ästhetischen Reiz, wie er der herrlichen, krcnz- gangähnlichen Vorhalle zu Maria-Laach eigen ist, aber bei der Frage nach dem Baumeister, der die Kastler Kirche gebaut, ist sie von großer Bedeutung. Das Portal, das von der Vorhalle in die Kirche führte, ist nicht erhalten: die Kirche selber präscntirt sich dem Besucher in glücklichen Raumverhältnissen. Weite und Höhe verhalten sich im Mittelschiff des Chores wie 2:3, im Langhaus wie 2:1; desgleichen ist das Verhältniß der Höhen im Mittelschiff und in den Seitenschiffen wie 2 : 3, bczw. wie 2 :4. Die Kirche hat also nicht das Beengende, was mancher gewölbten romanischen Kirche, auch großen Domen eigen ist; doch fehlt ihr auch keineswegs ein Zug von dem schweren, trotzigen Eindruck, den so mancher Ban aus jener Zeit hervorruft. Einst muß es ein prächtiges Interniern: gewesen sein, als die Wandgemälde noch nicht übertüncht und die Glasgemülde noch nicht zertrümmert waren, und die mittelalterliche Kircheneinrichtung noch bestand, die, nach den überkommenen Nachrichten zn schließen, eine ganz malerische Disposition auswies. (Fortsetzung folgt.) Ueber Dp. Sefl)/s „Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Pnlästinafghrt" gaben wir in Nr. 2, 3 und 4 der Beilage eine eingehende kritisch-literarische Anzeige, gegen welche Herr- Professor Dr. Scpp uns eine längere „Rechtfertigung" sendet. Er hofft damit „auch seinen jüngsten Widersacher auf seine Seite zn bringen". Wir stellen es diesenr anheim, zum Ende der Scpp'schen „Rechtfertigung" sich zu äußern, ob er bekehrt ist, müssen aber dann die Discussion hierüber in diesen Blättern für beendet erklären. I. Bekanntlich liegt ein Hauptdifferenzpunkt in der Frage über die Lage des biblischen Kapharnaum. Die italienischen Patres, welche Telum am Nordwestend des Sees Gennezarcth für 40,000 Francs angekauft und dort ein Hospiz gebaut haben, hielten und halten Telum für Kapharnaum. Diese Annahme läßt Dr. Scpp nicht gelten. Er will „aus der Natur und Geschichte, vor allem aus den Evangelien selbst, nachweisen, daß die Lage von Kapharnaum zu Telum oder Telhum eine Unmöglichkeit ist", und schreibt: „Als Graf Burkhard von Magdeburg, Guardian vorn Berge Sion, 1283 von der Bergstadt Safed Herabstieg, erreichte er den See bei Telonium. Ich habe 1874 mit meinem Sohn denselben Weg gemacht, und wir stießen zn Telum aus Ufer. Die Gleichung ist einfach: wie z. B. aus Posidonium mundartlich Pästum geworden ist, hat sich Telonium zu Telum abgekürzt. In den Diplomen der Kreuzritter heißt die Stätte noch l'kroloroum oder Mreoloirium. Der Name taucht erst in neuerer Zeit wieder auf, bei Burckhardt von Basel 1812 Tellhewu, bei Buckingham Talhown — diese Form paßt zu der Zollstatt des Matthäus (XI. 9.). Ich habe diese Stelle zuerst bestimmt; wenn aber unser Freund hier Kapharnaum vertritt, so macht er sich's leicht, indem er meine Hauptbcweise dagegen nicht anführt. Es gibt im ganzen Umkreise des Sees keine Ocrtlichkeit, die ungeschickter für einen Schiffplatz wäre, und das war doch der dreijährige Wohnsitz Christi. Telum (woraus die Araber zwei Worte: Dell — Hügel? und stura? machten) hat nicht einmal einen Läudplatz, geschweige Hafen, und es fällt selbst den Laien auf, daß die Bootsknechte ihre Fahrgäste auf den: Rücken hinaustragen müssen, wenn diese nicht vorziehen, ihr Gewand bis an die Hüfte aufzilschürzeu und hinauszuwaten. Soll Petrus den Herrn jedesmal auf dem Arm oder Rücken am Ufer abgesetzt haben? Kapharnaum lag in der Ebene Gen- nczareth, und zwar an einem Berge, Telum liegt anderthalb Stunden nördlich ganz flach. Und wenn Johannes die Entfernung von Bethsaida auf 25 bis 30 Stadien zur See angibt, so paßt hiezu einzig die Stadt am Nordende der gesegneten Ebene, aber nicht am Ende des Sees. Nach Telum brauchten die Jünger gar nicht zu Schiffe zu gehen, sondern kamen direkt von Bethsaida über die damalige Jordanbrücke in einer guten Stunde dahin. Ist denn aber mein Mesadieh auch gleich Bethsaida? Ich antworte: Ganz gewiß im otrrtus aoiwlruetus, wie Masphat gleich Safad, Cabatieh — Memcthat ist und Muslam zu Islam sich stellt. Vor zwei Jahrhunderten ist der grundgelehrte Orientalist Reland in den Irrthum verfallen, zwei Bethsaida anzunehmen, weil die Hcimath dreier Apostel: Philippns, Andreas und Petrus (Joh. 1, 44. 12, 21), in Galiläa gelegen. Aber auch Judas von Gamala heißt der Gnliläer. Jesus fuhr von Tibcrias nach der Einöde bei Bethsaida (Joh. 6, 1, Luk. 9, 10) und heißt von da seine Jünger nach Bethsaida vorcmsfahren (Mark. 6, 45. 63). Darauf kamen sie unter fürchterlichem Sturm nach Kaperuanm in der 71 Landschaft Gennezaret. Dies ist aber ein und dasselbe Bethsaida (Mark. 6, 22), das bald Dorf, bald Stadt heißt, weil erst der Vierfürst Philippus ihm den Stadtnamen beigelegt hatte. Mein Recensent will die Unterscheidung damit begründen, daß das eine den Beinamen Julias führte; aber die Herodier tauften so die Hälfte der Städte um, Bctharon in Livias, Megiddo in Legio, Kapharsaba in Antipatras u. s. w., ohne das; es ein zweites Betharon gab. Kurz: wir haben kein Bethsaida am Westnfer zu suchen. Der Seesturm bringt uns zur Ueberzeugung, daß Telmn nicht Kapbarnanms Lage bezeichnen kann, weil diese Küste den heftigsten Winden aus dem Hanron ausgesetzt ist. Auch die deutschen Pilger, welche man noch immer an der deutschen Station Chan Minieh vorüber da hinauf transporlirt, haben dies erfahren, und mancher rief, besorgt, aus der großen Schale trinken zu müssen: „Herr, rette uns, wir gehen zu Grunde!" Mein Kapharnanm zu Kefr Minieh dagegen hat einen einzigen, runden.Hafen als sichern Zufluchtsort für Schiffer und Wohnort für zahlreiche Fischer. Es empfiehlt sich wohl öfter, daß der Gelehrte das Beispiel des Sokrates nachahme, welcher sich gern auf den Dreistuhl des Schusters Simon setzte, um zu erfahren, ob der anstudirte Verstand bei der gesunden Vernunft Gnade finde. Nahum hätte wohl in Num, aber nie in Hnm sich wandeln können. Der jüdische Geschichtschreiber nennt es Kapharnome und den Fluß dabei Kapharnanm — Telhnm hat rechts und links auf Stunden weit kein anderes Wasser als das aus dem See. Dies meinte ich nnwiderlegltch ausgeführt zu haben, und doch bin ich heute der einzige, der das wahre einstige Kapharnanm vertritt. Während Tclum, oder mit arabischem Hiatus Tcl- hnm, erst in neuerer Zeit durch falsche Gelehrsamkeit zu so unverdienten Ehren gelangte, sprach für Minieh bis vor zwei Jahrhunderten die Tradition. Die Hanpt- antorität des Franzikaner-Ordcns, wofür ihn auch mein Censor und schwer zu überzeugender Kritiker anerkennt, der Guardian Quaresmins, schreibt in seiner I)686r1ptic> lerrns aanetno II, 854 1620: „Ich halte die alte Ueberlieferung sehr hoch, ich folge ihr, erkläre und vertheidige sie, die heiligen Orte bedürfen keines Lügen- schmnckes. Ich habe fast alle Bibclgelchrtcn und in der Geschichte der heiligen Stätten bewanderten Männer durchgesprochen" — und wie lautet die anderthalb Jahrtausende festgestellte Thatsache? „An der Stelle von Kapharnaum sieht man viele Rnincn und einen kümmerlichen Khan (ciivarsoriuin). Derselbe liegt sechs Million vom Jordaneinfluß und heißt Menieh." Schon wer die Stadt Christi (Matth. 9, 1) in anderthalbstiindiger Entfernung von der Ebene Gemiezaret sucht, hat die Bibel gegen sich. Wie kam aber die Stadt zu diesem Namen? Die Einen rathen durch arab. minkrü, der Hafen. Gildemeister in Bonn, der auch für Telhnm eingenommene, angeblich erste Arabolog, zieht einfach rniu.ss herbei, welches, vom koptischen abgeleitet, vom Nilstrande bis Hispanien Dorf bezeichnet. Also Kefr Minjeh wäre Dorfdörfel? Aber wir brauchen deßhalb so wenig wie vor dem Orientalisten Rcland die Waffen zu strecken. Die Araber selbst behandeln das Wort als ein fremdes. Der Beduine spricht nicht rainss sondern inairss, ja in Saladins Tagen hieß der Punkt irmuag'u und überragte selbst Tiberias an Bedeutung. Ist es doch das einstige Cinnereth! Meine Erklärung gibt sich aus dem Talmud und ist schon im Leben Christi tvie noch mehr im ersten Palästinawcrke beigebracht. Die Rabbinen von der Akademie zu Tiberias untersagten den Juden, nach Ka- pharnachum zu den Minim oder Ketzern zu gehen, wo sie sich heilen lassen konnten, aber leicht abtrünnig wurden. Minim bezeichnet die Renegaten oder Rekusantcn, es erhielt sich als Benennung für das Christendorf. Wir katholische Deutsche haben aus dem Streite über die wahre Lage Nutzen gezogen und seit 1887 durch den Ankauf von Tabiga (mit Tahal Kapharnaum, der sagenhaften Nilqnelle), von Khan und Chörbet Minieh den bedeutsamsten Strich am gepriesenen See, ein Terrain von 200 Morgen Landes, für 20,000 Franken erworben. Ich meinerseits stehe dem nun einzigen Verein für das gelobte Land in Aachen und Köln mit ebensoviel Mark gut, daß hier Kapharnanm gelegen, als das Besitzthum Franken gekostet hat. Ja soeben schreibt unser dortiger Vertreter mir von dem Anerbieten der in Gcldnoth befindlichen Araber von Name, noch so viel Hektar Landes für 18,000 Franken uns abzutreten, daß unsere deutsche Kolonie 600 Morgen des wasserreichsten und darum fruchtbarsten Landes am galiläischcn Meere umfaßte. Aber es hat Eile, damit nicht Russen und Franzosen uns zuvorkommen, oder noch eher die Juden, die überall ankaufen, unsere Nachbarn werden. Wir Deutschen gehen nur zu langweilig vor; mich erfaßt die Ungeduld! Der Schreiber dieser Zeilen hat schon auf der Generalversammlung der katholischen Vereine zu München 1861 im GlaSpalaste den Antrag gestellt und die nngetheilte Zustimmung der gewiß 7000 Theil- nehmer erhalten, am See Gennezareth eine deutsche Niederlassung zu begründen. Abt Haneberg, sel. Andenkens, wollte die Missionsvriester von Porto Farina bei Tunis deßhalb nach Tiberias ziehen, wo die Peterskirche mit unserem Zuthun neu eingerichtet wurde — aber die Eifersucht der Italiener vereitelte das Vorhaben. Der Neid verzehrt sie noch heute, und wir erhalten keine Zuschrift aus Palästina, ohne daß von neuen Anfechtungen die Rede ist. Ich bin darum wahrhaft erstaunt, daß mein gestrenger Recensent für den verlorenen Posten Telhnm eintritt, doch will ich ihm deßhalb nicht gram sein. Ich helfe auch unsern abgeneigten Nachbarn hinaus, indem ich ihre Station Lau lEatkeo in tslonio benenne und durch Christi Gegenwart geheiligt erkläre. Es wäre doch unverantwortlich und ist eine schwere Anklage gegen den Münchener Professor, wenn er den deutschen Episkopat und all die Genossen des Pnlästinavcreiues zu dem immer noch erweiterten Ankauf in und um Kefr Minieh veranlaßte, ohne seiner Sache. gewiß zu sein, soweit es überhaupt noch eine historische Gewißheit gibt. Verräth es nicht doch eine Voreingenommenheit für die seit letzter Zeit veränderte klösterliche Tradition und ihre Träger, wenn man einen Klosterbruder Liövin und den (inzwischen zu mir bekehrten) Pfarrer Furrcr von Zürich aus gleiche Linie mit Quaresmins und meiner Wenigkeit stellt, als ob die Vorgenannten nur auch über die litcrarischen Mittel verfügten, die Unsereinem zu Gebote stehen? Es ist möglich, meint unser Freund, das; Kapharnanm mit Kephar Minim und Minieh eine Gleichung bilde, aber erwiesen sei es nicht. Wir erwidern: Erwiesen ist jedenfalls und nach der Natur der Dinge unwidcrsprechlich, daß die Stadt Christi nicht in Telhnm gelegen haben kann, und wenn 72 nicht in Ehörbet Miilieh, dem Hafcnpunkte, wo lag es dann? Es hing doch nicht in der Luft! Einzig fehlt noch, daß man von Kefr Lam bei Dora am Mittelmeer» welches die Krcuzpilger auch für Kapharnanm nahmen, einen Einwurf gegen mein Kefr Minieh, das Christendorf ableite — wie taktvoll wäre dies, und welch papierne Erudition! Doch darum keine Feindschaft, im Gegentheil jedem strebsamen Doctor der Theologie freundlichst von mir die Hand gedrückt. Lichtmesse, 1897. Pros. Dr. Sepp. (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Besagter Urkunde zufolge hatte der Vater des Grafen Napoto von Abenberg in der Vorstadt dieses Ortes ein Klöstcrlei» gegründet, und zwar an einem unpassenden Platze; znr Sustentation waren auch die nothwendigen Güter bcigegeben worden. Da jedoch der erbberechtigte Sohn nicht um seine Einwilligung befragt worden war, so bestritt er vor dem bischöflichen Gerichte die Rechts- giltigkeit der Gütervergabung. Die aufgebrachten Zeugen bestätigten die Angaben Napoto's, so daß der Bischof, wenn auch nur nngcrne, ihm das Eigenthnmsrccht an den zu klösterlichen Zwecken bestimmten Gütern Zuerkennen mußte. Jedoch die Bischöfe von Wllrzburg und Bamberg bestimmten den Grafen Napoto, daß er jene Güter der Kirche in Hcilsbronn am Tage ihrer Ein- »veihnng zuwendete."') Gegen die Aechtheit dieser Urkunde konnte zunächst eingewendet werden, daß sich Bischof Burkhard nur üu- milis Provisor s. Dzwtettonsis eoolasiao nennt. Aber kann denn „Provisor" nicht identisch sein mit snpor- mtenciens? kann es nicht die genaue, wörtliche lateinische Wiedergabe des griechischen episoopns sein? Nannte sich doch auch Gebhard II. noch gegen das Jahr 1132: Provisor der Kirche Eichstätt (Lefflad, Regesten nr. 215), obwohl an eine interimistische Verwaltung der Diöcese gar nicht mehr gedacht werden konnte. Auch Sigfrid nannte sich mehrfach: äivina cooxsrants olsmentia wirbeln,rgonsis Irurnilis wivistsr (Euglert, Geschichte der Grafen von Truhendiugen, Regest nr. 135, wo indessen der Druckfehler äamentia stehen geblieben ist, nr. 142; cool. p. 142).°^) Auch die später erfolgte Einweihung der Hcilsbronner Kirche, welche von Fuchs gegen das Jahr 1150 hinanfgcrückt wird (25. Jahresbericht d. Histor. Vereins in Mittelst'. 1857, 17), spricht nicht gegen die Aechtheit der Urkunde, welche das Datum 1136 trägt. Denn die Jahreszahl 1136 zeigt, da sie sich für kein Fertignngsdatnm ausgibt, nach Snttncrs Meinung das Jahr an, in welchem Graf Napoto die Abenberger Klause mit ihren Gütern einzog und so den kirchlichen Besitz unterbrach. Um die Hotam sit iZitur uoiversis eeelesiae üdelillus, qoaUter eomes Ralllloto eelllckaio guandam in sullurllio Xlieulle/Kias a patrs suo loeo ineomxotouti mivns dis- ercts inelloataar eum prediis silli appeiideutillus in pras- seutia rroslrs et totiuL eeelesiae aostras iv possessiouem suas xroprietatis aollis reuitentibus et pro passe uostro deilluclentillus, ordin« judiciario olltinnit, eomprollans te^ Obus le^itiinis siue assensu suo rem psrpetratam irritam 0880 ckobero. Hocker, Heilsbr. Zlntia.-Schatz 8 upxl. I, 71. Lcsslad, Regesten in. 218. °) 1197 nennt sich Hartwig, welcher 1195—1223 die Di .iccse Eichstätt regierte, Listetensis eeelesiae minister, Lcsslad, Regesten ur. 327. (laut'. Hocker l. o. supxl. 1,72. spätere Restitution zu einer rostitntio in iviegrum rechtlich zu machen, wurde dann der Schenknngs- bczw. Einwilligungsakt des Grafen Rapoto auf 1136 zurückversetzt: aokum anno 1136 (Past.-Bl. 1862, 146). Untersuchen wir nun an der Hand dieser Urkunde die Skilla-Legende. Napoto's Vater (der Name wird in der Urkunde nicht genannt) hatte ein Klösterlein in susturbio tlksn- borZae looo inooinpokonli minus äisoreko einzurichten begonnen. Was bedeutet hier sulmrdium? In der klassischen Latiuität kommt dieses Wort nur einmal vor: 6io. stliil. XII, 10; Schellcr (latcin.-dentsches Lexikon 1788, III» 6648) übersetzt es: vielleicht Vorstadt; in der mittelalterlichen Sprache bedeutet es: die nächste Umgebung einer Stadt oder Umgebung, auch den unter einem Schlosse gelegenen Flecken (Past.-Bl. 1856, 125). Betrachtet man nnn die Lage von Abenberg, so kaun die an das Schloß sich anschmiegende Hänsergruppe vom Standpunkte der Burg aus sehr wohl mit sud- urlüum bezeichnet werden, wie denn auch Hocker es mit „Vorstadt" wiedergegeben hat. In dieser Auffassung werden wir bestärkt durch die weitere Angabe, daß das Klösterlein an einem ungeeigneten Platze mit wenig Verständniß angelegt worden sei. Die Bodenbeschaffenheit der nächsten Umgebung des Abenberger Schlosses, dessen Maucrwerke heute noch Ucberreste des früheren Mittelalters ausweisen, ist sehr steinig, steil ansteigend und in Folge dessen wasserarm. Wenn nun die späteren Aufzeichnungen zu berichten wissen, daß Stilla's Klosterüan hauptsächlich wegen der Sprödigleit des Bodens und wegen Mangels an Wasser aufgegeben worden sei, so treffen diese Umstände viel weniger bei dem tiefer gelegenen, von der Burg ungefähr 1 Kilometer entfernten Terrain der Petcrskirche, als bei jenem der Jakobskapelle zu. Hier konnte der nöthige Raum für ein Kloster und für ein Gotteshaus nur mit Ueberwindung großer Tcrrainschwierigkeiten gewonnen werden. Daß die Mönche in Abenberg sich wirklich bei der Jakobskapellc niedergelassen, letztere wohl auch erst gebaut haben, dürfte aus der oben berührten Gebietsrcgelung des Grafen Rapoto mit dem Kloster Heilsbroun erschlossen werden, wornach ein halber Mansns des von den Klosterlenten urbar gemachten Bodens bei der Kapelle des hl. Jakobus zu verbleiben hatte. Napoto's Vater hatte einige Güter dem Dienste Gottes bestimmt, wie die Urkunde besagt, aber nach deutschem Rechte konnten ohne Einwilligung des erbberechtigten Sohnes keine Familiengntcr veräußert werden: On der Erben gelop undc ohne echte Ding mag kein man fei eigen gut (altockium) vergeben. (Past.-Bl. 1856, 126.) Ueber dieses Recht äußert sich Wolfram von Eschcnbach in seinem Parzival mißmnthig: Lie pkeKeot's noll als wau's do ptlae sva lit und vmllisell Korillte lav. des xiliZ'st voll tintseller erde ein ort: das Nächst ir aus mioll Kellert. swer ie da ptlae der lande der Ksbot vvol ane sellands (dar ist ein warllelt swrder rvLu) das der aldsst llruoder solde llan s!os vatsr Kaoseu erbeteil. das vas der jauKeru aullsil das in der tät die pkillte llraoll als in ir vatsr lelleu verjaell. dL vor rvas es Zemeiue: sus llat's der alter eins. .... llüneLv, Kravsv, llersoZen 73 (ckL2 LLZ' iek iu für UNK6lOK6ll) ÜL 2 ckis ckä Iiuobe enterbst sint uns an ckas eltssts Lint, ist ein fremäiu Lsobs. (Bartsch. Parzival I, 117—141.) Auf Grund dieser „sonderbaren Einrichtung" forderte Rapoto nach seines Vaters Abscheiden die Güter zurück, zu deren Vergabung an ein Kloster er nicht um seine Einwilligung angegangen worden war. Er nimmt keine Rücksicht auf seine Schwester Stilla, zu deren Gunsten der Vater das Klösterlein gegründet hatte, sondern er beschreitet den Klageweg vor dem bischöflichen Gerichte, das hier wegen des religiösen Charakters der Kloster- güter zuständig ist. Bischof Burkhard sucht zwar den Willen des Vaters anstecht zu erhalten und die Existenz des Abenberger Klosters zu retten, allein angesichts der zeugschaftlichen Aussagen muß er die Berechtigung der Klage Rapoto's anerkennen und demselben das Eigenthumsrecht auf die in Frage stehenden Allodialgüter zusprechen. Bei der Einweihung der Kirche zu Heilsbronn bringt jedoch auf vielfältiges Zureden Rapoto es über sich, diese Güter dem Kloster der Cistercienser zu schenken. Anwesend waren hiebet außer dem consecrirenden Bischöfe von Eichstätt der Bischof von Würzbnrg und Bamberg nebst den Aebten Marquard von Fnlda, Adam von Ebrach, Rabboto von Heilsbronn, Wignand von Theres, Ortlieb von Neresheim, Adelbert von Ahansen und anderen Adeligen beiderlei Geschlechtes. Aber Niemand legt ein Wort für Rapoto's Schwester ein, ja sie wird in der Urkunde gar nicht genannt, obwohl der Bischof von Würzbnrg, Sigfrid, dem Hause der Grafen von Truhendingcn entstammte, dem auch Stilla's Mutter nach der legendären Voraussetzung angehörte; aber er achtet die verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stilla so wenig, daß er für die Vergabung jener Güter, welche der Vater zur Gründung eines Klosters in Abenberg nach dem Herzenswünsche seiner einzigen Tochter bestimmt hatte, an Heilsbronn eintritt! Oder ist vielleicht Stilla im Jahre 1149 — 1150 nicht mehr unter den Lebenden ge- lvesen? Aber Rapoto's Schwester Hcdwig, mit welcher Stilla vielfach identisizirt wird, lebte noch 1152?") Vor ihrem Hinscheiden soll Stilla in die Zukunft geschaut und vorausgesagt haben, daß etwa nach 350 Jahren doch noch ein Kloster in Abenberg entstehen würde: sicherlich ein sehr unzureichender Trost nach einem Verlornen Prozesse! ") Mütter (I. o. S. 47) hält es für wahrscheinlich, daß Stilla um das Jahr 1160 gestorben sei. Damit fällt aber auch die Berechtigung des Satzes: „Doch ihr frühzeitiger Tod hinderte die Ausführung ihres heiligen Planes" (Müller t. o. S. 7), nämlich neben dem Pctcrskirchlein ein Nonnenkloster zu erbauen. Denn wenn schon im Jahre 1136 gelegentlich der Kircheneinmcihuug zu Abenberg Stilla aus der Hand des Bischofes Otto vom Bamberg den Schleier als Zeichen klösterlichen Lebens empfangen hat, wie Müller S. 6 zuversichtlich behauptet, so war doch von 1136—1160 für die Grafeutochter Zeit genug gegeben, ein Klösterlein bei der Pcterskirche zu erbauen. Dann aber erscheint es noch unerklärlicher, warum in der Urkunde des Bischofes Burkhard Stilla's Name gar nicht genannt wird, warum nicht einmal ihr naher Verwandter, Bischof Sigfrid von Würzbnrg, zu ihren Gunsten sich aus- sprach, sondern die bestrittenen Allodialgüter nach Heilsbronn vergabt werden ließ. Wenn Rapoto die väterlicherseits für ein Kloster bestimmten Güter doch herausgab, obwohl ihm das kirchliche Gericht das Eigenthumsrecht an denselben zuerkannte, so wäre es wohl dem menschlichen Kerzen entsprechender gewesen, wenn dieselben der eigenen Schwester überwiesen worden wären. Uebrigens währte es nicht solange, bis in Abenberg abermals eine Klostergründung versucht wurde. Bischof Reimboto von Eichstätt hatte durch Urkunde vom 7. März 1296 Stadt und Beste Abenberg um 4000 Pfd. Heller von dem Burggrafen Konrad dem Frommen und seiner Gemahlin Agnes von Nürnberg erkauft. (Nounmouta, Aollarurm II, 241 nr. 411.) Dorthin nun verlegte Reimboto das von dem Nürnberger Burggrafen am 22. Juli 1294 gegründete Stift von Säkular- klerikcrn zum hl. Nikolaus in Spalt?") (LIom Kolter. II, 224 nr. 391.) Zugleich gründete er am 11. Febr. 1297 bei dem neuen Stift „von werutlichen Chorherr», der angchaben ist zu Spalt und von gcsprcchens wegen gen Abenberg gelegt ward," der besseren Regierung wegen ein Propstamt, das der Magister Ulrich nur vorläufig ausgeübt hatte, und dotirtc dasselbe mit einer Pfründe zu Abenberg, durch Jnkorporiruug der Pfarrei Meuig (Möniug bei Freistadt), durch eine Pfründe zu Herrieden und durch eine Schankung von jährlich 10 Pfd. Heller, weiche der Bischof selbst bisher von Häusern und Bauern zu Altcuvelden bezogen hatte. (Lefflad, Regestcn nr. 791.) Am 7. Mai 1300 inkorporirte Bischof Mauegold von Würzbnrg die Kirche in Weiler bei Schwabach ganz dein Stifte bei der Kirche des hl. Jakobus in Abenberg; indessen schon am 19. August 1300 installirte Bischof Konrad das St. Nikolaistift wiederum in Spalt, wo es, 1619 mit dem älteren, seit 1037 bestehenden St. Emmerausstifte vereiniget, geblieben ist bis zur Klosteraufhebung am Anfange des 19. Jahrhunderts. (Non. 2oIIsr. II, 269 vr. 438; Lefflad, Regesten nr. 794.) "°) Nach Ried, oockox ebronoloKieo-ckipIomatious epis- seopatus Ratisbonensis (1816) I, 10 vr. 15, schenkte 810 Graf Ekkebcrt dem Bischöfe Ädalwin von Regensbnrg als Abt des Klosters St. Salvator Güter im Rangan, wo die Flüsse Piparodi zusammenfließen. Das Cönobmm 8. 8alvatoris lag im Sualafelde. I'avta gutem est, sagt der Schlußsatz der sehr umfangreichen Urkunde, anno ck. ine. 910 in ipso loeo, gv äieitur kixmrocki. Während Suttner (Past.-Bl. 1862. 136) mit Jänner, Geschichte der Bischöfe von Rcgcnsburg 1.154, das Kloster St. Salvator nach Spalt verlegt, glaubt Haas (Der Rangan S. 21,24) dasselbe in Rauhenzell bei Herrieden suchen zu müssen, wo allerdings bis 1808 eine gerne aufgesuchte St. Salvators- kapelle stand. In dem Güterverzeichnisse Arnolds wird die Verehrung des hl. Emmeran bewiesen durch die zahlreichen Güter, welche dem nach ihm benannten Kloster in Regensburg allenthalben zuerkannt wurden: g<1 orisntem provlnciae lluins ttunsetaeus optimo pisee vivickus (Mondsee, 831 nach Regensbnrg von Ludwig dem Deutschen und seiner Gemahlin Hcmma vergabt), nulle rsxsius eibus; all oeeillentein vero vinit'cr eespss 8pgtticus, e gno reZius potus. (21. O. 88. IV, 550.) Sollte in dem gegenwärtig durch Hopfcnbau berühmten Spalt früher Weinbau gepflegt worden sein? Jänner (I. v.) bezieht diese Stelle auf den Spalter Hopfen. 1272 belehnte Bischof .Leo von Regensbnrg die Burggrafen Friedrich und Konrad 'von Nürnberg mit Spalt und drei Theilen von Ornbau. (Ried I. o. I, 526.) Am 28. Juni 1295 verkaufte Konrad Spalt und Sandeskron an den Bischof Reimboto von Eichstätt um 1000 Pfd. Heller. (Lefflad vr. 764.) Nach Fuchs (25. Jahresbcr. des Hist. Vereins iu Mittelfrauken 1857 S. 19—20) wurde Spalt mit Sandskron (Nagelhof an der Rezat) erst 1297 von Reimboto erkauft und das Kollegiatstift von Abenberg nach Spalt zurückverlegt. Bergt. 2Ion. Toller. II, 245 nr. 414. Die banales Haies» brunnenses melden zum Jahre 1295: llurKKigvins junior (Oonrgllus) tres silios suos maueipat orllrni Dbeutoni- vorum vuin eustro in VirnspsrZ; lunckavit iurnWer canonias jnxtra eastrum ^benberA, translatas posteg in 8palto. Oestrmn vero et formn in 8pslt et esstrum in Lauser venllillit exiseopo Keimbotoni bFststtensi. (21. 6. 88. XXIV, 45.) 74 Von Bischof Reimboto berichtet Müller (I. o. p. 27), , daß er im Jahre 1290 einen Altar in der Ehre der hl. Stilla zu Abenberg errichtet habe, mit Berufung auf das Eichstätter Pastoralblatt (1856, 119), welches schreibt: -Diese Angabe hat eine Einwendung nicht zu befahren, indem aus Greiser gewiß ist, daß eine Angabe über die frühe Errichtung eines Altares vorhanden war, auch wenn dieser Geschichtsschrciüer in der Handschrift von 1594 den Namen Gnndekar II. gelesen hat, der im Jahre 1290 längst todt war. Der Nebdorfer Chorherr Maximilian Münch dagegen huldigte der Anschauung, daß schon Bischof Hartwig aus dem Hause der Grafen von Hirschberg (1195—1223) den Altar errichtet habe, weil nach der Legende noch 1594 ein portraitähnliches Bild Stilla's in der Pcterskirche vorhanden war, welches im Uuglücks- jahre 1675 durch Feuer vernichtet wurde. Dagegen ist zu bemerken, die ältesten Aufzeichnungen, denen Greiser und Koch gefolgt sind, ebenso die noch im Pfarrarchive zu Abenberg vorhandenen Ausschreibungen der Jahre 1593 und 1594, welche dermalen die ältesten Dokumente bilden, lassen durch Bischof Gundakar II., dessen Heiligkeit und Frömmigkeit besonders hervorgehoben wird/') die Peterskirche eingeweiht werden, wie wir schon oben angaben. Daß aber Bischof Hartwig. oder Reimboto einen Altar in der Ehre Stilla's erbaut haben, ist zwar vielfach behauptet, aber. noch niemals erwiesen worden. Weder das Pontifikale Gnudekars 11.^) noch die Eich- stätler Historiographen, wie Greiser (tom. X, 855, 857), Faläenstein (Jntiig. Xorci§. I, 141, 158—161), Lefflad (Regesten nr. 325—395 zu Hartwig, nr. 607—797 zu Reimboto), noch andere Urkunden gedenken dieses Um- standes. Da aber gleichzeitige Quellen und urkundliche Belege fehlen, so müssen wir die widersprechenden Angaben späterer Jahrhunderte als unhistorisch abweisen. Auch die Urkunde des Bischofes Burkhard steht zu Stilla in keinerlei Beziehung. Die Legende erzählt ferner, daß Stilla von der Höhe des Schlosses zu Abenberg ihren Handschuh in die Lüfte geworfen mit den Worten: „Wo man diesen findet, da will ich begraben werden." Wunderbar traf es sich, daß der Handschuh in der Peterskirche aufgefunden ward, gerade an der Stelle, wo Stilla späterhin begraben wurde. Aehuliche Ueberlieferungen finden sich zahlreich vor. Auf dem Schwanberger Hofe bei Kitziugcn soll der König Pipin Hof gehalten haben. Da geschah es eines ") Bei der Erhebung der Religuien Gundakars im Jahre 1309 durch Bischof Philipp von Natsamshausen floß aus den Gebeinen reichlich Oel, und feist noch bemerkt man am Grabsteine Gundakars besondere Oeffnungen für die Röhren, durch welche das Oel herausgeleitet wurde. (Past.-Bl. 1836, 135, 158.) Das Pontificale Gundekars widmet in seiner Fortsetzung dem Bischöfe Reimboto, welcher Los olori, äsous orbis, rsßnUa vow genannt wird, eine ziemlich ausführliche Biographie, erwähnt den Ankauf von Abenberg, Werdenfels und Spalt, schweigt aber vollständig über Stilla und ihren Altar. Wenn Sar (Die Bischöfe von Eichstätt S. 147) gleichwohl durch Reimboto einen Altar zu Ehren Stilla's im Jahre 1290 eingeweiht werden läßt, so ist er leider für seine Behauptung den urkundlichen Beweis schuldig geblieben. In der Goldbnlle des Königs Philipp zu Gunsten des Eichstätter Bischofes Hartwig über die Theilung der Kinder aus Heirathen zwischen erbeigenen Dienstleuten des Reiches oder des Königs einerseits und Dienstmannen der Eichstätter Kirche anderseits vom 14. September 1199 erscheint als Zeuge: Graf Heinrich von Abenberg. (Lefflgd, Regesten ur. 336.) Tages, daß ihn seine Tochter Hadeloga bat, ihr eil Stück Landes in der Gegend zu schenken, um ein Kloster zu bauen. Pipin erfüllte ihren Wunsch. Da zog Hadeloga ihren Handschuh aus, um dem Könige die Hand zum Danke zu reichen. So ergriff der Wind den Handschuh und führte ihn durch die Lüfte über den Main hinüber. An dem Ufer des Flusses weidete Kitz, ein Hirte des Königs, seine Heerde. Dieser hob den Handschuh auf und brachte ihn der Königstochter. Hadeloga erkannte dieses für einen Wink des Himmels, an der Stelle, wo der Handschuh niedergefallen war, ein Kloster zu bauen, wie solches denn geschehen im Jahre des Herrn 745. (Schöppner, Sagenbuch der Bayerischen Lande I, 226.) Albcrada, die Gemahlin des Markgrafen Hermann, eines Vohburgers oder eines Abenbergers, warf ihren Handschuh in die Luft und stiftete mit ihren Eigcngütern im Bauzgau das Benediktinerkloster Bauz zwischen 1058 und 1069. (Kirchenlex. I, 1967.) Von der hl. Kuni- guudis geht die Sage, daß sie drei Kirchen an jenen Stellen zu bauen sich vornahm, wo die drei Schleier gefunden würden, die sie vom hohen Söller des Schlosses zu Bamberg fliegen ließ. Als sie einst zum Altare ging, um das übliche Opfer zu entrichten, zog sie den Handschuh aus und warf ihn sorglos von sich. Ein Sonnenstrahl jedoch habe denselben getragen, bis die fromme Fürstin vom Altare zurückgekehrt sei. (Greifer X, 558; Schöppner, a. a. O. III, 98.) Im Gegenbilde zu diesem Handschuh- oder Schleier- werfen warf Graf Arnold von Scheyern, da seine Vettern ihr Erbgut einem Kloster schenkten, zornig seinen Handschuh in die Luft mit den Worten: „Seinen Antheil soll der Teufel haben"; der Handschuh verschwand und kam nicht wieder. (Past.-Bl. 1856, 126.)--») Aus diesen Sagen läßt sich erkennen, wie der Handschuh im deutschen Volksleben des Mittelalters als Rcchts- symbol der Uebertraguug einer Gewalt über Personen oder Sachen diente. Daher findet sich die Uebergabe eines Handschuhes als äußeres Dokument bei Verlobungen, bei Uebcrwcisnng von Besitzthum und bei Er- theilnug von Vollmacht. „Hut und Handschuh, sagt Grupp (Cnlturgcsch. des Mittelalters II, 117), wies auf eine Gewalt hin, welche über den Besitz hinausgeht. Der Handschuh bedeutet den Zwang und Bann, den der Grundherr über seine Leute ausübt." Wenn demnach Stilla ihren Handschuh nach der Peterskirche wirft, so soll damit gesagt sein, daß sie ihr Vermögen zu Gunsten dieser Kirche und des beabsichtigten Klosterbaues verwendet wissen wollte. (Fortsetzung folgt.) Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. (Schluß.) Indem nun unser Heiliger Vater Leo XIII. in derselben Bulle die Sentenz Sr. Eminenz des Cardinals Bei Schöppner (l. v. III» 331) wird die Sage etwas anders erzählt: Als Graf Arnold einst auf der Brücke zu Scheyern stand, entbrannte er in unsinniger Wuth, riß seinen Handschuh aus, warf ihn hoch in die Luft, indem er sprach: „Da, Teufel, nimm den Handschuh zum Unterpfand, daß ich mich selbst und meinen Antheil an Bayern Dir zum Eigenthums gebe!" Kaum hatte er die Worte aus den. Munde, als der Landschuh verschwand. Der Böse faßte aber auch den Pfandgeber beim Kopfe und führte ihn mit sich weg vor Vieler Allgen; nachdem er 75 » » Papä y Rico. sowie das Dekret der päpstlichen Special- conqrcgation bestätige und die Echtheit der neu aufgefundenen Reliquien des hl. Jakobns und seiner beiden Schüler aussprach, sagt er wörtlich: „Wir kündigen an und befehlen allen Unseren ehrwürdigen Vrüdern, den Patriarchen, Erzbischöfcn und Bischöfen, sowie den übrigen Prälaten der Kirche, daß sie feierlich und in der ihnen geeignet scheinenden Form gegenwärtiges Schreiben in ihren Provinzen, Bisthümern und Städten zn dem Zwecke veröffentlichen, daß dieses glückliche Ereigniß allenthalben bekannt und von allen Gläubigen mit verdoppelter Frömmigkeit gefeiert werde, sowie daß aufs neue nach der Gewohnheit Unserer Vorgänger Pigerfahrten zu jenem hl. Grabe unternommen werden. Und da die edle spanische Nation durch den wunderbaren Beistand des hl. Jakobus ihren katholischen Glauben unverfälscht bewahrt hat, und in der Absicht, es möge ihr der barmherzige Gott die Gnade verleihen, mitten in der Fluth von Irrthümern durch Fürsprache ihres himmlischen Schützers sich in der Heiligkeit der Religion ihrer Väter und in der Gluth der Frömmigkeit zu befestigen: so bewilligen Wir das ausgedehnte, von Unserem Vorgänger Alexander III. gegebene Privileg d. h. einen vollkommenen Jubelablaß in dem Jahre, in dem das Fest des hl. Jakobus (25. Juki) aus einen Sonntag fällt, auch für das nächste Jahr, in welchem die Auffindung und Erhebung des Leibes des hl. Apostels gefeiert wird; es seien die nämlichen Privilegien ertheilt, die in der Constitution des nämlichen höchsten Oberhauptes vorn 25. Juni 1179 enthalten sind." Unsere vielgeliebten Mitbrüder Unserer Provinz bitten Wir zärtlich, sie möchten in ihren Diöcesen zahlreiche Pilgerfahrten veranstalten, für dieselben die ihnen passend scheinende Gelegenheit auswählen und nach Belieben festsetzen. — Alle Unsere geliebten Diöcesanen ermähnen und beauftragen Wir dringend, im nächsten Jahre von neuem die bisher bewiesene lautere Andacht zu den: hl. Apostel zu zeigen, zur Gewinnung des Jubelablasses sich würdig vorzubereiten und den reichen Schatz geistiger Güter nach Derniögen sich zu Nutzen zu machen. Man vergesse nicht, wie leicht die Bedingungen sind, da die päpstliche Bulle nur den Empfang der hl. Sakramente der Buße und des Altars verlangt nebst dem Besuch der Basilika, in der man nach Meinung des Heiligen Vaters beten soll: man ist nicht etwa verpflichtet zn besonderen Fasten, zu Almosen oder anderweitigen Kirchenbesuchen, wie das für Gewinnung des Jubiläumsablasses im „heiligen Jahre" zu Rom vorgeschrieben ist. Wollten wir die Bedeutung der Wallfahrten nach Compostela besonders hervorheben, so bräuchten Wir nur auf die schwierigen Verhältnisse hinzuweisen, in welchen die Kirche Christi und ihr Statthalter sich befinden, der als Gefangener im Vatikan der Freiheit und Unabhängigkeit beraubt ist, die ihm nach göttlichem Rechte gebührt : ferner auf die traurige Lage Unseres Spanien, das sich gleichzeitig zur Führung zweier kostspieliger Kriege genöthigt sieht, um den Aufstand undankbarer Söhne und rebellischer Unterthanen zu unterdrücken, welche durch die Freimaurer gegen Thron und Altar aufgestachelt werden, jene Sekte, deren teuflische Arbeit von Uns, als Wir noch Erzbischof von Santiago auf Cnba waren, gezeichnet worden ist und die sich jetzt in ihrer ganzen abschreckenden Häßlichkeit auch den Blicken derjenigen nicht verbirgt, die Uns im Verdacht der Uebertreibung hatten. Und da die großen Opfer, die Spanien zur Aufrechterhaltung seiner gesetzlichen Rechte bringt, sowie die vaterländischen Kundgebungen, welche die ganze Nation veranstaltet» leider nicht hinreichen, um den Sieg und langer: ehnten Frieden zn erringen, so bleibt kein anderes Mittet übrig, als zum Herrn der Heerschaaren Zuflucht zu nehmen, der da waltet über die Reiche und nach seinem Gefallen Sieg verleiht, auf daß er durch die mächtige Fürsprache unserer lieben Frau von Pilar'") und unseres Apostels, des hl. Jakobus. uns die Wiederherstellung der vollständigen Ordnung, des ihm das Genick gebrochen, warf er den Leichnam in das Ried der Weiher zu Scheuern. Ueber das Alter dieses Klosters s. Götz I. o. I. 371. "h blneärs Sonors, ckel Uilar (Unsere liebe Frau von der Säule) zu Zaragoza, der alten Hauptstadt Arragoniens am Ebrostraude, zählt neben dem Montserrat zu den berühmtesten marianischen Gnadenortcn Spaniens. Vcrgl. den „Sendboten für katholische Vereine und Freunde der reinen Glaubens und der sicheren Ruhe in allen spanischen Gebieten gewähre. Wir erwarten von Unserem geliebten Diöcesanklerus» daß er im kommenden Jahre mit Eifer sich der Pilgerfahrten nach Compostela annehme, und verordnen, daß alle Pfarrer Unserer Erzdiöcese an mindestens zwei Festtagen beim Offertorium der Pfarrmesse dieses Unser Hirtenschreiben vorlesen und ihre Pfarrkinder zu entsprechender Vorbereitung für Gewinnung der Gnaden des vollkommenen Ablasses ermähnen sollen. Gegeben in Unserm crzbischöflichcn Palaste zu Sau- tiago de Compostela, unterzeichnet von Uns, versehen mit dem Siegel Unserer Würde, und gegengezeichnet von dem unterfertigten Kammer- und Regierungssekretär am Tage der unbefleckten Empfängniß der allerseligsten Jungfrau Maria, der Patronin Spaniens und feiner indischen Besitzungen, am 8. Dezember 1896. v Joseph, Erzbischof von Santiago de Compostela. Im Auftrag Sr. Eminenz, meines Herrn Ludwig Eugen del Blanco Alvarcz, Sekretär. * » » Bei der bekannten, durch Jahrhunderte erprobten Verehrung des spanischen Volkes zu seinem hl. Patron, dem Apostel Jakobus, wird in den spanischen Landen der Einladung des Erzbischofcs, zur Gewinnung des Jubel- ablasses Pilaerzüge zum Grabe des Apostels zu unternehmen, ohW Zweifel in großartigster Weise entsprochen werden. Hoffentlich bleibt die Einladung auch im Aus- land nicht wirkungslos. Ob wohl von Deutschland, speciell von München aus unter der bewährten Anordnung des hochw. Canonicus und päpstl. Geheimkämmerers, Msgr. Hermann Geiger, sich eine Pilgerkärawane zum Grabe des hl. Apostels in Bewegung setzen wird? Ohne Zweifel, sobald sich genügend Theilnehmer melden werden. Bereits viermal gingen von München aus Pilgerzüge Santiago, in den Jahren 1887, 1891, 1894, 1896. Daß deutschen Pilgern in Santiago, wie auch sonst überall in Spanien, die freundlichste Aufnahme zu Heil wird, davon können Alle mit dankbarer Rührung erzählen, die aus Erfahrung sprechen, so auch der Schreiber dieser Zeilen, welcher 1894 und 1896 die Karawane führte. In Santiago selbst, einer alten Universitätsstadt, leben zwei Professoren der Hochschule, welchen es die größte Freude bereitet, katholischen Pilgern aus Deutschland in jeder Weise gefällig zn sein. Der eine dieser Herren ist Don Jose Fernändez Sänchez, ein ebenso frommer tote gelehrter Mann, der den Lehrstnhl für Geschichte an der Universität innehat; derselbe gab vor einigen Jahren einen unübertrefflichen „Führer von Santiago und seiner Umgebung" (Onia cka LantmZo x mm wirocksciores) heraus, den er in echt spanischer Liebenswürdigkeit sämmtlichen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft zum Andenken mit in die Hcimath gab. Ein anderer Freund der deutschen Pilger ist Don Candido Rios h Rial, ein Gelehrter mit großen Sprachkcnntnisscn, der besonders als Kenner der deutschen Sprache sich um die Pilgcrkarawane von 1896 die größten Verdienste erwarb. Seiner Güte verdanken wir auch, wie schon Eingangs erwähnt, die Zusendung des von uns übersetzten Hirtenbriefes. Es wird diesen Herrn, der sich der Deutschen so liebevoll erinnert und so hoch für sie intcressirt, gewiß freuen, zu vernehmen, daß aus seiner Veranlassung die Einladung des Oberhirten von Santiago zn Pilgerfahrten bei den Deutschen bekannt geworden und in einer bayerischen Kirche" 1896 Nr. 4, 5, 6, 7. Die Spanier führen den Gnadenort auf den hl. Apostel Jakobns selbst zurück! 76 Zeitung verbreitet worden ist. Daß endlich auch der Erzbischof von Santiago selbst die katholischen Pilger aus Deutschland in huldvollster Weise empfangen wird, geht nicht bloß aus dem Inhalte seines schönen Hirtenschreibens hervor, dafür bürgen auch die überaus freundlichen Worte, womit derselbe bisher die Mitglieder der Münchener Karawanen auszeichnete, sowie auch die Anordnungen, die er jedesmal treffen ließ, um den Pilgern mit zartester Rücksicht Führung und .Hilfe zukommen zu lassen, namentlich den Priestern, denen er die bei großem Andrang nicht immer leichte Möglichkeit bot, in der Krypta des hl. Apostels zu celcbrircn. Bei der letzten Pilgerfahrt, im Frühjahr 1896, beschenkte der hohe Kirchcufürst jeden der Priester unserer Gesellschaft mit einem von ihm selbst verfaßten Buche „Lraviarium pro meelitationd all usurn olsiiooruni". Wie sehr dieser für den hl. Apostel begeisterte Würdenträger deutsche Wallfahrtszüge zum Grabe des hl. Jakobus wünscht, das erhellt am deutlichsten aus L.u Worten eines Briefes, in dem er am 11. Mai 1891 die Ankunft von zehn Münchener Pilgern in Santiago dem Veranstalter der zweiten Karawane, Msgr. Geiger, anzeigte: „Möchte doch heute das Beispiel dieser zehn Pilger recht viele andere bestimmen, zur Kundgebung ihres katholischen Glaubens dieselbe Pilgerfahrt zu unteruWien, damit Europa auf die Fürbitte des Einen von Mr „Donnersöhnen" von seinen Irrthümern erlöst werde,'und damit das Licht des Evangeliums den ganzen Erdkreis erleuchte, auch jene, „welche in Finsterniß und Todesschatten sitzen". Zu jenen zehn Pilgern selbst aber äußerte er bei der Audienz: „Möge ein frommer Geist wieder deutsche Wallfahrten nach Santiago ins Leben rufen und jeder Priester mindestens zehn Laien mit sich bringen!" Welch herrliche Worte für jeden Verehrer des großen Apostels! Welch liebevolle Einladung aus solchem Munde zur Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela! Welche Freude wäre es für den hochwnrdigsten Kirchenfürsten von Santiago, wenn sich recht viele katholische Pilger aus Deutschland im ,,Mo sunto" am Grabe des „6man chpostol" einfinden würden! Wir Bayern besonders sollen eine Ehre darein setzen, zahlreiche Verehrer zur berühmten Gnadcnstätte Spaniens zu stellen. Vergessen wir nicht, was wir deni ritterlichen Volke Spaniens verdanken. Wenn diese Helden, vertrauend auf die Fürbitte des hl. Jakobus, nicht in blutigen Schlachten die wilden Sarazenen zurückgeworfen hätten, wenn der Halbmond den Sieg über das Kreuz errungen hätte und immer weiter vorgedrungen wäre, welch fürchterliches Schicksal deutscher Christen hätte wohl besonders in süddeutschen Gauen der Griffel der Klio verzeichnet! Grund genug, uns der Andacht des spanischen Heldenvolkes zu seinem himmlischen Beschützer von ganzem Herzen anzuschließen. Auch Deutsche, Bayern haben seiner Zeit in spanischen Diensten gefochten und ihr Blut für den Glauben im hl. Kriege vergossen. Freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen verknüpfen die Fürstenhäuser Spaniens und Bayerns von uralter Zeit bis zur Gegenwart. Unser allbcliebtcr Prinz Ludwig Ferdinand Maria, kgl. Hoheit, Sohn eines bayerischen Prinzen und einer spanischen Prinzessin, ist der Gemahl der edlen, für jede gute Bestrebung begeisterten spanischen Infantil! Maria de la Paz, und selbst auch ein Großwnrdenträger des hohen Ritterordens von Santiago. Gelpiß würde es das erlauchte Prinzeupaar nur mit Freuden vernehmen, wenn recht viele Bayern im „heiligen Jahr" als Santiagopilger am Grabe des Apostels beten würden für die Erhöhung der Kirche und die Erhaltung unseres geliebten, angestammten Herrscherhauses, das auch in düsteren Zeiten stets dein katholischen Glauben treu geblieben ist und dem Bayernvolk, dessen Königstrene sprichwörtlich ist, ein hehres Vorbild gegeben hat. Der katholische Glaube, die treue Anhänglichkeit an die Kirche Christi ist es ja, in dem wir uns eins fühlen mit dem Volk der Spanier, das unter seinen glaubcnsmuthigen Fürsten mit der Waffe in der Hand die heiligsten Güter vertheidigt hat. Wenn ehedem deutsche Pilger in Schaaren auf beschwerlichen Wegen, durch unsichere Gegenden, in mouatelaugen Märschen nach Santiago pilgerten, so dürfen wir uns heute bei den beschleunigten, sicher führenden, bequemen und einfachen Verkehrsmitteln doch nicht von jenen übertreffen lassen! Darum, wenn die Frühlingssonne bei uns das erste Pflanzenlcbcn weckt und die bevorzugtere iberische Halbinsel bereits in einen Zauber- garten verwandelt hat, dann aus nach Spanien, dem Land des Glaubens und des Edelsinnes! Dort erklingt die wohllautendste Sprache*") eines Calderon und Lope de Vega, dort streben die herrlichsten Baudenkmäler, die es gibt, in das Blau des Himmels, dort wohnt gläubige Begeisterung im Herzen eines Volkes, das sich den Idealismus durch vielfache Mißhandlung des Schicksals nicht rauben ließ?") Darum, auf nach Spanien! Auf nach Santiago! 8. 6t. LiLerarisches. „Freunde und Feinde der Arbeiter", oder „Christlichsocial" oder „Socialdemokratisch?" Von vier Freunden' der Wahrheit. Verlag von A. Opitz, Warnsdorf (Nordböhmen) und Wien (VIII, Strozzr- gasse 41). Preis pro Exemplar 10 Psg. (franco 15 Pf.), 50 Stück 5 M., 100 Stück 7 M. 60 Pf. ** Diese 56 Seiten starke Broschüre bildet ihrem Inhalte nach ein eingehendes Anfklärnngsmittel, besonders über das Wesen und den Inhalt der socialdemokratischen Theorien. Bestrebungen uiw Znknnftspläne, und verdient angesichts des billigen Preises die weiteste Verbreitung. ") Daß der Pilger, der die spanische Sprache versteht, doppelten Nutzen und Genuß hat. ist klar. Das Spanische ist leicht zu erlernen, besonders für den, der die Grundlage aller romanischen Sprachen versteht, das Lateinische. Die beste span. Grammatik ist von Schilling (Leipzig, Glöckner, M. 4,00: dazu Schlüssel M. 1,50), in gedrängter Zeit genügt auch die Grammatik in Hart- leben's (Wien-Leipzig) Sammlung „Kunst der Polyglotte" (M. 2 00 geb.). Die Umgangssprache hat viele eigenthümliche Redewendungen; Hilfsmittel sind das „Lollo äs Llaäriä" (Leipzig, Giegler, M. 2Ü0 geb.), der „spanische Sprachführer" (Berlin, Herbig, M. 1,30), der dem letztverstorbenen deutschen Kaiser Friedrich bei seiner span. Reise gute Dienste geleistet hat, sowie das praktische Büchlein „Span. Sprachführer" (Leipzig, Bibliogr. Institut, „Meyer's Sprachführer", M. 3,00 geb.), für die Reise am besten, weil kleinstes Format und alphabet. Anordnung; als Lektüre zu Hanse sehr werthvoll ist Schilling's „von LasiUo" (Leipzig, Glöckner, M. 2,00) in Dialogform. Das beste Wörterbuch ist von Tolhausen (Leipzig, Tauchnitz, 2 Bde., M. 20,00 gebd.), das billigste Taschenwörterbuch in der Reclam-Bibliothek Nr. 3201—5 (Leipzig, M. 1,00), ein anderes bei Steinitz in Berlin (M. 400). Es mögen sich einstweilen nur recht Viele schlüssig machen zur Pilgerfahrt nach Spanien. Näheres wird demnächst in der „Augsburger Postzeitung" bekannt gegeben über Anfang, Kosten usw. der Reise. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Socialistische Theorien des Alterthums. L Es scheint, als habe die Menschheit ganz wie das Individuum ihre Wachsficber zu bestehen. Unsre Generation muß in neue Verhältnisse hineinwachsen, welche durch gewaltige Veränderungen des wirthschaftlichen Lebens, durch die Fabriken und durch die Vereinfachungen des Verkehrs entstanden sind, und daß dieser Vorgang nicht ohne Gliederschmerzen verlaufen werde, haben kluge Köpfe längst vorausgesagt. Jedoch Hand in Hand damit gehen geistige Umwälzungen, welche man so gerne als nothwendige oder doch bedingte Begleiterscheinungen jener wirthschaftlichen Revolutionen auffaßt. Es soll nicht bestritten werden, daß Beziehungen dieser Art vorhanden sind, aber die Fäden gehen nicht nur herüber, sondern auch hinüber. Mag immer die Stärke der geistigen Stürme durch diesen und jenen äußeren Umstand gesteigert werden, so haben sie doch sicher ihre eigenen Ursachen und ihre eigenen Formen, welche den gedachten Einflüssen wenig verdanken. Das lehrt die Geschichte des menschlichen Geistes, welche gewisse Arten der Gedanken immer wieder an die Oberfläche geworfen zeigt, trotz aller sonstigen Verschiedenheiten, und gerade für die socialen Theorien läßt sich dies durch einen Blick in das sogenannte klassische Alterthum treffend nachweisen. Man kann dort nicht von Maschinen, verbesserter Technik und ähnlichen schönen Dingen reden, und der Kapitalismus jener Tage unterscheidet sich denn doch wesentlich in bedeutenden Stücken von dem Kapitalismus der Neuzeit. Wenn in Folgendem versucht wird, die antiken socialen Theorien kurz und faßlich ihrem Hauptinhalte nach darzustellen/) so darf sich derjenige, welcher das Alterthum genau kennt, außer etwa in Einzelheiten, welche sich bei der selbstständigen Durchforschung der geschichtlichen Akten herausstellen, nichts Neues erwarten, aber der größere Kreis der Leser wird doch manches finden, was ihm unbekannt war. Die Entwicklung der socialen Verhältnisse war vor dem Auftreten der socialistischen Theorien, um es mit wenigen Worten zu sagen, folgende: An der Wiege des griechischen Volkes stand nicht, wie französische Forscher (Viollet, Laveleye) glauben machen wollten, der Kommunismus in Betreff des Grundbesitzes, sondern der Besitz war, entsprechend der genti- licischen Verfassung, — das haben P. Guiraud^) und R. Pöhlmann unabhängig von einander gefunden — ursprünglich den Familien oder Sippen zu eigen, d. h. im Grunde genommen Privatbesitz. Die Bevölkerungs- znnahme und der Fortschritt der Cultur, Vermögens- theilnugen und Arbeitstheilnng, menschliche Leidenschaften und geistige Verschiedenheiten trugen ihr Theil dazu bei, daß Klassengegensätze, Feindseligkeit von Reich- ') Auf Grund der Werke von Zeller (Die Philosophie der Griechen). Pöhlmann, Geschichte d. antiken Kommunismus und Socialismus. München 1893, Fr. Susemihl. Anmerkung zur Politik des Aristoteles, K. Kautsky, Die Vorläufer des neueren Socialismus. Stuttgart 1894, Geschichte des Socialismus in Einzeldarstellungen, 1. Bd. 2) lli» proprlöts koueisrs su 6rLes zusgu'a la oon- gusts Romains. Paris 1893. Gekrönte Preisschrift. S. auch die Anzeige von Tlnnn s er in der Berliner Philolog. Woch enschrist 1895 S. 80. thnm und Armuth, auch unter den Angehörigen desselben Stammes sich ausbildeten. Bereits Solon hatte mit großen Mißständen in dieser Beziehung zu kämpfen. Es wird von einer all- gemciuen Schnldenherabsetzung oder gar, von einem vollständigen Schnldencrlaß (Seisachthcia) und von einer Einschränkung der Latifundien durch den großen Gesetzgeber Athens berichtet. Das sociale Band, welches in den alten Geschlechtsgenossenschaften wenigstens gruppenweise die Glieder des Staates enger aneinander schloß, wurde durch Solon gelockert, der zugleich an Stelle des Geburtsadels eiuen Geldadel setzte, indem er die Bevölkerung nach dem Vermögen abstufte, aber auch entsprechend belastete. Weiter noch ging in der Zerstörung der alten Gcschlechtsvcrbäude Kle isthcnes. So war den Individuen freie Bahn geschaffen, und die Eon- ccntration von Kapital und Grundbesitz, begünstigt durch die ausgedehnte Sklavenwirthschaft, mußte zur Ver- schärfnug der Gegensätze führen. Nähere Fühlung des Einzelnen mit dem Ganze» wurde noch aufrecht erhalten durch die sogen. Leitnrgien. Es ist dies eine Art Steuer, welche die Reichen neben der Ertragsstcner traf. Gewisse Staatsbedürfnisse und Staatsansgabcn wurden von reichen Privatpersonen gedeckt. Die wichtigste Leiturgie war die Instandhaltung eines Flottenschiffes nebst Vcrproviantirung und A»ö- löhnnng der Mannschaft, eine Leistung, zu welcher sich oft mehrere zusammeuthaten. Besonders in der Zeit des Demosthenes gelangte in Folge der Verarmung weiterer Kreise hier der genossenschaftliche Gedanke zum Ausdruck, inmitten der individualistischen Epoche. Aber die ganze Einrichtung war doch nicht socialistisch, da in diesem Falle Einzelne für den Staat aufkamen, nicht der Staat für den Einzelnen. Näher an das socialistische Ideal traten die Reformen der perikleischen Zeit heran, welche dem Ueber- gcwichte einzelner Persönlichkeiten Einhalt thun sollten. Die Theilnahme am Rechtsprechen, eine Funktion, welche nicht durch Beamte, sondern durch Männer aus dem Volke ausgeübt wurde, sowie das Erscheinen im Landtage (Volksversammlung), welches jedem Bürger zustand, wurde bezahlt, damit keiner einen Verlust an seinem Verdienste habe. Vor allem bezeichnend für die socialen Zustände der damaligen Zeit ist aber das Schauspielgeld, ein staatlich ausgeworfener Beitrag, welcher es auch dem Unbemittelten ermöglichte, das Theater und damit einen der vornehmsten antiken Gottesdienste zu besuchen. Die Zeit, in welcher zu diesen Maßnahmen gegriffen wurde, die des mächtigen Staatsmannes Pcrikles, war die Zeit eines Umschwungs, welcher die alten, noch einfacheren Sitten durch feinere, aus den asiatischen und Mischen Kolonien eingeführte Bildung und Ueppigkeit verdrängte. Damals zog die philosophische Schule der Sophisten, welche von auswärts kommend in Alt- griechenland ihre Wandervorträge hielten und es leicht hatten, durch ihre blendende Dialektik die wißbegierige Jugend zu berücken, alle Begriffe der Religion, dcS Rechtes, der Sitte und der Sittlichkeit in eine Zweifel« süchtige Diskussion und predigte die Berechtigung deS subjektiven, individuellen Beliebens. Eben ein Haupt dieser Schule, Protagvras, soll die Quelle zu Platons socialistischen Ideen geliefert haben. Selbstverständlich ist von einer tiefer gehenden Beein- flnssnng nicht die Rede; eine solche wäre bei der Verschiedenheit des philosophischen Standpunktes unmöglich gewesen. Aber eine abfällige Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Lage in dem Sinne, daß sich in derselben das Recht des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren wie im Thierreiche geltend mache, wie auch eine hypothetische Ausmalung eines ganz anders geordneten Gesellschnfts- wesens — etwa mit Frauenemancipation, Aufhebung der Ehe u. ä. — könnte den Sophisten immerhin schon zu- gemnthet werden. Die Sophisten sind aber, wie anerkannt ist, die ersten Ausbildner des Prosastiles in Attika; aus ihrer Zeit stammen die ersten Schriften zur Politik, so das Büchlein „vom Staate der Athener", welches fälschlich unter Renophons Flagge segelt, und einzelne jener Schriften tragen Keime des Socialismus in sich. Zwei solcher Schriftsteller sollen hier zugleich mit den eigentlichen Socialisten des Alterthums vorgeführt werden! (Fortsetzung folgt.) Die Abteikirche zu Kastl. Kunstgcschichtliche Skizze von F. Mader. (Fortsetzung.) Auffallend ist in der Kastler Stiftskirche der scharf ausgeprägte Unterschied zwischen dem für die Laien bestimmten Raum und dem Chor der Mönche. Von den neun Travöen des Gewölbes treffen fünf auf die Laienkirche, vier auf den Chor der Mönche. Auf je acht Pfeilern und zwei Wandpfeilern erheben sich Arkaden und Hochwand des Mittelschiffes. Von diesen acht Pfeilern find je drei Rnndpfeiler. vr. Nichl bemerkt, diese Rnndpfeiler gehörten der Gothik an; allein es findet sich an einen« dieser Rnndpfeiler die attische Basis mit Eckknollen, und dieser Umstand läßt keinen Zweifel zu, daß diese säulenähnlichen Pfeiler romanischen Ursprungs sind. Bekanntlich sind solche Rundpfeiler selten; die Schule, aus «oelcher der Baumeister der Kastler Klosterkirche hervorging, bevorzugte jedenfalls die Säule. Des schweren Gewölbes halber konnte aber in Kastl keine Säule verwendet werden, vielleicht hätte sich in der Gegend auch gar kein Säulenmaterial gefunden. Er suchte daher einen Ersatz in dem Rnndpfeiler, und schuf sich auf diese Weise die Möglichkeit des Stützen- wechsels. Auch ein gewisser Rhythmus im Wechsel von rechteckigen und runden Pfeilern ist vorhanden, wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Zwei von den Nundpfeilern gehören zum Langhaus, einer zum Chor. Die Gesimse der Pfeiler wurden Zu der Zeit, wo die Jesuiten das Kloster besaßen, übermörtclt und nilt Renaissanceprofilen versehen. Die ursprüngliche Pro- filirung wird wohl eine einfache gewesen sein. Ueber den Arcaden erhebt sich die Hochwand des Mittelschiffes im Laienranme zur Höhe von 15 in; hoch oben befinden sich die Fenster; eine andere Belebung besitzt die Wand nicht. Die drei Schiffe der Laienkirche waren ursprünglich mit flachen Decken versehen. In« Anfang des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich unter dein Abte Herman, fand die gothische Wölbung der drei Schiffe statt. Die Schlußsteine und die Konsolen, auf denen Gurten und Rippen des Mittelschiffsgewölbes ruhen, sind mit mannigfaltiger ornamentaler und figürlicher Plastik geschmückt. Wenden tvir nunmehr unsere Schritte zu den« knnst- grschichtlich bedeutendsten Theil der Kastler Stiftskirche, zum Chor der Mönche. Ehedem war dieser Chor von der Laienkirche durch einen Lettner getrennt, vor welchen« ein Krenzaltar stand. Beide sind verschwunden; die Basilika hat dadurch an freier Entfaltung ihrer Räume gewonnen, allerdings auch ein malerisches Element eingebüßt. Dieser vordere Theil der Kirche wurde fünfschiffig erbaut und umfaßt in den drei mittleren Schiffen vier Gewölbejoche, in den äußeren Nebenschiffen aber deren nur zwei. Sämmtliche fünf Schiffe sind gewölbt und zwar verwendete man in den Seitenschiffen das in Deutschland zur Zeit der romanischen Kunst zumeist gebräuchliche Kreuzgewölbe, das Mittelschiff aber wurde mit einem Tonnengewölbe versehen. Dasselbe erstreckt sich, wie schon angegeben, über vier Joche und ist von Pfeiler zu Pfeiler durch starke Quergurten unterstützt und dadurch zugleich in vier Traväen gegliedert. Die Gurten ruhen auf Halbsänlen, die den Pfeilern vorgelegt sind, am Triumphbogen auf vorgelegtem Halbpfciler. Die Pfeiler sind also im Chor reicher ausgebildet tvie im Schiff, lvo sie nur einfach rechteckigen oder runden Durchschnitt aufweisen. Die Gratgewölbe der Seitenschiffe sind durch breite, vom Pfeiler zur Wand geführte Qnergnrtcn getrennt. Jedes der fünf Schiffe besitzt eine Apsis. Die Anlage der Seitenapsiden ist einfach; die Hauptapsis, die reicher ausgestaltet war, ist nicht in ursprünglichem Zustand erhalten. Im Jahre 1264 fiel nämlich der nördliche Thurm der Kirche ein und zerstörte die Apsis in ihrem oberen Theil. Auf dein stehen gebliebenen Unterbau errichtete man sofort wieder eine neue Apsis, aber mit gothischen Fenstern und einer gothisch constrniricn Halbknppel. Die Gcwölbetheile derselben sind in ein fächerartiges Rippensystem eingefügt. Die Apsis hat gleiche Höhe mit dein Tonnengewölbe des Mittelschiffes. Dr. Rieh! betrachtet diese Choranlage, wie sie .Kastl anfweist, „wohl als das älteste Beispiel der Wölbung von fünf Schiffen in Deutschland. . .. Kastl müsse daher bei der kritischen Behandlung der Frage nach der Einführung der gewölbten Basilika in Deutschland als besonders wichtiges Denkmal ins Auge gefaßt werden." Sicher gehört Kastl zu den frühesten gewölbten Basiliken in Deutschland; auch die Kirchenbanten in den Rheinlanden, wo man in der Kunstcntwicklung den anderen deutschen Gebieten immer vorauseilte, erschwingen sich erst mn die Zeit, wo die Klosterkirche zu Kastl gegründet wurde zum Gewölbebau. Ein Specificnin Kastls ist aber das Tonnengewölbe im Mittelschiff des Chores. Das Tonnengewölbe fand in der romanischen Epoche äußerst selten Anwendung in Deutschland; unter den vorhandenen scheint das zu Kastl das ausgedehnteste zu sein. Jedenfalls handelt es sich um eine kunstgeschichtlich merkwürdige Erscheinung, die auf eine eigene Bauschule schließen läßt. Den beiden äußeren Nebenschiffen sind östlich die Thürme vorgelegt: daher treffen auf diese Schiffe nur zwei Gewölbejoche. Das südliche ist leider — man weiß «licht wann — demolirt worden. Das nördliche ist durch eine Wand von« Chor abgeschlossen und dient gegenwärtig als Sakristei: die zugehörigen Apsiden sieht man noch an den Westwänden der beiden Thürme. Die Abteikirche zu Kastl besaß also einen fünf- schiffigen Chor. Es ergibt sich naturgemäß die Frage, ob vielleicht ursprünglich die ganze Basilika sünsschiffig erbaut worden war. Eine sichere Antwort wird man aber nur auf Grund von Nachgrabungen geben können. Gegenwärtig besitzt die Stiftskirche allerdings auch im Westen fünf Schiffe, aber nur in einer Ausdehnung von drei Gewölbejochen von der Westwcmd her gerechnet, wahrend, wie oben beschrieben wurde, fünf Joche auf die Laienkirche treffen. Diese äußeren Schiffe, oder nennen wir sie lieber Kapellen, sickd aber spätgothische Bauten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie haben die Höhe der Seitenschiffe und sind mit schönen Stern- gewölben versehen. Die Anregung zu diesen Bauten mag allerdings die Tradition von einer ehemals füufschiffigen Anlage gegeben haben, oder sie mögen sogar auf den Fundamenten der romanischen Ncbenschiffe sich erheben. Es finden sich überdies mehrfache deutliche Spuren, daß diese westlichen Kapellen und die vorderen äußeren Neben- schiffe baulich verbunden waren; aber auf welche Weise, läßt sich vorläufig nicht mit Bestimmtheit annehmen. * «- * Von dem mittelalterlichen Kircheninventar ist sehr wenig erhalten geblieben. Ich will die Urheber der Zerstörung der Zeitfolgc nach sing irn et oäio namhaft machen. Den Anfang in der Demolirnng des Kircheniunern machte die zum Calvinismus übergetretene churfürstliche Regierung von Ambcrg. Durch Befehl vom 15. Januar des Jahres 1567 erhielt der damalige Verwalter des Klosters, das inzwischen durch die Reformation auf den Aussterbeetat war gesetzt worden, den strengsten Auftrag des Pfalzgrafcn Friedrich, „alles Götzenwerk, d. i. alle abgöttischen Bilder, Crucifix, Sakramentshäuschen, Altäre, Oelberg, und was dergleichen noch mehr von dem anti- christlichen Papstthum herkommt ... in und außer der Kirche . . . zum ehesten mit guter Bescheidenheit und ohne Tumult, auch, wo von nöthen, auf genügsame vorgehende christliche Erinnerung und Vermahuung .abthun, zerbrechen und zerschlagen und nicht mehr denn einen Altar..., darauf das hl. Abendmahl zu halten, bleiben lassen zu wollen . . . auch (sollen) die flachen Gcmähl (die Wandmalereien) allenthalben mit Weiß verstrichen tverden." Es ist möglich, daß dieser Befehl nur zum Theil ausgeführt wurde, die Bemerkung, es hätte die Dcstrnction der alten Kircheneinrichtnng mit „guter Bescheidenheit und ohne Tumult" und nöthigenfalls nach vorausgegangener Belehrung zu geschehen, läßt darauf schließen, daß das Volk der neuen Kirchenordnnug feindlich gegenüberstand. Das war der Anfang der Zerstörung, dann kamen die Schweden. Sie versäumte» nicht, ihre deutschen Lorbeeren auch in Kastl um einige Blätter zu bereichern; im .Heumonat des Jahres 1632 richteten sie in der Stiftskirche zu Kastl ihre obligaten Verwüstungen an. Im Jahre 1636 übernahmen die Jesuiten das Kloster und besaßen es bis 1673. Nachdem die Noth überwunden war, die der 30jährkge Krieg über die deutschen Gaue gebracht, gingen die Jesuiten an eine Restauration der Kirche im Sinne der damaligen Zeit; das bedeutete aber die Zerstörung dessen, was von der mittelalterlichen Kircheucinrichtung noch übrig geblieben war. Mit dem Jahre 1774 begann das Werk. Die Glasgemälde, die eine wahre Nacht in der Kirche hevorbrachten, wie der Jesuitcnchronist sich ausdrückt, wurden zerschlagen, der Krcnzaltar entfernt, der Kreuzgang theilweise eingcrisscn, fünf neue Altäre sammt .Kanzel in der Kirche aufgestellt. Diese Altäre haben sich mit Ausnahme des Hochaltars bis heute erhalten. Ihr Kunstwerth ist gering. Der jetzige Hochaltar stammt aus der Zeit, in welcher die Malteser das Kloster innc hatten, d. i. vom Jahre 1782 bis zur Aufhebung des Ordens im Jahre 1808. Er ist ein Werk des Empirestiles, mit Nococomotivcn vermischt, eine mittelmäßige Arbeit. Doch ist er mit gutem Naumverständniß in die Apsis eingefügt. Von den aus dem Mittelalter erhaltenen Details ist von Interesse das Grabmal der Prinzessin Anna, einer Tochter Ludwigs des Bayern. Sie starb als Kind von drei Jahren in Kastl und wurde daselbst begraben. Das Grabmal ist eine einfache, gothische Tumba, an den Seitenflächen mit Blcudmaßwerk verziert. Die Deckplatte zeigt nur ein verziertes Kreuz, kein Bildniß. Dieses Grabmal stand in Mitte der Kirche vor dem ehemaligen Kreuzaltar und gehört dem Beginn des 14. Jahrhunderts an. Der nämlichen Zeit theilt Sighart die schönen Statuen der drei Stifter zu, die neben dem Eingang zum Paradies stehen; sie haben die ursprüngliche Polychromirung bewahrt. Unter den erhaltenen Grabdenkmälern von Aebten und adeligen Personen, die sich hier bestatten ließen, finden sich verschiedene künstlerisch wcrthvolle Arbeiten. Drei dieser Monumente, die besten von allen, müssen einem Bildhauer zugeschrieben werden, der um die Zeit ihrer Entstehung in Eichstätt lebte und den dortigen Dom - und Kreuzgang mit hervorragenden plastischen Werken schmückte. Innere und äußere Gründe bezeugen die Kastler Denkmäler unbestreitbar als seine Werke. Wir wollen annehmen, daß der Eichstättcr Bildhauer Loy Hering der in Frage stehende Meister ist. Das eine der bezeichneten Denkmäler ist das Grab- mounment des Abtes Johannes Lang von Sulzbach, des 26. Abtes von Kastl. Er starb 1524. Es befindet sich an einem Pfeiler im sogenannten Eugclgarten. Der Abt ist mit dem Rationale der Eichstättcr Bischöfe bekleidet, ein Irrthum, der sicher auf einen Eichstättcr Meister hinweist. Die beiden andern Denkmäler sind Bestellungen des Abtes Johannes Menger von Abcnberg, des 29. Abtes von Kastl. Das eine stellt den Abt dar, kniend vordem Gekreuzigten, das andere vor der Madonna. Die Madonna ist eine Wiederholung oder möglicherweise das Urbild der auf dem Arzat'schen Denkmal im Mortuarium zu Eichstätt befindlichen Madonna. Johannes Menger starb im Jahre 1554. Schweppcrmauus Grabstein ist sehr einfach: Wappen und Inschrift in Contouren eingegraben. Die Malteser errichteten ihm ein Denkmal im Stile der Empirezeit: ein Sarkophag, oben eine Vase mit den zwei Eiern. (Schluß folgt.) Stilln von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Stilln starb; ihr Leichnam sollte nach dem Familien- bcgräbnisse im Kloster Hcilsbronn überführt werden, aber derselbe konnte nicht von der Stelle gerückt werden. Da entschloß mon sich, an den Leichenwagen zwei Zngthiere anzuspannen und sie unbehindert ihre Wege gehen zu lassen. Siehe da! Diese unvernünftigen Thiere schlugen den Weg zur Peterskirche ein, so daß alles Volk erkannte, es sei Gottes Wille, daß Stilla daselbst ihre Ruhestätte finde. Aehnliche Vorgänge werden auch sonst berichtet. Als Bischof Otkar gegen das Jahr 870 die Reliquien der hl. Waldburga von Heidenheim am Hahnenkamm nach Eichstätt überführen ließ, blieben die Pferde, welche au den Wagen mit den ehrwürdigen Ueberresten gespannt waren, von selbst an der Pforte der hl. Kreuzkirche in Eichstätt stehen, woraus der Bischof folgerte, es wolle die Schwester des hl. Willibald hier ruhen, (kalcstsnstsin, ä,ntic;u. XoräZ. I, 72.) Die fromme Magd Radiana oder Radcgnndis auf Schloß Welleuburg bei Augsburg, welche in barmherziger Liebe den armen Siechen ihre eigenen Ersparnisse zutrug, sollte nach ihrem Ableben in dem Familienbegräbniß ihrer Herrschaft in Augsburg beigesetzt werden; allein das vorgespannte Zugvieh blieb bei dem Sicchenkobel stehen und konnte nicht weiter gebracht werden, worauf Radiana dahin begraben wurde. Später erhob sich daselbst die St. Rade- gundis-Kapelle. (Schöppner I. e. I, 51.) Als der hl. Sebaldus auf dem Sterbebette lag, da soll er befohlen haben, ihn nach seinem Tode auf einen Wagen zu legen, vier ungezähmte Ochsen vorzuspannen, und wo diese still stehen würden, den Körper zu begraben. Da nun die Ochsen zur St. Peterskapelle gekommen, sind sie daselbst stillgestanden, daher der Leichnam auch dahin bestattet worden ist. (Schöppner I. a. I, 132.) o«) Von Heinrich, einem Sohne des Grafen Babo von Abensberg, berichtet die Legende, daß er als Pilger verkleidet nach Eberzhansen gekommen sei und daselbst 40 Jahre hindurch in aller Demuth die Dienste eines gemeinen Vieh- hirten versehen habe. Darnach sei er in dem sogenannten heiligen Holz verschieden. Sein Vater habe alsdann einen Wagen mit einem Paar Ochsen geschickt, den Leichnam nach Abensberg überzuführen; allein die Ochsen kamen von dem Orte, wo Heinrich gestorben, nicht weiter als bis zur Kirche St. Peter in Eberzhansen; da mußte des Seligen Leichnam begraben werden. (Schöppner 1. o. III. 245.) Nach der Legende gehörte Stilln von Abenberg zur Verwandtschaft des kinderreichen Vabo von Abensberg; hier wie dort findet sich die Sage von einem Begräbnisse in der Peterskirche; beide Male konnten die Zug- thiere nicht dazu gebracht werden, den Leichnam anderswohin zu transportircn. Da dem hl. Heinrich von Eberzhansen die Priorität zukommt, so ist wohl die Annahme nicht ungercchtfertiget, daß die Ueberlieferung über Babo's Sohn von Abensberg nach Abenberg übertragen und mit der dortigen Grafentochter Stilln in Beziehung gebracht worden sei. Die Gründungsgeschichte des Klosters Bibnrg bei Abensberg dürfte für die Ausgestaltung der Stilla- Legende auch nicht ohne Einfluß geblieben sein. Im Jahre 1124 vertheilten die überlebenden Söhne des Heinrich von Bibnrg und Berthas, seiner Gemahlin, aus Jstrien, das väterliche Erbe in der Weise unter sich, daß Heinrich und Gebhard Hilpoltstein, Chunrad aber und Erbo (Aribo) mit Bcrtha, ihrer Schwester, Bibnrg erhielten. Schon im folgenden Jahre gründeten die letztgenannten drei Erben ein Doppelkloster für Männer und Die Filialkirche zu Biberbach, Pfarrei Plaukstetten bei BcilngrieZ, verehrt in der hl. GnnthildiZ eine fromme Magd, welche nach ihren! Hinscheiden durch ungesäumte Ochsen nach Suffcrsheim bei Wcissenbnrg geführt und daselbst begraben ward,- über ihrer Ruhestätte erhob sich ein Kirchlein. (Past.-Bl. 1655, 135.) Biberbach kam durch Schankung der Grafen Ludwig und Friedrich von Oettingen 43-0 an das Kloster Heilsbronn. cGöt> t. o. I. 743.) I Frauen, welche nach der Regel des hl. Bencdiktus lebten. Die Anregung zu dieser Klosterstiftung in Bibnrg war von dem hl. Otto von Bamberg ausgegangen, welcher dann auch am Feste der Apostel Simon und Juda 1133 zugleich mit dein Bischöfe von'Regensbnrg, Heinrich 1., Grafen von Wolfratshausen, einen! Verwandten der hochherzigen Gründer, die Weihe der Klosterkirche zu Bibnrg vornahm. Znm ersten Abt bestellte Otto den bisherigen Abt von Prüfening, Eberhard, einen Bruder der Stifter, welcher in Bamberg seine Studien gemacht, in Paris Philosophie gehört hatte. Nach seiner Rückkehr hatte er bei St. Michael in Bamberg das Ordenskleid genommen; von dort zog er auf Otto's Veranlassung in das nen- gcgründete Kloster Prüfening, bis er nach Bibnrg abberufen wurde. Als Erzbischof Konrad von Salzburg 1147 mit Tod abging, folgte ihm Eberhard von Bibnrg, sein Verwandter, aus dem Erzstnhl des hl. RupertuS nach; 1163 ereilte auch ihn der Tod. Bei seinem Wegzüge von dem Doppclkloster Bibnrg hatte er die Leitung desselben seinem Bruder Konrad übergeben, welcher 6^ Jahre an der Spitze desselben stand; schon 1153 segnete er das Zeitliche. Mit dem Kloster hatten die drei frommen Geschwisterte auch eine Herberge für arme und kranke Leute gestiftet, welche von den Nonnen verpflegt wurden. Bertha selbst nahm den Schleier und machte unter der Leitung ihres Bruders Eberhard große Fortschritte in der christlichen Vollkommenheit; besonders gerühmt ward ihre Liebe zu den Armen und ihre Barmherzigkeit gegen alle Nothleidenden. Am Feste des hl. Sixtus, den 6. August 1151 starb sie eines seligen Todes. In der Klosterkirche zu Bibnrg fand sie ihre letzte Ruhestätte; kommenden Geschlechtern verkündigte eine Tafel: „Im Jahre Christi des Erlösers 1151 ist verschieden die hl. Bcrtha, seligen Andenkens, die Stiftern! dieses Ortes." (drois. X, 593; Unnciius, mek-rostol. Lalmdnrst. II, 200, 202; Räder, Lnvnria, snneta I, 247; Götz I. o, I, 561.) Vergleichen wir Bertha's Leben mit der Legende über Stilla, so finden wir: beide besitzen zwei Bruder, welche sich durch Klostergrnndnug einen Namen erworben haben, allerdings mit dem Unterschiede, daß Bertha's Bruder: Konrad und Aribo, im Verein mit ihr ein müthig ihr Allodium Hingaben, während Stilla's Bruder Rapoto und Konrad, der beabsichtigten Niederlassung ii Abenberg feindlich gegenübcrtraten und an der Gründung von Heilsbronn historisch nnbetheiligt sind; Bcrtha stammte nachweisbar aus einer hohen Familie, welche der Kirche zu Salzburg zwei hervorragende Bischöfe: Konrad und Eberhard, schenkte; Stilla wird durch die Legende zur Tochter Wolframs von Abenberg erhoben, welcher nach glaubwürdigen Quellen der Bruder des schon oft genannten Erzbischofes Konrad von Salzburg gewesen ist; Bertha und Stilla stehen unter dem sittigenden Einfluß des hl. Otto von Bamberg, dadurch jedoch von einander unterschieden, daß Otto's Eingreifen in Bibnrg bei Gründung und Einweihung des Klosters historisch erwiesen werden kann, während für Otto's Thätigkeit in Abenberg jegliche Quelle versagt. Bertha's und Stilla's Leben fallen in ihren Hauptmomenten so eng zusammen, daß man in der beglaubigten Geschichte der ersteren unwillkürlich an die nachdichtende Sage der letzteren erinnert wird. Diese Annahme wird außerdem noch sehr begünstiget durch die Aufzeichnungen des Pfarrers Litns Koch von Schönfcld, welche wir eingangs mittheilten, woruach Stilla auf ihrem Schlosse zu „Abenspcrg" vcr- 81 schieden sei. Da Abenbcrg und Abcnsberg rännilich weit .von einander getrennt sind, so darf eine innere Beziehung der Stilla-Tradition zu dem nieder-bayerischen Abcnsberg wohl angenommen werden. In der Peterskirche zu Abcnberg befindet sich dermalen an der nördlichen Seite des Kirchenschiffcs ein Grab in Felsen gehauen, welcher nach Müller (I. v. p. 35) 77 bis 80 am unter dem Kirchenpflaster beginnt. Die Länge des Grabes mißt 218 ein und dessen Breite 77 om. Ungefähr 50 am tief ist der Felsen viereckig ausgehaucn. Sodann aber beginnt am Boden eine eigenthümliche Vertiefung, deren Umriß dem des menschlichen Leibes entspricht. Diese Vertiefung ist etwas über 2 in lang. Das Grab war früher geschlossen durch einen Stein, welcher in gleicher Höhe wie das Kirchenpflaster gelaufen sein muß, denn sonst wäre es unerklärlich, wie derselbe fast bis zur Unkenntlichkeit ausgetreten werden konnte. Der jetzt noch vorhandene Grabstein stellt wohl eine weibliche Person dar, welche in der rechten Hand eine Kirche mit Thurm trägt. Did Gesichtszüge sowie die Kopfbedeckung sind gänzlich verwischt, die linke Hand mit weit geöffnetem Aermel liegt auf der vorderen Taille; die Gewandung weist reichen Faltenwurf auf. Wem gehört nnn dieses hochinteressante Grabdenkmal? Welchem Jahrhunderte verdankt es seinen Ursprung? Kein Name, keine Jahreszahl gibt sichere Kunde auf diese Frage. Müller hält es, gestützt auf die Autorität des Direktors Essenwcin, dem man eine Photographie des Grabmales unterbreitete, für wahrscheinlich, daß dasselbe dem 13. oder 14. Jahrhunderte entstamme (I. a. pax. 37). Dagegen spricht jedoch die Kostümkunde. Wenigstens behauptet Wcinhold (Die deutschen Frauen II, 225): In dem 11. Jahrhundert trat im Anfang ein enger Schnitt des Kleides auf, welcher den Körperbau weit genauer erkennen ließ, als der bisherige taillenlose. Er erregte mich Anstoß und ward als leichtfertig und schamlos gerügt... Bezeichnend werden für das 11. Jahrhundert „die langen Hängeärmcl". „Die langen Oberärmel des Rockes, ebenso der tnrban- artige, mit seinen Zipfeln fliegende Schleier erhielten sich bis zum Ende des 12. Jahrhunderts." „Im 13. Jahrhundert verloren sich die weiten Aermel" (a. a. O. II, 227). Achnlich schreibt Grnpv (Cnlturgeschichte d. Mittelalters 11,86): „Charakteristisch für die höfische Zeit ist das Aufkommen der langen, faltenreichen Gewänder für Mann und Frau. Nachdem sie lauge Zeit mit der engen und kurzen Nationaltracht der Deutschen im Streite gelegen und als ausländisch und weichlich gegolten hatten, verhalf ihnen im 12. Jahrhundert die Bildung der höfischen Sitte zum Siege. So erscheinen denn Mann und Frau in gemalten oder gemeißelten Bildern in lange, bis auf die Füße reichende Röcke gehüllt. Eitle Frauen trugen bereits ein Mieder, schnürten das Hemd, ließen den Halsausschnitt des Rockes offen, wußten durch künstliche Gürtnng und Faltung die Körpcrformcn zur Geltung zu bringen, trugen lange Schleppen mit feiner Fältclung, umwanden ihre Haarlocken mit Gold- und Silbersädcn und scheitelten sie zu Schnpelu oder tranbeuartigeu Gehängen." Vergleichen wir mit diesen Schilderungen die Darstellung aus dem Grabmale der PctcrSkirchc zu Aben- bcrg, so dürfe» wir den Ursprung demselben in das 11. oder 12. Jahrhundert hiuanfdatircn, da sowohl durch das enganliegende Kleid des Oberkörpers die Brustsormeu sehr stark hervortreten, als auch die charakteristischen langen Hängeärmcl sich vorfinden.^) Die .Hauptfrage bewegt sich indessen um die Person, welche auf jenem Grabdenkmale dargestellt sein soll. Da derselben eine Kirche als Attribut bcigcgeben ist, so muß sie wohl mit der Stiftung eines Gotteshauses in enger Beziehung gestanden haben. Pleickhard Stumpf (Bayern II, 753) bezeichnet Sibylla, die Tochter des Grafen Wolfgang II. von Abenbcrg, als die Stisterin der Pctcrskapclle. Hicgegen ist zu bemerken, daß sich in der bisherigen Genealogie der Grafen von Abenbcrg der Name Wolfgang nicht findet. Oder sollte darunter Wolfram II. verstanden werden, welcher gegen 1071 — 1108 gelebt hat? Dann müßte aber auch der Nachweis erbracht werden, daß Wolfram II. eine Tochter Namens Sibylla besessen habe. Die abeubergische Ueberlieferung bringt den Grabstein in Verbindung mit der Grafentochter Stilla. Sollte vielleicht dieser Name mir eine vokksthümliche Verkürzung des Namens Sibylla sein? Wem: aber Stilla dem gräflichen Hause von Abenbcrg entsprossen ist, wie die Legende annimmt, dann erscheint es zum allcrmindcsten sehr auffallend, daß man ihren Leichnam nicht einmal in einen Sarg verschlossen zur Erde bestattet hat, sondern nach Sitte armer Leute nur in einfacher Umhüllung dem Grabe übergeben hat, wie Müller (S. 37) annimmt; freilich den Beweis für diese seltsame Behauptung ist er schuldig geblieben. Oder hat sich Rapoto's Abneigung gegen seine fromme Schwester auch noch über das Grab hinaus erstreckt, so daß er der Entschlafenen nicht einmal eine standesgemäße Beerdigung zukommen ließ? (Grupp, Cnlturgcsch. II, 107.) Aber wer hat dann Sorge getragen für Errichtung eines Grabdenkmals, das keineswegs die Spuren der Armuth an sich trägt? Müller glaubt den noch vorhandenen Grabstein nicht als den ursprünglichen ans der Zeit Stilla's, sondern als „Bestandtheil des zweiten Grabmales aus dem 13. oder 14. Jahrhunderte ansehen" zn dürfen (l. c. p. 37). Eine Erneuernng des Grabsteines schloß aber fast regelmäßig eine Erhebung der Ucberrcste einer Person, in sich, welche ob ihrer Tugenden vom Volke als hcilio verehrt und um Fürbitte angefleht wurde. Eine derartige Erhebung galt als Kanonisationsfeier, welche ihren äußeren Ausdruck in der Sitte fand, den Deckel des Stclusarges etwas über den Boden des Beisctzungsortes hervorragen zu assen, um das Grab des Heiligen kenntlich zu machen. Die Geschichte jedoch schweigt über die Erhebung der Gebeine Stilla's im 13. oder 14. Jahrhunderte. Das Grab selbst wurde nach Müllers Angaben (S. 42) 1689, 1630 und etwa 50 — 80 Jahre vorher geöffnet, lieber die erste und wichtigste Eröffnung fehlen alle Urkunden; von 1562 — 1587 stand das Kloster Maricnbnrg öde und verlassen. Der Visitator Vogt spricht 1480 nur von einem verfallenen Chöre und einem restaurakionSbedürftigen Altare in der Pcters- knpelle; Pfarrer Habcrstroh o«) „nd die Bürgerschaft von "0 In einer Pcrgamenthandschrift von Wolshards Lliraenla boatao VvoltgurKue aus dem 12. Jahrh, findet sich die Heilige dargestellt als die Fürstentochtcr aus England mit dem Königsdiadem geschmückt, im reichen Pracht- gewaude mit weiten Aermcln, welche durch die enge ärmellose Tunika an das faltenreiche llntergcwand gesteckt werden. Sammelblatt d. histor. Vereins Eichstätt VII, 116 (!893). '°) Im Jahre 1344 war Ludwig von Seckendorf Pfarrer in -Abcnberg (Mstr. des bisch. Ordinariatsarch. i Eichstätt). Abenberg stifteten im Jahre 1460 eine Frühmesse zu Ehren der allcrscligstcn Jungfrau; die Ablaßbriefe^) gehen über das Jahr 1488 nicht hinaus: alle diese Umstände sprechen gegen eine Erhebung der Reliquien Stilla's im 13. oder 14. Jahrhunderte und damit auch gegen die Neuschaffung eines zweiten Grabmales. (Schluß folgt.) I)i Sepp's „hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt". (Schluß.) Im zweiten Theil seiner „Rechtfertigung" spricht Herr Professor Dr. Sepp über die Lage von Dalmanntha, Kann Galil, Ephrem und Emmans. Er schreibt: Wir sagen nicht zu viel: grundfalsch ist die Behauptung, daß „das ganze Mittclalter die Ruinen von Tclhnm als Reste der Stadt des Herrn verehrt hat". Man bringe nnS dafür Citate! Die Üeberbleibscl rühren noch dazu nicht von einer Kirche, sondern von dem Grabmal des berühmten Rabbi Tanchnma her, welcher da seine noch erhaltene Synagoge und Lehrschnle gründete, um der Ausbreitung des Christenthums von Kephar Minim aus den Riegel zu schieben. Diese Ruinen erweckten zuerst den Gedanken, das sei eine Reliquie von der' durch den Hauptmanu von Kapharnanm erbauten Synagoge. Jüngst hat die türkische Regierung ein Veto gegen Ausgrabungen eingelegt, welche doch schwerlich große Schätze zu Tage fördern würden. Dieß erregt natürlich neuen Zorn, der an uns Deutschen ausgeht. Wahrhaft naiv ist es, wenn ein Pilgerführcr, wie Livouius (Lievin), der nicht Deutsch versteht, jedenfalls vor deutscher Wissenschaft einen Horror hat, ja nicht einmal den Josephus zu kennen scheint, den Anssprnch wagt: Telhum (so. weit weg von der Ebene Gennczaret und einem denkbaren Flusse Kapharuaum) sei „die einzige Stätte, wo man letztere Stadt suchen könnte"! Das ist bald gesagt, verdient jedoch keine Beachtung. Wenn Markus 8, 10 berichtet, Jesus sei nach der zweiten Volksspeisung in der Gegend von Dalmanntha gelandet, so bildete dieses XL-scha-'-o-- bisher das „Kreuz der Exegeten", wie unser wackerer Censor erklärt. Um desto dankbarer sollte man sein, daß endlich der Ort erkundet ist. Wir haben schon vor mehr als einenE Menschenaffen den lokalen Accusativ von Dalmans zu lesen vorgeschlagen und dieses mit dem Bethmaus in Josephus' vita, identificirt, da val wie ") Bischof Wilhelm von Rcichenau gewährte am 27. Juni 1488 einen Ablaß von 40 Tagen, ebenso sein Weihbischof Jakob Raschauer sxise. mieromisusis am 4. April 1490; der apostolische Legat Kardinal Raymund am 4. Sept. 1501 und Bffchof Markus von Rhodi am 9. Nov. 1501 gewährten 40 und 50 Tage Abl. (Past.-Bl. 1855, 164; Priefers Aufzeichnungen). Nach Falckeustcin dloi-clAkn-. I, 256) starb Weihbischof Jakob Rasch- aucr (auch Rastauer) 1495 und, liegt in Pollenfeld, unweit Eichstätt, begraben. Nach einer Notiz in einem Akte über Abenberg (Mskr. d. bisch. Ordinariatsarchivs Eichstätt) wurde 1468 in Abenberg unter Pfarrer Christian Haberstroh die Kirche (wohl die St. Jakobskirche) gebaut. Nach Suttner (Schematismus von 1480 S. 57) war die Frühmeßstiftung in Abenberg nach der hl. Katharina benannt (vergl. dagegen Past.-Bl. 1858, 190) und stand der Bürgerschaft das Präsentationsrecht darüber zu, während nach Falckenstein (Hntig. dlorckK. II, 299) der Bischof das freie Collationsrecht übte. Cooperator war 1480 Konrad Mair aus der Diocese Eichstätt, geweiht zu Würzburg; Frühmesser war Paul Feuchtner, geweiht zu Augsburg. Lotff das Haus bezeichnet (Psalm 141, 3). Ich hatte hiefür in letzter Zeit sogar noch Hanebergs Zustimmung, der doch unser tüchtigster Hebräer war. „Heillose Verwirrung" entsteht dann, wenn man nach dem Pyrrhonischen Grundsätze verfährt: es läßt sich in allen Fragen genug für und etwas dagegen sagen. Damit ist auf jedes positive Resultat verzichtet. Ich fürchte, daß mein Kritiker diesem radikalen Skepticismus verfällt, denn es steht am Ende von allem nichts mehr fest! Positive Kritik habe ich nicht zu scheuen, man gieße mir nur nicht Scheidewasser über das Papier. Das habe ich zum Danke für diese meine Entdeckung. Josephus Flavius weilte in Beth Maus (der Deutsche übersetzt Bethmaun), während sein Gegner Johannes von Gischala die heißen Bäder von Chamat, südwärts von Tiberias, benlltzte. Maus, mit dem Artikel Ammans, bedeutet ebenfalls Bad. Ich habe in Ain Fulieh noch das Römerbad vorgefunden und auch gebraucht, und fand Arknlfs Aeußerung 570 am Platze: „Alan blickt von der Quelle gigeu Mittag auf Tiberias." Wie freudig überraschte mich aber die Legende bei Theo- dosiuS 540. „Von Tiberias bis zu den sieben Quellen sind fünf Millicn. Hier hat Christus die Apostel getauft." Der berühmte Abt Daniel von Kiew schreibt in der ältesten slavischen Urkunde 1113 zur Ergänzung von der kiseinL Jesu, Maria und der Apostel eine Werstc ("/^ Stunden) von Tiberias. Er nahm noch von der Mittheilung Akt, Jesus sei in die Grotte geflüchtet, woraus der süße Born fließe (noch heute Am el Bande genannt), als die Menge nach der Speiinng der 4000 ihn zum Könige erheben wollte. Die Araber nennen die Quelle sogar nach Jesus — Ain el Aissa. Paßt dies nicht zu Dalmanntha, und von alldem hat man bisher nichts gewußt. Wie mag nun mein grausamer Recensent (dem ich aber doch gut bin) moderne Skribenten für sich anführen, welche Heptapegon im Norden der Ebene Genuezaret suchen — jenes Siebenbruun, wo unter Karl dem Großen ein Klösterlein bestand! Wer kann noch mehr Argumente fordern, und doch bringe ich noch in Erwähnung, daß der Jude Carmoly hier das Dorf Ras el Amis vorfand, was Quellhanpt bezeichnet, und Amis geht eben auf Amaus zurück. Die Maxime wollen wir nicht gelten lassen: „Du sollst mich nicht überreden, auch wenn Du mich überzeugst." Ebenso wenig geht an, daß das Urtheil dahin laute: Hier erscheinen zehn Zeugen, die nicht unterrichtet sind, gegenüber dem Einen, der Alles gesehen und sorgfältig durchforscht hat, mithin — ist die Majorität gegen den Einen. Unser Freund übergeht Kann Galil, den Wunder- ort, der noch den alten Namen trägt und, an der direkten Straße von Aka nach Tiberias gelegen, mit dieser verödet ist. Ich habe die Stätte nach ein paar Jahrhunderten zum erstenmal wieder besucht und nur Pferche, umgeben von sonnetrockeneu Ziegelmauern, ohne ein lebendes Wesen vorgefunden. Auch Cannä, der Schlachtplatz Haunibals in Italien, ist zu einem Schafhofe hcrab- gesnnken. Der Bibelname rührt vom nahen Rohrgewässer Battof, einem Sumpfe, her, aus dem ich 1646 noch Schildkröten auflas. Alle Christglünbigen, vor, während und nach dem lateinischen Königreich Jerusalem, hielten an Kana in Galiläa fest, ja noch 1310 schreibt der Veuetiaucr Marino Sannto: „Von Nazaret zwei Leuka nach Sepphoris, von da dritthalb nach Ehana Galiläa. Herkömmlich macht man den Weg von Ptole- 83 > > mais fünf Lenkn ostwärts nach Chana Galiläa und von hier über Sepphoris nach Nazaret." Man kann nicht deutlicher schreiben. Ich habe den Muth, die Wahrheit zn bekennen. Erst vor wenig Lnstren lief man den Griechen nach, welche in Kefr Kanna am wasscrlosen Berghang einen Hochzeitsaal eingerichtet. Um den Pilgern den weiten Umweg zu ersparen, entdeckte man mit einmal das Haus des Bartholomäus und trieb Gelder zum Bau von Kirche und Hospiz ein. Von solchen topographischen Eigenmächtigkeiten war schon einmal in diesen Blättern die Rede. Doch mögen wir nach 50jähriger Ueberlegung behaupten, was wir wollen: es stößt auf Widerspruch. Zum erstenmal stelle ich Magdala Gadara, das palästinische Karlsbad, als Heimath der Magdalena auf, die gewiß eine reiche Dame war, da sie aus einem Alabastergefäß mit indischer Narde den Herrn salbte, auch die Gesellschaft Jesu mit ihrem Vermögen unterstützte. Luk. VIII, 3. Was ist dagegen das aus Mangel an Landeskunde angenommene Medschdel als ein Lause- nest, keine „Stadt"! Ein Arbciterheim in der Ebene Gennczaret, wovon die Kirche niemals Besitz genommen hat. „Man kaun darüber streiten, schreibt unser Censor, aber die Gründe für das eine oder andere sind ebenso wenig durchschlagend, wie die Identifikation von Ephrem in der Wüste (Joh. 11, 54), zwei Stunden südlich von Dschedar (Gadara). Damit will ich aber nicht behaupten, daß Medschdel als Heimath der Magdalena gesichert, oder Tayebeh bei Bethe! sicher Ephraim ist; ich behaupte nur, daß auch nach den Sepp'schen Aufstellungen diese Fragen nicht endgiltig entschieden sind." — Ja, streiten kann man über Alles, es kömmt nur aus das Jndicium au. Trete ich für Ophera bei Bethel ein, so erwidert der Gegner: aber dieses liegt ja in der fruchtbarsten Gegend, nicht in Wald und Wüste. Er hält sich aber oppositionell an letzteres, weil ich zuerst für Ephrem in Peräa mich ausspreche und für höchst unwahrscheinlich halte, daß Jesus, den die Juden steinigen und todten wollten, sich in der Nähe Jerusalems aufgehalten, zumal er auch später über den Jordan flüchtete. Nach gegnerischer Ansicht bliebe die Frage ewig unerledigt, da ich eben auf ein zweites Ephraim aufmerksam machte. Bei diesem Zickzack und Hin und Her wird der Nahmen der Geschichte Jesu immer ein anderer. Wir hatten in der Paulskirche ein Mitglied, Wcdekind, das zu jedem Paragraph der Berathung auf die Tribüne lief, und ein „Aber, meine Herren" sprach, und deßhalb den Titel Reichszweifler erhielt. Diese Methode sollte in der Theologie sich nicht einbürgern. Neue Skrupel entstehen über das neutestamentliche Emmaus. Ich erfinde nichts, sondern finde dasselbe in Veit el Amus zu Colonieh gegeben und halte mich um so entschiedener an letzteres, weil Josephns anführt, Titns habe mit 800 Veteranen i>n Dorfe Emmaus, 60 Stadien von Jerusalem, eine Colonie angelegt. Es steht dabei schon in der Vulgata oukteiium Lmmnno, heute Ca stnl, weil dieses zum Schutze der Colonie erfordert war. Und doch läßt bei dieser Ausstellung mich, wie bei Chörbet Minieh, auch der Pilgerführer von So ein und Benziger allein. Meinem skrupulösen Censor geht hier wieder Alles durcheinander. Vergebens verweise ich sogar aus den Talmud, wo das alttestament- liche Amosa (Josua XVIII, 26) mit der Erklärung übersetzt ist: „Mosa ist Colonia". Vergebens betont Lulas den Ort in der Entfernung von 60 Stadien (da die Nömerstraße den Berg umging) als zum Unterschied von der acht Stunden entfernten Stadt Ammaus. Abt Haueberg schrieb im April 1864 als Pilger aus Jerusalem: „Wo ich hinkomme, hier wie in Bethlehem, herrscht in den Klöstern Aufregung wegen Emmaus, das die einen nach wie vor in Kuböbe, die andern auf die Zwischenrcdc der Franzosen in den Ruinen der fernen Stadt EmauS suchen. Da kömmt mein unglücklicher Dr. Sepp mit einem neuen Emmaus in Colonieh, das schon gar keinen Glauben findet." — Ich halte aber als tapferer Deutscher gegen die Wälschen Stand, bis sie ihre Degen abgeben. Die Stadt liegt eine Tagrcise von Jerusalem ab. Ich kann hier nicht auf all die Beweise eingehen, die ich in meinem neuen Werke II S. 228—254 geliefert, daß die constante Tradition im Volke und bei den Mukari bis auf meine erste Palästiuareise für Castul Colonieh spricht. Der jüngst verewigte Dompriester Schiffers in Aachen trat mit heiligem Eifer für Ammaus Nikopolis, 176 Stadien von der hl. Stadt, ein und erließ sogar einen Aufruf zu Beiträgen, die dortige Kirchenrnine aufzubauen. Ich appellire dagegen an den gesunden Sinn eines Jeden, ob die beiden Emaus- jünger an Einem Tage oder Abend sechzehn Stunden zurückgelegt haben werden, um in der Nacht, nachdem der Tag sich schon in der Herberge geneigt, noch den versammelten Aposteln die Freudenbotschaft zu bringen. Ein Schnellläufer müßte die Probe hin und her machen. Doch, so überlegt der letztgenannte Pilger: Ist es denn ausgemacht, daß sie nicht zu Pferde zurückkehrten? — Schade, daß es damals uoch weder Schienenbahn noch Fahrrad gab, sonst wären sie selbst mit dieser Erfahrt von der Stadt Ammaus aus — nicht mehr rechtzeitig am Berge Sion eingetroffen! Lassen wir diese künstlichen Excnrse. Heute hat Kubllbe die meisten Vertheidiger, auch mein verehrlicher Recensent neigt dazu, wenn er gleich „nicht sicher" ist und wie allenthalben uns im Nebel stehen läßt. Ich hoffe ihn bei gutem Willen zu bekehren, wie kürzlich den Rektor der Wiener Hochschule und früher des österreichischen Pilgerhanses in Jerusalem, vr. Zschokke, der eigens eine Schrift gegen mich erließ, nun aber für meine Ansicht wirbt. In den Diplomen der Kreuzritter, wie ich nachwies, wird Cubeba ausdrücklich von Oastollum Lmwuu8 unterschieden, also kann es nicht derselbe Ort sein. Die „kleine Kuppel" über einer wenig ergiebigen Quelle liegt doppelt soweit von Jerusalem ab, ivie Castul Colonieh, dazu kömmt aber im nächsten Dorfe eine verfallene Kirche, wohl von den Johaiinitern erbaut; also wollte die Marquise Nikolah sich durch ein Grabmal im Neubau verewigen, natürlich weist man das Haus des Kleophas daneben. Nun appellire ich an den gesunden Menschenverstand. Gottfried von Bouillon marschirte mit dem Krenzheer von Lydda nach Nama (Ramie) und von da in Einem Tage bis zur Station Emmaus, wo die Bcthlehemiten um Hilfe flehten und Tankred hiuüberritt, um die Muhammedaner zn vertreiben, aber andern Morgens schon vor der hl. Stadt eintraf. Ich frage: macht man mit einer Armee ganz überflüssig einen Spaziergang auf dem Umweg von mehreren Stunden, kehrten die Kreuzritter von Nama wieder nach Lydda zurück, um, die Heerstraße verlassend, aus ungewissen Pfaden, namentlich von Knbbbe aus, wo man am hellen Tage sich nicht znrecht findet, endlich das ersehnte Ziel Zu erreichen? Und doch sollte dieser Klosterzwisi ein fiir die orientalischen Missionen bedenkliches Ereignis; herbeiführen. Der nach Wiedererrichtung des lateinischen Patriarchates unter Pins IX. dafür ernannte Gennese Valerga »erhing über die neue Kirche zn Knbbbe das Interdikt und sprach sich energisch gegen die beliebige Errichtung neuer Sanktuarien aus. Die um die Erhaltung der heiligen Stätten des gelobten Landes hochverdienten Vater des hl. Franz wandten sich nach Xra, 6c>e1i, und Rom gab ihnen Recht. Der hochw. Patriarch dachte mir 1867 bei seinem Besuche von Paris auf der Durchreise durch München die Ehre der Einladung zu einem Besuche zu und appellirte so an den bescheidenen Professor. Nachdem aber sein Nachfolger Bracco, welchem ich 1874 nahe trat, mit Tod abgegangen, hob man, um die Zwietracht mit den Ordens- väteru für immer zu beseitigen, das Patriarchat thatsächlich auf, indem ein würdiger Franziskaner mit dein Ehrcnamte bekleidet wurde, was wohl so fortgehen wird. Ich trage die Mitschuld und kann doch nicht dafür! Mein hochw. Recensent erscheint wahrlich nicht unparteiisch, indem er mir zum Vorwürfe macht: „Sepp's Methode krankt vor allem daran, daß er die Einwürfe seiner Gegner zu wenig ernst nimmt." Ich habe in un- bhängiger Stellung kein Interesse als die Wahrheit, es wäre mir ein Triumph, den weniger Unterrichteten bei- znspringen, die ich nicht eigentlich als Gegner betrachte; aber was mein Kritiker Gründe nennt, blase ich mit Einem Hauche in den Wind. Lichtmesse, 1897. Pros. Dr. Sepp. Verzeichnis; bei der Redaction eingegangener Schriften. Immergrün. Jllustrirte Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. Verlag von Ambr. Opitz in Warnsoorf (Nordböhmen). Preis per Jahrgang 3 M. Tabernakel-Wacht. (A. Laumaun'sche Buchhandlung in Dülmen, Westfalen. Jährlich 12 Hefte, Preis M. 2,40.) Das 1. Heit dieser neugegründcten Zeitschrift ist ziemlich umfang- und inhaltreich und zugleich recht gefällig ausgestattet. Dieverschiedenartigen Themata, welche dahin behandelt werden, sind mit praktischem Verständniß ausgewählt und entsprechen in angemessener Weise dem einheitlichen Zwecke, welchem sie dienen sollen, nämlich der Anbetung und Verherrlichung des allerheiligsten Sakramentes. Stimmen vom Berge Karin el. Monatsschrift für das katholische Volk. Graz 1697. Verlag des Karme- litcn-Conventes. Preis jährl. M. 2.36. Missionsblätter. Jllustrirte Zeitschrift für das kathol. Volk. Organ der St. Benediktus-Genossenschast für ausländische Missionen zu St. Ottilien. Die ..Missionsblätter", welche man bei der Expedition derselben in St. Ottilien, Post Türkenfeld. bestellt, kosten jährlich M. 1,50. Dieselben erscheinen Heuer im ersten Jahrgange und.verdanken ihr Entstehen dem Wunsche verschiedener Wohlthäter und Freunde der Genossenschaft, über deren Wirken genauere Nachrichten zu erhalten. Durch Herausgabe der „Missionsblätter" ist es möglich geworden, das im gleichen Verlage erscheinende „Heidenkind" ganz der Jugend zu widmen. Letztere Zeitschrift erscheint monatlich zweimal und kostet jährlich 1 M. „Kreuz und Schwert im Kampfe gegen Sklaverei und Heidenthum." — Inhalt des Febrnarhestes: 1. Mis- ftonstyätigkeit. — Koloniales: Die Missionen der Weißen Väter in den deutschen Schutzgebieten. Gründung einer neuen Mission. — Aus der Togo-Mission (Väter vom Göttlichen Wort). — Das Herz-Jesu-Missionshaus zu Hiltrup bei Münster i. W. — Kleine Nachrichten. — 2. Zur Belehrung und Unterhaltung: Blumen aus dem Garten der Missionsschwestern. — Etwas über die schwarzen Handwerker in Togo. — Aus Pins' IX. schweren Tagen u. s. w. — Verleger: W. Helmes, Münster i. W. Jährlich 1,80 M. portofrei. Die katholische Welt. illustrirtes Familienblatt mit den Beilagen „Der Hausfreund" und „Für fleißige Hände" (jährlich 12 reich illustrirte Hefte ü 40 Pfg.) Das soeben ausgegebene Heft 4 enthält folgende Theile: Ein Tag in Alcraudrien: Ausflug nach Kairo; von Alexandrien über Jaffa nach Jerusalem, mit 11 Illustrationen. Ge- sammtzahl der Illustrationen im Hefte: 41 und eine Kunstbeilage. Probehefte versendet die Verlagshandlung von A. Rifsarth in M.-Gladbach (Rheiul.). Die heilige Familie, Monatschrift für die christliche Familie, insbesondere für die Mitglieder des allgemeinen frommen Vereins der christlichen Familien zu Ehren der heiligen Familie von Nazareth, herausgegeben unter Mitwirkung mehrerer Welt- und Ordenspriester von Clemens Schlecht, Kraukenhauskurat. Jährlich 12 Hefte. 16—24 Seiten stark, mit Illustrationen. Preis 1 Mk. Verlag von vr. Franz Paul Datterer, Verlagsanstalt, Freising. Litcrarisches. * Ein neues Geschichtswerk, auf das wir hier vorläufig kurz aufmerksam machen möchten, ist jüngst vom Herder'schen Verlag (Freibura) und zwar zunächst der 1. Band ausgegeben worden. Dasselbe nennt sich „Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters" und hat den Jnnsbrucker Professor der Kirchengerichte Dr. Einil Michael 3. (I. zum Verfasser. Das Werk erscheint in 6—7 Bänden in Format und Ausstattung von Janisens Geschichte und wird die deutsche Geschichte bis dorthin fortsetzen, wo Janssen begonnen hat. Der erste Band, über welchen wir ein Referat aus berufener Feder bringen werden, behandelt „die sociale Frage in Deutschland während des 13. Jahrhunderts und ihre Lösung"; der zweite Band wird die religiös-sittlichen Zustände, Erziehung und Unterricht, Wissenschaft und Mystik; der dritte Band die deutsche Kunst des 13. Jahrhunderts behandeln und in den nächsten Bänden die Darstellung sich der politischen Geschichte zuwenden. (Preis des 1. Bandes 5 M.; in Orig.-Einband M. 6,80.) (Wie uns die Verlagsfirma soeben mittheilt, war die Nachfrage nach dem Werke so stark, daß bereits wenige Wochen nach der Versendung des Bandes zu einem Neudruck geschritten werden mußte, welcher Mitte März als zweite, unveränderte Auflage in Lieferungen zu erscheinen beginnen wird.) * In Beilage Nr. 51 (1896) befand sich eine litterarische Anzeige von „48 Betrachtungen über das Hohe Lied von Maria Anna Zaubzer. In derselben hieß es u. A.: „Wenn die Verfasserin die S. 101 erwähnten Sitten belegen könnte, wären ihr die Ausleger des Hoben Liedes dankbar." Hiezu schreibt uns die Autorin der „Bettachtungen": Diesen Dank will ich mir herzlich gerne verdienen und glaube ich den genügenden Beleg zu liefern, indem ich auf folgendes Werk hinweise: „Die hl. Schrift des alten und neuen Testamentes nach der Vulgata mit steter Vergleichung des Grnndtextes, übersetzt und erläutert von Dr. Valentin Loch und vr. Wilhelm Reischl. Neue illustrirte Ausgabe, II- Band. Regensburg, 1885. Verlag von Manz. Seite 543. Anmerkung k." dort heißt es wörtlich: „Die ältere Leseart der Vulgata stimmt noch näher mit dem hebr. Texte: ,Der Geliebte langte durch das Thürgitter an den Riegel herein, entweder um den Versuch zu machen, ihn loszuknüpfen (1 zu Matth. 16,19) oder (nach V. 5) um denselben, wie es uraltes, noch im Morgenlands übliches Zeichen und Pfand treuer Liebe ist, mit Aroma zu salben'. Das also ist mein Beleg. Weiter schreibt uns die Verfasserin, daß sie sich eingehend orieutirt habe, wie sich die hl. Väter über das Hohe Lied aussprcchen, daher werde den Exegeten auch „das ofte Schütteln des hermeneutischen Hauptes erspart bleiben"; denn, wenn sie sich die Mühe nehmen wollen, nachzuschlagen, so werden sie da und dort wieder finden, was sie, die Verfasserin, in allerdings gekürzter einfacherer Form wieder gegeben habe. Was sie auf diesem Grunde weitergebaut, mäche keinerlei Ansprüche auf Exegese, sondern bewege sich im Reiche der Vergleiche. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Zum Erscheinen der zweiten Auflage von K. Krumbacher's „Geschichte der byzantinischen Literatur". Das Erscheinen der zweiten Auflage der „Geschichte der byzantinischen Literatur" von Professor Karl Krum- bacher*) darf als ein bedeutendes literarisches Ereigniß bezeichnet werden. Als vor sechs Jahren der Verfasser zum ersten Male die Wanderung durch die „unaussprechlichen" Jahrhunderte des byzantinischen Zeitalters unternahm und seine Wahrnehmungen in der ersten Auflage zusammenstellte, war er begleitet „von dem drückenden Gefühle der Unsicherheit und Besorgniß". Hatte es sich ihm ja sogar als Nothwendigkeit herausgestellt, das wissenschaftliche Recht des Gegenstandes, den er, ohne Vorgänger zu haben, zusammenfassend darstellte, gegenüber mannigfachen schiefen Auffassungen zu vertheidigen. Freilich, das Bewußtsein mußte auch damals schon sein Vertrauen erhöhen, daß es unrichtig war, wenn man ihm vorwarf, die Beschäftigung mit einer Zeit, wo ä-iö den Accusativ regiere, müsse „die reine Liebe zum Alterthum und die pädagogische Kraft" verkümmern lassen. Das stand doch felsenfest, daß der Werth der historischen Forschung nicht abhängig gemacht werden darf von der Beschaffenheit ihres Gegenstandes. Das Studium inhaltlich und formal hochstehender Literaturperioden ist nicht höher zu achten, als die Beschäftigung mit weniger glanzvollen Zeiten. Mit vollem Recht weist daher Krnmbacher derartige „ästhetische und pädagogische Rücksichten" bei Beurtheilung des Werthes oder Unwerthes historischen Schaffens zurück. Leider waren und sind diese Erwägungen noch nicht zum Gemeingut aller Gebildeten geworden. Und wenn auch in der Theorie gar viele dem Gesagten zustimmen, wenden sie in der Praxis doch ihre Blicke weg von dem dunklen Zeitalter des Byzantinismus, das ein ständiges Sinken der Civilisation und ein Ueberhandnehmen des schon durch das Wort „byzantinisch" charakterisirten Servilismus in Literatur und Gesinnung reprüscntire. Mit der ihm eigenen kraftvollen Sprache widerlegt Krnmbacher durch schlagende Beweise und Hinweise auf andere Culturepochen derartige Vorurtheile. Eine vielseitige Zustimmung zu seinen Ansichten darf Krnmbacher aber fchou dem Umstände entnehmen, daß er nach kaum einem Lustrum schon wieder an eine Neubearbeitung der byzantinischen Literatur-geschichte schreiten mußte. Aber auch die Art und Weise, wie die Neubearbeitung vor die Oeffentlichkeit trat, zeugt von dem großen Erfolgt seiner Bemühungen. Um mehr als das Doppelte ist der Umfang des Buches vermehrt. Fast jede Seite weist Früchte auf, die erst die letzten Jahre zur Reife gebracht haben. Vor allem werden aber die Theologen diese neue Auflage freudigst begrüßen, da die theologischen Schriftsteller in derselben eine gesonderte Behandlung gefunden haben, und zwar von Seite eines Fachmanns; Professor Albert Ehrhard hat diesen Abschnitt der byzantinischen Literatur bearbeitet. Auch der im Anhang gegebene „Abriß der byzantinischen Kaisergeschichte", den Professor H. Geiz er gefertigt hat, entsprach zu sehr einem dringend gefühlten Bedürfnisse, als *) Erschienen als IX. Band I. Abtheilung des „Handbuchs der klassischen Alterrhums-Wissenschafi". München 1897 daß er nicht mit der größten Dankbarkeit entgegengenommen würde. So ist denn durch dieses Handbuch unsere historische Wissenschaft um ein bedeutendes Hilfsmittel bereichert worden. In drei großen Abtheilungen (prosaische, poetische und vulgärgriechische Literatur) führen uns die Verfasser die einzelnen Schriftsteller nach Fächern (Theologie, Geschichtschreiber und Chronisten usw., Kirchen» Poesie, Profanpoesie) seit den Zeiten Justinians bis zur Auspflanzung des Halbmondes auf der Hagia Sophia (527—1453) vor Augen. Krumbacher datirt zwar in der neuen Auflage den Beginn des byzantinischen Zeitalters in die Zeit Konstantins, näherhin in das Jahr 324, und begründet diese Meinungsänderung eingehend. Aber der Anschluß an die Literaturgeschichte von Christ erforderte das Beginnen mit der Zeit Justinians. Die kurzen Charakteristiken der einzelnen Perioden und Schriftsteller, die trefflichen Literaturangaben, die beigefügte allgemeine Bibliographie, dazu die größtmögliche Correctheit und Wissenschaftlichkeit in Inhalt und Form, wofür schon die Verfasser bürgen, machen das Buch zu einer wohl- eingerichteten Rüstkammer, der alle Einzelforscher auf dem Gebiete der byzantinischen Literatur Material und Hilfsmittel entnehmen müssen. Mögen denn diese reichen Anregungen auch reichlich benutzt werden; möge diese zweite Auflage im Stande sein, recht viel Sinn und Freude für byzantinische Studien zu wecken! Hier bleibt freilich noch viel zu wünschen übrig. Noch im vergangenen Jahre, als das bayerische Parlament sich mit der Genehmigung der Mittel für Gründung eines byzantinischen Seminars an der Münchener Universität beschäftigte, war es dem Referenten der Kammer der Abgeordneten möglich gewesen, zur Begründung der Ablehnung dieses Antrags unter anderem auf die geringe Betheiligung an diesen Studien hinzuweisen. Dieser Thatsache gegenüber ist der Wunsch angebracht, daß eS dem Verfasser, der durch Herausgabe der byzantinischen Literaturgeschichte diese Studien so trefflich inaugurirt und durch Gründung und Redaktion der „byzantinischen Zeitschrift" ihnen ein Centralorgau ersten Ranges geschaffen und überdieß noch Zeit gefunden hat, in zahlreichen Einzelstudien mustergiltige Vorbilder zu bieten, noch recht lange beschieden sein möge, Wortführer in Sachen seines Wissenszweiges zu sein! Möge ihm insbesondere auch als akademischer Lehrer ein recht weites Arbeitsfeld zu theil werden! Eine Verbreitung und Verallgemeinerung der Kenntniß des byzantinischen Zeitalters über den Kreis der Fachgenossen hinaus kann ja nur dazu dienen, manche Fragen der Gegenwart mit reiferem Blicke zu betrachten. Dazu ist z. B. der Dualismus zu rechnen, der die gräco» slavische Welt so scharf scheidet von der gcrmano-roman- ischen. Vor allem aber werden auch die vom gegenwärtig regierenden Papste Leo XIII. so sehr betonten Unionsfragen durch Kenntniß der byzantinischen Literatur und Geschichte tiefer erfaßt und besser gelöst werden können. Rom, Jänner 1897. F. 8. Socialistische Theorien des Alterthums. (Fortsetzung.) 1. Der Staat des Phaleas. L Der erste, welcher sich niit dem socialen Problem befaßt zu haben scheint, ist Phaleas aus Chalkcdon. Wohl durch die vielen Unruhen veranlaßt welche die unr gleiche Vertyeilmig des Besitzes in den damals bestehenden Staaten zur Folge hatte, stellte er die Forderung auf, der Besitz der vollberechtigten Staatsangehörigen solle gleich groß sein; bei Gründung von neuen Städten sei die sofortige Einführung dieses Modus nicht schwierig, bei bereits bestehenden Verfassungen müsse man, wenn's auch hart ankomme, eine Gleichheit auf dem Wege herbeiführen, daß die Reichen ihren Töchtern Mitgift geben, aber selbst keine bekommen, und die Armen Mitgift wohl bekommen, aber keine geben. Neben der Besitzgleichheit wollte Phaleas auch Gleichheit der Erziehung für alle Bürgersöhne. Damit sei ein Heilmittel gegen Ungerechtigkeiten geschaffen. Auf die Fragen, wie hoch denn diese gleiche Besitzquote und welcher Art die gleiche Bildung sein solle, hat sich Phaleas nicht eingelassen. Dagegen wissen wir, daß er den Gewerbetreibenden das Staatsbürgerrecht entzogen und sie zu Dienern des Staates gemacht wissen wollte, daß er also die Industrie verstaatlichte, aber den Arbeitern das Eigenthum nahm. Wir haben da einen noch recht unvollkommenen Versuch vor uns, die sociale Lage wieder zu bessern. 2. Der Staat des Hippodamos von Milet. Dieser merkwürdige Mann, ein großer Baumeister, hatte sich durch seine Vorschläge für die regelmäßige Anlage von Städten und durch die Eintheiluug des wichtigen athenischen Hafens, des Piräus, bemerkbar gemacht. Seine Zeit (um 440 v. Chr. Geburt) fällt mit der des gewaltigen Staatsmannes Periklcs zusammen. Eine ächte Künstlernatur, unterschied er sich auch in seinem Auftreten von seiner Umgebung: er trug dichtes, lang Herabwallendes Haar und selbst im Sommer Winterkleidung. Sein hochfahrender Sinn strebte, ein Urtheil über die ganze Welteinrichtung zu gewinnen, und so war er der erste Privatmann, welcher sich über die Einrichtung eines Staates aussprach, der als der beste gelten könne. Sein Staat sollte 10,000 männliche Einwohner umfassen, welche drei Gruppen bilden würden: Handwerker, Bauern und Soldaten. Das Land sollte gleichfalls in drei Theile zerfallen, in heiliges Land für die Götter, in staatliches Land für die Soldaten und in Privatland für die Bauern. Nur drei Arten von Gesetzen solle es geben, nämlich gegen Gewaltthätigkeit, Sachbeschädigung und Mord. Als Appcllatiousiustauz stellte er ein Reichsgericht auf, welches aus wählbaren, greisen, erfahrenen Männern zusammengesetzt fein sollte. Ferner sollten die Männer, welche eine gemeinnützige Erfindung machen würden, staatlich geehrt und die Kinder der im Kriege Gefallenen auf Staatskosten unterhalten werden. Die Beamten dachte sich Hippodamos vom ganzen Volke, das heißt jenen drei Ständen gewählt; ihre Thätigkeit habe sich anf die Angelegenheiten des Staates, der Fremden und der Waisen zu richten. Diese Staatsidee ist augenscheinlich genauer ausgeführt als die des Phaleas. Aber sie leidet außer der aus Abgeschmackte streifende Vorliebe für die Dreizahl, welche der Baumeister vielleicht dem Studium pythagoreischer Lehren verdankt, an mehreren Unklarheiten. Die Handwerker scheinen keinen Antheil an Grund und Boden besessen zu haben. Das heilige Land und das Soldateu- land scheint commuuistisch verwaltet worden zu sein, und demnach kann auch das Privatlaud für die Bauern nicht in volle»! Sinne als vercrblichcs und vcrmehrbares Privatbank» betrachtet werdcn- Die Gewerbetreibenden hatten bei Hippodamos demnach eine ähnliche oder dieselbe Stellung wie bei Phaleas; von Besitz der vollberechtigten Bürger, zu denen wohl auch die Soldaten zu zählen waren, ist nichts mehr erwähnt. 3. Der Weiber st aat (389 v. Chr. Geburt). Der Lustspieldichter Aristophaues, welcher als witziger Gegner des Periklcs und des Sakrales den Standpunkt des Conscrvativismns in Religion und Politik vertrat, schildert in einem seiner tollsten Stücke, welches wir etwa „Weiberlandtag" betiteln würden, eine socialistische Verfassung, welche er von Weibern einrichten läßt. Er hat natürlich diesen Staat nicht mit dichterischer Phantasie frei erfunden, sondern verspottet dort eine ganz bestimmte Persönlichkeit, möglicher Weise einen der Sophisten, welche damals mit unerhörter Keckheit allem Herkömmlichen zu Leibe rückten, oder auch den nuten zu erwähnenden Antisthenes, der ursprünglich in die sophistische Schule ging. Das aristophanische Staatsbild besteht aus folgenden einzelnen Zügen: Alles soll glücklich sein. Hunger und Blöße, Schmähungen, Beutelschneiderei und Auspfändungen werden nicht mehr geduldet. Alles ist Gemeingut. Reiche und Arme gibt es nicht mehr. Alles muß an den Staat abgeliefert werden. Vom allgemeinen Vermögen werden die Einzelnen ernährt. Auch die Frauen sind Gemeingut. Die Kinder sollen jeden als ihren Vater betrachten, der etwa ein paar Jahrzehnte älter ist als sie. Rechtshändel gibt es nicht mehr. Prügelt einer in der Trunkenheit den andern, so wird dem Raufbold das Brod entzogen, welches er sonst bekommen hätte.. Die ganze Stadt wird ein Haus; die Gerichtshöfe und die Stadthallen werden in Gesellschaftssäle verwandelt, in welchen die Schmäuse und die Gelage stattfinden. Wenn der Dichter die Sache noch so ausmalt, die Männer hätten nichts zu thun als spazieren zu gehen und sich von den Frauen, welche dafür regieren, recht schön bedienen zu lassen, so ist klar, daß der schalkhafte Poet hier seine Scherze einstießen läßt. Wir sehen, bei Aristophaues liegt im Kleinen das Programm der Socialisten bereits fertig vor. 4. Der Staat der cynischen Schule. Nicht ohne Grund verknüpfen wir mit dem Ausdrucke „cyuisch" einen sonderbaren Begriff. Die griechische Philosophenschule, welche diesen Namen führte, hat sich, in diesem Punkte eine Tochter der Sophistik, wohl das Höchste in geistreicher Derbheit und Gemeinheit geleistet. Brutal cousequent und bar alles feineren Gefühles bildete sie ihre Sätze aus, in welchen zwar die Tugend in letzter Linie als Leitstern gepriesen, in Wahrheit aber ein Zerrbild dieses erhabenen und zugleich schönen Begriffes gegeben wurde. So ist es denn kein Wunder, wenn anf der Karte ihres Zukunfts- und Musterstaates so ziemlich alle Punkte verzeichnet sind, welche der aristophanische Weiberstaat feststellt, nebst einigen Zusätzen, welche auf denselben Weg deuten. Dies gilt schon von dem Gründer der Schule, dem Lehrling des Sakrales, Antisthenes (nach 400 v. Chr. Geburt), mehr aber noch von Diogenes (404 — 423 87 v. Chr. Geburt), den wir als überspannten Verehrer der Einfachheit und Natürlichkeit kennen. Ihr Grundgedanke war: Der wahrhaft Weise, der die Tugend voll besitzt und frei gebrauchen kann, werde alles recht und trefflich machen. Daher sei Ehe, Besitz und Rechtsschutz nnnöthig. Die gesellschaftliche Bedeutung des Gesetzes erkannte Diogenes zwar an, aber er verstand darunter wohl nur das sittliche Gesetz, welches alle speciellen Gesetze überflüssig macht. Einen Staat in unserm Sinne wollte er nicht. Er meinte, der einzig richtige Staat sei derjenige, welcher in der ganzen Welteinrichtung zu Tage trete. Die Gottesverehrung in Tempeln und die Abstinenz schätzte er nicht besonders hoch. Es sei kein Unrecht, aus einem Tempel etwas wegzunehmen oder jedes beliebige Thier zur Speise zu wählen; ja selbst der Genuß des Menschenfleisches sei nichts Ruchloses. Der Unterricht in Kunst und Wissenschaft war nach ihm ohne sittlichen Nutzen, wenn nicht schädlich. Als Tauschmittel empfahl er statt des Goldes oder Eisens das Knöchelgeld, welches den Spielmarken unserer Kinder entspricht — eine interessante Parallele zum Markengelde der jetzigen Socialisten. 5. Der Staat Platons (nach 380 v. Chr. Geburt)' Der geniale Schüler des Sakrales hat unstreitig das Großartigste gesagt, was je über die Eigenschaften des bestmöglichen Staates verkündet wurde. Er ist auch das Muster und Vorbild für alle die gewesen, welche uto- pistische Staatsgebilde schufen, von Thomas Morus und Campanella bis auf unsere Zeit. Nicht ohne Vorbereitung jedoch wie Athene aus dem Haupte des Zeus ist der Plan dem Geiste des Philosophen entsprungen. Die bisher dargestellten Verfassungsvorschläge haben mehr oder minder ihren Beitrag und ihre Anregung zu demselben geliefert, wie auch das praktische Vorbild der spartanischen Staatseinrichtung. Auffallend erinnert an Hippodamos die Eintheilung der Stände. In trefflicher Ausführung nämlich begründet Platon in seinem „Staate", dem Hauptwerke über Politik, den Gedanken, daß wie im gewöhnlichen Leben, so auch im Staatsleben eine Arbeitseintheilung eintreten müsse, je nach der Befähigung des Einzelnen. Und zwar müsse neben dem Nährstande der Gewerbetreibenden, Bauern und Arbeiter, welche in willigem Gehorsam die Tugend der Selbstbeherrschung zu üben hätten, ein besonderer Wehrstand stehen, die sogenannten „Wächter", deren Aufgabe die Vertretung der Tapferkeit zum Schutze des Staates sei, und alle diese sollten geleitet werden von dem Ehr- und Lehr stände, dessen Glieder philosophisch gebildet und mit der Tugend der Weisheit ausgerüstet sein müßten. Im Unterschiede aber von Hippodamos denkt sich Platon die drei Stände nicht numerisch gleich, sondern er hält nur wenige Bürger für würdig, dem Beamtenstande anzugehören. Auch die Besitz-, Weiber- und Kindergemeinschaft nimmt Platon in seine Theorie aus, die Besitzgemcinschaft jedoch nicht für den Nährstand und letztere mit Beschränkungen, die hier nicht näher besprochen werden können. Nur tvie gezwungen und nur nach und nach läßt er sich auf die Frage der Fraueugemeinschaft ein, so daß man auf die Vermuthung kommt, er habe diese Forderung zum ersten Male aufgestellt. Allein jene Behutsamkeit läßt sich ebenso gut aus der Vedenklichkeit des Themas erklären, dessen Erörterung damals nicht ganz gefahrlos sein mochte. Vor weiteren Couscquenzen scheut der- Philosoph nicht zurück: Die Frauen nehmen am Kriegsdienst und den Staatsgcschäftcn theil; geschlechtliche Verbindungen zwischen den allernächsten Verwandten sind nicht auf alle Fälle ausgeschlossen; die Kinder sind den Eltern gänzlich, vor allem in der Erziehung, zu nehmen, und es muß verhütet werden, daß etwa die Mütter ihre Kinder erkennen. Eine allgemein waltende Gesinnung brüderlicher Liebe und Freundschaft sieht Platon als Folge dieser Anordnung voraus, welche noch wirksamer gestaltet wird durch das Verlangen gemeinsamer Mahlzeiten. Die Gänge der platonischen Dialektik im einzelne» zu verfolgen und die speciellen Vorschriften mit den Begründungen wiederzugeben, müssen wir uns versagen. Nur schwer entzieht sich dem Banne der überredenden Darstellung, wer einmal in den platonischen „Staat" eingedrungen ist. (Fortsetzung folgt.) Die Abteikirche zu Kastl. Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mader. (Schluß.) Nachdem wir die Stiftskirche im Innern genügend kennen gelernt, lade ich zur Betrachtung des Aeußeren ein. Da in den Jnnenräumen der ehrwürdigen Basilika nichts mehr zu „restauriren" war, die Malteser aber doch auch eine kunstgeschichtliche That vollbringen wollten, gedachten sie sich am Außenbau der Kirche zu verewigen. Das gelang ihnen auch. Sie überdeckten nämlich die drei Schiffe der Kirche mit einem großen Dach. Dieser barbarische Einfall hat das Aeußere der Kirche sehr geschädigt. Nur die Ostseite von St. Peter mit den drei Apsiden und dem Thurme bringt noch die ursprüngliche Gestalt zur Anschauung und zeigt, daß die Kirche auch nach außen hin in edlen Formen und Verhältnissen sich präsentirte und mit einer mäßigen, aber geschmackvollen Dekoration ausgestattet war. Da die HauptapsiS bei dem schon erwähnten Einsturz des nördlichen Thurmes in ihrem unteren Theile erhalten blieb sammt ihrer ursprünglichen dccorativen Ausstattung, so läßt sich mit großer Zuverlässigkeit die ehemalige Gestalt der Apsis nach außen feststellen. Sie war in fünf Felder getheilt, zwischen denen vier Halbsäulen emporwuchsen; oben müssen dieselbe» durch Rundbögen verbunden gewesen sein. Die Sockel der Halbsäulen sind zweimal als attische Basen behandelt, zweimal mit Thiermotiven geschmückt. Unter dem Dach- gesims war noch ein Ruudbogenfries angeordnet, wie auS den Resten sicher ist. Ob die Zahl der Fenster drei oder fünf betrug, läßt sich nicht angeben; beim Wiederaufbau der Apsis nach dem Thurmeinstnrz hat man deren fünf angebracht. Die nämliche decorative Anordnung, wie hier an der Hauptapsis von St. Peter zu Kastl, findet sich auch an der Apsis des Domes zu Gurk und zu Speyer, im letzteren Fall bereichert durch eine zierliche Säulengallerie. Die Seitenapsiden sind einfacher behandelt. Unter dem Dachgesims läuft ein Zahnschnittband und darunter ein Rundbogenfries mit zwei Ecklisenen. Der Thurm, das Wahrzeichen der Kastler Gegend, hat eine edle, stilvolle Gliederung. Die Fensterzahl steigt nach oben zu. Kräftige Gesimse scheiden die einzelnen Stockwerke. Die oberen drei Etaaen sind durch Rund- 88 bogenfriese belebt, wobei die Sockel der Bögen mehrfach als Thier- und Menschenköpfe gebildet sind. Im Uebrigen weisen die Außenwände der Kirche keinen Schmuck auf. An der Südseite befinden sich zwei Portale: ein romanisches in einfachen Formen und ein gothisches an der Bencdiktuskapelle. Letzteres ist zwar figurenlos, aber recht gefällig und beachtenswerth in der Anlage. Weitere dekorative Bestandtheile haben sich nur im Innern der Kirche und zwar an der Hauptapsis erhalten. Es sind zwei Dreiviertelsänlen, die einen die Apsis einnehmenden Wulst tragen. Einer dieser Säulen dient ein Fischlveib zum Sockel. Die Kapitäle und der Wulst sind mit zierlichen Ornamenten geschmückt. Diese Ausschmückung der Apsis innen und außen» sowie einige zerstreut umherliegende Details beweisen, daß St. Peter sich ehemals reichen Schmuckes in plastischer Arbeit erfreute: so gehört ein am Pfarrhof eingemauertes Kapitäl dem gereiftesten romanischen Stil an nnd zeigt vortrefflich stilisirtes Blattwerk mit Diamantbändern. Zwei andere Kapitäle befinden sich auf dem jetzigen Calvarienberg in der Nähe von Kastl. Noch möchte ich eines Weihwafferbeckens erwähnen, das aus romanischer Zeit sich erhalten hat: es ist eine Steinmetz- arbeit in Form einer aufgeblühten Rose, mit stilisirten Roscnblättern glücklich dccorirt. Nach allem zu schließen, muß St. Peter ein herrliches Baudenkmal gewesen sein, und man kann nur bedauern, daß soviel davon zu Grunde gehen mußte. Sogar im 18. Jahrhundert, das nicht viel archäologischen Sinn besaß, war man mit der Restauration der Jesuiten nicht einverstanden, weil sie alles beseitigten, was die vorausgegangenen Stürme noch nicht weggefegt hatten; bei der bischöflichen Visitation im Jahre 1720 ernteten sie kein Lob für ihre Restauration. * * * Ich hoffe, die ehrwürdige Abteikirche nunmehr genügend beschrieben zu haben; es erübrigt aber noch die Frage, welcher Baumeister wohl diese merkwürdige Basilika erbaut habe. Um die Zeit, wo die Klosterkirche zu Kastl gebaut wurde, waren die Kräfte zur Ausführung eines so stattlichen Gotteshauses in der Kastler Gegend ganz gewiß nicht vorhanden, und „da der Bau mit seinen Tonnen- und Kreuzgewölben eine technische Entwicklung zeigt, die, wie Rieh! bemerkt, weder in der Hauptstadt des Landes, in Regensburg, geschweige denn in der Diöcesanhauptstadt Eichstätt um jene Zeit ein Seitenstück findet," so muß man an eine auswärtige oder wenigstens auswärts gebildete Kraft denken. Die Ansicht Nichts, daß der leitende Baumeister der cluuiacensischen Schule angehörte, hat alles für sich. Das in Deutschland so äußerst seltene Tonnengewölbe, wie es sich in Kastl findet, weist ganz bestimmt auf Südfrankreich hin, wo das Tonnengewölbe während der romanischen Epoche bekanntlich sehr häufig zur Anwendung kam. Und wenn einmal französischer Einfluß feststeht, so kann man unr an Clnuy denken, von wo gerade zur Zeit, da Kastl gegründet wurde, die Reform des Bene- diktlnerordens ausging. Neben dem Tonnengewölbe weist auch die Vorhalle in Kastl auf Clinch hin. Die großartige Abtcikirche zu Clinch selbst besaß eine doppelte Vorhalle, deren eine doppelgcschossig war, und wo man tu Deutschland derartige Vorhallen an I romanischen Bauten findet, läßt sich immer der Einfluß Cluny's nachweisen, der in Dentschland durch Hirsau vermittelt wurde. Da nun Kastl auch eine solche Vorhalle besaß, so wird die Ansicht, daß ein mit Cluny direct oder indirect in Verbindung stehender Baumeister die Kastler Stiftskirche erbaut habe, wesentlich verstärkt. Zudem ist die Entstehungsgeschichte des Klosters dieser Annahme sehr günstig. Die ersten Mönche, die dasselbe bevölkerten, kamen, wie schon erwähnt wurde, aus Petershausen bei Constanz unter dem Abte Theodorich. Die Veranlassung zu dieser Berufung ist ohne Zweifel bei Bischof Gebhard von Constanz zu suchen, dessen Schwester Lnitgard das Kloster Kastl Mitbegründer hat. Bischof Gebhard war aber in Hirsau Mönch gewesen, ehe er Bischof wurde, und stand daher mit Cluny in naher Beziehung. Es ist deßhalb kaum anders zu denken, als daß die ersten Kastler Mönche auch der cluuiacensischen Reform angehörten — und daß der Baumeister der Kastler Klosterkirche aus der clunia- censischen Schule hervorgegangen war. So begreift es sich, wie zu einer Zeit, wo die Technik des Wölbens in Bayern noch kaum geübt wurde, in Kastl die Wölbung eines fünfschiffigen Chores mit Tonnengewölbe im Hauptschiff ausgeführt werden konnte, einem Gewölbesystem, das in der deutschen Kunstgeschichte eine ganz seltene Erscheinung bildet. r» * * Noch ein Wort über die Klostergebäude, die der Kirche östlich sich anschließen! Sie umfassen mehrere kunstgcschichtlich interessante Räume: vor allem den Kapitelsaal, wie er gewöhnlich genannt wird. Dieser flachgedeckte Raum gehört dem Beginn des 13. Jahrhunderts an. Darin steht ein portalartiges Monument, dessen Bestimmung die Archäologie immer noch nicht festgestellt hat. Die einen bezeichnen es als Altar, andere als Rückwand für den Abtsitz, wieder andere bringen es mit dem Doppelkloster in Zusammenhang, das in Kastl eine Zeit lang bestanden haben soll. Ein weiteres Denkmal des 13. Jahrhunderts innerhalb der Klostergebäude ist die sogenannte Stifterkapelle, die an den südlichen Thurm anstößt. Die vier Gewölbe- joche derselben werden durch einen Mittelpfeiler und entsprechende Wandpfeiler getragen. In ähnlicher Weise mag die Halle im Obergeschoß des Paradieses gewölbt gewesen sein. Auch der Speisesaal aus der Benediktinerzeit ist erhalten. Es ist eine stattliche gothische Halle von 23 m Länge, 8 in Breite und ungefähr 10 m Höhe. Ein Kreuzgewölbe zu fünf Jochen überspannt den Raum. Schlußsteine, Nippen und Consolen sind treffliche Steinmetzarbeiten der entwickeltsten Gothik. In diesem Saale ist noch ein seltenes Handwaschbecken aus gothischer Zeit erhalten. Es befindet sich nahe dem Eingang an der Westwand. Aus drei Löwenrachen ergoß sich das Wasser zum Gebrauch. Die Nische, in welcher der steinerne Wasserbehälter sich befindet, ist von einem kräftigen Wimperg überragt. Letzterer ist mit zwei Mönchsgcstalten (Kniestücke auf Wolken) belebt, von denen der eine einen Krug hält, bereit, von dem Wasser auszugießen, während der andere das Handtuch darreicht. Die Bemaluug dieser interessanten Scnlptur scheint die ursprüngliche zu sein. - 89 - » Niemand wird endlich den prächtigen Ausblick bewundern, den nian am Südabhang des Berges, an der dortigen Ringmauer stehend, genießt, ohne den reizenden Erker zu gewahren, der die Giebelwand des aus der Süd- front des Gebäudes herausspringenden Flügels schmückt. Der Erker ist ein Werk der Spätgothik; feines Blend- maßwerk belebt dessen Flächen. Ucberhaupt würde die Mappe eines Landschaftsmalers mit vielen landschaftlichen und architektonischen Skizzen bereichert sein, wenn er Abschied nähme vom Klosterberg zu Kastl mit seiner ehrwürdigen Basilika uud seinem burgähnlichen Kloster. Der Kunsthistoriker aber, und lver immer für monumentale Kunst sich interessirt, kann nicht scheiden von Kastl, ohne den sehnlichen Wunsch mit sich zu nehmen, es möchten doch Tage der Auferstehung konimen für das schöne Gotteshaus droben auf dem Klosterbcrge. Dieses in der bayerischen und deutschen Kunstgeschichte bedeutsame Baudenkmal wäre in der That einer stilgemäßen Restauration sehr würdig und sehr bedürftig. Wenn es mir gestattet ist, eine Anregung hier aus- zusprechen, so möchte ich hinweisen auf den oben angeführten churfürstlichen Befehl, die Malereien in der Kirche zu übertünchen. Die Basilika war also mit Malereien geschmückt, die unter der jetzigen öden Tünche verborgen sind. Ein Anhaltspunkt über das Alter, über Inhalt und Ausdehnung dieser monumentalen Bemalung gibt es allerdings nicht, möglicherweise könnte ein ganz singulärer Fund gemacht werden. War doch die Anlage des fünf- schiffigen Chores, das flächenreiche Tonnengewölbe zur Ausführung eines ganzen Gemäldecyklus sehr geeignet! Die Geschichte der Malerei hat für Bayern bis jetzt nichts derartiges zu verzeichnen. Jedenfalls wäre es der Mühe werth, wenn gelegentlich einer Neutnnchung oder Restauration die Gewölbeflächen in der genannten Beziehung untersucht würden. Möchte dieser Wunsch und diese Hoffnung sich reali- firen! Bereits werden zwischen dem Pfarramt und der k. Regierung Unterhandlungen über die Restauration der Kirche gepflogen. Es besteht somit die Hoffnung, daß dieses ehrwürdige Baudenkmal des Mittelalters Tage der Auferstehung erleben wird. Die große Glocke, die am 8. Januar des Jahres 1323 beim SiegcSfest Ludwigs des Bayern zum ersten Mal erklang, wird wohl in nicht gar ferner Zeit dieses frohe Ercigniß mit ihrer feierlichen Stimme in den Gauen der Oberpfalz verkünden!*) Stilla von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Schluß.) Nach diesen negativen Darlegungen wollen wir nunmehr den Versuch wagen, ein positives Resultat zu gewinnen. Zwei Momente sind uns in der Stillafrage sicher gegeben, nämlich die schriftliche Fixirnng der Tradition durch den Visitator Vogt 1480 und der Grabstein in der Peterskapelle zu Abenberg. Aus den Angaben Vogts, welcher von einem restan- rationsbedürftigcn Altare spricht, ergibt sich die Thatsache, *) Literatur: Dr. B. Riehl, Denkmale der frühmittelalterlichen Baukunst in Bauern. Brnner, Das Merkwürdigste von Kastl. 1830. Eichstätter Pastoraldlatt. X. und XI. Jahrgang. daß in früheren Jahrhunderten ein umfassender Cnlt Stilla's vorhanden war, welcher jedoch allinählig nachgelassen hatte. Denn wäre die Verehrung Stilla's erst kürzlich entstanden, ehe Vogt nach Abenberg kam, so wäre die Wallfahrt zur Peterskapelle eine viel lebendigere gewesen, und der bischöfliche Commissär hätte nicht nöthig gehabt, zur Hebung derselben die Mahnung zu geben, den Altar wiederum herzustellen und den Chor neu zu bauen. Der Grabstein, welcher dem 12. Jahrhunderte angehört, stellt eine weibliche Person dar, welche eine Kirche in der Hand trägt und welche in Ansehung ihrer faltenreichen, höfischen Gewandung hoher Abkunft gewesen sein muß. Das Attribut eines Gotteshauses, die Ruhestätte in der Peterskapelle lassen unzweideutig erkennen, daß die dargestellte Person die Stiftern: genannter Kirche gewesen sei. Ferner besagt das Grabmal, daß die Erbauerin jener Kapelle in Abenberg begütert gewesen sein müsse; denn sonst hätte sie wohl kaum eine Veranlassung gehabt, an dieser Stelle eine Kapelle zu errichten; außerdem hätte sie ihre letzte Ruhestätte anderswo gefunden. Das Bindeglied zwischen den Angaben Vogts und dem stummen Zeugnisse des Grabmales bildet die örtliche Ueberlieferung, welche den Namen „Stilla" an die Peterskapelle und an den Grabstein aus dem 12. Jahrhundert knüpft. Sind wir nun berechtiget, diese Tradition zurück- zutvcisen? Dürfen wir sie als völlig grundlos erklären und ihr jeglichen historischen Werth absprechen? Wir verkennen durchaus nicht die Schwere des Einwandest Warum schweigt Vogt 1480 vollständig über das Grabdenkmal Stilla's? Aber bei näherem Zusehen dürfte selbst Vogts kurzer Bericht nicht zu Ungnnsten des Grabsteines ausfallen. Warum betont denn der cichstättische Visitator, um die Wallfahrt neuznbcleben, so sehr die Nothwendigkeit der Restauration des Altares und die Erbauung des Chores an der Peterskapelle? Wohl deßwegen, weil gerade im Chöre die Stiften,, des Gotteshauses ihre letzte Ruhestätte gefunden, weil unter den Trümmern desselben deren Grabstein verborgen fein mochte. Der einfache Nam Stilla konnte sich bei aller Verdunkelung der sonstige» Lebensuinstände im Bewußtsein des Volkes ohne Schwierig keit fortcrhalten, mochte auch das eifrige Zuströmen zu ihrem Grabe längst aufgehört haben. Somit glauben lvir festgestellt zu haben: Stilla ist eine abcnbcrgische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts von ") Vielleicht dürfte der Name Stilla mit „Sthala" in Beziehung gebracht werden, von welchem die Genealogie der Zöllen, in der Handschrift des Erasmus Sann von Freising spricht: Lurclurrärrs eonrss cke 2olr Keuuit guatnor Llios vt ckuas Lilas: Lurebarckum, Ltzevcmem, Ikrickerleunr et Ootli'rlcluw et watrem xaleutinl cko VurviK et alterara anam ckuxlt IVerr,Leins oomes. Lurebarckus ckuxit guauckam cle 8tl,ala et Kemrit ex eo Burebaräunr vt l?L'iÜ6rienm eowltes cke Hobeubureb. Oottkrläus eine bsrecke äeesssit. irrlcksrieus Zeuuit 1»rickerleuw vt ?erelr- tlrolckum. IZorebtolckus Kennet ülram, guae nnpslt eomiti äe Zaneto wonte. k'rickeriens Kvnnit l^läerleum pure- Kiavlnm ckv Xtiruberek. (Ll. 6. 8.8. XXIV, 78.) Weder Stalin (Wirtembergikche Geschichte II. 50). noch Riede! (Die Ahnherrn des preußischen Königshanses in: Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1854 S. l9—21) noch Schund (Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg, Stuttgart 1862 v. I-XXXIX) geben irgend welche Notiz zu Sthala. Nach Schund lebte Burkard 11., welcher mit einer ungenannten Tochter des Hauses Sthala vermählt war. zwischen 1125—1150. 90 hoher Abkunft, welche als Stiften» der Petcrskapclle daselbst ihre Ruhestätte gefunden hat?") Alle übrigen Nachrichten und Angaben gehören nicht der Geschichte, sondern der Sage an, welche mit verschiedenen Zügen aus den Legenden anderer Personen das Leben Stilla's auszugestalten sich bcmüßiget gefunden hat. Wann und wo hat allenfalls der Name Stilla die legendäre Ausschmückung erfahren? Wir haben schon oben dargelegt, wie unter dem gelehrten^") Abte Petrus Wcgel die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg als die ursprünglichen Stifter des Klosters Heiltzbronu aufgefaßt und als solche bildlich verherrlicht worden sind. Damit dürfte wohl auch die Erweiterung der Stilla-Legeude iu Beziehung Zu bringen sein. Gerade am Ausgange des Mitteln tters erwachte unter dein günstigen Einflüsse der ueuentdeckten Bnchdruckerkunst ein eifriges Streben, die literarischen Schätze der Vergangenheit zu sammeln, die alten Urkunden und Chroniken allgemein zugänglich zu machen. Auch die Heiligenleben wurden in den Kreis der Forschung gezogen und ihr Leben gerne mit einem reichen Kranze von großen Wunderwerken umwoben. Schon unter den ältesten Inkunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß dcls triviale, allen gemeinsame, überhandgenommen hat, das geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. (Wattenbach, Deutschlands Geschichtsqnellen I, 5, 9.) In dem Cisterrieuserkloster Heilsbronn ließ der Abt Sebald 1498 — 1518, welcher sich als Thomist und Historiker einen geachteten Namen erworben hat/') einen eigenen Saal bauen zur Aufbewahrung der zahlreichen Pergamenthandschriften. Noch zu Hocker's Zeiten 1731 zählte die Bibliothek des 1540 eingezogenen Klosters Außer den schon genannten Lokalheiligen Acha- hildis (St. Atzin) von Wendelstein, Reymot von Holn- stein, Gunthildis von Biberbach kennt die Diöcese Eich- stätt noch den seligen Polio, der in dem nahe bei Eichstätt gelegenen Pfarrdorfe Pollenseld verehrt wurde. Wir besitzen nur eine einzige Nachricht über ihn aus der Feder des Rebdorfer Annalisten Kilian Leib, welcher zum Jahre 1524 bemerkt: Latsi in visino inonts ksrs omnvs iüsrs exRoeati, veram Ions O. 8olas oonksssoris in pk>Ko Lvsr- selivitiiAÜ st Ions bsati (nti »saut) kollonis in villa Lollsnkslck, guas losn inilliarii gpatio ab ^.iobstat sita sank, minims ästsosrunt. (Döllinger, Beiträge II, 587.) Förstemann, Althochdeutsches Namenbuch S. 274 leitet Pollo ab vorl Bol und weist aus Pertz (N. O. II, 62, Ratxsrti sa8,,s 8. Oalli), aus Neugart, Kausler, Meichel- beck das Vorkommen dieses Namens im 9. Jahrhundert nach. Im römischen Martyrologium kommt unterm 28. April ein Pollio in Pannonien vor. ") Auf seinem Grabsteine wird der am Tbomastage 1479 verstorbene Abt Petrus gerühmt: Omnibu8 in 8tuclii8 ckootn8 t'uit atgus cki8srtus Hio kbosbum ooluit ttsAa^ickssgus Osa«. Uovsat bis ounota rsksras guas TAsoloßfls, ?ruclsn8 in Iaoti8, olarna in orbs tuit. In der Rechnung von 1474 steht über ihn geschrieben: Ons. ?stru8 abbao 8. Ibsol. protss5or, rsxitannos 8säsoim st oon8truxit uovum ainbitum, ospitolium, üormitorium, inürinatoriuin, novam libsrarianu prastsr libros vsr suw emvto8, guos non oomputavi. Hocker. Heilsbr. Antigu.- Schatz I, 76. Petrus Wegel war von dem Rektor Johannes von Rysen 1431 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. , ") Sebald Babenberger war am 9. April 1479 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. zu Hcilsbroun über 600 Manuskripte des verschiedenartigsten Inhaltes (Hocker I. c. bibiiotb. prust. Z 13 st 17). Unter den handschriftlichen Heiligenleben finden sich vorgetragen die Biographien des hl. Othmar, des hl. Otto, des hl. Heinrich, das Sammelwerk: Blüthen der Heiligen (siores sunotorum) mit nahezu 200 Charakterzeichnungen, Reden auf die Leiden der Heiligen mit 40 Lebensgeschichten; es erscheint: Neues Passionale mit Reden auf 77 Heilige.") Auch das Leben der hl. Kunigundis, des hl. Erzbischofes Tiemo von Salzburg (vergl. Theol.-prakt. Monatsschrift 1896, 697 ff.), des hl. Willibald und anderer Persönlichkeiten des bonisatian- ischen Zeitalters war dem Sammeleifer der Mönche von Heilsbronn nicht entgangen (Hocker 1. v. dibl. 7 — 96). Von den ältesten hier einschlägigen Druckwerken besaßen sie: Viola. Lanotoruin, Straßburg 1487, 8sr- mon68 cls Lanotis von Jakob de Voragine 1484 (oonfl Kirchenlex. I, 183), ferner die Predigten des Dominikaners Johann Herolt über das Kirchenjahr und die Heiligen, erschienen zu Nürnberg, gekauft von dem Abte Johannes Wenk 1518 — 1529. Wenn nun die Söhne des hl. Bernhard in Heilsbronn sich mit solchem Eifer den Studien hingegeben haben, ist es da nicht höchst wahrscheinlich, daß sich die ersten Bewohner des Klosters Marienburg, welches im Jahre 1488 von der Bürgermeisterswittwe Katharina Habermayer von Weissenburg mit Hilfe einiger Jungfrauen aus dieser Stadt und aus Nürnberg gegründet worden war (Sax, Die Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt I, 338), dorthin gewendet haben, um angesichts des Grabes einer seligen Stilla Aufschluß über die Lebensschicksale dieser Persönlichkeit zu erhalten? Diese Vermuthung wird noch gesteigert, wenn wir die Thatsache ins Auge fassen, daß der letzte katholische Abt des Klosters Heilsbronn, Johannes Schoppcr, als Humanist von Bru- schius hochgefeiert, im Jahre 1491 in Abenberg das Licht der Welt erblickt hat. Frühzeitig trat der reich- talentirte Jüngling in das benachbarte Cistercienserkloster ein, besuchte im April 1512 die Hochschule zu Heidelberg, dem gewöhnlichen Studienorte der Novizen von Heilsbronn (Sammelblatt des histor. Vereins Eichstätt II, 25 nach Töpke, Die Matrikel der Universität Heidelberg von 1386-1662, 2 Bde.), und fertigte als Prior 1524 ein theologisches Gutachten für den zwischen Katholicismus und Lutherthnm hin- und herschwankenden Markgrafen Kasimir in Ansbach. Am 6. September 1529 wurde Schopper von 19 wahlberechtigten Conventualen zum Abte von Heilsbronn gewählt. Auf die Bereicherung der Büchersammlung verwendete er jährlich 25 fl. (Hocker 1. o. I, 109; Strauß, Viri iusiAnsg p. 389). Da nun die abenbergischen Aufzeichnungen der Stilla- Legende nach Form und Inhalt aus Einer Quelle geflossen sind, da ferner das älteste Manuskript der Schwester Monika Farcketin aus dem Jahre 1593 die Jahreszahl 1502 enthält, in welchem die Gemeinde Trominetzheiin ") Diese Handschrift wurde nach der Schlußbemerkung abgeschrieben von Hermann von Noßstall, welcher zur Erklärung und Geschichte dieses Ortsnamens sich auf Aventin beruft. Letzterer vollendete 1521 seine Annalen: im November 1522 begann er die Verdeutschung derselben, Chronik betitelt (Riezler, Joh. Turmairs sämmtl. Werke I, XVill). Gerade Aventin bot (Chronik Buch VI o. 6, Riezler V, 315) die Geschichte der Jungfrau Bertha von Äiburg. Ueber seine papstfeindliche Stellung und seine zahlreichen Fälschungen s. Vrst8. VI, 124. 235-263; VII, 314; Riezler I, Xst. Hocker citirt I. o. bidl. p. 233 die Ausgabe der Chronik Aventins vom Jahre 1566. 91 an der Altmühl eine Kerze nach Abenberg verlobt wegen Befreiung von Kriegsuöthcn, so werden wir nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, die Tradition über Stilla sei in der erweiterten Fassung in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich niedergelegt worden. Auch Müller (I. c. p. IV) hält die Handschrift des Jahres 1594 grösztcntheils für eine Abschrift einer 50 — 80 Jahre älteren Vorlage, die nicht mehr vorhanden ist. Die geschichtlichen Untersuchungen über die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg, wie sie in Heilsbronn gepflogen wurden und in dem oben berührten Gemälde Ausdruck gefunden haben, führten unschwer auch zu Stilla, die wegen ihrer Ruhestätte in der Peterskapelle zu Abenberg kurzwcg als Gräfin von Abenberg und als Schwester der angeblichen Stifter von Heilsbronn betrachtet werden konnte. Wohl nicht ohne Einfluß auf die Phantasie der ersten Oberin von Maricnburg, Katharina Habermayer, welche sich vorher in dem 1471 gegründeten Klösterlein Mariastein bei Eichstätt aufgehalten hatte, ist das Leben der Rcklusin Agnes Eeslingerin geblieben, welche an dem Reb- dorfer Chorhcrrn Hieronymus einen Biographen gefunden hat: „Das teglich brot von den Hastigen", Hagenan 1522. Der Exjesuit Anton Crammer gibt in seinem Buche „Heiliges und gottseliges Eichstädt 1780" folgenden Aus- zug: „Es war eine Matrone mit Namen Agnes Ees- lingerin, von ehrlichen Eltern im Schwabcnlande geboren,") die wundersame Dinge von dem hl. Altarssakramente empfangen hat. Oefters hat sie eine lange Reise unternommen, daß sie einer andächtig gelesenen hl. Messe konnte beiwohnen. Noch als Kind hat der Seelen- feind sie aus dem Mutterschooß herausgerissen und sie in den Donaufluß geworfen» aus welchem sie durch ihren Vater wundersam wieder herausgeholt wurde. Kaum etwas erwachsen, hat sie die Knaben zur Andacht aufgemuntert, und mit ihnen kleine Wallfahrten veranstaltet. Einmal gesellte sich Jesus in Gestalt eines holdseligen Knaben bei. Einmal in der Bittwoche, als sie der Prozession beiwohnte, hat ihr der böse Feind das ganze Kleid rückwärts zerschnitten, so daß sie den Bittgang zu verlassen gezwungen war, wie er ihr auch zu Hause ihre ganze Kleidung sammt vielen anderen Hausgcräthen ins Feuer geworfen. Wegen der fortwährenden Versuchungen verbarg sie sich auf dem Gottesacker unter den Todten- gebeinen; hatte aber auch bei der Nacht genug Licht zur Arbeit. Sie betete viel für die armen Seelen. Sie verschaffte große Hilfe den aussätzigen, bresthaften Kranken, denen sie mit dienstwilliger Arbeit Tag und Nacht bei- gcsprungcn. Sie hatte auch Erscheinungen der Mutter Gottes, der hl. Petronillci; sie wurde im Geiste, aber auch dem Leibe nach in andere Länder versetzt. Sie starb 1504 und wurde in der Klosterkirche zu Rebdorf, in dessen Nähe sie zuletzt gelebt hatte, beigesetzt." (Crammer S. 231 — 237, Greiser 10, 829; Viri insiZncw p. 188.) Angesichts des frommen Wunderglaubens mittelalterlicher Geschichtsschreibung darf man sich an derartigen unkritischen Ausgestaltungen vorgefundener Lokaluotizcn nicht stoßen; die wachsende Sage lehnte sich auch gerne an ältere Produkte historisch beglaubigter Personen an. So wurde z. B. das Lebensbild des hl. Sebaldus in Nürnberg an der Hand der Biographie Theobalds, welchen Papst Alexander II. (1061 — 1073) kauonisirt hatte, im 12. oder 13. Jahrhundert mit Wunderwerken der selt- ") Wohl ist damit das schwäbische Städtchen Ais- lingen bei Dillingen gemeint. , samsten Art ausgeschmückt. (Stammiuger, kstmneomn 8. I, 534.) Unter den Eichstätter Dwecsauheiligen taucht plötzlich die hl. Wunna, angeblich die Mutter des hl. Willibald,") auf. Wahrscheinlich hat der höchst unkritische Philipp von Natsamshausen, welcher aus dem Cistcrcicusertloster Barr im schönen Elsaß 1306 als Bischof nach Eichstätt berufen worden ist, diesen Namen in die Geschichte eingeführt. ((Iota 8.8. llnlii tom. II, 486.) Daß man aber im Mittclalter auch die unbegründetsten Sagen und Legenden mit stauneuswerther Leichtgläubigkeit hingenommen hat, beweist u. a. mehr als zur Genüge die Fabel von der Päpstin Johanna, welche durch die Chronik des Dominikaners Martin von Tropvau") (gestorben 1278) und des dem gleichen Orden ungehörigen Johannes von Mastly in Umlauf gesetzt worden ist. Trotz innerer Unmöglichkeit und augenscheinlicher Märchenhaftigkeit fand die Sache die gläubigste Aufnahme. Im Anfange des 15. Jahrhunderts fand die Päpstin unter den Papstbüsten im Dome zu Sieua eine Stelle, und sie behauptete den Platz zwei Jahrhunderte, bis sie endlich auf BegehrenKlemens' VIII. entfernt oder viclmehrin denPapst Zacharias verwandelt worden ist. Als auf dem Concil zn Konstanz Hns für seine Lehre sich auf das weibliche Papstthum berief, erfolgte von keiner Seite ein Widerspruch. (Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters S. 1 — 45; Kirchenlcx. VI, 1519; Wattenbach, Deutschlands Gcschichtsqucllen II, 426.) Als Resultat unserer Untersuchung dürste sich somit ergeben haben, daß Stilla's Abstammung von dem Grafen Wolfram II. oder Zelchus von Abenberg, überhaupt ihre Zugehörigkeit zu diesem adeligen Hause nicht erwiesen werden kann, daß vielmehr die Legende, welche unter dem Einflüsse der Mönche von Heilsbroun erst gegen Anfang des 16. Jahrhunderts schriftlich niedergelegt worden ist, vielfach in offenem Widerspruch mit der Zeitgeschichte steht. Daher betrachten wir Stilla als eine abcnbergische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts, deren hohe Abkunft durch ihren Grabstein, deren Name uns durch den Visitator Vogt 1480 verbürgt wird. Münchner anthropologische Gesellschaft. c>. München, den 26. Febr. Nach der Proklamirnng neuer Mitglieder ertheilte der Vorsitzende Herr Professor Dr. I. Ranke das Wort Herrn Grasen Zichy, k. n. k. österr.- ungar. Gesandten, zu seinem Vortrage: „Ueber Wicdcr- entwicklnng einer scheinbar verkümmerten Rasse von Hirschen." In den Park eines Nachbargntes in Ungarn waren in den 60cr Jahren Hirsche verbracht worden, die allmählich dcgcnerirten. Während eines strengen Winters brach ein Theil aus und kam in das Waldgebiet des Grafen, wo vorher keine Hirsche waren, und entwickelten sich inc Laufe eines Jahrzehntes zn wahren Pracht- ") Wenn Hans Halbem d. Aelt. den: ersten Bischöfe von Eichstätt,, den er überdies) in weltlicher Kleidung darstellt, zwei Pfeile in die Hand gibt, so folgte er sicherlich mehr der künstlerischen Laune als der historischen Wahrheit. Detzcl, Christi. Ikonographie II, 681. ") Die Klostcrbibliothek zn Heilsbronn besaß einen Pergamentcodex des Martinas Polonns über das Leben der Kaiser und Päpste, der sehr geschätzt war. Hocker I. e. bibliotb. p. 88. Ein sehr interessantes Beispiel, ivie der hl., Martin von Tours einen angeblichen Heiligen, an dessen Grab sogar ein Altar errichtet worden war, als Räuber, der ob feiner Schcncdthatcn hingerichtet worden, entlarvte, erzählt Sulpicius Sevcrus, Leben des hl. Martin e,. 11. Ueber die Sage der Pcterskcttcn, welche sich wunderbarer Weise vereinigt hätten, siehe Zeitschrift für kath. Theologie 1896. 116. exemplaren. Zuzug von den Karpathen ist nicht anzunehmen. Daß sie sich trotz der Inzucht so gut entwickeln, schreibt der Vortragende außer der Ernährung hauptsächlich der Bewegungsfreiheit zu. An der Diskussion über diese interessante Thatsache betheiligten sich der Vorsitzende, Gchcimrath v. Zittel, H. v. Ranke und der Vortragende. Hierauf sprach Hr. Pros. Selenka „über fossile Assen" (?itbs- vaittbropns eroetus Onbois). Ueber den Pithecanthropus ist an dieser Stelle im vergangenen Jahre von Kaplan Bumüller referirt morden. Es möge ergänzend nachgetragen sein. daß noch ein weiterer Backenzahn gefunden wurde und daß nach den in derselben Schicht vorkommenden fossilen Ucbcrresten der Fund wahrscheinlich der jüngern Tcrtiärperiode angehört. Die Fundgegenstände scheinen einem Individuum anzugehören. Auf Grund der Untersuchungen an den Objekten selbst bezw. an Gipsabgüssen neigen die meisten Gelehrten der Ansicht zu, daß man es mit einem großen gibbonartigen Anen zu thun habe. Auch der Vortragende spricht sich in diesem Sinne aus, nur glaubt er, daß das Schädelvoluinen besonders groß zu nennen se,. An den Vortrag schloß sich eine Diskussion an. Geheimrath v. Zittel ist für die Zusammengehörigkeit der 4 Funde und hält das Wesen ebenfalls für einen Affen. vr. Röse hält die Zähne ebenfalls für affen- ähnllch. Der Vorsitzende hebt hervor, daß die Angabe Dubais' über den Schädelinhalt wohl zu hoch gegriffen sei. Es spricht nichts an den Fundobjekten dafür, daß jenes Wesen irgend ein Merkmal besessen hätte, das bis jetzt als Unterscheidungsmerkmal des Menschen vom Affen nachgewiesen ist, z. B. die geknickte Schädelbasis, die cen- trale Lage des Hinterhauptsloches, im Verhältniß zu den Armen lange Beine usw. Mit dem Dank an die Vortragenden schloß die interessante Sitzung. Neceus-ouen und Notizen. ». Die Fasten - Literatur dieses Jahres bringt uns einige Neuheiten aus dem Verlag von Fr. Pustet in Regensburg, die sicherlich zu den besseren Erscheinungen dieser nur allzu üppig ins Kraut schießenden Gattung gezählt werden dürfen: Alph. Breiter behandelt ,,Das Leiden Christi: eine Tugendschule" in acht Fastenpredrgten. (VI -j- 144 SS. M. 1Ä.) Neues ist natürlich nicht zu sagen, doch ist der tausendmal schon behandelte Stoff gut gruppirt, sind die angezogenen Scyriftstellen wirklich namhaft gemacht und auch manche Stellen aus dem römischen Brevier passend angewendet. Das Jnhaltsverzeichniß gibt zugleich in angenehmer Weise die Disposition. In den Scenen aus der Leidensgeschichte des Herrn werden die Tugenden der Gottesliebe (Gebet,Opfermuth), der Nächstenliebe (Sanftmuth, Barmherzigkeit), der Selbstliebe (äußere uiid innere Abtödtung) erwogen; eine Einleitungspredigt stellt den Herrn als einen Aneiferer zum Tugendleben und eine Schlußpredigt stellt ihn als Urbild der tugendhaften Seele dar. Benützt ist auch das vortreffliche „Leben Jesu" von Meschler. — Ebenfalls acht Predigten über „Das glückliche Jenseits" bringt G. Dießel 0. 88. K. (SS. Vlll 175, M. 1,40), der auf homiletischem Gebiete kein Nculing ist, sondern fast alle Jahre eine Fastengabe liefert. Seine Sprache ist sehr ernst und eindringlich, die Disposition klar und logisch gegliedert. Die Themen der acht Vortrage sind: 1) Die Lehre des Glaubens über das glückliche Jenseits. 2) Die Bewohner des Himmels sind frei von allen Leiden. 3) Die Auserwählten führen im Jenseits ein Leben voller Freude. 4) Das Wesen der himmlischen Freude besteht in der innigen, unauflöslichen Verbindung mit Gott. 5) Die übrrgen Freuden des Himmels. 6) Die verschiedenen Wege, aus denen die Seligen ihr Ziel erreicht haben. 7) Die Wirkungen, welche die öftere Betrachtung des Himmels in uns hervorbringen soll. 8) Charfreitagspredigt: Was lehrt uns das Kreuz über das glückliche Jenseits? — Mart. Jäger hat sich als Gegenstand für sechs Fastenpredigten „Die gemischten Ehen" (SS. VI -s- 160, M. 1,40) ausgewählt, eine heikle Sache, denn die, welche es angeht, hören nicht gern davon; sicher ist auch noch niemals ein solcher, der nn Begriffe stand, eine gemischte Ehe einzugehen, durch irgendwelche Gründe der Religion oder der Vernunft von der gewalt- thätjgen sogen. „Liebe" abspenstig gemacht worden. Daß es gleichwohl Pflicht des Seelsorgers ist, den Willen der Kirche rund zu geben und vor Eingehung einer solchen Verbindung zu warnen, das läßt sich nicht bestreiten. Dieser Ausgabe wird das Buch in fachkundiger Weise gerecht : es dürfte den Gläubigen nicht weniger vortheil- haft sein, die ruhige und besonnene Auseinandersetzung zu lesen, wie sie selbe in Zweibrücken gehört haben, woselbst diese Predigten gehalten wurden. „In Nacht und Eis", von Fridtjof Nansen. 36Lieferungen L 50 Pfg. Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig. ** Der Leser des soeben erschienenen 5. Heftes des interessanten Werkes wird finden, daß die Situation zn Beginn der Fahrt für Nansen und seine Leute eine recht bedenkliche war. Sowohl im Karischen Meer, dem ^Eiskeller", als auch weiter ostwärts an der sibirischen Küste war Nansen nahe daran, mit der ,,Fram" im Eise stecken zu bleiben, dadurch mindestens ein Jahr zu verlieren oder der Expedition ein vorzeitiges Ende bereitet zu sehen. Weiter zeigt ein von dem berühmten Maler Sindrng nach einer Photographie Nansen's gezeichnetes Bild einer Walroßjagd. wie auch die Thierwelt dem Eindringen der Expedition in jene ungastlichen arktischen Regionen Widerstand zu leisten versuchte. Aber aus dem zweiten Vollbilds „Die Feier des Verfassungstages (17. Mai) in hohen Breiten" ersehen wir dann, daß die Framlente alle Än- fangsschwierigkeiten überwanden, auch in jenen höchsten Breiten den Humor nicht verloren und es sich nicht nehmen ließen, den Ehrentag des Vaterlandes in möglichst festlicher Weise zu feiern. Martin Jos. (8. ch), Leben des hochwürdigen PetrriS Johannes Beckx, Generals der Gesellschaft Jesu. Ravensburg, Dorn 1897. 8°, 200 Seiten. Das mit einem Titelporträt geschmückte, sehr elegant ausgestattete Buch ist eine freie Uebertragung einer in flämischer Sprache erschienenen Lebensbeschreibung (von A. M. Verstraeten 8 . ä.). Sie gibt ein treues und anschauliches Lebensbild eines von den Seinen, wie auch in weitesten Kreisen hochverehrten, vorzüglichen Mannes, des zweiundzwanzigsten Generals der Gesellschaft Jesu, des k. Petr. Joh. Beckx (1795—1887). Geboren zu Sichem in Brabant, trat er 1819 in die Gesellschaft Jesu und wirkte später 33 Jahre lang als Leiter und Vater dieses die ganze Erde umspannenden, vorzüglichsten aller religiösen Orden. Wer sich die religiös-wissenschaftliche Heranbildung eines Jesuiten in beliebter Weise als einen barbarischen, geistkuechtenden Drill, der aller Schrecken Inbegriff ist, vorstellt, der dürfte aus der Lektüre dieses Buches, das uns überaus erquickt hat, eine heilsame Enttäuschung erfahren. Durch einen 18 jährigen Aufenthalt in Wien und dadurch, daß sich deutsche Blätter zur Zeit der Jesuitenverfolgung viel und gehässig mit dem eifrigen ?. Beckx beschäftigten, ist er auch bei uns viel bekannt geworden; darum wird die interessant geschriebene Biographie ohne Zweifel auch in Deutschland und Oesterreich viele Freunde finden. * Auf das Philosophische Jahrbuch, welches auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görres- gesellschast vr. Sonst. Gutberlet in Fulda herausgibt, möchten wir unsere Leser auch in diesem Jahre aufmerksam machen. Diese Zeitschrift empfiehlt sich ebensosehr durch die Gediegenheit ihrer Abhandlungen und die Mannigfaltigkeit ihrer oft sehr eingehenden Referate und Recensionen, wie durch ihre umfassende Zeitschristenschau. Das uns eben vorliegende 1. Heft des 10. Jahrganges enthält u. A. Aufsätze von E. Rolfes betr. „die kontroverse über die Möglichkeit einer anfangslosen Schöpfung", von I. Sträub „über die Gewißheit und Evidenz der Gottesbeweise" und den Schluß der Abhandlungen von M. Kohlhofer „zur Kontroverse über bewußte und unbewußte psychische Akte". Möge diese wichtige Zeitschrift wenigstens in die Leseeirkel noch mehr als bisher Aufnahme finden! Werantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Briefe des Herrn von Harleß.*) München im Februar. Der bayerische Oberconsistorialpräsident v. Harleß, welcher s.Z. mit Andern der Todteugräber des Ministeriums Hohen lohe in Bayern war, hat aus den ersten Jahren seiner Thätigkeit als Leiter des bayerischen protestantischen Kirchenwescus mit Professor R. Wagner in Göttingen (1864) einen Briefwechsel geführt, welchen Professor Mirbt zu Marburg im 1. Heft des III. Bandes der „Beiträge zur bayerischen (protestantischen) Kirchen- geschichte" veröffentlichte. Es sind nur wenige Briefe, welche Mirbt der Oeffentlichkeit übergab, aber sie werfen ein scharfes Licht auf daS öffentliche Leben in Bayern und Deutschland. Was die politische Richtung des Oberconsistorial- präsidcnten v. Harleß anbelangt, so war er ein entschiedener Bayer und Gegner der damaligen preußischen Politik. Ueber die Resultate des Orientkrieges veröffentlichte Harleß eine anonyme Broschüre, betitelt: „Die orientalische Frage." Harleß schrieb darüber: „Im Nachbarlande kam die Polizei dahinter, als die Geschichte unter der Presse war. Bescheid: scheint ganz richtig, aber für Ihren Verlag nicht passend wegen Kollision mit der Ansicht der Landesregierung. Der Verleger erschrak und cedirte es an einen Buchhändler in London. Seit der Zeit ist die Voraussetzung eingetroffen: England isolirt, Preußen discreditirt, für Deutschland der rechte Augenblick verpaßt." Der Brief trug das Datum vom 19. Juni 1856. Am 11. Januar 1863 schrieb Harleß: „Was Du über die politische Stimmung in Franken gehört hast, wird im Ganzen richtig sein, obwohl ich nicht weiß, ob nicht die Wendung der Dinge in Preußen theil- weise zur Abkühlung gedient hat. Auch war in Bezug auf eine Controverse, den Handelsvertrag, gerade ein Nürnberger Kaufmann auf dem Handelstagc der tüchtigste Kritiker. Welches perfide Spiel Preußen gerade mit diesem Vertrage treibt, erhellt aus dem Umstand, daß man hier wohl weiß, wie wenig Frankreich darauf aus ist, etwa nur mit Preußen und ein paar Adjacenten diesen Vertrag einzugehen und aufrecht zu halten. Was ich gestern hörte, kann ich nicht verbürgen, aber klingt nicht unwahrscheinlich, daß die französische Regierung hier angeklopft hat, welche Vcrändermrgen am Vertrage etwa wünschenswerth und genehm feien. Mit der Sprengung des Zollvereins aber hat es vor der Hand noch seine guten Wege, und niemand führe schließlich schlimmer dabei als Preußen. Denn der Export Süddeutschlands nach Preußen kommt in keinen Vergleich mit dem Export Preußens in die süddeutschen Vereius- läuder. Von Herrn v. Kleist-Retzow habe ich eine briefliche politische Expektoration erhalten, aus welcher ich nur entnehme, was ich schon vorher wußte, daß der politische Horizont dieses Herrn eigentlich über den schwarz- weißen Grenzpfahl nicht hinausrcicht und daß sie voll der blindesten und tollsten Zuversicht auf die in ihren Augen erst jetzt wiedergewonnene Machtstellung Preußens sind. Dort, fürchte ich, wiederholt sich die Geschichte von den zwei Bären, die sich auffressen bis auf die zwei Schwänze. Denn es stoßen die extremsten Richtungen ohne gesunde Mitte auf einander. Und da beklagen sie sich noch, daß die süddeutschen konservativen nicht init den preußischen Hand in Hand gehen können oder wollen! Und nun noch die Pastoren, welche frischweg bereits das preußische Abgeordnetenhaus — das mir freilich auch kein Muster scheint — mit dem französischen Konvent vergleichen! Es ist zum Tollwerden." Im selben Briefe äußerte sich Harleß in folgender Weise über Onno Klopp und die geschichtliche Auffassung Tilly's: „Du erwähnst bei Gelegenheit des hannöverschen Vereins auch Onno Klopp's, den ich in Frankfurt persönlich kennen lernte. Es wäre mir nicht unwichtig zu erfahren, warum er bei Dir in üblem Kredit zu stehen scheint. Ist es um seiner historischen Schriften willen? Das kann ich mir nicht recht denken. Denn neben manchem Einseitigen ist auch Vieles richtig, wie ich denn, um nun subjectiv meine Stellung zu bezeichnen, weder zu den Verketzern Tilly's (wir haben ja gerade in den hiesigen Archiven die schlagendsten Dokumente für ihn) noch zu den Verehrern des alten Fritz gehöre. Kurz, ich vermuthe, daß Du andere Gründe hast, und möchte sie gern kennen lernen." Am 3. Januar 1863 schrieb Harleß: „Auf das trübselig politische Thema mag ich gar nicht kommen, so nahe es liegt. Nur bin ich in der verwunderlichen Lage, gestehen zu müssen, daß ich zur Zeit die Zustände in Bayern für die alleracceptabelsten halte. Wenn mir das auswärtige Diplomaten, und darunter der preußische sogar selbst sagen, muß etwas Wahres daran sein. Aber ob das in der Feuerprobe Bestand hat» ist eine andere Frage." Wenige Jahre zuvor hatte Harleß die bayerischen Verhältnisse sehr scharf, sogar schroff beurtheilt. So schrieb er am 12. Juli 1853: „Was mich persönlich am meisten bekümmert, ist die Sorge, daß Zwehl (der Kultusminister) es nicht mehr lauge aushält. Ich habe ihn wahrhaft achten und lieben gelernt. Aber er hat als Minister das Fegfeucr bei lebendigem Leibe durchzumachen. Wer auf den König Max II. Einfluß h at, weiß Niemand; heute Der, morgen Jener, der Regel nach allerdings Jene nicht, die amtlich Vertrauenspersonen sein sollten. Genug Gelegenheit gibt es wenigstens für jene Studien, die der alte Oxcnstierna (m tallm) seinem Sohne empfahl: ut viciaa8, hunin parvis viribns muuäu8 ragatur.... (Du weißt nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.) Harleß macht sich dann lustig über die gelehrten Schrullen am Hof des Königs Maximilian II., der zur Erwcckung preußischer Sympathien (der König war von lauter „Nordlichtern" umgeben) ein Wörterbuch in plattdeutscher Sprache herausgeben lassen wollte. Die norddeutschen Professoren, mit welchen König Max II. sich umgeben hatte, machten auf Harleß den unangenehmsten Eindruck. Der König hatte in der Residenz ein eigenes Zimmer Herrichten lassen, in welchem er mit den aus Preußen berufenen Professoren, den „Nordlichtern", die Abende zubrachte. Dort wurden auch die politischen und kirchlichen Fragen discutirt und die Richtung für deren Behandlung bestimmt. Kultusminister v. Zwehl, ein sonst gescheidter Mann, aber ohne Energie, war nur das ausführende Organ. Das Zimmer, in welchem das „Symposium" abgehalten wurde, trägt ') Aus der „Deutschen Reichszeituug". fr eimaurerische Embleme und verherrlicht die Weisen aller Zeiten, Christus mitinbegriffen. Es ist ja bekannt, daß König Maximilian als Kronprinz während seiner Studienzeit in Göttingen sich mit dem Gedanken trug, aus der katholischen Kirche auszutreten und Protestant zu werden. Professor Dahlmann warnte ihn! Harlest nahm sich einmal den Muth und warnte den König vor der Freimaurerei. Da kam er aber schön an. Härtest selbst berichtet darüber also: „Was ich Lummo über seine Bureaukratie und die Geheim- bündlcrei, in Lnc-oie Frei maurer ei gesagt, glaubt er mir nicht. Sie haben ihn freilich in nächster Nähe umgarnt. Auch wird der Werth jeder offenen Aussage damit ruinirt» daß man darüber wieder andere fragt, welche Grund genug haben, die Wahrhaftigkeit zu beftrcitcn. Danke Gott, daß Du nicht hier bist. Es ist eine schweinische Pest-Atmosphäre, reich an Gewitter- stoff, der seiner Zeit schwerlich befruchtend explodiren wird ..." Ueber seinen Freund, den Cultnsministcr Zwehl, und. über Löhcr urtheilt Harleß in einem Briefe vom 19. Februar 1858: . Zwehl kann Dich über die hiesigen Vorkommnisse freilich, nicht vollständig oricntiren. Theils kennt er sich auf unserem Boden nicht aus, theils kennt er seine eigene Stellung nicht. Er weist schwerlich, daß ihm bereits ein besonderer Spitzel zu seiner Bewachung gestellt ist. Was ihm fehlt, ist der Muth wahrer Energie. Aber möchte ein ehrlicher Mann sonst so sein, wie er wolle, bei diesem System argwöhnischer Spionage kommt Keiner auf. Man kann ja die unsichtbaren Sykophanten nicht vackcn. Die Folge ist eine allgemeine Demoralisation oder Despcration. Daß Zwehl in Bezug auf Sybel nicht bedenklich ist, nimmt mich Wunder. Was meine Meinung über Löhcr betrifft, so halte ich ihn für eine gute ehrliche Seele. Eine Widerstandskraft ist er nicht. Aber, wie gesagt, ich wüßte auch gar nicht, wo eine solche bei der hier herrschenden Corruption herkommen sollte.. Sie müßte nebenbei viel macchiavellist- ische Kunst besitzen..." Sehr interessant ist folgende Schilderung vom 20. April 1856 über die „Nordlichter": „. . . Der große Haufe sogenannter Notabilität e n hier ist in meinen Augen Janhagel, dem ich weder Verkehr noch Aeußerungen zu Theil werden lasse. Da sie sich darüber ärgern, geschieht es auch manchmal, daß sie Aeußerungen -erfinden. Die lügenhafte Frau v. S. z. B. erfindet oder colportirt Dergleichen um so lieber, da seit Jahren meine Frau allen Verkehr mit ihr abgebrochen hat. Aber gegen Zwehl (Cnltnsminister) und Wagner (Professor der Zoologie st 1861) habe ich mich geäußert. Und zwar mein aufrichtiges Bedauern, wenn Du hierher kommen solltest, obwohl Zwehl mir sagte, er wisse nichts über Absichten dieser Art. Die Gründe sind dieselben, welche Du in Deinem Briefe nennst. Es ist hier Alles so niederträchtig verfilzt, daß nur eine Krise lösen kann, bei welcher voraussichtlich die in bester Gesinnung Bethciligten am meisten leiden werden." Wie man sieht, kämen bei Harleß die Frauen der „Nordlichter" um kein Haar besser weg, als die Professoren selbst. Sie waren ihm „Janhagel". Professor Löher wollte für König Ludwig II. eine Insel entdecken und hatte Reisen unternommen, um ein absolutes Königreich ausfindig zu machen, das man unter Umständen gegen Bayern austauschen könne. Es hat Löher schon in viel früherer Zeit Anlaß zu verschiedenen Projekten gegeben. Harleß schreibt am 4. Mai 1854: „. . . Was Löher betrifft, so will ich Facta nennen. Die Quelle ist ganz sicher. Nur dafür will ich nicht einstehen, daß Löher der einzige Autor der zwei nachher auszuführenden Vorschläge ist. Der König hatte eine sehr bedeutende Summe zur Durchführung „genialer" wissenschaftlicher Forschungen in Aussicht gestellt. Rubrik: Projektenmacherei und wissenschaftfördernde Klystir spritze. Löher in Verbindung mit dem Symposium sollte Vorschläge machen. Die seinigcn, wurde mir erzählt, fielen so aus, daß selbst Liebig mit der Scheere kam. Genannt wurden mir zwei: Ernennung einer Commission, Reisezeit drei Jahre, fabelhafte Summe, Zweck: Erforschung der Wiege des Menschengeschlechts, nämlich Tibet. Oder „znr Erweckung norddeutscher Sympathien": Fertigung eines Wörterbuchs der plattdeutschen Sprache dabier in Btünchen. (Als ob Kosegartcn nicht existire.) Das sind die Facta. ..." Alle jene Bayern, welche von den Nordlichtern gefürchtet wurden, wurden verleumdet, ihre Schwächen ausgekundschaftet. Harleß selbst und der Minister v. Zwehl wurden der Spionage unterworfen. Am 11. Februar 1858 schreibt Harleß: „. . . Der Ansgang der Gencraisynoden hat meine Stellung hier um gar nichts gebessert. Jn's Angesicht sagt man mir alles mögliche Schmeichelhafte, aber eigentlich gelte ich erst jetzt für ein antänt varridla. Man hat eine Art Spitzel-Regime errichtet, von dem ich leider weist, obwohl ich es nicht wissen soll. Denn au Schwatz- haftigkcit übertrifft unsere Hauptstadt jeden Krähwinkel. Ich wäre schon längst losgebrochen, müßte ich nicht hiemit so und so viel Vertrauensmänner compromittiren." Ueber eine protestantische Conferenz u» Neichenbach berichtet Harleß am 24. Mai 1854: „Stahl konnte über Neichenbach nichts sagen, ohne ins Blaue zu reden. ... Klirsoth war es, welcher die Landeskirchen vor den Gefahren der sie stützenden Territorialgewalt warnte, und Huschte, welcher wider Mißachtung der lutherischen Landeskirchen und unberechtigten Bruch mit ihnen sich anssprach. Kurz: Es waren schöne Tage, in welchen manche Hoffnung neu auflebte, an welchen der bankerotte, theologische Diplomat und diplomatische Theologe Bunsen sich schwer geärgert hätte. Was würde er erst sagen, wenn er wüßte, das; mein geistreicher katholischer Pflegesohu erklärte, er wolle lieber in unserer lutherischen Kirche betteln gehen» als durch Vermittlung königlicher Huld eine Versorgung in der unirteu preußischen Kirche annehmen? Denn da, in der lutherischen Kirche, fühle und erkenne er die Stimmung der alten, echten Karholicität. — „Was die deutsche lutherische Kirche betrifft, so muß ich freilich empfinden, das; ich mit Sachsen nicht bloß große, persönliche (äußere) Vortheile, sondern auch Verbinduugs- fäden aufgab, die dort sicherer als anderswo Gott in meine Hände gelegt hatte. Doch zerrissen sind sie nicht. Ich habe nur gelernt, daß Gott zu seinem Werk nicht gerade diesen oder jenen Menschen braucht. Die in Sachsen eingeleiteten, unscheinbaren, liturgischen Konferenzen in Dresden bestehen noch. Gibt Gott Gedeihen, so werden sie in ihrer weiteren Entwicklung gewissen Leuten mehr zu schaffen machen, als der ganze Pomp des geräuschvollen evangelischen Kirchentages. Dies aber nur so lauge, als Gott uns in der Demuth erhält und uns 95 das Läuten mit den großen Glocken unleidlich macht. Die Resultate müssen wie über Nacht aufschießen und über den Köpfen zusammenschlagen. In unserer Zeit bringen es die Hennen vor lauter Gackern nicht zum Eierlegen. Das ist mir von je in der tiefsten Seele zuwider gewesen." Ueber philosophisch-theologische Fragen schrieb Hnrlcß am 31. Dezember 1858: „Dagegen habe ich pstilosopllica, in der letzten Zeit weniger beachtet. Was Dn über Lotze sagst, ist auch mir aufgefallen und hat mich abgeschreckt. Ritters christliche Philosophie habe ich leider noch nicht angesehen. Ein längerer Brief, den er vor einiger Zeit über religiöse und kirchliche Dinge an mich schrieb, hat mich nicht sehr erbaut. Von dem, was Bunsen empfiehlt, lese ich gar nichts. Das ist der größte Windbeutel. Vor einiger Zeit hat ihn Platsch in den gelehrten Anzeigen in Bezug auf seine ägyptischen Forschungen sehr ruhig, aber höchst gründlich bedient. Dagegen freut es mich, daß Du vor dem abscheulichen Buch aritis staut clous denselben Ekel hast, wie ich. Bei den sogenannten plülosoplliois fällt mir ein Kuriosum ein. Als ich in diesem Sommer gegen die Spiritualismen etwas für Hengstenberg schrieb, erhielt ich als Uomrarr^a äo I'autaur aus Paris von Huldenstnbbe sein Buch: öarituro äiraeta lies ssxrlts oder xuauiugtalojgia positive at exparimsntalo zugeschickt. Das ist doch eine seltsame Ironie von Zusammentreffen. Und kolossaleren Unsinn und Frevel als jetzt eine Elite der guten Gesellschaft in Paris treibt, kann man sich, Zeuge dieses Buches, kaum denken. Es gibt doch wirklich gegenwärtig einen wahren Hcxcnsnbbath von Literatur! Die Spiritnalistcn und Materialisten sind wie Leute, die auf den Köpfen stehen und mit den Beinen nach einander stoßen." Harleß war Altlutheraner und Gegner der preußischen Union. Er schrieb am 20. Mai 1856: „Hengstenberg ist nur so respektabel, daß ich allzeit mit seiner Stellung zur Union Geduld gehabt habe. Die Frage des Bleibens oder Ausscheidens ist nicht so leicht abgethan, als manchem scheint. Nur ruht dieser Unions-Alp wie ein Fluch auf jeder gesunden Entwicklung. Wer übrigens andere Zustände in Preußen kennt, gewahrt auch in Hengstenbergs früherem Auftreten gegen die Freimaurerei und in seinem neulichen aus Anlaß der unseligen Hinkeldey'schen Sache einen Muth, in welchem es ihm in Preußen so leicht keiner nachthnt." Ueber seinen Weggang aus Dresden bemerkte Harleß: „Die Meinung über die Gründe meines Weggangs aus Dresden, von der Dn mir schreibst, war auch mir schon früher zu Ohren gekommen. Sie lag nahe genug. Wie sollte denn auch, so wird man räsonuirt haben, ein vernünftiger Mensch ca. 4000 fl. Mehreinnahme in die Schanze schlagen, wenn er nicht an seiner Stellung de- sperirt? Zudem konnte man auch mich klagen gehört haben. Die Klage aber bezog sich zumeist auf Reorganisationspläne, welche heute noch vom Kultusministerium approbirt in Dresden liegen, aber am Widerspruch der anderen ministri in avanZoliois scheiterten. Zu allen andern Fragen konnte ich unter Beu st' sMitwirknng alles durchsetzen. Bei Falkenstcrn wäre es vielleicht zögerlicher gegangen. Aber die Majorität im Ministerium hatte ich auch da auf meiner Seite, und manches, das unter Falkcnstein verfügt wurde, stammt noch aus meiner Feder und früheren Collegialücschlüssen. Ich hatte über nichts zu klagen, als über einen Mangel an Energie und über Hintern«.sgesist-.-^r Streiche, zu welchen ein Rath, der Dämon des Ministeriums seit Decennien, verleitete." Ueber verschiedene theologische Leistungen und Auffassungen schrieb Hartes; am 3. Zammr 1862: „Ein anderer in Vilmars Zeitschrift über Custasc, M.stic und dergleichen hat mich insofern nicht erbaut, als ich Ziel und Absicht nicht recht verstehe. Ein lebendiger mch frischer Kopf ist es, ich fürchte nur, er strebt zu pur, von der Peripherie ins Centrum zu kommen. Dazu gestehe ich, vor den naturwissenschaftlich gelehrten Theologen einen kleinen Schrecken zu haben. Was hilft Litera'm- kenntniß ohne genaueste Kenntniß der Sacist selbst? :5s ist doch meistens ein Reden der Blinden von der Farbe, und sie tappen mit dem besten Willen im Finstern. So habe ich das dicke Buch von Kecrl nir t dnr.ugcvracbt und die zweite Auflage von Delitzsch's l>imim;cr Pi. a gie namentlich in seinen physiologischen Cuaten »inst ohne Selbstüberwindung verspeist. ... „. . . Woher die Nichtachtung der Wege Gottes in der Geschichte und die Tendenz zu tlle wo.-.ste'-stoaen aus dem sogenannten Schriftvriuzip heraus d. h. eigentlich entweder aus der abstrakt-individuellen Schriftauffassnng oder aus dem in eine codisizirte Rechtsnorm umgewandelten Lebenswort der Schritt heraus? Dies uns ähnliches aber hört man in der Jctzrzcit gerade als specifisch lutberisch preisen, was nicht mög ich wäre, wenn man nicht statt des Geistes des Propreren so und so oft nur den abgerissenen Zipfel seines Mantels in der Hand hatte. Und dabei geht theologische Rechthaberei und Animosität über alles Maß im Schwange. Zu diesem Herzenserguß b-n 'ch gmrmru.en, weil ich nicht sowobl, wie Da sagst, granbe, daß oas Lntherthum „erstarrt", als daß es, was die theologischen Stimmführer betrifft, s. v. v. aus dem Leim geht. Es fängt auch an, sich mit allen möglichen Elementen zu vergesellschaften und die babyloni-, -ä Sprachverwirrung zu vervollständigen. Dem ücn hoffe ich aber immer noch, daß die v,rt tjumlazi-, der Katzenjammer befällt und die schlcsische Katastrophe karrn oazn ein gut Theil beitragen." Ein anderes Mal äußerte Hmckeß auch seine unverhohlene Abneigung gegen alles Limholffche. So schrieb er am 31. Dezember 1858: „Auf Deinen Bericht über Agassiz freue iw rn'ch. Mir hat wohl gethan, daß sogar Bischofs d här den wissenschaftlichen Werth des Materialismus öffentlich anfocht. Man wird allmählich zufrieden, wenn die Leute nur wieder halb vernünftig werden. Deine briefliche Begegnung mit Monjignore de Luca (Niurüns in München, später Cardinal) hat mich üor'gens doch nebenbei inter- essirt. Schade, daß man sich nicht der Täuschung hingeben kann, als würden Katholiken auf die Länge gemeinschaftliche Feinde mit uns in ehrlichem Brrudes- genosscnkampf bekämpfen. Diesen Traum muß ich den Gerlach's und Nathusius' überlassen, wenn sie ihn überhaupt noch träumen. . . . „. . . Was Preußen betrifft, so könnte man, wenigstens in Bezug aus den Stand kirchlicher Fragen, im Reinen sein, wenn die Worte entschieden, welche man in der regentlichen Mantelpredigt (Rede des Prinzrcgentcn Wilhelm an das Ministerium am 8. November 1858) hat reden lassen. Seltsam genug hält 96 man sie aber in kundigen Kreisen für bloße Worte und bittet mich, nnr noch ein paar Monate zuzuwarten. Ich selbst bin nicht ganz dieser Ansicht. Auch 5zengsten- berg nicht, wie es scheint, obwohl ich nur einen Brief älteren Datums von ihm habe. Von Stahl weiß ich nichts. Ich meine allerdings, daß gegenwärtig der Teufel wieder einmal Gottes Hauskncchts- dienste thun und den Stall fegen muß, befürchte aber nebenbei die Geschichte von Göthc's Zauberlehrling und glaube, das; man sich bald wird nach „rettenden Tbatcn" umsehen müssen. Sonst erachte ich jedes Wetter, das über die „Kirchlichkeit" kommt, für Gewinn. Bei unserm verdammten DoctrinarismnS, der mit Theorien experimentirt, Dächer, Giebel und Schnörkel ansetzt, während die Grundmauern herzustellen wären, kann nur recht preislicher Druck und recht greifliches Elend helfen." Im selben Briefe schrieb Harleß über die sog. cou- scrvativen Theologen, welche die moderne Gesellschaft gegen den Socialismus retten wollen, folgende Sätze, welche auch im katholischen Lager heute vollste Beachtung verdienen: „Ja, lieber Freuiw, es geht abwärts, nach allen Seiten hin abwärts^ Es wird eine grausige Zeit kommen, und oft blutet mir beim Blick auf meine Kinder für sie das Herz. Die Theologen sind des Teufels mit ihren rücksichtslosen, widerspruchsvollen Theoremen. Sie sind in eine conservative Fortbildnerei hineingekommen, die den Destruktoren, ohne es zu wollen, in die Hände arbeitet. In einer Art unkcnschcr Znchtlosigkeit sorgen sie sich weniger um die Salbe für Gilcad, um den Trost an Kranken- und Sterbebetten, als um manumeuta Ibeolo^ion aoro pormmiora. Und werden doch nur Knallhütten daraus." Wie man sieht, führte Harleß nach allen Richtungen hin eine sehr energische Sprache. Recensionen nnd Notizen. Hofs in ann Jak., Die Verehrung und Anbetung des allcrheiligstcu Sakramentes des Altars geschichtlich dargestellt. 8". SS. X -j- 294. Kempten, I. Koset 1897. M. 3,00. s Der Verfasser beschenkt uns mit einem willkommenen Beitrag zur Geschichte der Liturgie, indem er die Entwickelung desjenigen Cultus vor Augen führt, der von jeher den innersten und tiefsten Kernpunkt der Gottes- verehrnng in der katholischen Kirche gebildet hat. Es soll mit diesem Lob dem Verfasser gewiß nicht vorgeworfen werden, daß er etwa im Grunde zur Einführung neuer „Andachten", womit wir ja schon hinreichend versehen sind, verführen wolle. Seine Ausgabe war eine rein historische und als solche verdient sie alle Anerkennung. In vier Abschnürn ist behandelt: Der Cultus des aller- heiligsten Sakramentes in den fünf ersten Jahrhunderten der Kirche; die Zeugnisse der alten Liturgien in Verbindung mit der Ueberlieferung der wichtigsten liturgischen Schriftsteller vom 6. bis 12. Jahrhundert; die Ausgestaltung des eucharistischen Cultus vom 12. Jahrhundert bis zur Reformation; die Anbetung des Sakramentes in der Neuzeit. Daß die Uebertreibungen und oft lächerlichen Geschmacklosigkeiten moderner Ändachtsformen nicht etwa einer tieferen Erkenntniß und innigeren Gottesliebe, sondern dem Trieb nach Aeußerlichkeit entspringen, wird jeder ernste Katholik mit Bedauern zugeben. Hier hätte der Verfasser seinem begeisterten „Rückblick" noch ein bitteres Kapitel „Ueber den Geschmack in der Frömmigkeit" anfügen tonnen, Der sel. ?. Petrus Canisius 8. ck., Apostel und Patron der katholischen Schulen Deutschlands. Ein Lebensbild zum 300jährigen Centeuarium feines Todestages von GeorgEvers, früh. lnth. Pastor. 8. 64 Seiten. SO Pfg, Osnabrück, Verlag von B. Wehberg. Viel zu wenig bekannt ist im Volke das Leben und außerordentlich segensreiche Wirken des ersten deutschen Jesuiten, dem nach dem Ausspruch eines spätern Augs- bnrgcr Bischofs es zu verdanken ist, „was an katholischem Glauben in Oesterreich und Bayern noch vorhanden," und der ein zweiter Apostel Deutschlands geworden ist. Wenn in evangelischen Kreisen jetzt Melanchthon als der „Lehrer Deutschlands" gefeiert wird, so sollte nnt noch viel mehr Recht dies bezüglich des sel. Canisius von den Katholiken geschehen. Das treffliche Schriftchen bildet eine doppelt willkommene Gabe anläßlich des in diesem Jahre wiederkehrenden 300jührigen Todestages und der stattfindenden Wallfahrten zum Grabe des Seligen. Raymund v. Fugacr, „Die moderne Literatur und ihre Gefahren". (Heft 12 der Frankfurter Broschüren. Jahrg. 1896; brosch. einzeln ü SO Pf.) U. Vorliegende praktische Broschüre ist vom Verfasser auf vielseitigen Wunsch herausgegeben worden, nachdem er über obiges Thema mit größtem Beifall aufgenommene Vortrage in Stuttgart und Mainz gehalten hat. In 10 Capiteln unterwirft der verehrte Autor, der unermiid- liche Kämpfer für unsere katholische Sache, die heutige Literatur einer sehr sachgemäßen Kritik. Die heutigen Produkte der materialistisch angehauchten Wissenschaft führt uns der Verfasser in lichtvoller Darstellung vor's Auge, indem er sowohl den Zweck, der in solchen Schriften verfolgt wird, wie auch die Wirkung solcher Erzeugnisse auf den Einzelnen, wie auf das ganze Volk klar legt. Die moderne Roman- und Novcllen-Literatur, die sogenannte „schöne Literatur", die dem Ehebruch, der freien Liebe, dem Selbstmord, dem Zweikampf huldigt, erfährt eine scharfe Kritik. In gut gewählten Beispielen zeigt der Autor, daß sie meist Grnndsatzlofigkeit, Gottentfremdung und den reinsten Unglauben predigt. Sehr gut sind die ferneren Ausführungen über die dramatische Literatur, über die Colportage-Romane, über die partei- und farblose Presse. Wie gefährlich diese werden kann. beweist die Thatsache, daß kein Leser auf längere Zeit im Stande ist, sich dem Einfluß solcher Literatur, den offenen oder versteckten Angriffen in solchen Blättern ganz zu verschließen. Mit beredten Worten fordert der verehrte Verfasser zum beständigen Kampf gegen diese Presse auf. Der Katholik unterstütze und fördere seine eigene, gut katholische Presse, die der anderen nicht im Geringsten nachsteht. In Anbetracht des niederen Preises und der guten Ausstattung dieser äußerst spannend geschriebenen Broschüre ist sie zur Anschaffung (in Schul-, Capitels- rc. Bibliotheken, wie auch als wertlwolle Perle für die eigene Bibliothek) wärmstcns zu empfehlen. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XI. Bd. 3. Heft. Paderborn 1397, Schöningh. Inhalt: 1. Kinder in Polizei- und Gcrichtsgefäng- nissen. Von Dr. .jur. Raymund Zastiera, o. IW-wä. in Wien. (Forts, folgt.) — II. Zur neuesten philosophischen Literatur. (Forts.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner in München. — III. Die angebliche Maugelbaftigkeit der aristotelischen Gottcslehre. (Schluß.) Von Rector Dr. Eugen Rolfes in Franweilcr. — IV Die Neu-Thomisten. (Forts.) Von 0- Llax. 'ptwol. Guudisalv Feldner, O. kriurcl. in Lemberg. — V. Zeitschriftenschan. " Eine ueue Zeitschrift. Mitte März wird die erste Nummer einer jährlich 12mal erscheinenden popnlär- uatnrwisseufchaftlichen Zeitschrift auf positivgläubiger, antidarwiuistischer Grundlage unter dem Titel „Natur und Glaube" zur Ausgabe gelangen. Herausgeber und Verleger ist der kgl. Lycealprofeffor Dsi. I. E. Weiß in Freising. Die erste Nummer dieser Zeitschrift wird in 6—8000 Eceiuvlareu versandt werden. N,.au!w. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tt,'. 14. 13. My 1897. Wage zm Dgsklirger Zur „? 1 t 1 i 663 .NtIiroxu 8 srsotus"-Frage. Von Stadtkaplan Joh. Bu Müller in Neuburg a. D. Der Verfasser des Folgenden hat früher in den Spalten dieses Blattes (Jahrgang 1895, Nr. 33—35) einen kurzen Bericht veröffentlicht über eine neue Stammform des Menschengeschlechtes, den kitiiccaMdroMg «roctuo, einen „aufrechtgehenden Affenmenschen", welcher im Jahre 1891 in fossilem Zustande in Gestalt eines Schädeldaches, eines Oberschenkelknochens und eines — später noch eines zweiten — Backenzahnes aus der Insel Java das Licht der Welt erblickte. Dubais, Militärarzt in Niederländisch-Jndien, fungirte in jener wichtigen Stunde als Geburtshelfer, während Karl Vogt noch vor seinem Hinscheiden das hohe Glück zu Theil wurde, Gevatter stehen zu können. Vielleicht interessirt es den einen oder andern der verehrlichen Leser der Postzeitung, über He weiteren Lebensschicksale dieses schon so defekt zur Welt gekommenen Wesens etwas zu erfahren. Es war Anfangs zu erwarten, daß dem neugeborenen kirstoe- zntffroxns dasselbe Schicksal bevorstände, wie schon so nanchen seiner Vorgänger, welche, eine kurze Zeit lang 'm Mittelpunkte der Diskussion stehend, plötzlich von den naßgebenden Oootores aufgegeben und ohne Sang und Klang zu Grabe getragen wurden. Mein der junge kitstceautliropuv hat ein zäheres Leben; schon über zwei Jahre innren alle möglichen Doatoros auf der ganzen Welt an ihm herum: und trotzdem ist er noch am Leben. Genannte Vootoi-W werden nämlich über die Diagnose nicht einig: die einen wollen ihn zu einem ganz ordinären Affen stempeln, andere zu einem idioten- haften Menschen, die dritten zu einer wahrhaften Ueber- gangsform zwischen Affe und Mensch, also so ungefähr zum Ururgroßvater Adams — ganz genau ist der Stamm- baum noch nicht festgestellt — , die vierten endlich meinen, daß sich nach der Lage der Verhältnisse vorerst ein Urtheil überhaupt nicht abgeben lasse. Das einfachste wäre nun eigentlich diese letztere Ansicht zur unsern zu machen und hiemit vorliegenden Artikel zu schließen. Doch da es heutzutage einmal Mode ist, über jenes, worüber man am wenigsten Positives zu sagen weiß, am meisten Worte zu machen, so wollen wir, diesem Zuge der Zeit folgend, unter Herbeiziehung der hauptsächlichsten von fachmännischen Autoritäten abgegebenen Urtheile (vorzüglich mit Benutzung des Centralblattes für Anthropologie, herausgegeben von Or. Bnschan) unsern ?itstoLnnt1iropu8 orcotno nochmals einer gründlichen Besichtigung unterwerfen. Zuerst sollen die Haupteigenthümlichkeiten des Schädelfragmentes in besonderen Abtheilungen behandelt, oan» der Oberschenkelknochen und die Backenzähne noch mrz besprochen werden. L. Schädelfragment. 1. Die Chamäkephalie (Niedrigkeit) des Schädels, verbunden mit Abflachung der Stirne. Pros. William Turner führt im llourrr. ot uunv. g-uä pl>^8, Bd. 29 verschiedene Schädel an, welche dem Java-Schädel an geringer Höhe nahe stehen. Nach Dr. Martin (Globus, Bd. 67, 1895 M. 14) ist die Höhenentwickelung des Schädels und seine Wölbung in der Stirnrcgion eine viel beträchtlichere als beim 1ro^1oä^to8 und (Gibbon). Virchow dagegen, welcher den kitstccautstropua ercekna als eine riesenhaft entwickelte Gibbonart erklären möchte, zeigte anläßlich des Auftretens Dnbois' in der anthropologischen Gesellschaft in Berlin an der Abbildung des fossilen Schädeldaches und eines um das Doppelte -s- 10 oom vergrößerten Gibbon-Schädels die ähnliche Form derselben, besonders ihre gemeinsame hochgradige Chamäkephalie. Allein dies ist immerhin nur eine allgemeine Aehnlichkcit, die ihren wirklichen Grund z. B. in Mikrokephaler oder sonstiger Mißbildung u. dgl. haben kann. Auch ist der Java-Schädel nach Martin eben doch höher als ein Gibbon-Schädel. Mit dem gleichen Rechte könnte man auf Grund einer Abbildung der von Turner angeführten chamäkephalen Schädel auf die Zugehörigkeit zur Species Liomo schließen. Es wird sich daher aus der Chamäkephalie weder ein nrguiuoutum pro noch contra entnehmen lassen. Was speziell noch die abgeflachte Stirne betrifft, so ist nach Turner beim Java- Schädel das je nach hinten znrückgeneigte Stirnbein flach wie bei den Affen, während der Neanderthaler Schädel auf der Stirn gerundete Höcker trägt. Dies spricht für die H^lobatos-Theorie. Dem gegenüber aber findet sich wiederum in der Sammlung der Universität zu Edin- burg der Schädel einer Mikrokephalen Frau, bei welchem die Abflachung des Stirnbeins fast so groß ist wie beim Java-Schädel. 2. Schädelkapazität (Größe des Gehirns). Da nur ein Fragment des Schädels erhalten ist, kann die Kapazität natürlich nicht absolut sicher bestimmt werden. Den Rauminhalt oberhalb der Glabella-Jnion-Ebene schätzt Dnbois auf 575 coru. In diesem Falle würde der Inhalt des ganzen Schädels nach Virchow ungefähr 1000 com betragen. Die größten Schädel von Anthropoiden (i. o. der menschenähnlichen Affen: Gorilla, Schimpanse, Orang, wozu einige auch noch den Gibbon rechnen) fassen höchstens 600 coru. Wiewohl nun der gewöhnliche Inhalt des menschlichen Schädels ein 1000 com weit übersteigender ist — nach Topinard ist für den männlichen Europäer-Schädel das Mittel 1400 com —, so sind doch auch Kapazitäten wie die des Java-Schädels keine gar zu seltene Ausnahme. Jedenfalls ist nach unsern bisherigen Erfahrungen 1000 cova eine spezifisch menschliche Kapazität, welche das nur in seltenen Fällen erreichte Maximum der Anthropoiden um 400 ccra übertrifft. Turner hat bei 24 männlichen Anstralierschädeln als Minimum 1044 cciu erhalten. Von 12 weiblichen Anstralierschädeln hatten 5 eine Kapazität von 1100, 3 eine soche von nur 998—930. Virchow bestimmte, wie schon in meinem früheren Artikel erwähnt, bei den Wedda auf Ceylon einen sonst anscheinend normalen weiblichen Schädel zu nur 960, unter Reihengräberschädeln einen solchen zu 930 ccua. Welcker hat als Minimum bei der mitteldeutschen Bevölkerung einen normalen weiblichen Schädel von 1090 coru gefunden. Der Rauminhalt des Javaschädels ist also nach unserer bisherigen Erfahrung ein spezifisch menschlicher, und selbst Thomson, nach welchem das Schädeldach in allen (??) seinen Merkmalen asfcnähnlich ist, nimmt hiebet die große Kapazität aus. Wie soll sich nun ein solches Gehirn bei einem Affen erklären? Virchow sagte auf dem anthropologischen Congreß zu Speyer (im August 1896), daß man in der ricscnmäßigeu Entwickelung dieser Gibbonart, wofür er den ?itstooantdropu8 erectua hält, nicht eine höhere Mcnschenähnlichkeit erblicken darf, da gerade der Orang-Utan und der Gorilla uns gelehrt haben, daß, je riesemnüßiger sie sich entwickeln, sie um so mehr vom 98 Menschen sich entfernen, wie ja bekanntlich die größte Menschenähnliche bei den jungen, nicht bei den ausgewachsenen Exemplaren der Anthropoiden besteht. Dies scheint gerade gegen Virchows Theorie zu sprechen. Denn wenn wir es mit einem Anthropoiden zu thun haben, so sollten wir am Schädel nicht nur die spezifisch äffischen, den riesenmäßig entwickelten Anthropoiden eigenthümlichen Knochcnkämme, sondern auch einen Rauminhalt erwarten, der im Verhältniß zur Größe des Thieres und dem Menschen gegenüber ein spezifisch thierischer, nicht aber ein viel größerer als bisher bei Anthropoiden nachgewiesen, und ein den Inhalt mancher menschlichen Schädel erreichender, ja übertreffender ist. Eben, daß das letztere der Fall ist, spricht nach den von Virchow angeführten, an den Anthropoiden hinsichtlich Größeentwickelung und Menschen- ahnlichkeit gemachten Erfahrungen gegen Virchows Hz-Io- bates-Theorie. Aus ähnlichen Gründen können wir auch jenem Beweise für die Gibbon-Theorie, welcher sich aus die den Javaschädel und einen ums Doppelte -s- 10 om vergrößerten Gibbon-Schädel darstellende Zeichnung stützt, die Virchow anfertigen ließ, eine Bedeutung nicht beilegen. Auf dem Papier ist es allerdings sehr einfach, einen Gibbonschädel um das angegebene Maß proportional zu vergrößern; in Wirklichkeit dürfte aber eine solche Zeichnung ziemlich werthlos sein, da Hiebei vor allem die mechanischen Einflüsse, welche in der Natur eine solche Vergrößerung des Schädels begleiten würden, in ihren npthwendigen, den Schädel umgestaltenden Wirkungen gänzlich außer Acht gelassen worden sind. Hier sind vor allem die nach bisheriger Erfahrung mit riesenhafter Größcentwickelung verbundenen Knochenkämme zu nennen. )- 3. Abschnürung des Orbitaltheiles; Schläfenenge. Virchow hat aus dem Zoologencongreß in Leyden die Behauptung aufgestellt, daß bei den Affenschädelu und so auch beim Javaschädel die soliden Wülste um die Augenhöhlen durch eine tiefe Einschnürung in der Schläfen- gcgend von dem eigentlichen Gehirnschädel getrennt sind, und daß sich dadurch der Affenschädel von allen normalen Menschcnschädeln unterscheidet. Auch Nehring bezeugt diese Abschnürung, welche beim erwachsenen Affen um so deutlicher und energischer ausgeprägt ist, je kräftiger die Kaumuskeln (und dem entsprechend der Sagittalkamm) entwickelt sind. Allein, daß diese Einschnürung nicht ein allgemein gültiges, absolutes Unterscheidungsmerkmal ist, das beweist ein von Nehring in der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" X, 46 beschriebener, aus den Samba- quis von Santos in Brasilien stammender Menschenschädel, welcher eine ganz ähnliche Abschnürung ausweist, wie der Javaschädel. Dies zeigt sich auch aus dem Index, den Virchow oben als Unterscheidungsmerkmal ausstellen wollte. Dieser Index ist das Verhältniß der kleinsten Stirnbreite zu der — 100 gesetzten größten Schüdelbreite. Beim Javaschädel ist dieser Index — 69,23, nach Virchow kleiner als bei ähnlichen Schädeln z. B. von zwei Australier- schädeln der eine 71,1, der andere 72,6; der Neander- thalschädel 76,3. Hierin soll sich nach Virchow der Asiencharakter des Javaschädels zeigen. Dem gegenüber verweist Dr. Mics-Köln auf einen Schädel vom Index 61,8, dessen Jnnenraum 1310 acw faßt; ferner erwähnt er einen Mikrokephalen Schädel mit dem Index 66,7. Der von Nehring beschriebene Sambaquischädel hat gleichfalls noch einen geringeren Index als der Javaschädel, nämlich 64,79. Bei einem Gorilla ist der nach Nehrings Angaben berechnete Index 68, bei einem Gorilla ? 69,38, Sehnn- pause A 69,79. Daraus geht hervor, daß es menschliche Schädel gibt, deren Index kleiner, ja bedeutend kleiner ist als derjenige der angeführten Anthropoiden, daß also dieser Index als Unterscheidungsmerkmal einen allgemein gültigen Werth nicht besitzt. Uebrigens sei noch erwähnt, daß Dubois betont, die temporale Breite am unversehrten Javaschädel müsse 94 betragen haben; dann wäre sein Index sogar 72,3. Diese Einschnürung läßt sich also keineswegs als Beweis für die Gibbon-Theorie verwerthen. Man kann sich diese temporale Enge sehr Wohl als Folge einer kräftigen (Einschnürung), aber doch nicht allzu kräftigen (Fehlen eines Sagittalkammcs) Entwickelung der Kaumnskulatnr vorstellen, ivas gewiß nichts Auffallendes bieten kann bei Völkern, welche auf tieferer Culturstufe stehen, besonders bei den versprengten Vorposten des über die Erde sich ausbreitenden Menschengeschlechtes — und zu diesen dürfen wir wohl die ehemaligen Besitzer des Sambaqni- und Javaschädels, wenn dies überhaupt ein menschlicher ist, rechnen —, welche in Verhältnissen lebten, die alle Kräfte zur Erwerbung der nothwendigen Nahrung in Anspruch nahmen. So gut als bei sehr stark verwilderten rohen Völkern bei ein- zelen Individuen in Folge stärkerer Entwickelung der Kaumuskulatur die Ansatzstellen derselben sich am Schädel affenähnlich deutlicher ausprägen, diese Dinaas tarnpo- ralso dann beiderseitig weiter hinanfrücken können (Ueber- gang zum anthropoiden Sagittalkamm; bei dem verkommensten Jndianerstamme, den Pah Uta, die extremste Annäherung 1 mw), ebenso ist denkbar und thatsächlich, daß durch stärkere Entwickelung dieser Muskeln in extremen Fällen eine affenähnliche Abschnürung des Orbitaltheiles entsteht. Auffallend erscheint dagegen beim Javaschädel, daß von den Innekw tomxoralas weder eine stärkere Entwickelung noch ein Hinanfrücken am Schädel bekannt ist. Man sollte erwarten, daß die länoa tam- xoralis als Muskelansatzstelle in erster Linie durch die stärkere Entwickelung des Muskels beeinflußt würde» wie nach Nehring auch bei den Affenschädeln die Abschnürung um so größer erscheint, je ausgeprägter die Knocheukämme entwickelt sind. Dies scheint auf eine unregelmäßige resp. pathologische Bildung des Schädels hinzuweisen, legt also den Gedanken an eine pathologische, vielleicht mit Mikrokephalie zusammenhängende „Schläfenenge" nahe. In jedem Falle darf selbstverständlich von einem einzigen Schädel nicht auf die Gestalt aller gleichaltrigen Schädel geschlossen werden. Hiemit kann also der Javaschädel wegen seiner Abschnürung nicht zu einem Affenschädel gestempelt werden; dies wäre ganz ähnlich, wie wenn man aus einem oben erwähnten Pah llta- Schädel wegen seiner Knochenleisten einen Affcnschädel machen wollte, denn beiden Erscheinungen liegt höchst wahrscheinlich dieselbe Ursache zu Grunde. 4. Sonstige Eigenschaften des Schädels. Die Aiigen- braucnbogen sind nach Dr. Martin beim Javaschädel schwächer ausgebildet, als beim Schimpanse. Ferner weist nach Mannvrier und Dr. Martin der Abstand der Schläfenlinie von der Ptcilnaht auf menschliche Eigenschaften hin. Die oft mächtigen Knocheukämme, die bei den ausgewachsenen menschenähnlichen Affen zu beobachten sind, fehlen, wie schon erwähnt. Ob die Schläfengcgcnd menschlich geformt sei, darüber besteht eine Eontroverse zwischen Virchow und Martin, welch letzterer die Frage bejaht. Auch Nehring weist darauf hin, „daß die Schläfenbeine des DitÜLcautnropuv, soweit sie erhalten sind, einen durchaus menschenähnlichen Bau zeigen und 99 von denjenigen der erwachsenen Affen durchaus abweichen". (Naturwissenschaftl. Wochenschrift X, 46.) Martin hatte näherhin behauptet, daß die Schläfenregion, welche hinter dem Jochfortsatze unterhalb der beginnenden Schläfenlinie liegt, beim Menschen und ähnlich beim Javaschädel eine ebene, fast senkrecht gerichtete Fläche bilde, beim H 5 I 0 - lmt63 und 'IroZloä^tss aber eine ganz charakteristische Couvexität zeige, was dann von Virchow bestritten wurde. „Demgegenüber weist Martin an einer Zeichnung, die Frontaldurchschnitte (am Schädel eines Schweizers, Australiers, des Neandertalers und eines Hzckobatoo) durch die von ihm bezeichnete Schädelpartie (direkt hinter dem kroo. 08813 krönt, senkrecht zur deutschen Horizontalebcne) darstellt, deutlich nach, daß die vordere Schläfenpartie beim Il^losiatW ein ganz anderes Relief zeigt, als beim Menschen, wie er auch früher behauptet hatte." Dieses wird zurückgeführt auf den verschiedenen Verlauf der Schläfeulinien, welche beim Javaschädel übrigens nicht ganz erhalten, sondern von Martin re- construirt worden sind. „Dabei stellt sich heraus, daß hier der Verlauf der Inntzao tsmxoral 68 von dem am LFIodutss gänzlich abweicht und eher dem am Menschen gleicht." (Centralblatt für Anthropologie I, 3.) (Schluß folgt.) Reliquien der hl. Birgitt» in Rom. Uebersetzt aus dem Schwedischen von Georg Binder, Priester der Erzdiöcese München-Freising. Während der Einsender der nachstehenden Ueber- setzung an der „Geschichte der bayerischen Birgittenklöster" arbeitete, welche nun in diesem Jahre in den „Verhandlungen des historischen Vereines für Oberpfalz und Regensburg'") erschienen ist, fand sich in einigen italienischen und deutschen Zeitungen eine Notiz, daß man in der Kirche SanLorenzo in Panisperna in Rom einige Reliquien der hl. Birgitta von Schweden gefunden haben soll. Diese in der Folge auch in schwedische Zeitungen übergegangene Neuigkeit veranlaßte den Herrn Reichsantiquar Hildebrand von Stockholm, daß er den schwedischen Gesandten am Quirinal in Rom, Excellenz Baron Carl von Bildt, um Aufschluß über den Vorfall ersuchte. Die Folge war, daß Herr Baron von Bildt diplomatisch genaue Nachforschungen über die Reliquien der hl. Birgitt« in Rom anstellte, deren Ergebniß er in einer Monographie niederlegte, welche den Titel trägt: „ 8 . LirZittas vollster i Korn". Die Monographie erschien 1893 in Stockholm in „Vitztsrlrets Hiotoria 0 . ^utiHultets llstg-äsmieiig nauirnckedlaä", zugleich aber auch als Separat-Abdruck in der Königl. Buchdruckerei zu Stockholm. Als im Jahre 1894 der bayerische Reichsgraf Carl Theodor von und zu Sandizell, dessen Ahne Wolfgang von Sandizell 1487—1525 Bruder im bayerischen Birgittenklöster Alto Münster war, in Rom mit dem schwedischen Gesandten zusammentraf und von dessen Forschungen erfahren hatte, übersandte er bald nach seiner Rückkehr nach Bayern dem Einsender dieses, von dessen Arbeiten über die hl. Bir- ') Auch als Separat-Abdruck erschienen und zu haben in der I. I. Lentner'schen Buchhandlung (E. Stahl fr.) in München. gitta und den Birgitten-Orden er Kenntniß Haffe, die genannte Broschüre und später die Ermächtigung zw Veröffentlichung derselben in Deutschland. Der Inhalt der Monographie folgt nun in getreuer Uebersetzung zugleich mit den Anmerkungen. Wir enthalten uns jeder Besprechung und fügen nur bei, daß Herr Baron von Bildt die im Eingänge aufgestellte Behauptung, daß die hl. Birgitt« sehr wahrscheinlich im Kloster der Clarissen bet Sän Lorenzo in Panisperna gestorben sei, auf Anregung des Unterfertigten nunmehr dahin richtig gestellt hat, daß sie nicht im Clarissenkloster, sondern in ihrer Wohnung an der Piazza Faruese gestorben sei, wie aus dem in der vatikanischen Bibliothek befindlichen Urocsoouo 6 a.- irolli^ationia 8 . LirAittas mit Evidenz hervorgehe. Der Zeuge MagnusPetri, Kaplan der Heiligen, habe in einem Berichte erklärt, daß er beim Tode der hl. Birgitt« gegenwärtig war, welcher stattgefunden habe „in äomo apuä Oampuur klare, üb» ipsa. Dort, am Blumenmarkte (Ouvapo cli kiori) ander Piazza Farnese ist heute noch die „Damno 8 . LirZittas" nebst der Kirche 8 . Lri- giäs, mit vielen Erinnerungen an die Heilige. * * „Birgitt«'s älteste Biographen haben nicht berichtet, in welchem Hause in Rom sie starb, und die Angaben darüber sind deßhalb strittig. Die eine der zwei Bullen, welche Papst Bonifaz IX. am 9. Oktober 1391 aus Anlaß ihrer Canonisation ausfertigte, und in welcher er gewisse Ablässe für diejenigen festsetzte, welche an den Festtagen der Heiligen die Kirche Sän Lorenzo in Panisperna besuchen, sagt nämlich, daß sie starb in dem bei dieser Kirche gelegenen Clarissenkloster. Damit stimmt auch die im Kloster bewahrte und bis auf den heutigen Tag fortlaufende Tradition Lberein. Aber anderseits beweisen die Inschriften in dem Hause an der Piazza Farnese, welches 1383 von einer römischen Dame, Francesca Papazuri, dem Kloster Wadstena geschenkt-wurde, und wo später das Hospital der hl. Birgit'.ta eingerichtet wurde, daß sie dort starb. Auch hierüber findet sich eine Tradition, und der Raum, wo sie starb, wird immerfort den Besuchern gezeigt. Ebenso kommt in den von der Aebtissin von Wadstena für das Hospital gegebenen „Constitutionen" die Meinung zum Ausdruck, die sich hierauf bezieht. Noch andere Beweise können für beide Ansichten angeführt werden, aber mir scheint es auf Grund der päpstlichen Bulle wahrscheinlich, daß sie im Clarissenkloster starb?) Eiuestheils ist dasselbe zur Zeit das älteste, anderntheils stimmt dies mit anderen Umständen übereilt, für welche innerhalb der Grenzen dieses Aufsatzes keine Rechenschaft gegeben werden kann. Sicher ist indeß, daß Birgitt« den 23. Juli 1373 starb, und daß ihr Leib nach ihrer eigenen Anordnung die folgende Nacht zur Panisperna-Kirche gebracht wurde, sei es nun, daß dies geschah von dem Hause an der Piazza Farnese aus oder von dem nahegelegenen Kloster, sowie daß ihr Leib die folgenden Tage unter großem Zulauf des Volkes feierlich ausgestellt wurde. Wunder konnten bei einer solchen Gelegenheit nicht fehlen, I Eme bestimmte Ansicht wage ich nicht auszu- sprechen bevor ich Gelegenheit habe. die in der k. Bibliothek aufbewahrte Handschrift „Uroosssus 6 anoin 2 g>tioius Lrixickas cks Lnseia" einzusehen, welche vielleicht die Losung der Frage geben kann. 100 aber es waren doch zwei unter den vielen, welche einiges Aufsehen erregt haben und für würdig erachtet wurden, in der Canonisations - Bulle Bonifaz IX. erwähnt zu werden. Das eine geschah au einer Wittwe Agnes von Contessa — ein in Rom im Mittelalter oft vorkommender Geschlechtsname —, welche von einer Halsgeschwulst befreit wurde, und das andere an einer Clarisfen-Nonne, Francesco, aus dem edlen Geschlechte Savelli, welche von einem langwierigen Magenleiden befreit wurde. — Den 27. Juli wurde ihr Leib in einen Holzschrein gelegt, welcher mit Tüchern bedeckt und von Birger Ulfson, dem Sohne der Verstorbenen, versiegelt wurde, sowie von Latinus Ursini, ihrem adeligen Freunde, und mehreren vornehmen römischen Herren, deren Namen nicht aufbewahrt sind?) Der Schrein wurde sodann in einen Marmor-Sarkophag gelegt, und dieser wurde in der Kirche aufgestellt hinter dem Gitter, an dem Platze, welchen Birgitt« selbst zu ihren Lebzeiten gewählt hatte. Ueber den Sarkophag sagt eine jüngst herausgegebene französische Arbeit über Birgitts) daß Stefana Savelli, eine Wohlthäterin des Klosters, ihn zu ihrer eigenen Bestattung machen ließ, aber ihn nun zu Gunsten Birgittas abtrat. Er ist jedoch eine heidnische Arbeit aus dem 4. Jahrhundert. Auf der Vorderseite ist er durch Säulen in fünf Felder getheilt, von welchen das mittlere zwei halbgeöffnete Thüren mit Medusen-Hänptern und Löwenrachen zeigt, während die anderen vier geschmückt sind mit beflügelten Figuren, welche die vier Jahreszeiten darstellen?) Was aber Stefana Savelli betrifft, kaun sie mit der Sache nicht das Geringste zu thun gehabt haben, denn sie lebte erst 200 Jahre später; aber es scheint mir wahrscheinlich, daß die Idee, einen antiken Sarg anzuwenden, ausgegangen ist von einer Dame aus dem Geschlechte Savelli, möglicherweise der obengenanntcn Francesca. Jene hatte ihre Grabcsstätte in dem stattlichen Grabmonumcnte, welches 100 Jahre früher in der Kirche Lra 6os!i für ihre Anverwandten errichtet wurde und bei welchem alte heidnische Sarkophage als Postament verwendet wurden. Die Beisetzung im Panisperna-Kloster war gleichwohl nur provisorisch, denn Birgitt« hatte in ihren letzten Tagen verordnet, daß ihre irdischen Ueber- restc nach Schweden gebracht werden, damit sie dort in der Klosterkirche ruhen. Ihre in Rom lebenden Kinder Birger und Katharina mit ihrem treuen Gefolge und den Beichtvätern, Prior Petrus von Alvastra und Magister Petrus, begannen nun bald über die Heimreise zu berathschlagen, aber einer ihrer nächsten Freunde, Alfonso von Jaen, war fernes in Avi- gnon, wohin er die .letzte Prophezeiung Birgittas an Gregor IX. gebracht hatte. Er war mit der Abgeschiedenen in ihren letzten Lebensjahren zu sehr befreundet, so daß es in Frage kommen konnte, ob man ihren Staub fortführen solle, bevor er zurückkam. In den ersten Wochen des September war er nun wieder °) IMoosssiis Oanonwatiouis, Ospositio NnAui Ustri super srt. XUIX. Loriptorss Herum Svsoiearum Llsckü Xevi lkl. 2. 224. 0 Oomlssss cks 8. Lira-itts cks Luöcks. Paris 4892, Seite 503, ch Diese Dccoraiion, welche das menschliche Leben versinubildet, kommt nicht selten an römischen Sarkophagen -'or. In alten Klosterhandschristen ist die Rede von einem Monument, welches geschmückt ist mit „ausgehauenen Ems.elsbitdcrii und anderen Arbeiten". Uroeesr-us vanoum. !. o. in Rom, und es wurde beschlossen, die Vorbereitungen zur weiten Leichenfahrt zu machen. Birgittas Haus- caplan Mag uns Petri bestellte erfahrene Leute und die nothwendigen Materialien zur Einbalsamirung, aber wenn man ihm und anderen Zeitgenossen glauben darf, war dies eine unnöthige Vorsichtsmaßregel. Als nämlich der Schrein geöffnet wurde, befand sich das Skelett trocken und rein im Todtenkleide. Alles war verwundert! Nur ein Theil ihres Gehirns fand sich, nach Katharinas Aussage, in der Hirnschale. Diejenigen, welche über eine Heilige schreiben, geben sich oft zufrieden, zu sagen: „Ralnta, reksro". Für mehr kritisch angelegte Leser kann es angenehm sein, zu wissen, daß solches durchaus nicht unmöglich ist. So lesen wir z. B. öfter, daß ein heiliger Leib einen Wohlgeruch ausströmte. Daß dies der Fall war mit Birgt ttens Ueberresten, hat Magnus Petri allerdings nicht als Beweismittel beim Canonisations-Proccß gebraucht, aber das kann ein Uebersehen gewesen sein. In dem von ihm gegründeten Birgittenkloster bei Florenz, wo er 1397 starb, wußte man längst besseren Bescheid, denn in der Biographie über Birgitta, welche dort ungefähr 1450 vom „Oonksssor gsnsralis" des Klosters, Werth old von Rom» geschrieben wurde, wird erzählt,') daß am Skelette an Stelle der Eingeweide eine schwarze Masse gefunden wurde, welche duftete wie Weihrauch oder Myrrhen?) Die Clarisser-Nonnen bei Sän Lorenzo in Panispernc?) drangen unterdeß darauf, daß sie einige Reliquien bei sich behalten konnten. Birgitta hatte dort manche Freundin, sie hatte oft in ihrer Kirche ihre Andacht verrichtet und hatte noch dazu an der Pforte mit den Bettlern das Almosen geholt, sie war Gast in der Klosterherberge, vielleicht starb sie auch dort, sie wollte sich wenigstens nicht ganz und gar im Tode von denjenigen trennen, mit welchen sie im Leben so innige Gemeinschaft hatte! So war es auch. Von dem Skelette, welches von den Trauernden nach Schweden geführt wurde, wurde ein Arm mit anderen Theilen abgetrennt, welcher seinen Platz in dem schon genannten Marmor-Sarkophag fand. Dieser wurde eingemauert an der Längsseite zur Rechten des Altars. ') lud. III Proosmium , gedruckt in Xota Lauetor Ost. IV, S. 524. „Was noch wunderbarer ist", fügt naiv der Verfasser hinzu. °) Diese Kirche ist eine der ältesten in Rom; sie wurde wahrscheinlich unter Konstantins Regierung auf dem Viminal erbaut, wo nach der Tradition der junge spanische Diakon Laurentius den Märtyrer-tod erlitt, ungefähr 260. Sie wurde zuerst genannt >>»ä Vimi- uri-Ism", dann „ill ll'ormosc?, und später, im 9.Jahrhundert „in kauispsrna", welchen Namen sie bis jetzt noch hat. Ueber dessen Bedeutung herrscht Ungewißheit. Einige leiten es her von „paus s psrua", da nämlich dort an die Armen an den Festtagen des hl. Laurentius Brod und Speck ausgetheilt wurde. Nach Anderen sollen beim Umbau der Kirche die Arbeiter mit einem wunderbaren Brode gespeist worden sein, welches die Engel jeden Morgen in einem nahegelegenen Hause niederlegten, das eine Wittwe mit Namen Per na bewohnte. Andere schließlich halten dafür, daß die Kirche aufgebaut wurde von einigen Mitgliedern des Geschlechtes Perpcrna oder Perpenna. Diese Ansicht scheint die größte Wahrscheinlichkeit zu haben. Ein Perperna Quadratus war Präfekt zur Zeit Conftantins und stand dem Bau der nahegelegenen Thermen des Kaisers vor. Grc- gorovius sagt (Geschichte der Stadt Rom l. 99), daß im Klostergarten ein Stuck Marmor gesunden worden fei mit der deutlichen Aufschrift „Uerpsrim?, was gewiß 101 Außer dem, was den Arm angeht, findet man in gleichzeitigen Handschriften oder den älteren Biographien nichts aufgezeichnet darüber, was für Theile es waren, die in der Panisperna-Kirche zurüciblieben. Die Canonisations-Bulle des Papstes Bonifaz IX. sagt blos, daß es einige waren, und in den Franziskaner- Annalen^) ist noch später angeführt, daß die Cla- risser-Nonnen „den linken Arm mit anderen Ueber- resten" behielten.") Erst im Jahre 1574 findet sich aufgezeichnet, daß es neun Reliquien waren, was übereinstimmt mit der nun dort befindlichen Anzahl (1 Arm, 1 Beckenbein, 3 Rippen und 4 Rückenbeine). Möglich, daß es ursprünglich mehrere waren, denn am Schlüsse des 15. Jahrhunderts fanden Verhandlungen statt, welche wahrscheinlich zur Folge hatten, daß ein oder das andere Neliquienstück über die Alpen geführt wurde. Im Jahre 1485 wurde nämlich die Grabesruhe gestört, wenn auch blos znr größeren Ehre der Heiligen. Herzog Georg von Bayern, welcher ein eifriger Gönner der Birgittiner war, hatte den Wolfgang Sandizeller") nach Rom geschickt, um von Papst Jnnocenz VIII. zu erwirken, daß das 1480 von den Benediktinerinnen verlassene, später so ruhmreiche Kloster Maria-Altomünster den Birgittinern übergeben werde. Im Zusammenhang damit sollte eine große Generalversammlung des Ordens zur Einigung der in den verschiedenen Ländern verschieden gehandhabten Regel im großen bayerischen Birgittenkloster Gnaden- berg") in der Oberpfalz gehalten werden. Während der Sandizeller zu diesem Zwecke sich in Rom aufhielt, ließ er für die hl. Birgitts die Kapelle bei Sän Lorenzo in Panisperna einrichten, welche noch ihren Namen trägt; es ist dies die zweite „s. lutoro svanAslii" (an der Evangelienseite), d. i. zur Rechten!?! des Hochaltars.") Bei dieser Gelegenheit wurde am 19. Juni 1485 in Gegenwart vieler Zeugen der Sarkophag geöffnet und am 21. desselben Monats wieder geschlossen und unter den Altar der Kapelle gestellt; der Altar wurde am nämlichen Tage von dem Bischöfe Petrus vonNisa feierlich eingeweiht. Das geht aus den beiden Protokollen hervor, welche darüber von dem apostolischen Notare, dem Kanonikus Ermengild Gade, errichtet wurden, welche besagen, daß damals mit den Birgitts-Reliquien zugleich zwei andere, sehr kostbare Reliquien mit hinein- kcin Zufall war. — Neben der Kirche wurde im 9. Jahrhundert ein Benediktiner-Kloster gebaut, welches jedoch im 12. Jahrhundert verlassen wurde, wahrscheinlich wegen Verfalls der Gebäude. Ungefähr 100 Jahre später kam Kloster und Kirche in Besitz der Clarisscr-Nonnen, welche dort wohnten bis 1877, als das Kloster von der Regierung eingezogen und in ein chemisches Institut umgewandelt wurde. ") Lukas Wadding, Xunales LLuorum ack 1318 n 43. ") Cons. Durante hat in seiner Auflage der Ncve- lationen. Rom 1628,11,5 29, ein Fragment einer alten Handschrift abgedruckt, welche im Birgitta-Hospital aufbewahrt wurde und worin der Arm der erhabenere Ueberrest genannt wird. "0 Er wird auch 2oleue8s genannt. Siehe Nettelbla, Nachricht von Birgittincr'KlösLern, Frankfurt 1764, Seite 81 und 88. ") Das war 1487. Zur Generalversammlung kam von Wadstena der Senior Clemens Petci, welcher das Wort führte, und Johannes Matthäi. S. Nettelbla !. e. ,,a latsre LvanZ'slii", nämlich wenn man am Altare sich umdreht und nach rückwärts sieht, also auf der rechten Seite. (Mittheilungen des Herrn Grafen von Sandizell 1895 an Binder.) gelegt wurden, nämlich ein Zahn des Evangelisten Lukas und ein Kinnladenbein des Apostels Philippus.") Aller Wahrscheinlichkeit nach nahm nun der Sandizeller einige Birgitta-Reliquieu mit, denn es ist kaum denkbar, daß er unter solchen Umständen sich nicht einige Andenken an die von ihm so hoch verehrte Heilige ausbednngen hätte, welche er dann dem Kloster Alto- münster übergab, wo er 1517 Mönch wurde und 1525 starb.") Ungefähr 100 Jahre später wurden große Baureparaturen in Sän Lorenzo nothwendig, und diese erstreckten sich auch auf die Birgitta-Kap clle. Während der Arbeiten, welche ungefähr 1574 stattfanden, scheint der Sarkophag geöffnet worden zu sein, und die innere Holzlade, welche zunächst die Reliquien einschloß, wurde weggenommen. Ein am 5. August 1574 von dem Beichtvater der Clarisser-Nonnen, Petrus Hispamus, mit den Franziskanerbrüdern Berna rdin Tiburtinus und Johannes Mariä aufgenommenes Protokoll'') besagt, daß für den Sarkophag eine andere Holzlade angefertigt wurde, welche nenn Reliquien der hl. Birgitts enthält, darunter ein Schulterblatt (acmxnla) sammt Rückenknochen und Rippen. Der Arm wird dabei nicht besonders genannt. Ein Schulterblatt findet man gleichwohl auch nicht. Was so benannt wurde, ist ein Beckenbein, welches später in allen Urkunden seinen unrichtigen Namen beibehielt. Das zeigt von wenig anatomischen Kenntnissen bei den kirchlichen Autoritäten, welche die Reliquien immer als Schulterblatt bezeichnen; aber gleichwohl kann man an der Echtheit der Reliquien nicht zweifeln. Es beweist dies blos, daß die guten Mönche, welche 1574 die Reliquien vor sich hatten, nicht hinreichend kundig waren, den Gebeinen den rechten Namen zu geben, und deren Nachfolger waren ebensowenig gründlich. Es war bei dieser Gelegenheit, daß eine Stefana Savelli, welche Novizin bei den Clarisser-Nonnen war, über den Altar, wie es in den Franziskaner-Annalen") heißt, eine elegante Kapelle ausführen ließ, womit wahrscheinlich ein Lettner gemeint ist, der nun über- ") Das Original dieser auf Pergament geschriebenen Handschriften wurde im großen Archive der Franziskaner auf Xra 6oeli aufbewahrt, welches nun nicht mehr cxistirt. Wie so manch andere Archive in Rom erlitt es zuerst große Verluste in den Revolutionsjahren 1798—99 - was übrig blieb, wurde nach 1870 vom italienischen Staate eingezogen, aber da über zwei Jahre verflossen zwischen der Kundmachung und der Bewerkstelligung der Confiscation, so wurde manches bei Seite geschafft. Die Claris- ser-Nonneu hatten jedoch Abschriften, und von diesen nahm wiederum solche der Beichtvater ?. Andreas di Rocca di Papa. Beim Umzug der Nonnen im Jahre 1877 in ihr neues Kloster au der Piazza Giovanni Lanza kamen deren Papiere in Unordnung, und die älteren Abschriften konnten nicht mehr gefunden werden. Auf eine Vorstellung hin lieh mir U. Andreas sodann die Abschriften, welche jedoch unbeglaubigt sind und nach Abschriften gefertigt, von denen man nicht weiß, ob sie beglaubigt waren.- aber da kein triftiger Grund vorhanden ist, eine Fälschung oder mala lickos anzunehmen, weder bezüglich der ersten noch der zweiten Hand, zweifle ich nicht, daß man auf deren Wahrheit bauen darf. ") Ein Verzeichnis darüber findet man, nach Nettelbla, bei Scheckh's Beschreibung vom Maria-Altomünster, Cap. 14, paZ-. 34. Es ist mir nicht gelungen, diese Arbeit in Rom anszutreiben. ") Hierüber gilt dasselbe, ivas im Vorhergehenden schon über das Protokoll des Hermencgild Gade gesagt wurde. '") Wadding, Lunalss Lliuorum!. o. baut ist. Der Hauptschmuck war eine große Freskomalerei, welche die hl. Birgitt» im Gebete zum Gekreuzigten vorstellt. (Schluß folgt.) Socialistische Theorien des Alterthums. (Fortsetzung.) 6. Der stoische Staat. st'. Inhaltlich noch merkwürdiger, wenngleich der Form nach nicht eben aumuthig, war ein im späteren Alterthum mit Befremden und Staunen betrachtetes Staatsideal, welches ein Schüler der oben genannten chnischen Schule am Ende seiner Lehrjahre entwarf. Es ist dies der „Staat" des nachmaligen Gründers der stoischen Philosophenschnle, des Zenon (um 300 v. Chr. Geburt), eines Halboricntalen. In der Absicht, gewisse Jnconsequenzen der platonischen Staatslehre aufzudecken und das rücksichtslos einfache Staatsidcal der Cyniker zu rechtfertigen, verstieg er sich zu einer Formnlirnng der chnischen Sätze, welche entschieden über das von jener Schule Gewagte hinausgeht. Keinerlei Schranke irgendwelcher Art sollte dem Verkehr der Geschlechter gesetzt sein, die Gleichstellnng von Mann und Weib sich nicht nur auf die Erziehung, sondern auch auf die Kleidung erstrecken und die Erziehung rein ethisch sein; die gewöhnlichen llnterrichts- gcgenstände seien werthlos. Tenipcl, Gerichtsgebände und Turnhallen, welche Platon noch geduldet hatte, seien vollständig überflüssig. Münzen bedürfe der Verkehr weder im Innern, noch nach außen. Denn der richtige Staat sei nicht an die engen Grenzen einzelner Städte und Gaue gebunden. Alle Menschen auf der Erde seien sich Landslente. Eine Lebensweise und eine Sitte solle herrschen in der Heerde, die auf gleicher Weide durch das gemeinsame sittliche Natur- und Weltgesetz genährt werde. Allerdings setzte Zenon dabei voraus, daß sämmtliche Staatsglieder Weise und Gerechte seien, unfähig der Sünde und der Leidenschaft. Denn nur Weise seien wahre Bürger, Freunde, Verwandte und freie Männer. Die Ingredienzien des platonischen socialistischen Gebräues, Frauenemancipation und Brüderlichkeit, sind hier mn drei weitere: Gleichheit, Freiheit und Kosmopolitis- mus (Internationale), vermehrt. Bei Zenon ist das antike Staatsideale, auf die äußerste Spitze getrieben, oder vielmehr in Wahrheit ist das gar kein Staat mehr. Das Individuum in seiner Sclbstherrlichkeit ist unmittelbar dem allgemeinen Gesetze der natürlichen Sittlichkeit Unterthan und bedarf der Vermittlung eines sichtbaren Staates und der besonderen Gesetze nicht mehr. Darin liegt denn auch der Grnndabstand des zenonischen Staates von dem Platons, welcher sich immer noch nicht von der Vorstellung des antiken Einstadtstaates hatte losreißen können und vom Staatszwang noch nachdrücklichen Gebrauch gemacht hatte, welcher das Eigenthum beim Nährstande noch bestehen ließ und das Eiscngeld nicht verschmäht zu haben scheint. Der Socialismus Platons hat sich bei Zenon zur Anarchie verartet. * » -P Wir schließen mit Zenon die Darstellung der antiken Staatstheorien socialistischer Färbung ab, da von da an eine Weiterentwicklung nicht mehr stattfinde* Von Bedeutung für die Würdigung der geschilderten Ansichten ist außer ihrem Inhalte noch die Frage, ob die alten Reformatoren der Gesellschaft ihre Vorschläge praktisch ernst gemeint haben oder ob sie selbst dieselben lediglich als logische Spekulationen ansahen. Darauf ist zu erwidern, daß all die Genannten ihre Sätze für durchführbar hielten, wenn auch nicht in der nächsten, so doch in fernerer Zukunft. Und begründet schien diese Hoffnung durch die Verhältnisse Sparta's, wo Analogien und Ausätze zur Frauen-, Kinder- und Besitzgemeiuschaft vorlagen. Wie Platon, so mag auch Zenon auf diesen Staat hingewiesen haben; denn zwei seiner Schüler schrieben über die lake- daimonische Verfassung. Der erstere war Persaios, der auch das Dogma des Meisters, daß der Weise der beste Feldherr sei, durch die That zu erhärten suchte — freilich mit schlechtem Erfolge! Der andre, Sphairos, setzte sich mit Kleomenes, einem genialen Könige des spartanischen Staates, in Verbindung, um die alte Verfassung, die im Laufe der Zeit Veränderungen erlitten hatte, dort wieder einzuführen, schwerlich ohne Beziehung auf die Theorien des Schulgrnnders. Die sociale Reform, die auch die Erziehung in sich begriff, wäre, nach einem auswärtigen Krieg, nach der Ermordung von vier hohen Beamten (Ephoreu) nnd der Verbannung von 80 Adeligen, thatsächlich vollendet gewesen, wenn nicht fremde Könige neue Verwicklungen und den Tod des Kleomenes herbeigeführt hätten. Der Schwierigkeiten freilich, welche die Einführung seines Staates mit sich brachte, war sich Platon wohl bewußt. Er verhehlt nicht, daß dieser Staat nur mit Gewalt zur Anerkennung zu bringen sei, wie er denn auch vor Todesstrafe, Kindesaussetzung und ähnlichen Mitteln nicht zurückschreckt. Auch eine stoische Stimme läßt sich dahin vernehmen, die Bilder der Schule würden wegen ihrer übergroßen Erhabenheit und Schönheit nur für Dichtungen und Träume gehalten; es sagte dies Chrysippos, der sich den richtigen Staat wenn auch nicht hypercynisch, so doch cynisch vorstellte, in einem Werke, welches über die sociale Wirksamkeit der Gerechtigkeit und deren politische Anwendung handelte. Zenon hat vielleicht feinen Staat auf eine Art Nobinsoninsel verlegt oder an Lagen gedacht, wie die, in welche Sindbad, der Seefahrer, kam; denn schon die Phantasie der Alten nahm seit Homeros gerne ihre Zuflucht zu Inseln (Pamhaia, Atlantis). Zur Beleuchtung der antiken Theorien muß aber — und das übersieht Kantsky» der socialistische Geschichtschreiber derselben, welcher übrigens auch die nachplaton- ischen Staatsideale allzu vornehm beiseite stellt — noch das eine betont werden, daß Platon im reiferen Alter sein Ideal gewaltig herabstimmte und in den Gesetzen Privateigenthum und Ehe zugab, sowie, daß auch Zenon in späteren Jahren seine Ansprüche gemäßigt zu haben scheint, indem er dem Weisen ein gewisses Vermögen zugestand, damit dieser, ohne zur Leidenschaft der Furcht, welche durch die Abhängigkeit erzeugt wird, Anregung zu erhalten, der Tugend nachleben könne. Wenn Zenon und seine treuesten Anhänger, trotzdem sie sonst ihre Maximen möglichst zur Richtschnur für's eigene Leben wählten, Geld von reicheren Schülern nahmen, so thaten sie dies, um ihren Studien leben zu können. Auch hielten sie sich selbst nicht für Weise und meinten, der vollkommene Weise sei ohnehin so selten wie der Vogel Greif. Die späteren Styiker haben, unter dem Eindrucke 103 der römischen Weltauffassung, wohl jenen Schwärmereien ganz Valct gesagt, und die Versuche der Nenphthagorecr und Nenplatoniker, Platons Grundsätze ins Werk zu setzen, können über engere Kreise nicht hinausgcdrnngen sein. So sehen wir denn, daß die alten Socialisten selbst oder ihre Getreuen den socialistischen Theorien ein kleines Mißtrauensvotum ausstellten. Um so mehr erhebt sich ganz natürlich die Frage, wie sich wohl das übrige gebildete Alterthum dazu verhielt. An Kritik hat es nicht gefehlt. Doch sei hier die Polemik späterer Philosophen gegen die stoische Lehre Übergängen, weil die von dieser Seite ausgehende Kritik im ganzen sich auf eine vielfach ungerechte Suche nach Widersprüchen in der stoischen Doktrin beschränkt. Es wird, um die Thatsache zu beweisen, daß auch das Alterthum jene Ansichten nicht widerspruchslos hingenommen hat, wohl genügen, zwei Männer zu hören, welche sachliche Einwendungen vorzubringen wußten. Der eine derselben entstammte demselben Lager, aus welchem Platon hervorging, den Reihen der athenischen Aristokratie. Aristophanes, der Komiker, hat den socialistischen Weiberstaat nur geschildert, um denselben an den Pranger zu stellen. Hatte er schon für luftschloßartige Unternehmungen den Namen „Wölkenkuckucksheim" erfunden, so suchte er in seinem „Weiberlandtag" die Lacher auf die Seite der Autisocialisten zu bringen, indem er den Weiberstaat drastisch an zwei einfachen Schwierigkeiten zu nichte werden läßt. Wie nämlich der Staat im Lustspiel zur Einführung gelangen soll, wird zunächst befohlen, alle Bürger sollten ihre gesammte Habe an Mehlsäcken, Betten, Wasserkrügen, Pomadetöpfen, Kochgeschirren und Dienstboten an den Fiskus ausliefern. Die meisten schleppen in der That, gehorsam dem Gesetze, eifrig alles aus dem Hause. Nur ein einziger verschmitzter Patron hintergeht den Staat und behält das Seine für sich, ist aber, sobald die Bürger- schaft zum Staatsschmause eingeladen wird, der allererste, der zum Festessen eilt, um, wie er sich ausdrückt, „auch sein Theil am Staatsbrei zu erwischen". Ist nun auch dieser Theil der aristophanischen Kritik auf die modernen Socialisten nicht ganz anwendbar, da letztere die Möbel und Geräthe nicht verstaatlichen wollen, so hat doch Aristophanes richtig erkannt, daß die einzelnen Naturen ungleich sind, daß beim allgemeinen Kladderadatsch das Fischen im Trüben nicht ausbleiben könne und daß der egoistische Mensch das Nehmen für seliger hält denn das Geben. Und ebenso nüchtern gedacht ist des Lnstspikldichters zweiter Eiuwnrf. Gleich in das Gesetz von der Fraucngemeinschaft läßt er, damit diese absolut sei, die nähere Vollzugs- beftimmuug aufnehmen: Aus daß nicht die häßlichen und alten Personen von der Vcrbindungscommunität ausgeschlossen würden, müsse sich jeder, der sich mit einer Zungen und Schönen verbinden wolle, zuvor mit allen häßlichen und alten Weibern einlassen, und entsprechend solle es seitens der Frauen geschehen. Das ist, um von der moralischen Qualität des Gesetzes abzusehen, natürlich schon an sich lächerlich. M adsnccknm aber wird das Gebot, dessen Zweck allgemeine Verbrüderung und Liebe im Staate ist, durch seine Folgen geführt: Ein Jüngling, der sein Mädchen liebt und bei der Schönen Gegenliebe findet, wird dem Mädchen von einer Megäre unter Berufung auf das Gcsctz streitig gemacht, und als die spitze Zunge der Jungen endlich doch die wüste Alte zum Rückzug zu bringen scheint, stürzen, von dem Lärm angelockt, zwei andere alte Basen herbei und zerren und reißen an dem armen Jüngling, bis die Junge das Nachsehen hat. So endet denn das Gesetz der allgemeinen Verwandtschaft und Eintracht in eine wilde Rauf- und Schimpfscene, welche der griechische Dichter mit antiker Unverblümtheit und Derbheit wiedergibt. Der traurige Ernst, welcher in diesem Theile des Lustspiels steckt, bedarf keiner näheren Ausdeutung. Viel eingehender als die aristophanische tonnte selbstverständlich eine ernsthafte Kritik ausfallen, die nicht an künstlerische Rücksichten gebunden war. Eine solche haben wir von Aristoteles, dem weitblickenden Schüler Platons. In politischer Beziehung darf er monarchisch gesinnt genannt werden. Sein Auftreten gegen den Lehrer ist jedoch nicht auf die Verschiedenheit der politischen Anschauungen, sondern auf den grundsätzlichen Widerspruch zurückzuführen, in welchem sich die Philosophie beider befand. Platon war Idealist, Aristoteles gemäßigter Empirist. Der Freund der Medizin und sorgsame Naturforscher, der besonnene Kopf und klare, schlichte Denker mußte zu einer wesentlich ander, >. Auffassung des socialen Wesens gelangen, als das poetische Genie Platon. Nicht von der philosophischen Spekulation ging er aus, sondern von einer historisch-kritischen Ucberschau über die thatsächlich verwirklichten Staatsverfassungen. Indem er jedoch auch in seinem Werke über die beste realisirbare Staatsform (nach 336 v. Chr. Geburt) seiner empiristisch vorgehenden Methode getreu die bedeutendsten seiner historischen und literarischen Vorbilder bespricht, wird er zu einer genauen Kritik derselben veranlaßt und gibt auf diesem Wege zugleich eine Kritik der socialistischen Ideen überhaupt. Was er an den Entwürfen des Phaleas und Hippo- damos auszusetzen findet, soll hier nicht wiederholt werden. Der Hauptsache nach vermißt er die Antwort auf die" Frage, wie denn sich die vorgeschlagenen Reformen im einzelnen ausführen und gegenüber etwaigen äußeren Schwierigkeiten festhalten ließen. Zum Theil sind ja die beiden eben erwähnten Männer auch durch die Kritik des platonischen Staates getroffen, und letztere verdient mit den Zügen, welche noch heute beachtenswert!) sind, gekennzeichnet zu werden. Dem Stagiriten gefällt dreierlei nicht an Platons Mnstcrstaat: die Kinder-, die allgemeine Frauen- und die Gütergemeinschaft. Er schickt dagegen eine Reihe von dialektischen und sachlichen Gründen ins Feld. (Schluß folgt.) Recensionen nnv Notizen. Emmerich, Der heilige Kilian. Historisch-kritisch dargestellt. Würzbnrg, Göbel, 1896. M. 1,50. D Der Verfasser har das Quellenmaterial in den Bibliotheken Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz persönlich eingesehen. Die wichtigsten Urkunden sind im ersten Theile der Monographie zum Abdrucke gelangt. Im zweiten Theile verbreitet sich Emmerich über die einzelnen Streitfragen. Die Kritik ist maßvoll, gründlich und praktisch-vernünftig. In überzeugender und, wie uns scheint, nnwid er leg sicher Weise wird die Grundfrage nach der primären und zuverlässigste!, Quelle entschieden: die Uaosio minor erweist sich nach der St. Gallener Handschrift als der ältere und glaubwürdigere Bericht. Die Zweifel, welche die protestantische Forschung an der Romreise Kilrans geäußert, waren leicht zu über- 104 winden. Schwieriger gestaltete sich die Feststellung des Todesjahres, als welches, wohl mit Recht, 689 angenommen wird. Die von einigen mittelalterlichen Schriftstellern vermuthete Mitschuld Gozberts an dem Martyrium Kilians wird als grundlose Conjcctur nachgewiesen. Im Uebrigen wird das Dunkel, welches über der Person des Herzogs und seiner Nachkommen schwebt, nicht leicht gelichtet werden, es müßte denn sein, daß neue Urkunden aufgefunden würden. Emmerichs Schrift ist ein werthvoller Beitrag zur Geschichte Frankens und ist in Folge dessen nicht bloß für die Diöcese Würzburg, sondern auch für die bayerische Geschichtsforschung von hohem Interesse. -r. „Kurze Geschichte des -Ordens von der Heimsuchung Mariens — genannt Salesianer- innen — in Bayern, von seiner ersten Niederlassung in München bis Heute", betitelt sich eine reich illustrirte, bei Pustet in Regensburg gedruckte Jubiläumsgabe, welche ein ehemaliger Zögling der allgeliebten „boims mdro", Maria Salesia Hammel, Oberin in Zangberg, zu ihrem SOjährigen Profeßjubiläum darbietet. Dem reizend ausgestatteten und fließend geschriebenen Büchlein, das wir allen ehemaligen Zöglingen der bayer. Salesianerinnen- klöster wärmstens empfehlen, entnehmen wir Folgendes: Der vom hl. Franz von Sales anno 1610 in Ännecy gegründete Orden ließ sich im Jahre 1667 in München nieder (erste Niederlassung in Deutschland) und bewohnte dort zuletzt das jetzige Damenstift — Amberg und Sulzbach, später säkularisirt, wurden von München aus gegründet. 1783 mußten die Schwestern ihr liebgewonnenes und so segensreich wirkendes Kloster in München verlassen und rnit Jndcrsdorf vertauschen. Daß sie hier in Jiwersdorf trotz aller Schwierigkeiten des Bleibens hatten, verdankten sie hauptsächlich dem thatkräftigen Eintreten der - Kurfürstin Karoline. Im Jahre 1831 siedelten die Schwestern '.nach Dietramszell über^ wo im Jahre 1837 die hochbetagte Oberin, Gräfin von Spreti, starb, die schon in Jndersdorf die Seele der ganzen Klostergemeinde war. Von hier aus wurde im Jahre 1838 Pielenhofen (früher ein Beruhardinerkloster) und anno 1845 Beuerberg (ehemaliges Augustinerkloster) gegründet. Von Beuerberg aus entstanden Niederlassungen in Thurnfeld (1859), in Moselweis (1863), ja sogar in Luxemburg und Böhmen. Pielenhofen sendete Schwestern 1857 nach Westphalen. Im Jahre 1862 endlich wurde das gegenwärtig weitLber die Grenzen Bayerns bekannte Kloster Zangberä gegründet. Das herrliche, auf luftiger Höhe liegende Schloß, welches das ganze Schlachtfeld von Ampfing beherrscht, ursprünglich sehr ruinös, wurde allmälig in besseren Zustand versetzt, mit Anbauten, auch mit einer eigenen, schönen Kirche versehen, mit Gärten und Parkanlagen geichmückt, so daß es nach Wjährigem Bestand nicht blos zu den schönst gelegenen, sondern auch zu den blühendsten Mädchen-Instituten Bayerns, ja Süddeutschlands, gehörte; zu letzterem trug nicht wenig bei der einheitliche Geist, der dieses Kloster seit seinem Bestehen beherrscht; Zangberg kennt bis heute nur eine bouvo wero, nur eine msro äöposss. Mögen diese beiden Damen noch recht lange wirken zur Ehre Gottes, zum Nutzen unserer weiblichen Jugend! — Leo Taxils Palladismus-Roman. Unter dieseni Titel ist soeben im Verlag der Germania (Berlin) der erste Theil eines Werkes von Hildebrand Gerber (?. H. Gruber 8. ll.) erschienen, in welchem der Verfasser es unternimmt, den Schwindel der ganzen Compagnie Dr. Bataille, Leo Taxil, Diana Vaughan, Margiotta usw. klarznlegen und in seinen Einzelheiten zusammenfassend zu verfolgen. Der erste (erschienene) Theil (180 S.) enthält das Vorwort, die orientirenden Vorbemerkungen, die Charakteristik Dr. Batailles, des Werkes I-s äiabls au XIX siäols und dessen Fortsetzung, der Rsvus msllSllsIIö. Der zweite Theil wird Domenico Margiotta und seine „Enthüllungen" in den Werken Xclriano I-smirn und I-s kallaäiswe, der d ritte Theil „Miß Diana Vaughan" und ihre „Enthüllungen" im „kallackium", in den ,,M- moiros ck'nno üx-l's.UguIists" und in „I-s 38: Orispl" behandeln. Jetzt, nach der glücklichen Entlarvung des Schwindels, und da die antifreimaurerische Bewegung in , Folge des Trienter Congresses in eine neue Phase einzu- i treten im Begriffe steht, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die ganze Angelegenheit in allen einschlägigen Punkten gründlich und actenmäßig aufzuklären. Dies geschieht in dem angekündigten neuen Werke. Hildebrand Gerber (H. Grnber 8. ,1.) war zur Lösung dieser Aufgabe besonders berufen. Hatte er doch den Feldzug der katholischen Presse, welcher nun mit der völligen Entlarvung der Schwindler geendet hat, (durch die Artikel voni 15. und 25. August der Köln. Volkszeitung und vom 22. August der Germania) eröffnet. Soweit aus Publicationen oder sonstigen öffentlichen Kundgebungen, auch von freimaurerischer Seite, bekannt geworden ist, dürfte sich unter den auf demselben Gebiete schriftstellerisch thätigen Katholiken und selbst Nicht-Katholiken Niemand finden, der ihm an Kenntniß der einschlägigen Literatur, namentlich auch der freimaurerischen, und an Sicherheit des Urtheils über die einschlägigen Thatsachen gleichkäme. (Preis des ersten Theiles: M. 1,60.) I^vu^s kisrrs, ^pbroäits: Llosurs aatiguss. All. illustres par D. Oalbst, 12° pp. 392. Uaris, Bors!, 1896. IÜ-. 3,80. ^ In letzterer Zeit hat kein anderes Buch in Frankreich einen so reißenden Absatz gefunden: in wenigen Wochen waren 70,000 Exemplare in 50 Austagen der gewöhnlichen Ausgabe verkauft; jetzt erschien der Roman auch in der OoUsotion Läouarä Ouillsams „Xxwpbös" mit Bildern: eine ungarische Uebersetzung von Göza Rüzsa (Pest, Sachs u. Pollak. st. 1,50), sowie eme deutsche (Pest, Grimm, st. 2,50) haben soeben die Presse verlassen. Warum verzeichnen wir diese Thatsachen? Nicht, weil das Buch einen Werth hätte, sondern nur, um zu beweisen, daß die Größe des Erfolges immer von der Größe der Schweinerei abhängt, in der die Literaten des modernen Frankreich mit einander wetteifern. Das Geschreibe des neuesten Schlammwälzers aus der Heerde Epikurs ist das zünftigste Bordell-Opus, das unter dem Vorwand, den „Cult der nackten Schönheit" im Gegensatz zum prüden Christenthum wieder mehr zu Ehren zu bringen, einfach die vollste sinnliche Ungebundenheit in der schamlosesten Weise predigt. Wenn es so fort geht, wird Zola bald zu den anständigsten Schriftstellern gehören. Daß die Bilder der illnstrirten Ausgabe, die jetzt an allen Schaufenstern Münchens prangt (und allerdings, was Schönheit des Druckes und der Ausstattung anlangt, höchste Eleganz zeigt, und eines besseren Inhaltes würdig wäre), an Unfläthigkeit dem Texte in nichts nachstehen, ist klar. Die Sittenpolizei, die oft viel harmlosere Dinge aufgreift, dürfte sich doch fragen, ob derartige literarische Novitäten nicht schon zur „Pornographie" gehören: wir wüßten nicht, wie man an Un- zweidentigkeit noch mehr leisten könnte. Doch genug davon! Nur eines noch: das ist die Literatur, die unsere „gebildete Welt" verschlingt und mit der sich die Verfasser mühelos den Geldsack füllen, während der wahre Liebling ernster Muse oft genug sich die Füße »lach einem Verleger vergeblich wund läuft und verhungert. Die katholischen Missionen. Illustrirte Monatschrift. Jahrgang 1897. 12 Nummern. Mk. 4,—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlnng. Inhalt von Nr. 3: Die Missionen der „Weißen Väter" in Deutsch-Ost-Afrika. — Tinos, die Perle der Cykladen. — Die Krisis im Maschonaland. — Nachrichten aus den Missionen: Asiatische Türkei (Lage in Armenien); Japan (Statistik): China (Fortschritte m der Ost-Mongolei); Philippinen (Mission auf Mindanao); Acgypten (Neue koptische Diöcese): Abessinien (DerFriede); West-Äfrika (Kamerun): Siio-Amerika (Süd-Patagonien); Oceanien (Neu-Pommern); Aus verschiedenen Missionen. — Beilage für die Jugend: Sidya, der treue Sohn. (Forts.) — Diese Nummer enthält 9 Illustrationen und eine Kartenskizze. Berichtigung. In dem Artikel „Stilla von Abenberg" ist in Beilage Nr. 12 statt „Agnes Ceslinger" zu lesen „Agnes Aislinger". Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. 15. Willige zm Dgskürger Weitung." März 1897. Zur „kMsoÄntkroxus 6i'6vtii8"-Frage. Bon Stadtkaplan Joh. Bumüller in Neuburga. D. (Schluß.) 8. Oberschenkelknochen. Die Abweichungen vom normalen Typus, welche dieser Oberschenkelknochen zeigt, sind schon in meinem anfangs erwähnten Artikel näher beschrieben worden. Wir können uns hier daher kurz fassen. Pros. Turner erklärt die Abweichungen als menschliche Abnormitäten, denen man in umfangreichen Skelcttsammlungen oft genug und leicht begegnen kann. Auch nach Manouvrier sind diese Abweichungen bei menschlichen Uanora, nachzuweisen. Martin ferner hat alle Unterschiede an dem Material der Züricher Sammlungen als beim Menschen vorhanden nachgewiesen. Nach Krause und Waldcyer ist dieses Stück gleichfalls menschlichen Ursprungs. Virchow dagegen weist auf die gestreckte Form des Diaphyse hin, wodurch er sich dem kainur des Gibbon nähere, welches er allerdings an Größe bedeutend übertreffe. Wegen dieser gestreckten Gestalt könnte es sich auch um eine riesige Gibbonart handeln. Nach Martin ist die sogenannte Torsion des Knochens d. h. der Winkel, welchen die Halsaxe mit der Drehaxe der Kondylen bildet, nach der Dnbois'schcn Abbildung der für den Europäer mittleren entsprechend. Beim H^Ioliar68 ozmäaerzstus ist ein solcher Winkel entweder gar nicht vorhanden oder wenigstens nur ganz gering. Nach Turner ist die Konvexität der poplitealen Fläche, auf die Dnbois soviel Gewicht legt, durch pathologische Knochenncnbildnngen entstanden. Nach ihm gehört der Knochen sicherlich keiner Gibbonart an. Nach Professor Thann läßt sich aus dem ganz menschlich gebildeten komnr schließen, daß der einstmalige glückliche Besitzer auf gestreckten Knieen gestanden. 6. Backenzähne. Turner bält den zuerst gefundenen Zahn für den eines großen Orang, Martin hält ihn für einen menschlichen. Nach Krause ist er ohne allen Zweifel ein Affen- baücnzahn. Virchow und Waldeyer geben vorerst kein Urtheil ab. Später hat Dnbois noch einen zweiten Backenzahn vorgelegt, der nachträglich in der Nähe des früheren gefunden wurde. Beide werden nun auf dem zoologischen Congreß zu Leyden von Virchow und andern Sachverständigen für Affenzähne gehalten. Nach I)r. Garson dagegen überschreitet die Größe des letzten Molars nicht die anderer menschlicher Molare (Australier). Nach Professor Thomson spricht nichts gegen die Möglichkeit, daß die Zähne menschlich seien. Nach Professor Thann sind die Zähne zwar sehr groß, die Wurzeln stark auseinander gespreizt, doch haben sie wesentlich den menschlichen Typus. Diese so widersprechenden, theilweise un- präcisen Urtheile zeigen, daß die anthropologische Wissenschaft in pnnccko „Vergleichende Anatomie der anthropoiden und menschlichen Zähne" noch nicht vollkommen gerüstet ist. - Die Ansichten der fachmännischen Autoritäten über den kittzsoantüropus srecwus gehen also, und zwar in direkt widersprechender Weise, auseinander. Daraus darf aber nicht geschlossen werden: ergo hat der Javaschädel beiderseitige Eigenschaften; ergo ist er eine wirkliche Uebergangsform zwischen Mensch und Affe. Eine solche Argumentation, wie sie auch von Dnbois in ähnlicher Weise verwerthet wurde, ist ein dialektisch-sophistischer Kniff. Denn die Meinungsverschiedenheiten gründen — abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Einfluß der grundsätzlichen Ansichten der Forscher über Entwickelung und deren Grenzen — vor allem darauf, daß unsere Erfahrung über die Abnormitäten des menschlichen Schädels und die Ursachen derselben und deren systematische Zusammenstellung und Bearbeitung noch eine lückenhafte ist, daß ferner die Neste des kitstooanistropus sehr dürftige sind; wäre der ganze Schädel vorhanden, so wäre die Frage zweifellos leicht zu lösen. Endlich darf immer wieder nicht vergessen werden, daß die Entfernung von 15 m, in welcher Schädeldach und kommr gefunden wurden, die Zusammengehörigkeit zwar nicht ausschlaggebend verneinen, aber ebensowenig beweisen, so wahrscheinlich sie auch sein mag. Auch die Zusammengehörigkeit der beiden Backenzähne unter sich und zum Schädel ist noch nicht über jeden Zweifel erhaben. Zum Schluß noch die Frage, welcher der obigen Ansichten der Vorzug zu geben ist. Stellen wir kurz die einzelnen Ergebnisse zusammen. Aus der Niedrigkeit des Schädels läßt sich weder für noch gegen die menschliche Eigenschaft des Schädels etwas Sicheres vorbringen. Die Abflachnng der Stirn und das Fehlen der Stirnhöcker erinnert sehr an einen Affenschädel, ist aber auch bei einem Mikrokephalen menschlichen Schädel nachgewiesen. Die Schädelkapazität ist eine entschieden menschliche und für einen Affen nach bisheriger Erfahrung um mindestcns 400 oom zu groß. Die Knochenkämme, welche bei einem so riesigen Affen kaum fehlen könnten, fehlen gänzlich. Die Abschnürnng des Orbitaltheilcs ist im allgemeinen äffisch, kommt aber nachgewiesener Maßen auch beim Menschen vor. Die Augenbrauenbogen sind schwächer ausgebildet als beim Schimpansen. Der Abstand der Schläfenlinie von der Pfeilnaht ist menschlich. Die oben 8ub L 4) näher bezeichnete Schläfengegend ist menschlich und nicht äffisch. In den Hauptmerkmalen, Kapazität und Knochen- kämme, ist also der Schädel entschieden menschlich, er besitzt aber auch Eigenschaften, welche an den Affenschädel erinnern und immerhin verdächtig sind. Da sich aber dieselben theils durch Mikrokephalie, theils durch eine niedriger und roher Cultnrform entsprechende Lebensweise erklären lassen, so läßt sich sagen: Der Schädel gehört höchst wahrscheinlich einem Mikrokephalen oder auf roher Culturstufe lebenden menschlichen Individuum an, ohne daß nach dem jetzigen Stand der Untersuchung die Auffassung als Gibbonschädel gänzlich außer Betracht, wenn auch außerhalb der Wahrscheinlichkeit liegt. Beim Oberschenkel gibt es noch viel weniger, wohl keinen einzigen stichhaltigen Grund, an der Zugehörigkeit zu einem menschlichen Skelett zu zweifeln (vergl. den erwähnten Artikel in der „Beilage zur Augsburger Postzeitung" 1895, 38—85). Bei den Zähnen besitzt die menschliche Zugehörigkeit gleichfalls sehr viel Wahr- scheinlicheit, obwohl gerade bei diesen bisher am wenigsten ein ausschlaggebender Beweis für oder gegen dieselbe erbracht worden ist. Daß die Anhänger des Ultradarwinismus unter diesen Umständen die Hoffnung nicht aufgeben wollen, der Uitiicwantiiropus oracwus möchte sich doch noch als wahre Uebergangsform vom Affen zum Menschen entpuppen, ist von ihrem Standpunkte aus er- 106 kkärlkch; dagegen ist ihre Behauptung, daß in demselben die ersehnte Uebergaugsform faktisch gefunden sei, als unbegründet und unwissenschaftlich zurückzuweisen, wie sich aus dem Obigen klar ergibt. Ob in der „üfttiioo rrntstroxug ersetmo"-Frage überhaupt je ein definitives Urtheil, das absolut über jeden Zweifel erhaben ist, gefällt werden kann, läßt sich mit Sicherheit nicht voraussehen. Vielleicht kommen auf Java noch mehrere zugehörige Mundstücke zu Tage. Werden die in Frage stehenden Skclettreste als menschliche aufgefaßt, so besteht allerdings die Schwierigkeit, daß wir es in diesem Falle vielleicht mit einem tertiären Menschen zu thun hätten, dessen Existenz zwar schon vielfach behauptet wurde, sich aber nie beweisen ließ. Allein erstens ist es nach Jäckel noch »verwiesen, ob der Fund dem jüngsten Tertiär oder dem ältesten Qnartär angehört. Dann steht auch die Frage noch offen, ob wohl auf Java, also circa 7—8" vorn Acgnator entfernt in maritimem Klima, die Eiszeit ganz zur gleichen. Zeit wie auf den nördlich gelegenen Continenten eingesetzt hat oder ob nicht der dortige Ausgang des Tertiär zeitlich zusammenfällt mit unserer ersten Epoche der Eiszeit resp. ob sich die tertiäre Fauna dort unter, günstigeren Bedingungen nicht länger erhalten hat. Im übrigen ist es kein Dogma, daß es einen tertiären Menschen unter allen Umständen nicht geben dürfe, wiewohl man in dieser Beziehung nach bisherigen Erfahrungen nicht vorsichtig genug sein kann. Sei dem allem, wie ihm wolle, eines rathen wir den verehrten Lesern der Pestzeitnng an. Lasse sich jeder noch zur rechten Zeit eine auf Erz eingcgrabene fachmännische und notariell beglaubigte Beurkundung darüber ausstellen, daß er wirklich und ohne Zweifel ein wirklicher und normaler Mensch ist und keine Uebergangs- form zum Geschlechte der Affen, darstellt. Lasse er sich diese Urkunde dann mit ins Grab geben, sonst könnte es ihm in einigen Jahrhunderten oder Jahrtausenden, wenn einmal ein glücklicher Forscher seine alten Knochen ans- gräbt, leicht passiren, daß er ebenso despektirlich behandelt wird, wie das „betrübte Beingcriist von schon so manchem alten Sünder" und wie neuesten? der kitstacoiikl'ri'pn« ereotiw selig — denn vor dem Fortschritte der Wissenschaft ist heutzutage nichts mehr sicher. Socialistische Theorien des Alierthnmö. (Schlich-.) tk. Platon habe, so meint Aristoteles, mit stimm Vorschlage offenbar die größtmögliche Einheit des Stau unbeabsichtigt. Wäre dieser Wunsch bcrcchr.'gt, so nw.Ve man, immer weitergeb..nd, den Staat tu eine Familie und schließlich die Familie in einen Einzelnen m r.. m: u in. Aber dann sei kein Staat mehr da. Auch sei dabei vorausgesetzt, daß alle Tbeile des Sl. ates von mein er Art seien. Alle zugleich tonnten nicht herrschen; ein abwechselndes Herrschen aber müßte nach Plmons eigenen Grundsätzen, die nicht wollten, daß Schuster und Zimmermann sich etwa gegenseitig in ihren Verrichtungen ablösten, schlechter sein, als die ständige Herrschaft eines Einzigen. Der Staat müsse gerade auf die Vielheit, auf die Menge eingerichtet sein. Platon habe als Ideal der Einbeit bezeichnet, daß alle Bürger zusammen dieselben Objekte „mein" und „nicht-mein" nennen könnten. Bei Weiber-, Kinder- und Gütergemeinschaft dürfe aber niemals ein Einzelner sagen: „Das ist mein Kind, mein Weib, mein Eigenthum," sondern nur alle vereint dürften sagen: „Das sind unsre Frauen, unsre Kinder, das ist unser Eigenthum". Sehr fein ist folgende Bemerkung des Aristoteles: Je mehr eine Sache vielen gemeinsam gehörte, desto weniger werde für dieselbe gesorgt. Jeder denke, ein anderer kümmere sich darum, gerade wie auch im Hauswesen eine zahlreiche Dienerschaft ihren Dienst oft schlechter versehe, als eine solche, die aus weniger Köpfen bestünde. Bei der Kindergemeinschaft bekomme zwar jeder Bürger an die tausend Söhne; diese gehören jedoch zu gleicher Zeit allen andern Bürgern, so daß der Einzelne bei etwa 500 Bürgern nur den öOOsten Theil des Interesses für die Kinder haben würde, welches er sonst für seine ihm allein eignenden Kinder aufwenden würde. Es sei fürwahr besser der natürliche Vetter zu jemand zu sein, als so ein Allerweltssohn. Ferner werde es trotz dem, was Platon dagegen vorschreibt, nicht zu vermeiden sein, daß manche Personen doch ihre wirklichen Brüder, Väter, Mütter und Kinder in Folge der Aehnlichkeit errathen. . Daher bestünde. — hier verwerthet Aristoteles seine Vorstudien — bei einigen Völkern Nordafrikas thatsächlich Wcibergemeinschaft, aber die Kinder würden nach der Aehnlichkeit unter die Bäte»- vertheilt. Und wenn sich Eltern und Kinder nicht erkennen, so würden Äißhandlnngcn, Todtschlag, Schimpfreden zwischen natürlichen Eltern und Kindern nicht leicht zu vermeiden sein, und dies sei unter allen Umständen verwerflicher, als wenn solches unter Leuten vorkäme, die sich ferner stünden. Die allgemeine Liebe und Zunngnng, welche durch die Kindergemeinschaft erreicht werden solle, werde nicht erzielt. Wenig Süßigkeit würde in viel Wasser gemischt werden, so daß man das Tröpfchen Liebe für alle Kinder nicht heransschmccke. Außer durch Dinge, welche man sein Eigen nenne, werde Sorgfalt und Liebe auch noch durch Dinge geweckt, auf die sich die Sehnsucht richten könne. Anf Rcichskinder ober verwende man j keine Sehnsucht. Und da das Gleiche von der Francn- t gcmeinschaft gelte, würde durch beide Einrichtungen nur ! das erreicht werden, daß die gegenseitige Liebe unter den ^ Menschen kälter werde. ! Von der Gütergemeinschaft im besondern lasse sich s stcstn: Wenn alle StaaGEmger für sich arbeiten müssen, ' w-'r-sen die Besstverhaltuisse schwierig. Denn nickn alle s g.. iest.ai, nicick alle arbeiten gleich viel; das führe zu j Uuzustieden'-eit bei denen, welche weniger genießen und i mepr arbeiten. Wieviel Unanncbmlichkeiten die Gemein- schaftlichstit im Gefolge habe, könne man bei Reisegesellschaften sehen, die sich über Kleinigkeiten und gewöhnliche Dinge am ersten in die Haare gerathen. Die Diener, welche in der Regel um uns seien, ärgerten uns mehr als andere, mit welchen wir seltener zu thun haben. Der Genuß einer Sache werde durch den Eigen- bcsitz derselben erhöht. Denn die Selbstliebe sei natürlich, unnatürlich nur die Selbstsucht, die sich selbst über Gebühr liebe. Ein hoher Reiz liege auch darin, mit seinem Eigenthnme den Verwandten» Freunden und Bekannten sich gefällig erweisen zu können; das falle beim Com- munismus weg. Ebenso seien zwei Tugenden bei Frauen- und Gütergemeinschaft nicht weiter möglich, die Enthaltsamkeit und 107 die Freigebigkeit, und die Tugend sei doch das Ziel des platonischen Staates. Wenn man sage, an den vielen Prozessen, an den Meineidsnntcrsnchungen, an den Kriechereien gegenüber den Reichen sei nur der Mangel der Vermögensgemein- schaft schuld, so sei das unrichtig. Die sittliche Verdorbenheit sei vielmehr die Ursache. Gerade Leute, welche ein Objekt gemeinsam besitzen und benutzen, kämen darüber leichter mit einander in Streit, als andre wegen ihres Privatcigenthums; wäre die Gütergemeinschaft nicht noch so selten, so würde sich das mit den Händen greifen lassen. Endlich sei es ungerecht, die Uebel aufzuzählen, von denen uns die Gütergemeinschaft befreien würde, von dem Schönen aber zu schweigen» dessen sie uns berauben würde. Denn der Mangel dieser Schönheit würde das Leben geradezu unerträglich machen. Einen Staat in einen förmlichen Einheitsstaat verwandeln, hieße ein schönes Mnsiksrück in ein monotones Ticktack umsetzen. Zum Schluß gibt Aristoteles noch seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die versuchsweise praktische Einführung eines platonischen Mnsterstaates nur wieder Ein- tbeilungen und Absonderungen verschiedener Thätigkeitszweige zeitigen könne. Mit dieser Wiedergabe der aristotelischen Gründe gegen die größte socialistische Theorie des Alterthums möge unser Ueberblick abschließen! Der Vergleich mit den modernen socialistischen und anarchistischen Schriftstellern drängt sich mehr als einmal auf. Doch wir geben Kautsky darin Recht, daß die Geschichtschreibung fast eher die Pflicht hat, auf die bedeutenden Verschiedenheiten hinzuweisen, die zwischen antikem und modernem Socialismus bestehen. Zunächst ist der philosophische Standpunkt durchaus entgegengesetzt. Nicht von der Entwicklungstheorie gehen Ptaton und Zenon aus, sond rn von einer sehr idealen Vorstelln-g über die persönliche Würde des Menschen. In der Tugend wird das höchste Ziel und die erste Norm des staatl-ch.-n und gesellschaftlichen Lebens, in der sre.gcwolsten B .Nötigung derselben der Vorzug des ver- nnnstbcgab en Menscpen vor dem vernnnftlosen Thiere «rblic t. Ebu so d icken die alten Socialisten ganz anders als die lernen über. den Werth der Religion. Jenen iic Re igion nicht Privat-, sondern heilige Herzenssache für alle. Gotteslästerung belegt Platon mit schwerer Strafe und möchte am liebsten alle Dichter aus seinem Zuknn'"tsstnate verbannen, da diese falsche und niedrige Vorstelln: gen über die Götter zu verbreiten geeignet waren. Wenn Zenon aber keine Teinpck wollte, so fügte er als Panrheist bei, die Hand eines schlichten Handwerkers sei nicht im Stande, dem höchsten Wesen ein würdiges Heim zu bauen, das Kämmerlein des Herzens sei der geeignetere Ort zur Verehrung; und Gottes Gebot solle der Einzelne immer und allezeit befolgen. Die Erziehung hat nach beiden als erste Aufgabe die Heranbildung der Kinder zur Tugend und Gottesfurcht. Endlich sind auch die geschichtlichen Vorbedingungen wesentlich andere. Der moderne Socialismus knüpft au den alten an. Er ist kein natürliches, selbstgewordenes Produkt der mitwirkenden Faktoren; er hat etwas Künstliches in seiner Entstehung. Der antike geht, wie wir sahen, in seiner Entwicklung stnfenmäßig vorwärts. Die Thatsache des Christenthums hat eine vollkommen veränderte Lage auf allen Gebieten geschaffen und beherrscht selbst diejenigen, welche sich von ihm abwenden. Und die Erfahrung der Menschheit wie der Wissenschaft ist im Laufe der Zeit eine unendlich größere und tiefere geworden. Vergegenwärtigt man sich diese drei Punkte bei der Verglcichnng, so werden einerseits die Vorzüge des modernen Socialismus begreiflich und andererseits gewisse Eigenschaften desselben nicht eben im günstigsten Lichte erscheinen. So sind die heutigen Socialisten für die Lage d^ unteren Stände viel feinfühliger als Platon, der seinen Nährstand als Aristokrat ziemlich von oben herab anschaut und die Armen geringschätzig behandelt. Aber Platon hatte, wie Kautsky (S. 8) gut bemerkt, eben ein anderes Proletariat vor sich, als wir. Das alte Proletariat d. h. die besitzlosen Freien „lebten von der Gesellschaft, während der moderne Proletarier" doch auch „für die Gesellschaft lebt und arbeitet", und das Christenthum hat unsre Nerven für die Leiden der Nächsten sensibler gemacht. Sklaven im antiken Sinne, welche rechtlich nicht als Menschen betrachtet werden, sondern mit Leib und Leben als Waare der Willkür - des Herrn überantwortet sind, haben wir nicht mehr. Es wird nicht unrichtig sein, zu behaupten, daß dieser Umschwung dem Christenthum zu verdanken ist und daß das Christenthum fortwährend an der Beseitigung derartiger Zustände arbeitet. Aber man wird auch bezweifeln müssen, ob Platon, wenn er auf die große Masse der Sklaven, welche damals etwa drei- oder viermal so groß war als die übrige Bevölkerung, hätte Nist.ficht nehmen müssen, seine Znkunftspläne wirklich in dem Maße socialistisch gestaltet hätte, wie er es getban hat; denn er ist ja, wie gezeigt, kein vollkommener Socialist und will keine Verm iignng der Arbeitsgebiete. Eine weitere Schwierigkeit, durch welche wohl der heutige, nicht aber der platonische Socialstaat gefährdet wird, ist der große Umfang der jetzigen Staaten. Platon hatte es mit kleineren Städten zu thun, die ohnehin seit Alters sich an rapide Verfassungsänderungen gewöhnt haben konnten und zum Theile demokratisch oder zeitweise gar ochlokratisch regiert wurden. Jedenfalls wird sich bei solcher Verschiedenheit der zn Grunde liegenden Verhältnisse die"Autorität und das Vorbild Platons nicht zu Gunsten des socialistischen Gedankens verwerthen lassen. Mit Zenon verglichen, denkt der moderne Socialist gewiß viel praktischer; er hat aus Geschichte und Wissenschaft etwas gelernt. Aber Zenon geht doch nicht so weit, daß er Freiheit und Gleichheit aller Menschen mit dem Gedanken eines Staatszwangs für vereinbar hält; er läßt, um die Sklaven zu befreien, nm den Kosmopolitismus durchzuführen, um die Frau dem Manne gleichberechtigt zn machen» lieber jedes Staatsband fallen und setzt Religion und allgemeine Sittlichkeit und Tugend- liebe an die Stelle. Angesichts derartiger Unterschiede und angesichts der Thatsache, daß das Alterthum bei vielfach günstigeren Verhältnissen die socialistischen Ideen nicht verwirklichte, daß trotz dem Fortbestehen dieser Ideen die Jahrtausende denselben nicht zn einigermaßen dauerndem Leben verhalten, kann eine Beschäftigung mit den socialen Theorien des Alterthums nicht angethan sein, uns für die der Neuzeit zu erwärmen. Möge es dem Christenthum gelingen, dem, was gut und brauchbar ist am socialen SiamSgedmckeu, immer weitere Einführung in das öffentliche Leben zn verschaffen! Necensivueri lind Notizen. Moraltheologie. Von Dr. Fr. A. Göpfert, Professor au der Universität Würzburg. 1. Bö. Gr.8". S.XII, 512. Paderborn 1807, Schöningh. Preis: gebt». 5 M. 20 Pf., ungebd. 4 M. chj: Von den theologischen Lehr- und Handbüchern der „Wissenschaftlichen Handbibliothek" des rührigen Sch''mi»gb'sci>en Verlages in Paderborn, Westfalen, liegt je ich auch die „Moraltheologie" im ersten Bande vor. Sie stellt sny den bereits vorhandenen trefflichen Moralmerken würdig zur Seite. Des fleißigen Verfassers Bestreben ist es, neben theoretischer Bestimmtheit und Klarheit der Begriffe und Sähe auch deren praktische Anwendung auf die verschiedensten Verhältnisse möglichst eingehend zu zeigen. Der I. allgemeine Theil behandelt die allgemeinen Principien des sittlichen Handelns: und zwar: I. Buch: die von Gott gesetzten Bedingungen des sittlichen Handelns (Gesetz, Willensfreiheit, Gewissen); I. Buch: die freie Selbstbelhätigung des Menschen in ihren allgemeinen Beziehungen znr sittlichen Ordnung (sittlicher Charakter der Handlungen, Sünden und Tugenden im Allgemeinen). Der II. besondere Theil bringt die Verwirklichung des christlich-sittlichen Lebens. Das I. Buch bespricht die Tugenden und Pflichten des sittlichen Lebens zunächst in ihrer Richtung aus Gott (theologische Tugenden und Tugend der Religion nebst ihren Gegensätzen). Mit diesem I. Abschnitt schließt der vorliegende erste Band. Der Verfasser glaubt, der allgemeinen Moral eine größere Aufmerksamkeit zugewendet zu haben, als dies sonst zu geschehen pflegt, einmal, weil von einem richtigen Verständniß«: der allgemeinen Begriffe und Gesetze das Verständniß der besonderen Moral bedingt ist, und dann auch, weil erfahrungsgemäß das Studium der Ethik an den Universitäten stark vernachlässigt wird. Unseres Trachtens wäre dies durchaus gründlicher und zugleich wissenschaftlicher geschehen durch engen Anschluß an die IL IlLL der Sunnua Ibsol. des hl. Thomas von Aquin. Vor dessen System treten, wie Pruuer (Moraltheol. 2. Aufl. Eml. S. 12) treffend sagt, alle ihm vorhergehenden und nachfolgenden Bearbeitungen der Moral zurück, gleichwie der Glanz der Sterne erbleicht vor der alles überstrahlenden Sonne. Aus diesen engen Anschluß an St. Thomas auch in der Moral wiesen wiederholt nicht etwa blos die sogenannten Thomistcn hin, sondern mich Männer wie Scherben, Kleutgeu, die Herausgeber der „Civilta cattolica" zu ^lorenz. Dieser Anschluß entspricht auch durchaus dem Lunich und Willen der Päpste. Alexander VII. befahl eni Generalcapitel des Dominikanerordens im Jahre 1655, s solle allen Theologen des Ordens vorschreiben: ut uimis animnsa sxtrinssearmn probabililatuin suüraZsta vvitont otsanas^cnKolioiUraoooptorisäovtrinao in oinuibus, praosortiin in moralibus, nbi pros- sins llo salnts ot inllsinnitato anirnaruin »Altar, allbaorsro sataZant. Der hl. Alphons von Liguori selber rühmt sich in seinen Schriften öfter, der Leyre des Engels der Schule gefolgt zu sein St. Thomas bietet daher den sichern Schlüssel zum vollen Verständnisse der Lehre des hl. Alphons, freilich nicht mit abgerissenen Stellen, sondern mit seiner ganzen, zusammenhängenden und streng systematischen Lehre. Mit dieser w..,üen auch am schnellsten die Streitigkeiten über Pro- babilismus und Aegniprobabilismus beendet werden. Zu dem Eirde verweisen wir auf den Artikel: „Die Principien der Moraltheotogie nach St. Thomas von Aquin" in Commer's „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie" (Paderborn, Schöningh) 4. und 5. Band; Schneider, Wissen Gottes (Regensburg, Manz) 4. Band S. 449 sf. 16. Cap.: Uebersetzung der Summa, 5. Band S. 280 ff. Der hl. Alphons von Liguori und die Moral- principien des hl. Thomas": 6. Bd. S. 554 ff. (Schluß): „Divus Iboinas", Vol. VI, 4ni. XVII, paA. 60 sqq., 129 sgg-i „Oö Oonaino 8z-stoinats 8t. Xlpbonsi Doolosiao vootoris". Schwerlich dürfte wohl die probabilistische Auffassung der Beziehung des Gesetzes zur Freiheit der Lehre des hl. Thomas, sowie der Anschauung des Heiligen Vaters Papst Leo's XIII., ausgedrückt in seinem Rundschreiben „Illbortas" vom 20. Juni 1838, entsprechen. Sie entspricht vielmehr in der Dogmatik der molinistischen Ansicht vom Verhältnisse der Gnade zur Freiheit. „I-onAoost a vvritato alionum", sagtPapstLeoXlll. a. O., „intorvonionts Doo minus esso liboros motus volnntarios: nain intim a in bvmino ot oum naturali xro- psnsiono oouArusns ost llivinas vis Aratiao, guia ab ipso ot aniini ot volnntatis nostras auotoro mannt, a guo ros omnos oonvoniontor naturao snao moventur. Immo Aratia llivina, nt monot iVnKslieus Ooetor, ob bano oausam quoll a naturao opiüos proüoisoitur, mirs nata atqus apta ost all tuenäas qaasquo naturas, oonsor- vanäosguo moros, vim, süleiontiain sinZularum." St. Thomas drückt seine diesbezügliche Lehre kurz und bündig und unwiderlcglich aus im 113. Kapitel des 3. Buches seiner Summa contra Oontilos (vgl. auch die folgenden Kapitel über das Gesetz). Siehe dazu Commer's Jahrbuch. X. Bd. S. 217 ff. VI. „Die Gnade im Allgemeinen : S. 337 ff. VII. „Die Gnade und die Freiheit". Zu bedauern ist die gar kurze Behandlung der Leidenschaften. St. Thomas bespricht dieselben eingehend Und wohl mir Recht; denn um die Leitung dieses sinnlichen Theiles dreht sich die ganze Moral. Kirchliches Ansehen genießen die hh. Väter und Kirchenlehrer und dürfte bei den neueren Autoren (siehe Einl. S. 5 ff.) wohl stark zu beanstanden sein; bei ihnen gilt nur wissenschaftliches Ansehen. Zu S. 48. 2. 4 ist zu bemerken, daß St. Thomas unter ,,1sx Humana« nicht die kirchlichen Gesetze begreift. Vom Kirchengesetz handelt er unter »lox Nova" I, II q. 106 sgo.; vgl. genanntes Jahrbuch, XI. Bd. S. 197 ff. VIII. „Die Kirche und die Freiheit" insbesondere S. 209 ff. 2. „Die Kirche und der freie Wille." Die gemachten Bemerkungen sollen nicht den Werth des Buches herabmindern, vielmehr zur Vervollkommnung desselben bei baldiger Neuauflage beitragen. Die angeführte Literatur vermag dies noch besser. Dem eifrigen Verfasser ist sicherlich mit rein sachlichen Bemerkungen mehr gedient als mit Lobeserhebungen u. dgl. Der soliden Verlagshandlung macht auch der vorliegende, stattliche Band alle Ehre. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 3. Heftes 1897: Bibel und Wissenschaft. — Leichenbeerdigung oder Leichenverbrennung? — Der letzte Babenberger und die Kirche von Passau. — Die Predigten der Charwoche. — Testament eines erfahrenen Seelsorgers. — Zeitgemäße Ausführungen zum Rundschreiben der 8. 0. Lpp. ot UsA. über die moderne Predigtweise. — Studentenseelsorge besonders während der Ferien. — Der Blumenschmuck des Friedhofes. — Aussegnung der unehelichen Kinder vom Haiy e aus. — Eine kleine Plauderei über pädagogische Conferenzen. — Zeitgemäße Leitung des Fainilienvereins. — Nutzungsrecht der Bäume des Schul- hausgartens. — Gemeindeumlagenpflicht der Geistlichen. U. s. w. Repertorium der Pädagogik. Organ für Erziehung, Unterricht und pädagogische Literatur. Herausgeg. und geleitet von Joh. Bapt. Schubert, Oberlehrer in Augsburg. Ulm, 1897. Druck und Verlag der I. Ebner'schcn Buchhandlung. Das 5. Heft des Jahrgangs 1897 enthält u. And.: Franz Schubert. Zum 100jährigen Geburtstage. Mit Bild- niß. Von Gg. Frd. Troppmann, Lehrer in Tirschenreuth (Oberpf.). — Pädagogische Rundreisen. Von F. Eumenes, phil. Privatlehrer in Berlin. — Wie läßt sich die Erziehung der weiblichen Jugend in den höheren Berufsklassen vom 15. bis zum 20. Lebensjahre am zweckmäßigsten gestalten ? Von Jos. Nißl, Lehrer in Klemberghofen (Oberbayern). — Die kindliche Phantasie und das Spiel. Von Pros. Dr. Sully; aus dem Englischen übertragen von Dr. I. Stimpfl, Lehrer am k. Schullehrerseminar in Bamberg. — Ueber das Verbot. Von vr. Frdr. Horn, Gymn.-Ober- I lehrer a. D. in Altona. U. s. w. Aerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 16 ÜMK. lb Märr 1897. Beyschlag über Melanchthon. 8. Der 16. Februar 1897 hat eine ganze Fluth von Schriften über Philipp Melanchthon gebracht, die meistentheils jedoch sehr oberflächlich gehalten sind und über die Widersprüche in den symbolischen Büchern, sowie sie durch Melanchthon in dieselben hineingetragen worden sind, stillschweigend hinweggehen. Man lobt die Augustana von 1530, vergißt jedoch die Variata von 1540, und übersieht die „Wiederholung der Augsburger Konfession" von 1551, welche in fast allen wesentlichen Punkten im geraden Gegensatze zu dem ersten officiellen Glaubensbekenntnisse steht. Das protestantische Volk soll eben in fortwährender Täuschung über den wirklichen Gang der Glaubcnsspaltung gehalten werden. Zu den relativ besten Jubiläumsschriften gehört unstreitig die Arbeit des bekannten protestantischen Theologen Willibald Beyschlag von Halle, welcher mit den Altkatholiken so gerne sympathisirt, um gegen den Papst um so härter und bitterer loszufahren. Diesen Standpunkt verleugnet derselbe auch in seiner Festschrift: „Philipp Melanchthon und sein Antheil an der deutschen Reformation" (82 S.) nicht. Was wollte Melanchthon auf kirchlichem Gebiet^ erreichen? Beyschlag entwickelt Seite 46 diese Frage: „Als Gelehrter überhaupt dem Alterthum zugewandt, von allen Reformatoren am meisten in der Kirchengeschichte, in den Kirchenvatern zu Hause, flüchtete Melanchthon je länger je mehr hieher um guten Rath in den ungeheuren Fragen der Gegenwart. Der Rath, den er hier empfing, konnte nur ein der alten Kirche annähernder, versöhnlicher sein. War es doch kein Zweifel, daß die Ordnungen der katholischen Kirche, wenn auch in gröblicher Entstellung und hundertfältigem Mißbrauch, auf den Schöpfungen des christlichen Alterthums ruhten, und daß demnach, wie Luther es auch hinsichtlich des Gottesdienstes gehalten hatte, in der Kirchenordnnng nicht ein völlig Neues zu schaffen, vielmehr das Alte evangelisch zu reinigen und zu erneuern war. So entstand im Geiste Melanchthon's unter den Kampfesnöthen und Friedensversuchen der Zeit das Gedankenbild einer evangelisch-katholischen Kirche: auch seiner Augsburger Konfession*) mit ihrem möglichst schonenden und erhaltsamcn Charakter liegt es zu Grunde: und noch deutlicher hat er es gezeichnet in der „Wittenberger Reformation" von 1542, einer für den Reichstag bestimmten und von Luther nicht beanstandeten Denkschrift welche sich neben den Lehrfragen auch auf Gottesdienst und Kirchenordnung einläßt, unter anderem sich auch für die Firmelung oder Konfirmation als Anschluß des kirchlichen Jngendunterrichtes aüsspricht und die Erhaltung der bischöflichen Verfassung wenn die Bischöfe „evangelisch handeln wollten", in Aussicht nimmt. Der nachfolgende Geschichtsverlauf hat diese schonende, an den heutigen Altkatbolicismus gemahnende Reform als unausführbar erwiesen; die Selbstsucht des Papstthums (!) und der Rückhalt, den dasselbe in den romanischen Völkern besaß, waren zu groß." Ja Melanchthon wollte sogar laut Unterschrift der papstfeindlichen schmalkaldischen Artikel das Papstthum als menschliche Einrichtung zur Beaufsichtigung der Bischöfe bestehen lassen, wenn dasselbe in der abendländischen Christenheit das „Evangelium" (nach Luther's Auslegung) freigebe. Dazu bemerkt Beyschlag (S. 48): „Das war jedenfalls, wenn wir auch heute über das *) Wenn Beyschlag S. 40 die Augsburger Confession „das große Pamer der deutsch-evangelischen Kirche" nennt, „für dasFanderthalb Jahrhunderte hindurch Tausende Haus und Habe, ja Leib und Leben gelassen haben", so beweist er mit dieser Phrase nur, daß er kein Historiker von Fach sei, wie er selbst gesteht. unpraktische Phantasiebild eines evangelischen Papstthums lächeln mögen, ein in aller Weise hochherziger Gedanke." Melanchthon suchte auch die bischöfliche Gewalt selbst- ständig gegenüber den neugläubigen Landesherren zu erhalten. „In der That", sagt Beyschlag weiterhin, „evangelische Bischöfe konnte es geben auch ohne einen evangelischen Papst, wie das Beispiel Englands, Schwedens, anfangs auch Ostpreußens beweist, und die Erhaltung der bischöflichen Kirchengewalt innerhalb der deutschen Reformation hätte nicht nur den Sieg der letzteren in ganz Deutschland retten können, der hernach zu allermeist an den geistlichen Reichsständen scheiterte; sie hätte vielleicht auch die neue Kirche vor jener Beraubung und völligen Knechtung durch den Staat zu bewahren vermocht, welche unsere evangelisch-kirchliche Weiterentwicklung so sehr verkümmert hat. Was hat die anglikanische durch das Gesetz etablirte Kirche eines Heinrich VIII.> einer „jungfräulichen" (!?) Elisabeth durch Beibehaltung von Bischöfen gewonnen? Ist vielleicht die Hochkirche, weniger Staatsmaschine als die einzelnen lutherischen Landeskirchen Deutschlands? Ohne Papstthum ist eben die wahre von Christus gestiftete Kirche ein Unding, wie ein lebendiger, gesunder, menschlicher Organismus ohne Haupt nicht gedacht werden kann. Jedes lebendige .Ganze, sagt Döllinger (Kirche und Kirchen S. 25), fordert einen Mittel- und Einigungspunkt, ein Oberhaupt, welches die Theile zusammenhält: In der Natur und Architektonik der Kirche ist es begründet, daß dieser Mittelpunkt eine bestimmte Persönlichkeit, der gewählte Träger eines der Sache oder dem Bedürfnisse der Kirche entsprechenden Amtes sein muß. Die Geschichte aller von Rom getrennten Kirchen hat denn auch klar und offenkundig bewiesen, daß National- kirchen mit einem Patriarchen oder Primas an der Spitze von Bischöfen über kurz oder lang eine Bente der Staatsgewalt werden, daß der unheilvollste Byzantinismus die natürliche Folge der Verwerfung des päpstlichen Primates ist. Eine, alle Völker umspannende, im Dogma sich nicht widersprechende Kirche kann es ohne den Papst nicht geben. Beyschlag gesteht ja selbst zu, daß Luther's Tod die Reformation ihres Führers beraubte, daß Melanchthon „nach seiner ganzen Eigenart dieser Führerrolle" nicht genügen konnte, daß er vielmehr der „Märtyrer der Reformation" geworden sei. . „ „Und nicht nur, daß der lange zurückgehaltene Strom äußerer, politischer Heimsuchung sich über ihn (Melanchthon) ergießt — schlimmer ist, daß der innere Verfall der evangelischen Bewegung, ihre Entartung in Engherzigkeit und Derketzerungssucht an ihm in einem Maße von Undank offenbar wird. das auch nur betrachtend zu ermessen, allzu peinlich wäre, wenn nicht die Leidensgröße des Mannes, der bis aus Ende sich selbst getreu bleibt (?), uns ein Gegengewicht böte" (S. 59). ! In Augsburg hatte Melanchthon an ein freies, christliches Concil ohne Vorbehalt appellirt, noch auf dem Schmalkaldener Bundestage hatte er dessen Beschickung befürwortet, aber als zuTrient wirklich 1545 die Kirchen- versammlung eröffnet werden konnte, da erklärte derselbe Mann, daß die dort versammelten Väter „sich um die Kirche Christi nicht mehr bekümmerten als Homer's Cyklopen" (!) (S. 61). Ja in jener Schrift, welche auf kurfürstlich sächsischen Befehl abgefaßt wurde, um als Einignngsformel in Trient vorgelegt zu werden, in der sogen. Wiederholung der Augsburger Confession, stellte Melanchthon die Päpste auf gleiche Stufe mit den Sad- dncäern und Pharisäern, schob das Märschen aols. (allein) 110 in die Ncchtfcrtignngslehre ein: „Wir werden gerecht durch den Glauben allein", obwohl in der Augnstana von 1530 dieser Zusatz fehlte. Wie Beyschlag (S. 65) die sogen. Wiederholung „eine erneute Darlegung des evangelischen Bekenntnisses" zu nennen vermag, „die mit vorzüglicher Klarheit alles um die beiden Gesichtspunkte des Ncchtferti'gungsgcdankens und des Kirchcnbegriffes grnppirte, in welcher von Jnterims-Zu- geständnissen nichts zu spüren" war, ist uns unerfindlich. Denn die „Wiederholung der Augsburger Confession" steht ja in den wesentlichsten Punkten im geraden Gegensatze zur Bekenntnißschrift, welche 1530 dem Kaiser Karl V. war übergeben worden. Selten, sagt Pastor (Die kirchlichen Nennionsbestrebungen während der Regierung Karl V., S. 433), ist wohl in einem officiellen Glaubensbekenntniß eine Uutvahrheit mit frecherer Stirn behauptet worden, als in dieser sogen. „Wiederholung der Augsburger Confession". Das Verhalten Melan- chthons ist völlig unentschuldbar. Die „Falschheit" bei allen Ausgleichsverhandluugen auf religiösem Gebiete, sei es auf Neligionsgesprächen, sei es auf dem Concil zu Trient, lag nicht auf „papisttscher Seite", wie Beyschlag S. 45 behauptet, sondern gerade bei Melanchthon, der schon 1530 sehr unehrlich vorging, als er im Artikel XX der Augnstana sich auf den hl. Angustin berief, obwohl er sich der gegentheiligen Lehre des großen Bischofes von Hippo wohl bewußt war. wie er in einem Briefe an Johannes Brenz selber gestand. (DLllinger, Die Reformation I, 358; Janssen, Geschichte des deutschen Volkes, 12. Aufl. III, 171.) Darüber schweigt natürlich Beyschlag, betitelt dafür den schlagfertigen Disputator Eck aus Jngolstadt als „alten Klopffechter" (S. 45) und feiert die „Gewissensfreiheit", für welche in der alten Reichsverfassung kein Platz sich gefunden habe. Ja er sieht sogar in dem Speyerer Proteste „einen Minderheitsprotest für Gewissensfreiheit" (S. 31), obwohl gerade die der alten Kirche anhängende Mehrheit der Rcichsstände gefordert hatte, daß in den Territorien der neugläubigen Fürsten neben dem Fortbestehen des Geänderten die alte Religionsübung der Katholiken bis zur Entscheidung eines allgemeinen Concils wenigstens noch geduldet werden sollte. Gegen diese Duldung protestirte am 25. April 1529 die neugläubigc Mindcrbeit der Fürsten und Reichsstädte. In der Speyerer Protestation von 1519, sagt mit Recht Pastor (I. o. pug. 15), ward zum erstenmale das Princip: „Wessen das Land, dessen auch die Religion", das Princip der Unduldsamkeit, in officieller Form verkündet. Melanchthon, der selbst im Laufe der Jahre seine Anschauungen vielfach änderte, vorzüglich in der Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens und hinsichtlich der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente, war gegen abweichende Meinungen sehr unduldsam, am wenigsten konnte er die Katholiken ertragen. Wofür haben denn Fürsten und Städte, äußerteer, unsere wahre Lehre in Schutz genommen, wenn sie nicht in ihren Gebieten den falschen Gottesdienst abschaffen und nach Luther's Auslegung des 82. Psalmes gegen Ketzereien vorgehen wollen? (Paulus, Die Straßburger Reformatoren, Seite 5.) Schon in der Apologie der Augustana hatte Melanchthon den Heiligeudienst der Katholiken als „eine öffentliche heidnische Abgötterei" erklärt (Müller, Die symbolischen Bücher, S. 291). In einem Briefe an Schwenkfeld vom 16. Februar 1542 bemerkt er abermals: „Ich habe mit den groben iMs.tris, ^ den Papisten zu streiten genug" (Forschungen zur deutschen Geschichte XVI, 14). Ein besonderer Greuel war ihm die „Brodanbetung", d. h. der Glaube an das große Geheimniß der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente. Der empfindlichste Punkt, an dem sich eine theologische Differenz zwischen Luther und Melanchthon herausbildete, sagt Beyschlag S. 51, war, der wundeste Lehr- punkt der Reformation überhaupt, die Abendmahlsfrage. Mährend Melanchthon im Anschlüsse an Luther 1530 in der Augustana die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes des Herrn im Abendmahle lehrte und die rationalistische Auffassung Zwingli's verwarf (Art. X), huldigte er nach dem Marburger Gespräche der Lehre Calvin's, indem er „Leib und Blut" offenbar in keinem materiellen, sondern in einem geistigen Sinne nahm und demgemäß auch den Artikel X in der neu durchgesehenen und verbesserten Ausgabe des Augsburger Bekenntnisses von 1640 umgestaltete. Beyschlag bemerkt: Melanchthon sei durch diese Schriftauslegung „von allen Reformatoren dem biblischen Abendmahlsgedanken am nächsten" gekommen (S. 53). An einer anderen Stelle (S. 40) hat Beyschlag die Augustana von 1530 als das „classische Hauptsymbol unserer Kirche" gefeiert, in dessen „Fcsthnltung wir den Glauben unserer Väter noch heute als den unsern bekennen." sNun ist aber zwischen Artikel X der Bekenntniß- schrift von 1530 und jenem von 1540 fast ganz dasselbe Verhältniß wie zwischen katholischem Dogma und calviuischem Nationalismus; aber gleichwohl findet Beyschlag, der offenbar den Standpunkt Calvins theilt, in der Augustana von 1530 seinen Glauben identisch mit dem Glauben der Väter! Das ist doch die reinste Sophistin Zudem wurde die Schrifterkläruug Melan» chthon's, wenn auch ohne Nennung des Namens, in der Concordicnformel von Bergen (Art. VII, Müller, Seite 538—639) ausdrücklich verworfen, und diese Formel gehört auch zu den symbolischen Büchern der deutschen Lutheraner, wie Beyschlag S. 80 selbst gesteht: „Damit war", so fährt Beyschlag in seiner Betrachtung über die Concordienformel fort, „die deutsche Reformation endgiltig in zwei Parteikirchen zerrissen, die einander bald grimmiger haßten und befehdeten als den gemeinsamen Erbfeind und demselben dadurch zur Wieder- eroberung des verlorenen Gebietes die Thore öffneten. Getragen von habsburgischer Macht und jesuitischer List überzog die furchtbare Gegenreformation das evangelische Deutschland, indem Lutheraner und Reformirte einander im Stiche ließen, und wenn es auch nicht gelang, die Reformation ganz auszutilgen, so gelang es doch, ihr das halbe Deutschland zu entreißen und das ganze in einen Trümmerhaufen zu verwandeln." Demnach wäre der Widerstand gegen Gewalt uird Bedrückung eine Ungerechtigkeit, wäre die sittliche Erneuerung katholischer Länder durch die verschiedenen Ordensgenossenschaften der Anlaß zur Verwüstung Deutschlands geworden. Haben nicht lutherische und reformirte Fürsten in schamlosester Weise mit dem französischen Erbfeind sich verbunden, und Kaiser und Reich um Judaslöhne verrathen? Doch hören wir Beyschlag's Schlußwort: „Wenn heilte Melanchthon's verklärter Geist her- niederstiege und die geistigen Lager in seinem geuebten Deutschland durchwanderte, würde er weniger Ursache haben, sich um dasselbe abzusorgen als damals? Er fände auf der einen Seite einen Zeitgeist, der mit allem gebrochen, was ihm, dem durchgebitdetsten Denker des 16. Jahrhunderts, heilige und heilsame Wahrheit gewesen, nicht blos mit dem evangelischen Bekenntniß, sondern nnt 111 jedem Gottesglaubcn, eine nenheidnische Wissenschaft und Cultur, die von den Höhen der Gelehrsamkeit bis in die Arbeiterkreise hinabreichend selbst das letzte Gewisse, was es für den edleren Menschen gibt, die Unbcdingtheit des Sittengesetzes, naturalistisch zu zersetzen geschäftig ist. Und er fände auf der anderen Seite eine neue. furchtbare Machterhebung des Papstthums, das inzwischen den Gipfel der Selbstvergötterung und absoluten Gewissensbeherrschung erklommen, das unser Vaterland mit einem tödtlichen Netz von Aberglauben und Fanatisirung bereits halb umgarnt hat und alle Geistesfrüchte unserer Reformation auszurotten bemüht ist, während an den Orten, wo man sich einst im 16. Jahrhundert tapfer dafür einsetzte, unserem Volke das reine Evangelium zu bewahren (?). heute zumeist nur muthlose Beugung unter Nom zu gewahren ist." (S. 81.) Luther und Melauchthon unternahmen einen kühnen Sturmlanf gegen das Papstthum, das sie vom Teufel gestiftet wähnten, das sie für den leibhaftigen Antichrist in den schmalkaldischen Artikeln erklärten — aber was geschah? „Eine neue humanistische Bildung hat die alte Orthodoxie überflügelt, hat sich in ihrem Hauptstrom von Luther uud Melauchthon, oder wenigstens vom Besten, was sie vertreten haben, gleichmäßig abgewendet", gesteht Beyschlag selbst (S. 81). Wo sind demnach die Geistesfrüchte der Reformation? Eine neuheidnische Wissenschaft hat Platz gegriffen, aber das Papstthum ist nicht untergegangen, es lebt noch, ja es ist vielleicht geistig kräftiger und stärker denn je. Sollten denkende Menschen nicht daraus den Schluß ableiten: das Papstthum müsse Gottes Werk sein, da es bisher alle Stürme der Jahrhunderte glücilich überdauert hat? Als Melauchthon auf seinem Sterbebette lag, da wiederholte er oft die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes: „Auf daß sie eins seien wie wir" (S. 80). In diesem Sinne, nach Wiedergewinnung kirchlicher Einheit unter der Führung Roms, theilen auch wir den Wunsch des Theologen von Halle: „Ach ja, es thäte noth, daß endlich wieder ein Strom melanchthonischen Geistes sich in die deutsch-evangelische Christenheit ergösse, der Glaube und Bildung, Wissenschaft und Frömmigkeit als die unzertrennlichen Schutzengel des deutschen Volksgeistes erkennte" (S. 82), damit endlich einmal aller Hader und alle Gehässigkeit unter Stammesbrudern aufhöre und das Echtheit des christlichen Glaubens gegen die Macht und List des Unglaubens gewahrt bleibe. Möchte Gott Gnade geben, daß diese Grundzüge melanchthonischen Geistes unter uns Heller aufleuchten l Znr Geschichte des Kreuzweges. ll. ?. 8. Kein Pilger in Jerusalem versäumt es, den Weg zu besuchen, den der Herr mit dem Kreuze beladen für unser Aller Heil gegangen ist. Dabei steht er ohne Zweifel mehr auf Liebe und Andacht, als auf genaue Kenntniß. Dennoch wird der Besucher sich auch zu jener um so mehr angeregt fühlen, wenn er überzeugt ist, daß er gerade da steht und wandelt, wo der .Herr gestanden ist und gewandelt hat. Wo aber war dieses? Schon der Jesuit Villalpaudi vor 300 Jahren (1596 — 1605) äußerte Zweifel an der Richtigkeit der Stellen, die man gewöhnlich als Stationen des Kreuzweges bezeichnet, und in neuerer Zeit sind der Zweifel immer mehr geworden sowohl bei Katholiken als Protestanten. Es ist daher der Mühe werth, der Sache auf den Grund zu sehen. Der Ausgangspunkt ist naturgemäß das Haus des PilatuS, in welchem Christus endgiltig gerichtet und vcr- urtheilt worden ist. Allein gerade dieses ist viel umstritten. Die hl. Schrift sagt es eben nicht, wo es gestanden. Indessen bietet sie im Zusammenhalt mit der Geschichte doch feste Anhaltspunkte. Die römischen Statthalter, wie Pilatus einer war, residirten durchgängig in den Palästen der vorausgehenden Herrscher, theils des Ansehens, theils der Zweckmäßigkeit halber. Herodes d. Gr. hinterließ in Jerusalem drei Paläste, welche Pilatus wählen konnte und die nur in Frage kommen. Der ältere von diesen ist der Palast der Hasmouüer, welche Herodes vom Throne verdrängt hatte. Er wohnte auch eine Zeit lang in demselben, doch fühlte er sich darin nicht heimisch, wohl in Erinnerung, wie er in dessen Besitz gelangt. Zudem bot er nicht Raum für eine Truppenmacht, welche zur Niederhaltung der fortwährend aufrührerischen Gelüste genügt hätte. Dieser Mangel mußte umsomehr bei dem Heiden Pilatus ins Gewicht fallen, dem die Juden noch feindseliger gegenüber standen, als dem Jdumäer. Es ist auch keine alte Nachricht vorhanden, daß Pilatus dort gewohnt hätte. Nur wollte man die Angabe des ältesten Pilgers von Bordeaux (333), daß das Richthaus „unten im Thäte" gewesen, auf diesen Palast deuten?) Allein er stand zwar unweit der Niederung, welche mau früher das Käsemacher-Thal, später zur arabischen Zeit erst das Wad nannte. Indeß im Thale stand er nicht, sondern an der Südwestseite dem Tempel gegenüber, so hoch wie der Tempelplatz selbst, so daß man von dort alle Vorgänge im Tempel beobachten konnte. Um dieses zu verhindern, führten die Juden sogar eine hohe Mauer dazwischen auf?) Nach dem Tode des Herodes d. Gr. gingen seine drei Paläste, nämlich der obeugcnannte, dann der im Nordwcsten und die Burg Antonio, in das kaiserliche Eigenthum über. Herodes Antipas war nur Vierfürst von Galtläa und Pcräa und hatte seine Residenzen in Tiberius und Machärus. Im Hasmonäcr-Palast hatte er nichts zu suchen. Wenn er um Ostern als Festpilger nach der hl. Stadt kam, mußte er wo anders absteigen. Die Tradition zeigte von jeher seine Wohnung am Bezctha in der Richtung des Herodcs-Thores, wo noch jetzt ein ansehnlicher, wohl saracenischer Bau steht. Er ist unzugänglich und daher das Innere unbekannt. Haus von Zimber (1483) wurde nicht eingelassen, „weil darin des Hauptmanns Dirnen sind". Der Bezctha war hoch, darum heißt es (Luk. 23, 7): Christus wurde hinaufgeführt. Agrippa I. vereinigte wieder die ganze Herrschaft seines Großvaters und konnte also im Hasmanäcr-Palast wohnen, scheint es jedoch nicht gethan zu haben. Sein Sohn Agrippa II. regierte wieder auswärts in Chalkis und später in Thileu von Galiläa uud Peräa; er wohnte aber dort, weil ihm die Obhut des Tempels und zu diesem Behufe die Wohnung eingeräumt war. Wie unsicher jedoch diese war, geht klar daraus hervor, daß er sammt seiner schwesterlichen Gemahlin Bcrcnike daraus vor seinen eigenen Landslenten flüchten mußte. Schon Herodes d. Gr. hatte diesen Palast verlassen und sich eine neue Burg von verschwenderischer Pracht an der Nordwestseite der Oberstadt gebaut, da, wo ehemals die Burg Davids gewesen, und damit ihm der nöthige militärische Schutz nicht fehle, errichtete er nicht weit davon drei starke Thürme, welche er nach seinem Bruder Phasael, seinem Sohne HippiknS und seiner ') Das neucstens auf dem russischen Platze aufgedeckte burgartige Gebäude kaun der Pilger nicht gemeint haben, weil es links, nicht rechts von seinem Wege war. 112 Gattin Marianne benannte. Ihm folgte in der Regierung der Statthalter PilatuS und konnte also dort wohnen. Mein es war dabei der große Mißstand, daß der Ort zu weit vom Tempel entfernt war, wo immer der Herd der Auflehnung gegen die römische Herrschaft glimmte. Der Landpfleger Sabinus wurde darin belagert, der letzte, Festus, mußte von dort flüchten, es wurde ihm aber der Weg verlegt, weil die Juden fürchteten, er möchte sich der Antonia, des Schlüssels zum Tempel, bemächtigen: ein deutlicher Beweis, wie unsicher der Vergnügnngspalast trotz der nahen Thürme war und der Schwerpunkt in der Antonia lag. Daß Pilatus dieses übersehen hätte, ist nirgends bezeugt, sondern Philo, welcher eine Gesandtschaft seiner Glaubensgenossen nach Nom führte, sonst aber in dem fernen Alexandria lebte, erzählt nur in seiner Apologie, daß derselbe an dem Palaste des Herodes, dem Hause der Statthalter, die Kaiserbilder aushängen ließ und deßwegen bei Tibcrius verklagt wurde. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Pilatus die Juden in der eigenen Wohnung sollte sich auf den Hals gehetzt haben, ist auch gar nicht gesagt. Der Ort ist im Allgemeinen als Haus der Statthalter, jedoch nicht als seine Wohnung bezeichnet, weil er eben in dem östlichen wohnte. Später wollten die Römer die Bildsäule des Kaisers Caligüla im Tempel aufstellen, wo gewiß kein Landpfleger wohnte. Jener Palast ist längst spurlos verschwunden, ohne daß sich daran eine Tradition geknüpft hätte. Wohl aber heftete sich eine solche an ein Gebäude, das ungefähr einen halben Kilometer weiter oben und seit der Zerstörung Jerusalems außerhalb der Stadtmauer liegt, jetzt das armenische Kloster. Es ist dieses das Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Dort war unweit der Mauer eine Kirche erbaut worden, welche der hl. Hieronymus (Reise der hl. Paula) Erlöserkirche» Theo- dosius (530), Breviariüs (540) und ein Jnnominatus Peterskirche (verschieden vom „Hahnschrei") nennen. Nachdem sie von den Persern (615) zerstört worden, wurde sie von den Christen wieder errichtet, doch in einem kleineren Umfange und näher der großen Sionskirche. Johannes v. W., Epiphanias und ein Ungenannter (Lnarrabio locvrum) im 12. Jahrhundert nennen sie jetzt Ditkoobrotrw; Theodorich v. W. ebenso und zugleich Erlöserkirche, welcher Name dann wieder gewöhnlich wurde (so M. Saundo 1310, Ludolf von Sudheim 1341, Zwinncr 1561). Durch alle Jahrhunderte zeigte man dort den Kerker, in dem der Herr in der Nacht gefangen gesessen, sowie den Ort, wo Petrus ihn vcrläugnete, vielfach auch die Säule, an der Christus geschlagen worden (Epiphanius, Theodorich, Bousquet, Saundo). Bei Kaiphas wurde nach den evangelischen Berichten Christus zuerst verhört und des Todes schuldig erklärt. Der Hohe Rath besaß ja eine große Gerichtsbarkeit, und nur die Vollstreckung eines Todesurtheils war ihm entzogen, wiewohl er mitunter auch über diese Schranke sich hinwegsetzte, wie wir es an der Hinrichtung des hl. Stephanus und Jakobus d. I. ersehen. Das Haus des Hohenpriesters wurde durch Zusammenberufung des Syn- cdrinms daher zu einem Richthaus, xraaboriuru, und wird auch so genannt (z. B. bei Innominabuo; 1,63 k6l6rinag68 (1231), 1,68 6b6miu68 6t k6l6rlUUA6g (1265), ?6l6rinaF68 6b kardouim (1280). Das eigentliche AmthanS im Umfange des Tempclbezirkes war zur Nachtzeit mit diesem geschlossen und deßhalb nicht zugänglich. Es ist demnach sehr erklärlich, daß später auf das Haus des Kaiphas auch das übertragen wurde, was in dein des Pilatus geschehen war. Theodorich von Wiirzburg sah dort einen Stein mit der Inschrift: Ists Iocu8 vocabur litflosbrotus 6b bio Dominno tuib suäioatrw, offenbar den nämlichen, der früher in der Antonia war. Das Verhör und das Urtheil war da und dort, und selbst die Geißelung konnte um so leichter auch dem Hause des Kaiphas zugeschrieben werden, als dieser mit dem Herrn höchst feindselig verfuhr und so seinen Bütteln ein schlimmes Beispiel gab, wie Pilatus den Soldaten. „Sie fingen an, ihn anzuspeien und mit Fäusten zu schlagen." (Mark. 14, 65.) Da ist kaum zu zweifeln, daß sie es in dem nächtlichen Kerker bis Anbruch des Tages noch ärger getrieben und auch Geißeln zur Hand genommen haben. Die Verwechslung der zwei Gerichtshänser geschah aber erst im 12 . Jahrhundert und dauerte nicht 100 Jahre. Ein Ungenannter (beiläufig 1145 ) unterschied noch die zwei praoboria, doch schon beide auf dem Sion: DU morickioin 6sb mono 8ioa, ubi 6aol6»ia toriuo8g, 8. Nariaa. D oimstro Irrbors illiuo 68b oaxstla, ubi tuib xraatorium 6b Obri 8 tU 3 suäieabuo. . . . Lxbra 6Lol68ig.ni 68b parva occlesig., ubi xraotorinm tuib, in huo Dorninua üaZellabrw, spinia oorona.tu8 atgu6 1 Uu 8 U 8 6b bin tuib ckonnw Ogixbg.6. Johannes von Wiirzburg ( 1147 ) kennt nur mehr eines: Dominuo ra- äuotu8 68b g.ä montoiu 8iou, ubi buno erab xrg.6- borium kiiabi, uuneuxabuiu Dibbo8brobu8. 08b6uciitur aub6M bockio Ioou8, ubi xruotoriuiu 6b burrm David tuorab. lu oockmu praotorio keinem bor uogavit. Diibs praatoriuiu iu looo Huoüam tig.Z6lIa.bu8, 8pin6g, ooroua punZibur; 6unä6in locuia ctssiZuab oapolla o.ut6 inasorom ecaiemam 8ivu (Oap. IX). Eugesippus Fratellus, Archidiakon von Antiochia ( 1150 ): Obrmruiu äuaunb in 8ion ack kilabi praeborium, ubi 6b kotrrm bor 6um nogavib, 6t 1uZi6N8 in cav6rnriiu, Zug.6 inoäo Zalli oanbu8 appsliabur vuIZ.aritsigus Oalilaoa. Llonbs 8ion flssuin oxprobriio atkliotuw, vorboribug 68.68UIN, cabonig b6nbuiu kilabi su88u in DoiZobba. N6vi äacknrunb. Hiemit stimmen Epiphanius ( 1170 ), Theodorich von Würzbnrg ( 1172 ), Phokas ( 1185 ) und eine Anzahl Ungenannter fast wörtlich überein?) Daraus erhellt auch, daß Epiphanius nicht in eine frühere Zeit gehört, wo auch die Gebäulichkeiten andere waren. Theodorich hat noch das Besondere, daß er das Hans des Pilatus eigens auf dem Wege zum Ostthore erwähnt. Eine Mittelstellung nehmen der angelsächsische Priester Säwulf gleich zu Anfang der fränkischen Eroberung ( 1202 — 1203 ) und ein griechischer Ungenannter ein. Ersterer nennt auf Sion die Abendmahls- und Hahnschrei-Kirche, schweigt aber bedeutsam von einem Richthaus. Ebenso schweigt der Grieche, obschon er den Kerker Christi und anderes nennt (^uioö rhv «7-av öoi!, ßreo« cguXll/.'g ro5 Xpwrob, «oroo PLN',2^« -roö Xpanoo, v 1:00 npLosiüroo Li.uLwv x«i. ivü Reliquien der hl. Birgitt« in Rom. Ueberscht aus dem Schwedischen von Georg Binder, Priester der Erzdiöcese München-Freising (Schluß.) Des Altares Ausstattung sowohl wie alle Verschönerungen scheinen nicht sehr hergehalten zu haben, °) Der letzte war der Magister Thetmar (1215), der nur 4 Tage in Jerusalem verweilte. 113 denn bei einer großen Visitation, welche am 11. März 1627 in der Kirche von dem Cardinalvikar vorgenommen wurde, wurde unter anderem vorgeschrieben^, daß der Birgitt«-Altar mit einer neuen Steinbekleidnng versehen werden und auf angemessene Weise ausgeschmückt und die von der Acbtissin angebrachten Inschriften weggenommen werden fallen. Was das für Inschriften waren, wird nicht aufgeführt. Der Visitationsbericht gibt überdies Kunde, daß die.Aebtissin, um die Aechtheit der Reliquien zu beweisen, ein altes Document vorwies, welches der Cardinal abschreiben und dem Protokolle einreihen ließ. Eine Jahrzahl und der Name des Verfassers ist gleichwohl nicht angezeigt. In demselben wird über Birgittas Reliquien Folgendes gesagt: „Unter dem Altare der hl. Birgitt« befindet sich in einer kleinen Lade von Cyprcssenholz ein Schulterblatt derselben Heiligen und andere Reliquien, sowie ein Zahn des hl. Lukas und ein Kinnbackenbein des hl. Philippus.« Ich nehme an, daß die Vorschrift ausgeführt wurde. Wenigstens fanden bald darauf einige Reparaturen statt, denn man findet aufgezeichnet, daß die Clarisfernonnen 1629, als Schwester Hippolita Cianti Aebtissin war, zu solchem Zwecke nicht weniger als 5400 Dukaten ausgaben. Das Altarbild der Stefana Savelli muß nnter- deß durch der Zeiten Zahn zerstört worden sein, denn es wurde 1757 durch ein Gemälde auf Leinwand ersetzt, welches Schwester Felice Teresa Luci durch den Maler Giuseppe Moutanari malen ließ. Dieses neue Gemälde, welches nach dem Muster des alten Freskogcmäldes ausgeführt war, stellt Birgitt« in der Tracht ihres Ordens vor, — welche sie jedoch niemals trug, ebensowenig wie eine andere Nouneutracht, — kuicend vor dem Gekreuzigten, welcher mit ihr zu sprechen schien. Dies hat Bezug auf die in Rom umgehende Sage, daß des Erlösers Bild am Crucifixe einmal zu Birgitta gesprochen haben soll, da sie im Gebete versenkt war. Als Kirche, wo das stattgefunden haben soll, werden zwei genannt, S. Loren zo in Damaso, bei welcher sie manche Jahre wohnte, und Sän Paolo tnori 1s oanra, wohin sie oft wallfahrtet«. Die letztere Kirche hat den Vortheil, daß sie das Crucifix ausweisen kann, eine große Holzschnitzerei, welche Arbeit einem Schüler Giotto's, Pietro Cavallini (gest. 1279),-o) zugeschrieben wird. Es stand früher beim Fenster am Hochaltare in dem großen Ouerschiff, aber es wurde unter Benedikt XIII. (1724—1730) in die Kapelle gebracht, welche Birgittens Namen trügt und wo ihre Statue noch im Jubeljahre 1650 stand. Ursprünglich wußte die Legende bloß zu berichten, daß das Christusbild sich zur Betenden wendete, aber das wuchs wahrscheinlich mit der Zeit. Später findet man nichts mehr über die Reliquien der hl. Birgitta bis zum Jahre 1818, da sie wiederum von ihrer Ruhestätte unter dem Altare weggenommen wurden. Der Arm wurde getrennt von den übrigen Ueberresten und in ein ganz kostbares Reliquiarinm von getriebenem Silber mit Vergoldungen gelegt, welche einen aufrecht stehenden Unterarm mit offener Hand vorstellen. Dasselbe geschah mit einem der Panisperna-Kirche gehörigen Arm des Märtyrers Felix, worauf die beiden ") Die ^.eta 8aorao Visitationis 8. U. Ilrdani VIII, pai'8 II befinden sich in der Vatik. Bibliothek. "ch Meolai, Lasilica ckl s. kaolo, eax>. VIII, xa§. 38. Silberarme im großen Neliquienfchrank der Sakristei aufbewahrt wurden. Znr Erhöhung der Ehre scheint auch der Zahn des hl. Lukas und das Kinnladeubein des hl. Philippns dahin gebracht worden zu fein, denn sie stehen nun dort, aber es wird nichts davon in den beiden Authentiken erwähnt, welche am 10. Juni 1818 von I'r. Josef Barth. Menochio, kraet'ocrtns Lacrarii Xxnstolioi, errichtet wurden. Die eine dieser Urkunden bestätigt die Aechtheit der in den Silberarmen verwahrten Reliquien, die andere zeigt an, daß die übrigen Reliquien am nämlichen Tage in einen Holzschrein gelegt wurden, welcher verschlossen und wieder in den Sarkophag gelegt wurde. Dieser wurde eingemauert und unter dem Altare durch einen kleinen Schirm von bemalten Brettern geborgen. Der Anlaß hiezn war wohl der, daß die Clarisscrnouucn, bei welchen das Interesse für Birgitta im Laufe der Zeiten erkaltet war, sich nicht Rath wußten, einen paffenden Schmuck für die Reliquien oder eine würdige Anordnung bezüglich des Altares zu beschaffen. Es war bequem und billig, den Sarg einzumauern und zu verbergen, weßhalb es auch beschwerlich wurde, die Reliquien zu zeigen. Für jene, welche die Hülfe der Heiligen bedurften, hatte man, wie wir gesehen haben, die anderen Theile zur Hand. Der Silberarm wurde am 17. Juni 1878 geöffnet und vom Arme Birgittas wurde ein Theil genommen, welcher an ein Birgitten - Kloster in Holland geschickt wurde, wie ein Gesuch hierüber sagt. Die neue Authcntika für das, was übrig blieb, wurde am nämlichen Tage vom Cardinal Monaco La Valetta ausgefertigt, aber die übrigen Dokumente in der Sache konnte der ehrwürdige Rektor der Panisperna-Kirche, k. Auaklet di Velletri, leider nicht finden.^) Daß die übrigen Reliquien kürzlich wieder zu Tage kamen, hat seinen besonderen Anlaß, zu dessen Erklärung eine kleine Abschweifung nothwendig ist. Das Hospital und die Kirche der hl. Birgitta an der Piazza Farnese hatte Leo XII. nach wechselndem Geschicke den Kanonikern von St. Maria in Trastcvcre geschenkt, welche das Haus nllmählig verfallen ließen. Im Jahre 1855 übernahm es eine französische Kongregation, die Väter vom hl. Kreuz, gegen eine jährliche Rente von 3000 Lire, und sodann wurde die Pflege des Hauses etwas besser. Die würdigen Vater ließen es von dem Franzosen Ed. Braudon mit mehreren Malereien ausschmücken, aber auf anderer Seite machten sie sich eines Wandalismus schuldig, indem sie nach Notrc Dame in Jndiana, .wohin in späterer Zeit die Oberleitung des Ordens verlegt wurde, das merkwürdige Bild bringen ließen, welches die Madonna darstellt, umgeben von vier Heiligen-Bildern, deren eines als das älteste Porträt Birgittas galt.^) Das ist dasselbe Bild, welches Hammerich 's und B r i n k m a u u 's Monographieu über die Heilige haben. Gewiß ist es sehr schwer, das Bild für ein Birgitta-Porträt anzusehen, aber eine andere von den dort vorgestellten Figuren ist jedenfalls ihre heilige Tochter Katharina, und es wäre gewiß der Mühe werth, das in mehrfacher Beziehung merkwürdige Bild zu untersuchen. Nun ist es in Jndiana und wurde restaurirt von einem Maler aus Chicago. Auch die Bilder müssen sich in Manches fügen! — Nach Amerika 2') Auch des Klosters Name ist nicht erwähnt. Wahr« scheinlich war es Marienbcmm. Mein, sondern Neden in Holland. Binder.) "ch Siehe Awroriche Dicksllrikt 1833, Seite 355—353. 114 kam auch ein größerer Stein mit Inschrift, um Gesellschaft zu leisten. Alles wurde gesammelt, um in einem großen Hof untergebracht zu werden. Ich erwähne dies, um darzulegen, daß es kein Verlust für diejenigen war, welche Werth setzten auf das alte ErimierungSzeimen, denn die Vater haben einige Monate später das Haus (mit großem Profit) au die Schwestern von der ewigen Anbetung des hl. Sakraments, einen Zweig des Carme- liter - Ordens, verkauft. Die Vorsteherin dieser Versammlung, Schwester Maria Hedwig,-^) hat mit riihmenswerthcm Eifer sich der Wiederherstellung des erinncrnugsrcichen Hauses angenommen, und sie hat auch gewünscht, daß zur Birgitta-Kirche auch einige Reliquien der Heiligen selbst kämen. Von den Franziskanern, welchen die Aufsicht über S. Lorenzo in Pauis- perna anvertraut war, war sie von dem Dasein der im Jabre 1818 eingemauerten Reliquien unterrichtet und erklärte sich bereit, den Altar ausstatten zu lassen, wenn ihrer Kirche einige Reliquien mitgetheilt würden. Dieser Vorschlag hatte um so weniger Schwierigkeit, da die Kirche 1892 für das bevorstehende Bischofsjnbiläuin Leo's XIII. gründlich restaurirt wurde. Nach dem vom Cardiual-Vikar Parocchi mitgetheilten Zustand wurde der Sarkophag wieder ans Licht gezogen und am 17. Dezember 1892 in Gegenwart der Bevollmächtigten des Kardinals, Msgr. Anselmi, Vorstehers der Ncliquiensamniluug des Vikariates, des Jesuitcu- patcrs Bonavenia, des Kirchenrcktors k. Anaklet di Velletri und des Klosterbeichtvaters ?. Andreas di Nocca di Papa, geöffnet. Der im Jahre 1818 niedergelegte Schrein und die von Msgr. Menochio damals ausgeführte Authentika wurden angetroffen, sowie die Versiegelung und die Reliquien, welche unbeschädigt waren; sie wurden zum Vikariat gebracht. Cardinal Parocchi veranstaltete dann eine Vertheilung derselben. Zwei Nückenkuochen wurden der Panisperna-Kirche zurückgegeben, in kleine Glasbeyältcr gesetzt und nun bei den Silberarmen in der Sakristei aufbewahrt. Das Beckcnbein, welches seine alte Bezeichnung „Schulterblatt" behielt, und ein Rückendem wurden der Schwester Maria Hedwig für die Birgitta-Kirche gegeben, und sie hat hicfür eine prächtige Lade von vergoldeter und ciselirter Bronze fertigen lassen. Das Gleiche geschah auf ihre Kosten für das eine Nippende in, welches bei den Clarissernonnen belassen wurde, welches Kloster nunmehr, nachdem es im Jahre 1877 Sän Lorenzo verlassen mußte, nach Santa Lucia Selci (Piazza Giovanni Lanza) verlegt wurde. Ein anderes Nippendem wurde dem Erzbischof von Ben event gegeben, welche Stadt Birgitta auf einer ihrer Pilgerfahrten besucht hatte. Das dritte Rippmbein und ein Rückenkuochen wurden für die Vikariatssammlimg behalten.'^) Der Sarkophag wurde sodann in der Birgitta- Kapelle wieder festgemaucrt, aber nicht mehr unter dem Altare, sondern an der Scheidewand gegen die zunächst liegende S. Franziskus-Kapelle und einen Meter über dem Boden. Unter dem Altare ruht an der Stelle der Leib der Martyrin Viktoria. Die Clarissernonnen bewahren auch andere Eriuner- °°) In der Welt bekannt als Gräfin Wielhorska. . ") Zu Sän Lorenzo in Panisperna wurde Se. Heiligkeit am 19. Februar 1843 zum Bischof geweiht, und dort feierte er als Papst im I. 1693 den 21.—23. Februar ein feierl. Irickuum zur Erinnerung daran. *°) Inxtanotsea pontikois. ungeu an Birgitta, nämlich einen Mantel von grobem Wollcnzeug, ein Unterkleid von grauem Stoff mit einem leichten Kopsüberwnrf von demselben Zeuge sammt einem Leibgürtel von starkem Hanf nach gewöhnlichen Kloster- modellen. Das Unterkleid ist 1,45 Meter auf der Rückseite, gemessen vom Ende des Halses herab, 30 Ceuti- meter zwischen den Armhalsnähten hinauf, 50 Ceutimeter zwischen denselben Nähten hinab; im Umfange hat es 2,68 Meter, die Länge der Arme ist 54 Centimeter, die Weite der Halsöffmmg 50 Centimeter. Das Kleidungsstück hat an der Brust wenig Oeffnung, so daß es sehr schwer gewesen sein muß, es abzulegen. Die Kapuze (Kopfüberwurf) mißt 30 Centimeter vom Scheitel bis zum Kinn; 12 Centimeter unter dem Kinn zur untersten Naht, 50 Centimeter vom Scheitel rund über das Haupt zum Nacken, 69 Centimeter vom Vorderes zum Nückenzipfel. Die Länge des Gürtels ist 2 Meter. Das muß auf eine große Franengcstalt hindeuten, i was der gewöhnlichen Angabe widerstreitet, daß Birgitta i klein war. Die Aechtheit des Gürtels und der Kopsbedeckung ist durch nichts bestätigt, als durch die Tradition des Klosters, nach welcher Birgitta dies auf ihrer Pilgerfahrt zum hl. Grabe im Jahre 1372 getragen hätte. Die Nothwendigkeit einer leichteren Bekleidung kaun es möglich erklären, daß sie zcitenweise ein kostbares Material von Seide trug. Sie bekleidete sich, wie die Zeitgenossen bezeugen, beständig mit dem gröbsten Tuche, und es wird ausdrücklich erwähnt, daß sie während 30 Jahren nicht einmal Leinen gebrauchte außer zum Kopftuche. Ein Mantel von Seide wird nämlich in der Sakristei der Panisperna-Kirche aufbewahrt, allein da er in einem mit grüner Seide verkleideten Pappenfntteral liegt, welches verglast und nicht zu öffnen war, so konnte ich denselben nicht messen, sondern mußte ihn durch die Glasöffnuug beschauen und kann sagen, daß er gewiß zum Gürtel und zur Kapuze gehört habe. Man sagte mir, daß erst wenige Tage verflossen sind, daß ein mit der hinfallenden Krankheit behafteter Mensch zur Kirche geführt wurde, wo ihm das Behältniß mit dem hl. Mangel auf's Haupt gelegt wurde. Auch die Kapuze wird häufig von den Kranken verlangt, denn sie hat den Ruf, daß sie Kopfschmerzen hinwcgnimmt.^) Die Nothwendigkeit, diese Sachen oft forttragen zu muffen und sie in den Händen der Besuchenden zu lassen, kann es erklären, daß kein die Aechtheit bekräftigendes Dokument gefunden werden kann; wenigstens sagen die Klosterbewohner so. Es ist möglich, daß eine Auihentlka innerhalb des Futterals sich findet. Größere Gewißheit hat man bezüglich des Mantels, welchen die Clarissen in Händen haben. Man zeigte mir im Kloster an der Piazza Giovanni Lanza eine mit Gold und Silber reich verzierte Kutte mit der Aufschrift: „Nantslio äi 8. Lri^icka, Vaäova," (Mantel der hl. Wittwe Birgitta), nebst einem von dem °°) Die Tradition bezüglich der fallenden Kranken kaun zurückgeführt werden auf eine Begebenheit in Birgitta's Leben, welche von Berthold von Rom erzählt wird (Lid. II, 0 S.P. 1, 85). Sie soll nämlich außerhalb der Kirche S. Pra- xedis, ganz nahe bei S. Lorenzo in Panisperna, eine nordische Frau gefunden haben, deren Name Dyovetur geschrieben wird, welche an dieser Krankheit litt. Mit Hilfe rhrcs Kaplans Magnus Petri führte sie die Kranke in ein Spital und nahm sie dann zu sich, wo Dyovetur durch ihr heiliges Gebet vollständig geheilt wurde. 115 Klosterbeichtvater ib'r. PietrodiVenaco ausgefertigten Dokumente, italienisch, daß er dabei war, „als der heilige Mantel der hl. Birgitt«, welcher im genannten Klarer als eine verehrungswürdige und heilige Reliquie aufbewahrt wurde, aus dem alten, zerrissenen und durch die Zeit zerstörten Futterale herausgenommen wurde in Gegenwart der edlen und ehrwürdigen Aebtissin Schwester Hortensie! Capisu echt mit all den übrigen ehrwüroigen Müttern und würdigen Schwestern, und daß er in eine mit Gold- und Silberarbeit und mit Borden verzierte Seidcnkutte, welche die hochwürdigen Frauen Schwester Maria Vittoria Vebri und Schwester Rosa Maria Ferrari für diesen Zweck fertigen ließen", hineingelegt wurde, was Alles am genannten Tage geschah. Das Dokument ist unterzeichnet außer von Pietro di Venaco auch von Schwester Hortensia Capisucchi und Schwester M. Vittoria Vebro^ und ist besiegelt mit dem Siegel der Panisperna- Kirche, St. Laurentius auf dem Roste. Durch die wohlwollende Bemühung der Aebtissin Schwester Teresa Margherita Farinetti wurde diese Kutte am 6. Mai 1893 in meiner Gegenwart ausgebreitet und der Mantel herausgenommen. Er war im Vierkant zusammengelegt, gebunden mit einem weißen Linnenband, dessen Enden versiegelt waren. Als das Band aufgemacht und der Mantel aufgewickelt war, fand man darin noch ein Exemplar der kurz vorher genannten Inschrift, das Wort für Wort, mit Ausnahme von ein paar unbedeutenden Varianten, mit dem erstgenannten Exemplar übereinstimmte. Der Mantel ist von grobem, schwarzbraunem Wollenstoff, wie die Franziskaner ihn tragen, fast ganz schwarz, ist geschnitten wie eine Nnndkappe ohne Aermel; wohl aber hat er die Armössnungen. Am Halse hat er einen kleinen Saum von Goldseide. Er wurde durch einen Knopf von Silberdraht mit einigen Gold- drähten zusammengehalten. Er ist 1,10 in lang; bis zum Boden hat er 2 w, am Halse 65 am?") Eine Reliquie der hl. Birgitt« wurde früher auch bei S. Agata in Trastevere, aufbewahrt. Ihr Name kommt nämlich in den Aufzeichnungen der Kirchcnreliquien bei Gelegenheit der großen Visitation Urban's VIII. vor, welche am 4. September 1628 stattfand?^) Die Kirche und das dazu gehörige Kloster gehörten damals den „katros Oon^rsAntioiris Lstriktiarine" (Vatern der christlichen Genossenschaft). Nun ist aber die Reliquie verschwunden, und es besteht keine Erinnerung daran. Schließlich mag noch beigefügt werden, daß die Birgittareliqnien, welche sich in den Kirchen S. Sil- vestro am Quirinal und S. Elemente finden, nicht von unserer Birgitts sind, sondern von jener aus dem statischen Stamme. Man erkennt sie aus dem Titel „VirAo et wnrt^r", während die officielle Benennung unserer Heiligen ist: „8. Lirgitta, Villua." 20) Der Name ist hier ganz anders geschrieben als im Texte. Das ist für jene Zeit nichts ungewöhnliches. 2 °) Die Aebtissin erlaubte mir, ein Stück abzunehmen. Ein Gefühl von Kirchenraub ließ mich zweifeln: auf erneute Aufforderung jedoch klippte ich, da der Mantel an den Enden sehr schlissig war, eine kleine Franse ab und erhielt darüber eine Authentika vom Beichtvater des Klosters. ") 8. Visit. -iereli. 8ser. Vatie. °°) Ihre Tochter Catharina hat den seltsam scheinenden Titel: »VirZo ab Viäna." DaS ist nun Alles, was über die Birgitts» Reliquien in Rom gefunden werden konnte. Es wäre wünschenswcrth, daß genauere Beweise gefunden würden; allein man kann schwerlich zu größerer Gewißheit kommen. Für alle Fälle sind nun die Reliquien beschrieben, welche Anspruch auf Acchtheit machen können. Leider kann bezüglich der Reliquien, welche ihren Ursprung von Wadsrena herleiten, nicht das Gleiche gesagt werden; aber das gehört nicht in den Nahmen dieses Aufsatzes. C. Bildt." * -» » Es obliegt uns nicht, der interessanten Arbeit irgend eine Ergänzung beizufügen. Allein einen Gedanken möchten wir gleichwohl aussprcchen: Die Arbeit zeugt von großer Liebe zur hl. Birgitta und gibt dieselbe Verehrung kund, wie sie die skandinavischen Völker ihrer großen Heiligen bis in die Zeit des Gustav Wasa entgegenbrachten. Und wie die hl. Birgitta zu ihren Lebzeiten den hohen Adel um sich versammelte und wie ihre Stiftung, das Kloster Wadstcna am Strande des Wcttersee's, die Edelsten der schwedischen Nation aufnahm, so vereinigen sich auch heute wiederum die Edelsten der schwedischen Nation im Lobe der nordischen Heiligen und ehren sie als eine Zierde ih- s Vaterlandes. So wurde 1891, in dem Jahre von L.c- gi'tta's Heiligsprechungsfeier, vom schwedischen Reichstage die Wiederherstellung der alten Klosterkirche zu Wadstena, des »lompium Oathockimlo, Lieg, Aas llolginlom", beschlossen und dieser Antrag unter Andern! auch damit begründet, daß Birgitta von allen Schweden aus dem Mittelaltcr die einzige Persönlichkeit von europäischem Rufe sei.ol) Möge an „St. Brittas" Verehrung der Anfang einer neuen Aera geknüpft sein! „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der Lehre der hl. Väter." * In Nr. 65 der „Frankfurter Zeitung" wurde Herr Lycealrector Dr. Lcistle in Dilliugen wegen feiner unter obigem Titel schon im Jahre 1387 erschienenen Schrift angegriffen. Die Bosheit des Angriffes und das unredliche Spiel kennzeichnet sich dadurch, daß in der aus der Schrift (S. 25 ff.) ausgchobeuen Stelle über den Erscheinungsleib Satans, an welcher sich der Verfasser re- ferircnd verhält, die zumeist aus den Vatern und altchristlichen Kirchenschriftstellern geschöpften Citats womit jede der aufgeführten Erscheinungsweisen belegt ist, einfach weggelassen sind, so daß die ganze Darstellung beim Leser die Meinung hervorrufen muß, als ob der Verfasser alle diese Erscheinungsformen sich ausgesonnen habe, während er nur objectiv darlegt, was die genannten Schriftsteller hierüber geäußert haben. Bezeichnend ist ferner der Umstand, daß Stellen, in welchen der hl. Augnstin und der hl. Gregor d. Gr. im Texte (nicht bloß unter demselben wie die übrigen Citate) für diesen Punkt als Zeugen angeführt werden, weggelassen sind. Durch diese weggelassenen Stellen hätte doch der eine und andere besonnene Leser auf den Gedanken gebracht werden können, auch das übrige über die verschiedenen Erscheinungsformen Gesagte sei den Angaben der altchristlichen Kirchenschrist- steller entnommen und nicht Phantasie-Produkt des Verfassers. Das sollte nun durch Äusmerznng dieser Stellen hintertrieben werden. Dasselbe Verfahren wird eingehalten an jener Stelle, wo davon die Rede ist, in welcher Gestalt der böse Feind von besessenen Menschen infolge des Exorcismus gewichen sei (S. 43 f.). Die Citate, nach welchen der Verfasser berichtet, sind auch liier weggelassen, und es erscheint auf diese Weise die betreffende -Aeußerung als reines Hirngespinnst des Verfassers. Die „Frankfurter Zeitung" gestattet sich sogar das Wort „immer" einzu Binder, Die hl. Birgitta und ihr Klostervrdcn, München. Stahl sen., 1891. schieben, um den Eindruck bei den Lesern zu verstärken. Seine Stellung zu der Anschauung, welche in den von ihn, citirten Schriftstellern sich ausspricht, hat der Verfasser für den Leser an verschiedenen Stellen keiner Schrift angedeutet. Ucbcrhaupt darf nicht übersehen werden, daß die Schrift der Hauptsache nach eine systematische Zusammenstellung dessen sein soll, was über Besessenheit und einschlägige Fragen in der patristischen Literatur sich findet. Auch das Schlußwort in der bezeichneten Schrift hätte die „Frankfurter Zeitung" auf deir Gedanken bringen können, daß sie den Verfasser unverdienter Weise herabzuwürdigen sich mühe. Die in Rede stehende Schrift hat, wie wir bestimmt wissen, bei ihrem Erscheinenvon Männern, welche durch ihr theologisches Wissen und ihre Stellung hervorragend waren, und solche Fragen, wie sie in der genannten Schrift behandelt sind. nüchtern zu beurtheilen verstanden, volle Anerkennung gefunden. Es sei nur, um die noch lebenden zu übergehen, hingewiesen auf den hoch- seligen Bischof vr. Pankratius von Dinkel und den verstorbenen Eichstätter Dompropst und Professor Dr. Thal- hofer, dessen Brief an den Verfasser wir gelesen haben. Hingewieien sei ferner auf die seinerzeitigen anerkennenden Besprechungen der betr. Schrift in der „Jnnsbrucker theologischen Zeitschrift", in der „Beilage der Augsburger Postzeitung" und im „Augsburger Pastoralblatt". Diesen Männern und Zeitschriften lag aber auch ein anderes Elaborat vor, als die „Frankfurter Zeitung" ihrem Publikum, das prüsungslos das Dargebotene als baare Münze hinnehmen muß, vorzulegen beliebte. -— Was man sogar aus Sätzen der hl. Schritt machen und wie man die Lehre Christi als unchristlich lautend darstellen könnte, wenn man nach Art der „Frankfurter Zeitung" verfahren würde, sei an einem Beispiele gezeigt. Man könnte sagen mit Verschweigen des in der hl. Schrift enthaltenen Beisatzes: In der Bergpredigt (Matth. 5,43) lehrt der Herr: „Hassen sollst dü deinen Feind." — Uebrigens hat Professor Leistle in seiner Schrift auch noch andere Dinge behandelt, als nur die sinnlich wahr- lassung, die Besessenen des Neuen Testamentes, der segnende und heilende Einfluß des Christenthums kommen in seinem Programme znr Sprache, lauter Gegenstände, die nicht bloß für den katholischen, sondern auch den orthodoxen protestantischen Theologen von Interesse sein . können. Allerdings die von Christus abgewendete Welt, der Rationalismus, welcher Satan und seinen Einfluß Hinwegdisputiren will und die Leugnung dieses Feindes des Menschengeschlechtes (I. Petr. 5,8 f.) zu einem Postulat der Bildung macht, muß sich entsetzen, wenn man dieses düstere Phänomen der Geschichte zu behandeln wagt. Was die verdächtigende Bemerkung über die Lehr- thätigkeit des Rectors Leistle im Schlußsätze der „Frankfurter Zeitung" betrifft, so mag sich dieselbe beruhigen. Derselbe ist, wie das vor Jahresfrist in öffentlichen Blättern hervorgehoben wurde, ein hochgeschätzter Lehrer, der sich die Liebe und Verehrung seines Auditoriums während seiner 20jährigen akademischen Thätigkeit in hohem Grade zu erwerben wußte, so daß sie auch die Auslassungen der „Frankfurter Zeitung" nicht zu erschüttern vermögen, und seine Schüler können auch in den von ihm vorgetragenen Disciplinen sich mit denen jeder anderen theologischen Hochschule messen. Recensionen und Notizen. Baedeker K., Spanien und Portugal: Handbuch für Reifende. 8°. I-XXXII -ff 582 SS., 6 Karten, 31 Pläne, 11 Grundrisse. Leipzig, K. Baedeker, 1897. M. 16,— in Leinwandband. v Es war ein auffallender, schwer empfundener Mangel, daß in der Reihe der vorzüglichen Reisehandbücher von Baedeker gerade eines der herrlichsten Länoer, das an historischen Erinnerungen, an kunstvollen Prachtbauten wie an hervorragenden Naturschön- heiten überreiche Spanien, nicht vertreten war. Rathlos und vergeblich sah sich jeder Spanien-Reisende nach eurem Ersatz um, der diese Lücke ausfüllen konnte, denn der Reiseführer von Hartleben, der einzige, den es überhaupt gab, ist gar nicht zu gebrauchen. Das Erscheinen des oben genannten Buches wird daher allseitig mit großer und dankbarer Befriedigung willkommen geheißen werden und sicher den Muth und die Zahl derer rasch vermehren, die sich entschließen, die iberische Halbinsel zu durchqueren, wenn sie sich einem so verlässigen Führer anverrraut sehen. Die Einrichtung des Buches ist ganz dieselbe, wie sie sich bei den übrigen Baedeker-Führern bewährt hat, die ja einen Weltruf besitzen. Genauigkeit der Angaben und Nebersichtlichkeit der Anordnung lassen nichts zu wünschen übrig; es wird sicherlich keinen Spanien-Touristen geben, der nicht diesen „Baedeker" als unentbehrlichen Geleiter in der Hand hätte. Haberl Fr. K., Kirchenmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1897. Reqensbnrg, Fr. Pustet, 1897. 8°. IV -s- 141 -st 3 SS. M. 2,60. Zum zweiundzwanzigsten Male bringt ein alter, stets willkommener Freund seine Neujahrsgabe. Leider hat das diesmalige Jahrbuch den Tod eines ausgezeichneten Mitarbeiters, des Professors Dr. Anton Walter (k 1. Okt. 1896), zu beklagen, dessen im Vorwort rühmend gedacht wird. Es folgt dann an erster Stelle die Fortsetzung des im Jahrgang 1896 begonnenen „Oküeium hsbckoinaclas sanetas" (S. 29—72) von Ludovico da Vittoria, der bekanntlich an Cardinal Otto Truchseß von Augsburg einen Mäcenas hatte. Auf den musikalischen Beitrag folgen.Abhandlungen und Aufsätze historisch- kritischer Art, die von der staunenswerthen Belesenbeit und Gründlichkeit der Mitarbeiter Zeugniß ablegen. Recensionen über kirchenmusikalische Novitäten beschließen das Jahrbuch, das an Reichhaltigkeit des Inhaltes senren Vorgängern in keiner Weise nachsteht und sich damit sicher die alten Freunde erhalten und, wie wir hoffen, neue erobern wird. _ Der hl. Antonius in Toulon und das Brod der Arme n. Erzählung eines Augenzeugen von Stephan Jouve in Toulon. Autorisirte deutsche Ausgabe nach der 9. Auflage des französischen Originals von F. M. Laun, Kaplan in Stuttgart. 3. vermehrte Auflage. Mit einer Abbildung des Hinterstübchens in Toulon. Stuttgart, Jos. Roth'sehe Verlagshandlung. 250 Seiten Octavformat. Preis brofch. 2 M., schön gehd. 2 M. 60 Pf. Das Buch erzählt uns in ansprechender Form die Entstehung des in kurzer Zeit über die ganze Welt ausgebreiteten guten Werkes, welches unter dem Namen St. Anton iusbrod die Unterstützung der Armen zum Zweck hat. Wer nämlich den hl. Antonius in klemen oder großen, körperlichen oder geistigen Anliegen um seine Fürbitte anfleht, verspricht ihm gleichzeitig einen Beitrag, der ausschließlich zu Brod für Arme bestimmt ist. Besonders eingehend werden die vielen Gebetserhörungen geschildert, die in neuester Zeit auf Anrufung des ivunder- thätigen Heiligen in Toulon erfolgten. Das Buch ist besonders geeignet, das Vertrauen zum hl. Antonius mächtig zu wecken und das schöne Werk des Antoniusbrodes weiter zu verbreiten. Der hl. Antonius von Padua. Sein Leben und seine Herrlichkeiten. Von st. Maria-Antonius, Eapuclner-Missionär. Autorisirte Ausgabe nach dem Französischen von I. Müller, Pfarrer. 2. sehr vermehrte Auflage mit Titelbild. Mit bischöflicher Approbation. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung. 200 S. kl. 8°. Preis 60 Pfg., hübsch gebd. 1 M. Dieses St. Autoniusbüchlein des hochw. st. Maria- Antonius ist eine besonders dankenswerthe Gabe. Der erste Theil schildert in gedrängter Form den Lebenslauf des Heiligen und die Verbreitung der Andacht zu ihm. Im zweiten Theil finden sich die schönsten Gebete zum hl. Antonius, die neundinstägige Andacht, das Respon- sorium u. s. w. Der dritte Theil enthält die gewöhnlichen täglichen Andachtsübungen. Mit Rücksicht auf seine volks- thümliche Sprache ist dies Büchlein, das dem Lieblingsheiligen des katholischen Volkes gewidmet ist, deßhalb auch für das katholische Volk besonders zu empfehlen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Auasbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die Inschrift von Hsi-Ail-Fn, ein altchristliches Denkmal in China. ^ Manchen Lesern dieses Blattes kommt der Name Hsi-An-Fn heute vielleicht zum ersten Btale unter die Äugen. Den Sinologen ist er geläufig, denn an denselben knüpft sich der Gelehrtenstreit über die Aechtheit des ältesten, uns erhaltenen christlichen Denkmals in China. Soweit wir von heute an auf die Geschichte des Christenthums in China in sicherer ununterbrochener Zeitfolge zurückschanm können, verdankt es seine Anfänge den Missionären aus der Gesellschaft Jesu, welche alsbald nach ihrer Gründung sich das große Land mit der eigenthümlichen, aber in seiner Art hochentwickelten Cultur als Missionsgebiet erwählte. Dort haben die Jesuiten in der That Wunderbares geleistet: in Zeiten der Verfolgung mit erstaunlichem Heldeumuth ihr Blut als Märtyrer vergossen, in Zeiten des Friedens mit der Predigt des Evangeliums die wissenschaftliche Forschung so erfolgreich vereinigt, daß wir fast Alles, was wir aus älterer Zeit auf siuologischem Gebiete besitzen, den Jesuiten verdanken. Bei dem Gedanken, daß unter dem zweiten Kaiser der gegenwärtig noch regierenden Tshiug-Dynastie, unter dem energischen K'ang-Hsi( 1662 — 1723) zwischen dem „Sohn des Himmels" und den gelehrten Ordensmännern ein friedlicher Austausch wissenschaftlichen Strebens und eine glückliche Eintracht herrschte, die in der Folgezeit leicht hätte dahin führen können, daß wir heute China ein christliches Reich nennen dürften, bei dem Gedanken — sagen wir — kann man den Unmüth nicht verbergen über den servilen und kurzsichtigen Papst Clemens XlV., der 1773 durch Aushebung des Jesuitenordens die kostbarsten, mit schweren Opfern errungenen Früchte, wie auch die schönsten Hoffnungen selbstloser Missiousthätigkeit mit einem Schläge zerstörte und es mitverschuldcte, daß nach und nach allerlei christliche Sekten (meist aus Amerika) in China Eingang fanden, deren sich so vielfach widersprechende Lehren dem denkenden Chinesen die christliche Religion nicht verlockend erscheinen lassen. Die Jesuitcn-Missionäre waren aber nicht die ersten, Welche christliche Lehren iu das „Reich der Mitte" (stoftunZ- Luv) gebracht haben. Als sie ihre Missionsthätigkeit begannen, fanden sie Spuren christlicher Ansiedelungen vor, die freilich schon Jahrhunderte vorher wieder vorn Schauplatz verschwunden waren. Die Legende, welche die Welt nach dem Tode des Herrn kurzer Hand unter die zwölf Apostel vertheilte, machte den hl. Thomas zum ersten Glaübensboten -) der Chinesen; er soll, nachdem er 'in Pcrsien und Indien gepredigt, auch nach China vorgedrungen sein. Ungefähr um dieselbe Zeit, da der Buddhismus in China Eingang fand (um 65 n. Chr.) soll der Sage nach ein chinesischer Fürst sich durch Gesandte, die er in die westlichen Länder ^ ) Unter K ang - Hst war bekanntlich P. Ferdinand Verbrest ( 8 . ck.) Director der kaiserlichen Sternwarte n Pei-Tshing (Peking). Der großmüthige Gönner der Wissen schaft auf dem Throne war selbst Gelehrter; sein „Wörter buch (Ws 2 s tien) hat klassisches Ansehen. — Vgl. Fries Geschichte Chinas nach chinesischen Quellen (Wien 1884) S. 270. st Vgl. Huc (langiahriger Missionär in China und Trbet) „I,s okristianism« «n OIuns, en Wortart« «t on wbidöt« (4 voll. waris 1857) w. I, p. I. schickte, christliche Lehrer erbeten haben, und im dritten Jahrhundert zählt Arnobins die „Serer" (— Chinesen?) zu jenen Völkern, die den christlichen Glauben angenommen haben. Diese Nachrichtens entbehren indeß der Begründung, und von da an verstummen sie gänzlich. Den Anstoß zur geschichtlich beglaubigten Besiedelung Chinas durch Christen gab der Nestorianismus. Die Lehre des Patriarchen Nestorius von Konstantinopel, daß in Christo auch zwei Personen (nicht bloß zwei Naturen) seien, sowie daß Maria nicht 8 - 016 x 0 ;, sondern nur Xo-.oioioxo; (also nur Meuschen-Gebärerin) sei, wurde von der Kirche auf dem III. allgemeinen Concil zu Ephesns 431 feierlich verworfen; vier Jahre später begann Theodosius die Anhänger der neuen Lehre mit großer Härte zu verfolgen, wodurch ihr Widerstand nicht gebrochen, sondern nur verstärkt und ihre Zahl vermehrt wurde. Den widerspenstigen Nestorianern wurde der Aufenthalt im ganzem Reiche unmöglich gemacht, und so griffen sie zum Wanderstaü. . In Schaaren zogen sie, den Spuren des Apostels Thomas folgend (Thomas-Christen), nach Syrien, Arabien, Persien, Indien, und endlich, bis nach China. Dort blieben sie, wie es scheint, vielfach unbclästigt, nahmen aber auch, von der Einheit der katholischen Kirche losgerissen, viele fremde, heidnische Bestandtheile (Feuer-Cultus) in ihr Christenthum auf. So lebten durch den harten Kampf um's Dasein einander genähert im Reiche der Mitte, wo die verdrängten Nestorianer das Ziel ihrer Wanderung fanden, die Bekenner Christi friedlich neben den Anhängern des Confncius (Knng- Tsze) und des Buddha (Fo) und erhielten sich dort auch sehr lange Zeit. Nachrichten von der Existenz der Thomas- Christen in China haben wir aus dem 8 . Jahrhundert;^) gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnt Barhebräus einen christlichen Erzbischof in China (Osssmani, Libl. or. II, 255), De Sacy (Xoticws, XII, 277) beschreibt eine in China gefundene syrische Bibelhandschrift, und noch der große Venezianer Marco Polo fand in der Mongolei wie in China eine Menge Nestorianer, die das Syrische") sogar zur Bedeutuug einer Art von Gelehrtensprache in tartarischen Gegenden brachten. Das merkwürdigste Zeugniß aber von den weiten Wanderungen der Syrer und der Existenz christlicher Gemeinden in China ist die berühmte syro-chinesische Inschrift, die im Jahre 1625 bei dem Städtchen Hsi-An-Fn H in der Provinz Shan-Hst gefunden wurde. Dieser interessante Fund hat die ganze gelehrte Welt in Aufregung versetzt; wir finden kaum eine fachwissenschaftliche Zeitschrift, die diesem Gedenkstein und seiner Inschrift nicht ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Bereits 11 Jahre nach der °) Vgl. Rohrbacher, Historie äs I'vgllss (Worts 1857) w. XXV, x. 69 u. ff. 8 Xövs, Mabllssomsnt st ckestruotion cks la Premiers ollrätientä sn 6kin«. I-onvain 1846. °) wen an, Histoirs gönörals st Systeme eomxarä ckss langn«!? sLmitiguss. (Worts 1663.) pag. 288. — Die mongolische Schrift hat (wie die chinesische) die Richtung von oben nach unten, sonst ist sie der syr. Estranghelo- schrift so ähnlich, daß Klaproth und Römusat an eine Entlehnung von den Nestorianern denken. y Vgl. Wla^kair, wir« eitles anck tovns ok Odin» (Hongkong 1879) M. 2620 ; 6160. — Wir schreiben nach hochchinesischer Aussprache (Peking-Dialekt): Hsi-An-Fu statt des gewöhnlichen: Si-Ngan-Fu, wie oben Pei-Tshing (Peking), K'ang-Hsi (Kang-Hi) usw. 118 Entdeckung spricht als einer der ersten über ihn der gelehrte Polyhistor des Jesuitenordens ?. Athanasius Kircher in seinem „l?roäromus ooptus sivo LLA^ptisaus" (1636) und ausführlicher in seiner „Odins, monumontis i 11 n 5 trs.ro." ') (Lmstsboäaini 1668), woselbst er eine von k. Boym gefertigte Uebersetzung der Inschrift gibt. Die Literatur b) über dies wichtige Denkmal ist seitdem zu einem ziemlichen Umfang angewachsen. Auch Abbildungen des Denkmals findet man in Jule's „Uarao kolo" (II, 22 ), sowie in Williamson's „ckonrno^s in HoLtd-Odins.", eine neuere Uebersetzung der Inschrift bei Huc (a. a. O. I, 52 — 68 ). Namhafte Orientalisten haben an der Entzifferung der Inschrift gearbeitet, aber auch die Aechtheit mit Leidenschaft bestritten oder verfochten. Seit P. Dabry v) schwieg endlich die Frage, da trat sie in ein neues Stadium durch die ostasiatische Reise des Grafen Adalbert Szßchenyi, eines Sohnes des großen ungarischen Patrioten Stephan Szbchenyi, der als Wohlthäter und Reformator des modernen Ungarn sein Denkmal auf dem Franz-Josephs-Platz (l'sreiuL-isürsak-tbi), dem imposantesten der herrlichen Landeshauptstadt Budapest, hat. Um, von schwerem Schicksalsschlag heimgesucht, nicht ganz in trübem Leide zu versinken, faßte Graf Böla Szöchcnyi den Entschluß, sich die Welt zu besehen. Im Jahre 1877 trat er seine ostasiatische Reise an, und heute nach zwanzig vollen Jahren erscheint in ungarischer Sprache der zweite Band seines großen Neisewerkes.") Ausgerüstet mit allen Mitteln, trotzend allen Schwierigkeiten ist der Graf ausgezogen und reichbeladen mit werthvollen Ergebnissen heimgekehrt. Hervorragende Männer der Wissenschaft haben die „oxolis. opiius." dieser Forschungsreise mit hingebendem Fleiße bearbeitet und durch ihre Beiträge ein auf der Höhe der Wissenschaft stehendes Werk zu stände gebracht, das dauernden Werth behalten wird und sowohl ihnen selbst als auch dem hoch- sinnigen Herausgeber zur höchsten Ehre gereicht. Die Aufgabe, für den zweiten Band die syro - chinesische Inschrift von Hst-An-Fn zu besprechen, fiel dem gelehrten Jesuitenpater, unserm bayerischen Landsmann I. Heller, damals Rector des Collegs in Preßburg (jetzt in Innsbruck), zu, der sich seines Auftrages auch glänzend entledigte. Graf Szßchenyi hat den berühmten Denkstein an Ort und Stelle gesehen und, nicht zufrieden mit den durch chinesische Bonzen den Reisenden gewöhnlich angebotenen Abklatschen, eigenhändig eine vollständige Sammlung der genauesten Abdrücke hergestellt. Geben wir das Wort einem Reisebegleiter des Grafen, dem damaligen Oberlieutenant Gustav Kreitner") (jetzt leider gestorben), ') Dies Werk enthält auch, was für Sanskritisten interessant ist, die ersten Devanägari-Typen in Europa. °) Zusammengestellt bei 6 oraler, Liblioillsoa sinios. (Laris 1878.) lll. I, xsK. 328—329 „kisrre cke Li-UAsn-l'ou". °) O ab r^, Os ostbolieisms en Obine an VIII. siede, sveo nne nonvelle trsckuviion cke l'insorixiion cke 8^-UAsn- t'ou. karis 1677. ") 82 ckeb ell^i Lölit ZrüI, Lolsiäesisi cktjänak tuckomäu^os ereckmsn^s 1877—80-bsn. Luckapost 1890—97 (Vol. I, II). Erst drei Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes im Original kam derselbe auch in deutscher Sprache heraus: „Die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Reise in Ostasien 1877—1880". Wien 1893. 2 ° 061,1V -j- 882 SS. mit 176 Abbild, u. 11 Tafeln, nebst Atlas von 32 geogr. u. geoloa. Karten. — Der zweite Band ist vorläufig nur ungarisch vorhanden, das ganze Werk ist auf drei Bände berechnet. ") Kreitner G ust., Im fernen Osten: Reisen des Grafen B 6 la Szöchemsi in Indien, Japan, China, Tibet, der uns erzählt: Im Januar 1879 erreicht Graf Szschenyi das Städtchen Hsi-An-Fu. Wir erkundigten uns bei dem Bonzen, ob wir nicht die nestorianische Gedenktafel besichtigen könnten. Er antwortete, die Tafel stehe ganz frei sichtbar in einem vor dem östlichen Thore der Stadt gelegenen, aber schon lang von den Muhamedanern verwüsteten Tempelgarten. Am folgenden Morgen erschien ein chinesischer Christ, um uns zum Denkmal zu führen. Etwa drei Lt (— 1,5 kw) von der Stadt entfernt kamen wir zu einem von einer Mauer umfaßten halb verfallenen Tempel. Der buddhistische Priester öffnete uns auf Verlangen die Pforte und führte uns gegen ein Trinkgeld zum Denkmal. Einen schon längst unbewachten Buddha-Tempel durchschreitend, gelangten wir zum bezeichneten Garten. Der Raum war öde und leer, zwischen tiefen Gräben Trümmer der einstigen Mauern und Grabniäler, deren hier früher an die Hunderte gewesen sein mochten. Nach längerem Suchen wies uns der Bonze das nestorianische Denkmal, das auf dem Trümmerfelde einen Ehrenplatz einnimmt und zwischen den wenigen noch anstecht stehenden Grabsteinen dem Beschauer durch seine Größe und durch den wohlerhaltenen Zustand imponirt. Der Führer erzählte, der Stein stehe seit 20 Jahren an demselben Platz. Graf Szöchenyi kaufte von unserm Begleiter einige Abklatsche des Denksteines, die man auch andern Reisenden anbietet, aber nur die Kreuzesfigur und den chinesischen Text der Vorderseite reproduziren. Der Graf aber wollte die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen. Es war ihm vorzüglich um die syrischen Inschriften der Seitenflächen zu thun; mit der ihm eigenen Energie und unter Zuhilfenahme einiger schon längst vergessen geglaubter lithographischer Kenntnisse war er in kürzester Zeit im Besitze eines gelungenen, des bis jetzt besten, wissenschaftlich genauen Abklatsches des viel umstrittenen Denkmals. k. Heller hatte das Glück, vollständige und genaueste Abdrücke des Steindenkmales in die Hände zu bekommen, wie sie keinem andern Erklärer zur Verfügung standen. Dieser Vortheil berechtigte und ermuthigte ihn, das schon so viel besprochene, auch abgebildete und interpretirte Denkmal einer erneuten Untersuchung zu unterziehen, deren Ergebniß die Frage wohl zum endgiltigen Abschluß gebracht hat. Das Denkmal ruht auf einem Sockel, der die Form einer Schildkröte hat, ein sowohl bei Indern als auch bei Chinesen in der Kunst häufiges Motiv. Den Sockel abgerechnet, beträgt die Höhe des Denkmals 2,75 Meter, die Breite 95 und die Dicke 35 Centimeter. Das Material ist ein behauener Kalkstein-Monolith. Das vordere Feld, 2,35 Meter hoch, ist mit 1789 eingemeißelten chinesischen Schriftzeichen bedeckt; davon sind einige große späteren Ursprungs, dieselben verkünden die Anwesenheit eines chinesischen Würdenträgers, der sich damit auf dem Stein verewigen ließ, aber dadurch einige der ursprünglichen Zeichen austilgte. An den Seitenflächen befinden Birma 1877—80. Wien 1881. — Das Werk wird mit Recht geschätzt, doch S. 179 passirte ihm etwas menschliches: er hielt das englische Wort „olmir" (Sänfte) für chinesisch und schreibt isolier; „Sänfte" heißt chinesisch „isbiao"; die Deutschen in China gebrauchen in ihrem Kauderwälsch meist das englische Wort „olmir", daher die Verwechslung. (Vgl. Arendt. Nordchines. Umgangssprache. Berlin 1894. I, S. 17). — Im Atlas zum großen Reisewerk rühren die 17 geograph. Karten von Kreitner (Original-Aufnahmen) her, die 16 geologischen von Ludwig von Lüczy, der auch ein selbststäudiges Buch obinsi birockiüoin" (Budapest 1886) herausgab. 119 sich kurze Aufzeichnungen in syrischer Sprache, und zwar in Estraughcloschrift gezeichnet. Den Denkstein bekrönt eine interessante Sculptnr: über der Mitte der Aufschriftstafel ist ein Dreieck angebracht, von welchem, umgebe» von einem Kranz chinesischer Charaktere, das Zeichen der Erlösung hernnterleuchtet, das Kreuz, dessen Figur (9 ein lang und 6 ein breit) jedem, der auch nur eine Abbildung besteht, in der auffallenden Umgebung einen unvergeßlichen Eindruck machen muß und eine so geheinmiß- vollc Sprache von der Macht des Evangeliums aus dem stummen Steine redet. Des Kreuzes Enden sind lilien- förmig ausgezackt; zwei fabelhafte Thiergestalten halten darüber Wacht. Die gepanzerten Schlangenleiber über den eigenen Köpfen in einander schlingend, ruhen beide mit dem Rachen und einer Tatze auf dem Boden, während sie in den andern einander entgegengehaltenen Klauen eine von Flammen gekrönte Scheibe halten. Rechts und links davon reihen sich je drei mit den beschriebenen im gleichen Stil gehaltene Drachenfiguren an, die Rachen zu Boden gekehrt, die Schweife oben an diejenigen der beiden großen Figuren geschmiegt. Die Darstellung ist gewiß höchst merkwürdig, und dürfte in der ganzen Geschichte der Plastik wohl nichts Aehnliches aufzufinden sein. Jedenfalls ist das Werk nicht von chinesischer Künstlerhand, und das spricht zu Gunsten der Aechtheit. Vielleicht ist ma- layischer Knnsteinflnß anzunehmen. Die chinesische Inschrift gibt auch in ihren Wortzeichen syrische Eigennamen wieder, woraus man Schlüsse auf die chinesische Aussprache ziehen kann.'s) (Schluß folgt.) Zur Geschichte des Kreuzweges. (Fortsetzung.) ll. k. 8. Wie erklärt sich nun die Unsicherheit und Verwirrung jener Zeit? Ein Grund wurde bereits angegeben, es ist das Haus des Kaiphas, in dem Christus gerichtet und verurtheilt wurde, wie in dem des Pilatus. Einen besondern Anhaltspunkt gewährte dabei der hieher versetzte Stein, auf dem Christus gestanden, sowie die Geißelsänle, welche dort gezeigt wurde. In rnonts 8^on scwlasia 8a1vs,toris, yuns ollm tuit äonnis Laipllas. Ibi consuavit ostenäi xars oolunmas, aä czuam kuit uocius wans IiAatus at tiaZoliatus. bannt. III, 14, 8. Letzterer (1321) und Graf Solms (1496) sahen in der Grabkirche zwei solche Säulen, den Theil einer größeren und eine kleinere. Es sind also dem Anscheine nach zwei verschiedene anzunehmen: die eine aus dem Hause des Pilatus, die andere aus dem des Kaiphas. Nach der Zerstörung des erster» (Antonia) kam jene in die Sions- kirche, wo schon Hieronymus sie sah. Als die Mohammedaner vor der Ankunft der Kreuzfahrer dieselbe zerstörten, wurde auch die Geißelsäule zerschlagen. Ein Theil wurde von den Christen in die Grabkirche gerettet, wo sie bereits Säwulf (1103) fand, später Saundo, Zimber (1483), Graf Solms, Fürst Radzivil (1583), und wo sie sich noch befindet. Immer wird berichtet, daß sie aus dem Hause Pilati sei. Ein anderer Theil soll nach der Meinung des Saundo nach Konstantinopel, nach H. v. Zimmer nach Rom und Lyon gekommen sein. Die Der allbekannte Ehrentitel „Llar" (Herr) vor den Namen von Priestern oder Bischöfen ist interessanter Weise im chinesischen Text mit wiedergegeben, was wörtlich „erhabene Tugend" heißt und eigentlich die Wiedergabe des indischen Namens (— Hoch- würden) ist, den sich die buddhistischen Priester beilegten. zweite Säule wurde, wie früher erwähnt, in der Erlöser» kirche (Haus des Kaiphas) verehrt, wie schon der Pilger von Bordeaux (333) und AntoninuS (570) bezeugen,! und kam später theils in die Sionkirche (nach deren Wiederaufbau), theils in die Grabkirche und zuletzt nach Rom in die Kirche der hl. Praxedis. Die Erinnerung hastete aber an dem ursprünglichen Orte, und die angeführten Pilger Johannes v. W., Fratellus u. a. gaben dort nicht bloß den Platz der Geißelung und des nächtlichen Kerkers, sondern auch der Krönung und Verurtheilung durch Pilatus an. Uebrigens sind sie durchaus nicht vertrauenerweckende Berichterstatter, auch abgesehen von ihrer Verworrenheit. Johannes sah an vielen Orten Gemälde und Inschriften, welche auffallenderweise andere Zeitgenossen nicht erwähnen. Er verlegt den Ort des Abendmahls an die Nord-, PhokaS an die Südseite der Sionkirche; dieser setzt die Stelle, wo der hl. Geist herabkam, mitten gegen Osten, Epiphanias gegen Süden, während Arknlf, welcher um ein halbes Jahrtausend dem Geschehnisse näher war, sie genau in Nordost der Kirche seiner Zeit angibt. Durch die Gewaltthätigkeiten der Moslims, namentlich der fanatischen Aegypter und Seldschuken, war eben Alles ins Wanken gerathen, Manches ganz verrückt worden. Von großer Bedeutung war besonders der Umstand, daß der Platz der ehemaligen Burg Antonia wegen seiner einzigen Lage von den'Ungläubigen durchgängig zur Residenz erwählt wurde, wie denn noch bis vor Kurzem der Pascha in der Nähe wohnte und noch eine Kaserne dort ist. Schon dadurch wurden die Christen von dieser wichtigen Stätte verdrängt; noch mehr aber durch das Uebereinkommen, wonach ihnen von dem ägyptischen Chalifen Mnstanser Billah (1063) das Viertel um das hl. Grab zum alleinigen Wohnsitze angewiesen wurde. So mußten sich alle Heilgen Erinnerungen der Stadt auf einen engen Raum zusammendrängen und zum Theil ihren allen wahren Platz verlieren. Diesen Zustand fanden die Abendländer vor, als sie im Jahre 1099 das Land eroberten und die heiligen Stätten restaurirten. Die zwei Kirchen auf dem Sion waren zerstört, nur eine tiefe Höhle am Abhänge, des Berges geblieben, wo die Christen jetzt ihre PctcrsArche (statt der im Hause des Kaiphas) hatten und seine Buße dahin verlegten, daher Hahnschrei genannt oder Gallläa, weil der Herr dort sein Erscheinen in Galiläa verheißen haben soll. Nach der Eroberung wurde die große Marien- oder Abendmahlskirche am ehesten wieder aufgebaut, statt der früheren Peterskirche nur eine Kapelle errichten in deren Gegend mehrfach das Nichthaus des Pilatus »vermuthet wurde (ostsuciitur). Weil sie nahe der Sionyrche war, gerieth vereinzelt die Vermuthung in diese selbst hinein. Bei solchen Restaurationen waren Mißgriffe unvermeidlich, außer der Stadt, wie in Gcthsemane und Jutta, dem Schauplatze von Maria Heimsuchung, der erst seit jener Zeit und gerade von den genannten Beschreiben! vorzugsweise, doch dann allgemein nach Ain Karin verlegt wurde. Durfte ja kein Christ in Hebron, wo die Gräber der Patriarchen sind, und in der Umgegend wohnen. Die Christen aber wollten die Schauplätze der evangelischen Geschichte sehen und ehren. Es sind gewiß mehr als 40 Kreuzwege, welche in Deutschland allein dem Jerusalemer genau nach den Entfernungen nachgebildet wurden. Es kam vor, daß der eine oder andere Pilger, z. B. M. Kötzel von Nürnberg, der das Maß verloren, eigens nochmal hinreiste, um eS sich zu holen. Diese Wanderung der Tradition ist eine Wiederholung jener, welche zu Anfang der christlichen Zeit stattgehabt. 120 Im alten Testamente ist Sion und Tempelberg anf dem Osthügcl, wo der Herr wohnt und angebetet wird (Ps. 2,6; 9, 12; 73, 2; 86, 2 usw.), immer Eins, nur zuweilen wurde der Name auf die ganze Stadt angewendet, aber nie auf den Westhügel allein. Allmählig kam der Name außer Gebrauch, Fl. Josephus, welcher in seinen Alterthümern und dem Jüdischen Kriege die ausführlichste Quelle ist, gebraucht ihn gar nicht mehr. Nach der Zerstörung des Tempels griffen Juden und Christen wieder darauf zurück. Die Juden, weil sie einen Ersatz wünschten für den verlorenen Tempelbcrg. Lange durften sie in Jerusalem nicht wohnen und erst allgemach siedelten sie sich unvermerkt auf dem südlichen Theile des Wcsthügels au, der seit der Zerstörung außerhalb der Stadtmauer liegt, und klammerten sich an die Gräber Davids und Salomons, welche von da an dort als auf dem Sion gesucht wurden. Die Muhammedaner traten in das Erbe ein und betrachten das Grab Davids (Nebi Daud) als eines ihrer größten Heiligthümer. Die Christen erkannten in der Zerstörung die Erfüllung der Weissagung Christi und eine gerechte Strafe dafür, daß die Juden das Heil von sich gestoßen. Deßwegen ließen sie den Tempel in seinen Ruinen und erwählten gleichfalls den Westhügel zu ihrer Verehrung und Wohnung. Die Anserwählung war von den Juden anf die Christen übergegangen, das Heiligthum von dem alten Sion auf den neuen. Sowohl der Apostel Petrus (I., 2, 6) als der hl. Paulus (Nöm. 9, 33) erinnerten an die Weissagung des Propheten Jesaias (28, 16) „Siehe, ich setze in Sion einen Eckstein, einen auserlesenen, kostbaren; wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden." Christus ist der Stein» den die Bauleute verworfen haben, der aber dann zum Eckstein geworden ist. (Matth. 21,42; Apostelgesch. 4, 11). In der Sionkirchc wurde demnach ein Stein gezeigt, den die Bauleute verworfen haben (Antoninus v. P.) Statt der vielen altteftamentlichen Opfer auf dem Osthügcl hat er Eines vollbracht, aber das höchste, auf Golgatha im Westen und zur Vervielfältigung und Aneignung der Früchte desselben hat er das immerwährende Opfer eingesetzt auf der Höhe des Westhügels. „Ihr seid hingetreten zum Berge Sion, zum himmlischen Jerusalem, zu des Neuen Testamentes Mittler Jesus" (Hebr. 12, 22). Zudem kam ebendort der hl. Geist auf die Apostel herab zur Fortsetzung des Werkes Christi. Für den Christen ist demnach der Westhügel mit vollstem Rechte der Sion und dieser Name soll ihm bleiben in Ewigkeit (Ps. 71, 19; Dan. 2, 44). Wie schon erwähnt hielt man nur kurze Zeit dafür, daß der Anfang des Leidensweges, das Nichthaus des Pilatus, aus dem Sion gewesen sei. Doch war diese Meinung auch damals nicht allgemein. Die Ossta. I'ransorum Hisrosol^iuaw sxpugnantiuin 6ap. 25 (ca. 1108) versichern: Rase intra nrdsva g, ticisliinm vsnsrantur: bluZsIIatio ckssu Oüristi at^us eoro- nntio st äsrisio st cstsra, guas pro nodis psrtnlit. Lsä non tasils usti tusrnnt nuno soAnosoi xossmit, eum eivitas ipsa totalitär postsa ässtruota athns äsleta 8it. Der Ausdruck intra urdsin schließt das Haus des Kaiphas aus, weil es außerhalb der Stadt lag. Wo intim nrbem tiagsllatio atgus sorouatio, demnach der Anfang war, besagt die ununterbrochene Ueberlieferung von den ältesten Zeiten bis heutzutage, welche zudem in der hl. Schrift und der Geschichte begründet ist. Die Hanptburg in Jerusalem war die Antonio an der Nordwestseite des Tempelplatzes, welche Herodes d. Gr. erbaut und zu Ehren seines Gönners Antonins benannt hatte. „Sie war auf einen Felsen erbaut, 50 Ellen hoch. Inwendig hatte sie den Umfang und die Pracht eines Königspalastes und zählte verschiedene Abtheilungen zu allerlei Zwecken: Wohnungen, Gallerien, Vorplätze, Bäder und geräumige Höfe, welche zur Unterbringung der Soldaten sich eigneten, so daß sie alle Bedürfnisse in sich schloß, einer Stadt, an Stil und Pracht aber einem Königsschlosse gleich. Wo sie mit den Tempelhallen in Verbindung stand, liefen links und rechts Treppen hinab, auf denen die Wachen herabfliegen. Denn regelmäßig lag darin eine starke römische Besatzung, um an den Festzcitcn das Volk im Auge zu behalten, daß es keinen Aufruhr gab." Joseph. Jüdischer Kr. V. Das war also der Platz, wie ihn die Römer für ihre Zwecke sich nicht günstiger wünschen konnten. Für sie war vor Allem der militärische Gesichtspunkt, die Beherrschung des Tempels, namentlich bei einem großen Zusammenströmen des Volkes zur Osterzeit, maßgebend. Nebenbei boten die weitläufigen Räumlichkeiten rückwärts alle Annehmlichkeiten einer prächtigen Wohnung. Selbst nachdem die Herrlichkeit zerstört war, erkannten die nachmaligen nurhammedanischen Herrscher die Vorzüge und wohnten dort. Es wäre unbegreiflich, wenn der kluge Pilatus in jener aufrührerischen Zeit, wo Barabbas kaum erst abgeurtheilt war, dort nicht gewohnt hätte gerade zur Osterzeit. Der Ort, wo Christus gerichtet wurde, wird vom hl. Johannes (19, 13) lütliostrotus und zwar Gabbatha d. i. Hochpflaster genannt. Ein Pflaster von großen viereckigen Platten wurde denn auch bei dem Ban des Klosters der Stonsschwestern, anstoßend an die ehemalige Burg, gefunden, ist jedoch kein Hochpflaster, sondern scheint als Hof gedient zu haben, wo das Volk vor dem Palaste sich versammelte. Dagegen findet sich im Hofe der jetzigen Kaserne, welche unzweifelhaft zur Antonia gehörte, ein solches altes, wirklich hochgelegenes Pflaster. Dort konnte Pilatus öffentlich Gericht halten und das ini Hofe unten versammelte Volk Alles sehen und hören?) Zur Lage stimmt auch der Lass fioino- Bogcu, das Stück einer Gallerie, von der aus Christus dem Volke vorgeführt wurde. Matthäus (27, 27) und Markus (15, 16) berichten übereinstimmend, daß nach der Geißelung, welche Pilatus selbst durch seine Soldaten hatte vollziehen lassen, die ganze Cohorte zur Dornen« krönung sich versammelte. In Jerusalem war aber vor dem jüdischen Kriege nur 1 Cohorte sammt 1 Fähnlein Reiter, und lag in der Antonia. Daß überhaupt eine geordnete Hcerschaar, bei Josephus nur eine Cohorte bedeute, erhellt daraus, daß der Höchstcoinmandirende ein Chiliarch, Befehlshaber über tausend, war. Unwider- leglich folgt daraus, daß Pilatus bei der Cohorte in der Antonia war. (Forts, folgt.) Christliche Kirnstintercssen. Kirchenrestaurirungen in Bayern. I. I'. b'. Als die nach außen vom Zahne der Zeit und im Innern nicht weniger durch den wechselnden Gc» °) Bei der Herodesburg in der Nähe der Citadelle wurde schon viel gegraben, jedoch kein solches Pflaster gefunden, wird auch in der Tradüion auf Sion nirgends erwähnt, sondern nur die darnach benannte Kirche. 121 schmack mitgenommene Frauenkirche kn Nürnberg von dem frühern Director des Germanischen Museums, Dr. Aug. Essenwein, so gründlich restaurirt wurde, daß man mit dein aufgewendeten Gelde ganz gut eine geräumigere Kirche hätte neu aufführen können, da war es doch ein Glück für das architektonische Schatzkästlein auf dem grünen Markte, daß es nicht gar viel an der plastischen wie malerischen Dekoration zu erneuern resp. zu ergänzen gab. Die Innenwände mit neuen alten Mustern und Teppichen von oben bis unten, wie beabsichtigt, zu bemalen, verhinderten die alten von Pros. Eberlein in Nürnberg entdeckten und dann auf Anordnung der Regierung aufgefrischten naiv aumuthigcn Wandbilder, die meist aus der Zeit der Erbauung der Kirche (1355 bis 1361) stammen. Diese wurden vom Director Essenwein in ihren Lücken ergänzt und vom Dekorationsmaler I. Looseu neu übermalt. Die großen Gruppen der scharf stilistisch bewegten Gestalten auf den zwei Streifcnbildern aus der Legende der hl. Ursula über dem Marienaltare, in den der Zeit eigenthümlichen feinen, gebrochenen Farben, machen vor andern einen feierlichen Eindruck. Die Scenen aus der Legende und dem Martyrium der Heiligen unter den Fenstern zeigen Gestalten von der Lieblichkeit und Anmuth derer aus der Kölner Schule. Auch Einzelfiguren, farbige Wcihckrenze nebst Todtenschilden sind über die Wände vertheilt. Den an der Nordwand des Chores befindlichen zwei größer» hl. Franengestalten von strengem Stil und schöner Zeichnung gegenüber macht der kolossale, von einer Mauer- lücke mitten entzwei geschnittene, neue St. Christoph mit seiner nicht gerade idealen Figur und seiner flachmaler- ifchen dekorativen Technik einen etwas kölnischen Eindruck. Von all den Wandmalereien im Innern der Kirche sind aber glücklicherweise die zwei etwas spätern, prachtvoll componirten und vollendet gezeichneten Gruppen an der Wcstwand unterhalb der Orgelempore — (nunmehr durch je einen Leinwandüberzug und Beichtstuhl verdeckt!) — von der Hand des Dekorationsmalers oder „Nestaurators" verschont geblieben. Von ihnen ist besonders die nördliche, die Madonna mit dem Kinde von Heiligen umgeben darstellend, noch gut und mit scharfen Contouren erhalten. Diese Perlen spütgothischcr Malerei von imponirender Gesammthaltnng und feinster Linienführung harren noch immer der verständnißvollen Renovation durch die sichere Hand eines durchgebildeten Künstlers. Die Säulen wurden mit den neuen, von Essenwein gezeichneten, spätgoihischcn Figuren der Apostel nnd der vier großen Kirchenvüter mit Spruchbändern durch Loosen bemalt. Den Fußboden ließ Ersterer in Mosaik mit denselben romanisch gehaltenen Darstellungen der vier Elemente, der Lebensalter (im Chöre: des fruchtbaren nnd unfruchtbaren Baumes und der Paradiesesströme) belegen, die er an der Decke des von ihn: rcstaurirten romanischen Domes zu Vrannschwcig hatte anbringen lassen. Wie der Fußboden nach der Auffassung der Alten als ein Sinnbild der Erde, so sollte das Deckengemälde als Sinnbild des Himmels erscheinen. Darum ließ Essenwein den obern Rand der Pfeilerkapitäle mit 48 neuen vergoldeten Engeln, mit Musikinstrumenten in den Händen, besetzen. Früher waren solche jedenfalls nicht vorhanden. Die neun Schlußsteine des dreithciligen gleichhühcn Hallcnschiffes mit Darstellungen des Marien- cnltes nnd eines Christnskopfcs erhielten ihre alte Be- malnng. Der neue, unter den Fenstern des Chores umlaufende Teppich ist mit den symbolischen Bildern der lauretanischen Litanei bedeckt. Wie die imponirenden, ächt statuarischen ältern Standbilder des Chores (Kaiser Karl IV. nebst Gemahlin Maria und die heiligen drei Könige), dann die über dem Gesimse mit ihren Leuchter» knieendcn lieblichen Engel, so wurden auch die wie jene Engel meist der Spätzeit des XV. Jahrhunderts angehörenden Scnlptnren des Schiffes — außer dem wundervollen Pergeusdörfer'schen Grabdenkmal von gedunkeltein grangelbem Stein an der Nordwand, das im starken Hochrelief unter einem reich durchbrochenen Spitzgiebel eine herrliche jungfräuliche Madonna mit einem kindlich lebhaften Jesuskinde zeigt, die von zwei Engeln gekrönt wird, während zwei andere ihren Mantel über die Schutz suchende Christenheit ausbreiten, ein Werk Adam Kraffts vom Jahre 1499 — sowie auch der ungewöhnlich reiche Bildschmuck des Innern der Vorhalle neu polychromst, sowie die Bilder der personificirten Tugenden Mariens und darüber der klugen und thörichten Jungfrauen an den Seltenwänden der Halle frisch aufgemalt. Am kräftigsten und verhältnißmäßig am brillantesten erscheint gerade die Polychromirnng dieser Vorhalle, des Paradieses, das bis dahin wie in schwarzer Nacht der Vergangenheit begraben lag und nun, gleichsam aus den dunkeln Schatten des Todes erstanden, den Eintretenden wieder mit dem seinen erhabenen Raum erhellenden neuen Gold- und Farbenglanze stimmungsvoll anmuthet. Diese concentrirte und erhebende malerische Wirkung, welche von den polychromsten Statuetten nnd Reliefbildern im Tym- panon der innern Eingangsthüre und den neuen, voin Schlußstein ausgehenden und zu den Gewölbekappen sich hinziehenden, theils figürlich symbolischen, theils ornamentalen Malereien ausgeht, wird vorherrschend erzielt durch den kräftigen Zusammenklang der drei dominirenden Farbcutöne. Es sind die Grundfarben Roth, Gold (Gelb) und Blau, welche nach dem Gesetze der Farben- vertheilung zum Ganzen sich genau ausgleichen lind nur durch wenig Grün in den Hohlkehlen, Fialenblenden, Sockclgründen und an den innern Flächen der Drapir- ungen abgelöst werden, unten jedoch in ein sattes Noth- braun der Wandsockel und oben am Gewölbe in eir nuancirtes Blau als Untergrund der symbolischen Ring- nnd Strnhlenkreise, der Cherubim, Seraphim unk Throne, übergehen. Für einen solchen spärlich beleuchteten Raum, wie unsere Vorhalle, ist eine so kräftige Polychromirnng in Glanzgold nnd den ungebrochenen Grundfarben, schon zur Erzielnug einer möglichst deutlichen Anschauung des Bildschmnckes, gewiß berechtigt, ja geboten. Für ein lichchellcs und zugleich so beschränktes Interieur würde die konsequente Bemalnng in den vollsaftigcn, ungemischten Farbentönen, wie sie mit dem Pinsel aus dein Farbcntopfe genommen werden, einem modernen Auge doch zu — beleidigend erscheinen; außer wenn sie in nicht zu langer Zeit durch Staub und Rauch zu dunkeln („pa- tiniren") Aussicht böte. Die drei Fenster des östlichen Chorabschlusses wurden von Essenwein in ihrem bildlichen Inhalte nach den wenigen noch vorhandenen Scheiben rcconstruirt (Pfingst- fest, Himmelfahrt Mariens, Hierarchie der Kirche rc.) — und nebst den andern von Glasmaler Klans in Nürn- berg ausgeführt. Sie bilden ein einheitliches Ganze in Zeichnung und Farbe nnd legen vor allem ein glänzendes Zeugniß ab von der gründlich ausgebildeten archäolog» 122 ischcn Kunst dcs Ersieren. Könnte sie doch selbst der Kenner nach Stil und Technik — bis anf die ja nicht ganz zn erreichende Tiefe der Leuchtkraft — fast für „echte" halten! Weniger einheitlich wirken die sehr verdunkelnden Fenster im Schiffe, in welchen die mit vielem Silberweiß durchsetzten weichfarbigcn alten Wappenbilder ergänzt wurden durch nicht ganz passende, in der Jnnsbruckcr Glasmalerei nach den Entwürfen des ch Pros. I. Klein in Wien hergestellte Krcnzwegstattonen, die mit ihren kribbeligen, schattenschmntzigen Bekrönungen, den schweren Tcppichanhängscln und den obern dnnkelgründigen rothen und blauen Scheiben es zu keiner rechten Harmonie kommen lassen. Sie machen auch die Kirche, die an sich schon durch die sie im Süden und Osten im geringen Abstände umgebenden Häuser verdunkelt wird, noch dunkler, so daß das Innere im Winter wie in Nacht gehüllt wird. Schon in spätgothischer Zeit hat man bei der Liebe, durch reichste Fenstcrbemalimg ein möglichst abgeschlossenes, stimmungsvolles Interieur zu schaffen, dadurch wieder das Innere nehr zu erhellen und ein klarer beleuchtendes Licht zu gewinnen gesucht, daß man die obere Hälfte der hohen Fenster mehr mit lichtem, durchsichtigerm weiß- und goldfarbigem Maß- und Rankenwcrk ausfüllte und sonst auch mehr das hellende Silberweiß verwendete. Damit die Beter in der Frauenkirche im Winter lesen können in ihren Gebetbüchern, wird nichts anderes übrig bleiben, als etwa die unterste und dritte Reihe der verdunkelnden Glastafeln zu entfernen und die andern herunterzurücken. Im Ganzen verfehlt aber die brillante Farben- harmonie der Glasgemälde des Chores im Verein mit der Leuchtkraft der alten Tafeln im Schiff, sowie die warme, von dem gebrochenen Lichte der farbcnsatten Fenstergläser mystisch gedämpfte Stimmung des ganzen, so reich dekorirtcn Interieurs nicht ihre unmittelbare, feierlich ansprechende Wirkung. Der durchgehende (durch Umbra und Ocker hergestellte) feine rehbraune Ton, der an der Decke um eine leichte Abstufung Heller erscheint und an den Säulen in ein zartes, ansprechendes Ockergelb übergeht, mag vielleicht Manchen im ersten Augenblicke eigenartig berühren, wird jedoch bald, durch die ihn belebenden Elemente, nämlich die dekorativen und bildlichen Malereien an den Wänden, Säulen und Profilen, harmonisch aufgelöst, immer angenehmer berühren und zu jener feierlichen Wirkung nicht unwesentlich beitragen. In die Detaklbetrachtung des Figürlichen, so der nicht stehen und gehen könnenden Apostel an den Säulen, darf man sich freilich nicht einlassen, um nicht sogleich an die Mache, die stets gcist- und seelenlose bloße Imitation, erinnert und — verstimmt zu werden. Die von dem Kölner Maler Kleinertz gefertigten innern Flügelbilder dcs Hochaltars — die auf der Rückseite sind ohne künstlerischen Werth! — zeigen dagegen, daß ein durchgebildeter Meister der Technik von naiv-gläubigem Gemüthe allenfalls im Stande ist, sich die Kunstsprache einer geschichtlich abgeschlossenen Periode anzueignen und in ihr annehmbare Bilder in besserer alter Form zu schaffen. In besserer alter Form. sagen wir, d. h. in Anlehnung an die bedeutenden' Künstler der Vergangenheit, an die wirklichen Altmeister, nicht an ihre Gesellen und Knechte, die ebenfalls nur in deren Hand Werks zeuge sich zu bewegen verstanden. Das allermeiste, was uns von der Kunst des Mittelalters erhalten blieb, dürfte aber gerade von der Hand der bloßen Gesellen der alten Kunstwerlstätterr herrühren. Leider sind nun gerade auch unsere Architekten vielfach schon zufrieden, wenn die für sie arbeitenden bildenden Künstler nur das rein Aenßere, die den alten Stil rein äußerlich charakterisirende ungefähre Haltung, Bewegung oder Linie in ihren Gebilden zu treffen wissen, wenn es diesen auch an der von innen heraus belebenden und bewegenden Kraft und damit an aller ergreifenden und überzeugenden Wirkung fehlt. So wollte auch Essenwein die Herstellung des neu zu ersetzenden plastischen Schmuckes an Figuren und Ornamenten lieber in einer improvisirten eigenen Bauhütte durch gewöhnliche Handwerker und Techniker anf dem Wege einer tastenden Imitation alter ruinöser Stücke, als durch die frei modelltrende Hand geschulter Bildhauer besorgen lassen. Die Folge davon konnte aber nur diese sein, daß nicht nur die Wasserspeier, Krabben, Kreuzblumen, Friese und andere ornamentale Stücke der Architektur, sondern auch das noch mehr in die Augen springende felbst- ständtge Figurenwerk bezüglich der Zeichnung, resp. Empfindung weit hinter dem Alten zurücksteht. — So sieht die unten am Nordwesteck der an herrlichem plastischem Bilderschmucke so reichen Hauptfa^ade stehende große Madonna aus wie eine zu einer unmöglichen „gothischen" Stellung gezwungene Puppe, der man aus einer modernen Garderobe einen altzugeschnittencn Ueberwnrf umgethan hat. Der unter der Draperie befindliche Körper ist kein von Leben und Schönheit putschender Organismus, sondern ein zu einer „Figur" zugehauener Steinklotz, und aus dem todten Antlitze schaut kein empfindender Geist. Nun hatte aber gerade in der Zeit des XIII. und XIV. Jahrhunderts die deutsche Bildnerei eine in diesem Umfange nicht mehr dagewesene Höhe sozusagen klassischer Ausbildung erreicht. In Nürnberg nehmen neben andern auch die Bildwerke der Frauenkirche von Schonhöfer bereits eine hohe Stufe der Knnstentwtcklnng ein und verbinden bet der zeitgemäßen Weichheit der Formenbildnng im Allgemeinen zugleich mit einer gewissen Großheit eine sehr liebenswürdige Anmuth der natürlichen Erscheinung; dabei behaupten jedoch gegen alle übrigen Erfahrung e n gerade hier die ganzen Figuren und ihre naturgemäße Bewegung einen entschiedenen Vorrang vor der mehr in allgemeinen Zügen gehaltenen Ausbildung der Köpfe. Man kann sagen, daß in der deutschen Bildnerei ein eigentlicher, zugleich volksthümlicher Bildnerstil, gleich weit entfernt von dem früher überwiegenden Einfluß der Baukunst, sowie dem spätern der Malerei, nie auf dieser reinen ungetrübten Höhe stand (couk. die Figuren am Schönen Brunnen!), „und unsre Bildhauer könnten hier ebensogut in die Schule gehen, wie bei den uns immer fremd bleibenden Griechen und Römern".*) Der Unterschied zwischen der schwerfälligen Mache des neuen und dem mit elegantem und leichtem Meißel gearbeiteten alten Figurenwerk dürfte auch dem ganz un- geschulten Auge auffallen. Recensionen nnd Notizen. Koch-Breuberg Friedr.: Siegfried der Träumer. Roman aus den letzten Jahrzehnten. Innsbruck, Waaner'sche Universitäts-Buchhandlung, 1897. gr.- 8° (303 S.) * Ueber diesen s. Z. bereits angezeigten Roman findet sich im „Oesterreich. Literaturblatt der Leo-Gesellschaft folgende Recension: „Der hohe sittliche und religiöse Ge- *) „Nürnbergs Kunstleben" .. R. v. Rettberg. S. 33. 123 halt des vorliegenden Romanes, verbunden mit einem reinen Idealismus, erheben ihn hoch über das Niveau des Mittelmäßigen. Was oft an natürlicher, lebenswahrer Ausführung einzelner Handlungen und in Schilderung mancher Charaktere fehlt, ersetzt Verfasser durch das Streben, den Werth der kathol. Religion als moralischen Halt für den Einzelnen lowohl. als auch in volkswirth- fchaftlicher Beziehung znm Bewußtsein zu bringen. In trefflichen Worten weist er nach, daß man auf die Verrohung der Massen nur einwirken könne, wenn man ihnen den Glauben an Gott gibt und ideelle Güter in il>re Seele legt. Der Verfasser hat seinem Werke die Form eines Romanes wohl deßhalb gegeben, auf daß es einen weiteren Leserkreis gewinne und der flute Same in viele Herzen gelegt werde; und schon aus diesem Grunde, spräche auch sonst nicht der ganze eigenartige und interessante Bau des Romanes dafür, ist dein Buche ein großer Erfolg zu wünschen." Hug, Die christliche Familie ,m Kampfe gegen feindliche Mächte. Vortrage über christliche Ehe und Erziehung. Dritte, vermehrte Auflage. 424 Seiten mit Stahlstich. Freiburg (Schweiz), Uni- versitäts-Äuchhandlung (B. Veith). Preis gebund. M. 3,20; in feinem Geschenksband M. 4,—. Daß ein ernstes Buch, welches die Gelüste und Leidenschaften der menschlichen Natur energisch bekämpft, innerhalb Jahresfrist in dritter Auflage erscheinen kann, ist wohl die beste Empfehlung für das Werk, und könnten wir iiiis mit diesem kurzen Hinweis begnügen. Da das Werk jedoch eine ebenso zeitgemäße und wichtige wie schwierig zu behandelnde Aufgabe mit großem Tact und eben solchem Freimut!) löst. und zwar in solcher Form und Sprache, daß der Hochgebildete das Buch mit großem Interesse liest, und der Mann aus dem Volke jeden Satz versteht, beiden aber beim Lesen wann wird und der Wille bewegt wird, möchten wir, wenn auch nur kurz, auf den reichen Inhalt naher eingehen! In 42 Vortrügen behandelt der Hochw. Verfasser ziemlich alle Fragen, welche ha _ . . .. . . _ „ . christliche Eheleute für sich und ihre Kinder zu wissen nothwendig haben. Ausgehend von der Mutter- und Vaterwürde wird zunächst der Weg zu einer glücklichen Ehe gezeigt, der sacramentale Charakter der Ehe dar- gethan und den Brautleuten vor Augen gehalten, wie sie die Ehe einzugehen haben; es folgen 10 Kapitel über die Erziehung, drei weitere über die Lectüre; Beruf und Standeswahl sind drei Vortrüge gewidmet: es werden noch einzelne specielle Pflichten gegen Gott und den Neben- menschen behandelt, um in zwei begeisterten, tief ergreifenden Vortragen über «Christliche Familie und Arbeiter" auszuklingen. Eine Lösung der socialen Frage in knappster Form, wenn nur die Lehren befolgt würden. Daneben werden in den einzelnen Vortrügen eine große Anzahl anderer wichtiger Punkte berührt und Fehler bekämpft, z. B. die Sucht nach neuen Andachten und Bruderschaften, die Ueberhandnahme von Vereinen, auch frommer und an und für sich lobens- werther, die wachsende Oberflächlichkeit usw. Ein wahres Volksbuch, dem wir den Eingang in alle katholischen Familien wünschen möchten: für den Hochw. Scelforg-Klerus eine reiche Quelle von Anregung und Stoff für Predigt und Katechese. — Ein treffliches Fest- und Brautgeschenk. L. 8. Das neue Universitätsgebäude zu Würzburg. dessen Baugeschichte und Einweihungsfeier, im Namen des Akademischen Senates veröffentlicht vom Rectorate der Universität Würzburg. Mit 1 Titelbild. 7Ab- bildnnflcn und Grundplänen. Würzburg, Druck der Königlichen Universitäts-Druckerei von H. Stürtz 1897. Preis 3 M. Die Festschrift zerfällt in 5 Theile. Der Baugeschichte der neuen Universität (1 — 23) folgt die Beschreibung der Eiuweihungsfeier (24—78): Abschied von der alten Universität, Einzug in die neue, Rede des Rectors Lenke, der einen interessanten historischen Ueberblick über die Entwickelung der Unterrichtslocale an den Universitäten gab. Rede des Cnltusministcrs. Bcglückwünschungen durch Abgesandte der Universitäten Erlangen und München, durch den Bürgermeister von Würzburg. Verkündigung der Ehrenpromotionen. Die ideenreiche Rede des neuen Rectors Schell. Daran reiht sich die Schilderung des Festmahls (79—99), des Festcommerses (100—119), beide mit einem überreichen Menü von Reden ausgestattet. Den Schluß bildet die Beschreibung (120—126) des neuen Universitätsgebäudes. Beigegeben sind in ivohlgelungener Ausführung als Titelblatt der Mittelbau der neuen Universität, im Texte eine Hofansicht des alten Universitäts« gebäudes mit dem Thurm der Neubaukirche, eine Totalansicht der neuen Universität, die Aula, Vorhalle und Vestibül, das Stiegenhans m der neuen Universität. Dazu kommen 4 Grundpläne. Die Redaction der Festschrift wird Herrn Pros. Dr. Henn e r verdankt. Das Ganze, vornehm ausgestattet, wird nicht bloß den Theilnehmern an der Festferer eine angenehme Erinnerung, sondern auch allen früheren Angehörigen der Würzburger Universität eine in vielfacher Hinsicht interessante Lectüre sein. Dr. F. Hoffmann, Die Verehrung und Anbetnng des allerheiligsten Sacramentes des Alk tars. Kempten 1997. Ll. L. Das Werkchen bietet für die Verehrung des höchsten Gutes der Kirche, des allerh. Sacramentes, eine Stütze durch die Darstellung ihrer Geschichte. Die Grundlage ist gegeben in der Erörterung der dogmatischen Lehre der Kirche, und so stellt der Verfasser zuerst die Frage: war eine Anbetung des Sakramentes nach dem Glauben der Kirche allezeit möglich, auch in den ersten Tagen des Christenthums? Er zeigt, daß diese Frage mit Ja! beantwortet werden müsse, und beivcist im Anschlüsse hieran, daß man auch die Konsequenzen aus der Lehre gezogen habe. Auf dieser sicheren Grundlage läßt der Verfasser die Entwickelung der einzelnen Formen des cncharistischen Cultus vor unsern Augen sich vollziehen, indem er die wichtigsten Zeugnisse der Schriftsteller und der Liturgien des Abend- und Morgenlandes erörtert. So erhalten wir ein lichtvolles Bild von dem Stand der eucharistischen Verehrung zu allen Zeiten in der Kirche und erkennen in dem Culte unserer Tage nur die volle Ausbildung des Früheren. Besondern Werth verleiht dem Buche, daß der wissenschaftliche Gegenstand in ansprechender, populärer Darstellung behandelt ist. Wir schließen uns der Empfehlung im Amtsblatts für München - Freisiug (1897 S. 164) an; dasselbe sagt: „Das Büchlein kann nicht bloß Studirenden der Theologie, sondern allen Gebildeten, die sich für religiöse Dinge interessiren, bestens einpfählen werden." Antiochus. Drama in 3 Akten von Hans Eschelbach. Kempten. Kösel, 1897. 8°. 196 S. Der Verfasser ist kein Ankömmling in der zeitgenössischen schönen Literatur. Dramatische Dichtungen, eine Sammlung eigener Poesien, Natur und Literaturbilder und Aehnliches liegt bereits vor, womit der Kölner Dichter allenthalben bei der Kritik zur Anerkenuung gelangt ist. Sein „Antiochns", auf einer dichterisch freien Behandlung des Makkabäerkampfes beruhend, verräth ersichtlich ein starkes Talent und tüchtiges Bühnenverständ niß, mag man auch hie und da noch auf einen gewissen Ueberschwaug der Diktion — die Metrik ist sehr gewandt gehandhabt — und eine Vorliebe für krasse Effekte stoßen. Bei einer mehr energischen Zusammenfassung der dramatischen Fäden und rhetorischen Zwiegespräche könnte das Stück an scenischer Wirksamkeit nur gewinnen. Die Sprache hat Mark und Schwung. Bühnentechnische Schwierigkeiten stellen sich nirgends ein. Daß es nicht recht zu einer Entwicklung der Charaktere kommt und die nothwendige Klimax in der Struktur der Gesammthand- luug etrvas unklar durchscheint, das liegt an dem ins Epische spielenden Stosse selbst. Bühnenfähig ist das Drama und eine kraftvolle Dichtung. — 2 . Antonius von Padua. Jllnstr. Zeitschrift für alle Verehrer des Heiligen, herausgegeben von Franziskaner-Patres der Provinz „Antonius von Padua". (Verlag der Jos. Hochueder'schen Buchhandlung sH. Wcitlj, Landshnt, Bauern.) 12 Monatshefte 1 M. 20 Pfg.; dircct durch die Post 1 M. 70 Psg. Diese Zeitschrift, deren vollständiger in. Jahrgang (1896) uns vorliegt, ist die erste, welche zur Verehrung dieses Heiligen ergchieneu ist. Dieselbe bringt in monatlichen Heften von je 32 Seiten gediegene, praktische Abhandlungen. Erzählungen und Gedichte für Geist und Herz. Für jeden Monat ist eine eigene Gebctsmeinnng angegeben, in einer besonderen Rubrik lassen die zahlreichen Verehrer dieses Heiligen ihre Danksagungen für die durch den hl. Antonins erhaltenen Gebetserhürungen veröffentlichen. Die Ausstattung ist schön und der Preis für den ganzen Jahrgang ein sehr mäßiger. Möge diese segensreiche Monatschrift bei Beginn des 4. Jahrganges allerorts Eingang finden!_ Die Stndienordnnng der Gesellschaft Jesu. Mit einer Einleitung von Bernhard Duhr 8. .7. gr. 8°. (VIII u. 280 S.) M. 3; geb. in Halb- franz M. 4,80. — Freiburg i. Breisg.; Herder'sche Verlagshandlung 1896. Gegenstand dieser Schrift ist die für die Geschichte des Unterrichts so wichtige Ratio stnctiornm der Jesuiten, welche zwei Jahrhunderte an den Gymnasien, Seminarien und Universitäten der katholischen Welt in Uebung und Geltung war und für manche das Gebiet des höhcrn Unterrichts betreffende Fragen auch heute noch den Weg zur Lösung zeigt oder diese selbst gibt. Der erste oder einleitende Theil handelt von deren Geschichte und Quellen und weiterhin von den in ihr zum Ausdruck gebrachten pädagogis chen und didaktischen Grundsä Heu, wobei mancherlei betreffs derselben verbreitete Irrthümer und herrschende Vorurtheile treffende Widerlegung finden. Der zweite Theil gibt in fließender Ueber- fetzung den Text derselben, und zwar sowohl den ursprünglichen als den veränderten, jedoch mit Meidung der Wiederholungen, recht übersichtlich. Ein Personen- und Sachregister krönt die vortreffliche Arbeit, für welche der Verfasser den Dank aller beän- svruchcn darf, die sich für das höhere Unterrichtswesen rnteressiren oder irgendwie bei demselben mitwirken. Grundzüge der Beredsamkeit mit einer Auswahl von Musterstellen aus der rednerischen Literatur der ältern und neuern Zeit. Von Nikolaus Schleiniger, Priester der Gesellschaft Jesu. Fünfte Auflage. Neu bearbeitet und erweitert von Karl Racke 8. 7. 8". (XVI u. 552 Seiten.) M. 3,80: geb. in Halbfranz M. 5,40. — Freiburg im Breisgäu; Herder'sche Verlagshaudlnng 1896. Die Neubearbeitung von Schleinigers „Grund- züge" in dieser, nach des Verfassers Heimgang von seinem Ordensgenossen ?- Racke besorgten Auflage ist eine allseitig gründliche, zweck-und sachgemäße: auch die Erweiterung durch Zusätze, besonders im Anhang durch Hinzufügung neuer Müst erstellen, eine beträchtliche. Den Schluß bildet ein ausführliches Wort- und Sachregister. Durch die geschickte Bearbeitung ist das Buch noch mehr als schon bisher geeignet, die Lust zum rhetorischen Studium anzuregen und dasselbe ebensowohl möglichst leicht als praktisch und erfolgreich zu machen. „Alte und Neue Welt." Jllustrirtes, katholisches Familienblatt. Verlag Äenziger n. Comp. in Einsiedeln. Preis eines Heftes großen Formats von 68 Seiten Umfang 50 Pfennige. — Das Märzheft, soeben erschienen, hat folgenden reichen, mannigfaltigen und interessanten Inhalt: „Unter dem Banner von Bogen." Historische Erzählung von Anton Schott. „Die Geschichte eines Hexenmeisters. Eine Waldgeschichte von Margarete Marie von Oertzen. „Niemals." Skizze von Leo van Hufen. „Das Heidehans." Eine altmodische Geschichte von Blak Geißler. „Das Bankdepot." Humoreske von Bruno Sparta. „Die Piloten des Luftmeercs." Von Hans Eiden. (12 Jllnstr.) „Der Todtengräber." Von Th. Bertholt). „Eine neue Gasglühlampe." Von Or. Max Wildermaun. (3 Jllnstr.) „Flüssige Luft." Von A. Dix. „Der letzte Ausbruch des Ararat." Von Horst Wolfram. „Der 'apostolische Dele- aat in Ostindien." Don einem Priester der Gesellschaft Jesu. (3 Jllustr.) „Rübenthaler." Von G. Vudinski. (2 Jllustr.) „Eine Fahrt auf englischen Eisenbahnen." Don Oi-, E. Ä. Heine. „Die Namen der Wochentage. Von H. Reif. „Die Pest und die Parsi in Bombay." Von K. M. (3 Jllustr.) „Das neue französische Feldgeschütz." Von M. Noda-Noda. (3 Jllnstr.) Hierzu kommen noch das reich illustrirte Allerlei, die stets anregende Beilage für Frauen und Kinder und die immer sehr aktuelle Rundschau. Ein solcher Inhalt dürfte für sich selber reden. Jede besondere Empfehlung scheint da überflüssig. Frühlingsreif. Eine sociale Tragikomödie in 5 Akten von Gottfried Lütter. Wcucheim, Ackermann. 1896. 8°. 134 S. G Eine Copie nach Sudermann und zwar eine schlechte. Nicht mehr werth als die Ebers-Copie: Timophyt. Erzählung aus dem alten Aegypten von Alfred Hennig. Ebenda. 1896. 8°. 82 S. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 3 u. A.: Neuere Predigtliteratur. (Kcppler.) — Zenner, Die Chorgesänge im Buche der Psalmen. (Hoberg.) — Poggcl, Der zweite und dritte Brief des Apostels Johannes. (Fetten.) — Hauviller, Ulrich von Clritty. (Wurm.) — RisrttnZ-, Da Rnssis st 1s 8aint-8i«AS. (Paulus.) — Hittmair. Die Lehre von der unbefleckten Empfängniß an der Universität Salzburg. (Schanz.) — Hontheim, Der logische Algorithmus. (Braig.) — Kaufmann, Elemente der Aristotelischen Ontologie. (Pfeifer.) — Becker, Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. (Prnner.) — Wolfs, Lesebuch für Fortbildungsschulen. (Ziegler.) — Baumann, Die zwölf Artikel der ober-schwäbischen Bauern von 1525. (Glasschrödcr.) U.s.w. — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1697. Zehn Hefte, M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche. Verlagshandluug. — Durch . die Post und den Buchhandel. Inhalt des 2. Heftes: Der Materialismus in Indien. I. (I. Dahlmann 8. .7.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. II. (H. Pesch 8. 7.) — Das Grab der Gottes- nnstter. (L. Fonck 8. 7.) — Livlands größter Herrmcister. II. (O. Pfülf 8.7.) — Zur Choralknnde. (Th. Schmid 8.7.) Recensionen: 1. Poggel, Der zweite und dritte Brief des Apostels Johannes, 2. Seeböck, Sankt Paulus, der Heidenapostel (I. Knabenbauer 8. 7.); .InuZmann, Tosspbi Rssslsr, guonäaw spisoopi s. IlippoFti, Insti- tutions« RatroloK-ias (C. A. Kneller 8. 7.); Heimbucher, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche (O. Pfülf 8. 7.); Sociale und politische Zeitfragen. Heft 1: Pichler, Der Antrag Kanitz, Heft 2: Roeren. Das Gesetz zur Bekämpfung des unlautern Wettbewerbes (H. Pesch 8. 7.); Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. Jahres- Ausgabe 1896 (St. Beisscl 8. 7.). — Empfehlenswert h e S ch r i f t e n. — M i s c e l l e n: Vom französischen Protestantismus: Herr v. Below über die. Duellfrage bei den heutigen und bei den alten Jesuiten. „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistercienser-Orden." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünu, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das IV. Heft 1896 enthält u. a.: Wagner, Phil., Dr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (I.) — Veith, Jldefons (0. 8. 8., Emaus): Die Martyrologien der Griechen. (II.) — Wittmann. Dr. Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Ölst.), und seine Werke. (I.) — Willems, D. Gabriel (0. 8. 8. Afflighem): 8obo1as Lsuscliotiuas. (III.) — Dol- berg, Ludwig (Ribnitz): Die Cistercienser beim Mahle. Nenz, G. A. (München): Beiträge znr Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Prwrates Weih St. Peter (O. 8. 8.) in Rcgeusburg. (VIII.) — Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsam- keit im Magnusstifte zu Füssen. (VI.) — Ku ku la, Richard, Dr. (Wien): Römische Briefe der Mauriner aus dem Jahre 1699. — Weikert, D. Thomas Ag. (0. 8. 8 . von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise. (V.) — Förster, Remaclus (0. 8. 8. M.-Laach): Der Ehemiker und Me- diciner Basilius Valentin O. 8. 8. iVerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 31. Mir? 1897. Die Inschrift von Hsi-An-Frr, ein altchristlichLs Denkmal in China. (Schluß.) Der Inhalt der Aufschriften athmet ganz und gar christlichen Geist. Der Titel lautet in Uebersctzung: Gedenkstein der Ausbreitung der hell strahlenden Lehre des Großen Reinen im Reiche der Mitte sammt einem Hymnus verfaßt von Kiug-Tshing, einem Priester dieser Kirche." Der Text beginnt dann mit den Worten: „Siehe hier. den unnahbar Gerechten, den Unsichtbaren, der von Ewigkeit zu Ewigkeit währt; den wcitschauenden, vollkommenen Geist, dessen gcheimnißvolles Dasein kein Ende nimmt. Er nahm den ewig dauernden Stoff und schuf daS Weltall." Es folgen sodann die Namen der Herrscher Cbina's, unter denen dem Christenthum Ruhe und Gedeihen vergönnt war, nebst allerhand Lobsprüchen und Dankesworten. Eine gewisse schwungvolle Beredsamkeit, ein gläubig-christlicher Sinn läßt sich in diesem uralten Schriftwerk des Christenthums nicht verkennen. Die Schlußworte des oben erwähnten Hymnus lauten: „Des Gerechten Ursprung ist überall und nirgends, da ist seine Unergründlichkeit, seine Allmacht, mit der er Himmel und Erde geschaffen. Er hat sein Dasein getheilt und ist zur Erde nicdcrgestiegcu, um zu helfen und zu retten bis ans Ende der Zeiten. Da leuchtete der Tag auf, und die dunklen Schatten flohen, und Alles trägt die Zeichen seiner ewigen Wesenheit." Sind das nicht erhabene, wahrhaft christliche Worte? Die Unterschrift besagt: „Beiden Herrschern liegt des Handelns Wille und Gebot; wir Diener künden den Ruhm ihrer Thaten und haben dies Denkmal hier errichtet zum Unterpfand unseres Dankes für gewährtes Glück." So klingt die Inschrift aus im Dank eines demüthigen Christcuhcrzens für den Schutz dessen, was ihm das theuerste ist, mitten im heidnischen Lande, in der Verbannung. Die Entdecker des Denkmals, das im Jahre 1625 ausgegraben wurde, waren, wie ?. Heller nachweist, zwei Jesuiten, ?. Nikolaus Trigault und ?. Alvarez Semedo, die nach dreißigjährigem Forschen, wie L. Semedo sagt, „endlich das Glück hatten, ein Zeugniß dafür zu finden, daß das Christenthum in China schon vor Jahrhunderten geblüht hatte". Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Glaubcnöbotcn von der malabarischen Küste aus nach China gekommen sind, wofür die dort erhaltenen Kirchenbücher sprechen. Die Geschichte der Entdeckung des Steines im Jahre 1625 wird also berichtet: Bei Gelegenheit eines Neubaues im Städtchen Hsi-Au-Fn wurde der Denkstein bloßgelcgt. Man meldete dies dem Ortsvorsteher. Dieser brachte in seinem Aberglauben den Tod seines zärtlich geliebten Söhnchens, das er gerade um diese Zeit verlor, n Zusammenhang mit dem Funde des Steines, dessen yrische Schrlftzeichcn ihm räthselhaft und gcheimnißvoll erschienen. So ließ er das Denkmal sorgsam aufbewahren in eben dem buddhistischen Tempel, wo cS Graf Szschenyi antraf. Ja es gab sogar Zeiten, wo der merkwürdige Stein ganze Schaarcn von Wallfahrern anzog, die in ihm ein Zeichen göttlicher Fügungen und verborgener Kräfte sahen. Siegreich führt k. Heller den Nachweis für die Echtheit des Steines, die unter andern auch Gelehrte von hervorragendem Ruf, wie Frhr. von Nichthofcn, Panthicr,rs) St. Julien, Renan, Bikell, Nöldeke, Gut- schmid, Aule, Brctschneidcr, vertreten haben. Einer der entschiedensten Gegner der Echtheit, der namhafte Orientalist K. F. Nenmann, der vor etwa einem halben Jahrhundert die Sinologie an der Universität München repräsentirte, suchte in seiner Abhandlung „über die erdichtete Inschrift von SI-ngan-Fn" (Zeitschr. d. deutsch, morgen!. Gesellschaft IV, S. 23 u. ff.) den langwierigen Streit mit der Behauptung aus der Welt zu schaffen, es liege augenscheinlich nur eine plumpe Fälschung der Jesuiten vor, man solle die Sache endlich einmal abgethan sein lassen. Zunächst zweifelte Nenmann an der Echtheit, weil ihm die chinesischen Schriftlichen viel zu gut erhalten und viel zu modern schienen, um ihren Ursprung ins 6. bis 8. Jahrhundert znrückdatiren zu können; dann forderte er auch die Verwendung von Estranghelo-Schrist, deren sich die ThomaS-Christen bedienten. Nun aber sind die syrischen Inschriften des Denkmals gerade eben im Estranghelo geschrieben; sie waren den chinesischen Gelehrten, die sich mit dem Denkstein befaßten, fremd und blieben auch den Jesuiten lange unverständlich, bis der an der malabarischen Küste weilende k. Antonius Fernande; sich aufmachte, um den Denkstein in Augenschein zu nehmen, und in den fremden Zeichen syrische Estrangheloschrift erkannte. Die chinesischen Charaktere der Inschrift boten keine besondere Schwierigkeit und wurden längst von Chinesen entziffert; lächerlich ist der Einwand Neumanns, sie seien modern, denn er mußte von dem conservativen Sinn der Chinesen Kenntniß haben und wissen, daß sie im Laufe der Jahrhunderte ihre Schriftlichen in der That sehr wenig verändert haben. Und gerade diese minimalen Eigenthümlichkeiten des Schriftzuges, die selbst dem geübten Auge des europäischen Sinologen entgehen, sprechen für die Echtheit der Inschrift; der einheimische Gelehrte aber wird darin auf den ersten Blick die Kalligraphie der Tang-Dynastie (618 — 907) erkennen, unter deren Regierung (etwa um 780) mau die Entstehung des Denkmals ansetzt. Richtig ist, daß die chinesischen Zeichen so schön erhalten sind, daß man sie selbst in ziemlich verkleinerten Photographien gar klar und deutlich zu erkennen vermag. Auch haben die Chinesen selbst die Inschrift für echt gehalten, sonst hätten sie ihr gewiß nicht , die Ehre angethan, in ihren eigenen Jnschriftwerken davon zu sprechen, und hätten bei ihrem eminenten historischen Sinn mit Worten der Anzweifelung sicher nicht zurückgehalten. Ganz abgeschmackt aber ist es endlich, von einer Fälschung der Jesuiten zu reden. Was hätten diese doch für ein Interesse, welchen Zweck oder Vortheil davon haben sollen, ein Denkmal herzustellen oder zu fälschen, das ihnen gerade die Ehre nimmt, das Christenthum zuerst nach China gebracht zu haben, und ein Denkmal, das noch dazu nestorianischen Ursprungs ist? Eine Stelle des chinesischen Schriftstellers Ming-Tshou (11. Jahrh.), die von dem Monument spricht, hat nach Renan (a. a. O. S. 271) bereits Stanislaus Julien bekannt gemacht. Ein weiterer Grund für die Echtheit des Monumentes '2) Lautllier, vs I'autllenkieits äs k'wscription nsstorionns äs 8i-n§an-kon. t?aris 1887. — L'inseription szn-o-slliuoiss äs Si-nZ-au-kon. Laeis 1688. — Derselbe in der „Lsvuo äs k'orksnt" 1662, p. 318. Die Ausführungen dieses unermüdlichen Gelehrten sind zwar verdienstlich, doch noch gerade nicht überzeugend. Als Uebcrsetzcr ist er, wie sein College Fauche, der ANcrwelt-SanZkritüber» scher, leider nicht zuverlässig 126 Ist vielleicht ein Fund von altromischen Münzen (davon 13 aus der Zeit von 14—280 n. Chr.), der bei der Stadt Hsi-An-Fll gemacht wurde; davon machte ein hervorragender Sinologe, Pros. Dr. Fr. Hirth (zur Zeit in München, damals in Shaug-H'ai), im „North-China- Hcrald" Mittheilung.") Freilich bringt Hirth die Miinz- sunde mit kaufmännischen Beziehungen China's'") mit Alcxandrien und Syrien in Verbindung, aber für die Echtheit der berühmten ncstorianischcn Inschrift tritt derselbe Gelehrte, der fast drei Jahrzehnte in China gelebt hat und über umfassende litcratnr- und kulturgeschichtliche Kenntnisse verfügt, mit aller Entschiedenheit ein. Merkwürdig ist, daß sich nach den „Mittheilungen der Wiener gelehrten Gesellschaft für Anthropologie" auch im Gebiete von Scmirctschensk Ziemlich viele ncftorianische Denkmäler vorfinden. Auf die Aehickichkeit der Inschrift von Hsi-An-Fn mit der hebräisch-chinesischen'") von K'ai-Fong- Fu hat schon Renan hingewiesen. Wenn derselbe Forscher über unsere nestorianischc Inschrift behaupten wollte: „I/es odgeetiolls Zrnvas Hui out rouäu longsemps uck O'.o rmoau oricul: 11e8ec!re!iL8 into tlxckr cmciont incckiocvat rclaticm? tu olcl e.tuno,<-L rocorlls. tzluuiKlici 1S?N. Vgl. .loinnol o( ll>e. American oriental soctclr, AI, 401 (1800) n. IV. 411 (1804). Schaar Soldaten herbeigeeilt wäre und ihn ihren Händen entrissen hätte. Der Hauptmann führte ihn in die Burg und übergab ihn dem anwesenden Höchsten, dein Tribunen Lysias, weil der Landpfleger Felix abwesend war, nicht etwa in Jerusalem, sondern in Cäsarca; dorthin wurde denn auch Paulus geschickt. Einige Jahre darauf wurde bekanntlich die Stadt erobert und die Antonia zerstört» lag auch lange in Trümmern, wie der hl. Bischof Eyrillus (st 386) noch bezeugt: 1o 7rcX«ioo TcpA'.ickipcv'- vov Eat. 13» 39. In diesem Zustande fand sie der älteste Pilger von Bordeaux (333), dessen Bericht erhalten ist. Er schreibt: Ilt eas kora.3 murum clo 8icm, ermti aä portmm Dleapolitnnnm aIu8 miuuv xa88U3 numero I-. Qe äomo Laiirbas imgue ack pretorium Lilati numoro 0. Ibi oZt oce1e8ia, 8. Loxbiav. -luxta eam mi8Lus cst lloremias in laeum. A äomo kilnti U8ciuo aci xiscinam probatioam x1u8 minu3 numero 0. Da er von der Petcrskirche bis zum Hanse des Pilatns blos 100 Schritte zählt, so wollte man letzteres in der Hcrodi'anischen Königsbnrg anf Sion suchen, allein auch dahin ivären 400 Meter nnd wird dort niemals eine Sophicnkirche erwähnt, was hier zum ersten Male geschieht. Die hl. Sophia bedeutet die ewige Weisheit, den Sohn Gottes. Von nun an wird sie auch genannt von, Lraviarirm (540), Antoninns (570) und vom Patriarchen SophroninS noch vor dem Perscrei'nsall (615). Er singt in seinen den, Anacreon nachgebildeten Liedern 127 (XX): „Nachdem ich die Warte Elan verlasse», de» Stein, an ivelchcm mein Schöpfer gegeißelt worden, umfangen habe, möchte ich hinabsteigen zum Steine, auf dem der Fürst der Weisheit sein Urtheil gehört hat; möchte eintreten beim Schafteichc." Kenntlich genug deutet er die Gekßclsänle in der Pctcrskirche nnd den Stein, auf den Christus bet der Verurtheilung gestellt worden, in der Sophienlirche unweit des Schafteichc«, also im Hause des Pilatns an. Das ist denn auch entscheidend bei Theodojius. Auf seine Zahlenangabcn ist überhaupt kein Verlaß.^) Er rechnet z. B. von dem Grabe Christi bis zum Orte der Krcuzfinduug nnd zur Stelle der Kreuzigung je 15 Schritte, während Autouiuus das Dreifache angibt. Dagegen setzt er übereinstimmend mit den Andern das Haus des Pilatns in die Sophienlirche unweit dcS Schasiciches und des Jcremiaskerkers, welche im Norden des Dcmpclplatzes bei dem Kerker- und Schaf- thore gewiesen wurden, was auch wahrscheinlich ist. Fast gleichzeitig (540—50) lieferte ein Ungenannter eine kurze Beschreibung, daher Lrevmrnm genannt. Er erwähnt wie Andere die Kirche auf Sinn sammt der Geißclsänle, dann die Petersktrche im Hanse des Kaiphas. Ochiul« vnckis aet domum kilnti, ubi tradidit I)o- nrinnna üaZallatum IndaLM. Ildi 68t Lasiliea gromdig ob 68t Ibi eudictUnw, nsii exxoliavornnt oum 6t Lggeltntus 68t, 6t voentnr sgnota Lopliia. Bald darauf (570) besuchte Antoninus von P'iaceuza, genannt --lauter, die hl. Orte und erzählt, was er gesehen. In der Sionskirche (richtiger als 8im6oni8) erwähnt er wieder der Geißelsaule, ferner Dornenkrone, Lanze nnd Abendmahlskclch. Die Erlöser- oder Petcrs- tirche fuhrt er nicht an, wohl aber die Marienkirche unweit des hl. Grabes. Dann fährt er fort: Lt oravinnm in pratorio, üki amditus est Oümiuu3 et ravdo est Uasilie», 6. Lopliino nnto ruirms te-vipli Lalornonis. In ixsa lmsiliea, est eeäas, in szna uoäit?iiatuZ, ^narrdo Dorninnw. andivit. Auch sah er den Stein, auf den Christus gehoben wurde und auf dem seine Fuß- stapfen znrüllblicbeii, sowie ein schönes Bildniß der ganzen Figur Christi; in der Nähe der Jeremiasbrunnen. Der Fels, über welchem die Sachra-Moschee erbaut ist, zeigt wohl auch Fußspuren, ist jedoch 17 Meter lang und 13 Meter breit; liegt auch nicht „vor den Ruinen des Tempels", sondern dortselbst. Wer den Koran zum Beweise anführt, muß auch die Fabeln von dem nächtlichen Ritte, vom Borok u. dgl. annehmen. Die Sitte, daß Richter und Angeklagter je auf einem Steine sich befanden, kam wenigstens in Gricchcrüand vor (Gilde- meister). Gegen Ende des 7. Jahrhnnderls besuchte der französische Bischof Arcnlf das hl. Land, bald nach Beginn der Araücrhcrrschaft, nnd kam glücklich durch. Doch kurz vor der Ankunft in der Hcimaih erlitt er Schiffbrnch und wurde nach der Insel Jonas bei Irland verschlagen, wo er von dem dortigen Abt» Adamnan gastlich aufgenommen wurde. Dieser, dem er seine Reise erzählte, brachte sie zu Papier. Da der Reisende also nur nach dem Gedächtniß erzählte, auch nicht selbst schrieb, so sind seine Angaben nicht einwandfrei. Doch werden sie vielfach von Anderen bestätiget nnd sind wegen der Zeit sehr willkommen. Auf Sion beschreibt er die große Kirche und gibt selbst einen genauen Plan. Bon. der Erlöser- oder 0 Wenn die Reisenden ibre Berichte niederschrieben, hatten sie wohl die Lage der Orte, aber rächt mehr die Entfernungen genau !m Kopfe. Pctcrskirche schweigt er. Die Sophienlirche kommt mw in einem späteren Ansznge mit Zusätzen vor. Kaiser Karl d. Gr. schickte im Jahre 803 einige Priester nach Palästina, um sich über den Stand der christlichen Religion dort zu erkundigen. Von ihrem Berichte ist ein kurzer Auszug (Lomirwuroratorium ds cusis l)cä) erhalten, welcher wcrthvoll ist. Iri 8nr>ct» Livu, heißt es da, intor presid^teicm ot clerleos XVII, in 8. I?6tre>, ubi iyss ploravit, int er zmcLsizsieroZ st clerwog V, in pretorio V, in s. Nnria norm, gnuin In8tiniü.nu3 imxsrator ex8truxit XII, in 8». Nuria, ndi natn iuit in xrolmticm, inelusa.6 Leo SLLiL- tuo XXV. Da die Kirche im Hanse des Kaiphas Weber vom hl. Willibald (723—26), noch von Arcnlf vorher, noch vom Mönche Bernard nachher mehr erwähnt wird, während sie alle der Sionkirche gedenken, so bestand sie offenbar seit der Verheerung der Perser nicht mehr. Dafür war eine andere Pctcrskirche, wo er seinen Fehler beweinte, am Abhänge des Berges gegen Osten erbaut worden, welche Hahnschrci oder Galiläa genannt und in der Folge regelmäßig erwähnt wird. (Bernard, Johannes v. W., Engeflvpns,,'Wilhelm v. T., LaCitcz u. A.) Hier also waren 5 Geistliche nnd cbcnfovlcle iu xroiorio; was nur von der Sophicnkirchc verstanden werden kann, indem ein anderes damals nicht cxistirle. Nun kamen Zeiten, welche sich für die Christen immer trauriger gestalteten. Der Mönch Bernard der Welse (865) konnte noch reisen, doch wenig mehr berichten. Auf dem Sion nennt er drei Kirchen von Maria, Stcphanns und Pctri Hahnschrei, von einem Prätorium macht er nirgends Erwähnung. Nach ihm wurde Jerusalem gar das Ziel moslemischer Wallfahrten, statt Mekka, nnd demnach unnahbar. Als dieses aufhörte, athmeten die Christen für kurze Zeit auf. Da (964) machte Nltmann, der nachmalige hl. Bischof von Passan, in Begleitung der Bischöfe von Negcnsburg, Mainz nnd Vamberg und vieler Edlen eine Wallfahrt, von welchen sein Lebcusbeschreibcr (bei den Bollandisten August II) Einiges erzählt. Der Nebermnth der Ungläubigen war so groß, daß sie aus den Rücken de Pilger sprangen nnd mit Sporen daraus ritten, anderer unsagbarer Grauet zu geschweige«. Sie .konnten nur die Orte der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt besuchen. Einzelheiten sind nicht angegeben. Bald darnach wurde die Hl. Grabkirche niedergerissen, doch später durch die Bemühungen des griechischen Kaisers Constantin M. wieder aufgebaut. Erst mit Eroberung der hl. Slade im Jahre 1099 wurde die Bahn wieder frei. Die Franken stürzten sich mit Ungestüm auf die hl. Orte, allein sie überstürzten sich vielfach, weil sie die einheimischen Ueberlieferungen nicht verstanden. Sie urtheilten' nur nach dem, was sie sahen, ohne die Vergangenheit zu befragen. Wo im Dränge der Zeilen ein Denkmal versetzt worden war, meinten sie, es sei immer so gewesen. Eine kluge Zurückhaltung beobachteten noch die (Isstg. Vrancorniu Iliorosolvmanr oxMgurmtinur, wie bereits angegeben worden. Dann aber begannen die Irrungen: die Führer sind theils solche, von denen man nicht viel mehr weiß als den Namen, bei den meisten kennt man selbst diesen nicht. Dabei stimmen sie vielfach so überein, daß ihre Abhängigkeit offenbar ist. Indeß ging die alte Fährte nicht verlöre!?, sondern blieb wohl im Ge- ! dächtuisse, wie glcichzeui'gc Berichte bezeugen, i Der russische Ärchimandrit Daniel besuchte um das Jahr 1115 das hl. Land und erhielt seine Kunde ohne 128 Zweifel von seinen Glaubensgenossen, den einheimischen griechischen Christen. Er schreibt: „Bon da (wo Helena das Kreuz des .Herrn fand) nahe ist ein Ort gegen Osten, der Prätorlum heißt, wo man den Soldaten Jesum überlieferte, und er ließ ihn geißeln und übergab ihn den Soldaten, daß sie ihn kreuzigten. Und cbendort ist das Stadtgcfänguiß, aus diesem führte der Engel den hl. Petrus heraus. Und von da wenig fortschreitend, kommt man an den Ort, wo Christus die Blutflüssige heilte?) Ebenda ist die Grube, wo der hl. Prophet Jcremias hineingeworfen wurde." Auf Siou fand er „den Hof des Kaiphas, wo Petrus Christum dreimal verläuguete. Im Osten von da ist eine sehr tiefe Höhle, wo Petrus weinte, und darüber ist eine Kirche auf den Namen des Apostels Petrus erbaut." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Abriß der Geschichte der deutschen National- Literatur. Nach G. Brugier von C. M. Harms. 2. verb. Aufl. Freibnrg, Herder. 1897. gr. 8". X u. 233 S. 2.20 M., geb. 2.90 M. ^ In unserer bücherreickgm Zeit ist es eine sehr de- placirte Redensart, von klaffenden Lücken innerhalb der literarischen Welt zu sprechen, und doch gibt es Gebiete, auf denen für uns Katholiken noch lange nicht von einer Ueberproduktion geredet werden kann. Das gilt gleich von der Geschichte der Literatur. Brugier und Lindemann sind gewiß vorzügliche Werke, die allen Ansprüchen an ein Lehrbuch genügen, aber einen wirklichen Mangel haben wir an kleineren Leitfäden, die, in erster Linie für das Bedürfniß der Schule berechnet, Vollständigkeit des Inhalts und Gedrängtheit der Darstellung mit einander verbinden. Das vorliegende Buch ist somit einem wirklichen Bedürfniß entgegengekommen, und schon aus diesem Grunde ist es erklärlich, daß der im Jahre 1895 erschienenen ersten Auflage schon jetzt die zweite folgt, die mit Recht eine verbesserte genannt wird, da fast keine Seite ohne Aenderungen geblieben ist. — Das Buch ist nach Brugier bearbeitet, d. h. die Eintheilung in acht Perioden sowie die Umrisse der Biographien sind jenem altbewährten Literarhistoriker entnommen, sonst aber ist dasselbe mit größter Selbstständigkeit ausgearbeitet. Die Hauptstärkc des Buches beruht vor allem in den wohlgelungenen, trefflich abgerundeten Inhaltsangaben der bedeutenderen literarischen Produkte; eine Reihe derselben sind so warm und sorgfältig gehalten, dabei von einem so zarten und vcrständnißvollen Auffassungsvermögen eingegeben, daß sie wahre Kabinetsstücke darstellen: wir erinnern ;. Ä. nur an die Besprechung von Gudrnn (S. 22) und vom armen Heinrich (S. 26), von Hermann und Dorothea (S. 137) und Maria Stuart (S. 160). Dazu kommt noch weiterhin die sorgfältige Charakterisirung der Dichter, die mit Recht nicht bloß nach ihrer literarischen Thätigkeit, sondern auch nach ihrem Verhalten zur christlichen Moral und zum Osfenbarungsglauben behandelt werden. Wie Arrestant rst z. B. die Darstellung von Grillparzer (S. 260 g.) und von Adalbert Stifter (S. 255), oder der Gegensatz zwischen Carmen Sylvia (S. 268) und Luise Hensel (S. 267)! Daß die beiden Dichterfürsten besonders reich bedacht werden, versteht sich von selbst. Auf Schiller entölten 19, auf Goethe gar 28 Seiten. „Faust" erhält auf vier Seiten eine sehr ausführliche und ansprechende Darstellung; ob freilich die geistreiche Deutung des zweiten Theiles völlig alle Räthsel löst, wagen wir nicht zu behaupten, hat ja Goethe selbst es abgelehnt, das Chaos zu Mtwirren. — Der katholische Standpunkt ist mit Eiitschledenhelt gewahrt, trotzdem wird Licht und Schatten obrektiv vertheilt, man lese etwa mir nach, was über Luthers Bibelübersetzung (S. 49), über Laus Sachs (s. 51), über Fleming (S. 59), über Paul Gerhardt *) Diesen Ort erwähnt auch Säwnlf. (S. 60), über Gcibel (S. 220) über Gottfried Keller (S. 242) und über Ottilie Wildermuth (S. 270) gesagt wird. — Da wir nicht zweifeln, daß dem sehr brauchbaren Buche noch manche Ausfahrt beschieden sein dürfte, wollen wir gleich einige Desiderien anfügen. Alban Stolz, Chr. v. Schmid, Adolf Kolping, Drostc-Hülshoff scheinen uns, obgleich ja ihre Werke gewürdigt werden und letztere als die „größte aller deutschen Dichterinnen" gefeiert wird, noch immer zu kurz behandelt zu sein; Wilhelm Meinhold haben wir ungern vermißt, wogegen wir bei Christian Hebbcl (S. 248 ff.) eine Kürzung für angezeigt hielten. Die Dichter der neueren und neuesten Zeit sind allerdings bei der phänomenalen Produktivität, bei der Mannigfaltigkeit ihrer Richtungen wie Systemlosigkeit ihrer Anschauungen schwer in Kategorien einzutheilen, dennoch dürste cme noch prägnantere Gliederung der achten Periode (seit 1832) gelingen. Die katholischen Literaten sind mit einem Sternchen versehen, was nur zu begrüßen ist, bei k. Galt Morcll (S. 230) und wohl auch bei M. Herbert (S. 269) ist dasselbe zu ergänzen. — Ein warmer katholischer und patriotischer Geist weht uns aus dem Buche entgegen; sollte dies etwa ein Fehler sein, ihm die Pforten der Studienanstalt zu verschließen? Müssen da bloß dürre und magere Excerpten, kalte und trockne, dein Jndifsercn- tismns huldigende Leitfäden zur Benützung kommen? — Das Buch ist zugleich eine wahre Orientirnngs- und Warnungstafel, darum auch für die Sclbstbelchrung trefflich geeignet, um sich rasch und sicher über irgend eine literarischc Erscheinung zu orientircn, zumal es bis auf die neueste Gegenwart fortgeführt ist. Ein sorgfältig gearbeitetes Personen- und Sachregister enthält aus 11 dreispaltigen enggedruckten Seiten weit über 1500 Stichwörter. * Eine päpstliche Empfehlung. Der Heilige Vater- Papst Leo XIII. hat seit Beginn seines Pontificatcs den philosophischen Studien die regste Förderung an- gedeihen lassen und behält deren Entwicklung mit aller Sorgfalt im Auge. Davon zeugt auch in nicht geringem Maße das nachfolgende Schreiben Sr. Heiligkeit an den Herausgeber des im Verlage von Ferdinand Schöningh in Paderborn erscheinenden „Jahrbuches für Philosophie und spekulative Theologie", Herrn Pros. Dr. Commer in Brcslau, welches in der Uebersetzung lautet: „Papst Leo XIII. Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen! Nachdem Wir durch das Rundschreiben „ü,otorm katrls" dafür gesorgt haben, daß die philosophischen Wissenschaften wieder an diejenigen Quellen gewiesen werden, woraus sie in der Vergangenheit so viel Licht und Sicherheit geschöpft hatten, mußten Wir Uns beglückwünschen, daß katholische Männer überall sich wie ein Heer zusammenschnürten und in geziemendem Gehorsam gegen Unseren Willen es unternommen haben, sich mit den unsterblichen Schriften Thomas von Agnins unausgesetzt zu beschäftigen und sie durch ihre angestrengten Studien zu erklären. Daß auch Du, geliebter Sohn, schon Beweise Deiner Arbeit an der Lösung dieser Aufgabe geliefert hast, haben Wir vor vier Jahren erfahren, als Du Uns die ersten sechs Bände des von Dir und anderen talentvollen Männern herausgegebenen „Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie" überreichtest. Jetzt aber, da Du Uns mit vier weiteren Bänden desselben Jahrbuches beschenken wolltest, gefalle es Uns, Dich und Deine Genossen mit Lob für die erduldete Arbeitsmühe zu krönen. Während dieses Lob als verdiente B eloh nung gelten soll, so soll es zugleich ein Ansporn sein, daß Ihr von dem begonnenen Werke nicht ablasset, sondern daran arbeitet, die Irrthümer der falschen Philosophie zu besiegen, die Lehren des Aquinaten aber weiter zu verbreiten und in der ihnen gebührenden Ehre zu erhalten. Ein Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens und ein Mittel zur Erlangung der göttlichen Gaben soll aber der apostolische Segen sein, welchen Wir Dir und Deinen übrigen Mitarbeitern in größter Liebe ertheilen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 22. Februar im Jahre 1897, dem zwanzigsten Unseres Pon- tifikates. Leo U. U. XIII." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 19 Kilkge zm Aiigslimger Weitung.» Aprll 1897. Christliche Kmistinteressen. Kirchenrestaurirungen in Bayern. (Schluß.) IV In der Architektur bewährte Essenwein hier wie immer sein hohes, besonders auf malerische Wirkung ausgehendes Talent. In dieser Kunst war er der konsequente Meister von extremem Purismus und zugleich von reicher schöpferischer Phantasie, wie auch sein letztes Werk, der stilvolle Aus- und Anbau des alten Rathhauses, bezeugt. So ist auch die äußere wie innere Architektur „Unserer lieben Frauen Saales", wie Kaiser Karl IV. die Kirche benannte, von Essenwein sehr sauber und correct ausgebessert und ergänzt worden. Verweilen wir zunächst noch im Innern. Die in der kirchlichen Kunstwerkstätte von Stärk und Lengeufelder in Nürnberg nach Esscnweins Entwürfe sehr exakt ausgeführten Altäre sind von origineller Mannigfaltigkeit. Der Hochaltar zeigt die einfachste und glücklichste Lösung eines gothischen Sakraments- und Flügel- altars. In ihm erscheint die Versöhnung der unumgänglichen liturgischen Rücksichten mit den zu wahrenden architektonisch-künstlerischen Ansprüchen auf die möglichst befriedigende Weise praktisch erreicht. Das vordem sach- widrig auf die Seite verlegte Sakramentshaus ist hier wieder als dominirender Mittel- und Hauptbau auf den Altarstipes übertragen. Es hat die Gestalt eines schlanken, aber verhältnißmäßig mächtigen Thurmes. Das untere Geschoß bildet der Ciborienschrein mit frühgothischem Crucifix im Hochrelief auf der Thüre, und darüber die Exposition das zweite mit einem zweiflügeligen, email- gezicrtcn Portal. Ueber diesem Tabernakel steigt, auf das. feinste proportionirt, eine originelle Pyramide empor, die aus einem Viereck mit doppelten Wimbcrgen als Unterbau in ein Achteck mit einer zu einem Vierund- zwanzigeck sich ausbildenden Bekrönung übergeht. Letztere trägt schließlich den achtscitigeu Helm, der ungemein belebt wird durch zwei übcreinandergestcllte Vierecke, welche, durch Streben mit einander verbunden, oben mit zwei Kreuzblumen abschließen. Indem gegen diesen verhältniß- mäßig mächtig hervorragenden Mittelbau des „Sakramentshäuschens" die andern architektonischen und bildnerischen Details als geringere und nur dienende Glieder zurücktreten, tritt die Bedeutung des Sakrainents- altares dem Blicke sofort klar und deutlich entgegen. Die Seitentheile bildet je ein zurücktretender, an das Tabernakel sich anlehnender, von zwei Wimbergen geschützter Schrein mit den geschnitzten Hochrelief-Darstellungen der Geburt Jesu und der hl. 3 Könige. An die Schreine schließt dann noch je ein Flügel als Verschlußthüre derselben, dessen Doppclgiebelfeld mit Bildern aus dem Leben Mariens von der Hand des genannten Kölner Meisters versehen sind. Die beiden Hochreliefs in den Nebenschrcinen — der sonst übliche mittlere Hauptschrein ist hier, auf dem Sakramentsaltarare, mit Recht durch den Ciborienschrein, das Tabernakel, vollständig verdrängt — zeugen von der Anstrengung der genannten Bildhauer, den Intentionen des Architekten durch möglichst getreue Anlehnung an die Nürnberger frühgothische Plastik L In Portalfiguren der St. Loreuzkirche nachzukommen. Diese ihre Hingabe ließ Essenwcin den Versuch, den er auf unser Drängen mit akademisch gebildeten Künstlern gemacht hatte, nicht gereuen, sondern befriedigte ihn so sehr, daß er sich von nun an der Genannten bei allen Nestau- rationsarbeiten im Germanischen Museum bediente. (Wie Neichensperger wollte auch Essenwein bis dahin von akademisch gebildeten Künstlern nichts wissen l l) Den Aufsatz des nördlichen Nebenaltares bildet ein mittleres breites Bild mit zwei schmälern Flügelbildcrn, auf dessen breitem Nahmen sich zwischen einem doppelten reichornamentirten Kranze drei leicht durchbrochene Pyramiden mit drei alten Figuren und einem neuen schönen Crucifix in den Nischen erheben. Von den votn kgl. Couservator Pros. Häuser in München restaurirten Bildern sind besonders die Figuren der mittleren Kreuzignngs- gruppe und jene der Verkündigung voll Zartheit der Bewegung und Innigkeit des Gefühls sowie von Feinheit der Drapirung. Diese Bilder, die ursprünglich als Stiftung der v., Tucher'schen Familie den Hochaltar der Karthäuserkirche, später den der Frauenkirche zierten, waren wohl schon im 16. Jahrhundert von einem Maler, der den alten Stil zu treffen suchte, übermalt. Unter der Ucbermalung fanden sich bei der Restaurirung diese nun sichtbaren, von Häuser erneuerten Gestalten, die ganz andere sind als die vorigen, aufgemalten. Auf dem südlichen Nebenaltare steht unmittelbar über der Mensa eine lebensgroße Madonna aus der Zeit von 1480 von der Art des Veit Stoß. Sie ist noch von streng gothischem, aber großartigem Stil, zeigt eine natürlich freiere, wenn auch immerhin etwas manirierte Behandlung der Draperie, sowie Anmuth und Würde der Bewegung. Ueber ihr erhebt sich ein origineller säulengetragener Baldachin, auf dessen Zinnenkränze eine hohe, auf das feinste entwickelte Thurmpyramide energisch emporstrebt. Ohne Nebenglieder, schlank und leicht, bildet dieser Altaraufsatz einen originellen Gegensatz zu dem andern mehr in die Breite wirkenden Altare. Die Mensä erhielten Mosaikbekleidungeu von farbigem Marmor mit Medaillonbildern. Noch muß die Kreuzigungsgruppe am Triumphbogen, vom Bildhauer Ziegler in Nürnberg vortrefflich geschnitzt, erwähnt werden. Der Christus ist nach einem altgothischen Motiv im Germanischen Museum gebildet und wirkt schön in dem mehr ideal gehaltenen Körper, dagegen drastisch in dem vom goldenen Bart- und Lockcnkranze eingerahmten Haupte mit dem realistischer Weise weit geöffneten Munde. Die Madonna ist eine Copie nach der bekannten „allerschönsten Madounensigur des Mittclaltcrs" im Germanischen Museum, die Figur des hl. Johannes eigene Erfindung. Die meiste Arbeit und das meiste Geld kostete die Erneuerung der äußern Architektur. Das Schiff ist ein im Grundriß fast quadratischer, mehr breiter als langer, höchst einfacher Giebelbau. Das Innere stellt sich als eine durch vier schlanke Mundfäulen dreigetheilte Hallenkirche mit gleich hohen Kreuzgewölben dar. „Die ganze Anlage des Baues, sagt Esseuwein in seiner Festschrift zur Vollendung der Restauration, zeigt, daß der Kirche eine besondere Aufgabe zugetheilt war — (das Schiff ist ein Nachklang der alten Ccntralbauteu, und es sollte sicher ein kleiner Ban im Centrum derselben erbaut werden) — und es erscheint deßhalb wahrscheinlich, daß sie direkt als Aufbewahrungsort der Neichsheilig- thümer erbaut wurde, die in der Mitte ihre umfriedete Stelle finden und zu gewissen Zeiten vom Balköne dem Volke gezeigt werden sollten, was.auch mit der,Inschrift übereinstimmt, die bei der Restauration unter der Tünche gefunden wurde." Diese Inschrift befindet sich an der Wand zwischen Chor und Männerschiff unter dem großen rcstanrirten Bilde der Engelgrnppen, die Kreuze und Re- liqniengefäße tragen, in deren Mitte zwei, welche die hl. Lanze halten, die zu den Reliquien des Reiches gehörte. Sie sagt: in dieser Kirche ist daz wirdig heilitnm daz Kaiser Karl d. virt und der erbar rat dieser Kirchen geben hat Dasselbige all jar mit steige hie wizen zelon. (Am 11. April des Jahres 1361, als der Bau beendet war, wurden dem Versprechen des Kaisers gemäß die erst kürzlich aus Ungarn herbeigeholten Reichshciligthümcr vorn Balköne der Vorhalle dem Volke zum erstenmale gezeigt.) Die Nord- und Südseite haben nach außen ganz schmucklose, nur von je drei hohen Fenstern zwischen vier kräftigen Strebepfeilern durchbrochene Wände. Aus der flachen Ostwand tritt, der Chor als Fortsetzung des Mittelschiffes von fast gleicher Länge — ohne Nebcnschiffe — hervor, während diesem im Osten als Eingang eine Vor-, halle von quadratischer Grundlage vorgelagert ist.- Von ihren drei äußern Spitzbogenportalen ist das größere westliche durch einen in seinem Kerne etwas zurücktretenden Pfeiler wieder in zwei Spitzbogcnportale getheilt. Alle drei sind wie das innere Portal mit reichem Stein- bildcrschmnck geziert. Er stellt in Verbindung mit demjenigen des Innern der Halle sowie den übrigen Bildern und Bildnissen im Innern und am Acußern der Kirche gleichsam eine ganze, logisch zusammenhängende, ikono- graphische Summa dar, hier die in der Sprache der bildenden Kunst hingestellte Lehre der Kirche über die Verehrung der seligsten Jungfrau Maria. Diese Steinbilder sind von verschiedenem Werthe, zum Theil dekorativ, vorwiegend jedoch von gewandter Künstlerhand mit natürlicher Anmuth und Schönheit in Verbindung mit einer gewissen feierlichen Erhabenheit der Haltung und idealen Bildung der länglich ovalen Köpfe gemeißelt. Diese sammt- den übrigen Stcinsiguren der westlichen Schaufelte wurden vom Bildhauer Rottermund in Nürnberg zum Theil ausgebessert und die Lücken durch Neues ergänzt. Die Thüren mit den sie bedeckenden stili- sirtcn Beschlägen, die Rosetten über den Spitzbögen, das sckwne Tranbenguirlandengesims wurden erneuert und der Balkoii mit einer neuen Stcinbrüstnng aus durchbrochenen Wappen- und Maßwerkfüllniigen umgebe». Auch an dem mit terrassenförmig aufsteigendem Zinncnwerk und Fialen gekrönten Schiffgiebel erhielten die durch fünf Stockwerke wagerecht abgetheilten leeren Fcnsterbleudcn durchweg neue Statuetten. Ueber der Vorhalle, hinter der Balkongallerie zurücktretend, wurde noch im Jahre 1411 die St. Michaelskapelle mit dem „goldenen Thürmchen", dessen Name sich von der ehemaligen zinnvcrgoldcten zierlichen Spitze hinschreibt, erbaut. Letztere wurde vom Blitze zerstört. 1506 — 1509 wurde die Schlaguhr weggenommen und für eine neue mit beweglichen kupfernen Figuren (Männ- lcinlanfen) auf der Michaelskapelle ein Giebel errichtet. Diese' Uhr, von - Georg Heus; hergestellt, kostete nicht weniger als 532 Goldgnlden, für die damalige Zeit keine geringe Summe. In der Gicbclnische, oberhalb des mittlern der dreiseitig zu einander stehenden Fenster, thront heute noch unter einem prächtigen Stcinbaldachine die .mächtige Gestalt Kaiser Karls,1V., zur Seife stand ihm -früher der Herold. Jetzt umgeben ihn noch zwei Po- sannenbläser,, über denen noch Trommler und Pfeifer vertheilt sind. Aus dem.Hintergründe der Nische schreiten nun wieder, wie ehemals, auf bestimmte. Glockcnschläge der Uhr die sieben Churfürsten des hl. römischen Reiches deutscher Nation von der linken zur rechten Seite vordem Kaiser paradircnd vorüber. Der König von Böhmen hält den Reichsapfel, der Churfürst von der Pfalz einen . Schlüssel, der von Sachsen das Schwert, der von Branden- ^ bürg das Scepter. Sie gehören zu dem neu aufgestellten Uhrwerk. Alle jene Figuren waren von dem Kupferschmiede Sebastian Lindenast (f- 1522) in, Kupfer getrieben. Daß derselbe kein bloßer Handwerker heutigen Schlages, sondern in seinem Material ein vollendeter Künstler war, ersieht man aus den drei größern, noch erhaltenen,, von Bildhauer Tobias, Weis in Nürnberg , rcstaurirten Figuren des Kaisers und der Posauncnbläser, die von charakteristischer Zeichnung und Auffassung sind. In ihrer vorigen alten Glanzvergoldnng wirkten sie freilich noch kräftiger als jetzt nach ihrer Nenvergoldnng. Sie sind bereits ganz schwarz geworden und hätte nicht noch durch Bewerfung mit Asche ihre Patinirung beschleunigt zu werden brauchen! — Den Boden der Nische bildet ein gothisches Piedestal, an dessen Bogeirrande mit goldenen Buchstaben die Worte stehen: „OIL 1IK ist iin 1509 1^11 voldiaeüt." lieber dem Baldachine ist die große Scheibe. des , Zifferblattes mit einer goldenen Strahlensonne versehen, und über ihr zeigt eine schwarz- goldene Kugel den Wechsel des Mondlichtes an. Ueber dem Gicbelrande des Kapeklchens erheben sich noch Säulen, auf denen mnsicirende Engel stehen, und den Abschluß des schönen Vorbaues bildet ein eisernes, neu vergoldetes und bemaltes Thürmchen, in dem die, Armenscelenglocke hängt. Ein Theil des Manerwerkes, der Dachstnh! und seine Knpferbedecknng, der reiche Firstkamm und die Erker sind neu. Als Bekrönung des Ganzen strebt endlich auf der Höhe des Kirchengicbels, gleichsam aus. dessen Nischen- walde herauswachsend, der zierliche, in vier Stockwerke gegliederte Glockenthurm empor, der leider immer noch mit seiner alten Blechhanbe bedeckt ist. Wenn aber überhaupt in der Architektur, so ist jedenfalls in der Gothik ^ der Bckrönnngsabschlnß kein unwesentliches Moment. Ohne seine charakteristische Lösung gelangt der architektonische Gedanke nicht zum vollen Ausdruck. Dr. Essenwcin hätte . auch die erklärte Absicht, die dem architektonisch-künstlerischen Charakter des Ganzen Eintrag thuende Blechmntze durch eine leichte, schmuckvolle Pyramide zu ersetzen, wurde aber durch den noch immer herrschenden Einfluß kindlicher Alterthümelei daran verhindert. Bemerkt sei noch, daß die jetzige Sakristei an der Südseite zwischen Chor und Schiff, nachdem die alte im Jahre 1465 abgebrannt, mit der darüber befindlichen ehemaligen Schatzkammer errichtet wurde. Als Pendant zur südlichen baute Essenwcin noch eine nördliche Sakristei zwischen Chor und Franenschiff ein nnd ließ über ihr eine neue Orgel durch Orgelbauer Büttner in , Nürnberg aufstellen. Diese ergießt nun aus unsichtbaren Räumen durch die offen gelassenen Fenster an der nördlichen Chor- seite ihre Harmonien über die Häupter der andächtigen Gemeinde. Die Orgel stand bis. dahin im Michaels- chörlein. 1385, dann 1443 nnd wiederum 1498 waren solche errichtet worden. Die nun frei gewordene Michaels- kapelle läßt jetzt wieder das durch die farbensatten alten nnd neuen Glasbilder gebrochene Sonnenlicht ins Schiff der Kirche dringen. Der Brüstung der Empore (der 131 Kapelle) ist ein neues, ALtar-Erkerchen mit der allen Figur eines in einen St. Michael verwandelten St. Gabriel aufgesetzt. Bei verschiedenen. Restaurationen im XVI. und XVII. Jahrhundert war die Kirche nichts weniger als verschönt und mit Emporen versehen, worden, deren letzte durch Essenwcin glücklich entfernt wurde. Die. von diesem angelegte unterirdische Vorrichtung zum Heizen der Kirche dürfte sich wohl als unpraktisch erwiesen haben. Die hier gewürdigte so gründliche und im Ganzen gewiß wühlgelnngene und würdige Restauration wurde auf. Anregung und thatkräftiges Betreiben des damaligen Nürnberger Stadtpfarrers, jetzigen H. H., Domdekans Franz Kreppel in Bamberg, mit uneigennützigster Hingabe vom 1. Direktor Dr. A. Essenwein, der keinerlei Honorar für sein mühevolles Werk beanspruchte,, hauptsächlich mit den Mitteln aus dem Gewinne zweier staatlich bewilligter Landcslotterien (— etwa 500,000 M. —) bewerkstelligt. Die Stadt Nürnberg selbst leistete keinen Beitrag, obwohl es doch auch galt, der alten, archäologisch noch .immer merkwürdigsten, ehemals so reichen wie berühmten Kaufherrn- und freien Reichsstadt eines ihrer, schmnckvollsten Baumonnmentc zu erneuern, ja zu erhalten. Selbst , für die Benutzung. der alten und unbenutzten St. Kathartnenkirche mußte die kathol. Kirchen- verwaltung während. dcr Zeit der Erneuerung der Frauenkirche einen Pacht zahlen. Zur Geschichte des Kreuzweges. (Schlich.) 1. K. 8. Um 1180 wurde ein Plan von Jerusalem gefertigct, der zu Brüssel sich befindet und von Dr. Röhricht veröffentlicht worden ist. An der Gasse Josaphat, die nördlich vom Tempelplatze in das Thal gleichen Namens führt, ist ein Hans mit der Legende fiio iiagollatus ost äosus. Ernoul lieferte in seiner Oito?. äs lorusalom (1231) eine gär wcrthvolle Schilderung. X main äostro äo ruo äo .losalkäs avoit.s. inoustior, c'on apoloit lo Kapos. . . Iln poi avant, a maino sonostro äo oallo rua, ostoit 1i maisons Kilato. Oovant calla maison avoit un porto, par u on aloit al Romplo. Au der Straße gegen den Tempel zu, erwähnt er die Konto äolorouso, auf dem Sion u. A. auch 8. Kioro eu Oallioanto. Philipp Mousguet (1211) verfaßte auf Grund verschiedener Vorlagen eine weitläufige gereimte Beschreibung der hl. Stätten. la ports äs Hapls 8i ost li Krotores pilato. t8t 1a tu Hissn (Iris sugios vs ckuis priestres rouoijes. .. Ferner: Xprles cel liu, gni mout ost das, 8i ost lo Dlaissous Ln.vkas, 11 In coulnmbs sst st I'sstaos 11 Illesn Orls a simple kaeo. ... (V. 107S0—60.) Der Fortsetzer des Wilhelm von Tyrus (1261): X main äostro cio aolo Kuo clo losapfias avoit moustior, gus l'on apoloit lo Kapos . . .s. poli äo- vant eu aelo rua avoit esto la Liaison Kzäato. X main sanestro clovant cel maison avoit uuo porto . . au Komplo XXII. I,o Ofiomins ot lo Kolorinagos (1265): Illuo guo ost uuo clrapelo out Xostro 8siro kt'u zutZios ot Intus ot sso lku lo Krotoiro äs 6aipfias ot sss maisson (II, 12). ? Burkard von Sachsen (1238): Kunäc» in montom 8iou ropoiios äomum Oaipfiao, in gua luäaoi Ofiristo illusorunt ot looum, in guo ipsum roolusorunt us- c^uo mano. . . . Kxtra fia.no (portam zuüioiariam) kuit Oominus crucitixus, nain litfiostrotus, loous seilicot zuclieii, ost intra muros civitatis zuxta eam. Ricold clo filonto oruois, Orä. Kraoäio. (1300): Kroxo profiatioain piscinam invonimus cloinum lloroäis ot propo äomum Kilati, nfil viäimus litfiostrotuin ot looum, nfii kuit zuäicatus Oominus. Xsoonäontos por viam, por guam asoonäit Ofiristus fiasulaus sifii, iuvouimus looum, nfii äixit I'äliao äorusalom. Ifii ostonäuut looui» tramortioionis Oominas nostrao, onin seguorotur tllium portautom cruoom. Inäo ostonäit looum, nfii sufistitit 6kristus onin cruco ot kessus guiovit panlulnrn. Inäo por transvorsuin ost via, Akt; der Dichter wurde stürmisch herausgerufen, und nicht eher räumte nach Schluss der Vorstellung das Publikum die Theaterplätze, als bis der Kölner Dichter mehrmals vor die Rampe getreten war. In Bonn errang das bürgerliche Trauerspiel „Modern" auf den Brettern einen geradezu sensationellen Erfolg. Das Publikum beruhigte sich nach dein dritten und fünften Akte erst, als es den Dichter erscheinen sah und ihm den Lorbeer um die Stirne flechten durfte. Der Universitätsrektor Ganfinez in Bonn hat die Dichtung in's Französische übertragen.*) Um aber die Befähigung Eschclbach's zum voll- rvcrthigen Dramatiker, um sein starkes Talent zum kühnen Aufschwünge der dramatischen Kunst gebührend würdigen zu können, muß man sein kurz vor Weihnachten erschienenes Drama „Antiochus" lesen?) Der Historiker mag zwar den Kopf schütteln, - der Kunstfreund indeß hat seine helle Freude an Eschclbach's neuester Dichtung. Freilich, die Vertheilung der Rollen an sechzehn Männer und nur eine Frau wird uns etwas stutzig machen. „Hanna" findet sich gar so vereinsamt unter der zahlreichen Männerwelt. Bei dem reichen Stoffe nimmt sich die einzige Franenrolle eigenthümlich und seltsam aus. Durch dies stiefväterliche Verfahren möchte uns der Dichter fast als ein finsterer Misogyn vorkommen, als welchen wir ihn nun ganz und gar nicht kennen lernen werden, wenn. wir seinem süßen Liedcrmnnde. lauschen. Wenn für die tragenden Rollen gntbeanlagte Darsteller ins Feld rücken, wird das Schauspiel eine nachhaltige Wirkung erzielen. Die Entwicklung ist spannend, die Durchführung einheitlich, die dramatische Kraft durchschlagend. „Antiochus" ist entschieden bühnenreif, ist brettcrgerecht, und zwar nicht allein für Vereinsthcater, nein, „Antiochus" wäre. auf Ibsen, Hanptmann, Snder- maun, wie auf all' unsere „Modernen", ein kräftiger Tusch. Zudem hat „Autiochns" vielfach modernen Anfing, wenn er auch nicht im strengen Sinne der „Jüngsten" auf dein Parnasse gehalten ist.. Des Kölners neuestes Drama dem Publikum vorzuenthalten, wäre eine literarische Sünde, und nicht einmal eine leichte. Manch ergrauter Scheitel wird vor dieser Eschelbach'schen Dichtung huldigend sich neigen. . Andere Werke unseres Dichters sind „Lebende Bilder zu religiösen Festen",H „Leichte Vortrüge in Poesie und Prosa"?) Ein natnrsinniges Werk hat der dankbare Sohn dem Andenken des lieben Vaters zum Denkmal gesetzt: „Der Wald und seine Bewohner," von mehr als neunzig Zeitschriften des Ju- ') Universitäts-Prosessor Or. Litzmann aus Bonn, der bekannte Verfasser des Werkes „Das deutsche Drama in den literarischen Bewegungen der Gegenwart", schreibt über „Modern", an den Dichter: „Ich bin der Meinung, das; Sie ein entschiedenes dramatisches Talent haben. Die Hauptcharaktcre und die meisten Scenen sind mit erstaunlicher Leichtigkeit und Geschicklichkeit entworfen und durchgeführt. Die Führung des Dialogs bekundet auch Kenntniß von dem, was anf der Bühne wirkt. Ich habe den Eindruck, daß Sie im volksthümlich gehaltenen Schauspiel und Trauerspiel auf der Bühne gute Erfolge erringen werden." °) Verlag von Jos. Kösel, Kempten. Mit Portrait des Dichters. M- 1,60. Verlag v. Beruh. Kleine, Paderborn. M. 2 ') 2 Bde. Verlag ebenda, ü M. 1,20. und Auslandes, äußerst günstig, beurtheilt?) Ein andens* natnrdnftiges Buch ist „Naturbilder aus allen Zonen" 0) mit musterhaften Naturschilderuugen. Beide Werke sind illnstrirt und. darum der lieben deutschen Jugend doppelt zu empfehlen. Eine literarhistorische Studie sind „Die poetischen Bearbeitungen der Sage vorn ewigen Juden". Sie zeugt von vielseitigem tiefem Wissen anf den verschiedensten Gebieten der poetischen Literatur. Die Studie erschien 1896 in den letzten vier Nnmmern der „Dichterstimmen der Gegenwart", hernach auch im vermehrten Sonder- abdruck?") Die „Dichterstimmen" sind das poetische Organ für das katholische Deutschland, eine nach Form wie Inhalt zeitgemäße und kunstgerechte Zeitschrift, die Freude und Zier aller Freunde und Verehrer wahre Poesie. Diese höchst cmpfchlenswerthe Zeitschrift versieht Eschelbach reichlich mit Recensionen, im Lessing'schc» Farbcuton geschrieben, worin klipp und klar, scharf und wahr über die neuesten schönliterarischen Erscheinungen Kritik geübt wird. Soeben erscheint in der „Jllnstrirten Zeit" der erste Roman Eschel- bach's unter dem Titel „Künstler und Hcrrenkind". In Vorbereitung hat der Dichter „Kunterbunt", Erzählungen und Gedichte für Jung und Alt. Auch veranstaltet er zur Zeit eine voraussichtlich sehr reiche Sammlung von Gelegcnheitsdichtnngen aller Art, wozu schon wiederholt in den. „Dichierstimmen" an das poetische Deutschland die Einladung zur Mitarbeiterschaft erging. . (Fortsetzung folgt.) Die Thätigkeit der Leo-Gesellschaft im Jahre 1896. Wir haben wiederholt anf die segensvolle Thätigkeit der österreichischen Leo-Gesellschaft zür Pflege christlicher Wissenschaft hingewiesen, welche nunmehr das erste Quin- guennium ihres Bestandes zurückgelegt hat, und wollen heute einen speciellen Rückblick auf die Leistungen der Gesellschaft im Jahre 1896 werfen, aus dem nur die hervorragendsten Momente hervorgehoben sein sollen. Die Section für Literatur und Kunst hielt jeden Montag Abend im „Kaiscrhof" Besprechungen ab. Hiebei gelangten Referate über religiöse Malerei und die Mittel zur Hebung derselben, über ein Vruckner-Denkmal. über den Stand der Kirchenmusik, über die Ausgrabungeü in Carnuntum u. a. m. zur gründlichen Berathung. Die von dieser Section angeregte und von der Leo-Gesellschaft herauszugebende „allgemeine Bücherei", welche im Formate der Reclam'schen Universalbib.liothek schon in kürzester Zeit erscheinen soll, kann von weittragender Bedeutung sein/ da dieselbe ausgewählte classische Werke aller Völker und Zeiten enthalten ivird. Für die ersten 6 Hefte sind Abhandlungen von Calderon, Brentano, Stifter, Shakespeare und Sophokles in Aussicht genommen. — In der philosophisch-theologischen Section hat die Hauptarbeit die Aufstellung leitender Grundsätze für die Mitarbeiter am alttcstamentlichen Bibelcommentar anf Grund des Elaborates von Professor Dr. Beruh. Schäfer gebildet. — Die Section für Geschichtswissenschaften faßte den Beschluß, aus Original-Quellen Lebensbilder von Persönlichkeiten zu bearbeiten, die in der Geschichte unseres Vaterlandes hervorragende Bedeutung besitzen, woran sich hauptsächlich Professor Laurenz Pröll und Dr. Albert Starzer be- theiligten. —. In der Section. für Social- und Rechtswissenschaften. die für 1897 einen öffentlichen socialwissen- schastlichen Vortragseurs vorbereitet, hielt Dr. Wilhelm Freiherr v. Berger einen bedeutsamen Vortrag über die „Gewinnbetheilignng der Arbeiter". — Auch die christliche Knust fand die gebührende Würdigung und Pflege in der zu Ehren des unsterblichen Dichters Torguato Tasso veranstalteten Festseier, ivobei Hofschanspieler Jac. Schreiner ") Verlag von Adolf Rüssel, Münster i. W. M. 2. °) Ebenda. ' - ") Verlag v. Pek. Weber in Baden-Baden. M. 1. Tasso'sche Poesien zum Vertrag brachte. Die mehrmalige Aufführung des herrlichen Wcihnachtssestspieles. von vr. R. v. Krälik wird vielen Lesern noch in lebendiger Erinnerung fein, während die am 18. Dezember 1896 veranstaltete erste Aufführung des Oratoriums „Christus", von Franz Lffzt einen ehrenvollen Markstein in der Musikgeschichte Wiens verzeichnet. . — Die Leo-Gesellschaft hat 1896 folgende.Werke publicirt: 1) Das sociale Wirken der katholischen Kirche in der Diärese Gnrk (Körnten) von Dr. Alois Cigoi. 2) Fünf Hefte „Vortrüge und Abhandlungen", und zwar: a) Die Agrarfrage und das internationale Großkapital, von Dr. G. Rußland: b) Der Reichthum der katholischen Kirche, von Dr. Aug. Rösler; o) Das Cartellwesen vom Standpunkte der christlichen Wirthschaftsauffassnng: 6) Die neuesten Richtungen in der Malerei, von G. Neinhart; e) Die Armenpflege einer Großstadt vom Standpunkte der christlichen Armenpflege, von Dr. Richard Weißkirchner. 3) Paulinus H., Patriarch von Aqnileja. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte Oesterreichs, von Dr. Carl Gianom. Die von Dr. v. Kralik redigirten .Mittheilungen" sollen einen permanenten Contact zwischen der Leo- Gesellschaft und ihren Mitgliedern herstellen und die letzteren über alle Arbeiten und Bestrebungen im Laufenden erhalten. Jnr Jahrgang 1896 des von Dr. Franz Schnürer geleitetetcn „Literaturblattes" befinden sich cor- recte Kritiken hervorragender Werke - aus allen Gebieten des/ menschlichen Wissens von bleibendem Werthe. — Das vom Generalsekretär der Gesellschaft, Dr. Franz Schindler, herausgegebene „Jahrbuch" pro 1897 enthält unter anderem interessante Abhandlungen von Professor Dr. Ferdinand Stentrup, Professor Dr. Lambert Fikula, Dr. Alfred Nagl, Dr. Frhrn. v. Wcichs-Glon und Dr. Thomas Wehoser. — Nicht unerwähnt sei die unter der Redaction des Pros. vr. Heinrich Swoboda stehende „Vierteljahrsschrift für christliche Kunst", deren erstes Heft nächstens erscheinen wird. Der Stand der Mitglieder hat 1896 einen erfreulichen Aufschwung genommen und ist gegenüber dem Vorjahre von 1444 auf 1650 gestiegen. Möchten doch alle glaubenstreuen Katholiken Oesterreichs nicht zögern. der. schon , so oft empfohlenen und von , Sr. Heiligkeit dem. Papste gesegneten Leo-Gesellschaft bei- zutreten, und das kleine Opfer von 5'Gulden pro Jahr, wofür ia die Mitglieder mehrere literärische Gaben empfangen, nicht scheuen — zumal mit einem Massenbeitritte der Leo-Gesellschaft auch Gelegenheit geboten wäre. den . an sie gestellten hohen Anforderungen voll und ganz zu entsprechen! Kai). Rath vr. Truxa. Recensionen und Notizen. T Göpfert's Moraltheologic — noch einmal. Der bekannte A-Recensent thomistischer Literatur in der Beilage der „Augsb. Postztg." befaßt sich in Nr. 15 mit der Moralthcologie des Würzburger Univcrsitäts- Prosefsors vr. Fr. A. Göpsert — nicht um das Werk „gründlich und zugleich wissenschaftlich" zu würdigen, auch nicht um es lediglich empfehlend anzuzeigen, sondern um zu verkünden, daß es nicht in allen Stücken echt nnd recht thomistisch sei. Daß Verfasser Göpfert's Buch nicht wissenschaftlich würdigt, nehmen wir ihm nicht übel. Uebel nehmen wir ihm aber die Ergüsse seines thomistischen Uebereifcrs, und das soll nun einmal offen und entschieden ausgesprochen werden, nicht aus Interesse für Göpfcrt, den wir leider persönlich noch gar nicht kennen, nicht als ob wir Gegner der thomistischen Sache wären und im hl. Thomas nicht auch die große Leuchte moralthcologifcher Wissenschaft verehrten, sondern lediglich um der guten thomistischen Sache willen, der nach unserer Ueberzeugung und Erfahrung der Herr A-Ncccnsent,'mag er's noch so gut meinen, keineswegs gcnützt hat. Offensichtlich hat der Recensent zur Waffnung für den Angriff einen Artikel im Commer'scheu Jahrbuch (4. u. 6. Bd.) über „die Principien der Moraltheologie nach St. Thomas" nachgelesen, und das getreue Echo all der Klagen über die gegenwärtige moraltheologische Wissenschaft, die dort um so lauter erhoben werden, je schlechter sie begründet find, läßt er heute uns hören. 1) Seines Erächtens hätte llr. Göpfcrt „durchaus gründlicher nnd zugleich wissenschaftlicher" der allgemeinen Moral seine größere Aufmerksamkeit zugewendet „durch engen Anschluß an die b> IDo der 8uwma tbsol. des hl. Thomas von Aguin". Wie er sich das vorstelle, sagt der Herr Recensent nicht — I-> 1V« hat 114 guasstioues auf 887 Seiten 8° (römischer Ausgabe), der allgemeine Theil in Göpfert's Lehrbuch umfaßt 276 Seiten; der Vorwurf thcilweise mangelnder Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit bedarf für den Herrn Recensenten keines weiteren Beweises, wenn sich der Autor nicht enge an den hl. Thomas angeschlossen hat. Als ob es schon ausgemachte Sache wäre, daß thomistischer Gehalt der einzige Werthmesser eines Buches sei, und daß selbst dann gründliches Studium des hl. Thomas und wissenschaftliches systematisches Verarbeiten seiner Resultate dem. Werke eines Autors noch. nicht die Prädikate „gründlich und wissenschaftlich" verdiene, sondern erst. vieles Exccrpiren und Combiniren von Thomas-Stellen mit einigem Commentircn und kräftigem Räsonnircn über jeden, der es- auch im Kleinsten, wagt, den hl. Thomas anders zu verstehen. Muster für die Touart wären natürlich die endlosen „Reu-Thomisten" - Artikel im Connncr- schen Jahrbuch, deren Echo auch schon, mehr als. einmal im Tone des Herrn A-Recensenten uns entgegenklang. 2) Einen zweiten großen Fehler in den Augen unseres Recensenten hat Göpfcrt begangen, weil er, ivic mit dankenswerter Offenheit und Entschiedenheit die Vorrede erklärt, in seinem Buche den wahren Probabilismus festgehalten mit allen seinen Folgerungen. Neuesten? steht es ja in gewissen Kreisen fest, der hl. Thomas müsse in der Moral als Gegner der Probabilistcn bezeichnet werden, wie . er Gegner der Molinisten ist in der Dogmatik. Darum „dürfte wohl schwerlich, die probabilistischc Auffassung der Beziehung des Gesetzes zur Freiheit der Lehre des hl. Thomas . . . . entsprechen. Sie entspricht vielmehr in der Dogmatik (Äo!) der molinistischen Ansicht vom Verhältnisse der Gnade zur Freiheit." Was die angeführte Stelle einer Eucyklica Lco's XIII. gegen den Probabilismus sagen soll, ist uns unfaßbar, und das gleiche müssen wir von dem angeführten ex. 113 s. o. Asm. m sagen. Um nicht zu lange zn werden, wollen wir nur noch eine Bemerkung des Recensenten hier namhaft machen, die nämlich, daß „St. Thomas unter !sx bunmna nicht die kirchlichen Gesetze begreife" und vom Kirchengesetz' handle unter „lex uova" I. II. gu. 106 sgg. Die betreffende guaosllo trägt nun die Ueberschrift: „äs IsKS svauZ'sliea, guas äioitux nova." Sollte es außer den evangelischen Grundgesetzen der Kirche keine anderer: Kirchengesetze geben, die wirklich lsZes bumanas sind? Der hl. Thomas folgert selbst deren Nothwendigkeit aus der geringen Zahl äußerer Verhältnisse und Acte, die der göttliche Stifter und Gesetzgeber der Kirche selbst schon durch das Gesetz des N. B. „lox nova" geregelt hat: ek. xu. 108, I n. 2. Nebenbei bemerkt, handelt Göpfcrt an der angeführter: Stelle nicht vom Kirchengesetz an sich. und der Ausdruck „lex bumsira" findet sich hier gar nicht, ebensowenig wie die „heiligen Väter und Kirchenlehrer an der citirten.Stelle S. 5 ff. der Ein!, erwähnt werden. Macht denn Göpsert reicht ebenda außer von den Gründe r: auch von der persönlichen Autorität und dem „kirchlichen Ansehen" der Lehrer das Gewicht ihrer Ansicht abhängig?^ Oder liegt vielleicht darin schor: ein Verbrechen, daß Göpsert meint, es. dürfe der Theologe die wissenschaftliche Prüfung fremder, wenn auch hoher, Auctorität sich nicht ersparen? Ob Herr Professor Göpsert durch die „rein sachlichen Bemerkungen" des Recensenten sich wird bestimmen lassen, sein Buch in der gewünschten Weise zn „vervollkommnen", wird die Zukunft lehren. Die österreichisch-ungarische Monarchie :n Wort und Bild. Wien. Alfred Hüldcr, k. k. Hos- und Univcrsitäts-Bnchhäudler. Heft 259—271. D Von den vorliegenden Heften behandeln zehn Mähren und.Schlesien, speciell die Architektur und Plastik, die Kunstindustrie, das volkswirthschaftliche Leben, und ist hier besonders Bergbau und Hüttenwesen in Mähren, sowie die Woll-Jndustrie, welche durch ihren großen Export in Tuch. und Shäwls, vorzüglich von Brünn aus betrieben, besonders hervorzuheben. - Hieran reiht sich die landschaftliche Schildernng, sowie die Geschichte nnd Volkskunde dieser beiden hochentwickelten Kronländer in populären und lebensvollen Abhandlungen. Wie bei den vorausgegangenen Banden, so sind auch diesem Bande zahlreiche, den Text illustrircnde Abbildungen beigegebcn, nnd find diese im xylographischen Institute der k. k. Hof- und Staatsdruckerei hergestellten Illustrationen sämmtlich als vorzüglich gelungen zu bezeichnen. Ueber Ungarn, 5. Band, liegen 3 Hefte vor, welche zwei größere Aufsätze über die urgeschichtlichen Denkmäler Ober-Ungarns von Nikolaus Kubingi und die Baudenkmäler Ober-Ungarns von I. Pasteiner enthalten. Abbildungen von Waffen und Schmu ckgegenstäuden aus Bronze, sowie von Fundgegenständen der Völkcrwanderungszeit vervollständigen den Text der ersten Abhandlung, wie zahlreiche Abbildungen von Kirchen und Profanbauten der zweiten Abhandlung beigcgcben sind. Paul Pfaff.Ges ehest und e. Zusammenstellung kirchlicher und staatsrechtlicher Verordnungen für die Geistlichkeit des Bisthums Rotteuburg. 8°, X Z- 489 S. Rottenburg a. N. Wilh. Bader. 1897. Gebd. 5 M.: ungebd. 3 M. 80 Pf. 8. Der Verfasser stellt seinem Bliche jenes Wort voran, das der HI. Bernhard, an Eugen III. schrieb: tzuotiäis xsrstrexuut Isxss, täglich erheben die Gesetze ihren Lärm (äs eous. I, 4). Das traf auch bei uns im Schwabenlande in den letzten 20 Jahren zu. Seit der Sammlung von A. Vogt (1876) ist aber kerne derartige Zusammenstellung von Gesetzen rc. mehr erfolgt. Während nun Vogt sein Brich nach Schlagworten einrichtete, ver> suchte Pfaff eine systematische Darstellung des in Württemberg geltenden Kirchenrechts, ähnlich der Sammlung von Georg Schmidt. Jedoch sind die Verordnungen nicht wörtlich wiedergegeben, wie bei Schmidt, sondern unter. Eitation in den Text verwoben. Pfaff handelt in acht Abschnitten von der Diöcesanverwaltnng, vom CleruZ, vom Pfründwesen, vom Schulwesen (104 S.), vom Armenwesen, hl. Zeiten und Vereine, von außerordentlicher Pastoration (Konversionen) und Begräbnißwesen, endlich vom Eherecht (110 S.). Das Stiftungswesen ist zur Zeit gesetzlich noch nicht völlig festgelegt, wird daher später in einem NachtragSbändchen behandelt werden. Ein vorzügliches, 30 Seiten starkes, alphabetisches Sachregister bildet den Schluß. Der Druck — von der Actien-Gesellschaft „Deutsches Volksblatt", Stuttgart — ist groß und scharf; durch bessere Gruppirung der Citate hätte Platz erspart werden können (z. B. Seite 63, 85, 132, 236). Das Werk repräsentirt sich als ein Produkt großen Fleißes und praktischer Veranlaguirg. Das beweisen die zahlreichen vergleichenden Citate und die Literaturangaben. Es ist daher für das Studium ganz geeignet. Nicht überall findet man auch so interessante Schlaglichter auf die württembergische Kirchengeschichte dieses Jahrhunderts, man möge z. Ä. nur auf manche Erlasse des katholischen Kirchenraths vor 1848 sein Augenmerk richten, oder auf die Rechte des Bischofs, oder auf das Capitel des Schulwesens. Von vielen dieser Erlasse muß man das Wort ebendesselben St. Bernhard gebrauchen: vss autsm von tam ls^ss güsiv litss saut, von vielen können wir sagen tusruvt. Da wir schon oft die Beobachtung machten, daß unsere bayerischen Amtsbrüder sich um unsere kirchen- politischen Einrichtungen in Württemberg interefsiren, so möge ihnen and allen furis sxxsrtss dieses — verhältniß- mäßig auch sehr billige — Werk aufs beste empfohlen sein. Die Thätigkeit und Stellung der Cardinäle bis Papst Bonifaz VM., histor.-canonist. untersucht und dargestellt von Dr. I. B. Sägmüller, Professor a. d. Universität Tübingen. Freiburg, Herder. 1896. 8°. M. 6. Eine auf genauer Kenntniß der historischen und juristischen Literarnr der Vergangenheit und Gegenwart fußende, dankenswerthe Geschichte des Cardinalates bis zum Jahre 1303, welche von keinem Historiker oder Kanonisten, der mit dem Mittelalter sich beschäftigt. Übergängen werden darf. Die handliche Benützung ist durch ein gutes Nainen- und Sachregister erleichtert. r. BaierleinJ., Oberpfälzische Geschichten Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. 1896. 8". M. 4. — — DerChevalier deChamilly. Roman. Ebenda. 1696. 8». M. 4. Das erste Bündchen enthält 3 Erzählungen (Aus einer kleinen Stadt, Der Concipicnt, Der Vorsteher von Katzeureuth), in welchen mit liebevoller Hingabe das Ländlich-Sittliche des bayerisch-böhmischen Grenzstrichs in anmuthiger Gesprächigkeit und allem Häßlichen abholder Beobachtung dargestellt wird, nicht ohne einen gewissen stillen Humor. Das zweite behandelt in Form eines kulturhistorischen Romanes in gleicher Technik eine romantische Episode aus dem Leben der Lavallisre bezw. Ludwigs XIV. (Ein photographischer Himmelsatlas.) In Kurze wird in A. Hartleben's Verlag in Wien unter dem Titel „Atlas derHimmelskunde" ein astronomisches Prachtwerk erscheinen, wie ein ähnlich vornehm ausgestattetes und inhaltlich interessatens bisher nicht existirte. Das bemerkenswerthe Charakteristicum dieser Publication, welche A. v. Schweiger-Lerchenfeld zum Herausgeber (beziehungsweise Verfasser des mit 600 Abbildungen rllustrirten Textes) hat, beruht darauf, daß die Himmelskörper sich hier sozusagen in Selbstphotographien darbieten. Eine große Zahl von Sternwarten allen Länder hat das kostbare Material zu diesem Werke geliefert. Dasselbe ist auch deßhalb einzig in seiner Art, weil über 200 astronomische Instrumente und die meisten Sternwarten in vorzüglichen Abbildungen (nach Photographien) vorgeführt werden. Der photographische Himmelsatlas wird 135 kartographische -Objecte in meisterhafter Ausführung enthalten und ab April 1897 in 30 Lieferungen (L 60 kr. — 1 Mark) erscheinen. Die berühmtesten Astronomen, wie Flammarion, Holden, Weinet. Schiaparelli u. And. haben in schmeichelhaften Zuschriften ihre Freude über das gelungene Unternehmen dem Herausgeber und Verfasser übermittelt. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. vr. Fr. Umlauft. XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartleben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das 6. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Jungsraubahn. Von I. Wottitz, Ingenieur. Mit 1 Karte und 4 Illustrationen. — Der neue amerikanische Süden und die Entwickelung des amerikanischen Negers. Don vr. E. Witte. — Die Expedition des Marquis de Morös. Von vr. G. Tnilenius in Straßburg i. E. — Armenische Sprichwörter. Von Joh. M. Lankau in Dresden. — Die Kometen des Jahres 1896. Zum Capitel des Alpenföhns. — Steinkohlen in Niederländisch-Ost- Indien. Von H. Zander van. — Kartenbeilage: Die Situation der Jungfraubahn 1:150.000. Der Katholik Redigirtv.Joh.Mich.Naich. 12Hefte. M. 12 . Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft II. Februar: vr. Jos. Mausbach, Historisches und Apologetisches zur scholastischen Reuelehre. — Carl Maria Kaufmann, Die Inseln der Seligen. -- vr. Jos. Kolberg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — vr. Jos. Rieber. Ueber Fluthsagen und deren Beziehung zu den semitischen Fluthberichtcn. — Friedrich Schneider, Jkonographisches. — Literatur: vr. Max Heimbncher, Die Orden und Congregationen der katholischen Kirche. — Anton de Maal, Der Campo Santo der Deutschen zu Rom. — vr. Anton Kirstein, Entwurf einer Aesthetik der Natur und Knust. — vr. C. Eberle, Grundeigenthum und Bauerschaft. — A. Rodriguez, Uebung der christlichen Vollkommenheit. — vr. Otto Zardetti, Westlich! oder durch den fernen Westen Nord-Amcrika's. — Miscellen: Johann Host von Romberg und Dionysius Nyckel. — Ueber die Schulfrage in Nordamerika. — Oeffeutliche Kirchenbuße in den re- formirten Ländern. * Zu der Anzeige in Nr. 17 über die Edition „Das neue Universitätsgebäude zu Würzburg rc. wird uns mitgetheilt, daß die Redaction dieser Festschrift das Werk des derzeitigen Herrn Rector Magnificus ist: von Herrn Professor vr. Henner stammt die Darstellung der Einweihungsfeier. Bergntw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. k<>'. 20 10. ApM 1897. M F Streifzüge dnrch die socialpolitische Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Stroh meuer, Bencfiziat in Obcrstdorf. Unsere vorjährigen „Streifzüge durch die socialpolitische Literatur des Mittelaltcrs" ') haben zu dem Resultate geführt, daß die mittelalterliche Staats- und Gesellschaftswissenschaft ihren Höhepunkt und vollendetsten Ausdruck in dem hl. Thomas von Aquin erlangt hat. Diesem Gelehrten ist es gelungen, den lang ersehnten Ausgleich zwischen dem antiken und dem christlichen Element auf dem Gebiete der Politik zu Stande zu bringen. Wie er überhaupt den inneren Zusammenhang zwischen der Theologie, der Königin der Wissenschaft, und allen wissenschaftlichen Disziplinen und Systemen herzustellen wußte, so ist auch die specnlative Feinfühligkeit anzustaunen, mit der der hl. vootor an^oliaus Recht und Politik auf das Fundament der christlichen Ethik basirte, d. i. den höchsten Zwecken, der schließlichen Bestimmung des Menschen unterordnete. Es ist selbstverständlich, daß diese Herrschaft der christlichen Idee auf allen Gebieten des Lebens und der Wissenschaft sich auch in der Gestaltung der socialen Verhältnisse verkörpern mußte. Den hieraus nothwendig hervorgehenden Zustand hat eine spätere Zeit „Theokratie des MittelaltcrS" genannt?) Man darf aber diesen Ausdruck nicht mißverstehen. Es wäre tendenziöse Uebertreibung, darunter eine Theokratie im wahren und eigentlichen Sinne zu verstehen; denn eine solche hat historisch nur beim jüdischen Volke bestanden. Man will damit nur sagen, es sei die mittelalterliche Politik vielfach von der kirchlichen Machtsphäre umschlungen gewesen, es habe der katholisch-conservative Faktor das damalige europäische Gesellschaftslcbcn beherrscht. Zum letzten Male kam dieser theokratische Gedanke der mittelalterlichen Politik zum Ausdruck in der berühmten Bulle „(Iiuuu oanataiu« von Bonifacins VIII.^) Die Katastrophe von Konstantinopel (1453) hatte eine neue Aera eingeleitet. Mit dem neueren heidnischen Humanismus wurde ein fortwuchcrnder Gährungs- und Zcrsetzungsstoff in alle Gebiete des Lebens getragen. Die unermeßlichen Reichthümer und Kunst- und literarischen Schätze, die in Italien aus Asien und Afrika zusammenströmten, die neu entdeckte Straße nach den fabelhaften Gegenden Ostindiens, noch mehr die Entdeckung einer neuen Welt im Westen, endlich die Erfindung der Presse, die schon an sich eine ganze Umwälzung in sich schließt, gaben der neuen Bewegung einen mächtigen Aufschwung. Statt daß nun die neuen Ideen für einen konsequenten Fortbau der vom christlichen Geiste getragenen Cultur verwendet worden wären, stellte sich bald mit entsetzlicher Klarheit heraus, daß sie zu einer folgenschweren Reaktion gegen den bisherigen Jdcengang führten. Die neue Strömung kehrte bald eine sehr negative Tendenz, den Protest gegen die theokratische Ordnung des Mittelalters, hervor. Man bezeichnet diese stürmische Uebergangsperiode mit dem Namen „Renais- ') Beilage zur Augsb. Postztg. Nr. 15—17. 1896. °) Namentlich ist dies ein Lieblingsausdruck des Geh. Justizraths und Professors Stahl in seiner höchst interessanten „Geschichte der Rechtsphilosophie", aber auch in anderen Werken, z. B. „Protestantismus als politisches Princip" n. a. °) ok. Albertus, Socialpolitik der Kirche. S. 564. sance". In dieser Zeit hat sich nicht bloß das geistige Leben der abendländischen Völker von Grund aus umgestaltet, sondern auch die äußeren socialen Daseinsformen haben sich geändert, und ein neues Staats- und Gesellschaftsideal wurde aufgestellt. Diese Periode ist die Zeit der Wiedergeburt des antik-heidnischen Absolutismus. Es ist das die erste Frucht der humanistischen Studien einer- und des Ausscheidens des religiös-moralischen Gedankens aus dem Gesellschaftsleben, aus der Politik anderseits. Nothwendig lag aber hierin der Keim der Revolution. Denn aus diesem absolutistischen Princip mußte mit unerbittlicher Logik das entgegengesetzte Princip der Anarchie und Revolution folgen. Der Gedankenproceß war hier um so länger, als die revolutionäre und reaktionäre Idee nothwendig die ganze Gesellschaft von den leitenden Volksspitzen bis in die untersten Volksschichten durchsäuern mußte. Auch diese letztere Idee der Reaktion gegen das absolutistische Princip, die Idee des demokratischen Liberalismus, hat schon in der socialpolitischen Literatur der Renaissance Ausdruck gefunden. Wir können somit deutlich zwei Strömungen unterscheiden. Die eine wird vertreten durch jene Schriftsteller, die den dynastischen Absolutismus vertheidigen, die andere durch die Verfechter des demokratischen Gedankens. An die erstere Richtung knüpft sich der Name des Florentiner Diplomaten Nicolo Macchiavellt (1469 bis 1527). Dieser hatte, trotz seiner Schwärmerei für republikanische Freiheit in seinen Abhandlungen über die ersten 10 Bücher des Livius (äiooorsi sopra i primi äisai liliri cki Ickvio) und in seinen florentinischen Geschichten (äsl? iotoris tiorontine) H, in seinem berüchtigten Buche „II krinoixo" zuerst die absolute Souvcränetät der Politik theoretisch proclamirt und das unsittliche, verderbliche Princip des Interesses auf die Politik als die ausschließliche Norm und Richtschnur derselben übertragen. Mit Recht sagt Stahls von ihm: „Macchiavellt ist der Spinoza der Politik. Es ist dieselbe Emancipation von dem lebendigen Gott, die in der Philosophie zum Spiuozismus, in der Politik zum Macchiavcllismus mit Nothwendigkeit führt." Uebrigens ist sein Buch nur die traurige Signatur des sittlichen Zustandes seiner ZeitH und er somit nur der treue Kopist seiner Zeit. Was an vielen Höfen traurige Wirklichkeit gewesen, hat er theoretisch in ein System gebracht. Namentlich war der italienische Boden längst für dieses neue, durch die Renaissance entstandene Staatsund Gcsellschaftsideal vorbereitet. Schon Kaiser Friedrich II., „der erste moderne Mensch auf dem Thron", wie man ihn genannt hat, hat in seinem nntcritalienischen Reiche den andern Staaten der Halbinsel das Vorbild einer absoluten Herrschaft gegeben. Die Visconti in Mailand haben sodann im 14. und 15. Jahrhundert die neue Form am schärfsten ausgebildet. Und in der Folgezeit haben die französischen Könige seit Philipp IV. auf -) ok. Mattes im Kirchenlexikon, eilt. Anst. Band 6, S. 713. °) Zuerst veröffentlicht zu Rom 1531 —1532. Jn'S Deutsche übersetzt von Zieglcr, Karlsruhe 1832—1641. °) Gesch. der Rechtsphilosophie I. S. 339. ') Stöckl, Gesch. d. Philos. II. S. 54. °) vk. Burckhardt, Cultur der Reuaiffcw 3 fs. 138 dieses Erbe Anspruch erhoben. Ludwig XII. vertreibt die Sforza aus Mailand; Franz I. mns; aber die Stadt von neuem erobern durch den glänzenden Sieg bei Marignano (1515). Diese Berührung mit Italien lenkt den Strom der neuen klassischen Bildung nach Frankreich hinein, und die Zeit Franz' I. wird die Blüthczcit der französischen Renaissance. Aber auch hier tritt uns, wie in Italien, gleichzeitig mit der Aufnahme der neuen Bildung die neue, absolute Form des Staates entgegen. Der Absolutismus fand hier den günstigsten Boden: noch wirkte der Jammer der englischen Kriege nach und erzeugte den allgemeinen Wunsch nach einer starken, sicheren Centralgcwalt, und schon hatte ja auch Ludwig XI. die Vasallen niedergeworfen, der neuen Staatsform den Boden bereitend. Der Absolutismus fand hier ein großes, für seine Aufnahme anf's beste vorbereitetes Reich. Deßhalb hat er in Frankreich auch alle ihm entgegenlaufenden Strömungen siegreich überwunden und sich immer wieder durchgesetzt, und auch nirgends sonst so glänzende theoretische Vertheidiger gefunden, wie wir sehen werden. War also das absolutistische Regiernngssystem namentlich in Italien und Frankreich praktisch verwerthet worden, so hat ihm Macchiavclli theoretisch Ausdruck verliehen. Sein Buch hatte natürlich eine ganze Flnth von Gegenschriften zur Folge. Den Reihen eröffnet Ambra sins Catharinus mit einer Verdammnngsschrift: ^elo übrig a. estri8tia.no cletvLbanllig et ex estristia- nisino penitu3 reinovenäig," Rom 1532. Ihm folgen Gentillet 1576, k. Possevin 1502, Nibandcira 1603, k. Lncchestni 1607, Friedrich II. 1740 n. a?) Wir können diese ausschließlich polemischen Schriften füglich übergehen, da sie für den Gang der focialpolitischen Bewegung und für die Bildung bestimmter Rechts- und Staatstheoricu ohne positiven Werth waren. Eine größere Bedeutung in der focialpolitischen Literatur dieser Periode hat dagegen der berühmte englische Lordkanzlcr unter Heinrich VIII., Thomas Moore (1480 — 1535), erhalten. In ihm hat die demokratische Richtung die erste, wenn auch noch unklare und unbestimmte, Vertretung gefunden. Thomas Morus nahm sich das platonische Staats- idcal zum Muster, indem er gleichwie Plato einen Ideal- staat construirte in seinem Buche: „8 stastsr, viAorenr", der König ist durch nichts beschränkt: prinaep« logistuo solukno. Nur soll er seine Gewalt nicht mißbrauchen, ivagt Bndo zu mahnen. Ein Du Monlin vertheidigt mit Nachdruck die Unabhängigkeit des französischen Königs vom Papstthum") und überbietet alle absolutistischen Politiker in dem Satze: Im loi äs 8uccw88iou ckoit otro rcr^motoo yuauä mems ollo clomro lo trono ü un tou, aaut'la, ckooioiou oontrairs äo8 otats Aonörornix.") (Fortsetzung folgt.) Kircheulexikon, X. S. 031 f. Dieses Buch erschien in Paris 1517. '") Ranke, frauzös. Gesch. I. 370. - '°) Weilt, 1-S8 tbövrioL r-ur 1e ponvoir roz'al er» Vraiies. S. 26. 139 Hans Eschelbach's „Wildwnchs". Von I. B. F. (Fortsetzung.) Als ein echtes Genie, das keine Ruhe hat, sondern rastlos strebt, ist Eichelbach ein überaus fruchtbares und vielseitiges Talent. Er braucht nicht erst eine süße Rast abzuwarten, um die Muse sich hold zu machen. Die Worte eines Rnckert, des Krösus der Poesie, lassen auf ihn sich anwenden: „Was mir nicht gesungen ist. ist mir nicht gelebt; Und mehr als Blumen im Felde sprießen Lieder unter meiner Feder." Nicht rosten, nicht rasten mag Eschelbach's Feder; dafür hat er aber auch mit seinen dichterischen Werken und literarischen Erzeugnissen so viel Glück und Erfolg. Die Perle Eschelbach'scher Muse aber ist „Wild- wuchs",") Gedichte, seiner lieben Frau gewidmet im Maien 1893. Dieser Wunderblume deutscher Poesie die geziemenden „epitsiatn ornuntin" zu geben, dazu ermangeln die Worte — Thatsachen sollen darum reden. Das vornehm ausgestattete Buch, das auf feiner Decken- pressnng finnig die Allegorie des Titels „Wildwuchs" gibt, fand bei seinem ersten Erscheinen reißenden Absatz. Zweihundertnndfüiifundzwanzig Exemplare wurden schon in der ersten Woche abgesetzt, und kaum noch war ein Jahr vorüber, als der Dichter zur zweiten Auflage schreiten mußte. In den Lehrervereinen zu Elberfeld, Köln, Krefeld und an vielen andern Orten, in Bürger- gesellschaften und Unterrichtsanstalten wurden besondere Vortrage über „Wildwuchs" gehalten. Die Stimmen der Presse ohne Unterschied der Farbe sind im Lobe und in der Anerkennung für den Dichter einig, ja sie wetteifern mit einander. Einzelne Gedichte wurden oft, sehr oft componirt, viele auch illnstrirt. Kann einem Dichter noch ein glänzenderes Zeugnis; ausgestellt werden? Wir müssen diese allgemeine Begeisterung für den rheinländischen Sänger nur so höher anschlagen, als wir in einer überspannten, überfeinerten und gefühlsseligen Zeit leben, in einer Zeit, wo die Goldschnittsänger, die ihr kleines „Ach und Weht" zu zierlichen Reimen gepaart auf den Büchermarkt tragen, nach Hunderten zählen, in einer Zeit, wo man in den gebildeten literarischen Kreisen in bodenloser Verkehrtheit, sei es nun aus mangelhafter Kenntniß oder ästhetischer Befangenheit oder aber aus widerlicher Abgeschmacktheit, wo möglich alles, was katholische Färbung bekennt, als das verächtliche Aschenbrödel in die Ecke zu drücken bemüht ist, in einer Zeit endlich, wo die Ungerechtigkeit bei einer gewissen Presse im Schwange geht. Hans Eschelbach aber hat die wirren Stimmen übertönt und verstummen gemacht; sein Sang hat alle bczanbert. Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, der berühmte Georg Ebers, protestantische Pfarrer gaben in herzlichen Briefen ihrer Begeisterung und Bewunderung für den Dichter unbefangenen Ausdruck. Aus allen Theilen Deutschlands und der Schweiz, aus Holland, Italien, Dänemark, Oesterreich, ja bis herüber vom Ocean gehen unserem Dichter aufrichtige Anerkennungsschreiben zu. Dieser glänzende Stern an Deutschlands Poeteuhimmel ist einer der Uusrigcu; Haus Eschelbach ist überzengungstrener Katholik. Wir nennen seinen Namen mit Stolz. Die Poesie ist unter dem rasselnden Räderkasten der Maschinen im Jahrhunderte der Erfindung ") Verlag v. Paul Neubner. Köln. Zweite Auflage, mit Portrait des Dichters. M. 3. und des Fortschrittes keineswegs angehört verhallt, ihr Glanz ist im erstickenden Qualm rauchender Fabrikschlöte ungetrübt geblieben. Wir haben nicht allein Dichter, die wir nur anlesen, nein, wir haben viele, die wir auch aus lesen. Eschelbach's „Wildwuchs" aber liest man nicht nur ein-, zwei- und dreimal, nein, so oft eine glückliche Stunde behagliche Muße bietet. Nur flüchtig können wir an dieser Stelle „Wildwuchs" durchblättern, nur vor- übereilend dürfen wir hier den Liedern „Am Weg- rande" und von den „FriedHofsrosen", den Balladen und Romanzen in den „Bildern" und den „Namenlosen Liedern" lauschen. ,Aür die Klänge meiner Seele Wabe Worte ich gefunden; Kleine Lieder sind's geworden. Die zusammen ich gebunden, Einen Kranz daraus zu flechten. Einen Gruß Euch froh zu senden, Echter Wilowuchs! Nehmt die Blumen Freundlich aus des Sängers Händen." In solch herzgewinnenden und wunderbar aumuthen- den, einfachen und natürlichen, aber immer poetischen Versen empfiehlt sich der Dichter durch seinen dichterischen Gruß „An den Leser" gleich von vornherein auf's beste. Frühlingsduftig, sangcsfroh und minuehold hebt er „Im Maien" an zu singen vom flatternden Schmetterling, von knospenden Bäumen, vom blühenden Flieder, und das „heimliche Kosen im Blätterschwall" und „was die Nachtigall sang", verräth ihm mit freudigem Klang, der Maien, der frohe Maien sei wieder gekommen. „Die Welt ist ein Herz und mein Herz ist die Welt!" so klingt es jugendheiter aus seiner Säugcrkchle; wenn die Rosen blühen, trägt er im Herzen „der Welten Welt: die erste allmächtige Liebe!" „An Kaiser Wilhelm II." ist eine feurige Hymne, getragen von glühender Liebe zum deutschen Vaterland und zur deutschen Kaiserkrone, dabei im volksthümlicheu Tone gehalten. Hcldenkühn bläst der Dichter die Fricdens- schalmei. Ihr Klang trägt die Seele des Deutschen im Schwünge der Begeisterung durch alle Wolken empor: „Den Frieden will ich!" Jubelnd klingt es wieder: Bringt Friedenspalmen ihm und Lorveerrciser! Und eine Mutter kniet am Kreuze nieder Und betet fromm: „Beschirme. Gott, den Kaiser!" In dem herrlichen Gedichte „An die Erzieher des Volkes" läßt der Dichter, der „kein Höfling und kein fader Schmeichler" ist, piano ein Register- der socialen Frage unserer Tage mitklingen. „Ostermorgen auf dem Fried Hofe" ist wehmüthig, aber erhebend und tönt zuletzt in einem jubilirenden „Halleluja!" aus. „Durch die Büsche, durch die Baume zog ein wundersames Klingen, Und der blaue Himmel lachte, und die Amsel hört' ich singen. Halleluja! Halleluja! klaug's und sang's aus tausend Kehlen) Eine Thräne wollte heimlich aus dem Auge sich mir stehlen. Halleluja! Halleluja! — Und die ernsten Kreuze winken. Osterjubel! Osterhoffen! Betend muß ich niedersinken." Ein Prachtjuwel herzeusfrischer, aber auch herziuniger Poesie ist „Mein Lied". Des Dichters rastlose Gedanken hatten goldene Zinnen in die rosigen Wolken der Zukunft hineiugcbaut, aber er muß sie zusammenbrechen sehen wie das tollkühne Bauwerk eines unklugen Meisters. Durch das Gemüth des Dichters zieht eS wie ein leiser Frühliugstraum. Wie kaun mau Lenz und Liebe mit 140 süßerem Wohllaut besingen! „Mein Lied" ist unter den Blumen, die der Dichter „Am Wegrande" gepflückt, die Lilie. Die Lilie ist keine heitere Blume. Ernst, melancholisch schaut sie darein. Wehmnthvoll sind des Liedes Weisen. „Mein Lied" ist kein erotisches Lied, das ist ein zartes Minnelied. Der wunderbar weiche Tonfall der Sprache macht das Lied leicht sangbar. Der Klangzauber der Musik hat „Mein Lied" umwobeu. Binnen dreier Jahre wurde dieses Eschclbach'sche Lied zwei- unddreißig Mal in verschiedene Musik gesetzt, zweiunddreißig Mal, der Verfasser weiß es aus erster und sicherster Quelle. Und heute schon könnte er den dreiunddreißigsten Componisten nennen, der dem Liede neue Töne weihen wird. Wenn der Maien wieder blüht, wird auch Eschelbach's seelenvolles Lied neu erschallen. Auch wurde das Gedicht mehrfach illustrirt. Treten wir nun aber im Geiste des Dichters an das Gedicht heran! Der Frühling ist im Thal und auf allen Höhen der Nheinlande erwacht. Der Mond ist stille aufgegangen. Die Tannenwipfel wiegen sich leicht im sauften Abendwind. Der Nachtigall klagend Lied ist verhallt, und in den Silberfluthen des alten Stromes rauscht es melodisch: In silbernem Mondlicht wallte der Rhein, Ein Posthorn klang in der Ferne, Wir sahen uns tief in die Augen hinein, Und leuchtend standen die Sterne. Da hast Du mir schluchzend Dein Lieben bekannt, — Wie hat es so süß mir geklungen! — Dann bin ich gefahren durch's blühende Land Und habe begeistert gesungen: „Tu strahlender Himmel, wie bist Du so tief. Du blühende Erde, wie wurdest Du weit, Dieweilen ich träumte, dieweilen ich schlief! — Gegrüßt, seio gegrüßt! Es ist Frühlingszeit!" Zwei Strophen folgen mit den letzten vier Versen als Refrain. Uebcr's Jahr kommt der Dichter wieder zur Frühlingszeit an den Rhein. „Da hingst Du am Arm eines Ändern." Wandernde Burschen ziehen vorbei, „Die haben-mein Lied gesungen," und er muß entsagen — entsagen. So singt nur ein frisches Mnseukind wie Hans Eschelbach es ist. Wie Ahnung eines Herzeusglückcs iiber- schleicht es uns, wenn wir an die beiden Liebenden am Nhcine denken: in einiger Entfernung sehen wir sie, halb im goldenen Abendroth, halb im webenden Dämmerlichte. Köstlich wie lauterer Rheinwein ist das Gedicht „Natürlich". Das ist der Sprnvggncll heiterer Dichtersreude, wie wir sie nur noch bei einem Wallher von der Vogelwcide gewohnt sind. Ein junges Dichter- leben, das wohl bisweilen zerfahren ist, für das aber die materiell gesinnte Mitwelt kein Verständniß hat, wird in Leid und Freud wortgetreu geschildert. Am Ende des Schuljahres erhalten des Dichters Mitschüler sämmtlich gute Zeugnisse: Mir machte man saure Gesichter . Und gab mir den schlechtesten Wisch von der Welt. Natürlich! Ich war ja ein Dichter! Die Studiengcnossen kommen in „Würden und Amt": Ich ward zu der ärmlichsten Stelle verdammt, Wo die Welt ist mit Brettern vernagelt. „Ein schlechtes Zeugniß, dazu ein Rebell!" So schrieben die klugen Bcrichter. Wahrhaftig, sie machten recht heiß mir die Höll'; Natürlich! Ich war ja ein Dichter! Es nahet die Zeit „mit dem eh'lichen Glück". Die andern haben eine reiche Braut heimgeführt: Arm waren wir Beide, ich und die Maid: Natürlich! ic>) war ja ein Dichter! So kommt der Dichter immer nur schlecht weg. Aber wenn der Todeseugcl mit seinen Fittichen rauscht und die Mitwelt ein unheimlich Grauen überkommt, da ist es unserm Dichter noch ganz wohl ums Herz, der Engel nimmt ihn mit hinüber inS himmlische Reich, und da fragt er mit froinmkindlichem Tone; „Bin werth ich, Herr Petrus, zu gehen durch's Thor! Wo sie glühen, die himmlischen Lichter?" „Natürlich!" jubeln die Engel im Chor, „Natürlich! Dn bist ja ein Dichter!" (Schluß folgt.) Die Waldenser und der Sektenstifter Petrus Waldns. (1- 16. April 1197.) 6. Geradezu fabelhaft groß ist die Literatur über die Waldenser, klein über Petrus Waldns. Besonders in der Mitte unseres Jahrhunderts entstanden Bücher über Bücher, hauptsächlich von «katholischer Seite, welche sich mit dieser Sekte und bcr alten und neuern Literatur über sie in tatum ot longum beschäftigten. Es muß aber sofort betont werden, daß auch, wie wir sehen werden, protestantische Theologen und Geschichts- fchreiber der Wahrheit Zeugniß gaben und Vorurtheile, Fälschungen :c. aufdeckten als das, was sie waren, als blauen Dunst und Nebel. Warum aber solch gewaltiges Wesen mit den Waldenscrn? Warum Aufstöberung aller nur irgendwie und irgendwo zu findenden alten Scharteken? hauptsächlich auf «katholischer Seite? Holzwarth beantwortet diese Frage in einer Abhandlung im Jahre 1854 in der Tübinger theologischen Quartalschrift kurz und bündig: „es hat sich klar und deutlich die Tendenz der ncu-waldcnsischen Ueberlieferung herausgestellt, um deretwillen man die katholischen Berichte des Mittelalters zu beseitigen sich bemühte. Mau wollte nicht nur Reformatoren vor der Reformation gewinnen, sondern man wollte auch den Einfluß der Reformation des XVI. Jahrhunderts auf die Waldenscrsckte verwischen, diese selbst als die Mutter der Reformation erscheinen lassen und so durch Aufstellung des apostolischen Alters der Sekte für die Lehre des Neformationszeitaltcrs den Beweis der Apostolizität gewinnen. Es hat sich auch hier die historische Wahrheit Bahn gebrochen (und tvir betonen, protestantische Geschichtsschreiber haben selbst, zu ihrer Ehre sei es gesagt, mitgewirkt), und bei den einen ist die gemüthliche Illusion zerstört und bei den andern der Betrug für alle Zeiten enthüllt worden. Aber es kann auch geschehen, wie Herzog meint, „daß die jetzigen Waldenser sich dadurch werden eines Besseren belehren lassen, das ist freilich kaum zu erwarten. Sie sind seit einiger Zeit mehr als je für ihre Behauptung vom hohen Alter ihrer Sekte und der reinen Lehre derselben eingenommen, seitdem sie die Erfahrung gemacht haben, daß jene Italiener, die sich vom Katholizismus abgestoßen fühlen, am liebsten sich an eine Religionsgesellschaft anschließen, die italienischen Ursprungs ist und denselben nicht von der Reformation des XVI. Jahrhunderts ableitet, sondern auf die ersten Jahrhunderte des Christenthums zurückführt." (Von einem derartigen Anschluß ist seitdem nichts Besonderes bekannt geworden.) Wir haben keine Zeit und es ist sicher auch kein Raum in nnscrcr Beilage, uns mit kritischen Betrachtungen und Ausführungen abzugeben über die brcikgc- schlagene Literatur betreffend das Alter ec. der Waldenser, 141 wir nehmen mit katholischen und akatholischcn Quellen an — Petrus Waldns ist der Stifter der Sekte der Waldenser nnd führen ihn selbst und die von ihm gegründete Sekte unsern Lesern kurz nnd bündig vor Äugen. Petrus Waldns — auch de Vaux, Waldo, Valdez genannt — war einer reichen Kaufmannsfamilie in Lyon entsprossen. Denselben wandelte die Lust an, die Evangelien, die er gern hörte, selbst und öfter zn lesen, und deßhalb ließ er sie für sich abschreiben und in die Landessprache übersetzen. Das Gleiche that er auch mit den Schriften der Vater und der Heiligen. Diese Bücher las er mit größtem Eifer und sehr oft uud durch sie veranlaßt, faßte er den Vorsatz, die Wege der Vollkommenheit zu beschielten. Er verkaufte alles, was er besaß, und gab es den Armen, denn er wollte arm den armen Aposteln nachfolgen. Auch soll der Tod eines Verwandten so großen Eindruck auf ihn gemacht haben, daß er dies that — ungefähr um das Jahr 1170 —. Diese reichen Almosenspenden gefielen selbstverständlich den Leuten ungemein, sie sammelten sich um ihn und er gewann einen ziemlichen Änhang, was seiner Eitelkeit schmeichelte, zumal er etwas beschränkten Geistes gewesen sein soll. Er wollte die apostolische Armuth in der Kirche einführen und zog mit seinen Anhängern durch Frankreich, um dieselbe zn predigen nnd von ihrer Nothwendigkeit zu überzeugen. Hierin liegen nun schon zwei große Irrthümer verborgen. Für's erste vergaß Waldns, daß die freiwillige Armuth kein Gebot Gottes, sondern nur ein evangelischer Rath ist, der nie und nimmer als Gebot für alle Christen aufgefaßt werden darf. Schon aus diesem Grunde war die Lehre des Waldus und seiner Anhänger verkehrt und der Gesellschaft schädlich. Wie ein hl. Franziskns, ein hl. Do- minikns segensreiche Orden stifteten, Hütten Petrus nnd seine Anhänger allem irdischen Besitz entsagen nnd zur freiwilligen Armuth sich verpflichten können; die Meinung aber, alle Christen müßten sich zn derselben verpflichten, war ein unausführbarer, wir möchten fagen ein einfältiger Gedanke. Es entsteht die zweite Frage: wer gab Waldns und feinen Anhängern das Recht, öffentlich als Prediger aufzutreten? Einfach: sie vindizirten sich hiezu das Recht selbst. Freilich wird hier von manchen eingewandt: die Prediger der katholischen Kirche haben zn jener Zeit ihre Pflicht als Prediger vielfach nicht erfüllt; so daß einige Synoden Klage führen darüber, allein, dies auch zugegeben, hatte der Waldenser Sektenstifter mit seinem Anhang absolut kein Recht, sich als Prediger der katholischen Kirche zu gcriren, denn die Predigt gehörte und gehört stets zn der mior-ia camoincm — sie sind also nur als freie Prädikanten anzusehen, und in diesem freien Prädi- kantcuwesen haben wir die eigentliche Stiftung des Petrus Waldus und zugleich das Eigenthümlich-Neue zn erkennen, was sich an das Auftreten desselben anschloß. Das Dekret des Papstes Lucius III. spricht deßwegen mit allem Recht von einer virxlicmtio pruoclieaiuli, das vierte Lateranconcil spricht dasselbe aus. und das Edikt des Königs Alphcms vom Jahre 1194 nennt diese iirae- riicatio tuEta. Bernhard und Alauns wenden sich desgleichen gegen die Waldenser, die es gewagt, ohne Auftrag der Prälaten nnd gegen ihren Befehl zn predigen. Waldns kehrte sich an nichts, nnd so kam er immer mehr auf die schiefe Ebene, wie später kurz gezeigt werden wird. Der alte Satz, den er für sich in Anspruch nahm: „man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen," klingt recht schön nnd angenehm, aber er vergaß dabei das zweite Wort: „wer die Kirche nicht hört, der sei dir lvie ein Heide und öffentlicher Sünder." Die Anhänger des Waldus, die sich allen Eigenthums bar gemacht hatten, wurden die „?anp>eres cla Im.gcirmo" genannt, „die Armen von Lyon", auch Sa- vonistcn, Hniniliaten, Saboticrs — nach den von ihnen gebrauchten groben Holzschuhen. Sie kamen auch nacl/ Oberitalien und nach Deutschland, wo sie 1212 am Rhein als „Winkeler" auftraten, deßgleichen wollten sie sich in Spanien niederlassen, was ihnen aber nicht gelang, sie wurden vielmehr als Feinde des Kreuzes Christi und als Feinde des Staates zugleich in Bälde vertrieben. Der Stifter der Sekte, Petrus Waldus selbst, durchzog Italien und starb in Böhmen im Jahre 1197. Er selbst war kell: eigentlicher Häretiker, erst seine Anhänger geriethen während des XVI. Jahrhunderts in dogmatische Irrthümer. Früher traten die Waldenser der Kirche mehr voni Standpunkt des praktischen Lebens entgegen. Ihr Lebenswandel wird selbst von ihren Gegnern gerühmt; sie waren prnnklos in Kleidung, mäßig, züchtig, fleißig in der Arbeit, ernst und aufrichtig in den Aussagen, allein der Hochmuth führte sie immer mehr abwärts, weg von der kirchlichen Lehre und zwar auch von der Dogmatik. Herzog, ein unverdächtiger Zeuge, hat in seinem vorzüglichen Quellenwerk (auch Dickhoff ist rühmlich zn erwähnen) nachgewiesen, daß die Waldenser des Mittel- alters sich in ihren Schriften sogar katholischer aussprachcn, als man nach den meisten Berichten der katholischen . Schriftsteller des Mittelalters erwarten sollte. Der gleiche Autor weist auch unwiderleglich nach, daß die Waldenser nicht älter sind, als Petrus Waldus. Er enthüllt hauptsächlich die vielen Fälschungen, welche man zur Zeit der Reformation an den Schriften der Waldenser vorgenommen hatte. Man wollte eben der eigentlichen lutherischen Lehre ein viel größeres Alter zuschreiben und beweisen, daß die Lehre der Reformatoren keine neue Lehre gewesen. Mit Rücksicht auf diese Fälschungen schreibt Herzog in seiner Vorrede zn seinem Werke „Die romanischen Waldenser": „Wohl mag es manchen Freund der Waldenser schmerzen, den Prozeß dieser Umwandlung zu verfolgen und besonders die Äktcn desselben vor das große Publikum gebracht zu sehen. Denn daß nicht bloß eine Art von optischer Täuschung, sondern auch frommer Betrug mitgewirkt, ist außer allem Zweifel. „Doch wir können nicht wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit." 2 Cor. 13, 8. Uebrigcns ist auf das kürzeste nnd bündigste nachzuweisen, daß die Grnndlchre des Petrus Waldus grundverschieden von der Lcbre Luthers nnd der Reformatoren war. Luther verwarf ja bekanntlich jeden nnd allen Werth der guten Werke und baute seine Nechtfcrtignngslchre auf den Glauben allein auf, Petrus Waldns aber nnd seine Anhänger stützten ihre NcchtfcrtignngSIehre besonders auf die guten Werke, sonst hätten sie doch nicht die freiwillige Armuth wählen können. Wir sagten oben, daß der Sektenstifter nnd die Seinen immer mehr auf die schiefe Ebene geriethen, immer weiter von der reinen Lehre der katholischen Kirche sich entfernten, was wir an einigen Beispielen noch nachweisen wollen. Während sich die Waldenser im Ansang nur gegen 142 das äußere Kirchcnihum mid den weltlichen Besitz gerichtet, sogar die Abgaben des Zehnten verpönt, vor allein innerhalb der katholischen Kirche eine sittlich-religiöse Reform zunächst bei der Geistlichkeit angestrebt, ging es später auch gewaltig dogmatisch abwärts. Sie anerkannten längere Zeit die ordentliche Vollmacht znr Absolution von den Sünden, sowie znr Consecration der hl. Encharistic. Nachdem ihnen aber von Seite der katholischen Geistlichkeit die Absolution und die Darreichung der hl. Commnnion verweigert wurde, bildeten sie die Theorie der Laienbcicht und die Consecration durch Laien vorerst für den Nothfall aus. Ueber die katholische Lehre vom Fegfeuer haben sie sich meistens schwankend geäußert und bezüglich der Heiligenverehrung nur die Anrufung ihrer Fürbitte zurückgewiesen. (Alzog.) Henrion sagt: „Ihr Hauptangriff ging gegen die sichtbare Kirche; sie sei angesteckt vom Bösen, der Papst das Haupt aller Irrthümer (Papst Sylvester — heißt es in den bekannten „Geschichtslügen" — sei auf Anstiften des Teufels der erste Erbauer der Kirche gewesen), die Prälaten Pharisäer, Schriftgelehrte, Mörder; kein Geistlicher solle Einkünfte haben. Alle Sakramente tadelten sie; das Abendmahl sei bloß gcbackenes Brod (ob dies nicht zu viel be- chauptet ist?), die Taufe nütze nichts, kein schlechter Priester könne lossprechen, die Ehe sei kein Sakrament; alle kirchlichen Gebräuche seien verwerflich. Es gibt kein 'Fegfeuer, man wird entweder selig oder verdammt; Opfer, Gebete, Almosen für die Verstorbenen nützen nichts. Wir sehen: viel hatten sie über Bord geworfen von den wichtigsten und trostreichsten Dogmen unserer hl. Kirche. In ihrer vollständigen oppositionellen Constitution bestanden die Waldenser, sagt Alzog, aus Vollkommenen und Unvollkommenen. Die gottesdienstlichcn Versammlungen hielten die aus Seniores, Presbytern und Diaconi bestehenden Vorsteher, welche noch bis zum XVI. Jahrhundert Cölibatäre waren, die hl. Schrift galt als die alleinige Glanbeusgnelle, ihre Erklärung verlangten sie buchstäblich. Die Waldenser verwarfen den Eid rundweg, desgleichen jede Tödtung durch die Obrigkeit, jeden Kriegsdienst, jede Lüge erklärten sie für eine Todsünde. In den Bergen der Dauphin» und in drei picmon- tesischcn Alpcnthälern erhielt sich die Sekte bis auf die Gegenwart, nachdem viele Gemeinden in Böhmen sich der hussitischen, in Frankreich sich der calvinischen Lehre angeschlossen hatten. Heute bewohnen noch ungefähr 20,000 Waldenser die drei Alpenthäler Val Martina, Val Angrona und Val Lneerua. Sie sind, wie der protestantische Kirchcnhistoriker Guericke schreibt, „ein reiner Lehrbegriff, sowie in patriarchalischein Sinne lang sichtlich vertäuet und ermattet". In neuester Zeit fanden sie besonders bei den Engländern viel Gunst, die ihnen 1848 in Turin eine herrliche Kirche erstellen ließen, welche 1853 auf pompöse Weise geweiht wurde, um ein Hort des Protestantismus in Italien zu werden. Das Bibelwerk der deutschen Jesuiten.*) . In einer früheren Nummer der „Germania" wurde eme Uebersetzung des Breves mitgetheilt, mit welchem Papst Leo XIII. das neue Bibelwcrk der deutschen Jesuiten ausgezeichnet hat. Es wird sicher dem Wunsche mancher Leser entsprechen, über dieses Werk einige genauere Angaben zu erhalten. Wie der Titel des Werkes „Oarsus 8cripturao 8aeras" *) Aus der „Germania". andeutet, soll dasselbe das ganze Gebiet der hl. Schrift umfassen und nach allen Seiten hin erläutern. Diesem allgemeinen Plane entsprechend, gehören die einzelnen Theile des Cursus drei verschiedenen Gruppen an. In der ersten Gruppe soll durch eine gute Handpolyglotte eine sorgfältige Ausgabe der heiligen Texte, zunächst des hebräischen, griechischen und lateinischen, geboten werden; zugleich sollen in den Anmerkungen diejenigen abweichenden Lesarten aller alten Uebersetzüngen, sowie einiger der wichtigsten Handschriften verzeichnet werden, welche den Sinn des Textes beeinflussen und deshalb für den Theologen und Exegcten von Bedeutung sind. Die zweite Abtheilung umfaßt das Gebiet, der Ein- leitungswissenschafteu. Zu ihr gehören zunächst die eigentlichen, historisch-kritischen Einleitungen in das alte und neue Testament: ferner die biblische Alterthumskunde, die in ihren verschiedenen Theilen in einzelnen Abhandlungen und in einem biblischen Nealwörterbuch zur Darstellung kommt; endlich die ktiiloloA-ia saera, die biblische Sprachwissenschaft, welche durch Grammatik und Wörterbuch des Hebräischen, des neutestamentlichen Griechisch u. a. im Cursus vertreten wird. Die dritte und größte Gruppe bringt dann in den Commentaren die Erklärung der ganzen hl. Schrift zum Abschluß. Jedes der geschichtlichen. Lehr- und prophetischen Bücher des alten und neuen Testamentes erhält seinen eigenen Commentar und ivird ausführlich im Zusammenhang erläutert. Der Plan dieses Bibelwerkes umfaßt demnach alles, was für das Studium der heiligen Bücher in Betracht kommen karrn. Zur Ausführung eines solchen Unternehmens konnte natürlich die Kraft eines Einzelnen und die Arbeit weniger Jahre nicht ausreichen. Es vereinigten sich dazu eine'Anzahl deutscher Jesuiten, zunächst V. Rudolf Cornetr), der nach einem dreijährigen Aufenthalte im Orient viele Jahre hindurch als Professor der Exegese im Kollegium zu Maria-Laach und später an der päpstlichen GregorianischenUniversität zu Rom gewirkt hatte, k. Joseph Knäbenbauer, ebenfalls langjähriger Professor der Exegese in Maria-Laach. Dittou-Hall (in England) und jetzt in Valkenburg (in Holland), und?. Franz von Hummelauer; eine Reihe anderer Mitglieder der deutschen Ordensproviuz widmeten ebenfalls dem Cursus ihre ganze Arbeitskraft. Die langjährige Lehrthätigkeit auf dem Gebiete der heiligen Schrift ermöglichte es den Herausgebern, in ver- hältuißmäßig kurzer Zeit schon einen großen Theil des Werkes zu vollenden. Nach kaum zwölf Jahren seit dein Erscheinen des ersten Bandes konnte der Heilige Vater in seinem Breve vom 14. Oktober v. I. schon dreiundzwanzig fertigen Bänden sein Lob und seine Anerkennung aus- sprechen. Außer der allgemeinen und besonderen Einleitung zum alten und neuen Testamente, die ?. Cornely in vier Bänden veröffentlichte und jetzt in zweiter Auflage herausgibt, ist bis jetzt ungefähr die Hälfte der Commentare erschienen. Es sind die Erklärungen der Genesis, des Buches der Richter und Ruth und der zwei ersten Bücher der Könige von V. v. Hummelauer; des Ecclesiastes und des Hohen Liedes von L. Gietmann, des Buches Job, der vier großen und zwölf kleinen Propheten und der drei ersten Evangelien von k. Knabenbauer; des Briefes an die Römer, des ersten und zweiten Briefes an die Ko- rinther und des Galatcrbriefes von ?. Cornely. Die noch fehlenden Theile sind in Vorbereitung, theilweise schon druckfertig, und werden nacheinander erscheinen. Ein schönes Bild von der Gediegenheit und dem außerordentlich reichen Inhalt dieser Bände gewinnt man bei der Durchsicht des letzterschienenen, der Erklärung des Römerbriefes von V. Cornely. Wenn irgend ein Buch der heiligen Schrift, so bietet sicher dieses Sendschreiben des Dölkerapostcls eine Menge von Schwierigkeiten, aber auch eine Fülle der herrlichsten Gedanken und Wahrheiten. So stellt, es dem Erklärer eine schwere Aufgabe. Cornely zeigt sich aber derselben vollkommen gewachsen und hat sie mit dem besten Erfolge gelöst. Sein Commeutar bietet nach einer kurzen, gediegenen Einleitung zunächst für jeden Abschnitt, der zur Besprechung kommt, den lateinischen und griechischen Text nach den besten Ausgaben: die sorgfältigen textkritischen Bemerkungen bringen die Varianten der verschiedenen Textzeugcn, soiveit dieselben für die Erklärung von Bedeutung sind. Dabei wird über den Werth der einander 143 gegenüberstehenden Lesarten ein kurzes Urtheil nebst seiner Begründung abgegeben. Der eigentlichen Erklärung liegt der Text der Lnlgata zu Grunde, den Bestinnuuugen der Kirche und insbesondere der letzten Encyklica Leo's XIII. über das Bibelstudium entsprechend. Doch kommt der griechische Urtext keineswegs zu kurz; vielmehr wird derselbe ganz den Worten des Heiligen Vaters gemäss überall zu Rathe gezogen, um den wahren Gedanken des Apostels stets richtig zu erfassen. Wo es nothwendig erscheint, wird dabei auf die Mangel und Unvollkommcnheiten des entsprechenden Ausdruckes in der Vnlgata hingewiesen. Dein richtigen Verständnis; des Sinnes dient aber nicht, bloß der Vergleich des Urtextes und der verschiedenen Lesarten: überall ist der Verfasser bestrebt, unter Benutzung aller exegetischen Hilfsmittel au der Hand der heiligen Vätcr und der größten Schrifterklärer aller Jahrhunderte den Gedantengaug des Apostels im Großen wie im Kleinen richtig zu erfassen. Nach der Darlegung des Zusammenhanges eines Abschnittes untereinander wird jedes Wort des Apostels erwogen und nach allen Seiten hin beleuchtet. Jedes Wort wird gewissermaßen im Lichte der Erklärungen der hl. Väter, namentlich der hl. Johannes Chrysostomns, Augustinus, Hicronymus und Thomas von Äquin, betrachtet und unter Vcrglcichung auch der neuesten katholischen wie nichtkatholischen Auslegungen. erörtert. Die von der Erklärung, des Verfassers abweichenden Deutungen werden dann, wo es nöthig erscheint, mit den Worten ihrer Urheber vorgeführt und widerlegt. Schließlich werden auch alle sonstigen an den Text sich knüpfenden Bemerkungen und Folgerungen noch hervorgehoben. Trotzdem leidet die Klarheit und Uebersichtlichkeit nicht unter dieser außerordentlich großen Reichhaltigkeit. Bei der einheitlichen und conscguent durchgeführten Methode des Verfassers findet man sich leicht zurecht; außerdem ist durch die verschiedenen Arten des Druckes für die leichte und klare Unterscheidung der Worte des Apostels, der eigentlichen Erklärung, der minder wichtige;; Zusätze und der Bemerkungen gesorgt. Die übrigen Theile des Cnrsus sind durch ähnliche Anordnung, Gediegenheit und Reichhaltigkeit ausgezeichnet. Stets wird, ganz in; Geiste der Encyklica des Heiligen Vaters, das Hauptgewicht darauf gelegt, au der Hand der Väter nnd Lehrer der Vorzeit zum richtigen Verständniß zu gelangen, ohne dabei die Gegenwart und die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschungen zu übersehen. So bietet der Cursus ein nützliches Hilfsmittel, die reichen Schätze kennen zu lernen, welche in den heiligen Büchern und in den Erklärungen der Väter verborgen sind. Er erschließt diese Schätze nicht bloß für den Ere- geten und Dogmatiker. sondern für jeden Freund der hl. Schrift; allen zeigt er bei; Weg, die unerschöpfliche;; Reichthümer des Buches der Bücher für sich und andere nutzbar zu machen. Möge die hohe Anerkennung, die ihn; der Heilige Vater gespendet hat, den; großen Bibclwcrke auch in Deutschland neue Freunde erwerben! Recensionen und Notizen. Vernünftiges Denken und katholischer Glaube. Erwägungen für die gebildete Welt von Christian Hold, Dekan und Pfarrer. Kcmpten, in; Verlag der Jos. Kösel'schen Buchhandlung, 1897. Vlll u. 294 Seiten. Der Verfasser vorstehender, soeben erschienener Schrift ist ein in weiten Kreisen allgemein beliebter, in theologischen und naturwissenschaftlichen Dingen bewaudter und gelehrter Blaun. Was vorstehende Schrift will, ist in; Titel enthalten, nämlich zeigen, daß der kathol. Glaube und vernünftiges Denken sich nicht gegenseitig ausschließen, wie gewisse Vorurthcile annehmen, sie will im Gegentheil zeigen, daß der kathol. Glan.be ein vernünftiges Denken zur Vorausictznng habe. Zu diesen; Zwecke werden in 16 Abhandlungen oder Vortrügen, welche fast alle nach Form nnd Inhalt von vollendeter Schönheit sind, die hauptsächlichsten Glanbenswahrheiten dargestellt. Es sind Erwägungen für die gebildete Welt, also nicht für die Gelehrten. Da haben wir keinen Mangel an vorzüglichen apologetischen Werken, wie von Hettingcr, Schanz, Voscn, Weiß :c. Auch für das einfache gläubige Volk ist gesorgt an schöne», erbaulichen Schriften dieser Art. Aber für die sogenannte gebildete Welt, d. h. diejenigen, welche nach Erziehung und Unterricht für geübteres Denken befähigt sind, aber doch gelehrte dickleibige Bücher über religiöse Fragen nicht zur Hand nehmen, anderseits aber dock durch die gewöhnliche einfache Darstellung nicht befriedigt werden, haben wir wohl großen Mangel- Hier liegt nun ein solches Buch vor, welches diese Lücke in vorzüglichen; Grade ausfüllt. Auch den geistlichen Herren dürfte diese Schrift willkommen nnd manchem ein Fingerzeig sein, wie man den sogen. Gebildeten und auch den weniger Aufgeklärten in seinen Vortrügen mit Erfolg entgegen zu kommen hat. Der Verfasser sagt ganz richtig in der Vorrede: „Mehr als je tritt heutzutage an den Katholiken die Pflicht heran, sich nnd anderen über sein Höchstes auf Erden, seinen Glauben, Rechenschaft zu geben. Diese Vortrüge wollen nichts anderes, als den; einen oder andern diese Rechenschaft erleichtern helfen." Für die hübsche Ausstattung dieser Schrift verdient die Verlagshandlung alles Lob. Domkapitnlar Winter. Gedenkblätter zu Ehren des hochwürdigen geistlichen Rathes Dr. Joseph Grimm, weiland Professor der neutestamentlichen Exegese an der Universität Würzburg. Zum ersten Jahrestag seines Todes gewidmet von vr. Herman Schell, derz. Rector der Universität Würzbnrg, und vr. Albert Ehr- hard, Professor an der Universität Würzbnrg. Zum Besten des Würzburger Bonifatinsvereines. Würzbnrg 1897. Göbel. Gr. 8°. S. 136. Preis M. 1,20. chf Weit treffender, als das wohlgelungcne Bildnis auf der ersten Seite, zeichnet Pros. Ehrhard das Lebensbild des Verewigten. Er steht da vor uns, wie er leibte und lebte, lehrte, dachte und empfand. Wir lernen ihn kennen in seiner Jugend und theologischen Ausbildung, als Professor der Theologie (Exegese), als Forscher nnd Schriftsteller; wir begleiten ihn im Geiste auf seinen Natur- und Kunststudicn gewidmeten Reisen; sein Charakter als Priester und Mensch lehrt uns ihn achten und schätzen. Ganz objektiv ist die Darstellung nnd doch voll Liebe und Wärme; zugleich ist uns ein zwar bescheidener, aber doch recht anerkennenswcrther Beitrag geboten znr theologischen Literaturgeschichte unseres Jahrhunderts. Den würdigen Schluß der Gedenkblätter bilden die Grundgedanken des messianischen Lebensplanes Jesu auf Grund der exegetischen Werke Grimms, als Trauer- gcdächtnißrede in der Universitätskirche zu Würzbnrg gehalten von Professor Schell. Allen Schülern und Freunden Grimms werden unsere Blätter ein schönes Andenken, allen gebildeten Lesern aber eine Geist nnd Herz erhebende Lektüre sein. Der Reingewinn ist zum Besten des Würzburger Bonifatiusvereins. Dr. Johann Anton Englmann's Handbuch des Bayerischen Volksschnlrechtes von vr. Ed. Stingl. Vierte verbesserte nnd vermehrte Auflagck 8. Im Schulanzeiger für Niedcrbayern ist folgende Ministcrial-Verordnung zu lesen: „Da das bezeichnete Buch eine höchst brauchbare systematische Darstellung sowohl der allgemein gütigen, wie auch der für die einzelnen Regierungsbezirke erlassenen Bestimmungen über das Volksschnlwesen Bayerns enthält, ist dessen Anschaffung für Schnlbehörden u. s. w. zu empfehlen. Zur Anschaffung aus Regiemitteln wird Ermächtigung ertheilt. vr. v- Landmann." Wahrlich ein schönes Zeugniß! Auch vr. v. Hanck hat in der „Bayerischen Gemeinde- zeitung" das Buch sehr lobend besprochen, wobei besonders „die klare Uebersicht" hervorgehoben wird. „Nach allen Richtungen findet man Aufschluß über sich ergebende Fragen, und ist die Antwort durch Genauigkeit des Sachregisters leichr zu finden." Tarn»; wird das Buch auch „ans's beste" empfohlen. Domkapitnlar vr. Schmitt, ebenfalls Fachmann anf dem Gebiete des Kirchenrechts, weiß als einen Hanptvorzng an diesen; Buche zu loben, „daß sich die 4. Auflage hinsichtlich der Darstellung jener Details, welche gerade in unserer Zeit brennend geworden sind, als eine Leistung darstellt, welche bisher von keiner Veröffentlichung erreicht ist. So sind die Gehalts- und Pcnsions- verhältnissc deS Lehrerpersonals und der Lehrerreliktcn nicht bloß in den einzelnen Kreisen, sondern auch in den 144 größeren Städten mit einer «machenden Sorgfalt dargestellt. wie sonst nirgends. Die Rechte nnd Pflichten, die sich durch die beständige Verbindung von niedern Kirchen- oiensten mit Schuldiensten nach verschiedenen Seiten hin ergeben, sind ganz dem bestehenden Rechte entsprechend zusammengestellt, so daß diese Darstellung als Grundlage aller weiteren Verhandlungen über diesen viel umstrittenen Punkt dienen kann. Ueber diesen Details geht aber der Herausgeber Rechtsfragen durchaus nicht aus dem Wege, wie der Hinweis auf 8 37 S. 100 über die Qualifikation der Katecheten darthut; nur sind solche Rechtsfragen ganz objektiv behandelt. Hervorzuheben ist ferner, daß alle Entscheidungen und Entschließungen der kompetenten Behörden seit dem Erscheinen der dritten Auflage eingefügt sind - dadurch erhält das Buch seine werthvollste Eigenschaft: die Verlässigkeit. Hat man das Buch in einer Frage zu Rathe gezogen, so weiß man, daß einem nichts von Bedeutung entgangen ist." Einen Gedanken können wir uns nicht versagen, hier wiederzugeben, den Dr. Schmitt seiner Recension hinzugefügt hat: Wir begrüßen es mit Befriedigung, daß gerade Geistliche, Dr. Englmann und Dr. Stingl, dieses nicht unschwicrige Gebiet mit solchem Glücke bearbeitet haben, daß mich erprobte Fachmänner ihnen die Anerkennung nicht versagen können. Tibesar B. L., Fr. W. Weber's „Dreizehnlinden". Eine literarische Studie. 8" pp. II 4- 152. Padcr- born. F. Schöningh. 1896. (II.) 1 M. 20 Pf. k Weber's herrliche Dichtung „Dreizehnlinden", die bis seht 71 Auflagen erlebt hat und trotz allen Widerstrebens auch ins Englische und Französische übertragen worden ist (ein Versuch ins Lateinische verlief im Sande), wird in vorliegendem anspruchslosen, aber mit großer Begeisterung geschriebenen Büchlein einer Besprechung unterzogen in der Art, wie dergleichen Meisterwerke der Literatur an unseren Mittelschulen behandelt werden. Zuerst kommt die Inhaltsangabe und Entwickelung der Handlung in übersichtlicher Analyse mit wörtlicher Anführung der bezeichnendsten Stellen: darauf folgen dann allgemeine Erörterungen zum Ganzen mit der Charakteristik der auftretenden Personen. Den Schluß bildet eine ästhetische Betrachtung über die Natur-poesie in „Dreizehnlinden" und über Cultur und Volksleben, ivie es dieses Gedicht widerspiegelt, sowie über Form und Darstellung. Für- Schüler, welche die Dichtung gelesen haben, ist das Buch eine willkommene Gabe zum besseren Verständniß und zur richtigeil Würdigung. ist mit diesem bei uns sehr beliebten Büchlein der „Kinderlegende" von Hattler wieder um ein Stück vermehrt worden. Zum Zwecke der Uebung werden auch Erwachsene sehr gern die leicht und gefällig geschriebenen Geschichtchen lesen, ehe sie der Sprache so weit mächtig sind, um größere und ernstere Bücher mit Nutzen vornehmen zu können. Eine andere Verwendung dürfte die spanische Ausgabe bei uns in Deutschland wohl auch kaum haben. Lru-in "Will., Os rslations iutsr auotoritatsw st lsZ-i- timam sooistatsin potiora inomsnta, ut all oaussm tavti ponäsris acouratius tractsnäaru excitentur optimales. LloAuntias, Rr. Lirobbsim, 1896. 8°, pp. 24. Ll. 0,40. 7 Uölivsata proviäsntiao äivinas circa bominss äis- positicmo autor äicsnäi raticms brsvi ao äiluoiäa äs rs- lations iuter autoritatsm st 1s§itimam socistatem »Asus eruäitoruin aoumiui clitüciilima guasgus nscnon iutrioata xroponit arA-umonta, e. Zr. guanäo potsstas civiiis pro IsAitima babsncka sit, mrm Principes rsZsnäi potsstatsm privat! suris titulo sibi vinäioars xossint, guibus ex oausis xrinoipatus tollatur, guantopsrs multituäo st numsrus contsmni guvat aliagus i<1 §snus. Librorum amatoribus xaKsUas Ouilislmi (rects pro: ^Villiaml) blruüni absgus äubio Z^ratas sinnt. Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums' Nürnberg, 1896. sZ Aus dem reichen Inhalte der vom Direktorium Herallsgegebenen und mit Abbildungen versehenen „Mittheilungen" heben wir hervor: A. Bauch: Ein vergessener Schüler Albrecht Dürers. (Gemeint ist G. Schlenck.) — F. Fuhse: Aus der Plakettensammlung des Germ. Nationalmuseums. — G. v. Besold: Der Meister der Nürnberger Madonna. (Constatirt Moniente zu Gunsten einer Autorschaft Peter Wischers.) — Th. H.: Das Ge- denkbuch des Georg Friedrich Besold, Pfarrers zu Wildenthierbach im Rothenburgischen. (Aus der Zeit des siebenjährigen Krieges.) — K. Schaefer: Albrecht Dürer und der Rahmen des Allerheiligenbildes. — Th. Hampe: Deutsche Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella und das Reisetagebuch des Sebald Oertel (1521—22). — Außerdem ist zu erwähnen der von Th. Hampe veröffentlichte Katalog der Gcwebesammlung, illnstrirt, und die Chronik des Museums, der Zuwachs der Sammlungen u. s. w. Kabstti ^1. (s. (I.), Ooinpenäium tbsoIo§ias moralis a äo. k. Our^ (s. ck.) xrimo eonscriptum st äsinäs ab Antonio Balls rini (s. (I.) aänotaticmibus auctum, uuno vsro all broviorsm lormam sx- aratum. 6°, xp. XIV -s- 896. Ratisbonas, I'r. Bustst, 1897. (XIII.) N. 9,60 1i§. -7 Die Moraltheologie des Jesuiteupaters Gury hat trotz aller Mängel sozusagen die Bedeutung eines „Ztanäarä Look" in den Schulen erlangt. Besser als die Bearbeitung von Ballerini oder Dumas ist die vorliegende, vorzüglich ausgestattete Ausgabe von L. Sabetti, Professor in Woodstock; dieselbe bat es in wenigen Jahren zu 13 Auslagen gebracht, ein Beweis ihrer Brauchbarkeit, die besonders durch einen musterhaft gefertigten Index wesentlich erhöht wird. Daß der Verfasser auf amerikanische Verhältnisse besonders Rücksicht nimmt, thut der allgemeinen Verwendbarkeit des Buches keinen Eintrag. Die Anordnung des Stosses ist klar nnd übersichtlich, dre Sprache genau und knapp; überflüssige Auseinandersetzungen, dre nur theoretischen Werth haben könnten, sind vermieden und so der sonst nicht recht genießbare Gury m praktische nnd angenehm lesbare Form gebracht, so daß wir das Buch ohne Bedenken zu den besten Lehrbüchern der Moraltheologie rechnen dürfen. Ilattlor Rrano. (s. I.), Los ninos santos ü Is^enäas infantiles. Odra traänoiäa äsl alsmän por sl k. äsrönimo Rosas (s. I.). 12°, pp. VI -j- 278. Rribui'Ao äs Lris§. (Rsräsr) 1896. (II.) bl. 2,80 Asb. 7 Der treffliche Vorrath von vorzüglich ausgestatteten, correct gedrirckten Büchern in spa'.iischer Sprache, wie wir ihn im Verlag der Herder'schen Buchhandlung begrüßen. Nütter Arn., Altarblumen im Topf und ihre Spezialcultur. Regensburg, Fr. Pustet, 1696- (III.) 8°, XII-j-180 SS. M. 1,40. -> Gar mancher Pfarrer auf dem Lande ist ein eifriger Freund der „scisntia amabilis", und es überkömmt ihn das wohlige Gefühl behaglicher Selbstzufriedenheit, wenn die vorübergehenden Städter den Anbau seines kleinen Gärtchens bewundern. Rütter unterweist den Blumenfreund, wie er seine Liebhaberei in den Dienst der Kirche stellen kann. Und wer sich dies Büchlein, das auch mit 103 Abbildungen ausgestattet ist, fleißig zu Nutzen macht, kann leicht in den Ruf kommen, den Altar des Herrn mit den zarteil Kindern Floras in sinniger und reichlicher Weise zu schmücken. Rütters Handbücher erfreuen sich mit Recht einer großen Beliebtheit bei allen Geistlichen, die Blumen lieben — und wer gehörte nicht dazu? — und die auch die Möglichkeit haben, ihrer Cultur die nöthige Aufmerksamkeit zu widmen. * Zur österlichen Zeit empfiehlt sich für jeden Christen die Lektüre der 32 Seiten starken Broschüre „Das legte Mittel", welche in anschaulicher, ergreifender Form über die Reue, speciell über die „vollkommene Reue", andelt. Diese Abhandlung stammt aus der Feder des ekannten Missionärs L. W. Lerch und erschien bereits in 8. Auflage. Sie ist erhältlich von der Verlags-Buch- druckerei Ambras Opitz in Warnsdors und kostet franco 7 kr., 50 Stück franco sl. 2,50. Mit deren Zusendung wird man namentlich auch kranken und greisen Personen einen großen geistigen Dienst erweisen. Sie bildet zugleich eine , treffliche Vorbereitung auch für Katholiken für den pflicht- > mäßigen österlichen Sakramentsempfang. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg Leonhard Eitler. (Geb. 15. April 1707.) ^ Einer der fruchtbarsten Schriftsteller, welche die Geschichte der Wissenschaften kennt, einer der gliiütichsten Forscher und zugleich einer der vornehmsten Charaktere in der Gelehrtenwclt war Leonhard Enler. Die Menschheit vergißt in Undankbarkeit oft ihre größten Geisteshelden, während sie das bettelarme Geschreibe des seichtesten Nomanfabrikantcn hoch und heilig verehrt; und so ist in der „gebildeten Welt" der Name Eulers nicht sehr bekannt, selbst nicht Jenen, nullche ihr Bildnngsweg durchs Gymnasium geführt hat. Desto höher steht Leonhard Enler bei der kleinen Gemeinde der Mathematiker und Physiker; denn er ist der Schöpfer des modernen mathematischen Denkens. Diese Wissenschaft, welche den Geist in strengste Zucht nimmt, sträubt sich zu sehr gegen Popn- larisirung und ist, beschränkt auf einen engen Kreis von „Fachmännern", von den Anderen zu sehr gehaßt, als haß wir hier dem Leser, den vielleicht schon beim Namen „Mathematik" ein Grausen befällt, znmnthen wollten, in Einzelheiten mathematischer Natur einzutreten. Damit sei er verschont; aber dem großen Denker, der gerade vor 190 Jahren das Licht der Welt erblickte, ein kurzes Gedenkblatt zu weihen, können wir uns nicht versagen. Leonhard Enler wurde am 15. April 1707 zu Basel geboren. Ein Jahr nachher zog sein Vater Paul als Pastor in das nahe Dorf Riehen,, woselbst Leonhard die erste Jugend verlebte. Die einfachen Lcbcnsverhültnisse auf dem Lande legten in ihm frühzeitig den Grund zu dem offenen und hellen Sinn sowie zur schlichten und bescheidenen Einfachheit, die den Mann bis an sein Ende zierte; das „rsrum evAnosasra oaumas" trat schon in der Kindcssccle hervor. Im Hühnerhof seines Vaters machte der kleine Forscher seine ersten Naturbeobachtnngcn, und so fand man denn einst zum allgemeinen Gaudium ! das vierjährige Biiblein dort über einem großen Haufen Eier sitzend, und auf die Frage, was er denn da treibe, antwortete der künftige Akademiker allen Ernstes, er wolle Hühner ausbrüten. Den ersten Unterricht erhielt er von seinem Vater Paul; Leonhard zeigte besonders Liebe zur Mathematik, was der Vater, selbst ein tüchtiger Mathematiker, gerne sah, obgleich er den Sohn für das Studium der Theologie bestimmte und in Gedanken ihn schon als seinen Nachfolger in Riehen sah. Es sollte anders kommen. Leonhard bezog die Universität Basel und studirte in der That Theologie und daneben orientalische Sprachen. Ein Jüngling von so hervorragender Fassungsgabe und so unglaublichem Gedächtniß, fand er außerdem noch Zeit für die schwierigsten mathematischen Aufgaben, so daß er, erst 16 Jahre alt, die Aufmerksamkeit seines Lehrers Johann Bcrnouilli, des damals größten Mathematikers, erregte. Bald erhielt Enler von seinem Vater die Erlaubniß, sich ausschließlich der Mathematik widmen zu dürfen, erwarb die akademischen Grade und erhielt, obwohl nie aus Basel hinausgekommen und noch keines größeren Schiffes ansichtig geworden, bereits in seinem 19. Lebensjahre einen Preis, den die Pariser Akademie für die beste Arbeit über die Bcmastnng der Schiffe ausgesetzt hatte. Daniel und NicolanS Bcrnouilli, Eulers ') Vgl. Fuß Nie., Lobrede auf Leouh. Enler. Basel 1786. — Radio F., Lconbard Eulcr (Oesfeutl. Vortrüge, geh. in der Schweiz. Bd. VIII. H. 3). Basel 1831. ältere Freunde, die Söhne seines verehrten Lehrers, waren damals von der russischen Kaiserin Katharina I. an die neugegründete Petersburger Akademie gerufen worden. Von da schrieb Daniel Bcrnouilli an den 19jährigen Enler die ehrenvollen Worte: „Kommen Sie sobald als möglich nach Petersburg, und zeigen Sie der Akademie, daß, wie viel Gutes ich auch von Ihnen erzählte, ich noch lange nicht genug gesagt habe, denn ich behaupte, daß ich durch Ihre Berufung unserer Akademie einen weit größeren Dienst erweise, als Ihnen selbst." Enler nahm das Anerbieten freudig an, obwohl er in Petersburg Physiologie dociren sollte. Hatte er in den Naturwissenschaften schon bedeutende Kenntnisse erworben, so vervollständigte er sie jetzt durch eifriges Studium der Anatomie und Physiologie und verließ, erst 20 Jahre alt, sein Vaterland, und zwar für immer. In Petersburg angekommen, wurde Euler jedoch sofort zum Adjunkten der mathematischen Klasse ernannt und wirkte 6 Jahre an -der Seite Daniel Bernouilli's, der 1733 nach Basel zurückkehrte und 1782 starb. Beide Männer waren in innigster, selbstloser Freundschaft ohne jeden Schatten von Neid oder Eifersucht einander zugethan, was der umfangreiche, auch wissenschaftlich bedeutsame Briefwechsel bezeugt;^) es ist das unter Gelehrten wunder- seltcn, denn sie speien am liebsten Gift auf einander. Erst war Enler 26 Jahre alt und schon war seine Bedeutung für die Wissenschaft, die er als Nachfolger Bernouilli's lehrte, in der ganzen Gelehrtenwelt anerkannt. Eine astronomische Berechnung, welche die Akademie im Jahre 1735 verlangte und zu der die übrigen Mitglieder der Akademie mehrere Monate Zeit beanspruchten, löste Euler in drei Tagen. Doch zog die übermenschliche Anstrengung den: genialen Mathematiker eine gefährliche Krankheit zu, die mit dem Verluste des rechten Auges endete. Gleichwohl wurde Eulers Arbeitsgeist nicht vermindert, eher vermehrt. Die politischen Verhältnisse machten indeß dem freien Schweizer das Leben in Petersburg unerträglich, und so folgte Euler 1741 mit größter Freude einer Einladung Friedrichs II. an die 1700 gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften, deren erster Präsident Leiblich war. Unter dem Soldatenregiment Friedrich Wilhelms I. konnte ein Verständniß für wissenschaftliche Bestrebungen nicht aufkommen, und so war auch die Akademie verfallen. Friedrich II. schaffte Wandel durch Berufung der hervorragendsten Gelehrten Europa's. Unter allen damals lebenden Mathematikern erschien der 34jährige Leonhard Euler als der würdigste, die glänzende Reihe von berühmten Namen zu eröffnen, und blieb 25 Jahre der bedeutendste Vertreter des auserlesenen Gelehrtcn- kreises. Im Jahre 1766 verließ Enler Berlin, nm, 60 Jahre alt, veranlaßt durch einige Meinungsverschiedenheiten der Akademie sowie durch die glänzenden Auer- bictungen der Kaiserin Katharina II., abermals nach Rußland zu ziehen. Kaum in Petersburg angekommen, befiel ihn eine heftige Krankheit, die ihm das Augenlicht gänzlich raubte. Dies Unglück, das kleinere Geister in muthlose Verzagtheit niedergebeugt und zur Rast und wohlbcgreif- lichen Unthätigkeit gezwungen hätte, schien Euler nur noch zu größerem Fleiß: anzuspornen. Getragen von ungewöhnlicher Kraft Sl>s Willens und Fähigkeit des Geistes, ') D-erielbe, ein Denkmal edler Seelen, ist von Nie. Fuß herausgegeben. unterstützt lediglich von dein Vorstellnngsveriiiögcn und einem allerdings fabelhaften Gedächtniß, schuf der nun gänzlich erblindete Greis in fieberhafter Thätigkeit die letzten 17 Jahre seines Lebens beinahe die Hälfte all seiner Werke. Kurze Zeit nach der Erblindung traf ihn ein weiterer harter Schicksalsschlag, indem sein Hans mitsammt seiner Bibliothek und mit werthvollen Handschriften eigener Werke ein Raub der Flammen wurde und er selbst mit genauer Noth dem Tode entging. Aber nichts vermochte den Muth des Gelehrten, der sich die Ruhe und Heiterkeit in allen Fällen bewahrte, zu beugen; unverdrossen kehrte er sich seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu. Der Tod überraschte den großen Gelehrten am 18. September 1783 mitten in seiner Thätigkeit. Die Luftschifffahrt war damals eben eine neue Entdeckung, die Euler mit lebhaftestem Interesse verfolgte. Gerade hatte er eine schwierige Berechnung glücklich gelöst und besprach dieselbe mit einem seiner Freunde, da sank er zurück, die Feder entfiel seiner Hand, und Euler, einer der größten Mathematiker aller Zeiten, hatte aufgehört zu rechnen, d. h. zu leben. Euler war nicht bloß ein eminenter Gelehrter, sondern, was man nicht so häufig damit verbunden trifft» auch ein vorzüglicher Mensch, ein gerader, offener Charakter, ein zärtlicher, treubcsorgter Vater seiner zahlreichen Familie. Ungewöhnliche Herzensgute verband er mit einem unerschütterlichen Christenglauben und einer kindlichen Frömmigkeit. Ein rührendes Denkmal dessen hat sich Euler selbst in einer kleinen Schrift gesetzt, die den Titel führt: „Rettung der göttlichen Offenbarung gegen die Einwürfe der Freigeister." (Berlin 1747.)«) Was wir heute „allgemeine Bildung" nennen» besaß Euler in ungleich höherem Maße, als unsere modernen Fachmänner, die über ihren engen Kreis gewöhnlich keine Nasenlänge weit hinaussehen. Ja, Euler war ein Polyhistor. Das klassische Alterthum, Literatur und Geschichte kannte er gründlich, Naturwissenschaft und Medizin waren ihm wohlbekannte Gebiete, war er doch eigentlich, um Physiologie zu lehren, nach Petersburg berufen worden. Zur Erholung setzte er sich aus Klavier, aber auch da zeigte er sich als Mathematiker, der eben gewohnt war, jede Erscheinung mathematisch aufzufassen, und das Werk seiner Mußestunden war ein Werk* *) über die Theorie der Tonkunst. Seine Gedächtnißkraft war geradezu unglaublich: In einer schlaflosen Nacht berechnete Euler, schon 75 Jahre alt, die ersten 6 Potenzen der ersten 20 Zahlen und konnte dieselben mehrere Tage lang vorwärts und rückwärts hersagen. Im hohen Alter wußte er Virgils Aeneide ganz und gar auswendig, ja er konnte von jeder einzelnen Seite seiner in der Jugend benutzten Ausgabe den ersten und letzten Vers aufsagen. So war denn Euler ein Mathematiker, dem die glücklichste Natur- anlage in jedem Augenblicke die Gesammtheit seiner Kenntnisse zu Gebote stellte. Euler war keiner jener Lehrer, die dem Grundsatz huldigten: Professor zu werden sei zwar schwer, Professor zu sein aber leicht, und die, zufrieden mit einer kleinen Promotions- und Habilitationsschrift, auf diesen Lorbeeren ausruhen; nein, sein Dasein war ein Leben ununterbrochener Thätigkeit ') Vgl. Hagenbach K. N., Lconh. Euler als Apologet des Christenthums. Basel 1851. (Enthält auch den vollständigen Abdruck seiner kurzen, aber inhaltreichen Schrift.) *) leutawou novas tbsorias musioas ex certissimw daianonias xrineixiis sxxo«itas. kstropoli, 1739. Dazu noch ein Dutzend kleinere Abhandlungen. als Schriftsteller und als Lehrer, der von seinen Schülern schwärmerisch geliebt, bewundert und angebetet wurde. Enlers zahlreiche Schriften sind nicht etwa das Ergebniß einer compilatorischcn Schreibewnth, sondern sie sind in vieler Hinsicht von grundlegender oder epochemachender Bedeutung. Der Fnnktionenlehre hat er zwei Hauptwerkes gewidmet, seine Einleitung in die Analysis des Unendlichen und seine Anleitung zur Jnfinitesünal-Rech- nung. Heute nach 100 Jahren sind diese Werke noch die lesenswerthesten Lehrbücher der höhern Analysis, auf denen alle neuern fußen. Was knapve und klare Ausdrucksweise betrifft, so ist Enlers überaus anschauliche Darstellnngsweise Muster für alle Zeiten geworden. Hier hat Euler erst eine Kunst gelehrt, die wir bei seinen Vorgängern, Bernouilli nicht ausgenommen, vergebens suchen. Der Mathematiker nennt den Namen Enlers nur mit dem Gefühl staunender Bewunderung, aber auch der Physiker und Astronom verehrt ihn als Bahnbrecher. Die Theorie der Bewegung der Himmelskörper behandelt Euler in mehreren größeren Werken; er war der erste, der eine richtige Vorstellung vom Wesen der Wärme hatte; er hielt gegen Newtons Autorität, der einen Lichtstoff annahm, an der Ansicht fest, daß das Licht in der schwingenden Bewegung des Aethers seinen Grund hat; ihm (nicht Dolland) gebührt der Ruhm, die wichtige Erfindung achromatischer Linsencombinationen gemacht zu haben.«) Es ist unfaßbar, wie Euler, der auf rein mathematischem Gebiete wohl die bedeutendste Erscheinung aller Jahrhunderte ist, noch Zeit finden konnte, rein praktische Fragen mit Gründlichkeit zu behandeln. So verfaßte er ein umfangreiches Lehrbuch der Artillerie- wissenschaften mit einer vollständigen Theorie der Ballistik; die Schiffsbaukunde bereicherte er mit einer Reihe hochwichtiger Werke, die das größte Aufsehen erregten und in alle Sprachen Europa's übersetzt wurden.?) Dem größeren Publikum ist Enlers „Anleitung zur Algebra"«) am bekanntesten. Der Gelehrte, dessen Geist mit den schwierigsten Problemen der höheren Mathematik beschäftigt Ivar, verschmähte es indessen auch nicht, populäre Werke zu schreiben. Unter diesen haben die „Briefe an eine deutsche Prinzessin" °) Berühmtheit erlangt. Diese, 234 an der Zahl, sind gerichtet an eine Nichte Friedrichs II. und bilden die Fortsetzung mündlichen Unterrichtes, den Euler ertheilt hatte. Diese Briefe behandeln die wichtigsten Gegenstände der Mathematik, Physik und Philosophie °) Ivtroäuetio in avalz^in intinitoruw. Dauganvas 1749, 2 voll. — Ivstitutionss ealeuli äiK'srsntiali,?. Lsro- lini 1755, 2 voll. — Ivstitutionss calculi intsKralis. Dstro- poli 1768 — 70, 3 voll. — Vgl. auch äo1lz?, Da LulsA ineritis circa tunotiones oircularos. 1834. *) Ibenris, inotus Innas. Dero). 1753. — Tbsoria ino- tuum plaustarum st comstaraw. Dsrol. 1744. — Llsobauiea avaIMcs exposita. kstropoli 1736, 2 voll. — Dbooria mo- tus corpoi-um soliäorum. Rostoobii 1765. — Onastructio lsntiurn objectivaruw. Dstrop. 1762. — Dioptrie», ketrov. 1769—71, 3 voll. ') Neue Grundsätze der Artillerie. Berlin 1745. — Lvisntia navalis ssu tractatus äs cvnstrusuäis st üiri» Ksnäis navibus. ketropoli 1749, 2 voll. °) Zuerst Petersburg 1771 (2 Theile), dann in mehreren Ausgaben: zuletzt deutsch in Leipzig (Reclam's Univcrsal- bibliothek Nr. 1802—1805): eine hübsche Ausgabe, die erneuert zu werden verdient, ist die lateinische: LIsmsnta alAsbras ex Aalliea in lati'nam lin^nain vsrsa oum notis st aääitionibus (von Jesuiten besorgt). 8°. 2 voll. Veuotiis, ksWana, 1790. ") Zuerst französisch, Petersburg 1768—72; deutsch bearbeitet von Loh. Müller. (Stuttgart 1847, 3 Bde.) 147 kn überaus lichtvoller und liebenswürdiger Darstellung; man darf sie geradezu als Muster populärer Darlegung bezeichnen, und sie verdienten auch heute noch die größte Beachtung und weitere Verbreitung. In allen seinen Werken ist Euler ein Meister des Stiles. Das Studium seiner Schriften ist für den Anfänger wie für den Geübten gleich anregend und genußreich. Euler bediente sich fast ausschließlich der lateinischen Sprache, und er handhabte selbe mit großer Zierlichkeit und Gewandtheit. Der Meister würde gewiß sich schänlcn, deßhalb gelobt zu werden, so selbstverständlich war es ihm, daß des Gelehrten Muttersprache das Latein ist; heutzutage aber darf man diese Kunst schon hervorheben» da selbst Philologen nicht mehr Latein schreiben, geschweige Mathematiker, und erstere durch unverständige Pnristerei ihr redlich Theil dazu beitragen, einen Brauch, der ebenso nützlich wie ehrenvoll wäre, immer mehr zurückzudrängen. Die alberne Phrase, daß die lateinische Sprache dem Ausdruck modernen Denkens nicht gewachsen sei, hat Euler, wie später auch noch Gauß und Jacobi, ^) durch die Thatsache schlagend widerlegt. Möchte die gelehrte Welt daraus ein Beispiel nehmen zum Vortheil der Wissenschaft, die doch ein Weltgut ist und keine engherzigen nationalen Schrecken kennen soll! Die ungeheuere Fruchtbarkeit Enlers steht vielleicht kn der Geschichte aller Wissenschaften ohne Beispiel da. Euler hat sich mehrmals anheischig gemacht, so viele mathematische Arbeiten zu schreiben, daß dieselben noch 20 Jahre nach seinem Tode die Denkwürdigkeiten der Petersburger Akademie füllen konnten. Und er hat mehr gehalten, als er versprochen. Seine Arbeiten zierten noch 40 Jahre nach seinem Tode die Annalen jener gelehrten Gesellschaft, und als mau nach weiteren 20 Jahren bei einer Revision seiner Beiträge das Riesenvermächtniß endlich bewältigt zu haben glaubte, fanden sich doch noch über 50 angedruckte Abhandlungen, die man übersehen hatte. Ein vollständiges Verzeichnis der Arbeiten Enlers, das lediglich die Titel namhaft macht, ist selbst ein kleines Buch und weist über 800 wissenschaftliche Publikationen auf, viele allerdings kleinere Abhandlungen, viele aber auch Werke von mehreren dicken Bänden. Eine Gesammt- ausgabe der Werke Leonhard Enlers dürfte mehr als 40 stattliche Quartbände umfassen. Leider besitzen wir noch immer keine des unsterblichen Forschers würdige Gesammtausgabe seiner Arbeiten, während die Akademien zu Leipzig und Berlin die Werke anderer bedeutender Mathematiker, wie Graßmann, Steiner, Wcicrstraß, Kronecker, Gauß, Jacobi in vortrefflichen Sammelans- gaben veröffentlicht haben. An Leonhard Euler hat also die gelehrte Welt noch eine Ehrenschuld abzutragen. Zehn Jahre trennen uns noch von der 200jährigen Gedenkfeier des Geburtstages dieses größten Mathematikers. Möchte sich bis dahin ein reicher Mäcenas finden, der dein Unternehmen den finanziellen Bestand sichert. Einen Mann, der die wissenschaftliche Aufgabe zu leiten im Stande wäre, besitzen wir ja; es ist kein anderer, als unser deutscher Landsmann, der vortreffliche Mathematiker und Astronom Johann G. Hagen, Priester der Gesellschaft ") Dre beiden bedeutenden Mathematiker gebrauchten für ihre wichtigsten Arbeiten die lateinische Sprache, obgleich sie schon einer jüngeren Zeit angehören. Die gesammelten Werke des C. G. I. Jacobi (7 Bde., Berlin 1861—91) weisen 53 Arbeiten in lateinischer Sprache auf aus der Zeit 1825-51. Jesu, Direktor der Sternwarte in Georgetown, eine dem Meister Euler kongeniale Natur. Der gelehrte Jesuit") hat vor einigen Monaten eine wichtige und unerläßliche Vorarbeit für eine Gesammtausgabe von Enlers Werken herausgegeben, nämlich einen sehr sorgfältig gearbeiteten, bibliographisch genauen, vollständigen „Inclsx spornn» lisouarcii Lulsri« (8° px>. X -s- 80. Lsrvliai, vamss 1896, M. 2,00). — Der granitene Denkstein, den die Petersburger Akademie ihrem berühmtesten Mitgliede gesetzt, mag nach Jahrhunderten verfallen, die Inschrift verwittert sein, aber der Name Leonhard Euler wird als Wahrzeichen geistiger Größe leben, so lange es eine Cultur gibt, denn er selbst hat sich ein Denkmal gesetzt, erhabener als jedes Gebilde von Menschenhänden, seine unsterblichen Werke. Dürften wir des k. Hagen verdienstvolle Vorarbeit als ein gutes Augurium bezeichnen und möchten wir die gelehrten Vater der Gesellschaft Jesu, die ja sonst überall auf der Höhe der Wissenschaft stehen, auch an dieser Arbeit sehen! Des Dankes der Gelehrtenwelt wären sie sicher. Es wäre das geradezu eine Großthat, die den alten Ruhm dieses Ordens, die mathematischen Studien mit Erfolg zu Pflegen, in neuem Glänze erstrahlen ließe. laxit Oeus! Streifziige durch die socialpolitische Literatur der Renaissance. VonFrz.Jos. Strohmeyer, Benefiziatin Oberstdorf. (Fortsetzung.) Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist nicht nur bei den politischen Schriftstellern jeder Widerstand verstummt, auch die Masse des Volks steht dem absoluten Herrscherthum treu zur Seite. „Unvergleichlich loyal ist, hören wir 1547, dieses Volk, sein Wahlsprnch ist überfeinen Stadtthoren zu lesen: ua äisu, un roi, uns loi, uns toi."") Selbstverständlich hatte dieser Aufschwung der absoluten Monarchie, begleitet von einem Erstarken des Na- tionalgefühls, auch in der Dichtung dieser Zeit seinen Niederschlag hinterlassen. Wir dürfen zwar in diesen Zeiten nicht schon eine tiefere Auffassung und Begründung des Absolutismus in der Dichtung zu finden hoffen. Aber fast ausnahmslos stellen sich die Dichter entschlossen in den Dienst des aufstrebenden Königthums. Das absolute Königthum zog eben alle frischen Kräfte unwiderstehlich an sich; denn es war das Neue, es stellte den Fortschritt dar. Wir erinnern nur an die Dichter der burgundischen Schule, an Mcschinot, Jean le Maire u. a. Auch Element Marot (1505-1544) stand als nationaler Dichter im Dienste der französischen Politik. Neben ihm erblicken wir seinen Zeitgenossen Rabelais (1483—1553) auf der Seite der Anhänger eines absoluten Königthums. Wenn dieses aus seinem „6arZLntug. st kantaZruel" nicht ohne weiteres klar wird, so liegt k- Joh. Hagen (geb. zu Bregen; am 6. März 1847) veröffentlicht seit ein paar Jahren eine großartig angelegte „Synopsis der Hähern Mathematik" (Berlin, Dames), deren beide ersten Bände von seinen Fachgenossen mit außerordentlichem Beifall aufgenommen worden sind. Bekannter ist sein Name durch leine Betheiligung am vorjährigen Astronomencongreß zu Bamberg. Eben steht er im Begriffe, einen vollständigen Atlas der veränderlichen Sterne herauszugeben, den ersten dieser Art. welcher je in der wissenschaftlichen Welt erschienen ist. Marcks. „Gaspard v. Coligny" S. 133. 148 es eben daran, daß sein Interesse kein politisches, sondern „insbesondere ein Bildungsinteresse" ^ ist. Mit der Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt dann die Wirksamkeit einer neuen literarischen Schule, der Plejade. So sehr sie sich auch in der Dichtkunst in Gegensatz zu Marot setzen mochte, in der Politik zeigte sich doch in beiden dieselbe Richtung, wie sie schon im Manifest der Plejade von Du Bellay angekündigt und charakterisier wird.") Der erste größere Vertreter einer Literatur, in der das politische und patriotische Element einen großen Theil des dargestellten Stoffes bildet, ist in jener Zeit Pierre de Ronsard (1525 — 1585). Er hat nicht bloß bis zum Auftreten Malherbe's einen beherrschenden Einfluß auf die französische Literatur ausgeübt, sondern war auch in seinen Dichtungen politisch, wie keiner seiner Zeitgenossen von der Plejade. Mau hat ihn darum schon den „Meister und das Vorbild des literarischen Patriotismus" 2 °) genannt. Unter den ersten Stücken, die er 1549 veröffentlichte, ist auch eine „Hymne auf Frankreich", und hier erklingt schon gewaltig der Grundton seiner Poesie: die glühende Liebe zu Vaterland und König. Nach dem Dichter des Nolandsliedes hat keiner glühender und wirkungsvoller die „äouss Trance" besungen, wie er. Wer das eigene Volk vom Stamme der Götter ableitete, es als Jupiters „raos legitime" ?') betrachtete, mußte ihm auch unter den Völkern der Erde die erste Stelle anweisen. Die große Mission seines Volkes (graucie vaticm) zur Weltherrschaft unterliegt schon bei ihm keinem Zweifel. Zur Befriedigung solcher weiischanenden, patriotischen Wünsche und Ideen denkt er sich an der Spitze Frankreichs einen großen, vollendeten Herrscher. Heinrich II. entsprach einigermaßen dem Ideale des Dichters, wie er besonders in den ersten 4 Büchern der Oden 22 ) zu erkennen gibt; aber die Sprache, die er Karl IX. gegenüber führt, findet auch Töne ernster Mahnung. 23) Uebrigens ist uns weniger wichtig, inwiefern die verherrlichten Herrscher die Worte des Dichters bewahrheiteten, als die Vorstellung, die der Dichter selbst sich von dem Ideale des Herrschers gebildet hatte, mochte er dabei auch den wirklich existirenden Königen manche Eigenschaft andichten. Ausführlichere Erörterungen über die Stellung des Königs, seine Erziehung, über die Zeitverhältuisse, Ansätze zu einer systematischen Entwicklung staatsrechtlicher Grundsätze finden wir in den „viseours".^) Hier haben wir sozusagen ein Compendium seiner Socialpolitik. Nach der hier zum Ausdruck kommenden Auffassung ist aber auch der absolute Herrscher den „natürlichen" Gesetzen, d. h. den Gesetzen der Moral, unterworfen. Tugend und Vernunft müssen die Leitsterne für sein Handeln sein. Die einzelnen Tugenden finden wir in dem Erziehungsplane für Karl IX.23) Unter den hier angeführten 17 ") Birsch-Hirschseld, Gesch. d. franz. Literat. seit Anfang des 16. Jahrh. Bd. I, S. 268. '°) Ausgabe der Werke Rouen 1592, Bl. I. 2 °) ek. Birsch-Hirschseld, ebdas. 2') Nach der Ausgabe von k. Blanchemain, Paris, 1887-1867, 7 Bde. V. L. S. 280 ff. 22) In der ersten Ode des 6. Buches verseht er den König sogar unter die Götter (Bd. II, 5. Buch. S. 299). 22) er. Sonnst« Divers, Bd. V, S. 305. -) °k. Bd. VII. 2«) „Institution xour l'aäolescencs cku kov Ires- Obrestisn tZbsrles IX. äs es noin," zum ersten Male ge« dyrAt ParjZ 1564. Tugenden ist ganz besonders charakteristisch die humanistische Forderung, daß der König in allen Wissenschaften und Künsten unterrichtet sein soll, in Mathematik, Geschichte, Rhetorik, Musik, sogar Physiognomik, damit er seine Unterthanen schon auf den ersten Blick erkenne und zu beurtheilen im Stande sei. 2«) Socialpolitisch weniger bedeutend ist Nousard's Ist'anoiaäs, deren 4 erste Bücher 20 Tage nach der Bartholomäusnacht (13. Septbr. 1572) erschienen. Die Stimme der Zeitgenossen und die Literatnrgeschichte haben dieses Werk, auf das die Blicke aller Franzosen seit langem mit Spannung gerichtet waren, in ihn« das langersehnte NationalepoS erhoffend, als mißlungen bezeichnet Für uns bleibt es aber immerhin ein weiteres Zeugniß tiefer patriotischer Gesinnung und der unerschütterlichen Ueberzeugung von der Hoheit des unumschränkten französischen Königthums. Daß überhaupt die Franzosen um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein nationales EpoS verlangten, das ist charakteristisch und lehrt uns, wie sehr die Ideen von Vaterland und unumschränktem Königthum im Aufsteigen begriffen waren. Eine demokratische Richtung macht sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also gegen Ende der Lebenszeit Nousard's, geltend. Es erschienen damals die drei hauptsächlichsten gegen das absolute Herrscherthnm gerichteten Streitschriften des 16. Jahrhunderts. Diese drei oppositionellen Werke sind aber nur im Zusammen hang der Thatsachen zu verstehen. Die eine Thatsache ist die Pariser Bluthochzeit. Mit diesem Ereigniß tritt ja überhaupt das französische Königthum in eine neue, kritische Phase. Man scheut sich nicht, die Person des Königs selbst in die Diskussion hineinzuziehen und anzugreifen. Der Fürst wird nur als der erste Diener des Staats betrachtet und das Princip der Volkssouveränetät aufgestellt. Die andere Thatsache ist, daß die drei Schriften aus den Reihen der Protestanten hervorgegangen sind. Man könnte sie darum als den ersten literarischen Ausdruck des protestantischen Princips auf politischem Gebiete bezeichnen. Produkte des Augenblicks, bezeichnen die 3 Schriften deutlich eine der kritischsten Phasen der französischen Entwicklung, ohne aber für das folgende Jahrhundert wirksam sein zu können. Das bemerkenswertheste Buch dieser neuen Richtung ist die st'ra.n oo-6a11ia. des Franz Hotmann, lateinisch geschrieben 1573, ins Französische übersetzt 1574 von Simon Gonlard. Darmstetter und Hatzfeld^) vergleichen dieses Buch mit Rousseau's „Oontrat Loalal" und schreiben ihm für das 16. Jahrhundert eine ähnliche Wirkung zu, wie jenem Werke für das 18. Jahrhundert. Dagegen schließen wir uns der Ansicht Ranke's 23) an, daß ihm, wie den Lehren Hotmann's und seiner Genossen überhaupt, nur eine vorübergehende Bedeutung zukomme, daß es weniger als ein „Fortschritt der Ideen" als vielmehr als „eine Aufwallung des Moments" zu betrachten sei. Den Ausgangspunkt seiner Erörterungen stellt Hotmann in der „krasintiv" fest: „tzusraaäinoäum sor- pora, nosti'u. sxtorno uliyuo lotn luxata, sanrrri nisi msinstrm suuin HnistuLhus in loornn st rmturalsm ssäoin rsstitutis nou xossunt: ita rsmpuiilioam nostruin tnm cismguo sanatam iri eonüäiinus, eum --) ck. Bd. VII, S. 34. . ^ ^ 25) 1^6 seirüoniQ en 1^1'Liies, ?LN'1s 1693, S. 27. '°) Französ. Gesch. Bd. I. S. 380. 149 iv LNNM nntichnnm et tnnguanr unturnlein 8tkrtuM ärvino aii^uo dsnetieio restituotur." Wie wir sehen, vertritt Hotmann schon damals, wenn auch noch unklar und unbestimmt, den Standpunkt der sogenannten Naturstandshypothese, der den ursprünglichen Gesellschaftszustand als einen Zustand der Wildheit und Gesellschaftslosigkeit bezeichnet. Er sieht darum alles Heil für das Vaterland in dem Zurückgehen auf den Status guo antu, d. h. auf den ursprünglichen, natürlichen Zustand, und kommt in den 2? Kapiteln seines Buches zu folgenden Resultaten: 1. Die beste Regicrungsform ist diejenige, die die drei Formen des Staates (Monarchie, Aristokratie, Demokratie) vereinigt. Volk und König stehen ihrer Natur nach zu weit auseinander; deßhalb bedarf es eines einigenden Bandes, das Hotmann in der Aristokratie sieht. So entsteht aus den widerstrebenden Elementen ein einheitliches Staatsgebilde."") Dieses aus Cicero (äo rexudlica) entnommene Staatsideal sieht Hotmann in der Staatsform des alten Gallien verwirklicht; denn er sagt: „yueva ex tribus xernuxbis Mnerikus tsinxeratuiv Majores nostri in k'rsmeo- 6nIIia,o leZno eonstituenäo tenuorrmk." 2. An der Spitze dieses Staates steht der König. Aber Staat und König sind nicht dasselbe. Das ganze 19. Kapitel handelt über den Unterschied zwischen König und Staat. 3. Die höchste Entscheidung steht nicht dem König, sondern allein dem Volke zu. Denn das Volk ist frei, wie schon der Name der alten Franken andeutet. Aus freiem Willen haben sie sich ihre Könige gewählt, sich selbst zum Schutz und zum Schutz der Freiheit. (Cap. V, Seite 56.) 4. Das Volk gibt seinen Willen kund durch die öffentliche Volksversammlung. Bei ihren Entscheidungen lasse sie sich von jenem alten, goldenen Gesetze: „snlns xoxnli suprvma, lax esto", leiten (S. 138). Auf die Entscheidungen der Volksversammlung beziehe sich die Formel: „yuia tnlo est nostrum xlaoltum," welcher man jetzt den Sinn gegeben habe: „cnr toi est notro plaisir". (S. 184.) Die Volksversammlung, d. h. die Versammlung der Stände, entscheidet über Krieg und Frieden, über die Gesetze, die höchsten Ehren und Aemter, über das Erbgut der Söhne des verstorbenen Königs, über die Mitgift der königlichen Töchter und, wenn es nöthig ist, über die Entsetzung des Königs. 5. Der König ist absehbar. Er beweist dies aus verschiedenen Beispielen, u. a. ans dein Geschick des Merowingers Childerich (S. 84). Ein Vorrecht bei der Wahl in der öffentlichen Volksversammlung (prne- rogntivum in comitüs) hätten die Könige für ihre Söhne nur, wenn sie letztere gut erziehen und unterrichten lassen (Seite 92: „og, sxo.... nääuoti summnm in üliis üono IionesteHne instituenäis stuäium colloenront"). Wenn so Hotmann das Recht der Volksversammlung, nach freier Entscheidung sich den neuen König zu wählen, als das erstrebenswerthe Ideal aufstellt, so rechnet er doch genug mit den bestehenden Verhältnissen, um dem „Salischen Gesetz" das Zurechtbestehen zuzusprechen. 6. Das „Salische Gesetz" beziehe sich Zwar eigentlich nur auf das Privatrccht, es habe aber auch bezüglich der k'raiieisei Hotmavoi .^raneo-Oallia" kd'üucoiui-ti Spuck OeoiF l'iek^viit 1063. I'raelutio IZI. 7. °") bü'sneo-Lallia, ext. XII, S. 137 f. Thronfolge durch jahrhundertlange Gewohnheit Gesetzeskraft erlangt (S. 118). 7. Der König hat kein Recht an die Staatsdomäne, nur an sein Erbgut (S. 100). 8. Die Nationalversammlung hat heute dem Parlament von Paris Platz gemacht, womit die Herrschaft der Juristen (rognnva rnbularinm) begonnen hat (ok. ext. XXVII). Wenn auch die Iranoo Oailia. bald wieder vor den Theorien, die zur Befestigung des Absolutismus aufgestellt wurden, zurücktreten mußte, so hat sie doch in den Jahren ihres Erscheinens einen starken Einfluß auf die Zeitgenossen ausgeübt. Sie erschien ihnen bemerkens- werth vor allem wegen der Betonung der Volkssouvcräne- tät und der Stellung des Verfassers dem römischen Recht gegenüber. (Fortsetzung folgt.) Hans Eschelbach's „Wildwnchs". Von I. B. F. (Schluß.) Durch „Einst und Jetzt" geht der süße Hauch klagender Liebe; klassisch bewegt sich „Asträa". Ein märchenhaftes, traumverlornes Lied ist „Unerreichbar". Eine anmnthvollc Romanze in markigen Versklängen haben wir in dem Gedichte „Die Königin der Nacht". Aus „Wissenschaftliche Naturstudien" bricht wieder wie strahlendes Sonnenlicht wahrhaft goldncr Dichterhumor hervor. „Verklungen" zieht wie ein sehnendes Nachtigalllied durchs Herz. Der Dichter leiht der Klage und dem Schmerze seine Leier; doch Licht und Lebensfreude, die Quellen der Poesie, versiegen nie. In die lyrische Naturbeseligung mischt sich „holde Frühlingsandacht" wie in dem Gedichte „Das Christus bild im Frühling", wirkungsvoll wie Goethe's „Erlkönig". „Vor Allerseelen" ist eine tief ergreifende Erinnerung an eine vieltheure Todte. Während so viele von des Dichters Zunftgcnossen in ausgetretenen Geleisen sich bewegen, geht Eschclbach gern seine eigenen Wege. Wenn auch im „Wildwnchs" öfters eine alte Idee nur in neuer Form wiederkehrt, so weht doch überall die frische Luft der deutschen Gemüthswelt. Sich in verschwommenen, nebelhaften Vorstellungen und Gefühlsschwärmcreien zu verlieren, das ist nicht unseres Dichters Art. In all- weg huldigt er dem Grundsätze, wie Herbert ihn in ihren geistvollen „Aphorismen" aufstellt: „Ein zu weiches Herz haben ist fast so verderblich als keines haben." „Friedhofsrosen" sind Todtenblnmen: „Blumen auf das Grab meines Vaters" und „Immortellen auf Frcundesgräber" hat sie der Dichter genannt. Die „Koblenzer Volkszcitung" und die „Deutsche Reichs- zeitung" wollen darüber einig sein, daß sich in der ganzen deutschen Literatur leine Lieder finden, die sich den „Fricdhofsroscn" gleich stellen können. Auf dem stillen Fricdhofe ruht ein guter Vater, und junge Freunde, Frühlingsblüthen der Menschheit, deren reinen Schmelz nicht des Lebens frostiger Hauch trübte, liegen friedlich zwischen Blüthen und Blumen. Von den letzten Stunden seines treu besorgten Vaters spricht der Dichter aus tiefem Herzen: „Wer weiß, ob ich lebe noch morgen; Johannes! Nm eines bitt' Dich ich: Du mußt für die Mutter sorgen!" lind nun haben sie den Vater in die fühle Gruft gebettet; hier schlummert .r Auferstchungsmorgcn 150 entgegen, denn er weis;, daß „der große Frühling kommt". „Wer so wie Du gestritten, Wer so wie Du gelebt" gemahnt unwillkürlich an die Chor- lieder in der heitern Göttersprache der Griechen und ist auch wirklich als stimmungsvoller Trauerchor im „Antiochns" verwendet, nnd ist in zwei verschiedenen Kompositionen feierlich gehalten in 6-moII von C. Spiller und C. Roeder. Dr. Macke, der Dichter des Wüstensanges „Vom Nil zum Nebo" sagt: „Eschenbach zeigt sich als tief fühlender Lyriker, und auch dem Epischen in der Form der Ballade wird er gerecht." Im dritten Theile seines „Wildwuchs", „Bilder" überschrieben, bringt der Dichter schwungvolle Balladen und gemüthvolle Romanzen. „Barbarossa nnd Heinrich der Löwe" tönt voll Kraft und Mark: Denkst Dn noch an Chiavenna, wo ich schwur des Tags zu denken. Da Du wagtest. Deinen Kaiser zu verlassen und zu kränken? Denkst Du noch an Chiavenna. wo ich meinen Schwur gegeben? Heute ist mein Schwur erfüllet, heute mag der Löwe beben! Eine farbenprächtige Ballade ist „Kolumbus". Reichthum des Rhythmus, Freiheit und Anmuth der Bewegung sind die angenehmen Zuthaten eines geborenen Dichtergenies. Da ist Handlung, da ist Leben. Finstere Nacht brütet überm ewigen Ozean. Am Mastbaum lehnend, wacht sinnend Kolumbus. Der letzte Morgen, den ihm die meuternde Schiffsmannschaft noch gegeben zur Fahrt auf Leben und Tod, bricht au: „Grollend die donnernde Woge schäumt Und singt mir den Todesgesäug. Einmal nur möcht' ich, vom Aufruhr umtost. Glänzend die Küste sehn. Einmal, nur einmal, und dann getrost Sterben und untergehn!"- „Vauxchamp" ist heldeukühn. „Jm Lazareth" spricht die rührende Liebe des schwer verwundeten Kriegers zum Mütterleiu. Etwas unendlich tief Ergreifendes, ins Innerste des Herzens Erschütterndes ist „Fürs Geld". Es erinnert in seiner Idee an den veilchenduftigen Roman „Die Tochter des Kunstreiters". Im Cirkus wogt die Menge und staut steh das Publikum, daß die Bänke krachen. „Hufgestampf und Peitschenknallen" hört man jetzt: „Die Königin des bunten Festes Auf ihrem Hengst den Raum durchwettert. Ein Wagestück, ihr kühnstes, bestes! — Sie liegt an: Boden hiugeschmettert. Ein banger Schrei. — Mit holdem Lächeln Erhebt sie sich. — Ein stumm Verbeugen, Ein Jubelrufen, Kühlnngsfächeln; Sie schreitet fort, und rings herrscht Schweigen." Doch dort, wo sie vom Volke nicht mehr gesehen werden kann, „Da muß sie stumm zusammenbrechen: Ihr Blut entströmt in dunklen Bächen." Bis zu Thränen rührend, aber gleichwohl lebendig und wuchtig, ist die herrliche Ballade „Der Sklave"; man muß sie lesen, um solch üppige Poesie in vollen Zügen zu genießen. Die Rache des Edleu hat hier Eschelbach, der Liebling der rheinischen Muse, mit überwältigender Kunst gepriesen und verherrlicht; er hat mit Stoff und Sprache gerungen und ist Sieger über beide geblieben. Auch in den gewaltigen poetischen Stoff der deutschen Sage vom ewigen Juden, der seit Goethe von mehr denn vierzig Dichtern verwerthet wurde, hat Eschelbach in seinem „Ahasver" episch stolz gegriffen. Seelenvolle Lieder reiner Minne, Weisen mit dem Herzschlag keuscher Liebe sind Eschelbachs „Namenlose Lieder". Unnachahmlicher Reiz ist darüber ausgegasten. Schlichte Lieder sind's, aus jugendfroher Brust gesungen. Wie auch sollte die holde Frone, „des alten Liedes Licht", um mit Uhland zu reden, bei Eschelbach nicht gebührend zu Ehren kommen! Die „Namenlosen Lieder" sind Volkslieder, die nur wild in den Wäldern und auf den thau- igen Wiesen gedeihen. Ja, solch eines Liedleins brauchte sich wahrlich selbst der Liederkönig von Weimar nicht zu schämen; man dürfte darunter nur seinen Namen setzen — und das Liedlein wäre goethisch. „Kennst Du namenlose Gräber? Kennst Du namenlose Leiden? Namenlose Lieder sind wir. Eng verwandt den ersten beiden." Damit hat der Dichter den Gruudton seiner „Namenlosen Lieder" angegeben; aus ihnen tönt das ergreifende Klagen um verlorene Liebe: ,D. Vater, nimm mir alles. Nur meine Liebe nicht." Süßer Trost, felsenfeste Zuversicht und reine Himmels- frende geben seinem Sänge höhere Weihe. Wer ist denn die Eine, von der er singt: „Sie wußte nicht, was sie mir alles nahm! — O, mög' Dein Weg durch Blumenauen gehen! — Doch daß es kommen mußte, wie es kam. Verzeih' es mir. ich kann es nicht verstehen." Ist es ein schönes Kind, auf der weißen Stirne lichtes Haargelock, mit Wangen in Roseugluth und Augen veilchenblau? Es ist wohl jeder stillen Jungfrau erblüht, deren reines Herz im Lercheujubel seliger Hoffnung den sonnengoldeuen Tagen des Maien entgegenschlägt! So treuherzig und fromm, wie Eschelbach singt, das versteht Jedermann. Eines der wundervollsten aus den „Namenlosen Liedern" ist das herzliche: „Vom Mai bis Allerseelen Ist eine lange Zeit, Da kann in's Herz sich stehlen Gar manches tiefe Leid." Um aber die tiefinnigen Lieder „Zürnst Du mir noch?" oder „Im Maien war's" mit dem Dichter genießen zu können, möge man im geeigneten Sinne sich die sinnigen Worte eines andern Dichters zurecht legen, wenn dieser vom „Waldesrauschen" singt: „Doch wer dies Rauschen will versteh'». Der muß im Wald zu Zweien geh'n!" Denn ein holdes Menschenkind hat dem Trautgesellen die Leier gestimmt und ihm den reichen Liederborn gereicht: „Du bist durch meine Lieder geschritten In stiller Weihe .... Im Lenz und im Sturm und im Kampf nnd in Nacht... Mein Lieb, ich hab' Dich unsterblich gemacht!" Liebe Leserin! Freundlicher Leser! Das also ist Hans Eschelbach's „Wildwuchs", und nun kennst Du auch das „neue Dichtertalent am Rhein". Im Nahmen einer Skizze konnte der Verfasser nur einen Ausschnitt geben, mir etliche der schönsten Blumen wollte er zum Strauße winden. Wie oft mußte er die Wahrheit der Dichter- worte fühlen: „Wahl macht Qual". Gleichwohl haben wir nun ein überaus günstiges Gesammtbild von dem 151 jugendfrischen Dichter am Nheine gewonnen. „Der Dichtkunst, des Gesanges Preis ward ihm zu Theil," darüber sind wir einig. Seine Muse ist bekränzt mit dem ewigfrischen Immergrün der freudigsten Hoffnung auf ein beseligendes Jenseits nach diesem wechselvollen Erdcnwallen. Gott, Religion, Hcimath und Vaterland sind die uralten Tonangebcr Eschelbach'scher Dichtung. Jugendträume, erste Lieder, Lenz und Liebe, Sinnen und Minnen locken in die Zauberwildniß der Kölnischen Muse. Der Dichter des melodienreichen „Wild- wuchs" erscheint uns zuweilen wie ein drolliger Knabe, der im Lenzessonnenschein durch Busch und Hecken streift, eiu wildes Heckenröschen von den Dornen bricht, an seine Brust es steckt und daheim es sorgt und pflegt, der aber, wenn des Nachbars holdes Töchterleiu kommt und mit den tiefen Blauäuglein Wildröschen wohlgefällig betrachtet, es nicht über sich bringt, das Blümlein dem schönen Kinde vorzuenthalten, sondern flugs es nimmt und der Traut- gcspielin in die hellen Locken flicht. Eschelbachs Poesie erhebt über die Kleinlichkeiten des Alltaglebens, wie ein tiefgründiges Gebet weht ein christlicher Geist durch seine Lieder. Eschelbach ist durch die Tiefe seines Gemüths ein echter Sohn Deutschlands und durch die träumerische Gluth seiner Phantasie ein echter Knabe des sangesreichen Rhein. Wem hat der Dichter seine duftigen Weisen abgelauscht? „Alldeutschlands Völkerstimmen!" Wer hat sie ihm zugeraunt? „Wo sie wuchsen? Fragt die Drossel! Viele wuchsen wild am Raine. Wo sie wuchsen? Fragt die Eine! — Fragt sie nicht! Mit trübem Lächeln Würde stumm das Haupt sie neigen. Nur die blassen Sterne wiffen's. Und die Sterne — werden schweigen." Eschelbach ist in literarischen Kreisen und darüber hinaus rasch berühmt geworden. Zwar liefert uns Friedrich von Matthisson's literarische Laufbahn in auffallender Weise ein Beispiel, wie hohe Berühmtheit bisweilen binnen Kurzem der Geringschätzung weichen kann; allein das neue Dichtertalent am Rhein, dem die Muse an der Wiege Pathe gestanden, wird auch bei einer dankbaren Nachwelt jung bleiben. Mit dem liebenswürdigen Dichter sollten auch vornehmlich die jungen Geistlichen sich innig vertraut machen; der Sänger vom Rhein hat so viele seiner Dichtungen ja dem geselligen Vercinswcsen gewidmet. Die erste Würde nun, womit der junge Geistliche bekleidet wird, ist die Bürde eines Vereins-Präses. Als solcher hat er sich in den allermeisten Fällen bei festlichen und feierlichen Anlässen um ein Repertoire für das Vereinstheater umzusehen, das heutzutage selten fehlt. Wesentlich wird der vielbeschäftigte Präses seine Bürde erleichtern, und viele Verlegenheiten wird er sich ersparen können, wenn er den volksthümlichen Dichter Eschelbach kennt. Was er dichtet, ist volksthümlich, so drückt nur das Volk seine Gefühle aus. Beim Lesen seiner Werke hat mau die Empfindung, daß alles so sein müsse und gar nicht anders sein könne. Die Eschelbach'sche Muse gehört nicht zu jener Poesie, „Die Gelehrte nur gemacht und nie dabei aus Volk gedacht." Sie singt vom deutschen Volk, so wie es leibt und lebt, glaubt und liebt, freit und stirbt. Der edle Barde vom Rhein schreitet zu hohen Thaten befeuernd mit goldnem Saitcnspiel durch die Geschlechter — Eschelbach will die Menschheit beglücken: „Bei denen soll man mich nicht nennen. Die tändelnd nur zu Blumen traten; Im meinen Adern fühl' ich's brennen — O, gebt mir Thaten! Gebt mir Thaten!" Recensionen nnd Notizen. Dr. Franz Kampers, Mittelalterliche Sagen vom Paradiese und vom Holze des Kreuzes Christi in ihren vornehmsten Quellen und in ihren hervor ftechendsten Typen. vu Mit der Wahl dieses Themas für die erste Vereinsschrift des Jahres 1897 hat die Görresgcsellschaft unzweifelhaft einen glücklichen Wurf getroffen. Denn was steht dem gläubigen Christen näher als die Erweiterung seiner Kenntnisse über das so rasch Verlorne Glück unserer Stammeltern im Paradiese? Was bietet sür Verstand und Wille so reiche Anhaltspunkte als die Lehre vom Kreuze des Erlösers? Freilich, Dr. Kampers, der sich durch sein Buch über die Kaiserfagen des Mittelalters so vortheilhaft in die katholische Literatur eingeführt hat, behandelt diese grundlegenden Wahrheiten vom Falle nnd der Wiedererbebung des Menschen nicht vom theologischen Standpunkte aus, sondern er geht mit liebender Sorgfalt den mehr oder minder dunklen Spuren der sagenhaften Entwickelung jener Offenbarungsthatsachen in der vorchristlichen und in der mittelalterlichen Periode nach und führt die mannigfachen Gebilde einer überreichen Phantasie auf ihre einfachen und einheitlichen Urgedanken zurück. Gerade die bunte Welt der Sagen iin unerlöstcn Geschlechte über das Paradies und den Lebensbaum, über das erste Menschenpaar Adam und Eva u. f. w. ist ein mächtiger Beweis für die historische Glaubwürdigkeit der biblischen Angaben. Denn wie sollten derartige Gedanken dem sinnenden Menscheugeiste sich aufgedrängt haben, wenn alles nur Traum und Schaum? Wenn Adam nnd Christus, der Baum des Lebens im Paradiese und das Kreuzesholz auf Golgatha nicht historische Realitäten sind, wie konnte sich an diesen Namen ein so herrlicher blüthenrcicher Kranz von volksthümlichen Erweiterungen und kindlicher Einbildung emporranken? Wie hätten überhaupt einschlägige Sagen sich aus dem leeren Nichts emporheben können? Mit diesen und ähnlichen Gedanken haben wir das anregende, fein geschriebene Werk des eifrigen Mitarbeiters des Historischen Jahrbuches, Dr. Kampers, zur Seite gelegt, dessen Lektüre allen Gönnern und Mitgliedern der Görrcsgesellfchaft eben solchen Reiz nach des Tages Mühe gewähre, wie es auf uns ausgeübt hat. Handbuch des katholischen Pfründewesens, bearbeitet von L. H. Krick, Pfarrer. Passau. Verlag von Rnd. Abt. Preis 5 Mark 40 Pfg. " Vorstehend genanntes Buch ist der II. Band der vortrefflichen Handbibliothek für die pfarramtliche Geschäftsführung in Bayern, und liegt in dritter vielfach verbesserter und größtentheils umgearbeiten Auflage vor. Die Brauchbarkeit dieses Buches ist allseitig anerkannt und wird dasselbe in keiner Pfarrbibliotbek mehr zu entbehren sein. Es gibt durchwegs verläßige Aufschlüsse über die einschlägigen Materien, welche in 40 Paragraphen systematisch behandelt und in 4 Theile geschieden sind: I. Stiftung, Errichtung und Veränderung der Pfründen; II. Besetzung und Erledigung der Pfründen; Hl. Einkommen der Pfründenbesitzer; IV. Verwaltung des Pfründe- vermögens. In einem Anhang ist eine große Anzahl von Formnlaricn für StistungZbriefe, Eingaben, Fassionen, Rechtsgeschäfte n. s. w. beigegeben. Anleitung zur Berechnung der Jntercalar» fruchte der erledigten kathol. Pfründen, bearbeitet von L. A. Krick, Pfarrer. Pafsau, Verlag von Rnd. Abt. Preis M. 1,20. ? Die Berechnung der Jntcrcalarfrüchte macht bekanntlich nicht selten sehr viel Schwierigkeiten. Es wird daher mit Dank zu begrüßen fein, daß eine berufene Kraft, wie es der Verfasser obiger Broschüre ist, eine Anleitung gegeben hat. Etwas Aehnliches ist bisher im Buchhandel sucht vorhanden gewesen. Im I. Theil gibt der Verfasser eine Darstellung über Verwendung, Verwaltung und Berechnung der Jntercalarfrüchte und über einschlägige Com- petenzfragen und im II. Theil ein Muster einer derartigen Rechnungsführung und Nechnnngsstcllung. 152 Die Volksschnlfrage. Vortrag des Landgcrichtsraths vr. Kiene, Vicepräsident der württembergischcn Abgeordnetenkammer. Ravensbnrg, 1897. Verlag von Herm. Kitz. Preis 40 Pf., 10 Exempl. 3 M. * Der Kamps gegen das. Christenthum und gegen die Kirche als die Trägerin der göttlichen Autorität macht sich zur Zeit besonders auf dem Gebiete der Schule geltend. Hier offenbart sich der Streit zwischen Glaube und Unglaube immer deutlicher und deßhalb ist keilt anderer Kampf so schwer wie der Schnlkampf, keine Frage für das christliche Volk so wichtig als die Schnlfrage. Das kleine Werkchen vr. Kiene's, das die Frage nach allen Richtungen hin beleuchtet, kann jedem nur bestens empfohlen werden. Pichler, Domvicar, Dr., Mitglied des Deutschen Reichstages und der Bäuerischen Abgeordnetenkammer. Zur Agrarfrage der Gegenwart. Zwei Vortrüge, gehalten auf dem praktisch-socialen Kursus zu Schw.-Gmünd. Verlag der Germania, Berlin. Preis 35 Pf. Die Vortrüge des auf dem Gebiete der Agrarfrage hervorragend thätigen Parlamentariers wurden inGmünd mit größtem Beifall aufgenommen. Dieselben verbreiten sich in übersichtlicher, klarer Weise über die Ursachen der gegenwärtigen Nothlage lind die Mittel zur Abhilfe. — Der Verfasser ist bestrebt gewesen, in den beiden Vortrügen Aufklärungen zu geben, gleichzeitig aber auch Anregungen für die Privatthätigkelt und Anhaltspnnkte zur Würdigung der gesetzgeberischen Aufgaben zur Besserung des landwirthschaftlichen Nothstandes. — Jeder Interessent wird das Büchlein mit Nutzen lesen können. Von dem Werke: Christliche Schule der Weisheit von A. Kotte (Verlag der Jos. Kösel'scheu Buchhandlung in Kemptcn) gelangte die Schlußlieferung zur Ausgabe. Damit schließt ein drei stattliche Bände umfassendes Werk ab, welches namentlich seitens des Clerus zu hohem Grade Beachtung verdient. Das complete Werk, in 3 Bänden ü M. 5,60 erhältlich, enthält eine Sammlung von Aussprüchen und Erklärungen der Heiligen und vorzüglicher Geisteslehrer der katholischen Kirche über die verschiedensten Themata, z. B. Altarssakrament, Beicht, Ehre, Frömmigkeit u. s. w., in alphabetischer Reihenfolge. Diese Sammlung ist die Frucht einer durch volle 24 Jahre fortgesetzten, mühevollen Arbeit und bietet durch ihre Reichhaltigkeit und die sorgfältigste Auswahl des Stoffes für Prediger, Religionslehrer und Beichtvater ein so praktisches Hand- und Nachschlagebuch, wie uns kein ähnliches Werk bekannt ist. Weltenmorgen. Dramatisches Gedicht in drei Handlungen von Eduard HIatky. I. Im Himmel: Der Sturz der Engel. — II. Im Paradiese: Der Sünden- fall. Freiburg, Herder, 1896. 8". M. 1 u. 1.60. Eine schone Blüthe der religiösen Dichtung, tadellos in der Form. Inhaltlich spricht der II. Theil mehr zum Herzen, da er nicht so stark mit Dogmatik durchdrungen ist. Manches erinnert an Calderon. Auf den III. Theil, welcher das erste Opfer behandeln wird, darf man gespannt sein. — 2 . Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 4. Heftes 1897: Die abessinischeKirche über den Primat. — Bibel und Wissenschaft. — Warum werden die Apostel in der hl. Schrift niemals saosrllotss genannt? — Unentgeltlichkeit der Verwaltungsorgane eines Raiffeisen-Vereins. — Die Feier der Regmemmesse nach den neuesten Dekreten der Ritencongregation. — Versicherung der kirchlichen Einrichtung gegen Brandschaden. — Ist Vernachlässigung der Preßschäden von Seite der Seelsorger Sünde? — Das heilige Feuer am Cbarsams- tage. — Zeitgemäße Ausführungen zum Rundschreiben der 8. V. tspp. s ks§. über die moderne Predigtweise. — Was ist private, und was ist öffentliche Aussetzung des Allerheiligsten? — Forstrechte der Pfründebesitzer und Ablösung derselben. — Was soll ich morgen predigen? — Verpflichtung des Gemeindeschreibers zur Besorgung der Schrcibgeschäste der Armenpflege. — Dir neuesten Aenderungen in den Rubriken des Breviers. — Aufkündigung von Hypothekdarlehen. — Ein Gradmesser für Seelsargs- tüchtigkeit. — Die Absolutionsgebcte an Concurstagen. — Beachtenswertste Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. Der Katholik. Nedigirt v. Joh. Mich. Naich. 12 Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheiru. Inhalt von 1897, Heft III. März: Oovstitntio apoeto- liea äs xrobibitiono st osvsura Itbioruw. — Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. — Dr. Jos. Kolbcrg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — Carl Maria Kaufmann, Die Legende der Aberkiosstele im Lichte ur- chriftlicher Eschatologie. — Dr. A. Bellesheim. Charles Cardinal Lavigerie, Erzbifchof von Karthago und Primas von Afrika (1825—1892). — vr. Englert, Der Zusammen- brnch der Entwickelungstheorie auf dem Gebiete der Gesellschaftslehre. — vr. Schanz , Segen und Konsekration. U. s. w. Literarische Rundschau für das katholische Deutsch» land. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreinnd- zivanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 4 u. A.: Die kath. Literatur Englands im Jahre 1896. (Bellesheim.) — Iloonadsr, Hou- vsllss stuctss sur in rostauratiou .juivs oprds I'oxil äs Babylons. (Nikel.) — Willrich, Juden und Griechen vor der makkabäischen Erhebung. (Bludau.) — Ehses, Festschrift znm elfhundertjübrigen Jubiläum des deutsche» Campo Santo in Rom. (Künstle.) — Llanssr, vossibilitas vrasmotionw vbzsioas Ibomistioas ste. (Commer.) — vuMinsrinntb, Osksrwio vootrinas 8. Ibowao ^.g. (Com- mer.) — VorsvLslll, vbiIo8oxbi,LS tüsorotisas Instita- tionos «to. (Braig.) — Bahlmann, Jesuiten-Dramen der niederrheinischen Ördensprovinz. (Nürnberger.) — Ehses- Meister, Nnntiaturbcrichte aus Deutschland. (Reinhardt.) — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände » M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche Vcrlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 3. Heftes u. A.: Erklärung. — Des hl. Ämbrosius Lied vom Morgenroth. (G. M. Dreves 8. I.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. III. (Heinrich Pesch 8. ll.) — Der Werth Afrikas. II. (Joseph Schwarz 8. I.) — Der Materialismus in Indien. II. (Schluß.) (Jos. Dahlmann 8. I.) — Zur Choralkunde. II. (Schluß.) (Theodor Schmid 8. I.) U. s. w. Katholische Warte. Von dieser durchweg gediegenen Fannlienzeitschrift liegt uns reich illustrirt Heft 10 und 11 vor. Die neuesten Hefte bringen Biographien von Franz Pendl und Vr. Moriz Brosig. An Erzählungen, Novellen und Skizzen rc. finden wir vertreten: M. Buol (Ein gutes Wort), Martha Friede (Aus dem Piemont), Redeatis (Roswitha, die Nonne vonGanders- heim), Sandhage (Lolo's Aufgabe), Friedr. Koch-Breuberq (St. Sebastian in Salzburg), Fr. Grimme (Die Abter Prüm), vr. A. von Rhein (Das ehemalige Jnzigkofener Frauenkloster). Außerdem bringen die Hefte poetische Beiträge von Marg. Mirbach, Joh. Schmiedercr, Als. M. Schwämme!, C. Schönfelder, Anton Pichler, Ferd. Pecka, Viktor Hardung, Jda v. Lißberg rc. Sehr viel des Nützlichen und Interessanten enthalten die Rubriken „Literatur, Kunst und Wissenschaft", „Hanswesen" und „Buntes". Wir können bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, diese Zeitschrift, die sich bereits sehr viele Freunde erworben hat, wiederholt als Familienblatt im besten Sinne des Wortes angelegentlichst zu empfehlen. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Der internationale wissenschaftliche Katholiken- Congreß. 8. L. Würzburg. 20. April. Der internationale wissenschaftliche Katholikencongreß, welcher sich alle drei Jahre versammelt, wird vom 16. bis 20. August d. Js. in Freiburg i. d. Schweiz tagen. Die zwei ersten fanden zn Paris (1888 und 1891), der dritte zu Brüssel (1894) statt. Für Paris waren 1600 und 2500 Mitglieder subscribirt, für Brüssel die stattliche Zahl von 2700 angemeldet, welche großentheils zur Versammlung selbst erschienen waren. Die in Druck gelegten wissenschaftlichen Arbeiten der zwei ersten Congresse umfassen zwei starke Octavbände, die des dritten Congresses 160 Mhandlungen in 9 Heften. Für den in Vorbereitung befindlichen vierten Congreß dieses Jahres hat sich eine Mehrung der wissenschaftlichen Arbeiten ergeben, indem deren bereits 200 angemeldet sind. Hingegen ist die Zahl der bis jetzt beigetretenen Mitglieder, welche 1100 beträgt, hinter den früheren Congressen zurückgeblieben. Voraussichtlich werden die Franzosen und Belgier, deren Zahl für Brüssel 1100 bezw. 600 betrug, in dieser großen Zahl nicht beitreten, einmal wegen der relativ weiten Entfernung, sodann wegen des Uebergangs auf deutsches Sprachgebiet, weil für die Verhandlungen und wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr ausschließlich die französische, sondern auch die deutsche und lateinische Sprache zu Grunde gelegt werden. Um so wünschens- werther ist eine stärkere Betheiligung der deutschen Katholiken, deren Gesammtsubscription bet den vorausgehenden zwei Congressen nur 19 und 150 betrug, da eine geringe Mitgliederzahl leicht die kostspielige Drucklegung der zahlreichen eingereichten Arbeiten gefährden könnte. Hoffentlich wird die bloße Anregung genügen, für den Congreß in Freiburg eine größere Mitgltederzahl auch aus unserer Diöecse zu gewinnen, da der Zweck erhaben ist und die Versammlung in Freiburg, am Grabe des vor 300 Jahren verstorbenen scl. Petrus Canisius, des siegreichen Verfechters des katholischen Glaubens in stnrm- bewegter Zeit, stattfindet. Der Beitrag ist ohnedies sehr gering und beträgt für die einzelnen Mitglieder, mögen sie persönlich erscheinen oder nicht, nur 10 Frcs. oder 8 Mk., wofür die gedruckten wissenschaftlichen Abhandlungen aus den verschiedensten Fächern unentgeltlich und portofrei übermittelt werden. Der Hochwürdigste Herr Bischof von Würzburg, welchem die Förderung der Wissenschaft Herzenssache ist, gehörte von Anfang an (seit 1888) zu den Gönnern der Versammlungen. In München war Freiherr v. Hcrtling jederzeit für die Betheiligung am Congresse thätig. Für Freiburg haben sich Diöcesaucomitos gebildet. Wüuschens- werth ist, daß sich nicht bloß aus dem Klerus der einzelnen Diöcesen, sondern auch aus der Laienwclt neue Mitglieder anmelden. Der Adel') und alle wissenschaftlich gebildeten Männer, denen die Bewahrung des von den Voreltern ererbten Glaubens und die Sache der Kirche am Herzen liegt, sollten unter der Zahl der Thcilnehmer nicht fehlen. ') Aus der Diärese Breslan waren für Brüssel (1894) als Mitglieder und Donatoren angemeldet: Fürst Blücher von Wahlstadt und die Grafen von Frankenberg, von Oppersdorf, voll Praschma, von Stillfried-Alcantara, von Strachwitz. Da der Ursprung und Zweck des Vereins noch zu wenig bekannt ist, soll hierüber ein kurzer Bericht folgen, indem wir für eine weitere Orientirnng über die wissenschaftlichen Katholikencongresse zu Paris und Brüssel auf die betreffenden Ausführungen von Professor Dr. Kihn im Mainzer „Katholik", Jahrgang 1891 und 1894, verweisen. Unser Jahrhundert hat das stolze Gebäude der modernen Wissenschaft aufgebaut, theils in der Meinung, theils in der zielbewußten Absicht, den christlichen Glaubenslehren die Grundlage zu entziehen. Aber zahlreiche Katholiken, namentlich hervorragende Apologeten, sind den Gegnern auf dieses Gebiet gefolgt, um die Lebensfähigkeit derselben durch wissenschaftliche Darlegung in Wort und Schrift zu zeigen. Solche Gelehrte, Theologen und Laien, wollten nicht mehr stumme Zeugen der Bestrebungen der Ungläubigen sein, welche das Monopol oder doch die Hegemonie der Wissenschaft beanspruchten. Allein die Anstrengungen einzelner Männer und ihre Schriften konnten die Concurreuz nicht ganz und voll bestehen. Eine viel größere Kraft liegt in den Vereinen und Associationen. Von diesem Gedanken ausgehend, hat eine Gruppe von eifrigen Vertheidigen: des Christenthums im Frühjahr 1885 zu Ronen die Organisation der wissenschaftlich gebildeten Katholiken in allen Ländern der Welt ins Auge gefaßt. Die Frage, in welcher Form sich diese Vereinigung vollziehen sollte, war ungemein schwer und drohte gleich im Anfang zur Uneinigkeit zu führen. Daher entschied man sich für einen Congreß, der nicht etwa nur Gelehrte (äss savantg) umfassen sollte, weil sich in diesem Falle viele wissenschaftlich gebildete Männer aus Bescheidenheit zurückgezogen hätten, sondern er sollte, wie Msgr. d'Hulst, Rektor der katholischen Universität zu Paris, ausführte, ein wissenschaftlicher sein und sich als solcher auf alle Zweige der menschlichen Erkenntniß erstrecken; er sollte katholisch sein, nicht als ob es eine specifisch katholische Wissenschaft gäbe, sondern weil nur Katholiken Mitglieder werden und wissenschaftliche Arbeiten einreichen sollten; endlich auch international, eben weil er katholisch wäre, und weil die Vertheidigung des Glaubens nicht die Aufgabe einer christlichen Nation mit Ausschluß der andern ist. Denn in der ganzen Welt gibt es bei aller politischen und socialen Zerklüftung doch nur zwei große Parteien, nämlich das Christenthum als Träger der geistigen und lebenspendenden Ideen auf der einen und den Atheismus mit seinen zerstörenden Folgen im Privat- und öffentlichen Leben auf der anderen Seite. Auf Grund solcher Erwägungen constituirte sich der OonZrös soioutiki^uo international äas Oatlwliguss. Der Congreß hat sich demgemäß zur Aufgabe gesetzt, die Gelehrten der ganzen katholischen West zu gemeinschaftlicher wissenschaftlichen Arbeit zu vereinigen, um die für das positive Christenthum thätigen Kräfte zu sammeln, durch das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zu er- mnthigen, die neuen antichristlichen Hypothesen auf ihren Grund zu prüfen und den Vertheidigern der christlichen Religion geeignete Waffen in die Hand zu geben. Das Unternehmen, welches gleich bei seinem Entstehen in der Presse bekämpft wurde, fand die Gutheiße des Heiligen Vaters durch Breve vom 20. Mat 1887. Hier heißt es unter anderem: „Res suseext» vvbis est lionssta ^sr ss et aä uomsu vestruva ätz- eors,; vaclemgu« esse xvtcsb acl gormauam seienti- arnm äi§vitat6M non minus guam aä catliolicas siäci xracsiäium krugikcra.Vcstri okücii doo utiguc xutctis esse, aäiuinenta ciisoiplinarum vestrarum velnt arm» guaeclam ad es tuendam tkrcologiLs mruistrars." Der Papst billigte das ganze Programm, namentlich auch den Satz, daß Glaubenslehren und streng theologische Gegenstände ausgeschlossen sein sollten; denn die göttlichen Dinge seien zu hoch und zn heilig, als daß man sie mit Würde auf einem Kongreß behandeln könne. Auch fehle es manchen Mitgliedern an der nöthigen Autorität, und sollten dieselben sich auf ihrem eigenthümlichen Gebiete bewegen, in der Geschichte und Physik in der Philologie, Mathematik, Kritik :c. Zum ersten Male wurde demzufolge der Congreß vom 8. bis 13. April 1888 in Paris unter der Präsidentschaft des Msgr. Perraud, Bischofs von Antun, Mitglieds der französischen Akademie, abgehalten; der zweite fand ebenda vom 1. bis 6. April 1891 unter dem Vorsitz des gelehrten Bischofs Freppel von Angers, ehemaligen Professors an der Sorbonne, statt. Der dritte versammelte sich in Brüssel vom 9. bis 8. September 1894 unter dem Vorsitze des Cardinais Goossens von Mechcln. Theologen und Laien, Bischöfe und Priester» Männer der verschiedensten Berufszweige, Juristen, Aerzte, Advokaten, besonders Lehrer an Hochschulen, Gymnasien, Seminarien und wissenschaftlichen Instituten nahmen persönlich Theil; andere hatten als Mitglieder ihre Beiträge oder Abhandlungen eingesandt. Hatten die Deutschen auf dem ersten Congreß in Paris (1888) ganz gefehlt, so waren auf dem zweiten Congresse von den 19 subscribirten Mitgliedern aus dem deutschen Reiche (abgesehen von Elsaß- Lothringen) erschienen: die Universitätsprofessoren Dr. Freiherr von Hertling, Dr. Graucrt, Dr. Bach von München, Dr. Hüffer von Breslau, Dr. Kihn von Würz- burg, Dr. Koschwitz von Greifswald. In Brüssel aber waren von den 150 Mitgliedern anwesend: Dompropst Dr. Scheuffgen-Trier, Dompropst und päpstl. Hausprälat Dr. W. Schneider-Paderborn, Neichstagsabgeordneter Dr. Porsch-Breslau, die Professoren Dr. Grauert- München, Dr. von Funk-Tübingen, Dr. Kihn-Würzbnrg, Dr. Clemens Bäumker-Breslau, Pfarrer Dr. Wilhelm Bäumker-Rurich. Außer den Generalversammlungen^) fanden Sectionssitzungen statt, in denen ein großer Theil der Abhandlungen vorgetragen und im Ideenaustausch der Besprechung unterzogen wurde. Im Jahre 1891 gab es sieben, im Jahre 1894 acht Sectionen. In Freiburg hat das Organisationscomitc zehn Sectionen gebildet: 1. Religionswissenschaft; 2. Philosophie; 3. Rechtswissenschaft, Nationalökonomie und Socialwissenschaft; 4. Geschichtswissenschaft; 5. Philologie; 6. Mathematik, Physik und Naturwissenschaft; 7. Biologie; 8. Medizin; 9. Anthropologie; 10. Christliche Kunst. Zur Entgegennahme von Anmeldungen sind die Vorsitzenden der Diöcesancomitcs bereit, die wir hiemit in alphabetischer Reihenfolge angeben: Pros. Dr. Schlccht- Dillingen (für Augsburg), Pros. Dr. H. Weber-Bamberg, Pros. Dr. Bäumker-Breslau, Gcncralvikar Dr. Lüdtke- Pelplin (für Culm), Prälat Dompropst Dr. Pruncr-Eich- stätt, Pros. Dr. Dittrich - Braunsberg (für Ermeland), Se. Gnaden Dr. Knecht, Weihbischof - Freiburg i. Br. . I 2" VrMel hatten sämmtliche belgische Staats- Mllnster ihren Beitritt erklärt und erschienen auch bei den vstentuchen Versammlungen. (Stellvertreter Pros. Dr. Keppler), Domdcchant Pros. Dr. Braun-Fulda, Pros. Dr. I. Ernst-HildesHeim, Sc. Gnaden Dr. H. I. Schwitz, Weihbischof-Köln (Stellvertreter Kanonikus Dr. Hespers), Domcapitular Hilpisch- Limburg, Domcapitular Dr. Raich-Mainz, Chorherr und Regens O. Jeunhomme-Metz, Reichsrath Pros. Freiherr Dr. von Hertling-München, Pros. Dr. I. Pohle-Münster» Pros. Dr. Middendorf-Osnabrück, Prälat Dompropst Dr. Schneider-Paderborn, Pros. Dr. Pell-Passau, Pros. Dr. A. Weber-Regensburg, Pros. Dr. Schütz-Trier, Pros. Dr. von Funk-Tübingen (für Rottenburg a./N.), Dompropst Pfeiffer-Speyer, Regens Dr. Ott-Straßburg, Pros. Dr. Kihn-Würzburg. Da wohl sämmtliche Bischöfe Deutschlands ihren Beitritt zum Congreß in Freiburg erklärt und einige selbst das Ehrenpräsidium ihrer Diöcesancomitcs übernommen haben, läßt sich immerhin noch auf eine recht zahlreiche Betheiligung deutscher Katholiken am IV. Cou- gretz rechnen, b) Streifzüge durch die socialpolitifche Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Fortsetzung.) Aus derselben Veranlassung und in demselben Geist wie die Dranoo-Oallia geschrieben, entstanden wahrscheinlich zwischen 1574 und 1576 die „Vindiciac contra t^ramuos des angeblichen Ltexdanus drmius Lrutns". Nachdem bis in die neueste Zeit Hubert Laugnet als Verfasser dieser Schrift angesehen worden ist, hat Losten sehr wahrscheinlich gemacht, daß ein Philipp du Plessis- Mornay Verfasser ist. Die Abhandlung setzt die Machtsphäre des Fürsten gegenüber der des Volkes durch Beantwortung von vier Fragen fest: 1. Frage: Sind die Unterthanen zum Gehorsam verpflichtet, wenn der Fürst Befehle gibt, die gegen das Gesetz Gottes verstoßen?^) Die Frage wird auf Grund der hl. Schrift verneint und die Verneinung aber auch allgemein-staatsrechtlich begründet. Von Anfang an besteht ein Vertrag zwischen Gott einer- und König und Volk anderseits. Letztere haben Gott Treue versprochen, das Volk ist an diesen Eid gebunden, auch wenn ihn der König vergißt. 2. Frage: Soll man dem Fürsten Widerstand leisten, wenn er das göttliche Gesetz verletzt und die Kirche Gottes „verheert" (aeclcsiam Dai vastanti, S. 43 st.)? Der Verfasser besaht die Frage, und begründet es biblisch und juristisch. — König und Volk haben Gott ihre Treue gemeinsam gelobt, sie sind also beide, eines sür das andere, verbindlich als „corrci pramirtandi". Beide können sich daher auch gegenseitig verklagen.^) Wer aber soll Widerstand leisten? Nicht die gesummte Volksmenge, zahllos an Häuptern und schwerfällig, sondern die map Stratos d. h. die vom Volke oder auf andere Weise eingesetzten öffentlichen Beamten, und die comitia d. h. die Ständeversammluiigen (S. 63). °) Die katholischen Zeitungen werden um Aufnahme des vorstehenden Artikels gebelen. °') Max Losten in den Sitzungsberichten der königl. baner. Akademie der Wissenschaften zu München 1867. I. Bd. S. 215 st. *") Ausgabe von 1660 S. 1 ff. ") ok. Treitzschke, Hubert Languet's Vinäioiao contra Izn'Liinos, Leipzig 1846, S. 62. 155 Erst wenn diese Führer dem Volke das Zeichen zum Aufstand geben, müssen die Einzelnen folgen. Ohne dieses Zeichen ist ihnen nur passiver Widerstand erlaubt. 3. Frage: Darf man und wie weit darf man dem Fürsten Widerstand leisten, wenn er den Staat bedrückt oder zu Grunde richtet? (S. 102 ff.) Die Erörterung dieser Frage bildet den umfangreichsten und bedeutendsten Theil des Werkes. Und am Schlüsse faßt er die Resultate seiner Ausführungen zusammen: „In summa, ut üuue tauäsm trastatum eousluäamus, priusipss oliZuutur a Oso, coustituuu- tur s, poxulo. 11t sinZuIi priusips iuksriorss suut, ita uuivsrsi, st pudliea lidri sex erschien 1578, in's Lateinische übersetzt 1586. Bluntschli, Geschichte d. neueren Staatswissensch. 1881, S. 32. 156 Wir müssen betonen, daß bei Bodin sich nichts findet von jenem Staatsvertrag, der bei den hugenotüschen Politikern die Grundlage der Beweisführung von der Souveränität des Volkes war. Wenn einmal von ihm gesprochen wird, so geschieht es in einem ganz anderen Sinne: das Volk hat dann durch Uebcrtragung aller Gewalt auf Einen für immer auf die Mitwirkung an der Lenkung des Staats verzichtet. Bodin's Ideal ist aber nicht diese ursprüngliche Art der Monarchie, sondern die Monarchie, an deren Spitze ein unumschränkter König steht. Diese Unumschränktheit versteht er indeß nicht im Sinne von Tyranncnhcrrschaft. Der König steht zwar über dem sogenannten positiven Gesetz, aber nicht über den natürlichen und göttlichen Gesetzen (II, 2, S. 305, II, 3, S. 312 und III, 2). Außerdem ist seine Gewalt beschränkt durch die Staatsgrundgesetze, z. B. das Salische Gesetz (I, 8, S. 139), ebenso durch die Staatsverträgc, die er mit anderen Souveränen und mit seinem Volke abschließt (I, 8, S. 135 f.). Die Verträge seiner Vorgänger bedürfen der Ratifikation der Stände, wenn er an sie gebunden sein soll. Auch über das Eigenthum der Einzelnen hat der legitime Monarch keine Gewalt (I, 8, S. 163), und ebensowenig ist er berechtigt, ohne Einwilligung der Unterthanen das Eigenthum zu besteuern.^) In diesen letzten Erörterungen liegen übrigens so starke Widersprüche zu dem, was vorher von den Befugnissen der Stände gesagt ist, daß Bodin's ganzes System der Einheitlichkeit entbehrt. Nachdem er I, 8, S. 140 ") den Ständen jede Macht abspricht, vindicirt er ihnen wenige Seiten später das Recht der Steuerbewilligung. Man hat versucht, diese und andere Widersprüche aus des Verfassers früherem politischen Leben und den Zeitverhältnissen zu erklären.") Noch auf der Ständeversammlung von Blois (1576) stellt er sich auf die Seite des dritten Standes, und später im Tumult des Bürgerkriegs wird er Vertheidiger der absoluten Gewalt und schreibt fein Werk im direkten Gegensatz zu den Publizisten« die die Volkserhebung zu rechtfertigen suchten. Trotz mehrerer Inkonsequenzen erscheint das besprochene Buch als das bedeutendste staatsrechtliche Werk des 16. Jahrhunderts. Rankes nennt es das „fleißigste, durchdachteste und am meisten anerkannte Werk, welches das Jahrhundert über diesen Gegenstand überhaupt hervorgebracht hat". (Schluß folgt.) Die Tagebücher Platerrs. Die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages von Platen erweckte eine Menge von Festartikeln in Zeitungen und Zeitschriften: die meisten derselben gaben sich den Anschein, als ob Platen im deutschen Volke unvergessen sei — eine fromme Lüge. Der Lyriker Platen ist verschollen; einige Balladen fristen in Schulbüchern und Anthologien ein kümmerliches Dasein, und von den dramatischen Arbeiten des gräflichen Dichters erhielten sich nur die litcrarischen Komödien in der Würdigung der zünftigen Literaturhistoriker. . . Das Säcularfest ist ") Man beachte bier die Anklänge an die Lbartig. Ickbertstls in England von 1215. ") -,nsgn6 vuim nllit ratio probabilis ackckuei potest, car su'ockiti prlnoixibus iinxereut aut pc>xnlar1bn8 comitiis ulla potesta« tribui ckobentN' ") Weill, cl'ds. S. 168 ff. Rarste, ebds. I. Bd. S. 380. verrauscht; Platen verschwindet wieder in der Versenkung. — Von all den Festschriften wird indeß ein Buch sicherlich dauernden Werth behalten: „Die Tagebücher des Grafen A. v. Platen, aus der Handschrift des Dichters herausgegeben von G. von Laub mann und L. von Schefflcr. 1. Band. Cotta 1896." Schon als 16jähriger Page begann Platen em Tagebuch zu führen, das er bis Zu seinem Ende fortsetzte. Als er 1834 nach Italien auf Nimnierwiederkehr abreiste, übergab er die 17 starken Manuskriptbände seiner Lebensanfzeichnungen dem befreundeten Arzte Pfenfer. Nach Platens Tode händigte Pfenfer im Einverständuiß mit der Gräfin Platen die Schatulle mit den Tagebüchern dem Jugendfreund des Dichters, Graf Fugger, zu der beabsichtigten Biographie Platens ein. Aber mitten in der Arbeit starb Fugger. Die Manuskripte kehrten in Pfeufers Hände zurück: erst nach 20 Jahren (1860) gab Pfenfer „Platens Tagebuch 1796 — 1825" heraus, eine Arbeit, die Scheffler mit Recht „die grausamste Verstümmelung des Originaltextes" nennt. Mit diesen beschnittenen Lebensaufzeichnungen war der Oeffentlichkeit nichts gedient: Platens Beurtheilung ward eine noch schiefere als zuvor. „Nur durch . . .den letzten Grad von Aufrichtigkeit kann eine Selbstbiographie interessant werden", erklärt Platen selbst: durch die unverkürzte Herausgabe der Tagebücher haben Lanbmann und Scheffler dem Dichter und der Literatnrgeschichte den größten Dienst erwiesen. „Wenn je etwas Ersprießliches aus meiner Feder floß, oder fließen wird, so sind's diese Diarien," gesteht Platen zu, „die immer einen gewissen Werth behalten, wenn sie auch von dem unbedeutendsten Menschen handeln, da sie aufrichtig sind und seine allmähliche Entwickelung deutlich entfalten. Vielleicht ist keines Menschen Leben ganz uninteressant. . . Ein Leben voll Thorheiten» wie das meine, ist überdies lehrreicher als jedes andere." — Daß Platen selbst hohen Werth auf diese Diarien legt, ersieht man schon daraus, daß er sie von Grund aus im August 1816 einer Revision unterzog. „Mit allen früheren Heften habe ich eine Reform beschlossen. Ich werde sie ganz umbilden, ihnen mehr die Form einer fortlaufenden Erzählung, als eines Diariums geben» und sonach besonders viel von dem wegschneiden, was späterhin ohne Folgen geblieben ist. Das Ganze wird in ungefähr 9—10 Bücher abgetheilt, und ich füge im 1. und 2. Buch noch etwas von meinen Kiuderjahren und denen, die ich im Kadettencorps und als Page verlebte, hinzu, so daß das Ganze zu einer vollständigen Biographie wird." Durch den häßlichen Angriff Heine's in den „Bädern von Lucca" hatte die scandalfrohc Welt ein männliches Gegenstück zur musoula Lrrpxsto erhalten: Platen war schon während seiner Universitätszeit in Würzburg 1819 ein derartiger Vorwurf cntgcgenge- schleudert worden: der Beleidigte legte zu seiner Rechtfertigung nur sein Tagebuch vor — auch heute zerstreut dasselbe alle Anschuldigungen. Zwar sind uns die häufigen Frcnndschastscrgnsse nicht selten widerlich, komisch: vergessen wir aber nicht jene Zeiten und die schwärmerische Anlage des jungen Platen zu berücksichtigen. Wer niemals vor der Wcibcsliebc cxaltirte Freundschaften gepflogen, der werfe den ersten Stein auf ihn. Der Dichter sucht selbst nach einer Erklärung seiner verkehrten Neigung. „Mein Herz fing au, das Bedürfniß inniger Mitgefühle zu empfinden. Ich wollte Liebe . . . Weiber sah ich 157 keine, als jene affektirte Klasse, die nach Hof kam. Sie konnten mich nicht anziehen. So mag es gekommen sein, daß meine erste wärmere Neigung einem Manne galt." Bei der Besprechung des Brandes'scheu Buches „Ueber die Weiber" sagt er offen: „Ich kann es mir nicht zum Vorwurf rechnen, das Ideal eines Menschen immer in meinem eigenen Geschlechte gesucht zu haben; und ich halte diese Neigung um so reiner, je mehr ich einsehe, wie wenig es die der Männer zu den Frauen ist, und wie sie am Ende doch nur auf Befriedigung der Sinne hinausläuft..„Niemals und auf keine Weise hat mir Federigo gemeinsinnliche Triebe erweckt. Aber wenn es bei anderen soweit mit mir kommen sollte! O dann verschlinge mich eher der Abgrund!" . . Im Gegentheil, Platen fühlt sich im Kreise der zügellosen Kameraden angeekelt. „Was die Zufriedenheit, die ich in mir fühle, zuweilen vergällt, ist die zügellose Unsittlichkeit, die ich um mich her sehe. Ich war, mit dem Dichter zu reden, in strenger Pflicht aufgewachsen, unbekannt mit der Welt, und glaube nun ein zweites Gomorrha zu finden. Alle Laster der Unzucht werden bei unserm Stande rühmend zur Schau getragen." Mit Perglas, seinem Jugendfreunde, bricht er den Verkehr ab, weil derselbe sinnlichen Genüssen fröhnt. Platen hatte sich mitten im Kriege ein gottes- fürchtiges Gemüth bewahrt: „Ich ... schwöre Gott Bestrebung nach Heiligung und Tugend, .eifriges Bestreben der Annäherung an ihn, Fleiß und Bernfstreue, Wahrheitsliebe und strenge Sitten, möge er, der himmlische Vater, mir reinen Glauben verleihen und seine Gnade!" — Einen zweiten Fehler, maßlose Dichter-Eitelkeit, verband man bisher schon mit dem bloßen Namen Platen. Die Tagebücher lehren uns das Gegentheil. „Wenn ich gewiß wüßte, daß ich keineswegs zum Dichter geboren ward, würde ich sogleich alle meine Versuche ins Feuer werfen, und weiß ich das nicht fast gewiß? Meine Gedichte gefallen mir selbst nicht, und das ist alles gesagt.„Vielleicht könnte noch etwas aus mir werden, wenn ich mir nicht vorgesetzt hätte, ein Dichter zu werden. Aber dazu werbe ich es nie bringen." . . . „Pont eo gno f'öcrio, vs sollt (zna äss rimos, äos imitations, äos tatnitös amouronsoo sa.v8 vnlour ni esxrlt. Präs raremerit z'z? rainai-tzuo nno xonsas xoetiyuo, cowmo nno ötoilo cle taiblo Ineur, gni xores los nnas." „Ich fürchte, daß ich weder Verstand, noch Geist, noch Talent, noch überhaupt irgend etwas besitze, das über die gemeinsten Menschen erhebt." „Der Entschluß, nichts mehr zu schreiben, und besonders keine Verse mehr, wird immer fester in mir. Ich gewinne dadurch Zeit und Zufriedenheit. Ein großer Dichter- würde ich ja doch nicht geworden sein, und ein mittelmäßiger zu werden, wer wollte diesen Ruhm haben?" Ist das noch der Dichter jener stolzen Grabschrift?? Platen ist überhaupt nicht gegen seine Fehler und Schwächen blind: treue Selbsterkenntnis; schützt ihn davor. „Ich bin stolz, empfindlich, launisch, ich, der ich mich in aller Menschen Stolz, Launen, Empfindungen schmiegen sollte, um nur gelitten zn werden." „Es widerstrebt meiner Natur, ich bin nicht für die Gesellschaft geschaffen. Wo andere sich unterhalten, verzehrt mich eine Langeweile. .. . Was soll aus mir werden, da ich alle Leute vor den Kopf stoße?".. . . „Vielleicht hält mancher meine Verschlossenheit, meine Neigung znr Einsamkeit für Egoismus. . . Sehnsucht nach Liebe erfüllt mein Innerstes. . ." PlatenS unglückliches Naturell ließ ihn auch nicht Freunde erwerben. In der Regel hielt ihn schon vor der ersten Annäherung der Gedanke zurück, dem Freunde „nichts sein zn können" „und endlich ein gewisser Eigensinn, der mir seit meiner Jugend . . . unzertrennlich anhängt und der allem entgegsnstrebt, was meinem Herzen angenehm ist, um sich gleichsam das Recht zu erkaufen, mißmnthig zu sein und zu klagen". Oft auch befriedigte der eine oder andere nicht seine hochgespanntem- Ansprüche. „Ich begegnete ihm . . . sehr kalt und launisch, weil er einige seichte Dinge sagte und mir manches nicht au ihm gefiel". . . Eigenthümlich zeigte er sich auch im Umgang mit Frauen. „Mit Frauen bin ich nur dann gesprächig, wenn ich der einzige Mann unter ihnen bin, vorausgesetzt, daß sie mir nicht ganz fremd sind." Die gelehrten Weiber waren ihm ein Greuel. „Ich für meinen Theil kann nun einmal den gelehrten Weibern nichts abgewinnen, obgleich sie gewöhnlich ihre Gelehrsamkeit in ein angenehmeres Gewand als die Männer zu hüllen wissen, und manche Anlagen sich bei ihnen besser ausbilden als bei uns. Es gibt viele Frauen von ausgebreiteten Kenntnissen, aber gewiß äußerst wenige von tiefen. Die schöne Weiblichkeit geht bei ihnen verloren, sie sind alle gewissermaßen Halb- männer." Im übrigen war er kein Ehefcind: „Ich schätze die Weiber, ich würde mich je eher, je lieber verhciratheu, wenn es mir nur vergönnt wäre.". . . Indeß der Hauptgrund seiner trüben Stimmung lag in dem verfehlten Berufe. Keineswegs wirkliche Neigung zum Soldatcnstaud, sondern rein äußerliche Gründe bestimmten ihn znr militärischen Laufbahn. „Die viele Muße, die Hoffnung, die Welt zu sehen, der Aufenthalt in der Hauptstadt, die mir außer vielen Vortheilen auch noch den einer großen Bibliothek darbietet, alles dies sind Dinge, die meine Neigung bestimmen, Offizier zu werden. Hierzu kommen noch die schlechten Aussichten beim Civil- stande, das mir verhaßte Leben auf Universitäten .... die Furcht vor Provinzstädten und manches andere." Aber schon die militärische Erziehung im Kadcttcuhaus war ihm verhaßt. „Es war uns, wie den Soldaten, Erlaubniß ertheilt, uns über ein Unrecht zu beklagen, aber erst, wenn wir dafür gebüßt hatten. Man wollte uns zeigen, daß die Gewalt herrsche, nicht die Vernunft." Mit der Zeit wurden ihm „die Paraden, die Wachen, der steife Dienst, die steifen Worte, die steife Kleidung zu einer unerträglichen Last: „Die Eigenheit und Individualität wird ohnehin beim Soldatenstande erstickt, und daher kömmt es, daß man auf sovicle gewöhnliche und gcistesnrme Menschen stößt. Sehr oft findet man auch in unserm Stande Leute, die mit imponirenden äußerlichen Eigenschaften ein gemüthloscs Wesen und Mangel an tieferer Bildung vereinigen." Uebcrdics fehlte ihm jeder militärische Geist, wie ihm sein Oberst öfters ins Gesicht schlenderte. So war ihm das Duell „ein rohes Spiel", „als wenn angegriffene Ehre durch Pistolen wieder hergestellt werden könnte". Der demokratische Zug damaliger Zeit hatte auch Platen stark ergriffen. „Wohl uns, daß wenigstens nnser Jahrhnndert mit dem Haß tyrannischer Willkür mehr als eines bezeichnet ist. . . . Die Besseren, die Aufgeklärten im Volke, diese sollten sich zn Schutz und Trutz verbinden. . . . Verschwörung ist das Wort, das uns helfen kann." Er haßt Bonaparte als „einen Verräther, einen Verbrecher, einen Eidbrüchigen, einen Henker der Völker", „den Tyrannen Europas, den Unterdrücker der deutschen Nation". Andcrntheils liebt er die Fürsten überhaupt nicht. Die Ernennung des Kronprinzen Ludwig (I.) zum 158 Oberst ist ihm „eine lächerliche Ceremonie". „Ein Kind, das man zum Obersten macht! Als wenn ein Kind jemals ein Oberst sein könnte! DaS ist einer jener unsinnigen Streiche, deren sich die Fürsten sovicle zu Schulden kommen lassen! Man könnte ja diesen Kindern andere Titel geben, die dem Staat nicht angehörten!.." Als einziges Mittel, der Gährnug, die nach Napoleons Sturz die Völker beherrscht, „eine wohlthätige und vor- theilhafte Richtung zu geben", dünkt ihm „eine repräsentative Verfassung". Mit beredten Worten tritt er für diese Zügelung der monarchischen Willkür ein. Ungern nimmt er Abschied vom Lande seines Ideals, der Schweiz, mit folgenden (bisher angedruckten) Versen: „Noch bin ich hier im Schoß des freien Volks; Doch schon erblickt' ich an den fernen Ufern Die Länder, wo das Königsscepter herrscht. Wo alle sich des Einen Willen fügen Und alles Glück liegt in dem Worte Gunst. Hier ist kein Vornehm, kein Gering, hier sieht Dem Bürger sich der Bürger gegenüber; Und keiner steht so hoch, daß er auf andre Mit stolzem Blick hinunterschanen rann. Und wem die Kraft gegeben ward von Gott, Dem ist kein Weg verschlossen, sie zu zeigen. Und jeder sucht die Stelle, die ihm ziemt. Freimüthig darf die Zunge sich bewegen. Nicht bei der Klugheit fragt sie sorglich an. Wenn sie die'Schätze der Gesinnung öffnet. Hier spendet niemand Gnaden aus als Gott, Und ewig dauert nur die Herrschaft Gottes... Bewegt ruft er beim Anblick der Tellskapelle ' i Vürglen aus: „Wo sind deine Tellskirchen, o Deutschland, wo sind deine Denkmale? ... Wo ist der Mann, denn du den Urheber des freien Standes nennen könntest?" . . . Es leuchtet ein, daß dieser Zwiespalt zwischen freisinniger Ueberzeugung und Drang nach Selbstständigkeit mit all der Rauheit, Eintönigkeit und Unterordnung eines Militär in Plateus Seele heftige Stürme erregen mußte. „Es koste, was es wolle; ich muß mein Schicksal ändern." . . . „Ewig kaun ich nicht in dieser Carriere bleiben. Soviel ist beschlossen," ruft er verzweifelt aus. Die abenteuerlichsten Pläne tauchten in ihm auf. „Ein Gedanke, der mich seit mehreren Tagen stark beschäftigt, ist die Sehnsucht nach — Amerika. . . . Ich habe nichts mehr in meinem Vaterlande zu erwarten, und mein Stand, den ich nicht abschütteln kann, widersteht mir. . . . Ich möchte so gerne mein Glück mir selbst bauen.... Ich muß meine jetzigen Verhältnisse bis auf den Namen abschwören, wenn ich frei sein soll" . . . Damit im Zusammenhang steht ein weiterer Plan. „Oft schon kam mir der Gedanke, ... an einen fremden Ort zu gehen, eines von den edleren Handwerken zu erlernen und so mein Leben stille hinzubringen und in Stille zu beschließen. . . . Sollte ich nicht Geschicklichkeit genug haben, ein Handwerk vollkommen zu erlernen? Und hab' ich das, dann bin ich einig mit mir selbst." ... In einer recht trüben Stunde überfielen ihn sogar Selbstmordgedanken. „Nur ein Mittel ist noch übrig, mich aus diesem Drang zu führen, . . — der Tod. Der Tod, sag' ich, sollte heißen, der Selbstmord. Noch schaudert mir vor dieseni Gedanken, der sich heute zuerst in nur gebildet. . . . Mag der Selbstmord die feigste Handlung auf Erden sein, ich gebe meinen guten Ruf verloren unter den Menschen; was liegt mir daran, wenn ich nicht mehr bin?" . . . Aus all dem Drang befreite ihn endlich der einzig richtige Entschluß, zu dem ihn seine fortgesetzten Studien in Sprachen und Literatur, seine ausgedehnten Entwürfe, sein augeborner Hang zum Lernen führen mußte, nämlich die Universität zu besuchen. — Mit diesem bedeutungsvollen Abschnitt in des Dichters Leben endet der 1. Band der Tagebücher, in denen der Historiker, Pädagog, Psychologe noch genug des Interessanten finden kann. München. vr. Ed. Stempltnger. Esters, Einige Kapitel aus dem Lebe» Philipp Melanchthons.*) H. 8. Auf katholischer Seite sind zu der vierten Säkularfeicr des Geburtstages von Philipp Melanchthon nur einzelne Schriften erschienen, welche naturgemäß mehr eine defensive Stellung einnehmen. Auch Georg Evers, der bekannte Lutherbiograph, hat einen kleinen Beitrag geliefert, der sich mit der Aufgabe befaßt, Melanchthon als Schulmann und Theologen zu zeichnen. Evers verkennt die schwachen Seiten des wetterwendischen Humanisten nicht, aber er bemüht sich, die Ehrlichkeit und Redlichkeit des offiziellen Verfechters des Protestantismus, mehr als historisch zulässig erscheint, zu vertheidigen. (Vergl. S. 60.) Doch weniger dieser Umstand als einzelne Raisonnements des Verfassers gegen das Papstthum drückten uns die Feder in die Hand. So sagt Evers S. 52: „Wenn Melanchthon in Clemens VII. „einen Antichrist" erblickt, so läßt sich das entschuldigen (!?); damit ist nicht gesagt, daß er mit Luther die Institution des Papstthums als die des Antichrists angesehen hätte." Diese Entschuldigung wird jedoch hinfällig durch den richtigen Satz S. 77: „Mochten die derzeitigen Päpste so schlecht und verweltlicht sein, wie sie wollten, das Papstthum war die geordnete kirchliche Obrigkeit." Hinsichtlich des Papstes Clemens VII. (1523 bis 1534)**) äußert sich Evers S. 52 weiterhin: „Was aber Clemens VII. betrifft, so wollte derselbe so wenig als Leo X. eine Reformation der Kirche; sein einziges Bestreben war seine irdische Machtstellung und das Interesse des Hauses Medici. Ich muß bei dem bleiben, was ich hierüber in meinem Luther (6, 106) geäußert habe. Will man gerecht und der Wahrheit gemäß urtheilen, so vergesse man nicht, daß in Rom alles käuflich war." Aber wenn Leo X. eine Reform der Kirche nicht gewollt hat, warum hat er denn sofort nach seiner Thronbesteigung das V. Lateranconcil seines Vorgängers im April 1513 fortgesetzt? Oder war ihm die Reformbulle Lupörnns äisxositionm aräitrio nur eitles Blendwerk für einige fromme Seelen? Hefele sagt über die Wirkungen des V. Lateranconcils: „Ueberhaupt konnte das Concil eben nur Gesetze geben, und es gab deren viele, sehr heilsame; auf seinen Bestimmungen über das Predigtamt und über das Verhältniß der Regulären zu den Bischöfen hat nachher das Concil von Trient weitergebaut; es fehlte aber überhaupt nicht an guten Kirchengesctzen, es fehlte an ihrer Beobachtung und am Vollzug. Die Dekrete unserer Synode stärkten die päpstliche Gewalt und hatten in vielen, zumal in den südlichen Ländern ihre heilsame Wirkung. Freilich vermochten sie die vorhandene revolutionäre Strömung nicht zu beseitigen, die ihre Früchte noch zeitigen sollte. Eine gewaltige Erschütterung mußte die Gemüther erst für eine sittliche Reform reifen machen." (Conciliengesch. 8, 733.) *) Regensburg, Nationale Verlagsanstalt 1697. 86 S *' ) Ueber die Politik dieses Papstes s. Ehses im Hist. Jahrb. der Görresgesellschaft 1W5 u. 1886. 159 Seite 65 findet sich folgende Ausführung: „Luther hat allerdings bezeugt, daß er den „Vorbehalt des Evau- gelii" zur Täuschung der Katholiken gebrauche. Er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten, denn er sah auf katholischer Seite nichts als Täuscherei. Der Politik eines Clemens VII. und Paul III. wird auch wohl mir jene Art von Geschichtsdarsiellnug Ehrlichkeit und Treue zusprechen, die um jeden Preis alles, was von den Päpsten geschehen ist, vertheidigen zu müssen glaubt oder zu vertuschen, wegen der bekannten Empfindlichkeit gewisser Kreise. Wenn also die Protestircnden den Päpstlichen Unehrlichkeit vorwarfen, so hatten sie, was die Politik der Mediceer und Farnese betrifft, theilweise recht." Welch ein Widerspruch! Zuerst wird die Politik eines Clemens VII. und Paul III. der Unehrlichkeit sammt und sonders bezichtiget, im Nachsätze sodann wird nur eine theilweise Unehrlichkeit behauptet! Das ganze Echanffement über die beschönigende Darstellung der Papstgeschichte im Hinblick auf die Empfindlichkeit gewisser Kreise erscheint uns dunkel und gewaltsam herbeigezogen. Denn gerade Janssen, der einflußreichste Historiker der Jetztzeit, hat die verhängnihvolle Politik Clemens' VII. gebührend gezeichnet (Gesch. des deutschen Volkes III, 7, 12. Aufl.; An meine Kritiker S. 19; Ein zweites Wort S. 8); auch Hergenröther kam es nicht in den Sinn, den Nepotismus des Papstes Paul III. und überhaupt alle seine Schritte zu rechtfertigen (Kath. Kirche u. christl. Staat, abgekürzte Ausgabe S. 294); aber wenn selbst Leo X., Clemens VII. und Paul III. auf der Höhe eines Alexander III. oder eines Jnnocenz III. gestanden wären, hätte die kirchlich-sociale Empörung des 16. Jahrhunderts unterdrückt oder wenigstens in friedliche Babnen eingelenkt werden können? Wir glauben nicht. Oder war vielleicht Papst Pius IX. schuld an der Unbot- mäßigkeit der sogen. Altkatholikcn nach dem 18. Juli 1870? Auch ohne das Concil wäre der Krankheitsstoff des liberalen Katholicismus vom Leibe der Kirche ausgeschieden worden. Solche Hcilungsprozesse sind jedoch immer mit tiefgehenden Krisen verbunden. Welche Freiheit des Urtheils und der Darstellung, wenn die geschichtliche Wahrheit es erheischt, gerade katholischen Historikern ermöglichet ist, dafür liefert Pastors monumentales Werk über die Geschichte der Päpste seit Ausgang des Mittclaltcrs den schlagendsten Beweis. Welcher protestantische Forscher hat je so vornrtheilssrei über Luther sich ausgesprochen, wie der Katholik Pastor über Alexander VI.? Leo XI il., unter dessen Augen der große Schüler JausscnS gearbeitet hat, war weit entfernt, seinen Quellenstudien in den vatikanischen Archiven Einhalt zu gebieten. Wenn manchesmal kleinliche Geister glauben, der Kirche einen Dienst zu erweisen durch Verschleierung geschichtlicher Vorkommnisse im Leben der Päpste, der Bischöfe, der Priester, so zeigt ein solches Vorgehen wenig dogmatisches Verständnis; für das Wesen der Kirme. Denn gerade der Fortbestand derselben bei allen menschlichen Fehlern und Gebrechen in Haupt und Gliedern seit 18 Jahrhunderten ist für den denkenden Historiker der offenkundigste Erweis, daß die kmhol. Kirche nicht das Werk der Politik oder psäsfischer Verschmitztheit sei, sondern Gottes Werk. Wenn sich jedoch EverS S. 67 aus Janssen beruft, um die feindselige Stellung des Papstes'Paul III. gegen den Kaiser Karl V. und die Hinneigung des päpstlichen Stuhles zu den Protestanten zu erweisen, so hat er einen entscheidenden Zwischensatz des Frankfurter Historikers über- sehen. Wenigstens nach der mir vorliegenden 12. Aufl. Bd. III, S. 613 (bei Evers ist citirt III, 600, 601) lautet die fragliche Stelle folgendermaßen: „Der Papst war viel zu sehr auf die Erhöhung seiner Familie bedacht; seine Unzufriedenheit über die Dinge in Italien und die Führung des Krieges in Deutschland (1547) wurde so groß, daß er, wenn man den Berichten des französischen Gesandten Du Morticr trauen darf, über den Widerstand sich freute, den der Kaiser von Seite der Protestircnden fand, selbst sogar für eine Unterstützung der letzteren sich anssprach." Aber hätte Paul III. gar kein Verständniß für die Nothwendigkeit der kirchlichen Reform besessen, so hätte er wohl leichthin Gründe finden können, die Eröffnung des Concils zu Trient im Dezember 1545 zu vertagen. — Dogmatisch unzulässig erscheint S. 68 die Auslassung, daß die Lehre von der Wandlung im Abendmahle ver- hältnißmäßig jungen Datums sei, während bei den Alexandrinern sich der zwinglischen Lehre ähnliche Auffassungen finden. Denn das Concil von Trient spricht in klaren und unzweideutigen Worten die Ueberzeugung aller Jahrhunderte aus, daß Christus selbst dieses erhabene Geheimniß seiner wirklichen Gegenwart in den Gestalten von Brod und Wein beim letzten Abendmahle eingesetzt habe, als er seinen Aposteln seinen eigenen Leib und sein kostbares Blut darreichte. Mag auch der Name Transsubstantiation sich in den inspirirten Büchern nicht vorfinden, die Sache selbst ist in den Einsetznngs- worten klar gegeben (Loss. XIII, oax. 1, 4 orm. 1, 4). Recensionen und Notizen. Ausgewählte pädagogischeSchriften desDefi- der ins Erasmus. Herausgegeben von Dr. D. Neichling. Johannes Ludovikus Vives. pädagogische Schriften. Herausgegeben von Dr. Fr. Kapser. Freiburg. Herder 1896. XXXVI. 436. (Bibliothek der katholischen Pädagogik. VIII.) 5 M.; gebd. 6 M. 80 Pfg. Dieser inhaltreiche VIII. Band der Bibliothek für katholische Pädagogik bringt das Lebensbild und die bedeutsamsten pädagogischen Schriften der zwei hervorragendsten Geister und Bahnbrecher im Zeitalter des Humanismus: Erasmus und Vives. Gleich von vornherein sei es gesagt: Das ganze Werk ist eine nicht mehr zu übersehende Arbeit für die Werthschätzung der beiden Männer und in Bezug auf Vives geradezu die Abtragung einer Ehrenschuld. Es ist Thatsache, daß der Zauber der Person wie das Parteileben der Zeit gar oft das kritische Auge für die Bedeutung großer Männer trübt. Auch Erasmus und Vives weisen diese Erscheinung auf, allerdinas in sehr entgegengesetzter Richtung. Während vor Erasmus als dem „unsterblichen Genie", als dem „Licht der Welt" die Mit- und Rammelt lauge Zeit förmlich in Änderung niedersank, blieb Vives, obwohl er au wissenschaftlicher Erudition einem Erasmus nur wenig nachstand, an ! grundlegender Bedeutung aber für einen methodischen i Betrieb der Wissenschaften und für die Jndicnst- ! stellung des Unterrichtes zu den Aufgaben der ! Erziehung ihn zweifellos übertrifft, „bis in die letzten i Jahre hinein — speciell im katholischen Deutschland — j fast gänzlich unbekannt". Wir dürfen darum das Werk > einen Act der ausgleichenden Gerechtigkeit nennen. — s Was nun speciell die Schrift über Erasmus betrifft, so geht der Verfasser Schritt für Schritt dem unsteten Wanderleben des großen Gelehrten nach, wobei er Zug um Zug aus seinen Schriften fein Charakterbild aushebt. Er kommt dabei, vielfach gestützt auf Janssen 2. Band, zu einem Ergebniß, das der durch die Jahrhunderte traditionellen Anschauung freilich nur zum Theil entspricht: Erasmus ist „nichts weniger als ein großartig angelegter Charakter", „auf keinem Gebiet ein bahnbrechendes 160 Genie"; aber als ganz „ungewöhnliches Talent" vereinigt er in sich wie in einem Brennpunkt fast das ganze Wissen der damaligen Zeit. „was ihm für immer die erste Stelle in der Geschichte der Wiederbelebung der antiken Wissenschaften sichert". In pädagogischer Hinsicht beschränkt sich nach Neichling des Erasmus Ruhm ans das Sammeln aller diesbezüglichen „Leistungen der vorausgegangenen Zeiten", sowie aus die Keimbilbung zu den „wichtigsten Reformen der neueren Zeit in überraschender Vollständigkeit, während das „religiöse Moment sehr in den Hintergrund tritt oder doch vielfach in Aeußerlich- keiten verläuft". Mag dieses Urtheil auch, zumal im Hinblick auf die Jahrhunderte lange, übertriebene Ver- himmelung des Erasmus, etwas bitter klingen, es ist die reife Frucht gewissenhaften Studiums seiner Werke. Zur Erhärtung der ausgehobenen pädagogischen und didaktischen Anschauungen folgen dann in Uebersetzung die beiden Schriften: „Ueber die Nothwendigkeit einer frühzeitigen Unterweisung der Knaben" (Seite 45—101) und „Ueber die Methode oes Studiums" (S. 102—119). Die beiden Abhandlungen, besonders aber die letztere, verdienten wegen der zahlreichen allgemeinen und speciellen Bemerkungen eine Veröffentlichung und verdienen Beachtung auch noch in unseren Tagen. — Die einleitende Biographie und Charakteristik des Vives war zweifellos eine Arbeit angenehmerer Art als die über Erasmus. vr. Kayser fand in Vives einen durchaus edlen und ganzen Charakter, der seinem Leben und Handeln in all- weg seine innere Ueberzeugung aufprägte, so daß bei freiem Blick eine derartige Verkennung desselben nicht möglich gewesen wäre. Dementsprechend ist auch die Charakterzeichnung mit aller Liebe ausgeführt. Vives besaß einen universellen Geist, der ihn zu einer „der glänzendsten Erscheinungen in der Geschichte des menschlichen Geistes macht". Aber bei alle dem blieb Vives „ein treuer und demüthiger Sohn seiner Kirche", ein sprechender Beweis gegen die Behauptung, daß der Humanismus mit innerer Nothwendigkeit seine Anhänger in einen Gegensatz zur Kirche bringen mußte. Seine literarische Thätigkeit erstreckt sich auf fast alle Gebiete, und in seinem Hauptwerk „vs äisoixlinis" gibt er — also am Anfang des 16. Jahrhunderts! — eine förmliche Encyklopädie der Wissenschaften. Sein Hauptverdienst aber in diesem ivie in der Mehrzahl seiner übrigen Werke und die Hauptbedeutung seines Lebens übcrhaiipt liegt in einem bis dabin unbekannten, streng systematischen Aufbau der Didaktik und Pädagogik. Fast sämmtliche Principien der neuern Pädagogik, die man bisher immer späteren Jahrhunderten zugeschrieben hat, finden sich bei Vives und sind mit Verschweigung seines Namens von ihm entlehnt worden, vr. Kayser nennt ihn darum mit Recht „den Begründer der neueren Pädagogik". Dabei ist sein System nicht erii Erzeugniß bloßen Spekulrrens, sondern es ruht aus der festen Grundlage eigener Erfahrung und Beobachtung. — Von seinen pädagogischen Schriften hat Dr. Kayser übersetzt: 1) „Ueber den Unterricht in den Wissenschaften" (des oben genannten Hauptwerkes 2. Theil in 5 Büchern, S. 180—339); 2) „Ueber den Lebenswandel und die sittlichen Grundsätze des Gelehrten" (S. 340 bis 260), ein in seiner Art vielleicht einziges Schriftchen; 3) „Die Erziehung der christlichen Frau" (S. 361—414); 4) „Lehrpläne für das Studium der Knaben" (S. 415—426). Die Lectüre dieses Schriftstellers läßt sich mit keinen besseren Worten empfehlen, als sie Wychgram gebrauchte: er „sei des Studiums werth wie wenige". — Dem ganzen Werk ist eine kurze, aber treffliche, allgemeine Einleitung vorausgeschickt, die sich über den Unterrichtsbetrieb im Mittclalter, über das mittelalterliche Latein und über die Bestrebungen und Verdienste des älteren Humanismus verbreitet. Ein umfassendes Personen- und Sachregister (9 S.) vervollständigt die Verwendbarkeit des prächtigen Werkes. Durner. Der heilige Fidelis von Sia marin gen. Erstlingsmartyrer des Kapnzinerorbens und der vonsrsAatio äs propaA'anäs tiäs. Ein Lebens- und Zeitbild aus dem 16. und 17. Jahrh. Nach Quellen bearbeitet von 1?. Ferdinand della Scala. Mainz, Kirchheim. 8', 307 S.. 20 Bilder. M. 3. * Am 24. April, schreiben die Bollandisten, feiert man das Fest des hl. Fidelis von Sigmaringen aus dem Kapuzinerorden, der 1622 zu Seewis in Graubünden von den Häretikern, welche er zum wahren Glauben zurückzuführen suchte, ermordet ward. Nach Lucian von Mon- tavon, Angelus Maria von Rossi und manchen Andern hat es U. ?. Ferdinand della Scala unternommen, das Leben des glorreichen Märtyrers zn schreiben. Gleich in der Vorrede zeigt er sich als gut unterrichteten und gewissenhaften Biographen. „Der hl. Fidelis", sagt er, „gehört seinem Leben und Wirken nach der Geschichte an. Beobachten wir demgemäß in Allem, was ihn betrifft, das Verfahren der wahren Geschichtsschreiber und nehmen wir nicht, um den frommen Sinn der Gläubigen zu erbauen, Thatsachen an, welche zuverlässige Dokumente niemals berichtet haben." Es zeigt sich eine große Umsicht und Klugheit im Gebrauche, den der Verfasser von den fast unmittelbar nach dem Tode des Heiligen eingeleiteten Processen macht. Um den Leser von der Wirklichkeit eines Vorganges zu überzeugen, genügt nicht der Nachweis, daß er in den Proceßakten berichtet wird; es muß auch der Zeuge, welcher die Thatsache behauptet, sich durch sein Wissen und seine Wahrheitsliebe empfehlen. Das entgeht dem della Scala nicht, er weiß je nach dem Stoffe seirre Zeugen auszuwählen. Sollte es hier nicht am Platze sein, jenen Autoren, welche sich derartiger Dokumente bedienen, den Rath zn ertheilen, im Vorworte die Zeugen aufzuführen, welche sie im Verlauf der Arbeit zu citiren gedenken, indem sie für jeden von ihnen die Eigenschaft angeben, welche seinen Behauptungen mehr oder weniger Werth verleiht? So würde man den Leser an den Werth des Zeugnisses erinnern und ihm die Controlle erleichtern. So oft ihm dann im Texte oder in den Fußnoten der Name eines Zeugen begegnen würde, könnte er die Vorrede zu Rathe ziehen und unmittelbar ersehen, ob im vorliegenden Falle der Zeuge Glauben verdiene. Der neue Biograph des hl. Fidelis ist übrigens ebenso gilt unterrichtet, als er in der Verwerthung der Quellen behutsam ist. Die in seiner Vorrede befindliche Aufzählung der Aktenstücke, die er zu Rath gezogen, der Archive, die er erforscht, der Personen, bei denen er sich erkundiget hat, zeigt deutlich, daß er keilte Mühe gespart und alle Schritte gethan, um zu genauer Kenntniß der Thatsachen zu gelangen. (Im Anhang veröffentlicht ?. della Scala verschiedene. noch unedirte Aktenstücke, die wichtigsten sind einige Briefe und Predigten des Heiligen.) Auch die der storia postbuma gewidmeten Kapitel sind reich an Einzelheiten, oie Illustrationen, welche den Text zieren, sind gut gewählt und dem Stoffe selbst entnommen. Mit einem Wort. wir haben hier eine gute und solide hagiographische Arbeit, ^.ualscta Lollanäiana, tom. XV, p. 111 — 112, Brüssel 1696. Linzer theol.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1897. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 2. Heftes: Ein neues Beispiel von mißglückten! Eifer. Von k. A. M. Weiß O. kr., Uni- versitäts-Profeffor in Freiburg (Schweiz). — Praktische Bemerkungen über Generalbeichten und deren Abnahme. Von vr. Jakob Schmitt, Domeapitular zu Freiburg (Brcisgau). Zweiter Artikel. — Die Muttergottes - Feste und ihre Verherrlichung durch die christliche Kunst. Von vr. Heinrich Samson, Vicar in Darfeld (Westfalen). — Die heiligen Gräber in der Charwoche. Von k. Georg Schober V. 8». R-, Consultor der heiligen Ritencongre- gation in Rom. — Die Berufung der allgemeinen Concilien deS Alterthums. Von Domeapitular vr. Mathias Höhler in Limburg a. d. Lahn. — Nachklänge zur Miß Vaughan-Frage. Von v. Hilarin Felder O. Lector s. tüsol., Freiburg (Schweiz). Zweiter Artikel. — „Christenthum und Nationalismus." Eine zeitgemäße Studie von k. Robert Äreitschopf 0. 8. L. -- Pastoral - Fragen und -Fälle: Feuerversicherung und Brandstiftung. Von v. Augnstin Lehm kühl 8. ck. in Exaeten (Holland). — Unbefugtes Geschenk einer Klosterfrau. Von k. Johann Sch wienbacher O. 88. U., Provincial in Wien. — Versprechen. Von Jakob Linden 3. in Blyenbeek (Holland) ,l. s. w. I - Verautiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg tti-. 23 » 28. AM 1897. Christliche Kmrstiuteressen. Kirchenrestaurirungen in Bayern.*) H, I'. I'. Das Beispiel der glücklich durchgeführten Erneuerung der katholischen Frauenkirche in Nürnberg regte bald auch die Protestanten zur Betreibung der Ausbesserung der noch ruinösem altehrwürdigen St. Sebaldus- kirche dortselbst an. Die vor sieben Jahren begonnene Arbeit schreitet unter der Oberleitung des berühmten Gothikers Pros. Gg. Hauberrisser in München und der Ballführung des gründlich gebildeten und energievollen Architekten Jos. Schmitz in Nürnberg ihrer Vollendung entgegen. Und wenn die von Essenwein vollzogene Renovation der Frauenkirche im Ganzen als eine Achtung gebietende künstlerische Leistung anerkannt werden muß, so stellt sich auch die von Hauberrisser fast vollendete Erneuerung der Sebalduskirche, besonders in architektonischer Äeziehung, als ein mustergiltiges Nestaurattonswerk dar. Der Ostchor war der am meisten ruinöse von allen .äußern Bauthcilcn. Dieser wurde kurz nach Erbauung der Frauenkirche zwischen 1361—1377 dem ältern romanischen bezw. frühgothischen Schiffe, von der gleichen Länge mit diesem und seinem Westchor, angebaut. Er liegt aber mit dem Schiff nicht in einer geraden Achse, sondern biegt merkwürdiger Weise stark nach Norden ab. Zehn Pfeiler tragen die Kreuzgewölbe des Chores, der gleich einer eigenen dreischiffigcn Hallenkirche sich prä- fentirt. Während die Breite des Mittelschiffes im ältern Theile regelmäßig 23 Fuß und die Arkadenweite der Pfeiler etwa 17 Fuß beträgt, dehnt sich die Breite des Chormittclschiffcs durch Abweichung der nördlichen Pfeilerrcihe von 23 bis zu 28 Fuß aus, indessen der Abstand der Pfeiler von einander (Arkadenweite) sich mehr und mehr von 32 Fuß bis auf 21 Fuß im Chorabschlusse verringert. Um den offenen Chor des Mittelschiffes mit dreiseitigem Abschluß bildet der äußere mit seinen 14 Mauerpfeffer» einen Umgang mit den sieben Seiten des Scchzehnecks abschließend. Den Grund der nördlichen Abweichung wollen manche im Erdreich, andere in der Absicht des Baumeisters, bannt anzudeuten, daß Christus am Kreuze sein Haupt zur Rechten geneigt habe, finden. (?) Die Erweiterung gegen das Oktogon dürfte aber wohl Effekt- berechnung sein. Denn dadurch wird die Perspektive größer (während sie sonst sich verjüngt), und die Chor- halle» vom Schiffe aus gesehen, domiuirt. Die zwei ersten der Strebepfeiler sowohl an der Nord- wie Südseite verstärken sich zu den Seitenwänden je einer Portalvorhalle, die an der Grenze zwischen Chor und Langschiff in das Innere führen. Zu den interessantesten und prachtvollsten Stellen des äußern Baues zählt ohne Zweifel das nördliche von diesen, der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts angehörende Portal, die „schöne Brautthüre", so genannt, weil unter ihr die Brautleute gesegnet wurden, bevor sie zur Trauung in die Kirche traten. In den rechtwinkeligen Rahmen des offenen Manerthores ist oben ein mit Krabben besetzter Spitzbogen und unter demselben ein Rundbogen gespannt, deren Zwischcnräume mit Maßwerk und durchbrochenen Rosetten filigranartig ausgefüllt sind, während S. Beilagen 17 u. 19. der Rundbogen noch unten mit einem Kamme reichverzierter Spitzbögen besetzt ist. An der äußern Seite des Portals stehen die schönen statuarischen Figuren einer Madonna und des hl. Sebald; an den innern Eiugangs- seiten Adam und Eva und über ihnen Christus im Brustbild. An den geschmackvoll gestellten Säulen der Laib- ungen lehnen beiderseits, auf zierlichen Sittlichen stehend, die Statuen der klugen und thörichten Jungfrauen. Diese Figuren, fern von allem Naturalismus und noch ganz auf idealer Grundlage ruhend, streben mehr nach Schönheit als nach Wahrheit. Der Ausdruck der fast gleichen Köpfe ist mir wie schwach skizzirt. Klugheit und Thorheit und in Folge davon stillselige und erhabene Ruhe der Haltung auf der einen, Neue und Betrübniß in der Bewegung auf der andern Seite: das ist die stille Predigt, die hier der Künstler den Brautleuten in unübertrefflich anmuthiger Weise hält. Er hält sich Hiebei strenge in der Grenze, welche die noch herrschende Obmacht der Architektur über die Sculptur ihm zieht. Nicht auf dem Verschiedenen, sondern aus dem Gleichmäßigen liegt hier der Nachdruck, wodurch das architektonische Interesse, das einer ruhigen Gesammtwirkung, befriedigt wird. Dabei weiß er in klassischer Manier die gleichen Formen seiner in feinster Nuance bewegten und eingebogenen schlanken Gestalten durch einen wieder ganz frühgothisch fließenden, uobeln Faltenwurf zu beleben. Diese, sowie die andern gleichzeitigen Bildnisse in Nürnberg verrathen einen Geschmack in der Bekleidung und Anordnung der Gewänder und Bildung der Formen, und zeigen besonders die langgezogenen, weichen und geschwungenen Falten einen Stil, welche, gewiß ursprünglich von der römischen Antike beeinflußt, mit der Entwicklung der Gothik von Frankreich durch Deutschland nach Italien zurückwanderten. Dieser Stil findet sich in diesen drei Ländern gleichzeitig. In Deutschland kann man seine Entwicklung an einer Reihe von Denkmalen — der Bam- berger, sächsischen und Kölnerschule, und unter deren Einfluß an den Domen zu Mainz, Negensburg, sowie besonders ausfallend in Nürnberg, außer bei unsern 10 Jungfrauen, an den sogen. Schonhofer'schen Figuren des schönen Brunnens*) und des Portales der Frauenkirche — studiren. Auch diese Brunnen-Statuen, die sich gleichsam mit der Architektur in den Ruhm der Vortrefflichkeit des Monumentes theilen, zeichnen sich durch schöne Linienführung, naturwahre Durchführung und gute portraitirende Charakteristik aus, sind aber nicht so meisterhaft ausgeführt wie die besseren alten Arbeiten der Sebalduskirche. Die jetzigen untern Hauptfiguren sind übrigens minderwerthige Copien! Das andere südliche Portal des Chores zeigt aus derselben Zeit die Darstellung der hl. drei Könige in vier Rundbildern und außen an der Mauer das Bilduiß eines Bischofs. Von den roh ausgeführten Reliefbildern an den Strebepfeilern zeigt der am ersten nördlichen dargestellte „Einzug Jesu in Jerusalem" ein feines künstlerisches Verständniß. Das Original des weniger guten Nachbildes befindet sich im Germanischen Museum. Der zwischen den zwei genannten Portalen sich bewegende Chorumgang gehört noch zu jenen durch den ') Nach neuern Forschungen wurde das Monument von Heinrich dem Balier von 138 b —96 ausgeführt. 162 Reichthum ihrer Formen und Ornamente sich auszeichnenden gothischen Baudcnkmalcn. Gleichwohl weist er auch schon deutliche Spuren des Verfalles der Gothik auf. Wie an den langweiligen Pfeilern im Innern der Mangel der Capitale und Gesimse auffällt, so springt hier am Aenßern das Zusammendrängen des plastischen Schmuckes in die Mitte der Mauern, resp. Streben, gegenüber der mehr nüchternen Behandlung der hoher» Theile in die Augen. Da Mauer und Strebepfeiler ohne Unterbrechung bis zum Dache hinaufreichen- so bekommt die Kirche in diesem ihrem östlichen Theile das Aussehen eines einschiffigen Baues. Mauer und Streben sind bis zur Fensterbrüstung schmucklos und bilden dadurch einen massiv-kräftig erscheinenden Unterbau. Ueber dem untern Hauptgesims beginnt der reiche plastische Schmuck der mittleren Mauerpartie. Er besteht au den Pfeilern vornehmlich aus nischenartigcu, von Säulen getragenen und Fialen gekrönten dekorativen Giebeln, die zur Aufnahme von Heiligenfiguren auf Postamenten und unter Baldachinen bestimmt sind. Diese Figuren waren fast sämmtlich n i ch t mehr vorhanden. Die hohen Fenster, die schon theilweise sischblasenartiges Maßwerk enthalten, verdrängen nicht vollständig das Manerwerk zwischen den Streben (wie z. B. bei der Lorenzksrche in Nürnberg) und über letzteres breitet sich bis zu °/z Höhe die reiche plastische Dekoration aus. Auf einem feinen Gesimse oberhalb dieses Fialenschmuckes erheben sich schlanke Säulchcn, welche den obern Theil der Fensterlaibung einrahmen und den mit Krabbenyrnament und Kreuzblume versehenen Wimperg tragen. Die den Abschluß bildende Gallerie, sowie jene vor und über derselben emporragenden Fenstergiebel (Wimperge) und Fialenpyramiden wurden schon im Jahre 1561 bei eintretender Banfälligkeit abgebrochen, so daß seitdem das Dach ohne jede Vermittlung der Mauer wie in plumper Weise aufgestülpt erschien. Diesem ruinösen Ostchor, der die größere Raumhälfte der ganzen Kirche umfaßt, galt der erste Angriff der Ernencrungsarbeiten. Den Fuß des Daches umgibt wieder eine neue Gallerie, schön und maßvoll in ihrem Verhältniß zum Ganzen. Und diese wie die wieder hergestellten hohen Wimperge und Fialenpyramiden bilden den neuen belebenden Bekrönnngsabschluß der Chormauer. Diese Schlußpyramiden der Pfeiler könnten vielleicht Manchem im Verhältniß zu der Masse der Pfeiler etwas winzig erscheinen. Die untern Phramidenauslänser sind bedeutend kräftiger. Doch diese Anlagen beruhen auf individueller Anschauung und weisen auch die bewunderten Bauten des Mittelalters in dieser Beziehung verschiedene Stil- und Geschmacksrichtungen der alten Baumeister auf. Während man in Straßbnrg dieselben zarten Auslänfe ^der Pyramiden sieht, zeigen andere Bauten die charakteristischen schlanken und hochstrcbenden Glieder der Gothik. — Die ganze Steindckoration, Wasserspeier, Krabben, Blumen und> andere Ornamente sind sauber und charakteristisch gearbeitet. Die etwa sechzig Statuen am Aenßern des Ostchores, aus Kalkstein gemeißelt, sind von dem tüchtigen und leistungsfähigen Bildhauer Lcistner, Lehrer an der Knnstgewerbeschnle in Nürnberg, gewandt und stilistisch gut modcllirt und ausgeführt. Sie sind nach dem vom ehemaligen alten Bildschmuck noch vorhandenen reichen Vorbildermatcrial unter Benutzung ganzer Stellungen, Gcwandparticn, Köpfe rc. im alten Charakter gearbeitet. Man sieht es denn auch den pei nlichen Nach ahmungen der alten Bildwerke gleich an, daß sie nur dekorativ wirken und „sich ganz der Architektur unterordnen" sollen. Von moderner Empfindung braucht, ja soll nichts vorhanden sein und hat die Herstellung des Neuen in der Absicht der reinen Täuschung stattgefunden. Und nun wird auch wohl mancher Betrachter die Figuren für alte halten, besonders da sie gleich gedunkelt sind. Dem Kenner wird aber der Unterschied nicht entgehen. Denn in Wirklichkeit stehen sie im Detail hinter den bessern alten Meisterarbeiten entschieden zurück. Man vermißt nicht nur jene feine weiche Modcllirnng und Kraft des Ausdrucks der Köpfe (bei solchen exponirten, auf sich selbst gestellten Statuen), sondern auch den zarten Zug der Draperie, jene sich so weich und leicht anschmiegende Gewandung, in welche die alten Meister mit so viel Empfindung den Körper ihrer Figuren zu kleiden wußten. Dann erscheinen diese vielen Statuen doch auch gar zu „einheitlich". Interessanter wäre jedenfalls der ganze Fignren- schmnck ausgefallen, wenn mehrere so gewandte Bildhauer, wie Leistner einer ist, die Modelle gefertigt hätten. Gerade bei der Sebaldnskirche, die so viele Stilrichtungen ausweist, wäre eine gewisse individuelle Verschiedenheit der massenhaften Sculptnren am Platze gewesen. So rührt auch, wie bei der Nürnberger Frauenkirche, so bei andern reicher ausgestatteten Fagaden, Portalen und Außenwänden der alten gothischen Kathedralen der plastische Bildschmnck in der Regel von mehreren, oft sogar in Auffassung und Technik sehr verschiedengearteten Meistern her. Daß die neue Bildnerei so monoton ausgefallen ist, dafür kann aber der beauftragte Künstler nicht. Das wäre jeden: Andern bei der Masse von Figuren, die ja vorgeschricbenermaßen nur dekorativ sein sollten, auch passtrt. Der reiche Figurenschmuck im Innern ist sehr vielseitig. Die Sculptnren vertreten mehrere Jahrhunderte, und eine ist schöner wie die andere. Keine ist verwittert, und alle sind noch gut erhalten. Es gibt darunter vorzügliche Statuen, die sehr nachahmnngswcrth sind. Diese hätten zur Richtschnur dienen sollen. , (Schluß folgt.) Streifzüge durch die socialpolitische Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Mit Recht hat man Bodin als denjenigen bezeichnet, welcher zuerst im 16. Jahrhundert wieder den Anlauf unternommen hat, die christlichen Grundsätze auf socialem und politischem Gebiete zu vertreten, und ganz in seine Fußstapfen trat Gregor von Toulouse (1570 bis 1617) in seinem Werke „cks ropudlion iiöri 26". Aber, wie gesagt, die literarischen Produkte beider bedeuten nur einen Anlauf zum christlichen Princip: wir finden bei keinen: von beiden die nöthige Klarheit und Sicherheit und Konsequenz. Dagegen hat Giovanni Botero (1540 — 1617) wieder die goldene Mittelstraßc gefunden. Er ist wohl der einzige in dieser Periode, der wieder ganz auf die sittlich-religiöse Grundlage des positiven Christenthums zurückging und darum die richtigen Fundamente einer Gesellschaftsordnung gefunden hat; aber er wurde in dem Sturme nicht gehört. Berühmt ist er geworden durch sein Buch von der Ncgicrnngskunst (äells rnZivns äi 163 statv). Diese Schrift ist direkt gegen die macchiaveüistische Staatslehre gerichtet") und weist der Religion die ihr gebührende fundamentale Bedeutung im Staats- und Gesellschaftslebcn zu. Sie ist mit Geist, tiefer historischer Erudition und Weltteiintniß abgefaßt und will zeigen, wie das Nützliche nie vom Sittlichen getrennt werden und das Ungerechte nie nützlich sein kann. Weniger berühmt ist sein Werk: cie vitn xrinoixio oürimiani; dagegen wurde Botero einer der Gründer der statistischen Wissenschaften durch sein Werk von den Staatskräften der europäischen Reiche. In einem neuen Gewände tritt der absolutistische Gedanke hervor in der Satire Llanippös unmittelbar nach dem Einzug Heinrichs IV. in Paris 1594 erschienen. Diese Satire hat zum Gegenstand die Tagung der Generalstände von 1593, und es ist besonders die Rede des Vertreters des dritten Standes, die uns deutlich genug die politischen Ansichten des Verfassers, wahrscheinlich Pithon's, erkennen läßt. Hier quellen die Empfindungen so stark aus der Seele des Verfassers, daß sie die Form der Satire sprengen und uns die aufrichtigen Worte des Herzens vernehmen lasseim Wir vernehmen Worte feuriger Begeisterung für die absolute Monarchie und eines tiefen Nationalgesühls, das wir, mit solcher Energie vorgetragen, nur selten in der Literatur einer Zeit finden, der der Begriff der Nationalität noch nicht allzulange aufgegangen war. Indeß eine allgemeine Bedeutung hat die Satire nicht erlangt: sie ist nur ein Mittel gewesen zur moralischen Eroberung der öffentlichen Meinung für die Herrschaft Heinrichs IV., und diesen Zweck hat sie vollauf erreicht, indem sie mehr als das Schwert diesem König den Weg ebnete. Erwähnung verdient an dieser Stelle auch jener Mann, von dem Ranke") schreibt: „Den eigenthümlichen Inhalt seiner Gedichte aber schöpft er aus der Weltstcllung der emporkommenden Monarchie und den Handlungen Heinrich's IV." Es ist Frangois de Malherbe (1555 — 1627). Wenn wir ihm auch keine so hohe, selbstbewußte Auffassung seiner dichterischen Produktion zuschreiben, wie Ranke, so ist doch wichtig, daß ein Mann von seinem Einfluß sich so rückhaltslos zu den Grundsätzen der absoluten Monarchie bekennt und, was ihm nie abzusprechen ist, von tiefstem patriotischem Gefühle beseelt ist. In der Glorifizirung der Herrscher seines Landes übertrifft er fast noch den Ronsard; auch ist er wie dieser von der künftigen Weltherrschaft seines Volkes fest überzeugt. Ganz charakteristisch aber ist bei ihm die Jdentifizirung von Staat und Monarch.") So wären wir am Ende unserer „Streifzüge" angekommen. Wollen wir unsere Beobachtungen kurz re- gistriren, so müssen wir sagen: in der Renaissance-Periode macht sich das lebhafteste Bestreben geltend, auch auf dem Gebiete der Rechts- und Gesellschaftswissenschaft mit der christlich-conservativen Vergangenheit zu brechen. Plan versucht in dieser Zeit des Ucbergangs das Staatsrecht vollständig umzubilden, und zwar im Gegensatz zu der altchristlichen Rechtsanschauung und zu den altchristlichen socialen Principien, lind der Boden, auf dem man das neue Gesellschaftsidcal aufbauen will, ist ein ganz materialistischer. Aber die Konsequenzen, zu denen man getrieben wurde, stehen zu einander im Gegensatz. Dieser ") Walter. Naturrccht und Politik S. 539. 648. ") Ranke, ebdas. Bd. III S. 394. ") Band I. Nr. XIX V. 57. ct'. das spätere Wort: »llütai v'est mvi." Gegensatz läßt sich in den zwei Schlagwörtern ausdrücken' dynastischer Absolutismus und demokratischer Liberalismus. Aber bei der Gleichheit des principiellen Programms ist dieser Gegensatz nur ein äußerer, auf den Gegensatz der egoistischen Interessen gegründeter, kein innerer und principieller; denn beide extremen Richtungen involviren den Widerspruch gegen die christlich-conservative Idee. Indeß darf man nicht glauben, daß diese Zeit eine Ausnahme gemacht hätte von den Eigenthümlichkeiten der Uebergangszeiten. Das Charakteristicnm der Uebergangs- zeiten ist, daß sie nur ephemere Erscheinungen liefern, die bald wieder der Geschichte anheimfallen. Und so kommt auch die Periode der Renaissance nie über den Anlauf, den Versuch hinaus. Keines ihrer socialpolitischen Systeme ist in den Fluß einer geschichtlichen Entwicklung eingetreten, sie treiben nur wie Schaumblasen aus der allgemeinen Gährung der Geister hervor, um bald wieder zu verschwinden. Und was sie eine Zeit lang lebebensfähig an der Oberfläche erhielt, war das religiöse Ferment, das gerade damals zu einer radikalen Umgestaltung des kirchlichen Lebens trieb. Darum finden wir auch beide politische Richtungen dieser Periode unter einer religiösen Maske. Das „Wort Gottes" war das religiöse Schlagwort für die egoistische Erweiterung der Fürstenmacht; „evangelische Freiheit" war die Parole für die liberale Revolution von unten. Erst nachdem die. religiöse Aufregung sich gelegt, war auch dieses Schlagwort unbrauchbar geworden. Und jetzt war die Zeit gekommen, in der man mit der radikalen Umgestaltung der Rechts- und Gesellschaftstheorie Ernst machte. Die Parole hieß „Naturrecht". Schon Hugo Grotius, Bcllarmin, Suarez, Puffen- dorf, Thomasius haben auf diesem neuen Boden ihre politische Doktrin aufgebaut. Aber namentlich waren es Hobbes und Locke, die sich für berufen hielten, die philosophische Basis zu gründen für die in der Renaissance ausgestreuten Ideen. Und es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß gerade zu einer Zeit, in welcher der Absolutismus in der französischen und englischen Politik seine conkrete, praktische Ausgestaltung erhielt, Ideen am Webstuhl der Zeit ausgebrütet werden konnten, die später eine so blutige Katastrophe heraufbeschworen haben. Hobbes und Locke waren diejenigen, welche die schon in der Renaissance deutlich genng erkennbare demokratische Strömung in ein konsequent ausgebautes, fertiges System brachten. Sie gehen beide von der Idee des Social- contraktes aus und nehmen demnach einen sogenannten Naturzustand an, formell ziehen sie aber die entgegengesetzten Konsequenzen. Hobbes huldigt dem monarchischen Absolutismus, Locke dem demokratischen Absolutismus. Zu diesem Gegensatz mochten die äußeren Verhältnisse beider Männer viel beigetragen haben: Hobbes war entschiedener Anhänger von König Karl II. von England und mochte in den religiös-politischen Wirren seiner Zeit eine eiserne Faust wünschen, die wieder Ordnung in das Chaos bringt; Locke dagegen ist in der republikanischen Gährung unter Karl I. aufgewachsen und war Anhänger der Parlamentspartei. Selbstverständlich hatte Locke's Auffassung mehr Chancen für sich, weil ein viel allgemeineres Interesse. So hat das Locke'sche sogenannte Naturrecht unter dem Einfluß der durch Baco von Verulam und Cartesius emancipirten Wissenschaft vorzugsweise dem demokratischen und rcvolntionär-repMkamschen Princip Bahn gebrachen. 164 Die geistige Nachkommenschaft Locke's waren Montesquieu und Rousseau.") Neceitsione» und Notizen. Schmid, u. Bernhard 0. 8. R.: Armand-Jean le Bonthillicr de Nancö. Abt und Reformator von La Trappe, in seinem Leben und Wirken dargestellt. Mit Erlaubniß der Klosteroberen und oberhirtlicher Druckgenehmigung. Regensburg 1897. Nationale Verlagsanstalt. 8°. Preis 3 M. 60 Pf. Der Bibliothekar des Bencdiktinerstiftes Scheuern, k. Bernhard Schmid, — ein in kathol.-theolog. Kreisen wohlgekanntcr literarischer Name von bestem Klänge — hat für uns gegenwärtige deutsche Leser die Lebensgeschichte des Abtes de Rancö so zu sagen erst unter der Bank hervorziehen müssen. Denn seit der 1844 zu Ulm herausgegebenen Uebertragung der Arbeit Chateaubriand's über den Reformator von La Trappe ist wohl nichts neues Nennenswcrthes über diese großartige Persönlichkeit bei uns erschienen. Und welche interessanten Seite,:- und Einblicke in das politische und religiöse Leben Frankreichs während des siebzehnten Jahrhunderts gewährt nicht die Durchforschung der umfassenden Thätigkeit des Stifters der Trappisten, dessen erste Lebensperiode sich zu Paris in unmittelbarem Contakt mit dem französischen Hofe abspielte! Der Vater de Rancö's ist Sekretär der Königin Marie von Medici, der Wittwe Heinrich's IV., die den kleinen Armand auf ihren Armen trug; zum Tanfpathen hatte dieser den Cardinal und Staatsmmister Richelieu erhalten. Der Verfasser führt uns in das Kloster Port Rojal, zu dem Hauptsitz des Jansenismus, welcher letztere zu Nutzen von Lesern aus der Laienwelt ein paar kräftige Schlaglichter vertragen hätte, geleitet dann nach La Trappe, wo de Nancö die Mönche in einen nahezu barbarischen Zustand versunken trifft. Alsbald beginnt die Schilderung der unter widrigsten Anfeindungen vor sich gehenden Reformirung des Cistercienser- ordens. Die in mehr als einer Hinsicht merkwürdige Person des Kardinals von Netz, eines der thätigsten Mitglieder der Fronde, wird da und dort berührt. Der Aufenthalt des Abtes de Rancö in Rom wird eingehend erörtert. Eine gewisse Vorliebe unseres Biographen für die strenge Observanz ist unverkennbar, kommt indeß dem Gegenstand des Buches in der Art zu gute, daß die historische Treue nicht darunter leidet. Ber der nun folgenden Schilderung der Weise, in welcher die Reform zu La Trappe durchgeführt wurde, wetlteifert der Autor in begeisterter Liebe für die höchsten Ziele des Ordenslcbens mit demjenigen, welchen seine Feder contcrseit. Die einzelnen Streitigkeiten beider Observanzen sind für Religiösen hochinteressant, für andere Leser bietet ihre anschauliche Auseinandersetzung zum mindesten einen neuen Beweis, daß die Geschichtsschreibung heute eine Domäne der Katholiken geworden ist. Die Kampfschriften zwischen dem gelehrten Mauriner Mabillon und de Rancö bezüglich der Pflege der Studien in den Klöstern finden ruhig abwägende Würdigung, die mit jener des Philosophen Leibnitz, des Universalgenie's der damaligen Zeit, übereinstimmt. So recht an die Herzkammern anpochend ist der Bericht von den letzten Schmerzenstagen des großen Abtes, der. gleich dem Laokoon in der berühmten Gruppe den Mund kaum zum Seufzen öffnend, jenes spätere Kaiserwort erfüllte: Lerne leiden, ohne zu klagen. Die Zeilen über das Hinscheiden des Vaters der Trappisten wird kein fühlender Mensch ohne innerste Rührung zu lesen vermögen. Die vorliegende Biographie gehört in jedes Männer- und Frauenkloster, sollte im Bücherregal des Weltgcistlichen gleichfalls nicht fehlen und wird auch alle Laien fesseln, die für Detailgeschichte, besonders wenn sie in solcher gefälligen Form, wie hier, geboten wird, Interesse hegen. Sre empfiehlt sich besonders auch als Geschenk für studirende Jünglinge. Der Preis ist in Anbetracht der hübschen Ausstattung des Werkes als ein niedriger zu bezeichnen. Dr. Joseph Her deck. ") Den näheren, inneren Zusammenhang entwickelt Meyer, Grunds, d. Rechts u. d. Sittlich!. S. 199 ff. Ecker Jak., Jmmanuel: Am großen Tag der Kommunion. Paderborn, F. Schöningh (1897). 8°. VII -si 800 SS. M. 3,00; geb. M. 8,20. s Ein treffliches Werk in zu Herzen dringender Sprache, Belehrungs-.Bctrachtungs- und Gebetbuch zugleich in höchst geschmackvoller Ausstattung. Der erste Theil (S. 1—121) gibt die dogmatische Grundlage in klarer, kurzer, aber wohl durchdachter Form mit gewissenhafter Angabe der Schrift- und Väterstellen. Der zweite, erbauende Theil mit acht Communionandachten ist bewährten Geisteslehrern, gott- erleuchteten Personen aus dem Ordensstande entnommen. Manches verdankt man der innigen Auffassung deutscher Mystiker. Das Titelbild, eine bekannte süßliche Darstellung französischen Geschmackes, wäre besser weggeblieben. Solche Absonderlichkeiten religiöser Aesthetik vertragen wir vielfach noch ganz vernünftige Deutsche nun einmal nicht. _ Memminger Anton. Der Talmud. 8°. 104 SS" Würzburg, Memminger 1897. (II.) M. 1,00. HH Die Schrift gibt ein Bild von der Entstehung und dem Inhalt des riesigen Werkes, welches die Jsraeliten als ihren durch Alter und Sitte geheiligten Rcchtscodex verehren. Nachdem durch die Urtheile von Münchener Gerichten die Verbreitung des sogenannten Talmud- Auszuges in Bayern verunmöglicht worden ist, lenkt sich die allgemeine Aufmerksamkeit erst recht auf den Talmud. Wer sich einigermaßen über dessen Bedeutung unterrichten will, ohne allzu tief in den Gegenstand eindringen zu wollen, kann in vorliegender Schrift die nöthigste Auskunft erholen. Besonderes Vertrauen aber können wir einem Verfasser nicht schenken, dessen Kenntniß christlicher Theologie so gering ist. daß er (S. 33) von der „talmud- ischen -Moraltheologie der Jesuiten" zu reden wagt. Allgemeine Kunstgeschichte vorn Standpunkt der Geschichte, Technik, Aesthetik von vr. ?. Albert Kühn, 0. 8. L. Im Jahre 1890 wurde vor: Venziger u. Comp. das obige Lieferungswerk angekündigt und zum Abonnement darauf eingeladen mit der Erklärung, das Manuskript sei bis auf die letzten Bogen abgeschlossen und das regelmäßige Erscheinen der Hefte im voraus gesichert. Die paar ersten Lieferungen trafen auch wirklich in nicht allzulangen Zwischenräumen ein. Aber seitdem herrscht die größte Unregelmäßigkeit und Verschleppung. Einmal blieb ein Heft sogar ein volles Jahr aus, und jetzt, nach Verlauf von beinahe sieben Jahren, sind wir glücklich im Besitz von 9 ganzen Lieferungen. Wenn das so fortgeht, werden wir den Abschluß des auf 28 Hefte berechneten Werkes mit Müh' und Noth vielleicht in weiteren 18 Jahren erleben, falls man nicht vorder die Geduld verliert und das Abonnement aufgibt. Nennt man dies sein Versprechen halten? Denn wenn das Manuskript abgeschlossen ist, liegt die Schuld an der Verschleppung doch offenbar nur an der Verlagshandlung. Diese könnte sich ein gutes Beispiel nehmen an Hinrichs in Leipzig, bei dem die vermehrte und umgearbeitete 4. Auflage von Overbecks zweibändiger Geschichte der griech. Plastik in unglaublich kurzer Zeit erschienen ist. Wenn der Verlag der Knhn'schen Kunstgeschichte zu einem schnelleren Tempo veranlaßt werden soll, wird es nothwendig sein, daß noch mehr Subskribenten gegen die unerträgliche Langsamkeit in Erfüllung seines Versprechens energisch protesüren. Or. Emin, Mehemed Esendi, Cultur und Humanität. Völkerpsychologische und politische Untersuchungen. 8°. II-i-168 SS. M.3,60. Würzburg. Stahcl 1397. Ein bei der gegenwärtigen Orientkrisis besonders beachteuswerthes Buch! An die höchsten Ideale der europäischen Culturmenschheit „Cultur und Humanität" legt der Verfasser dieses Buches die kritische Sonde. Das Ergebniß, zu dem er gelangt, entspricht zumeist nicht den modernen Anschauungen, verdient aber volle Beachtung. Besonders eingehend behandelt der Verfasser den Grundsatz der Gleichberechtigung der Menschen (ohne Unterschied der Rasse, Nationalität, Religion und Klasse), welcher niemals vollkommen durchführbar sei und — wenigstens zum großen Theil — allerorts ein todter Buchstabe bleiben müsse. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 24 Ieilsge M Ailgsömger Weiimg.» Mlli 1897. Hansen und der Hypnotismus. Von Charles Saint-Paul. Der Vorkämpfer und Wiedererwecker des Magnetismus und Hypnotismus, Karl Hansen, ist vor Kurzem in Mona gestorben. Seine letzten Lebensjahre haben sich für ihn zu einer schweren Leidenszeit gestaltet, da bet den vielen Verdächtigungen, die er erfuhr, und bei der oppositionellen .Haltung der Behörden gegen öffentliche hypnotische Schaustellungen ihm sein früheres Wirken unmöglich gemacht wurde und auch seine Körperkraft unter den drückenden Verhältnissen zu sinken begann. Es tvar ihm vor seinem Lebensende durch ein Lnngenleiden auch die letzte Möglichkeit des Erwerbes, Vortrüge über seine Wissensgebiete ohne die üblichen Experimente, noch genommen worden, so daß seine Gesinnungsgenossen einen Aufruf zu seiner und seiner Familie Unterstützung veröffentlicht haben. Anderseits hatte er noch die Anerkennung gefunden, daß in letzter Zeit die wissenschaftlichen Kreise Deutschlands zugestanden haben, daß er durch sein Auftreten den ersten Anstoß zu ernster Beschäftigung mit den hypnotischen Fragen gegeben, die Aufmerksamkeit dec Aerzte und Laien auf die bereits fast vergessenen Erscheinungen des Magnetismus und Hypnotismus gelenkt hat. Während des letzten Aufenthaltes Hansens in München im Jahre 1892 hatte ich Gelegenheit, diesen Mann, der so reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der modernen Experimeutalpsychologie in allen Wcltgcgcnden gesammelt hat, näher kennen zu lernen und einen genauen Einblick in seine Erfahrungen zu gewinnen. Es war zu dieser Zeit auch bereits in Süddeutschland seine frühere Anfeindung als Schwindler und Charlatau der Anerkennung seiner umfassenden praktischen Thätigkeit auf dem neuen experimcntalpsychologischen Gebiete, das auch er nur mehr mit Vorsicht betreten wissen wollte, gewichen. Die veränderte Anschauung der gelehrten Kreise über die hypnotischen Experimente trat insbesondere auch in München zu Tage. Es hatten sich in dieser Stadt hervorragende Fachmänner, wie Or. mecl. ot pfiil. Gcrstcr, Or. Baron von Schrcnck-Notzing, I)r. Baron du Prel sowie die Gesellschaften für psychologische Forschung und wissenschaftliche Psychologie, dem theoretischen und praktischen Studium des Hypnotismus und der verwandten Gebiete gewidmet. Hansen hat nicht geglaubt, daß die Bewegung, die er durch seine populären Schaustellungen in Deutschland einzuleiten bestimmt war, sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit so gewaltig ausbreiten würde. Er hatte selbst das Gefühl, daß die neuesten Forschungen der psychologischen und medizinischen Fachgelehrten den Hypnotismus und Magnetismus in einer von ihm nicht vorausgesehenen Weise erhellen. Deßhalb bemerkte er auch in seinen Vortrügen, daß er die psychologische Fortbildung und Erklärung andern überlassen müsse, während er selbst für sich nur das Verdienst in Anspruch nehme, in langen Jahren der Kämpfe und Anfeindungen unentwegt zur Anerkennung des Hypnotismus vorgearbeitet zu haben. Für weitere Kreise dürfte es von Interesse sein, einen Einblick in das Wirken Hansens und in die Ergebnisse seiner Forschung zu gewinnen, sowie speciell auch diese in ihrem Verhältnisse zu den sonstigen umfassenden hypnotischen Forschungen der Gegenwart beleuchtet zu sehen, und ich versuche deßhalb, in Kürze das mir hierüber zur Verfügung stehende Material im Folgenden zu verwerthen. Ehe ich in die Resultate der Beobachtungen Hausens näher eingehe, möchte ich seinen humoristischen Bericht über seine ersten hypnotischen Versuche und die Veranlassung seines ersten Auftretens in der Oeffeutlichkeit wiedergeben. Als er ein junger Mensch von etwa 15 Jahren war,') kam in seine Familie häufig ein Onkel, Justiz- rath Jakobsen, der hypnotische oder magnetische Versuche — damals unterschied man ja noch nicht genau zwischen Hypnotismus und Magnetismus, und der Experimentireude erzeugte den Schlafzustand durch das Streichverfahren der Magnetiscnre — machte und speciell auf ein Mädchen einzuwirken suchte, welches sehr leidend war und wirklich durch die magnetische Behandlung bald besser wurde. Der junge Hansen verfolgte nun diese magnetischen Experimente mit großem Interesse, und als der Onkel eines Tages ausblieb, beschloß er, selbst einmal den Hypnotiseur zn spielen. Es gelang vortrefflich; auch die Wiedererweckung des Mädchens machte keine Schwierigkeiten. „Papa", meinte der Junge, als sein Vater Abends nach Hause kam, „soeben machte ich Onkel das Magnetismen nach; frage nur Aunie, wie gut es ging!",. „So", sagte der entrüstete Vater, „Du hast magnetisirt! Dann kannst Dn auf Dein Zimmer gehen und oben bleiben, bis Du wieder gerufen wirst." Der junge Hansen wäre hierüber beinahe vor Schreck selbst in .Hypnose gerathen. Wußte er ja, was diese Worte zu bedeuten hatten. Mindestens 24 Stunden Stubenarrest! Schweigend und tiefbetcübt fügte er sich dem Befehle, innerlich gelobend, nie wieder zu experimcntircn. Doch derartige Gelübde werden oft gebrochen, und auch Hansen brach das seine, als er mit 19 Jahren auf die Akademie kam. Er fand daselbst einen Collcgen, von dem er wußte, daß er schon mehrmals magnetisirt worden war. Derselbe tvar sehr sug- gestibel und wurde deßhalb zum Opfer auserlestii, Bald darauf magnctisirte er schon vielfach zn Heilzwecken. Er ließ sogar die Patienten selbst im Schlafe die Heilmittel finden, ein Bestreben, das häufig,: wie er behauptet, mit Erfolg gekrönt werden soll. Bekanntlich haben auch Dr. Baron du Prel und Dr. Gerster ähnliche Experimente mit einem ihnen.befreundeten höheren Offizier, der im Feldzuge von 1870 schwer verwundet wurde und in Folge dessen sehr leidend war, angeblich mit Erfolg angestellt, du Prel berichtete hierüber in seiner Broschüre „Moderner Tempelschlaf" und in mehreren Zeitschriften.") ') Nach seiner Autobiographie (Zöllner, Wissenschaftl. Abhandlungen III. 556) wurde er in Odense in Dänemark im Jahre 1833 geboren. ") Wie Hansen behauptet, kam er durch eigene Erfahrung auf die Idee, das Suchen nach Heilmitteln in der Hypnose anzuordnen. Er hielt sich. ehe er seine großen Reuen machte, eine Zeit lang auf der Insel Aeroe bei Danemark auf. Daselbst lernte er eine Somnambule kennen, welche häufig, wie man sagte, hellsehend wurde und dann Heilmittel sowohl für sich wie für andere fand. Dieselbe soll nun einmal, als Hansen wegen einer Erkrankung sie besuchte, ihm den Rath ertheilt haben, einige Schritte von der Thüre des Gartens aus ins Feld hinaus zu gehen, wo .er dann ein Zwiebelgewächs finden werde, von dem er sich einen Trank bereiten und in bestimmten kleinen Dosen nehmen müsse. Anfangs will er über diesen Rath gelacht, spater aber gedacht haben, daß man es ja einmal versuchen köynte. woraus er aufs Feld ging. die. Hansen reiste nun später nach Australien und ex- periinentirte daselbst viel und mit großem Erfolge, — aber immer nur in Bekanntenkreisen. Da sollte er plötzlich zu öffentlichem Auftreten veranlaßt werden. Es geschah dies zu Ballarat in Australien. Daselbst leitete ein sehr schlauer Dankee das Theater. Derselbe hatte nun einmal Gelegenheit, die Versuche Hansens zu beobachten, und kam, da er ein Muster von „8martne88" war, hicdurch auf eine Idee, die er sogleich zu realisiren beschloß. Zu seinem Erstaunen erhielt Hansen eines Tages seinen Besuch und wurde gebeten» öffentlich gegen hohes Honorar als Magnetiseur aufzutreten. Der junge Hansen überlegte eine Weile und willigte dann ein. — Wider Erwarten erzielte er die größten Erfolge. Die „Hansensuggestion", welche durch die „smartneW" einesHankee in Australien hervorgerufen wurde, verpflanzte sich bald nach Europa, speciell nach England, wohin sich Hansen später begab. Dort wie in allen andern Ländern Europas, die er besuchte, fanden sich für seine Vorstellungen meist mehr Besucher, als die Säle fassen konnten. Nach und nach sammelte er seine Erfahrungen, allerdings nicht ohne vielfache Anfeindung und Opposition von Seite solcher, welchen die neuen Experimente nicht in ihr System paßten. Er wußte jedoch diesen, wie seinerzeit in Berlin, wo er den Aerzten und Vertretern der Presse durch gelungene Versuche an ihnen selbst bewies, daß Suggestion und Hypnose möglich wären, mit viel Humor und Umsicht entgegenzuwirken. Während seines Auftretens in Wien im Jahre 1880 hatte er vielen Angriffen zu begegnen. Mehrere Personen erklärten bei einer Vorstellung, daß seine „Medien" mit ihm im Einverständniß und bezahlt wären. Unter andern kam auch der Assistent der Chemie an der Technischen Hochschule, Heinrich Fischer, zu ihm auf die Bühne und rief, als Hansen ihm ohne Erfolg suggerirte, die Augen zu schließen: „Herr Professor! Sie sind ein Schwindler; bei der Probe habe ich nur auf Ihren Wunsch die Augen geschlossen, um Sie später entlarven zu können." Hierauf entstand im Theater eine so große Aufregung, daß die Vorstellung abgebrochen werden mußte, und Hansen stellte gegen Fischer Beleidigungsklage. Er setzte aber die Vorstellungen im Ringthcater noch einige Wochen fort, wobei es aber immer zu stürmischen Auftritten kam, da das Publikum theils für, theils gegen Hansen Partei ergriff. Wegen der Beleidigungsklage wurde ein großer Prozeß geführt, der mehrere Tage dauerte und in dem die Ge- richtSpsychiater Dr. Ferroni und I)r. Rüben sehr rcservirte ind skeptische Gutachten abgaben. Er endete mit Fischers Freisprechung, worauf Hansen nach Budapest ging, um dort noch größere Opposition zu finden. Es hatten aber anderseits bedeutende Gelehrte, die allerdings vom Materialismus nichts mehr wissen wollten, wie die Professoren Zöllner und Fechner, auch Geheimrath Professor Dr. Thicrsch, sich entschieden auf seine Seite gestellt und seine Rechtfertigung unternommen, ehe durch die endgültige Anerkennung des Hypnotismns durch die moderne Wissenschaft auch die endgültige Lösung der Frage, ob Hansen ein Schwindler sei, erfolgte. Das; man aber aus hygienischen und psychologischen Rücksichten seinen öffentlichen Experimenten entgegentrat, ist mit den Pflanze fand und sich ein Decoct davon machen ließ, das, wie er behauptet, seine Genesung herbeiführte. Hiedurch will er zu den Versuchen veranlaßt worden sein, auch andern auf ähnliche Weise zu helfen. Forschungen über die Gefahren der Hypnose in Zusammenhang zu bringen. Die Zahl seiner Experimente ist die höchste, die bisher von einem Hypnotiseur erreicht wurde. Hansen hypnotisirtc circa 35,000 Personen, während Vernhcim nur cira 20,000 Fälle beobachtet haben soll. Hansen unterscheidet drei Arten von Hypnose. Erstens nimmt er eine spontane Hypnose an, welche Wochen hindurch, aber auch nur einige Minuten lang dauern kann. Für sie kann man scheinbar keine äußere und innere Ursache finden. Eine solche muß aber doch vorhanden sein. Wie eine äußere z. B. bei der Kataplexie (Schrecklähmung) sich erweisen läßt, müssen bei näherer Nachforschung gewiß besonders innere psychologische Vorgänge sich als Veranlassung ergeben. Die zweite Art Hansens, die Autohypnose, d. h. diejenige, welche selbst hervorgerufen wird, kann vor allem durch anhaltende Gedankcnconcentration verursacht werden. Die natürlichen Somnambulen vieler Völker, z. B. die indischen Jagis (die übrigens die Hypnose auch durch Starrenlaffen in die Sonne oder in den Mond herbeiführen), sowie die mohammedanischen Fakire, sind hiefür Beispiele. Die dritte Art sodann, welcher Hansen einen eigenen Namen gab, ist die „inducirte" (eingeführte) Hypnose. Es ist diejenige, welche durch anhaltende Frcmdsuggestiou oder magnetische Einwirkung erzeugt wird. ^) (Fortsetzung folgt.) Christliche Knnstintereffen. Kirchenrcstaurirungen in Bayern.) (Schluß.) P. k. Es fehlt heutigen Tages freilich für kirchliche Kunstzwccke immer an den nothwendigen Geldmitteln. Am meisten soll aber stets an den Aufgaben für Werke der bildenden Kunst gespart werden. Daher greift man selten nach den ctivas theurern (oder auch nicht theurern) bessern Kräften, und wenn es geschieht» verlangt man nur dekorative Schnellarbeit, so daß der Architekt, wenn er auf solide Durchführung dringt, mit dem ausführenden Künstler ins Gedränge kommen muß. °) Ich lasse hier die genaue Unterscheidung der hyp- nosigenen Mittel folgen, die Gerster in der „Psychologie der Suggestion" vorgenommen hat. Er theilt sie folgendermaßen ein: I. Rein psychische Beeinflussung durch Real- und Verbalfuggestionen. II. Somalische Mittel, welche theils an sich die Hypnose erzeugen, theils die psychische Beeinflussung unterstützen. 1. Mittel, welche reizend, ermüdend, lähmend auf ein oder mehrere Sinnesorgane einwirken, und zwar auf a) den Gesichtssinn (Starrenlaffen mit oder ohne Objekt), b) den Gehörsinn (Metronom, Uhrticken, Rauschen, Tropsenfallen, eintöniges Vorlesen), e) den Geruchssinn (Chloroform, Aether, Moschus. Parfum), ä) den Geschmacksinn (Psefferminzzeltchcn)(?), e) den Hautgcfühlsinn (Streichen oder Reiben einer Hautpartie). 2. Mittel, welche die Funktion der Sinnesorgane von vornherein ablenken. (Verdunkelung des Zimmers, Schließen der Augen, schalldämpfende Vorrichtungen, Schließen der Gchörgänge mit Antiphoncn. 3. Mittel, welche toxisch eine für die Erhöhung der Sug- gestibilität (und damit für das Eintreten der Hypnose) günstige psychische Stimmung hervorrufen. (Alkohol, Narcoiiea in kleinen Dosen.) Principielle Gründe aber für rein typisch-dekorative Behandlung historischer Bildnisse, und seien es auch kirchlich-religiöse, wenn diese als Statuen und Standbilder gleichsam auf sich selbst gestellt und dem Auge so nahe gerückt sind, können wir keine entdecken, und zwar Weber in allgemein künstlerischer Hinsicht, noch im Hinblick auf die Aufgaben einer speciell zeitgemäßen kirchlichen Kunst. Daß sich das Bilduiß durch statuarische Geschlossenheit und stilvolle Zeichnung der Architektur anschließe, resp. unterordnen müsse, versteht sich von selbst. Als Kunstwerk hat es doch auch in sich selbst einen Zweck, und hat nicht einzig und allein rein äußerlichen ästhetischen Abstehlen, wie Belebung, Unterbrechung und Ab- rundung der Architektur, zu dienen. Es soll sich vielmehr auch an Geist und Gemüth des Beschauers wenden, um ihn durch die charakteristische Darstellung einer individuell ganz bestimmten geschichtlichen, d. i. wahrhaft lebensvollen, Persönlichkeit wenigstens einigermaßen Verständniß- und wirkungsvoll anzusprechen. Ferner hat es in unserer Zeit nicht mehr die vornchmliche Aufgabe, sich in rein symbolischer Absicht, als bloßes Wortzeichen oder kunstsprachlicher Begriff au unser Gedächtniß zu wenden, um uns zu erinnern, daß es einen St. Petrus und Paulus, einen hl. Laurentius, Sebaldns, Frauziskus gegeben, oder daß diese und jene religiöse Wahrheit als Dogma und Glanbensinhalt festzuhalten sei. Das alles lernt und liest heutigen Tages bereits das Kind in seinem Katechismus, biblischer Geschichte und seinem Gcbetbuche. Vollendet ist ferner die architektonische Erneuerung des nördlichen Schiffes der Kirche. Das in späterer Zeit eingefügte Pultdach wurde entfernt, die Fenster des Mittelschiffes sind dadurch freigelegt und wurde dem Seitenschiffe seine alte Gestalt mit der Maßwerkgallerie in einfachen schönen Motiven zurückgegeben. Fertig ist hier der neue Logenaufgang neben der Brautportalhalle. Es ist dies ein alter Einbau zwischen zwei Pfeilern mit zwei großen Fenstern, die mit Wimpergen bekrönt sind. Auch hier waren in späterer Zeit die obern Theile abgehauen und mit einem Pnltdache alle Schäden überbrückt worden. Dieses Dach ist nun glücklich entfernt und der Einbau in Conscqucnz mit dem klebrigen horizontal mit Maßwerk nnd Zinnengallerie abgeschlossen. Dieser kleine Ban trägt nun hier viel zur ganzen Stimmung bei, denn es ist alles so einheitlich und doch zugleich sehr mannigfaltig. Dieser äußere Aufgang an der Frauenseite führt in ein inneres nettes Chörlein. Dasselbe hat fünf einfache Wandflächen mit drei vergitterten Spitzbogenfcnstern, zierlicher Zinuenbekrönung und birncu- förmigem Dache. Nach unten wird es von einem reichen, mit Blnmenbändern umgürteten Korbe getragen, der auf einem Mauerknäuflein aufsitzt. Das nordwestliche Marienportal hatte vordem ebenfalls ein Pultdach, welches nun entfernt ist; es erhielt auch einen horizontalen Abschluß mit Maßwerkgallerie und macht nunmehr wieder einen intimen architektonischinteressanten Eindruck. Dieses Portal hieß eigentlich die „Anschreibthüre", weil an ihr die mit den Namen der Verstorbenen beschriebene Tafel aufgehängt wurde. Nach Rettberg wurde es zur Zeit des nördlichen Thurmbanes, um 1345, erneuert. Es ist durch ein guterhaltenes Spitzbogentympanon von hoher künstlerischer Feinheit ausgezeichnet, das oben die Darstellung der Krönung Mariens, darunter die ihres Todes und Begräbnisses darstellt. Es ist ein Bildwerk veredelter Gothik, spätestens vom ersten Anfange des XIV. Jahrhunderts, verständnißvoll com« ponirt, geschmeidig in der Behandlung der Form. Wie lebendig und poetisch fein empfunden ist nicht der Tod Mariens, wie dramatisch-effektvoll ihr Begräbniß dargestellt: Apostel tragen den Sarg, über ihnen schweben die Rauchfaß schwingenden Engel, und neben ihm stürzen die ungläubigen spottenden Juden zu Boden. Die Figuren der Verkündigung zu beiden Seiten sind aus derselben Zelt, ebenso die netten Sibyllen an den Kapitellen. Schon diesen ältern Arbeiten gegenüber stehen die neuen Sculp- turcn sehr ab. Die Südseite des alten Schiffes sammt Thürmen harrt noch der Ausbesserung. Der noch romanische Wcstchor (Löffelholz-Kapelle), zum Theil im XIV. Jahrhundert umgebaut, ist intakt. So gewährt denn die bereits vollendete und freigelegte Partie (Nord-, Ost- und halbe Südseite) des alt- ehrwürdigen und auch kunstgeschichtlich instrnctivcn christlichen Cultusbaues wieder den ächten architektonisch-originellen und malerischen Anblick zur Erhöhung des so historisch-stimmungsvollen Eindruckes der ganzen benachbarten Oertlichkeit. Diese erstreckt sich von der in feiner italienischer Renaissance sich prüscutireuden Langseite des Nathhauscs. zwischen Sebalduskirche und Morizkapclle (mit angehängtem „Bratwurstglöckle"), über den malerischen Albrecht-Dürer-Platz mit seinem ausdrucksvollen Standbilde des größten deutschen Malers (vom -st Pros. Rauch in Berlin), sowie dem Scbalder Pfarrhofe mit reizend gegliederten und reich gezierten Chörlein vom Jahre 1318. Als beachtenswerthestcs Kunstwerk des ganzen Aeußern der Sebalduskirche soll hier das am Ostchor hinter einem Eisengitter befindliche „Seünld Schreiers Begräbniß", eines edlen, durch manche Kunstfördernng verdienten „Kirchcnmeistcrs" (Vorstandes) Grabdenkmal, erwähnt werden. Dieses steinerne Hochbild mit etwa vier Fuß hohen Figuren hat eine Länge von 34 Fuß und Höhe von 9 Fuß, nnd wurde im Jahre 1492 2) vom Steinmetz Adam Krafft als eines seiner besten Werke ausgeführt. Das Bild auf dem Pfeiler rechts stellt die Krcuztragung, daneben links auf der Zwischenmauer die Kreuzigung Christi dar. Dann folgt die Grablegung, das künstlerisch werthvollste, weßhalb man das Ganze vielleicht mit diesem Namen gewöhnlich zu benennen pflegt. Es ist noch mit tieferer Empfindung und größerer dramatischer Kraft des Ausdrucks ausgestattet, als die Grablegung unter Krafft's weltberühmten „Stationen". — Joseph von Ariamathia und Nikodemus halten den Leichnam Jesu über dem Grabe, im Begriffe, ihn in dessen Tiefe zu betten; der wahrhaft rührende Schmerz der verlassenen Getreuen, von einigen mit erhabener Kraft bcmcistert, bricht in andern mit unaufhaltsamer Gewalt hervor, am leidenschaftlichsten in Magdalena, die mit gerungenen Händen am Fuße des Grabes uiedcr- kniet, am tiefsten in der hl. Mutter, die, in unnachahmlich inniger Auffassung in die Knie gesunken und ihren Arm unter den des Sohnes gelegt, mit erhobenem nnd zurückgebeugtem Haupte ihre Lippen auf die todcskalte Wange des geliebten Sohnes drückt. Auf dem linksseitigen Pfeiler sehen wir den aus dem Grabe steigenden Heiland von anmuthig edler Erhabenheit des Ausdrucks. Das Grabmal, wenn auch grauschwarz gedunkelt, ist sehr gut erhalten und zeigt Spuren früherer Polychromirung.' Das Relief über der südlichen „Schauthüre", das 2) Joh. Nendörsfer, Nachrichten von den Künstlern rc. in Nürnberg 1546 u. 1828. 168 jüngste Gericht darstellend, wurde, ebenfalls gewöhnlich dem Adam Krafft und zwar als sein erstes (bekanntes), zugeschrieben. Zu dieser Annahme, meint Professor Wanderer, -I führte wahrscheinlich die bestechende Zierlichkeit des stark an Manierirtheit streifenden Stückes. Mehr Aehnlichkeit hat es mit Veit Stoß'scher Art. Das folgende südwestliche Portal zeigt ebenfalls eine (ältere) Darstellung des jüngsten Gerichts, von besserer Abrundnng der Formen und sprechenderem Ausdruck als das am Lorenzportal, wenn es ihm auch sonst ähnlich ist. Christus, Maria, Johannes, die Engel und Abraham, mit den Seelen der Gerechten im Schoße, sind milde, anniuthige Gestalten; die Verzweiflung der Verdammten ist von naivem Effekt. Wohl aus etwas früherer Zeit stammen die beiden großen Figuren des hl. Petrus und St. Katharinas von schlanker Haltung und edler Bewegung. Einen durchaus neue», eigenartigen Charakter zeigt der mit einer gewissen idealisirendcn Naturalist!! behandelte, geradezu herkulische, überlebensgroße Crncifixus am Westchor. Er ist in Erz gegossen, wurde 1482 von den Brüdern Hans und Georg Stark gestiftet und brachte, im Laufe der Jahre dnnkelschwarz geworden, den Nürn- bcrgeru den Namen der „Hcrrgottsschwärzer" ein. Denn das Volk meinte, der früher vergoldete Christus sei in Kricgszcit schwarz angestrichen worden, um die Raublust der Soldateska abzulenken. Man kann es kaum begreifen, wie dieses auf dem genauesten Studium der Natur beruhende, durch die Wucht seiner realistisch mächtigen und zugleich klassisch vollrnndigcn Formen des energisch gestreckten Körpers sich hervorthuende Bildniß in die Zeit vor 1500 fallen soll. Lübkc möchte es gern auf jenen Eberhard Bischer zurückführen, der 1459 Meister wurde und 1488 starb, und vielleicht ein Bruder des ältern Hermann (Söhne des berühmten Erzgießers Peter Bischer) sei, und darin den Beweis eines realistischen Ucbcrgangsstadinms für die Vischer'sche Werkstatt noch vor den berühmten Grabmälern derselben erblicken. Ein Werk Hans Dcckcrs vom Jahre 1447 ist der steinerne St. Christoforns an der Ecke des südlichen Thurmes, der zwar etwas derb behandelt, aber gut,'durchgeführt ist. Als vorzügliche Arbeit aus der Krafft'schen Schule erweist sich das Relief im Bogenfelde desselben Thurmes, die Kreuzprobe der hl. Helena dastellend. lieber die reiche Ausstattung des Innern, deren allerprächtigstes Stück das Peter Vischer'sche Grabdenkmal des hl. Sebaldus ist, wird später einmal, wenn die Re- tzanrirnngsarbeiten abgeschlossen sein werden, berichtet. Das Richthaus des Pilatns am Hügel Sion. Von vr. Sepp. Aus Anlaß des Artikels „Zur Geschichte des Kreuzweges" (Beilage 16 ff.) sendet uns Herr Professor Dr. Sepp eine Entgegnung, in welcher er ausführt: Wir nehmen von dem Vorwürfe, den jetzt gütigen Leidensweg zuerst wissenschaftlich angefochten zu haben, Anlaß zur Rechtfertigung und überzeugenden Belehrung aller Leser, insbesondere des gelehrten Referenten in der „Postzeitnng" über den Kreuzweg. Gilt es doch, eine hochwichtige biblische Frage endgiltig erledigt zu wissen. Von Pilatns bezeugt Philo, der Zeitgenosse *) Wanderer. Adam Krasst und seine Sehnte. Nürnberg, Soldans Verlag. Christi, ausdrücklich (leZat. sei Onjnm pgF. 38), daß er in der Königsburg des Herodes Residenz hielt. Also die Finger davon! Der König baute, indem er den Asmonäer-Palast am Sion verließ, auf der Höhe der Oberstadt, wo frische Luft und Gärten mit springenden Brunnen, genährt vom Gihon oder Maccilla- teichc, ihn der schwülen, dumpfen Unterstadt vollends entrückten, sich ein neues Herrscherschloß im 13. Jahre seiner Regierung, 24 Jahre vor Christus. Herkömmlich nahmen die römischen Statthalter und Landpfleger von den Residenzen der verdrängten KLnigsgcschlechtcr Besitz; ivir erfahren dies auch aus Cicero's Rede gegen Verres II, 5.- Der Prätor in Sicilien hatte den Palast des Königs Hierome; dasselbe lvar der Fall in Syrien und Palästina. Im Prätorium des Herodes zu Cäsarea wird Paulus in Begleitung von 200 Legionären in Verwahrung gebracht und dann den Landpflegern Felix und Festus vorgeführt. Apostelgesch. XXIII, 35. Der Herodespalast am Burghügel Sion schloß einen prachtvollen Augnstus- und Agrippasaal ein; nach feinem Tode nahm -darin sofort der syrische Statthalter Sabinns Wohnung; , da aber die „Juden ihn angriffen, bestieg der Prokurator -die höchste Spitze der Davidsburg, den Thurm Phäsael, nm dem Straßenkampse zuzusehen, und als der Königspalast unhaltbar geworden, zog die Besatzung sich in die nahen drei noch heute stehenden Thürme" zurück. Der Civil-Gouverncur commandirte ja die Truppen nicht selber (Joscphus stall. II. 3, 1). Der „Stuhl des Landpflegers" kommt als be- ' stimmte Oertlichkcit schon bei Nchemias III, 7 vor. Er hieß Gabbatha oder stha-x und lvar von Stein mit Stufen sestgerammelt in den Boden, wie auch der Talmud Lstocla, aara. I, 7 meldet. Ihn bestieg Pilatns, wie sein späterer Nachfolger Florus, und setzte sich auf das Tribunal der Davidsburg oder heutigen Citadelle gegenüber, nach der Angabe des jüdischen Geschichtsschreibers stall. II. 14, 8. Von hier aus ließ Florus sogar Ritter geißeln und aus Kreuz schlagen. Die Gei Helling ssänle stand auf der Hauptwache am Forum oder Obermarkte, und kommt, in die Sionskirche versetzt, noch in den ältesten Pilgerschriftcn vor. , , Beini Beginn des jüdischen Krieges, 65 n. Chr., steckten die Kikarier den Palast des Agrippa und der Berenice in Brand, nämlich die alte Makkabäer» Burg, wo Christus vor dem Vicrfürsten Herodes, seinem Landesherr», stand, im weißen Kleide verspottet und mit Dornen gekrönt wurde. Aber die Königlichen flüchteten mit dem Hohenpriester Ananias in den „oberen Palast", ja Berenice brachte die Nacht auf der Wache» austoäin, zu und stand andern Morgens bloßfüßig vor dem Richterstuhl des Florus. Dieser beeilte sich, aus dem Königshof nach dem Castcll zn entkommen, fand aber die engen Gassen mit Barrikaden versperrt und mußte wieder zurück. Hier nahmen 1800 Personen ihre Zuflucht, so groß waren die Räume, abgesehen vom Hofgarten; indeß rückten Kohorten aus Cäsarea zum Entsetze heran. Bei der Eroberung Jerusalems setzten die Römer sich in den „königlichen Thürmen" fest und pflanzten ihre Batisten und Katapulte znin Ansturm gegen die Königsbnrg auf. Die Sturinwidder stießen die Mauern über den Haufen und demolirten den Prachtbau, daß kein Stein auf dem andern blieb (stell. VI. 7» 1. 8) und noch Cyrillns Onteost. 39 von der Wüstclegung des Nichlhanscs Pilati „durch die Macht des Gekreuzigten" spricht. Von dcr Antonio steht noch «in Thnrm mit Naudfttgenguadcrn aus ältester Zeit, sie wurde nicht untergraben. Unter Karl dem Grasten ist von einem Kirchlein am Platz des Prätorinms auf dem Sionhügcl die Rede, auch fanden die Kreuzritter sich wohl Anrechte und traten den Kreuzweg von da durch die nun tief in die Erde gesunkene „Gartenpforte" Gen noth, den heute fo genannten Pctersbogcn nach der heiligen Grabkirchc an, obwohl das Richthaus des PilatuS als eigentlicher Ausgangspunkt nicht mehr cxistirte. Wann und wie konnte aber die Tradition, sich nach der Tcmpclkaserne verirren, welche, obwohl wir den Sachverhalt schon seit 50 Jahren wiederholt klar gelegt, noch heute so lebhafte Vertheidiger findet. Dieser Wechsel der Ueberlieferung am Ende der Krenzzüge hängt mit der Verlegnng der Statthalterei zusammen. Die Burg Antonio wurde zum Serail erhoben, und der sogenannte Teich Bethesda davor hcistt hievon Wirket es Serail (nicht Israel!). Der kicas Iiomo - Bogen steht an.,der. Stelle der Pforte Benjamin, und die Gerichtsverhandlung gegen Jesus mutzte außerhalb der Stadtmauern stattgefunden haben, wo nicht unten auf dem Tcmpclplatze, wo auch das Pflaster Lithostratos hieß, wie in dcr Oberstadt vor dem Prätorium. Die Annahme scheint absurd, aber steht es besser mit.dem Vorgeben, der Stellvertreter des Kaisers, dcr gewöhnlich nur zur Ostcrzcit nach Jerusalem kam, habe nicht im königlichen Palastc auf Sio» mit seiner Gemahlin Wohnung genommen, sondern ihn das ganze Jahr über leer stehen lassen und sich in dcr am Paschafestc vollgepfropften Kaserne einquartiert, wo regelmäßig eine Eohorte lag, die aber auf das Fest durch Herbei-. ziehen des Hauptcorps von Cäsarea unter ihrem Chiliarcheu oder Oberst verstärkt ivurdc (Jos. ^.ntig. XVIII, 0, 1), um die der Stadtbcvölkcrnng gleichkommenden Pilger- massen in Ordnung zu halten. Mau denke: Pilatus' Gemahlin Claudia Pcrcula, aus deren Geschlechte der nächste Kaiser hervorging, soll mit den Marktfrauen und Soldatenweibern zusammengewohnt, den Wäscherinnen guten Morgen gesagt und den Geruch der Garküchen eingeathmet haben, statt im Lustgarten auf Sion Hof zu halten und die vornehmen Besuche in Empfang zu nehmen! Denn in der unruhigen Kaserne Antonia wurde nach Josephus offener Markt gehalten. Gegen diesen Thatbestand kommen alle späteren Pilgcrangabcn und die allmählichen Sanctuaricn an der sogenannten Via. ckolorcwu nicht auf, wo immerhin Kaiser Hcraklius, aber nicht Christus das Kreuz nach Golgatha geschleppt hat. Bewiesen ist nur, daß nicht zuerst die Franziskaner als Hüter des heiligen Grabes von der auf unbestreitbaren Urkunden beruhenden Ueberlieferung abgewichen sind, sondern schon Federn von Zeitgenossen der Zurück-Eroberung Jerusalems für den Islam durch Sultan Saladin. Der gewissenhafte Historiker hat Niemand zu lieb die Wahrheit zu verhehlen und durch Nichtbeachtung der den Gegenstand erledigenden Werke unwillkürlich die Leser irre zu führen. Damit genug, hoffentlich für immer! Toblerhat sich übrigens mit dcr Frage gar nicht befaßt. Die Vorbildung des Clerus zunächst in Bayern. 6 Die Studienordnung für die Gymnasien in Bayern hat unter den Ministerien Lutz, Müller und Landmann verschiedene, zum Theile ziemlich weittragende Abänderungen erfahren. Die bedeutendste Neuerung, welche tief in die Entwicklung des gesummten Bildnngswesens eingegriffen hat, war ohne Zweifel die Einführung einer Vorbereitungsklasse mit Latcinunterricht. Man bezeichnete diese Klasse, da sie zu unterft angefügt wurde und den bis dahin nothwendigen „Vornntcrricht" entbehrlich machen sollte, eine Zeit lang als „erste Latcinklasse", wozu noch vier weitere Lateinklassen kamen. Heutzutage bildet diese unterste Klasse die erste Klasse des Gmnnasiums, die „erste Gymuasialklasse", denn das bayerische Gymnasium setzt sich nicht mehr aus vier, beziehungsweise fünf Latciu- und vier Gymnasialklasscn zusammen, sondern aus nenn (Gymnasial-) Klassen — bis auf Weiteres. Im Grunde stand, wie manch andere Verordnung des Ministeriums Lutz, vielleicht auch diese „organisatorische Veränderung" des bayerischen Gymnasiums nicht ganz außer Zusammenhang mit dem „stillen Kulturkampf". Die „Höschen- Studenten", wie die Schüler dieser ersten Klasse nicht ganz unzutreffend genannt wurden, die „Erstgymnasiastcn". wie sie sich selbst im Bewußtsein ihrer socialen Stellung zuweilen nennen, sollten dem Einfluß des Geistlichen entzogen werden, der, auf dem Lande wenigstens, den Vorunterricht — meistens um Gotteslohn — ertheilt hat. Auch in anderer Beziehung wurde durch die Einführung einer Vorbcrcitungsklassc mit Lateinuutcrricht die Kirche getroffen. Der Klerus rekrutirte sich bis dahin zum größten Theil bekanntlich aus den Söhnen der Bauern, welche, von ihrem geistlichen Jnstructor tüchtig in den Anfangsgründeu der lateinischen Grammatik geschult, an das Gymnasium kamen und mit den aus den Stadtschulen hervorgegangen«» Knaben meist in erfolgreiche Concurrenz traten, ja diese oft weit überflügelten. Wurden nun letztere bereits in einer Vorbereitungsklasse von einem Fachlehrer, einen, Philologen unterrichtet, so konnten sie nicht nur den Kampf mit den ländlichen Elementen aufnehmen, sondern diese zum Theil auch aus dem Felde schlagen, denn es läßt sich nicht bestreiten, daß die städtischen Schulen infolge einer Reihe für sie günstiger Umstände (erste Lehrkräfte, geweckteres Schülermaterial. nur einklassige Schulen, entsprechende häusliche Nachhilfe) namentlich im Teutschen bessere Resultate erzielen können als die ländlichen. Das frühere Nebergewicht der Bauernknaben war durch die Einführung der Vorbcreitungs- klasse beseitigt; die Waage neigte sich sogar auf die Seite der städtischen Knaben infolge der größeren Fertigkeit in der deutschen Sprache, dcr man fortan erhöhte Bedeutung zumaß. Es ist anch kein Zweifel, daß so mancher Banernsobn, der sich für den geistlichen Stand berufen glaubte, infolge dieser Umstände sein Ziel nicht erreichte; er mußte, nachdem er vielleicht schon einen Theil dcr Stndienlaufbahn zurückgelegt hatte, den Humaniora Lebewohl sagen: das Deutsch, die eigene Muttersprache, oder vielmehr die Vor- bereitnngsklasse mit Lateinunterricht, hat es ihm angethan. Anderseits führte diese Vorbereitungsklassc den bayerischen Gymnasien riesige Mengen von Schülern zu. Geiviß ist das große Wachsthum der Gymnasien und Universitäten auch der Zunahme der Bevölkerung zuzuschreiben, aber doch nur zum geringen Theil. Bald waren die Lehrsäle zu klein, es wurden Vergrößerungen vorgenommen und mehrere neue Gymnasien errichtet, so zu Würzburg, Bam' bcrg und Regcusbnrg; in München entstanden sogar zwei neue Gymnasien. Es folgten Entschließungen, mit Strenge bei Aufnahme- und sonstigen Prüfungen zu verfahren; seitdem ist bei mehreren Gymnasien eine gewisse Stabilität, bei einigen sogar ein kleiner Rückgang, was die Schülerzahl betrifft, zu constatircn, während bei andern der Zugang sich gleichwohl noch steigerte. Aus den Gymnasien gingen soviele Abiturienten hervor, daß der Staat, um nicht ein gelehrtes Proletariat heranwachsen zu sehen, auch für dre Universitäten neue, strengere Prüsungs-Ord- nnngen schaffen mußte. Nur ein einziger Stand zog in dcr Folge aus der Einführung dcr ersten Lateinklassc Nutzen, jener Stand, den, diese Neuerung Verderben bringen sollte : der klerikale Stand. Die Bischöfe sorgten für Errichtung, beziehungsweise Vergrößerung von Kuabenseminaricn, wozu opferwillige Laien und Geistliche nach Kräften beisteuerten. Dank dcr trefflichen Leitung dieser Seminarien wandten sich allenthalben zahlreiche Studirende — und nun auch bei Weitem mehr als früher solche aus der Stadt — dem Studium dcr Theologie zu. Zwar ist uoch kein Ueberllnß 170 ^on Geistlichen vorhanden, in der Diocese Speyer macht sich ncnestens der Mangel an Priestern wieder stärker .leitend, m andern Diöccsen ist noch da und dort eine Coadjutorenstelle unbesetzt, auch wird in München und in Nürnberg, ferner auch in der Diaspora in Zukunft manch neuer Katecheten- und Scelsorgeposten zu besetzen sein; aber der ärgsten Noth ist wohl überall so ziemlich gesteuert, was schon daraus hervorgeht, das? man in jüngster Zeit ernstlich an die allgemeine Einführung eines vierten theologischen Curses gedacht hat, eine Frage, welche freilich auch eine nicht zu unterschätzende materielle Seite hat. Ehe die Einführung eines vierten theologischen Jahres allgemein angeordnet wird, dürfte es sich empfehlen, die Bedingungen, unter denen eine solche Neuerung nach Lage der Verhältnisse sich am zweckmäßigsten erweist, ja sich allein segcnsvoll gestalten kann. auch öffentlich zu erörtern. Jegliche Neuerung, welche an sich eine Verbesserung ist, kaun unter Umständen nicht erwartete schlimme Folgen haben. So muß auch dieses Falls mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die allgemeine Einführung eines vierten theologischen Curses entweder nicht den gewünschten Erfolg in wissenschaftlicher und asketischer Hinsicht nach sich zieht, oder aber, was namentlich für kleine Diöcesen schwer ins Gewicht fällt, dem Zugang zum geistlichen Stande selbst nicht unerheblichen Abbruch thut. Eure gerechte, nach allen Seiten erschöpfende Würdigung dieser Frage dürste indeß unmöglich sein, ohne aus die ganze philosophische und theologische Vorbildung des Klerus wenigstens in der Hculptsache einzugehen, um daraus die nothwendigen Voraussetzungen für eine objective Beurtheilung jener Frage zu gewinnen und zugleich die Bedingungen für eine Möglichst ersprießliche Durchführung der Sache selbst abzuleiten. Daß eine gediegene theologische Bildung eine gründliche philosophische zur Voraussetzung hat, ist noch niemals bestricken worden. Wenn irgend eine Aussicht anf Erfolg vorhanden wäre, würde ich geradezu der Einführung eines zweiten philosophischen Jahres das Wort reden; nach der Studieuordnung der Gesellschaft Jesu geht dem vierjährigen theologischen Cursus sogar ein dreijähriger philosophischer voraus; so hoch wird seitens dieses Ordens die philosophische Bildung angeschlagen. In Bayern ist für den Candidaten der Theologie ein einjähriger philosophischer Cursus vorgeschrieben; wer Theologie studiren will, hat meines Wissens sowohl am Schlüsse des Winter- als des Sommer-Semester wenigstens in vier ordentlichen philosophischen Fächern ein Examen zu bestehen. Neben der Philosophie hat der Candidat noch Philologie und Geschichte, Physik, Chemie und Naturgeschichte zu hören. Es wäre gewiß zu beklagen, wenn eine einzige dieser Disciplinen aus dem Verzeichniß der Vorlesungen gestrichen würde, welche jeder Candidat der Philosophie zu besuchen hat; jede rst wichtig und interessant, und wer zu den Gebildeten zählen will, muß sich in all diesen Fächern, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, unterrichtet zeigen. Aber es ist nicht recht begreiflich, warum der Candidat in all diesen Fächern oder in fast allen auch eine Prüfung ablegen soll, eine Prüfung, nachdem er eine solche in Philologie und Mathematik, in Geschichte und Naturgeschichte schon am Gymnasium bestanden hat? Dazu kommt, daß den meisten Candidaten. soweit sie sich nicht mit Vorliebe für eines dieser nicht rein philosophischen Fächer interessiren, doch später einzelne dieser Disciplinen, besonders die Chemie, ziemlich fernliegen werden. Candidaten. welche Theologie nicht studiren, haben überhaupt kein Examen zu machen. Dies ist zu beklageii, sie sollten wenigstens in der Philosophie geprüft werden, welche für jeden Gebildeten von höchster Bedeutung ist. Um so mehr muß die Philosophie, welche die Basis für ein richtiges Verständniß der Theologie bildet, für den angehenden Candidaten der Theologie betont werden. In ihr muß die Stärke des Candidaten liegen, in ihr muß er zunächst (am besten schriftlich und nündtich) geprüft werden; die übrigen bisher vorgeschriebenen Examina aus den nicht streng philosophischen Disciplinen beschränke man wenigstens auf das eine oder rudere Fach, etwa in der Weise, daß der Candidat in zedem Semester, außer den rein philosophischen Examina, noch ein weiteres Examen aus einer anderen Disciplin, nn besten nach freier Wahl, zu bestehen hat. Welch eine Wichtigkeit hat für den Priester als Lehrer des Volkes und Richter desselben im „Richterstuhle Gottes" nicht schon die Logik, dieses Fundament der Philosophie und aller Wissenschaft, dieses Organon der Philosophie, wie Aristoteles sagt; welch eine Bedeutung sodann die Erkenntnißlehre, nicht zu reden vom wichtigsten Theile der Philosophie, der Metaphysik, welche sich auch mit dem erhabenen Gebiet der Gotteserkenntniß selbst befaßt! Nicht zu unterschätzen, namentlich für die heutigen Zeitbedürfnisie, ist auch die Ethik, die Social- und die Rechtsphilosophie, welche man, freilich (ivie mir scheint) nicht ganz zutreffend, die „praktische Philosophie" genannt hat. Soviel ist unbestritten, daß der Candidat der Theologie in all diesen Theilen der Philosophie einen gründlichen und gediegenen Unterricht erhalten muß, einen Unterricht, der jedem dieser Theile den ihm an sich gebührenden Raum zuweist. M. a. W., der Unterricht in der Philosophie darf nicht hauptsächlich oder ausschließlich eine Unterweisung etwa in der Logik sein, er muß vielmehr die meiste Zeit jenem Theile der Philosophie widmen und das Hauptgewicht auf jenen Theil legen, der den Mittel- und Höhepunkt der Philosophie bildet, die Metaphysik. Zum Vortrage der Philosophie wird der Lehrer mindestens 160 Stunden benöthigen, so daß etwa auf jede Woche des Wintersemesters fünf, des Sommersemesters sechs Stunden treffen würden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Michelitsch Anton, Atomismus, Hylemorphismus uud Naturwissenschaft: Naturwissenschaftlich-philosophische Untersuchungen über das Wesen der Körper. 8°. VIII -st 104 Seiten. Graz, Selbstverlag 1897. Preis 1 M- 40 Pf. -> Unter allen Zweigen der Philosophie übt auf den denkenden Menschen keiner einen solch unwiderstehlichen Reiz aus, als die Naturphilosophie, welche die letzten und höchsten Gründe des physischen Daseins ergründen will und zur Genossin die Naturwissenschaft hat, unter deren Zauberbann das moderne wissenschaftliche Streben in hervorragender Weise sich äußert. Hat uns doch die jüngste Zeit auf dem Gebiete der Physik, die keine neuen Erscheinungen zu bieten schien, mit den weittragendsten, ganz neue Bahnen eröffnenden Entdeckungen überrascht. Leider hält die Vertiefung unserer Kenntniß e nicht gleichen Schritt mit der Erweiterung des Wissens. Die Frage nach dem Wesen der Körper und der physikalischen Grundbegriffe finden wir selbst in den besten Lehrbüchern der Physik und Chemie oberflächlich behandelt, oft genug widersprrchsvoll, für den logisch denkenden Leser ganz und gar unbefriedigend erörtert; es zeigt sich da eine Un- beholfenheit und Verworrenheit, daß wir gerne die ersten Blätter überschlagen. Anderseits bekunden die Lehrbücher der Philosophie vielfach allzuwenig Vertrautheit mit den Resultaten der Chemie und Physik, als daß man es den Vertretern dieser Wissenschaften zu hoch anrechnen dürfte, wenn sie in vornehmer Geringschätzung dem Philosophen das Recht mitzusprechen versagen. Eine glückliche Vereinigung philosophischer Durchbildung mit physikalischchemischen Kenntnissen hat den Verfasser obigen Buches in den Stand gesetzt, die uns bekannten Schriften ähnlichen Inhaltes von Schneid, Hertling n. s. w. bedeutend zu übertreffen. Die Frage nach der Konstitution der Körper, eine der interessantesten und schwierigsten, thut die moderne Naturwissenschaft im Sinn des Ätomismus ab; derselbe ist ein Beispiel, wie eine Hypothese, die zur Vereinfachung der Erklärung von Naturerscheinungen angenommen wurde, allgemach eine Theorie, ja sozusagen ein Dogma des Physikers werden konnte. Es kann in der That nicht geleugnet werden, daß die moderne Atomen- lehre etwas Blendendes und Bestechendes hat, so daß auch der Philosoph sie nicht lassen will und muthlos (wie Tongiorgi) ausruft: ,,^-etum S8t äs obimioa soioutia, si peripsiotieam tlisorirnn eseipsrs eoKamur". Anders Michelitsch. Er zeigt in überaus klarer und überzeugender Darlegung, daß die Chemie selbst trotz ihrer Atomenlehre gewisse unerklärliche Reste bestehen lassen mich, die dem tiefer Blickenden nicht entgehen, und daß gerade diese für den Hylemorphismus sprechen, für die Aristotelische Lehre von Materie und Form, die auch sonst nirgends den ge- 171 sicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft widerspricht. In dem Sinne handelt der Verfasser, wohl ausgerüstet mit Einzelkenntnisscn in der Chemie, von der merkwürdigen Erscheinung der Allotropie der Körper (z. B. Ozon und Sauerstoff), die er lieber Allusie nennen möchte, ferner von der Jsomerie und Polymerie (z. B. Stärkemehl und Cellulose — Traubenzucker und Essigsäure), welche die Chemie auf atomistischer Grundlage durch den verzweifelten Ausweg der jeder experimentellen Basis entbehrenden Strukturformeln erklären will. Es folgt dann die Erörterung des bestimmten Volum- und Gewichtsverhältnisses. In all diesen Erscheinungen sieht der Verfasser Beweise für die wirkliche Wesensverändernng an den Körpern. Der zweite Theil enthält vorzüglich (Seite 47 — 62) die Begründung des Hylemorphismus, dessen Werth und Bedeutung für die Physik (Ausdehnung, Verdünnung, Verdichtung, Schwerkraft, Cohäsion, Adhäsion, Elasticität u. f. w.) un dritten Theil ausgeführt wird. Zum Schlüsse bringt der Verfasser noch eine geschichtliche Rundschau über die beiden Systeme des Atomismus und Hylemorphismus. Die Eintheilung der kurzen, aber inhaltreichen Schrift ist klar und übersichtlich, die Darlegung lückenlos und scharfsinnig. Daß der Verfasser auf diesem überaus schwierigen Gebiete das letzte Wort nicht gesprochen, ist selbstverständlich; daß aber sein „bescheidener Versuch" mit erfreulicher Conseyuenz durchgeführt ist, um die physikalischen und chemischen Erscheinungen im Sinne des Hylemorphismus zu erklären, wird der Leser mit Genugthuung wahrnehmen. Wir können dem Verfasser, der jüngst zum Professor der Apologetik an der Grazer Universität ernannt wurde, zu dieser höchst interessanten Schrift nur gratuliren, und wünschen, er möge fernen Versuch im Laufe der Zeit zu einem Lehrbuch der Naturphilosophie ausbauen, das die Ergebnisse der physikalischen Forschung eingehender, als bisher, berücksichtigt, um auch die Naturforscher mit der tiefen Auffassung der alten Philosophie zu befreunden, die mit der neuen Wissenschaft im vollen Einklang steht. Kaufmann C. M., Die Jcnseitshoffnungen der Griechen und Römer nach den Sepulcral-Jnschristen: Ein Beitrag zur monumentalen Eschatologie. 8°. IV -s- 85 SS. Freiburg i. Br., Herder, 1897. 2 M. 4 Der Verfasser betritt mit dieser dankenswcrthen Abhandlung ein neues Gebiet der klassischen Alterthums- wisscnschaft, das uns interessante Einblicke ins religiöse Leben der Griechen und Römer eröffnet. Das Ergebniß der Untersuchungen ist in folgenden Worten zusammengefaßt: „Die bei rein semitischen Völkern vergebens gesuchte Ueberzeugung, daß das Dasein des Menschen mit dem Tode nicht schlechthin aufhöre, liegt tief im griechischen Geiste befestigt. Kein Zweifeln und Wanken, sondern würdevolle und hoffnungsreiche Ergebung haben seine ältesten Epitaphien gelehrt. Sie begnügten sich damit, ihre Hoffnungen auf besseres Nachleben anzudeuten und im aufgeklärten nachperilleischen Zeitalter dein Jenseitsbilde einige scharf-charakteristische Striche beizufügen. Diese wohlthuende Sicherheit nimmt mit dem Untergänge der Selbstständigkeit der griechischen. Staaten ein Ende, und erst als die römischen Eroberer griechischen Geist, griechische Weisheit und Sitten in ihre Lande einführten, begann Trostlosigkeit und Zweifelsucht sich des epigraph- ifchen Formulars zu bemächtigen .... Die ganze Kaiser- zeit hindurch tritt rieben die krasseste Leugnung jeglichen Daseins nach dem Tode das heitere Bild einer „vita bsata" im Elysium." — Die Apologetik wie die vergleichende Neligionsgeschichte wird, wo sie vorn Unsterb- lichkeitsglauben der Völker handelt, diese wichtige Abhandlung nicht ignorircn dürfen. Loreuzelli Ben., kbilosopliiae tbsorelieas iustituiäoues seeunäum äoetrloam äi-istotslis st s. ll'llomao -X.guinatis. Ratisbonas, k'r. Unstet. 1896. (II.) 8°. 2 voll. pp. XXVIII -s- 330: XX -si 628. Ures. 14.50. V Dieses begueme, treffliche Lehrbuch der Philosophie, das sich auch durch seinen mäßigen Umfang vortheilhaft empfiehlt, hat zum Verfasser den gelehrten derzeitigen apostolischen Nuntius in München, welcher vormals Nector des böhmischen Collegs in Rom war und als solcher die Fähigkeiten wie dieBedürfuisse strebsamer junger Theologen praktisch kennen lernte. Das Buch zeigt ebenso eine hervorragende Gewandtheit der Darstellung, wie eine mit reicher Literatur-kenntniß verbundene sichere Beherrschung des Stoffes. Die Eintheüung hält sich an die herkömmliche und wohlbcwährte Ordnung. Die Logik und Nostik umfaßt sechs Abschnitte: von den Begriffen und Wortzeichen, vom Urtheil und Satz. vom Syllogismus u. s. w. Es folgt dann die allgemeine Metaphysik in drei Abschnitten. Daran schließt sich die Naturphilosophie, die Psychologie und specielle Metaphysik. Der Standpunkt ist streng thomistisch auch da, wo andere katholische Denker aus gewichtigen Gründen alte Theorien (Hylemorphismus) verlassen zu müssen glauben. Man braucht durchaus nicht mit allen Ansichten des Verfassers übereinzustimmen, um dennoch das Werk als eines der besten Handbücher loben und eindringlich empfehlen zu können. Normallehrplan für die württembergischcn Volksschulen. Mit Erläuterungen herausgegeben von P- Frick, Stadtpfarrer und Schul- inspektor, unter Mitwirkung von Oberlehrer I. Stärk und Lehrer A. Schneiderhan. Stuttgart. Jos. Roth. 1897. kl. 8°. vm -i- 287 S. Brosch. 2,80 M., geb. in schmiegsame Leinw. 3.20 M. X Der Verfasser schreibt im Vorwort: „Das Buch. das wir allen Schulmännern überhaupt, zunächst aber den Lehrern und Geistlichen beider Konfessionen Württembergs, nicht am wenigsten den Schulinspektoren, anbieten, stellt sich als eine Erläuterung der amtlich maßgebenden Vorschriften und als eine Verglcichung dieser amtlichen Winke mit den methodischen Grundsätzen eines gesunden Unterrichtsverfahrens und der christlichen Pädagogik dar." Diese Verglcichung bei jedem Fach macht das Bnch auch in anderen Ländern sehr brauchbar. Die Gegenüberstellung von Falschem und Richtigen, ist auch für Männer, die längst schon im Schuldienst stehen, und vielleicht gerade für solche, äußerst interessant und meistens auch überzeugend. Daß bei tüchtigem Studium dieses Buches, das oftmals einen viel rascheren und klareren Einblick in die richtige Methode gewährt, als dickleibige Didaktiken, viele Stunden im Unterricht, auch im Religionsunterricht, nicht verschwendet würden, steht uns fest. Für jedes Fach sind Winke für Abhaltung der Prüfungen gegeben, die verkehrte Art zu prüfen wird der nach des Verfassers Ansicht richtigen gegenübergestellt; die Vorschläge Fricks gerade in diesem Punkt finden indeß nicht allgemeine Anerkennung (z. B. „der Visitator bezeichne in der Prüfung in Religion dem Katecheten einen ganz bestimmten Stoff", oder was er vom „schülerhaften Abfragen" in der Christenlehre sagt u. ähnl.). Doch da kann ja jeder Schulinspektor seine eigene Methode befolgen; wenn wir vielleicht noch in diesem Jahrzehnt Kreisschulinspcktoren im Hauptamt erhalten, ivird es auch mit der Prüfungsmcthode wohl „strammer" werden. Das Buch ist auch sehr gut ausgestattet, Druck und Einband tadellos. Wir möchten es auch den Schulinspektoren, Geistlichen und Lehrern unseres Nachbarlandes empfehlen, denn der Geistliche imponirt heutigentags nicht mehr durch bloße Kenntniß der didaktischen Principien, sondern durch genaues und gründliches Wissen über deren Anwendung in den täglichen Schulfächern. Dazu bietet Fricks Buch ausgezeichnete Gelegenheit. Oer, ?. Sebastian«., Benediktiner der Benroner Cou- grcgation, Ein Tag im Kloster. Bilder aus dem Benediktinerlcbcu. Mit zahlreichen Illustrationen eines Beurouer Künstlers und oberhirtlicher Druckgenehmigung. Negensbnrg 1897, Nationale Vcr- iagsanstalt. 8. Preis 2 M. 80 Pf., in elegantem Origiualleinenbaud 4 M. Der Verfasser des Büchleins hat es sich zur Aufgäbe gemacht, in das Verständniß des monastischen, vorwiegend beschaulichen Klosterlebens einzuführen, dessen Bedeutung unserer mehr auf greifbar praktische Thätigkeit gerichteten Zeit fremder geworden ist. Die Anschaulichkeit, mit der uns der erfahrene Führer das Ideal einer Benediktiner- Abtei zeigt, indem er uns alle Räume einer solchen mit ihrem Leben und Treiben erschließt, dürfte weitere Kreise interesfiren und wird das Buch gewiß auch Ordensleuten zur Anregung und Erbauung dienen. Zahlreich eingefügte, von einem Künstler der Benroner Schule gezeichnete Illustrationen verleihen dem schönen Werkchen einen besonderen Werth lind stellen es mit in die erste Reihe der katholischen Geschenksliteratnr. Reidelbach, Dr. Hans, Die frommen Sagen und Legenden des Königreichs Bayern. Mit zahlreichen Illustrationen. Regcnsburg 1897. Nationale Verlagsanstalt. 8". Preis 3 M. Die Sage, welche wunderbare und seltsame Schicksale, abenteuerliche Begebenheiten von geschichtlichen Personen und merkwürdigen Orten berichtet, hat unendlich viel Anziehendes, insonderheit für die Jugend. Nicht minder ist die Legende, welche die segensreiche Wirksamkeit christlicher Helden vorführt, das jugendliche Herz zur Bewunderung und Nacheifernng anregt, geeignet, dem heranwachsenden Geschlecht zur Belehrung und Erbauung zu dienen. Darum dürfte vorliegendes Buch, welches unseres Wissens zum erstenmal eine Sammlung der schönen frommen Sagen und Legenden des Königreichs Bayern m Wort und Bild, für die Jugend mit Fleiß und Geschick zusammengestellt, bringt, sich allseitig einer freundlichen Aufnahme erfreuen und als speciell bayerisch-nationalcS opns in erster Linie von allen Schulbibliolheken Bayerns angeschafft werden._ Heckner, G., Praktisches Handbuch der kirchlichen Baukunst einschließlich der Malerei und Plastik. Zum Gebrauche des Klerus und der Bautechniker. Mit 186 in den Text gedruckten Abbildungen, gr. 8". (XVl und 424 S.) Dritte, gänzlich umgearbeitete und vielfach ergänzte Auflage. Freising, Verlagsanstalt und Druckerei Dr. Franz Paul Dattercr. Der hochw. Herr Verfasser, zuletzt Pfarrer in Nen- stift bei Freising, welcher kurz vor Vollendung des Druckes mit Tod abging, legte in der dritten Auflage all die Er- 'ahruugen nieder, welche zur Ergänzung und Bereicherung eines weithin verbreiteten Buches nothwendig erschienen. Die Grundsätze, welche den Herrn Verfasser leiteten, entsprechen den Vorschriften einer vom christlichen Geiste getragenen Aesthetik nicht bloß in Malerei und Plastik, sondern auch in der Architektur. Außer der Aesthetik kommen aber auch die Technik und bei Kirchenbauten die kirchlichen Vorschriften in Betracht. Das Buch soll allen jenen dienlich sein, welche in die Lage kommen, eine Kirche zn bauen oder restanriren zu müssen. Der praktisch gegliederte Inhalt wird durch 186 in den Text gedruckten Abbildungen unterstützt. Papier, Druck und Ausstattung sind vorzüglich, der Preis billig (M. 4.—). Das .Hochstift Freising, seine Domkirche und seine Bischöfe 720—1603. Geschichtliche Erinnerungen für das Volk in der Stadt und Diözese von Jgnaz Riedlc, em. Pfarrer in Freising.' 4 Bogen stark, mit dem Porträt der Hochw. Herren Erzbischöfe: Autonius II.. Lothar Anselm, Karl August und Grcgorins. Als Vorbild ist noch bei- gegcben das Innere des Domes zn Freising. Taschen- bnchformat. Freising, Verlagsanstalt u. Druckerei Vr. Franz Paül Datterer. Das Büchleni stellt das Wissenswerthe über das Hochnist Freising, seine Domkirche und über seine Bischöfe zusammen und bildet einen schätzenswertsten Beitrag zur Geschichte Freisings. Den» kleinen, aber inhaltsreiche»,. rller Beachtung werthen Schriftchen möchten wir die weiteste Verbreitung wünschen. Papier, Druck und Ausstattung sind vorzüglich, der Preis billigst. (60 Pf.) — Oesterreichisches Literaturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wie»,. redig»rt von vr. Franz S chnürer. (Adiiiinistration: Wien, I., Anna- gasse 9.) Inhalt der Nr. 7 n. N.: Zenner I. K., Die Chorgesänge in, Buche der Psalmen. (Ikniversitäts-Prof. vr. Bernhard Schäfer, Wie»,.) — Meyer Ed., Die Entstehung des Judentstums. (Theol.-Prof. Othm. Mussil, Brünn.) — Jlligens Ev., Geschichte der lübeckischcn Kirche 1530 bis 1896. (v. Jld. Vcith. Seckau.) - Jamar C. H- T., Maria, d»e Mutter Jesu. (Theol.- Prof. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Willy» an,, Otto. Pädagogische Vortrüge, (vr. Rud. .Hornich, Wien.) — Struck, W., Das Bündniß Wilhelms von Weimar mit Gustav Adolf. (Hofrath Onno Klopp, Wien.) — Stüve C., Annalss monastsrü 8l. Olsmsntis ia Ibiirs. (Kgl. bayer. Reichsarchivrath vr. P. Wittmann. München.) — Vymazal Fr.. Die Kunst, die bulgarische Sprache... zu erlernen. — Ad. Strausz u. Em. Dugovich, Bulgarische Grammatik, (vr. M. Murko, Prrvatdocent an der Universität Wien.) — Mühl brecht O., Die Bücherliebhaberei. (vr. Fr. Schnür er, Wien.) — Dippe O., Die fränkischen Trojanersagen. — Das Waltharilied, übersetzt vor» Hm. Althof. — Ebe Gust., Abriß der Kunstgeschichte des Alterthums. (Univ.-Prof. vr. W. A. Neumann, Wien.) — Becker Th.i Einführung in die Psychiatrie. (Primarins vr. Tst. Bogdan, Leiter der n.-ö. Landesirreuanstalt Lange»,lois.) — Winkt er B., Unterleibskrankheiten. U. s. w. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von vr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XI. Bd. 4- Heft. Paderborn 1897, Schöningst. Inhalt: I- Alberto varbsri.?. vortrait. II. Päpstliches Handschrciben an den Heransgeber. III. Uittoras Apostolioae, guibus eonstitntiones Loeistatw 9ssu äs äoetrino 8. Ilioinas Agninatis proütsnäa oonürmaolnr. IV. Päpstlicher Erlaß, durch welchen jene Ordensregeln der Gesellschaft Jesu, in welchen die Lehre des hl. Thomas von Aguin vorgeschrieben .wurde, neu eingeschärft werden. Deutsch übers. von Pros. vr. v. Thomas Wehofer, Orä. vrasä. in Rom. V. Anordnungen des Papstes Leo XIII. über das Thomasstndium. Zum Apostolischen Schreiben JÄravissims Uos." Von demselben. VI. Albert Barberis. Eine biograpbisch-literarischc Skizze. Von Kanonikus vr. Michael Gloßner. VII. Probat»,listische Beweisführung. 2. Von Professor I. L. Jansen, O. 88. Rsä. in Holland. VIII. Kinder in Polizei- und Gerichtsgcfängnisscn. ForA Von vr. ?. Rayinitnd Fastiera, Orä. krasä. in Wien- Sti»nmen a»»s Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zivei Bände ü M. 5.40). Freib»»rg i. Br., Herdersche Verlagshandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 4. Heftes: Die Sonnenflecke im Zusammenhang mit dem Copernicanischen Weltsystem. (A. Müller 8. .1., — Lolnrvcrtrag nnv gerechter Lohn. IV. (H. Pesch 8.9.) — Maria Novclla in Florenz. (M. Meschler 8.9.) — Livlands größter Öerrmcister. 111. (O. Pfülf 8.9.) — Des Allelnja Leben, Begräbniß und Sluferstehung. (C. Blume 8. 9.) Recensionen: 8a88S, Institntiones tbeoloKieas äs «aeramsntis Lools«ias (A. Lehmluhl 8. 9.): Vaosnt, vtiiäes ll'bsoloAiguss »nr ls« Ooustil atlons än vonoils äu Vatiean (Th. Graitderalh 8. 99: Valois, Vo Ikrones st Is Vranä 8ebi8ws. ä'Oooiäsin (F. Ehrle 8. 9.): Müller-Simonis, Von» Kaukasus zum persischen Meerbusen (I. Schwärz 8. 9.); 1. Börsch, Das Kreuz am Wege. 2. Kuno, Thomas Münzer (W. Kreiten 8.9.). — Empfeh lensiverthe Schriften. — Miscellen: Das Siveating-System in Englaitd: In» Lande des Bachschisch einst und jetzt: Kloster- und Ordensleben bei den englischen Ritnalisten. Deutsche Rnndscha»» für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben vor, Pros. vr. Fr. Umlauf t. . XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartleben's Verlag in ' Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das.7. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Insel'Kreta. Von vr. Franz Ritter v. Le Monnier. Mit 1 Karte und 4 Abbildungen. — Die Jungfra,»bahrn Von I. Wottitz, Ingenieur. Mit 1 Abbildung. — Die Flora des Congostaates. Von E. Koll brunn er. — Skizzen aus Wladiwostok, Von G. Rom an off. — Ueber die Bewegung, der Oberflächen,nassen des Jupiters. — Groß-Berlin nach dem statistischen Jahrbuche von 1896. Die Handelsflotte Frankreichs. Die Bevölkerung des Königreiches SÜchsen. — Porträt: vr. E. A. Bielz und F. Tisserand. — Kleine Mittheilungen aus allen , Erdtheilen. — Kartenbeilage: Insel Kreta. Maßstab > 1 : 1 , 000 , 000 . Veranty). R.ehgeteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas K Grabherr in Augsburg. kip. 25 W, 8. Mai 1897. Hansen und der Hypnetisinns. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Hansen glaubt aus seinen Erfahrungen schließen zu dürfen, daß zur Herbeiführung der induzirten Hypnose zumeist eine vom Hypnotiseur auf die Versuchsperson wirkende Kraft, die „korcs nsurnzus", angenommen werden muß. Er behauptet, daß bei mindestens 300 Personen, die zu ihm auf die Bühne kamen, mit der festen Absicht, sich nicht hypnotisiern zu lassen, die also der Suggestion allen Widerstand entgegensetzten, es ihm gelungen sei, Hypnose und die Befolgung hypnotischer Suggestion zu erzielen, und daß also in diesen Fällen nur eine von ihm ausströmende Kraft, die „torosnsuricius", wie er sie nennt, thätig gewesen sein könne. Letztere Behauptung wird wohl dahin zu ergänzen sein, daß auch zugleich seine eigene große Willenskraft und Suggestiousgeschicklichkeit zur Erklärung in Betracht zu ziehen sind. Hausen vertritt seine Annahme insbesondere mich zur Aufklärung der Möglichkeit der Mentalsuggestion und Hypnotisirnng aus der Ferne. Dieselbe wird, wie er sagt, speciell dann vorgenommen werden können, wenn eine Versuchsperson schon mehrmals hypnotisirt worden ist. Sie schläft dann ein, sobald der Hypnotiselw seine Gedanken und seinen Willen auf sie concentrirt, ohne daß Mvor die Hypnose zu einer bestimmten Zeit verabredet Wurde, und wenn sie auch weit vom Hypnotiseur entfernt stst. Hansen sagte, daß ihm ähnliche Experimente häufig gelungen seien, jedoch stets nur mit großer Willensanstrengung. Bekanntlich glaubte man vor einigen Jahren noch nicht an die Möglichkeit dieser Phänomene und verhielt man sich speciell in Deutschland noch dieser Frage gegenüber negireud (gewisse psychologische Kreise, z. B. die Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie in München, in welcher Dr. du Prcl mit dem hypnotischen Medium Lina .einschlägige Versuche machte, ausgenommen), als man im Auslande, in Frankreich und England bereits affirmativ entschieden hatte. In London hatte speciell die „Losietx kor kosoaroü" sich durch ihre Forschungen hervorgethan. Sie veröffentlichte das umfassendste Material über dieses Gebiet, welches man in den Werken: „Gurncy, Telepathie: Eine Erwiderung auf die Kritik des Herrn Pros. W. Prcyer, Leipzig, Friedrich 1887", sowie „I'lmntnsnm ok tbs I-ivinZ. 11^ L. Omrnszc, ll. IV. 8. anä 8. I'oclmoro (lüüdnsr nnä 6o. lwnäon 1886), finden kann. Nunmehr haben sich bereits viele berühmte Gelehrte, z. B. Beaunis, Encausse, Liöbault, Lnys, Lom- broso, Ochorowicz, Richet, Wetterstrand, für die Möglichkeit der Hypuotisirung aus der Ferne mid der Mental- snggestion ausgesprochen?) ') Beaunis, Professor in Nancy, berichtet, daß ein junges Mädchen, welches leicht hypnvtisirbar war, aber nicht von selbst in Schlaf verfiel, mehrmals von ihm, ohne daß es den Versuch ahnte, von einem andern Zimmer aus, und zwar auch anf größere Entfernung, in Schlaf versetzt wurde. Dasselbe vermochte auch Lisgeois innerhalb 8 Minuten durch bloße Gedankencoucentration. — Pros. Richet behauptet ebenso, seine Versuchsperson aus der Ferne in Schlaf versetzt zu haben. Er befahl ihr, zu ihm zu kommen, und diese Willensübermittlung wirkte derart, daß mau sie in den Gängen seines Hauses im somnambulen Zustande fand, wobei sie die Absicht aus- Die Mentalsuggestion und Hypnotisirnng aus der Ferne ist aber keineswegs eine neue Entdeckung. Dies bewies Baron I)r. du Prcl in seiner Studie „Die psycho, magnetische Kraft", welche sich in seinem Buche „Die Ent, dcctung der Seele" (Leipzig, Günther) und in der Monats, schrift „Sphinx" (Oktober und November 1893) findet. Schon Mcsmer magnetisirte ohne directe Berührung, was, wie du Prel richtig bemerkt, ja auch eine Fcrn- wirkung ist, und seine Schüler beschäftigten sich mit der Frage, bis zu welcher Entfernung magnetisirt werden kann. Dieselbe ist jetzt noch ungelöst. Die Fachmänner, welche zuerst auf größere Entfernungen magnetisirten, sind Marquis Ehastenet de Puysögur (Llornoirsv, 186) und Liitzelburg (8ouvennx Lxtraits äu.journal ä'un M3ZN8N86ur, 62). Der Magnetiseur und Arzt Du Potet stellte im Jahre 1820 ähnliche Experimente an, für deren Beweiskraft eine größere Anzahl von Aerzten mit ihren Unterschriften eintrat, und im Jahre 1831 bestätigte sodann die von der Pariser Akademie eingesetzte Unter» suchungscommisston die Möglichkeit der Magnetisation und Hypnose ohne Berührung und auf größere Entfernung, (öuräiu st vudois, kistvirv Lvuäönniius fiu ranAnö- tismo auinaal, 439.) Hinsichtlich der Möglichkeit einer psychisch-magnetischen Verbindung und Einwirkung hat um die Mitte dieses Jahrhunderts speciell der bekannte Baron Reichcnbach in seinem Buche „Der sensitive Mensch" eine Fülle von Material zusammengestellt, durch welches er seine Lehre von der ausstrahlenden und verbindenden Kraft des „Od" zu stützen suchte. Andere, z. B. der englische Psychologe Mayo, sind dann gleichfalls mit der Vermuthung aufgetreten, daß zuweilen die Odkraft die dynamische Brücke ist, über welche die exoneurale geistige Thätigkeit nach sprach, zu ihm zu gehen. (Oeborovieri, äs !a suZAsstion. 417—419.) — Siehe auch: Experimentelle Studien auf dem Gebiete der Gedankenübertragung von Eh. Richet. Deutsch von Dr. Frhr. v. Schrenck-Notzing, 1891. Stuttgart, Gute. — Ochorowicz ließ eine Stunde durch das Loos bestimmen» in welcher eine Magnetisation aus 1—10 Kilometer Entfernung vorgenommen werden sollte. Der Magnetiseur wurde erst im letzten Augenblick davon in Kenntniß gesetzt, daß er das Experiment beginnen solle. Niemand sonst erhielt davon Nachricht: einige der Experimentatoren befanden sich im Hailse der Versuchsperson (jedoch nicht in ihrem Zimmer), mit den Erfolg sogleich feststellen zu können. Die Versuche gelangen zu großer Zufriedenheit. — Or. Dusart hppnotlsirte gleichfalls aus der Ferne; nach einiger Zeit konnte er durch den Vater seiner Patientin ersetzt werden. (Oebvrcnvier!, äs 1a snsssstioa. 131—44; 425—438; 417—419; Rsvus äs l'b^pvotisMS, II. M —209; 225 — 240.) — Schmidkunz bringt in seiner „Plychologie der Suggestion" ein an ihn gerichtetes Schreiben des schwedischen Arztes und Schriftstellers anf hypnotistischem Gebiete, Wetterstrand, vom 5. Dezember 1890, in welchem dieser unter anderm sagt: Es ist mir kein Zweifel mehr, daß es eine directe Uebertragnng der Gedanken eines Menschen auf einen andern Menschen gibt. Ich habe nämlich augenblicklich eine 33jährige Dame in Behandlung, die ununterbrochen drei Wochen hindurch geschlafen hat. Ich kann sie von meiner Wohnung aus mit einem festen Gedanken aus dem Schlafe erwecken und nachher einschläfern, ich kann sie die und die Bewegung ausführen lassen, und wenn ich sie dann frage, warum sie diese Bewegung ausführt, so antwortet sie immer: „Weil Du es willst." — Wie Wetterstrand weiter bemerkt, hat Livbanlt in Nancy ihm geschrieben, daß er beweisen könne, es gebe „uns kores vsnrigus ä'bommes ä bommos?. außen tritt. Wie Schmidümz ") bemerkt, ist in neuerer Zeit die bisher nicht anerkannte Odlehre Reichenbachs durch die Untersuchungen des Pros. Hertz näher gerückt worden, da dessen ermittelte elektrische Welleuwirkungen in ihren räumlichen Bestimmungen auffallend zahlenmäßig mit Neichenbachs Messungen der Odkräfte zusammenfallen. Sehr merkwürdige Forschungen über die magnetische Verbindungskraft haben in Paris Dr. Luys, Mitglied der französischen Akademie und Chef der Salpetriöre, sowie der bekannte Psychologe Oberst de NochaS, in Verbindung mit dem Chef des hypnotherapeutischen Laboratoriums der Charits, Dr. Gerald Encausse, gemacht. Nochas behauptet u. a., daß die „Od"kraft der magneti- sirten Versuchsperson von dem Experimentator auf gewisse Gegenstände, z. B. Wachs oder Wasser, später auf ein nach Art der alten Zauberer verfertigtes Wachsbild (!) übertragen wurde; wenn man nun diese berührte, so habe die Versuchsperson jede Berührung, wie wenn man auf sie selbst eingewirkt hätte, und zwar auch dann, wenn sie in einem andern Zimmer sich befand, empfunden. (Siehe: Os Itoesiss, K'Kxteriorisation eis In Lsnsi- dilita. Karls, Ostamuel, 1895. Kaolins, I/Knvoüto- mont. Karls, ibici., 1893.) In anderer Hinsicht ist mit Bezug auf magnetische Fernwirknng auch noch von Interesse das Werk: „Du transtort L äistancs L l'niäo äss conronnos nironntoos par Dr. Oornrä Lnonusso on coUadorntioil aveo 1o Dr. Knz-s. (Karls, 1893.)" Ich entnehme hieraus folgendes Beispiel: Einem Hypnotisirtcn wird ein magnetisirter Eisenreif auf den Kopf gesetzt, den vorher ein an Verfolgungswahn Leidender getragen hatte. Die Versuchsperson, die bis zu diesem Augenblicke ganz glücklich und vernünftig zu sein schien, wird nun Plötzlich traurig und ängstlich und schreit, sie werde verfolgt und gequält und könne nicht mehr entrinnen. Kaum ist aber der Eiscnreifen wieder abgenommen, so wird sie wieder vollkommen ruhig. (?) Wie vr. Lnys versichert, können solche Ideen in einem magnetischen Eisenring monatelang aufbewahrt werden. (?) Er behauptet ferner, daß er das Ningexperimeut in anderer Art bei seinen Kranken auch zu Heilzwecken mit gutem Erfolge benützte. Humoristisch fügt er bei, — was für Ehemänner von höchster Wichtigkeit ist, — daß man einem Weibe durch solche Experimente die Gefühle der Liebe und Anhänglichkeit einverleiben und diese trefflichen Eigenschaften von der ersten Frau auf die zweite übertragen könne. (I) Die Möglichkeit der magnetischen oder psychomagnet- ischen Uebertragnug durch einen Stoff, der mit dem Magnetismus einer Person, eines Thieres oder einer Pflanze geladen wird, ist in mesmerischen Kreisen übrigens bereits früher behauptet worden.") °) Psychologie der Suggestion, Stuttgart, Erike. °) Dr. Luys erwähnt übrigens noch einige ganz merkwürdige Fälle der Wirkung von Flüssigkeiten auf Hypnoti- sirte, die bei einiger Neigung zur Zweifelsucht unglaublich erscheinen dürften. Hier zwei Beispiele derselben: Einer Hypnotisirtcn wird eine sorgsam verschlossene Phiole mit Alkohol aufgelegt, und sehr bald zeigt sie alle Erscheinungen der Trunkenheit. Sie wird nun veranlaßt, einem hypnotisirtcn Manne die Hand zu reichen, und es wird mit einem Magnet von ihr zu letzterem hingestrichen. Da stellen sich auch bei diesem alle Anzeichen eines Rausches ein.(!) Einem Hypnotisirtcn wird ein versiegeltes Fläsch- «yen mit,Baldrian auf den Hals gesetzt, und sofort zeigt sich jn seinem Gesichte große Bestürzung. Er wirst sich In der erwähnten Studie du Prels wird nun die Frage nach der „Koroo nourlHus", der psychomagnetischen Kraft, mit der nach der Lösung des schwierigen Problems, inwiefern Suggestionismus, Hypuotismus und Magnetismus verwandt sind, verknüpft. Dasselbe ist von größerer Wichtigkeit, zumal auch Hansen es nicht genügend aufklären konnte. du Prel weist vorerst darauf hin» daß, wenn der Magnetismus in der That sich in Suggestion auflösen würde» d. h. wenn die Suggestion der einzige Wahrheitskern des Magnetismus wäre, nur solche Objecte magneti- sirt werden könnten, die für Suggestionen empfänglich sind, also bloß lebende Menschen, welche eine Vorstellung aufnehmen können und es wissen, daß ihnen eine Vorstellung eingepflanzt wird. Nun sei es aber Thatsache, daß nicht nur Schlafende magnetisirt werden können, sondern auch Thiere, Pflanzen und leblose Gegenstände. Von Suggestion könne dabei offenbar keine Rede sein, sondern es liege ein magnetisches Agens vor. Ferner findet er» daß schon zur erfolgreichen Suggestion selbst eine Kraft, offenbar identisch mit der des animalischen Magnetismus, nothwendig sei. Er schreibt: „Was ist Suggestion? Zunächst nichts anderes, als eine im Gehirn des Patienten erweckte Vorstellung. Als solche bleibt dieselbe offenbar auf das Gehirn beschränkt. Soll sie innerhalb des Organismus physiologisch wirken, z. B. zunächst den hypnotischen Schlaf erzeugen, so muß sie zu diesem Behufe erst eine Kraft auslösen, die nur wieder am Gezweige des Nervensystems sich fortpflanzen und die von der Suggestion bezeichneten Aenderungen herbeiführen kann. Die Vorstellung als solche ist also noch keine physiologische Dynamide, es bedarf noch einer von ihr ausgelösten Kraft, und diese Kraft ist eben identisch mit dem animalischen Magnetismus. Der Hypnotiseur, welcher den animalischen Magnetismus leugnet, leugnet also damit die Voraussetzung seines eigenen Systems. Hypnotismns und Magnetismus bilden kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl—Als auch. Der Magnetiseur benützt seine eigene Kraft und läßt sie auf den Patienten überströmen, der Hypnotiseur setzt die im Patienten selbst liegende, mit jener wesentlich identische Kraft in Bewegung. Die Suggestion ist also nur der Hebel für Automagnctisation." In seinen weiteren Erläuterungen bemerkt er sodann noch: „Man könnte sagen, daß in gewissen Fällen die mit Gedankenübertragung verbundene Suggestion das Resultat herbeiführe. Gewiß; aber die Gedankenübertragung kann doch nicht darin bestehen, daß der Gedanke als solcher die Wanderung durch den Raum antritt. Wir brauchen noch ein Vehikel, eine Kraft, und zwar eine im Agenten (Wirkenden) liegende, von seiner Psyche beeinflußbare Kraft, und damit stehen wir wieder vor dem Magnetismus. Daß diese fernwirkcnde Kraft mit der magnetischen identisch ist, zeigt sich in der Identität der Wirkung: der Patient wird eingeschläfert, und zwar tritt nicht der gewöhnliche Schlaf ein, sondern der magnetische, in welchem der Patient solche Fähigkeiten zeigt, die nur dem Somnambulismus angehören." (Fortsetzung folgt.) sodann auf den Boden, kriecht auf allen Vieren und beginnt zu kratzen, zu springen, zu pfauchen und zu miauen, indem er den Anwesenden im Zimmer folgtet?!), kurz, er glaubte, in eine Katze verwandelt zu sein. Nach der Hypnose konnte er sich aber an nichts mehr erinnern. 175 Beata Stilln, Gräfin von Abcnberg. Von I. N. Seefried. Aus dem erlauchten Hause der Grafen von Aben- berg im einstigen schwäbischen Sualafeldgau (jetzt Reg.- Bez. von Mittelfrankeu) glänzen am Himmel der Kirche des Bayerlandes zwei liebliche Sterne aus dem angeblich sehr finstern Mittelalter in die überaus helle Gegenwart herein: Konrad I., Erzbischof von Salzburg (1106 — 1147), und die gleichzeitige selige Gräfin Stilla von Abcnberg. Gegen die letztere ist neuerlich in diesen Blättern (5 — 12) Herr Pfarrer Hirschmann in Schönfeld aufgetreten. Derselbe stellt unter Aufwand eines großen kritischen Apparats Stilla's Abstammung von den Grafen von Abcnberg geradezu in Abrede und fordert sämmtliche Vertheidiger dieser Abstammung vor seinen historischkritischen Nichterstuhl. Ich halte mich nun nicht bloß für berechtigt, meine 1869 ausgesprochene Ansicht über die Gräfin Stilla gegen die negative Kritik Hirschmanns aufrecht zu erhalten, sondern hiezu um so mehr verpflichtet, weil der Gegner aus meinen Grafen von Abcnberg *) Sätze herausgenommen und verwendet hat, welche ich entweder sofort berichtigt oder später (1881) modifizirt habe, und aus meinem Buche aus dem Jahre 1869 Schlüsse zieht, die ich schon 1881 und 1890 nicht mehr anerkannte und 1896/9? noch weniger anerkennen kann. Ich erlaube mir deßhalb einige Behauptungen Hirschmanns bezüglich der Grafen von Abcnberg im Allgemeinen und der seligen Gräfin Stilla im Besonderen zu beleuchten, auf ihren Werth zu prüfen und, wo es geboten erscheint, auch zu berichtigen. I. Die Genealogie der Grafen von Abcnberg im Allgemeinen. Hirschmann hat 1897 Nr. VI, 45 der Postzeitnngs- Beilage den Stammbaum der Grafen von Abcnberg, wie ich ihn vor fast 30 Jahren aufgestellt und veröffentlicht habe, im Allgemeinen zwar richtig, jedoch nicht ganz genau reprodnzirt und dazu bemerkt, daß ich denselben im Jahre 1895 berichtigt habe. Warum ich diese Berichtigung vornehmen und die Reihenfolge in den bekannten zwei Linien umstellen mußte, das hat er verschwiegen und nur angeführt, daß ich Stilla's Geschlechtsabfolge durch Konrad I. und Napoto I. (ca. 1122-1127) von Wolfram II. (1071-1108) abgeleitet habe. Meine Untersuchungen, sagte ich ain 15. Februar 1894 (B. 24, 187)-), h^ten mich schon 1879/80 zu der Ueberzeugung geführt, daß Gräfin Gerhilde (die Gemahlin nicht Wolframs I., sondern Wolframs II., ch am 22. Juli nach 1108) die Mutter des Bamberger Domherrn Adalbert gewesen, welcher nicht schon 1108 oder bald darauf mit Tod abging, sondern damals noch in dem besten Lebensalter stand. War nun aber die von Hirschmann weggelassene Gerhilde die Gemahlin Wolframs II. und der Kanonikus Adalbert an der Kathedralkirche bei 8. Georg zu Bamberg beider Sohn, so konnte Wolfram II. ') Die Grafen von Abcnberg fürstl. baper.-welf. Abkunft die Ahnen des preußischen KönigZhanses und der Fürsten von Hohenzollern. München 1869. G. Franz'fche Buch- und Kunsthandlung (Ed. Lotzbeck). 2) Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzollern sind Abenberg-Zollern, nicht Zollern-Aben- berg. Separatabdruck. Augsburg bei Haas u. Grabherr 1894 S. 3. nicht mehr als Vater Otto's II., Wolframs III. und Erzbischofs Kourad I. von Salzburg bezeichnet werden. Die clarissiwi viri Otto (II.) und Wolfram (III.), des Erzbischofs Brüder, mußten schon aus diesem Grunde als Söhne Otto's I. erklärt und die Reihenfolge verändert und umgestellt werden, noch mehr aber im Hinblick darauf, daß Bischof Otto I. von Bamberg, der Pommeruapostel und Hauptgriinder des Cisterzienserklosters Heilsbronn (1132), und sein Bruder Friedrich nicht der hochgräflich abcnbcrgischcn Familie (wie man früher angenommen hatte), sondern den Edelherren von Mistelbach bei Pleinfeld, k. bayer. Bezirksamts Weißenburg a./S., angehört haben und von mir längst aus der Genealogie der Grafen von Abcnberg entfernt worden find. (Belege siehe Beilage 1894, 24. 187). 3) Nach dem gleichzeitigen Biographen des ErzbischofS Konrad I. von Salzburg war Napoto I., welcher urkundlich zwischen 1122—1127 öfter erscheint, kein Bruder Konrads, er muß deßhalb ein Sohn Wolframs II. und Bruder des Domherrn Adalbert gewesen sein, weil ein anderer Graf von Abcnberg, der sein Vater sein könnte, z. Z. weder mir bekannt ist, noch jemand Anderem bekannt sein dürfte.*) Wenn Wattenbach nach Hirschmann (6, 46 A. 10, in Deutschlands Geschichtsqnellen (II, 5, 269) den Erz- bischof Konrad „aus der vornehmen bairischen Familie der Grafen von Abensberg" abstammen läßt, so befindet er sich in dieser Beziehung noch immer in dem fast vierhnndertjährigen Irrthum, in welchen Hans Tnrmair von Abensberg uns hineingeführt hat?) „Der Patriarch der älteren bayerischen Geschichte hat in seinen Jahrbüchern, sagt Westenrieder?) sich keineswegs ftei von häßlichen Irrthümern, Lücken und Mißverständnissen gezeigt," was auch seine Biographen, die vvr. Theodor Wiedemann und Wilhelm Dittmar (1858 und 1862) zugestanden haben und jeder zugestehen muß, welcher die Werke dieses überaus belesenen und vielsammelnden Mannes und Meisters nicht bloß dem Namen nach kennt, sondern nachgelesen und nachgeprüft hat. Eines sehr argen Mißgriffes und Mißverständnisses hat sich derselbe aber mit seinen Babonen schuldig gemacht, wenn er den angeblichen Dynasten Babo II. von Abensberg und Rohr (Ror) für einen Sohn des Schiren- fürsteu Babo und Bruder Otto's I. aus dem Hause der Grafen von Scheyern, dann als Haushofmeister der hl. Kaiserin Knnigunde und als Burggrafen der Stadt Regensbnrg ausgegeben und schließlich mit den Grafen von Abensberg in eine Verbindung gebracht hat, welche geradezu als geschlechts- und geschichtswidrig bezeichnet werden muß. So soll der vielkinderreiche Babo den Grafen Wolfram von Abensberg (einen solchen hat es nie gegeben) neben 29 bezw. 31 Söhnen und 8 Töchtern 2) Separatabdruck 1. o. S. 5; insbesondere Familie des heiligen Otto und die Edelherren von Mistelbach im 54. Jahresberichte (1892) des historischen Vereins von Bamberg. ") Vita Olluvracki eap. 1. dl. E. 88. XI, paZ. 63. b) Unvales Loiorum (1524) PE. 314 vergl. mit VII, 829. Die neue Ausgabe von Dr. Riczler konnte ich nicht bcnützen. °) Beiträge znr vaterländischen Historie, Geographie rc. 9. Bd. S. 1—115. Denkschrift auf I. Nep. Meoerer mit dessen Brustbild. Westenrieders gesnmmelte Werke. Kempten bei Köiel. 15. Bd. S. 65 u. 66. erzeugt haben.?) Von Wolfram sollen Konrad I., Erz- bischof von Salzburg, Otto von Ambsperg und Wolfram von Abenberg entsprossen sein und von dem letzteren wieder Rapotho vom Ambsperg, der Vogt Bambergs, und Gebhard von Aüensberg abstammen. Sieht man sich dagegen die vita Olninrafii arofii- episcopi Lalisbnrgensis in den vorhandenen Ausgaben von Pez und Wattenbach sowie in der neuerlich von vr. Lindauer am k. Luitpoldsgymnasinm in der k. Hof- und Staatsbibliothek aufgefundenen Raitenhaslacher Handschrift des Cisterziensers Jo. Konrad Tachler aus dem Jahre 1612 etwas näher an, so resultirt aus der Erzählung des Erzbischofs und seines Biographen dasjenige durchaus nicht, was uns Aveutin daraus beweisen bezw. plausibel machen wollte. Die Nachrichten und Daten über den Urgroßvater des Erzbischofs mütterlicherseits, welcher auS mehreren (nach Avcntin zwei) Frauen dreißig (nach Aventin ut 6r,mu retort 32) Söhne und 8 Töchter erzielt hatte, will der vielgereiste Magister in Welten- burg und Salzburg aufgefunden und zusammengelesen haben; es kann auch nach dem Texte seiner Annalen kein Zweifel darüber bestehen, daß er eine der Salzburgcr Handschriften, wie sie Pez ^ und Wattenbach b) veröffentlicht haben, eingesehen und excerpirt oder vielleicht ganz abgeschrieben hat; allein das Phantasiegebilde, welches er über die Genealogie der Grafen von Abinberg und Babo, den mütterlichen Ahn und Urgroßvater des Erzbischofs, entworfen und zum Besten gegeben, hat man bisher in den Urkunden, in der vita Odunraäi selbst und in den Nekrologien von Weltenburg vergeblich und ohne allen Erfolg gesucht. Erzbischof Konrad I. von Salzburg leitete seine Abkunft von dem erlauchten Stamme der Fürsten des Bayerlandes her,") da er der Bruder Otto's und Wolframs, der überaus berühmten Männer und Grafen gewesen, von denen der eine ohne Kinder verstorben ist, der andere den Grasen Rapoto von Abinperch, den Vogt des Bisthnms Vamberg, von der Schwester des Markgrafen Diepold als Erben hinterlassen hat. Von Rapoto II. erscheint 1127 und 1129 urkundlich ein Graf Otto als Vogt der Kirche von Vamberg; ich habe deßhalb und wegen des Sprachgebrauches, dessen sich der Biograph des Erzbischofs mit alter und alter an einer andern Stelle bedient hat, angenommen, daß Wolfram III. ohne Kinder gestorben und Rapoto II., der Sohn Otto's II., die Erbschaft seines Vaters im Jahre 1130 angetreten hat. Mag nun Otto II. oder Wolfram III. der Vater Rapoto's II. gewesen sein, jedenfalls weiß die beglaubigte Geschichte nichts davon, daß Rapoto (II.) von Abinberg und Graf Gebhard von Abensberg Bruder gewesen, wie solches Aventin behauptet hat?') Otto II. war mit Hedwig, der Schwester des ?) Hinwies Loioi'nm (1554) I. o. A- 5 oben. IV oIt- ramo orli Oouraäus Primas, ^rollim^stes äuva- vsusis, Otto UmbsporK'OQsis, VVolkraiuus Xdu- Linus. iVd Ime nasenntur KapotIio LamderZas ourator st Osdliaräus ^bnsinus. *) WIiesLnr. aiiseäot. tom. II part. HI p. 219/20. °) lU. O. 88. XI, 62. '") Xx illnstri priiwipum Oavanas proviuoias stsm- matv oriKinsm clnxit. Vita Olmnraäi o. 1. Der Raitcn- haslachcr vita fehlt stsmmats, am Rande hat Tachler pro,»eiiis beiaescfit. ") Siehe A.'7. Markgrafen Diepold von Vohburg (nicht Banz), vermählt, und ihrer Ehe sind entsprossen Rapoto II. (1130—1172), Hedwig und Bischof Reinhard von Wnrzburg (1171-1194). Ich habe die urkundlichen und traditionellen Nachweise für alle diese Positionen in dem Manuskripte „Die Grafen von Abenberg rc. 1890" beigebracht,") kann sie aber, weil sie zuviel Raum in Anspruch nehmen, hier nicht wiederholen; es dürfte übrigens genügen, wenn ich auf die Grafen von Abenberg aus dem Jahre 1869 sowie auf die berichtigte Stammreihe dieser Grafen am Schlüsse verweise und dazu bemerke, daß der Name Reinhard in der noch immer arg vernachlässigten älteren Genealogie der Grasen von Vohbnrg vorkommt und wahrscheinlich von der Markgräfin Hedwig nach Abenberg übertragen worden ist. Diese urkundlichen und den besten Schriftqnellen entnommenen Nachweise nennt Hirschmann in wegwerfendem Tone „genealogische Vermuthungen" (1897, 6, 45) und erwartet wohl gar, daß ich meine schweren genealogischen Sünden renmüthig bekennen und nach den traditionellen Aufzeichnungen der Lokalforscher Priefer und Koch über die selige Stilln verbessern d. h. nach Skriptoren Correctur eintreten lassen solle, welche eigentlich nur Aventin und den jüngeren Spalatin (Wolfgang Bauer—Agricola von Spalt) ab-und nachgeschrieben haben. Kehren wir nicht zu Aventin und Spalatin dem jüngeru, sondern zu dem Biographen des Erzbischofs zurück, so muß als Mutter Konrads. Otto's II. und Wolframs III. eine ungenannte Burg- gräfin von Negcnsburg") schon deßwegen festgehalten werden, weil der Biograph als Sohn des Oheims der genannten Grafen d. h. als Mnttcr- bruderssohn derselben den Präfckten Otto senior von Regensburg und als Mutterschwestersohn den Grafen Heinrich von Lechsgemünd, den Vater jenes Heinrich, welcher 1170/76 (Abfassungszeit der Vita) noch am Leben war, bezeichnet hat. Burggraf Otto senior von Regensburg, Heinrich Graf von Lechsgemünd, der Stifter des Klosters Kaisersheim (Kaisheim), und die vorhin genannten Grafen von Abenberg waren demnach Geschwisterkinder und bildeten unter sich die nächste Anverwandtschaft. Wenn der Biograph des Erzbischofs, anknüpfend an diese edelste Blutsverwandtschaft, sodann noch davon gesprochen hat, daß der Erzbischof mütterlicherseits d. h. auf Seite seiner wiederholt betonten Cog nation auch einen Ahn (avuw) gehabt habe Namens Babo,") der zwar etwas niedriger gestellt, gleichwohl eine leuchtende und glänzende Nachkommenschaft gehabt habe, welche in Folge ihrer großen Anzahl nicht allein Bayern und Körnten, sondern auch Ost- und Rheinfranken in Besitz genommen, so kann hierunter nur der Urgroßvater des Erzbischofs mütterlicherseits, mithin nur ein Graf Babo von Nüdeuburg-Stcfaning-Abensberg ") Leider hat sich zur Herausgabe derselben noch kein LIaessuas oder Verleger finden lassen. ") Vita Oliunraäi eax. 1. krasksotus guogue Uatispoususis Otto 8enior ^vuuouli ejus kilius t'uit. Lsnrious guogus äs I-sodss- As mun äs, pater illius Usurioi, rpii aätiuo supsrsst, «x inatsrtsra ejus iispos sxtitit. Die Biographie wurde nach Riezler (Gesch. Bayerns 1,798) zwischen 1170 u. 1176 abgefaßt. ") Lvum Iiaduit Lada nein uomins, äs eujus Innidis exeermit triKiota ütü st ovto üliao, vuuies ex libsris inatridus Aenitas. Vita Olinuraäi. 177 oder vorn Lhiem- und Zeidlarugau verstunden werden.'°) Jener Grus Babo, von welchem der Erzbischof selbst erzählt, daß er 30 Söhne und 8 Töchter aus freien Frauen erzielte, gehört ohne Zweifel zu der landgräflichfn Familie der Rcgensburger Grafen, ob sich derselbe aber nach Abensberg *°) genannt hat, geht aus der Vita 6stun- raäi nicht hervor. Daß Lvus in der vita Odunracü mit „Ahn" oder „Urgroßvater" übersetzt werden muß, dürfte schon daraus zu entnehmen sein, daß als mütterlicher Großvater des Erzbischofs nur Burggraf Heinrich I. oder dessen Bruder Babo II. von Regensburg-Stefaning angenommen werden kann, die beide circa 1070 bereits gestorben waren, eine so zahlreiche Nachkommenschaft aber nicht gehabt haben, wie sie von dem Erzbischof behauptet worden ist. Dem verdienten Verfasser der bayerischen Geschichte, vr. Andreas Büchner, welcher von mehreren Con- cubinen Babo's gesprochen, und ^dem Herrn Ritter v. Lang,") welcher die Erzählung des Erzbischofs und seines Biographen für eine Fabel erklärt hat, bin ich mit einiger Ironie unter Bezugnahme auf die Germania des Tacitus, die Schilderung mittelalterlicher Frauen bei Wolfram von Eschenbach und einen saftigen Ansspruch unseres größten Juristen des vorigen Jahrhunderts, Kreittmayrs, entschieden entgegengetreten,") und habe ich hier nicht bloß alle namhafteren bayerischen Geschichtsforscher (Scholliner, Nagel, Koch-Stcrnfeld u. s. w.) auf meiner- Seite, sondern vor Allen und an erster Stelle den großen Erzbischof und dessen Biographen, welche an die uugemein zahlreiche Nachkommenschaft des markigen Recken nicht bloß geglaubt, sondern sie ausdrücklich bestätigt haben. Der Erzbischof sowohl wie sein Biograph (Gero Aucr?, der erste Abt von Naitcnhaslach?), beide haben zwischen den Agnaten und Cognaten des erlauchten Grafenhans es Abcnberg genau unterschieden, was Aventin und sein Gefolge leider nicht mehr gethan hat, so daß man über 3^/zhundert Jahre lang seinem Geleise folgend in der Irre umhergcwandelt ist und seine Pfade heute noch nicht ganz verlassen hat, weil man sich von seinem Baun- und Zauberkreise eben nicht mehr loslösen und befreien konnte oder es nicht wollte. Der Lokalpatriotismus hat unsern vielgcehrten und gepriesenen Geschichtschreiber von Abeusbcrg verleitet, zwischen Abenberg und Abensberg d. h. zwischen den nach diesen Orten genannten Grafen eine Geschlechtsgemeinschaft anzunehmen, die niemals bestanden hat. Man wird dagegen mit dem Erzbischof Konrad I. von Salzburg und dein Biographen desselben zwischen Agnaten und Cognaten der Grafen von Abcnberg wieder genau unterscheiden müssen. Geschieht dieses, dann werden sich die Contro- versen, welche Aventin veranlaßt hat, sofort beilegen lassen und keine weiteren Preisfragen mehr zu lösen sein. Loh. Ev. Ritter von Koch-Sternfeld, der letzte namhafte Vertheidiger der aventinischen Tradition, hat in seiner '°) Vergl. Grafen von Abenberg 1869 S. 3 ff. ") Der Eintrag im Kloster Weltenburg (beim Oz'elus des Jahres 1058) III Kon. Nnrtii (5. März) Lnbo Oomoo eum XXX tiliis et VII tlliabus und im Nekrologe des Klosters s. Lmmeram zn Regensburg II Xoims Llartii (6. März) nennt Abensberg nicht. ") Karl Heinrich von Lang über die Fabel von des Grafen Babo von Abensberg dreißig Söhnen. München 1813. ^) Grafen von Abenberg 1869 S. 4 n. 5. altgefeyerten Dynastie des Babo von Abensberg bemerkt: *") „Das älteste Manuskript des LioZraphug Eonracii I. araüiexmcopi hatte B. Pez zu Raiten- haslach aufgefunden. Das war auch die letzte Stiftung des Erzbischofs (1146) und seiner Stammgenosscn;" allein hiegegen ist zn bemerken, daß k. Bernhard Pez allerdings Wissenschaft davon gehabt hat, daß das Cistcr- zienserklostcr Naitcnhaslach bei Burghausen die vita Oon- rucii besitze, 20 ) daß jedoch seine Ausgabe einer Handschrift des Beucdiktinerklosters o. Peter in Salzburg entnommeu ist, hat er uns am angeführten Orte selbst bezeugt. Die sehr interessante neue, von Dr. Lindauer aufgefundene Naitcnhaslacher Handschrift der vita, Obunracki befindet sich in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München in dem Ooä. M8?>) Lnnalcw Raittenlirwlg,- 0611818 M0llU8t6rii 6X cckartaeeo 6a.2ophxIaoio eruti a I?. flv. Ovnr. 'I'aclilvr anno ÄIO6XII Lara primn xriA. 15 — 39. Dieselbe ist sehr schön und zierlich in continuo und ohne Capiteleinthcilung geschrieben, mitunter, jedoch nicht sehr häufig, sind Correcturen daran von dem Abschreiber vorgenommen worden. Ich habe sie mit den Ausgaben von Pez und Wattcnbach genau verglichen und sehr viele Abweichungen und bessere Lesearten gefunden, weßhalb sie den früheren Ausgaben nach Salzburger Handschriften vorzuziehen sein dürfte. Die Veröffentlichung mit guter deutscher Uebersetzung, etwa in den monumentm Loicio, würde Vieles zur Klärung des wirklichen Sachverhaltes und Sicherstellung der Genealogien der Grafen von Abenberg und Lcchsgemünd, der Markgrafen von Vohburg und der Burggrafen von Ne- gensburg beizutragen vermögen. Die Ansicht Avcntins aber, welche Hansiz^ und unzählige Andere nachgeschrieben und weiterverbreitet haben, muß endlich aufgegeben werden, weil sie dem Biographen des Erzbischofs und der Wahrheit nicht entspricht. (Fortsetzung folgt.) Die Vorbildung des Klerus zunächst in Bayern. (Fortsetzung.) 6 Dem Studium der Philosophie muß ergänzend an die Seite treten das Studium der Geschichte der Philosophie, lind welch umfassendes Gebiet schließt nickt auch diese ein! Zwei große Perioden hat der Lehrer zu durchwandern, die eine beginnend im grauen Alterthum, die andere abschließend mit unseren Tagen. Was ist nicht alles zn sagen von Aristoteles und Plato allein, von diesen beiden größten Denkern der vorchristlichen Zeit, welche ihrerseits wieder die christlichen Philosophen beeinflußt haben! Aristoteles und Plato und ihre Schulen sind auf dem Wege des discursiven Denkens zu vielen Wahrheiten vorgedrungen, aber gerade auf dem Gebiete der höchsten Wahrheiten fehlt es auch bei ihnen nicht an mannigfachen und weitgehenden Irrthümern. Was ist nicht alles zu sagen von der Philosophie der Kirchen- väter, dieser Periode der Genesis der christlichen Philo- ") Regensburg 1857 bei Gg. Jos. Mauz S 6. Ich habe diese Notiz in meine Grafen von Abenberg 1869 S. 6 A. 15 hernbcrgenommcn. "") Pez hatte diese Nachricht der Netropolio Salis- burg'cmsis unseres Hund entnommen. Vergl. vissortatio isaM^iea, in tom. II. ^ueollot. blov., wo sich auch der interessante Brief des Abtes Emanuel vorn 6. Dezember 1719 findet. -') (lock. bav. 916. voll. lat. 1912. ") Oeiinania, «acra II, 202. 0 riKc> generis er Lrineipibns Leb^reusidns, gnibns Lollie snpor- snnt IVittelspaobii Rnvsrias lluees. H.bavus Oonralli knit, Labs Lelrznornm krinceps. Xvu« trillern Laba et Rorae llxnasts. . . . 178 ! ^ i ! k sophie! Was nicht alles zu sagen von den arabischen und den indischen Philosophen, von der Philosophie der scholastischen Zeit,, von einem Scotns Erigena, von Nomina- lisinus und Realismus, vorn hl. Anselm, von den Victor- incrn, von Alexander von Hales, von Albert d. Gr., von Perer dein Lombarden, vom hl. Thomas, der von Leo XIII. 'sts vmnnun princsxs ot maAistsr, als Fürst und Führer aller Lehrmeister der scholastischen Philosophie bezeichnet wurde, vom l/.. Bonaventura, von Duns Scotns, von den Tbünusten und oen Statisten, vom neueren Nominalisnius und der neueren Philosophie überhaupt! „Was halten Sie von Herbart?" soll die Frau eines bayerischen Regierungspräsidenten einen jungen Priester gefragt haben, der dem Präsidenten einen Besuch machte. Was halten Sie von Positivismus? was halten Sie vom idealistischen Akosmismns, vom Skepticismus, vom Sensualismus, vom Locke'schen Empirismus, vom neueren Ontologismus. vom Monismus, vom Rosminismus u.s. w., u.s.w.? Soviele Rainen, soviele irrige Systeme, aber sie beherrschen da und dort die Anschauungen weiter Kreise und beeinflussen selbst oie Gesetzgebung. Welch einen Einfluß die neuere Philosophie aus die Pädagogik zu gewinnen suchte und sucht, ;u bekannt. Sollen all diese Richtungen dein Priester unbekannt bleiben dürfen? Wenigstens in den Hanpt- zügen wird er sie kennen lernen müssen, so daß iin Lehr- programin für die Vorbildung des Klerus auch für die Geschichte der Philosophie mindestens zwei Wochenstunden in jedem Semester anzusetzen sind. Rechne ich sechs bis acht Wochenstunden für Philologie und Geschichte, fünf für Naturgeschichte und Chemie, so bleibt .. wie für Physik, sechs für. immerhin noch einige Zeit für facultative Fächer zugt ch mit der ischen Dis- auf ihren Resultaten fortbauen, welche Philosophie die Grundlage der übrigen theologis ciplinen bilden. Daß der Apologetik oder, wie sie meist genannt wird, der Generaldoamatik heutzutage eine besondere Bedeutung zukommt, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Sie ist geradezu von größter Wichtigkeit und iinifaßt zahlreiche und schwierige Materien. Sind die Candidaten der Theologie gründlich in der Philosophie unterwiesen, so dürste es für sie indeß unter gewöhnlichen Umstände!!, d. h. wenn der Lehrer mit der Thatsache rechnet, daß seine Schüler nur einen einjährigen philosophischen Cursns hinter sich haben, daß ferner die Speculationsgabe mr selten einem Jünger der Wissenschaft zu Theil wird. nicht besonders schmierig sein, den Vortragen zu folgen und den Gegenstand zu erfassen. Zudem sind mehrere wichtige, in die Apologetik und Dogmatik einschlägige Fragen, welche besonders die Schöpfung und die Bestand- theile der menschlichen Natur betreffen, theils in der Metaphysik, theils in der Naturgeschichte (Anthropologie) zur näheren Darstellung gekommen. Bei dieser Sachlage dürfte der einschlägige Stoff innerhalb eures Semesters bei fünf Wochenstunden zu bewältigen sein. Im nächsten Semester wird sich bei ebensovielen Wochenstunden die Lehre von der Kirche daran schließen, und an diese die specielle Dogmatik, für welche mindestens 200 Lectionen anzusetzen sind. Verfügt der Lehrer noch über eure längere Zeit, um so besser; hat er vielleicht für die specielle Dogmatik zwei Jahre zur Verfügung, so weiß er die Zeit auszufüllen etwa mit Disputationen oder mit dogmatischen Uebungen, etwa auch mit der Erklärung des viel zu wenig Literaturgeschichte, Astronomie, griechische und römische Alterthümer, Aesthetik, Landwirthschaftslehre rc., welche indeß nicht alljährlich zum Vortrage gelangen sollen, sondern so auf mehrere Jahre zu vertheilen sind. daß auch Candidaten der Theologie, wenn sie hiefür Interesse haben, diese Vorlesungen belegen und hören können. Insbesondere wäre auch zu empfehlen, daß die Candidaten über Archivlehre, über die Quellen der Geschichte, über die Geschichte der Diözese und ihrer Bischöfe orientirt, daß sie fernerhin angewiesen wurden, wie sie selbst später eine Pfarr- oder Localchronik anlegen oder fortführen sollen. Ebenso wäre es eine schöne und lohnende Aufgabe für einen Lehrer, die Candidaten in die Werke unserer christlichen lateinischen Dichter, der altchristlichen stowohl (Damasus, Pru- dentius :c.) als der späteren (Bälde rc.), in etwas wenigstens einzuführen, auf daß sie später zuweilen einen dieser Autoren zur Hand nehmen zur Belehrung, zur angenehmen Zerstreuung. Wenden wir uns den theologischen Fächern zu. so ist es zunächst die Apologetik und die Dogmatik, welche sichrem die Philosophie unmittelbar anschließen und leich mit gewürdigten Oompsnännn tbooloZia« des heil. Thomas von Aguin, das, so kurz es ist. doch ein relativ vollständiges theologisches System darstellt. Oder er wird die eine oder andere einschlägige Materie, unter Umständen auch eine theologische Controverse, vielleicht an der Hand eines Suarez, der SalmanticenseS re., eingehend erörtern. Jedenfalls ist beim Vortrage der speciellen Dogmatik eine Klippe zu vermeiden, wodurch der Unterricht zuweilen unnöthig ins Breite wächst, nämlich die Berührung mit der Moraltheologie und dem Kircheurecht, namentlich in Fragen, welche die Praxis betreffen, also insbesondere in tue Lehre von den Sakramenten einschlägig sind. Daß in dieser Beziehung auch der Lehrer für Moraltheologie, jener für Kircheurecht und jener für Pastoraltheologie oft allzusehr einander berühren, kann man aus den Lehrbüchern ersehen. Auf die Kirchen- geschichte- freilich wird der Dogmatiker oft ganz unvermeidlich verweisen und zur Erklärung einer These wenigstens in Kürze vortragen müssen, was der Kircheugeschichts- tehrer ausführlich darzustellen hat. Reihen wir an die Dogmatik die Exegese mit der Einleitungswissenschaft und den übrigen Hilfswissenschaften der Bibelforschung, so dürfte der Satz keinen Widerspruch finden: Je mehr in der hl. Schrift gelesen wird, desto besserest es. Manche wichtige Stellen der hl. Schrift werden auch in der Dogmatik, andere in der Moraltheologie erklärt. Zudem bildet die hl. Schrift jenes Buch, das der Priester das ganze Leben hindurch neben dem Brevier am öftesten zur Hand nehmen wird: bei der Schriftlesung, bei der Vorbereitung für die Predigt und die Katechese: jenes Buch, von dem es schon in den sogenannten Hippolytscanones heißt: „Am Morgen sehe die Sonne das Buch auf deinen Knieen!" Aber das Selbststudium wird in der Regel den mündlichen Vortrag des Lehrers nicht ersetzen. Zu eifriger und gründlicher Erforschung der hl. Schrift muß den katholischen Theologen auch das Beispiel der protestantischen Eregeten ermuntern, welche entsprechend der Bedeutung, welche der Protestantismus der Bibel zuweist, insbesondere auf dem Felde der Eregese gearbeitet haben und arbeiten. Da es unmöglich ist. die gesammte hl. Schrift mit den Schülern durchzunehmen, muß sich der Lehrer auf die Erklärung der wichtigsten Theile beschränken. Es dürfte sich empfehlen, drer Jahre hindurch bei vier Wochenstunden die eigentliche Bivellesung zu betreiben, etwa im Wintersemester die hl. Schrift des Alten, im Sommersemester die des Neuen Testamentes. Zu den wichtigsten Theilen, welche der Lehrer vortragen soll, sind zu rechnen: die Genesis» die Psalmen und die wichtigeren Partien aus den Propheten, ferner die hl. Evangelien, der Nömerbrief und der Hebräerbrief. Da innerhalb der angegebenen Zeit nicht alle vier Evangelien, sondern wohl nur eines zum Vortrage gelangen können, muß es dem Privatfleiße des Candidaten überlassen bleiben, auch die nicht vom Lehrer erklärten Evangelien an der Hand eines guten Commentars durchzunehmen, in jedem Jahr eines. Der Lehrer wird die Anleitung hiezu geben und beim Examen die Erfolge dieser „kursorischen Leetüre" controliren. Steht noch weitere Zeit zur Verfügung, ist der eine oder andere der kleinen Propheten, ferner die übrigen Briefe des hl. Paulus und der Jakobusbrief ins Auge zu fassen. Die Hilfswissenschaften der Eregese vertheilen sich also: im ersten Jahre bei drei Wochenstunden des Wintersemesters und zwei des Sommersemesters hebräische und chaldäische Sprache und Lectüre; im zweiten Jahre biblische Hermeneutik und Einleitung' im dritten Jahre im Wintersemester biblische Archäologie in drei Wochenstunden, so daß für das Sommersemester noch zwei Wochenstunden für die Eregese selbst übrig bleiben. Für die Moraltheologie sind, einen zweijährigen Cursns vorausgesetzt, vier Stunden im Winter- und fünf im Sommersemester anzusetzen, dazu im Wintersemester dreimal wöchentlich Kasuistik. Noch günstiger gestaltet sich die Eintheilung und der Unterricht selbst erfolgreicher, wenn zunächst die allgemeine Moraltheologie in einem Wintersemester zur Erledigung gebracht wird, und sodann dem Vortrage der speciellen Moraltheologie in drei weiteren Semestern die Kasuistik parallel zur Seite tritt, wöchentlich zweimal. Hat der Lehrer nicht so viele Stunden zur Verfügung, so muß er sich freilich auf das Wichtigste beschränken. Die Begründung der ethischen Principien ist ohnehin Aufgabe der Philosophie. Worauf 179 der Lehrer der Moraltheologie besonders achten soll, ist dieses, seinen Gegenstand zeitgemäß zu gestalten; er muß deßhalb auf die Gesellschaftswissenschaft gebührende Rücksicht nehmen und manche Fragen in den Kreis der Erörterung ziehen, welche selbst einem hl. Alphons noch nicht actuell waren, nunmehr aber tief in das sittliche Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft einschneiden. Daß auch die praktischen Fälle wirklich das sein sollen, was das Wort „praktisch" besagt, braucht nicht besonders bemerkt zu werden: die Linzer „Theologisch-praktische Quartalschrist", welche eben in den fünfzigsten Jahrgang eingetreten ist, bietet ein wahres Arsenal lehrreicher praktischer Fälle. Was von der Moraltheologie gesagt wurde, gilt auch von einer weiteren theologischen Disciplin, dem Kirchen- recht, das gewöhnlich in einem einzigen Jahrescurse bei fünf bis sechs Wochenstunden erledigt wird. Der Lehrer soll auf diesen Gegenstand seiner hohen Wichtigkeit wegen allen Fleiß verwenden, soll den innern Zusammenhang zwischen den einzelnen Rechtssätzen und den Dogmen, die Wechselbeziehungen zwischen dem jus äivinnm und dem ZU8 buwanum der Kirche darlegen, soll auf die zahlreichen neueren kirchlichen Erlasse, auf die staatliche Gesetzgebung, nunmehr auch auf das neue bürgerliche Gesetzbuch gebührende Rücksicht nehmen, soll möglichst viele und gründliche kirchenrechtliche Uebungen mit fernen Schülern vornehmen, Disputationen über die jeweils vorgetragenen Materien abhalten und schriftliche Aufgaben hierüber stellen. In anderen Ländern wird auf Kirchenrecht meines Wissens viel mehr Zeit verwendet, und nach einer Privat- äußerung des Ministers Dr. Frhrn. v. Lutz zu schließen, wollte er noch mit den Bischöfen ins Benehmen treten, um eine neue Regelung der Behandlung des Kirchenrechts auf breiterer Basis in die Wege zu leiten, doch Krankheit und Tod vereitelten die Absicht des Ministers, der eine Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Wenn man bedenkt, welch breiten Raum die Behandlung des Eherechts allein einnehmen muß, welch eine praktische Bedeutung z. B. die Lehre vom Pfründewesen und von der kirchlichen Baupflicht hat, wie es zum richtigen Verständniß mancher Materien nothwendig ist. auch auf die geschichtliche Entiwcklnng des canonischen Rechts, des Eherechts u. s. w.. feMer auf das protestantische und orientalische Kirchenrcch? einzugehen, so dürfte auch ein zweijähriger Cursus mit mindestens vier Wochenstunden nicht zu hoch angeschlagen sein. Die Folianten eines Franziskaners Reisfenstuel, eines Jesuiten Schmalzgrueber und Pirhing, eines Benediktiners Böckhe u. s. w. sollen dem Kandidaten der Theorie nicht völlig unbekannt bleiben. Diese monumentalen Werke beweisen zugleich, eine welch hohe Wichtigkeit die frühere Zeit dieser Disciplin beigemessen hat, wie auch die älteren Compendien des Kirchenrechts im allgemeinen viel umfangreicher als die späteren sind. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Logik- Als Lehrbuch dargestellt von Dr. Ernst Commerz o. ö. Pros. an der Kgl. Universität Breslau. Paderborn 1897. Schöningh. Gr. 8°. S. XIII. 345. Preis M. 5.—. chß Die aristotelische Logik liegt vor uns, kurz und übersichtlich dargestellt nach der conseguenten Entwickelung, welche ihr Albert der Große und Thomas von Aquin gegeben hatten. Nach den Grundsätzen dieser Erklärer der aristotelischen.Schriften sind die psychologischen und metaphysischen Fragen und somit auch die sogen. Erkenntniß- lehre von der Logik ausgeschlossen. Die beigebrachten Stellen (Kleindruck) sind meist den einschlägigen Werken des Aristoteles und der beiden genannten großen Erklärer entnommen. Sie begründen trefflich die knappen Textworte (Großdruck) und sind bestgecignet, den Leser in das Quellenstudium allmählich einzuführen- Das ausgedehnte Verzeichniß der mehrmals angeführten Werke, sowie die Literaturangaben an der Spitze der einzelnen Paragraphen und in den Anmerkungen sollenzu weiteremStudium anleiten und zugleich Fingerzeige für die Geschichte der aristotelischen Logik geben. Mit Umsicht findet sich auch die neuere kritische Forschung verwerthet. Als maßgebende Erklärer sind jedoch nur Vertreter derjenigen Schule gewählt, welche sich von nominalistischen Einflüssen ganz frei gehalten hat. Als Zeugen der stetigen Tradition sind vor allem solche ausgewählt, welche die Geschichte der logischen Streitfragen ausführlich behandeln. Den Uebergang vom Agninätcn auf seinen so bedeutenden Commentator Kaictan vermitteln Soncinas und Savonarola. Kaictans Lehre ist wieder vertreten durch seinen Schüler Javcllus, sowie durch Johannes a 8. 'lAomu und Giovi. Die Ansichten des Dominikus Soto sind wiederzufinden bei Masius, Sanchiez, Lcrma und Ortiz. Javellus, Masius Und Zanardus sind auch wegen ihrer Verdienste um die Erklärung der aristotelischen Texte besonders herangezogen worden. — Zum leichteren Verständniß der Logik gibt die Einleitung eine vorläufige Erklärung von Philosophie und Logik und beschreibt kurz die sogenannten Werkzeuge des logischen Denkens, sowie die zugehörige Methode. Der 1. Theil dann handelt vom Begriff. In 6 Kapiteln werden der Reihe nach auseinandergesetzt die Natur und Eintheilnng des Begriffes, das Wort, die Allgemeinbegriffe (Gedanken- ding, die logischen Gedankengebilde, das Allgemeine), die Prädikabilien (5 höchsten Allgcmeinbegriffe im allgemeinen und einzeln), die Kategorien (obersten Gattungsbegriffe der Dinge, xrakäicamenta — und deren Eigenschaften, die Nachkategorien, xoetpiaeäleamsuta). Der 2. Theil: vom Urtheil. Die 4 Kapitel erklären das Urtheil an sich (Natur. Arten und wesentliche Eigenschaft — logische Wahrheit), die logische Rede, die Aussage (insbesondere die Aussage des Allgemeinen, praeäieatio loAioa, attributio — Natur, Eintheiluug, Regeln), den Satz (Natur, Arten, Bestandtheile: Form, Materie, Quantität, Qualität, Modalität; Eigenschaften der Satztheile und des Satzganzen). Der 8. Theil: von der Folgerung. Die 8 Kapitel behandeln die Folgerung im allgemeinen (Natur, Arten, Gesetze), die beiden Hauptarten: Schluß (Principien, Natur, Theile, Arten) und Induktion (Natur, Gesetze) den beweisenden, apodiktischem Schluß (Principien, Natur, Arten), die nicht beweisenden Schlüsse (Wahrscheinlichkeitsund sophistischen Schluß), die Topik (Auffindung des Mittelbegrisfs, Quellen für Form und Stoff der Folgerung). als Wirkung des beweisenden Schlusses die Wissenschaft (Natur, Gegenstand, Zweck, Unterordnung, Eintheiluug), schließlich die Logik (Bedeutungen, Gegenstand, Natur, Zweck, Nothwendigkeit). — Der Verfasser, hinlänglich bekannt als Herausgeber des Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie, sowie durch gediegene philosophische Schriften (z. B. System der Philosophie, 4 Bündchen, 1683/86) bietet auch hier wieder eine gründliche Arbeit. Das Lehrbuch empfiehlt sich durch große Klarheit und Uebersichtlichkeit. Letztere wurde insbesondere dadurch erzielt, daß am Kopfe der einzelnen Absätze deren Inhalt durch markirten Schwarzdruck kurz bezeichnet und die Hauptbegriffe innerhalb des Textes- durch Sperrdruck hervorgehoben sind. Da ein Eingehen auf die älteren kontroversen und eine Auseinandersetzung mit den neueren Logikern über die Grenzen eines Lehr buchs hinausgeht, soll diese Aufgcwe in eigenem Werk'' gelöst werden. — Der Verfasser hält im Einklang mit den Anschauungen Papst Leo's XIII. eine getreue Darstellung der perivatctischen Ueberlieferung in der seit mehr als 600 Jahren bestehenden Schule für das beste Mittel, mit den Vertretern anderer Richtungen in der Philosophie eine Verständigung anzubahnen. Insofern ergänzt das Buch in philosophiegeschichtlicher Hinsicht eine Lücke und liefert zugleich einen anerkennenswerthen Beitrag zur Erkenntniß der fMIosoxüia persmris. Weiß, vi. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, 3. verbesserte Auflage. Lieferung 162—169. Graz und Leipzig 1897. Verlagsbuchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pf. Der vorliegende Band 21 beginnt mit dem für Preußen unglücklichen Feldzuge von 1806 und reicht bis 1809, eines für die österreichische Armee ruhmvollen Jahres. . Eine Menge wichtiger Ereignisse liegt in diesem kurze» Zeitraume. Der Krieg, in den sich im Spätfahrc 1806 Preußen stürzte, war gerecht und geboten; es zog aber zu spät oder zu früh sein Schwert aus der Scheide und mußte gegen den allgewaltigen Napoleon unterliegen. Dann kämpft Spanien mit Macht und Erbitterung gegen die Einsetzung eines fremden Herrschers. Im Jahre 1809 versucht es Oesterreich, sich der drückenden lleber- macht zu erwehren, und wenn das Ziel auch noch nicht erreicht wurde, so bewies doch die zweitägige Riesen» i 180 Macht bei Aspern, daß der bisher Unbesiegte besiegt werden konnte. Die eingeflochtenen anziehenden Episoden über Generale wie Lannes, Moore, Marinont, La Romaira, Blücher, Gneisenan, Fürst Johann Liechtenstein, über Bolkshelden wie Andreas Hofer, Palafox rmd Schilt, über Geschichtschreiber wie Johannes von Müller und Qormayr, über einschlägige grosse Ereignisse wie den Aufstand in Schweden, die Fahrt der Engländer nach Kopenhagen, anschauliche Schilderungen von Ländern und Völkern, fesselnde Charakteristiken von Staatsmännern wie Stein, Jovellanos, Urguijo, Tallenrand, Caulaincourt, Schwarzenbcrg, Stadion und dem scharfblickenden Metternich, kurz von großen Männern und edlen Frauen, wie die Königin Louise von Preußen und die Kaiserin Ludovica von Oesterreich, machen diesen Band zu einer äußerst interessanten und spannenden Lectüre. Wir empfehlen dieses großartig angelegte Werk allen Freunden der Geschichte anfs neue. Instinkt und Intelligenz im Thierreich. Von Erich Wasmann 8. I. Verlag von Herder in Freiburg. M. 1,30. ? Diese Abhandlung bildet ein Ergänzungsheft zu den „Stimmen aus Maria-Laach" und bietet einen von umfassendem Wissen und scharfer Unterscheidung Zeugniß gebenden Beitrag zur vergleichenden Psychologie. Der Verfasser, der schon früher auf diesem Gebiete mehreres publizirt hat und in vorliegender Schrift vielfach den Einwendungen seiner Kritiker entgegentritt, behandelt ex pi !,t's88u die Begriffe Instinkt und Intelligenz, aus deren Bestimmung und Anwendung die wesentlichsten Differenz- punkte zwischen der älteren und neueren Tbierpsychologie sich ergeben. Die mit großer Klarheit und in vorzüglichem Stil geschriebene Studie Wasmanns wird sicher großem Interesse begegnen. _ Aus dem Tagebuch Kaiser Wilhelms I. Berlin, Verlag von Hugo Stemitz (Charlottenstraße 2). - Dieses Büchlein enthält eine Reihe von bemerkens- verthen Aufzeichnungen Kaiser Wilhelms. Er pflegte nämlich jeden Abend auf einem Blatt Papier Alles zusammenzufassen^ was ihm Wichtiges unter Tags vorgekommen, und diese Blätter mußten andern Tags säuberlich in Reinschrift auf ein Blatt mit dem vom Kaiser gewählten Wahlspruch copirt werden. Einige dieser Auszeichnungen, die sich als letztmilliges Vermächtniß cha- rakterisiren, hat der „Neichsanzeiger" im August 1838 publizirt. Das vorliegende Schriftchen bringt nun einige weitere Aufzeichnungen, die theilweise recht intimer Natur sind. Dabei verfolgt die Schrift eine zum Greifen erkennbare Tendenz: durch die mitgetheilten Aufzeichnungen Parallelen nahezulegen zwischen Wilhelm I. und Wilhelm II., zwischen dem alten und neuen Curs. Dabei fällt alles Licht auf den ersten Kaiser und Bismarck. Es waltet also große Einseitigkeit ob; aber interessant zu lesen ist das Schriftchen immerhin. Der geistliche Mai und geistliche Herbst. Ausgelegt auf das auswendige und inwendige bittere Leiden unseres .. Herrn... Zwei uralte, schöne, auserlesene Büchlein. . . Erneuert durch v. Frz. S. Hattler 8. I. Freiburg i. B., Herder 1897. 12", XII -s- 324. 1,80, geb. 2.50 M. s. Ein recht sinniges Betrachtuugsbüchlcin über die äußeren und inneren Leiden des Herrn, überall mit kern- bafter Nutzanwendung verbunden. Der Text des Büchleins stammt von zwei Verfassern, welche um die Wende des Mittelalters gelebt haben. Es eignet sich für innige chrrstusliebende Seelen, welchen ein Versenken in die Einzelheiten des leiblichen und seelischen Leidens des Herrn an der Hand von Bildern aus der Natur und allegorischen Gestalten keine allzu große Schwierigkeit bietet. Die äußerliche Eintheilung ist in der Weise durch- Zeführt, daß für jeden Tag des Monats Mai und für 35 Tage im Herbst je eine Betrachtung geboten wird. Sehr anerkennenswert!) ist der bildliche Schmuck, be- Das Maifest. Musikalisches Festspiel, gedichtet von G. Pirkl, für Soli, stimmigen Kinderchor und Pianoforte comp. von Ä. Maier. Op. 78. Aner- Donauwörth. Compl. 0,80 M., Stimmen apart 20 Pfg. v. Unter obigem Titel birgt sich ein religiöses Festspiel, eine Weihe jugendlicher Herzen an die Maien- Königin. Der duftige Hauch der Musik, der herzens- warme Ton der Liedertexte in Verbindung mit der Handlung — Bekränzung eines Muttergottesbildes und Fest- zug — werden zweifelsohne unverdorbenen Kinderseelen aufrichtige Freude und innere Erhebung bieten. Dabei ist alles mit den einfachsten Mitteln ausführbar und die Klavierbegleitung selbst von einem ganz mäßigen Spieler ohne besondere Schwierigkeit zu bewältigen. Wer Kindern zum Maimonat reine Freude bereiten will, dem sei das Festspiel angelegentlichst empfohlen. — Zwei stehen gebliebene Druckfehler aus S. 3 und 4 corrigiren sich leicht von selbst. _ Leichen- und Begräbnißpolizei. Von Lor. Aug. Grill, kgl. Bezirksamts-Assessor. Verlag von I. Schweißer (Eichbichler) in München. * Die in Bayern geltenden Bestimmungen in Bezug auf Leichen- und Begräbnißpolizei nebst Dienstanweisung für die Leichenschauer ist der Inhalt dieses Schristchens, das einem Bedürfniß praktisch abhilft, da eine derartige Zusammenstellung der geltenden Bestimmungen auf dem Gebiete der Leichen- und Begräbnißpolizei nicht vorhanden ist. Das Schriftchen wird allen aus diesem Gebiete wirkenden Personen gute Dienste leisten. Es ist gest ausgestattet und kostet nur 75 Pfg. Philosophisches Jahrbuch der Görresgesell» schaft. Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei in Flllda. X. Jahrgang. Das II. Heft enthält u. And.: V. Frins 8. I., Zum Begriffe des Wunders. -- L. Sch ü tz, Der Hypnotismus (Forts.) — I. Uebinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cusanus (Schluß). — A. Lins meier 8. I., Inhalt der chemisch-physikalischen Atomhypothese. — Recensionen und Referate: N. Seeland, Gesundheit und Glück, von C. Gutberlet. — I. Hontheim 8.1., Der logische Algorithmus, von I. Pohle. — E. Wasmann 8. I., Zur neueren Geschichte der Entwickelungslehre in Deutschland, von X. Pfeifer. — Br. Petro- nievics. Der Ontologische Beweis für das Dasein des Absoluten, von C. Gutberlet. — I. Sachs, Grundzüge der Metaphysik, von F. Schmid. — I. Frantz, Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II-, von dems. — I. Thill, Die Eigenthumsfrage im klassischen Alterthum, v. V. Thielemann. — A. Kirstein. Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst, von A. Pfeifer u. s. w. _ „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistcrcicnser-Ordcn." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das I. Heft 1897 enthält u. a.: Plaine Bcda (0.8.8. Silos): vs initiia IiowitibiiS mirabilibu8guo per 8ooula inorswsutw 0ultu8 L. Llarias Vir§inis. Vi8gui8itto bisto- rioo-Iitnr§iea. (I.) — Veith, Jldefons (0. 8. L. Seckau): Die Martyrologien der Griechen. (III.) — Ponschab Bernard (0. 8. L. Metten): Das Pontificalbuch Gun- dacar II. und des sel. Utto von Metten. (I.) Willems, D. Gabriel (0. 8. L. Asflighem): 8ebolas Bsusüietiuas 8ivo: Os 8oisntÜ8, opsru Llovavboruw OrPnw 8. Lsve- äieti auetis, oxoulti8, propaxatis st oon8orvati8 ; Inbri guatuor a v. Oäons Ornnbisr, monaoüo /Aüi^eniöQsis Llona8terü Orckinis e.juMom 8. Lsnsäioti. (IV.) — Gaffer, k. Vincenz (0.8. L. Gries): Das ehemalige Benedictiner- stift Scharnitz-Jnnichen in Tirol. — Wagner, Phil., vr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (II.) — Leistle, vr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnus- stifte zu Füssen. (VII.) — Wittmann, vr. PiuZ (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. (!i?t.), und seine Werke. (II.) — Renz, G. A. (München): Beiträge stehend ,n 19 Vollbildern nach den überaus ansprechenden, ,. .. ...... ^ , innigen Zeichnungen von A. u. L. Seitz. Auch die übrige ! zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Ausstattung ist des berühmten Verlages würdig. _Pr iorates Weih St. Peter (0. 8. K.) in Negensburg. (IX.) Sftrautiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nf. 2b. Mge W Allgsbmger Weitung. 13. Mal 1897. Hanse» und der Hypnotisums. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Nach den bisherigen nothwendigen Klarlegungen wollen wir mmmehr die Aufstellungen Hansens weiter verfolgen. Auch Hansen hat, wie andere Forscher, eine höhere Entwicklung der Geisteskräfte in höheren Stadien der Hypnose beobachtet. Ein Beispiel hievon ist die gesteigerte Erinnerungsthätigkeit,') die Hypermnesie, wie sie im folgendem von Hansen berichteten Fall sich darstellt. Er hypnotisiere in Afrika einen englischen Offizier. Dieser sprach nun plötzlich in der Hypnose eine fremde Sprache. Es stellte sich heraus, daß es die wallisische war. Diese hatte er als Kind gelernt, später aber wieder vergessen, und erst im tieferen hypnotischen Schlafe kam sie ihm wieder in Erinnerung. Diese Beobachtungen veranlassen uns, der Forschungen zu gedenken, die Baron I)r. Carl du Prel in seiner Schrift „Das Sprechen in fremden Zungen" (Leipzig, Mutze) zusammengestellt hat. Er bringt in derselben eine große Reihe von Fällen aus dem Alterthume, dem Mittelalter und der Neuzeit, die sich sowohl auf das Verstehen fremder Sprachen, wie auf die eigentliche Sprachengabe — Glossolalie — beziehen. Hinsichtlich seiner Erklärungsversuche der Phänomene der christlichen Mystik ist zu bemerken, daß. da er die eigentliche Jn- spirationstheorke im christlichen Sinne verwirft, er sich selbst das Verständniß derselben erschwert und die berichteten Erscheinungen als Wirkungen des „transcendentalen Subjekts", d. h. der Fähigkeiten des „Unterbewußtseins", der uns im Wachzustände unbewußten psychischen Kräfte, erklärt. Eines der bisher am meisten bestrittenen Phänomene km höheren hypnotischen Stadium ist das Hellsehen, dessen Existenz Hansen energisch vertritt. Er erzählte in seinen Vortragen folgenden diesbezüglichen Fall. Er wurde einmal während einer Sitzung von zwei Brudern aufgefordert, seine Versuchsperson über ihre (der Brüder) Mutter zu fragen. Die Frau nannte nun eine Straße, in welcher die Mutter wohnen sollte, sagte, dieselbe sei unbedeutend erkrankt und werde einem der Brüder einen Brief in einer geschäftlichen Angelegenheit schreiben. Die Adresse erwies sich nun als falsch. Die Versuchsperson aber blieb bei ihrer Behauptung, es sei die richtige. Nach einigen Tagen erhielt einer der Brüder einen Brief von seiner Mutter in der besagten Angelegenheit, in welcher sie ihm auch mittheilte, sie sei umgezogen, und zwar in die Straße, welche die Hypnotisirte ') Ich erinnere hier noch an die bekannten Experimente Krafft-Ebings, die den Beweis liefern, daß in der Hypnose nicht nur durch Suggestion geschaffene Typen kindlicher und jugendlicher Persönlichkeiten festgehalten, sondern auch individuelle frühere Zustände, die potentiell im psychischen Grunde vorhanden sind, „frühere Jchpersönlichkeiten". wie Krafft-Ebing sich ausdrückt, hypnotisch wieder realisirt werden können. Die Erhöhung des Erinnerungsvermögens, die hiezu nothwendig ist. müßte nur unbedeutend erscheinen, wenn man die Behauptung indischer Bogis für glaubwürdig halten könnte, die sich sogar früherer „Inkarnationen" nnd aller Verhältnisse in denselben während der Sanyama — Zurückziehung, Autohypnose — erinnern zu können vorgeben. Hierüber Näheres in der Studie über Krafft-Ebings Experimente von Chastenct de Puysögur in der Monatsschrift „Sphinx" (August und September 1893). genannt hatte. In diesem Falle dürfte wohl kaum Gedankenübertragung anzunehmen sein. Uebrigens werden auch von andern Forschem gegenwärtig die Phänomene des Hellsehen) anerkannt. Die umfassendste Darstellung der diesbezüglichen Forschungen hat Baron Dr. du Prel in seinem Werke „Die Entdeckung der Seele" gegeben, auf das ich alle, die sich mehr für dieses Gebiet interessiren, verweisen muß. Eine der bedeutendsten Zusammenstellungen diesbezüglicher Beobachtungen in englischer Sprache hat Mme. Henry Sidgwick in den krooeoäings ok tsts Lvoiet^ kor kszicbioul kssearost veranstaltet; dieselbe wurde unter dem Titel „Lussi sur 1«, xrouvo äs Irr elrrirvvMULo" von Marcel Maugiu für die ^.nnalos äas Lcioncas ksxoüiguög (1891, p. 2V2, 268 und 1892, pg.x. 12 bis 47) übersetzt. In dieser Zeitschrift findet sich überhaupt eine Fülle von Material über diesen Gegenstand. Besonders bemerkenswerth ist noch das erhöhte Ne- generations - (HeilungS-)Bestrebcn des Organismus im Schlafzustande. Hansen konnte bekanntlich seinen Versuchspersonen kleine Wunden beibringen, die sich sofort schloffen, und die neueren Hypnotiseure machen häufig ähnliche Beobachtungen. Man wird hiedurch an die Erzählungen von den unverwundbaren indischen SanjasiS und Jogis sowie den mohammedanischen Fakiren (Aissawijas) erinnert, welche die erstaunlichsten Experimente in einer Art Autohypnose verrichten. Aehnlich wie erhöhtes Hellungsbestreben ist auch erhöhte organische Bildungsfähigkeit in der Hypnose zu constatiren. Hieher gehören die Berichte vorn hypnotischen „Stigma", die Hansen aus eigener Erfahrung bestätigte. Dieselben finden sich tu dem Beitrage des berühmten Psychologen F. W. H. Myers „Psto Lnbliminal Oonsoious- no8s" (das Unterbewußtsein) zu den krooseckings ok tds Looiotx tor ksxolrioal Rögsared in London (Februar 1892, Vol. VII, kurt. XX, ftaZ. 298 — 356) zusammengestellt; neuerdings hat auch Baron du Prel eine deutsche Schrift über das Stigma (Scparatabzug aus der Zeitschrift „Die Zukunft") herausgegeben. Ich hoffe, demnächst in einer Studie den Unterschied zwischen dem mystischen und hypnotischen Stigma genauer feststellen zu können. Ich habe nun noch von den Erfahrungen Hansens bezüglich der Suggestibilität oder Fähigkeit zur Hypnose bei den verschiedenen Völkern, die er besuchte, zu sprechen. Völker, die langsam im Denken und schwerfällig in den Bewegungen sind, können ebenso schwer hypnotisirt werden, als hochentwickelte Menschen, bei denen Wille und die Scelenkräfte überhaupt vorzüglich ausgebildet sind. Letztere sind eben mehr autosuggestibel, sie können selbst die Concentration wachrufen, aber nicht veranlaßt werden, auf fremde Befehle zu reagiren. Hansen versuchte hier in München, wie ich bei dieser Gelegenheit erwähnen möchte, im Beisein eines berühmten Arztes einen bekannten Philosophen zu therapeutischen Zwecken zu hypnotistren. Er wandte Suggestion und Magnetisation an, der Arzt gebrauchte überdies Narkose; der Gelehrte blieb aber trotzdem bei Bewußtsein, was Hansen zur Verzweiflung brachte. Die Proccntsätze desselben für die Suggestibilität dürften ergeben, daß im Allgemeinen die südlichen Völker snggestiblcr sind, als die nordischen, Zu Belgien (von den Vlamen) waren 5—8 fug- gestibel, (Wallonen 35—40 °/g), in Dänemark 20 Schweden 26 «/,»Norwegen 20 °/g, Norddeutschland 20 Süddentschland 30 «/„. Sachsen 35 «/„. Frankreich 35, in gewissen Theilen 80 «/,, England 31 «/§, Oesterreich- Ungarn 38 «/<>, Australien 30 °/,, in den Ländern am Südufer des Mittelmeeres 37 «/,, in Südafrika (wo nicht holländische Bevölkerung) 33 «/,. Diese Zahlen nun ergaben sich nur durch die Experimente auf öffentlicher Bühne. Diejenigen Forscher, welche unter günstigeren Verhältnissen Experimente anstellten, haben ganz andere Procentsätze für die Suggestibilität erwiesen. Nach den neuesten Zusammenstellungen kann man annnehmen, daß unter den richtigen Verhältnissen 94—97 «/„ der Menschen hypnotisch beeinflußt werden können. Schmidkunz-Gerster haben ihrem Werke (Psychologie der Suggestion) eine Tabelle über die Hypnotisirbarkeit des Menschen nach den Berichten von LiLbcault, Van Renterghem und Van Eeden, Sallis, Nonne» Forel, Wetterstrand, Ringier eingefügt, welche von großer Wichtigkeit ist. Bei den 97 «/<> Hyp- notistrbaren ist aber der Grad der Hypnose , eben ein sehr verschiedener. Der tiefste hypnotische . Schlaf, der Somnambulismus. ist etwa bei 16 — 18 «/, der Menschen zu erzielen. Man hat geglaubt, daß krankhafte Zustände der Nerven günstige Vorbedingungen für die Hypnose seien. Schon Hansen hat mit Neurasthenikern, >vie er bemerkt, nicht immer günstige Resultate erzielt. Nunmehr haben diesem Glauben auch mehrere andere Fachmänner opponirt, z. B. Wetterstrand. Geister unterscheidet zwei Arten von Hysterikern. Die Hysteriker I find psychonenrotisch veranlagt und besitzen eine außerordentliche Empfänglichkeit für Fremdsuggestionen.. Die Hysteriker II. dagegen sind psychopathisch mrd für Fremdsuggestionen fast ganz unzugänglich, dagegen äußerst autosuggestibel. Die Vernachlässigung dieser Unterschiede veranlaßte bisher die widersprechendsten Berichte über die Hypnotisirbarkeit der Hysteriker. Niemals sollte- wie Hansen betont, ein Unerfahrener es wagen, auf eigene Faust zu hypnotisieren, besonders nicht zu Heilzwecken. Die Berufenen zur Feststellung und Behandlung der Krankheit sind die Aerzte, und erst auf ihre Anordnung hin sollte auch ein erfahrener Hypnotiseur seiner Ansicht nach handeln. Wir werden durch die Warnung Hansens auf ein Kapitel aufmerksam gemacht, welches in neuester Zeit viel umstritten wurde, Es ist das von den Gefahren der Hypnose, die theils unterschätzt, theils von Aerzten, die nur in Folge ihrer Ungeschicklichkeit schlechte Erfahrungen gemacht haben, übertrieben werden?) Sämmtliche bedeutende Forschers sind der Ansicht, daß man als Hypnotiseur nicht genug Vorsicht bezüglich der Auswahl der Versuchsperson gebrauchen könne, und daß speciell Subjekte hysterischer Natur mit seelischer Ueberempfind- lichkeit (psychischer Hyperästhesie) möglichst fernzuhalten find?«) 7 Siehe die Zurückweisung neuerer Angriffe auf den Hypnotismus in der Schrift des Freiherr» Dr. v. Schrenck- Notzing: Der Hypnotismus im Münchener Krankenhause. Eine kritische Studie über die Gefahren der Suggeftiv- behandluna. Leipzig, Abel. 1894. «) Siehe die grundlegende Darstellung der Gefahren der Hypnose in dem empfehlenswerthen Buche des Dr. Schmidkunz: Der Hypnotismus. Stuttgart, Mohrmann. 1892. In einem vor kurzem erschienenen Druckhcft „vs I'expöiüuüutAtion ckaus 1'ötncls äe klrvpuotisnn? warnt -der Leiter des hypnothcrapischen Laboratoriums der Ferner wird darauf hingewiesen, wie nothwendig es ist, daß der Hypnotiseur die nöthige Klugheit auch in der Auswahl der Suggestionen anwendet. Er müsse sich ganz in die suggestive Individualität des Einzelnen hineindeuten können, zusehen, in welcher Eigenart jeder die Suggestion aufnimmt, vor allem aber nie das Matz der nöthigen Suggestionen überschreiten. Ueberdies müsse er im „Desuggestionireii", in der Zurücknahme der Sug gestion, deren Erfolg schwinden soll, sehr gewissenhaft sein. Moll hält sich darüber auf, „daß ein Desug. gestionircn überhaupt den meisten vollkommen unbekannt ist". (Moll, Der Hypnotismus p. 252.) Eine sehr ins Gewicht fallende Gefahr ist die immer mehr wachsende Disposition zur Hypnose und für suggestive Einflüsse aller Art; auch kaun der künstliche Somnambulismus, wie Winde (D. H. p, 63) bemerkt, schließlich zum Autosomnambulismus werden, der lange Zeit hindurch andauern kann. Ueberdies soll die Hypnose nach Anschauung mehrerer Forscher, unter andern auch Bernheims, die stärkste Ursache zur Entfaltung der Hysterie sein. Jedoch meint Geister: „Hysterie ist ein specifisches Produkt klinischer Hypnotisirerei." (Schmidkunz puZ. 177.)") Ferner bc- Eharitö. Gorard Encausse, entschieden vor den» häufigen Gebrauche derselben Versuchspersonen und besonders vor denen, welche, wie es ,ctzt besonders in Paris der Fall ist, sich als „suzst kz^uotjgns" für einige Francs verkaufen, indem sie sich dabei meist auf ihre frühere Verwendung zu Versuchen von Gelehrten berufen. Es könne bei Feststellung neuer hypnotischer Phänomene der Irrthum nicht vollständig ausgeschlossen werden, wenn immer nur dieselbe Versuchsperson geprüft iverde; bei Professions» medien sei überliculpt der Betrug viel eher annehmbar. ") Das dürfte auch der Inhalt der Schrift erweisen, welche vor kurzem Dr. Freiherr v. Schrenck-Notzing über die Experimente eines Assistenz-Arztes des Dr. von Ziemsfenim Münchener Krankenhause, Dr. Fr., herausgegeben hat. (Der Hypnotismus, im Münchener Krankenhause. Eine kritische Studie von Dr. Frhr. v. Schrenck- Notzing. Leipzig. Abel. 1894.) Letzterer hat. wie der Verfasser nachweist, die Erläuterungen der Nancyer Schule über den Hypnotismus, auf denen er fußen will, gar nicht verstanden. Er behauptete in dem Berichte über seine Erfahrungen oft gerade das Gegentheil von dem. was die Nancyer Experimentatoren sagen. Die Vorschriften der neueren Autoren, besonders Bernheims, scheint er gar nicht zu kennen, da er sie nicht befolgte. Ich will deßhalb einige der bezeichnendsten Stellen aus seinem Berichte, tue Dr. v. Schrenck aufführt, wiedergeben. ,,Bei einem Versuche,—es handelte sich um eine Kellnerin, der man ein Zahnleiden vertreiben wollte, — gelang die Hypnotisirung durch Einwirken arrf den Gehörsinn, 20 Minuten wurde das Ticken einer Uhr mit dem Gehör fixirt, ein anderes Mal hat Dr. Fr. eine Messingkugel 7- Stunde lang firiren lassen, obgleich von den rneisten Autoren auf die Schädlichkeit der Fixationshypnose im allgemeinen hingewiesen wird. Sodann ließ er den erhobenen linken Arm 7« Stunde lang in kataleptischer Stellung, obschon er über den Zustand des Nervensystems und über die individuelle Suggestibilität der Patientin durchaus nicht genügend orientirt war. Ehe er noch dazu kam, ihr irgend eine therapeutische Suggestion beizubringen, wachte die Patientin spontan auf und- klagte über Schmerlen in der linken Schulter und im linken Oberarm. Die nicht absuggerirten Zahnschmerzen waren erklärlicherweise geblieben. Es folgte eine unruhige Stacht, und in der folgenden Visite traten Krampfanfalle ein, die zunächst das Fascialisgebiet ergriffen und später die Arm-, Rumpf- und Beinmuskulatur, so daß schließlich die Bettstelle in zitternde Bewegung gerieft). Erst letzt erfuhr Dr. Fr., daß die Patientin schon 8 Tage vor dem Eintritt in die Anstalt Zuckungen gehabt habe. Anstatt nun wenigstens die Folgen des unvorsichtigen und von so üblen Nachwirkungen begleiteten Katalepsie-Experiments durch beruhigende Suggestion wieder auszugleichen, snggerirte vr. Fr. der Patientin den Eintritt eines neuen 189 M ! i hauptet man, daß die Hypnose allgemeine Nervosität erwecke. Moll glaubt aber, daß diese nur durch das Fixationsverfahren Braids herbeigeführt werde. Ebenso kann Geistesstörung nur dann eintreten, wenn gewisse Grenzen überschritten werden. Moll empfiehlt für alle Fälle kurz folgende drei Vorsichtsmaßregeln: möglichste Vermeidung andauernder Sinnesreize, möglichste Vermeidung aller psychisch erregenden Suggestionen, absolutes Desuggestionire» vor dem Erwecken. Im Allgemeinen ist darauf hinzuweisen, daß selbst Fachmänner, wie Minde (Ueber Hypnotismus, 1891, pag. 17), welche die Gefahren in allen Einzelheiten und Möglichkeiten besprechen und sogar als solche Tobsuchtsanfälle, Hcmichorea (kleiner Veitstanz), Konvulsionen, Katalepsie, Weinkrämpfe, Wahnsinn u. a. aufführen, schließlich wieder in gewisser Hinsicht beruhigen. So schreibt Minde (pag. 19): Die meisten der durch den Hypnotismus bedingten Gefahren für die Gesundheit sind — und das ist eine große Beruhigung für uns — von Laien durch die leichtsinnigsten Manipulationen und durch geradezu sinnlose Suggestionen hervorgerufen worden. Wendet man die Hypnose in vorsichtiger Weise an, läßt wie bei der Narkose die gehörigen Rücksichten gelten, führt nur, leichtere Grade herbei und dehnt den Schlaf, nicht übermäßig lang aus, so wird man wohl nie oder in den seltensten Fällen eine Unannehmlichkeit zu fürchten haben. Zn ähnlicher Weise soll auch die rechtliche Gefahr nur seltener in Betracht kommen. Es ist bekanntlich dieselbe in Processen der letzten Zeit, in denen Mißbrauch der Hypnose anzunehmen war, wie z. B. im Processe Czynski, eingehend erörtert worden. Von einzelnen Fachmännern, wie vonBonjean (karis, 1890) ist die Frage bejaht worden, ob durch Suggestion Handlungen verursacht werden können, welche dem ganzen Charakter des Individuums widersprechen. Ferner ist es in Betracht zu ziehen» wenn Schmidkunz darauf hinweist, daß eine Person bei fortgesetzter Hypnose immer empfänglicher für Eingebungen auch. im Wachzustände wird, — wieder eine Warnung vor Ausbildung von Berufs- hypnotikern. Was die sittliche Gefahr im allgemeinen anbelangt, so dürfte die von katholischer Seite gemachte Bemerkung, daß in der Hypnose eine nicht zu rechtfertigende Verzichtleistung auf die Freiheit und Selbstständigkeit der eigenen Persönlichkeit erfolgen kann, berücksichtigt Iverden.") Man wird aus ^ der erfolgten Darstellung ersehen Anfalles im wachen Zustande. In der That kehrte derselbe auch wieder. Statt besonderer Rücksichtnahme auf die Erregbarkeit des Nervensystems bei der Patientin, wandte vr. Fr. nunmehr Fixiren einer Messingkugel an. um von neuem Hypnose hervorzurufen, nachdem ein Hyp- notisirversuch am Tage zuvor wegen zu großer Erregung der Patientin erfolglos geblieben war. Nach dem Erwachen zeigte sich bei derselben Schwindelgefühl, Kopfweh, die Mcssingkugel tanzte vor ihren Augen, sobald sie dieselben schloß: außerdem hatte sie nachts noch einen Anfall." Auf sonstige Fehlgriffe des vr. Fr.: Erwcckuna von Hallucinationen rc.. worüber sich vr. v. Schrenck- Notzina äußert, will ich hier nicht weiter eingehen. ") Finlay 8. >7. meint in seinem Werke über Hypnotismus, ,,es erscheine als eine gänzlich ungerechtfertigte Verzichtleistung auf unsere eigene unabhängige Persönlichkeit. sich der Controlle über die eigenen Handlungen zn begeben, eine Zeit lang das vollständige Instrument des Willens oder der Laune eines andern zu werden: wir feien da nicht mehr länger die Herren unseres eigenen Thuns, wir könnten angeleitet werden, uns selbst und -andere zu schaden." haben, daß eine tiefere Erforschung des Hypnotismus von Seite der Gelehrtenkreise viele neue Thatsachen und Probleme zu Tage förderte. Einem Praktiker wie Hansen ist bei seinen Verhältnissen es nicht gegeben gewesen, derart einzudringen, und er war, wie schon angedeutet, nur dazu bestimmt, vorerst gewisse Kreise auf einzelne Punkte einer neuen Experimentalpsychologie aufmerksam zu machen, deren Werth darin bestehen könnte, bei weiteren Forschungen Mediciner und Psychologen von dem herrschenden Materialismus abzuwenden. Etwas über Geschichtsforschung. Eben, da ich diese Zeilen schreibe, liegt vor mir die wirklich prachtvoll illustrirte „Deutsche Geschichte" von L. St. Ich blättere ein lvcnlg im 2. Band derselben herum und finde unter anderen: auch das Facsimile eines Ablaßbriefes, welchem zum besseren Verständniß eine deutsche Uebcrsctzung beigedruckt ist. Ich kann es mir nicht versagen, diese Wiedergabe mit dem Originale zu vergleichen, und finde da zu meinem Erstaunen ganz sonderbare Dinge, welche zu interessant sind, als daß sie dem Leser vorenthalten werden könnten, zumal sie wieder einen Beweis für die Leichtgläubigkeit liefern dürften, welche unsere Gegner zuweilen von ihren Lesern fordern. — Der verehrte Leser möge meinen Ausführungen an der Hand des Originaltextes folgen, welcher (soweit er nämlich hier in Betracht kommt) wörtlich also lautet: 1. 6uur öanctissimuZ in Christo pater et äo- wivus noster äowinus blioolaus «tivinrr proviäentia, psps, V. . . . gratis cxmeessit ownidus iv Christo üäelibus ... «jni . . . proouratoribus vol rwntiis Lubstitutis pis eroZavsriut, ut Ccmkessorss . . per ixsos eligevcii oookessionibns eorum auäitis pro commissis etiam 8e6i axostolieue reservutis ex- cessibus... äsbitam absolutiouem iwponäere . . ae eis vsre povitevtibus st ecmkessis Iväulgentiam ae xlenariam remissioaem ,.. auekoritats apostolim» conoeäere valeavt. 2. Es folgt eine Formel für Gesunde: Alissreatur tui eto. Vowinus ooster ltosus Christus pro 8ua sairetissimL et xiissiina missrievräia te absolvat, st . . . auotoritate apostoliea vrisii evmmissa . . . LZo ts ubsolvo ab ovanious peoeatis tuis oontritis, vonkessis et oblitis u. s. w. vecnoa ab oirmibus xoeuis ecelesiastieis u. s. w. 3. Folgt eine Formel für Sterbende, durch welche nicht nur von allen Sünden, Reservatfällen u. f. w. (also wie beim Jubiläumsablaß), sondern auch von allen nicht nur den kirchlichen Sündenstrafen nach erfüllter Bedingung freigesprochen wird. Nr. 1 übersetzt der Verfasser folgendermaßen: ,,D« der heiligste in Christo Vater und Herr, unser Herr Nikolaus, durch die göttliche Vorsehung Papst, der fünfte . . . unentgeltlich allen in Christo Getreuen . . . gestattet hat, welche ... von den dazu eingesetzten Verwaltern oder Boten pflichtmäßig erbeten haben, daß . . . durch sie selbst zu ivählcnde Beichtväter, nach Vernehmung derer Glaubensbekenntnisse, für begangene auch dem apostolischen Stuhle vorbehalten«: Ausschreitungen ... schuldige Vergebung zu verhängen . . . und denen, die wahrhaft bereut und bekannt haben,.. . eine völlige Er- lassnng infolge apostolischer Machtvollkommenheit einzuräumen die Kraft hätten." Nr. 2 übersetzt der Verfasser, wie folgt: „Es möge sich deiner erbarmen n, s. w. Unser Herr Jesus Christus 184 durch seine heiligste und gütigste Barmherzigkeit möge dir vergeben, und . . kraft der mir Übertragenen . . Machtvollkommenheit spreche ich dich von allen deinen reuig gefühlten, begangenen und tn Vergessenheit gerathenen Sünden . . . nicht minder von allen . . . kirchlichen Strafen . . . frei u. s. w." Da nun der Verfasser offenbar beweisen will, wie in der katholischen Kirche Acußerlichkeiten die echte evangelische Bußgesimmng ersetzen können, so ist es am Platze, die obige Uebcrsetzung mit vorurtheilsfreiem Auge auf ihre Nichtigkeit zu prüfen lind dann zuzusehen, ob das Resultat unserer Untersuchung auf dem Boden des wahren Christenthums fuße. Einmal muß uns auffallen, daß der Verfasser „con- teksionibrm ooruiu rmclitis" mit „nach Vernehmung derer Glaubensbekenntnisse" übersetzte. Eher dürfte am Platze sein: „nach Anhörung ihrer Süudenbekenntnisse". Dafür sprechen 3 Umstände: 1. Zu tvas „Oonkessorss", wenn nicht zum Beichtehören? 2. Zu was „6onk688or«8 pvr ip 808 sliZenäi," eine Maßregel, durch welche offenbar das bet der Beicht oft natürliche Angst- oder 'Schamgefühl beseitigt werden soll? 3. Heißt das katholische Glaubensbckenntniß nie aoaiassio, sondern stets Sodann ist es noch sonderbarer, daß der Verfasser gerade in den beiden kleinen, also auch für den unachtsamen Leser in der Uebersetzung leicht verständlichen Formeln peceatia „conkezmZ" mit „conkeotis" verwechselt, also mit „begangene" statt „gebeichtete Sünden" übersetzt. Da mag allerdings mancher Leser des Wanderers Eile mit drohend geschwungener — Grammatik h'Minen und fragen, seit wann das Medium der Deponentia passive Bedeutung hat; allein einmal haben wir Küchenlatein vor uns, und gleich daneben steht in „oblitia" der gleiche Fall, und dann übersetzt der Verfasser selbst das gleiche Wort im langen Dekret richtig, was bereits angedeutet wurde. Woher kommt das? Während uns' also der Verfasser den „Ablaßhandel" so nialt, daß der glückliche Besitzer eines solchen Ablaßzettels nur bei deut „von ihm erwählten" „Beichtvater sein Glaubensbekenntniß beten durfte, um die tröstliche Gewißheit seiner Auscrwahlung zu besitzen, mußte derselbe, wie das Dekret ausdrücklich erklärt, seine Sünden bereuen und beichten und den festen Vorsatz haben, sich zu bessern, *) um der Gnade des Ablasses theilhaftig zu werden. Dürfte da der Verfasser jenes Werkes, wenn er auch die kirchliche Lehre vom Ablaß verwirft, nicht zugeben, daß sie sich auf etwas anderes gründet, als auf ein moralisches Faulenzerthum, wie er uns glaube» machen möchte? ll. Recensionen und Notizen. Das kirchliche Bücherverbot. Ein Commentar zur Constitution Leo's Xlll. „Oktieiorum so muusrum" vom 24. Januar 1897 von Dr. Jos. Holl weck, Pros. ant b. Lyceum in Eichstätt. Mainz. Kirch- heim (VI u. 63 S.) Preis 75 Pf. e. Die hier angezeigte, soeben erschienene Schrift kann jedem Leser der „Postzeitung", er sei Geistlicher oder Laie, aufs wärmste empfohlen werden: vielen dürfte sie unentbehrlich sein. Im engen Anschluß an die päpstliche Constitution über die verbotenen Bücher wird das nunmehr in dieser Sache geltende Recht kurz und übersichtlich dargestellt in 4 Abschnitten: Lektüre und Aufbewahrung. Herausgabe der Bücher, Verlag und Verbreitung, Censur. Die Einleitung bietet in einer Uebersicht die rechtsgeschicht- liche Entwicklung des Bücherverbotes, ein Anhang bietet den Text der neuen Constitution: das beigegebene Register steigert die praktische Brauchbarkeit des Büchleins. Theoretiker wie Praktiker werden viel Werthvolles in den zahlreichen Fußnoten finden. Zeitschrift des kathol. Universitätsvereines von Salzburg. Druck von A. Pustet in Salzburg. Preis pro Jahr 1 fl. Das U. Quartal-Heft 1897 enthält u. And.: Bericht über die XHl. Generalversammlung des Vereines am 17, Jänner 1897: Geschäftsbericht, Rechnungs-Abschluß. — Quartalsbericht. — Berichte von Pfarrgruppen. — Fünftes Verzeichniß der Subscribenten. — Spenden-Ausweise. — Litterarischer Anzeiger. — Aviso. — „Vuivsrsitas ea- tboliva'': Bedeutet die Gründung einer neuen Universität das Aufgeben der schon bestehenden? Apologie des Christenthums von vr. Fr. Hellinge r. 7. Aufl. Herausgea. von Dr. Eng. Müller. Vertag von Herder in Frewnrg. * Diese nerre Auflage, welche in 20 Liesg. (K M. I —) erscheint, ist nun bis zur 13. Lieferung gediehen. Letztere umfaßt die Vortrüge „Christus der Prophet", „Christus der König", „Die hl. Sakramente". Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München. ^Jährlich 4 Hefte. zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. Inhalt: Diecamp. Das Zeitalter des ErzbtschofS Andreas von Cäsarea. — Sägmüller, Der Schatz Johanns XXII. — Grauert, Neue Dante-Forschungen. — Schnür er. Lamprechts deutsche Geschichte. — von Nostitz-Rieneck, Die Briefe Papst Leo's I. im Ooäsr Llouaosusis 14540. — I ostes, Meister Johannes Rellach, ein Bibelübersetzer des 15. Jahrhunderts. — Suoutkvr. Lpistulas iMpsi-Atoruw sto. Lars I. — Ders., Avellana- Studien (v. Nostitz-Rieneck). — Krumbacher, Geschichte der byzantin. Literatur. 2. Auflage. (Weyma n.) — Bericht über die Arbeiten des römischen Instituts der Görresgesellschaft für das Jahr 1695/96. — Bevorstehende Novitäten. — Preisaufgaben und Preisertheilungen nsm Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 60 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 5. Heftes 1897: Aufruf zur Gründung eines Chäritas-Verbandes für das katholische Deutschland. — Oekolampadius im Birgittenkloster in Altomünster. — Bibel und Wissenschaft. (Forts.) — Die Anzeigepflicht im Sinne der Artikel 17 und 31 des bayerischen Armengesetzes. — Die Pfarragende. — Die Verwilderung der Jugend. — Äauernvereme und Seelsorgsvflichten. — Die Litauiae w^orss in kssto 9. Llaroi und die IntLniae miuores Roxatiomuu. — Die Besteuerung der Jahrtags: stiftungen. — Entgegnung. — Umlagen für Kirchenzweck in politischen Gemeinden. — Streiflichter auf die social« Lage. — Wie find ssiEatui bezüglich der heiligen Kommunion zu behandeln? — Die Applikation der Psarrmesse. — Die Verstümmelung des Credo auf unseren Kirchen- chören. — Fundationskapitalien für Gottesdrenststiftungen. — Feüersgefahr bei der Maiandacht. — Genuflexion während des Credo. — Ein Buch für den christlichen Familien« erein. — Feier der Neqmemmessen. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Litterarische Novitätenschau. ') „äummockp taytuw sx coukckeutia rsmisLiouis.... xeceors uou pessumaut, alioguiu äiota eouosssio guoack xlsuariam remissiouöm in mortis artieulo st remissiv guosck poeeata sx eonkckontia ut xromittitur eommiLsa uuUius siut rodoris vol momsnti." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. An. 27 M Kiigskmger I-ßzeiimg. ^»- E Sonntagsbuchstabe und Coufusilinsjahr. Von Al. St anal. Bmcficiat in Tuntenhausen. Im Feuilleton der „A. Postztg." vom 10. April lfd. Js. war zu lesen, wie auf Bemühungen des Pros. und Directors der Berliner Sternwarte W. Förster hin bezüglich einer Einschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes Papst Leo XIII. schon vor mehreren Jahren den damaligen Director der Vatikanischen Sternwarte, I>. Denza, beauftragt habe, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Diese Bereitwilligkeit des Heiligen Vaters setzt uns nicht im Geringsten in Erstaunen. Auch wir halten jetzt die Zeit für eine Beschränkung für gekommen. Aber das glauben wir schon jetzt bestimmt voraussagen zu können, das; die vorgeschlagene Woche vom 4.-11. April nicht als Osterwochc acceptirt werden wird, und zwar darum nicht, weil sie ganz willkürlich herausgegriffen wäre und absolut keine historische Berechtigung hat. Die einzig richtige Osterwochc ist jene vom 28. März bis 3. April, also eine Woche früher. Man beachte übrigens, wie Ostern im Jahre 1899 fallen wird. Da wird sich die Nicänische Osterregel von selbst aufheben. Sie wird nämlich nicht mehr angewendet sein. Man wird da die goldene Zahl 19 haben und die Epakte XVIII zählen, in Wirklichkeit wird sie aber XX sein, denn der Neumond wird im Jahre 1899 am 11. März eintreten, Vollmond aber wird am Samstag den 25. März sein. Weil nun das Frühlingsäquinoktinm in jenem Jahre noch am 20. März sein, 1900 aber auf Pen 21. März vorrücken und dann dort verbleiben wird, so ist offenbar jener Vollmond Imna xaseftalis, und sollte daher nach der Nicänischen Regel am 26. März Ostern gefeiert werden. Es wird aber erst am 2. April Ostersonntag sein, und das ganz mit Recht, denn am 26. März wäre Ostern verfrüht. Wir haben den Grund dieser Abweichung in der st'aliula pasoftalis zu suchen, die uns sagt, daß mit der I-itsra Vormnieaiis I- und der Epakte 18 Ostern am 2. April gefeiert wird, während es mit der richtigen Epakte 20 am 26. März sein würde. Man sieht, der Mond selbst protcstirt sozusagen gegen eine längere Fortdauer der Osterregel des Nicännms. Denn der 26. März des Jahres 785 II. 6. oder 34 der Lsra vuIZ. ist der Todestag des göttlichen Heilandes, folglich der 28. März der Tag seiner glorreichen Auferstehung, das erste christliche Ostern. Demnach sollte Ostern nie vor dem 28. März, sondern am Sonntage der dem 27. März folgenden Woche sein. Es ergibt sich das aber auch schon aus der Ostcr- regel des Concils von Nicäa von selbst. Der früheste Ostervollmond ist jener, der auf den 21. März fällt, und ist dieser Tag ein Sonntag, dann wird Ostern am nächstfolgenden Sonntage, also am 28. März, gefeiert. Läßt "man daher die Rücksicht auf den Mond bei Seite, so bleibt immer noch der erste Theil der Regel aufrecht und könnte nur dahin lauten: Ostern wird jedes Jahr gefeiert am 28. März, wenn eS ein Sonntag ist, oder am Sonntage der folgenden Woche. Damit wäre der Osterkreis auf eine Woche beschränkt und entspräche der historischen Wahrheit. Eine andere Frage ist: wie kam das Nicänum zur Aufstellung seines Ostercanons, oder wann war Ostern im Jahre des Concils? Es läge sehr nahe, nach den Erläuterungen des Oalsnäarinw. Ikoirrannm Ds aims st SM8 partilnm, nach der laftnla pasostaiis antigua rskormata sich zu richten, und man erhielte für das Concilsjahr nach bisheriger Rechnung den Svnntagsbnch- staben 6, die goldene Zahl 3 und die Epakte *, dem« nach Ostern am 18. April. Damit würde man aber der Wahrheit bös in's Gesicht schlagen. Es muß einleuchten, daß der in der l'adnla eingesetzte Epaktencyklus wohl nicht weiter zurückweichen kann, als bis dahin, da er eingeführt wurde, und das war im Jahre 153 der Aera Diokletians — 437 n. Chr. Er begann also erst über 100 Jahre nach dem Concil. Darum läßt sich mit dieser stlabula nichts Sicheres erniren. Wenn wir nun aber in Zweifel ziehen würden, ob wir das richtige Concilsjahr haben, und wenn wir sagen würden, die Beschlüsse des Concils von Nicäa datiren vom Jahre 326 nach Christus, so wissen wir, daß die ganze Gelehrtenwelt über nns herfallen und sagen wird: Es ist doch eine allgemeine und unbestrittene Thatsache, daß jenes Concil im Jahre 325 stattfand. Wir aber sagen: Nein, denn wir bestreiken es. Uns imponirt diese Allgemeinheit gar nicht. Von jenem Concil bis zur Einführung der christlichen Aera vergingen mehr als 200 Jahre. Man lebte damals in der diocletianischcn Aera» und wer bürgt nns dafür, daß das Concilsjahr dieser Aera richtig in die Lsra vul§. übertragen ist? Es ist das so wenig richtig als das allgemein angenommene Jahr 33 der Lora vnig. als Todesjahr Christi und als die Behauptung, Dionysius ExignuS habe das Jahr 754 II. 6. als erstes der christlichen Aera gerechnet. Wir machen uns anheischig, obige Frage genau und erschöpfend zu beantworten, indem wir sagen: Der bestehende Osterfest-Canon wurde vom Concil von Nicäa aufgestellt im Jahre 1078 II. 6. — 42 Lsrao Dioolotiani — 354 der attischen oder ncnäghptischen Aera ---- 326 Laras vui§. Neumond war in jenem Jahre am 11. März, Vollmond am 25.; Sonntag war am 20. und 27. dieses Monats, also Ostern am 27. März. Daher stammt wohl auch die Tradition, welche in den mittelalterlichen Kalendarien bis ins 13. Jahrhundert sich findet, und worin der Todestag des Herrn auf den 25. März, der Tag seiner Auferstehung aber auf den 27. dieses Monats angesetzt ist. Woher wir das Alles so bestimmt wissen? Wir verdanken unser Wisse», welches hinsichtlich der Zeitrechnung jetzt nngemein ausgedehnt, weitumfassend und sicher ist, zum Theile wirklich historischen Angaben, deren nicht sehr viele, aber hinreichend genügende sind. Hiezu rechnen wir: 1) den Beginn des Jnlianischen Kalenders im Jahre 708 II. 0., des Jahres 709 mit 1. März und einer Dauer von 365 Tagen, des Jahres 710 mit 1. Januar und seiner fortlaufenden Reihenfolge; ferner die bald darauf eintretende unrichtige Einschaltung mit einer zur Ausgleichung dienenden zwölfjährigen Periode ohne Schalttag. 2) Ist hieher zu rechnen die Existenz einer römischen Woche von acht Tagen mit einer neben ihr herlaufenden siebentägigen Woche mit Planctcnnamen, wobei äiss 8aturni — Samstag der erste (a) und clios Loiia (k) der zweite Wochentag ist. Die achttägige Woche ist von größter Wichtigkeit. 3) Ist historisch bekannt der Beginn der attischen Mr nenägyptischew Aera mit 29. August des Jahre« 724 II. 6., welcher die Aera Nabonassars vorausging mit lauter Jahren von 365 Tagen. 4) Wissen wir den Beginn der ^vrg. Oiooletiani am 29. August des Jahres 1036 II. 6. (284 ^oru vulx;.) für den alcxandriuischen und am 25. Dezember desselben Jahres für den lateinischen Kalender; ferner den Anfang eines lateinischen 84 jährigen Cyklus mit dem 12. Jahre dieser Aera. 5) Ebenso ist bekannt der Anfang der Zahlung eines jeden lateinischen Jahres mit 25. Dezember (statt 1. Januar) vom Beginne der dioklctian. Aera bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts nach christlicher Zeitrechnung. 6) Gibt nns Dionhsius Exignns genau an den Beginn des Mondcyklus 8. (Drillt mit 153 Oioelek. und seine Umwandlung des Jahres 248 dieser Aera in das Jahr 532 a, Mtivikaks voinini. 7) Endlich ist allgemein bekannt der Beginn des Gregorianischen Kalenders mit dem 15. Oktober 1582. Das ist Alles, was man Zu wissen braucht, aber es genügt vollständig. Alles. Uebrigc haben wir erforscht aus der Naturosscnbarung Gottes. Wir verstehen darunter die genaueste Anwendung der vom Schöpfer vorgeschriebenen Bewegnngsgcsctze jener Gestirne, die er nns ausgesprochener Weise zum Zeitmaße gegeben hat, wie solche sich darstellt in einer richtigen cyklischcn Jahresrcchnnng. Ja, ist den» das nicht auch bisher schon geschehen? Wir sagen: Nein. In allen Kalendern finden wir für das laufende Jahr 1897 als Cykluszahl für das Souuen- jahr angegeben die Zahl 2 und den Somiiagsbnchstaben 6. Womit soll die Cyklnszahl 2 begründet sein, da sich doch seit 1582 in jedem Säcnlum der Cyklus ändert? Der gegenwärtige Cyklus hat mit 1801 begonnen, und die richtige Cyklnszahl wäre daher 13. Aber abgesehen davon fragen wir: Seit wann läuft dieser Cyklus, dessen Zahl gegenwärtig 2 sein soll? Man sagt, Diouysins habe seinen 28 jährigen Sonntagsbnchstabcu-Cyklus im Jahre 9 vor Christus begonnen, also mit dem Schalt- jahrsbuchstabcn 61?. Darauf haben wir zu entgegnen: Dionysius Exignns ist wohl der Begründer der christlichen Aera, aber eine vorchristliche war ihm gänzlich unbekannt. Mit obiger Annahme fehlt man nicht weiter als um 449 Jahre. Der Erfinder des Sonntagsbuchstaben ist kein anderer als Cyrillus von Alexandrien, der im Jahre 156 vioclat. — 440 n. Chr. denselben für die lateinische Kirche zu dem Zwecke einführte, damit man nach beiden Kalendern gemeinschaftlich Ostern feiern konnte. Zn diesem Zwecke hatte er 3 Jahre vorher jenen Epaktcncyklns, der mit a. ii. 1, Igiaata VIII begann, gleichfalls „erfunden", d. h. um 2 höher angesetzt, als er für den römischen Kalender astronomisch richtig war. Doch darüber wollen wir nns hier nicht weiter verbreiten. Eine astronomisch - mathematisch richtige Cyklus- rechnung muß mit dem ersten Jahre einer Aera beginnen. Da nun das Jahr 156 keine neue Aera einleitete, so war der Sonntagsbnchstabe auch nicht für eine cyklische Jahrrcchnnng bestimmt, oblvohl er selbstverständlich alle 28 Jahre sich wiederholen mußte. Daraus ist aber auch leicht zu ermessen, daß mit einer solchen Cyklnsrcchmmg unmöglich Nichtiges gefunden werden kann. (Schluß folgt.) Beata Stilla, Gräfin von Abenberg.*) Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) II. Die Legende der seligen Gräfin Stilla von Abenbcrg im Besonderen. Die Legende der gottseligen Jungfrau und Gräfin Stilla, welche in ihren Lebzeiten das Schloß Abenbcrg bewohnt hat, erzählt Pfarrer Vitus Koch von Schönfeld 1641 nach Hirschmann (5, 33) in einer Weise, daß Jedermann sofort erkennt, daß es sich hier um keine reine Volks Überlieferung, sondern lediglich nm eine Compositivn aus Aventin und Agricola, mithin nm eine ge» lehrte humanistische Mache» nicht aber um eine einfache und ursprüngliche Volkstradition handelt und gehandelt hat. „Man liefet in glaubwürdigen Historien, heißt es da, daß der wohlgeborne Herr Babo Graf zn Abensperg 32 Söhne und 8 Töchter beisammen im Leben gehabt, darunter einer Wolframus genannt; denselben begnadete Kaiser Heinrikns der heilige als seinen Vetter mit der Grafschaft Abensperg; allda zeuget er 3 Söhne als Othonem, Wolfram» in den andern dieses Namens und Conradum, einen Bischof zu Salzburg. Wolframus der ander erzeuget Graf Zelchum; GrafZelchus erzeuget mit Sophia, einer Gräfin von Hohen - Truhen- dingen, 3 Kinder als Rapotonem, Conradum und die gottselige Stilla." Aus glaubwürdigen Historien, mit anderen Worten aus Aventin, hat Vitus Koch seinen Babo und dessen Nachkommenschaft bis Wolfram II. entnommen. Wolfram II. aber hatte, wie wir gesehen, urkundlich nicht einen Zelchus, sondern den Bamberger Domherrn Ad albert zum Sohne und wahrscheinlich auch Ratz oto I. aus seiner Gemahlin GerhildeJH Der angebliche Gras Zelchus ist entweder eine Erfindung Wolfgang Bauers (Agricolas) oder eines gelehrten Genealogen seiner Zeit gewesen und aus dem Lehenwesen insbesondere den Zöllen oder aus den Worten „L xutrs auo loeo inooinxotenti" in der Urkunde 1149/50, wie Snttner dafür gehalten, hcrübergenommen bczlo. gebildet wordenJH Zelchus (Zölch, Solchns) ist an sich kein Personenname, und läßt sich derselbe in der beglaubigten Genealogie der Grafen von Abenbcrg sonst nirgends mehr auffinden. Ich habe diesen Namen mit der Negulirung der Zölle unter Kaiser Friedrich dem Rothbart (1152 — 1190) zu erklären versucht,^) wurden *) Nach neuerer Mittheilung Dr. Lindauers ist in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek eine l'/chundert Jahre ältere vita Okunracki »rebiaxweopi LatisburAsrisw im Buche der Grebnuß zu Raitenhaslach (Oock. Avrw. 1823) vorhanden, welche Tachler 1612 bloß abgeschrieben bat. Die beiden vitao sind bei ?. Bernhard Pez und Professor Wattenbach noch nicht benutzt worden. Aventin, welcher am 21. Septbr. 1517 in Raitenhaslach war, scheint keine derselben gekannt zu haben. Im Briefe, den 1719 Abt Emanuel an Beruh. Pez geschrieben, ist von beiden Lebensbeschreibungen die Rede. Sie stimmen am meisten mit der ältesten Salzburger Handschrift in dl. O. 88. XI, 63 überein. Nach meinem Manuskripte: „Die Grafen von Abenberg rc." 1890 u. Beilage der Angst». Postztg. 1894 Nr. 24. 187. ") Grasen von Abenberg 1869 S. 27. ") I. o. S. 25—27. Vielleicht haben die Stillalegenden 187 ja dock) gerade um 1869 herum heftige Kämpfe um das Zollparlament geführt. Der Oberzollinspektor und General- zolladministrator und die in scherzhafter Weise angeführten Zollnäre Wolframs von Eschenbach -°) sind doch nur ziemlich unschuldige und harmlose Vergleiche gewesen; wenn dagegen der gestrenge Kritiker von der Altmühl meint, (1897, 6, 46): „wir haben keine Veranlassung, dieser Combination einen höheren Werth beizulegen," weil der Autor selbst darauf wenig Vertrauen setzt, so mag man es ja um Pappenheim herum damit halten, wie mau will, die hübschen Bilder unseres Landsmannes auf Wildenbcrg"^) bei Altenmnhr, jetzt Wehlenberg, dem Scherz, Ironie und Satire im eminentesten Grade zn Gebote standen, bleiben auch dann noch zutreffend und für die Grafen von Abenberg besser verwendbar als die gefälschte Legende Stilla's gegen dieselben. Mit der herkömmlichen verbrauchten Phrase „Combination", „Wcrthlosigkeit" und dergleichen die Kinder des Scherzes und gesunden Humors umbringen zu wollen, ist stets mißlungen. Aventin ist für die Genealogie der Grafen von Abenberg keine gute Quelle, Graf Zelchns, der angebliche Vater der seligen Stilla, ist eine Erfindung des jüngeren Spalatinns (Bauers, Agricolas), am allerfchlimmsten aber waren die Gewährsmänner Hirschmauns, Koch und Priefcr, über die Geschlechtsfolge dieser Grafen und die Dedikationsverse der Cistcrzienser zu .Kloster Heilsbronn berathen. Hier muß ich vor Allem den Umstand rügen, daß f7, 50) die metrische Uebersetznng der Verse znm Wand- und Wcihcgemälde in der Klosterkirche zn Heilsbronu nach den Grafen von Abenberg 1869 S. 12 gegeben wurde und nicht bemerkt worden ist, daß statt „8oains" bei Falkenstein „loons" zu lesen sei, wonach ich Falkeustein und mich selbst schon damals berichtigt habe."«) Nach der Uebersetznng aus dem Jahre 1881, welche Hirsch- mann wahrscheinlich nicht gekannt hat, lauten die Verse 6 und 7 wie folgt:-") „Tausend einhundert, o Christ, und zwei und dreißig im Jahre Wurde gegründet das Stift Heilsbronu, das recht so genannt wird." Soviel zur Kenntnißnahme und künftigen Beachtung. Nach Hirschmann (8, 61) soll ich mir die Sache so zn Recht legen und zn Recht gelegt haben, daß ich der Stilla von Abenberg zwei Brüder Rapoto und Konrad zuweise. Eine solche Eigenmächtigkeit und Willkür ist mir völlig fremd. Ich urtheilte über Stilla's Bruder Konrad vom Anfange an wie folgt: Ist Stilla, verderber autieigamko einen Grafen Zockern als Vater Stilla's angenommen und aus diese Weise den Grafen Zelchus von Abenberg geschaffen. Gewiß ist, daß die Hohenzollernforscher z. V. Falkeustein Burggraf Kourad I. (1165 — 1191) für einen Grafen von Zollern ausgegeben haben. OrKeluso. X (531, 12) im Parcival, Ausgabe von Lachmann, Berlin 1854. 2') Vergl. meinen Aufsatz in der Beilage zur Allgem. Zeitung voni 8. Nov. 1866 Nr. 312. Wolframs Obilot (Gesang VII) soll ja von keiner der Franengestalten Göthe's erreicht sein. Dr. K. Simrocks Einleitung zn Varcival und Titurel. Stuttgart 1862, II. Bd. S. 511. -°) Grafen von Abenberg 1869 am Schlüsse Berichtigungen zu S. 12 u. 13. °") Augsb. Postztg. 1881 Beilage 73, 2. Beiträge zur Genealogie der Grafen von Abenberg und Burggrafen von Nürnberg des 12. u. 13. Jahrh. wie die Tradition will, eine Gräfin von Abenberg gewesen, so kann sie nur als Schwester Ounrnt juniorja aus der jünger», seit der Umstellung der Glieder älteren Linie, das heißt, nur als Kourad des jünger» Schwester aufgefaßt werden. „Nur Konrad der jüngere, schrieb ich 1869, war ein Bruder Stilla's, Na- poto von Abcnbcrg-Frensdorf bloß ihr Vetter.-"*) Diese Ansicht, welche ich auch jetzt noch festhalte, theilte schon vor l'/ghllndert Jahren das Cisterzienserklostcr Ebrach, die Mutter des Klosters Heilsbronn, wenn der ungenannte Autor (Abt Dr. Gnillelinns Soelncr) der brovis Mtitiu Nonasterii Iioataa Vir^. stlariao in ll'ran- oonin 1738/9 schreibt:"") „Der selige Rapoto von Heilsbronn wurde vom Abte Adam zn Ebrach um 1132 nach Heilsbronu zur Gründung des dortigen Cisterzienserklostcrs abgeordnet; er war ein Sprößling der in der Geschichte überaus gefeierten Familie Abenberg und Bruder Konrads, des Stifters dieses Klosters, und der hl. Stilla, einer Gräfin von Abenberg, welche im Angustlneriiinenklosier zn Marienbnrg begraben ist." Nicht ich handle eigenmächtig und willkürlich, sondern die Gewährsmänner der Hirschmann'schen Tradition haben die Genealogie der Grafen von Abenberg eigenmächtig gefälscht, wenn sie Rapoto, den Grafen und Laien, als Bruder Ounrnt junior: 8 nnd der seligen Stilla erklärt haben. Graf Rapoto (1130—1172) hatte allerdings einen Bruder nnd eine Schwester, allein der Bruder geistlichen Standes hieß nicht Konrad ,sun., sondern Reinhard, und ihre Schwester nicht Stilla, sondern Hcdwig. Mir ist Stilla nicht bloß die Schwester Oiiunrati .suniorw, sondern auch ffa)>otonis, des I.. III. und VI. Abts von Heilsbronu nnd zweiten Abts von Ebrach 1164—1170. Die Gründe dafür, daß der erste Abt von Heilsbronn ein Graf von Abenberg gewesen, habe ich schon in den Beilagen der „Angsbnrgcr Postzeitnng" 1881 Nr. 73, 3 des Weiteren ausgeführt, wohin ich der Kürze wegen verlvcise wie auf das eben angeführte Zeugniß aus Kloster Ebrach. Der von Agricola gefälschten Stillalcgendc ist allerdings die Abtswürde Napoto's in Heilsbronu nnd Ebrach völlig fremd, weil sie eben der ursprünglichen Stillalegende im Peterstirchlcin zu Marien- burg die aus Kloster .Heilsbronn herübergenommenen Verse unterschoben hat. Am Grabe der seligen Sulla waren vor nnd nach Spalatinns dem jünger» die Worte zn lesen:"') „Hier liegt begraben die heylige Jungfrau Stilla, die zweyer grasen Schwester ist gewesen von Abenberg und viel großer wundcrzcicheu gethan hat." Diese Nachricht, daß Stilla zweier Grafen Schwester von Abenberg gewesen, halte ich für die ursprüngliche und echte Ueberlieferung; im Volksmnnde mögen auch die, Namen der Grafen fortgelebt nnd gegen Ende des 16. / Jahrhunderts Veranlassung dazu gegeben haben, die' gleichnamigkn Grafen aus Kloster Heilshronn, die jedoch keine Brüder waren, herüberzunchmen nnd in -"*) Grafen von Abenberg S. 28. ") Vergl. den definitiven Uebergang der Burggraf-, schaff Nürnberg von den Grafen von Netz an die Ärafeik^ von Abenberg um 1177/78. Beilage zur Angsb. Postztg.s 1895 Nr. 12. 90 A. 14 (Separalabdrnck S. 8 u. 9 nebst' gcnealog. Tabelle.) ") Grafen von Abenberg 1869 S. 24 nnd Kalcndev für kath. Christen, Sulzbach 1857, S. 99, 188 die malte, echte und wahre Tradition fälschlicher Weise zu verflechten. > Nach der Ueberlieferung, Legende und Sage hat Stilla im Schlosse zn Abenberg gewohnt und die Peterskirche zu Marienburg (so wurde die Oert- lichkcit später genannt) gestiftet. Dieselbe war demnach reich und kann nach diesen Umständen zu schließen nur (wie die Legende will) eine Grafentochter oder die Tochter eines adeligen Castellans oder Burghüters (Burgvogts) von Abenberg gewesen fein, und wenn es wahr ist, daß sie zweier Grafen Schwester gewesen, so kann sie nur den ca. 1175 gestorbenen Abt von Heilsbronn beatmn kspotonem und Konrad juniorem, den ersten Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft, den Gemahl der Erbburggräfin Sophia, eonn- tissa. in RaZirs, zu Brüdern gehabt haben, weil eine andere Möglichkeit chronologisch, genealogisch und traditionell ausgeschlossen erscheint. Geschichte und Legende würden sich in unserem Falle nur dann widersprechen, wenn man die Grafen Rapoto und Konrad junior im Weihegemälde zu Heilsbronn einerseits für Bruder unter sich, anderseits für Bruder Stilla's ausgeben wollte, wie dieses von Agricola in Spalt, Generalvikar Priefer in Eichstätt und Pfarrer Koch von Schönfcld geschehen ist. Den Grafen Adalbert und seinen Bruder Konrad (H. 7, 51), von welchen Bischof Otto I. von Bamberg Halesprunen erworben hat,^) halten wir mit Pfarrer Muck auch jetzt noch für Abkömmlinge der Grafen von Abenberg, ja noch mehr, Konrad der ältere ist uns z. Z. noch der Vater der seligen Stilla, und wir haben nichts gegen die Ueberlieferung zu erinnern, daß ihre Mutter eine Truhen dingen war. Das; Konrad .junior, der Bruder Stilla's, bei der Klosterstistnng zu Heilsbronn nicht betheiligt war, versieht sich der Chronologie zufolge sozusagen von selbst; daß aber Graf Adalbert und sein Bruder Konrad, der Vater Stilla's, und Graf Rapoto von Abenberg-Frens- dorf ebenfalls nicht betheiligt gewesen sein sollen, entspricht weder der Stiftnngsnrknnde voni 21. April 1132 noch den übrigen thatsächlichen Verhältnissen, wovon sich die Gegner Professor vr. Schmid in Tübingen ^") und Pfarrer Hirschmann in Schönfcld durch ein etwas genaueres Studium der Stiftuugsnrkunde leicht hätten überzeugen können. Betrachtet man nämlich den Stiftungsbrief ohne Voreingenommenheit (8, 61), jedoch mit der gebotenen nöthigen Umsicht, so wird man finden, daß in demselben nicht blos; der prciswürdige Ankauf des Gutes .Halesprunen beurkundet ist, sondern auch bezüglich der Advokatie über das Kloster von Bischof Otto 1. von Bamberg in feierlicher Weise Verfügung getroffen worden war. „Wir bestimmen, heißt es da, ^) dem Kloster speciell keinen Bogt, sondern bekräftigen feierlich, daß An die Grasen und Burggrafen von Netz in Nürnberg könnte man allenfalls denken, nicht an die Hohen- lohe oder ein anderes Geschlecht. (H. 7, 51.) Die Könige von Preußen sind Hohcnzollern rc. Tübingen 1888, III. Bd. S. 44 u. 242 A. 5. Hanlßbronnischer Antiqnitätcn-Schat; S. 58 und Supvl. Seite 59 von Hocker, dann ^ntigniiates Unrck- xe.viauLöL 1793 von Falkenstein tom. II. PNK. 352. „8ano -rclvoeatum Kickern Oosnobio unlknm spseialiter clentzrni-nns, soll Lckvooatnni aktnris bsati kotri priueixiajiseovkosias sin8clein Ociknobii äs- t'vosorkm ssse Lnuekmus." der Vogt des Altares des hl. Petrus in unserer Hauptkirche der Schirmer dieses Klosters sei." Nun waren aber die Grafen von Abenberg, seit wir sie unter diesem Namen kennen, ja schon vor 1071 die Vögte der Kathedralkirche von s. Maria, 8. Peter und 8. Georg in Bamberg, und seit dem 3. April 1130 war Graf Rapoto seinem Vater Otto II. (Wolfram III.?) in dieser Eigenschaft und Würde snccedirt, Graf Na- poto von Abenberg war demnach der oben angeführten bischöflichen Sanktion zufolge der stiftungs- mäßige Vogt der Cisterztenserabtei Heilsbronn vom ersten Tage ihres Bestandes angefangen bis an sein Lebensende (22. Mai 1172), und wurde dieses Vogteirecht von seinem Sohne Friedrich I. (senior) und wohl auch noch von seinem Enkel Friedrich II., dem jungen Helden von Abenberg im dritten Kreuzznge Kaiser Rothbarts (1189/90), bis gegen Ende dieses Jahrhunderts ausgeübt. Traditionsgeniäß war auch der erste Abt von s. Maria in Heilsbronn ein Graf von Abenberg, nämlich Rapoto, den das Mutterkloster Ebrach wohl auf Verlangen des Bischofs Otto I. dahin abgeordnet hattet) Daß übrigens auch abcnbergische Vasallen bei dem Stiftnngsakte zugegen und betheiligt waren, das beweisen die Namen der Zeugen Adalbero von Tage steten (Ober- und Mitteldachstetten) ^°) an erster Stelle und Dietmar von Hohenekke. Ein anderer Hohcnckke Namens Ramunch war als Ministeriale des Grafen Friedrich II. von Abenberg-Frens- dorf in der Urkunde von 1189 zum Geldempfange von dem Grafen an das Domkapitel von Bamberg delegirt, und bald nach 1200 erscheinen die Hohenekke im Dienste der Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft. Die Grafen von Abenberg waren demnach bei der Klosterstistnng in Heilsbronn nicht ganz unbctheiligt (8, 62). Allerdings war Bischof Otto der Heilige von Bamberg der eigentliche Stifter, aber die Grafen Rapoto und Konrad junior von Abenberg haben sich durch sehr reichliche Vergabungen den Ehrentitel „Mitstifter des Klosters" sehr wohlverdient, welcher ihnen von den Cistcrzicnsermönchen auch nicht vorenthalten worden ist. Seitdem das Klösterlcin 8. Jakob in Abenberg (so heißt die Hanptkirche daselbst heute noch) durch die große Schanknng Napoto's 1149/50 mit Heilsbronn verbunden worden ist, hat die Klosterkirche Heilsbronn den combinirtcn Titel sanota Llaria und 8. Jakob angenommen und fortgeführt. Lefflad hat sich durch den urkundlichen Nachweis des Abtes Ondalric von Abenberg,^ welcher wegen der Verbindung der beiden Mannsklöster „Aben- berg und Heilsbronn" 1149/50 wohl keinen Nachfolger mehr gehabt hat, gewiß ein großes Verdienst erworben, wenn er aber (H. Nr. 8, 63) zum Jahre 1199 einen Grafen Heinrich von Abenberg kennen will. Nebergaug der Vurggrafschaft Nürnberg von den Grafen von Netz an die Grafen von Abenberg um 1177/78. Beil. z. Angst». Postztg. 1895 Nr. 12 u. Separat- abdruck A. 16. °°) Wie hier als Mittelsmann Bischof Otto's I. vo» Bamberg treten Adalbero und Konrad von Tagesteten zwischen 1132—1165 wiederholt neben den Grafen von Abenberg auf. Regelten der Bischöfe von Eichstätt Nr. 215. Die Urkunde ist sicher nicht 1192, sondern nach 1138 ausgestellt worden. (H. 8. 69.) 189 »- so wäre dieser Fund allerdings für meine Untersuchungen im höchsten Grade interessant; allein eS dürste hier bloß ein Schreibversehen oder eine Verwechslung vorliegen, weil in den Regesten der Grafen von Abenberg, welche ich im Laufe vieler Jahre gesammelt habe, dieser Name, der bei den Grafen von Abenberg nicht üblich war, fehlt und bei mir die Zeugen der Urkunde vom 14. September 1199 „k'riäsrious Lomes äs übender« und Hoivrious Lomss äs Ortsobsrs" heißen.^ Damit sind wir an der Grenze des uns zugemessenen Raumes angekommen. Wir hätten freilich noch Vieles zu sagen und zu beanstanden, allein ein guter Advokat pflegt in der Replik nicht Alles zu sagen, was er weiß, sondern Einiges noch für die Duplik zu reserviren; wir schließen deßhalb unsern Protest mit der entschiedenen Erklärung, daß wir die allerdings nicht durch Urkunden, wohl aber durch die übereinstimmende Ueberlieferung, Legende und Sage sehr wohl beglaubigte Abstammung der seligen Stilla von den Grafen von Abenberg nach wie vor ausrecht halten und mit Herrn Stadtpfarrer Müller in Eschenbach z. Z. noch fest davon überzeugt find, „daß die ganze Legende der Seligen mit allen ihren Einzelheiten auf dieser Abstammung beruht". ^) Der bloßen Negation können und wollen wir die selige Gräfin nicht aufopfern. Dieselbe ist wohl mit dem Gedanken umgegangen, neben dem in Abenberg bestehenden Männerkloster auch ein Frauenconvent zu errichten, das war ja damals säst allgemeine Uebung. Wenn es aber auch zur Frauenklosterstiftung nicht mehr gekommen ist, so lebte Stilla der Legende zufolge auf Schloß Abenberg wahrscheinlich doch nach der Regel des hk. Augustin, für deren Einführung im Erzstifte Salzburg Erzbischof Konrad I. von Abenberg Alles in Bewegung gesetzt hat.") Stilla war für die Armen, Kraulen und Bedrängten sozusagen eine barmherzige Schwester oder, wenn man das lieber hört, eine Diakonissin; zum lieben war sie da, nicht zum hassen. Ihr Glaube war ein in Liebe thätiger Glaube nach der Lehre der katholischen Kirche und des hl. Apostels Jakobns.") Im werkthätigen Christenthume suchte und fand Stilla die selige Vereinigung mit Gott, welcher die Liebe selbst ist. In der Liebe Gottes, nicht im Hasse, haben auch die hadernden Bruder Fcirefiß und Parcival die gesuchte und erwünschte Verständigung") wieder gefunden: „Treu' und Lieb' schied ihren Streit." (Schluß folgt.) I. v. Nr. 336, Hirschmann Nr. 10, 74; siehe dagegen Llon. Uvie. XXIX, 1. 488 — 490 und UeZ'. doic. l, 381 nach v. Lang. °°) Nicht einverstanden sind wir mit dem Titelbilde, den Wappen und einigen Besonderheiten des Verfassers des Gebetbuches „Die selige Jungfrau Stilla, Gräfin von Abenberg", Regensburg und Amberg, bei Habbel, 1885. ^) Vita Öbunrsäi LI. 6. 88. XI, cap. 12. Nach Leff- lad entstand unter Gebhard II. 1125—1149 in Abenberg auch ein Frauenkloster (durch s. Stilla.). ") Brief des Apostels eüp. 2, 14—26. ") Wolfram v. Eschenbachs Parcival XV. 748,10-12. Berichtigung. In der „Beilage zur Angsburger Postzeitung" Nr. 25 Seite 175 2. Spalte 6. Zeile von unten lies Abenberg statt Abensberg; S. 176 1 . Spalte 3. Zeile von oben Adensberg statt Abenberg; S. 176 1. Spalte Zeile 14 von unten von statt vor. Die Vorbildung des Klerus zunächst in Bayern. (Schluß.) s Für die Kirchengeschichte sind vier Semester mit fünf Wochenstunden anzusetzen, wozu noch zwei Stunden des ersten Semesters für Provädeutik der Kirchen- aeschichte kommen, ferner eine Wochenstunde durch vier Semester für das kirchenhistorische Seminar. Die Erfordernisse, welche an den Kirchenhistariker überhaupt zu stellen sind, gelten selbstverständlich auch für den Lehrer der Kirchengeschichte. Vor allen: eine gute Disposition. Sodann Unparteilichkeit oder Objectivität; die Darstellung muß auf die Quellen selbst zugehen, welche in richtiger Weise zu verwerthen sind; Hauptsachen dürfen nicht Übergängen. minder wichtige Begebenheiten nicht zu breit dargestellt werden, die Kirchengeschichte ist keine Cultur- geschichte. Sodann Gründlichkeit in dem Sinne, daß der Vortragende den ganzen Stoff versteht und durch- dringt, ferner die geschichtlichen Begebenheiten wie nach ihrem inneren Grunde so nach der sie beherrschenden höheren Idee und in ihrem ursächlichen Zusammenhang erkennt und darstellt, die Kirchengeschichte muß «pragmatisch" und „religiös" sein. Endlich lichtvolle und originelle Darstellung. Es dürste indeß zu weit gehen, zu sagen, auch das Studium der Kirchengerichte, wenn es aus Gründlichkeit und Nachhaltigkeit Anspruch machen wolle, müsse sich auf die Quellen stützen, so daß die Lehr- und Handbücher Hiebei nur als Hilfsmittel zu benutzen wären. Allerdings muß der Lehrer der Kirchengeschichte zuuchäst in der Einleitung und ausführlich m der Pro- pädeutik die wichtigsten Quellen der Kirchengeschichte besprechen, ferner stets auf die Quellen und deren Werth aufmerksam machen; deren Einsichtnahme indeß wird den Schülern in der Regel nur im klrchenhistorischen Seminar zu ermöglichen sein. Klippen, welche der Lehrer zu vermeiden hat, sind: die Kirchengeschichte. darf nicht Papstoder Heiligengeschichte sein; will der Lehrer seinen Schülern ein Hilfsmittel zum leichteren Studium der Kirchengeschichte an die Hand geben, so dienen hi^n synchronistische Tabellen am besten. Die Kirchengeschichte darf auch nicht altchristliche Literär- oder Resormationsgeschichte sein, es sollen vielmehr alle Abschnitte derselben, und zwar in gleichmäßiger Weise, zur Behandlung kommen, auch die neueste Kirchengeschichte nicht ausgenommen. Einen weiteren Jahrcscursus mit fünf bis sechs Stunden wöchentlich bildet die Pastoraltheologie, welche, wenn sie auch hauptsächlich praktische Anweisungen für die Ausübung des Seelsorgeramtes bietet, doch den wissenschaftlichen Charakter niemals verläugnen darf. Wichtige Theile dieser Disciplin bilden die Kaiechetik, die Homiletik und die Lehre von der Verwaltung des Buß- sakramentes, welche ihrer hohen Bedeutung halber gesondert zum Vortrage gelangen, so daß sie in den Vorlesungen iiber Pastoraltbeologie nur berührt zu werden brauchen, ^soweit dieses der Zusammenhang erfordert. Ueber Kütcchetik und Homiletik wäre vieles zu sagen; im ganzen wird wohl zu wenig Zeit auf diese beiden Disciplinen verwendet. Unsere Zeit stellt neue Anforderungen an den Katecheten und an den Prediger. Es dürfte die Ansicht kaum einem Widerspruch begegnen, daß der Katechet in der Erklärung der Glaubenslehre nicht nur manche apologetische Fragen erörtern, sondern auch auf die Unterschcibungslehren gebührende Rücksicht nehmen muß. Die immer zahlreicheren gemischten Ehen mit akatholischer Kindererziehung sind ja gewiß zum großen Theile aus dieMusliche Erziehung in religiöser Hinsicht zurückzuführen, aber es wäre zuviel, wenn auch nur eine einzige solche Ehe auf den Conto einer mangelhaften kate- chetischen Unterweisung zu setzen wäre. Es würde zu weit führen, all die Mittel, welche einer Förderung der homiletischen Ausbildung dienlich sind — ich rechne selbst das Auftreten auf der Bühne hieher (Schnldrama der Jesuiten) — hier aufzuzählen und zu erörtern. Daß in dieser Beziehung mehr denn bisher geschehen muß. wird ohnehin ziemlich allgemein zugestanden. Ich will mich auch nicht über den Werth der Leichenrede verbreiten, über welche schon genug geschrieben wurde, und weiß die Verlegenheiten und Schwierigkeiten wohl zu würdigen, welche, zumal in großen Städten, die Leichenrede dem Seelsorger bereitet: aber ich lasse mir die Meinung nicht nehmen daß, wo sie abgeschafft wurde, man sich eines Mittels beraubt hgi, an rechtem Ort ein rechtes Wort zu. sagen. L das; ma» dort. wo sie nicht besieht, eines oft nicht unwichtigen Mittels der Seelsorge entbehrt. Der protestantische Pastor hat in dieser Äezrehnng unläugbar etwas vor dem katholischen Priester voraus. Noch manch andere Disciplinen sind. soll die Vorbildung deS Klerikers eine allseitige sein. auf das Lehrprogramm der theologischen Unterrichtsanstalten zu setzen. Nicht zu reden von Rubricistik, von Psarrverwaltnng und geistlichem Gcschäftsstil. von theologischer Encyklo- pädie und Methodologie, von Patrologre und Lectüre einzelner Vätcrwerke. von Pädagogik und Geschichte derselben. Volksschulivesen und Volksschulrecht. von Armenrecht; auch die christliche Archäologie und die christliche Kunst, Kirchenmusik, ferner die sociale Frage, endlich die Dogmengeschichte und die Symbolik, sowie die Geschichte der Theologie werden je eher, desso besser auf das Ver- zeichniß wenigstens der facultativen Fächer gesetzt werden. In den Vorlesungen über sociale Frage können auch unsere neuen Gesetze aus dem socialen Gebiete zum Vortrage gelangen, vielleicht auch eine Einführung in das Wesen und die Leitung der nützlichen Naiffeisenvereiue damit verbunden werden, was schon deßhalb angezeigt ist, weil der Seelsorger oft um seinen Rath oder um Auskunft in diesbezüglichen Fragen gebeten wird, zuweilen auch die Gründung eines Raiffeiscnvereins oder einer ähnlichen Genossenschaft selbst in die Hand nehmen Muß. Nun ist ja gewiß nicht in Abrede zu stellen, daß es über all die aufgeführten Disciplinen eine Reihe trefflicher Handbücher gibt, in denen sich der Priester orientiern kann, aber am besten wird der Unterricht hierin doch durch einen Lehrer ertheilt, und schon der angehende Seelsorger muß einen gediegenen Fonds solcher Kenntnisse in die Praxis Hinausbringen, weil er am ersten Tage ihrer bedarf. Ist schon während des theologischen Studiums der Grund für all diese Kenntnisse gelegt worden und hat der Lehrer es verstanden, in den Kandidaten Liebe, vielleicht Begeisterung für die eine oder andere dieser Disciplinen zu erwecken, so kann und wird der junge Priester mit Freuden auf diesem Grunde sortbanen und in freien Stunden etwa einen Kirchenvater und scholastischen Theologen oder ein Werk über die christliche Kunst u. s. w. zur Hand nehmen und dadurch sich selbst, aber auch anderen, ja der Kirche selbst, Nutzen verschaffen. Auch in dieser Beziehung gilt: „Jung gewohnt, alt gethan." Die Kollegienhefte, beziehungsweise die Kompendien der Dogmatik, der Moraltheologw, des Kirchcnrechts rc. fleißig in die Hand zu nehmen, werden den jungen Priester das sogenannte Curaernmen. sodann die Pastoralconferenzen und insbesondere der Pfarrcon- curs nöthigen, wenn letzterer anders in der Weise vorgenommen wird. daß außer der hl. Schrift, den; Trideu- tinum und dem kanonischen RechtSbuch keine weitere Literatur benützt werden darf, und auch die feelsorgliche Praxis wird ihm oft genug Anlaß geben, sich über diese oder jene Frage wieder anfs neue zu orientiren. Daß sich der Priester aber darüber hinaus in der Theologie fortbildet, das muß der Lehrer durch oftmalige Anregung und Ermunterung sowie durch entsprechende Anleituirg fertig bringen. Namentlich wird zu diesem Behufe der Lehrer auf unsere vorzüglichen wissenschaftlich-theologischen, praktisch-theologischen und historischen Zeitschriften (Jnnsbrucker „Zeitschrift für katholische Theologie', „Stimmen aus Maria-Laach". Tübinger „Theologische Qnartalschrift", „Katholik": Passauer „Theologisch-praktische Monatschrift", Linzer „Theologisch-praktische Quartalschrift", „kastor bcmusJ „Der katholische Seelsorger"; „Historisch-politische Blätter". „Historisches Jahrbuch") aufmerksam machen. Ein höchst geeignetes Mittel zur Fortbildung des Priesters sowie ein jederzeit erwünschtes Nachschlagewerk bildet auch unser „Kirchen- lerikon", dessen Artikel selbst nach gegnerischen; Zeugnisse fast ausnahmslos auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung stehen. Zur Fortbildung in der Exegese dienen der große lateinische Kommentar zur gesummten heiligen Schrift, welchen mehrere deutsche Jesuiten herausgeben, sowie die in Freiburg erscheinenden „Biblischen Studien": zur Fortbildung in der Dogmatik die „Straßburger theo- logischen Studien": in der Kirchengeschichte die „Kirchen- geschichtlichcn Studien" von Knöpfler, SchrörsundSdralek, das „Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters", die im Auftrage und mit Unterstützung der Görresgesellschaft herausgegebenen „Quellen und Forschungen auf dein Gebiete der Geschichte": zur Fortbildung im Kirchenrecht das „Archiv für katholisches Kirchenrecht"; in der Philosophie das „Philosophische Jahrbuch" und Commer's „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie"; in der Apologetik „Natur und Offenbarung"; in der christlichen Archäologie die „Römische Quartalschrift", welche auch zahlreiche kirchenhistorische Abhandlungen enthält' in der christlichen Kunst die „Zeitschrift für christliche Kunst". Ueber die literarischen Erscheinungen überhaupt und speciell in theologischem Betreffe werden den jungen Priester unsere beiden trefflichen Litera- tnrblätter „Literarische Rundschau" und „Literarischer Handweiser" auf dem Laufenden erhalten. Der Priester wird, je nach Bedarf und Neigung und soweit es der Etat gestattet, nicht nur selbst die eine oder andere der aufgeführten Zeitschriften halten; in jeder größeren Stadt sowie in jedem Landbezirke mögen sich aus den Geistlichen „Lesezirkel" bilden, unter deren Mitgliedern mehren der genannten Zeitschriften wöchentlich nach einer bestimmten Reihenfolge circuliren. Aus diesen Zeitschriften soll sich der Priester Excerpte machen, die ihn; nicht nur für Predigt und Katechese, sondern auch zu Vortrügen in Arbeiter- und Männeroercinen, wie sie allerorts bestehen sollen, geeignetes Material liefern. Worauf der Lehrer der Theologie noch weiter bei gegebener Gelegenheit aufmerksam machen soll, ist die „Görresgesellschaft zür Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland", ferner die „Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst" und der „Verein für christliche Kunst in München". , Ich habe oben eine. ganze Reihe theologischer Disciplinen namhaft gemacht, welche für die Vorbildung des Klerus entweder unumgänglich nothwendig oder wenigstens höchst nützlich sind. Die Unterweisung in denselben nimmt eine geraume Zeit in Anspruch. Rechnet man noch dazu die für eine gründliche ascctische Vorbildung erforderliche Zeit, ferner die liturgischen Uebungen, den Unterricht im Choralgesange, die kätechetifchen Uebungen in der Volksschule selbst, die Zeit, welche das Studium der vorgetragenen Disciplinen, die Vorbereitung auf die Examina u. ?. w. erfordert, so ergibt sich hieraus einerseits, daß drei theologische Jahre nicht ausreichend sind, um den ganzen Stoff zu bewältigen, daß es selbst innerhalb eines vierjährigen Kursus der weisesten Ausnutzung und Ver- theilung der Zeit bedarf, um all die aufgeführten Gegenstände zum Vortrage zu bringen; anderseits aber, daß an die Lehrer selbst, um die Vorbildung des Clerns möglichst allseitig und gedeihlich zu gestalten, hohe Anforderungen zu stellen sind. Jeder Lehrer wird noch die eine oder andere Disciplin als Nebenfach übernehmen müssen. Ein wesentlicher Gewinn an Zeit kann dadurch erzielt werden, daß jene Gegenstände, welche nur ein oder wenige Semester beanspruchen, auch nur alle vier Jahre, beziehungsweise, wo vorläufig nur ein dreijähriger Kursus besteht, nur alle drei Jahre zum Vortrage gelangen. Eine weitere Erleichterung bietet dem Lehrer das Institut der Privat- doccnten, denen freilich, damit sie tüchtig eingeschult werden, zuweilen auch das Hauptfach selbst Überträgen werden soll, für das sie sich vorbereitet haben, ferner das Institut der sogenannten Repetenten, welche innerhalb des Klerikal- seminars verschiedene der angeführten Disciplinen in geordneter Folge zum Vortrage bringen können. Was ich weiter betonen will, und ich glaube auch hiedurch nur der Sache zu dienen, ist dieses: die meisten Kandidaten kommen sichtlich übermüdet aus dem Seminar, und manch neugeweihter Geistlicher, der aus dem Priesterseminar getreten ist, um nunmehr einen Seelsorgeposten anzutreten, ist körperlich so herabgekommen, daß er alsbald, ohne eigentlich schon ein Emeritus zu sein, die Hilfe des Emeritenfonds in Anspruch nehmen muß. Nun zweifle ich nicht, daß in den Seminarien eine genügende und kräftige, gntbürgerliche Kost verabreicht wrrd (ferne sei jedes Experiment in dieser Beziehung!), und daß auch sonst nichts mangelt, was zum körperlichen Gedeihen des jungen, heranwachsenden Mannes dienlich ist: die Ueber- müdung bezw. die Krankheit ist vielmehr meistens einer geistigen Ueberanstrengung zuzuschreiben. Vielleicht kann diesem Mißstaude schon dadurch vorgebeugt werden, daß kür die Ablegung der vorgeschriebenen Examina dem Kandidaten ein größerer Spielraum offen steht, was die Zeit betrifft, innerhalb deren die Examina zu bestehen sind: ferner soll die Zahl der Examina in jedem Semester wenigstens auf die ordentlichen Vorlesungen beschränkt sein. Am Schlüsse des dritten theologischen Jahres ein 191 schriftliches und mündliches Examen über alle Hauptfächer (Dogmatik, Exegese, Moraltheologie, Kirchenrecht und Kirchengeschichte) abzuhalten, dürfte sich aus mehreren Gründen empfehlen. Das vierte theologische Jahr könnte dann ausschließlich für die Pastoraltheologie, für Nubri- cistik, für homiletische, katechetische und liturgische Uebungen, Pfarrverwaltung und das eine oder andere gerade im Turnus treffende untergeordnete Fach. ferner für die asketische Vorbildung auf das Priesteramt verwendet werden. . Mögen nun diese Vorschläge für eine Forderung der Vorbildung des Klerus allseits eine wohlwollende fachliche Würdigung finden! Ein viertes theologisches Jahr. dieses das Resultat, ist für die Ausbildung des Klerus nicht nur in hohem Grade wünschenswert!), sondern geradezu nothwendig. Eine Schädigung der Sache wäre indeß darin zu erblicken, wenn, statt neue zeitgemäße Fächer in das Lehrprogramm einzufügen, lediglich die bisherigen ins Angemessene ausgedehnt würden. Eine Vertiefung dieser, wo es nothwendig ist. und die Einführung neuer Disciplinen, deren Kenntniß für jeden Gebildeten und insbesondere den Priester wünschenswerth, ja nothwendig ist, das dürfte die erhabene und lohnende, freilich auch zuweilen nicht leicht durchzuführende Aufgabe unserer theologischen Bildungsanstalten sein. Münchner anthropologische Gesellschaft. In der Versammlung am 12. März sprach Herr Hofrath Dr. Martin, da er die der k. Staatssammlung geschenkten Waffen nicht mehr zur Demonstration bringen konnte, nur über den zweiten Theil des unter dem Titel „Demonstration von malayischen Waffen mit Besprechung psychopathischer Zustände bei den Malayen" angekündigten Themas. Im malayischen Archipel kommen bei den Eingeborenen psychopathische Zustände vor, die unter dem Namen Amok und Latak bekannt sind. Im ersteren Falle sucht der Erkrankte, mit einem Schwerte bewaffnet. Jedermann, der ihm in den Weg kommt, zu tödten oder zu verwunden. Die zweite Krankheit trifft meist Frauen über 30 Jahre; sie verlieren den Willen, machen alles nach, was sie sehen. An der anschließenden Diskussion bethciligten sich die Herren Paster, Kühn und Oberhummer. Hierauf legte Herr Pros. vr. Eugen Oberhummer neue ethnographische Karten vor von Mittel- europa, insbesondere über die Verbreitung der Deutschen in Europa, nämlich die große Karte von Nabert und den Atlas von Langhans. Vor der Tagesordnung der Versammlung vom 30. April wurden der Gesellschaft die gegenwärtig in München weilenden Singhalcsenzwerge von H. Hagenbeck vorgestellt. Die Truppe besteht aus sieben Personen: einem normalen Singhalesen, einer erwachsenen Zwergin und der normalen 7 jährigen Tochter der Beiden, sowie vier weiteren Zwergen. Theilweise zeigen die Zwerge den sogenannten rhachitischen Zwergentyvus, indem die Entwicklung der Extremitäten besonders stark zurückgeblieben ist, theilweise sind aber die Körperproportioneu ganz normal. Sie stammen von der Insel Ceylon und wurden von der berühmten Firma Hagenbeck für eine Rundreise in Europa engagirt. Ihre Stammesgenosscn sind stattliche Leute. Professor Ranke dankte Hrn. Hagen- bcck und Herrn Hammer, dem Director des Münchener Panoptikums, für die Vorführung der so interessanten Truppe. Hierauf theilte Herr Professor Kühn Einiges über die Geschichte und Abstammung der Singhalesen mit. Das Wort erhielt sodann Hr. Hauplmann a. D. E- Seylcr zu seinem Vortrage: „Die Verschanzungen am Gleissen- ihate — eine Vertheidigungsstellung des Drnsus im Jahre 15 v. Chr." Die etwas animirte Diskussion fand erst nach dem interessanten Vortrage des Herrn Dr. R. Mnch. Privatdocent an der k. k. Universität zu Wien, correip. Ehrenmitglied der Gesellschaft: „Die Anfänge des bayerisch-österreichischen Volksstammes", statt. Much spricht von den Bayern nicht im politischen, sondern ethnographischen Sinne. Woher stammen sie § Im 6. Jahrhundert bewohnten die Bajuwaren ein großes Gebiet. Sie grenzten im Süden an die Langobarden, welche bis Meran herauf reichten: im Westen reichten sie als Nachbarn der Schwaben bis an den Lech: die Nordgrenze bildeten wahrscheinlich Regen und Naab. Der Grenzfluß im Osten zwischen Bajuwaren und Avaren war die Gnus. Die Abstammung der Bajuwaren von den Markoinanen nimmt Much als sichergestellt an. Bis zum 5. Jahrhundert saßen die Markomancn in Böhmen. Für die germanische Besiedlung sprechen verschiedene Orts- und Flußnamcn, so stammt z. B. Moldau von dem altgcrmanischen ^Valv agug, — Waldbach. Die Vorfahren der Markomancn in Böhmen waren die keltischen Bojer, die zur Zeit Cäsars auf der Wanderung in neue Gebiete begriffen waren. Da die Markoinanen erst um 8 v. Chr. Böhmen besiedelten, war Böhmen 50 Jahre fast unbewohnt. Vorher saßen die Markomancn zwischen Rhein, Main (nur südlich) und Donau, daher auch ihr Name — Männer der Mark, ähnlich wie der Schwarzwald „silva Llareiuna" hieß. Ihre Vorgänger in dieser Gebend waren die Hclvetier, welche identisch sind mit den Teutonen und den ?'»- des Strabo. In den Jahren 110—150 v. Chr. zogen die Hclvetier mit den Cimbern südlich, damals sind dann die Markomancn in das verlassene Land eingezogen. Die Markoinanen gehören zu dem großen Volksstamme der Sucven. Während sie aber im westlichen Gebiete eine untergeordnete Rolle spielten, haben sie im Osten (Böhmen) die Führung übernommen. Der bayerische Volksstamm existirt als selbstständiger Stamm seit 2000 Jahren, er läßt sich historisch weiter zurück verfolgen als irgend ein anderer germanischer Stamm. An der Diskussion über dieses Thema betheiligten sich Professor Oberhummer und Landgerichtsrath Vierling. Im Laufe derselben führte Mnch aus, daß der Name Bayern von dem Worte Daj.j-nvurzi d. h. Bewohner eines Landes, das früher von den Bajj — Bojj besiedelt war, stammen muß. Bei der Vorstands- wahl wurden gewählt als Vorsitzender Pros. Dr. I. Ranke, als dessen Stellvertreter Pros. Rückert, als Schriftführer vr. Mollier, als dessen Stellvertreter Dr. Birkner, als Kassier Oberlehrer Weismann. Recensionen nnd Notizen. Bilder-Atlas zur Geographie von Europa mit beschreibendem Text von vr. Alüis Geistbeck und 233 Holzschnitten nach Photographien und Zeichnungen. Leipzig und Wien, Bibliograhisches Jn- ^ stitut. Im natürlichen Zusammenhang mit den Naturwissenschaften hat auch die Geographie in unserer Zeit ungeheure Fortschritte gemacht. Und aus wie leichte und anschauliche Weise schon die studierende Jugend in die Länder- und Völkerkunde eingeführt wird, davon zeugt der geographische Unterricht besonders an unseren realistischen Mittelschulen. An Landkarten, Wandtafeln rc. stehen da Hilfsmittel zu Gebote, von denen wir auf unseren Schulbänken vor zwei Decennien noch keine Ahnung hatten. Was ist uns überhaupt in dieser Beziehung geboten worden? Wenig, fast nichts. Die Erde blieb uns eine ksrra iueoKuita. Daher denn auch vielfach das geringe Interesse an der Natur, daher die große Unkenntnis) rn geographischen Dingen, welche so manche von der Studienanstalt mitgenommen haben. — Als ein neues Hilfsmittel nun, sich und andere geographisch zu bilden, begrüßen wir mit ganzer Freude das vorliegende Werk von vr. Alois Geistbeck, der als Geograph nnd Forscher ja rühmlichst bekannt ist. Nicht auf den alten, längst ausgetretenen Wegen, sondern auf Pfaden, welche neue und weite Gesichtspunkte eröffnen, führt er uns in die verschiedenen Länder Europas. Er redet ganz die Sprache dcr Natur, uud naturgetreu sind auch die herrlichen Illustrationen. Das Werk ist sowohl für geographische Fachleute als gebildete Zeitgenossen geschrieben. Darm» gehört es in die Hand aller, welche überhaupt einen Sinn haben für den Continent, den sie bewohnen. Durch den geringen Preis von 2 Mk. 25 Psg. wird dieses auch leicht ermöglicht. — In einer weiteren Serie ist uns eine ähnliche Beschreibung der übrigen Erdtheile in Aussicht gestellt. Glück auf zu dem Unternehmen! Max Äisle. Jahrbuch der Naturwissenschaften 1896—1897 12. Jahrg. Herausgegeben von vr. Max Wildermann. Verlag von Herder, Frciburg. Preis 6 M. * Dieses Werk, dessen 12. Jahrgang in einem stattlichen. Band von 560 Seiten (incl. Register) vorliegt, hat sich längst Anerkennung in weitesten Kreisen verschafft Es bietet aus der Feder berufenster Mitarbeiter in klaren 192 Darstellungen, die durch eine Reihe von Illustrationen unterstützt werden, ein umfassendes Bild der Fortschritte auf dem weiten Gebiete der Naturwissenschaften (Astronomie, Physik, Chemie, Mineralogie und Geologie, Medicin und Physiologie, Länderkunde rc.). Es würde zu weit führen, nur die interessantesten Abhandlungen anzuführen. Erwähnt mögen nur sein die Abschnitte über die Wahrnehmung des Achtes, Kinematograph, den heutigen Stand unseres Wisiens von den Röntgenstrahlen, Erforschung der höheren Schichten unserer Atmosphäre, Serumtherapie u. s. w. . 1) Die wahre Kirche Jesu Christi. Sechs Fasten- vorträge von Pfarrer H. Hansjakob. 2. Austage. Herder. Freiburg 1897. Preis 1 M. SO Pf. 2) Meßopfer. Beicht und Communion. Sechs Vortrüge, gehalten in der Fastenzeit 1891. 2. Allst. Herder. Freiburg 1697. Preis 1 M. 30 Pf. v. Eine 2. Auflage in dem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum von 5—6 Jahren ist für ein Predigtiverk von vornherein ein empfehlendes Zeugniß. Und in der That kann auch die Kritik vorliegende Cyklen mit gutem Gewissen empfehlen. Was ivir da zu hören bekommen, sind nicht äußerlich schön gedrechselte, inhaltlich aber leere Phrasen, nicht kühn aufgestellte Behauptungen ohne die Stütze von Beweisen, nicht endlos moralisirende Ergüsse ohne die unentbehrliche Unterlage dogmatischer Wahrheit: hier sind die Worte nur die körperliche Erscheinungsform tiefer und umfassender Gedanken, und die Anwendungen sind die mit zwingender Kraft sich ergebenden und mit-, feinfühliger Beziehung auf die Zeitbedürfnisse gezogenen^ Consegnenzen großer, entwickelter Wahrheiten.' Die Sprache ist im Einklang mit der poetischen Veranlagung des Verfassers immer schön und edel, voller Mark und voller Herzenswärme, ohne aber dabei jemals ins Weichliche zu verfallen. Geeigneten Ortes weiß Hausjakob auch die Affekte des menschlichen Herzens zu wecken und zu einer gewaltigen Höhe zu steigern, wie z. B. im Schlußwort seiner Predigten über das Meßopfer. — Alles in Allem werden diese Predigten jedem lernbegierigen jungen Prediger wc, der Fülle des Beweismaterials, wegen der Logik der Beweisführung und wegen der angegebenen sprachlichen Vorzüge hochwillkommen sein, wie sie auch für gebildete Laien eine vorzügliche apologetische und ascetische Lektüre bilden. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg r. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 5 des II. Jahrgangs: Valls äi Lompsji. — Eine Fabrikküche. — Wesen und Aufgaben der freiwilligen und der Zwaugs-Armenpflege, mit besonderer Rücksicht auf größere Städte. II. (Schluß.) — Ein beachtenswerther Vorschlag zur Lösung der socialen Frage. — Kleinere Mittheilungen. (Behütet die Kinder vor Alkoholgenuß. — Zum katholischen Mädchenschutz im Auslande. — „Katholische Krankenpflege." — Exercitien für Ladnerinnen und Dienstmädchen. — Wie in München die Papiersammlung organisirt wurde. — Organisation der Armenpflege in Mainz. — Kathol. Volksbibliothek von Seyfried (München). — Charitas-Verband für das katholische Deutschland. — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. — Katholische Mäßigkeitsblatter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 2: Der Kapuzinerpater Mathew, der Mäßigkeitsapostel Irlands. — Medicin- isches pro und oontl-a Alkohol. — Arbeiterschuh und Alkoholismus. „Zum Schutze der Missionen" lautete die Pa- role^welche die Regierung ausgegeben hatte, um die für die Marine geforderten Kreuzer durchzudrücken. In diejern Momente mußten auf einmal unsere Missionen herhalten: es half aber nichts. Nie erfahren wir sonst etwas vom grünen Tische arrs über die Thätigkeit unserer Missionäre, Ipecrell unserer katholischen Ordensleute. Darüber zu berichten, ist Aufgabe des Afrikavereinsorgans „Gott will es! , von den: Heft 3 und 4 des neuen Jahrganges uns vorliegen. Die Berichte und Aufsätze sindffehr interessant, lind können «vir unsern Abonnenten den Rath geben, sich die interessante Zeitschrift, die jährlich nur zivei Mark kostet, zu halten. Jeden Monat erscheint eil, 32 Seiten starkes, illustrirtes Heft, und nimmt sowohl die Post unter Nr. 2957 als auch jede Buchhandlung Bestellungen entgegen. Probehefte versendet die Verlagshandlung A. Rif- sarth in M.-Gladbach (Rheinl.) gratis! Literarischer Hand weiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskarnp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für M. 4 pr. Jahr. 1896. Nr. 24. Kritische Referate über Poggel 2. u. 3. Johannesbrief (Blndau), "I or Haar Ooininsn- tarius in lüttsras enez'cl. 8. OonKr. Lpp. supor saera ?rasckieations (Deppe), Schuen Katcchismllspredigten, Wolfgarten Gelegenheitsreden und Meindl Neue Fastenpredigten (Deppe), Stumpf Tafeln zurGesch. der Philosophie (Stölzle), Oobbott-Oasgust krotestant Rskorination in Lnalanä anet llrslanck u. 8 almon Lneiont Irisb Obureb (Bellesheim). Coloma Lappalien (Keiter), Bertram Hildesheims Domgruft (Graön). Runge Alte Lieder-Handschriften von Colmar und Donaueschingen (Bäumker). — 9Notizen über verschiedene Nova (Hüls- kamp). — Zeitschriften-Jnhalt. — Novitäten- Verzeichniß. Miscelle. * Von der Leo-Gesellschaft wird ein neues großes Unternehmen geplant, welches den Gesammttitcl „Apologetische Studien" führen soll. In einem Aufruf zur Mitarbeit vou Msgr. vr. Äug. Fischer-Cotbrie heißt es u. a.: „Unsere Zeit ist die Zeit der Apologie des Christenthums, wie kerne andere, ausgenommen die ersten Jahrhunderte, vor Constantin. Wir haben nicht mehr nur einzelne Glaubenswahrheiten zu vertheidige» gegen Jrrlehrer, die sonst Christen sein wollen; wir haben es nrit einer ganzen Cultur zu thun, die sich in bewußtem, vollständigem Gegensatze zum Christenthum befindet, die dem Gottesglauben des Christenthums die absolute Menschheitsreligion des Materialismus und Pantheismus entgegenstellt und auf widerchristlicher Grundlage ein vollständiges System theoretischer Wissenschaft und praktischer Lebensführung construirt. Der 8umma tbeoloZios der Kirche hat man eine 8umma oontra voum entgegengestellt, und Tausende und Abertausende der maßgebenden Gesellschaftskreise gehören zu ihren Anhängern. Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichte. Literatur, Kunst, Politik, Pädagogik — alles trachtet man vom Christenthum zu emancipiren und ohne Christenthum oder gegen das Christenthum zu bearbeiten. Auf allen Gebieten menschlichen Wissens wird das Christenthum angegriffen oder, was beinahe noch schlimmer ist, ignorirt: auf allen Gebieten soll es seine Vertheidigung finden. An der Lösung dieser Riesenaufgabe der christlichen Wissenschaft unserer Tage wünscht auch die Leo-Gesellschaft theilzunehmen und wendet sich diesbezüglich an alle wissenschaftlich thätigen Freunde der christlichen Wahrheit lind Cultur mit dem Plane der Apologetischen Studien. Das Unternehmen soll in zwangloser Reihenfolge Einzelstudien bringen, welche besonders wichtige Punkte der im weitesten Sinne verstandenen katholischen Apologetik in gediegen wissenschaftlicher Form für weitere akademisch gebildete Kreise besprechen sollen. Von dem strengen Maßstab wissenschaftlicher Originalität soll nur in den Fällen abgegangen werden, in welchen es sich um besonders actuelle Fragen handelt, deren neuere knappe Besprechung ein praktisches Bedürfniß der gebildeten katholischen Leserwelt ist. Die Hefte sollen zwanglos im Umfange von je vier bis sechs Bogen erscheinen. Je 6 Hefte sollen einen Band bilden. Das Unternehmen will kerne Concurrenz zu den schon bestehenden bilden. Es will sich von den Ergänzungsheften zu den Stimmen aus Maria-Laach, den Straßburger theologischen Studien und den Frankfurter zeitgemäßen Broschüren durch viel engere Begrenzung seines Gebietes und auch durch den Umfang der einzelnen Studien unterscheiden, der ja im Vergleich zu den zwei erstern als kleiner und zu den letztern als größer gedacht ist. Ebenso sollen sich unsere Studien in wenigstens zum großen Theile andern: Arbeitsgebiete bewegen als die Biblischen Studien." Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. M. IS M°> ISS7. das Jahr 52 Wochen und I Tag hat, fo muß Immer SoimtagsSllchstabe und Confusionsjahr. Von Al. Stangl, Beneficiat in Tuntenhausen. (Schluß,) Der Sonntagsbuchstabe ist gewiß sehr wichtig und schätzcnswerth für den Historiker; für den Mathematiker aber, der bei cyklischer Jahrrechnung nur zu fragen hat, mit welchem Wochentage das Jahr beginnt, ist er unbrauchbar. Dazu kommt noch die Frage: Der wievielte Wochentag ist der Sonntag? Sonderbare Frage! Das weiß doch alle Welt. Es ist der erste Wochentag — Wenn mir das ein Aegypter sagt: Oonooäo; sagt es mir aber Einer, der dem Gregorianischen Kalender folgt: Ne§o. Bei den Römern war der zweite Wochentag Dies Lolis genannt. Dieser fiel bei Anfang der attischen Aera, da die Aegypter unter römische Oberhoheit kamen, mit dem ersten Wochentage derselben zusammen, und sie benannten ihre Wochentage mit römischen Namen: b — L — ä. 8oli8 v — d — ä. I-ullas ä — o — ä. Nartls s — ä — <1. Llervurii k — 8 — ck. ckovis 8 — k — ä. Vensris s — 8 — ck. 8aturni d — o — ck. Lolis. Da die Aegypter keine 8 Wochentage hatten, mußte sich an das römische Z statt sofort a anreihen. Von den Alexandrinern stammt also die noch jetzt bekannte Benennung der Wochentage, nicht von den Römern unmittelbar. Im ersten Jahre der Lara. Dioelotiam standen die Wochentage in folgender Weise: Römisch 8 7 alttestamentl. ägyptisch 29. Aug. k k 8 1. chotb k 30. „ 8 S 1 2. . 8 31. „da § 3. „ Da machte man nun die Entdeckung, daß die Apostel nicht mehr den Sabbath, sondern den ersten Wochentag als Dies Dominion gefeiert hatten. In Wirklichkeit war aber dieser Tag ein Sabbath. Die erste Woche im September dieses Jahres stellt sich also wie folgt: Römisch 8 7 alttest. ägyptisch 1. Sept. ab — s, — 4. ll°otd d — Montag 2. „ d o — b — 5. „ v — Dienstag 3. „ ock —v— 6. „ ä — Mittwoch 4. „ ck « — ä -- 7. „ 8 —Donnerstag 5. „ 8 k — e — 8. k — Freitag 6. „ k A - k — 9. „ 8 —Samstag 7. „ 8 a —8—10. „ a — Sonntag So lief die Woche während der ganzen Dauer der Märtyrerära. Es ist leicht begreiflich, daß in drei verschiedenen Kalendern die Wochentage b, a und g auf Einen Tag zusammentreffen können, in Einem Kalender kann es natürlich nur Ein Tag sein, außer im altrömischen bei einer acht- und siebentägigen Woche. Wir wollen aber gerne zugeben, daß man auch in der christlichen Aera, nachdem dieselbe längst vom alexandrinischen Kalender losgeschält war, noch immer den Sonntag für den ersten Wochentag nehmen konnte, so lange man nämlich das Jahr mit 25. Dezember anfing, und das war bis 1701. Man hatte da immer die letzte Dczemberwoche als erste Jahreswoche. Weil am 31. Dezember derselbe Wochentag sein, wie am 1. Januar. Nehmen wir nun an, ein Jahr habe am 1. Januar Sonntag, dann ist auch der 31. Dezember ein Sonntag, und der Sonntagsbuchstabe dieses Jahres ist H.. Nun sehen wir: l. dsbä. 6^ol. I. ksbck. o^ol. 6. meus.!. ckom. ourr. Lxaot. 6. msns. i. ckom. vurr. Lpaot. 28 Dec. d s 26 29 Vlrojav 8 d « 26 o d 28 30 s o 29 27 a 0 24 I l^'bi b ä 28 28 s S 23 2 o 8 27 29 k s 22 3 cl k 26 30 s k 21 4 e 8 28 81 » b 20 8 f L 24 1 lkan. L * 6 s d 23 2 b d 29 7 s v 22 3 v v 28 8 b S 21 4 a ä 27 9 o 8 20 6 8 8 26 10 Ä k 19 6 k k 28 11 S 8 18 7 s s 24 12 k 17 Weil das Jahr bereits mit 25. Dezember gewechselt hat, gilt der Sonntagsbuchstabe der ersten gezählten Jahreswoche noch für das vorausgegangene Jahr, und erst von der zweiten Jahreswoche an gilt er für das laufende und ist g. In Verbindung mit dem ägyptischen Kalender kann man den Sonntag für H nehmen. Im lateinischen Kalender allein und mit Beginn des Jahres am 1. Januar kann dieser Tag nur 6 — Sabbathsonntag — Dominion, sein. Auch hieraus läßt sich wieder leicht erkennen, wie brauchbar der Sonntagsbuchstabe zu einer gemeinschaftlichen Osterfeier nach beiden Kalendern ist, wie ungeeignet und irreführend aber für eine astronomisch-cyklische Jahresrechnung. Zu einer richtigen Cyklusrcchnung ist ferners nothwendig, daß der geführte Cykus auch zum Mindesten mit jenem Jahre anfängt, mit welchem der Kalender beginnt. Den Cyklus, welchen man gegenwärtig führt, läßt man beginnen mit 9 v. Chr.; also den nächst früheren 37 und den Kalender selbst 45 v. Chr.; beide daher in einer gar nicht historischen, sondern erdichteten Aera. 45 v. Chr. ist gleich dem Jahre 709 II. 0., und wir haben den Anfang des Kalenders und des Cyklus 709 11. 0. — 45 v. Chr. 21 ob 710 — 44 22 s, 711 — 43 23 8 712 --- 42 24 k 713 — 41 25 eck 714 - 40 26 v 715 - 39 27 b 716 - 38 28 s 717 — 37 1 etc. 8 k Demnach hat Sosigenes, der Mathematiker des Julius Cäsar, den Kalender mit einem Schaltjahre begonnen und noch dazu mit der Cykluszahl 21. Aber das erste Jahr dieses Kalenders war ja überhaupt noch ein abnormes, ein Jahr von 445 Tagen, das „Confusionsjahr". Ja, mit diesem Jahre ist die größte Verwirrung in die ganze Zeitrechnung gekommen, denn man hat sich damit, man möge mir den Ausdruck verzeihen, einen wissenschaftlichen Popanz zurecht gemacht. Machen wir diesem schrecklichen Wauwau ein- für allemal ein Ende. Das Jahr 710 ist das erste eigent- 194 lich julianische Jahr mit den noch jetzt bestehenden Monaten. Diesem Jahre ging 709 mit 365 Tagen voraus, welches freilich mit 1. März begann und theilwcise noch Monate von ganz anderer Dauer hatte. Allein, weil ts ein Jahr von 365 Tagen ist, so hindert uns nichts, daß wir diesem Jahre die gleichen Monate zu Grunde legen» wie sie 710 hatte, und also auch 709 mit 1. jnli- anischen Januar beginnen lassen. Ebenso machen wir es im Jahre 708, indem wir mit den 80 Tagen vorn 81. Dezember ab zurückgehen, und damit kommen wir zum 13. Oktober und sagen: Julius Cäsar begann seinen Kalender mit dem 13. julianischen Oktober 708 II. 6. Dieser 13. Oktober als Beginn des julianischen Kalenders ist der wichtigste Tag in der ganzen Zeitrechnung. Denn mit diesem Tage ist der Anfang des Kalenders fest eingereiht in das Gefiigc der julianischen Monatstage, und es läßt sich jetzt auf die leichteste Weise cyklisch sowohl vorwärts als rückwärts rechnen. Nun kommt aber erst noch die Hauptsache. Wir haben in unserer Schrift „Die Wcltära" die vorhin beanstandeten Fehler vermieden, indem wir nur mit Jahresbuchstaben rechneten und sowohl Sonnen- als Mondcyklus mit 709 und der Cyklnszahl 1 begannen. Es >var uns eben hauptsächlich darum zu thun, Gebnrts- nnd Todesjahr des Erlösers herauszubringen und das ist uns auch vollständig gelungen, denn die betreffenden Jahre 750 und 785 II. 6. stehen unbestreitbar fest. Gleichwohl haben auch wir noch einen gewaltigen Fehler begangen, weßhalb neben sehr vielem Richtigen sich noch manches Unklare und theilwcise auch Unrichtige in unserer Schrift findet. Unser Verfahren wäre recht gewesen, wenn mit dem julianischen Kalender auch eine ^ors, luliana eingeführt worden wäre, wie später eine ^ora Dioolotiani. Wir habe» zwar diese Aera cyklisch durchgeführt, aber sie ist eben keine historische, wenn auch nicht eine erdichtete, wie die vorchristliche Aera. Ganz anders wird die Sache, wenn man den Cyklus in der römischen Aera selbst sucht, was ja vom 13. Oktober 708 ab ganz leicht ist. Für die Woche von acht Tagen erhält man nach Division mit 32 die Cykluszahl 5 zum Jahre 709, für die siebentägige Woche aber 9. Auch der Mondcyklus darf nicht bei 709 mit a. n. 1 beginnen, sondern mit Epacte * vom 1. julianischen Januar des Jahres 1 II. 6. ab erhält man nach rein eyklischer Rechnung für das achte Jahrhundert der römischen Aera die Epacte 26 zur goldenen Zahl 1, und da eine Division mit 19 für 709 die Zahl 6 zum Neste hat, so bekommt man nachstehenden Cyklus: ». u. Dpaet» 704 1 26 705 2 7 706 3 18 707 4 29 708 5 10 709 6 2L 710 7 2 u. s. f. Somit ist klar ersichtlich, wie man nach richtiger Cyklusrechnung für 709 ganz genau jene Epakte erhält, wie sie sich vom Neumonde des 13. julianischen Oktober 708 ab für das Jahr 709 ergibt. Zn unserem größten Bedauern können wir hier in diesen Blättern nicht auf eine nähere Darlegung der Nichtigkeit dieser Rechnung eingehen, da wir zn viele Tabellen zur Anwendung bringen müßten. Das aber sagen wir: Man wird mit dieser Cyklusrechnnng so überraschend Vieles finden, was man aus Mangel an den nöthigen Aufzeichnungen auf rein historischem Wege niemals würde herausbringen können, daß sich die ganze folgende Zeit auf's Klarste erkennen läßt. Wir haben uns zwar von Anfang an auf den Standpunkt gestellt, daß der Schöpfer des Universums, der als solcher ja die Zeit mitgeschaffen, auch die oberste Führung und Leitung der Zeitrechnung niemals, wie man zu sagen pflegt, aus der Hand gegeben hat. Aber das haben wir nicht geahnt, daß sich bei richtiger Cyklusrechnung in getreuer Anwendung der Bewegungsgesetze jener Gestirne, die er den Menschen zum Zeitmaße gegeben, diese seine Oberleitung der Zeitrechnung so klar und deutlich erkennen lasse. Und wenn einmal die historische Zeit, beginnend mit der römischen und nabonassarischen Aera, welche gleichzeitig sind und sich gegenseitig unterstützen und einander anshelfen, klar gelegt sein wird, dann wird sich auch Niemand mehr wundern, tvenn auf solche Weise auch zurück bis znm ersten Tage des Beginnes der Schöpfung die Zeit genau berechnet werden kann. Benta Stilln, Gräfin von Abenberg. Von I. N. Secfried. (Schluß.) Nur ein paar Worte noch über die Resultate der Hirschmann'schcn Kritik. III. Das negative und positive Resultat der Kritik Hirschmanns. Den Cistcrziensermönchen von Heilsbronn kann die falsche Anschauung nicht aufgehalst und überbürdet werden, als seien der Laicngraf Rapoto (1130—1172) und Konrad junior jemals Bruder und der erstere insbesondere Stilla's Bruder gewesen, wie solches der jünger- Spalatin und seine Nachempfinder Vitns Priefer und Vitns Koch später behauptet und fälschlich in die Stilla- Legende hineingetragen haben. Beide Grafen gehören nicht einmal derselben Linie an, da Rapoto sicher der Linie Abenberg-Frensdorf, ckominus 6onrat junior dagegen wahrscheinlich der älteren Linie Abenberg - Zollern zugezählt werden darf. Nur der letztere und der erste» dritte und sechste Abt Rapoto von Heilsbronn können» wie wir wiederholt ausgeführt, als Brüder Stilla's in Betracht kommen. Hirschmann hätte allerdings die Zugehörigkeit Stilla's zur gräflichen Familie Abenberg beanstanden können, allein in diesem Falle hätte er beweisen müssen, daß sie einer anderen adeligen Familie angehört hat. Diesen Beweis hat er nicht erbracht, ja er hat es sogar unterlassen, auf jene merkwürdige Nachricht aufmerksam zu machen, welche sich aus der Geschichte von Marienburg schon bei Falkenstein (1733) findet und im Auszuge lautet, wie folgt:") „Zur Zeit des markgräflichen Krieges war Kloster Marienburg (bei Abenberg) wieder ganz abgegangen und über 30 Jahre öd gestanden bis endlich Bischof Martin (von Schanmberg) dasselbe 1588 wiederum mit Klosterfrauen aus Mariastcin besetzte und das Kloster Marien- bnrg wieder herstellte. . . . Unter anderen haben auch Nordgauische Alterthümer, aufgesucht im Bisthnm Eichstätt. Frankfurt und Leipzig. 1733. II. Thl. S. 377 Ü u. i95 vier Schwestern, geborne von Hirnheim (Hürn- heim), die letzten von dieser Familie, so zwar verheiratet, aber damals Wittwen gewesen, bcnamentlich Agnes Lahingerin, Maria von Wellwarth, Barbara von Bcrnhausen, Maria von Wildau, als an- geborne Blutsfreundinne 8t. Ltillaa,") zu besserer Unterhaltung des Klosters, ihr mildes Almosen und Beysteuer dazu gegeben." Falkenstein, der zuerst in Diensten der Fürstbischöfe von Eichstätt, dann der Markgrafen von Ansbach und Bayrenth gestanden, hat diese Nachricht wohl nicht erfunden oder wie man zu sagen pflegt aus dem kleinen Finger gesogen, es bedarf dieselbe deßhalb schon um ihres Autors willen, insbesondere aber deßwegen einer neuen gründlichen Untersuchung, weil vor einigen Jahren Redacteur Plaß in Donanwörth der edlen Familie von Hürnheim auf dem Al buche (bei Schmähingen, kgl. bayer. Bezirksamts Nördlingen) die Ehre zu Theil werden ließ, Otto den Heiligen, Bischof von Bamberg, den Klosterstifter nnd Apostel der Pommern, zu den Ihrigen zählen zu dürfen.") Wären hiernach die Hürnheim mit den Edclherren von Mistelbach, dem hl. Otto und der seligen Stilla von Abenbcrg wirklich blutsverwandt oder auch nur verschwel g e r t gewesen, wie denn nach der Legende Sttlla' s Mutter eine Truhendiugen und nach Falkenstein") eine Gotthild von Truhendiugen circa 1140 die Gemahlin Rudolfs von Hirnheim gewesen sein soll, so würde sich nicht bloß die Einweihung der Peterskirche bei Abenberg, sondern auch die Verschleierung Stilla's durch den blutsverwandten Bischof von selbst erklären. Hiernach hätte der vielbeschäftigte (8. 63) Pommernapostel allerdings Ursache und Veranlassung genug gehabt, etwa 1136 zu Gunsten Stilla's nach Abenberg zu eilen, die Peterskirche einzuweihen und das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit von Seite Stilla's entgegen zu nehmen. Weder unter besonnenen noch unbesonnenen Forschern (8, 62) könnte in diesem Falle ein Zweifel darüber bestehen, daß Bischof Otto I. von Bamberg, selbstverständlich mit Genehmigung des Ordinarius zu Eichstätt, die Peterskirche zu Marienburg wirklich eingeweiht hat, obwohl Hirschmann im k. Kreisarchive zu Nürnberg und im k. allgemeinen Reichsarchive zu München hievon keine Spur mehr zu entdecken vermochte. Sollte ein Beweis nachträglich darüber noch beigebracht werden können, daß Stilla eine geborne Hürnheim oder Mistelbach oder etwa die Tochter eines der abenbergischen Burgmänner gewesen, Z. B. Swigcrs äs ubirndsicd, welcher circa 1136 und 1155 als Zeuge erscheint, oder eines der fünf Konrade cke Lbankarcch, in welchen ich fchon 1869 Bnrgmänner ") Das Lexikon von Franken (9. Band. Ulm 1801) nennt sie nach der Kloster-Chronik: Agnes von Lochinger, Anna von Wöllwarth. Maria von Melden und Barbara von Bernhausen. Vergl. Stadtpfarrer Asam von Abenberg im Sulzbacher Kalender für kath. Christen. 1857, S. 192 ") Beilage zur Augsb. Postztg. von: 18. März 1890 Nr. 16. ") I. o. A. S. 91. Englert kennt freilich Gotrhilde von Truhendingcn nicht, allein in varba magistri darf man nach Hnintus Horatins Illaoons niemals schwören. Ueber die Hürnheim vergleiche Dekan Bauer von Künzclsau. Hist. Vcr. von Schwaben 29. u. 30. Jahresbericht. auf Schloß Abenberg vermuthete/') so würde ich keinen Augenblick anstehen, Stilla aus der Stammreihe der Grafen von Abenberg zu entfernen, wie ich den hl. Otto und seinen Bruder Friedrich sammt deren Eltern Otto und Adelheid längst daraus entfernt habe; solange ein solcher Beweis nicht geliefert werden kann, lasse ich Stilla aus der wohlbeglaubigten und gutgcgliederten Reihenfolge der Grafen von Abenberg durch bloße Negation nicht herausnehmen. Der Versuch, den Hirschmann machte, seinem Gegen stände nicht bloß ein negatives, sondern auch ein positives Resultat abzugewinnen, muß ebenfalls als mißlungen bezeichnet werden. Etwas positiv Neues hat er ja im Allgemeinen nicht beizubringen vermocht, denn nach altherkömmlicher Annahme und Ueberlieferung lebte Stilla im Schlosse zu Abenberg als Wohlthäterin ihrer nächsten Umgebung, ließ sich in der von ihr gestifteten Peterskirche zu Marienburg bei Abenberg, nicht in Hcilsbronn, begraben") und wurde daselbst von dem Volke als selige Dienerin Gottes und Gutthäteriu der Menschen in allen leiblichen Werken der Barmherzigkeit hoch verehrt. Auch die Kirche von Eichstätt ehrte die jungfräuliche Stilla schon frühzeitig dadurch, daß sie entweder schon unter Bischof Hartwig (1195 —1223)") oder Reimbotto von Mailenhart°°) (1279—1297) ihre Reliquien erheben ließ (H. 10, 74) und damit ihre Verehrung zugestanden und gutgeheißen hat. Bischof Wilhelm von Reichenau (1464—1496) errichtete sodann 1488 bei der Peterskapelle zu Abenberg das Augustinerinnen - Kloster Marienburg.. welches nach dessen zeitweiligem Abgang Bischof Martin von Schaumberg 1588 wiederhergestellt hat/') Marienburg ist zwar den Stürmen der Säcularisation am Anfange unseres Jahrhunderts ebenfalls erlegen, Scilla's Angedenken und Verehrung ist aber auch damit nicht unterbrochen und weggenommen worden, vielmehr hat am 23. Februar laufenden Jahres Franz Leopold Freiherr von Leonrod, welcher seit 1867 den Stuhl des hl. Willibald einnimmt, officiell ausgesprochen: „daß die Dienerin Gottes Stilla von Abenberg seit unvordenklichen Zeiten und ununterbrochen bis auf den heutigen Tag öffentlich verehrt worden ist." Wenn Hirschmann am Schlüsse seiner positiven Ausführungen die Hypothese ausstellt, Stilla möge die Gemahlin Burkardslll. Grafen von Zollern gewesen sein (12, 89 A. 38), so will ich dagegen nur bemerken, daß ich der Ansicht, Stilla fei als Stammmutter der Zolleru-Hohenberg aufzufassen, bricff ") Grafen von Abenberg 1869 S. 19 A. 57d. —- Von der Gräfin Stilla von Abenberg wissen wir durch die Tradition mehr als von den Gemahlinnen der Grafen, einer Gerhilde, Sophia, Hedwig und Mechtilde und den gebornen Gräfinnen von Abenberg, den 2 Hedwig und der Gräfin Bcrtha durch Urkunden. Stilla ist der Rose vergleichbar unter den holden, frommen, fürstlichen Frauen der Abenberg. ") Nicht vor 1149/50 ist Stilla gestorben. Nach Falkenstein soll sie 1158. nach Andern 1160 das Zeitliche gesegnet haben. ") Dessen Schwester Sophia wahrscheinlich mit Burggraf Konrad II. von Nürnberg circa 1200 — 1230 vermählt war. °°) Welchem Burggraf Konrad IV. der Fromme Schloß Abenberg mehr verschenkt als verkauft hat. Urkunde vorn 7. März 1296. «) Falkei,stein I. o. (A. 43) S. 377 N. 196 lkch^) entschiedenen Widerspruch entgegengestellt habe. Hirschmanns .Hypothese ist schon deßwegen unmöglich, weil die Tradition nur eine Jungfrau, keine Wittwe Stilla von Abenberg kennt, die Legende sohtn wesentlich umgedeutet werden müßte, wenn Stilla Bnrkards III. Gemahlin geworden wäre. Stilla ist eben nicht Stahla; das letztere läßt sich etwa noch mit „Stahleck" oder „Schaln-Burghansen" erklären, mit Stilla niemals. Ebenso unhaltbar wie die neue Hypothese Hirschmanns muß die längst widerlegte Behauptung der Hohen- zolleruforscher erklärt werden, als sei Friedrich II. Burggraf von Nürnberg durch Vermählung einer abenberg- ischen Erbtochtcr in den Besitz von Schloß Abenberg gekommen und sei dieses mütterlicherseits als das Stammschloß des berühmten Hohenzollern-Hauses zu betrachten. Gerade umgekehrt hat sich die Sache in Wirklichkeit verhalten. Der springende Punkt in der uralten heiklen Streitfrage „Abenberg-Zollcrn oder Zollern-Abenberg" ist der ckominno 6unrnt junior, welcher in dem Weihe- gemälde zu Kloster Heilsbronn den Schild der Grafen von Abenberg mit der rechten Hand hochträgt, während die linke Hand ruhig das Schwert umfaßt hält. Dieser Konrad junior, Graf von Abenberg, und das Geschichtsbild, welches einen Zeitraum von 80 bezw. 100 Jahren umfaßt, keineswegs den Moment der Klosterstiftung 1132 zur Darstellung gebracht hat,^) widerlegen alle Theorien, welche die Hohen- zollernforscher seit fast 400 Jahren auf die Bahn gebracht haben, auf einmal und mit einem Schlage. Dieser Konrad junior oder Konrad, Rapoto's Sohn, ist durch Verehelichung mit der Gräfin Sophie in II u Z/. e> circa 1177/8 Burggraf von Nürnberg geworden. Er hatte zwei Söhne: Burggraf Friedrich I. und Burggraf Konrad II. Von Friedrich I., wahrscheinlich vermählt mit einer Gräfin Zollern, stammen in der älteren Linie, re- präsentirt durch Burggraf Konrad III. (comos in 2olro) die Markgrafen und Churfürsten von Brandenburg ab und die Könige von Preußen, welche seit 18. Januar 1871 die deutsche Kaiserkrone tragen. Die jüngere Linie der Burggrafen von Nürnberg abenbergischer Abkunft hatte von der Mutter Hohe »zollern überkommen und in Friedrich II. mit dem Löwen den Neu begrün der des noch blühenden Hanfes Abenberg-Zolleru erhalten. — Die Ascendenten der Grafen von Abenberg anlangend,^) verweise ich auf die Grafen von Vergilb ei m im 54. Berichte des Historischen Vereins von Bambcrg (1892) Beilage II, 3. Brief vom 10. Februar 1696. Hirschmann möchte Sthala in der Handschrift des Erasmus Sayn von Freising mit Stilla in Verbindung bringen. Ll. 6. 88. XXIV, 78. Es wird dieses Falkenstein und andern Hohcnzoller- forschern noch immer nachgeschrieben. , ") Das Wandgemälde in der Kirche zu Heilsbronn bringt den Stifter und die Donatoren des Klosters und der Kirche zur Anschauung. Stillfried, Alterthümer und Kunstdenkmale des erlauchten Hauses Hohenzollern. Stutt- gart und Tübingen, 1838, ko>., und Snlzhacher Kalender für kathol. Christen 1871 S. 79. Die Grafen von Abenberg sind zwar fürstl. bayer.- wclstscher Abkunft, können und dürfen aber mit dem regierenden Königshause der Luitpoldinger in Bayern nicht so verbunden werden, wie es Äventin und nach ihm Andere versucht haben. r- n sr or» s" DZ, 8 LI '2 D L « G .2 K 'L N S S i-iD L 'S " ar» ^ »L L ZZO 8^2 K- 8" «^2 »» r-rr-. ^ . » 6c- »2Z ö ^ ^ -i- 6 « 8^ ^ a!, Z > 01 8? . Z « LsA ^ Z s ÄkÄ 6^ SS dZ - 8Z.Z L § ^ 6/2 o o V ^ § N ^ s « s rr» a «"Zs« . V a R «-1-2 6 « 2 o . o ^ 6-2 ^ Ä § ^ ^ ^ ^ 2 ^ ^68 »- G ZU« -i"Z München an Maria Verkündigung (25. März) 1897. IW. In der Berichtigung Nr. 27 S. 189 lies vor statt von. Recensionen und Notizen. Heft 11 des „Deutschen Hausschahes" bringr zunächst die Fortsetzung von Karl Mays Reiseerzählung Im Reiche des silbernen Löwen, die die Gewandtheit und Geistesgegenwart des berühmten Reisenden im hellsten Lichte zeigt. L. v. Neideggs Roman: Nicht vergebens, wird zu Ende geführt; der Hausschatz hat damit seinen Lesern einen Roman geboten, der an Gedankentiefe und spannender Handlung sich den besten Werken der katholischen Unterhaltungsliteratur gleichstellt. Von den belehrenden Aufsätzen heben wir die folgenden hervor. Karl Hafter behandelt in: Woher kommen die Steine, die „vom Himmel" fallen? die Frage nach der Herkunft der Meteoriten. Fl. Werr schildert in Das älteste Tagblatt, wie im alten Rom das Zeitungswesen beschaffen war. Dr. A. Heine entwirft ein ungemein fesselndes Bild von dem einzig dastehenden Leben und Treiben In der City in London. Dr. Dreibach beschäftigt sich mit den drei Frühlingsboten unter den Vögeln. Postdirektor Bruns würdigt die großen Verdienste des verstorbenen Generalpostmeisters von Stephan. Daran reihen sich. wie in jedem Hefte, eine Menge kleinerer Mittheilungen, die jedem Leser etwas Interessantes bringen. Der Bilderschmuck ist wieder sorgsam ausgewählt und sehr geschmackvoll. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. i^>'° 89 22. Mai 1897. Der KimneUten - Orden in den bayerischen Stammlanden. I. Die Karmeliten, welche ihren Ursprung auf den Propheten Mas am Carmel in Palästina und die von ihm begründete Einsiedler-Genossenschaft zurückführen, blieben Jahrhunderte hindurch auf den Carmel und das hl. Land beschränkt, bis die zunehmenden Bedrückungen seitens der Ungläubigen um das Jahr 1240 sie zwangen, sich im Abendlande um Niederlassungen umzusehen. Sie zogen nach Chpern, Sicilien, Frankreich und England und wurden überall auf's beste aufgenommen, waren sie doch aus der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr unbekannt. Schon 1245 konnte zu Aylesford in der Grafschaft Kent ein Generalcapitel gehalten werden — das erste, welches im Abendlande stattfand, wobei nach dem Tode des bisherigen Ordensgcnerales Alarms der Engländer Simon Stock zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Von Paris aus, wo ihnen 1260 Johannes Prior von St. Eligius ein Haus anwies, verpflanzte sich der Orden auch nach Deutschland. Köln wurde der erste deutsche Ordenssitz. In Bahcrn war Regens bürg am frühesten zu einer Niederlassung derselbe» gekommen. Im Jahre 1319 hatte Papst Johannes XXII. an die Bischöfe von Salzburg, Regensburg und Passau ein Schreiben gerichtet, den vielfach bedrängten Karmeliten beiziistehen. Ob nun erst in Folge dieses Schreibens, das allgemein gehalten war, Regensbnrg zu einer Niederlassung der „weißen Mönche" kam, wie man sie ihrer weißen Mäntel wegen nannte, welche sie über den braunen Habit trugen, im Gegensatze zu den Augustinern und Benediktinern und Minoriten rc., oder schon früher, ist nicht erwiesen. Erst in einem Protektorium Kaiser Ludwigs des Bayers vom 21. März 1330 wird das Negcnsbnrger Haus des Ordens der seligsten Jungfran vom Berge Carmel genannt. In demselben Jahre empfahl auch Bischof Nikolaus auf einer Diözesansynodc die Karmeliten dem Klerus seiner Diözese. Ihr Aufenthalt in Regensbnrg war jedoch von kurzer Dauer. Ihr Wohnsitz bei St. Oswald litt sehr durch das Hochwasser der Donau, und auch andere Umstände mögen ihnen den Aufenthalt ^verleidet haben. Herzog Albrecht von Bayern, welcher zii Straubing 1856 sich eine neue Residenz (gegenwärtig Kaserne) gebaut hatte und vielleicht um ihre bedrängte Lage wußte, lud sie ein, nach Straubing überzusiedeln, und wies ihnen einen Platz zur Niederlassung an. Papst Nrban V. bestätigte die Stiftung unterm 6. April 1367 auf Bitten des Pro- vinziales Heinrich. Der Bürger und Lehenspropst des zu Straubing begüterten Augsbnrger Domstiftes, Albert Stcinhanff, schenkte den Brudern zum Klosterbau sein Haus nebst Hofraum, weßwegen er auch gewissermaßen als Mitstifter betrachtet werden kaun. Im Jahre 1371, als die Brüder gerade am Kloster bauten, kam Albert selbst nach Straubing, bestätigte durch Urkunde vom 22. Januar 1371 die gemachte Schenkung, verlieh ihnen das Anrecht auf alle Immunitäten und Freiheiten, deren ihr Orden anderswo genießt, auch in seinem Lande. Zugleich gewährte er ihnen die Freiheit, in Niedcrbayern sammeln zu dürfen. 1374 stiftete Herzog Albert mit seiner Gemahlin Margaretha in seiner Hofburgcapclle eine ewige Messe und eine Schloßcaplanet, welche doppelte Stiftung er 1386 an das Kloster überwies. In der Folge erfreute sich diese Stiftung Alberts I. der Gunst verschiedener Sprossen des Wittelsbacher- Hauses; Herzog Albert III., Wilhelm V., Maximilian I. und Ferdinand Maria nahmen sie in ihren besonderen Schutz. Bayerns Herzog Albert III. ließ die Gebeine der unglücklichen Agnes Bernauer aus ihrem ursprünglichen Grabe in der Capelle auf dem St. Petersfriedhofe in die von ihr selbst in ihrer Lebenszeit auserwählte Grabstätte bei den Karmeliten in der St. Nikolaus- Seitencapelle bringen, allein bei dem Umbau der Klosterkirche verschwand diese Capelle sammt dem Grabsteine. Hingegen hat sich das steinerne Hochgrab Herzog Alberts II. (-j- 1397) auch in der neuen Kirche erhalten. Bei der Säkularisation der Klöster in Bayern t. I. 1803 wurde das Karmelitenkloster zu Straubing als Centralkloster dieses Ordens erklärt und das Abensberger Kloster damit vereiniget. Peter Heitzer, geboren zu Straubing 6. April 1777, der Jüngste im ganzen Convente, ein Mann von vielseitiger Bildung, wurde 1815 zum Prior gewählt. Seinem Eifer verdankte das Kloster, daß es der Zerstörung entging und daß König Ludwig I. die Erlaubniß seines Fortbestandes gab. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß gerade zur Zeit der Klosteraufhebung (1603) ein Mitglied dieses Ordens, k. Wcndelin Zink, gebürtig von Mougolding bei Eglofs- heim, in Abensberg einstiger Mitnovize des späteren Priors Peter Heitzer, von der Propaganda in Rom auf den Missionsposten zu Stralsund bestimmt wurde, in welcher Stellung er 37 Jahre lang wirkte, bis er am 29. Mai 1840 einem Schlagflnsse erlag. Kaum daß das Kloster neuverjüngt aus dem Säculari- satioussturme hervorgegangen, wurde das Ordensreis auch schon nach Amerika verpflanzt, k. Cyrill Knall, geboren zn Schellmberg, Diözese Regensburg, 8. Oktober 1813, und am 3. Juli 1838 zum Priester geweiht, seit 1850 Profeß des Karmeliten - Ordens in Straubing, kam am 8. Juni 1864 nach Amerika, begründete 1868 in Cumber- land, Erzdiözese Baltimore, eine Missionsstelle, welche in der Folge die Kapuziner übernahmen. Er wurde sodann 1882 Prior des Klosters Leaveuworth in Kansas und wirkt gegenwärtig als Pfarrvorstand an der St. Bouifaz- kirche in der Stadt Scipio, Diözese Leaveuworth, an der Seite von drei Mitbrüdern, während drei andere in der Stadt Pittsburgh thätig sind. In Straubing versehen die Karmeliten auch die Seelsorge am nahen Wallfahrtsorte Soßau. Wahrscheinlich von Straubing aus erhielt das Karmelitenkloster zu Abensberg seine ersten Bewohner. Gründer desselben ist Graf Johannes. Am 27. März 1389 übergab derselbe den Karmelitenbrüderu eine Hofstätte sammt Baumgarten als Bauplatz, sowie einige Einkünfte, und empfahl die Stiftung seinen Geschlechts-An- gehörigen. Bereits am 7. September 1391 ratihabirte Bischof Johann I. von Regensburg die Bulle des Papstes Bonifaz IX., worin ihnen die kirchliche Erlaubniß für die Niederlassung gegeben ward. Im gleichen Jahre bestätigten auch die Herzöge von Bayern die klösterliche Siedelung. 1485 betrauerten die Klosterbrüder in ihrer herrlichen dreischiffigen Kirche den Tod des letzten Abcus- 198 berger Grafen Nikolaus, welchen Herzog Christophs Kämpe Seitz Frauenbcrger bei Freistng am 28. Februar meuchlings niedergestreckt, dafür, daß er zur Gefangennahme des Herzogs seinerzeit mitgeholfen. Seine Grab- capclle sowie der gothische Kreuzgang mit seinen Denksteinen erregt noch heute tünstgeschichtliches Interesse. Mit dem Kloster ivar auch eine Schule verbunden, und hier legte der am 14. Juli 1477 geborene Johann Thnrmaier, Bayerns berühmter Geschichtsschreiber, die Anfangsgründc seines Wissens. Die Klöster Abensberg und Straubing gehörten der ältern Regel vom Berge Carmel an, welcher in der Folge, besonders seit Papst Eugen IV., große Milderungen zugestanden waren. Durch die hl. Theresia (st1582) und den hl. Johannes vom Kreuze (st 1591) wurde die ursprüngliche Regel in ihrer ganzen Strenge wiederhergestellt, und der neue Aufschwung, den der Carmel-Orden nahm, kam auch Bayern zu Gute. Im Jahre 1620 begann der Krieg Oesterreichs und Bayerns gegen das protestantisch resp. calvinisch gewordene Böhmen, das der sogenannte „Winterkönig" Churfürst Friedrich von der Pfalz in Besitz genommen hatte. Maximilian I., Herzog und nachmaliger Churfürst von Bayern, hatte sich im Jahre 1619 von Papst Paul V. den wegen seines hl. Lebenswandels berühmten Barfüßer- Karmeliten - Ordensgcneral k. Dominikus a Jesu zur glücklichen Führung des böhmischen Krieges erbeten. Dieser mit seinem Geschlechtsnamen Domingo Ruzzola, geboren zu Calatajud in Aragonien am 16. Mai 1559, hatte in Spanien und Italien überaus segensreich gewirkt, als er 60 Jahre alt aus Gehorsam gegen das kirchliche Oberhaupt nach Bayern reiste. Jin Oktober 1620 zog Dominikus a Jesu mit Maximilian von Schärding aus nach Böhmen und erschien, Alles begeisternd, auf einem Schimmel reitend, mit einem Crnzisix in der Hand und das zu Strakowitz gefundene Bild der Geburt Christi, an dem die Calvinisten den Figuren Jesu und Maria die Augen ausgekratzt hatten, auf der Brust, mitten unter den Streitern in der Schlacht am weißen Berge bei Prag (8. Novbr. 1620), wo Maximilian I. den vollkommensten Sieg an eben dem Sonntage, da es im Evangelium heißt: „Data Oaosari, gnoä Osovaris," gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, über Böhmen gewann. In dankbarer Erkenntniß der großen Hilfe, welche durch das Gebet und das mnthige Eingreifen des heilig- mäßigen Mannes Bayern und Oesterreich zu Theil geworden, wetteiferten die Fürsten beider Länder, die Dankesschuld dem Orden abzutragen, welchem Dominikus a Jesu angehörte. Sowohl in Wien in der Leopoldstadt, als auch in Prag erhoben sich auf Veranlassung Kaiser Ferdinands Niederlassungen der rcformirten Barfüßer- Karmeliten. In München kam eine solche Ansiedlung erst im Jahre 1629 nach dem Friedensschluß von Lübeck zu Staude. Am 1. November trafen aus dem Kloster an der Kleiuscite zu Prag die ersten zwei Karmeliten, k. Felizian a S. Bartholomäo und ?. Dominikus a S. Nicolao, sowie zwei Laicnbrüder ein. In dem herzoglich Wilhelminischen Palaste, der sogenannten Herzog Maxburg, wurde ihnen eine Jnterimswohnung angewiesen und ihnen das nahe gelegene St. Nikolanskirchlein für gottcsdienst- liche Funktionen eingeräumt. Doch dauerte es bis zum Jahre 1650, bis die Karmeliten zu einem Klostcrbau schreiten konnten. Nachdem ihnen Churfürst Maximilian zwei kleine Häuser sammt Hofräumen, 8 Stefften Wasser rc. am Ecke der St. Nikolauskirche und des Churfürsten Bruder Herzog Albert VI. den Anbau an seinem Palaste und den östlich gelegenen Garten an der Maxbnrg geschenkt, so daß das ganze Quadrat, wie wir es jetzt sehen, den Karmeliten gehörte, wurde mit dem Abbruch des St. Nicolauskirchleins begonnen und Kirche und Kloster von Grund aus neu aufgeführt. Churfürst Max I. starb unerwartet am 27. September 1651, und da dessen Sohn Ferdinand Maria noch nicht großjährig war, verzögerte sich der Bau um einige Jahre. Endlich legte der Oheim desselben am 3. Mai 1654 den Grundstein zum Kloster und Churfürst Ferdinand Maria zur Kirche am Magdalenentage 22. Juli 1657. So hatten nun die Barfüßer-Karmeliten in München einen festen Wohn» sitz gefunden, und 142 Jahre lang sollten sie im Genusse desselben verbleiben. Bis zum Jahre 1729 befand sich hier auch das Provinzial-Noviziat, in welchem Jahre es nach Schongau verlegt wurde. Im 17. Jahrhunderte wollten auch die „beschuhten Karmeliten", welche in Altbayern nur in Straubing und Abensberg bestanden, in München ein Kloster begründen, ein Project, das sie noch einmal im Jahre 1780 aufgriffen, wo sie das Baron Hörwarth-Hans auf dem jetzigen Promenadeplatze ankauften und bereits 2 Patres in demselben wohnten; allein ihre Sache hatte hier kein Gedeihen, während die »»beschuhten Karineliten bei den Münchnern alles Vertrauen genossen. Im Jahre 1802 brach der Säcularisationssturm auch über dieses Kloster herein. Unter dem Prior k. Thomas a S. Bernardo standen 31 Patres und 4 Fratres; sie wurden, soweit sie nicht dem Weltklerus sich einreihen ließen, in das Franziskaner-Kloster zu Straubing zum Absterben versetzt, die Klostergebände aber für Studienzwecke in Anspruch genommen und das sogenannte alte Gymnasium und Lyceum in dieselben verlegt. Die herrliche Kirche wurde durch Baudirektor Niklas von Schedl und Banrath Vorherr „entklöstcrt", die schöne Fcnzade ihrer Statuen und Inschriften beraubt, das Innere pnritanisirt, die Klostergruft, in welcher auch der bayerische Geschichtsschreiber und chnrfürstliche Kanzler Johann Adlzreiter (st 1662) seine Ruhestätte gefunden, in rohester Weise entleert. Dreizehn schöne Gemälde, welche die Klostergründung und Wunderthaten des gottseligen Dominikus a Jesu darstellten und einst die Klostcrräume schmückten, wanderten in die Schleißhcimcr Gallcrie und kamen erst im verflossenen Jahre 1895 wieder nach München zurück — aber nicht, wie zu erwarten stand, in ihr ursprüngliches Heim, in das nunmehrige kgl. Erziehungsinstitutsgebäude, sondern in die neue Tanbstummen-Anstalt durch die Bemühungen ihres vortrefflichen Leiters. (Fortsetzung folgt.) Vergessene Audechser. F. Jauncr hat in seiner vortrefflichen Geschichte der Bischöfe von Negensburg Band I Seite 425 ff. die Vermuthung ausgesprochen, daß Bischof Gebhard I. von Negensburg (reg. 995 — 1023) der Familie der Audechser angehört habe. In der That lohnt es sich, seine Argumentation näher zu betrachten. Sie ist in Kurzem folgende: Bischof Gebhard I. hatte nach Thicimar V, 16 einen Bruder Namens Otto, der Ende 1002 durch seine 199 Flucht am Passe Ongara im Brcntathale die Niederlage einer deutschen Heeresabtheilung unter Herzog Otto von Körnten verschuldete (siehe Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 5. Anst. II. Bd. S. 31). Dieser Otto darf nicht mit dem von Thietmar als Theilnehmer an demselben Zuge erwähnten gleichnamigen Sohn') des fränkischen Grafen Hcribert (Bruders des Herzogs Konrad von Schwaben, gestorben 997) verwechselt werden, dessen Bruder Gebhard bereits im Jahre 1016 starb (siehe Thietmar VII, 34, der sein Vetter war) und darum mit dem Bischof Gebhard nicht identisch sein kaun. Vielmehr deutet alles, was wir sonst von ihm und Bischof Gebhard wissen, auf bayerische Abstammung hin. Im Nekrologium von Thierhaupten wird Bischof Gebhard neben seinem Bruder Rapoto als zweiter Gründer dieses Klosters bezeichnet.2) Aus einer anderen Urkunde, die leider nicht ihrem Wortlaut nach bekannt ist, erhellt, daß er mit eben diesem Rapoto das Kloster Prül bei Regensburg im Jahre 997 neu fnndirte/) Die Namen Otto, Gebhard, Rapoto sind aber gerade in der Familie der Andechser hergebracht. Dazu kommt, daß Bischof Gebhard erweislich Erbgut in Tirol und zwar im Nork- thal besaß, wo die Andechser reich begütert waren. Nach einer Urkunde nämlich, die zwischen 1006 und 1023 anzusetzen ist (s. Meichelbeck Ihn. 1170), tradierte Bischof Gebhard dem Bischof Egilbert von Freising (reg. 1006 bis 1040) zum Besten der Kanoniker dieses Stiftes alles- was er inro üoroäiturlo im Orte Uogian (Layen südlich von Klausen) besaß, unter der Bedingung, daß ihm sowohl IwZian als die umliegenden Ortschaften karxiun (Barbian), Lutsis (Tschutsch), lioreo (Tiers), Aldiun (Albions), Bunurois (Tanirz), Bsevis (Tschöfas), l'susis (Tschötsch), 8eZ63 (Seis) und ein Wald im Grödner- thale (der sogenannte Pontifeserwald, benannt nach den Bischöfen von Freising) mit allen Nutzungen, wie sie von Graf Otto seligen Angedenkens den obengenanten Kanonikern übergeben worden wareiU), zum lebensläng- ') Dieser ist der bei Thietmar V, 21 (zum I. 1003) erwähnte Bruder der Gerberga, der Gattin des Markgrafen Heinrich von Schweinfnrt, der v. O. II, 98 (975), 208 (979), 284 (982); v. O. III, 334 (999), 361 (1000); 21. 8. 28 a S. 304(1002), 390(1008). 458 (1016), wie sein Bruder Gebhard - s. 21. 8. 28 a S. 427 (1010) - als Graf im fränkischen Grabfeld (und in der Wetteran) bezeichnet wird. Sein Vater Heribert war Graf im Kinziggau, s. v. O. II, 128 (976). Der 21. 8. 31a S. 294 (1019) erwähnte Graf Otto im Engcrisgan ist Otto von Hammerstein, den Thietmar VIII, 5 ebenfalls seinen Vetter nennt, er ist also wohl eine und dieselbe Person mit dem obigen. Sein Sohn Udo starb im Jahre 1034 (s. ^nnal. Tllläss- keim. zu diesem Jahr), seine Tochter hieß Hicila; s. 21. 8. 28 a S. 510 (1024). ") S. 21. <4, UsoroloK. Oorm. I, 38 u. 39. b) S. Mausoleum (Ratisbona monastiea) Slusg. 1752 S. 236; vgl. Lxoorpta HUabsnsia z. I. 998 (21. O. 8er. IV, 36), Lvn. Oarstsnsss, ^ämuutouseo, 8. Uuclbsrti 8sUsbui-K6N868 z. I. 1003 (21. 6. 8er. IX, 567, 574, 772). <) S. Meichelbeck Ib n. 1153 (vor 6. Mai 1006 dem Todestag des Bischofs Gottschalk von Freising), wo außer den genannten Orten auch noch Vkkirieba (Aufkirchen bei Erding) und Lxarmr68lni8a (Ebertshausen bei Brück a. d. A.). ferner Höfe im Stubaithale (intor alpoo aä 8tn,,sw) und am Terrenterberg im Pusterthale (in monto Torsnto) und ein Weinberg bei Bozen genannt werden. Eine weitere Aufzeichnung in Freising (s. Obb. Archiv Äd. 34 S. 302 f. Nr. 151) führt noch Höfe in valls Vintulla (Ober- und Nieder-Vintl im Pusterthal am 'Ausgang des Pfunders- thals) an. Zum Ersatz hicfür wurde Otto vom Stifte Freising die enrris (lorollisdaeit (Gerolsbach im Landgerichte Schrobcnhansen) aus Lebenszeit zum Nutzgeuuß überlassen. lichen Nießbrauch überlassen würden. Erst »ach seinem Tode sollte das Ganze an die Frcisingcr Kirche zurückfallen. Hieraus dürfen wir wohl schließen, das; Bischof Gebhard gewisse in naher Verwandtschaft begründete Ansprüche auf diese ehemaligen Besitzungen Otto's hatte, oder mit anderen Worten: Jener Graf Otto seligen Angedenkens war eben kein anderer als der (vor dem Jahre 1023 verstorbene) Bruder des Bischofs Gebhard, der vielleicht gerade wegen seiner schimpflichen Flucht und nicht so sehr wegen begangenen Jncests (unerlaubter Ehe), wie es in einem Diplome König Heinrichs III. (Neubnrg a. D. 10. Dez. 1055F) heißt, noch vor 1006 (s. Anmerk. 4) dem Strafgerichte verfiel. Näheres über ihn erfahren wir aus Brixencr Dokumenten, in welchen er als Graf im Norithal und Pusterthal (und Untcr- innthal) aufgeführt wird/) Neben ihm tritt in denselben Gauen ein Graf Rapoto auf,') in welchem wir wohl den oben erwähnten zweiten Brnder deS Bischofs Gebhard zu suchen haben, wie deßgleichen in jenem Rapoto, der durch Nichterspruch seiner Besitzung Ufchiricha in der Grafschaft Arnolds von Diessen verlustig ging/) Hatte etwa auch er an jener schmählichen Flucht theilgeuoinmen? Vermuthlich gehört auch der nodilis üoiao Ilatpot mit dem. Beinamen Tassilo hicher, der dem Kloster Tcgernsee unter Abt Bereugar (1008 — 1017) alles, was er väterlicherseits als Erbe in den beiden Dörfern (Kirch-) Stockach und (Ober-) Haching (zwei anerkannt andechsischcu Besitzungen) inne hatte, überwachte/) Zwar fochten Ekkehard und Jakob als nächste Erben diese Verfügung an, doch ließen sie sich durch Zureden bestimmen, gegen eine Entschädigungssumme von 5 Talenten von ihren Allsprüchen zurückzutreten, wie die Grafen Friedrich, °) S. 21.8.29a S. 123. Hier wird er (wohl irrthüm- lich) als Markgraf bezeichnet; vgl. S. Riezler in Forschungen z. d. G. Bd. 18 S. 532 f., der an Otto von Scheuern denkt. Aber der 21.8. 28» S. 451 u. 13 S. 352 in Urkunden aus dem Jahre 1014 und 1040 als Graf im Kelsgau aufgeführte Otto ist, wie schon Oefele in Sybel's histor. Zeitschrift Bd. 43 Jhrg. 1880 S. 136 bemerkt hat, kein anderer als der bekannte Otto von Schweinfurt, vgl. 21. 8. 23» S. 361 (1007), wo für in l>» 8'0 llorsvun offenbar in poxo XortMv oder Xortgsw zu lesen ist (es handelt sich um Holzheim im Nordgau, südlich von Burg- lengenfeld). Der 21. 8. 15 S. 160 z. I. 1036 als Graf im Donaugau bezeichnete Otto ist ein Sohn des Burggrafen Ruvert von Regensburg, der im Jahre 1060 Bischof von Regensburg wurde (gest. 1089). °) S. Resch, Ann. 8abion. II S. 650 f. ooä. äiplom. 8rix. sub. 8 . Alvnino (reg. 976—1006) n. 11 (zw. 982 u. 987), 13, 25, 47. 51. 71 (zw. 1002 u. 1006). ') S. Resch a. a. O. n. 15, 47. 67. 68. 69 (hier wird auch ein Sohn Rapoto's, Namens Konrad. erwähnt, der aber vor ihm starb). Schon unter Bischof Wisunt (gest. 956) ist Rapoto an erster Stelle Zeuge, als Irininlint (seine Mutter?) alles was sie in Vsi'AL im Öuosigan (in x»8o bno8i) in Bauern hatte, an das Bisthum Säben schenkt; desgleichen bei der Erneuerung dieser Schenkung unter B., Richpert (vor 962) s. Resch a. a. O. S. 457 f. Eben diesem Bischof (gest. 976) übergab Rapoto zum Besten der Kanoniker in Brixen zwei Huben in Tülls (— Tils oberhalb Brixeu) aus seiner väterlichen Erbschaft s. Resch a. a. O. S. 522 f. Vgl. auch den oomss Uatpoto in v. O. II, 165 und v. 0. III, 1. Jener Rapoto, der in einem Diplome Ludwigs des Kindes 21. 6. 28» S. 125 (901), s. Mühlbachcr, 8eA. Xarol n. 1945. als Graf im Norithal erscheint, war wohl sein Großvater. «) S. 21. 8. 28» S. 464 f. Am 28. April 1017 schenkte. K. Heinrich II. dieses confiscirte Gut an das Bisthum Bambcrg. ^ ^ ^0f.: vgl. Meichelbeck Id v. 1182b und o. Obb. Archiv B. 34 S. 309 Nr. 176. 200 Meginhart,'") Razo (— Rapoto),") lauter Andcchser, bezeugten. Trifft diese Combination zu, so dürften Otto, Geb- hard, Rapoto als Bruder des Grafen Arnold von Liessen anzusehen sein. B. Scpp. Alte Glasmalereien am Bodensee und seiner Umgebung. v. Wir haben unter obigem Titel vor einigen Jahren über alte Glasmalereien berichtet (vergl. „Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensce's und seiner Umgebung", 20. Heft, Lindau 1891, S. 52 ff., und „Archiv für christliche Kunst", Stuttgart 1891, Nr. 8 S. 74 ff.), Welche sich im ehemaligen Kloster Höfen bei Friedrichshafen, jetzigem Sommer - Nesidenzschloß des Königs von Württemberg, in der benachbarten Kirche von Eriskirch am Bodensee und in der Frauenkirche zu Ravensburg befinden. Unterdessen ist uns in letzter Zeit eine weitere Sammlung bekannt geworden, welche sozusagen neu entdeckt und zugänglich geworden ist und die hier zum erstenmale weiteren Kreisen in eingehenderer Weise pnblik gemacht werden soll. Es ist die Collection alter Glasgemälde — über 50 Stück —, welche sich in dem dem Grafen Douglas gehörigen Schlosse Langenstein, eine Stunde von der Eisenbahnstation Nenziugen bei Stockach (Baden), befinden. Die Scheiben sind hochinteressant nicht allein wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Technik und ihrer Herkunft. Um gleich bezüglich ihrer Provenienz das Nöthige zu sagen, ist es schon kunstgeschichtlich von hohem Interesse, constatiren zu können, daß es meistens Kirchenfenster waren, welche einstens in der Karthänser-Kirche zu Klein-Basel standen, das bekanntlich bis 1802 zum Bisthnm Konstanz gehörte und welche von elsässtschen, Baseler und Breisgauer Adelsfamilien gestiftet worden sind. Als die Bilderstürmer in Basel 4527—29 diese Kirche protestantisch machten nnd die Altäre herausschafften, haben die genannten Adelsfamilien und Stifter diese Fenster aus der Kirche herausgenommen Ünd sie nach der hochberühmten Benediktiner-Abtei St. Blasten im Schwarzwald transportiern lassen. Dort wurden sie wieder als Kirchenfenster eingesetzt und aber, stm paffend verwendet werden zu können, an den Rändern gestutzt, während die Figuren selbst bis auf einzelne .Scheiben vollständig intakt geblieben sind. Später kamen sie auch wieder aus dieser Kirche heraus und wurden, jedenfalls seit 1698, auf dem Speicher des St. Blasianer Gymnasiums aufbewahrt. Dort wurden von Studenten des Gymnasiums vielfach ihre Namen in die schwarz- schattirten Theile der Figuren und Umrahmungen, allerdings ganz klein und für die Ferne unsichtbar, einge- ' - - Ein Meginhart wird in Brixener Urkunden unter Bischof Album als Vogt des Stiftes Brixen aufgeführt, f. Resch a. a. O. v. 83 und 36; vgl. v. 47, 48, 58. Er ist wohl identisch mit jenem Meginhard von Giltichingen, der im I. 1011 ein von Graf Ernst und dessen Gattin Adelheid an Kl. Tegernsee geschenktes Gut m iprentas l-- LrenS südl. von Sterzing) für sich beanspruchte, s. Ll. V. 6 S. 9 f. Oefele, Gesch. d. Gr. v. Andechs S. 12 u. 4; vgl. Obb. Archiv Bd. 34 Nr. 69. 102, 121, 181. V Vergl. Ueorolos. s. Luäb. Salisd. zum 18. Juni (dl. T Aoerol. Sonn. U, 1. 144, XIV Kai. (ckul.) Ratxoto ob.: Roorol. vissssnss zum 19. Juni (a. a. 0.1.20) lal.) Rsrs oow. ob. cmj osuobiuw in V7orcks k: Oefele. Gj" ' d. Gr. v, Andechs S. 12 v. 3; kritzelt. Die älteste dieser Einkritzeluugen trägt die Jahreszahl 1698. Nach der Aufhebung der Benediktiner-Abtei St. Blasien 1807 kamen die Glasgemälde nach Schloß Langenstein, blieben aber hier unbeachtet bis in die neueste Zeit in einem Gelasse stehen. Wir wollen die Scheiben in der Reihenfolge besprechen, wie sie zusammengehören, und es lassen sich dann fünf Serien unterscheiden. 1. Die erste Serie hat zur Darstellung die Kreuzigung Christi, ein sogenanntes Misericordienbild und eine mator äolorosa. Die Kreuzigungsgruppe ist in drei Abtheilungen gegeben: das Mittelfenster enthält Christus am Kreuz, dessen Fuß von der hl. Magdalena umfaßt wird, die wehklagend zum sterbenden Heiland hinaufschaut. Als weitere Persönlichkeit in dieser unmittelbaren Nähe des Kreuzes sehen wir die zwei Kriegsknechte, von denen der eine, Longinus, die rechte Seite des Herrn öffnet, der andere, Stephaton, ihm den mit Essig gefüllten Schwamm reicht. Oberhalb des Kreuzes lesen wir die Inschrift: Hoäis meouin eris in xaraäiso. Die beiden Seiten- theile zeigen die zwei Schacher, deren Kreuze etwas niedriger und ll'-förmig gestaltet sind; sie sind nicht wie Christus an das Kreuz angenagelt, sondern ihre gewaltsam verrenkten Glieder sind mit Stricken angebunden nnd zwar in der Weise, daß die Querbalken zwischen dem Rücken und den Händen hindurchgehen. Der rechte Schächer wendet flehentlich sein Angesicht dem Heilande zu und ruft, wie die große, von seinen: Haupte ausgehende Vandrolle besagt, die Worte aus: memonto naei Vviuins 8i vanaris in koZnuin 7'num. Unten steht, aufblickend zu ihrem sterbenden Sohne, die heilige Jungfrau mit Johannes, der selbst in tiefster Betrübniß doch in zartester Weise für ihre aufrechte Stellung besorgt ist. Das Fenster zur linken Seite des Herrn hat den verzweifelnden Schächer, der seinen Blick vom Erlöser abwendet, den Typus der verstockten Sünder; er ruft eben die Worte aus: si tu es Lllristus salvn uos et ts. Unten sieht man den heidnischen Hauptmann in ritterlicher Rüstung zu Pferd, der betheuernd ausruft: Vers Äius cisi ernt iste, während auf dem Boden sitzend oder knieend eine Gruppe von Kriegsknechten um den Rock des Herrn würfelt. Die zweite Darstellung dieser Serie zeigt einen sogenannten Schmerzensmann oder, wie das Sujet auch genannt wird, ein Misericordien- oder Erbärmde- bild. Das Mittelalter hat nämlich, außerdem daß es den Heiland in den verschiedensten Phasen seines Leidens abgebildet hat, noch ein Bild erfunden, in welchem wie in einem Compendium die gesammte Passions- und Todesgeschichte des Heilandes gleichsam noch einmal zusammengefaßt nnd in einem Bilde dargestellt wird. Wir könnten es das Porträt des leidenden Heilandes nennen. Dieses Porträt kehrt in verschiedenen Variationen wieder und war besonders im Mittelalter, aber auch noch bis in .die neuere Zeit beliebt. Das Bild ist dem Laas doiuo! in mehrfacher Hinsicht ähnlich, aber nicht mit ihm zu verwechseln. Man sieht auf ihm Christus mit den Wundmalen, entweder im Mantel frei oder am Fuße des Kreuzes oder in halber Figur im Grabe stehend, die Hände übereinander gelegt oder auf seine Seitenwnnde zeigend, umgeben von den Marterwerkzeugen. Hier sehen wir ihn mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuze stehend, an dessen Querbalken die Eeißclwerkzenge hängen. Er trägt die Dornenkrone, und in seinem Angesichtc erkennen 201 wir den freiwillig leidenden, vollständig Gott ergebenen Heiland, eine Auffassung von hohem, erhabenem Ernste. Das Gegenstück von diesem Bilde ist eine runter äoIvEL, die, ein Schwert in ihrem Herzen und die Hände kreuzweise gefaltet, dasteht, freiwillig theilnehmend an dem göttlichen Opfer, eine Anffassungsweise, die so sehr der Würde und Standhaftigkeit der hl. Jungfrau entspricht. Der Schmerz, der ihre Seele dnrchdringt, ist auch in ihrem Angesichts mit unsagbarer Erhabenheit und Größe gegeben. Dem Bilde ist der Vers Jacoponc da Todi's beigegeben: Ltnbnt runter ttolorosn etc. Unten kniet in meisterhaft gezeichnetem Porträt der Donator, vor ihm der Buchstabe mit drei Sternen. Was die technische Ausführung dieser und mich der drei folgenden Serien der Glasgemälde anlangt, so gehört diese noch ganz der zweiten Periode der Glasmalerei an und finden wir auch nur die Errungenschaften dieser Periode, das Knnstgelb und das Ausschleifen des sogenannten Ueberfangglases, angewendet, obgleich, wie wir sehen werden, die Fenster schon dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Diese zweite Periode der Glasmalerei wurde nämlich durch zwei wichtige Erfindungen eingeleitet, welche ungefähr gleichzeitig um die Mitte des 14. Jahrhunderts gemacht wurden und die einen großen Umschwung in der Glasmalerei, zwar nicht plötzlich und auf einmal an allen Orten, aber doch nach und nach überall bewirkten. Während man bisher als einzige Schmelzsarbe, d. h. als eine Farbe, die man auf Glas aufmalen und mit demselben unzertrennlich und unzerstörbar durch Einbrennen vereinigen konnte, nur das Schwazloth kannte, so erscheint jetzt neben diesem das sogenannte Knnstgelb (Silbergelb), eine gelbe Malfarbe, aus Schwefelsilber bestehend, welche man ebenfalls auf den Gläsern durch Einbrennen befestigen konnte. Es hatte dieses Kunstgelb zudem noch die Eigenschaft, daß es die einzige Malsarbe ist, die, auf weißes Glas aufgetragen, dieses zwar gelb färbt, aber vollkommen durchsichtig läßt, so daß die Brillanz des alten Kathedralglascs nicht verloren geht. Eine weitere Erfindung dieser Periode war sodann das Aus- schleifen des sogenannten Ueberfangglases. In den Fenstern aller Perioden ist nämlich, wie auch heute noch, das rothe Glas Ueberfangglas d. h. weißes Glas mit einem aufgeschmolzenen Häntcheu rother Glasmasse. Man nahm nämlich zuerst weißes Glas auf die Pfeife, tauchte dieses in den Tiegel mit der geschmolzenen, roth gefärbten Glasmasse und blies dann eine Scheibe, in späterer Zeit einen Cylinder, der auf dem Streckherde zu einer Tafel ausgestreckt wurde. Die gefärbte Masse geht mit, d. h. sie breitet sich gleichmäßig über die weiße, dickere Glastafel aus, und man hat jetzt eine Scheibe, welche durchaus die bezügliche Farbe zu haben scheint, in der That aber nur mit einem dünnen Ueberzug der Farben bekleidet, „überfangen" ist. Diese Operation mußte deßhalb vorgenommen werden, weil eine weiße Scheibe in ihrer ganzen Stärke roth zu färben zu schwierig ist: das einzubringende Metalloxyd, in geringem Verhältniß zugesetzt, hat nämlich die Eigenthümlichkeit, sich einer gleichmäßigen Vertheilung in der Glasmasse zu widersetzen. Das Ausschleifen des rothen Ueberfangglases geschah nun dadurch, daß auf der roth überfangenen Scheibe das farbige, rothe Häntchen stellenweise weggenommen wurde, was bewirkte, daß auf rothem Grunde eine weiße Stelle, sei es eine Zeichnung u. dgl., erschien. Von diesen beiden Erfindungen, dem Silbcrgelb und der Technik des Ausschleifens, ist nun gerade bei unsern Scheiben auf Schloß Langenstcin ein so merkwürdiger Gebrauch gemacht worden, daß man bezüglich der Technik hier wohl die höchste Stufe der Vollendung erreicht sieht. Nur allein durch diese beiden technischen Mittel nämlich brachte der Glasmaler eine solch vollendete Modellirung der Figuren, solche Niiancirnngen und scheinbaren Reichthum in der Farbe hervor, wie man sie sonst nur an der späteren Kabinetsglasmalerci, die mit Emailfarben aller Art zu arbeiten im Stande war, oder an Gemälden auf Leinwand gewohnt ist. Und doch ist noch keine weitere Schmelzsarbe angewendet als das Silbergelb, während alle andern Farben aus in der Fritte gefärbten Gläsern hergestellt sind. Dazu kommt die weitere Merkwürdigkeit in der Technik dieser Fenster, daß, obgleich nur in der Masse gefärbte oder überfangene Hüttengläser angewendet sind, wir doch Scheiben in so großen Tafeln finden, wie sie der Glasmacher auch des spätern Mittelalters noch nicht herzustellen vermochte. Kurz, wir haben in technischer Beziehung wohl fast ein Unicum in der Kunst der Glasmalerei hier: die noch mosaikartige Behandlung der zweiten Periode der Glasmalerei bringt hier Einzelbilder und ganze Compositionen mit allen Niiancirnngen der Farbe, mit möglichster Natnrwahrheit und vollem Realismus in allen Formen hervor. Nun aber drängt sich die Frage auf: wo sind wohl diese Kunstwerke ausgeführt worden, und wer mag wohl der Meister sein, der die Kartons zu diesen Fenstern gezeichnet hat? Im Mittelstücke der Kreuzigungsgruppe lesen wir in einer später unten eingefügten Inschrift die Worte: „Lerubnräo Lotestcümo ab. Eartbusins xntr» Ouiieliuus VVoIkgauZrw et 6ournclu3 Zerrunuo t'ratrr ao Lerubaräus Lotrsteiiuus zuris utriusyus äootor patruo das x>in8 iruagiues nvitne Aeuti8 uobilitntie mZuuiu et nriun xosuit. äuuo 1563." Das Fenster war ursprünglich von Johann von Botzheim, Domherrn in Augsburg, für die Hanskapelle im Botzheimer Hof zu Konstanz gestiftet. Nach dem Abfalle von Konstanz kam es nach St. Blasien und wurde laut obiger Inschrift von 1563 von den Botzheimer Erben dem Kloster geschenkt. Wir werden also die Glasmalereianstalt wohl auch in der Nähe des schwäbischen Meeres, etwa im Kloster Salem, vielleicht in St. Blasien selbst, zu suchen haben. Bezüglich der künstlerischen Darstellung der drei besprochenen Bilder läßt sich nur das eine als gewiß und sicher hinstellen, daß derjenige, der diese Compositionen entworfen und gezeichnet hat, ein Künstler von ganz bedeutendem Range sein muß. Die Krenzigungsgruppe ist ein großartig herrlicher Entwurf; klar, symmetrisch zeigt das erhabene Drama neben einem edlen Realismus eine große religiöse Vertiefung in den Gegenstand. Wenn man die Tongebung, besonders in der Carnation der einzelnen Figuren, die Darstellung der Kriegsknechte und die ganze Anffassungsweise des Hauptbildes der Passion mit den diesbezüglichen Darstellungen von Holbein dem Aeltern vergleicht, wie sie die betreffenden Bilder und Zeichnungen in Augsburg, Basel und an andern Orten zeigen, so würde es für uns keine Ueberraschung sein, wenn diese Vermuthung früher oder später einmal durch eine litcrarische oder zeichnerische Notiz zur Gewißheit ! würde. (Schluß folgt.) 202 Nedei vr.Sepp's „Neue hochwichtige Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt". Professor Dr. Sepp hat in Beilage 10 und 11 auf meine Besprechung seines Buches replicirt. Da die verehr!. Redaction es mir freigestellt hat, darauf zu erwidern, so will ich von dieser Erlaubniß auch Gebrauch machen. In Beilage 10 vertheidigt Sepp aufs Neue seine Gleichung Mnrieh — Kapharnaum. Wesentlich Neues bringt er nicht bei. All' das stand bereits in seinem Buche zu lesen, der Wiederabdruck der alten Gründe hat mich nicht mehr überzeugen können, als die erste Lectüre. Die Frage, wo Kapharnaum zu suchen sei, ist noch immer nicht entschieden und kann mit dem vorhandenen Material auch nicht sicher entschieden werden. Den Stand der Frage, die Gründe pro und contra Minieh und Tellhum hat bereits 1878 Dr. Philipp Schaff, Professor in New-Uork. in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins (WDV) paß-. 216 u. ff. ganz objectiv dargelegt, und 1879 hat Furrer- Zürich in derselben Zeitschrift paff. 63 n. ff. dieselbe Frage in den: für Tellhum günstigen Smne behandelt. Ich empfehle jedem, der sich für die vorwürfige Frage interessirt, das Studium dieser beiden Abhandlungen, er wird dann mit mir zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Lage Kapharnaums noch nicht kritisch sicher bestimmt werden kann, daß aber Tellhum mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, als Minieh. Diese meine Ueberzeugung ist auch durch die in Beilage 10 aufgeführten Gründe nicht ins Wanken gekommen, ja ein Grund, welchen Sepp gegen Tellhum erwähnt, scheint sogar für Tellhum zu sprechen. Sepp schreibt Seite 71 triumphirend: «Ich helfe auch unsern abgeneigten Nachbarn (so. den Franziskanern) hinaus, indem ich ihre Station 8sn LIattso in tslovio benenne und durch Christi Gegenwart geheiligt erkläre". Sepp sucht also zu Tellhum (das er, nebenbei bemerkt, fälschlich Telum schreibt, wohl infolge eines Hörfehlers) die Zollstätte des hl. Matthäus, Kapharnaum aber circa 1 Stunde südlicher. Wer aber das 9. Kapitel des Evangelisten Matthäus liest, gewinnt den Eindruck, als ob die Zollstätte des Matthäus vor den Thoren Kapharnaums gewesen wäre. Schegg, Feiten (im Kirchcnlexikon), Kaulen, Cornely und wahrscheinlich noch viele andere, deren Werte ich nicht zur Hand habe, bezeichnen Kapharnanm als die Wohustätte des Matthäus. Cornely 8. >1. schreibt in seiner kistorios, st oritica intioäuotio in utriusgus ll'sstamsnti lidros «serös volumsn III psK. 16: ^.uts vooationsm suam Nsttbasum Oapbar- naum bsbitasss, mstz-na oum vsri similituckins sx vooatiouis nsrrations oouiioimus; psrslz-tioum snim, cks ouins sanstions immsäists autes ssrwo sst, in oppiäo Ospbsr- nanm esse sauatum, clisertis vsrbis trsclit Llsrous st von obsours insinuat Llsttbasus. Lrat sutsm Oapbarnaum emxorium von lAnobils, guock, guum all insrs Oenssarstb in knibus blspbtbsli st 2sbu1on in via, gnas Osmaseo sä LIsäiterrsnsum cluxit, situm esset, inter suos inoolas publiosnos uou paueos viästur kabuisse. Daraus scheint doch hervorzugehen, daß diejenigen nicht weit abirren von der Wahrheit, welche die Zollstatt hei Kapharnaum und umgekehrt suchen; daher beweist dieses Argument Sepp's so ziemlich das Gegentheil von den«, was Sepp damit beweisen will. Das nächste Argument gegen 1°. — L. lautet: „Es gibt im ganzen Umkreis des Sees keine Oertlichkeit. die ungeschickter für einen Schiffptatz wäre, und das war doch der dreijährige Wohnsitz Christi. Telum .... hat nicht einmal einen Landeplatz, geschweige Hafen, und es fällt selbst den Laien auf, daß die Bootsknechte ihre Fahr- gäste auf dem Rücken hinaustragen müssen, wenn diese nicht vorziehen ihr Gewand bis an die Huste aufzuschürzen und binauszuwaten." Aus Johannes 21, 7 wissen wir, daß man damals mcht so wasserscheu war, wie Sepp es voraussetzt. Denn Petrus war nackt im Schiffe; als er vernahm, der Herr sei es, zog er seine Tunika an und warf sich angekleidet ins Meer. Petrus hatte also keine Angst vor dem Naßwerden seiner Kleider, er wußte eben aus Erfahrung, daß die Sonne am See Gencsareth genügend Wärme entwickele, um ein nasses Gewand in kurzer Zeit zu trocknen. Es ist doch als ein. falscher Schluß anzusehen, wenn man aus dem jetzigen Zustand Telllmms auf dessen Zustand vor bald 2000 Jahren schließt. Wenn auch jetzt die Landung unbequem ist, so folgt daraus nicht, daß es zur Zeit Christi ebenso gewesen ist; damals herrschten die Römer, denen Hafenanlagen nicht unbekannt waren, und nicht die Türken. Welcher Hafen im ganzen mittelländischen Meere ist weniger zum Landen geeignet als der sogenannte Hafen von Jaffa? Und doch ist Jaffa der Hafenplatz für Jerusalem. Auch die Annahme einer Zollstätte am See schließt doch die Annahme eines Landungsplatzes fast mit Nothwendigkeit ein. Weiteres Argument gegen Tellhum ist nach Sepp die Angabe der Bibel, daß Kapharnaum 25—30 Stadien (1 Stunde 15 Min. bis 1H, Stunden) von Bethsaida entfernt gewesen sei. An der angezogenen Stelle (Job. 6,19) rst jedoch der tsrmiuus a gno und der tsrmiuus aä gusm nicht so klar als Sepp es darstellt. Hicbei ist ein Fehler Sepp's zu berichten. Tellhum liegt nicht 1h, Stunden nördlich von Minieh, sondern höchstens 1 Stunde. Ferner wird der Scesturm ms Feld geführt. Tellhum sei den Winden zu sehr ausgesetzt. Wenn aber dort zur Römerzeit eine künstliche Hafenaulage bestanden hat (man braucht nicht gerade an den molo von Portsaid zu denken), dann waren die Stürme nicht zu fürchten. Wenn man übrigens die Fischerboote aus den Ufersand zog und sie erst vor dem Gebrauch in das Wasser zurückbrachte, dann war kein Hafen nöthig und die Schiffe waren trotzdem außer Gefahr. Tellhum habe Stunden weit rechts und links kein Wasser, als das aus dem See, daher könne es nicht Kapharnaum sein, da Josephus bei Kepharnome einen Fluß Kapharnaum erwähnt. Richtig ist vielmehr, daß 2 Kilo- meker südlich von Tellhum Am et Tabra der Kapharnaum des Josephus, in den See mündet. Diese Entfernung war vielleicht ursprünglich noch geringer. Wie sich in Tiberias das Stadtbild nach Norden verschob, so kann das Gleiche bei Tellhum der Fall gewesen sein. Livvin III, 141 macht übrigens daraus aufmerksam, daß die Quelle Ain Akab nur 5 Minuten von Beitin, dem alten Bethe!, aber von Kefr Akab zivei Lienes entfernt sei. Da eben von Josephus Flavius die Rede war. so sei gleich hier auf eine Stelle in seiner Vita sei. üsbsr tz 72 Nr. 403 u. ff. hingewiesen. Hier erzählt Josephus von seiner siegreichen Schlacht gegen Agrippa am Jordan bei Bethsaida. Durch einen Sturz vorn Pferde verletzte er sich die Handwurzel und wurde nach Kepharnome gebracht und erst in der Nacht nach Tarichäa geschafft. Demnach muß Kapharnaum der Jordanmündung sehr nahe liegen; denn man schafft einen Verwundeten in der Regel in das nächste Asyl. Da die Feinde in die Flucht geschlagen waren, so brauchte man auf seine Sicherheit- nicht bedacht sein und konnte das nächste Dorf gewählt werden, und dieses ist Tellhnm und nicht Minieh. Was die Tradition betrifft, welche nach Sepp bis vor 200 Jahren für Minieh gesprochen hat, so kann ich auf das bereits in meiner ersten Besprechung Gesagte verweisen. Doch sei auf Eines hingewiesen. Ungefähr 30 Jahre, nachdem Quarcsmius sich für Minieh entschieden, berichtet ein französischer Reisender (Voz-sKs äs Oslilss bei Noroff in Dslsrinoxs äs Daniel p. 107), daß die beim Chan Minieh lebenden Araber Tellhum als Kapharnaum bezeichnet haben. Auch die jüdische Tradition, welche die Gräber des Propheten Nahum und des Rabbi Tanchum nach Tellhum verlegt, begünstigt letzteres gegen Minieh. Es bleibt uns noch der verhältnißmäßig gewichtigste Eiuwurf Sepp's zu besprechen über. Kategorisch schreibt Sepp: „Schon wer die Stadt Christi (Matth. 9, 1) in anderthalbstündiger (?) Entfernung von der Ebene Gennezaret sucht, hat die Bibel gegen sich". Dieser Ein- wurf läßt sich noch am ehesten hören. Aber bei näherer Betrachtung ist er nicht so entscheidend als die Minieh- Anhänger glauben. Was Professor Schaff (2V?V 1878 S. 217 u. ff.) darüber geschrieben hat. ist heute noch giltig: „Die Vertheidiger von Chan Minje behaupten nun zuversichtlich, daß Kapernanm zur Ebene Genezareth gehört habe.während Teil Hnm weiter nördlich liegt. Allein das ist nirgends ausdrücklich gesagt, sondern nur ein Schluß aus dem Umstände, daß Jesus uach dem Speisewunder, das unweit voni nordöstlichen Ufer des Sees stattfand, nach dem synoptischen Bericht (Mt. 14, 34; Mk. 6, 53) in Genezareth. nach dem genaueren (?) Johanni'schen Bericht (Joh. 6. 17. 24.59) in Kapernanm landete. Diese beiden Berichte sind allerdings am ein 203 fachsten durch die Annahme zu verneinen, daß Kapernaum in jener Ebene lag. Auf der anderen Seite aber erfahren wir. daß das Volk von Kapernaum vor dem Speisewunder schneller zu Fuß an das entgegengesetzte Ufer gelaugte, als Jesus mit seinen Jüngern zu Schiffe (Mark. 6, 33). Das ist viel leichter begreiflich, wenn der nähere Tell Hüm der Ausgangspunkt war, als wenn man denselben nach dem mehr (?) als 1 Stunde weiter entfernten Chan Minje verlegt. Vielleicht lassen sich die verschiedenen Berichte der Evangelien durch die Annahme vereinigen, daß Jesns am Morgen nach dem Wunder zunächst in Genezareth landete (nach Matthäus und Markus) und dann. sei es zu Land oder zu Wasser, nach Kapernaum reiste und in der dortigen Synagoge die geistige Bedeutung des Speisewunders erklärte (Joh. 6. 59). Der Bericht des Markus (6, 56) deutet an, daß Jesus auf dem Wege nach Kapernaum durch mehrere Orte in der Ebene Genezareth passirte." Also auch dieser Beweis hält nicht, was er verspricht. Ich habe alle Gründe, welche Scpp in seiner Replik pro Minieh und contra Tellhum anführte, durchgesprochen und komme wieder zu keinem anderen Resultate als: Auch nach Sepp's Deduktionen ist die Frage über die Lage Kavharnaums eine offene. Keiner seiner Beweisgründe entscheidet die Frage: man muß sich gedulden, bis weiteres Material zur Lösung derselben aufgefunden wird. Was die Identifikation von Dalmanutha, Ephrem, Magdala, Emmaus rc. anlangt, so habe ich das Nöthige schon in meiner ersten Besprechung erwähnt, und haben mich die Gegenbemerkungen Sepp's nicht überzeugen können, daß jetzt diese Orte sicher identifizirt seien. Was Ephrem betrifft, so wird soeben im Aprilhefte der „Revus bibligus iutsrnatioimlc" (Paris, Lecoffre) eine Mosaikkarte Palästinas aus der Zeit Justinians, welche von den Griechen im letzten Herbst bei ihrem Kirchenbau in Madaba entdeckt wurde, von den Dominikanern veröffentlicht. Diese Karte weist nun Ephrem bei Jerusalem und hat die Legende: xv(>,or. Demnach spricht eine sehr frühe Tradition unzweideutig gegen Sepp. Leider ist der Theil der Mosaikkarte, welcher Galiläa darstellte, bis aus minimale Bruchstücke zerstört. Niko- polis ist angegeben, der Name Emmaus dagegen findet sich nirgends. Soll das vielleicht andeuten, daß der Künstler Emmaus — Nikopolis setzte. Kana Galil ist nach Sepp das biblische Kana. Der Ort heißt jetzt Chirbet Kana oder auch KanLt el DscheUl und wurde zur Zeit der Kreuzzüge für Kana gehalten. Der gelehrte Dominikaner Zanecchm, dem man keine Voreingenommenheit für die Franziskaner-Tradition vorwerfen kann, schreibt in I-g. Dalcstina ck'oM, Roms 1896 II, 168: „Es ist jedoch die Meinung der modernen Pa- lästinologen sehr wahrscheinlich, welche das 6alilaoas mit Kefr Kenna identificiren; denn die alten Pilqerberichte verzeichnen bei der Erwähnung des Cana, wo Jesus sein erstes Wunder wirkte, Entfernungen und Umstände, welche weder zu Kana im Stamme Ascher noch zu Chirbet Kana, sondern nur zu Kefr Kenna passen." Demzufolge verdankt also das Sanktuarium zu Kefr Kenna solideren Gründen seine Entstehung als dem, „um den Pilgern den weiten Umweg zu ersparen". Sepp bezeichnet irriger Weise den Bergabhang, an welchem Kefr Kenna liegt, als wasserlos. In Wirklichkeit besitzt der fragliche Ort eine gute Quelle, welche zahlreichen Obstbäumen die nöthige Bewässerung liefert. Somit wäre ich am Ende meiner Erwiderung. Es handelte sich darum, zu untersuchen, ob Sepp's Gründe für seine Behauptungen stichhaltig sind und ob seine Ansicht, verschiedene geographische Fragen cndgiltig gelöst zu haben, richtig ist. Ich glaube genügend dargethan zu haben, daß die Punkte, welche ich in meiner ersten Besprechung als kritisch unsicher bezeichnet habe, auch nach der Entgegnung Sepp's an kritischer Sicherheit nicht gewonnen haben. Das .jurars in verba maxistri hat man mir auf den Universitäten, welche ich besticht habe, gründlich ans- gctrieben und dafür den Grundsatz aller Wissenschaft eingeprägt: Ikmicus midi Illgta, moZ'is amica vsritas. Ottmarshansen, am Osterdinstag 1897. Dr. Scb. Euriugcr, Pfarrer. Recensionen und Notizen. Raymund v. Fuggcr, „Die christliche Familie*. VIII, 50 Seiten, 30 Pf. brosch. Südd. Verlags« anstalt (Dan. Ochs) Stuttgart. U. Ein für unsere Zeit sehr bedeutsames Thema wird hier dem Leser in formvollendeter Darstellung vorgeführt. Eingangs nennt Verfasser die Familie eine Grundlage der religiösen und socialen Ordnung, von deren Blüthe und Zerrüttung die Blüthe und der Verfall der Kirche und der Staaten abhängt. Verfasser gibt dann einen historischen Rückblick über das Familienleben bei den alten Römern und Griechen, verbreitet sich alsdann über die moralische und rechtliche Stellung der Frau bei den alten heidnischen Deutschen, bei den Chinesen, Japanern, Türken. Russen rc. Ueberall bietet sich uns. mit einziger Ausnahme unserer deutschen Vorfahren, ein trostloses Bild der Zerrüttung des Familienlebens dar: Der Mann ist Tyrann, die Frau Sklavin, das Kind eine Waare. Nicht viel besser sind die beiden modernen Familiensysteme, das socialistische und das liberale. Nach der Lehre des „Evangelisten" Bebe! tritt im Zukunftsstaat an die Stelle der Ehe die „freie Liebe": die Kinder aber werden vollständiges Eigenthum des Staates u. s. w. Der andere große Hauvtfeind der Familie ist der Liberalismus, und leider hat das liberale Familiensystem durch das Gesetz über die obligatorische Civilehe die staatliche Sanktion erhalten, der gegenüber der kirchliche Standpunkt entschieden zu wahren ist. Der Liberalismus raubt den Eltern ihr unveräußerliches Recht auf die konfessionelle Schulerziehung der Kinder durch den Ruf nach Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht. All das widerspricht dem Ideal der christlichen Familie. Das einzige wahre Ideal derselben ist die hl. Familie von Nazareth, deren Grundlagen Christus wieder geheiligt und verklärt hat. Die christliche Familie hat sowohl äußere wie innere Feinde. Verfasser versteht es, den Familienvater im Kamps gegen diese, namentlich gegen Genuß- und Vergnügungssucht, zu ermuntern und zu begeistern. Das alles wird uns in gewandter, herrlicher Sprache vor Augen geführt. Vorliegende tiefgreifende, überaus praktische Broschüre sollte in keinem katholischen Hause fehlen. In Anbetracht des überaus billigen Preises eignet sie sich ganz besonders zur Massenverbreitung. Banr o. Dopt. (o. cap.), ^rxumonts, contra oriontalom ecols8iam o.snsgus szwockieam cnez-elicmn anni ND600X0V. 8" pv. VI -s- 100. Ooniponts, Hauch 1697. ü. 1. s Die getrennten Orientalen zur Einheit der kathol. Kirche zurückzuführen, ist bekanntlich eine Herzensangelegenheit des greisen Papstes Leo XIII. und eine seiner kühnsten» freilich allzu optimistischen Hoffnungen. Seine Eucyklica wurde in griechischen Blättern mit giftigenr Spotte beantwortet und für die Union schwärmen nur diejenigen Orientalen, die sich davon Besserung in socialer und politischer Hinsicht versprechen, um später, wie die Geschichte lehrt, wieder abzufallen. Auch der schismatische Patriarch von Konstantinopel erwiderte auf das päpstliche Rundschreiben mit einer Encyklica, die hier zum Ausgangspunkt für die Erörterung der konfessionellen Unter- scheiduugslebren genommen ist, über welche im Abendland bei uns Katholiken leider eine ganz merkwürdige Unwissenheit herrscht; daß selbst katholische Zeitungen mit der selbst gemachten, nirgends officiellen Bezeichnung „griechisch-katholisch" nichts anzufangen wissen und sie bald für die Schismatiker (die sich selbst Orthodoxe nennen), bald für die (uuirten) Katholiken des griechischen Ritus gebrauchen, sei nebenbei erwähnt. Das Buch ist sozusagen eine Symbolik der griechisch-orthodoxen (schisma- tischen) Kirche und insofern dogmatisch wie historisch sehr dankenswerth. als wir über den Gegenstand keine reiche Literatur haben. Auch ist der Verfasser ein verläfsiger Führer, da er als Lektor der Theologie am apost. oricntal. Lehrinstitute in Budjah (bei Smyrna) selbst auf dem Kampfplatz steht. Er bekämpft die „orthodore" Lehre mit ihren eigenen Waffen, denn in thurmhohcn Widersprüchen haben die Griechen von je her Unnachahmliches geleistet. Mit Geschick werden die haltlosen und oft mich unehrlichen Angriffe der Griechen auf die katholische Lehre zurückgewiesen. Die Quellen, aus denen geschöpft ist, sind griechische Schriftsteller alter und neuer Zeit: die wörtlich 204 citirten Stellen sind auch in lateinischer Uebersetzung beigefügt. Für Solche, die mit Orientalen im persönlichen Verkehr stehen, hat das Buch auch einen nicht zu verkennenden praktischen Nutzen. Was wir bei allen ähnlichen Schriften vermissen, ist die freimüthige Anerkennung dessen, was die Griechen vor uns voraushaben: es betrifft das freilich nur Unwesentliches, an dem aber der Mensch gerade mit der größten Zähigkeit hängt; es sind einzelne Punkts der Disciplin, Eigenheiten des Ritus, worin die Geschichte den Griechen den Vorzug des Ernstes, des ehrwürdigen Alters und eines wohlthuenden Con- servatrsmus zugestehen muß, während Nieniand leugnen wird, daß in der römischen Kirche der kleinlichen erfinderischen Modesucht und der Gründungswuth zu viel Spielraum gelassen ist, ein Unistand, der den draußen Stehenden den Eintritt in unser Haus nicht einladend macht. Hagemann Ge., Psychologie: Leitfaden für akademische Vorlesungen. 8°, VIII -s- 210 SS. Freiburg im Breisgau. Herder 1897 (VI.) M. 2.80. -x Durch Hagemann's Lehrbücher macht der mmehende akademische Bürger, namentlich der künftige Theologe, seine erste Bekanntschaft mit der Philosophie. Sie verdienen in der That die Beliebtheit, deren sie sich in weite» Kreisen erfreuen, vollauf. Ohne tiefer einzudringen, als es die Zwecke der Schule fordern, wozu sie geschrieben sind, geben sie in einfacher, verständlicher Darstellung die Lehren der philosophischen Disciplinen, mit gesundem, sicherem Takte das Wahre vom Falschen, das Sichere vom Zweifelhaften scheidend. Unter den deutsch geschriebenen philosophischen Elementarbüchern verdienen die von Hage- maun den Vorzug vor vielen andern, namentlich vor den vielgebrauchten von Alb. Stöckl, der zum Trost der Wissenschaft seine allzu geschäftige Feder endlich weggelegt. Hagemann's Psychologie liegt nun bereits in sechster Auflage vor; Plan und Inhalt ist der gleiche geblieben, wie in den früheren Ausgaben. Ein Cyklus von Zeitpredigten zu Ehren der „Mutter von der immerwährenden Hilfe" von ?. Frz. Tav. Franz 0. 8s. U. Münster, Verlag der Alfonsus-Druckerei. Preis 1 M. 50 Pf. ' Wie der Verfasser in der Vorrede sagt, soll dieser Cyklus von Predigten „ein Blatt seiir in dem Kranz von Schriften, die fromme Schriftsteller der hehren Gottesmutter unter dem Titel „Unsere liebe Frau von der immerwährenden Hilfe" im Laufe der letzten drei Jahrzehnte gewunden haben". Bei der Herausgabe war der Gedanke maßgebend, eincstheils den Seelsorgern passenden Stoff zur Anfertigung vonPredig- ten über die seligste Jungfrau, insbesondere über sie als Mutter von der immerwährenden Hilfe, zu liefern: dann aber auch allen Marienverehrern „eine Lektüre zu überreichen, welche die Liebe und das Vertrauen zu Maria beleben und die Nachahmung ihres Lebens und ihrer Tugenden im richtigen Geleise erhalten soll". Diesen Zwecken hat der Verfasser mit wahrer Begeisterung nachgestrebt und sie in befriedigendster Weise erreicht. Das Strand- und Badeleben an der belgischen Küste ist nicht nur wegen der reizvollen Naturschauspiele, sondern auch ivegen des großen internationalen Treibens der Badegäste von schier unversieglichem Interesse. Unter diesem Gesichtspunkt wird der Aufsatz im neuesten Hefte (Mai) von „Alte und Neue Welt" sicher mit Freude begrüßt werden. Cüppers, der durch seine Dichtungen und Romane ja hinlänglich bekannt ist, erweist sich hier als ein trefflicher Schilderer und Plauderer. Prächtige Illustrationen schmücken den Text und machen diesen Aufsatz zum hervorstechendsten dieses illustrativ auch sonst ganz vorzüglichen Heftes. Dasselbe enthält drei größere Erzählungen, wovon Mariquita von Alinda Jakoby einen interessanten Fortgang verspricht. Fesselnd durch die Handlung ist die historische Erzählung aus der französischen Revolution: „Das Geheimniß auf Schloß Meudon" von A. Keßler, von großer Eigenart die wunderliebliche Novelle „Frühling" von A. Brauer, illustrirt von Th. Brauer. Nächst dem erstgenannten Aufsatz enthält das gleiche Heft u. a. noch eine sehr werthvolle, gediegene Abhandlung über „Das Volksthümliche der Sprache in Hebels Schatz- kästlein" von I. P. Mauel. die Fortsetzung des hochaktuellen historischen Aufsatzes „Aus Griechenlands schweren Tagen" von P. Friedrich, einen reich illustr. Artikel über denBauder höchsten deutschenBrücke bei Müngsten, ein Lebensbild des hl. Ambrosius von Mailand anläßlich des fünfzehnhundertsten Todestages von vr. ?. Th. Äoffart O. 8. L. und schließlich eine Betrachtung über „DieBedeutunng des Lichtes in der Pflanzenwelt". Von vr. Siebe!. Die Frauen- beilage und die zeitgeschichtliche Rundschau sind in diesem Hefte besonders reich, das überhaupt durch seine geschmackvolle Ausstattung und hübschen Bilder eines der schönsten im Jahrgang ist. _ Atlas der Himmels künde auf Grundlage der cöle- stischen Photographie, 62 Kartenblätter (mit 135 Einzeldarstellungen) und 62 Foliobogen Text mit ca. 500 Abbildungen. Mit besonderer Unterstützung hervorragender Astronomen, sowie seitens zahlreicher Sternwarten und optisch-mechanischer Werkstätten. Von A. v. Schweiger-Lerchenseld. In 30 Lieferungen zum Preise von 60 Kr. — 1 Mark — 1 Fr. 35 Cts. ----- 60 Kop. (A. Hartlebens Verlag in Wien). Ein astronomisches Prachtwerk wie dieses hatte der Buchhandel bisher nicht zu verzeichnen.. Die erste uns vorliegende Lieferung zeigt, was auch auf diesem Gebiete geleistet werden kann, wenn unermüdlicher Eifer ein ganzes Heer von Hilfsarbeitern in Bewegung setzt. Zum erstenmale entrollt uns die Himmelsphotographie m ihrem ganzen Umfange all das Ueberraschende und Bedeutende, das sie in relativ kurzer Zeit geschaffen. Die vielen prächtigen Text-Abbildungen, Instrumente aller Art, große uiid kleine Himmelsphotographien, verbunden mit dem stattlichen Format und dem reichen, fließend und anregend geschriebenen Text, vereinigen sich hier zu einem Werke von ebenso reichem Inhalt als vornehmer Erscheinung. Es genügt zu erwähnen, daß das ganze Werk auf Kunstdruckpapier gedruckt ist. Die unmittelbare Antheilnahme vieler hervorragender Astronomen und Sternwarten an diesem Prachtwerks bietet die Bürgschaft, daß hier etwas Außergewöhnliches geboten wird. Unter solchen Umständen kann der Erfolg nicht ausbleiben. Das Werk ist in jeder Beziehung einzig in seiner Art. Der Katholik. Ncdigirtv.Joh.Mich.Raich. 12Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft IV. April: vr. Englert. Der Zusammenbrach der Entwickelungstheorie auf dem Gebiete der Gesellschaftslehre. — Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. — vr. Jos. Kolberg, Die Einführung der Reformation im Ordenslande Preußen. — vr. A. Bei lesh ei m. Charles Cardinal Lavigerie, Erzbischof von Karthago und Primas von Afrika (1825-1892). U. s. w. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 5 u. Ä.: Die kath. Literatur Englands im Jahre 1896. Schluß. (Bellesheim.) — Lettner» Die prophetische Inspiration. (Dausch.) — Bollert, Tabellen zur neutestamentlichen Zeitgeschichte. (Kirsch.) — Sägmüller, Die Thätigkeit und Stellung der Cardiuäle bis Papst Bonifaz VIII. (Wurm.) — viat, V'^po1o»ötiguo äs l'abbö äs LroAÜö. (Bach.) — viat, ^.bdö äs VroAlio: Rsligion st vrittgus. (Bach.) — LliZnov, Vss Orisiuss äs I» 8oolastigus st LuZuss äs 8aivt-V1otor. (Gietl.) — Heinrich-Gutberlet, Dogmatische Theologie. (Atzberger,) — Rolfes, Die substantiale Form und der Begriff der Seele bei Aristoteles. (Offner.) — Commer, Logik. (Gloßner.) — Wundt, Grundriß der Psychologie. (Brmg.) — Simonsfeld. Neue Beiträge zum päpstl. Urkundenwesen. (Baumgarten.) — Hüffer, Der Äastatter Gesandtenmord. (Albert.) — Nachrichten. — Büchertisch. Derantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. lk'. 30 27. Mal 1897. 2 Alts Glasmalereien am Bodensee und seiner Umgebung. (Schluß.) 2. Zur zweiten Serie gehören eine Madonna Mkt dem Kinde und die Heiligen Wolfgang und Christophorns. Die heilige Jungfrau mit dem Kinde, das die Rechte segnend erhebt und in der Linken die Weltkugel trägt, hat blaues Ober- und rothes Nntergewand und hält in der Linken das Scepter. Sie ist von einer Strahlenglorie umgeben und zeigt wie überhaupt eine schöice Gestalt, so besonders ein wunderschönes Köpfchen. Die Zeichnung ist hochfein und die ganze Auffassung des Gegenstandes eine ideale, hochfeierliche. Um die ganze Figur läuft ein Spruchband mit dem Vers: 8is prs- oibn8 piaorrta mor8 ea8tis8ima> virgo, ultima, guum voniet zuäioig tilg, äiso. Oben sieht man miuiatur- artig fein gezeichnet die allegorische Darstellung von „Maria Verkündigung": Die heilige Jungfrau ist sitzend dargestellt, und ein Einhorn flüchtet sich in ihren Schoß; ein stehender Engel bläst auf einem Jagdhorn und führt zwei Hunde mit sich. Diese vorzüglich erhaltene Tafel mit der hl. Jungfrau, 75 na hoch und 50 ein breit, ist ein Kabinetsstück ersten Ranges, wohl das Juwel der ganzen hochinteressanten Sammlung. Der heilige Wolfgau g mit rothem Pluviale und grüner Dalmatika hält in der Rechten das Modell einer Kirche und in der Linken den Hirtenstab sammt einen! Beil, seinem Attribute. Links unten sieht man die Inschrift: NorancI von braun, und rechts nuten kommt der Donator mit dem Spruchband über sich: Lrmotug ^VoIf§cmAa8 ora pro uobig. Der heilige Chri stoph orus, mit einem gewaltigen Stock in den Händen, durchschreitet ein Gewässer und trägt das Christus- kind auf seiner linken Schulter, das die Weltkugel hält. Der Heilige zeigt einen sehr guten, porträtartig gezeichneten Kopf, und ist die ganze Gestalt vollständig erhalten mit Ausnahme von einem eingesehen Armstück. Was die glasmalerische Technik dieser drei vorzüglichen Stücke anlangt, so ist sie im Allgemeinen die gleiche, wie die der vorigen Serie, nur finden wir hier, besonders in dem Madonnenbilde, eine noch feinere Verwendung des Silbergelbs. Nur allein mit dieser Schmelzfarbe, mit einem leichten, in der Fritte hergestellten Blau und mit dem Schwarzloth weiß der Glasmaler bei der Scheibe mit dein hl. Wolfgang einen landschaftlichen Hintergrund mit Fluß, Bäumen, Häusern usw. herzustellen, wie mau ihn lebhafter auf Leinwand nicht geben kann. Eine hier einzigartig technische Erscheinung gegenüber allen andern Figuren bildet die glasmalerische Behandlung des llntergewandeS oder Turnicrrockes beim hl. Christophorns: man sieht hier außer gelben, durch Silbergelb hergestellten Streifen auch solche von rother und blauer Farbe, welche hier eigenthümlicher Weise durch Schmelzfarben aufgetragen sind, was namentlich bezüglich des Roth merkwürdig ist, das man auch später, bei der sogenannten Kabinetsglasmalerei, sonst überall nur als Ueberfangglas angewendet findet. Diese drei Scheiben sind, wie die oben angegebene Inschrift zeigt, von dem reichen Baseler Patrizier Von Brunn in die Karthanse nach Klcin-Basel gestiftet und kamen ebenfalls 1527—29 nach St. Blasien. Daß auch sie hier waren, ergibt die, wenn auch kiinsterisch allerdings mindcrwerthige, aber doch interessante Ergänzung unter der Darstellung der hl. Jungfrau; hier sehen wir nämlich das Wappen von St. Blasien, und zwar das des Abtes Benedikt II. — einen weißen Hirsch auf blauem Felde —, unter welchem also die Ergänzung stattfand. 3. Die folgenden drei Fenster, wieder eine Ma« donna mit dem Kinde und die Heiligen Johannes den Täufer und Margarethe! darstellend, gehören ebenfalls zusammen, und sie scheine» mir, lvie aus der gleichen Glasmalerciausialt wie die Bilder der vorigen Serie, so auch vom gleichen Kartonzeichner zu stammen. Das Mittelfenster zeigt die hl. Jungfrau von einer großen Aureole umgeben, wie sie auf dem linken Arme das Kind und in der rechten Hand ein Scepter hält. Mit einer eigenthümlich genrehaften Lebhaftigkeit ist baS Christuskind dargestellt, indem es nicht, wie in der vorigen Darstellung, die Rechte segnend erhebt, sondern von der Mutter hinweg seinen Kopf rückwärts wendet und in die Welt hinausschant. Das Köpfchen der Madonna ist porträtartig, fast kindlich jugendlich. Unten steht die Inschrift: ^olicmncw JViämann äootor — Ickrrrxrat Lpilmenin. 1528. Das rechte Seitenstück zeigt den hl. Johannes den Täufer, der ein härenes, gclbcS Gewand trägt und in der Linken das Lamm Gottes auf einem Buche hält, auf das er mit der Rechten hinweist. Unten sieht man das Porträt des Stifter?, von dem das Spruchband ausgeht: ora pia. pro nodia vierZo (virgo) maria, und welcher einen Rosenkranz in den Händen hält. Das Porträt ist ganz meisterhaft vollendet. DaS linke Stück hat die Namenspatronin der Stifteriu, die hl. Margaretha, zur Darstellung, die in rothen Mantel und weißes Untergewand gekleidet ist. Ihr Köpfchen ist von wunderbarer Zartheit. Die Heilige führt mit der Linken den Drachen und hält zugleich eine Palme, in der Rechten hat sie ein Stabkreuz. Zu ihren Fußen kniet die Stiftern: sammt ihrer Tochter; erstere, ebenfalls ein vorzügliches Porträt, hält einen gewaltigen Rosenkranz in Händen und gibt zugleich den Ausdruck einer echt frommen, biedern deutschen Hausfrau. Ein Spruchband, das von ihr ausgeht, sagt: ivonm tilinm tnum monstra no5l3 propitium. Was die Provenienz dieser drei letzteren Scheiben anlangt, so geben hierüber die Inschriften hinlängliche Auskunft. Johann Widinanu war Dr. .snrm und St. Blasischer Obervogt und hatte die Schwester des Abtes von St. Blasien, Margaretha Spielmann von Frei bürg, zur Frau. Die Scheiben blieben bis zum Jahre 1820 in St. Blasien, wo sie dann der Großhcrzog Ludwig für seine Privatsammlung von dem Juden Seligman», später bayerischen Baron von Eichthal, kaufte. Dieser Jude Seligmann hatte nämlich im Jahre 1808 das ganze Kloster St. Blasien von der badischen Staatsregiernng gekauft und in eine Gewehrfabrik umgewandelt. Die Kirchenfenster zu verkaufen, hatte aber der badische Staat nicht das Recht, weil sich die Säcnlarisatiou nur auf die Temporalien bezog, nicht aber auf kirchliche Gegenstände. Doch darnach hat damals weder der badische Staat noch der Jude Eichthal-Seligmaun etwas gefragt. Wir haben schon oben beiuerlt, daß die Kartons zu den Scheiben dieser und der vorigen Serie wohl um 206 zweifelhaft von einem und demselben Meister herrühren. 'Aber wer mag dieser Meister sein? Urkundliche, schriftliche Beweise haben wir nicht, auch findet sich kein Monogramm auf einer der Scheiben, das auf den Glasmaler oder den Zeichner der Kartons deuten könnte. Kenner sollen sich, wie wir hören, schon dahin geäußert haben, daß einige der Glasgcmälde „der Holbcin'schen Kunst sich außerordentlich nähern". Es wäre bei den Scheiben der beiden letzten Serien jedenfalls an Hol- Lein den Jüngern zu denken. Allerdings, wenn man die Holbein in Augsburg und das Holbein-Muscum in Basel mit seinen Stichen und Zeichnungen studirt hat, und wenn man auch das Wvllmaun'sche Werk über diesen Meister zu Rathe gezogen und sie mit den betreffenden Glasgemälden der Graf Douglas'schen Sammlung verglichen hat, so können vielleicht auch andere, wie wir, zu dem Resultate kommen, daß wir hier Glasgemälde nach Kartons von Holbein dem Jüngern vor uns haben. Mau fragt sich hier wie von selbst: welch' anderer Meister, auf den Zeit und Ort zunächst hinweisen, mag solche Werke der Kunst,. namentlich auch solch' ausgezeichnete Porträts, geschaffen haben, als ein Holbein der Jüngere? 4. In die Karthäuser-Kirche zu Klein-Basel wurden außer von den oben bezeichneten Stiftern auch noch von andern Wohlthätern, und zwar, wie es scheint, von ziemlich zahlreichen Adelsfamilien vom Elsaß, von Basel und Vrcisgau, gemalte Fenster gestiftet. Neben den schon angeführten Familien Botzheim, Von Brunn, Spielmann sind auch die von Wangen, Schnewlin, Bollschweil» Professor Hieronymus Waldung (Neffe des Malers Baldung- Grien), Carl V. usw. vertreten. Die Stifter waren alle Ehegatten, und finden wir daher je einen männlichen Heiligen und eine weibliche Heilige; einzelne heilige Frauengcstaltcn sind leider zu Grunde gegangen, doch finden wir noch 14 Figuren fast vollständig erhalten, die wir als zusammengehörig zur vierten Serie zählen können. Es sind folgende 1,2 am hohe Einzelgestalten: Der hl. Jacobus in der Gewandung und Aus' rüstung eines Pilgers von Compostclla; er trägt in der Rechten die Muschel, in der Linken den Pilgerstab und zeigt rothes Ober- und violettes Untergewand, eine fast derb realistische Gestalt. Der hl. Hieronymus trägt den Cardinalshut und in ist rothes Obergewand gekleidet, welches mit flott gezeichneten Dessins versehen ist. Er hält die Tatzen des an ihm hinaufspringcndcn Löwen. Die hl. Helena, die Mutter Konstantins d. Gr., hält ein großes Kreuz umfaßt und ist mit violettem Gewände bekleidet. Als Kaiserin mit einer Krone auf dem Haupte ist sie zugleich mit einem Kopftuch oder Schleier abgebildet, aber in so vollendeter Meisterschaft, daß man die hl. Elisabeth von Holbein in der Münchner Pinakothek zu sehen glaubt. Die hl. Jungfrau und Martyrin Ursula erscheint in fürstlicher Tracht mit weißem Mantel und rothein Untergewande und mit der Krone auf dem Haupte. Sie trägt als Attribut drei Pfeile in der Hand. (An diesem Bilde sind, wie nian besonders an dem Halse der Figur sieht, früher Versuche der Reinigung mit Flußspat vorgenommen worden.) Nun folgen die Stifter und Patrone des Karthäuser- vrdcns St. Bruno und St. Hugo, beide in weißem Karthänserhabit und beide herrliche Gestalten voll Krafr und Leben. Der hl. Bruno trägt in der Linken den Llbtsstab, in der Rechten hält er ein Buch, vor sich hat er sieben Sterne. Diese beziehen sich auf die Erscheinung, welche der Bischof Hugo gehabt, wornach der Allmächtige sich in einer wüsten, unweit Greuoble gelegenen Gegend einen Tempel baute, und wobei er sieben Sterne erblickte, welche ihm dahin das Geleite gaben. Hugo erkannte in den sieben Sternen die sieben Einsiedler, in dem neugebauten Tempel den neuen Orden, den sich Gott zu seiner Ehre erkoren. Der heilige Hugo mit rother Mitra, worein hochfeine Dessins gezeichnet sind, hält in der Rechten den Abtsstab, in der Linken einen Kelch, in welchem man das Christnskind mit gefalteten Händen und in Halbfigur sieht. Er hat als Attribut einen Schwan» auf seine Liebe zur Einsamkeit hindeutend, da er öfter die Jnful ablegen wollte, um in der Einsamkeit ein beschauliches Leben führen zu können. Als 8orvi matrio äolorosus hatten die Karthäuser auch den Looo stoiiro und die matsr ckolorosu als Patrone, daher wir auch diese beiden Figuren in unserer Serie finden. Christus mit rothem Mantel, die Dornenkrone auf dem Haupte und die Hände gebunden, hält die grüne Marterpalme. Der Ausdruck des Schmerzes und die Ergebung im Angesichtc des Heilandes ist trotz der realistischen Darstellung von erhabener Auffassung. Das Gleiche gilt von der Gestalt der hl. Jungfrau, die in blaues Ober- und violettes ttntergewand gekleidet ist und, das Schwert in der Brust, die Hände gefaltet hält. Der hl. Gebhard hat als Attribut bloß ein Buch in der Linken und den Hirtcnstab in der Rechten. Daß wir hier den hl. Bischof Gebhard vor uns haben, zeigt das unten angebrachte große Konstanzer Wapven. Der hl. Georg als Ritter in Rüstung und mit einer Fahne zeigt offenbar das Porträt eines Schweizer Ritters, worauf besonders auch die Kopfbedeckung hinweist. Unten das Wappen Kaiser Carls V. Der hl. Ludwig trägt einen violetten Mantel aus Hermelin, in der Linken das Scepter und in der Rechten den Stab mit der schwörenden Hand. Der hl. Johannes der Täufer, mit härenem Untergewand nnd rothem Mantel darüber, hat in der Linken das Lamm mit der Fahne, über das er segnend seine Rechte erhebt; er zeigt einen ausgezeichnet charakteristischen Kopf. Die hl. Elisabeth mit der Krone auf dem Haupte trägt violettes Ober- und gelbes Untergewaud; sie theilt mit der Rechten Brod aus und hält in der Linken einen Krug und noch weitere Brode im Arm. Ihr herrlich schönes Köpfchen, wohl der idealste von allen, ist von einem Kopftuch mit wunderbar vollendeter Draperie umgeben. Die hl. Barbara trägt ebenfalls ein violettes Obergewand und hat unten ihre Attribute, den Thurm und Kelch, neben sich. Das Wappen ist das der Schnäbelin, die dem Breisganer Adel angehörten. Außer diesen ganzen Figuren sind noch einzelne sehr gnt modellirte Köpfe erhalten, und zwar von den Heiligen: Nikolaus, Kilian, Thomas (Kopf und Hände), Ulrich, Petrus und Paulus. Die technische Seite dieser vierten Serie anlangend, haben wir auch hier noch die zweite Periode der Glasmalerei vor uns: wir finden als Malfarbe nur das Silbcrgelb und das rothe Ueberfangglas, und nur die Negation der Farbe, das Schwarzloth, zur Zeichnung verwendet, sonst aber ist vollständig auf die Palette aller farbigen Flüsse verzichtet. Das Ueberfangglas versteht der Glasmaler au beliebigen Stellen wegzuätzen und den 2M weißen Grund mit Silbergelb auszufüllen; in dieser Weise sind z. B. die sieben Sterne beim hl. Bruno hergestellt. Auffallend schön in der Brillanz seiner Farbe und in seiner Stärke ist auch das Glasmaterial, das hier verwendet ist; man beobachtet die ausgedehnteste Anwendung der Kontraste warmer und kalter Töne; die brillantesten Goldgelbs wechseln mit feurigem Rubin nud üppigem Saftgrün. Wie der Glasmaler auch mit großen Flächen von Silberweiß trefflich umzugehen versteht, zeigen besonders die beiden Karthäuser-Heiligen Bruno und Hugo, die fast nur allein aus den großen, weißen Autikgläseru herausgezeichnet sind und doch noch ganz die alte Kraft der Modellirnng haben. Hier sollten unsere modernen Glasmaler lernen, wie man auch bei reicher Anwendung von Silberweiß (das zugleich die Kirchen hell ließe!) eine herrliche harmonische Wirkung zu erzielen vermag, ohne, wo immer ein weißes Glas zur Verwendung kommt, gleich auch die schmutzige Patina künstlich anzubringen. Welche Belehrung könnten in dieser und anderer Beziehung diese Glasgemälde für die heutige Traktirung dieser Kunst geben, wenn sie an einem öffentlichen Orte, etwa in einem staatlichen oder sonstigen öffentlichen Museum, stehen würden! Fragt man bei dieser Serie nach dem Kartonzeichner, so ist jedem sofort klar, daß es nicht der gleiche ist, wie der bei den zwei vorhergehenden Serien. Doch eines verkünden diese Figuren uuwiderleglich klar: es muß nach Dürer und Holbein der tüchtigste Zeichner gewesen sein, den Deutschland damals besaß. Das war aber Hans Baldung-Grien (geb. zu Gmünd 1476, -j- zu Straßburg 1545). Man sieht zwar, daß er sich in unsern Figuren denen anschließt, welche neue Richtungen einschlagen, aber doch als ein origineller und energischer Künstlercharakter vor uns steht. Dürer war wohl derjenige Künstler, dein er, was von Kraft und energischem Leben in seinen Zeichnungen sich findet, am meisten verdankt. 5. Die fünfte Serie besteht aus sog. Schweizer- scheiben (Kabinetsglasmalerei), von denen folgende nur erwähnt seien: Scheibe mit St. Blasius von St. Blasien. 1616. Rundscheibe mit St. Andreas und St. Elisabeth. 1611. Unten halten zwei Engel einen Schild mit Inschrift. Wappenscheibe, aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Mitra vom Kloster Allerheiligen in Schaffhansen. Abtscheibe vom Kloster Mnri, feine Technik, gut erhalten. St. Martin und St. Beuedikt. Abtscheibe von Mnri von 1579, feine Ornamentik. Scheibe vom Stift St. Ursen zu Solothurn von 1581; die schönste und wertyvollste, ganz gut erhalten. Scheibe von St. Blasien von 1579. St. Christina-Ravensbnrg. Detzel. Der Karmeliten - Orden in den bayerischen Stammlanden. (Fortsetzung.) III. Fl Schon bei seiner Reise nach Bayern (1620) hatte Dominikns a Jesu, als er In» abwärts fuhr und bet Audorf vorüber kam, prophetisch vorausverkündct, daß in dieser Gegend ein Kloster seines Ordens dereinst entstehen würde. Es war das nachmalige Reksach. Damals befand sich dort die Hofinark Urfahrn im Besitze des Geschlechtes der Hofer. Durch Heirath gelangte dieselbe 1660 an die Zeilhofen, 1680 an die Reisach und schließlich 1721 durch Kauf an den chnrfürstlichen bayerischen Kammerrath Johann Georg von Messcrer, der um 1727 hier ein neues Schloß mit einer schönen Capclle errichtete. Bald darauf ging er daran, auch den Kanne? litenmönchen auf seinem Hofmarksgrunde eine Niederlassung einzuräumen, und berief zu diesem Zwecke sechs Karmelitenpatres ans München, welche am 14. Oktober 1731 eintrafen und als einstweilige Wohnung das sogenannte alte Schlößl zn Urfahrn bezogen. Gleichzeitig wurde ihnen die nenerrichtete Schloßcapelle znr Abhaltung ihrer kirchlichen Funktionen übergeben. Am 2. September 1732 legte Decan Dinzenhofer von Aibling den Grundstein zu Kloster und Kirche, die aber erst 1747 durch den Maurermeister Philipp Müller aus Hausstatt größtentheils auf Kosten des Stifters lind mit bedeutenden Beiträgen der Klöster Augsburg, München und Ncgensburg vollendet wurden. Der Wcihbischof von Freising, Johann Ferdinand Pödigheim, weihte sodann am 15. Oktober 1747 die Klosterkirche zu Ehren der hl. Theresia und des hl. Johannes vom Kreuze feierlich ein. Leider erlebte der Stifter diesen Frendentag nicht mehr, er war bereits am 17. Februar 1738 zu Kelheim gestorben und in der Gruft der Schloßcapelle zu Urfahrn beigesetzt worden. Im Säcularisatkonsjahre 1802 wurde Neisach als Centralkloster für die nnbeschuhten Karmeliten der übrigen aufgehobenen Klöster ansersehen. 1611 lebten unter dem Prior k. Thcresius Reiß nur mehr vier Patres, zuletzt war nur mehr ein Laienbruder übrig. In Folge eines Rcskriptes König Ludwigs I. vom 26. Januar 1835 wurde Reisach wieder hergestellt und den Franziskanern aus München übergeben, die es aber schon 1836 wieder verließen. Auf Veranlassung des Posthalters Licmayer von Fischbach erhielten 1836 die Karmeliten des Renererklosters in Würzburg die Erlaubniß, Reisach wieder zu besiedeln. Doch blieben die Klostergebäude sammt der ansehnlichen Bibliothek Eigenthum des Staates und wurde den Karmeliten die gänzliche Unterhaltung derselben aufgebürdet. Seit 1851 ist Reisach zu einem Priorats- und Noviziats Konvent erhoben. In diesem Kloster erhielt am 14. Oktober 1858 k. Burghart Bauerschubert aus Arnstein in Unterfranken die Priesterweihe, welcher dann 1863-1871 und 1872-1875 in der ostlndischen Mission segensreich wirkte und 1884 im Karmelitenkloster zn Würzburg znr ewigen Ruhe einging. IV. Nach Vertreibung der Schweden aus Regensburg, welches damals noch freie Reichsstadt war, berief Kaiser Ferdinand II. Karmeliten-Patres dorthin; sie trafen 1635 ein und bezogen als Wohnung das Johannitercommeuden» gebände bei St. Leonard. 1640 suchten sie ein großes Halls auf dem St.' Jäkobsplatze beim damaligen Zeughause zur Erbauung ihres Klosters zu kaufen, allein der Stadtrath wußte es, zu hintertreiben. Sie kauften nun vom Bischöfe der^ Bamberger Hof und den Freisinger Hof sowie das dazwischen' liegende Gasthaus, welches einem gewissen Alkofer gehörte,! und schritten zum Baue. Kaiser Ferdinand III. und seine Gemahlin Maria legten während des Reichstages am 12. Oktober 1641 selbst den Grundstein und steuerten 208 nebst ihrem Sohne, dem römischen König Ferdinand IV., dem König von Spanien, dem Churfürsten Maximilian I. von Bayern sammt seiner Gemahlin und den geistlichen Churfürsten ansehnliche Summen znm Baue und zur Dotation des Klosters bei. Im Jahre 1660 war der Bau des Klosters vollendet und wurde der Grundstein zur Kirche gelegt. Noch 1678 wurde am Kirchthurme gebaut. Auch für die innere Ktrcheneinrichtnng kam das Kaiserhaus auf. Kaiser Leopold I. spendete 1691 einen prachtvollen Marmoraltar, welcher 14,500 fl. kostete. Anfangs lebten die Karmelitcn vom Almosen, bis 1. I. 1758 ein Religiöse ?. Udalricns a St. Trinitatc, aus Coblenz gebürtig, ein Apotheker von Profession, eine eigene Art von Melissengeist erfand, der seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen in wenigen Jahren solchen Absatz fand, daß nicht nur das Kloster in Negensburg seine Bedürfnisse aus der Einnahme von dem Verkaufe desselben bestreitcn, sondern auch andere ärmere Karme- litenklöster in Bayern unterstützen konnte. Als Regensburg 1803 an den Fürst-Primas Karl Freiherrn von Dalbcrg gelangte, kam der Fortbestand des Klosters nicht in Frage. Schlimmer gestaltete sich jedoch für dasselbe die bayerische Besitzergreifung; 1810 wurde das Kloster aufgelöst, die Kirche profanirt, der kostspielige Altar nach Schärding verhandelt und in den leeren Räumen eine Gütcrhalle eingerichtet; im vorder» Theile des Klosters blieb das „königliche Melissengeist-Institut", »vährend der rückwärtige Theil der Gebäude als Frohnfeste verwendet wurde. Die Patres wurden in das Ccntralklostcr zu Straubing verseht, nachdem die Franziskaner aus ihrem Eigenthum entfernt worden waren. Nur der Prior und ein Frater durften in Negensburg als Leiter des königlichen Melissengeist-Institutes zurückbleiben. Auch hier war es Bayerns König Ludwig I., dessen Devise „Gerecht und beharrlich" lautete, welcher 1836 den Karmeliter!-Orden wieder in sein Eigenthum einwies. Das Karmelitenkloster zu Negensburg besitzt als Erinnerung aus früherer Zeit ein interessantes Porträt eines Ordensbruders: des Titularbischofes von Ger- manicum, Fr. Franz v. Sales, zugenannt von der schmerzhaften Mnttcrgottes. Derselbe, in der Welt genannt: Eustach Fcderl, geboren zu München den 13. September 1732, war im Alter von 20 Jahren zu Schongau in dem Karmelitenorden getreten, wurde 1762 nach Malabar in Vorder-Jndien geschickt, woselbst er während 10 Jahre eine äußerst segensreiche Thätigkeit entfaltete. Papst Clemens XIV. berief ihn 1772 in Missions- Angelegcnheiten nach Rom und ernannte ihn am 8. Juli 1774 zum Bischöfe von Germanicum und zum apostolischen Vikar für ganz Malabar. Nachdem er zu Paris am 20. November 1774 die bischöfliche Weihe erhalten, begab er sich an seinen Bestimmungsort und opferte daselbst seine ganze Sorgfalt der ihm anvertrauten Heerde. Wiederholte Verfolgungen nöthigten ihn, Malabar für immer zu verlassen. Er beschloß, den Rest seiner Tage in Frieden am Wiegensitze seines Ordens, am Berge Carmel, zu verleben, aber ein Schiffbrnch, den er im persischen Meerbusen unweit Bassora erlitt, brachte ihn um all das Seinige. In größter Dürftigkeit schied er zu Aecon am Fuße des Berges Carmel aus dem Leben am 25. September 1778. k. Franz war ein Mann von hoher Tugend und ausgebreiteten Kenntnissen. Er sprach außer seiner Muttersprache und der itMgjscheu und französischen Sprache noch fertig englisch, spanisch, portugiesisch und malabarisch. In letzter Sprache verwahrt die Propaganda in Rom noch einige Handschriften von ihm. ?. Franz war nicht der Einzige, der aus der bayerischen Karmelitenprovinz dem Missionswcsen sich widmete. Das einstige Hauptkloster zu München kann sich, ähnlich wie das benachbarte Jesuitencolleg, einer großen Anzahl Ordensmitglieder rühmen, welche ihr Leben in den verschiedensten auswärtigen Missionen beschlossen. (Der Sulzbacher Kalender für kathol. Christen vom Jahre 1891, Seite 130, zählt mehrere derselben auf.) Auch in neuester Zeit ist ein Ordensmitglied in der ostindischen Mission erfolgreich thätig: k. Bonifaz Kurz aus Schöffau bet Wcilheim, seit 1883 dem apostolischen Vicariat von Virapolis zugetheilt. V. Wild und unheilvoll brauste der Sturm des sogenannten Kulturkampfes über die nördlichen Gaue des neu erstandenen deutschen Reiches. Pochenden Herzens hatten die Töchter der hl. Theresia in den drei Carmel- Wstern von Aachen, Ncuß und Köln dem Toben des entfesselten Elementes gelauscht; mit tiefem Wehe sahen sie ihre. Klausur sich öffnen und sich hinausgescheucht in die finstere Wetternacht. Das gastliche Holland bot ihnen eine Zufluchtsstätte; in Mästricht, Rocrmond und Echt erstanden neue Carmclklöster. Mit Bangen sahen die bayerischen Karmelitenkloster der Zukunft entgegen und trafen die nöthigen Vorsichtsmaßregeln. Auch für sie bot das kleine Holland noch Raum genug zu einer Niederlassung. 1875 wurde zu Geleen zwischen Mästricht und Roermond ein Hans erworben und am Herz Jesufeste 1876 von 4 Religiösen (2 Priestern, 1 Chorist und 1 Laienbruder) bezogen: es war klein und arm genug, aber für den Anfang hochwillkommen. Drei Jahre vergingen, ohne daß sich an dein kleinen Hospize etwas verändert hätte. Aber die zunehmende Anzahl der Religiösen nöthigte, an eine Erweiterung zu denken. Am 12. Juli 1879 wurde feierlich der Grundstein zu einem neuen Klostergebände gelegt, das nach 4 Monaten fertig dastand und am 12. November seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Nun ging es auch an den Bau einer größeren Kapelle; am Osterdinstag 1880 wurde die alte Kapelle abgebrochen, und nach etwa 7 Monaten stand eine neue an deren Stelle. Der Hochwürdigste Bischof von Roermond, ein 85jähriger Greis, nahm selbst die Einweihung derselben am 15. November vor. Während an diesem Tage in Bayern das schönste Wetter war, tobte in Geleen ein Sturm, daß man glaubte, es wären alle bösen Geister los; trotz alldem nahm die Einweihung ihren besten Verlauf. Durch Erlaß des Hochwürdigsten Bischofes vom 18. Mai 1881 wurde der Convent mit päpstlicher Vollmacht kanonisch errichtet und dadurch die eigentliche Stiftung znm Abschlüsse gebracht. In der Folgezeit waren freilich noch manche Zubauten nöthig, aber das Werk gedieh, und im Jahre 1888 konnte demselben durch Erhebung des bisherigen Vicariatcs zu einem Primate die Krone aufgesetzt werden. Die jüngste Niederlassung der unbeschnhteu Karmelitcn befindet sich in der Nähe Schwandorfs. Schwan- dorf, 12 Stunden nordwärts von Negensburg entfernt, seit Beginn der sechziger Jahre auch ein Knotenpunkt der Eisenbahnen, welche den regen Verkehr zwischen München und Egcr sowie Nürnberg-Fnrth vermitteln, wird eine Viertelstunde ostwärts von einem nach allen Seiten hin freistehenden Bcrglcgcl überragt, zu dessen Fuße eine 209 herrliche Lindenallee führt. Derselbe trägt eine 1679 zu Ehren des hl. Erzengels Michael erbaute Wallfahrtskirche in Kreuzcsform. In dem Gebäude nebenan verfahrn seit 1680 bis zum Jahre 1803 Kapnzinerordens- priester die Seelsorge bei den Wallfahrern. Nach deren Entfernung drohte der blühenden Wallfahrt völlige Verwahrlosung, hätte nicht einer jener Ordensmänner in treuer Anhänglichkeit an die Stätte stillen Friedens, k. Cassiodor Zenger, 1- 1830 als Benefiziat in Pars- dorf, ein Benefizinm dorthin gestiftet. Seit Jahren war schon das Bestreben der Bürger Schwandorfs, am geliebten Krenzbcrge wieder Ordensleute schaffen und walten zu sehen. Der 10. April des Jahres 1889 sollte endlich die Erfüllung des frommen Wunsches so Vieler bringen. Am bezeichneten Tage erschien in Begleitung von 6 Patres Karmeliter: und 2 Fratern der Provinzial derselben von Negensburg her, um von dem einstmaligen Klostergebäude, dem spätern Benefiziatenhause, Namens seines Ordens Besitz zu ergreifen. Es war eine erhebende Feier und die Betheiligung des Volkes, das seiner Freude in Festfchmuck, Triumphbögen und Böllersalven Ausdruck gab, eine riesige. Noch an demselben Tage kehrte sodann der hochw. Provinzial mit seinen Begleitern nach Regensburg zurück: zwei Patres und zwei Laienbrüdcr zurücklassend, welche seitdem mit ganzer Hingabe sich das Gedeihen der Wallfahrt angelegen sein lassen. (Schluß folgt.) Das „Leben des Cardinals Manning"*) von E. S. Pure eil ist aus Anlaß der Broschüre von Nector Dr. H. Schell in der „Postzeitung" nun schon wiederholt Gegenstand der Debatte und Controverse geworden. Cardinal Mauning war ein großer Mann und wird als solcher stets in ehrenvollem Ansehen bleiben. Aber es wäre falsch und würde dem Gebote der Wahrheit widersprechen, wenn man sein Lebensbild nur in lauter Licht gezeichnet darstellen wollte. Er hatte auch Seiten, die uns nicht gefallen können, und es ist, wie wir aus absolut unanfechtbarer Quelle erfahren haben, eine Thatsache, daß er den Jesuiten, aber auch anderen Orden z. B. den Benediktinern nicht geneigt war. Man wird sich aber wohl hüten müssen, das Urtheil oder wenn man will Vorurtheil Maunings, das anf englischen Verhältnissen basirte, zu verallgemeinern und es etwa anf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das vorausgeschickt, reprodnciren wir die Kritik, welche die Purcell'lchc Biographie Maunings von streng fachwissen- schaftlichem Standpunkt aus im 1. .Heft 1897 des „Historischen Jahrbuches der Görresgesell- fchaft" S. 201 — 204 gefunden hat. (Einige Sätze daraus wurden bereits in der „Postzeituug" Nr. 112 mitgetheilt.) Es heißt daselbst: Vorliegende Biographie wurde in maßgebenden Kreisen als ein epochemachendes Werk begrüßt, das über die katholische Kirche Englands im allgemeinen und über die kirchliche Wirksamkeit des Cardinals Mauning mehr Licht verbreitet habe, als irgend ein anderes Werk. Selbst die zahlreichen Angreifer in der „Dublin Review", in „Month" und „Tadlet" mußten das zugestehen und haben in ihren Aussetzungen meist nur Nebensächliches bemängeln können. Nach einigen Kritikern, die in Purcells Buch unrein Zerrbild sehen können, sollte man meinen, Purcell habe immer und überall die Schattenseiten seines Helden her- > ") „Inte vk Oarckinal Llnuninx, .4rc:1:b:slrop ok IVest- ! Mivster." I-mickon, Llaennllrm. 1808. XIX, 702; IX, 882 S. : 8b. 40. - vorgchoben und den Briefen und Tagebüchern des Kardinals eine schiefe und falsche Deutung unterschoben, nm denselben in den Augen seiner Leser herabzusetzen. Ein solches Urtheil befremdet umsomehr, als Purcell an verschiedenen Stellen seiner Bewunderung des Cardinals beredten Ausdruck gibt. Richtig ist nur dies, daß Purcell in seinen: Bestreben, den Gegnern Mannings gerecht zu werden, einige Ausdrücke desselben zu stark betont. Die Unzufriedenheit mancher katholischen Kritiker erklärt sich leicht. Sie hatten ein populäres Leben erwartet, eine Schilderung der großartigen Leistungen und der seltenen Tugendendes Cardinals —ein Heiligen leben, indem nur die Lichtseite:: hervortreten sollten. Purcell hat diesen Kritikern einen Stnch durch die Rechnung gemacht und ein vollständiges Lebensbild des Cardinals gegeben, in den: die Mißerfolge sowohl als die Erfolge, dre Fehler sowohl als die Tugenden erwähnt sind. Neben dem übernatürlichen Element erscheint auch das rein natürliche, wir sehen, wie Mannina all die Schwierigkeiten niederkämpft, wie er sich allmählich läutert und vervollkommnet, in welchem Grabe das Uebcrnatürliche n; sein Leben hineinragt und nachgerade bestimmenden Einfluß auf ihn übt. Hätte Purcell nur die erbaulichen Züge mitgcthcckt und alle Thatsachen unterdrückt, die nur den berechnenden Politiker zeigen, so hätte er die Bücherwelt mit einen: neuen Zerrbild bereichert und uns das Bild eines christlichen Helden vorenthalten, der anf steilen Pfaden sich mühsam emporarbeitete. Ende gut, alles gut. Der Geschichtschreiber verweilt nicht bei den Irrthümern und Irrwegen, sondern bei den: Licht, das erreicht worden, ist, und denkt mcht geringer von dem Helden, der die Schwierigkeiten überwindet, als von dem Sieger, der fast ohne Kampf den Sicgespreis erhält. Cardinal Manning war eine große Persönlichkeit, ein von Gott erwähltes Rüstzeug, den: es vorbehalten war. die katholische Kirche Englands aus dem Zustand der Jsolirung, in dem sie sich seit dem Falle des Hauses Stnart befand, herauszureißen, die Katholiken mit dein Leben, Denken und Fühlen der englischen Nation bekannt zu macken, gewisse Methoden, welche sich unter den Sekten Englands bewährt hatten, auch bei semcn Rcligionsgcnossen einzubürgern. Manning war ein großes Organisationstalent, ein eifriger Philanthrop, ein tiefernster Geistesmann, der die, welche ihm nahestanden, zu einem höheren geistlichen Leben anzuleiten suchte, aber ihn: fehlten das umfassende Wissen, die Innerlichkeit und die Geistestieft Newmans. Manning zeigt weit größere Verwandtschaft mit Pnsen als mit Ncwman. Gle:ch Pnsen war er durchaus praktisch, gleich Pnsen hatte er den direkten Vortheil des Anglikanismus nnd später des Katholizismus im Auge, gleich Pnscy suchte er in der anglikanischen Kirche zu bleiben; aber ungleich Pnsen überwand er seine Anhänglichkeit an den Anglikanismus und bekannte sich znn katholischen Glauben. Manning war eine praktisch ver anlagte Natur, ein Mann der That, der auch unter we: günstigeren Umständen kaun: ein Gelehrter oder Einsiedle' geworden wäre. Umfassende Gelehrsamkeit, Frische nnh Originalität der Gedanken suchen wir bei Manning vergebens, dagegen bietet derselbe eine klare, verständige Darlegung der Ideen, welche in den leitenden Kreisen herrschen. Die religiösen Schriften Maunings sind minder- werthig, dagegen sind die politischen Schriften sehr ansprechend nnd lehrreich. Purcell hat gut daran gethan, daß er die literarische Wirksamkeit des Cardinals nur kurz behandelt und den Leser nicht durch Analysen von Schriften, die wohl jetzt schon vergessen sind, ermüdet hat. Manche Schriften Mannings wurden in England und im Ausland nur gelesen, ivcil sie den Namen des Vorkämpfers für die Rechte des heil. Stuhles auf der Stirne trugen. Manning hat als Erzdiakon, als Priester, als Erzbischos und Cardinal viel gepredigt und die Predigten, die er als Protestant herausgab, sorgfältig gefeilt, aber ein Redner von Gottes Gnaden wie Newman war er durchaus nicht. Er verdankt gerade wie Pnsen den Einfluß, den seine Predigten übten, der Macht seiner Persönlichkeit, seiner imposanten Erscheinung, seinen: Feuereifer, dem Streben, allen alles zu werden. Blinde Bewunderer haben den Cardinal als großen Theologen, Socialpolitikcr, Prediger. Asketen gefeiert, obgleich derselbe auf keinen: dieser Gebiete etwas Selbstständigcs geleistet nnd überall auf fremde» Schulter:: steht. Was den: Cardinal an: meisten abging und ihn vor- 210 Mich auf sicher KcuutnMe. ge führte, ivar der Mangel gcschicht- -erade diesen Mangel hat Purcell nicht konnte. Alls den Orden find die größten Vertheidiger des hl. Stuhles, die bedeutendsten Reformatoren und Wiederhersteller von Kirchenzucht und Ordnung hervorgegangen. Wenn einige Acste an diesem großen Baume der Orden verdorrten oder nur Blätter und Blüthen trieben, so zeigten sich doch immer neue Neste, welche die herrlichsten Früchte trugen. Manning erkannte diese Wahrheit und stichle das Sittenverderbniß in der Kirche aus das schlechte Beispiel der Orden zurückzuführen. Dieser historische Irrthum legte bei Manning den Grund zur Abneigung gegen die religiösen Orden, namentlich den der Jesuiten- Purcell hat das Verhältniß Mannings zu den englischen Jesuiten eingehend behandelt und hervorgehoben, daß der Cardinal sich in seiner Abneigung gegen den berühmten Orden keineswegs von kleinlichen Motiven, z. B. Neid, Eifersucht, Rachsucht, bestimmen ließ, daß er mit Jesuiten wie ?. Marris durch Bande der innigsten Freundschaft verbunden war. Purcell hätte mehr betonen müssen, daß die Feindschaft gegen die Jesuiten in gewissen gelehrten Kreisen sehr groß war, daß Manning, ohne es zu merken, sich von diesen Kreisen gegen die Jesuiten einnehmen ließ. W. Kanonikus Tierney, zum Theil Lingard und Lord Acton zählten zu diesen Gegnern. Manning betrachtete es als eine Hauptaufgabe seines Lebens, die Oblaten des hl. Karl in England einzuführen und für dieselben einen Wirkungskreis zu schaffen. In dem guten Glauben, daß die Congregationen ohne einige Gelübde berufen seien, die katholische Welt zu reformiren und geistig zu heben, leistete er denselben alten möglichen Vorschub, während er die alten Orden wie die Benediktiner von London ferne zu halten oder wie die Jesuiten lahmzulegen suchte. Auf Einzelheiten braucht hier nicht eingegangen zu werden. Der Geschichtschreiber vermag beiden Parteien, dem Cardinal sowohl als den ^esuiten, gerecht zu werden. Trotz seines Einflusses »nute Manning die englischen Katholiken nicht mit sich reißen und den Jesuiten entfremden, von denen man eine Wiederbelebung und Hebung der Studien erwartete. Mannings Abneigung gegen den Oratorianer Newman, den späteren Cardinal, hatte einen ganz anderen Grund. Manning hatte seinen ehemaligen Meister und Führer im Verdacht, derselbe sei nicht streng orthodox und für eine einflußreiche Stellung ungeeignet. Man kann es nur bedauern, daß Cardinal Manning ein so vorschnelles Urtheil fällte und sich durch die Thatsachen nicht eines Besseren belehren ließ. Die Schuld trifft indeß vorzüglich Dr. Ward, der trotz seiner persönlicheil Liebenswürdigkeit recht ungerecht werden konnte. Manning erkannte später, daß er Newman nicht verstanden, daß sein Verdacht unbegründet war, und suchte seine gegen Newman gerichteten Handlungen in Vergessenheit zu bringen. Er konnte dies um so leichter, da er selbst zur Zeit, als sich beide große Männer am schroffstell entgegenstanden, voll den Gefühlen persönlicher Verehrung gegen Newman erfüllt war. Für den vielbeschäftigten, hohe Ziele anstrebenden Cardinal Manning war ein Entgegenkommen viel leichter, als für den feinfühligen Cardinal Newman, der die ihm zugefügten Kränkungen, welche Manning leicht hätte verhindern können, tief fühlte. Bei dem großen Gegensatz der Charaktere hätten Conflikte mit Newman kaum vermieden werden können, auch wenn Manning sich größere Zurückhaltung auferlegt hätte. Manning und Newman hatten eine grundverschiedene Auffassung von den Pflichten der Freundschaft. Ersterer glaubte sich berechtigt, die falschen Grundsätze eines Freundes mit Heftigkeit und einer gewissen Bitterkeit zu bekämpfen, letzterer vermied ängstlich alle persönlichen Behaiwtung daß Manning späterhin zu behaupten wagte, daß seine innige Freundschaft und Zuneigung für Gladstone während nisse zu denken oder frühere Stimmungen sich ins Gedächtniß zurückzurufen: sie übertragen darum die Gefühle, die sie augenblicklich beseelen, auf die Vergangenheit- Manche Aeußerungen des Cardinals, die katholischen und protestantischen Lesern Anstoß gegeben, erklären sich ganz von selbst. Der Cardinal urtheilte über Personen und Verhältnisse, über die Mittel zum Ziele nicht immer in derselben Weise, drang gleich anderen Sterblichen nicht sofort zur vollen Klarheit vor. Wer wollte ihm kleine Inkonsequenzen und Widersprüche zum Vorwurf machen oder ihn gar der Unaufrichtigkeit zeihen, weil er in Briefen, die aus derselben Zeit datiren, die Gründe für und gegen die Apostoüzität der anglikanischen Kirche entwickelt. Auf die großen Resultate der Wirksamkeit des Cardinals einzugehen, ist hier nicht der Ort, einige seiner Mißerfolge und dre Ursachen derselben müssen jedoch kurz erwähnt werden. Manning war ein geborener Herrscher, der sich und seinen Ansichten schon frühe Geltung verschaffte und Widerspruch nicht duldete. Seine Erfolge als Organisator und Führer großer Bewegungen erhöhten naturgemäß sein Selbstbewußtsein. Gleich so vielen Kraftnaturen anerkannte Manning die Berechtigung eines Widerstandes gegen seine Pläne nicht und traute sich Fähigkeiten zu, die er nicht besaß. Ohne Verletzung der Pietät gegen den großen Todten kann man behaupten, daß dem Cardinal die für Förderung und Hebung der höheren Studien nöthigen Eigenschaften fehlten, die tiefere Einsicht in die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die für die Pflege der Wissenschaft nöthige Geduld. Der Plan, eine katholische Universität in London zu gründen, schlug fehl, einmal weil Manning zu eigenmächtig verfuhr. dann weil er in der Ernennung Capels zum Präsi. denten die möglichst schlechte Wahl traf, endlich weil dir Elemente abgestoßen wurden, die sich am ehesten als lebenskräftig erwiesen hätten. Purcell hat die Artikel Miparts nicht zn Rathe gezogen, die manches interessante Detail bieten. Die englischen Katholiken trugen sich schon bald, nachdem die religiösen Beschränkungen aufgehoben wurden, welche Nicht-Anglikaner von der Universität ausschlössen, mit dem Gedanken, ein Kollege in Oxford zu gründen, und zwar unter der Leitung Newmans. Mannmg that alles, was in seinen Kräften stand, um die Errichtung dieses Kollegs zu hintertreiben und entfremdete sich dadurch manche Mitglieder der Aristokratie. Man kann es nur bedauern, daß der Cardinal sich den weisen Rathschlägen von katholischen Freunden weniger zugänglich zeigte und zu sehr auf sein eigenes Urtheil vertraute, denn er hätte in diesem Falle noch weit größeres leisten können. Trotz seiner strengen Rechtgläubigkeit ging Manning in seinen Zugeständnissen an die Anglikaner und die übrigen englischen Sekten weiter als Newman und andere. Durch Anerkennung des christlichen Elementes in den Sekten wollte er den religiösen Frieden anbahnen und alle zum gemeinsamen Kämpfe gegen den Materialismus und Unglauben begeistern. Diese milde Versöhnlichkeit erwarbkManning manche Freunde unter den Dffsenters. Etwas größeres Wohlwollen gegen die englischen Katholiken, die nicht in allem wie der Cardinal dachten, hätte den Frieden und die Eintracht unter den Katholiken nur erhöhen können. Purcells Buch ist eine Biographie im großen Stil — eine reiche Fundgrube für den Forscher, einer der werthvollsten Beiträge zur Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. Der 2. Band des Werkes gewährt hochinteressante Aufschlüsse über Vorgänge auf dem vatikanischen Concil und zeigt uns, wie Manning in seinem Bemühen, die Definition der Jnfallibilität des päpstlichen Lehramtes durchzusetzen, nicht zuletzt auch durch den englischen Gesandten beim päpstlichen Stuhl Sir Odo Russell, später als Lord Ampchill Botschafter in Berlin, unterstützt wurde. Nach den: Tode Cardinal Antonelli's wünschte Manning die Ernennung eines großen Cardinalstaatssekretärs. Der Gang der päpstlichen Politik in den letzten Jahren Pius' IX. entsprach nicht immer seinen Auffassungen. Ueber das Conclave des Jahres 1878, aus welchem Leo XIII. hervorging. bringt Purcells Buch werthvolle Mittheilungen. Unter dem neuen Papste trat der früher überragende Einfluß Mannings in Bezug auf die englische Politik des päpstlichen Stuhles mehr zurück. Die Auffassung der übrigen englischen Bischöfe kam stärker zur Geltung. Die Verhältnisse brachten es mit sich. daß der hochbetagte Cardinal unter Leo XIII. weit seltener als in früheren Jahren die Fahrt all limiua «postolormn antrat. Ein popu- 211 läres Bild des Kirchensürsten, welches alle die interessanten Details zusammenfaßt und die Thaten eines bei manchen Mangeln wahrhaft großen Mannes schildert, bietet Purcells Biographie dem Leser nicht. Em solches Leben muß erst noch geschrieben werden. * » Nach dieser fachwissenschaftlichen Besprechung über Purcell's Biographie ist es wohl auch geboten, eine der englischen Stimmen zu vernehmen, welche sich abfällig über Purcell's Biographie geäußert haben. Wir wählen hiefür die Auslassung des Nachfolgers und langjährigen vertrauten Freundes Manuing's, des jetzigen Cardinal- Erzbischofes Vaughan, dessen Legitimation nicht wohl bestritten werden kann. In seiner Erwiderung auf die am Tage seiner Inthronisation (8. Mai 1892) ihm überreichten Adressen der Geistlichen und der Laienschaft hat sich der jetzige Cardinal-Erzbischof von Westminster — früher Bischof von Salford — über sein Verhältniß zu seinem Vorgänger unter Anderem also geäußert: „Vierzig Jahre lang genoß ich den Vorzug, auf vertrautestem und freundschaftlichstem Fuße mit ihm zu stehen, zwanzig Jahre als College im Episkopat. Unter dem Drucke des Verlustes, den wir erlitten, gereicht mir die Erinnerung an das, was ich ihm verdanke, zu besonderem Trost. Nach meinen lieben Eltern verdanke ich Keinem so viel, wie ihm, weit mehr als Worte oder Thaten vergelten könnten: die hohen Ideale meines Lebens, die er pflegte, das Vorbild priesterlicher Tugend, die vollständige Hingabe seiner Person an die Errettung der Seelen, den ausnehmenden Takt und die Nachsicht, die er gegenüber meinen Schwächen an den Tag legte. Und während der letzten zwanzig Jahre haben wir als Mitglieder des Episkopats im innigsten Verhältniß gestanden. Alle Fragen wurden mit jener wecken Duldsamkeit besprochen, die ihm in so hohem Grade eigen war. Durch Liebe und Ueberzeugung waren wir miteinander verbunden." Cardinal Vaughan hat nun in der Februar- Nummer des „Nineteenth Century" 1896 über Purcell's Buch: „Das Leben des Cardinals Manning" eine energische Kritik und Erklärung veröffentlicht, der wir folgende Stellen entnehmen: „Die Publication dieses „„Lebens"" ist nahezu ein Verbrechen. Eine Anzahl von Briefen, welche das Ansehen lebender oder verstorbener Personen berühren, wird da auf die Gasse geworfen, zum Äerger, zum Schmerz und zur Entrüstung Verwandter und zahlloser Freunde. Diese Briefe waren niemals geschrieben, niemals aufbewahrt, um eines Tages veröffentlicht zu werden. Es ist unmöglich, die Mehrzahl derselben zu lesen und sie richtig zu verstehen, solange nicht zugleich die näheren Umstände veröffentlicht sind, die sie verständlich machen und die jetzt vergessen sind. Es ist Schlinnn er es als eure bloße Indiskretion, Briefe zu veröffentlichen, welche zwischen intimen Freunden gewechselt worden sind. worin diese ihre Gedanken und Wünsche in Angelegenheiten delicatester Natur einander mittheilen, besonders wenn man bedenkt, daß diese Briefe entstanden unter der Eingebung des Augenblickes und nur auf die augenblicklichen Verhältnisse berechnet waren, und niemals geschrieben worden sind in der Annahme, daß sie jemals vor die Augen des Publikums kommen. Wenn jede intime Privat-Correspondenz unter solcher Voraussetzung geführt werden muß, daß der einmal geschriebene Bries kurz darauf nach den vier Himmelsrichtungen hinausgeaeben werden wird, dann freilich haben wir gegen die in Rede stehende Biographie nichts zu sagen; aber würde eine solche Aenderung unserer Sitten nicht jeden vertrauten, freundschaftlichen Verkehr vernichten und ihn zu einer trockenen, pedantischen Sprache nöthigen? Cardinal Manning hat einmal, als von seinem Tagebuche die Rede war, zu einem Freunde gesagt: „Sie sind der Einzige, der diese Zeilen gelesen hat!" — Nach solcher Aeußerung wird mich Niemand glauben machen, daß dieser große Prälat gewollt habe. Laß das nämliche Tagebuch vollständig in vier Jahren nach seinem Tode den: Drucke uud dem Büchermärkte übergeben werden solle. Was er geschrieben, ist zu intim, zu secret, zu persönlich. Was kann es denn nützen, der Oeffentlichkeit diese psychologischen Analysen mitzutheilen, wo die Seele sich selbst erforscht und anklagt! Man sagt da zu viel oder zu wenig; die Wahrheit der Memoiren ist nicht absolut, sondern relativ: der Sinn derselben entzieht sich der Nengierde des großen Publikums. Man kann nicht daran zweifeln, daß der Cardinal gewollt habe, daß sein von ihm selbst sorgfältig revidirtes Tagebuch seinem Biographen zur Einsicht übergeben werde. Dieser sollte aus der Lectür« desselben sich eine sichere Richtschnur für sein Urtheil bilden: er sollte dadurch in den Stand gesetzt werden, ir das Innere jenes Mannes einen Einblick zu thun, dessen öffentliches Leben er zunächst zu zeichnen hatte. Aber daß er gewollt habe, es sollten, sobald er seinen Fuß aus das Gestade der Ewigkeit gesetzt haben werde, diese Docu- mente miteinander, seine geistigen Kämpfe, ferne Bekenntnisse. seine Kritiken, seine persönlichen Eindrücke, seine Urtheile über Personen und noch nicht völlig abgeschlossene administrative Acte. seine Bemerkungen über wirkliche oder vermeintliche Fehler Anderer, oder über die delikatesten Streitfragen, hinter ihm in das stürmische Meer zurückgeschleudert werden, das er soeben durchführen, das ist einfach undenkbar. Und doch ist eben das nunmehr geschehen, als ob der große Cardinal gewollt hätte, daß die Stunde seines Eingangs in die Ruhe das Signal werden sollte, den Frieden der Brüder zu stören, Wunden wieder aufzureißen, die zu heilen er selbst so bemüht gewesen. Er hätte, davon bin ich überzeugt, lieber die rechte Hand sich abhauen lassen, ja er hätte lieber sterben wollen, als jene Documente veröffentlicht zu sehen, welche jetzt in den zwei Bänden seiner Biographie der Oeffentlichkeit preisgegeben sind. Je mehr er sich seinem Ende näherte, desto vorsichtiger und ängstlicher wurde er in der Vermeidung alles dessen, was Jemand hätte kränken können. „Ich hoffe, daß keines meiner Worte, die ich gesprochen oder geschrieben, nach meinem Tode irgend Jemand Nachtheil bringen werde" — dieser Ausspruch des Cardinals hätte als Devise an die Spitze seiner Biographie gesetzt werden sollen, wenn der Verfasser den Gedanken und die Intentionen seines Helden, ruck Sorgfalt hätte rcspektiren wollen. Es ist mir nicht leicht, vom ersten Baude zu reden; was den zweiten anbelangt, so ist es meine Pflicht, zu sagen, daß ich in dem dort gezeichneten Bilde Manuing's keine Aehnlich- keit mit dem Manne finde, mit dem ich 40 Jahre hindurch in ständiger Verbindung stand. Da finde ich die langweilige Aufzählung von peinlichen Episoden, von Differenzen, wie sie zwischen ehrlichen und selbst heiligen Personen vorkommen können, wie sie vorgekommen sind seit den apostolischen Zeiten und vorkommen werden bis zum Ende der Welt. und das alles in einer Ausführlichkeit, als ob es den wesentlichen Inhalt des Buches bilden sollte, aber von einer schönen und wohlthuenden Schilderung seines Charakters, von dem Glänze und der Schönheit seines geistigen und pastorellcn Lebens finde ich k a um eine Spur. Da und dort sind einige Stellen, wo der Held des Buches richtig gewürdigt wird, aber sie sind kein Ersatz für die lieblosen und ungerechten Beurtheilungen des sogenannten „guten Freundes". In seiner Unfähigkeit, dieses schöne Leben zu verstehen, bis zu seiner Höhe sich zu erheben, dessen leitende Fäden zu erfassen. hat der Biograph nichts anderes als ein Pamphlet zu Stande gebracht. Ein schweres Unrecht ist gegen das Andenken des Todten begangen worden, und die ihn Ueberlebenden, noch tiefbctrübt über seinen Verlust, sind schmerzlich berührt von diesen Ungerechtigkeiten. Bei aller Anerkennung der guten Absichten und Bemühungen des Herrn Purcelt muß ich doch sagen, daß es mir unmöglich ist. in der Biographie, die er pnbli- cirt hat. ein wahres und authentisches Bild des großen Car- diuals zu erkennen. Es bleibt nur die Hoffnung, den Tag zu erleben, an dem eine mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit geschriebene Biographie Manuing's erscheinen wird, geeignet, so vielen verletzten Seelen, welchen Purcell's Buch eine so peinliche Ueberraschnng bereitet hat, einigen Trost zu bringen." 212 Stilla von Abeuberg. Herr I. N. Seefried hat meinen Untersuchungen über Stilla von Abenberg seine Aufmerksamkeit zugewendet und des Resultat seiner Kritik in die Worte zusammengefaßt: „Der Versuch, den Hirschmann «'.achte, seinem Gegenstände nicht blos ein negatives, sondern auch ein positives Remltat abzugewinnen, muß ebenfalls als mißlungen bezeichnet werden". Dagegen gestatte ich mir die Frage: Welche Quellen- belege hat denn Scefried der abcnbcrgischen Ge' Gar keine, wie er sel! , . hält sich nur an die „übereinstimmende Ueberlieferung, Legende und Sage", läßt aber völlig außer Acht, daß die crsie sichere Nachricht über Stilla aus dem Jahre 1180 über deren Genealogie vollständig schweigt. Solange daher nicht weiteres urkundliches Material zu Tage gefördert ivird, erachte ich die Abstammung Stilla's aus denr Grafenacschlechte von Abenberg für historisch uu- erwiesen. Wenn Seefried von liebgewonnenen Anschauungen nicht abgehen will und subjektives Meinen höher setzt, als objektive Darlegung, so sollen seine Kreise durchaus nicht gestört werden. Auch dre positiven Resultate meiner Untersuchung sind nach Seefried als mißlungen zu bezeichnen. Welche Gründe hat denn der Kritiker aufgeführt, um zu erweisen, daß der Lokalheiligcn von Abenberg der Name Stilla nicht zukomme? daß der Grabstein in der Peterskirche zu Abenbera nicht dem 12. Jahrhunderte angehöre? daß Stilla in Abenberg begütert gewesen? daß sie hohem Geschlechte entsprossen sei? Mit keiner Feile hat Seefried auch nur den Versuch ewagt, meine Darlegungen und Antworten auf diese Prozedur heißt der Rest — Schweigen. Ueber den Werth oder Unwerth der Zollernhypothese Seefrieds habe ich keine Veranlassung, mich hier näher auszulasten, sondern verweise auf Fr. Stein, Geschichte Frankens (Schweinfurt 1885) I, 232, 272, II, 345 u. 444. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Wir glauben die selige Stilla hiemit ruhen lassen und die Debatte schließen zu dürfen. Ä. Red. Recensionen nnd Notizen. Ull. Der Literarische Handweiser hat endlich mit der Ausgabe der Nr. 662 vom 8. Mai 1897 den 35. Jahrgang 1896 geschlossen. Derselbe krankte schon seit mehreren Jahren an der Unregelmäßigkeit des Erscheinens, so daß im neuen Kalenderjahre die ersten drei, vier Monate noch dem alten Jahrgange zugetheilt werden mußten. Diese Verschleppung, welche auf vielfache Erkrankung des verdienstvollen Herausgebers Dr. Fr. Hüls- kamp zurückgeführt wird, war natürlich für die Abonnenten nicht angenehm. Um nun diesen Mißverhältnissen eine Ende zu machen, hat sich Hülskamp entschlossen. Umfang und Preis für den 36. Jahrgang, aber nur für diesen, dahin abzuändern, daß statt der bisherigen 24 nur 18 Nummern arrsgegeben werden, und daß der Preis von 4 Mark auf 3 Mark herabgesetzt wird. Ob dieser Ausweg seinen Zweck erreichen wird, wollen wir nicht untersuchen. Aber soviel ist gewiß, daß der Literarische Handweiser an Ansehen nicht gewinnen wird. In früheren Jahren war derselbe sehr gut redigirt und bot frisch geschriebene Recensionen. Aber in den letzten Jahren kehren hauptsächlich zwei Mitarbeiter wieder, welche gewisse Wissenszweige in kritische Erbpacht genommen zu haben scheinen: Bernard Dcppe für Ascese. Homiletik, auch vielfach für Dogmatik, und Alfons Bellesheim in Stachen für Kirchengeschichte nnd Kirchenrecht. Der letztere Name begegnet dem Literaturfreunde auch sonst noch sehr häufig im „Katholik",in den „Historisch-politischen Blättern" und anderswo. Schon gar oft hat sich gewiß mancher Leser gedacht und gefragt: Wie mag es doch Äellesheim anstellen, alle diese Recensionsexemplare, deren Umfang manchesmal sehr bedeutend ist. durchzuarbeiten und Aus- j züge zu liefern? Daß die Kritik bei dieser Vielgeschäftig- ' keit nicht tief gehen kann, liegt auf flacher zoand. Recensionen aber, welche bloß auf Vorwort und Register allenfalls Bezug nehmen, dienen nur zur Täuschung und Irreführung. Hülskamp sagt zwar, daß dem Literarischen Handweiser „mehr als 100 der geachtetsten Mitarbeiter aus allen deutschen Gauen" zur Seite stehen, allein diese Unterstützung scheint mehr aus platonischem Wohlwollen, als auf realer Basis zu berathen. Soll daher der Literarische Handweifer seine frühere Bedeutung wiede" erlangen, dann ist eine Blutanffrischung unbedingt neu., wendig. Deklamationsbuch. Eine Sammlung von Gedichten ernsten und heitern Inhalts für Gesellen- und andere Vereine, herausgegeben von Joh. P. Profittlich, kgl. Seminar-Oberlehrer, 4. Auflage. Preis gebd. in Leinw. M. 1. Pattlinus-Druckerei, Trier. Dieses handliche Büchlein enthält eine Anzahl recht passender nnd zum Vortrug geeigneter Gedichte ernsten und launigen Inhalts, unter denen auch verschiedene Mundarten vertreten sind. Die vierte Auslage ist noch durch einen Anhang vaterländischer Gedichte vermehrt worden. Beionders den katholischen Gcsellcn- vereinen und deren Mitgliedern können wir das wohlfeile Werkchen auf's Wärmste empfehlen, und bemerken wir noch, daß dasselbe dem Herrn Generalpräses Schäffer vom Verfasser gewidmet ist und dieser einige wohlwollende Worte als Empfehlung zugefügt hat. Die Eroberung der 5. Curie war neben der Wahrung des Besitzstandes das Hauptbestreben aller Parteien des österreichischen Reichsrathes anläßlich der eben vollzogenen Wahlen. Inwiefern dies denselben gelungen, zeigt uns klar und deutlich „G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 6 Curien von Oesterreich 1897", die eben, pünktlich wie immer, bei G. Frcy- tag und Berndt, Wien VII/I, Schottenfeldgaste 64, erschienen ist, diesmal noch durch eine interessante Tafel des bekannten Statistikers Pros. A. L. Hickmann: „Der österreichische Reichsrath, seine Parteien und Wahtver- hältnisse", bereichert. In diesem, ihrem neuesten, sorgfältig und sauber gearbeiteten Verlagswerke bietet dre durch ihre Musterleistungen auf kartographischen: Gebiete rühmlichst bekannte Verlagshandlung u. A.: Sämmtliche Wahlkreise aller 5 Curien, colorirt nach der Gesinnung und bedruckt mit den Namen ihrer Vertreter. Ein genaues Verzeichnis) der Abgeordneten mit, Angabe der Partei-Angehörigkeit. Grnppirung des österr. Reichsrathes nach politischen und nationaler» Parteien von 1873—1897. Die Verthciluna der Abgeordneten-Mandate auf die einzelnen Kronlander. Einen Vergleich der directen und indirekten Steuerleistung der eirrzelnen Kronländer im Ganzen, sowie deßgleichen auf der: Kopf der Bevölkerung. Diese Menge rnteressanter und für jeden Wähler und Zeitnngsleser sehr wichtigen Darstellungen, deutlich, leicht verständlich für Jedermann, ist auf G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 5 Curien von Oesterreich 1897 enthalten! Mehr kann man wohl für 1 fl. ö. W. — soviel kostet die Karte — nicht verlangen! Wir empfehlen jedem, sich für das politische Leben der Gegenwart interessirenden Leser die Anschaffung der ausgezeichneten Karte. Erklärung. In der literarischen Anzeige von, Hagemanns Leitfaden der Psychologie in Beil. Nr. 29 ist eure Bemerkung über den vereinigten Professor Dr. Stöckl enthalten, welche zu unserm lebhaften Bedauern im Dränge der Geschäfte dem Rothstift entgangen ist. Mag man über die wissenschaftliche Richtung Stöckls urtheilen wie immer, so ist doch in hohem Grade anzuerkennen, daß der Verewigte sein ganzes Leben in strenger Arbeit dem Unterrichte der Jugend, der Restaurirung der christlichen Philosophie im Geiste des Aguinaten, dem Kampfe gegen die antichristlichen modernen Ideen gewidmet hat. Wir können daher nur unser aufrichtiges Bedauern anssprechen, daß jene persönlich gefärbte Bemerkung zum Abdrrrck gelangt ist. D. Red.! Serantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ttn. 31 2. Juni 1897. Der Katholicismus als Princip des Fortschritts. Von Pros. Dr. L. Haas. Den vielseitigen Widerspruch, welchen die nunmehr in zweiter AuflageI erschienene Broschüre des derzeitigen Rektors der Universität Würzburg Dr. Schell erfahren hat, sucht eine Zuschrift aus Unterfranken in Nr. 111 S. 5 der „Angsburger Postzeitung" dadurch zu erklären, daß „von taufenden von Lesern und Hörern (?) kaum einige hundert, vielleicht noch weniger diese Schrift recht verstanden haben". Eine sonderbare Rechtfertigung, und ein noch sonderbareres Kompliment für den Autor der Schrift! Ich hasse die Oberflächlichkeit und liebe die Tiefe; aber die Tiefe ist nutzlos ohne entsprechende Klarheit. Was nützen die tiefsten und richtigsten Gedanken, wenn sie nicht faßlich dargestellt werden? Was ist für ein Nutzen gestiftet, wenn der Lehrer bloß für sich in die Tiefe steigen kann, wenn er die heraufgeholten Schätze nicht richtig an den Mann zu bringen weiß? Da stiftet rr doch nur Verwirrung. Mit der Grundanschauung und der Grund- endenz der Schrift bin ich ganz einverstanden. Daß >ie Wahrheit katholisch im eminenten Sinne ist, ist eine selbstverständliche Anschauung. Daß die Wahrheit frei im edelsten Sinne ist; daß sie und damit die wahre Wissenschaft in der wahren Freiheit am besten gedeiht; daß der katholische Lchrgehalt die wahrhaft freie und gründliche Forschung nicht zn fürchten braucht, sie vielmehr herausfordern kann, darf und muß; das; die wahre echte Wissenschaft besser im harmonischen Zusammenwirken als im diskordauten Streiten gedeiht (der Streit ist freilich nicht ganz zn umgehen, aber er soll ein freundschaftlicher sein); daß die Katholiken mit allen Kräften zusammenstehen sollen, um die wahre und somit kathol. Wissenschaft aus die gebührende Höhe zu heben, ihr eine nicht bloß angesehene, sondern herrschende und einflußreiche Stellung zu erringen; daß es mit dem bloßen Zurückgehen auf Vergangenes nicht gethan, sondern ein Weiterbanen erforderlich ist u. s. w. — das sind Gedanken, die in jedem gebildeten Katholiken lebendig lind wirksam sein und daher der Aussprache und Betonung nicht erst bedürfen sollten. Zu bedauern ist es daher, wenn sie in einer Form und unter Beimischungen ausgesprochen und Mittel zu ihrer Verwirklichung vorgeschlagen werden, welche den ernstesten Widerspruch ohne iveiters herausfordern. Dadurch wird nicht das erstrebte Ziel, sondern eher das Gegentheil erreicht. Or. Schell redet zunächst von der auch sonst in letzter Zeit vielfach besprochenen wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken, besonders in Deutschland. Den Grund findet er mit Recht nicht im Glaubensund Antoritütsprincip selbst. Wenn er aber S. 7 sagt, „daß der Zweck, des Glaubens eine übernatürliche Denkthütigkeit ist, daß der Zweck der Autorität eine übernatürliche Selbständigkeit ist", so wird er sofort mißverständlich und unklar. Er meint offenbar reine übernatürliche Denkthütigkeit im eigentlichen Sinne, sondern eine Denkthütigkeit über Neber- natürliches, welche noch dazu durch übernatürliche Einwirkung geläutert und in diesem Sinne erhöht ist. Er redet ja S. 9 davon, daß eine „Verzichtletstung auf . ') Während des Niederschreiben? dieses Aufsatzes erschien die dritte, die auch bereits vergriffen ist. D. Red. die eigene Geistesbethätiguug in den höchsten und wichtigsten Dingen" nicht verlangt werden kann, weil sie zur geistigen Jnferiorität führt. Er tritt wiederholt (z. B. S. 17, 21) der allzuschroffen Sondcruug von Natur und Uebernatur entgegen. Reicht aber zum Erfassen des Uebernatürlichen, soweit dies überhaupt möglich ist, die natürliche Denkthütigkeit nicht aus, ist dazu eine übernatürliche erfordert, dann ist nicht nur eine unüberbrückbare Kluft zwischen Natur und Uebernatur gesetzt, sondern sind auch viele Forderungen Dr. Schells unberechtigt, weil widersinnig. Bei der Besprechung der wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken sind die theologische und die profane Wissenschaft nicht hinreichend aus einander gehalten. Die Jnferiorität in letzterer ist offenliegend. Von ersterer läßt sich dies doch nicht ohne Wetters behaupten. Or. Schell müßte sich ja selbst einschließen in eine solche Behauptung. Dabei rechne ich zur deutschen theologischen Wissenschaft ohne Bedenken auch das, was die deutschen Jesuiten geleistet haben. Denn wenn Or. Schell auch viel von der Bedeutung und Aufgabe des germanischen Geistes und zwar mit gutem Rechte redet, so hat er doch vergessen, das charakteristische,, unterscheidende Merkmal desselben genau anzugeben. Es müßte denn Gründlichkeit sein; diese aber kann sicher nicht von vorne- hcrcin und allgemein den deutschen Jesuiten abgesprochen werden. Der protestantischen theologischen Wissenschaft — die profane kann hier nicht herbeigezogen werden — überhaupt den Protestanten gegenüber verlangt Or. Schell Betonung des Gemeinsamen, Erstrcbung des Commn- nionismnS (nach dem Vorgang Cardinal Ncwmanns), S. 12. Sehr gut! Nur hat er nicht angegeben, wie denn dieser Commnntouismns erstrebt werden kann. Die Verhältnisse in England sind ändere als die uusrigeu. Von den orthodoxen Protestanten trennt uns das Bekenntniß; betonen wir auch das Gemeinsame noch so sehr: einmal kommen Grenzlinien, über die sich keine Verbindung herstellen läßt. Von der modernen protestantischen theologischen Wissenschaft trennt uns zuletzt doch alles. Sie ist auf einem Standpunkt angekommen, den der Katholik ohne gänzliche Verleugnung seines Namens und Wesens niemals einnehmen kann. Während der katholische Forscher niemals seiner Entscheidung unterwerfen darf und kann, was Bekenntniß ist oder nicht, sondern sich nur innerhalb des Bekenntnisses, aber da allerdings mit voller wissenschaftlichen Freiheit bewegen kann — die Apologetik hat, allgemein gesprochen, die Thatsachen zu erhärten, welche den Inhalt des Bekenntnisses als einen gottgegebcnen erweisen —, macht der protestantische Forscher das Bekenntniß selbst vom Resultat seines Forschen? abhängig. Gibt nun, wie es thatsächlich geschieht, der Protestant sein Bekenntniß, die historische Begründung desselben, vollständig preis (vergl. S. 87), hält aber am Glauben fest, weil derselbe einen im Gefühle sich manifestirenden, für das Leben werth- und bedeutungsvollen Inhalt hat (Werthurtheil), ist er also in der Wissenschaft ungläubig, im Lebe» gläubig, so ist das jedenfalls auch nach der Anschauung Or. Schells ein Standpunkt, der jede Gemeinschaft, jede Anknüpfung, auch die wissenschaftliche, unmöglich macht. > Seite 15. 16 gibt Or. Schell selbst zu, daß dek ' Eommimionismus von protestantischer Seite nicht nur. 214 nicht gepflegt wird, sondern eher das gerade Gegentheil. Ich stimme ihm vollständig darin bei, daß wir dies ohne «Verleugnung der katholischen Principien nicht nachahmen können. Der von unserer Seite einseitig und krampfhaft betonte Coinmuniouismus führt aber nicht nur zu nichts, er kommt auch in Gefahr, für Schwäche gehalten zu werden. Hier hilft nur Stärkung und Kräftigung der katholischen Wissenschaft und des katholischen Lebens nach allen Seiten. Dabei ergibt sich die Anerkennung der Wahrheit, wo immer sie sich findet, von selbst. Dr. Schell hat vollkommen recht, das; „jeder Fortschritt des Wissens ein neuer Gesichtspunkt für das rechte Verständniß der Offenbarung wird". Dies begründet er aber durch den geradezu unverständlichen Satz: „,Gott ist Licht, und Finsternisse sind gar keine in ihm': nichts, was nicht Logos wäre, was nicht die Vernunft erhellen und befriedigen könnte — kein dunkler, unlöslicher Rest"! Nehme ich hier „Vernunft" (es kann doch nur die menschliche Vernunft verstanden sein) als Subjekt, so wird „erhellen" dem „nichts" gegenüber sehr bedenklich, und „befriedigen" geradezu unverständlich; nehme ich es als Objekt, so wird der Sinn von erhellen platt, und fehlt das Subjekt zu „unlöslich". Für wen soll in Gott !bi» unlöslicher Rest sein? Aus mancherlei Anschauungen in katholischen Kreisen heraus, bei deren Schilderung (S. 17. 18) Dr. Schell selbst den von ihm (S. 12. 13. 14) gerügten Fehler der Uebertreibung und Einseitigkeit nicht ganz zu vermeiden weiß, wird die wissenschaftliche Jnferiorität der Katholiken davon hergeleitet, daß „die Kandidaten der Theologie soviel als möglich in weltabgeschiedenen Scmiuar- lchraustalten (Sind die Universitäten keine Lehranstalten? Der Vers.) von den weltlichen Fakultäten getrennt und von den Universitäten fast ausnahmslos ferngehalten werden". Hier liegt eine Uebertreibung insofern vor, als es keinem Kandidaten, der die hinreichenden Mittel hat, irgendwo benommen ist, auf seine Kosten an irgend einer Universität Theologie zu stndiren, wenn nicht besondere Gründe entgegenstehen. Ist er sittlich und wissenschaftlich qnalisiclrt, weist ihn später sicher kein Bischof zurück. Es ist kein Kandidat, weder an einem Lyceum noch an einer Universität, gezwungen, zum Erwerb seiner theoretischen theologischen Bildung in ein Seminar zu treten. Ferner hätte ich von vr. Schell ein offeneres Visir gewünscht. Da er „die Mischung der studentischen Gesellschaftskreise mit einer entsprechenden Änzahl Theologen" im Auge hat, so richten sich seine Bemängelungen in letzter Beziehung gegen die Seminar- erziehung des Klerus überhaupt. Die katholischen Stndcntencorporationcn genügen nicht, „um die Riescn- aufgabe zu erfüllen, in weltlich-studentischer (vom Verfasser unterstrichen) Weise den katholischen Gedanken in der Studentenschaft nicht bloß zu verkörpern, sondern mehr und mehr zur Geltung zu bringen". „Unter dem ständigen und mächtigen Einfluß von Kollegien, welche gewiß zumeist aus ganz anderen Anschauungen stammen", reicht der gute Wille und die grundsätzliche Gesinnung der jungen Juristen, Mediciner u. s. w. in den katholischen Studentencorporationen zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht aus. Das ist jedenfalls kein besonderes Kompliment für diesen Theil der katholischen Studentenschaft. Es soll eine Armee von theologischen, rcligionsphilosophischen, apologetischen und katholischen (eigenthümliche Einthcilnng!) Gedanken erforderlich sein, wie sie nur durch eine ent- /prccbendc -stahl von TheMaen aus den verschiedensten deutschen Gebieten mobil gemacht werden können (S. 19). — Also auf der Zahl liegt das Hauptgewicht! Die Theologen sollen wohl in den Versammlungen theologische Gespräche führen! Die katholischen Theologiekandidaten sollen weiterhin die anderen katholischen Studenten stützen! Da aber für sie selbst die Gefahr des Umfalls nicht ausgeschlossen ist, da sie, anstatt die anderen in einer gewissen Höhe zu halten, selbst zu diesen herabsinkcn können, so brauchen sie auch eine Stütze. Worin diese besteht, deutet Dr. Schell S. 20 au: In der theologischen Bildung. Leider hat sich, wie die Erfahrung lehrt, die Bildung, auch die theologische, nicht immer als hinreichendes Schutzmittel gegen wissenschaftliche und sittliche Verirrnng bewährt. Und besteht denn die wahre theologische Bildung ausschließlich in der theologisch-wissenschaftlichen? Zudem verlieren die katholischen Studeutcnkorporatiouen durch eine große Anzahl von Theologen an ihrer idealen Bedeutung, da die katholische Gesinnung katholischer Theologen doch etwas selbstverständliches ist. „Man will und hofft mit.Recht, daß die 6 bezlv. 7 theologischen Fakultäten an den 20 deutschen Universitäten das Ansehen und die Bedeutung der katholischen Theologie für den Gesammtorgauismus des Universitätswesens und der Wissenschaft überhaupt wahren und mehren"! Dazu ist die jetzige Faknltätssrequcnz unzureichend! Hat denn die Zahl wirklich einen so großen Einfluß? Zur Wahrung und Mehrung der katholischen Theologie haben in den letzten Jahren die Fakultäten an den übrigen Lehranstalten redlich das ihrige beigetragen. Sie brauchen den Vergleich keineswegs zu scheuen, um so weniger, als die betreffenden Professoren ein geringeres Maaß der Zeit für sich haben als die Universitäts- professoren, da an den Lyceen z. B. jedes Fach nnr mit einer Kraft besetzt ist, während an den Universitäten die meisten Fächer getheilt sind. Heutzutage kommt es weniger auf den Ort an, wo die Wissenschaft gepflegt wird, als daß sie gepflegt wird. Freilich wäre das einfachste Mittel, den Univcrsitätsfaknltäten diese Pflege möglichst ausschließlich zu übertragen, die Aufhebung aller theologischen Fakultäten außerhalb der Universitäten. Durch sie wird ja der (freie) Zuzug zu den theologischen Fakultäten (Dr. Schell scheint solche außerhalb der Universitäten nicht zu kennen oder wenigstens nicht anzuerkennen) grundsätzlich unterbunden, und damit ist die Jnferiorität der katholischen Wissenschaft „sofort gegeben, zugestanden und gewollt"! Das ist natürlich etwas, was man Dr. Schell anss Wort glauben muß. einen Beweis erbringt er nicht. Diese Jnferiorität erklärt sich auch aus der auf derselben Seite (20) von Dr. Schell ohne jeden Versuch einer Begründung kurzweg behaupteten „Mediocritv sein in aristisch er Systematik". Beigefügt ist noch die verdächtigende Bemerkung, man könnte, wenn man den Stimmungen, wie sie in den (in allen?) katholischen Kreisen künstlich genährt werden, auf den Grund geht, eher sagen, jedes Streben nach Förderung der Theologie, das über das Maß und die Mediocritü seminaristischer Systematik hinausgeht, bringe die Gefahr der Verdächtigung mit sich. — Also tiefere Ausbildung bieten nnr die theologischen Fakultäten der Universitäten! Liegt diese etwa der seminaristischen Systematik gegenüber in der Systcmlosigkeit? Hat weiterhin die Erfahrung — diese allein ist hier maßgebend — den Beweis geliefert, daß die an Universitäten gebildeten 215 Theologen den an den Lyceen und sonstigen theologischen Lehranstalten gebildeten an Tiefe der Kenntnisse überlegen sind? Wir haben ja in Bayern Diöcesen, wo sie in der Praxis nebeneinander wirken. — Viele Professoren sind von den Lyceen an die Universitäten übergegangen. Lehrten diese etwa an den Lyceen weniger tief als an den Universitäten? Ist in sie beim Uebcr- tritt an die Universität sofort der Geist der Tiefe gefahren? Ist vielleicht gar der Geist der Tiefe an den Universitäten erst neueren Datums? Eigenthümlich mnthct es an, wenn es Seite 20 als ein für das Ansehen der katholischen Theologie und des von ihr im Gebiet der Wissenschaft vertretenen Offcnbarungsglaubcns bedenklicherer (als das äußere Miß- verhältniß der Zahl) Umstand bezeichnet wird, daß es ihr unmöglich gemacht ist, für gesteigerte wissenschaftliche Anstrengungen und hervorragende Leistungen jene isdeale Anerkennung zu erringen, welche in der größeren Anziehungskraft auf die stndirenden Kreise liegt. Trotz des verschleiernden Ausdrucks tritt hier das subjektive, persönliche Moment zu deutlich hervor. Die wissenschaftlichen Anstrengungen macht nicht die Theologie, sondern der Theologe, ihm eignen die hervorragenden Leistungen und die Anerkennung. Die ideale Anerkennung in vorstehender Gestalt ist zudem nicht immer frei von einem sehr realen Beigeschmack. Seite 21 findet sich der Satz: „Oder glaubt man etwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lchrseminaricrr. sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den theologischen Universitätsfakultäten gleich- oder nahestehende Hochschulen"? Dr. Schell steht hiebet nach allem auf der Seite der weltlichen Fakultäten. — Nun ob sie für gleich- oder nahestehend gehalten werden, darauf kommt es zuletzt nicht an, wenn sie es nur in der That sind. Und daß sie es find und bleiben, dafür lasse man getrost sie se lber sorgen. Die Praxis wird hier mit ihrer unerbittlichen Logik entscheiden. Ucbrkgens theilen in dieser Beziehung die theologischen Fakultäten an den Lycceu nur das Schicksal derjenigen an den Universitäten. Oder glaubt Dr. Schell wirklich, daß unter den heutigen Verhältnissen in der That die theologischen Fakultäten an den Universitäten den weltlichen von deren Vertretern wissenschaftlich gleichgestellt werden? Ich glaube, er braucht nicht weit zu gehen, um gegentheilige Bestrebungen zu finden. Der Verband der theologischen Fakultäten mit den übrigen wird heutzutage leider als ein lediglich äußerer betrachtet. Nach dem Standpunkt der modernen Wissenschaft ist das gar nicht anders möglich. Zur Erläuterung sei es gestattet, hier etwas in die Tiefe zu gehen. Nach christlicher Anschauung gibt es eine Natur und eine Uebernatur. Beide haben in letzter Instanz einen und denselben Grund, ein Widerspruch zwischen beiden ist unmöglich, freilich auch eine „vollkommene Gleichung". Beide sind Gegenstand der Wissenschaft, insoweit sie mit dem Menschen in Beziehung treten, also etwas Gegebenes für ihn sind. In den natürlichen oder weltlichen Wissenschaften ist der forschende Geist an das in der Gesammtnatnr Gegebene gebunden und durch dasselbe gebunden, in der Theologie an das und durch das in der übernatürlichen Offenbarung Gegebene, weil diese der Weg ist, auf welchem die Ucbcr- uatur in Beziehung mit dem Menschen tritt. Auf Grund des Urverhältnisscs zwischen Natur und tlcber- natnr ist einerseits vis zu einen! gewissen Grade ein denkendes Aufsteigen von der Natur znr Uebernatur möglich, anderseits wirft die übernatürliche Offenbarung auf vieles Natürliche ein klareres Licht. Wissenschaftlich steht also die Theologie in ihrem Gebiete der weltlichen Wissenschaft völlig gleich, ist in demselben gerade so sclbstständig, gerade so frei, wie diese in dem ihrigen. Ja beide Gebiete sind begrenzt, das der Natur ebenso, wie das für uns gegebene der Uebernatur. Ueber das begrenzte Weltall (metaphysisch unbegrenzt wird es kanni Jemand nennen) kommt der Naturforscher unter keinen Umständen hinaus, tvenn er bei der Wahrheit und damit bei der Wissenschaft bleibt. Als Wissenschaft steht also die Theologie in keiner Weise den übrigen Wissenschaften nach und gehört dem Urverhältniß entsprechend in den Gesammtorganismns der Wissenschaften überhaupt hinein, also auch in den Gesammtorganismus der Vertretung derselben. Nun uegirt aber die moderne Wissenschaft nicht blos die Existenz des Ueber natürlichen, sondern großenthcils auch die des Uebersinnl ichen. Wenigstens läßt sie einen wissenschaftlichen Beweis dafür nicht gelten. Daß es auch für das thatsächliche Vorhandensein der Natur keinen Beweis für den gibt, der seinen Sinnen nicht glauben will und das, was diese ihm sagen, wcgintcrpretirt und wegphilosophtrt, ist dabei freilich vergessen. Conscquenterweise wird aber von einer solchen Anschauung aus der Theologie der eigentliche wissenschaftliche Charakter abgesprochen und dieselbe nur npthgcdrungcn an den Universitäten geduldet. Was nach dieser Anschauung von der Theologie noch etwa übrig bleibt, Religionsphilosophie, Religionsgcschichte, vergleichende Religionswissenschaft und dergleichen, gehört eigentlich in die philosophische Fakultät. Eine Stärkung der theologischen Fakultäten an den Universitäten ist daher nicht nur sehr wünschenswert!)« sondern in gewissem Sinne sogar Bedürfniß. Der von Dr. Schell eingeschlagene Weg führt nicht zum Ziele. Connivenzen irgend welcher Art gelten eher als Schwäche. Ich glaube, die größte Stärkung finden diese Fakultäten, wenn sie möglichst innige Fühlung mit dem Leben suchen, vr. Schell wird mir entgegnen, daß er das ja gerade wolle. Ich bin auch von seinem guten Willen vollständig überzeugt. Aber seine Anschauungen führen zu einer Monopolisirung, und damit auch zur Jsoltruug der Theologie. Er kämpft gegen eine Art Jesuitenring r er sollte daher nicht einen anderen Ring intcudircn. Damit sündigt auch er gegen die katholische Wissenschaft, der in meinen Augen nichts Schlimmeres widerfahren könnte, als eine Art Monopolisirung nach gewissen Mustern. Die Stellung der katholischen Theologiefakultäten zum Leben ist doch eine ganz andere, als die der übrigen Fakultäten. Das darf bei aller Betonung der völligen Gleichberechtigung nie vergessen werden. Daß die Scheu des Geistlichen vor dem Weltliche», die theoretische Loslösung des Ueberuatürlichen vom Natürlichen unberechtigt ist, darin stimme ich mit Dr. Schell vollkommen aus dem einfachen Grunde übercin, weil das Uebernatürliche nur mittels des Natürlichen erreicht werden kaun, weil es auf Erden Geistliches ohne Weltliches überhaupt nicht gibt, weil niemand geistlich sein kaun, er sei denn zuvor und zugleich auch weltlich, weil in einen, Menschen, der kein natürliches Leben hat, sicher auch kein übernatürliches entsteht. Es hat es noch niemand soweit gebracht, von der Luft zu leben, und selbst diese ist etwas sehr Natürliches. Daß diese Loslösn»» 216 aber eine Nachwirkung der statistischen und nominalist- ischcn Ncligkonsauffassung ist, scheint mir etwas weit hergeholt. In der jüngeren Vergangenheit sind doch die thomistlschen und realistischen Anschauungen so ziemlich allgemein herrschend gewesen. Ich sehe darin einfach eine unverständige Verkchrung der Negirung des Weltlichen und Natürlichen als Selbstzweck in eine Negirung desselben schlechthin. Da diese widernatürlich und also undurchführbar ist, so macht sich das Gegentheil in der Wirklichkeit naturgemäß von selbst geltend. Daß aber solche verkehrte Anschauungen die religiöse Durchdringung des Weltlichen hindern, darin hat Dr. Schell nur zu sehr recht. Um noch einen von Dr. Schell vorübergehend gestreiften Punkt zu erledigen: Abstrakt ist es freilich richtig, daß die naturwissenschaftliche oder realistische Bildung an sich nicht minder geeignet ist, die Gymnasialschule für den Idealismus zu werden, wie die altsprachlich-humanistische Gymnasialbildung. Die Natur- wissenschaft hat jedenfalls gerade so gut eine ideale Seite, wie die sog. Humaniora recht banausisch betrieben werden können. Wer aber auf diesem Gebiete einige Erfahrung hat, der wird mit mir sagen, daß es eine wichtige Aufgabe der nächsten Zukunft ist, zwischen beiden Richtungen den echt goldenen Mittelweg zu finden, nicht zuletzt im Interesse der Theologie. Die Einleitung in den Abschnitt „Freiheit des Denkens und kirchliche Autorität" möchte fast den Gedanken nahe legen, als halte Dr. Schell einen foliden, geordneten Studicnbetricb mit der Freiheit des Denkens und Forschend unvereinbar, erblicke darin eine Art Knechtung des Geistes. Als ob damit sich nicht eine Propaganda des Gedankens verbinden ließe! Als ob ein geregelter Studicngang mit Mechanismus und Bevormundung gleichbedeutend wäre! Als ob die Fakultäten an den Universitäten in den einzelnen Fächern nicht auch einen geregelten Gang einhielten! Die moderne Wissenschaft verdankt zudem ihre wirksame Propaganda nicht der akademischen Lehr- und Lernfreiheit, sondern einer ganz anderen Freiheit, die sie im Gefolge hat — der Verabsolntirung des Menschen, besonders in wissenschaftlicher Beziehung, mit ihren unausbleiblichen Folgen. Was Dr. Schell unter Freiheit des Denkens versteht (S. 24. 28), bleibt freilich ein Ideal, ist aber darum nicht minder selbstverständlich wie vieles andere, das trotzdem auch Ideal bleibt — nämlich die Freiheit von allen Vorurtheilen. Diese Begriffsbestimmung, so sehr sie weiter ausgeführt wird, hätte ich doch lieber nicht gelesen. Dr. Schell betont wiederholt, die Universität habe ihre Candidaten auch das Denken zu lehren; da hätte es ihm doch bestallen sollen, daß ein negativer Begriff leer und nichtssagend ist. Die Freiheit des Denkens soll doch überall die gleiche sein. Auf Grund seines Begriffes aber ist eine Gleichheit nicht herzustellen, einmal weil er negativ ist, und zweitens weil zwar der Begriff „Vorurthcil" in sich feststeht, die Anwendung desselben aber eine überaus unsichere und mannigfaltige ist. Was ist nicht alles Bor- urtheil für die moderne Wissenschaft! Dr. Schell sagt zwar S. 25: „Das gründliche Denken ist das freie Denken"; aber die Erklärung ist wieder negativ, und dabei findet sich der sonderbare Satz: „Weder falsche Annahmen noch außer acht gelassene Thatsachen stellen dgs Urth eil bestimmen". Wie außer ach: gelassene Thatsachen ein Urtheil bestimmen sollen, ist mir nicht klar. Ich weiß freilich recht gut, was Dr. Schell sagen will: Man darf nicht absichtlich Thatsachen unerforscht lassen oder erforschte übergehen. Aber das ist kein Denken mehr, weil Willkür. Wer glaubt zudem nicht gründlich zu denken, und worin besteht das Kriterium für ein solches Denken? Die moderne Wissenschaft versteht unter Freiheit des Denkens nicht die Freiheit von Vorurtheilen. Mit diesen hat sie ja nach ihrer Anschauung gründlichst aufgeräumt, und wo sich etwa noch eines bemerklich macht, wird es schleunigst und gründlichst abgethan, vor allem das vermeintliche Vorurthcil, daß es noch eine andere Autorität gibt als die Wissenschaft selbst. Die Freiheit deS Denkens und der Wissenschaft im modernen Sinne besteht in der Forderung, daß nur die Wissenschaft selbst ihre Resultate zu beurtheilen, zu bestätigen oder zu verwerfen hat, und keine Autorität, sei sie weltlich oder geistlich. Die echte Wissenschaft — man braucht sie nicht frei zu nennen — kommt freilich niemals zu falschen Resultaten. Aber wenn heutzutage jemand von einer Voraussetzung aus zu irgend welchen Resultaten gelangt, so soll keine Autorität befugt sein, Resultate und Voraussetzung zu verurteilen, sondern nur die Wissenschaft (vgl. das Citat aus dem Deutschen Protestantenblatt S. 29). Eine solche Freiheit kann der Katholik niemals für sich in Anspruch nehmen, ebenso nicht jene Freiheit, die in einer behaupteten Voraussetzungslosigkeit besteht, welche freilich in Wirklichkeit einer willkürlichen Annahme in der Regel so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. S. ist die Freiheit in der Wissenschaft (im Denken gibt es keine Freiheit) und die Willensfreiheit nicht gehörig auseinander gehalten. Es ist falsch, daß nur die allseitig erfaßte Wahrheit und Güte die Vernunft und den Willen ohne weitcrs gefangen zu nehmen und jedes Widerstreben innerlich zu überwinden vermag. Dies gilt nur für den Willen; dieser ist nur durch die volle Erkenntniß, z. B. des Zieles, gebunden. Die Wahrheit aber muß denkend anerkannt werden, soweit sie eben erfaßt werden kann»' selbst wenn dies nur in einem geringen Maße der Fall ist. Im Denken selbst gibt es keine Willkür, sondern unbedingte Gesetze, deren Ueberschreitnng das Denken in das Gegentheil verkehrt, was beim Willen nicht der Fall ist. Daß es zur Freiheit des Denkens gehört, alle möglichen Richtungen zu prüfen, alle möglichen Erklärungen zu versuchen, ist gar nicht richtig: dies gehört zum Denken selbst oder besser zur Vollständigkeit, zur Schärfe und Tiefe desselben. Der ist kein Denker, sondern verfährt willkürlich, der alle Möglichkeiten entweder nicht finden kann oder nicht erwägen mag. Bei der Besprechung mancher Vorurlheile (S. 28) hätte ich bei dem Vorurthcil, die Erde sei der ruhende Mittelpunkt der Welt, den Beisatz: „zumal wenn man an die Offenbarung und Menschwerdung Gottes auf Erden glaubte" gerne vermißt. Es mag ja sein, daß subjektiv dieser Glaube jenes Vorurthcil verstärkt, aber die Ausdrucksweise legt den Gedanken nahe, als ob derselbe an sich dieses Vorurthcil zu befördern geeignet sei. Auf die Auseinandersetzung mit dem Teutschen Protestanrcnblatt S. 29 ff. einzugehen, liegt keilt Grund vor. Mit derselben kann man im ganzen vollkommen einverstanden sein. Nur einige Sätze nöthigen mich zu richtigstellenden Bemerkungen. In dem Satze S. 34: „Die katholische Theologie, wenigstens an den deutschen Universitäten, hat keinen Grund dazu gegeben, zu sagen, sie setze in philosophischer, historischer oder exegetischer Ergrnndnng der Wahrheit irgendwo eine Schranke ihrer Forschung", hätte ich die Worte: philosophisch, historisch und exegetisch unterstrichen gewünscht, weil dadurch der Satz jeder möglichen Mißdeutung entrückt wäre. Die Worte: „wenigstens an den deutschen Universitäten" wären besser weggeblieben, weil darin eine ungerechtfertigte Verdächtigung anderer Kreise liegt. Welche Kreise trifft sie? Richtig ist ferner, daß sich die Theologie nicht blos mit der wissenschaftlichen Rechtfertigung der Kirchenlehre, sondern mit dem tieferen Eindringen in die ewige Wahrheit zu befassen hat (S. 34). Die Kirchenlehre soll ja wissenschaftlich, denkend erfaßt werden. Bedenklich aber ist der Satz: „Die Vernunft ist es ja, mit der sie (die Theologie) zu verhandeln hat: und darum darf kein unlösbarer Rest in der wissenschaftlichen Rechnung bleiben." Ich sehe nicht ein, >vaS es mit der Vernunft zu verhandeln gibt. Diese ist ja doch blos Organ und Mittel zur Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit! Es wäre doch sonderbar, wenn wir mit dem Mittel zur Erkenntniß, das uns Gott gegeben, erst verhandeln müßten. Zudem müßte, da nicht das Abstraktum Theologie mit der Vernunft verhandeln kann, diese zuletzt selber mit sich verhandeln. — In der „wissenschaftlichen Rechnung", d. h. soweit eben die Wissenschaft reichen kann, darf freilich kein unlösbarer Rest angenommen werden. Wo aber sind ihre Grenzen? Wie steht es mit den eigentlichen Gehcimnißlehren? Um jede Mißverständlichkeit auszuschließen, hätte doch irgendwie angedeutet werden sollen, daß eben die wissenschaftliche Rechnung eine begrenzte, bedingte ist. S. 35 ist es als ein Grundsatz des Glaubens hingestellt, daß eine „vollkommene Gleichung" sei zwischen Wahrheit und Offenbarung. Wird der Ausdruck „vollkommene Gleichung" wörtlich genommen, dann ist mir von einem solchen Grundsatz nichts bekannt, er müßte denn in dem platten Sinne zn verstehen sein, daß aller Offenbarungsinhalt wahr ist. Ist er in dem Sinne genommen, daß zwischen Wahrheit und Offenbarung — beide sind ja Wahrheiten — nicht nur kein Widerspruch, sondern in letzter Instanz Uebereinstimmung — diese ist aber keine Gleichung — stattfinden müsse, dann ist mir dieser Grundsatz selbstverständlich. Bestünde eine vollkommene Gleichung zwischen Wahrheit und Offenbarung, so müßte eine solche auch zwischen Natur und Uebernatnr bestehen. Das wird aber Niemand behaupten. Darin hat Dr. Schell freilich vollkommen recht, daß das Vordringen zn den tiefsten Gründen und zu der genauesten Bestimmung des Thatsächlichen auf Seiten der Offenbarung einerseits wie der natürlichen Erkenntniß anderseits zugleich die beste und einzig mögliche Vertheidigung der Offenbarnngswahrhciien ist; denn der letzte nnd tiefste Grund ist beiderseits einer und derselbe. Wir stehen aber vor zwei verschiedene» Gebieten seiner Wirksamkeit. Der Grund ist ja ein freier; wäre er ein nothwendiger, dann ließe sich allenfalls von einer vollkommenen Gleichung reden. Eine Schranke für die Freiheit der Theologie anerkennt auch Dr. Schell — die ernstlich sie Verantwortlichkeit der Kirche gegenüber (S. 38). Leider wird er auch da sofort doppelsinnig: „Die Verantwortlichkeit ist allerdings eine Schranke der Freiheit, aber eine innere Schranke: denn Freiheit und Verantwortlichkeit stehen und fallen miteinander." Hier wird Dr. Schell einerseits seinem Freiheitsbegriff untreu — im Freisein von Vorurteilen gibt es keine Schranke —, anderseits kann die innere Schranke eine doppelte sein: Eine Schranke i m Gegenstand der Forschung und eine solche in der Person des Forschers. Erstere ist völlig unbedenklich und selbstverständlich. Nun nimmt aber Dr. Schell offenbar die innere Schranke im zweiten Sinn: Der Forscher darf soweit gehen, als er es verantworten kann. Die Frage ist: Vor wem? Wenn vor der Kirche, dann ist die Schranke eine äußere; wenn vor seinem eigenen wissenschaftlichen Gewissen, dann ist die Schranke zwar eine innere, aber zugleich dem Subjektivismus Thür nnd Thor geöffnet. Das wissenschaftliche Gewissen ist ein sehr unbestimmtes und unbestimmbares Ding, von sehr verschiedener Enge und Weite. Virchow's wissenschaftliches Gewissen ist z. B. jedenfalls viel zarter und ernster als das Häckel's. Auf S. 41. 42. 43 und auch späterhin finden sich so treffliche Bedanken ausgesprochen, daß ich sie mit ivahrer Freude gelesen habe und mit dem Wunsche, die übrigen Partien des Schriftchens möchten diesen gleichen. In dem Abschnitt „Conservatismus und Fortschritt" findet sich S. 46 eine Bemerkung von „dem immer höher steigenden Standpunkte der vorwärtscilcnden Zeit", die darauf hindeuten könnte, daß Dr. Schell in etwas dem sog. Progressismus huldige. S. 54 ist aber diese Annahme eingeschränkt durch den Satz: „Darum ist ein ständiger Wechsel zwischen konservativen und fortschrittlichen Geistesrichtnngen in ihrer Herrschaft über die große Masse der maßgebenden Volkskreise, ähnlich wie Ebbe und Muth, ja wie Perioden des Stillstandes mit solchen des Fortschritts in der Entwicklungsgeschichte der Schöpfung abwechseln." Den Satz S. 47: „Jede Erweiterung des Wissens bedeutet zugleich eine Vertiefung und Läuterung desselben" möchte ich nicht ohne weiters unterschreiben. Um ihm einen richtigen Sinn abzugewinnen, muß „Erweiterung des Wissens" in einer ganz bestimmten Bedeutung (Erschließung eines neuen Gebietes oder wenigstens eines neuen Gesichtspunktes) genommen werden. Mit Recht verweist Dr. Schell darauf, daß die Wissenschaft, mag sie welcher Art auch immer sein, der Hypothesen nicht entbehren kann (S. 47). Sie kann dies nicht schon aus dem einfachen Grunde, weil sie alle Möglichkeiten zu erwägen nnd alle Erklärungsversuche anzuwenden nnd zu beurtheilen hat. Hypothesen finden sich daher in jeder Wissenschaft, auch in der Theologie. Was sind denn der Angnstinismus, Thomismus, Molinismns, Probabi- lismus u. s. w. wissenschaftlich betrachtet anders als Hypothesen? Freilich sollen die Hypothesen als solche bezeichnet und nicht als ausgemachte, alleinige Wahrheft hingestellt werden. „Die Wissenschaft ist ihrer innersten Natur zufolge eine fortschrittliche Macht" (S. 47). Dies ist voll anzuerkennen, weniger aber die Begründung dadurch, daß der Gedanke selber der geborene Kritiker ist nnd nur durch Unterscheidung bethätigt werden kann. Wo bleibt das Erfassen dessen, was unterschieden werden soll? Ist die Gedankenarbeit lediglich die des Unterscheidens, Auf- lösens, wo bleibt dann ein Sicheres in der Wissenschaft? 218 Es mag HIemlt im Zusammenhang stehen, daß Dr. Schell S. 53 von der wahrhaft konservativen Wissenschaft ein „Aufbauen" verlangt. Ich hätte den Ausdruck „Weitcr- baueu" lieber gelesen, obwohl auch zum Aufbau ein Sicheres und Bleibendes nothwendig ist. Man kann weder auf Flugsand noch mit bloßem Flugsand bauen. Vollständig mißglückt ist S. 48 und S. 52 die Darstellung des Verhältnisses Christi zu dem damaligen Pharisäismus und Sadducätsmus, überhaupt zum Alten Bunde, gegenüber der Frage, ob manche geschichtlich herausgebildeten Formen der Gegenwart festzuhalten oder zu ändern sind. Die Formen des Alten Bundes hatten ja nach göttlicher Bestimmung ihr Ende erreicht; Christus war gesandt, diese Bestimmung zu vollziehen. Wer kann in der Gegenwart eine solche Sendung für sich in Anspruch nehmen? Ist alles überlebt, was der Einzelne dafür hält? Warum hier nicht der Entwicklung, dem Gange der Zeit vertrauen? Diese Fragen kann man ganz gut stellen, ohne einem falschen Konservatismus z» verfallen. Sehr auffallend war es mir, daß S. 52 sogar der Begriff „Unsterblichkeit" nicht richtig gefaßt ist. „Unsterblichkeit ist darum des Geistes Lebensform: unsterblich ist indeß nicht die Daseinsform des Starren, sondern des unerschöpflichen Wachsthums." Wie steht es da mit der Unsterblichkeit nach diesem Leben? („Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen.") Die Konsequenzen aus dem angegebenen Unsterblichkeitsbegriff führen soweit, daß ich ein Eingehen in dieselben unterlassen muß. Was Dr. Schell über das Ideal des Katholicismus sagt, kann man ganz gut unterschreiben. Die Bezeichnung „Longobardensproß Thomas von Aquin" (S. 56) ist geschmacklos. Der starke Ausdruck: „als ob man es für das höchste Kriterium der Kirchltchkeit hielte: Oreäo guia ubsuränw" hätte durch Abwesenheit dem Schriftcheu nicht geschadet. Die Uebersetzung von Omars Spiritus lauäet vowiaum, ks. 150 mit: „Auch jeder Nationalgeist lobpreise den Herrn"! ist wenig geistreich, da ja ein solcher Geist für sich nicht existirt. Die Anführungen Or.Schcll's von Cardinal Manning übergehe ich, da sie als geschichtlich nur nebenbei zur Sache gehören und etwas Unrichtiges dadurch nicht richtig wird, weil es noch ein zweiter sagt. Auch übergehe ich, was Hiebei über die Jesuiten gesagt ist. Diese werden sich wohl selbst rühren; sie sind auch allein im Stande, eine richtige und vollständige Darstellung des Sachverhaltes zu liefen:. Uebergehen kann ich aber nicht, weil es auch mir Herzenssache ist, daß der Clerus der Gegenwart in seinen Predigten weniger auf Schönheit und Gefälligkeit, als auf wissenschaftliche Tiefe und Gründlichkeit in möglichst populärer und verständlicher Form (auch den Gebildeten gegenüber) sein Augenmerk richten soll. Die Schönheit und Gefälligkeit der Predigten ergibt sich dann von selbst. Aus dem Nachwort hebe ich nur eine Stelle (S. 90) hervor: „Man ziehe sich nicht von den Universitäten zurück, um die Theologie und die Theologen in Seminarien möglichst weltfremd und untüchtig für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, zu machen"! Mit der Weltfremdheit in den Seminarien hat es noch gute Wege, ebenso mit der Untüchtigkeit. Man strebe doch kein Monopol an, und lasse auch andere ihre Schuldigkeit thun! Gründliche Bildung läßt sich auch außerhalb der Universitäten vermitteln, und wo diese vorhanden ist, ergibt sich die Weltklngheit bei etwas gesundem Menschenverstand von selbst. Uebrigens sehe man sich in Städten um wie Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach, Bayrcuth u. s. w. Dort wirkt ein Clerus, der durch- gehends an einem Lyceum und in einem Seminar gebildet ist. Ueber Weltfremdheit und Untüchtigkeit desselben für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, habe ich noch keine Klage gehört, obwohl dieser Mangel am ersten an solchen Orten sich geltend machen müßte. Einen Erfolg wünsche ich der Schrift Dr. Schell's aus ganzem und vollem Herzen. Möge sie den Anlaß geben zur etnmüthigen und allseitigen Hebung und Förderung der katholischen Wissenschaft! Dabei wird Jedermann gerne den theologischen Fakultäten an der Universität eine ehrenvolle Prärogative zuerkennen, wenn sie verdient ist. Jeder, auch der entfernteste Versuch einer Monopolisirung der katholischen Wissenschaft ist aber mit aller Kraft zu bekämpfen, weil er dem Wesen dieser Wissenschaft zuwider ist. In den weltlichen Fakultäten ergibt sich vielfach ein gewisses Monopol von selbst, weil nur ihnen die ausreichenden Mittel zur wissenschaftlichen Forschung zu Gebote stehen. Die katholische Wissenschaft hat auch in dieser Beziehung einen Vorzug der Freiheit, der ihr für alle Zeiten gewahrt bleiben soll. Zum Schlüsse kann ich es mir nicht versagen, daraus zu verweisen, daß der Jubel über die Schrift von liberaler und protestantischer Seite rein unverständlich ist. Der Titel schon hatte nach dieser Seite hin doch etwas stlchig machen sollen. Wenn der Katholicismus das Princip des Fortschritts ist, wie steht es dann mit allein, was mit ihm in Widerspruch steht? Man hat wieder einmal vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen! Zur Geschichte des Kreuzweges. (Letztes Wort.) kV k. 8. Es war vorauszusehen, daß der um die Palästinaforschung vielverdiente Professor Dr. Sepp auf die Ausführungen zur Geschichte des Kreuzweges replrciren und seine Ansicht, daß die Wohnung des Pilatus zur Zeit Christi auf dem Sion gewesen sei, vertheidigen würde. Doch vollgiltige Beweise hat er nicht vorgebracht, und widerlegt hat er auch nichts: vornehme Machtsprüche können dafür nicht gelten. Was es mit dem Zeugnisse des Philo für eine Be- wandtniß habe. ist bereits angegeben. Es steht kein Wort darin, daß PilatuS in dem Palaste des Herodes gewohnt oder immer gewohnt habe. Er erzählt nur, daß Pilatus an „der Königsburg des Herodes" und wiederum am „Hause der Statthalterei" goldene Schilde aufhängen ließ. Aber gerade das. was man vor Allem erwartete: „an seiner Wohnung", fehlt bezeichnender Weise. Er wollte eben nur den Juden seine Macht und seinen Trotz zeigen. Dieses erhellt auch daraus, daß er später sogar ein Standbild im Heiligthum des Tempels aufstellen wollte. Aber das „Haus der Statthalter"? Nun das war die Königsburg ja wirklich, weil dieselben dort zu wohnen pflegten, wenn sie nach Jerusalem kamen. Doch stand ihnen noch eine andere sichere und prächtige Wohnung zur Verfügung, die Burg Autonia. Auch diese hatte Herodes gebaut, und was der baute, war immer königlich, vr. Sepp nennt sie verächtlich Tempelkaserne. Sie diente aber nicht blos zum Schutze des Tempels, sondern der ganzen Stadt, weßhalb sie eine dreifache Wache hatte. Bezüglich der innern Einrichtung nennt sie Fl. Josephus einen Königspalast, Herodes selbst hatte darin gewohnt, der nachmalige Kaiser Titus während der Belagerung, später die islamitischen Herrscher mit ihrem Harem. Der Königspalast des Salomo mit seinen vielen Frauen und Helden war auch nicht größer. Es ist wirklich seltsam, daß der Herr Professor die kriegerischen Römer in einem zum Aufruhr geneigten Lande für so zimperlich hält und selbst 219 die Frau Proele für sich ins Feld führt. Soldaten lagen allerdings auch dort, und zwar ziemlich viele; aber es war auch Platz genug für sie da in einer besonderen Abtheilung. mehr als in der alten Davidsbura. da die Räumlichkeiten einer ganzen Stadt glichen. Dazu hatte sie den Vorzug einer so großen Festigkeit, daß die Römer sie gar nicht anzugreifen wagten, sondern lieber ungemein schwierige Dämme durch den Teich errichteten und neben der Burg durch die Mauer des Tempelplatzes eindrangen. Warum sollte Pilatus, der gewaltthätige und rücksichtslose Mann, einen so einladenden Vortheil nicht erkannt und benutzt haben? Warum so engherzig sein und ihm blos eine einzige Wohnung zu lassen? Herrscher haben auch sonst mehrere Wohnungen und wählen sie. Kaiphas hatte außer seinem Hause auf dem Sion seine Amtswohnung im Nathhause. Pilatus war nicht so unklug wie Sabinus oder gar Festus, der sich auf die Antonia retten wollte, aber nicht konnte. Gegen ihn wagten auch die Juden keinen Aufruhr (nur Galiläer, Parteigänger des Herodcs, versuchten einen Putsch, der aber kläglich mißlang), sondern ergriffen das Mittel der Anklage beim Kaiser. Die Civilvcrwaltung bei den Juden war damals dem Hohenpriester und seinem Beirathe überlassen. Den Oberbefehl über das Militär aber gab kein Statthalter aus der Hand. Aus den Evangelien geht unzweideutig hervor, daß er die ganze Cohorte zur Verfügung hatte und zur Geißelung sofort verwendete. Ebenso hatte er vorher die Galiläer im Tempel niederhauen lassen, was zur bekannten Feindschaft mit Herodes führte. Gerade von diesem Oberbefehl, welcher Ünterbefehlshaber natürlich nicht aus-, sondern einschließt, rührt der Name Prätorium her, an den sich dann der Begriff „Richthaus" knüpfte. Jener Name eignet eigentlich mir dem Stand- gnartier, und das war die Antonia. Dahin also (in xras- torium) führte man den göttlichen Heiland (Joh. 18, 28). Uebrigcns ließen es sich die Statthalter nicht nehmen, zu richten, wo sie wollten; Pilatus richtete einmal in der Rennbahn. (Jos. II. 9.) Das ist das Prätorium, welches nach dem heiligen Cyrillns zerstört wurde. Warum denn nicht? Berichtet ja auch Fl. Josephus, daß die Antonia geschleift wurde, und Christus der Herr sagte, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde. vr. Scpp will jetzt glauben machen, daß das Serail in der ehemaligen Burg dcii Anlaß gab, die Wohnung des Pilatus dort zu suchen. Es ist schon viel, daß er die Beschuldigung gegen die Franziskaner nicht mehr aufrecht erhält. Allein die Tradition für die Antonia bestand schon Jahrhunderte lang vor den Muhamedanern. Der Kaiser Heraklius (628) fing auch seine Krenztragung dort an. Den nahen Teich habe ich keineswegs Israel, sondern Jsrain genannt, wiewobl Banrath Schick, der 60 Jahre lang schon in Jerusalem wohnt, und Andere ihn so nennen. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Türken das aus dem Persischen entlehnte und noch gebrauchte Wort Serai (Konstantinopel) sollten in Jsrain verwandelt haben. Labe auch mit keinem Worte gesagt, daß Pilatus den Palast des Herodes das ganze Jahr habe leer stehen lassen?) Habe kein Wort gesagt, daß auf dem Sion auch ein Lithostrotns gewesen sei, sondern gerade das Gegentheil. Ob der Leoo Homo - Bogen von der Antonia oder dem Triumphbogen des Hadrian herrührt, ist nicht mehr auszumachen, ledenfalls zeugt er von der Tradition in jener Gegend. Diese lag zwar außerhalb der zweiten Mauer, aber in der stark bevölkerten Neustadt, welche später von Ngrippa auch noch mit einer Mauer umfangen wurde?*) „Tobler hat sich mit der Frage gar nicht besaßt." Dieses erweckt den Schein, als wenn meine Angabe erfunden wäre. Mit der Streitfrage hat er sich freilich nicht befaßt, dafür habe ich ihn anch nicht angezogen, wohl aber mit der Topographie des Kreuzweges, wie nicht leicht ein zweiter; in seiner Topographie von Jerusalem Band I Seite 220—267. Die angeführte Aeußerung steht S. 26-1. Dinge, welche der Gegner nicht behauptet hat, lassen sich ") Es wäre zuviel zu behaupten, daß Pilatus niemals im Westen Wohnung genommen; aber noch viel mehr, daß er nie, besonders in kritischen Zeiten, die Antonia benutzt habe. I Das Thor Benjamin war eher auf der Nord- vstscite. leicht widerlegen. Noch bequemer ist es, ex outbeär» Jeden mit dem unfehlbaren Anathem zu belege», der das Gegentheil behauptet. Recensionen nnd Notizen. Geschichte der Weltliteratur von Alex. Baum- gartn er. 8. ?. Frciburg. Herder. 1897. 8°. Bd. I. Lieferung 1 u. 2. L 1 M. 20 Pfg. 8 Dieses Werk will in allgemein verständlicher, anziehender Form eine ausführlichere Darstellung der gestimmten Weltliteratur geben, als sie, wegen engerer Begrenzung des Raumes, bisher von ähnlichen Werten geboten werden konnte. Es ist auf 6 Bände berechnet: I. die Literatur Westasiens nnd der Nilländer; II. die Literaturen Indiens und Ostasiens; III. die griechische und lateinische Literatur des klassischen Alterthums und der späteren Zeiten; IV. die Literatur der romanischen Völker: V. die Literaturen der nordgermanischen und slavischen Völker; VI. die deutsche Literatur. Während diese Hauptgruppirung vorzüglich der sprachlichen, nationalen und religiösen Zusammengehörigkeit der verschiedenen Literaturen Rechnung trägt, wird die weitere Gliederung auch die zeitliche Aufeinanderfolge und den gegenseitigen Einfluß derselben in Betracht ziehen. Poetische Proben sollen die Darstellung beleben, und genaue Literaturnachweise werden es dem Leser ermöglichen, sich in der Specialliteratnr der einzelnen Gebiete zurechtzufinden. Dem religiösen Moment, als dem tiefgreifendsten im Geistesleben der Völker, ist die ihm gebührende Stelle gewahrt. Die zwei ersten Bände, welche die sämmtlichen Literaturen des Orients umfassen und kür sich schon einigermaßen ein selbstständiges Ganze bilden, liegen im Manuskript druckfertig vor und werden noch im Lause dieses Jahres erscheinen. Für die anderen Bünde sind bereits ausgedehnte Vorarbeiten vorhanden, so daß dieselben im Laufe der nächsten Jahre werden nachfolgen können. Jeder der Bände bildet ein für sich abgeschlossenes Ganze und wird auch einzeln käuflich sein. Der erste Band wird in circa 7 Lieferungen von durchschnittlich 5 Bogen zum Preise von 1 M. 20 Pfg. pro Lieferung ausgegeben. Der Name des Autors erweckt wie kaum ein anderer Vertrauen, denn der Verfasser hat Proben seines Wissens und Könnens in den mannigfachsten Einzelstudien bereits gegeben. Das Werk verfolgt zwar im allgemeinen das gleiche Ziel mit der Literaturgeschichte von Norrenbcrg-Macke. Allein Grundlage und Rahmen sind, wie die vorliegenden zwei Lieferungen erkennen lassen, viel breiter und weiter. Die Darstellung folgt der Methode Janssen's. Wenn der 1. Band abgeschlossen ist, werden wir ausführlicher darauf zurückkommen; für heute möchten wir die Aufmerksamkeit des Leserkreises der „A. Postzeitung" auf das monumentale Unternehmen hinlenken nnd die Anschaffung desselben aufs Wärmste empfehlen! . Dr. L. (Zur Canisins-Feier.) Unter den zahlreichen Festschrifen zum 300jährigen Gedächtnisse des sel. Petrus Canisius nimmt das von Präses I. B. Mehl er in Regensburg im Selbstverläge herausgegebene handliche Büchlein (136 Seiten Kl.-Oktav) eine der ersten Stellen ein. Namentlich den bayerischenKatholiken ist diese volksthümlich gefaßte, von edler Begeisterung getragene und zum Herzen gehende Schrift des rühmlich bekannten Verfassers auf's allerwärmste zu empfehlen. Mit besonderer Liebe nnd Ausführlichkeit schildert Mehlcr das segensreiche Wirken des großen Jesuiten in Bauern und seine Verdienste um die Erhaltung des kathol. Glaubens in großen Theilen des heutigen Königreiches Bauern, in Oesterreich und der Schweiz. Der sel. Petrus Canisius war nach den Wirren der Reformation in Wahrheit der Apostel Deutschlands. Der Rhein und der Main hörten seine Stimme, und die Berge Tirols vernahmen seine Worte; Böhmen sah ihn auf der Kanzel, Schwaben widerhallte von seinem Lobe. Das schöne Bauerland blieb durch ihn und seine Ordcnsgcnossen der katholischen Kirche treu; in Oesterreich und der Schweiz streute er reichlichen Samen aus. — Wien und Prag, München nnd Jngolstadt, Altölting, Landshnt, Straubing, "Augsburg und Dillingen, Rcgcnsburg und Würzbnrg; Worms. Freiburg im Brcisgan. Trier, Köln. Mainz. Straßbnrg, 220 Osnabrück, Innsbruck rc. rc. sahen ihn in ihren Kirchen und vernahmen seine begeisterten Worte. Die Marianischen Congregationen in München, Landsberg, Augsburg, Regensburg. Altötttng, Bamberg, Würzburg: Passau. Speyer, Elchstätt, Neuburg a. D.. Mindelheim, Anibera, Vurghausen. Stranbing. Landshut rc. verdankten dem sei. Canisius ihre Entstehung. Ueber den Katechismus des Seligen urtheilte Fürstbischof Cardinal Johann Theodor von Regensburg und Freising: „Wenn Bayern rrne kein anderer Stamm mit unwandelbarer Treue an der römischen Kirche festhält, so hat es dieses dem Katechismus von Canisius zu danken, der hierdurch, wie durch sein apostolisches Wirken, Ober- und Niedcrbayern und die obere Pfalz der Kirche gerettet hat." Mchler sagt in der Vorrede mit Recht, es sei eine Ehrensache für die Katholiken. diesen deutschen Glaubenshelden kennen zu lernen, der unserer Zeit so nahe gelebt hat. durch dieselben Straßen gewandelt ist, die wir betreten, in denselben Lebensverhältnissen und unter denselben Schwierigkeiten, denen auch so viele aus uns ausgesetzt sind. für den heiligen Glauben gearbeitet bat. Was wir an dem Mehler'schen Canisius-Büchlein loben, ist vor allem die übersichtliche Eintheilung des Stoffes, die fließende, leichtverständliche und doch gründliche und erschöpfende Darstellung. Die Ausstattung des Werkchens ist würdig und gediegen. Sieben Abbildungen beleben den Text. Als Aiihang ist ein sehr melodiöses Canisiuslied beigefügt, die Composition eines unserer besten Kirchen - Musiker, des Regensburger Stiftskapellmeisters Halter. Im Paradies. Tagcbuchblättcr von H. Hansjakob. Heidelberg, Weiß. 1897. M. 3,60. Hansjakob ist verdientermaßen zu großer Popularität gelangt. Es gibt kein Buch von ihm, welches dem Leser nicht irgend einen Genuß, nicht irgend eine Anregung böte, und man kann es aufrichtig begrüßen, daß von den ausgewählten Schriften des Freibüraer kathol. Stadtpfarrers, welcher wie sein Landsmann Alb. Stolz eine Individualität repräsentirt, die Verlagshandlung eine „Volksausgabe" veranstaltet. Das vorliegende Buch enthält tagebuchartige Reflexionen und Schilderungen aus dem Sommer 1896, da Hansjakob sich in feinern Tusknlum, seinem „Paradies" zu Hofstetten aufhielt. Die Stimmung ist überwiegend elegisch, weltmüde, aber sie langweilt den Leser nie und erzeugt keinen Ueberdrnß. Dafür hat die Darstellung zuviel künstlerischen Reiz und ist der Reichthum an edeln Gedanken zu groß. Der Freimut!), mit dem die begegnenden Personen alle mit Namen und Qualitäten angeführt werden, mag etwas befremdlich erscheinen. Wieland M., Das Cistercienserkloster Schönau im Bisthum Würzburg. 8°. 20 S. Bregenz, I. N. Teutsch, 1897. s Die kleine Monographie, Sonderabdruck aus der „Cistercienser-Chronik" (9. Jahrgang) bietet einen ganz interessanten Beitrag zur Ordens- und Lokalgeschichte. Das Kloster, das uns der Verfasser auch im Bilde vorführt, lag am linken Ufer der fränkischen Saale und war eine Gründung des Friedrich von Heßlar, die Clemens 111. am 25. Mai 1190 bestätigte. In den schweren Zeiten der Reformation und ihrer Folgen hat der stille, weltentlegene Sitz manche Stürme durchgemacht. Die kürze Arbeit erfreut uns durch peinliche, quellenmäßige Genauigkeit der Angaben. Abicht, Kurze Formenlehre der russischen Sprache. 8°. 72 SS. Leipzig u. Wien, R. Gerhard. 1897. M. 1,80. Je mehr die politischen Verhältnisse Anlaß geben, dem ungeheuern Slavenreich des Ostens ein aufmerksames Auge zu schenken, desto gebieterischer tritt auch die Forderung auf, russische Sprache und Literatur, vor kurzer Zeit noch so viel wie unbekannt, zu studiren. So sind in jüngster Zeit ziemlich viele Lehrbücher des Russischen, gute und noch mehr schlechte, herausgekommen. Die sog. praktischen Grammatiken oder Eintrichterungsbücher haben durchweg ein wunderbares Geschick, Zusammengehöriges auseinander zu reißen, um ja nicht systematisch (was man mit pedantisch verwechselt) zu werden. Nichts aber ist in Wirklichkeit unpraktischer und denkenden Menschen, die Ordnung und Gesetzmäßigkeit in allen Erscheinungen erkennen wollen, lästiger. Diesen nun hat der Verfasser obigen Buches einen großen Dienst erwiesen, indem er die russische Formenlehre m vorzüglicher, streng systematischer Anordnung so vollständig darstellt, wie sie selbst in den umfangreichsten „praktischen" Lehrbüchern vergebens gesucht wird. Während diese sich mit Aufzählung von Aeußerlichkeiten begnügen, geht Abicht stets auf die Entstehung der Formen zurück. Einige Jnconseguenzen und Unebenheiten der Orthographie sind uns ausgefallen, so S. 5 „LerkeLti" und unterhalb gleich „ksrtsoti", oder S. 23 „vakiü" (statt „vneat"). Die Ausstattung des kleinen, aber inhaltsreichen Buches verdient alles Lob und macht der Verlagsbuchhandlung, welche die russisä-e Literatur besonders pflegt, alle Ehre. Das Buch bildet das erste Heft eines Sammelwerkes „Hauptschwierigkeiten der russischen Sprache". Dies el G. (o. «s. U.), Die Arbeit betrachtet im Lichte des Glaubens: Ein Beitrag zur Lösung der socialen Frage. 8°. IV -i- 303 SS. M. 2,00; geb. 2,60. Regensburg, Fr. Pustet, 1897 (Ü.). -r. Nachdem die moderne Zeit von dem jungen Seelsorger immer gebieterischer die Beschäftigung mit der socialen Frage erfordert, ist es mit Dank zu begrüßen, wenn erfahrene und bewährte Schriftsteller dem Neuling verlässige Richtpunkte bieten. Die Frage über den Werth der Arbeit im Lichte christlicher Anschauung ist für alle weiteren Erörterungen von grundlegender Bedeutung; sie wird iin vorliegenden Buche mit Klarheit und eingehender Sachkenntnis; behandelt. Der erste Abschnitt handelt in acht Paragraphen von der Arbeit vor und nach dem Sündenfall (einst Lust, jetzt Pflicht), von den Mühen und dem Fluch der Arbeit als Sündenstrafe und den Gründen dieser Art von Strafe. Der zweite Abschnitt führt uns in die Geschichte ein und spricht von der Arbeit vor Christus (eine Schande bei den Heiden) und im Christenthum, wo sie durch Christus selbst geadelt und gesegnet, von der.Kirche geschützt und gepflegt wurde. Der dritte Abschnitt handelt von der Arbeit, wie sie im modernen Leben des Neuheidenthnms, losgelöst von jeder höheren Weihe und der Anerkennung übernatürlicher Beweggründe und Pflichten, beurtheilt wird. Das Schlußwort mahnt angesichts der trostlosen Lage des modernen Arbeitslcbens zur Rückkehr zum praktischen Christenthum. Das Buch. dem wir besonders eine treffliche Verwendung von Stellen ans der hl. Schrift nachrühmen, eignet sich gilt als Lesebuch in Arbeitervereinen und wird sowohl den Leitern solcher, wie auch Predigern willkommene Anhaltspunkte zu Vortrügen bieten. — Oesterreichisches Literatnrblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz S ch n ü r e r. (Administration: Wien, I-, Amra- gasse 9.) Nr. 9 enthält u. A.: Baur I. (Studiendirektor Msgr. vr. A. Fischer - Colbrie. Wien.) — Blaß F., Grammatik des nentestamentlichen Griechisch. (Theol.-Prof.vr.Jos. Schindler,Leitmerrtz.) — Groot I. V. de, Leo XIII. und der hl. Thomas von Aquino. (vr. v. Gr. Pöck, Heiligenkreuz.) — Englert W. Ph., Arbeitergeistliche. (Spir.-Dir. vr. C. Weiß. Wien.) — Strauß D. F., Ausgewählte Briefe. (Hd.)— Güttler C., Psychologie und Philosophie, (vr. Nich. v. Kralik, Wien.) — Michael Emil, Geschichte des des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrh, bis zum Ausgangs des M.-A. I. (A. K.) — Daviosohn Rob., Geschichte von Florenz. I. (vr. HZ. Ferd. Helmolt, Leipzig.) — Ders., Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz. (Ders.) — Mur ko M.. Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der slav. Romantik. I. (Jos. Frbr. v. Helfer t, Wien.) — Conversations-Lexikon: Ärockhaus-Meyer. IV Geschichte. I. (v.) u. s. w. Verantw. Redakteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 32. Beilage zm Dgsömger Weitung. s. Illllk 1897. Luis Coloma's „Lappalien".*) Dem Volke an wahr und frisch gezeichneten Bildern zu zeigen, was Wahrheit, was Lüge, was Tugend, was Laster, was wirkliches Glück, was Unglück sei — das schwebt als ideales Ziel wohl jedem katholischen Romanschreiber vor, der sich seiner Verantwortung bewußt ist. Wer sich für eine gedeihliche Entwickelung dieser Sparte unserer Publicistik interessirt — und das wird wohl jeder, dem die ungeheure Bedeutung einer guten Unter- haltnngsliteratur kein Geheimniß ist —, der wird an den „Lappalien" seine helle Freude haben. Zahllose Klippen hat der zu meiden, der mit allem Ernste dem gekennzeichneten hohen Ziele zustrebt. Manche lassen sich abschrecken, sie bleiben am friedlichen Strande und begnügen sich damit, ihrem Leserkreise eine sogen, anständige Unterhaltung zu bieten. Wir wollen sie nicht tadeln, solange sie nicht diese Strandidylls als Weltmeerscenen gelten lassen möchten, m. a. W. wer den Leser blos angenehm unterhalten will, der sage es auch klipp und klar, daß es sich nur um eine amüsante Spielerei handelt. Tritt der Erzähler aber auf als Lehrer und Erzieher, als Uihrer und Warner, so gedenke er seiner heiligen Pflicht: die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Sie mag oft bitter schmecken — gut, er kleide sie in eine süße Schale, so wird sie accepiirt. Dieses Princip, nur Wahrheit, oft tief beschämende Wahrheit zu bieten, aber in einer Form, die sie dem verwöhntesten Gaumen schmackhaft macht, hat Coloma mit beivundernswerther Consequeuz festgehalten. Coloma ist Priester der Gesellschaft Jesu. Eine Zeit lang sah er das vornehme Madrid um seine Kanzel versammelt; er sagte indeß den hohen Herren und Damen die Wahrheit mit solcher Aufrichtigkeit, daß er bald wieder entfernt wurde. Coloma war nicht der Mann, der sich in gekränktes Schweigen gehüllt hätte; er besteigt kurz entschlossen eine andere Kanzel, von der herab seine Bußpredigt nur um so lauter und durchdringender ertönt. „Wie in früheren Zeiten der Mönch auf öffentlichem Platze einen Tisch bestieg und von da aus den Indifferenten, die nicht ins Gotteshaus kamen, in der kräftigen Sprache jener Zeit kräftige und handgreifliche Wahrheiten sagte, so errichte ich meine Kanzel auf den Blättern eines Romanes. Und von da aus predige ich zu denen, die mich niemals anhören würden, wenn ich zu ihnen anders spräche. Ich sage ihnen in ihrer eigenen Sprache Wahrheiten, die unter den Gewölben einer Kirche sich niemals in ähnlich wirksamer Weise vorbringen ließen" (p>. XIII). Im gesellschaftlichen Leben darf keine andere Moral gelten, als jene, in welcher auch der Einzelne die Norm seines Denkens und Handelns zu erkennen hat: die Moral der 10 Gebote, des Christenthums; jeder Versuch, diese Nothwendigkeit zu umgehen, ist ein Angriff auf die Gesellschaft selbst: — dies das Thema, welches Coloma bis in seine kleinsten Nüancen durchführt, dessen unanfechtbare Wahrheit er handgreiflich beweist. Wie Donnerschläge tönt sein quott ernt äovaorwtranäum, so oft er ein Glied dieses Beweises, eine seiner mit allem modernen Raffinement ausgestatteten Episoden, wahre psychologische Kabinetstückchen, znm Abschlüsse bringt. ) Autorisirte Uebersetzung von Ernst Berg. Berlin vgl'.viL der Romanwelt. Preis 3 M. Es ist die Madrider Aristokratie, welche ihm seine Charakterfiguren bieten muß: entschieden eine glückliche Wahl. Denn was beleuchtet Heller die Abscheulichkeit des Grundsatzes, der für das gesellschaftliche und öffentliche Leben eine andere Moralwährung beansprucht, als die „hausbackne" christliche Moral —, was beleuchtet, sag« ich, die Verabscheunngswürdigkeit dieses so verbreiteten Grundsatzes beller, als der grelle Gegensatz zwischen blendenden aristokratischen Formen und bodenloser Gemeinheit in ein und derselben Persönlichkeit? Erstere, die bestrickenden Formen, sind schuld, besser Anlaß, daß man die letztere tolerirt, entschuldigt, ignorirt, ihr die Salons, die öffentlichen Aemter nicht verschließt. Coloma malt dieses elegante Exterieur in seinem ganzen zauberischen Glänze, aber er malt es in Farben, die uns seinen wahren Charakter sofort erkennen lassen: schillernde, an sich wcrthlose Lappen sind es, hinter denen schmutzige Verworfenheit, mitleiderregeude Thorheit sich verbirgt. Mit so unbarmherziger Rücksichtslosigkeit geißelt Coloma die Thorheiten und Laster der Aristokratie, daß er den Vorwurf hören mußte, er habe sich eines Pamphlets, einer politischen Schmähschrift schuldig gemacht, er „verläumde den edelsten und besten Theil des spanischen Volkes" rc. Coloma verwahrt sich dagegen: „Ich will . . ausdrücklich versichern, daß ich in dieser Erzählung nicht Porträts zeichne, sondern sociale Typen zu schaffen suche. Denn dieses ist nicht etwa eine boshafte Schmähschrift, sondern ein Buch mit hohen moralischen Zwecken" 522 Aum.). Aber auch seinen „socialen Typen" kann ein unparteiischer Leser keinerlei tendenziöse Schwarzfärbung nachweisen. „Madrid ist kein Sumpf. Du und ich und noch viele andere anständige Frauen gehören zu Madrid, und wir stehen, Gott sei Dank, in keinem Sumpfe" — es ist die Marquise von Villasis, die edelste Charaktergestalt des Romans, welcher Coloma diese Worte in den Mund legt, dieselbe, an welche sich auch die versöhnende Lösung des Coufliktcs anknüpft, — „aber es gibt in Madrid einen Sumpf, das ist keine Frage, einen sehr tiefen Sumpf. Doch wer es ernstlich will, kann ihn umgehen... Das Unglück ist nur, daß dieser Sumpf aus kölnischem Wasser zu bestehen scheint; er macht sich von weitem vortrefflich, und nicht viele können seinem verführerischen Dufte widerstehen" (pag. 399 f.). Er stellt also die Gesellschaft keineswegs als hoffnungslos verdorben hin, wie unsere Zuknnftsstaatler es so gerne thun; er bezeichnet aber unverblümt die ergiebigste Quelle ihres Verderbens, die Toleranz gegen das Laster, diese unbegreifliche thörichte Nachsicht, mit welcher die sogenannte gute Gesellschaft so leicht sittlich bankerotten Elementen ihre Kreise öffnet, wenn ihnen nur Parfüm und Glaces und eine gehörige Portion Unverfrorenheit zur Verfügung stehen; mit seichten Phrasen kommt man da au den gröbsten Verirrungen vorbei, deren officielle Sanktion gleichbedeutend wäre mit dem Ruin der Ehe, der Familie, der Gesellschaft. Solche „Pequeüeces", Bagatellen, Lappalien, sind eben keine Lappalien! Coloma liefert auch den handgreiflichen Beweis, daß ein katholischer Erzähler durchaus nicht genöthigt ist, jede Aeußerung spezifisch katholisch-religiösen Lebens ängstlich zu übergehen. Es gehört das im Gegentheil znm nothwendigen Inventar einer HnltmWldernilL. die ein ka/ 222 tholisches Volksleben zum Hintergrund hat, sonst ist das Bild nicht wahr und nicht vollständig. Das Gesagte läßt erkennen, an welchen Leserkreis der Verfasser hauptsächlich sich wendet. Wer aus freier Wahl oder unter dem Drucke der Verhältnisse sich viel auf dem Parquet zu bewegen hat, und namentlich wem die Erziehung oder Leitung solcher Persönlichkeiten anvertraut ist, soll das Buch nicht ungelesen lassen, soll es studiren. Für solche scheint es in erster Linie geschrieben zu sein. Doch kein Gebildeter, in welcher Stellung er auch lebt, wird das Werk ohne großen Nutzen lesen, sei's auch nur, um am Schlüsse mit dem Verfasser sich eins zu wissen in dem schönen Bekenntnisse: „Ueber das Liebcs- werk, das im Almosengeben besteht, stelle ich dasjenige, das die menschlichen Schwächen zu begreifen und zu heben sucht" (xag. XV). Irr. Hie Christus! Hie Buddha! Religionsgeschichtliche Studie. 6. 8. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften ist vor einiger Zeit mehrfach kurz darauf hingewiesen worden, wie der Buddhacult im christlichen Europa immer wettere Kreise zu ziehen beginne, und wie man schon nicht mehr zurückscheue, öffentlich zur Nachahmung Buddha's aufzufordern. Es sind bereits nicht mehr vereinzelte Stimmen, welche dem wahren Licht der Welt das Irrlicht des Buddhismus anpreisend gegenüberstellen. Ja, es sind bereits auch in Deutschland Stimmen laut geworden, welche den Buddhismus als die wahre Religion der Zukunft anpreisen und als „gelehrter Forschungen" Resultate verkünden, daß die christliche Religion nur eine, nicht einmal sonderlich gelungene, Copie des „herrlichen Originals" des Buddhismus sei. Zum Beweis für ihre Behauptung werden gewisse Einrichtungen, Gebräuche, Regeln und Vorschriften angeführt, welche dem Buddhismus wie dem Christenthum gleicherweise eigenthümlich seien. Es ist aber doch einleuchtend, daß man von einer engen Verwandtschaft zweier Religionen nicht reden kann wegen einiger äußerlicher Aehnlichkeiten, die in letzter Linie schließlich allen Religionen gemein sind, da sie ihren tiefsten Grund in der „von Natur aus christlichen" Menschenseele haben. Nimmt man aber eben die wesentlichen Forderungen der einzelnen Religionen, speciell des Christenthums und des Buddhismus» zur Forschung näher her, so tritt deutlich der himmelweite Unterschieb zwischen beiden hervor. Eine nur kurze Ver- glelchung beider Religionen hinsichtlich ihrer Geschichte, ihrer Glaubens- und Sittenlehre und ihrer sittlichen Ergötze wird darthun, wie Christus in seiner hl. Religion ist das wahre Licht der Welt, während dagegen Buddha's Werk kaum mehr den Namen einer Religion verdient. Werfen Nstr zuerst einen vergleichenden Blick auf die Geschichte Buddha's und Christi, sowie ihrer Religionen. Ueber Buddha's Leben haben wir so dürftige Nach- richte», daß schon die Behauptung aufgestellt wurde, Buddha habe überhaupt gar nie existirt. Schon daraus läßt sich ermessen, daß wohl viele Züge aus seinem Leben» so wie sie von buddhistischen Schriftstellern uns überliefert werden, in's Reich der Fabel zu verweisen and als nachträgliche Ergänzungen nach dem Leben Christi aszssehen sind. Buddha, so berichten uns die Schrift- steLer, dessen ursprünglicher Name Siddharta war, stammte M> dem Geschlechte Sakya und ward geboren in der Svbt KapilavM. Seine. Geburt, heißt es, sei durch wunderbare Ereignisse angekündigt worden. Seine Mutter sei eine unversehrte Jungfrau mit Namen Maja aus königlichem Geschlechte gewesen. Am achten Tage nach seiner Geburt sei dem Knäblein der Name Siddharta gegeben worden. Der Knabe habe schon im zarten Alter seine Lehrer weit an Weisheit übertreffen. Gar viele wunderbare Züge aus Buddha's Kindheit werden uns überliefert, ähnlich denen, welche wir in den sogenannten apokryphen Evangelien über den Jesusknaben finden. In seinem 29. Lebensjahre, so heißt es in seinen Lebensbeschreibungen weiter, floh Siddharta in die Wüste, woselbst er siegreich verschiedene Versuchungen überwand. Sechs Jahre hernach nahm er die Würde und den Namen Buddha an, sammelte Schüler um sich, verkündete öffentlich seine Lehre und bekräftigte sie durch viele Wunder. Er starb mit großem Gleichmuth, beseelt von der frohen Zuversicht, daß seine Lehre alle Hindernisse überwinden werde. Als sein Todesjahr wird von den einen das'Jahr 543, von andern 477 genannt. In dieser Schilderung von Buddha's Leben finden wir manche Züge, die eine gewisse Nehnlichkrit mit Ereignissen aus dem Leben Jesu ausweisen, wie z. B. die Vorbereitung auf die öffentliche Thätigkeit in der Wüste, die siegreiche Ueberwindung der Versuchungen u. And. Allein diese Aehnlichkeiten lassen sich leicht aus den allen orientalischen Völkern gemeinschaftlichen Anschauungen und Gebräuchen erklären und sind zudem, wie oben schon hervorgehoben, rein äußerliche. Mögen zwischen Christi und Buddha's Lebensbeschreibung auch noch so viele Aehnlichkeiten bestehen, ein gewaltiger unausgleichbarer Unterschied zwischen beiden Relkgionsstiftern besteht und wird bestehen für alle Zeiten: Buddha, wenngleich als ein Held in der Tugend von seinen Anhängern gepriesen, erhält von ihnen in seinem Leben niemals den Namen, den Christus von den Seinen in Wahrheit bekommt, den Namen Gott. Das ist eine unüberbrückbare Kluft zwischen beider Leben. Was die Geschichte beider Religionen anbelangt, so läßt sich unschwer die Unrichtigkeit der Behauptung erweisen, das Christenthum habe seine erhabenen Anschauungen und Lehren dem Buddhismus entnommen. Ist es ja doch erwiesen, daß der Buddhismus niemals die Grenzen des römischen Weltreiches überschritten, innerhalb deren das Christenthum seinen Anfang und seine erste Ausdehnung nahm. In Wirklichkeit stellen auch alle Gelehrten, welche sich mit dem Studium orientalischer Sitten und Gebräuche besassen, einen Einfluß des Buddhismus auf das Christenthum ganz entschieden in Abrede. Ebenso sehr wie in ihrer Geschichte weichen auch beide Religionen in ihrer Lehre von einander ab. Beginnen wir bei dieser Darstellung mit der Glaubenslehre. Was lehren hier die beiden Religionen über die wichtigsten Fragen, nämlich über Gott, über die Seele und über das Ziel des Menschen? Der Fundamcntalsatz unserer christlichen Glaubenslehre lautet für uns Christen: Der Mensch ist von Gott dazu geschaffen, daß er ihm diene und dadurch die ewige Seligkeit erlange. Was lehrt nun in dieser Beziehung das „Licht Asiens"? Buddha hat vor allem gar keine klaren und bestimmten Anschauungen über die Existenz Gottes. Das ist die Ansicht aller Buddha- Forscher. So sagt Max Müller: „Es ist nicht zu leugnen, daß Buddha keine Kenntniß von Gott gehabt habe." Diese Uukeuutniß Buddha's und seiner Lehre über Gottes Dasein rührt wahrscheinlich daher, daß Buddha gar nie 223 ernstlich sich mit dieser wichtigsten aller Fragen befaßt hat. Er begnügte sich mit dem Ausspruch, der Mensch hänge in keiner Weise von Gott ab. Das ist Bnddha's ganze Gotteslehre! Wie hier, so ist aber Buddha auch mit allen anderen höheren übernatürlichen Wahrheiten, die dem Christen in seiner Religion in so reicher Fülle geboten werden, gleich fertig, indem er einfach erklärt, solche vermöge der Mensch nicht zu fassen, darum brauche er auch keine solchen zu wissen. Fürwahr, viel verlangt Buddha vom Menschen! Er soll nach einem letzten und höchsten Ziele streben, ohne ein solches überhaupt nur zu kennen! An Stelle eines lebendigen allgütigeu und allheiligen Gottes, der unser letztes Ziel und Ende ist, setzt Buddha eine todte und finstere Leere. Nichtsdestoweniger ist Buddha „das Licht Asiens" k Gehen wir Wetter und über zur Schöpfungslehre beider Religionen! Wie einfach, groß und erhaben ist hier die Lehre der christlichen Religion, die enthalten ist in dem ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glcnlbe an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde". Was lehrt nun Buddha dieser Wahrheit gegenüber? Er erkennt als Schöpfer der Welt den blinden Zufall. Wie die Atomisten lehrt er, die Welt sei aus unendlich vielen feinsten Theilchen der Luft gebildet und falle am Ende der Zeiten wieder in das Nichts zurück. Dieser kalte und leere Atomksmus unterscheidet sich von der erhabenen Lehre des Christenthums ebensoviel wie der Tag von der Nacht. Nächst diesem Problem beschäftigt den Menschengeist keines so sehr wie das über seine Seele. Hier sagt uns unsere hl. Religion, daß der Mensch eine unsterbliche, von Gott ihm gegebene Seele besitzt. Was lehrt dagegen Buddha? Auch hier scheut „das Licht Asiens" ein näheres Eingehen auf die Frage, ja er verbietet sogar seinen Schülern, sich damit zu befassen. In seinem Buche „Sutta Nigata" lehrt er einfach, nach dem Tode bleibe vom Menschen nichts als der Name übrig. So verwirft also der Buddhismus ein unsterbliches bewußtes Lebens- princkp des Menschen und setzt sich damit in einen direkten Gegensatz zur christlichen Religion. Gründlich lernen wir Bnddha's Licht als ein Irrlicht kennen, wenn wir unsere Untersuchung ausdehnen auf die Frage: Welches ist für die Schüler Christi und welches ist für Bnddha's Anhänger das höchste Gut und Endziel alles Strebens? Auf diese Frage gibt uns der Christenglaube die hehre Antwort: Das höchste Gut und letzte Ziel des Menschen ist die ewige Seligkeit, und diese wird dadurch erreicht, daß die Seele mit Gott in seiner Anschauung und Liebe vollständig und unzertrennlich vereinigt wird. So Christus! Wie Buddha? Letzterer kennt, wie wir gesehen, weder einen persönlichen Gott, noch hat er klare und richtige Anschauungen von der Menschenscele, also kann er auch keine Seligkeit, wie das Christenthum sie verheißt, kennen. Das Gut und der Lohn, denn Buddha seinen Gläubigen für ein gut vollbrachtes Leben in Aussicht stellt, ist eine ewige Ruhe, das „Nirwana". Da mag man nun entgegenhalten: Sehnt denn nicht auch der Christ nach der Unruhe dieses Lebens sich nach nimmer endender Ruhe, und betet nicht die Kirche um ewige Ruhe für die Abgestorbenen. Gewiß, aber diese Ruhe nach dem Tode ist für den Christen eine Ruhe in Christus, in Gott und in dessen Anschauung und Liebe, eine Ruhe in un- geschwächter Lebensfrische. Keine solche RlM. gewährt Bnddha's Nirwana. Worin besteht denn nun eigentlich dieses Nirwana? In erster Linie wird mit diesem Wort ein Erlöschen des Lichtes bezeichnet. Ist nun aber das Nirwana eine vollständige Vernichtung des Lebens? Ist es die Vernichtung jeglicher Existenz? Einige Lobredner Bnddha's suchten das schon zu leugnen. Doch vergebens! Denn Buddha selbst sagt uns, was das Nirwana ist, mit folgenden Worten: „Wie die von gewaltigem Wind bewegte Flamme schließlich erlöscht und dann nicht mehr cxistirt, so erlischt auch jeder weise Mann, seines Namens und seiner Gestalt entledigt, und ist dann als nicht mehr existirend anzusehen." Darin besteht nach Buddha das hohe Gut des Nirwana. Aber wie gelangt denn der Mensch zu diesem höchsten Glücke? Das beste Mittel, es zu erreichen, besteht nach Bnddha's Lehre in der beständigen Meditation, weil man durch sie zur vollkommenen Seelenruhe gelangt. Beachten wir hier wieder den diametralen Gegensatz zwischen Buddhismus und Christenthum! Der Christ erwirbt sein ewiges Heil durch Eifer in guten Werken, denn das erhabene Ziel seines Lebens und Strebens ist eine möglichste Verähnlichung mit Gott. Gott aber ist das vollendete Leben und Wirken, daher ist auch für den Christen Arbeit und Wirksamkeit der Weg zur Vollkommenheit. Für Buddha's Schüler ist das höchste Ziel des Lebens jenes Nirwana, das aber gerade im Mangel jeder Thätigkeit und jeden Lebens besteht; daher muß auch der wahre Buddhist, will er sein Ziel erreichen, jede Arbeit meiden. Zum gleichen Resultate gelangt Buddha durch folgende Schlußfolgerung: Alle Gemüthserregungen sind zu bekämpfen und zu unterdrücken, denn sie sind die Ursachen des menschlichen Elends. Es erhalten aber jene Erregungen Nahrung durch Arbeit und Anstrengung, daher ist diese vollständig zu meiden. An deren Stelle setzt Buddha träge und leere Meditation, die nicht wie die christliche Contemplation Früchte für das Leben zu bringen vermag. Ein wahrer Sohn und Nachfolger Buddha's arbeitet niemals, sondern er gibt sich immer und überall, wo es ihm möglich ist, der Meditation hin. Die Meditation ist aber nach Buddha's Begriff die vollkommenste, bei der die Verschiedenheit zwischen dem Meditirenden und dem betrachteten Gegenstand aufgehoben wird. Damit ist dann der Zustand der vollkommensten Weisheit erreicht. Das ist das Nirwana auf Erden. Da nun aber solchem Meditiren nur die Weisen sich widmen können, so steht auch diesen nur der Zugang zum Nirwana offen. Den Kindern und denen, die ihnen gleichen, sind Buddha's Arme verschlossen. Welch' diametraler Gegensatz wieder zur Lehre Christi, der den unvergleichlich schönen Ausspruch gethan: Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen! Bei wem ist nun Licht und Leben? Bei Christus oder bei Buddha? Wer das nicht sieht, ist mehr als blind. Nesümiren wir kurz Bnddha's Glaubenslehre l Buddha kennt keinen persönlichen Gott, keine unsterbliche Seele, keine andere Seligkeit, als Untergang und Vernichtung. Und dennoch gibt es Leute, und sie nennen sich noch Weise, die den Buddhismus dem Christenthum vorziehen. Das können eben nur die, denen Christi Lehre eine unerträgliche Last geworden, nicht zum wenigsten wegen deren Sittcngesetze. (Schluß folgt.) 224 Der Kimneliten - Orden in den bayerischen Stammlanden. (Schluß.) VI. Den ersten Gedanken, auch den weiblichen Ordenszweig vom Berge Carmel in Bayern einzuführen, faßte die Churfürstin Maria Anna, Gemahlin des Churfürsten Maximilian I. Es waren deßhalb bereits im Jahre 1657 Unterhandlungen mit dem Fürstbischöfe Albrecht Sigismund und dem Proviuziale der Carmeliten in Gang, doch zerschlug sich die Sache. Ihr Sohn, Herzog Maximilian, welcher mit Mauritia Phcbronia, einer geb. Herzogin von Bouillon und Auvergne, vermählt war, griff den Plan neuerdings auf. Diese Herzogin hätte zwei Schwestern, welche in Paris im Karmclitenorden lebten und war selbst Mitglied des drittes Ordens, somit dem Carmel von Herzen zugethan. Das herzogliche Paar bestimmte seine Villa Laufzorn bei München zu einer solchen Niederlassung, wurde aber an der Verwirklichung .seiner Lieblingsidee durch den Tod verhindert. (Herzog Maximilian -j- 20. März 1705, Mauritia Phebronia 2. Juni 1706.) In ihrem Testamente hatten sie noch 60,000 fl., liegend auf der Herrschaft Angelberg in Schwaben, hiefiir bestimmt. Mittlerweile war auch einer in München lebenden einfachen Jungfrau, Namens Anna Maria Lindmaier, welche sich des größten Ansehens bei Hoch und Nieder erfreute, der Wunsch gekommen, ein Karmelitcnkloster ins Leben zu rufen; zu diesem Zwecke hatte sie bereits 1710 das gräflich Arco'sche Hans neben dem Altomünster-Hans erworben, so daß das Projekt nunmehr greifbarere Gestalt gewann. Indeß fehlte es nicht an Gegnern, und reichte der Münchner Stadtrath am 4. Dezeinber 1710 bei Kaiser Joseph I. (es war die Zeit, wo München unter österreichischer Occnpation sich befand) eine langgedchnte Vorstellung ein. Der ver- wittweten Kaiserin Eleonora war es zu danken, daß die Vorstellung wirkungslos blieb und der kaiserliche Administrator, Graf Carl von Löwenstein, den Auftrag erhielt, sich nicht nur der Karmelitinnen anzunehmen, sondern auch den Stiftungsfonds des Herzogs Max Philipp auszufolgen, was mit Urkunde vom 1. August 1711 geschah. Am 16. September 1711 langten die 4 ersten Ordensschwestern aus Prag in München an und wurden in feierlicher Weise empfangen. Niemand war mehr darüber erfreut, als Anna Maria Lindmaier, welche ihre Bemühungen mit fast wunderbarem Erfolge gekrönt sah. Nachdem sie noch alle ihre zeitlichen Geschäfte in Ordnung gebracht, trat sie selbst ani 22. Mai 1712 in das neu erstandene provisorische Kloster und widmete demselben auch fernerhin ihre Dienste. Nachdem Churfürst Maximilian Emannel von Luxemburg aus am 12. August 1711 die Bewilligung zum Baue eines neuen Gebäudes gegeben und. am 27. August auch der Consens des Fürstbischofes von Freising eingetroffen war, fand am 23. Oktober die Grundsteinlegung in Stellvertretung des Fürstbischofes durch den Abt Plazidns von Ettal statt. Den Grundstein selbst legte die Gräfin von Löwcnstcin. Das ganze Kloster baute der Karmelit k. Domiuicus a St. Euphrosyna. Um die Baukosten zu bestrciteu, wurde mit Erlaubniß des Kaisers Karl VI. im Jahre 1712 alles Tafel- und Silbergcräth aus dem Nachlasse der Herzogin Mauritia Phebronia zu Geld gemacht. Am 8. Oktober 1714 konnten die Karmelitinnen den Neubau beziehen. Zwei Tage vor der Grundsteinlegung zniu Klosterbane war die Grundsteinlegung zur Kirche erfolgt, welche nach den Plänen Viscardi's gebaut werden sollte. Dieselbe kam aus eigenthümliche Weise zu Stande: die drei bayerischen Stände hatten 1704 gelobt, wenn Gott der Bedrängniß, in welcher sich damals München und das bayerische Land in Folge der österreichischen Occupation befand, abhelfen würde, eine Kirche zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit zu bauen: Gott fügte es, daß dieselbe neben dem Klostergebäude zu stehen kam und gleichsam einen würdigen Schlußstein des ganzen Unternehmens bildete. Sie sollte auch die Stiftung selbst überdauern. Im Jahre 1802 mußten die Nonnen ihr Kloster räumen, das sofort in ein churfürstliches Pfand- und Leihhaus umgewandelt wurde. Ja nicht einmal die in der Gruft liegenden zweinndvierzig Leichen der verstorbenen Nonnen durften verbleiben: mit barbarischer Nohheit wurden dieselben Nachts auf den allgemeindn Friedhof verbracht und vergraben. — Niemand weiß wohin. — Auch der Leichnam der um die Einführung der Carmelitinnen in Bayern so hochverdienten Anna Maria Lindmaier (f- 6. Dez. 1726), welcher mit Wnnderzeichen leuchtete, fand in den Augen der Klosterstürmer keine Gnade. - 'Als Stiftsdccan Darchinger am 20. Januar 1803 in der Klostergruft sich einfand, um gegen die Pro- fanirung derselben zu Protestiren, fand er sie schon theil- weise geleert und das bischöfliche Amtssiegel, welches im Jahre 1784 im Auftrage des Fürstbischofes Johann Theodor sein Vorgänger Stiftsdechant Ottinger am Grabe der Seligen angelegt, weggerissen. Das Einzige, ivas er noch retten konnte, war das ebenfalls mit dem fürst- bischöflichen Siegel versehene Gefäß mit Blut von der Verlebten, welches die Oberin bei ihrem Abzüge nach Neubnrg an der Donau mit sich nahm. Während ein Theil des zu einem Leihhause herabgewürdigten Klostergebäudes in der Rochnsstraße unverändert bis jetzt erhalten blieb, wurde der Hanptstock in der Pfandhausstraße Nr. 7, obwohl im besten baulichen Zustande, auf Betreiben des bekannten Bürgermeisters Erhardt 1877 gänzlich niedergerissen, an seiner Stelle ein großes dreistöckiges Miethgebäude ausgeführt, in welchem gegenwärtig eine Weinrestanration sowie ein Verkaufsladen für Lnxusgegenstände (Knnstgcwerbc-Ans- stellung) untergebracht sind. Als Centralkloster für die Karmelitinnen von München und Nenburg an der Donau wurde das ebenfalls aufgehobene Cistercienserklofter Pielenhofen, 3 Stunden von Regcnsburg, bestimmt. Dort nimmt eine gemeinschaftliche Grabstätte nun jene auf, welche rohe Gewalt aus ihrem Heim vertrieben. Zwei Marmorplatten erhalten der Nachwelt die Namen der 29 Opfer des damalige» Cultnrkampfes. VII. Pfalzgraf Wolfgang Philipp von Neubnrg war im Jahre 1613 zur katholischen Religion übergetreten und hatte sich mit der Schwester Maximilians I. von Bayern vermählt. Von gleichem Glaubenseifer wie dieser beseelt, trachtete er in seinen Landen die katholische Religion wieder in Aufnahme zu bringen und berief zu diesem Zwecke Jesuiten nach Nenburg und Düsseldorf. Außerdem fanden auch andere Ordensgenossenschaften an ihm einen großen Gönner, darunter die Karmelitinnen von Antwerpen, denen er in Düsseldorf 1643 zu einer Niederlassung verhalf. Sein Sohn und Nachfolger Philipp Wilhelm, welcher 1653 — 1685 in Nenburg residi'rte, in welch letzterem Jahre er den pfälzischen Chnrstuhl bestieg, wandelte in denselben Bahnen wie sein Vater; er errichtete in Neubnrg den Franziskanern ein Kloster und ließ von Düsseldorf Karinelitinnen in eben diese Stadt kommen (1661). Es kamen ihrer 6 Schwestern, sämmtliche, die Priorin mit inbegriffsn, vornehmer englischer Abstammung. Da nämlich König Heinrich VIII. von England die Kloster in seinem Lande sämmtlich aufgehoben hatte, so waren Jene, die den Ordensberuf in sich fühlten, genöthiget, außer Landes zu gehen. So kam es, daß die Karmelitinnenklöster in Düsseldorf und Neubnrg von Antwerpen aus deren viele auszuweisen hatten. Die erste Priorin des neugegründeten Klosters, M. Magdalena, vom hl. Joseph zubenannt, aus dem uralten Adelsgeschlechte der Bedingfelds, war zuerst 11 Jahre Subpriorin im Düsseldorfer Convent. ehe sie nach Neubnrg berufen wurde, eine Frau von heiligmäßigem Wandel; sie scheint auch mit prophetischem Geiste begabt gewesen zu sein, da sie dem Fürsten Philipp Wilhelm wiederholt ans Herz legte, auf sein achtes Kind, den kleinen Prinzen Alexander Sigismund (geb. 1663), sorgfältig zu achten, mit der Versicherung, daß derselbe einst'Bischof von Augsburg, sonnt ihr geistlicher Oberer werde, was auch !n der Folge eintraf. M. Magdalena starb, 64 Jahre alt, den 16. März 1684 im 48. Jahre ihrer Profeß. Die Subpriorin Anastasia von Jesu, eine geborene Gräfin von Weckmann, starb am 10. Dez. 1669 im 35. Jahre ihres Alters und im 19. der Profeß. Beide hatten ihre Gelübde im Kloster in Antwerpen abgelegt. Luzia vom hl. Jgnatius aus dem adeligen Geschlechte der Splinter von Gent in Brabant, starb im 56. Jahre ihres Alters, im 36. ihrer Profeß, den 26. November 1691. Diese drei vorzüglich waren es, die durch den Geruch der Heiligkeit den Ruf des Klosters auf lange Zeit hinaus begründeten und heute noch bei den Einwohnern Neubürgs nicht vergessen sind. Bei der Säcularisation am Ansauge dieses Jahrhunderts wurde das schöne und große Kloster gleich sovielen anderen Stätten der Gottseligkeit aufgehoben, die Klostergruft wurde geräumt, die drei Leichen der soeben Genannten, welche man unversehrt fand, nebst denen ihrer Mitschwestern in den allgemeinen Friedhof St. Georg überbrückst, die Gebäulichkeiten abgebrochen und der gewonnene Platz zu Neubauten verkauft. Anfangs hatte es noch den Anschein, als ob das Kloster erhalten bleiben sollte, da man auch die Karme- litinnen von München in demselben untergebracht; aber bereits am 23. August 1804 wurde den Schwestern eröffnet, daß sie stimmlich nach Pielenhofen überzusiedeln hätten, womit das Todesnrtheil über Kloster Neubnrg gefällt war. VIII. Hatten die beiden Fürsten von Pfalz-Neubnrg sich durch Gründung zweier Karmelitinnenklöster verdient gemacht, so erwarb sich eine andere Linie des wittelsbach- ischen Stammes nicht weniger Verdienste um diesen ehrwürdigen Orden. Im herzoglichen Schlosse zu Sulzbach residirte (1632 — 1708) Pfalzgraf Christian Anglist, welcher im Jahre 1656 zur katholischen Kirche zurückgekehrt war. Zwei Gräfinnen Snlzbachs hatten einst die mächtigsten Throne der Welt bestiegen: Bertha, auch Irene genannt, wurde Kaiserin in Konstantinopcl (1145), während ihre Schwester Gertrud als Gemahlin Kaiser Konrads im Abendlande herrschte. Der erlauchten Tochter des Pfalz- grafen Christian Namens^tmalia schwebte ein höheres Ziel als ein irdischer Kaiserthron vor Augen: 1683 trat sie zu Köln a. Rh. in das dortige Kloster zu Maria Lorcto und brachte sich somit selbst dem Herrn znm Opfer. Ihr Bruder Theodor Enstach, welcher seinem Vater in der Regierung folgte, war mit Maria Eleonora, einer Landgräfin von Hessen-Rheinfcls vermählt. Nenn Kinder (vier Prinzen und fünf Prinzessinnen) beglückten diese Ehe. Noch lebt im Volksmnude die Sage von „Eleonora's Traume" fort: Kurz vor ihrem plötzlich erfolgten Hinscheiden soll sie eine Vision gehabt und freudig staunend ein- über das anderemal ausgerufen haben: „Ich sehe den Stamm der Pfalzgrafen, und unter demselben einen herrlich glänzen vor allen übrigen — höher denn alle!" Von ihren Töchtern trat die älteste, Amalia Angnste, bewogen und angeeifert durch das Beispiel ihrer erlauchten Tante, 1714 zu Köln in das Karmelitinnenklostcr, in welchem sie unter dem Namen M. Eleonora Theresia a S. Cruce als Subpriorin am 18. Jänner 1762 selig verschied. Ihre Schwester Franziska Christina nahm 1733 im Karmclitiimenklostcr zu Düsseldorf den Schleier und starb, nachdem sie als Priorin wiederholt dasselbe geleitet, 1776. Gerne wäre auch die dritte Tochter Eleonora's, Ernestine, in zarter Jugend dem Beispiele ibrer beiden Schwestern gefolgt, aber. ihrem edlen Vorhaben stellten sich Hindernisse über Hindernisse, in den Weg. In kindlichem Gehorsame zu ihren Eltern reichte sie dem Grafen Wilhelm dem Jüngeren zu Hessen- Rhcinsels die Hand znm ehelichen Bunde. Die Ehe blieb kinderlos, und als ihr Gemahl am 25. März 1731 starb, erwachte in ihr von Neuem die Sehnsucht nach dci» Ordenslebcn. Nachdem sie vergeblich zuerst in Köln, dann in Neubnrg an der Donau um Aufnahme in den Karmclttcn- Orden nachgesucht, wurde ihren inständigen Bitten an letzterem Orte nachgegeben und dieselbe am 31. Oktober, am Feste des heiligen Wolfgang, 1747 eingekleidet. Um den damaligen Churfürsten von der Pfalz, Karl Theodor, zu ehren, wurde der hohen Caudidatin der Name Maria Theodor« beigelegt. Als „Schwester Theodor«" begann dieselbe nun mit einem Eifer und Ernste ihre neue Laufbahn, daß ihr Name bald von Allen nur mit Hochachtung und Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Nach zehn Jahren gelegentlich einer Oberin-Wahl fiel dieselbe auf sie, und das Ncnbnrger Kloster hatte dies nicht zu bereuen. Wie sie den Schwestern mit Hellem Tugendbcispiele voran- leuchtete, so war sie auch für das zeitliche Emporkommen des Klosters bedacht, und kam ihr das Wohlwollen ihrer hohen Verwandten dabei zu Gute. So war es Churfürst Karl Theodor, der den gelegentlich eines Brandes zerstörten Glockcnthnrm wieder herstellen ließ, während ihre Schwester, eine Fürst-Aebtissin von Thor», durch Spcndung einer beträchtlichen Geldsumme ihren Lieblings- wnnsch verwirklichte, nämlich der unbefleckten Gottesmutter im Klostergartcn eine Kapelle zu errichten, damit die Schwestern bei ihren Rckreationen ab und zu der Hoch- gebcnedcitcn ihren Huldignngsgrnß darbringen könnten. Achtnndsiebzig Jahre war „Mutter Atari« Theodor«" alt, als der Augenblick kam, daß sie ihre Seele in die Hände des Schöpfers zurückgeben sollte. Kurz vor ihrem Tode (14. April 1775) hatte sie noch ihr geliebtes Kloster der Huld Karl Theodors empfohlen. „Unterstützen Euer Durchlaucht auch nach meinem Tode dieses HanS, in Ansehen meiner, und erinnern Sie sich, r lieb mir diese Gemeinde gewesen, zu der Zeit, als ich unter ihr gewohnt, sowie daß meine Gebeine uo«) allda 226 ruhen.- Ihr Wunsch, auch nach dem Tode unter ihren Schwestern zu ruhen, fand nur kurze Zeit Gewähr. Bei Zerstörung des Neuburger Klosters 1807 wurde ihre Leiche in einem eichenen Sarge um Mitternacht in die Fürstengruft der Hofkirche zu Neubnrg übertragen: dort harrt dies edle Reis aus wittelsbachischem Stamme, eine Zierde des Berges Carmel, noch heute der ewigen Urstände. IX. Geraume Zeit hatte es gedauert, bis aus den Ruinen, welche der Klostersturm Anfang dieses Jahrhunderts in Bayern schuf, neues Leben erwuchs. Aber während der männliche Orden vom Berge Carmel so glücklich war, wenigstens drei seiner einstmaligen Niederlassungen in den altbayerischen Stammlanden (Regensbnrg, Reisach, Straubing) zu retten, blieb dem weiblichen Orden dieses Glück versagt. Wiederholt hatten in den letzten Jahrzehnte» bayerische Landeskinder in den benachbarten österreichischen Karmelitiunen - Couventen, zu Graz, Baumgarten und Meyerling bei Wien, um Aufnahme nachgesucht und sie auch erhalten. Was lag näher als der Gedanke, den bayerischen Orbcuscandidatiunen in ihrem eigenen Lande eine Heimstätte zu erwerben. Zum Glücke fand sich eine solche in dem einsam, aber herrlich gelegenen Wallfahrtsorte Auf- kirchen am Starnbergersee. Daselbst hatten einst die Augustiner von München 1688 ein Hospitium errichtet und bis zum Jahre 1803 die Seelsorge bet der Kirche versehen. Nach ihrem Abzüge verfielen die Klosterräumlichkeiten immer mehr, da nichts mehr darauf verwendet ivurde, und eine Veräußerung derselben behufs Erbauung eines neuen Pfarrgebändes war zur dringenden Nothwendigkeit geworden. Ein wackerer Münchener Bürger erhielt davon Kunde, und mit seltenem Opfermuthe ging er daran, dieselben an sich zu bringen und es so den Karmelitlmleu, bei welchen sich eine Tochter von ihm befand, zu ermöglichen, endlich in Bayern wieder Fuß zu fasten. Nachdem mit großem Kostenaufwande die nothwendigsten Reparaturen und Auswechslungen vorgenommen waren, konnten am 18. September 1896 die hiezu bestimmten Klosterfrauen von Meyerling bei Wien ihren Einzug halten. Es waren ihrer sieben. Die Ankömmlinge waren geführt von einem Karmelitenpater (Lukas) und von einer hochadeligen Meyerltnger Schwester, der verwittweten Gräfin EsterhLzy von Galantha (gebornen Fürstin Lobkowitz), Mutter des ungarischen Katholikenführers Nikolaus Moriz Esterhäzy, deren Tochter Bertha mit dem Fürsten Emil Oettingen-Spielberg, einem eifrigen glaubenstreuen Katholiken, in München verehelicht ist. Zugleich war auch die ehrwürdige Oberin von Meyerling, Maria Euphrasia, mitgekommen, um die nothwendigsten Anordnungen zur Einrichtung des neuen Carmels vorzunehmen. Diese beiden kehrten sodann wieder nach Meyerling zurück, so daß der neu begründete Conveut, zur Zeit aus fünf Mitgliedern besteht. Die neue Ansiedelung ist zu einem Carmel nicht nur ihrer gesunden und herrlichen Lage wegen, sondern auch zufolge der Stille und des hl. Friedens, der an diesein vom Verkehre abseits gelegenen Wallfahrtsorte waltet, zu einem beschaulichen Leben, wie es die strenge Ordensregel vorschreibt, geschaffen, wie kaum eine andere, und entschädigt mehr als hinreichend den Verlust so manches früheren Klosters in volkreicher Stadt. Mehr als Zufall scheint es auch zu sein, daß die neue Niederlassung in nächster Nähe des einstigen Lieblingssitzes des verstorbenen Königs Ludwig II. sich befindet, woselbst er auch seinen traurigen Tod gefunden. Wiederholt waren wittelsbachische Fürsten in nahen Beziehungen zum Karmeliten-Orden gestanden, von der Zeit an Herzog Albcrts II., Churfürst Maximilians I., bis herab zu Karl Theodor, und hatten bayerische Prinzessinnen es als ihr größtes Glück geschätzt, dem Karmeliten-Orden anzugehören. Durch die neue Stiftung soll das Band, welches Wittelsbach und Carmel verknüpfte, ueugefestiget und dadurch dem Hanse und Lande Bayern eine Quelle reichen Segens werden. Duplik und Schlußwort über Kapharnaums Lage Die Aufmerksamkeit, welche mein liebenswürdiger Gegner meinen vieliährigen Palästina-Forschungen widmet, erfährt eine Tragweite, wovon er sich schwerlich eine Vorstellung macht. Die Artikel kommen natürlich den Vorständen und Mitgliedern des katholischen Vereins für das heilige Land zu Köln-Aachen in die Hand. von wem immer eingesandt, und machen diese stutzig — ich würde sonst nicht mehr darauf antworten. Es handelt sich eben jetzt um die Erweiterung unsererdentschen Kolonie am West»fer des Sees Gennezaret durch den Ankauf von 400 Morgen Landes, welche die Drusen von Name aus momentaner Geldnoth uns anbieten. Kommt derselbe nicht zu stände, so drohen Juden, Russen und wer sonst noch uns zuvorzukommen, eine unangenehme Nachbarschaft! Und gerade gilt es das Weichbild von Minieh, der Stadt Christi und der Christen, für welche ich bald nicht mehr allein eintrete, denn ich habe in Palästina nicht bloß die Mönche vom Berge Carmel, die deutschen Franziskaner, überhaupt die Deutschen, aus meiner Seite, welchen ich auch am Berge Sion zwei Vortrage hielt. Ich erwarte den, der mich aus dem Sattel hebt, wo ich so fest sitze, daß ich von Anfang die Erklärung abgab, wenn Chörbet Minieh mit dem dazu gehörigen Chan nicht Kapharnaum sei, so wolle ich ebensoviel an Mark bezahlen, als dafür Franken erlegt wurden. Ich verpflichte mich immer von neuem, möge mein gegnerischer Freund dem Beispiele folgen, und ebenso für Tel- hum sich opfern. Es gilt jetzt den geweihten Landstrich zu erobern, wovon der Heiland bei Markus 1,38 spricht: „Auf! laßt uns in die benachbarten Flecken gehen, daß rch da predige, denn dazu bin ich gekommen." Leider macht die protestantische Kritik, welcher man zum Vorwürfe macht, daß sie Advokatenkünste anwendet und vor lauter Negation zu keinem positiven Ergebnisse gelangt, mehr lind mehr auch bei uns Propaganda. Das könnte ich auch, wenn ich den festen Boden verlassen wollte, ich will so ein Kunststück probiren. Auf dem Oelberg liegt bekanntlich el Azarieh mit mächtigen Ruinen aus der Kreuzritterzeit. damals hieß es l,ararimu. Weit gefehlt, sage ich, daß wir dieses länger für das Dorf des Lazarus halten diirfen: man trenne vom heutigen Lazarieh den Anfangsbuchstaben als arabischen Artikel, so bleibt Azarieh. Dieß ist aber Azal, wovon unter andern der Prophet Zacharias XIV. 4 f. spricht: „Des Herrn Füße werden stehen auf dem Oelberg gegen Morgen von Jerusalem, und der Oelberg wird sich mitten entzwei spalten von Ansgang gegen Niedergang. Das Thal zwischen den Bergen wird nahe hinreichen an Azal, und ihr werdet fliehen wie vor Zeiten beim Erdbeben unter König Mas." Der Name wiederholt sich I Chron. VIII, 38. IX. 44. Rcsch und Lamed wechseln so oft, wie Ezech. XIX, 7 bei Alma- nutha, womit man Dalmanutha vergleichen wollte. Dem Alabarchon von Alexandria steht Arabarch gegenüber, und Bethgibrin lautet ebenso Gibetin, die Heldenstadt Eleuthero- polis u.s.w. Versuche unser Freund mit seiner hyper- kritischen Methode mich zu widerlegen, wenn ich so Bethanien von seiner jetzigen Stelle am Oelberg verschwinden lasse, ja mich noch dazu auf Lukas XIX, 29 stütze, wo er Jesum von Jericho nach Bethphage und Bethanien am Oelberg gelangen läßt. und XXIV, 15 schreibt: „Er führte die Elfe hinaus nach Bethanien und fuhr gen Himmel." Da aber nach der Apostelgeschichte I. 12 die Entfernung von Jerusalem nun einen Sabbatwcg betrug, so müßte Bethamen nicht ,m Hintergründe, sondern anf der Bergspitze zwischen Beth- phage und der hl. Stadt gelegen haben? So argumentirt man einem orientalischen Schriftsteller gegenüber nicht. Es ist gegebenen Falls große Verantwortung mit so widersprechenden Artikeln verbunden. Monelia brauchte einst das Motto: Do voutum «st nt owni» tut» tiinsa-ruus, gui» oNuet» pervertors inulti woliuutur. So meint mancher, man kann nicht sicher genug gehen, und tadelt an allem, wie der Schuster am Bilde des Apelles. In der Paulskirche brachte ein lang verewigtes Mitglied, Wedekind, bei jeder Berathung seine Bedenken auf die Tribüne und erntete dafür den Titel Reichszweifel.r. Doch genug! Ich meine, mein gelehrter Gegner solle die Aufmerksamkeit würdigen, die ich im heiligen Interesse an der Sache ihm widme, und von seinem Prirrhonismus abstehen. Durch die falschen Ortsbestimmungen ist das ganze Leben Jesu zerrüttet worden! Um die wahre Lage all der durch Christi Gegenwart geheiligten Stätten sicher zu erforschen, habe ich zweimal Palästina bereist und vor- und nachher die zugängigen Schriften in allen Sprachen durchgenommen, auch die Pilgerschristen nicht übersehen, um ja die Tradition festzustellen. Die Hauptfrage dreht sich um Kavharnaum, und ich kann nicht dulden, daß man die seit fünfzig Jahren verfochten« Position mir länger streitig macht. Eigentlich müßte die Christenheit sich schämen, wenn sie die Stätte der mehrjährigen Wirksamkeit Christi ganz aus den Äugen verlor. Soll ich nochmal auf den Guardian vom Berge Sion, Queresmius. verweisen, welcher 1620 darauf besteht: „Ich halte die alte Ueberlieferug sehr in Ehren und habe fast alle Bibelgelehrten und in der Geschichte der heiligen Stätten bewanderten Männer durchgesprochen. An der Stelle von Kavharnaum liegt ein Chan. und zivar sechs Millien vom Jordaneinfluß, und heißt arabisch Menieh." Seine Rathgeber konnten auf den Venetianer Sanuto sich berufen, welcher genau drei Jahrhunderte früher Kaphar- nanm zwei Stunden von der Jordanmündung in den See Gennezaret ansetzt. Es ist doch nicht gleich- giltig, wohin man unsere Pilger führt. Mein Freund diskreditirt mein „Jerusalem und das heilige Land" und die „Hochwichtigen Entdeckungen auf der zweiten Palästinafahrt." und belehret mich. die Zollstatt des Matthäus sei gleich „vor den Mauern Ka- pharnaums" gelegen. Wie konnte aber Markus II. 18 dann schreiben: „Jesus ging von Kapharuaum hinaus, dem Meere entlang und kam nach Er braucht dabei dasselbe Wort, wie VII, 31 e'L-zSlü»- bei der Auswanderung nach Tyrus. Der Name bestand fort, Baluze kennt das zur Festung Saphet (1238) gehörige Oa-sale aä tbeloneum, der Guardian Burchard (1283) stößt abwärts vom Berge Saphet am Seeufer auf telovium, der Missionär Ricold nennt die Station -Ibootovinm: wohin ist sie gekommen? Pococke trifft 1738 an derselben Stelle in mundartlicher Form Telhewa für Telhum, wie aus Kydonia — Kandia. aus Posidonium — Pästum ward. Es ist Ein Wort, der Araber faßte aber das ihm unverständliche Tel für Teil — Hügel auf nnd mußte die zweite isolirte Sylbe mit dem Spiritus lenis oder asxsr beginnen; also entstand Tellchum. Das weiß jeder, der arabisch versteht, und nun mußte Chum der Ueberrest von Kapharnachum sein (?), obwohl Matthäus IV, 13 dieses an die Grenze von Zabulon und Nephtali verlegt, die weit südlicher vorlief. Mein Gegner hat ebenso das Evangelium gegen sich, wenn Johannes VI, 19 die Entfernung von Bethfaida (Mesadieh) zn 25 bis 30 Stadien angibt. Die Synoptiker nennen dafür die Ebene Gennezaret. Mein strenger Kritiker ist schnell fertig und läßt die Apostel erst in der Ebene landen, dann aber mit dem Herrn nach Telhum zurückgehe«. Dieß ist, mit Verlaub, als ob jemand von Beruried nach Seeshaupt verlangt, aber deßhalb nach Arnbach fährt und nun zurückgeht. Zu Fuß kam das Volk auch schneller dahin, urtheilt mein Widersacher, wozu schifften sie dann beim Seesturm sich ein? Noch mehr! Josephus erreicht über die obere Jordan- brücke Kapharnome und den Fluß Kapharua u m. Wie rennt sich das mit Telhum zusammen? Der Fluß liegt ja eine halbe Stunde südlicher, wie konnte er davon sprechen? auch wird aus Nome oder Raum nie Chum. es müßte Telnum beißen. Doch kommt es immer besser. Mac Gregor nennt (llüo Hob Koi 1874 pE 312) Tellhoom statio male tiäa variuis — wegen der regenden Stürme aus dem Hanran. Schadet nichts, meint mein Censor, man zog dann die Schiffe auf den Sand und brauchte keinen Hafen; allem man konnte auch einen Molo bauen! — Davon müßte sich doch heute noch eine Spur finden, und warum sollten die Schiffer und Fischer nicht der: vor Augen liegeudeunatürlichen Hafen von Minieh als steten Landungsplatz und Zufluchtsort benützt haben? All die nur gemachten Einwände sind künstlich! Ein Mtbayer, Lorenz Hartinger, schildert die Erlebnisse auf seiner Pilgerfahrt 1883 S. 218 gerade zu Telhum: „Da der See Untiefen hat. so liefen unsere Fahrzeuge auf den Strand. Bei dem Tiefgang der Barken konnte nicht jeder, der nicht Stiesel trug, ans Land waten. Die Boötsknechte sprangen in den See nnd trugen die Unbebilflichen, insbesondere die Damen, nach Art, wie man kleine Kinder auf den Armen trägt, ans Land." — Was sagt unser gelehrter Doktor dazu? Man höre! „Damals war man nicht so wasserscheu, wie Sepp es voraussetzt. Petrus war Joh. 21, 7 nackt im Schiffe ; als der Herr kam. warf er sich angekleidet ins Meer. Er wußte eben aus Erfahrung, daß die Sonne am See Gennesareth genügend Wärme entwickelte, um ein nasses Gewand in kurzer Zeit zu trocknen." Das riecht nach der Studirlampe! Woher soll noch neues Material kommen, um die ,,offene Frage" über Telhum und Minieh zu lösen? Weil rch nicht mehr daraus zurückkommen will, berühre ich noch kurz die andern angefochtenen neutestamentlichen Stätten. Kana Galil nennt der Syrer den Ort des ersten Wunders (Joh. II, 1). wie die Stätte noch heute heißt und früher 4 Stunden nördlich von Nazareth bestimmt wurde. Ich habe nach Jahrhunderten als der erste Europäer 1846 es wieder aufgesucht; aber wie die Kara- wanenstraße von Telhum her. ist auch die Station verödet. Cana bedeutet im Hebräischen wie Latein die Rohrstadt, gelegen am Sumpfe Battof, woraus ich Schildkröten aufhob. Der Widerspruch ersinnt heute: es ist Kefr Kenna; man läuft den Griechen nach nnd verbraucht die meist aus der Tasche armer Leute für das hl. Land gesammelten Gelder zum Anbau eines Sanktuariums (?) in dem jüngst erst entdeckten Hanse des Bartolo- mäus von Kana. Mein Einwand: weder Name noch örtliche Lage passen bei Kenna, will illusorisch gemacht werden durch den Witz. es sei doch eine Quelle in dem Bergdorf! Da die Juden ein Manifest gegen Jesus erließen, ihn zu tödten, machte er sich von Jerusalem fort „in eine Gegend nahe der Wüste, in eine Stadt Ephrem* (Joh. XI, 63 f.). Ich suche diese Wüste in der Dekapolis zu Ephraim im Walde (ckearim, -. „Wichtig für Jedermann!" heißt es ober der Titelüberschrift, die dann noch weiter erklärt wird: „Wesentliche Mithilfe der sogenannten willkürlichen Muskeln zur Entstehung des geistigen Lebens lind dessen Wirkung auf Gesundheit, Stärke, Gestalt, Schönheit und Lebensdauer. Wir gestehen freilich, schon lange keine so sonderbare Zchrift in der Hand gehabt zu haben. Die Wechsel- virkung zwischen Leib und Seele ist von jeher anerkannt «orden; manche scharfsinnige Bemerkung müssen wir dem Verfasser danken, aber im Ganzen geht er doch zu weit, wenn er der Muskelthätigkeit sozusagen eine Nniversal- bedeutung zuschiebt und wenn er sich zu so ungeheuerlichen Sätzen versteigt, wie: „Unser Geist entsteht und wirkt unter geheimer Mitarbeit der sogenannten willkürlichen Muskeln. Richtige Geistesthätigkeit erzeugt körperliche Gesundheit, Kraft, Schönheit. Geistesfrische, langes Leben mit den edelsten Freuden. Alle Krankheiten lassen sich auf geistige Ursachen zurückführen. Bringt ein Mensch starke willkürliche Muskeln (namentlich am Halse) zur , Welt, so besitzt er Anlage zu starkem Gefühl, kräftigem ' Willen, großer Intelligenz und lebendigem Gemüth. Derartige Proben, die sich noch vielfach vermehren ließen, überheben uns der Mähe einer Beurtheilung, und überlassen wir es dem Leser, sollte er etwa Lust haben, ins geheimuißvolle Dunkel dieser neuen Psycho-Physiologie einzudringen, in der die Schatten der alten Phrenologen bedenklich herumgeistern. Chable Flor., Die Wunder Jesu in ihrem inneren Zusammenhange betrachtet. 8°, XII -s- 106 SS. Freiburg im Br., Herder, 1897. Preis M. 2.00. Vorliegende Monographie, die Promotionsschrift eines jungen, leider inzwischen verstorbenen Gelehrten, bildet einen Bestandtheil (II. Bd.. 4. Heft) der gediegenen „Straßburger theologischen Studien". Nachdem die kecken Leugner der Wunder Jesu mit ihren geradezu unverständigen Angriffen neuen Feinden, den Vertretern mystisch-physiologischer Umdeutnng (Suggestion rc.) Platz gemacht haben, ist es jedenfalls kein überflüssiges Unternehmen, die Wunder des Herrn einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Dies geschieht in befriedigender Weise in vorliegender Schrift. In fünf Kapiteln handelt sie mit Berücksichtigung der neuesten Einwendungen von der Wunderthätigkeit Jesu im Allgemeinen, von dem wunderbaren LiebeSwerre Jesu, von den Wundern zur positiven Gründung des messianischen Gottesreiches und zur Ueberwindung des Satans (Teufelsanstreibung und Todtenerwecküng) und von den wunderbaren Realweissag- ungen Jesu. Ein chronologisches Verzeichniß der Wunder Jesu beschließt die lesenswerthe, interessante Abhandlung. Musterbeispiele für das Briefschrciben für Werktags-, Sonntags- und Fortbildungsschulen. Von Hauptlehrer Fink in Haigerloch. Verlag der H. Christian'schen Verlagsbuchhandlung in Horb (Württemberg). Preis 40 Pf. * Ueber dieses Büchlein schreibt ein hohenzollern'scher Schulmann: Wir machen hiermit auf genannte Frucht langjähriger Schulpraxis die Lehrer und ihre Vorgesetzten ganz besonders aufmerksam. Es sind im ganzen 104 Briefe m vollständiger Ausarbeitung, von religiös-sittlichem Geiste durchweht. Die Themata sind allen Fächern der Volksschule entnommen nnd den Zeitbedürfnissen entsprechend ausgewählt. Die Form der Darstellung erinnert an den unübertroffenen Volksschriftsteller Alb an Stolz. Es ist erfreulich, daß in einer Zeit, in der so viele Schul- schriften seit 20 Jahren vom „grünen Tische" aus auf den Büchermarkt gebracht wurden, ein erfahrener Volks schullehrer zur Feder gegriffen hat. Möge sein Erstlingswerk seitens der Schulmänner und Schulfreunde die wohlverdiente Beachtung lind Verbreitung finden. Lli ssa s pro ä s tu n v ti 8 sx misssli romano cksprowptas: aoesäit ritU8 adsolutionis pro ässmicdis 6x rituali st pontiüoali roivLno. 2°, pp. II -s- 52. Ratis- bonae, UuL'tst, 1897. (IV.) S Xova üase mizsalis äotunotormn eckitio irmAlns t>pis msMiZgue notarum ivusiosrum korinis exousa oanäem oruatus oxtsri vitiäateiu, toxtnnm rsetituäinsm pras 56 kort, gnas in oinnibus osloberriinas tz-poKrapbias Uu8tstiana6 Itbris IiturZiois lsuckaro conLusviwus. lW aliuck aäcksnäum 68t, gnam ut, gno saepins eckitioues bujus Ksv6ri8 procioavt, eo majori ctiliK-ontia ao bplenllore ro» voZnitae axparoant. Krieg, Max., Die Ueberarbeitung der platon» ischen „Gesetze" durch Philipp von Opus. 8». 40 SS. Freiburg i. Br.. Herder 1696. M. 1L0. Die „Gesetze" sind das letzte Werk des greisen Plato gewesen. An ihrer Echtheit wird jetzt nicht mehr gezweifelt, ein interessantes Problem der Literaturgeschichte ist es aber. zu erörtern, wie sich der von Plato's Schüler Philipp von Opus überlieferte Text zu des Meisters, eigenen, ursprünglichen Meinungsäußerungen verhält. Das geschieht hier nach Vorgang vieler anderer Philologen in klärender, lichtvoller Darstellung. 5 Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Perlgg des Ljt. Instituts von Haas 8- Grabkerr in Augsburg. tti-. 33 12. Juni 1897. Karl Meichelbeck, 0. 8. 8. Ein bayerischer Geschichtschreiber. „Der Aufwand für ein Denkmal ist ganz überflüssig; unser Andenken wird ohne dieses sich erhalten, wenn wir es durch unser Leben verdient haben," sagt der alte Frontin. Und mag die raschlebige Zeit manchmal auch in der Verhimmelung von Tagcsg'ötzen verdienter Männer der Vorzeit vergessen, gleichwie eifrige Spürer aus Schutt und Asche die Meisterwerke früherer Zeiten hervorgraben, so fehlt es auch niemals an pietätvollen Nachkommen, die vergessene Verdienste der undankbaren Nachwelt aüf's neue vorrücken und ihnen ein Denkmal nere perermirm errichten. — Einen solchen Act der Pietät vollzog bei dem 138. Stiftungstage der bayer. Akademie (27. März 1897) Franz Ludwig Baumann, der das Leben und Schaffen eines bayer. Benediktiners, ?. Carolns Meichelbeck, gestützt auf die Originalhandschriftemdes- selben (in der kgl. Staatsbibliothek), mit anerkennens- werther Hingabe und Unparteilichkeit beleuchtete — werth, der breiteren Oeffentlichkeit bekannt zn werden. Karl Meichelbeck, als Sohn eines armen Seilers in Oberdorf, dem -schwäbischen Markte unweit der Wertach, am 29. Mai 1669 geboren, besuchte in München die Schulen. 1687 trat er ins Kloster Benediktbeuern ein und erhielt nach philosophischen und theologischen Studien zu Augsburg 1694 die hl. Weihe. Daß der junge Ordensmann in hohem Ansehen stand, beweist, daß er schon 1696 zum Leiter der reichen Klosterbibliothek bestimmt wurde. Das Jahr darauf wurde ihm vonl Präses der bayer. Benediktinercougregation, Bernhard von Tegernsee, der Äehrstuhl für kansnisches Recht angeboten. Bescheiden lehnte k. Carolns ab: „8eä cpÜ8 6ßo erava, uk aeesxts.reill, gut iuri oivili irunyulrin kni aciiiibitntz?" — Indeß nahm er im selben Jahre die Professur an dem neugegründeten Lyceum in Freising an, wovon ihn die Kongregation 1701 abberief, da sie ihm an der eigenen Lehranstalt in Nott a. Din die Professur für Philosophie und Theologie übertrug. 1708 wurde er von der Kongregation zum Archivar und- Chronisten, vom eigenen Kloster zum Archivar ernannt. Diese Thätigkeit lag so recht eigentlich im Sinne Meichel- becks. Mit unermüdlichem Eifer ordnete er im Kloster das gänzlich vcrinuhlässiMArchiv, so daß es Pez 1717 scitÜ88im6 orciivntnin vorfand. Hier legte er zugleich den Grund für seine ausgezeichneten Quellcnkenutnisse.; hier begann er die Knnaiee, Äs er aus der Chronistcü- sphäre heraushob, indem.er mit prächtigem Geschick die- Geschichte seiner und frühere^ Zeit. mitverwok5 - 1709 lud ihn Fürstbischof Franz von Freising,v selber ein Freund von Geschichtsforschung und ein leideü- schaftlicher J»schristensainne dieses Werkes nicht mehr —: erst 1751 ließ es tzohenauer, MAchelbecks langjähriger Schüler und Mitarbeiter, veMentlicheu, als er Äbt von Benediktbeuern wurde. Am 2. April 173S starb Meichelbeck: ein halbes Jahr zuvor hatte er schon geschrieben: „äobenius owir68 inertem yuotiäie imkere ante oonios 8N8peetam: ego poti88imum, cpü innr rrd armis plurikrm suua Lukieetua äelic^uiio et ckekilitatidug '»cckpüm'öt m6rmita,tiiius 8tomLeiri, <^ui pinree oiboo, -nomirurtiiL pmcös omneö, olern ei c^uick^niä aosto eonÄitzir; ^erütum^eioit, 8 ä 6llixloz-a.r pour attoinäro notrs bat, tous soat bous, pourvu aa'tls röussisssat." Diesen Satz möchten wir denn doch bis zum strengsten Nachweis seiner Authenticität für eine vielleicht von Rosen oder Taxi! herrührende Fälschung halten. Daß die Freimaurerei den Grundsatz: „Der Zweck heiligt die Mittel," welchen sie den Jesuiten unterschiebt, thatsächlich selbst oft befolgt hat und heute noch befolgt, steht allerdings außer allein Zweifel. Daß sie ihn aber in obiger Form aussprcche, ist höchst unwahrscheinlich. der Wohlthätigkeit u. s. w. geleistet wurde, auch ohne Logen und Logcngrnndsätze hätte geleistet werden können und ivohl noch besser geleistet worden wäre (S. 71 f.). Die Freimaurerei als solche hat nur zersetzend gewirkt selbst in der Literatur (S. 139 ff.). Man wende nicht ein, daß die im Vorstehenden gekennzeichneten Mißstände die deutsche Freimaurerei nicht betreffen. Die Mehrheit der deutschen Logen huldigt allerdings einer in kirchlicher und politischer Hinsicht gemäßigteren Richtung, als die heutige ungarisch-österreichische, aber bei der gegenseitigen Verbrüderung der Freimaurer-Verbände der verschiedenen Länder kann die Wechselwirkung nicht ausbleiben. Die deutschen Großlogen unterstützen die Umtriebe ausländischer Großlogen thatsächlich durch die Verbrüderung, in welcher sie zu ihnen entweder unmittelbar oder, wie z. B. zum französischen Großorient, mittelbar, d. h. mittelst des italicn ischen, griechischen, ungarischen usw. Großoricnts, stehen. Auf einen frappanten Fall haben wir schon wiederholt hingewiesen. Der erklärte Revolutionär Br.'. Adr. Lemmi fungirt schon feit dem 8. Oktober 1883 als Freundschaftsbürge, also erwählter freimaurcrischer Vertrauensmann der drei 5) — seit 1895 wenigstens noch von zwei — preußischen Großlogen (National-Mntterloge und Noyal Iork).H Mit der ungarischen Symbolischen Großloge stehen die preußischen Großlogen zwar augenblicklich nicht in unmittelbarem Verkehr, aber die Ursache ist nur die Gereiztheit über die Anerkennung, welche die ungarische Grobloge dem von den altprenßischen perhorrcscirten nengegründeten Settegast - Verbände') zu Theil werden ließ. Wenn die deutschen und altpreußischen Großlogen wirklich darauf halten, nicht als geheime politische und kirchliche Umtriebe anzettelnde und fördernde geheime Secte betrachtet zu werden, so müßten sie zum mindesten alle Verbindungen nicht nur mit auswärtigen Verbänden, die selbst dergleichen Umtriebe anzetteln, also z. B. mit der ungarischen, belgischen, italienischen Freimaurerei, sondern auch mit allen Verbänden abbrechen, die wieder zu solchen wesentlich politischen und antikirch- lichcn freimaurerischen Geheim-Vcrbänden freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Sie müßten auch selbst darauf verzichten, das öffentliche Leben irgendwie beeinflussen und ihre Mitglieder in einflußreiche Stellungen bringen zu wollen. Sie müßten endlich, um den durch die Geschichte der Freimaurerei wohlbegründeten Verdacht von sich abzuwälzen, auf ihre mit Recht beargwöhnte Gcheimthnerei vollständig verzichten. So lange das nicht geschieht, muß auch die deutsche Freimaurerei trotz des Protectorats als eine Anomalie im Staatsleben, als eine schwere, ärgerliche Unordnung bezeichnet werden. Recensionen und Notizen. „Dichterstiinmen der Gegeuwa r t." Poetisches Organ für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Leo Tepe van Heemstede. Verlag von Peter Weber in Baden-Baden. Jährlich 12 Hefte. Mit 12 Knnstbeilagen (Porträts und Biographien zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen). Preis halbjährlich 2 M. 25 Pfg. ll. L. bß Eine allerliebste Liedergabe brachte der Monat Mai mit dem Maiheft der „Dichterstimmen der °) Gerber, Freimaurerei und öffentliche Ordnung S. 138 s. °) Br. C. van Dalcus Kalender für Freimaurer für 1897, S. 231. Z Vgl. Grubcr, Freimaurerei u. öffentliche Ordnung. 236 Gegenwart". Wie aus nie versiegendem Quickborn quillt da Sang um Saug und Lied um Lied. Die „junge Älpeulerche" aus dem heiligen Land Tirol jubilirt friih- liugsheiter in „Wanderweisen": es ist der Landsmanu des wohlbekannten Dichters vom „Ewigen Juden": Anton Müller oder Brnder Willram, wie sich der Dichter nennt. Die Kunstbeilage der „Dichterstimmen" bringt sein Bild, das viel Geist und Talent athmet, in gelungenem Lichtdruck. Eine kurze literarische Skizze stellt uns den jugendlichen Dichter vor. Seine „Wanderweisen", womit er den Sängerreigen der „Dichterstimmen" diesmal eröffnet, tönen frisch und hell wie Alpenquell. Erprobte Sänger und Sängerinnen, denen man immer wieder gerne lauscht, folgen: der katholische Klopstock Dr. F. W. Helle, die edlen Westfalinnen Ferdinande Freiin von Brackel, Antonie Jungst und Margarethe Mirbach, Hefele aus Stuttgart. Fromm und innig klingt es von Maiandacht in den Gedichten: „Mariens Maienlied", „Die geistliche Rose". „Ave Maria". „Die Abendglocke". .An Maria". Auch Jugenddrang und Maienlnst ertönt: „Im Frühling!", „Kinderzeit", Bescheidenes Glück", An mein Lieb". Echte Goldkörner sind Jseke's „Splitter und Pfeile". „Maiandacht in der Natur" ist ein weiheduftiges Gebet, ein poesievoller Hymnus in Prosa an die Maienkönigin. „Alte und neue Bücher", „Mosaik" und „Literarische Tafel" eröffnen dem Freunde schöngeistiger Wissenschaft eine ergiebige Fundgrube literarischer Schätze. Unter andern: kommt darin die erfreuliche Kunde, Hans Eschelbach's „Wildwnchs", dem vor etlichen Wochen die Beilage der „Angsb. Postztg." einen eigenen Aufsatz widmete, werde noch in diesem Jahre seine dritte Auflage erleben.*) Die Glanznummer des Maiheftcs der „Dichter- stimmen" aber bildet Effer's Skizze „Hexentanz". Das ist ein tieffinniges und wiederum traumseliges, in glühenden Farben entworfenes Seelengcmälde von eines Künstlers Jugendliebe, die er vor zahlreicher Zuhörer- menge aus den Saiten seiner Violine wieder erklingen lässt. Die Skizze ist von überwältigender dramatischer Lebendigkeit. Wie geglättet und silberhell ist der schmelzende Ton der Sprache! Bei all dem großartigen Wortgebilde und der Kühnheit der Wortstellung ist die Sprache doch einfach, sie ist schwungvoll und blumenreich, und dennoch vermöchte man kaum ein einziges Sätzchen in schlichterer Weise wiederzugeben. Mit fast verschwenderischer Fülle hat die süße Suada der Linzer Dichterin ihren Liebreiz ausgeschüttet. Der „Hexentanz" mit seiner deutschen Gemüthstiefe und das „Alhambra- märchen" **) mit seiner Südlandsgluth wiegen dickbändige Salonromane unserer gefeiertsten Jüngstdentschen auf. Aehnlicher poetischer Zauber ist auch stets auf die übrigen Monatshefte der .^Dichterstimmen" reichlich ausgegasten. Dichterpersönlichkesten treten uns da entgegen, anmuthig und lieblich wie die zarte Birke im grünen Laubwald, ernst und erhaben wie die schlanke Edeltanne im deutschen Hochwald, markig und kräftig wie die wettererprobte deutsche Berbeseiche. Wer darum seelenheitere Ruhe, poetische Schönheit und Anmuth ungetrübt genießen will, verschaffe sich ungesäumt die „Dichterstimmen der Gegenwart". Sie sind ra spottbillig. Und sage mir Jemand, welche poetische Zeitschrift geht über die „Drchterstimmen" ? Etwa das „Deutsche Dichterheim" mit seinem poetischen Allerlei? Nein, die „Dichterstimmen" sind edler und gediegener. Also abonnire darauf, gib lieber darum die „Jugend" aus. Die kecke Müilchnerin berauscht dich mit betäubendem und stäubendem Mohngeruch; ,,das Mädchen aus der Fremde" bezaubert dich mst vollem erquickendem Rosenduft. Hittmair Rud., Die Lehre von der unbefleckten Em- pfänaniß an der Universität Salzburg. 8°. VI -s- 240 SS. Linz a/D., Ebenhöch, 1896. Preis 5 M. -» Daß es sich hier um das Dogma der unbefleckten Emvfängniß der allerseligsten Gottesmutter Maria handelt, ist leicht zu errathen, sollte aber doch auch auf dem Titel richtig angeführt sein, sonst laufen wir noch Gefahr, die „Lehre von der Menschwerdung" oder die *) 1. Auflage 1893, 2. Auflage 1896. ') Erschien in Heft I und II der „Dichterstimmen". „Lehre von den sieben Gaben" an der Universität Salzburg zu lesen. Das Buch versetzt uns in die Blüthezeit der ehemaligen, 1622 gegründeten Universität Salzburg, die man ja gegenwärtig (nach der Aufhebung 1610) wieder herzustellen sucht. Der Verfasser führt uns ein interessantes Stück aus der Gclehrtengeschichte dieser einst durch tüchtige Lehrer berühmten Hochschule vor Augen. Als Vertheidiger der Lehre, die später zum Dogma erklärt wurde, treffen wir damals vorzüglich die Professoren U. Äugustin Neding, 1?. Benedikt Pettschacher, die Gebrüder Mezger, den berühmtesten aller Lehrer der Universität, Cvlestin Ssondrati, der in seinen: Hauptwerk sogar den Aquinaten für die Lehre von der unbefleckten Empfängnis; Mariens (allerdings mit Unrecht) in Anspruch nunmt, ferner U. Ludwig Babenstubcr und Cölestin Mayr. Auch :n späteren Zecken, als Aufklärerei und Freimaurerthum ihren Einfluß geltend machten, traten namhafte Universitätslehrer für die erwähnte Lehre auf. Es gewährt ein eigenartiges Vergnügen, die Beweise jener mit der heil. Schrift innig vertrauten Prediger zu lesen, wie sie ihre Ansicht durch symbolische Spielereien und maßlos kleinliche Allegorie zu stützen suchten. Die sonderbarsten Umdeutungen aus Worten des Hohenliedes mußten herhalten, in Verlegenheit war man nie, und mehr als einmal treffen wir einen „neuen Einfall, der dem verschränkten Gehirn des Predigers gleich einer Kürbisstaude entsprang. wie einst Pallas dem Hcnrpte des Zeus", so wie in der S. 53 angeführten geschmacklosen Predigt „Oaloous Llarias msnsura maßMtuäinis chus". Doch, urtheilen wir nicht zu strenge über eine Zeit, die nicht von unserm heutigen kritischen Standpunkt aus angesehen sein will, um nicht ungerecht beurtheilt zu werden. Das Werk des Verfassers wird sicher mit großen: Interesse in theologischen streifen aufgenommen werden. Jungmann, Bern., Institutiones tüeoloKiao ävAmatioas sxeoialis: llckaotatus cke Vsrbo inearnato. 8". pp. 408. Rrckisbonas, ö'r. Unstet, 1897 (V.). Preis 3 M. 69 Pfg. s Die in fließenden:, schönen: Latein geschriebenen theologischen Traktate des leider zu früh verstorbenen Löwener Professors Jungmann sind mit Recht die Lieblinge der Studwenden. Sie geben die katholische Lehre nach den bewährten Meistern der Wissenschaft wieder» ohne mit üppigem Citatenballast den Leser aufzuhalten und den Raum zu verschwenden: so steht in dem kleinen Bündchen mehr Inhalt, als in manch dickleibiger Dog- matik, die mehr Bibliographie, als Lehrbuch ist. Es ist also kein Wunder, daß der Abschnitt „vs vsrbo inoarnato", nun schon zum fünften Male erscheint, sachlich unverändert, an Schönheit und Corrcctheit der Ausstattung mit jeder neuen Auflage besser. Das Buch ist zu bekannt und sein Lob von autoritativer Seite (Lota 8. 8oäis, kaso. 74) zu klar verkündet, als daß es nöthig wäre, dasselbe eingehender zu besprechen. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 1. Krumbacher's byzantinische Literaturgeschichte (Orterer). — Weitere kritische Referate über H. v. Noit Bibelkenntniß u. Bibellesen (A. Zimmermann), K. Llüllor DkooIoKlu moralis sä. VII (Deppe), N. Kaufmann Elemente der aristotelischen Ontologie (Seb. Huber), M. Baumgartner Philosophie des Alanus de Jnsulis (Stölzle), 6arä. Lloran Ilistorx ok tbs Oatbolio Obnrob in ^ustralasia (Bellesheim), Eberle Grundzüge der Sociologie (F. Walter), Redeatis Blüte und Frucht, Redeatis Herzenswünsche und Benfey- Schuppe Die Freundinnen (Kecker), Hertkens Reliquien der Sandalen Jesu in Prüm (Gla).— 14 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten- Verzeichniß. Veraistw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ni-. 34 r » nklgk zur AiigMger IoßzMg. 19. Juni 1897. Hans Holbein der Jüngere. Ein Gedenkblatt zu dessen 400jährigem Gebnrtstagsjubiläum von A. Zottmann. „Alles zeugt dafür: Hans Holbein der Jüngere war ein künstlerisches Genie von einer Allseitig- keit, wie Wenige vor und nach ihm aufgestanden." (I. Sighart, Gesch. d. bild. Künste im Königr. Bayern ps. 599.) Die alte, glänzende Reichsstadt Augsburg barg um die Mitte des 15. Jahrhunderts eine ganze Reihe be- mcrkenswerther Künstler innerhalb ihrer Mauern, denen aber allen der Vorrang abgelaufen wurde von den beiden Malerfamilien Burkmaier und Holbein. Vorzüglich letztere hat in ihrem Gliede Hans Holbein dem Jüngern einen Meister hervorgebracht, der mit Dürer auf der Höhe deutscher Kunst steht, einen Maler, dessen Werke auch neben denen eines Raffael noch zu »«getheilter Bewunderung hinreißen, und der immer zu den ersten Künstlern aller Zeiten und Länder gezählt werden wird. Ihm sollen die folgenden Zeilen zu seinem 400- jährigen Geburtstagsjubiläum gewidmet sein,') und sind die werthen Leser gewiß damit einverstanden, daß die „Augsburger Postzeitung" dem Gedenkblatt für ihren weltberühmten Landsmann ihre Spalten öffnet. Im Hause „zum Dippold" war die Wohnung Gnrkmaier's und auch, wenigstens für längere Zeit, des alten Hans Holbein, wcßhalb man hieher die im Jahre 1497 erfolgte Geburt des jüngeren Hans Holbein verlegt.?) Letzterer hatte noch zwei Brüder, Ambros und Bruno, und alle drei wurden vom Vater, der selbst ein geachteter Künstler war, zur Malerei erzogen. Selbst- ständig hat hier während des Augsburger Aufenthaltes der junge Künstler keinesfalls gearbeitet, wenigstens ist nach der neuesten Holbeinforschung nichts erhalten, was ihm allein zuzuschreiben wäre;") seine Thätigkeit wird ganz in der Beihilfe zu den Werken des Vaters aufgegangen sein. Aber es läßt sich leicht denken, daß es ein so frühreifes und umfassendes Künstlertalent, wie es dem jungen Hans Holbein beschicken war, mächtig drängte, nicht mehr nach den Principien und Vorschriften Anderer ') Benützte Literatur: A. Woltmann, Holbein und feine Zeit (2 Bände. Leipzig 1866); Ed. H,s-Heusler. Die neuesten Forschungen über H. Holbein des Jüngeren Geburt rc. (in Beiträge zur Geschichte Basels VIII. Bd. ps. 347 ff.): Reber, Geschichte der Malerei v. Anf. des 14. Jahrh. (München 1894 PA. 255—261): A. Bayers- dorffer, Der Holbeinstreit (München 1872); R. 8. ^Vornuiu, soms s-oeount ot tlrs lils anä ^vorlc8 ok 8. klolboiv (London 1864); Ed. Hies, Einige Gedanken über oie Lehr- und Wanderjahre Hans Holbein des Jüngeren (im Jahrb. der k. preuß. Kunstsammlung XII. Bd. pZ. 59 ff.); C. v. Lützow. Holbeins Madonna des Bürgermeisters Meyer (Separatbeil. zur Chronik der vervielf. Künste, Wien 1888, Nr. 1); Springer. Handbuch der Kunstaesch. 1896, IV, px. 112—124; Franz, Geschichte der Malerei, 8, 897 ff. u. A. 2) Wie bei andern großen Männern, war man über Zeit und Ort unseres Künstlers lange Zeit nicht einig. Er sollte in Basel, im pfälzischen Grünstadt oder in Augsburg geboren fein. Nach dem jetzigen Stand der Kunstgeschichte aber ist er zweifelsohne zu Augsburg 1497 geboren. ') Die verschiedenen Arbeiten, welche Woltmann aus dieser Periode ihm zuschreibt, gehören mehr dem Vater, dem ältern Holbein. an. zu arbeiten, sondern auf eigene Füße sich zn stellen und ganz Selbstständiges der Welt zu bieten. Das erklärt uns, warum Hans so frühzeitig dem Vaterhaus Lebewohl sagte und nach Basel in der Schweiz sich begab, wo damals der Bücherdruck und die Bücherillustration i» hoher Blüthe waren und einem strebsamen Künstler reiche Gelegenheit zur Ausübung seiner Kunst bieten mußten. Bereits vom Jahre 1515, also von seinem 18. Lebensjahre an kann Holbeins Aufenthalt in dieser Stadt nachgewiesen werden. Da er aber erst 1519 in Basel zünftig wird, so muß man, wie Ed. His calculirt, annehmen, daß er während der ersten Jahre bei einem ander« Meister lernte und arbeitete, und dieser dürfte der auS Augsburg stammende Hans Herbster gewesen sein, „indem aus mehreren Zeugnissen hervorgeht, daß beide Bruder Holbein zu demselben in näherer Beziehung standen, wie z. B. Hans i. I. 1516 dessen Bildniß malte. . . . Auch war Herbster damals der angesehenste Maler in Basel." Aus dieser Zeit stammen von Holbein neben dem angeführten Porträt Herbsters noch fünf große auf Leinwand gemalte Passionsbilder, der lange Zeit verborgene und erst 1871 von Professor Vögelin in verwahrlostem Zustand wieder aufgefundene sogen. Holbeintisch mit Darstellungen des von einem Affen ausgeraubten Krämers und des traurigen St. Niemand, auf den alle Schuld geschoben wird; ferner das Doppelbildniß des Bürgermeisters Jakob Mayer und seiner Ehefrau, damr 62 Federzeichnungen zu der Schrift des Erasmus „Lob der Narrheit" — scherzhafte kleine Zeichnungen von verschiedenem Werth, „aber meist reich erfunden und mit so genialer Freiheit der Hand ausgeführt, daß man gern der Versicherung glaubt, Erasmus selbst habe sich daran ergötzt"; außerdem ein Schulmeister - Aushäugschild mit entsprechenden Scenen; Adam und Eva, zwei Bilder mit häßlichen Köpfen, die eher einen Rückschritt als Fortschritt bezeichnen, Und endlich eine reizende Federzeichnung auf dunkelgrau grundirtem Papier mit weißen Lichtern, welche die sitzende jugendliche Madonna darstellt, wie sie dem Kinde behilflich ist, die ersten Schritte zn »rächen. Im Allgemeinen offenbart sich schon in diesen Jugend- werken ein scharfes Auffassen der thatsächlichen Verhältnisse, ein stark hervortretender Realismus ohne viel ideale Erhebung, theilweise auch ein gewisser Uebermuth und volksthümliche Derbheit. Im Jahre 1517 verließ unser Künstler Basel und taucht bald darauf in Luzern auf, wo er das HauS des Schultheißen Jakob von Hertenstein innen und außen mit Wandgemälden versieht; außen mit Ornamenten, Wappenschildern und Scenen aus der altgriechischen und römischen Sage und Geschichte, innen mit den heiligen 14 Nothhelfern, der Stifterfamilie, dem Jungbrunnen. Die Gemälde sind leider zu Grunde gegangen und nur flüchtige, unzureichende Abzeichnungen davon erhalten. Ein gewisser Herr Knörr, der größte Banquier Luzerns, hatte das großartige Kunstverständniß (??), daß er das bis 1824 wohl erhaltene Hertensteinische Haus niederreißen und damit eines der bedeutendsten Werke von einem der größten Maler aller Zeiten zerstören ließ. Obwohl Carel van Mander, der älteste Biograph Holbeins, ausdrücklich bemerkt „Nooit reisde H. Holbein naar Italic" (Niemals reiste H. Holbein nach Italien), so sind sich jetzt die Kunsthistoriker doch darüber einig, daß sich verschiedene Werke des Meisters nnr erklären 238 lassen, wenn man annimmt, er habe Italien gesehen, und setzen deßhalb in diese Zeit von Luzern aus eine Reise Holbeins in die Lombardei, da seine Gemälde vorzüglich lombardischen Einfluß verrathen. „Zeugen doch dafür, sagt Ed. His, nicht allein manche Merkmale in seinen Werken von 1519 an, welche in ihren ornamentalen und architektonischen Beiwerken auf Kenntniß der lombardischen Renaissance schließen lassen, sondern auch manche seiner Gesichtsformcn verrathen seine Hinneigung zu deni eigenthümlich leonardesken Tyypus. . In Luzern „wird erwähl von den Wundern jenseits der Alpen gehört haben. Wie konnte er bei der Nähe dem Drang widerstehen, einen Blick hineinzuthun? Hat man doch in mehreren seiner Zeichnungen Anklänge an den malerischen und wildschauerlichen Weg, der dahin führt, erkennen wollen." . .. „Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß Holbein bereits im Jahre 1517 . . diese Wanderung unternahm." Nach Base! kam Holbein jedenfalls wieder im Jahre 1519, weil aus diesem Jahre das Porträt des gelehrten Bouifazius Amerlach, späteren Basler Nechtsprofessors, eines Freundes des Künstlers, stammt. Im Juli 1520 wurde Holbein Bürger von Basel und empfing im darauf- solgenden September auch das Zunftrecht zum Himmel. Somit ist er ein richtiger Basler geworden, und alsbald trägt ihm auch der Rath der Stadt auf, das Rathhaus auszumalen. Das betreffende, von His-Heusler im Basler Archiv entdeckte Dokument vom Jahre 1521 trägt folgenden Wortlaut: „Holbein, Moler. Ze wissen, daz Meister Hannsen Holbein dem Moler von minen Heren, den Bnwheren vnd lonheren in namen eins Rats, den sal yff dem Richthuß ze malen verdingt ist nach lutt zweyer verding Zedlen deßhalb gemacht vnnd gibt man im für solich sin Arbeitt Hundert vnnd XX gülden. . ." Weiter folgt die Mittheilung, wann die einzelnen Raten dieser Summe ausgetheilt wurden. Die Gemälde, welche in längerer Unterbrechung vollendet wurden und Thaten uneigennütziger Vaterlandsliebe, strenger, selbstloser Gerechtigkeit oder Warnungen vor Tyrannei und despotischem Uebermuth vor Augen führten und wohl das Hauptwerk des Meisters bildeten» find leider nur mehr in Skizzen und Zeichnungen vorhanden. „Aber auch in dieser Gestalt, sagt Springer, erscheinen sie für die Beurtheilung der Künstlernatur Holbeins überaus lehrreich. Sie offenbaren ein tiefes Eindringen in das Wesen des Ereignisses, ein scharfes Erfassen des Kernhaften in Stimmung und Charakteren, eine Begeisterung für das Historische, wie sie in gleichem Maße bei. keinem seiner Kunstgenossen beobachtet wird. Holbein schreckt vor dem Herben und selbst Häßlichen nicht zurück, wenn es ihm für die Wahrheit der Schilderung dienlich erscheint." Und der allerdings gern im Superlativ redende Woltmann meint bezüglich derselben: „Der Maler steht auf der Höhe der geschichtlichen Auffassung, und das Ganze bietet überhaupt das größte Beispiel ächter Historienmalerei, welches je vorgekommen ist in der deutschen Kunst," und wir dürfen „uns nicht scheuen, sie neben dem Größten zu nennen, was die Kunst überhaupt kennt. . Mit einer andern, lebensvollen Wandmalerei, die auch nur mehr in einer Durchzeichnung vorhanden ist, versah der Künstler das nach einem der Bilder benannte „Haus zum Tanz". Den Hauptgegenstand bildet ein Bauerntanz: „ein Fensterchen über der Hausthür schneidet in einen Streifen ein. Daraus ist ein Tisch gemacht, auf welchem Bier- krug und Becher stehen und gegen den die beiden Musikanten sich lehne». Mit -dem Dudelsack spielen sie auf. Zu dieser Musik dreht sich Alt und Jung, lauter derbe, kurze, kräftige Gestalten in stürmischer Bewegung. Das jubelt und tummelt und jagt sich, weiß sich vor Neber- muth gar nicht zu lassen. Die Hüte der Burschen, die Haare der Mädchen sind mit Blumen bekränzt. Im lustigen Neigen fehlt auch der Narr mit der Schellenkappe nicht; er trägt sie Einer für Alle. An ein paar Stellen wird der Scherz etwas ausgelassener, als man es heutzutage passend fände auf offener Straße." Auch Aufträge zu Tafelbildern stellten sich ein. So erhielt sich die Folge von acht Passionsbildern und eine dazu gehörige Predella, Christus im Grabe, von 1521. Auf diese gemalten Passionsscenen folgen 10 vielleicht als Entwürfe für Glasmalerei gedachte derartige Motive in Tuschzeichnung, beginnend mit Christus vor Kaiphas. Gegen frühere Arbeiten ist hier die Formbehandlung größer und freier, der Naturalismus schonungsloser. Er versucht darin, sagt Woltmann, „seinen Geist und seine Richtung allein walten zu lassen, alle kirchliche Ueberlieferung, alle Gewöhnung von sich zu weisen und die Leidensgeschichte des Herrn zu behandeln nicht im kirchlichen, sondern im historischen Geiste. . . Erbauungsbilder zu geben, das kommt ihm jetzt nicht mehr in den Sinn; es sind Gesch ich tsbilder. Das rein Menschliche ist herausgegriffen, dies allein trägt, motivirt und bestimmt Alles, was vorgeht. Hier sind lauter menschliche Leidenschaften, menschliche Thaten, menschliche Charaktere, und die Thaten sind aus den Leidenschaften, die Leidenschaften aus den Charakteren herausentwickelt. . ." Besonders derb und abstoßend realistisch ist das oben erwähnte Staffelbild: Christus im Grab. „Es ist nichts Anderes und will nichts Anderes sein, als das Abbild eines gewaltsam Getödteten, so wahr, wie nur möglich, und so gräßlich, wie hier die Wahrheit sein muß(?), vor uns hingestellt... Hingestreckt auf ein weißes Tuch in einem grünen Steinsarg liegt die erstarrte Gestalt. Der Kopf, gegen hinten zurückgesunken, mit hinabfallendem Haar und starren, halb geöffneten Augen, hager, mit stark vortretenden Backenknochen, ist in der Bildung höchst gewöhnlich; von jedem Christustypus ist abgesehen, auch die Züge sind ganz aus der Natur genommen. Alle Schrecken des Todes sprechen aus diesem grün angelaufenen Gesicht, diesen verwesenden Händen und Füßen, diesen Wundenmalen, den blutigen Löchern, die man tief in die Glieder sich einbohren sieht. Entsetzlich dürr ist der Körper ; desto mehr fällt die treffliche Behandlung der Muskeln usw. in die Augen...." Daraus sehen wir zur Genüge, daß Holbein mit der gläubig-idealen Richtung des Mittelaltes ziemlich gebrochen und zum guten Theil auf dem Boden der für idealen Schwung wenig Verständniß zeigenden Renaissance steht. Das beweisen mehr oder weniger auch seine andern in dieser Zeit entstandenen Bilder, wie der zweiflügelige Altar im Don: zu Freibnrg mit Geburt Christi und Anbetung der Könige, Flügelbilder in Karlsruhe mit St. Ursula und Georg, die Madonna von Solothurn. ^ein derb realistisches Werk ohne lieferen Inhalt", u. A. (Schluß folgt.) Kirchemestllttrirttngen in Bayern. III. Angsbnrger Domportale. Der aus dem XI. Jahrhundert stammende Kern des Augsburgcr Domes ist eine doppclchörige, romanische 239 Pfcilerbasilika mit schmalem westlichem Querschiff und Altarrund. Dieselbe wurde im Jahre 1321 in eine» gothischen Gewölbeban mit verdoppelten Seitenschiffen umgewandelt. Die Ostpartie wurde zwischen 1356 und 1431 und später abermals bis zum Jahre 1484 völlig erneuert, so daß von ihren ursprünglichen Verhältnissen nichts Sicheres mehr bestimmt werden kann. Sie bildet einen Chorumgang mit Kapellenkranz und zwei Prachtportalen. Diese ganze ruinenartig erscheinende östliche Chorpartie verdiente wohl nach dem Vorgänge der Kirchen- rcstanratiouen in Nürnberg eine stilgerechte Erneuerung. Ain schreiendsten drängte sich aber allen durch jenes nördliche und südliche Portal (zwischen Ostchor und Schiff), als die beiden Hanpteingänge, in die Kirche Tretenden das Bedürfniß der gründlichen Ausbesserung des Figurcn- schmnckes sammt der Architektur eben dieser alten Pracht- portale auf. Am nördlichen stehen die ältern, aus der Zeit der ersten Umwandlung des BaueS stammenden Figuren. Die zwei gekrönten hl. Frauen auf der rechten Seite, mit den etwas rundlichen Köpfen und dem stereotypen Lächeln, zeigen in ihren reichfaltigen, oben eng anliegenden, von den Hüften in weichen Falten lang Herabwallenden Gewändern noch den Stil des Xlll. Jahrhunderts. Aus etwas späterer Zeit stammen die zwei linksseitig stehenden Statuen: des hl. Bischofs Ulrich mit dem Fisch, dessen Kopf mit dem gelockten Bart, sowie der stark gebogenen Körperhaltung schon spätgothisch manierirt ist; sodann die fast ebenso alt erscheinende St. Magdalena mit dem zierlichen Gewände des entwickelten Stiles vom XIV. Jahrhundert. Bereits dem XV. Sä- culnm wird die reich gewandete Madonna mit den schon porträtartigen Zügen des etwas breiten Antlitzes angehören, die in statuarisch-hoheitsvoller Haltung am Mittelpfeiler steht. Gut erhalten sind die Nelicfbilder des Spitzbogen- thmpauons. Auf drei einfachen Gesimsen stehen die Figuren derselben in dürftiger Anordnung und cou- ventioneller Haltung mit etwas großen Köpfen, gedrehten Bärten und zierlichem Faltenwürfe ältern Stiles, der sich aber durch schönen leichten Linienfluß und einheitliche Durchbildung auszeichnet, in Zwischenräumen nebeneinander, die Verkündigung, Geburt Jesu, Anbetung der drei Weisen, Mariä Tod und Krönung darstellend. Der obere Rand des Portalbogens ist, statt mit den gewöhnlichen Krabben, in humoristischer Weise mit sich beißenden Löwen besetzt. Ueber dem Portale erhebt sich eine zweite flache Fa§adennische, die, von einem hohen Bogen mit geschweifter Spitze umrahmt, noch weitere Bildnißgruppen enthält: zwei sitzende Könige sammt weiblichen Figuren mit Spruchbändern; darüber wieder die thronende Himmelskönigin zwischen zwei weiter» weiblichen Gestalten (Si- byllcn?). Diese meist dekorativen Figuren mit schon sehr abgestumpften und abgewaschencn Formen, sammt der verstümmelten und abgebrochenen Architektur, fordern nicht weniger als das Südportal zur Erneuerung und zum neuen stilgerechten Ausbau heraus! Der aus der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts stammende Fignrenschmuck des Südportals ist bereits — leider so unglücklich erneuert, daß es besser ganz unterblieben wäre. Den Mittelpunkt der Thorskulpturen bildet, wie fast immer in jener Zeit, die Himmelskönigin mit dem göttlichen Kinde. Sie erscheint in würdevoller königlicher Haltung, von imposanter, fast üppiger Gestalt, mit einem weich- und reichfaltigen Gewände angethan. Das Antlitz des mächtigen Kopfes zeigt regelmäßige Züge von vornehm-freundlicher Gelassenheit, ist aber vom Wetter schon stark abgewaschen, so daß es wie das der meisten übrigen größer« Figuren mehr nur noch wie skizzirt aussieht. Die andern sie umgebenden Gestalten der Apostel und Heiligen an den Scitenwänden und Strebepfeilern zeigen den gleichen, theils schön entwickelten, theils mehr handwerksmäßig und schwerfällig gehaudhabten Stil. Ganz links vom Beschauer steht eine Madonna, die als Patronin der Christenheit deren Vertreter in je einer beiderseits herabgehenden breiten: Falte ihres Mantels birgt, mit einem feinen, sehr unmuthigen Jdealkopf und nobler Haltung; neben ihr eine ebenfalls schöne Statue der hl. Elisabeth. Auch die Madonna der Verkündigung auf der andern Seite ist eine vorzügliche Arbeit. Die besten dieser größern Figuren, besonders dke zwei erstgenannten Madonnen, verdienten dem National- oder Maximiliansmuseum übergeben und so dem baldigen völligen Ruine entrissen zu werden. Natürlich müßten sie durch möglichst ebenbürtige Copien von fähiger Künstlerhand ergänzt werden. Geben doch die bereits genannten Exemplare, neben andern in jenem Angsburger Museum aufbewahrten, den sichtbaren Beweis von der hohen künstlerischen Entwicklung der alten schwäbischen Bildneret, deren Schule zu Augsburg neben der Bamberger. sächsischen und Nürnberger Schule zu den bedeutendsten im deutschen Mittelalter zählt. Wie man aber jenen meist künstlerisch vorzüglichen, zum Theil in ihrer Art hochvollendeten Gebilden altdeutscher Plastik am Ende des XIX. Jahrhunderts zur Unzierde eines altehrwürdigen Domes eine solche Gesellschaft verkommener Gestalten, wie den dickköpfigen St. Christophorns, die unübertrefflich plumpe Heilige mit der Lilie und andere verklärte Freunde Gottes darstellen sollende Figuren, wie bereits die sechs neuen an den Chorstreben neben dem Portale aufgestellten, anzureihen vermochte, ist uns schier unbegreiflich. Das heißt denn doch den Spott und das Hohngelächter geradezu herausfordern, die um so begründeter sind, als diese ziemlich großen Figuren in ihrem neuen leuchtenden Kalksteiukleide ihre ganze unwürdige Unschöne auch dem weniger Scharfsichtigen recht augenscheinlich bloßstellen. Wo sind denn die Originale (?), nach denen diese ganz und gar unverstandenen und stümperhaften Gestalten mit ihren Grimassen und wulstigen Draperien fabricirt wurden? Der Steinmetz oder Bildhauer wollte offenbar mit seinen unmöglichen Motiven, die gegen seinen Willen einen modernen Zug verrathen, etwas Alterthümliches schaffen, konnte es aber nicht fertig bringen. Wir sind nun einmal aus der Zeit heraus, da der Steinmetz, Architekt, Bildhauer und Künstler identische Personen waren, und werden auch, trotz aller Versuche der Alterthümler und ihrer Freunde unter den Architekten mit improvisirten Bauhütten und Selbstzüchtung von „selbstständigen Meistern" aus bloßen Handwerkern und Technikern, so bald nicht wieder in jene Zeit zurückkommen. Dazu fehlen alle Vorbedingungen. Und ein Künstler läßt sich nicht so im Handumdrehen erzeugen. — Daß das nicht so geht, ist ja freilich zu bedauern, schon wegen der etwas geringern Löhne, mit welchen die Handwerk-Künstler für ihr Kunstwerk sich bescheiden würden'.? Die Darstellung des letzten Gerichtes, ebenfalls aus 240 der Spätzelt des XIV. Jahrhunderts, wurde auch in ihren kleinern Figuren, die unter einem Spitzbogen mit reichem Maßwerk oberhalb des Portales an der Mauer aufgestellt waren, erneuert. Besonders die in der Mitte fitzende plumpe Gestalt des Richters, sodann die für- bittenden Heiligen und Engel zeigen so ziemlich dasselbe handwerksmäßige Gepräge wie die vorigen und haben nicht den künstlerischen Zug der ältern, wenn auch oft mehr dekorativ behandelten Sculpturen, wenn sie auch — außer der größern Christusfigur — aus der weitern Ferne das Auge weniger beleidigen als jene großen Seitenfiguren. Im Tympanon der Thüre ist noch das Leben der seligsten Jungfrau Maria in eng aneinandergereihten Reliefgruppen (aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts) von lebendiger Bewegung dargestellt, während die Archivolten mit den sitzenden Figuren von Propheten vnd Königen ausgefüllt sind. * » So gehören auch die Augsburger Domportale zn den noch vorhandenen Resten jener steinernen Bildergallerten, die schon den Eintretenden auf den noch größern Reichthum an echten Knnstschöpfungen im Innern der Kirchen vorbereiteten und uns heute noch von der hohen und vielseitigen Kunstfertigkeit der alten Meister und der tief gegründeten Knnstfreudigkeit des mittelalterlichen christlichen Volkes erzählen. Diese, zum Theil fast übermäßig reichen und mannigfaltigen Summen ikonograph- ischen und religiös-historischen Figurenschmnckes an den Portalen, Fanden und im Jnnem der Kathedralen» welche in der Zeit vom XIII. bis zum XV. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland wie anderswo entstanden, führen uns auf die unübertroffene Höhe christlicher Kunstblüthe, die in ihrer ersten Periode wohl den Gipfelpunkt kirchlich-idealer Form, wie an ihrem Abschluß um die Wende des XV. Säcnlums die Vollendung meisterlicher Technik im Verein mit lebensvoller seelischer Durchdringung erreichte. Pietät und historischer Sinn fordern Schutz und Schonung, resp. verständnißvolle Jntakthaltung jener sprechenden monumentalen Dokumente des christlich-idealen Geistes, der die germanische Nation zu ihrem ewigen Ruhme Jahrhunderte lang durchdrang. Denn nachdem dieser Geist aus den Kirchen und Klöstern in die breiten Schichten des Volkes gedrungen und in der deutschen Volksseele als dem unverbrauchten, noch urkräftigen Fruchtboden Wurzel geschlagen hatte, da strebten auch bald in dem wolkenlosen Glänze der siegreichen, die Wälder lichtenden und die Sümpfe austrocknenden Sonne des Christenthums alle die naturwüchsigen religiös- poetischen Keime des deutschen Gemüthes aus helle Tageslicht und entwickelten die schönsten und duftigsten Blüthen sowie die gesündesten und geschmackvollsten Früchte, die je auf dem Boden der Poesie und Kunst gezeitigt wurden. Die bürgerlichen Meister traten auf den Plan, um den mönchischen Künstlern beizuspringen, ja sie nach und nach ganz abzulösen. Vollzog sich doch mit diesem Auftreten bald ein solcher Fortschritt in der immer reichern und vielseitiger» Ausgestaltung der christlichen Kunst, daß der Mönch und Kleriker schon in Folge seines specifisch geistlichen, kirchlich beschränkten Berufes dem bürgerlichen Meister auf seinen vordringenden Künstlergängen durch Welt und Natur nicht mehr zu folgen Im Stande war. Die Architektur erhielt durch die Gothik ihre ideell wie technisch kühnste Ausgestaltung und wurde mit reichstem dekorativem wie figürlichem Schmucke ausgestattet. Wenn auch als schmückendes Moment der Architektur untergeordnet, entwickelten sich die Werke der bildenden Knust, in Folge des sich stetig klärenden Verständnisses und der sich steigernden volkstümlichen Begeisterung, gerade in Absicht ihrer Bestimmung zu einem immer würdigern Schmucke als in sich selbst vollendete und auch für sich allein schon selbstständige, bedeutungsvolle Kunstwerke, die heute noch die Bewunderung und Nachahmungslust hervorragender Künstler erregen. Am frühesten und zugleich am großartigsten tritt uns dieser christlich-germanische Stil im nördlichen Frankreich entgegen. Die lebensvollen kräftigen Gestalten mit ihren freien und kühnen Bewegungen, ihrer reichen, mannigfaltig drapirten Gewandung zeigen nichts mehr von der Befangenheit der Haltung und der rein mönchisch-ascetischen Innerlichkeit des Ausdrucks jener des XII. Jahrhunderts. Der Künstler richtet nun kühn und freudig den Blick auf das ganze reiche Leben mit seinen bunt wechselnden Gestalten und Erscheinungen. Ja mit dem ihm angebornen unverwüstlichen Naturgefühl durchstreift er Wald und Feld, um sein Auge an des Lenzes Laub- und Blumenpracht zu erfreuen und durch den klaren prüfenden Anblick sich zu deren freier künstlerischer Nachbildung zum reichern Schmucke seiner Werke zu befähigen. Dem naturalistischen formen- und farbenreichen Blüthenschmuck, direkt den heimischen Fluren entlehnt, niuß das streng stilisirte, vom antiken AkanthuS abgeleitete Blattwerk der romanischen Zeit weichen, während die luftig aufstrebenden Gewölbe von den schlanken, eichenlaubgeschmückten Säulenbnndeln, wie von ebenso vielen Waldbaumstämmen, an Stelle der steinmassigen Pfeiler getragen werden. So wurde in dem versteinerten Hymnus des mittelalterlichen Tempels die christliche Idee des Reiches Gottes, auf Erden, das da die weite Welt, Geist und Natur, Religiöses und Profanes umschließt und unter die klärende und segnende Beleuchtung der Sonne der Wahrheit und Gnade bringt, in der ergreifenden Sprache des technisch vollendetsten und künstlerisch zier- und bedeutungsvollsten MonumeutalwerkeS der ahnenden Seele vermittelt. Und heute noch hat diese monumentale Kunstsprache der gothischen Kathedralen, wo sie noch intakt dastehen, auch für den modernen Menschen, sofern er noch von dem echten christlich-idealen Geiste erfüllt ist, nichts von ihrer alten Kraft und Eindringlichkeit verloren. Abgesehen von der Bedeutung jener Kathedralen als vornehmlich«! Cnltstätten, fordert schon die allgemeine Rücksicht auf die Gegenwart wie auf die deutsche Vergangenheit, daß diese altehrwürdigen Zeugen und monumentalen Deuter des innern tiefgehaltigen Geisteslebens unseres Volkes, die zugleich die schönsten Denkmäler seines nationalen Aufschwunges und seiner politischen Macht und Größe darstellen, durch sorgfältige Schonung und würdige, ebenbürtige Instandhaltung in Ehren gehalten werden. Wenn jährlich Tausende aus Staatsmitteln für oft fragwürdige Tagesleistungen der jeweilig „Modernen" zur prahlerischen Ueberfüllnng von Residenz- oder großstädtischen Gallerien, weniger zur umfassenden und unparteiischen geschichtlichen Beleuchtung der Kunst der Gegenwart, ausgegeben werden, dann ist es unverzeihlich, daß man da, wo es sich um Erhaltung oder Erneuerung von alten Domen oder anderen kunstgeschichtlich merkwürdigen 241 Bauwerken und ihres Bilderschmnckes handelt, auf einmal das Princip der Sparsamkeit zur Geltung bringen will. Oder tragen hier wieder Architekten, Conservatoren und Archäologen als Kunstkenner und Vertrauensmänner die Hauptschuld an dem Unglück der Domportalernenerung? Von Ersteren kann man es am wenigsten begreifen, daß sie, selbst Künstler, die Schmuckstücke romanischer und gothischer Bauten meist nicht genug „alt und echt" — in Wirklichkeit „wüst und schlecht" — bekommen können und sich deßhalb mit kunstlosen Handwerkern und bloßen Technikern begnügen. Zur Hebung der christlichen bildenden Kunst trägt man leider in ihren Reihen im Allgemeinen am allerwenigsten bei. Möge nun aber das Nordportal vor dem Unglücke der Erneuerung durch dieselben Künstlerhände, welche sein Pendant erneuerten, verschont bleiben! Möchte dagegen bald die gründliche, echt künstlerische Wiederinstandsetzung des Aeußern des ganzen Ostchores mitsammt seinen Portalen in Angriff genommen werden! F. Festing. Wo in Niederösterreich ist das Hauptkloster beati Lovsriui und die römische Flottenstation I'aviana zu suchen? Von I. N. Seefried. Nicht leicht sind die Ansichten der Gelehrten über Irgend eine merkwürdige Oertlichkeit so sehr getheilt, wie über die Lage des Hauptklosters des sehr einflußreichen, frommen christlichen Lehrers und Abtes Severin im Norikum nach dem Tode des Hunnenkönigs Attila. Und doch hat schon im Jahre 511 n. Chr. Eugippius, der Schüler und Biograph des seligen Dieners Gottes, ein ganz zuverlässiges und bestimmtes Zeugniß dafür abgegeben, daß Severin seine Hauptniederlassung vor den Mauern der Römerstadt k'aviunis (butiurüs, kasti- Lnio), welche 100 Millien und darüber von Loiotro (Loioäuruw, Jnnstadt - Passau) entfernt war, sich ausersehen hatte, weßhalb ein Streit über die Lage dieser festen Stadt und Severins altes, großes Kloster daselbst niemals hätte entstehen und aufkommen sollen. Aber welche Musterkarte von Hypothesen und Vermuthungen haben die Gelehrten seit Bischof Otto I. von Freising aus dem Hause der Babenberger bis auf Mommsen und Jung herab nicht schon aufgestellt. Ein Autor widerspricht dem andern, und der Haupt- beweis dafür, daß die richtige Fundstelle und Fundstätte für Stadt und Kloster heute noch nicht entdeckt ist, kann in der schlagendsten Weise darin gefunden werden, daß sich noch keine der vielen Hypothesen allgemeiner Anerkennung zu erstellen hatte. Wo lag nun aber das 100 Millien und darüber von Jnnstadt-Passau flußabwärts au der Donau situirte k'avia.nis des Eugippius, so hatte mau schon vor 700 Jahren gefragt und von Bischof Otto I. von Freising, welcher Wien* *) hicfür ausgegeben hat, eine unrichtige Antwort erhalten; so fragen wir auch heute noch, und die Gelehrten antworten uns: 1. in Langeuleben bei Tulln (Immstsesius), 2. zwischen Melk und Schönbüchel (Tillemont), 3. zu Großpöchlarn (Mannert und Forbiger), 4. an der Enusmündnng (Eichhorn), 5. in Treismaner (Asbach), 6. in Mautern (Huber, Kremier u. Andere), 7. zwischen Mauer an der Url und Jps an der Donau (Mommsen), 8. in Jps (Jung). Wien und acht andere Städte und Orte Nieder- Lsterreichs haben sich demnach bisher um die Ehre gestritten, circa 452—482 n. Chr. Severins altes, großes Kloster außerhalb ihrer Mauern gehabt und den seligen Diener Gottes beherbergt zu haben. Forscht man jedoch etwas tiefer nach der Begründung dieser hypothetischen Annahmen und Angaben, so ergibt sich, daß zufolge der genauen Berechnung des Eugippius alle Orte ausgeschlossen werden müssen, welche weniger als 100 oder mehr als 105—110 mills xassus von Paffau entfernt liegen, sohin alle Donaustädte oberhalb des Marktes Wallsee und unterhalb der Stadt Jps in Niederösterreich. I. Identität von kavis-nis und kaviana des Eugippius mit der Flottenstation I'ukiuvs in der Reichsnotiz circa 400 n. Chr. k's.vianis, welches bei Eugippius sap. 3 und 4 eine Stadt (eivitas)/) sonst nur eine Beste (oxxiäuw cap. 40, 42 und 44 in 6ns) genannt wird, war ohne Zweifel eine bedeutende Niederlassung der Römer an der Donau. Ist sie ja doch identisch gewesen mit der Flottenstation kakiana, in der dlotitia cliZmtatuin utrirmgus Im- xsrii, nach welcher ein Präfekt der Liburnarier der ersten norischen Legion um 400 n. Chr. daselbst in Garnison b) stand. Hier lüg demnach eine Abtheilung von Soldaten, welche dazu bestimmt waren, das Römerreich nicht bloß zu Land, sondern auch zu Wasser, d. h. auf dem Grenzstrome, zN vertheidigen. Hier befehligte noch in den Tagen Severins der Tribun (Oberst) Mamertin/) welcher allerdings nur mehr sehr wenige Mannschaft unter sich hatte, deßungeachtet aber die räuberischen Feinde zwei Millien von lsaviavis an der 'l'iountia (Isigaotia,, am Tiefenbach?) in die Flucht schlug, ihnen die Waffen wegnahm und was nicht entfloh in Gefangenschaft brachte. Die Identität von Kalmus, und kÄviavig und die hohe Bedeutung dieser Stadt als Garnisonsplatz noch im 4. und 5. Jahrhundert ist bisher nicht bestritten worden und wegen der häufigen Verwechslung der Buchstaben st, v und t durch die mittelalterlichen Abschreiber älterer Werke des Alterthums allgemein zugestanden. Wenn trotzdem in einer offenbar jüngeren Kapitelüberschrift des Eugippius aus I'uvianis eine sivitutula, ein kleines Städtchen, gemacht und der oivitus in cax. 3 und 4 der vita st. Lsvsrini kurzweg unterschoben werden will, so haben wir Gründe genug, hie- gegen mit aller Entschiedenheit zu Protestiren. Schon der Umstand, daß die Ueberschrift des dritten Kapitels in doppelter Fassung vorhanden ist und jene des Ooäsx L-ateranus bei Kerschbaumer °) dem *) Ll. O. 88. 370 . . Visuis, guoä olim a komarus inbabitLtum, Laviavig ckievbatur. Diese falsche Anschauung, Wien hieß Viuckoboua, ist erst seit Friedrich Blumberger in Göttweih aufgegeben. Archiv für österr. Geschichtsguellen. Wien 1849 III. Bd. S. 355-366. '0 Lockern teinpors eivitaism uomius Laviauis saeva t'awss opprssserat. . . Vergl. die Kapitelüberschrift Anm. 5 und eo-p. 4 ivoussterium bauä provu! » eivitats eoustrusret. *) Lraelsotus Le^ionis . . Liduruariorurn Lrimoruin Rorioorum Lakiauae. Böcking Ist 98-103. ') Vita. b. 8everini nach Eugippius eap. 4; Leveriuus vero Namertinum xereontatus v8t, tuuv tri« du nun» etc. °) Vita 8. 8everiui Schaffhausen 1862 x»s. XV. O« 242 Kapitelinhalte besser entspricht, als die Überschrift, welche Knüll °) ans der Turiner Handschrift in seine Ausgabe aufgenommen hat, liefert den Beweis, daß die erstere Ueberschrift sachgemäßer und getreuer, mithin der Ausdruck „oivitas" der Bezeichnung „oivitatuia" für I'a- vianis vorzuziehen ist. Woher hat man denn in Co- lnmbans Kloster Lobio oder in Turin gewußt oder in Erfahrung gebracht, daß kavianis zur Zeit des Eugippius nur eine oivitatula, ein kleines Städtchen, nicht eine oivitas, ein großer Stadt- und Verwaltungsbezirk, im Sinne der Zeit des Eugippius, gewesen? Nach Jung hat zwar jedes mit Mauern umgebene Nest n a ch Diokletian munioipium, oivitas, oastollum, oppiäum und nrbs geheißen?) allein ob wir dieses allgemeine und Alles sozusagen über einen Kamm scheerende Urtheil in jedem besonderen Falle unbedingt unterschreiben dürfen, steht denn doch noch sehr in Frage. An einer andern Stelle sagt derselbe Autor b): „ka- vianas, in byzantinischer Zeit eine bedeutende Militär- und Flöttillenstation, hat man mit Paphos auf Cypern in Verbindung bringen wollen usw." MNg hat hier die Bedeutung der Stadt laviana in doppelter Hinsicht zugestanden, und wir müssen nach der Darstellung des Eugippius daran festhalten, daß die noch uncntdeckte Stadt und Beste in Niederösterreich eine ver- hältnißmäßig sehr bedeutende gewesen sein muß. Als Scverin circa 474/5 von Loiotro (Beiderwies neben Jnnstadt-Passan) nach llavianis zurückkehre» wollte, baten ihn die Bürger derJunstadt flehentlich, er möge ihnen nach seiner Rückkehr nach I'a- viana beim Rugenkönige Handelsfreiheit erwirken. Hier ist nun vor Allem wohl zu beachten, daß die Texte der Handschriften in oap. 22 sehr weit auseinander gehen. So haben nach der sehr schönen und alten s. Em- meramer Ausgabe des Eugippius, welche wir dem um die bayerische Geschichte hochverdienten Augsburger Patricier Markus Weiser verdanken?) die Bürger der Junstadt den seligen Mann inständig gebeten, er möge nach I'aviana zurückkehren (und) ihnen (vom) Rugenkönige die Erlanb- oivitate opxrsss» käme et mulisro oeonltante kru- menta st äe aäventn navium. Ebenso Hermann Sanppe ülou. Oerm. llistorios. Berlin 1877 xaK. 4. °) Vita 8. 8everini nach Pius Knüll, Wien 1886 pa^. 7. tznock baditatoribus oinitatulas kauianis cli» käme laborantibus miro moäo cksns ssus orations subveuerit. 0 Römer und Romanen. Innsbruck 1877 S. 150. °) I. o. S. 85. Die oivitas mird nicht kavianas, sonoren kaviana (as) geheißen haben. Das von Eugippius fast ausschließlich gebrauchte kaviauis ist der Vocativ von oastra kaviana. Ob man bei der Leseart kabianis an das alte. berühmte Römergeschlecht der Fabier oder an die milites I'adiani Komas des Oornslius Xspos (Ipkioratss oap. 1) denken darf, steht dahin. Zu kabianis des Textes bei 8urius und Ivaruus hat schon Weiser die Bemerkung gemacht: tzusm ckitkersntiam tanti nou aestimem, not um g nippe L et V vioissim vom- wutari. Opera omnia 1682 p. 667. °) I. Ausgabe Augsburg 1595; II. Nürnberg 1682. In der letzteren heißt es: intsrsa beatmn virum eivss oppicki memorati snpplioitsr aäiernnt, ut per^oret aä kauianam, kuAorum prinoipem, meroanäi eis liosntiam postularst (p. 681 e. XXII der Opera omnia). Gerade so liest die älteste Münchener Handschrift (Fragment) in oap. 22, Oock. bav. 44, Oock. lat. 1044, bei Sanppe mit O bezeichnet. Vcrgl. LLirchengeschichte Deutschlands von Dr. I. Friedrich. Baniberg 1867. S. 433. niß erwirken, Handel treiben zu dürfen. Hält man die Ortsbezeichnung aä ^avianam fest, so müssen alle einheimischen älteren Texte als defekt und die italienischen jüngeren Interpretationen mit aä b'odanum und aä I'sdansm als Fälschungen erklärt werden. Daß der Emmeramer Codex defekt war bezw. ans einem schon defekten Codex abgeschrieben hat, sieht auch ein Nichtphilologe auf den ersten Blick ein, weil den Prädikaten psrgsrst und postularst die Verbindungspartikel st oder Hus mangelt. Die Handschrift aus dem Lateran suchte nach Kerschbanmer "y diesem Mangel dadurch abzuhelfen, daß sie statt por§srot „xorZsns aä Fadian am" schrieb, RuZorum prinvipsm aber stehen ließ, da doch postulars niit aliyuiä ab aliqno construirt wird, mithin a HuZorum prinoips hätte gesagt werden sollen. Die Melker Handschrift und die italienischen Abschreiber, welche die fehlerhafte Construktion bemerkten, machten frischweg aus kaviana einen Personennamen kadanus, kodanss und I'sdanus, erklärten Kugorum prinoipsm als Apposition, welche neuere Jnterpretatoren schulgemäß zwischen zwei ' Komma stellten, und der neue Rugenkönig labanus und I'sdanss war fertig, den schon Kerschbaumer und nach ihm Sanppe für b'ava und I'sva ausgegeben haben, ohne Welsers zu gedenken, welcher ihnen dieses Kunststück schon vor 300 Jahren vorgemacht hatte.") Der Buchstabe i, sagt Kerschbanmer,'^) ist bei aä I'akianam des 6oäsx I-atsransnsis ausradirt und unter k'adiana (kadana) vielleicht die nämliche Persönlichkeit zu verstehen, welche sonst mit bava und I'sva bezeichnet worden ist. Sehr fein hat sich I. Heinrich v. Falkenstein um seinen lateinischen Text (nach Pez in Melk) herumgedrückt, wenn er „ab psrZsrst aä ksdanum kugorum prinoipsm sto." verdolmetscht niit"): „Severin möge nach k'abiana sich begeben und allda bei dem Könige der Rugier anhalten um Freiheit dorthin zu handeln." Wir sehen, die Lesarten sind sehr verschieden und ist vielleicht keine der Abschriften richtig genommen und hinterlegt worden, weil wir wohl annehmen dürfen, daß im Originale des Eugippius ursprünglich in oap. 22 nur die Ortsbezeichnung I'avianam oder aä kavianam vorgekommen ist, etwa analog wie in oap. XXXI aä I-auriaoum.") Der ursprüngliche Text dürfte demnach wahrscheinlich gelautet haben: „Intsrsa bsatum virum oivss oppiäi memorati '") I. o. (A. 5) o. XXII p. 47. Oock. ist. Llonaoeusis 12104 aus «. Veit in Prül bei Regensburg hat: „at per- Aerst ack kavians ru^oram prinoips meroanäigus eis liosntiam postnlarst." Ebenso Oim. 18512/2. Nach prinoips ist mit rother Tinte ein Punkt und bei meroancki über dem i ein g (roth) d. h. gus angebracht worden. (Textcorrecturen der Benediktiner.) ") Zu der Stelle „acl kavianam kuKorsm prin- oipsm" hat derselbe die Aufforderung: Ksstitus kaväm kuAornm! Opera omnia p. 671. '-) I. o. A. 7. Vergl. Sauppe S. 19, welcher ver^ens ack ksbansm gibt, die verschiedenen Lesarten anführt und die Bemerkung hat: vickstur ksnam sivs ksbam soridsnckum esse. K n ö l l hat ebenfalls kebanem angenommen, Weiser und die Münchener Handschriften, welche aä kaui- anam haben, werden ignorirt. ") Geschichte des Herzogthnms Bauern I, 102. Dr. Sebastian Brunner in Wien hat den Rngierfürsten ebenfalls kedanus (o. 23), 1)r. Rodenberg in Berlin k'eba genannt (oap. 22). ") Vergl. Sanppe Oapitula XXXI pa». 6. Xnöll 1. o. p. 10. (jaomoäo kevas, reZi kuAorum, aä I-au- riaonm oum exsreitu voutsutt ooonrrortt. 243 (i. e. Lstavini) suxxlioitsr säisrunt, ut psi-Zons Pavisnam (sä Paviansm) u Kugorum xrinoips mor- osuäi 6i8 licentiain xostulsröt"; oder „ut xergorst Pavisusw (sä Psvisnsm) «t a RuZorum xrin- oixo sto." Nicht der Name des Rugenfürsten war den Bürgern und Kaufleuten von Passau-Jnnstadt die Hauptsache, sondern die benöthigte und nachgesuchte Handelsfreiheit. Sie standen mit Pavians wahrscheinlich schon früher in Handelsverbindung und wollten, nachdem die Stadt dem Rugenkönige tributpflichtig") geworden war, dieselbe nunmehr erneuern bezw. wieder erlangen. In oap. 8, 31 und auch sonst") wird in der vita kissti Lovsrini dem Rugenkönige Poletstons der Beiname Psva (Pava) gegeben, weßhalb es fast den Anschein gewinnt, es sei in csp. 22 statt der Ortsbe- zeichnung Pavianana oder aä Pavisnain unter Berücksichtigung des Beinamens Pg-va und Psvs. der Name Psbanus und Psbsnss erst später geschaffen und in die jüngeren Texte aufgenommen worden. Weiser hat in feiner Genealogie der Rugenkönige (Oxvrs. o innig. 1682 pa§. 674) von Polstsus gesagt: c^ni 6t Psvs, sivs Pöbsnns. Möge sich die Sache übrigens wie immer verhalten haben, soviel ist gewiß, das; die älteste Handschrift, welche in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München aufbewahrt und von Nniv.-Professor Dr. Friedrich in seiner Eugippius-Ausgabe benutzt worden ist, mit Weiser und Kerschbaumer und den andern Münchener Handschriften aä Pavianarn liest und darunter wohl nur der Ort bezw. die Stadt gleichen Namens verstanden werden kann. — Allein wenn auch die Identität der Ortsbezeichnungen Pgvisnis und Pavians bei Eugippius und Psfisna in der Reichsnotiz feststeht und anerkannt ist, so läßt sich doch die wirkliche Lage von Pavians (ich nur dann beiläufig näher bestimmen, wenn wir die römischen Jtinerarien zu Hilfe nehmen und vergleichen, da nur das vergleichende Studium, wie anderwärts so auch hier, zu einem annehmbaren Resultate führen und uns die Stelle zeigen kann, wo wir die oivitas Pavians. suchen müssen. Severin, sagt Eugippius, bestieg zu Loiotro (Loioclurum) ein Schiff und fuhr die Donau hinab nach seinem alten Kloster, welches das größte von allen war und hundert und mehr Meilen entfernt neben den Mauern von Pavianis lag. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Geschichte des Liwultansum reliZionis «xsr- eit'ium im vormaligen HerzogthumSulz- b a ch. Von Georg Neckermann, Cooperator in Frontenhäuscn. Regensburg 1897. Habbel. 157 Seiten. L.. H. Ganz eigenthümliche Verhältnisse finden sich in etwa 30 Kirchen des ehemaligen Herzogthnms Sulz- bach, indem dieselben sowohl den Katholiken als auch den Protestanten zur Feier ihrer Gottesdienste znr Verfügung stehen. Dieser sonderbare Zustand, von weltlichen Fürsten ohne M itwirkung der Bischöfe von Regensburg und Eich- ") ill' oxpiclw sib! (k'svas) tributariis atgns vi- emis (ex guibus nuuiu erst Paviauis) cap. 31 u. 42. '°) Vergl. eap. 40, 42 u. 44. .") eap. 22 ack avtigunm itagns et ornnibus mafus mouastsrium suum, inxta Muro8opxicki Pavtanis, guock esntnm st Ultra millibu8 äderst, Danudii, nsviKstiono cks8osnüit snsviastioindv8 ckssoencksdat OIw. 12104 st 18512/2). stätt, in deren Sprengel das sulzbachische Gebiet lag. herbeigeführt, bericht auf dem sog. Kölner Vergleich vom 22. Februar 1652. Es ist nun gewiß von hohem Interesse der Entwickelung dieses Kölner Vergleiches nachzugehen und die Gestaltung der Dinge darzulegen. Darum begrüßen wir die Arbeit des Herrn Cooperators Necker- mann mit Freuden; ist ja doch auf katholischer Seite dieses Gebiet noch sehr wenig in Untersuchung genommen worden. Im Jahre 1542 war in Ncuburg und Sulzbach durch den tiefverschuldeten Ottbeinrich die neue Kirchen- ordnung eingeführt worden. In Folge der Konversion des Herzogs Wolfgang Wilhelm 1613 zur katholischen Religion wurde jedoch im Neuburgischen das fus rst'ormsnili zur Anwendung gebracht und der kath. Gottesdienst wieder hergestellt. In Sulzbach regierte unter neubnrg. Oberherrschaft Wolfgangs Bruder August, welcher sich jedoch der Durchführung der Rekatholisirung widersetzte. Sein Sohn Christian August führte 1632 den Kampf um die Erhaltung des Lutherthums fort. Als Landesherr war Wolfgang Wilhelm formell völlig berechtigt, wie auch Sperl (Geschichte der Gegenreformation 1,36) ausdrücklich anerkennt, auf Grund des Augsburger Religionsfriedens den evangelischen Glauben in den Aemtern seiner Brüder zu unterdrücken. Auch der westfälische Friede, welcher das Normaljahr 1624 statuirte, bot den Protestanten keine Handhabe zur rechtlichen Weigerung, das fus rskormsncki anzuerkennen, ebensowenig führten dieNürnberger Friedens- Exekutions-Verhandlungen 1650 und 1651 eine Einigung herbei. Herzog Wolfaang Wilhelm war indessen nicht abgeneigt. ein interimistisches Simultaneum anzuerkennen. Hinter dem Rücken des Vaters schloß nun der Erbprinz Philipp Wilhelm mit seinem Vetter Christian August den Kölner Vergleich, welcher für die Lebensdauer der beiden Fürsten das Simultaneum festsetzte. Am 16. Jan. 1656 trat der Herzog Christian August von Sulzbach selbst zur katholischen Kirche über, aber merkwürdiger Weise ist das Simultaneum bis au f den heutigen Tag beibehalten worden. Wenn wir an der Arbeit Neckermanns, welcher die einschlägigen Archivälien im Reichsarchiv zu München und im Kreisarchiv zu Nürnberg fleißig benützt hat, etwas auszusetzen haben, so ist es der Umstand, daß er der Vorgeschichte des Kölner Vergleichs in Abschnitt I, S. 7—36 zuviel Aufmerksamkeit geschenkt, den Wirkungen desselben dagegen zu wenig Beachtung gewidmet hat. Neckermann schildert die historische und rechtliche Seite der Einführung des Simultaneums, aber nach dem Titel des Werkes hätte man auch die weitere Entwickelung der kirchlichen Verhältnisse, die Streitigkeiten und Beschwerden der beiden berechtigten Confessionen erwartet. In dieser Beziehung bietet Theodor Lauter eine interessante Ergänzung in Kolde's „Beiträgen zur bayerischen Kirchen- geschichte II. Band (1886) S. 8—25". Zu der Erzählung Neckermanns' S. 27 von der bekannten Ohrfeige in Düsseldorf wäre zu vergleichen Räß, Die Convertiten IV. 224. Auch das Citat S. 19 aus Döllinger ist nicht ganz richtig; es muß heißen I, 148. Diese Bemerkungen sollen jedoch der Airerkennung für den Fleiß und die Klarheit m der Darstellung keinen Abbruch thun. Denn für einen Seel- sorgspriester ist es sehr schwer, die erforderlichen Materialien zu historischen Arbeiten zu gewinnen. Kirstein Ant., Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst. 8°. vm -si 324 SS. Preis 4 M. 80 Pst Paderborn, F. Schöningh. 1896. -> Die mit großem Beifall aufgenommene „wissenschaftliche Handbibliothek" des Verlegers, welche ganz bedeutende literarische Leistungen ausweist, bringt außer theologischen Lehrbüchern auch Arbeiten aus anderen Zweigen gelehrter Forschung: diese Aesthetik bildet dett vierten Band der dritten Reihe und orientirt den Jünger der Wissenschaft, ohne tiefer einzudringen, in genügender Weise über einen Gegenstand, der eigentlich vom „Geschmack" abhängt und darum, dem Sprichwort ganz entgegen, so viel umstritten ist. Der Verfasser thut gut daran, die Grundsätze für die Beurtheilung der Schönheit in Natur und Kunst mehr historisch referirend zu beleuchten, denn in einer solchen Sache ist Absprechen wie Zustimmen gleich gefährlich, Sicherheit wird sich in vielen Punkten überhaupt nicht erreichen lassen. Die einschlägige Literatur ist in ausreichender Meüge lind mit verständiger Auswahl benützt und dem weitere Aufklärung Suchenden mitgetheilt 244 Der erste Theil des Werkes handelt von den nothwendigen Voraussetzungen, den verschiedenen Abstufungen und Gegensätzen der Schönheit im Allgemeinen, der zweite Theil bringt die Naturschönheit zur Darstellung, der dritte umfangreiche Theil beschäftigt sich mit der Schönheit der menschlichen Kunstwerke im Allgemeinen und Besonderen (Architektur, Plastik, Malerei, Dichtkunst, Musik). Das Buch hat uns viel Genuß und Anregung geboten, auch ist es in fließendem Stil geschrieben. Wir wünschen ihm eine Aufnahme, die den Verfasser ermuthigt, dieser Skizze bald eine ausführliche, kritische Aesthetik folgen zu lassen, was ja laut Vorwort sein Wunsch und Plan ist. Unsere Liebe Frau von Lourdes. Von H. Lasserre. Aus dem Französischen übersetzt von M. Hoffmann. Verlag von Herder in Freiburg. Preis 8 M. I Lasserre's Geschichte der Erscheinung von Lourdes hat bekanntlich ungemein dazu beigetragen, den internationalen Ruf des berühmten französischen Wallfahrtsortes zu verbreiten. Sie ist noch heute die bedeutsamste Schrift über die Entstehung des Cultus der „Madonna von Lourdes". zu welcher seit Jahren Schaaren von frommen Betern aus allen Weltgegenden gezogen kommen. Die Uebersetzung von Lasserre's Buch durch M. Hoffmann ist sehr gelungen, und die mit einer hübschen Abbildung der prächtigen Votivkirche von Lourdes versehene Ausstattung des Buches tadellos. Die deutsche Uebersetzuug liegt bereits in 7. Auflage vor. Erinnerungen eines Jerusalem-Pilgers. Von Pfarrer Gerh. Lücken in Vechta. Verlag von A. Rlffarth, München-Gladbach. Preis 1 M. 50 Pfg. * An Schilderungen einer Palästinafahrt fehlt es zwar nicht. Doch darf auch die vorliegende Schrift Beachtung beanspruchen, da sie gut geschrieben ist und manches Detail enthält, welches das Interesse des Lesers erregt. Auch ist die 242 Seiten umfassende Schrift mit sehr hübschem, reichlichem Bilderschmuck ausgestattet, und kommt der Ertrag einem Geselleuhospiz zu Gute. Der Verfasser machte die Pilgerfahrt im Jahre 1896 als Mitglied der Pilger- gesellschaft. welche vom Deutschen Palästina-Verein in- scenirt wurde und sich mit einer großen Anzahl Italiener vereinigte. Ehrenpräsident des ganzen Pilgerzuges war Monsignor Graselli, Erzbischos von Colossi und Präfekt der Collegien der Propaganda in Rom, eigentlicher Leiter der geistliche Herr Vicim aus Saluzzo. Die ganze Reise dauerte ab und nach Köln vom 19. April bis 7. Juni. Molitor, W., Die Blume von Sicilien. Dramatische Legende in fünf Akten. Zweite Auflage. Mainz, Franz Kirchheim. N. 152 S. Preis 2 M. Unter dem Titel „Die Blume von Sicilien" besingt der feinfühlige Dichter Molitor den jugendlichen Märtyrer Vitus, dessen Fest die Kirche am 15. Juni feiert. Mit Spannung verfolgt der Leser den in tadellosen Versen geschilderten Kampf zwischen heidnischem und christlichem Denken und Handeln. Da nur männliche Personen in dem Fünfakter auftreten, eignet sich das Stück ganz besonders für Jünglingsvereme zur Aufführung auf der Bühne. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Paffau. Inhalt des 6. Heftes 1897: Die Entstehung und Bedeutung der Bodenzinse.—Oekolampadius im Birgitten- kloster in Ältomünster. — Bibel und Wissenschaft. (Schluß.) — Pastorelles von der Reise. — Die Volksexercitien nach Ständen, Alters- und Berufsklassen. — Verehelichung ausländischer. insbesondere österreichischer Staatsangehöriger in Bayern. — Kirchliche Entscheidung bezüglich des Oonuna llosnnsum. — Eigenthumsrecht und Ersatzanspruch bezüglich nachgepflanzter Bäume im Pfarrgarten. — Einschreiten gegen Concubinat der Eisenbahnbauarbeiter. — Das Uora- tölspkors. — Böller oder Donnermaschine? — Bierführen an Sonn- nnd Festtagen. — Katechismusstreit. — Schulunterricht äs matrimvllio. — Die Unterscheidungslehren m der Schule. — Persönlicher Charakter und die Äuk- torität des Priesters. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 6: Literatur über die Vereinigung der Kirchen. — Schulte, Der Brief an die Römer. (Barden- hewer.) — Rauschen, Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Großen. (Funk.) — Albert, Die Geschichte der Predigt in Deutschland bis Luther. (Keppler.) — Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Braig.) — Melzer, Die Unsterblichkeit auf Grund der Schöpfungslehre. (Bach.) — Zimmermann, Die Universitäten in den Ver. Staaten Amerikas. (Ratzinger.) — Delitzsch, Assyrisches Handwörterbuch. (Nikel.) — Iahn, Stbawaihi's Buch über die Grammatik. (Hoberg.) — Streitberg, Sammlung von Elementarbüchern altgermanischer Dialekte. (Jostes.) — Michael, Geschichte des deutschen Kolkes. I. Band. (Zimmermann.) — Kampcrs. Die deutsche Kaiseridee in Prophetie und Sage. (Schulte.) — Ibirria, Haxolvcm III. »vant I'Lwpirs. (Reinhardt.) — Freybe, Faust und Parcival. (Kampers.) — Paul, Deutsches Wörterbuch. (Hellinghans.) — Gaedertz, Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen. (Hellinghaus.) — Gaedertz, Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen. Zweite Folge. (Hellinghaus.) — Schell, Der.Katholicismus als Princip des Fortschritts. (Franz.) —v.Weech, Romfahrten. (Pastor.) — Llarei Viavoul VitakorpüMl. (Künstle.) — Nachrichten. — Büchertisch. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ü M. 5.40). Freiburg i. Br.. Herder'sche Äerlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 5. Heftes: Der Werth Afrikas. 111. (Schluß.) (I. Schwarz 8. 9.) — Lohnvertrag und gerechter Lohn. V. (Schluß.) (H. Pesch 8. 9.) — Die neueste Messung der Gravitationsconstante durch k. Karl Braun 8.4. (L. Dressel 8. 9.) — Livlands größter Herrmeifter. IV. (Schluß.) (O. Pfülf 8. I.) — Der Sänger von Kyrenaika. (G. M. Dreves 8. 9.) Recensionen: Osuvrss äs 8aint Ill-sugois äs 8alss, loms III—VIII (L. Schmitt 8. ll.); OttiKsr, llAsoloAi» kunäamsntaUs (F. X. Wernz 3. I.); Michael, Geschichte des deutschen Volkes feit dem dreizehnten Jahrhundert bis zum Äusgang des Mittelalters (O. Pfülf 8. I.); Ehses, Festschrift zum elfhundertjährigen Jubiläum deS deutschen Campo Santa in Rom (I. Braun 8.I.); ksuss, Oarrnins 8oera 8. ^Ipbonsi Llarias äs Illsorio (W. Kreiten 8. ll.). — Emvfehlenswerthe Schriften. — Mis- cellen: Die Russen in Palästina; Zum Briefe des Negus Menelik au Leo XIII.; Die Auswanderung aus dem einigen Italien 1876—1895. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaf't. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München- (Jährlich 4 Hefte. zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Kopp, Petrus Paulus Vergerius der Aeltere I. Weiß, Der Streit über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges I. v. Schmid, Der geistige Entwicklungsgang Johann Adam Möhlers I. — Weyman. ^imlscta IV. R e i ch e r t, Acht ungedruckte Dominikaner- briefe aus dem 13. Jahrhundert. Eubel, Zu Nieolaus Minorita. — Recensionen und Referate: Vene- tianische Depeschen vom Kaiserhofe. Band 3. Bearb. von Turba. (Schwarz.) Nunttaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken. Abthlg. 3, Bd. 2. bearb. von Hansen, und dasselbe Bd.3, bearb. v. Schell haß. (Schwarz.) Wagner. Einführung in die gregorianischen Melodien. (Kornmüller.) — Zeitschristenschau.— Novitätenschau. — Nachrichten: F. A. v. Kraus, Ueber die Neubegründung einer deutschen Dante-Gesell- schüft. U. s. w. SergfltV. Uedacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. n,-. 35 W Allgsmirger FüjizmUg. 26. Juni 1897. » Zur jüngst erschienenen Schrift Nector Or. Schells. Wenn irgendwo strengste Gerechtigkeit, edelste Wahrheitsliebe, leidenschaftsloseste Nnhe und sorgfältigste Vorsicht und Umsicht nothwendig sind, so sind sie es im Kreise der Vertreter der Kirche, wenn es gilt, wichtige Fragen des kirchlichen Lebens und Wirkens zu besprechen, vorhandene Uebelstände zu beurtheilen und ihre Ursachen zu erforschen, die Mittel zur Abhilfe anzugeben und überhaupt Grundsätze und Wegweiser aufzustellen, nach denen sich die Thätigkeit der Kirche und die Arbeit der Katholiken richten muß, um unter den gegebenen Zeitverhältnissen die Aufgaben des Reiches Gottes auf Erden am vollkommensten zu verwirklichen. Und es ist kaum unnütz, zu den bezeichneten Forderungen noch diese hinzuzufügen, daß die Erörterungen und daraus entstehenden Kämpfe der Meinungen immer von den zwei großen Gedanken beherrscht sein müssen: dem der gegenseitigen Liebe und Achtung, 'und dem des gemeinsamen Zieles, welches besteht in dem Blühen der Kirche Christi, der wir alle als untrennbare Glieder Eines Leibes angehören. In diesem Geiste müssen die Fragen behandelt werden, welche Gegenstand der Schrift des derzeitigen Rectors der Universität Würzbnrg, vr. Herm. Schell, über den „Katholicismus als Princip des Fortschritts" sind, und welche ohne Zweifel sehr tief in das kirchliche Leben eingreifen. Was müssen wir thun, damit der Katholicismus in Deutschland gegenüber dem Protestantismus jene geistige Macht, zu der er innerlich fähig ist, immer auch äußerlich entfalte; damit er, wie es seine göttliche Aufgabe erfordert, sich die gebildeten Kreise des Volkes bewahre; damit die katholische Wissenschaft und Bildung jenen siegreichen Fortschritt vollziehe, zu dem sie in ihren ewig fruchtbaren Principien die volle Kraft besitzt; damit das kirchliche Leben innerlich und äußerlich fortgebildet werde und dadurch der fortschreitenden Zeit gewachsen bleibe; damit der wirkliche, concrete Zustand des Katholicismus dem von Gott gegebenen Ideale des einen wahren Christenthums menschenmöglich nahekomme? — das sind offenbar sehr wichtige, vielleicht Lebensfragen für die katholische Kirche in Deutschland. So dankbar man nun aus diesen Gründen demjenigen hätte sein müssen, der zur rechten Zeit auf die Wichtigkeit dieser Gedanken hinwies und sie nach Form und Inhalt glücklich besprach, so sehr ist es zu bedauern, daß die Schrift des hochgeachteten Mannes wegen Jn- opportunität ihres Erscheinens und ihrer Form und nicht geringer Mängel ihres Inhaltes bei den Katholiken Deutschlands jene Aufnahme nicht finden konnte, welche »ie Sache, der sie gewidmet ist, verdient hätte. Inopportun ist das Erscheinen der Schrift gewesen, weil sie nach den Worten der Einleitung moti- virt erschien durch die Enthüllung des Taxil'schen Betruges, und weil sie zu einer Zeit allgemeine Desidcrien öffentlich geltend macht, wo dergleichen, mit Ausnahme des numerischen Zurückbleibens der Katholiken in dem Besitze der Hoch- und Mittelschulbildung, gar nicht fühlbar sind, und die fühlbaren Ucbelstände nur partikulären Charakter haben. Inopportun oder unglücklich gewählt ist die Form der Schrift dadurch, daß in ihr sehr verschiedenartige Wünsche in gleicher Form behandelt und Dinge, die vor ganz verschiedene, getrennte Fora gehören, gleichmäßig dem großen, gemischten Publikum vorgelegt werden. Ein Theil des Inhalts ist derart, daß die gegebenen Anregungen nur bei dem deutschen Episkopate ihren Ori finden könnten, da nur diesem die Entscheidung der betreffenden Fragen, z. B. über die geeignetste Weise der Heranbildung des Klerus, und die Ausführung der angedeuteten Vorschläge zusteht. Ein anderer Theil der Anregungen betrifft die Pflege der Wissenschaft in kathol. Kreisen und hätte in der Vereinigung der kathol. Gelehrten Deutschlands vorgebracht werden müssen. Ein dritter Theil ist pastoreller Natur und oft so heikler Art, daß er nur in einer solchen Form ohne Anstoß hingenommen werden könnte, in welcher er in erster Linie oder fast ausschließlich dem Klerus dargeboten würde. Ein anderer Theil ist Polemik gegen protestantische Gegner und deßhalb schwer vereinbar mit den zuvor bezeichneten Elementen der Schrift. Erst ein fünfter Theil enthält Anregungen für das katholische Publikum und die Presse, und nur dieser paßte in eine dem ganzen Publikum vorgelegte Broschüre. Aus diesen Gründen fand sich vielleicht der größte Theil der katholischen Leser, so sehr er die Schrift unter anderen Umständen freudig begrüßt hätte, peinlich davon berührt. Der Inhalt besteht aus zwei verschiedenartigen Elementen: er umfaßt einerseits den Hinweis auf vorhandene Uebelstände, welche das Gedeihen des Katholicismus hemmen, andererseits Grundsätze und Winke, welche der Beseitigung dieser Hindernisse und dem Fortschritt des Katholicismus dienen sollen. Mit Absicht halten wir diese beiden Elemente der Schrift Dr. Schells nachdrücklich auseinander, denn nicht leicht wird man eine Schrift finden, wo sich so sehr die Mahnung aufdrängt: Hui bena äistiuZuit, bong äoost — bans zuckiaat. So dankbar jeder besonnene Katholik die Winke und Mahnungen begrüßen wird, die hier für verschiedene Gebiete des katholischen Wirkens gegeben werden, so bedauerlich ist andererseits die Entstellung des Bildes, welches vom Katholicismus Deutschlands entworfen wird. 1. Schell geht aus von der wissenschaftlichen „Jn- feriorität" der Katholiken Deutschlands. Für die Thatsache, welche er damit bezeichnen will, ist nun aber das Wort „Jnferiorität" ganz und gar unglücklich gewählt. Es läßt Jeden, der es liest, an ein qualitatives Zurückstehen in der Wissenschaft, bezw. in der höheren Bildung denken (statt „geistiger Jnferiorität" in der 1. Auflage sagt Schell in der 3. Auflage „wissenschaftliche"). Derart liegt aber die Thatsache nicht: sie besteht in einem numerischen Zurückstehen der Katholiken gegenüber den Nichtkatholiken in dem Antheil au der Wissenschaft und an dem Besuche der Hoch- und Mittelschulen. Die Bezeichnung Schells ist also irreführend, den Andersgläubigen gegenüber compromittircnd, für die Katholiken beleidigend. Doch jene Thatsache besteht. Was aber die Erklärung derselben, die Gründe, worauf sie zurückgeführt werden muß, betrifft, so hat Freiherr v. Hertling dieselben in seiner Rede zu Konstanz auf der Versammlung der Görresgesellschaft auf Grund reiflicher Ueberlegung und feiner Beobachtung in sehr befriedigender, wahrheitsgemäßer Weise dargestellt. Demgegenüber erscheint das, was Rector Dr. Schell beibringt» nicht so glücklich. 246 Als einen Grund für jene Thatsache gibt er an, daß „auf katholischer Seite" — nicht in Folge der Principien des Katholicismus, sondern in Folge fehlerhaften Verfahrens seiner Vertreter — „die religiöse Inanspruchnahme der eigenen Vernunft und Persönlichkeit allzusehr zurückgedrängt, auf einfach bereitwillige Hinnahme und gehorsame Ausführung herabgesetzt werde," daß sich in Folge dessen gerade die Gebildeten, die größeres Bedürfniß nach Selbstständigkeit und Sclbstbethätlgung auch in Sachen der Religion haben, im Katholicismus minder befriedigt fühlen sollen. Aber könnte dies — zugegeben, daß es wahr wäre — die Thatsache des numerischen Zurückbleibens der Katholiken im Antheil an der höheren Bildung auch nur zu einem Theile erklären? Nein. Läßt denn der katholische Beamte, der katholische Gelehrte, der katholische Offizier etwa deßhalb, weil er sich in der katholischen Religion nicht ganz befriedigt fühlt» seine Söhne nicht studiren? Es ließe sich gewiß nachweisen, daß diese Kreise dort, wo sie die Gelegenheit haben, ihre Söhne in ebenso großer Zahl an die Mittel- und Hochschulen senden, wie ihre nichtkatholischen Standesgenosfen. Oder gelingt etwa den Söhnen gebildeter Katholiken deßhalb das Studium weniger, und finden sie nach der Vollendung desselben deßhalb keine so gute Carriere, weil ihre Persönlichkeit in dem religiösen Leben weniger in Anspruch genommen wird? Jedermann sieht, wie absurd solche Aufstellungen wären. Das einzige Wahre im Satze Schells ist dies, daß unter der gemachten Voraussetzung viele gebildete Katholiken ihrer Religion nicht mit Liebe anhangen, wenig oder nichts für sie wirken und ihre Interessen in den höheren Kreisen nicht vertreten, ja ihr leicht untren werden würden. Das Letztere ist nun allerdings auch Thatsache, und zwar eine viel schmerzlichere als das numerische Zurückstehen im Antheil an der höheren Bildung. Aber dies sind zwei sehr verschiedenartige Thatsachen, die auch aus verschiedenen Gründen zu erklären sind. Wenn die Gebildeten nicht jene Befriedigung in der katholischen Religion fänden, welche ihrem Streben nach geistiger Selbstbethätigung entsprechen würde, so würde das allerdings ein Erkläruugsgrund für die Thatsache sein, daß so viele gebildete Katholiken dem katholischen Glauben und Leben entfremdet oder doch lau und gleich- giltig in der Vertheidigung ihrer Religion werden. Aber vor Allem stellen wir die Frage: Reichen denn die übrigen thatsächlichen Faktoren der Vergangenheit und Gegenwart nicht aus, um die bedauerliche Thatsache des Lau- und Untreuwerdens vieler gebildeten Katholiken bis auf einen verschwindend kleinen Rest zu erklären? Die niederziehende Schwerkraft der menschlichen Neigungen, der Stolz und die Liebe zur Ungebundenheit im Innern der Herzen; der Umsturz des Jahres 1848, der den ganzen Zeitgeist in ein Bett lenkte, das von Frömmigkeit und Ehrfurcht stetig hinwegführt; die äußeren Erfolge des Protestantismus, der Staatsgewalt und der profanen Wissenschaften seit vier Dezennien; der Kampf der deutschen und österreichischen Neichsregierung und der deutschen Landesregierungen gegen die katholische Lehre und die katholischen Sitten; die principielle Berufung von Nichtkatholiken oder nicht entschiedenen Katholiken an die Hochschulen, die Begünstigung dieser Kategorien in den Beamten- und Professorenstellen; der Principal der anti- katholischen Zeitungen und die Ueberfülle der antikathol- ischen Literatur überhaupt — und wir haben hier nicht Alles aufgezählt — mußte das nicht Alles die gebildeten Katholiken hinüber locken, treiben, ziehen, drängen? Doch wir gestehen zu, daß auch Fehler der Katholiken zu dieser Erscheinung beigetragen haben; Fehler, die sie zum Theile selbst längst bemerkt haben, die zum Theil auch minder beachtet worden sind, die wir aber alle nach Kräften bekämpfen müssen. Da wären gewiß alle Katholiken Herrn Rector lir. Schell dankbar für Aufdeckung aller Hemmnisse und für weise Rathschläge zu ihrer Beseitigung. Aber gerade hier ist's, wo wir das Bild, welches Schell von dem gegenwärtigen Zustand und Wirken des Katholicismus in Deutschland entwirft, nicht zutreffend finden können. 2. Als einen Hauptfehler bezeichnet Schell die unter der geistigen Führung des Jesuitenordens vor sich gegangene antiprotestantische Entwicklung der Theologie und des privaten Cultus; doch unterscheidet Schell selbst die geistige Führung des Jesuitenordens als ein besonderes Hinderniß für das Gedeihen des Katholicismus von der „antiprotestantischen Entwicklung"; so daß es passend ist, beide Klagen getrennt zu besprechen. Antiprotestantische Entwicklung! Volles Recht hak Schell, wenn er betont, daß dieselbe vermieden werden muß, und Winke gibt, die vor derartigen Fehlgriffen warnen. Indem man gegen einen Irrthum kämpft, kann es einem begegnen, daß man unvermerkt ins andere Extrem verfällt und so die Mitte, in der die Wahrheit liegt, verläßt. So ist es im Kampf gegen den Nestorianis- mus jenen ergangen, welche die Union der Naturen vertheidigten, und darob in das Extrem des Monophysitismus fielen; so sind unbesonnene Bestreiter des Pelagianismus in den Irrthum der Prädestinatianer verfallen. So könnte es auch einem katholischen Theologen ergehen, daß er im unbesonnenen Kampfe gegen die Lola-Loriptura-Lehre der Protestanten in das Extrem der Loln-Draäitio-Lehre fiele; daß er in der Vertheidigung der positiven und objectiven Glaubensnorm gegen den Subjektivismus der protestantischen Lehre die subjektive Betheiligung der Vernunft am Zustandekommen und an der Bewahrung des Offenbarungsglanbens übersähe; daß er, die Stellung der Heiligen Gottes in der Gnadenordnung vertheidigend, ihre Bedeutung im Erlösungsplane übertriebe; so könnte es auch in der Praxis geschehen, daß mancher Bischof, Orden, Priester, Gläubige, um die falsche protestantische Handlungsweise, in der Vernachlässigung der Heiligen Gottes, in der Trennung von Rom, im übertriebenen Nationalismus und Nationalismus, sicher zu vermeiden, in der entgegengesetzten Richtung mehr thun würde, als gut und heilsam ist. Und Jedermann wird den loben, der znr rechten Zeit vor solchen Fehlgriffen warnt und daran erinnert» daß die Wahrheit, wie auch die rechte Praxis, nur in der Mitte liegen kann, daß jedes Extrem in Sachen der Lehre Irrthum, in Sachen des Lebens gefährlich ist, letzteres mit jenen Beschränkungen verstanden, die sich aus der Natur der Sache sowie aus den Umständen ergeben. Aber wie und wo sind denn jene und ähnliche Fehlgriffe begangen worden? Schell spricht von einer antiprotestantischen Entwicklung der Theologie und des Privat- cultus als wie von einer Thatsache. Was soll das sein? wo ist das zu finden? Welcher Theologe hat denn jemals „wenigstens verhüllt die praktische Folgerung gezogen, daß es für den Katholiken gar keiner persönlichen Gewissens- prüfnng der Dinge bedürfe, auf die er sein ewiges Heil stellen soll, daß ihm der unfehlbare Papst diese Sorge 247 von vornherein abnehme" ? Wo hat denn Schell die Neigung unter Katholiken gefunden, im Protestantismus „überall gleich Satauismus zu wittern" und Alles tm jenseitigen Lager zu verschlechtern? Wir geben zu, daß es, wie überall, so auch unter uns Katholiken Männer gibt von minder tiefer Auffassung, minder starker Urtheilskraft, minder weitem Gesichtskreis, minder feinem Gefühl, minder scharfer Unterscheidungsgabe, nicht genügendem Sinn für strenge Wahrheit und peinliche Gerechtigkeit ; — daß daher öfters in der Publizistik, oder mich privatim, in dem Urtheil über protestantische Gesinnungen und Handlungen, sowie in der Polemik Fehler begangen werden, die unterbleiben sollten. Möchten sie vermieden werden! Aber sind denn das allgemeine Calamitäten, herrschende Richtungen, als welche sie dadurch hingestellt werden, daß eine öffentliche Broschüre ihre Stimme gegen sie erhebt? Muß denn nicht vielmehr überall, wo die Confessionen gemischt sind, die Milde, ja oft die Nachgiebigkeit der Katholiken anerkannt und bewundert werden? Wie oft finden sich denn in katholischen Büchern, Reden und Predigten Entstellungen des protestantischen Glaubens, Herabsetzungen des Lebens der Andersgläubigen? Wo „sinken wir denn von der Höhe des Christenthums im Geiste und in der Wahrheit zur Jnferiorltät französirender Andachts- und Auffassungsweisen herab"? Solche allgemeine Anklagen haben immer den Charakter von Entstellung, wenn sie nicht speciell begründet werden. Soll etwa die Wallfahrt nach Lourdes, oder die Herz-Jesu-Andacht, oder die Herz-Maria- Bruderschaft gemeint sein? Dann begründe Herr Schell den Vorwurf, daß in diesen Uebungen das wahre und geistige Christenthum nicht vorhanden sei, daß dieselben keinen allgemeinen christlichen Inhalt haben, sondern ein Produkt französischer Schwäche und Ueber- schwenglichkeit seien. Und wenn sich an ihnen, obwohl sie wahres Christenthum sind, Zuthaten französischer Manier zeigen, die entweder überhaupt nicht lobenswerth, oder zwar an sich gut, aber für uns Deutsche unpassend sind, so zeige er, wie wir dieselben von dem guten Kern zu trennen haben! Ueberhaupt — so berechtigt Schells Forderung ist, daß jedes Volk seine (und zwar guten) Eigenthümlichkeiten in der christlichen Religion entfalten soll —, so wird doch auch, wie der Einzelne von seinem Ncbenmenschen, jedes christliche Volk vom andern etwas Gutes lernen und annehmen können, ohne dadurch seine Eigenart zu verderben. Leisten daher die Franzosen hier oder dort etwas Gutes im Christenthum, so thun wir doch nur gut, es zu gebrauchen. 3. Wir sind hiemit zu der Klage Schells über die allzu große Pflege des „Romanismus" unter den Katholiken germanischer Nationalität gekommen. „Nomanis- mus" im Sinne Schells hat — wir bemerken dies ausdrücklich — mit Rom nichts zu thun; es bezeichnet die Denk-, Fühl- und Handlungsweise der Völker romanischer Nationalität. Schell wirft uns deutschen Katholiken „unselbstständige Nachahmung fremden Wesens" vor. Und worin findet er diese, abgesehen von den schon besprochenen Andachtsformen? Das Hauptsymptom des „gewaltigen Einflusses, den der romanische Geist auf die religiöse Vorstellungswelt der Katholiken und des Klerus zu üben vermag", findet Schell in der „ungeheueren Verbreitung und Verehrung der Leo Taxil-, Margiotta- und Vaughan'schen Enthüllungen". Der Romanismus also, dessen blinde Nachahmung den deutschen Katholiken vorgeworfen wird, besteht in der Leichtgläubigkeit, in der Neigung zum Seltsamen, Llbenteuerltchen, in dem „Verzicht auf den Gebrauch innerer Kriterien", in der Empfänglichkeit für „derb sinnliche" Erscheinungen des Ueber- natürlichen! Man erlasse es uns, hier auf Worte zu erwidern, die nie hätten fallen sollen. Nur die eine Ueber- legung empfehlen wir anzustellen: Wieviele Katholiken Deutschlands, selbst Kleriker, haben die Bücher Taxils und Vaughans gelesen? Etwa 1 von 1000 im Ganzen, und 1 von 10 im Klerus? Nein. Wieviele von denen, die sie lasen, haben sie geglaubt? Taxils erste Schriften vielleicht die meisten — aber von welchen Nichtkatholiken wurden sie nicht geglaubt? Und die Schreibereien der Vaughan hat von den deutschen katholischen Lesern kaum 1 Proc. ohne Mißtrauen betrachtet. Schreiber dieses urtheilt hier nach seiner eigenen Umgebung, nach den Aeußerungen in den Zeitschriften und nach den Resultaten des Trienter Congresses. Was hat die 6ivIItL oattolios, und die römische Commission in der Vaughanfrage mit den deutschen Katholiken zu thun? Die erstere liest und kennt man bet uns sehr wenig, und den Entscheid der letzteren konnte man bei uns allgemein sehr kräftig beurtheilen hören. Aber an Herrn Rector Schell haben wir noch einige Fragen. Er hatte jedenfalls schon längst aus „inneren Kriterien* die Falschheit jener Machwerke Taxils erkannt, er sah ihre Verbreitung in Deutschland, er mußte die ärgerlichen Folgen voraussehen. Warum hat er denn nicht, zuerst im engeren Kreise, dann in den theologischen und literarischen Zeitschriften, seine Stimme dagegen erhoben ? Dort wäre sein Ruf, seine Warnung am Platze gewesen, jetzt ist sein nachfolgender Tadel wenig dankens- werth. Und welches ist denn jene Schule, welche „den inneren Kriterien nicht den gebührenden Werth beimißt, sondern alle Wahrheit nur auf Autorität stellt", unter deren Einfluß das katholische Deutschland schon zu lange steht, und deren Wirkung „Jnferiorltät im selbstständigen Vernunftgebrauche" ist? Ist diese Schule vorhanden und ist sie gefährlich, wohlan, so muß sie bekämpft werden, aber wir können nur einen Gegner bekämpfen, den wir sehen! 4. Wir kommen zu der au sich berechtigten Mahnung, daß sich die deutschen Katholiken der natürlichen Mittel des Gedeihens, als da sind politischer Einfluß, „weltliche Wissenschaft, Culturfortschritt, Entwicklung der volks- wirthschastlichen und industriellen Kräfte", nachdrücklich und eifrig bedienen und sich ihrer in keiner Weise einschlagen sollen. Man kann hierin Herrn Rector Schell nur beistimmen, mit dem Zugeständuiß, daß wir es hierin vielfach bald aus Aengstlichkeit, bald aus Sorglosigkeit an dem fehlen lassen, was nothwendig wäre. Schell hätte freilich anführen können, daß dies Verhalten der Katholiken seine historischen Gründe hat, welche diesen Rückstand in milderem Lichte erscheinen lassen. Umsomehr ist es zu beklagen, wenn Dr. Schell auch in dieser Beziehung das Verhalten der Katholiken falsch darstellt. Was soll das heißen, wenn Schell Andeutungen gibt, als ob „die Anschauung immer mehr Einfluß gewinne» daß das Gebet seinen Hauptwerth von den damit verknüpften Ablässen habe". Im Namen der Wahrheit frage ich Herrn Rector Schell, wo er denn eine Spur von einer Anschauung, welche den moralischen Werth des Gebetes nach den Ablässen mißt, gefunden hat, und wie er es wagen kann, hierin eine allgemeine Verdächtigung ans- zusprechen? Und wenn er dabei die Thatsache meint, 248 daß Christen, die von der Wahrheit der jenseitigen zeitlichen Strafen durchdrungen sind, Gebete mit Ablässen gerne gebrauchen, welchen Tadel hat er gegen sie? Was er sonst von der religiösen Wcrthschätzung der systematischen Forderung der Mitmenschen sagt, ist als Mahnung sehr beherzigenswerth; sofern es aber Tadel verkehrter Auffassung und Handlungsweise sein soll, erregt es den Schein, als habe Schell die katholische Bewegung der letzten Jahre nicht genügend berücksichtigt. Dr. Otto Sickenbcrger, Docent im erzbisch. Klerikalseminar in Freifing. (Schluß folgt.) Hans Holbein der Jüngere. Ein Gedenkblatt zu dessen 400jahrigem Geburtstagsjubiläum von A. Zottmann. (Fortsetzung.) In einem Werke aber» dem berühmtesten von allen, die aus seiner Hand existiren, weiß er sich höher zu erheben und uns doch auch eine gewisse ideale Befriedigung abzugewinnen, nämlich in der weltbekannten Madonna des Bürgermeisters Meyer. Freilich ist dasselbe kein Kölner Dombild an jungfräulich erhabener Hoheit und überirdischer Würde, in welchem die Madonna die Huldigung der Großen entgegennimmt, auch keine Six- tina, welche aus himmlischen Regionen herschwebend uns ihr höchstes Gut, das göttliche Kind, entgegenbringt, sondern es ist eine mitten unter ihren Schützlingen stehende liebreiche Mutter von mehr irdischer Anmuth und Hoheit, aber ein Bild, das nicht abstößt und kalt läßt, sondern geeignet ist, zu tiefer Andacht zu stimmen. Die gekrönte Gottesmutter steht aufrecht in einer muschelförmig überdeckten Nische und hält das nackte, die linke Hand wie zum Segnen ausstreckende Jesukind. Ihr mattgrüner Mantel breitet sich hinter der zu beiden Seiten knieendcn Stiftergruppe aus und fällt links vom Beschauer ein wenig auf die Schulter des mit innigem Vertrauen zu Maria aufblickenden, in kniender Stellung befindlichen Bürgermeisters herab; vor ihm kniet ein halberwachsener Sohn, welcher sich um den jüngsten Sprößling annimmt; rechts vom Beschauer knien des Stifters beide Frauen und seine Tochter. Auf dem Fußboden ist ein prächtiger Teppich. Mit großer Wärme schildert Woltmann die Madonna und die Stiftergruppe: „Kein Gefühl aber lebt stärker in ihr, als das völlige Sichselbstvergessen, das Ganz- ufgehen in dem Kinde, das sie trägt. Nur um den Segen des fleischgewordenen Gottessohnes zu bringen, ist sie da, sie ist nur da, indem sie und damit sie das Kind trägt. Mit beiden Händen hält sie es, sie, die bescheidene Magd des Herrn, die sich kaum werth hält des köstlichen Gutes, das in ihren Armen ruht. Mutter und Kind sind wie eine Gestalt, erfüllen eine Funktion. Dies segnet, und sie trägt; nicht die Geberin, nur die Bringerin der Gnade kann sie sein und will sie sein. Völlig ergriffen aber vom Bewußtsein dieser Gnade kniet der treue Bürgermeister mit den Seinen. Mutter (?), Weib und Kindern, Lebenden und Heimgegangenen, unter ihr . . . Ernste Stimmung der Andacht breitet sich über sie Alle, und Jedes nimmt nach seiner Art Theil am Gebet. . . . Demüthig wagt von ihnen Keines aufzuschauen und der Hi'mmelserschcinnng Aug'in Auge zu begegnen; aber die volle, innerste Gewißheit der Gemeinschaft mit dem Heiligen durchdrängt sie alle und hält sie verbunden, und von der Hand des göttlichen Kindes, die mild über sie ausgebreitet ist, strömt auf sie nieder sein Segenswunsch: Friede sei mit euch!" Das Bild hat eine ganze Literatur ins Leben gerufen, einmal behufs der näheren Erklärung und sodann wegen des Streites, welches von den zwei existirenden, ob das in der Dresdener Gallerie oder das in Darmstadt das eigentliche Original sei. Am einfachsten erklärt sich das Gemälde als Votivbild des Bürgermeisters Meyer» welcher im Gegensatz zu einer starken Partei der Stadt Basel am alten, katholischen Glauben unentwegt festhielt, und mit diesem herrlichen Bilde auch diesem unerschütterlichen Glauben Ausdruck verliehen wissen wollte. Bezüglich des berührten, viel Staub aufwirbelnden Streites betreffs der Originalität sei nur Folgendes hervorgehoben: Bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war eigentlich nur das Dresdener Bild bekannt, aber auch weltberühmt. Anno 1822 nun wurde das jetzige Darmstädter für den Prinzen Wilhelm von Preußen erworben, blieb aber unbeachtet, bis 1830 der Kunsthistoriker Hirth es als Original dem Dresdener gleichstellte. Franz Kugler (1845) nahm schon dessen Priorität an und glaubte, daß es ganz von Holbein sei, während er vermuthete, daß beim Dresdener zwar von Holbein die Hauptsache, aber doch Einiges von Gehilfen gearbeitet sei. Aehnlich Waagen und Woltmann. Erst 1867 erklärte der Engländer Wornum das Dresdener Bild für eine Copie eines späteren Meisters, und die Holbein-Ausstellung 1871 in Dresden, wo beide Bilder nebeneinander verglichen werden konnten, bestätigte voll und ganz dieses Resultat. Seit der Zeit hat Darmstadt den Ruhm, Holbeins Original, eines der größten Meisterwerke der Welt zu besitzen, während Dresden damit sich begnügen muß, eine allerdings vortreffliche, durch die Hand eines Niederländer Meisters im 17. Jahrhundert hergestellte Copie dieser Perle deutscher Kunst sein Eigen zu nennen. Was Holbein in dieser Zeit noch Beachtenswerthes geleistet, das sind sein eigenes Porträt, verschiedene Porträts des Erasmns, des berühmten Buchdruckers Febronins, des Melanchthon, der Offenburgcrin, und dann verschiedene Holzschnittzeichnnngen zu Nandverzicrungen und Illustrationen von Büchern. Aber die eindringende Reformation war für Künstler wenig günstig, die Nachfrage nach Bildern und Aufträge für Künstler wurden immer weniger, ja es war ganz verpönt, überhaupt Bilder malen zu lassen. Kein Wunder, daß der inzwischen mit einer gewissen, nach dem Porträt häßlich wie die Nacht erscheinenden Gerberswittwe verheirathete Meister sich nach einem günstigeren Arbeitsfeld umsah. Sein Gönner, der gelehrte Humanist Erasmns, welcher sich damals in Basel aufhielt und überallhin Verbindungen hatte, half ihn, ein solches finden. Derselbe wendete sich an seinen Freund, den berühmten und edlen Kanzler Thomas Morus in England, schickte ihm sein von Holbein gefertigtes Porträt und empfahl den Künstler. Vom 18. Dezember 1525 ist folgende Antwort des Kanzlers: „Dein Maler, liebster Erasmus» ist ein wunderbarer , Künstler; dennoch fürchte ich, daß ihm England nicht so fruchtbar und gewinnbringend vorkommen wird, als er gehofft. Daß er es indeß nicht ganz unfruchtbar finde, dafür will ich mein Möglichstes thun." Im Herbst 1526 verläßt daraufhin Holbein Weib und Kind und findet in England bei Thomas 249 Morus die gastlichste Aufnahme und auch sogleich Beschäftigung, indem dem Künstler die Herstellung vieler Porträts der angesehensten Persönlichkeiten, des Morus selbst, dann dessen ganzer Familie, des Erzbischofs War- ham von Canterbury, des kgl. Stallmeisters Sir Henry Guildford, des k. Astronomen Nikolaus Kratzer n. A., übertragen wird. Auf diese Weise verdient sich Holbcin ein gut Stück Geld und kehrt im Sommer 1529 nach Basel zurück, wo er die Rathhausbilder, vollendet und einige andere Arbeiten, vielleicht auch seinen berühmten Todtcn- tanz, gefertigt. Der letztere ist der auf verschiedenen Holzschnittblättcrn zum Ausdruck gebrachte Gedanke, daß Alles der Macht des Todes unterliegen müsse, das; kein Stand, keine Weisheit, keine Lage sich sicher wähnen dürfe. „Holbcin hat diesen Gedanken, der schon früher in einzelnen Figuren in Kreuzgängcn und Kirchhofkapellen Ausdruck gefunden, mit neuem Geiste und mit sprudelndem Humor darzustellen gewußt. Er liebte dieses Thema so sehr, daß er es nicht bloß in einer Folge von Blättern (ursprünglich 41), sondern auch als Alphabet und für eine Dolchscheide zür Ausführung brachte." (Schluß folgt.) Wo in Niederösteneich ist das Hauptkloster bsati Lövei'iniund dierömische Flottenstationk'avikliig. zu suchen? Von I. N. Seefried. -(Schluß.) II. Nähere Bestimmung der Lage von Pavian» und Pavu Poliois unterhalb Lorch an der Donau. Für die Streitfrage, wo an der Donau Paviauis (Locativ) oder Pavian» gelegen, muß der Donaustrom uud die Entfcrnungsangabe des Eugippius mit 100 Mil- 'ien und darüber von Jnnstadt-Passau als entscheidend festgehalten werden. Da nun, sagt Mommsen,") nach dem Jtinerare Antonins von Jnnstadt-Passau bis I-aou Poliois 101 N. P. gezählt werden, so folgt mit Nothwendigkeit, daß beiläufig hier (in Imon Poliers) Paüana müsse gelegen gewesen sein, und nicht zufällig scheint es uns, daß wir bisher mit Sicherheit bloß aus der Ortschaft Mauer (bei Ocling) Ziegel der ersten »arischen Legion besitzen, deren Prüftet die Rcichsnotiz in Paüanis (Paüana) ansetzt. Ziehen wir mit Mommsen das Itinorariura Lo- lovini Hugusti aus den Tagen Konstantins d. Großen zu Rathe, so sind die Entfernungen der einzelnen Stationen auf der via rnilitaris voll Caou (Pooo) Poliois bis Loioäurum und umgekehrt angegeben, wie folgt: Oaeu (Paso) Psliois > XX . Pauriaoo ! XVI Ovilavis j XXVII ckoviaoo ! xvm Ltanaso ! XX (Ausgabe vonG. Parthey und M. Pinder, Berlin, 1848, MK. 115; Wesseling 248 u. 249.) 01 (101) w. x. m. Boiockurum. Loioäuro I XX Ltauaoo I XVIII lloviaoo > XXVII Ovilavis I XVI Iiauriaoo I XX 01 ( 101 ) Imoum Psliois. '°) 0. I. 0. (Oorp. Inserixt. lat.) III, 2 pa§. 687 Berlin 1673. Hiernach war Loioclnrnm von I^aon Poliois und umgekehrt dieses von jenem fast ebensoweit entlegen wie lloiotro nach Eugippius von Paviauis, weil contuin milia passuum und darüber (st ultra) sich mit 101 inillo passus entweder vollständig decken oder nur um ein paar inillo passus diffcriren, wenn das ot ultra bei Paviauis 1 — 4 inillo passus, mithin die ganze Entfernung von Iloiotro bis Paviauis zwischen 102 — 105 m. p. bctrageil hat. Im ersteren Falle würden die Städte und festen Plätze I-aou (Pooo) Poliois und Paviauis (Paviaua) auf der Donanstraße des Jtinerars in gleicher Entfernung von Jnnstadt-Passau in Eins zusammengehen, und wir müßten annehmen dieselben seien identisch gewesen und hätten etwa nur im Laufe der Zeiten ihre Namen gewechselt; allein dieser Annahme widerspricht positiv und ganz entschieden das Staatshandbuch des römischen Reiches, die Xotitia eli- ßuitakulu utriusyus luiperii, eine officielle Quelle, welche beide Städte zu gleicher Zeit namentlich und genau von einander unterschieden aufgeführt hat, wenn sie in P.aou Psliois Pyuitos Lagitarii (berittene Bogenschützen), ZU Pa6a.ua> aber den oben angegebenen Commandanten der Libnrnarierabthcilung der I. »arischen Legion garni- soniren läßt.") Beide Städte waren demnach nicht identisch, und muß deßhalb Paliaua (Pauiauis) einige Millien unterhalb Imou Poliois aufgesucht werden. Die Lage von I-aou Poliois ist für die nähere Be stimmung von Paviaua sozusagen präjudiciell. Wenn wir nun wissen, daß nach Antonins Jtinerar") Paon Poliois XX ruillo Passus unterhalb der damaligen Bischofsstadt I-auriaouw (jetzt noch Lorch an; Ausfluß der Lorach in die Donau) situirt war, so weist uns diese Entfernungsangabe auf einen Punkt der Donanstraße, welcher sich zwischen den Märkten Wallsee und Ar- dagger auffinden nnd als Imon Poliois nachweisen lassen muß. Bekannt ist ja längst, daß die bezeichneten Märkte, insbesondere Wallsce, Fuudgcgenstände aus der römischen und vorrömischcn Zeit besitzen, weßhalb die meisten Gelehrten und Alterthumsforscher mit Simlcr, Cluver, Muchar, Neichardt, Kenner, Hormayr und Sam wer dafür eingetreten sind, daß man lstaou Poliois in Wallsee (Wahlcnsce — Nömersee) zu suchen habe, während Mannert und Lapie wegen des Meilenmaßcs nach Ardaggcr (aräuus aggor) herabgerückt sind. Wer, wie ich selbst, Gelegenheit gehabt hat, die fruchtbare nnd gesegnete Mulde zwischen Wallsee und Ardaggcr nach einem Hoch Wasser durchfahren und vom Kranze des hohen Schloßthurms zu Wallsee überschauen zu können, der wird keinen Augenblick daran Zweifeln, daß wir den P-aons und Iroons^) Poliois zwischen Wallsee und Ardaggcr zu suchen haben. Ich verweise in dieser Beziehung auf eine interessante Stelle bei Dr. Kenner,^) welche lantct: „Wahrscheinlich hat S. Anm. 3 oben. °°) Itivsrai'ium Untouini XuZusti nach G. Parthey und M. Pinder, Berlin 1848, pa§. 110 u. 115, Wess. 234 u. 248. "') Geschichte von Wallsee von Dr. Karl Samwer. Wien (Jasper) 1889. — -Ob man bei Poliers an den römischen Feldherrn Lsxtili us Pslix (Tacitus 70 nach Chr. III. H. 5) oder an einen andern römischen Glücksritter denken darf. mögen unsere Philologen entscheiden. -°) Ooeli heißt im Keltisch eil See, wahrscheinlich ist Imons aus Imens jedoch nur verschrieben worden. ^) Die Römcrorte Mischen der Traun und dem Jnn. Sitzungsbcr. der k. k. Akademie der Wisf. 91. Bd. (1878) S. 579. 250 »uch in der Mitte zwischen Wallsee und Ar- »acker ein Castell bestanden; noch heute existirt wrt (zu Albetsberg) der Name Solfeter und Salfeter ). t. sg.lva.6 törrs-s, die Bezeichnung von Ca sielen, c^uoä ineolos salvos ab üostiuln inouroiombus ^rassturout." Ich selbst habe in Gesellschaft des hochw. Herrn Abtes Adalbert Dungl von Göttlveih, Propstes vr. Kersch- «aumer von Krems und eines Wiener Advokaten unter Führung des Herrn. Pfarrers von Sindelburg-Wallsee, Ltefan Heimberger, am 19. August 1896 eine römische Niederlassung mit Wall und Graben bei Sommerau, 2 Kilometer unterhalb Wallsees, begangen und Anzeichen »er ursprünglich römischen Herkunft der Anlage gefunden. Auch Herr Lehrer Hans Perndl von Wallsee schließt aus neueren Funden an Ort und Stelle, daß in Sommerau ganz zweifellos ein Römerbau bestanden habe. (Brief vom 7. Januar 189? mit Planskizze.) Erwägt man nun, daß die Römer stratze von .Lorch über die Höhen der Silva ämssi (Ennswald) an Ärdagger vorüber und von dort an die Url herab und sodann nach Jps geführt haben soll, so wird man mit uns gerne darin übereinstimmen, daß der hl. Severin, als er von Lorch weg auf der nämlichen Straße dem Nngenkönige Feletheus während der ganzen Nacht entgegeneilte und denselben am 20. Meilensteine frühmorgens angetroffen hat,^) sich mit dem Könige vor den Thoren von Laou kvliois d. h. in der Nähe von Salfeter oder Ärdagger befand. Damit dürfte übereinstimmen, wenn in einem früheren Briefe Vts Herrn Lehrers Perndl gesagt ist: „Von der einstigen Römerwarte zu Ärdagger führte eine Straße nach Amstetten zum Limss, eine aä poutsw Isss und eine zur Warte nach Wallsee." Mommsen hat vergleichsweise die Donaustraße Antonins auch noch von der Erlas (Urlaps) herauf über Laou (Iwco) I'eliois nach Lorch in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen und die Donaustraße des Jtinerars neben der alteren Binnen lands- straße der Peutingertafel in nachstehender Weise aufgeführt:^) Antonin Peutingertafel ^rlavs kreist« »8 I XXV v. 248. XXVI p. 234 , VIII Z I-rum (looo) k'elivis ack voutv Isss j XX p. 248, XX p. 234 ! XXIII, S XXXXV m. p. XXXXVI m. p. 1« I,LUi-1seuw. I XIH XXXXIIIIw.p. Vlaborieiavum. Daraus ergibt sich, daß Laou I'eliois von der Erlaf (Großpöchlarn) 10 oder 10^ Stunden (V willo Passus ---- 2 Stunden) entfernt war, mithin nach der Karte zu schließen, ebenfalls nach Ärdagger oder Stephans- hart zu stehen käme, daß dagegen kavis.NL gar nicht an der Straße Antonins lag, weil diese bedeutende Garni- fonsstadt sonst hätte genannt werden müssen. Ferner ) LuKixpius CLP. 31. Oui (rs§i) tota noots ksstinsus in viossimo ab urbs miliario matntinus ooourrit. Auch Welsers Emmeramer Ausgabe hat matutiuus I. o. x. 686. I/aeu hat demnach ebenso zu den oppickis I'elotbeo trrbutariis atous vioinis gehört wie 1'g.viana. . s- A. 18 oben. Die Peutingertafel hat ursprünglich wohl ^rslats statt Lrelals geschrieben, wie AAsm (Etsch) statt Lkssia, weil die Buchstaben t und k sich sehr gleichen und deßhalb vielfach verwechselt worden sind.^ ergibt sich hieraus, daß die Staatsstraße Antonins k'a- vig.ua> im Wink! von Neustadl umging und von I-L6U l?oliois dkrect an die Station xoutoiu Isss (Jpsbrücke) herabführte. So ist es gekommen, daß kavianL, welches an der Donau unterhalb Stephanshart-Ardagger liegen muß, auf den Militärstraßenverzeichnissen der Peutingertafel und Antonins nicht erscheint. In der labulg, keutioZsrang. konnten die Donaustädte 1-a.ou k'oliois und I'aviLns. keine Aufnahme finden, weil uns in derselben zwischen der Kolonie Wels (Ovilis.) und der Station Jpsbrücke (uä xonto lass) nur die Jnnerlaudsstationen LIg.horioig.oo und Ltegio hinterlegt und überliefert sind. Lladorioisco ist, wie wir später zeigen werden, nicht identisch mit Lunrinoo, welches als Straßenknotenpnnkt erst unter Konstantin größere Bedeutung gewonnen hat, und Llsgio dürfte in Oeling bei Mauern wiedergefunden sein, in deren Nähe Mommsen I-aou k'oliois und kaviana nur vermuthete?^ Man kann diePeutingerkarte oder, wie sie Dr. Miller genannt, die Weltkarte des Ca stör ins allerdings zum Vergleiche ebenfalls heranziehen und etwa schließen, wie folgt: Kommt man in XXXI ruills PL88US (ki.r6lg.ts oder Lrslaks VIII, g.ä ponts lass XXIII — 31) von der Erlaf an die Jps und Url bis nach LIsAo, so gelangt man von demselben Urlaxs (ilroluts) in XXV oder XXVI m. p. über Jpsbrücke^) (hier theilte sich wahrscheinlich die Heerstraße) auf dem Wege Antonins an die Donau herauf bis zu den Höhen von Ärdagger und Stephanshart, wo I-uou ksliois, wie wir gesehen haben, gesucht werden muß. Man ist demnach, um zu richtigen Resultaten zu gelangen, gezwungen, drei Wege und Wegsricht- ungen zu unterscheiden. 1. Den Wasserweg, welchen Severin 474/75 von Loiotro nach k's.viLnis und s. Rupert 60 Jahre später (534/5) von Negens- burg (katisboug.) nach Lorch (IiLuroaouw) eingeschlagen hat. 2. Die Militärstraße Antonins, welche von Loiioäuro bis Laloatuln an der Donau Kaiser Antonin (Caracalla) 213 x». 0. zu bauen angefangen^) und Dtoclettan erst vollendet hat. 3. Die ältere Milttärstr^ße der Peu- tingertafel, welcher die Donaustraße von Loiioäurum bis zur Jpsbrücke vollständig mangelt. Der Umstand, daß man sich über die Wege und Wegsrichtungen*s) der Hilfsquellen nicht ganz klar geworden, und die Thatsache, daß I?avig.na ") Nur diese Vermuthung liegt in Mommsens Argumentation, was Saupve und Knüll hätten beachten sollen. Vergl. die letzte Uebersichtskarte bei Mommsen (0.1.1«. m. 2), woselbst links der Donau bis gegen Jps hinab eingezeichnet ist. Die Straße der Tafel und des Antoninischen Jtinerars hatten wahrscheinlich nur die Strecke Urtapas (Xrolats) aä pouts Isss — VIII m. p. gemeinsam. In Jpsbrücke trennten sich die Wege und gelangte dre labul» in XXIII m. p. — 9'/z Std. nach LlbZio (Oeling). Antonin aber in XVII oder XVIII m. p. (6 -s- 17 - 25 und 8 -ch 18 — 26) d. h. in 6'/z oder in 6'/s Stunden nach I^seu I'slieis bei Ärdagger. *°) Vergl. meine Abhandlung über den Meilenstein von Loiioäaro Saloatmn (Passmr-Engelhartszell). Mskpt. °°) Die Straße der T'abnla ksutin^. führt von Jpsbrücke über Me§io (Oeling) und Llaborioiaeo dircct nach Wels (OvUia) und in einer Abzweigung etwa von der oberen Lorach die Enns herab nach blarinianio (an der untern Enns). 251 und Laeu Lsliois schon 509 oder 511 unserer Zeitrechnung von Grund aus zerstört waren,°°) hat die Auffindung derselben bisher unmöglich gemacht, wir dürfen jedoch hoffen, daß es den Bemühungen unserer lieben Freunde in Oesterreich nunmehr gelingen wird, volles Licht hierüber zu verbreiten. Sind Eugipps und unsere Berechnungen über die einstige Lage von Lavianis und Laviaua richtig, dann muß sich auch burgum, welches bald l, bald V vulls passus davon entfernt gewesen sein soll?*) etwa in der Burg, welche im Jahre 370 Lorcherhilfstruppen in Jps errichtet haben, oder in Kolmizberg bei Ardagger, welches die Römer ohne Zweifel wegen seiner dominirenden Höhe mit einer Hochwarte (Burg) versehen hatten, oder in den Burgruinen am Schwall, Wirbel und Strudel wieder auffinden lassen, Lä vineas mag in Weinzierl bei Wieselburg und der Bach Oiountia (Ugantia) entweder im Tiefenbach oder in den Diffenbächen wieder erkannt werden; die Residenz der Rugenkönige wird man im Schloße zu Grein (Greinburg) vis-a-vis von Laviaua zn suchen haben. (Nonasterii parteilos oüstante Vavudto von xotnit Lriäorious traus- kerrs 61m. 12104 pa§. 89 oap. 45; in 61m. 18512/2 von Tegernsee ist in oap. 45 pag. 78 r. abstaute dem Worte vanubio überschrieben.) Dem Gesagten zufolge wird es wohl einem Jeden klar geworden sein, daß sich von den Hypothesen, welche die Gelehrten bisher für Laviana auf die Bahn gebracht haben, keine einzige halten läßt, weil jede derselben den bestimmten Angaben des Eugippius/*) der Neichsnotiz und den Militärstraßenverzeichnissen der Römer widerspricht. Laviava kann nur an einer gefährlichen Stelle des Donaustromes angesetzt werden, weil die Liburnarierabtheilungen des römischen Heeres an solchen Verwendung gefunden haben. Eine sehr gefährliche, ja die gefährlichste Stelle an der Donau hat sich aber vor den Felsensprengungen des Jahres 1791 in der Nähe von Grein befunden, und hier waren deßhalb die Barken der Liburnarier von Nöthen und die Flotillenanstalten in der civitas Laviava von den Römern getroffen, wofür eine gediegene Lokalforschung bald die erforderlichen Nachweise liefern wird. Ich gebe übrigens gerne zu, daß erprobte Forscher auf dem Gebiete der Alterthumskunde in Oesterreich be- achtenswerthe Gründe dafür beigebracht haben, daß Laviauis in Mautern» Krems gegenüber, schon aufgefunden sei,**) allein überzeugend sind 2 °) Vita b. 8ov. o. 40 in Kue. ") Kerschbaumer, Saupve und Knüll lesen uvo a kabiauis üistsos milliario. Weiser hat: guin- ue a I'avianiL äistans inilliarits. Derselbe liest ier abweichend von den neuen Hyperkritikern Sauppe und Knüll: „gnoä kurzum onxiäum appsltatur ab aevolis". JstbeiburAuiumitMommsen an Jps selbst zu denken 6. I. I-. III, 687 u. 688) und die dortige Burg, dann wird Weiser m jeder Beziehung Recht behalten. La§ipxin8 Vita b. Lev. cax. 4; Weiser 1. o. p. 640. ") Vielleicht ist sogar die von Eugippius in eax. 4 gebrauchte Stelle aus der hl. Schrift (Matth. V. 14, 15) ,,ueo in monte xosita civitas xossit abseovcli" eine Anspielung auf die Höhenlage von b'aviauis (oastra b'aviana) oder wenigstens des dortigen Klosters. b°) So auch Dr. Kenner folgend die schöne Jubiläums- Ausgabe „Aus Alt-Krems", herausgegeben vom städtischen Museum Krems 1895 S. 4 u. 5. Vergl. hiezu I'avianis von Dr. Friedrich Kenner (Bericht des Alterthumsvereius zu Wien Bd. 19 S. 49 sf.). diese Gründe nicht, und die Angaben Eugipps und seiner Gewährsmänner, eines Luoillus aus Latavis und Uaroianus aus 6ueuI1is (Kuchel bei Salzburg), welche beide Aebte und Nachfolger Se- verins und mit Eugippius norische Eingeborene gewesen sind, vermögen sie nicht zu erschüttern. Die vita beati Lavermi hat für die Geschichte überhaupt und für diejenige Bayerns und Oesterreichs insbesondere unschätzbaren Werth, das Verständniß derselben läßt aber trotz der vielen Bearbeitungen aus alter und neuerer Zeit, ja gerade wegen der neuesten Verarbeitungen noch sehr Vieles zu wünschen übrig. Man hat Severin den Apostel der Noriker genannt. Er war dieses jedoch nicht, und weder er selbst noch sein Biograph haben Anspruch hierauf erhoben?*' Severin war der Vorläufer des hl. Nupert, des wirklichen Apostels der heidnischen Ba karrn aus Laras (al. bo^as beim Kosmographen von Ravenna nach Pinder und Parthey, Berlin 1860 pa§. 213, 7), welche zur nämlichen Zeit, da Eugippius das Oommomoratorium seines Lehrers schrieb, nach Norikum und dem zweiten Nätien unter dem Thüriugerfürsten Hermanfried zurückgewandert waren (509/11 p. 6.). Sehr erwünscht wäre es allerdings gewesen, wenn das Uamoratorium oder 6ommemoratorium nicht bloß von dem Ordensmanne Eugippius, sondern auch von einem Laien^) bearbeitet und abgefaßt worden wäre; wir dürfen übrigens dankbar dafür sein, daß uns wenigstens der Severin des Eugippius (wenn auch vielfach inter- polirt und gefälscht) ^) erhalten blieb. Hiernach war der theuere Gottesmann ein höchst einflußreicher, gelehrter Missionär, ein Prediger der socialen Gerechtigkeit und der christlichen Nächstenliebe, insbesondere aber ein asketischer scharfer Vertheidiger und treuer Bekenner der katholischen Weltanschauung gegenüber dem alten Heiden- thume und dem Arianismus der gothischen Völkerfamilie, ja derselbe ist gerade in unseren Tagen wieder der größten Beachtung deßwegen werth, weil sich das moderne Hcidenthum, der Arianismus in verhüllter Gestalt, ein theilweise verkehrter Socialismus und die Genußsucht unter den Gebildeten immer breiter zn machen strebt und die Gesellschaft Zuständen entgegenzutreiben scheint, wie in den Tagen Severins und der Völkerwanderung. Ich habe eine neue Ansicht über des allgemein verehrten Gottcsmannes Hauptkloster zu Laviana deßhalb vorgetragen, weil die Gelehrten dasselbe wie einen Spielball an der Donau hin und her geworfen haben und weil ich über die zahlreichen Fälschungen, welche in allen Jahrhunderten an der vita bsati Lovorini vorgenommen und verübt worden sind, neue Enthüllungen in Aussicht stellen kann. Berichtigung. In Beilage Nr. 34 S. 241 drittletzte Zeile von untcv ist statt Krenner Kenner zn lesen. ^) Norikum war lange vor Severins Ankunft ein vollständig bekehrtes Glied der kath. Kirche. ^) Wie es ursprünglich beabsichtigt war. Vergl. Vpistola DuZixxü aä kaskasiuin Oiaconum. °°) Wir werden oft Gelegenheit haben» auf das gelammt e H a n d s ch r i s t c n m a t e r i a l zurückzukommen. 252 Recensionen und Notizen. Geschichte des deutschen Volkes. Von I. Janssen. v. Band. Herder. Freiburg. Preis 6 M. * Der Erfolg dieses Werkes spiegelt sich in der Thätliche wider, daß von dem II. Band längst durch die Verlagsfirma die 17. und 18. Auflage edirt wurde. Dieselbe wurde von Professor Dr. Luow. Pastor besorgt. Die 16. Auflage des Ü. Bandes war ein unveränderter Abdruck der 15. Auflage gewesen, welche 1889 erschien. Seitdem hat die historische Forschung gerade für die Periode, welche im II. Bande zur Darstellung gelangt, sehr viele und tüchtige Arbeiten zu Tage gefördert, welche ,u Betracht zu ziehen waren und eine große Anzahl von Zusätzen und Aenderungen, zum Theile sogar einschneidende Aenderungen, für die neue Auflage nöthig machten. Der l. Band. der bekanntlich die deutsche Geschichte vom Beginn der politisch-kirchlichen Revolution bis zum Ausgang oer socialen Revolution von 1525 behandelt, ist hiemit, wie Pastor mit Recht annehmen darf, auf die Höhe des dermaligcn Standes der historischen Wissenschaft gebracht. Von den bekannten grünen Heften der Flugschriften- sammlung zur „Wehr und Lehr", Preis ä 10 Pfg., Verlag der Germania. Berlin, liegen folgende neuen Nummern vor: Nr. 109. Wer hat Recht? Aphorismen in Briefform über die größten Fragen unserer Zeit, von dem bekannten dänischen Couvertiten, früheren evangelischen Pfarrer M. C.Jensen. Nr. 110/111. Adolf Kolpiug's sociale Thätigkeit, von Domvicar Wenzel. Mitglied des deutschen Reichstages. Nr. 112/113. Die Kirchen der Evangelien und die evangelischen Kirchen. Nr. 114. Zum 25jährigen Jubiläum des Culturkampfes, von L. von Hammer stein 8. 9. Die letztere Nummer, welche eine übersichtliche Darstellung des unseligen Culturkampfes bietet, verdient besondere Beachtung und Verbreitung in allen katholischen Kreisen. Guöranger, Dom Prosper, Abt von Solesmes, Die heilige Vorfastenzeit (8sptuaKesimg,). Autorisirte Uebersetzung. Zweite durchgesehene Auflage. (Das Kirchenjahr Band IV.) Mitbischöfl. Approbation. Mainz, Franz Kirchheim. 8° (VUl u. 420 S.) Preis M. 4.20. Das vorliegende Werk, dessen in 2. Anfl. erschienener Band die hl. Vorfastenzeit behandelt, verfolgt die segensreiche Idee, die Liturgie der katholischen Kirche nicht nur den Priestern, sondern allen Christen zum Zwecke des tieferen Eindringens und eingehenderen Verständnisses derselben darzulegen und dieselben anzuleiten, sie betend und betrachtend mitzufeiern. Dieser seiner erhabenen Aufgabe wird das Werk durch genaueste Darstellung der einschlägigen Materien und gründlichste Vollständigkeit in deren Behandlung in jeder Beziehung gerecht. ÜVilmsrs buil. (8. I.), Da rsli§ious rsvslata librl gniugus. 8" pp. IV -f- 667. Ratisboims, Vr. kustst 1897. LI. 6,00. S Hov Opus »rAUMsulornni ubsrtats prasesllsns uutori äobsmus zum änäum uoto eiäsm, gui prius §sr- luuiüoo ssrivons prasolaras „RcliAioius odristiauas iu- stitntiones" Dlonastsrii iu bnsstpbalia zum pluriss sclitus seripssrut. Vs-tino nnns iäiomats eonsvrixtnm volumsu sruäitos sppsllat Isetorss, gui äiesnäi Asusris lsporsm av äilueiäaw äisssrsnäi taeilitatsm absgus äudio luu- äabunt. ilutorsm von minus rsoentiorss quam vstustiores äivinas revslationis opxng'iwtorss in äisputanäi arouum provoosrs psouliars oxoris sst msritum. I,ib. I. »Kit: äs roliAions st rsvslatious §ensratim spsotata; 11b. II. äs roliKionis skristiauas per rsli§ionsm rsvslatam pras- vium prasparations; üb. III. äs reliZionis ebristianas veritutv äsmonstruta sx sz'usäsm per ipsum Obristnm Osi ülium institutions; lib. IV. äs rsIIZIoms obristianas veritsts äsmonstrutu sx szusäsm in orbsm proZrsssu; üb. V. äs rsIiKionis obristiauas, guatsuus in oatbolloa oovlösiu sxsrostur, intsArituts motivis orsäibilitutis äs- wonstrutu. LivAuIi volumiuis libri, gui in summa 140 propositiouss sxbibsnt, eupitulis sudäiviäuntur; iaäsx alpbabstious aeeursts eouksetus soneluäit oxus perutilg aptissimis s. soripturus loois nseuon s. szmoäorum s listig ubsrtim uäoruutuM, vsl in tuutu operum axoloKstievrum oopiu minims supsrttuum. kuststianum t^xo§rupbium boe opus omni gua pur vst äigmituts eonäseorasss vix äioi opus sst. _ Linzer theol.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1897. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Das 3. Heft des Jahrgangs 1897 enthält u. And.: Der selige Petrus Canisius und die deutsche Welt- und Ordensgeistlichkeit seiner Zeit. (Zu seinem Centenarium sj- 21. Dezember 1597s.) Von vr. Otto Brauusberger 8. I. in Exaeten (Holland). — Die kommende Universal- Religionsdemokratie. Von v. Albert M. Weiß 0. vr., Universitäts-Professor in Freiburg (Schweiz). — Behandlung der Gewohnheits- und Gelegenheits-Sünder. Von Augustin Lehm kühl 8. I., Professor in Exaeten (Holland). (I. Artikel.) — Die Muttergottcs - Feste und ihre Verherrlichung durch die christliche Kunst. Von vr. Heinr. Samson, Vicar in Darfeld (Westfalen). — Die heiligen Gräber in der Charwoche. Von v. Georg Schober o. 88 . K., Consultor der heiligen Ritencongregatron in Rom. (Schlußartikel.) — Paftoral-Fragen und -Fälle: 1) Hypnotisiren als Heil-Verfahren. Von Pros. Augustin Lehm kühl 8. I. in Exaeten (Holland). 2) Verleitung zu materieller Abgötterei und Consecration einer nicht auf den: Altarsteiu befindlichen Hostie. Von Pros. Josef Aertnys 0. ss. L. in Mitten (Holland). 3) Restitutionsfall bezüglich eines Differenzial-Svieles. Von Wilhelm Stentrup 8. I. in Valkenburg (Holland). 4) Verkauf um den höchsten Preis. Von Johann Sch wienbach er O. ss. R. in Wien. 5) Das Radfahren der Frauen vom Standpunkt der Moral. Von Pros. Josef Weiß in St. Florian. — Literatur. _ Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Um lauft. XIX. Jahrgang 1897. (A. Hartlcben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte, 85 Pf.) Das 9. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Der zwölfte deutsche Geographentag in Jena. Von A. Oppel in Bremen. — Aus Umbrien. Von Octavie v. Kodolitfch. (Mit 3 Illustrationen.) — Was ist ein Ge- birg? Von August Neu der. (Schluß.) — Astronomische und physikalische Geographie. Hat Sirius seine Farbe gewechselt? Das Wandern der Dünen. — Politische Geographie und Statistik. Die Staaten der Balkanhalbinsel. Die Bewegung der Volkszahl in China. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Mit 1 Porträt: Camille Flammarion. — Geographische Nekrologie. Todesfälle. Mit 1 Porträt: Heinrich von Stephan.— Kleine Mittheilungen aus allen Erdtheilen. — Geographische uird verwandte Vereine. — Vom Büchertisch. (Mit 2 Illustrationen.) — Kartenbeilage: Karte der Balkanhalbinsel und der angrenzen Gebiete. Maßstab 1:1,600,000. Heft 13 des Deutschen Hausschatzes bringt den zahlreichen Verehrern von Karl May eine große und willkommene Ueberraschung, nämlich eine Komposition seines Liedes: Ave Maria, durch den Dichter selbst und zwar für Männerchor. Die Reifeerzählung von Karl May's: Im Reiche des silbernen Löwen wird fortgesetzt, während der Seeroman Schiffbruch, dxr das Interesse der Leser durch viele Hefte fesselte, zu Ende geführt wird. Sodann beginnt das Heft einen neuen Roman: Durchgegangen von Flodatto. der uns in einer sehr spannenden Handlung m die graue Vorzeit zurückführt. Von vr. F. Kampers, dem bekannten katholischen Historiker, bringt das Heft eine sehr interessante Skizze: Das Leben betitelt. Von den belehrenden Artikeln erwähnen wir: I. Odenthal, Reise zur Großen Chartreuse. vr.O.Warnatsch. Neues aus unserem Sonnensystem. I. Dackweiler. Nutzen und Schaden des Igels. vr. Wilhelm Roßmann beschreibt die Centralanlagen in unseren Bahnhöfen, von denen die meisten so wenig wissen. Die Illustrationen. 26 an der Zahl. sind sehr geschmackvoll ausgewählt. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas St Grabherr in Augsburg, yn. 36. M AIIgSWlgkl l M M Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vom 27.-29. Juni 1897. Von I. M. Förster. Da in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Bayern in Gefahr stand, vom heiligen katholischen Glauben abzufallen, erbat sich der für Erhaltung desselben eifernde Herzog Wilhelm IV. vom Papst Paul III. drei gelehrte Theologen, zunächst für die Universität, welche sich damals in Jngolstadt befand, wo die von Luther veranlaßte Glanbensneuerung bereits Eingang und Anhänger gefunden hatte. Der Papst übertrug dieses Geschäft dem Cardinal Alexander Farncsius, welcher mit dem Stifter des Ordens von der Gesellschaft Jesu, dem (später heilig gesprochenen) Jgnatius von Loyola, sich dahin einigte, den bereits von dem im Jahre 1541 zn WormS abgehaltenen „Religions- gespräche" (mit den Protestanten) in Deutschlands katholischen Kreisen bestens bekannten Claudius Jaius aus- Savoyen, ferner den Spanier Alfvns Salmeron und den Niederländer Peter de Hondt — als Verfasser eines Katechismus unter seinem latinisirten Namen Cauisius') noch heute berühmt — an den Herzog abzusenden. Die genannten drei Jesuiten trafen am 13. November 1549 in Jngolstadt ein und eröffneten alsbald ihre Vorlesungen über Theologie. Die Professoren Jaius und Salmeron aber wurden bereits im folgenden Jahre zur Anfrechthaltnng des katholischen Glaubens anderswohin berufen und durch den Holländer Nikolaus Gardanns (für Theologie) und. Peter Schorichins (für Philosophie und klassische Sprachen) ersetzt, während Canisins zum Nector der Hochschule erwählt wurde. — Vorher aber traf die Jesuiten noch ein harter Schlag, indem Herzog Wilhelm IV., welcher die Absicht hatte, ihnen durch den Van eines Kollegiums (nebst Kirche) einen festen Sitz im Lande zu begründen, und zu diesem Zweüe nicht nur die päpstliche Genehmigung zur Erhebung einer Declination von den geistlichen Gütern erwirkt, sondern auch durch den Exekutor Btoritz van Hütten, Fürstbischof zu Eichstätt, bereits 20,000 Goldgulden eingebracht hatte, am 6. März 1550 mit Tod abging. Hiednrch schien das Werk gefährdet, umsoinchr, als auch die Laienprofessorcn in Jngolstadt auf die zu rascher Beliebtheit gelangten Jesuiten mißgünstig waren, weßhalb Letztere, dem Auftrage ihrer Oberen folgend, die nun ungastliche Stadt verließen, indem sich Canisins zunächst nach Augsburg zu dem dortigen Cardinal-Fürstbischof ') Der selige Peter van Hondt oder Canisins, wie er seinen Namen latinisirte, war am 8. Mai 1521 zn Nym- wcgen geboren, trat 1544 in die Gesellschaft Jesu und ward 1546 Priester. Rasch nach einander lehrte er auf oen Hochschulen zu Köln, Jngolstadt und Wien. war als Volksmissionär thätig, wohnte als Theologe des Cardinal- bischofs zu Augsburg, Otto von Truchseß, dem Concil von Trient bei, war Hofrath des Kaisers, Domprediger zu Augsburg und Wien, verwaltete die Erzdiöcese Wien. das Ordensprovmzialat in Deutschland wirkte zur Erhaltung des katholischen Glaubens in Oesterreich, Bayern, Schwaben, Böhmen, Elsaß und der Schweiz, verschmähte den ihm angebotenen Bischofsstab wie den Cardinals- purpnr und starb an den Folgen eines Schlaganfalles am 21. Dezember 1597. — Papst Pins IX. versetzte ihn am 24. Juni 1864 unter die Zahl der Seligen. Otto (von Truchseß) begab, dann aber seinen beiden Gefährten, welche Kaiser Ferdinand nach Oesterreich berufet» hatte, folgte. Aber der Mangel glaubensfester Lehrer machte sich in kürzester Zeit wie auf der Hochschule, so namentlich im Lande geltend, in welches die protestantischen Prädi- canten nicht ohne Erfolg einzudringen versuchten, weßhalb es Herzog Albrecht V. als eine Nothwendigkeit erkannte, denselben einen festen Damm entgegenzusetzen, wofür er die Jesuiten am geeignetsten fand. Zu diesem Zwecke beschloß er nicht nur die Wicder- berufung der Jesuiten, sonder« er faßte auch den Bau eines Colleginms in Jngolstadt fest in's Auge und trat deßhalb mit dem Stifter und ersten General der Jesuiten in Verbindung, au welchen er zum Abschlüsse eines Vertrages sogar seinen Geheimsetretür Johann Schweiker absandte. Der hl. Jgnatius, über die geneigte Gesinnung des Herzogs hocherfreut, ordnete seinerseits als seinen Bevollmächtigten den (seligen) k. Canisins, welchen er gleichzeitig zum Pxovinzial von Oberdeujschland, Böhmen und Oesterreich ernannte, au den Herzog ab, welcher Mit demselben verhandelte. Am 7. Dezember 1555 wurde ein aus 15 Artikeln bestehender Vertrag abgeschlossen, welcher die Errichtung eines Kollegiums in Jngolstadt, dessen Unterhalt und die Berufung von Lehrern und anderen Angehörigen der Gesellschaft Jesu betraf und in dessen Vollzug am 7. Juli 1556 sechs Priester und zwölf sogen. Minister in Jngolstadt eintrafen. — Allein da sich mit den andern Lehrern der übrigen Fakultäten, namentlich den Philosophen und Philologen, abermals Differenzen ergaben, genehmigte Herzog Albert V. den von dem inzwischen an Stelle des wieder nach Wien berufenen k. Canisins getretenen Provinzial Paul Hoffäus gemachten Vorschlag, die theologische Fakultät in Jngolstadt zn belassen, den philosophischen Kurs mit dem Pädagogium aber nach München zu versetzen, wo die Jesuiten am 21. November 1559 eintrafen; es waren dies: Nikolaus Lanojus als Rector, Theodor Peltanns und Dominikns Mengin als Professoren und Martin Stewart für die kirchlichen Funktionen. — Dieselben erhielten ihre Wohnung in dem Gartentheile des Klosters der Lk. Augustiner und in deren Kirche auch einen Altar angewiesen, um auf demselben zu eclcbnren. — In dem nahen, uralten Kirch- lein „St. Nikolaus auf dem Haberfeld" ?) ertheilten sie ') Das älteste München, vor Heinrich dem Löwen „Altheim" genannt, besaß schon einen reichen Kranz von Gotteshäusern: im Osten die Wieskapelle, daneben eine Nikolanstapelle. später der „Congreaationssaal" genannt, im Süden die Jakobskapelle, an welche nm 1222 das ältere Franziskaner- (Anger-) Kloster angebaut wurde, die Basilika zu Altheim (jetzt Haus Nr. 19 am Althcimcr- ecc), die St. Johanniskapelle (südlich der sehe»».) Augustiner- kirche), die Marienkirche (jetzt 11. L. Frauen ehrwürdigen Dom) und eine Kapelle „St. Nikolaus im Haberfeld", gegenüber der Johanniskapelle. also aus der Stelle der letzigen St. Michaelskirche. Anfangs ein armes, unbedeutendes Kirchlein, welchem 1309 der Meßner und seine Ehefrau ihr Häuschen vermachten, wurde dasselbe später zn erner ziemlich bedeutenden Kirche erweitert, welche fünf Altäre besaß. (Die Erweiterung der Kirche dürste auf Kosten der Stadt erfolgt sein, weil im Jähre 1447 Papst Nikolaus v. der Stadt das Patronat über die Kirche verlieh, welches aber in der Folge, unbekannt wie, auf die Herzoge überging.) — Der Hochaltar war dem hl. Nikolaus geweiht und sollte nach der den Abbruch der St. Nikolai- , (und der ihr benachbarten, dem Kloster Schäftlarn ge- l hörigen, 1585 ebenfalls abgebrochenen St. Michaels»! 254 der Jugend Unterricht, zunächst in der Religion, bald aber auch in anderen Fächern, und versammelten bald an 300 Schüler um sich, weschalb der Herzog auch ein Gymnasiums gründete, das zu Ostern 1560 in Gegenwart des Herzogs, der herzoglichen Familie, der Beamten und Bürger in feierlicher Weise zunächst mit vier Klassen eröffnet wurde, denen sich nach Vollendung des Gebäudes die weiteren Klaffen anschlössen. Fast gleichzeitig kamen auf erneutes Ansuchen des Herzogs weitere 10 Jesuiten nach München, unter welchen sich k. Theodorich de Hondt, ein Stiefbruder des oben mehr genannten k. Petrus Canisius, befand, welcher als Rector des Kollegiums fun- girte und im Jahre 1561 gleich seinem Mitbruder Th. Pcltan vom Herzoge zum Büchercensor ernannt wurde. Da sich jedoch die Zahl der Jesuiten, namentlich in Folge der 1574 erfolgten Errichtung des Seminars, °) fortwährend mehrte, erwies sich das gemeinschaftliche Leben zweier Ordenscorporationen, von denen die eine sich mehr der Beschaulichkeit, die andere aber hauptsächlich der Lehrtätigkeit widmete, als mißlich, umsomehr als unter Leitung der Jesuiten im Jahre 1577 die alsbald taufende von Mitgliedern zählende „Marianische Kongregation"«) entstand. Es dachte darum schon Herzog Albert V., ihnen auch in München ein Kollegium nebst Kirche zu erbauen — aber einerseits bildeten die politischen Vcr- Kapelle erlaubenden Urkunde des Bischofs Ernst von Freising am 3. Febr. 1585 an Stelle des Hochaltars in der neu zu erbauenden Kirche eine Erinnerungssäule errichtet werden. Bei dem Abbrüche der Nikolauskapelle, welcher nicht vor dem Frühjahre 1585 erfolgt sein kann. wurden die Altäre in verschiedenen Kirchen vertheilt: so kam der Hochaltar in eine Seitenkavelle der (neuen) St. Michaels- krrche, ein Seitenaltar der heiligen 14 Nothhelfer nach Weng bei Kranzberg, der Andreasaltar in die hiesige Frauenkirche, die Paramente aber zu den Augustinern. — Vor der Nikolauskirche wurde der alljährliche Nikolausmarkt — aus welchem sich die jetzige Christkindldult entwickelte — abgehalten, aber 9. Mai 1597 wegen zu befürchtender Störung des Gottesdienstes rc. rc. aufgehoben. — Eine zweite (bezw. im Stadtbezirke dritte) Nikolauskirche stand etwas nördlich von der eben beschriebenen, welche Herzog Wilhelm V. nach Niederlegung der „Ni- kolauskirche im Haberfeld" neben dem zu einer Einsiedelei eingerichteten Garten der (jetzigen) Herzog Maxburg erbaute, 1629 den eben berufenen Karmeliten angewiesen und gegen das Jahr 1660 abgebrochen wurde. °) Das jetzige Wilhelmsgymnasium. *) Damals umfaßte der Lehrplan, da bereits in den Stadtschulen Latein gelehrt wurde, nur 6 Klassen, welche folgende Namen führten: 1) Ruäimonta; 2) Orammattca; 3) 8zmtaxis rninor; 4) L^ntaxi's mojor; 5) Humaniora (oder koe5iL); 6) Kbetorica, °) Das dem heil. Gregor dem Großen gewidmete Seminar, darum auch Oomus 8. OroKorii genannt, befand sich da, wo jetzt die Stnlberger'schen Häuser Nr. L1 und 22 an der Neuhanserstraße sind, und ging in die Hcrzogspital- (damals Nöhrensbäcker-) Straße zurück. °) Die Marianische Kongregation theilte sich alsbald m mehrere Zweige: 1597 erfolgte die Trennung in die größere (lateinische) und kleinere (deutsche), von welch' letzterer sich 1610 wieder die deutsche Marianische Kongregation der Herren und Bürger absonderte, die 1709 die Graf Lerchcufeld-Häuser in der Ncuhauscr- straße erkaufte und zum „Bürger-(Bet-)Saale" umbaute, der 1710 consecrirt wurde. — Im Jähre 1635 entstand die wg. „mittlere" Marianische Kongregation speciell für Gymnasiasten, während die „kleinere" für jüngere Leute aller Art bestimmt ward und sich in der Folge zur „Kongregation der Lchrjungen" umbildete, welche später in die Damenstiftskirche verlegt wurde und ein klägliches Dasein ferstet, obwohl auch die 1643 gegründete „Kongregation der ledigen Mannspersonen" mit ihr vereinigt wurde und 'M als „Kongregation der Juugherrn" den Namen lieh. hältnisse, andrerseits sein am 24. Oktober 1579 eingetretener Tod unüberwindliche Hindernisse. Dagegen blieb es seinem Sohne und Nachfolger, dem Herzog Wilhelm V., überlassen, diese Frage in würdigster Weise zu lösen. Dieser hatte die Jesuiten schon in frühester Jugend als die treuen Rathgeber seines Vaters kennen und bei seiner am 22. Februar 1568 stattgehabten Vermählung') mit der Prinzessin Renata von Lothringen auch lieben gelernt, weßhalb er ihnen, namentlich weil der Zndrang zum Orden so stark war, daß der General Lainez schon 1569 einen eigenen Novizenmeister hieher schicken mußte anfänglich Kloster und Kirche der Augustiner überlassen diesen aber ein von ihm am Neudeck in der Vorstadt Au neu erbautes Kloster ") zuweisen wollte. Letztere aber waren nicht geneigt, diesen Tausch einzugehen, sondern nahmen sogar die Intervention des Papstes (Gregor XIII.) in Anspruch, welcher dem Herzog bei Strafe des Kirchenbanns gebot, die Augustiner an ihrem alten Sitze zu belassen, worauf derselbe beschloß, den Jesuiten in München ein eigenes Kollegium mit Kirchk zu erbauen. Doch stieß die Durchführung dieses Beschlusses aus verschiedene Schwierigkeiten, deren hauptsächlichste der Mangel an Geld und an einem geeigneten Bauplatz waren. Letzterer fand sich in dem, dem Kloster Schäft- larn gehörigen Gute Konradshof °), in dessen nächster Nähe die oben erwähnte St. Nikolauskapelle und einige kleine Häuser standen, welche für den auszuführenden Bau um 6650 fl. erkauft und nebst der einen Nikolauskapelle und den Ockonomiegebäuden bis zum Herbste 1582 abgebrochen wurden, wobei der Herzog durch Brief an die Bürgermeister vom 12. August den bisherigen Besitzern zur Erzieluug eines geringeren Verkaufspreises erlaubte, „die Ocfen, und was denselben anhängig, Fenster, Fenstcrstöck, gefälzte Thüren und Thürgerichte- Schloß, eingemauerte Kästl, saubere Thüren und Dielen rc. rc." mitzunehmen.'") Bereits vorher waren Pläne und Kostenvoranschläge") gefertigt worden. — Die Grnndanlage des Planes dürfte wohl auf den damaligen Rector des Münchener Kollegiums, k. Otto Eisenreich, zurückzuführen sein, dessen Idee der ') Zur Verherrlichung der VermühlungZfeier führte» die Jesuiten die Tragödie „Samson" von ihrem Mitglieds Andreas Fabricius auf, in welcher die Heiligkeit der Ehe und die Unzulässigkeit einer solchen mit Andersgläubigen zum Ausdrucke kommt. °) Dasselbe kam indeß erst 1628 zur Ausführung; es wurden nämlich in das 1622—23 erbaute Kloster bei der St. Karl Borromäuskirche zuerst Basilianer berufen, welche jedoch nicht entsprachen, worauf im folgenden Jahre Paulaner berufen wurden, deren Konvent schon 1799 aufgelöst, das Kloster 1800—1801 als Feldspital benützt und 1807 in ein Strafarbeits- (jetzt Zucht-) Haus umgewandelt wurde. °) Das Gilt „Konradshof" basirte auf einer Schankung vom Jahre 782, auf Grund deren ein religiöser Mann Namens Apolt und sein Sohn ihren Besitz in Sendlina und Schwabing dem Kloster Schäftlarn schenkten. — Noch im 17. Jahrhundert entzifferte dieser Besitz an nahezu 150 Tagwerk (ca. 54 da). ^ ^ „ >°) Bei Gmelin: „Die St. Michaelskirche in München Seite 5. ") Der Kostcnvoranschlag des damaligen ?. Rcctors des Kollegiums lautete auf 30,000 fl., setzte aber bereits „aushülse mit Steinen" voraus; später sprach man gar bloß von 20,900 fl., während der Bau der Kirche allem 143,000, jener des Kollegiums 57.000 fl. erforderte. (Gmelin a. a. O. S. 6, 21. 41, 42. 43.) AngSburger Architekt Wendel Dietrich und der Maler und Baumeister Friedrich Sustris theils als Plan auf dem Papiere, theils als Modell ausführten. Als Maurermeister fnngirte in der ersten Baupcriode bis 1590 der Münchener Bürger Wolfgang Müller"), während den Ausbau der Kirche unter der speciellen Aufsicht des Architekten Sustris ein Andreas Gnndelfinger zu Ende führte. Nachdem der Herbst des Jahres 1582 zur Aus- hebung der Baugrube für die Kirche, für welche der Herzog in frommer Erinnerung an seinen Geburtstag, den 29. September 1518, den hl. Erzengel Michael als Patron bestimmte, verwendet worden war, begann im folgenden Jahre der Bau selbst und ward am 18. April 1583 die feierliche Grundsteinlegung zur Kirche vorgenommen, wobei der päpstliche Legat Felickan in Gegenwart dreier anderer päpstlicher Legaten: des Bon- homius am Kaiserhofe, des Malaspina in den Niederlanden und des Ninguarda am Münchener Hofe, die kirchlichen Ceremonien vollführte. Herzog Wilhelm fügte den aus Marmor gerichteten Grundstein tn Gegenwart feiner Gemahlin, feiner Mutter, der Herzogin-Wittwe Jakobäa (von Baden), seiner jugendlichen Söhne Maximilian und Philipp, seines Bruders Ferdinand, umgeben von Adeligen, Beamten und Bürgern, und legte in denselben die von dem Maler Jakob Delle ausgeführte Urkunde und eine goldene Schaumünze, deren Avers fein Brustbild zeigte, während der Revers folgende Inschrift trug: vso vptimo maximo, matri blarias ao 8. bliestasli LrestanZsIc, saarum. Knus kuwanas 8alutl8 1583 äis 18. Aprilis, dregorio XIII. kou- tifios Llax., Ruäolpstv Lsounäo Rom. Imp. av Rs- vsrsnciiss. Dom. Relioiano ^postolioaa Lsäis Huutio osrsmoniis opsranls, duilislmüs stnzus Hvmiuis tzuintus, Osi gratia Comss Lalatinus Rstoni, utrius- ^us Lavarias öux primum stuno ttmäamsuti lapiäsm xo3uit, ckum in tiae sua blstropoli Nonasbio 8osis- bati llssu in lwuorsur Lanoti Niofiaslis omuiumgus 8anotorum aausa LoliZivnis astsrnuva sibi postsris- tzuo blonumsutuw pousrst. ^) — Nach Beendigung »->) Die laug umstrittene Frage hinsichtlich des Baumeisters der Kirche ist nunmehr längst eudgiltig zu Gunsten des Augsburger Kunstfchreiners Wendel Dietrich entschieden, der in den Hofzahlamtsrechnungen schon von 1587 als Baumeister mit 300 fl. (jährl.) Gehalt figurirt. Früher war die Frage strittig und wurden außer dem architekturverständigen Maler Friedrich Sustris genannt: Albrecht Octavian. Jakob Menzinger, Oeckhel und Valiento. Daß die Jesuiten selbst bauknndige Leute unter sich hatten und deren Meinungen nicht ohne Einfluß auf Dietrich blieben, ist selbstverständlich. Von Dietrich stammen der Hochaltar und die Gypsumrahm- ungen des Gewölbes. Nach dem Einstürze des Thurmes scheint auch Dietrich in Ungnade gefallen zu sein. denn es wurde Sustris mit der Anfertigung eines neuen Planes betraut. — Wolfgang Müller, der lange Zeit als Baumeister galt auf Grund der Inschrift eines noch heute in der Sakristei befindlichen Bildes, lautend: „1585 hat Wolfgang Müller, ein Steinmetz, seines Alters 48 Jahr, die Kirche und das Kollegium erbauet". war nur Palier und hatte als solcher — von verschiedenen Gratifikationen abgesehen — einen Wochenlohn von anfänglich 2 fl., später von 2 fl. 30 kr. (die Maurer und Zimmerleute einen Taglohn von 15 kr., die Mörtelrührer und Taglöhner von 6—7 kr., die Buben von 4—5 kr.). Diese nach jeder Richtung hin falsche Bezeichnung Müllers als Baumeister verursachte sogar die Aufstellung seiner Büste in der Ruhmeshalle! '°) Zu deutsch: Dem allgütigen, allmächtigen Gott, der bl. Mutter Maria und dem hl. Erzengel Michael geweiht. Im Jahre 1583 am 18. April, als Gregor XIII. Papst und Rudolf II. Römischer Kaiser war. legte Wilder kirchliche» Feier gab der Herzog den Theilnehmeru an derselben ein Mahl im Collegium (bei den Augustinern), wobei die Schüler des Gymnasiums zur Feier des Tages ein Schauspiel aufführten, während den betheilkgten Arbeitern Bier gespendet wurde. Nun schritt der Kirchenbau stetig voran, und rasch erhoben sich die Hauptmauern. — Da das Collegium direct an die Kirche angebaut werden sollte, wurde zu ersterem am 10. Januar 1585 der Grundstein gelegt, wobei der herzogliche Rath Ludwig Müller als Stellvertreter des Herzogs erschien und der Gencralvtkar Ludwig (Schrenck von Notzing) des Fürstbischofs Ernst zu Freising *°) die Episkopalfunktionen besorgte. Hiebei wurden goldene und silberne, mit den Brustbildern der bayerischen Fürsten geschmückte Schaumünzen, dann eine silberne und eine vergoldete (kupferne) Platte in den Grund gelegt. Die silberne Platte hatte folgende Inschrift: 1113. Omilislwus V. v. 6. Ooms8 kalat. Rsts. Iltriusg. Lavarias Lux st Renata Lotstar. ejus eovzunx stoo 8ovistatl8 Issu tomplum st LoIlsZium pro sua in Oatfiolieam Religiösem st Oräivsm illum pietats a innäamsntig sxstrux. ao äotar. Kuno 8al. ttura. 1585 .") — Auf der Kupferplatte standen die Namen der damals im (Münchener) Collegium befindlichen Jeslüten. (Fortsetzung folgt.) Zur jüngst erschienenen Schrift Nector Dr. Schellv. (Schlich.) Mit der ungerechtfertigten „Scheu vor dem Weltlichen" bringt ferner Rector Schell es in Zusammenhang, daß „die Candidaten der Theologie so viel als möglich in weltabgeschiedenen Seminar-Lehranstalten von den weltlichen Facultäten getremst und von den Universitäten fast ausnahmslos ferngehalten werden". Da haben freilich unsere Seminaristen gelächelt, über die „weltabgeschiedenen" Seminarien. Was ist denn Wahres an dieser Darstellung Schells? In Bayern z. B. sind zwei Seminarien am Orte einer Universität, das der Diöcese Wllrzburg in dieser Stadt, und das herzoglich bayerische Georgianum, das insbesondere von Candidaten aus den Diöcesen München und Augsburg besucht wird, tn München. Die übrigen Seminarien sind in den „weltabgeschiedenen" Städten Regensburg, Bamberg, Dillingen, Passau, Eich- stätt, Freising, und ihre Inwohner besuchen die ebenso „weltabgeschiedenen" theologisch-philosophischen Hochschulen jener Städte. Es ist nun klar, daß man die Candidaten Helm V., voir- Gottes Gnaden Psalzgraf bei Rhein. Herzog von Ober- und Nicderbayern. diesen ersten und Grundstein. wobei der hochwürdigste Herr Felicianus, des Apostolischen Stuhles Nuntius, die hl. Ceremonien vollführte, um in seiner Hauptstadt München der Gesellschaft Jesu zu Ehren des hl. Michael und aller Heiligen aus Religion für sich und seine Nachfolger ein ewiges Denkmal zu errichten." ") Bischof Ernst zu Freisinn, geb. 17. Dez. 1554 als jüngster Sohn des Herzogs Albert V., wurde in Folge Resignation des Bischofs Moritz (von Sandizell) schon im Jahre 1567 postulirter Bischof zu Freising. 1573 solcher zu Hildesheim, 1581 auch zu Lüttich und 1583 Erzbischof und Kurfürst zu Köln und starb 17. Febr. 1612 auf der Rückreise von Nürnberg nach Köln, wo er im Dome beim Altare der hl. drei Könige begraben ist. ") 188. Wilhelm V. v. G. G. Pfalzgraf rc. rc. und Renata von Lothringen, seine Gemahlin, haben Kirche und Collegium der Gesellschaft Jesu aus Liebe zur Religion und jenem Orden von Grund aus erbaut und begabt im Jahre des Heiles 1535. 256 vou den Universitäten nicht fernhält um der Universitäten willen, sondern um der Seminarien willen; nicht um sie der Universität zu entziehen, sondern um ihnen im Seminar die geistliche Heranbildung zum pricsterlichen Leben zu geben; wäre es möglich, so viele Seminarien in den zwei Universitätsstädten zu unterhalten als die 8 Diöcesen Bayerns bedürfen, so hätte man kein Bedürfniß nach Lyzeen. Schell erhebt hier sehr unbegründete Vorwürfe gegen die deutschen Bischöfe und Ordinariate. Wenn dieselben ihre Theologen „fast ausnahmslos von den Universitäten fernhalten", woher kommt es dann, daß z. B. das Gcorgianum in München immer gefüllt ist? Treten die Candidaten dort mit oder ohne Erlaubniß ihres Bischofs ein? Woher kommt es dann, daß an den theologischen Fakultäten in München und Würzburg z. B. außer den Seminaristen noch je 40—60 Studenten sind? Und glaubt nicht Herr Rector Schell selbst, daß das Gcorgianum, wenn es statt 90 etwa 180 Theologen beherbergen könnte, dennoch immer vollbesetzt wäre? Schreiber dieses weiß Candidaten, welche ihre Theologie am Lyzeum vollenden wollten und von Vorgesetzten an die Universität gesandt wurden. Uebrigens weiß man nicht, was Dr, Schell eigentlich an den Seminarien tadeln will: daß sie sind, oder daß sie nicht in den Universitätsstädten sind? Tadelt er die Trennung der Theologen voni Studenten- und weltlichen Verkehr durch die Aufnahme in Seminarien überhaupt, oder tadelt er die Trennung der Seminarien selbst von den Universitäten? Uns scheint, er tadle Beides. Aber, dies vorausgesetzt, ist zu fragen: hält Professor Schell die Zurückgezogenheit der Theologen für nothwendig zur geistlichen Heranbildung? Hat das Tridentinum nicht gerade deßhalb die Seminarien vorgeschrieben? Und hält die Kirche jetzt die Seminarien nicht aus den nämlichen Motiven fest, aus denen das Concil sie vorgeschrieben hat? Wir dürfen ja von der Vorschrift des Concils gar nicht abgehen, so lange nicht die allgemeine Kirche diese Vorschrift aufhebt! Und nicht etwa, weil wir fürchten, die Candidaten könnten am Glauben Schiffbruch leiden, entziehen wir sie der „Welt", sondern weil wir überzeugt sind, daß sie sich in der „Welt" jene sittliche nnd priesterliche Bildung nicht aneignen können, die ihr Beruf erfordert. Wir wissen sehr wohl, daß freie Gedanken nnd Anwandlungen an den Mauern des Seminars nicht zurückprallen. Wenn sich Schell auf Hettingers Schrift über „Deutsche Universitäten nnd französische Seminarien" beruft, so muß er doch bedenken, welch wesentlicher Unterschied zwischen deutschen und französischen Seminarien besteht. Ich erlaube mir, denselben durch einen kurzen Zug anzudeuten. Als uns im Seminar zu München eine Beschreibung des Lebens in einem französischen Seminar vorgelesen ward (in der Biographie von Albert Hetsch), war der Eindruck auf uns großentheils der, daß wir sagten: „Dort hätten wir's alle nicht ausgehalten." Wenn aber Nector Schell nicht die Seminarien an sich, sondern die Thatsache bedauert, daß deren Mehrzahl nicht au Univcrsitätsorten ist, so übertreibt er einerseits die Bedeutung des Verkehrs der Theologen mit den Studenten der anderen Fakultäten; andererseits aber verdächtigt er die Lyzeen bezw. Semiuarlchrkräfte einer wissenschaftlichen Jnferiorität, die er nicht begründet. Seine Worte von der „Mediocrita seminaristischer Systematik" sind schon, wie viele andere Aeußerungen Schells, von Pxof. vr. Haas in der Beilage zur „Augsb. Postztg." richtig beleuchtet worden. Wir fügen nur hinzu: Entweder beweise Herr Rector Schell diese „Medio- critö" der Seminarien, oder er nehme die Beleidigung, die er in die Welt geschleudert, zurück! Die Vertreter der Seminarien haben das Recht zu dieser Forderung. 8. Wir kommen auf die heiklen Anklagen Schells gegen den „Ring" der streng-kirchlichen Theologen, bezw. Schriftsteller und Gelehrten überhaupt. Man muß vielleicht Herrn Rector zugestehen, daß es manchen von uns ergeht, wie den Pharisäern, welche, um ja das Gesetz sicher zu hüten, einen Zaun um das Gesetz machten; daß sie in ähnlicher Weise, um ja nicht in irrthümliche Lehren und unkirchliche Gesinnungen zu gerathen, hyper- kirchlich, um so zu sagen, in Lehre und Denkweise werden, darum mißtrauisch sind gegen Alles, was ihnen dem Anßerkirchlichen näher zu stehen scheint, daher geneigt, manches als häretisch oder unkirchlich oder bedenklich hinzustellen, was dies in der That nicht ist. Wir gestehen auch, daß sich manchmal katholische Schriftsteller, minder im Stande, ihre Thesen sachlich innerlich zu begründen, allzuviel und für oft zweifelhafte Dinge auf die kirchliche Auktorität berufen, ja zuweilen in der Hitze des Streites sich zu Verdächtigung des Glaubens und der Gesinnung des katholischen Gegners hinreißen lassen. Wir gestehen auch, daß die katholischen Schriftsteller, fortwährend bedrängt durch die Schmähungen und Verleumdungen der Gegner gegen alles Katholische, zuweilen in der Vertheidigung und im Lobe desselben des Guten zu viel thun; daß sie in der Absicht, Gesinnungsgenossen zu ermuntern und zu empfehlen, manchmal zu viel loben und zu wenig kritisiren; wird man doch des ewigen Kampfes herzlich müde, den man mit den Nichtkatholiken zu führen hat, mit Lüge, Entstellung und Haß, so daß man sich gerne der Polemik und Kritik gegen Leute aus den eigenen Reihen einschlägt. Wir schließen uns vollständig der Warnung Schells vor derartigen Fehlern an; wenige Fehler erscheinen uns so gehässig und schlimm in ihren Folgen, als Engherzigkeit und Mißtrauen und Verdächtigung gegen Glaubens-, Gesinnungs- und Standesgenossen; übertriebenes Lob aber und Mangel an Kritik unter uns ist ein Schaden für die katholische Wissenschaft. Aber welche Thatsachen berechtigen Herrn Schell, von einem „Ring" der kirchlichen Theologen zusprechen? Ist etwa ihm dergleichen widerfahren? Ist seine Dogmatik, wenn auch scharf, nicht dennoch überall maßvoll uild rein sachlich recensirt worden? Es ist rwtorisch, daß die katholische Gelehrtenwelt überhaupt, wie speciell die katholische Theologie und Philosophie, eine Vielheit von Nuancen in Lehre und Richtung umfaßt. So muß es selbstverständlich sein. Die Nüancen betreffen theils die theoretische, theils die praktische Seite der Lebens- und Weltauffassung. Hier erhebt nun Schell den Vorwarf der Einseitigkeit gegen eine Gruppe, eine Richtung von Theologen, welche völlig an der altüberlieferten Theologie und Philosophie festhalten, von den modernen Gelehrten aber nur soviel annehmen wollen, als ehrenhalber unvermeidlich ist. Er meint im Besonderen, wie es scheint, jene Aristoteliker bezw. Thomisten, welche sich gegen moderne Richtungen ablehnend verhalten. Wir wollen davon absehen, daß Herr Nector Schell die Behandlung, welche Thomas von Aguin der Theologie augedeihen ließ, ganz irreführend eine „formal-juristische" nennt, daß er die Aristotelik 12 Jahrhunderte laug um ihre Anerkennung in den katholischen Schulen kämpfen läßt» was historisch völlig unrichtig ist. Aber darin ist ihm beizn- 257 stimmen, daß die katholische Wissenschaft auch die moderne Philosophie nicht rundweg ablehnen darf. Dies wäre gegen ihre Natur als Sucherin der Wahrheit, gegen ihre Aufgabe als Lehrerin der Klugheit, und gegen ihre Eigenschaft als katholische Wissenschaft; es wäre auch gewiß gar nicht thomistisch. Der wahre Weise nimmt das Wahre, wo er es findet, der Kluge verschmäht auch das Kleine in der Wahrheit nicht, der Katholik kommt Anderen mit Liebe, nicht mit Stolz entgegen; Thomas von Aquin hat es nicht verschmäht, von Griechen» Arabern und Juden zu lernen. Der Heilige Vater Leo XIII. hat uns, hat den Katholiken, welche Theologie und Philosophie lernen oder lehren, befohlen, den hl. Thomas von Aquin vor Allem zum Lehrmeister und Vorbild zu wählen. Aber er hat uns, was selbstverständlich ist, weder das Studium anderer großer Meister der Wissenschaft vor und nach Thomas, noch den Gebrauch dessen verboten, was in der modernen Philosophie Wahres und Nützliches zu finden ist. Und solches ist darin zu finden, wenn anders es wahr ist, daß kein Mensch in allen > Dingen irrt, daß jede Hauptrichtung des Denkens und Forschens uns die Dinge von einer äscheren, neuen Seite ansehen und erkennen läßt. Man muß auch hier die rechte Mitte wahren zwischen Verachtung des Alten und Ablehnung des Neuen, zwischen principiellem Traditionalisinus und eitler Neuerungssucht. Aber gewiß ist jene Strömung des exklusiven Festhaltcns am Alten in Deutschland weder so stark noch so verbreitet, wie Schells .Darstellung meinen lassen könnte. 6. Sehr weit über das Maß gehen die Worte vr. Schells, so oft er auf die „geistige Hegemonie des Ordensklerus gegenüber dem Weltklerus" und die daraus dem letzteren drohende Gefahr „der geistigen Unfähigkeit, Unselbstständigkeit und Knechtung" zu sprechen kommt. Die meisten katholischen Leser haben solches sicherlich mit der größten Verwunderung gelesen, an die Stirne gefühlt und sich gefragt: Wo habe ich dergleichen je beobachtet? Schell beruft sich auf Manning; warum nicht auf eigene Erfahrung, auf die allgemeine Erfahrung? Es ist möglich, daß der katholische Weltklerus Englands zu Manuings Zeit einigermaßen zur Selbstthätigkeit erwachen mutzte, weil er in anderen Verhältnissen war; aber es ist auch möglich, daß Manning sich getäuscht hat. Aber man beobachte doch die Dinge, wie sie für den deutschen Klerus liegen. Wie weit gibt sich denn dieser der geistigen Leitung der Orden, des Capuciner-, Franziskaner-, Benediktiner-, Jesuiten - Ordens hin? Findet Schell das, was er so nennt, in dem Aufsuchen der geistlichen Exercitien bei Ordensmünuern? in der Berufung von Ordensvätern für die Exercitien in Priesterseminarien? zur Abhaltung von Volksmissionen? in dem Gebrauch von wissenschaftlichen Werken, die von Ordensmännern verfaßt sind? Soll darin die geistige Hegemonie bestehend Da scheint doch Schell Gespenster gesehen zu haben. In Mannings Ausführungen, denen sich Schell anschließt, liegt der Fehler einer principiellen Gegenüberstellung von Welt- und Ordensklerns. Der Fehler liegt darin, daß Manning das Mißberständniß einstießen Läßt, als komme das Priesterthum dem Weltklcrus insbesondere zu. In der That nehmen beide Stände in gleicher Weise am Priesierthnme theil. Wenn man Weltpricster und Ordensmann verglichen und ersteren der Würde nach dem letzteren, den letzteren in Bezug auf den Lebens- paud dem ersteren vorgesetzt hat, so kann man bestreiken, daß die Vergleichnng glücklich gewesen; auf leinen Fall hat der Wcltklerus es verschuldet, daß Gnry sagt ^ Üts,tu8 vaaorclotrrlw, liaot rliAnitats praestantissimris 8it, rations kamen poiksotionio vita religioniv lonAS ceäit. Gnry fehlt dadurch, daß er vitao religionis und 8acmräotirmr in gleicher Weise als 8taku8 nebeneinanderstellt. Dies ist unrichtig. Man kann dem 8tatus reli^ionm nur den 8trr.tu8 saooulario, und andererseits den Priester dem Nichtpricster vergleichend gegenüberstellen; ersteres ist ein Vergleich der religiösen Lebensart, letzteres ein Vergleich der Wirksamkeit im Reiche Christi. Wenn dann nicht erst Gnry, sondern schon Theologen des Mittelaltcrs lehrten, daß zwischen 8trrkn8 reliZionm und 8Mouinri8 ein Unterschied in der Vollkommenheit der Lebensart bestehe, der selbst dadurch nicht aufgehoben wird, daß ein vir aaeoniarip zugleich das Priesterthum besitzt, so sind das grundsätzliche Ansichten, welche von dem faktischen Verhalten des Wcltklerus ganz unabhängig sind. Wenn aber Manning-Schell die Theilnahme am Priesterthume so darstellen, als habe der Ordensklerus das Priesterthum des Geistes und der persönlichen Vollkommenheit am sich gerissen, dagegen der Wcltklerus sich mit dem Priesterthttm der Sakramente und der amtlichen Regierung zufrieden erklärt, so ist das eine maßlose Uebertreibung der Thatsache, daß der Ordensmann infolge seiner völligen Entsagung, seiner Regel und Ascesc in der Regel persönlich vollkommener leben und darum in der Christenheit besonderes Ansehen genießen, dem Weltpricster aber als Vorbild dienen wird. Das wünscht Niemand von uns zu ändern» es sei denn dadurch, daß wir Weltpriester auch ohne völlige Entsagung, ohne Regel und Gelübde uns eines möglichst vollkommenen Lebens befleißen. Unter den Orden bezeichnen Manning-Schell besonders den der Jesuiten als eine Gefahr für die geistige Höhe des Weltklerus! Und wodurch soll er dies sein? Schell spricht von exklusiver Intoleranz der Ordensmitglieder, mit der sie alles verdächtigen, was nicht mit der jesuitischen Theologie übereinstimmt! Was soll man hierauf sagen? Daß bei den Jesuiten viel weniger als bei anderen Orden von einer Ordenstheologie die Rede sein kann, daß gerade dieser Orden der individuellen Pflege der Wissenschaft den weitesten Spielraum laßt, daß gerade in ihm die profanen Wissenschaften sehr umfangreiche Pflege finden; daß Jeder, der sich über den Vorwurf Schells bezüglich der deutschen Jesuiten vergewissern will, die Abhandlungen und Recensionen ihrer beiden Zeitschriften „Stimmen von Maria-Laach" und „Junsbrucker theologische Zeitschrift" von Jahrgang zu Jahrgang prüfen möge; daß wir nie bemerkten, es seien Werke von Jesuiten ihrerseits in der Welt marktschreierisch oder anmaßlich verkündet, Werke anderen Ursprungs herabgesetzt worden. 7. Im Anschluß an Manning zählt Schell e8 in Iwnclon. . ." (und ein großes Pestilenz-Sterben herrschte in London). Wir können diese Skizze passend abschließen mit den zusammenfassenden, im Ganzen genommen treffenden Worten Sigharts: „Hans Holbein war eine kräftige, frische, lebensfrohe Schwabennatnr, wie schon sein Bild zeigt. . '. . Er lebte mit den gebildetsten und gelehrtesten Männern der Zeit in freundschaftlichem Verkehr, wie Erasinntz, Amorbach, Frobenins und Thomas Morns, muß also auf höherer Stufe der Geistesbildung gestanden haben. Schon dadurch unterscheidet er sich wesentlich von den beschränkteren Handwerksmeistern der früheren Zeit. Auch ist seine Universalität in der Knnstiibung zu bewundern. Er malt in Oel, Fresko und in Leimfarben, macht Miniaturen, Kupferstiche und Holzschnitte, er schafft Heiligeugestalten und Scenen der Bibel, Genrebilder, humoristisch-satirische Bilder, Thatsachen der römischen und griechischen Geschichte, allegorisch-symbolische Gemälde und endlich Porträts mit gleicher Virtuosität. Er war es, der deutschen Ernst und deutsche Wahrheit mit italienischer Formenschönheit zu verbinden gewußt hat, er huldigte den Grazien der Renaissance und blieb doch frei und deutsch, während die Nachfolger bald zu Sklaven der Fremde herabsankeu." Necensionen und Notizen. -s- Die St. Michaels - Hofkirche, nächst der Frauenkirche Münchens monumentalstes altes Banwerk und von Lübke als „die gewaltigste kirchliche Schöpfung der deutschen Renaissance" gepriesen, hat zur Feier ihres in den Tagen vom 27.-29. Jum stattfindenden dreihnndertjährigen Jubiläums aus der Hand des kgl. Hofpriesters und Subdiakons Adalbert Schulz ein würdiges. Angebinde erhalten, eine 133 S. starke und vom Verlage I. I. Lentner (E. Stahl jun.) gediegen und geschmackvoll ausgestattete, illustrirte Festschrift. Seine kgl. Hoheit der Prinzregent geruhte die Widmung des Buches anzunehmen, welches die Geschichte und Beschreibung des durch frommen und kunstbegeisterten Sinn eines edelen Wittelsbacher-Fürstcn gestifteten Gotteshauses weiteren Kreisen zugänglich machen will. In Ergänzung zu Gmelins 1890 als 16. Band der Bäuerischen Bibliothek erschienener Monographie legt Schulz den Nachdruck auf die Darstellung des kirchlichen Lebens. Bezüglich der Bangeschichte sucht er mit annehmbaren Gründen in Friedrich Sustris den Baumeister der Kirche, nicht in Wendel Dietrich, dem Angsbnrgcr Kunstschreiner, hauptsächlich wegen des unverkennbaren Einflusses italienischer Renaissance. Ausführlich verweilt Schulz ,bei der Beschreibung des verlorenen Kirchenschaßes bei dem Abschnitte über die Kirchenmusik, welche ja bis heute in St. Michael eine hervorragende Pstcgestätte gefunden hat. Die Geschichte der Kirche ist chronikalisch erzählt und sehr detaillirt von 1583 bis 1897. Ueber die Disposition der ganzen Schrift (Baugcschichte und Beschreibung der Kirche: das kirchliche Leben bezw. Gottes- dienstordnnng, Bruderschaften und Kirchenmusik: Chronik der Kirche: Anhang: die Sargiuschriften der Fürstengruft; Quellennachweise) rann man wohl anderer Meinung sein als der Verfasser: speciell wird man es nicht angenehm empfinden, daß die Quellennachweise oder Anmerkungen: sämmtlich erst am Schluß des Buches aufgereiht sind, so daß man bei der Lektüre des Textes immer hin- und Herblättern muß, lind ebenso hätten naturgemäßer die Sargiuschriften in dem vorhandenen Abschnitt „Die Fürstengrnft" untergebracht werden sollen. Allein das sind nur äußerliche Bemängelungen, die Solidität der populär-wissenschaftlichen, auf urkundlichem und handschriftlichem Quellenboden vielerorts beruhenden Schrift wird dadurch nicht geschmälert, und alle Verehrer des herrlichen Tempels, welchen einst die Dichter als achtes Weltwunder priesen, sollten sich diese treffliche Jubiläumsgabe zu eigen machen! Messer, Dr. August, Lehrer am Großherzogl. Gymnasium zu Gießen. Die Reform des Schulwesens im Kurfürstenthum Mains unter Emmerich Joseph (1763—1774). Nach unge- druckten amtlichen Akten dargestellt, gr. 8". (XII und 173 Seiten.) Preis M. 2,50. Mainz, Franz Kirchheim. Die Reform des gesammten Schulwesens von der Dorfschule bis zur Universität, die unter Emmerich Joseph im Kurfürstenthum Mainz angebahnt wurde, wird hier aus reichfließenden handschriftlichen Quellen dargestellt. Diese Reformen haben weit über die Grenzen des Mainzer Knrstaates hinaus gewirkt und beanspruchten daher für die Geschichte des Unterrichts eine mehr als lokal- historische Bedeutung. Ueberdies sind manche der hier auftauchenden Fragen von aktuellem Interesse, z. B. Hebung des Lehrerstandes und ihrer Ausbildung, Herstellung einer Einheitsschule in Verbindung mit der Zurückdrängung der klassischen Sprachen, der Kampf um den Einfluß auf die Schule zwischen den staatlichen und kirchlichen Behörden sowie zwischen der christlichen Tradition und den Forderungen der neuen Aufklärung rc. Auch das Schulsystem der Jesuiten wird sins ira et stuckio erörtert. Eerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ein. 37 7 '" o zm Sligskurgel Weitung. 3. Mt 1897. Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. Man könnte die verschiedensten Signataren unserer schillernden Zeit aufstellen. Soll ich es von« humanistischen Standpunkt aus thun, so möchte ich die Hauptsignatur sehen in der götzenähnlichen Allmächtigkeit Goethes einerseits, in der vollständigen Versandung der Homerforschung andererseits. Vielleicht würden manchem diese zwei Erscheinungen keinen genügenden innerlichen Zusammenhang zu haben scheinen. Ich für meine Person möchte dieselben geradezu in das Verhältniß von Ursache und Wirkung zu einander stellen. Während sich für Dante und Sheakspeare trotz manchem und trotz allem doch nur erst die Bibliothekfächer von auserlesenen Naturen und wohl auch von manchen Specialliebhabern zu füllen beginnen, wächst der Dichter- Geheimrath als allgegenwärtige Macht, fast möchte ich sagen in den Dimensionen eines altmexikanischen Götzen, in den weiten Kreis der modernen Bildung herein. Und an ihn klammert sich thatsächlich immer mehr, fast wie .an einen rettenden Balken, unsere gesammte literarische 'und zwar nicht nur die durchschnittliche Talentkultur, sondern auch vielfach die prätensiöse Originalität und Genialität unserer Hochmodernen oder wenn man will Hochdekadence von den zärtlichen und überzärtltchen Priestern der wahren Symbolisten bis zu den Männern mit socialistischen Allüren oder socialem Ernst, die eben nur leider in der „olympischen Aristokratcnnatur" Goethes vielfach nicht mehr das finden können, was sie doch wohl so gerne finden würden. Je mehr wir uns dem Ende des Jahrhunderts genähert haben, je mehr ist Goethe zu einer Art Ueber- und Allmensch geworden. Einzelne sind es ja schon länger, die zweifelnd und fragend aufschauen oder auch gar besorgt werden, als wenn sie schlimme Witterung hätten. Aber so etwas auch am Ende gar öffentlich und mit Ernst ausznsprechcn, darüber schwebt noch immer das heiligste Anathem von Priestern und Gemeinde. Und der schwäbische Professor Weitbrecht, der da neulich in seiner Schrift „Diesseits von Weimar" meinte, Goethe hätte das jenseits Weimar auch bleiben lassen können, um sich selbst und der germanischen Poesie nicht abtrünnig zu werden, ist eben ein temperamentsvoll polternder Schwabe. Einer freilich hat es gewagt und durfte es wagen, bei aller Verehrung für den Altmeister ein scharfes, vorwitziges Schlagwort von nicht ganz hochheiligem Klang in die Dithyramben zu schleudern. Aber er braucht ja in Deutschland nicht bekannt zu sein — und kann es auch zunächst vor lauter Nietzsche und Düring nicht sein. Und doch meine ich keinen Geringeren als den nord- amerikanischen Philosophen Emerson, augenblicklich vielleicht der einzige, dessen Werke die Kräfte der wild und zügellos gewordenen absoluten Vernunft- und Naturphilosophie einigermaßen lösen und positiv einheitlich re- orgauisiren könnten. Schon allein seine „Repräsentanten des Menschentums" geben eine prächtige Geschichte der philosophischen und künstlerischen Hochkultur: und dies ist die einzige mögliche und unumgänglich nothwendige Basis einer einheitlich sammelnden und positiv lösenden Philosophie der Zukunft. Und eben da nun hat Emerson unter den Repräsentanten des großen MenschenthumS nicht allenfalls Goethe als Typus des Dichters aufgestellt, sondern Sheakspeare, während er bald darauf von dem Dichterforscher von Weimar den Typus des genialisch großen Schriftstellers aufzeigt. Ich möchte nun durchaus nicht sagen, daß ich ln Sheakspeare den höchsten Typus des Dichters erkennen würde. Dante kann sich mit ihm streiten, Homer, in richtiger Weise erkannt, seinerzeit noch vor ihn treten. Aber Goethe als Typus des genialischen Schriftstellers: dies befreiende Schlagwort allein ist ein untilgbares Verdienst des großen, auf Ausgleichungen sinnenden Nordamerikaners, der in nicht gar zu langer Zeit wohl auch doch für uns vor der Thüre steht. Das 19. Jahrhundert trotz manchem und trotz allem, am durchgreifendsten gerade seit dem Eintreten der entscheidenden Wende, eine Aera der in die Breite» gewiß auch in die Tiefe und Höhe wachsenden Schrift- stellcrei und Goethe als sein sich immer monströser herauswachsendes Idol: das läßt gar manches scheinbar Unentwirrbare durchschauen. Und nun ist gar auch noch einer der Hochmodernen gekommen und hat in einer kleinen Schrift, die von den sichersten Recensenten und Literatnrprotcktoren anscheinend mit verlegenen Augen gelesen und mit schwankendem Griffel kritisirt wird, in dem Essay „Goethe am AuSgang des Jahrhunderts", das alles, was der Jesuit Baumgartner vorbereitet, was ich manchmal bei dem immer noch totgeschwiegenen Paul Garin zwischen den Zeilen lesen zu müssen glaubte, mit Worten bestätigt und herausgesagt, die wie einzelne Rosen in einer Stachelhecke anmnthen. Goethe nach der Anschauung des Verfassers, des Herrn Servaes, Idol des ausgehenden Jahrhunderts und zugleich Asyl und Palladium der flachsten, seichtesten Bildungsmittelmäßig- keit: und dazu ist Servaes selbst einer der glühendsten Verehrer Goethes, der mit fast Boecklin'schcn Farben die seligen Jnselgefilde weit draußen im blauen Ozean zu schildern weiß, wo die durch Schopenhauer und Richard Wagner zerschlagene menschliche Glückseligkeitsharmonie, wie sie sich zum letzten Mal in Gothischer Dichtkunst und in Gothischem Menschentum gezeigt hat, vielleicht für lange, vielleicht für immer verschwunden sein soll. Emerson sieht in Sheakspeare den Dichter x. Z. Auch Servaes scheint da hinauskommen zu wollen, allerdings nur in einer weite Perspektiven eröffnenden Andeutung. Er betrachtet Goethe als die letzte glückliche Synthese im Kampfe des großen Mcnschenthums mit dem Dämonischen, in welchem Kampfe er auch mit Recht den springenden und zugleich wundesten Punkt der unendlichen Goethe-Forschung und den eigentlichen Schlüssel zur Lösung des Räthsels erblickt. Und nachdem er dann als typische Gegenkämpfer des 19. Jahrhunderts van Beethoven, Kleist, Schopenhauer und Nietzsche aufgeführt, in denen die von Goethe in sich selbst überwundene Wcrtherei in größerer Form Ivieder aufgelebt sei, um immer mehr in das Jahrhundert als Wahrzeichen hineinzuwachsen, meint er dann, eine weitere, noch höhere Synthese bedeute Sheakspeare. Diese Synthese müßte nach den Ausführungen von Servaes folgerichtig gemeint sein von den sich paralysirenden Er- scheinnngsthpen der Weltbespiegelnng und der Selbst- enthüllung des Lebens für die Kunst und des Sterbens. 262 für die Kunst, der harmonischen Vollendung und des. tragischen.Heroismus. Den Schlüssel zu dem Geheimnis; dieser Synthese gibt Scrvacs nicht mehr: ich möchte ihn darin sehen, daß bei dem nordgermanischen, vielleicht einzig germanischen Genie Sheakspeare das als lösender Mittelpunkt in den Kraftkreis tritt, ivas bei Goethe nur in seinen besten Jngcndjahren leise anklingt, um bald von weltfremd antikem Sinnen und von der Resignation der That abgelöst zu werden: in dem großen tragischen Humor. Wenn bei Emerson dem Amerikaner der Erklärungsgrund dafür, warum er nicht über Sheakspeare hinausgekommen ist, vorläufig am besten in der angelsächsischen Eigenart und Nationalitätsabgeschlossenheit gefunden werden kann, die auch den tumultuarischen Urhomeriker Wood (Ueber das Originalgenie des Homer 1789) beherrscht und ebenso den bedeutendsten englischen Homerikcr der Jetztzeit, Jebb (Einführung in den Homer), nicht aus dem Bannkreis der Vergleichung zwischen dem Ur- fänger und national-angelsächsischer Poesie hat herauskommen lassen: so ist dies bei dem mitten in der modernen Literaturbewegnng stehenden Servaes wohl noch leichter erklärlich, da er sich ja, als Nichthomeriker, auf die Resultate der Homerforschnng verlassen mußte. Nebrigens ist ebenso richtig als bezeichnend, daß Emerson als Typus des Philosophen den Platon aufstellt. Wollte Gott, man wurde, mit oder trotz dem neu- platonischen Kantianer und Spiritisten Karl du Prel, allmählich auch thatsächlich immer mehr vom Standpunkt und mit den Mitteln des fiammeugleich zum Himmel zurücklohenden Platon als nsit denen des großen Stagiriten, der trotz Metaphysik und Ethik doch ewig irdische Bausteine wägt und richtet, fassen und betreiben! Aber Platon war auch der einzige, der sich dessen untersing und unterfangen durste, die festgefügte große Welt des Homer für die Menschen aus den Angeln heben zu wollen: und wenn man richtig zusieht, ist Platon das, was er geworden ist und vielleicht für die Zukunft erst recht werden kann, geworden, indem er nicht mehr Homer sein konnte. Und so rückt nui^ Emerson allerdings bis vor die Thore des homerischen Tempels heran, um dessen Portale sich seit Platon für die Menschen aller Zeiten schreckende Drachen mit bezauberndem und verwirrendem, niit verheißendem und vernichtendem Sphinggenblick winden. Warum auch der wirklich große Philosoph Emerson die Thore nicht hat durchschreiten können? Warum er von Homer, dem thatsächlich größten Dichter aller Zeiten, schweigt? Ich weiß es nicht. Wohl aber denke ich mir, daß er es gethan und nicht gethan, weil er eine dem Platon vielleicht kongeniale Natur war, und weil für uns vielleicht erst die Zeit kommt, den Platon zu erreichen: noch nicht den Homer. Vielleicht auch, weil der ganze angelsächsische Stamm, vielleicht auch der ganze deutsche Norden, nicht dazu berufen ist, bald oder einst den Homer zu fassen und als neuen, endgiltigcn Wegweiser in die reinen Gänge der arischen Zeitgeschichte zu stellen: ihn, den höchsten Seher der Dinge — und den ersten arischen Besieger sowohl des.drückenden Elementeglaubens als der grübelnd niederziehenden Spekulation des semitischen Orients. Es wäre ungerecht und sinnlos, dem deutschen Norden seine Verdienste um die Homerforschnng, die Zierde und den Stolz der deutschen Gelehrsamkeit und der deutschen Kritik, abzusprechen. Der deutsche Norden hat nicht nur die glühendsten, kritiklosesten Schwärmer für Homer gehabt: von Nitzsch bis zu Herm. Grimm und Knötcl: er hat auch die konsequentesten Analytiker und Evolutioustheoretiker, von G. A. Wolf bis Hermann und Lachmann, auszuweisen, die mit glühendem Temperament die einzig mögliche Erklärung alles Genialischen und Genialen, die evolutionistisch-genetische, aufgestellt und verfochten haben, er hat auch einen Wilamowitz auszuweisen, der über die nur halb poetisch-sachliche Kritik von Christ und Cauer hinaus den Satz aufgestellt hat, die Homerforschnng muß durch Wolf und Lachmann über diese beiden hinaus, und zunächst muß die Philologie überhaupt, soll sie für die Zukunft noch Lcbensberechtigung haben, direkt Kunst werden. Dieses schöne und große Wort des onsimt tsrridls der Philologen ist aber ein ebenso uugehörter oder un- geglaubter Kassandraruf geblieben, wie die optimistischen Erwartungen und Hoffnungen, die Simrock unmittelbar vor dem deutsch-französischen Krieg» in seiner 3. Ausgabe der germanischen Mythologie, von dem Wiederaufleben deutschen VolksbcwußtseinS und. deutscher Volkspoesie gemeint hat aussprcchen zu können, in der Zeitenwende spurlos verhallt und verschwunden sind. Ueber das deutsche Volksthnm. und über . die deutsche Poesie hat es sich seit jener Wende hcrcingcwälzt wie trübende, stickende Schlammflnthen, aus deuen man erst jetzt allmählich wie aus schweren Alfenträumen nufzuathmen und auszuschauen beginnt. Die Homersorschung aber verbreitert sich je länger, je mehr in das ausgesuchteste Spccialistenthum oder in enthusiastische Kritiklosigkeit hinein. Seit Wilamowitz jenen Ruf erhoben, hat sich nur ein Nachhall hören lassen: und das war in dem Buche Caucrs, in dem wenigstens manches redlich eingestanden und aufgedeckt und in ernster Weise auf höhere Homerkritik hingewiesen wird. Seitdem sind aber auch die Bücher von H. Grimm, Knötcl und Erhard erschienen. Von ihnen nimmt der gefeierte H. Grimm den Standpunkt des homerlcseuden Webers aus dem 18. Jahrhundert, von dem er in der Vorrede mit launiger Beziehung auf sich selber spricht, auch thatsächlich ein. Erhard hat den Homer ini Gegentheil wieder einmal in Splitter und Scherben sogenannter poetischer Volkstradition zerdrückt, so daß eigentlich die ganze Homergeschichte, um die sich nun schon ganze Reihen von Generationen der alten und der neuen Zeiten mit hohem, sittlichem Ernst bemüht haben, zu einer schönen heroischen Staffage für die, immerhin auch zopfige, Gclehrtcn- commission des Athener Tyrannen Peisistratos werden würde. Knötel aber wiederum bewegt sich auf den blauesten Gewässern eines künstlerische Kritik und sich selbst preisgebenden Enthusiasmus, der nicht nur überall in Jlias und Odyssee wirklich homerische Kunst zu sehen vermag, sondern auch das persönliche Leben des Homer mit breitester, schönster Romanmänier in das Ungefähr eines Variötä- und Sängcrgesellschaftsdirectors mit durchaus offenen und durchsichtigen Lebensverhältnisscn ver- aoandelt. Und über all das hinweg fluthen die öden» flachen Schlammuferwellen eines zünftigen Specialisten- thums, das sich allerdings gerne exakte Forschung und philologische Akribie benennt. Eine bedeutungsvolle Zeit- signatur! (Fortsetzung folgt.) 263 Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697. Von J. M. Förster. (Fortsetzung.) Dci der Bau der Kirche seit 1583 mit geringen Unterbrechungen fortgeführt worden war, konnte man darauf rechnen, dieselbe schon 1589 zu weihen. Und wirklich war im September genannten Jahres der Bau ") so weit vorgeschritten, daß die Weihe auf den 21. Oktober festgesetzt werden konnte, der Herzog bereits Einladungen hinausschickte und sogar Auftrag gab, die Küche gut zu versorgen. Da ward auf einmal — aus welchem Grunde, ist unerfindlich — die Feier verschoben, und noch ehe der Sommer des Jahres 1590 herangekommen war, trat ein Ereigniß ein, welches für den Kirchenbau die tiefgehendsten Folgen nach sich zog?'-') Schon Ende April machte man nämlich die Wahrnehmung, das; sich der Thurm bedenklich zur Seite neige, weßhalb der Herzog bereits am 2. Mai 1590 eine Commission zur Untersuchung etwaiger Fährlichkeiten berief, welche auch am 7. Mai zusammentrat, aber mit ihrem Gutachten, wie mit verschiedenen Anordnungen auf theil- weises Abtragen des Thurmes, Ausfüllen des unteren Theiles, Stützen der gefährdeten Theile rc. rc. zu spät kam, denn ani 10. Mai 1590 Abends 2 °) stürzte der Thurm ein, glücklicherweise ohne ein Menschenleben zu gefährden. Die eingeleitete Untersuchung bürdete dem Maurermeister Müller die Hauptschuld auf, „der zu wenig (nach)sah und ein nnfleißiger Mann war", weß- halb ihn der Herzog bei Wasser und Brod acht Tage lang im „Fronhaus" einsperren und dann in den Falkenthurm 2') schaffen ließ. Der Einsturz des Thurmes führte natürlich zunächst eine große Stockung im Fortgange des Baues herbei, da, wenn auch weder das Gewölbe noch der Dachstuhl, so doch der damalige Chor der Kirche Schaden genommen hatte und der völlige Abbruch des Thnrmrestes, sowie die Hinwcgränmung des Schuttes nahezu zwei Monate beanspruchte. Der Herzog, welcher in dem Zwischenfalle eine Fügung Gottes erblickte, „weil die Kirche für die Majestät des hl. Michael zu klein sei," beauftragte nunmehr den Hofmaler und Architekten Friedrich Snstris, „zur Verlängerung der Kirchen oder Langhaus und des neuen Chores zu machen," zu welchem Zwecke die „alte Schule" 22 ) abgebrochen werden mußte. — Gleichwohl führte der Herzog sein Vorhaben, die Kirche baldmöglichst ihrem Zwecke zu übergeben, durch, indem dieselbe, nachdem in ihr sechs Altäre aufgestellt und das Langhaus gegen Nordosten, wo der verlängerte Chor angefügt werden sollte, durch eine Fehlmauer abgeschlossen worden war, am 29. Sept. 1590 von dem Freisinger Weihbischof Bartholomäns Scholl benedicirt wurde. In der Kirche standen folgende (provisorische) Altare: Die Kirche erstreckte sich damals nicht weiter, als bis zu den heutigen Chorstnsen, wobei das östliche Oluer- schiff gleichzeitig die Basis für den Thurm bildete. '°) Vgl. Gmelin a. a. O. S. 22. Nach anderen Berichten erfolgte der Einsturz Vormittags 8 Uhr. Der Falkenthurm war daS damalige Criminal- gefängniß, und ist die Falkenthnrmstraße, wo er stand, nach ihm benannt. '0 Das ist das oben erwähnte Gymnasium des hl. Erzengels Michael, vom englischen Gruße, der hl. Apostel Petrus und Paulus, sowie Andreas, der hl. Magdalena und der hl. Ursula. Am Tage vor der Bencdiction der Kirche weihte Wcihbischof Bartholomäns die bereits im Jahre 1585 von Herzog Ferdinand gestifteten vier Glocken,^) deren eherner Mund das Volk zu der seltenen Feier rief. Zu derselben hatten sich eingefundcn: der Stifter der Kirche und seine Gemahlin, Erbprinz Max und dessen Bruder Philipp, erwählter Bischof von Regensbnrg, deren Schwester Maria Anna, des Herzogs Bruder Ferdinand, außerdem der Hofstaat und viel Volks aus allen Ständen, das die prächtige Ausstattung der noch nicht einmal vollendeten Kirche bewunderte: denn Herzog Wilhelm selbst hatte einen vom Goldarbeiter Hans Schleich zu München aus Gold gebildeten Erzengel Michael, köstlich mit Diamanten und Rubinen besetzt, geschenkt, seine Gemahlin Renata zwei silberne Crucifixe und sechs silberne Armleuchter (von dem AngSburgcr Silberarbeiter Andrä Amstctt), der Erbprinz Maximilian einen goldenen, mit Perlen besetzten Kelch des Nürnberger Goldarbeiters Mathias Stiber und der herzogl. Kämmerer und Rath Hortensius von Tyriach ein silbernes Crucifix mit vergoldetem Postament und Kreuzesstamm, nebst zwei silbernen und ver- 2 °) Dieselben scheinen auch im früheren Thurm ziemlich tief gehangen zu sein. Die größte Glocke, in der Mitte von zwei anderen hängend, ist dem hl. Michael geweiht, mit dessen Bildniß aus der einen und jenem des herzoglichen Stifters, das sich auch auf den drei andern wiederholt, geziert. Ober dem bayerischen Wappen befindet sich der rechts und links von anbetenden Engeln umgebene Namenszug Christi, unter dem Bilde des hl. Michael die Inschrift: 8t. Uiobaslis 1833, unter jenem des Herzogs steht: Dorck. D. (1. II. Dav. I). 1583. Den obern Kranz nimmt die Inschrift ein: In oouspsotu an- Zelornw psallam tibi, aäorabo ack sanotum templuin turnn. Im untern Kranze steht: Dum osi-usrst llosnnss saermn U.vstorium Uiokaolis ^rokanA'elus tuba osoinit. (Im Angesichte der Engel will ich Dich lobpreisen und in Deinem hl. Tempel anbeten. — Während Johannes das hl. Geheimniß schaute, blies der Erzengel Michael auf der Posaune.) — Eine deutsche Inschrift besagt: In Gottes Haus gib ich ein lieblich Getön — Hans Frey von Kempten goß mich allste so schön. — Wiegt die Michaelsgtocke 56 Ctr., so ist die Frauenalocke um 25 Ctr. geringer: dieselbe trägt das Bild der Muttergottes mit dein Jesukinde, darunter steht: 8. Naria. ora pro nobis 1585. Im obern Kranze steht: Hvs Us»ino Ooelorum, Domino rlnAslornm, 8olv6 liackix sanota; im untern: 8alvs RsZIna, Unter Uiserieorckme, Vita, Dulosäo et 8ps8 nostra salve. (Gegrüßt seist Du, Himmelskönigin, der Engel Herrscherin, Heil Dir, hl. Wurzel — Sei gegrüßt, 0 Königin. Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung, sei gegrüßt. — Der deutsche Vers läutet: Zu Gottes Lob bat mich hie gössen — Hans Frei von Kempten unverdrossen. — Die dritte Glocke ist die Apostel- glocke (18 Ctr.) mit den Bildern der Apostelfürsten Petrus und Paulus, darunter: Orats pro nobis. 1585. Im obern Kranze steht: In omnom tsrram exivit soims eormn et in tlnes orbis terrae vorba eormn; im unteren: Detrus Lpostolus et kaulus ckoetor Oentium ckoouerunt lsAoin tuam. (In alle Welt ging ihre Sprache und bis an die Grenzen oes Erdballs ihre Worte: — Der Apostel Petrus und der Völkerlehrer Paulus verkündeten dein Gesetz.) — Teutsch: Auf meinen Klang kommt All' herbei — Und preiset Gott mit Meister Hansen Frey. — Die 4. Glocke (9 Ctr.) „Fg'nus Doi" zeigt Christum am Kreuze, darunter die Wdrte: 8alvo nos 1585. Oberer Kranz: Iloo siAmnn Orneis vrit in Ooslo; unten: Dielte in nationibus UoAllavit a 8i»',m Oraeis Dons. (Dieses Zeichen des Kreuzes wird am Himmel stehen: lehret unter den Völkern: es herrschte Gott vom Kreuze herab.) — Deutsch: Hans Frey nahm ! Sleast Metall — Und macht aus mir einen eng- ' tischen Schall. 264 goldeten Kelchen mit Emailbildern. ^) — Außerdem gab der Herzog eine von dem Münchener Silberarbeiter Heinrich Wagner vortrefflich gearbeitete silberne Ampel, nebst einer von dem Seidensticker Joh. Menzinger verfertigten, dazu gehörigen seidenen Quasten und von eben diesem Menzinger gestickte Tapeten für den Chor, auf welchen die sieben Fußfälle Christi abgebildet waren. Nach erfolgter Benediction der Kirche hielt der Wcihbischof das Hochamt, wobei der Provinziell Ferdinand Alber 8. ll. die Predigt hielt. — Nach Beendigung der kirchlichen Feierlichkeiten gab der Herzog in dem Kollegium, dessen Bau bereits soweit vorgeschritten war, daß ein Theil von den Jesuiten bewohnt werden konnte,^) eine Tafel, zu welcher alle geistlichen und weltlichen Würdenträger beigezogen wurden. Nach derselben dankte der Jesuit David Gaßner in wohlgesetzter Rede dem durchlauchtigsten Stifter für die erwiesene höchste Gnade, worauf der Herzog feierlich versicherte, daß er während seines ganzen ferneren Lebens am Tage des hl. Michael dem Gottesdienste in dieser Kirche beiwohnen werde. Am folgenden Tage ertheilte der Wcihbischof in der Kirche den Kindern (wie auch mehreren Erwachsenen) das hl. Sakrament der Firmung und wohnte mit der herzoglichem Familie nnd den übrigen Fcstgästen einem von den Studenten gegebenen, von dem Professor Edmund Cam- piaims 8. ll. verfaßten geistlichen Schauspiele: „Die Bekehrung des hl. Angustin", bei. Schon im Jahre 1589 hatte der Herzog seinen Nöthen den Auftrag gegeben, darüber nachzusinnen, wie man von den geistlichen Gefallen ein jährliches Einkommen für die Jesuiten herausbekommen könne. In der Folge verschaffte er ihnen eine Jahresreveune von 5000 fl., sowie das Landgut Tanfkirchen und (zum Unterhalte der Kirche) die Zehenten von Aindling und Edenhausen, nebst einigen sogen. Kammergütern (sowie 1595 das bisherige Beuediktinerstift EberSberg). — Am 19. Januar 1592 gab der Herzog die Kirche dem Kollegium nebst allen Geräthschaftcn und Einrichtungen für ewige Zeiten zu eigen. Im Jahre 1593 brachten die Prinzen Max und Philipp von Rom, wohin sie unter Obhut ihres Oheims, des Herzogs Ferdinand, nnd in Begleitung mehrerer Jesuiten eine Wallfahrt veranstaltet hatten, die Gebeine der hl. Märtyrer Cyrus» Johannes, Satnrninus und Euphebins mit, welche auf den Altären der Kirche ihre Stätte finden sollten und, nachdem sie einige Zeit in der St. Stcphanskapelle auf dem (äußeren) Freithofe deponirt gewesen, am 13. August 1593 in feierlichem Zuge eingeholt wurden. ) Der Kirchenschatz, welcher theils durch Umschmelz- ung, theils durch die Brandschatzung von 1632 verloren gmg, theils bei der Ordensaufhebung zerstreut wurde, umfaßte 500 Einzelreliguien von 266 Heiligen und 12 hl. Orten, zn deren Aufbewahrung 17 Tabernakel, 31 Kissen, 24 Kästchen und Schreine, 34 Monstranzen und Osten- sorlen und 12 Crucifixe dienten. (Ginelin, S. 72.) Dazu kamen auch in späteren Zeiten weitere werthvolle Geschenke (z. B. 1665 von der Kurfürstin-Wittwe Maria Anna eine auf 16,000 st. s150,000 M.s bewerthcte Mon- stranze), welche der Exjesuit und „der chnrf. Hofkirche Propst bei dem hl. Erzengel Michael" Anton Crammer S. 95—128 der Schrift „Glorivürdigstc Vortrcfflichkeiten, Groß- und Wohlthaten des hl. Erzengels Michael" genau auszahlt. An Gold machte der Schah (nach Hübncr. Beschreibung von München I. 235) 37 Pfund, an Silber 62 Ctr. (?) aus. ^ "s) Vollständig bewohnbar wurde das Kollegium Mt 1ÜSb. Allgemach nun näherte sich der Bau der Kirche seiner Vollendung, namentlich durch den Bau der heil. Kreuzkapelle und der unter derselben befindlichen Gruft der Jesuiten,2«) welche beide der Weihbischof Scholl von Frcisiilg Ende Juli 1596 einweihte. Das Jahr 1597 endlich krönte die Wünsche des frommen Herzogs; zwei Feste, von ihm lange er sehnt, sollten in diesem Jahre gefeiert werden: die Erhebung seines zweiten, am 22. September 1576 gebornen, für den geistlichen Stand bestimmten nnd schon im 3. Lebensjahre zum Bischof von Negens- burg postulirten Sohnes Philipp zum Cardinal der heiligen römischen Kirche, welcher auch am 2. Febr. 1597 in der St. Michaelskirche unter großen Feierlichkeiten den Purpur erhielt; das zweite Fest war die feierliche Einweihung dieser Kirche, für welche der Herzog den 6. Juli 1597 bestimmte. Mit vieler Mühe war die Kirche vollendet worden. Der Ruf von ihrer Pracht ging weit in alle Lande, wie sie denn heute noch als das „bedeutendste Bauwerk des älteren München" bezeichnet wird. Zwar ist die ganze Kirche bei Mangel von edlerem Material in Bausteinen und Verputz ausgeführt und „mangelt der östlichen Langseite für die constructiven Bedingungen eine entsprechende künstlerische Lösung, so daß einerseits die mächtigen Flächen in todter Felder« Umrahmung ihre einzige Gliederung finden, anderseits die tabernakelartig zwischen die Streben gesetzten Kapellcn- absiden der Scitenaltäre als häßliche Cylinderstücke sich unvermittelt geltend machen," ^) — dafür aber „entschädigt das Innere mit dem gewaltigen Tonnengewölbe für das Acnßcre". „In ihrer jetzigen Grundrißanlage zeigt die Kirche ein einschiffiges, fast 20 m weites Langhaus mit drei Paaren von Seitentäpellcn, an die sich ein Querhaus anschließt, dessen Arme der Tiefe der Seitenkapellen entsprechen. Hinter dem Chorbogen (von 12,8 m Weite) folgt erst ein um die Chorstufen erhöhter Vorchor von genau quadratischem Grundriß, unter welchem die Fürstengruft^), und dann die aus dem halben '") Die unter der hl. Kreuzkapelle befindliche und bis unter die Kirche sich erstreckende Gruft wurde mit ersterer Ende Juli 1696 von Wcihbischof Barthol. Scholl, nachdem derselbe im Kollegium 3 Tage laug Exercitien gemacht hatte, benedicirt. ") Rebcr, „Bantechnischcr Führer durch München" S. 40 bczio. 107. Das Tonnengewölbe ist einschließlich des inner:.. Verputzes bei einer Spannweite von über 20 m nur 23'/. om stark. — Da auch die gesammten Maßverhältnisse interessiren dürften, seien sie hier gegeben: Länge des Schiffes 83 m. Breite des Schiffes 33,25, des -Querhauses 41,3, Scheitelhöhe 25 m, Tiefe der Kapellen 5 m. Mauerdicke 1,876, Entfernung der Außeumauern von einander im Querschnitt 35 m. — Von der Kirche geht bekanntlich die Sage, man habe die Festigkeit des Gewölbes durch einen Kanonenschuß prüfen wollen, aber ehe derselbe gelöst worden, habe sich der Baumeister geflüchtet (nach einer andern Lesart vom Thurme gestürzt, weßhalb dieser »»ausgebaut geblieben!). -°) Die schon 1589 angelegte Fürstengruft bildet em Viereck, zn welchem man auf 2 breiten, durch am Fußboden angebrachte Gitter (u. Gasflammen) beleuchteten Stiegen neben den Altären der HHl. Jgnatius und Franz Lavcr gelangen kann. Die beiden Gitterthürcn, welche die Gruft unten verschließen, stellen das baner. Wappen vor. An der Grnndwand der Gruft befindet sich ein einfacher Altar, an dessen Evangclicnseite der Sarkophag des unglücklichen Königs Ludwig II. steht, während sich außerhalb des Altargitters an der Epistelseite jener 265 Zchneck entwickelte Absis. — Durch kleine Treppen gelangt man links des Vorchores in die Sakristei, rechts auf einen Vorplatz, der direkt ins Freie, links dagegen in die hl. Krenzkapelle führt. — Ueber der Sakristei befindet sich ein Oratorium mit Altar; durch die daran- stoßenden Räume gelangt man in den Knppelraum der hl. Krenzkapelle und auf einer umlaufenden Galerie in das früher herzogliche, jetzt königliche Oratorium. — Die über den Seitenkapellen hinlaufenden Emporen, die von geringerer Tiefe als jene sind, erreicht man durch die beiden an der Hauptfaxade liegenden Wendeltreppen. Vor den beiden ersten Seitenaltären ist der Zugang zur Fürstengruft." Die nach innen gezogenen Streben find durch Cannelirung und Bekrönung mit (vergoldeten) Kapitalen zu Mastern umgestaltet, wodurch der sonst massive Ban zierlicher erscheint. An den Wänden sind in Lebensgröße aus Gips geformte Engel angebracht, welche die Leidenswerkzeuge tragen, während den Chor ähnliche Statuen, 22 an der Zahl, die Propheten, Apostel und Evangelisten darstellend, beleben. Die Zahl der Altäre^) betrug (ausschließlich jenes in der hl. Kreuzkapelle) acht: der Hochaltar, der Kreuzaltar (an den Chorstufen), dann (mit der Epistelseite beginnend): der hl. Dreifaltigkeitsaltar (jetzt mit dem Vorsatzbilde des hl. Johann Regis, in dessen Rahmen sich 360 Reliquien befinden; außerhalb des Altargitters ist der berühmte Ascete Jercmias Drexel 8. öl. begraben); die östliche Reihe der Altarkapellen mit dem Petcr-Paul- Altar (anf welchem der Schrein mit den Leibern der HH. Cosmas und Damian, welcher sich bis 1819 auf dem hl. Kreuzaltar befand), den« Sebaftiansaltar (mit dem Bilde nnd Reliquien des hl. Stanislaus Kostka und der Gruft der 1618 st Gräfin Eleonore Jsabella Gräfin von Oettingeu), dem Ursula-Altar (mit dem Bilde des hl. Joseph); Evangeliumseite (ebenfalls bei den Chorstufen beginnend): der Namen Jesu-Altar (mit einem Bilde des hl. Johann^ Borgias, dessen Nahmen 10 Reliquien einschließt, vor dem Altare das Grab des 1641 -j- Landshuter Chorherrn Wolfgang von Asch); westliche Altarkapcllen: U. L. Frauen (jetzt Maria-Haar-Kapelle, mit der Gruft der 1702 st- Hofdame Apollonia de Beau- val), der Andreas-Altar (mit Bild und Reliquien des hl. Aloysius und der Gruft des 1604 -st Erzbischofs von Zara und Pröpsten zu Altötting, Minutius de Miuutiis), des Prinzen Adalbert befindet. Dem Altare gegenüber riehen in einfachen Zinnsärgen: 1. die Herzogin Renata (st 1602). 2. Herzog Wilhem V. (-j- 1626), 3. Prinz Ferdinand (st 1630). 4. die Kurfürstin Elisabeth (st 1635), 5. Kurfürst Max I. (st 1651), 6. Kurfürstin Maria Anna (st 1665), 7. Herzog Max Philipp (st 1705), 8. seine Gemahlin Manrrtia Febronia (st 1706), 9. Prinzessin Theresia Benedikta (st 1743), 10. Prinzessin Theresia Emanncla (st 1743), 11. Pfalzaräsin Emannela Augusta von Sulzbach (st 1726), 12. ihr Gemahl Joseph Karl (st 1729). 13. deren Kinder: Karl Franz (st 1724), 14. Karl Philipp (st 1725). 15. Elisabeth Auguste. Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor (st 1794), 16. Prinz Friedrich Michael von Birken- feld-Zweibrücken, Stammvater der königl. Linie (st 1767), dessen Söhne: 17. Clemens August (st 1750) und 18. Karl August (st 1793), 19. Pfalzgraf Johann Friedrich (st 1632); die Särge 15—18 wurden aus Heidelberg, bezw. Mannheim hieher überführt. — 20. Eugen Napoleon, Herzog von Lenchtenberg, st 1824 ; 21. dessen Tochter Carolme Clotilde Eugenie, st 1816 und 22. seine Gemahlin Auguste Amalie (st 1851). — Ferner sind hier in einem Gefäße anch beigesetzt Herz, Gehirn und Eingeweide des Herzogs Albrecht VI., des Leuchtcnbergers, dessen sterbliche Hülle üt der Gnadenkapclle zu Altötting ruht. °°) Vor 150 Jahren zählte die Kirche mit der hl. der Magdalenen-Altar (mit Bild und Ne quien des hl. Johann von Neponink). Ober dem Kreuzaltare, in der Mitte des Chores, stand die imposante, nun im östlichen Querhause befindliche Kreuzigungsgrnppe ol) (Christus am Kreuze, dessen unterer Theil die durch die Salbcnbüchse kenntliche hl. Magdalena umfaßt), auf hohem quadratischem Postament, dessen Seiten Inschriften tragen; die an der Vorderseite lautet: LaotLntiu8 fieots §6nu lignumgus eruoio vonornftils aäorn; rechts: Ouiliolmus V. Oomos kni. Lfteni Dtri. Luvar. Oux Lunckator oft. In. uft loournutiono Vorfti HM6XXVI. mon. Loftrnarii ckio VII; links: Lanutu Lothar, et Luvar. Luoissu Leren. Oniliel. V. Ooogunx ei Lunäutrix Oft. Ln. L. LIV6II. äis XXIII. Llaii; hinten: tllexuncier k. k. et IViur. circa Hv. OOXXI. ox. k. tl^num sule eonexsrsuin popnlis beneäioirmm ut eu onnoti uepersi sanet-i- tiosntnr, c;uoä et cunotis sueerckotiftus lucienäuw wuncluinus?^) Hinter der Kreuzigungsgruppe, in der Mitte de? Chores, befand sich das Mausoleum des Herzogs Wilhelm V.: ein lebensgroßer Engel mit Flügeln richtete die Hände gegen ein großes Weihwasserbecken aus schwarzem Marmor derart, daß er dasselbe zu halten schien; vor der Schale befand sich ein schönes Gitter aus Bronze und Schmicdeisen, welches die in den Boden eingelassene bronzene Grabplatte des Herzogs umgab. Diese hat folgende Inschrift: ^Oovamissu mea xavosoo et ante ts ornftoseo; änna veuoris znäicg-re, noii me conclemnare."^) Die Inschrift nimmt mehr als die Hälfte der Platte ein, deren unterer Theil von zwei über Kreuz gestürzten Fackeln ausgefüllt wird, in deren Winkeln sich Todtenkopf nnd Stundenglas befinden. Krcuzigungsgruppe, Engel, Gitter und Tafel wurden 1819 in das rechte Querhaus versetzt, die Grabplatte hinter dem nun im Gitter stehenden Engel in entsprechender Höhe angebracht, und bildet nunmehr die Kreuzkapelle 13 Altäre: den Hoch-^ hl. Kreuz- (auch Altar der HHl. Cosmas und Damian), St. Jgnatius-, Namen- Jesu-Altar (auf welchem die Jesuiten 1607 die erste Krippe errichteten), Mariä-Vcrkündigungs- (auch Maria-Haar-), St. Andreas-, hl. Maria Magdalena-, hl. Franz Xaver-, hl. Dreifaltigkeits-, hl. Peter und Paul-, St. Sebastian-, hl. Ursula- und den Altar der Krenzkapelle. Jetzt beträgt die Zahl der Altäre in der Kirche nur mehr 11. von welchen der Mariä-Vcrkündignngs-Altar auch den Namen „Maria-Haar-Kapelle" führt, weil an der dort aufbewahrten Marienbüste soviele Haare der hl. Maria aufbewahrt sind. daß ans ihnen in lesbarer Weise der Name „Maria" hergestellt werden konnte. Der Name „Haar- Kapelle" wird — wiewohl irrthümlich — manchmal auch auf die an Reliquien sehr reiche Krenzkapelle angewandt, weil in derselben das härene Bußgewand aufbewahrt ist, welches Herzog Wilhelm V. trug. "), Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Peter Candid die Zeichnung entworfen. Hanns Reich! die Figuren mo- dellirt nnd Hanns Krumpper sie gegossen. ^) Zu deutsch (nach Lactantius): Beuge das Knie und bete den ehrwürdigen Kreuzcsstamm an! — Wilhelm V. rc. rc.. der Stifter (dieser Kirche). starb i. I. nach der Fleischwerdnng des Wortes 1626 am 7. Februar. — Renata rc. rc., des durchlauchtigsten Wilhelm V. Gemahlin und Mitstifterin, starb i. 1.1602 am 23. Mai. — Mit Weihwasser segnen wir die Völker, damit sie, mit demselben besprengt, geheiligt werden, was wir allen Priestern befehlen. ^) Dieser Engel wurde von verschiedenen Historikern für die Figur der hl. Cäcilia erklärt, welche auf der Orgel (!) gestanden haben sollte! Zu deutsch; Ich traure über meine Sünden una errothe vor Dir; verdamme mich nicht, wenn Dn als Richter kommst. 266 Kreuztguugsgrnppe das Gegenstück zn dem im westlichen Seitenschiffe befindlichen Mausoleum des Herzogs Engen von Lcnchtenberg. (Schluß folgt.) Die ehemalige Franziskaner-Kirche znr aller- heiligsten Dreifaltigkeit in München. Es gereicht den Söhnen des hl. Franziskns znr Ehre, daß die Habsburger sie in unmittelbarer Nähe ihres Schlosses in Innsbruck mit der Hofkirche zum hl. Kreuze ansiedelten und ebenso die Wittclsbacher ihnen zwischen dem 1253 angelegten alten Hofe und. der neuen Beste ein großes Terrain überwiesen, auf dem alsdann Kloster und Kirche zur allcrheiligsten Dreifaltigkeit errichtet wurden, wo sie stets Freud und Leid in dankbarer Treue mit dem Fürstenhause theilten. Auf dem außerhalb der Münchener Stadtumwallung befindlichen Terrain hatte die Familie von Haßlang bereits im Jahre 1227 das Begräbnißrecht erlangt und sich hier eine Kapelle erbaut. In Verbindung mit dieser der heiligen Agnes geweihten Kapelle wurde Kloster und Kirche der Franziskaner im letzten Viertel des XIII. Jahrhunderts derart zur Ausführung gebracht, daß die Klosterkirche in der heiligen Linie von West nach Ost ihre südliche Langseite der Stadt zukehrte, während die Conventsbauten sich auf der Nordseite gegen die neNe Beste hin erhoben. Hierbei ließen sich die Franziskaner immer von der Oertlichkeit leiten, und so kommt es, daß man auch in Köln am Rhein Krcnzgang und Convent an der Nordseite der schönen, Sanct Maria, Franziskns und Antonius geweihten Minoritenkirche errichtete, während man sowohl bei Santa Croce in Florenz wie Sanct Martin zu Freiburg im Breisgau die Klosterbauten im Süden der Kirche findet. Die neu erbaute Münchener Franziskaner-Kirche wurde im Jahre 1294 durch den Freisinger Bischof Einicho, Grafen von Moosburg, in Gegenwart des regierenden Herzogs Ludwig des Strengen und der Prinzen Rudolf sowie des siebenjährigen Ludwig, nachmaligen Kaisers, feierlich consccrirt; leider haben uns hierbei die Urkunden den Titelheiligen verschwiegen. Im Jahre 1311 fand eine Fcuersbrnnst statt, der angerichtete Schaden wurde vom damaligen k. Guardian Friedrich Chorburg alsbald wieder gehoben. Schlimmer erging es Kloster und Kirche beim großen Münchener Stadtbrande 1327, denn erst am Sonntage Jubilate des Jahres 1375 weihte der Franziskaner Albert, Bischof von Salona, Weihbischof zu Freising, die wieder hergestellte Kirche zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der seligsten Jungfrau Maria, der zwölf Apostel sowie der Heiligen Franziskns und Antonius von Padna. Schon 1327 hatte Kaiser Ludwig der Bayer nach seiner Krönung zu Mailand das in Holz geschnitzte Brustbild des heil. Antonius von Padna nebst einer Reliquie vom Arme dieses Heiligen nach München gebracht, was zur Errichtung einer besonderen Kapelle an der Süd-, also der Stadtseite des Gotteshauses der Franziskaner geführt hat. Diese St. Antonius- Reliquie war Veranlassung dem Kloster den Namen des hl. Antonius von Padua zu verleihen. Da aber urkundlich keine spätere Consekration der Hanptkirche bekannt?) so haben wir mit vollem Rechte die 1375 erfolgte mit St. Trinitatis xrimo looo als feststehend an- ) Gütige Mittheilung des derzeitigen Historiographen vom Münchener Franziskanerkloster zu St. Anna, Herrn k..Parthein'tts Minges. zunehmen. Die Franziskaner haben außer der Münchener Kirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit noch ebensolche in Trier an der Mosel als gothische Hallenkirche mit einem Chöre von fünf Seiten des Zehneckes, in Colmar im Elsaß sowie zn Danzig in Westprenßcn gehabt, auch nannten so ihr Gotteshaus die von 1340—1782 bestandenen Franziskanerinnen in Säckingen a. Rh. Ucbcrliefert ist uns ferner, daß der Kircheuban im Jahre 1380 sei vollendet gewesen, daß 1618—1620 und 1723 große Ncstauratious-Arbeiten stattgefunden haben. Nach der Säkularisation ward im Jahre 1802 das Franziskaner-Kloster sammt Kirche und Kapellen vom Hutmacher Giglbergcr und Kammmacher Duisberg käuflich erworben und znr Demolirung bestimmt, was denn auch alsbald znr Ausführung gebracht worden ist. Unseres Wissens wurde bei dieser Zerstörung einzig nur der zwifchen 1480—1500 von Hans Olmendorf ausgeführte Hochaltar mit dem Hanptbilde der Kreuzigung gerettet, welcher sich jetzt im Münchener Königlichen National- Musenm befindet, ferner ein aus Tegernseer rothem Marmor bei Gelegenheit der von 1618 — 1620 ausgeführten Restauration hergestelltes Portal, das heute dem Hause Nr. 55 der Sendlinger - Straße als EinfahrtsThor dient. Für die bauanalytlsche Beurtheilung der ehemaligen Franziskanerkirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit ist das im National-Musenm befindliche Modell des Bildhauers Jacob Sandtner vom Jahre 1572 von hohem Werthe, ebenso die Aufnahmen des Theologen Stimmelmeyer, Benefickaten der Hofkapelle zn St. Lanrentius, vom Ende des XVIII. Jahrhunderts, endlich auch die vom Maler I. M. Qnaglio dem Jüngeren angefertigten Zeichnungen, welche Carl Albert Regnet in seinem „München in guter Zeit" auf Blatt 17, 18 u. 19 im Jahre 1879 herausgegeben hat. Das Gotteshaus war hiernach im Lang- häuse eine dreischiffige Basilika, woran sich ein mit drei Seiten des Achteckes geschlossener Chor fügte; dieser hatte in gleicher Höhe mit dem Mittelschiffe seinen Dachkranz, und auch der First des Satteldaches lief voni Westfrontgiebel ununterbrochen bis znr Chorabwalmnng horizontal durch, in der Mitte über dem Manerwerke des Triumphbogens erhob sich, wie ehedem bei der Hofkapclle St. Lanrentius, ein steinernes Sattelreiter-Thürmchen, das die wenigen Kirchenglocken aufzunehmen bestimmt war. Während die drei Schiffe des Langhauses mit flachen Holzbalkendccken versehen waren, hatte ursprünglich der einschiffige Chor seine Steindecke in Form von Kreuzgewölben auf Hansteinrippen, somit eine Constrnktion gleich jener der St. Lanrentius-Kapelle im alten Hofe Münchens, welche wir in Nr. 41 der Beilage zur Angs- burger Postzeitung am 4. Oktober 1895 näher beschrieben haben. Die Jnnsbrncker Franziskaner-Kirche zum heil. Kreuze besitzt eine westliche offene Haupt-Portal-Vorhalle auf zwei freistehenden Säulen, ganz das gleiche schöne Baumotiv zeichnete die Münchener Klosterkirche Vortheilhaft aus. Ihr Langhaus hatte beiderseits sieben, also zusammen 14 Freistützen, ganz ebenso war es ehedem bet der Franziskaner-Kirche zn St. Georg in Eßlingen, die leider mnthwillig im Jahre 1840 bis auf den Chor zerstört worden ist. Desselben Ordens Basilika St. Sal- vator in Negensbnrg besitzt nur 12 freistehende Rundsäulen im Langhansc, in München waren viereckige mit Backsteinen ausgemauerte Pfeiler mit vier Pilastervorlagen, somit eine Constrnktion, die sich bis aus den heutigen Tag in Jngolstadt bei der Garnisonskirche erhalten hat, 267 welches Gotteshaus Franziskaner zn Ehren der Himmelfahrt Mariens Ende des XIII. Jahrhunderts erbaut hatten. St. Salvator hat einen Chor von vier oblongen Jochen, und hiezu kommt noch der aus fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes gebildete Chorschluß; den ganz gleichen Grundriß zeigte das Münchener Banwerk, nur scheinen, nach Ausweis der Zeichnungen von Qnaglio, die Chorgewölbe eine spätere Umänderung erfahren zu haben. In dem 1294 geweihten ersten Kirchenbau haben wir unbedingt, wie in St. Salvator Negensburgs, einfache Kreuzgewölbe anzusprechen, und erst beim zweiten, auf den alten Fundamenten und Umfassungsmauern hergestellten, 1375 geweihten Baue wurden Netzgewölbc mit Rippen aus gebranntem Thone gewählt. Haben doch auch. der Westban von St. Jacob am Angers und die symmetrisch zweischifsige St. Nicolaus-Kapette des ehemaligen Dcchantcihofes zu St. Peter in München ihre bis aus den heutigen Tag wohlerhaltenen Netzgewvlbe, beides Konstruktionen, welche im Anschlüsse an die 1375 consecrirte Franziskaner - Kirche zur allerheiligsten Dreifaltigkeit entstanden sind. Der einschiffige, feuersicher gewölbte Chor der Klosterkirche war durch hochragende dreitheilige Stab- und Maßwerksfenster reichlich beleuchtet, was der zahlreiche, in holzgcschnitzten Chorstühlcn versammelte Cvnvent erforderte; ihn schloß am Triumphbogen ein auf freistehenden Stützen gewölbter, mit oberer Empore versehener Lettner ab; dieser dürfte außer der seitlich aufgestellten Orgel im Mittel den der allerheiligsten Dreifaltigkeit geweihten Altar besessen haben, wie solches auch beim ehemaligen Lettner der Collegiatstiftskirche zu St. Katharina in Oppenheim, a. Rh. der Fall war. Lettner waren bei den Franziskaner-Kirchen üblich, denn außer dem in München sehen wir solche in Santa Maria Glorios« dei Frari zu Venedig, zu Salzwedel im ehemaligen Erzbisthnm Magdeburg, zu Danzig bei St. Trinitatis, zu Innsbruck bei Hcilig-Krcuz und zn Eß- lingen bei St. Georg. Gerade der letztere Lettner ist in Anlage und Ausführung dem zn München bestandenen gleich gewesen und seine erst 1840 erfolgte Zerstörung recht zu beklagen. Wir haben in dem 1375 geweihten Gotteshause keinen völligen Neubau, sondern eben nur ein restaurirtes Werk anzusprechen, was die auf der Epistelseitc dem südlichen Seitenschiffe angebaute Kapelle des heiligen Au- tonius von Padna beweist. Der fromme Kaiser Ludwig der Bayer hatte aus Italien das Brustbild und die Reliquie des Heiligen den seinem Hanse nahestehenden treu ergebenen Minoriten-Brndern 1327 mitgebracht, und diese würden sicher bei einem völligen Ncubaue der ganzen Kirche die St. Antonius-Kapelle nicht als Anbau, sondern als einen wesentlichen Theil des Banprogammes behandelt haben. So hat man es bei der Mntterkirche des Ordens Sän Francesco in Assist, so hat mau es iin Santo zu Padna gehalten, und zweifelsohne würde man in München ganz ebenso gehandelt haben, wenn nicht die nach dem Stadtbrande noch vorhandenen Banreste zur Pietät geradezu gezwungen hätten. In Sandtncrs Stadtmodell erscheinen bei der St. Antonius- Kapelle mehrere äußere Strebepfeiler, woraus hervorgeht, daß dieselbe im Inneren ein feuersicheres Steingewölbe 2) Siehe „St. Jakob am Anger in München" von Frz. Jac. Schmitt in Nr. l38 der „Beilage zur Allgem. Leitung" vom 23. Juni 1997. gehabt?) und wenn man einen der Bankünstler Kaiser Ludwigs des Bayern hicfür annehmen darf, so hätten wir volle Ursache, den 1802 erfolgten Untergang ebenso zu beklagen, wie den der Lanreutius-Hofkapclle im Jahre 1814. Aus der Betrachtung von den unter Kaiser Ludwigs des Bayern Regierung entstandenen Bauwerken, wie der Marien-Abtcikirche in Ettal (siehe unseren Aussatz der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352, Beilagenummer 294 vom 20. Dez. 1895) und der Heiliggeist-Kirche in München (siehe unseren Aufsatz in Nr. 37 der Beilage zur „Angsburger Postzeitnng" vom 11. September 1896), geht hervor, daß dieser Fürst nur Künstler mit großem Talente in Thätigkeit setzte, welche auf der Höhe der Zeit standen. Auf Sandtncrs Modell von 1572 bemerken wir am südlichen Seitenschiffe der Franziskaner-Kirche noch einen weiteren Kapetten-Anbau, eS ist die Grablege der Grafen von Hegnenberg mit dem im Jahre 1557 der heiligen Anna errichteten Altare, auch hierbei wurde noch der gothische Baustil beibehalten. An der Nordseite lagen die Sakristei, der Kreuzgaug und alle zum Kloster des heiligen Antonius gehörigen Gebäulichkeiten mit ihren Höfen; auch mehrere Kapellen, so die der hl. Agnes mit der Grablege der Familie von Haslang, so die zum heiligen Kreuze der Familie von Schwarzenberg und so die nächst der Klostcrpforte erreichtete achteckige des Grafen von Kurz. Wie in Santa Croce die angesehenen Florentiner ihre Beisetzung suchten, wie bei der Sanct Magdalena geweihten Franziskauerkirche (an der Stelle befindet sich heute die Leolo . llcmnnig Liero» solxmitani krovinoia Luvaris, auotus 68t beiwöoüs, ckouis so privileZüs oumulatus. Oxtivav xriveipi ao xatrono msranti Zrati anirni mouumonturn orcko eyuitosguö univörsi v. N. L. anno UVOdibl-VI L saora institutionö IV.") — Doch dauerte dieses Großpriorat nicht lange, denn obwohl im Jahre 179? der russische Kaiser Paul gleichfalls ein Großpriorat errichtet, welches 1798 mit Genehmigung des Kurfürsten Karl Theodor dem bayerischen aggregirt wurde, hob Kurfürst Max IV. Joseph dasselbe 1799 provisorisch, 1808 aber definitiv auf. Ein in der Geschichte der St. Michaelskirche hochwichtiger Tag war der 29. April 1782, an welchem sie *°) Zu deutsch: „Den, Kurfürsten Karl Theodor, dem edlen und glücklichen Vater des Vaterlandes, durch dessen Freigebigkeit und Gnade der Orden vom hl. Johannes von Jerusalem um die bayerische Provinz vermehrt und mit Wohlthaten, Geschenken und Privilegien überhäuft wurde, dem besten Fürsten und verdienten Förderer haben dankbaren Sinnes der Orden und alle Ritter dieses Monument errichtet im Jahre 1786, nach der Institution des yl. Ordens im 4. Jahre." 272 den Besuch des cbc» hier weilenden Papstes Pins VI. erhielt, der ihren kühnen Bau bewunderte und erklärte, daß sie auch in Noin eine der schönsten Kirchen wäre. (Schluß folat.) Das Staatslexikon der Görres-Gesellschaft?) Der fünfte und letzte Band des Staatslexikons liegt nnnmehr im Drucke vor, so daß es unsern Lesern gewiß willkommen sein wird. beim Abschlüsse dieses hervor- wissenschaftlichen Unternehmens über die Ge- e und die ragenden. . . _ ... schichte und die Bedeutung desselben eingehend unterrichtet zu werden. Was zunächst die Entstehung des Staatslexikons anlangt. so wurde die Abfassung eines solchen alsbald nach Gründung der Görres-Gesellschaft als eine der wichtig- sten der in Angriff zu nehmenden Arbeiten in's Auge gefaßt. Schon die zweite General-Versammlung (zu Munster) nahm nach einem Vortrag von Rcchtsamvalt Jul. Bachern die Nothwendigkeit und Bedeutung eines solchen Unternehmens und von Professor Dr. Freiherr» von Hertling über die Möglichkeit und den Modus der Ausführung am 29. August 1977 einstimmig den Antrag des Vcrwaltungsansschusses an: „Die Section für Rechts- und Socialwiffenschaft der Görres-Gesellschaft wolle die Jnangriffnalnne der Vorarbeiten zur Herausgabe eines den katholischen Principien entsprechenden Staatslexikons beschließen und mit der Ausführung den Verwaltungsausschuß unter Mitwirkung des Vorstandes der Sektion für Rechts- und Socialwiffenschaft beauftragen." Ein der Generalversammlung zu Köln (1878) vorgelegtes kurzes Programm bezeichnete als leitende Gesichtspunkte: Gegenüber den bestehenden Staatslexicis werde das Staatslcxikon der Görres-Gesellschaft „vorwiegend einen corrigirenden und rectificirenden Charakter anzunehmen haben, indem es vor Allem den modernen Irrthümern in Staats- und Kirchenrecht. in Naturrecht, Politik und Gesellschaftswissenschaft entgegentritt". Dementsprechend werde „das Hauptgewicht auf die Erörterung der fundamentalen Begriffe von Religion und Moral. Recht und Gesetz, natürlichem und positivem Recht, von Staat und Kirche, Familie und Eigenthum zu legen sein". Mit strenger Wahrung des katholischen Standpunktes sei sorgfältiges Eingehen auf die besondern Bedürfnisse der modernen Gesellschaft unter genauer Würdigung der jedesmal einschlagenden thatsächlichen Verhältnisse zu verbinden. Die sämmtlichen Artikel seien den strengen Anforderungen der heutigen Wissenschaft gemäß zu bearbeiten. Auf der Generalversammlung zu Fulda (1830) wurde Las von Professor Dr. v. Hertling verfaßte ftfftematische Programm angenommen. Auch die weiter» Vorarbeiten für das Unternehmen lagen in der Hand des vorgenannten Gelehrten. Unter der Redaction des Eustos an der Universitätsbibliothek zu Würzburg, vr. Bruder, erschien dann Ende 1897 das erste Heft und Ende 1889 der erste Band. Im Frühjahr 1896 wurde vr. Bruder seiner Aufgabe durch den Tod entrissen, nachdem von ihm die vier ersten Bände und die beiden ersten Hefte des fünften Bandes fertig gestellt waren. Die Redaction des fünften Bandes ist dann binnen Jahresfrist von Rechtsanwalt Jul. Bachern zu Ende geführt worden. Das Staatslexikon ist das Produkt des Zusammen Wirkens unserer ersten katholischen Kräfte auf öffentlich- rechtlichem Gebiete. Unter den Mitarbeitern finden wir die Führer unserer Centrumspartei, wie die anerkanntesten Vertreter der Wissenschaft auf katholischer Seite. Von Professor vr. Frhrn. v. Hertling stammen beispielsweise die Artikel über Absolutismus, Freiheit, Gleichheit, Monarchie, Politik, von Professor vr. Hitze der Aufsatz über die Arbeiterfrage, vom Kammergerichtsrath vr. Spähn die Ausführungen über Enteignung. Geh. Ober-Justizrath vr. Rintelen behandelte die Schwurgerichte. Landgerichtsrath v. Stromb eck die Eisenbahnen, Freiherr v. Huene das Heerwesen, den Staatshaushalt und die ,*) Verlag von Herder in Freiburg. 46 Hefte (5 Bde.). Preis 69 M., geb. in Orig.-Halbfranzbd. 81 M. Steuern, Landesrath a. D. Fritzen die Polizei, Rechtsanwalt vr. Karl Bachern den Culturkampf und die Maigesetzgebung, Domcapitnlar vr. Schad ler das Handwerk, Landrichter Gröber den Begriff des Kaisertbums. Von dem zeitigen Reichstagspräsidentcn Frhrn. v. Buol rühren die principiellen Auseinandersetzungen über Intervention und Nichtintervention her. Von Gelehrten sind ebensowohl Historiker, wie Philosophen und Moralisten vertreten, da ja die staatlichen Verhältnisse aus der geschichtlichen Entwickelung heraus das beste Verständniß finden, in den philosophischen Systemen aller Zeiten die größte Rolle spielen und an den positiven Geboten der Moral ihren unverrückbaren Maßstab finden sollen. Zehn Jahre sind seit dem Erscheinen des ersten Heftes in's Land gegangen, eine verhältnißmäßig lange Zeit, so daß manche Angaben, besonders statistischer Art, die naturgemäß an vielen Stellen citirt werden müssen, also zum Theil bereits veraltet find. Im Ganzen genommen ist aber das Werk wohl gelungen, ein würdiges Seitenstück zu dem „Kirchenlexikon von Wetzcr und Welke", welches im nämlichen Verlage erschienen ist. Eine Ehrenpflicht aller Katholiken, welche im öffentlichen Leben stehen und über die nöthigen Mittel verfügen, wird es sein, das nunmehr abgeschlossene Monnmentalwerk ihrer Bibliothek einzuverleiben. Airs der anderen Seite wird es nun hoffentlich auch bald möglich sein, an der Hand des Staatslexikons das lange ersehnte „politische ABC- Buch für Centrumsleute" herzustellen, damit die mit weniger Glücksgütern gesegneten Anhänger unserer Partei sich rasch und zuverlässig über die Fragen des öffentlichen Lebens orientiren können. (Aus der wissenschaftlichen Beilage der „Germania".) Recensionen und Notizen. Die Gesellschaft. Populäre Abhandlungen von v. Gg. Freund 0. 8s. R. Verlag der Alfonsus-Buch- handlung in Münster (Westfalen). ; Es sind zwar im Ganzen und Großen keinerlei neue Gedanken, welche v. Freund uns in diesem Büchlein bietet: aber trotzdem haben wir mit großer Befriedigung diese Abhandlungen gelesen. Das heilige Feuer lebendiger Ueberzeugung, die Frische der Sprache und Kraft des Vortrages machen sie zu einer fesselnden Lektüre, die, wie schon der Titel sagt, eben keine gelehrte Vortrage, sondern populäre Belehrungen und Mahnungen geben will. Die Abhandlungen erstrecken sich auf folgende Themata: Die katholische Kirche (ein begeisterter Pane- gyrikus), der Staat (als gesettschaftl. Gebilde und in seinen Beziehungen znr Religion), Familie und Ehe, der Mann (im häuslichen und öffentlichen Leben), das „Weib" (als Gattin, Mutter, Hausfrau), die Jugend (Bescheidenheit. Pietät, Unschuld), das Gebet, die Arbeit. Eine Fülle prächtig vorgetragener Gedanken — wie herzgewinnend ist namentlich die Abhandlung über das Gebet! — zeichnen diese populären Erörterungen aus, und wünschen wir daher, sicher mit Recht, dem Büchlein recht große Verbreitung und seinem Inhalt volle Beherzigung. MuirW., Die Abfassung des Deuteronomiums. Ins Deutsche übertragen von D. I. Metzger. 8". 32 SS. Leipzig, E. Ungleich. 1896. M. 0.50. s Die biblischen Wissenschaften werden nirgends so ausgedehnt, aber auch so gründlich gepflegt, wie in England. Das kleine Werk von Muir tritt für die Echtheit des Deuteronomium ein, was uns Katholiken freilich ganz selbstverständlich dünkt; wir dürfen aber nicht vergessen, daß die deutsche protestantische Bibelkritik ganz entgegengesetzter Ansicht ist. Und so freuen wir uns dankbar der einfachen, nüchternen Worte eines englischen Protestanten, der uns seine Ansicht über das Deuteronomium vorlegt und dabei zu verstehen gibt, daß die sogen. Bibelkritik die hl. Bücher in einer Weise beurtheilt, wie man sie mcht gegen den Koran, ja gegen kein Buch der Welt anzuwenden gewagt hat. Veraiilw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti-. 39. 10. Juli 1897. * ^ 0> vf ^ ^5 r> ^/sv r) E s Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. (Fortsehrrng.) Wer aus der laugen „Homerforschung" thatsächlich bis jetzt rühmlichen Nutzen gezogen und wirkliche, greifbare Ehrenrettung geerntet hat: das ist bezeichnenderweise statt des göttlichen Sängers der große alexan- driuische Universitäts-Schulmeistcr Aristarch. Wie noch der Schatten des gefallenen Achill den Griechen erfolgreich gegen die Troer kämpfen half, so hat Aristarch, kann man fast sagen, sogar einen unserer modernsten und echtesten Universitätsphilologen gemacht — eben weil dieser, manchmal mit mehr Geschrei als Geist, die Homer- forschnng zur aristarchischen Ehrenrettung umzustempeln gewußt hat. Und doch hatte dieser Philologe, dessen Blüte in das Ende der 70er und dann in die 80 er Jahre fällt, für seine Zeit einen nicht so ganz unrichtigen Instinkt. Wer allenfalls auf den Gedanken kommen sollte, die Blütezeit des modernen, liberalen ProfessorentumS, hauptsächlich philologischer Richtung, zu vergleichen mit der Blütezeit des wissenschaftlichen Alcxandrinertums, wie sie im 3. Jahrhundert vor Christus einsetzte, der könnte da die schönsten Parallelen finden und schließlich entdecken, daß auch die scheinbar originalste Zeit, wenn man genauer zusieht, doch nur eine vermehrte Auflage von irgend etwas schon einmal Dagewesenem bedeutet. Nur daß jenes hochgelehrte Alexaudrincrthum, dessen wahre Verdienste durchaus nicht geschmälert werden sollen, denn doch wenigstens bedeutend temperamentvoller und offener war, als unser heutiges: fast könnte man zu dem hinkenden Vergleich mit Jsar und Würm versucht sein. War es doch, trotz aller neuläudischen Kultur, wie sie Wilamowitz so treffend gezeichnet hat, wenigstens mit einem vollen Tropfen echt griechischen Oeles gesalbt. Aber auch um so glatter und selbstherrlicher glaubte man die so durch und durch intime Homerfrage aus der Zeit heraus anfassen zu dürfen, nnd wenn wir, die Götter seien gelobt, einen rechten und echten Wildcnbruch haben, so genierte man sich damals auch nicht, aus dem Homer so eine Art ptolemäischen Wildenbruch machen zu wollen: auch nicht davor, gelegentlich daraufhin, wenn es nicht klappen wollte, Verse umzusetzen oder auch, wie es Zeuodot noch viel skrupelloser als Aristarch that, die berühmte und gepriesene Athetcse anzuwenden: d. h. Vers oder Verse einfach für unecht zu erklären. Und das war das große und berühmte Gesetz der Analogie! Ich kenne in der inneren Weltgeschichte keine größere Ironie und Komödie, als wenn in den sogen. Schotten, den aus encyklopädischen Sammlungen der Philosophenschulen, hauptsächlich der Stoa, redigierten und dann immer wieder mit neuen Zuthaten versehenen Schul- erläuterungen zu Homer, auch so ziemlich die ganze Etiquette des ausgeprägten alexandrinischen Hoflebens als Kriterium an die alten homerischen Nationalgesänge angelegt wird, um sie je nachdem rühmlich bestätigt zu finden oder auch dem alten, blinden Sänger aus der achäischen Urzeit den entsprechenden Tadel nicht zu ersparen. Daß man nicht doch auch schon bei uns, wenigstens in dem slavistischen Nordosten, trotz aller schlagenden Paralellcn, auf so etwas gekommen ist? Nun da fehlt es, abgesehen von Anderem, doch am Temperament: und dann an aller lebendigen Verbindung mit Homer selber. Homer ist tot, konnte Milamoivitz meinen, nur die Homerforschuug ist modern und vielleicht sogar populär. Unterdessen scheint übrigens auch die Homerforschung nicht nur ganz unpopulär, sondern auch unmodern geworden zu sein. Nirgends vielleicht kann man den Entwicklungsgang der deutschen Gelehrsamkeit in so interessanter, intensiver Beleuchtung verfolgen, als gerade hier. Als man am Ende des 18. Jahrhunderts, durch Rousseau angeregt, durch die Engländer, vor allem Wood, aufgerufen, auch tu Deutschland die Homerforschung aufgriff, da war noch heißblütiges Leben darin. Es waren aber auch Dichter wie Goethe nnd Schiller, dichterische Naturen wie Wiuckel- mann, Herder nnd vielleicht insgeheim sogar Wolf, die im Vordergrund standen. Der letztere griff, an dem antiquirten Zünftler Heyne vorüber, als der einzige deutsche Philologe ein: für die Homerscholicn ebenso wie für die Homerkritik. Sein Räsonncment war glänzend, aber hitzig »erstürmt und lief in zwei große, eigentlich seitab liegende, Aenßerlichkeiten aus, die allerdings seitdem zäh auf dem Plan geblieben sind: das Alter der Schrift und die Frage vom rhapsodischen Vortrag. In den Schotten aber bannte er alles, was über den Horizont philologischer Akribie damals hinausging und auch jetzt noch hinausgeht, alles unmittelbar Suchende, alles philosophisch und künstlerisch zu fassen Suchende mit dem ebenfalls bis heute noch ungezählte Male nachgclallten Anathem: oomnia armAOgiea ot allaZorioa. Gewiß: die drei Schottensammlungen nnd L in Venedig, st in Oxford), in ihrem Kern auf gemeinsame Urquellen zurückgehend, enthalten nicht nur interessante Zeitrcflexe aus der alexandrinischen Gelehrsamkeit und aus ptole- mäischem Hofleben, sondern bieten neben sehr viel Guten« auch ein geradezu monströses Beispiel dafür, in welcher Weise sich eine alte sinkende Kultur in ihrem Niedergänge an die traumhaft schön und kräftig gewordene Jugendzeit anklammert und an deren kräftigste oder auch kräftigsten Vertreter — wie an einen rettenden Balken, der vor dein Ertrinken retten soll. So wird denn auch der verschollene alte Sänger aus der Wende der Zeit, da sich im Kreise des ägäischen Meeres Europa mit Asien um die künftige Herrschaft stritt, nicht nur zum allverehrten idealen Uebermenschcu, sondern auch zum Allmenscheu der gesainten griechischen Kultur: vom hieratischen Tempelvers der ältesten Zeit bis herab zu dem blasierten, sportssüchtigen und doch wieder manchmal in den tiefsten Herzensgedanken hochreaktionären Spät- hellenismus. Als wenn ungefähr, um abermals einen stark hinkenden Vergleich zu gebrauchen, das heutige Parks sich iin Rolandslied wieder finden und dessen gewaltsam aus dem Dunkel gezerrtem Säuger einen Tempel errichten wollte: als dem ersten Heros der französischen Nation. Solche Ideen liegen freilich den Franzosen himmelweit ab — nebenbei doch immerhin ein Zeichen, daß dieselben trotz aller Reaktion wenigstens wirklich und ehrlich modern, nicht in wahnwitzigen Hallucinationen befangen sind. Wohl aber haben wir Deutsche so manches» was uns eigentlich als recht temperamentlos unmodern erscheinen lassen könnte. Doch dafür sind auch, kann man sagen, die Deutschen, das Volk der Mitte, die ideale Nation x. L., nicht da, gottlob nicht berufen. Gewiß. 1 Aber dafür beweisen sie mit ihren« immer dringlicheren 274 Sichanklammern an Goethe, mit der wachsenden Verätzung des „Dichtcrgcnies" Goethe, daß sie auch ihren wirklichen Beruf zu vergessen im Begriffe sind. Und das ist der: dem hochmodernen, sich überstürzenden Zeitdrängen das nützliche und notwendige Gegengewicht in der entsprechend reaktionären Selbstbesinnung zu stellen, in den grellenden Dythyramben-Tänzen einer gewalt- thätigen Jnsichselbstherrlichkeit einerseits und eines charakterlosen Kosmopolitismus andererseits umsomehr nach den alten unvergänglichen Idealbildern aus dem Wandel der Zeiten zu suchen und die Resultate aus diesem tief innerlich gesammelten Sichselbstbesinnen als neue Wegweiser und Leuchttürme in die noch dunklen Zeitläufte hinanszustellen. Je elementarer und zügelloser das Suchen und Tasten nach der Zukunft im Zeitwandel auftritt, mit je tieferen und kräftigeren Mitteln die Zeit nach neuen, souveränen Entwicklungen strebt: um so weiter» universeller ausholend mutz die ideale Reaktion, um so grandioser müssen die Idealbilder sein, die da noch wirksam sein können sollen! Damit wäre ich ungefähr wieder zum Anfang zurückgekommen. Gewiß: Shakespeare, eines der ewig giltigen ErdengenieS, hat ernsteste oder auch temperamentvoll hitzigste (vgl. den Shakespeare-Bacon-Streit) Pflege und Erforschung gefunden. Dante, das Genie des in feiner Universalität aufblühenden Nomanismus (Cervantes ist die Genialität des ideal sinkenden Romanismus), hat längst eine ernste» andächtige Gemeinde von Forschern und Genießenden um sich gesammelt. Aber es sind eben nur, soweit sich nicht doch manch kleinliche Eitelkeit oder gar Charlatanerie eingeschlichen hat, nur stille, weltverlorene Zirkel. Goethe aber ist und wird thatsächlich immer mehr der herrschende Olympier, der dichterische Gnade verleiht, Befähigungsnachweise vertheilt: und vielleicht in den nächsten Zeiten noch mehr privilegiertes Monopol haben wird. Die christlich-germanische Romantik aber ist versandet: und mit ihr die innerlich verwandte Homerforschung, zu der Wolf so glühende Anregung, die bewußten oder unbewußten Halbromantiker Hermann und Lachmann so schöne Anfänge gegeben hatten. Wilamowitz aber ist nochimmer eine angewunderte und mehr gescheute als geliebte und beachtete Kassandra. Und, soweit wir heute wirklich Romantik haben, wie bei Knötel und bei dem Indogermanisten Elard Meyer, der am liebsten die ganze Jlias in ein indogermanisches mythologisches Handbuch auflösen möchte, ist es brutales Pleiuair oder groteske Nacht- und Nebelromantik. Und doch müssen wir, um die Zukunft, wenigstens zunächst die Ideale der Zukunft, zu finden, gerade da hinaus, gerade in jene Landschaft zurück, die uns einstweilen der goethische Hain mit dahinter sich anstürmender Pagode versperrt: müssen wir trotz Goethe über Shakespeare und Dante zurück zu dem Griechen Homeros, dem Vielgeprüften, Vielgeliebten und Vielmißhandelten. Wenn Shakespeare die oben angegebene Synthese darstellt, so gibt Dante ein Weltbild, dessen tragende Säule, mit Ausscheiden des tragischen Humors, das sowohl der goethischen Synthese als dem großen Shakespeare fremde und dabei mit der Phantasie wunderbar vermählte christliche Ethos bildet. Homer aber vereinigt die goethische Synthese mit dem tragischen Humor Shakespears sowohl als mit einem vielfach christlich anklingenden, jedenfalls erhabenen Ethos: und steht sonach immer noch auf der höchsten Stufe der Kunst! Daß dieser Rückschlag trotz alles Trachtens und Sinnens noch lange nicht oder wenigstens bei Weitem noch nicht in der entsprechenden Weise eingetreten und im Uebrigen vielleicht sehr schwierig ist, können uns unter Anderem auch gerade die weit voraus- und rückschauenden Genialitäten Shakespeare und Goethe selbst zeigen. Denn, wenn bei Dante von einer Anknüpfung an Homer selbstverständlich keine Rede sein kann, so konnte und hat Shakespeare wenigstens auf die troische Sage, Goethe aber direkt auf die wiedererweckten homerischen Dichtungen zurückgeschlagen. Was aber Shakespeare in einzelnen seiner Historien aus der troischen Sage bietet, das gehört nicht gerade zu den besseren Auswüchsen derselben: und Goethe ist es da, wo er sich mit Homer direkt in Verbindung zu setzen suchte, fast ergangen wie dem ungeschickten Zauberlehrling. Wenn er je Fiasko gemacht hat, so hat er Fiasko gemacht mit der Fortsetzung der mit einer Achilleis verwechselten Jlias und mit dem Versuch zu der Dramatisirung der Nausikaa-Märe aus der Odyssee! Uebrigens kein Wunder: unsere große, kosmopolitisch ideal fühlende Musik hat auch bis jetzt, soweit sie Aehnliches gewagt hat, noch viel mehr daneben gefühlt. Das haben, wenigstens für die Jlias, die „Trojaner in Karthago" von Berlioz bewiesen und scheint auch die Dilogie: Achill-Klytaimestra des neuen Dresdener Heros Bungert beweisen zu wollen. Der geniale Tragöde Kleist gar, eine der Leuchten vöni beginnenden Jahrhundert, hat in seiner „Penthesilea" auch von der Achillsage ein fast abschreckendes Zerrbild geboten. Da sind wir mit Hebbels „Nibelungen" und mit verschiedenen der R. Wagncr'schen Mnsikdramen doch immerhin noch bedeutend weiter ins Germanische znrückgedrnngen. Wann diese beiden indes endlich einmal auch ernst und wahrhaft auf unsere Talent-Cultur wirken oder gar zu Rückahnnngen des deutschen VoWbewnßtscins führen werden und können, ist eine andere Frage, die, glaube ich, vielfach noch zu sehr optimistisch angeschaut wird. In der wiedererweckten Honierfrage selber aber schwankte Goethe, so rühmlich er vortrat, samt Schiller wie Pinien im Sturm. Doch für eine wahre altgriechische Reaktion fehlt es vor Allem von Seiten des Volkes und der Gebildeten vorläufig noch an allen Bedingungen. Nur in den höchsten, vielfach Volks- und auch bildnngsgetrennten (ich meine die Durchschnittsbildung) Regionen, wo man aus kräftig ringender Individualität heraus zu ahnen, sowohl die Vergangenheit als aus ihr die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Zukunft zu ahnen begonnen hat, vollziehen sich in aller Stille manche Vorbedingungen für künftige heilsame Einflüsse aus der Vergangenheit. Und manches, was man vielfach noch als gar nicht oder nur halb verstandene Modesache und Tändelei oder auch, von modernen Alfgespenstern geschreckt, betreibt, könnte, richtig gefaßt und entwickelt, dazu führen, auch einmal breitere, gesündere Fundamente für die notwendigen Entwicklungsgänge zu finden. Und fast glaube ich, daß es einstmals zwei durchaus extreme Erscheinungen sein könnten: das elementare Volkserwachen, das durch die socialistische Massenentwiülnng und -Organisation immer mehr herausgetrieben wird, und die hohe Jndividnalitäts- knltnr, die durch Verseichinng der Dnrchschnittsbildnng immer tiefer und zugleich mehr verbreitet werden muß, die den Hemmstein jeder größeren Entwicklung, unsere breite, verflachte Durchschnittsbildnng, entweder zerreiben oder die notwendigen, guten Elemente assimilierend in sich aufnehmen und so zu den neuen Entwicklungen mit- sortreißcn würden. Thatsächlich liegt hier eine Ent- 275 scheidung: und durch das Säkular-Genie Bismarck ist ja, wo sie noch nicht am Ruder war, überall die bildungs- tüchtige Mittelmäßigkeit ans Ruder gekommen: so hat es neulich erst Paul Garin, trotzdem ein Würdiger Bis- marcks, in seinen „Dulcamara" gesagt: und Goethe ist znm Idol und zum Palladium der bildungstüchtigen Mittelmäßigkeit geworden: so sagt es jetzt auch der modern denkende Scrvaesi (Schluß folgt.) Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcnlarfeier der Einweihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697. Von I. M. Förster. (Schluß.) Kurze Beschreibung der Jubilciums-Feierlich- keiten von 169??°) Zur würdigen Begehung hatte man schon früher den Anfang gemacht durch Restaurirung der Kirche» ihrer Kapellen und des Kollegiums: Erneuerung der Orgel, Vergrößerung einzelner Fenster, Neu-Anfertigung von acht Altären, „deren zween auß köstlichem Marmel, sechs miß Stuckador, dem Marmor ähnlich seynd." — An den Wänden des Collegiums und Gymnasiums waren drei „Ehrenbögen" errichtet, und zwar der erste, dem Herzog Wilhelm und dessen durchlauchtigster Nachkommenschaft gewidmet, von der Gesellschaft Jesu, der zweite und dritte, mit gleicher Widmung, theils von neun Bruderschaften, theils von der studirenden Jugend aufgestellt. Für die Dauer des Jubiläums hatte Se. Heiligkeit Papst Jnnocenz XII. einen vollkommenen Ablaß verliehen. Die Feier selbst wurde am Vorabende, Samstag den 6. Juli, durch einstündiges Geläute mit allen Glocken eingeleitet, worauf der Regensburger Wcihbischof und Bischof von Laodicea i. p. i. Albrecht Ernst Graf von Wartenberg die Vesper hielt; nachdem er vorher das Allerheiligste in einer Monstranz, „so wegen puren Gold, häuffigen Kleynodien vnd Edlgestainen allein einen Schatz machet", zur Anbetung ausgesetzt hatte. Am Sonntag den ?. Juli wurden früh halb 5 Uhr mit dem ersten Glockenschlage von den beiden Thürmen der (damaligen) Haupt- und Stifts- (jetzt Metropolitan-) Kirche U. L. Frau zwölf kleine Stücke gelöst, denen alsdann 24 schwere Stücke auf den Wällen beim Neuhauser- thor antworteten. Um halb 8 Uhr hielt obengenanuter Bischof Wartenberg das Hochamt, „bey welchem sich ein unzählbares Volck sehen lassen, nit allein von der Statt München, sonder auch auß dem übrigen Bayrland, Saltzburg, Oesterreich, Tyrol vnnd Schwaben": während des Hochamts hielt Abt Balduin des Cistercienserklostcrs Fürstenfeld die (erste) Predigt, wie auch Nachmittags in pontiüoalibua die Vesper. Zur Anbetung des den ganzen Tag über ausgesetzten Allerheiligsten hatten die verschiedenen Bruderschaften, die studireude Jugend und andere fromme Vereinigungen der Stadt die Stunden unter sich vertheilt und zog „zu jeder Stund ein andere Schaar der Bettenden mit vorgetragenen heiligen Creutz vndt Wappen - Schildten in dem vorderen Kirchen Chor aufs". Die für diesen Tag projectirte Procession mußte wegen Negenwettcrs auf den Dinstag verschoben werden. °°) Vergl. darüber: „Erstes Jubeljahr oder hundertjähriger Wcltgang von dem hochlöblichen LolloZüo der Gesellschaft Jesu im Jahre 1697". S. 265-281. Die Litanei um 8 Uhr Abends dagegen wurde im Freie» abgehalten und das Allerheiligste auf dem Ehrenbogen vor dem Gymnasium ausgesetzt. Am Montag riefen, wie an den folgenden Tages, die Glocken schon um halb 5 Uhr früh zur Fortsetzung des Festes. Um halb 8 Uhr hielt Abt Balduin von Fürstenfeld das Hochamt, während desselben k. Leopold Gramiller Augustinerordens (in München) die Predigt. Um 1 Uhr begann die „Comödi: der hl. Erzengel Michael, der Erzfeldherr, der gegen Gottlosigkeit, Götzendienst und Ketzerei kämpfenden Kirche", welche an 5 Stunden dauerte. Am Dinstag hielt das Hochamt Abt Eliland von Benediktbcuren, die Predigt k. Amadeus Hamilton aus dem Theatinerorden: um halb 11 Uhr wurden im Hofe des größeren Gymnasiums 72 alte Männer ausgespeist, von denen nach dem Essen, „bey dem ihnen einer auß unfern katribuo auffgewartet", jeder 1 Gulden rh. auf die Hand bekam. Um halb 3 Uhr hielt Abt Eli.'and die Vesper, nach derselben fand feierliche Procession statt. Dieselbe war anfänglich nur für den Umkreis der Kirche und des Collegiums beschränkt gedacht, nahm aber wegen des überaus großen Antheils, den Klerus und Volk an der Jubelfeier nahmen, und namentlich auf besondere» Wunsch des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln Josef Clemens (Bruders des Kurfürsten Max Emauuel) ihren Weg durch die Hauptstraßen der Stadt, in welcher „die ehrsame Burgerschafft in dem Gewöhr (Spalier) stunde, vnd, da man bey der Kirchen 8. Mcllaelis widerumb angelangt vnnd das Ambrosianische Lobgesang angestimmet, mit dreymahligem 8alvo ein annehmlich brummende Glück- wünschuug abgelegt. Auff den Musquetten-Gruß folgten 12 klainere von bayden vnser lieben Frauen Thürmen vnd viervndzwaiutzig große Stuck ab den umbligeuden Wällen bey der Neuhauser Pforten." Abends 8 Uhr war auf dem Gymnasiumsplatz, wie alle Tage während der Festoctave, gesungene Litanei. Am Mittwoch hielt Abt Bernhard von Tegerusee das Pontifikalamt, k. Paschalius Stozinger Franziskaner- ordens die Predigt. Um 11 Uhr wurden 72 arme Frauen ausgespeist und je mit 1 st. beschenkt. Um halb 3 Uhr war Vesper, nach derselben theophorische Procession der Congregationen der Herren und Bürger, der Junggesellen und der Lehrjuugen, wobei Abt Bernard das Allerheiligste trug. Das Pontifikalamt am Donnerstag celebrirte Mt Quiriu von Andechs, die Festpredigt hielt k. Claudius vom hl. Joses Carmeliterordens; am Freitag celebrirte Abt Cölestin von Kloster Scheyern, während k. Naphael Giuding Kapuzinerordens predigte. An diesem Tage fand die „Hauptcomödi" statt, welche fast 6 Stunden dauerte, weil an deren Ende die Preisevertheiluug an die studirende Jugend stattfand. — Am Samstag celebrirte der Propst Valerins von Polling das Hochamt und predigte k. Johann Pleyer Paulanerordeus. Am Sonntag den 14. Juli erfolgte der feierliche Schluß der Festoctave, wobei die Beichtstühle schon von halb 5 Uhr an belagert waren. Das Pontifikalamt hielt der iufulirte Propst von U. L. Frau, Josef Max Emauuel Neichsfreiherr von Ow, die Predigt k. Ferdinand Schöu- wetter 8. 3., „der Kirchen 8. Mastaalis Orlliimri Prediger". Nach der von genanntem Propste gehaltenen Vesper war öffentliche Procession, bei welcher die hochadelige Nitterbruderschaft St. Georg (welche erst vor. JS. in der Hof- und CollegiatsiiMirche St. CajetaL. ihr 276 400jähriges Jubiläum gehalten), die kurfürstl. Erzbruderschaft der Abgestorbenen im Alten Hof (jetzt Allerseelenbruderschaft, ebenfalls bei St. Cajetan) und die drei Studentencongregationen das Allerheiligste geleiteten. Nach dem Einzüge in der Michaelskirche war 1?6 Donna, an dessen Ende „die kleinern Stuck von den unser lieben Frauen Thürmen vnnd daraufs 24 von den Wällen ge- löset wurden". — Am Montag und Erchtag wurde die „Com'ödt" noch zweimal aufgeführt und wohnte der letzten Aufführung auch der Kurprinz an. Während der Festoctave empfingen allein in der St. Michaelskirche 24,000 Personen die hl. Communion und wurden über 1200 hl. Messen gelesen. » Die heurige dreihundertjährige Jubelfeier bewegte sich in bescheideneren Grenzen, umsomehr, als die Jesuiten, welche damals die freundlichen Hausherren waren, infolge der bekannten Verhältnisse nicht einmal als Gäste erscheinen konnten. Das Jubiläum nahm die Tage vom 27. mit 29. Juni in Anspruch. » » » DieHeilthümer und der (frühere)Kirchenschatz der Michaelskirche. Der Reichthum der Michaelskirche an Reliquien war außerordentlich groß: ihre Zahl betrug über 500 Einzelstücke von zusammen 266 Heiligen und heiligen Orten, zu deren Aufbewahrung 17 Tabernakel, 31 Schädelkisfen, 24 Reliqmenkästchen, 34 Monstranzen und Osteusorien, sowie 12 Crucifixe dienten. Die hauptsächlichsten dieser Reliquien sind: ein großer und einige kleine Kreuzpartikel: ein großer Dorn von der Krone Christi mit Blutstropfen, etwas von den Kleidern, dem Schleier und den Haaren der hl. Maria; letztere, welche Bischof Benno von Osnabrück aus Jerusalem gebracht hatte, schenkte der spätere Besitzer. Albrecht Ernst Graf von Wartenberg, Dompropst zu Köln und Weihbischof von Regensburg. ,.J. 1678 an den damaligen Rector des Collegiums, Wilhelm Gumppen- berg; je 2 Partikel der beiden Apostelfürsten; ein Zahn des hl. Jgnatius und ein Stückchen Fleisch vom Leibe des hl. Franz Xaver, an den Büsten der Heiligen auf deren Altären; endlich fast die ganzen Leiber der hl. Märtyrer Cosmas und Damian. Die Leiber hatte Erzbischof Ädaldag von Bremen 965 von einer Romfahrt dorthinge- bracht, wo sie jahrhundertelang in gebührender Weise verehrt wurden. Als aber die Reformation dort eindrang, wurden sie sammt dem kunstvollen Schranke, der sie umschloß (und aus dem Jahre 1400 stammte) in einer Truhe in einen finstern Winkel des Domes gesteckt, wo mau ihrer ganz vergaß. Kurfürst Max I. aber erinnerte sich ihrer, bewarb sich um sie, erhielt sie von deni Verwahrer der Reliquien in Norddeutschland, dem Bischof Franz Wilhelm zu Osnabrück, Münster. Werden nud Regens- bnrg, und ließ sie, nachdem ihre Echtheit coustatirt worden war. nach München verbringen, wo sie im Frühjahre 1649 ankamen. Hier erfolgte nun die Vereinigung der heiligen Leiber mit den Häuptern, welche Kaiser Heinrich II. bei seiner Krönung von Papst Benedikt VIII. zum Geschenke erhalten und seinerseits wieder der Domkirche zu Bam- bcrg geschenkt hatte. Als nun der dortige Bischof Johann Gottfried von seinen protestantischen Unterthanen stark bedrängt wurde, brachte ihm Herzog Wilhelm V. Schutz und Hilfe, und zum Tanke hiefür verehrte ihm der Bischof die Häupter der Heiligen Cosmas und Damian, welche nun 1649 mit den Leibern wieder vereint wurden. Am 26. September 1649 wurden die sorgfältig geordneten Reliquien in ihrem kunstvollen Schreine aus der Residenz- (jcht alten) Kapelle in die Kirche des (jetzt dcmolirten, au, dein jetzigen Maximiliansplatze befindlich gewesene'.:) KapuzinertEsters verbracht, wo die ehrm. Vater die Nacht über Ehrenwache hielten. Am Eediichtnisstage der Heiligen feinst erfolgte dann in feierlicher Weife die Ucbertragung ch'.cr Reliquien in die Michaelskirche, wo sie auf den hl. Kren a!wr ni'-dexgcse.ck wurden und ausgesetzt blieben bis WW.JMe 1V19 . m welchem Jahre derselbe, welcher sich unten an den Chorstufen befunden hatte, entfernt wurde, was die Transserirnng der Reliquien auf den Peter- Paul-Altar — der oft irrthümlich auch Cosmas-Damian- Altar genannt wird — zur Folge hatte. Was den eigentlichen Kirchenschatz betrifft, der theils bei Aufhebung der Jesuiten, hauptsächlich aber zu Anfang dieses Jahrhunderts — in die Münze wanderte, so kann man sich daraus einen Begriff machen, daß zur Zeit der Säcularisation derselbe auf nicht weniger als 37 Pfund reines Gold und 62 Centner Silber geschätzt wurde, der Edelsteine und anderer Kostbarkeiten unge rechnet. Galt doch die Monstranze. welche die Kurfürstw Maria Anna im Jahre 1665 in die Kirche stiftete, wegen «puren Goldes, häufiger Kleinodien und Edelgesteine allein für einen Schatz" und wurde damals auf 16,000 fl. (mindestens 150,000 Mark) bewerthet. Ein Verzeichniß der Kirchengerätbe aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts zählt an Silber 26 Kelche mit Patenen, 30 Kännchen, 7 Platten und Schüsseln. 5 Hostienbüchsen, 44 Leuchter, 2 Crucifixe, 5 Rauchfässer rc. rc. auf. — Dazu kamen dann die Geschenke im 17. und 18. Jahrhundert, die kostbaren, von den Landesherren, ihren Gemahlinnen und Verwandten. Adeligen und reichen Bürgern gestifteten kunstreichen und werthvollen Ornate, so daß die Diöcesan- beschreibung von 1738 «von dem ungeheuren Schatze der Kirche an Gold nnd Silber und dem großen Werthe der in reichlichem Maße (adunäanter) vorhandenen werth- vollen Statuen. Paramente" u. A. spricht. Die ehemalige Stiftskirche zum heiligen Geist und die LibliotLsea Platina in Heidelberg. Von Frz. Jac. Schmitt. Architekt in München. Die heute noch bestehende Kirche zum heiligen Geist in Heidelberg ist mit der ursprünglichen Bestimmung errichtet, die Universitäts-Bibliothek aufzunehmen, und dürfte dadurch wohl das älteste der Aufstellung einer öffentlichen Bibliothek gewidmete Bauwerk in Deutschland bilden. Wohl reichen die Kloster-Bibliotheken sehr weit in unserer Zeitrechnung zurück, doch waren diese eben keine öffentlichen» und dadurch fiel auch für die Mönche die Nothwendigkeit weg, eigens dafür bestimmte Bauten herzustellen. Im Jahre 1239 geschieht die erste urkundliche Erwähnung der Kirche zum heiligen Geist in Heidelberg beim nahen Cisterzienser-Kloster zu Sauet Maria ii> Schönau; damals war sie noch eine Tochterkirche der Heidelberger St. Peters-Pfarrkirche. Höchst wahrscheinlich ifi es, daß die Heidelberger erste Heiliggeist-Kirche in Verbindung mit einem Hospitale stand, wie dies für Mainz seit 1145, Bingen seit 1167, Pfnlleiidorf in Baden seit 1220, Oppenheim am Rhein seit 1280, Villingcn im Schwarzwalde seit 1280, Frankfurt am Main, Pforzheim in Baden, Freiburg im Breisgau, Waldshnt am Rhein, sowie München nnd Landshut an der Jsar urkundlich feststeht. Zu Ende des 12. Jahrhunderts stiftete Guido von Montpellier einen klösterlichen Convent für Männer und Frauen unter der Regel des heiligen Alignstiims, zur Pflege der Kranken nnd zur Ehre des heiligen Geistes. Papst Jnnocenz III. bestätigte nicht nur 1198 diese Stiftung, sondern ließ auch in Rom die Kirche und Gebäude bei Santa Maria in Sassia zu einem solchen Hospitale einrichten und berief dahin den Stifter und dessen Bruder von Montpellier. Diese Art Hospitäler verbreitete sich bald in Deutschland, das zu Rom blieb aber das Mutterhaus. In diesen Hospitälern war nicht allein für die leibliche, sondern auch für die Seelenpflege gesorgt, indem mit diesen Anstalten Kapellen und selbst Kirchen, deren Altäre von einer entsprechenden Zahl von Geistlichen versorgt wurden, verbunden waren. Sehr wohl 277 möglich ist es daher, daß die erste Heiliggeist-Kirche in Heidelberg, nebst zugehörigem Hospital, bereits durch den ersten Pfalzgrafen bei Rhein, Konrad von Hohenstanfen (1155 — 1195), den Bruder Kaiser Friedrichs I., der auf der Stelle des jetzigen alten Schlosses seine Burg hatte, erbaut worden ist. Im Jahre 1386, zur Zeit Kaiser Karls IV., ward unter Pfalzgraf und Kurfürst Ruprecht I. (1353—1390) die Universität in Heidelberg gestiftet, und es fand die kirchliche Eröffnungsfeier am 18. Oktober in der vormaligen Heiliggeist-Kirche durch den Magister und Doctor der Theologie Reginaldus, Cisterzieusermönch aus der Abtei Alva im Bisthum Lüttich, statt. Die unter Anrufung des göttlichen Segens eröffnete Hochschule erfreute sich während der trefflichen Leitung ihres ersten Rectors» Magister und Dr. tüaol. Marsilins ab Jnghem, bald eines solchen Zulaufes, daß man schon nach wenigen Jahren mehr als 500 Studenten zählte. Die Stiftungsurkunde von 1386 ertheilte auch den Buchhändlern, Bücherabschreibern, Pergamentbereitem und Illuminatoren große Freiheiten und nahm sie mit in die Privilegien der Universität auf. Kurfürst Ruprecht II. (1390—1398), der Neffe Ruprechts I., ließ 1390 die Juden vertreiben, welche durch Wucher den Haß der Bevölkerung anf sich geladen hatten, schenkte ihre Häuser der Universität, ihre Schule wurde zu einem Auditorium gemacht und ihre zum Theil sehr kostbaren orientalischen Codices der Universität gleichfalls als Eigenthum übergeben. Pfalzgraf Rnpprecht III. kam 1398 zur kurfürstlichen Regierung (von 1400—1410 war er deutscher Kaiser); alsbald faßte er den Entschluß, zum Besten der neugegründeten Hochschule ein Collegiatstift in der bestehenden Kirche zum heiligen Geiste zu errichten, und auf seinen Antrag willigte Papst Bonifacius IX. ein, daß im Jahre 1399 zu diesem Zwecke zwölf ansehnliche Pfründen von den Stiften zu Worms, Speyer, Neuhausen bei Worms, Mosbach und Wimpfen im Thale genommen und der Heiliggeist-Stiftskirche einverleibt wurden. Der genannte Papst hob auch durch eine besondere Bulle die bisherige Verbindung der Heiliggeist-Kirche mit der Heidelberger Sanct Peters-Pfarrkirche auf und erlaubte, daß von den 16 Präbeneu, womit der Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz das von ihm errichtete Collegiatstift zu Sanct Aegidius in Neustadt an der Haardt versehen, noch vier genommen und damit die Einkünfte des neuen Stiftes zum heiligen Geiste gebessert würden. Ruprecht III. starb 1410, sein Nachfolger in der Kur, Ludwig III., führte des Vaters Lieblingsidee voller Pietät weiter und war im Jahre 1413 mit der Einrichtung des Stiftes fertig, was er durch eine feierlich erlassene Urkunde bekannt machte. Der Kurfürst ernannte dazu von den Mitgliedern der Universität 12 Canouiken und ebensoviele Vicarien; davon wurden den ersteren ob- genannte Pfründen und letzteren die Einkünfte besonderer Altäre ertheilt. Nunmehr sprach man nur noch vom Königlichen Stifte, znr Ehre seines fürstlichen Gründers, Ruprechts von der Pfalz, welchen man auch mit seiner Gemahlin Elisabeth, Bnrggräfin von Nürnberg, im Chöre des Kirchen-Neubaues beisetzte. Leider ist von dem Sandstein-Denkmal nur der Deckel mit den beiden Figuren im Hochrelief erhalten und heute im Chorumgange der Heiliggeist-Kirche eingemauert. Die historischen Nachrichten über diesen Neubau sind leider überaus spärlich, und dadurch ergibt sich die nothwendige Folge, aus dem Baudenkmale selbst, dessen Geschichte zu entziffern. Im jetzt existircnden Kircheuban zum heiligen Geist ist von dem älteren Baue nichts mehr erhalten; doch läßt sich annehmen, daß dies eine kleine romanische Kirche vom Ende des 12. Jahrhunderts gewesen sein mag, welche mit der Benediktiner-Klosterkirche zu St. Michael auf dem nahen Heiligcnberge wohl die dreischiffige Basilikenform dürfte gemein gehabt haben. Der im Stile der Gothik erfolgte Neubau der Heidelberger Heiliggeist-Kirche steht in baulichem Zusammenhange niit der ehemaligen Liebfrauen-Stiftskirche in Worms und mit der ehemaligen St. Aegidien-Stiftskirche in Neustadt an der Haardt. Die Dompröpste von Worms waren gleichsam eo ipso Kanzler der Universität „Rupertina" in Heidelberg; so hat denn bereits 1396, also 10 Jahre nach Gründung der Universität, Conrad von Gelnhausen, Dompropst zu Worms, seine Bibliothek der Hochschule vermacht. Schon im Jahre 1298 wurde an der Liebfrauen-Kirche zu Worms ein Collegiatstift gegründet; eine Inschrift im nördlichen Seitenschiffe gibt 1468 als das Jahr der Weihe an, doch bezieht sich dies offenbar auf die gänzliche Vollendung der heute noch existirenden dreischiffigen, kreuzförmigen, gewölbten Basilika, der zwei mit Hausteinhelmen versehenen Westthürme und vorgelegter, nach drei Seiten offener, gewölbter Vorhalle, des dreischiffigen Chores nebst Chorumganges. Dieser Wormser Liebfranen-Chor hat genau dieselbe Grundriß«' form, wie die Heiliggeist-Kirche in Heidelberg, einen a/g geschlossenen Umgang um den ^ geschlossenen inneren Chorranm. Wohl sind uns historische Daten überliefert, wonach der alljährliche Zusammenfluß von Wallfahrenden so zugenommen habe, daß die Wormser Bürgerschaft und namentlich die Zünfte 1467 beschlossen hätten, eine noch größere Kirche beim Liebfraueu-Stifte zu erbauen; doch darf man wohl annehmen, daß sich dies nur auf Langhaus und Querschiff bezogen hat, nicht aber auch auf den Chor, der sicherlich bald nach der 1298 erfolgten Errichtung des Collegiat-Stiftes seine heute noch vorhandene Disposition erhalten haben wird. So erklärt es sich denn auch sehr leicht, daß der Wormser Dom- propst, welcher zugleich Propst beiin dortigen Liebfrauen- Stiste war, als Kanzler der Universität Heidelberg dem Kurfürsten von der Pfalz für den Neubau der eben gegründeten Collegiat-Stiftskirche zum heiligen Geiste die in Worms bereits existirende Anlage, welche sich bewährt hatte, zur Nachahmung empfahl. Da das Collegiatstift zu St. Aegidien in Neustadt a. d. Haardt bereits 1354 gegründet wurde, so fand hier die Bauthätigkeit für die Stiftskirche früher als in Heidelberg statt, und dies beweisen denn auch die Bau- formen beider Anlagen. Neustadt lieferte die Baumotive für die Behandlung der Architektur; das Langhaus ist hier als dreischiffige, gewölbte Sänlen-Bastlika angelegt, die Kapitäle haben runde Form, wie in der Liebftauen- Kirche zu Trier, doch fehlt der hier angebrachte Blättcr- kranz, so daß nur glatte Plättchcn mit Nnndstäbchcn und Hohlkehlen abwechseln. Ganz die gleichen ornament- losen Kapitälkämpfer, wie St. Aegidien in Neustadt, zeigt der Chor der Heiliggeist-Kirche zu Heidelberg bei der Gestaltung in Hallenform. Der Chor der Wormser Liebfrauen-Kirche hatte die Basilikenform erhalten, der über gleichem Grundrisse errichtete Chor der .Heidelberger Heiliggeist-Kirche hat die Hallenform, und zwar um deßwillen, weil das Langhaus behufs Aufnahme der Uni- versitäts-Bibliothck drei gleich hohe Schiffe mit eingebauten gewölbten Emporen erhalten mußte. Wie die Ausführung beweist, ist dies Bauprogramm ursprünglich 278 aufgestellt und auch ganz logisch und consequent zur Durchführung gekommen. Hatte man aber ein Langhaus mit drei gleich hohen Kirchenschiffen unter einem gemeinsamen Satteldache, so konnte man unmöglich, beim Fehlen eines Querschiffes, den Chor anders wie als Hallenkirche bilden. Wenn man das Innere der Heidelberger Hciliggeist-Kirche besichtigt, so erscheint uns das Langhaus mit drei Schiffen von gleicher Breite, was nur geschah, um den auf den zwei Emporen angelegten Bibliothek-Räumen eine möglichst große Grundfläche zu bieten. Da aber der Gottesdienst des Collegiat-Stiftes ein derart gewonnenes schmales Mittelschiff als unzweckmäßig nicht gebrauchen konnte, so hat man vom Triumphbogen an das Hauptschiff deS Chores entsprechend verbreitert, dort hat es 6 Meter und hier 8 Meter 50 Centi- meter zur lichten Weite. Ein unten viereckiger Thurm von der Mittelschiffbreite schließt das Langhaus nach Westen ab; ehedem spannte sich eine äußere, auf zierlichen Hausteinrippen gewölbte Vorhalle zwischen den zwei westlichen Thurmstreben ein und bildete vor dem Hauptortale der Kirche eine offene Laube nach Art der- euigen, welche wir heute noch an St. Sobald in Nürnberg als sogenannte Brautthür bewundern. Auch an oer Nordseite war eine ähnliche offene Laube vor einem der Seitenportale, angelegt; die Ansätze der Sandstein- rippen des Gewölbes sind an den betreffenden zwei Strebepfeilern heute noch zu sehen, das Portal selbst ist aber verschwunden, wie denn jetzt das ganze Bauwerk kein einziges Portal gothischen Stiles mehr besitzt; die heutigen gehören sämmtlich einer späteren Zeit an und sind in schlicht klassischen Formen hergestellt. (Schluß folgt.) Die Bildung der Theologen. -s- Aus Bayern. Professor Dr. Schell spricht sich an mehreren Stellen seiner vielgenannten Broschüre wegwerfend über die Seminarien und Lyceen aus, nimmt die Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit des Unterrichts für die theologischen Universitätsfacultäten allein in Anspruch und sieht offenbar die an solchen „weltabgeschiedenen" Anstalten gebildeten Theologen als solche zweiten und dritten Ranges an. Die „Mediocrits seminaristischer Systematik", von welcher S. 20 die Rede ist, kann wohl nicht anders verstanden werden. Seite 24 wird von Theologen gesprochen, die sich in „soliden Lehrseminarien ihre correcte Glaubenswissenschaft nach ganz bewährten Lehrbüchern und approbirten Collegheften tüchtig einprägen müssen". Auch sonst wird mit einer sehr vernehmlichen Anspielung von einer „herrschenden Schultheologie, von bestgemeinter Ascese" gesprochen (S. 52) und werden die Seminarien mit „geistiger Genügsamkeit" in Verbindung gebracht (S. 73). Die Universitäten allein sind erfüllt mit dem germanischen Nationalgeist gegenüber „der romanischen Rlchtmm, welche seit Jahrzehnten in der Anreola echtester Kirchlichkeit unserem deutschen Klerus vom Seminar aus empfohlen und gepriesen wird". „Glaubt man etwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lehrseminarien sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den Uni- versitätsfacultäten gleich- oderuahestehende (!) Hochschulen Z" ' ; (Seite 21.) i Schell schreibt für Deutsche und über deutsche i Verhältnisse. Wir wissen wohl, daß die Auffassung z. B. ) französischer Bischöfe über die theologische Bildung des ^ Klerus nicht alleweg auf der Höhe sichi, obwohl auch hier bei uns sehr gerne dort beobachtete Uebelstände verallgemeinert werden; aber wir glauben, es sei für die deutschen Bischöfe, welche mit so vielen Opfern und Sorgen sich Seminarien eingerichtet haben und dieselben von Jahr zu Jahr nach Möglichkeit zu heben und zu vervollkommnen sich bemühen, der Vorwurf unberechtigt» sie wollten ihren Klerus in „geistiger Genügsamkeit" absichtlich erhalten. Schell nenne doch Namen oder Thatsachen! Es ist ja richtig, daß diese Anstalten (Seminarien und Lyceen) Mängel haben, aber die theologischen Universitätsfacultäten haben sie auch. Schell sieht die Splitter im Auge Anderer — er möge nur die Balken im eigenen Auge nicht übersehen, sonst müßten ihn Andere darauf aufmerksam machen. Es kommen von den Universitäten Theologen an die Lyceen und Seminarien, und von diesen solche an die Universitäten. Es werden von ihnen Vergleiche gemacht über die hier und dort gehörten Collegien, und diese fallen nicht immer zu Un- gunsten der „abgeschiedenen" Anstalten aus. Seminarund Universitätstheologen machen vielerorts gemeinsam dieselben Prüfungen — können die Ersteren nicht concurriren, oder sind sie immer die letzten? Schell docirt an einer bayerischen Universität und sieht auch mit mitleidigem Blick auf die bayerischen Lyceen herab. Es darf jedoch sehr bezweifelt werden, ob Schell je sich davon überzeugt hat, welcher StudienLetrieb dort herrscht, denn sonst könnte er wohl nicht das Monopol der Wissenschaftlichkeit und der „tieferen Ausbildung" für die theologischen Universitätsfacultäten allein in Anspruch nehmen. Wir wollen im Nachfolgenden hiervon eine Skizze geben und weisen noch besonders auf die philosophischen und naturwissenschaftlichen Fächer hiu, bemerken auch, daß vor ein paar Jahren Schell's Naine ' auf dem Neclamezettel für naturwissenschaftliche Exkurse eines Dilettanten stand, dessen Leistungen uns in Fachkreisen nur compromittiren konnten. Der Theologe eines Lyceums macht folgenden Bildungsgang: I. Philosophischer Curs. 1 . Philosophie (Logik, Noötik, allgemeine Metaphysik, Naturphilosophie, Psychologie, Theodicee) in wöchentlich 8 Stunden. 2. Experimentalphysik in wöchentlich 6 Stunden. 3. Chemie (anorganische) wöchentlich 4 Stunden. (I. Sem.) 4. Botanik wöchentlich 4 Stunden. (II. Sem.) 5. Profangeschichte wöchentlich 4 Stunden. 6. Philologie (Lectüre eines heidnischen oder christlichen Klassikers) wöchentlich 2 Stunden. I. Theologischer Curs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Kirchengeschichte wöchentlich 3 Stunden. 3. Biblische Hermeneutik wöchentl. 2 Stunden. (I.Sem.) 4. Biblische Archäologie wöchentl. 2 Stunden. (II. Sem.) 5. Hebräisch (Grammatik u. Lectüre) wöchentl. 2 Stund. 6. Geschichte der Philosophie wöchentlich 2 Stunden. 7. Moral- und Socialphilosophie wöchentl. 2 Stunden. 8. Geologie wöchentlich 3 Stunden. (II. Sem.) 9. Zoologie und physische Anthropologie wöchentlich 3 Stunden. (I. Sein.) 10. Kunstgeschichte wöchentlich 2 Stunde». 11. Patrologie wöchentlich 2 Stunden. II. Theologischer Curs. 1 . Dogmatik wöchentlich 6 Stunden > 279 2. Moraltheologie wöchentlich 4 Stunden. 3. Kirchenrecht wöchentlich 4 Stunden. 4. Kirchengerichte wöchentlich 3 Stunden. 5. Exegese wöchentlich 3 Stunden. 6. Einleitung in's Alte Testament wöchentl. 2 Stunden. (I. Sem.) 7. Litnrgik wöchentlich 2 Stunden. 8. Homiletik (Theorie) wöchentlich 2 Stunden. III. Theologischer Kurs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Moraltheologie wöchentlich 4 Stunden. 3. Kirchenrecht wöchentlich 4 Stunden. 4. Exegese wöchentlich 3 Stunden. 5. Einleitung in's Neue Testament wöchentlich 2 Stunden. (I. Sem.) 6. Litnrgik wöchentlich 2 Stunden. 7. Pädagogik wöchentlich 1 Stunde. 8. Pastoraltheologie wöchentlich 6 Stunden. (II. Sem.) 9. Homiletik (Uebungen) wöchentlich 1 Stunde. IV. Theologischer Curs. 1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden. 2. Pastoraltheologie wöchentlich 6 Stunden. 3. Katechet!! wöchentlich 2 Stunden. 4. Rubrizistik wöchentlich 2 Stunden. Facultativ für sämmtliche Curse ist die Thomas- lectüre, wöchentlich 1 bis 2 Stunden. Alle anderen Fächer sind obligatorisch, und es muß aus denselben in jedem Semester ein Examen, das nicht bloß zum Schein abgenommen wird, bestanden werden. Der Collegien- besuch ist strenge vorgeschrieben und ist der regelmäßigste. Hoffentlich wird dies und das Examen in den Augen Schells nicht eben ein Mangel sein. Da die Ferien kürzer sind gegenüber den Universitäten, steht ein Monat mehr Zeit jährlich zur Verfügung. Sämmtliche Fächer werden von Professoren gelesen, welche die akademischen Grade sich erworben haben. Sie lesen auch alle nach eigenen Heften oder nach von ihnen verfaßten Lehrbüchern. Wir haben hier den Studiengang- eines bestimmten bayerischen Lyceums skizzivt. Es bestehen unter den verschiedenen Lyceen Abweichungen, aber sie sind untergeordneter Natur. Die obige Skizze kann als Typus des Studiengangs an den bayerischen theologischen Fachschulen bezeichnet werden. Es wird gut sein, wenn weitere Kreise — wir bitten die katholische Presse darum, die obige Skizze unverkürzt weiter zu verbreiten — Kenntniß erhalten von diesen Dingen. Man darf sich damit vor aller Welt sehen lassen. Die Anklagen Schells richten sich gegen die Seminarien und Lyceen als solche, sie treffen auch die Kirche, welche die Errichtung dieser Anstalten bis auf den heutigen Tag vorschreibt und die Bischöfe beim Amtsantritt unter Eid dazu verpflichtet, sie zu erhalten. Diese Lyceen haben Resultate erzielt, die hinter jenen der Universitäts-Facul- täten nicht zurückstehen; sie brauchen sich also auch nicht vor aller Welt als Winkelanstalten, an denen ein armseliger Unterricht von theologischen Fachhandwerkern betrieben wird, hinstellen zu lassen. Es ist von ihnen noch kein Angriff erfolgt gegen die theologischen Facultäten, sie dürfen also auch bitten, von jener Seite in Ruhe gelassen zu werden. Mit den Lyceen und Seminarien ist auch der an ihnen gebildete Klerus, als wäre er wissenschaftlich zweiter oder dritter Qualität, herabgewürdigt. Herr Professor Schell möge angeben, an welcher deutschen Universität der Theologe eine intensivere und eine allseitigere Ausbildung erhält. Sein specielles Fach (Apologetik) fehlt ja in obiger Skizze, aber er weiß auch, daß, wo Philosophie, Dogmatik und Natnrwissenschaft gründlich docirt und studirt werden, die Apologetik wegfallen kann. Dafür ist aber im obigen Plan gesorgt. Ob Schell seine Anklagen zurücknehmen will, wissen wir nicht. Aber der Ueberzeugung sind wir, daß weder der Jurist, noch der Mediciner sagen kann, er habe für seinen Beruf an der Universität eine tüchtigere und allseitigere Bildung empfangen, als der Theologe am Lyceum oder Seminar. Es ist nicht die Aufgabe der Seminarien, gelehrte Fachtheologen zu bilden, sondern die, eine solide Ausbildung zu geben für den Beruf und eine sichere und feste Grundlage für spätere theologische Weiterbildung. Können die theologischen Facultäten Anderes leisten? Sie haben auch Anfänger vor sich und müssen ihnen die Elemente vermitteln, sehr häufig sogar in kürzerer Zeit und unter manch anderen ungünstigeren Verhältnissen. Ob die weltlichen Facultäten die Lyceen als sich und den theologischen Universitäts-Facultäten gleich- oder nahestehend ansehen wollen oder nicht, kann gleichgültig sein. Auf eine objective Würdigung der Dinge verzichten sie, wenn sie es nicht thun. Wenn Schell auf deren allerdings übliches Herabsehen Gewicht legt, so können wir ihm verrathen, daß sie auch vielfach die theologischen Facultäten nicht als ebenbürtig betrachten, sondern als ein häßliches Anhängsel, das sie abschütteln werden, sobald sie Aussicht auf Erfolg haben. Wir wünschen das keineswegs. Unser eine Wunsch wäre der, daß die theologischen Facultäten nicht durch die Lage der Verhältnisse gezwungen wären, die theologischen Elemente zu tradiren, sondern daß sie die Seminarien und Lyceen nach oben hin ergänzen würden, so daß der an diesen elementar gründlich Gebildete und ascetisch Gereifte sich dort zum gelehrten Fachtheologen unter tüchtiger Leitung und Schulung weiterbilden könnte. Das ist gegenwärtig nicht der Fall zu unserem lebhaften Bedauern. Hier wie dort wird derselbe Stoff gelehrt, hier wie dort von guten oder schlechten Professoren. Schell wird nicht leugnen, daß es auch an den Universitäten solche gibt. Ersprießlicher wäre es sicher gewesen, wie dies jüngst irgendwo bemerkt wurde, wenn Schell die wissenschaftlichen Kräfte der theologischen Facultäten, Lyceen und Seminarien zu gemeinsanier, ernster wissenschaftlicher Arbeit aufgerufen hätte, daniit Vorkommnisse, wie wir sie jüngst erleben mußten, nicht wieder eintreten. Zu vervollkommnen und zu verbessern gibt's überall. Auch die weltlichen Facultäten müssen dies aus ihrer eigenen Erfahrung bestätigen — wenn sie aufrichtig sein wollen. Die hochmüthige Selbstgenügsamkeit können wir ihnen andernfalls überlassen. ueecenslonen uns Notizen. Katechismus und Leben. Von bisch, geistl. Rath Reger. 4. Auflage. Verlag von Fr. Pustet in Regensburg. Preis geb. 2 u. 3 M. " Die neue (4.) Auflage dieses Erbauungsbuches ist mit so vielen Vermehrungen und Verbesserungen erschienen, daß es nun als ein „vollständiges Gebet-, Lehr- und Betrachtungsbuch" mit Recht sich bezeichnen darf. Die Veranlassung zur Abfassung eines Katechismus-Gebetbuches war, wie schon im Vorwort zur 2. Auflage angegeben wurde, die Wahrnehmung, daß gar viele Christen den Religionsunterricht, den sie m der Schule genossen, in kurzer Zeit so ziemlich wieder vergessen, weil sie eben nach ihrer, Schulentlassung einen Katechismus kaum mehr zur Hand nehmen und wenig daran denken, die Lehren ,280 I > i. r. desselben in ihrem Leben in Ausführn»« zu bringen, woher dann die «rosse Unwissenheit vieler m religiösen Dingen und ihr oft so unchristliches Leben trotz alles früheren Unterrichtes und so vieler Belehrungen und Ermahnungen kommt. Diesem Uebel abzuhelfen ist allerdings auch von andern Seiten vielfach schon versucht worden.' z. B. durch Herausgabe von mitunter trefflich geschriebenen und ausgestatteten „christlichen Haus- und Familienbüchern", welche die Glaubens-. Sitten- und Gnadcnlchre des Christenthums stistematisch erklären, (s die Glaubens- und Sitteulehre der kathol. Kirche von Dr. H. Rolfus und Fr. I. Brändle u. A.). Aber eines- theils sind diese Bischer meist zu theuer, um in Masse unter das Volk zu dringen, anderseits auch zu voluminös, als daß sie zum bequemen Handgebrauch dienen könnten. Hiezu aber dürfte eil» Katechismus -Gebetbuch sich eignen. Ein Gebetbuch wird ja überhaupt lieber und leichter benüht. und wenn in einem solchen, wie es hier im „Katechismus und Leben" geschieht, die Lehren des Katechismus (meist in dessen nämlichen Worten) m Form von Gebeten. Belehrungen und Erwägungen enthalten sind und wiederholt werden, und Hiebei gezeigt wird. wie . ud zu welchen Zeiten und Gelegenheiten sie im Leben i geübt werden können und sollen, so ist dadurch gewiß r t mehr des Guten zu erzielen. üas pro üot'uuetis aä oommocliorem eeelesiarum U8um ex missali romano ckeoumptae. L.ovsckit rittw absolutiovis pro äskuuatiz ex rituali st pontiüoali ronmno. 4° mi. pp. II -s- 48. Ratisdonse, I?r. kustst, 1896 (III). Ll. 4,20 Ii§. s. Das „Nissals äskunotorum" init Singnoten, ge- uauest nach allen Regeln der Rubriken hergestellt, beweist. wie alle andern Veröffentlichungen der berühmten Verlagsfirma, von neuem, mit welch peinlicher Sorgfalt in stets zunehmender Vervollkommnung dafür gesorgt wird, daß die liturgischen Texte der Kirche uns in muster- giltigen Ausgaben geboten werden. Gewisse Unebenheiten der Orthographie (zu häufige Verwendung großer Anfangsbuchstaben bei Hauptwörtern) sind Dinge, die wir dem Verlage nicht zum Vorwurf machen können, solange von autoritativer Seite alter Gewohnheit zu Liebe eine vernünftigere Handhabung nicht gestattet wird. Der nebenbei bemerkt in allen Brevier- und Missale-Ausgaben (auch bei Pustet) konsequent falsch betonte Genetiv ,,»Iteriu8" (statt „alterlus", ebenso wie „solliio, unlv8") von „alter" kommt in diesen Texten zufällig nicht vor: die Beibehaltung des durch die Sprachwissenschaft wohl begründeten Buchstaben „j" können wir nur billigen. Es ist lediglich eine „Mode-Caprice", ihn überall durch „1" zu ersetzen: so wird es aber jetzt in allen Schulen gemacht, ja auch in den neueren päpstlichen Aktenstücken (wenigstens im Druck). Der Christ im Weltleben und seine kleinen Unvoll- kommenheiten. Herausgegeben von Tilman Pesch, 8. (4. Auflage). Verlag von I. P. Bachern in Köln. ; Ein wahrhaft köstliches Büchlein, das von einer tiefen Kenntniß der Menscheuseele zeugt und eine treffliche Anleitung zur möglichsten Vollkommenheit katholischer Christen im Weltlebcn gibt. Der Verfasser des Büchleins ist der Franzose A. Bandon, ins Deutsche übersetzt und für Deutsche bearbeitet hat es der Tilman Pesch, ohne der Eigenartigleit des Originals im Wesentlichen Abbruch zu thun. Der Umstand, daß binnen eines Halbjahres schon wieder eine neue Auflage nöthig wurde, spricht allein schon für den Werth des Werkchens, das wir in den Händen aller gläubigen Katholiken, namentlich aber der Gebildeten, zu sehen wünschten. Es würde zu weit führen, auf den Inhalt genauer hier einzugehen. Nur eine Probe, die ahnen läßt, wie sehr der Verfasser aus dem Vollen des Lebens schöpft! Unter den kleinen, in ihrer Entwicklung und Folge aber doch recht häufig sehr bedeutungsvollen „Uuvollkommenheiten" behandelt der Autor „die Kleinlichkeit" und schreibt u. A.: „Wird nicht die kleinste Meinungsverschiedenheit, selbst über unbedeutende Dinge, Veranlassung zu übler Laune, zu Ver- druß zu Zank und Zwist zwischen Mann und Frau? Und doch handelt es sich in den «leisten Fällen um weiter nichts als um einen Zeitvertreib, den der eine gern hätte, der andere aber nicht mag: um einen Spaziergang, der mehr oder weniger nach dem Geschmack des einen oder anderen Theiles ist: um eine Ansicht bei Erziehung der Kinder oder bei der Behandlung der Dienstboten: um die Stunde der Mahlzeit: um eine an sich ganz gleichgiltige Aufstellung der Zimmergerathe" rc. Vortrefflich sind die Abhandlungen über „Die Anhänglichkeit an das liebe Ich", die „Tafelsreuden", die „Empfindlichkeit", die „Ueblen Launen", die „Jnconscquenz". „Oberflächliche Frömmigkeit" u. s. w. Volle, leZe! „DieWeisheit auf derGasse". Neue Sprichwörter- Sammlung. Herausgegeben von Heinrich Leineweber. Verlag von Fd. Schöningh in Paderborn. ; Der Reichthum der deutschen Sprache an Sprüch- wörtern ist eine bekannte Thatsache; man ist aber doch überrascht von diesem Reichthum, wenn man ihn schwarz auf weiß in einem solchen Umfang vor sich hat, wie es in dem oben angezeigten Buche der Fall ist. Der Herausgeber will, wie er schreibt, in diesem Werkchen dazu beitragen. daß die Sprichwörter immer mehr bekannt und gewürdigt werden (I. Theil) und dazu verhelfen, daß die landläufigsten sprichwörtlichen Redensarten und Wendungen (deren er nicht weniger als 315 behandelt) richtig aufgefaßt und mit Verständniß gebraucht werden. In beiden Beziehungen scheint uns seine Behandlung des Stoffes durchaus zweckentsprechend zu sein. Auch verdient die systematische Anordnung des Stoffes ebensoviel Lob als die Erklärungen, mit denen er eine große Anzahl von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten versehen hat. Das Werkchen dürfte sich zur Anschaffung besonders auch für die studirende Jugend empfehlen. Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnaden. Von Professor Dr. Scheeben. 6. Auflage. Verlag von Herder. Freiburg. Preis 2 M. 80 Pfg. I Die Grundlage dieses Buches, das nunmehr in 6. Auflage vorliegt, bilden des spanischen (aus Deutschland stammenden) Jesuiten Nierenberg Abhandlungen „cke prstio üiasstiwakili cklvinas Arstis-e", deren Original im Jahre 1890 in Madrid wieder zum Druck gelangt ist. Um dem Mangel eines populär dogmatischen oder asketischen Werkes, das ex prokeoou ausführlich und gründlich von den'Herrlichkeiten der Gnaden handelte, m der religiösen Literatur abzuhelfen, verfaßte — anlehnend an das Werk k. Nierenbergs, aber zum weitaus größten Theil ganz selbstständm — Scheeben das oben angezeigte Buch, dessen 5. und 6. Auflage nach Scheebens Tod der bekannte Dominikaner Albert M. Weiß besorgte. Die neueste (6.) Auflage stellt sich als eine Neubearbeitung dar. bei welcher der Herausgeber hauptsächlich den Zweck verfolgte, die geistreichen, aber manchmal dunkel gefaßten Gedanken vr. Scheebens in volles Licht zu rücken, überschwängliche, mystische Ausdrücke, die eine irrige Auslegung nahelegten, zu rektisiziren und den Stil des Ganzen auf die Höhe des Inhaltes zu bringen. Das Brich ist allen ernsten, auf höherer Stufe des religiösen Lebens stehenden katholischen Christen bestens zu empfehlen. tiVsbsr, 6 6 orKV., MLAwtsr okori eoolsoias oatbeärLlt» NvAllutinae, Äanuals oantuo soolssiaotiv« iuxta ritum 8. Romauss Lools8iae. Lickitio 8eeuuäg. Oum approbatious. 8". 9 Bogen. Preis gebunden in Callrco Mk. 1.—. Mainz. Franz Kirchheim. Der Zweck dieses außerordentlich handlichen Auszuges aus dem römischen Graduale ist: die Einführung des lateinischen Choralgesanges beim Hochamte zu erleichtern. Alle Feiertage und privilegirten Sonntage und fast das ganze Oommuvo Lauotornm sind berücksichtigt. In Fußnoten sind alle lateinischen Texte in's Deutsche übersetzt. Der Notendruck ist exakt ausgeführt. Endlich ist das Handbuch mit kurzen Anweisungen über die Ausführung der hier gebotenen Gesänge und mit einer übersichtlichen Inhaltsangabe versehen. Vcrantw. Redacteur : Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ki>'. 40 14. Itlli 1897. Wage M Aligsßmgkl Kaspar Aquila, Pfarrer von Jeugen, und Bischof Christoph von Augsburg. Das; auch in der protestantischen Geschichtschreibung der mittelalterliche Hang zur Legendcnbildung nachwirkte, ist eine hinlänglich bekannte Thatsache. Nicht erst dies zu beweisen oder auch nur die Beweise hiefür durch einen neuen Beleg zu vermehren, sondern lediglich zur Steuer der Wahrheit soll im Folgenden der „Fall Aquila" einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Ueber Kaspar Adler, oder, wie er sich mit latini- sirtcm Namen nannte, Aquila, welcher i. I. 1560 als Superintendent zu Saalfeld in Thüringen starb, nachdem er der Sache des Protestantismus durch Unterstützung Luthers in der Bibelübersetzung, durch zahlreiche Schriften und durch mannhaftes Auftreten gegen das Interim wesentliche Dienste erwiesen hatte, sind mehrere Monographien geschrieben worden. Dem Umfange nach die bedeutendste und durch Heranziehung reichen Quellen- materials die gehaltvollste ist die von Christian Schlegel verfaßte Lebensbeschreibung, betitelt: „Ausführlicher Bericht von dem Leben und Tod Caspar! ^uilae", Leipzig und Frankfurt 1737. Diese Biographie dient bis heute als vorzüglichste Quelle für die Aquila-Artikel in den großen Sammelwerken. Allein die Arbeit Schlegels läßt vielfach die nöthige Kritik der Quellen vermissen. Da nun seither außer Joh. Voigt (Briefwechsel der berühmtesten Gelehrten mit Herzog Albrecht von Preußen, S. 18—40) kaum jemand neues Quellenmaterial, in größerem Umfang über Aquila beigebracht hat, so erklärt es sich leicht, daß die Darstellung Schlegels bisher in keinem wesentlichen Punkte als kritiklos erwiesen worden ist, wenn sie auch neuestens, wie die vielen Fragezeichen in der Abhandlung Kawerau's (3. Aufl. der Nealencykl. f. prot. Theol.) beweisen, als sehr revisionsbedürftig anerkannt wurde. Im Folgenden beschäftigen uns nur die Beziehungen Aquila's zum Bisthnm Augsburg und zu Bischof Christoph von Stadion bis zum Jahre 1523, insbesondere das Vorgehen des Bischofs gegen Aquila wegen Häresie. Aquila war einer angesehenen Augsburgcr Bürgersfamilie entsprossen und wandte sich dem geistlichen Staude zu. Angeblich i. I. 1516 erhielt er von Bischof Heinrich von Lichtenau die Pfarrei Jengen. Daß ihm Franz von. Sickiugen hiezn verholfen habe (Plitt in Herzogs Ncalenc. 1. Auflage), ist nicht nachweisbar. Was den Zeitpunkt seiner Anstellung in Jeugen betrifft, so ist sicher, daß er im Mai 1517 dort in; Amte war; denn eine von seinem Sohne David aufgezeichnete kalendarische Notiz, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln kein Grund vorliegt, läßt ihm am 20. Mai 1517 zu Jengen einen Sohn geboren werden (Schlegel 68 A. 61). Daß mau ihn auf Grund dieses Ereignisses „die Ehre der Clero- gamic" allen übrigen, Luther anhängenden Priestern „streitig machen" lasse (Schlegel 66), ist in keiner Weise angängig, da die Voraussetzungen einer auch nur subjektiv rechtmäßigen ehelichen Verbindung für die in Frage stehende Zeit völlig mangeln. Hier ist noch ein anderer Irrthum festzustellen. Schon der Lokalhistoriker Liebe, auf den wir noch zurückzukommen haben, spricht in seiner LalkelcloArapkia von der Pfarrpfründe Zeugen als einem perpingue sacer- äotium (Schlegel 65 Anm. 56); Schlegel macht aus dem dermalen 370 Einwohner zählenden Dorfe ein „Stäbtgcu" (auch Kawcrau: „die gute Pfarrei Zeugen"). Die Absicht ist ja sehr klar; allein die Sache verhält sich doch wesentlich anders. Es ist zwar gewiß, daß die Pfarrpfründe Jengen zu den einträglichen Pfründen zählte» bevor deren Einkünfte dem bischöflichen Stuhle einverleibt wurden, was i. I. 1454 geschah; daher finden wir auch in einem auf ältere Vorlagen zurückgehenden, nach dem Ertrage der Pfründen klassifizirten Verzeichnis; der Pfarreien des Landkapitels Kaufbeuren v. Jahre 1510 die Pfarrei Zeugen unter den maioros aufgeführt. Aber zu jener Zeit, als Aquila die Pfründe erhielt, waren die diesbezüglichen Verhältnisse in Folge der erwähnten Jncorporation völlig verändert. Die vorwiegend im Großzehnt bestehenden Einkünfte der Pfarrei flössen zur bischöflichen Hofkammer, welche daraus dem als vioarius perpstuus angestellten Seelsorger eine Competenz reichte. Die früheste Aufzeichnung über diese Competenz stammt aus dem Jahre 1623. Für unsern Zweck können wir uns sehr wohl an diese Aufzeichnung halten; denn keincn- falls war die Comvetenz i. I. 1520 höher als hundert Jahre später; vielmehr ist nach anderwärts zu machenden Beobachtungen das Gegentheil in hohem Grade wahrscheinlich. Im Jahre 1623 nun wurde das Gcsammt- cinkommen der Pfarrpfründe Zeugen im Durchschnitt auf 270 Gulden jährlich gcwcrthct. Zur Vergleich;;»» steht eine Reihe von Einkünfteschätzuugcn umliegender Pfarreien aus demselben Jahre zur Verfügung. Die niedrigste Schätzung schwankt zwischen 150 und 200 fl. Eine gute Pfarrei jedoch, wie es z. B. damals — vor der Einverleibung in die bischöfliche Kammer — das benachbarte Aufkirch noch war, wurde auf jährlich 900 fl. geschätzt. Zeugen erhob sich demnach zu Anfang des 16. Jahrhunderts kaum über das Niveau einer geringen Pfründe, konnte jedenfalls nicht einmal den mittelguten Pfarrpfründe» beigezählt, geschweige denn ein porpinZue saeerciotium genannt werden. Seine Pfarrei hätte sonach Aquila kaum die Mittel zur Fortsetzung seiner Studien verschafft. Wenn er gleichwohl sich um die Wende des Jahres 1520 in Witten- berg aufhalten und dort am 24. Januar 1521 den Magistergrad erwerben konnte, so hatte er dies der freigebigen Unterstützung des im nahegelegenen Emmenhausen begüterten und sehr frühzeitig für Luther sich iuteressirenden Augsburgcr Patriciers Hans Houold zu verdanken. Die allgemeine Annahme geht dahin, daß dieser zweite Besuch der Universität Witteuberg — schon 1513 war Aquila daselbst immatrikulirt (Kawerau) — nach der Gefangenschaft im Thurm zu Dilliugen und nach Entsetzung vom Pfarramts zn Zeugen einzureihen sei. Schlegel, der Urheber dieser Chronologie, mochte bet solcher Anordnung der Daten von der stillschweigenden Voraussetzung ausgegangen sein, daß Aquila durch das Pfarramt am Besuch der Universität behindert worden wäre. Wie wenig eine solche Voraussetzung zutreffend ist, weiß jeder Kenner damaliger Mißstände auf scelsorg- lichein Gebiete. Im Gegentheile erweisen die Sicgelamts- rcchnnngen im Ordinariatsarchiv bis zur Evidenz, daß Aquila noch Ende 1521 zu Zeugen im Amte war; sie führen nämlich unter den Rückständen für 1521 unter andern; auf: Caspar LcUer, Investitur; all perpetuaw vioariam iu ckeuZo, teuetur aclliuo, d. h. er hatte die Jnstitntionskosten noch nicht bezahlt (nach 5 Jahren!); 282 rr war also sicher seiner Pfründe Ende 1521 noch nicht entsetzt. Demnach kaun der Zusammenstoß zwischen Aquila und der bischöflichen Behörde vor 1522 nicht stattgefunden haben. Derselbe wird aber auch nicht später anzusetzen sein. Freilich nennt sich Aquila in zwei im Sommer 1523 gehaltenen und durch Druck veröffentlichten Predigten noch „Pfarrer zu Jhengen"; allein das erklärt sich hinlänglich als eine zu dem Charakter des Mannes sehr wohl stimmende Mißachtung der bischöflichen Anfügung seiner Absetzung. Dazu kommt, daß Bischof Christoph gerade im Sommer 1522 gegen mehrere neugläubige Priester seines Bisthums einschritt. Und mit Aquila hatte er in der That bis dahin Nachsicht genug geübt. Uebrigens bezeichnet dieser selbst das Jahr 1522 als das seiner Gefangensetzung (Schlegel 81). Nun erzählt die Legende, Aquila fei „auf einem Karren gefänglich nach Dillingen" gebracht und „daselbst in ein hartes, unsauberes und tiefes Gefängniß gelegt worden, worin er den ganzen Winter hindurch, über ein halbes Jahr, habe liegen müssen, ohne einen warmen Bissen oder eine Suppe zu bekommen" (Schlegel 74 f.; genau so auch Jocher im Gelchrtenlexikon und Zapf, Christoph von Stadion l6. Allg. d. Biogr.: „unterirdisches Gefängniß; viel Jammer und Elend"; Plitt: „hartes Gefängniß"). Ehe wir zur kritischen Würdigung dieses stimmungsvollen Bildes übergehen, müssen wir noch daran erinnern, daß das Mittelaltcr gegen die Gefangenen, welche sich in Untersuchungshaft befanden, ganz allgemein roh und nach unsern Begriffen grausam vorging. Sofern also obige Schilderung des Gefängnisses den Schein besonders heftiger und mit besonderer Standhaftigkeit ertragener Verfolgungen um des Glaubens willen erwecken soll, ist dieselbe tendenziös gefärbt. Alles oben Erzählte konnte jedem Untcrsuchnngsgefangencn in jener Zeit zustoßen, gleichviel weßhalb er in Untersuchung gezogen war. Was an der Schilderung gewiß als richtig angenommen werden darf, ist die zwangsweise Ueberführung nach Dillingen. Denn nach dem ganzen Charakter Aqnila's ist es zuin vorhinein zu erwarten, daß er einer bischöflichen Vorladung nicht Folge leistete und deßhalb zwangsweise nach Dillingen verbracht werden mußte. Aber doch wohl kaum auf einem Karren. Auf solch entehrende Weise wurden gemeine Verbrecher an den Sitz des Gerichtshofes verbracht, wie man sich aus der Chronik Clcm. Senders (Chroniken d. deutschen Städte 23, 160) überzeugen kann. Thatsache ist ferner Aqnila's Haft in Dillingcn. Eine solche mutz schon um der Untersuchung willen angenommen werden. Zudem spricht er selbst davon, daß er im Thurm zu Dillingen gelegen sei (Schlegel 81). Die Angabe über die Haftdauer dürfte eine Uebertreibung sein, wie sich noch zeigen wird. Die Möglichkeit, daß die Haft in den Winter 1522/23 fiel, ist nicht auszuschließen. Ganz ablehnend müssen wir uns aber weiterhin verhalten hinsichtlich der Schilderung, wie die Haft ihr rühmliches Ende fand. Darüber weiß Schlegel (S. 75 f.) folgendes zu berichten: Es hätten sich unterschiedliche Patricier in Augsburg beim Kaiser für Aquila verwendet; dieser habe seine Schwester Maria (Jsabella) nach Dillingen geschickt (I). Der Bischof habe sie da mit allen Ehren empfangen, sie aber habe sich geweigert, vom Wagen abzusteigen, bis er ihr nicht eine Bitte gewähren wolle; nach erhaltener Zusage habe sie Aquila freigebeten, „worauf zwar der Bischof in etwas gestntzet und sich entfärbet hätte, denn er bereits beschlossen gehabt, den tlguilum des andern Tages hinrichten (i) zu lassen, solches jedannoch ihr als einer sehr großen Dame pur ironour nicht abschlagen können". Für diese Mittheilungen bezieht sich Schlegel aus „unterschiedliche geschriebene Nachrichten"; aus den Citaten ergibt sich näherhin, daß hiefür frühester Gewährsmann Silvester Liebe ist» ein geborner Saalfelder, Bürgermeister zn Naumbnrg, in seiner nur handschriftlich vorhandenen, im Jahre 1625, also 65 Jahre nach Aqnila's Tode, verfaßten 8a.1k6läoZrLxftia., derselbe» welcher auch in einer Anwandlung von lokalpatriotischer Schwäche für seinen Helden aus der Pfarrpfründe Zeugen ein parpinZua sacorckotiuin gemacht hat. Zwar berichtet Liebe noch nichts von einer Verwendung Augs- bnrgischer Patricier beim Kaiser — dieser Zug der Legende geht auf andere handschriftliche Nachrichten zurück, deren Glaubwürdigkeit dadurch eine bedenkliche Beleuchtung erhält, daß einige von ihnen die selbst von Schlegel abgewiesene Märe enthalten, der Bischof habe den hartnäckigen Pfarrer in einen großen Fenermörser laden und über die Mauer hinausschießen lassen wollen —, aber die Erzählung von dem im äußersten Moment erfolgenden rettenden Eingreifen der Schwester des Kaisers mit all den oben erwähnten Umständen geht auf diese trübe Quelle zurück (Schlegel 76 Anm. n.). Soviel ich übersehen kann, ist der Bericht Liebe's in dem Punkte, daß der Bischof Aquila habe hinrichten lassen wollen, ganz allgemein preisgegeben. Nirgends in den Darstellungen aus neuerer Zeit, wenn wir vom Freiburger Kirchenlcxikon 1. Anst. (10, 326) absehen, wurde dieser, mit dem sonstigen Auftreten und dem Charakter Stadions ganz unvereinbaren Absicht Erwähnung gethan. Dagegen halten auch die Neueren unbedenklich an der Verwendung der Schwester des Kaisers fest; Kaweran ist der erste, der auch hier durch ein Fragezeichen Bedenke» erhebt. Und mit Recht, wenn nämlich ein Brief des Ritters Hans von der Planttz an Kurfürst Friedrich von Sachsen vom 28. Februar 1523 auf den Fall Aquila zu beziehen ist. Durch eine Anfrage des mit Herausgabe des Briefwechsels zwischen dem Ritter und dem Kurfürsten beschäftigten Herrn vr. Virek in Weimar habe ich von dem Briefe Kenntniß erhalten, und der genannte Gelehrte gestattete nur in entgegenkommendster Weise, von seiner Mittheilung, Gebrauch zn machen. Planitz schreibt: „Eyn brister ym stift Angspnrgk hat auch das ewangelium geprediget und also, das es dem bischoff nicht gefallen. Darnmb der prister ist ange- nomen (— gefänglich eingezogen) worden; hat man ym zn seyner erledigung eynen urfrid oder eydt vorgehalten. . . . Als nun der arm brister auf den morgen hett den eydt thun sollen, yst er den abent zuvor darvon kamen, sich under die grasten von Ottyngen gewant, die »einen sich seyn an und dem bischoff ist nicht woll darbey." Daß hier von einem von Erfolg begleiteten Flucht- ausbruch die Rede ist, bedarf nicht erst des Beweises. Verschiedene Umstände legen die Beziehung dieses Berichtes auf Aquila nahe. Vor allem paßt derselbe außer auf Aquila auf keinen jener Priester, von welchen bisher bekannt geworden ist, daß Bischof Christoph im Jahre 1522 oder Anfang 1523 wegen Häresieverdachtes gegen sie einschritt. Es kommen hier in Betracht Kaspar Haslach, Prediger in Dillingcn, welcher jedoch den verlangten Eld leistete; ferner die Prediger Speiser und Frosch in Augsburg, bei welchen sich aber das Domkapitel einem Einschreiten des Bischofs mit Erfolg widersetzte. Nur von Aqnila wissen wir, daß er gesanglich eingezogen wurde und zu einem Widerruf wohl nie wäre zn bestimmen gewesen. Dazu kommt, daß wir Aqnila alsbald nach der Dillinger Affaire in Beziehungen zu Knrsachsen finden. Noch im Sommer 1523 ließ er eine Predigt zu Zwickau in Druck gehen; im folgenden Jahre aber lehrte er an der Universität Wittenberg Hebräisch und versah sehr wahrscheinlich zugleich das Amt eines Predigers in der Schloßkirche daselbst (Schlegel 146). Sodann findet gerade in einem unrühmlichen Ende der Haft, wie es in der widerrechtlichen Entfernung durch Flucht gegeben war, das Bedürfniß und Bestreben nach Verherrlichung dieser Haftbefreiung seine Erklärung. Endlich — und das ist charakteristisch für Legenden- bildungen — ist in dem Berichte des Ritters und in dem Berichte Liebe's ein gemeinsamer Zug enthalten, welcher für die Beziehung des erstgenannten Berichtes auf Aqnila spricht, nämlich die Erledigung aus der Haft im letzten Moment — dort am Vorabend vor der Äbschwörnng, hier am Vorabend vor der Hinrichtung. Wenn nun, wie es als in hohem, Grade'wahr-, scheinlich bezeichnet werden mutz, Hans von der Planitz in seinem Briefe von Aquila spricht, so ist es klar, daß dessen Haft in Dillingen lediglich eine Untersuchungshaft war, welche wohl kaum ein halbes Jahr lang und darüber gedauert hat, und daß das Ende derselben nicht durch die an sich unwahrscheinliche hohe Intervention, sondern durch Flucht herbeigeführt wurde. Selbstredend wurde Aquila nach diesen Vorgängen seiner Pfarrei kanonisch entsetzt. Später, als Aquila bei Gelegenheit des Augsbnrger Reichstages 1530 mit Bischof Christoph zusammentraf und diesem nicht mehr als unbotmäßiger Diöcesanpriester, sondern als Superintendent von Saalfeld gegenüberstand, erfuhr er von Seite des Bischofs eine ehrenvolle Aufnahme. Freilich hatte sich unterdessen auch Christoph von Stadion selbst innerlich dem Protestantismus mehr genähert. vr. A. Schröder, Domvikar. Die ehemalige Stiftskirche zum heiligen Geist uud die Lib1iotd66L kg-lLtina in Heidelberg. Von Frz. Jac. Schrnitt, Architekt in München. (Schluß.) Zwei steinerne Wendeltreppen sind für die nördliche und südliche Bibliothek-Empore ausgebaut und waren sowohl von außen als auch vom Innern der Kirche zugänglich. Die zwei Emporen sind in einer Höhe von 11 Metern über dem heutigen Kirchenfnßboden angelegt; in solcher Höhe würde man keine derartige bauliche Anlage gemacht haben, wenn es sich für die Besucher um Assistenz bei dem im Chöre stattfindenden Gottesdienst gehandelt hätte. Für die Bibliothekzwecke aber war es geradezu ein großer Vortheil, möglichst abgeschieden und ungestört von den im unteren Theile der Kirche vor sich gehenden Funktionen zu bleiben. Die unteren mit Kreuzgewölben aus Sandsteinrippcn überdeckten Seitenschiffe haben ihre für sich abgeschlossenen, mehrtheiligen, gothischen Stab- und Maßwerksfenstcr, und ebenso entsprechen den zwei oberen Emporen ganz gleiche Fenster, welche sich über besonderen Kaffgesimscn erheben. Hätte man cS mit einer nachträglichen Bcnianlagc zu thun, so würden die Fenster der Höhe nach ungethcilt von unten bis oben durchlaufen, wie es auch wirklich beim Chöre der Heilig- geist-Kirche zur Ausführung gekommen ist. Seitlich vom Westthurme hat sich bis zum heutigen Tage ein ebenfalls gewölbtes Bibliothekzimmer erhalten, das einen schlichten Kamin enthält; hier haben wir also den heizbaren Stndir- ranni für die kalten Tage des Jahres. Bei der 1886 gelegentlich der 500jährigen Univcrsitätsfeier stattgehabten Restauration der Heiliggeist-Kirche durch den Gr. Bad. Baurath Hermann Behage! in Heidelberg wurden an den achteckigen Pfeilern der zwei Emporen, gegen das Mittelschiff, noch die Spuren ehemaliger Verglasnug gefunden. Möglich, daß diese sich an einen aus gothischem Stab- und Maßwerk anschließenden Einbau fügte, ivie solches an vielen mittelalterlichen Kreuzgängen heute noch beobachtet werden kann. Auch Neste kleinerer Kunstgegenstände in Terrakotta fanden sich bei der in Rede stehenden Restauration, und Baurath Behaget nahm wohl mit Recht an, daß diese Decorationswerke zur Ausschmückung der Bibliothekräume gedient hätten. Das zweite Joch vom Langschiff besitzt ein einfaches' Sterngewölbe, und es tragen die Rippen einen kreisrunden Steinkranz, dessen Oeffnung offenbar dazu diente, um mit Hilfe einer im Äachraum aufgestellten Winde alle Bücher und Bi'blioihetschätzc bequem zur Höhe der Emporen zu ziehen, welchem Zwecke die mit voller Spindel schmal angelegten Wendeltreppen nicht genügen konnten. So hatte denn das Ende des vierzehnten und der Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts eine Bibliothek, welche vierhundert Quadratmeter Grundfläche bot, in durchgehends feuersicher gewölbten Räumen mit den Formen der gothischen Architektur in zweckentsprechender Weise angelegt und durch die große Höhenlage auch möglichst gegen etwa beabpchtigte widerrechtliche Beraubung geschützt, wozu außerdem die Verbindung mit dem Gotteshause durch die diesem naturgemäß gezollte Verehrung das Weitere beitrug. Die Pergament-Codices oder Quartanten lagen auf langen Pulten, jeder mit einer Kette angeschlossen, welche an den Enden der Pulte mit Schlössern, versehen war. Die zwölf Chorherren hatten die Schlüssel, jeder einen und immer zwei in ein Schloß passend. Kurfürst Ludwig III. (1410—1436) vermachte im Jahre der Erfindung der Bnchdruckerkunst feine aus 152 Bänden bestehende Privaibibliothek dem Stifte; schon 1421 ward das Vermächtniß aufgerichtet, „damit alle Stiftspersonen Ivie auch Schüler und Meister des neuen Studiums dieselben brauchen mögen" n. s. w. Diese Bücher sollten aber Niemand in's Haus gegeben werden, mit alleiniger Ausnahme der fürstlichen Personen, und auch diesen unreinen Monat. Anfänglich waren es mir fünf Pulte, später wurden es acht, und mit dem Vermächtnisse des vr. Andreas Port von Brambach mit 28 Büchern kam ein weiterer Pult hinzu, und kurz nach der Reformationszeit wuchs die Bibliothek zn einer sehr bedeutenden Büchermasse an. Der in der Heiliggeist-Kirche beigesetzte Hulderich von Fnggcr-Kirchbcrg hinterließ der Universität als Vermächtniß seine ganze, sehr kostbare Bibliothek, die außer den gedruckten Büchern über tausend Handschriften enthielt. Die 150 Bücher, welche Ludwig III. dem Stifte vermacht hatte, waren nur gelehrte, meist lateinische Werke; die kostbaren, von ihm und seinen Vorfahren zusammengebrachten . deutschen Handschriften hatte er auf dem 28L Heidelberger Schlosse behalte». Seine Nachfolger Kurfürst Philipp, dann Ludwig V. (1508 — 1544) und Friedrich II. (1544 — 1556) theilten diese edle und kostspielige Liebhaberei, wie später auch Otto Heinrich (1556 bis 1559). In Italien liest Kurfürst Philipp durch den gelehrten Agricola (1485 -j) Handschriften griechischer und römischer Autoren ankaufen und einverleibte dem Stifte auch die Bibliothek des Pfalzgrafcu Johann (1486 f) von der Mosbacher Linie, gewesenen Dompropsts zu Augsburg, sowie die von Agricola vermachte Prtvat- bibliothck. Der Wormscr Bischof und kurfürstliche Kämmerer Dalberg half treulich die Schätze mehren, besonders geschah dies durch die Büchcrsammlnng der uralten Abtei Lorsch. Kurfürst Ludwig V. sammelte vornehmlich medicinische Bücher, Friedrich II. liebte wieder besonders Werke deutscher Dichtkunst, daneben wurde in Frankreich, Italien und Griechenland Neues angekauft. Schon war die Sammlung der Palatiua so bedeiltend angewachsen, daß Friedrich II. eigens dafür den runden Bibliotheks-Thurm auf dem Schlosse errichten ließ. Nun kam Otto Heinrich, welcher den edlen Hang seiner Vorfahren theilte; auf seinen Reisen im Oriente hatte sich der nachmalige Kurfürst sehr werthvolle Werke gesammelt, deren Derzeichniß noch erhalten ist. Als Otto Heinrich im Jahre 1556 die Regierung antrat, brauchte er den in der Nähe des von ihm errichteten Schloßtheiles bestehenden Bibliotheks-Thurm für seine Nechnungskammer und ließ die gesammte Libliotsiooa krüatiua zu der fürstlichen Stifts-Bibliothck in dieHeiliggeist-Kirche bringen, freilich nur aä interim, bis er auf dem Jettenbühl einen bequemen Neubau aufgeführt haben würde, welchen der ettvas wohlbeleibte Regent leicht in seinem Wagen erreichen konnte. Allein der Tod rief schon im Jahre 1559 Otto Heinrich ab, ehe der Neubau auch nur begonnen war, nie kam derselbe zur Ausführung, und so blieb die Lidliotlioou Lalatina in der Heiliggeist-Kirche bis zur Zeit geborgen, wo sie nach Rom wandern mußte. (Siehe Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelberger Büchersammluugen von Hofrath Friedrich Willen zu Heidelberg» 1817.) Unter Kurfürst Otto Heinrich wurde in der Stiftskirche zum heiligen Geiste der protestantische Gottesdienst eingeführt, entfernt wurden die Altäre, Bildwerke und Gemälde, wodurch denn natürlich das Stift den größten Theil seiner Einkünfte verlor, weil in Folge dieser Veränderung die von Papst Bouifacius IX. damit vereinigten Präbcndeu zu Worms, Speyer, Neustadt, Nenhausen und Wimpfen im Thale von den Kirchen stiften, welche dieselben zu entrichten hatten, entweder ganz zurückbehalten oder aber nur zwangsweise und spärlich bezahlt wurden. Die noch übrigen drei Präbenden überließ Otto Heinrich im Jahre 1557 der hohen Schule zu Heidelberg, die alleren Gefalle der Stiftskirche zum heiligen Geiste wurden ^er geistlichen Güter-Verwaltnng übergeben und so das ganz Collegiat-Stift völlig aufgehoben. Nach der Schlacht bei Wimpfen ain 6. Mai 1622 und der Eroberung .Heidelbergs durch die Bayern unter Tilly, im September 1622, wurde die Heiliggeist-Kirche sammt allen anderen .Kirchen der ganzen Pfalz, bei der Wiedereinführung des katholischen Glaubens von 1622 — 1632, dem protestantischen Gottesdienst entzogen und dabei die ganze überaus wcrthvolle Bibliothek nach Rom verschenkt. — Der päpstliche Legat Leo Alacci ließ dieselbe in 184 Kisten von 100 Manlthieren über die Alpen und in den Vatican verbringen, von wo im Jahre 1815 Einiges, so namentlich 890 Handschriften, Heidelberg zurückgegeben wurden. Bald nach der Wegführung der berühmten Büchersamm- lung hielt Professor Dr. Schmidt eine Predigt in Heidelberg, welche 1640 in Straßburg im Drucke erschienen ist. Klagend ruft der Professor, welcher die Verschleppung selbst mit angesehen hatte, in jener Predigt aus: „So ist sie denn dahin» die weltberühmte Bibliothek, welche einst ini obern Theile der Kirche zum heiligen Geiste stand." Hierdurch haben wir eines Zeitgenossen authentische Bestätigung über den Aufstellungsort der Libliotllooa kalatina, auf den Emporen über den gewölbten Seitenschiffen des Langhauses der Heiliggeist-Kirche. Man beklagt es, daß Herzog Maximilian von Bayern eine so großartige, werthvolle Sammlung an Urban VIII. verschenkte und diese Deutschland für alle Zeiten entführt wurde, um fortan den Glanz und Reichthum der vatikanischen Bibliothek erhöhen zu helfen: was für Deutschland ein Verlust schien, das war für die Sammlung als solche ein Glück. Ohne Frage wäre sie bei der Zerstörung der Stadt Heidelberg durch die französischen Mordbrenner in Asche verwandelt worden. In Heidelberg blieben nach dem Unglückstage, dem 23. Mai 1693, nur einige wenige Häuser und die Heiliggeist-Kirche übrig; auch sie war im Innern verwüstet, der schieferbedeckte hölzerne Helm des Glockenthnrmes und alle Dachungeu der Kirche abgebrannt, nicht einmal die Gräber der vierzehn im Chöre beigesetzten Kurfürsten waren von Melac's Horden verschont worden. Nach den durch Baurath Behage! gemachten Untersuchungen sind die heutigen Gewölbe des Chores der Heiliggeist-Kirche nicht die ursprünglichen, woraus wir auf deren Einsturz in Folgt der Verwüstung vom Jahre 1693 schließen dürfen; bei der Erneuerung wurden sonderbarer Weise die Kämpfer der Rippengewölbe des Chorumgangcs in die Kämpfer- Höhe der da befindlichen Maßwerks-Fenstcr gerückt, und es liegen diese nun hier weit über einen Meter höher, als bei den freistehenden Säulen. Die Gewölbe des dreischiffigen Langhauses einschließlich der beiden Biblio- theks-EmPoren sind noch die ursprünglichen, was durch die sknlptirten Gewölbe-Schlußsteine bewiesen wird. An Stelle des ehemaligen Satteldaches, welches sich noch bet alten Darstellungen in Heidelberger Stadtansichten vor 1693 zeigt, erhielt die Heiliggeist-Kirche nun ein Mansardendach und das Achtort des Glockenthurmes ein zopfiges Schieferdach. Zu allen Unbilden, welche der Kirche zum heiligen Geiste im Laufe der Jahrhunderte zugefügt wurden, gehört auch die 1705 erfolgte Errichtung einer Scheidemauer zwischen Chor und Langhaus, um zwei verschiedenen Religions-Genosseu- schaften die Vornahme des Gottesdienstes getrennt zu ermöglichen. Im Jahre 1886 bei der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Heidelberger Universität, dem Zeitpunkte der letzten Restauration der Kirche zum heiligen Geiste, wo der feierliche Festakt darin abgehalten werden sollte, konnte mit freiwilliger Zustimmung der verschiedenen christlichen Konfessionen die entstellende Mauer niedergelegt werden, und es vermochte nun das ehrwürdige Gotteshaus die große Zahl der aus Fern und Nah erschienenen Festtheiluchmer aufzunehmen. Peranlw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 8 ,-. 41 . 16- Juli 1897. Alts der Hinterlassenschaft des Lxsreitug Hätieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortragen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) In der gegenwärtigen Zeit ist der „Militarismus" ein politisches Schlagwort geworden; man klagt darüber, das; er unsere ganze Zeit beherrsche und ihr seinen Stempel aufpräge. Spätere Geschlechter, deren Gunst und Haß nicht mehr vom Standpunkte der Parteien beeinflußt sind, werden darüber ruhiger urtheilen, als die eigenen Zeitgenossen, und mehr als die Kosten und die Lasten des Militarismus werden ihnen vor Augen stehen die ganz außerordentlichen Leistungen unseres Heeres in Frieden und Krieg, als Träger einer erhabenen kulturellen Mission für die Erziehung des Volkes (in diesem Punkte wird wohl auch die Zukunft andrer Meinung sein. D. R.), als Pfeiler und Schirmer der staatlichen Ordnung, als das scharfe Werkzeug der Politik, als Schild und Hort des köstlichsten Gutes, des Weltfriedens. Von diesen Gedanken geleitet, bitte ich Sie, Ihre Blicke rückwärts zu lenken, in eine feruentlegene Zeit, da der „Militarismus" ebenfalls schwer auf unser engeres Heimathland drückte, da die römischen Adler ihre Fittige darüber breiteten. Damals gehörte ganz Südbayern, nämlich die Kreise Ober- und Niederbayern fast total, der Kreis Schwaben insgesammt und außerdem ansehnliche Striche von Mittelfranken, zur Provinz Rätien. Dieselbe besaß eine außerordentliche militärische Wichtigkeit für das römische Reich, denn Rätien diente seinem Herzen, Italien, zum Schilde; eS lag wie ein Glacis vor dein mächtigen Alpenwalle, und durch dasselbe hindurch führten die Einbruchsstraßen der germanischen Völker zu den lockenden hesperischen Gefilden. Dem entsprechend war die ganze Verwaltung der Provinz, waren ihre sämmtlichen Einrichtungen vom militärischen Gesichtspunkte aus getroffen und den militärischen Forderungen anbequemt. Ihre Belegung mit Truppen ist niemals gering zu nennen, wiewohl sie im Laufe der vier Jahrhunderte römischer Herrschaft je nach den Zeitverhältnissen auch dem Wechsel unterworfen war. Diese Truppen garni- souirtcn, mit Ausnahme einer Besatzung zu Augsburg uiü) kleineren Detachements an einigen Etappenplätzen, ausschließlich an der Nordgrenze Rätiens gegen die Germanen. Ein derartiger Sachverhalt entsprach einem römischen Grundsätze, welcher theils auf Motiven der inneren Politik, theils auf der Nothwendigkeit beruhte, den Grenzsaum des Imperiums von den Gestaden der sturmgepeitschten Nordsee bis zum glühenden Wüstensand der Sahara und den schwülen Enphratniederungen gegen die „Barbaren" zu schützen. Nun standen aber die Marksteine dieser Mischen Nordgrcnze nicht für alle Zeiten unverrückbar fest. Unmittelbar nach der Eroberung des Landes durch Drusus und Tiberius im Jahre 15 v. Chr. bildete der Wassergraben der Donau die Grenze; kürze Zeit darauf erfolgte aus militärischen Rücksichten ihre Vorschiebung über den Strom hinüber, und vom Ausgange des ersten bis zum Ende des dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung läuft die Grenze von Passau (La.ta.vi8) die Donau herauf bis Haderflcck oberhalb Kelheim, dann von da längs der Teufelsmauer bis an die Württembergischen Greuzsäulen bei Möuchsroth unweit Dinkelsbühl und auf dem Boden unseres Nachbarkönigrciches bis zum Nordabfall der Alb. Als die Alamauuen mit dem Ausgangs des 8. Jahrhunderts den Greuzwall durchbrachen, das Dekumateulaud in Besitz nahmen und bis zum Bodcnsee vordrangen, wichen die römischen Truppen wieder hinter die Donau zurück, und in den letzten 120 Jahren der römischen Herrschaft hielten sie die Wacht an der Nordgrenze abermals dem Laufe des Stromes von der Jnn- bis zur Jllermündung entlang, wie in der ersten Periode, indessen im Westen ihre Posten an der Jllcrlinie standen. Abgesehen von der Blüthczeit der römischen Herrschaft stehen also die Grenzsäulen Rätiens acgcn das germanische Ausland nur auf bayerischem Boden, und ich will deßhalb mit meiner Schilderung über die weißblauen Pfähle nur dann hinüberstreifen, wenn es das Gesammtbild oder eine kleine Zeichnung der Einzelheiten erheischt. Nach der Provinz hießen die Besatznugstruppen kixaraitug Lätiorw, wofür wir am besten die Ueber- setzung „Rätisches Armeekorps" gebrauchen. Dieser Name findet sich aus Inschriften und auf Münzen, die zu Ehren des Kaisers Hadrian (117—138 n. Chr.) mit Angabe der von ihm inspicirten Truppenkörper geschlagen wurden. So anziehend die Betrachtung der Organisation des rät- ischen Armeecorps oder der von ihm gespielte» kriegerischen Rolle auch wäre, muß ich hier doch darauf einzugehen verzichten. Ich will nur erwähnen, daß die Stärke desselben bis zum Markomauueukriege (166—180 n. Chr.) ungefähr 9000 Kombattanten betrug. Damals bestand es nur aus Truppen zweiter Klasse, Hilfstruppcn (anxilia). In Folge dieses Krieges wurde nun aber auch eine Abtheilung der römischen Kerntruppen, eine Legion, die IwZio III Italien, nach Rätien verlegt, und zwar in den Hauptwaffenplatz der Provinz, Castro, LeZma (d. i. Rcgensburg). Dafür wurden einige Abtheilungen Hilfstruppcn zurückgezogen, so daß die Be- satzuugsstärke ungefähr die gleiche blieb. Um die Wende des 3. zum 4. Jahrhundert hat das Mische Armeccorps eine vollständige Umwälzung erfahren und besitzt eine Stärke von 3000 Reitern und 10 — 12000 Mann Infanterie; eine Ziffer, die für sich allein schon verkündet, daß die Kriegsläufte der Völkerwanderung angebrochen sind. Außer diesen Truppen des stehenden Heeres hatten noch die verschiedenen Städte Mnnicipalmilizen, betreffs deren wir vermuthen dürfen, daß ihre Organisation in allen oivitatao, d. h. in allen sclbststäudigen städtischen Verwaltungsbezirken, bestand, in Rätien also in Brcgenz, Kcmpteu, Epfach und Augsburg, ebenso wie Rätien selbst eine reguläre Proviuzialmiliz besaß. Hierüber meldet uus z. B. Tacitus, daß die ganze jugendliche Bevölkerung Rätiens abexerciert war, sowie über iloriauw, daß dessen Landesaufgcbot im Kampfe der Throuprätcndeuteu Otho und Vitellius zur Besetzung der Wcstgrenze der Provinz am Jnn verwendet wurde. Es sind das Einrichtungen, welche ungefähr den modernen entsprechen, der Landsturm wenigstens dem uusrigen, die städtischen Milizen aber nicht etwa unserer selig entschlafenen Bürgerwchr, sondern der goicia modile und Aareio s-'Oentair« des zweiien französischen Kaiserreichs. Kaiser Alexander Scvcrus (222—235) endlich begann mit der Errichtung einer besonderen Grenzniiliz; das waren die militzss oewlMam, Unütnusi und 286 rixg-riensös, die an der Teufelsinnuer und an der Donau fest angesiedelten, ackerbauenden Soldaten, denen es nicht nur oblag, den limoo zu vertheidigen, sondern auch die Grenzländer zu bebauen. Die Leute erhielten Ackergnt angewiesen, das sich von: Vater aus den Sohn vererbte, wenn der letztere wieder Soldat wurde, das aber niemals verkauft werden oder in Privathände übergehen durfte, also bei Nichterfüllung dieser Bedingungen oder bei Kinderlosigkeit des Nutznießers wieder dem Staate anheimfiel. Diese Besitzungen waren demnach förmliche Lehen. Man hat die limitanoi mit unseren Bahnwärtern verglichen. Aber noch zutreffender wäre der Vergleich dieser Institution mit der ehemaligen, dem ungarischen Ausgleich zum Opfer gefallenen Einrichtung der österreichischen Militärgrenze gewesen, insofcrne wenigstens, als der Dienst in Betracht kommt. Hinter dem starken Schilde des Heeres gediehen in Nätien die Segnungen des Friedens zu hoher Blüthe, denn nicht ununterbrochen „hing unser Herrgott den Kriegsmantel herunter". Das ganze Land wurde ro. manisirt, und dies geschah zu einem nicht geringen Theile durch die directe Einwirkung seiner Besatzung. Dieselbe äußert sich in zweifacher Weise: erstens durch die Leistungen des Heeres für das öffentliche Leben, und zweitens durch die Nachwirkungen, welche die eigenartigen Hceres- einrichtungen besonders auf die Bevölkerungsverhältnisse ausübten. Nicht bloß Schwert und Lanze trug nämlich der römische Soldat unter seinen Feldzeichen hinaus in die Lande des Imperiums, er brachte auch Axt, Meißel und Kelle mit sich, und ihm folgte der Pflug und das Saumthier des Händlers. Seine Arme wurden nicht bloß für rein militärischen Dienst in Anspruch genommen, sondern recht vielfach auch für friedliche Zwecke. Lag letzterer Anordnung zwar allerdings und selbstverständlich vor Allem die Förderung militärischer Interessen zu Grunde, so brachte es doch der Gang der Dinge mit sich, daß der Soldat in Ausführung der ihm zugewiesenen Werke znm Träger cnltureller Mission wurde; im Dienste des großen Staates war er der Pionier höherer Gesittung, just so wie die Truppen der europäischen Mächte in den Colonien als Träger ihrer heimathlichen Cultur zu gelten berechtigt sind. In erster Reihe nahm in der Garnison der Dienst den Mann in Anspruch. Allein diese Beschäftigung konnte bei der langen Dienstzeit der Soldaten (20 Jahre in der Legion und 25 Jahre in den Anxiliartrnppen) wegen ihrer Eintönigkeit und Einförmigkeit nur erschlaffend und abspannend auf den Geist der Mannschaften einwirken, die Neigung zu Excessen fördern und die Disciplin schädigen. Zn dieser Beziehung darf ich wohl an die schlimmen Seiten erinnern, welche unserem früheren Einsteherwesen neben seinen gewiß auch vorhanden gewesenen guten anklebten, und ich darf den Umstand streifen, daß vor mehreren Jahren bei der Erörterung der Frage der drei- oder zweijährigen Dienstzeit der dritte unter der Fahne stehende Jahrgang allgemein als jener bezeichnet wurde, bei welchem die meisten Verfehlungen gegen die Disciplin zur Ahndung kamen. In kluger Anwendung des Sprichwortes „variatio Lolaotat" wurde der römische Soldat daher auch zu anderen, nicht streng militärischen Arbeiten herangezogen. Hieher gehören vor Allem die militärischen Bauten, die Befestigungen an den Grenzen, worunter für uns zunächst der rätische liwss, die Tenfclsmaner, mit seinen Castellen in Betracht kommt; den gewaltigen Greuzwalk haben die Soldaten des hixoroitua Ikaatiouo über Thal und Höhen geführt. Selbstverständlich erforderte die Einrichtung und Instandhaltung der Waffenplätze im Lande eine fortdauernde Thätigkeit der Besatzung. Die Festungswerke, die militärischen Gebäude, die Kasernen wurden von den Soldaten selbst unter Leitung von militärischen Ingenieuren hergestellt und das Material von ihnen selbst beschafft. Neberall wo Ziegel zu den Bauten verwendet wurden, findet man daher noch die Stempel der Truppenteile, welche sie verfertigten. Nicht minder wichtig als die Befestigungen waren die Straßen, die Zügel am Zauiuzeuge der römischen Herrschaft, denen in jenen Zeiten die gleiche strategische Bedeutung innewohnte, wie in der Gegenwart den Eisenbahnen. Wiewohl wir für Nätien des urkundlichen Nachweises über den Antheil seiner Besatzung an den Straßenbauten entbehren, so ist derselbe doch schon aus dem Grunde vollständig gesichert, weil für den Entwurf des hochentwickelten rätischen Straßennetzes einzig strategische Grundsätze maßgebend waren, während bei den modernen Straßen und Eisenbahnen nur zu häufig Kirchthurm- interessen den Ausschlag gaben. Das römische Straßennetz blieb auch für das ganze Mittelalter von höchster Bedeutung. Denn da unsere biederen Vorfahren, die Alainannen und Bajuwaren» sowie in den Nheinlanden die Franken, der Kunst des Straßenbaues unkundig oder in ihrer Bärenhäutigkeit unlustig waren, so bewegte sich der ganze Verkehr jener Jahrhunderte auf den alten Nömerstraßen fort oder neben denselben her, wenn der ursprüngliche Straßenkörper durch den starken Gebrauch und die Unterlassung von Ausbesserungen zur unpassirbaren Ruine geworden war. Zeuge dessen sind die mittelalterlichen Salzstraßen, die entweder mit den römischen Heerwegen zusammenfallen oder ihrem Zuge folgen. Auch die ersten Ansiedelungen der germanischen Einwanderer schließen sich den römischen Straßen an, und nicht minder die Etappen der Glaubens- boten, welche die Lehre des Heils verkündeten; denn wir finden unsere ältesten Niederlassungen, insbesondere die Ortschaften auf —iug und im Schwabenlaude auf —ingen, sowie die heidnischen Friedhöfe mit den Neihengräber- bestattungen, ferner die christlichen Gotteshäuser mit den in die älteste Zeit zurückreichenden Patronen, endlich die als Missionsstationen gekennzeichneten Ortsnamen auf —zcll und —miinster (in Münchens unmittelbarer Nähe z. B. die Einöde Zell bei Schöngeising sd. i. acl ^rndraj und das Dorf Zcll bei Schästtarn), sämmtlich in sehr großer Anzahl entlang den Römerstraßen oder unweit derselben. Auch die Bewegungen der mittelalterlichen Heereszüge vollzogen sich auf den von den Nömern gebahnten Pfaden. Die Heere des fränkischen Maiordomus Pipin und des Bayernherzogs Odilo begegneten sich im Jahre 743 an der Nömerstraße von Augsburg nach Salzburg in einer heute noch durch Schanzenrcste erkennbaren Stellung auf den Uferhöhen der Paar zwischen Mering und Friedberg; als Karl der Große im Jahre 787 von drei Seiten her den Herzog Thasstlo angriff, nahte das eine Heer unter König Pipin im Süden auf der Via, Olanciia von Trient gegen Bozen; die Hnnptarmee unter Karl selbst rückte auf den vom Rheins nach Augsburg führenden Straßen heran, und der anstrasische Heerbann nebst dein Aufgebot der Thüringer und Sachsen marschirte auf der großen Limes-straße der Pcntinger-Tafel an die 287 Donau und nahm bck Pföring Stellung, um hier über den Strom zu setzen, also unweit jener Stelle, wo die eben genannte Limesstraße zwischen dem Doppelbrückenkopfe der Castelle Gruselig, (d. i. Jrnsing) und Ldusina (d. i. Eining) die Donau überschreitet. Ein klarer sprechendes Exempel für die fortdauernde Benützung der Nömerstraßeu kaun wohl kaum gefunden werden. Eben die letztgenannte Straße figurirt aber auch in unserem gefeierten Heldenliede von der Nibelungen Noth und insbesondere wird Beringen genannt, d. i. derselbe Ort wie Pföring, bet dem nur eine dialektische Verdichtung des Anfangsbuchstabens erscheint; der Name ist der gleiche, wie jener unseres Münchener Vorortes Föhring an der Jsar, wo bekanntermaßen ebenfalls eine Römerstraße, jene von Augsburg nach Salzburg, den Fluß überquert. Weder an dem einen, noch an dem andern Platze wird die römische Brücke erhalten geblieben sein, aber die Ueberfahrt über das Gewässer war es, denn das besagt der Ortsname, welcher „bei den Nachkommen des Fergen" bedeutet. Als Königin Kriemhilde mit ihren Getreuen zu den Hennen fuhr, so wird im 21. Abenteuer erzählt, und als „sie kamen nach Beringen, der Donau nah, geritten", da nahmen ihre Brüder Giselher und Gernot dort von ihr Abschied; die Braut König Etzel's aber zog auf der Donannferstraße der Peutinger-Tafel hinab durch Bayerland über Plattliug, Passau und weiter gen Osten. Auch die deutschen Kaiser benutzten auf ihren Nom- fahrten und italienischen Kriegen die Römerstraßen. Dafür haben wir aus Münchens Nachbarschaft ein urkundliches Zeugniß, indem Kaiser Heinrich der Heilige auf seinem dritten italienischen Zuge in Jnning am 16. November 1021 Quartier nahm; in einem Orte, der einen Büchsenschuß abseits von der Römerstraße Parten- kirchen-Schöngeising liegt. Auch der hl. Emeram schlug bei seiner Flucht eine Römerstraße ein; er wurde bei Grub nächst l 8 uni 80 L (d. i. bei Helfendorf) von seinen Verfolgern ereilt, und sein Leichnam wurde dann auf der Römerstraße über Feldkirchen nach Föhring zur Einschiffung an die Jsar gebracht. Es ist daher erklärlich, daß unser modernes Straßennetz in sehr vielen seiner Linien und Maschen auf den altüberkommenen römischen basirt; ja viele unserer heutigen Straßen, und zwar gerade der Hauptstraßen, liegen direct auf dem römischen Straßenkörper. Die Entwicklung und Ausgestaltung der deutschen Ansiedlungen brachte dann freilich viele Verschiebungen und Aenderungen hervor, weßhalb das vergleichende Studium der alten und jetzigen Verkehrswege höchst anziehende Ergebnisse liefert. Bei dem römischen Donauübergang nächstManching (d. i. Vallatulv) haben sich z. B. sämmtliche den Strom überquerenden Straßen nach Jngolstadt gewendet, und wie die Verlegung eines solchen Vcrkehrspuuktes wirkt, das sehen wir im Osten vor den Thoren Münchens. Dort draußen auf der weiten Hochebene ziehen von Salzburg, beziehungsweise Braunan, her bekanntlich zwei römische Heerstraßen gegen Augsburg, die an der oft genannten, oberhalb Grünwald gelegenen Schanze (d. i. LrLtünnniuw) und bei dem soeben erwähnten Dorfe Föhring die Jsar überschreiten. Seitdem aber Herzog Heinrich der Löwe die Brücke bei Föhring, sowie die bischöflich Freisiug'sche Burg daselbst zerstört und dafür bei München in Mitte zwischen den beiden römischen Flnßübergängen eine neue Brücke erbaut hat, gibt es für Handel und Verkehr nur mehr den einen Jsarübergang bei München, und auf diesen biegen nun die Wege von den uralten Röin.'straßen ab, und zwar von der südlichen bei Helfendorf (d. i. Isumsoa) über Hcchenkirchen, Perlach, Rammersdorf, von der nördlichen dagegen bei Feldkirchen über Riem und Zamdorf. (Fortsetzung folgt.) Cnltnrgeschichtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Neichenhall vom Jahre 1685-1799. I?. Wohl selten werden wir Urkunden') in die Hand bekommen, die uns in ununterbrochenem Zusammenhange lange Zeitperioden hindurch das Thun und Treiben längst verschwundener Generationen und die culturgcschicht- lichen Zustände ihrer Zeit so lebhaft vor Augen führen, als gerade die „Gerichtsprotokolle" vergangener Jahrhunderte, wie solche noch in großer Anzahl in den Archiven hinterlegt sind. Es werden uns darin die Menschen jener Zeit so plastisch gezeichnet und so ungeschminkt vorgestellt, wie das vielleicht sogar durch ein umfangreiches Gcschichtswerk nicht bewirkt werden kann, denn gerade so, wie es hier geschrieben steht, haben sie gelebt, gewirkt, gefühlt; dieselben Worte haben sie im Munde geführt, dieselben Leiden und Freuden durch- geumcht, vom selben Rechtsgefühl waren sie getragen, von denselben religiösen Ideen durchdrungen. — Kurz, diese Urkunden sind eine unerschöpfliche Quelle für Beobachtung und Studium ferner Culturzustände und geben uns ein scharf gezeichnetes Charakterbild der damaligen biderben Menschen und des Geistes ihrer Zeit. Es ist daher vielleicht auch für einen größeren Leserkreis nicht uninteressant, einen abgeschlossenen Theil dieser „Protokolle", wenn auch nur flüchtig, zu durchblättern, da dieselben nicht etwa bloß lokale Bedeutung haben und in ihrer Gesammtheit erst ein culturhistorisches Bild unseres Vaterlandes gewährten, sondern vielmehr schon jeder einzelne abgeschlossene Theil eines Gerichts- bczirkes uns alsbald mitten in das damalige Volksleben unserer Vorvordern hineinführt. Wir nehmen zu diesem Behufe die „Gerichtsund Verhörs - Protokolle des kurfürstlichen Pfleggerichts Reichenhall und der Hofmark Carlstain" zur Hand, welche uns in 70 Folianten mehr als hundert Jahre hindurch die regelmäßigen Verhöre und Gerichtsverhandlungen von dort erzählen und so einen tiefen Einblick iu jene ferne Zeit gestatten. Die damalige Strafprozeßordnung fußte auf dem bayerischen Landrecht von 1616, das jedoch „die Malcfiz- ordnung der Peinlichen Halsgerichtsordnung" von Karl V. subsidiär noch beibehielt, welch letztere hinwiederum auch der eoäex zur. dav. ariminalis von 1751 u. ff. nicht aufhob, so daß in der Periode, von der wir hier sprechen wollen, noch die Torturen zu Recht bestanden, wenn sie auch sehr selten mehr angewendet wurden. Der Pfleg- gerichtsjurisdiktion von Neichenhall nun zuständig waren alle „Gerichtsunterthaneu" mit Ausnahme der „Bürger" und der „Verburgerten" der Stadt Neichenhall selbst, denn diese waren nach altem Privilegium und Herkommen strafrechtlich dem „Bürgermeister" und dem „Rath ') Urkunden im juristischen Sinn als Schriftstücke überhaupt, denn im rein technisch-archivalischen Sinn ist der Begrrff „Urkunde" lediglich an eine bestimmte äußere Form des Schriftstückes geknüpft. 288 der Stadt" unterstellt. Für das Salinenpcrsonal hatte die Vorstandschast des „Salzmairamts" die Jurisdiktion; da aber diese Vorstandschaft aus dem jeweiligen Pfleger und dem technischen Direktor, wenn wir so sagen dürfen, dem „Salzmair" bestand, so blieb natürlich Letzterem nur die disciplinäre Gewalt, während die strafrechtlichen Fälle auch dieser Branche zum Pfleggericht ressortirtcn. 1575 wurde dann zwischen Herzog Albrecht und dem Propst von St. Zeno ein Vertrag geschlossen, wornach die bedeutenderen Straffälle, besonders die „Blut- runsthändel", der Hofmark Froschham mit Jnzell (St. Zeno) ebenfalls vor das Pfleggericht Reichenhall verwiesen werden sollten; und da die niedere Gerichtsbarkeit der Hofmark Karlstein schon bald nach 1564 (siehe Beiträge zur Geschichte des Schlosses Karlstcin Oberbayr. Archiv Band 47 S. 209 u. ff.) mit der des Pfleg- gerichts Neichenhall zusammengelegt, während im Jahre 1606 dem neuen Käufer von Marzoll Christoph Lasser die dortige Gerichtsbarkeit auch vorenthalten wurdet, so lag nnn fast die gesammte Gerichtsbarkeit in unserer Periode in den Händen des Neichenhall'schen Pflegers?) Indessen ist hier mir von der mittleren Gerichtsbarkeit über Vergehen undUebertretungendie Rede, denn die höhere Gerichtsbarkeit, das Malefizgericht, die Criminalfälle oder Vicedomwändcl waren dem Vice- dom zuständig oder später, nachdem der Schwerpunkt der Gesammtrcgicrnng auf die Finanz gelegt wurde, dem Nentm elfter^) und in letzter Instanz dem Hofrath zu München als oberster Justizbehörde, und zwar so, daß entweder der Nentmeister selbst auf dem „rentmeister- lichen Umritt", d. h. seiner jährlichen Inspektionsreise, die Criminalfälle abwandelte und in sein „Unirittsprotokoll" aufnahm, oder daß wohl auch der Pflegers die Voruntersuchung solcher Fälle führte und den Akt hierüber höheren Orts zur Verbescheidnng vorlegte. Uebrigens wird die juristische Frage über die Zuständigkeit der einzelnen Gerichte früherer Zeit bei der allgemeinen Ver- quicknng von Civil- und Strafprozeß und von Verbrechens-, Vergehens- und Uebertretungs-Fällen, bei dem unsichern Ineinandergreifen der verschiedenen Ressorts, bei den vielen Organisationen im Laufe der Zeit, bei den mannigfaltigsten Privilegien, die allenthalben bestanden, bei der großen Ungleichheit der Competenzen der einzelnen Gerichte eine überaus schwierige sein und mutz einer fachmännischen Feder überlassen werden. Wir betrachten hier lediglich die cultnrhistorische Seite dieser Gcrichtsprotokolle und werden hierin ein vielgestaltetes Bild aufgerollt finden. — Im Allgemeinen aber dürfen wir, soweit wir eine ferne Zeit beurtheilen und mit der Gegenwart vergleichen können, — aber dies ist ja eben die Schwierigkeit des Gcschichtsverständnisscs — wohl vorausschicken, daß, nach unsern heutigen Anschauungen bemessen und °) Später erhielt Lasser dieselbe wieder gegen eine gewisse Geldentschädignng. °) Nur für die Bergwerksarbeiter am Rauschberg und Stanscn rc. bestand eine Zeit lang ein eigenes „Pcrg- werchäaericht" mit selbststcindigcr Jurisdiktion. ') Bauern war in 4 Rentämter oder Regierungsbezirke ei'.w.etheilt, nämlich München, Burghansen, Lands- hnt und Straubing, an deren Spitze je ein Rcntmcister, Regierungspräsident, stand. Reichenhall gehörte zum Rentamt München, welch letzteres auch das „Rentamt Oberlands" hieß, während die drei andern „Rentämter Unterlands" genannt wurden. °) Wir sprechen hier nur von Rcichcnhatt, denn andere Gerichte hatten nur einen Richter (Landgerichte), andere neben dem Pfleger auch einen Richter, andere einen Pfleger mit dem „Blntbann" u. s. w. u. f. w. nach den uns hier vorliegenden Gerichtsprotokollen zu urtheilen, die damalige Welt wohl sittlich ernster war als die gegenwärtige und, man möchte es kaum glauben, weit feinfühliger wie heute; bei Ausdrücken z. B. wie „Unwahrheit", „Stall", „Strumpf" u. dgl. setzen diese Gerichtsprotokolle immer ein „salva venia? oder „ro- vormrclo" voraus. Schlagen wir nun unsere Urkunden auf, so sehen wir schon an den Ueberschriften, daß der Pfleger alle ein bis zwei Monate im Beisein des Gerichtsschreibers als Protokollführers und bedient vom Amtmann (Gerichtsdiener) im „Wegschloß" Grnttenstein ein „Verhör" d. h. eine Gerichtssitzung anberaumte für den Bezirk Reichenhall und eine ebensolche gesonderte für die Hofmark Karlstein, für die letztere allerdings öfters resnltatlos — „1698" z. B. ist im ersten, zweiten und dritten Verhör d. i. am 24. Januar» 7. März und 9. Mai „in der chnrfürstlichen Hofmark Carlstain vor Gericht zu clagen und abzuwandeln Vorgefühlen Niüil". Fast humoristisch nun wandelt es uns an und doch wieder so bieder und ehrlich, wenn wir den Tenor dieser Verhandlungen lesen oder auch die Betreffe derselben durchblättern. Wie oben angegeben, beginnen sie im Jahre 1685, und am 5. „Jenner" fand die erste Gerichtssitzung statt, und der erste Fall, der zur Verhandlung kam, berührte „Simon Gstöttncr", weil er seine „Herbergs Inwohnerin Margarctha Schreinerin" eines „ungleich gestrickten rovei'cmäo Strumpfs halber mit Handstraicheu überfahren und sie ein plabs" (blau) „Aug bekhommen". Gstöttner erhält deßhalb Verweis und 1 L Pf?) Strafe, die „Schreinerin" aber» weil sie hicbei „sacramcntiert" und „Gott gelestert", wird „2 Stund in die Geign geschlagen und Andern zum Abscheich auf den offenen Platz gestählt". Mit dem Reat der Gotteslästerung nahm man es überhaupt damals sehr genau und streng, und wir werden hiefür einige Beispiele aus unseren Gerichtsprotokollen zum Beweise des Gesagten anführen können, aber auch bei Besprechung anderer Vergehen, z. B. „nächtliche Ruhestörung", werden wir jedesmal die Wahrnehmung machen, daß, wenn ein Excedent hiebet „ein Sakramcn- tieren ausgestossen", dies auch jedesmal mit eigenem Verweise geahndet oder die Strafe im Hinblick eben darauf erhöht wurde; ein gläubig religiöser Zug war icner Zeit entschieden eigen. Bei einer Verhandlung wegen Fluchens bezeugt 1. Zeuge, daß der Beklagte das Wort „Sacra- ment" nicht ausgesprochen, sondern nur „Sacrame —", während der 2. Zeuge angibt, er habe nur „Tausend Sacra—", das weitere aber nicht gehört, weßhalb die Angelegenheit „dermahlen ausgestöhlt" bleibt, d. h. nicht spruchreif war. R. Lst mußte 3 N Pf. bezahlen und überdies 3 Stunden lang „in der Schandfaulln öffentlich vorgestellt" werden, weil er in Folge eines „gehebten Gerciffs mit schelten und sacramcnticren Gott dergestalt gelestert, daß es nit wohl ausgesprochen werden kann" und daß „die Zeugen es nit erläutern werden"; ein Dicnstinccht hat „wegen ettichmale Laern: und Gatts Lesternng auf offener Gassen in gehübten Rausch" diesen Frevel „im Ambthanß mit Wasser und Prot über Nacht gebüßt" und wurde noch dazu „anderntags, damit sich andere seines Gleichen darob zu spiegeln haben, in die «) 1 N - 8 Leb (.ä) (Schilling) - 240 Pf. - ! Leb — 30 Pf. (dl.) - 1 fl. - 7 --- 210 dl.; 1 kr. (Kreuzer) — pf. — 7 bl. (Better), 1 dl. — 2 h!., ooch variirt der Werth der Münzen in verschiedenen Zeiten und Orten. 289 Schaudsanllu gestöllt 3 Stund" — der Betreff hiczu heißt: „Gottslcstrungsstraff"; — ein Anderer, der sich „ins Praune Pier etwas bezöcht gemacht, anf der Gaffen 2mal sacramentiert und dadurch Gott ge- lestert hat", erhält neben dem Verweis, „künftig sein Maull besser besser im Zanmb gehalten", „2 Stund öffentlich Schandsaulln mit den Eißen" d. h. mit Hand- oder Fuß-Schellen; 1698 beschwert sich der „Pfarrmösner wegen gegen das Gottshaus verübten Frävels" über einige „ledige Dienstpuebcn", weil sie „in den Kirchen Thnrn bei St. Nicolaus mit Steinen hinauf und denen droben gestandenen Pueben Ausgeworfen", weßhalb sie trotz Vorgebens, daß die Andern zuerst hcrabgeworse« und sie „in kainer bösen Mainung nur etlich Mirs gethan", 1 Tag im Amthans Zu verbringen hatten mit dem Anfügen: „sich Hinfür dergleichen Rauppereyn bei Vermeidung öffentlicher Schandstraf zu enthalten"; — zweien Burschen, die beim Moserwirth in Fager unterm Kartenspiel „ein thruckhenes Gerenff verübt" (trocken, wobei kein Blut floß), wurde neben der gewöhnlichen Strafe hiefür noch eigens ein gerichtlicher Verweis ertheilt, weil sie „solche Ungebühr in der hl. Fastenzeit verbracht"; „wegen in der Kirche schwetzen und lachen", heißt ein hicher gehöriger Betreff, „34 kr. 1 hl."; — eine Magd, welche „in Wortstreitt anf der Gassen sacramentiert", erhielt „deswegen zur Straff öffentliche Umbfihrnng in der Geign in der Statt auf der Gassen." Dies nur einige wenige Beispiele, wie, trotz einzelner Vergehen gegen dieselbe, die Gottesverehrung hochgehalten wurde und ein streng religiöser Sinn die damalige Zeit noch allgemein dnrchdrang. Aber auch die Ehre unter den Menschen, die Autorität sollte in allen ihren Formen und Abstufungen und in allen Lebeusver- hültuissen ausrecht erhalten werden. Es ist ein besonderes Zeichen jener Zeit, — und zwar, wie wir vermeinen, ein gutes — und bezeigt ein großes Verständniß für die gesunde Entwicklung des kulturellen Fortschrittes jeden Gemeinwesens, daß der Gehorsam der Untergebenen gegen ihre Vorgesetzten obrigkeitlich verlangt und selbst der Familie und der Zunft zur Erhaltung ihrer Existenz der Arm der richterlichen Gewalt geliehen wurde, um Eltern und Meister in ihrem Ansehen gegen ungehorsame Kinder und Genossen — kurzum jedes Gemeinwesen in seinem Bestände zu schützen und zu erhalten. Die Kluft zwischen der von Gott gesetzten und gewallten Obrigkeit und ihren Untergebenen sollte nicht ausgefüllt» sondern weise überbrückt werden, wie überhaupt anf ein geordnetes, geregeltes Gemeinwesen von Gericht aus energisch eingewirkt werden wollte. Es wurde deßhalb auch dem Juuungswescn aller Vorschub geleistet und die Einhaltung der bestehenden Haudwerks- statuten eifersüchtigst bewacht, ein Oberaufsichtsrccht hiefür in Anspruch genommen. , Doppelt strafbar war natürlich eine Auflehnung gegen die Staatsgewalt, eine Mißachtung jeder Amts- oder öffentlichen Ncspckts-Person — Autorität das Princip jeden Zusammenlebens! „Gegen seiner Mutter den gebichrcuten Gehorsam nit zu erzeigen", heißt ein Betreff über eine Gerichtsverhandlung von 1748, wornach der Sohn einer Wittwe auf Letzterer Beschwerde hin, das; er ihr den schuldigen Gehorsam nicht erweise, Abends vorn Hause wegbleibe und von ihr kein „audt: und gcwahrnng" annehmen will, gerichtlichen Verweis erhält mit dem Auftrag, seiner Mutter „in allem" den Gehorsam zu erweisen. Der Ungehorsame erhält für diesmal ein Tag mit Wasser und Brod im Amtshaus „mit dem annexo", das; künftig schwerere Strafe erfolge; — wegen Thätlichkeit gegen einen Meister erhält ein Handwerksmann durch gerichtlichen Ausspruch anno 1700 eine höhere Strafe, als sonst üblich, weil er „für einen Maistcr mehrcru Respekt zu brauchen"; und andere hieher gehörige Betreffe heißen: „ainen Maistcr den ihm gebührenten raspsot nit bezeigen"; — „wider den Nenntmcistcr zu Bnrghansen das Maull auslähren"; — „gegen eiucu churfürstlichen Herr Lentenant ungebührliche Wort ausziehen"; — „einem Amtskuecht, wie er auf nächtlicher Pass war» die Thür nit aufmachen"; „ainen in Dienstverrichtung mit Schmechworten und Vöpplcreyen überfahren", — lauter Autoritätsverletzungen, denen wir noch den etwas complicirtercn Fall „Ruepp-Hnudsdorfer" beifügen können: Hundsdorfcr nämlich, der nicht nur „Bürger" und „Schucllniaistcr", sondern auch „dermal (1720) bestölter Thorspörrer beim obern Thor" (jetzt Tirolerthor) war, wurde von zwei „Pfleggerichtsunterthanen", als er sie Nachts zum Thore hinausließ und um ihre Namen fragte, „hundsfottischer Schuelmaister" injurirt, weßwegen die Beklagten, weil Kläger „in Ausübung seines Dienstes" beschimpft wurde, auch eine doppelt strenge Strafe erhielten. Auflehnungen gegen obrigkeitliche Befehle, sogen. „Ungehorsam- straffen" führen unsere Urkunden viele an, z. B. „zur Stellung ordentlicher Klag 2 mal ungehorsam ausbleiben" — 34 kr. 2 hl.; „die Vormundschaft nicht übernehmen wollen" — Verweis und 30 kr. 2 hl. Strafe. Mehr dergleichen Fälle kommen, wie es die Umstände von selbst mitbringen, in Kriegszeiten vor: z. B. hatten zur Zeit des spanischen Erbfolgekriegcs 1703 „4 ledige" wegen „erzeigter Widersetzlichkeit", indem sie sich „auf der Trauusteiuischen Ausmusterung zu erscheinen geweigert", L 1 T Pfg. — 4 fl. 34 kr. 2 hl. zu bezahlen, obwohl die Armee an ihnen nicht viel verloren haben dürfte, denn sie brachten keine andere Entschuldigung ihres Fernbleibens vor, als „daß sie Ihnen aus Forcht nit hinaus- . getraut"; — mehrere Bauern haben zur selben Zeit „für einen durchmarschierentcn kayscrl. Stuckhanptmann ihre vom Gericht anbefohlenen ,16 Roß nit Hergeben", mit der Motivirnug, daß sie „für dergleichen Fälle nie ein Geld erhalten haben", gleichwohl sie 12 fl. 35 kr. Strafe für anderweitig bestellte Zugpferde „mit Androhung scharffcu Einsperrcus im Wiederholungsfall" zu bezahlen haben; — „erzeigte Widersetzlichkeit", heißt ein anderer Betreff, „gegen Schauzgebcy in Obern Weiß- bach". — Auch einzelne Soldaten, wenn sie in Garnison zu Neicheuhall lagen, wurden als Respektspersonen betrachtet und deren Beschimpfung gerichtlich geahndet: eine Dienstmagd, die die Chcvanlegcrs, welche 1788 anf „Cordon-Commando" zu Neicheuhall lagen, mit „Schlänge!", „Spitzbueüen" und „Calfakters" beschimpfte, erhielt sogar eine körperliche Züchtigung; — „ainen Ehevanleger ainen grienen Schlänkl geschmechet" — heißt ein anderer Betreff. (Fortsetzung folgt.) Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. (Schluß.) Daß man vor dem Postulat der Kraft der Massen und der noch schlummernden, aber des Wiedcrcrwachcus 290 und vielleicht der Reorganisation fähigen Volkskraft bereits die Augen zu offnen begonnen hat» zeigt vor Allem die Ausbreitung des Volkshochschulwcsens und der Volkstracht erhaltenden und Volksthümer sammelnden Vereine. Mag man über Wesen und Werth dieser Erscheinungen streiten: die Anerkennung des Postulates von der Bedeutung der organisirten Masse und der clementarischen Volkspotcnz bleibt. Anderseits weisen in den Kreisen wahrer Jndividualitätsknltnr manche Radien von den verschiedensten Richtungen nach den Kreiscentren: und sogar manche wieder von diesen Centren nach dem Centrum der Centren. Denn wie unsere kosmologischen Anschauungen die erste Stufe der Vollendung erreicht haben, seit man angefangen hat die Ccntralsonne zu suchen, so muff etwas Aehnlichcs schon nach allen Naturgesetzen auch für unsere historischen Anschauungen im großen Stil eintreten. Bereits beginnt sich die Erkenntniß auszubauen, daß das lebensvolle 18. Jahrhundert, ebenso wie es in seiner centrifngalcn Kraft nach dem 19. Jahrhundert rmd vielleicht noch darüber hinaus weist, in feiner centripetalen Kernkraft sich eng an die Renaissance anschließt. Nicht mit Unrecht hat eine Abhandlung in der Beilage der „Allg. Ztg.« (April 1897) in dem Ende des 18. Jahrhunderts das letzte Ausströmen der großen Renaissancebewegung gesehen. Diese Erkenntniß wird nach meinen Begriffen vollendet sein, wie man erkannt haben wird, daß in Goethe diese centripetale Kraft über die centrifugale seiner Jugendzeit seit Weimar und vor allem seit Italien dauernd gesiegt hat, um den Altmeister zum letzten harmonischen Gebilde der Barock-Renaissance zu machen: und zwar mit allen Stärken und Schwächen dieser Knl- tnr-Bewegnng: und zugleich im Zeichen des Niederganges, mit manchen Ahnungen der eigenen Ungelöstheit. Auf der Wende von Renaissance und christlichem Mittelalter steht Shakespeare. Daß dieses christliche Mittelalter trotz Allein und trotz Manchem einen gewaltigen mitteleuropäischen Sieg des Nomanismns bedeutet: diese Erkenntniß bricht sich in der ernsteren Forschung immer mehr Bahn. Die höchste ideale Macht des Romauismus ist erreicht mit Dante: und von da laufen die Hauptfäden trotz Vergil und Aristoteles hinüber zu Platon. Platon aber ist der kongeniale, spätgeborene Widersacher des Homer. Dieser Homer aber ist allerdings nicht der gefeierte aber ebenso unmögliche Dichter von Jlias und Odyssee, sondern nur der Urheber der Achill - Patroklos - Hektor - Dichtung in der Jlias: einer Dichtung von nur ungefähr 5000 Versen, die aber an Grandiosität, Tiefe und Einfachheit alle Literatur der Zeiten lveit hinter sich läßt und ihren Polarpnnkt nur aus einer erschreckenden Complicirthcit der Bedingungen und aus ebenso erschreckenden Nothwendigkeiten und Weltgeschickslagen heraus finden kann. Die Beweise für diese vielleicht kühnen Behauptungen muß ich für zwei größere, fertigliegende, vielleicht demnächst herauszugebende Arbeiten ersparen. Homer ist nicht objektiver Volksdichter, sondern für seine Zeit denkbar größter Kunstdichter, der in seinen 5000 Versen den Griechen vor allem die Keime der Religion und der Philosophie, sodann aller Dichtungsarten thatsächlich gegeben: der, man kann fast sagen, das hellenische Volksthum erst geschaffen hat. Aus dem von ihm Gegebenen mußte sich das griechische Volksthum in fortwährendem Entwicklungskampf Herausringen: zugleich «ber mußte es die gegebene hohe Volkskultnrmöglichkeit mit seiner eigenen erdgcborenen Kraft vereinen und ausgleichen. Die erste Heransholung dieser erdgcborenen Volkskraft, aber durch das Sonnlicht des längst verstorbenen blinden Schersängers aus dem Boden herausgelockt, bedeutet, während die nachhomerische Jlias ein Labyrinth von kämpfcnden Tendenzen: vor allem genialische, talentvolle wie talentlose Erhebungen gegen das ort- und zeitlose Genie Homers enthält, erst der Kern der Odyssee. Manche andere rütteln daran, aber erst Platon zerschlägt den schönen Kreis: und das Helleuenthnm zerplatzt zu dem kraft- und anschauungsreichen, aber auch mehr und mehr in sich zerrissenen und zum Orientalismns zurückkehrenden Hellenismus. Das erste Hauptmoment in dieser wichtigen Bewegung bedeutet das Heroon von Gjölbasch-Thrysa (Kunsthist. Mus. in Wien) mit seinen über 100 Meter langen Fries- resp. Doppelfries - Darstellungen. Das Zweite Hauptmoment bedeuten die Schollen, die in ihren Anschauungs-Irrgänger: in ihren zwischen plattestem Rationalismus, ödester Blasirtheit und sensibelstem Mysticismus schwankenden Grundströmungen vielfach so frappante Parallelen zu der jetzigen Zeitsignatnr liefern. Vergebens stellte sich dieser Flutströmung die neuländische, natur- und Volksfremde Wissenschaft von Alexandrten entgegen. Die Bewegung geht weiter, um in ihrem dritten Hauptmoment, dem Nenplaronismus, für immer unterzusinken oder in's Christliche zu verschwimmen oder auch bewußt sich zu retten. Da, wo das Lateilierthnm in die Bewegung eintritt, ist es auch bereits natur- und volksfremd, sogar -feindlich. Das römische Schwert und die römische Logik aber hatten dieselbe hineinzutragen in die Länder des Keltenthums, später auch in die Tiefen des germanischen Waldes und des ungebrochenen germanischen Volkstums. Die erste Krystallisierung in diesem Proceß ist zu sehen in dem karolingischen Knltnrkreis, die zweite in dem Ausbau des Nomanismns ins Mittelalter — auch in das altfränkische Mittelalter hinein: sich stützend auf den romanisch-keltischen Sagenkreis, auf die romanische Universitäts- und Gelehrsamkeitsbewegnng und auf den idealen Einfluß der vorherrschend romanischen Kreuzzugsbewegungen. Die Wende des 12. Jahrhunderts, natürlich im weiter» und weitesten Sinn, ist eine hochbedeutsame, fast erhabene. Die Scholastik ist im Ausbau begriffen, Dante tritt auf — auch die deutsche Bildung und deutsche Literatur ist trotz manchem Anschein eine stark überwiegend lateinisch-romanische. Aber schon hat die Lohe germanisch- heidnischen Denkens und Fnhlcns, die zum letztenmale, wenn auch aus dem Christenthum heraus und mit etwas Christenthum, in den altfränkisch-baivarischen Nibelungen und in dem sächsisch-romanischen, aber auch in Bajuvarien entstandenen Gndrnnlied aufschlug, gleichsam ein Früh- morgenroth für neue Entwicklungen bedeutet. Die politischen Staufer kommen, die deutsche Mystik setzt mächtig ein: und während Wolfram von Eschenbach noch versöhnend und ausgleichend auf der Wende steht, ruft Walter von der Vogelweide als lyrischer Pionier mächtig in die neuen Zeiten hinein. In schauernden Wehen beginnt eine rückläufige Bewegung: der beginnende Befreiungskampf des Germaneuthnms. Seine gothischen Dome stellt das sich elementar ! heransringende Germanenthum als mächtige Symbole an I den neuen Weg; bis zu den Anfängen einer deutschen I Malerei vermag es vorzudringen. Aber es ist ihm ein neuer, innerer Feind erwachsen: der mittelalterliche Kosmopolitismus, wie man ihn im germanischen Sinn wohl am besten an Oswald von Wolkenstcin studieren kann. Und die gothischen Dome sind, ein bedeutungsvolles Wahrzeichen, am bedeutungsvollsten bei der Münchener Liebfrancnkirche, unausgebaut geblieben: und da aus der Erkenntniß der gefährlichen, verwirrten Zeitgänge heraus hätte ein neuer, mächtiger Aufschwung kommen sollen und können, da tritt mit der beginnenden Reformation, zunächst nur indirekt und im Tieferen liegend: durch deren Verbindung mit dem einstweilen übermächtigen Humanismus (das Griechische war damals noch akademisches Spiel oder zünftige Spezialisation) ein absoluter Rückschlag zum Latinismus ein. Und diese Bewegung dringt denn auch trotz mancher Hemmung, zu einem modernen Romanismus sich ausbauend, heran bis vor die Thore der neuen Zeit, unter deren Wölbung Männer wie Lessing, Winkelmann und Herder standen. I. I. Rousseau aber that den großen Ruf in die neue Zeit hinein. In einer Bewegung, wie sie noch nie gesehen worden war, die höchstens zünftige Pedanten mit dem engen und gar nicht immer und überall zutreffenden Schlagwort Romantik abgethan glauben können, schlug der Umsturz zur germanischen Bewegung zurück an die fernsten Gestade echten, unverfälschten Germanen- und HellenenthumS. Aber die „Romantik" brach mit den nationalen Enttäuschungen, welche die heilige Alliance sammt dem Be- stcheubleiben des Napoleonischen Mittel- und Westeuropa mit sich brachte, in sich zusammen. Um die Wende der 40er Jahre brach auch der politische Germanismus prinzipiell zusammen: und seit der 70er Wende wurde der Germanismus auch sozial in Trümmer geschlagen. Das ist gleichsam die Wellenbewegung des 19. Jahrhunderts. Man konnte in der letzten Zeit Schriftsteller der verschiedensten Art sagen hören, daß alles Gesunden der nächsten Zukunft von dem Gesunden der socialen Zustände abhänge. Gewiß. Aber es wäre so ziemlich blinder Optimismus, dies Gesunden ohne Katastrophen sehen zu wollen: was hinwiederum jedoch für wirklich Gebildete, vor allem für wirklich gebildete Germanen nichts weniger als Quietismus in sich schließen darf. Vielleicht kommt dann die Bewegung des 19. Jahrhunderts im nächsten rückläufig vom Sozialen zum Politischen und vom Politischen zum Nationalen: und wenn irgend welche gute Aussichten möglich sein sollen, müssen unterdessen, je elementarer die Eruptiousbewegnngen verlaufen sind und verlaufen mußten, um so sicherer, klarer, wirklich idealer die reaktionären Bewegungen gewesen sein: zurück zu den ewig gütigen Typen, Gesetzen und Idealen des Mcnschenthums. Vielleicht wird sich auch an jede jener vordrängenden Bewegungen eine immer stärkere germanische Untcrström- ung und zugleich mit dieser eine, über Nomanismus und Latinismus hinweg, zu dem weltgeschichtlichen und tief innerlich verwandten Griechenthum zurückschlagend knüpfen. Und vielleicht wird sich so einmal zeigen, daß wir an all den Stationen des ringenden Germanismus mit erweitertem, vertieftem, kampfgeläutcrtcm Anschauen und Sinnen wieder vornberkommen: und daß dann auch einmal die große Zeit da sein wird, welche die große Brücke direkt von dem im Kampf und an den idealen Vorbildern seiner Jugendzeit geläuterten und ansgerciftcn Germancuthum zurück bis Zu den tragenden.Säulen des Hellenenthums schlagen kann: zu einer Verbindung des Hcllencnthums und Germanenthums, die sich in dem wahr und voll erkannten Christenthum gefunden hätten. Man sieht, es hat noch weite Wege: und die Bewegungen in Natur und Geschichte werden sich auch temperamentvollen Schriftstellern und Dichtcrsehern zuliebe nicht überstürzen. Dafür aber darf jeder wahrhaft Gebildete, darf vor allem jeder auch nur in etwas wahrhaft germanisch Gebildete heutzutage diese Leuchten an den beiden Polarpunkten der inneren Weltgeschichte nicht aus den Augen verlieren; muß jeder Sinn und Hand zum Wiedererkennen des alten Hellenenthums, zur Sicherung und Wiederbelebung des germanischen Volksthums leihen. Und um so eindringlicher, um so mehr in selbst- verloren idealer Arbeit muß das geschehen, je mch: gegenwärtig und für die nächste Zukunft Gefahr besteht, daß es dem griechischen wie dem deutschen Volksthum immer mehr so gehen könnte wie den Jnsignien des hohen Kirchenfürsten, wenn sie der blöd oder grobernst dreinschauende Ministrant vom Altar wegträgt. Daß schwere Arbeit zu verrichten sein wird, ist für jeden Kenner unserer Zeit selbstverständlich: das hat auch, wenigstens für das Germanische, der unlängst in der „Allgem. Ztg." (Beilage 100, 1897) von F. v. d. Lehen erschienene Artikel dargethan. Mit Recht ist in demselben in den Vordergrund gestellt worden, wie auch wieder in dem Handbuch der germanischen Mythologie des noch sehr jungen, verdienstvollen W. Golther die Gefahr der modernen, temperament- und feuerlosen, nüchternen und skeptischen Gelehrsamkeit sich deutlich und gerade an einem der Besten gezeigt hat. Also auf! Oder soll man die Hände in den Schoß legen oder als unsteter, ironisch lächelnder Pilatus ewig fragen: Was ist Wahrheit? Oder soll man gar mit Richard Wagner, dem unglücklichen, aber ja nicht zu verkennenden, wirklich heroischen Vorkämpfer für das Germanenthum, sagen: es gibt kein deutsches Volk mehr; wer noch daran glaubt, ist ein Narr? Dann können wir auch getrost allen weltinncrlichen Humanismus — und vor allem auch unsere humanistischen Schulen, die es allerdings erst richtig und ganz werden müßten, begraben. Andrerseits wäre es auch gewiß der Mühe werth und nicht weniger nothwendig, wieder einmal mit dem Ernst und der Unbeirrtheit, deren das Suchen nach der Wahrheit bedarf, die Sonde anzulegen und zu fragen: was ist denn eigentlich echtes Griechenthum? Ist es vielleicht gar der Alexandrinismus oder gar der latinisirte Hellenismus oder dessen Verbindung mit der direkt östlichen Spekulation? Was ist das, was man jetzt so vielfach, auch in so ernsten Schriften und Artikeln, wie die Schcll'sche Programmschrift und der Artikel des Kunstwart (1. Heft, Mai 1897: „Zur deutschen Volkskunst") sind, als Alles stützendes Schlagwort gebraucht, aber auch vollständig unerörtert gelassen findet: das deutsche Volk? Sollte die Blüthe desselben gar am Ende in unserem Uuivcrsitäts-Akadcmismus zu suchen sein? Sollte sein Kern und seine Kraft, wie es manchmal fast scheinen möchte, in dem Berliner Ostelbierthum und in den nicht unorientalischen „Vereinen zur Erhaltung des Deutschthums im Ausland" gesehen werden müssen? Leider wäre heute das ^ouvoanb eoiisnles" keineswegs mehr am Platz. Um so mehr wird jeder, dem es mit germanisch- christlichem und wcltgeschichtsknndigem Humanismus Ernst ist, verpflichtet sein, sich auf den verlassenen Posten zu stellen. Daraus könnte dann einmal der große Rcalis- 292 inns werden, der werth und würdig wäre, daß ihm der vielgenannte und vielmißbrauchte Humanismus weichen würde. Dann würde auch die des großen und wahren Germanismus unwürdige Vergötznng Goethes überwunden sein: und der große christliche Weltkreis, mit echtem Dentschthnm und echtem Griechenthnm als Brennpunkten, mit dem Christenthum als Sonne, würde offen- licgen und viele schwere Räthsel lösen. Recensionen und Notizen. Richter P.. Die Benediktinerabtei Maria- Laach, ein geschichtlicher Rückblick auf acht Jahrhunderte (1093—1693). 8°, 93 S. Hamburg, Verlagsanstalt A.-G., 1896. M. i,oo. ' s. Dieser kurze Abriß einer Klostergeschichte bildet einen Bestandtheil der „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrüge" von Virchow und Holtzendorff- Wattenbach (Neue Folge: eilfte Serre, Heft 244/55). Wer kennt nicht die „Stimmen aus Maria-Laach", die von den deutschen Jesuiten herausgegebene, vornehmste katholische wissenschaftliche Zeitschrift Deutschlands? Sie verdanken ihren Namen dem Kloster Maria-Laach (aä Dseum) bei Andernach am Rhein. Längst bevor die Jesuiten (1862) die Räume bezogen, um dort eine rege wissenschaftliche Wirksamkeit zu entfalten, war die Stätte durch Bene- Rktinermönche zu einem friedlichen Cultursitz gemacht worden, in dessen stillen Mauern manches Gelehrten- lebcn geblüht und dahingewelkt hat. Der Verfasser schöpft aus handschriftlichen Quellen, die noch in reichem Maße vorhanden sind. Das Kloster, das jetzt (seit 1893) wieder von Benediktinern aus der Beuroner Congregation bewohnt wird. wurde von Mönchen desselben Ordens bereits achthundert Jahre früher (1093) besiedelt und bis zu seiner Aufhebung (1802) bewohnt. Richter gibt uns ein belebtes, anschauliches Bild der geistigen Bestrebungen, welche das altehrwürdige Kloster zu einem Edelsitz deutscher Cultur machen. Besonders interessant und ganz neu den Quellen entnommen schildert er (S. 60—80) die an Kämpfen nicht arme Humaniftenzeit, die ja auch im Convent zu Maria- Laach einen Widerhall gefunden hat. Möge das Büchlein allen ein lieber Vorbote werden zu der demnächst erscheinenden, mit Begierde von uns erwarteten Arbeit desselben Verfassers über die „Schriftsteller des Benediktiner- klosters Maria-Laach"; der Verfasser wird damit sicher die Geschichte der monastischen Literatur um ein wichtiges Stück bereichern. JörgensenJohannes, Lebenslüge und Lebenswahrheit. Aus dem Dänischen überseht. Mainz, Franz Kirchheim. Kl. 8°. (IV u. 74 S.) In eleganter Ausstattung M. —.80; in elegantem Originaleinband M. 1,50. Der Verfasser, wohl der talentvollste und bedeutendste der jüngeren dänischen Dichter, der im vorigen Jahr in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt ist, bietet in dieser Schrift in fesselnder Sprache interessante Stimmungsbilder, welche ein Helles Streiflicht auf die Vorgänge in seinem Innern werfen, die sich in den Tagen seiner Conversion vollzogen. Er weist das in blasirtem Skepticismus gesprochene Wort Jbsen's, daß „das Glück nur möglich ''i durch die Lebens lüge", entschieden zurück und zeigt, daß nicht der von ihm früher in den Bahnen des Darwinismus und Individualismus vertretene Unglaube der Weg zu Wahrheit und Glück sein kann, daß nicht eitler Weltsinn und überhebende Selbstvergötterung zum Heile führen kann, sondern einzig und allein echte Selbstverleugnung im Sinne wahrer christkatholischer Lcoeiisauffassung. Peters, k. F., 6. 83. U., Der verlorene Sohn. Fastenbetrachtungen. Mit kirchlicher Approbation. 8°. (XIII u. 152 S.) geh. M. 1.-. geb. M. 1,60. Mainz, Franz Kirchheim. In die ebenso einfache als schöne Parabel vom Verlornen Sohn hat der Heiland eine der taktvollsten Wahr- 1 heiten des Christenthums eingekleidet. Die einzelnen aus dem Leben gegriffenen Vorgänge dieser Parabel werden in dieser Schrift von einem kundigen Seelenführcr in 17 Episoden mit Liebe und Verständniß ausgeführt. Ein nützliches Büchlein für Jedermann, insbesondere für die reifere Jugend. Bougaud. Msgr. Emil, Bischof von Laval. Die Kirche Jesu Chri st i. Autorisirte deutsche Ausgabe von Philipp Prinz von Arenbera, päpstl. Gehcimkämmerer und Domcapitnlar in Eich- stätt. (Christenthum und Gegenwart. Bd. IV.) Mit bischöfl. Approbation, gr. 8°. (XIII u. 470 S.) Preis M. 4.50. gebd. M. 5.60. Mainz. Franz Kirchheim. „Die Kirche Jesu Christi", der vierte Band des Werkes „Christenthum und Gegenwart", gilt als Glanzpunkt dieses apologetischen Werkes des Bischofs von Laval. Der Verfasser bewegt sich nicht auf herkömmlichen Geleisen, seine Schrift -zeichnet sich aus durch volle Beherrschung und durchsichtige Dertheilung des Stoffes, Neuheit der Gedanken und oratorischen Schwung. Nicht wenige Kapitel in diesem Werke, welche die aktuellsten Fragen behandeln, wird man vergebens in andern Apologetiken suchen. Die Schrift bietet daher reiches Material für apologetische Vortrüge über Leben und Fortschritt der Kirche, Unfehlbarkeit. Papstthum, die moderne Gesellschaft rc. Die Uebersetzung des Prinzen Philipp von Aren- berg verdient alles Lob. Peters, k. F., v. 88. R,.. Das Leiden Christi. Eine Hochschule christlicher Tugend und Vollkommenheit. Mit kirchlicher Approbation. Volksausgabe der 1891 bis 1896 erschienenen 3 Bündchen: Der Oelgarten Gethfemane. 8°. (XII und 296 S.) Der Richterstuhl. 8". (XII u.374S.) Die Schädelstätte. 8". (XII und 232 S.) in einem Band gebunden M. 4,—. gebd. M. 5,—. Mainz, Franz Kirchheim. Diese Hochschule der Tugend, aus drei Bündchen bestehend, umfaßt drei Hauptstationcn: 1) Der Garten Gethsemani. 2) Der Richterstuhl. Jesus vor dem jüdischen Hohen Rathe und dem heidnischen Richter Pilatus. 3) Die Schädelstätte oder Golgatha. Der Leidensgang des Erlösers zur Schädelstätte und seine Kreuzigung. Die Schriften der Heiligen Thomas von Aquin, Bonaventura und Älphons v. Liguori sind diesem Werke zu Grunde gelegt. Es zeichnet sich vor anderen ähnlichen Abhandlungen dadurch aus, daß bei jedem der 47 Abschnitte die praktische Anwendung auf das Leben des Christen, die Uebung der entsprechenden Tugend nicht bloß kurz angedeutet, sondern ausführlich behandelt wird. Das Werk ist in erster Linie für geistliche Lesungen bestimmt, bietet aber auch reichen Stoff für geistliche Vortrüge. Mit dem außerordentlich reichen Inhalt von 14 größeren, zum Theil illustrirten und der doppelten Zahl kleinerer Beiträge ist soeben das Juliheft von „Alte und Neue Welt" auf unsern Redaktionstisch gelangt. Auch angesichts dieses Heftes darf man sagen, baß „Alte und Neue Welt" das im Anfang des Jahrgangs gegebene Versprechen großer Reichhaltigkeit und aktuellen und fesselnden Inhalts bis heute vollauf eingelöst hat. Die Erzählung „Mari- quita" von Alinda Jacoby wird, sicher zur Befriedigung aller Leser, in harmonischer Weise abgeschlossen. Eine neue Erzählung „Nach Amerika" von F. Ä. Bürke nimmt ihren Anfang und fesselt schon gleich im Beginn durch die packenden Auswandererscenen in einem kleinen Dorfe. Von den Aufsätzen erwähnen wir vier reich illustrirte: „Adrianopel" von Dukas Theodassos, „Sumpfbilder aus dem Donaudelta" von E. v. Dombrowski, „Die große Heiligsprechungsfeier in St. Peter" von Dr. ?. Gregor Koch. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ni'° 4Z. Eine Zeit des Uebergangs in Sitten und Gebräuchen bildet das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Wohl ist jede Zeit eine Nebergangszeit, wohl sind die menschlichen Einrichtungen einer fortwährenden Veränderung unterworfen, wohl ist das Leben der Völker ein steter Szencnwcchsel auf offener Schaubühne; allein wenn wir einem oder mehreren Jahrzehnten den Titel einer „Uebcrgangszeit" in hervorstechender Weise aufdrücken, so verstehen wir darunter eine culturgcschicht- liche Epoche, welche große und außergewöhnliche Veränderungen aus ihrem Schoße gebiert, welche neue Ideen, neue Sitten und neue Institutionen hervorruft und hic- dnrch eine neue Ordnung der Dinge erzeugt. Eine solche Zeit des Ucbcrganges war das humanistische und das Neformationszeitaltcr, eine solche Zeit des Uebergangs war die französische Revolution, in einer solchen Zeit des Uebergangs befinden wir uns selbst an der nahen Wende des Jahrhunderts. Die Ausbeutung der Natnrkrcifte, deren zwei Hauptergebnisse die Maschine und das hochentwickelte Verkehrswesen bilden, hat mit. der Unterstützung des modernen Kapitalismus gewaltige und gewaltsame Veränderungen hervorgerufen und wird fort neue Veränderungen erzeugen. Die Veränderungen, welche Maschine, Verkehr und Kapital auf wirthschaftlichem Gebiete, im Erwerbsleben und in der gewerblichen Technik hervorgerufen, sind bereits wiederholt Gegenstand geistreicher Erörterungen und Untersuchungen gewesen. Wir wollen hier die Veränderungen, welche diese modernen Cnltnrfaktorcn und andere moderne Mächte in den Sitten und Gebräuchen des Volkes hervorgebracht, einer mehrseitigen Betrachtung — soweit das in einem kurzen Aufsätze möglich ist — unterwerfen. Wenn wir Hiebei den Bauernstand vorzugsweise zum Objekte unserer Schilderung machen, so hat das seinen berechtigten Grund: Die Veränderung der Lebensweise, ihrer Innen- und Außenseite, hat sich in den Städten zum Theil schon früher, znm Theil nicht so auffallend vollzogen wie auf dem ehemals abgeschiedenen Lande. Dazu sind Sitte und Laudesbrauch bei dem Bauern, gleich dem in rauher Luft befindlichen Felsen, schärfer und markanter ausgeprägt, als beim abgeschliffenen, in der verweichlichenden Luft der geschützten Straße und des Salons sich bewegenden Städter; daher auch die Veränderungen im Bauernstande, wenn sie nach langem Widerstände einmal kommen, ticfcrgehcndcr und auffallender. Diese Veränderung, diese Nebergangszeit zeigt sich nicht zuletzt in dem allmählichen Untergänge der mündlichen Tradition und des überlieferten Volksliedes, in der Abnahme der Volkstrachten und Volksgcbräuche und in dem gleichzeitigen Verschwinden vieler religiöser Gebräuche und religiöser Lcbcusgewohuheitcu. Das Leben wird papieren, einförmig, gcmüthslos und äußerlich uukirchlich. I. Die Tradition, der Sinn für lokalgcschichtliche Erinnerungen, für die Werke und Thaten der Ahnen, für örtliche Sagen und Berichte geht allmählich im Volke unter. Mögen auch in den letzten Jahren einzelne Gebildete sich in dankenswertster Weise bemühen, die lokal- 2 geschichtlichen Notizen und Legenden zu sammeln und zu ! retten, das täuscht nicht über die Thatsache hinweg, das; S der Sinn für heimathliche Ueberlieferung im Landvolke ! und im landstädtischen Kleinbürgerthnm mehr und mehr erlischt. Der Bauer las ehemals nichts oder nicht viel. Gebetbuch, Goffinc, Heiligculegcnde und Kalender bildeten nur zu oft seinen ganzen Büchcrvorrath. Der Bauer S schöpft Wissen und Erfahrung nicht aus todten Büchern ! und rasch hinwelkenden Zeitungen, sondern aus Natur i und Leben. Die Natur ist das große Lehrbuch, in dem » er mit „seinen Augen" liest, der Fleck Erde, auf dem er S geboren, das Gcschichtswerk, dessen Inhalt nicht die Blühe ! eines Forschers geschaffen, sondern die mündliche Erzählung und Erinnerung, pietätvoll erhalten und fort- i vererbt vom Ahn auf den Enkel, von Geschlecht zu ! Geschlecht. 8 Mancher alte Bauernhof bildete mit seinen Be- ! wohnern einen stolzen Edelsitz, in dem. Familienchronik i und Urkunden durch den mündlich erhaltenen Stamm- l baunr und die mündlich erhaltene Lokalgeschichte ersetzt ! wurden. ? So war der Sinn für Hcimathsgcschichten und Hcimathssagen ehemals im mittleren und niederen Volke fast überall lebendig, zum mindesten in viel höherem Grade verbreitet, als in der heutigen Gesellschaft. H Diese Erfahrung wird jeder bestätigen, der in dieser Hinsicht alte und junge Leute ausforscht. Die Stätte, wo diese lokalgeschichtlichen Erinnerungen gepflegt und erhalten wurden, war nicht das Gasthaus oder der Markt des Lebens, nicht Sammelwerk und Zeitschrift, sondern der »väterliche Herd oder die Ofenccke der Wohnstube. S So war der Herd meines Elternhauses noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Mittel- und Sammelpunkt, an dem die Erinnerungen und Angelegenheiten einer ganzen Dorfbevölkerung besprochen und berathen und traditionell erhalten wurden. Beim Dämmer- ! lichte des Kienspancs saßen dort die Insassen des Hauses ! und ein Kreis befreundeter Nachbarn: Da wurden cr- ! zählt die Wunder alter Tage, die alten und neuen Gel-schichten-und die Sagen der Umgegend, da wurden ausgetauscht die Erfahrungen eines langen Lebens, Erfahrungen aus friedlichen Tagen und aus Zeiten schwerer Noth, aus Krieg und Krankheit; und in diese Berichte hinein erklang manches heimathliche Lied, manche hcimath- i liche, mündlich überlieferte und mündlich verbreitete Melodie. In späteren Zeiten, als an die Stelle des Kicn- spanes die Ocllampc trat, war die Wohnstube der Ort abendlicher Zusammenkunft, und ich erinnere mich aus meinen Kuabenjahren noch lebhaft an manche originelle Bauerugestalt, die nach dem Abendessen auf der Bank am mächtigen Kachelofen saß und, während Mutter und Magd an dem heute verschwundenen Spinnrad saßen, mit meinem Vater über Gegenwärtiges und Vergangenes sprach. ll'ainpj pnssnti. Es ist anders geworden, und ein neues und nüchternes Geschlecht bewohnt die von den Vätern ererbten Räume. Der Schienenverkehr und die ') Die Socialdemokratie, welche jede geschichtliche Erfahrung ignorirt, der NationalliberallsmuS. dessen geschichtlicher Rückblick mit dem Jahre 1870 begrenzt ist, beweisen u. a., wie der Sinn für Geschichte im Volks vielfach geschwunden ist. 294 ihn begleitenden Touristen- und Händlerschivärme haben sich bis in die abgelegenste Landschaft und die unbekannteste Gebirgseinöde Bahn gebrochen, der aller Originalität abholde „Cnltnrtcnfcl" begann seine abschleifende Arbeit; Geist und Lebcnsgewohnhcit, gesetzlich und nicht gesetzliche Einrichtungen haben sich verändert. Nicht mehr am häuslichen Herde, sondern im Gasthause und in der Kneipe, welch letztere durch die liberale Gesetzgebung der siebziger Jahre eine unheilvolle Vermehrung erfahren, werden die freien Abende verbracht; aber nicht in der Pflege von tzeimathssage und Heimathssang, sondern in Trunk und Spiel und nicht selten in Streit und Naufhändeln. Den mündlichen Bericht ersetzt das im nächsten Städtchen gedruckte Lokalblatt, die Neugierde befriedigt das in der Kaserne und in der Großstadt Erlebte. Der Bauer ist unter dem Einflüsse der modernen nivcllirenden Mächte und unter dem Drucke der wirth- schaftlichen Noth nüchterner und realistischer geworden; Vieh- und Fruchtpreise, Handel und Politik interessiern ihn heute mehr als alte Erinnerungen und väterliche Ueberlieferungen. Und so erstirbt die lokale und heimathliche Tradition und mit ihr nur zu oft die Achtung vor Alter und Erfahrung. Das gesellschaftliche und gesellige und das Berufsleben wird leer und nüchtern, herz- und gemüthslos. Mit Sage und Tradition versiegt der Born der Poesie im Volke. Unser Volk als solches bringt kein sinniges, allgemein verbreitetes und allgemein Anklang findendes Lied mehr zu Stande; kein Lied vor allem mehr, das große und erhebende Zeitereignisse in dichterische Formen und Worte zu kleiden weiß, welche in aller Herzen Widerhall finden und die als echtes Volkslied von Mund zu Mund fortklingen und von den Vätcrn den Söhnen überliefert werden. Das Kriegsjahr 1870/71 hat kein einziges hervorragendes Lied — „Die Wacht am Rhein" ist alten Datums — hervorgebracht, man müßte gerade das anwidernde und unwahre Lied Kreuzlers, „Eins 1870", als eine hervorragende dichterische Leistung qualifizircn. Welch herrliche Lieder entstanden dagegen nach den Napoleonischcn und den Befreiungskriegen, mit welcher Begeisterung sang das ganze Volk diese der Volksempfindung entsprechenden Verse! Eine nicht geringe Zahl jener Lieder wird noch ihren Werth behaupten, wenn die preußisch-deutsche Poesie der siebziger Jahre längst der Vergessenheit verfallen ist. Das Volk äußert seine Empfindungen nicht in sentimentalen Wortergüssen, nicht in Romcmphrascn und in ergreifendem Micnenspiel; es legt seine Empfindungen hinein und singt sie hinaus in eigenen oder als Eigenthum adaptirten Liedern. Heute singt das Volk seine eigenen Gesänge und Melodien nicht mehr; es singt Gedanken und Empfindungen fremder Lieder hinaus, fremde Worte in fremden Tonen; es beginnt gemüthslos^) wie die Zeit des Dampfes und Verkehres Zn werden. °) In der Heimath dcZ Verfassers ist es innerhalb der jüngeren Generation gänzlich in Vergessenheit gerathen, daß das Land noch vor 90 Jahre fürsterzbischvf- licheS salzbnrgisches Gebiet war. ") O>'. F-r. Kirchner schreibt in seiner Schrift „Ueber Gcmüthsbilduug": „Beherrscht durch fast fieberhasteS Streben nach Erwerb und nach einen', zur Geminnnüg desselben bald verwerthbaren Wissen, sind unsere Zeitgenossen einem einseitigen Intellektualismus verfallen, d. h. Kenntnisse werden höher geschätzt als Charartcr- Mit Volkslied und Volkssage ging auch mancher im Volke verbreitete Aberglaube verloren. Das wäre ja an und für sich ein erfreuliches Ergebniß des modernen Cultnrfortschrittes, wenn nicht mit dein Aberglauben auch manches Stück Glauben, der Glaube au Geistiges und Uebersinnliches, untergegangen, wenn an Stelle des alten, oft durch einen Hauch der Poesie verklärten Aberglaubens nicht häufig ein moderner Wunder- und Schwindelglaube getreten wäre. Der „cultivirte" und liberal „aufgeklärte" Bauer spottet über den Aber- und Ammenglanben seiner Väter, um sich vielleicht in der nächsten Stadt ein Traumbuch zu kaufen und die hohlsten Phrasen und die lügenhaftesten Behauptungen feines liberalen Leibblättchens andächtig, als Zcitevangclinm, cinznsangeu. „Wenn ich zu wählen hätte", schreibt H. Hansjakob, „zwischen dem Aberglauben, wie er noch im Volke lebt, und zwischen dein Unglauben, den unsere Materialisten predigen, ich würde den ersteren vorziehen. Der Abcr- gläubige glaubt doch noch an Geheimnisse, an Ueber- uatürliches, und steht dem echten Glauben weit näher; der Aberglaube ist nur eine Vcrirrnng des Glaubens, der Unglaube aber ist die kalte, hoffnungslose Lengming alles Ucbcrsinnlichcn."') II. Wie die Sagen und Lieder des Volkes, geht auch Kleidung und Brauch desselben unter. Die Trachten verschwinden, die lokalen Gebräuche werden aufgegeben oder verändert und nüchtern und seelenlos gemacht. Der Unterschied der Stände, der Unterschied vornehmlich von Stadt- und Landbewohner äußerte sich ehemals und äußert sich in einzelnen, vom Verkehre mehr abgeschlossenen Gegenden heute noch in der Kleidung, in der dem einzelnen Stande oder dem einzelnen Bezirke eigenthümlichen Tracht. Die bunten und originellen Volkstrachten waren ein Ergebniß der territorialen Verschiedenheit, der Mannigfaltigkeit und des Reichthums des alten Volkslebens, ein Ergebniß der Anhänglichkeit an Heimath und Vätcrbrnuch und ein Zeichen des Stolzes auf den Stand, dem man angehörte; die aus selbst- gefertigtem Stoffe hergestellte Tracht bildete gleichsam die farbenbnute und gediegene Außenseite eines bilder- und farbenreichen, auf solidem Grunde sich bewegenden Lebens. Das schönste und reichste Volksleben entfaltete das Mittclalter, und darum sind auch die mittelalterlichen Trachten so farbcnbnnt, so originell und so reich. Doch das Leben ist allmählich einförmiger geworden und damit auch die Tracht oder die Kleidung. Die französische Revolution und ihr „Gleichheitsprincip" wirkten auch auf die Trachten ein. Während bereits vor der französischen Revolution der deutsche Adel eifrigst fran- , zösische Kleidung Und Sitte copirt, begann nach der Revolution auch das Biirgerthum die französische Mode nachzuäffen. Der Bauernstand hielt sich bis über die Mitte unseres Jahrhunderts wie in Sitte so auch in Kleidung ziemlich conservativ, bis der Einfluß der Mode auch das abgeschlossene Land ergriff. Das sich rasch entwickelnde Verkehrswesen, die moderne Freizügigkeit und der Zug des Landvolkes in die Stadt thaten ihr mög- . eigenschaften, logische Schlüsse für sicherer gehalten als die Erfahrungen des Herzens. Mit einem Wort: Es fehlt unserer Zeit am Gemüth, wenigstens tritt es nicht mehr auf die Art und Weise in Erscheinung wie früher." H. HauZjarob „Wilde Kirschen" S. 298. 295 llchsies, um städtische Formen und städtische Kleidung auch auf dem Lande zu verbreiten, lind als nach dem Jahre 1870 der Militarismus im ganzen Reiche üppig ins Kraut schoß, als die Bauernsöhne stärker als vorher Großstadt und Kaserne bevölkerten, da machte sich das Streben nach „Uniformirnng", d. i. gleichheitlicher städtisch- moderner Kleidung, im Volke immer mehr.geltend. Ein altcrcrbtes Kleidungsstück, ein Stück Tracht schwand nach dem anderen, und in vielen Gegenden Deutschlands unterscheidet sich heute der Bauer äußerlich nicht mehr von dem Skädter. Der Unterschied von Stadt- und Landbevölkerung ist verwischt,, ja Bauern- gestalten — in Frack und Cylinder sind heute bei festlichen Anlässen keine außergewöhnliche Erscheinung mehr. Gleichförmig und einförmig wie das Leben ist auch die Kleidung geworden. Man hat in letzten Jahren, so im Schwarzwald und im bayerischen Hochgebirge, „Vereine znr Erhaltung der Volkstrachten" ins Leben gerufen. So lobenswert!) dieses Vorgehen auch ist, so wird es doch den gänzlichen Untergang der Banerutrachten nicht aufhalten, sondern nur verzögern. Das Verschwinden der Trachten ist einmal ein nothwendiges Ergebniß der modernen Cultur, und ihrem alles nivellirendcn Strome können einige wenige Bezirke und Vereine auf die Dauer nicht widerstehen. Dazu kommt noch, daß die Stoffe dieser -künstlich erhaltenen „echten" Trachten meist moderne Fabrikwaare sind und auf sie der alte Spruch keine Anwendung findet: Selbst gesponnen, selbst gemacht Ist die schönste Bauerntracht. Unsere Enkel werden die letzten Trachten nicht mehr im Volke, sondern in Werken über Costüme und Trachten und in Landesmnscen zu suchen haben. (Schluß folgt.) Aus der Hinterlassenschaft des Lxsi'oikus RLstieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) (Fortsetzung.) Indessen arbeiteten die Truppen nicht allein für militärische Zwecke, sondern sie wurden auch von den Kaisern wie von den Statthaltern zu den verschiedensten Dienstleistungen verwendet, unter andern betrieben sie auch den Bergbau, obwohl diese Thätigkeit juristisch als Strafe galt. Eine Spur der Verwendung von Mannschaften des rätischen Armeecorps zum berg- und hüttenmännischen Betriebe haben wir übrigens auch im Castell zu Pfünz (d. i. Vatonianis) gefunden. Dort wurde ein Tempel des Jupiter Dolicheuus aufgedeckt. Dieser Gott (ursprünglich der syrische Gott Bal) war der Patron der Soldaten nicht minder, wie der Bergleute, was 2 Inschriften bezeugen, beide mit dem Texte: stovl Oxkiuro Naxiuro .,uk>1 kerruru iwsoitur" (d. h. Jupiter, dem Besten und Größten, „von dem das Eisen erzeugt wird"). Da nun auf der Hochfläche des fränkischen Jura und im Altmühlthale der Betrieb von Eisenwerken, Hochöfen und Erzgruben in die älteste Vergangenheit hinauf- und bis in die Gegenwart herabreicht, so liegt der Schluß sehr nahe, daß der Cult des Jupiter Dolicheuus zu Pfünz mit der hüttenmännischen Beschäftigung der Garnison im Zusammenhang stehe. Festigten somit die Truppen durch ihre friedliche Thätigkeit die Herrschaft des Nömerreichcs in den Provinzen, so machten sie sich mit ihr des Weiteren an jedem, selbst dem kleinsten Stationsorte nach römischer Sitte heimisch und brachten auf diese Weise die römische Lebensart der eingeboruen Bevölkerung vor Augen, welche dann dem von ihren Herren gebotenen Vorbilde bald folgte und die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten ihres Com- forts sich zu eigen machte, soweit es ihre Mittel erlaubten und sie das Bedürfniß dafür empfanden. Ganz bedeutende Hebel zur Nomanisirung der Grenz» Provinzen bildeten ferner die persönlichen, ich möchte fast sagen, die intim-häuslichen Verhältnisse des einzelnen Mannes, „Verhältnisse" im Sinne der populären Redensart. Bekanntlich bezeichnet diese damit den kleinen Krieg und Frieden zarter Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern, welche der Gründung eines eigenen Herdes und einer Familie vorauszugehen Pflegen. Letztere aber war dem Soldaten, welcher römischer Bürger war, in gesetzlicher Weise nicht möglich, so lange er unter der Fahne stand. Da die Legionen nun bis in die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit hinein sich ausschließlich aus römischen Bürgern rekrutirten, so konnte der Legionär erst nach der Entlassung aus dem Dienste eine rechtlich gütige Ehe, ein.srwtunr naakiiiuouiuM, schließen. Indessen wenn den Legionären auch das Hcirathen verboten war, so konnte sich doch nicht ein jeder solcher Enthaltsamkeit rühmen, wie weiland Feldmarschall Graf Tilly, der von sich bekanntlich zu sagen vermochte, daß er weder ein Weib noch ein Glas Wein berührt habe. . Denn wie uns bereits die Ueberlieferungen der antiken Mythologie zeigen, hegen Mars und Venus seit unfürdenklichen Zeiten unwiderstehliche Leidenschaft für einander, ein Verhältniß, das bekanntermaßen (manch zärtlicher Vater setzt dazu „leider!") aus den Greueln der Heidenzeit sich noch auf die Töchter unserer Gegenwart mit zeitgemäßer Modification in der Vorliebe für das zwiefärbige Tuch vererbt hat. Der Hang zum „menschlichen Rühren" ist eben in den Herzen der rauhen Krieger nicht so leicht Zu ertödten, und in Ermanglung „feinerer Gegenstände" erkoren sich die Soldaten daher als Object ihrer galanten Huldigungen die Hetären (msretrioos), welche sich an die Fersen der Truppen hefteten und deren Entfernung weder unter der Republik noch unter den Kaisern gelang. Besser als die Legionäre waren die Soldaten der Auxiliartruppcn, der von den Unterthanen gestellten Kontingente, daran. Diese Hilfsvölker rangirten neben den Legionen in der Werthschätzung als Truppen zweiter Güte, hauptsächlich deßwegen, weil sie das römische Bürgerrecht nicht besaßen. Doch dieser juristische Mangel gewährte ihren Mannschaften den Vortheil, daß sie in ihren Garnisonen Frauen pcregrinen Standes (d. h. ohne die rechtliche Eigenschaft römischer Bürgerinnen) fanden, und eine Zeit lang scheint ihnen die Ehe mit solchen Weibern gestattet gewesen zu sein. Dafür liefern die drei Militärdiplome aus Nätien, von Weißenburg, Einstig und Rcgensburg, den Beweis. Von Septimius Sevcrus an durften auch die Leute der Anxiliartrnppen nicht mehr hcirathen, wohl aber wurde ihnen gleich den Legionären gestattet, eine concustiim, oder wie der technische Ausdruck lautet, eine locmrla, zu haben und mit ihr außerhalb der Kaserne zu wohnen; nur zum Dienste hatten sie sich in der Kaserne eiuzufinden. Im 4. Jahrhunderte sind diese Verhältnisse wieder geändert, und es bedurfte 296 bloß einer besonderen Erlaubniß, um die Fron in der Garnison bei sich zn haben. Diesen Verbindungen entsprossen natürlich Kinder, die „Lagerkindcr", die hinsichtlich ihrer rechtlichen Beziehungen einer eigenen tristns zugewiesen wurden, wenn sie der Hnusi-Ehe eines Legionärs und eines einheimischen Mädchens entstammten. Den Kindern solcher Mädchen, die keinen Vater finden konnten, wurde als Hcimath ebenso wie den Kindern der Pcrcgrinen das Lager zugewiesen, sie hießen „sx sustris". Da die meisten Soldatenbnbcn in der Regel wieder Soldaten wurden, so spannen die Fäden der Verwandtschaft von: Lager zu den Lagcrstädtcn, (sansstas) sich immer weiter fort zwischen den Veteranen, die sich zurückgezogen hatten, und ihren Söhnen, die noch dienten, den Großmüttern, Tanten u. s. w., so daß bereits damals das Wort des ersten Jägers in „Wallenstcins Lager" zur Geltung kam: „Nun, nun, das muß der Kaiser ernähren, die Armee sich immer muß neu gebären." Wo wohnte und lebte nun der römische Soldat? Er hatte eine zweifache Heimath. Im Dienst ist dieselbe das Lager, außer Dienst die Lagerstadt» die sunustus, die wir soeben erwähnt haben. Die streng römische Disciplin gestattete nämlich keinen Civilpcrsonen und am wenigsten den Weibern den Aufenthalt innerhalb der Lager und Festungen. All der Troß, der einer jeden Truppe auf dem Fuße folgt und der znr Befriedigung ihrer Bedürfnisse so unentbehrlich ist, daß er sogar mutuins mniunäis und soweit er die Verkehrshindernisse zu überwinden vermag, unsern modernen Heeren sich aiischließt: all der Troß der Marketender, Händler und Lieferanten, der Gaukler und der Dirnen, der zahlreichen Bedienten n. s. w. durfte die Festungsthore nicht überschreiten, war vielmehr auf eine Oertlichkeit außerhalb des Lagers und der Castclle verwiesen, die aus disciplinaren. Gründen in einiger Entfernung davon lag. Anfänglich mochten diese Leute nur in Hütten und Baracken wohnen, später nahmen ihre Niederlassungen mehr und mehr einen stabilen Charnier an und wurden ounustus genannt, ein volksthiimlicher Ausdruck, der seit dem 4. Jahrhundert auch in der populären Literatur gebraucht wird, z. B. beim hl. Angnstin. Im italienischen „snnova," ist das Wort noch erhalten, und als uns Deutsche so anheimelnde „Kneipe", aber nicht als Kneippkur, ist es auch in unseren eigenen Sprachhanshalt übergegangen. Im Lause der Zeiten nahmen diese An- fiedlungen allmälig den Charakter stadtartigcr Flecken an. Die Kaufleute thaten sich zu Gilden zusammen; zn diesen Gilden gesellten sich die Veteranen, die in 20- und 2ü- jährigcr Dienstzeit bei den Lagern eine neue Heimath gesunden hatten und mit denselben durch die Macht der Gewohnheit, der gemeinsamen Erinnerungen und nicht zuletzt auch durch Fmnilienbande verwachsen waren, so daß sie bei ihrer Bcabschiednng keine Lust mehr hatten, ihren Wohnsitz in eine unbekannte Wcltgegend zn verlegen, sondern sich dort niederließen, wo sie die besten Tage ihres Lebens verlebt hatten. Rout sornrno ests^ nous, möchte ich sagen: wie viele von unsern alten Knasterbärten, die nicht der eine oder ander Grund in's Pensionistcu-Eldvrado der Residenzstadt München verlockt, bleiben in der lievgewordenen Garnisonsstadt sitzen, um bort nco.n der alten vertrauten Truppe die letzten Tage en verölen! Ursprünglich wurden diesen Lagcransiedelungen auf Grund der militärischen Disciplin keine municipale Autonomie gewährt, sie unterstanden vielmehr der Jnris- diction des Lagercommandanten. Mein die Macht der Verhältnisse wuchs über die Theorie hinaus und die Regierung sah sich schon im 2. Jahrhundert veranlaßt, ihnen Rechnung zn tragen. Kaiser Hadrian verlieh zuerst an die ounustus der 3 großen Lager an der mittleren Donau Curnuutnrn (d. i. Petroncll bei Dentsch-Altcn- bnrg), ^«pniusuin (Alt-Ofen), Viruinnsiurn (bei Kvstolac in Serbien) das Stadtrecht. Unter den folgenden Kaisern bis auf Diokletian wurde die gleiche Begünstigung allen übrigen großen Lagerstädten zn Theil, und aus ihnen erwuchsen am Rheine wie an der Donau, in Spanien wie in Britannien und Siebenbürgen die großen Städte, die heute noch den Ruhm und Stolz des betreffenden Landes bilden: ^rgsntorutuui (Straßbnrg), NoZun- iiucnun (Mainz), Colcmia. ^Zrixxiua, (Köln), rlc^uin- onrn (Ofen), Vinäostonu (Wien), Imuriueuin (Lorch), Castro. Regina (Regcnsbnrg). Castro Regina ist zwar hinsichtlich der städtischen Entwicklung hinter den meisten andern Lcgionslagcrn zurückgeblieben, und bei den dort bisher vorgenommenen Ausgrabungen sind gar keine Jnschriftdenkmale zum Vorschein gekommen, welche ein Zeugniß für seinen städtischen Charakter ablegen könnten. Gleichwohl ist die Civilstadt im Westen der Festung in einer sehr beträchtlichen Ausdehnung nachgewiesen worden. Canastas sind übrigens bei jedem römischen Castclle Nütiens bloßgelegt, wo mau überhaupt Untersuchungen anstellte: bei Fastningen (Romans), Vstvnianis (Pfünz), Ririoianis (Weißenburg), ^stusina (Einstig); ich weiß dieselben ferner noch bei Csrrnaniso (Kösching), Colsuso (Pföring), Colio Llouto (Kcllmünz), Onntia (Giinzbnrg), ferner an dem großen Castclle bei Aislingen, dessen römischer Name sich für uns noch vorläufig in Dunkel hüllt, auch bei Drnishcim (wahrscheinlich Ornsoinagus). Diese „Canastas" warm die Pflanzstätten, die Soldaten die Träger der römischen Cultur und der mit der Zeit vollständig durchgeführten Nomanisirung unserer Lande. Der Dienst im Heere eines mächtigen Staates wirkt zu allen Zeiten schon durch die Macht der Ideen und den Druck der Massen assimilircnd auf fremde, unter den Truppen befindliche Elemente ein; letztere verlieren von selbst nach und nach ihre Stammeseigenthümlichkeiten und bequemen sich mehr und mehr der Nationalität des herrschenden Volkes an. Diesen Prozeß sehen wir in der Vergangenheit und in der Gegenwart sich überall vollziehen. Der einstmalige Fortschritt des Franzosenthums in den Deutschland geraubten Provinzen Elsaß und Lothringen beruhte zu einem großen Theile auf der Um- prägnug der zahlreich unter der Fahne gestandenen Soldaten, Preußen verdankt die Verschmelzung seiner polnischen, der am Nhcine gelegenen und der im Jahre 1866 erworbenen Landcstheile nicht zum letzten der allgemeinen Wehrpflicht, und in Oesterreich hat der Gebrauch des deutschen Idioms als Armcesprache in dem auf deutscher Grundlage organisirtcn Heere eine Germanisirnng, wenigstens in gewissem Maße, nach sich gezogen, weßhalb das eifrigste Bestreben der verschiedenen dortigen interessanten Volksstämmc, die sich dadurch genirt fühlen, gegenwärtig dahin zielt, dieselbe zn brechen. Spielen sich solche Vorgänge noch in der Gegenwart ab, in welcher doch bei weitem kein so großer Unterschied hinsichtlich der Cnliurstnfe der breiten Voltsmassen zwischen den einzelnen Nationalitäten obwaltet, so ist die Vorstellung davon nicht gar so schwierig, wie einst im Römer- S97 reiche die Umwandlung des einzelnen peregrinen Mannes > zum Römer sich vollzog. Die Hoheit, Größe und Macht dcS die Welt beherrschenden Imperiums offenbarte sich ihm täglich bis zu den kleinsten Erscheinungen herab, so daß unwillkürlich seine Brust in stolzem Hochgefühle schwellen mußte, selbst ein Glied in dem großartigen Triebwerke des gewaltigen Organismus zu sein; hiemit war er im Geiste bereits znm Römer geworden, weßhalb die Umformung seines Wesens mit Naschheit sich vollzog. Wie hätte es auch anders sein können s Als ein junger Mann wurde der Rekrut einem Nahmen einverleibt» der völlig römischen Zuschnitt trug, die Dicnstsprache war Latein, die Offiziere waren Jtaler oder gaben sich wenigstens als solche aus, alle Augen waren auf Nom und den Kaiser gerichtet, an die Feldzeichen knüpfte sich die treu gehegte Ueberlieferung der stolzesten Erinnerungen, ynd nach Vollendung der Dienstpflicht winkte als höchste Belohnung die Adclung vermittels des römischen Bürgerrechts: das waren Anreiznngcn zur Genüge, um den Mann innerlich und äußerlich zum Römer noch eher werden zn lassen, als bis ihn nach 25jähriger Dienst- zeit das Gesetz auch formell dazu stempelte. Uebrigens war die Niederlassung der Veteranen bei den erwaims nicht die Regel, so lange der Regierung Ländereicn zur Verfügung standen; denn so lauge als diese vorhanden waren, wurden die mit Abschied Entlassenen auf Staatsboden angesiedelt, nicht immer znm Vergnügen der als Culturdünger Lenützten Soldaten. So klagen z. B. die pannonischen Soldaten im Jahre 14 > u. Chr.: si czuis tot enorm vita, supsimverik, tralri, mistne ciivoi'sns in terras, usii xor nomen a-Zroruin !irlitzin68 paluclnni et ineulta, nrontium aeeipiank XWcnn einer nach so viel Schicksalsläuften sein Leben davongetragen hat, so soll er sich noch in beliebige 'Länder verschleppen lassen, wo man unter dem Titel von Ackerland nasse Sümpfe und wüste Berge erhält). Derlei Landgüter hießen „kunäi" und nahmen von den Besitzern die Namen an: krmäus Gornalianns, tluralianrrs u. s. w. Der Name eines in Bayern in der Armee und im Civilstaatsdienste viel verbreiteten Geschlechtes, der Freiherren v. Andrian, gehört auch hiehcr; er führt auf einen solchen „kunärm" im Etschthale zurück, der nach der Besetzung Tirols durch die Bajuwaren in die Hände eines deutschen Besitzers übergegangen sein mag. Auch im räüschcn Flachland sind gewiß viele solche Landgüter an Veteranen verliehen worden. Vor Allem mutz dies unmittelbar nach der Eroberung Räticns und Windelicicns geschehen sein, denn zur Sicherung der römischen Herrschaft wurde damals die gcsammte streitbare Jugend der eben unterworfenen kriegerischen und wilden Völkerschaften aus dem Lande geführt und nur eine solche Zahl von Einwohnern zurückgelassen, die der Bestellung der Felder genügte, aber nicht der Empörung fähig war. Der Geschichtschreiber Vellejns Patercnlns liefert uns ein Zeugniß dafür, indem er die Soldaten dem Tiberins zurufen läßt: „ego a. to in Vinäaliom cioinrtrm suiu" (ich bin von dir in Viudclicien begabt worden). Vielleicht gehörten die Gebäude der römischen villaw, die ich unweit der großen Heerstraße von Verona über Partcn- kirchen-Murnau-Pähl-Schöugeising nach Augsburg bei Wilzhofen, Machtlsing, Erling und Noderried ansgrub, ebenso die schöne, leider nicht in ihrem ganzen Umfange von mir bloßgclcgte villa. bei Haltcnbcrg am Lcch ebenfalls zu solchen „tuncti", mit denen viclnarbigc, Wetterund schlachtcngrane Veteranen bestehen worden waren. Wenn man nun alle Verhältnisse in Erwägung zieht, insbesondere den Umstand, daß in der Provinz Rätien als Grenzland das militärische Element stets ein gewisses Uebergcwicht behauptete, so mutz man zu dem Schlüsse kommen, daß dem Heere ein ganz bedeutender Antheil an der Nomanisirung der Bevölkerung zukam. Der Stock und Kern des Volksthnms war freilich keltisch geblieben, aber alle Formen des Lebens erhielten römische Gestalt und römischen Anstrich. Als die römische Herrschaft nach 400jähriger Dauer ihrem Ende zuging, waren denn auch die Räter, wie ihre Nachbarn, die Noriker, soweit wir sehen könne», vollständig romanisirt. Die Stempel der römischen Töpferei in Westcrndorf bei Rosenheim (auf dem Boden von Zorw Oeni) zeigen noch keltische neben römischen Töpscrnamen. In den Stein- inschriften der spateren Kaiscrzcit aber finden sich fast nur römische Namen, und ausschließlich solche tragen die im Leben Scverin's genannten Bewohner der Donaugegend, sowie die Personen, die in unserer einzigen Urkunde aus römischer Zeit auftrete», aus einem in vico t?oim1vn M» E K „viZtiriAUO." . Noch bcmerkeuswerther wird dieses Verhältniß dadurch, daß sich unter den 9 typischen Germanen des 2. und 3. Jahrhunderts nur 3 Männer gegen 5 Weiber und I Kind befanden, während im 4. Jahrhundert, in welchem in allen römischen Truppentheilen zahlreiche Germanen dienten, 10 Männer und nur 3 Weiber getroffen wurden. Da die Soldaten keine gesonderten Fricdhöfe besahen, sondern gemeinsam mit der Civilbcvölkcrung bestattet wurden, so spricht die mit den Jahrhunderten zunehmende Zahl der Germanenschädel aus den Regcnsburger Be- gräbnißplätzen ganz entschiede» dafür, daß auch unter der Garnison von Castra Regina Soldaten germanischer Abkunft in sich stets steigernder Menge dicntcir. Ich habe bereits hervorgehoben, daß unser modernes Chaussceunctz zum größten Theile auf der Basis der von den römischen Soldaten ausgeführten Straßeuzüge beruht, und zwar auf weiten Strecken im buchstäblichen Sinne des Wortes; außerdem ist uns noch ein anderes directcs Erbe aus der Hinterlassenschaft des rätischcn Armeccorps geblieben. (Schluß folgt.) Eine Zeit des Uebergangs in Sitten nnd Gebräuchen. (Schluß.) Wie die Volkstrachten verschwinden, so gehen unter oder verändern sich die Volksgebräuchc. Mau liest heute in todten Büchern von angeblich noch bestehenden Volksgebräuchc», die in Wirklichkeit längst verschwunden oder entstellt sind; entstellt durch den realistischen und nüchternen Geist der Zeit, durch den immer mehr materiell werdenden Sinn des Volkes, der in dem fieberhaften Streben nach dem Mammon seinen bezeichnendsten Ausdruck findet und welcher selbst die ehrwürdigsten Volksgebräuche zu Einnahmequellen umgestaltet. Das Volk wußte ehemals den einfachsten Vorgang des Lebens in seiner Art ideal zu gestalten, ihn mit eigenartigen Zeichen zu verbinden, mit religiösen oder profanen Formen zu umkleiden. Je wichtiger und bedeutungsvoller diese wiederkehrenden Vorgänge, desto höher die sie umgebende Weihe, der sie begleitende originelle Brauch. Die menschliche .Handlung ward verschönt, die Natur geistig belebt, die Erinnerung verklärt, das Geistige in sinnlichen und ansprechenden Formen Jung und Alt vorgeführt. Die meisten dieser Gebräuche waren religiöse Akte, und wir werden sie im dritten Abschnitte dieses Aussatzes etwas naher berühren. Die Volksgebräuchc waren und find nach Land, Voltsstamm und Volkscharaktcr verschieden, und es würde zu weit führen, hier auf dieselben einzeln einzugehen. Diese Gebräuche — im weitesten Sinne — äußerten sich bei den verschiedensten Festen, bei Beginn nnd Schluß der Ernte, bei Taufe, .Hochzeit und Todesfall, in Kirche und Wohnung, in der Wcrkstättc und in der Oeffeutlich- keit u. s. w. Einzelne derselben datiren sich bis in das früheste Gcrmauenthum zurück, andere haben ihren Ursprung im Mittelalter oder in einer noch späteren Zeit. In deutschen bezw. süddeutschen Gauen, welche durch die Reformation, den dreißigjährigen Krieg und spätere Umwälzungen weniger berührt wurden, wurden noch in den fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts Gebräuche gehütet und geübt, die man als eine unverfälschte Ueberlieferung des christlichen Mittclaltcrs bezeichnen konnte. Von da ab und besonders mit Beginn der siebziger Jahre begann der Umschwung in Sitten und Gebräuchen auch in vorgenannten Gegenden immer stärker hervorzutreten. Die Asche des Industrie- schlotes und des Dampfrosses, der Nebel der Städte und der Staub der Touristcnwelt legte sich über die Bräuche und Lebensgcwohuhciten des Landvolkes. Der Väter Brauch und Sitte verschwinden, und an ihre Stelle treten städtische Manieren und Soldaten- spielc; ein neuer Geist und neue Lebensgcwohuhciten ringen mit den alten um den Sieg. — Manchen harmlosen und finnigen Volksgcbrauch hat, wie u. n. auch Hansjakob an mehreren Stellen seiner verdienstvollen Volksstudicn berührt, unsere liebe Bureaukratie als „störenden Unfug" beseitigt. Manche Beamte bekümmern sich nun einmal um viele Dinge, denen sie besser ihre zarte Sorge nicht zuwenden würden, um dafür auf andere und wichtigere Aufgaben ihren „Scharfblick" zu werfen. Wie im Bauernstände, hat sich auch im Bürger- bczw. Handwerkcrstande, nach Beseitigung der letzten Reste des alten Zunftwesens, vieles verändert; mancher mit Stand und Arbeit verknüpfte Brauch ist mit anderen Standcsgcbräuchen der Vergessenheit verfallen. Vergessen und versunken ist Stolz, Ehre und Ansehen des Handwerksmeisters. Der Meister hatte cS ehemals nicht nöthig, mit Kollegen zu concurriren und um Arbeit zv betteln und zu bitten, die Kunden kamen freiwillig zn ihm. Und wenn ein solcher Kunde ein fertiges Stück abholte und in blanker Silbcrmünze bezahlte, dann bedankte in vielen Landbczirkcn nicht der Meister sich über die Bezahlung, sondern der Kunde sich über die gelieferte Arbeit. Handwerker, Kaufmann und Bauer rechneten damals nicht nur mathematisch, sondern auch menschlich; sie bezweckten mit ihrer Arbeit und ihrer Lieferung nicht nur einen persönlichen Nutzen, sondern auch einen gesellschaftlichen Dienst. Der Bauer verkaufte in einzelnen Gegenden Getreide an einen dasselbe bcnöthigendcn Nachbarn oder an einen Bedürftigen billiger als an den Händler, er forderte für geliehenes Geld vom ersteren keine Zinsen u. s. w. Es war das alles ein Ausfluß des Lola lprincipcs, der Bevorzugung der Standcs- und Gangcnosscn und der am Orte und in der Gemeinde Bedürftigen. Ein Zeichen der Solidität des alten Nrbeits- und Erwerbslebens war auch, daß die Lohuauszahlnng für Dienstboten und Gesellen nach sehr langen Terminen erfolgte, auf dem Lande oft erst nach einem Jahre, ohn: baß dieselben diesen Modus der Bezahlung unbillig fanden?) (Außer diesem Geldlohnc wurden von Knechten und Mägden noch eine Anzahl Kleidungsstücke und Schuh- werk ausbeduugen.) Heute haben auch die Bauernknechte Wocheulohn, der nicht selten am Sonntag in der nächsten Dorfschcuke verjubelt wird. III. Wie die Volksgcbräuche, sind viele religiöse Gebräuche und religiöse Lebensgewohnheiten in den Wogen unserer rasch dahineilenden Zeit verschwunden. Verschwunden vor allein ist jener warme religiöse Geist, der alle Verhältnisse und Einrichtungen des Lebens verklärte und durchgeistigte. Die Religion soll sich nicht bloß hinter den ernsten Mauern des Gotteshauses und den verschwiegenen Wänden des „stillen Kämmerleins" äußern, sie soll alle Lebensverhültnisse dnrchdringen; ihre Grundsätze und Lehren sollen das Fundament aller menschlichen Thätigkeit, vom Throne bis znr Arbeiterhütte, sein. So war es im christlichen Mittelalter, und so wird es in allen wahrhaft christlichen Zeiten sein. Die Religion war die Trägerin und die Fahrerin des Staatslebens und der Politik, des gesellschaftlichen und des wirthschaftlichen Lebens. Infolge dessen gab es ehemals keine strenge Grenze zwischen kirchlicher und politischer Gemeinde, zwischen (religiöser) Bruderschaft und genossenschaftlicher Vereinigung: politische Gemeinde und Kirchengemeinde deckten sich territorial, die Handwerks- zünfte waren Brnderschaften wie die rein kirchlichen. Die Schule war nicht mit der politischen, sondern mit der Kirchengemeinde verbunden, sie war nicht Staats- oder Gemcindeanstalt, sondern Pfarr schule. U. s. w. Ueber alle diese christlich fnudamentirtcn Einrichtungen, über alle menschlichen Beziehungen ergoß sich der Sonnenglanz religiöser Weihe und religiöser Gebräuche. Das ganze Denken des Volkes war von religiösen Anschauungen, von echt kirchlichem Geiste durchdrungen. Und so schlugen selbst die übersprudelnden Wellen des Volkshumors in die ernstesten kirchlichen Feste und Ceremonien hinein, aber nicht um zu stören und zu verletzen, sondern um sich kirchlich und in kirchlicher Form zu zeigen und um zu beweisen, daß der Katholizismus nicht bloß eine ernste, sondern auch eine sehr heitere Seite hat; ja daß gerade die katholische Kirche es war, welche das ganze Volksleben mit seinem farbenreichen Gefolge, mit seinen Lustbarkeiten und Spielen großzog?) Ein großer Theil der religiösen Gebräuche und der Formen des religiösen Lebens ist auf dem Lande noch pietätvoll erhalten; dagegen hat sich in den Städten und in einzelnen Jndnstriebczirken ein desto größerer und rapider Umschwung vollzogen. Die alte und eng geschlossene Kirchengemeinde besteht dort nicht mehr und darum auch nicht die äußere Form des religiösen Lebens und der in dieser Gemeinde einst geübte religiöse Brauch. Die Gläubigen betreten dort das Gotteshaus nicht mehr als eng zusammengehörende Pfarrkinder, sondern als ein religiös gesinntes Publikum, das jede Fühlung unter sich verloren hat. Man besucht den Prediger, welcher der subjectivcm. Anschauung und Neigung am besten entspricht, gleichwie man den genialsten und beliebtesten Schauspieler oder Sänger aufsucht. Ein großer Proccnt- H In Südbauern und einigen Theilen Oesterreichs war das Fest Maria Lichtmeß der übliche jährliche Zahlungstermin. °) W. de Porta ..Geistlicher Humor" S. 133. satz der Großstädter weiß überhaupt nicht, welcher Pfarrei der Stadt er angehört, und hat Mühe, bei Taufen, Trauungen oder Todesfällen die richtige Adresse zu finden. Mit dem Untergänge der geschlossenen Kirchengemeinde, mit dem Verschwinden der örtlichen religiösen Gebräuche sind auch viele religiöse Lebensgcwohu- heiten und fromme Uebungen des Volkes zu Grabe getragen worden. Und gerade in den letzten Jahren machen wir die betrübende Erfahrung, wie das moderne Leben und die modernen Mächte die selbstverständlichste und ehrwürdigste religiöse Lebensgewohnheit nicht mehr schonen und selbst die heiligsten kirchlichen Verpflichtungen antasten. Wie wenig wird außerhalb der Kirche die Heiligung der Feste und Festzeiten geübt, wie wenig die kirchlichen Fasten geböte respektirt k Veranstaltet man doch bereits Festessen zu Ehren katholischer Landesfürsien an — Freitagen. In wie wenig Herzen wohnt ein richtiges und lebendig sich äußerndes Verständniß für das Kirchenjahr! Die Heiligung des Sa mstagabendcs und die Bedeutung dieser der Mutter des Herrn geweihten Stunden scheint bei der Stadtbevölkerung kaum mehr zu existircn; ja gerade dieser Abend wird vielfach am meisten durch Kneipen, Spiel und Tanz entweiht, denn man kann sich ja am Sonntag gründlich von den durchgemachten Strapazen erholen.. Wir haben es schon erlebt, daß ein katholisch sich nennender Verein eine Tanznnterhaltung auf einen — Samstagabend verlegte. Wie der Samstagabend werden die sogenannten ersten Feiertage, d. i. der erste Tag des hl. Weih- nachts-. Öfter- und Psingstfestcs, allmählich völlig pro- fanirt. Während es früher Sitte war, an diesen Tagen das Gasthaus zu meiden, keine geräuschvollen weltlichen Vergnügungen zu veranstalten und im gegebenen Falle denselben nicht beizuwohnen, ist heute an diesen hohen- Fcsttagen das Gasthaus wie sonst gefüllt, und man genirt sich nicht mehr im geringsten, fidele Concerte, ja sogar Bälle abzuhalten. Besonders gern wird an diesen hochfestlichen Tagen der modernen Ncisewnth, meist unter Vernachlässigung des Gottesdienstes, gefröhnt. — In ähnlicher Weise verlieren auch die kirchlichen Fest- und Bußzeiten in der Oeffentlichkeit ihren Einfluß. Wir haben z. B. noch niemals in den uns znr Verfügung stehenden Lokal- und Tagcsblättern so viele Concertanzeigen gelesen wie in der vorjährigen und gegenwärtigen heiligen Fastenzeit. Der letzte Hauch religiöser Empfindung und der Respektirung altehrwürdiger kirchlicher Einrichtungen entschwindet so aus dem öffentlichen Leben. Wie das öffentliche Leben, hat auch das städtische Familienleben eine wachsende Einbuße religiöser Formen zu verzeichnen. Besonders die schönen und sinnigen Hausandachten verschwinden mehr und mehr, gleich dem religiösen Hausrathe, der in ein wahrhaft christliches HauS gehört. Am grellsten tritt der Umschwung religiöser Anschauungen hervor, wenn man die persönliche Meinung und die Bethätigung unserer Gesellschaft in Bezug auf öffentliches Bekenntniß des Glaubens und auf religiöse Dienstleistungen betrachtet. Was früher als Ehre galt, das gilt heute als Schande! ES gilt als Schande oder Erniedrigung, bei Prozessionen Kerze, Kreuz oder Fahne zu tragen, und es gilt znm mindesten als mittelalterliche Zurückgcbliebcnheit, sich am Fronleichnamstage am Triumphzuge des .Herrn oder gar bei Wallfahrten zu betheiligen. Bei Turner-, Sänger- und 308 Kriegcrfestc» im buutcstcu Aufputze und nicht selten in betrunkenem Zustande mitzumarschircn und den sancren Verdienst einer Woche der Familie zu entziehen, ist natürlich etwas ganz anderes. So ist unser geselliges und öffentliches Leben ein durch und durch unkirchliches geworden; an Stelle des christlichen Ideales ist ein neues und anderes, das nationale Ideal getreten. Dieses neue resp. modernheidnische „Ideal" erfährt bereits in der Volksschule eifrigste Pflege, an Stelle des beseitigten alt- und neu- tcstamcntlichcn Lesebuches sind vielfach „ncudeutsche", d. i. vorn preußisch-deutschen Geiste durchtränkte Erzählungen und Geschichtsbilder getreten. Und außer der Schule und draußen im Volke sorgen die Herren Reserveoffiziere und die Militär- und Kriegcrvercine zur Genüge für die Verbreitung des neuen „Ideals". — — Schule und Kaserne, Industrie und Verkehr, Gesetze und Einrichtungen, sie alle arbeiten, freiwillig oder mit Naturnothwcndigkeit, an der Umänderung und Beseitigung von christlichen Lebensformen und christlichem Väterbrauche. Und es ist für den katholischen Süden ein . schlechter Trost, daß sich dort, während die alten Branche fallen, allmählich einige dem überwiegend protestantischen Norden entsprungene Familicngcbräuchc einzubürgern beginnen; wir erinnern an die Feier des Geburtstages bezw. dessen Bevorzugung gegenüber dem Mmensfcste; wir erinnern an die Verbreitung, welche der Christbaum') auch in den ihm früher verschlossenen katholischen Provinzen gewinnt. Daß das christliche Leben der modernen Zeit gegenüber dem der alten Tage auch manche erfreuliche Lichtseite zeigt, daß ehemals manches mechanisch geübt wurde, was heute aus innerer Ueberzeugung gethan wird, das und anderes hervorzuheben ist hier nicht unsere Aufgabe. Wir wollten hier zeigen den begonnenen Umschwung im Lolksgeiste, in Kleidung und Sitte, in profanen und religiösen Gebräuchen; wir wollten in einem fragmentarischen Bilde andeuten, daß unsere Zeit zu den gcmüthvollcn und ruhig dahinfließenden alten Tagen in Hellem Coutraste steht, daß unser Leben immer mehr ins 'Materielle und Militärische, ins Aeußcrlichc und Nüchterne geht, und daß die Menschheit es nicht mehr liebt, sich in die gchcimnißvollen Tiefen der eigenen und der äußeren Natur und in die Räthsel der Geschichte zn versenken. Eine Zeit des Ucbergauges für das Volk, eine Zeit des Unterganges für Lcmdcssitte und Landssbrauch! Die alten Formen versinken in den verflachenden Wogen des rasch hereinbrechenden Modernismus, in dem fieberhaften Ringen und Hasten des Tages. Das christliche Volksleben nach seiner kirchlichen und anheimelnden Seite hin, das Leben in Familie nnd Gesellschaft, welches bis über die Mitte unseres Jahrhunderts, besonders in katholischen Bezirken, manches heilige Erbe aus vergangenen Zeiten herübergerettet hat, dieses von dem Duft religiöser Weihe übcrgosscne Leben, es geht unter in den großen Kämpfen nnd Fragen, in der nnrnhevollen Bewegung und dem hochentwickelten Verkehre der neuen Zeit. Die mit Dampseseile vorwärts drängende moderne Zeit hat nicht Muße, bei den Festen des Herdes und Altares, bei den religiösen ') Ueber „Christbaum oder Krippe?" siehe Dr. S- Brunncr, Moher? Wohin?" I. Bd., S. 51, nnd HanI- jakob, „Aus meiner Jugendzeit", S. INI. Feiern in Haus und Natur, bei Hcimath, Wiege und Grab sinnend stehen zn bleiben. Neue Gedanken beherrschen das Volk, neue Lebcns- gewohnhcitcn beginnen sich zu bilden, neue Formen und Gestalten steigen empor. Eine neue und flüchtige Zeit, die Zeit des Dampfes nnd der Elektrizität, ist angebrochen. Kaiserslautern. F. Norikns. Culturgeschichtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Rcichenhall vom Jahre 1685-1799. (Fortsetzung.) Die Gewerbeordnung wurde auf's Strengste gchandhabt. — Ordnung, ein gewisses allgemeines Gefühl für Recht und Gerechtigkeit ist jener Zeit durchaus nicht abzusprechen; die bestehenden Existenzen sollten erhalten bleiben — onrmr euiguo —; Sentimentalität, Humanität im modernen Sinn, sowie das Princip der freien Con- currcnz kannte man nicht — vielleicht znm Vortheil einer gewissen Wohlhabenheit jener Zeitperiode. Der Meister konnte nur diejenigen Arbeiten verfertigen und feilbieten, wozu speciell die „Gerechtsame" auf seinem Hause lag, damit die Einzelnen genügendes Aus- und Fortkommen fänden: ein Schneider von Karlstein wird von seinen 2 Mitcollegen verklagt, „die Kauf- arbeit: als fuhrkitl, Hosen, Strimpf, lcibln und haud- schnch, so anders dem Schnciderhandwerk ungehöriges zu machen und damit zu handeln und ihnen dadurch Eintrag zu thun", worauf der Betreffende das gerichtliche Attest zugestellt erhielt, daß sonst kein „ Eichmeister" als die beiden Kläger derlei machen dürfe; das Aufnahme-Attest eines andern Schneiders von Karlstein anno 1699 verlangt, daß er „in allhicsiger Stadt (Rcichenhall) außer der chnrf. Offizier (Saliucnbcamtc) und was man ihm sonst in seine Wohnung hinaus und wieder hineintragt, weiter nichts arbeite, noch den Stallmeistern beschwerlich fallen solle." Der „Bürger und Pcck" Werspachcr beschwert sich über den Ober- und Scebachmüllcr, weil sie sich „unfncgsam anmaßen", dem' alten Herkommen zuwider „Kreizcrröckl zn pachcn" (Röckl, sogen. Laib! aus Naggenmchl), da sie doch bei ihren „Pachstciten" nur „Groschen- nnd Sechscrlaib" backen dürften. Der richterliche Entscheid spricht nun, da auch Zeugen bestätigen, daß diese „Krcizerröctl" nur „bei Haus" verkauft wurden und das „sogen. Protwübcrl nie kein anderes als Hallerbroth zum Verkauf herumgetragen", den „Gayiuüllcrn" nach churf. Polizeiorduung 4. Buch 8. tät. 9. uri. das Recht zu, „Rockcuprod zn pachcn" und „bei Haus" zu verkaufen, aber nicht in die Stadt zu bringen. Ja geradezu gezwungen wurde das Publikum nur bei Meistern des Pflcggcrichtsbezirkcs seine Bestellungen und Arbeiten machen zu lassen: der Glaser- meister von Rcichenhall. verklagt 1788 einen Bauer von Weißbach, das; er „nicht allein seine neuen Fenster bei ausländischen Glasern machen lasse", sondern noch dazu „andere Nachbarn aufhetze", ihre Glaser-arbeiten beim Glaser von Anger verfertigen zu lassen, wofür der. Angeklagte „wegen dieses brotschmcllcrutcn Unternehmens" gerichtlichen Verweis erhält und Strafe von 3 ßl dl. '-) Hallerbrod ist Brod aus Neichenhall. Rcichenhall heißt bei der Landbevölkerung noch heute „Halt". 309 Die Kurpfuscherei, welche diesem Kapitel beigefügt werden mutz, war selbstverständlich auch verboten. Georg Antoni Dopfer, Haus Michl Hubcr und Joseph Holl „sämmtlich vcrbnrgcrte Bader allste" klagen 1721 gegen den „rovclo. Waseniueister", weil er „ganz unbefucgt" sich angemaßt, „unterschiedliche Patienten anzunehmen und zu kurieren", weshalb Beklagter die Weisung bekommt, „sich der Laren und des Mcdizinircns hinfürdcrs zu enthalten", — scheint also auch seinen Mitmenschen von seinen Wascnilicistcr-Medizincn applizirt zu haben; 1701 aber klagt wegen Bcrufsbecinträchtignng der „Stattmcdicus, Ordinari Stattphysikus" vr. Franz Köstlcr selbst und mit ihm Shlvcst Pächler, Balthasar Naffler und Franz Dietrich, „die 3 Pader und Bürger" — gegen den damaligen Ueberreiter") und Visitierer Hans Ferst und seine „Ehcwirthin",. dclin diese „unterstehen sich, allerhand Gebrechen zu kurieren" und dadurch den Klägern „an ihrer Kunst und gelernten Handwerk Eintrag zu erzeigen", weßhalb sie bitten, daß wegen ihres „ohnedies schlecht Habenten Einkommens" dies nicht mehr geduldet werde. Acrgerlich, wie er gemacht wurde, gestand zwar der kicberreiter, daß er mit seiner Ehewirthin „cmriara", konnte aber die Bcmcrknng nicht unterdrücken, „sie curioian auch solche, welche bei den Klägern gleichsam nicht cmrirt werden »lögen" (können). Wohl mag das hohe Gericht heimlich gelächelt haben, öffentlich aber theilte es die Entrüstung der Kläger und verbok auch diese Euren unter der Androhung, die Sache im Wiederholungsfälle „nach München zu berichten", denn Beklagter sei als ein „Visitator" und nicht als ein „Arzt" angestellt, heißt der Entbeschcid, durch das kurieren aber „unterlasse er pflichtvergessen das churfürstl. Interesse" und „suche mit dergleichen Stimplcrchen nur seinen Privat Nutzen". Concessionen für neue Wirthschaften wurden sehr ungern und nur selten ertheilt aus Rücksicht für die bereits bestehenden und selbst der „Bcyzollncr von Ncu- weg" in dieser hochromantischen Lage — jetzt schlechtweg Manthänsl genannt — konnte im Jahre 1714 nicht durchsetzen, fremden Durchreisenden die Betrachtung der herrlichen Gegend und die Einladung zur Ruhe durch Imbiß und einen frischen Truuk Bieres noch angenehmer zu machen, obwohl er Bier eingelegt hatte, das aber nur „für die Arbeiter und Wcgmacher und für die alle Wochen dahin kommenden Herrn Zollbeamten" verzapfen durfte. Andere sollten sich nicht bei ihm laben dürfen. Aber so ab und zu ließ sich doch ein durstiger Kumpan nicht kurz wcgwciseu, besonders wenn er an dem Hnngtischcheu vor dem Hanse die Wcgmacher bei frischem Trnnke sitzen sah oder die Herren Zollbeamten in heiterer Gesellschaft. Dann mochte aber auch der „Bcyzollncr" nicht so hartherzig fein, denn 1717 wird er verklagt, daß er „alle Wochen 2 — 3 Eimer Bier verschleiße", weßhalb er I.T dl. Strafe zu bezahlen hatte und es ihm abermals unter Androhung höherer Strafe verboten wird. Ja noch 1788 erging an den „Wcgmcistcr von Ncutveg" aus Grund einer von den Wirthen der Nachbarschaft eingereichten abermaligen Klage wegen „Gewerbschmiillerung" der specisicirtc gerichtliche Auftrag, nur die bei „Holz Trift-, Wcgbcschäftigtcu oder Beamten und bei Unglücks- sällcu, Lahn re. oder einen von der Nacht übcrfallencu Fremden" beherbergen und für deren Pferde Futter ab- ") Ueberreiter, nach Schmeller der unmittelbare Aufseher, der einen Straßen-, Flur-, Forst- oder Jagdbezirk Überresten gebe» zu dürfen, außerdem aber sei ihm „alles Gastgcbeu, Auskochen, Pfcrdceinstcllen, Futtcrabgebeu" verboten; selbst wenn Gäste oder churf. Beamte bei „Waldrcisen" Spiel- leute mitbringen, sei das „aufmachen lassen" untersagt, wie auch Scheibenschießen bei ihm nur dann statthaben dürsten, wenn mit den umliegenden Wirthen vorher ein Ucbcrcinkommcn getroffen ist. — Für die Schönheiten der Natur hatte man überhaupt damals noch sehr wenig Verständniß und Geschmack. Tanz- und Concertmusik durfte ebenfalls nicht „unbefugter Weise" abgehalten werden, nnd daß der eine oder andere Gastgeber darin sich keine Ueberschreitnugen zu schulden kommen ließe, dafür sorgten seine Kollegen. Der Moserwirth in Fager wird 1704 verklagt, daß bei ihm „durch einquartierte Schallmcycr als Soldaten" unbefugter Weise „aufgemacht" nnd dazu getanzt werde nnd „auch andere Spicllcutc" öfters sich dort einfändcn; nnd 1705 abermals, daß nicht „durch rechte Spiellent" (also auch unter diesen keine Concurrcnz!), sondern „durch Anfgeigcn des Müllncr Gcörgcn in Seebach zum Tanz aufgemacht wirb". Moser gibt zwar an, er habe, als „die Schnchknccht" (Schnhmachcrgenoffeuschaft) bei ihm gezecht, nichts gewußt, daß sie heimlich um den „schlechten Geiger" in Scebach geschickt, und habe das „Aufmachen" nicht lange geduldet; erhält aber doch gcrichllichcn Verweis, was die Musik des „Müllncr Gcörgcn" eigentlich gar nicht werth war, denn die Protokolle sagen selbst, wie „die Schuchknccht unter seinen schlechten Geigen auf blossen 2 Saithcn zu tanzen angefangen". Aber nicht nur jedes Gemeinwesen — der Staat die Gemeinde, die Familie, die Zunft, die Genossenschaft rc. — sollte geschützt werden gegen schädliche Einflüsse von Außen und Innen, auch auf den Einzelnen wollte man einwirken, um ihn vor Verderben zu bewahren, vor Untergang zu schützen, seine zerrütteten Verhältnisse wieder zu rangiren: Äl. dst „hat man öfters verwiesen", heißt es im Tenor einer Verhandlung vom Jahre 1712, sich „des übermäßigen Sauffens" zu enthalten, weil er aber „mit exzessivem Fressen nnd Sauffen fortgefahren", wird er 2 Tage mit Wasser nnd Brod im Amtshaus bestraft „mit dem cxpresseu Auftrag", daß, wenn er nochmals „sich dieß kein Gewährung sein laßt", man ihn nicht nur „allhie in den Wirthshäusern öffentlich proclamieren", sondern auch „gestalten Dingen nach", gam „ins Zuchthaus München liffern" lassen werde, „woruach er sich zu richten waiß"; und 1740 wurde ein „Gaü- schustcrmeistcr" wegen seines „uneinigen Hausens Mt seinem Ehwcib" und „seines beständigen Sauffens" vor Gericht citirt, wo mau ihm aus Herz legt, „das Wirthshaus zu nieiden und dem Handwerk, sowie der Haus- wirthschast besser nachzukommen", eine Ermahnung, die allerdings auch gleich „1 Tag mit Wasser und Prot im AmbtShautz" zur Folge hatte. — Beide Ideen also, die Abschrecknngs- und die Vesscrnugsthcoric, durchdrängen die damaligen richterlichen Erkenntnisse. Die strengsten Strafen- und damit die größte Verachtung aller Vergehen, die wir in diesen Eerichtsproto- kollcn vorfinden, wurden gegen die „Lcichtförtigkcit" d. i. das Kapitel der unehelichen Kinder ausgesprochen. Die Protokolle selbst nennen diesen Fall, so oft er vorkommt, stets ein „Verkröchen", und je nachdem es ein „erstmaliges" oder „öftcrmaligs Verkröchen", war auch die Strafe milder oder höher, immer aber sehr empfindlich gegenüber den Strafen anderer Verbrechen oder-Vergehen, während eine besondere Verachtung noch dadurch 310 ausgedrückt wurde, das; gerade bei diesen Fällen und nur bei diesen die männliche Partei stets nur per Er titulirt wird oder auch per „Kerl", die weibliche aber per Sie. Der männliche Theil wurde fast immer höher bestraft wie der weibliche und das Strafgeld, das hieraus einging — sogen. „Ehebruchsstraffen", wurden zur Ausbauung des Thurmes der St. Egidinskirche verwendet. Die geringste Büste hicfür war 2 fl. 17 kr. 2 hl. nebst Freiheitsstrafen — „Fenknust im Ambtshanß bei Wasser und Prot", „Fenknust des Rentamts" —, oder Schandstrafen — „Geige und Schandsaull" —, oder Gerichtsvcrweisnng, Nentamtsverwcisung und Landesver- tveisnng. Ja sogar Ehclcnte wurden, wenn zu Tage trat, dast sie „vor der priestcrlichen Oopulation" sich mit „Leichtfertigkeit" vergangen, zwar der öffentlichen Schandstrafen „in ürvorem inntrinlonii" begeben, aber mit Frciheits- und Geldstrafe» noch belegt; so erhielt ein Ehemann aus diesem Grunde im Jahre 1689 acht und seine Frau fünf Tage mit Wasser und Brod im Amtshanse und dazu jedes noch 2 A Pf. — 4 fl. 14 kr. 2 hl. Geldstrafe, und im Jahre 1700 eine Frau bei der gleichen Veranlassung außer der gewöhnlichen Freiheits- und Geldstrafe noch eigens 1 S Pf. „um daß sie als ein Junk- fran an ihren Hochzcittag geprangt", d. h. einen Kranz getragen hat. Eine weitere Fürsorge für das Wohl des Ein' zelncu — dies Mal für seine Geldbörse — betraf die „Haltung zu hoher Hochzeiten". Es war nämlich jedem Stand eine Norm gegeben, eine Grenze gesetzt, wie viele Gäste er zu seinem Hochzcitsmcchle laden dürfe, worüber hinaus sowohl der Bräutigam wie der Wirth, in dessen Hause das Hochzeitsmahl gehalten wurde, für jede Person „zu viel" eine Geldstrafe zu bezahlen hatte, nur der fröhliche Gast „zu viel" hatte keinen Nachtheil davon, denn er hat, wie ein Zeuge sagt, dem Bräutigam „mit frciden das Mal einnehmen und vollcndten helfen". Die betreffenden Vorschriften hierüber sind sehr alt, denn 1576 schon werden die „Mandate" wegen zu großer „Hochzeiten" und „Kindlmahl" wieder eingeschärft, aber die Unterthanen schienen einen Stolz darein zu setzen, große Hochzeiten zu geben. Die beiden Schweiger hatten eine ausgedehnte Verwandtschaft und hatte jeder von ihnen, so bestätigt das Verh'örs- protokoll, „dessen Hochzeit nmb 3 Persohnen zu groß gehalten" und deswegen „Straff erlegt" auf jede Person 15 kr., „so hat man dem Würth Hans Pürchel bei deine solch Hochzeiten gehalten wurden zur Straff gezogen aus jede Persohn auch 15 kr." 1722 hielt der „churf. Salz- mayr Amts Trannsteinische Prnnnwartter zu Fager" ") seine Hochzeit um 10 Personen zu groß, „somit beede dahcro" (der Bräutigam und der Wirth zum Kaltl) „sammt ernstlichen Verweis bestrafst worden von jeder Person 30 kr. — 5 fl." Die Polizei — und wir haben im Laufe dieser Abhandlungen schon öfters Andeutungen gegeben — wurde überhaupt strenge gehandhabt, Reellität, Solidität und Ehrlichkeit von Allen gegen Alle gefordert, sogenannten „Polizei-Straffen" begegnen wir sehr oft in den Gcrichtsprotokollcn. Schon die Strafe im Allgemeinen „wegen Vorgeben einer 8. V. Unwahrheit" ist bezeichnend und war besonders für die Viktnalienpolizei, die übrigens strenge gehandhabt wurde, von großem Einfluß aus den . ") Die Bediensteten der sogen. „Brunnlcitung" (Soole- leitnng) Reichenhall-Traunstein standen unter dem Salz- mairamt Traunstein. thatsächlichen Werth der Kaufsobjekte: ein Bauer „sucht" im Jahre 1746 „dir obrigkeitliche Hand", wie der Ausdruck heißt, weil er eine Kälberkuh, die in der That nur 8 fl. werth war, um 23 fl. kaufte, da sie „der Verkäufer zu viel gelobt". — Auch bei Ncbervortheilungen im Pferdskanf konnte man gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen: ein Salz-Karuer kauft um 95 fl. „ein groß liechtpranne Stuckten", die aber „nit Kaufmanns Guck" gewesen, da sie „reyzig" (rotzig) war; westhalb der Kläger auf Gutachten des „rosto Wasenmeistcr" und eines zweiten Sachverständige», der sich „mit lauter Noß- nnd andere Vich-Churen erhält", eine „gerechtfertigte" Attcstaiion erhielt, um sich derselben gegen den Verkäufer „in allweg zu bedienen", — denn der sachverständige Wasenmeistcr depouirte, daß dem Pferde die „halb Lungl schon ausgeruuncn". Eine hieher gehörige Verhandlung über „nnbe» fuegtes Bischen" berichtet uns die nicht uninteressante Thatsache, daß zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hie zu Lande der Biber noch keine Seltenheit war, denn 1712 bringt der „Vorstcr"") von Rnhpolding beim Pfleggericht Neichenhall zur Anzeige, daß „Fischpächter zum andermall einen Biber mit einem Fischnetz gefangen", wobei die Pächter allerdings bcma, tiäo gehandelt haben mochten, denn sie wußten nicht, sagen sie, „dast der Biber zur Jägerei gehöre", während nun das Pfleggericht dahin entschied, daß „künftig kein Fischer mehr keinen Biber fangen" dürfe. Soviel uns bekannt, ist die Streitfrage in unserer Zeit wieder neuerdings aufgeworfen worden. Man hatte dann ein Hauptaugenmerk gerichtet aus Verleitgabe guter, reingchaltener und preiswerther Vik- tualien: schon 1706 wird ein Händler verklagt „wegen 2 reäv. abgethaner Küe, welchen der Magen abge- pronncn," die dann aber dennoch „ins Haus, somit zur Speis gebracht" wurden; 1793 verklagen ferners drei „auf Cordon" zu Melkest liegende Knirassiere den dortigen Wirth Franz Eder wegen „schlechter Bierverleitnug", aber Eder erklärt, daß der Knirassiere „Unwohlsein" nicht von dem schlechten, sondern von dem vielen Biere herrühre, das sie getrunken, westhalb er den gerichtlichen Auftrag erhielt, „nie mehr so übermäßig Bier einem Dienstmann zu geben", denn die Wackeren vertilgten „auf einem Sitz 40 Maß", wie cS heißt. Dort also war noch tiefster Friede! In weiterer Verfolgung dieser polizeilichen Fürsorge für das Publikum finden wir dann verschiedene in regelmäßigen Zwischeuräumen wiederkehrende Visitationen angeordnet, welche es uugemein genau nehmen, so die „Mühlvisitationcn". 1685 wird bei einer „Mühl- beschan" ein Müller um 1 fl. 8 kr. 4 hl. bestraft, weil „ein kleins Löchl im Pcitlsäckl erfundten und wegen nit juster Schaidewage"; „2 schmöühent: oder taigige Peitl- kasten gesandten", wurden bei einer andern Beschau; und „wegen vor der Will mangelnten Fnßwisch und Spirm- geweb in der Mühl" heißt ein hieher gehöriger Betreff; 1698 wurden „Millvisitationen" vorgenommen am 17. Juli und am 10. Oktober durch den „Millgrafcn" und den „Amtmann" (Gerichtsdiener). Wetters finden wir die Feuerpolizei streng ge- ''0 Die Reviere um Neichenhall gehörten damals zum Forstamte Rnhpolding, dessen Vorstand den Titel „Förster" führte, wahrend die Vorstände der dem Forstamt unterstellten Reviere „Forstknechte" hießen, z. B. der „Forstknecht von Karlstein. t 311 übt, Feuer beschau findet fast ebenso oft statt, als sich die „Na uchfang st raffen" wiederholen: 169!) findet die F-cuerbeschan in einem Hanse „einen ziemlich unsauber» Nauchfaug" und in der Stube „die Span zu nachet beim Ofen"; „wegen priinnens wordenen Ranch- fang" hatte ein Pflcggcrichtsunterthan 1 K dl. zn bezahlen, und ein Anderer 4 ß dl., weil die „Dcixprigel ober den Herd" und die „Span anfin Ofen" lagen; „Tobacthpfclsfen mit Tobackranchcn im Maul habcnt im Traidstadl" - 17 kr. Strafe. (Schluß folgt.) Historische Commission bei der kgl. bayerischen Akademie der Wissenschaften. (Bericht des Sekretariats.) München im Juli 1897. Die 38. Plcnarverfamm- lnng der historischen Commission hat am 11. und 12. Juni stattgefunden. Der nach dem Tod des Wirklichen Geheimen Raths von Snbel von der Commission in der vorigen Plcnarversammlung gewählte und von S. K. H. dem Prinz-Regenten ernannte Vorstand der Commission, der Wirkliche Geheime Rath von Arncth Excellenz aus Wien, leitete die Verhandlungen. Seit der letzten Plcnarversammlung im Mai 1896 find folgende Publikationen durch die Commission erfolgt: 1. Allgemeine deutsche Biographie. Band XI-I, Lieferung 2—6. Band XI-II, Lieferung 1—3. 2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXV, Band V der schwäbischen Städte: Augsburg. 3. Die Recesse und andere Akten der Hansetage 1256-1430. Band VIII. (Schlußband.) Die Hansc-Necessc, welche einst von der Commission auf Lappenbcrgs Vorschlag in erster Reihe unter ihre Unternehmungen aufgenommen worden waren, sind damit von Dr. Koppmann, den nach Juughans' frühem Tod noch Lappcnberg im Jahre 1865 zum Herausgeber bestimmt hatte, zum glücklichen Ende gebracht morden. Auch die Chroniken der deutschen Städte, unter der Leitung des Geheimen Raths von Hegel, nähern sich dem Abschluß. Als 26. Band soll ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken erscheinen, für welchen der Bearbeiter. Stadtarchivar Dr. Äittmar in Magdeburg, das Manuskript bereits im Laufe der nächsten Wochen einzuliefern versprochen hat. Der erste Band, Band 7 der ganzen Reihe, hatte die Magdeburger Schöffcuchronik, bearbeitet von Janike, gebracht. Für den zweiten Band ist die hochdeutsche Fortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des Georg Blitz 1467—1551 bestimmt. Als vorläufiger Schluß des ganzen Unternehmens, nämlich als Band 27, ist ein zweiter Band der Lübecker Chroniken in Aussicht genommen, welchen Dr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt, bearbeiten will. Voll den Jahrbüchern des deutschen Reichs unter Friedrich II. wird in der allernächsten Zeit der zweite Band veröffentlicht werden, der die Jahre 1228—1233. im Manuskript vom Geheimen Hofrath Winkclmann hinterlassen, umfaßt. Auf eine Fortsetzung lind Vollendung dieser Arbeit ist eine bestimmte Aussicht noch nicht vorhanden. Für die Jahrbücher des Reichs unter Otto II. und Otto 111- ist Dr. Uhlirz mit der Bearbeitung des gesammelten Stoffs, für die Zeit Friedrichs I. Dr. Simoüs- scld noch mit der Sammlung des Stoffes beschäftigt, Professor Mc»er von Knonan arbeitet unausgesetzt am dritten Band der Jahrbücher des Reichs unter Heinrich IV. und Heinrich V. Betreffend die Geschichte der Wissenschaften in Deutschland ist das für dieses Jahr erhoffte Erscheinen der Geschichte der Geologie und Paläontologie von dem Geheimen Rath von Zittel auf das nächste Jahr verschoben worden, weil die Schwierigkeit der Bewältigung der für die Geschichte des 19. Jahrhunderts vorliegenden Literatur sich als allzngroß erwies. Die Mlgemeine deutsche Biographie, unter der Leitung des Freiherr» von Liliencrou lind des Geheimen Raths Wegele, ist in diesem Jahr in außerordentlicher > Weile in ihrem Fortgang ausgehalten worden, zuerst ' durch den Tod voll Sybcls, der den Artikel „Kaiser Wilhelm I." übernommen hatte, dann durch den Eintritt des neuen Autors. Professors Erich MarckS in Leipzig, zuletzt durch das Zusammentreffen der Ausarbeitung dieses "Artikels mit der Centcnarfeier und der durch dieselbe hervorgerufenen zahlreichen Literatur. Die Rcichstagsakteu der älteren Serie stehen am 10. und II. Band. Es hat sich die Zweckmäßigkeit einer Theilung der Kaiscrzeit Sigmunds (Mitte 1433 bis Ende 1437) in zivei Bände herausgestellt. Der 11. Band soll bis zur Mitte des Jahres 1435 reichen. Die Drucklegung ist von Dr. Veckmann bis zum 43. Bogen geführt worden. Das Erscheinen des Bandes kann für den Herbst dieses Jahres in Aussicht gestellt werden. Der Druck des 12. Bandes soll dann sofort sich anschließen. Während des Jahres hat vr. Beckmauu kleine Lücken des Materials sowohl aus Münchener, ivie aus den von Baris, Basel, Nördlingcn, Köln eingesandten Archivalien, sodann durch eine kurze Reise nach Nürnberg ausgefüllt. Der Stand der Arbeiten für den 10. Band ist welliger befriedigend. Doch darf erwartet werden, daß mit dem Druck desselben begonnen werden kann, sobald der Druck des II. Bandes beendigt sein wird. Dr. Herre hat sich entschließen müssen, seine eingehenden lind außerordentlich lange Zeit in Anspruch nehmenden Forschungen über die Vorgeschichte dcS Romzugs Sigmunds nicht, wie beabsichtigt war, in die Einleitung des Bandes aufzunehmen, sondern in einer besonderen Abhandlung zu veröffentlichen und in der Einleitung nur kurz deren Ergebniß mitzutheilen. Die Akten zur Vorgeschichte des Romznges können nicht nach Reichstagen geordnet werden; sie erscheinen vielmehr in zwei Abtheilungen: I. Nomzugs-Ver- handlungen vom Herbst 1427 bis zum Sommer 1128. 2. Verhandlungen von 1431 bis zum Allsbruch dcS Kaisers von Feldkirch nach Mailand. Für reichlich 400 selbst- stäudige Nummern ist die Tcxtrcceusion fast abgeschlossen; kleine Nachträge werden theils brieflich, theils aus einer Reise nach Wien zu erledigen sein. Auch das Material zu den Anmerkungen ist zum größeren Theil bereits gesichtet. Eine nicht unwesentliche Schwierigkeit für die Schlnßredaction des Bandes, die große Zahl undatirter Stücke, die sich auf die Concilsfragc beziehen, konnte durch Benutzung eines inzwischen pnblicirten Pariser Codex (Protokoll Bruncts) in der Hauptsache gehoben werden. Benutzt wurden im ablausenden Jahre besonders das Münchener Reichsarchiv, Handschriften aus den Bibliotheken voll Paris, München, Knes an der Mosel, Heidelberg und Dresden, und Akten aus dem Nürnberger Kreisarchiv. Anfragen in den römische» Archiven und Bibliotheken wurden in dankenswcrther Weise durchs Dr. Schcllhaß in Rom erledigt. Für die Neichstagsaktcn der Reformationszeit sind die Arbeiten wie bisher von Dr. Wrcde mit Unterstützung von Dr. Beruays fortgeführt worden. Das Material für den dritten Band ist vervollständigt worden aus Akten von Köln, Nürnberg, Frankfurt, Karlsruhe und Würzburg: einige bisher noch zurückgestellte Stücke, wie die große Äcschwcrdeschrift der Grafen und Herren vom Ende 1522, wurden abgeschrieben; aus dein Mainzer Erz- kauzler-Archiv in Wien wurden Abschriften erbeten und geliefert. Hiermit ist dieser Theil der Arbeit für den dritten Band vollendet. Daneben ist bereits ein großer Theil des Manuskripts fertig gestellt: die Akten des Ncgnuents-Reichstags zu Nürnberg vom Frühling 1522 und von dem zweiten Nürnberger Reichstag die Verhandlungen über die Religionssache, die Gravamiua, die Verhandlungen der Stände mit den Städten, die Zollordnung und zum größten Theil die Verhandlungen mit der Ritterschaft: zusammen etwa die kleinere Hälfte des Bandes. Im nächsten Jahr soll das Manuskript ganz oder bis auf einen geringen Rest vollendet sein und dann mit dem Druck des dritten Bandes begonnen werden. Von der im vorigen Jahre beabsichtigten Collation- iruug der vorliegenden Abschriften der Berichte des Chnr- sächsischen Reichstagsgesandtcu Hans von der Planitz mit den Originalen im Weimarer Archiv konnte abgcsepen werden, da diese Planitz-Bcrichtc von der Kgl. Sächsischen Commission für Geschichte selbststäudig und vollständig veröffentlicht werden sollen. Die Neichstagsaktcn werden sich deßhalb auf kurze Auszüge beschränken können, und diese Entlastung wird es möglich machen, mit dem dritten S12 Band bis Zinn Beginn des dritten Nürnberger Reichstags zu gelangen. Die ältere Bayerische Abtheilung der Wittelsbachcr- Corrcspondenzen unter Leitung des Professors Lassen wird demnächst zum Abschluß kommen. Von den durch Dr. Goeh bearbeiteten „Beiträgen zur Geschichte Herzog Albrechts V. und des Landsberger Bundes" sind 48 Bogen gedruckt, die bis zum Ende des Jahres 1570 reichen. Nur noch 10 bis 12 Bogen sind zu drucken. Die ältere Pfälzische Abtheilung der Wittelsbacher Korrespondenzen konnte auch in diesem Jahr keinen Fortgang gewinnen, da der Herausgeber, Professor v. Bezold, von der Vollendung der Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir neuerdings durch seine Berufung an dre Universität Bonn abgehalten wurde. Derselbe hofft nun, in den nächsten Ferien die bisher aufgeschobene Forschungsreise nach Kopenhagen ausführen zu können. Die Arbeiten der jüngeren Bayerischen und Pfälzischen Abtheilung der Wittelsbachcr-Correspondenzen unter Leitung des Professors Stieve waren in gleicher Weise wie früher in erfreulicher Entwicklung begriffen. Nur war Professor Stieve selber, durch die nämlrchen Gründe wie im vorhergehenden Jahr, au der gewohnten Mitarbeit gehindert: er wird voraussichtlich erst im Frühling 1893 an die Herausgabe des 7. Bands der Briese und Akten gehen können. Dr. Chroust war zunächst mit einer Nachlese in den Münchener Archiven beschäftigt. Im Staatsarchiv fand er. Dank den hilfreichen Bemühungen des Gehcimsekretärs Herrn Dr. Werner, Pfalz-Ncubnrger Akten, die über den Streit um die Churpsälzer Administration (1610—1614) sowie über den Jülicher Streit werthvolle Aufschlüsse gewährten, und bayerische Akten von großer Bedeutung für die Geschichte des Passaner Kriegsvolks und den Streit Herzog Maximilians mit Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg. In der Absicht, für die Lücken in den Münchener Churpfälzischcn Unionsakten eine Ergänzung zu finden, reiste vr. Chroust im Oktober 1896 nach Stuttgart, wo die Württcmbergischen Unionsakten sich fanden, die, soweit sie den Jahren 1011 bis 1613 angehören, nach München gesandt und dort ausgearbeitet wurden. In Karlsruhe fanden sich Pfalz-Neuburgische Akten über den Administratiousstreit mit Chnrvfalz und über das Rcichs- vicariat von 1612, die ebenfalls nach München geschickt wurden. In Innsbruck gewährten die Akten über Erzherzog Maximilians bekannte lebhafte Thätigkeit im Hausstreit und in der Snccessionsfrage so reiche Ausbeute, daß der Forscher sich zunächst auf das Jahr 1611 beschränken mußte. Leider ist der auf die Kaiserwahl bezügliche „Successionsfascikel" spurlos verschwunden. Die Ostcrfericn widmete Dr. Chroust in Wien hauptsächlich dem Finanzarchiv, dessen überaus umfangreiche Akten neben einer Menge werthvoller Nachrichten über Persönlichkeiten ein Bild von der Finanzgebahrnng des Hofes, der Zerrüttung des Geldwesens und von dem Verhältniß der beiden Neichspfennigämter zur Hofkammer gewährten. Der Güte des Direktors des Kriegsarchivs, des Feldmarschall - Lieutenants von Weher, wurden Abschriften von wichtigen Akten über die Schulden des Kaisers und die Leistungen der Reichsstände zum Türkenkrieg verdankt. Die Commission hat nicht versäumt, Sr. Excellenz den schuldigen ehrerbietigen Dank auszusprechen. Die Hofzahlamtsrechnungeu fanden sich auf der Hofbibliothek. Im begonnenen Jahr hat vr. Chroust vor, außer einem Rest der Akten des Münchener Staatsarchivs, die schon früher in Arbeit genommenen Ansbacher Akten des Berliner Staatsarchivs auszuarbeiten, dann an die Papiere Christians von Anhalt in Zcrbst und die Chursächsischen Akte» zu gehen. Wenn die Jnnsbrncker Akten nicht verschickt werden, so muß er einen zweiten Besuch dort machen. Alsdann wird, nach Durchsicht der Stadtarchive von Ulm und Nürnberg, der Stoss für den ersten von ihm herauszugebenden Band, der die Jahre 1611 und 1612 umfassen soll, vollständig vorliegen. vr. Mayr - Deisinger arbeitete im Herbst 6 Wochen in Wien. Dort sah er im Geheimen Staatsarchiv die sogenannte „Große Correspoudenz" durch, die außer dem Briefwechsel verschiedener Beamten und insbesondere des Kardinals Dietrichstein auch den Rest eines sehr regen Briefwechsels zwischen dem Herzog Maximilian und dem kaiserlichen Botschafter zu Madrid, Khevenhüller, 1618 bis 1620, enthält. Ferner sehte er die Bearbeitung der schon 1895 in Angriff genommenen Serie „Bohemica" fort, die unter anderm werthvolle Gutachten von Reichs- Hofräthen über die Maßnahmen des Kaisers gegen Friedrich V. von der Pfalz und vertrauliche Berichte über die Zustünde in Prag und Böhmen lieferte. Er mußte abbrechen, nm die ebenfalls schon 1895 begonnene Durchsicht der „Hofkammer-Aktcn" im Finanzarchiv abzuschließen, die für die Jahre 1618—1620 ein ebenso klägliches Bild von dem kaiserlichen Finanz-Elend ergaben, wie für die von vr. Chroust bearbeitete Zeit. In München beendete vr. Mayr die Bearbeitung der Dresdener Archivalien. Im Staatsarchive stellte auch ihm die Sorgfalt des Herrn GeheimsekretärS vr. Werner viele unbenutzte Fascikel zu Gebote: darunter befand sich ein Theil der so lang vergeblich gesuchten Akten, die nach der Eroberung Heidelbergs nach München gebracht wurden, dann die Verhandlungen, die im Juni 1620 zu Ulm mit den Unirten gepflogen wurden, der Briefwechsel Herzog Maximilians mit Buguoy aus der Zeit des böhmischen Feldzugs, ein umfangreiche» Briefwechsel Maximilians mit Erzherzog Albrecht und eine Menge Uuionsakten. Im neuen Jähr wird vr. Mayr nochmals nach Wien reisen und auch das Jnnsbrncker Archiv besuchen müssen. Er hofft die Stoffsammlung im Laufe des Jahres abschließen zu tonnen. vr. Altmann hat seine auf die bayerische Politik der Jahre 1627—1630 gerichteten Studien fortgesetzt. Einen Theil der Ergebnisse will er in einer Abhandlung über das Verhältniß Maximilians zu Wallcnstein veröffentlichen. vr. Hopfen ist gegenwärtig in Italien, um in Florenz und Rom zu arbeiten, und wird dann nach München und Wien gehen. Im Laufe des Jahres ist noch ein anderer Arbeiter, Herr Alois Müller, in ein ähnliches Verhältniß wie die beiden Genannten zur Commission getreten und wird unter gefälliger Anleitung des vr. Chroust sich zunächst mit den Akten des Jülicher Streits vom Jahre 1614 b» schäftigeu. _ Recensionen nnd Notizen. Lejo XIII. und der hl. Thomas von Aguin. Von k. LlaK. ,1. V. <1 s 6 rc> o t, 0. vrascl., Professor der thomistischen Philosophie an der Universität Amsterdam. Antorisirte Uebersehung von vr. B. I. Fuß. Mit bifchösl. Druckgenehmigung. Negensburg 1897. Nationale Vcrlagsanstalt. 8", S. 67. Das päpstliche Rundschreiben „^.Storni Uatrio" verherrlichte den Englischen Lehrer als eine Lebcnsguelle für Kirche nnd Gesellschaft, für Kunst und Wissenschaft. Die dadurch hervorgerufene thömistische Bewegung zog immer weitere Kreise. Zu noch besserem Verständniß des päpstlichen Winkes und so zn noch zahlreicherer und entschiedenerer Heeresfolge des Agninatcn will unser Schrift- chen beitragen. Dazu wird der wahre Sinn nnd die Bedeutung der thomistischen Bewegung erklärt und die Haupteinwände widerlegt. Welches ist das Streben des Papstes — wie entspricht St. Thomas diesem Streben, wenn wir sein Ansehen in der katholischen Kirche, — die Beziehung zwischen seiner Lehre und dem „modernen Denken", — seinen Einfluß auf die Wiederbelebung der christlichen Gesellschaft betrachten? Diese Fragen werden in wissenschaftlich-populärer Sprache eingehend beantwortet. Die ganze Darstellung durchweht der Hauch edler Begeisterung, wohl geeignet, auch die Leser zu begeistern für das erhabene Endziel des päpstlichen Erlasses, durch die wahre Weisheit und die glänzenden Tugenden des Agniuaten die irrende und sittlich verarmte Welt für die göttliche Weisheit und Liebe wiederzugewinnen. Dem trefflichen Original entspricht die treffliche Uebersehung. Nur hätten wir die vielen fremdsprachigen Citate im Texte selbst in gewandter deutscher Uebersehung, deren Originaltext aber als Anmerkungen gewünscht, wie es bei den lateinischen Citaten auch fast durchweg geschehen ist. Dem ausgezeichneten Schriftchen selbst wünschen wir weiteste Verbreitung. Vera ntw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherrin Augsburg. l kür. 45° 7. Aug. 1897. 8 - Em Urtheil über derr Protestantismus. ll. 8. Zu dem hochgelehrten, bis jetzt auf zwei stattliche Bände gedichenen Werke des Präger Universitüts- professors Dr. Otto Willmann „Geschichte des Idealismus" (Braunschweig, Bicweg u. Sohn, 1896) finden wir Band II, 574 ein Urtheil über die „evangelische" Kirche, das wir der Oeffentlichkeit unterbreiten möchten. Der Gelehrte schreibt dort im Anschluß an die „Verdienste" des „Reformators" Wycleff um die Philosophie: Der Protestantismus kehrt auf allen Gebieten seine Spitze gegen die Mittelglieder. Er will auf der Bibel fußen, aber er verwirft die Autorität der Kirche, welche insofern vermittelnd zwischen den einzelnen Gläubigen und der Schrift steht, als sie die Glanbcnssubstanz auf Grund dieser fixirt und mit der lebendigen Tradition umkleidet; er will am Christenglauben festhalten, aber nennt alles, was aus diesem organisch im geschichtlichen Leben der Kirche erwachsen ist, hinzngekommenes Menschenwerk; er sucht in der gläubigen Gesinnung die christliche Vollkommenheit, verwirft aber die Werke und die mit ihnen zusammenhängende äußere Gestalt, welche sich jene Gesinnung gegeben hat und welche die Vermittelung ihrer immer neuen Erzeugung bildet; er will die apostolische Christengemeinde erneuern, indem er die historischen Vermittelungen überspringt, durch welche die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhängt; er will die christliche Gemeinde, aber er schreckt davor zurück, ihr Princip als Gesetz zu fassen; er fordert die Nachfolge Christi, aber er verwirft die Vorbilder des Wandels, welche uns die Heiligen, diese lebendigen Früchte der Erlösung, vorzeichnen; seine Theologie ist wesentlich Schrifterklärnng, aber es ist ihr verwehrt, autoritative Erklärungen aufzustellen; sie geht auf den Offenbarnngsgehalt der Schrift aus, aber sie läßt deren Weisheitsgehalt, der das Bindeglied zwischen ihr und der Theologie-bildet, ungenutzt. Mit dieser Verwerfung der Mittelglieder ist aber eine Abwendung von der idealen Grund- anschauung gegeben; die Begriffe des Gesetzes, des Vorbildes, der organischen Ausweichung sind, wenn sie auf dem Gebiete des Glaubens preisgegeben werden, auch für die Speculation verloren. Man pflegt nun zwar Luther einen Idealisten zu nennen, weil er eine unsichtbare Kirche an Stelle der sichtbaren gesetzt und den Realismus der Werkheiligkeit bekämpft habe; aber es ist nicht jede Ansicht Idealismus, welche die Wirklichkeit überfliegt und das Innere dem Aeußern gegenüber stellt. Die ideale Weltanschauung beruht darauf, daß, wie ihr Name es sagt, die Welt ideal angeschaut wird, also im Sichtbaren das Unsichtbare erkannt, in der Auswirkung das Gedankliche verfolgt, das Außen durchsichtig gemacht wird für das Innen. Der Idealismus überfliegt aber nicht das Reale und snbjectivirt nicht das Aenßere, sondern läßt sich durch die Dinge zum Jntellegiblen in ihnen und über ihnen leiten und kann darum ebensogut Realismus heißen. Der aus der Weisheit der Schrift erwachsene Idealismus kennt die Gefahren jenes Ueber- fliegens und dieses Subjektivirens, die zu monistischen und nominalistischen Ansichten führen müssen. Nur bei ihm sind die idealen Principien, als bei ihrem berufenen Hüter, hinterlegt. Von einem andern Gesichtspunkte aus schreibt Will- mann später (y. 633) weiter: Die mannigfachste Forderung erhielt die nomlnalist- ische Gesellschaftsauffassung durch den Protestantismus. Zwar drängten die theologischen Fragen, welche die Glanbensnenernng in den Vordergrund stellte, das politische und sociale Interesse zurück, aber der Umsturz der alten Ordnung machte es unerläßlich, auf Principien für eine neue Bedacht zu nehmen. Von Luther selbst sagt Erdmann („Grundriß der Philosophie"): „Der mystische Zug in seinem Wesen läßt ihn oft diese Fragen, als den äußern Menschen betreffend, in einer Weise behandeln, die es erklärlich machte, daß der wcltverachtende Jacob Böhme so vieles ihm entlehnen konnte, und wieder läßt der tiefe Respekt vor der von Gott eingesetzten Obrigkeit ihn Aeußerungen thun, welche Staatsvergöttcrer mit Freuden citirt haben; dies ist einmal das Loos in sich reicher Naturen, die nicht Eines sind, sondern viel." Der Widerspruch liegt nun nicht in dem Ueberreichthnm der Naturen, sondern in der Sache: der Abfall von der Kirche war ein Akt des Individualismus, der sich über jede menschliche Gemeinschaft hinaussetzte, dagegen der Kampf mit der Kirche machte die Bundesgenosscnschaft des ihr entfremdeten Staates nöthig; ein und dieselbe That war die Quelle der Staatsvcrachtnug und der Staatsvergötternng. Mit der Zerstörung des christlichen Rechtes mußten alle Rechtsbegriffe ins Schwanken kommen. Wie die Neuerer stenerlos auf den Wogen der Zeit trieben, zeigt Melanchthon: „Er stellte 1523 den Grundsatz auf, daß der Fürst seine Gewalt vom Volke habe, und daß er gegen den Willen seiner Landschaft nichts unternehmen dürfe; freilich im Angesichte der Schrecknisse des Bauernkrieges neigte er sich wieder mehr zur Theorie von dem unbedingten Gehorsam gegen die Obrigkeit, gab aber diese später wieder auf, durch bittere Erfahrungen über die Nichtigkeit der Behauptung von der fürstlichen Uutrüglichkeit zur Genüge aufgeklärt." (Kaltenborn, Die Vorläufer des H. Grotius, 1848, p. 216.) Von den beiden Grundformen, in denen die Glaubcns- neuerung im XVI. Jahrhundert auftritt, bringt der Calvinismus mehr das individualistische Element zur Geltung, während das Lutherthum und der ihm nahestehende Anglikanismns mehr das Staatskirchenthnm entwickelt. Die Theorie vom „Gesellschaftsvertrag" (Rousseau) ist calvinistischcn Ursprungs, der „Lcviathan" (Hobbes) ein Erzeugniß der andern Denkweise, beides Hauptleistnngen der nominalistischen Gesellschaftslehre dieser Richtung. Das Materialprincip des Protestantismus, dke Lehre, daß der Glaube allein selig macht, verweist die Werke, das Gesetz, die Lebensordnung in die Sphäre des rein Aeußerlichen; es löst den innern Zusammenhang von Religion und Sittlichkeit und schneidet der Socialethik den Nerv durch. Mit der Leugnnng des Gesetzes Christi und der Kirche schwindet auch das Verständniß für die Vollendung des alttestamentlichen Gesetzes durch das Evangelium; bei dieser saxuratio Isgis ob evauAetü bleibt als Basis des Rechts der Dekalog allein übrig; die Gesellschaftslehre wird angewiesen, ihre Principien aus der Vorhalle und den Außenwerken des Glaubens zu entnehmen. — Nicht minder tief schneidet das Formal Princip des Protestantismus ein: die Lehre von der Sufficienz der Schrift und die Verwerfung der Tradition. Mit der letzteren fällt zugleich die Geschichte der Kirche uud das christliche Ethos: die 314 Ethik verliert damit ihre organische Geschlossenheit. „Ihr Inhalt besteht nun bloß aus Geboten über die isolirten Handlungen der Einzelnen." (Stahl, Geschichte der Rechtsphilosophie III. Anst. p. 123.) Die Verkeunnng des organischen Charakters der Kirche sührt zu jenem Eifern gegen das „Menschcn- wcrk" in ihr, und unvermeidlich wird daunt auch das „Menschenwerk" außer ihr, die positive Gesetzgebung, herabgesetzt. Bei Luthers Lehre, daß der Mensch ganz und gar verderbt ist, toius irmlus, müssen ja auch seine Schöpfungen für nichtsnutzig gelten; bei seiner Behauptung von der Unfreiheit des Willens, sorvum arbitrium, müssen die Gebilde der sittlichen Welt zum Range von Naturprodukten Herabsinken. Walther von der Vogelweide. . Her >Valtber von äsr VvAsUvsiäe, swer äos verMe^s äer tuet mir Isirls. (Herr Walther von der Vogelweide — wer deß vergäße, der that' nur leide.) Hug v. Trimberg. sl. Lein. „Walther von der Vogelweide mutz als Klassiker deutscher Poesie gelten. Erst. Goethe hat die Weise wieder gefunden, in der einst Walther gesungen hatte, und über die Fluth der Zeiten spannt sich die Brücke von dem einen zum andern, von dem größten deutschen Lyriker der neuen Zeit zu dem größten der alten, der auch, wer immer noch kommen möge» einer der ersten Dichter unseres Volkes bleiben wird." Mit diesen Worten charakterisirt A. Schönbach in seinem vortrefflichen Büchlein „Walther von der Vogelweide" (Dresden 1890, 2. Auflage 1896) diesen Dichterstern erster Größe für alle Zeiten. „Er M der einzige deutsche Dichter des Mittelalters, der uns an sich heranzieht und über die Jahrhunderte weg zu uns spricht, dessen Leid und Freude wir mit ihm durchleben, der uns mitreißt in seiner Begeisterung und die Kraft seines hochbeschwingten Idealismus auch in unsere Herzen flößt." Diesen Mann, dessen Lieder der niederen Minne, den schönsten Ausdruck der Empfindung, dessen die Sprache damals fähig war, der Gegenwart, unseren Lesern etwas näher zu rücken, ist der Zweck nachstehender Zeilen; wir folgen bei unseren Ausführungen neben dem oben angegebenen Werke demjenigen von Hermann Paul „Die Gedichte Walthers von der Vogelweide" (2. Anst. 1895), Willmanns „Walther von der Vogelweide" (2. Anfl. 1883) und Fässer „Walther von der.Vogelweide" (1885). Der „Aufklärung" war das Mittelalter der . tiefe, düstere Abgrund, in welchem sich die Cultur des klassischen Alterthums bei ihrem Sturze begraben hatte, und aus welchem die Menschheit nur mühsam wieder zum Lichte emporklomm. „Mittelalterlich" und „albern, unwissend, beschränkt", das sind für den Sprachgebrauch der Aufklärung gleichbedeutende Wörter; wenngleich irgend eine Thorheit ganz jung und neu war, so wurde sie als mittelalterlich abgestempelt und in der Raritätenkammer des Aberwitzes im „Mittelalter" aufbewahrt. Auch dein modernen Urtheil über das Mittelaltcr fehlt es, trotz der fast vollständigen Erschöpfung der Quellen, durchaus an Klärung. Dem großen Publikum der Gebildeten ist es noch immer die finstere Zeit des Faustrechts, der Fcndal- gewglt, der Ketzergerichte und neuerdings der Judenverfolgungen. Weiter pflegt man im allgemeinen wenig von ihm zn wissen. Hat es doch vor etlichen Jahren ein Nector der ersten deutschen Universität über sich gebracht, in feierlicher Rede zn behaupten, das christliche Mittelalter sei „die Zeit tiefer Erniedrigung der Menschheit". Wahrlich, es gedeihen manche Früchte einer reichen Geistesthätigkeit und methodischer Forschung, aber auch erstaunlicher Bornirtheit im Schatten der akademischen Hallen! In manchen Lehrbüchern der Weltgeschichte wimmelt es von Angriffen auf das abergläubische Mittclalter; dieses ist aber für sie eine Empfehlung.. Einzelne Forscher streben selbst in den germanischen Studien darnach, das geistige Vermögen der Deutschen alter Zeit möglichst niedrig einzuschätzen, wie es zn ihrer Vorstellung von der Barbarei dieser Epoche sich schickt. Dabei hilft noch ein anderes: sehr viele deutsche Protestanten mit Durch- schnittsbildnng, überzeugt von der geistigen Jnferioritüt ihrer katholischen Zeitgenossen, können sich diese, sofern sie gläubig sind, nur als Dummköpfe vorstellen oder als unehrliche Heuchler, verkappte Freidenker und Atheisten. Das beeinflußt dann auch ihre Ansicht von einer Zeit» welche vor der Kirchenspaltung, liegt: das Mittelalter, entbehrte des Protestantismus, es kann nicht anders als stumpfsinnig und blöde gewesen sein. Das Wesen der Menschen des Mittclalters kaun nur aus dem Mittelalter selbst verstanden werden. Das Geistesleben in jener Zeit aber war ganz und gar von der Religion durchdrungen und geleitet; sie umschloß nicht nur das Wissen von Gott, das Verhältniß zwischen Gott und den Menschen, der Pflichten der Menschen gegen einander, es wurde auch alle Kenntniß von der Welt überhaupt durch die Religion vermittelt; das Wissen über die Dinge der Welt war im Grunde nur ein Wissen von Gott und feinem Werke; das Universum war von Gott erfüllt, und darum war die Religion der Athem des mittelalterlichen Lebens. Zn diesem Urtheil kommt Schönbach. Es ist dieses nicht neu; denn andere, wie Maser und Franz Pfeiffer, haben einen ähnlichen Standpunkt für das Studium mittelalterlicher Literatur gefordert. Letzterem ist auch „der tiefste Gründ, in dem die Poesie des Mittclalters wurzelt und aus dem sie ihre beste Nahrung gesogen hat, der religiöse Glaube und die Gottbegcisteruug. Wer bis zu diesem Grunde nicht vorzudringen sucht, der erfaßt das Mittelalter und seinen Geist nur halb und kaum das". Diese leitenden Gesichtspunkte hat.zuerst und in. herrlicher Weise thatsächlich und praktisch Schönbach an unserem größten Lyriker der älteren Periode durchgeführt. Wie ganz anders steht jetzt Walther da! Während andere ihn als einen Vorläufer Luthers und als Vorkämpfer protestantischen Geistes darstellen, weist. Schönbach auf überzeugende Weise nach, daß Walther von der Vogel- weide. ein Christ in vollem und ganzem Sinne seiner Zeit lvar. Obwohl der brave Schulmeister von Bambcrg, Hug von Trimberg, des Logelweiders Lieder und vornehmlich seine Sprüche mit einem so dankbaren Gemüthe zu würdigen verstand, daß er das Lob des Dichters in die um ihrer Schlichtheit wegen schönen Verse aus- sprach, die wir an die Spitze unserer Abhandlung stellten, so würde er doch lange Zeit vergessen. Mit dem 15. Jahrhundert schwindet seine Spur» mit dem ganzen geistigen Leben des Mittclalters ist für die Geschlechter der Renaissance, des Humanismus und der Reformation auch Walther versunken. Wenn auch im 17. und 18. Jahrhundert hin und wieder der Versuch gemacht wurde, die altdeutsche Literatur zn erwecken und damit Walther von der Vogel- weide von neuem vortreten zn lassen, so war der Erfolg jedesmal nur ein sehr geringer; denn die Zeit war dafür noch nicht reif, andere Aufgaben lagen näher und waren dringender. Erst die Romantik, die Nachbliithe unserer neuen klassischen Dichtung, hat zur Zeit der Knechtschaft und Zerrüttung des Vaterlandes das Herz zu stärken gesucht durch die Aufhellung des deutschen Mittelalters. Die deutsche Philologie entstand, und seither haben die bedeutendsten Forscher in dieser Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit von Wallher nicht mehr gelassen. Einer der edelsten deutschen Dichter, der letzte große Sänger der Romantik, der bedeutendste Kenner zugleich des altdeutschen Minnegesanges, Ludwig Nhland, hat 1822 zuerst das Leben und Wirken Walthers von der Vogelweide beschrieben, ein Bild entworfen, das wohl in einzelnen Zügen die historische Kritik nicht entbehren kann, aber in seiner Gesammtheit durchaus lebenswahr und in anziehender Wärme geschrieben ist. Als Uhlands frische, mit poetischem Zauber ausgestattete Schrift die Gestalt des- großen Minnesängers an das Licht zog, erwachte ein allgemeines und lebhaftes Interesse sowohl für die Person als' für die Dichtungen des beinahe sagenhaft gewordenen Walther. Namhafte Forscher, wie V. v. Hagen, M. Riegcr, R. Menzel, W. Willmanns rc. rc., bemühten sich mit großem Eifer die Lcbensumstände des Dichters zu erforschen. Man veranstaltete sorgfältige Ausgaben seiner Gedichte und übersetzte sie ins Hochdeutsche. Die Lieder Walthers sind wie die der übrigen Minnesänger in der Regel zuerst einzeln oder in kleinen Gruppen von gleicher Strophenform und Melodie (mittelh. äon oder wkso) verbreitet, einerseits durch mündliche Ueberlieferung, anderseits durch Aufzeichnung aus einzelne Blätter, die neben dem Text auch die Melodie zu enthalten pflegten. Es haben sich dann Sammler gefunden, welche eine Anzahl von Liedern theils des gleichen, theils verschiedener Verfasser in ein Liederbuch vereinigten. Aus diesen Liederbüchern endlich sind gegen Ende des 13. und im 14. Jahrhundert größere Sammlungen entstanden. Von diesen sind uns mehrere erhalten, während die Einzel- aufzeichnungen und die kleineren Liederbücher verloren gegangen sind, und bilden nun die Hanptquellen für unsere Kenntniß Walthers wie der übrigen Minnesänger. Die drei wichtigsten sind die Heidelberger Handschrift, die Weingartner, jetzt Stuttgarter, die Pariser, auch als Manessische bezeichnet, jetzt in Heidelberg. Die erste kritische Ausgabe von Walthers Gedichten erschien im Jahre 1827 von K. Lach mann, die Grundlage für alle späteren Ausgaben und noch immer die einzige, die den vollständigsten kritischen Apparat bietet. Eine vollständige Ilebersetzung hat zuerst Simrock geliefert (1833); sie ist bis jetzt auch die beste, denn er hat bei der Ueber- tragung ins Neuhochdeutsche den Dichtungen Walthers die Zartheit wie die Kraft auch in der neuen Form zu erhalten verstanden. Andere Uebersctzungen sind die von Koch (1848), Weiske (1852), Pannicr (1876); die von Ad. Schröter (1881) bietet manche Gedichte, namentlich Minnelieder, in ansprechenderer Gestalt als Simrock, verwischt aber in hohem Grade die Eigenthümlichkeit des Originals. Das Schwierigste bezüglich unseres Dichterheros ist die Feststellung der Lebensnmstände desselben. Die einzigen Quellen, aus denen man schöpfen kann, sind die Andeutungen in seinen Gedichten. Nur wenige zerstreute Aeußerungen von Zeitgenossen stehen uns noch zu Gebote, ein unzureichendes Material, um bestimmte Behauptungen über sein Schicksal aufzustellen, dagegen ein weites Feld für uferlose Combinationen. Und an solchen hat es nicht gefehlt; der Ort seiner Geburt ist so ziemlich allen süddeutschen Stämmen zugedacht worden. Ließen sich solche Dinge durch Volksabstimmung entscheiden und finge mau heute damit in Tirol an, so bliebe kein Zweifel, daß Walthers Vaterhaus der Vogclweidehos im Layener Ried gewesen sei. unweit der schnellfliehendcn Eisak, am südlichen Abfalle der Brennerstraße, in einer der schönsten Gegenden Südtirols. Allein bewiesen kann dieses nicht werden; es ist dieses eben eine Vermuthung. Wenn unter den möglichen Gebnrtslanden Walthers heute in der öffentlichen Meinung Tirol die erste Stelle einnimmt, so verdankt es dies nur dem Eifer und der Betriebsamkeit seiner Vertreter (namentlich I. Zingcrle's), aber keineswegs der besseren Beschaffenheit der Gründe; von einem Beweise kann überhaupt nicht die Rede sein. Alle Schlüsse, die man für Tirol vorgebracht hat, hängen völlig in der Luft, alle historischen Erörterungen verdichten sich nirgends zu etwas Greifbarem. Nicht ein einziger Aufenthalt Walthers in Tirol ist nachgewiesen. Wenn auch Niederösterreich noch den besten Anspruch hat, als die Heimath des Dichters angesehen zu werden, so wird doch kein Verständiger den Tirolern ihre Freude an Walther von der Vogelwcide, dessen Jdcalgcstalt von Meister Heinrich Natter aus dem Johannisplatz zu Bozen aufgerichtet wurde, mißgönnen wollen. Niemand hat mehr dazu gethan, das Andenken Walthers aufzufrischen und den Sinn der Gegenwart dafür wach zn halten, als die Tiroler. Und ist dem Standbilde eines anderen Dichters eine schönere Stätte beschert, als demjenigen Walthers auf dem Markte der malerischen Kaufherrnstadt, bei ihren Rebcngehängen und Frnchtkörben, im Nahmen der wundervollen Berge, unter dem blauen Himmel, umweht von der weichen, warnten Luft? Wenn lvir so eingestehen müssen, daß wir über die Heimath des Dichters nichts wissen, so sind wir etwas besser über die Zeit seiner Geburt unterrichtet. Nach Angaben, die der Dichter in einem seiner späteren Lieder macht, kann er nicht lange vor 1170 geboren sein (1168) und muß etwa in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sein poetisches Lebenswerk begonnen haben. Walther stammte aus einem ritterbnrtigen Geschlechte. Das beweist der ihm übereinstimmend von seinen Zeitgenossen und den jüngeren ihm der Zeit nach noch nicht zu fern stehenden Dichtern und Handschrifteuschreibern beigelegte Titel der. Daß er auch wirklich die Ritterwürde erworben hat, ist an sich nach der Sitte der Zeit wahrscheinlich. So sicher Walther der Sprosse eines edlen Geschlechtes war, so gewiß ist er auch arm gewesen. Er war auf die Gnade anderer angewiesen. Sein Bildungsgang wird der gewöhnliche eines Ritters gewesen sein. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er schnlmäßig in der Gelehrsamkeit seiner Zeit unterrichtet ist. Einem jungen Manne von seiner Abkunft und seinen Verhältnissen standen damals nicht allzuviele Wege offen. Am nächsten lag es, in den Dienst eines größeren Herrn zu treten, mit dessen Geschick das eigene zn verflechten, seine Fehden zn schlagen und sein Brod zn essen. Wir wissen nicht, welche Lebenspläne Walther hegte; aber es scheint, daß der Ruf von dem Glänze und der Herrlichkeit des Hofes der Babenberger bis in seine entlegene Heimath gedrungen war und er durch irgend eine Verbindung nach Wien an den Hof Herzog Leopolds V. gekommen, wahr- 316 scheinlich als Beiläufer eines vornehmen Herrn oder in § dem Edelgesinde des Herzogs selbst. Hier halte er, wie Walther selbst sagt, Gelegenheit, die höfische Sangesknnst, das „Singen und Sagen", zu erlernen. Eine ganze Schaar von Dichtern hatte die Huld des edelgesinnten Babenbergers hergezogen, welche in kunstvollen Gesängen, in ernsten und heiteren Weisen wetteiferten; sie alle pflegten den höfischen Minnegesang als eine Kunst, welche der geselligen Unterhaltung diente: da ist ein Herr Dietmar von Aist aus Oberösterreich, da ist die prachtvolle ritterliche Erscheinung des Kaiser Rothbart vertrauten Freundes, Friedrich von Hausen, der Niederländer Heinrich von Veldeke, der Bayer Albrecht von Johannsdorf, die glänzende Gestalt des schwungvollen und leidenschaftlichen Thüringers Heinrich von Morungen. Unter all diesen ist einer für Oesterreich besonders wichtig geworden, Herr Neinmar, den man den Alten nennt, um ihn von dem späteren Sprnchdichter Neinmar von Zweier zu sondern. Er entstammte einem edlen Geschlechte, wahrscheinlich aus Hagenau im Elsaß, wie einige rühmende Verse zu schließen gestatten, welche sein Landsmann Gottfried von Straßburg ihm, „der Leitefrau der deutschen Nachtigallen", nachruft. Er wird um 1160 geboren sein und muß schon um 1180 eine Stellung am Wiener Hofe bei Herzog Leopold V. gewonnen haben. Neinmar war ein welcher und feiner Mensch, von seltener Zartheit und Reinheit des Gemüthes. Takt und Geschmack, der Sinn für die Zierlichkeit der Form gehörten zu seiner ursprünglichen Begabung, sowohl im Spiel der Gedanken als im Bau des Verses und den Verschlingnngen der Reime. Mögen sich auch die jugendlichen Lieder Neinmars nicht mit der Feinheit, Glätte und Liebenswürdigkeit der späteren vergleichen lassen, sie rühmen doch bereits den Meister der Sprache und des Wohllautes, den klugen Herzenskündiger, der die Lust des Liebesschmerzes tiefer erforscht hat als sonst einer unter den deutschen Minnesängern. Dieser Mann war der Lehrer Walthcrs von der Vogelwcide; an einen förmlichen Unterricht werden wir allerdings nicht zu denken haben. Wir haben von Walther keine Lieder aus einer Zeit erhalten, die vor seiner Bekanntschaft mit der Poesie Nernmars läge. In den ältesten Stücken bereits schlägt der Einfluß des Lehrers mächtig durch, und es ist nicht uninteressant, daß vielleicht das erste der uns bewahrten Gedichte Walthers über die Dürftigkeit und Oede der Welt klagt. Das sind nur leere Formeln, die da zusammengetragen wurden, die Erfahrung fehlt, Mißmuth spricht aus dem Jüngling, weil die Welt ihm keinen Raum gönnt, seine Bemühungen, emporzukommen, sind erfolglos, überall steht ihm seine Acrmlichkeit im Wege. Auch die nächstfolgenden Gedichte entbehren der Frische des wirklichen Lebens; es ist angelernt, schmeckt nach der Schule und ist gemacht. Bald aber tritt ein frischerer Ton in seinen Liedern zu Tage, so in dem Liede: Lumer undo dinier bsids sink Zuotss Mannes tröst, der tröste« Zert. In munter springenden Daktylen rühmt Walther den rothen Mund der Frau, welche ihm freundlich lächelnd begegnet ist: „IVol inieli der stunde, das toll sie erkunde, diu mir den lix und den inuot Kat bst^vnnZen." (Fortsetzung folgt.) Aus der Hinterlassenschaft des Lxsrollus kaslieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Obcrbayern zu Münchens (Schluß.) Aus den römischen Festungen und den vor ihren Thoren gelegenen Lagerstädtcn (eanaliae) sind eine stattliche Reihe bedeutender Städte und ansehnlicher Ortschaften erwachsen. Eine beträchtliche Anzahl der Castelle und der Lagerstädte ist freilich in den Stürmen der Völkerwanderung völlig vernichtet worden und derart verschollen, daß wir ihre Lage vorläufig nicht bestimmen können, und zwar am Limes, an der Teuselsmauer: Lextemzaoi, l-osocUen; an der Donaulinie: Venaxa- moänro, karra-äuno (vielleicht Aislingcn?), I'ebianis, Rips, krimu, kinianis, ^ugustanis; an der Jller- linie: Vimnnin, Oassilinenra. Für zwei erst in jüngster Zeit am Limes ausgegrabene Castelle bei Dambach und bei Nuffenhofen kennen wir die Namen nicht, wenn wir sie nicht mit den soeben erwähnten I^osoäieg, und Zextemzaoi belegen dürfen. Etwas interessanter gestaltet sich die Sache bet folgenden Ortschaften, bei denen zwar die römischen Namen ebenfalls zu Verlust gegangen sind, Lei denen aber ihrer Lage wegen anzunehmen ist, daß sie ihren Ursprung auf die Lagerstädte zurückführen oder mit diesen wenigstens in Zusammenhang stehen, nämlich am Limes: Gunzenhausen (ein kleines namenloses Castell), Gnotzheim (bei Neäiams), Thcilenhofen (leimneo), Lirieiains (Wcißenbnrg), Psünz(Vetovig,nis), Kösching (6ermar>ieo), Oeleuso (Pföring); an der Donau: komone (Faimingcn), Lsrvioäuro (Straubing) und vielleicht auch das Dorf Manching (Vallato). Stärker treten jene Ortschaften hervor, welche ihre römischen Namen bis in unsere Tage erhalten haben, wenn auch in einer durch die Zunge der Jahrhunderte abgeschliffenen und verballhornten Form. Das sind am Limesanfang die beiden Donaubrückenköpfe Jrnsing (^rnssna) und Einstig (^stusina), an der oberen Donau: Druishestn (Orusomagus), an der untern Donau: .Künzing (Huintnnis), am Jun: Beidcrwicse (Lojoäuro), an der Jller: Onmstoärmo (Kempten), OAio oder Oälius moiig (Kellmünz). Und das meiste Interesse rufen wohl jene drei Donaustädte hervor, die nicht aus Lagerstädtcn entstanden, sondern in die ehemaligen römischen Bollwerke selbst eingebaut sind: Günz- burg (duntin), Onstrn Hsginn (Ncgensburg) und Ln- tnvis (Passan). Zu ihnen tritt noch Augsburg, das aus der glänzenden Hauptstadt Nätiens, Lugnsia. Vinäeli- eornm, sich zu seiner heutigen Blüthe entwickelt hat. Wie vielfach in anderer Weise, sobald sonstige historische Quellen versagen, dienen uns diese Ortsnamen nach der positiven wie nach der negativen Seite hin als Führer. Wenn bei den Orten der letztgenannten Kategorie sich der römische Name erhalten hat, der mcistentheils selbst wiederum aus vorrömischer, aus keltischer Wurzel entsprossen ist, so liegt darin doch sichtlich ein sprechender Beweis dafür, daß an diesen Stätten, ungeachtet aller durch die Einfälle und Verheerungen der Germanen verursachten Bevölkerungsmindernngen, ein constanter Stock von Romanen seine Existenz gerettet hat. Romanen sind dauernd hier oder in der nächsten Umgebung wohnen geblieben, haben die Ortsnamen ebenso fortgepflanzt wie die gleichfalls romcmisirten keltischen Flnßnamen und sie 317 den Deutschen überliefert. Und der Sachlage nach können diese Romanen keine anderen Leute gewesen sein, als die Nachkommen der Insassen der «anadno, der Lagerstädte, deren Einwohnerschaft ihre Ahnherren und Vater, ihre Onkel und Vettern in den Soldaten der Besatzungen zu suchen und die während der stürmischen Kriegsläuste sich hinter die Mauern der Castelle geflüchtet und schließlich dort ihre Hütten aufgeschlagen hat. Die armen Teufel sind von den einwandernden Germanen auch keineswegs mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, denn das frühzeitige Auftauchen christlicher Gemeinden in Augsburg, Kempten und Künzing kann nur auf diese Romanen zurückgeführt werden; in Kempten kommen außerdem noch im 12. Jahrhunderte Leute mit romanischen Personennamen vor, und zu Negensburg trägt die Wahlen- (d. i. Maischen-) Gasse an der Westfront des einstigen Castells vielleicht nicht von den mittelalterlichen lombardischen Kaufleuten, sondern von dem fortlebenden Reste der Romanen ihren Namen. Unter solchen Umständen ist gewiß auch ein Niederschlag der romanischen Bevölkerung unter den Germanen geblieben und sicher begegnen uns dessen Spuren unter der schwarzhaarigen, dunkeläugigen, brünetten Menschenschichte, welche die Aufmerksamkeit der anthropologischen Forscher von jeher so stark auf sich gezogen hat. Ursprünglich stammten ja weitaus die meisten römischen Soldaten, sowohl der Legionäre wie der Auxiliaren, aus südlichen Ländern oder aus Nationen, denen dunkle Haut- und Haarfarbe heutzutage noch als besonderes Kennzeichen eigen ist, und die Vererbung der dunklen Koloratur liegt bei der Zähigkeit dieser Schattirung in der Natur der Dinge. Ich habe seiner Zeit Jahre hindurch zu Negensburg in Garnison gestanden, und wenn ich an den liebreizenden, schwarzbezopftcn und schwarz- kirschäugigen schönen Töchtern ethnologische und ästhetische Studien anstellte — in allen Züchten und Ehren natürlich, wofür ich mich auf das Zeugniß des Stadtvaters Herrn von Stobäus berufen kann, — da ist mir gar oft Leim Anblick des Mandelschnittes der Angen, des Gesichtsovals und der Färbung von Haut und Haar das Dichterwort durch den Kopf gefahren: Wo sich das Strenge mit dem Zarten. Wo Starkes sich und Mildes paarten. Da gibt es einen guten Klang — und wenn die Herzen dieser Schönen wärmer für das zwiefärbige Tuch schlugen, so fand ich, daß die Wahlverwandtschaft im Blute liege, weil ihre Urahnen sicherlich auch den Fahnen folgten — im rätischen Armeecorps. Ich kann nicht schließen, ohne im besonderen noch der Wirkung zu gedenken, welche das römische Heer an den Grenzen, also auch das Heer in Rätien, in ewiger Dauer auf die Germanenwelt und damit auf die Gestaltung der gesummten Weltgeschichte ausübte. Als die Germanen auf die Römer stießen, waren sie in einer fortschreitenden Verschiebung, im Zuge nach Westen begriffen und trieben die im Herzen Deutschlands sitzenden Kelten vor sich her. Das Entgegentreten des römischen Heeres gebot ihnen Halt, vor dem mächtigen Grenzwall mit seinen dräuenden Festungen, an den bollwerkbehnteten Ufern des Rheins und der Donau stauten sich die mit Kind und Kegel wandernden germanischen Völkerzüge, sie wurden gezwungen, aus einem halben Nomadenleben schweifender Hirten und Jäger zu fester Ansiedlung und damit zum Ackerbau überzugehen; sie verwandelten sich ül ansässige Bauern, die ihre Heerden weideten und hinterm Pfluge gingen. Dadurch wurde der Boden zu sicherer Cultur auch bei ihnen gelegt. Gleichzeitig veranlaßte aber der gewaltige Druck des Nömerthums, daß die vielen kleinen Stämme und Völkchen sich zu gemeinsamem Handeln enger zusammenschlössen und die Grundlage bildeten für die mächtigen Vereinigungen, aus denen die großen Stammesverbände der Alamanen, Franken, Thüringer und Bayern erwuchsen. Im Kampfe des Schwertes und des Pfluges gegen die Römer wurde das deutsche Volksthum geboren, in harten Nöthen erwachte das nationale Bewußtsein, unter ihren neuen Namen griffen die Stämme handelnd und thätig in die Geschichte ein. Als neue politische Einheiten wurden sie den Römern gefährlich und fingen an, die Grenzen dauernd zu überschreiten, als Vorkämpfer die Franken und Alamanncn voran. An der Bildung des deutschen Volksthums, an der Entstehung unserer Nation hat somit seinen vollgemessenen Theil gehabt der am Limes und an der Donau auf der Wacht stehende Lxeroiius Rnatious. Culturgeschilhtliche Bilder aus Bayern. L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürstlichen Pfleggericht Reichenhall vom Jahre 1685-1799. (Schluß.) 6i. b'. Ein besonders wachsames Auge hielt man, um in der Polizeiordnung fortzufahren, aus die Fremden- polizei; alle im Gerichtsbezirk sich aufhaltenden Personen waren controlirt, alle Fremden mußten dem Pfleg- > gcricht gemeldet werden. Ein Bauer zu Fager wird 1717 ^ mit 1 Tag Amtshaus und Androhung noch größerer Strafe belegt, weil er, ohne daß er dies der Obrigkeit angezeigt, „einen fremden Pechler beherbergt", und 1722 erhielt ein anderer Bauer 1 T dl. Strafe „wegen Be- herberung fremder Leut". 1744 hatte unter dem Betreff „mießiges herumgchn in hiesiger Statt" der Rath der Stadt beim Pfleggericht Beschwerde geführt über eine Frauensperson, die, obwohl vor 5 Wochen „wegen mießigen Aufenthalts" stadtverwiesen und jenes Mal dem Amtmann, als er sie im Gerichtsauftrag „auf dem Platz carbätscheu wollte", entsprungen war, nun gleichwohl wieder hier sei. Sie erhält wiederum „15 Oardütsasi-Ltraieir", kam jedoch zum dritten Mal in die Stadt, was ihr „90 Eardätsoü-Ltra.ivlr's eintrug; wegen „mießigen herum- schlenzens in der Statt" erhält eine andere Person eine Schandstrafe. Die Polizeistunde mußte pünktlich eingehalten werden, und beim Ueberschreiten derselben wurden die Gäste und der Wirth bestraft. „Spates Zöchcn" wurde mit 1 Tag Wasser und Brod im Amtshans geahndet. Die Thore der Stadt wurden zu einer bestimmten Stnnde geschlossen, und ohne Controle und Namensangabe konnte Niemand mehr hinaus- noch hinciugelangen. Nach 11 Uhr Nachts durfte sich überhaupt Niemand mehr in den Straßen sehen lassen. Wer nach dieser Stunde noch angetroffen wurde, ohne einen triftigen Grund angeben zu können, hatte 1 Tag bei Wasser und Brod im Amtshaus zu verbringen; Frauenspersonen jedoch, die nach 11 Uhr auf der Gasse sich herumtrieben, mußten 1 Stunde laug „in der Geign auf dem Platz" stehen. — „Aus ihre Töchter uit genugsam Aufsicht haben", brachte einem Elternpaare 24 Stunden Arrest bei Wasser und Brod. 318 Diese strengen, ja manchmal rigorosen Polizeiverordnungen aber machten auch viele uralte Volkssitten und -Gebräuche verschwinden, welche im Laufe oer Jahrhunderte allerdings ausgeartet haben mochten, aber doch meist auf einem ethischen Grunde basirt waren, oer zwar wieder in der Folge seine Bedeutung verlor. „3 ledige Pauernknecht haben sich unterfangen", heißt es in einem Verhör von 1788, „am hl. 3 König Abent sein vermumten Pertteulaussen "h zu obliegen", wcßhalb ihnen die „nachdrucksamfte Gewährung gemacht" und Jedem 4 ß dl. Strafe diktirt wurde. Ebenso war „das Wcynachtschießen" durch General-Mandat vom 1. Dezember 1770 verboten, weßhalb ein Bauer, der 1793 wieder „Weynachtschießen ausgeübt", mit 34 kr. 1 dl. bestraft wurde. Um nun auch über die Gerichtskosten ein paar Worte zu sägen, so finden wir, daß für die gewöhnlichen Fälle — wenigstens in der 2. Hälfte unserer Periode — 1 fl. 10 kr. „Abschiedgeld" zu bezahlen war, das die Beamten uud Amtsdiener beanspruchen konnten, und außerdem noch, wenn ein solcher ausgesprochen wurde, ein Straff atz in Geld, der gewöhnlich „aä oassuva xauportatis" abgeliefert wurde, es, müßten denn für besondere Fälle auch besondere Verwendungen getroffen gewesen sein, z. B. die „Ehebrnchstraffgelder" zur Ansbauuug des St. Egidien-Thnrmcs, wie wir oben schon gehört. Daß die „Gerichtsnnterthanen" bei ihrem eigenen, zuständigen Gerichte eine viel mildere Beurtheilung fanden, wie die sogenannten „Ausländer", d. h. diese Letzteren eine viel höhere Strafe zu gewärtigen hatten, als die Erstcrn, das ist eine Thatsache, auch auf jener hohen Idee begründet, die man damals für jedes Gemeinwesen und für jede feste Zusammengehörigkeit trug, wobei auch an den Tag trat, welch mächtigen Rückhalt man au dem Heimathsrechte besaß und welch Vortheilhaften Schutz der heimathliche Boden gewährte, eine Thatsache, die gewiß nicht wenig beitrug zur Stärkung der Heimaths- und Vaterlandsliebe, denn nirgends erging es Einem besser wie dort. Ein „Ausländer", der laut Gerichtsverhör von 1698 seine Schwägerin beschimpfte, die zu Neichenhall lebte, mußte, weil sich gerade dortselbst aufhaltend und also von diesem Gerichte abgewandelt, 5 T dl. Gerichtswandel erlegen und außerdem, „weil ein Ausländer", 6 Reichsthaler Strafe — einen enorm hohen Satz! Was nun die gewöhnlichen Gepflogenheiten der Einwohnerschaft Neichenhalls in dieser Periode betrifft, so ergibt sich aus den Urkunden vor Allem eine große Einfachheit ihrer Lebensweise. Die Familie war ihr Hort und ihr liebster Aufenthalt. Der Familien- *°) Perttenlaufen. — Wenn wir bei Hübner (Beschreibung des Erzstistes und Neichsfürstenthnms Salzburg 1796) lesen, daß im Pinzgau in den Rauchnächten bei 100—300 Bursche am hellen Tage in den vossirlichsten Masken, mit Kuhglocken und knallenden Peitschen versehen, umherziehen, und daß man dieses „Berchtenlaufen" oder den „Berchtentanz" nennt, so dürfen wir wohl vermuthen, daß es lnebei an Unfug, Rügen und Beleidigungen nicht fehlte, und Gewährsmänner sind der Meinung, daß dieser Gebrauch aus altersgrauer Zeit herübergenommen ist, wo die Frau Bercht. allerdings die „Glänzende", später auch als „Unholdm erschien, um faule Mägde und ungehorsame Kinder zu strafen — also wäre das „Berchtenlaufen" eine Art Rügegcricht, dem etwa das sogen. „Saberfeld- treiben entstammen könnte (siehe Bavaria I, Schmeller's ^ayer. Wörterbuch, Hübner u. A.). vaicr, der den größten Respekt genoß, schaltete und waltete als ein Patriarch in seinem Hanse, versammelte Frau und Kinder, sowie Gesellen und Lehrlinge an seinem Tische nnd hielt streng auf Zucht und Ordnung der Seinen in und außer dem Hanse. Sonn- und Feiertags durfte Niemand versäumen, den Gottesdienst zu besuchen, und nach dem nachmittägigen Kirchenbesuch begab sich daS Familienhaupt zur feiertäglichen Erholung nicht selten in ein nahegelegenes Bräuhans, deren es damals nicht wenige gab, oder, wenn es weit ging nnd die Jahreszeit schön war, etwa mit Kind und Kegel znr klösterlichen „Hoftafcrne nach Froschham" (jetzt Hofwirth in St. Zeno), wo noch das reine Klosterbier von den Augustinern herüber verzapft wurde, oder gar zum „Kaltl" und „Moser" nach Fager, Wirthshäuser, die sich einer besondern Beliebtheit erfreuten. Der Hausvater war eifrigst besorgt für das geistige und leibliche Wohl der Deinigen, die aber auch an ihm, als einem „Bürger", einen bedeutenden Rückhalt bei jeder Gelegenheit hatten. Wir mächen deßhalb vielfach die Bemerkung, daß „Ehehalten" lange Jahre hindurch, ja nicht selten bis zu ihrem Lebensende im gleichen Hause dienten, obwohl die Lohnverhältnisse nach unsern Begriffen schlecht, waren. Um eine Durchschnittszahl z. B. 1696 zu nehmen, so können wir folgende Lohnsätze annehmen: ein Hausknecht (Knecht) erhielt jährlich 8—12 fl., eine Köchin 5—6 fl., eine „Viechdirn" 4—5 fl., ein „Dicnstmensch" 2—3 fl., ein „Kindsmenfch" durchschnittlich 4 fl., ein „Knchlmensch" 3—5 fl., ein „Preuknecht" wöchentlich 20 kr., ein Geselle wöchentlich 10—24 kr., ein erster Mühljung brachte es sogar auf 50 kr. per Woche. 1717 hatte ein Dienstknecht 13 fl. Lohn im Jahre, das „Drangeld" war 2 fl., für eine Schicht bei Nacht erhielt er 15 kr. Also sehr bescheidene Lohnverhältnisse, und doch waren die Leute zufrieden, denn sie hatten im Hanse ihres Brodherrn eine zweite Heimath gefunden. Eine andere Heimath aber war dem jungen Arbeiter seine „Zunft", deren mehrere sich häufig auch zu „Bruderschaften" zusammenschlössen — auch hier Halt und Stütze, auch hier Beistand mit Rath und That, aber auch hier Autorität und Gehorsam. Trotz einer strengen Disciplin aber und einer sorgsamen Beaufsichtigung auf allen Lebenswegen sollte man doch des Vergnügens nicht entbehren nnd wollte man vorab die Jugend heiter wissen. Scheibenschießen, Kegel- und Kartenspiel waren damals gebräuchlich wie heute, und Tanzmusik in der Stadt nnd Umgebung gab eS ab und zu, wovon wir besonders als eine Specialität den sogen. „Weit- wiesentanz" erwähnen, eine uralte Tanzmusikgerecht- same, welche jährlich zwischen „Kaltl" und „Moferwirth" abwechselte und wohl noch auf die alte Schloßherrlichkeit von Karlstein zurückreichte, wozu die Weitwiese früher stets gehörte. — Musik wurde viel geübt, und die „Thurner" waren die Hauptrepräsentanten derselben. Die „Thurnergesellen" (Thurn — Thurm), Thurmbläser, standen unterm „Thurnermeister" (Thürmer- meister) und hatten in früheren Zeiten vom Thurme 1 herab mit einem Horn Zeichen zu geben und zugleich Thuruuvächtcr vorzustellen, später waren sie dann überhaupt die Stadtmusiker ex oltisio. Aber auch die Kirchenmusik stand in unserer Periode im Flor, wobei allerdings wieder die „Thurner" besonders mitwirkten, aber es gab damals außerdem auch einen eigenen „Chorregcnt" und einen „Organisten". Für die Tanz- und improvisirte Wirthshausmusik war man gewöhnlich auf ein paar Geiger oder Pfeifer auf der „Schwegcl" (das erste Stadium der Klarinette) angewiesen. — Merkwürdiger Weise ist niemals die Rede und gar kein Anhaltspunkt gegeben in dieser ganzen Periode von hundert Jahren — über Volkslieder oder überhaupt nur über den Gesang. Dürfen wir daher annehmen, daß man dortselbst das sogen. „Ansingen" durch Trutz- und Spottliedcr, wie dies heute im Gebirge üblich, nicht übte? Denn bei der damaligen Empfindlichkeit gegen Beleidigungen wäre vielleicht in den Verhandlungen während dieser 100 Jahre doch irgend einmal davon die Rede. Das Wirthshausleben war ungefähr in derselben Weise ausgebildet wie heute, nur mag gesagt werden, daß es in früherer Zeit mehr „Weinschenken" gab wie heute, in denen besonders „Oetsch"- und „Oster"- Wein zu haben war (Oster-Wein — österreichischer Wein), denn die Zeit des „Bayerweins", wo man wie in so vielen altbayerischen Orten auch in Non Weinberge unterhielt, war längst vorüber, ohne daß Jemand sich darnach wieder zurückgesehnt hätte. Die Schuld erhältnisse waren durchaus nicht ungenügende, denn es gab damals in Ncichcnhall einen lateinischen und zwei deutsche „Schnclhaltcr", denen sich dann noch ein dritter anschloß, während auch der „Kaplan am Salzbrnnn" die Kinder der „Offiziers" (d. i. der Salinenbeamtcn) und der „Salz Aerzt Leute" zu unterrichten und besonders ihnen „Katechismnsstnndcn" zu geben hatte — es gehörte dies zu seiner Dienstobliegcn- heit. — Als Beweis von der damaligen Bildung möchte angeführt werden, daß im Jahre 1721 noch der Ober- schreiber beim Gericht, der Kammerdiener des Prälaten von St. Zeno, der Chorrcgent von Reichenhall und ein Student in einem Gasthause einen lateinischen Disput hatten, der sogar zu einer Gerichtsverhandlung führte. Auch Kuust und Kunstgcwerbe waren in Neichcn- hall nicht fremd; 1696 bezahlt laut Steuerbüchern „der Bildhauer Hans Schwaiger von Neichenhall" seine Steuer, und ebenfalls zu Ende des 17. Jahrhunderts begegnen uns dortselbst Joseph Plaimb und Martin Peck, die Maler, und 1733 baute Andreas Mitterreither von Neichenhall die Orgel in der Salinenkapclle dortselbst. Verschiedene Techniker und technische Institute (Kunstschlosscrci) waren durch die Saline von selbst bedingt. Die Verkehrsmittel waren für die damalige Zeit genügende; gute Straßen führten nach allen Richtungen hin und Neichenhall selbst hatte eine Poststation mit einem „Postmeister" schon seit Ausgang des 16. Jahrhunderts. So sehen wir denn in diesen „Vcrhörsprotokollcn" em nicht unerfreuliches Bild eines Gemeinwesens damaliger Zeit entrollt und eines ganzen Gcrichtsbezirkes, dessen „Unterthanen", recht und schlecht, wie sie eben waren, im großen Ganzen, wenn auch natürlich mit Fehlern behaftet, doch ehrlich, bidcrb und gottesfürchtig vor uns erscheinen. Neceusioneri und Notizen. * Der durch eine Reihe streng wissenschaftlicher Forschungen und Arbeiten rühmlich bekannte Franziskaner- Pater H. Anton Hammerschmid, Lector der Philosophie und Theologie in Tölz, hat jüngst ein höchst gediegenes botanisches Werkchen herausgegeben, welchem aus Fachkreisen sofort die wärmste Anerkennung zu theil wurde. So äußert sich darüber der kgl. Ncallebrer für Chemie und Naturwissenschaften, Sr. Christ. Kestler, irr nachfolgender Weise: „Mit der soeben iin Hochnedcr'schen Verlag zu Landshut erschienenen „Excursions - Flora für Tölz und Umgebung, Walchensec, Kochel- see, Tegernsee, Schliersee und die angrenzenden bayer. Alpen" von Ant. Lammerschmid liegt ein nicht nur dem Fachmann durch seine gründliche und gewissenhafte Durchführung stnpouircndes, sondern auch dem Touristen und Laien wegen seiner Uebersichtlich- keit, Genauigkeit, leichten Faßlichkeit und Handlichkeit hochwillkommenes Werkchen vor uns. Der Verfasser hat mit unermüdlichem Fleiße und zäher Ausdauer seit Jahren die Standorte der Pflanzen in der erwähnten Gegend erforscht, und sind Belegexemplare hiefür in Herbarien niedergelegt. Man hat also hier das Produkt ehrlicher Arbeit vor sich. Die Standorte der einzelnen Pflanzen sind in dem Büchlein in genauester Weise angeführt. Die Bestimmungstabellen zeichnen sich durch große Klarheit und Einfachheit aus und sind auf ihre Brauchbarkeit erprobt. Unter anderem ist die dem Anfänger so unangenehme Bestimmung der Pflanzen nach den Früchten fast ganz vermieden, ebenso ist die Nomenklatur höchst einfach, und ist außerdem dem Werkchen noch ein erklärendes Verzeichniß der botanischen Begriffe beigefügt. Auch eine Tabelle zur Bestimmung der ÄäuMe und Sträucher nach dem Laube, sowie eme solche für diejenigen Pflanzen, welche selten blühen oder deren Blüthen sehr klein und schwer erkennbar sind, fehlen nicht. Die in kleinerem Druck vorgenommene, in den Floren meist schmerzlich vermißte Aufführung der häufigeren Zierpflanzen erhöht den Werth des Buches. Kurz und gnt, das Büchlein ist jedenfalls eines der besten seiner Art und ist jedem Naturfreund, der in die Berge wandert und der „schönen Wissenschaft" nicht abgeneigt ist, um so mehr aufs wärmste zu empfehlen, als es auch für andere alpine Gegenden brauchbar erscheint und sich auch für den Anfäimcr und den Dilettanten wegen der schon geschilderten Vorzüge zum Bestimmen der Pflanzen in ganz hervorragender Weise eignet. Möge diese neue Flora der Wissenschaft recht viele neue Freunde zuführen, möge sie insbesondere auch in Fachkreisen die Beachtung finden, die das Werk in vollem Maße verdient." — Ein anderer hervorragender Botaniker, Hr. Dr. H. in M., schreibt uns über die „Flora" Hammerschmids u. a.: „Was mir besonderes Vergnügen macht, ist. daß die Arbeit wirklich aus den Händen eines Berufenen hervorgegangen ist und allerseits auf der Höhe der derzeitigen siistcmatischen Forschung steht. Daß die fleißige und gewissenhafte Arbeit auch von fachmännischer Seite günstig beurtheilt werden wird, bezweifle ich keinen Augenblick." — Der Preis des fein ausgestatteten und. sehr handlichen Werkcheus beträgt sinn 3 M. Die geistige. Bewegung im Anschluß an die Thoinas - Eucuklika Leo 's XIII. vorn 4. August 1879. Von Dr. ü. Thomas M. Wehofcr o. krasä. Professor am Oolleuüun äivi llbonmo äs Urbo in Rom. Wien 1897, Leo-Gesellschaft. 8°, 20 SS. K Der Vortrag bildet eine der Abhandlungen aus dem Jahrbuch der Leo-Gesellschaft. In kurzen Zügen verbreitet er sich sicher Ziel und Beweggründe und praktische Durchführung der Ncnbclebung der thomistischen Philosophie, wie solche das päpstliche Rundschreiben angibt. Darauf werden die schönen Erfolge der päpstlichen Mahnung vorgeführt, zunächst in Rom und im übrigen Italien, dann in Spamcn, Frankreich, Belgien, Holland. Großbritannien, Amerika, Deutschland und Oesterreich-. Ungarn. Als um die thomistische Bewegung besonders' verdiente Männer lernen wir kennen 1?. Libcratore 8. .7.. Cardinal Zigliara O. Urasä., Cardinal Gonzalez O.Urasä., U. Dummermnth O. Urasä., das Dreiblatt Morgott- Schueid-Stöckl, Commer, Ccslaus M. Schneider. Kiß. 320 I>. Grimnnch 0.8.8. n. a. Ehrend ist auch der iRilmoplüa IiLoousis und des Onrsus püiloso^üillus der deutschen Jesuiteiwatres gedacht. Als für die thonnstische Beweg- ung bemühte Zeitschriften sind erwähnt Divers lüomus, üovuo Iliomists, Rsvus uöo-sebolastigus, das Commer'sche Jahrbuch u. a. Manches ist bereits geschehen; aber sehr vieles bleibt noch zu thun. Darum ladet der Verfasser mit marinen Worten ein, thatkräftig beizutragen zum grossen Werke der Ncubelebung der thomistischen Philosophie. So will es auch unser Heiliger Vater, Papst Leo XIII. Das Schriftchen ist wohl geeignet, einschlägige schiefe Urtheile zu berichtigen und Vorurtheile zu zerstreuen. Philosophisches Jahrbuch der G örresgesell- schaft. Verlag der Fuldaer Mtiendruckerei in Fulda. X. Jahrgang. Das IU. Heft enthält u. And.: B. Adlhoch 0. 8. D., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Forts.) — L. Schütz, Der Hypnotismus. (Schluß.) — I. Sträub, Gewißheit und Evidenz der Gottcsbeweisc. (Schluß.) — A. Lins- meier 8. I., Inhalt der chemisch-physikalischen Atomhypothese. — H. Gomperz, Zur Psychologie der logischen Grnndthatsachen, von AI. von Schmid. — M. Wentfcher, Ueber physische und psychische Kausalität und das Princip des psycho-physischen Parallelismus, von P. Schanz. — E. Melzer, Die Unsterblichkeit auf Grundlage der Schöpfungslehre, von demselben. — I. Kleekamm, Die menschliche Seele, von dems elben.— A. Michelitsch, Atomismus, Hylemorphismus und Natur-wissenschaft, von C. Forch. — A. Otten, Der Grundgedanke der Cartesianischeu Philosophie, von C. Ludewig 8. I. — Dr. Albert Stöckl, Domeapitular und Lycealprofcssor in Eichstätt, von C. Gutberlet.— V. Grimmig) 0.8.U., Lehrhuch der theoretischen Philosophie, von I. D- Schmitt. — Zur Kriteriumsfrage, von C. Th. Jsenkrahe. — Zeitschriftenschan. — Miscellen und Nachrichten: Zur physiologischen Gefühlstheorie. Ueber den Lichtsinn augenloser Thiere. Abhängigkeit der Farbe und Zeichnung der Raupen von der UnMbung. Die menschliche Schwimmhaut als pithe- koides Merkmal? Zur Frage über die Vsrerbbarkeit. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshaudlung. Inhalt von Nr. 7 u. a.: Ooruelz-, Oommsutm-ius tu 8. Uauli opistolas I. (Schäfer.) — Gatt, Die Hügel von Jerusalem. (Rückert.) — Nsroati, Llirueula b. 1?io- spori. (Euringer.) — Luuclrillart, Du Kranes oln-stisvvs äau8 I'Ui8toirs. (Hauviller.) — Bertram, Die Bischöfe von Hildesheim. (Ebner.) — Gsny, Die Jahrbücher der Jesuiten zu Schlettstadt und Nufach. I. u. II. Bd. (Müller.) — Schund, Die Wirksamkeit des Bittgebetes. (Rösler.) — Schmid, Die Sacramentalicn der kathol. Kirche. (Rösler.) — DkrsusborAsr, Dibri liturKioi bibliotbsvao ^postolieas Vstioauas manusoi-iM. (Franz.) — Otten, Der Grundgedanke der Cartesianischeu Philosophie. (Kappes.) — Heinemann, Das sogenannte Katharinenbuch vom Jahre 1877. (Orterer.) — Grimme, Grundlinien der hebrärschen Akzent- und Vokallehre. (Dornstetter.) — Dr. Johannes Bumüllers Lehrbuch der Weltgeschichte. Bearb. von Dr. Widmann. UI. Theil. (Hauthaler.) u. s. w. — Nachrichten. — Büchertisch. _ „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistercienser-Orden." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das II. Heft 1897 enthält u. a.: Veith, Jldefons (0. 8. L. Scckau): Die Martyrologien der Griechen. (VI.) — Weikert, Dr. Thomas Ag. (0. 8. L. v. St. Mein- rad. Am.): Meine Orientrcise. (VI.) — Pauschal) Ber- nard (0. 8. L. Metten): Das Pontificalbuch Gundacar II. und des sei. Utto von Metten. (Schluß.) — Willems, D. Gabriel (O. 8. ü. Afflighem): 8obolas Lsnoäiotiuas sivs: Do soientüs, opora Llonaoborum Orclluis 8. Lsus- Üioti auotis, oxoultis, propuAutis ot ooussr vatis; Dibri « guatuor a D. Ocions Oambior, monaobo ^.tüiAsnieusis « UovustoriiOräiuis chusclsm 8. Bsnoäloti. (V.) — Wagne». Phil., vr. (Berlin): Gillon le Muisi, Abt von St. Martin in Tournai. (III.) — Renz, G. Ä. (München): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Primates Weih St. Peter (0. 8. L.) in Negensburg. (Schluß.) — Plaine Beda (0. 8. D. Silos): ds iuitiis bomiiidus mirubiiibusgus xsr soeula inoromsutis Oultus D. Lluriuo VirZiins. Disguisitio bistorioo-IiturZioa. (II.) — Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (VIII.) — Wittmann, Du Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Oist.), und seine Werke. (III.) — Grillnberger, Dr. -Otto (Orä. Ölst. Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Eist.-Ordens. (XI.) — Daniels, Augustin (O. 8. L. Maria-Laach): St. Thomas von Äguin als Lehrmeister derPhilosophie. — Bollenrücher,I. (Tarnen, Schweiz) -j- Leo Fischer, O. 8. L., Eine Blume aus dem Kloster- garten. (Ü.) — Neueste Benediktiner- und Cister- cienser-Literatnr. — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordensgeschichtliche Rundschau u. s. w. _ Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Umlauft. XIX. Jahrgang 1897. (Ä. Hartleben's Verlag in Wien, lährlich 12 Hefte, L 88 Pf.) Das 11. Heft des XIX. Jahrganges enthält u. a.: Die Bahn auf den Wiener Schneeberg. Von Friedriche Umlauft. (Mit 3 Illustrationen.) — Fortschritte der geographischen Forschungen und Reisen im Jahre 1896.' 2. Amerika. Von IM I. M. Jüttner. — Die Insel Kreta. Von Dr. Franz Ritter v. Le Monnier. — Das chilenische Magallanesterritorium mit Punta Arcnas und das Feuerland. Von I. Greger. — Mondphotographie. (Mit einer Tafel.) Leuchtende Nachtwolken. — Karten-- beilage: Mondphotographien. Novellenstranß von Clara Maria Thiele betitelt sich ein elegant ausgestattetes Werkchen, das soeben im Verlag der Fuldaer Aktrendruckerei-Fulda zum billigen Preise von 1,50 Mark erschienen ist. Es enthält sieben anmuthige Erzählungen, die, nach einem Handschreiben des hochw. Herrn Bischofs von Kulm. der „Erguß tief religiöser Gefühle eines in Gottesliebe erglühenden Herzens" sind. In einem weiteren der Verfasserin (einer in Weißensee bei Berlin thätigen katholischen Lehrerin) zugegangenen Handschreiben Sr. Eminenz des hochw. Herrn Kardinals Kopp finden sich die empfehlenden Worte: „Möge Ihre Arbeit in den Herzen der Jugend die Gesinnungen und Grundsätze fördern und befestigen, denen Sie in Ihren Erzählungen Ausdruck geliehen haben!" — Diesen: Wunsche schließen auch wir uns gerne an. Das hübsche, für Jung und Alt passende Geschenk» werkchen ist in reder Buchhandlung zu hahen. Rosenkranz-Büchlein, enthaltend Gebete und Andachtsübungen für alle Verehrer der hl. Rosenkranzkömgin. Münster i. W. Verlag der Alphonsus» Buchhandlung. Preis geb. 60 Pf. n. Der hl. Rosenkranz ist eine Ändachtsübung zur lieben Muttergottes. Unser Heiliger Vater Leo hat durch eigene Rundschreiben die Christen aufgefordert, doch eifrig den hl. Rosenkranz zu beten. Es wird deßhalb jedeni Katholiken angenehm sein, einiges über den hl. Rosenkranz zu hören, was er in diesem Büchlein, das noch sehr schöne Beicht-, Kommunion- und Meßgebete enthält, rv ausgezeichneter Weise fin det. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XII. Bd. 1. Heft. Paderborn 1897, Schöningh. Inhalt: I. Zur neuesten philosophischen Literatur. (Forts.) Von Kanonikus Dr. Mich. Gloßner. H. Die „richtige Mitte" in der mittelalterlichen kontroverse über die unbefleckte Empfängnis). Beleuchtet von II Jos. a Leon. 0. L1. Oap. III. Kinder in Polizei- und Gerrchtsgefäng- nissen. (Schluß.) Von Dr. zur. Raym. Zastiera, Orch' Draoä. IV. Literarische Besprechungen. V. Zeitschriften» schau u. s. w. Berantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit.Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wt>. 46. Anlöge W Sirgsßmger WMüilg."»« Wie ist das Osterfest zu verlege»? Voll I. V. Ach ah. Die Frage bezüglich einer Einschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes wurde schon in früherer Zeit mehrfach berührst ohne daß man indes; näher auf die Sache eingegangen isst und dies wohl hauptsächlich deßhalb, weil eine Losung dieser Frage ohne jede Aussicht auf Verwirklichung zu sein schien. Wenn jedoch in gegenwärtiger Zeit diese Frage neuerdings angeregt und geprüft wird, so ist dem eine wesentlich höhere Bedeutung beizumesseu, weil nunmehr verschiedene Faktoren der Sache günstig stehen. Das bevorstehende Säknlarjahr 19 00 bietet einmal einen sehr günstigen Zeitpunkt für die thatsächliche Einführung der geplanten Neuerung. Ebenso kommt die für jenes Jahr in Aussicht genommene Einführung des Gregorianischen Kalenders seitens der Russen der Sache wohl zu statten. Und ivas sodann am meisten ins Gewicht fällst ist man jetzt auch von Seite des päpstlichen Stuhles der Frage näher getreten und hat eine eingehende Prüfung derselben eingeleitet. Die Vortheile, welche eine zweckmäßige Lösung der Osterfragc zur Folge hätte, sind sowohl in kirchlicher als bürgerlicher Beziehung nicht unbedeutend und ioerden auch allseitig als solche anerkannt. Wir halten für nnnöthig, auf dieselben näher einzugehen, weil sie ohnedies jedem Kundigen klar vor Augen liegen. Zudem geht der Zweck dieser unserer Abhandlung dahin, zunächst einen Weg zu zeigen, auf welchem in einfacher, natürlicher Weise mit Berücksichtigung des christlichen Charakters der zu behandelnden Sache das angestrebte Ziel erreicht werden könne. Wir brauchen dabei kaum zu bemerken, daß unsere Ausführungen dem Urtheile kompetenter Kreise keineswegs vorgreifen wollen. Um die Frage der Festlegung des Osterfestes richtig würdigen zu können, ist es vor allem nothwendig, daß wir uns klar werden über die Bedeutung der heute geltenden Bestimmungen der Osterfcicr und deren geschichtliche Grundlage, sowie über die Principien, nach denen eine Festlegung des Osterfestes zu geschehen hat. Für die heutige Praxis, die Zeit des Osterfestes zu bestimmen, ist maßgebend die Bestimmung des allgemeinen Concils von Nicäa (325), wonach Ostern jedesmal am Sonntag nach dem ersten Vollmond, welcher auf das Frühlings ägninoktinm (21. März) folgt, zn feiern ist. Demgemäß kann Ostern innerhalb der Zeit vom 22. März bis 25. April auf 35 verschiedene Tage fallen. Denselben zeitlichen Spielraum von 35 Tagen haben auch alle Zeiten und Feste, die dem Osterfestkreise angehören oder demselben sich anschließen. Diese große Bcweglichkeit der kirchlichen Festzeiten bietet zwar einerseits eine mannigfache Abwechslung, aber anderseits verursacht sie auch wieder mancherlei Unregelmäßigkeiten und Kollisionen von Festen. Aber auch auf die derzeitigen bürgerlichen Verhältnisse ist sie nicht ohne fühlbaren störenden nnd nachtheiligcn Einfluß. Ja, gerade darin dürfte vielleicht ein Hanptmoment liegen, das eine Festlegung des Osterfestes wünschenswert!) macht. Es fragt sich nun, ob und in wie weit das Nicännm eine solche Aenderung seiner Bestimmung zuläßt. Da das ni- cänische Oster-Dekret nicht einen dogmatischen, sondern einen rein präceptiven Charakter hat, so kann diese Vorschrift jederzeit von der zuständigen kirchlichen Behörde wieder aufgehoben ioerden. Das nicänische Dekret hatte zunächst den Zweck, den ehemals ansge- brochenen Öfterstreit zu schlichten nnd eine einheitliche Ostcrfeicr unter den Christen herbeizuführen. Es wurde zwar einerseits an dem traditionellen jüdischen Gesetze des Öfter Vollmondes im allgemeinen festgehalten, aber anderseits bestimmt, daß Ostern nicht mehr am Tage des Vollmondes selbst, sondern immer am nächstfolgenden Sonntage gefeiert werden soll, so daß das jüdische nnd das christliche Osterfest nie auf den gleichen Tag zusammenfallen könnten. Dadurch nun, daß das Nicännm ein Zusammentreffen des jüdischen nnd des christlichen Osterfestes zn verhindern suchte, ist schon angedeutet, daß man die Gemeinschaft mit den Juden bezüglich der Osterfcter nnd das Festhalten an jüdischen Ceremonie,!-Gesetzen ausgeschlossen wissen wollte, daß somit die Beibehaltung des jüdischen Ostervollmondes keine wesentliche, sondern nur höchstens eine konventionelle Bedeutung für die christliche Ostcrfeier hat. Daraus erklärt sich von selbst, daß nach dem Nicännm ein Abweichen von den jüdischen Ritualvorschriftcn bezüglich der Zeit der Öfter - fcier nicht bloß möglich, sondern vielmehr con- venirend ist. Nachdem wir jetzt nicht mehr nach Mondmonaten, sondern nach Sonnenmonaten rechnen, hat überdies für uns der Ostervollmoud jede Bedeutung verloren, nnd zudem ist es keineswegs schade, wenn wir den großen Ballast der complicirten. vielen unverständlichen, sog. EPakten- oder Monds- Berechnnng znr Bestimmung unserer christlichen Fest- zeiten preisgeben. Dasselbe mag füglich auch vom Frühltngsägninoktin m gelten. Durch die nicänische Zeitbestimmung des Osterfestes werden, wie bereits erwähnt, auch die modernen bürgerlichen Verhältnisse vielfach beeinträchtigt. Daran ist aber nicht das Nicännm schuld, sondern andere Umstände, die im Laufe der Zeit eingetreten. Die Juden hatten in dieser Beziehung wesentlich günstigere Verhältnisse, nnd namentlich scheint ihnen das Mondjahr gute Dienste geleistet zn haben. Denn von ihnen wurde bei Bestimmung des Osterfestes hauptsächlich anf das bürgerliche Leben und insbesondere anf die bevorstehende Ernte Rücksicht genommen, deren Beginn für die Bestimmung des Frühlings monats nnd des Osteril, o „des maßgebend war. Die Juden feierten nämlich ihr Osterfest stets am 14. Nisan, d. h. am 14. Tage des Frühlingsmonats, ohne Rücksicht darauf, welcher Wochentag es immer sei. Das jüdische Osterfest war demnach insofern schon ein fixes, immobiles Fest. Als beweglich erscheint es nur insofern, als der Frühlingsmonat bald früher, bald später begann, je nachdem der Neumond einfiel, da die Juden, wie schon erwähnt, nach Mondmonaten rechneten. Der Frühling s- nenmond, mit welchem der Monat Nisan begann, bildete zugleich den Frühlingsanfang, der jedoch nicht identisch ist mit unserem Frühlingsäqni- noktinm. Da das Osterfest zn Beginn der Ernte zu feiern war, wohl damit die Ernte nicht durch die Osterfcicr nnd die Osterfeicr nicht durch die Ernte gehindert wurde, so wurde der Frühlingsnenmond immer so gewählt, daß der Frühlingsanfang mit dem Beginn 322 der Ernte möglichst zusammenfiel. Zu diesem Zwecke besah man gegen Ende des 12. Mondmonats die Felder^ um zn erkennen, ob bis znr Mitte des nächsten Monats die Gerste reif werde» möge, so daß man am Osterfeste, welches am 14. Tage des neuen Monats zn feiern war, mit Opferung der ersten Garbe die Ernte eröffnen konnte. War die Reife weit genug vorgeschritten, so wurde mit dem nächsten Neumonde der Frühlingsmonat Nisan begonnen; war dagegen die Reife noch zurückgeblieben, dann wurde das alte Jahr noch um einen (13.) Monat verlängert und erst mit dem darauffolgenden Neumonde der Frühlingsmonat und das neue Jahr begonnen. Der Frühlingsanfang der Juden war also ein ganz unsicherer, schwankender Zeitpunkt und für die Bestimmung des Osterfestes nur insofern maßgebend, als er gleichbedeutend war mit dem gleichzeitigen Beginn der Ernte, von dem eigentlich die Osterfeier abhängig war. Diese jüdische Praxis der Osterfeier gibt uns zweierlei zn bedenken: einmal, das; jene alttesta- mentlichen Verhältnisse und damit auch die Zeitberech- nungcn nach Mondlanf und Frühlingsanfang unseren christlichen und modernen, kirchlichen und bürgerlichen Verhältnissen in keiner Weise mehr entsprechen, daß also auch der aus dem Jndenthum, herübergenommene Theil unserer Festrcchnnug einer Reform bedürftig äst. Ferner zeigt uns die. jüdische Osterfeier, daß auch bei Festsetzung des christlichen Osterfestes eine Berücksichtigung der bürgerlichen Verhältnisse nach Möglichkeit geboten erscheint, die aber hauptsächlich durch eine zweckmäßige Einschränkung ^>er Beweglichkeit des Osterfestes bethätigt würde. Aus der Betrachtung des gegenwärtigen Standes der Zeitbestimmung des Osterfestes und seiner historischen Grundlage und Entwicklung müssen wir znr Erkenntniß gelangt sein, daß ein Abweichen von der bisherigen Praxis der christlichen Festrechumig im Sinne einer Beschränkung der allzngroßcn Beweglichkeit des Osterfcstkreiscs nicht mir zulässig, sondern auch zeitgemäß und somit wohl gerathen sei. Die weitere Frage ist nun die: Nach welchen Principien hat die neue Ostcrzeitbestimmung zu geschehen S Bei Lösung dieser Frage ist zunächst darauf zu achten, daß dem Osterfeste ein solcher Platz angewiesen werde, der es möglich macht, daß eine Concurrenz kirchlicher Festtage möglichst vermieden werde. Es wird also Ostern nicht zn früh und nicht zu spät, sondern am besten etwa in der Mitte des gegenwärtigen zeitlichen Spielraums anzusetzen sein, d. i. in der ersten Hälfte des Monats April. Dadurch wird verhindert, abgesehen voll etwaigen rein bürgerlichen Vortheilen, daß einerseits die Feste des hl. I oscph und Mariä Verkündigung mit dcrOster- feicr (Charwoche) und anderseits die Feste des heil. Johannes des Täufers und der hl. Apostel Petrus und Paulus mit der Fronleichnamsfeicr in Concurrenz treten, und daß auch die Marknspxo- cession mit der Feier der Ostcrwoche in Kollision kommt. Die Festsetzung des Osterfestes wird aber gleichwohl nicht in der Weise geschehen können, daß es auf ein bestimmtes Datum fixirt wird, wie das beim Weih- nnchtsfestc der Fall ist. Im Gegensatze zn dem jüdischen Osterfeste, das immer am 14. Nisan gefeiert wurde, ohne Rücksicht auf den einfallenden Wochentag, hat nämlich das nicänische Concil entschieden, daß das christliche Osterfest jedesmal an einem Sonntag zu feiern sei. Von dieser Entscheidung kann wohl nicht abgegangen werden, da sie eine specifisch christliche Einrichtung betrifft, ähnlich wie bezüglich der Feier des Sonntags statt des Sabbaths. Wird aber das Osterfest stets am Sonntag gefeiert, so ist eine Fixirung auf einen bestimmten Monatstag nicht möglich, weil die Wochentage nicht immer auf dasselbe Mouatsdatum fallen. Es ist aber auch eine solche Fixirung auf ein bestimmtes Datum gar nicht nothwendig, ja sie wäre nicht einmal gut. Denn sie würde dem Osterfeste und den davon abhängigen Festen jede Beweglichkeit und damit dem Kirchenjahre jede Abwechslung benehmen, was weder schön noch gut wäre. Die angestrebte Festlegung des Osterfestes bedeutet also nicht eine direkte Fixirung desselben auf ein bestimmtes Datum, sondern nur eine Beschränkung der Beweglichkeit auf 7 Monatstage, mit denen der Reihe nach cyklnswcise der Ostcrsonntag zusammenfallen kann. Die Ursache, welche die übermäßige Beweglichkeit der kirchlichen Feste bewirkt, ist, daß- deren Zeitbestimmung von dem Monde abhängig gemacht ist. Der erste Frühlings Vollmond, nach welchem das Osterfest zn feiern ist, kann vom 21. März bis 18. April auf 28 verschiedene Tage fallen. Und da vom Tage des Vollmondes bis znm nächstfolgenden Sonntag allenfalls auch noch ein Zeitraum bis zn 7 Tagen verstreichen kann, so ergibt sich ein zeitlicher Spielraum der beweglichen Feste von 3 5 Tagen oder 5 Wochen. Um diese öwvchcniliche Mobilität auf 1 Woche zn beschränken, muß das Abhängigkeitsverhältnis; der Feste vorn Blonde aufgehoben und die kanarische Fest- rechnung fallen gelassen werden. Statt dessen muß ein anderer zeitlicher Anhaltspunkt gewählt werden, von dem aus eine günstige, zweckentsprechende Zeitbestimmung des'Osterfestes ermöglicht wird. Es sind nun allerdings schon Vorschläge in dieser Richtung gemacht worden. Dieselben suchen aber meist auf willkürlich gewähltem Wege in mehr mechanischer Weise ohne tiefere, innere Begründung ihren Zweck zu erreichen. Von den mir bekannt gewordenen Vorschlägen geht der eine dahin, das Osterfest aus den 3. Sonntag nach dem Frühlingsanfang zn verlegen. Der Zweck würde dadurch allerdings erreicht; denn Ostern fiele dann stets in die Zeit vom 4. bis 10. April incl. Allein diesem Vorschlage möchte ich entgegenhalten, daß einmal die Annahme des 3. Sonntags nach den: Frühlingsanfang ziemlich willkürlich gewählt ist ohne Rücksicht auf andere bedeutsame Momente. ' Außerdem ist noch die Frage offen, ob unter Frühlingsanfang der nicänische (21. März) oder der astronomische zn verstehen ist. Das astronomische Frühlingsäqninoktium würde sich schon deßhalb nicht eignen als zeitlicher Änhaltspnnkt, weil dasselbe veränderlich und die Bestimmung desselben wieder von einer complicirten, astronomischen Berechnung abhängig ist. Aber auch der nicänische Frühlingsanfang ist kein passender Zeitpunkt für die Bestimmung des christlichen Osterfestes. Nachdem wir einmal'die jüdische Nechnungswcise bezüglich des Frühlings Vollmond es haben fallen lassen, hat auch der Frühlingsanfang keine weitere wesentliche Bedeutung mehr, und wird derselbe gleich dem Blonde am besten gänzlich aus der christlichen Fcstrcchnnng gestrichen. Dadurch, wird dann auch jener naturalistischen Richtung, welche das Osterfest gerne als ein Frühlings- oder Anferstehnngsfcst 326 der iviedcrerwacheilde» Natur betrachten möchte, einigermaßen der Baden in's Schwanken gebracht, indem zwischen dem Frühlingsanfang und dem Osterfeste kein äußerer Zusammenhang mehr besteht. (Schluß folgt.) Generalversammlung der Leo-Gesellschaft. Der Empfangsabend in Klagenfurt am 26. Juli verlief glänzend. Se. Excellenz Graf Hoyos begrüßte märmstens die Erschienenen. Prälat Schindler antwortete und constatirte, daß das erwähnte Bangen des Local- comitös und Präsidiums gehoben, der Erfolg des Tages gesichert sei. Namens der Wiener sprach, begeistert aufgenommen, der Abgeordnete Weißkirchner, und besonders schwungvoll auch Professor Dr. Haun, Mitglied des Ge- fchichtsvereines, hervorhebend, daß Alle, welche die Wahrheit suchen, die nur eine ist und sein kann (Lebhafter Beifall) zusammengehören. Professor Dr. Neumann aus Wien erwiderte mit herzlichen Wünschen auf das Gedeihen aller wissenschaftlichen Vereine Klagenfurts. Kaiserlicher Rath Dr. Truxa toastirte auf die Damen. Professor Dr. Keck begrüßte die Generalversammlung Namens der floveuischen Leo-Gesellschaft, welche bereits 200 Mitglieder zählt. Alle Völker mögen vereint katholische Wissenschaft betreiben. Eine Regimentscapelle concertirte. Nach einer Pontificalmesse, die vom hochw- Herrn Fürstbischof Dr. Kahn am 27. Juli gelesen wurde, hielt Vormittags die.Philosophisch-theologische Sec- tion im Sitzungssaale des Landhauses eine Sitzung. Professor Dr. Cigoi hielt einen Vertrag über den Apostel Paulus und wies nach, daß die Apostelgeschichte in genauer Uebereinstimmung stehe mit den zeitgenössischen Profanschriftstcllern. Professor Dr. Müller empfahl, bei dem katcchetischen Unterricht in den Mittelschulen derlei Uebereinstimmungen und innere Gründe für die Authenticität der Kirche heranzuziehen, als für die Jugend besonders anziehend. Professor Swoboda zeigte Gyps- abgüsic von den ältesten Darstellungen der Apostelfürsten, abgenommen von einer vatikanischen Bronzeplatte aus dem zweiten Jahrhundert und einem Reliquiar aus Pola (früher Aguileja), welche Porträttrcue ausweisen, während die Darstellungen aus der Rcnaissancczeit nicht authentisch sind. Den zweiten Vortrag hielt Professor Heg gen 8. ,1. über „Das aristotelisch-thomistischc Moralprincip und dessen neueste Gegner". Nicht das eigene Wohl oder das Wohl des Nächsten sei das letzte Ziel der Sittlichkeit, sondern Gott. Mit dieser Anerkennung erst lösen sich die Probleine der Moral. Der bloßen ethischen Culturanschauung gelingt dies nicht, der kategorische Imperativ Kant's ist nicht die zureichende Grundlage der Moral. Redner kennzeichnete die unabhängige Moral der neueren Philosophie bis zu Hartmann, welcher , in widerlicher Weise gegen die „Pfaffenmoral" hetzt. Auf diesem Wege werde die Hebung und Erhaltung der Sittlichkeit nicht gelingen. Die katholische Wissenschaft müsse den wahrhaften Fortschritt auch in der Ethik anstreben und hier Triumphe feiern, wie solche gefeiert wurden in der Bibelforschung, in der Bekämpfung des Materialismus, in Vertheidigung der Gottheit Christi, in der Geschichtsforschung und Socialpolitik. Der eingeschaltete, sehr anregende Vortrag des Professors Dr. Nößler: „Ueber die Aufgaben der Theologie in der Gegenwart" nöthigte die Rechts- und Social- Section, nur den angekündigten Vortrag des Professors Dr. Joseph Bieder lack „Ueber die Strafrechtstheorie" zuzulassen, welcher sich über die Besscrungs- und Ab- schreckungszwcckc der gerichtlichen Strafe und über den Charakter derselben — ein Mittel für Verwirklichung des Staatswohles — verbreitete. Prälat Schindler verwies auf die Wichtigkeit, Ordnung zu bringen in das Chaos der strafrechtlichen Theorie: nur auf dem Wege, welchen der Vortragende angegeben, sei dies möglich. Baron Mandorff's vorbereitete Abhandlung „Ueber die Sonntagsruhe und deren gesetzliche Regelung" wird im Jahrbuche der Leo-Gesellschaft, gleichwie die obigen Vortrüge, veröffentlicht werden. Nächmittags sprach in der Section für Literatur und Kunst der k. k. Cvnservator Dechant Grösser von Guttaring über die dortigen Kunstdeukmäler als Spiegelbild der kuustgeschichtlichen Entwicklung im Kleinen. Redner gab ein anschauliches Bild derselben in seinem Forschungsgebiete von der Römerzeit und Ehriftianisirnugs- epoche an durch die verschiedenen Epochen des Mittel- alters bis in die neuere und neueste Zeit. Die liebevollen Detailschilderungen des kunstfreundlichen Seelsorgers weckten lebhaftes Interesse. Der Vortrag des Dr. Richard v. Kralik „Ueber Entstehung und Tendenz des sophokleischen Ocdipns auf Kolonos" mußte wegen vorgerückter Zeit entfallen. Auf allgemeines Verlangen sprach jedoch Dr. v. Kralik kurz über die Grundgedanken des beabsichtigten Vortrages, die eigenthümlich conservative Parteitendenz des altgriechischen Theaters in jener Zeit einer oligarchischen Verschwörung und die darauffolgenden politischen Processe. Redner- schloß die leider sehr abgekürzten Ausführungen mit dem Hinweise auf die Bestrebungen der Leo-Gesellschaft für die Verchristlichnng des Theaters. Professor Dr. Alois Hart! aus Ried in Oberösterreich empfahl die Förderung der Herausgabe der kirchcn- musikalischen Werke Joh. Ev. Habert's; Dr. Klinisch (Klagenfurt) bat um mittelbare Unterstützung der Bücherbruderschaft in Klagenfurt durch die Leo-Gesellschaft und die anwesenden Schriftsteller. Diese Anregung wurde beifälligst angenommen, und der Vorsitzende sagt die gegenseitige Einvernahme in dieser Sache bereitwillig zu. Der ersten der vorgenannten Sectioncn präsidirtc Prälat Schindler, der zweiten . Abg. Dr. Weis- kirchner, der dritten Professor Dr. Gitlbauer. Letzterer ermunterte besonders zur Mitarbeit an der Literatur- und Kunstsection unter Hinweis auf deren bisherige Thätigkeit, insbesondere die Aufführung der Auto in Wien und ncucstens die Bücherei, welche die Leo-Gesellschaft veranstaltet. Die Theilnchmerlisten wiesen 70 bis 80 Besucher aus. Der Ausflug aus dem Wörthersee in der zu der Rundfahrt gemietheten kleinen Dampfbarcasse „Loretto" war vom Wetter sehr begünstigt. Nach der Pontisical-Neguiemmesse sprach am 28. Juli in der Sitzung der Section für Geschichtswisse n- schaften der Archivar Dr. Albert Starzer über die Organisation der innerösterreichischcn Ländcrvcrwaltnug nach der Theilung vom Jahre 1564 und die seitherigen Wandlungen bald im Sinne des Centralismus, bald der ständischen Autonomie. Professor Dr. Hann regte au, die Leo-Gesellschaft solle die Alterthumsforschung in Kärnten fördern: erbittet Se. Excellenz den Vorsitzenden Frhrn. v. Hclfcrt als Präsident der Ceutralcommission für Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale, unter Anderem auch dahin Einfluß zu nehmen, es möge bei Bestallung der philologischen Lehrstellen der hiesigen Mittelschulen auf Persönlichkeiten Bedacht genommen werden, welche in Ferialcursen auf Staatskosten etwa für Schulung eines guten Nachwuchses für historische Forschung wirken könnten. Frhr. v. Helfert dankte für die sehr fruchtbare Anregung, er werde im Sinne derselben Einfluß zu nehmen versuchen, in seiner doppelten Eigenschaft als Präsident der Central - Commission und der Leo- Gesellschaft. Dr. Alfred Schnerich lenkte in einem anziehenden Vortrage die Aufmerksamkeit der morgigen Ausflügler nach Gurk auf die dortigen Werke der Renaissance. Es folgte die geschlossene Generalversammlung. In der geschlossenen Generalversammlung erstattete Prälat Schindler den Geschäftsbericht und verwies auf die Veröffentlichung desselben und der Rechnungen im Jahrbuch. Es sind bei 1700 Mitglieder, wovon 509 in Wien, während die übrigen sich auf die Kronländer vertheilen: 12 sind in Rom, einzelne auch im weiteren Auslande, sogar in Amerika -und Japan. Der Berichterstatter hob die Wichtigkeit der Diöcesancomitös und des Literaturblattes hervor. Professor Gitlbauer empfiehlt nochmals die neueste Unternehmung der Gesellschaft, die Büchereien. Die Herausgabe von Lehrbüchern (Erziehungskunde, philosophische Propädeutik und andere) ist gleichfalls in Angriff genommen. — An der Discussion betheiligten sich Msgr. Nagl, Professor Dr. Hammer, Realschnlkatechet Hnber. Professor Neu m ann. Professor Swoboda, 324 Professor Hartl und Fürstbischof Dr. Kabn. DaS Werk über das sociale Wirken der Kirche ist bis zum dritten Bande gediehen. Prälat Schindler begrüßt auch die selbststäudige Gründung der slovemschcu Leo-Gesellschaft in Laibach mit aufrichtigster. Sympathie. Se. Excellenz Baron Helfcrt bemerkt dazu, das; eine ähnliche Schöpfung für die Katholiken czcchischer Zunge ebenso zu begrüßen märe. Die Wahl des OrteS der nächsten Generalversammlung wird. da Olmütz und Bndweis abgelehnt haben, dem Directorimn überlassen. Ueber Antrag des Professors Dr. Gitlbauer wurde das Directorimn beauftragt. die Schaffung eines Organs zur Veröffentlichung von Abhandlungen der Mitglieder in Erwägung zu ziehen. Nach Beantwortung einer Interpellation des Dr. Waitz aus Brixen über die Veranstaltung von socialen Cursor wurde durch den kaiserlichen Rath Dr. Trura der Dank dem Vorsitzenden und den Mitgliedern des Direktoriums abgestattet und die Generalversammlung nach dritthalb- stündiger Dauer geschloffen. DieFestvers amin lung im dichtgefüllten, geschmackvoll deeorirtcn Wappensaal des Landhauses war unter Anderen besucht von den hochiv. Herren Fürstbischöfen von Gurt und von Lavant, von Hofrath von Kozaryn in Stellvertretung Sr. Excellenz des Landesprästdenten, vorn Landeshauptmann Grafen Zeno Goeß. von Sr. Durchlaucht dem Fürsten Heinrich Rosenbcrg. GM. von Birst, von den Ministerresidenten Baron Reger rrnd von Pilat, voirr Bürgermeister der Landeshauptstadt Julius Neuner, von Sr. Ercellenz dem Grafen Honos. vorn Obmann des Localconritös Msgr. Nagl aus Rom, von Cvnte Veith, Hofrath Schwab, HandelSkaimnerpräsidentenvonHillinger, Berghauptmann Gleich und zahlreichen angesehenen Persönlichkeiten. vielfach mit ihren Damen. Am Präsidcntentische waren Se. Excellenz Baron Helfcrt und Generalsecretär Prälat Schindler und zunächst Se. Excellenz Graf Brandts. Landeshauptmann von Tirol und Präsident des Tiroler ZwcigvereineS, Mid die Directionsmitglieder. Nach der mächtig wirkenden Festhriliine. gedichtet und verlont von Dr. Richard von Kralik, sprach nach den einleitenden Worten des Vorsitzenden der hochw. Herr Fürstbischof Dr. Kahn über die erhabenen wissenschaftlichen Aufgaben der herzlichst zu begrüßenden Leo-Gesellschaft, über welche er den Segen des Himmels herabsiehst. Es folgte sodann der Bericht über die VereiirZtbätig- kcit durch den Generalsecretär Prälat Schindler: er gedachte der Zunahme der Mitglieder, zu welchen fünf Angehörige des allerhöchsten Kaiserhauses zu zählen sind (Lebhafter Beifall), rrnd der diesjährigen Leistungen besonders auf dem Gebiete der Literatur und Kunst. Das reiche Bild dieser fruchtbaren Thätigkeit in Schrift und Wort wurde mit allgemeinem Interesse aufgenommen und die Schlußworte über das dein Lande zu erhaltende christliche Gepräge und die cultnrgeschichlliche Aufgabe, zu welcher auch die Leo-Gesellschaft ihre Beiträge liefern wolle, weckte lebhaften Beifall. Die Gesellschaft wuchs im Jahre 1897 auf 1730 Mitglieder und Thcilnehmer: darunter befinden sich 11 Mitglieder des allerh. Kaiserhauses. Spenden liefen rn diesem Jahre u. A. ein: vom k. k. Unterrichtsministerium für die Herausgabe der „Quellen und Forschungen zur Geschichte und Literatur Oesterreichs und seiner Kron- länder" im Betrage von 400 fl., für das Oesterreichische Literaturblatt 300 fl.. vom hochiv. Fürsterzbischos Dr. Kohn von Olmütz zur Unterstützung junger Gelehrter für wissenschaftliche Reisen 300 fl., von Prälat Dr. Franz in Gmiiirden 200 fl.. von einer Dame in Wien 500 fl. Der Vermögoisstand belauft sich auf 22,500 fl. Die Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur in diesem Jahre sind besonders folgende: Das „Jahrbuch der Leo-Gesellschaft" mit wissenschaftlichen Abhandlungen von Wehofer, Weichs-Glon, Stentrup. Fil- kuka. Hirn; das „Sociale Wirken der katb. Kirche in der Diöccse Seckan" von Stradner: die „altdeutschen Passionsspiele aus Tirol" von Wackcruell; der 5. Jahrgang des „Oesterr. Literatnrblatt" von Schnürer; „Armenpflege einer Großstadt" von Weißkirchner: „Die Gegenreformation in Bruck a. d. Leitha" von Pröll; das Lehrbuch der Erzieh,lngskunde" von Grinnnich; die „Allgem. Bücherei*. (> Hefte mit Werken von Caldcron, Annette von Droste- Hülsdoff, Stifter, Hvrtt, Shakespeare, Sophokles: dazu kommt eine große Reihe von Werken, die in Vorbereitung stehen, u. A. ein großes itkustr. Prachtwerk „Die kathol. Kirche unserer Zeit in Wort und Bild" und „Apologetische Studien". Außerdem wurden zahlreiche Vortrüge über wissenschaftliche und litcrarische Gegenstände gehalten, darunter namentlich eine Reihe socialwiffenichafllicher von Bcrger, Schmiedland, Klopp, Kienböck. Gorski. Auf dem Gebiete der Kirnst ragen besonders hervor, die Aufführung des Brncker Requiems in der Kirche „Am Hof" durch JiilinS Böhm, des Oratoriums „Christus" von Liszt im Mnsikvereinssaal durch die Chöre des Schnbertbuudcs und der Wiener Singakademie unter Leitung Fcrd. Lowe's: des Calderon'schen Autos „Das große Weltthcastr" im Nrcadeuhofe des Wiener Rcsth- hauses. — Gewiß ein herrliches Bild segensreichen Schaffens! Der meisterhafte Vortrag des Festredners, Professors Dr. Hann, kennzeichnest die vollste Blüthe der christlichen Kunst in Körnten, welche trotz der Verwirrungen des Investitur-streites Berg und Thal mit Hunderten von Denkmalen übersäet hatte. Redner machst Fremde wie Einheimische auf den Reichthum an Schützen aufmerksam, an welchen so Viele achtlos vorübergehen. Seine Schlußworte über den in den KunstschätzcU ausgedrückten Geist des christlich-germanischen Zeitalters wurden von stürmischem. begeistertem Beifall begleitet. In den Schlußworten gab der Vorsitzende auch bekamst, daß der erste Mcepräsident, der hochw. Armee- bischof Belopotoczk», durch die Taufhandlung im allerhöchsten Kaiserhanse diesmal ferne gehalten, seine herzlichsten Grüße telegraphisch entsendet habe. Der Vorsitzende schloß: „DaS Wort hat sich verwirklicht: .Die Generalversammlung der Lep-Gesellschaft gestaltet sich zu einem vollen Erfolge'". „Vastrld." Recensionen und Notizen. Der selige Petrus Canisius, eindeutscherGlanbeus- held. Zunl 300jährigeu Gedächtnisse seines Todes. Nach den besten Quellen bearbeitet von Präses I. B. Mehler. Mit oberhirtlichcr Druckgenehmigung. 6. Verb. Anst. 12. 136 S. Preis 40 Pf. Bereits in 6. Auflage erschien soeben aus der gewandten Feder Mehlers das Lebensbild des scl. Canisius, welches in seiner volksthümlicheu Weise wie kein anderes zur Verbreitung unter das katholische Volk geeignet erscheint. Gerade uns Bcmern steht der selige Canisius. der Glaubensretter Deutschlands, hauptsächlich unseres engeren Vaterlandes Bauern, besonders nahe. Der Verfasser weist anf die Verdienste des Seligen für Bayern ausführlich hin, der ja auch die Liebe und Verehrung der Bcmernfürsten genoß. Die ganze Schrift ist von einem patriotisch-bayerischen Geiste durchweht, was sie uns besonders empfehlenswert!) macht. Sie hat auch allseits die gebührende Anerkennung gefunden. So erhielt der Verfasser Anerkennungsschreiben aus der Gehcimkanzlci Sr. Kgl. Hoheit des Prinzregenten Lnitpold, des Prinzen Ludwig und der Prinzessin Arnulf, ferner von Sr. Eminenz Cardinal Dr. Stcinhuber. von dem Präsidenten der Regierung in Freibnrg (Schweiz), den hochw. Bischöfen von Cichstütt und Wnrzbnrg n. s. f. Gesänge und Andachtsübnngen zu Ehren des seligen Petrus Canisius. componirtvonM. Haller. Als Anhang zu vorstehendem Canisius - Küchlein. Mit oberhrrtlicher Druckgenehmigung. 32 Seiten. Einzeln 10 Pf., das Dutzend 90 Pf., specielle Orgetbegleitung 40 Pf. Im Selbstverläge des Herausgebers (Präses Mehler) und durch alle Buchhandlungen. Diese sechs deutschen Lieder in Noten, componirt von dem berühmten Meister M. Haller (eines von M. Mauer), ein-, zwei- und vierstimmig, für das Volk und Vereine, werden zur Verschönerung der kirchlichen und weltlichen Canisius-Jubilänmsfeiern wesentlich beitragen. Veraistw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabtiere in Augsburg. Zum hundertjährigen Todestage des Oi'.Benedikt Stattler. Ein Gedenkblatt von Pros. Dr. Silbernagl. Ain 21. Angnst 1797 starb zu München der Ex- jesuit und chnrfürstliche geistliche Rath Dr. Benedikt Stattler, ein Mann, der sich durch eine ausgezeichnete, auf viele Fächer der Wissenschaften und die Angelegenheiten seiner Zeit verbreitete Thätigkeit nicht bloß unter den Katholiken, sondern auch unter den Protestanten Deutschlands einen berühmten Namen gemacht hat. Geboren am 30. Jänner 1728 zu Kötzting im bayerischen Walde, lernte er die Anfangsgründe der lateinischen Sprache im Benediktinerkloster Niederaltaich und wurde dann in das Seminar zum hl. Gregor in München zum Dienste der Kirchenmusik aufgenommen, obschon seine ganze Musilkimst nur im Paukenschlagen bestand. Nachdem er am dortigen Gymnasium die niederen Schulen durchgemacht hatte, trat er am 13. September 1745 in das Jesuitencolleg zu Landsberg ein und hörte nach bestandenem zweijährigen Noviziate drei Jahre philosophische, eine Jahr mathematische und vier Jahre theologische Vorlesungen an der Universität Jngolstadt. Hierauf lehrte er als Magister drei Jahre lang die Grammatik zu Straubing und Lnudshnt und ein Jahr die Poesie zu Neuburg a. D. Im Jahre 1759 erhielt er die Priesterweihe, und im Jahre 1763 legte er die Ordeusprofeß ab. Air der Universität zu Innsbruck wurde er im Jahre 1764 zum Doktor der Philosophie promovirt und bekam das Lehramt der Physik; im folgenden Jahre lehrte er Logik und Metaphysik und 1766 abermals Physik, und es erschienen von ihm LlivorsIoAiss ob UetallurZisö xrinoipis xllxmos in zwei Theilen und LlinarsloZis sxoeislis, für welche Werke die Kaiserin Maria Theresia ihn mit einer Denkmünze beschenkte. Im Jahre 1769 erhielt er die theologische Doktorwürde und zugleich das Lehramt der Dogmatik. Als Lehrer der Theologie verfaßte er im Jahre 1770 seine »Doinonstrstio 6vsn§6lias", eine Apologie, in welcher er die Nothwendigkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit der göttlichen Offenbarung zu zeigen suchte, und in demselben Jahre kam er als Professor der Dogmatik an die Universität Jngolstadt, wo er eine große literarische Thätigkeit entfaltete. Er gab in den Jahren 1769 bis 1772 zu Augsburg ein die ganze Philosophie umfassendes Werk heraus unter dem Titel „Lllilosopstis uislstoüo scüairtiis propris explsnsts" in acht Theilen, in welchen die Logik, Ontologie (Metaphysik), Kosmologie, Psychologie, natürliche Theologie, allgemeine und besondere Physik behandelt werden. Die Akademie der Wissenschaften in München hatte für das Jahr 1771 die Preisfrage gestellt: Da das in einem Gefäße stillstehende Wasser nicht allzeit wagerecht, sondern nach Verschiedenheit der Umstände zuweilen erhaben, zuweilen aber hohl steht, so fragt es sich, durch was für Kräfte diese Abweichung von den Gesetzen der Hydrostatik hervorgebracht werde? Stattler löste dieselbe und erhielt einen Preis von 25 Dukaten, wurde auch im Jahre 1773 als Mitglied in die Akademie aufgenommen. Er hatte sich in die Leibnitz-Wolfische Philosophie hineingearbeitet und dieselbe in mehreren Punkten vervollkommt oder vielmehr seinen eigenen Ideen angepaßt. Eine gründliche Metaphysik hielt er für eine Hauptstütze aller natürlichen und geoffenbarten Religion, und so war er bestrebt nach den Regeln seiner Logik und mathematischen Methodenlchre und nach den in seiner Metaphysik festgesetzten Begriffen und Hauptgrundsätzen die Dogmatik und Moral zu bearbeiten. Er brach also gründlich mit der bisherigen scholastischen Methode in der Theologie. Im Jahre 1772 verfaßte er eine Ltliios offristisns univorsalis, im Jahre 1775 die dogmatischen Werke vomoustrslio os- tlwlics und Iwoi tffeoIoAioi, und vom Jahre 1776 bis zum Jahre 1779 gab er seine Dflaologis Christians, tffoorotios in sechs Traktaten heraus. Die letzteren drei Werke erschienen schon 1781 in zweiter Auflage. Im Jahre 1780 richtete er eine apistols xsrsenatios an vr. Karl Friedrich Bahrdt in Berlin, als dieser sein Glaubensbekenntniß an den Kaiser geschickt hatte, und bearbeitete die vom Stolpischen Institute zu Leiden gegebene Preisfrage „Da vslors Zensus oonrmunis vs- turss tsnHusm nriteris voritstis". Welches Ansehen Stattler genoß, sehen wir daraus, daß ihn der Bischof von Speyer im Jahre 1776 wiederholt einlud, das Amt eines bischöflichen Seminarregcns und Pfarrers zu Bruchsal und eines kirchlichen Referendars zu übernehmen. Stattler lehnte jedoch ab, weil er kurz vorher vom Fürstbischof von Eichstätt zum Prokanzler der Universität ernannt worden war und vom Churfürsten Max Joseph die Pfarrei St. Moritz in Jngolstadt erhalten hatte. Diese Bevorzugung erweckte ihm viele Neider und Gegner, und zugleich begannen jetzt die Angriffe auf seine Theologie. Der Baccalaureus der Theologie Max Jgnaz Herzog polemisirte in seiner Doktordissertatiou, die 1780 zu Mainz erschien, gegen die Lehre Stattlers bezüglich des Subjectes der kirchlichen Unfehlbarkeit, worauf ihm Stattler eine freundliche Antwort gab. Aber ein viel stärkerer Gegner erwuchs ihm in dem Benediktiner Wolfgang Frölich, Lehrer des Kirchen- rechtes im Kloster St. Emmeram zu Regensburg. Dieser kritisirte in seiner Rsüoxio zu der Osuronslrsliv es- tstolios und den Dooi tstsoloZiei Stattlers strenge dessen Lehrmethode und zeigte ihm die Irrthümer, welcher sich Stattler in Bezug auf das Geheimniß der Erlösung, die Wirkung der Sakramente, die kirchliche Unfehlbarkeit, den Papst und die Kirche schuldig gemacht hatte. Stattlers Vertheidigung und die Entgegnungen seiner Schüler Sailer und Neuhauscr waren sehr schwach. Frölich zog hierauf 54 Sätze aus den dogmatischen Schriften Stattlers aus und schickte sie zur Prüfung nach Rom. Die Jndex- congregation unterwarf nun die vonaoustratio oststvlios und die I-oei tstaologiai Stattlers der Censur, und durch Dekret vom 10. Juli 1780 wurde die Demonstrstio csklivlios auf den Index gesetzt. Da aber diese Schrift vom Ordinariat Eichstätt approbirt worden war, so sus- pcndirte man einstweilen dessen Publication, um zu sehen, wie sich der Bischof zu demselben stellen werde.' Der Sekretär der Jndexcongregation, der Dominikaner Mainacht, theilte durch Schreiben vom 9. September 1780 dem Fürstbischöfe Naymund von Eichstätt das Urtheil der Jndexcongregation mit und bemerkte, daß mau es nicht für nöthig befunden habe, den Verfasser zu hören. Am 6. Oktober 1780 schrieb der Bischof an die Jndexcongregation und drückte seinen Schmerz darüber aus, daß durch die Verdammung eines von seinem Ordinariate approbirteu Werkes ihm eine große Schande vor den 326 deutschen Bischöfen, Fürsten und Gelehrten, ja vor dein ganzen Volke bereitet werde; Stattlcr hätte es bei seinem gelehrten Rufe schon verdient, daß er nach der ConstitntionBenc- vikts XIV. „Lolliaita. ao provicku" gehört worden wäre. Darum bitte er nun die Kongregation, und die gleiche Bitte stellte der Fürstbischof an Papst Pins VI. in einem Schreiben vorn 8. Oktober 1780. Der Sekretär Mainacht, welcher, als Fürstbischof Raymnnd in Nom Theologie stndirte, dessen Repetitor und mit ihm befreundet war, schrieb einen Privatbricf, worin er den Bischof bei ihrer alten Freundschaft ermähnte, sich von jeder Theilnahme an dieser Sache zurückzuziehen, da er die Vernrtheilung dieses Buches nicht hindern könne. Der Bischof schrieb ihm zurück, in seiner Bischofsstadt fei ein Dominikanerkloster, dem er bisher viel Gutes erwiesen habe; er werde sich von unn an gegen dasselbe so verhalten, wie Mainacht in dieser Sache gegen seinen alten Freund. Auf diese Schreiben hin ruhte die Sache bis zum Tode des Fürstbischofes.') Im Jahre 1781 war Stattler Rektor der Universität, und im September desselben Jahres wurden die Welt- priester und Exjesuiteu des Lehramtes enthoben, da die säknlarisirten Jcsuitengüter zur Errichtung einer bayerischen Zunge des Malteser-Ritterordens verwendet wurden. Die entlassenen Professoren erhielten entweder eine Pension von 240 fl. oder kirchliche Benefizien, und ihre Lehr- stühle kamen an die bayerische Beuediktiner-Congregation. Stattlcr bekam die Stadtpfarrei Kemnath in der Oberpfalz. Aus Anlaß des Mendelssohn'schen Jerusalems, worin für volle Glaubens- und Religionsfreiheit eingetreten wird, veröffentlichte Stattler sein „Wahres Jerusalem oder über religiöse Macht und Toleranz in jedem und besonders im katholischen Christenthnme". In dieser Schrift, welche 1787 mit bischöflicher Approbation zu Augsburg erschien, ist interessant, wie sich Stattler über die Ketzerei äußert. Ein Ketzer ist nach ihm der, welcher bei wirklich guter Kenntniß der göttlichen Autorität der Kirche doch einen Irrthum Wider den katholischen Glauben mit Hartnäckigkeit behauptet; wer aber von der göttlichen Autorität der Kirche keine gewisse Kenntniß hat, kann kein Ketzer sein. Auch eine wie immer grobe Unwissenheit entweder über die Autorität der Kirche oder über ihre wirkliche Lehre entschuldigt von der Ketzerei. Wer in Unwissenheit über die göttliche Autorität der Kirche und in rein materiellen Irrthümern von Jugend an auferzogen worden ist, mit der Zeit aber durch höheres Licht wie immer erleuchtet die göttliche Autorität der Kirche und seine Irrthümer als solche zu erkennen anfängt, jedoch aus menschlicher Furcht den katholischen Glauben öffentlich anzunehmen sich nicht getraut, ja wider die Ueberzeugung seines Herzens sich äußerlich noch ferner zur irrigen Religion bekennt, ist doch deßwegen im eigentlichen Verstände kein Ketzer, weil keine Hartnäckigkeit in Behauptung des Irrthums bei solchem Gemüthszustande angenommen werden kann. Die heutigen Protestanten bleiben also, auch nachdem sie erwachsen sind, immer im Besitze des in der hl. Taufe erhaltenen Rechtes zu aller geistlichen Gemeinschaft an allen geistlichen Gütern der katholischen Kirche, welche zu bcnützen sie bei Fortdauer ihres Jrr- ') Die Erzäblung Schlichtegroll's (Nekrolog auf das Jahr 1797, S. 180) und Anderer, daß Stattler, nachdem er das Urtheil der Judcrcongregatiou erfahren, mit Extrapost nach Nom geeilt sei und dem Sekretär Mamachi einen Besuch gemacht habe, in Folge dessen die Publication des Dekretes unterblieben fei, ist durchaus unwahr. thums doch noch fähig sind, und nur von der Gemeinschaft jener geistlichen Güter der Kirche sind sie ausgeschlossen, welche sie entweder aus irrigen Vornrtheilen selbst nur für unächte Güter halten, oder welche sie, wenn mau sie ihnen überließe, nur zur Verletzung der Rechte der katholischen Kirche mißbrauchen würden. Wenn daher ein katholischer Landesfürst Wissenschaft hat, daß. in seinen katholischen Staaten viele verborgene, ihrer Religion hartnäckig anhangende und nur äußerlich sich verstellende Protestanten vorhanden sind, welche übrigens dein Staate als nützliche Bürger wirklich dienen, so handelt er klug und recht, wenn er diesen eine öffentliche Uebung der protestantischen Religion mit der Bedingniß gestattet, daß sie sich aller Pro'selytenmacherei und aller Verführung katholischer Mitbürger enthalten. Und Stattler verweist hier auf das Beispiel des Kaisers Joseph II. (Schluß folgt.) Lippert — ein Auti-Jmissen. *) X. 6. „Um das Werk der evangelischen Kirchen- reformation zu verunglimpfen, hat der katholische Ge- schichtsschrciber Janssen in seiner Geschichte des deutschen Volkes kein Land durch Verleumdung so sehr zu Boden getreten, als die einst 100 Jahre lang bis auf den letzten Plann evangelisch gewesene Oberpfalz." Mit diesen Worten beginnt das neueste Werk gegen Janssen l Lippert will beweisen, daß die Oberpfalz 100 Jahre lang bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen sei, und außerdem beabsichtiget er „die Schmähungen Janssens gegen unsere evangelischen Vorfahren und Fürsten in ihre Grenzen zurückzuweisen" oder wie er sich einige Zeilen später ausdrückt: „Janssens Geschichtslügen zu widerlegen." Untersuchen wir nun in aller Kürze die erste Thesis: Ist die Oberpfalz einst 100 Jahre laug bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen? Lippert beschäftiget sich vor allem mit der Nothwendigkeit der Reformation. Daß eine Verbesserung der Sitten, daß eine Abschaffung vieler tief eingewurzelter Mißbrauche, daß insbesondere der geistliche Stand einer durchgreifenden Umgestaltung bedürftig war, haben nicht erst Luther und Hütten ausgesprochen, sondern schon auf den Synoden von Konstanz und Basel war die Parole einer Reform an Haupt und Gliedern ausgegeben worden. Aber wer hat denn diese Reform der Sitten am meisten behindert? Im Jahre 1489 ist ein Büchlein erschienen mit dem Titel: lös misoria, eurntoruna seu plsburorum, Von der Nothlagc der Pfarrer, welches späterhin als xuroalirm ctuockeuario ponäsrs pressus herausgegeben worden ist. In diesem „Nothschrei" werden neun böse Geister aufgeführt, welche den Pfarrer drücken; da werden genannt die Kircheupflcger, die Patronatsherren und auch die Gemeinden. Ja gerade die Patronatsherreu, die adeligen Raubritter, erniedrigten den geistlichen Stand am meisten; der Priester mußte als „Meßpfaff" ihnen in alleweg zu Diensten stehen. Daß auf den Burgen der Ritter, in den Schlössern der verarmten Landadcligen und an den Höfen der Fürsten nicht immer die strengsten Sitten herrschten, daß Liederlichkeit, Ehebruch und Trunken- ch Die Reformation in Kirche, Sitte und Schule der Ober-pfalz (Kur-pfalz) 1520—1620. Ein Auti-Jausseu aus den königlichen Archiven erholt von Friedrich Lippert, kgl. Pfarrer- in Amberg. Rothen- burg o/Tbr. Peter'sche Buchdruckerei. 1897. 234 Seiten. 327 heil sehr im Schwange waren, dafür stehen Belegstellen mehr als erforderlich zur Verfügung.') Die Gemeinden waren in Folge der fortwährenden Fehden und Nanb- ziige verarmt, und das schlechte Beispiel der höheren Stände war auch an den Bürgern und Bauern nicht spurlos vorübergegangen. Konnten ans einem verarmten und sitttlich verwahrlosten Volke Priester hervorgehen, welche der hehren Aufgabe ihres Berufes stets gewachsen gewesen wäre»?-) Wo erhielt der heranwachsende Klerus seine wissenschaftliche, seine ascetische Ausbildung? Die Bursen an den Hochschulen waren längst vergessen, Seminarien im heutigen Sinne kannte man nicht; der jüngere Humanismus mit seiner Vorliebe für heidnische Lcbensauschannng war nicht der Nährboden eines sitten- reincn Klerus. Die Bischofsstühle, die Domkapitel waren Versorgnngsanstalten fürstlicher und adeliger Kinder und Herren geworden. Wer trug die Schuld an dieser unberechtigten, unkatholischen Exklusive? Vielleicht Rom? Schon durch die Landesordnnng Georgs des Reichen vom Jahre 1491 war im Herzogthum Bayern das landesherrliche Placet eingeführt worden: „ainich preves bullen oder anderes in unsern: Land on unserer willen und wizzen anzeschlagen oder zu verkünden" war verboten. Von der Bewegung, welcher der Augustinermönch Martin Luther seinen Namen lieh, erwartete das gewöhnliche Volk allseitige Besserung seiner Verhältnisse auf breitester demokratischer Grundlage: Abschaffung der Frohnden und Zehnten, allgemeines Jagd- und Fischereirecht, Anstellung der Pfarrer durch die Gemeinde. Hatte ja doch Luther selbst das Princip des allgemeinen Priester- thumes unter die Massen geworfen, spielte er doch bis 1525 mit Vorliebe den Anwalt der Unterdrückten. Wie das Volk diese demokratischen Anschauungen zu verarbeiten verstand, erhellt klar aus dem „Fürhalten des Dorfmeisters zu Wendelstein an den neuangchenden Pfarr- ') Vergl. Hösler, „Die Aera der Bastarden am Schlüsse des Mittelalters". Prag 1891. Daß übrigens „in allen Klöstern und Pfarreien der Oberpfalz das Concnbinat zu finden war", hat Lippert (S. 4) nicht erwiesen. Was die angebliche Aeußerung des Kardinals Campcggi 1524 über das Concubinenwcscn betrifft, so ist Slcidanus ein nicht einwandfreier Antor. Uebrigens konnte zum Jahre 1524 eine derartige Aeußerung Campeggi's weder in den lateinischen Commentarien (Ivan. Aoicloni Os statu rsliZiovis st rsipublioas Osrolo V Oasssrs donunentarli LlI)1>V, p. 88) noch in der deutschen Nebersetzung (Joh. Sleidani Warhafrige Beschreibung aller Händel so sich in Glauben Sachen und Weltlichen Regiment unter Karl V. zugetragen. Frankfurt a/.M. M. D. Lix (1559) Seite xlv) entdeckt werden. Die von Lippert benützte Ausgabe Frankfurt 1785 I 240 stand uns leider nicht zur Verfügung. Das Citat aus dem Tridentinnm konnte ich weder Lass. XXIV ean. 9, noch bei derselben Sitzung cls rekorinntions co.p. 8, noch Lsss. XXV äs rskorin. sap. 14 auffinden. *) In dem Gutachten der Geistlichkeit des Kapitels Neumarkt vom 16. Oktober 1524 wird bemerkt: Die Stadtgeiftlichen könnten gegen die Bürger, der Landklerus gegen Vögte und Pfleger eine Reihe von Beschwerden vorbringen: sie wollten indessen hicvon nichts weiter reden. (Past.-Blatt des Visth. Eichstätt 1870, 19.) Diese Gutachten beweisen außerdem, daß „die wissenschaftliche Unfähigkeit des Klerus nicht so groß war, wie der Am- berger Rath sagte, daß der katholische Klerus „keine fünf Emwohner" von der Liebe zu Luther abhalten konnte" (Lippert S. 3). Die Städte Amberg und Neumarkt standen unter dem Banne der Reichsstadt Nürnberg, deren Haupt- bestreben war. die bischöfliche Jurisdiktion abzuschütteln. Schrieb ja doch Pirkheimer: „Den Reichsstädten erscheint der Türken Joch leichter als jenes der Bischöfe". (Past.-Bl. 1869, 178.) ' Herrn" an: Mittwoch nach Gallt Anno 1524. (Niederer, Nachrichten znr Kirchen-, Gelehrten- und Büchergeschichte. Altdorf 1763, Bd. !I, 333-346.) Demgemäß soll der Pfarrer nur der Diener der Gemeinde sein: „nicht Du hast uns zu gebieten, sondern wir haben Dir zu gebieten, und deßhalb befehlen wir Dir, uns das lautere, klare Evangelium vorzusagen. Opfer, Seelgeräth fallen in Zukunft weg, das Widdum soll dein Pfarrer genügen. Hat derselbe Klagen gegen die Gemeinde, so soll er Niemanden nach Eichstätt citiren, sondern an die mark- gräslichc Herrschaft; ebenso wird es die Dorfgemeinde halten." Aehnliche Ideen spukten auch vielfach in den Köpfen der Oberpfälzer. Da war es nun vor allein Aufgabe der Bischöfe, ihre Hecrden zu belehren, ihre Geistlichen vor der Hinneigung zu dem Lnthcrthnm zu warnen. Aber die Fürsten traten hindernd und hemmend entgegen: sie befürchteten Abbruch an ihren landesherrlichen Gerechtsamen. So schreibt Lippert S. 18: „Als der Administrator des Bisthums Negensbnrg diese Beschlüsse des Konvents von Negensbnrg an alle seine Geistlichen hinansgeben wollte, erhielt der Bischof von der oberpfälzischen Regierung dazu mit Rechts?!) das pluoet nicht, und Friedrich befürwortete bei seinem Bruder deren Jnhibirnng." Unter solchen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, wenn die „positiven Resultate der Ncgensbnrger Reformation recht magere waren". Als der Bischof von Eichstätt, Moriz von Hütten, im Oktober 1548 den Klerus seiner Diöcese zu einer Synode znsammenberief, da fragten die Nenmarktcr Geistlichen am 14. November bei der Regierung an, ob sie dieser Einladung Folge leisten sollten. Die Regierung antwortete ganz lax, wie selbst Lippert (S. 40 A. 4) sagt: „Daß einer oder zwei Geistliche, das wir doch zu ihrem Gefallen stellen, die Synode besuchen und hören lassen, was daselbst gehandelt wird; wo alsdann ihr^s Gewissens etwas beschwert, würden Ellas Hanschild und Kaplan Georg Priesinger wohl Weg wissen." Ja die Regierung scheute sich nicht, in einer Erklärung vom 11. April 1539 (Lippert S. 29) den Bischof von Regensbnrg über die Neichnng der hl. Kommunion unter zweierlei Gestalt durch den Prediger Hügel in Amberg geradezu anzulügen — erst der Politik wurde Hügel seitens der weltlichen Gewalt geopfert! In Augsburg hatten die protestircnden Stände bei Ueberreichnng ihres Bekenntnisses 1530 an ein „gemein, frei, christlich Concilium" appellirt und gefordert, daß der Kaiser den Papst zur Abhaltung eines „solch Gcncral- concilinms" veranlassen möchte (Müller, die symbolischen Bücher S. 37); als endlich Paul III. am 2. Juni 1536 das Ausschreiben zu der allgemeinen Kirchenversammlnng, welche im Mai des kommenden Jahres zu Mantua zusammentreten sollte, ergehen ließ und auch zu den neu- glänbigcn Fürsten den Legaten Petrus van der Borst, Bischof von Acqui, mit Einladungsschreiben abschickte, da war es nach Lippert Seite 21 „den Protestanten Ehrensache, ein solches Concil nicht zu beschicken, und sie gaben die Hoffnung aus eine päpstliche Reformation auf". Worin diese Reformation bestehen sollte, erhellt unzweideutig aus den schmalkaldischen Artikeln, der Antwort Luthers und seiner theologischen Freunde auf die päpstliche Einladung zum Concil. Nicht um die Lehre, nicht um die neuen Dogmen war es den pro- testirenden Fürsten zu thun, sondern um die Oberhcrr» 328 schaft über die Kirchen ihres Landes. Wer soll oberster Richter in Glaubenssachen sein: der Papst oder die weltlichen Territorialherren? Das war der Kernpunkt der ganzen Bewegung. Um die Spaltung zu erhalten, erklärte man in Schmalkalden den Papst als den leibhaftigen Antichrist. „So wenig wir den Teufel selbs für einen Herr oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Bapst oder Endechrist, in seinem Regiment zum Haupt oder Herrn leiden. Denn Lügen und Mord, Leib und Seele zu verderben ewiglich, das ist sein bäpstlich Regiment eigentlich." (Pastor, Die kirchlichen Reunionsbestrebungen, S. 100.) (Fortsetzung folgt.) Wie ist das Osterfest zu verlegen? Von I. B. Ach atz. (Schluß.) Ein anderer Vorschlag sieht, wie vom Frühlingsvollmonde, so auch vom Frühlingsanfänge — gänzlich ab und geht dahin, daß Ostern am 2. Sonntag im April zu feiern fei. Darnach fiele Ostern stets in die Zeit vom 8. bis 14. April incl. Dieser Vorschlag ist in einer Hinsicht noch annehmbarer als der vorhergehende, weil er nämlich vom jüdisch-astronomischen System ganz absieht. In anderer Hinsicht ist aber mich dieser Vorschlag auf einer sehr willkürlich gewählten, völlig bedeutungslosen Grundlage aufgebaut. Durch diesen Modus würde nicht bloß das Osterfest, sondern das ganze Kirchenjahr eine Einbuße an seinem idealen Charakter erleiden. Aber gleichwohl verdienen die beiden vorerwähnten Vorschläge mit Rücksicht auf den angestrebten Zweck dennoch volle Anerkennung. Um jedoch eine befriedigende Lösung der Osterfrage herbeizuführen, sollte ein allenfallsiger Vorschlag nach Möglichkeit und-dem kirchlichen Charakter des Osterfestes entsprechend mehr im Kirchenjahre selbst als im bürgerlichen Jahre einen Stutzpunkt finden, damit so die sinnvolle Bedeutung des Kirchenjahres immer klarer zu Tage trete. Ich will es deßhalb versuchen, unter dem erwähnten Gesichtspunkte einen Vorschlag zu machen, der hauptsächlich das Kirchenjahr und die christliche Zeitrechnung zur Grundlage hat, und der deßhalb die christliche Idee der kirchlichen Festzeiten nicht unbedeutend heben dürfte. Sollte mit diesem Vorschlage auch weiter nichts erreicht sein, als daß er neue Gedanken und Gesichtspunkte für eine möglichst befriedigende Lösung der Osterfrage in Anregung gebracht habe, so ist er immerhin ein Beitrag zur Klärung der Sache. Zunächst sei also darauf hingewiesen, daß das Osterfest und der ganze bewegliche Osterfestkreis ein wesentlicher Bestandtheil des Kirchenjahres ist. Das Kirchenjahr ist aber seiner Bedeutung nach nichts anderes als eine Darstellung, Vergegenwärtignng, Erneuerung des Erlösnngswsrkcs, der ganzen Erlösnngsgeschichte. Jni Laufe des Kirchenjahres schauen und durchleben wir im Geiste und in der Erinnerung alle die verschiedenen Zeiten und denkwürdigen Ereignisse unserer Heilsgcschichte, angefangen von den ersten Menschen im Paradiese, die Verheißung und Ankunft des Erlösers (Advent), dessen Geburt und verborgenes Leben (Weihnachten), dessen öffentliches Wirken, Leiden und Sterben (Fastenzeit), seine Auferstehung und Himmelfahrt (Osterzeit), die Sendung des hl. Geistes, die Stiftung, Ausbreitung und Wirksamkeit der Kirche bis zum Ende der Zeiten (Pfingsten und Sonntage nach Pfingsten). Alle diese Zeiten und Ereignisse werden in der geschichtlichen Darstellung nach der allgemein üblichen christlichen Zeitrechnung bestimmt mit Rücksicht auf das Geburtsjahr des Welterlösers, indem angeben wird, im wievielten Jahre vor oder nach Christi Gebnrt sie stattgefunden. Die Geburt Christi bildet also gleichsam den Mittelpunkt, von dem aus alle geschichtlichen Ereignisse zeitlich fixirt und berechnet werden. Und dazu ist das Geburtsfest des Herrn durchaus geeignet. Denn einmal ist es ein feststehender, unveränderlicher, allgemein anerkannter Zeitpunkt, der 25. Dezember, der nicht von weitläufigen wissenschaftlichen, astronomischen Berechnungen abhängig ist. Ferner bildet das Geburtsfest Christi die Grundlage, gleichsam das Fundament, auf das alle übrigen Feste des ganzen Kirchenjahres gegründet sind. Die Advent sonnt age werden ohnehin schon mit Rücksicht auf das Weihnachtsfest gerechnet. Die Beweglichkeit des ersten Adventsonntages zeigt uns schon die Art und Weise der Beweglichkeit des Osterfestes und der übrigen beweglichen Feste. Eine weitere bedeutsame Folge wird die sein, daß der Weihn achtsfestkr eis und Osterfestkreis, die bisher in einem losen Verhältnisse zu einander standen, auch einen äußeren, harmonischen Zusammenhang erhalten. Gerade dieser Umstand zeigt uns auch den Weg, auf dein unser Vorschlag seinen eigentlichen Zweck erreicht. Indem wir nämlich das Osterfest nach dem Weihnachtsfeste bestimmen, müssen wir nicht bloß diese Festtage im Einzelnen ins Auge fassen, sondern vielmehr die ganze Festzeit, d. h. den Weihnachts- und Osterfestkreis je als ein einheitliches Ganzes, berücksichtigen. Die Nachfeier des Geburtsfestes Christi dauert 40 Tage; es schließt somit die Weihnachtszeit oder der Weihnachtsfestkreis ab mit dem 40. Tage nach Weihnachten, d. i. am 2. Februar, dem Feste Mariä Lichtmeß (kurifioat. L. dl. V. sau kraesantat. vooailli). Dies ist wieder ein ganz fixer, vom Ge- bnrtsseste des Herrn zeitlich abhängiger Tag, der überdies sowohl in kirchlicher als bürgerlicher Beziehung eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Der Lichtmeßtag bildet also den ganz bestimmten Abschluß des Weihnachtsfestkreises und mit Rücksicht auf sein Festgeheimniß (Aufopferung des Herrn im Tempel) zugleich den Uebergangspnnkt zum Osterfestkreis. Der Osterfest kreis, d. i. die Vorfeier zum Osterfeste, beginnt stets mit dem Sonntage Loxtua- Zasimas oder dem 9. Sonntage vor Ostern. Der Sonntag 8op>tua§68ima.6 ist nach den heutigen Verhältnissen denselben Schwankungen unterworfen, wie das Osterfest selbst. Derselbe kann vom 18. Januar bis 21. Februar einschl. auf 35 verschiedene Tage fallen, so daß der Anfang des Osterfestkreises einmal noch mit dem Weihnachtsfestkreise zusammenfallen, ein anderes Mal dagegen weit von demselben sich entfernen kann. Dieses lofe, nnzusammcnhängende Verhältniß der beiden großen Festkreise bildet gewissermaßen einen Mangel, eine Lücke im einheitlichen Charakter des Kirchenjahres, abgesehen von der unnatürlichen Occnrrenz des Weih- nachtsfcstkreises und der Septnagesimalzeit. Dieser Defekt wird aber auf sehr einfache Weise dadurch beseitigt, daß man an den Weihnachtsfestkreis stets den Osterfestkreis direkt anschließen läßt, indem man bestimmt, daß der Sonntag nach Lichtmeß jedesmal die Dominion LoxtunAeoinirrs sein solle. Durch diese Bestimmung würden nicht nur manche Unebenheiten beseitigt, sondern auch eine Menge positiver Vortheile erzielt. Namentlich wäre dadurch die Frage einer Beschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes in der allereinfachsten, natürlichsten, zweckmäßigsten und idealsten Weise gelöst. Durch diese Bestimmung wäre erreicht, daß LoptnaZosimas immer in die Zeit vom 3. bis 9. Februar incl. und somit Ostern, welches stets am 10. Sonntag nach Lichtmeß zu feiern wäre, in die Zeit vom 7. bis 13. April incl. fallen würde. Nur in einem Schaltjahr wäre auch der Fall denkbar, daß Ostern schon auf den 6. April treffe. Der eigentliche Hauptzweck, Ostern auf die erste Hälfte des April zu verlegen und in seiner Beweglichkeit angemessen einzuschränken, ist durch diesen Vorschlag vollends erreicht, und zwar hält die Mobilitätszeit vom 7. bis 13. April die Mitte zwischen den beiden obengenannten Vorschlägen. Jnsoferne aber auch die Ausgestaltung des Kirchenjahres und die Anwendung der christlichen Zeitrechnung in Betracht kommen, ist die Gcbnrtszeit Christi gewiß ein viel vorzüglicherer, würdigerer Ausgangspunkt für die Zeitbestimmung unserer kirchlichen Feste, als der jüdisch-astronomische Frühlingsanfang oder der in einem zweifelhaften Rufe stehende 1. April. Die naturalistische Auffassung des Osterfestes wird ganz entschieden zurückgedrängt durch das christliche Princip der neuen Festrechnung. Auf die einzelnen bc- merkenswerthen Vortheile, die eine Lösung der Oster- frage gemäß unserem Vorschlage zur Folge haben würde, wollen wir nicht weiter eingehen, sondern dieselben dem forschenden Blicke und der Beurtheilung der geehrten Leser überlassen. Nur auf eines sei noch kurz hingewiesen. Wenn manche Kreise die Befürchtung hegen, daß eine solche Neuerung unmöglich sei, weil sie eine große Umwälzung herbeiführen würde, so ist diese Befürchtung ganz und gar unbegründet. Denn was das bürgerliche Leben betrifft, so wird diese Neuerung allgemein als eine vor- theilhafte Reform gewünscht und begrüßt. In kirchlicher Beziehung bleibt so ziemlich alles beim alten. Es braucht deßhalb nicht ein einziges liturgisches Bück nothwendig abgeändert zu werden. Immerhin mag es ja wünschenswerth sein, daß bei Neuauflagen kleine Veränderungen vorgenommen und namentlich im Breviere die überflüssig gewordenen Feste aus den betreffenden Theilen weggelassen werden. Bezüglich der Einführung einer solchen Neuerung geht unsere Ansicht dahin, daß, insofern« die Ost er fei er in erster Linie eine kirchliche Angelegenheit und in zweiter Linie wohl auch für das bürgerliche Leben von Bedeutung ist, zunächst die kompetente kirchliche Behörde zur Berathung der Sache berufen ist, um mit den maßgebenden staatlichen Behörden eine Verständigung herbeizuführen. Eine Verständigung ist nothwendig, insoferne auch andere christliche Neli- gionsgesellschaften in Betracht kommen. Zur besseren Orientirnng lassen wir noch eine Tabelle oder übersichtliche Darstellung der beweglichen Feste folgen, wie sie die anf Grundlage des Geb u r t s- festes Christi reformirte christliche Festrechnnng bedingen würde. ladellg. kssstorum rnodillum rsesutior rsLorm^g.. 3. Fcbr. 16. Mai, 26. Mai 6. Juni. 7. April. 27. Nov. 1. Juni. Walther von der Vogelweide. (Fortsetzung.) fl. Lastn. Trotz der bitteren Erfahrung, daß die Welt den reichen Thoren dem armen Klugen vorzieht, strebt er weiter und höher; Walther wendet sich dem feineren Frauendienste zu mit dem schönen Liede Minne- gesangs Frühling und wächst sichtlich mit feiner Aufgabe. Voller und reicher ist dieses und die folgenden Dichtungen gegen vorher. Aber trotz des Glückes, das ihm die Minne bringt, fehlt es nicht an trüben Stunden; Lügner und Verleumder treten zwischen ihn und seine Herrin. Er faßt sich rcsignirt, und er will sich aufmachen und es anderwärts versuchen. Zuvor aber rechnet er in dem Gedicht „lest cvil nn teilen, e lest var" mit denen ab, welche ihm seinen Frühling verdorben haben: Nun will ich theilen, eh' ich zieh'. Mein fahrend Gut und festes Land, daß niemand streite, außer die, so ich als Erben hab' erkannt. Mein Unglück will ich jenen lassen, die gerne neiden, gerne hassen, dazu mein angebor'nes Leid; den Kummer soll der Lügner erben; der Liebe ungestümes Werben sei treulos Liebenden geweiht; Euch Frauen aber will ich schenken der Liebe schmerzliches Gedenken. Bis hierher reicht der erste Abschnitt in dem Sängerleben Walthers von der Vogclweidc. Es sind vielversprechende Anfänge, die die Jugendlust und -Kraft des Dichters ahnen lassen. Wenn man das Vorbild aus denselben noch herausahnt, so löst er sich doch sichtlich vom Zauber des Meisters und bricht mit jugendlichem Muthe sich Bahn. Aus dem Jüngling wird der Alaun,. 330 welcher sich mit festem Schritt in die Welt hinauswagt, um sein Leben zu erstreiten und den Platz sich zu erwerben, den das Können, das er in sich fühlt, ihm in der Ferne zeigt. Um welche Zeit Walthcr als fahrender Sänger vom Wiener Hof ausgezogen ist, wissen wir nicht. Auch die Umstände können wir bloß ahnen. Denkbar wäre es, daß Neinmar dazu beigetragen hat, zu welchem Walthcr in ein feindseliges Verhältniß getreten war. Man schließt dieses eins den Klagestrophcn, welche er dem in Palästina verstorbenen Herzog Leopold V. widmete. Als der erste unter den ritterlichen Dichtern treibt er jetzt das Gewerbe eines fahrenden Spielmanns durch die deutschen Lande und darüber hinaus mehr denn zwanzig Jahre. Die Flüsse Seine und Mnr (in Steiermark), Po und Trabe bezeichnet er als Grenzen, innerhalb deren er das Leben der Menschen beobachtet habe. Wir sind jedoch außer Stande, die ganzen Wanderungen des Dichters im einzelnen zu verfolgen; dazu reichen die mannigfachen An- haltspnnkte doch nicht aus, die uns durch seine Gedichte geboten werden. Die darin enthaltenen Andeutungen sind vielfach zn unbestimmt und für uns nicht mehr verständlich. Doch wie haben wir uns Walthcr als fahrenden Mann zn denken? Zn Pferd zog er als Ritter von einem Ort zum andern. Die Höfe adeliger Herren, der Grafen, Bischöfe und Fürsten waren die großen Stationen seines Zuges. Während er in den kleinen Herbergen, in Dörfern und Weilern, ein Gast war, der für Unterkunft und Zehrung bezahlte wie jeder andere, war für ihn an den Höfen nicht nur beides frei, sondern dem Sänger wurde nach kürzerem Aufenthalte ein Geschenk zn Theil, etwa Geld, Stoffe, Schmuck, ein Pferd. Gefiel seine Knust und auch seine Persönlichkeit dem Herrn, so behielt er ihn länger, nahm ihn vielleicht sogar unter seinen Hofstaat, in sein „Gesinde" auf. Wenn man dem Sänger und Edelmann auch im ganzen gewiß mit Achtung begegnete, so gab es doch ebenso gewiß auch Widerwärtigkeiten, welche ihm durch Concnrrenten und Streber bereitet wurden. Musik und Gesang, Vortrüge von Liedern, erwartete man von ihm. Sein Instrument führte der Sänger mit sich, entweder die Fiedel nebst Bogen, die, mit einem Tuch umhüllt, beim Reiten an den Sattel geschnallt oder wie der Sack eines heutigen Touristen über den Rücken gehängt wurde; vielleicht hatte er auch eine kleine Harfe, welche der Sänger auf das Knie stellte und gegen die Brust stemmte. Ort und Zeit des Vortrags war wohl Winters und Sommers verschieden: in einem der großen Bnrgzimmer nach dem Mahle oder des Abends, wenn das Feuer in dein mächtigen Kamin loderte. Während des Sommers aber bot der Banmgarten oder der Hof in der Burg, vielleicht auch eine der steinernen Lauben, wie sie sich am Oberstock alter Schlösser manchmal hinziehen, den passenden freien Raum. Waren die Hörer im Halbkreis versammelt, die vornehmsten auf erhöhten Sitzen in der Mitte, dann hub der Sänger an. Es läßt sich vermuthen, das; er zuerst ein Vorspiel auf seinem Instrument zum Besten gegeben haben wird. In welcher Art jedoch der eigentliche Vortrug der Lieder stattfand, darüber besitzen wir keine genaueren Mittheilungen, auch die überlieferten Bildwerke nützen uns nichts. Doch soviel ist wahrscheinlich: entweder begleitete der Sänger sein Lied selbst auf einer kleinen Knieharfe (liet blasen nennt das Ncidhart) oder er wurde von einem Genossen auf der Fiedel begleitet. Walthcr nennt einmal seinen Knappen Dietrich, der ihm wohl die nöthige Hilfe geleistet hat. Ulrich von Lichtcnstein und später der Graf Hugo von Montfort sangen auf dieselbe Weife mit Unterstützung eines Begleiters. Walther hat die Weifen zn seinen Liedern und Sprüchen selbst componirt, wie denn auch alle angesehenen ritterlichen Minnesänger vor und nach ihm gethan haben. Ja, Walther ist gerade seiner Melodien wegen berühmt gewesen. Gottfried von Straßburg widmet ihm gerade deßwegen hohes Lob; er preist die kunstvolle Harmonie und die anmnthigen Tongänge seines musikalischen Vortrages und erhebt ihn darum über alle Zeitgenossen. Reininar und Walther hatten nach Gottfrieds Zeugniß vor allein das Verdienst, den weltlichen Gesang künstlerisch ausgebildet zn haben. Manches Lied Walthers singt sich fast von selbst, man fühlt nicht bloß den Rhythmus, sondern auch die Intervalle der Melodie. Zn nicht weniger als 101 solcher Kompositionen sind uns die Texte erhalten, darunter umfangreiche und schwierige Nummern. Nur ein großes durchcomponirtes Stück ist dabei, der Leich, die übrigen haben bloß je eine Weise für mehrere Strophen. Außer seiner eigenen Poesie hat Walther sicherlich noch die Minnelieder anderer Herren, aber auch sonstige beliebte Stücke, z. B. die volkstümlichen Dichtungen aus der Heldensage, seinen Zuhörern vorgetragen. Auf seinen Sängerfahrten hat Walther von der Vogelweide die rechte Meisterschaft in dem höfischen Sauge gewonnen, wodurch er selbst znr Höhe emporgehoben wurde. Er zieht alle Register der Kunst, um die Liebe zu einer schönen vornehmen Frau zu besingen. Ich darf dir nur in's Antlitz schauen, so ist mir schon, als fälst fürwahr den Himmel selbst, den dunkelblauen, in Sommernächten rein und klar. Zwei Sterne, mir ein Gottessegen, sie lächeln mich so freundlich an — O Herrin, komme mir entgegen, daß ich mich darin spiegeln kann; und bin ich noch so alt und krank, ich werde jung durch deinen Dank! Und deine Wangen erst, o sprich, Gott selbst hat sie gemalt, mein Kind. so weiß und roth und miuniglich, wie Lilien und Rosen sind! Es ist doch, Herrin, keine Sünde, daß ich dich schöner als das Blau des Himmels und die Sterne finde? — Doch stille, Mund! Die beste Frau, sie sieht dich bald von oben an, denn zu viel Lob entehrt den Mann. Ein andermal singt er in tiefer Empfindung: O wie gut bist du und rein, meine Seele ist dir offen; o laß ab und schone mein, die du mich in s Herz getroffen! Lieb und lieber? Nein, du bist nur das Liebste, das ich kenne; wenn ich deinen Namen nenne, alles Leid verschwunden ist. Noch gehobener ist die Stimmung des Sängers in den vollklingenden Versen des Gedichtes: Wenn die Blumen aus dem Gras sich drängen, als ob sie lachten ge'n den Glanz der Sonne, im holden Mai und in der Morgenfrühe, da gleicht auf Erden nichts mehr dieser Wonne. Man glaubt sich schon im halben Himmelreich. Und dennoch sah ich einst, ich sage euch, was meinen Augen wohler noch gethan und noch thun würde, fälst iclsts wieder an. 331 ,Ihr zweifelt wohl? Nun denn, das ist ein Weib, ein junges, schönes, hochgebornes Weib: das mit dein Kranz im aufgcbnnd'ucn Haar, geschmückt mit festlich wallendem Gewand, voll Zucht einhergcht in der Frauen Schaar. Ein holdes Lächeln sitzt auf ihrem Munde, verstohlen blickt sie manchmal in die Runde und wirft in manches Herz der Liebe Brand. Wie uicter Sternen steht sie, eine Sonne — o armer Mai! wo bleibt da deine Wonne? All deine Blumen las; ich gerne steh'n und will nur sie in ihrer Schönheit seh'n. Ihr neigt das Haupt und lächelt? Nun wohlan! Mit Blüthen ist bestreut die grüne Bahn, und unter Nachtigallentönen zieht siegreich ein der königliche Mai. O blickt auf ihn, doch schaut auch auf die schönen und keuschen Frauen mit holden Wangen! Wem glüht da nicht die Seele vor Verlangen, und wer aus euch fühlt sich von Fesseln frei? Ihr heißt mich wählen: Frühling oder Frauen! Bei Gott, da gibt's kein überlanges Schauen: März müßt ihr sein, Herr Mai, der wolkenbleiche, bevor ich je von meiner Herrin weiche! Walther kann hier mit den besten Dichtern der Gegenwart um die Paline ringen. Er zeigt da die Verwegenheit des Dichters, der seiner Mittel und ihrer Wirkung vollkommen sicher ist; er fühlt sich seinem Publikum überlegen, er leitet zu dem Genusse, welchen er selbst vorbereitet hat. Das Kunstmittel, die Hörer persönlich in das Interesse zu ziehen, hat Walther allein ausgebildet. Es wäre uns ein Leichtes, noch eine große Anzahl Dichtungen unseres Meisters anzuführen, nm das vollauf zn bestätigen, was Willmanns in seine»; bedeutenden Werke über „Walther von der Nogelweide" (2. Auflage 1883) über den Stil des Dichters sagt: „Nicht weniger als durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes zeichnet Walthers Kunst sich durch einen erfrischenden Wechsel der Stimmung aus. Freude und Schmerz, ruhiger Ernst, treffender Spott, sittliche Entrüstung, streitbare Kampflust, kecker liebcrmuth, heiterer Scherz, frohes Behagen, Sehnsucht, Unwillen, Wehmnth und Humor: alle Stimmen des menschlichen Herzens klingen uns aus seinen; Liede entgegen, nud so rein und lieblich, so kräftig und ergreifend, daß man ihnen gerne lauscht. Der Reichthum des Stoffes und die Mannigfaltigkeit der Auffassung verbinden sich bei unserm Dichter mit einer Kunst der Darstellung, welche ihm, obschou er nicht überall auf derselben Höhe steht, unter allen Dichtern des Mittclalters den ersten Platz sichert. Die Aufgabe des vortragenden Künstlers, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zn fesseln und zu befriedigen, ist für den Säuger schwerer zu lösen als für den Erzähler. Und doch verfehlt Walthers Kunst nicht die Wirkung; sie ist lebendig für die Empfindung, klar für den Verstand, anschaulich für die Phantasie; sie erfreut in; einzelnen und im ganzen." Unter dem Zauber seines Wortes beleben sich die Abstraktionen, gewinnt das heimlichste Gefühl lebendigen und packenden Ausdruck. Allein auch der Dichter hatte von dieser Periode seines Schaffens einen großen Gewinn. Seine Erfahrungen wurden ein bleibender Gewinn für sein Leben; sie machten ihn ernster und tiefer, aber sie rüsteten ihn auch zu den Aufgaben, die seiner harrten und zu deren Lösung das deutsche Reich und Volk sein Leben und seine Kunst für sich forderten. Bis zum Ende seines Wiener Aufenthalts blieb Walther unberührt von den politischen Ereignissen/ wenn wir uns darüber auch klar sind, daß die große und herrliche Zeit Barbarossas und seines Nachfolgers einen tiefen Eindruck auf sein warmes Dichter herz hervorrief. Das änderte sich jäh, als Kaisci Heinrich VI., Barbarossa's harter Sohn, der „Haimnc der Erde", wie die Zeitgenosse!; ihn nannten, am 28 September 1197 zn Messina schnell dahinstarb. Mitten au? den kühnsten Plänen und weitgrcifcndstcn Entwürfen riß ihn der Tod. Mit eherner Faust hatte er Italien zu Boden gerungen, in Deutschland die Furcht als Hüterin von Gesetz und Recht aufgestellt, überall die Scheu vor dem kaiserlichen Namen erweckt und wach erhalten. Nun bemächtigte sich eine ungeheure Verwirrung aller Gemüther; der Machtbau Heinrichs brach sofort in sich zusammen; denn während das ungeheuere Reich mit seinen vielen widerstrebenden Elementen eines kräftigen Manncs- ariues bedurft hätte, hinterließ er als Thronerben ein dreijähriges Kind. Von einem Ncichsverweser wollten die Fürsten nichts wissen, und ein neuer König sollte gewählt werden. Die Fürsten vermochten sich nicht zn einigen. Gcgenkönige wurden gekürt, und wie eine schwere Gewitterwolke hingen die Greuel des Bürgerkrieges an dem finstern Horizont und über der schwülen Luft. Hie Wels! Hie Waiblingcn! hieß es. Die hohenstansische Partei wählte den Bruder Heinrichs VI., den Schwaben- herzog Philipp, während die Gegenpartei Otto von Braunschwcig zum König wählte. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nud Notizen. Sepp I., Ansiedelung kricgsgefangcncr Slaven oder Sklaven in Altbayern und ihre letzten Spuren. München, M. Poeßl. 1896. Gr. 8". 78 Seiten mit Bildniß. Preis 2 Mark. Wenn der Verfasser in seiner Vorrede den Nebcr- griffcn des lilerarischei; Panslavismns entgegentreten will, so scheint er beinahe im weiteren Verlauf seiner Darstellung selbst diesen Ansprüchen zn weit entgegen zu kommen bei der Aufspürung von Zwangsansiedlung der slavischen Nachbarn im Gebiete des bajuwarischen Volksstammes. Es darf bei einer Reihe von Ortsnamen die versuchte Herleitung aus den; Slavischen füglich bezweifelt werden. So insbesondere bei Scharnitz, das zwar ;n der Endung an slavischen Ursprung erinnern konnte, jedenfalls aber nicht mit dem slavischen tseborn^ — schwarz zusammenhängt, da wohl ein Umlaut in o, nicht aber in s. denkbar ist und ebensowenig ein Abschleifen des charakteristischen slavischen tseb in «ob. Ebenso dürfte es sich mit einer Reihe von Ortsnamen, insbesondere des Winingen an der Mosel, und der Ableitung der Flußbezeichnung Loisach verhalten. Damit soll indeß nicht gesagt sein, daß für die meisten der von; Verfasser mit wahrem Bienenfleiß« zusammengesuchten Ortsbezeichnungen nicht ein slavischer Zusammenhang bestehe und auf Beimengung anderer Volkseleuiente hinwerfe. Letztere tritt auch in einer Reihe von Familiennamen zn Tage und widerlegt damit, daß die fremde Beimischung aus- sterbe, ein Umstand, der nur vorgetäuscht wird durch Namensänderung, wie wir den gleichen Umstand zu Un- gunsten des Deutsche!; bei unseren slavischen Nachbarn ii; Polen und Böhmen sowie in Ungarn beobachten können, wo deutsche Namen durch slavische Endungen oder direkte Ucbersetzung ins Frcmdnationale ihren Träger stempeln. Dagegen berührt es angenehm, mit dein Verfasser den Spuren zu folgen, die die gewaltige Eypausivkraft des bäuerischen Volksstammes donauabwärts bekunden, wo in heißem Kampfe Schritt vor Schritt im Laufe der Jahrhunderte deutsche Kultur und Sprache verbreitet wurde, welch letztere jedoch leider an einzelnen Strecken daselbst zurückzuweichen beginnt. Allerdings ist auch der Beweis nicht erbracht von; Verfasser, daß um Verona u. s. w. deutsche Sprache allerorten im Volksmunde war, und dürfte es sich mehr um isolirte Sprachinseln und ,im übrigen um ein Verhältniß wie in den baltischen Ostsee- landen gehandelt haben, wo die herrschenden Klassen die Deutschen bildeten. Anders wäre ein so radikales Ver- 332 schwinden des Deutschen aus Jstrien, Kram und Trient nicht zn erklären. Auch kann man sich freuen, in dem Werkchen hervorgehoben zu sehen, welch großen Antheil an diesem Culturwerke unsere bayerischen Klöster hatten, die das mit den Waffen gewonnene Land erst der Cultur erschlossen, wenn gleich, wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, die Slaven durchaus nicht auf einer niederen Cultur standen. Insbesondere wird man auf Freising stolz sein, das seine Besitzungen in Oberkrain bis zur Säkularisation inne hatte und deutsches Wesen dort verbreitete, welches jetzt dort wieder ini Schwinden ist. So darf das Werkchen als interessante Studie bezeichnet werden, umso mehr in diesem Zeitpunkte, wo die bayerischdeutsche Ostmark erhebliche sprachliche Verluste erleidet. Möge sie als Weckruf dienen für die schlummernden Kräfte des Volksstammes! Dr. Gaill. Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Großen. Versuch einer Erneuerung der ^.uvalss Lee1ssia>8tiei des Baronius für die Jahre 378—395 von Gerhard Rauschen, Doctor der Theologie und Philosophie, Ober- und Rcligionslehrer am kgl. Gymnasium zu Bonn. gr. 8°. (XVllI u. 610 S.) Freibnrg, Herder, 1897. Preis 12 Mark. r. Ein großes Unternehmen ist es, das sich der Verfasser gestellt hat — nichts Geringeres strcbi er an, als eine kritische Neubearbeitung der kirchlichen Annalen des Baronius für die Jahre 373—395. In diese Jahre fällt die Regierung jenes Mannes, dem es beschieden war, das weltbewegende Ringen um Leben oder Tod, wie es das Christenthum mit täglich wachsendem Erfolge mit dem Heidenthum aufgenommen hatte, zu Gunsten des Christengottes dauernd zu beendigen, zugleich aber auch die junge Kirche durch Niederwerfung der die erhabensten Geheimnisse des Christenthums und damit dieses selbst gefährdenden Lehren der Arianer und Pneumato- mchchen innerlich zu stärken und zu kräftigen; diese Jahre umspannen zugleich die klassische Zeit der großen Kirchenväter, in welcher das kirchliche Leben so lebendig pulsirte und in einer Fülle von Synoden. Gesetzen und Schriftwerken seinen Ausdruck fand. Im Unterschied von Baronius und Tillemont ordnet Rauschen das Quellenmaterial wie die Forschungsergebnisse für jedes einzelne Jahr nach folgenden Gesichtspunkten: Kaiser, höhere römische Beamte, Religionsgesetze, Cultnrgesetze, Concilien, Kirchenväter, hervorragende Bischöfe und Mönche, Häretiker und Heiden. Hieran reihen sich nicht weniger als 26 Excurse über wichtige Fragen der christlichen Literatur-, Kirchen- und Prosangeschichte, endlich als Anhang zwei Untersuchungen über die schriftstellerische Thätigkeit des Ambr osius vor und nach der Regierungszeit des Theodosius I. und des Johannes Chry- sostomus vor seinem öffentlichen Auftreten als Prediger zu Antiochia. Das Buch ist mit voller Beherrschung des Quellenmaterials wie der einschlägigen Literatur, mit emsiger Sorgfalt und peinlicher Genauigkeit gearbeitet, bietet eine Fülle neuer Ergebnisse und Berichtigungen für die Kirchen- wie Reichsgeschichte und verdient vollauf das reichliche Lob, das ihm von berufenster Seite zu Theil wurde. Wir können dem Verfasser unsere ganz besondere Anerkennung nicht versagen, daß er trotz der vielen Arbeit, die das so Verantwortungsreiche Amt des Religionslehrers an einer Mittelschule auferlegt, noch Zeit, Lust und Kraft erübrigt hat, sich einer so mühevollen wissenschaftlichen Aufgabe zu unterziehen und sie so befriedigend zu lösen, und würden es freudigst begrüßen, wenn nicht bloß er selbst seine Forschungen fortsetzen, sondern mit seiner Thatkraft auch andere zu ähnlichem Eifer anregen und ermuntern könnte! Jos. Raph. Kröll, Jmmortellenkränze und Epheuranken. Grabreden». Allerseelenpredigten. Mit bischöflicher Genehmigung. Paderborn, Esser. I, 1895. II, 1896. 319 und 183 Seiten, zusammen 4 M. 80 Pfg. O Stadtpfarrer Kröll in Lanchheim, Diöcese Rotten- burg, gibt uns hier aus der reichen Fülle einer bald 40jährigen Seelsorge eine Sammlung von 91 Grabreden („Jmmortellenkränze" I. Bd.) und von 24Aller- scelenpredigten („Epheuranken" II. Band). Die 91 Grabreden sind in 4 Klassen eingetheilt. Es sind Trauer-Ansprachen über eine große religiöse Wahrheit oder über die Stände (Priester, Bauer, Handwerker, Arzt rc.) oder über die Zeit des Kirchenjahrs oder über den betreffenden Namenspatron. Hier kann jeder Homilet lernen, wie mau am Grabe mit Nutzen predigen kann und soll: der große Grundgedanke wirkt durch sich selbst, die speciellen Umstände des einzelnen Falles und die lobenswertheu Charakter-Eigenschaften des Verstorbenen werden kurz und sehr geschickt an passender Stelle ein- geflochten. Texte, Themata, Eintheilungen, klarer Ausbau und übersichtliche Durchführung — alles verdient Anerkennung, vor allem auch hier wieder die schöne, edle, volksthümliche Form, die liebliche Kraft und salbungsvolle Milde, welche über allen Predigten liegt. Am Grabe eines Selbstmörders, eines im Streite Getödteten, eines Verstockten zu reden, ist immer eine schwere Aufgabe. Wie man sie lösen soll, kann man von Kröll lernen. — Die 24 Allerseelen-Predigten sind ebenso zu loben, nach Inhalt und Form. „Todtenklagen, Todtentrost, Todtenleben", so betitelt der Verfasser selbst deren drei Klassen. Beispiele aus Kirchengeschichte und Legende sind wiederum reichlich am passenden Orte eingestreut nebst ergreifenden Erzählungen aus dem Leben. Das gibt den Predigten Krölls überhaupt einen eigenen Reiz und besonderen Werth. Wie beliebt sind nicht Erzählungen bei den Zuhörern in Stadt und Land! Das haftet oft tief und lange. — Zum Schluß möge der Wunsch ausgesprochen sein: Um schnell sich zu orientiren über das. was in einem mehrbändigen Predigtwerk sich findet, ist für den Seelsorgepriester ein alphabetisches Register unentbehrlich. Wie oft drängt die Zeit! Für eine Predigt oder zu' einer Leichenrede sollte man Tex,t und Thema haben. Wie froh ist man da, wenn man em Heftlein von 16 Druckseiten hat, in welchen: man durch einen einzigen Blick überschauen kann, welche und wie viele gute Vorbilder und welche erprobte Muster mau für den vorliegenden Fall in der um gutes Geld gekauften Predigtsammlung besitzt, und wo die oft in mehreren Bänden zerstreuten Themata über einen und denselben Gegenstand stehen. Oder man will schnell ein Beispiel, das man bei Kröll schon gelesen hat, wieder nachschlagen: wie schnell orientiren da Stichworte wie „Arche, Rosenkranz, Maria. Lichtmeß, Ostern" rc., während man sonst vielleicht vergebens alle einzelnen Bände durchblättert. Ein kurzes alphabetisches Register und eine Uebersicht aller Themata würde den Kanzelreden Krölls noch mehr Beliebtheit und leichte Verwendbarkeit verschaffen, als sie bisher schon besitzen. Haßl Guido, Kaplan: „Machen die Kirchenwände den Christen?" Ein Büchlein fürs Volk zur Lehr und Wehr. Dorn'schcr Verlag. Ravensbnrg. VIII, 105 Seiten. In ansprechender Dialogform behandelt obiges Schrift- chen mit seinem vielleicht nicht gerade glücklich gewählten Titel eine Frage, die umschrieben lautet: „Genügt die rein innere, die sogen. „Herzensreligion", oder muß sich die Religion auch sichtbar kundgeben in Wort und That, muß zur Religion auch eine Consession treten?" In seinen überaus logischen Ausführungen legt der Verfasser die Unhaltbarkeit und Verderblichkeit des Jndifferentismus, der modernen religösen Anschauungen dar. Auf höchst populäre Weise wird die Frage: „Was ist,Religion'?" beantwortet. Das trostlose Brld, das uns von der „rein innern, konfessionslosen Religion" entworfen wird, muß völlig als aus dem praktischen Leben entnommen erkannt werden. Der sattsam bekannte Ausspruch: „Religion ist Privatsache", wird auf Grund gut gewählter Citate aus demokratischen und socialdemokratischen Schriften als das gekennzeichnet, was er ist. Im letzten Kapitel wird der katholischen Männerwelt mit eindringlichen Worten das ans Herz gelegt, was in religiöser und politischer Hinsicht ihre Pflicht ist. Möge das vortreffliche Büchlein, das sich nach Inhalt und Ausstattung (Preis 35 Pfg.) den Werken des bekannten Volksschriftstellers Dekans Wetzel würdig anreiht, die verdiente Beachtung und entsprechende Verbreitung finden! v. Fugger. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Zum hundertjährigen Todestage des Or.Benedikt Stattler. Ein Gcdenkblatt von Pros. vr. Silbernaal. . (Schluß.) Während des Druckes der erwähnten Schrift kam ihm der siebente Band der Reisebeschreibung des Buchhändlers Nikolai von Berlin in die Hand, worin die Protestanten gewarnt werden, sich von der jetzigen Toleranz der Jesuiten, wie eines Sailer oder Stattler, nicht täuschen zu lassen. Sogleich schrieb Stattler an denselben einen Nachtrag zu seinem wahren Jerusalem, in welchem er sagte, daß er den ganzen Inbegriff seiner hier weitläufig geäußerten Toleranz schon in seiner Demonstrativ oarliolioa ausgekramt habe. und im Z 78 seiner Dom tkooloZioi den Satz drucken ließ, daß auch gelehrte Protestanten unschuldig irren und folglich auch noch mit ihm in den Himmel kommen könnten. Schließlich bemerkt Stattler: Die Zerstreuung hat den Jesuiten sonder allem Zweifel mehr von Wcltkcnntniß beigebracht, hat sie mehr zum Selbstdcnken angeregt,' hat sie in näheren Umgang und Bekanntschaft mit manchen rechtschaffenen und liebenswürdigen protestantischen Gelehrten gebracht, und ganz gewiß würden die künftigen Jesuiten in vielen Stücken mäßiger denken und handeln, wenn sie wieder vereinigt würden, als es die vorigen gethan haben, während Nikolai meinte, daß sie im Sinne hätten, nach nnd nach Weltbeherrscher zu werden. Da die Kant'sche Philosophie bei vielen katholischen Gelehrten und Geistlichen Anklang fand, so verfaßte Stattler im Jahre 1788 einen Anti-Kant in drei Bänden, in welchen er alle Theile der Kant'schen Kritik der Vcr- nnnft der Ordnung nach widerlegt und zugleich einen kurzen Entwurf einer wirklich allgemeinen Metaphysik und eine Skizze seiner Logik gibt, nnd in einem Anhange zu diesem Werke, der auch als eigener Band erschien, beschäftigte sich Stattler mit einer Widerlegung der Kant'schen Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, weil dieselbe ebeiiso eine Umwnhlnng aller Gründe einer statthaften und kraftvollen Moral sei, wie dessen Kritik der Vernunft eine Zerstörung aller Logik, Metaphysik und Religion. Stattler legte hierauf seine Pfarrer nieder und begab sich nach München, wo er Mitglied des geistlichen Raths- und des Censnr-Colleginms mit einem Salär von 300 fl. wurde. Durch seinen Anti-Kant aber ward er in eine heftige literarische Fehde verwickelt. D. Matern Reuß, Professor der Logik, Metaphysik und praktischen Philosophie zu Würzbnrg, der die Hanpttheile des Systems von Kant's Kritik der Vernunft lateinisch unter dem Titel nDoZioa, umvorsalis et Lnal^kioa, kaoultsckis coZnosoonäi xurns" herausgab, warf dem Anti-Kant vor, daß er den großen Kant nicht verstehen könne. Stattler schrieb im Jahre 1791 gegen ihn einen kurzen Entwurf der unausstehlichen Ungereimtheiten der Kant'schen Philosophie sammt dem Seichtdenkcn so mancher gutmüthigen Hochschätzer derselben. In einer kleinen Schrift unter dem Titel „Der Anti-Kant im Kurzen" widerlegte Stattler die vom kgl. Hofprediger und Professor der Mathematik zu Königsberg, Johann Schulz, im ersten Theile seiner Prüfung vertheidigten entscheidenden Hauptsätze der Kant'schen Kritik der reinen Vernunft. Gegen zwei Schriften: 1) Abhandlung über die Unmöglichkeit eines Beweises vom Dasein Gottes aus bloßer Vernunft (Nürnberg 1791) und 2) Versuch, die harten Urtheile über die Kant'sche Philosophie zu mildern durch Darstellung des Grundrisses derselben mit Kant'scher Terminologie, ihrer Geschichte, der verfänglichen Einwendungen, dagegen sammt ihren Auflösungen und vornehmsten Lehrsätze derselben ohne Kant's Schnlsprache von Joseph Weber, Professor der Philosophie an der Universität zu Dillingen, schrieb Stattler zur Widerlegung: Meine noch immer feste Ueberzeugung von dem vollen Ungrunde der Kant'schen Philosophie nnd von dem aus ihrer Aufnahme in christliche Schulen unfehlbar entstehenden äußersten Schaden für Moral nnd Religion gegen zwei neue Vertheidiger ihrer Gründlichkeit und Unschuld. Stattler war ein unversöhnlicher Gegner der Kant'schen Philosophie. Er bewirkte als Ccnsurrath ein geheimes Verbot an die Buchhändler in München die Kant'schen Schriften zu verlegen und zu verkaufen und hielt sogar die Approbation der zweiten Auslage von Sailer's Vernunft-lehre für Menschen, wie sie sind, ein ganzes Jahr zurück, weil er darin Kant'sche Ideen witterte. Auch andere Themata, welche in der Literatur damals behandelt wurden, ließ Stattler nicht aus den Augen. So verfaßte er im Jahre 1791 einen Plan zn der allein möglichen Vereinigung im Glauben der Protestanten mit der katholischen Kirche und den Grenzen dieser Möglichkeit, worin er unverhohlen die in der katholischen Kirche bestehenden Mängel aufdeckt nnd sich insbesondere mit dem Benediktiner-Pater Beda Mayr zu hl. Kreuz in Donanwörth beschäftigt, welcher in seinem dritten Theile der Vertheidigung der natürlichen, christlichen nnd katholischen Religion einen neuen Vorschlag zur Vereinigung der Protestanten mit der katholischen Kirche gemacht hatte. Hier spricht sich Stattler bezüglich des Cölibates gegen ?. Beda dahin aus, daß es in der katholischen Kirche nie zur Aufhebung des Cölibates, sondern viel eher dazu kommen werde, den ganzen Seelsorgsklerns in einen regulären Körper wieder zu versammeln und zur ganzen evangelischen Vollkommenheit zn verbinden, weil nur auf diese Weise für das Seelenheil genügend gesorgt werden könne. Denn nur zwei Orden billigt Stattler, einen der regulären mit der Seelsorge und Schule bcladencn Priester und einen für die religiösen Laien, welche die Handarbeit nach Gebrauch der ersten Mönche, zum Theil aber auch die deutschen Schulen sammt dein Kirchendicnste wieder ergreifen. Unauflösliche Gelübde sollen nirgends vor einem schon ziemlich reifen Alter abgelegt werden. Stattler wollte also die katholische Kirche ähnlich wie die Gesellschaft Jesu organisiren?) Im August 1792 übergab Stattler zwei vom bischöft lichen Ordinariate Eichstätt approbirte Vcrtheidignngs- schriften Wider die Angriffe, die seine Demonstrativ ca- tftolioa. erfahren hatte, dem Nuntius in München mit der Bitte, sie nach Rom zu schicken, wo im Jahre 1791 auch sein Gegner, der Benediktiner-Pater Wolfgang Ausführlich hierüber handelte er in einer von ihm anonym zu Ulm im Jahre 1791 herausgegebenen Schrift „Wahre und allein hinreichende Reformationsart des katholischen gesummten Priesterstandes nach der ursprünglichen Idee seines göttlichen Stifters von einem thätigen Freunde der reinen Wahrheit und des allgemeinen Besten." Frölich, angekommen war. Das gab nun Veranlassung, die Verhandlungen über die bereits von der Jndex-Con- gregation censurirte Dginvnstrntiv ontbolioa wieder aufzunehmen, zumal auch der Gönner Stattlers, Fürstbischof Naymund Anton von Strcffold, gestorben war. Im Februar 1793 wurde nun dem Stattlcr durch den Sekretär des apostolischen Nuntius mündlich mitgetheilt, daß seine Verurteilung zu Atom vorbereitet und vom Papste bestätigt sei, wenn er nicht durch Widerruf zuvorkommen wolle, worauf Stattlcr erwiderte, daß, solange zu Nom so verkehrt mit ihm verfahren würde, er nichts widerrufen werde. Der Sekretär entgcgncte, daß Stattlcr voni Nuntius werde gerufen werden, wenn derselbe vom Podagra genesen. Da aber mehrere Wochen vergingen, ohne daß eine Berufung stattfand, so begab sich Stattlcr selbst zum Nuntius und übergab dem Sekretär desselben ein offenes Schreiben an den Papst und eines an die Jndcx-Eoiigrcgcitiou. Im ersteren versprach er, sich mit innerer Zustimmung dem Urtheile des Papstes zu unterwerfen, wenn dieser irgend eine seiner Lehre entgegengesetzte Thesis zum Dogma erkläre, im andern beschwert er sich über die Art und Weise, wie mit ihm verfahren werde. Ende Dezember schickte der erste Minister des kurfürstlichen Hofes einen Abgesandten zu Stattlcr, der ihm bedeuten sollte, daß ihm zu Nom eine Verurtheilnng wegen mehrerer Häresien bevorstehe und die Sentenz baldigst pnblicirt werde, infolge dessen der Kurfürst genöthigt würde, ihn mit Infamie aus dem geistlichen Rathe und dem Ccnsnr-Colleginm zu entfernen, man möchte ihm darum rathen, um die Entlassung aus beiden Stellen zu bitten. Diesem Winke folgte Stattlcr sogleich, aber die römische Sentenz erwartete er fast drei Monate. Von diesem Vorfalle gab er auch dem jetzigen Bischöfe von Eichsiätt, Grafen Joseph von Stnbenberg, sowie seinem Ordinarius, dem Bischöfe von Freising, Nachricht. Der Erstere schrieb sofort an den apostolischen Nuntius, er möchte die Verkündigung des Urtheils über das von seinem Vorgänger apprvbirte Buch verschieben, bis eine neue Entscheidung von Rom gekommen wäre, und richtete einen langen Brief über diese Sache nach Nom. Auch der Bischof von Freising schickte eine von einem Schüler Stattlers verfaßte Apologie an den päpstlichen Stuhl. Stattlcr selbst richtete am 11. Jänner 1795 eine weitläufige Apologie an den Papst, worin er seine wissenschaftliche Thätigkeit besonders hervorhebt, sich auch gegen die Vorwürfe, welche ihm bezüglich einiger theologischen Lehren gemacht werden, vertheidigt und um die Gunst bittet, welche Papst Benedikt XIV. in der Bulle cita, no xroviäa," den Schriftstellern von Ruf gewährt hat. Am 18. März 1795 schickte Stattlcr eine ausführliche Erklärung über zwei Behauptungen, welche, wie er meinte, zunächst die römische Censur seines Buches hervorgerufen haben, an die Jndex-Congregation. Er schrieb nämlich dem Papste keine unmittelbare Jurisdiktion über die Untergebenen der Bischöfe zu und verlangte für die päpstlichen Gesetze, die bloß zum Nutzen und nicht zum Seelenheils abzielen, den Consens der Bischöfe. Diese beiden Behauptungen suchte er als mit dem Evangelium und der Tradition übereinstimmend darzulegen. Auf das Schreiben, welches der Bischof von Eichstätt am 1. April wegen der Publication des gegen Stattlcr erlassenen Dekretes an den Papst gerichtet hatte, antwortete dieser dem Bischöfe am 9. Mai 1795» daß das Dekret nicht eher veröffentlicht werden sollte, als bis, er das päpstliche Schreiben erhalten, woraus er das Verlangen des Papstes ersehe. Diesem Schreiben seien einige Blätter beigefügt, welche mehrere aus dem Buche „vs- inoiwtrntici cmtüolioa." ausgezogene Sätze enthalten, die Stattlcr einfach widerrufen solle. Was die andern der Prüfung unterstellten Werke des Verfassers, die loci tüsoloZioi, DüooloZia, cüristiana, tlisorstion und spistoln Mi-aenötioa, an Dr. Bahrdt betreffe, so sei dieselbe noch nicht beendigt, und wenn darin der gesunden Lehre widersprechende Sätze enthalten feien, so werden sie gleichfalls dem Bischöfe zugeschickt werden, damit sie Stattlcr widerrufe. Daraus möge der Bischof ersehen, in welcher Achtung er bei ihm stehe. Der Bischof theilte hierauf dem Stattlcr die beigelegten Sätze mit und dieser suchte nun in einer langen Erklärung vom 7. Juni dieselben zu vertheidigen und nahm nur weniges zurück. Stattlers Erklärungen schickte der Bischof am 11. Juli an den Papst, welchen sie nicht befriedigen konnten, und so schrieb Papst Pins VI. am 23. Jänner 1796 dem Bischof, daß, wenn Stattlcr nicht innerhalb drei Monate sein Buch ganz und absolut verwerfe,das Dekret pnblicirt werden solle. Der Bischof möge ja nicht fürchten, daß ihn oder seinen Vorgänger deßhalb ein Vorwurf treffe, da es hinlänglich bekannt sei, daß das, was hier verworfen werde, aus ihrer Duelle nicht geflossen. Dieses Schreiben des Papstes wurde dem Stattlcr voni Bischöfe am 21. Februar mitgetheilt und Stattlcr richtete am 25. März ein ausführliches Schreiben an den Papst, worin er sich besonders über die beiden Behauptungen, daß der Papst eine ordentliche unmittelbare Jnrisdiction über die den Bischöfen unterworfenen Gläubigen nicht ausüben könne, und daß die mit dem bischöflichen Amte verbundene Jnrisdiction die Bischöfe unmittelbar von Gott selber haben und nicht erst vom Papste erhalten, verbreitete. Und nun, sagt Stattlcr, soll er ein Werk, das in 2000 Exemplaren abgesetzt und zweimal schon in Compcndienforin von einem ausgezeichneten Theologen herausgegeben wurde, das von vielen Theologen, Professoren und Lektoren in den Schulen gebraucht werde, das von tüchtigen bischöflichen Censoren approbirt wurde, worin mit Ausnahme eines Franziskaners und Benediktiners andere deutsche Theologen nichts irrtümliches gefunden haben, einfach und absolut verwerfen/) Dazu konnte sich Sattler nicht entschließen. Schon am Schlüsse der beigelegten Sätze hieß es: Unzählbar beinahe sind die Sätze, welche in diesem Buche der Censur würdig sind. Das ganze Werk hinkt an jedem Fuße, so daß nacht nur einige Säge, sondern das ganze System des Widerrufes bedarf. Es ist merkwürdig, wie sich Stattlcr in den allerdings etwas gemäßigten Gallikanismns hineingearbeitet hatte. Seine Demonstrativ eatboliea sollte noch eine dritte Abtheilung erhalten, welche aber das Imprimatur nicht erhielt. Sie ist handschriftlich einem Eremplar der von Sailer in Compendiensorm 1777 herausgegebenen Demonstrativ svanAsIiea an der Münchner Universitätsbibliothek beigefügt. Diese Lootio III handelt: Ds ax- tissimo nexn sveistatis soelssiatieas ebristianas onm soeistats vivili st statu politiov. Stattlcr statuirt hier eine wesentliche Differenz zwischen der kirchlichen und weltlichen Gewalt, beschränkt die erstere nur auf das Spirituelle, und erklärt die weltliche Gewalt in ihrer Sphäre für ganz unabhängig von der kirchlichen. Er behauptet, durch kein Kirchengesetz kann der weltliche Fürst gehindert werden, das anzuordnen oder zu verbieten, was er für die Bürger seines Staates für heilsam oder schädlich hält. Da die Ehe auch eine staatliche Institution ist, so schreibt Stattlcr auch der weltlichen Gewalt das Recht 335 und so wurde das Dekret vom 10. Juli 1780 in das Jndexdekret vom 11. Jänner 1796, worin noch vier Werke von anderen Autoren verworfen wurden, aufgenommen, dasselbe am 29. April vom Papste bestätigt und am 23. Mai in Nom pnblicirt. Durch ein Dekret vom 10. Juli 1797 wurden dann die I^ool tkieologioi, die ItiooloZta, ehristinvo, ttmorstiou und die erwähnte Lxistokn xarasnotioa Stattlers und zugleich die authentischen Aktenstücke wegen dem zu Nom theils betriebenen, theils abzuwenden getrachtcten Verdammnngs- urtheil über das Stattler'sche Buch Oarnoimtrntio err- tüoltoa, die Stattler anonym 1796 im Drucke herausgab, auf den Index gesetzt. Einem weiteren Vorgehen gegen Stattler bezüglich der Unterwerfung unter die Entscheidungen der Jndexcongrcgation machte der bald darauf in Folge eines Schlagflnsses eingetretene Tod Stattlers ein Ende. Lippert — ein Anti-Jansscu. (Fortsetzung.) L. II. Eine merkwürdige Erklärung gibt Lippert S. 20 für das Erscheinen der Wiedertäufer, welche 1533 bis 1535 vereinzelt in der OLerpfalz sich zeigten: „Ihr Entstehen war bei der ganz verknöchert gewordenen römischen Kirche in falschem Subjektivismus zu suchen, sowie im Widerwillen gegen den verdorbenen Klerus." Männer, welche mitten in der religiösen Bewegung ihrer Zeit gestanden haben, wie Professor Fr. Naphylus, sind der Anschauung gewesen, die Wiedertäufer seien aus Luthers Lehre hervorgegangen; denn Luther hatte ja behauptet, es sei besser, daß man die Taufe an jungen Kindern unterlasse, denn daß man sie ohne ihren Glauben taufe. (Vcrgl. Näß, Die Konvertiten I, 355.) Wie konnte denn Luther aus der hl. Schrift allein die Kindertanfe und deren Nothwendigkeit erhärten? Er stützte sich hier auf die Tradition, die er sonst verwarf. Thomas Münzer hatte die Conseqncnz auf seiner Seite, wenn er nur Erwachsene taufte. Im Jahre 1538 baten die acht Bezirksstädte Am- bcrg, Ncnmarkt, Chain, Weiden, Nabbnrg, Nennbnrg, Anerbach und Kemnath den Kurfürsten Ludwig V., der selbst katholisch blieb, um Aufstellung lutherischer Prediger und der Fürst gab unter gewissen Verwahrungen seine Zustimmung. Der 8. Oktober 1538 wird von Lippert S. 23 als der Geburtstag der evangelischen Reformation der Obcrpfalz gefeiert, indem nach der Resignation des katholischen Pfarrers Joh. Mvdler Wolfgang Straßcr als erster evangelischer Pfarrer an der unteren Gemeinde in Amberg aufgestellt wurde. Doch in Amberg lebte auch noch der „streng katholisch gebliebene Franziskancrguardian Koch und der katholische Pfarrer Helbling, welcher seine Rechte gegenüber dem neuernngssüchtigen Rathe der Stadt vertheidigte, bis er 1553 starb. (Lippert S. 42.) Zu einer völlig evangelischen Kirchenordnnng konnten die Amberger und Obcrpfälzcr erst unter Ottheinrich übergehen. Dieser Fürst, nach Lippert S. 43 „der Liebling des Volkes", erließ am 16. April 1556 ein Mandat „zur Abstellung des Papstthums nach heiliger Schrift und Angsburger Confession und führte damit erst die volle Reformation in der Obcrpfalz ein". (Lippert S. 43.) Zur Charakterzeichnung Ottheinrichs sei nach den Annalen des Priors zu, trennende Ehehindernisse zu statuiren, wie er denn überhaupt bei dem Verhältnisse zwischen Kirche und Staat ganz dem GMkaner Fleury folgt. Kilicm Leib von Nebdorf bemerkt, daß er in Folge seiner Bauten und seiner Verschwendung (um nichts schlimmeres zn sagen) eine Schuldenlast von einer Million Gulden seinem Ländchen an der Donau aufgeladen hatte. Den Nürnbergern verpfändete er die Aemter Hilpoltstein, Heideck und Allersücrg, welche 1542 in die neuen Besitzungen lutherische Prediger schickten; den Augsbnrgern verkaufte er seine Geschütze; schließlich verschacherte er auf Anrathen seines Finanzministcrs Gabriel Arnold aus Rain seinen und seiner Unterthanen Glauben, um sich aus aufgehobenen Klöstern seiner Schulden zu erwehren. (Döllinger, Beiträge znr politischen, kirchlichen und Cultur- geschichte der letzten sechs Jahrhunderte II, 608, 609. Winter, Geschichte der Schicksale der evangelischen Lehre in und durch Bayern II, 107.) Wie angesichts des gewaltsamen Vorgehens Ott- heinrichs Lippert S. 60 sagen kann: „Der gediegenen Predigt allein hatte die Reformation den Siegcszng zn verdanken; sie hatte keine andere (?!) Gewalt als die der Ueberzeugung durch die Predigt" ist historisch unbegreiflich?) Warum sind denn die katholischen Pfarrer, wenn auch mit Pension, wie Lippert S. 44 angibt, abgeschafft worden? Warum sind die Klöster eingezogen worden? Uebrigcns dauerte Ottheinrichs Herrschaft in der Ober- pfalz nur bis zum Jahre 1559. Ihm folgte Friedrich III. (1559 — 1576), welcher katholisch erzogen worden war, auf Betreiben seiner Gemahlin Maria, einer Tochter des Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Knlmbach znr lutherischen Lehre übergetreten war, bis sie schließlich beide 1557 den Calvinismus annahmen. Nicht ohne Interesse liest man bei Lippert S. 84 den Unterschied zwischen Calvinismus und Lnthcrthum. „Der Romane dringt mit unerbittlicher Dialektik in die Dinge ein, der Deutsche betrachtet sie mit Verstand, Gemüth und Gewissen. . . . Calvins „iimtitutionas" sind die logischste Dogmatik; der Heidelberger Katechismus ist ein Denk- werk, das die halbe protestantische Welt erobert... Mochte der Nhcinpfälzer, dem Romanen mehr nahe und verwandt, sich immerhin eine calvinische Reformation gefallen lassen, der Oberpfälzer, ein Gebirgsländer, sah in dem sinnigen Luther seinen Mann und blieb bis zum Untergänge der evangelischen Kirche der Oberpfalz bis in die Knochen lutherisch, wenn auch vier Kurfürsten an ihm leider Gottes ihren doktrinären Calvinismus versuchten." Friedrich III. handelte nach demselben Grundsätze, als er die Lehre Calvins einführte, den Ottheinrich befolgt hatte, als er den katholischen Gottesdienst abschaffte: Wessen das Land, dessen die Religion. Aber Lippert mißt beide nach einem verschiedenen Maßstabe: für Ott- heinrichs Vorgehen hat er kein Wort des Tadels, dagegen erscheint ihm Friedrich III. „als Fürst über dem beschränkten Untcrthancnverstand" (S. 85), „als Absott Vergl. die Angaben der Klosterfrauen von Bergen bei Neuburg, denen Ottheinrich durch den Hofprediger Adam Bartlme, Meister Matches Vetter, Dechant zn Neuburg, Christoph Arnold, obersten Secretari, solange zusetzen ließ, bis 25 es vorgezogen, ihr friedliches Heim zu verlassen, um Unterkunft in Mariastein zu suchen. Bei ihrem Abzüge gab man denen, welche 3—400 sl. eingebracht hatten, 30 oder 20 sl., etlicher: gar nichts, nur die Aebtissin Eupheinia Pirkheimer erhielt 1200 sl. (wob! wegen ihrer Beziehung zn Nürnberg) Past.-Äl. 1860. 125 ff. Den Klosterfrauen in Gnadenberg, welche ihres Gewissens halber das Kloster verlassen wollten, wurden nur 15 fl. und ihr Gerüche ausgeworfen: 30. April 1553 (Binder, Gesch. der bayer. Brigittenklöster S. 99). 336 Intist, der in Neligionssachcn allein zu befehlen hätte" (S. 87, 122) als „eigensinniger Fürst" (S. 116). „Im Jahre 1574 erfvlgte die längst verlangte Gcncralvisitation. Sie war aber weniger eine Kirchen- visitation als ein Mittel zur Einführung detz Calvinismus" (Lippcrt S. 115). Nur in Anibcrg, Nabbnrg und Weisscnohe gelangte die neue Kirchenorduung zur Einführung. In den Adelspfarreicn, 35 an der Zahl, dem Gebiete der Königin Dorothea und dem Gemcinschafts- gebiete Parkstcin konnte die Visitation nicht ausgeführt werden. Von den Adelspfarreien waren viele noch ganz katholisch. (Lippcrt S. 72.)^) Friedrich III. starb am 26. Oktober 1576, „ohne jemals die Herzen und die Freiheit seines oberpfälzischen Volkes verstanden zu haben". (S. 122.) Ihm folgte sein lutherisch gesinnter Sohn Ludwig VI. (1576—1583). „Unter ihm, sagt Lippcrt (S. 123), durfte die geängstete lutherische Volksseele wieder froh aufathmen; unter ihm war die schönste Periode der evangelischen Oberpfalz: — deutsch und lutherisch sein, war Ludwig VI. und seinen Oberpfälzern ein und dasselbe." Freilich nach Lippcrt war auch unter dem calvinischen Rcgimente „das Volk sammt seinen Pfarrern ,crzlntherisckst geblieben, es hielt Zwinglianismns und Calvinismus nur für eine Sek- tircrci und Ketzerei, von der man sich fern zu halten hätte." (S. 123.) Für den Historiker dürfte es doch sehr schwer zn bestimmen fein, in wie weit der Calvinismus Friedrichs III. bloß an der Oberfläche haftete. Ludwig VI. starb am 12. Oktober 1583; sein Nachfolger Casimir „durfte leider nur allzusehr nach dem Grundsätze handeln: cuiju3 rsgicg osns roligio. Trotzdem er, wie sein Vater, Friedrich III., die Gewissensfreiheit betonte, ward er ein Gewisseustyrann und ging rücksichtslos vor". (S. 142.) „Die Pfarrstellen wurden mit calvinischen oder möglichst abgeschwächt lutherischen Geistlichen hcsetzt, was aber durchaus nicht zur Folge hatte, daß das Volk auch nur irgendwie calvinisch geworden wäre." (S. 156.) Einen Beweis für diese Behauptung bringt Lippcrt nicht bei; das Volk mußte ja bei dem fortwährenden Wechsel jegliche positive Ueberzeugung verlieren; der Jndiffcrcntismns war Wohl die naturgemäße Folge solcher Gewisscnskucchtuug seitens der Fürsten. Auch unter Friedrich IV., welcher 1592 selbst- ständig die Regierung übernahm, dauerte die Besetzung der Stellen mit Calvinistcn fort; ein lutherisches Kirchen- rcgiment ward nicht gewährt, indem es Pflicht der Unterthanen sei, in der Religion der Obrigkeit zu folgen. (Lippcrt S. 174.) War dem Volke das lutherische Regiment genommen, sagt Lippcrt S. 185, so hielt es doch fest an der lutherischen Lehre; mit den ZZ 10 und 12 des Nenmarkter Landtagsabschiedcs von: 12. März 1598 ließ sich immer noch durchkommen, und machten faktisch viele Geistliche noch vor dem calvinischen Kirchcnrath ein lutherisches Examen, wenn auch mit Zurückhaltung betreffs der Ubiqnität. Wenn Lippcrt glaubt, hiemit für das Lnthcrthnm eine ruhmreiche Eroberung gemacht zu haben, so wollen D 1669 war,zn Salzburg den Bischöfen befohlen worden, jährlich die Diöccsen zn visitiren; 1573 mußte der Bischof von Regensbnrg constatiren, daß noch keine einzige Visitation gehalten worden fei. So gibt Lippcrt S. 66 an; S. 224 Anm. 3 berichtet er jedoch, daß schon 1558 eine katholische Visitation im Regensburgischen vorgenommen worden sei. wir die Freude an den halb calvinischen, halb lutherischen Predigern nicht rauben. Friedrich V. war erst 14 Jahre alt, als sein Vater 1610 starb. Ueber die Vormundschaft stritten sich der „gut calvinische" Johann II. von Zweibrücken und der „streng lutherische" Philipp Ludwig von Neuburg. Der Streit vor den Gerichten zog sich bis über vier Jahre, bis über die Volljährigkeit Friedrichs V. hinaus, und di» gequälte Oberpfalz war „um ihre gut lutherische Hoffnung durch die miserable Rechtspflege jener Tage ärmer geworden." (Lippcrt S. 186.) Friedrich V. beließ das Neligionswesen im bisherigen Zustande. 1619 nahm er die Königskrone Böhmens an, am 8. November 1620 verlor er die Schlacht am weißen Berge bei Prag und damit alle seine Länder. Die Oberpfalz kan: an Bayern, welches von dem gas retorumuäi Gebrauch machend, die katholische Religion wieder herstellte. Daß somit die Oberpfalz 100 Jahre lang bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen sei, hat Lippcrt nicht erwiesen. Die lutherische Kirchenorduung Ottheinrichs gelangte erst 1556 zur Einführung, konnte sich nur unter Ludwig VI. (1576 — 1583) ungehindert entfalten, indem Friedrich III. (1559 — 1576), Friedrich IV. und Friedrich V. dem Calvinismus huldigten und demselben auch in der Oberpfalz. amtliche Geltung verschafften. Unsere zweite Frage bewegt sich dahin: Hat Lippen „Janffens Geschichtslügen widerlegt"? Wohl zur Entschuldigung oder vielmehr zur Herabwürdigung des Frankfurter Historikers fügt Lippcrt in der Einleitung bei: „Janssen, welchen die Katholiken für den größten Geschichtsschreiber der Neuzeit halten — hat nicht einmal seine Schmähungen selbst aus den Quellen erforscht, er hat sie aus einer älteren Schmähschrift: „Geschichte der Reformation in der Oberpfalz, Augsburg 1847, von Dr. Wittmann" einfach und kritiklos abgeschrieben." Die Aufhebung des Klosters Waldsaffen gibt Lippcrt die erste Gelegenheit, eine Geschichtslüge Janffens zu entlarven. S. 45 lesen wir: „Trotzdem wagt es Janssen Bd. III, zmZ'. 39 feiner „Geschichte d. deutsch. Volkes" hier, rein aus der Luft gegriffen, die schmutzigste Ee- schichtslüge gegen die Reformatoren zu schlendern, die je geschlendert worden ist. Er sagt: . „Ottheinrich, welcher in seinem hastigen Eifer für Verbreitung und Festigung der neuen Lehre vor keiner Gewaltthat zurückbcbte, wenn die gewöhnlichen Mittel sich als unwirksam zeigten, und aller Verbindlichkeit gegen das Reich und dessen Oberhaupt sich für entäußert hielt, verbot den Gottesdienst, nahn: die Kircheuornate weg, bestellte lutherische Prädikantcn, und, um die Mönche zur Annahme der Nenlehre zn verleiten, wurden gemeine Weiber zu ihnen in die Zelle gesperrt." „Diese niederträchtige Verleumdung gegen den Stammvater des bayerischen Königshanscs hat der kgl. Sekretär des kgl. Neichsarchivs und außerordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Dr. Wittmann, in seiner „Geschichte der Reformation der Oberpfalz" (Augsburg 1847, Mg-. 20) dem kritiklosen Janssen zur gefälligen Verwendung rein vorgelogen." Also perorirt mit sichtlich patriotischer Entrüstung der königl. Pfarrer von Amberg gegen Wittmann und Janssen?) °) Das Eitat Lipperts: Janssen Bd. III, pag. 39 kann nach der mir vorliegenden 12. Anst. (Frcibnrg 1883) nicht 337 Aber wie der kinderlose Ottheinrich, wit welchem die ältere Kurlinie, von Ludwig III. begründet, 1559 erloschen ist, der „Stcmnnvciter des bayerischen Königshauses" genannt werden kann, ist für jeden besonnenen Historiker unbegreiflich. Ueber den „feinfühlenden" Ottheinrich wollen wir kein Wort verlieren; denn aus den Angaben Wittmanns kann nicht stringent erschlossen werden, daß auf direkten Befehl des Kurfürsten hin Weiber in die Zellen der Mönche gesperrt worden seien; die Aufhebungsconimissäre haben ja auch 1802 bei der Säcülarisation ihre Befugnisse oftmals überschritten. Lippert sucht auch den Nachweis zu liefern, wie Diese „Lüge" entstanden sei. In den amtlichen Anf- hebnngsprotokollen findet sich kein Anhaltspunkt zu diesem Borgange; in der Ordensgcschichte des P. Sartorins (Prag 1700) steht die allgemeine Bemerkung: aärnissi viri Isvainaegns proiniLons in reliZivsa elamstra.. Männer und Weiber wurden ohne Unterschied in die klösterliche Klausur zugelassen. Aehnlich heißt es im Snmmarium, aus welchem Sartorins geschöpft hat. Woher hat nun Wittmann seine Nachricht genommen? Hat er sie frei erfunden? Lippert gesteht selbst zu, „daß das Aktenmaterial oft zu lückenhaft sei für eine ausreichende Schilderung der kirchlichen Zustande". Daß Wittmann seine Auszüge aus Urkunden nicht mit genauer! Quellennachweisen und Fundorten versehen hat, ist sicherlich ein Mangel seiner Darstellung; allein daraus folgt noch nicht, daß er „rein gelogen" habe. In der „Politik Bayerns 1591 - 1607" II. Bd. S. 591 Anm. 1 bemerkt Felix Stiebe zum Ncligions- gcspräch von Ncgensbnrg 1601, daß er die von Wolf (Geschichte Maximilians I. und seiner Zeit, München 1807 I. Bd. S. 440 ff.) benutzten Akten nicht gefunden habe; Schreiber dieser Zeilen dagegen erhielt vorn kgl. Reichs- arch.iv München die daselbst hinterlegten, von Wolf bemühten, von Stiebe nicht gefundenen Urkunden und Briese zur Durcharbeitung im Januar 1897 ausgehändigt. So ist es nicht ausgeschlossen, daß die von Wittmann seiner Zeit excerpirten Akten neuerdings wieder aufgefunden werden können; jedenfalls aber zieren weise Mäßigung und abwägende Ruhe einen Historiker bester als derartige Ergüsse eines Deklamators: „Woher kommen die Weiber, die gemeinen Weiber, die von der Regierung geschickten Weiber? Die Weiber, welche die Reformation befördern mußten?! °) Am Ende haben wir die Reformation noch dem Untcrrock zu verdanken!" (S. 47.) Die Aufhebung des Brigittenklosters Gnadcnbcrg im November 1556 haben nach Lippert S. 53 Wittmann und Jansscn (IV, 40) als Beispiel „unerhörter Härte" hingestellt. Bei Jansscn heißt es nach der 12. Auflage richtig sein; Bd. III, x. 39 bespricht Janssen den Reichstag zn Spcyer 1526; es muß heißen Bd. IV, xa§. 39, 12. Aufl. 1885. °) Hat Lippert vergessen, was er S. 19 „von der edlen Urgula in Dietsnrt gesagt? Warum haben die neu- gläubigen Fürsten so sehr auf Verheirathung ihrer Prediger gedrungen? Vielleicht bloß nur das Concubinat zn beseitigen? Vor allen Dingen, sagt uns Lippert S. 75, gab es nach der Einführung der Kirchenordnung von Ottheinrich „kein Concubinat mehr, sondern eine evangelische Ehe und ein gesegnetes evangelisches Pfarrhaus". Aber gerade durch diese „evangelische Ehe" waren auch die aus katholischer Zeit stammenden Geistlichen in die Unmöglichkeit verseht, ihre Verbindung mit dem Protestantismus zu lösen. Vgl. Past.-Bl. d. Bisth. Eichstätt 1868, 123 ff. „Auch gegen die oft hochbctagten Klosterfrauen begann ein erbarmungsloses Verfahren, zum Exempel in Gnaden- berg." Welches Recht hatte denn die Commission, gebildet aus dem Prädikanten Ketzmann, den Landrichtern von Sazenhofen und von Fcilitzsch, Gelübde zu lösen, die Meßfeier zu verbieten? Keine der Nonnen wollte das Kloster verlassen; „aber diese Rechtfcrtignngsschrift ist vielmehr ein Beweis ächter deutscher Treue in den alten Frauenherzen und wahrer Heimathsliebe, als ein Hängen arn Papstthum." (S. 55.) Lippert muß wirklich ein Gedankenleser sein! Janssen gibt an, daß der Beichtvater des Klosters, ein kranker Greis, sofort in harter Winterkälte dasselbe habe verlassen müssen. Lippert nennt das „schwindeln". Er selbst weiß zu berichten, daß der Beichtvater nach einigen Tagen, als die Commission abgereist war, 25. Nov. 1556, zweispännig mit Hab und Gut des Klosters frech davongefahren sei und sich nach Eichstätt begeben habe. Allein nach anderen Angaben ist ?. Hieronymns von Segen, das war der Name des Beichtvaters, bis 1560 noch in Gnadcnbcrg verblieben/) wenn auch der katholische Gottesdienst verboten war und der lutherische. Pfarrer Erasmns .Händel von Sindclbach den Klosterfrauen das lautere Wort Gottes verkündete. Für die Haltung der Anfhebungscommissäre spricht die Thatsache, daß der Prediger Ketzmann aus dem Sakra- mentshänschen zn Gnadenüerg die consecrirtcn Hostien entfernte, und sie dem lutherischen Pfarrer in Sindclbach zur Verwendung zustellte; die HI. Oelc wurden ebenfalls mitgenommen! (Schluß folgt.) Walther von der Vogelweide. (Fortsetzung.) st. Lobn. Zn dieser Zeit trat Walther von der Vogclweide auf den Plan und redete über das Geschick des Reiches in feinen Sprüchen, zuerst an den Höfen der Fürsten und von diesen aus zum deutschen Volke. Walther war ein Oestcrreichcr oder hat wenigstens lange und oft am österreichischen Hofe gelebt; Leopold, der Nachfolger Friedrichs des Katholischen, wurde im Jahre 1198 Allein- herr der österreichischen Lande und war ein treuer Anhänger der Stanfer. Das mag auch Walther beeinflußt haben, daß . er sofort als Partcimann für Philipp auftrat. Ohne Schwierigkeit erhielt Walther bei Philipp Zutritt und gütige Aufnahme, ja er wurde geradezu unter das Hofgesinde Philipps aufgenommen. Mit Trauer aber blickte unser Dichter auf Wien zurück, wo der heitere, sangessrohe und milde Herzog Friedrich dem harten und der Kunst wenig freundlich gesinnten Leopold den Platz räumte. Der Hof des Staufcnkaiscrs war ein ausgezeichneter Platz, um einen Ueberblick der Lage Deutschlands zn gewinnen. Zwei große politische Mächte mit weiten Jntcressenkreisen standen jetzt gegen einander: in Süddentschland das stanfische Königthum mit seinem durchaus aristokratischen Anhange, im Norden die Welsen, deren Hauptstütze die Stadt Köln mit ihrem großen cng- I Past.-Bl. d. BiZth. Eichstätt 1870, 210. G. Binder (Gesch. der bayer. Brigittcnklöstcr S. 98) schreibt: Nach zwei Jahren (1558) starb die ehrwürdige Äebtissm Ursula Breunin. Sie schließt würdig die Reihe der Aebtissinnen von Gnadenbcrg, denn ihre Nachfolgerin durfte sich nnr- mehr Verwalterin nennen. Es war. ein edles, reiches Kämpferleben. Hieronymns von Segen harrte als eifriger , Glaubenskämpser noch zwei Jahre ermunternd und stärkend I bei den Nonnen aus, bis er endlich vertrieben wurde. lischen Handel war. Ein Gefühl der Niedergeschlagenheit und Trauer über die verworrenen Zustände des Reiches bemächtigte sich aller, und Walthcr verlieh dieser Stimmung trefflich Ausdruck in seinem berühmten Gedichte: Ich saß auf einem Steine und kreuzte Bein mit Beine, darauf der Ellenbogen stand: es schmiegte sich in eine Hand das Kinn und eine Wange. So sann ich tief und lange wohl über Welt und Leben nach, und kein Gedanke wurde wach, wie man drei Dinge würbe, doch keines nicht verdürbe. Ich meine Ehre und Gewinn, die sich befehden mit hartem Sinn, dann Gottes Gnade, im Vergleich zu ihnen Werthes überreich. Die wollt ich gern in einen: Schrein. Vergeblich, ach! Es kann nicht sein, daß je Gewinn und Gotteshnld und weltlich Ehre ohne Schuld im Herzen sich verbinden. Kein Pfad ist zu ergründen, der dahin führt. Im Hinterhalt Untreue lauert und Gewalt, verwundet Recht und Frieden. Und kranken die hienieden, stehn Ehre, Gut und Gottesscgen des Schuhes bar auf allen Wegen. In einem andern Gedichte wendet sich der Sänger an den „süßen jungen Mann", wie er Philipp in seinen Liedern nennt, selbst, indem er znm Deutschen Reiche spricht: „Die kleinen Fürsten verderben dein Glück; Herrn Philipp setz' die Krone auf, die andern weise du zurück!" Der Wunsch des Dichters ging nicht sofort in Erfüllung; dein: während der nächsten Jahre schwankte das Kriegsglück. Am schlimmsten war die Lage Philipps im Jahre 1203. Walther erkennt die Ursachen der Wendung zum Ueblen und theilt sie in drei Sprüchen dem Könige mit. Dem Sänger geht die Lage des Reiches zu Herzen, er klagt, es sehe so schlimm aus, als wenn das Ende der Welt schon vor der Thüre stünde. Walther sieht ganz klar, welche Macht besonders der staufischen Sache schadet, und er versäumt nicht, sie offen zu nennen; es war Papst Jnnocenz III., der im Januar 1198, erst 37 Jahre alt, den römischen Stuhl bestiegen hatte. Diesem gelang es, die beiden Thronbewerber zum Verzicht zu bewegen, worauf er die Entscheidung in die eigene Hand nahm und Otto anerkannte. Zugleich setzte er auch alle schon bewährten Mittel der kirchlichen Gewalt für die Sache der Welsen in Bewegung, wodurch sich die Erbitterung des Kampfes noch steigerte. In einer Art Vision sprach Walther, all das Unheil überschauend, voll tiefen Schmerzes: Mit meinen Augen sah ich klar, was aller Welt Geheimniß war, so daß ich merkt' an jedem Ort der Menschen Handeln und ihr Wort. . . Das war ein Noth ob aller Noth, Denn Leib und Seelen lagen todt. . . Mit dieser Strophe beginnt eine ganze Reihe von Dichtungen, welche alle Handlungen des Papstes und der Geistlichkeit mit grimmigem Höhne übergießen und mit eiserner Conseguenz den strengsten staufischen Standpunkt vertreten; Walthers feuriger Geist war eben ganz erfüllt von der großartigen Kaiseridee der Staufen und von: unbedingten Glauben an die Rcchtmäßigkeit seiner Fürsten. Bis znm Jahre 1204, in welchen: die große Wendung eintrat, die Philipp znm Herrn von Deutschland machte, I finden wir Walthers Verbindung mit dem König Philipp in seinen Sprüchen bezeugt. Walther war nun in die Dienste des Landgrafen Hermann von Thüringen getreten, aber nicht dauernd, er schweifte im Süden umher. Da ergriff ihn, während all der Wirrnisse, all des Schwankens der Geschicke, die Sehnsucht nach der theuren Heimath. In jener Zeit starb Ncinmar, des Herzogs Sänger, und Walther feiert in zwei tief empfundenen Sprüchen das Andenken des Meisters, vielleicht belebt von der stillen und nicht unbescheidenen Hoffnung, daß für ihn nun eine bessere Stätte in Wien sich werde finden lassen. „Ach, daß Weisheit, frohe Jugend, des Mannes Schönheit, seine Tugend, doch niemand erbt, wenn ihm der Leib erstirbt! Jetzt klagt wohl manch' erfahrener Mann, der den Verlust ermessen kann, welch' feine Kunst, Reinmar, mit dir verdirbt..." Aus der Zeit, in welcher Walther wieder nach Oesterreich zurückgekehrt ist, haben wir in den neuerdings aufgefundenen Rciserechnungen Wolfgers von Ellenbrechis- kirchen, Bischofs von Passnu, seit 1204 Patriarchen von Aguilcja, eine Urkunde, die sich 1874 im Stadtarchive zu Cividale fand. Nach derselben erhielt Walther von der Vogelweide, offenbar nach einen: Vortrage, im November 1203 fünf Solidi zur Anschaffung eines Pelz- kleides. Am Hofe zu Wien trat Walther zuerst als Gaben Heischender auf, die er denn auch in reichend Maße erhielt; denn er rühmt den Wiener Hof, den Reichthum, der bei den Festen dort sich ausbreitet: Silber wird geschenkt, als ob man es auf der Straße fände, Rosse, als wenn sie Lämmer wären. In diesen frohen Tagen war es wohl auch, wo Walther das herrliche Preislied auf Deutschland sang, das einen Höhepunkt seiner höfischen Kunst bezeichnet und mehr als ein anderes seiner Gedichte dazu beitrug, seinen Namen in allen Gauen des Reiches bekannt zu machen. Noch heute ergreifen uns die vollen Harmonien dieser Verse, begeistert uns die Vaterlandsliebe des Dichters und macht unser Herz höher schlagen. „Reich an Ländern ist die Erde, deren beste ich geschaut: doch vor ihnen ist das werthe Vaterland nur lieb und traut. Seht auf mich mit tiefstem Höhne kündet je des Athems Hauch, daß ich liebe fremden Brauch: Deutscher Zucht gebührt die Krone! Züchtig ist der deutsche Mann, deutsche Frau'n wie Engel rein, und wer anders sprechen kann, der muß wohl von Sinnen sein. Heilige Minne, hohes Streben und rief innerstes Gemüth nur aus deutscher Erde blüht: möcht' ich lauge auf ihr leben." Das ist der Meister des Deutschen Liedes, welcher sich losgemacht von Tradition und Kunstnbung, erfahren und von: Schicksal geprüft, gehoben von edelstem Stolze aus Deutschland, als dessen Bürger er sich fühlt. Geleiten wir unsern Walther nun an den Sängerhof des Landgrafen Hermann von Thüringen, nach Eisenach. Hier war die Wartburg ein Mittelpunkt für Kunst und Poesie. Und mochte auch unter den Schaaren von Fahrenden, welche die Freigebigkeit des Landgrafen ^ anzog, manch ein schlechter Mann und elender Gaukler sein, so befanden sich doch auch die besten Dichter dabei, 339 > welche Deutschland in jener Blüthczeit seiner Literatur besaß. Es gab in Thüringen selbst eine Gruppe adeliger Minnesänger, an deren Spitze Herr Hug von Salza und in ihrer Mitte der herrliche Heinrich von Morungcn stand. Am Hofe des Landgrafen vollendete Heinrich von Veldeke, der größte deutsche Dichter des Mittelalters, sein Werk, Wolfram von Eschenbach, trug die 16 Bücher feines Epos ,Parzival" vor, wie sie entstanden, Herbart von Fritzlar Gearbeitete für seinen Fürsten das „Lied von Troja", Mrecht von Halbcrstadt dichtete auf der Jcchabnrg Ovids Metamorphosen in deutsche Verse um, u. a. Wenn Walther auch das erstemal am Hofe von Thüringen nicht sofort nach feinem Werthe erkannt wurde — zu groß war der Zulauf fahrender Sänger —, so gelang es ihm einige Zeit später doch so gut, daß er sich schon „des milden Landgrafen Ingesinde" nennen darf, dessen Freigebigkeit stets gleich bleibe. Er schließt mit dem schönen Bilde: „Wer Heuer spendend prahlt, und wieder karg wird übsrs Jahr, dem grünt und dorrt sein Lob wie Somincrklee. Thüringens Blume leuchtet aus dem Wintcrschnee, sein Ruhm blüht fort und fort und jetzt wie da es jung noch war." Walther hat hier viele Anregungen erhalten, namentlich durch die gewaltige Persönlichkeit Wolframs, der ungefähr 1220 starb.' Wir finden die Einwirkung dieses großen Geistes in Walthers Bildern und Gleichnissen, in seinem Ernste, feiner gefestigten Sittlichkeit, aber auch in seinem Humor, in seiner volkstümlich heiteren Weise und Schalkhaftigkeit, nicht minder jedoch in seiner Humanität und in der stärker hervortretenden religiösen Gesinnung. Der große Dichter Wolfrain hingegen empfing von feinem österreichischen Sangesgenossen unmittelbare Frische und ausdauernde Jugendlichkeit als Ansporn zur Fortsetzung und Vollendung seines unsterblichen Werkes. Unterdessen war in der politischen Lage eine plötzliche Aenderung eingetreten. Ein finsteres Geschick traf das Haus der Staufen und warf es von dem erreichten Ziele zurück, stürzte das Reich in Verwirrung; an: 21. Juni 1208 wurde Philipp in der Pfalz zu Bamberg durch Otto von Wittelsbach ermordet. DaS ganze deutsche Volk, ja die Welt schüttelte ein Entsetzen ob der ungeheuren Frevelthat. Wie Walther das Furchtbare aufgenommen, wie er sich davon ergriffen fühlte, wissen wir nicht, denn sein diesbezügliches Gedicht ist, wie so manches andere von ihm, nicht aus uns gekommen. Während allüberall im Reiche Klagen erschollen über den plötzlichen Tod des Königs Philipp, stieg der Stern der Welsen rasch wieder empor. Da er der einzige Thronbewerber und schon gekrönt war, die Gunst des Papstes sich ihm wieder zuneigte, so wandten alle Fürsten sich dem noch kurz vorher gedcmüthigtcn Otto zu, der dieser Gunst der Umstände die unbestrittene Gewalt als deutscher König und bald die Kaiserkrone (1209) verdankte. Nicht lauge jedoch dauerte das friedliche Verhältniß. Otto hielt sein dem Papste durch die feierlichsten Eide bekräftigtes Versprechen bezüglich der Gebiete Mittelitaliens nicht. Verblendet von der Idee der Weltherrschaft und beeinflußt von der Tradition feiner Stellung brach Otto 1210 in Unteritalien ein, worauf Junocenz am 18. November den Bann über ihn aussprach und die deutschen Fürsten zum Abfall von ihm reizte. Eine Fürstcnvcrsammlung zu Nürnberg beschloß im September 1211 die Erhebung Friedrichs von Sicilicn zum deutschen Könige. Otto's Rückkehr brachte die Aufrührer zunächst rasch wieder zur Unterwerfung; aber als Friedrich, der an ihn ergangenen Aufforderung folgend, im September 1212 in Deutschland erschien, fiel ihm rasch ein großer Theil der Fürsten zu. Am 5. 'Dezember wurde er zu Frankfurt gewählt und am 9. Dezember zu Mainz gekrönt. Der Krieg entbrannte von neuem und währte zwei Jahre; Otto's Glück jedoch nahm stätig ab, und am 27. Juli 1214 war mit der großen Niederlage Otto's IV. gegen Philipp August von Frankreich bei Bouviucs die deutsche Krone für ihn verloren, für Friedrich gesichert. Walther vertritt in dem Kampfe der beiden Parteien energisch die Sache des Kaisers gegen den Papst. In seiner Erregung schlenderte er seine kecksten Sprüche gegen den Papst. Zwar macht er zuvörderst die Gesinnung der Fürsten verantwortlich in dem trefflichen Spruch: „Von Frankreichs Seine bis hin nach Steicrmark zur Mnr, vom Po zur Travc kenn' ich aller Menschen Spur; die meisten kümmcrts' nicht, wie ihnen zukommt ihr Gewinn. Thät ich wie sie, dann lebe wohl, geh' schlafen Edelsinn! Geld war willkommen stets, jedoch es ging die Ehr' dein Gelde doch voran; jetzt ist das Geld so hehr, daß es selbst zu den Frauen vor der Ehre geht und mit den Fürsten bei Königen sich beräth. Wie schlecht das römische Reich um Geldes willen steht! Du bist nicht gut, o Geld, an Schande hängst du dich zu sehr!" Dann aber sondert Walther den Papst von den übrigen Herrschaften der Welt aus und greift ihn für sich an mit einem solch tödlichen Haß, so intensiver Glnth und geharnischter Entrüstung, daß dadurch alles frühere weit überboten wurde. Es gehört wohl zu dem Stärksten, was im Kampfe zwischen Kirche und Staat je gesagt wurde, wenn Walther den Papst wegen des Wechsels in seinen Ansichten über Otto mit Namen benennt, wie sie in L. 33, 11 vorkommen. Nicht bloß dieses; gegen den ganzen Klerus richtet der Sänger seine scharfen Anklagen. Am bekanntesten sind die zwei Sprüche Walthers, in denen er dem großen Papst vorwirft, er vertuende die Almosen, welche zu dem von ihm im Jahre 1213 ausgeschriebenen Krcuzzugc beigesteuert wurden, für sich. — In all diesen Strophen weiß Walther die Menschen bei ihren schwächsten Seiten zu fassen, und eben darum wirkten die Sprüche so einschneidend. Man hat ja ganz richtig gesagt: Walther übertreibt ins Ungcmessene, er mußte die guten Absichten des Papstes kennen, mußte wissen, wie Junocenz sich bemüht hatte, die zweckmäßige Verwendung der gesammelten Gelder zu sichern, er verführt also mit Bewußtsein ungerecht. Aber man muß eben bedenken, daß Walther Politiker und Partcimaun ist. Walther war hier so ungerecht, wie später Martin Luther. Auch dieser hat im Dienste seiner Sache den Fehler gemacht, die Sache des Gegners als durchaus schlecht zu betrachten. Aus der Einseitigkeit entspringt die Leidenschaft, und wem die Leidenschaft recht ist, der sollte die Einseitigkeit nicht tadeln. Viele mißbilligten das Vorgehen des Dichters durchaus und beklagten es tief, daß er Tausende bcthört und dem Papste Unrecht gethan habe. In unserer Zeit werden diese Sprüche Walthers, namentlich vom modernen Liberalismus, oft genug als klassische Zeugen für Meinungen angerufen, mit denen er nie etwas zu schaffen hatte. Begreiflicherweise kümmert sich ein moderner Parteimann nicht um die geschichtlichen Bedingungen jener alten Kämpfe zwischen Kaiser und Papst; er müßte ja sonst einsehen, daß die alten und die neuen Proportionen dieser Mächte sich aus Verhältnissen ganz verschiedener und unter sich unvergleichbarer Art zusammensetzen. Auch Walthers Sprüche dürfen nicht als Beweis dafür an- 340 geführt werden, er sei kein nberzengnngstreuer Christ, das heißt Katholik, gewesen. In jenen Jahrzehnten ist es von den Deutschen kaun: als Sünde betrachtet worden, den weltlichen, auf das Regiment der Staaten bezüglichen Maßregeln des Papstes zn widerstehen. Wäre es Sünde gewesen, dann hätte sich fast jeder der damaligen Fürsten und Bischöfe, überhaupt der Herren, welche an politischen Dingen betheiligt waren, mindestens in: Leben einmal derselben schuldig gemacht. Sehr selten war es, daß ein Kirchcnfürst sein Gewissen z. B. durch Aufnahme des gebannten Königs beschwert fühlte. Weiche Gemüther, wie der Bischof Gardolf von Halbcrstadt, mußten freilich unter dem Zwiespalt ihrer Pflichten gegen .Kaiser und Papst unsäglich leiden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nnd Notizen. Los. Raph. Kröll, Kreuzdorn und Siousroseu. Kanzelreden für die Fastenzeit. 666 SS. M. 5. Kempten, Kofel. O „Lasst» Lomim blostrt Issu Obristist — sseunäum savots, Lvanxslia, das ist wiederum: das nie zu erschöpfende große Thema all dieser 60 Fastenpredigten. Auch dieser Band enthält viel mehr, als sein TitA eigentlich verspricht. Welch herrliche Fasteneyklen lanen sich daraus eutnehmcu: Der schmerzhafte Rosenkranz; im nächsten Jahr etwa: Die sieben Worte; im dritten: Die bekannten Typen (Judas, Petrus, Pilatns, Herodes, Maria, Jesus). Druck und Correctur sind, wie wir dies bei Kroll gewohnt sind, tadellos: höchst selten ist ein Schreib- oder Druckfehler stehe:: geblieben. Aber, wie gesagt: Viel mehr liegt hier Predigt-Material fürs ganze Kirchenjahr, als der T:tel verspricht, so findet sich eine herrliche Vaterunser- Auslegung, eine Herz-Jesu-Predigt, sodann eine durch prachtvolle Originalität ausgezeichnete Erstcommnnion- rede auf den Weißen Sonntag (Nr. 49): „Liebe Kinder! Ihr seid Schwabenkinder, Württembergerkinder! Also: Furchtlos und treu erscheinet heut' vor eurem Heiland: 1) dankend! 2) bekennend! 3) gelobend! 4) betend!" Darum muß ich den Wunsch wiederholen: Möge der reiche Stoff bald in einen: Separathcftlein auf die Sonn- und Festtage vertheilt und in einem alphabethischen Register leicht zugänglich gemacht werden? Wie hat der h L. Pins Gams O. 8. 8. einmal gesagt? „Ein alphabetischer Index ist die Noblesse des Autors gegen seine Leser." Er hatte recht. In unsern: Fall können wir noch beifügen: „und erst der Schlüssel zur vollen Werthschätzung und Hebung des gediegenen homiletischen Goldes, das in den Schachten der Kröll'schen Predigtbände liegt." LsssivaL., Oarminum libri novsm. 6", pp. VIII-st 320. Lridurxi Hslv., Iz'poxr. catb. 1894. Lr. 6,00. Llaxnitieus die tomus s tz-poxrapbis, splsuäiäs sxornatus posmats, contivst latinn ob sximiam ao psr- politam äiesnäi artsw sninmis bincubns äixva. lAitorsm zamäuckum ooxvoseiwus vatsn: l^uminis aKatn ivsiKni- tum, posssos xsvio kautuw; saopius in osrtawins soeis- tatis latinss chmstsloäamsnsi palwain mann vietriei äs- xortavit. bluno guas supsrioridus anvis ab illo ssorsam säita sunt earmina, saäsm in uvnm volumsv eollsots, st aoonratiors lima smsnäata antor proponit Isetori sls- xantia, suavitats, vi a« moliitis linAnas latinas tanta virtuts traotatas xaviso. Vsl olassieis, ut üienntnr, soriptoribus tali» posmata von ssssnt äsäseori; ntlnam maxis äivulxarsntur, Isxsrsntur, asstimarsntur. D.rsn- msuta oarminum äs variis rsbus äisssrnnt, ut titnli äs- monsteant: Lidzäla, 7näas lllaobabasus. 8usanna, Lstbsr, 7uäitbu, Lobiss zunioris psrsxrinatio, LIisrisr aä tXdra- Imm sxistola, Urania, Oilia, Llusa, Via ksrrata, tlkrieaua ssrvitus, 8atiras aä.juvsnsm, in mnllsrss swaneipatas, Luliess ste. Opus oonolnäit oäa aä snmmnm pontiüosm, gni st ipss spistolav: soripsit aä autorsm toini paxivis praoviam. Omnibus latinas livxuas amatoribus — raris natantibus — volumsn enixs eommsnäamus. Baläü st Larbisvii tomporibus sruäitionsm sanam av soliäam Maxis oolsntibus Iksssivas oarmina ubigus kuisssnt lsotas st lauäatas; nune paueos invsniunt gui xrato animo st apprstations, gua xar sst, lsxant. blorum numsrus ut »äauxsrstur, basees soripsimus. Heft 16 des Dcutschen Hauss chatzes beginnt eine außerordentlich spannende Novelle: Z:v:fchen Ja und Nein von F. v. Lindenburg. Der historische Roman von Flodatto: Durchgerungen, der, wie wir hören, mit so großem Beifall aufgenommen wird, eilt seinem Höhepunkte zu. Von demselben talentvollen Verfasser bringt das Heft die prächtige militärische Humoreske Richtige Wege. Von den belehrenden Artikeln darf die Plauderei über militärische Titel von Dr.H. Graevell besondere Beachtung beanspruchen. Professor Dr. B. Schäfer, bekanntluh einer der besten Kenner des hl. Landes, schildert Palästinas Thierwelt einst und jetzt und liefert so ein wertlwolles kulturhistorisches Material. Präses I. B. Mehler entwirft ein inhaltreiches Charakterbild des fel. Petrus Canisius, dessen Gedenktag allmählich heranrückt. Den zahlreichen Freunden von Karl May dürfte eine neue Composition des Ave Maria! von I. Schildknecht besondere Freude machen. Daneben laufen wiederum zahlreiche kleine Notizen, die für jeden Leser etwas Interessantes bringen. An künstlerisch hochstehenden Illustrationen ist dieses Heft besonders reich. Stimmen aus Maria-Laach. .Katholische Blätter. Jahrgang 1897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freibnrg i. Br., Herder'sche Verlagshandlung. -- Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Flavius Joscpbus über Jesus Christus. I. (C. Ä. Knellex 8. .7.) - Der Buddhismus und die vergleichende Religionswissenschaft. I. (I. Dahlmann 8. .7.) — Triumph der Kälte. (L. Dressel 8. .7.) — Concurrenz im Welthandel. (I. Schwarz 8. ,7.) — Friedrich Wasmann, Künstler und Convertit. 1- (O. Pfülf 8. .7.) Recensionen: Obauvin, 7,'Ivsxiration äss äivinss Leriturss (I. Knabenbauer 8. 7.): Eisenhoser, Procopius von Gaza (I. Stiglmayr 8.7.); Kappen, Clenwns August, Erzbischof von Köln (O. Pfülf 8.7.); Geikie-Harper-Walter, Bildergrüße aus dein hl. Lande (L. Fonk 8. 7.); Happe, Stimmungen nnd Gestalten (W. streiten 8. 7,). —- Empfehlenswertste Schriften. — Miscellen: Kritisches über die Hirtenbriefe des hl. Paulus; Die künftige Hauptstadt Brasiliens. Litterarischer Handweiser, begründet, herausgegeben nnd redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 4 u. 5. Die Geschichte der altchristlichen Kunst von F. . 4 . Kraus (Ehrhard). — Weitere, kritische Referate über Marty Was ist Philosophie (Stölzle), Kurth Sainte Elotilde und Hatzfeld St. Augustin (Zimmermann), V/allsbaw Ivtroäuotion to tbs bistorz- ok tbs Oburob ok Dnxlauä (Bellesheini), Gaduel Exercitienbüchlein für Priester und Bernard Handbüchlein für Priester in Sachen des III. Ordens (Deppe), Ecker Theophila, Freund Früchte des Geistes, Chambaud-Cstarrier Eu- charistische Betrachtungen, Schieler Bedenk es wohl, Ott Die heiligen Nothhelfer, Scheer Rosenkranzbüchlein und Kaulen Ewige Anbetung (Deppe), Wildermann Jahrbuch der Naturwissenschaften für 1896/97 (Plaßmann), Wacker Deutsches Lesebuch f. kath. höhere Mädchenschulen (E. Brockmann). — 12 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Lections- katalog der Universität zu Frei bürg (Schweiz) für das Wintersemester 1897/98. — Novit äten - Verzeichnis. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L CNbherr in Augsburg. §il', 49 M 25. Aug. 1897. l Lippert — ein Anti-Janfsen. (Schluß.) Nach Lippert sind die fürstlichen Mandate, wornach alle Schimpf- und Schmähreden auf der Kanzel verboten waren, in der Oberpfalz eingehalten worden. „Die Visitationsprotokolle von 1557 — 1620 beweisen, daß die Verfehlungen gegen dieses Mandat äußerst selten und in grober Weise niemals vorkamen. Mögen doch Wittmann- Jaussen ihre gemeinen Vorwürfe beweisen." (S. 61.) Nun, Janssen hat über diesen Punkt gar nichts gesagt. Wer aber die Literatur jener traurigen Periode nur einigermaßen kennt, weiß, mit welchen Liebenswürdigkeiten sich damals die hadernden Parteien, Katholiken, Lutheraner, Calvinisten, überhäuft haben. Auf dem Neligionsgespräche zn Negeusburg 1601 wurde der Papst der Antichrist genannt; als htegegen der anwesende Maximilian von Bayern Protest einlegte, erklärte Hunnius: man müsse jedes Ding beim rechten Namen benennen, zumal in Glaubenssachen; in unseren Kirchen sei dies keine Schmähung, den Papst als Antichrist zu bezeichnen. (Lotn «olloo;. üutisbonoimis 1601. Nonuobü 1602 144.) Nach den schmalkaldifchen Artikeln hatte Hunnius nicht zu viel behauptet. Ueber das Resultat der ersten Kirchenvisitation in der evangelischen Kirche der Oberpsalz (15. Febr. bis 15. April 1557) gibt Lippert folgende Glosse: „Man kann sich denken, wie Wittmann (pa-x. 25)-Janssen (IV, xa,A. 41) aus diesem Gcneralbericht einen Strick drehten, die Reformation zu geißeln. Aber abgesehen davon, daß jede Visitation nicht Lobhudeleien, sondern Aufdeckung der Fehler bringen wird, muß die ganze „Hcidcnschaft, Unwissenheit und Unmoralität," über welche die Visitatoren klagten, als eine böse Erbschaft aus katholischer Zeit betrachtet werden." (S. 72.) Ferner bemerkt Lippert (S. 73): „Da außerdem erwiesen, daß dreiviertel der Geistlichen aus dem Papstthum stammten und es unmöglich war, diese Leute zu ersetzen, wie der Generalbericht nachweist, so hat Janssen damit nur seine eigene Schande aufgedeckt, wenn er diese Visitationsresultate verhöhnt, die immerhin, im Gegen- halte zu jenen, welche Sngenheim und Knöpfler um diese Zeit von „katholischen" Ländern veröffentlicht haben, goldene zu nennen sind." Wenn die Oberpfälzcr wirklich ein solches Verlangen nach dem Evangelium sowie einem biblischen Christenthum bekundeten, wie Lippert S. 2 angibt, so ist es unfaßbar, wie 1557 sich derartige beklagenswerthe Zustände finden konnten. Janssen hat die Visitations- resultate nicht verhöhnt, sondern nur die „unerfreulichen Berichte aus der Oberpfalz" mitgetheilt, wie sie die Visitatoren in ihrer Hauptrclation niedergelegt hatten. Bezüglich der Pfarrer von 1557 sagt uns Lippert (S. 73), daß auf den circa 200 Pfarrstellen der Oberpfalz (mit Schulstellen 350) die römischen Geistlichen zum größten Theil unter Annahme der neuen Kirchenordnung fortgelebt haben. Von 119 Geistlichen ist ausdrücklich gesagt, daß sie Priester (88) und Mönche (31) waren. Von 25 Geistlichen ist nicht festzustellen, ob sie früher Priester waren. Nur von 43 Geistlichen läßt sich cou- statireu, daß sie evangelisch geprüft und ordinirt waren. Neben dieser Reihe von 115 tauglichen Geistlichen und solchen, die noch ganz papistisch waren, sind 28 erwähnt, die später durch bessere ersetzt werden sollten. 12 Geistliche, die tveder in äootring, noch woribim entsprachen, wurden sofort abgeschafft, davon waren nur fünf Unwürdige, die anderen mit ihrer Unwissenheit waren ein Erbe des Papstthums. (Lippert S. 76.) Wenn es Ott- heinrich wirklich um die dogmatische und moralische Wiedergeburt der Oberpfalz zu thun geivescn wäre, so hätte er Mittel und Wege ausfindig machen sollen, um das geringe Einkommen der Pfarrstellen, welche mit unwissenden Personen besetzt waren, zu erhöhen. Freilich belehrt Lippert seine Leser (S. 72): „Zu einem vollen Ersatz der alten katholischen Geistlichkeit fehlte es an Geld und Leuten — und Uubarmherzigleit. Man mußte doch dem Evangelium Zeit lassen, sich einzuwurzeln. Die Reformation ist noch gar nicht da (aber nach Lippert beginnt sie schon 1520!) und soll schon alle harten, Jahrhunderte alten Volksschäden geheilt haben; das ist doch zn viel verlangt." Aehnlich S. 70 Anm. 2: „Ein Volk wird in einem Jahre nicht anders, und die Reformation war (1557) erst im Anfang." Ueber das Einkommen der Pfarrer von 1557 bemerkt Lippert: „Die Reformation sorgte streng dafür, daß die Pfarrer ausreichend zu leben hatten. Von 140 Stellen, die ich nachrechnete, trugen 9 keine 25 st., 55 blieben unter 50 fl., 56 unter 100 st., und nur 20 erreichten den Betrag oder mehr von 100 fl., eine Summe, wie sie allerdings zum reichlichen Auskommen einer Familie nothwendig gewesen loäre. Oft besserten die Fürsten mit Holz oder Zulagen die Pfarrer, aber natürlich konnten sie nicht erreichen, was Rom versäumt hatte." Dieser Ausfall ist lächerlich, denn Rom hat auch die Jahrtagstiftungcn, die Klöster nicht für den fürstlichen Säckel eingezogen! Aber, belehrt uns Lippert fernerhin (S. 77), daß dadurch die Sache so weit gekommen, daß Wittmann und Janssen behaupten können, die Pfarrer verfertigten „Schuhe und Brautkleider", machten „Barbiere, Hoch- zcitlader, Leichenbitter" und „spielten znm Tanz auf" — das ist von Grund aus erlogen. Hätte doch Anti-Jansscn angegeben, wo diese „von Grund aus erlogene" Stelle bei dem Verfasser der Geschichte des deutschen Volkes zu finden wäre; trotz eifrigen Nachschlagens konnte ich sie nicht ausfindig machen.°) Von den lutherischen Predigern unter Ludwig VI. dem Milden (1576-1583) sagt Lippert S. 133: „Dazu hatten die Geistlichen wenigstens den Vortheil der Armuth. Die Stellen waren schlecht, die Pfarrer °) S. 190 Anm. 2 bespricht Lippert diesen Punkt noch einmal. Die Nachricht bei Löwenthal und Wittmann, daß der Pfarrer von Siegenhofen oder Deiningen Dorfbader war, die Brautschuhe machte u. s. w., hält er für „einen schlechten Witz und bisher unbewiesene Wahrheit." „Der ganze Passus bei Janssen ist Schwindel." Mit welcher Oberflächlichkeit Lippert gegen Janssen vorgeht, zeigt seine Bemerkung zu Bd. IV. S. 330: „Janssen hat die Sache wieder so gegeben, als wenn der „Rath" zur „That" geworden unv nun auch wirklich „alle Bilder" öffentlich verbrannt worden wären." (Lippert S. 90 Anm. 2.) An fraglicher Stelle berichtet Janssen. daß auf dem Landtag zu Amberg 1566 „bezüglich der in den lutherischen Kirchen der Oberpfalz noch vorhandenen Altäre und Bilder" der Theologe Olevian vorgeschlagen habe: „Die Abgötterei müsse weg. gleichviel mit Axt und Feuer: es wäre gut, wenn die Götzen öffentlich verbrannt würden. Daß dieser Vorschlag ausgeführt worden wäre, davon findet sich bei Janssen keine Andeutung! 342 verhcirathct, und der Fürst gewährte selten eine Verbesserung; Noth und Arbeit (auch aus dem Felde) mögen wohl in den meisten Pfarrhäusern zu finden gewesen sein." ^Wozn also dieses Echauffcment gegen Wittmann und Lausten? Mit Pharisäcrmine (wohl Pharisäermiene zu lesen) weist Jausten (Bd. IV, xag. 41), da er doch die Verbreitung des Concnbinats unter dem katholischen Klerus kennen mußte, auf die Klagen der VIsitatoren über „Unzucht" hin. Dieser Vorwurf Lippcrts (S. 83) ist ganz unzutreffend, da Jausten einfach in ruhigem Tone erzählt, was die Visitatoren berichten, ohne sich in ein apologetisches Verfahren einzulassen. Eigenartig ist Lippcrts Logik angesichts der Klagen aus dem Munde der calvinischen Visitatoren unter Friedrich III. (1559 — 1576): „Ihr Bericht verdient keine Beachtung und wir müssen es uns verbitten, daß Wittmann-Jansten es zum Maßstab des ganzen kirchlichen Zustandes nehmen wollen" (S. 120). Auch die Schilderungen der Zustände in den Gemeinden (1583 bis 1620) gefallen Lippert nicht; darum sind ihm die Klagen der Calvinisten „natürlich übertrieben" (S. 201 A.4)?) Einen Beweis für diese Annahme bringt Lippert jedoch nicht bei; die Schattenseiten der lutherischen Zustände werden von ihm entschuldiget (S. 137). Die fortwährenden Aenderungen zwischen lutherischen und calvin- ischcn Katechismen haben das Volk ganz verwirrt gemacht, so daß ganz unpassende Antworten herauskamen. „Das ist doch zu erwägen, ehe man das Maul aufreißt, wie Jausten, über die Ignoranz jener Zeit. Es war keine Zeit der Ignoranz, sondern der großartigsten Schul- fuchserei, die je ein Stamm durchgemacht hat, wie jene evangelische ganze Zeit über lauter theologischer Disputation gar nicht die papistische politische Macht heranrücken sah" (S. 199). Ueber die Wendung: „Jausten als Maulaufreißer" sparen wir bester die Tinte. Ueber Janssens Unwissenheit, „der die Zustände der Oberpfalz nur aus den Verleumdungen Wittmanns kenne" (Lippert S. 204 A. 3), macht sich der feinfühlende Anti- Jansscn lustig, wenn er schreibt (S. 197 A. 1): „Holl- weck, Jansscn-Wittmann (pag. 108) hätten bester über die eigene Ignoranz gespottet, wenn sie von einem Monatsverhör mit 158 Wissenden bei 4000 Einwohnern (Ambergs) sprechen." Bei Jansten konnte ich keine Bezugnahme auf diesen Bericht finden, den Hollweck (Geschichte des Volksschulwesens in der Oberpfalz, Negcns- burg 1895 S. 49) in das Jahr 1600 verlegt, während er nach Lippert dem Jahre 1602 angehört. Mit welcher Leichtfertigkeit Lippert arbeitet, erhellt unzweideutig aus der Bemerkung zu der Schulordnung Otthcinrichs aus dem Jahre 1556: „Hollweck (Geschichte des Oberpf. Schulwesens 1895) weiß nichts von dieser Hochbcdcutsamen Schulordnung Otthcinrichs nnd ihrer Durchführung in der Obcrpfalz." (S. 224 A. 1.) °) S.209 sagt dagegen Lippert: „Man darf nur nicht wie Wittmann-Janssen einzelne von calvinischen Kirchcn- rätlien verfaßte Berichte, in welchen sie die Nnmoralität absichtlich gerade so übertrieben hinstellten, als oben mit Unrecht die Unwissenheit des Volkes, um eben ihr cal- vinischcs Licht leuchten zu lassen, als Maßstab für das ganze Land gelten lassen. Es ist nicht nachweisbar, daß die Oberpfalz in besondere Widerlichkeit in dieser calvin- jschcn Periode (1583—1620) hinabgesunken sei; — wer war mehr für Kirchcnzucht als Calvin?" Nun aber verbreitet sich Hollweck, Lehrer in Regens- bnrg, S. 44 seines Buches ziemlich ausführlich über die Schulordnung des Jahres 1556, und S. 177—182 in der zweiten Beilage findet sich ein Auszug aus dem Visi- tationsprotokolle des Jahres 1557, soweit es die Schulen betrifft. Dieses alles hat Lippert übersehen! Ein solches Verfahren richtet sich selbst. Aus den bisherigen Darlegungen dürfte sich ergeben haben, daß Lippert der Nachweis nicht gelungen ist, die Oberpfalz für die Periode von 1520—1620 als Zu- gehör der evangelischen Confession beanspruchen zu können, noch auch Janssens „Geschichtslügen" widerlegt zu haben. Zu einem Anti-Jansten fehlen dem Pfarrer von Amberg, der auf streng lutherischem Standpunkte steht, die Ruhe und Sachlichkeit des Kritikers und des Forschers. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Walther vo» der Vogelweide. (Fortsetzung.) ü. Lastn. Uebrigms haben wir ganz klare und unumstößliche Zeugnisse über Walthcrs Gläubigkeit, nämlich seine religiösen Gedichte. Unter diesen nimmt der berühmte „Leich" die erste Stelle ein. Es ist dieses ein überaus kunstvoll, symmetrisch, in schwierigen Strophen gebautes, durchcvmponirtes Stück. Es ist eine Darstellung wichtiger, obschon nicht aller wichtigen Glaubensthatsachen nnd Glaubenslehren, geordnet in der Weise eines Gebets, zum großen Theile beinahe, als wenn die Gedankenfolge des Vaterunsers dabei vorgeschwebt hätte. Das Gedicht beginnt mit dem Bekenntniß der Trinität, deren Personen wie im Symbolum des hl. Athanasius erörtert werden. Nun bittet er Gott um seine starke Hilfe im Kampfe gegen den Teufel und die Sünde, durch welche wir von Gott entfernt wurden. Dann geht er über zum Preise der jungfräulichen Gottesmutter, der Königin des Himmels, und bittet sie, daß sie für uns bitte und uns Trost vom Himmel sende. Nur die Reue kann das sündenwunde Herz heilen; Gott möge sie uns senden durch seinen heiligen Geist, der die wahre Reue gibt. Wir bedürfen des rechten Glaubens, aber auch der rechten Werke, zu beiden möge uns Gott verhelfen. Darauf wird Maria, die Rose ohne Dorn, die auf Erden nnd im Himmel von allen Zungen Gepriesene, um ihre Vermittlung bei Gott angerufen. Wenn ihr Gebet vor dem Ursprung der Barmherzigkeit erklingt, dann dürfen wir hoffen, daß die Schuld erleichtert werde mit welcher wir uns belastet haben. Das Bad unserer Reinigung wird die Rene sein, welche außer Gott und Maria niemand zu spenden vermag. — Es ist übrigens ganz unmöglich, von der reinen Poesie, von der lauteren Frömmigkeit dieses Stückes durch einen Auszug die richtige Vorstellung zu geben. In einem anderen Gedichte preist Walther die Macht Gottes, von der er den tiefsten Eindruck empfangen. Dann wieder bekennt er seine Sündhaftigkeit, lehrt, wie gefahrvoll der Weg znm Himmel ist. Wie die rechte Liebe sich bethätigt, zeigt der Dichter in dem schönen Spruch: „Wer ohne Furcht, o Herr und Gott, will sprechen deine zehn Gebot' nnd bricht sie doch, dem fehlt die rechte Minne. Es ruft dich „Vater" früh und spät gar mancher; der als Bruder mich verschmäht, der spricht die schönen Worte dann mit schwachem Sinne. Wir alle sind aus gleichem Talg gegossen; es nährt uns Speise, die, sobald wir sie genossen, verliert, den sie zuvor besaß, den Werth. Wer 343 weiß den Herrn vom Knecht zu unterscheiden, Hut er sie lebend noch so gut gekonnt, wenn er nichts als die nackten Knochen fand, das Fleisch von Würmern völlig war verzehrt? Nur Einem dienen alle: Christen, Jnden, Heiden, ihm, der die Welt erschuf und sie ernährt." — Seine beiden Lieder für die Kreuzfahrer sind aus tief gcwurzelter, frommer Empfindung hervorgegangen, die er nicht ergreifender hätte anssprcchen können, wenn er selbst mitgezogen wäre ins hl. Land. Wir könnten noch manche Perle von Walthcrs religiösen Gesängen anführen. Doch die angeführten mögen genügen, um daraus zu ersehen, daß unser Sänger ein Christ im ganzen und vollen Sinne seiner Zeit war. Walther hatte für feine Dienste um die Sache Kaiser Otto's geringen Lohn geerntet. Er mahnt den Kaiser, daß er in seiner Bcdrängniß doch des armen Gastes nicht vergesse. Doch es war vergebens; auch Walther wandte sich mit vielen anderen beim Erbleichen von Otto's Stern dem jungen Sprossen des Hanfes der Staufer zu, in dessen Hut er das Reich sicherer geborgen wußte, als bei dem rauhen und kargen, unfreundlichen und freundloscn Welsen. — Mögen die Gründe, die Walther bewogen haben, zu dem sogen. Pfaffenkönig Friedrich überzugehen, noch so triftige gewesen sein, so dürfte es auch dem begeistertsten Verehrer des Sängers denn doch schwer werden, ihn von einer Verleugnung der Principien und von Jnteressenpolitik freizusprechen. Es ist zu bedauern, daß das politische Verhalten des Dichters einen Schatten auf das leuchtende Bild wirft, welches wir von ihm als Sänger, Menschen und Christen besitzen. Der junge Staufer nahm den großen Sänger mit königlicher Huld auf; er erkannte eben die Macht, welche er durch den leidenschaftlichen Dichter im Kampfe gegen Rom erhalten hatte. Walther bekennt selbst, daß er noch durch nichts eine Belohnung von dem „besten" Herrn, wie er Friedrich nennt, verdient habe. Er erhielt nämlich von: Könige dreißig Mark Einkünfte, aber wahrscheinlich von einem entlegenen Gut im Besitze Otto's oder eines seiner Anhänger; jedenfalls war der Zins nicht einzutreiben, und so bleibt dem Dichter von dein großen Erträgniß nichts als der Name, worüber er nur spottet. Soviel wir wissen, ist Walther jetzt nicht am Hofe Friedrichs geblieben, sondern sein unruhiger Geist hat ihn abermals und zwar durch längere Zeit in einem nn- stäten Leben nmhergeführt. Während der vorhergehenden bösen Zeit war dein Sänger das schönste Licbesglück aufgeblüht. Walther lernt nämlich, durch eigene Entwicklung, vielleicht auch durch den Verkehr mit Wolfram dahin gebracht und der schlichten, natürlichen Neigung sich zuwendend, ein hübsches Mädchen in einem von Wien unfcrncn Dorfe kennen. Diesem widmet er nun seine besten Minneliedcr; der Königin Minne will er sein Leben weihen. Dazu bedarf er auch des Glückes, und darüber spricht er in einem hübschen Spruch: „Fortuna theilet ringsum ihre Spenden; mir aber kehrt sie ihren Rücken zu, sie läßt mich ohne Gnade fort mit leeren Hände». Noch weiß ich nicht, was ich ihr deßhalb thu'. Sie wendet sich ungern zu mir: lauf' ich um sie herum, stets bleib' ich hinter ihr. Sie nimmt sich gar nicht Zeit, mich anznsch'n. Ach, möchten doch die Angen ihr im Nacken steh'», dann mußt' es wider ihren 'Wunsch gcschch'n." Die Krone aller Dichtungen WaltherS ist jenes Lied, in welchem er schildert, wie das zur Wahrheit geworden, was er so oftmals geträumt: Unter der Linden an der Heide, wo ich mit meiner Liebsten saß, da mögt ihr finden wie wir beide die Blnmen brachen und das Gras; vor dem Wald in einen: Thal — Tandaradci! herrlich sang die Nachtigall! Ich kam gegangen zu der Aue. und mein Liebster war schon dort; da ward ich empfangen, heilige Frane, daß ich bin selig immerfort. Ob er mich wohl oft geküßt? Tandaradei! Seht, wie roth der Mund mir ist! Mit dem Gedichte „Unter der Linde" hat das Liebesverhältniß äußerlich und innerlich seinen Höhepunkt erreicht. Darnach kann nichts mehr kommen, und deßhalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir aus Walthers Liedern darüber auch nichts mehr erfahren. Daß ihm, als er schon die Vierzig überschritten hatte, das süßeste Licbesglück erblühte, wird niemand unwahrscheinlich finden, ebenso wenig, daß es nicht allzu lange währte. Allein die Entsagung fällt ihm nicht sehr schwer, wie wir aus dem Lied, in welchem er Frau Minne den Dienst kündigt, vernehmen: „Liebe, die hat eine Art, wollte sie doch die vermeiden, besser schien sie mir. Mancher bliebe dann bewahrt vor der Liebe Schmerz und Leiden; übel schickt sich's ihr. Es sind ihr viernnd- zwanzig Jahre viel lieber, als ihr vierzig sind, und sie stellt sich böse an, sieht sie irgend graue Haare." „Liebs, hatte mir's zu gnt, während sie sich Kämpfer wählt, setz' ich mich hierher. Weitaus hab' ich frischem Muth/, als noch mancher Springinsfeld. Was will sie von mir mehr? Ich dien' ihr sonst, wie ich's vermag. Sie laufe ihren sechscn nach, von mir gewinnt sie in der Woche nur den sieb'nten Tag." Walthern lag jetzt anderes am Herzen. Am heimischen Hofe war während seiner Gastfahrten eine neue Knust aufgekommen. Es war die höfische Dorfpoesie, als deren Führer und hauptsächlichster Träger der bayerische - Ritter Neid hart von Reuenthal am Wiener Hof auftrat. Neidhart war jünger als Walther, vielleicht ebenso um zehn Jahre, wie Walter Ncinmarn nachstand. Er stand am Wiener Hofe in hoher Gunst und war namentlich bei Herzog Friedrich II., dem Streitbaren, dem letzten Babenberger, sehr beliebt. Neidhart hat zuerst die höfische Kunst des Minncgcsangs erlernt, wcß- wcgen er Ncinmar und Walther kennt; letztere!» ahmt er nach, thut es jedoch in einer Weise, daß er dabei sclbst- srändig bleibt. Als vorwärtsstrcbender Künstler in der Realistik gerätst er bald in scharfen Gegensatz zu Walthern, dem Vertreter der klassischen Richtung. Walther erhob scharfen und entschiedenen Protest gegen diese Bancrn- pocsie, Neidhart nahm den Handschuh auf, varodirte Walthers Prcislicd und andere seiner besten Stücke, nnk so sind die beiden Männer anseinandcrgekommen. Auf seinen Wanderfahrten hat Walther als Gast an manchem Hofe geweilt, nicht immer als beliebter, denn seine Haltung gegen Papst und Geistlichkeit mag ihm manchen üblen Willkomm zugezogen haben, so z. B., 344 in dem Benediktincrstifte Tcgernsee in Oberbahcrn. Er rächt sich mit einem Spruche, in welchem er ärgerlich den Abt als „Mönch" bezeichnet: „Man sagt' mir stets von Tcgernsee, wie dort ein gastlich Hans in Ehren steh', drnm wandt' ich mich dahin mehr als 'ne Meile von der Straße. Ich bin ein sonderbarer Alaun, daß ich mir selbst so wenig kann vertrau'» und mich so sehr auf and'rer Wort verlasse. Ich schelte niemand, doch will ich, bei Gott, sie meiden. Dort trank ich Wasser und so nasser mußt' ich von des Mönches Tische scheiden." Sogar bis nach Kärntcn hinunter kam der Sänger. Im Jahre 1219 befand sich Walther wieder bei Herzog Leopold dem Glorreichen von Oesterreich. Es war in demselben Jahre, in welchem der Herzog von dem Kreuz- zuge (1217 —1219) heimkehrte, welcher mit der Eroberung Damiettcs glücklich beendigt war. Vorher hatte der Herzog für die Fahrt das Geld zusammengespart, jetzt wurde er freigebig, auch gegen unsern Dichter. Allein das Ende seines Aufenthaltes ist, daß der Herzog ihn in den Wald schickt — etwa wie heute „dahin, wo der Pfeffer wächst". Es war eben schwer, mit diesem Säuger zu verkehren, der ein hochbcschwingtcs, aber auch sehr empfindliches und erregbares Gemüth hatte. Besser kam er mit dem Grafen Dicther II. von Katzeuelubogen aus. Diesen preist er zuerst mit stolzen Warten als freigebigen Herrn, »vorauf ihm der Graf einen Ring mit einem kostbaren Diamant schenkt; nun folgt eine Strophe des Säugers, in welcher er den Spender einen der schönsten Ritter nennt. Inzwischen waren die großen politischen Pläne Friedrichs gereift, der jetzt nicht mehr durch die Rücksicht auf seinen ehemaligen Vormund und Beschützer, Papst Juuocenz, gebunden war, und dessen diplomatische Kunst, seinen Scharfblick und seine Herrscher-stellung er nicht mehr zu scheuen brauchte. Zur Durchführung seiner Absichten zog er die bewährte Hilfe des volksthümlichen Säugers heran. Walther wird nun von den Plänen des Kaisers unterrichtet und bemüht sich, dieselben durch den Einfluß seiner Poesie zu fördern. Früher war es ein freiwilliges Anerbieten von Fall zu Fall, er stellte seinen Saug in den Dienst des Reiches; nunmehr ist er als politischer Agent zu betrachten, der tu ein festes Dieustverhältuiß tritt. Dein entspricht der Lohn des Säugers: ein eigenes Heim. Nachdem er in einem Spruch die öffentliche Meinung dafür zu gewinnen sucht, den Sohn des Kaisers, den jungen Heinrich, zum deutschen Könige zu wählen, was ja auf dem Frankfurter Hoftage, 17. April 1220, gelang, bittet er den König in rührenden Worten um eine Heimstätte: „Ihr, Vogt von Rom, Apulieus Fürst, laßt Euch erbarmen, und laßt mich nicht, trotz reicher Kunst, also verarmen! Gern möcht' ich, könnt es sein, am eigenen Herd erwärmen." Als Heinrich zum Könige gewählt und am 22. November von Papst Hvuorius III. zum Kaiser gekrönt war, da vergißt er auch nicht des Sängers. Walther erhielt ein Lehen in der Gegend von Würzburg, wahrscheinlich mit Rücksicht auf seine Verwendbarkeit im Reichsdienste. Da nun sein langjähriger Wunsch erfüllt ist, bricht er in stürmischen Jubel und begeisterten Dank an seinen königlichen Herrn aus: „Ich hab' »nein Lehn, hör's alle Welt, ich hab' mein Lehn. Nun fürcht' ich nicht den harten Frost an meinen Zehen und brauch' bei kargen Herrn nicht mehr zu flehen. Der edle, milde König hat mich so berathest, daß ich im Sommer kühl und warm im Winter wohne." Daß Walther hier übertreibt, ist ganz begreiflich und liegt im Zwecke des Spruches; man darf den Sänger sich nicht als einen Landstreicher neuesten Datums vorstellen. Friedrich fand die wesentlichen Grundlagen seiner Macht in seinen italienischen Besitzungen, vornehmlich in Sicilien. Dort fühlte er sich auch zu Hause; denn er war überhaupt kein Deutscher, sondern ein Italiener nach Geburt, Sprache, Erziehung und allen Anlagen seines reichen Geistes. Seine gesammte Persönlichkeit ist un- dcutsch, nur die Tradition, welche auf seine Politik einwirkt, ist staufisch. Aber die Politik seiner Vorfahren, der früheren Hohenstanfen, war bei allen Fehlern eine offene und ehrliche, freilich oft sehr gewaltthätige gewesen, „allein Friedrich wußte seine Weltherrschaftspläne, seinen tiefen Haß gegen den päpstlichen Stuhl mit raffinirter Schlauheit unter der Maske der Heuchelei zu verbergen. Er schwur Jnnocenz die feierlichsten Eide, machte seinem Nachfolger die weitgehendsten Versprechungen, ohne auch nur im entferntesten an deren Erfüllung zu denken. An« meisten lag dein frommen Papste Honorius der allgemeine Kreuzzug am Herzen, den Friedrich bekanntlich wiederholt aufs feierlichste versprochen hatten Allein mit allerlei Vorwänden wußte er sich stets seiner Verpflichtung zu entziehen. Ein Zng nach Italien zum Ausbau seiner Macht daselbst war ihm wichtiger. Während seiner Abwesenheit in Italien übergab er die Reichsregentschaft einer Commission aus großen staufischen Reichsministerialen, an deren Spitze der heiligmäßige Erzbischof Engelbrecht von Köln sich befand. Das war ein kluger, energischer, zuweilen sogar rücksichtsloser Mann, der die Ordnung vortrefflich zu erhalten, den habgierigen und gewaltthätige»« Adel zn bändigen wußte. Man nannte ihn wohl darum den „Fürstenmeister". Freilich machte er sich unter der Ritterschaft dadurch tvenig Freunde. Mit diesem mächtigen und bedeutenden Manne war Walther von der Vogelweide nahe verbunden und mahnt ihn in sekneu, dieser sichern Stütze des staufischen Regiments gewidmeten Sprüchen, sich nicht um die Drohungen der Feiglinge zu kümmern, welche ihn befeinden; er habe das nicht nöthig: er, der treue Königspfleger, des Kaisers Ehreuhort, der beste Kanzler, der Kämmerer der hl. drei Könige und der elftausend Jungfrauen, d. h. der kostbaren Reliquien im Dorne zu Köln. Daß Walther der Erzieher des jungen, sittlich verwahrlosten Königs Heinrich war, liegt von der Wahrheit wohl sehr weit ab. In kurzer Zeit darnach wurde Erzbischof Engelbrecht am 8. Nov. 1225 von seinem Verwandten, dein Grafen Friedrich von Altena-Jsenburg, ermordet. Allgemein war die Bestürzung und Entrüstung des Volkes über die Frevel- that. Walther widmet dem Lobe des Verstorbenen einen besonderen Spruch, der sich hauptsächlich wider den Verbrecher kehrt: er kann keine Marter finden, welche die Unthat sühnen würde, und hofft, der Mörder werde lebend von der Hölle verschlungen werden. Bei dem schrecklichen Ende, welches der Graf von Jsenburg am nächsten Jahrestag von Engclbrechts Tod zu Köln fand, ist ein Theil der von Walther genannten Strafe an ihm vollzogen worden. (Schluß folgt.) Verantiv. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg- ö!r. 50. 28. Aug. 1897. Gibt es eine katholische Wissenschaft? Rede des Freiherr» v. Hertling auf dem Freibnrger Wissenschaft!. Katholiken-Congreß am 17. August 1897.*) In der zweiten allgemeinen Sitzung des vor drei Jahren in Brüssel abgehaltenen Kongresses kam ein Vor- trag von Msgr. d'Hnlst znr Verlesung, dessen Jdeen- reichthum und überzeugende 5klarheit allgemeine Verwunderung hervorriefen. Der Verfasser war selbst nicht anwesend; durch eine äußere Abhaltung am Erscheinen verhindert, mußte er sich einer befreundeten Stimme bedienen. Heute ist auch das nicht mehr möglich. Voll tiefen Schmerzes erinnern wir uns, daß der Mann, der recht eigentlich als der Vater der internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congrcsse bezeichnet werden muß, nicht mehr unter den Lebenden weilt und es uns nicht mehr vergönnt ist, uns an der Würde seiner Erscheinung, der vornehmen Eleganz seiner Rede und der Tiefe seiner Gedanken zu erheben. Wenn ich es unternehme, in wenigen kurzen Worten die Erwägungen zusammenzufassen, aus denen unsere Eongressc hervorgegangen sind und denen sie ihre Berechtigung entnehmen, so durfte dies nicht geschehen, ohne daß ich dabei ausdrücklich an jenen Brüsseler Vortrug von Msgr. d'Hnlst erinnerte, welcher für alle Zeiten die Bedeutung eines Programmes besitzen wird. Unsere Kongresse sind Katholiken-Kongresse. Ihre Theilnehmer bekennen sich als Glieder der römisch-katholischen Kirche. In allem, was den Glauben angeht, unterwerfen sie sich dein unfehlbaren kirchlichen Lehramte. Der enge Anschluß an die Autorität der Kirche fand seinen Ausdruck in dem Schreiben, welches die Organi- sations-Commission sogleich beim Beginne ihrer Thätigkeit an Se. H. Papst Leo XIII. gerichtet hat. Er tritt nicht minder deutlich in dem Umstände hervor, daß ein Mitglied des Episkopats, der Hochw. Herr Bischof von Lausanne und Genf, die Güte gehabt hat, den Ehren- vorsitz zn übernehmen. Er fand seinen Wiederhall in den Kundgebungen der Aufmunterung und Sympathie seitens hervorragender Kirchenfürsten der verschiedensten Länder, von denen wir gestern Kenntniß genommen haben und denen ich heute noch die des Hochw. Bischofs von Padcrborn hinzufügen kann. Unsere Kongress« sind weiterhin wissenschaftliche Kongresse. Philosophie und Geschichte, orientalische und klassische Philologie, Rechtswissenschaft und National-Oekono- mie, Mathematik und die Natnrwisscnschaft in ihrem weitesten Umfange werden die Gegenstände zu den viertägigen Vortrügen und Discnssionen bieten. Ausschließlich die Regeln der strengen, reinen Wissenschaft sollen für diese Verhandlungen Zielpunkt und Methode liefern. Denn der Grund, auf dem wir stehen, und das Princip, dem wir folgen, ist die Ueberzeugung, daß es keinen Widerspruch gebe zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der Offenbarung, den die Kirche uns vorstellt, und den gesicherten Ergebnissen, welche menschliche Forschung zu gewinnen im Stande ist. Es gibt keine zweifache Wahrheit. Was der Glaube uns lehrt, was die Vernunft erkennt, es stammt zuletzt aus dergleichen Quelle, aus der einen, allumfassenden göttlichen Wahrheit. "I Nach der Köln. Volksztg. Kann man darum von einer katholischen Wissen» schaff reden? Die Frage läßt sich nicht mit einem kurzen Ja oder Nein beantworten. Gewiß, die Wissenschaft strebt nach Erkenntniß der Wahrheit, und da die Wahrheit nur eine ist und mir eine sein kaun, so gibt es auch, von den höchsten Gesichtspunkten aus betrachtet, nur eine und dieselbe Wissenschaft für Katholiken und Andersgläubige, für Juden und Heiden. Aber nicht in allen einzelnen wissenschaftlichen Disciplinen ist dieses Ideal wirklich erreicht, schon darum nicht, weil der Charakter derselben ein verschiedener ist, weil nicht alle das gleiche Maß wissenschaftlicher Gewißheit besitzen und über den gleichen Umfang völlig gesicherter Ergebnisse verfügen. Vollkommen verwirklicht ist es von der Mathematik. Von jeher war sie Muster und Vorbild stringenter Beweisführung und unerschütterlicher, dem Wechsel der Meinungen entrückter Gewißheit. Es gibt darum auch keine katholische Mathematik im Unterschiede von der protestantischen, sondern nur eine für alle gültige und alle gleichmäßig zwingende mathematische Wissenschaft. Ganz ebenso sollte es in der Natnrforschnng sein, oder vielmehr es ist in eben dein Maße wirklich so, in welchem diese sich der Mathematik annähert und in ihre Erklärungen den mathematischen Calcnl einführt. In die Physik, in die Chemie spielt die Verschiedenheit des religiösen Standpunktes nicht hinein. Für sie handelt es sich einzig darum, die Erscheinungen der unbelebten Natur aus den Gesetzen der Bewegung und der Wirksamkeit stofflicher Elemente herzuleiten, auf Grund der gegebenen und als constant vorausgesetzten Natur-Ordnung. Die Frage nach dem Ursprünge und der Bedeutung dieser Natnr- Ordnnng überlassen beide Wissenschaften der Philosophie. Mit den Hülfsmitteln der sogen, cxactcn Forschung, so virtuos sie dieselben zn handhaben wissen, läßt sich darüber nichts ausmachen; für die erfolgreiche Bethätigung innerhalb ihres eigenste» Gebietes kommt darauf nichts an. Nicht ebenso steht es mit der Wissenschaft von der lebenden Natur. Daß die Erscheinungen dieser letztem auf eine Mechanik kleinster Thcilchen zurückzuführen seien, ist eine Forderung, von deren Erfüllung wir noch weit entfernt sind. Vieles ist hier noch unserer Erkenntniß verborgen, und vor allem: in den Thatsachen tritt uns hier ein Problem entgegen, welches einer exacten Erklärung aus mechanischen Principien nicht fähig ist. Wohl schließen Aufbau und Lebensgang der Organismen physikalische und chemische Processe ein, aber die einzelnen neben und nach einander verlaufenden dienen der Verwirklichung eines ursprünglichen und vorgreifenden Zweckes. Sie sind einem höher» Gesetze unterworfen, welches die sämmtlichen in der Richtung der räumlichen Ausgestaltung wie des zeitlichen Ablaufes nach einem feststehenden Plane ordnet. Das Zustandekommen des Individuums in seiner charaktcrisirten Beschaffenheit und die Erhaltung der Art bezeugen die Herrschaft dieses Gesetzes; die Mittel, durch die es sich zur Geltung bringt, sind uns unbekannt. Noch ist es keinem gelungen, durch eine nach eigenem Ermessen unternommene Combination physikalischer und chemischer Factoren einen Keim ärmlichsten Lebens hervorzubringen. Und eine zweite und für alle Zeiten nnübersteigliche Schranke stellt sich der mechanischen Natnrerklärnng in den psychischen Thatsachen entgegen. Es gibt keinen Weg, der mit verständlicher 346 Klarheit von den Schwingungen materieller Theile zu Empfindung, Gedanke, Selbstbewußtsein hinüberführst. Die Wissenschaft muß diese Grenzen anerkennen. Sie kaun, was die Erscheinungen der lebenden Natur angeht, das Thatsächliche reinlich umschreiben und genau feststellen; in cxacter Weise erklären aber kann sie nur, was dem Experiment und der mathematischen Berechnung zugänglich ist. Der Mensch aber möchte mehr wissen. Die Constatirungcn des Thatsächlichen und die wissenschaftlich sichergestellten Ergebnisse ergänzen wir darum .durch mehr oder minder glaubhafte Vorstellungen, durch die wir uns deutlich zu machen suchen, wie etwa darüber hinaus das Zustandekommen der Dinge und der Verlauf der Begebenheiten sich denken lasse. Die Geschichte der Wissenschaften kennt Hypothesen als Vorstufen fest begründeter Lehrsätze, und sie kann ihrer im Interesse der fortschreitenden Erkenntniß nicht entbehren. Sie weist andere auf, die nie zu beglaubigten Theorien werden können und doch oft genug damit verwechselt oder fälschlich dafür ausgegeben werden. Von diesen letzter« spreche ich hier. Sie bezeichnen die Stellen, an denen die Individualität des Forschers, feine angewöhnte Denkweise, seine Interessen und Neigungen, seine gesummte Weltanschauung, sein religiöser oder irreligiöser Standpunkt sich geltend machen. Um zn verstehen, was ich meine, braucht man nnr an die sogenannte Entwickelungslehre zu erinnern, die, wie bekannt, die biologische Forschung der Gegenwart im weitesten Umfange beherrscht. Mit ihrer Hülfe soll der Zweck, der sich der mechanischen Erklärung nicht fügen will, dadurch aus der lebenden Natur beseitigt werden, daß das, tvas sich uns heute als zweckmäßig aufdrängt, als nothwendiges Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden rein mechanischen Processes begriffen wird. Daß eine solche Auffassung schlechthin und unter allen Gesichtspunkten verwerflich ist, behaupte ich nicht, nur muß man sie als das geben und nehmen, tvas sie allein ist, eine hypothetische Ausstellung, welche gar niemals zu einer wissenschaftlich feststehenden Theorie erhoben werden kann. Denn auf einen derartigen, in der Vergangenheit liegenden Proceß läßt sich nnr mit größerer oder geringerer Zuversicht zurücksckstießen; daß er wirklich stattgefunden habe, dafür ist ein zwingender Beweis nicht zu erbringen. Weit entfernt, daß die Entwickelungslehre, wie fälschlich behauptet wird, die endgültige Bestätigung der materialistischen Weltansicht brächte, ist es im Gegentheil nur materialistisches Vorurtheil, tvas ihre Aufnahme unter die sichergestellten Lehrsätze der Wissenschaft beansprucht. Der katholische Forscher, der sich diesem Vor- urtheile nicht beugt, der insbesondere die Anwendung der Entwickelungslehre auf die vermeintliche thierische Abstammung des Menschen verwirft, wahrt nicht nnr das Neckst feiner entgegengesetzten christlichen Weltansicht, er wahrt zugleich die strenge Ehre der Wissenschaft, welche nnr das als vollgültigen Lehrsatz ausspricht, was sie mit ihren Mitteln zuverlässig beweisen kann. Es gibt keine gläubige und keine ungläubige Natur- wissenschaft, so lange dabei nur an jenen Theil theoretischer Naturbetrachtung gedacht wird, für welchen ausschließlich die strengen Normen dr exacten Forschung maßgebend sind. Rechnet man aber dazu auch die mancherlei unbewiesenen und unbeweisbaren Vorstellungen, durch welche da und dort die Lücken vollwichtiger Er» kcnntniß ausgefüllt zu werden pflegen, so ist die Anmaßung zurückzuweisen, welche hier nur materialistischer > Denkweise Bürgerrecht verstatten will, und wir verlangen für uns das Recht, die Naiur in dem hellen Lichte zu betrachten, das über sie aus dem christlichen Glauben strömt. Auch eine konfessionelle Philosophie sollte es nicht geben, sondern nnr eine einzige philosophische Wissenschaft, welche mit der einen wahren Religion in vollem Einklänge stände. Und doch sprechen wir von einer katholischen Philosophie und werden in absehbarer Zeit von einer solchen sprechen müssen. Und dabei denke ich in diesem Zusammenhange nicht einmal an die in engerem Sinne mit diesem Namen bezeichnete, an die traditionelle Philosophie unserer Schulen von Boethins und Alcnin her, durch Albert und Thomas und die Scholastiker der spätern Jahrhunderte hindurch bis auf die Gegenwart. Die Eigenart der Philosophie bringt es mit sich, daß mit der Individualität des Forschers auch sei» religiöser Standpunkt — wenn er einen solchen besitzt — weit stärker zur Geltung kommen wird, als dies in der Naturwisseuschaft der Fall ist, und das Ereclo ut iutelliAain auch den natürlichen Wahrheiten gegenüber seine Wirkung übt. Nicht daß es gestattet wäre, Glaubenssätze mit philosophischen Argumenten zu vermischen und die Konsequenzen eines Dogmas zur Stütze einer philosophischen Lehrmcinuug zu verwerthen. Auch für die Philosophie, so lange sie Wissenschaft bleiben will, darf kein anderer Maßstab Gültigkeit beanspruchen, als der von dem strengsten wissenschaftlichen Verfahren dic- tirtc. Und doch ist es selbstverständlich, daß wir katholische Philosophen festhält«»» an dem Dasein des persönlichen Gottes, an der Gcistigkcit und Unsterblichkeit der Seele, an der Freiheit des Willens und dem Bestände eines allvcrbindlichen Sittcngcsetzes. Des wissenschaftlichen Charakters aber würden wir nur dann verlustig gehen, wenn wir diese großen Wahrheiten, die uns freilich vor allem am Herzen liegen, mit andern Gründen beweisen wollten, als mit denen, die wir aus Vernunft und Erfahrung schöpfen und die sich vor dem Richter- stuhle der Logik auszuweisen im Stande sind. Wenn wir uns somit zur Metaphysik bekennen, welche seit hundert Jahren als falsche Scheinwisscnschast gcbrandmarkt oder als Bcgriffsdichtung verspottet zn werden pflegt, so tröstet uns der Umstand, daß allen skeptischen Einwendungen zum Trotz der menschliche Geist es nicht lassen kann, nach einer Antwort auf die Frage nach den letzten Gründen der Dinge zu suchen. Noch ein kurzes Wort über die Geschichte. Sie zeigt uns gleichsam ein doppeltes Antlitz. Nach der einen Seite die Sammlung des Materials, die Erforschung der Quellen, die kritische Würdigung der Berichterstatter zur Feststellung der Thatsachen. Hier muß der Forscher sich aufs ängstlichste hüten, seinem Fühlen und Meinen, seiner Sympathie und Antipathie den kleinsten Raum zn verstatten. Die Erkenntniß dessen, was wirklich geschehen ist, muß das einzige Ziel seines Strebens bilden, und zur Erreichung desselben können ihm allein die strengen Regeln wissenschaftlichen Verfahrens behülflich sein. Hier ist vollkommenste Objektivität nach innen sittliche Pflicht, nach außen das Unterpfand der Glaubwürdigkeit. Aber in der Geschi chts-Erzählu ng, in der Zusammenfassung der einzelnen und für sich auch vereinzelten Thatsachen, in dem Anfsnchcii der Gründe, in der Würdigung der Personen und Ereignisse, da liegt es anders. Nur im Geiste des Forschers gewinnen die Thatsachen einer todten Vergangenheit Licht und Zusammenhang. 347 So schließt die Gcschichts-Erzählnng von vorn herein ein subjectives Element ein, das sich nur schwer, wenn überhaupt elimlniren läßt. Hierzu bedürfte es in jeden: Falle der Bekanntschaft mit allen äußern Umständen und allen inneren Motiven einer geschichtlichen Begebenheit. Nnr zugleich mit abschließender Gewißheit ließe sich vollkommene Objectivität der Darstellung gewinnen, aber weitaus in den meisten Fällen müssen wir uns mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit begnügen und bleibt unser Wissen Stückwerk. lind auch der denkbar höchste Grad historischer Gewißheit in Bezug auf die Erklärung einer Begebenheit würde noch nicht völlige Objectivität in ihrer Beurtheilung mit sich führen. Die Würdigung der Person und Ereignisse wird je nach dem Standpunkte des Forschers sehr verschieden ausfallen, so lange dieselben noch irgend einen Zusammenhang mit dem Leben der Gegenwart besitzen und den Interessen, die es beherrschen. Wenn also der katholische Historiker bei jener Würdigung den Maßstab anlegt, den er seinem katholischen Bekenntnisse entnimmt, so thut er nicht etwa nnr, was er nicht lassen kann, sondern er macht von seinem guten Rechte Gebrauch, vorausgesetzt, daß er in der Feststellung des Thatsächlichen sich rein und ausschließlich von dem Streben nach Erkenntniß der Wahrheit leiten laßt. Gibt es also eine katholische Wissenschaft? Die kurzen Erwägungen haben gezeigt, in welchem Sinne die Frage zn bejahen ist. Unter katholischer Wissenschaft verstehen wir die Wissenschaft katholischer Gelehrten, welche in allen rein wissenschaftlichen Fragen keine andern Regeln kennen, als die des allgemeinen wissenschaftlichen Verfahrens, welche aber überall da, wo unbeschadet dieser Regeln der Standpunkt des Forschers seinen Ausdruck finden darf oder finden muß, ungeschent die Fahne ihrer aus übernatürlichem Grunde stammenden Glaubens-Ueberzeugnng aufpflanzen, fest durchdrungen von dem Satze, daß zwischen Glauben und Wissen kein Widerspruch möglich ist, so lange der Glaube wirklicher, auf göttlicher Offenbarung ruhender Glaube, und das Wissen wirkliches, vor keiner kritischen Prüfung zurückschreckendes, aber auch keiner grundlosen Behauptung Raum verstattendes Wissen ist. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Von vr. Thomas Specht.*) Wie bekannt, soll in Dillingen ein Bischofsdenkmal errichtet werden. Unter den Repräsentanten der Bischöfe von Augsburg wird dabei auch der Cardinalbischof Otto Truchseß von Waldburg, der Gründer der Universität Dillingen, sich befinden. Schon dieser Umstand läßt es wünschcnswerth erscheinen, das Leben oes genannten Bischofs den Freunden der Denkmalssache zu schildern. Dazu kommt, daß Otto eine der kraftvollsten Gestalten auf dem bischöflichen Stuhle des hl. Ulrich tvar und nicht bloß innerhalb seines Bisthums, sondern weit darüber hinaus eine nicht unbedeutende Thätigkeit entfaltete. Demgemäß schrieben die „Historischpolitischen Blätter" (B. 110 S. 781 f.): „Zn den ausgezeichneten Geistern, welche sich sowohl um ihr Vaterland, als besonders um die allgemeine Kirche, vor allem aber um die eigene Diöcese die größten und bleibendsten Verdienste erworben haben, gehört vorzugsweise der ') Nach einem im Histor. Vereine zu Dillingen gehaltenen Vortrage. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg. Er glänzte au dem dunkeln Himmel des 16. Jahrhunderts als Stern erster Größe." Es ist freilich fraglich, ob der letztere Satz allgemeine Anerkennung finden wird. Man kann in der That darüber streiten, ob Otto wirklich als Stern erster Größe zu bezeichnen ist. Allein soviel ist gewiß, und darin stimmen sicherlich alle nbere'in, daß er zu jenen nicht allzu zahlreichen Männern des 16. Jahrhunderts gehört, welchen Geburt, Stellung, Eharakter, Tugend und Wirksamkeit einen bevorzugten Platz in der Geschichte einräumen. Es ist nur zu bedauern, daß Otto noch keinen Biographen gefunden hat. Bausteine zu einem biographischen Denkmal sind im Laufe der Zeit allerdings gesammelt werden. Gerade hierüber möchte ich, bevor ich auf das Leben und Wirken unseres Kardinals eingehe, einiges im voraus bemerken. An erster Stelle nenne ich die Pappenheim'sche Chronik der Truchsessen von Waldburg, deren erster Theil zu Memmingen 1773 und deren zweiter Theil zu Kemptcn 1785 gedruckt wurde. Matthäus von Pappcn- heim war Domherr in Augsburg und verfaßte sein Manuskript in der ersten Hellste des 16. Jahrhunderts. Mit Zusätzen und Ergänzungen wurde es in den genannten Jahren herausgegeben. Neuesten? ist derselbe Gegenstand behandelt worden von Dr. Vochezer: Geschichte des fürstlichen Hauses Waldburg in Schwaben. Bis jetzt ist aber nur der erste Band erschienen (1888), der noch nicht bis zur Zeit Otto's reicht. Sehr eingehend wird Cardinal Otto behandelt von Braun in seiner Geschichte der Bischöfe von Augsburg (B. 3 S. 358 — 520). Braun schöpfte mehrfach aus der Pappenheim'schcn Chronik, aber auch noch aus vielen andern gedruckten und angedruckten Quellen, besonders aus dem bischöflichen Archiv. Aus neuerer und neuester Zeit sind zn erwähnen die unsern Cardinal behandelnden kleineren Artikel im Kirchenlexikon (1. Anst.), in der „Allgemeinen deutschen Biographie" (B. 24), in den „Historisch-politischen Blättern" (B. 110 S. 781 ff.). Im Histor. Jahrbuch veröffentlichte Duhr 8. ll. zwei Artikel: Zur Biographie des Kardinals Otto Truchseß (B. 7 S. 177 ff.) und: Reformbestrebungen des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg (S. 369 ff.). Sehr wichtig für die Geschichte Otto's sind seine Briefe. Er schrieb der damaligen Sitte und seiner eigenen persönlichen Neigung folgend Tausende von Briefen entweder selbst oder durch seine Secretäre. Allein seine Korrespondenz ist bisher nur zum Theil aufgefunden und veröffentlicht worden. In den „Beiträgen zur Geschichte des Bisthums Augsburg" gab vr. Wimmer, Scriptor der kgl. Universitäts-Bibliothek zu München, vor 40 Jahren einen Theil heraus unter dem Titel: Vertraulicher Briefwechsel des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg, Bischofs von Augsburg, mit Albrecht V., .Herzog von Bayern, 1568 — 1573. (Ist auch separat erschienen.) Den Briefwechsel Otto's mit Albrecht V. aus den Jahren 1560 — 1569 veröffentlichte Bander, Vorstand des kgl. Archiv-ConservatoriumS in Nürnberg, im „Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg" (B. 2 S. 123 ff.). Alle diese Briefe sind deutsch abgefaßt. Strichele schickt den: von Baader mitgetheilten Briefwechsel folgende Bemerkung voraus: „Die Briefe Otto's aus jenen Jahren sind von höchstem Interesse und für die Zeitgeschichte von größter Wichtig- keit. Sie entrollen ein lebhaftes Bild aller Vorkomm- lüsse, zeugen von stauuenswerther Thätigkeit des Cardinals für die katholische Kirche und das deutsche Vaterland, und bekunden seinen Einfluß auf Papst, Kaiser und Fürsten. Die Ansichten und Urtheile der Correspondenten, namentlich Otto's, über religiöse und politische Zeitfragen veroffenbaren ebenso warme Vaterlandsliebe, als sie einen Schatz politischer Weisheit enthalten, wie sie auch durch die Erfahrung meistens als die richtigen sich bewährten" (S. 124). Wimincr aber bemerkt: „Dieser (Otto) schrieb, und zwar ausnahmslos „rund wie es ihm nius Herz ist", meist gleichsam mit Leib und Seele, den unmittelbaren Eindrücken des Augenblicks hingegeben, und fast in jeder Zeile seiner Briefe spiegelt sich wieder sein heißes, leicht erregbares, cholerisches Temperament" (S. 19). Im vorigen Jahrhundert hat unter andern eine große Anzahl von Briefen (etwa 100) veröffentlicht der berühmte Latinist Lagomarfini 8. öl. in den von ihm herausgegebenen Briefen des Ginlio Poggiano. Dieselben sind an die verschiedensten Persönlichkeiten gerichtet und von höchstem Werthe. (Vgl. Histor. Jahrbuch B. 7 S. 187.) Poggiano, gleichfalls ein ausgezeichneter Latinist, stand längere Zeit in den Diensten des Cardinals Otto. Er war wegen der vielen Briefe, die er für den Cardinal zu schreiben hatte, sehr ungehalten (Histor. Jahrb. B. 7 S. 187), und das war wohl ein Hauptgrund, warum er nicht länger bei Otto aushielt. Die Briefe au den Cardinal Hos ins, Bischof von Ermcland, aus den Jahren 1560—1561 gab neuestens gesondert und mit Anmerkungen heraus Pros. Weber in Negensbnrg/') und zwar aus einem bisher noch nicht benutzten Codex im bischöflichen Archiv zu Augsburg. Auch von Trüffel hat eine Anzahl von Briesen Otto's oder an Otto veröffentlicht, besonders im 1. und 2. Bande der „Briefe und Akten znr Geschichte des 16. Jahrhunderts". Ich habe im ganzen 11 gezählt, sie sind theils ausziiglich, theils wörtlich wiedergegeben. Die Adressaten sind Kaiser Karl V., Kurfürst Moriz von Sachsen, Kurfürst Friedrich von der Pfalz, Eck und andere. Der Inhalt der Briefe bezieht sich großentheils auf die religiöse Bewegung und den schmalkaldischen Krieg. Auch andere haben gelegentlich Briefe Otto's bekannt gegeben, wie Dnhr in dem angeführten Artikel zeigt. Es ist indeß kein Zweifel, daß noch eine ganze Reihe von Briefen Otto's im Staub der Archive ruht. Erst wenn die Corrcspondcnz vollständig veröffentlicht ist, wird es möglich sein, eine nach allen Seiten hin erschöpfende Biographie zu schreiben. Jw der That sollen sich zwei Forscher, Giefel-Stnttgart und Schwarz-Berlin, Mit der Herausgabe der Corrcspondenz befassen. Nach diesen etwas trockenen, aber immerhin nicht uninteressanten Vorbemerkungen gehe ich zur Darstellung des Lebens und Wirkens unseres Cardinals über. Natürlich beschränke ich mich auf das Wichtigste. „Zumaßen", um mit der Pappenhcim'scheu Chronik zu reden, „wenn man alles mit seinen Umständen beschreiben wollte, hiezu ein eigenes Buch erfordert würde" (I, 104). . Otto entstammte dem oberschwäbischen, früher reichs- unmittclbarcn, in der Nähe von Navensbnrg ansässigen Geschlechte der Wald bürg, dessen Ursprung ins 12. Jahrhundert hinaufführt. Er wurde geboren auf dem Schlosse Scheer bei Sigmaringen den 26. Febr. 1514 *) Icktsras » Pruebsssso ack Ao8ium cmnis 1560 st i 1561 äatas . , . eälckit . , . X, IVaber. Ilatisbonas 1892. > als der Sühn Wilhelms des Acltcren und seiner Gemahlin Sibylla, einer geborenen Gräfin von Sonnenberg. Otto, welcher schon in der frühesten Jugend Neigung zum geistlichen Stand verrieth, wurde von seinen Eltern zum Studium bestimmt. Wir treffen ihn im Alter von 10 Jahren an der Akademie zu Tübingen. Es währte nicht lange, da bekam er, noch unmündig, durch den Einfluß seines Vaters, die Einkünfte der Pfarrkirche zu Tachcnhansen bei Nürtingen in Württemberg (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179) und ein Kanonikat in Speher. Damals herrschte eben die Sitte oder Unsitte, daß die nachgeborcncn Söhne von Adeligen durch Zuweisung von Pfründen und beziehungsweise deren Einkünften versorgt wurden. Otto begab sich nun auf die Hohe Schule zu Dole in Burgund, wo er sich hauptsächlich mit der Erlernung des Französischen beschäftigte. Von Frankreich ging er nach Italien und studirte an den Universitäten zu Padua, Pavia und Bologna. In Pavia wurde er zum Rcctor gewählt. Die oberitalicnischen Universitäten nahmen bekanntlich bei ihrer demokratischen Organisation den Rector aus der Zahl der Schüler. Das Nectorat brachte ihm zwar viel Ehre, nahm aber seine finanziellen Mittel sehr in Anspruch. Die Zimmer'schc Chronik sagt, er sei dabei „etliche tausend Gulden ohne geworden" (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179). In Bologna hörte er die Vorlesungen des gelehrten Hugo Boncampagni, welcher später unter dem Namen Gregor XIII. Papst wurde. Zn seinen Mitschülern Zählte er angesehene Männer, unter anderen Alexander Farnesius, Christoph Madruccius, Stanislans Hosins, welche später mit dem römischen Purpur geschmückt wurden. In Bologna wurde er mit dem höchsten akademischen Grade, dem Doktorate, ausgezeichnet. Da Otto entschlossen war, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so verzichtete er schon im Jahre 1552 zu Gunsten seiner Brüder auf alle väterlichen lind Familicn- gütcr. Zehn Jahre daraus bestimmte ihm sein Vater ein jährliches Leibgeding von 600 Gulden, dessen er sich aber zu Lebzeiten des Vaters begab. Einem Manne von der Abstammung und Befähigung Otto's konnte es an Beförderung nicht fehlen. Karl V., welcher die Treue und Anhänglichkeit der Waldburg an den Kaiser, das Reich und das Haus Oesterreich Wohl würdigte, ernannte Otto 1541 zu seinem Rath und Vertrauten und ertheilte ihm die mit dieser Würde verbundenen Rechte und Privilegien. Im gleichen Jahre oder im Jahre darauf wurde Otto in das Dom- capitel zu Augsburg ausgenommen, nachdem er vorher auch Dekan der Domkirche in Trient geworden war. Um diese Zeit reiste Otto nach Nom, wo er durch seine Geistesgabcn und sein gesetztes Auftreten das Vertrauen des Papstes Paul III. gewann, der ihn zu seinem Kämmerer ernannte und in einer wichtigen Angelegenheit als Jnternuntins an den König von Polen, Sigmnnd, schickte. Auf dem Rückwege kam ihm ein päpstlicher Kämmerer entgegen, welcher ihm den Auftrag des Papstes vermittelte, als Abgesandter zu dem von dem römischen Könige Ferdinand auf das Jahr 1543 ausgeschriebenen Reichstag nach Nürnberg sich zu begeben und die Ankündigung des in Trient abzuhaltenden Concils dorthin zu überbringen. Während des Reichstags zu Nürnberg, den 14. April 1543, starb der Bischof von Augsburg, Christoph Stadion. Otto mußte nun als Domherr von Augsburg znr Wahl eines neuen Bischofs abreisen. Die Wahl fand in Dillingcn statt, wo das Domcapitel um jene Zeit, aus Augsburg vom dortigen Rathe vertrieben, sich aufhielt. Auf Empfehlung Ferdinands und anderer hoher Persönlichkeiten wie der bayerischen Herzöge Wilhelm und Ludwig, des in Nürnberg anwesenden Cardinals Granvella wurde Otto, obwohl im Domcapitel sich einige sehr würdige Männer befanden, zum Bischof gewählt. Dies geschah am 10. Mai 1543, und bereits am 1. Juni wurde die Wahl von Paul III. bestätigt. Der Papst dispensirte den neuen Bischof wegen mangelnden Alters (er war noch nicht 30 Jahre alt) und ertheilte ihm zugleich die Erlaubniß, die bisher innegehabten Benefizien zu behalten. Dieselben sind bereits genannt worden. Dazu kamen später noch andere. So wurde Otto 1553 Propst des Stiftes Ellwaugen und 1558 Propst zu Freising. Als Otto zum Bischof gewählt wurde, war er noch nicht Priester, sondern bloß Diakon. Er ließ sich nun alsbald zum Priester und dann znm Bischof weihen, was ihm in Anbetracht der damaligen Gewohnheiten als Beweis seiner streng kirchlichen Gesinnung ausgelegt wurde. Die Consecration fand in Dillingen unter großer Feierlichkeit statt. Otto, der schon bisher verschiedene Würden besaß, wie wir gesehen, wurde als Bischof von Papst und Kaiser noch weiter ausgezeichnet. Vom Papste wurde er auf Benennung des römischen Königs im Jahre 1544 zum Cardinal ernannt. Wenn die „Allgemeine deutsche Biographie" (B. 24 S. 635) bemerkt, daß man zu dieser Erhebung einstweilen die direkte Veranlassung nicht einzusehen vermöge, so scheint dies doch nicht richtig zu sein, denn Otto hatte eben kurz vorher eine zwischen dem päpstlichen Stuhle und dem kaiserlichen Hofe entstandene Zwistigkeit glücklich beigelegt (Chronik I, 105; Braun III, 368). Ein anderer Papst, Pins IV., übertrug ihm später den Vorsitz bei der geistlichen Jnquisirion und ernannte ihn durch eine Bulle vom 5. Juli 1560 znm löFatns a lators in der Angsburgischen Kirche und in den Besitzungen der Trnchsesse von Waldbnrg, womit unter andcrm das Recht verbunden war, gewisse päpstliche Nescrvatrechte auszuüben. — Nicht weniger ward Otto vom Kaiser und seinem Bruder geehrt. Karl V. ernannte ihn zu seinem Rath, und der römische König Ferdinand machte ihn znm Protektor der deutschen Nation in Rom. Ein anderer Kaiser, Maximilian II., betraute ihn 1563 bei seiner Rückreise aus Italien mit dem ehrenvollen Auftrage, seine zwei Söhne, die Erzherzoge Rudolf nnd Ernst, auf ihrer Reise nach Spanien zu begleiten nnd dem König Philipp II. vorzustellen. (Fortsetzung folgt.) Walther von der Vogelweide. (Schleiß.) 3. Lastn. Dies war der letzte leidenschaftliche AuSbrnch des Dichtcrfeners. Mit dem Alter war der Kampfesmuth gewichen, die Leidenschaften waren milder geworden. Eine einzige große nnd erhabene Idee erfüllte ihn in den letzten Lebensjahren, und rastlos ist er bemüht, das Scinigc zur Ausführung beizutragen: zur Befreiung des heiligen Landes aus den Händen der Ungläubigen. Er dichtete eines seiner schönsten Lieder als Aufforderung zur Kreuzfahrt, die er selbst nicht mehr wagen durfte. Das Unheil war jedoch nicht aufzuhalten. Der Kaiser schiffte sich wirklich am 8. September 1227 mit dein Landgrafen Ludwig von Thüringen in Brindisi ein, kehrte aber, nach dem Tode des letzteren, angeblich selbst schwer krank, nach drei Tagen wieder zurück. Papst Gregor IX., der inzwischen auf Honorius gefolgt war, erklärte die Krankheit als Verstellung nnd verhängte am 29. Scpt. 1227 den Bann über Friedrich. Den siegreichen Feldzng, den der gebannte Kaiser im folgenden Jahre nun mit Ernst unternahm, hat Walther nicht mehr erlebt. Andere Sorgen forderten den Sänger für sich: der junge König Heinrich begann in seiner hochmüthigen Weise die Re- gicrungsgeschäfte zu leiten, da richtet Walther einen scharfen Spruch wider ihn, nennt ihn ein selbstgcwachscnes Kind, das krumm geworden sei, da man es nicht habe gerade biegen können. Zn groß sei er leider schon für die Ruthe, zn klein für das Schwert. Er möge ruhig bleiben nnd schlafen. Endlich prophezeit er ihm ein übles Ende. So sehen wir Walther bis in seine letzten Tage für das Interesse des deutschen Reiches thätig. In seinen letzten Jahren dichtete Walther manchen kunstvollen Spruch voll Weltkenntniß nnd Lebensweisheit; manche können auch dazu dienen, der Persönlichkeit Walthcrs etwas näher zu kommen. Ein Mahngcdicht hebt an: Niemand könne mit Ruthen allein den Kindern Zucht beibringe»; auf ein feines Gemüth wirke schon ein Wort des Tadels wie ein Schlag. — Der Weise gäbe eher sein Leben, Hab nnd Gut verloren, als daß er auf Gottes Huld und Ehre verzichtete. — Wer sich mäßig hält, dem fällt alles Gute zn. Es schickt sich nicht für einen ehrbaren Mann, daß ihm die Zunge vom Weine hinke. Viele Sprüche Walthcrs zielen auf die Vertheidigung seines eigenen Ichs ab, was sich leicht begreift; denn die Zeitgenossen waren keineswegs bereitwillig, den Dichter in ihm anzuerkennen nnd auszuzeichnen; er mußte sich seine Stellung erst machen, mußte sich als Künstler legitimsten und beweisen, daß er nicht wegwerfend beurtheilt werden dürfe, daß er nicht ein fahrender Mann sei wie die Gaukler, Ncifspringcr und Possenreißer. Sodann erklärt sich mancher seiner Sprüche, wie oben schon angeführt, aus seiner Reizbarkeit, wodurch ihm schnell ein scharfes und verletzendes Wort auf die Lippen trat, das dann nicht wieder zurückgenommen werden konnte. Im übrigen war Walther Sanguiniker nnd in seinen späteren Jahren das, was wir „nervös" nennen. Von diesen Voraussetzungen erweisen sich etliche Sprüche Walthcrs wcrthvoll. Frauen mag man schön nennen, für Männer ist das abgeschmackt nnd unpassend. Kühn, offen mit Herz und Hand, fest soll er sein, diese drei Dinge schicken sich Wohl zusammen. Das gilt jedoch »nr für den innern Menschen, den man prüfen muß, denn es wäre unwürdig, auf das Aenßere hin zn urtheilen. Mancher Mohr mag ein weißes Herz haben. Des Mannes Sinn muß fest sein wie ein Stein, schlicht nnd gleichmäßig wie ein geglätteter Stab aus einem Stück. Wer sich hochmüthig über estum treuen Freund erhebt und ihn gering schätzt, den Fremden hingegen ehrt und vorzieht, der wird es erfahren, daß auch er von einem Höheren verletzt wird, daß die Bnsenfreundschaft sich löst, sobald Gut nnd Ehre auf dem Spiele stehen. Alle sind über das Sprichwort einig, daß ein sicherer Freund nnd ein tüchtiges Schwert erst die Noth kennen lehre. Ein großes Wunder habe ich gesehen; lebte es im Meere, dann hielte man es für ein fabelhaftes Thier; meine Freude ist darüber erschrocken, mein Schmerz erwacht: das ist ein schlechter Mann. Er beißt, ohne zuvor geknurrt zu haben. Seine beiden Zungen blasen aus einem Rachen kalt und warm. Ein giftiger Stachel liegt in seinem Lachen versteckt, und 3R> uns dem wolkenlosen Himmel seiner Heiterkeit fällt ein scharfer vernichtender Hagel. Das ist ein schlechter Mensch, welchem Stande er auch angehöre, der freiwillig betrügt und seinen Herrn lügen lehrt. Solche Leute verderben uns auch die wahrhaft Edlen. Allzu viele Herzen sind wie Gaukler, die behend trügen und täuschen. Wir klagen immer, daß die Alten sterben und starben; besser wäre es, darüber zn jammern, daß jetzt Treue, Zucht und Ehre todt sind. Die Menschen lassen Erben zurück, diese drei jedoch haben keine Kinder. Uebel ergeht es dem Manne, der hohe Verwandte, aber keine Freunde besitzt. Fester ist Freundschaft als Sippschaft. Verwandtschaft ist eine Ehre, die einem von selbst zuwächst, Freunde muß man sich verdienen: deßhalb kann ein Verwandter uns ganz gut unterstützen, ein Freund aber besser. Gewinnt man einen sicheren, zuverlässigen Freund, den muß man werth halten. Man muß sich nicht wohlfeil machen. Wollt Ihr Euch bereit finden lassen ohne rechten Lohn, dann büßt Jhr's an Eurem Heile. Es erniedrigt Euch selbst, wenn Ihr mit schlechtem Danke bezahlt werdet. Eure Ehre mindert sich, und überdies habt Ihr den Schinerz, daß Ihr eine Zeit lang schmähliche Hoffnung nährt. Damit prägt Walther den köstlichen Satz ein, daß Arbeit ohne Lohn unsittlich ist. Und mit dem schönen Spruche sei geschlossen: Wer erschlägt Löwen und Niese» und überwindet alle, die mit ihm kämpfen? Das ist der, welcher cS versteht, sich selbst zn bezwingen, und der seinen wilden Leib in feste Zucht fügt. Abgcborgte Selbstbeherrschung, die nur vor den Leuten gewahrt wird, die rann wohl vor Fremden erschimmern, aber ihr Glanz ist nnstät und schwindet bald. In all diesen Sprüchen steckt Walther sich selbst und seiner Zeit ein Ideal männlicher Festigkeit, welches für ihn den obersten Zielpunkt seines Strebens bildet, das er aber trotz alles Ningens nicht ganz zu erreichen vermag. Glücklich, wem ein wohlwollendes Geschick das ruhige Gleichmaß in die Seele legte, den sicheren Compaß in allen Fährlichkeiten des Daseins! Weniger glücklich, aber gewiß nicht weniger riihmenswerth, der nicht nur dem Schiasal, sondern auch dem eigenen heißen Blut den Gewinn seines Lebens, die Arbeit und die Ehre, welche Walther immer mit Gottes Huld verbindet, abringen muß. Dieser kämpft den härteren Kampf, und ihm gebührt der höhere Loh». Den erntet sicher auch Walther von der Vogelweide. Walther blieb thätig bis zu seinem Ende; die Freude des Schaffens hat ihn nicht verlassen. Sie quoll immer von neuem aus dem Gefühle innerer Befriedigung, mit welcher er auf seine Lebensarbeit zurückblicken durfte. Es gibt kein rühmenswertheres Leben als Ncchtthun bis zum Ende. Mit stiller Gefaßtheit sieht er dem Ende seiner Tage entgegen; sein Hanptwnnsch ist der, daß seine Seele Heil erfahren möge. „So lange ich in der Welt lebte, habe ich viele Menschen froh gemacht, Männer und Frauen. Hätt' ich nur dabei mich selbst zu retten gewußt! Aber, lobe ich des Leibes Minne, so schadet das der Seele. Sie sagt mir dann, ich lüge oder rede irre. Nur der wahren, der himmlischen Liebe spricht sie Dauer zn und rühmt, wie gut sie sei und unvergänglich. Darum, Leib, laß jene Minne, welche ja auch Dich verlaßt, und halte Dich an die ewige Liebe!" I» einer Allegorie, welche den Teufel als Inhaber eines Wirthshauses darstellt, in welchem die reizende Frau Welt als Schenk- mädchen die Gäste festzuhalten sucht, nimmt der Dichter Abschied von den Freuden des Lebens: Frau Welt, Ihr müßt dem Wirthe sagen, das; ich ihn ganz bezahlt schon habe — die große Schuld ist abgetragen — daß er mich aus dem Schuldbrief schabe. Wer ihn zum Gläubiger hat, dem macht es Sorgen. Eh' ich ihm lange schuldig wär', wollt' ich bei einem Juden borgen. Er schweigt bis auf den letzten Tag: dann fordert er ein Pfand von dem, der sich zn lösen nicht vermag. Nach dem Jahre 1228 erfahren wir nichts mehr von Walther. Wir dürfen demnach nicht zweifeln, daß er das schwere Siechthun!, dessen er in seinem letzten Gedicht gedenkt, nicht überstanden hat und noch 1228 gestorben ist. Er hat somit ein Alter von ungefähr 60 Jahren erreicht, was man ein hohes Alter nennen darf, wenn man die durchschnittlich geringere Lebensdauer in jener Zeit und Walther's aufreibende Thätigkeit in Betracht zieht. Wo unser Sänger starb, wissen wir nicht, ebenso ist uns nichts Bestimmtes über seine Grabstätte mitgetheilt. Nach Angaben, die zwar der Zeit seines Todes schon einigermaßen fern stehen, aber doch ziemlich glaubwürdig sind, ist er Zn Würzbnrg im Krenzgang des Neumünsters unter einer stattlichen Linde begraben. Der Grabstein trug eine Inschrift, welche, aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, folgendermaßen lautet: „Der Du die Vogel so gut, o Walther, zu weiden verstandest, Blüthe des Wohllauts einst, der Minerva Mund, Du entschwandest! Daß nun der himmlische Kranz Dir Redlichem werde bcschieden. Spreche doch, wer dies liest: Gott gönn' ihm den ewigen Frieden!" Eine handschriftliche Chronik erzählt eine liebliche Sage, welche sich an das Grab des Dichters knüpft. Nach einer Bestimmung seines Testamentes nämlich sollten täglich auf seinem Grabsteine die Vogel mit Weizen- körnern gefüttert und mit Wasser versorgt werden; daher habe er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen. Noch im 17. Jahrhundert, so erzählt man, ist eine Störung der Singvögcl auf der Linde an Walthers Grab durch den Tod des Frevlers alsogleich gerächt worden. Als die Nachtigall in Würzbnrg verstummte, da ging ein allgemeines und schmerzliches Klagen durch die Schaar der deutschen Dichter: das waren Stimmen tief empfundenen Schmerzes, die sich zum Theil in der rührendsten Weise Luft machten. Vor allem geschah dieses durch Gottfried von Straßbnrg. „Wer", so fragt er in seinem Tristan, nachdem er den Tod Ncinmars beklagt hak, „soll jetzt die liebe Schaar der Nachtigallen anführen und das Gesinde weisen? Ich denke wohl, daß ich sie finde, die das Banner tragen wird, ihre Meisterin, die von der Vogelweide. Hei, wie hier über die Heide ihre hellen Töne klingen! Wie viel Wunderbares bringt sie hervor, wie kunstvoll setzt sie ihre Melodien in Musik, wie trefflich weiß sie ihre Tonarten zn wechseln in ihren Minneliedern! Die soll Kämmerin sein am Hofe der Minne, soll die andern leiten und wird es vortrefflich, denn sie versteht, wo sie die Melodien für den Minnegesang suchen muß. Sie und ihre Genossinnen werden durch ihre herrlichen Lieder die sehnsuchtsvolle Traurigkeit der Minne in Freude nmschaffen." Walther wird also hier als der erste lebende Sänger hingestellt, wiewohl ausschließlich auf seinen Minnegesang Rücksicht genommen wird. Ulrich von Singenberg, Walthers Schüler, hat ihm folgenden Nachruf gewidmet: „Unser äü! Scmgcsmeister, den man einst von der Vogclweide nannte, ist jetzt znr letzten Fahrt ausgezogen, die keinem von uns erspart bleibt. Was hilft's ihm nun, daß er alles in der Welt erfahren hatte? Trotzdem ist sein hoher Sinn schwach geworden. Wir wünschen ihm nm seines süßen Sanges willen, da jetzt doch seine Weltfrcude entschwunden ist, daß jenseits der liebe Vater ihn gnädig unter seinen Schutz nehme." Mit andern verstorbenen Dichtern zusammen wird er gepriesen von dem Marner und von Ncinmar von Brcnnenberg, die ihn ausdrücklich als ihren Meister bezeichnen, von Rubin, Hermann dem Damen, Hugo von Trimberg (vergl. das Motto!). Franenlob nennt ihn mit Neimnar und Wolfram. Er gehört nach der Sage auch zu den Sängern, die am Wartburgkrieg theilnahme». Sein Name lebt in der Tradition der Meistersänger fort. Wenn auch nach Jahrhunderten der Name dieses größten lyrischen Dichters des Mittclaltcrs, des Vermittlers zwischen Rittcrdichtnng und Spielmannsdichtung, dieses wahrhaft deutschen, patriotischen und echt katholischen Dichters vergessen wurde und sein Bild im Dunkel der Aufklärung verschwand, so hat die Gegenwart ihn, gleich andern ruhmbedeckten Sängern, dem Banne der Vergessenheit entrissen. Es sei nus noch gestattet, zum Schlüsse das schöne Gedicht, in welchem F. A. Muth Walthers von der Vogclweide Bcgräbniß so rührend schildert, anzuführen: Nun ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogeliveide, Der uns gesungen vorn Waldesgrund, Von Blumen auf der Heide. Der süß wie Nachtigallen schlug. Wie Lerchen in der Frühe, Der sich geschwungen wie Adlerflug In sonnige Himmclsglühe. Die Frauen, die er rein besang, Als gab' es einzig rechte, Sie gehen mit den letzten Gang, Und Ritter von edlem Geschlechte. Da kamen die Böget herangeschwirrt. Die Lerchen und Nachtigallen; Ei, wic's von süßen Sängern wirrt In des Münsters Bogenhallen! Sie singen und klingen und wcrdcn's nicht müd', Die Sänger aus Wald und Heide; Es ist der ewigen Minne Lied Deß von der Vogclweide. Und als sie ihn gelegt ins Grab, Die Vögcl die Gruft umfangen, Darein vom Müusterthurm herab Gar hell die Glocken klangen. Nicht ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogclweide, Der uns gesungen von: Waldesgrund, Vom Lindeugrün der Heide. Möge bald in Erfüllung gehen, daß, wie Schönbach wünscht, die Verse der schönsten Lieder und Sprüche dieses wahren Repräsentanten jener goldenen Zeit in der Geschichte der Poesie, wo die innige und kindliche Begeisterung für die hohen Ideale des Christenthums noch nicht dem Dienste des Pluto und der Venus weichen mußte, uns von den Lippen fließen wie den Italienern die Terzinen Dante's und die Stanzen der Gcrnsalcmme Liberata! Recensionen und Notizen. F. P.Funk, Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. Erster Band. Pader- born, Schöniugh, 1897. VI-st 510 S. 8 Mk. ? Man mag über Funk denken wie man will, man mag vielleicht seinen Ansichten nicht bloß über rciukritische, sondern auch , über culturhistorischc und kirchenpolilische Fragen aus diesem oder jenem Grunde wenig Sympathie entgegenbringen, das Prädikat, auf das es schließlich einem Kritiker und Historiker in erster Linie aukoinmt, werden ihm ohne Zweifel auch seine objectiv urtheilenden Gegner nicht verweigern wollen: strenge Liebe zur Wahrheit. Durch sie und durch seine auf wissenschaftlicher Höhe stehende Methode bat der Tübinger Kircheuhistoriker sich selbst und der katholischen Wissenschaft alle Ehre gemacht. Das muß auch gesagt werden von seiner neuesten Publikation, die wir hier zur Anzeige bringen wollen. Wie schon der Titel besagt, enthält dieser Band kein einheitliches Thema, sondern eine Reihe von Abhandlungen, die größtentbcils schon in mannigfachen Zeitschriften, wie Histor.-pol. Äl., Histor. Jahrbuch, Tüb. Theol. Quartalschrift, erschienen sind, und die der Herr Verfasser nun in verbesserter und vermehrter Gestalt gesammelt ausgibt. Er thut das, wie er in der Vorrede sagt, cincstheils, weil „bei der Bedeutung, welche die Abhandlungen für die Wissenschaft haben, indem sie altherkömmliche Irrthümer berichtigen oder neue Irrthümer in wichtigen Fragen abwehren", eine solche Neubearbeitung angezeigt schien, an- derntheils, .um seinen Schülern eine Ergänzung seines „Lehrbuchs der Kirchengcschichte" an die Hand zu geben und zugleich sie zu ähnlichen Versuchen anzuleiten. Zu letzterem Zwecke sind Funks Abhandlungen trefflich geeignet, denn sowohl für Privatstudium als für Arbeiten in historischen Seminarien sind sie mit ihrer klaren, einfachen, scharfsinnigen und nüchternen Beweisführung und Exegese vielfach vorbildliche Muster-leistungen. Was nüherhin den Inhalt des Bandes betrifft, so ist sein Gebiet vorzüglich die sog. innere Kirchengcschichte besonders die des Alterthums, die kirchliche Verfassung, der Cultus, die Disciplin und Literatur. Die Literatur wird noch mehr zu ihrem Recht kommen im zweiten Bande, der über Patristik handeln soll. Von einzelnen Thematen erwähnen wir: der Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus (bekanntlich die ersten patristischen Zeugen für den Primat); die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Ansang des Mittelalters (Betheiligung des Volkes, der niederen und höheren Geistlichkeit): die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums «eine viel discutirte, durch dogmatische Voreingenommenheit oft verwirrte Frage, die Funk auf Grund eingehender Untersuchungen sS. 39—89 und 498—508) dahin beantwortet: Die Synoden wurden vom Kaiser berufen, die Verhandlungen von: Kaiser geordnet, und der Kaiser gab den Beschlüssen seine Bestätigung. Die Giltigkcit der Beschlüsse dachte man nicht abhängig von einer Bestätigung des Papstes). Dann kommen mehrere Artikel über Kirchen- disciplin: Cölibat und Priesterebe im christlichen Alterthum: zur altchristlichen Bnßdisciplin; die Bußstaticmcn im christlichen Alterthum (Ursprung, Verbreitung und Ende der Einrichtung): die Katcchumcnatsklassen des christlichen Alterthums (es gab gar keine derartige Klaffen); die Entwicklung des Osterfastcns: die Abendmahlsele- mcntc bei Justin (gegen Harnack, der Brod und Wasser als cucharistischc Elemente bei Justin nachweisen zu können glaubte); der Connnunionritns (culturbistorisch sehr interessant); der Canon 36 von Elvira („Illaenit xioturii« in eeelsÄs. non esse ckebsrs, ns gnocl solitur st aüoralnr in paristibns üepinKictnr"); die Entstehung der heutigen Tansform n. a. Von hohem Interesse sind auch die Ausführungen Funks „Zur Geschichte der altbrilischenKirche"; sie zeigen an der Hand einer Polemik gegen Ebrard nicht bloß, welche Zerrbilder protestantische Voreingenommenheit zu Stande bringt, sondern geben uns ein anziehendes Bild aus der kirchlichen Vergangenheit Englands. Das sind nur einige Andeutungen über den reichen Inhalt des Buches, dessen Werth sorgfältige Ausstattung und ein treffliches Register erhöhen. Möge es fleißig studiert werden, und möge der Verfasser muthig weiterarbeiten! Die Jugend des Papstes Leo XIII. gemäß dessen bis jetzt unveröffentlichten Briefen von Boycr d'Agen. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Dr. Ceslans M. Schneider, gr. 8°. S. XVI, 444. Mit 55 Text-Illustrationen und 6 Heliogravüren. Preis: Eleganter Originalbnnd 12 Mark. Der von der Tagespreise und Zeitschriften bereits 352 rühmlich besprochene und warm empfohlene Prachtband kam leider erst vor kurzem in unsere Hände; daher die unliebe Verzögerung. Die Vorrede des dentschen Bearbeiters bringt eine treffliche Abhandlung über Leo XIII. und seine Zeit. Der Besuch im Geburtsorte Leo's bietet gleichsam als Präludium die oompositio looi. Daran schlichen sich die 3 Theile des Buches. Der erste Theil macht uns näher bekannt mit der Familiengeschichte der Pecci, insbesondere auch mit den Eltern des Papstes und seiner damaligen Umgebung. So wird das Verständniß des Briefwechsels vorbereitet. Dieser selbst bildet den zweiten, den Haupttheil. An der Hand der eigenen Briefe können wir den Entwicklungsgang des großen Papstes von frühester Zeit au verfolgen. Leo selber stellt sich vor, wie er sich in den Studienjahren ausbildete, steine Zwischenbemerkungen unterbrechen die Briefe. Sie beginnen im Alter von 7 Jahren und enden mit der Ernennung zürn Dclegaten von Benevent im Alter von noch nicht 28 Jahren. In aller Reinheit wirken sie auf den Geist und bilden eine lebendige Charakteristik dieser Lebensjahre des Papstes. Was etwa im Zusammenhange der Briefe noch dunkel und unklar geblieben sein könnte, das erhellt voll und klar der dritte Theil mit den drei Kapiteln : „Der Traum einer Mutter," „Die Denkwürdigkeiten eines Obersten," „Rückkehr nach Carvineto". Aus den Jugendeindrücken verstehen wir so recht die planmäßige, großartige Wirksamkeit Leo's zum wahren Wohle der Völker. Das immer wieder von ihm uachdrncksam empfohlene hl. Rosenkranzgebet lernte er im trauten Familienkreise schätzen und lieben. Da lernte er auch kennen das unschätzbare Glück einer echt christlichen Familie; darum „der Verein der hl. Familie" eine seiner Lieblingsideen. Das in frühester Jugend liebgewonnene, innige, patriarchalische Verhältniß zwischen den armen Bewohnern, den Bauern und Hirten, und der Gutsherrschaft lehrte ihn den Weg zur Versöhnung der verschiedenen Interessen, wie er so klar im berühmten Arbeiter-Rundschreiben gezeigt wird. Seine geradezu stannenswcrthe Verehrung des hl. Thomas von Aguin reicht zurück bis ins kindlichste Alter. Deshalb sieht es der Heilige Vater als eine von Gott ihm zugewiesene Aufgabe an, den Agninaten als Heilmittel gegen die Verwirrungen unserer Zeit entschieden und mit aller ihm verliehenen Autorität auf den Leuchter zu stellen. Das schöne Buch verdient alle Anerkennung. _ Heiner Franz, Katholisches Kirchenrecht. 1. Band. Die Berfassung der Kirche. 2. Auflage. Pader- born, Ferdinand Schöningh. 1897. 8". XII und 395 SS. Brosch. 8.60 M. -r. Die erste Auflage dieses Werkes erschien 1893, und es ist ein erfreulicher Beweis seiner Brauchbarkeit, daß, obwohl doch an Lehrbüchern, und zwar an tüchtigen Lehrbüchern des Kirchenrechts kein Mangel ist, sobald schon eine zweite Auflage nöthig wurde. Diese weist .gegenüber der ersten zahlreiche Verbesserungen und eine Erweiterung um 4 Seiten auf. Die Vorzüge, welche wir schon der ersten Auflage nachrühmen konnten: gemäßigtes Urtheil, wie es namentlich in der Streitfrage über die Natur der Concordate, über das Verhältniß von Kirche und Staat u. a. wohlthuend hervortritt, Uebersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung sind in verstärktem Maße auch der zweiten eigen und lassen das Werk insbesondere für Anfänger, überhaupt zur Einführung in das Studium des Kirchenrechts, als empfehlenswert!) erscheinen. Funk F. lk., Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. 1. Band. Paderborn, Ferdinand Schöningh. 1897. 8°. VI und 516 SS. Broschirt -r. Der gefeierte Tübinger Gelehrte bietet uns hier eine Sammlung der von ihm über wichtigere Fragen der Kirchengeschichte veröffentlichen Aufsätze, deren Veranstaltn»,g umsomehr als gerechtfertigt erscheinen dürfte, als sie in verschiedenen Zeitschriften zerstreut uud daher mitunter schwer zu erreichen, zudem durchwegs neu überarbeitet und vom Verfasser als Ergänzung seines etwas knapp gehaltenen Lehrbuchs der Kirchengeschichte gedacht sind. Die Arbeiten bewegen sich hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Kirchengeschichte, der kirchlichen Verfassung, des Kultus, der Disciplin und Literatur. Ganz besondere Beachtung verdienen die Abhandlungen über die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums, über die päpstliche Bestätigung der ersten acht allgemeinen Synoden, über Cölibat und Priester-Ehe, worin Funk seine früheren Ausführungen gegen die von verschiedener Seite laut gewordenen Bedenken mit, wie uns dünken will, durchaus überlegenen Gründen aufrecht erhält. Außer ihnen mögen hervorgehoben werden die Untersuchungen über die Bußdisciplin, Bußstationcn, Katechu- menatsklassen des christlichen Alterthums, über den Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus, die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Anfange des Mittclalters, die Entwicklung des Osterfastens, die Abendmahls-Elemcnte bei Justin, der Communionritns, die Bulle Unam s-motsm. Funk ist als ein durchaus gründlicher und nüchterner Gelehrter und Forscher in weitesten und zwar nicht bloß katholischen Kreisen zu sehr bekannt und anerkannt, als daß seine Arbeiten einer weiteren Empfehlung bedürften. U. Johann Maria Meister, 0. 88. R., „Maria, Heil der .Kranken." Münster, Alphonsius- Bnchhandlung. 1897. Geb. 1 M. Böhmen ist ein an natürlichen, wundervollen Heilquellen, wie Marien-, Karlsbad, Teplitz, sehr reiches Land, aber auch mit vielen übernatürlichen Gnaden- qnellcn gesegnet. Eine der letzten, die dort entsprang, ist der Gnadcnort Philippsdorf in Nordböhmen. Der hochw. Verfasser wirkte längere Zeit an diesem Gnaden- orte und da bekam er die Anregung, den Titel des Gnadenbildes: „Maria, Heil der Kranken", zu einem recht tüchtigen, Erbauungs-, Belehrungs- und Gebetbuch für weitere Kreise zu verwerthen. Der Leib- und Scelen- kranken gibt es in dieser trostlosen Zeit ja nachgerade mehr als genug! — Das Büchlein mit der Liebe und Sachkenntnis) des frommen Ordensmannes und Missionärs geschrieben, bietet eine Fülle mitunter recht praktischer Recepte für die Kranken beider Kategorien. Das recht elegant ausgestattete Lehr- und Gebetbuch wird besonders den Tausenden von Wallfahrern nach Maria Philippsdorf, aber auch allen Leib- und Seelenkranken allüberall herzlich willkommen sein. Vsz'ion Xm., Imxioou ooptieum: Xccockaut auotsris ox epüomericki ssp^ptisos Lsiolinsvbi sxsrpto. (8io!) 4" pp. XXVIII -st 470 -st 20. Lorolück, Oalvsrz? 1890. U. 36,00. X. IcknKua eoptiea pauoos babot intor amatoros rorum orisvtalieum eultorss, otMmvn a IbsoloKw 8i»ltom nogus- quam oovismnsväs est, cum praotsr vstsrom saori oo- ckiois vorsionom littsratura coptios novickck obristiava von psuoa ooickinsst opsra ckiKua, quas loZÄntur. IckvAus ooxtieas 8tuckiosis erst oalaircktLw, quock unioum loxieon IVz-roicki pras8tavtissimum ss kickt raritato, ut spuck Iidrsrio8 aiitiquario8 von iukrs 70 kraiww vouals pro- «titseit. Itaqno opv8 valcko äs.ckcksratum cksnuo ockitum sst, uov quickem uovis tvpis exousum, «eck mocko vbsmo- tzqckeo roprockuotum; sliqua solummocko vovabuls in suetario rsosntor assumpta, uovis iwqns elsKsutlssimis koruck« manckatü, oontiuentur. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 8 u. a.: Zur Kunst des Mittelalters. (F. Schneider.) — Bartmann, St. Paulus und St. Jacobus über die Rechtfertigung. (Gla.) — Eisen- hofer, Procopius von Gaza. (Sickenberger.) — Schell, Die göttliche Wahrheit des Christenthums. Erstes Buch. (Koch.) — ?68ob, kraelsetiouss ckoAmstieao. (Atzberger.) — Kirstein, Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst. (Gutberlet.) — Nikcl, Herodot und die Keilschriftforschuug. (Dornstetter.) — v. Schulze-Gaevernitz, Carlyle. (Walther.1 — Pfeilschifter, Der -Ostgothenkönig Theoderich der Große und die katholische Kirche. (Albers.) — Schell-Ehrhard, Gedenkblätter zu Ehren des hochwürdigen Geistlichen Rathes Dr. Joseph Grimm. (Krieg.) — Rndolphi, Zur Kirchenpolitik Preußens. (Franz.) — Nachrichten. — Büchertisch. Verantm. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. wr. 61 . 3. Kept. 1897. Dillingen. Von Hugo Arnold. Durch ein weites Thal wälzt die Donau ihre Wellen von Westen nach Osten; die Kunst der Wasserüanmeister hat den wilden Strom bezwungen und seinen Fluthen zwischen festen Dämmen eine gemessene Bahn gewiesen. Aber die vielgewundencn Altwasser auf beiden Seiten des Strombettes und das ausgedehnte Nied am Gestade bis zu dem Höhenzuge des rechten Ufers bezeugen, daß einstmals die Gewässer in ungehemmtem Laufe sich je nach Laune und Lust den Weg wählten und das Thal erfüllten. Das mag freilich in eine sehr weit entfernte Zeit zurückreichen; denn die Grabhügel, die drüben im Ried, südwestlich vom Kathariuenhof, geöffnet wurden, gehören der sogenannten La Töne-Pcriode an, d. h. sie sind, wenn man die archäologische Bezeichnung in die landläufige Ziffernsprache übersetzt, beiläufig über zwei Jahrtausende alt. Zur Zeit ihrer Wölbung muß jedoch der Boden bereits nicht mehr den: Spiele der Fluthen preisgegeben gewesen sein. Den unmittelbaren Saum beider Ufer bilden buschige Anen mit üppigem Baumwuchs, und nordwärts streicht das leichtg'ewellte Hochufer heran, hinter dem, stufenweise anschwellend, die wald- bedeckten Ausläufer der schwäbischen Alb, des Juragebirges, sich erheben, indessen das südliche Gestade drüben aus dein Ried mit steilem Abhänge, wie in einem Rucke, sich erhebt und tafelartig sich gegen Süden dehnt. Es sind keine imponirenden oder sofort in Entzücken versetzenden lieblichen Reize, welche die Landschaft des oberen Donauthales schmücken; aber sie tragen einen ernsten Charakter, ich möchte sagen, einen großen Zug, der in den Linien und in dem Aufbau der Höhen liegt und durch die Schatten der Wälder auf den Knppen des Hintergrundes sein Gepräge erhält. Freundlichen, heiteren Anstrich dagegen verleihen dem Bilde die zahlreichen Ortschaften, deren Kirchthürme und blinkende Gehöfte aus dem Grün ihrer Gärten hervorlugcn und dem Wanderer vermelden, daß hier ein kräftiges, betriebsames und fleißiges Geschlecht haust, die Nachkommen der alten Alamannen, welche die schönen Gaue einst den Römern abnahmen. Zwar „reine Schwaben" (wie der hochgc- feierte Geschichtsforscher Erzbischof von Steichele sagt) sind es nicht, die hier sitzen; denn die gedrungene Statur der Bauern, denen du begegnest, das schwarze Haar und das dunkle Auge, das zahlreichen drallen schelmischen Schönen gar reizend steht, — diese Formen und Farben sagen dir, daß hier ein starker Niederschlag der alten keltischen, stark mit manchen andern fremden Volks-Ele- rncnten des weiten Römcrreiches gemengten Ureinwohner sitzen geblieben ist, mit dem sich die zugewanderten Schwaben- Alamanncn vermischten. Die keltische Zunge klingt dir auch aus den Flnßnamen der Gegend entgegen: Donau, Glött, Egau und Brenz, und sie bestätigen, was aller Orten zutrifft, daß die Namen der Gewässer fort und fort die Erinnerung an Völker tragen, welche längst verschwunden sind. Denn die breiten Laute der Sprache, die an unser Ohr schlügt, sind ächt schwäbisch, und ächt schwäbisch wiederum sind die Namen der Orte, die in ganz besonders abzeichnender Gestalt auf — ingen, auf diese spezielle schwäbische Form, endigen: Gnndel- fingesi, Launigen, Bechingep, Faimiugeu, Wittislingen, Mödingen, Finningen, Schabringen, Offingcn, Gund« remmingen, Dürrlauingen, Aisllngen, Weisingen u. s. w. schließen im engen Umkreise weniger Stunden Dillingen ein. Die Wurzel aller dieser Namen ist ein Personenname und die Endung —ingen ist patrouymisch, wie die Gelehrten es bezeichnen, d. h. sie deutet auf einen Ahnherrn zurück, auf einen Stammvater, der sich einst bei der Besitznahme des Landes an den betreffenden Stätten niederließ, nach dem sich die Sippe nannte. In die moderne Sprache übersetzt würde „—ingen" daher lauten „zu oder bei den Nachkommen des N. N." Dillingen heißt daher: „bei den Nachkommen deS Thilo oder Dilli", in niederdeutscher Form Tilly, — ein Name, der für Bayern durch den Feldherrn des Kurfürsten Max I. und der Liga unvergeßlich geivorden ist. Urkundlich wird VUIinZs. zum ersten Male im Jahre 973 unserer Zeitrechnung genannt. Doch reichen die menschlichen Niederlassungen an dieser Stätte in weit ältere Zeiten zurück. Unwillkürlich gedenkt man zuerst der Römer. Aber römische Spuren hat man in Dillingen selbst noch nicht gefunden (auch die Burg ist kein römisches Bauwerk, worauf wir noch zurückkommen werden), obwohl die linksusrige Donaustraße der Römer von Faimiugen her durch die Vorstadt von Laniugen, nördlich von Hausen vorüber, am Südrande von Donaualtheim hin und nördlich an Schretzheim vorüber läuft und ich jenen Wegezug für römisch halten möchte, der aus dem Thale der Glött vom rechten Donauuser kommt, das Ried schneidet und auf dem linken Donauufer von Donanaltheim au der Kapelle (Punkt 436 auf dem Blatte des topographischen Atlas) vorbei nach Obcrfinningen und weiter nach Norden verläuft; er bildet auf dem ganzen genannten Zuge eine schnurgerade Linie, was ein Hauptkennzeichen für Römer-straßen ist, solange sie nicht Gelände und Gefälle zu Abweichungen zwingen. Im Weichbild von Dillingen ist er allerdings an der Oberfläche nicht mehr zu erkennen. Auch vor der Kapuziner- kirche wurde erst in jüngster Zeit bei Gelegenheit von Kanalisirungsarbeiten ein Stück Straße bloßgelcgt, dem wahrscheinlich römischer Ursprung zuzuerkennen ist. Die ältesten Funde, die ältesten Spuren menschlichen Aufenthaltes bei Dillingen liefert aber das manche Räthsel bietende ausgedehnte Gräberfeld am Ziegclstadcl auf der Flur unmittelbar vor der westlichen Front der Stadt Dillingen. Hier hatte zuerst das kaiserliche und darauf das französisch-bayerische Heer im unheilvollen Jahre 1704 ein verschanztes Lager angelegt, und die Gräben desselben durchschneiden das alte Grabfeld. Es enthält in Reihen angelegte trichterförmige, in den Lehm eingebettete Gruben, und die aus denselben erhobenen Thongefäße werden in die sogenannte ältere „Bronzezeit" versetzt, sind also vor beiläufig drei Jahrtausenden verfertigt worden. Hier scheint die Besiedelung viele Jahrhunderte durch fortgedauert zu haben, bis sich um die Grafeuburg nach und nach eine neue Niederlassung bildete und Alt-Dilliugen immer mehr an Bedeutung verlor. Zwei Jahrtausende liegen demnach dazwischen, bis auf Dillingen das Licht beglaubigter urkundlicher Geschichte fällt. Damals besteht hier eine Burg auf der Stätte des jetzigen Schlosses, sie ist im Besitze eines mächtigen Grafengeschlechtes, welches wohl von alter Zeit her die Grafschaft im Brenzgan, sowie im angrenzenden Albgau i verwaltete und in den jetzigen bayerischen Bezirksämtern 354 -Donauwörth und Dillingen und in den württembergischen Oberämtern Neresheim, Heidenhcim, Ulm und Aalen angesessen war. Die Stammburg scheint Wittislingen gewesen zu sein, denn dort sind die Eltern des hl. Ulrich bestattet, und es ist kein gewagter Schluß, wenn man die Felscngrüfte bei Wittislingen, denen die prachtvollen, jetzt eine Zierde des Münchener Natioilalmuscums bildenden Schnmctsachcn aus dein 7. oder 8. Jahrhundert entstammen, für die Begräbnißstätten von Ahnen des Dil- lingcr Grafenhauses hält. Die ältesten uns bekannten Stammcltcrn sind Hupald (gestorben 909 oder 910), der als Seliger verehrt wurde, und seine Gattin Dictbirg, eine Schwester des Herzogs Bürthart I. von Schwaben. Bon ihren Kindern sind hervorzuheben: Graf Dietpald, welcher in der Ungarn- schlacht auf dem Lechfcldc (10. August 955) den Heldentod fand, der hl. Ulrich — der größte unter den Bischöfen Augsburgs (923—973), rastlos und thatkräftig in Ausübung des bischöflichen Amtes, ein pricsterlicher Held bei Abwehr der Ungarn-Horden vor seiner Stadt, welt- verläugnend wie ein Mönch in seiner Klosterzelle, ein frommer Beter am Altare Gottes, eine Zier und Leuchte seiner Zeit und seiner Kirche - , ferner die Tochter Lust-, garde, die Gattin eines oberschwäbischen Grafen Pcier und Mutter von drei Söhnen: Rcginbald, welcher in der gleichen Schlacht mit seinem Oheim fiel, - Adalbero, der Liebling und Coadjntor seines Oheims, des hl. Ulrich, und Mangold, der durch seine Tochter Bcrtha der Urgroßvater des.vortrefflichen Geschichtschreibers Hermanns des Lahmen, Grafen von Beringen und Mönches in der Reichen»!!, wurde. Hierauf legt sich Dunkelheit über die Geschichte des Hauses, und man weiß auch nicht mit Sicherheit, ob demselben wirklich die zwei Brüder und Bischöfe von Konstanz Warmann (1026 bis 1034) und Eberhard (1034 bis 1046) beigezählt werden dürfen, wie es gewöhnlich geschieht. Erst von 1070 an treten wieder Persönlichkeiten auf, die ihm mit Bestimmtheit angehören: Pfalzgraf Mangold, Hupald (-f 1074) und dessen Sohn Graf Hartmann I. Der Letztere erbte durch seine Mutter die Grafschaft im alten Fliuagan und durch seine Gemahlin Adelheid den reichen Besitz des Winterthur'schen Hauses, eines Zweiges von dem uralten, vornehmen und reichbegüterten Geschlechte der Udalrichinger. Als ein erbitterter Gegner Kaiser Heinrichs IV. stand er in dessen' Kampf mit dem Gegcniönige Rudolf von Schwaben auf der Seite des letzteren, gründete mit seiner Gemahlin nnd seinen Söhnen (darunter Ulrich, in der Folge Bischof von Konstanz, 1111 —1127) im Jahre 1095 das später zu hoher Blüthe gedieheuc Kloster Neresheim und starb als Mönch dortselbst 1121. Sein Ur-Urenkel Hartmann IV., der Sohn Adalberts III. und einer Tochter Heilika des ersten wittclsbachischen Herzogs Otto von Bayern, wurde der Ncnbegrüuder, des Klosters Söflingcn nnd befand sich im Besitze des Marschallamtes des Herzogthnms Schwaben als staufischen Lehens. Außer mehreren Töchtern überlebte ihn nur ein Sohn, Graf 'Hartmann V., welcher den geistlichen Stand erwählt hatte und 1249 — 1286 als Nachfolger seines großen Ahnen, des hl. Ulrich, auf dein bischöflichen Stuhle von Augsburg saß. Beim Tode Hartmanns IV- (1258) fielen die. vom Reiche oder vom schwäbischen. Herzogthnme zu Lehen gehenden Rechte des.Hauses zurück, so. daß Konradin mit dem genannten Marschallamte, der Grafschaft im Flinagau und der dazu gehörigen Vogtci über Ulm den Grafen Ulrich von Württemberg belehnte; manches Erbe kam an die Schiviegersöhne des Grafen Hartmann IV.,'so das Grafenamt im Albgau an das helfensteinische Haus; den Rest des einst so reichen Besitzes übergab Graf Hartmann V. seiner bischöflichen Kirche. Zu diesen Gütern gehörten insbesondere Burg und Stadt Dillingen, die Kirchen-Patronate, Vogteien und alles Eigenthum zwischen der Donau und der Nics-Halde, zwischen den Dörfern Laugenan bei Uln- nnd Blindheim, der ganze Dienstadel (mit Ausnahme von 6 Ministerialen nnd den Eigenlenten zu Ulm, die er erst bei seincml Tode an dieselbe Kirche schenkte), alle Bauern und Eigenlcutc. Einiges scheint auch Herzog Ludwig von Bayern an sich gezogen zu haben. So war die alte, reiche Grafschaft Dillingen zertheilt und zerbröckelt worden; ihr Kern jedoch, Stadt und Burg Dillingen mit dem altchrwürdigen Wittislingen, wuchs nnd gedieh unter der Pflege der Bischöfe von Augsburg und blieb ein theueres Kleinod des fürstlichen Hochstiftes, so lange dieses selbst bestand. (Fortsetzung folgt.) Cardinal Otto Trmhscß von Waldbnrg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Bon vi-. Thomas Specht. (Fortsetzung.) Doch durch Aufzählung dieser Ehrungen sind wir bereits in eine spätere Periode des Lebens Otto's eingetreten. Wenden wir uns wieder zurück. Als Otto Bischof von Augsburg geworden war, hatte die Lehre Luthers wie im übrigen Deutschland, so auch im Bisthnin Augsburg nnd in dieser Stadt selbst große Fortschritte gemacht. Otto hing mit ganzer Seele an der alten katholischen Religion nnd trat im innigen Bnnde mit dem Kaiser und den bayerischen Herzögen für dieselbe ein. An den wiederholten Versuchen, die religiöse Einheit in Deutschland wieder herzustellen, nahm er den regsten Antheil. Den Reichstagen und anderen Versammlungen, welche Karl V. zur gütlichen Ausgleichung der beiden Hauptpartcicn veranstaltete, wohnte er nicht bloß persönlich an, sondern versah dabei mehrmals die Stelle eines kaiserlichen Commissärs. Ich komme damit zur kirchlich-politischen Thätigkeit Otto's. Im allgemeinen ist dieselbe in dem eben Gesagten bereits gekennzeichnet. Doch gehen wir auf das einzelne genauer ein. Drei Jahre, nachdem Otto die bischöfliche Würbe angenommen hatte, entstand der schmalkaldische. Krieg (1546), in welchem sich Otto auf Seite des Kaisers und seiner Partei stellte, während die Stadt Augsburg selbst, die schon 1537 die Ausübung der. katholischen Religion innerhalb ihrer Mauern verboten nnd die gesammte Geistlichkeit, mit dem Bischof an der Spitze, zur Auswanderung gezwungen hatte, sich den Gegnern des Kaisers anschloß. Otto stellte einen Hänfen von 200 gerüsteten Pferden nnd 4 Fähnlein Landsknechte. Nach dem glücklichen Aus- gang des Krieges für die kaiserliche nnd katholische Partei kehrte Otto mit seinem Domcapitel von Dittingen wieder nach Augsburg zurück. Auch die Geistlichkeit zog wieder ein. Nunmehr konnte auch der katholische Gottesdienst nach lOjähriger Unterbrechung wieder gefeiert werden. So freundlich sich bisher das Verhältniß Otto's zu. Karl V. gezeigt, hatte, so trat doch. bald eine gewisse Verstimmung ein. Denn die vom Kaiser znr Versöhnung der Protestanten eingeschlagene Vermittlnngspolitik fand bei Otto, der überall ganze Arbeit gethan wissen wollte, 355 keinen Beifall. So war er kein Freund des auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 erlassenen Interims, d. i. der Vorordnung, wie es bis zur Entscheidung des allgemeinen Concils in den streitigen Religionsangelegenheiten gehalten werden sollte. Otto widerstrebte es von Haus aus, daß der Kaiser in kirchlich-religiösen Dingen Bestimmungen traf. Da er indeß die kaiserliche Forderung nicht gut ablehnen konnte und das Interim immerhin gewisse Vortheile bot, so ließ er es, wenn auch in modifizirter Fassung, in seiner Diöcese verkünden. So sollte der Kelch nur gestattet werden nach Abgabe einer Erklärung vor einem katholischen Priester, daß Christus auch unter einer Gestalt ganz gegenwärtig sei und darum das Sakrament auch unter einer Gestalt giltig empfangen werden könne. (Vgl. Allg. deutsche Biographie B. 24 S. 636.) Schwere Leiden kamen über Otto und das Hochstift Augsburg 1552 durch die Truppen des Kurfürsten Moriz von Sachsen, der aus einem Freunde ein Feind des Kaisers wurde und gegen Süddentschland marschirte. Otto begab sich von Dillingen, wo er sich eben aufhielt, nach Innsbruck zum Kaiser und dann nach Salzburg. Von hier eilte er nach Rom, „wo er seinen Unterhalt als Cardinal zu haben hoffte," wie er selbst in einem von Druffel (II, 513) mitgetheilten Briefe an den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz bemerkt. Diese Hoffnung hat ihn in der That nicht getäuscht. Er fand große Unterstützung namentlich an dem Cardinal Pole. Dieser, so schreibt Otto später an seinen Vater von Dillingen aus, habe ihm durch seinen Hofmeister und Kaplan einen Sack mit 1000 Goldkronen auf den Tisch geschüttelt und versichert, er wolle ihm dieselbe Summe jährlich geben, so lange er (Otto) von Land und Leuten vertrieben sei (Hist. Jahrb. B. 7 S. 194). Nach Abschluß des Passaner Vertrages, der noch im August desselben Jahres erfolgte, konnte übrigens Otto wieder in sein Stift zurückkehren. Eine sehr prononcirte Stellung nahm Otto 1555 auf dem Reichstage zu Augsburg ein. Auf diesem sollten — gemäß der im Passaner Vertrag getroffenen Vereinbarung — endlich einmal die religiösen Angelegenheiten beglichen werden. Als man in den vorbereitenden Versammlungen schließlich sich dahin geeinigt hatte, daß, wenn auch in der Religion selbst keine Vergleichung zu stände kommen sollte, zwischen den getrennten Confessionen — nämlich der katholischen und der Augsburger Konfession, die Calvinisten wurden bekanntlich in den Angs- burger Religionsfrieden nicht eingeschlossen — wenigstens eine rechtlich-politische Einheit fortbestehen sollte, da erhob sich als entschiedener Gegner dieses Beschlusses der Cardinal- bischof Otto von Augsburg. Er erklärte keinem Abkommen zustimmen zu können, welches die Spaltung der Nation in zwei getrennte confessionelle Lager zu verewigen drohte. Er wollte immer noch die Hoffnung nicht ausgeben, daß durch ein allgemeines Concil die religiöse Einheit noch hergestellt werden könnte (Janssen, Geschichte des deutschen Volkes B. 3 S. 724). Am 23. Dezember reichte Otto bei den Ständen einen förmlichen Protest ein. Er wartete indeß den Ausgang der Angelegenheit nicht ab, sondern reiste, da während der gepflogenen Debatten Papst Julius III. gestorben war, nach Rom zur Papstwayl. Es ist begreiflich, daß das Verhalten Otto's gegenüber der Vermittlungspolitik des Kaisers und seines Bruders Ferdinand, sowie der ihnen beistimmenden Fürsten, wie diese Politik im Interim und im Religions- fricden zum Ausdruck kam, auf Seite der Gegner übel aufgenommen wurde. Diese üble Stimmung verdichtete sich in allerlei Gerüchten, wie z. B. daß Otto zwischen Papst und Kaiser ein Bündnis; unterhandle, durch welches der Rcligionsfriede umgestoßen und ein neuer Krieg wider die protestantischen Stände angezettelt werden sollte. Diese Gerüchte fanden um so leichter Verbreitung, als Otto von Deutschland abwesend war. Er hatte sich, wie wir eben vernommen, nach Rom begeben. Bei seiner Ankunft daselbst fand er übrigens den päpstlichen Stuhl von Mar- cell II. bereits wieder besetzt. Da jedoch dieser Papst schon nach einigen Wochen das Zeitliche segnete, so wohnte Otto der Wahl seines Nachfolgers, Pauls IV., bet und gab Hiebei nach dem Berichte Pallavicino's (Ilwt. 6ono. , Iriä. 1. 13 c. 11 Z 2) durch sein großes Ansehen den Aüsschlag. Auch nach der Wahl blieb er noch längere Zeit in Rom, da sich der neue Papst seiner Einsicht und seines Rathes bedienen wollte (Braun B. 3 S. 437). Erst im Jahre 1556 kehrte er in die Heimath zurück. Eine seiner ersten Thaten war, daß er zur Widerlegung ^ der in seiner Abwesenheit entstandenen Gerüchte eine Apologie im Drucke erscheinen ließ. Dieselbe ist mit" edlem Freimuth abgefaßt und macht offenbar den Eindruck, daß ihm Unrecht widerfahren ist (Braun B. 3 S. 440 ff.). Einige Jahre später hatte sich Otto wieder gegen eine höchst verletzende Verleumdung zu vertheidigen. Es handelte sich um die Absendung einer Gesandtschaft an den König Heinrich II. von Frankreich, um von ihm die Zurückgabe der dem Reiche entrissenen Bisthümer Metz, Toul und Verdun zu erwirken. Als Gesandte waren aus- ersehen Cardinal Otto und der Herzog Christoph von Württemberg. Letzterer weigerte sich aber, mit Otto zu reisen. Es wurde nämlich von einer höchst angesehenen Persönlichkeit, einem französischen Cardinal, dem Herzog durch einen Brief die Meinung beigebracht, er würde, da er ein entschiedener Lutheraner sei, auf Anrathen Otto's und mit dem Einverständnisse des Papstes vergiftet werden. Die Unwahrheit eines solchen Planes kam dadurch klar zu Tage, daß später der Verleumder selbst seine Verleumdung zugestand und Otto um Verzeihung bat. Es wäre noch manches über die kirchlich-politische Thätigkeit Otto's in der späteren Zeit seines Lebens zu sagen. Nur folgendes sei noch erwähnt. Otto betheiligte sich 1566 an dem Reichstag zu Augsburg unter Maximilian II. und unterstützte dabei aus's kräftigste und standhafteste den päpstlichen Legaten Commendone. Dreimal nahm er theil an der Wahl eines neuen Papstes, nämlich Pius' IV. (1559), Pins' V. (1566) und Gregors XIII. (1572), seines ehemaligen Lehres in Bologna. Nach der Wahl Pius' IV. verweilte er zwei Jahre in Rom, während welcher Zeit er von dieser Stadt für sich wie für das Truchseß'sche Geschlecht das römische Bürgerrecht erhielt. Mit den Herzögen von Bayern, besonders mit Albrecht V., stand Otto in freundschaftlichem Verhältniß und genoß deren volles Vertrauen. Von Albrecht wurde er bei allen wichtigeren Familienfesten, Taufen und Trauungen, beigezogen; er vertrat bei mehreren Kindern desselben Pathen- stelle. Im öffentlichen Leben ging beider Männer Streben auf die Erhaltung der alten Religion. In der Wahl der Mittel stimmten sie freilich nicht immer mit einander überein. Das hatte seinen Grund wohl hauptsächlich in der Verschiedenheit der Charaktere. Albrecht V. glaubte das Ziel durch Milde und weitestes Entgegenkommen zu^ 356 erreichen. Otto war vermöge seiner Naturanlage und seiner streng kirchlichen Gesinnung ein Gegner dieser schüchternen, zaghaften Politik. Er gab auch seiner Unzufriedenheit über die von den höchsten Spitzen der weltlichen Gewalt hinsichtlich der religiösen Angelegenheit eingeschlagenen Wege brieflich wiederholt Ausdruck. Er meinte, durch fortwährendes „Constituiren, Conniviren, Lavircn und Temporisiren" sei nichts zu erreichen (Wimmer a. a. O. S. 88; vgl. Baader S. 173, 177). Ich muß nun von der eigentlich kirchlichen oder, um es genauer auszudrücken, von der re- formatorischen Thätigkeit Otto's sprechen. Car- dinalbischof Otto war ein Reformator im wahren Sinne des Wortes. Die Uebel, an welchen die Kirche des 16. Jahrhunderts krankte, waren ihm wohl bekannt, und mit der ganzen Kraft seines energischen Charakters suchte er an deren Heilung zu arbeiten. Nicht das katholische Dogma, die katholische Lehre, sondern das kirchliche Leben, die kirchliche Disciplin sollte reformirt werden. Darauf war sein Wirken gerichtet. Ich rechne dazu seine Stellung zum Concil von Trient und seine Bemühung zur Hebung der Kirchenzucht in der eigenen Diöcese. Otto hielt die Abhaltung eines allgemeinen Concils zur Beilegung der religiösen Wirren und zur Verbesserung des kirchlichen Lebens für dringend nothwendig. Als dann das wirklich zu stände gekommene Concil 1552 wegen der von Moriz von Sachsen demselben drohenden Gefahr suspendirt werden mußte, trat Otto schriftlich und mündlich immer wieder für die Fortsetzung desselben ein. An den Herzog Albrecht V. von Bayern schrieb er im Jahre 1560: „Zu stillung aller schwebender gefahr ist he kain sicherer oder gewisser rsivoäium dann das Oovoilinrv" (Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg B. 2 S. 166). In diesem Sinne wirkte er durch den Herzog auch auf den Kaiser ein (Baader S. 169 ff. 185). Dieser hatte nämlich ebenso wie sein Bruder Ferdinand große Bedenken gegen die Wiederaufnahme des Concils. Sie meinten, es würden dadurch die Gemüther der Protestanten, welche durch mehrere ihrer Stände ein entschiedenes Eintreten gegen die Wiedereröffnung des Concils verlangten (Janssen a. a. O. B. 4 S. 145), nur auf's neue aufgeregt, und es könnte die Sache der Religion und des Vaterlandes Schaden leiden. In dieser Beziehung schrieb Otto an Herzog Albrecht:- „Es ist nn- bezwcifelt, daß Ihre Majestät die Sache gut meine, aber es ist nicht ein klein Mitleid mit Ihrer Majestät zu haben, daß sie die Religionssachen mehr auf menschliche Klugheit denn göttliche Fürsehnng setzen und hoffen, durch Zögern und Conniviren viel zu gewinnen, so doch das Gegentheil unvermeidlich daraus entstehen möchte". Ein anderes Mal sagt er: „?rc>vicionclo ot von inr- pikor covvivovcio 8tahiIiovckiro 8vvt ros" (Baader S. 88). So eifrig indeß Otto mich für das Concil von Trient eintrat, so wohnte er demselben doch nicht an. Der Kirchcngeschichischrciber Flenry behauptet zwar das Gegentheil, aber das ist ohne Zweifel ein Irrthum (vgl. Chronik ll, 91). Otto sandte übrigens gleich zum Beginn des in Trient eröffneten Concils den Domcapitnlar Andreas Rhein und seinen Theologen Claudius Jains (I,o ckaz-) und bestellte zum Prokurator bei demselben den Franz Piccolomini, Bischof Montnlcinensis (Braun B. 3 S. 377). Warum Otto an dem Concil nicht persönlich thcil- .'.ahm, scheint mir noch nicht vollständig klar gelegt zu sein. In einem Briefe an Kaiser Karl vom Jahre 1551 sagt er, sein Gesundheitszustand und Stiftsgeschäfte hinderten ihn an der Theilnahme; überdies habe ihn der Papst wissen lassen, daß er ihn zur rechten Zeit berufen würde, was aber bis damals nicht geschehen sei (Druffel I, 801). Diese Gründe mögen für den damaligen Moment und für die erste Periode des Concils überhaupt (1545—1552) zutreffend gewesen sein. Warum sich aber Otto nicht zu dem im Jahre 1562 wieder eröffneten Concil begeben, dafür haben wir keine sicheren Nachrichten, wohl aber Vermuthungen, die sich aus der damaligen Zeitlage ergeben. Es ist nämlich Thatsache, daß die Bischöfe, welche zugleich Reichsfürsten waren, aus Furcht vor den protestantischen Ständen nicht in eigener Person auf dem Concil zu erscheinen wagten. Die Erzbischöfe von Trier, Salzburg und Mainz erklärten ausdrücklich: Würden sie ihre Diöcesen verlassen, so könne leicht der Untergang derselben erfolgen (Janssen IV, 145). Ob nun Otto von den gleichen Motiven sich leiten ließ, kann man vermuthen, aber es ist nicht eigentlich zu beweisen. Vielleicht haben die nicht unbedeutenden Geldverlegenheiten, in welchen Otto, wie wir noch sehen werden, sich befand, auch mit eingewirkt. Denn als Reichsfürst konnte er nicht so einfach auftreten, wie irgend ein anderer Bischof. (Schluß folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Währungsfrage. Von vr. Schw. Die Währungssrage, wie sie seit geraumer Zeit in den verschiedensten Ländern in Fluß gekommen ist, gehört bis zur Stunde zn denjenigen Fragen, welche fortwährend das Interesse der Allgemeinheit beschäftigen, über welche jedoch eine Einigung nicht zu Stande zu kommen scheint. Immer mehrt sich die Zahl der Broschüren und Abhandlungen, welche die Frage von diesem oder jenem Standpunkte aus behandeln, ohne daß im wesentlichen viel Neues zn Tage gefördert würde. Zwei Parteien stehen sich gegenüber, die sich energisch befehden, und die Argumente sowohl der einen wie der andern Anschauung sind im wesentlichen immer die gleichen, so daß neue Bearbeitungen, abgesehen allenfalls von einer Verwerthung neuen statistischen Materials, eigentlich nur eine Beitrittserklärung zn der einen oder andern Richtung bedeuten, da die beiderseitigen Grundsätze und Argumente sozusagen bereits als codificirt erscheinen. Wenn man nun diesen Kampf der Anschauungen, der zugleich ein Jntcressenkampf ist, von außen betrachtet, so drängt sich dem ruhigen, vornrthcilsfreien Beobachter unwillkürlich der Gedanke auf, wie so es denn kommt, daß eine Frage, die doch keine politische, sondern zum großen Theile eine wissenschaftliche Frage ist, trotz der eifrigsten und der scharfsinnigsten Behandlung doch um keinen Schritt ihrer Lösung näher gebracht wird. Es will uns fast scheinen, als ob der Grund darin zn erblicken sei, daß das. Währungsproblem geradezu in seinem eigensten Wesen verkannt, mehr und mehr zu einer Parteifrage gestempelt wurde. Daher ist es nur zn begreiflich, daß vielfach mehr mit Leidenschaft als mit Sachgründen vorgegangen wird. Dadurch, daß man die Währungssrage in den Dienst einer sonst guten Sache zu stellen versucht, wird ihre Bedeutung, wenn nicht überschätzt, so doch einseitig beurtheilt und dadurch ein an sich schwieriges Problem durch einseitige Verquickung mit heterogenen Elementen erst recht verdunkelt. Als politisches Schlagwort wird die Frage unter die Massen geschleudert und damit um so mehr Aufsehen und Beifall erregt, je weniger sie von der Allgemeinheit verstanden wird. Die vielen bereits vorhandenen Abhandlungen sind nur zum geringsten Theile geeignet, dem gemeinen Verständnisse einige Klarheit über unsre Frage zu verschaffen, da dieselben sich entweder von vornherein nur an speciell geschulte Kreise wenden oder zwar der Allgemeinheit dienen wollen, trotzdem jedoch häufig mit ziemlich weitgehenden Vorkenntnissen des Lesers rechnen, die derselbe aber meistens doch nicht besitzt. Man mag nun allerdings einwenden, die Währungsfrage sei überhaupt eine Frage, die gewissermaßen nur von Fachleuten behandelt werden könne und dürfe und deren Verständniß deßhalb niemals zum Gemeingute aller werden könne. Diesem Einwände kann eine gewisse Berechtigung vielleicht auf den ersten Blick nicht abgesprochen werden. Allein, sei dem wie ihm wolle, soviel ist feststehend, daß unsre Frage ganz sicherlich das Interesse Aller berührt und daß sie insbesondere thatsächlich nicht bloß innerhalb beschränkter Personenkreise behandelt wird, sondern auch vor der Allgemeinheit mehr und mehr angezogen, in öffentlichen Versammlungen diskutirt und in das Programm wenn nicht gerade ganzer Parteien, so doch gewisser Richtungen und Vereinigungen aufgenommen wird. Unter diesen Umständen hat die Allgemeinheit auch ein Recht darauf, daß sie über eine Frage, für oder gegen welche sie sich vielleicht über kurz oder lang entscheiden soll, entsprechend belehrt und aufgeklärt werde. Es ist dies um so nothwendiger, als gerade die Behandlung unseres Problems eine Reihe von Vorkenntnissen und grundlegenden Gesichtspunkten voraussetzt, die unbedingt zum Verständnisse des Ganzen nöthig erscheinen. Ich will daher im Folgenden keineswegs in den Kampf der Parteien hinabsteigen, sondern lediglich versuchen, in voraussetzungsloser, gemeinverständlicher Weise eine Reihe einzelner Begriffe und Gesichtspunkte hervorzuheben, von welchen jeder, gleichviel welchen Standpunkt er einnehmen will, ausgehen muß und über die im Allgemeinen auch eine gewisse Uebereinstimmung herrscht. Es ist nun einleuchtend, daß in erster Linie der Begriff der Währung näher bestimmt und beschrieben werden muß. Mit dem Begriffe der Währung hängt ein anderer auf das engste zusammen, so zwar, daß man das Wesen der Währung nicht verstehen kann, ohne zugleich das Wesen desselben zu kennen, der Begriff des Geldes. Die beiden Begriffe werden im gewöhnlichen Leben nur zu häufig durcheinandergebracht; sie müssen jedoch strenge auseinander gehalten werden, da hievon bereits ein guter Theil des Verständnisses der ganzen Frage abhängt. Wenn wir von Geld sprechen, so sind wir gewohnt, darunter Geldstücke, gemünztes Geld, also Münzen aus Edelmetall geprägt, zu verstehen. Hierin liegt bereits , ein großer Irrthum. Unter Geld hat man vielmehr im allgemeinen nichts anders zu verstehen, als ein wirth- schaftliches Gut, das bestimmte Aufgaben im Verkehrs- lebeu zu erfüllen hat. Ueber die Beschaffenheit dieses Gutes ist dabei noch gar nichts gesagt. Es kann vielmehr eigentlich begrifflich jedes Gut als Geld dienen, soferne nur der Verkehr oder ein Machtausspruch ihm wirksam die Funktionen des Geldes überträgt. Bei dem Begriffe des Geldes darf mau daher noch an gar kein wirkliches Gut, an gar keinen bestimmten Stoff, sondern lediglich an die Summe der dem Gelde zugedachten Aufgaben denken. Erst die Bestimmung desjenigen Stoffes, welchem im einzelnen Falle die Funktionen des Geldes zukommen sollen, führt zum Begriffe der Währung. Unter Währung versteht man daher, zum Unterschiede vom Gelde, einen ganz bestimmten concreten Stoff als Grundlage des Geldes, des Münzwesens. Daher ist z. B. bei der Goldwährung das Gold als Stoff betrachtet, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Form und Größe, Träger der Geldfunktion. Dadurch, daß dem Golde eine gewisse Aufgabe im Verkehre übertragen wird, wird es zum Gelde. Der Begriff der Währung setzt also den Begriff des Geldes voraus; jedoch nicht umgekehrt; denn man kann recht wohl über das Wesen des Geldes Reflexionen anstellen, ohne dabei einen bestimmten Stoff der Körperwelt im Auge zu haben. Welches sind nun die Aufgaben, welche das Geld im Verkehrsleben erfüllen muß und die deßhalb das Wesen des Geldes ausmachen? Diese Funksionen sind im einzelnen folgende: 1. Das Geld ist allgemeines Tauschmittel, d. h. eine Waare, gegen welche man jederzeit andere Waaren eintauschen kann, also ein Gut, welches jederzeit von jedem angenommen wird. 2. Das Geld ist allgemeiner Werthmaßstab, d. h. ein Gut, an welchem der Werth der übrigen Güter gemessen wird, in welchem der Werth der übrigen Güter ziffermäßig festgestellt und ausgedrückt wird. 3. Das Geld ist allgemeines Zahlungsmittel, d. h. ein Gut, durch dessen Hingabe mau sich in gesetzlicher Weise von seinen gesetzlichen oder vertragsmäßigen ökonomischen Verpflichtungen befreien kann. 4. Das Geld ist allgemeines Werthanfbewahrungsmittel, d. h. ein Gut, welches dazu dient, Werthe dauernd zu erhalten und von der Gegenwart auf die Zukunft zu übertragen. Diese vier Aufgaben werden dem Gelde gemeiniglich zugeschrieben, und es gehört zum Wesen des Geldes das gleichzeitige Zusammentreffen sämmtlicher vier Funktionen. Fehlt die eine oder andere Aufgabe in einem gegebenen Falle, so spricht man nicht mehr von Geld, sonder» Geldsnrrogat. Es liegt nun auf der Hand, daß nicht alle Güter in gleichem Maße geeignet sind, als Träger der genannten Funktionen angesehen zu werden. Aufgabe der Währungspolitik ist es vielmehr, denjenigen Stoff auszuwählen, welcher in hervorragendster Weise die aufgestellten Aufgaben zu erfüllen vermag. Dies führt nun dazu, daß thatsächlich eine Reihe von Gütern, ja die meisten Güter, zwar nicht als begrifflich unfähig, wohl aber als thatsächlich weniger geeignet und deßhalb nicht verwendbar angesehen werden müssen, als Geldstoff zu dienen. Die meisten haben thatsächlich auch niemals als Geldstoff gedient, andere sind im Laufe der Zeit ganz oder znm Theile untauglich geworden. Jeder weiß, daß in den frühesten Zeiten der Durchschnittswerts) eines Stückes Vieh als Geldeinheit diente, worauf der Zusammenhang der Wörter xomm und xeounia hindeutet. Desgleichen ist bekannt, daß es heute noch Völker gibt, welche Muscheln oder Schmnckgegenstände als Geld benutzen. Wenn von alledcm in unserem modernen Ver- 358 kehrsleben auch keine Rede mehr sein kann, so ist diese Thatsache doch in so fern von Bedeutung, als sie uns zeigt, daß die Edelmetalle keineswegs und ausschließlich zum Geldstoffe sozusagen prädestinirt sind. Der heutzutage bestehende, fast ausschließliche Gebrauch von Edelmetallen als Träger der Geldsanktion beruht vielmehr auf dem besondern Maße und der besondern Art, in welcher sie die Funktionen des Geldes zu erfüllen vermögen, die sie hiezu derart qualifiziren, daß thatsächlich sie allein in Betracht kommen. Es zeigt sich dies am deutlichsten, wenn wir kurz die Anforderungen ins Auge fassen, welche wir heutzutage an einen Träger der Geldidce zu stellen gewohnt sind bezw. im Interesse des Verkehrs stellen müssen. Alle diese Anforderungen stellen sich dar als ein unmittelbarer oder mittelbarer Ausfluß der im einzelnen bereits hervorgehobenen Aufgaben des Geldes sowie des Verkehrsbedürfnisses, welches eine möglichst vollkommene Verwirklichung der einzelnen Ausgaben dringend verlangt. Im einzelnen ist Folgendes von Bedeutung. ' Der Geldstoff muß selbst Werth haben, d. h. um einer selbst willen geschätzt und begehrt sein., Dieses Postulat ergibt sich einerseits aus dem Wesen des Gutes als Mittel zur Bedürfnißbefriedigung, andererseits aus der Eigenschaft des Geldes, allgemeiner Werthinaßstab zu sein. Wie soll an einem Gegenstände der Werth . eines andern Gegenstandes gemessen werden, wenn dieser , erstere selbst keinen Werth besitzt? Daraus ergibt sich ^ von selbst die Unrichtigkeit der Anschauung, welche meint, der Staat hätte es in der Hand, jederzeit die Geldmittel durch Ausgabe von Noten beliebig zu vermehren. Der Staat kann keine Werthe schaffen, sondern nur vorhandene Werthe anerkennen, beglaubigen. Und würde er sich beikommcn lassen, etwas als Werth zu bezeichnen, was in Wirklichkeit nicht Werth ist, der Verkehr ließe sich hiedurch nicht beirren, er würde die so in Umlauf gesetzten Mittel alsbald durch ein entsprechendes Disagio brandmarken und den usurpirten Werth wieder benehmen. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß nicht der Staat innerhalb der Grenzen seiner Creditfähigkeit unterwerthiges Geld oder Zeichengeld auf einem höhern Werthe durch Verleihung eines Zwangskurses erhalten kann. Näheres . hierüber soll an späterer Stelle hervorgehoben werden. Der Geldstoff muß im Verhältniß zu den zu bewältigenden Umsätzen und deren Werth ein Gut sein, das selbst hohen Werth bei bequem zu handhabendem Volumen besitzt. Sind die Umsätze im allgemeinen gering, so genügt ein geringerwerthiger Stoff; sobald jedoch mit Zunahme des Reichthums und des Verkehrs die TranSaction von Werthen gleichfalls wächst, bedarf der Verkehr eines entsprechend höherwerthigen Stoffes. Hierauf beruht ohne Zweifel die Thatsache des all- mähligen Ueberganges der Culturländer von der Silberwährung zur Goldwährung. Es ist gewiß kein Zufall, sondern eine eklatante Bestätigung des eben Gesagten, daß England mit seinem ausgedehnten Handelsverkehr zuerst zur Goldwährung überging und bis zur Stunde unentwegt an ihr festhält. Wir verlangen ferner von einem guten Geldstoffe, daß er Dauerhaftigkeit, chemische und mechanische Widerstandsfähigkeit besitze, daß er in hohem Maße theilbar sei, und zwar so, daß der einzelne Theil einen seinem Antheil am Ganzen entsprechenden Werth besitze. Ersteres Erfordernd erscheint als ein naturgemäßer Ausfluß der Werthaufbewahrungsfunktion, letzteres als ein Gebot des Verkehrs, welcher für die kleinsten wie für große Umsätze eine entsprechende Münze verlangt. Neben diesen mehr natürlichen Eigenschaften ist daS Wichtigste wirthschaftliche Erforderniß die Werthbeständigkeit des Geldstoffes. Ein Stoff kann, um von anderem abzusehen, nur dann geeignet sein, Werthe der Gegenwart der Zukunft zu übermitteln, wenn der Werth dieses Stoffes selbst möglichst beständig, constant ist. Jede Schwankung des Werthes des Geldes bringt Unsicherheit in den Verkehr und hat Speculationen mit all den schlimmen Wirkungen znr Folge. Die Zahl der Merkmale eines guten Geldstoffes könnte wohl noch vermehrt werden, indeß mag es'mit Hervorhebung dieser wenigen, die immerhin die wichtigsten sind, sein Bewenden haben. Sie genügen, um erkennen zu lassen, daß die Eigenschaften eines guten Geldstoffes am besten bei den Edelmetallen und hier wieder bet Gold und Silber ausgeprägt sind. Hierin ist die Herrschaft dieser beiden Metalle als Währnngsgrundlage begründet. Indeß schon ist auch ein Kampf dieser beiden Metalle um die Vorherrschaft entbrannt, und es ist kein Zweifel, daß das Gold vor dem Silber manches voraus hat. Das Gold ist chemisch widerstandsfähiger als das Silber, es oxydirt nicht, Gold besitzt ein höheres spezifisches Gewicht und im Verhältnisse zu einem gleichen Volumen Silber einen bedeutend höheren Werth; dazu kommt, daß das Gold in seinem Werthe heutzutage geringeren Schwankungen unterworfen ist, als das Silber. Im Mittelaltcr verhielt sich der Werth eines Quantums Silbers zu einem gleichen Quantum Gold etwa wie 1:11,z5>: bereits zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sich das Verhältniß zu Nngnnsten des Silbers in 1: 15^ geändert. Seit dieser Zeit bis etwa 1870 ist der Werth ziemlich stabil geblieben und zeigte nur geringe Abweichungen von der sogen, klassischen Werthrelation 1:15'/z. Seit 1870 ist der Werth des Silbers rapid gesunken, und heute hat sich das Verhältniß bereits in 1:30 und noch ungünstiger gestaltet. Seit etwa 20 Jahren hat also das Silber die Hälfte seines Werthes verloren. Es ist dies gewiß keine erfreuliche Erscheinung; der Grund derselben muß hier ununtersucht bleiben, da hierüber bereits die Meinungen auseinandergehen, eine Erörterung derselben deßhalb dazu führen müßte, zu dem Streite der Parteien Stellung zu nehmen. Es mag die Bemerkung genügen, daß die Gegner der bestehenden Währnngsverhältnisse diese Wcrthveränderung des Silbers nicht Silberentwerthung, sondern Goldvertheuerung nennen. Thatsache ist jedenfalls, daß das Werthverhältniß in der angegebenen Weise etwa sich geändert hat und daß hieraus der Schluß gezogen werden muß, daß in rein technischer Beziehung das Silber dem Golde bezüglich seiner Befähigung, Träger der Geldfunktion zu sein, nachsteht, da gerade unsere Zeit mit kolossalen Umsatzziffern rechnet und demgemäß eine hochwerthige Geldgrnndlage verlangt. Die Thatsachen der Gegenwart, insbesondere die unleugbare größere Beliebtheit des Goldes im Verkehre, stehen damit in vollem Einklänge. Das Ausgeführte mag genügen, um über das Wesen des Geldes und den Begriff der Währung zu einer klaren Vorstellung zu gelangen. (Fortsetzung folgt.) 359 Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. , Vor Kurzem ging durch diese Blätter ein Artikel über „Die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland"?) Wie bereits angedeutet, sei im Anschlüsse daran nunmehr auch jener unzähligen Wehrbaüten gedacht, welche uns erinnern an das sturmbewegte, jugcndkrüftige, frühmittelalterliche Deutschland, ich meine die deutschen Ritterburgen. Liegt es doch auf der Hand, daß zwei Epochen, die sich unmittelbar nacheinander und dazu noch auf demselben Boden entwickelten, gerne gegenübergestellt werden, daß aber auch andererseits die Denkmäler derselben, und hier wieder vor allem die der Baukunst, bezüglich ihrer genaueren Unterscheidung gewisse Schwierigkeiten bieten. In der That hat sich ob dieser letzten Frage auch in unserem Falle bereits manch heißer Kampf entsponnen, und die Untersuchungen über römische Befestigungsanlagen und mittelalterlichen Burgenbau nehmen zur Zeit in der deutschen Alterthumsforschung einen ganz hervorragenden Platz« ein. Meine Zeilen sollen daher im Besonderen diesem Punkte gewidmet sein. Von der einschlägigen Literatur zunächst möge der Satz gelte», daß sie sehr mannigfach und verschieden ist, sowohl dem Werthe als der Auffassung nach. Zu den bekannteren und wichtigeren Autoren gehören neben Mone, Mutzel und andern besonders Krieg v. Hochfelden, Esscn- ivcin, v. Cohansen, v. Nähers, sowie in neuester Zeit Otto Piper durch ein umfassendes Werk?) das im vollsten Sinne des Wortes eine „wissenschaftliche Grundlage" ist, wenngleich es in einer nie ermüdenden Polemik oft etwas bedenklich weit geht und sich ch „selbst Mauern errichtet, um sie nachher wieder umzulegen"?) Vor allem wird es nöthig sein, in unserm Falle ein etwas bestimmtes Bild zu gewinnen von den beiden Befcstignngsartcn, die sich charakterisiern in zwei Grundformen, nämlich in dein römischen Lager und in der frühmittelalterlichen Ritterburg. Das Hiebei in Frage kommende Land sei, wie bereits gesagt, Deutschland und insbesondere das alte Deknmatenland mit Vindelicien und dem nördlichen Rätien. Was das römische cnstrum betrifft, so wurde dasselbe in dem oben erwähnten Artikel eingehend besprochen; des Zusammenhangs und der Vollständigkeit halber seien nur noch einmal folgende Hauptpunkte angeführt: 1) die rechteckige, manchmal auch quadratische Grundform neben wenigen Ausnahmen, welche wahrscheinlich in Nom durch allgemeine Normen und Vorschriften von vornherein festgesetzt wär; 2) die vier Thore mit ihren Vertheibigungs- thürmen und die regelmäßigen Lagerstraßcn; 3) die Verbindung zwischen den einzelnen Castcllen, dem Limes und der Provinz bedurfte offenbar noch weiterer Anlagen, der ') Siehe Nr. 41, 43. 44 der Beilage znr Augsbnrger Postzeitung. . -) Burgenknnde von O. Piper. München 1895. °) v. Oechelhänser im Repertorium für Kunstwissenschaft XIX, 3. , Außerdem wurden benutzt: Cori, „Bau und Einrichtung der deutschen Burg": Kugler. „Führer durch die Altmühlglp": Schober, „Führer durch den Spessart": Hotter, „Das Bezirksamt Elchstätt"; James Yates, Abhandlung ini Jahrb. des histor. Vereins f. Schwaben und Neuburg, Jayrg. XXIII-, Marggraff, „Die römische Rcichsgrenze in Germanien und ihre Bauten." sogenannten oxooulas oder burgi — kleinere Thürme oder Wachthäuser, deren Höhe kaum über 6 — 7 m hinausging, und die uns wahrscheinlich in den bekannten Skulpturen der Trajanssänle angedeutet sind?) In diesem Stile, wenn der Ausdruck erlaubt ist, waren ausschließlich die römischen Befestigungen angelegt, deren Ruinen uns jetzt zwischen dem Rhein und den nördlichen Alpen begegnen. Sie gehören in jene Zeit, in welcher die Römer noch einen festen Stand in Germanien hatten. Als jedoch nach Bildung der Völkervercine der schlaffgewordene römische Krieger dem jugendkräftigeu Germanen weichen und allmählich das Deknmatenland aufgeben mußte, da änderte sich auch theilweise die römische Taktik, es entstanden besonders unter Kaiser Valentiniaii °) südlich von der Donan und links vorn Rheine eine Reihe von Wehrbaüten, die von der obigen Castralform dnrch- aüs verschieden sind und, wie Ohlenschlager?) sich ausdrückt, „einer Zeit angehören, wo die Römer nicht mehr im Vertrauen auf die Kraft und Kriegstüchtigkeit ihrer Truppen an Ausdehnung ihrer Macht dachten, sondern wo sie sich begnügen mußten, den Besitz durch starke Mauern vor Ucberfall zu schützen". Diese Art von Vertheidigungsanlagen gehört jedoch nicht mehr in den Rahmen unserer Betrachtung, und wir wollen von dem römischen Lager sogleich auf die mittelalterliche Bnrganlage übergehen. Was zunächst den Namen Burg betrifft, so wird man ihn wohl als ein altes Gemeingut aller /indogermanischen Stämme betrachten müssen; es kommt in allen möglichen Variationen vor als -.^ 70 «:, durgrw, hur, ffnrug, horougü, borgo, jurrc und iiourg, was ungefähr immer „eine bergende, schätzende Stelle" bezeichnet. Man unterscheidet in althergebrachter Weise gewöhnlich zwischen Höhenbnrgen und Wasserburgen. Die letzteren liegen natürlich in der Ebene, womöglich auf einem kleinen inselartigen Terrain. Gewöhnlich erhoben sie sich an starken Ausbieguugen von Flüssen oder aus Landzungen, indem auf der vierten Seite ein künstlicher nasser Graben das Hinderniß bildete. Eine Ringmauer oder wenigstens ein Pallisadcnzaun umschloß das eigentliche Gebäude, das sich meist durch starke flankirende Eckthürme auszeichnet. Beispiele dieser Art finden sich viel-« fach in der norddeutschen Tiefebene, recht charakteristisch dafür dürften auch sein Gelnhausen an der Kinzig, erbaut von Kaiser Barbarossa, sowie die beiden Odenwald- burgen Erwach und Fnrstenan. Die HLHenbnrg, welche ungleich häufiger vorkommt und daher ganz, besonders der Gegenstand unserer Betrachtung werden wird, muß nach den Worten Pipers b) wenigstens ein bewohnbares wehrhaftes Gebäude und eine Ringmauer enthalten?) Es ist klar, daß uns eine so primitive Anlage, selten entgegentritt. Die Burg besteht meistens aus verschiedenen °) Näh. f. bei Piper „Burgenknnde" S. 64 oder bei v. Cohansen „Der röm. Grenzwall" S. 343 sowie in meinem früheren Artikel Nr. 43 S. 338. , ") Näheres s. bei Nnnniaiws LIaresII. XXVIII, 2. -) Ohlenschlager, Wcstd. Zcitschr. S. 14 (1892). °) Piper, Hnrgenkundc. S. 4. °) Einen solchen „kleinen wehrhaften WohnbaN" haben wir Uns gewöhnlich unter dem Ausdrucke Burg stall vorzustellen (Cori S. 159). allerdings wird Bnrgstall auch , in anderem Sinne gebraucht, so für Burgplatz, für eine I in Trümmern liegende Burg und sogar für „Walllrone". Theilen, welche alle durch die Ringmauer oder auch durch ein entsprechendes Gelände in ein einziges „Vertheidigungssystem" zusammen geordnet sind: Die Vor bürg, auch Vorhof genannt, liegt, wie schon der Name angibt, vor der Hanptburg, und zwar auf der Angriffscite, welche natürlich identisch ist mit jeden: leicht zu erstürmenden, sanften Thalabhange. Die Vorburg ist in vielen Fällen eine für sich abgeschlossene Anlage mit Thor und Zugbrücke, einer oder mehreren Ringmauern, die oft bastioncnartig gegen das Thal vorspringen. Innerhalb dieses Raumes finden sich die Stallungen (daher auch „Viehhof") sowie die Wohnungen der dienstbaren Besatzung, der Reisigen und Knappen. Eine zweite Zugbrücke führt uns dann in die Hanptburg. Häufig zeigt sich das Thorhaus mit allen möglichen Vertheidignngs - Einrichtungen, vorspringenden Thürmen, Füllgütern, Gnß- und Pechnasen, versehen. Der meist langgestreckte, hallenartige Thorbau mündet in den Burghof, um welchen sich als Mittelpunkt die übrigen Gebäude ringsherum gruppiren. Stoßen diese letzteren nicht unmittelbar an die Ringmauer, so entsteht dadurch ein gassenartigcr Raum, der sogenannte Zwinger oder Zwingolf, eine Bezeichnung, die übrigens auch von dem tiefen Bnrggraben, von „dicken" Thürmen, manchmal auch von der Vorburg, selbst von dem Franengcmach gebraucht wurde. Die Ringmauer trug an der Innenseite einen meist balkenartigcn Wehrgaug, auf dem die Vertheidiger standen und zwischen den Zinnen hindurch den anstürmenden Feind bekämpften. Uebrigens finden wir bei günstigen Tcrrainverhält- nissen die Ringmauer oder „Ziugel" einfach durch die Front der Gebäude vertreten. Auf der Angriffsseite, besonders wenn sie von einem nahegelegenen höheren Punkte beherrscht wird, erhebt sich am Neckar und am Rhein eine querstehende, ausnehmend hohe und breite, oben mit einer Plattform versehene Mauer, die sogenannte Schild mauer (oder der hohe Mantel), welche eine gefährliche Beschießung von der Ucberhöhung aus unmöglich machte. , Eine ähnliche Anlage ist der fast nie fehlende Berchfrit (Belfrit, Thurm- Torn), der gewöhnlich an der gefährlichsten Stelle der Burg feinen Platz hat. Der Zugang zu ihn: ist oberirdisch und wird vermittelt durch eine Leiter oder durch einen leichten Holzsteg. Auch das Dach scheint vielfach nur provisorisch gewesen zu sein, so daß man es gegebenen Falles abnehmen und eine für die Vertheidigung geeignete Plattform schaffen konnte. Das eigentliche Wohngebäude der Burgherrnfamilie ist der Palas, gewöhnlich ein stattlicher zweistöckiger Bau mit dem Rittersaale im oberen Stocke, der besonders zu Empfängen und festlichen Gelegenheiten be- nützt wurde. Hier befindet sich ferner die sogenannte Kemenate, die wir etwa als Familicnzimmer, vielleicht noch besser als das Franengcmach betrachten dürfen. In größeren Anlagen, z. B. auf der Wartburg in Thüringen, finden sich gewöhnlich noch die Dürnitz (ein eigenes Gesindehans), Vorrathshäuser, die Kapelle, das Brunnenhaus, ! Remisen u. s. iv. i Es wäre jedenfalls zu weitläufig und überdies dem obigen Thema wenig förderlich, auf all die weiteren I kleineren Einrichtungen, auf die Zinnen, Schieße scharten, Gußlöcher,Pechnasen, Kragsteine rc. einzugehen, welche fast jeder deutschen Ritterburg eigenthümlich sind. Schon diese kleine Gegenüberstellung möchte etwa den Anschein erwecken, nls ob ein Vergleich und ein Annäherungsversuch zwischen römischer Befestigung und deutschem Burgenban gar nicht möglich sei. Doch ist immerhin zu bedenken, daß die beiden obigen Bilder nur Normalanlagen sind, die sich höchst selten rein vorfinden, während Einzelheiten und Spezialitäten sich oft so gestalten, daß gewisse Aehnlichkeiten zu Tage treten, die auf den ersten Blick frappiren können. In der That war man noch vor nicht langer Zeit, ja man ist noch heutzutage und selbst in gebildeten Kreisen vielfach der Ansicht, daß der deutsche Burgenban nnt wenigen Ausnahmen sich einfach auf römische Baute" zurückführen lasse. Das deutsche Volk, welches in seiner bekannten Vorliebe für Fremdes, Alterthümliches, Seltsames nur gar zu gerne ein „altes Römergeschloß" oder einen „Heiden- thnrm" vor sich sah, aber auch der für Rom schwärmende Gelehrte, welcher sich oft bemühte, manchem unschuldigen mittelalterlichen Gemäuer die römische Toga anzulegen, ob sie nun dem deutschen Michel passen wollte oder nicht, diese beiden haben das Ihrige zu jener weitverbreiteten Anschauung beigetragen. Es hat sich sogar eine kleine Literatur darüber ausgebildet, besonders in den Namen Mone/°) Mntzel und Krieg von Hochfelden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monat- schrift. Jahrgang 1897. 12 Nummern. Mk. 4,—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 11 u. 12: Die sechsundzwanzig japanischen Blutzeugen vom 5. Februar 1597. — Tibet nnd seine Missionäre. (Schluß.) — Die Wahrheit über Madagascar. (Schluß.) — Der wirthschastliche Betrieb in den Reductionen von Paraguay. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Thätigkeit der Assumptionisten: Die Lazaristen in Konstantinopel): Griechenland (Larissa); Palästina (Die Lage): Syrien (Hebung des Klerus); China (Die Mission in der Mandschurei ; Der russische Nachbar); Vorderindien (Erdbeben): Ceylon (Anuradbapura): Südafrika (Transvaal): Nordamerika (Die Mädchenschule in Rosebnd); Brasilien (Die religiösen Verhältnisse); Ecuador (Greuel in Niobomba): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Sidya. der treue Sohn. (Schluß.) — Diese Doppelnummer enthält ein Titelbild und 19 Illustrationen. _ Osbarbockoa. (8. 9.), Dxainsn aä U8um olsri in Aratiam prasoipus Zaesrckotnin saora sxsroitia obsuntinm, RseoAnovit st auxit 9 os. 8oünsiäor (s. 9.). 12° pp. VIII -j- 310. Ratwbonas, k'r. kustst 1897. (VI.) N. 2,80 ÜK. S. Oslsdsrriinus so psrntilw Iibsllu8 omnibus saosr- ckotibua vommockain, insmoriam valcks ackznvantsm mann- äuotionein examinis oonseisntias tarn Asnoralio guaw xartisularw. Utiqns prs8bzcksrornm guilibot nitickmn 11- bollum, gusmvis guanäoqns aovU8atorsm, in sxsroitiis nsonon in votiäiano U8U oarum asotiinabit oomitsm st inonitorein. Hova sckitio sam xras 8S tsrt sIsAantiain, gna t^poKraxbiam Luststianain inckiso masfis inaAwqus xroüosrs novünuo. '") Mone, Urgeschichte des badischen Landes, 1845; Mutzel, „Die röm. Wartthürme besonders in Bayern" 1850; Krieg von Hochfelden, Geschichte der Militär- architektur in Deutschland von der Römerherrschaft bis zu den Kreuzzügen, 1859. Verarstrv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. An. 52. Grundlegende Gesichtspunkte für Bemtheilung der Währungsfrage. Von Dr. S ch w. (Fortsetzung.) Von wem wird nun das Metall bestimmt, das als Grundlage der Währung eines Landes dienen soll? Die Antwort hierauf kann wohl nur dahin lauten, baß der Staat allein berufen ist, diese Bestimmung vorzunehmen. Der Staat übt allenthalben dieses Recht unter dem Namen Münzhoheit aus. Es fällt hierunter aber auch das Recht und die Pflicht, alle im Interesse des Verkehrs zur Regelung des Münzwcscns erforderlichen Anordnungen zu erlassen, Gewicht und Feinheit der Mjiuzen zu bestimmen, die Sicherheit des Geldverkehrs zu garantireu. Wie hoch allenthalben das Rechtsgut der Verkehrssicherheit angeschlagen wird, ersehen wir an dem Schutze, den der Staat durch Ahndung von Verletzungen dieses Nechtsgutes gewährt. Es sind allenthalben auch bei uns in Deutschland geradezu drakonische Strafen auf die Miinzverbrechen gesetzt (otr. R.-Str.-G.-B. ZZ 146 ff.). In Deutschland steht die Münzhoheit gemäß Art. 4 Z. 3 der Reichsvcrfassung dem Reiche, nicht den Einzelstaaten zu, wohl aber ist die Münzausprägung einzelnen Staaten überlassen. Die Thätigkeit des Staates bei Ausprägung des Geldes ist lediglich ein Akt der Beurkundung, der Beglaubigung. Der Staat kann, wie bereits ausgeführt wurde, keine Werthe schaffen, sondern er drückt durch die Ausprägung jedem einzelnen Geldstücke lediglich eine Urkunde auf, in welcher die Garantie für ein gewisses Gewicht und gewissen Feingehalt der Münze zum Ausdrucke kommen soll. Hiednrch allein unterscheidet sich das Geld von jeder beliebigen Waare. Die vom Staate ausgestellte Urkunde hat rechtliche Bedeutung nur innerhalb der Grenzen des seiner Hoheit unterliegenden Gebietes. Sobald die Münze die Landesgrenze überschreitet, ist sie Waare wie jede andere Waare auch; deren Werth wird einzig nach dem Gehalte, Gewichte, wie der jeder andern Waare, bemessen; durch die staatliche Beglaubigung wird höchstens die ausdrückliche Prüfung des Feingehaltes und des Gewichtes erspart, im übrigen ist das Geldstück für den internationalen Verkehr nicht mehr wie ein uuge- formtes Stück Gold oder Silber von gleichem Gewichte und Feingehalt. Nun ergibt sich von selbst, daß, sobald eine Münze im Zulande nicht genau das Gewicht und den Feingehalt besitzt, den ihr Nominalwerth angibt — dies ist bei gewissen Münzen stets der Fall — der Besitzer Lei Verwendung außerhalb der Grenzen seines Landes nach dem Obigen einen Verlust erleiden muß» da der internationale Verkehr nicht auf den aufgeprägten Nominalwert!, sieht, sondern das Geldstück als Waare behandelt. Diese Betrachtung führt zu einer wichtigen Unterscheidung der verschiedenen Arten von Geld. In jeden, Währnngssystem unterscheidet man sogen. Währungsgeld, d. h. solches Geld, welches aus dem Währungsmetall hergestellt wird, und sogen. Zeichengeld, welches aus andern, Metalle geprägt wird. DasWahrnngs- geld ist stets vollwerthiges Geld, das Zeichengeld ist unterwerthig ausgeprägt, d. h. der Nominalwert!, entspricht nicht dem Metallwerth. Die Bollwcrthigkeit des Währungsgeldes wird durch die freie Privatprägnug gesichert. Bei 'edem Währnngssysteme hat nämlich jeder Private zwar 8. §ept. 18S7 nicht das Recht, selbst Währungsgeld herzustellen, wohl aber das Recht, in unbeschränkter Weise von, Staate gegen eine kleine Entschädigung (Schlagschatz; bei uns 3 Mark für 1 Pfd. Gold) die Ausprägung von Währungsmetall zu verlangen. Dadurch allein wird es möglich gemacht, daß der Mctallwcrth und der Nominalwcrth des Währungsgeldes immer übereinstimmt. Man unterscheidet ferner Courantgcld und Scheidemünze. Diese Unterscheidung fällt mit der vorigen keineswegs völlig zusammen. Unter Courantgcld ist jenes Geld zu verstehen, das bis zu jedem beliebigen Betrage» also in unbeschränkter Weise, gesetzliches Zahlungsmittel ist, während diese Eigenschaft bei der Scheidemünze, eben weil sie unterwerthig ist, nur eine sehr beschränkte ist. Unser eigenes Währnngssystem bietet ein treffliches Beispiel, diese Unterschiede zu illustriern. Goldgcld ist bei uns Währungsgeld, zugleich naturgemäß Courantgelb. Die Dreimarkstücke sind noch eine Remimszenz an die Silberwährung. Sie sind nicht Währungsgeld, wohl aber Courantgcld, d. h. sie müssen bis zu jedem beliebigen Betrage in Zahlung genommen werben. Alle übrigen Silbermünzen, sodann die Nickel- und Kupfermünzen sind Scheiden,Unzen. Währungsgeld ist also stets vollwerthiges Geld, der Werth desselben ist stets unzertrennlich mit dem Werthe des Metalles verknüpft. Scheidemünze ist bewußt unter- werthig ausgeprägtes Geld, also je nach dem Grade seiner Untcrwerthigkeit mehr oder weniger sogen. Credit- geld, Zeichengeld. Wenn ich ein Zwauzlgmarkstück eiuschmelze, so bekomme ich auch für die hiednrch gewonnene Goldmasse 20 Mark, es wird höchstens ein ganz kleiner, nach Pfennigen zu berechnender Abzug gemacht. Wenn ich aber ein silbernes Fünfmarkstück eiuschmelze, so bekomme ich für das so gewonnene Silber nur etwa 2,50 Mark; das Fünfmarkstück ist also um die Hälfte seines Werthes unterwerthig. Währungsgeld kaun daher ohne Verlust von der Geldform in die Barrenform übergeführt werden, und es wird diese Manipulation auch oft genug vorgenommen. Währungsgeld kann desgleichen ohne Verlust exporttrt und im internationalen Verkehr als Zahlungsmittel verwendet werden. Ganz anders ist es beim Zeichengcld, bei der Scheidemünze. Hier wäre derselbe Vorgang mit bedeutenden, Verluste verbunden. Es ist kein Zweifel, daß das Nebeneinanderbestehen verschiedeuwerthigcn Geldes gewisse Gefahren in sich birgt, und trotzdem ist dasselbe bis zu einem gewissen Betrage geradezu ein Bedürfniß. Eine Gefahr liegt einmal in der sogenannten echten Nachprägung. Es liegt auf der Hand, daß bei der Thatsache, daß unsre Silbermünzen zur Hälfte unterwerthig sind, jemand, der Barrensilber ankauft und daraus Münzen von demselben Gehalte herstellt wie die echten, von, Staate geprägten, einen Gewinn von 100 °/g machen muß. Die Gefahr wird allerdings wieder bedeutend gemindert dadurch, daß die Herstellung unserer Münzen Maschinen von großer Genauigkeit und bedeutendem Kapitalaufwandc erfordert, weßhalb nur ein größerer Betrieb rentireu könnte. Dieser bliebe aber wieder nicht leicht verborgen. Eine weitere Gefahr liegt darin, daß Zahlungen nur in schlechtem statt in vollwerthigem Gelde geschehen. Diese Thatsache ist unter dem Nennen des Gresham'schcn Gesetzes bekannt. Schlechtes Geld vertreibt gutes Geld. Es ist dieses Gesetz äußerst wichtig und spielt bei der Frage der Durchführbarkeit des Biincmllismns eine außerordentliche Rolle. Wenn schlechtes und gutes Geld in einem Lande nebeneinander bestehen, so wird das schlechte im Zulande verwendet; denn hier wird es znm vollen Werthe in Zahlung genommen. Das gute, das vollwerthige Geld fließt ins Ausland, da es lediglich im internationalen Verkehr zur vollen Geltung kommt. Diese Wirkungen könnten unter Umständen auch eintreten in einem Lande, das zwar nur ein Währungsgeld besitzt, daneben aber eine große Anzahl Scheidemünzen. Diese Wirkung wird dadurch vermieden, daß Scheidemünzen nur in beschränkter Menge ausgegeben werden; von einer privaten Präge- sreiheit ist dabei keine Rede. Ferner wird ihnen die Eigenschaft, gesetzliches Zahlungsmittel zu sein, nur in ganz beschränkter Weise beigelegt. Endlich wird dafür gesorgt, daß jederzeit dafür vollwerthiges Geld ohne Abzug umgetauscht werden kann. Durch diese Behandlung der kleinen Münzen werden dieselbe,! im Verkehr erhalten und sowohl vor den, Einschmelzen als dem Export bewahrt, andrerseits doch keine Gefahr für den soliden Geldverkehr geschaffen. Dieselben Cautclen müssen bei Ausgabe von Papiergeld beobachtet werden. All' die eben aufgezählten Thatsachen nehmen wir nur wahr im internationalen Verkehr, in, Zulande treten diese Thatsachen nur infolge der Wechselbeziehungen zum Aus- lande hervor. Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben der Währungspolitik, vollwerthiges, im internationalen Verkehre beliebtes Geld zu besitzen. Die Währnngsfrage ist keine nationale, sondern eine internationale Frage, und ihre Bedeutung und Schwierigkeit tritt erst dann hervor, wenn die Beziehungen der Länder untereinander, insbesondere solcher mit verschiedenen Währnngssystemcn, in Betracht gezogen werden. Zuvor ist es jedoch nothwendig die wichtigsten Währnngssystemc kennen zu lernen. Man unterscheidet sogenannte metallische Währnngs- systcme und Papicrwährilngssysteme. Letztere sollen hier nicht weiter in Betracht kommen. Die metallischen Währnngssystemc zerfallen wieder in monometallistische Systeme (Goldwährung, Silber- währung, hinkende Währung), bei denen lediglich ein Metall die Grundlage des Geldverkehrs bildet, und in das System der Doppelwährung, bei welchem der Geld- verkehr auf einer gleichzeitigen Verwendung zweier Metalle zum Währungsgelde (Gold und Silber) beruht. I. Die Silber Währung: Bei der reinen Silber- währung ist der Werth des Geldes mit dem Werthe des Silbers verknüpft. Währnngsgeld ist lediglich das Silbergeld. Es erfordert also mindestens eine Silbcrmünze. Wesentlich ist die Frcigcbnng der Silbcrmünze für Privat- prägung, jeder kann also verlangen für Barrensilber Silbergeld ausgeprägt zu erhalten. Die Silbermünze ist unbeschränkt gesetzliches Zahlungsmittel. Neben den Silbermünzen können auch Goldmünzen vorkommen. Allein diese sind nicht Währnngsgeld, sondern lediglich Handelsniünzc. Zhr Verhältniß zum Währnngsgeld ist nicht festgelegt. Ihr Werth, in Silber ausgedrückt, bestimmt sich lediglich nach Angebot und Nachfrage. II. Die Goldwährung: Goldgeld ist Währnugs- gcld. Freie Privatprägnng hat man nur für Gold. Der Werth des Geldes hängt lediglich vom Werthe des Goldes ab. Daneben finden sich Silbermnnzcn. Diese werden jedoch unlerwcrthig ausgeprägt und dienen lediglich Scheiden,ünzzweckeu. III. Die hinkende Goldwährung. Dieses System gilt bei uns in Deutschland. Währnngsgeld ist lediglich das Goldgeld. Das Gold bestimmt den Werth des Geldes. Freie Privatprägnng ist lediglich für Gold zugelassen. Daneben finden sich silberne Münzen als Scheidemünzen; außerdem haben wir aber noch eine Silbermünze, die weder Währungsgeld noch Scheidemünze, sondern lediglich Courantmünze ist. Es sind dies unsere Dreimarkstücke (Thaler). Sie sind noch ein Ueber- rest aus der Zeit der Silberwährung. Ihre Prägung ist eingestellt. Sie wurden seinerzeit zu dem Verhältnis; 1:15'/z ausgeprägt, sind daher wie die Scheidemünzen stark unterwerthig. Die Folgen des Gresham'schcn Ge» setzeS werden vermieden nicht durch Beschränkung der Zahlungsfähigkeit, wohl aber durch Beschränkung des umlaufenden Betrages. Die Einziehung der Thalerstücke wäre gegenwärtig für Deutschland mit großem Verluste verbunden. IV. Die Doppelwährung: Gold und Silber sind in gleicher Weise Währungsmetall. Währungsgeld wird aus Gold und Silber hergestellt. Was das wichtigste ist: freie Privatprägung ist für Gold und Silber zugelassen. Dabei ist zwischen Gold und Silber ein gesetzliches Werthverhältniß festgesetzt. Das ist nothwendig, weil beide Metalle als Zahlungsmittel verwendet werden sollen. Beispielsweise wird also durch das Gesetz bestimmt, daß 1 Pfd. Gold den gleichen Werth haben soll wie 15*/z Pfd. oder 20 Pfd. Silber. Hierin liegt ein Moment, welches für Beurtheilung des Bimetallisnws von wesentlicher Bedeutung ist. (Fortsetzung folgt.) Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) Ein Seitenzweig des Geschlechtes, welcher mit alt dillingischcn Gütern im Brcuzthale und auf der Rauher Alb ausgestattet war, bekleidete in der zweiten Hälft des 11. und um die Mitte des 12. Jahrhunderts da- Pfalzgrafcnamt des Herzogthums Schwaben. Mit Pfalz gras Adalbert (1125 — 1148) und dessen Bruder Walte (Bischof von Augsburg 1138—1154), die im Bereit mit zwei andern Brüden, das Kloster Anhäufen grün beten, scheint dieser Zweig der Familie erloschen zu sein worauf sein Besitz meist an die Hanpttinie des Hauses die pfalzgräfliche Würde aber an die Grafen von Tübinger kam. — Auf die in der heutigen Schweiz gelegenen Be sitzungen des Hauses, die wie eben erwähnt Graf Hart mann I. ererbt hatte, wurde eine eigene Linie desselben abgetheilt, die sich, urkundlich nachweisbar erst nach der Mitte des 12. Jahrhunderts, Grafen von Kiburg nannte. Sie zahlt Heitwig, die Mutter Kaiser Rudolfs von Habs- bnrg, Zu ihren Gliedern und erlosch im Mannesstamm um dieselbe Zeit, wie der Hauptzweig der Dillinger, im Jahre 1264. Ihre Besitzungen fielen an Kaiser Rudolf, noch hent zu Tage führen die Kaiser von Oesterreich den Titel der Grafen von Kiburg und bedienen sich die Habsburgischen Prinzen aus Reisen gerne desselben im Jncognito. Als eine weitere Linie des Hauses hat man lange die Herren von Werde, d. i. Donauwörth, betrachtet, bei denen, wie bei den Dillingern der Name Mangold 363 1 » » » 4 heimisch war. Allein diese bilden ein eigenes, vornehmes Geschlecht hohen Adels, ohne den Grafentitel zu führen, wie Erzbischof v. Steichele nachgewiesen hat. Mit der alten Grafenburg hebt die Geschichte der modernen Stadt Dillingen an. Als eastcrllurir OilinZa, wird sie zum ersten Male im Jahre 973 genannt, da der hl. Ulrich seinen Neffen Richwin, den Sohn seines Bruders Dietpald, dort besucht und sein anderer Neffe Adalbero, der Sohn seiner Schwester Lnitgarde, dort stirbt. Noch in der Gegenwart ist sie das interessanteste Bauwerk der Stadt, sowohl in rein geschichtlicher, als in archäologischer Hinsicht, und insbesondere auch wegen des Nmstandes. weil sie die Wiege, der Kern geworden ist, woraus sich die gegenwärtige Stadt entwickelt hat, denn das eigentliche alte Dillingcn lag ungefähr eine halbe Stunde von der Burg, eine Viertelstunde vom obern Stadtthor weiter gegen Westen; wahrscheinlich war es nur ein Weiler von wenigen Häusern, der den Namen Ober-Dillingen trug. Mit dem hohen geschichtlichen Alter der Ansiedlnng an diesem Platze stimmt auch überein, daß hier, auf dem Bergvorsprunge unterhalb der sogen, „oberen Quelle" eine dem hl. Martinas geweihte Kirche stand, welche durch ihren von fränkischen Glaubensboten inS Schwabenland verpflanzten Patron schon auf ihre Gründung zu sehr frühen Zeiten hinweist. Dieses Gotteshaus war auch die ursprüngliche Pfarrkirche von Dillingen, bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts der Pfarr- sitz in die Stadt selbst verlegt und die St. Peterskirche zur Pfarrkirche erhoben wurde. Jetzt und seit langem ist der Ort völlig von der Erde verschwunden, ohne daß wir von den Umständen oder der Zeit seines Abganges etwas wissen; wahrscheinlich ist es dort gegangen, wie bei vielen andern vor den Thoren einer Stadt gelegenen kleineren Ansiedlnngen, deren Bewohner ihre alten Heimstätten verließen, um hinter den festen städtischen Mauern Schutz zu finden. Wenn es übrigens gestattet ist, eine Vermuthung zu wagen, so mochte ich an diesen Platz jene knüpfen, das; das schwäbische Oberdillingcn der Nachfolger der prähistorischen Niederlassung sei, deren Gräberfeld nuten am Ziegelstadel entdeckt wurde, wie oben berichtet worden ist. An den Armen des rauschenden Stromes, deren Rinnsale heute noch die „Kleine Donau" und die verschiedenen Altwasser bezeichnen, wurde die Burg erbaut, doppelt fest durch ihre Situation an dem mnnüerschreit- baren Gewässer und durch ihre bauliche Anlage. Ich möchte nicht mit aller Bestimmtheit behaupten, das; die imponirenden Reste der alten Mauern und Thürme, die wir heute noch anstaunen, schon der allerältesteu Burg angehören, das; schon das Auge des Streiters gegen die Ungarn, des hl. Ulrich, vertrauensvoll aus ihnen geweilt hat, denn das Material, aus denen sie aufgeführt sind, die bei den Archäologen verschiedener Umstände wegen berühmt und berüchtigt gewordenen sogenannten „Bossen"- „Buckel"- oder „Kropf"-2uadcrn, geben keine sicheren Anhaltspunkte für die zeitliche Bestimmung der wuchtigen Bauwerke, denen sie jahrhundertelange Dauer verleihen. Den eben angeführten Namen tragen Quadcrstücke, die nur an den Fugen bearbeitet, an der Außenseite aber roh gelassen sind oder doch eine rauhe Fläche zeigen; häufig läuft längs der Fugen au den Außenseiten ein schmaler Rand, der sogenannte Randschlag. Diese Bossen- oder Buckclquader sind ein wahres Kreuz für die Archäologen geworden, ein Zankapfel, der zu den heftigsten Fehde» Veranlassung gegeben hat, und ich nehme mir die Freiheit, hier eine kurze Betrachtung über sie einzuschalten, weil der mittels Feder und Blcilettern geführte grimmige Streit auch um die Mauern der Dilliuger Burg getobt hat, wenn er sie auch nicht mit Blut röthcte wie einst die todesmuthigen Bestürmer. Es handelt sich nämlich um zwei Dinge bei ihnen, erstens um den Zweck der über die Fugen und den Randschlag vortretenden Bossen oder Buckel, und zweitens über die Väter oder Erzeuger dieser technischen Vorkehrung und hiemit um die Zeit ihrer Entstehung. Behufs Erklärung des Zweckes griff man zu ziemlich gezwungen klingenden Auskünften, indem man meinte die Buckel sollten das Anlegen von Sturmleitern erschweren, bezw. verhindern, oder sie sollten den Mauern gegen den Stoß der Angriffsmaschinen, der „Widder", und gegen die zerstörenden Einflüsse der atmosphärischen Niederschlüge größere Festigkeit verleihen, während eine ganz einfache und von Hause aus nahe liegende Erläuterung für die Belassung der natürlichen Bruchfläche in der Arbeitsersparniß des Steinmetzen liegt, ferner in dem Umstände, daß das Behauen der Vorderfläche technisch nicht nöthig war; vielleicht hat auch die trutzigere Erscheinung eines derartigen Mauerwerkes das Gefallen der streitbaren Baumeister jener wildbewegten Zeiten erregt. In Betreff der Herkunft unserer Quadern schrieb man die Vaterschaft in jenen Jahrzehnten, da die Alter- thumskunde noch in den Kinderschuhen wissenschaftlicher Forschung stak und für alles Große und Schöne keine andern Urheber zu finden vermochte, als die welt- beherrschenden Römer, selbstverständlich ebenfalls diesen zu, bis sich auch in dieser Beziehung der Wind drehte und — bei den Forschern wenigstens — die entgegengesetzte Anschauung durchdraug, indem man nunmehr behauptete, die Buckelqnadern stammten bestimmt nur von den Händen mittelalterlicher Steinmetzen her mrd bildeten somit ein ganz zuverlässiges Kriterium gegen den römischen Ursprung der Bauwerke, an denen sie sich finden. Das trifft nun allerdings bei den allermeisten, hier in Frage kommenden Mauern und Thürmen zu, aber doch nicht bei sämmtlichen Bauwerken, denn man hat bei unzweifelhaft römischen Ruinen auf deutschem Boden, z. B. an der kortu praetoris. des römischen Castclls zu Regensburg, an den Uebcrbleibscln der römischen Castelle zu Oberscheidenthal in Baden und zu Miltcnberg, am sogen. „Hcidenthurm" in Lindau, Buckelquadern mit und ohne Randschlag entdeckt. Man darf sich also recht sehr davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und muß bei Buckelqnaderbauten alle Kennzeichen untersuchen, welche für die Bestimmung des Baues maßgebend sein können. Derlei sind denn in der Regel für den Kenner zur Genüge vorhanden, um ein sicheres Urtheil zu fällen und nicht den Fleck neben das Loch zu setzen, wie der Bleister Zwirn sagt. Des Raumes wegen muß ich ihre Erwähnung au dieser Stelle unterlassen, weil ich sonst zuviel Theorie über römische und mittelalterliche Architektur, namentlich auch über Burgcubau, entwickeln müßte. Hinsichtlich der Bnckelquadern au den Mauern und Thürmen deutscher Städte und Burgen läßt sich also — kurz gesagt — stets annehmen, daß sie aus dem Mittelalter stammen, bis nicht ihr römischer Ursprung anderweitig bewiesen wird. Sehr schwierig läßt sich die Frage nach ihrem Alter beantworten. Sie kommen nämlich fast ausschließlich im südlichen und westlichen Deutschland und bei Burgen m 364 -er Regel an dem Hauptthurme vor, an dem sogenannten Bergfried, aber auch in den Manern und Thürmen von Städten, Z. B. in Mühldorf am Jim und in Ncichenhall. Die Entstehung der Mehrzahl dieser Vnrgcnbanten nun ist in das 12. und 13. Jahrhundert zu setzen, wiewohl einzelne auch in das 11. Säcnlum, vielleicht noch weiter zurückreichen mögen; in absteigender Stufe kommt Buckel- quadermauerwerk noch im 15. Jahrhundert vor, z. B. an der Nürnberger Stadtnmfassnng. Die Zeitspanne, welche die Anwendung der Bnckelquadern umfaßt, ist demnach sehr weit, und eine Altersbestimmung nach diesem Mauerwerk allein zu treffen, bereitet große Schwierigkeiten, soferne nicht andere Anhaltspnnkte zu Hilfe kommen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Weis; Hugo, Judas Makkabäus: Ein Lebensbild aus den letzten großen Tagen des israelitischen Voltes. 8°, VIII -j- 122 SS. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2.00. s. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, einzelne Partien der biblischen Theologie in besonderer Darstellung zu behandeln. So beschenkte er nns bereits mit einer Monographie über „David und seine Zeit" (Münster 1880) sowie über „Moses und sein Volk" (Freiburg 1886) und „die Bergpredigt Christi" (Freiburg 1893); diesem Werk reiht sich das vorliegende neue würdig an; es führt uns. in eine große Zeit zurück, die wir ob des Hcldenmutbes' und der Glaubenstreue anstaunen müssen. Nachdem die Makkabäischen Brüder auch durch das römische Brevier geehrt werden, eine Auszeichnung, die für Heilige des alten Bundes selten ist. wird die mit Gründlichkeit und Genauigkeit abgefaßte Schrift gewiß allen willkommen sein, die sich einmal näher über die Geschichte jener Zeit orientiren wollen. Leo Taril's Palladismus-Roman oder die Enthüllungen „Dr. Bataille's", „Margiotta's" und „Miß Vanghans" über Freimaurerei und Satänis- mus, kritisch beleuchtet von Hildebrand Gerber. (Pater H. Gruber 8. 3.) Zweiter Theil: Do- menico Margiotta und seine „Enthüllungen" über „Palladismus" und Freimaurerei. 263 S. 2,50 M. Verlag der Germania, Berlin. Die beste Antwort auf jüngste Angriffe in der Presse und im preußischen Abgeordnetenhaus«: gegen die Intelligenz der gläubigen Katholiken ist der soeben erschienene zweite Theil des Werkes Leo Taxil's Patladis- m ns - Ro m a n von k. H. Gruber 8. 3. So geht zunächst ausAiesem zweiten, wie schon and dem ersten Theile zur Evidenz hervor, daß, entgegen den „schmähsüchtigen" Darstellungen in der Presse und im preußischen Landtag, im katholischen Lager die nöthige Intelligenz wohl und reichlich vorhanden war, um den Schwindel völlig zu durchschauen. Xovnm lestamontum: Oraooum tsxtum reooKnovit, latinnm äesoi'ipsit, ntrnmgus cwnotaticmibns eritieis illnstravit Llivb. Hetrio nauer (c>. 0.). 6°, 1. I. (LvanH'olium) xp. I-XIV -ff 340. LI. 3,20. Oeuiponto, ckiibr, 'tVaKlisriaira 1890. Hpuck aoatboliooruni exsZ'otas saorao soripturso «tnckium oritivum in touto ilors viZ-st, ut nos all aliuck loosre xossimus, guoin istoruin assickua oxera lanäare atgns Zrato annncr uti üs, guas nobis praebontur, onnr ipsi t'si's nibil baboamu8. ^.vAtorunr iwpriinis säitiones biblioao 1ain oloxantia gnain orisi äiliKentor aäbidita praooellunt. Llaxiio omn Aauckio clionnus nnuo cksniguo in bao rs Zravi etiain o oostn oatbolloorcnn tiori initiuin, gui papas gnickem onoz'elieas littsraa ounnnis eikorunt lauckibns, sock oxsrancll arenain prot6stantibn8 toro totain conceäunt. 8ans tsuapns oral, nt tbooloZäs nostris alia in mannn trackorotnr novi tsstamonti eckitio, ao illa Lsitlunazwri anni 1847, gurun ackbuo invenimus. IIov» base vonnnvcka ao niticko oxonsa oäitio a p. Niobasli Hot-ionauor parata sanain m««nu8oriptoruni ae ec1ition«mc orisin soguitur. Opsrum aäbibitorum inäsx oclitioni praoit, in guo stiarn — mirmn! — IsAiinus istain Hüla- üampii „inanuckuotiouem littorariam", oxus tanti ponckoris ao vatoris; risurn tenoatis ainioi! Lckitio baso novi tö-rta- insnti Araseo-latina tribus toinulis eoinxtsbitnr. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monat- lich erscheint 1 Hcst in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 9. Heftes 1897: Die Predigtweise des Verthold von Regensburg. — Die Verdienste des seligen Petrus Canisius um die Kirche. (Schluß.) — Der Klerus und die Tagespresse. — Pastorelles von der Reise. (Neue Folge.) — Was kann und soll der Seelsorger thun, um der zunehmenden Verarmung des Volkes entgegenzuarbeiten? (Schluß.) — Müssen die Jntestaterben ern formloses Testament anerkennen. — Die Behandlung der Männer in der Seelsorge. — Ist die sogen. Josephsehe gültig und ein wirkliches Sakrament? — Ein instruktiver Provisurgang. — Winke für den Convertitenunterricht. — Beachtenswerthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Literarische Novitätenschau. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiund- zwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9. —. Freiburg i. Br. Herder'sche Vcrlagshandlung. Inhalt von Nr. 9: Neue hymnologische Untersuchungen von Clemens Blume 8. 3. und Guido M. Drcves 8.3. (Weyman.) — Scheyrer, Das Auferstehungsdogma in der vornicänischen Zeit. (Dörbolt.) — Huck. Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichte der Waldenser. (Paulus.) — Zöckler, Askese und Möuchthnm. (Albers.) — Rehmke, Grundriß der Geschichte der Philosophie. (Braig.) — loparslli ä'/^egstio-IAobot, Oe l'oriAino (tu pouvoir. (Helmcr.) — v. Schönberg, Handbuch der Politischen Oekonomie. (Walter.) — Oalanck, lAs Vitrmock- basutras ok Lauäbe.z ana, Iliranz'aüosiv, 6autoina. (Hardy.) — Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von Brandenburg. (Kolberg.) — Hürbin, Peter von Andlau. (Albert.) — v. Lettow - Vordeck, Geschichte des Krieges von 1866 in Deutschland. — Rieoi, Antonio HIIoKri cla OorroZto. (Weizsäcker.) — Günthcr-Gcigcs, Unser lieben Frauen Münster zu Freiburg i. Br. (Keppler.) — Hattler, Der geistliche Mai und geistliche Herbst. (Falk.) — Bisle, Zeugnisse aus der Natur. (Weber.) — Wildermann, Jahrbuch der Naturwissenschaften 1896 — 1897. (Weinschenk.) — Nachrichten. — Büchertisch. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie. in München. (Jährlich 4 Hefte, zus. 12 M.) XVIII. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsähe. Kopp, Petrus Paulus Ver- gerius der Aeltere II. v. Schmid. Der geistige Entwicklungsgang Joh. Adam Möhlers II. — Kleine Beiträge. Weyman, Nachtrag zu Hist. Jahrb. XVIII, 357 f. Weyman. Paulmus von Nola, ein Zeuge für die theophorische „pompa" vor der Messe? Diekarnp. Die Biographie des Erzbischofs Andreas von Cäsarea im Ooäsx Ftbous 129 (S. Pauti 2). Ra hing er. Die Passauer Annalen. Eubel, Vom Zaubereicmwesen anfangs des 14. Jahrhunderts. Sauer land, Ergänzungen zu dem von k. K. Eubel und Or. L. Schmilz gelieferten Jtinerar Johannes XXIII. Kneller, Wann erschien zum ersten Mal der große Katechismus des sel. Petrus Canisius? — Recensionen und Referate, krossntti, RoZösta Honorii l?apas III, vol. 2 (Baumgarten). Lrow, Lullarium liaiootonss, vol. 1 und 2 (Bau m- garten). Hottbast, Dibliotüooa bi8torioa meäü rcsvi, Bd. 1 u. 2 (Meier). — Zeitschrifteuschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Nerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 1 ^. 53 . 11. Krpt. 1897. Katholicismus und Wissenschaft. (Stenogramm der Rede des Frhrn. v. Hertling auf dem Deutschen Katholikentag in Landshut.) (Redner wird von der Versammlung mit stürmischem Beifall begrüßt.) Gelobt sei Jesus Christus! (Vers.: In Ewigkeit. Amen.) Excellenz, Hochwürdigster Herr Bischof, hochverehrte Versammlung! Der sehr verehrte Herr I. Präsident hat in seiner Eröffnungsrede ein Programm der Generalversammlung entwickelt, er hat die verschiedenen Themata berührt, die hier zur Verhandlung kommen sollen, und so hat er den nachfolgenden Rednern im Grunde nur die Aufgabe zugewiesen, diese einzelnen Themata, sei es weiter auszuführen, sei es auch nur ergänzende Bemerkungen zu dem von ihm bereits Gesagten hinzuzufügen. Dies gilt im großen auch von mir, dem die Rednercommission das Thema „Katholicismus und Wissenschaft" zugewiesen hat. Indem ich mich zur Erörterung dieses Themas anschicke, darf ich zunächst noch ein Wort von dem auch bereits von dein Herrn Präsidenten erwähnten internationalen katholischen Gelehrtencongreß in Freiburg sagen, nicht etwa nur darum, weil ich selbst diesem Eongresse beigewohnt habe, sondern ausdrücklich deßhalb, weil die Erwähnung dieses Coimresses die beste Illustration meines Themas abgibt. Nahem 700 Männer waren in Freiburg erschienen. (Bravo!) Franzosen und Engländer. Polen und Italiener, Spanier, Amerikaner und Deutsche. Man sah die Tvpen der verschiedensten Nationalitäten, man hörte die Laute ihrer Sprachen, und auch die Gegenstände der Berathungen waren außerordentlich verschieden. Denn der internationale Congreß war ein wissenschaftlicher Congreß, und zwar handelte er von der Wissenschaft im weitesten Sinne. Da sprach man von Mathematik, Physik und Kunstwissenschaft, von Philologie und Nationalökonomie, und von allen anderen Gebieten menschlichen Wissens. Und nun, meine Herren, werden Sie fragen, was war denn in dieser ungeheuren Verschiedenheit der Nationalitäten, bei diesem weiten Auseinandergehen wissenschaftlicher Interessen, was war denn der Einheitspunkt, was war das Band, das alle diese verschiedenen Elemente verknüpfte? Dieser Einheitspunkt, dieses vereinigende Band, es war die gemeinsame Unterwerfung unter die kirchliche Autorität. (Bravo!) Es war die gemeinsame Absicht, Zeugniß dafür abzulegen, daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalt der göttlichen Offenbarung und dem sichergestellten Ergebniß menschlichen Wissens niemals ein Widerspruch bestehen kann. (Bravo!) So hat denn jener Congreß in der That unser Thema illustrirt, er hat uns gezeigt, daß auch in der Gegenwart eine Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft besteht. Ich sage absichtlich: in der Gegenwart: denn daß diese Harmonie m der Vergangenheit bestand, darüber ist kein Streit. Auch unsere Gegner müssen zugestehen, daß es im Mittelalter eine katholische Wissenschaft gab. Wer wollte die große Cultur-mission der Kirche m den früheren Jahrhunderten leugnen? Wer es leugnen wollte, dem werden die Blätter der Geschichte, die (stoßen Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte entgegenstehen. Die Glaubens- doten, die den barbarischen Völkern das Evangelium verkündeten, sie waren zu gleicher Zeit die Lehrer aller Bildung und Gesittung, sie waren es, die unseren! Vaterlandc die Wälder ausrodeten und die Sümpfe austrockneten, sie waren es, die in ihren Klöstern die Jugend unserer Vorfahren mit allen Wissenschaften bekannt machten. Und nicht nur das. die fleißigen Mönche der vergangenen Jahrhunderte, sie waren es anch, die in unermüdlicher Thätigkeit die Schätze der antiken Wissenschaften dem späteren Geschlechte übermittelten. Als daher die Renaissance so hochmüthig auf das Mittelalter herabblickte,, als sie sich berauschte von dem Glänze der antiken Wissenschaften, als sie schwelgte in dem Genusse der römisch- griechischen Redner und Dichter, da vergaß sie, daß es die mühevolle Arbeit der Mönche gewesen war, denen sie allein diese Schätze verdankte. Und nicht nur als erziehende Macht, nicht nur im Sinne der Erhaltung der alten Wissenschaften war die Kirche thätig, sondern sie erzeugte auch selbstständig eine eigene Wissenschaft. AnS den Klosterschulen, aus den Schulen der Kathedralen gingen die großen Hochschulen des Mittelalters hervor; zahllose wißbegierige Jünglinge schaarten sich um sie, und wie in den alten Zeiten zn Alexandrien eine Schule christlicher Wissenschaft stand, wo die christliche Wissenschaft die antiken Lehren in sich aufnahm, um sie im Sinne des Christenthums zu verwerthen, so geschah es neuerdings, im Mittelalter. Alles, was bis dahin die geistige Kraft zu Tage gefördert hatte, was die antiken Denker erforscht hatten, was unsere Vätcr in erleuchtetem Sinne hinzugefügt hatten, was die ganze Weisheit der Araber hinzugesetzt hatte, das Alles vereinigten in den großen Centren der katholischen Wissenschaft die großen Heroen des Mittel- alters. und es entstanden jene Lehrgebäude, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Dome. Und es entstanden jene unsterblichen Sonnen eines Albertus Magnus, Thomas von Äguin. (Bravo!) Und so sage ich, darüber kann kein Streit bestehen, daß es in den vergangenen Jahrhunderten ein harmonisches Verhältniß zwischen .Katholicismus und Wissenschaft gab. Aber nun behaupten unsere Gegner, daß das mit der neuen Zeit anders geworden sei; sie leugnen nicht, daß die Kirche im Mittelnlter die Lehrmcisterin der Völker gewesen sei, aber sie behaupten, daß die mündig gewordenen Völker der Lehrmeisterin nicht mehr bedürfen, daß die Wissenschaft, die vom 16. Jahrhundert an beginnende, ihren Siegeslauf über die Erde vollzogen hat; und sie fügen hinzu, daß daS doch eigentlich erst die wahre und ächte Wissenschaft sei, daß diese Wissenschaft mit dem Katholicismus sich nicht vertrage. Gerade am Anfange, sagt mau uns, besteht schon der große Conslikt der alten aristotelischen und ptolemäischen Weltanschauung mit den Lehren eines Kopernikus, Galilei, Newton. Die.Alten meinten, daß unsere Erde im Mittelpunkt der Welt stehe, daß sich darum wie krystallene Sphären die Gestirne bewegen, daß das ganze Gebäude eingeschlossen sei vom Fixsternhimmel, und daß dann jenseits des Fixsternhimmels das Paradies beginne. Die Entdeckungen der Männer der Neuzeit haben nun dieses Gebäude zerschlagen; die Erde ist nicht im Mittelpunkte der Welt, sie ist ein kleiner Planet, der um die Sonne kreist, und die Sonne selbst ist nicht der Mittelpunkt des Alls. Noch vor wenigen Jabren hat David Strauß daS höhnende Wort gesprochen, daß durch die Entdeckungen des Kopernikus, Galilei und Newton an den persönlichen Gott die Wohnnngsnoth herangekommen sei. So dachte damals im 16. Jahrhundert und später gar mancher/ sie glaubten, daß mit der mittelalterlichen Weltanschauung das Christenthum müsse begraben sein, daß man mnr Aristoteles und Ptolemäus anch den Glauben an den persönlichen Gott habe aufgeben müssen, Heilte lächelt jeder ernste Blaun über solche Thorheit ; was macht es aus, daß , unsere Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltalls ist, was macht es aus. daß wir nicht mehr mit Aristoteles und Ptolemäus jenseits des Fixsternhimmels das Paradies vermuthen? Nur um so unermeßlicher dehnt sich für uns das Weltall aus, nur um so größer wird für uns das Zeugniß für die Macht des Schöpfers. (Lebhafter Beifall.) Man sagt uns weiter, das war nur der Anfang; im 16. Jahrhundert da begann ja erst die Naturwiffenschaft ihre ersten tastenden Versuche. Seitdem haben sie sich befestigt, seitdem sind sie die Wissenschaft geworden, und diese Wissenschaft hat euren Glauben besiegt. Denn, die Naturwissenschaft leitet uns an, in allem, was uns in der Natur umgibt, nur die Erzeugnisse eines nothwendig verlaufenden mechanischen Geschehnisses zu erblicken. Das erste und letzte, das ist der Stoff und die Bewegung. Aus nranfünglichen Elementen, die mit bestimmten Kräften begabt waren, die nach bestimmten Gesetzen thätig waren, hat sich Alles und Jedes entwickelt. Alles, was heute ist, das Weltall mit seinen Planeten und Sonnen und jedes kleine Gesträuch am Wege, Alles unterliegt der Nothwendigkeit der Naturgesetze, und darum ist kein Platz mehr für den schöpferischen Gott, darum ist kein Raum mehr für die Welterhaltung, darum ist noch viel weniger Platz sür das Wunder. So behauptet nicht die Wissenschaft, sondern der vulgäre Materialismus. 366 der sich mit falscher Wissenschaft brüstet. (Lebhaftes Bravo!) Eine Zeit kann hat dieser Materialismus vielleicht Schule gemacht. Heute darf man kühn sagen, daß es keinen ernsthaften Gelehrten gibt. der auf materialistische Doktrinen noch irgend einen Werth legen wird. (Beifall.) Denn. wenn alles so ausgemacht wäre, wie die mechanische Natnrcrklärnng es uns zeigen möchte, so blieben nach wie vor die großen Fragen, die sie nicht lösen kann. Woher der Anfang der Weltbewegung, wie kam es, daß zum erstenmale jene materiellen Elemente sich in bestimmter Weise zusammenfanden, so daß gerade diese Bewegung, die wir kennen, entstehen mußte? Und was ist es. was den Naturgesetzen ihre Macht gibt? Ihr redet wohl von Naturgesetzen und doch bedeutet das Naturgesetz im Grunde nichts Anderes, als das; die Ereignisse regelmäßig in gleichförmigen Gestalten ac;chehen. Aber warum es so geschieht, welches die Macht ist. die den Ursachen in der Natur bestimmte Wirkungen ein- für allemal vorgezeichnet hat, das hat noch keine mechanische Naturerklärung zu sagen vermocht. Da liegen die großen Fragen, die uns immer wieder zur Anerkennung hinführen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Und auch die nach dem englischen Naturforscher benannte weitberühmte Hypothese, die sogenannte Darwinsche Entwicklungslehre, hat darin gar nichts geändert. Kein größeres Vorurtheil, kein Zeichen geringeren wissenschaftlichen Lcrstehens, als wenn behauptet wird, mit dem Darwinismus sei die materialistische Weltansicht besiegelt. Die Entwicklungslehre sagt uns, daß die heute vorhandene Thier- und Pflanzenwelt nur das Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden, Jahrtausende durchlaufenden Processes sei, daß, was uns heute mit dem Scheine wunderbarer Zweckmäßigkeit täuscht, nur das nothwendige Ergebniß eines früheren langen mechanischen Processes sei. Nicht Gott, sagt man uns, hat die Dinge, die Pflanzen, Thiere so ausgerüstet, wie sie sind, damit sie ihr Leben bethätigen können, sondern unter den unzählig vielen Pflanzen und Thieren, die die vergangenen Jahrtausende erzeugt, sind nur diejenigen übrig geblieben, die sich unter den bestehenden Bedingungen erhalten konnten, und bannt glaubt man den Zweck aus der Natur beseitigt zu haben, damit glaubt man thörichter Weise die zweckschaffende, schöpferische göttliche Kraft beseitigt zuhaben. Keine größere Thorheit! Denn wenn es wahr wäre, was nicht bewiesen ist und gar niemals bewiesen werden kann, wenn es wahr wäre. daß in der Vergangenheit jener Entwicklnngsproceß stattgefunden hätte, so fragen wir immer wieder, woher der Anfang. Es bleibt die eine große Frage, woher das erste Lebendige, woher der erste Keiln kümmerlichen Lebens, aus dem dann die folgenden Jahrhunderte den ganzen Zauber der heutigen Natur entwickeln konnten? (Beifall.) Noch vor welligen Tagen hat ein hervorragender Vertreter der Wissenschaft, der in keiner Weise auf unserem Standpunkt steht, dieser Wahrheit Zeugniß gegeben. Virchow hat jüngst aiisdrücklich gesagt, der Darwinismus kann den Ursprung des Lebens nicht erklären. (Hört! hört!) Alles Lebendige setzt ein Lebendiges voraus. (Beifall.) Das erste Lebendige, fügen wir hinzu, es ging aus Gottes schöpferischer Hand hervor. (Beifall.) Und das Zweite, die zweite große Thorheit des Darwinismus ist, zu behaupten, daß diese Entwicklungsreihe continuirlich hingeführt hat bis zum Menschen. Nein, meine Herren, wenn es wahr wäre, was der Darwinismus behauptet, wenn jener Entwicklungsproceß des organischen Lebens stattgefunden hätte, so hätte er nicht bis zum Menschen hingeführt, sondern eine neue schöpferische Ursache hätte den Menschen als ein von allen Dingen durchaus verschiedenes Geschöpf in das Dasein gesetzt. Demi keine Aehnlichlcit der körperlichen Organisation, keine Erzählung aus der angeblichen Urgeschichte kann uns darüber hinwegtäuschen, daß den Menschen voin höchstorganisirtcn Thiere eine nnübcrfchrcitbare Kluft trennt. (Beifall.) Also, meine verehrten Herren, wenn die Naturwissenschaften nur wirkliche Wissenschaften bleiben, wenn sie nur das als gesichertes Ergebniß hinstellen, was wirklich gesichert ist, wenn sie nur das als wirkliche wissenschaftliche Theorie verkündet, was sie mit ihren Mitteln beweisen können, so ist kein Widerstreit zwischen unserer gläubigen Ueberzeugung und ihren Ergebnissen. (Bravo!) Der ganze Siegeslauf der Naturwissenschaften, den wir dankbar, den wir gerne anerkennen, hat also nur im Gegentheil dazu geführt, die grundsätzlich stets festgehaltene Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft neuerdings zu bethätigen. Es gibt keinen Gegensatz. (Lebhafter Bestall.) Nun aber, verehrte Herren, sagt man wohl, es möge mit den Naturwissenschaften stehen, wie es will. sie mögen denen, die da wollen, es überlassen, daß sie jenseits der sichtbaren und greifbaren Welt, der Dinge, die wir mit den Mitteln unserer exakten Forschung feststellen, noch irgend etwas Unerkennbares, einen Gott oder immer etwas suchen; aber mit dem alten historischen Christenthum, dünnt ist es doch zu Ende, denn es ist die Geschichte, die hier den Nachweis gebracht hat. Und so verändert man den Angriffspunkt. Nicht die Naturwiffenschaft, sondern die Geschichte soll es fein, die dem Katholicismus den Garaus zu machen berufen fei. Jedoch ist das nicht neu. Schon die alten Vertreter des Protestantismus der früheren Jahrhunderte glaubten, auf dem Wege der geschichtlichen Kritik der katholischen Kirche beikommen zu können, schon sie glaubten, erweisen zu können, daß das Meiste von den katholischen Ueberlieferungen unbegründet fei, daß Betrug und Täuschung zum sogenannten System der katholischen Kirche geführt hat. Dann haben ein Jahrhundert später die englischen Deisten den Gedanken aufgenommen, aber sie find nicht bei der katholischen Kirche stehen geblieben, sondern sie haben das gleiche Argument gegen alles positive Christenthum gekehrt und wollten nur bloßen Natnrstoff übrig lassen, indem sie behaupten, alles Uebrige sei im Laufe der Geschichte durch willkürliche Zuthaten hinzugekommen. Endlich haben wir es ja noch in unseren Tagen erlebt, mit welchem Eifer, welcher Energie, fast möchte ich sagen, Fanatismus die kritische Geschichtsforschung alle Mittel anwandte, um unsere Ueberlieferungen zu untergrabe!;. Und, meine Herren, was war das Ergebniß? Das Ergebniß war, daß alle die großen Ueberlieferungen, die mit der Lehre der Offenbarung in engem Zusammenhang stehen, nur als unerschütterlich feststehende Thatsachen erwiesen wurden. Zwei hervorragende protestantische Gelehrte haben in neuerer Zeit Aussprüche gethan, die überaus beherzigens- werth nach dieser Richtung sind. Das Ergebniß unserer historischen Untersuchung bestätigt weit mehr die katholische als die protestantische Auffassung. (Hott!) Und der andere hat gesagt: Das Ergebniß unserer auf die ältesten christlichen Urkunden gerichteten Untersuchungen ist viel mehr in; Sinn einer Wiederherstellung der alten Tradition als einer Untergrabung derselben. Lassen Sie mich diese beiden Zeugnisse noch durch eine persönliche Reminiszenz ergänzen! Bekanntlich hat seit der Mitte dieses Jahrhunderts die Erforschung des christlichen Alterthums einen ungeheuren Aufschwung genommen. Unter der Aegide des längst in Gott ruhenden großen Papstes Pins IX. hat namentlich die Katakomben- forschnng in Rom zu den größten, staunenswerthesten Resultaten geführt. Man hat dort die Spuren der ersten Christen mit den Händen greifen können, man hat dokumentarisch ihre Art des Lebens, ihre Einrichtungen, ihre Verfassung, kurz all' das nachweisen können, was vollkommen der katholischen Ueberlieferung entsprach. Nun bin ich selbst als junger Mensch vor 30 Jahren in den Katakomben gewesen, und hatte das Glück, geführt zu sein von dem verstorbenen Giovanni Battista de Nossi. Ich war der einzige Katholik, alle anderen waren Protestanten, zumeist protestantische junge Gelehrte, und ich war Zeuge des Eindrucks, den der Besuch der Katakomben und die Erklärung de Rossi's auf diese Zuhörer machte. Ick habe die Unterredung mitangehört. die sie auf ihrem Nachhauseweg führte;;, ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie einer unter ihnen sprach: „Nach dem, was wir heute gesehen und gehört haben, kann unsere protestantische Austastung von der katholischen Ueberlieferung nicht mehr festgehalten werden. (Bravo!) Und so sage ich — ich muß mich ja auf die wenigen Bemerkungen beschränken —: So wenig wie die Natnr- wiffenschast kann die Geschichte irgend etwas feststelle;;, was mit den Lehren des Katholicismus im Widerspruch wäre. So sehr wie die Naturwissenschaft, so sehr wird auch die Geschichte immer wieder bestätigen, daß zwischen den beiden Quellen der Erlcnntniß ein Widerspruch nicht möglich ist. Aber, meine Herren, wenn das nun so ist, wenn kein Widerspruch zwischen Glauben und Wissen besteht, wenn das vorurtheckslose freie Forschen auf dem weiten Gebiete des Wissens nicht von (staubiger Ueberzeugung abführen kann, wenn es im Gegentheil dazu hinführen muß, wie kommt es dann, daß uns doch immer der Vorwurf gemacht wird. ein solcher Widerspruch bestände, und ein Katholik könne kein würdiger Vertreter der Wissenschaft sein? Was diese Frage betrifft, so bat unser sehr verehrter Herr Präsident schon einen Theil der Antwort vorweggenommen. Es ist leider nicht zu leugnen, daß wir an diesem uns immer wieder gemachten Vorwarf zu einem großen Theil mit Schuld sind. Denn, meine Herren, es genügt nicht, daß wir nur im Grundsatz behaupten, es bestehe kein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube, sondern es kommt darauf an, diesen Grundsatz auch im einzelnen jederzeit zur That werden zu lassen (Sehr richtig!), und ich kann dem sehr verehrten Herrn Präsidenten nicht Unrecht geben, daran haben wir es bisher wohl etwas zu sehr fehlen lassen. Nun brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich ein Klagelied über katholische „Jnferiorität" anstimmen werde. (Lebhafter Beifall.) Ich habe das Wort bisher nie ausgesprochen, und ich protestire gegen das Wort. Wer nnterlebt hat, was zumal das katholische Deutschland in den letzten 30 Fuhren geleistet hat, wer diese Masse politischer Arbeit und politischer Intelligenz mitangeseheu hat, wird über den Vorwurf der Jnferiorität Nur lächeln. (Sehr wahr!) Aber das, meine Herren, ist begründet, daß wir gilt thun werden, die Superiorität, die wir auf politischem Gebiet glänzend bekunden können und bekundet haben, auch auf wissenschaftlichem Gebiete zu bekunden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich bin weit entfernt davon, die Wissenschaft überschätzen zu wollen, aber, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß. wer sich überhaupt ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt, mehr und mehr von dieser Ueberschätzung abgeführt wird. Ich darf wohl sagen, daß wirkliche Beschäftigung mit der Wissenschaft nicht anmaßend, sondern bescheiden macht, (Sehr wahr!), daß, wer sich ernstlich mit Wissenschaft zu befassen hat, sich gar sehr der Grenzen alles menschlichen Wissens und gar sehr der Grenzen seines eigenen Könnens bewußt wird. Anmaßend macht nicht die Wissenschaft, anmaßend macht die Halbbildung (Bravo!), die mit erborgten Brocken der Wissenschaft prunkt und auf die Massen zu wirken sucht. (Allgemeiner lebhafter Beisall.) Was speciell den katholischen Gelehrten betrifft, so habe ich mir immer seine Aufgabe so gedacht, in dem Trinmphzng des lebendigen Gottes über die Erde als Fackelträger zu dienen. (Lebhaftes Bravo!) Aber auf der andern Seite freilich dürfen wir die Wissenschaft nicht unterschätzen, und da gilt doch zunächst, daß wir alle die Pflicht der Arbeit haben. Wohl sind wir ia, da wir durch Gottes Gnade Kinder der katholischen Kirche sind, im Besitze der übernatürlichen Wahrheit, wohl wissen schon unsere Kinder über die größten Fragen des Lebens mit einer Sicherheit und Klarheit Bescheid zu geben, um die sie mancher Weise beneiden möchte. Aber vergessen wir über dem glücklichen Besitz des übernatürlichen Glaubens nicht die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Erkenntniß. (Lebhafter Beifall.) Wenn das zu allen Zeiten nothwendig war, so ist es besonders in der Gegenwart nöthig. Die Alten rühmten die Wiffcnschastlichkeit, daß sie den Menschen für sich allein glücklich zu machen im Stande sei, daß die Wissenschaft den Beruf l-abe, als rein theoretische Beschäftigung den Geist zu befähigen. Heute hat die Wissenschaft eme ganz andere Stellung, heute greift die Wissenschaft auf allen Punkten mächtig ins Leben hinein, heute sehen wir uns überall von Triumphen der Wissenschaft umgeben. Wenn es heute keine Grenzen mehr gibt, wenn alle Entfernungen ausgeglichen sind, wenn es kein Hinderniß mehr gibt, nicht das Meer und nicht die Berge und nicht die Eisberge, wenn alles die menschliche Kunst zu überschreiten im Stande ist, so ist es menschliche Wissenschaft gewesen, die die Wege bahnt, die die Formeln ausrechnet, die die Möglichkeit, dieses oder jenes Problem technisch auszuführen, zuerst theoretisch feststellte, und von diesem engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischen theoretischer Erkenntniß und Gütern der Cultur, von ihm ist ja heute unsere ganze Welt erfüllt. Jedermann weiß das. Jedermann preist die Wissenschaft vor allem, weil sie die Cultur so mächtig gefördert bat. Und nun sage ich, wir dürfen diese Güter doch nicht als Bettler von fremder Hand nehmen, wir müssen uns doch selbst an ihrem Erwerbe bckheiligen, wir müssen selbst mitwirken, um gleichfalls zu entdecken lind zu erfinden auf allen Gebieten, wie die Andersgläubigen es gethan haben, und namentlich, meine Herren, wenn unsere stndirende Jugend, die von Begeisterung für die Wissenschaft und ihre Macht erfüllt ist, in der Geschichte der Wissenschaft und der großen Errungenschaften des menschlichen Geistes immer nur die Namen Andersgläubiger findet, und nur hie und da einen katholischen Gelehrten, so ist die Versuchung sehr nahe für solche jugendliche und noch schwankende Geister, an die Jnferiorität des Katholicismus zu glauben. Diese Gefahr müssen wir beseitigen; wir werden sie wirksam beseitigen, wenn wir auf allen Gebieten menschlichen Wissens hervorragende Gelehrte besitzen. Das in der That ist nur der Wunsch, der mich von ganzem Herzen erfüllt. Ich stehe seit 30 Jahren in der Gelehrtencarriöre drinnen, meine Herren, es ist vielfach ein einsamer Weg gewesen: von den ersten Jahren an habe ich mich darnach gesehnt, daß diese Einsamkeit überwunden werde und eine große Zahl gleichstrebender Männer sich um mich schaaren möchte. Gott sei Dank, manches ist besser geworden, aber doch noch nicht viel. und wir sind immer noch die vereinzelten, man könnte sagen, die weißen Raben. So ist es die große Aufgabe des katholischen Deutschlands, diesem Uebelstande abzuhelfen, und mit unserem verehrten Herrn Präsidenten rufe ich auch unsere diesjährige Generalversammlung an, uns dazu zu verhelfen. Nicht jeder kann ja selbstverständlich ein Gelehrter sein, nicht jeder hat den Beruf, nicht jeder die Zeit, nicht jeder die materiellen Mittel, aber was wir von Ihnen Allen, ivas wir vom ganzen katholischen Deutschland anstreben, das ist die richtigeWerthschätzung wissenschaftlicher ' Äethätignng. (Lebhafter Beifall.) Weil der Weg eines katholischen Gelehrten vielfach ein einsamer ist, darum ersehnt er nichts mehr, als das Verständniß und die Sympathien seiner Glaubensgenossen, darum wünscht er vor Allem, daß in seinen Kreisen, in den Kreisen der Katholiken volles Verständniß für die Mission des Mannes auch der reinen Wissenschaft sei, und ganz besonders richte ich meinen Appell an alle die, denen die Erziehung der Jugend obliegt. Die Jugend ist ja so leicht für Ideale zu begeistern, die stndirende Jugend blickt voll Bewunderung anf die Größen der Wissenschaft bin, in talentvollen Jüngern der Wissenschaft ist es nicht schwer, das Interesse zu erwecken und die Neigung, selbstthätig anf dem Gebiete der Wissenschaft mitzuarbeiten. Stärken Sie dieseNeignng, begeistern Sie diese junaeHerzen und steigern Sie die Ideale wissenschaftlicher Bethätigung, indem Sie als ihre große Aufgabe hinstellen, diese wissenschaftliche Bethätigung in dem Sinne und Geiste der Kirche vorzunehmen. (Beifall.) Und nun zum Schlüsse denn auch noch ein Wort an die katholischen Gelehrten. Nicht daß ich sie aufzufordern hätte, mehr ivie bisher ihren Dienst der großen Sache zu widmen. Es ist ein anderer Wunsch, den ich ausspreche. Wir sind nur wenige in Deutschland, unsere Zahl ist immer noch verschwindend klein gegenüber der Zahl der anderen, und darum müssen wir vor allem zusammenhalten (lebhafter Beifall), und bannn können wir vor allem nichts weniger vertragen, als gegenseitiges Mißtrauen und gegenseitige Verdächtigung. Die Neigungen mögen verschieden sein, die wissenschaftlichen Gewohnheiten mögen verschieden sein, die speciellen Interessen mögen auscinandergeben. aber der Geist muß derselbe sein, der Geist ernstesten Strebens nach Wahrheit* und der Geist der katholischen Liebe. (Stürmischer Beifall und nicht enden wollender Jubel und Händeklatschen.) Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) Was nun das gegenwärtige Schloß zu Dilliugen betrifft, so ist vor allem davon keine Rede, daß die alten Buckelquadermaueru römisches Bauwerk und hier ein römisches Castell gewesen sei, wie man bis vor kurzer Zeit allgemein geglaubt hat. Den Zauber dieser Fabel 368 hat Herr v. Strichele vernichtet, indem er darauf hinwies, das; sich keine der aus den römischen Quellen bekannten Nömerstättcn nach Dillingen verlegen läßt, das jedenfalls ein bedeutender Römerort gewesen sein müßte, und daß kein Nömerdenkmal, keine Statne, keine Inschrift, nicht einmal eine römische Münze bisher zu Dillingen gefunden wurde. (Der Straßenstrccke im Weichbilde DillingenS, die möglicherweise römisch ist, wurde oben gedacht.) Die Burg gestört vielmehr sicherlich dem frühen Mittelaltcr an. Indessen erscheint es mir nicht so ganz zweifellos, wie Herrn v. Steichcle, daß die gegenwärtig noch vorhandenen Bnckelgnadcrmnnern von dem ältesten ursprünglichen Ban des Schlosses, aus dem 10. Jahrhunderte oder gar aus noch früherer Zeit, herrühren; ich wäre vielmehr geneigt, sie in das 12., frühestens in das 11. Jahrhundert zu versetzen. Ich habe jedoch diese Mauern nicht untersucht, sondern nur betrachtet, und vielleicht unterzieht sich Herr I)r. Piper, der Verfasser des ausgezeichneten Werkes über „Bnrgenknnde" und zugleich der beste Kenner der Burgen und aller mit ihnen zusammenhängenden Dinge, einmal der Mühe, den Resten der Burg eine gründliche Untersuchung zu widmen, zumal ihm ihr Vorhandensein bis vor kurzem ganz entgangen war. Wenn er dann das Ergebniß seiner Forschung dem rührigen Historischen Verein zu Dillingen zur Veröffentlichung in dessen Jahresberichten überlassen will, so wird er nicht bloß diesem Vereine und der Stadt für die Lokalgeschichte, sondern auch der Wissenschaft einen großen Dienst erweisen. Das „Schloß", wie die Burg seit langem genannt wird, ist ein unregelmäßiges, in seiner quadratischen Grundaulagc verschobenes Gebäude von ungleichen Flügel- längen, das in seiner gegenwärtigen Gestalt das Gepräge verschiedener Ban-Perioden au sich trägt. Auf allen vier Seiten zeigt der Unterbau bis zur Höhe von 7 oder 8 Meter die ungeheuer dicke Mauer aus Buckel- quadern, ebenso bis zur Höhe von 26 Meter in 50 Schichten das Viereck des außerordentlich starken und festen Thurmes, des sogenannten Hofthurmcs, an der nordwestlichen Ecke; eine hohe und nngemcin dicke Mauer, gleichfalls aus Bnckclqnadcrn mit Zwischeufüllnng, umschloß nördlich vom Schlosse die Ziigchörungcn desselben oder die alte Stadt, die somit die sogenannte „Vorbnrg" bildete. Bedeutende Neste dieser Umfassungsmauer sind noch sichtbar am Pfarrhofe, am großen Kloster, an der Pfarrkirche und am kleinen Kloster, und unter der Erde liegen sie im Hofe des Hofbränhanses und im Schloßgarten. Außer dem bereits genannten Thurme beschirmten niedrigere, runde Thürme die übrigen Ecken; als Haupt- eingang diente wahrscheinlich das an der Westseite noch bestehende, durch Rundbogen und Pfeiler sich als uralt kennzeichnende Portal, über weichein an der Außenseite ein köstliches Steinbild der hl. Jungfrau Maria mit dein Kinde steht. Auf einem dem Andenken des Bischofs Hartmnnn, der Burg und Stadt Tillingcn der bischöflichen Kirche zu Augsburg schenkte, und seines Vaters gewidmeten Monumente, das vielleicht vom Bischof Friedrich von Zollcrn errichtet worden und jetzt an der östlichen Innenwand des Hofes eingemauert ist, befindet sich eine Abbildung der Burg, wie sie noch im 15. Jahrhunderte gestaltet war; sie zeigt die Westseite mit dem Portale, rechts davon steht ein runder, die Burg überragender Thurm, links ein viereckiger, der jetzige Hofthnrm, hinter ihm wieder ein runder Thurm; sämmtliche Thürme verlaufen in niedrige Helme. Von der Zeit an, da die Bischöfe ihren ständigen Aufenthalt zu Dillingen nahmen, geschahen vielfache Veränderungen an der Burg, insbesondere wurden auf den massiven Buckelquader-Unterbau Stockwerke aufgesetzt, einzelne Bautheile wurden abgebrochen, andere umgebaut, so daß das Schloß genügende Räume für den Hofhält und im Aeußeren jene Gestalt gewann, in welcher wir es heute noch vor uns sehen. Es war jetzt nicht mehr Festung, sondern Palast. Drei Jahrhunderte hindurch diente es den Bischöfen als Residenz und blieb nach dem Anfalle des Bisthums Augsburg an Bayern auch für den Dienst des königlichen Hofes vorbehalten, bis es im Jahre 1832 dem Staatsärare überlassen und zu Kanzlei- stuben für die in Dillingcn befindlichen königlichen Aemter oder. zu Wohnungen für die Beamten umgewandelt wurde: ein Schicksal, das so vielen einst glänzenden Dynastensitzen und Schlössern widerfuhr, wiewohl es immer noch besser sich gestaltet als die Verwendung zu Kasernen für das reisige Kriegsvvlk oder zu Kerkern für grau mon- tirte Büßer. . Eine groß« archäologische und baugeschichtliche Merkwürdigkeit bildet- ferner der unterirdische Gang, der sich. von der Umfassungsmauer des Schloßgartens, gegenüber der südwestlichen Schloßecke, unter dem Garten von Süd nach Nord in das Innere des Schlosses auf eine Strecke von etwa 60 Meter hinzieht; dann scheint er abwärts zu laufen. Weiteres Vordringen ist wegen Verschüttung nicht möglich. Die Wölbung des Ganges ist im Rundbogen aus Backsteinen ausgeführt, ungefähr in der Mitte zeigt sich enger zusammentretend ein runder Bogen, und der Bogen am äußeren Ende ist gothisch geformt. Die Höhe und die Breite dieses Ganges betragen fast 5 Meter. Neben demselben läuft zu beiden Seiten ein niedriger, rnndgewölbter Seitengang; er ist durch viereckige Pfeiler aus Back- und Bruchsteinen, zwischen denen wieder Rundbögen gesprengt sind, mit dem Hauptgange verbunden, so daß mau beim Anblicke des Ganzen an die Form von dreischiffigen romanischen Kirchen erinnert wird. Der östliche Seitengang ist sammt den Zwischenwölbungen der Pfeiler nunmehr vollständig mit Mauerwerk ausgefüllt, dcßgleichen fast alle Zwischengewölbe der Pfeiler zur Linken, der Nebengang auf dieser Seite hat sich aber thcilwerse erhalten. Ueberhaupt wurde an diesem Bauwerke vielfach gebaut, gebessert und gestützt. Herrn von Strichele stimme ich darin bei, wenn er die Entstehung des Ganges als gleichzeitig mit dem Schlosse annimmt; allein da ich die Erbauung des letzteren, soweit es die Neste der alten Burg enthält, nicht wie er in das 9. oder 10. Jahrhundert, sondern erst in das 12. anzn-, fetzen geneigt bin, so rücke ich auch die Anlage des Ganges um so viel herunter. Die Sage von dem Vorhandensein derlei unterirdischer Gänge haftet fast an jeder alten Burg, und bei einer ziemlich bedeutenden Anzahl wurden auch wirklich dergleichen entdeckt, indessen meistens nnr solche von minderen Ausmaßen in Bezug auf Höhe und Breite; in der Regel wird ihnen eine bedeutende Längenerstreckung zugeschrieben, bis zu einer andern Burg in der Nachbarschaft. Das wirkliche Verhältniß läßt sich gegenwärtig jedoch nirgends feststellen, da die Gänge meistens verschüttet oder eingestürzt sind und nur auf kurze Strecken begangen werden können. Letzteres ist auch bei der Burg Stein an der Atz, nördlich von Traunstein, dem Sitze des fabelhaften Raubritters Heinz von Stein, der Fall. Dort sind eine Reihe von Gemächern in den Nagelstnh- 369 felsen eingehauen, und von ihnen laufen zwei unterirdische Gänge aus, von einer solchen Höhe, daß ein Mann bequem aufrecht gehen kann, und von einer Breite, die meiner Erinnerung nach mehr als 3 Meter beträgt. Die gangbare Länge mag sich auf ein Paarhundert Schritte bemessen, die Ueberlieferung weiß aber, daß sie einst bis zu den Burgen von Tengling und Trostberg führten, also auf Entfernungen von 10, bezw. 5 Kilo- meter. — Da das Kapitel der unterirdischen Gänge zu den interessantesten der Burgenkunde gehört und gerade hierüber noch sehr wenig exakte Forschungen vorliegen, würde der Historische Verein von Dillingen sich ein ansehnliches Verdienst erwerben, wenn er dort bei der Burg in die Tiefe steigen, messen, zeichnen, graben und die Ergebnisse zu Tage bringen würde, welche die Grubenlampe — eine Laterne thut es übrigens auch — beleuchtet hat. Wir können vom Schlosse nicht scheiden, ohne den „heiligen Thurm" des Cardinals Otto (Truchseß von Waldburg, Bischof 1543 — 1573) und die Schloßkapelle betrachtet zu haben. Den alten Rundthnrm an der Südweftecke wandelte der fromme Kirchenfürst zu einem religiösen, mit den kostbarsten Kunstschätzen geschmückten Heiligthum um, die 5 Stockwerke waren zu Oratorien, Aufbewahrungsräumen für Kirchengeräthe und Reliquien kmd einer Kapelle eingerichtet. Von der alten Herrlichkeit ist keine Spur mehr vorhanden, und der obere Theil des Thurmes ist jetzt abgetragen. Auch die dem heiligen Evangelisten Johannes geweihte Kapelle ist profanirt, hat indessen insoferne ein glückliches Loos gezogen, da sie seit mehreren Jahren dem Historischen Vereine als Museum eingeräumt worden ist, nachdem sie zuletzt als Magazin des königlichen Bauamtes gedient hatte. Obwohl dieser Verein noch nicht lange besteht und nur über bescheidene Mittel verfügt, hat er durch seine Rührigkeit, Thätigkeit und Umsicht und unter der Leitung vortrefflicher Vorstände — des verewigten Lyccalprofcssors Daisenberger, des Gymnasialprofessors Dr. Englert, des Lycealprofcssors Dr. Schlecht — sowie Dank dem sachkundigen, unermüdlichen Wirken des bisherigen, Konservators Professor Harbaner es verstanden, Alterthümer aus der Umgebung von Dillingen zu einer Sammlrmg zu vereinigen, die in Bezug auf prähistorische und römische Gegenstände und im Hinblicke aus die kurze Zeit seit ihrer, Gründung wohl von keiner anderen derartigen, Lokaleinrichtung übcrrroffen wird; allerdings trug die rühmenswerthe Opscrwilligkeit einzelner Personen wesentlich zur Mehrung der antiquarischen Schätze bei. Ein Gutsbesitzer im nahen Dorfe Aislingen überließ z. B. gleich bei Gründung des Vereins demselben die Frucht und das Ergebniß jahrelanger Mühen, nämlich nicht weniger als 16 große Kisten römischer Alterthümer, welche aus dem umfangreichen Römcrcastcll bei diesem Dorfe (vielleicht Da-rroärmum) und aus der vor dessen Wällen auf dem Zi'cgclfclde gelegenen bürgerlichen Niederlassung herrühren. Außer diesen sehr zahlreichen Funden von Aislingen, ist die Nömcrzeit noch vertreten durch viele Funde vou Faimingcn (wo der wackere Lehrer Scheller unermüdlich an der Aufdeckung des Castells Uouwua arbeitet); recht, viel Dinge von wissenschaftlichem Werthe lieferten ferner die Ausgrabungen des Vereins im Grab- felde an, Zicgeistadcl, (ältere Bronzezeit), an den Hügelgräbern, im Donauried, bei Aislingen, Zöschingen, dlick- lingen (Bronze-, Hallstatt- und La Töne-Zeit) und den alamannischen Neihengräbern bei Gnndelsingcn, Wittis- lingen und Schretzheim, bei welch letzterem Orte bis jetzt bereits 189 Neihengräber, theilweise mit einem außerordentlich reichen Bestattnngsinventar, geöffnet wurden; hier hat sich aaoä. vaoä. vat. Kirchmann hervorragende Verdienste erworben. Im Rahmen dieses Aufsatzes ist es nicht möglich, auch nur einzelne Gegenstände durch Benennung hervorzuheben; ich kann bloß sagen, daß der Verein inib begründetem Stolze auf seine Leistungen blicken kann, die außerordentlich Vieles zur Aufklärung der Geschichte des oberen Donauthales und damit der Geschichte unseres Vaterlandes beitragen. Nicht in letzter Linie ist ferner auch die Sorgfalt zu erwähnen, die er den alten Funden zuwendet; alle Gegenstände, welche einer Reinigung oder Nestaurirnng bedürfen, schickt er an das Römisch-Germanische Centralmuseum in Mainz, um sie, von L. Lindenschmit's kundiger Hand in besten Stand versetzt, als wirkliche und höchst werthvolle Zierden in seiner Schatzkammer der Wissenschaft und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Endlich müssen wir nochmals auf den oben bereits erwähnten Hofthurm zu sprechen kommen. Derselbe ist als der Hauptthurm der Burg, als der sogen. Bergfried, zu betrachten. Zur größeren Hälfte besteht er aus Bnckelquader-Mauerwerk, wie bereits erwähnt wurde; über diesem Unterbau ließ Bischof Marquard von Berg einen Achteckaufsatz aufführen, der 3 Glocken in sich faßt und mit einer kupferbedeckten Kuppel schließt. Die Ge- sammthöhe des Thurmes beträgt 175 alte daher. Fuß; hoch überragt er alle Gebäude, gibt der Silhouette der Stadt ein Charakteristikum und ist weit im Donauthale sichtbar. (Fortsetzung folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Wührungsfrage. Von Dr. Schw. (Fortsetzung.) Die Schwankungen des Geldwerthes bei dein einen und andern System sind bestimmt durch die Schwankungen des jeweils der Währung zu Grunde liegenden Metalls; bei der Papierwährung fehlt ein solcher Anhaltspunkt; die Schwankungen sind daher möglicherweise rapiden Aenderungen unterworfen. Wie bereits betont wurde, ist die Währuugsfrage nicht so fast eine nationale, als vielmehr eine internationale Frage. Handel und Verkehr ist heute nicht mehr ein localer, auch nicht bloß nationaler, sondern ein internationaler, ein Weltverkehr. Für diesen Verkehr wäre es von der größten Bedeutung, wenn die einzelnen Staaten, welche miteinander in Handelsbeziehungen stehen, die gleiche Grundlage des Geldwesens besäßen. Thatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall. Wir haben in der Wirklichkeit nicht bloß mit einer Verschiedenheit der Eiutheilnug innerhalb gleicher Währungssysteine, sondern auch mit ganz verschiedenen Währungssystemcn zu rechnen. Insbesondere letzterer Umstand übt äußerst einschneidende Wirkungen auf den Verkehr aus, die-sich in den sogen. Valntaschwauknngcn ausdrücken. Unter Valuta versteht- man den Werth des Geldes eines Staates ausgedrückt im Gelde eines andern Staates. Won Valuta spricht man daher lediglich im internationalen Verkehre. Die Gleichung des Edelmetall- werthes zweier Währuugsmnuzcu verschiedener Länder.. 370 ausgedrückt in Einheiten einer der beiden verglichenen Münzen, nennt man Parität. Länder, welche beide die Goldwährung oder beide die Silberwährnng haben, besitzen einen nnverändcrlichcn Gleichungspunkt, eine sogen, feste Parität. Z. B. Deutschland und Frankreich haben gegenwärtig Goldwährung; in beiden Staaten ist also der Werth des Geldes mit dein Werthe des Goldes verknüpft. Der Werth des Goldes ist aber in beiden Ländern derselbe, da er durch den Weltmarkt bestimmt wird. Der verschiedene Werth der deutschen und französischen Goldmünzen beruht daher lediglich aus der Verschiedenheit der Eintheilnng. Nach dem deutschen Münz- gesctze werden aus einem Kilogramm Feingold 2790 M. geprägt, nach dem französischen Gesetze aus 1 Gold von Feinheit 3100 Franken ausgebracht. Daraus ergibt sich, das; Frankreich aus 1 stss .Feingold 3100 X '°/g — Franken gewinnt. Sonach sind 2790 Mark ---- rrooo^ Franken (denn beide enthalten 1 Ic§ Feingold), und hieraus folgt, daß 100 Franken jederzeit — 81 Mark sind. Wer also 100 Franken in Gold eiuschmelzen lind in Mark ausprägen läßt, bekommt genau 81 Mark. Er verliert nur den Betrag der Prägekosten oder tvas an der Münze allenfalls durch Abnutzung verloren gegangen ist. Bei Ländern mit gleicher Währung ist deßhalb lediglich eine Rechnnugsoperativ» vorzunehmen; eine weitere Schwierigkeit oder gar eine 'Gefahr für den Verkehr besteht nicht. ^ Ganz anders verhält sich die Sache bei Ländern mit verschiedener Währung; wenn also beispielsweise das eine Land Goldwährung, das andere Silberwährung besitzt. Im Goldwährungslande folgt der Werth des Geldes dem des Goldes, im Silberwährnngsland dem des Silbers. Hier fehlt der feste Gleichnngspunkt. Man kann lediglich ausrechnen, wieviel aus einem Pfunde Gold in dem einen Lande und wieviel aus einem Pfund Silber im andern Lande ausgeprägt wird. In welchem Verhältniß jedoch Gold zum Silber steht, das bestimmt sich jeweils nach dem Weltmarkt. Wir haben hier also keine feste, sondern eine schwankende Parität. Mit jeder Veränderung der Wcrthrclntiou zwischen Gold und Silber ändert sich demnach auch der Werth der Valuten zwischen den Gold- und Silberländcrn. Diese Valutaschwanknngen bringen es mit sich, daß der Handel zwischen Ländern mit verschiedener Währung auf einer schwankenden Basis beruht, er ist stets zugleich mit einer Speculation verbunden, da keiner der Contraheuten bei Abschluß des Geschäftes weiß, wieviel er bei Erfüllung im heimischen Gelde ausgedrückt bekommt. Dadurch ist der Handel zwischen solchen Ländern, weil mit einem gewissen Risico verbunden, schon wegen der Währuugsverschiedenheit erschwert. Noch viel mehr ist der Verkehr mit Ländern mit Papierwährung mit Gefahr verbunden, da Hiebei jede feste Grundlage mangelt. Das Barometer, an welchem die Valntaschwank- nngcn wahrgenommen werden können, bilden die Wechselkurse. Der Ausgleich der gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen im internationalen Verkehr geschieht nicht in Geld, sondern in Waaren. Das Mittel, durch welches dieser Ausgleich der Transactioncn bethätigt wird, ist der Wechsel, welcher an die Stelle von Baargeldsendnngen zwei inländische Zahlungen treten läßt. Hicdurch wird eine Reihe wirthschaftlicher Vortheile erzielt, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Lediglich ein Mehr der Verpflichtungen des einen Staates gegenüber dem andern Staate muß in Geld ergänzt werden. Während in dem Falle, daß die gegenseitigen Verpflichtungen sich ungefähr das Gleichgewicht halten, der Wechselkurs zwischen Ländern mit gleicher Währung der Parität entspricht, bei Schwankungen zwischen Gold- und Silberländcrn den Schwankungen der Wcrthrelation folgt, kommt dann, wenn die Verpflichtungen zweier Staaten sich nicht ausgleichen, ein weiteres Moment hiezu, das den Preis der Wechsel beeinflußt. Anf Seite des Staates nämlich, der mehr Verpflichtungen zu er-, füllen hat, entsteht eine erhöhte Nachfrage nach Wechseln jenes Landes, dem er sie zu erfüllen hat. Hicdurch wird nach den Gesetzen der Preisbewegung eine Abweichung von: Parikurs hervorgerufen, die aber eine ganz bestimmte Grenze nach oben und nuten besitzt. Die oberste Grenze, bis zu welcher der Kurs steigt, ist bestimmt durch die Kosten der Baargeldsendnug, der Umwechselung, allenfalls der Umprägnng und des Zinsverlnstes; sobald nämlich der Preis des Wechsels so hoch über Pari gestiegen ist, als die oben erwähnten Aufwendungen ausmachen, wird ein weiteres Steigen dadurch verhindert, daß nunmehr nicht mehr Wechsel, sondern Baargelder ins Ausland geschickt werden. Diese obere Grenze nennt man den obern Goldpnnkt. In ähnlicher Weife geht es dann, wenn ein Land an das andere ein Mehr von Forderungen hat. In diesem Falle ergibt sich im ersten Lande ein Mehrangebot von Wechseln auf das andere Land. Der Preis dieser Wechsel fällt daher unter Pari. Sobald aber diese Differenz so groß wird, daß es für den Gläubiger rentabel wird, statt eines Wechsels Baargeld aus dem Auslande zu beziehen, ist die unterste Grenze oder der untere Gold- punkt erreicht. Die beiden Goldpunkte sind gleichwett vom Parikurse entfernt. Der ausländische Wechselverkehr wird naturgemäß durch die Banken vermittelt. Ist dieser Wechselverkehr und damit der Handel schon zwischen Ländern mit gleicher Währung einigermaßen complicirt, so kommt vollends in den Verkehr zwischen Ländern mit verschiedener Währung, insbesondere in den Verkehr mit Ländern mit sinkender Valuta ein derart spekulatives Moment, daß dadurch die schwierigsten Krisen heraufbeschworen werden können. Aus dem Dargestellten geht bereits zur Klarheit hervor, welch' große Bedeutung die WährungSfrage für das ganze Erwerbs- und Wirthschaftsleben besitzt. Der Einfluß dieser Frage wird als ein noch bedeutenderer erachtet werben, wenn wir noch Folgendes berücksichtigen: Es ist eine weitverbreitete, aber nichtsdestoweniger irrige Anschauung, daß der Werth des Geldes etwas Unveränderliches ist. Man ist eben gewohnt, das Geld als die feste Elle zu betrachten, an welcher alles gemessen wird. Allein das Geld ist ein Gut und unterliegt der Preisbestimmung, wie jedes wirthschaftliche Gut, d. h. es ist in seinem Werthe veränderlich. Sobald eine Waare im Preise steigt oder sinkt, pflegt man die Ursache dieser Erscheinung auf Seite der Waare zu suchen, während doch die gleiche Veränderung dadurch hervorgerufen werden kann, daß das Maß, an welchem der Wechsel der Erscheinung gemessen wurde, in der entgegengesetzten Richtung sich verändert hat. So gut wie aus dem gleichen Quantum eines Stoffes mehr oder weniger Einheiten gemacht werden können, je nachdem diese Einheit selbst kleiner oder größer gewählt wird, ebenso wird 371 der Werth einer Waare auch dann steigen oder fallen, wenn der Werth des Geldes gefallen oder gestiegen ist, auf Seite der Waare selbst aber ein werthveränderndes Moment nicht gegeben ist. Wie ist nun dieser Irrthum bezüglich der Wcrthconstanz des Geldes zu erklären? Wenn >vir auf einem beweglichen Gegenstände uns befinden, also die Bewegung dieses Gegenstandes mitmachen, wenn wir also beispielsweise auf einem in Bewegung sich befindenden Schiffe weilen, so nehmen wir die Bewegung nur wahr, wenn wir einen festen, ruhende» oder anders bewegten Punkt außerhalb des Schiffes ins Auge fassen, nicht wenn wir unseren Gesichtskreis auf das Schiff allein beschränken. Oder wenn wir uns in einem Eisenbahuznge befinden, der sich allmühlig in Bewegung setzt, so glauben wir nur zu häufig, ein daneben stillestehender Zug bewege sich, während der Zug, in dem wir sitzen, fülle stehe. Trotzdem aber befindet sich das Schiff, der Zug, in dem wir uns befinden, in Bewegung; nur die Wahrnehmung dieser thatsächlichen Bewegung ist erschwert. Ganz ähnlich verhält es sich mit den für das Wirthschaftslcbcn so wichtigen Gcld- werthändernngcn. Nehmen wir unsere Goldwährung an. Hier ist der Werth des Geldes unzertrennlich mit dem Werthe des Goldes verknüpft. Das Geld macht die Veränderungen des Werthes des Goldes mit. Das Gold hat scheinbar immer einen festen Preis, das Kilo Gold kostet immer 2790 Mark. Allein dies heißt nichts anderes, als daß aus 1 ÜA Gold stets 2790 Mark geprägt werden und 1 Mark immer der 2790. Theil eines Kilo Goldes ist. lieber den Werth des Goldes ist damit gar nichts gesagt. Dieser kann nicht an unserm Gelde gemessen werden; denn das hieße Gold mit sich selbst messen. Den Werth des Goldes, die Kaufkraft des Geldes nehmen wir erst wahr, wenn wir denselben mit dem eines andern Gutes vergleichen, dessen Werth wir allerdings dann momentan als ruhend ansetzen müssen. Allein auch der Werth dieses Gutes ist thatsächlich im Flusse; es gibt überhaupt kein Gut, das unabänderlichen Werth besitzt, daher fehlt es geradezu an einem absolut sicheren Maßstab. Hieraus ergibt sich, wie schwer es ist, die Gcldwcrthverändernngen tvahrzunehincn. Die Schwierigkeit der Feststellung ändert jedoch nichts an ihrer Existenz. Wie kann man nun trotzdem eine Beobachtung dieser Aenderung in den Erscheinungen ermöglichen? Man hat insbesondere drei Mittel, durch deren gleichzeitige Anwendung, bezw. drei Einzelerscheinungen, durch deren gleichzeitiges Zusammentreffen man mit einer gewissen Sicherheit auf die Aenderungen des Geldwerthcs schließen kann, nämlich die Höhe der Waarenprcise, des Arbeitslohnes und des Discontsatzes. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Altfränkische Bilder mit erläuterndem Text von Dr. Theodor Henner. Herausgegeben und gedruckt in der kgl. Universitätsdruckercl von H. Stürtz in Würzburg, 1897 (mit einem Kalender für das Jahr 1897). A1VL. Es mag als ein Anachronismus erscheinen, einen Kalender für das Jahr 1897 anzuzeigen, nachdem schon mehr als die Hälfte des Jahres in das Meer der Ewigkeit hinabgesunken ist. Doch dieses Kalendarinm gehört nicht zu jenen Tages- und Monatsanzeigern, die mit der fortschreitenden Zeit immer mehr von ihrem Werthe verlieren und am Ende des Jahres in daZ Feuer geworfen werden: durch die innige Beziehung, in welche die fliehende Zeit mit den bleibenden Denkmälern der Kunst gebracht wurde, sind diese Blätter selbst vor der Gefahr des Unterganges wirksam bewahrt. Es ist in Wirklichkeit ein sinniger Gedanke, der nun zum drittenmal verwirklicht wird. diese Verbindung von Gegenwart nnd Vergangenheit, dieser täglich vorgeführte Eontrast zwischen der wirren Flucht der Erscheinungen und der majestätischen Ruhe. in welcher die Denkmäler früherer Jahrhunderte daran erinnern, daß nicht alles vergänglich ist, sondern das bestehen bleibt, rvas in den Dienst irgend einer hohen, unvergänglichen Idee gestellt wurde, zugleich aber eindringlich und ernst daran mahnen, daß auch wir unseren Vatern gleich die flüchtige Zeit zur Schaffung unvergänglicher Werke benähe». Wer m dieser edlen Weise einen neuen Ansporn gibt zu tüchtigem Thun. verdient den Daist der Besten, lind darum ist es noch ehrenvoller für die Nachkommen der alten Franken, als für deil Leiter dieses Unternehmens selbst, daß die Initiative des um Frankens historische und künstlerische Vergangenheit so hochverdienten Universitäts-Profeffors Dr. Heun er in den weitesten Kreisen seines engeren Vaterlandes ein so entgegenkommendes Verständniß fand. Das Titelblatt dieses 3. Jahrganges ist womöglich noch glänzender ausgestattet als früher; das ganze Heft aber reiht sich den früheren in Allen, auf das würdevollste all. In bunter Reihenfolge ziehen diesmal vornehmlich kleinere fränkische Städte und selbst Dörfer, Steinbach bei Lohr, Miltenberg, Wertheim, Karlstadt, Arnstein, die ehemalige Abtei Oberzell, sodann die großen Metropolen Würzburg und Bamberg, nicht zuletzt Aschaffenburg. unsere Auf» merksamkeit auf sich, und Stadt, Städtchen und Dorf. alle spenden das eine oder andere Denkmal aus der größeren oder geringeren Fülle ihrer Kunstschätze, verschieden an Werth, mannigfaltig in ihrer künstlerischen Erscheinung, bald der jüngsten Kunstperiode des 18. Jahr-', lmnderts «»gehörig, bald weit hinausragend in die frühere Reihe der Jahrhunderte, alle Zweige der Kunst darstellend; von der würdigen Architektur des 11. Jahrhunderts bis zu dem prunkhaften Palaststil des 18., von dem ernsten Grabdenkmal bis zu den Musengruppen des Hofgartens in Veitshöchhcim, die am Mangel des Ernstes nichts zu wünschen übrig lassen, von den kirchlichen Gerüchen bis zu den Erzeugnissen der frciesten profanen Kunst. Alle aber verdienen Beachtung und verständuiß- volle Würdigung, denn alle sind Zeugen des Strebcns nach dem Ideal wahrer Kunstthätigkeit, alle sprechen von der historischen Bedeutung der fränkischen Lande, alle singen, jedes nach seiner Weise, das Lob Frankens. Als Interpret fränkischer Geschichte und fränkischer Kunst begleitet dei, Wanderer der liebenswürdige »Hwtorlvus ttonnsr uostor", der jedes Denkmal in seinen historischen Rahmen hineinzustellen, jedem den in ihm liegenden Zauber zu entlocken weiß. Mag darum auch der Herbst mit großen Schritten hcraneilen und des müden Wanderers Schritte zurücklenken an die Stätte seiner täglichen Arbeit, — auf den Höhen, die der Kunst geweiht sind, gibt es keinen Hcrbstnebel noch Winterfrost, sondern lauter Sonnenschein. Möge jeder, der diese Bilder mit sinnigem Auge betrachtet, diesen Sonnenstrahl hineinleuchten lassen m das tägliche Getriebe seiner Lebensthätigkeit, möge er sich begeistern für die wahren Ideale des Lebens und seine Strophe hinzufügen dem großen Gesänge, den Geschichte und Kunst, Vergangenheit und Gegenwart, Mensch und Menschheit. Jahr und Jahrhunderte demjenigen zu singen bestimmt sind, von dessen unendlicher Schönheitsfülle die menschliche Kunst ein Abbild zu sein und eine 'Ahnung zu geben bestimmt ist! Meringer Rud., Indogermanische Sprachwissenschaft. 12". 136 SS. Leipzig, G. I- Göschen 1897. Preis 80 Pfg. gebunden. ^ „Brugmann in der Westentasche" könnte man dieses treffliche Büchlein nennen, wollte man es mit dem Namen des Meisters der neueren indogermanischen Sprachwissenschaft bezeichnen; enthält es doch in nnoo, übersichtlich geordnet. die gesicherten Ergebnisse indogermanischer Sprachvergleichung in einer wohlverständlicheu nnd doch streng wissenschaftlichen Darstellung. Es betritt damit das 59. Bündchen der gediegenen „Sammlung Göschen" ein Wissensgebiet, das. auf die engsten Fachkreise beschränkt, der Popularifirung nicht geringe Schwierigkeiten entgegen» 372 fetzt. Der Verfasser, ein namhafter Sprachforscher, hat ferne Aufgabe in musterhafter Weise gelöst. Es ist erstaunlich, wie reichhaltig dieses kleine Büchlein ist, welche Fülle von Beispielen das Kapitel „Die Lautlehre der indogermanischen Grundsprache" bietet. Meringer gibt uns einen zuverlässigen Führer für den ersten Gang in ein hochinteressantes Gebiet, das, durch den Scharfsinn hervorragender Linguisten erst in neuerer Zeit erschlossen, doch schon eine große Ausdehnung und Vertiefung gewonnen hat und mit Riesenschritten täglich zunimmt, mag es auch noch viele Räthsel bergen. Der Einblick in den Wunderbau indogermanischer Sprachverzweigung fördert in dem denkenden Leser immer mehr die Einsicht, daß »richt Willkür, sondern Gesetzmäßigkeit im Leben der Sprache herrscht. Ist die Sprachwissenschaft auch weit entfernt, alle Sprachen (nach dem biblischen Bericht) auf eine einzige Ursprache zurückführen zu können, und wird sie dies Ziel wyhl auch nie erreichen, so kann sie doch gegen die Möglichkeit einer Ursprache (vgl. S. 42) keine wissenschaftlichen Gründe geltend machen: im Gegentheil, die Forschung zieht die Kreise der Sprachverwandtschaft immer weiter: ist die junge Wissenschaft jetzt schon im Stande, die große Zahl indogermanischer Sprachen auf einen ur- indogermanischen Stamm in sicher erschlossenen Formen zurückzuführen, so darf man ihr auch nicht die Fähigkeit absprechen, in Zukunft einmal Svrachstämme zu vergleichen, die jetzt noch für unverwandt gelten: Versuche dazu haben wir bereits. Vorzüglich ist die Ausstattung des Büchleins: man fragt sich, wie es bei der den Druck erschwerenden und vertheuernden. Mit Hilfe der vielen diakritischen Zeichen wissenschaftlich durchgeführten Umschrift möglich ist, ein solches Buch, das sich feiner Natur nach an keinen großen Leserkreis wendet, um M Pfennige -zu bieten! Gymnasialschüler dürften sich beglückwünschen, eil» so handliches und vortreffliches Büchlein zu besitzen, das ihnen Anleitung gibt, dre sprachlichen Studien der Schule, die dem Kreise des indogermanischen Stammes zugchören, mit mehr Sinn und Verstand zu betreiben, als es gewöhnlich geschieht. Leider haben freilich auch sogenannte „Philologen" sehr oft keine blasse Ahnung von Sprachgeschichte und Sprachvergleichung. Hecker Osk., Die italienische Umgangssprache in siiste- matischer Anordnung und mit Äussprachehilfen. 8°. XII -st 312 SS. Braunschweig, G. Wettermann, 1897. Preis 4 Mk. geb. r Nach dem Vorbild der ausgezeichneten „deutsch- französischen Phraseologie" von Bernh. Schwitz (Berlin, Langenscheidt. 11. Aufl. 1895. VIII -j- 180 SS. Preis 8 Mk. gebd.), nur eingehender und umfangreicher, ist vorliegendes Buch bearbeitet worden. Es hat vor den zahlreichen ähnlichen Arbeiten ganz erhebliche Vorzüge und bringt einen überaus reichen Schatz wirklicher Umgangssprache, alltäglicher und doch in Lehr- und Wörterbüchern so oft vergeblich gesuchter Redewendungen in übersichtlicher Anordnung. Jede Seite des Buches, welches das reinste Toskanisch in seiner vollen Mannigfaltigkeit und l-bendigen Schönheit widerspiegelt, gibt Zeugniß vom jahrelangen, redlichen Bemühen des Verfassers, eine wirklich viel beklagte Lücke in den Lehrmitteln des Italienischen auszufüllen. Größte Sorgfalt ist auf die Aussprachebezeichnung verwendet worden, welche die üblichen Handbücher fast durchgehends vernachlässigen; so sind die offenen und geschlossenen v und o (an denen sich der Ausländer in Italien sofort verräth), sowie die harten und weichen s und durch eigene Zeichen unterschieden, auch der Wortton ist genau bezeichnet. Man kann dem werthvollen Buche nur ein uneingeschränktes Lob spenden; es ird dem lernbegierigen Leser ein mächtiger Ansporn sein. sich in der schönsten aller modernen Sprachen immer mehr zu vervollkommnen. Friese C., Die Rückenmarkskrankheiten und ihre Behandlung. 8°, 72 SS. Berlin, Hugo Steinig 1897 (II). M. 1.50. Das vorliegende Buch. zu dessen Erscheinen eine neue Behandlungsmethode der Rückcnmarksleiden die äußere Veranlassung geboten hat, ist in der neuen Auflage vom Verfasser so ausgedehnt und erweitert worden, daß es vollständig ein Bild der verschiedenen hieher- gehörenden Erkrankungsformen bietet, ihr Wesen und ihren Verlauf erörtert, und neben der neuen auch die alten Behandlungsmethoden schildert und einer eingehenden Kritik ihres Werthes, ihrer Bedeutung und ihrer Erfolge unterwirft. Der Leser, der Belehrung sticht, findet in der Abhandlung alles, was ihn interessiren kann, und zwar in einer Darstellung, die an das Verständniß des Äaienpublikums keine besonderen Anforderungen stellt. Ganz besonders muß das Buch den Leidenden selbst empfohlen werden, weil sie hier sich schnell, bequem und ausgiebig über das orientiren können, was irgend eine Heilmethode zu leisten vermag, und auf welchem Wege sie am raschesten zu einer definitiven Heilung oder gegebenenfalls zu einer wesentlichen Besserung chrer Beschwerden und ihres Leidens gelangen. Gihr Nik., Das heilige Meßopfer dogmatisch, liturgisch und ascetisch erklärt. 8». XVI -st 734 SS. Frei- burg i. Br., Herder. 1897. (VI.) Preis 7 Mk. » Zum sechsten Male erscheint Gibr's klassisches Werk über das Meßopfer, ein Beweis für den Werth und das Ansehen, das es unter dem Klerus genießt. Man kann in der That dieses herrliche Buch, eine reiche Quelle der Belehrung und Betrachtung, immer wieder von neuem lesen, ohne dessen überdrüssig zu werden. Das Werk gehört zum unentbehrlichen Rüstzeug auch bescheidener theologischer Bibliotheken, lind findet, wie die starken Auflagen zeigen, meistens wohl auch darin den verdienten Ehrenplatz. Möchte man nur auch allenthalben den Nutzen daraus ziehen, dem erhabenen Opfer, das es behandelt, seine Bedeutung im Mittelpunkt alles Cultus zu wahren, damit dieselbe nicht durch die Unmasse der „beliebten" Volksaudachten in den Hintergrund gerathe! Gruber, Pater H., 8. 3., Aberglaube und Unglaube bei den Anhängern des lutherischen bezw. reformirtcn Bekenntnisses. Einige Glossen zur kirchen-politischen Ausschlachtung des Vaughan- Schwindels durch den Superintendenten Gallwitz. 45 Seiten. Preis 50 Pfg. Verlag der Germania, Berlin. Unter diesenr Titel liegt nun aus der Feder des in der letzten Zeit vielgenannten k. Gruber 8. 3. ebenfalls ein höchst schätzenswertster Beitrag vor. Man sieht es denr Verfasser an, daß er nur mit Widerstreben in wissenschaftlichen Kreisen längst bekannte Dinge von Neuem behandelt. deren ausführliche Darlegung natürlich obendrein vielen Protestanten nicht einmal angenehm sein wird. Allein er wurde dazu durch die Haltung der protestantischen Presse und insbesondere eines evangelischen Superintendenten, des Herrn Gallwitz in Sigmaringen, da einige allgemein gehaltene schonende Hinweise und Richtigstellungen hartnäckig ignorirt wurden, förmlich gezwungen. Die Abfertigung, welche insbesondere Herrn Gallwitz zu Theil wird, »st zwar scharf, aber in vollem Maße ver- dient. Jeder billig denkende Leser wird die Schrift mit vielem Genuß und mit reicher Belehrung zur Kenntniß nehmen. Namentlich sei auch auf den Abschnitt derselben verwiesen, in welchem die erstaunlichsten Dinge über früheren und zeitgenössischen Aberglauben bei Anhängern des reförmirten Bekenntnisses mitgetheilt werden. __ Erinnerungen aus schwerer Zeit. Zugleich ein Beitrag zur Entwickelung der Schulfrage in Preußen von Theodor Palatiuus. Münster i. Wests. Verlag der Älphonsus-Buchhandlung. Preis 40 Pf. Das auf dem Boden gewissenhaftesten Studiums des einschlägigen Quellenmaterials beruhende Werkchen führt uns ein Stück Eulturkampfgeschichte. und zwar eines der allerbeklagenswerthesten, in überaus fesselnder Darstellungsweise vor Augen. Die Entchristlichung der Schule, wie sie vom Fürsten Bismarck in rücksichtslosester Weise eingeleitet wurde, zeitigt bereits heutigen Tages die traurigsten Früchte, und heute ebenso wie vor 20 Jahren besteht die Hauptaufgabe aller auf christlich-conservativem Boden stehenden Politiker in dem Kampf um die Zurück- eroberung der Schule für das Christenthum. Wer in diesen» Kampfe sich bethätigen will — und Niemand sollte sich davon ausschließen — dem wird die vorliegende Broschüre eine Fülle schätzenswerthen Materials bieten. Nerantw Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die Aussprüche Jesu von Behnesa. Im vergangenen Winter nahncen die Engländer Grenfell und Hunt im Auftrage des Egypt Exploration Fund bei dem Dörfchen Behnesa, das am Rande der libyschen Wüste auf den Ruinen des alten Oxyrhynchus, der Hauptstadt des 19. NomoL des alten Aegypten, liegt, Ausgrabungen in größerm Stile vor. Die Ausbeute übertraf alle Erwartungen. Man fand 150 meist com- plete Papyrusrollen und 280 Kistchcn Papyrus-Fragmente. Die erster» gingen in das Eigenthum der ägyptischen Regierung über. Sie sollen durch den Egypt Exploration Fund publieirt werden. Die letztem sind nach England gebracht. Ueber sie werden schon jetzt einige interessante Einzelheiten bekannt. Die betreffenden Handschriften sind, mit geringen koptischen, lateinischen und arabischen Ausnahmen, griechisch geschrieben und entstammen der Zeit vom 1. bis 8. oder 9. nachchristlichen Jahrhundert. Es befinden sich darunter Fragmente des Evangeliums nach Matthäus aus einer Handschrift des 3. Jahrhunderts, und vor allem ein Blatt aus einer Sammlung von Aussprüchen Jesu, welches noch mehr als jene das Interesse der Theologen wecken wird. Aus dem Gebiete der klassischen Literatur finden sich Theile uralter Handschriften des Homer und Aristophanes, des Thukydides und Demosthenes, wahrscheinlich auch der Sappho. Historisch von Bedeutung ist ein Theil eines chronologischen Werkes, die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. G. enthaltend. Als erste Veröffentlichung aus dem Funde liegt seit einigen Tagen das erwähnte Fragment einer Sammlung von Aussprüchen Jesu vor. (LoZis, lleau, ok Our 4>orci, äiseovoroä anä eäitsä bzc L. k. Orankell anä tl. 8. Hunt, I-onäon 1897.) Das Fragment bildete ein Blatt eines Buches im Format von fünf zu drei Zoll. Es trägt die Zahl elf in griechischen Buchstaben. Nach der Darlegung der Herausgeber wurde es wahrscheinlich um das Jahr 200, sicher aber zwischen 150 und 300 n. Chr. Geburt geschrieben. Da das Blatt gelitten hat, ist nur ein Theil des Inhaltes lesbar, nämlich sechs von acht Aussprüchen, zwei allerdings auch nur zum Theil. Der kurze Text lautet in wörtlicher Uebersetzung aus dem Griechischen: „.... 1. und dann magst du sehen, den Splitter in dem Auge deines Bruders herauszuziehen. 2. Jesus sagt: Wenn ihr der Welt nicht entsaget (wörtlich ,fastest), so werdet ihr das Reich Gottes nicht finden; und wenn ihr den Sabbat nicht haltet, so werdet ihr den Vater nicht sehen. 3. Jesus sagt: Ich stand mitten in der Welt und erschien ihnen im Fleische, aber ich fand alle trunken und fand keinen, der dürstete, unter ihnen, und meine Seele ist betrübt über die Menschenkinder, weil sie blind sind in ihrem Herzen.... 5. Jesus sagt: Wo immer.... einer allein ist, bin ich bei ihm. Hebe einen Stein auf, so wirst du mich finden, spalte einen Baum, so bin ich da. 6. Jesus sagt: Kein Prophet ist angenehm in seiner Vaterstadt, und kein Arzt vollbringt Heilungen bei denen, die ihn kennen. 7. Jesus sagt: Eine Stadt, die auf der Spitze eines hohen Berges erbaut und gegründet ist, kann weder fallen noch verborgen bleiben." Das vierte und das achte Logion sind nicht mehr lesbar. Der erste dieser Aussprache stimmt genau mit Luc. 8, 42; der 6. in seiner ersten Hälfte mit Luc. 4, 24, während die zweite Hälfte neu ist; der siebente, dem Inhalte nach, mit Matth. 5, 14. Ganz neu sind dagegen der zweite, dritte und fünfte Ausspruch. Auch unter den seither bekannten nichtcanonischen Herren-Worten finden sie sich nicht. Unser Fragment wird sicherlich sogleich der Gegenstand eingehender Detailforschnng werden. Diese wird es hoffentlich klar stellen, ob wir es in dem Werke, dem daS Fragment entstammt, mit einer auf Grund der canon- ischcn Evangelien und anderer verloren gegangener Quelle» unternommenen Sammlung von Aussprüchen Christi aus der Urzeit des Christenthums zu thun haben, oder mit einer selbstständigen Schrift. (Köln, Volksztg.) Cardinal Otto Trmhscß von Waldbnrg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Von Dr. Thomas Specht. (Schluß.) Die Reformation in seiner Diöcese oder, wie wüt vielleicht besser sagen, die katholische Restauration wurde von Otto mit allem Eifer betrieben. Es ist nicht mit Unrecht gesagt worden, daß Otto für die Diöcese Augsburg war, was Karl Borromäns für Mailand gewesen. Als er das bischöfliche Amt antrat, fand er die Diöcese in einem traurigen Zustande. In Augsburg und in einem guten Theile des weiten Sprengels war die neue Lehre eingedrungen und hatte bereits festen Fuß gefaßt. Viele Gemeinden waren ihrer Kirchen und ihres Vermögens beraubt, die kirchliche Disciplin erschlafft, der Klerus zum Theil vertrieben, zum Theil abgefallen, und dem noch vorhandenen Klerus fehlte es vielfach an dem nöthigen Wissen und der standesgemäßen Tugend und Frömmigkeit. Auch in den Klöstern war die Zucht gesunken. Daß es unter solchen Verhältnissen im Volke und in den höheren Ständen auch nicht gut aussah, läßt sich denken. Die Mittel, deren sich Otto zur Erhaltung und bezw. Wiedereinführung des katholischen Glaubens und zur Verbesserung der Kirchenzncht bediente, waren Visitationen, die Abhaltung von Synoden, die Durchführung der Re- formdekrete des Concils von Trient, die Heranbildung eines tüchtigen Klerus u. a. m. Die Visitationen hatten den Zweck, über den Zustand der Diöcese in religiöser und sittlicher Beziehung Kenntniß zu erlangen und die Beseitigung der entdeckten Mißstände entweder sofort zu bewerkstelligen oder doch vorzubereiten. Die erste Synode hielt Otto noch in dem Jahre ab, in welchem er Bischof wurde, woraus hervorgeht, mit welchem Eifer er in der That das Reformationswerk betrieb. Er versammelte sich 1543 mit seinem Klerus zu Dillingen. Es wurden dabei vornehmlich die Statuten früherer Synoden erneuert, aber auch einige andere, den Zeitumständen entsprechende erlassen. Zum zweiten Male versammelte Otto seine Diöcesan- geistltchkeit um sich im Jahre 1548, wiederum zu Dillingen. Es erschienen Acbte, Pröpste, Decane und Kämmerer in großer Zahl. Am ersten Tage der Synode zogen die Mitglieder um 7 Uhr in feierlicher Procession in die Pfarrkirche, wo der Cardinal selbst die Messe äs Lpiritu sanoto celebrirte. Hierauf begab man sich ins Schloß, in dessen oberen Saale die Berathungen ge« 374 'pflogen wurden. Es wurden heilsame Bestimmungen getroffen in Betreff des Welt- und Ordensklerus, der Spendung der Sakramente u. s. w. Eine Commission nahm auch die Beschwerden der Geistlichen und Laien entgegen. Otto, der fromme und demüthige Bischof, forderte, es solle ein Ausschuß von Shnodalzeugen seine eigenen Sitten prüfen und ihm im Namen der Synode heilsame Ermahnungen geben. Darauf wurde ihm geantwortet, man habe keinen weiteren Wunsch, als daß er die aufgestellten Statuten streng gewissenhaft durchführe und gleichsam als lebendiges Gesetz (vvlut lex aiürnnta) allen ein gutes Beispiel gebe (Braun B. 3 S. 403). Eine dritte Synode fand statt 1567, gleichfalls in Dillingen. „Der Zweck derselben war, nach den Dekreten des Concils von Tricnt den Klerus und das Volk zu resormiren, die Mangel und Mißbrauche zu heben, und was zur Erhaltung und Belebung des Glaubens und der Sitten dienlich wäre, zu verordnen" (Braun S. 469, 470). Wie in seiner Diöcese, so suchte Otto auch in seinem Stifte Ellwangen die Reform im Geiste und nach den Vorschriften der Kirche durchzuführen. Uebrigens vergaß Otto bei seinem Rcformations- werke sich selbst keineswegs. Wir haben bereits gesehen, welche Forderung er an die Synode von 1548 hinsichtlich seiner Person stellte. Ich führe noch Folgendes an. Die geistlichen Uebungen des hl. Jgnatins, die als ein vorzügliches Mittel zur Förderung eines wahrhaft geistlichen Lebens anzusehen sind, empfahl er nicht bloß anderen, sondern machte sie als einer der ersten deutschen Prälaten auch selbst mit, das eine Mal 1542 bei dem seligen k. Faber, ein anderes Mal unter dem k. Le Iah, und zwar im Kloster zu Ottobenren (Hist. Jahrb. B. 7 S. 388, 389). Die Reform des sittlichen Lebens suchte Otto auch in den höheren Ständen der Gesellschaft durchzuführen. Besonders war er bestrebt, dem Laster der Trunkenheit entgegen zu wirken, welches im 16. Jahrhundert gerade unter dem Adel, vorn untersten bis zum obersten, auch an den fürstlichen Höfen weit verbreitet war und vielen einen frühzeitigen Tod brachte. Um diesem Laster und seinen schlimmen Folgen zu steuern, errichtete er zwei Jahre nach seiner bischöflichen Erhebung, 1545, mit 42 Grafen und Freiherren zur Abschaffung des üblen Zu- trinkens eine Verbindung unter dem Titel „Johannesgesellschaft", deren Mitglieder als Abzeichen ein silbernes St. Johannesbild trugen. Wer die Statuten übertrat, mußte sich selbst anzeigen und das Bild zurückstellen. Der Erfolg scheint ein guter gewesen zu sein. Wenigstens dankt Abt Gerwick von Weingarten dem Cardinal für die Aufnahme in die Gesellschaft mit dem Bemerken, hätte die Einrichtung schon vor 30 Jahren bestanden, so würde es jetzt mit seinem armen Kopf und Magen besser stehen, denn es leider wirklich steht (Hist. Jahrb. B. 7 S. 192). Als ein geeignetes Mittel zur Verbesserung des kirchlichen Lebens betrachtete Otto die Einführung des Ordens der Gesellschaft Jesu, deren Seeleneifer nild Reinheit er in Rom keimen gelernt hatte. Es gelang ihm zwar noch nicht, dem Orden in Augsburg eine klösterliche Niederlassung zu bereiten, aber er hatte doch die Freude, in jener Stadt einzelne Mitglieder zu sehen. Dazu gehörte der selige Petrus Canisins und Le Jay. Canisins wirkte als Domprediger auf der Kanzel und gls Seelsorger mehrere Jahre ungcmein segensreich. Ihm ist, soweit die menschlichen Mittel in Betracht; kommen, die Zurückführung eines großen Theiles der' Augsburger Bevölkerung zum katholischen Glauben vornehmlich zuzuschreiben.* Le Jay stand als gelehrter Theolog unserm Bischof zur Seite, wie er denn auch von ihm als Concilsthcologe nach Trient geschickt wurde. Gegen Canisins bewies Otto stets eine hohe, man möchte sagen unbegrenzte Verehrung. Selbst die scharfen Mahnungen, welche Canisins an Otto wegen seiner oftmaligen und langdauernden Abwesenheit von seiner Diöcese und der daraus entstehenden Nachtheile richten zu müssen glaubte, konnte diese Verehrung nicht mindern, >va3 gewiß beiden zur höchsten Zierde gereicht. Ein Hauptmittel der Reform erblickte Otto endlich in der Heranbildung eines seeleneifrigen, gebildeten und frommen Klerus. Zu diesem Zwecke gedachte der weitschauende Mann eine Anstalt ins Leben zu rufen, in welcher der Klerus der Zukunft die nöthige wissenschaftliche und moralisch-ascetische Bildung erhalten sollte. Zn diesem Zwecke gründete er 1549 in Dillingen eine Schule, welche sowohl unser heutiges Gymnasium als auch die philosophische und theologische Fakultät in sich schloß. Zugleich errichtete er daselbst ein Internat, nämlich das Seminar oder Convict zum hl. Hierouhmus. Die Anstalt wurde auf Bitten Otto's von Papst Julius III. 1551 zum Range einer Universität erhoben und mit den entsprechenden Privilegien ausgestattet. Im Jahre 1564 übergab Otto die Universität und das Kollegium (Seminar) dem Orden der Jesuiten zur Leitung. Durch die Gründung dieser Lehr- und Erziehungsanstalt hat Otto nicht bloß für seine Diöcese, sondern für ganz Süddentschland am meisten zur Erhaltung und Belebung des katholischen Glaubens und zur Heranbildung eines tüchtigen Welt- und Ordcnsklerns und damit zur Reform des kirchlichen Lebens gewirkt. Ich komme nun dazu, das Lebensende unseres Kardinals zn schildern. Im Jahre 1569 begab sich Otto wiederum nach Rom — zum siebenten Male. Die Gründe der Abreise waren pecnniärer Natur. Dieser Umstand veranlaßt mich, vorerst noch einiges über die Finanzen Otto's zu bemerken. Als derselbe Bischof von Augsburg geworden war, gerieth er mehr und mehr in Geldverlegenheiten. Die Ursachen waren verschiedene. Fürs erste litt das Hochstift und Otto persönlich sehr schwer durch zivei Kriege, den schmalkaldischen und den durch den Kurfürsten Moriz hervorgerufenen Krieg. Sodann pflegten die Neichsfürsten der damaligen Zeit großen Aufwand zn machen, und bei Otto kam noch die persönliche Neigung zu Repräsentation hinzu. So war derselbe auf dem Reichstage zu Augsburg 1547/48 von einem aus 50 Personen bestehenden Gefolge, Grafen, Baronen, Edlen, Juristen und Theologen, umgeben. (Vgl. Chronik II, 88; Hist. Jahrb. B. 7 S. 88.) Ein anderer Fall. Im Anfang des Jahres 1568 begab sich der Cardinal von Augsburg mit einem großen Staat von mehr als 100 Pferden nach München, um der Hochzeit des Herzogs Wilhelm mit der Prinzessin Renata von Lothringen beizuwohnen. Uebcrhanpt verschlangen die vielen Reisen, die Otto unternahm, sei es zu den Reichstagen oder nach Rom oder anderswohin, viel Geld. Des weiteren zeichnete sich Otto durch eine großartige Freigebigkeit aus und war auch nicht frei von gewissen Liebhabereien, die ihn theuer zn stehen kamen. Ein großer Freund der Musik, hielt er in Rom Anfang der 60er Jahre eine eigene Kapelle für Kirchenmusik und wahrscheinlich auch 375 für Privatzwecke, welche er erst 1665 in Deutschland beurlaubte. Das tägliche Opfer wurde von ihm nie ohne Musik dargebracht: sinnig Zensris s^nipstonias oon- ssntu (Hist. Jahrb. B. 7 S. 186). Die größten Ansprüche aber stellte an ihn die (Ärichtung und Unterhaltung der Universität Dillingen. Es mußten in der oberen Stadt Bauplätze erworben, Häuser angekauft, abgerissen oder adaptirt oder auch neu gebaut, die ganze Anstalt mit den nöthigen Einrichtungen versehen, der Unterhalt der Professoren und Zöglinge bestricken werden u. s. w. Dazu wurde von ihm die Summe von 100,000 Gulden aufgewendet. Die Sache gestaltete sich für ihn um so schwieriger, als das Domcapitel vorerst der Uliiversitätsgründuug sehr kühl gegenüberstand und sich zu einer finanziellen Unterstützung nicht geneigt zeigte. Zu den Ausgaben Otto's für Bauten muß auch die Wiederherstellung und Ausmalung seiner Titularkirche in Rom (St. Sabina), die Restauration der fürstlichen Residenzen zu Dillingcn und Ellwangcn, die Wiederherstellung mehrerer Schlösser in feinen: Bisthum u. a. in. gerechnet werden (vgl. Chronik II, 17; Steichele, Das Bisthnm Augsburg III, 63). Ueberhanpt war Otto ein großer Bauliebhaber. In der Mitte der 50er Jahre scheinen die Schulden zu einer großen Höhe angewachsen zu sein, so daß das unzufriedene Domcapitel sogar mit dem Plane umging, den Bischof abzusetzen. In dem hiewegen 1555 zu Staude gekommenen Vergleich, der 27 Punkte enthält, wurde festgesetzt, daß Otto als regierender Bischof zwar die Administration des Stiftes Augsburg im Geistlichen, sowie die Regierung und Verwaltung der Justiz in: Weltlichen behalten, daß hingegen der größte Theil der Finanz- verwaltung der Oberaufsicht des Domcapitels unterstellt und so eine regelrechte Schuldentilgung ermöglicht werden sollte (Braun B. 3 S. 496 f.). Die Geldverlegenheiten, um das auch zu erwähnen, erklären das Streben Otto's nach neuen Benefizien. Im Jahre 1569 reiste Otto, wie schon erwähnt, nach Rom, um seinen Gläubigern zu entgehen und Ersparnisse zu machen. Letzteres war ihm dort leichter möglich als in der Hcimath. In Rom verweilte er bis zu seinem Tode. Im Jahre 1573, also nach vierjährigem Aufenthalte, schickte sich Otto an, nach Augsburg zurückzukehren, um mit den von ihm selbst und seinen Beamten gemachten Ersparnissen seine Gläubiger zu befriedigen. Da fiel er plötzlich in eine tödtliche Krankheit, welcher er am 2. April erlag. Gregor XIII. richtete an das Dom- capitel in Augsburg ein Beileidschreiben (Histor. Jahrb. B. 7 S. 207). Ueber die näheren Umstände des Todes Otto's wird uns nichts berichtet. Von dein Verlaufe seiner Krankheit in ihrem ersten Stadium erstattete er regelmäßig Bericht au Herzog Albrecht. Darnach litt er an einem Mageuübel, welches er nach dem Urtheile der Aerzte sich dadurch zugezogen hatte, daß er im Sommer in Eis gekühlten Wein trank. Dazu kam dann noch ein Steinleiden, dieselbe Krankheit, die auch Herzog Albrecht hatte. Otto scheint viel gelitten zu haben. Eine Mittheilung an Albrecht schließt mit den Worten: katcksntia, ich leid's mit Geduld (Wimmer S. 132). Die Ueberreste Otto's wurden in der deutschen Nationalkirche L. Ll. äs amina. beigesetzt, dem Papste Hadrian VI. gegenüber, dem letzten Papste deutscher Abkunft. 40 Jahre nachher, 1613, wurden seine Gebeine von Johann Gottfried, Bischof von Bamberg, Gesandter des Kaisers Mathias, nach Augsburg, im Jahre darauf, 1614, nach Dillingen gebracht, wo sie tn der akademischen oder Jesnitenkirche neben dem Altare des hl. Hieronymus ihre Ruhe fanden. Bischof Sigmuud Franz, ließ im Jahre 1657 seinem erlauchten Vorgänger ein Monument setzen mit einer lateinischen Inschrift. Die Trauer um den Cardinal war namentlich in Dillingen eine große. Das Diarium der Akademie sagt, Otto sei gestorben zum großen Schmerze aller Guten (inagno donorum oinniurn äolors). Die Akademie hielt zwei Tranergottcsdienstc, am 17. April und 2. Mai. Das erste Mal wurde eine, das zweite Mal zwei Trauerreden gehalten. In der Folge hielt die Akademie alljährlich am Todestage ihres Stifters einen Gedächtniß- gottesdienst. Zum Schlüsse möchte ich noch eine allgemeine Charakteristik Otto's geben. Ich will das weniger mit meinen eigenen Worten als mit den Worten und Urtheilen derjenigen thun, welche als Zeitgenossen unsern Cardinal gekannt oder mit seinem Leben und seiner Wirksamkeit eingehend sich beschäftigt haben. Es wird sich dabei Gelegenheit bieten, einiges kurz zu berühren, was im bisher Gesagten keine Erwähnung gefunden.hat. Die Pappenheim'schc Chronik (I, 116) und der Verfasser der Geschichte der Bischöfe von Augsburg, Placidus Braun (III, 515), stimmen darin überein, Cardinal Otto sei ohne Widerrede eine der größten Zierden der katholischen Kirche und des Reiches gewesen, welchen er unter mehreren Päpsten und drei Kaisern mit Aufopferung von Hab und Gut und seines eigenen Lebens von Jugend auf bis an sein Ende treu gedient, wcßhalb er von jedermann in und außer dem Reiche, sogar von seinen Feinden, hochgeschätzt, von den römischen Kaisern aber, den Erzherzogen von Oesterreich und den Herzogen von Bayern durch ausgezeichnete Gnaden und Vertrauen geehrt worden sei. Selbst in Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden sei sein Name, seiner Tugenden und Talente wegen, mit Achtung genannt worden. Braun und Dnhr führen eine Reihe von Zeugnissen über Otto an, die von Zeitgenossen stammen. Es sind berühmte Männer, solche, die in Kirche und Staat oder in der gelehrten Welt sich einen Namen gemacht haben. In diesen ehrenden Zeugnissen wird an Otto gerühmt sein großer Eifer für die Religion, seine Klugheit und Weisheit in der Regierung seines Bisthums und in der Ausführung der ihm von den höchsten Persönlichkeiten übertragenen Geschäfte, seine Liebe zu den Wissenschaften und seine Hochschätzimg der Freunde der Wissenschaft und der Gelehrten, sein wohlthätiger Sinn und seine Freigebigkeit in der Unterstützung Hilfsbedürftiger oder in der Förderung gemeinnütziger Einrichtungen, seine Frömmigkeit, Demuth, Herablassung und Sittenreiuheit (vgl. dazu Hist. Jahrb. B. 7 S. 207). Das glänzendste Zeugniß hat unserm Cardinal Herzog Albrecht V. von Bayern iu, einem Schreiben an Papst Pins V. ausgestellt. Er,' schildert ihn darin als Bischof und Staatsmann und hebt§ seine Anhänglichkeit an Papst und Kaiser, seine Verdienste' um das Reich, die Kirche und besonders sein eigenes Bisthum, sowie seine persönlichen Tugenden und Vorzüge in den ehrendsten Ausdrücken hervor. Namentlich gedenkt er der Verdienste, die sich der Cardinal durch die Gründung der Universität Dillingen weit über die Grenzen seines Bisthums hinaus erworben hat. Daß an Otto nicht alles vollkommen war, wer wollte das bestrickten? Gleichwohl war er ein bedeutender Mann. Dieses Lob kann ihm die Nachwelt so wenig verweigern, als es ihm die Mitwelt in den edelsten Männern vorenthalten hat. Darum dürfte auch von ihm das Wort des Dichters gelten: „Wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten." Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) lieber die sonstigen Gebäude der Stadt ist vom geschichtlichen oder künstlerischen Standpunkte aus wenig zu sagen, denn sie bieten nicht viel Hervorragendes. Wo sich die Architektur über das Niveau nüchterner Einfachheit und Schmucklosigkeit erhebt, zeigt sie an Kirchen wie an Privathäusern, namentlich an den zahlreichen Häusern und Palästen der ehemaligen Würdenträger des bischöflichen Hofes, den Stempel der Spätrenaissance oder des Barock, der für die weltlichen und geistlichen Residenzen Süddeutschlands ein kennzeichnendes Merkmal bildet. Am besten hat mir noch der im französischen Seignenrialstil des vorigen Jahrhunderts gebaute Pfarrhof gefallen, wenngleich die Phhsiognomie eines Herrschastsschlosses für den Sitz des Scelenhirten nicht paßt und die würdigen Pfarr- herren bitterlich über die Kostspieligkeit ihrer Wohnung Nagen. Die Pfarrkirche zu St. Peter stammt in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts und ist ein einfacher, freundlicher Bau; ihr gothischer Thurm hat sich einen achteckigen Aufbau mit wälscher Kuppel gefallen lassen müssen. Die ehemalige Jesuiten-, jetzt Studicnkirche ist ein großer, schöner Ban mit reicher Zier an Deckengemälden, Stnkko und Goldglanz im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts. Zu nennen sind ferner: das Hospital, welches vom Grafen Hartmann IV. und seinem Sohne Hartmann V., dem Bischöfe von Augsburg, 1257 gestiftet wurde und im Laufe der Zeiten ein beträchtliches Vermögen erwarb; das Kapuzinerkloster, das nach der Säkularisation 1803 zum Central-Kloster für die übrigen aufgelösten Kapuziner- Convente aus Schwaben und Bayern bestimmt worden war; das Frauenkloster von der dritten Regel des heil. Franziskus, genannt das „große" Kloster, welches seine Stiftung ebenfalls auf die Grafen Hartmann IV. und V. zurückführt und von welchem aus eine ganze Reihe von Filial-Klöstern und Klösterlein in Süddeutschland gegründet wurde, sämmtliche für Unterricht und Erziehung. Von Frauen des Ordens wird auch die in vorzüglichem Rufe stehende, von Lyccalprofessor Loh. Ev. Wagner gegründete Lehr- und Erziehungsanstalt, sowie die Kreis- erziehungsanstalt für taubstumme Mädchen geleitet. In einem stattlichen Renaissancebaue hat das kgl. Lyceum, die Bildungsanstalt für die jungen Priester der Diöcese Augsburg, seinen Sitz. Dasselbe ist der Nachfolger einer Hochschule, die sich Jahrhunderte hindurch seines hohen Ansehens erstellte und zu wiederholten Malen «ine beträchtliche Blüthe erreichte. Ihre Wiege stand im ^Benediktinerstifte Ottobeuren, wo Abt Leonhard Wider Mann 1543 eine öffentliche Lehranstalt für morgenländische ^Sprachen und mit Unterstützung des Fürstabtes von Kempten ^tllü> der Aebte der schwäbischen Benediktinerklöster Ochsen- -Hausen, Zwiefalten, Weingarten, Elchingen, Donauwörth, Wiblingen eine förmliche Akademie errichtete, deren Studten- plan nicht nur die niederen Vorbereitungsklassen, sondern auch die höheren Wissenschaften und Künste, Naturkunde m»d die gesammte Theologie umfaßte. Bet der Ungunst ^» Zeit en Konnte sich diese Ans talt nu r 2'/» Jahre in Ottobeuren halten, wanderte dann 1545 nach Elchingen aus, mußte sich jedoch 1*/z Jahre später in Folge des schmalkaldischen Krieges und der Einäscherung der Klostergebäude auflösen. Glücklicher Weise erstand sie bald s wieder in größerem Maßstabe, indem der Cardinalbischof .Otto das Gymnasium des Stiftes Elchingen 1549 nach ' Dillingen verlegte und hier noch ein geistliches Seminar, das Collegium des hl. Hieronymus, gründete, das Papst Julius III. durch einen jährlichen Beitrag von 2250 Dukaten unterstützte; die übrigen Fonds wurden durch den Cardinal und aus den Einkünften einiger verödeter Klöster beschafft. Auf Bitten des Kardinals erhob der Papst die Anstalt zur Universität; aber kaum war die betreffende päpstliche Bulle eingetroffen (1552), als der Ueberfall des Kurfürsten Moriz von Sachsen eine bedenkliche Störung herbeiführte. Lehrer und Schüler flüchteten sich nach Jngolstadt und Landshut und von da nach Salzburg und Friesach. Erst 1554 konnte, nachdem auch die kaiserliche Bestätigung der päpstlichen Privilegien erfolgt war, die feierliche Eröffnung der Universität stattfinden, wobei aber innerhalb derselben das Collegium des heil. Hieronymus als eigentliches Seminar fortbestehen blieb. 1657 ließ der Cardinal ein neues Univerfitäisgebäude mit Aula erbauen, eben das heutige Lyceum. Da der häufige Wechsel der Lehrer dem Unterrichte nicht förderlich war, berief er die Jesuiten, welche trotz des kurzen Bestehens ihres Ordens bereits einen ganz außerordentlichen Aufschwung genommen hatten. Im Herbste 1563 traf der berühmte Ordcnsprovinzial Peter Canisius mit 20 Patres ein, und im August 1564 wurde die Universität und das Collegium des heil. Hieronymus den Jesuiten förmlich übergeben. Rasch mehrte sich der Zudrang von Studenten, deren Zahl sich durchschnittlich auf 4 — 600 belief, und mit Vorliebe schickten der Adel und die Klöster Oberdeutschlauds ihre Söhne und Novizen in das Col- legium, das den Namen Convict nach dem Zusammenleben der weltlichen und geistlichen Zöglinge erhielt. Zum Unterhalte von 25 Alumnen überwies Papst Gregor XIII. monatlich 100 Goldscudi. Es gab somit Fluwvi xou- tikoii und tzxisvvxalW, dann Oonviotoras röliZiosi und saecularas; die vom Collegium unterstützten armen Stadtstudenten aber hießen kauxeres 8. Ilierovxmj oder OUarn. Durch den Tod des Kardinals (1573) wäre der Bestand der Universität fast in Frage gestellt gewesen, wenn nicht seine Nachfolger ihr ebenfalls reichliche Unterstützung gewährt hätten. Unter ihnen darf Heinrich V. von Kuöringen (1598 — 1646) als ihr zweiter Gründer betrachtet werden. Dieser, einer der größten Staatsund Finanzmänner aus dem Stuhle des hl. Ulrich, vermochte den Widerstand zu brechen, welchen das Domcapitel bisher theils offen, theils latent gegen die Ueber- gabe der Universität und ihre Leitung durch die Söhne des hl. Jgnatius Loyola geleistet hatte, indem er dasselbe vermochte, die vom Cardinal Otto gemachten Schenkungen zu bestätigen, den weiteren Bestand der Anstalten zu gewährleisten und die gesammte Leitung nebst der Besetzung der Lehrstühle vollkommen den Jesuiten zu überlassen. Damals erreichte die Universität ihren blühendsten Stand. Sie zählte zwischen 6—700 Studenten, das Convict des hl. Hieronymus 120—150 Zöglinge, und die Hochschule zu Dillingcn war neben der Jngolstädter Universität das süddeutsche Hauptbollwerk des katholischen Glaubens gegen den Protestantismus. 377 War ihr Lehrplan zwar hauptsächlich auf das Studium der Theologie zugeschnitten, so wurde er doch noch durch Errichtung von zwei Lehrkanzeln für Rechtswissenschaft erweitert (1625 und 1629), als bereits die Flammen des dreißigjährigen Krieges loderten. Bald griffen diese auch nach Süddeutschland herüber, und die Universität hatte darunter ebenso zu leiden wie Stadt und Land. Die Jesuiten geriethen mehrmals in Gefangenschaft und wurden wegen eines angeblichen Schatzes von einer Million hart bedrängt, bis sich die Schweden mit einer Brandschatzung von 1600 spanischen Dukaten begnügten, für die ein protestantischer Bürger Augsburgs Bürgschaft leistete. Nachdem die Zeiten ruhiger geworden, bestand die Universität noch anderthalb Jahrhunderte, ohne jedoch die frühere Bedeutung wieder erreichen zu können, bis sie nach Aushebung des Jesuitenordens unter der unmittelbaren Aussicht des Domcapitels dem Weltklerus übergeben wurde, eine Vermehrung der Lehrkräfte (es wirkten an ihr u. a. Sailer, Weber, Zimmer) und einen erneuten Aufschwung erfuhr. Lange dauerte derselbe allerdings nicht, weil nach der Besitznahme des Bisthums Augsburg durch Bayern die Universität 1803 in das heute noch bestehende Lyceum umgewandelt wurde. Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Stadt werfen, so sehen wir, daß dieselbe auf das innigste mit dem Herrschaftssitze, mit Burg und Schloß verwoben und verknüpft ist. Sie entstand aus den Ansiedlungen der kleinen Leute, welche ihre Interessen vor den Mauerring der Burg führten, in der nämlichen Weise, wofür wir Beispiele aus den ältesten Zeiten und aus den modernen Tagen besitzen: die bürgerlichen Niederlassungen (eurmlme) vor den Thoren der römischen Castelle und die Stadtviertel der Umgebung der Kasernen. Wie sich in diesen all' der kunterbunte Troß und die mannigfachen Anhängsel, die sich nun einmal von der Truppe nicht trennen lassen, sammelt und wohnhaft macht, so zogen auch in der Periode des Ritterthums die Bedürfnisse eines dynastischen Hofhalts und seines Gefolges Weiber und Kinder, Händler, Handwerker und Wirthe herbei, und aus deren Hütten und Baracken erwuchs die heutige Stadt. Sie mag bereits beim Ausgange der Grafen einen beträchtlichen Umfang erreicht haben, wie die bereits geschilderten ältesten Ringmauern beweisen; später dehnte sie sich selbstverständlich noch weiter aus, als die Bischöfe hier ihren Aufenthalt nahmen. Anfänglich theilten sie ihn noch zwischen ihrer alten Pfalz zu Augsburg und dem jetzigen Schlosse. Doch als die Zustände in der immer blühender und mächtiger sich entwickelnden Reichsstadt für die Bischöfe mehr und mehr unbehaglich sich gestalteten, weil das Selbstgefühl der aufstrebenden Bürgerschaft sich mit den Ansprüchen der geistlichen Fürsten nicht vertrug und sich in Augsburg dieselben Erscheinungen wiederholten, wie in anderen Städten, über welche die dort wohnenden Bischöfe nicht als Landesherren geboten, als die Zerwürfnisse in den Feindseligkeiten der Stadt gegen den Bischof Anselm von Nenniugen im 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten, als im folgenden Säculum die Religionskämpfe begannen und schließlich die Reichsstadt sich völlig der Reformation zuwandte, da zogen die Bischöfe vor, die Stadt Augsburg möglichst zu meiden, und verlegten ihre ständige Residenz in das Schloß an der Donau. (Schluß folgt.) Mittelalterlicher Bnrgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Fortsetzung.) In dem erwähnten Streite, der übrigens jetzt so ziemlich mit der Niederlage der „Romanisten"") geendet hat, dürfte es neben der bereits besprochenen allgemeinen Anlage sich hauptsächlich um drei Punkte handeln, die bei genauerer Betrachtung manchen Aufschluß zu geben vermögen: das ist der Zweck, die Oertlichkeit und die Manertechnik. Beginnen wir mit dem Zwecke: Die Castelle in Deutschland, speciell im Dekumatenlande, sind weitaus zum größten Theile Grenzcastelle und meist in unmittelbarer Nähe des Limes. Sie und alle übrigen römischen Anlagen hatten also zunächst den Zweck, die kleineren Feldwachen ") sowie die Thurmwächtcr an der Grenze auszustellen und abzulösen, den Verkehr zu regeln, v. Cohausen geht sogar soweit, daß er sie nur „Zollerhebungsstellcn" nennt. Ich für meine Person möchte in ihnen vielfach den Typus einfacher Garnisonen erblicken, die darauf eingerichtet waren, den Truppen Wohnung und Unterkunft zu bieten, zugleich aber auch vor einer plötzlichen Neber- rumplung hinlänglichen Schutz gewährten. Anders mußte der Zweck der Ritterburg sein. Sie konnte zwar auch in vereinzelten Fällen die Aufgabe haben, eine Stelle zu überwachen, aber ihre Hauptbestimmung ist nach Piper: „der mittelalterliche befestigte Einzelwohnsitz eines Grundherrn." ") Der Burgherr ist auf sich selbst angewiesen, mit einem kleinen Häuflein seiner Knechte muß er zusehen, toie er sich halten kann gegen die wilden Schwärme der Ungarn, gegen seine Nachbarn, ja, wenn ihn die Ritter- tugenden nicht gerade sonderlich schmücken, sogar gegen seinen Landesherrn und später besonders gegen die Städter. Bei den römischen Schntzbauten findet sich wenig Analoges. Die letzteren ordnen sich alle zusammen zu einem wohl organisirten Ganzen. Kein Theil ist auf sich allein angewiesen. Die Posten auf den Thürmen signalisiren in kurzer Zeit eine weite Linie, das bedrohte Castell kann sicher auf den Beistand seiner Nachbarn rechnen, das Defensiv - Verhältniß braucht bei den römischen Bauten schon aus diesem Grunde nicht so sehr betont zn sein, der Römer hat keine hohen Schildmancrn» Bastionen oder Berchfrite nöthig, hinter denen er sich verstecken könnte. Ein Graben mit einer dahinter liegenden mäßigen Mauer genügte, um den ersten Anprall des Feindes zu hemmen, dann bildeten die römischen Soldaten hinter der Brustwehr die beste lebendige Mauer. Der Zweck der Ritterburg, eine Blokade lauge auszuhalten und womöglich zu überstehen, bedingte noch eine Anlage, welche sich mit der römischen Castraksorm in unseren Gegenden gar nicht vereinbaren läßt. Es ist dies die Einrichtung, welche es dem Vertheidiger ermöglicht, daß er sich im Laufe der Belagerung auf immer engere, kleinere, aber um so festere Punkte ") Bezeichnung Pipers für die Monc-Krieg'sche Schule: ") S. Nr. 43 dieses Blattes. ") v. Cohausen: Der röm. Grcnzwalt S. 348. ") Piper: Bmgenkunde S. 3. 378 zurückziehen kann, während er dem Feinde die Außcn- wcrke nach und nach überläßt. Das sehen wir vor allem in den Vorburgen und Zwingern beabsichtigt. Cohausen") hält zwar den Zwinger für ein vorbereitetes Kampffeld, welches den Vortheil gewährte, „dem dort schon eingedrungenen Angreifer mit bewaffneter Hand in die Flanken zu fallen". Dieser doch etwas zn idealen Ansicht gegenüber bemerkt Piper mit Recht: „In der Regel werden doch die Vertheidiger vorgezogen haben, von gesichertem höheren Standorte aus die Eingedrungenen mit Schuß und Wurf zu bekämpfen, anstatt selbst in den engen Zwinger zu einem Kampfe mit bewaffneter Hand hinabzusteigen." In einem etwas ähnlichen Sinn spricht sich auch Essenwein aus, wenn er als „Hauptzweck dieser Anlage (den Umstand) erachtet, daß der Belagerer nicht so leicht mit Sturmb'öcken oder Nollthürmen an die eigentliche Mauer gelangen konnte, sondern schon an der niedrigeren äußeren Mauer Halt machen mußte". Der Umstand, daß die „Hintere" oder „Hauptmauer höher" war, hatte noch den weiteren Vortheil, „daß den herannahenden Feind zwei Reihen Bogenschützen hinter- und übereinander empfangen konnten".^ Nach dem Falle dieser Vorwerke war jedoch die eigentliche Hauptburg selbst noch gegliedert. War einmal die Ringmauer mit ihrem Wehrgange erstiegen, so bildete oft der „wehrhafte Palas" ein sicheres rakuginm, und wenn die Noth am höchsten stieg, so war endlich der mächtige, hohe Berchfrit noch da, welcher nach Wegnahme der Leiter zu seinem hochgelegenen Eingänge oder nach Abbruch des leichten Steges, der ihn mit dem Palas verband, geradezu unüberwindlich war. Ja, die einzelnen Stockwerke, welche gewöhnlich durch starke Gewölbe getrennt waren, konnten wiederum einzeln vertheidigt werden. Der Zweck einer successiv sich enger schließenden und zurückweichenden Vertheidigung war dein römischen Lager absolut fremd. Trotzdem haben es die Romanisten versucht, auch den Castellen einen sogen, „inneren Abschnitt" beizulegen und wehrhafte Gebäude innerhalb derselben nachzuweisen. Schon Vegetius") soll nach Krieg und seinen Anhängern diesen „inneren Abschnitt" als praktisch befürwortet und empfohlen haben, was jedoch nur auf einer falschen Interpretation dieses Schriftstellers beruht; denn da, wo Vegetius die Belagerten darauf hinweist, wenn der Feind bereits eingedrungen sei, die stärkeren und höheren Orte, Gebäude und Thürme besetzt zu halten, von da aus den Angreifer mit Geschossen zu überschütten und ihm einen sehr gefährlichen Straßenkampf zu liefern, ist jedenfalls eine größere Anlage, eine Stadt gemeint; dafür sprechen ja ganz deutlich die Ausdrücke: „hui in- vasarint oivitatam" und „ox>xickg.ni". Die Beispiele, welche man trotzdem für die Gegenansicht zn erbringen suchte, gründen sich meist auf dem Irrthume, daß man einen mittelalterlichen Bau für römisch hält oder auf wirklich römischen Fundamenten eine natürlich nie dagewesene Anlage reconstruiren will. So findet sich die bekannte Feste Steinsberg in Baden noch jetzt in vielen Kunstgeschichten als Typus ") v. Cohausen: Alterthümer im Rheinland S. 89. '°) Piper: Burgenkunde S. 12. ") Handbuch der Architektur: II. Theil 4. Band. v. Essenwein, 1. Heft S. 192. Vegetius 4,25. einer „Ritterburg römischen Ursprunges" abgebildet, und den Glauben, daß ihr Berchfrit sowie das eigenartige polygonale, doppelt und dreifach angelegte Zwingerwerk auf die Römer zurückzuführen sei, konnte man immer noch nicht ganz aus der Welt schaffen, obwohl schon Dekan Wilhelm: und der Engländer James Aales bereits vor vierzig Jahren davon überzeugt waren, daß die Burg ein Werk des Mittelalters sei.") Von Thürmen oder anderen Bollwerken, welche nach Krieg und Monc") „frei in der Mitte" eines Lagers standen, hat man bis jetzt noch keine Spur entdecken können. So wird z. B. der viereckige, aus der Rückseite des Saalburg-Prätoriums hervorspringende Bau, welchen man noch heute als „Thurm" deutet, viel richtiger durch Cohausen als vornehmster Theil des römischen Hauses, als VS0U3 bezeichnet, 2') indem ja überhaupt die ganze Anlage des Prätoriums nach den Worten v. Cohausens „dem normalen römischen Hause, wie wir es namentlich im Hause des Pausa in Pompeji dargestellt finden, selbst in den Maßen gleicht.") Der total verschiedene Zweck der Castralanlage und die Unmöglichkeit ihrer Verquickuug mit der alten Burg zeigt sich endlich in den beiden Seiteuthoreu des Castells, welche doch offenbar der Besatzung dienten, im geeigneten Momente einen Ausfall zu machen und den Feind aus dem Felde zu schlagen, denn „darin, sagt mit Recht Marggraff, gipfelt die römische Verthcidigungstaktik".") Wenn man auch heutzutage nicht mehr so leicht eine ganze Bnrg auf römischer Grundlage entstanden sehen will, so muß doch vielfach wenigstens der Berchfrit noch römisch sein. Er ist, wenn alles andere nichts mehr hilft, eine „alte römische Warte", die mit so und so viel anderen corrcsponditte. Wir haben besonders in Süddeutschland eine Menge von Beispielen am Nheine, im Odenwald, am Maine, am Neckar und an der Altmühl. Dem Besucher von Nassenfels, Altmannstein, Arnsberg, Kipfenberg, Hirschberg u. s. w. verkünden noch heute in Stein gehauene Inschriften, daß diese Thürme „wahrscheinlich aus dem 2. Jahrhundert nach Christus stammen", der sonst geistreiche und vortreffliche Führer durch die „Altmühlalp" von Kugler läßt fast von jeder Burg und Höhe einen solchen „unverwüstlichen" Nömerbau mit stolzer Majestät und Würde in das Thal blicken und macht sich geradezu lustig über „einen Engländer", der vor einigen Jahren behauptet habe, diese Thürme seien erst im Anfange des Mittelalters errichtet worden. Es ist hier jedenfalls James Aates gemeint, der wohl zuerst (bereits im Jahre 1857) mit echt britischer Kaltblütigkeit seinen Gegnern das Wort an den Kopf zu schleudern wagte, er für seine Person halte „eher eine chinesische Pagode für römisch, als einen solchen Thurm".^) Die Anlage und Gestalt dieser Bauwerke, ebenso im Gegensatz dazu die der notorisch römischen Wartthürme haben wir bereits oben kennen gelernt. Ohne allen Zweifel haben auch die Römer Warten angelegt, und ") Nach den neuesten Untersuchungen fällt die Bauzeit des ältesten Theiles etwa in das Ende des 12. oder den Anfang des 13. Jahrhunderts. 20 ) Mone: „Urgesch. des badischen Landes" S. 188. ") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 112. ") v. Cohausen: „Röm. Grenzwall" S. 342. '°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Germanien." ") Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins für Schwaben und Neubnrg. Jahrg. XXm. 379 zwar nicht nur am Limes, sondern auch an den Straßen .und in der Richtung gegen das Innere der Provinz zu. Aber dies waren doch offenbar keine solchen Bollwerke wie unsere Berchfrite. Die Wächter waren ja hinlänglich gedeckt durch die großen Lager mit den Grenztruppen, welche sich alle noch vor ihnen befanden, und wichen einmal diese Cohorten zurück, so wäre es sicherlich Thorheit gewesen, wenn die einzelnen Wächter in ihren Thürmen noch hätten Widerstand leisten wollen. (Fortsetzung folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Währnngsfrage. Von Dr. Schw. (Schluß.) Wenn der Preis einer Waare sich ändert, so weiß man nicht, ob der Grund dieser Veränderung auf Seiten des Geldes oder der Waare oder beider zugleich liegt. Wenn wir jedoch die Beobachtung machen, daß eine große Anzahl von Waaren oder alle die wichtigsten Waaren ungefähr nach der gleichen Richtung und im gleichen Maße ihren Preis verändern, so werden wir berechtigt sein, anzunehmen, daß der Werth des Geldes sich geändert habe, wenn wir nicht beobachten, daß eine die Produktionsbedingungen aller in Betracht gezogenen Waaren beeinflussende Thatsache vorhanden ist, wenn wir auf Seite der Waaren keine Aenderung im Angebot und den übrigen preisbestimmenden Faktoren zn erkennen vermögen. Umgekehrt werden wir zur Erklärung der Preisänderung keineswegs die Geldwerthänderungen dann heranziehen, wenn wir auf Seiten der Waaren und deren Produktionsbedingungen so wichtige Veränderungen wahrnehmen, welche uns die Preisverschiebnng erklärlich machen. Ein Rückschluß auf den Geldwerth ist also nur dann gestattet, wenn die Preisbewegung eine ganz allgemeine und gleichmäßige ist und allenfallsige Ausnahmen und Abweichungen wieder in specifischen Ursachen ihre Erklärung finden. Insbesondere muß auch der Preis der Arbeit, der Nutzung der Arbeitskraft, also der Arbeitslohn mit in die Beobachtung eingezogen werden. Auch die Arbeitskraft ist nach unserer heutigen Wirthschaftsorganisation eine Waare, weßhalb die eben gemachten Ausführungen auch für sie Geltung besitzen. Allein sie hat ihre besondern Eigenthümlichkeiten, die eine getrennte Behandlung rechtfertigen. Die Arbeitslöhne haben nämlich eine gewisse Beharrungstendenz; sie bleiben oft noch eine Zeit lang auf der gleichen Höhe, wenn schon die weitgehendsten Veränderungen in den Produktionsbedingungen eines Zweiges oder des ganzen Erwerbslebens eingetreten sind. Macht nun der Arbeitslohn die Bewegung der Waaren- preise, wenn auch sozusagen in einem gewissen Abstand, mit, so kann ein Schluß auf den Geldwerth gemacht werden, während ein solcher Schluß ohne weiteres ungerechtfertigt erscheint, wenn der Arbeitslohn die Bewegung nicht mitmacht oder gar in einer andern Richtung sich bewegt. Um Beobachtungen anzustellen, hat man eine Reihe der wichtigsten Waaren ausgewählt, deren Preis in einem gegebenen Zeitpunkte gleich 100 gesetzt und darnach die Veränderungen berechnet. Auf diese Weise ist man zu sogen. Indexziffern gekommen, welche für die Frage der Geldwerthveränderungen immerhin eine große Bedeutung besitzen, hier aber nicht weiter in Betracht gezogen werden können. Das größte Ansehen haben die sogen. Sanerbeck'schen Ziffern, ferner die Soetbeer'schen Zahlen und insbesondere die Indexziffern der englischen Wochenschrift „blocmoinist? erlangt. Die dritte Erkenntnißguelle für die Geldwerth- veränderungen bilden die Discontobewcgnngcn. Auch beim Gelde wird der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Da nun sozusagen beim Kaufe einer Geldsumme (Aufnahme eines Darlehens, Wechseldiscontirnng ic.) zunächst den Leistnngsgegenstand auf beiden Vertragsseiten die gleiche Geldsumme bildet, tritt der Werth des Geldes insbesondere in der Höhe des Zinsfußes, des Discont- satzes in die Erscheinung. Die Wechseldiscontirnng insbesondere ist eine der vor- nehmlichsten Thätigkeiten der Banken. Diese haben überhaupt den Verkehr mit dem nöthigen Gelde zu speisen. Tritt ein Geldmangel ein, steigt also die Nachfrage nach Geld, so toird die Bank, um den nöthigen Baarvorrath zur Deckung der Noten zu bewahren, die Discontirnng von Wechseln durch Erhöhung des Discontsatzes erschweren. So zeigt also auch das Steigen und Fallen des Discontsatzes ein Steigen und Fallen des Geld- werthes an. Gerade die Frage der Geldwerthänderung spielt im Währungsstreite eine besondere Rolle. Mit Rücksicht hierauf und insbesondere auch mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung dieser Aenderung auf das ganze Wirthschaftsleben halten wir es für unerläßlich, noch kurz die Wirkungen der Geldwerthverändernng, sowohl der Gcldent- werthung wie der Geldwerthsteigernng, kennen zn lerne». Beide sind in gleicher Weise von den unseligsten Wirkungen. Durch die Geldentwerthung erfahren alle diejenigen Personen, welche gleichmäßige, auf längere Zeit im vorhinein festgesetzte Bezüge genießen, erheblichen Nachtheil. Die Gehälter und Pensionen verlieren an Werth, der Werth aller Forderungen sinkt, insbesondere auch der Arbeitslohn, der sich nur langsam den geänderten Verhältnissen anpaßt. Die Lebenshaltung der arbeitenden Klasse muß dadurch gedrückt werden. Die Waarcnpreise steigen, der Werth der eingekauften Rohstoffe wächst während der Verarbeitung, der Unternehmergewinn steigt, jedoch zum großen Theile auf Kosten des Arbeitslohnes. Geldentwerthung ist immer zugleich die Folge von Geld- überfluß. Darnach sucht das Geld gierig nach Anlage, die sicheren Papiere steigen, der Zinsertrag schwindet; man sucht Ergänzung für den Ausfall in unsichern Werthen, welche einen höhern Zinsfuß versprechen. Es wird durch diese Nachfrage nach Anlage ein scheinbarer Aufschwung erzielt, es erfolgen Nengründungen, Ucber- produktion, und schließlich platzt die Blase. Das Jahr 1873 bietet uns ein treffliches, wenn auch trauriges Beispiel. In entgegengesetzter Richtung bewegen sich die Wirkungen der Geldwerthverthenernng; sie sind aber um nichts erfreulicher. Die Schulden werden drückender; denn der Schuldner muß in theurerem Gelde das heimbezahlen, was er in billigerem Gelde erhalten hat. Die festen Bezüge gewinnen an Werth. Die Waarcnpreise sinken; der Unternehmergewinn wird vermindert. Der Arbeitslohn bleibt noch eine Zeit lang derselbe. Er repräscntirt bei gleicher Summe einen höhern Werth. Wir haben einen allmähligcn allgemeinen wirthschaftlichcn Niedergang, dessen Endergebniß im ganzen dasselbe ist, wie das der Geld- entwcrthung. Diese unerfreulichen Folgen lassen es neuerdings als wichtiges Postulat erscheinen, daß der Geldstoff ein 380 Stoff von möglichster Constauz des Werthes sein soll. Wenn auch vorübergehende Aenderungen des Werthes des Währungsmetalls auch nnr von vorübergehender Bedeutung sind, so bringen sie doch mehr oder weniger erhebliche Störunge u hervor, die wenn möglich vermieden werden müssen. Damit erwächst für die Währungspolitik die wichtige Aufgabe, Aenderungen des Geldwerthes mit allen Mitteln zu verhindern oder wenigstens auf ein Minimum zu reduciren. Diese Ausführungen, wie sie im Vorstehenden gemacht wurden, mögen genügen, um in die brennendsten Punkte der Währuugsfrage einigen Einblick zu bekommen. Sie werden nicht hinreichen, ein volles Verständniß der Frage zu ermöglichen, insbesondere deßhalb nicht, weil zum eigentlichen Währungsstreite nicht Stellung genommen werden wollte. Immerhin aber sind die Gesichtspunkte betont, auf welche es hauptsächlich ankommt und über welche man sich deßhalb vor allem Klarheit verschaffen muß. Insbesondere soll nochmals auf die Bedeutung der Valutaschwankungcn und der Geldwerthveränderung hingewiesen werden. Gerade von der letzter» hängt wesentlich die Stellungnahme zur ganzen Frage ab. Während die Goldwährnngsauhängcr davon ausgehen, daß das Gold im wesentlichen seinen Werth unverändert erhalten habe und das Silber im Preise gesunken sei, suchen die Gegner unseres Währnngssystems darzuthun, daß nicht eine Silber- entwerthung, sondern eine Goldvertheuerung eingetreten sei, welche für eine Reihe bestehender wirthschaftlicher Mtßstände verantwortlich zu machen sei. Ob das eine oder das andere zutrifft, mag hier unentschieden bleiben. Wenn die vorstehenden Zeilen Einiges zum Verständniß der allgemeinen Fragen beigetragen, insbesondere das Interesse für die Währungsfrage in diesem oder jenem vielleicht neu geweckt oder angeregt haben, so ist der beabsichtigte Zweck vollkommen erreicht. Ein tieferes Eindringen in die Frage selbst hängt von einem auf den allgemeinen Voraussetzungen, wie sie hier gegeben werden sollten, fußenden tieferen Studium ab, wozu htemit ein neuer Impuls gegeben sein möchte. Recensionen und Notizen. I. Krieg, Zacharias Werner. Episches Gedicht. '^N^rkorn'sche Buchhandlung, Fulda. 1897. Brosch.' ; Vor 'etwa Jahresfrist ist des Verfassers „Ratis- bonne" erschienen, dem in einer stattlichen Reihe von Recensionen reichliches Lob gespendet wurde. Dadurch mochte er sich ermuthigt fühlen, mit einem neuen poetischen Geistesprodukt vor die Oeffentlichkeit zu treten. Er hat sich dieses Mal als Vorwurf die Bekehrnngsgeschichte des Zacharias Werner gewählt, damit aber eine Ausgabe übernommen, welche der Schwierigkeiten manche bot. Schwer war es, das Vorleben des Helden mit geschichtlicher Treue zu schildern und der sittlichen Mangel desselben zu gedenken, ohne das Gemüth des katholischen Volkes, in welchem der Verfasser zunächst seine Leser sucht, das er zu belehren, zu erbauen und zu unterhalten sucht, irgendwie zu verletzen. Schwer war es. die nicht immer wohl genießbaren geistigen Erzeugnisse Werners durchzuarbeiten und ihren zuchalt ui die Darstellung zu verweben. Beides dürfte ihm recht wohl gelungen sein. Noch mehr als bei „Ratis- bonne" Nr? Dichter es hier vermocht, ein Werk zu schallen, bis zuletzt den Leser in Spannung hält. Das Wert bedienet Werner von der Freimaurerloge zu Königsberg nach Warschau, dann an das Sterbebett der Mutter, weiter auf seinen Irrfahrten nach Berlin, Köln, Frank- lurt und Weimar (zu Goethe), dann nach der Schweiz und nach Italien. Wir lernen den Inhalt der Werke des unstat umherirrenden Mannes kennen, der schließlich in Rom durch seine Bekehrung zum Katholicismus die überall vergebens gesuchte Herzensruhe findet. Nun strebt er einem höheren Ziele entgegen. Zu Rom macht er seine theologischen Studien, in Äschasseuburg vollendet er seine Ausbildung für den geistlichen Stand und wird von Dalberg in die Reihen der Priester aufgenommen. Jetzt beginnt er zu Wien gemeinsam mit ?- Hoffbaur ein seeleneifriges Wirken. Sein Plan, in den Nedemptoristen-Orden einzutreten, scheitert an seiner schwachen Gesundheit. Verfolgt und angefeindet von seinen ehemaligen Freunden, nachdem er gesühnt, was er gefehlt, stirbt er. — Indessen ist es dem Teufel gelungen, sich einen Ersah zu verschaffen. Ein ungläubiger Priester, Raphael Bock, mit dem Werner zu Königsberg befreundet geworden ivar, fällt in die Schlingen der Sinnlichkeit, und von Gewissensqualen gefoltert. setzt er selbst seinem Leben ein Ende. dkors zusti — Llors pooeatoris: mit diesen ergreifenden Gesängen schließt das Gedicht. — Wir hoffen und wünschen, baß die edle Absicht des Verfassers, dem katholischen Volke zu nützen, dadurch verwirklicht wird, daß recht viele sich m den Besitz des Werkes setzen und dasselbe lesen. Reiß C., Die Naturheilmethode bei Magen» und Darmkrankheiten. 8", 71 SS. Berlin, Steinitz, 1897. (II.) M. 1,00. Das vorliegende Buch über die Natur-Heilmethode bei Verdauungsstörungen war ein zeitgemäßes und hat eine Lücke in der populär-medizinischen Literatur ausgefüllt. Die neue Auflage weist wesentliche Ergänzungen und Bereicherungen aus. Sie gibt ein abgeschlossenes Bild der hierher gehörigen Erkrankungsformen und schildert auf das eingehendste und genaueste die Technik, die Wirkungsweise und die Erfolge aller derjenigen Maßnahmen, welche bei der Naturheilbehandlung der Magen- und Darmkrankheiten in Betracht kommen. Dabei ist das Blich auf jeder Seite gemeinverständlich im vollen Sinne des Wortes; die Darstellung ist lichtvoll und klar. der Stil gut lesbar. Allen Leidenden, die mit Verdauungsstörungen behaftet sind, allen denen, die Hilfe, Rath und Belehrung suchen, kann das Buch mit gutem Gewissen empfohlen werden. _ Schmid Andr., Oasremonmle für Priester, Leviten und Ministranten zu den gewöhnlichen liturgischen Diensten. 8°, XVI -st 560 SS. mit 60 Figuren. Kempten, I. Kösel, 1897. (II.) M. 3,00. A. Der Hauptvorzug dieses Buches, das erst vor Jahresfrist zum ersten Mal erschien und unzweifelhaft noch viele Auflagen erleben wird. besteht darin, daß es. ohne an wissenschaftlicher, quellenmäßiger Genauigkeit etwas vermissen zu lassen, überaus praktisch ist und den mit dem Gegenstand ganz und gar vertrauten Kenner auf jeder Seite verräth. Auf die Rubricistik werfen sich manche Theologiecandidaten mit besonderer Vorliebe, ja mit Uebereifer; sie finden in dem Buche reichlich Befriedigung ihrer Wißbegierde und können auch nach dem Seminar, wenn sie einmal erfahren haben, daß man „draußen" nicht viel auf dergleichen Sachen gibt, sondern die größte Willkür herrscht, nachlesen, wie die gottes- dienstlichsn Verrichtungen mit Ernst und Würde geschehen könnten. Vor allem aber dürfte ältlichen Pfarr- herren das Buch eine werthvolle Lektüre bieten. Die Ausstattung ist bei billigem Preis vorzüglich, die Abbildungen sind von kunsthistorifchem Interesse. Einzelne sprachliche Unebenheiten haben wir bemerkt. So z. B. sagt man richtig das (nicht der) Tabernakel: so schreibt man richtig nicht easrsmouia, sondern osrimoui» (vasri- movis),* ähnlich wie querimorü», alimoma, sauetimouia u. s. w. -Das Wort (von der Wz. Kar „machen" abgeleitet, wie Oeres, creo'und viele andere) heißt „Verrichtung". Vergl. Vanicek, Etym. W.-B. d. lat. Spr. (Lpz. 1881) S. 52. Tabernakel-Wacht. Monatsblätter zum Preise des allerheiligsten Altars-Sacraments. Unter Mitwirkung von Mitgliedern des eucharistischen Priester-Vereins herausgegeben von Joseph Blum, Pfarrer. 1. Jahrgang. Jährlich 12 Hefte. Preis M. 2.40. Dülmen t. W. A. laumamr'sche Buchhandlung, Verleger des hl. Apostol. Stuhles. Lerantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck». VerlagdeZLit. Instituts von Haas L Grahherr in Augsburg. tti-. 55 22. Kepi. 1897. « l Dillingen. Von Hugo Arnold. (Schluß.) Schon tn den ersten Jahrzehnten des 14 . Jahrhunderts ist die eigentliche Stadt ebenfalls von schirmenden Mauern umfangen und ist die Rede von Vorstädten; in der ersten Hälfte des nämlichen Jahrhunderts hat sie sich bedeutend nach Westen erweitert und entsteht ein neuer Stadttheil, die Neustadt, gleichfalls mit Mauern umschlossen. Unter Bischof Friedrich von Zollern wurde dann auch die Vorstadt, der östliche Stadttheil, mit einem Mauerung, Thoren und Thürmen gefestet und mit der Stadt vereint (1498). Leben und Verkehr förderten Jahrmärkte, in deren Genuß sich Dillingen bereits im Anfange des 14. Jahrhunderts befand; im Jahre 1356 errichtete Bischof Marquart mit Bewilligung des Kaisers Karl IV. in Dillingen eine Münze. Kaiser Sigmund Verlieh 1431 dem Bürgermeister und Rathe der Stadt das Recht des Halsgerichts über landschädliche Leute. Derlei Einrichtungen und Gerechtsame hoben das Gedeihen und den Wandel der Stadt. Vollends erfüllte sich das Wort „Unterm Krummstabe ist gut wohnen", als mit der Verlegung der bischöflichen Residenz hieher auch das weltliche Regiment des bekanntlich ein stattliches Fürstcnthum vorstellenden Hochstifts nach Dillingen kam, der Hofstaat und die weltlichen Behörden sich hier con- centrirten und auch der Klerus der Diöcese sich zn Synoden hier versammelte, während in Augsburg uur der Generalvikar seinen Sitz behielt, der von da aus das Bisthum in geistlichen Dingen verwaltete, in allen wichtigen Fällen die Verfügung des Bischofs einholend. Hierin trat auch keine wesentliche Aenderung ein, nachdem im vorigen Jahrhuuderie die Bischöfe wieder öfter und auf längere Zeit die Pfalz in Augsburg bezogen; Dillingeu blieb der Sitz der weltlichen Regierung und der höchsten Behörden des Hochstiftcs und bildete wegen der Universität, der Seminarien und Schulen den Brennpunkt für das geistige Leben des Bisthumssprengels. Eine völlige Umwälzung dieser Verhältnisse brachte der Ncgeusburger Reichsdeputationshauptschluß, der in Folge des Friedens von Lnucville den Kurfürsten von Pfalz-Bayern u. a. mit dem Gebiete des Fürstbisthnms Augsburg entschädigte; schon am 1. Dezember 1802 nahm der knrpfalz-bayerische Civilcommissär Gras von Lcrchenfeld Besitz von der Stadt, über die fortan wie über die seit dem Erlöschen der Hohenstaufen bereits unter Wittelsbachischem Scepter stehenden Nachbarorte im Städtckranz an der Donau Gundelfingen, Laningen, Höch- städt die weißblauen Fahnen flattern sollten. Freilich traf der Schlag hart: das Schloß hörte auf, die Residenz eines Reichsfürsten zu sein, und lag öde, aus der Universität wurde ein Lyceum, aus dem Regierungssitze eines ansehnlichen Fürstenthums eine einfache Landstadt der Provinz Schwaben; der Adel, die geistlichen und weltlichen Beamten verließen die Stadt, und an Stelle der zahlreichen dirigircnden Behörden trat ein einfaches Landgericht. Doch auch dieser Schlag wurde überwunden, wie mancher andere, unter dem in Kricgszeiteu die Stadt schwer zu leiden hatte. Ein warnendes Beispiel, welchen Schaden es bringt, sich gegen die Unbill des Krieges nicht vorsorglich zu rüsten, mußte Dillingen im Schmal- kaldcner Kriege erleben. Seine frühmittelalterliche Befestigung hatten die das Militärwesen vernachlässigenden geistlichen Fürsten nicht dem Fortschritte der Fortifikations- kunst gemäß verbessert, weßhalb es kam, daß die Stadt ihre Thore öffnen mußte, als der Feldoberst der Schmal- kaldcner, Schcrtlin von Burtenbach, am 23. Juli 1546 vor ihren Mauern erschien. Die Bürgerschaft mußte sich verpflichten, drei Monate lang nicht wider die Schmal- kaldencr zu dienen; das Eigenthum des Bischofs, darunter 10 Falkonets, eignete sich der Bund an; Stadt und Umgebung kamen unter württembergisches Sequester; ein Theil der gefangenen Knechte wurde zur Ergänzung des Stadtfähuleius nach Augsburg geschickt. Auch im 30jährigen Kriege fiel Dtlliugcn — im März 1682 — ohne Gegenwehr in die Hände der Schweden und wurde mit einer bedeutenden Brandschatzung belegt, für deren nicht rasch genug erfolgende Bezahlung vier Jesuitenpatres als Geiseln nach Augsburg geschleppt wurden. Nach der Schlacht bei Nördltngen kamen die Kroaten nach Dillingen, plünderten und raubten, ärger noch als die Schweden. In allen Kriegen der folgenden Epochen erfuhr Dilliugen durch Truppendurchznge und Einquartierungen schwere Bedrückungen, das Donauthal ist ja der natürliche Paß für alle Hecresbewegungen aus Osten nach Westen und in umgekehrter Richtung. Während des Rheinfeldzuges 1688 zog der französische Brigadier Marquis de Feuquiöres nach seinem Einbrüche in das südliche Franken brennend und brandschatzend über Nörd- liugen, Dillingcn, Lauingen vor Ulm. Während der ersten Jahre des spanischen Erbfolgekrieges wurde Dillingcn bald vom Feinde, bald vom Freunde heimgesucht. Am 9. Oktober 1702 besetzte es der kaiserliche Feldmarschalllieutenant Graf Palffy, ließ von da aus seine Husaren raubend und plündernd bis Ulm und weit nach Süden streifen, insbesondere die Verbindung zu Wasser mit Jugolstadt unterbrechen, bis der bayerische Oberst Costa nach 8 Tagen die Stadt wegnahm. Ende Juni des folgenden Jahres wurde die Stellung zwischen Lauingen und Dillingen ein Operationspunkt für die französische Armee. Der Marschall Villars bezog hier mit seinem Heere ein verschanztes Lager, das sich mit seinen Flügeln an die genannten, durch ihren Mauerring festen Städte lehnte und seinen Rücken gegen die Donau kehrte; es war in der Front durch den Zwergbach und durch starke Netranchements geschützt. Von hier aus beherrschte Villars den Strom und suchte die Kaiserlichen am Uebcrschreiten der Donau und an der Besetzung Augsburgs zu verhindern. Vor seiner Stellung traf am 3. Juli der kaiserliche Gcuerallieutcnaut (wir würden jetzt sagen „Generalissimus") Markgraf Ludwig von Baden ein und verlegte seine Armee ihr gegenüber in eine ebenfalls stark verschanzte Position auf den Höhen zwischen Haunsheim und Wittislingen. In beobachtender Haltung lagen sich beide Heere hier sieben Wochen gegenüber, wobei die Franzosen durch VerpflegSschwierigkeiten und den Ausbruch von Krankheiten schwer litten. Da der Markgraf den Angriff auf die französische Stellung für unausführbar hielt, ließ er einen Theil seiner Streit-' kräfte unter dem General Stymm bei Haunsheim stehen und marschirte mit dem Gros auf Augsburg ab, um Villars aus seiner Stellung wegzumanövriren (21. August). Am 31. August kam Kurfürst Max Emanuel und setzte seine 382 Truppen ebenfalls auf Augsburg in Bewegung, wohin ihm Villars am 2. September folgte, gegen Styrum den General d'Usson zurücklassend. Die Unternehmung der Verbündeten auf Augsburg scheiterte, dagegen führten ihre weiteren Operationen gegen Styrum zu dessen schwerer Niederlage bei Höchstädt (20. September). Das nämliche Lager bezogen Kurfürst Max Emanuel und die französische Reiterei unter Marsin im nächsten Jahre vor der Schlacht am Schellcnberge (2. Juli), wo sie sich während des Anmarsches des Prinzen Eugen und des Herzogs von Marlborough gegen den auf dein Schellen- berg isolirt stehenden General Grafen Arco in völliger Ruhe verhielten, so daß die Alliirten dort einen glänzenden Sieg errangen, worauf die Erstgenannten die Stellung bei Dillingen räumten. Das Schloß zu Dillingen selbst hielt vom September 1703 bis nach der Schelleuberger Schlacht der französische Lieutenant de Jaliguier mit einer kleinen Abtheilung besetzt. Nach der erwähnten Affaire erschien der kaiserliche Generalwachtmeister Graf Fngger mit drei Cavallerie- Regimentern vor der Stadt, ließ seine Reiter absitzen und die Stadt über eine vorgefundene Bresche stürmen, worauf sich die bayerische Besatzung in das Schloß zurückzog. Am 8. Juli verlangte sie gegen freien Abzug zu capituliren, was abgeschlagen wurde. Am 15. ergab sie sich auf energische Sturmandrohuug an den kaiserlichen Oberstlieutenant Böhme und wurde nach Nördliugen abgeführt. Hierauf wurden die Bauern der Umgebung aufgeboten, um die Verschanzungen des Lagers einzuebnen. Noch war die Rolle Dilliugens in diesem Kriege nicht zu Ende. Abermals bezogen die Bayern und die Franzosen dortselbst ein Lager auf den wohlbekannten Feldern, von wo aus sie zur zweiten Schlacht bei Höchstädt abrückten, und nach der Katastrophe (13. August 1704) flüchteten die Trümmer ihrer geschlagenen Heere eben dahin und nach Lauingen zurück. Prinz Eugen und Marlborough aber folgten auf dem Fuße nach und besetzten am nächsten Tage Dillingen, wo sie große Beute machten, namentlich an Geschütz und gefangenen Offizieren. Auch während der französischen Revolntions- und der Napoleonischen Kriege erfuhr Dillingen viel Ungemach durch Durchmärsche und Einquartierungen. Im Jahre 1796 nach der unentschiedenen Schlacht bei Neresheim überschritt ein Theil der österreichischen Armee, vor Moreau ausweichend, am 13. August bei Dillingen die Donau und zog sich auf dem rechten Ufer des Stromes nach Neuburg und Jngolstadt, um dort abermals über die Donau zu setzen und sich nach dem genialen Plane des Erzherzogs Karl auf die Armee Jourdans zu werfen, unterdessen Moreau nur zögernd folgte und erst am 19. August bei Lauingen, Dillingen und Höchstädt die Donau überschritt und dem Erzherzoge freie Hand gegen Jourdan ließ. Während Moreau durch Schwaben und Bayern bis an die Jsar vorrückte, kam es in Dillingen zu einem Aufstand gegen die dort verbliebenen Franzosen, wobei die wüthigen Dilliuger allerdings ihre Stadt und ihre Haut in große Gefahr brachten. Zum Schutze gegen die Nachzügler hatte Moreau eine Sauvegarde zurückgelassen. Am 4. September traf eine Schaar rother Husaren ein, welche einquartiert werden mußte und mit ihren Pferden in den Stall des Hospitals verwiesen wurde. Wegen der übertriebenen Anmaßungen der Franzosen entstanden mit dem Pachter, der die Oekonomiegütcr des Spitals in Verwaltung hatte, Streitigkeiten, wobei die Husaren ihre Säbel zogen, der Pächter zu einem tüchtigen Prügel griff und eine Rauferei sich entspann. Anstatt nach der Mannschaft der Sauvegarde zu rufen, zog nun ein Spitalinsasse die Sturmglocke. Es war Sonntag. Die Dillinger Bürger saßen großentheils in den Schenken und disputirtcn eifrig über die Rohheiten, Ausschweifungen und Räubereien, welche sich die Franzosen bei ihrem Durchmärsche hatten zu Schulden kommen lassen; die Gespräche und das Bier hatten die Köpfe stark erhitzt. Beim Schalle der Sturmglocke wurden die Stadtthore gesperrt, eine große Menschenmasse bewaffnete sich eiligst mit allen erdenklichen Mordinstrumenten und strömte vor dem Spitale zusammen. Einzelne Franzosen drangen durch das Gewühl. „Schlagt die Hunde todt! schlagt sie todt!" brüllten viele Stimmen aus der erregten Menge, und das Gemetzel begann, mehrere Feinde fielen unter den Streichen. Die Sauvegarde eilte herbei, an ihrer Spitze ein Rittmeister, der bisher wegen seines würdigen Betragens von den Einwohnern hoch geschätzt worden war. Vergeblich suchte er die Wüthenden zu beruhigen; er wurde vom Pferde gerissen und, ungeachtet er mit gefalteten Händen um das Leben flehte, erbarmungslos erschlagen. Gleiches Schicksal widerfuhr einem Artillerieoffizier mit grauen Haaren. Die Franzosen hatten sich in ihre Quartiere geflüchtet, und schon machte die Menge sich daran, sie in den Häusern aufzusuchen, da nahte Oberstlieutenant v. Naglovich (damals noch in bischöflich augsburgischen Diensten, gestorben als königlich bayerischer General der Infanterie und Chef des Generalquartiermeisterstabes) mit der Garnison (der Bischof war neutral geblieben), er entwaffnete die Wüthenden, nahm die Franzosen unter seinen Schutz und wurde dadurch zum Retter der Stadt. Denn nach einigen Stunden kamen einige Hundert Franzosen rachedürstend aus Wittislingen hcreingesprengt, sie forderten Genugthuung für den an ihren Kameraden begangenen Mord und wollten brennen und plündern. Mit Mühe gelang es ihren Offizieren, sie zu besänftigen und wieder aus der Stadt zu entfernen. Die Rädelsführer bei der Affaire wurden eingezogen und in Criminal- Nntersuchuug genommen. — Trotzdem der Ausbruch ver- zweifluugsvoller Wuth erklärlich ist, hätte er fast verderbliche Folgen für die Stadt nach sich aexogei , denn die Theiluehmer waren dem Kriegsrcchte verfallen, und die Franzosen hätten sicherlich blutige Rache genommen, wenn inzwischen nicht Erzherzog Karl durch die über Jourdan bei Amberg und Würzburg erfochtenen Siege auch Moreau zum Rückzüge veranlaßt hätte. Als die Armee des letzteren sich gegen die Donau zog, verließen die noch in Dillingen befindlichen Franzosen die Stadt und brannten die Brücke hinter sich ab. Dieser Umstand kam der Stadt zu statten, indem sich bald darauf 3- bis 4000 Mann der Donau näherten, aber nunmehr den Strom nicht zu passiren vermochten. Bald darauf traf die Vorhut der Kaiserlichen ein, befreite die Gefangenen aus ihren Kerkern und erlöste die bangen Dillinger von ihren Besorgnissen. Im Feldzuge des Jahres 1800, am 19. Juni, kam es bei Dillingen zu einem ernsten Zusammenstoße. Nachdem die Oesterreicher das rechte Donauufer geräumt hatten, setzten ihnen die Franzosen dahin nach. Die Generale Gyulay und Sztarray suchten dem bei Grem- heim über die Donau gegangenen rechten Flügel des französischen Heeres zwischen .Höchstädt und Dillingen entgegenzutreten, wurden aber von General Lecourbe umgangen und nntcr großen Verlusten auf Gundelfingen und über die Brenz zurückgeworfen. Starke Durchmärsche verursachten im Jahre 1805 die Operationen Napoleons zur Umzingelung des unter Feldzeugmeister Mack zwischen Memmingen und Ulm stehenden österreichischen Heeres. Die französischen Corps setzten damals vom linken auf das rechte Donauufer über, jene von Murat und Launes bei Donauwörth und Dillingen, und am 8. Oktober schlug Murat bei Wertingen den österreichischen General Auffenberg nach hartnäckigem Widerstände. Aus deni Kriegsjahre 1796 ist noch einer wenig bekannten, interessanten Episode zu gedenken. Der Erbe des französischen Thrones, der Graf von Provence, König Ludwig XVIII., irrte damals als Flüchtling umher und suchte ein sicheres Asyl auf dem Gebiete des Bischofs von Augsburg und Kurfürsten von Trier, des sächsischen Prinzen Clemens Wenzeslaus, dessen Vater ein Bruder seiner Mutter war. Er wandte sich nach Dillingen, wo es von Emigranten wimmelte und wo auch fein Bruder, der Gras von Artois (später König Karl X.), bereits weilte. Am 19. Juli traf er dort ein und stieg in dem heute noch bestehenden Gasthofe zum „Goldenen Stern" ab, ohne sich den Behörden zu erkennen zu geben. Den ganzen Nachmittag über arbeitete er. Abends 10 Uhr begab er sich mit einem Herrn seines Gefolges an das Fenster. Eine Viertelstunde stand er dort: da krachte plötzlich aus dem Hausflur eines gegenüberliegenden Hauses ein Schuß. Die Kugel traf den Prinzen dicht am Scheitel, schlug in die Mauer und siel dann ricochettirend auf den Boden. Das Gefolge eilte herbei, Diener legten dem blutüberströmten Prinzen /den ersten Verband an, die rasch gerufenen Aerzte konnten feststellen, daß nur die Schädeldecke leicht gestreift und keine Gefahr vorhanden sei. Man schob die Schuld des Attentates auf Jakobiner, welche dem Prinzen von Landau aus durch den damaligen Convent nachgeschickt worden seien; allein die sofort eingeleitete Untersuchung blieb ohne jedes Ergebniß, und das Dunkel, das über dem Thäter ruht, wurde nie gelichtet, der räthselhafte Schleier dieses Mordanschlages uie gelüftet. Unter der weisen Regierung der bayerischen Könige sind alle Wunden verharscht, alle Schäden ausgeglichen, und Dilliugen erfreut sich durch die Betriebsamkeit seiner Bürger eines soliden Wohlstandes, wenn es auch nicht mehr im Glänze einer fürstlichen Residenz prunkt. Reges Leben herrscht auf seinen saubern Straßen und Gassen, die staatlichen Gebäude, das weithin sichtbare Schloß niit seinen hochragenden Mauerfronten und Thürmen, die breite Hauptstraße, die schmucken bis zur Donaubrücke sich dehnenden Parkanlagen mit dem imposanten Denkmale zu Ehren der im großen Kriege 1870/71 Gefallenen gewähren einen freundlichen Eindruck. Und wie jeder Stadt ein besonderes Kennzeichen eignet, so schwebt über dem einstigen Bischofssitze noch der Hauch von Weihrauchduft, und die schwarzen Gewänder der zahlreichen Kleriker und Pricstercandidaten verleihen dem auf den Straßen verkehrenden Publikum einen geistlichen Anstrich; doch plötzlich schmettern helle Trompetenklänge, Rosse wiehern, Eisen klirren, wcißblaue Fähnlein wehen, die Taxis-Chevaulcgers kehren vom Uebungsritte heim — in die eintönige Koloratur des Bürger-kleides geben Schwarz und Grün, Soutane und Waffenrock den farbigen Einschlag! Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Fortsetzung.) Die römischen spsoulav und ünrgi konnten nur den Zweck des Signaldienstes haben und außerdem den Wächtern Unterkunft bieten. Der Berchfrit, wie wir ihn jetzt noch vor uns sehen, vertrat wohl auch eine Warte, sein Hauptzweck jedoch lag in der Vertheidigung. Er diente offenbar als „Reduit", welches in gefährlicher Zeit die Schätze und Kleinodien barg und im Augenblicke der höchsten Noth den letzten Zufluchtsort des Belagerten bildete. Für diese den römischen Wartthürmen jedenfalls entgegengesetzte Bestimmung spricht die ganze Anlage, wie wir sie oben gesehen haben, der mächtige Ban, der meist hoch angelegte Eingang und endlich die unleugbaren geschichtlichen Urkunden. Daß sich etwa gar ganze Truppeuabtheilimgcn hinter solchen Monopyrgien verborgen hätten, ist wegen des beschränkten Raumes und der Schwierigkeit der Vcrpro- viantiruug absolut undenkbar, würde auch völlig gegen die damalige Taktik der Römer verstoßen, welche sich nach den Worten James Uates' „lieber mittels Erhörten und Legionen vertheidigen, die zusammen marschirteu und fvchten und sich höchstens in Lagern oder Städten leicht verschanzten".^) Wären den Römern solche Thürme nöthig gewesen, so hätten sie dieselben doch ohne Zweifel am ersten in der Nähe des Limes selbst anlegen müssen, weil hier die gefährlichsten Posten waren. Aber auf der ganzen Limesstrecke finden sich überall nur die Fundamente von ver- hältnißmäßig ganz leichten Bauwerken, ähnlich wie sie die Abbildungen der Trajaussäuleu uns zeigen. Beispiele sowohl für römische als mitte'altcrliche Wartthürme, und zwar in unmittelbarster Nähe, bieten sich besonders charakteristisch im östlichen Odenwalds. Dort läuft bekanntlich von Wörth am Maine bis gegen den Neckar hin eine durch vielfache Ausgrabungen fast bis ins genaueste nachgewiesene Castcll- und Thurmlinie. Die Mauern zeigen oft wegen der Nähe der Sandstein- formation eine sonst seltene feine Technik, aber kein Thurm besaß eine besondere Stärke oder Höhe, vielleicht 8—10 in, wie sich Wohl aus den schwachen Fundamenten schließen läßt. Im Gegensatze dazu winken allenthalben aus der Nachbarschaft die mächtigen Bcrchfrite der Odcn- waldburgen, die kolossalen Thürme von Otzberg, Breu- berg, Erbach. Gewöhnlich werden von den Romanisten, wenn wir sie so nennen dürfen, außer der eigentlichen Mauertcchuik, von welcher erst später die Rede sein soll, noch zwei Hauptgründe in das Treffen geführt, um diese Thürme von den Römern abstammen zu lassen. Das ist vor allem das eigenthümliche Correspondenzverhältniß, in welchem sich die meisten Thürme unter einander befinden sollen, und das der Beweis dafür sei, daß sie einst als römische Signallinie fuugirten. Für das erste nun ist es mit diesem Correspondenzverhältniß gar nicht so ernst zu nehmen. Marggraff sagt zum Beispiel ganz treffend: „Vermerken wir alle die vermeintlichen Römerthürme innerhalb der Mischen Provinz in einer Karte, so haben Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins für Schwaben und Neuburg. Jahrg. XXIII. 384 wir keinerlei Zusammenhang derselben mit den einstigen militärischen Linien der Römer, ja gerade auf Haupt- rontcn fehlen Thürme gänzlich."^ Wenn man aber trotzdem nicht selten bemerkt, daß einzelne dieser Bauten sich miteinander verständigen konnten, so möchte ich fragen, warum denn die adeligen Herren des Mittelaltcrs nicht auch das Bedürfniß haben konnten, einander Zeichen und Signale zu geben. Es wäre doch ein wenig naiv, anzunehmen, daß auf jeder Burg ein Raubritter hauste, der wie ein Geier von seinem Felsen hernieder schaute und jedem Nachbar die Zähne wies. Das Nanbritterthum war immerhin bloß eine Ausartung; für gewöhnlich werden sich benachbarte adelige Familien friedlich gegenübergestanden sein und in Zeiten der Bedrängniß einander geholfen haben; kurz und gut, der Berchfrit konnte auch im Mittelalter seinen Zweck als Meldethurm erfüllt haben. So wurden noch gegen das Ende des 15. Jahrhunderts (1492) von der kurmainzischen Regierung auf weithin sichtbaren Höhen Wartthürme erbaut, um die Gegend zu überwachen „und in Fällen der Noth die Bewohner auf räuberische Einfälle aufmerksam zu machen. Zu diesem Zwecke hatten die Orte der Umgegend die Verbindlichkeit, einen ständigen Wachtposten dort zu unterhalten"?') An zweiter Stelle pflegt man gerne zu sagen, baß der Berchfrit oder angebliche Nömerthnrm offenbar früheren Datum? sei, was ja schon durch seine besondere Festigkeit und Anlage gegenüber den übrigen Theilen der Burg gezeigt werde. Das muß man zugeben, der große Thurm ist meistens älter als die Burg selbst, denn er ist auch der nothwendigste Theil; aus eben dem Grunde musste er aber hinwiederum im Gegensatze zu den Ncbenbauteu ganz besonders stark und dauerhaft errichtet werden. So hat denn der Berchfrit auch oft alle Stürme glücklich überstanden, während um ihn alles andere in Trümmer sank, man hat diä^-urg vielfach vergessen und kennt nur noch den gewaltigen Thurm; unter vielen anderen möchte ich hier nur an den Rabenthurm der ehemaligen Schwabsbnrg bei Nicrstcin (a. Rh.) oder an den Schcnkcnthnrm vom einstigen Schenkcnschlosse unweit Wnrzbnrg erinnern. Wohl mancher arme Ritter wird sich zunächst mit einem solchen „Torn" begnügt haben, der höchstens noch von einem Graben und einer Ringmauer geschützt wurdet) So ist zum Beispiel der bekannte angebliche Römcrthurm tu Nasscnfcls bei Ncnbnrg (a. d. D.) urkundlich nachgewiesen aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im Jahre 1108 cxistirt nach Hotter "ch ein Arnold von Nassensels. Die Anlage wurde bald vergrößert und hatte bereits f°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Germamen und ihre Bauten" S. 44. D Vgl. Schober: „Führer durch den Spessart, Kahl- grnnd und das Maiuthal" S. 82. °°) In neuerer Zeit glaubt man mit Recht, daß die dcutiche Burg auf die sogenannte inota zurückzuführen sei. Mau versteht darunter einen kleinen, entweder künstlich aufgeschütteten oder abgeplatteten Hügel, umgeben von einem Palissadenzauue und einem Graben. In der Mitte stand ein thurmartiger Bari, anfangs nur aus Holz, später aus Stein. Bergt. Essenivcin S. 45, der diese motas sogar von den alten Wallburgen oder Wallkronen herleiten will. „Das Bezirksamt Eichstätt" S. 40. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. 1247 durch deu Grafen Gcbhardt V. von Hirschberg eine Belagerung auszustehen. Nachdem der Eichstätter Bischof Conrad II. das Bnrghutrccht im Jahre 1297 verworfen, baute er das „cmstelluiu" um, und Friedrich IV. legte ein neues Haus sowie den Zwinger an. Das dürfte ein kleines Beispiel sein, wie die meiste» deutschen Burgen allmählich entstanden sind. Die Thatsache müssen wir jedoch schließlich zugestehen, daß wohl hie und da auf den Trümmern einer römischen Anlage, besonders aber unter Benützung des alten Materials, ein späteres Monpyrghinm sich erhob, oder daß ein römischer Thurm, wie es in einigen Fällen constatirt ist, durch eine Umniantclung und Erhöhung verstärkt und so zum Berchfrite tauglich gemacht werden konnte. Aus dem Zwecke und der Bestimmung der römischen und mittelalterlichen Befestigung erklärt sich auch meistens die „Ocrtlichkeit", welche in beiden Fällen verwendet wurde, und ihre auffallende Verschiedenheit. Ueber die Auswahl des Castelltcrrains finden sich schon genaue Angaben bei Vegetius und Hyginus. Der letztere unterscheidet hauptsächlich vier Stufen in seiner Schrift „äs muuitiouo eastrorum". Der beste Lagerplatz ist nach ihm der allmählich von der Ebene ansteigende, den zweiten Rang haben die in der Ebene liegenden, den dritten die auf einem Hügel befindlichen, den vierten die auf einem Berge erbauten Castelle — Sätze, welche wir bei dem Bnrgenbau wohl kaum vertreten finden. Der Hauptgrund dürfte aber immer wieder der fein, daß sich die Römer wenigstens noch in der besseren Zeit stets die Offensive vorbehielten und von der Defensive nur zeitweilig Gebrauch machten. Das Hauptbedürfniß einer Burg dagegen war nach einem mittelalterlichen Ausdrucke ein „sturmfreier Platz"?") Wenn man auch selten ein ganz unzugängliches „Felsennest" haben konnte, wie wir es uns gerne unter den romantischen Namen „Falkenstein", „Drachenfels" oder „Geiersburg" vorstellen mögen, so suchte man doch eine Stelle, welche auf drei oder wenigstens zwei Seiten „Schutz gegen Angriffe und die größte Vertheidigungsfähigkeit" bot. An zweiter Stelle wohl und nicht an erster, wie Essenwein meint, wird die „Nothwendigkeit maßgebend" gewesen sein, „den Punkt zu besetzen, weil er die Gegend beherrsche"?') (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Gobincau, Die Renaissance: Historische Scenen. Deutsch von Ludw. Schemann. 12°, 516 SS. Leipzig, Ph. Rcclam. 1897 (Univ.-Bibl. 3511—15). M. 1.00. 7- Wirklich prächtige Bilder aus der Culturgeschichte einer Zeit, die an Glanz in Künsten und Wissenschaften ebenso bedeutend ist, wie an bodenloser Gemeinheit der Gesinnung und Lascivität des Lebens. Bekannte Gestalten wie Savonarola, Michelangelo, Alexander VI., Lucrezia, Machiavelli, Julius II., Raphael, Bembo, Frundsberg, Karl V. und andere Größen der Zeit werden uns hier in lebhafter Darstellung, die sich in die Form des Dialogs kleidet, vor Augen geführt. Jeder Freund der Geschichte wird die geistreichen Essays des Grafen Gobineau mit großem Interesse lesen. °°) S. Piper: „Burgenkunde" S. 7. D Esfenwein: „Kriegsbaukunst" S. 42. Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kin. 66 25. Sept. 1897. Das Cönaculum. Von K. Oberländer. Jerusalem liegt auf sechs Hügeln, von denen einer sich von Süd nach Ost erhebt und der Sion ist. Er ist zum großen Theil bebaut und macht so die Weissagung des Jeremias und Michäas wahr: „Sion wird wie ein Feld gepflügt" (26, 18; 3, 12). Er ist ohne Zweisel der geheimnißvollste, heiligste und berühmteste Berg der Welt, da sich auf ihm die lieblichsten Erinnerungen des alten und neuen Testamentes zusammenfinden; mit Recht ist er daher das Capitolium oder der Parnaß Israels genannt worden. Er hieß anfangs Zebus, von den Jebusitern, welche ihn zuerst bewohnten und die Akropolis oder Festung Sion erbaut hatten, welche David eroberte. Er erbaute dort aus Cedernholz, welches ihm Hiram, König von Tyrus, gesandt hatte, einen Palast, befestigte die Burg noch mehr und nannte sie Stadt Davids (2 Könige 7,6; 1 Paralip. 11, 4—7). Auf diesen Berg verbrachte David die Bundcslade (2 Könige 6, 12; 1 Paralip. 15). In dem von David erbauten Königspalaste wohnten auch Salomo und die anderen Nachfolger (3 Könige, 7). Dort waren die Königsgräber (1 Könige 2, 10), und wir wissen, daß dasjenige von David noch in den ersten Zeiten des Christenthums vorhanden war. Nach Josephns hatte Salomon dort große Schätze niedergelegt, wovon der Hohepriester Hyrkauus 132 v. Chr. eines erbrach und ihm 3000 Talente Goldes entnahm. Der hl. Petrus weist (Apostelgeschichte 2, 29) darauf hin mit den Worten: „Sein (Davids) Grab ist bei uns bis aus den heutigen Tag.", Aus dem Briefe des hl. Paula und Enstachium an Marcella sehen wir, daß man an ihm wie an anderen heiligen Stätten seine Andacht verrichtete. Dort sehen wir noch immer die von Salomo so gepriesenen Ccdern wachsen (Eccl. 24, 47), wie man noch den unteren Theil des Thurmes Davids sieht. Dort hatte Herodes der Große seinen Palast mit den drei Thürmen Hippikus, Phasael und Mariamne, von welchem Josephns so Wunderbares orzählt. Seine größte Berühmtheit aber verdankt der Berg dem, was sich im neuen Testament von ihm findet. Auf dem Sion war der Palast der Hohenpriester Annas und Kaiphas, wo Jesus vom Synedrium gerichtet wurde; da war das Cönaculum, der Saal, in welchem der Heiland das letzte Osterlamm mit seinen Aposteln aß und das heiligste Altarssakrament einsetzte. Hier erschien er am Tage seiner Auferstehung und acht Tage später den Aposteln, hier kam über sie der heilige Geist am Pfingst- feste herab, hier als auf einem neuen Sinai wurde das neue Gesetz feierlich verkündet oder vielmehr dem alten die Ergänzung und Vollendung gegeben und so die Weissagung Jsaias' (2, 3) erfüllt: „von Sion wird das Gesetz ausgehen". Hier endlich nahm die Kirche Jesu Christi ihren feierlichen und öffentlichen Anfang; von ihm hatte Jsaias (46, 13) gesagt: „ich will in Sion Heil wirken," nämlich in der Kirche, die hier entstand; von ihm sagt David (Ps. 86, 2): „es leite der Herr die Thore Sions über alle Hütten Jakobs"; von ihm sagt Johannes (Apok. 14, 1): „ich sah, und siehe, ein Lamm stand auf dem Berge Sion und mit ihm 144,000, die seinen Namen und seines Vaters Namen auf ihren Stirnen geschrieben hatten". Rufen wir uns, um die Bedeutung des Cönaculum recht zu würdigen, das ins Gedächtniß, was das Evangelium sagt: „Gehet in die Stadt zu einem und saget zu ihm: Der Meister spricht: meine Zeit ist nahe, wo ist mein Speisezimmer, in dem ich das Osterlamm mit meinen Jüngern essen kann? Und er wird euch einen großen, mit Polstern versehenen Speisesaal zeigen, daselbst richtet für uns zu!" Nach der Tradition gehörte das Haus dem Joseph von Arimathäa. Das Cönaculum wurde schon zu Zeiten der Apostel in eine Kirche umgewandelt, welche der hl. Jakobus, der erste Bischof von Jerusalem, die Mutter aller Kirchen nennt. Der hl. Epiphanias erzählt, daß auf dem Berge Sion neben andern Gebäuden „die kleine christliche Kirche, die an dem Orte stund, wohin die Jünger nach der Himmelfahrt des Heilandes vom Oelberg aus sich zurückzogen, indem sie in das Cönaculum hinaufgingen," von den Ruinen der Belagerung durch Titus übrig geblieben sei. Unmittelbar nach der Zeit der hl. Helena gedenkt der hl. Cyrillus dieser Kirche und nennt sie ooolooiL Lpootoloruiu, eoelosia, 8uporior. Von ihr spricht der hl. Hieronymus und sagt, daß die Säule, an welcher Jesus gegeißelt wurde, dort sei, um die Säulenhalle zu stützen; von ihr sprechen Beda, Wilhelm von Tyrus, Johannes Damascenus und andere. Als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen, waren von der Kirche des Cönaculums nur noch wenige Ruinen übrig, sie bauten sie in derselben Gestalt, wie die alte gewesen war, wieder auf, es ward ein Augnstinerstift angebaut, und die Mönche blieben dort bis 1187, wo das lateinische Kaiserthum aufhörte und auch die Kirche des Cönaculums zerstört ward. Bald wurde dort ein großes Kloster gebaut» das von syrischen Mönchen bewohnt wurde, bis 1219 sich der hl. Franziskus mit seinen minderen Brüdern niederließ, welche anfangs in einem armseligen Quartier wohnten und dann im Jahre 1239 in derselben Abtei, welche ihnen Melek es-Saleh Jsmael, Sultan von DamascuS, dessen Bruder ein Freund des hl. Franziskus war, überlassen hatte. Die gegenwärtige Kirche wurde von den Franziskanern im Spitzbogenstile im 14. Jahrhundert auf Kosten von Sancia, der Königin von Sizilien, neu erbaut. Allein die Kirche ist heutzutage keine christliche mehr, sondern eine Moschee. Gegen Ende des Jahres 1551 wurde sie mit den anliegenden Gebäuden den Franziskanern entrissen und den türkischen Derwischen übergeben und erhielt den Namen Naby Darnd oder Prophet David, weil die Türken glauben, es sei hier das Grab Davids. Zum Cönaculum führt links von der Thorhalle eine Treppe von zwanzig Stufen hinauf. Es ist ein zwei- schiffiger Obersaal, 20 Meter lang und 9,15 Meter breit, dessen Spitzbogengewölbe von acht Wandsänlen und zwei in der Mitte freistehenden Säulen getragen werden, welche den Saal in zwei Hälften theilen; er ist von drei in der südlichen Wand angebrachten Fenstern beleuchtet. An derselben Wand ist das Mihrab oder die Gebetsrichtung nach Mekka angebracht, bezw. die ehemalige Kapelle der Geistes- ausgießung. Rechts von dieser Kapelle zeigt man den Ort, wo der Apostel Thomas seinen Finger in die Wunden des Herrn legte, und wieder rechts von diesem die Kapelle, in welcher nach der Tradition der heilige Johannes das hl. Meßopfer in Gegenwart der seligsten Jungfrau feierte. Kehrt man in den Abendmahlssaal 386 ' zurück und nähert man sich der Thüre, so sieht man eine Treppe, welche in einen unteren Saal hinabführt, wo nach der Ueberlieferung die Fußwaschung der Apostel stattfand; allein man darf nicht hinunter steigen, weil da ein Harem, die Wohnung der türkischen Frauen, ist. Heute noch führt der Guardian der Franziskaner im heiligen Lande zur Erinnerung an den einstigen Besitz den Titel „Guardian vom Berge Sion". Am Pfingstfeste dürfen die Katholiken das hl. Meßopfer um theures Geld darbringen; früher durften sie auch jedes Jahr die Fußwaschung dort halten. Möge die auf der Katholikenversaminlung in Landshut kürzlich von der Reife unseres Kaisers ins heilige Land erhoffte Rückgabe des Cönacnlnm an die Katholiken glücklich erfolgen! Gaetauo Donizetti. Zu seinem hundertsten Geburtstag geschildert von A. G. (25. Septbr. 1797). Wer kennt sie nicht, die „Regimentstochtcr", die graziöse Oper mit der schneidigen, „feschen" Marie, mit dem schlichten und natürlichen Antonio, welche heute noch eine Lieblingsoper des kunstsinnigen Publikums ist und über die Bretter der alten und neuen Welt heute noch geht, wie bei ihrem Entstehen? Hätte der Componist Donizetti nur dies «ine Werk verfaßt und uns hinterlassen, schon dieses einen wegen wäre er würdig, daß sein Andenken bei der Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages aufgefrischt würde. Er hat aber weit — weit mehr gearbeitet und hinterlassen, fast zu viel, er ist entschieden einer der vorzüglichsten und tonangebenden italienischen Komponisten der neuesten Zeit, der neben Rossini und Belliui lauge Zeit an der Spitze aller Opernproduetion stand — sein Leben gestaltete sich zudem so bewegt und mannigfaltig, daß sein Andenken auch nach dieser Beziehung wachzuhalten sich lohnt. Gaetauo Donizetti wurde geboren am 25. Septbr. 1797 zu Bergamo und erhielt den ersten musikalischen Unterricht an dem dortigen Lyceum. Der erste Lehrer des sehr talentvollen und gelehrigen Schülers war der berühmte Componist Simon Mahr, der ihn zu weiterer Ausbildung, nachdem ihn auch Salari und Gonzales unterrichtet hatten, nach Bologna schickte und ihn dorten besonders dein Pater Matte! und Pilotti, welch letzterer Kontrapunkt dozirte, angelegentlichst empfahl. Drei Jahre war er in der strengen Schule dieser Meister und nützte seine Zeit auf das gewissenhafteste aus. Schon damals im Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren schrieb er Ouvertüren für Orchester, Cantatcn und Kammermusik. Im Jahre 1816 kehrte er in seine Vaterstadt zurück mit dein Entschluß, sich der kirchlichen Tonkunst zu widmen, er fand aber bei diesem Entschluß einen starken Gegner an seinem eigenen Vater, der ein Feind der musikalischen Laufbahn seines Sohnes war und aus Gaetauo entweder einen Advokaten oder einen Maler — reimt, sich wohl nicht gut zusammen — machen wollte. Zu beiden Plänen seines Paters konnte der Sohn nicht Ja sagen, und er entrann dem Dilemma dadurch, daß er Soldat wurde, als Freiwilliger in ein österreichisches Regiment eintrat und mit demselben nach Oberitalieu zog, wo er in Venedig statiouirt wurde. Schon auf der Reise dorthin studirte er verschiedene Opernbühuen und schloß mit verschiedenen Künstlern Freundschaften. Bald guittirte er den Militärdienst, um ganz sich auf die Musik zu werfen» und alsbald ließ er seine erste Oper „Enrico" von Stapel, welche, auf einem kleinen Theater in Venedig aufgeführt, als Erstlingswerk immerhin einen Achtungserfolg errang. Bald folgten weitere Opern für Mantua, Mailand und Neapel, für welch letztere Stadt er die meisten seiner italienischen Opern schrieb. Aus dieser Zeit ist hervorzuheben seine „Anna Bolena", ein Werk von großer Schönheit. Zwei Sterne leuchteten damals am Opernhimmel Italiens und Frankreichs, Rossini und Bellini, ersterer durch seinen „Barbier von Sevilla", letzterer durch feine „Norma" und die „Puritaner". Der „Barbier" ist entschieden eine echte Perle der italienischen Opera Buffa voll leichtbeschwingter Grazie und sprudelnder heiterer Laune, voll graziös einschmeichelnder Melodien. Die „Norma" von Bellini enthält dergleichen ohne Zweifel recht viel Schönes und wahrhaft Bedeutendes, aber auch viel Triviales. Kaum sollte man es glauben, daß der gleiche Maestro, der das große Recitativ der „Norma" und das darauffolgende „oasta ckivu,", der das „Fluch den Römern" und das letzte Finale geschaffen, daß der gleiche Meister Dinge schreiben konnte, wie die meisten Arien und Enscmbleschlüssc, welche der gewöhnlichen Gassenmusik Concnrrenz machen. Diesen genannten Meistern wollte Donizetti nachfolgen, wollte sich mit ihnen — besser gesagt — messen. Den „Puritanern" wollte er den „Marina Falicro" entgegensetzen, der Versuch mißlang. Doch ging es sehr bald besser, einerseits ging Bellini mit Tod ab, anderseits that Donizetti in Neapel mit seiner „Lucia von Lammermoor" einen vorzüglichen Griff, das herrliche Werk wurde in ganz Italien begrüßt, der Componist sehr gefeiert. In und mit diesem Werk hat der Meister einen so vollen Griff in die Tiefen menschlicher Liebes- und Leidensfähigkeit gethan und die Musik zu einem so beredten Dolmetsch der stärksten Seelenempfindungen gemacht, daß man dem prächtigen Werk nur mit dem Empfinden eines Genusses lauschen kann. Sein Ruhm war begründet, seine Existenz nicht minder. Er war jetzt nach Rossiui's Verstummen und Bellini's Tod der gefeierte Liebling seiner Landsleute geworden, der Autokrat der italienischen Opcrnbühne; die Theater nicht nur Jtulieus, sondern auch Frankreichs und Deutschlands brachten seine Werke und erbaten sich neue Partituren. Im Jahre 1834 wurde er zum Kapellmeister und Lehrer der Komposition am k. Konservatorium zu Neapel ernannt, bald darauf znm Professor des Contra- punkts und stellvertretenden Direktor, und nach dem Tode Zingarelli's im Jahre 1838 znm wirklichen Direktor, trotzdem nngemein gegen ihn intriguirt wurde. Aber schon ein Jähr darauf legte er alle diese Aemter nieder, um vorerst nach Paris zu gehen und von da an überhaupt ziemlich ruhe- und rastlos umherznwaudeln. In Paris hatte er mit seinen Opern theils Glück, theils mitunter großes „Pech", er schrieb eben zu viel, allzu viel, und das war auch für den gewiß genialen Meister ungesund. Seine „Regimentstochter" wurde der Liebling aller Theater Europa's, seine „Favoritin" erzielte speciell in Paris einen Erfolg, wie ihn kaum selbst ein französischer Componist je errungen hatte. Dieser Erfolg stachelte den Komponisten an, er arbeitete wenigstens eine Zeit lang wieder mit größerer Sorgfalt, erfaßte das dramatische Element schärfer und verwandte deßhalb auf die Recitative eine höhere deklamatorische Kraft. Im Jahre 1842 finden wir den Meister in der österreichischen Hauptstadt, wo er neben Orden und Auszeichnungen auch den Titel eines k. k. HofkapellmeistcrS und Kammercomponisten mit einem Gehalt von dreitausend Gulden erhielt. Seine Opern, die er hier componirtc, gefielen sehr, besonders „Linda di Chainouy" mit ihrer sehr eleganten Instrumentation, nicht weniger gefielen auch die kirchlichen Compositionen aus damaliger Zeit, besonders ein „Miserere" und ein „Ave Maria". Drei Jahre später ist er wieder in Paris zu treffen und schrieb dorten seinen „Don Sebastians" und für Neapel seine „Caterina Cornaro"; beide Opern fanden an den Plätzen, für welche sie geschrieben wurden, anfangs gar keine gute Aufnahme, so zwar, daß er nach der Aufführung der erster» zu einem Freunde sagte: „von LobnZtion ins tue": später errangen sie gute Erfolge. Letztgenannte Oper ist zugleich die letzte der 64 Opern, die Donizetti schrieb. Allzngroße Anstrengung, ununterbrochenes Schaffen, mitunter ungeregeltes Leben führten in Paris unerwartet eine Geisteskrankheit herbei, der Meister wurde irrsinnig, stumpfsinnig, seine Arbeitshand war gelähmt, die Kunst der besten Aerzte versagte. Hiezu Gehirnerweichung, Schwinden des Gedächtnisses, Abnahme der Sprache; Donizetti vegetirte nur noch in Paris, in Nizza, in einer Irrenanstalt. Ein klein wenig hoffte man noch vom Aufenthalt in seiner Heimath; auch in Bergamo, wohin ihn treue Liebe der nächsten Anverwandten brachte, blieb der Geist verschleiert, obwohl die Körperkräfte etwas zunahmen, und am 8. April 1848 starb der Meister eines ruhigen Todes. Viel, fast zu viel hat er der Mit- und Nachwelt hinterlassen, viel, sehr viel Schönes und Gediegenes auf dem Gebiete der geistlichen und weltlichen Musik. Hätte er nicht so fieberhaft schnell gearbeitet, er wäre wohl älter als 50 Jahre geworden und hätte noch Gediegeneres hinterlassen, aber z. B. in drei Stunden oft die Partitur zu einem großen Werke schreiben, das ist für Geist und Körper wohl aufreibend, für die Kunst wohl auch oft zu schnell. Donizetti ist mit Mercadaute der letzte der dramatischen Komponisten der italienischen Schule. Mehrere seiner Werke werden sicher noch recht lange sein Genie der Welt verkünden, daS Genie eines Mannes, der sich an große Vorbilder anlehnte und doch wieder originell für sich war, eines Mannes, der gern lernte und aber auch die größte Freude hatte, Talente selbst wieder zu lehren und heranzubilden, eines Mannes, von dem ein Zeitgenosse sagte: „groß war er als Künstler und als Mann". Ein paar Worte noch über die geplanten Jnbiläums- feierlichkeiteu, besonders in Italien, speciell Bergamo. In erster Linie werden seine Hauptwerke aufgeführt, jedenfalls wird dießbeznglich in jeder großen Stadt sein Name gefeiert werden, ein Denkmal wird ihm errichtet, eine Ausstellung von Erinnerungen an ihn wird in Bergamo veranstaltet. Ein recht interessantes Stück in derselben wird das Klavier des Meisters sein, von dem er u. a. an einen Schwager schrieb: „um keinen Preis darf es verkauft werden, ich habe seinen Klang in meinen Ohren, dort murmeln Anna, Marin, Faustn, Lucia, laß es leben, so lange ich lebe! Es hörte meine Freudenrufe, es sah meine Thränen, meine Enttäuschungen, meine Ehren" u. s. w. Solche Worte beweisen sicher: Donizetti hat nicht nur, wie jeder Künstler es wohl erfahren hat, erfährt und erfahren wird, Lorbeeren geerntet, sondern er mußte auch erfahren, daß auf dem Künstlerweg auch Dornen gedeihen. Mittelalterlicher Brirgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Schluß.) Von den Castelleu des Dekümatenlandes Rätiens und Vindeliciens ist bekannt, daß sie vor allem die Durchlässe des Limes sowie die Straßen zu decken hatten, höchstens auf die Nähe von Wasser und genügendem Futter Rücksicht nahmen, sonst aber selten dem Gebäude sich anzupassen suchte», günstige Lage oder Aussicht oft förmlich verschmähten; Abweichungen lassen sich meistens auS ganz besonderen Terrainverhältiiissen erklären. So gehört das Castell bei Pfünz an der Altmühl, welches ungefähr 40 m über dem Flusse liegt, zu den seltensten Ausnahmen. Mit Recht glaubt Herr Limescommissär Winkelmann aus Grund von Untersuchungen behaupten zu können, daß sich bereits ein früheres Castell weiter unten am Ufer befand, dann aber wahrscheinlich wegen Ueberschwemmungsgcfahr auf die Höhe verlegt wurde. Zu allen Castelleu führten Straßen, in der Regel gut unterhalten. Der Zugang zur Ritterburg mußte so schwierig als möglich sein, und dem Gegner mußten schon beim Ausstiege vielfache Hindernisse sich entgegenstellen. Diese unumstößlichen Thatsachen erregten schon frühzeitig Bedenken gegen die Ansicht, daß die deutsche Burg sich von Römerwerken herleite, und wir können im allgemeinen uns jetzt an die Worte von Cohansen halten: „Wer auf einer schön gelegenen Bcrgspitze, weil sie ihm gefällt, eine römische Befestigung sucht, kennt eben die römischen Castelle nicht, und was dem entgegen behauptet worden ist von Mone und Krieg und allen, die ihnen nachgetreten sind, sind nur hübsche Phantasien."^) Im Gegensatz zu der Höheuburg steht die bereits erwähnte Nieder- oder Wasserburg. Als ihr charakteristisches Merkmal möchte ich die nassen Gräben betrachten, welche an römischen Anlagen fehlen. Ein Beispiel in verkleinertem Maßstabe dürfte sich etwa in Nieshofen bei Eichstätt finden. Dortselbst steht außerhalb deS Dorfes, hart an der Altmühl, ein als „Hunger-" oder „Römerthnrin" weithin bekannter Steinkoloß. Bei einer genaueren Betrachtung des Terrains bemerkt mau ganz deutlich die Spuren eines halbmondförmigen Grabens, welcher durch seine zwei Arme mit dem Flusse in Verbindung stand. Innerhalb dieses Grabens, der jedenfalls »och durch Wall, Mauer oder Zaun verstärkt war, zeigen sich die Fundamente von verschiedenen Bauwerken, welche den Thurm von drei Seiten umgaben. Hier haben wir offenbar den ehemaligen befestigten Wohnsitz eines mittelalterlichen Grundherrn vor uns. In der That erscheint nach den Regesteu der Bischöfe von Eichstätt schon im Jahre 1283 ein Konrad von Rngshoscn oder Nieshofen als Besitzer dieser Feste. Auch hier ist also die Annahme einer Erbauung durch Römerhand völlig ans der Luft gegriffen. Es bleibt uns nur mehr noch ein kleiner Vergleich übrig zwischen römischer und mittelalterlicher Mauertechnik. Gerade diese soll nach Krieg und seinen Freunden einen wichtigen Anhaltspnnkt in unserer Frage bieten. Auch der Römer unterschied zwischen Ziegel-, Stein- und gemischten Mauern. Das römische Ziegelwerk trägt nach Uebereinstimmung vieler Fachleute wirklich charakteristische Merkmale an sich. Abgesehen davon, daß nicht ") v. Cohansen: „Der röm. Grenzwatt" S. 335. 388 selten der Lcgionsstempel den einzelnen Stücken aufgeprägt ist, zeichnen sich dieselben meistens durch Dauerhaftigkeit, reines Material und eine eigenthümlich dunkel- rothe Färbung aus. Die Eimnanerniig der Ziegel sowie anderer Gestcius- artcn finden wir bei alten Bauten des öfteren in schräggestellten Lagen bethätigt, und zwar bald in der Mauer, bald auf den Außenflächen, so daß diese Art wegen ihrer Aehnlich- keit mit Fischgräten „Häringsgrätenbau" oder auch „vxus spioatum" „ährenförmig" genannt wurde (von sxiaa. — Aehre). Ueber den Zweck des vxus oxioatum hat man sich schon mehrfach gestritten. Das „statistische Motiv", welches auch Piper geltend zu machen sucht, dürfte wenig begründet sein, und es scheint die Ansicht die richtigere zu sein, daß man hier eine „technische Spielerei"^) vor sich habe. Einen Aufschluß über die betreffende Bauzeit kann diese Technik kaum gewähren; sie ist bereits von den Römern ausgeübt worden, kam nach Cori gegen „Ende des zehnten Jahrhunderts an den nördlichen Abhängen der Alpen zuerst vor" und ist höchstens ein Kennzeichen von frühmittelalterlichen Burgen. Zu größeren Schwierigkeiten besonders in der Unterscheidung führte der eigentliche Steinverband, namentlich das Quadermauerwerk mit Füllwerk, das schon von den Griechen ausgebildet worden war, von Vitrnv als LftTrXexro; „das Verbundene" bezeichnet wird, weil längere Bindsteine durch die ganze Mauer hindurchlicfen. Die Römer vereinfachten es etwas und gaben ihm eine Gestalt, deren Beschreibung uns von Vitrnv gegeben^) und von Mutzel folgendermaßen übersetzt ist: „Die Unsrigen verwenden auf die Stirnmanern allen Fleiß, indem sie senkrechte Schichten übereinander legen, und füllen den Zwischenraum mit getrennt liegenden Stücken von Steinen und mit Mörtel. So entstehen bei dieser Bauart drei Krusten: die zwei der Stirnwände und eine mittlere, die der Gußmauer." ^) Nach außen sind die Steine entweder glatt gemeißelt, es ist dies das eigentliche Quaderwerk, oder, wie in vielen Fällen, ist die rohe Bruchfläche hie und da mit einigen Correctnren beibehalten; so entsteht die bekannte ,iu8tioa>°, auch Buckelquader, Bosfenquader oder Kropfsteine genannt. Gewöhnlich findet sich an den Kanten ein mehrere Ccntimetcr breiter „Nandschlag", eine glatt gemeißelte Borde, welche bekanntlich das erste und nächste Ziel des Steinmetzen bei der Arbeit ist. Obwohl wir nun aus dem Alterthume von der rustiou eigentlich gar nichts erfahren, so ist sie doch mit dem obigen Verbände als identisch aufgefaßt worden und ist in den Augen der Romanisten das Charakteristikum eines römischen Bauwerkes. Krieg von Hochfelden sagt rundweg: „Römisch ist die Rustika mit oder ohne glatten, glcichbreiten Naud- beschlag, aber mit glattgemeitzelten Borden au den genau ^) Siehe Piper: „Burgenkunde" S. 112. ") S. „Repertorium für Kunstwissenschaft" S. 197, 1896. XIX, 3. Cori: „Bau und Entwicklung der deutschen Burgen im Mittelalter" S. 21. ") Die Stelle lautet: „Xostri srsctos eboros loeanteg Ironttdus sorviunt et in wsclio karciuut kraetjs se- psratim eum mstsria eaemsatis. Ita tres snseitantur in es strnetur» erustas: ckuas kronttuin st uns msäia tartnras." ^."-Mutzel: „Die römischen Wartthürme in Bayern." senkrechten Kanten des Baues;" ^) man kam schließlich soweit in dieser Manie, daß, wo überall ein Bosfenquader sich fand, auch ein römischer Bau vorhanden sein mußte. Nun ist die Rustika und das „Füllwerk" allerdings von den Römern vielfach angewendet, besonders in Italien, aber auch bei uns; man denke nur an die xortg, pi-us- toria in Regcnsburg. Allein die obige Ansicht Kriegs hat sich längst als unhaltbar erwiesen. Es zeigen eine Menge mittelalterlicher Burgen, selbst solche, über deren Bauzeit wir gar keinen Zweifel haben können, genau dieselbe Anlage, wie die besten italischen Bossagen. Es wird, um nur ein drastisches Beispiel anzuführen, niemand den Burgthurm von Nürnberg für römisch halten, ein Ort, den doch kaum die Römer betreten, ganz sicher aber nicht befestigt haben. Cori3°) und Mutzel") wollen zwar noch einen Unterschied wissen zwischen römischen und mittelalterlichen Kropfsteinen, indem die letzteren „durchweg die Spur des Meißels" zeigten. Allein wenn Mutzel (unter anderem) die Kanalschleusen zu Riedenburg oder die neue Donaubrücke zu Donauwörth als Beispiele anführt, so beweist das nicht mehr, als daß man in späterer oder besser in neuester Zeit mehr Sorgfalt auf diese Construktion verwendet, um dem Ganzen nicht einen allzu rohen Anstrich zu geben. Cohauscn behauptet in dieser Frage sicher nicht zu viel, wenn er meint: „Kurz, die meisten deutschen Neichs- burgen sind mit Füllwerk und Rustika gebaut."") Auch das Mittelalter wird die Vorzüge der Bossen- quader haben würdigen können, welche das Emporschieben von Leitern verhinderten, und an denen die Niederschlüge nur die hervorragenden Steintheile treffen können, um dann an diesen wie an den Wetternasen eines gothischen Baues hcrnnterzugleiten, ohne die Fngenvcrbindnngen zu ^berühren und zu schädigen". Ucbrigcns gibt die Rustika, wie Esscnwcin^ sagt, der Erscheinung der Bauwerke eine gewisse Kraft, die entschieden dem Charakter der Kriegsbaukunst entspricht, sie verkündeten gleichsam nach den Worten Nähers die „physische Urkraft des Deutschen, und ein solch massiger Bau war wohl geeignet, die Macht und das Ansehen des Burgherrn zur Schau zu tragen".") Schauen wir zum Schlüsse noch einmal aus das Gesagte zurück, so läßt sich das Ganze kurz recapitnliren in dem Resultate, zu welchem Piper in dieser Frage gekommen ist, und dessen Ansicht ungefähr in Folgendem besteht:") „Die älteren, bei der ersten Occupation unseres Landes von den Römern angelegten Castclle" ziehen gewöhnlich so wenig Vortheil aus dem Gebäude, daß ihre Lage „zumal für Höhenburgcn nicht geeignet erscheint", — Gegensätze, welche vor allem in dem Offcnsivverhält- nisse des Römers und dem Dcfensivverhältnisse des Burgherrn ihren Grund haben. Die Schildmauern, Zwinger, Vorburgen kommen bei den Einstellen nicht, höchstens bei späteren, mehr außerdeutschen Befestigungen vor. Die regelmäßige Gestalt des Lagers, seine „Dnrch- schueidung" von zwei Straßen „ist den Burganlageu *°) „Geschichte der Militärarchitektur" S. 132. Cori: „Bau und Einrichtung der deutschen Burgen" S. 22. ") Mutzest: „Die römischen Wartthürme besonders in Bayern" S. 10. ") v. Cohauscn: „Der römische Grenzivall". ") Esscnwcin: „Kriegsbaukunst" S. 53. ") v. Näher: „Die deutsche Burg" S. 15. ") Vcrgl. Piper: „Burgenkunde" S. 114 u. 115. fremd", welche sich meistens in unregelmäßigen Umrissen genau dem Terrain anpaßten. Was die Besetzung von militärisch günstig gelegenen Punkten anbelangt, so beobachteten die Römer eine den späteren Zeiten fremde Taktik. Auch die Römer haben Wartthürme errichtet, welche aber viel geringere Maße ausweisen, als die mittelalterlichen Berchfrite. Bei der Aehnlichkeit des römischen und mittelalterlichen Mauerbanes kann die Mauertechnik nur in seltenen Fällen „römischen Ursprung" wahrscheinlich machen; Bnckelquader mit Randschlag insbesondere finden sich im Mittelalter so häufig, daß dadurch jeder Schluß auf römischen Ursprung vernichtet wird. So haben wir uns vielleicht im Geiste ein kleines Bild entworfen von jenen imposanten, oft Bewunderung und Achtung verdienenden Wehrbantcn unserer Vorgänger. Ich sage: im Geiste, denn die Gegenwart bietet uns ver- hältnißmäßig wenig Wirklichkeit. Längst sind die römischen Legionen und Kohorten aus Deutschland gewichen, Franken, Alemannen, Gothen und Sachsen setzten den zerstörenden Fuß auf die Anlagen ihrer Unterdrücker, die Kastelle und Thürme sanken in Schutt und Asche, der Zahn der Zeit vollbrachte das Uebrige, und über vielen denkwürdigen Stätten geht jetzt der Pflug des Landmannes. Aber auch der tapfere Ritter konnte sich auf seiner Burg nicht halten. Mit der Erfindung des Pulvers mußte eine andere Befestignngsart in Anwendung kommen, unsere heutigen Bomben und Granaten würden mit Leichtigkeit die einst unüberwindlichen Mauern in Trümmer legen. Diejenigen Burgen, welche durch die zerstörende Macht des Krieges noch nicht gefallen waren, wurden meist ihrem Schicksal überlassen, später vielleicht des Steinmatcrials wegen mit Bedacht verwüstet oder um ein Spottgeld „aus Abbruch verkauft". Selten ist der Fall, daß liebevolle, noch seltener, daß verständige Hände die Mittel nicht scheuten, um ein solches Denkmal unserer Zeit zu erhalten. Traurig-ernst blicken die Ruinen so vieler Burgen hernieder in das Tha; noch trotzt vielleicht der mächtige Bcrchfrit, doch Stein um Stein löst sich los, die moderne Welt kennt meistens kein Erbarmen, bald kommt auch für ihn der Tag, wo er Einsturzes halber abgetragen werden muß, und der letzte Rest der einst so stolzen Feste ist verschwunden. Die Bedeutung der christlichen Kunst gegenüber dem Naturalismus und Jndiffereutismus. (Stenogramm der Rede des Lycealprofcfforsvr. Schlecht- D i l li n gen, gehalten auf dem Katholikentag in Landshut.) Ew. Excellenz Hochivttrdigster Herr Erzbischof! Hochansehnliche Versammlung! Es wird schwer, auf die außerordentlich kernigen und sachkundigen Worte meines Herrn Vorredners Sie setzt auf ein ganz anderes Gebiet zu führen. Allein ich gebe Ihnen das Versprechen, möglichst praktisch und auch. so gut ich es vermag, möglichst kurz mich zu fassen. Wie Sie wissen, ist es eine löbliche Gepflogenheit unserer Generalversammlungen, mit denselben eine Aus-- stellung christlicher Kunstgcgenstände zu verbinden und in der Regel auch einige Worte über die Bedeutung der christlichen Kirnst zu sprechen. Ist sie doch die edelste Tochter der Kirche! die vornehmste Dienerin unserer heiligen Religion! Seit vier Jahren ist nun darüber auf unseren Generalversammlungen nicht mehr gesprochen worden, und ich glaube, daß es gerade auf dieser Generalversammlung passend ist, die im schönen Bayerlande tagt. wo einstmals ein hochsinniger König eine neue Aera der Kunst geschaffen hat. (Beifall!) einer hohen, hehren und heiligen Kunst, die selbst da heilig war. wo sie profane Werke hervorbrachte. Nun gehen ja allerdings in unseren Tagen die Auffassungen über Kunst bedeutend auseinander, und vor kurzem erst hat Se. Excellenz der Herr Cultnsminister von Bayern treffend bemerkt, daß in den letzten Jahrzehnten der Kunstbegriff selber ins Schwanken gerathen sei. Wenn also irgendwie und irgendwo, so gilt auf diesem Gebiete meines Erachtens der Grundsatz: im Nothwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in Allem brüderliche Liebe. (Beifall.) Bei der großen Ausdehnung dieses Gebietes bin ich dem Lokalcomitö sehr dankbar, daß es vorsorglich gewisse Grenzen abgesteckt und mir die Aufgabe zugewiesen hat. die Bedeutung der christlichen Kunst ins Auge zu fassen gegenüber dem Naturalismus und Jn- differentismus. Darin, meine Herren, erkenne ich auch in der That die zwei schlimmsten Feinde, welche sich einer wahren, von: Geiste des Christenthums erfüllten Kunst in den Weg stellen. Auf der einen Seite hören wir die Künstler klagen über die Theilnahmslosigkeit des Publikums, womit sie zu kämpfen haben, selbst dann, wenn sie noch so sehr von ernstem Willen beseelt sind, ihre Talente der heiligen Kunst zu widmen, eine Theilnahmslosigkeit, die sich gerade in diesem Falle und für unsere christlichen Künstler am schlimmsten geltend macht, werk der Schaden ein doppelter ist; auf der einen Seite werden sie von den Fachgenossen als Nazarener, Heiligenmaler, Herrgottschnitzer, und wie die liebenswürdigen Titel sonst noch heißen, über die Achsel angesehen, und auf der andern Seite laufen sie Gefahr, ihre Werke unverkauft in ihrem Atelier für immer aufzubewahren. Das ist der Jn- differentismus des Publikums. Airs der anderen Seite dagegen ertönt der Vorwurf, es sei heutzutage in die Kunst ein Geist eingedrungen, der gebrochen habe mit den großen Traditionen, der fast feindlich gegenüberstehe der Lehre der Kirche, der Werke schaffe, die vielleicht technisch gnt, realistisch wahr, von einem tüchtigen Studium der Natur zeugen mögen, die jedoch des christlichen Gehaltes ganz und gar entbehren, das ist die Klage über den Naturalismus der Künstler, zu der ich mich zuerst wende. Meine Herren, ist dieser Vorwurf berechtigt? Wenn wir unsere Museen und Ausstellungen durchwandern, wenn wir unsere Kunstschriften, unsere illnstrirten Blätter durchgehen, wenn wir die Art und Weise betrachten, wie heutzutage an den meisten Akademien Kunst gelehrt und gelernt wird, so muß ich darauf antworten: „Leider ja". Die Kunst unserer Tage hat unter dem Druck des modernen Geistes, so scheint es, den hohen Flug nach den Sternen, der ihr angeboren war. verlernt und vergessen, und ihr Auge den Niederungen dieser Erde zugewandt, unbekümmert darum, daß sie dabei in Sümpfe geräth, in deren Schlinggewächsen sie sich verstrickt und in deren trüben Fluthen sie zu Grunde zu gehen droht. Es ist das eine Tendenz, meine Herren, die sich allerdings zunächst bei unserer profanen Kunst geltend macht, allein es ist doch nicht zu leugnen, daß auch die religiöse Kunst bis zu einem gewissen Grade von ihr beeinflußt wird, namentlich dann, wenn einer jener Künstler, die in der Mythologie besser Bescheid wissen als in der Hciligen- geschichte, sich aus den: Olymp, wo sie sich natürlich am liebsten in Tamengesellschaft bewegen, in den christlichen Himmel verirrt und sich daran macht, anstatt einer Ariadne, Psyche, Bacchantin, die Mutter des Herrn oder einen Engel oder gar Christus den Herrn selbst uns vor Augen führt. Meine Herren, ich weiß recht wohl, daß es ohne gründliches Studium der Natur kein gediegenes Kunstwerk geben kann. Die Kunst hat nun einmal die Aufgabe, das Schöne in sinnfälligen Gebilden darzustellen, und wo tritt uns diese Form der Kunst anders entgegen, wenn nicht in den Werken der Natur, die nach unserer festen Ueberzeugung allerdings nicht das Spiel eines blinden Zufalls, sondern aus Gottes Hand hervorgegangen rst, ein Abglanz seiner Schönheit und ein Abbild seiner unendlichen Vollkommenheit, eine Offenbarung aus einer andern Welt, die uns ein immerwährendes „8NI-SUM corcks," zuruft! Meine Herren, der Künstler muß diese Natur studiren, auch dann, wenn er Uebernatürliches, Geistiges und Himmlisches uns erzählen und vorführen will. Denn die Sprache, in der er zu uns spricht, sind Farbe und Licht, wie es draußen schillert und fluthet, sind die Dinge, die uns umgeben, die Lebewesen, der Mikrokosmos. der Mensch. Und, meine Herren, ohne gründliches Naturstudium gibt es kein gründliches Kunstwerk. 390 und die Zeiten, die ihre Annen verschlossen gegenüber der Natur, die bestimmte Schablonen hatten, nach denen jede Linie zu führen, jede Farbe aufzutragen war, die ein Bild immer wieder vom andern copirtcu, das sind die traurigsten Zeiten für die Kunstgeschichte. Dieser Weg wäre der Untergang der wahren Kunst. Deßwegen will ich unserer modernen Kunst gerne das Zugeständnis; machen, daß fie auf diesem Wege des Studiums der Natur in gewisser Beziehung zu einer hohen Vollendung gediehen ist, z. B. auf dem Gebiete der Landschaftsmalern, des Porträts, in gewissen Zweigen der Skulptur; aber zugleich liegt daB» eine große Gefahr für den Künstler, namentlich dann, wenn es sich um höhere Probleme handelt, wenn er klebersinnliches, Ewiges, Göttliches darstellen soll. Da droht dann die Idee, die doch die Seele des Kunstwerkes sein muß, und für welche die sinnliche und körperliche Form nur das Kleid bildet, zu verkümmern und der Gewalt des Körperlichen zu erliegen. Es gehört ein starker Sinn und eine geübte Meisterschaft dazu, um über das Stoffliche Herr zu werden, so daß es in Harmonie der Idee sich anschließt und unterordnet. Dieser Kampf ist besonders deßwegen schwer, weil auf unseren Akademien und in unseren Lehrbüchern der Aesthetik ein Sah Geltung hat, auf den fast alle unsere Künstler eiugeschworen zu sein scheinen, und der da lautet: „Die höchste Schönheit ist die des unbekleideten menschlichen Körpers." Ja, wenn wir diesen Satz einmal zugeben, meine Herren, dann allerdings gibt es keinen höheren Vorwnrs für die Künstler, als diesen menschlichen Leib immer wieder zu studireu, zu malen und zu meißeln. Und so geschieht es auch heutzutage. Es ist in unseren Tagen leider Gottes so weit gekommen, daß gar manche Menschen sich unter Kunstwerk nichts anderes denken können als eine Nndität, und künstlerische Schönheit für manchen identisch geworden zu sein scheint mit Schamlosigkeit. In unseren Ausstellungen, in unseren Kunsthandlungen begegnen uns immer wieder deßwegen diese vollständig unbekleideten Buben und Mägdlein, diese ganz toiletteloscn Frauen und Fräuleins, diese Burschen und Männer, gezeichnet, gemalt, geschnitzt, oder in Gold >ind Silber getrieben, oder auch in gemeinem Thon und Gyps geknetet, in allen möglichen und unmöglichen Situationen; stehend, sitzend, liegend, kauernd, schwimmend, fliegend; es ist immer dasselbe, niag im Katalog stehen: Nymphe, Eva oder Psyche, nur daß gar oft nicht sehr viel Psychisches daran zu sehen ist. (Heiterkeit.) Gewöhnliche Menschenkinder können sich nun diese Erscheinung kaum erklären, selbst mit dem Princip des Realismus und Naturalismus kommt man da nicht mehr zurecht, weil ja doch die Leute so ganz costümlos nicht spazieren zu gehen pflegen. Allein der Künstler gibt uns Aufschluß, indem er sagt: Das ist eben die enthüllte höchste Schönheit, die Schönheit des menschlichen Leibes! Und wenn wir daran zu zweifeln wagen, so ruft er uns zu: „Ist denn nicht der Mensch die Krone der Schöpfung? Findet sich irgendwo in der Natur ein vollkommeneres Organismus, feinere Linien, schönere Verhältnisse, mehr Harmonie und Rhythmus als am Leibe des Menschen?" Das geben wir zu, aber der Satz ist dennoch falsch. Meine Herren, diese Aesthetikcr und Künstler könnte jedes Christenlehr- kind wohl zu Schanden machen, wenn es ihnen sagen würde : Mehr als der Leib ist die Seele, sie ist das Göttliche im Menschen, sie prägt ihm jene höhere geistige Schönheit auf, durch welche er alle anderen körperlichen Wesen überragt, durch sie wird der Mensch zum Ebenbilde Gottes. Und darum gibt es eine Schönheit, die Höher ist als die leibliche, die körperliche Schönheit, das ist die sittliche, die geistige, die ewige Schönheit. (Bravo!) und noch ein zweites könnte dieses Kind dem Künstler und dem Aesthetikcr sagen, nämlich ein Wörtlein von der Erbsünde, durch welche der menschliche Leib ein Object des ungeordneten Begehrens geworden ist, ein Wörtlein von dem Schamgefühl, das Gott dem Menschen zum Schutz gegen diese Begierde gegeben hat, und dem auch der Künstler unterworfen ist, selbst wenn er es leugnet. (Bravo!) Sie fragen mich, verehrte Herren, was hat das Alles zu thun mit der christlichen Kunst? Sehr viel. Eine solche Kunst ist eben unchristlich in ihrem Princip, weil sie über die Gesetze der Zucht und Schamhaftigkeit sich hinwegsetzt. Eine Kunst, welche auf diesem Boden emporgewachsen ist, ist nicht im Stande, wirklich Religiöses zu schaffen, die wird nie hinauskommen über Vertreibungen aus dem Paradies, badende Susannen, büßende Magdalenen und aus Kreuz gebundene oder geschlagene weibliche Heilige. Meine Herren, diese Sache ist ivohl der Mühe werth, daß man uns darum kümmern. Dieser derbe Naturalismus wirkt geraden! zerstörend aus den religiösen Glauben, er verletzt uns in unseren heiligsten Gefühlen, indem er das, was wir gewohnt sind, im Schimmer erhabener Heiligkeit und höchster Würde zu sehen, in den Staub der Straße herunterzieht. Meine Herren, wir müssen uns dagegen verwahren, daß man uns die nächstbeste Modellsteherin als die Mutter des Herrn vorführt (Bravo!), daß wir uns irgend einen von der Straße aufgelesenen Vagabunden als Apostel prä- sentirt (Bravo!), daß man Christus den Herrn uns darstellt wie einen Hingerichteten, elenden Verbrecher, denn er ist und bleibt unser Gott und Herr, anbetungswürdig, auch wenn er am Kreuze hängt oder im Grabe ruht. (Bravo!) Wir haben aber auch ein Recht, zu protestiren gegen den Naturalismus auf dem profanen Kunstgebiete. Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Kunstausstellungen Bildungsanstalten seien für die unreife Jugend, daß man Kinder hineinführen soll, wie es leider geschieht, aber sie gehören nun einmal zu unseren Cultureinrichtungen, der Staat gibt große Summen für diese Zwecke, und deßwegen, meine ich, sollte es möglich sein, daß ein christlicher Familienvater mit seiner Gattin, seinen erwachsenen Töchtern und seinen Studenten sie ohne Aergerniß besuchen könnte. (Sehr wahr!) Wiederholt wurde in den gesetzgebenden Körperschaften, sowohl im Reiche, als auch in den Einzelstaaten, hingewiesen auf den in den Schaufenstern der Kunsthandlungen sich breitmachenden Naturalismus, und es ist anch Abhilfe geworden. Die Polizei trägt Sorge, daß da, wo allzustarke Auswüchse sich zeigen, solche beseitigt werden; das verdient gewiß unseren Dank. Aber was nützt diese Maßregel, wenn man alle diese Dinge zu den öffentlichen Ausstellungen zuläßt, wo man sie schön beisammen findet und mit Muße betrachten kann und betrachten muß, so aufdringlich treten diese Sachen einem in den Weg. (Sehr richtig!) (Schluß folgt.) Recensionen »nd Notizen. Papst Leo XIII. und die hl. Beredsamkeit. Erläuterungen zu dem auf päpstlichen Befehl von der 8. 0. Lxp. st Rs». erlassenen Rundschreiben an die Bischöfe Italiens und die Ordensoberen über die hl. Beredsamkeit, mit einer ausführlicheren Nutzanwendung für unsere Verhältnisse. Von Dr. Leopold Ackermann. Priester der Diöcese Würzburg. Mit kirchlicher Approbation. München. Verlag von Rudolf Abt. 1897. (88 Seiten.) 0. L. So betitelt sich ein kleines Schriftchen, vom Verfasser, der uns bereits mit einem Beitrag zur Homiletik, nämlich mit einer Arbeit über „Die Beredsamkeit des hl. Joh. Chrysostomus" erfreut hat, „dem seligen Petrus Canisius, dem zweiten Apostel Deutschlands, zum 300- jährigen Gedächtnisse seines Todes als kleine Jubiläums- gabe in dankbarer Verehrung geweiht". Nach einem einleitenden Vorwort über die Wichtigkeit des Predigtamtes auch für unsere Zeiten werden uns zuerst die fragliche Encyklica selber im lateinischen Texte sowie mehrere darauf bezügliche und deren Verständniß erleichternde Aktenstücke mitgetheilt; hieran schließen sich recht instruktive Erläuterungen zur Encyklica. zuerst über die Person des Predigers, dann über die Eigenschaften der Predigt und dann über die in dem betreffenden Rundschreiben erlassenen Verfügungen. In sehr geschickter und interessanter Weise sind zu diesem Commeutar die Ausführungen des gefeierten Apostels von Andalusien, Juan de Avila, verwerthet, wobei nur zu wünschen wäre, daß die betreffenden Auslassungen auch mit praktischen Beispielen aus den Predigten Avila's belegt wären. Von besonderem Interesse ist der 3. Abschnitt, welcher zum Theil schon im diesjährigen Jahrgang der „Passauer Monatsschrift" veröffentlicht wurde: „Ausführliche Nutzanwendung für unsere Verhältnisse, insbesondere die Darlegungen des Verfassers über die thematische Unterweis- ungs-Predigt, die „eigentliche Rede" und den sogenannten „Avis". Recht beherzigenswert!) sind auch die Bemerkungen Seite 79 f. und 87 f. — über die Mittel, das Volk zur fleißigeren Anhörung der Predigt zu bringen —, sowie die Seite 84 und 85 („Rück- und Ausblick") gegebenen Anregungen zur Hebung der so wichtigen geistlichen Beredsamkeit. Möchte doch das Büchlein recht viele Leser finden; keiner wird es, ohne großen Nutzen daraus geschöpft zu haben, aus der Hand legen! — Druckfehler, die bei einer Neuauflage zu entfernen wären, finden sich, abgesehen von einigen Jnterpuuktionsfehlern, Seite 8 Zeile 14 von unten »xlaäsatis." statt nplaoeutia", Seite 11 Zeile 10 von unten „bariut" statt „bauriat", Seite 15 Zeile 7 „diesen" statt „diese", Seite 17 Zeile 11 von oben „ein" statt „eine". Seite 23 Zeile 19 von oben „Ändalusions" statt „Andalusiens", ib. Zeile 26 „Seneke" statt „Seneka", Seite 24 Zeile 15 von oben zweimal „ihren" statt „Ihren", Seite 30 Zeile 19 von unten „Schleininger" statt „Schleimger. Sprachlich hart ist der Satzbau Seite 13 Zeile 16 von rucken, der Ausdruck „ich kann mich nicht verwinden", für „kaun ich mir nicht versagen". Sachlich möchte ich noch zu Anm. 4 aä Seite 14 bemerken, daß Hettinger in seinen „Aphorismen" die lateinischen Schrift- texte vertheidigt. Baumann Fr. L-, Der bayerische Geschichtsschreiber Karl Meichelbeck (1669—1734); Festrede, gehalten in der öffentlichen Sitzung der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften zu München, zur Feier ihres 133. Stistungstages am 27. März 1897. München, Verlag der k. b. Akademie (G. Franz), 1897. 4°, 54 Seiten. Preis 1 M. 50 Pfg. -> Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß in dieser akademischen Rede das Andenken eines Mannes der drohenden Vergessenheit entrissen wurde, den wir Bayern mit Stolz zu den unsrigcn zählen dürfen: es ist der berühmte Verfasser der „Listoris, ^risivZ-snÄs", ein Mitglied der Benediktbeurer Kongregation, des um die historische Wissenschaft hochverdienten Benediktinerordens. Nach einer Zeit des Verfalles, bedingt durch die schrecklichen Heimsuchungen, die der 30jährige Krieg über Bayern gebracht hatte, trat Meichelbeck auf historischem Gebiete als Stern erster Größe auf, ihn; gebührt das Verdienst, im südlichen Deutschland das erste Geschichtswerk verfaßt zu haben, das den Anforderungen der Kritik Stand hält; dasselbe machte (1. Band 1724) seinen Namen in ganz Europa mit Recht berühmt. Nur in Freising. das m der Historiographie doch eine so große Vergangenheit hatte, wußte allein der Fürstbischof den Mann zu schätzen, nicht aber die Herren des Capitels. Ueberhaupt hatte Meichelbeck gerade genug zu kämpfen gegen Anfeindungen, Verdächtigung und Stumpfsinn im eigenen Lager. Daß Meichelbeck auch ein Schalk sein konnte, zeigt ein Vorfall, den Baumann (S. 45) aus Meichelbeck's Schriften mittheilt: Die Kanoniker von St. Andreas in Freising wollten ihren Gründer, den Bischof Ellenhard, zu einem „Heiligen" machen und öffneten 1723 sein Grab, um etwa Anzeichen der Heiligkeit zu entdecken, von der nun Meichelbeck ganz und gar nicht überzeugt war: da öffnete unser Historiker heimlich ein Büchschcu mit scharfriechendem Balsam, und die Kanoniker sogen mit Entzücken den paradiesischen „Wohlgeruch der Heiligkeit" ein, bis ihnen Meichelbeck hohnlachend das Balsamgefäß vor die Nase hielt und der Freude ein jähes Ende bereitete. Meichelbeck war von einer staunenswertsten Arbeitskraft; seine Hauptwerke schrieb er lateinisch, und sein Latein ist einfach, klar und elegant, so daß man wirklich mit Genuß seine Schriften in die Hand nimmt, die sich leicht und angenehm lesen. Weiteres wollen wir über Meichelbeck aus Baumanu's verdienstvoller Rede, die überall in unserem Vaterlande Interesse wecken wird. nicht anführen, nachdem die „Post- zeitung" bereits in Beilage Nr. 33 ausführlicher über Meichelbeck gehandelt hat. VIachos Ang., viotionnairo Aroc-tranoais. 8". XIV -j- 1000 pp. ^töünss, LakollariM 1897. 1?r. 25.—. v Für die heutige hochgriechische Sprache der Bücher und Zeitungen reicht ein altgriechisches gutes Wörterbuch zur Noth aus; sobald es sich aber um das gesprochene Griechisch (und auch die Gebildeten gebrauchen dre Volkssprache) oder um vulgäre Texte handelt, da versagen selbst die wenigen neugriechischen Wörterbücher, die wir haben, nue Contopulos oder Legrand. Obiges Werk ist, wenn gleich nicht absolut lückenlos, doch weitaus das beste und ausführlichste dieser Gattung; es enthält nicht nur etwa einen doppelt so großen Wortschatz, wie die erwähnten anderen, sondern namentlich eine ausgedehnte Phraseologie der Schrift- und Umgangssprache, woran es die bisherigen Lexika fast gänzlich fehlen ließen. Die Ausstattung ist sehr gut, die Anordnung und Ausarbeitung zufriedenstellend; solang man noch nichts Vollkommenes hat, muß man auch für das relativ Beste dankbar sein, mögen ihm auch noch Mangel anhaften. Grammatische Angaben (z. B. über Genetivbildung u. s. w.), so wie wir es bei unsern klassischen Wörterbüchern gewohnt sind, wären erwünscht;, es scheinen aber alle derartigen Handbücher mehr für den Griechen berechnet, der eine fremde Sprache lernt, als für den, der nach dem Griechischen forscht. Es wäre jedoch leicht, beide Theile vollkommen zu befriedigen; vielleicht geschieht es bei einer zweiten Auflage oder deutschen Bearbeitung. Zur Beschaffung des Werkes bedient man sich am besten der Buchhandlung von M. Spirgatis in Leipzig, die auch sonst für Lieferung griechischer Bücher empfohlen sei. Hertkeus I., Die Reliquien von den Sandalen Jesu Christi in Prüm. Pilgerbüchlein nebst Andachten und Gebeten. 12°. 72 Seiten. Prüm, I. Schuth, 1896. Preis 25 Pfg. s In der kleinen Eifelstadt Prüm waren im vorigen Jahre (vom 11. bis 25. Oktober) die angeblichen Sandalen der Herrn zur Verehrung ausgestellt und von überaus zahlreichen Wallfahrtszügen aus Nah und Fern besucht. Das veranlaßte vorliegende Schrift, welche der frommen Sage bis auf den Frankenkönig Pipin nachgeht, der die Sandalen von Papst Zacharias zum Geschenk erhalten haben soll. Die Echtheit läßt sich nicht darthun, da so späte Quellen keine Beweiskraft haben, und frühere Quellen, die von Werth wären, eben nicht angeführt werden können. Solche Literatur-Erzeugnisse beweisen nur zu deutlich, wie berechtigt Schell's Klagen über die „exquisiten Culte" der modernen Frömmigkeit sind. Angesichts derartiger Andachtsformen fragt man sich unwillkürlich, ob der Glaube an die sakramentale Gegenwart des Herrn in allen unseren Pfarrkirchen in den Gläubigen unseres Jahrhunderts so schwach ist, daß neben ihn: ganz zweifelhafte Reliquien einen solchen Anziehungspunkt bilden können. Die Verantwortung jener, die solche Tendenzen unterstützen, obwohl sie der: Trieb des Volkes auf gesündere Bahnen lenken könnten, ist keine kleine. Petraris K., Taschenwörterbuch der neugriechischen und deutschen Sprache. 16° 2 voll. 430 und 554 Seiten. Preis 6 Mark. Leipzig, Otto Holtze, 1897. k Dieses billige, hübsch ausgestattete und reichhaltige Wörterbuch wird gewiß von allen Freunden der neugriechischen Sprache mit umso größerer Freude willkommen geheißen werden, als ein derartiges, unentbehrliches Hilfsmittel auf dem deutschen Büchermarkt bisher gänzlich fehlte, denn das im gleichen Verlag früher (1841, zuletzt 1881) erschienene Wörterbuch von Theodor Kind ist vollständig werthlos und von Fehlern, sowie willkürlich gebildeten Wörtern wimmelnd (vgl. darüber Jeanarakis, Neugriech. Gramm. S. V), und die neueren brauchbaren Lexika von Contopulos, Legrand, Vlachos sind in französischer Sprache abgefaßt oder enthalten, wie das treffliche von Jeanarakis, nur den deutsch-griechischen Theil. Der Verfasser, ein Grieche, dem wir bereits eine ganz tüchtige neugriechische Grammatik (Heidelberg. Groos, 1895) verdanken, gibt uns Gewähr dafür, daß wir in vorliegendem Buch keine selbst erfundenen Vokabeln (wie bei Kind), sondern den echt griechischen Sprachschatz der modernen Sprache in ziemlicher Vollständigkeit haben, und zwar enthält das Buch neben der Schriftsprache auch die (mit Stern bezeichneten) Wörter der Umgangssprache, deren sich in Griechenland auch der Gebildete bedient und die der Reisende kennen muß. Wir können das Buch nur empfehlen. v. Steichele-Schröder, Das Bisthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben. 44. Heft. Augsburg, Schmid, 1897. -s. Während die beiden vorausgehenden Hefte wahrscheinlich für manchen Abonnenten ein wahres Aergerniß 392 gebildet haben mögen, namentlich wenn nicht beachtet wurde, daß sie nicht nur die für die wissenschaftliche Benützung des groben Werkes unentbehrlichen Register enthalten, sondern daß das 43. Heft auch bereits ein gut Tbeil Text zum Kapitel Kaufbeuren bietet, wird hoffentlich das neu erschienene Heft wieder alle Abonnenten mit dem ganzen mühseligen Unternehmen aufs beste aussöhnen. Denn gerade das gegenwärtige Heft ist wieder besonders geeignet, die Vorzüge der Fortsetzung der Äisthumsbeschreibung: umfassende Benützung des einschlägigen archivalischen und lrterarischen Materials, eine erquickende übersichtliche Darstellung der verschiedenen Verhältnisse in den einzelnen Pfarreien, z. B. des Ortsadels, des Grnndeigenthums, der Gerichtsbarkeit rc., ins beste Licht zu setzen. Manches Detail, man braucht nur zu erinnern an das Hereinspielen des Protestantismus m die Geschichte einzelner Pfarreien, verleiht dem Hefte ein über lokale Grenzen weit hinausreichcndes, allgemeines Interesse. Behandelt sind die Pfarreien Dösingen. Emmenhausen und Bronnen, Euris- hofen und Schwäbishofen, Ober- und Unter- Germar in gen. Guten berg.Hirschzell, Ho nsolgen und Jen gen. Don dem alten Ursin (Jrsee) lernen wir noch einen Theil der Geschichte seines ehemals bedeutenden Adelsgeschlechtes, der Freiherren. Grafen und späteren Markgrafen von Ursin-Nonsbcrg, kennen. — Möge der Augsburger Diöcesanklerus seiner herrlichen Visthums- hcschreibung ein stets wachsendes Interesse entgegenbringen! Dss XibslunAsn: Doöms traäuit äs l'allsmanä par L. äs Davsls^s. Dä. Llxsvir in 16" 2 voll. vp. IV -s- 260; 236. Daris, D. I'Iammarion, 189S. l?r. 7. rsl. k. Das Nibelungenlied ist das einzige große Epos der Völker Europa's seit dem Abschluß der alten Geschichte. Mit Recht bemerkt Schopenhauer, es sei geradezu eine Blasphemie, dasselbe etwa mit Homers Jlias und Odyssee zu vergleichen, so roh und ungeschlacht ist das deutsche Werk. gleichwohl aber verlohnt es sich der Mühe, es kennen zu lernen, zumal für den Deutschen. Es ist nicht bloß ins Neuhochdeutsche übertragen worden (so von Simrock und ganz und gar schlecht, unerträglich ungeschickt von Jordan), sondern es ist auch in fremde Sprachen übersetzt worden, und da nimmt es sich seltsam genug aus. so vorzüglich ins Ungarische von Karl Szasz und ebenso meisterhaft in italienische Verse von Jtalo Pizzi (Milano, Hoepli). Vor uns liegt nun auch eine wortgetreue französische Prosaübersetzung, die an sich keinen höheren künstlerischen Werth hat, sondern nur den Inhalt dem französischen Leser vermitteln will, und dieser Zweck wird auch erreicht. Die schmucken Bündchen, zur „Ool- Isoticm äes spopäss nationalss" gehörend, sind mit echt französischer Eleganz ausgestattet und in vorzüglichem, dem Auge wohlthuendem Drucke ausgeführt. Um eine Probe zu geben, setzen wir die Anfangszeilen, die im Original jeder gebildete Deutsche im Gedächtniß hat, her. „Des suoisnuss traäitious N0U8 rapportsut äes iusrvsills8 st nou8 parlsnt äs äöbors äi^nes äs louauZss, ä'sxploits auäavisux, äs ktztss joxsusss, äs plsurs st äs Aömisss- wsnts. Naiutsuant vous xouvsr sntsnärs rsäirs l'bistoirs insrvsillsu8s äs ess Husrrisrs valsursuss". Man sieht aus der langathmigen Wiedergabe: die Sprache des modernen Salons ist deutlich, die Poesie aber ist ihr freilich gründlich ausgetrieben. sondern mrch das irdische Dasein ihrer Kinder erträglicher zu gestalten. Der erste Abschnitt bespricht das religiöse «heiligende) Leben unter Einwirkung der Kirche, wie es sich äußert in der regelmäßigen Seelsorge, in frommen Vereinen, Bündnissen, Bruderschaften, Missionen, Andachten: der zweite Abschnitt gibt ein Bild der erziehlichen Thätigkeit der Kirche in theologischen Lehranstalten, Diöcesan-Knabenseminarien, Schulen, Asylen für Blinde und Taubstumme, Stiftungen zu Schulzwecken, sowie in der katholischen Presse. Der dritte Abschnitt behandelt Die kirchliche Armenpflege, der vierte die Krankenpflege durch Ordenscongregationen; der fünfte Abschnitt führt uns ein in jene Veranstaltungen, die die Kirche zur Hilfeleistung in besonderen Bedürfnissen einzelner Klassen getroffen hat, und dazu gehören katholische Bauern-, Arbeiter- und Haudwerkervereine, die in gegenwärtiger Zeit von eminenter Bedeutung sind. Der sechste Abschnitt erörtert im Besonderen das sociale Wirken der fünf steir- ischen Stifte: Seckau, Rein, St. Lambrecht, Vorau, Ad- mont. Genaue Tabellen, welche eine statistische Uebersicht über die socialen Anstalten in jeder einzelnen Pfarrei bringen, sowie ein ausführliches Jnhaltsverzeichniß erhöhen den Werth des Buches, den man erst dann zu schätzen weiß, wenn man erwägt, wie mühsam, welche Opfer an Zeit und Geduld erheischend eine derartige Arbeit ist. Die Gewissenhaftigkeit und der Bienenfleiß des Verfassers verdient alles Lob. Etwaige Lücken und Mängel, die bei einem solchen Werke unvermeidlich sind, zu verbessern und zu ergänzen, sind zunächst diejenigen berufen, die ihren priesterlichen Wirkungskreis in der Diöcese Seckau haben und den Dank des Verfassers für jede berichtigende Zuschrift erwarten dürfen. ÜSASv llo. O. (8. ä.), Inäsx vxsrum Dsoumäi Lrcksri. 8" pp. VIII -st 80. Lsroliui, §sl. I,. Domes, 1896. Ll. 2,00. jU. Virorum äs rs matbsmatiea dsns msritorum (Llauss, llaoobi, Orassmaim, Ltsinsr, Dssss, )Vsisrstrass, Xronsoüsr sto.) opsra omnia eoUscta possiäsmus ab aeaäsmiis säita. Ljus aulsm, gui sst omuium ksrs matbsmatieorüm priuesps ao maxistsr, svlsbsrrimi aäamavtini Dsonaräi Lulsri opsra sruäitions nsonou inAsnii aeumius prasolara aäbue ässiäsramus ints§r» in unam ssrism sollsota so novitsr säita, quamvis stiam nuuo tsmporis Dulsri soripta m»Koo soisntias pro^rsssu von abstaute onm summa utüitats non minus a tironibus guum a sorutatoribus psrlsZautur. Xuuo saltsm babsmus sura st stuäio rsv. 6. UnAsu (s soo. llesu), gui sst DeorKio- politaui obssrvatorii in l4msriea äirsetor, viri in rsbus matbsmatiois optims vsrsati (ok. sjusäsm „Lzmopsiu subU- mioris matbsssos" Rsrol. 1891—94, I. D) inäiesm ooin- plstum omnium Dulsri librorum ao äisssrtatiouum, säi- tionis opsrum Lulsri vsrs äiZuam prolusiousm, sx gus, quanta tüsrit Lulsri assiäua iuäsksssa amxla iuäustris, racils äiZnosvi potsst: Ultra 800 snumsrantur Lulsri Opera st opuseula. blau msäiooris sssst DaZenü Aloris, si kavsnts aliguo LIasosuats xost boo prasambulum säitionsm opsrum Dulsri aZKreäi atgus aäjuvantibus aliis viris kslieitsr xsrüosrö possst. Lpsramus! Der Marienbote. Jllustrirte Monatsschrift für Marienkinder und Töchter katholischer Familien. Verlag von Carl Aug. Seyfried u. Comp., Wiünchen. Preis des Jahrgangs (12 Hefte) 1,80 M. Stradner Al„ Das sociale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich. II. Band. Diöcese Seckau. 8°. X-st 264 Seiten. Wien. Mayer L Co., 1897. Preis 2 fl. 60 kr. s Unter den Schriften, die im Auftrage der Leo- gesellschaft in Oesterreich herausgegeben worden sind. ragen die Bände, welche das „Sociale Wirken der katholischen ; Kirche in Oesterreich" quellenmäßig behandeln, an sich und namentlich in Rücksicht auf unsere Zeitbedürfnisse v durch besonderes Interesse, das sie erregen, hervor. Der Kz vorliegende II. Band befaßt sich mit der Diöcese Seckau L; und zeigt, wie die Kirche immer und überall mit thätiger M Hand eingegriffen hat, nicht nur um ihre Gläubigen nach- P drücklich aus den zu weisen, der über den Sternen thront. Stern der Jugend. Jllustrirte Zeitschrist zur Bildung von Geist und Herz. Jährlich 26 Hefte. Preis . 4 M. Verlag der Buchhandlung L. Auer in Donauwörth. Im gleichen Verlag erscheinen „Lourdesrosen". Monatszeitschrift, Prers halbjährlich 80 Pf. „Nothbürga". erscheint alle 14 Tage, Preis halbjährlich 50 Pf. „Ra- phael", jllustrirte Zeitschrift für die reifere Jugend und das Volk, jährlich 52 Nummern, Preis Halbjährlich 1L5M. Monika", Zeitschrift für katholische Mütter und Haus- clich 52 Nummern, Preis mit der Gratis- sährl frauen. ^.. ..— .- , ^ beilage „Schutzengel" halbjährlich I Mark. „Knerpp- blätter". Alle 14 Tage eine Nummer. Preis halbjährlich 1,25 M. „Katholische Schulzeitung". Jährlich 52 Nummern. Preis halbjährlich 2 M. Mrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas H Grabherr in Augsburg. öl,-. 57, 8. M. 1897. Der moderne Darwinismus und seine Gegner.*) Von Dr. O. Sp. Woher das erste Menschenpaar? — Diese hochwichtige Frage findet in den verschiedenen Zeiten von den verschiedenen Gelehrten verschiedene Beantwortung. Viele wollen den Menschen zunächst aus den niedrigeren Organismen entstanden wissen, also aus dem Thiere; andere halten fest an einem ursprünglichen, bereits in der Bibel berichteten, speciellen Schöpferakte bezüglich des Menschen. Dies die sich gegenüberstehenden modernen Hanpt- theorien! Ihnen gelte unsere Betrachtung! Wollen wir untersuchen, worauf sich erstere Ansicht gründet, so haben wir die moderne „Entwicklungslehre" (Evoiutions- und Descendenztheorie) einer näheren Würdigung zu unterziehen. Zuerst ihre geschichtliche Entwicklung! Als die ersten Vertreter dieser wissenschaftlichen Richtung erscheinen wohl zunächst Bnffon und der ältere Geoffroy, mehr Aufsehen erregte schon Lamarck mit seiner 2 ocüoAi" — „Aus dem Eie alles Leben". , Ja Darwin selbst schreibt im Jahre 1870: „Was auch die Zukunft noch enthüllen mag, die Wissenschaft auf ihrem gegenwärtigen Standpunkt begünstigt nicht die Meinung, daß lebende Wesen jetzt aus organischer Materie neu entstehen." Erfolglos sind bisher alle Bemühungen der Natur- ^ forscher, einer Urzeugung auf die Spur zu kommen. In dieser Hinsicht macht Bischofs ein ihn als Forscher nur ehrendes Zugeständniß: „Bei unseren Forschungen nach dem Anfang der Dinge kommen wir immer wieder auf ein letztes Glied, über das wir nicht hinaus können. Wie die ersten organischen Wesen auf die Erde gekommen sind, ist uns ebenso unbekannt, wie der Uranfang der Dinge überhaupt." Gerade die Vernunft also fordert, wenn man sie aufrichtig sein läßt, den Schöpfer. ,j Was den allmähligen, fast unmerklichen Uebergang der einen Art organischen Lebens in die andere betrifft, so findet für's erste diese Uebergangslehre keine Stütze durch die aus den Schichten der Erdrinde zu Tage geförderten Reste organischen Lebens. Im „Archiv der Geologie" finden wir die Arten und Gattungen scharf 394 begrenzt nebeneinander. Und „wo wir ein und dieselbe Species sowohl in historischer Zeit (Mumienthiere) oder in geologischer bis vor die Eiszeit, ja Muscheln selbst bis in die „oligocäue" Zeit verfolgen können, den Specicscharaktcr finde» wir unverändert und nur in ganz bestimmten Graden schwankend". Diesen Mangel der von seiner Theorie unbedingt geforderten Ucbcrgangsforincn fühlte auch Darwin recht wohl, nicht aber seine weniger „feinfühlenden" Schüler. Wenn er aber meinte, gerade die Uebergangsformen könnten durch Zufälligkeiten geologischer Prozesse zu Grunde gegangen sein, so ist dies nach dem Zeugnisse von Geologen eine Annahme von immenser Unwahrscheinlich- keit. Ebenso ist die vielfach gehegte Hoffnung unbegründet, man werde die Ilebergänge schon noch finden. Wenn auch nur Bruchstücke jedes geologischen Terrains bekannt sind, so besitzt man doch solche Brnchtheile auf allen Contincntcn und Inseln der Erde, und es wäre ein höchst launenhaftes Spiel des Zufalles, wenn die bekannten Fragmente gar überall fertige Speciesformen und gar nirgends werdende oder Uebergangsformen aufbewahrt hätten. Jenen „Hoffnnngsseligcn" gegenüber ist nur die Präcision des Spatens zu bedauern, der, so oft sie ihn ansetzen und umwenden, ihnen stets ein gleiches, vernichtendes Urtheil spricht. Paläontologie, Geschichte, Erfahrung stehen also gegen diese „Theoretiker". Wie bereits angedeutet, haben sich Darwin und- noch mehr seine Anhänger auf ungeheure Zeiträume berufen, welche ihr System ermöglichen sollen. Jenen „Zeitmillionärcn" halten wir aber nur entgegen, ihre Forderungen sind höchst willkürlich und nicht auf cxpcrimcntcller Basis fnndirt; denn die neuesten Ergebnisse der Physik, wonach seit Uranfang des organischen Lebens auf der Erde kaum mehr als hundert Millionen Jahre verflossen wären, widersprechen der Annahme so ungeheurer Zeiträume. Das Urtheil Kant's, „die Evolutionstheorie sei- ein gewagtes Abenteuer der Vernunft," ist auch das nnsrige. Weit eher ist anzunehmen, der „Schöpfer" habe eine Zahl Urtypen organischer Wesen ins Leben gerufen und ihnen die Kraft der Wcitcrzengnng gegeben. Und nun zur Stammbanmsfrage! Zu stützen suchte man diese Hypothese bezüglich der Abstammung des Menschen von einer Affenart mit dem Hinweis anst eine angeblich ganz außerordentliche Uebereinstimmung des menschlichen Körpers und seiner Entwicklung mit der körperlichen Organisation meuschcn- iihnlichcr Affen. Dagegen führen wir nur an die Worte I. Nanke's: „Wir brauche!» nicht zu bcstrciten, daß höher stehende Wirbelthicre und der Mensch mit Organen leben und sich bewegen, die einander ähnlich sind. Wir geben zu, baß ein neues, im Thierreich unerhörtes Organ beim Menschen nicht auftritt und daß im letzteren alle wesentlichen im Thicrreich vertheilten Organe und Einrichtungen vereinigt erscheinen." So Ranke. Ucbrigcus legt die Thatsache, daß Mensch und Thier aus derselben chemischen Materie, aus der Mutter Erde sich zusammensetzen, von vornherein klar, daß Mensch und Thier die gewöhnlichen niederen Lebensbedürfnisse und die Physische Lebensart gemeinsam haben.müssen. Aber berechtigt diese Thatsache schon znm Schlüsse, daß der Mensch einfach aus einer anthropoidischen Thierform hervorging? Ist die altehrwürdige Lehre von der Erschaffung des Menschen durch Gott, ist ein specieller Schöpfungsakt wirklich durch unumstößliche Resultate exakter Forschungen znm Märchen gestempelt? Das ist die Frage! Für die rein „Wissenschaftlichen" existirt dieselbe freilich nicht. Es gehört ja heutzutage zur „wahren" Wissenschaft die unbedingte Lengnnng des Schöpfers, und erst sie macht den, der wissenschaftlich so viel wie gar nichts leistet, in gewissen Kreisen zum „geistreichen, auf der Höhe der Zeit stehenden, aufgeklärten Mann". Es wird sich aber zeigen, daß die Lehre von der Abstammung des Menschen vom Affen nichts weniger als bewiesen ist. Voraus schicken wir das Urtheil Darwins, daß zwischen dem Menschen und den Anthropoiden „eine große Unterbrechung in der organischen Stnfenrcihe bestehe, die von keiner ausgestorbenen oder lebenden Species überbrückt werden könne". Und nun znr Vergleichnng selbst! Der hagere, behaarte, faßförmige Affenlcib ohne Gesäß, die bis an die Kniegelenke herabreichcndcn Arme, die kurzen, wadenlosen Beine desselben, der bei vielen Arten vorkommende Schwanz .und nun vor allem der scheußliche, fratzcnartige Thierschädel, der in seiner gewöhnlichen Lage. nach vorne überhängt und zur Erde starrt, das ranhthicrartige Gebiß, die fast fehlenden Lippen, die plattgedrückte Nase, die boshaft blickenden, tief liegenden Augen, die hervorstehenden Augenwnlsten, die gänzlich fehlende Stirne: all diese Merkmale müssen als gegensätzlich znm Körperbau des Menschen aufgefaßt werden. Und während der Mensch „mit erhobenem Auge den Blick zu den Sternen richtet, ist dem Affen der aufrechte Gang nicht eigen". Seine Hinterfüße, oder eigentlich besser gesagt, seine Hinterhand befähigt ihn nicht zum aufrechten Gang. Fehlen bei- ihr ja doch, wie bereits erwähnt, die Waden und die zum aufrechten Gang erforderlichen Sohlen. Auch ist das schmale Becken absolut nicht geeignet, beim aufrechten Gang den schweren Körper nur unvollkommen zu tragen, und wie Brehm sagt, ist es dem Affen nur möglich, mit eingeknickten Knien mühsam dahinznwanken. Außerordentlich treffend ist bezüglich dieses Punktes die Aeußerung I. Rankc's: „Die Anthropoiden werden in Beziehung auf den aufrechten Gang vom ,Tanzbärc>st weit übertrofsen," — für einen findigen Darwinisten vielleicht ein Anhaltspnnkt, den Menschen sür's XX. Jahr> hundert vom „Tanzbären" abstammen zu lassen. Wie bereits angedeutet, ist der GcsammtcindrNck „menschenähnlicher" Affen im Gegensatze zum „Ebenbildc Gottes" der des Thierischen, oder, wie O. Hermes sich ausdrückt über den „Stammvater" Orang-Utan, gibt alles an diesem Thiere demselben so etwas Diabolisches, daß die kühnste Phantasie Mühe hätte, sich ein größeres Scheusal vorzustellen. Auch wir schließen uns gerne diesem Urtheil au bei dem uns znr Zeit gebotenen Anblick von den 300 Orailg-Utan-Schädclii, welche durch die Güte des Herrn Professors Dr. Selenka dem anthropologischen Seminar „München" , zur Verfügung gestellt sind. Sehr bezeichnend für den Bau des Schädels ist der sogenannte Eampcr'sche Gesichtswinkel. Während derselbe beim Menschen zwischen 70" und 85" schwankt, sinkt er beim erwachsenen Schimpanse aus 35°, beim Orang-Utan auf 30° herab. Eine Vergleichnng der Gchirnmasscn begründet, ebenfalls einen nicht zu hebenden und mit allem Darwinismus und Lamarclismus nie zu vermittelnden Unterschied zwischen Menschen und Affen. I. Rauke hat den Jnnenraum von 100 männlichen Schädeln in Altbayern auf durchschnittlich 1503 oain berechnet, bei weiblichen auf 1335 ccm. Nach Tropinard ist der mittlere Inhalt der europäischen Schädel 1410 ccm. Und nun znm Affen! Schon der Anblick des Schädels selbst zeigt uns einen ungleich kleineren Gchirnranm, und denken wir uns das Gesicht, das fast nur durch ein riesiges Gebitz gebildet wird, weg, so bleibt uns ein Köpfchen, wie das eines neugeborenen Kindes, mist seine Kapacität ist berechnet auf ein Mittel von 498 oom beim männlichen Gorilla, für Weibchen auf 458 ccm. Eine von uns. selbst vorgenommene Untersuchung an dem größten Oraug-Utan-Schädel, stammend von einem männlichen..Exemplar, aus Berantau, und an einem ver- hältnißmäßig kleinen menschlichen Kopf ergab folgende Resultate: für den Affcnschädel fanden sich 440 ccm, für den Kopf des Menschen 1343 ccm; wir haben mithin nicht weniger als 903 ccm Capacitätsuntcrschied; für den größten uns bei unsern Untersuchungen untergekommenen Kopf fanden sich 1719 ccm, mithin ein Unterschied von nicht weniger als 1279 ccm! Bilde und arbeite also Natur und überbrücke solche Differenzen'. Gerland hat recht, wenn er behauptet, daß ein menschliches Gehirn von so mächtiger Größe aus einem äffischen nicht entstehen konnte. Wir selbst aber sagen: „Auf Grund dieser Differenzen liegt der Schluß weit näher, der Affe stamme vom Menschen, als jener des modernen Darwinismus, der Mensch stamme vom Affen." Selbst Pros. Schaaff- hauscn, ein eifriger Verfechter der Desceudenzlehre, erklärt: „Der wesentlichste Unterschied zwischen Mensch und Thier liegt in der Größe des Gehirns." Wir könnten nun noch betonen die Verschiedenheit der inneren Gehirnstrnktur, die Lage des Schädels, die Verschiedenheit der Dornfortsätze, die verschiedene Stellung des Ohres, die Platyknemie u. a. m. Wir glauben jedoch, daß das bereits angeführte Material genügen wird, um ein Urtheil über die Berechtigung oder Nichtberechtigung des modernen Darwinismus zu ermöglichen. Unser persönliches Urtheil geht dahin: Der moderne Darwinismus ist eine wissenschaftlich erscheinen wollende Modethorheit, welcher besonders die Atheisten huldigen, um ungestraft vom Gewissen Atheisten fein zu können. — Mögen sie stolz auf ihren Stammbanm sein! Martin Greifs religiöse Lyrik. Ich all dem tollen Getriebe der jungen, jüngeren und jüngsten Dichterschnlen ist mit wenigen andern seinen ruhigen Weg seitab gegangen unser engerer Landsmann Martin Greif. Und die einen klatschten den aufprasselnden Rakctengeistern überschwenglich Beifall und träumten schon, zumeist in gegenseitiger Selbstbeweihräucherung, von einem Neuland der Poesie — die andern wandten sich, angeekelt von dem widerlichen Tamtam- schlagen der Gegenwart, ab und versenkten sich mit desto hingehenderem Eifer wieder in die alten, junggebliebenen Geister der großen Epochen. Und nur ganz wenige verfolgten den Lauf der Gegenwart mit Besonnenheit und schieden die Spreu vom Weizen —: so kam es, daß ein Bayers- dorfcr, Bodenstedt, Meißner den „unbekannten" Greif auf den Schild hoben, daß Victor Hehn begeistert ausrief: „Jetzt ersehe ich, daß ich eiu Genie ersten Ranges, dessen Werke noch die Bewunderung künftiger Jahrhunderte finden werden, verkannt oder übersehen habe." Da wurde es denn allmählich so manchem Professor auf seinem Unfchlbarkcitsgcstühle bang, und es kam jenes famose „Vertrauliche Rundschreiben" zu stände, in dein der Literaturbonze W. Scherer seine Freunde zur Unterdrückung des, „aufdringlichen Martiu-Greis-Cultus" aufrief — der wichtigste Beleg, für das literarische Cliqucn- nnwcsen unserer Tage. Und nun suchte man den litcrar- ischen Einsiedler entweder lächerlich zu machen oder todtzn schweigen — und warum? Wir finden nur einen Grund: Greif huldigt nicht dem materialistischen Zeitgeist; er macht in seiner Poesie der jüdisch-liberalen Richtung keine Zugeständnisse; er folgt nicht der reltgton- nnd sittcnzersetzenden Schaar der Jungen —: er ist ein positiv gläubiger Christ, der auch mit seinem Glauben nicht hinter den Bergen hält. Das zeigt er uns in seiner ganzen Dichtung, besonders in seiner re» ligiöseu Lyrik. Die deutsche Literatur besitzt allerdings religiöse Gedichte genug, auch von ganz Ungläubigen. Aber wenn dieselben nur einer künstlich erzeugten Stimmung entspringen, lassen sie kalt wie jede nüchterne Reflexion. Greif ist wahrhaft religiös: kein Wunder; bittere Er-! fahrungen hatten ihn gar früh zu einem ernsten, stillen ^ Denker geschaffen; zu dem kommt sein angebornes, sin-^ ntges, in sich gekehrtes Wesen: im Wechsel der flüchtigen Erscheinungen, in der Einsamkeit der Wälder, der Wild- niß der Berge, im Umlauf der Gezeiten lernte er bald zu dem die Blicke lenken, der alles lenkt und leitet. Dem Wirken der Natur spürt Greif mit wundersamer Fein- fühligkcit nach: das zitternde Laub, die einsame Föhre,/ das dunstige Moor — Blühen und Welken, alles erweckt in ihm die alten Gefühle der Menschheit: aber sie erscheinen uns durch ihn in immer neuen, tiefsinnigen Gedankenreihen. Aber nicht in verschwommenem Pantheismus betet er die Mutter Natur an, sondern zu ihm schaut er auf, der da schuf „der Ordnungen Sinn". Mit weniger Rhetorik als Klopstock, mit der seelischen Begeisterung des Psalmistcn lobpreist er den Herrn, der da „nahet in Gewittern". (S. 67.)') „Wer wohl ruft mir im Gewittersturm? Seine Stimme kenn' ich, — Nicht erbeb' ich vor ihr. Er ist's, der mein Schicksal lenkt, Der den Lebenshauch mir gab Und mir setzt die Todesstunde. Ihm vertrauen will ich, wie immer. So auch jetzund. Da mit berstendem Krach Fährt ein prasselnder Blitz hernieder. Jählings neben mir Schlägt er ins bange Gehölze. Taumelnd steh' ich da. Doch im nächsten Augenblick schon Knie' gefaßt ich. Stammelnd, Deiner Allmacht. Vater, Kindliche Laute." Mit gleichem Schwung, mit den Tönen eines Jesaias besingt unser Dichter Gott als Lenker der Schlachten im' „Lobgesang auf den Sieg von Sedan". (S. 293.) „Kämen sie zahllos wie die Wogen des Meeres. Ihre Rosse zerstampften alle Halme des Feldes, Ihre Gespanne tränken die Fluth aus den Bächen, Es ständen auf die Krieger dreier Samen, ') Gesammelte Werke, Leipz., Amelangs Vcrl. 1695. 396 Und sie hätten alle Völker zu Bestärken» Und alle Erdenkönige zu Freunden: Sämmtlich seien sie wider uns; Dennoch hälfe sie nichts ihr Prahlen: — Der Herr streitet wider sie. Mit einem Hauch seines Mundes Verweht er sie Hin auf immer. Ich will sie werfen, spricht der Herr, Ich will sie strafen, spricht der Gerechte. Und er recket seinen Arm, Hält an seinen Odem ein wenig — Vernichtet liegen am Boden die Feinde." „Der Herr redet: Hört, ihr Völker allumher! Ich will nicht, das; einer kriege mit Muthwill' Und trachte nach des andern Land und Eigen!" Gott zu Ehren will er wirken: so gelobt er, als er seinen Soldatenbernf verlaßt, unschlüssig wegen der Zukunft (S. 42): „O Herz, vom Schlummer anferwacht. Wie willst dn's weiter führen? Hier oben in des Parkes Pracht Die Hirsche nach dnrchäster Nacht Im Grase kaum sich rühren. Doch unten im bewohnten Thal Hörst du Gepoch erschallen Von harter Arbeit allzumal. So triff denn du auch deine Wahl, — Doch lass' sie Gott gefallen!" Ihm ist gewiß, daß das Leben nicht auf Rosen bettet: aber er ergibt sich nicht dem feigen Pessimismus oder verzweifelndem Skepticismus, sondern vertraut und hofft auf den alten Gott (S. 156): „Der Gott, der Sonnen kreisen läßt Und hält den Halm im Sturme fest, Dir nah', doch nie zu schauen. Er wird nicht immer betten dich. Doch aus der Noth erretten dich. Du darfst ihm wohl vertrauen." Und als er sich nun endgiltig dem Berufe des Dichters ganz hingibt, da tastet er nicht nach dem Geschmacke der Zeit, feilscht um die Gunst der Mode, sondern ruft zu Gott vm Weihe und Kraft der Wahrheit. Aber Greif wendet sich nicht bloß in einzelnen Gedichten an Gott: seine Lyrik ist durchwoben mit gläubigen Stoffen; Ostern, Pfingsten, Weihnachten erwecken in ihm fromme Gedanken; wir können kein Kirchenlied neuerer Zeit, das Greifs „Ncujahrsgesang" (S. 154) an Einfachheit und Innigkeit gleichkäme. „Preis dem Starken in der Höhe, Der aus sich da§ Schicksal lenkt. Alles Glück und alles Wehe Gnädig uns voraus bedenkt. Er bestimmt das Maß der Zeiten. Und er ordnet Fahr für Fahr, Was die Monde vorbereiten. Macht er keinem offenbar. Nnhmgewaltig herrscht er morgen, ^ Wie er Heine hochgeoent. Nichts besteht, daS ihm verborgen,. Und kein Werk hat ihn gereut." ... Anstatt ferner in süßlichstnnlichcn Strophen aber- taiistndmal die „ferne" Geliebte zu apostrophiern oder ras Elend der Gasse und Hütte in den sattesten Miß- ! färben breit auszumalen, liebt es Greif, die religiösen Worstelluügcn, Bräuche und Sagen des Volkes dichterisch »s verlcmicheii. So singt er von der Martcrnng der! hl. Barbara, dem Pilatusthurm, von dem Knaben, der vor einem Bildstöcklein mit Jesus und Maria Tollkirschen opfert: ^Du magst den Willen haben. Wenn sie auch giftig sind; Die Herzen, nicht die Gaben Sieht an das Jesuskind" — und so noch genug. Wollten wir den religiösen Dichter in seinen Dramen verfolgen, würden wir noch genug der schönsten und zartesten Stellen hersetzen müssen. Greif ist eben auch hier der offene, rückhaltlose Mann, der auch der Bühne keine Concessionen macht. Daher verfolgt ihn auch auf diesem Gebiete Mißachtung und Uebergehnng. Wir führen nur noch das schöne Gebet der Agnes Bern au er aus dem gleichnamigen Trauerspiel (1894) als Probe an: „Ich grüße dich, Maria, dich, du Magd des Herrn, O Mutter voller Gnaden! Du gleichst im Thau dem Morgenstern, Wann Thränen mich beladen. Ich grüße dich herzinniglich, Maria, dort, ich grüße dich! Ich grüße dich, Maria, dich zu jeder Zei'. Du seligste der Frauen! Du scheuchest allen Kummer weit, Drumm will ich dir vertrauen. Ich grüße dich, Maria, dich, wo ich auch bin. Äü Königin der Milde! Ich weiß, mein Ruf dringt zu dir hin, Knie' ich vor deinem Bilde." „Greif hat als Lyriker von den jetzt in Deutschland schaffenden die kräftigste, die einzige an Genialität reichende Begabung", gesteht Aveuarius, einer der ehrlichsten und feinsinnigsten Kritiker unserer Tage, unumwunden zu. Es ist an uns, einen solchen Dichter allen Aufgeklärten und Modernen zum Trotz zu hegen und zu fördern. vr. St. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert.*) Lange bevor Rußland, heute noch ein Zwitlcrstaat aus Asien und Europa, sein starres Chineseiithnm zu mildern begann, erregte sein rapides Wachsthum und seine conseqncnte Politik die Besorgniß der Nachbarstaaten. Kaiser Maximilian I. schrieb an den deutschen Ordensministcr: „Die Integrität Lilihaucns ist nothwendig zum Wohle Europas; die Größe Rußlands ist eine Gefahr." Z Achnlich äußerte sich Herzog Alba in einem Schreiben am 18. Juli 1571 an den Reichstag zu Frankfurt. Aber erst mit der Kaiserin Katharina II. nnzüchtigcii Angedenkens, deren despotischer Herrscher- glanz sich an Lcichenfackeln entzündete, erst mit ihr, der Henkern; Polens, entstand die akute russische Gefahr für den europäischen Westen. Die Nachfolger Peters des Großen, zumeist schwächliche, im Geiste finsteren Kal- mückcnthnms befangene Regenten, verhüllter die Barbarei und trostlose Unwissenheit ihres Volkes dem Auslande gegenüber in einem Schleier echt orientalischen Dünkels und stolzer Jsolirnng. Katharina II., dieser zweite Band von Messalina und Locnsta, der römischen Massenmörderin, dieses Weib ohne Weiblichkeit, diese Christin ohne Christenthum, die wohl auch, wenn sie die orthodoxe russische Geistlichkeit düpiren wollte, barfuß von Moskau nach *) Nachdruck verboten. ') Brückner „Enrop. Rußland". 397 Troltza wallfahrtete, war die erste, welche kühn Europa in die Schranken forderte. Um Polen zu vernichten» spielte sie mit Oesterreich und Preußen die Rolle der Schlange im Paradies. Der verbotene Unglücksapfel war Polen, das bemitleidenswertheste aller modernen Länder, und Friedrich II., der Held von so vielen Schlachten, spielte die Rolle des lüsternen Weibes und besiegelte damit das Schicksal Polens, eine That, an deren Folgen heute Europa vielleicht unheilbar krankt. Die einzige bedeutende Macht, die gegen diese frevelhafte Politik „der drei Geier des Nordens" Widerspruch erhob, war — Frankreich. Der Staatsmann Duc de Choi- seul — ein zweiter Hannibal — suchte selbst Schweden und die Türkei gegen Rußland aufzustacheln, wie er auch Holland, wo Katharina II. die meisten Anlchen aufnahm, zu boykottircn suchte. Diesen lobenswiirdigen Bestrebungen secundirte die polenfreundliche Fraktion der 'ranzösischen Philvsophcnschnle: Noussean und Mably, während Voltaire, dessen geradezu pathologischer Geiz von seiner Charakterlosigkeit noch bedeutend übertroffen wurde, von Rußland durch Geld gewonnen war, von Diderot und den armseligen deutschen Duodezschriftstellcrn Hippel, Schlözer und Biisching zu schweigen. Der französische Hof selbst gab das Schauspiel kläglicher Zerfahrenheit und Verständnißlosigkeit. Von 1750 an sank die Residenz Versailles (nicht Paris, wie heute, sondern Versailles gab damals den Ton an) unter das Niveau des gewöhnlichsten Zustandes. Man braucht hierüber nur die Schilderungen der Herzogin v. Chaisenl zu lesen, derselben, welche auch Voltaire öfter seinen schmählichen Nussencultus zum Vorwurf machte. Im I. Ba, > ihrer gesammelten Schriftennennt sie Katharina eine Verbrecherin, die Knust und Wissenschaft nur ant Eitelkeit protegire, und deren gepriesene Reformen um so wohlfeiler seien, als Rußland, dieser Ricsenkoloß, der in der That nicht mehr öffentliche Meinung und Stimme hat als ein Walfisch, ein gefügiges, wie Thon leicht zu knetendes Object dafür sei. Die gesammelten Briefe dieser geistreichen Französin enthalten daneben so viele geniale politische Gedanken, daß man ihr wohl einen bescheidenen Platz neben der viel gefeierten Amazone Madame de Staöl gönnen dürfte. So schwärmt sie auch — das große Wort sei ausgesprochen! — für eine Allianz zwischen Frankreich und Deutschland. Und merkwürdig! Diese Allianz bestand unter Friedrich II. in der That. Nur znm Scheine wurde auch von Frankreich im 7jährigen Kriege ein Heer gegen den Preußen- könig gesandt; Prinz Sonbise bekam gerade für die Schlacht bei Roßbach, in der er sich glänzend hatte schlagen lassen, den Marschallstab; Richelieu hätte bei einigermaßen gutem Willen Friedrich vernichten können; verhinderte ihn daran nur französischer Edclmnth und Galanterie? Die französischen Offiziere nahmen durch ihre bewundernden Reden über Friedrich schon auf dem Anmärsche den Soldaten allen Muth und sagten offen, daß Friedrich - und sein Bruder Heinrich gute Franzosen seien.-') Ja, Friedrich der Große von Preußen war ein guter Franzose; er sprach, schrieb, philosophirte französisch, er ließ deutsch geschriebene, frcigeistige Abhandlungen verbrennen und schickte deren Verfasser nach Spandau, so den Verleger Gebhard's, während er die französischen Neligionsspöttcr königlich belohnte und ehrte. Er berief *) Band I S. 100 vont Juni 1767. Oorrosx. oomplvte eck. Kt. .-lnwii's. Gäderß „Friedrich der Große". französische Offiziere in seine Arnicc und lud französische Großindustrielle ein, nach Berlin zu kommen. Das Merkwürdigste aber erzählt uns General Chasot, ein geborener Franzose; er mußte aus Frankreich wegen Raufhändcl fliehen; Friedrich nahm ihn gastlich auf, ja er zog ihn an die königliche Tafel und überhäufte ihn mit Liebenswürdigkeiten, nannte ihn sogar den Matador seiner Jngendjahre und begnadigte auf seine Fürbitte einen zum Tod vernrtheiltcn Pagen, für den sich selbst seine Mutter vergebens verwendet hatte; nur durfte Chasot 8 Tage lang nichts von diesem Vorfalle erzählen, um seine Mutter nicht zu beleidigen. Friedrich schrieb später an Ludwig XVI., ihm auch die Söhne Chasots für seinen Dienst zu überlassen, was dieser mit den verbindlichsten Ausdrücken gestattete. Nicht minder waren die Wortführer, selbst der „kerndeutsche" Möser, im Banne französischer Cultur, selbst der Dichterheros Goethe schätzte die „westlichen Cultureinflüsse" höher als Lcssing, der in seinen literarischen Anfängen von Voltaire, bei dem er Sekretär gewesen war, auf einer Unredlichkeit ertappt worden war und deßhalb die französische Literatur überhaupt später bitter bekämpfte. Ebenso nnhistorisch als die Keuschheit der Liieret!« und die des Königs Ludwig Xlll., das Ei des Colninbiis und Schwcppermanns oder die Opferung der 100 Ochsen durch Pythagoras ist der Wahn, Goethe habe je irgend welchen gesteigerten nationalen Empfindungen sich zugänglich gezeigt. Der Apollo vom Belvcdcre oder eine andere schöne griechische Statue waren für seinen ausgeprägten Schönheitssinn werthvoller als der Held, welcher Napoleon 1. aus Deutschland vertrieben hat. In seltsamer Wechselwirkung waren die russischen Publicistcn zur Zeit der zweiten Katharina von einer merkwürdigen Abneigung, ja theilweise Idiosynkrasie gegen Frankreich ergriffen, so v. Wisin, der bedeutende Satiriker, dem eine scheinheilige Entrüstung über die französischen lettras cie oaostet schlecht ansteht, ebenso der an schwärmerischem, melancholischem Wahnsinn leidende Dichter Karamsin, welcher die Gcßner'schen Idyllen in's Russische übersetzte, alle Reliquien, die auf Klopstock und Hallcr Bezug hatten, in ganz Europa sammelte und bei deren Anblick stundenlang weinen konnte, oder Kntnsow, der Klopstock's höchst langweilige Messiade mit rührender Ausdauer übersetzte. Von der französischen Literatur beeinflußt zeigte sich nur der Begründer der russischen Literatur, Kantcmir, ein geborener Türke, und Lomonosoff. Nach der zweiten Theilung Polens wurden die Beziehungen zwischen Rußland und Frankreich immer gespannter. Agenten der französischen Jacobiner, so der unglückliche Charles Roqnct, den das russische Ma- dalinski'sche Corps gefangen nahm, verbreiteten Pamphlete gegen Rußland allenthalben in Polen, forderten zu Revolution und Attentaten auf, so in der Broschüre „Xil äesparamäriirE; ja im November 1795 entwarfen Ellas Treno und Casimir de la Röche, geborene Franzosen, den Plan einer polnischen Legion unter französischer Trikolore, ohne damit Erfolg Zu haben; die bei den polnischen Wirren gefangenen Franzosen, so früher Chossy und Salibcrt, wurden schonungslos massacrirt; den beiden letzteren vermochte auch Voltairc's Fürsprache nicht zu helfen. Die nun folgende Geschichtspcriode, solvcit sie hier intcressirt, wird gekennzeichnet durch zwei Namen, Napoleon I. und den russischen Zaren Alexander I., die glänzenden Verfechter von Principien, die sich dia- 398 metrcil entgegenstanden: der eine der Vertreter des modernen CultnrstaatcS, der andere der Vertreter orientalischer Despotie an der Spitze eines Riesenstaatcs, dessen Elend in 100 Sprachen zum Himmel schreit. Daß zwei solche Männer sich auf's Blut bekämpfen mußten, ist klar, und es kann nur einem Geschichtsforscher wie Vandal, der jener Species von Gelehrten anzugehören scheint, die noch beweisen werden, daß die Sonne grün, der Mond blau ist, im Ernst einfallen, zu behaupten, Napoleon I. und Alexander I. seien gute Freunde gewesen, natürlich im .Herzen; nach außen habe man dies nicht gezcigt^--was allerdings richtig ist. Denn der vernichtendste Schlag traf Rußland gerade durch Napoleons Fcldzug, wenn er auch unglücklich verlief; er verpflanzte die revolutionären Ideen der französischen Soldaten und Offiziere nach Rußland, wie auch wiederum in Frankreich gefangen gehaltene Russen später die neuen Theorien mit der Begeisterung frischgewounener Adepten in Rußland verbreiteten. Wie groß allein mag der Antheil des französischen Geistes an dem Decabristenaufstaud in Rußland gewesen sein? — Schon die beiden Eharaktcrc schließen in sich die größte» Gegensätze. AleMider I., der Federball von Ministern und Hofschranzen, der mit alten Weibern betete und mit jungen buhlte, der ewigen Frieden zwischen den Fürsten haben wollte, aber ewigen Krieg zwischen den Völkern stiftete, der eine heilige Allianz gründete, die eine sehr schein- und nnheiligc zn nennen war, der gerne für Europa den Vormund spielen wollte als Nnivcrsal- monarch, ohne jedoch im geringsten ein Universalgenie zn sein, außer in der Anwendung des Knnteiisysieins; Alexander I., ein maßlos jähzorniger, ausschweifender, krankhaft reizbarer Monarch, der schon in Wuth gerietst, wen» er an Napoleon I. erinnert wurde und unter andern deßhalb seinen Günstling Oberst von Bartholoma't in Ungnade fallen ließ, derselbe Alexander I. wurde wegen seiner Siege über die Franzosen von den Russen genannt: »der Gesegnete", der „weiße Engel", der die „Gallier sammt den 22 verbündeten Nationen von der Erde des heiligen Rußland vertrieben habe". Die Preisgabe und Einäscherung Moskau's durch die Russell selbst, dieser Akt von stupidestem Patriotismus, wurde noch lange als nationales Fest in Rußland gefeiert. An allen russischen Poschäusern konnte man bis 1860 und später Scenen aus deut Franzosenkriege sehen: Franzosen spießen Kinder auf und braten sie am Wachtfeuer und ähnliche Barbareien, die im Gegentheil den irregulären russischen Truppen, welche die Regierung wider alles Völkerrecht 1812 gegen Napoleon aufstellte, nachgesagt wurden. Die erbeuteten französischen Fahnen waren noch 1830 in den russischen Kirchen zu sehen, weßwegen auch der französische Gesandte in Petersburg, Herzog von Äortemart, da er sich deßwegen weigerte, die Aasam'fchr Kirche zu besuchen, bei Zar Nikolaus in Ungnade fiel. Nach neuesten historischen Forschungen kann übrigens für die Einäscherung Moskaus, mit welcher der National- - russe sich heure noch brüstet, nicht einmal der Entschuldigungs- grund der Vaterlandsliebe angeführt werden. Moskau war damals das liberale Centrum Rußlands, die Hoffnung Napoleons I , die unbotmäßigste Stadt des russischen , Reiches.*) So waren die Bauern des benachbarten Fleckens Star« ja Rogatschef bereit, die Franzosen Babel E. „Rußland in der neuesten Zeit". im Triumph zn empfangen, welche Ovation indessen vereitelt worden war. Um die liberalen Ideen in Rußland zu Boden zu schlagen, war ein Schlag gegen Moskau seit langem geplant. (Fortsetzung folgt.) Die Bedeutung der christlichen Knust gegenüber dem Naturalismus und Judifferentismus. (Stenogramm der Rede des Lycealprosessors Dr.Schlecht- Dillinge n, gehalten auf dem Katholikentag in Landshut.) (Schluß.) Gestatte» Sie, meine Herren, daß ich dem Studium der Natur ein anderes gegenüberstelle, das meines Er- achtcnZ in unseren Tagen viel zu sehr vernachlässigt wird: es ist das Studium unserer großen alten Meister, unserer deutsche» Künstler, die so innig empfunden, die so gläubig gedacht, die so keusch und fromm gemalt, so daß, wenn wir vor einem solchen Bilde stehen, wir die Hände falten möchten und niederknien zum Gebete. Gar oft suchen nur vergeblich den Namen dessen, der das Werk geschaffen hat. so daß man ganze Cyklen von hervorragenden Tafelbildern nur so benennen kann, daß man sagt: Es ist vom Meister des Todes Marin, oder eS ist von: Meister der Lyversberger Passion. Aus diesen Werken klingt es jetzt noch: uon uobü, ckomiuo, uon nodi«, sock nowini tuo clei xflorimn! Wie ganz anders heutzutage! Die Bescheidenheit der Künstler steht oft in umgekehrtem Verhältniß zu ihren Lcistnngen, und bei manchen modernen Bildwerken ist der mit großer Sorgfalt in Lapidarschrift angebrachte Name des Künstlers das einzige, aus dem man klug werden kann. (Bravo!) Meine Herren, ich könnte nun fchließen, und Sie würden sagen: „Der hat nun einmal eine tüchtige Strafpredigt gehalten für unsere Künstler, die wir ihnen von Herzen gönnen," allein das verehrliche Lokalcomitck scheint nicht dieser Ansicht zn sein, denn es hat mir den Auftrag gegeben, zu sprechen auch über den Jndifferentis- ums, die Theilnabmslosigkcit des Publikums. Es bekundet damit wobt die Meinung, daß es mit dem bloßen Räson- niren nicht abgethan ist: es soll auch auf diesem Gebiet besser werden, und wie, Gott sei Dank, in den letzten Jahren die christliche Wissenschaft angefangen hat, Siege zu erringen, so soll auch der katholische Gedanke das Gebiet der Kunst zurückerobern. (Bravo!) Auf welchem Wege ist nun aber das zn erreichen? Etwa dadurch, daß man Gottes Wasser über das Land laufen läßt und sich denkt: Mögen diese Künstler schaffen, was sie wollen, die gehören zn den Unverbesserlichen, und wir können sie nicht bekehren. Nein. meine Herren, auch das ist ein Cultur- gebiet der Kirche, ihr zugesprochen durch tausendjährigen Besitz und verbrieft durch die herrlichsten Urkunden, und wenn ihr Einfluß hier geschwunden ist, so müssen wir ihn zurückzugewinnen trachten. Meine Herren, wer die künstlerischen Bestrebungen der Neuzeit mit Interesse verfolgt, wird in denselben manchen gesunden Gedanken finden, der sich wohl in den Dienst der ewigen Wahrheit stellen läßt. Es wäre vollständig verkehrt, sich ihnen gegenüber ablehnend zu verhalten, und ich sehe — im Vertrauen gesagt — gar keine so große Tugend darin, wenn mancher Herr Confrater sagt: In Kunstausstellungen gehe ich principiell nicht hinein, da ist ja nur Schund darin. Meine Herren, so ein Urtheil ist ja recht fromm, allein es zeugt nicht von rechtem Verständniß für die Bedürfnisse unserer Zeit, im Gegentheil möchte ich dringend auffordern, die Werke und Ateliers und Ausstellungen unserer Künstler zu besuchen, namentlich derer, die auf religiösem Boden schaffen, denn Sie werden selber davon gewinnen, und die Künstler werden großen Dank dafür wissen. Es hängt das zusammen mit einer anderen Ansicht, die heutzutage sehr verbreitet ist, daß Kunstkenntniß und Kunstverständniß jedem Menschen angeboren sei. Die Kunst ist Sache des Geschmacks, und niemand will schlechten Geschmack haben. Wer aber den Künstler bei seinem Schaffen betrachtet. der wird recht bald finden, welch' eindringendes, aufmerksames Studium dazu nöthig ist, um dem todten Stein Leben einzuhauchen, um das Ungeahnte, das Hohe. kaum Aussprcchliche zum (Ausdruck zu bringen. Wenn wir uns mit dem Künstler persönlich benehmen, wenn 399 wir die Ideen keimen lernen, die ihn beschäftigen, die Mittel, mit denen er arbeitet, wenn wir sehen, unter welchen Bedingungen ein Kunstwerk entsteht, dann bekommen wir allmählich künstlerischen Blick und künstlerisches Urtheil, dann werden wir keine Anforderung an den Künstler stellen, wie es thatsächlich geschehen ist von einem Auftraggeber, der ein großes Kreuz bestellte mit dem Kruzifix vorne und hinten, damit die Leute auf beiden Seiten beten können. (Heiterkeit!) Deswegen, meine Herren, haben unsere Generalversammlungen seit vielen Jahren immer und immer wieder dem Klerus, der sich vor allem dieser Aufgabe erinnern muß, nahegelegt, die Kunst und die Geschichte derselben gründlich zu studiren. Wenn das von jeher geschehen wäre — in unseren Tagen wird ja darauf Sorge gelegt —, wären gewiß so manche Restaurationen nicht zu dem geworden, was sie sind, nämlich wahre Verwüstungen in den Kirchen, indem im Interesse einer falsch verstandenen Stileinheit, eines einseitigen Purismus alles Alte einfach beseitigt worden ist, was man an anderen Stellen gewiß doch recht gut hätte verwenden können als ein Denkmal frommen Sinnes unserer Vorfahren, das uns sagt. daß vor Jahrhunderten an dieser Stelle Menschen gebetet und Gott verehrt und ihm das hl. Opfer dargebracht haben. (Bravo!) Es ist richtig und gereicht besonders dem Klerus zur Ehre, daß in unseren Tagen so außerordentlich viel geschieht für Erneuerung, auch für Neubauten und Neuanschaffungen in den Kirchen: es sind riesige Summen, welche für diesen Zweck in der letzten Zeit ausgegeben wurden. . Wie kommt es nun, daß trotzdem die christliche Kunst hievon keine kräftigen Impulse erhalten, daß gerade die religiöse Kunst bis vor kurzem sich nicht im Aufschwung, sondern im Niedergang befunden hat? Meine Herren, daran ist zum guten Theil Schuld die kapitalistische Produktionsweise unserer Zeit. Alan hat die Bauten und Restaurationen sozusagen ohne die Künstler ausgeführt, man hat sie einseitig ganz in die Hand von Unternehmern gegeben, die Alles zu machen versprachen, vom Kircheuban bis zum gemalten Fenster und Altartnche, während sie vielleicht nicht einmal die Flügel eines Engels an die Wand malen können, die sich Kräfte cngagiren und dafür entsprechend oder auch nicht entsprechend entlohnen und sodann den Künstler hcrabdrücken zum Lohnarbeiter; denn welches Interesse hat er an einem Werke, von dem er vielleicht gar nicht weiß, wohin es bestimmt ist, nie wird sein Name dabei genannt, und seine Persönlichkeit kommt dabei iu keiner Weise zur Geltung. Künstlerisches Schaffen setzt aber doch voraus die höchst freie, selbstständigc Thätigkeit der Personen. (Bravo!) Ebenso ist es, wenn man etwas bedarf für eine Kirche. Man geht zu diesem vielseitigere Mann, denn er hat die Sachen schon fertig auf Lager. Da stehen Altäre, Leuchter, Statuen, Bilder, Fenster, Paramente, man sucht sich das Passende oder auch Unpassende heraus und sieht natürlich auch daraus, daß man für wenig Geld möglichst viel erhält. Daß es au Ort und Stelle nicht zusammenstimmt, daß es nicht zum Stil der Kirche paßt, daß es gewöhnliche Fabritwaare aus elendestem Material ist, das bedenkt man in der Regel erst nachträglich, wenn mau das Geld ausgegeben hat und nicht mehr zu helfen ist. Das sind Mißstüilde, die schon seit vielen Jahren beklagt werden. Es ist ja in unseren Tagen namentlich Dank dem Drängen unseres unvergeßlichen Reicheusperger, der fast aus allen Generalversammlungen diese Uebelstände brandmarkte, auch ans diesem Gebiete erfreulicher Weise besser geworden. Aus der Generalversammlung in Mainz wurde die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst gegründet, und ist dieselbe auch m erfreulichem Aufblühen begriffen. Meine Herren, in ihr sind Künstler vereinigt, die noch etwas Höheres kennen als den öden Naturalismus, die von den- edelsten Bestrebungen durchdrungen sind, sich ihre Ideale zu bewahren, die Ideale des Christentlnuns. Diese Männer verdienen nicht bloß die Unterstützung, daß mau ihrer Gesellschaft beitritt, sondern auch noch eine andere Förderung. Sie wissen, daß mitdcn Generalversammlungen in München und Dortmund Ausstellungen der Gesellschaft verbunden waren, die Kunstwerke jeglicher Art repräsentirten. Sie zeugten von wirklich künstlerischer Begabung und origineller Kraft, sie bewiesen die Möglichkeit, die Fortschritte der heutigen Technik und Methode mit christlicher Auffassung zu vereinigen, sie wurden bewundert, gelobt und sind dann unverkauft wieder in die Ateliers zurückgewandert, aus denen sie gekommen. Das ist nicht sehr ermuthigend, meine Herren. Ein vielgenannter neuester Maler wirst auf ein Strcifcheu Leinwand einen übermüthigen Bacchantenzug, hängt ihn in die Ausstellung und erhält 10,000 Mark, unsere Künstler decoriren mit Arbeiten voll heiligen Ernstes nach jahrelanger Mühe ihre Wände. Haben wir wirklich unter uns keine Leute, welche die Mittel besitzen, ein christliches Kunstwerk zu erwerben? Ich habe nur eine Erklärung dafür, das mangelnde Verständniß und die Theilnahmslosigkeit des Publikums. Da wird für ein junges Paar die Aussteller mit großem Geschmacke ausgewählt, für Schränke und Tische theures Geld ausgegeben, japanische Schirme und Fächer, chinesische Nippsachen, indische Teppiche und iveiß Gott was sonst noch gekauft; aber fällt es diesem Pärchen ein, für ein Heiligenbild oder eine Madonna ein vaar- hundert Mark daranzusetzen? Vielleicht erinnern sie sich in letzter Stunde, daß doch auch ein Kruzifix in's Wohnzimmer gehöre — das lassen sie sich im Ausstattnugsgeschäft als Dareingabe schenken, oder kaufen es für ein paar Mark beim Porzellanhändker! In jedem besseren Bürgershausc, auch bei uns Katholiken, muß auf dem Tische irgend ein illnstrirtes Prachtwerk liegen. Aber was finden Sie da? Schiller und Goethe, Scheffel und Hamerling iu den bekannten Prachtausgaben ; aber Sie dürfen 100 Familien besucht haben, ehe Sie etwas Katholisches treffen. Doch ich komme da in ein Gebiet, das ja gestern Herr vr. Huppert gestreift hat. Ich mächte seinen Worten nur beifügen, daß es für katholische Jllustrationswerke nicht an tüchtigen Künstlern und Zeichnern fehlt, wohl aber an Verlegern. Die Verleger jedoch schieben die Schuld wiederum auf die Theilnahmslosigkeit des Publikums. Meine Herren, wenn wahre religiöse Kunst wieder eingezogen sein wird, nicht bloß in die Kirche, sondern in das christliche Haus, — dann erst werden diese Klagen und Anklagen verstummen. Meine Herren, ich komme zum Schluß! Ich möchte die Aufforderung und herzliche Bitte au Sie Alle richten, sich warm der Interessen der christlichen Kunst anzunehmen, die Kunstfreunde dadurch, daß sie, soweit möglich, die Künstler unterstützen, die Künstler, indem sie ihre Kunst in den Dienst des Allerhöchsten stellen. Wenn man heutzutage sagt: I'art pour l'art, d. h. die Kunst ist sich selbst Zweck, ihre Bestimmung ist lediglich zu ergötzen und zu zerstreuen, so sagen wir dagegen: Nein, sie ist zu Höherem berufen. Meine Herren, jene Worte,.die in großen Lettern über unserer Festhatte stellen, sie sind auch die rechte Inschrift über den Tempel der Kunst: Omnia aä maiorom äei xloriam. (Bravo!) Auch die Kunst soll wirken zur Ehre Gottes, sie soll einstimmen in das Lob, das ihm alle Kreatur darbringt, oder wie der unvergeßliche Overbeck es ausdrückt: „Mir ist die Kunst gleichsam eine Harfe Davids, ans der ich allzeit Psalmen möchte ertönen lassen zum Lobe Gottes." Möchte jeder Künstler diese Worte zu den seinigcn machen und sich losringen vom Niedrigen und Gemeinen, vom geist- und zeitlosen Naturalismus, und vor dem Thron des Allerhöchsten emporheben und die Geheimnisse, die er da geschaut, mit lauter Stimme der Menschheit verkündigen, ein jeder in seiner Zunge, in seiner Weise, in seiner Eigenart. Ihre unerlchopfliche Gestaltungskraft, ihr überquellendes Leben offenbart sich gerade in der Mannigfaltigkeit der künstlerischen Stile. Der Mönch aus der Zelle mag dem Jünger Albrecht Dürers die Hand reichen zum Bunde, aber in allen lebe ein Geist, der Geist des Glaubens und der Andacht: Omni» all maiorom clei tzloiäam. Jeder, der mitwirken will hiezn, ist uns herzlich willkommen: der gottbegnadetc Künstler mit seinem Werke, der Laie mit seine.:: Interesse für Unterstützung der christlichen Kunst. Wenn nur in brüderlichem Vereine zusammenwirken, die chri'fti i e ft-Mc zu fördern und zu unterstützen, dann wird auch »>,s tststm Gebiete die Cnlturmacht der Kirche zur Geltung lammen, und tvic für die Wissenschaft eine neue, bessere Feit bereits angebrochen ist, so wird bis zur Wende des Jahrhunderts sicher auch die Morgenröthe einer neuen Aera der christlichen Knust erglühen. (Lebhaftes Bravo!) 400 Literarisches zur Canisins-Feier. 8 Die Canisius-Fcier hat schon eine stattliche Zahl literarischer Erscheinungen zu Tage gefördert. Sie alle bringen Schilderungen über das Leben und die Tugenden des Seligen und leisten hierin recht Erfreuliches. Wenn sie jedoch daran gehen, das berühmteste und segensreichste Werk unseres Helden zu besprechen, nämlich seinen im Jahre 1554 zum ersten Male erschienenen großen Katechismus (Summa ciootrinas vkrtstirmas), so beschränken sie sich darauf, das Lob Leo's XIII. über denselben zu wiederholen, seine Gediegenheit und theologische Reinheit, seine Zeitgemäßheit und Nothwendigkeit im 16. Jahrhundert, seme schnelle und weitgehende Verbreitung u. dgl. zu ermähnen. Ist aber schon jemand mit dem Gedanken oder Vorschlag aufgetreten, den inneren (materiellen) Werth der Canisischen Summa, wie für alle Zeiten, so besonders für die unsrige, zu untersuchen und den Gründen nachzuspüren, aus welchen der Canisische Katechismus dem Gebrauch zurückgegeben werden soll? Kaum! Dieser Gedanke ist in einer Schrift angeregt, welche uns soeben zu Gesichte kommt, nämlich in der Schrift: Die Wiederbelebung der Canisischen Katechese. I. Theil: Die Fundamentirung des Glaubens in Verstand und Willen, von vr. Stephan Lederer, Pfarrer in Rodalben (bayer. Pfalz). (Selbstverlag des Verfassers sVII. 202 Sch Preis 2.20 M.) Was bietet diese Schrift? Nach dem Vorwort verfolgt sie als Hauptziel, das in der Canisischen Summa „gebotene ausgezeichnete Lehrmaterial in neue, den Formen der Einfachheit und Kürze mehr entgegenkommende Formen zu gießen". (S. I.) Sie tritt nun im ersten Artikel des 1. Abschnittes sofort mit dem Beweis hervor, daß die katholische Gelehrienwelt im Unrecht war, den Katechismus des sei. Canisius als für die Zukunft unbrauchbar zu bezeichnen, weil er in seiner allerersten Aufstellung als Fundamentobjeet, mit dessen Erfassung und bereitwilliger Annahme alles übernatürliche Erkennen und Wollen beginnt, statt der Wahrhaftigkeit Gottes und der Offenbarungsthatsache die übernatürliche Vorstellung des ewigen Heiles und weiter die Vorstellungen von Gott als dem Urheber des Heiles und der Heilsmittel und von der Kirche als der Führerin zu diesem Ziele aufgestellt habe. Weiter geht nun die Untersuchung unserer Schrift zur Frage über. weßhalb diese übernatürlichen Vorstellungen zur Annahme in einem über- natüriichen und unmittelbar-freien Erkenntnißakt gelangen. Die Antwort lautet: Wegen der unendlich -vollkommenen und himmlischen Zweckmäßigkeit ihres durch die Kirche vorgelegten Inhaltes für das vollkommene Glück des Menschen. Das oberste Princip der Katechese ist nach dem Verfasser deßhalb im Worte des göttlichen Heilandes ausgesprochen: „Predigt das Evangelium aller Kreatur" (Mark. 16,15), oder auch inr Worte des hl. Paulus: „Der Glaube kommt aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi" (Röm. 10,17). Und durch eine Katechese, bei welcher die Glaubensgeheimnisse von der Kirche als Botschaften des ewigen Heiles stets in erster Linie aufgefaßt und dargestellt werden, wird nach demselben gerade auch dem Willen des Menschen genügt, indem er in den Heilsbotschaften die zu allererst nothwendigen Heilsgüter (zur Herstellung der Heilserkenntniß) erwirbt, gemäß dem Worte des heil. Paulus: „Mit dem Herzen glaubt man" (Röm. 10, 10). Das eigentliche Glaubensmotw besteht also dem Verfasser nicht in der Wahrhaftigkeit Gottes und in der Offenbarungsthatsache, sondern in dem Merkmal der absoluten Vollkommenheit (vsrtt»8 prima), welches dem himmlisch heilsamen Inhalt der Glaubensobjecte eigen ist und den Menschen durch Predigt und Katechese wahrnehmbar gemacht werden soll. Es würde zu weit führen, hier noch eine Skizzirung aller in das Problem des Glaubensmotives einschlagenden Nebenfragen und ihrer von Dr. Lederer gegebenen Lösungen mittheilen zu wollen. Bemerkt möge nur noch werden, daß der Verfasser nicht wie so viele Autoren auf dem Gebiete des Glaubensprocesses den Schwierigkeiten aus dem Wege geht, sondern sie aufsucht, um sie dann auf.'einfache, nüchterne Weise zu lösen, wobei ihm Schrift, Thomas von Aguin, Lehre der Concilien mit dem Wortlaut ihrer Aussprüche oft in schlagender Weise zn Hilfe kommen. Hier ist kein unsicheres Tasten und Suchen, keine dunkle, den Wortlaut drehende und mühsam pressende Erklärung der Autoritäten, sondern kurze, einfache, nüchterne Beweisführung, die überrascht und befriedigt. Dabei ist die gegnerische Anschauung (die neufcholastische Lehre vom Glaubensmotiv) mit Ernst und Ruhe behandelt, nicht um völlig abgethan zu werden, sondern um das Urtheil zu erfahren: Die Wahrhaftigkeit Gottes und die Offenbarungsthatfache haben im Glaubensakt zwar nicht die Stellung des primären oder eigentlichen, sondern die des sekundären Glaubensmotivs, d. h. sie kommen im Glaubensleben des Christen besonders dann zur Verwerthung, wenn es sich bei diesem darum handelt, die schon geglaubten Heilsgeheimnisse gegen den Vorwurf der Jrr- thümlichkeit oder Lügenhaftigkeit, der meistens seine Wnrzel.in einem verdorbenen Willen hat, in Schutz zu nehmen. Wir zweifeln nicht, daß das Werk Lederer's in allen kirchlichen und pädagogischen Kreisen große Aufmerksamkeit erregen wird. Ein kräftiger Anstoß zur Wiederbelebung der Katechese mit dem Geiste des sei. Canisius ist es jedenfalls und verdient deßhalb die Aufmerksamkeit der katholischen Welt. Recensionen nnd Notizen. Dr. zur. Albrecht, Der Inhalt giltiger Testamente. Verlag von Curt Stäglich in Leipzig. Preis 2 Mark. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß sich der Verleger entschlossen hat, im Anschluß an Albrecht, Formen der Testamente, auch den Inhalt derselben nach gemeinem, preußischem, französischem, sächsischem und zukünftigem deutschem Recht bearbeiten zu kassen. Dem Autor ist es mit großem Geschick gelungen, das Buch in einer Weise abzufassen, daß es von Jedermann verstanden und benutzt werden kann. Gewinnt dasselbe schon dadurch an großem Werth, so wird derselbe noch durch die angeführten Beispiele wesentlich erhöht. Mit dem 1. Januar 1900 tritt das zukünftige deutsche Recht in Kraft, auch diesem trägt der Verfasser reichlich Rechnung, indem er sehr eingehend in Bezug auf den Inhalt der Testamente berichtet und diesen durch Beispiele ergänzt. Die Errichtung eines Testaments gehört zu den wichtigsten Rechtshandlungen im menschlichen Leben und empfiehlt sich deßhalb obiges Buch von selbst. HaKsn ck o. 6 o. (s. ll.), H-tlas stsllarum variabiliuw- Lsrolini, Lsl. Oamso 1697 sgg. /U Lsv. ?. USASN, oovistatis lls8u, gMS rs8 matüs- matioas st astrouomioas ssmpsr psouliari stuäio st 8uo- oossu kovsbat, sockalis tsbulas stsllarum sckituru8 est, gualss in bao intsArttats uuuguam s xrsla prockisrnnt. Os groxosito autor ipss clisssruit in vonArsssu S8tro- nomivo anno suxsriors LambsrAso kabtto. 6k. „Visrtsl- zs,bi88obrikt kür ^.strouomis" XXXI, 4 (p. 278—283), ubi plura. ütlas oomprsboncket omns8 stsllas variabilso U8- gus ack 25. Araäum insr. äsolin., i. s. numsro viroiter 250 stollas. Atlantis pars prima e»8 sxbibsbit 50 U8gns 60 variabile8 otsllao, guas nuäo ooulo bons obssrvart pv88nnt st zam apuä D. Hsia (^.tlas oosls8ti8. Lonnae 1872) st Listn (Ltsrnatlao. I>ip8ias 1888) cks8oribuntur; opsris osouncka st tsrtia xars stsllas ooutinsbit ksrs 200 vartabtlso, guas nonnim ooulo tslseooxio armato oon- 8piotuntur. Opu8 8uo awbitu intsZrum guingus 8srÜ8 ckwtributum eckstur; incksx oomttano uotas dabsbit ns- os88aria8 aä ooinxutations8 astronomioao. Jugendlaube. Bibliothek für die Jugend. Herausgegeben von Hermine Proschko. Wien 1897. Verlagsbuchhandlung „St. Norbertus'V Preis des Bündchens 70 Pf. Bei der Ueberfülle des Lesestoffes, der heutzutage den Kindern geboten wird, aber mitunter sehr wurmstichig ist, ist eine Gabe von tadelloser Gediegenheit wie die „Jugendlaube" von Herrn. Proschko mit Freuden zu begrüßen. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ki-. 88 6. Olrt. 1897. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert.*) (Fortsetzung.) Ungerecht wäre es übrigens, Alexanders 1. Verdienste um sein Land zu verkennen, das leider seine gutgemeinten Reformen fast sämmtlich ablehnte. Der Adel haßte ihn, weil er die leibeigenen Bauern befreien wollte; die Liberalen verabscheuten ihn, da er den reaktionären Untcrrichtsmittister Chischkof berief; der kaiserliche Palast brannte aus unaufgeklärten Gründen bis auf den Grund nieder, Petersburg selbst wurde durch eine Ueber- schweimnnng der Newa fast vernichtet: tvas Wunder, daß der Mann, welcher Europa unter seine Obervormundschaft zu zwingen dachte, in seinen letzten Regierungsjahren in Trübsinn und moralische Lethargie verfiel, zu der sich noch fast völlige Taubheit gesellte? Keine Musik ward mehr im Winterpaläst gehört, nur melancholische Raben krächtzen in dem Hofparkc. Immer abstoßender gestalteten sich auch nach außen Rußlands Beziehungen zu Frankreich. Unerhört war das Benehmen des russischen Gesandten Morkow in Paris, das an den Fürsten Dol- gornky lebhaft erinnerte. Dieser, der russische Gesandte, sollte 1687 wegen seines ungeschlachten Wesens und der ekelhaften Unreinlichkeit seines Gcsandtschaftspersonals aus Paris ausgewiesen werden und erhielt von der Pariser Polizei das Verbot, Handel mit Rhabarber zu treiben, den er aus Rußland mitgebracht hatte. Es kam vor, daß Morkow in öffentlicher Audienz Napoleon I. den Nucken drehte und das Palais verließ, das; er einen Ball gab, ohne Napoleon I. wenigstens formell einzuladen. Geradezu skandalös war seine Insolenz bei dem berüchtigten Auftritt vom 21. September 1803, worauf der Russe abberufen wurde und den AndreaSordeu verliehen bekam. Die höchste Erbitterung des zuweilen au hysterischen Wuthanfällcn leidenden Corsen erregten aber die beständig in Paris unterhaltenen russischen Spione, von denen der gefährlichste Graf Czerni- chcff war. Dieser erregte in den Pariser Salons, wo er die Mazurka einführte, Sensation und erlauschte so tanzend die wichtigsten Staatsgeheimnisse; wie erschöpft hielt er innc, wenn er au den verstohlen plaudernden Diplomntengrnppeu vorbeikam, und niemand ahnte, daß der von den Damen vergötterte Kosakenseladou tägliche Berichte nach Petersburg schickte. Derselbe bestach auch einen Beamten der MontirnngSvcrwaltnng, Michel, der zwei Gehilfen, Saget und Salmou, an der Seite hatte und noch den Bureauschrciber Moses in's Geheimniß zog. 1812 wurde Michel zum Tod, Saget zu Pranger und zu hoher Geldstrafe verurthcilt, Sal- mou und Moses freigesprochen; Czernicheff - wurde später Günstling des Zaren Nikolaus I. Ferner zog Alexander I. mit großer Gcschicklichkeit alle mit Napoleons Regierung klnznfriedeueu an sich: der Todfeind Napoleons, der unheimliche Korse Pozzo di Borgo, Joseph de Mai stre, der berühmte Pnbli- cist, und die kühne Frau von Staöl wurden enthusiastisch in Petersburg aufgenommen, auch viele Emigranten wandten sich dorthin; so hat der einzige Richelieu, ein sonst nnbcrühmter früherer französischer Unterthan, für den Kampf gegen Napoleon enorme Summen gespendet. Die russificirten Franzosen Lambert und Laugeron haben der großen Armee 1812 empfindliche Niederlagen beigebracht. Napoleon I. rächte sich unter anderein dadurch, daß er der Pariser Polizei den Wink geben ließ, die Ausgabe falscher russischer Papiere und Banknoten zu begünstigen?) gewiß ein nicht unwirksames Mittel eines so verbrecherischen Genies, wie es Napoleon I. ivar. Keine Untiefe der menschlichen Leidenschaft existirk, in die er nicht hinabgetaucht wäre, kein moralischer Zügel schien diesen merkwürdigen Menschen zu lenken. Was wollte es besagen, wenn ihn die russischen Bauern den Antichrist, die Polen dagegen den Messias nannten, wenn englische Flugschriften ihn das korsische koatus mit den matten grünen Augen, das dämonische Scheusal nanutcu, welches in allen Lastern noch mit diabolischem Höhne das Seltsamste, Widernatürlichste für sich herauswählte? Derselbe Mann, welcher auf seinem ägyptischen Fcldzugc gedroht hatte, wenn er Jerusalem einnehme, wolle er den Frcihcitsbanm au der Stelle aufpflanzen lassen, wo das Kreuz Jesu Christi gestanden, und den ersten französischen Grenadier, der beim Sturm fiele, im Grabmale unseres Heilandes begraben lassen, derselbe Mann verrieth auch Polen, das auf ihn mit schwärmerisch verzückter Begeisterung gehofft hatte. 1806 noch schien er Wort halten zu wollen; damals war der Redner Carrion Nkzas von Napoleon gedungen worden, eine heftige .Kriegserklärung gegen Rußland im Tribunat abzugeben. Nizas gab damals die Parole eines occidentalen Kaiscrthums aus mit Frankreich an der Spitze, das die russische Uebermacht abwehren werde. Und doch äußerte Napoleon sich wörtlich gegen Narbonue, der anhaltend für die Polen eintrat, deren alte Herrlichkeit und Unabhängigkeit er herstellen müsse: „Ein republikanisches Polen kann ich nicht dulden; dasselbe würde neue Kraft für eine diabolische Propaganda haben.Nein, nein, mein lieber Narbonue; ich will in Polen nur eine disciplinirte Macht haben, um damit ein Schlachtfeld ausstatten zu können (ponr inoudlar un otminp cts bakaillo!)." In der That folgten die arglosen Polen, nicht fähig, eine so herzlose Politik zu begreife», immer und immer neue Hoffnungen nährend, ihrem Abgotte Napoleon nach allen Ländern und Schlachtfeldern Europa's. Hatte Napoleon III. gesagt: „Das Kaiserreich ist der Friede l" so durfte Napoleon I., das Wort variirend, von sich sagen: „Das Kaiserreich ist der Schwindel und Hnmbug!" Wie ein falsch spccnlirendcr amerikanischer Eisenbahnkönig ist Napoleon I. schmählich verkracht. All' seine Schöpfungen erwiesen sich als eitel Lüge, Schein, Hnmbng, Effecthascherei und leere, imperatorische Virtuosen- kunststückchcn. Das erste Kaiserreich bedurfte der Fälschung von Taufscheinen (Napoleons Geburtsjahr kennt man nicht, das angegebene ist gefälscht), gemachter Attentate, Docu- menten - Diebstähle (man entfernte alle Berichte über die Schlacht von Märcngo und faßte darüber Phantasie- berichte ab), erlogener Zeitungsberichte. Napoleon hat nie die Pestkranken von Jaffa berührt; er, der persönlich sehr feig war, hat nie aus sich bäumendem Rosse im Schneegestöber den St. Bernhard überschritten; es war damals vielmehr das schönste Wetter, und an gefährlichen Stellen ritt der Imperator einen zahmen Maulesel. Pasquier, Llemoirss. Bd. I S. 525. ') Nachdruck verboten, 402 Frau v. Nsmusat schildert, wie Napoleon an seine erlogenen Schlachtenberichte, die er aufs geschickteste in die Zeitringen zu dirigiren verstand, schließlich selbst glaubte, wie er seine Generäle Schlachten schlagen und Reden halten ließ, die ihnen nicht im Traume in den Sinn kamen. Einstmals erhob einer seiner Generäle dagegen Einspruch, daß er wiederum eine Schlacht gewonnen haben sollte, wie alle Pariser Journale meldeten. Der Mann, welcher zu plaudern drohte, wurde durch die Erlaubniß abgefunden, in irgend einer Provinz Contri- bution zu erheben und zu brandschatzen. Nach der Niederwerfung Napoleons versank Rußland wieder in den behaglichen Schlaf, den es vorher bei seinen antediluvianisch-ichthyosaurokratischen Zuständen geschlafen hatte. Die liberalen Ideen, welche Napoleons Feldzug geweckt hatte — war es ja auch die liberale russische Partei?) gewesen, die besonders znm Kriege gegen Frankreich gedrängt hatte — hatten zwar zur Gründung von mehr oder weniger revolutionären Vereinen geführt (auch die Freimaurerei begann um jene Zeit an der Newa ihren Hokuspokus aufzuführen), darunter der „Verein für öffentliche Wohlfahrt", der den Tod des Zaren Alexander I. plante, ebenso der Verein der vereinigten Slaven, die ersten Anfänge des panslavistischen Kuhreigens; aber die Bewegung war zu sporadisch, die gebildete Welt, welche die revolutionäre Gehcimbündelei als Sport betrieb, zu zerfahren und zu sehr den extremsten Einflüssen preisgegeben. So domiuirte in den Petersburger Salons bald Voltaire, bald dessen Todfeind de Maistre, bald eine Modetänzerin, bald ein melancholischer, schwärmerischer Pole, und jeder — bekam Recht; es herrschte eine der asiatisch-russischen Cholera analoge Gesinnungsausartung. Es war die Zeit, wo das Spielen mit Seifenblasen als salonfähige und geistreiche Unterhaltung galt. Die Verstimmung gegen Frankreich hielt andauernd an; als charakteristisch sei nur hervorgehoben, daß der Uebertritt eines sonst herzlich unbedeutenden russischen Tenoristen Iwanow in die französische Unterthanschaft als Beleidigung der russischen Nationalehre angesehen wurde und geeignet war, Sensation zu erregen.6) Hierher gehört auch das gegen Frankreich giftsprühende Buch des Grafen . Tolstoi: „I»sttrs cl'un Lmsss L un sournniists trautznis." Auch die Handelsbeziehungen zu Preußen ließen auf beiden Seiten sehr großen Mangel an Entgegenkommen erkennen. Es galt für Rußland, einen ihm unbequemen Handelsvertrag mit Preußen von 1818 zu beseitigen, vergebens suchte Alexander I. brieflich am preußischen Hofe darum nach. Die Sachlage besserte sich nicht, als Rußland 1822 den Vertrag einfach verletzte und für abgeschafft erklärte; erst 1825 trat eine leidliche Besserung ein, um jedoch 1849 einer ^o großen Verstimmung (immer noch wegen dieses Vertrags) Platz zu machen, daß die Obligationen einer projectirten russischen Bahn au der Berliner Börse nicht uotirt wurden. Schon 1830 hatte auch Preußen das ziemlich unverfrorene Ansinnen Rußlands, die preußischen Unterthanen auf Ansuchen an Rußland auszuliefern, mit Entrüstung abgelehnt. Es war um jene Zeit (1832), als der russische Geschäftsträger von Berlin aus nach Hause schrieb: „Es existirt in Preußen eine Partei von Liberalen (unter „liberal" subsumirte man damals alles politisch Unbequeme, Uudefinirbare, ähnlich wie hent- ') Darunter sogar der Generaladjutant des Zaren. General Chitnow. der allerdings dafür in Sibirien büßen mußte. *) Rcttig Heinr., „Russisch-preußische Beziehungen." zutage in der Jurisprudenz der Unfugsparagraph ge- handhabt wird), eine Partei von Juden und Raisonneuren, welche besondere Sympathie für Preußen und Frankreich hegt und für Rußland nichts als Haß hat." Zeit ist es nun, eine Persönlichkeit vor das unbarmherzige Urtheil der Nachwelt heranzuziehen, deren dunkle Schatten einen ganzen Welttheil verfinstert haben; einen Mann, dessen antokratischer Fanatismus mit seiner kaltblütigen Grausamkeit einen infernalischen Bund geschlossen hat; einen Mann, der, als man ihm sagte, die in Polen einrückenden russischen Soldaten hätten die Cholera, ausrufen konnte: „Um so besser; desto mehr Polen gehen zu Grunde!"; einen Mann, der seine Mission dahin präcisirte, „das Polenthum und das Dominos vobisourn (d. i. die katholische Kirche) zu vernichten"; einen Mann, der berufen war, über ein Land zn herrschen, das so groß ist wie die glänzende Scheibe des Vollmonds, und dessen Despotie in hundert Völkerzungen dieses Ländermeeres zum Himmel schreit; einen Mann, der nicht den Fürsten christlicher Zeitrechnung, sondern der Aera der heidnischen Cäsaren, dem Zeitalter Neros und Domitians anzugehören scheint, zu dessen Entschuldigung niau nur seine pathologische Abnormität anführen kann; ich meine den Zaren Nikolaus I. Sein Vater Paul war wahnsinnig; vor seinen Tobsuchtsanfällen, die auf Scenen krankhaften Verfolgungswahns folgten, zitterten die Kinder, denen er später Lakaien als Aufpasser bestellte, während er zu seinem Vertrauten den Stiefelputzer, späteren „Grafen" Iwan Kutaissow, den Gefährten Suworow's, dieses Buffo in Uniform» erhob. Sein Bruder Alexander starb in einer abnormen Geistesverfassung, der andere Bruder Coustantin litt an Tobsuchtsanfällen, und Großfürst Michael war dem erotischen Wahnsinn verfallen. Auffallend war auch an Zar Nikolaus seine nervöse Unruhe, seine heftige Sprache, fein unsinniger Haß gegen alles Neue, sein politischer Größenwahn. Nikolaus war ein Kleinigkeitskrämer; nahm er wirklich einmal große Ideen und Männer in die Hand, so verwandelten sie sich ihm unversehens zu abgeschmackten Possenspielen. Er stieß Civilgerichtsurtheile um, besuchte die Cadettenanstalten, um zu sehen, ob der Schnitt der Uniformen reglementmäßig sei, instruirte dre Ceremonien- meister und — nicht zu vergessen — sühne einen leidenschaftlichen Krieg gegen die — Schnurrbärte. Wichtiger als die Klagen ganzer Länder war ihm die Verbesserung des Kopfputzes der Infanterie und die Erfindung einer neuen Kokarde. Aehulich seinem Vater, welcher täglich mehrere Stunden die Soldaten einexercirte, beständig ävn!" (1, 2) schreiend, war auch der Sohn ein Soldateuspieler, der gekrönte Feldwebel, der in Korporals- geuüssen schwelgte. Einmal kam ein General während eines Manövers nw einige Minuten zn spät; wüthend vor Zorn degratirte der Zar ihn vor den Augen der Soldaten zum Küchenjungen (!). — (Fortsetzung folgt.) Das Velociped im Gebrauche der Geistlichen vorn theologischen und kanonistischen Standpunkt aus betrachtet. 1. Das Velociped ist ohne Zweifel an sich etwas Gutes. Es verdankt seine Existenz dem Scharfsinn und Nachsinnen, sowie der Handfertigkeit des Menschen. Es ist ein Glied an der langen Reihe der Erfindungen, welche die Menschen gemacht haben, seitdem den ersten Menschen der Auftrag geworden ist: üsptsts tsrram st «nbjioits sain. Oen. 1, 28. Auch im Velociped haben die Menschen 403 einen Theil der Erde, einen Theil der Naturkräfte sich unterworfen und dienstbar gemacht, wie in unzähligen arideren Maschinen. Das Velociped ist eure Fortbewegnngs- maschine, wodurch dein Menschen viel Zeit und Kraft erspart wird. Letzteres, die Ersparung der Kraft, gilt namentlich gegenüber dem beschwerlichen und mühevollen Verkehr zu Fuß. Was die Eisenbahn und das Dampfschiff für die Menschheit im Großen sind, das ist das Velociped für dieselbe im Kleinen. Erstere wie letzteres haben ihre Schattenseiten und Nachtheile für die Menschheit; aber im Ganzen und Großen dürfen wir in beiden eine große Wohlthat erkennen. 2. Das Fahren mit dem Velociped ist an sich eine indifferente Handlung, welche durch Absicht, Zweck und Umstände sittlich gut oder sittlich schlecht werden karrn. Unerlaubt kann es werden für kränkliche, besonders brust- leidende Menschen, welche diese Art von Bewegung nicht ertragen können; ferner durch das Uebermaß, durch die übertriebene Schnelligkeit im Fahren oder die zu lange Dauer desselben, wodurch auch kräftige Naturen ihre Gesundheit rniniren können, während der mäßige und vernünftige Gebrauch des Fahrrades die Gesundheit ebenso stärken und kräftigen kann. wie Turnen und andere Leibesübungen. Was den Sport mit dem Fahrrad betrifft, so mag er ja für Laien, die auch durch andere Schaustellungen den Beifall und die Bewunderung ihrer Mitmenschen suchen und sich erringen mögen, nicht geradezu unerlaubt und direct sündhaft sein, wenn er nur nicht in einer offenbar leben- und gesundheitgefährdenden Weise betrieben wird; für Geistliche wäre er sicher unerlaubt. 3. Ist das Radfahren, abgesehen von den oben angedeuteten Fällen, in welchen es für alle Menschen unerlaubt wird, und abgesehen von den ausdrücklichen Verboten, welche in mehreren Diäresen bereits ergangen sind, ganz allgemein für die Geistlichen unstatthaft und moralisch unzulässig? Vorhin ist schon kurz angedeutet, daß jedenfalls der sportmäßige Betrieb des Radfahrens für die Geistlichen unerlaubt ist. Der Priester darf Nicht theilnehmen an Velocipedrennen, an Distanzfahren n. dgl. Ebenso darf er sich auch sonst nicht durch allerlei Kunststücke auf dem Velociped vor dem Publikum produziren Die Kanones haben den Geistlichen die Regel gegeben: Llimio, soculatoribus st bistrionibiw vs intsrsiut. Umso- weniger darf der Priester selbst gewissermaßen zum Schauspieler werden. Uebrigens soll er, wenn er das Velociped überhaupt benützen will, auch nicht durch Ungeschicklichkeit und Ubehilflichreit zum Schauspiel und Gespött für das Volk werden, sondern das Fahren ordentlich erlernen, was schon im Interesse der Sicherheit vor Unglücksfällen gelegen ist. 4. Eine andere Klippe, welche die Erlaubtheit des Radfahrens für den Geistlichen zum Scheitern bringen kann, ist die Kleidung. Manche Geistliche glauben, beim Radfahren nach Art der Sportsmänner sich costümiren zu dürfen oder zu sollen. Daran thun sie gewiß unrecht, und die kirchliche Auktorität ist berechtigt und verpflichtet, sowohl gegen den Sport als auch geizen die nnkanonische Kleidung der geistlichen Radfahrer einzuschreiten. Es besteht indeß gar keine Nothwendigkeit, daß der Geistliche auf dem Fahrrad sich unklerikalisch kleidet. So gut die radfahreuden Damen sich ganz decent zu kleiden verstehen, ebenso gut kann auch für die Geistlichen ein Anzug hergestellt werben, der in Bezug auf Form und Farbe den Normen der kirchlichen Gesetzgebung entspricht und auch auf dem Fahrrad den Geistlichen sofort unzweideutig erkennen läßt. So viel ist gewiß: Der Geistliche darf sich, wenn er das Velociped erlaubterweise benützen will, über die kirchlichen Vorschriften bezüglich der klerikalen Kleidung nicht hinwegsetzen. 5. Wenn die den kirchlichen Gesetzen widersprechenden Mißbräuche beim Radfahren der Geistlichen, wovon der Sport und die ungeiftliche Kleidung die wichtigsten und hauptsächlichsten sind, beseitigt und ferngehalten werden, ist die Benützung des Velocipeds gleichwohl auch da noch für den Priester durchaus unstatthaft, weil der Verkehr auf dem Fahrrad mit der Würde und dem Ernste, womit ein Priester überall auftreten soll, durchaus unvereinbar ist, und weil ein Priester auf dem Rade dein gläubiger! Volk zum Aergerniß gereichen muß? Richtig ist, alles Neue fällt auf; so erregte auch das Velocipedfahreu, als es aufkam, Verwunderung und Staunen. Als auch Geistliche anfingen, dieses praktischen Verkehrsmittels sich zu bedienen, war das Aufsehen noch größer, und es ist wohl auch vorgekommen, daß gute und fromme Seelen in ihrem Konservatismus daran wirklich Anstoß nahmen in dem Gedanken, es wäre doch nicht angezeigt. daß die Geistlichen jede Neuerung mitmachen. So ergeht es in der Regel aller» Neuen. Wenn es länger in Uebung ist und alltäglich wird, verliert es das Auffällige mehr und mehr; man gewöhnt sich daran. Auch an das Radfahren der Geistlichen hat man sich mehr gewöhnt, namentlich seitdem alle Stände, alle Äerufszweige, Hohe und Niedere, Aerzte, Beamte, Offiziere, alle Kategorien von Bediensteten in allen möglichen Lebensstellungen theils zum Vergnügen, theils zur Erleichterung ihrer Berufsarbeit dieses Verkehrsmittels sich bemächtigt haben und stetsfort bedienen. Soll in der That der Priesterstand allein von der Benützung dieses Vehikels ausgeschlossen sein? Wenn das Radfahren unter allen Umständen für den Priester indecent und mit dem Ernst und der Würde des Priesterthums durchaus nicht vereinbart werden kann, dann soll es dem Priester, auch wenn er der einzige wäre, versagt sein; er hat ja mehrere sehr wichtige Pflichten auf sich, die nur dem Priester auferlegt sind. Wenn jedoch das Radfahren in den durch die Priesterwürde und die kirchlichen Vorschriften äs vita et bonsstat« cloricoruw gebotenen Schranken betrieben wird — daß solches geschehen könne, läßt sich kaum leugnen —, dann hört es auf, den Gläubigen zum Anstoß zu dienen, zudem dieselben einer Belehrung über den Nutzen und die Vortheile des Velocipeds auch bei Ausübung der Seelsorge leicht zugänglich sein werden. Das Radfahren ist eine Neuerung; die Kirche thut wohl daran, wenn sie sich einer solchen Neuerung gegenüber vorsichtig prüfend verhält. Die Kirche muß aber nicht jede Neuerung ablehnen; es könnte sich sonst, wie schon öfter, ereignen, daß übergroßer Eifer gegen eine Neuerung nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten belächelt wird. 6. In den großen Städten, z. B. in München, bedarf der Seelsorger zur Erleichterung seines Berufes des Fahrrades nicht. Er hat zwar dort auch häufig weite Wege zurückzulegen, z. B. zu den Friedhöfen; aber es gibt in den Städten andere billige Communikationsmittel, und es entspricht sicher einem allgemeinen Gefühle, daß der Priester in den auf den Straßen der Großstädte herrschenden Trubel von männlichen und weiblichen Radfahrern sich nicht mische. In den Städten soll den Geistlichen das Radfahren im Allgemeinen untersagt und verboten bleiben. In Seelsorgegemeinden von geringem Umfange ist das Bedürfniß nach dem Velociped ebenfalls kein vordringliches. Der Priester wird darum in solchen Gemeinden des Fahrrades sich enthalten und höchstens ausnahmsweise desselben sich bedienen, wenn er nämlich an einen entfernteren Ort, zu dem weder eine Eisenbahn noch eine andere Fahrgelegenheit führt, aus guten Gründen sich begeben soll. 7. In ausgedehnten Pfarreien, deren wir namentlich in Altbapern eine große Anzahl haben, kann das Radfahren für die Geistlichen eine große Wohlthat, ja eine Art Nothwendigkeit werden. Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß durch das Fahrrad viel Zeit und viel Kraft erspart werden kann. Diese Wahrheit läßt sich nicht durch oberflächlichen Witz und Spott aus der Welt schaffen. Ich kenne einen Pfarrer, einen durchaus ernsten und musterhaften Priester, der zur Zeit der ärgsten Priesternoth seine große Pfarrei niit vielen weit entlegenen Ortschaften mehrere Jahre allein pastoriren mußte. „Gott fei Dank", sagte er öfter, „daß mir meine körperliche Rüstigkeit das Radfahren gestattet. Mein Velociped niuß mir den Cooperator ersetzen. Ich könnte sonst unmöglich die Filialschule versehen und die Kranken besuchen." Als ihn: wieder ein Hilfspriester zugetheilt wurde, verschenkte er sein Velociped, weil er es letzt, wie er sagte, nicht mehr brauche. Niemand aus der ganzen Pfarrei verübelte dem würdigen Seelsorger das Radfahren; im Gegentheil, Alles vergönnte ihm von Herzen die Unterstützung, welche die neue Erfindung ihrem Pfarrherrn brachte und die Versetzung und Beibehaltung der Pfarrei ihm ermöglichte. 8. Häufiger noch und in höherem Maße erfahren unsere Hilfsgeistlichen (Cooperatoren) die Vortheile und Wohlthaten des Fahrrades. Viele Pfarreien haben 1—l'/s Stunden vom Pfarrsitz entfernte Filialen, nach 404 welchen die Cooperatoren täglich oder doch mehrere Male in der Woche der Gottesdienste und der Schulen wegen exkurriren müssen. Nicht selten liegen die Filialen in direkt entgegengesetzter Richtung und müssen, so lange der Priestermangel nicht vollständig gehoben ist, häufiy von Einem Priester versehen werden. Da kann es sich ereignen, daß ein solcher Priester au manchen Tagen wegen des Besuchs der Kranken, wegen einfallender Provisuren nach verschiedenen Richtungen stundenlange Wege zurückzulegen hat. Wäre es nicht eine Härte, dem Geistlichen m dieser Lage den Gebrauch des Fahrrades, das ihm zwei Drittel der auf so weite Gänge zu verwendenden Zeit und Kraft erspart, gänzlich zu untersagen? 9. Bei plötzlich eintretender Todesgefahr in Folge von Unglücksfälleu und akuten Krankheiten gewährt es großen Trost, wenn der Priester schnell erscheinen kann, um die Tröstungen der hl. Religion zu spenden, und Niemand wird daran Anstoß nehmen, wen» er auf dem Fahrrad noch rechtzeitig ankommt. Es sind bereits öfter solche Fälle vorgekommen, in welchen es nur das Veloeiped möglich machte, einem Sterbenden die hl. Sakramente zu reichen. Im Interesse der Sache ist zu wünschen, daß die Seelsorger derartige Fälle ihren hochwürdigsten Ordinarien berichten. Dabei wäre auch die Krage zu erörtern, ob es angänglich wäre, daß ein Priester, wenn er das Allcrhciligste nicht aus einer Kirche in der Nabe des Verunglückten oder Schwerkranken hcrbeibringen könnte, mit Chorrock und Stola bekleidet und mit einem Lichte versehen, selbst auf einem Fahrrade die hl. Wegzehrung aus der Pfarrkirche überbringe. Bei der großen Liebe Jesu zu den Kranken und seinem heißen Verlangen nach Vereinigung mit den im Tode Ringenden möchte ich diese Frage nicht ohne weiters verneinen, und wenn ein Priester seinem Ordinarius nachträglich berichtete, er hätte es so, wie beschrieben, gemacht und dadurch einen Sterbenden noch mit der hl. Eommnnion beglückt, so möchte ich bezweifeln, ob er wegen vorschriftswidriger und unwürdiger Behandlung des Allcrbeilrgsten bestraft werden solle. 10. Ein Priester hat öfter das Bedürfniß, andere Priester zu besuchen, z. B. um in schwierigen Fällen sich Rath All erholen, um zu beichten, um den vorgeschriebenen Pastoralconferenzen beizuwohnen, um die Freundschaft zu pflegen und über seelsorgliche Angelegenheiten oder auch wißenschaftliche Gegenstände fleh zu besprechen und zu unterhalten. Alle diese gewiß lobenswerthen Zwecke werden durch das Radfahren wesentlich gefördert. 11. Der Vergnügungssucht darf das Veloeiped von Priestern niemals dienstbar gemacht werden. Der Wirths- hausbesuch der Geistlichen darf durch dasselbe nicht vermehrt werden. Es darf nicht dazu benützt werden, um an jedem Tag anderswohin einen Ausflug zu machen. Uebrigens muß das Radfahren doch auch nicht allzu rigoros auf die scelsorglichen Zwecke eingeschränkt werden. Wenn es einem Herrn Freude macht, wenn er auf dem Rade eine seiner Gesundheit förderliche Bewegung zu finden glaubt, so mag er auf Wegen und Straßen, die keinen allzu fregnenten Verkehr ausweisen, mit Maß und Ziel auf dem Fahrrade sich vergnügen. Solches erscheint auch deßhalb als zulässig, weil das Radfahren auch erlernt sein will. Diesen Zweck wird man nicht erreichen, wenn man nicht auch außer den durch die Seelsorge veranlaßten Touren auf dem Rade sich übt. Nicht alle jungen Priester können diese Kunst sich schon vor der Ordination aneignen, weil ihnen in den Stndentenjahren die Gelegenheit dazu, namentlich der Besitz eines Fahrrades mangelt. Es ist mich kaum in der Ordnung, daß unsere meist armen Nd- spiranten des geistlichen Standes, die in den Seminarien Freiplätze genießen, für die Ferien kostspielige Fahrräder sich anschaffen, und sind Vorkommnisse dieser Art nicht mit Unrecht mißliebig aufgenommen worden. Darum kaun das Radfahren der Geistlichen zum Zwecke der Uebung, wenn es nicht überhaupt gänzlich verboten werden soll, kaum untersagt werden?) 12. Nach dieser Darlegung ist für die kirchliche Auk- '') Der Student muß indeß, wenn er das Radfahren lernen und üben will, nicht gerade ein eigenes Rad besitzen, er kann es ja auch entlehnen, und es wird dies um so leichter geschehen können, als der Student in den Ferien auch in der Zeit, zu der die Besitzer von Veloci- peden arbeite n müssen, Muße zum Fahren haben wi rd. torität reichlicher Anlaß gegeben, um bezüglich des Rad- fahrens der Geistlichen ordnend, leitend, verbietend einzugreifen. Es wird dies nicht in allen Diöcesen in gleicher Weise geschehen können, da die Verhältnisse in den einzelnen Kirchensprcngeln sehr verschieden sind. Die hochwürdigsten Oberhirten werden es sich, wenn auch einige allgemeine Grundsätze überall Geltung haben werden, jeder für sich überlegen müssen, wie sie den mit dem Radfahren der Priester leicht verbundenen Mißständen und Gefahren am besten begegnen werden. Eine oberhirtliche Instruktion über das Radfahren der Geistlichen dürfte sich allenthalben als unentbehrlich herausstellen. Wo man den Priestern den Gebrauch des Fahrrades gänzlich verbieten zu müssen glaubte, werden die kirchlichen Oberen kaum umbin können, in manchen Fällen Dispenfation eintreten zu lassen. Möge die Sache geordnet werden wie immer, — jedenfalls ist der Wunsch gerechtfertigt: Möge es den hochwürdigsten Ordinarien erspart bleiben, wegen Ungehorsams gegen ihre diesbezüglichen Verordnungen voll ihrer Strafgewalt Gebrauch machen zu müssen! Dies gebe Gott! München im September 1897. Dr. 8. k? Recensionen und Notizen. U. L. „Für unsere Frauen und Töchter." Unter diesem Titel reicht die unermüdliche Schriftstellerin Emn Gordon zu Würzburg (Neibclsgasse l'/-,) der katholischen Frauenwelt Deutschlands eine in monatlichen Lieferungen erscheinende Zeitschrift, welche längst Bedürfniß war und bei ihrer reichen, überaus praktischen Ausstattung mit warmer Sympathie zu begrüßen ist. Eine Serie zweckentsprechender Artikel wird h.erin mit zahlreichen Zeichnungen lind Mustern, wie sich solche in deri Modejournalen finden, verbunden. Der Oekonomie des Haushaltes im weiteren und engeren Sinne des Wortes, wie allen Ncuernngen, ist hier Rechnung getragen, und soll zugleich den auf Erwerb Angewiesenen Anleitung zur Erwerbsthätigkeit gegeben werden. Die erste vor uns liegende Nummer enthält außer anderem Folgendes: Welche Anforderungen stellt unsere Zeit an Frauen und Töchter? Hanstöchtcrchen und Dienstbote (von Emu Gordon). Wie kleidet man sich am besten? (mit Modebericht, Promenade-Costümen, Kleid aus Fou- lard). 1. Leitfaden zur Anfertigung kirchlicher Arbeiten (mit Mustern zu Häkel-, Filet- und Krenzsticharbeiten, von Rhenana). Handarbeiten mit Abbildungen. 2. Mohnblumen, Anweisung zur Anfertigung mit Abbildungen: ebenso 3. Tischläufer mit Kreuzstickerei; 4. Häkelspihe mit Zackenlitze. — Waschechte Malfarben. Einige Rathschläge für die Pflege und Erziehung skrophulöser Kinder von Dr. mock. Möser, Arzt in Karlsruhe. Zimmergärtnerei. Hallswirthschaft (für die Küche u. dgl.). Schließlich folgt „Zeitvertrerb". — All dieses liefert Nr. 1 der Zeitschrift „Für unsere Frauen und Töchter". Diese ist eine Beilage zu „Die katholische Welt" und wird mit der weiteren Beilage „Der Büchertisch" monatlich (mitsammt der kath. Welt) um 40 Pfennige, der ganze Jahrgang um den Preis voll M. 4,80 bezogen. Nimm und lies einmal, und du lvirst von der allbekannten „Katholischen Welt" und den Beilagen im hohen Grade befriedigt sein. Zugleich lädt Emy Gordon zur Mitarbeiterschaft, zu Rathschlägen u. dgl. ein. Reiß C., Die Naturheilmethode bei Erkältungskrankheiten (Schnupfen. Husten. Rheumatismus, Augenleiden, Grippe, Influenza u.s.w.). Berlin, Steinitz, 1897. 8°, 64 S. M. 1,00. Das vorliegende Bändchen bespricht alle jene Er- krankungssormeu, bei deren Entwicklung die Erkältung die ausschließliche Ursache abgibt, oder bei deren Entstehung resp. Wiederausbruch die Erkältung in mehr oder weniger hohem Maße mitbetheiligt ist. Diese untereinander ganz verschiedenartigen Erkrankunasformen, zu denen die katarrhalischen Erkrankungen der Luftwege, die rheumatischen Leiden, gewisse Augenübel rc. rc. gehören, faßte der Verfasser sehr passend unter den Namen „Erkältungskrankheiten" zusammen. — Als besonderer Vorzug des Buches sei hervorgehoben die Sorgfalt, mit welcher das bei den Erkältungskrankheiten doppelt wichtige Kapitel über die Verhütung behandelt ist. Die Frage der Abhärtung, Bekleidung rc. ist hier auf's eingehendste erörtert. Verantw. Redacteur: Ad.HaaZ in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit.Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. kip. 69. 9. OKI. 1897. Aus den Briefen Jaussens an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. G In der weitem Ocffcntlichkeit dürfte es weniger bekannt sein, daß der am 30. Dezember des vorigen Jahres gestorbene Pfarrer von Berngau, Herr Andreas Schneider, zn des seligen Janssen vertrautesten Freunden zählte. Im Jahre 1869 weilte derselbe mit einer kurzen Unterbrechung, während deren er den Pfarrconcnrs machte, mehrere Monate, vom 7. April bis 21. November, iu Frankfurt und betrieb hier unter der unmittelbaren Leitung des berühmten Geschichtschreibers historische Studien. Er beschäftigte sich neben der allgemeinen Geschichtswissenschaft eingehender mit dem Zeitalter Kaiser Maximilians I. und dem Josephinismus und verfaßte außer einigen kleinern Arbeiten eine größere Abhandlung „Der Klostersturin in Oesterreich unter Joseph II.", die als Broschüre 1869 iu Frankfurt erschien. Verschiedene Artikel veröffentlichte er in der damals vonDr. Nieder- mehcr herausgegebenen „Kath. Bewegung", im „Katholik" u. s. w. Janssen scheint ihn, nach dem vorhandenen Briefwechsel Jaussens und den schriftlichen Aufzeichnungen Schneiders zu schließen, recht lieb gewonnen zu haben, und ergeht sich in den anerkennendsten Ausdrücken über den strebsamen Kaplau. Er hielt große Stücke auf ihn und hoffte, in ihm eine Stütze für seine zahlreichen Arbeiten zu finden, einen Berather, mit welchem er seine historischen Werke besprechen konnte. Während der kurzen Spanne Zeit, die Schneider in Frankfurt zubrachte, entwickelte sich zwischen beiden ein inniges Freundschaftsverhältniß, das bis zum Tode Jaussens währte. Ende November 1869 kehrte Schneider wieder in seine Diöcese Eichstätt und zur praktischen Seelsorge zurück. Janssen ließ ihn allerdings nur ungern ziehen und machte mehrere Versuche, seinen „lieben, treuen Freund" wieder in seine Nähe zn bringen. Sein Wunsch war es besonders, er möchte als Pfarrer von Niedcrrad bleiben, wo sich Janssen während der Sommermonate gerne aufhielt. Doch dieses sein Verlangen scheiterte an dem Willen Schneiders, der es vorzog, in der eigenen Diöcese Zu wirken. Allein ganz scheint auch ihn selbst die Erinnerung an Frankfurt und seinen dortigen Freund, oder vielmehr die Liebe zum Gcschichtsstudinm, nicht verlassen zu haben; wenigstens drückt Carl Bansa in einem Briefe an Schneider vom 29. Januar 1872 seine Freude darüber aus, daß er sich, dem Verlangen Jaussens folgend, um die durch das Ableben von Professor Dr. Niedermeyer erledigte Stelle eines Administrators des Deutschen Hauses in Frankfurt gemeldet habe. Da jedoch aus der eigenen Diöcese nicht weniger denn 8 Bewerbungen einliefen, trat Schneider zurück; Janssen gab jedoch seine diesbezüglichen Versuche nicht auf, freilich ohne sein Ziel zu erreichen. Schneider lehnte ab, zumal in Preußen die Dinge anfingen, weniger gemüthlich zn werden, und der Cnltnrkampf seine schönsten Blüthen trieb. Wie enge nun Schneider während seines Aufenthaltes in Frankfurt seinem Freunde aus Herz gewachsen war, zeigt sich in den Briefen Jaussens an ihn. Wiederholt brückt dieser den Gedanken aus, welch großer Verlust sein Weggang von Frankfurt für ihn gewesen und wie gerne er ihn wieder in seiner Nähe hätte. „Es ist schade, lieber Schneider", schreibt er ihm am 1. Juni 1870, „daß Sie nicht mehr hier sind und wir unsere historischen Werke nicht gemeinsam mehr besprechen können." „Wie oft", heißt es in einem Schreiben vom 9. August desselben Jahres, „sprechen wir (Bansa, Steinle. . .) von Ihnen und wünschten, daß Sie nicht von hier weggegangen wären. Die Freunde fragen oft nach Ihnen, insbesondere auch Familie Bansa. Wären Sie doch nur hier geblieben als Pfarrer von Nieder- rad." Am 30. April 1871 schreibt er ihm: „Wenn Sie hörten, wie oft ich von Ihnen spreche, und wüßten, wie sehr ich Sie hicher zurückwünsche, so gäben Sie doch Ihren Glauben an diese Freundschaft keineswegs auf. Wirklich, lieber Schneider, ich wünsche Sie sehnlichst hieher zurück und mache nur noch immer Gedanken, ob es denn nicht möglich wäre, daß Sie die Stelle in Niederrad, die noch immer unbesetzt ist, annähmen." Diese Sehnsucht Jaussens läßt sich leicht erklären, wenn man weiß, wie vereinsamt sich Janssen fühlte, da er fast niemanden besaß, niit dem er über seine Arbeiten conferiren konnte. „Unser guter Professor Wsdewcr ist nach langem, schwerem Leiden am 16. April gestorben," schreibt er im nämlichen Brief, „für mich eine neue Lücke, da ich ihm seit 17 Jahren nahe stand. Ich bin hier wirklich ein Vereinsamter. Wie gerne ich Sie hier in meiner Nähe hätte, kann ich Ihnen nicht genug sagen." Am 7. Juli 1872 spricht er sich folgendermaßen aus: „Seien Sie versichert, daß ich Ihnen treu ergeben bleibe und oft an Sie denke. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich noch an die Zeit Ihres Aufenthaltes in Frankfurt, wo mir erfrischender und anregender Umgang, wie Sie richtig herausgefühlt, besonders was meine historischen Studien betrifft, so vielfach gebricht, manches mir auch mit jedem Jahre fremder wird." In einem M'iefe vom 30. April 1874 heißt es weiter: „Ich habe ein inniges Verlangen nach Ihnen und nach Ihrem wohlthuenden Verkehre." Jaussens mittheilsame Natur wollte eben einen lieben Freund, der die Sorgen um seine vielen Arbeiten theilen, mit dem er sie besprechen und dem er sie vorlesen konnte. Zn diesem Zwecke war ihm Herr Schneider in kurzer Zeit sehr werthvoll geworden. „Hier stehe ich geistig sehr isolirt", schreibt er wiederholt, „fast mit niemand kann ich über meine Arbeiten sprechen. Wie oft habe ich gesagt, wäre doch mein lieber Hanskaplan noch hier." Als Janssen erkannte, daß Schneiders Rückkehr nach Frankfurt kaum mehr möglich sein werde, schrieb er ihm: „Ich habe oft ein rechtes Verlangen nach Ihnen, doch das ist ja nicht mehr zu ändern, und wir wollen wenigstens im Geiste und im Gebete treu mit einander verbunden bleiben." Sie sind es auch geblieben. Ueber seinen Aufenthalt in Frankfurt hat Schneider ein genaues Tagebuch geführt, das sich noch unter seinen hinterlassenen Papieren vorfand. Auch die Briefe, welche Janssen im Laufe der Zeit an ihn schrieb, hat er genau und sorgsam aufbewahrt. Das Interessanteste aus ihnen wollen wir demnächst mittheilen. Die Passiv des hl. Flvnan und einige andere Legenden. Von Dr. Bernhard Scpp. Dies also ist das neueste Resultat moderner Lcgenden- kritik, daß die Passiv des hl. Florian, welche selbst ein 406 NettbcrgJ „och für echt hielt, eine Fälschung ist. Bruno Krusch in Hannover hat es bewiesen/) Professor A. Ehrhard in Wiirzbnrg bestätigt und Laudcsgerichts- rath I. Strnadt in Kremsninnstcr nicht st orsti verkündet?) Damit ist diese Passio begraben — wenigstens für die Leser der Münchner Allgemeinen Zeitung. 1i. 1.Ich Aber — welches sind denn eigentlich die Argumente, die Br. Krusch für seine Behauptung beigebracht hat? Ich will sie mit seinen eigenen Worten anführen. I. „Hass (8o. 8. Irena« Lirmisnsm aeta) lAori- ani bioZrapIius ita sxpilavit, nt initiv utra s. Irsrmsi tritt uns ein jugendlicher Bischof griechischen Namens entgegen, der Weib und Kind hat und, weil er sich zu opfern weigert, erst — wie Bischof Quirinus von Siscia — mit Knütteln geschlagen, dann auf Befehl des Präses Probns von Nicderpannouicn mit dem Schwerte durchstochen wird, ehe mau seinen Körper über die Brücke in die Bossnth ') Kg. D. I. 157. , H Ll. 6. 8er. rsr. LIsrov. III, 65 8g. (1896). ch Ocstcrr. Lit.-Bl. d. Leo-Gesellsch. Nr. 15 S. 150 f. (1. Aug. 1897). ch Beil. z. Allg. Ztg. Nr. 202 S. 1 f. (7. Scpt. 1897). ch S. Ruinart H,eta LIart. (Verona 1731) x>. 356. Der griechische Text des Prologs lautet ganz anders s. Roll. 88. Nart. III, Nachtrag p. 23, Dambsoin8, domm. cls bibl. dass. Vivckob. t. VIII (Wien 1782) p. 436 f. °) Wie ein echtes Protokoll begann, beweisen die Akte des Märtyrers Enplus bei Ruinärt x>. 361: Dioelotiavo ooviss st Llaximiavo oetiss oou8vUbu8 xrickio läus rk.ci- xrrbti in datanonÄum eivitats oto. ^) S. Ruinart p. 482: lempoi's perseentioicks gnancko glorios» oei-tamiva Lckslibns oblata psrpstua xromissa ex8povtabavt aeeixoro, tnuo eomprohoo8U8 llulius ote. ch Er lautet (ebenda x. 483): Llart^ri 2 atv 8 S8t antom vonorabills Dei kämulns Inliiis apnck provinvi'am Zloesiam in eivitats Doro8toron8s äis VI Lal. luv. aASirtoLIaximoprsoicks roZ-navts Domino uootro ckoouddriotoeuiAloriaivZaeeulaoasouIornm. ^mon. Die gesperrt gedruckten Worte stehen auch in der lall Dassio s. Irenasi; in der Dassio s. Dloriavi dagegen heißt es am Schlüsse: „Leta sunt antom Hase", ebenso in den Akten des hl. Pollio (bei Ruinart x. 360) und in der griech. Version der Dassio s. Ireuaei. (La.8sutr3),b) die bei Sirminm in die Save mündete, hiuabwirft. In der ?L88io 8. küorirwi dagegen begegnet uns ein alter Soldat gntröniischcn Namens, der xriuosxm 1s§ioui8 ^) gewesen war, aber den Kriegsdienst verlassen und in Ostium") sich angesiedelt hatte, von wo er auf die Nachricht, das; in Imuriacmm?") eine Christenver- folgnng ausgebrochen sei, herbeieilt, um sich ebenfalls als Christ zu bekennen. Nachdem er zweimal mit Knütteln geschlagen ist und seine Schultern mit eisernen Nageln durchbohrt sind, befiehlt der Präses Agnilinus von biori- eum riponss,") ihn zu ertränken. Schon binden ihm die Soldaten einen Stein um den Hals, aber noch zögern sie, den Befehl an ihrem alten Wafsengefährten zn vollziehen. Da — nachdem er etwa eine Stunde lang gebetet hat — eilt ein junger Offizier erzürnt herbei und stößt ihn über die Brücke in die Enus hinab. Aber das Wasser wirft die Leiche an's Land, und eine Matrone Namens Valeria bestattet sie in der Nähe.") In der That, der Fälscher hatte eine wunderbare Phantasie'5) und wußte seine Quelle geschickt zu verbergen; man müßte höchstens eine Spur derselben noch darin finden, daß hier wie dort der Präses einen Nichtersprnch fällt (sententinm cint) und Florian, wie Jrenäns, vor seinem Tode die Hände zum Gebet (wie die Orantcn auf altchristlichen Fresken) zum Himmel emporhebend (sxtsnclens rnnnus 8uas acl soelum)") seine Seele Gott empfiehlt. Wie merkwürdig! II. ,0n8tri, ubi stiorianus MZ8U8 6886 isrtur, in Diorlco rixonbi sttt nowsn Imvorinsuiir acl ms- cliuin asvunr rsksrsncluin sst." Ein ganz wcrthloses Argnnient, denn jeder, der mit Handschriften sich befaßt hat, weiß, daß die Eigennamen darin selten unverändert gelassen, sondern meist nach der Aussprache der Zeit umgeformt sind. So z. B. lautet ch Lei Plinius imt. di.-zt. III, 28, 2 lautet der Name des Flusses: Daeuntiv8; vgl. aä Lohnte, lab. Denll; Do88g.nti8, Viion. Itav.; daput Dossnsis, Hot. ckiAvit. 'ch Vgl. Mommseu d. I. D. ID, 1 ll. 3501 gefunden bei Pesth: lt. InI. Llaseulu« Drill(eop8) lls^(ioiiis) II ^cli(uti-ioi8). Gemeint ist der erste Centurio der Legion (— primipjlns s. Vo^ot. cko ro mil. II, 8), welcher der nächste nach dem Tribun war und zum Rittterstande zugelassen wurde. ") Das ehemalige römische Municipium Helium ds> Lvw ist (nach Mommseu O. I. D. DI, 2 x>. 684) in Mäulern bei Krems zu suchen. 'ch Dauriaonm (h. Lorch) war der Standort der Ds§. II Itcrliea Dia Dläslis, vergl. Mommseu a. a. O. u. 5671, 5681, 5682. 'ch Diokletian hatte kurz vorher (i. I. 297) die Provinz Aorioum in Xoricmn i-ixsv8o und Diorieum msät- isrianoum getheilt. Woher wußte dies der Fälscher? ") Nämlich am linken Ufer des Jpfbaches, wo seit unvordenklichen Zeiten eine Kirche des hl. Florian steht, s. unten. 'ch Anderer Meinung war Wattenbach, der (D. G. 6. Aust. 1. Bd. S. 42) von einer Dürftigkeit der Phantasie des Mittelalters spricht und mit derselben kühnen Sicherheit, wie Krusch, die Legende des hl.,Florian für eine Nachbildung der I'assio 8. tzuiriui erklärt, die schon Hieronymus in seinem dkronieon benützt hat (s. Mignc ü. D. 27 ool. 667, vgl. Ruinart p. 439). Und doch kann es bei dem Wasser-reichthum der Süddonaulande nicht auffallen, wenn Florian, wie Quirinus und Jrenäns, ertränkt wurde. ") Derselbe Ausdruck findet sich in den aota s. DoU liouis, Dup!>, .lulii (a. a. O.); er gehört schon dem klassischen Sprachgebrauch an, s. Div. 8, 20; 23, 3. ") Vgl. die Sera s. Lnxli a. a. O. 407 der Name des hl. Nupert im Salzburger Verbrnderilngs- buch Iiroclxörhtiw, im ältesten Salzburger Martyro- loginm, dem inclianlus ^.rnouis, der eonvsrsio IInF. st Oar. und in der Grazer vita: Iirockbertna, in den Corlixnti d. I. 1120, 1165, 1186: Ikonctdertns, Rnclbsrtu3, Ruoäbertus, die merowingische Naincns- form dagegen war: Oiiroäoixzrektns (vergl. I'grt?, AI. O. Vixlvn». n. 36, 66, 82). Hieraus folgt, daß aus der Namensform höchstens das Alter der betreffenden Handschrift, nicht aber die Lesart des Originals erschlossen werden kann. Uebrigens lautet der Name im Berner Codex des Ala-rtyroloxinm Ilioronvminnun» (verfaßt ca. 770), dessen Schreiber nach Krusch a. a. O. S. 66 den Text unserer krrssio 8. 1'Ioriniri bereits vor sich hatte,") ganz richtig Lmurinonm, ein Beweis, daß Imvoriaeum nur eine Entstellung des Copisten") ist. III. „Do 8. ffioriono in Priors wart^roloZii Hisrvnz'iniani rocensioiiö altum ost kilontnim sia- guli^uo postsrioris eoäices cio eo ininims intsr 86 convoniunt." Dieser Einwand tvärc schwerwiegend, falls er begründet wäre. Dem ist aber nicht so. Krusch hat nämlich übersehen, daß der Passus des Martyrologiums, der von Florian handelt, in der Externacher Handschrift, die noch zu Lebzeiten des hl. Willibrord (gest. 739) verfaßt ist, unter dem vorausgehenden Tag (V non. Nai.) berichtet w!rd,-°) ein Versehen, das in discin Codex, wie in dem Weisseubnrger (geschrieben 772), wiederholt begegnet. Abgesehen von diesem Verstoße herrscht unter den genannten drei ältesten Handschriften dieses Martyrologiums der schönste Einklang, und es steht daher außer Zweifel, daß der Name des hl. Florian schon in der erstell Recension desselben, die nach Krnsch im Jahre 627/28 in Burgund entstanden ist,-H vorhanden war?-) Diese Thatsache ist aber von der größten Tragweite, denn das AIartg'ro1o§inm Ilieronz wiavuill lag in dieser Form, wenn wir von den deutlich erkennbaren Einträgen aus den Calcndarien von Lyon, Auxcrre und Antun absehen, sicherlich schon Gregor d. Gr.-H und Cassiodor-°) vor und ist durch seine Uebereinstimmung mit dein aa- laväariurn Romnnnm und dem syrischen Martyrologinm vom Jahre 412-°) auf's beste beglaubigt. Aber die Erwähnung des hl. Florian in der ältesten Recension des Alartvrolo^iuin Iliaronvinlnnnm ist ") .Krusch nimmt daher au, daß uu>ere Pcmio um die Mitte des 8. Jahrh, entstanden sei. Wer in alter Welt mag in dieser Zeit der ärgsten Sprachverwitderung ein so gutes Latein geschrieben haben! ^) Die Form Vavoriacnm ist nur dadurch entstanden, daß dem u später ein o überschrieben und der Diphthong an dumpf wie ao gesprochen wurde. Dieselbe Namensform steckt in dem verderbter! Wort svswboriselsaco der tob. l?ent., und dennoch wird kein Vernünftiger bestreiken, daß die tab. Laut. auf ein römisches Original zurückgehe. -°) S. voll. V. 88. Xov. II, 1 p. Mt. 2') S. Neues Archiv XX S. 438. '*) Von einer späteren Interpellation im Wcisscn- burger Codex kann keine Rede fein; der Name Llorünms ist hier nur in die falsche Zeile gerathen. "y S. voll. a. a. -O. st. sXVIs 8g. "ö S. Vp. VIII, 29 (Llismo 77 col. 930 f.), Jasfe- Wattcnbach 1517 aus d. I. 698. Vergl. Oo in8tit. cliv. lii. eap. 32 (DIi§no 70 col. 1147) aus d. I. 544. -°) S. voll. a. a. O. x. sXvVIll) 8g. und p. svlis 8g. Es ist undenkbar, daß das Material zu dieser großartigen Compilation rn Gallien vorhanden war. keineswegs das einzige Zeugniß für die Thatsächlich^ seines Martyriums, auch die Grabinschrift jener Valeria, welche einst den hl. Florian laut der Passiv bestattete' und sich nach altem Brauche an der Seite des hl. Märtyrers beisetzen ließ, ist noch heute an Ort und Stelle vorhanden. Allerdings behauptet Krnsch a. a. O. S. 70 Nr. 2, daß diese Inschrift erst im 13. Jahrhundert entstanden sei, und er beruft sich hiefiir auf Friedrich Kenner, der sie im Archiv für österreichische Geschichte Bd. 38 S. 175 f? ausführlich besprochen hat. Aber er macht sich dabei einer groben Verdrehung der Worte dieses Gelehrten schuldig/ Denn Kenner sagt über den Stein vielmehr Folgendes: „Die Inschrift ist in ihrem wesentlichen Theile bisher das einzige altchristliche Denkmal in Obcrösterrcich und mit Ausnahme der Grabsteine von Agnileja wohl das älteste derartige in der gesammten Monarchie, soweit man ihrer bisher kennt und soweit man sie datiren kann. Sie lautet in der ursprünglichen Tcxtirnng: vH0X48 VI4I VLL08IOI6 VVI,LML - VII) VI'. Die schlichte Einfachheit des Textes ist genau von der Art, wie man sie auf den altchristlichen Grabsteinen in den römischen Cömeterien findet. Allein die äußere Form ist abgeändert worden, und zwar sowohl durch spätere Zusätze als auch in Rücksicht aus die Buchstabeii- sorm. Als Zusätze sind zu betrachten: ein kleines Kreuz am Eingang der ersten und ein 8 (snnotao) am Eingang der zweiten Zeile." (Nun folgt der Nachweis der Echtheit der Charaktere aus clo Ho88i Irmvr. cüirwt. irrst. Itomaa I; dann fährt Kenner fort:) „Alle diese Charaktere treffen zusammen auf die Jahre 340 — 350 n. Chr. Sei es, daß Valeria in diesem Jahre starb, oder daß damals ihr Grabmal gearbeitet wurde. In späterer Zeit ist die Inschrift rcstaurirt worden; es blieb dabei die ursprüngliche Form des H gewahrt, alle Buchstaben erhielten aber das Aussehen von gothischen Majuskeln, wobei die schon ursprünglich runden Formen des AI und L völlig in gothische Lettern übergingen. Der berühmte Epigraphiker Kavaliere de Rossi erkennt daher die Echtheit des Steines in seiner ursprünglichen Fassung an, versetzt aber die Zusätze und die Ausstattung, in der sie noch erhalten ist, in das XIII. Jahrhundert.-^) . .. Sicher aber hat man damals die Inschrift nicht erfunden; denn in jener Zeit würde man weder die römische Datirnngsweise befolgt, noch den Text so schlicht abgefaßt haben, man würde vielmehr die Verbindung Valeria's mit der Legende vom hl. Florian hervorgehoben und ihre Frömmigkeit gepriesen haben." Da de Rossi ein besserer Kenner altchristlicher Inschriften war, als Mommsen ist, so wird die Echtheit dieses Steins wohl kaum mehr in Abrede gestellt werden können. Sie verbürgt aber zugleich die Echtheit der Grabstätte deS hl. Florian, der Stift und Markt St. Florian in Oberösterreich ihre Entstehung verdanken. Doch Herr Strnadt bestreiket ja, daß mau im '0 Wie Kenner wahrscheinlich »nacht, hängt die Ucber- arbeituug der Inschrift mit der Transferirnng des Sarges der Valeria nach dem Kreuzaltar und mit der Nen-Ein- weihung der Kirche i. I. 1291 zusammen. Heute befindet sich der Stein ebenso wie der Sarg und die Reliquien der Valeria in einer Kammer »leben der Krypta (feit 1751). .... 408 Mittelalter die Grabstätte des Heiligen gewußt habe. Zwar lesen wir schon in einer der ältesten Passauer Traditlonsurtnnden ^) eines iiresk^tor RoZinoIk^") p;- Worte: in loco nunLupanto ad kuoolio, nsti xrs- eio8N3 rnart^r I^Iorinnns corpors rec^nissoit, aber diese Notiz bringt nach seiner Meinung nur „die persönliche Ansicht des Schreibers (im 9. oder 10. Jahrh.) zum Ausdruck" — gleich als wenn eine „persönliche Ansicht" nicht auch richtig sein könnte. Zudem kehrt dieselbe Nachricht in einer Urkunde Ludwigs des Kindes vom 19. Januar 901 (s. Llon. Loioa XXXI, 1 S. 162 n. 80, vgl. Mühlbachcr IköA. Ilri-rol. n. 1942) wieder: „ad supra-rcrixtuin snaro- oanotuM locnm — 8v. snnoti k'Ioriani inart^ris monL8t6rinm — in hno oiusdein h>oLtis8iini raar- t^ris eorpug vönoiabüitsr üuwatum äst." Schon in einer Urkunde Ludwigs d. Fr. vom 28. Juni 823 (vgl. Mnhlbacher a. a. Ö. n. 753) ist von einer eeltuia, 8. li'ioriani die Rede, die sein Vater, Karl d. Gr., an Passan geschenkt hatte, und Avcutin annnl. I-oior. IV, 9 versichert, daß er in Münchsmimster ein Buch gesehen habe, das !m Jahre 819 in St. Florian geschrieben war. Also schon zu Anfang des 9. Jahrhunderts bestand eine Art klösterlicher Niederlassung in St. Florian, die sich später zu einer „aonZraZatic» oleriLorurn ibidem in loco dis iwotuguo sarviantium" erweiterte, s. Älon. Loica, XXVIII, 2 n. 36, vgl. I. Stnlz, Gcsch. d. rc- gulirten Chorhcrrnstifts St. Florian, Linz 1835 S. 203 n. III „in sastentationam Irntrum ibidem domino lawulnntinm". Diese Zeugnisse beweisen klar, daß sich der Cult des hl. Florian ebenso gut, wie der des hl. Maximilian (s. indio. ^rnon. VIII, 1 8y. brev. not. Lalwb. III, 1 ke;.), über die Zeiten der Völkerwanderung hinaus lebendig erhielt, dank den christlichen Romanen, welche ihre Grabstätten niemals aus dem Auge verloren hatten. Denn „am festesten haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen" (s. Wattenbach a. a. O. S. 43)?°) (Wird fortgesetzt.) Die Schmähungen Luthers. O In dem achten Hefte der „Neuen kirchlichen Zeitschrift", welches am 1. August d. I. ausgegeben wurde, ist zu lesen: „Kurz vor Veröffentlichung der Bulle hatte Miltitz --) S. blau. Loio. XXVIII. 2 S. 35 n. 38. Auf ein sehr hohes Alter dieser Urkunde weist schon die Ausdrucksweise hin: „lu so vero dis moueutibus Otlmrio Vooato exiseopo uua> oum kidstibus suis", wozu sich nur noch in u. 78 eine Parallele findet: „in pLta-ia eivi- tate, guando erebantridus (Vorgänger des Oktarius) vo- oatus 6PI8L0PU8 oum suis kidslidns ibidem kuisset." ") Nicht Eginolf, wie Strnadt schreibt. Er kann daher auch mit dem Donator Eginolf d. I. 772 — der übrigens nur in der Phantasie des Herrn Strnadt existirt! — nicht identisch sein. Nebenbei geben wir diesem Herrn den Rath, sich ja mit der Legendenkritik nicht mehr zu befassen, denn es fehlt ihm eine gewisse Akribie und barmt alles, was zur Prüfung der Echtheit einer Legende nöthig ist. °°) Wie berühmt der hl. Florian war, beweist nichts besser, als der Umstand, daß ein späterer Ueberarbeiter der Legende des hl. Florentius seinen Heiligen der Namens- Khnlichkeit wegen für einen Bruder des hl. Florian ausgibt und an dessen Passiv anknüpft — eine Entdeckung, welche bereits die Bollandisten gemacht hatten (s. X. 88. Usi. ti. I p. 462 v. 8 8ext. t. IV v. 412 II. 11). Auch wurde seine Passiv auf einen anderen klm-larms übertragen. doch wieder Luther zur Milde gestimmt, und Luther hatte versprochen, an den Papst zu schreiben; er stand aber davon ab, als die Bulle veröffentlicht war. Auf vieles Zureden des Miltitz und der Vermittlungspartei schrieb Luther schließlich doch an den Papst Leo X. Der Brief muß nach dem 13. Oktober 1520 geschrieben sein; Luther setzte aber das Datum vom 6. September darunter, um die Bulle unberücksichtigt lassen zu können. Er fügte dem Schreiben seine mildeste reformatorische Hanptschrift (seine dritte: ,Von der Freiheit eines Christen- meuscheM) bei. Trotz aller Milde und Unterwürfigkeit im Briese bleibt er doch in Bezug aufs Schriftprincip fest. Nicht gegen die Person des Papstes habe er etwas Böses vorgenommen, sondern nur den „Römischen Hof" habe er angetastet, und „umb des göttlichen Wortis Wahrheit willen" sei er angetreten. In allen Dingen wolle er jedermann gern weichen, aber „das Wort Gottis will ich und mag ich auch nicht verlassen noch verleugnen". Er vergleicht Papst Leo mit Daniel in der Löwengrube und Ezechiel unter den Skorpionen: Dem römischen Hof sei nicht zu helfen, darum .hab ich ihn veracht, ein Urlaubsbrief gcschcukct und gesagt: Ade, liebes Nom, stink fortan, was da stinkt, und bleib unrein für und für, was unrein ist (Offenb. 22, II); hab mich also begeben in das stille gerügt Studieren der Heiligen Schrift, damit ich forderlich wäre denen, bei wilchen ich wohnet? Kolde steht in dem Hange Luthers, den Wünschen der Vermittler und Freunde soviel als möglich Rechnung zu tragen, mit Recht etwas „Melanchthonisches". Sicherlich wird einiges von Luthers Milde und Nachgiebigkeit in dieser Periode wie auch später auf die Rechnung von MelanchthonS Einfluß zu schreiben sein, mit dem Luther ja immer inniger befreundet wurde; denn wie konnte er an den Papst so schreiben, wo er doch wenige Tage vor-, her in einem Brief an Spalatin sagt, daß der Papst der Antichrist und der Sitz Satans (!I) sei. Luther ist eigentlich nur zu entschuldigen, wenn wir bedenken, daß er das Datum um fast zwei Monats zurückrückte und sich gewissermaßen in seine damalige Anschauungsweise hineinzuversetzen suchte. Daß Luthers Forderung eigner Schriftsorschuug auch von den Laien und seine eigne rastlose Thätigkeit in Schrift und Wort schon damals segensreiche Früchte getragen, beweist sein aus jener Zeit stammender Brief an Hicron. Mühlpfort, Stadtvogt in Zwickan. Leos gegen Luther erlassene Bannbulle Lxsui-Ao Vowinv enthält übrigens eine schlagende Bemerkung über Luthers Stellung zum Concil: „trnstra. otiarn Loiigilii auxilium iviploiavit, ebensoviel von der Schrift als die Gans vom Psalter". Zugleich erneuerter seine Appellation an ein Concil (vom Jahre 1518) am 17. November 1620: Durch die Schrift wolle er sich überwinden lassen, denn „des Papstes Gewalt steht nit übir noch wider, sondern für und unter der Schrift" — das kann er nicht genugsam betonen. Wenn man es so macht, wie der päpstliche Stuhl es bisher gethan, dann dürfe bald niemand mehr Christum bekennen, denn der Papst Leo X. fliehe und verleugne Gott und Gottes hl. Wort, mache sich unerhörter Gotteslästerung schuldig und sei ein .verstockter, irriger, in aller Schrift verdammter Ketzer und Abtrünniger', ,ein Feind und Widersacher der ganzen heiligen Schrift'. Darum überläßt er ,den Papst und allen päpstlichen Haufen dem jüngsten Gericht'. — Damit schließt die Appellation. (Im lateinischen Text, der im ganzen etwas milder gehalten ist, fehlt der Schluß.) Schärfer konnte Luther kaum noch gegen den Papst vorgehen." Die „Neue kirchliche Zeitschrift" erscheint in Erlangen und Leipzig; sie wird herausgegeben von Gustav Holzhäuser, Gymnasialprofcssor in München, in Verbindung mit Oberconsistorialrath v. Buchrnckcr in München, den Universitäts-Professoren Caspari, Ewald, Sccberg, Schling, Zahn in Erlangen, dem Kirchcnrath Schlier in Hersbruck, dem Consistorialrath Stählin in Bayrenth u. a. Wir werden kaum irren, wenn wir annehmen, daß Pastor O. Uudritz in Reval, der Verfasser der Abhandlung, welcher der mitgetheilte Abschnitt entnommen ist, mit den angeführten Aeußerungen Luthers nicht allzu unzufrieden ist. Diese unsere Annahme stützt sich darauf, daß er die „unterstrichenen" kräftigen Stellen „unterstrichen" hat, wohl zu dem Zwecke, die Aufmerksamkeit des Lesers darauf besonders zu lenken. Wir wollen ihn deßhalb nicht tadeln, wohl aber müssen wir rügen, daß er das Schreiben Luthers an den Papst durch Ver- > schweigen so sehr „gemildert" hat, daß er uns das Ehe- ' recht, welches Luther in seiner „mildesten reformatorischeu ' Hanptschrift" aufstellt, nicht bekannt gibt. Die „Milde und Nachgiebigkeit", die Demuth und Wahrheitsliebe Luthers, die Reinheit seiner Lehre und ihre Uebereinstimmung mit der Heiligen Schrift wäre dann noch sichtbarer zu Tage getreten. Doch begnügen wir uns einstweilen mit dem Gebotenen. Die Gegner Luthers sind „römische Buben", der Papst der Antichrist, Leo X. ein „verstockter, irriger, in Waller Schrift verdammter Ketzer und Abtrünniger", „ein Feind und Widersacher der ganzen Heiligen Schrift". Luther ist zu entschuldigen, weil er das Datum um fast »zwei Monate zurückrückte! Und wenn er anders au Spalatin und anders au den Papst schrieb, so wollte er eben damit darthun, daß er wirklich auch „anders könne"! Er handelte da ähnlich wie der „milde" Mclanchthou. Am 6. Juli 1530 sagte er dem päpstlichen Legaten Campcggio in Augsburg: „Wir haben kein Dogma, welches von der römischen Kirche verschieden ist". Fünf Wochen später nannte er in einem mit den anderen sächsischen Theologen abgefaßten Gutachten für den Kurfürsten von Sachsen den Papst „einen Antichrist". Es ist kein Zweifel, Luther und Melanchthou verdienen die höchste Anerkennung! Die Schristwortc dürfen nur im Sinne Luthers verstanden werden; seine Gegner '„wissen von der Schrift ebensoviel wie die Gans". , Luther „saß in der Schrift", seine Gegner aber draußen, außerhalb der Schrift, deßhalb war ihm der Brief des hl. Jakobns so verhaßt; denn in diesem stehen die Worte: „Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er todt an ihm selber". Wie trefflich weis; er Offenb. 22, 11 anzuwenden! Warum hat uns Undritz die Schriftgrnnde nicht mitgetheilt, mit welchen Luther sich vertheidigt hat? Wir wären ihm so dankbar dafür. Vielleicht möchte einer oder der andere bei sich fragen, weßhalb wir jetzt diese Dinge zur Sprache bringen. Hierauf haben wir zu antworten: vor wenigen Tagen glaubte sich das hessische Oberconsistorium über Schmähungen Luthers beklagen zu müssen; dem Beispiele desselben folgte sofort die Gcneralsynodc in Bayrenth. Die „Allgemeine Zeitung" vom 23. ds. Mts. erwartet von der hessischen Staatsregiernng die Zurechtweisung eines „bischöflichen Fanatikers". Nach lutherischem Bekenntniß ist der Papst der Antichrist, sind seine Glieder oder Anhang des Antichrists Reich und zu verfluchen! Hierin liegt selbstverständlich keine Schmähung des Papstes, der katholischen Kirche vor! Sollten die Mitglieder des hessischen Oberconsistorinms, der bayerischen Gcneralsyuode die Schriften Luthers, die lutherischen Bckenntuißschrifteu nicht kennen? Au die „Allgemeine Zeitung" möchten wir die Bitte richten, sie möge nachweisen, daß die Beschuldigungen, welche „der bischöfliche Fanatiker" gegen Luther erhoben hat, der Wahrheit entbehren. Mit bloßen Schmähungen werden Anklagen nicht widerlegt. Die deutsch-französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Einem solchen Mann - trat die polnische Erhebung entgegen, ihm, der eine Autokratie repräsentiern wollte, die nicht einmal in Persien und China ihre? Gleichen haben sollte und auch hatte! Man sagt, daß au der Newa, Wolga und Moskwa heute noch Dinge sich ereignen, die in Europa „unmöglich" gewesen wären. Die Mißhandlung und Niederwerfung des aufständischen Polen bietet das „Unmöglichste", das, nm nur vom Araktschcjew- schen Systeme der Militärkolonicn zu reden, an die Institutionen der Baktrer und Meder erinnert. Die Kriegführung lag in den Händen des Großfürsten Constantin, dessen Nohheit schon den Erfurter Congreß in Erstaunen gesetzt hatte, und der sich — offenherzig genug — selbst für unfähig zur Regierung eines modernen Staates erklärte! Wie rasend durch das fließende Blut wüthete er mit pathologischer, an Iwan den Schrecklichen erinnernder Grausamkeit, deren Schilderung das 19. Jahrhundert cr- röthcn macht. In diesem Verwüstnngskampf fand Polen die volle Sympathie Frankreichs, während Preußen sich fast feindlich erwies und Englands Sympathie, wie immer, so groß war als der Prozentsatz von den Erzeugnissen des polnischen Landes und die Furcht, daß diese Abnahme- quelle von den Feinden Polens vernichtet werde. In Paris dagegen organisirie sich sofort unter lebhafter An- theilnahme des katholischen Klerus eine Polenpartei, welche sich der Protektion des Franziskaner-Priesters Fcrro, des Bischofs Dupanlonp, des Grafen Monta- lembert und nicht minder der französischen Jesuiten erfreute. Mitglieder des freien polnischen Comitos, dessen Zweck in Geldsammlnngeu sür die polnischen Emigranten 410 bestand» waren: Herzog d'Harcourt, Lafayctte, der Held zweier Welten, Marquis Noailles, Titlet nnd Graf Branicki. Schon 1831 begannen auch die französischen Logen, so die Prinitv inckivisiblo in Paris nnd Voritrm zu Rauch, sich lebhaft der armen Polen anzunehmen. Die Loge „Orient" zn Poitiers stellte unter dem Vor- wand manrerischer Bruderpflicht den polnischen Emissären, die nach Rußland gehen wollten, falsche Pässe aus. Auch der Prätendent Napoleon nahm das Anerbieten der Polen- führer Soltyk, Ostrowski nnd Lcdowicki an, sich an die Spitze der polnischen Armee gegen Rußland zn stellen; aber soeben — war Warschau gefallen?) Auch Lucian Bonaparte war nebst dem polnischen Aristokratenführer Czartoryski und dem edlen Dndley Stnart, einem Engländer, zum polnischen Throncandidaten ansersehen. So konnte schon 1833 ein polnischer Reichstag in Paris abgehalten werden. Auch die meisten polnischen Revolnttons- schriften wurden in Paris gedruckt, so 1861 noch die Schrift: „Exerciren des Sensenmanns" (bei Renou L Maulde). Ein großer Schlag für die Hoffnungen der Polen war der Tod Lafayette's, der seine Epauletten nnd sein Vermögen der polenfrenndlichen Loeiütv äaa ökuclcw hinterließ. Daß Paris, das Asyl der hingeschlachteten Polen, für den Zaren Nikolaus ein Stein schweren Anstoßes war, ist begreiflich; fast noch mehr regte ihn die Nachricht von der Julirevolution (1830) in Paris auf. Einige Tage fürchtete man für den Verstand des Wüthenden. Es erging eine Rnstnngsordre an die Armee, die bald widerrufen, dann wieder erneuert wurde. Der Kaiser war in unbeschreiblicher nervöser Aufregung; eine harmlose Französin, Vorleserin der Großfürstin, die ihm in jenen Tagen zufällig in den Weg kam, mißhandelte er thätlich und schrie sie an: „Ihre Landslente machen schöne Sachen. Diese verdammte Rasse will wieder die Ruhe der Welt stören!" Als er hörte, daß die Grenadiere der k. Garde tapfer kämpfend der Revolution Widerstand geleistet hätten und gefallen seien, rief er aus: „Ich wollte jedem von ihnen ein goldenes Standbild errichten!" Das Heer, das er in diesen Tagen inspizirte, rief ihm zu: „Paris! Paris!" Einen Beamten, der die Gedichte des Franzosen Victor Hugo übersetzt hatte, setzte er ab. Allen russischen Reisenden ward bei schwerer Strafe der Aufenthalt in Paris untersagt?") Um den König Louis Philippe persönlich zr reizen, plante er, seine Tochter Olga mit dem Herzog von Bordeaux zn vermählen, der den Titel eines Herzogs von Moldau bekommen nnd in Petersburg wohnen sollte. Das Projekt zerschlug sich jedoch und störte nicht im mindesten die Gemnthsruhe Louis Philippe's, der wohlgemuth mit seinem philiströsen Regenschirm in Paris herumspazirte nnd die Wonne der Banquiers und der Großfinanz genannt wurde. „Redet diesen Leuten nicht von Ehre," rief Chateaubriand; „die Rente würde um 10 Centimes fallen!" Bald war auch die letzte Fieberhitze der Julirevolution „calmirt" worden, nnd eitel Friede herrschte überall; in Preußen und Frankreich tanzten die reizenden Füße der berühmten Taglioni alle leidige Politik hinweg. Es war eben in Deutschland jener colossale Umschwung in der politischen Anschauung eingetreten, der in so wenigen Jahren selten in der Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zu beobachten war. Der körperlich nnd geistig etwas mich Vertheidignugsrede Laity's dem Gerichtshof zu Paris. Koschelew's Memoiren. vom 9. Juli 1838 vor saubere Turnvater Iahn hatte noch gelehrt, der bloße Unterricht in der französischen Sprache sei eine Sünde gegen den hl. Geist, zwischen Deutschland und Frankreich mühe man einen Urwald, bevölkert mit Elenthieren und Auerochsen (!), pflanzen; Deutschland und Frankreich dürsten sich nnr wie zwei wilde Thiere hinter Menageriegittern ansehen. Freilich wurde, der dies schrieb, der „gereinigte Eulenspiegel" des (fast verschollenen) Arndt von seinen Anhängern genannt; lachend geht die Weltgeschichte über ihn zur Tagesordnung über. Eine Sage geht, er habe sogar ein Haar von Blüchers Schimmel als Talisman gegen die bösen Franzosen bei sich getragen. Und wenige Jahre darauf! Welcher Umschwung in Deutschland! Paris ist das Mekka der Revolution, der Dichter, Künstler, Musiker und Schriftsteller. Mit welchen Lobcshynmen überschüttet Heine die Franzosen, und mit welch' plumpem Ungeschick secnndirt ihm Börne l Wenn es damals in Paris regnete, spannte man in Deutschland allenthalben die Regenschirme auf. Die Jenenser Universität schickte eine Deputation au Louis Philippe, tönende Artikel im „Westbotcn" und der „Rheinischen Tribüne" erschienen. Das in Polhpcuschlaf versunkene deutsche Volk rieb sich schlaftrunken die Augen und schaute verzückten Blickes nach Paris. Freilich war der preußische Hof, von Nikolaus I. aufgestachelt, etwas unschlüssig, wie er sich zur Juli- revolution verhalten sollte. Friedrich Wilhelm III. liebte, wie der marmorkalte Dichtergreis Goethe, das Vornehm- Ruhige, Aesthetisch-Gclänterte; alle Bewegung und Unruhe, jedes Echanffement war ihm verhaßt. „Calmiren" war sei» Lieblingswort; „calmirt" wurde aber auch der noch sehr jugendliche preußische Kronprinz, der einen Toast auf Frankreich ausgebracht hatte?') Auf Vorhalt des Königs sagte er, er gäbe 10,000 Thaler darum, wenn er geschwiegen hätte. Ungewiß ist, ob das Project des Herrn v. Nagler, welcher aus Anhängern des vertriebenen Karl X. in Saarlouis, Köln, Trier nnd anderen rheinischen Städten ein eorpo ä'espiouaZs mit Neuigkeits- bureaux errichtete, wo Briefe nnd andere Sendungen der französischen Regierung erbrochen wurden, die Billigung Preußens hatte. Jedenfalls bestand es nicht lange. Die französischen Stimmfnhrer jener Periode — wir nennen nur den früheren Samt-Simonisten Charles Dnveyrier oder den ritterlichen Sohn Louis Philippe's, welcher deutsche Schriftsteller im Original las — waren große Deutschenfreunde, so daß Edgar Qninet, selbst seinem Temperament nach ein Deutscher, ein Buch „I,a, Bontomanis" schreiben konnte. Heine nnd der gespenstische Amadens Hoffmann, der die romantische Poesie auf den Gipfelpunkt des unheimlich Grauenhaften und daneben mystischer Verzücktheit trieb, ein Mann, der wie Heine au erotischem Wahnsinn litt, waren damals die beliebtesten Modeschriftsteller der französischen feinen Lesewelt. Die Minister Louis Philippe's waren alle deutschfreundlich, so besonders der etwas philiströse, grundgelehrte Guizot. Nur einmal zeigte er sich gegen die russische Regierung schwach, als nämlich Graf Orlow den Antrag stellte, den „Vater der Nihilisten", Baknnin, den Fanatiker der Revolution, der auch 1847 auf dem Polenbankett in Paris eine große Rede gehalten hatte, aus Frankreich auszuweisen; Guizot gab nach. Es war dies derselbe Baknnin, der durch seine an Wahnsinn streifenden Theorien alle Verschwörnugs- bünde, die ihn aufnahmen, in Verlegenheit brachte, der ") Rochow, Briefe S. 38 (Leipzig 1871). 411 von seinen Anhängern verlangte, sie müßten den Tenfel im Leibe haben, — dasselbe, was ein anderer Nüsse, Rubinstein, von dem Musiker verlangte — der 1870 die socialdemokratischen Arbeiter aller Länder zum Schutze gegen Frankreich aufrief. Um zum Abschlüsse eclatant zu beweisen, wie groß damals in Deutschland das Entgegenkommen gegen Frankreich war, citiren wir nur die „Halle'schen Jahrbücher" unter Arnold Ruge's Redaktion; auch Bakunin war uuter dem Pseudonym „Jules Elizard" Mitarbeiter. „Alles Heil kommt von Westen, kommt von der Metropole Paris", so lautet ein Artikel; „wir Deutsche müssen den theoretischen Hochmuth ablegen und — wahre Franzosen werden." Die Artikel waren sehr gut gemeint und noch besser aufgenommen. Zu keiner Zeit im 19. Jahrhundert umgab Paris und die Franzosen ein höherer Nimbus. Selbst Componistcn, die in Frankreich keinen Anklang fanden, wie Berlioz, der geniale Vorgänger Wagners, der unerhörte Meister der Instrumentation, kamen nach Deutschland, um berühmt zu werden, und — Berlioz gelang es. Umgekehrt fühlten sich alle deutschen, an Weltschmerz und vielfach auch an Talcntlosigkeit leidenden Prätendenten auf den literarischen oder künstlerischen Parnaß nach dem „Seinebabel" hingezogen. Selbst Richard Wagner, den man für einen Teutomanen halten möchte, wenn er nicht selbst in einem Briefe als sein höchstes Ideal die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich bezeichnet hätte, selbst Richard Wagner, der jedenfalls der Pariser Oper und Pariser Einflüssen mehr verdankt als mystischem, urgermanischem Götterzauber und den Riesenochsen der Göttin Freya, selbst Richard Wagner pilgerte nach Paris, und lange war er in diesen Venus- berg gebannt. In der Gegenwart sucht umgekehrt die recht alt gewordene Sarah Bernhardt in Paris ihren vergilbten Ruhm dadurch wieder aufzufrischen, daß sie, breitspurige chauvinistische Politik treibend, Deutschland meidet, dagegen Rußland mit ihren hysterischen, nn- küustlerischen Fratzen in Entzücken zu versetzen sucht. Es ist dies, wie gesagt, kein Symptom der Zeit, sondern nur gewissenloser Gcschästskniff. Auf diese Art gänzlich isolirt, von Frankreich gehaßt, von Deutschland beargwohnt, sah Nikolaus I. seine Riesenpläne scheitern, und um das Maß seiner Enttäuschungen voll zu machen, mußte er noch den Krimkrieg erleben — oder vielmehr daran sterben. Ja, Nikolaus I. ist ani Krimkrieg und an Napoleon III. gestorben ! Nicht an Gift oder Dolch oder Arzneien — sein Leibarzt von Mandt galt zwar als sein gedungener Mörder — nicht an einer unsichtbaren Krankheit, wie man in Rußland meinen sollte, dem klassischen Lande unerklärlicher und seltsamer Todesfälle, wo selbst die feste Erde nichts ist als ein beweglicher Theaterboden mit unsichtbaren Fallthüren, durch die man verschwindet, nein, Nikolaus starb aus Groll über die Niederlage der russischen Waffen. Der Krimkrieg war aber nicht nur der Nagel zum Sarge des Zaren, er war, wie die napolconische Invasion 1812 der erste, nun der zweite, erneute Impuls für die neu erwachende nihilistische Bewegung, die nun keck ihr Haupt erhob. Man kann also die beiden gekrönten Napoleons als die unbewußten Urheber des russischen Nihilismus bezeichnen, jener chronischen Krankheit, welche den russischen, ohnehin von Krcbsgeschwürcn zerfressenen und von tiefgreifenden Leiden durchtobten Riescnleib zu zerfressen droht. Wer war Napoleon III., der Nikolaus I. zu Fall brachte? Nach dem Republikaner Victor Hugo, dem großen Dichter mit den kurzen Sätzen und cnriosen Skd- jektiven, der ein Buch „Napoleon der Kleine" schrieb, „ein Missethäter der scheußlichsten und niedrigsten Art, der 40,000 Bürger proscribirte, 10,000 dcporlirte, 60,000 rninirte, der 25 Millionen aus der Bank stahl, der Meineide schwor, wie ein Gauner sein Mandat erschlich, das Scrntininm fälschte, der einen mysteriöseil Antheil an einer Goldstangenlotterie hatte, Schacher mit Eisenbahnconccssionen t»eb, das Budget durch Ukase regelte, alle Gesichter schamroth machte, eine knabenhafte, theatralisch eitle Persönlichkeit, ein Hundsf.. ., der sich benimmt wie eine linkische Somnambules!), ein Enmich, Trödler, mittelmäßiger Flüchtling (sie!), die moralische Cholera, ein kothbeschmntztes Ferkel, der Mann der Fallstricke, ein Zigeunerkönig." So meint Victor Hugo; die Weltgeschichte ist maßvoller, kann aber nicht viel Besseres von ihm sagen; denn die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hat dieser Mann gemacht. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen IX. Jahrgang. 1896. Das Interesse, das den bisherigen „Jahresberichten" des Historischen Vereins Dillingen entgegengebracht wurde, wird durch die Publikation vorliegenden „Jahrbuches" jedenfalls noch gesteigert werden. Ueber 250 Seiten desselben sind aus historische Aufsätze und die Berichte über prähistorische Funde aus den vom Verein veranstalteten Ausgrabungen verwendet. In den „quellenmäßigen Beiträgen" behandelt Dr. Dürrivächter nach Dilliuger Manuskripten die Frühzeit des Jcsuitendramas. Mit Recht betont der Verfasser, daß es ein Irrthum ist, wenn man dieses Gebiet der Literaturgeschichte, wie es meistens geschieht, für öde und unfruchtbar hält. Eine gute Vorarbeit für eine Geschichte der Universität Dilliugen bietet die von K. M. Mayer zusammengestellte ssriss rsetorum der Anstalt im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens. In das kunstgeschichtliche Gebiet führt uns A. Wagner in seinem Aus; atze über den Lauinger Maler Mathis Gernng c. 1500 bis c. 1569 (mit 2 'Bildern desselben in Autotypie und Lichtdruck). Nach Manuskripten der Münchener Staatsbibliothek und der kgl. Bibliothek in Stuttgart veröffentlicht M. König die bisher ungedruckte, von Stadtpfarrer Heinrich Lur in Dillingen gehaltene Gedächtnißrede auf den Cardinal Peter von Schaumberg. I. Baulicher gibt einen Neberblick über die ehemalige Benediktinerabtei Echeubrunn. 1672—1773 war Echen- brunn eine Filiale des Jesuitencollegiums in Dillingen. Dankbar wird von den Historikern der ReformationsPeriode begrüßt werden die von Dr. Schröder veranstaltete Veröffentlichung der Correspondenz über die Verkündigung der Bulle „UxnrKs Domino" durch Bischof Christoph von Augsburg. Aus dieser Correspondenz von Ende Oktober bis Ende November 1520, die sich im Augsburger Ordiuariatsarchiv befindet, ergibt sich, daß nicht der Bischof, wohl aber das Domcapitel, besonders die beiden Brüder Adelmann, principielle Bedenken (Parteinahme für Luther) gegen die Veröffentlichung der Bulle wider Luther hatten, und daß von letzterer Seite die Verzögerung der Publikation, herrührt. Bei Bischof Christoph war für seine Stellungnahme weder eine Hinneigung zu Luther (Strichele, Roth) noch Eifer für die Reinerhaltung des Glaubens (Veith, Wiedemanu, Haas, Licr) irgendwie maßgebend; sein Standpunkt war vollständig der eines Realpolitikers. Unter den „Llisesllanon" finden sich meist Mittheilungen zur Geschichte der Universität Dilliugen. Was die Ausgrabungen betrifft, so tonnten diese, Dank der finanziellen Unterstützung von mehreren Seiten, in größerem Umfange als bisher vorgenommen werden und ergaben dieselben sowohl auf dem fränkisch-alamanischen > Gräberfelde bei Schretzheim und in den Hügelgräbern bei > Kicklingen als auch in der römischen Kolonie zu Faimingen 412 reiche Fuudergebnisse (vgl. die Lichtdrucktafeln 3 und 4). Ein Theil der im Museum des Vereins aufbewahrten Gegenstände wurde zur Ausstellung prähistorischer Gegenstände in Nürnberg geschickt und zogen dort besonders die großen Bronze-Cisten das allgemeine Interesse auf sich. Das Museum, die Bibliothek und Münzsammlung erfuhren werthvolle Bereicherung. Das Vereinsleben war ein reges: die Mitgliederzahl ist gewachsen (ca. 270 Mitglieder), als Ehrenmitglied ist Se. bischöfl. Gnaden Herr t)r. Petrus von Höhl in Augsburg beigetretcn: die acht während des Jahres in den Versammlungen gehaltenen Vortrage behandelten meist lokalgeschichtliche Themata. So ist der Dillinger Historische Verein blühend und erstarkt und auf allen Gebieten seiner Aufgabe gewachsen in sein 10. Arbeitsjahr eingetreten. Leider hat derselbe am Schlüsse des Wintersemesters 1897 seinen trefflichen 1. Vorstand, der den Verein aus allen seinen Arbeitsgebieten sehr gehoben hat, den Herrn Lycealprofessor Dr. Schlecht, verloren. Möge der Verein auch unter der neuen Vorstandschaft des Herrn Gymnasiallehrers Harbaucr in der bisherigen schönen, harmonischen Weise weiterblühcn! Rckw. Der Zerstörungsgeist der staatlichen Volksschule. MaiiiZ 1897, Franz Kirchheim. (Hill und 231 Seiten.) Peis geheftet 1 M. 80 Pfg. Dieses Buch wendet sich, wie es im Vorwort heißt, an die gläubigen Christen beider Konfessionen und will „nichts anders, als klar und unumwunden jene Grundsätze sammt deren logischen Forderungen darlegen, welche vom christlichen Standpunkte aus für die Beurtheilung der Volksschule maßgebend sind: Grundsätze, in welchen alle gläubigen Christen einig sind und sein müssen, wofern sie ernstlich über die Sache nachdenken". Mit einem ungcmein klaren, anziehenden Stil verbindet der Verfasser einen staunenswerthen Reichthum origineller Gedanken, deren zwingenden scharfen Logik sich Niemand entziehen kann, der noch an die Gottheit Christi glaubt. Mit diesen Zeilen möchten wir unsere Leser, vorab den bochw. Klerus, Eltern und Erzieher auf das lcsenswerthe Buch aufmerksam machen. Glücklicherweise haben wir in Deutschland noch nicht die religionslose Volksschule wie in Frankreich und Italien, die schon jetzt ihre fluchwürd- ^ igen Früchte zeitigt. Die deutschen Staatsmänner haben " den Socialdemokraten und Anarchisten noch nicht den Gefallen erwiesen, damit ihren Tendenzen vorzuarbeiten. Aber in deni unseligen Culturkampf ist nach dieser Richtung ein gewaltiger Schritt geschehen. Darum hat der Verfasser auch die den Ausschlaa gebende Frage des deutschen Reichskanzlers Caprivi: „Christlich oder atheistisch?" als Motto an die Spitze seines Buches gesetzt. Der Kamps um dieSchule steht fast in allen christlichen Ländern der Welt auf der Tagesordnung. Es ist nothwendig, über die Tragweite dieses Kampfes wohl orientirt zu fein. Zu diesem Zwecke kann die angezeigte Schrift empfohlen werden. vr. R Elster O., Die Unterleibsbrüche und ihre Behandlung mit besonderer Berücksichtigung der socialen Gesetzgebung, gemeinverständlich dargestellt. Berlin, Steinitz, 1897. 8", 60 SS. Preis M. 1,50. Knapp und doch eingehend und klar bespricht der Verfasser die Bruchschäden, ihre Verhütung und Heilung, und kommt bei dem sehr häufigen Auftreten dieses Leidens in allen Klassen der Bevölkerung einem starken Bedürfniß entgegen. Besonders verdienstlich ist die besondere Berücksichtigung der socialen Gesetzgebung und der Entscheidungen des Ncichsversichernngsamtcs gegenüber den Ansprüchen vor: Bruchleidenden auf gesetzliche Entschädigung. Das Büchlein zerfällt in fünf Kapitel, von denen das erste Wesen, Arten und Ursachen der Untcrleibsbrüche, das zweite Verhalten in Diät der Bruchkranken, die Bruchschäden und die sociale Gesetzgebung, das dritte die Behandlung der beweglichen Brüche mittels Zurückbringen und Bruchband, das vierte Kapitel unbewegliche, verwachsene und eingeklemmte Brüche und ihre unblutige Behandlung, das Schlußkapitel endlich die operative Behandlung der Bruchschäden mittelst Brnchschnitt und Nadikaloveration bespricht. Die Angaben des Büchleins entsprechen dem heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Medizin und chirurgischen Technik und können allen Bruchleidenden empfohlen werden. Kolberg I., Die Einführung der Reformation im Ordens lande Preußen. Mainz 1897, Frz. Kirchheim. gr. 8°. (IV u. 65 S. M. 1,—. Das Werkchen bietet auf Grund der neuesten Forschungen ein interessantes Bild der großen religiös-politischen Umwandlung, welche sich in Preußen zu Anfang und in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts vollzog. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 10. Heftes 1897: Zur Lebensver- sicherung der katholischen Geistlichen. — Die Ansspender der Geheimnisse Gottes vor dem Tridcntinum. — Kirch- weihfesttage zu Niederalteich im Jahre 1727. — Der Klerus und die Tagespreise. — Das Beichtgebot vor der Oolsbiaüo missas. — Der Seelsorgsklerus und die Volks- gcbetbücherfrage. — Wie ist das Litanei-Verbot der Riten« eongregation zu verstehen? — Pfarrchronik und Pfarr- beschreibnng. — Amtlicher Verkehr der Lokalkaplaneien (Erposituren). — Stolgebühren der Katholiken in protestantischen Pfarreien. — Wieviel Unterschriften erfordert ein Umpfarrungsgesuch? — Verwendung Schulpflichtiger zum Aufspielen bei Tanzunterhaltungen. — Ein musterhafter Kindergottesdienst. — Eintritt in den Priesterstand ohne Berief. — Die Liturgik nnd die Muttersprache. — Deutsche Bibel. — Beachtenswerthe Kleinigkeiten. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen nnd Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen- — Literarische Novitätcnschau. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder, Freiburg r. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 8 des II. Jahrgangs: Der heil. Johannes, der Almosengeber, Patriarch von Alexandricn. — Zum Kapitel Mädchenfchutz. (1. Mädchenschutz auf dem Lande. 2. Der Mariamsche Mädchenschutzverein. 3. Zum kathol. Mädchenschutz im Auslande.) — Oertliche Organisation der freiwilligen Armenpflege für sich und in ihrem Verhältnisse zur Zwaugsarmenpflege. II. — Eine protestantische Stimme über die Bestrebungen der „Charitas". — „Der freiwillige Erziehungsbeirath für schulentlassene Waisen." — Einige Bemerkungen zu Uhlhorns Geschichte der christlichen Liebesthätigkeit. — Kleinere Mittheilungen. (Zweiter Charitastag. Die Thätigkeit der Waisenräthe. Katholische Mäßigkeitsschriften. Der Verein der schlesischen Malteser-Ritter.) — Charitas-Verband für das katholische Deutschland. — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. — Katholische Mäßigkeitsblätter. (Beilage zur „Charitas".) Nr. 3: Medicinisches pro und contra Alkohol. II. — Alkoholgenuß n. Schüler- verbindungen. _ Literarischcr Handweiser, begründet, herausgegeben nnd redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 8. Kritische Referate über InKold Dornet et!o lanxcnisws (Sauer), Arendt Apolo^stioas ds Aso niprcli abilisw o Alpbonsisno dis8ortatic>ni3 a ?. ds OaiAnz? exaratas Orisis (Deppe), Hammer Der Rosenkranz und Barthel Ablässe des Rosenkranzes (Deppe), F u n k Gesammelte kirchcugeschichtl. Abhandlungen (Wurm), Pfeilschifter Theoderich der Große (EM. Kaufmann), öasguet old LnAlizü Lible and otbsr L8sav8 (Bellesheim). Zcißberg Erzherzog Karl, Mein ecke Feldmarschall v.Boyenu. Vandalklnxolöon st Alexandre (Zimmermann), Bau- und Knnstdenkmäler Oldenburgs Heft I (Bröring), Messer Reform des Mainzer Schulwesens 1763—74 (Scidenbcrger). —8 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichnis;. Werantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. -if. 60 . 16. Oüt. 18S7. Aus deu Briefen Jansfens an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Fortsetzung.) G Die Frucht des" innigen und vertrauten Freundschaftsverhältnisses zwischen Janssen und Schneider bildet eine größere Anzahl Briefe aus der Feder des Frankfurter Gelehrten mit sehr interessantem, zum Theil werth- vollem Inhalt. Sie gewähren uns einen Einblick in Janssens Schaffen und Dulden, seinen edlen Charakter, seine innige Frömmigkeit und sein nicht zu erschütterndes Gottvertranen. Die Ehrfurcht vor diesem großen Manne, das Staunen über seine ungeheure Arbeitskraft wächst mit jeder Zeile, die das Auge mit Neugierde zu entziffern sucht. Die mitunter schwer leserlichen Züge, oft in der Eile geschrieben, enthalten so Lemerkenswerthe Belehrungen und Aneifernngen zu historischen Studien und Ausarbeitungen für die katholische Presse, scharfe Urtheile und feine Kritiken über kirchliche und politische Borgänge, bittere Klagen über die Leiden der Kirche, daß dieselben beim Lesen unwillkürlich das lebhafteste Interesse wachrufen und man sich nur schwer von ihnen trennen kann. Die wichtigsten Briefe stammen aus den Jahren 1870 bis 78, einer sehr bewegten Zeit, der Janssen bei seiner regen Theilnahme für die Tagesfragen selbstverständlich nicht gleichgültig gegenüberstand. So bildeten die Kämpfe auf kirchlichem Gebiete, namentlich die Nnfehlbarkeiis- frage und dann der in Preußen beginnende Cnltnrkampf, den Gegenstand seiner tiefsten Besorgnis; und seines Schinerzes, der wiederholt in den Briefen an Schneider zum Ausdruck kommt. Doch immer knüpft er die Hoffnung daran, daß Gottes Hilfe zur rechten Zeit erscheinen werde. Sein Vertrauen auf Beistand von oben verließ ihn nicht. So schreibt er aus Niederrad am 1. Juni 1870 seinem Freund: „Auf kirchlichem Gebiete verdunkeln sich die Dinge immer mehr, wenigstens scheinbar. Die Journalisten hetzen immer stärker hüben und drüben, und so dringen die Streitfragen immer tiefer ins Volk. Aus der Schweiz erhalte ich darüber von verschiedenen, gut unterrichteten Seiten sehr traurige Mittheilungen. Dons xroviäeüit." Die Unfehlbarkeit hatte eben die Gemüther in ziemlich heftige Aufregung versetzt. Auch in Janssens Frankfurter Freundeskreisen wurde lebhaft über sie disputirt. Besonders aber gericth durch sie ein gewisser Freund von ihm in Wallung. „N.", schreibt Janssen am 9. August 1870, „ist über die Unfehlbarkeit noch aufgeregter wie jemals, und es ist nicht mehr möglich, mit ihm ruhig darüber zu sprechen. Die Vorgänge auf kirchlichem Gebiet gestalten sich nun so, das; ich wohl nicht mehr als ,Schwarzsehet gelte, wenn ich von Anfang an diese Unfehlbarkeitsfrage als die unglaublichste bezeichnete, von der die Kirche seit Jahrhunderten heimgesucht worden. Am Rheine insbcsonders gehen die Wogen so hoch, daß das Aergste zn befürchten steht. Gott schütze die Kirche." Im November desselben Jahres schreibt er: „Möge Muth und Gottvertranen in uns immer stärker werden. Wir bedürfen dies in einer kirchlich so traurigen Zeit wie die unsrige ist. Nirgends, wohin unser Blick sich wendet, findet er ordentliche Nuhepnnkte, aber man muß in Demuth vor Gott sich beugen." In einem denkwürdigen Briefe vom 23. Juli 1871 aus Niederrad heißt es über die kirchenfeindlichen Bestrebungen Preußens, welches damals die Altkatholiken zur Gründung einer deutschen Nationalkirche verwenden wollte: „Seitdem ich, aus den vielerlei Störungen und Anforderungen des Frankfurter Lebens heilsam befreit, Zeit zur ruhigen Arbeit habe und meine Gedanken aus- dcnken kann, fühle ich mich auch geistig erfrischt und trotz oder vielmehr wegen all der furchtbaren Angriffe gegen unsere heilige Kirche voll gehobenen Glanbensnmthes und größter Glanbcnsfrendigkeit, als ich seit lange gehabt. Preußen spielt ein verwegenes Spiel, das schließlich zn seinem Verderben ausschlagcn muß. Der Bischof von Mainz hat es doch seit Jahren richtig vorausgesagt, daß von Preußen aus der eigentliche Kirchenstreit, gegen den die Wirren von 1837 nur als Kinderspiel anzusehen, werde heraufbeschworen werden. Aber nicht Preußen hat Verheißung, nur die Kirche allein besitzt dieselbe, und der alte Gott lebt noch und läßt sie nicht im Stiche. Möge jeder nur auf seinem Posten stehen, furchtlos, Wenns noth thut, deu Kampf aufnehmen, aber ihn im rechten Geiste führen, ihn nur als Mittel betrachten, ugr den Frieden wiederznerriugen. In Frankfurt gehen die kirchlichen Dinge immer krauser, und man hetzt jetzt sogar von Negicrungswcgen znm förmlichsten Kirchenconflikt. Lvaugelirmutur paupsres. Die weder arm im Geiste noch reich am Guten sind, wollen nichts mehr vom Evangelium hören. Der vierte Stand ist gegenwärtig das eigentlichste Arbeitsfeld für die Kirche." Am 30. April 1871 klagt er in einem Briefe: „Wie gerne würde ich andere Arbeiten vornehmen (als die Reichscorrespondenz, die ihm viel Arbeit und Schwierigkeit bereitete), die auch dem Gemüthe Nahrung geben, wozu ich in dieser in kirchlicher Beziehung so schweren nnd drückenden Zeit tiesinnerstes Bedürfniß fühle. Wie traurig sicht's in dem theologischen Bajn- waricn aus, wo nun allmählich alle Welt, wie ehemals im scl. byzantinischen Reich, im Glauben Geschäfte macht und man an den vielen neuen Kirchenlichtern, dies besonders unter den Vatern der Städte, die Wahrheit, daß den Bajuwaren ,gleich nach den; Biere die Religion kommt', von neuem bestätigt findet. Ich galt bei meinen Freunden seit dem Beginn des Concils als Schwarzseher, und nun kommen die Dinge doch noch schlimmer als ich gefürchtet. Gottlob nur, daß kein Bischof brüchig geworden, aber die Autorität der Bischöfe hat doch bet allen furchtbar gelitten." Doch Janssens Muth wuchs, als er erkannte, daß die Gegner mit ihren feindseligen Plänen zur Gründung einer mit Spreewasser durchsäuerten Nationalkirche schlechte Geschäfte machten und alle Machinationen au der Einheit und Treue der Katholiken einen starken Hemmschuh fanden. Voll Freude schreibt er am 23. Dezember 1871 seinem Freunde Schneider: „Was sagen Sie dazu, daß ich, der so schwarz in die Zukunft gesehen, halber Optimist geworden bin bezüglich der kirchlichen Dinge, trotzdem ich überzeugt bin, es kommt noch Schlimmeres gegen die Kirche als bisher. Mein Optimismus, wenn ich ihn so nennen soll, gründet sich daraus, daß Episkopat und Klerus und Volk so einheitlich zusammenstehen, wie meiner Meinung noch nie in der Kirchengeschichte. Ich habe besonders die Güte des bayerischen Klerus sehr unterschätzt. Daß es doch, trotzdem die Regierung den Abfall begonnen, stützt und bezahlt, nicht mehr Hosemcinncr gibt, als den Bim mit seiner Gesellschaft, ist wirklich so erfreulich, wie ich nichts Aehnlichcs aus der letzten Zeit kenne. Die Altkatholiken können nichts gründen, das hat sich sattsam gezeigt. Gott helfe weiter. — Sehr wichtig ist auch, daß die Herren Preußen in ihrer Rechnung auf ihre aufrichtigen Anhänger unter den Katholiken jetzt gründlich sich enttäuscht haben, das; Dolle Klarheit in die Situation gekommen. xosteriori geschlossen, ist nichts erfreulicher, als daß die gewiß gut gemeinten Wünsche des deutschen Episkopates auf dem Concil nicht dnrchgedrnngen sind. Sie wissen, früher habe ich anders gedacht, aber die Ereignisse haben mich gründlich eines Bessern belehrt. Haben Sie Muth, lieber Freund, wirken Sie recht auch mit der Feder für die ächte Aufklärung des Volkes." Janssens Zuversicht stieg immer mehr. „Die Dinge stehen gut, lieber Schneider, schreibt er am 7. Juli 1872, seien Sie nur ja nicht eutmuthigt; ich hoffe nur, daß der betrunkene Wagenlenker in immer rascherem Tempo weiter kntschire . . ., könnte ich nur mit Ihnen darüber Näheres sprechen. Sie kennen mich schon, daß ich kein Optimist bin, aber zur Zeit, meine ich, stehen die Dinge besser wie je, weil das katholische Bewußtsein, vor allem das katholische Leben so geweckt werden, das wird auch in Bayern kommen. Wäre nur der Ton so vieler Blätter, wie ,Vaterland' n. s. w., ein anderer. Eisern Sie auch Ihrerseits gegen den so gemeinen Ton, der unserer Sache so viel Schaden bringt." „Il taut cias ovociusZ martz-rs, jetzt werden sie kommen." „Welche Gesetzentwürfe, ruft er unter dem Eindrucke der Gesetzgebung des Jahres 1872 und 73 aus, aber besorgen Sie nichts, sie sind bald zu Ende." Es dauerte allerdings längere Zeit, bis sich seine Hoffnung erfüllte. „Seien Sie mnthig", mahnt er am 8. August 1873 seinen Freund, „auch unter den trüben Erscheinungen aus kirchlichem Gebiet; soweit ich beobachten kann, macht der ächt kirchliche Geist unter den Katholiken erfreuliche Fortschritte, wenn sie auch nicht überall schon im äußern Leben sich zeigen — was wächst, macht keinen Lärm. — Im neuen deutschen Reiche gilt fast nichts mehr als Jude und Pickelhaube — alle geistigen Kräfte sind erlahmt. Daran habe ich wahrhaftig keine Freude, aber die größte Freude habe ich an der Einheit unseres Episkopates, an der Energie, an der Treue des Klerus und des Volkes- während auf der gegnerischen Seite die Selbstanflösnng immer raschere Fortschritte macht. Ich sage jetzt, ivas früher Thisscn zu sagen pflegte, .es geht gut'." „Lassen Sie sich in Ihrem Muthe und Gottvcrirancn durch nichts stören. Die Cnltnrkänipfer sind bald am Ende ihres Lateins. Violontoo non ciurant." So schrieb er am 30. April 1874, und er hatte recht. Freilich, die Angriffe auf die Rechte der Kirche dauerten fort und nahmen an Heftigkeit zu, aber Janssen erlebte auch noch den Sieg der guten Sache, und das machte ihm die größte Freude. Janssens Liebe zu seinem deutschen Vaterlande war trotz dieser unseligen Zustände eine recht innige. Vaterlandsliebe und kirchliche Treue bilden eben keine Gegensätze, und sie können auch keine solche bilden, da ja die Kirche die sicherste Stütze für die Staaten ist und den Gehorsam gegen die staatliche Autorität in allen weltlichen Sachen zur Pflicht macht. Auch Janssen hing mit vollem Herzen an seinem Vatcrlande, dessen ruhmvolle Geschichte er wie wenige zu würdigen verstand, und an Anhänglichkeit an dasselbe hat den großen Geschichtschreiber keiner seiner vielen Gegner übertroffen. Welch regen Antheil nahm er nicht an den deutschen Siegen vom Jahre 1870! Hören wir seine eigenen Worte, welche er am 9. August 1870 an seinen Freund schrieb: „Das soll Ihnen, lieber Freund, noch am Abende der Verkündigung des Sieges von Nezonville zufliegen und Ihnen meine herzlichsten Grüße bringen und den Ausdruck meiner Freude über den Erfolg unserer Waffen. Ich weiß, daß auch Sie als guter Patriot diese Freude theilen. Gottlob, nun läßt sich wieder mit ganz andern; Muthe eine deutsche Geschichte schreiben. Auch das Bürgerblut von 1866 ist durch den gemeinsamen Patriotismus und die trotzig mnthige Tapferkeit aller deutschen Stämme gesühnt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich über die Bayern freue. Ehre auch Ihrem Könige, .... der jetzt Mann geworden. Ich war gerade beschäftigt, eine neue Auflage meines Schriftchens /Frankreichs Rheingelüste' zu veranstalten, als die ersten Nachrichten unserer Siege von Saarbrücken und Wörth einliefen, und nun ist das.Eiscnstechen wohl nicht mehr nothwendig. Hoffentlich wird mit Napoleon und seiner ganzen Catilinaricrbande gründlich aufgeräumt, und die Franzosen erhalten nun, ihren langen hundertjährigen Wünschen gemäß, ihre ,natürlichen Grenzen', nämlich die Vogesen, zurück. Die schwierigste Frage wird nur sein, mit wem in Frankreich bei den zerrütteten Zuständen des Landes ein dauernder Friede zu schließen ist. Aber Gott wird weiter helfen, und ihr Bayern bekommt Deutsch-Loth ringen (!! was sich allerdings nicht erfüllte), Metz wird Bundcsfestnng." Die Krönung König Wilhelms zum Deutschen Kaiser kam Janssen, der die Entwicklung dieser Frage scharf verfolgt hatte, gar nicht überraschend. Interessant sind seine diesbezüglichen Ausführungen in einem Brief von; 7. Januar 1871, also noch vor der vollendeten Thatsache: „Die Erhebung des Königs von Preußen zum Kaiser liegt meiner Ansicht nach ganz in den realen Verhältnissen, >vie Gott deren Gestaltung zuließ, begründet» und ich stehe ganz auf dem Standpunkte der badischen Abgeordneten, und unterschreibe so jedes Wort in der Ihnen gewiß bekannten Rede von Baumstark. Aber eine andere Frage ist's, ob es zeit- und zweckmäßig war, die Sache jetzt schon aufzuspielen, sie nach Versailles zu verlegen und damit -die Franzosen anf's Tiefste zu beleidigen. Erst nach geschlossenem Frieden auf deutschen; Boden wäre, scheint mir, die Verwirklichung der Kaiser- idee recht an; Platze gewesen." (Schluß folgt.) Die Zerstörung Magdeburgs.") In unserem Aufsätze „Die Wahrheit in der Geschichte" (vgl. 1. Jahrg. S. 257) haben wir den Gedanken ausgesprochen: „Seitdem eine gründliche Geschichtsforschung ... so viele Irrthümer in der Geschichte aufgedeckt hat, kann nur mehr böse Absicht angenommen werden, wenn immerfort die alten Fabeln leichtgläubigen Lesern und unerfahrenen Schülern als geschichtliche Wahrheit vorgelegt werden. Und doch geschieht das leider so viel!" Zu den Unwahrheiten, welche mit Vorliebe in der Geschichte verbreitet werden, gehört auch die, im dreißigjährigen Kriege sei Magdebnrg durch den kaiser- O Aus den; Oktoberhefte der „Wahrheit" (Herausgeber Oe. Kaufen in München, Verlag von Rudolf Abi). 416 lichen General Tilly zerstört worden, und dieser katholische Feldherr habe dabei mit unmenschlicher Grausamkeit verfahren. Eine Hauptqnelle dieser Geschichtslüge ist der Dichter- Friedrich von Schiller, dem viele Geschichtsdarstcller getreulich ihre Geschichte des dreißigjährigen Krieges nachgeschrieben haben, obschon Schiller von sich selber bekennt: „Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Historiker sein, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. . .." Und das soll Geschichte zur Belehrung für die Jugend sein! Kann aus solcher Quelle die „lautere Wahrheit" geschöpft werden? Gewiß nicht. Die ist auch wohl nicht gesucht worden, sondern eine Partei-Darstellung. Es war ein wohlberechneter Plan, nach einer Seite den der neuen Lehre zugethanen, aus der Nachbarschaft herübergekonnncnen Schwedenkönig mit dem Glorienschein großherzigen Martyriums für eine heilige Glanbenssache auszuschmücken, dagegen den glanbenstrenen deutschen General Tilly, weil er katholisch war und die katholische Sache vertrat, der Verachtung und dem Hasse preiszugeben,. obschon es Thatsache ist, daß dieser die Sache seines Kaisers und Kriegsherrn mit Hingebung und Tapferkeit vertrat, während Gustav Adolf nichts als ein kühner, eroberungssüchtiger Abenteurer war, welcher seine gutgeschulte Armee an der nördlichen Küste Deutschlands gelandet hatte mit der Absicht, den Versuch zu machen, von dem zerrissenen, in sich gespaltenen, seit bereits zwölf Jahren durch eine beutelustige, ob feindliche, ob freundliche Soldateska ansgesogenen Deutschland ein gutes, ihm günstig gelegenes Stück an der Ostsee an sich zu reißen. Ueber 200 Jahre lang hat der Makel, er habe nicht aus taktischer Nothwendigkeit, sondern schier aus Grausamkeit, ohne Mcnschengesühl die Stadt Magdeburg durch Feuer und Schwert zerstört und die Bewohner grausam hingemordet, auf dem edlen Tilly gelastet. Erst in neuerer Zeit sind Darstellungen zu Tage getreten, welche den Beweis führen, daß die Anklage ungerecht, eine böswillig erfundene Verleumdung ist und der Wirklichkeit nicht entspricht. Im Folgenden sott aus denselben ein gedrängter Auszug für unsere Leser gegeben werden, da es ja die nächste Aufgabe dieser Blätter ist, der Unwahrheit entgegenzutreten, um der „Wahrheit" Eingang zu verschaffen. Nach dem sogenannten Nestitntionscdiktc, welches Kaiser Ferdinand II. erlassen hatte, nachdem der Dänenköuig Christian IV. bei Lütter am Barcnberg gründlich geschlagen war, sollten die Protestanten alle Kirchen und Güter, welche sie dem Vertrage entgegen nach Abschluß des Passaner Vertrags im Jahre 1852 sich zugeeignet hatten, wieder herausgeben. Die Forderung war ohne Zweifel gerecht, doch wäre es klüger gewesen, sie nicht zu stellen. Bon dem Edikte fühlte sich auch die Stadt Magdeburg an der Elbe schwer betroffen, denn sie sollte ihren Erzbischof wieder annehmen und die Privilegien, in deren Besitz sie gelangt war, wieder verlieren. Der Brandenburger Prinz Christian Wilhelm, welcher sich als Administrator des Erzbisthnms in den Besitz der zum Erzstifte gehörigen Ländereien gesetzt hatte, wandte sich mit der Stadt an Gustav Adolf um Hilfe gegen Tilly, welcher ihn vertrieben hatte. Gustav Adolf stand mit seinem Heere nur einige Meilen von Magdeburg entfernt. Tilly, mit der Ausführung des Ediktes beauftragt, belagerte in Verbindung mit dem General Pappenheim Magdeburg. Gustav Adolf, anstatt die Stadt zu entsetzen, sandte den Dietrich von Falkenberg, einen erfahrenen Offizier, um die Vertheidigung zu leiten. Es ist mit Recht aufgefallen, daß Gustav Adolf nichts weiteres gethan, um der Stadt zu Hilfe zu kommen. Tilly eroberte schließlich die Stadt und überließ, wie es damals KriegSbranch war, dieselbe den Eroberern zu einer dreistündigen Plünderung. Während derselben brach an verschiedenen Stellen in der Stadt Feuer aus, welches sich weiter und weiter verbreitete und allmählich die ganze Stadt mit Ausnahme einiger weniger Häuser und des prächtigen Domes in Asche legte. Aus der Eroberung und der Weise, wie sie ausgeführt worden, ist nun eine Anklage gegen Tilly erhoben, welche, wie gesagt, Jahrhunderte lang in protestantischen Geschichtsbüchern verbellet und beim Unterricht in protestantischen Schulen ausgenutzt wird, um Haß gegen Katholisches zu schüren. Daß die Anschuldigung eine spätere Erfindung ist und keineswegs aus der Zeit, in welcher das Ereignis; statt hatte, stammt, ergibt sich aus einer Schrift Otto's von Gnerike, des berühmten Erfinders der Luftpumpe, welcher zur Zeit der Katastrophe in Magdeburg Nathsherr war und später daselbst als Bürgermeister an der Spitze der Stadt stand. Derselbe schreibt in seiner „Chronik der Stadt Magdeburg von der letzten Zerstörung der Stadt vom Jahre 1629 bis 1631":') „.Am 18. Mai 1631 sandte Tilly zum dritten Male einen Trompeter mit der Aufforderung der Kapitulation in die Stadt. Da man aber alle Stunden und Augenblicke die Hilfe des Schwcdenkönigs erwartete, lehnte man alle Verhandlungen ab. Aber Gnerike legte die Fortschritte Pappenheims an dem Bollwerke bei der Neustadt als so gefährlich dar, daß man jede Stunde überfallen werden könnte. Darum entsendete der Rath Gnerike an Falkenberg mit dem Auftrage, dieses kund zu thun. Dies geschah am 19. Mai. Falkenbcrg ließ nun den Bürgermeister ersuchen, daß sich der Rath am folgenden Tage, am 20. Mai, morgens um 4 Uhr versammlc, um einen Entschluß zu fassen. „So geschah es. Der Rath sandte drei Mitglieder, unter diesen Gnerike, zu Falkenbcrg, der in einer besonderen Stube des Nathhanses weilte, um mit ihm die Bedingungen zu vereinbaren und mit dein Trompeter Tilly's Gesandte hinansznschi'ckcn. Aber Falkenberg fing an zu reden, sagte, daß jeden Augenblick Gustav Adolf vor der Stadt erscheinen konnte, redete weiter und immer weiter, eine ganze Stunde lang, bis der Rathsherr Gnerike, den die Ungeduld hiuausgetrieben hatte, mit der Meldung zurückkehrte, das; bereits Pappenheims Soldaten in der Fischergasse seien. Falkenberg stürzte hinaus, stieg zu Pferde und eilte in den Kampf, wo er von einer Kugel getödtct wurde. „Falkenbcrg hatte offenbar die Rathsherren irregeleitet. Denn er wußte wohl, daß Gustav Adolf nicht zur Hilfe käme, da ihm der Schwede am 27. April geschrieben hatte: .Wir hoffen, das; ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen? ') Bedauerlicher Weise ist die Chronik erst 1860 bekannt geworden und gedruckt. Der.Herausgeber Hosfmanu fand die Chronik in Magdeburg. Später fand sich auch in Berlin ein Exemplar, welches sich jedoch durch größere Vollständigkeit von dem ersten Exemplare unterscheidet. In der Magdeburger Ausgabe sind nämlich verschiedene Stellen durchstrichen, welche der Chronist unterdrückt hatte, aus Furcht vor den Schweden, welchen darin die Schuld der Zerstörung zugeschrieben wurde. .. 416 Wie aber schaffte Falkcnberg sich und seinem König Rath? Indem er die Stadt in Brand steckte. Falkcnberg hatte alles wohl vorbereitet. Das Mittel zum Brande war angelegtes Pulver, seine Werkzeuge zur Ausführung ein Theil der Schiffskncchte vom Elbufer. „Es fragt sich nun um das Verhalten Tilly's. Dreimal hatte er die Stadt zur llebergabe aufgefordert, aber umsonst. Am 19. Mai hielt er Kriegsrath. Alle Generale, besonders Pappenheim, drangen auf Sturm am nächsten Morgen, Tilly gab nach mit Vorbehalt des Signals. Am andern Morgen schickte Tilly dem Grafen von Mansfeld die Nachricht, daß er sich anders besonnen, das; er mit dem Sturm noch warten wolle. Tilly gab also das verabredete Zeichen nicht, obschon es schon sieben Uhr war, denn er hoffte noch immer, sein Trompeter werde mit der Unterwerfung der Stadt zurückkehren. Zuletzt verlor Pappenheim die Geduld und ließ stürmen auf eigene Faust. Der Sturm gelang und ebenso der Sturm der Mansfelder im Süden. Im Nu waren sämmtliche Stadtthore vom Feuer ergriffen, und um Mittag brannte die ganze Stadt. Die Sieger aber hausten fürchterlich in der Stadt. „Aber nicht mit Einwilligung oder gar auf Befehl Tilly's! Er suchte vielmehr dem gräßlichen Unglück Einhalt zu thun. Als er die Rauchwolken aufsteigen sah, ritt er eilends in die Stadt hinein und kam bis zum herrlichen Dome, der ganz von Menschen gefüllt war, namentlich von Frauen. Tilly versprach ihnen, für ihr Leben und ihre Ehre zu sorgen, und verordnete eine Truppe zur Bewachung und zum Schutze des Domes. Dann wandte er sich zum Liebfrauenkloster. Tilly rief dem Abt desselben zu, nicht abzulassen, zu retten und soviel in's Kloster zu führen, als er könne. Darauf gelangte er zur Dompropstei, bestimmte dieses Gebäude zur Aufnahme flüchtiger Frauen und Kinder. Weiter eilte Tilly; überall gab er Befehle, zu retten und zu flüchten; denn das Feuer hatte die ganze Stadt bereits erfaßt. Am Abend hob sich erst recht die ungeheure Glnth, die ganze Stadt war ein Flammenmeer. Aoa omnss, st Piilius, Inor^iriLs tunäelmmus. Wir alle, auch Tilly, vergossen Thränen!" Das ist also die Darstellung eines Augenzeugen, eines Protestanten» eines Mitgliedes des Rathes der schwer betroffenen Stadt. Es liegt in dem Gesagten nicht allein nicht ein Beweis für die Anklage gegen Tilly, vielmehr das gerade Gegentheil. Auch läßt es sich nachweisen, daß im 17 . und bis tief in's 18. Jahrhundert hinein eine Anklage gegen Tilly noch nicht bekannt gewesen ist; keine der Schriften aus jener Zeit, welche über die Zerstörung Magdeburgs berichten, macht Tilly für den Brand Magdeburgs verantwortlich. Erst nach dieser Zeit ist die Anklage entstanden und die Sage von Tilly's persönlicher Grausamkeit erhoben. Wie hat aber die Sage entstehen können? Warum, von wem ist die Anklage erhoben worden? Neuere Geschichtsforscher machen Falkenberg, den Vertreter Gustav Adolf's in Magdeburg, dafür verantwortlich und behaupten, derselbe habe auf Anweisung seines Herrn das Feuer angelegt und die Einäscherung der Stadt betrieben. Das Verhalten Falkenberg's scheint Allerdings, auch nach der Erzählung Otto's von Guerike, als räthselhaft und unverständlich; ebenso unfaßlich ist es, daß Gustav Adolf der bedrängten Stadt keinerlei Hilfe gebracht^Hat.^Wcnn wir aber nach der Darstellung deZ Geschichtsschreibers Drohsen annehmen, daß das eroberte Magdeburg für Tilly's Plan von großer Bedeutung war, sobald er es möglichst unversehrt in seine Hände bekam, damit es ihm als Stützpunkt für seine weiteren Operationen diene, daß also Gustav Adolf dahin trachten mutzte, dieses zu verhüten, so liegt es nahe, daß er sich entschließen konnte, die Stadt, deren Eroberung durch Tilly er nicht mehr verhüten konnte, lieber selbst zu zerstören, als in ihr dem Feinde eine wichtige Operations- basis zu überlassen. In solcher Weise sind auch die Worte verständlich, welche, wie Otto von Guerike berichtet, Gustav Adolf unter dem 27. April an Falkenberg geschrieben hat: „Wir hoffen, daß ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen." Falkenberg hatte alles vorbereitet für die Zerstörung der Stadt, dadurch schaffte er Rath. Dasselbe geht aus einem Schreiben hervor, welches der Reichskanzler Oxen- stierna einige Wochen nach der Zerstörung aus Hamburg geschrieben hat, „weil Gustav Adolf die Stadt ohne Feldschlacht nicht entsetzen konnte, hätte er gern gesehen, daß Falkenberg sie in Brand gesteckt habe". Allerdings durften die unglücklichen Betroffenen keine Ahnung davon erhalten, daß sie das Unheil, welches sie betroffen, ihrem Verbündeten, von welchen! sie vielmehr Hilfe und Rettung erhofft hatten, verdankten. Darum ist vom Anfange an alles angewendet, um den Verdacht von den Schweden abzulenken. Dazu mußte ihm insbesondere die Presse dienen, und zugleich, um Tilly für die Magdeburger Greuel verantwortlich zu machen und um unliebsamen Enthüllungen zuvorzukommen, wurde der Professor Sp anheim in Genf mit dem Material zu den gewünschten Berichten versehen. So entstand 1633 in französischer (!) Sprache die Schrift: „Der schwedische Soldat," worin unter anderem gesagt wird: „Man bemerkt, daß Tilly seit den Magdeburger Greueln in seiner Unternehmung wenig glücklich war. Und gewiß, wenn das, was man beharrlich von ihm erzählt, sich bewahrheitet, so darf man sich darüber nicht Wundern. Denn bei der Plünderung zeigte er ein Tigerherz. Als die Seinigcn die außerordentlichen Grausamkeiten gemeldet hatten, welche verübt wurden, damit er ein Ende mache, antwortete er kalt, man solle noch eine Stunde gewähren lassen, dann solle man wieder kommen. Aber auch nach einer Stunde zeigte er sich noch immer taub und gebraucht Ausflüchte, bevor er zum Rückzüge blasen ließ." „Wenn das, was man beharrlich darüber erzählt, sich bewahrheitet?" Aber, es ist eben nicht ivahr, daß von Tilly derartiges beharrlich erzählt sei. Diese Worte deuten vielmehr an, daß Spanheim, der Genfer Berichterstatter, kaum selbst an die Wahrheit geglaubt und seinerseits Bedenken getragen habe, solche Beschuldigung zu verbreiten. Er hatte nur auf seinen Auftraggeber Rücksicht zu nehmen. Gleichviel! Im Laufe der Zeit ist der verleumderische Bericht Spanheim's als der Wahrheit entsprechend in die läufigen Geschichtsbücher übergegangen und durch diese verbreitet worden. Sonderbar nur, daß deutsche Schriften aus jener und späterer Zeit, auch solche von protestantischen Verfassern, über eine solche Tillysage nicht mehr zn berichten wissen. Für Deutschland blieb Schiller Jahrzehnte hindurch die Haupt- quelle und ist es für nicht wenige, welchen sie in dieser Form eben paßt, noch jetzt. Solche beweisen freilich eine traurige Unkcnntniß der anerkannt gründlichen Erzeugnisse der neueren gcschicht- 417 Wen Literatur. Der ebenso regsame und gründliche, wie unbefangene und einsichtsvolle Historiker Onno Klopp hat in verschiedenen Schriften die Tillysage gründlich behandelt. Daß die Darstellung Schiller's über Lilly falsch und unwahr sei, ist darnach nicht zu bezweifeln. Ferner: der bekannte geschätzte Geschichts- schreiber Nanke, ein Protestant, erklärt es in seiner im Jahre 1872 erschienenen „Geschichte Wallcnsteins" als „sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber, einem Deutschen in schwedischem Dienst (Falkenberg), und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Staatsrathcs eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. . ." Ncberall bat die Ueberzeugung, daß nicht Lilly den Brand von Üllagdebnrg hervorgerufen, sondern daß er durch die Schweden bewirkt und durch eigene Bürger der Stadt gefördert worden sei, so ziemlich allgemein Aufnahme gefunden, seitdem Albert Heifing in seiner Schrift „Magdeburg nicht durch Lilly zerstört" für diese seine Behauptung ein überreiches Material herbeigeschafft und Karl Wittig in dem Qnellenwerke „Magdeburg, Gustav Adolf und Lilly" nach reiflicher Prüfung aller Darlegungen und Berichte von Augenzeugen die Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß . . . Lilly „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt" hat. Das Resultat unserer Untersuchung wäre also, daß Magdebnrg nicht durch Lilly, sondern anf Veranstaltung Gustav Adolf's zerstört worden ist. Dr. H. Meurer. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Frei von den Bizarrerien seines Oheims, aber auch ohne dessen Energie und Kraft, war Napoleon III. ein planloser, ziel- und charakterloser Mensch, jeder feineren Moral bar. Die Hauptschuld des Unglückskrieges 1870 trägt er. Der einzige planvolle und hochbegabte Minister, den er hatte, Drouyn de Lhuys, wurde oft durch Eigenmächtigkeiten, die Napoleon hinter seinem Rücken vornahm, aus das empfindlichste desavouirt. Oft erließ der Kaiser Manifeste, von denen die Ministerien erst aus den Zeitungen erfuhren. *2) Noch 1867 war er daran, eine Allianz mit Preußen abzuschließen, nachdem er 1864 Englands Hilfe gegen dieses Land abgewiesen hatte. Nur Thiers verhinderte oft die ganz verblüffenden Zickzackkurse der kaiserlichen Politik. 1868 noch konnte der Chef des Ministeriums, Emil Ollivier, eine Rede halten, worin er der Allianz zwischen Deutschland und Frankreich auf das wärmste das Wort redete, und kurze Zeit darnach spielten sich die skandalösen Manöverinsulten ab. Kurz vorher hatte man auch Rußland durch den strengen Prozeß gegen Berezowsky geschmeichelt, welcher 1867 in Paris anf den Zaren geschossen hatte. So irrte dieser politische Uhu planlos im Dunkel der Nacht umher, und seine Politik vermochte nur kleine Mäuse und Wiesel zu fangen, aber keinen greifbaren Erfolg auszuweisen. Ja, 2) Leipzig, Dunckcr und Hnmblot, 1872 Anst. 3 S. 148 und 149. Berlin, Enßenliardt, 1846. 0 Berlin 1874, Bd. 1, S. 207. ") Hansen Jules „Oonlissss cks ckiplomatis" (Paris, 1880). etwas Lichtscheues, Eulenartiges klebt Napoleons III. Politik an; er will nicht einmal offen und ehrlich erscheinen, wie sein großer Gegner Bismarck, der durch raffinirte Ehrlichkeit zu täuschen wußte; seine verschleierten, nicht zu enträthselnden Augen sind das einzige Wahre an ihm. — Noch Mitte September 1869 schien der Friede so gesichert, daß die meisten Regimenter nach Aufhebung des Lagers von Chnlons nach dem Westen verlegt wurden. Die Kaiserin reiste damals nach Kou- stantinopel und besichtigte den Harem: in Paris sprach man 4 Wochen lang nur von dem bestialischen siebenfachen Raubmörder Tropmann; für neue Sensation sorgte der Tod des Sonderlings Saint-Beuve, der in Wuth gerieth, wenn ernnr das Wort „Cultus" oder „Kirche" hörte. Niemand ahnte den nahenden Krieg. Nur die Zeitung „Patric" zeigte sich 1869 prcußcnfcindfich; im selben Jahre wurde unter lebhafter Betheiligung von Franzosen ein Ncchtshilfsverein für unbemittelte Deutsche gegründet. Nur über die Anmaßung evangelischer deutscher Pastoren, welche mitten in Paris die französische Sprache als unevangelisch und dem Geiste Luthers widersprechend in den Schulen ausmerzen wollten, eine allerdings große Unverfrorenheit, die auch durch plumpe Be- kehrungsvcrsuche sich verhaßt machten, führte Gaidoz im März 1870 in der „Ikovuocl'instruetion pndligus" Klage. Wie wenig übrigens heute, noch in jüngster Zeit, diese Art Arroganz in Paris Anklang findet, bewies vor einigen Jahren der Beschluß fast sämmtlicher Pariser Künstler, zum Acrger der protestantischen Pastoren die Bartholomäusnacht alljährlich in Paris festlich zu begehen. Doch wollen wir die Schatten des Krieges von 1870, die wir schon heraufbeschworen haben, noch zurückdrängen, um dessen Vorläufer, den dänischen Krieg, in seinen Wechselwirkungen anf Deutschland, Frankreich und Rußland zu betrachten. Nur unbedeutende französische Schriftsteller wie de Bouillß, de Bourgoing und Desprcz interessirtcn sich für die dänische Frage; auch waren 1864 die größten Pariser Zeitungen: „Le Constitutionel", „Le Temps", dessen Redacteur der Elsässer Ncfftzer war, deutschfreundlich. Auch die Snbscription zu Gunsten der Dänen, die 1867 in Paris abgehalten wurde, hatte nicht viel Erfolg; man wußte, wie perfid sich Dänemark gcgcv Napoleon I. bewiesen hatte. In den Jahren 1860 — 1870 war die Stimmung Rußlands sehr wenig auf Seite Frankreichs. 1864 anf 65 wurde als das offiziöse Organ in St. Petersbnrg sogar die deutsche „Petersburger Zeitung" des verdienstvollen Mcycr-Waldeck gewählt, nachdem das französische „Journal de St.-Petcrsbourg" fast keine Leser mehr hatte. Eine ergötzliche Geschichte weiß über diese Prcß- vcrhältnisse derselbe Meyer-Waldeck zu erzählen: Es brach damals in Schweden eine Hungersnoth aus, so daß man Brod aus Baumrinde aß. Artikel hierüber kamen auch in russische Zeitungen; der Censor, Herr v. Pencker, beanstandete nicht das Geringste; nur mußte, statt „Schweden", „Frankreich" geschrieben werden. „Denn", so begründete er dies wörtlich, „mit Schweden stehen wir gut; dagegen über Frankreich dürfen wir alles sagen." Als Meyer ein andermal Napoleon III. den Fiebcrstoff im Blut Europa's nannte (politischer Brandstifter wäre der richtigere Ausdruck gewesen), wurde er zwar dafür gescholten, doch durfte der betreffende Artikel gedruckt werden. Diese und ähnliche Censorenstückchen erinnern an die nikolaitische Zeit 1831, wo das Wort „Polen" nicht gedruckt werden durfte. Daß übrigens 418 Aich die Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland nicht allzu intim war, beweist, daß 1862 die nihilistische Zeitschrift des L. v. Blümner in Berlin geduldet wurde. Selbst in den Zeiten der scheinbar engsten Verbrüderung schien ein feindseliges Moment sich störend einzudrängen. So bezeichnet das berühmte „Lustlager zu Kalisch' (11. bis 22. September 1835) den Höhepunkt der Annäherung Rußlands an Preußen, das preußisch-russische Aranjucz, wo die Fürsten bei einem großen Manöver zusammenkamen. Die Preußen glaubten von der Aufnahme entzückt sein zu dürfen; aber man braucht nur Tscherny- schew's, eines russischen Lieutenants, Schmähgedicht auf den Preußcnkönig zu lesen, um die russische Vcrstellnngs- knnst als unerhört zu verachten. Das Machwerk, wegen dessen der Autor zum Flügeladjutanten ernannt wurde, schildert die Fürsten folgendermaßen: Den Zaren: „Wie vom Morgenroth geboren. Wie vom Himmel selbst erkoren." Den „deutschen Zaren" dagegen: „Plump und häßlich, grau von Haaren, Rotbe Nase, gelb Gesicht, Riesenmaul und dünne Arme, Beine, daß sich Gott erbarme, Schmächt'ge Brust und hohle Backen rc (Fortsetzung folgt.) Offenes Antwortschreiben eines katholischen Seelsorgers an einen katholischen, aber wankend gewordenen Freund aus dem Beamtenstande. Du wirfst in Deinem letzten Brief dem katholischen Seelsorgeklerns — ehrenwerthe Ausnahmen willst Dn ja gelten lassen — Förderung des Aberglaubens und der Volksverdummung, Mangel an wissenschaftlichem Streben und konfessionelle Hetze gegen Protestanten vor, machst die Jesuiten für altes Unheil verantwortlich wegen ihrer angeblich einseitigen Theologie und fortschrittsfeindlichen Tendenzen, und meinst geradezu, man müsse sich unter solchen Verhältnissen schämen, katholisch zusein; dabei berufst Du Dich auf das Urtheil hervorragender katholischer Theologen, die dasselbe behaupteten und als Fachmänner doch das alles wissen müßten. Urtheile nun selber, ob Du recht hast mit solchen Vorwürfen! — Um gleich mit den Jesuiten anzufangen, so sind gerade sie es, welche nicht bloß auf theologischem Gebiete, sondern in allen Fächern des Wissens mit an der Spitze marschiren. Vergleiche nur deren „Stimmen aus Maria-Laach" über ihre wissenschaftliche Thätigkeit in allernenester Zeit: über Naturwissenschaft und Physik (L. Dressel, Neueste Messung der Gravitalionsconstante), über Erd- und Völkerkunde und Nationalökonomie (?. Schwarz, Der Werth Afrika's, Concurrenz im Welthandel), über Gesetzkunde und verschiedene Rechtsproblemc (L. Cathrein, Rechtspositivismus u. Socialdemokratie), über Astronomie (?. Müller, Die Sonnenflecken im Zusammenhang mit dem Copernikauischen Weltsystem) usw. Und wer hat das Sonnenspektrum erfunden, womit man jetzt die physikalische Beschaffenheit des Sonnenkörpers erforscht? Der Jesuit L. S ecchi. Neuestens lese ich. daß die Jesuiten in Valkenburg (Holland) für ihre Sternwarte einen Refraktor sich angeschafft, der dein der Berliner Sternwarte an Größe nicht nachsteht, an Construktion aber (aus Aluminium) jenen noch übertrifft: sogar in der Elektrotechnik zeigen sie sich als Meister. Wie sollte also eine Gesellschaft, die so rastlos für allgemeine Bildung und Wissenschaft wirkt, die Geister für eine einseitige theologische Richtung gefangen nehmen wollen und rückschrittliche Tendenzen verfolgen? Das reimt sich doch schlecht zusammen. ^ Und was das wissenschaftliche Vorwärtsstrebeu des Weltklerns betrifft, so ist noch nie soviel für Geschichtsforschung, Literatur, christliche Knust, überhaupt auch für allgemeine Volksbildung geschehen, wie gerade jetzt. Ich erinnere nur au die epochemachenden Werke geistlicher Historiker wie Janssen, Pastor, des Eulturhlstorikers Grupp rc. rc., dann an die uns näher liegenden Special- werke über Diöcesangeschichte, in Franken von Stämmiger, Braun. Amrhein, in Augsburg von Steichele usw., au das Kirchenlexikou von Wetzer und Welte, eine wahre Encyklopädie der Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, das Staatslexikou von katholischen Juristen der Görresgesellschaft, ein Werk, um das uns sämmtliche Gegner beneiden. Was ferner die katholischen Gelehrten-Congreffe der Gegenwart für alle Zweige der Wissenschaft, die socialen Eurse katholischer Priester zur Lösung der socialen Frage, die pädagogischen Eurse für das christliche Schul- und Erziehnngswcsen. die geistlichen Präsides in den katholischen Gesellen-, Arbeiter-, Lehrlinas- vereinen für allgemeine christliche Bildung und socialen Fortschritt leisten, ivird Dir doch bisher mcht entgangen sein, sofern Du Dich um diese Dinge kümmertest. Noch unbegründeter ist der Vorwurf konfessioneller Hetze. Wie froh wären wir katholische Geistliche, wenn unsere konfessionellen Gegner uns nur überall in Frieden lassen wollten! Wo bringt eine Katholikenversammlung je etwas Verletzendes gegen Andersgläubige? Dagegen kann z. B. der „Evangelische Bund" oder „Gustav Adolf- Verein" kaum ein Fest abhalten, ohne gegen Rom, Papis- mus, Jesuitismus, Meß- und Ablaßkram u. dgl. loszuziehen. Es ist der reinste Verfolgungswahn, der anf diesen Versammlungen manchmal zum Ausdruck kommt; sogar in Berlin, der Hochburg des Protestantismus, fühlen sich die Rufer ini Streite nicht mehr sicher vor den angeblichen Ansprüchen Roms, des Gefangenen im Vatikan. Sollen denn wir kathol. Seelsorger die Grundsätze über die gemischten Ehen heute ganz verschweigen, damit hiutennach unglücklich gewordene katholische Eheleute uns für ihr Unglück verantwortlich machen und, wie schon oft geschehen, uns zurufen: warum habt ihr uns nicht rechtzeitig hierüber aufgeklärt und gewärmt? Sollen wir das katholische Volk in dem von den Protestanten genährten Wahne belassen, als ob zwischen katholisch und protestantisch kein wesentlicher Unterschiedsei? Was wäre dann die Folge? Daß die Katholiken, besonders die gebildeten, sich allmählig dem Protestantismus als der leichteren und bevorzugteren Religion zuwende». Der gegen uns Seelsorger aus dem eigenen Lager gerichtete Vorwurf konfessioneller Hetze kommt mir im Augenblicke vor wie der Versuch, bei einer ausgebrochenen Revolution die könig streuen Besatzungstruppen zu entwaffnen und in den Kasernen zu consigniren. Nicht urinder unrecht thut mau dem Klerus, wenn man ihm Förderung des Aberglaubens vorwirft. Man darf doch die Ueberspanntheiten einiger französischer Kleriker nicht der ganzen Geistlichkeit znr Last legen! Die Dämonologie (Lehre vom Dasein und schädlichen Wirken böser Geister) ist biblisch begründet und auch von den Protestanten angenommen; der Teufels - mahn jedoch, der überall Teufeleien wittert, hat seinen Sitz weder in der Bibel noch in der kathol. Religion, sondern in dem natürlichen Hang kleiner und großer Kinder zum Geheimnißvollen, Schauerlichen oder auch Abenteuerlichen. Der Miß-Vaughan-Schwindel und der Schwindel mit dem „verkappten Erzherzog" zu Aachen stammen aus einer Quelle. Es sind nicht immer die Dümmsten, die bei solchen Wahnperioden „einfallen", freilich auch mcht gerade die Gescheitesten. So kam vor einigen Jahren auch über meine Pfarrgemeinde eine derartige Wahnperiode. Die Nachtwächter sahen nämlich um die Carnevalszeit eine weiße Frau über die Brücke schleichen, und am anderen Morgen hieß es in der ganzen Stadt: ein schreckliches Gespenst geht hier um! Jeder Tag brachte entsetzlichere Gerüchte: Bürger Hans behauptete steif und fest, der Bürger Kunz habe das feuerspeiende, nach Schwefel riechende grauenhafte Ungethüm durch das Grabengäßchen schweben sehen und sei vor Schrecken fast gestorben. Die Kinder waren bei der Dämmerung nicht mehr aus dein Hanse zu bringen und im Hause nicht mehr in das anstoßende Zimmer. Die Erwachsenen, selbst die verrufensten Nachtschwärmer, gingen nicht mehr allein, sondern nur in Haufen Abends aus und eilten, wie ich mit eigenen Augen sah, flucht- ähulich. wie voir einer unsichtbaren Geivalt gejagt, durch 419 die Straßen. Sogar die Nachbarorte waren von der allgemeinen Panik ergriffen, und die Eisenbcchnschaffner streuten die schauerliche Märe von dem höllischen Besuch nach allen Windrichtungen. Ich schämte mich, von solchem Unsinn öffentlich auf der Kanzel Notiz zu nehmen, in den Schulen geschah alles Mögliche zur Aufklärung — alles umsonst. Erst nach 8—10 Tagen endete die Wahnperiodc. Es war wie eine geistig moralische Pest, gegen die es kein Mittel gibt. Da bekämpfe einmal Einer das Angstgefühl eines Nervenkranken mit Vernunftgründen! Uebrigens ist Thatsache, daß auch die Ungläubigen nicht frei von Aberglauben sind; sie haben ihre Wahrsagerinnen, ihre Klopfgeister, vor allem ihrer: Spiritismus mit Geistercitationen, das genügt. Wären Deine theologischer: Fachmänner gegen den dummer: Teufel Bitru rechtzeitig, d. i. vor dessen Entlarvung und Errvürgnng durch den französischer: Erzgauner Taxil, zu Feld gezogen, so hätte ihr Vorgehen ja einer: Sinn gehabt; aber jetzt — hintcnnach — einer: todten Teufel noch einmal toötzuschlager: und die schreckhafte Leiche den geistlicher: Arutsbrüderr: an die Rockschöße zu hängen, das ist lächerlich. Ich kam: leider Deinen theologischen Cclcbritäter: den Vorwurf nicht ersparen, durch ihre Streitschriften die gebildete katholische Laienwelt vor: der katholischen Kirche mehr oder weniger abgedrängt und sonach das Gegentheil von dem erreicht zu haben, was sie vorgeblich wollten. Sie Haber: die verleumderische Anklage, welche die vereinigten Gegner uns Katholikei: schon seit langem ins Gesicht schleudern, daß wir nämlich eine minder- werthrge Klasse von Staatsbürgern seien und in dem modernen Cultur-staat e:ncn Platz garnicht verdienten, als katholisch-theologische Fachmänner vor aller Welt sozusagen bekräftigt und dadurch bewirkt, daß sich jetzt die edelsten und gebildetster: unter dcn katholischen Laien schämen, katholisch zu sein. Du selbst bist mir ja ein Beweis für diese Behauptung. Aber sollte dein: an den: Vorwurf der Minderwcrthig- keit der Katholiken nicht doch etwas Wahres sein? Warum stellen die Katholiken nicht das entsprechende Eoutiugent zu den Gelehrteucollegien unserer Universitäten? Gestatte mir, lieber Freund, diese Frage an Dich zu richten: Warum erzieht ihr gebildete Katholrken denn eure Söhne nicht so, daß sie später, zu Aemtern und Würden gelangt, ihrer Kirche und Religion zur Ehre und zum Vortheil gereichen? Ja, warum denn nicht? Das katholische Volk und der Klerus thun ihre Schuldigkeit; die katholischen Seelsorger in Stadt und Land führen durch Ertheilnng von Privatunterricht den höheren Bildungsanstalten eine erhebliche Anzahl von Jünglingen zu und haben durchaus nichts dagegen, wenn ihre Zöglinge etwas anderes Tüchtiges werden als Priester: aber sollen sie denn den Bauern und Handwerkern befehlen, ihre Söhne v o:: vornherein einem anderen Stand als den: geistlichen zu widmen? Wie soll man denn die Sache da anfassen? Da scheint mir der Vorschlag im bäuerischen Reichsrath, für katholische Gelehrte Privatdvcentcnstelleu zu gründen, viel'praktischer. Schafft nur einmal die erforderlichen Pferde herbes die Reiter werden dann fchon von selber kommen! Aber gelbst davon dürfen wir heute nicht zu viel erwarten. Man vergesse doch nicht, daß die katholische Kirche als schärfste Vorkämpfern: der christlichen Welta n s ch auun g mit der atheistischen Auffassung, die leider in den Kreisen der Gebildeten bereits stark überwiegt, zur Zeit im heftigsten Kampfe liegt und von: Gegner allgemein als Verd u m m ungsanstalt ausgeschrieen wird. Man kann aber auf gebildete Katholiken erfahrungsgemäß keinen tieferen Eindruck machen, als mit dem spöttischen Hinweis: ihr vertretet einen längst überwundenen Standpunkt, eine Verlorne, gehaltlose Sache, die Sache der Dummheit. Das ist das grobe Geschütz, womit die Vorkämpfer des Atheismus fortwährend Bresche schießen in unsere Reihen. Es gehört für einen gebildeten Katholiken mehr Muth dazu, vor solchem Geschütz Stand zu halten, als vor dem modernen Schnellfeuer eines feindlichen Armeecorps. Ein Held ist Jeder gern, aber kein „dummer Junge". Aber sind denn die Katholiken nicht wenigstens in: Geschäftsleben hinter den Protestanten und Juden zurück, fragst Du weiter? Die Juden laß nur gleich aus dem Spiele; ihre geschäftliche Snpcriorität ist eine Rassenfrage, die nnt der Religion wenig zu thun hat. Was dagegen die Protestanten betrifft, so genießen sie augenblicklich noch in der Welt Schonzeit, solange sie nämlich sich von den Vorkämpfern der atheistischen Weltanschauung als Hilfstruppen gegen den Katholizismus gebrauchen lassen: sie gehören sonach zur Zeit noch zur bevorzugten, herrschenden Kaste im Lande, während die Katholiken im Allgemeinen als die Parias gelten. Wen:: daher die Katholiken wirthschaftlich nicht so emporkommen wie die Protestanten, so ist das vielfach die Folge planmäßiger socialer Zurückdrängung des katholischen Elements, nicht aber ang eborner oder unerzogner Minderw erthigkeit desselben. Freilich sollte man an manchen Orten von den Katholiken mehr Intelligenz, Gemeinsinn und Geschäftsenergie erwarten, als man thatsächlich findet. Allein da sprechen eben die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten des Volkscharaktcrs, natürliche Anlagen, örtliche Verhältnisse n. dgl. auch ein entscheidendes Wort nnt. Welche Summe von Intelligenz, Gcschäftstüchtigkeit, materiellem Wohlstand herrscht nicht unter den Katholiken der Rhcinlande, Belgiens, Hollands n. s. w.? In: Jahre 1870 iah ich zu Fnlda eine Schaar vornehmer, katholischer Industrieller von: Rhein in Prozession, den Rosenkranz in der Hand, laut betend zum Grabe des hl. Bonisazius wallen. Die katholische Religion hindert wahrlich nicht, intelligent, geschäftsgewandt und wohlhabend zu sein. Damit will :ch nicht gesagt haben, daß die Katholiken überall auf der Höhe stehen, auf der sie stehen sollten und könnten, sondern nur soviel, daß der Protestantismus die Menschen nicht gescheidter und der Katholizismus nicht dümmer macht als sie ohnedies wären. Eines aber muß ich zugeben, und das ist von e:n- schncidender Bedeutung, daß nämlich die Katholiken in sogenannten kathol. Ländern, wo der JosepHinismus oder das Staatskirchenthum herrscht, hinter den Katholiken anderer, selbst protestantischer, Länder sowohl im religiös-kirchlichen wie wirthschastlichen Leben auffallend zurückstehen. Merke wohl: ich bringe hier nicht Katholiken mit Protestanten, sondern Katholiken nnt Katholiken in Vergleich. Es scheint da mit dem kathol. Volke ganz dieselbe Wandlung vorgegangen zu sein, wie nnt den mittelalterlichen katholischen Gotteshäusern in den letzten dreihundert Jahren. Wie nämlich diese monumentalen Kirchen in den Händen der Protestanten, die ja bekanntlich keine kirchliche Kunst und daher auch keine Knnstverirrnng auf diesen: Gebiete haben, ihren ursprünglichen Stil und Charakter unversehrt beibehielten, in den Händen der Katholiken dagegen während der Renaissanccperiodc oft bis zur Unkenntlichkeit verzopft wnrdcn, so hat auch das katholische Volk unter der Herrschaft des protestantischen Staates, seine ursprüngliche Glaubens- und Lebenscnergie in der Regel viel besser bewahrt, als unter der Herrschaft des.v sogenannten katholischen Staates,wo das josephin-» ischc Regime den katholischen Volkscharakter- oft bis zur link enntlichke it zu entstellen mußte.' Vergleiche nur einmal das katholische Volk in solchen, joscphinisch regierten katholischen Ländern — Du brauchst.' ja nicht weit zu reisen — nnt den: in: protestantischen Preußen, besonders am Rhein und in Ländern nnt reli--. giöser Freiheit; hier ernste Kirchenzncht, die sich be-' sonders in den Gotteshäusern so wohlthuend benicrkbar macht, dgrt Disciplin losigkeit und Mißachtung der geisttichen Autorität; hier alle Stände, höhere und niedere, wie aus einem Guß, eins und einig in Bethätigung des katholischen Glaubens und der Liebe, dort Kirchen- flncht der höheren Stände einerseits und.religiöses Formelwesen, nennen wir's Sakramentalismns, der niederen Stände anderseits: hier ächter, katholischer Ge- m ein sinn und brüderliches Zusammenhalten auf allen Gebieten, dort vielfach jämmerliche Zerfahrenheit und Verrath an der eigenen katholischen Sache; hier festgcschlossene, innerlich gesunde Kirchengemeinden- in welchen die abgestandenen Katholiken weder Platz haben noch solchen verlangen, dort offenstehende, innerlich zersetzte Gemeinden, in welchen die abgestandenen Ka- thoftken in: Leben und in: Tode trotz entgegenstehender kirchlicher Satzungen als vollberechtigte Mitgfteder gelten und den kirchlich-socialen Organismus vollends vergiften ; hier überall gemeinsame Bildung und Bildüngs- trieb mit wwthschastlichen: Emporblühen, dort vielfach in den unteren Schichten Mangel an bernfs» 420 mäßigem Wissen und an Wißbegierde mit wirth- schaftlichem Niedergang. Es gibt ja auch da Ausnahmen, und zwar nach beiden Richtungen, aber die Regel wird dadurch nur bestätigt. Wie kann es auch anders sein? Wo das katholische Volk in der Kirche Jesu Christi nicht mehr die frer- geborne Tochter Gottes, sondern die willfährige Dienstmagd dcS Staates vor sich sieht, kann seine -Hochachtung vor ihr und ihren Organen wahrlich nicht steigen:'auch ist da nicht zu verwundern, wenn die Leiste ihrem Seelsorger nur noch insoweit Gehorsam entgegenbringe», als sie die Staatsgewalt hinter ihm aufgepflanzt sehen, und wenn sie dann in ihrem Pfarrer mehr einen Voltsbedrücker als Volksbeglücker zu erblicken anfangen. Ich gebe also gerne zu, verehrter Freund, daß es einen verdorbenen Katholizismus — ich meine ja damit nur das äußere Leben der Katholiken — im Lande gibt; aber daran ist der Seelsorgeklerns wahrlich nicht schuld: er leidet gerade am schwersten darunter. Wie da zu helfen, fragst Du mich? Meine Ansicht darf ich offen aussprcchen: Vielleicht könnte durch zeitgemäße Erneuerung einer ächt kirchlichen, aber längst einge- schlafencnInstitution, nämlich der Diöcesansy-roden, die nenestens bereits in einigen auswärtigen Bisthümern mit glänzendem Erfolg und zur größten Freude des Heiligen Vaters wieder eingeführt wurden, eine Wendung zum 'Besseren hervorgerufen werden. Das Hirtenamt der Kirche muß meines Erachteus in das Volksleben wieder mehr eingreifen und das geschieht dadurch, daß die geistliche Regicruug mit dem katholischen Volke durch das Mittel gemeinsamer Srinodalthätigkeit wieder den erforderlichen Contakt gewinnt. Doch weiteres gehört in praktisch-theologische Fachschriften. Ich spreche hier nur eine Meinung aus. ohne den zuständigen Faktoren vorgreifen zu -vollen. Hicnach glaube ick) aber, daß Du Deine Vorwürfe gegen den katholischen Seelsorgeklerns -licht mehr aufrecht erhalten kannst. In treuer Freundschaft Necensiouen rmd Notizen. Nürnberger A. I., Dr., Papstthum und Kirchenstaat. 1. Vorn Tode Pins VI. bis zum Regierungsantritt Pius IX. (1800—1846). Mainz 1897, Franz Kirchheim. (X und 259 SS.) M. 3,00. Wie die Kirche, so hat auch das Papstthum unter dem Zeichen des Kreuzes begonnen. Mit dem Titel eines Patriarchen von Rom war Jahrhunderte lang die Ehre der Martprerkrone verbunden. Unter dem Zeichen des Kreuzes verlaufen auch die Pontificate des XIX. Jahrhunderts. Die ehrwürdigen Greise Pins VI. und Pins VII. wurden in strenge Gefangenschaft abgeführt. In der Mitte des Jahrhunderts reicht eine revolutionäre Erhebung im Kirchenstaat der andern die Hand. Puls IX. muß vor der Revolution von nuten die Flucht ergreifen und wird von der Revolution von oben feiner weltlichen Herrschaft beraubt. In seinem päpstlichen Palast auf dem Quirinal hat ein anderer Fürst seinen Thron aufgeschlagen, und seitdem betrachtet sich Pins IX. und nach feinein Beispiele sein Nachfolger Leo XIII. als Gefangener, der den Vatikan nicht verlassen darf. Diese mannigfaltigen Geschicke der Inhaber des päpstlichen Stuhles voll 1800—1846 schildert der Professor der Kirchengcschrchte an der Universität zu Breslau in obiger Schrift an der Hand der bestell Quellen sehr objektiv und in geschickter Gruppirung. Die Fortführung dieser Geschichte bis auf die Gegenwart soll noch ili diesem Jahre erscheinen und den ersten, auch separat käuflichen Band eines größeren Werkes „Zur Kirchengeschichte des XIX. Jahrhunderts" abschließen. Die folgenden Bände der sehr zeitgemäßen, gemeinverständlichen Geschichtsdarstellungen sollen dann folgende Themen behandeln: Säkularisation und Reorganisation der Kirche in Deutschland. — Restauration und Revolution in Frankreich. — Das Waticannni und seine religiösen Opponenten. — Die katholische Kirche in Preußen. — Mit Spannung verfolgt der Le ser die in vorliegendem Band geschilderten Wechselfälle, die für die Katholiken unserer Tage von aktueller Bedeutung sind, da sie im Zusammenhang stehen mit der „römischen Frage", die für die katholische Welt noch immer eine ungelöste Frage ist. Wir empfehlen daher diese verdienstvolle, nobel ausgestattete Schrift allen, welche einen tieferen Einblick in das revolutionäre, anti- christliche Treiben unserer Zeit gewinnen wolle». Dr. R, Saladln, ^ehova's gesammelte Werke: Eine kritische Untersuchung des jüdisch-christlichen Neligions-Ge- bäudes auf Grund der Bibelforschung. 8", XIV u. 348 SS. Zürich, W. Schanmburg, 1897. s. Eine gewisse Presse hat dieses Buch mit höchsten! Entzücken begrüßt: es ist nichts mehr und nichts ivemger. als eine mit frivolstem Paukeewitz losgelassene Schimpfiade auf jede positive Religion, besonders das Christenthum, und das in einem Tone von verblüffender Roheit. Der Verfasser dieses erbärmlichen Machwerkes heißt eigentlich W. Stewart Roß und leistet sich hicmit das heldenhafte Kraftstück, das, ivas den Christen das Heiligste ist und auch vorn Ungläubigen, soweit er nämlich etwas Anstand hat, wenigstens geschont wird, in den Koth zu ziehen: das geschieht in einer Weise, die alles übertrifft, was uns je voll antichristlicher Literatur zu Gesicht gekommen; Alles, ivas je unter dem Namen Gotteslästerung in Gerichtssälen zur Verhandlung gekommen, erscheint dagegen als harmlose Ungezogenheit. Aus jeder Zeile blitzt wahnsinniger, teuflischer Haß gegen christliche Lehre und Cultur. Die Argumente, mit denen dieser „Denker" operirt, sind so einfältiger und oberflächlicher Natur, daß sie auch dem blödesten Leser nicht impomren können. Nur die Gewandtheit des Stiles ist im Stande, die Aufmerksamkeit etwas in Allspruch zu nehmen. Die maßlosen Verhöhnungen jeden religiösen Gedankens müssen selbst den Leser anekeln, der den Standpunkt des Verfassers theilen sollte. Das ist ein wohlfeiler Ruhm, ernsthafte Dinge damit abzuthun, daß man sie lächerlich macht und jeden Funken des Forschens nach wahrer Erkenntniß in unverschämtem giftgeschivollenem Spotte zu ersticken sucht. Die Meinung, daß dieses Geschreibe den Ehrennamen „kritische Untersuchung" und „Bibelforschung" führen kann, überlassen wir neidlos den geistig verkommenen Lebemännern der blasirten Salonwelt, die da nichts gelernt haben und es vielleicht zuwege bringen, Saladins Unglaubensbekenntnisse geistreich zu finden. Der Geschmack lst eben zu verschieden. 'Aber nur Dummköpfe können von einem Possenreißer sich am Narrenseil führen lassen. Itiuers-rium, d. i. christlicher Reisesegen, übersetzt aus dein Lateinischen des Breviers und mit einem Vorwort und Allhang versehen von L. Cölestin, Kapuziner, München. Verlag der I. I. Lcntner'schen Buchhandlung. 1898. Den Priestern wird von der Kirche an's Herz gelegt, daß sie, so oft sie eine Reise antreten, das Reisegebet des Breviers verrichten sollen. Aber auch Laien ist es dringend zu rathen, diesen schönen Gebrauch der Kirche zu befolgen. Denn „schon manche", wie der Herausgeber mahnend bemerkt, „sind gesund zur Eisenbahn gegangen und haben nicht geahllt, daß diese Reize die letzte ihres Lebens sei und sie am gleichen Tage noch antreten würden die große Reise in die andere Welt". Obige Uebersetzung auf 32 Seiten iu Taschenformat bietet auch noch 10 köstliche Reise- Regeln für die Eisenbahnfahrt und kann darum allen Reisenden anf's beste empfohlen werden. Dr. A. Hettinger Fr., Timotheus: Briefe an einen jungen Theologen. II. Auflage von Alb. Ehrhard. 8", vv. XX u. 610. Freiburg i. Br., Herder, 1897. M. 4.50; geb. M. 6,30. Diese beliebten „Briefe" befinden sich wohl in den Händen jedes jungen Theologen, nur werden die darin niedergelegten Ermahnungen nicht immer befolgt. Ein wohlthuender Hauch der Begeisterung durchweht dieses kostbare Buch, das eine Neuauflage vollauf verdient hat, an der man überall die bessernde Hand des gelehrten Pros. Ehrhard erkennt, der keine Zeit und Mühe gescheut hat, die vielen Citate nachzuprüfen, zu vervollständigen und noch weitere einzufügen. Der gefeierte Name Het- tingers genügt, um den Leserkreis des Buches immer größer zu machen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Apostolische Constitutimr Keiner Heiligkeit Heo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes, über die Wiederherstellung der Einheit des Hrdens der Minderen Ariider. Leo Bischof. Diener der Diener Gottes. Zum ewigen Andenken. Es ist Unseres Erachten?, durch eins glückliche Fügung und jedenfalls nicht zufällig geschehen, daß Uns einst von allen Provinzen Italiens gerade Umbrien, die Hcirnatb dcS heiligen Franziskns von Assisi, zn Theil ward, um das bischöfliche Amt zu versehen. Denn durch die Gegend selbst dazu aufgefordert, ergaben Wir Uns einem eingehenden Studium über den seraphischen Vater, und da Wir so viele Denkzeichen an ihn und gleichsam seine Fuß- stapfen betrachteten, die Uns nicht nur an ihn erinnerten, sondern ihn persönlich Uns vor Augen zu stellen schienen; und nachdem Wir wiederholt die Bergeshöhe von Alvernia erstiegen und die Orte sich Unseren Blicken darboten, wo er das Tageslicht erblickt, wo er gelebt und gestorben, von wo aus durch sein Werk soviel des Guten und.Heilsamen in alle Gegenden des Westens und des Ostens sich ergossen, da erkannten Wir um so besser und vollständiger die Größe des Mannes und der ihm von Gott zugewiesenen Aufgabe. Wunderbar ergriff Uns Francisci Auftreten und Wirken, und weil Wrr gewahrten, daß die innere Kraft seiner Einrichtungen die christliche Gestaltung des Lebens gar sehr gefördert hat und auch durch die Länge der Zeit nicht abgeschwächt werden kann, bestrebten Wir Uns, während Wrr das Bisthnm Perugia innehatten zur Mehrung der christlichen Frömmigkeit und zur Erhaltung der guten Sitten im Volke den dritten Orden, dem Wir nun selbst seit 25 Jahren angehören, wiederherzustellen und zn verbreiten. Auch nachdem Wir den apostolischen Stuhl bestiegen, behielte» Wir die gleiche Gesinnung und ,,Absicht bei. Und da Wir aus diesem Grunde wünschten, daß dieser Orden nicht innerhalb enger Grenzen, sondern allüberall "erblühe und, wie früher, Gutes schaffe, milderten Wir, soweit es Uns nothwendig schien, seine Regelvorschriften. damit solche zeitgemäßere Normirung beim christlichen Volte allgemeinen Anklang fände. Der Erfolg erfüllte unsere Hoffnung und Erwartung. Doch Unsere Liebe zum großen heiligen Franziskns und zu seinen Stiftungen forderte von Uns noch etwas weit Bedeutenderes, und Wir beschlossen auf göttlichen Antrieb dessen Ausführung. Es hat nämlich jetzt der erste FranziSkaner-Orden Unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und es gibt kaum einen zweiten, finden Uns eine wachsamere und liebevollere Obsorge zustünde. Denn gar ansehnlich und des Wohlwollens und der Zuneigung des apostolischen Stuhles würdig ist die -Ordensfamilie der Minderen Bruder, die zahlreiche und nimmer aussterbende Nachkommenschaft des heiligen F-ran- ziskus. Ihr Vater hat befohlen, daß sie die Regeln und Lebensvorschriften, die er gegeben, in der ganzen Folge der Zeiten aus das Gewissenhafteste befolge, und er hat nicht vergeblich befohlen. Denn es gibt kaum einen anderen Mcnschenverein, der so viele Tugendhelden, so viele Prediger des Christenthums, so viele Märtyrer Christi so viele Bürger des Himmels hervorgebracht hätte, oder in dem so viele Männer vorhanden gewesen, die durch Pflege jener Wissenschaften, die am meisten geschätzt werden, der Christenheit und auch dem bürgerlichen Gemeinwesen Ruhm und Nutzen gebracht haben. Zweifellos wäre die Menge dieser Güter größer und dauernder gewesen, wenn das Band engster Einigung und Eintracht, wie es in der ersten Seit des Ordens bestand, immerdar geblieben wäre: denn je geeinigter die Kraft ist, desto stärker ist sie; durch Trennung wird sie gemindert (8. Illwm. 2, 2 c>a°, 9. 37, !>. 2, aä 3). Der vorausblickendc Geist des heiligen Franziskns hat das wohl erkannt und dadurch Vorsorge getroffen, daß er die Gesellschaft der Seinigen als eine unauflöslich verbundene und zusammen- bängende Körperschaft ganz richtig erdachte und gründete. Was wollte er anders, was that er anders, als er eine einzige Lebensrcgel vorlegte, die Alle ohne jede Ausnahme der Zeit und des Ortes befolgen sollten, oder als er anordnete, daß Alle der Gewalt eines einzigen höchsten Vorstehers unterworfen sein und gehorchen sollten? Daß die Bewahrung dieser Eintracht sein vorzüglichstes und beständiges Streben gewesen, bestätigt klar und deutlich sein Jünger Thomas von Celano, indem er sagt: „Er hatte den beständigen Wunsch und ein wachsames Streben, das Band des Friedens unter den Brudern zn bewahren, damit Diejenigen, die ein Geist herbeigezogen, ein Vater gezeugt batte, im Schooße einer Mutter friedlich versammelt waren." (Vita saemuls, p. 3, v. 21.) Doch hinlänglich bekannt sind die späteren Ereignisse. Mag es an der Unbeständigkeit des menschlichen Willens, oder an der Verschiedenheit der Geister in einer so zahlreichen Gesellschaft, oder an der allmäblig veränderten Richtung des allgemeinen Laufes der Zeit liegen: kurz. unter den Franziskanern griffen verschiedene Auffassungen über die Einrichtung des gemeinsamen Lebens Platz. Jene vollständige Eintracht, die Franziskns im Auge hatte und anstrebte, und deren gewissenhafte Bewahrung von Seiten der Seinen er wollte, umfaßte hauptsächlich zwei Punkte: die Liebe zur freiwilligen Armuth und die Nachahmung seines Beispieles in der Uebung der übrigen Tugenden. Das ist die Devise des Ordensinstitutes der Franziskaner, das die Grundlage seines unversehrten Bestandes. Indessen einige seiner Jünger wünschten zwar ganz dieselbe äußerste Armuth an Allem, die der Heilige in seinem ganzen Leben so hochgehalten: Andere aber, denen diese zu schwer schien, zogen eine gemilderte Lebensweise vor. So erfolgte eine Trennung, und es entstanden einerseits die Observanten, andererseits die Conventualen. Ebenso wollten Einige jene strengste Enthaltsamkeit und die erhabenen Tugenden, durch die Franziskns so wunderbar geleuchtet, in großherziger Strenge, Ändere in milderer Weise nachahmen. Nachdem aus den ersteren die Ordensfamilie der Capuziner sich gebildet hatte, war eine Dreitheilung erfolgt. Doch darob schwand der Orden keineswegs dahin: denn es ist allbekannt, daß die Mitglieder der einzelnen erwähnten Ordenszweige durch herrliche Verdienste um die Kirche und Tugendrnhm hervorragen. Bezüglich der Orden der Capuziner und der Con- ventnalen haben Wir durchaus keine neue Bestimmung getroffen. Beide mögen ihre rechtmäßige Verfassung und Einrichtung, wie bisher, auch in Zukunft besitzen. Dieses Unser Schreiben betrifft nur Diejenigen, die durch Verleihung des apostolischen Stuhles vor den übrigen den Vorrang haben und den reinen, von Leo X. (Oon3(. ,,Us 6t V 03 " IV. Lsl. lau. 1S17) erhaltenen Namen „Mindere Bruder" festhalten. Auch ihre Lebensweise ist nicht allenthalben die nämliche, da sie zwar die Bestimmungen der gemeinsamen Regel zu beobachten trachten, doch die eine mehr, die andere weniger strenge. Dieser Umstand hat bekanntlich vier Kategorien hervorgebracht: die Obser- vanten, die Reformaten, die Excalceaten oder Alcantariner, die Recol lecten; doch wurde die Gemeinsamkeit nicht gänzlich aufgehoben. Denn obschon die einzelnen Ordensfamilicn in Privilegien, Statuten und Lebensweise sich unterschieden und jede ihre eigenen Provinzen und Noviziate hatte, so hielten doch stets, damit das Princip der ursprünglichen Einigung nicht verloren ginge, alle an dem Gehorsam gegen einen und denselben Vorsteher fest, den sie mit Recht „Generalministcr des gesummten Ordens der Minderen Brüder" nennen (Ueon X. vo»8t. oit. „Its et vos'-). Mochte diese Vertheilung Vortheils,after erscheinen als die vollkommene Gemeinschaft oder nicht: sie hat den -Orden zwar gespalten, aber nicht .gebrochen. Ja, da seine einzelnen Zweige seeleneifrige und durch Tugend und Weisheit hervorragende Stifter und Mitglieder hatten, wurden sie des Wohlwollens und der Gunst der römischen Päpste für würdig erachtet. In dieser Beziehung gewannen sie Kraft und Fruchtbarkeit und erwiesen sich mächtig in Hervorbringnng heilsamer Wirkungen und in Erneuerung der Tugendmuster der alten Franziskaner. Doch, welche menschliche Einrichtung kann sich denr Einflüsse des Alters entziehen? Jedenfalls lehrt die Erfahrung, daß das Streben nach 422 Vollkommenheit, welche beim Ursprung und in der erst m Zeit der religiösen Orden so streng zu sein pflegt, allmübi a nachläßt und der ursprüngliche Eifer meist mit dem Alter abnimmt. Dieser Ursache des Verfalles, den die Zeit mit sich bringt und der allen menschlichen Vereinen von Natur aus anhaftet, gesellt sich als äußere Ursache feindliche Gewalt bei. Der gewaltige Sturm, der seit mehr als hundert Jahren gegen die katholische Christenheit wüthet, hat in seinem natürlichen Verlaufe auch die Hilfstruppen der Kirche. Wir meinen die religiösen Orden, getroffen. Gibt es eine Gegend im Gestade Europas, die nicht ihre Beraubung. Vertreibung, Verbannung, feindliche Behandlung gesehen? Wir müssen uns glücklich schätzen und es dem göttlichen Beistand zuschreiben, daß wir sie nicht gänzlich vernichtet sehen. Nun aber haben sie aus diesen beiden Gründen nicht wenig gelitten; denn die doppelte Bedräng- niß konnte nicht umhin, ihr Gefüge zu lockern, die frühere Disciplin ->u schwächen, wie in einem kranken Körper das Leben abnimmt. Daher die Nothwendigkeit einer Erneuerung. Es kehlte auch nicht an religiösen Orden, die aus eigenem Antriebe und mit lobenswcrther Bereitwilligkeit die erwähnten Wunden zu heilen und zu ihrem früheren Zustande zurückzukehren bemüht waren. Obwohl nun die Minderen Brüder dies sehr wünschen, so können sie es doch schwer oder gar nicht erreichen, weil bei ihnen das Zusammenwirken vereinter Kräfte vermißt wird. In der That, das Haupt des Ordens besitzt nicht über alle ein- elnen Zweige eine volle und absolute Gewalt; die bc- onderen Statuten einiger derselben gestatten manche einer Anordnungen zurückzuweisen; es ist klar, daß dadurch den; Widerstreit der Meinungen und Gesinnungen tets die Thür offen steht. Ueberdies, obschon die ver- chiedenen Gemeinschaften einen Orden ausmachen und gewissermaßen eine Einheit bilden, aber doch den Provinzen nach geschieden sind und je ihre eigenen Noviziate haben, so geschieht es nur zu leicht, baß jede einzelne sich von ihrem eigenen Interesse leiten läßt und sich mehr liebt als die Gesammtheit, so daß, da die einzelnen auf sich selbst sehen, die großen Vortheile der Gemeinsamkeit außer Acht gelassen werden. Schließlich ist es kaum von Nöthen, die Streitigkeiten und Zwistigkeiten zu erwähnen, welche die Verschiedenheit der Ordenszweige, die Mannigfaltigkeit der Statuten, die ungleichen Bestrebungen so oft erzeugt haben, und die sich beim Fortbestände derselben Ursachen täglich wiederholen können. Was ist aber verderblicher als Zwietracht? Hat sich diese einmal festgesetzt, so schwächt sie die Hauptlebenskräfte und bringt auch die blühendsten Gemeinschaften den Untergang entgegen. Darum muß der Orden der Minderen Brüder durch Beseitigung der Zersplitterung seiner Kräfte gestärkt und gefestigt werden, umsomehr, als heutzutage die Volks- thümlichkeit eine große Rolle spielt; daher berechtigt eine Genossenschaft von Ordensleuten, die rhrem Ursprünge, ihrer Lebensweise, ihren Einrichtungen nach volksthümlich sind, zu keinen geringen Erwartungen. Denn Jene, die für volksthümlich gelten, können sich viel leichter an das Volk wenden und so für das gemeinsame Wohl wirken und handeln. Wir sind dessen gewiß, daß die Minderen Brüder diese Gelegenheit, sich wohl verdient zu machen, eifrig und erfolgreich benützen werden, wenn sie stark, geordnet, gehörig ausgerüstet dastehen. (Schluß folgt.) Heinrich Mehul. Zu seinem 80jährigen Todestag (18. Okt. 1817) von A. G. Die Zelt, in der wir leben, ist schnelllebcnd, aber auch schell vergessend, nnd doch ist es Pflicht der Nachwelt, eingedenk des Satzes: umwinisso z'nvat, sich der Vorwelt zn erinnern, besonders wenn man an den Thaten der Verlebten gleichsam noch zehrt, sich ihrer Schöpfungen erfreut, sich an denselben ergötzt. So möge, wenn auch kurz und bündig, Heinrich Mehul's gedacht werden, dessen unsterbliches Werk „Joseph und seine Brüder" auch die Deutschen heute noch begeistert. Er ist eines Mementos werth nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch. Heinrich Mehul, einer der größten Musiker Frankreichs, erblickte das Licht der Welt am 24. Juni 1763 zu Givet, einer kleinen Stadt im Departement der Ar- dennen. Arm von Haus aus, ohne Mittel zu seiner Ausbildung, mit einer guten Stimme begabt, begeistert schon als Knabe für die Musik, genoß er zuerst den Unterricht eines blinden Organisten, sang auf dem Chor der Franziskanerkirche seiner Vaterstadt und war deren Organist bereits in einem Alter von zehn Jahren. Es wird seine Kunstfertigkeit auf der „Königin der Instrumente" damals schon gelobt, und die Franziskanerkirche bezw. das Orgelspiel des Kleinen zog Hunderte aus der Hauptkirche dorthin. Der Abt eines nahen Klosters kam auf einer Inspektionsreise auch nach dem Prämonstcatenser- kloster Schussenricd im heutigen Württembergischen Schwaben- laud, allwo jetzt das Kloster in eine Staatsirrenanstalt umgewandelt wurde. Dort war Wilhelm Häuser Chorregent, der den Abt auf seine inständigen Bitten nach seinem französischen Kloster begleitete, um hier Kirchen- gesang und Kirchenmusik, zu reformiren. Mehul hörte alsbald davon, ließ sich vorstellen, und der Anfang zu seinem Glück, der Anfang zn seinen; Ruhm war gemacht — gemacht durch ein Kloster, durch eine Anstalt also, bei deren Nennung heutzutage mancher Deutsche sofort eine gewaltige Gänsehaut bekommt! Hanser erkannte alsbald das Talent des jungen Mehul, der ihn öfters besuchte. Da aber die Abtei ziemlich entfernt war, da der Knabe bezw. dessen Eltern die Mittel nicht hatten, ihn als Pensionär im Kloster unterzubringen, so nahm letzteres denselben gratis auf, und in dem Kloster und dessen herrlicher Umgebung erlebte er, wie er selbst gestand, die schönsten Tage seines Lebens. Mehul war aber auch dankbar, dankbar durch seinen Fleiß und sein stetes rastloses Streben, dankbar dadurch, daß er im Kloster zwei Jahre lang den Organistenpostcn versah. Wenig hätte gefehlt, er wäre stets im Kloster geblieben als Ordensmann. Der Oberst eines in der Nähe garnisonirenden Regiments trug die äußere Schuld, daß es anders kam. Derselbe, ein vortrefflicher Kenner der Musik, hatte auch Mehnls großes Talent erkannt, er schlug ihm vor, ihn nach Paris mitzunehmen, dem Mittelpunkt des musikalischen Treibens von ganz Europa, und ihn dort vollends ausbilden zu lassen, und Mehul schlug ein. Dorthin zog er, sechzehn Jahre alt, im Jahre 1778. „Bei der ersten Aufführung von Glucks ,Jphigenic in Tauris' konnte er Zeuge sein der großen Aufregung, welche der Wettstreit zwischen der italienischen und deutschen Musik hervorgerufen hatte, nnd in dem Erfolg der letzteren einen mächtigen Antrieb zu eigenem Schaffen gewinnen," wie Mendel sagt. Mehnls Eifer in seiner Forivnonng, weicyc von oen besten Meistern betrieben wurde, war ungemein groß, und bald erschienen die ersten Erzeugnisse seines Wissens und Könnens, nämlich mehrere Klaviersonaten, gewidmet seinem Lehrer, dem Componisten Edelmann. Diese Erzeugnisse bewiesen aber dem Componisten selbst, daß er sozusagen für die Instrumentalmusik nicht geboren sei, und in Erkenntniß hievon wandte er sich mit noch größerem Eifer der Vocalmnsik, besonders dem dramatischen Stile, zu — seinem Felde. Sehr zn statten kam damals dem jugendlichen Mehul die Zuneigung nnd Liebe des Meisters Gluck, der die französische Oper re- gencrirt hatte. ^23 ^7 » Drei Erstlingsopern hielt er selbst der Aufführung nicht würdig, eine vierte „^lonxo st Oors.«, reichte er bei der Großen Oper ein, und nach vollen sechs Jahren wurde dieselbe endlich aufgeführt. Auch die Komische Oper brachte Werke des Meisters theils mit mehr, theils mit weniger Erfolg, die Franzosen waren, >vie sie noch sind, mitunter zu verwöhnt, mitunter zu wetterwendisch. Das aber steht fest: Mehul zeigte sich als Meister hauptsächlich in der Jnstrumentirung. Es folgte Werk auf Werk, Mehul stieg im Ansehen als Komponist — die Werke einzeln aufzuführen, würde den uns zugewiesenen ,Raum weit überschreiten — er war aber auch ein vorzüglicher Lehrer und leistete als einer der Jnspectoren des Konservatoriums Großes und Bedeutendes, benutzte aber diese seine Ehrenstelle zugleich stets dazu, seine eigene musikalische Bildung noch zu vervollkommnen. Wenig Glück hatte er in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts mit verschiedenen Nachahmungen der italienischen Opera bulla, welche alle Sujets ziemlich leichter bis sehr leichter Art zur Grundlage haben. Zwei neue Sterne ersten Ranges stiegen am musikalischen Himmel auf, Cherubim und Spontini; ersterer feierte mit seiner „Faniskä", letzterer mit der „Bestalln" geradezu riesige Triumphe. Mehul mußte in das Lob nolsns völsus einstimmen, er that es, zugleich aber warf er sich wieder auf das eifrigste Studium besonders des Kontrapunkts und der Fuge, und die Frucht des Studiums war zunächst die Oper „Joseph in Egypten", welche erstmals vor 90 Jahren, am 17. Februar 1807, in Paris aufgeführt wurde. Sie gefiel, aber nicht so, wie der Komponist es hoffte. Da gerade diese Oper alsbald auch auf dem deutschen Theater Eingang fand und bis heute noch in Deutschland gern gehört wird, so mögen über dieses Werk speciell einige Kritiken von Kennern hier einen Platz finden. Der vielfach von Komponisten gefurchtste Musikkritiker Hanslick-Wien schreibt: ,Joseph und seine Brüder' hat den Ruhm des Meisters für immer besiegelt. Mehuls Grundsätze in der dramatischen Komposition waren im großen und ganzen die Glucks, nur modificirt, ivenn man will gemildert durch die Verschiedenheit des Temperaments, der Nationalität, des Alters. Als oberstes Gebot betrachtet er die Uebereinstimmung der Musik mit dem Wort, dem Charakter, der Scene. Die dramatische Wahrheit ist ihm die oberste, aber nicht die einzige Forderung; den Reiz der Melodie, die Kraft der musikalischen Erfindung will er nirgends missen. „Du hast", schrieb er au Verton nach der Aufführung von dessen komischen Oper „I-s ostsvalisr ciss LäiMASk", „mit ausgesuchtem Geschmack den Punkt erfaßt, bei dem man einhalten muß, um nicht melodiös nur zu deklamiren, um nicht un- dramatisch bloß zn singen." Am reinsten und schlichtesten finden wir diesen Grundsatz in Mehuls „Joseph" verkörpert." Und Freiherr v. Biedenfeld sagt in dem Werke „Die komische Over": „Mehuls Meisterwerk ,Joseph und seine Brüder' wird stets Beifall finden und stets als ein in sich vollendetes Kunstwerk tiefster nnd blühendster Innigkeit, lebensvoller Melodie und erhabener Schönheit, einfacher Harmonie erscheinen." Da Mehul mit den Erfolgen, die sein „Joseph" in Paris erzielte, bei weitem nicht zufrieden war, wurde er mißmuthig und wandte sich einerseits der „Balletmusik" zu, anderseits der Komposition von Symphonien, hatte aber hier keine Lorbeeren zu erringen. Er hatte sich bei den letztgenannten Kompositionen Haydu als bestes Vorbild genommen, blieb aber weit hinter diesem zurück. Betrübt durch solche Mißerfolge, ein Brnstleidcn mit sich herumtragend, lebte er still für sich und seine Lieblinge, die Blumen, in einem abgelegenen Häuschen einer der Pariser Vorstädte. Noch einmal raffte er Geist und Körper zusammen, indem er die Oper „I-a, sournss aux avsnturss" zur Aufführung einreichte. Sie wurde mit Beifall aufgenommen — enthält auch schöne Pieren —, aber der Beifall galt mehr dem Manne, der viel geleistet und jetzt krank war, er galt seinem „Schwannengesaug". Die körperlichen Leiden nahmen zu, der Aufenthalt in einer milderen Gegend wirkte wohlthuend, aber das Heimweh trieb den Kranken wieder nach Paris zurück, wo er am 18. Oktober 1817 im Alter von 54 Jahren mit Tod abging — nach dem Tode mehr geschätzt und geehrt, als im Leben, wie es so manchem Sterblichen gegangen ist, geht und gehen wird. Mehul hat viel geleistet, am Ende zu viel, nnd darum nicht immer Hervorragendes. Als Mann war er von strengster Rechtlichkeit, größter Uneigennützigkeit und Einfachheit, in den Sitten. Gern half er, wo er konnte» nnd er war ein väterlicher Freund seiner Schüler. Glück hatte er nicht viel, und manche Mißerfolge waren schuldig, daß er erbittert wurde und überall Feinde zu haben glaubte, besonders in den letzten Jahren seines Lebens und Wirkens, als bereits der Körper krank wurde — sein Geist blieb klar und hell, bis er starb. Auf materielle Vortheile war der von Haus aus arme Meister nie erpicht. Zum Beweise hiefür mag schließlich noch eine Episode aus seinem Leben angeführt werden. Als Kaiser Napoleon I. ihm die erledigte Kapellmeisterstclle anbot, machte Mehul demselben den Vorschlag, sie zwischen ihm und Cherubim zu theilen. Dieser collegialische schöne Plan wurde freilich durch Napoleon vereitelt, der Cherubim nicht hold war. „As ms parlsx xas äs sst stsrnms IL!" war die Antwort des Kaisers, und die Stelle erhielt ein Dritter. Deßgleichen wollte Mehul den Kaiser bestimmen, Cherubin! den Orden der Ehrenlegion zu verleihen, den er selbst besaß; sein Bestreben war vergebens, aber Mehuls Eintreten für Cherubim zeigt klar sein gutes Herz, Cherubim war ja sein Rivale. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Nach dieser Abschweifung wird es am Platze sein, jetzt den 70er Krieg mit seinem ganzen Jammer und Elend und mit seiner Fülle tragischer Mißverständnisse vorüberziehen zu lassen. Viel ist über diesen welthistorischen Krieg geschrieben worden, in Gedichten und Prosa; wollte man diese Ergüsse alle zählen, sie erreichen fast die Zahl der französischen Kriegsentschädigungssumme, ohne jedoch auch nur annähernd den klingenden Werth derselben zu besitzen. Zunächst war die äußere Veranlassung Prinz Leopold von Hohenzolleru; wenige werden wissen, daß dieser zweifach (durch Mnrat und Beanharnais) mit Napoleon III. verwandt war. Ebenso ist es durchaus irrig, zu glauben, die Kriegsbegeisteruug sei in Paris eine allgemeine gewesen. Noch im September 1870 stritt man sich in der Pariser Akademie, ob mau — das Grab der Makkabäer ankaufen solle; man sprach von der Sensation erregenden Polka „Colibri" des Pianisten H.» 424 n..c ganz wenig vom Kriege. Der „Rappel" war iinmcr friedliebend,' ebenso dcmonstrirte eine riesige Arbeiter- versammlung gegen den Krieg. Am Tage der offiziellen Kriegserklärung erschoß sich in Washington der französische Gesandte Prövost-Paradol, da er den Ausgang ahnte; ebenso rief Louis Blaue, der die Nachricht mit Emil dc Laveley ein London empfing, ans: „Wir werden unterliegen!" Eine weitere Legende des 70er Krieges ist die Begeisterung der französischen Soldaten für Napoleon. d'Hörisson erzählt,'4 daß der Kaiser im Lager von Ehülons sich von Witzbolden anulken lassen mußte. Als die Soldaten an ihm vorbei defilirten, rief ein Spaßmacher: Vivo i'Lwporsur!; dann zählten die andern 1, 2, 3 und riefen: N . .. . (ein gemeines Schimpfwort). Trotzdem schrieb der „Monsieur" unterm 20. August hierüber: „Die Soldaten haben ihn umringt und ihn gebeten, sie vorwärts zu führen." Napoleon III. war es auch, der den vielgcschmähten, von Gambetta moralisch hingeschlachteten Bazaine zum Sündenbock seiner Politik machte; er redete ihm in alles hinein, und als feine Rathschläge sich als die denkbar schlechtesten erwiesen, zog er sich nach Chälons zurück, damit Bazaine die furchtbare Last der Verantwortlichkeit allein trage. Vom August 1870 schreibt der patriotische Franzose d'Hörisson: „Paris hat mehr das Aussehen, als bereite sich eine Revolution (gegen Napoleon) vor, nicht eine Belagerung." Derselbe schiebt alle. Verantwortung Napoleon III. zu; mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit wirft er auch der Kaiserin Engenie vor, sie habe Napoleon zur Uebernahme der Hcerführnng gedrängt, um während ihres Gemahls Abwesenheit in Paris die Regentschaft an sich reißen zu können. — Während der Pariser Belagerung herrschte die kläglichste Uneinigkeit und Zerfahrenheit unter den leitenden Persönlichkeiten. General Trochn, der Stadtcommandant, hielt, statt die Vertheidigung zu organisircii, lange Reden er besaß eine Virtuosität darin — und nannte sich den „Jesus Christus" der Situation, während der verlogene Theater- held Gambetta, der seine Laufbahn damit begonnen hatte, in der Kammer zwei Soldaten der Linie zu vertheidigen, welche in die Correctionstrnppc geschickt wurden, da sie einem Redner applandirt hatten, welcher die Ermordung Napoleons III. besprach, in den Provinzen sich nmher- trieb und lügenhafte Telegramme über Telegramme allenthalben versandte. Mit rührender Beredsamkeit wußte er auseinanderzusetzen, er habe schon als Kind, jedenfalls in Borausahnuug der kommenden Dinge, sich selbst ein Auge ausgestoßen, um nicht Priester werden zu müssen, um besser seinem Vaterland dienen zu können; vielmehr verlor Gambetta sein Auge, als er einem Messerschmied zuschaute und — als Kind von sechs Jahren — jedenfalls noch keine Nevanchegedauken hegte. Ebenso sicher ist, daß die sonst so ehrwürdige Jungfrau von Orlöans, deren Heldengestalt gerade während des 70er Krieges sich wieder zu erheben begann, in ihrer Jugend weder Schafe noch Schweine gehütet hat. Lesigne in „Im Lu ä'uirv löAanäa" (Paris 1889) hat den ihr anhaftenden romantischen Nimbus — bei aller Achtung ihrer wahren, nn- gcheucheltcu Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit — zerstört und damit dem giftsprüheuden, grünängigen Ungeheuer der Revanche einen seiner gefährlichsten Eckzahne ansge- brochen. Die Ironie der Weltgeschichte will ja auch, das; das Heldenmädchen nicht gegen die Preußen, sondern gegen den wirklichen Erbfeind der Franzosen, die Engländer, kämpfte. Thatsache ist, daß 1870 mehrere hysterische Französinnen sich als Nachfolgerinnen der Jungfrau von Orlöans berufen fühlten und ins Irrenhaus gebracht werden mußten. Noch einige Worte über den sonderbaren Patrioten Thiers, den liböratour tlo territoire. Was es mit letzterem Beinamen für eine Bewandtnis; hat, ist wirklich kostbar. Die „Befreiung des Territoriums", die von den Franzosen so heiß ersehnte, hatte nämlich Bismarck dem ehemaligen Finanzminister Pouyer-Quertier schon bewilligt, Thiers aber, um selbst das Verdienst zu haben, ignorirte dies; denn, sagte er, sonst würde ich der uasomklös gegenüber die Rolle einer vioillo könne spielen. So kam es, daß Bismarck einmal ein besserer französischer Patriot war, als der eitle Thiers, der .Hohepriester des Patriotismus. Derselbe Thiers verstand es, nach dem Friedensschlüsse durch die vielen Büttel seiner diplomatischen Hausapotheke einige russische Emigranten, die sich in das politische Lazarett, Paris geflüchtet hatten, an sich zu locken, so die Prinzessin Lisa Trnbetzkoi, welche mit französischem Gelde 1872 in Petersburg ein französischrussisches Journal (In blorva.) gründete, das jedoch bald einging. Die Prinzessin verfeindete sich später mit Mac- Mahon und starb in Vergessenheit. 1874 reiste der Zar nach England, ohne Frankreich zu berühren. Eine Entente schien also in weiter Ferne, so sehr auch der Duodez- Catilina Henri Rochefort, der politische Klopffechter, und der pompöse Odenfabrikant Victor Hugo ihre Künste spielen ließen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Huck Chr., Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichte der Waldenser, nach den Quellen bearbeitet. 8'. pp. II 83. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2,00. § Die Geschichte der Waldenser wurde seit Flacius Jllyricus von den protestantischen Kirchenhtstorikern aus begreiflichen Gründen immer mit besonderer Vorliebe behandelt. Nur wurden dabei die ältesten und zuverlässigsten Quellen, sofern sie katholischer Herkunft sind, über Gebühr vernachlässigt, um eben das Bild zu gewinnen, das man wünschte. Der Verfasser des Buches rit der erste, der auf katholischer Seite es unternimmt, die dogmengeschichtliche Entwickelung des Waldenserthums einer quellenmäßigen Darstellung zu unterziehen und sein Verhältniß zum Protestantismus klarznlegen. So füllt das Buch eine Lücke in unserer Literatur aus und ist als eine verdienstliche, werthvolle Gabe zu begrüßen. Leb recht Jo h., Geistliches Brennglas, oder: Eine Rom» reise mit nützlichen Abstechern. Ein Büchlein für Arbeiter. 8", 92 SS- Freiburg i. Br., Herder l897. M. 0,50 gebd. -- Unterhaltliche und lehrreiche Plaudereien in frischem Ton gehalten, dem mau nur ein bischen die Absicht anmerkt, ein berühmtes Muster zu erreichen. Der Titel ist ganz verunglückt nnd von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Das Büchlein bietet im Rahmen einer Reise eine für das Verständniß des Volkes berechnete Vertheidigung katholischer Einrichtungen und Bräuche, die so gelegentlich zur Besprechung kommen und zwar mit eurem großen Aufwand von Begeisterung. Auch einige Bilder schmücken das Buch, welches gewiß nicht ungern gelesen wird und in den Kreisen, für die es geschrieben ist, sicher Gutes wirken kaun. ") In seinen: ckonrnsl ä'un okkeier (Paris 1885). " V - Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 62 23. Mt. 1897. » Apostolische ConNLulion Keiner Heiligkeit Keo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes/ über die Wiederherstellung der Kinßeit des Ordens der Minderen Urüder. (Schluß.) Indem Wir all dieses lange erwogen, erinnerten Wir Uns Unserer Vorgänger, die, so oft es nöthig war, für das Wohl und Gedeihen der Franziskaner rechtzeitig zu sorgen pflegten. Nicht nur Pflichtbewußtsein, sondern auch andere Gründe, die Wir eingangs erwähnt, bewogen Uns zu demselben Streben und dem gleichen Wohlwollen. Nun aber sahen Wir ein, daß die Zeit durchaus verlangt, daß die alte Einigung der Gemeimamkeit des Lebens im Orden wiederhergestellt werde. So werden nach Entfernung der Ursachen zu Zwist und Streit Alle ihren Willen nach dem Winke und unter der Leitung eines Einzigen richten und einigen, und in Folge dessen wird die vöm Stifter und Gesetzgeber beabsichtigte Verfassungsform wiederhergestellt werden. Wir zogen zwei Punkte in Erwägung, die zwar der Berücksichtigung werth, aber doch nicht derart sind, daß sie Unseren Entschluß irgendwie'aufhalten könnten, nämlich die Aufhebung der Privilegien der einzelnen Zweige und die Nothwendigkeit, alle Minderen Brüder allüberall derselben Disciplin zu unterwerfen. Denn die Privilegien waren allerdings damals zeitgemäß und fruchtbringend, als sie erworben wurden, jetzt aber, bei veränderter Zeitlage, nutzen sie der gewissenhaften Befolgung der Statuten nicht nur nicht, sondern schädigen sie. Ebenso war es solange schwierig und unzeitgemäß, allen dieselben Gesetze aufzuerlegen, als die verschiedenen Zweige der Minderen Brüder sich durch die innere Disciplin stark von einander unterschieden: das Gegentheil hat jetzt statt, wo die Unterschiede nur gering sind. Weil aber eine Angelegenheit von größerer Wichtigkeit in Frage stand, so haben Wir, eingedenk der Gepflogenheit Unserer Vorgänger, den Rath und das Urtheil derjenigen eingeholt, denen hierüber solches am ehesten zusteht. Zunächst ließen Wir, nachdem im Jahre 1895 die Abgeordneten des ganzen Ordens der Minderen Brüder in Assis; zusammengetreten waren unter dem in Unserem Namen geübten Vorsitze des Cardinals der heiligen römischen Kirche und Erzbischofs von Ferrara, Äegidius Mauri, seligen Andenkens, über die geplante Vereinigung der Ordenszweige die Stimmen der Einzelnen einholen. Die meisten stimmten dafür. Es wurde von der Versammlung ein Ausschuß gewählt zur Abfassung von Constitutiouen, die allen gemeinsam sein sollten, sobald der apostolische Stuhl die Vereinigung genehmigt hätte. Ueber- dies ließen die Cardinäle der heiligen römischen Kirche aus der Kongregation der Bischöfe und Regulären, die gleich den Cardinälen der heiligen römischen Kirche von der Congregation der Propaganda in dieser ganzen Angelegenheit vollständig Uns beistimmten, die Verhandlungen des Generalcapitels von Assisi und alle Gründe für und wider sorgfältig prüfen und erklärten nach Durchsicht und, so weit für gut erachtet wurde, Verbesserung der Constitutiouen, daß sie sich dafür entschieden hätten, daß mit Aufhebung des Unterschiedes der einzelnen Zweige ein Orden hergestellt werde. So erkannten Wir, daß dies durchaus ersprießlich und nützlich sei und ohne allen Zweifel auch mit der Absicht des heiligen Stifters und mit dem Willen Gottes selbst übereinstimme. In Anbetracht dessen stellen Wir durch Unsere apostolische Autorität kraft dieses Schreibens im Orden der Minderen Brüder, der bisher in verschiedene Zweige zerfiel, eine volle und vollkommene Einheit und Gemeinsamkeit der Lebensweise, so daß er unter Beseitigung jedes Unterschiedes von Zweigen einen einzigen Körper ausmacht, wieder her und erklären sie für wiederhergestellt. 1. Dieser Orden soll gemäß der Anordnung des heiligen Vaters Franziskus unter Tilgung der Namen Observanten, Reformaten, Excalceateu oder Alcantariner und Recollecten ohne jeden Beisatz Orden der Minderen Brüder heißen, unter einheitlicher Leitung stehen, dieselben Statuten befolgen, sich der nämlichen Ordensverwaltung bedienen in Gemäßbeit der neuen Constitutiouen, die mit aller Treue und Beharrlichkeit von Allen überall beobachtet werden müssen. 2. Die besonderen Statuten, wie auch die besonderen Privilegien und Rechte, welche die einzelnen Familien genossen, und Alles, was irgendwie aus Unterschied und Verschiedenheit deutet, soll ungiltig sein, ausgenommen die Rechte und Privilegien gegen dritte Personen, welche Rechte und Privilegien nach Erfordernis; von Recht und Billigkeit in Geltung bleiben sollen. 3. Alle sollen in der Kleidung und sonstigen Aeußer» lichkciten einander gleich sein. 4. Wie Lei der Leitung des ganzen Ordens ein Generalminister, so soll auch nur ein Prokurator sein: ebenso ein Secretär und ein Postulator in Heiligsprechungs - Angelegenheiten. 5. Alle, die von diesem Tage an das Minoriten- Ordenskleid in gesetzmäßiger Weise genommen und die feierliche oder einfache Gelübde abgelegt haben, sollen sämmtlich den neuen Konstitutionen unterworfen und zu den hieraus sich ergebenden Pflichten verbunden sein. Wer die Unterwerfung unter die neuen Coustitutionen verweigert soll zur Einkleidung und Gelübde-Ablegung nicht zugelassen werden. 6. Sollte eine Provinz diesen Unseren Vorschriften nicht Folge leisten, so darf in ihr weder ein Noviziat zurückgelegt noch eine Profeß abgelegt werden. 7. Für die nach höherer Vollkommenheit und den; sogenannten kontemplativen Leben Strebenden sollen in jeder Provinz einer oder zwei Conveute eigens hiezu bestimmt sein. Diese Häuser müssen nach den neuesten Constitu- tionen geleitet werden. 8. Wenn feierliche Ordensprofcssen aus gerechten Gründen die Annahme der durch dieses Schreiben eingeführten Disciplin ablehnen, so mögen sie sich in be- ondcre von dem Willen der Obern bezeichnete Häuser ihres Ordens begeben. 9. Tritt die Nothwendigkeit ein, die Grenzen oder die Zahl der Provinzen zu ändern oder zu vermindern, so soll dies dem Generalminister in Verbindung mit den Generaldefinitoren zustehen, jedoch nach Einholung der Ansicht der Definitoren der Provinzen, um die es sich handelt. 10. Sobald der Generalmiuister und die anderen zur Leitung des gesammten Ordens berufenen Männer ihr Amt niedergelegt haben werden, ist es Unser Wille, daß Wir selbst bei der gegenwärtigen Sachlage den General- minister ernennen. Die Generaldefinitoren und die übrigen Inhaber der höheren Aemter, die sonst im Gencralcapstel gewählt zu werden pflegen, soll diesmal die heilige Eon- gregation der Bischöfe und Regulären bestellen, nachdem sie früher die Meinung der gegenwärtigen Genergldesiui- toreu eingeholt. Inzwischen mögen der Generalmüuster und die Generaldefinitoren in ihrem Amte verbleiben. Es freut Uns, daß es Uns gegönnt war. Unsere alte Verehrung gegen den heiligen Franziskus durch eine dauernde Verfügung Zu bethätigen, und sagen der göttlichen Güte besonderen Dank dafür, daß sie Uns in Unserem höchsten Alter diesen Trost aufbehalten hat. Alle Mitglieder des Ordens der Minderen Brüder aber mahnen und beschwören Wir, voll der besten Hoffnung, daß sie, eingedenk der Beispiele ihres großen Vaters, das, was Wir zu ihrem gemeinsamen Wohle beschlossen haben, zum 'Anlasse nehmen zu neuem Eifer und Tugendstreben, auf daß sie würdig Wandel); „der Berufung mit aller Demuth und Sanftmutb, mit Geduld, einander ertragend in Liebe, bedacht, die Einheit des Geistes zu wahren im Bande des Friedens". (Lxbss. 4, 1. 3.) Wir beschließen aber, daß gegenwärtiges Schreiben und sein gesummter Inhalt nie und nimmer ob des Fehlers der Subreption oder Obreption, oder ob des Mangels Unserer Absicht, oder sonst wegen eines Dcfectes angegriffen oder bekämpft werden könne, sondern stets giltig und in seiner Kraft sei und bleibe und von Allen, was immer für eines Grades oder Vorrangs, unverletzlich in und außer den; gerichtlichen Verfahren beobachtet werden müsse, indem wir für ungiltig und nichtig erklären, was rmmer in dieser Hinsicht von wem immer 426 aus was immer für einer Autorität oder Vorwand wissentlich oder unwissentlich dagegen unternommen werden mag: dem soll nichts entgegenstehen, mag es auch specieller Erwähnung bedürfen, dem Wir allem aus der Fülle Unserer Macht, in sicherer Kenntnis; und aus eigenem Antrieb bezüglich des Vorerwähnten hiemit ausdrücklich dcrogiren. Wir wollen aber, daß den Exemplaren dieses Schreibens, auch den gedruckten, wenn sie die Unterschrift eines Notars tragen und mit dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, derselbe Glaube bcigemesscn werde, wie er Unserer Willensbezeigung nach Vorweisung des Gegenwärtigen beigemessen würde. Es sei also keinem Menschen gestattet, diese Urkunde Unserer Constitution, Anordnung, Vereinigung, Beschränkung, Derogation und Willens zu übertreten oder ihr freventlich entgegenzutreten. — Sollte aber Jemand dies zu thun wagen, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Heiligen Petrus und Paulus, seiner Apostel, sich zugezogen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am vierten Tage vor dem Namen des Oktober im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1897, in; zwanzigsten Jahre Unseres Pontificats. C. Card. Aloisi-Masella. Pro-Datarius. A. Card. Macchi. Visa ve vuria. I. Dell' Aguila Visconti. Stelle des Bleisiegels. Reg. im Secret. der Brcven. I. Cugroni. Aus den Briefen JanssenS an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Schluß.) G Jansscn ist bekanntlich auch eine Zeit lang Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gewesen. Seine parlamentarische Thätigkeit war jedoch keine hervorragende, da er sich die meiste Zeit mit Studien für seine deutsche Geschichte beschäftigte, was ihm anfangs verschiedene Mal den Tadel Windthorsts eintrug. Er hatte die Wahl auch nur seiner Geschichte wegen angenommen. Ein Brief vom 22. April 1875 gibt hierüber näheren Ausschluß. Er schreibt in demselben: „Es besteht im Wahlkreis Malmedy-Schleidcn- Montjoie die Absicht, mich nächsten Montag an Stelle des verstorbenen Herrn v. Savigny ins Abgeordnetenhaus zu wählen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß ich gewählt werde und dann gleich nach Berlin abreisen muß. Vorher noch meine herzlichsten Grüße an. Sie mit vielem Dank für Ihren lieben Brief und mit der Bitte, mich durch ein öfteres frommes Memento und mit guten Wünschen nach Berlin zu begleiten. Nach langer Ueber- lcgnng habe ich mich entschlossen, die mir angetragene Candidatnr nicht zurückzuweisen, nicht, um mich überhaupt aus meinen wissenschaftlichen Arbeiten in's parlamentarische Leben zu stürzen, sondern vielmehr, um für meine historischen Arbeiten durch Verkehr mit so vielen ausgezeichneten Männern bei einem ein- oder zweimaligen Aufenthalt in Berlin zu gewinnen und mir auch einige praktische Kenntnisse anzueignen, die dem Historiker znm Verständniß der Vergangenheit so sehr nothwendig sind." Seinen geschichtlichen Arbeiten, namentlich seiner deutschen Geschichte, galten ja alle seine Sorgen, dies sein Lcbcnswerk beschäftigte ihn früh und spät, und er beklagte jede Stunde, die er nicht zur Arbeit bcnützen konnte. Entnehmen wir seinem Briefwechsel mit Schneider einige bemcrkenswcrthe Angaben über seine Arbeiten. „Ich bin fast den ganzen Tag über im Wald und beschäftige mich dann vorzüglich mit Büchern für deutsche Geschichte", schrieb er von Nicderrad am 1. Juni 1870. „Mit meiner Rcichscorrespondenz geht es langsam vorwärts, aber doch vorwärts. Sonntags kommt gewöhnlich Meister aus Mainz herüber; ich fürchte aber sehr, daß ich bis Ostern nicht mit der Arbeit, auch abgesehen vom Drucke, fertig werde; es wird wohl Juli werden. Abends, wo ich nicht correspondiren kann, lese ich mancherlei, so im Laufe des letzten Monats: ,Aus Schellings Lcbeist, in Briefen; . . . ferner das neue Buch über Friedrich Leopold von Stolberg von Pros. Heimes in Mainz, den neu hcrausgekommenen Briefwechsel Lavaters n. s. w." Brief vom 7. Jan. 1871. „Auch wenn Sie praktisch noch so viel zu tpun haben, sollten Sie doch täglich regelmäßig nach strikter Ordnung wenigstens zwei Stunden sich ernsten historischen Studien widmen, man muß in regelmäßiger Uebung bleiben, sonst verliert man allmählich Kapital nebst Zins", mahnt er im nämlichen Schreiben seinen Freund. „Ich bin noch immer an der Reichscorrespondenz, die mich den ganzen Winter viel beschäftigte und viel gute Laune geraubt hat. Die Arbeit ist viel» viel schwieriger als ich erwartet, und es wird wohl auch der nächste Winter ganz vorübergehen, bevor ich das Opus gedruckt vor mir habe." „Was haben Sie wohl von mir gedacht, daß Ihnen nicht zu Ihrem Namenstag geschrieben. Aber Sie müssen Nachsicht mit mir haben, es war keine Nachlässigkeit — ich war gerade für jene Zeit etwas unwohl und zudem so mit Arbeiten überladen, daß ich auch nicht eine ruhige Stunde finden konnte. Mit dem Druck der Neichs- correspondenz habe ich begonnen, er macht eine furchtbare Last, da ich keinen rechten Setzer auftreiben kann. Die Arbeit ist bezüglich des Manuskriptes zum allergrößten Theil vollendet, und ich hoffe zu Gott, vom 2. Januar an mich täglich wenigstens einige Stunden mit meiner deutschen Geschichte beschäftigen zu können. Ich empfehle sie sehr Ihrem Gebet." (Brief vom 23. Dez. 1871.) Am 7. Juli 1872 meldet er seinem Freund: „Von der Reichscorrespondenz sind 20 Bogen der neuen Abtheilung gedruckt, bleiben noch etwa 12 Bogen. Inzwischen habe ich die deutsche Geschichte nicht ruhen lassen und freue mich wie ein Kind darauf, daß ich mich etwa vom November an, so Gott will, ausschließlich damit beschäftigen kann." Die Arbeitslast ward ihm oft erdrückend, zumal er wiederholt recht leidend war, doch er arbeitete weiter, so lange Gott ihm Kraft und Gesundheit gab. „Daß meine Reichscorrespondenz fertig, sehen Sie an beifolgendem Exemplar, das ich Ihnen für Ihre Liebe anzubieten mir die Freude mache. Da steckt schwere Arbeit, denn gottlob ist sie fertig. Inst geht's mit aller Arbeitskraft, die mir der liebe Gott schenken wird, ganz ausschließlich an die neuere deutsche Geschichte; ich habe schon lustig geschafft. Ein Glück ist es, daß ich vorläufig bloß noch zu sammeln und zu notiren habe, denn viel schreiben könnte ich nicht wegen des Handübels." Er litt nämlich um diese Zeit (20. Jan. 73) an einem Uebel an der rechten Hand so arg, daß er nach seinen eigenen Worten kaum schreiben konnte. Doch jm Vertrauen auf Gottes Beistand und das Gebet seiner Freunde arbeitete er ruhig weiter. „Ich habe ein rechtes Vertrauen auf Ihr Gebet", schrieb er am 8. August 1873/ „mein lieber Schneider, und habe es nöthig, daß mau für mich bete, besonders auch für das rechte Gedeihen meiner Arbeit, der deutschen Geschichte seit der Kirchenspaltung, die unter Gottes gnädigem Beistand gute Fortschritte macht. Ich finde die herrlichste Auswahl manch ungebrauchter Materialien, und es wäre für mich ein wirkliches Labsal, mich mit Ihnen darüber etwas ausführlicher zu besprechen. Mit welcher Oberflächlichkeit — ich will nicht sagen, mit welcher Untreue gegen die Wahrheit — ist doch von Protestanten, auch von solchen katholischen Bekenntnisses — diese Periode behandelt worden." Ueber seinen ursprünglichen Plan seines Lebcns- werkes gibt eine Stelle im Briefe vom 30. April 1874 näheren Aufschluß. Es heißt darin: „Ich fand Ihren lieben Brief und Glückwunsch bei meiner Rückkehr von Frcibnrg vor, wo ich mit Herder den Verlagscoutrakt über meine deutsche Geschichte (seit Ausgang des Mittelalters bis 1806 in sechs Bünden) abgeschlossen habe. Beten Sie für mich, daß ich in rechter Weise und im rechten Geiste arbeiten möge, wie es wirklich zu thun mein Wille ist. So Gott will, hoffe ich, um Ostern den Druck des ersten Bandes beginnen zu können, vielleicht schon etwas früher. Wie gerne läse ich Ihnen einiges bereits Ausgearbeitete vor." Unter der Arbeit jedoch wurde Janssens Plan ein anderer, das Material war zu groß, um es bei der Genauigkeit Janssens in 6 Bänden, wie ursprünglich geplant, unterzubringen. Bekanntlich sind für den Zeitraum bis zum Jahre 1618 bereits 7 Bände nöthig geworden. „Ich habe tüchtig gearbeitet", theilte er am 22. April 1875 seinem Freunde mit. „Hoffentlich kommt im Spätherbst der erste Theil des ersten Bandes meiner deutschen Geschichte. In wenigen Wochen erscheinen ,Zeit- und Lebensbilder' von mir, eine Umarbeitung und Erweiterung bisheriger Aufsätze in den Histor.-pol. Blättern, die Sie hoffentlich interessiren werden." Im Jahre 1876 konnte er ihm den ersten Band schicken, 1878 die Fortsetzung mit der Bitte, recht f!U ihn und seine Arbeit zu beten. 1879, am 8. April, theilte er freudig mit, daß er mit der Corrcctnr des letzten Bogens seines zweiten Bandes zu Ende sei. Am 29. Nov. 1882 sandte er ihm ein Exemplar der Schrift „An meine Kritiker" und schrieb ihm: „Mit der Eor- recturrcvision meiner drei früheren Bände bin ich ganz in Anspruch genommen." Bis Ende 1884 wollte er den vierten Band fertig bringen, aber bis Ostern 1885 nahm ihm derselbe alle Zeit weg und kostete ihm noch ein schweres Stück Arbeit. Von Freibnrg aus schrieb er 1888, daß er den ganzen Winter über recht tüchtig habe arbeiten können. Schon im nächsten Jahr wurden die Mittheilungen, daß er wiederholt leidend gewesen, häufig. Um diese Zeit betrieb er auch Kneippkur, die ihm sehr wohl bekam. „Der Mann von Wörishofen ist auch mir ein Wohlthäter geworden", schrieb er 1889. Mittlerweile hatte er auch seinen 6. Band beendigt. Nun ging es mit all seiner Kraft au den 7. „Sehr wahrscheinlich, meinte er am 1. Juni 1890, werde ich den Sommer und Herbst fernweg von Frankfurt auf einer großen volkswirthschaftlichen Bibliothek für meinen 7. Band arbeiten müssen und erst im Spätherbste nach Frankfurt zurückkehren." Leider sollte es ihm nicht mehr beschieden sein, ihn ganz zur Vollendung zu bringen. Der Tod machte seinem kostbaren Wirken ein Ende. Am 12. Juni 1891 schrieb er seinen letzten Brief an Schneider. „Lieber Freund! Ich weiß gar nicht mehr, ob ich Ihnen schon geschrieben und für Ihren so lieben Brief und die Gaben zum Besten der armen Kinder meinen Dank ausgesprochen habe. Seit langer Zeit bin ich gar nicht Wohl; gottlob geht es in den letzten Tagen etwas besser, aber frisch fühle ich mich noch keineswegs und zur Arbeit nicht befähigt. Was im Sommer — bis jetzt herrscht Kälte — mit mir geschehen wird, weiß ich noch nicht. Beten Sie, bitte, recht oft für mich." Am 24. Dezember desselben Jahres starb er, be- trauert vom ganzen katholischen Deutschland und weit über dessen Grenzen hinaus. Wo holte sich dieser große Mann trotz seines leidenden, vielfach kränklichen Zustandes die Kraft zu seinen vielfachen, anstrengenden Arbeiten, so müssen wir unwillkürlich fragen? Doch die Antwort kann nicht schwer fallen. Eine recht innige Frömmigkeit und ein großes Vertrauen auf den Schutz Gottes und die Hilfe von oben bei seinem Lebenswerk liehen ihm jene Kräfte. Zahlreich sind die Bitten nm ein frommes Moments bei der heiligen Messe und um das Gebet seines Freundes für sich und seine Arbeit. Eine besondere Wohlthat war es für ihn, daß er seit Beginn der Fastenzeit des Jahres 1871 eine eigene Kapelle besaß. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erhebend und wohlthuend es für mich ist, daß ich eine eigene Kapelle habe und nun jeden Tag celebriren kann. Seitdem bin ich viel Wühler," schrieb er kurze Zeit später. Wer Janssen von diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird seinen großartigen Erfolg begreifen oder ihn sich wenigstens erklären können. Er betrachtete die Abfassung seiner deutschen Geschichte als ein ihm von Gott auferlegtes Lebenswerk, das er gewissenhaft zu vollenden strebte. „Für mich ist es jedenfalls am besten, in Frankfurt zu bleiben und dort ruhig, so lange Gott will, an meinen Werken zu arbeiten," schrieb er am 9. August 1884 an seinen Freund Schneider. Darum Ehre seinem Andenken! Wir Katholiken jedoch schulden ihm auch unsere Dankbarkeit und unser Gebet, nm das er in seinem Leben so oft gefleht hat; wollen wir es also ihm nicht versagen! k. I. k. Tanzbär, Papagei nnd Pithekanthropuö. LsZ Aus der Pfalz. Der Artikel über den modernen Darwinismus nnd seine Gegner in Beilage Nr. 57 der „Angsb. Postzeitung" hat uns an zwei andere Aufsätze über den gleichen Gegenstand erinnert. Es ist eine Auslassung über „Katholicismus nnd Freisinn als Gegner der Entwicklungslehre" von Professor Leh- mann-Hohenberg, der auf dem vorjährigen Lehrer- tage zu Hamburg die bekannte Rede über „Volkserziehnng nach entwicklungsgeschichtlichen Grundsätzen als Staats- knnst der Zukunft" gehalten hat (siehe „Der Volkscrzieher". Organ für Familie, Schule und öffentliches Leben. Herausgegeben von Wilhelm Schwaner in Berlin. Nr. 2 vom 15. Juli 1897), und dann ein Feuilleton der Wiener „Neuen Freien Presse" vom 9. Juli 1897 „Gorilla und Schimpanse", das uns von einem Freunde der „Postzeitung" übersendet worden ist, wohl damit wir darüber ein „kräftig Wörtlein" sagen. Bekannt ist die Anekdote von der Beschreibung des Kamcels, die einen: Deutschen und einem Engländer auf-. 428 erlegt worden sein soll. Zur Lösung dieser Aufgabe zog sich der Deutsche in sein Kämmerlein zurück, um das Bild des Kameels aus den Tiefen seiner Wissenschaft zu schöpfen; der Engländer jedoch eilte zu Schiffe, um das Kamee! in seiner Heimat!) aufzusuchen. Aehnlich nun wie sein Landsmaim verfuhr Mr. R. L. Garner in Bezug auf die Affen. Ausgerüstet mit einem zerlegbaren Käfig aus Stahldraht, der mit grüner Schutzfarbe angestrichen war, begab er sich nach dem innern Afrika, in den von giftigen Insekten, Schlangen und wilden Thieren wimmelnden fieberschwaugern Urwald, um die Sitten und die Sprache der großen Affen in deren Häuslichkeit zu beobachten. Das Ergebniß machte er der Welt kund in seinem Buche „Oorillas anä Lbiroxanriaes", aus welchem ein Herr Dr. Th. Beer in dem genannten Feuilleton das Wesentliche mitgetheilt hat. „Mit einer gewissen Rührung", so schreibt Herr Beer, „wird man von den tiefsten Wurzeln unserer Sprache, dieser wundervollen Blüthe menschlicher Entwicklung lesen und sich des Aufschwunges der Menschheit aus so primitiven Anfängen erfreuen. Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel herrlichere Entwicklung." Abgesehen von der „kurzen Zeit", die von Darwin und Häckcl auf Hunderte und Tausende von Millionen Jahren geschätzt wird, welches sind jene „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", die Mr. Garuer bei den großen Affen des afrikanischen Urwaldes gefunden haben will? Wie Herr vr. Th. Beer mittheilt, hat Mr. Garuer sich besonders mit den Schimpansen und Gorillas beschäftigt. Er unterscheidet zwei Arten von Schimpansen, von denen der eine Knlu-Kamba, d. h. „der Knin sagt", von den Eingeborenen geheißen wird. „Der Kulu ist intelligenter als sein Vetter und zeigt die Fähigkeit zum Denken fast wie ein menschliches Wesen. Er hat einen großem Reichthum von stimmlichen Aeußerungen, von denen manche sanft und musikalisch sind." Leider hat der Berichterstatter von diesen stimmlichen Aeußerungen, die er Worte nennt, und die wohl den nächtlichen Gedankentönen des Katers Hidigcigei entsprechen, keine mitgetheilt, und das wäre doch nicht allein wegen einer „gewissen Rührung", sondern mehr noch aus wissenschaftlichen Gründen von einem gewissen Interesse gewesen. Es wird von diesen angeblichen „Worten" leider nur bemerkt: „Der Affe verwechselt sie nie in ihrer Bedcntnng, und wurde umgekehrt ihm in seiner Sprache ein Wort mitgetheilt, so verstand er es und handelte darnach". Diese Entdeckung ist gewiß um so rührender, als es. alle übrigen Thiere genau gerade so machen. Sie haben seit Uranfang ihre unveränderlichen Laute, welche nicht nur von den Wilden, sondern auch von „Europas übertiinchter Höflichkeit", z. B. zu Jagdzwcckcn, sogar mit Glück nachgeahmt werden. Hanptgegcnstand der Beobachtungen vr. Garncr's war ein junger Schimpanse, der aber kaum ein Jahr alt bereits gestorben ist. „In der Absicht, die Sprache der Menschenaffen zu stndiren, berichtet vr. Th. Beer, verwendete Garuer die größte Aufmerksamkeit auf die von seinem Pflegling hervorgebrachten Laute." „Garuer konnte bald fast alle Laute, die das Baby (der junge Affe) hervorbrachte, wiederholen, aber er konnte in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens nicht alle deuten. Doch lernte er bald eine Smnmänßernng oder ein Wort, mit dem der Schimpanse alles bezeichnete, was ihm vertraut war, «in anderes für Alles, was ihm fremd war. Er hatte ein Wort für Hunger, Nahrung, Essen rc., ein anderes für Wohlbefinden, ein anderes für das Gegentheil davon." „Der Schimpanse gebraucht ein bestimmtes Wort, wenn er seinesgleichen zu sich rufen will. Eingeborene versichern, daß eine Mutter immer mit diesem Wort ihr Junges ruft." Allerdings, wir gestehen es, „mit einer gewissen Rührung" lasen wir von diesen „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", über welche Mr. Garuer bei den Wilden eine Belehrung sammelte, die er viel wohlfeiler zu Hanse im ersten besten Hühnerhof hätte finden können, wo jede Henne mit dem alten „Gluk, Gluk, Gluk" ihre Küchlein unter ihre Flügel ruft. „Garner versuchte auch, das Baby einige menschliche Worte sprechen zu lernen. Es dauerte lange, bis der Schimpanse begriff, um was es sich handelte; aber nach einigen Wochen unermüdlicher Versuche seines geduldigen Lehrers und bei der An- eiferung mit Corued Bcef — wofür er eine besondere Schwäche hatte, — begann er schließlich zu begreifen, um was es sich handelte; er beobachtete Garner's Lippen und bemühte sich, deren Bewegungen nachzumachen. Das französische Wort „kou", das deutsche „wie" brachte er verständlich zusammen, und Garner meint, daß der Schimpanse, wenn er länger gelebt hätte, diese und andere Worte vollkommen zu meistern gelernt hätte." Noch rührender! Mr. Garner zeigte sich ja wett geschickter in Erlernung der Stimmänßerungen seines Affeubabys als dieses in Erlernung menschlicher Worte! Welche Snperiorität! „Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel höhere Entwicklung", meint Herr Beer; der Verfasser des Aufsatzes in Beilage Nr. 57 der „Postzeitung" jedoch bemerkt, auf Grund der Verschiedenheiten zwischen Mensch und Affe liege weit näher der andere Schluß, daß nicht der Mensch vom Affen, sondern der Affe vom Menschen abstamme und eine durch fortgesetzte Verwahrlosung bis zur äußersten „Jnferiorität" herabgekommene Mcnschen-Abart sei. Denn Thiere wie Pflanzen Pflegen nach der allgemeinen Erfahrung von selbst nicht sich zu veredeln, sondern immer zu verwildern. Und wenn I. Ranke sagt, die sogenannten Menschenaffen, „die Anthropoiden werden in Beziehung auf den aufrechten Gang vom Tanzbär weit übertroffen", so muß Mr. Garner's Schimpanse vor dem Staar der „schönen Müllerin", vor Lebrccht Hühnchens Raben „Hopdiquax" und vor jedem Papagei ob seiner abgründigen „Jnferiorität" in die innerste Seele hinein sich schämen. Und gar erst noch der Gorilla! „Garner hält den Gorilla, schreibt Beer, für den schweigsamsten Affen; er konnte von wilden und zahmen nicht mehr als vier Laute lernen, von denen nur zwei verdienen, Worte genannt zu werden. Aber sein nächtliches, meilenweit hörbares Gebrüll, das am ehesten an Eselsgcschrei erinnert, soll schauderhaft sein." Darum tief, meerestief mag die Rührung sein, wenn so ein „Edclmensch", wie Herr Professor Lchmanu-Hohenberg auf dem Hamburger Lehrertag sich und seine Zuhörer titulirt hat, wenn so ein „Edelmensch" liest, was vor ihm der „intelligente" Kulu- Kampa sanft musikalisch oder der Schweiger Gorilla nächtlich esclslaut in Tönen gedacht, und wie dann wir es so herrlich weit gebracht, ans so „primitiven Anfängen" zu so „wundervoller Blüthe menschlicher Entwicklung", wie z. B. zu so einer Edelmensch-Ncde vom „erhöhten Standort" an den „Gsistesadcl der deutschen Nation". Der grün angestrichene Stahldrahtkäfig des Mr. 429 Garner im tropischen Urwald Afrikas war also verlorene Liebesmühe. Viel naher hätte das Gute für seine philologischen Forschungen in einem Affentheater gelegen. Freilich Pflegen dort keine sogenannten Anthropoiden, keine von ihren Freunden als menschenähnlich bezeichnete Affen aufzutreten. Schon die verschiedenartigsten Mitglieder des Thierreiches haben ihre Künste zum Besten gegeben, aber ein Schimpanse, ein Orang-Utan, ein Gorilla ist auf den Brettern, welche die Welt bedeuten und gerade einem Anthropoiden zur Entfaltung des affen- mäßigen Nachahmungstriebes Raum geboten hätten, noch nicht erschienen. Auch für Mr. Garner's Affenbaby war es ein rechtes Glück, daß es als „gescheidtes Kind" nicht alt geworden ist. Denn Virchow sagte in seiner Rede auf dem Anthropologen-Congreß zu Speyer 1896 (Cor- respondenzbl. 9 rc. S. 82): „Wir wissen schon lange Zeit, daß die größte Aehnlichkeit mit dem Menschen nicht bei den großen ausgewachsenen Exemplaren besteht, sondern gerade bei den kleinen; die jungen Orang-Utans und Gorillas sind dem Menschen sehr veil ähnlicher, als ihre mehr entwickelten Formen. Darum habe ich vor vielen Jahren die These aufgestellt, daß, je mehr der Affe sich entwickelt, er um so mehr sich vom Menschen entfernt." „Je weiter der Affe kommt, um so thierischer wird er." Vor einigen Jahren entdeckte der holländische Arzt Engen Dnbois fast in der Mitte der Insel Java, wie Virchow erzählt (I. v. 81), eine Stelle, von der es, weil vulkanische Produkte in großer Mächtigkeit mit sedimentären Ablagerungen gemischt sind, heute noch nicht klar sei, welcher geologischen Zeit sie angehört. Dort hatte ein Fluß ein tiefes Bett mit steilen Abhängen gerissen, und in einer tiefen Schichte um das Flußbett fand Dnbois unter anderen Knochenresten der jüngsten Tertiärzeit ein Schädeldach, zwei Zähne und einen Oberschenkel, und zwar in verschiedenen Jahren und in verschiedener Entfernung bis zu 15 Meter von einander. Man konnte mancherlei Zweifel darüber hegen, sagt Virchow, ob sie überhaupt zusammengehörten. Dnbois nahm jedoch an, daß sie zusammengehören, und „auf Grund von vier Stücken, den einzigen dieser Art, die er fand, schlug er vor, das Individuum, dem sie angehörten, mit dem Namen Pithekantropus (Affenmensch) zu belegen und dasselbe als eine Uebergangsform zwischen dem Affen und dem Menschen anzuerkennen". „Wir haben seiner Zeit in der Berliner anthropologischen Gesellschaft eine ganze Reihe von Sitzungen diesen Dingen gewidmet, Herr Dnbois ist in Person zu uns gekommen, und wir haben eine ganze Sitzung nur über diesen Gegenstand gehandelt, ohne daß wir zu einer vollkommenen Verständigung gekommen sind." „Ich habe dann gefunden, und darin stimme ich mit Herrn Dnbois überein, daß unter den bekannten lebenden anthropoiden Affen einer ist, der in der That in vielen Dingen mit dem Pithekanthropns übereinkommt; das ist der Gibbon, oder, wie er zoologisch genannt wird, der Hylobates." „Ich habe durch meinen sehr geübten Zeichner eine genaue, ganz speciell controlirte geometrische Zeichnung machen lassen vom Gibbonschädel, habe dann diese vergrößern lassen, soweit, daß sie in der linearen Grundlage mit dem Schädel des Pithekanthropns übereinstimmt, und dann habe ich beide in einander zeichnen lassen. Es hat sich eine so große Uebereinstimmung ergeben, daß damals wenigstens alle Anwesenden sie anerkannten. Auch Zweifler sagten: ja, es muß doch dieselbe Thicrart sein. Seitdem hat einer meiner Collegen, Professor Wilhelm Krause, ein sehr geübter und erfahrener Anatom, sich über die Gibbonskelette hergemacht und ist genau zu demselben Resultate gekommen. Ich kann daher nicht umhin, zu erklären, daß für mich der Pithekanthropns ein dem gegenwärtigen Gibbon außerordentlich nahe verwandtes Wesen gewesen ist, und ich finde in mir wenigstens keine Schwierigkeit, mir vorzustellen, daß neben den Gibbons der Gegenwart es einen riesigen Gibbon der Vergangenheit gegeben hat, wie das in der Paläontologie so oft vorkommt." Allein während Dnbois, der Entdecker jener vier Knochenstücke, noch zurückhaltend ist und blos zu beweisen versuchte, daß dieselben durch wesentliche Merkmale nicht allein von andern Affen, sondern auch vom Menschen sich unterscheiden, um so sein Uebergangsgeschöpf herauszubringen, ist nach Virchow's Worten (i. o. 83) „in den Reihen derer, welche den menschlichen Charakter dieser javanischen Reste betont haben, die Kühnheit immer größer geworden, bis kürzlich Herr HonzL den komo xrimiKknius llavanensis constrnirte". „Unter den zwei Zähnen, die da gefunden wurden, ist einer, der eine weit auseinanderstehende Wurzel hatte, so weit, daß man nicht recht begriff, wie sie in einem menschlichen Kiefer hätte Platz finden können. Der Kiefer ist nicht gefunden worden; davon weiß man nichts, man weiß nur, daß einen solchen Riescnzahn kaum ein Mensch hat. Jetzt hat Herr Houzä nach langer, anstrengender Arbeit entdeckt, daß es einen solchen Zahn vom Menschen gibt; einen hatte er aufgefunden mit Hilfe aller seiner Freunde." „Herr Honza nimmt einen Zahn von Java, der dem Pithekanthropns angehört haben soll, und einen, glaube ich. aus Australien, diese zwei stellt er zusammen und schließt daraus, daß der Pithekanthropns der Urmensch war. Das ist das ganze Material, auf Grund dessen er die so schwierige Frage entscheiden will." „Diese Methode ist nicht ganz neu auf dem Gebiete der Paläontologie. Die Paläontologen haben es mir früher schon übel genommen, daß ich darauf hingewiesen habe, daß es eine ungenügende Methode ist, aus einem einzigen Knochen eine entscheidende Schlußfolgerung zu ziehen." „Wer sich dann berufen fühlt, auf Grund eines einzigen, vielleicht nicht einmal vollständigen Stückes ein definitives Urtheil über das ganze Geschöpf, ja sogar endgültige Erklärungen über die höchsten Probleme, welche die Geschichte der Menschheit überhaupt betreffen, abzugeben, der ist gewiß ein sehr tapferer und entschlossener Mann (Enthusiasten hat Virchow solche Leute vorher genannt), aber ob er ebenso klug wie entschlossen ist, das muß erst die Zukunft lehren." Ein so tapferer und entschlossener Mann scheint nun Professor Lehmann-Hohenberg zu sein. Als solcher bewährte er sich schon in der vorjährigen Hamburger Rede über „Volkserziehnng nach entwicklnngsgcschichtlichen Grundsätzen als Staatskunst der Zukunft", die er nach eigener Erklärung („Volkserzieher" Nr. 2) „in einer außerordentlich stark besuchten Vorversammlnng des Deutschen Lchrertages hielt, und die mit großem Beifall aufgenommen wurde". Emporgeschwungen auf den „erhöhten Standort der Betrachtung" läßt er im Vollgefühle seiner Snpcriorität mit gewaltigem Flügelschlagen seine stimmlichen Aeußerungen ertönen: „Leben wir in einer verkehrten Welt? Die Wissenschaften werden auf den Gassen verkündet, und die Menge (Socialdemokraten, 430 Frauenrechtlerinnen u. s. w.) treibt damit ihren Unfug .... Waran liegt das 2 Alles echte Wissen hat einen aristokratischen Charakter und kann niemals in vollem Umfang Besitz der großen Menge werden. Schuld daran kann mir die Nückständigkeit unserer leitenden Kreise sein." Ohne den Widerspruch zu merken, der in einer solchen Beschuldigung der leitenden Kreise liegt, kanzelt nun Herr Professor Lehmannn die Kirche, die Regierungen, die Hähern Schulbeamten, die Theologen, die Juristen, Historiker, Philologen, besonders Hrn. Bischof Kornm, die Abgg. Nickert, Rören, v. Eyncrn, Virchow, das ganze preußische Abgeordnetenhaus wegen ihrer „Nnckständigkeit" herunter und empfiehlt ihnen Bücher zum Studium. „Ich behaupte, erklärt Herr Lehmann- Hohenberg, die neue Weltanschauung der Entwicklungs-Lehre beherrscht bereits den größten Theil der Volksschullehrerschaft." Von den „höheren Erzichungs- und Schulbeamten" habe „keiner selbst naturwissenschaftlich gearbeitet". Eine besonders große Nntvissenheit habe Bischof Kornm an den Tag gelegt in seiner Rede vor dem Katholischen Bezirks- Lehrervercin Trier am 9. Juni l. Js. „Die Frage nach der th ierischen Abstammn« g des Menschengeschlechtes ist wissenschaftlich längst bejahend entschieden," erklärt er dem Bischof- „Es nützt uns alles nichts, schreibt Herr Professor, gegen unsere Herkunft können wir nichts ausrichten, und wir müssen nns damit abfinden, daß wir alle ohne Ausnahme au einem Orte geboren wurden, von dem wir nicht gerne sprechen. „Intim kaaevZ et urivmm imsciinnr," das sollte unsern Hochinnthsdiinkcl mäßigen. Jedes Menschenleben beginnt mit der elementarsten Form der organischen Zelle. Embryologie, vergleichende Anatomie, Paläontologie führen zu dem zwingenden Schluß: Menschen nnd Thiere besitzen eine gemeinsame Abstammung." Andere Leute sind nun aber, wie aus dem Obigen sich ergibt, gerade der gegentheiligen Ansicht. Interessant ist besonders die Erklärung, daß die neue Weltanschauung Lchmann-Hohcnberg's „den größten Theil der Volksschullehrerschaft beherrscht". Die Gegenüberstellung ihrer Snperiorität gegen die Rückständigkeit der kirchlichen und staatlichen Behörden, auch der „hohem Erziehungs- und Schnlbeamten" ist allerdings „eine verkehrte Welt", und die Art und Weise, ivie Lchniann - Hohenberg sich als competenter Vertreter einer materialistischen Weltanschauung gebärdet, hat mehr Socialdemokratisches als Aristokratisches an sich, und gleicht mehr dem Treiben der -Menge, das von ihm selber als „Unfug" bezeichnet wird. Sollte der Mensch wirklich vom Thier abstammen, so würden weit besser als Schimpanse, Orang-Utan, Gorilla u. s. w. zn Vorfahren des aufrecht gehenden nnd sprechenden Menschen sich gualificiren der Tanzbär oder Papagei. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) So hatte auch vor dem 70er Kriege Victor Hugo auf dem Fncdenscoiigreß von Lausanne gesprochen. Was hat er gesprochen? so fragte man in köstlicher Persiflage ! seines excentrischen Stils, und weiter: „Wer hat 1823 ! den spanischen Krieg besungen? Victor Hugo. Wer hat ! 1828 die Austerlitzsäule verehrt ? Victor Hugo. Wer-Hai 1832 eine Ode auf Napoleon II. gedichtet? Victor Hugo Wer spricht also heute gegen sich selbst? Victor Hugo." Interessant ist es, zu wissen, daß während des Krieges 1870/71 die einzige französische Zeitung in Petersburg, das „Journal de St.-Petersbourg", ganz unparteiisch und gemäßigt vornehm war. Nur der „Golos" und die russische Börsenzeitnng waren deutschfeindlich, während die russischen Offiziere sich an den deutschen Siegen begeisterten. Das französische „Journal de St.-Petersbourg" war damals redigirt von dem Belgier Victor Capellemans, einem für die Versöhnung zwischen Deutschland nnd Frankreich schwärmenden Enthusiasten. Interessant ist in dieser Beziehung seine Broschüre: „6o Hus pourra, otrs una rönnmn xrb- xarakoirs aux clölistaratioim clo l'assemlMo oon- stiknankö cig Kranes?" Der Hochbegabte starb im Wahnsinn, von der fixen Idee ergriffen, der erste Tenorist zn sein. Wenn man heute viel von einer französisch-russischen Allianz spricht, die geschlossen werden soll oder schon geschlossen worden ist, je nachdem man darüber etwas zn wissen glaubt, so ist nnstreitbar richtig hieran, daß zum ersten Male in der Weltgeschichte eine Annäherung zwischen diesen beiden Reichen constatirt werden muß. Diese Annäherung datirt seit dein Berliner Congrcß, also immerhin geraume Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege. Die Slavophilcn und Panslavisten haben hiezu beigetragen. — Als Ursachen des Deutschenhasses in Rußland hat man sogar die deutschen Offiziere im Heere Karls XII., die nun schon fast zweihundert Jahre todt sind, bezeichnen zu müssen geglaubt. In Wirklichkeit ist es die nationale Reaktion der Russen gegen den überlegenen deutschen Geist. Es ist unbestritten, daß Rußland nicht nur seine Dynastien (Katharina II. war eine Deutsche), ja seine Gründer (die Waräger), sondern auch seine Feldherren, Staatsmänner, Generäle nnd Minister zumeist den Deutschen verdankt. Kein modernes Volk hat so bereitwillig fremden Einflüssen, Namentlich deutschen, sich hingegeben, hat aber auch aus eigenen Kräften so wenig originelle Geister und bedeutende, selbstständige Geister hervorgebracht — als das heilige Rußland der Slavophilcn, das aber ziemlich unheilig ist, dessen Regierungsprincip die Knute, Sibirien und der Galgen ist. Was hat Rußland, dieses unermeßliche Völkermeer, im Vergleich zn Deutschland und Frankreich geleistet? Die kolossalsten Weltereignisse sind spurlos an ihm vorübergegangen, so die mongolische Weltherrschaft, als deren Nachklang nur der durch Bi- zarrerien auffallende Kreml in Moskau anzusehen ist. Ueberhanpt ist Exceutricität das begleitende Merkmal aller begabten Russen: Iwan der Schreckliche hatte ein Vergnügen daran, martervollen Hinrichtungen, wie dem Sieden eines Menschen in geschmolzenem Blei, beizuwohnen, und er war kein Regent des „finsteren Mittelalters" mehr, sondern Zeitgenosse der „jungfräulichen Königin Elisabeth von England"; Peter der Große hatte ein Vergnügen am Zähneziehen, Romanzoff ließ die unglaublichsten Berichte drucken, Potemkin putzte Tage lang seine Diamanten, die Dolgorukys können keine Katzen und Aepfel leiden, Nikolaus I. hatte, wie wir sahen, ein Idiosynkrasie gegen Paris. Die meisten bedeutenden Russen aber waren fremdländischer Herkunft: die Glinskij's und Kantemir's sind tartarischen Ursprungs, die Oussupow's und Urussow's nogaischcn, die Engalytschew's, Jenikeiew's mordwinischen 431 Ursprungs; aus der Mandschurei stammen die Aktschnrin's, Küdaschew's, Dejew's und Gantimurow's; aus Kankasien stammen die Bagration's, Baratajew's, Abamelik's, Man- ivclow's, Turkestanow's, Zizianow's, Dadian's; aus Armenien die Argutinskij-Dolgorukij's, Nasarow's, Ba- sarow's, Deljauow's. Die Historiker Karamsin und Boltin sind tartarischen Ursprungs, ebenso der Dichter Dershawin. Puschkin ist der Sohn eines Mohren, die Mutter Shu- kolvskij's ist eine Türkin, die Lewschin's hießen früher Löwenstein, die Tschintscherin's (Ciceri) stanimen aus Italien, die Schafirow's (Schapiro) und Nubinstein sind jüdischer Abkunft; aus Caccioni (Italien) wurde Kastchenowskij; die Tolstoi's stammen aus Deutschland, die Naschtschokin's aus Italien, die Kapuist's aus Venedig, die Kossagowskij's aus Posen. Chomutow ist russificirt aus Hamiltou, Dorimedontow aus Richmoud, Degourow aus Degour, Pagankow aus Pageukampf, Kosodawlew aus Kos von Dalen; die Hauptgehilfen Peters I. waren der Franzose Lefort, der Schotte Bruce, der Engländer Gordon und unter Katharina II. der Däne Münich, später der deutsche General Bauer, der Staatsmann Sievers, die Deutschen Diebitsch (der berühmte General), Rüdiger, Roth, Geismar. Tartarischen Ursprungs waren der Zar Boris Goduuow, die Familie der Matjuschkin's, Meschtscherskij's, Chitrow's, Rostoptschin, General Jer- molow, die Apraxin's, Tichmeujew's, Bachnietjew's, Bibikow's, Muchanow's, Kolokoljzew's. Kläglich ist es besonders um die streng wissenschaftliche, exakte Forschung in Rußland bestellt; ein „Historiker" wie Salowjew würde in anderen Ländern nicht erwähnt werden. So konnte Fürst Wjascmski in einem Spottgedicht schreiben: „Geist der Prügel und der Peitschen. All' des Volks, das uns lief zu. Insbesondere Hort der Deutschen, Russengenius, das bist Du." Das mußte anders werden; Rußland mußte sich auf seine russischen Füße stellen; das Schönste und Großartigste auf der Welt fand man plötzlich in der, wie man glaubte, naiven, offenherzigen, sinnlich behaglichen Natur des Nationalrnssen, besonders des russischen Bauern. Man schwärmte für die oolurostaja, uatura (breite Natur) des russischen Charakters. Man vergoß slavophilische Thränen der Rührung, wenn man an den guten russischen Muschik (Bauern) dachte, dessen Unredlichkeit, Verlogen- steil, Schamlosigkeit und Stupidität übrigens seines Gleichen sticht. In den Augen dieser nationalen Fanatiker galt Europa als ujolcarist^ (nicht christlich), infolgedessen Rußland gegenüber nach slavophilischer Logik als rechtlos, das von ihm auch „christianisirt" werden dürfe. Welcher Art war nun das russische Christenthum, war der als Muster empfohlene russische Volksgeist? Rußland, der gefährliche und unerbittlichste Feind des Katholicismus, ist in einer lächerlichen Sectircrei erstarrt, der moderne russische Bauer ist atheistisch angehaucht und verspottet die Popen; diese Art Muschik ist sogar jetzt die Lieblings- fignr des russischen Dramas. Es ist ein wahres Wort, daß in Despotien der Katholicismus nicht gedeihen kann, daß er freier, menschenwürdiger Institutionen bedarf, um sich zu herrlicher Blüthe entfalten zu können. Rußland hat den Katholicismus abgelehnt, dafür den lächerlichen griechischen Cercmoniendienst beibehalten — und damit sein Schicksal sich selbst bereitet. Den russischen Volks- geist illnstriren folgende Sprichwörter: „Was nicht eingeschlossen ist, gehört der ganzen Welt." „Nur das Siegel muß man schonen" (hängt mit dem griechischen Bilderdienst zusammen). Die Lüge ist ein panrnssischcs Uebel; die Russen sagen hierüber: „Das Lügen begann mit der Welt und wird mit ihr sterben." „Eine schmackhafte Lüge ist besser als bittere Wahrheit." „Der Roggen schmückt das Feld, und das Lügen verschönert die Sprache." „Von der Falschheit lebt der Mensch, und sie ist nicht das Kraut, woran er stirbt." „Lügen ist nicht wie Teig- kauen; man erstickt nicht daran." „Im Handel und Wandel, sagt ein russischer Pope, würde der Rassereine Seele dem Teufel verschreiben und dann wieder dem lieben Herrgott verpfänden; wollte ihn ein Engel deßhalb zur Rede stellen, so würde er nur ungläubig lächeln und in seiner Uebertretnng fortfahren." Die Lüge und der Branntwein sind die Götzen der russischen Gesellschaft. Die russischen Beamten theilt man in zwei Kategorien ein: die „ordentlichen" Menschen und die „prächtigen" Menschen; erstere sind jene, die ihr dem Staat gestohlenes oder sonst erpreßtes Geld für sich verwenden, „prächtige" Menschen aber nennt man jene, die das Geld unter die Leute kommen lassen. Wird ein solcher Beamter in Strafe genommen, so nennt man ihn eineu „Unglücklichen". Leroy-Beanlieu, ein rnssenschwärmender, daher vertuschender und beschönigender Franzose, will wissen, daß die meisten Ehen in Rußland geschlossen werden. In der Zeit von 1811—1821 kamen auf Moskau 1 Ehe auf 239, in Paris aber 1 auf 160, in Rom 1 auf 170. 1800 — 1804 war das Verhältniß der unehelichen zu den ehelichen Kindern in Rußland: 1:11, 1834: 1:6, in' Frankreich 1840 aber bloß: 1:33. — Den Slavophilcn erscheint Rußland als' der gute, heldenhafte Jüngling, der, ein zweiter Siegfried, den europäischen Drachen erlegen und Europa unterjochen wird. Ja, es ist ein Jüngling, aber er hat die Nnvollkommenheiten der zartesten Jugend und alle Laster des Alters. Welches sind die ersten Anfänge, die Kinderschuhe der Slavophilcn? Der excentrische Iwan Aksakow, der schon in der Jugend französische Briefe, die seine Mutter bekam, mit der Nadel durchbohrte"), aber durchaus noch kein Panslavist war, da er die katholischen Polen und Böhmen verabscheute. Ein anderer Aksakow ließ sich in Moskau mit hohen Stieseln, dem rothen russischen National- hemd mit ärmellosem Rock sehen und erregte sofort Sensation. Neben dem Spielen mit Seifenblasen war jetzt russische Volksthümelei die Modekrankheit. Moskau aber wurde der Augiasstall dieser und später der panslavist- ischcn Thorheiten; denn Petersburg war den Schwärmern zu modern, zu europäisch. Die meisten späteren Nihilisten waren in der Jugend Slavophilcn, so Herzen, den man bald „den Franzosen" nannte; Tschadajew katholisirte, und der spätere Reaktionär Chomjäkow Hatte den Spitznamen „der Deutsche". Wie eingewurzelt übrigens die nationale Bornirtheit und Verachtung des. europäischen Westens war, zeigt ein Aufruf des polnischen Agitators Mieroslawski vom Jahre 1830: „Der europäische Westen ist verfinstert, demoralisirt, abgestorben, in Fäulniß übergegangen und leuchtet nur noch durch den Glanz des phosphorescircnden Moders und der spanischen Fliegen der Spitäler." (Schluß folgt.) ") Samson Himmclstjernev, Rußland unter Alexander Ul. 432 Recensionen nnd Notizen. * Mitte nächsten Monats erscheint im Verlag von Dietrich Reimer in Berlin ein Werk, dessen Autorin I. K. Hobest Prinzessin Tberese von Bayern, Tochter S. K. Hoheit des Prinzregenten, ist, und das eine Reise in den brasilianischen Tropen behandelt. Das Werk wird ohne Zweifel Aufsehen erregen nicht bloß der hoben Verfasserin wegen, sondern auch wegen der Tüchtigkeit des Inhalts, wovon uns die vorliegenden Aushängebogen eine Probe geben. Prinzessin Thercse ist bereits mehrfach schriftstellerisch thätig gewesen. Mit ungewöhnlichen Kenntnissen ausgestattet, hat sie sich nicht darauf beschränkt, lediglich anregend auf die Entstehung des Buches zu wirken, sondern sie hat sich persönlich während 8 Jahre auf das Eingehendste mit ihrem Gegenstände beschäftigt und neben der Schilderung ihrer persönlichen Erlebnisse mit wahrhaft unermüdlichem Fleiß das umfassendste wissenschaftliche Material zusammengetragen und durchgearbeitet. Gleich beschlagen in Zoologie, Geologie und Botanik, berücksichtigt die hohe Verfasserin besonders die letzte Wissenschaft, die sie um zwei Species bereichert hat. Von der großen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, mit der alle einschlägigen Autoren in Betracht gezogen sind, zeugt das umfangreiche Lsteraturverzcichuiß. Das Werk ist mit zahlreichen Illustrationen, zum Theil mit eigenhändigen Skizzen ausgestattet. st er Katholik. Nedigirtv.Joh.Mich.Raich. 12Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Jnhaltvon 1897, Heft X. Oktober: Dr. A. Kirstein, Hermann Rudolf Lohe, ein Repräsentant der modernen deutschen Philosophie. — Dr. Nirschl, Panagia Capuli bei Ephesus. — Dr. Martin Luther's Freundschaft mit Ulrich von Hütten. — Wilh. Schmilz, 8. ck.. Das christliche Element in den Unterhaltungen und bei den Festen des Mittelalters. — Thomas Esser, Orck. vrasck., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — Dr. M. Spähn, Bockspiel Martin Luther's. — Literatur: v. lAvatiuo ckoilor, Orck. Llin>, 8. Laimvsnturns prineixia cks oon- vursu Del Kvnorali ack aetiones oausarum ssounäarum. — v. 9. vorrmann, Institutionss ibsoloZias ckoKinatieao. Miscellen. * Professor Vr. Pastor. In Nr. 60 der Beilage S. 418 war Professor vr. Pastor den Historikern geistlichen Standes zugerechnet: daß er dem geistlichen Stand nicht angehört, ist uns wohlbekannt und ist es nur einem U ^ersehen in der Durchsicht des betreffenden Manuskriptes zuzuschreiben, daß die nöthige Correctur unterlassen wurde. Dieses Ueberschen hat uns übrigens eine mit Humor geschriebene Berichtigung eines Freundes vr. Pastors eingebracht, die einige interessante Notizen persönlicher Natur über den großen Historiker gibt. Er wird es uns wohl nicht übelnehmen, wenn wir die Zuschrift abdrucken: „Daß Professor vr. Pastor geistlichen Standes ist, ist ein allerliebster, aber bereits alter und weitverbreiteter Irrthum, für den es fast schade ist, daß er richtiggestellt werden muß. Es mag verzeihlich erscheinen, wenn man angesichts der immerhin kleinen Zahl katholischer gelehrter Laien unter einem correct katholischen Professor, der noch dazu mit emem so geistlich klingenden Namen versehen ist, sich sofort einen Geistlichen denkt. Zur Erhaltung dieses Irrthums mag auch der Umstand beitragen, daß man den Pros. Pastor nirgends zu sehen bekommt. Er ist noch nie auf einer kathol. Generalversammlung erschienen, und wir wissen zufällig, daß er absichtlich allen persönlichen Demonstrationen aus dem Wege geht. Auch sein Bild ist, außer dem Literaturkalender, kaum da oder dort einmal erschienen, vr. Pastor ist Frankfurter Bürgers- und Kaufmannssohn. war zuerst für den Kanfmannsstand bestimmt, kam durch glückliche Fügung zum Studium nnd bildete sich unter Janssens Leitung zum Historiker aus. Zum geistlichen, Stande hat er keinen Beruf gefühlt, und damit nicht später ein solcher Beruf in ihm erwachen konnte, hat er sich rechtzeitig eine Frau geholt, jene berühmte Constanze, die als einzige Tochter des Oberbürgermeisters von Bonn es meisterhaft verstanden hat, ihre schwesterlichen Rechte sieben Brüdern gegenüber stets siegreich zu vertheidigen, und die dann, namentlich als die häuslichen Sorgen noch nicht allzu groß waren, an dem Triumphe des Historikers nicht ganz unbetheiligt war. Wenn sie auch nicht an der Abfassung seiner Werke be- theiligt war, so war sie doch bei der Herausgabe derselben nicht ohne Einfluß: um so mehr, als sie durch die vorausgegangene Hcrzcnscorrespondenz gelernt hat, die wunderbar räthselhafte und bodenlos schlechte Handschrift des gelehrten Professors mit einiger Leichtigkeit zu entziffern. Ihr macht es immer besonderen Spaß, wenn der Herr Gemahl irgendwo als „geistlicher Herr" angeführt wird. lind es geschieht immer mit besonderer Grazie und einem ganz eigenartigen Lächeln, wenn sie ihm Briefe überweist, die an den „hochwüroigen Herrn Professor vr. Pastor" adressirt sind. Auch die Kinderschaar — es sind deren fünf — ist bei der Abfassung der historischen Werke nicht unbetheiligt. Das Studirznnmer des Professors, ein wahres Arsenal von Gelehrsamkeit, ist das größere Zimmer des Hauses, so daß die Kinder es nicht begreifen wollen, daß gerade dieses Zimmer ihnen nicht für ihre Spiele zur Verfügung stehen soll. So gelingt es rhnen manchmal, aus der Studirstube die Kinderstube zu machen, und dann müssen die gelehrtesten Folianten dazu dienen, eine Ritterburg zu bauen, die unter Ludi's Führung im Sturme eingenommen wird, bis der erzürnte Papa mit einem tzuoo «so die ganze Räuberbande hinausjagt, wo dann der Räuberhanvtmann mit Thränen im Auge sich bei Mama beklagt, daß Papa sie nicht einmal in seinem Zimmer Räuber spielen läßt. Nicht bloß zu den katholischen Geistlichen ist vr. Pastor gezählt worden. Es war schon zweimal der Fall, daß durchreisende protestantische Geistliche sich nach dem Pastor des Ortes erkundigten und man hat sie zum Professor Pastor geschickt, wo sich die Sache in gegenseitiger Heiterkeit aufklärte. Gott sei Dank, daß er uns gehört, wenn er auch mcht im schwarzen Rocke geht! _ * Ei» Niesenlexikon der lateinischen Sprache- Bereits in früheren Jahrhunderten, sowie auch zu Anfang des unseligen ist mit mehr oder weniger Glück der Versuch unternommen worden, den Sprachschatz der Lateiner zu sammeln. Ein solches phänomenales und kostspieliges Unternehmen ist auch jetzt im Werke. Daß es aber überhaupt möglich war, daran zu denken, es in dem großen Stile durchzuführen, in dein es geplant ist, ist die erste Frucht eines Eartells der ersten fünf deutschen Akademien der Wissenschaften in Berlin, Göttinnen, Leipzig, München und Wren, wozu auf Vorschlag des Sectionschefs Hofrath vr. Ritter v. Harte! im Jahre 1892 von der Wiener Akademie die Anregung gegeben wurde. Zur Herstellung des llAosaurus livAnas latinas — dies der Name des Werkes — wurde eine Commission eingesetzt. Diese besteht aus je einem Mitgliede der fünf cartellirten Akademien, ferner aus drei zur Leitung des Unternehmens bestellten Directoren, und zwar den Herren Professoren Buechcler (Bonn), Lev (Göttingen) und Wölffler (München). Präsident der Commission ist der gefeierte Gelehrte Sectionschef von Harte!. Das ganze Unternehmen wurde auf 20 Jahre mit einem Gesammtaufwande von 650,000 Mark veranschlagt. Von dieser Summe hofft man 100,000 Mark, im günstigsten Falle 150,000 Mark durch Buchhändlerhonorare zu decken. Die somit verbleibende Summe von rund 500,000 Mark vertheilt sich gleichmäßig auf die fünf Akademien, so daß auf jede in den zwanzig Jahren 100,000 Mark, also jährlich 5000 Mark fallen. Der Plan für den TAssam-us bezeichnet die Aufgabe desselben als eine psychologisch-historische. Der Ibosauruo will die Geschichte der lateinischen Sprache schreiben, die Lebensgeschichte der einzelnen Wörter, ihre Entstehung, Verbindung, Vermehrung, Abänderung in Form und Bedeutung, ihre gegenseitige Vertretung und Ersetzung, soivie ihr Absterben, kurz, die tausendfache Brechung, welche die Geschichte des nationalen Fühlens und Denkens zum Ausdrucke bringt, darstellen. Die Sitzungen der Commission finden jährlich in der Pfingst- woche, nnd zwar der Reihe nach in Berlin, Göttmgen, Leipzig, München und Wien statt. Die Berichte der Konferenzen geben Zeugniß von dem rastlosen Eifer, mit dem das Werk betrieben wird. Außer dem llAosaurus livAuas latinas werden die cartellirten Akademien auch zugleich einige große naturwissenschaftliche Aufgaben durchführen. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. - Druck». Verlag des Lit.Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 63 . Möge zm Augsömger ^sstzertmg. 30. Oßt. 1897. Von dem Werke I. Kgl. Hoheit der Prinzessin Therese von Bayern, welches, wie schon in letzter Nummer erwähnt, Mitte November im Verlage von Dietrich Reimer (Berlin) erscheinen wird und in welchem die hohe Autorin ihre Reise in den brasilianischen Tropen schildert, geben wir aus den Aushängbogen folgende Probe: Petropolis — Facenda des Senhor Bar- boza. — Donnerstag, den 30. August. Die Nacht über schlug der Regen auf das Dach, in dessen Gebälk wir von unserem Lager aus hinaufsehen konnten. Noch bei völliger Finsterniß wurde mit dem Ausbruch begonnen, denn ein langer Tagesmarsch lag vor uns. Unsere Hausleute hatten Ueberraschungen für uns bereit. Der Mann schenkte uns ein schönes Otternfell, welches ich seiner geringen Größe und seiner satten, graubraunen Farbe nach für das Fell einer I^utra, Loliiaria Mit. halte.* *) Die Frau war die ganze Nacht aufgeblieben, für ihre Landslcnte echt bayerische Speisen zu backen, Kücheln und Hascnöhrln, von denen wir, soviel noch immer möglich, anf das Pferd mitnehmen mußten. Kurz nach 6 Uhr saßen wir auf und nahmen herzlichen Abschied von unseren biederen Wirthen. An der Spitze unseres Reitertrupps befand sich der Brandenburger Karl Frank, welcher, wie man solches hier häufig sehen kann, die Sporen an den bloßen Füßen angeschnallt hatte. Den Nachtrab bildete Ferrari, das Gewehr quer über den Sattelknopf gelegt. Wir ritten einzeln hintereinander, da der Weg zu einer anderen Reitweise zu schmal war. Die Packthiere mit den Knechten brachen unabhängig von uns auf. Wir pflegen sie den halben, auch den ganzen Tag nicht zu sehen und können meist erst Abends zu unserem Gepäck gelangen, was wegen Unterbringung der unterwegs gesammelten Objekte nicht immer bequem ist. Von unserem Nachtquartier weg saßen wir sechs Stunden ununterbrochen im Sattel. Der Nebel, welcher des Morgens anf dem Thale gelegen, wich der höher- stcigenden Sonne, und nur dem Umstände, daß wir heute größtentheils durch Urwald ritten, hatten wir die Erträglichkeit des schönen Wetters zu danken. Der dichte Pflanzenschutz neben und über uns ließ absolut keinen Sonnenstrahl anf uns durchdrungen, und so befanden wir uns, die kurzen Strecken Roxa abgerechnet, den ganzen Tag im denkbar tiefsten Schatten. Stunden- und stundenlang zogen wir an den undurchdringlichen Urwaldwänden vorüber, die sich rechts und links von uns hin- dehnten. Auch uns zu Häupten schloß sich eine Pflanzendecke, durch welche das Auge nicht aufwärts dringen konnte. So sahen wir nur das Nächstliegende, Nächst- hängcnde; einige Fuß seitwärts in den Wald oder senkrecht nach oben war jedweder weitere Blick durch einen *) Da an diesem präparirten Fell Nase, Schweif rc. fehlen, ist die Bestimmung der Art erschwert, doch Vergleiche mit dem Fell der Imlra brssilisnsis Rax und dem der Imtra solitaria Ratt. im Wiener Naturhistorischen Museum weisen unbedingt darauf hin, daß es das Fell einer I-. solitarw ist. Insofern als bisher angenommen wurde, daß I-. solitori» nur in Süd- und Centralbrasilien s vorkomme, obwohl in Pelzeln (Brasilische Säugethiere S. 53), zwar nur mit Fragezeichen, ein Exemplar aus Bahia angeführt wird, ließe sich denken, daß das von mir in Petropolis erhaltene Fell ein importirtes gewesen sei,-doch besonders wahrscheinlich ist letzteres nicht. grünen Laubschlcier gehemmt. Nur an den Waldrändern und den künstlichen Lichtungen konnten wir eine Uebersicht über die Vegetation gewinnen. Hier war das Sprichwort: „man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht", buchstäblich erfüllt. Allerhand Banniriesen und sonstige pflanzliche Merkwürdigkeiten begegneten uns ini heutigen Naiv virZsm. Da war ein Balsamo mit Balsamgeruch im angehauenen Holze,2) dort eine Barrigudo (Obormia origpiüora 8. L. L ), eine Bombacee, deren Heller Stamm über und über nlit kleinen konischen Holzstacheln übersät und gegen die Basis zu wie ein Faß aufgetrieben ist?) Es folgten verschiedene riesige Päo d'alhos (Oalloma Oora/sma, Nog.), mit ihren bis hoch hinauf astloscn Stämmen, ihrem hellgrünen Laub und ihren verhältnißiiläßktz kleinen Blättern. Ein gefällter Kamerad, der am Wege lag, erfüllte die Luft weithin mit seinem unerträglichen Knoblauchduft?) Auch ein Zwiebelbaum, wohl seines Geruches wegen so genannt oder weil sein Stamm gegen die Wurzeln zu zwiebelähnlich aussieht, ^) stand unfern im Dickicht. An einer Stelle ritten wir unter einigen, eine Gruppe bildenden Sapucaias (Iwozctstis kisonis 6aml>.) hindurch. Ihre kerzengeraden, weit hinauf astfreien Stämme trugen das helle Laubdach, wie Säulen daS Gewölbe einer Kirche. Am Boden lagen Dutzende der holzigen, bnchseuähnlichen Nicsenfrüchte dieser gigantischen Bäume, Früchte, welche sich dem Asteinlauf gegenüber durch einen von selbst abfallenden Deckel öffnen und ein Gewicht besitzen, daß sie, aus ihrem luftigen Hochsitz herabkommend, wohl einen Menschen erschlagen könnten. Unter den bescheideneren Bäumen, denjenigen, welche die mittlere Etage im Urwald bilden, fehlte nicht die Jaboti- caba (Nz-roiaria. .labuticaba LsrZ) mit ihren kugeligen Laubmassen. Im Dickicht fielen Mamoeiras (Oario» papuM I,.) auf durch ihre astlosen Stämme und ihre am Gipfel zusammengedrängten, bandförmigen, regelmäßig gestellten Blätter. Etliche Banmfarne, von denen einer eine bedeutende Höhe erreichte, breiteten ihre graziösen Wedel über das Unterholz. An einer Stelle hatten sich viel Iripalmen (^strocmrz'um Fzmi Nart.) zusammengedrängt, an einer anderen ziemlich viel Palmitos (Lntorpe eeinlis Nart.), deren Kronen blättcrarm waren. Zwischen den Waldriesen wucherten und erstickten sich gegenseitig, im Kampf um Luft und Licht, zahllose andere Pflanzen von einem Artenreichthum, der dem Auge keinen Nuhcpunkt gewährte. Lianen umspannten und umwallen die Bäume. Ein Cip6, dessen Stamm sich roseu- kranzähnlich in ganz regelmäßigen Abständen zu kugeligen ") Nach den von mir mitgebrachten Stammtheilen gehört dieser Balsambamn in keine der batsamspendenden Gattungen Unmirinm, Lrotium, Nyrox^Ion und Oopai- kora. Anatomisch würde er am ehesten auf Simsruba awara ^nbl. stimmen. Doch auch für diesen Baum fehlen ihm einige wichtige Merkmale. >> *) Die ebenfalls Barrigudo genannte Oavauillosta arborea Lobumavn — Lourretia tndsronlata Llart. kann unser Barrigudo nicht gewesen sein, da sie nicht stacdel- bewehrt ist und ihre Ausbauchung weiter oben, in der Mitte der Stammhöhe liegt. *) Die anatomische Untersuchung der von mir niitae- s brachten Holzprobcn ergab, daß diese Bäume zweifellos Llallsnia Vorankam kckoq. waren. Was den Geruch betrifft, könnte es Orataeva tapi» I-. gewesen sein; ob auch der Gestalt des Stammes nach vrataova topis anf diesen Zwicbelbaum paßt, ist aus der Literatur nicht zu ersehen. 434 Anschwellungen erweiterte, sicher irgend eine Micania, zog sich durch die Laubfülle; Schlingpflanzen mit gedrehtem Stamm stiegen nach aufwärts in das Blätterdach des Urwaldes, nnd eine Bauhinia, .lubuti-mutä,- mutü, hatte ihren merkwürdig flachen, starkgewcllten Stamm mindestens ein halb Dutzend Male nebeneinander hinauf und hinab geschlungen und gehangen. Die Lianen- und Luftwurzeldraperie des Urwaldes war dermaßen ineinander- gesponnen, daß, als das störrische Maulthier meiner Reisegefährtin einen Sprung in das Dickicht wagte, sie wie das Thier, aus der sie augenblicklich einschnürenden Pflauzenumstrickung, erst durch die hilfreichen Bnschmeffer der zwei Führer wieder befreit werden konnten. Auch an farbenprächtigen Blüthen fehlte es heute nicht im Urwald, und es berührte uns eigenthümlich, manche unserer Gartenpflanzen hier in wildem Zustande wiederzufinden. Die rosablühende LoZonia angulurio LaäckiO) gedieh am Rande der Picada, Rittcrsterne (^inarMis I,.), von denen die meisten nur eine Blüthe trugen,') leuchteten feurig roth im Dunkel des Waldes auf. Die kavonia multiüora L. flnss., ^) eine strauch- förmige Malvacee, unterbrach mit ihren ebenfalls rothen Blüthen das ewige Grün der Pflanzenwände. Bignonien rangen im allgemeinen Streben nach pflanzenwllrdigem Dasein um ihre Existenz, und Greisenbärte (IManäsiu U8N6oick68 I>.) hingen ihr silberweißes Geflecht von den Baumästeu herab. Eine Araponga (6Im8worz'NLiiu8 nuäieoUis VieiU.), einer jener schneeweißen, scheuen Vogel, welche die höchsten Neste der Riesenbäume aufsuchen und den Urwald mit ihren Glockentönen erfüllen, ließ sich vor uns auf den Weg herab, floh aber erschreckt vor den Hufen der Maulthiere. Hübsche Pfefferfrcsser mit ganz gelbem Leib und schwärzlichen Flügeln, vermuthlich ^näi^ena bailloni VioiU.,b) wetzten ihre charakteristischen Riesenschnäbcl am dichten Geäst. An einer lichteren Stelle zogen einige der großen, grünflügeligen Araras (^ra astloroMrg. (7. L. 6r.) kreischend über uns hinweg. Später ritten wir durch Capoeira-Vcgetation an einem hohen Strauch vorbei, welcher von oben bis unten mit grünen, orange- stirnigen Periquitos (Oonurus auraus 6in.) besetzt war, welche rastlos durcheinander kletterten. Unser Saumpfad war über alle Beschreibung schlecht. Wieder hatten wir viel Piloes, solch lehmige, wie durch einen Pflug gerissene Erdtreppen zu passiren, in deren Löcher unsere Thiere tief einsanken. Dann ging es wieder so steil bergauf und bergab, daß wir uns bald an die Mähne unserer Mulas klammern, bald nach dem Schweifriemen zurücklangen mußten, um nicht aus dem Sattel zu gleiten. Von Zeit zu Zeit führte unser Weg an Ansiedelungen vorbei, welche ganz vereinzelt auf einer Rodung inmitten des Waldes lagen und von Anus (tlrotopstuga Lni I,.) heimgesucht waren. Wir fanden hier, mit Ausnahme eines Preußen, nur Brasilianer als ") Daselbst in mein Herbarium gesammelt. ') Welche Species es war, ist nicht zu ergründen, da es mehrere ein- bis zweiblüthige, rothblühende Species in diesen Theilen Brasiliens gibt. 6) Daselbst in mein Herbarium gesammelt. °) Die Schattirung des Gelbs der gesehenen Tukane habe ich in meinen Reisenotizen nicht genauer angegeben. Gelben Leib, aber Heller schattirt als H.. bailloui, haben auch die in den Küstcnwäldern gemeinen LtsroAlossu8 vvisäi Sturm, doch da ich keine rothe Bauchbinde notirt habe, dürfte letztgenannte Species in diesem Falle wohl ausgeschlossen fein, ich müßte denn in Folge des Dickichts die rothe Bauchbinde nicht bemerkt haben. Kolonisten. Mit jedem Reisetag landeinwärts nahmen die bebauten und bewohnten Strecken sichtlicher ab, und immer mehr trat der jungfräuliche Wald in seine noch unbestrittenen Rechte. Man konnte deutlich ersehen, loie von der Küste her die Cultur Schritt für Schritt in die Urwaldwildniß vordrang. Wir berührten die Ufer eines von Süd nach Nord dem Nio Doce zuströmenden Flusses, der den Namen Santa Maria trägt, wie der Flußlauf, welchen wir von Victoria aus zu Canon aufwärts verfolgt hatten. Die urwaldbedeckten Ufer des Flusses, welche streckenweise die eines Waldsees vortäuschten, waren anmuthig, aber an Ueppigkeit nicht zu vergleichen mit den Seeufern in der Amazonasniederuug. Ueberhaupt blieb die Vegetationsfülle des hiesigen Nuto vir^oru hinter derjenigen der Hylaea zurück. Namentlich fehlte die strebepfeilerartige, überwältigende Entwicklung der Bombaceenstämme und -Wurzeln; Tafelwurzelbildnngen waren nur in bescheidener Weise vertreten. Terrestrische und epiphytische Bromeliaceen, einige mit rothem Blütheustand, schmückten das Waldinnere. Riesige lanzettliche und herzförmige Araceenblätter, wohl Blätter von Anthurien und Ca- ladien, überkleideten den Boden. Bambusgräscr standen zu Dickichten zusammen. Ueber die Wipfel einiger Bäume hatten Schlinggewächse ihren farbigen Blüthen- mantel geworfen. Unser Weg führte nun über einen Berg, welchem noch höhere, uns als Serra da Desgra^a bezeichnete Berge zur Linken blieben. Von unserem erhöhten Standpunkt aus, hatten wir einen schönen Blick hinab in ein weites, urwaldbedecktes, vom Rio Doce durchströmtes Thal. In der Mitte des Thales erhob sich ein konischer Hügel, jenseits wurde dasselbe von einem bewaldeten Höhenzug begrenzt. Den ersten kurzen Aufenthalt nach sechsstündigem Ritt nahmen wir bei einer von Wälschtirolern bewohnten Hütte, wo uns die sympathischen Laute der italienischen Sprache fast wie Heimathklänge begrüßten. Doch erst nach einer weiteren halben Stunde Reitens wurde Mittagsrast gehalten, und zwar waren es wieder Südtiroler, welche uns gastlich aufnahmen. Wir theilten ihr nationales Mahl, Risotto und Polenta, welche uns weit besser mundeten, als die meist mangelhaften brasilianischen Gerichte. Es war hier eine größere Ansiedlung mit Mais-, Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen und schönem, großem Hornvieh. Daß der zu cultivirende Boden noch erweitert werden sollte, bewies uns ein zu Roduugszwecken angezündeter naher Waldstreifen, welcher prasselnd nnd knisternd in sich zusammenstürzte. Da wir hier einige frische Maulthiere eintauschen mußten, wurde unser Aufenthalt wider Willen auf etliche Stunden ausgedehnt. Obwohl es schon im Schatten 29,5 ° 6. hatte, — es war Nachmittags 2 Uhr —, benutzte ich nichtsdestoweniger die aufgezwungcne Pause, um auf dem sonnigen Wiesenhang nach Schmetterlingen zu jagen. Da gab es solche, welche ganz roth zu sein schienen und wohl der in Brasilien durch mehrere Arten vertretenen Gattung Dioue zugehört haben dürften. Daneben flatterten intensiv blau schillernde Theclen, vielleicht Mrövla kubriola Lrum. Und dort gaukelten zwischen den farbenprächtigeren Brüdern Danainen mit florartig durchsichtigen und solche mit braungelb, schwarz nnd weiß schmal gestreiften und gefleckten Flügeln. Doch all diese gelang es mir nicht, mit dem Netz zu erhäschen. Mein Jagdergebniß war eine OaUieors 6rarn., eine kleine Nymphaline, deren Flügel oberseits auf schwarzem Grund eine goldgrüne Binde führen, indessen die Unterseite zum Theil prachtvoll roth, zum Theil weiß mit schwarzen Streifen merkwürdig gezeichnet ist. Ferner erjagte ich einige der durch ihr buntes Kleid ausgezeichneten Ontagrarning, Oru. und eine Rurema, ^lliula, 6rg.ua. vnr. Linas 6oät., eine kleine Pierine, die, bis auf den Saum und die Vorderflügelspitzcu, welche schwarz sind, ein durchaus weißes Gewand trägt. Bon den in dieser Gegend häufigen Tapiren (la- pirns arnsriognns 6.) bekamen wir bisher leider keine zu Gesicht, doch waren in den verschiedenen Kolonistenhäusern Felle zu sehen, von denen wir ihres Umfanges und ihrer Steifheit wegen leider keine mituehmen konnten. Speziell hier, in der Nähe der Wälschtirolcr Ansicdlung, in welcher wir Mittag machten, waren schon siebzehn dieser größten Landthiere Brasiliens erlegt worden. Man jagt sie ihres schmackhaften Fleisches, namentlich aber ihres geschätzten Leders wegen, welch letzteres allerlei Verwendungen findet. Erst am Spätnachmittag wal der Maulthicrtansch beendet und konnten wir unseren Ritt wieder aufnehmen. Bis zum nächstmöglichen Nachtquartier, der Fazenda des Brasilianers Senhor Fortunato Barboza de Menezcs, lagen noch drei Stunden Weges vor uns. Der Saumpfad führte meistens durch Urwald, welchen nur selten Rodungen unterbrachen. Auf letzteren erhoben sich fast nirgends Häuser, die hier übrigens richtiger als Lehmhütten zu bezeichnen wären. Wir vermutheten deßhalb in diesen Rodungen solche, welche die Ansiedler, oft fern von ihren Wohnplätzen, zur Prüfung der Güte des Wald- bodens anzulegen pflegen. Wieder wechselten Araras über unseren Weg. Eine Schaar grüner Periquitos (wohl Lrotogorz's tirion Om.) zog mit wildem Geschrei vorbei, auf Suche nach dem Platz, wo sie aufbäumen konnte. Aus dein Waldesdickicht schlug das Girren einer Taube 1 °) und das laute Brummen eines Mntnms (Orax carunoulata, l'smm.) an unser Ohr. Noch andere Vogel waren hörbar und sichtbar. Namentlich die Araponga ließ ihren metallisch klingenden Ruf unermüdlich durch die Waldeinsamkeit ertönen, das Nahen der Dunkelheit verkündend. Viel Z)ri- palmen (lf.8trooLrzmm ä.zri LInrt.) standen zerstreut im Dickicht. Eine Copaiveira (Ooxnivsrn trapsmiolia. Hnxns), ein Urwaldriese mit Hellem Stamm und Hellem Laub, ragte beherrschend über seine Umgebung heraus. Lianengewinde hingen aus der Höhe herunter. Hoch oben auf der schirmförmig gebreiteten Krone eines dunkelbelaubten Baumes lag, gleich einer Riesenmiitze, ein ganz hellgrüner, vielverzweigtcr Busch mit zart gefiederten Blättern breit hingegossen. In der Kraut- und Halb- strauchvegetation des Urwaldes leuchteten durch Farbenpracht schön rothe, als giftig geltende Blumen (Lrzckirrina,? ?)") hervor. Die gleiche Waldregion schmückten der Blüthe unseres Immergrüns (Vinoa, ") Es könnte die Stimme der von Prinz Wied in den Wäldern Mittelbrasiliens oft gehörten Oolumba rntmn ll'smm. gewesen fein. Siehe Wied: Beiträge zur Naturgeschichte Brasiliens, IV, 455. ") Wied (Reise nach Brasilien, I. 44) erwähnt im Küstenwald niedrig wachsende, rothblühende Erythrina, indessen in LIartii k'Ioia brssilisnsis. XV I, S. 172 ff. für Brasilien überhaupt keine kraut- und halbstrauchartigen Erythrinaarten angeführt sind. Die Erythrina enthalten, L. OoraUocksnäron 6. etwa ausgenommen, auch keine giftigen Stoffe Winor) ähnliche, nur etwas größere lila Blüthen, welche ich für diejenigen einer Vincaspecies gehalten hätte, wenn in Brasilien schon irgendwo lilablühende gefunden-worden wären. r2) Inmitten des Wnldgestrüpps überraschten uns ein paar Termitenhügel aus Lehm, die wohl den Haufen bildenden Termiten (1'srmo8 eumnlnno XoU.) zuzuschreiben waren, da diese weitverbreitete Art auch in Wäldern anzutreffen sein soll. Nach und nach war die Nacht herabgesunken und hatte Alles in ihre schwarze Fittichen gehüllt. Wie auf einen Zanbcrschlag begann nun die nächtliche Thier- symphonie des Urwaldes, jenes Tongemälde, dessen seelencrgreifendc Mächtigkeit sich in Worten nicht wiedergeben läßt. Es setzten Vogel, Cicaden, Grillen ein und die Schmiedenden Laubfrösche (klzln k'ndsr )Viock), deren Glockenstimmcn durch die hehre Banmhalle läuteten. Doch bald wurden unsere Sinne von der Poesie der Urwaldmelodien unbarmherzig in die Prosa einer unerquicklichen Lage zurückgerufen. Wir hatten nicht, wie zwei Tage vorher, eine Laterne bei uns, welche uns den Weg wenigstens nothdürftig hätte erkennen lassen können. Unsere Beleuchtungsapparate lagen zutiefst in einem Sack verpackt und, momentan unerreichbar, einem der Tragthiere aufgeschnürt. Auf unserer Picada aber war es so finster, daß man nicht einmal den Kopf seines eigenen Manlthieres, geschweige denn den Boden unterscheiden konnte. Als Richtschnur diente nur die weiße Kopfbedeckung des jeweiligen Vordermannes, welche im allgemeinen Schwarz wie ein etwas lichterer Punkt erschien. Und der vorderste Reiter heftete sein Auge krampfhaft auf den nicht ganz so tiefschwarzen Streifen, als welchen der Saumpfad sich aus dem Waldesdunkel Herausahnen ließ. So ging es in der undurchdringlichen Finsterniß manchmal steil hinab in die Tiefe, ohne daß man nur wußte wohin. Doch unsere Maulthiere waren wunderbar, was die Sicherheit des Trittes betraf. Wir ritten durch den keineswegs seichten Rio Santa Joauna, einen Parallelflnß des Vormittags gesehenen Rio Santa Maria. Dann vertieften wir uns neuerdings in die Urwaldnacht. Hierbei gcrieth ein Bügel in Verlust, welcher jedoch mittelst Zündholzbeleuchtung mühsam gesucht und endlich wieder gefunden wurde. Inzwischen hatte unser Führer Frank uns verlassen und war nach der Fazenda vorausgeeilt, Quartier zu machen. Der Fazendciro soll nämlich ein schwer zu behandelnder Herr sein, und wenn man nicht sehr uuter- thänig um Aufnahme bittet, läuft man Gefahr, im Walde übernachten zu müssen. Es galt nun, ihn auf eine Einquartierung von sieben Personen, Führer und Knechte mit eingerechnet, und von zehn Maulthieren vorzubereiten und für dieselbe günstig zu stimmen. Wir klebrigen setzten auf Gerathewohl den unbekannten Weg im stockfinsteren Walde fort. Plötzlich, auf einer lichteren Stelle, verloren wir die Richtung und ge- . riethen in einen Sumpf. Unsere Thiere schnaubten aus Angst, und wie festgewurzelt stemmten sie ihre Beine mit eiserner Gewalt gegen jeden Versuch, sie vorwärts zu treiben. Diese instinktive Weigerung war begreiflich, jeder weitere Schritt konnte uns Verderben bringen. Es folgten einige peinliche Minuten der Rathlosigkeit und^ des Angenageltseins an der Stelle. Da endlich fand ") Jedenfalls scheinen es Apocyneen gewesen zu sein» vielleicht ^mdliavrusra leptoxllMa Null. XiA., doch ist l dies eine Kletterpflanze der Catingawälder. 436 einer der abgesessenen Packthicrknechtc die Spuren des im SunipfgraS verloren gegangenen Weges, und im rechten Winkel -zur fälschlich eingeschlagenen Richtung verlieben Ivir die gefahrdrohende Niederung. Wir hatten einen der uugciuüthlichsteu Momente unserer ganzen bisherigen Reise glücklich überstanden. Nochmal führte unser Pfad durch eine pechschwarze Urwaldstrecke, dann lag die Fazenda des Scnhor Barboza einladend vor unseren Blicken. Wir fanden daselbst eine wohlhabende, kinderreiche Familie mit Dienerschaft und im ganzen Hanse einen weit vornehmeren Anstrich als in all den Ansiedler- häusern, in welchen wir bisher über Nacht untergekommen waren. Daraus erwuchs für uns der Nachtheil, daß wir, statt nach neune'mhalbstündigcm Ritt uns ausruhen und ruhig unsere Ncisenotizen schreiben zu können, uns zu dem Fazendciro und seiner Frau in den Salon setzen und portugiesische Konversation führen mußten. Es war dies etlvas bitter. Doch erfuhren wir durch diese Konversation Manches über die Lebensverhältnisse eines solchen Ansiedlers, der auf viele Stunden im Umkreis keinen Nachbarn hat. Von diesem verlorenen Posten im ' Urwald war der nächste Priester vier Tagereisen weit entfernt, und ebenso weit, wenn nicht weiter, war es bis zum nächsten Arzt. Man erzählt, daß Scnhor Fortnnato Barboza seine Kinder erst taufen läßt, wenn sie im Stande sind, selbst zum Priester zu reiten. Nicht nur dies, man erzählt sogar, daß er der Vereinfachung wegen mit dem Spendenlassen des Sakramentes wartet, bis zwei oder drei seiner Sprößlinge zn einem gemeinsamen Taufritt herangewachsen sind. Auf meine Frage, was bei der llucrreichbarkeit des Arztes zu geschehen pflegt, wenn eines der Kinder erkrankt, gab mir die Mutter die lakonische Antwort: „Sie werden nicht krank." Die Senhora selbst hatte seit fünf Jahren die Fazenda mit keinem Schritt mehr verlassen. In einem kleinen, höchst einfachen Raume wurden uns zwei Damen echt brasilianische, steinharte Betten als Lagerstätte angewiesen. Es war uns letzteres für unsere reitmiidcn Glieder gerade nicht angenehm. Unangenehmer aber noch waren uns die Schaarcn von Barattas tLIattiäao), welche in dem winzigen Zimmer kreuz und quer liefen und vor welchen wir unser kostbares Gepäck nicht zu retten wußten. Die Praktische Bedeutung des Thvmasstndiums. Von M. Grab mann. Eichstätt. Der um die Ncpristination wahrer christlicher Philosophie hochverdiente spanische Denker Jakob Balm es charakterisirt das Genie in folgenden Worten:^ „Die Menschen von wahrhaftigem Genie unterscheiden ich durch die Einheit und den weiten Umfang ihrer Auf- assnng. Wenn sie eine schwierige und verwickelte Frage rehandeln. so vereinfachen und ebnen sie dieselbe, indem ie einen hohen Gesichtspunkt nehmen nnd eine Grundidee fhiren, welche über alle anderen Licht verbreitet: wenn sie einen Einwnrf zurückweisen wollen, so bezeichnen .sie den Ursprung des Irrthums und zerstören mit einem Worte dre Täuschung des Sophismus; wenn sie di^Syn- ithese anwenden, so treffen sie sofort das richtige Princip, das mr Grundlage dient, und zeichnen mit einem Worte den Weg, den man einschlagen muß, um zum gewünschten .Resultate zu gelangen: wenn sie der Analyse, sich bedienen, so geben sie genau den Punkt an, von dem die Auflösung ausgehen muß, sie erkennen die verborgene Verkettung H BalmeS „Fundamente der Philosophie" übers. von Vr. Loriiffer. Regensburg, Manz, 1855. I, cx. 4 n. 5i. und öffnen Nils gleichsam mit einem Schlage das Geheimnis; des Gegenstandes nnd zeigen uns sein verborgenstes Innere." Diese Charakteristik ist auch ein Bild des Geisteslebens des hl. Thomas von Aqnino, der mit derselben Gewalt des Genius den höchsten Fragen der Metaphysik und theologischen Spekulation in erster Linie wie auch den mehr praktischen Fragen in zweiter Linie sein Augenmerk schenkte. Die Sonne von Aguin hat zuerst den .Höhen des theoretisch-spekulativen Erkennens überreiches Licht gespendet und zugleich die Niederungen des praktischen Wissens, Lebens und Handelns erhellt. Die folgenden Zeilen sollen einen Beitrag liefern zum Erweis der These: „Das Studium der Werke des hl.'Thomas ist von eminent praktischer Bedeutung." Indem wir das Wort „praktisch" im weitesten Umfange nehmen, bestimmen wir unseren Satz also: Aus den Werken des hl. Thomas kann der Gelehrte ablernen, wie mau praktisch Wissenschaft treibt und schreibt, die Werke des Aqniuaten sind für den Pädagogen, den Prediger und Asceten, für den Juristen und Socialpolitikcr eine Fundgrube goldener Wahrheiten. Unserem Heiligen Vater Leo XIII., der vom hohen Standpunkte mit größter Klarheit das Gewirr der gegenwärtigen materiellen nnd ideellen Lebensbewcgungen überschaut, ist es deshalb ein Herzenswunsch, die Werke des hl. Thomas all denen, die in obigen Fächern heimisch werden wollen, in die Hände nnd ins Herz zu drücken. 1. Was lernt der Gelehrte aus den Schriften des Aquinaten? Das Beispiel dieses größten Denkers des Mittelalters in der Cnltivirnng und organischen Darstellung der verschiedenen Zweige menschlichen Wissens einerseits und die Lehre desselben über die Gesetze des wissenschaftlichen Forschens oder die Wissenschaftslehre des hl. Thomas anderseits, diese beiden Momente verdienen Beachtung und Nachahmung von Seite der modernen Wissenschaft, welche vielfach das überreiche Forschuugsmaterial nicht mehr wissenschaftlich zu gestalten versteht. Der hl. Thomas ist, und das müssen selbst seine heftigsten Gegner zugeben, ein Meister der wissenschaftlichen Systematik. Thomas hat, wie PorLmami^) sagt, Aehnlichkeit mit den großen Malern Giotto und Orcagna, welche mit peinlicher Genauigkeit die kleinsten Details ihrer Werke ausführten und anderseits in ihren großen cyklischen Darstellungen diese Details zn einem Ganzen verbanden. In seinen Oxuscnüa. ist der englische Lehrer den einzelnen Fragen bis in die letzten Verzweigungen nachgegangen, in seinen großen Werken aber hat er diese einzelnen Glieder zum lebensvollen Organismus zusammengeschlossen, zum hehren Dome von Wahrheiten construirt. Wie herrlich sind nicht die einzelnen Artikel nnd Quästionen und Theile der theologischen Summe aufgebaut und gegliedert! Wer sich die Mühe nimmt nnd vergleicht und stndirt, wie der englische Lehrer die Fülle der christlichen Wahrheit kurz und schlicht in seinem sogenannten Katechismus grnppirt, wie dann derselbe hl. Lehrer dieselben Wahrheiten im ^Oowxonckium tsiooloAisa" zur Dog- matik im Lapidarstil zusammenfügt, wer weiterhin verfolgt, wie ebcndiese Summe übernatürlicher Wahrheiten in den tzuLsstiones ckwMtnkao um den Gesichtspunkt der Trinität sich grnppirt, wer endlich den Gedankengcmg der theologischen Summe einer Analyse unterzieht, wer , -) Die Systematik in den tzoaest. clispnt. Jahrbuch I für Philosophie u. spek. Theologie Bd. VI, S. 48 n. 127. 437 dieser lohnenden Arbeit sich unterzieht, wird viel, sehr viel lernen können für die praktische Bethätigung wissenschaftlichen Forschens, besonders für die wissenschaftliche Systematik. Die diesbezüglichen, für den Mann der Wissenschaft beachtenswerthen Vorzüge der Werke des hl. Thomas hat Alexander Piny, 0. kraoä./) in präciser Form also zusammengefaßt: M snmrnnin xsrvcmitz esns Lumina, uk>1 irr äoasnäo snktüljs, in äioonäv toevnnäus, in suaäoncko eonvineentissirnns, ndi in rosvlvenäo aoutns, in xrovanäo vsrvosus, in vivoenciv xorxetnns, ndi vräv rnelivr in vptimis, porsxieuitas wa.jvr in wa- xiwis, prokunckitas summa in summis. lind derselbe spätscholastische Philosoph fügt hinzu: udi äoaont äootoros atqus äoeontui-, sock intoi- tot cwnsorcs sine oon- sura. Ja von der milden und bescheidenen Kritik und Polemik des hl. Thomas könnten manche moderne Gelehrte und Schriftsteller viel lernen.") Von den Gedanken des Aguinatcn über Methodik rc. der Wissenschaften, von diesen praktischen Richt- und Lichtpunkten für den Mann der Wissenschaft sei nur einer angefügt, der für die moderne Philosophie eine beachtens- werthe Fundamcntalwahrheit ausspricht: „Ltuäium xllilo- soxstiao von esk acl üoc: ^uoci soiatnr, gnici kiomirws kenssriub, seä c^nalitor so habend veritas rerum." (6omm. in bristet, äs uuiv. I. 1, leot. 2.) Eine Zusammenstellung und Darstellung der thomist- ischcn Wissenschaftslehre wäre ein literarisches Verdienst und würde dein Manne der Wissenschaft manche schätzenswcrthe Winke an die Hand geben. Wenn nun das Thomasstudinm für den Mann der Wissenschaft in formeller Beziehung hohen praktischen Werth hat, so gewinnen ferner manche mehr praktische Wissenszweige in materieller Hinsicht aus den Werken des Aquinaten außerordentlich viel. Es kommen hier Pädagogik, ascetische Theologie, Rechts- und Social- wissenschast in Betracht. St. Thomas und die Pädagogik. Es ist hier eine direkte und indirekte Beeinflussung der Er- zichungslehre durch die Schriften des Aquinaten zu unterscheiden. In ersterer Hinsicht wird der Erzieher bei Thomas sowohl klare wahre Principien, welche den schwierigen Pfad der Erziehungskunst beleuchten, wie auch eine Fülle vorzüglicher praktischer Winke und Anweisungen finden. Die tiefste principielle Grundlage für Erziehung und Unterricht, die Darlegung, wie der aktuell die Wahrheit besitzende Mensch auf den anderen, der dieselbe nur potentiell besitzt, einwirken kann, dies alles ist ausgeführt in der theologischen Summe (I. Hu. 117) und besonders tief in der Huaostüv äisp. äe verit. 11 cie maZistro. Praktische Anleitungen und interessante pädagogische Exkurse finden sich im Commentar zur Ethik und Politik des Aristoteles. In Lolit. 1. VII leot. 12 wird von der somalischen Erziehung des Staatsbürgers gehandelt, ibiä. I. VIII leet. 1, 2 u. 3 wird von ideeller Bildung desselben einläßlich gesprochen; besonders der musikalischen Ausbildung ist ein längeres Referat gewidmet. Bekanntlich hat ja der Aquinate auch eine von Uccclli wiedergefundene Monographie: „äs musica" geschrieben. b Alex. Piny, Orcl. ?r.: Oursus pbilosopliious tbo- mistieus 1870, 2 Bde. okr. Commer'sches Jahrbuch 1894, S. 380. ') Man vergleiche: Zöllner F. R., Das deutsche Volk und ferne Professoren. Eine Sammlung von Citaten ohne Commentar. Lpz. 80. Indirekt kommt für den Pädagogen die thomist- ische Philosophie, zunächst die Ethik und Psychologie, in Frage. In seiner Tngendlchre und vornehmlich in seiner Theorie der Affekte hat der heilige Lehrer gezeigt, daß er nicht bloß der scharfsinnige Metaphysiker, der Mann des abstrakten Denkens ist, nein, er hat eine Fülle con- kreter praktischer Einzelbeobachtungen in feinsinnigster Weise in diese herrlichen Traktate eingeflochten. Wer das viclbewegte Meer menschlichen Gemüthslebcns studiren will und wer dieses Gemüth in rechter Weise bilden will, der studire die herrlichen Exkurse des Aquinaten über Liebe, Haß, Freude, Schmerz, Zorn u. s. w. Er wird hier die Quellen, die Aeußerungen, die Ausartungen, die Gegenmittel dieser Gemüthsbewegungen klar wiedergegeben finden. Es ist dies eine der schönsten und originellsten Partien in den Werken des Aquinaten. Psychologisch und pädagogisch nicht uninteressant sind die Auslassungen über die Freundschaft im Commentar zur Ethik des Stagiriten (üb. 8 u. 9). Die ganze thomistische Pädagogik ist getragen und gehoben dnrch die dem hl. Lehrer so geläufige Auffassung des Menschen als Gotteskindes. Eine systematische Darstellung der thomistischen Erziehnngs- grnndsätze mit Bezugnahme auf des Aquinaten Gnaden- lehre und übernatürliche Tugendlehre wäre ein Lehrmittel und Heilmittel für die moderne Pädagogik, welche, durch das Irrlicht moderner Philosopheme getäuscht, so vielfach nicht mehr die Wege des Christenthums einschlägt. (Schluß folgt.) Theosophie nnd katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. Der Congrcß deutscher Theosophen und die Gründung der „International. TheosophischenBrüderschaft" hat neuerdings die Aufmerksamkeit auf die Frage nach dem Wesen der modernen Theosophie gelenkt, die seit einer Reihe von Jahren so vielfach umstritten wurde. Es gewinnt deßhalb ein vor kurzem erschienenes Werk von C. G. Harrison, betitelt „Das transcendentale Weltenall", in welchem nicht nur der Werth des theo- sophischen Systems, sondern auch die Person der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft und ihre „Mahatmas", sowie das Verhältniß der neuen „Offenbarung" zum katholischen Glauben beleuchtet werden sollen, an Interesse. Dasselbe, von Carl Graf zu Leiningen-Billighcim übersetzt, Z besteht aus sechs Vortrügen über „Geheimwissen, Theosophie und den katholischen Glauben", die der Verfasser vor der „Bereun Society" gehalten hat. Letztere ist ein „Verein von Forschern in theoretischem Okkultismus, der seinen Namen von Apostelgeschichte XVII, 10 und 11 ableitete, welcher angemessen erachtet wurde, nicht so sehr die Wesenheit, als die Richtung ihrer Forschungen zu bezeichnen". Der Verfasser bestimmt in der Vorrede den Zweck der Vortrüge noch genauer, indem er sagt, er habe Materialien zur Unterscheidung der wahren Gnosis von den Einreden der fälschlich sogenannten Wissenschaft -/vchoecu;) an die Hand geben wollen und habe sie mit besonderer Bezugnahme auf die Schwierigkeiten veranstaltet, welche Viele darin finden, die von der Theosophischen Gesellschaft aus Licht gebrachten „Wahrheiten" mit der christlichen Grundlchre 0 „Das transcendentale Weltenall". Sechs Vortrüge über Geheimwiffen. Theosophie und den katholischen Glauben, von C. ,G. Harrison. Uebersetzt von Carl Graf zn Leiningen-Billigheim. München, Th. Ackermann, 1897. Erlös einem wohlthätigen Zwecke gewidmet. Preis 5 M. 438 in Einklang zu bringen, und die theils aus einem „unvollkommenen Auffassen der okkulten Thatsachen, theils aus ungenügender Kenntniß der philosophischen Literatur der Kirche entstehen". Wir glauben nun allerdings nicht, daß es ihm gelungen ist, diese Schwierigkeiten zu lösen, zumal einige Aeußerungen über Origencs und Dionysius den Areo- pagiten wohl kaum als genügende und anzuerkennende Bereicherung letzterer Kenntniß betrachtet werden können. Immerhin waren aber seine Beiträge zur Unterscheidung wahrer und falscher Gnosis in anderem Sinne für uns von Interesse, insofern manche „Enthüllungen" über die Geschichte der neueren Theosophie und nebenbei manche kritische Bemerkungen über dieselbe in seinem Werke zu finden sind, welche zur Aufklärung beitragen können. „Die theosophische Bewcgnng oder das Wiederaufleben der Gnostik (!) ist nach Harrisons Ansicht eine sehr merkwürdige und verdient, ernst genommen zu werden. Man kann sie nicht mit einigen wohlfeilen Spöttereien über ,koot-IIooinU oder ,Bringungen von Theetassen' abthun." Letztere Worte beziehen sich auf eine Erzählung des Mr. Sinnet in „Ifis Oaoalk liVorlä« (London, 1884, TrübnerLOo,, 4. Anst. S. 47), derzufolge Mine. Blavatsky gelegentlich eines im Walde abgehaltenen Picknicks den angeblichen „Apport" einer vergessenen Theetasse durch okkulte Kräfte veranlaßte. Schade nur, daß sie nicht mehr Damen in ihren Künsten unterrichtete; fie hätte gewiß dankbare Schülerinnen gefunden. „Die Anzahl ihrer Anhänger kann," Wie Harrison ferner ausführt, „nicht zur Genüge aus Gründen menschlicher Leichtgläubigkeit erklärt werden." „Die Leute mögen in der Mehrzahl Narren sein oder nicht, aber die Reihen der Theosophen werden nicht aus der Mehrheit oder dem nicht denkenden Theil der Gesellschaft rekrntirt. Die große Kraft der Theosophie liegt darin, daß sie ein zusammenhängendes System ist. Sie ist eine Kosmogonie, eine Philosophie und eine Religion. Sie beansprucht, den Schlüssel zu bisher unlösbar gehaltenen Problemen des Lebens und des Geistes zu besitzen, den religiösen Instinkt im Menschen zu erklären und nach dem Entwicklungsgesetze die verschiedenen Formen zu deuten, in welchen derselbe bei verschiedenen Menschenrassen und zu verschiedenen Zeitabschnitten der Weltgeschichte Ausdruck findet." Harrison bespricht nun die wachsende Abneigung gegen den Materialismus und das allmähliche Freiwerden aus den Fesseln wissenschaftlicher Traditionen. Ueberdies aber weist er auf die angeblich wachsende Tendenz nach kirchlicher Freiheit hin und sagt etwas vorn Widerwillen gegen die „nichtswürdige Gesetzlichkeit der lateinischen Theologie"; indem er zugleich seine Hoffnungen hinsichtlich des Wiederauflebens des origenistischen Gedankens ausspricht, der seit Kaiser Justinian verdammt wurde, während der „christliche Gedanke in die eisernen Bande der Lehre des hl. Augnstin geschlagen wurde".(!) Der anglikanisch - katholisch - gnostisch - origenistisch - okkultistische Autor findet ferner, daß Frau Blavatzky bemüht war, der katholischen Kirche eine Rivalin in der Theosophischen Gesellschaft zn geben, und behauptet nun vorerst, daß Frau Blavatsky, wie man zu glauben Ursache habe, die wahren Quellen ihrer Eingebungen größtentheils selbst nicht kannte und ein Werkzeug in den Händen nicht gewissenhafter Personen war, welche ihre merkwürdigen Gaben zu selbstischen Zwecken ausbeuteten. Wenn mehr über die Art des Kampfes bekannt werden sollte, der um ihre unglückselige Persönlichkeit Henna wüthete, würde sie so betrachtet werden, als sei an ihr mehr gesündigt worden, als sie selbst sündigte. Trotz ihres vielumfassenden („der Himmel weiß woher, doch beinahe sicherlich nicht aus Thibet erlangten") Wissens habe sie übrigens manchmal eine außerordentliche Unwissenheit an den Tag gelegt, welche ohne die Unterstellung absichtlicher Täuschung der Uneingeweihten schwer erklärlich sei. Auch ihre Geheimlehre sei äußerst mangelhaft, sowohl in Bezug auf ihre Anthropogenesis wie aus ihre Kosmogenesis, namentlich auf letztere, und dabei von ihrer Persönlichkeit in einem Grade tendenziös gefärbt, daß deren wissenschaftlicher Werth ernstlich in Frage stehe. Füge man noch hinzu ihr leidenschaftliches Schelten, die Verdrehung von Thatsachen, wenn diese nicht in ihre Theorien hineinpassen, und ihren parteilichen Eifer zu Gunsten aller und jeder nichtchristlichen Religionssysteme, — mit einziger Ausnahme des Judenthums —, so verbinde sich Alles, um sie zn einem sehr unsicheren Führer zu höherem Wissen zu machen. Diesen recht bedenklichen Behauptungen über die moderne Theosophiu reiht Harrison nach längeren Erörterungen über Offenbarung im Allgemeinen und das Verhältniß von christlicher und „heidnischer Offenbarung" noch eine Anzahl von Schlüssen an, zu denen er nach genauerer Prüfung des Systems der Mme. Blavatsky gelangt ist. Wir glauben, daß ähnliche Schlußfolgerungen auch von andern bereits gezogen worden sind. Er findet, daß die neue Theosophie, „so hochinteressant und bedeutend sie auch voin wissenschaftlichen Standpunkte aus sein mag", ethischen Zwecken nicht angepaßt ist. Als Kosmogonie ist sie aber für ihn, „trotz ihrer Fehler, ein werthvoller Beitrag zur Geheimwissen- schaft". „Jeder europäische Okkultist muß anerkennen, daß sie der Forschung weite Strecken bis' jetzt unbekannten Gebietes eröffnet hat." Als Philosophie läßt sie seiner Ansicht zufolge viel zu wünschen übrig, da sie keinen Versuch macht, das Problem des freien Willens zu lösen, welcher die eigentliche Wesenheit der Persönlichkeit ist. Sie sei zu fatalistisch. Ferner fehle ihr, als Religion betrachtet, die Antriebskraft, da sie kein Material zur Begründung des Altruismus liefere, auf welchen die Theosophie so strenge dringe. „Ein Glauben an Karnia und Reinkarnation kann im besten Fall nur einen selbstsüchtigen Beweggrund, Gutes zu thun, abgeben und im schlimmsten Fall jedes individuelle Bestreben lähmen. Der Altruismus kann niemals etwas Anderes als ein starres Dogma sein, wenn er nur eine Nützlichkeitsgrnndlage hat. Mit anderen Worten, der Glaube an die Verbrüderung der Menschen ist vom Glauben an dse Vaterschaft Gottes untrennbar, welch letztere von den Theosophen, als mit der Un- persönlichkeit unvereinbar, geläugnet wird, die, wie sie sagen, für den Begriff eines göttlichen Wesens wesentlich ist. Doch dies Läugnen ist für den Anspruch der heutigen Theosophie, die „Alte Weisheits-Religion" vorzustellen, verhäugnißvoll; denn keine jemals bestehende Religion lehrte den Unsinn eines unpersönlichen Gottes. Selbst der Positivismus, jenes Frankenstein'sche Ungeheuer einer materialistischen Philosophie, bekennt den Glauben an eine schattenhafte Persönlichkeit, die der mittleren Kraft der Totalsumme menschlicher Thätigkeit ankleben soll und mit dem Namen der Menschheit geschmückt wird. Natürlich ist die Anbetung (wenn sie ächt) Götzendienst, da der katholische (allgemeine) Glaube der ist, daß wir einen 439 Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anbeten und die Anbetung irgend eines anderen Gottes Götzendienst ist, es sei nun das Ideal „Die Menschheit" (Anbetung des Geschöpfes) oder ein meta- M)s,scher Begriff des Unbegrenzten, als das Unendliche maSkirt, oder ein scheußlich geschnitzter Holzblock — Religion ist das Band, welches den Menschen mit Gott verbindet. Sie kann viele Formen annehmen, jedoch nur eine, die allen Menschen und allen Zeiten angepaßt ist. Die Lehre: „Das Wort ist Fleisch geworden", vermag allein gleichzeitig den religiösen Instinkt des Menschen zu befriedigen, ohne unseren Gottesbegriff zu verkümmern und herabzuziehen. Das Christenthum ist vor allem eine umfassende Religion. Es verkündet Einen Herrn, Einen Glauben, Eine Taufe. Sein Einer Gott ist der Führer des Menschengeschlechtes, sein Einer Glaube ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen, seine Eine Taufe ist die Bürgschaft für die Solidarität der Menschheit, jener organischen Einheit, welche, wenn sie erkannt wird, alle entgegengesetzten Meinungen über Religion in Harmonie auflösen würde, die ihre Lebenskraft aus sich bekämpfenden Interessen ableiten, indem sie eine direkte Verbindung mit dem Geiste der Wahrheit herstellt, aus dem alle Formen intellektueller Thätigkeit hervorgehen." Was werden die Blavatskosophen zu solchen Worten ihres neuesten Widersachers sagen, der Okkultismus und „Geheimlehre" ebenso wie die von gewissen Theosophen verachteten Martinisten und Rosenkreuzer (älterer Richtung) auf die Basis des persönlichen Gottesbegriffes und einzelner christlicher Grundbegriffe aufgebaut wissen will? Nur schade, daß der Autor, der an anderer Stelle noch von dem Universum als einer großen Symphonie spricht, deren Thema die Liebe Gottes und deren Schlüssel sei: Lt iucaruatiis sst äs Lxiritu La-noto, der den „einst den Heiligen überlieferten Glauben" hochhält, auf einem Felsen, einer ewigen Wahrheit, gegründet, die den Schlüssel zu jedem Probleme im Universum biete, daß dieser sonderbare Apologet selbst im Verlaufe seiner Erörterungen seine christlichen Ideen nicht genauer präcisirt. Allgemeine religionsphilosophische Klarlegungen in seinem Werke hätten wahrlich viel kürzer gegeben werden können, anderseits hätten auch Ausfälle gegen die römische Kirche, deren Wesen er nicht genauer zu kennen scheint, im Vergleiche mit der anglikanischen, weggelassen werden können. Wir können die Gründe seiner Hochschätzung der „englischen Kirche", von der er sich so eingreifende Reformen christlicher Auffassung in der Zukunft verspricht, nicht finden, allerdings finden wir einzelne seiner antirömischen Ausfälle begreiflich, wenn er uns (x. 45) sagt, daß das Mannesalter des neuen Europa sich vom 16. Jahrhundert herleite. Doch kehren wir, ehe wir diesen Standpunkt weiter beleuchten, zu seinen Aufklärungen über die Theosophische Gesellschaft zurück. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Schluß.) Der Krimkrieg, von den russischen Chauvinisten heiß ersehnt, da man eine Niederlage der russischen Waffen und eine Selbsteinkehr des russischen Geistes oder Reformen von ihm erwartete, stärkte nur die nihilistische Partei, welche an der deutschen Philosophie, besonders Hegel, Schalter und Rosenkranz, sich großgezogen hatte, wie sie ja auch das altdeutsche Kostüm der deutschen Burschenschafter adoptirte. Alexander Herzen gab in London den nihilistischen „Kolokol" heraus, der die Petersburger Palastgeheimnisse besser kannte, als oft der Zar selbst, und die Geheimpolizisten, die gegen ihn nach London gesandt werden sollten, schon Wochen voraus avisirte. Herzen's Diktatur über das Publikum vernichtete, um sich selbst an die Stelle zu setzen, der Hohepriester der Panslavisten Katkow, derselbe, der als Student für Hoffmann und Heine geschwärmt, ä Is, Napoleon und Lord Byron posirt und unaufhörlich, selbst auf der Straße, mit zum Himmel erhobenen Augen Freiligrath's Gedichte deklamirt hatte. Während eines Festmahls war er, von Schwermut!) befallen, auf die Straße gestürzt und hatte dort einen Zusammcnlauf verursacht. Auch war er eine Zeit lang Anglomane, die Zielscheibe deS Spottes seiner Kameraden. Aber nachdem er der Reihe nach für alle Culturnationen geschwärmt hatte, begann er sie zu schmähen und sich auf die russische Nationalität zu capriciren. Sein Todfeind war der bedeutendste russische Kritiker Belinski, dem schrift- stellernde Generäle den Hof machten, der aber in Gesellschaft vor Schüchternheit kein Wort zu reden wußte. Auch der Schriftsteller Gribojodow fällt über die russische Literatur folgendes Urtheil: „Ich kann vor französischer Lektüre nicht einschlafen, während ich mich über russischen Büchern krank geschlafen habe." Eine bittere Enttäuschung brachte auch der Moskauer Slavencongreß 1867. Wie beim babylonischen Thnrmbau verstanden die einzelnen Deputationen einander nicht, und die Czechen, Nnthencn, Bulgaren, Wenden mußten deutsch sprechen, um sich zu verständigen! Während damals eine Hungersnoth in Rußland herrschte, sammelte man enorme Summen für das Theater in Prag und für das russische Theater in Lemberg. Die russische Regierung indeß war ganz im Schlepptau dieses Moskauer Redacteurs, und die Zeiten, wo der spätere Kanzleidirector v. Westmann ihn mit einem Hahne verglichen hatte, der auf dem Misthaufen kräht, waren vorbei. 1883 wurde das letzte russische Blatt freierer Richtung unterdrückt. Jetzt dominirte der unglaublich seichte „Grashdanin" des Fürsten Mesch- tscherski, der sich auch durch Franzosenhaß hervorthat. Die Aera Pobedonoszew, des Absolutisten strengster Ob- servanz, hatte begonnen, der slavisches Pathos mit tar- tarisch-brutalem, eisig despotischem Geiste verbindet, ein- herrasend in hochgradigem Panslavistenwahnsinn, übrigens, wie Katkow, ein durchaus unredlicher, vor Geschichts- fälschungen nicht zurückschreckender Mann, dessen Ideal die Wiedereinführung der Leibeigenschaft bildet.'^) Nach ihm hat Rußland die Mission, Europa gegen Asien zu bewachen, wie es schon 1300 die Mongolengefahr abgewendet habe. Schade nur, daß dies falsch ist, daß gerade Rußland den Mongolen unterlag, sie aufnahm, ihren Geist in sich aufsog und damit die mongolische Gefahr noch näher an Europa rückte. Von einer ganz anderen Mission weiß der Dichter Tschaadajcw, der heimlich zum Katholicismus übertrat, zu berichten: „Wir sind nur dazu da," ruft er aus, „daß die Welt ein abschreckendes Beispiel an uns nehme." In der That ist jedem, der Lanin's Schilderungen aus Rußland liest, jeder Z -eifel geschwunden, daß Rußland keine höhere Mission erfüllen kann, wenn es auf diesem Wege weitcrschreitet. ") Siehe sein Lehrbuch des Civilrechts. IH. Auflage 1883, Theil I. Seite 44. 440 Wäre es uns um Sensation zu thun, so würden wir z. V. aufführen, wer in Rußland zu Universitätspedellen gestellt wird, wie die Justiz dort umgangen wird, wer die Geißel der Hungersnoth verursacht, die wie ein moderner Minotaurns sieben- bis achtmal in jedem Jahrhundert Rußland heimsucht. Es ist dies nicht die gewöhnliche europäische Hungersnoth, die auch Entsetzens genug bietet, sondern jene ist nur in Rußland möglich, bei der die Mäuse Hungers sterben und die Ratten auf Krücken gehen müssen. — Geschickte Vertreter panslavist- ischer Interessen im Auslande waren: der Gesandtschaftspriester Najewski in Wien, General-Obrutschcw in Paris, zugenannt der „schöne General", der sich am meisten auf seine elegante Figur einbildete, die „ksvisv ok Iloviorvg" in London, die ihre Spalten für politische russische Agenten und Spione offen hält, dann die berüchtigte Hinterthür- diplomatie des Trios: Madame Adam, Nowikow und des „freien Kosaken" Aschinow. Nowikow blieb es vorbehalten, die russischen Gefängnisse Erziehungsanstalten zu nennen; mit demselben Rechte könnte man Sibirien mit seinen giftigen Morasten und für die Sonne undurchdringlichen Eisflächen, diese Botany-Bah des Zarenreichs, dieses Nendcz-vons alles Elends und aller Verbrecher, einen gesunden Kurort nennen. Während heute Rußland mit der Türkei in dem Tone süßlicher Friedseligkeit spricht, zeigte es sich in seiner wahren Gestalt gegenüber Bulgarien, wo das offizielle Rußland sich nicht entblödete, nihilistische Politik zu treiben, und zwar an einem Volke, das eben erst vorn türkischen Joche befreit war und gegenüber den russischen Insulten eine unerhörte Mäßigung, Selbstbeherrschung und Sinn für Gesetzlichkeit an den Tag legte. Der Fürst von Bulgarien, der nicht der gekrönte Sklave Rußlands sein wollte, gegen den man aber auch nicht die Blut- und Eisenkur anwenden wollte, wurde der Gegenstand zahlloser, von den russischen Regierungsagenten veranlaßter Complotte und Attentate; man hetzte seine Offiziere gegen ihn auf, brachte seinen Salonzug zum Entgleisen, suchte entlassene Sträflinge zu Meineiden zu veranlassen. Wenn Frankreich, wie es den Anschein hat, immer mehr davon abkommt, im Bunde mit Rußland die Voll- streckerin panslavistischer Ideen zu werden, wenn es überhaupt noch ein Europa im politischen Sinne gibt, wenn mit dem Worte überhaupt noch ein sittlicher Begriff verbunden werden kann, dann werden auch die panslavistischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, und Rußland, der Bär, wird nicht, wie Heine fürchtete, an dem verstümmelten Deutschland und Frankreich seine Freßgier stillen. Recensionen und Notizen. Hake P., Katholische Apologetik. II. Aufl., bcarb. von I. F. Hückelheim. 8°. VIII -j- 232 SS. Frei- burg i. Br., Herder 1897. M. 2 40. § An Lehrbüchern der Apologetik (Hettinger, Gut- berlet, Schell, Schanz u. s. w.1 haben wir keinen Mangel, gerade in jüngster Zeit ist auf diesem Gebiete viel Literatur erschienen. Gegenwärtiges Buch will mit den bewährten Werken durchaus nicht in Concurrenz treten. Scii: Zweck ist vielmehr, unter Benützung der bekannten Meisterwerke, eine knappe und klare Darstellung des Stoffes zu bieten, wie er von reiferen Gymnasialschülern bewältigt werden kann. Und diese Absicht ist in dem trefflichen Werke m ganz mustergiltiger Weise erreicht worden. Scharf und deutlich sind die Erklärungen, vorzüglich sind die Einteilungen, welche sich schon durch die Anordnung des Druckes dem Auge leicht erkenntlich zeigen. Dem Stu- direnden, der ein verständiges Erfassen des Glaubensinhaltes erstrebt, könnte für den ersten Gang in die wissenschaftliche Vertheidigung der katholischen Lehre kein praktischeres, besseres Buch in die Hand gegeben werden. Das Studium größerer Werke wird dann mit um so größerem Nutzen möglich sein. * Das prächtig ausgestattete erste Heft des neuen Jahrganges des D eutschen Hausschatzes beginnt mit zwei Romanen, die, nach den bis jetzt gegebenen Nummern zu schließen, als Perlen der Erzählungskunst bezeichnet werden dürfen. B. Corony's Roman: Im Banne der Kunst, nimmt einen vielversprechenden Anfang, wir ahnen jetzt schon den traurigen Konflikt, der das Leben der jungen, vornehmen Künstlerkreisen entstammenden Frau verbittern wird. Noch spannender scheint sich der Roman eines Egoisten von Champol, einem der bedeutendsten katholischen Romanschriftsteller Frankreichs, gestalten zu wollen. Die ersten Kapitel fesseln ungemem. M. Herbert gibt in der Novellette: Das Sterbekleid der Madame Roland, eine wahrhaft erschütternde Episode aus dem Leben des unglücklichen Sohnes Ludwigs XVI. An belehrenden Artikeln, die zugleich dem Zweck der Unterhaltung dienen, ist das Heft besonders reich. Dr. F. I. Holly gibt in Poetische Friedhofsblumen eine sehr anziehende Blüthenlese aus Gedichten, die sich auf Allerseelen beziehen. Der allbeliebte Reiseerzähler Karl May ist in diesem Hefte noch nicht vertreten, doch theilt die Redaction mit, daß er die Fortsetzung des interessanten Romans Im Reiche des silbernen Löwen auf das bestimmteste in Aussicht gestellt habe.. Die Hälfte des Romans ist bereits in Händen der Redaction. Der Bilderschmuck dieses Heftes ist überaus reich und gediegen. * Mittheilungen der Leo-Gesellschaft. Herausgegeben vom Direktorium- Nr. 7 dieser Mittheilungen gibt einen Bericht über die vortrefflich verlaufene 6. Generalversammlung der Gesellschaft in Klagenfurt (26. bis 29. Juli), sowie verschiedene andere Mittheilungen über die Sitzungen des Direktoriums über den Stand der Publikationen der Leo-Gesellschaft und einen Prospekt über ein katholisches Prachtwerk ersten Ranges, dessen Edition die Gesellschaft veranstaltet unter dem Titel „Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild". Der erste Band befaßt sich mit der Centralregierung der Gesammtkirche, und bildet ein für sich abgeschlossenes Werk. Es soll den Lebenslauf des jetzt regierenden Papstes, eine Darstellung der Organisation und Thätigkeit der höchsten und hohen Prälatur unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung, eine Schilderung der vatikanischen Institute, sowie die Kongregationen und Centralcommissionen u. s. w. und ihres Wrrkens geben. Der Plan des Unternehmens hat den Beifall Sr. Heiligkeit des Papstes und mehrerer katholischer Fürstenhöfe gefunden. Der I. Band umfaßt circa 720 Textseiten mit 60 Tafelbildern und circa 1100 sonstigen Abbildungen und wird in 30 Lieferungen ä 1 M. ausgegeben. Subscriptionen können bei der Leo-Gesell- chaft in Wien angemeldet werden. Höhler, vr.. Fortschrittlicher „Katholizismus" oder KatholrscherFortschritt? Mrtbischösl. Approbation. 3. Aufl. 89 S. gr. 8". Preis 1 M. Trier. Paulinus-Druckerei. Bereits in dritter Auflage sind diese Beiträge zur Würdigung der bekannten Broschüre des Pros. Dr. Schell in Würzburg: „Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts" erschienen. Diese Schrift erörtert in außerordentlich klarer und überzeugender Weise die Anschauungen, welche mehrfach in der vielbesprochenen Broschüre des Würzburger Professors sich finden. Die maßvollen und vielfach klassischen Ausführungen des immer sachlichen Kritikers über die Seminarbildung des Klerus, kirchliche Autorität und Gedankenfreiheit, Wissenschaft und Glaube rc. sind sehr beachtenswerth. Auch die Zusätze der neuesten 6. Auflage der Schell'schen Schrift sind m einem Nachtrag berücksichtigt. Allen denjenigen, welche sich rasch über die Streitfragen orientiren wollen, wird diese Schrift willkommen sein. Verantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. öil-, 64. MNg. e rw iM „Die Katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener — in Wort nnd Bild." * Wir haben bereits wiederholt die Aufmerksamkeit Unserer Leser auf dieses bedeutsame Werk gelenkt, welches von der österreichischen Leogesellschaft herausgegeben wird und dessen Verlag der Allgemeinen Verlagsgesellschaft in Berlin übertragen wurde. Heute, da das 1. Heft des Prachtwerkes uns vorliegt, müssen wir darauf zurückkommen und zunächst noch einige Daten allgemeineren Inhalts nachtragen. Die Redaction des ersten Bandes („Nom — das Oberhaupt, die Einrichtung nnd die Verwaltung der Ge- sammtkirche") liegt in den Händen des aus nachbenanuten Herren zusammengesetzten Redactionscomiüs: Msgr. Paul Maria Baum garten, k. Salvatore Brandt 8. ll., Msgr. James A. Campbell, Msgr. Charles Daniel, k.PiedeLangogneO. Lliu. 6app., Dr. John Prior, Dechant R u s ch e k A n t a l, Msgr. Franz M. Schindler, Msgr. Charles de T'Serclaes, Msgr. Anton de Waal. Den Redactions-Ausschuß bilden die Herren k. M. Baumgartcn, Ch. Daniel und A. de Waal. Für das Werk ist das beste und feinste Papier, der schönste, tadelloseste Antiqua-Druck, die vollendetste Original-Illustration gewählt worden. Die Firma W. Büxenstein-Berlin, welche den Druck besorgt, ist eine der leistungsfähigsten auf dem Gebiete des Kunstdruckes und der Illustration. Für den Bilderschmuck arbeitet .schon seit vielen Monaten rastlos ein hervorragender Maler, Ph. Schumacher in Nom, und ein eigener Photograph, G. Felici, ist im Dienste dieses Werkes beschäftigt. Mit der Lieferung des letzten Heftes des ersten Bandes erhält zudem jeder Abonnent als Gratisbeilage ein vom Hl. Vater selbst als zu seiner „Allerhöchsten Zufriedenheit ausgefallen" bezeichnetes, für dies Werk eigens vom Hofmaler des Papstes, Car. Ugolini, entworfenes und in Farben ausgeführtes großes Porträt Leo's XIII. Dem für die deutsche Ausgabe verantwortlichen Mit- gliede des Redactions-Ausschusses, Msgr. Paul Maria Baumgarten, ist von Sr. Eminenz dem Cardinal Jacobini das nachstehende gnädige Schreiben zugegangen: Nom, den 13. August 1897. Sehr verehrter Mousignore! Sie haben mir den umfangreichen Plan des Werkes „Die katholische Kirche" auseinandergesetzt, das von der Leo- Gesellschaft zur Förderung der katholischen Wissenschaft in Oesterreich herausgegeben wird. Der erste Band, dessen Titel lautet: „Rom. Das Oberhaupt, die Einrichtung und die Verwaltung der Gesammtkirche", ist soweit gefördert, daß man mit dem Drucke begonnen hat. Ich habe das Verzeichniß der Gelehrten durchgesehen, die mit ihrer gereiften Wissenschaft Beiträge für das großartige Unternehmen liefern, und ich bin mit der Wahl dieser Männer zufrieden. Auch habe ich die zahlreichen Illustrationen, die Sie vorbereitet haben, gesehen, Illustrationen, unter denen das große Portrait Sr. Heiligkeit hervorragt, und ich kann nicht umhin. Ihnen meine Bewunderung aus- zusprechen sowohl wegen der Auswahl der Objekte wie wegen der technischen Ausführung der Clichös. Ich wünsche, daß das so zeitgemäße Werk, das mit so großem Ernste vorbereitet ist, von unseren braven Katholiken günstig aufgenommen werde, daß es aber auch das Interesse derjenigen erwecke, die zwar unseren Glauben nicht theilen, aber doch ein offenes Auge haben für die größte Institution dieser Welt: die katholische Kirche. Mit größter Freude segne ich das Unternehmen nnd ermnthige Sie; auch wünsche ich, daß Sie einen vollen Erfolg haben mögen. Ich habe die Ehre. mein sehr verehrter Mon- signore, mich zu nennen Ihren ergebensten Diener D. Card. Jacobini. Der erste Band befaßt sich, wie schon erwähnt, mkl Rom und der Centralregierung und der Verwaltung der Gesammtkirche. Einem bereits im ersten Hefte vorliegenden theologisch und stilistisch meisterhaft ausgeführten einleitenden Aufsätze über den „Papst nnd die Kirche" vom berühmten Redacteur der „Civilta cattolica", k. Brandt 8. ^., folgt sofort die von Monsignor de T'Serclaes nach neuen Quellen- und Archivstudien ausgeführte Biographie Leo's XIII., die auch eine Fülle neuer intimer Details aus des Papstes Leben enthält. Diese Biographie ist im vorliegenden ersten Hefte noch nicht abgeschlossen. Aber nach dem Beginn darf man auf eine höchst interessante Skizze wirklich gespannt sein. Es folgt sodann der Abschnitt über die katholische Hierarchie, die Cardinäle, Patriarchen, Erz- bischöfe, Bischöfe, Aebte und Prälaten mit bischöflichen Jnsignien, Orden nnd religiösen Genossenschaften. Der folgende Theil behandelt die sogenannte päpstliche Familie, d. h. die Hailsangehörigen des Vaticans: die Palastcardinäle, Palastprälaten, geistlichen wirklichen geheimen Kammerhcrrcn des Vaticans, Hansprälaten, Kammerherren aus dein Laicnstande, Corpsstab und Stabsoffiziere der Nobelgarde u. s. w. Ein weiterer Abschnitt handelt von der sogenannten „päpstlichen Capelle", d. h. von den verschiedenen Amts- und Würdenträgern in der Verwaltung der Kirche. Es folgen die weiteren Abschnitte über die Palastverwaltungen, über die hl. Con- grcgationen der Cardinäle, über die Cardinalscommissionen und verwandten Einrichtungen, über die Palastsecretariate, über die diplomatische Vertretung des hl. Stuhles bei den Mächten, über das beim hl. Stuhl beglaubigte diplomatische Corps, über das römische Vicariat (Pfarrver- waltung Ronis) und über die römischen päpstlichen Universitäten nnd Institute. Welch reicher, hochinteressanter, für Viele mehr oder weniger noch unbekannter Stoff, namentlich, wenn derselbe durch eine so reiche Illustration geschmückt ist! Das erste uns vorliegende Heft des ersten Bandes eröffnet somit das Werk in verheißungsvollster Weise. Um den Lesern einen Begriff zu geben von dem, was die Illustration des Werkes verspricht, so wollen wir zum Schlüsse noch dem Bilderschmuck dieses ersten Heftes einige Worte widmen. Demselben ist zunächst der künstlerische Prospect des Werkes vorgedruckt mit dem Tafelbilde des Kardinals Staatssekretärs Ram- polla, mit dem Leistenbilde Sanct Peter und der Petersplatz, mit der Titclkirche Rampolla's 8antA Oacilia, des Klosterhofes der Kirche 8. knolo kuvri Is uaura, mit einem Madonnenbilde aus der Basilika 8. Llaria, Llag- Fioro von Mino, mit der Ansicht des Vaticans mit der sixtinischen Capelle. Es folgt das Porträt des Major- domus des Papstes della Volpe, des Maestro di Camera Sr. Heiligkeit de Azevedo nnd des Sacristans (Beichtvaters) des Papstes ?. P!ffcri aus dem Angnstincrorden, endlich Ansichten vom Innern der Kirche von Sän Lo- renzo in Lncina mit dem Crucifix von Guido Neni am Hochaltar, nnd des Cortille della Pigna mit der Denkfaule des vatikanischen Concils. Das erste Heft zeigt uns zunächst die Abbildung eines kreisrunden Elfenbein- 442 bechers (Pyxis) aus dem 4. Jahrhundert aus dem Berliner kgl. Museum, von der Mosel stammend, in Elfenbeinschnitzerei darstellend: Jesus auf dem Throne im Kreise der zwölf Apostel, Petrus allein auf einen» Stuhle zu Füßen Jesu sitzend, mit Abrahams Opfer als Schlußstück. Ein ganzseitiges Tafelbild führt uns einen herrlichen idealen Christuskopf vom Gemälde der Verklärung von Raphael aus der vatikanischen Pinakothek vor Augen. Demselben folgt ein Christnsmonogramin aus dem 4. Jahrhundert. Ein weiteres Bild ist eine Copie des Gemäldes „Die Trennung der Apostel nach dem Concil von Jerusalem" vom Dichter und Maler Gleyre in der Kirche von MontargiS in Südfrankreich. Dem schließt sich das ausgezeichnete ganzseitige Porträt des Cardinals Ledo- chowski, des Präsecten der Propaganda, an. Es folgen zur Illustration der Biographie Leo'S XIII. Ansichten von Carpineto, dem Geburtsorte Leo's XIII., von Viterbo, wo er seine ersten Studien verlebt, und vom OaUogium Rvmrrnum und der Xocaäemin äei nodili Loclesiastioi, wo er seine Studien vollendet hat. Wir finden da das Geburtszimmer des Papstes, ein Gemälde, seine Taufe vorstellend, die Ansicht des Palastes der Pecci in Carpineto, die Porträts des Großvaters, des Vaters, der Großmutter und der Mutter Pecci's, von welch' Letzterer wir erfahren, daß sie ein Nachkomme des berühmte» italienischen Volkstribnns Cola di Ricnzi ist. Dazu macht Mous. de T'Serclaes die Bemerkung: „Der Papst der socialen Frage stammt aus einem früher revolutionären Blute, das durch den Lauf der Jahrhunderte sich beruhigte, obschon es heute noch belebt ist durch einen Hauch volksthnmlicher Kühnheit." Wir finden weiter das Porträt seines von sechs Geschwistern einzig verheirateten Bruders Johannes Pecci (ch1882), endlich eine herrliche Gcsammtanficht Carpineto's, das Facsimile eines Briefes des Papstes als neunjährigen Knaben an seine Mutter, einer von ihm eigenhändig als Jüngling eingegrabencu Inschrift zu Ehren Maria u. s. w. Aus diesen Andeutungen schon ergibt sich die Ahnung der Fülle des Interessanten und Denkwürdigen, welche dieses Prachtwerk enthalten wird. Es wird nicht nur ein Denkmal für die Kirche, sondern auch ein Denkmal für die katholische Wissenschaft und Kunst, sowie für die österreichische Leogesellschaft sein. Nun bleibt nnS nur noch der Wunsch und die Aufforderung an alle unsere Leser: „Nehmet und leset!" * » * Eine Probe der ausgezeichneten Illustrationen, welche das Werk schmücken, werden wir den Lesern in dem übernächsten illusirirten Unterhaltungsblatt vorführen. Ansprache des k. Lycealdirektors vr. Diendorfer, gehalten an die Herren Candidaten des kgl. Lyceums zu Passau, beim Beginn des Studienjahres 1897/98. Meine Herren! Es war am 3. November 1891. als ich mich in der glücklichen Lage befand, den damaligen H. H. Candidaten des hiesigen k. Lyceums die mit höchster Entschließung vom 1. Juni 1891 promulgirten neuen Satzungen für die Studirenden an den k. b. Lyceen bekannt zu geben und diese Bekanntgabe mit einigen erläuternden und ermunternden Bemerkungen zu begleiten. Gehobenen Gefühles betonte ich damals, daß durch diese Entschließung der bei der Errichtung der k. b. Lyceen durch die Alterh. Verordnung vom 30. Nov. 1833 proklamirte Grundsatz: „Die kgl. Lyceen sind Specialfchulen für das philosophische und das katholisch-theologische Studium, und stehen als solche auf gleicher Linie mit den betreffenden Fakultäten der Landes-Universitäten". daß. sage ich, dieser Grnndsatz, welcher durch die Ungunst der Zeitströmung etwas war verdunkelt worden, durch die erwähnte Entschließung „eine neue feierliche Bestätigung und praktische Verwirklichung erhalten habe. wodurch, wie ich beifügte, den Bestrebungen gewisser Kreise, die k. b. Lyceen des Ranges von Hochschulen zu entkleiden, . . hoffentlich auf lauge Zeit hinaus ein entschiedenes Halt geboten sei". Sechs Jahre find seitdem verflossen, und von Seiten der k. b. Staatsregierung wird, ich spreche das unumwunden und mit Dank als meine persönliche Ueberzeugung aus, diesen Special-Hochschulcn noch dasselbe Wohlwollen entgegengebracht, von welchem dieselbe bei der Erlassung der mehrerwähnten Entschließung vom 1. Juni 1891 ausging. Das zeigte sich, um von Anderem zu schweigen, nicht undeutlich im Laufe des heurigen Jahres, als durch höchste Entschließung vom 7. Mai Nr. 7134 eine Neu- rcgulirung bezw. eine Reducirung der Herbst- und der Weihnachtsferien verfügt wurde. Die im ersten Augenblick des Bekanntwerdens dieser Entschließung gehegte Befürchtung, es möchte dies wieder ein erster Schritt fein zur Herabdrücküng der k. Lyceen unter das Niveau der betreffenden Universitäts-Fakultäten, erwies sich sofort als grundlos, indem unter demselben 7. Mai -Mb Nr. 7133 an die Senate der drei bayerischen Landes-Universitäten eine analoge Verfügung hinsichtlich der Universitätsferien erging. Mit ungetrübter Berufssreude und gehobenen Gefühles können Sie daher, meine Herren Candidaten, auch Heuer wieder als vollberechtigte akademische Bürger in diesen allerdings gegenüber der vollen Umvcrsität sehr bescheidenen Räumen des kgl. Lyceums an ihre akademischen Studien herantreten. Diese Berufsfreude sollen Sie sich auch. meine Herren, nicht verkümmern lassen durch die Vorwürfe, welche in jüngster Zeit von einer Seite, von welcher man es am wenigsten hätte erwarten sollen, gegen die Lyceen und bischöflichen Lehrseminarien erhoben worden sind. Es kann nicht meine Aufgabe sein, an diesem Orte nnd in der kurzen mir gegönnten Spanne Zeit all die schiefen, theils übertriebenen, theils unwahren nnd deßhalb gänzlich unberechtigten Behauptungen, welche der derzeitige Rektor der ^Ima ckulla in Würzbura, deren akademischer Bürger gewesen zu sein auch ich mich rühme, gerade über diesen Punkt in seiner bekannten Broschüre ohne Beweise aufgestellt hat, zu ividerlcgen oder auch nur vorübergehend zu beleuchten. Angesichts der gediegenen Ausführungen unseres geehrten Herrn Collegen Dr. Haas in der Augsburger Postzeitung, sowie der mehr oder minder eingehenden Beleuchtungen dieses Punktes von Seite der Herren Dr. Braun, 1)r. Höbler, Dr. Hubbert. Dr. von Hertling ist dies auch nicht nothwendig. Es ist dies um so weniger nothwendig, als Herr Dr. Schell selbst in der neuesten Auflage seiner Schrift eine Art Rückzug anzutreten scheint, indem er Seite 96 „Zur Abwehr" Absatz 2 schreibt: „Der Werth der Seminarien und Lyceen.galt mir dabei (bei meiner Erörterung) als selbstverständlich — trotz aller Kritik." Leider ist die hier zum Ausdruck kommende Werth- schätzung rein platonischer Natur. Denn dieselben Vorwürfe, welche in der ersten und zweiten Auflage hinsichtlich der Lyceen und Seminarlehranstalten enthalten sind, kehren in der 6. Auflage unverkürzt und ohne Milderung,') aber auch ohne thatsächlichen Beweis wieder. Denn auf subjektive Airffassiuigen gestützte Verdächtigungen, Deklamationen und Exllamationen sind, meine Herren, noch keine Beweise. Angesichts dieser Sachlage können wir dem Würzburger Iteotor ma^niüLUs mit Recht zurufen: „tzuoä Arati« ssssrltur, Z-ratis nsZatur." In der That wird es dem gelehrten Herrn Rcctor und Professor schwer fallen, den Nachweis zu liefern, daß die an den bayerischen Lyceen (um mich auf diese zu beschränken, da ich diese allein näher kenne) gebildeten Theologen hinter den an den Universitäten gebildeten in wissenschaftlicher oder in religiös-sittlicher Beziehung oder in ihrer späteren Berufs-Wirksamkeit irgendwie zurückstehen. Die Synodal- wie die Pfarrconcurs-Prüfungeu beweisen vielmehr evident, daß Beide einander ebenbürtig, um nicht mehr zu sagen, gegenüberstehen, und die spätere Wirksanl- keit Beider wird schwerlich zum Nachtheil der katholischen ') Vergl. S. 18—21 der zweiten mit S. 23—33 der sechsten Auflage. 443 Priester, die an den Lyceen ihre Studien vollendet haben, voneinander unterschieden werden können. Angesichts dieses Thatbestandes kann man es den Vertretern der bayerischen Lyceen nicht verdenken, wenn sie den in der Schell'schen Schrift unverblümt enthaltenen (wenn auch nicht mit nackten Worten ausgesprochenen) Vorwurf, als würden dieselben an der von deren Verfasser behaupteten Jnfcriorität der Katholiken in Deutschland mit Schuld sein, als gänzlich unbegründet entschieden zurückweisen. Nicht Animosität gegen die Universitäten, deren geistige Söhne zu sein ja wir Professoren der k. Lyceen uns mit Stolz rühmen, und deren hohen Werth wir sämmtlich dankbarst anerkennen, nicht Animosität hat mir, meine Herren, diesen entschiedenen Protest eingegeben, sondern das tiefste Bedauern, daß von einer Seite, von welcher die Lyceen, wenn nicht Anerkennung und Förderung, so doch eine gerechte Beurtheilung erwarten zu dürfen glaubten, denselben Mißkennnng und Verdächtigung öffentlich ent- gegengeschlcudert wird, und zwar von einem Manne, dem als geborenen Nichtbaycr wir nicht die genügende Kenntniß und unbefangene Würdigung der bayerischen Verhältnisse zutrauen, um in der Werfe, wie geschehen, über bayerische Einrichtungen, die ein großer bayerischer König geschaffen hat, die sich seit mehr als 60 Jahren bewährt haben, und die das Vertrauen der kgl. bayer. Staatsregierung sowohl wie des bayer. Episkopates wenigstens zur Zeit besitzen, absprechen zu dürfen. Eine Lehre aber wollen wir. meine Herren, nach dem Grundsätze: „visoses st ab üosts" aus diesen Vorkommnissen für uns ziehen, die Lehre nämlich, mit allen uns von Gott hiezu verliehenen Kräften dahin zu streben, das Ideal eines katholischen Studirenden, insbesondere eines Studirenden der Theologie, zu verwirklichen. Dieses Ideal ist aber, Sie kennen es, meine Herren, kein anderes, als die harmonische Verbindung einer ernsten vernünftigen Frömmigkeit mit einem ebenso ernsten Streben nach gründlicher wissenschaftlicher Ausbildung. Es ist das, meine Herren, eine allbekannte Wahrheit, in der Theorie geläufig jedem vernünftigen Menschen, ge- läufiginsbesoudere jedem gewissenhaften gebildetenChristen, eine Wahrheit aber, die wegen der Schwachheit des einzelnen Menschen und wegen der Verderbtheit der ihn umgebenden Welt von Zeit zu Zeit immer wieder, besonders in unserem Jahrhundert, in ernste Erinnerung gebracht zu werden verdient. Denn zutreffend und wahr ist, wenigstens zu zwei Dritttheilen, die Charakteristik, welche der Dichter des Trompeters von Säkkingen von unserer Zeit entwirft mit den Worten: „Die Welt von heut' ist dienstbar falschen Götzen, Die Wahrheit schweigt, die Schönheit seufzt und klagt. Nur Unnatur und Lüge schafft Ergötzen; Gott ist vergessen, Mammons Standbild ragt! Wer da noch singt, der sollte den Propheten Nacheifernd zürnen — strafen — trauern — beten!" — Als eine der traurigsten und für die nachwachsenden Generationen folgenschwersten Verirrungen unserer Zeit aber muß bezeichnet werden die in weiten Kreisen gerade der gebildeten Welt verbreitete Ansicht, welcher leider auch von so vielen Lehrern und Erziehern wenigstens praktisch gehuldigt wird, man könne die Jugend ohne Rücksicht aus Gott, ohne Rücksicht auf die ewige Bestimmung des Menschen, mit einem Worte ohne Mitwirkung der positiven Religion, zu edlen, brauchbaren und tugendhaften Menschen, oder, wie man sich ausdrückt, zur vollen edlen Humanität heranbilden. Allen Diesen, die sich einer so verhängnißvollen Ver- blenduiig hingeben, möchte ich einzig und allen: die Worte in die Erinnerung zurückrufen, welche einst ein großer protestantischer Gymnasialpädagog. der ehemalige Gym- nasialrector von Nürnberg und später von Stuttgart, Herr Dr. Karl Ludwig Roth, beim Aistritt des Gymnäsial- Rectorates in Nürnberg am 5. Januar 1822 unter Berufung auf Christenthum und Vernunft ausgesprochen hat, die Worte nämlich: . . . „Alles Bemühen um neue Erziehungs- und Lehr- künste wird überall eitel und vergeblich sein, wo die Erzieher durch den Grundsatz, ihre Zöglinge für das Leben bilden zn wollen, sich gleich den ersten und einzig rechten Standpunkt muthwillig verrücken. Für das Leben" so schließt der für das wahre Wohl der Jugend so warm fühlende Mann, „für das Leben wird nur der gebildet, welcher für die Ewigkeit erzogen wird." 2) Doch, meine Herren, was bemühe ich mich, Ihnen, die Sie alle gläubige, katholische Studirende sind, eine Wahrheit einzuschärfen, welche der Lehrmeister aller Lehrmeister in die ebenso einfachen wie inhaltsschweren Worte gekleidet hat: „tzimsrits priumin re§num Del ststistltiaw ejns, st eastsra »äiioientur vobis!" Meine Herren! Ich will mich hier in keine Exegese dieser die ganze Lebensweisheit des Christen umfassenden Worte des göttlichen Lehrmeisters einlassen. Ich sage nur, daß Derjenige diese Worte gänzlich mißverstehen würde, welcher daraus die Berechtigung zn einer einseitigen Pflege der Frömmigkeit, die sich egoistisch auf sich allein beschränkte, folgern wollte, und auf welche daher der sarkastische Ausruf des hl. Hieronymns anwendbar wäre: ,,O Laust» Liwplieitas, guas solui» sibi prostest." Denn Christus, der Herr, sagt allerdings: Suchet zuerst das Reich Gottes, suchet zuerst das Eine Nothwendige, Eure ewige Bestimmung sicher zu stellen: er setzt aber sofort bei: „und seine Gerechtigkeit". Diese Gerechtigkeit des Reiches Gottes aber verlangt, daß jeder einzelne Mensch nlit den Talenten, welche ihm der gütige Schöpfer mit in die Wiege gelegt hat, wuchere, d. h. daß er die ihm verliehenen Fähigkeiten nach allen Richtungen hin ausbilde, um in jenem Berufsstande, auf welchen Neigung, Fähigkeit und ernste Erwägung oder auch der vernünftige Wille der Eltern ihn hinweisen, zu seinem eigenen und seiner Mitmenschen Wohle zu wirken, bis der Herr ihn abruft von diesem irdischen Leben mit den tröstlichen Worten: ^Wohlan, Du guter und getreuer Knecht, weil Du über Weniges getreu warst, will ich Dich über Vieles setzen, gehe ein in die Freude Deines Herrn." Sie, meine Herren, haben sich nun den schönsten, aber auch den verantwortungsvollsten Beruf als das Ziel Ihres Strebens und Ihres Lebens gestellt, den Beruf, Lehrer und Erzieher der Menschheit zu werden. Ihnen und uns allen, die wir bereits in diesem Berufe thätig sind, gilt daher vor Allem das Wort des Lehrers der Welt: «Vos estis ssl tsrrae . . . Vos sstis lax muuäi" k Beides verlangt derselbe von uns, nicht das Eine ohne das Andere, oder wie Neivman^) so treffend sagt: „Der wissenschaftlich gebildete Weltmann soll fromm, der Geistliche aber gläubig (fromm) und wissenschaftlich gebildet zugleich sein." „Der Jüngling insbesondere bedarf", um mich der Worte desselben ebenso frommen wie gelehrten Mannes zu bedienen/) „einer männlichen, vernünftigen Frömmigkeit, wenn sie ebensowohl die ruhelose Thätigkeit seiner Einbildungskraft zügeln und den regellosen Verstand gefangen nehmen, als sein empfängliches Herz rühren soll." Ist es nun auch vollkommen wahr, daß Geistliche ohne frommen geistlichen Sinn, oder wie Möhler so treffend sagt: „Geistliche ohne Geistlichkeit Invaliden von Haus sind"?) so ist es ebenso wahr. daß Geistliche ohne gründliche Bildung zunächst in ihren Berufs-, dann in den damit zusammenhängenden Wissenschaften Blinde sind und Führer der Bänden, welche sie aus dem Zustande ihrer geistigen Blindheit zum Lichte der ewigen Wahrheit und dadurch auch zur Freiheit der Kinder Gottes zu führen berufen wären. So entschieden daher die Kirche die Pflege der Frömmigkeit bei den heranwachsenden Klerikern sowohl wie bei Denjenigen, welche die Schwelle des Priesterthums bereits überschritten haben, in ihrer Gesetzgebung betont, so entschieden betont sie auch bei Beiden die Pflege der Wissenschaft. Es hieße in der That, meine Herren. Wasser in die Donau tragen, wollte ich Ihnen aus der Fülle der hier einschlägigen Concilienbeschlüsse und Dekretalen der Päpste aus alter und neuer Zeit auch nur ein paar vor Augen führen. Nur auf einen ebenso kürzen wie be- ^ °) Kleine Schriften pädagogischen und biographischen Inhalts . . von vr. Karl Ludwig Roth, Stuttgart 1857, Bd. 1 . S. 16. 2 ) Vortrüge und Reden, zumeist an der katholischen Universität Dublin gehalten von Or. T. H. Neivman» übersetzt von Schändeten. Köln 1860, S. 14. ') Ebenda S. 14 in der Mitte. Vergl. Historisches Jahrbuch Bd. 1S. S. S7S. 444 zeichnenden Ansspruch sei mir erlaubt, hinzuweisen, auf den Aussvruch nämlich Papst Leo's I. des Großen, der an den Klerus und das Volk von Koustantinopel schreibt: „8i iv I-aiois vix tolorabilis viästur insoitia, ciuauto Maxis iu iis, gul xrassuvt, ueo exousatious äixua est, veo vevis."°) Deir tieferen Grund aber, warum besonders bei Klerikern und Geistlichen Frömmigkeit und Wissenschaft harmonisch mit einander verbunden sein sollen, hebt so schön PapstGrcgorius der Große hervor, wenn er schreibt:') »klvlla sst seisutia, si utilitatem xistatis von üabst, quia clvm bova ooxiiita exegui vexlixit, seso all zuäiolum srctius strivxit. Lt valäs iuutilis est pistas, si seäeatik« äiseretions oaret, quia, äuw uulla bavo soiovtia lllumivat, guomoäo rmsorsalur, ixnorat." Dieses strenge Verdikt des großen Papstes über die von der Wissenschaft nicht erleuchtete Frömmigkeit ist begreiflich in deni Munde eines Mannes, der die Hauptaufgabe der Geistlichen, die Erziehung und Leitung der Seelen, als die höchste Kunst bezeichnet mit den bekannten Worten: ,,-^rs srtium röximsn auimarmn." Aber nicht bloß die Rücksicht auf diese spätere so wichtige Wirksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen soll den studirendcn Jüngling veranlassen, sich mit allem Eifer und unter gewissenhafter Benützung der so schnell enteilenden Zeit in den ihm zugänglichen oder gar durch den gewählten Beruf vorgezeichneten Wissenschaften auszubilden, sondern auch die Rücksicht auf sich selbst, auf seine geistige und, ich füge bei, sogar auf seine körperliche Gesundheit. Denn Thätigkeit ist Leben» unthätigkeit aber und Müßiggang ist zunächst geistiger Tod und führt auch früher, als es sonst bei einer vernünftigen und geordneten geistigen oder körperlichen Beschäftigung der Fall gewesen wäre, zum körperlichen Srechthnm und znm früheren körperlichen Tode. Erlassen Sie mir, meine Herren, Sie zum Beweise hiefür hinzuweisen auf so manche traurige Vorkommnisse dieser Art an unseren Hochschulen, damit ich nicht Böses mit Bösen: zu vergelten Gefahr laufe. Hinweisen aber möchte ich Sie, meine Herren, und hiemit eile ich zum Schlüsse, auf die ebenso wahren als kurzen, hieher bezüglichen Aussprüche von zwei hervorragenden Männern, denen ein warmes Herz für die heranwachsende Jugend gewiß nicht abgesprochen werden kann, der Eine ein Heiliger und Lehrer der Kirche im vorigen Jahrhundert, der Andere ein Humanist an der Wende des 14. und zu Anfang des 1b. Jahrhunderts und Zeitgenosse Petrarca s. Der Erstere, der hl. Alphons von Limwri, schreibt an seinen Neffen in Neapel, bedauernd, daß in dem Institute, in welchem er lebe, so wenig Fleiß im Studium gezeigt werde, die ernsten Worte: „Die Unwissenheit und der Müßlgang sind die unversieglichen Quellen der Sünde und der Laster." °) Der Andere aber, der Humanist Paul Vergerius der Aeltere, ermähnt einen ehemaligen Schüler, der schon in sehr jugendlichem Alter sich auf ein Landgut zurückziehen und dorr einer behäbigen Ruhe lind Beauemlichkeit pflegen wollte, daß dies noch zu früh sei, mit folgenden bedeutsamen Worten: „Wenn Du schon heute an geistige Schonung denkst, zu einer Zeit, wo man gerade am meisten in Schweiß und Staub ausharren soll, so befürchte ich, daß Du nicht eben gut für die Frische Deines Geistes sorgest, da Unthätrgkeit für ihn Siechthum bedeutet und das Sich- rrgeben in eine beschäftigungslose Muße der Gesundheit nicht nur nicht zuträglich, vielmehr recht schädlich ist. Dem jungen Mann steht nichts übler an als Müßiggang, nichts ziert ihn mehr als Arbeit."^ Wohlan denn, meine Herren Candidaten, erhaben ist das Ziel, das in der Rennbahn des Lebens zu erringen Sie sich vorgenommen haben, mögen Sie nun als Priester und Lehrer, oder mögen Sie als öffentliche Beamte einst im Leben zu wirken berufen sein. Mühsam zwar ist oftmals der Weg zu demselben, aber das Ziel selbst des Schweißes der Edlen werth. Darum ") vooret. 6rat. o. 3. Oist. 36. 'I Llorallum I. I. o. 32. n. 45. H Vgl. Histor.-pol. Blätter Bd. 116, S- 411 aus der Briefsammlung des Heiligen. ") Lpistol. u. 20. vergl. Histor. Jahrbuch Vd. 18. ß. vss. waffnen Sie sich mit ernstem Eifer und mit ausdauernder Geduld, mit andern Worten, schreiben Sie sich ins Herz und befolgen Sie den goldenen Mahnsprnch. welchen einer der größten Pädagogen Deutschlands, der Schulrath Dr. L.,Kellner, jedem studirenden Jüngling in's Stammbuch geschrieben wissen will, den Mahnsprnch nämlich: „Freund, hoffe nicht, daß bloß im leichten Spiele, Was einst Gewinn sein soll für all' Dein Leben, Anmnthig tändelnd Dir und schnell gedeihe: Verlangt Dein Sinn nach einem edlen Ziele So binde an Geduld ein eifrig Streben, JuGottundArbcitsuch'dierechte Weihe."'") Und damit, meine Herren. Gott befohlen für das neue Studienjahr! Die praktische Bedeutung des Thomasstudiums, Von M. Grabmann, Eichstätt. (Schluß.) Innig verwandt mit der Erziehung, um nicht zu sagen eine spezielle Form derselben, ist die Ascese. In dieser Beziehung sind die Schriften des hl. Thomas, welchen Bessarion den „Heiligsten der Gelehrten und den Gelehrtesten unter den Heiligen" genannt hat, wahre Quellenwerke von unverwclklichem Werthe. Der hl. Thomas und der Ascet, der Prediger! Der hl. Thomas, der, wie Labbö sagt, zuvor Engel war, bevor er der englische Lehrer ward, ein solch heiliger Mann, dessen Wissenschaft nach eigenem Geständnisse mehr Himmelsgnadengabe als die Frucht seines Genius und Niesenfleißes gewesen, St. Thomas konnte in seinen Schriften vom ascetischen Standpunkte gewiß nicht absehen. „Der hl. Thomas", sagt Morgott?) „spricht nicht zum Herzen und zur Einbildungskraft, sondern zum Verstände, er liebt nicht glänzende Bilder, sondern klare, durchsichtige Begriffe. Vergebens sucht man in seinen Schriften jenen poetischen Aufschwung der Phantasie, jene oratorischen Ausbrüche des Gefühles, die uns in den Werken seiner Zeitgenossen so vielfach begegnen." Dieses Eigenthümliche an den Werken des großen Lehrers verleiht seinen ascetischen Ausführungen großen Werch, insofern dieselben jeglicher Uebertreibung und jeglichem Uebermaß von Affekten gänzlich fremd sind und folglich dem vernünftigen Willen große Sicherheit und Festigung geben. Das ganze christliche Leben ist eine Vorbereitung, ein xraeambuluru zur himmlischen Seligkeit. Christus, der da ist vsritas, via, vita, ist das Vorbild des Christenlebens. Weist uns nicht die Lehre des hl. Thomas von Gott (I. pars — voritas) hin auf das, was wir im Himmel schauen werden, läßt uns nicht die Darstellung des Lebens in Christo durch die Sakramente, wie St. Thomas in der III. xars (vita) gegeben hat, das himmlische Leben in Gott und mit Gott in ewiger Seligkeit schon hienieden ahnen? In der Loouucla aber (via) sehen wir den ganzen christlichen Tugendbau sich himmelwärts heben auf dem Felsenfundamente der drei göttlichen Tugenden und auf den vier Grundpfeilern der Cardinaltugenden, und wir nehmen es staunend wahr, wie dieses Tugendgebäude in der vita crouteruplativa, im Status parkeetionis (Ordensleben) sich in himmlischen Höhen verliert. Ja Labbö und Mamling haben recht, wenn sie sagen, nach der Lumina des hl. Thomas erübrige nur noch das luiuou gloriao. Die theologische Summe ist ein ascetisches Werk von '°) Lebcusblätter, Wahrspruch unmittelbar nach dem Titelblatt. °) Mariologie, S. 4. O 445 eminenter Bedeutung. Auf ihr bafiren die klassische» Werke von Rodriguez und Scaramelli. Stellen von ascetischem Werthe finden sich in reicher Auswahl in den Schristerklärungen des hl. Thomas, vornehmlich in seinem Commentar zu Matthäus 19, 21 ff., Coloss. 3, 14, I. Joh. 18, 1; auch in vielen Artikeln der Hnocilistskalss und in der Lumina, contra. Osntss III. Das OMsonlnm äs xsrksckions vikas kpiritunlis (ox. 18) n. a. bieten dem Asceten und Prediger eine Fülle der anregendsten Gedanken. Die gesammte matsria, uscstica, in den Schriften des hl. Thomas ist im Laufe der Zeiten ausgehobcn und systematisch zusammengestellt worden: so in der mit Eleganz und Wärme geschriebenen N^stica. tsteologia, O. Pstomas des spanischen Dominikaners Thomas a Valgornera/) in der freilich mitunter etwas polcmisirenden kstsoio^ia. msntis st coräis des Vincentius Contenson, in der kstsoloZis astsctivs des Dr. Louis Bail und anderen Werken. Ueberhaupt basiren die späteren Darstellungen der mystischen Theologie durch die Carmeliten Joannes a Jesu Maria und besonders Philippus a Trinitate, durch den Benediktiner Schräm auf den Principien des hl. Thomas. Der asketische Werth der Werke des hl. Thomas geht auch daraus hervor, daß gerade die größten Kenner der Werke des Aqninaten, wie Seraphinus Capponi und Banez vorzügliche Lehrer des geistlichen Lebens gewesen sind und auch aus dem Umstände, daß im Prediger- orden die christliche Mystik ein besonderes Heim gefunden hat. Die großen Prediger innerhalb und außerhalb des Predigerordens haben sich gebildet an den Schriften des hl. Thomas, der selbst ein großer Prediger gewesen ist, gui tam rsvsrsntsr anclisstakur a poxulo yuasi sna, xraeäioLkio xroäirst s, Oso. (Bolland.)') Hat er ja selbst ssrmonss und opsra, eoncronatoria, uns hinterlassen. 2) Der Prediger braucht große Gedanken; er findet sie beim heil. Thomas. Dr. Ceslaus Maria Schneider bemerkt deßhalb mit Rechts) „Niemand wird es gereuen, Thomas in allem zum Leitstern genommen zu haben. Manche Geldausgabe für Predigt- und asketische Werke wird jener nicht zu machen haben, der gelernt hat, aus Thomas zu schöpfen." Die Werke des hl. Thomas sind von besonderem praktischen Werthe in den Händen des Priesters und Predigers, aber auch der Jurist und Social- °) Neue Ausgabe durch k. Berthier bei Marietti, Turin 1891. ') Die homiletischen Schriftsteller des PredigerordenZ, wie Bromiard, Holkot, Perazzo, Ludwig v. Granada, Petrus de Palude, Brienza u. a. schöpfen durchgehends aus Tbomas. °) Neue Ausgabe: O. Idowas Lermones st opsra coueioiurtoria kansiis axnä Lloucl st Lara!. Hier kommt auch in Betracht der sogenannte Katechismus des hl. Thomas, welcher zunächst das dem vecretum pro H-rwerüs des b'Iorentinums zu Grunde liegende opusenlum äs artieulis 6äei st saeramentis, dann auch die Commentare zum katsr nostsr, Lkaria und Orsäo in sich schließt. Das von Nikolaus v. Cusa besuchte Provinzial- concil von Mainz 1451 bestimmte dieses libsllns utilis st instrustivus als Grundlage des katcchctischcn Unterrichtes. °) Schneider, Einleitung zum Werke: Die christliche Wahrheit, pa§. I,XXIII. lieber das Verhältniß des hl. Thomas zur christlichen Mystik ctr. Dr. Pfeifer, Psychologische Lehren der Scholastik, bestätiget und beleuchtet durch Thatsachen der katholisch-religiösen Mystik. Jahrbuch v. Commer, V S. 468. Politiker kann viel lernen aus den Werken des Doctor Angelicus. „O. 'I'stomns contra Instsralismum catcholicas vsritatis invictus asssrtor." Als solchen hat Con- stantin v. Schätzler in einer 1874 erschienenen wahrhaft goldenen Schrift den hl. Thomas gefeiert. Ja in den Schriften des hl. Thomas ist die im Begriff „Liberalismus" beschlossene Reihe von kirchenpolitischen und social» politischen Irrthümern rmticipanäo gerichtet und zurückgewiesen, wenigstens ihrer Wurzel nach. Ja auch in dieser Beziehung ist der hl. Thomas, wie ihn sein großer Kommentator Sylvestris von Ferrara nennt, der stomo oirmium storarum. Der Jurist findet in der theologischen Summa die beste Grundlage seiner Wissenschaft, einen eingehend entwickelten Rechtsbegriff und eine ausführliche Gesetzeslehre. Das H-äSo; moderner Rechtsphilosophie, d. i. die Negation eines Naturrechtes, findet hier eine glänzende Widerlegung. (8. Mr. 1 II, SO 8M.) Der Staatsmann und Nationalökonom findet in dem schönen Opnscnlum äs rs^imins priucipum vortreffliche Maximen und Belehrungen. Es sind dies Hcrzensgedanken, die einer der größten Denker aller Zeiten einem befreundeten Fürsten, dem Könige von Cypern, innig und gutuicinend nahelegt. Es ist hier die Stellung des Papstes charakterisirt (I. I eax. 14 ckr. tu II. Lsnk. ässk. 44 Josef Grimm sel. Andenkens (j- 1. Jan. 1896) hat sein großes, verdienstvolles, in der katholischen Wett mit Recht bestens anerkanntes Werk „Das Leben Jesu", ursprünglich auf 6, dann auf 7 Bände berechnet, wovon der 1. Band „Die Geschichte der Kindheit Jesu", die 4 folgenden „Die Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu" und die zwei letzten „Das Leiden Jesu" behandeln. Von 1876 bis 1894 hat Grimm die 6 ersten Bände veröffentlicht, von 1890 bis, 1895 die 3 ersten in zweiter Auflage herausgegeben. Die Bearbeitung des Schlußbandes, dessen Manuskript aus der Feder Grimm's nur bis zur Scene des Leos Mater reicht, hat Dr. Zahn übernommen, und ') Harrison bemerkt diesbezüglich (x>. 34—35): „Es gibt eine gewisse Verrichtung ccremonieller Magie, durch welche eine Mauer psychischer Einflüsse um ein gefährlich gewordenes Individuum herum aufgeführt werden kann, was die Wirkung hat, die höheren Fähigkeiten zu lahmen und das herbeizuführen, was die ,Zurückwerfung des Strebens' genannt wird. Die Folge davon ist ein durch phantastische Gesichte bezeichneter, geistiger Schlaf. Es rst eine Verrichtung, zu welcher selbst die Bruder der Linken selten ihre Zuflucht nehmen und die im Falle der Frau Blavatsky von fast allen europäischen Okkultisten mißbilligt wurde. Die Verantwortlichkeit für Alles, was seitdem geschah, lastet allein auf der amerikanischen Brüderschaft. Ich glaube, der verstorbene Herr Oliphant wußte mehr um die Sache, als irgend ein Engländer." — Was mag das für eine Brüderschaft sein. Von „Oliphant", dem früheren Parlamentsmitglied und Verfasser der Werke „Sxmpusumata" und „Lciontiüo reli^ion" (j- 1888 ) wurde eben nicht angenommen, daß er derart „hexen" würde. die von ebendemselben besorgte, soeben erschienene zweite Auflage des 4. Bandes bekundet, daß die Vollendung des Ganzen in besten Händen ruht. Selbstverständlich hat der Neu-Heransgeber keine wesentliche Umgestaltung des Werkes vorgenommen, aber fast jede Seite zeigt deutlich, mit welcher pietätsvollen Sorgfalt Zahn die neue Auflage verbessert hat, indem er stilistische Härten beseitigte, manche Ausführungen kürzer faßte, dafür häufig Ergänzungen und Zusätze einfügte, so daß trotz jener Kürzungen die Seitenzahl um 15 zunahm; zu begrüßen sind besonders auch die öfteren Hinweise auf alte und auf neueste Ausleger. Die neue Auflage darf vollauf eine wirklich verbesserte genannt werden. Sehr erfreulich ist es darum, daß Zahn den Schlnßband schon für nächstes Jahr in Aussicht stellt (Vorwort VIII). Gewiß wird Grimm's „Leben Jesu" wie bisher, so auch künftighin sich viele Freunde erwerben. Das verdient Grimm's geistvolle, Wissenschaft und Gelehrsamkeit mit wohlthuender Wärme und Begeisterung glücklich vereinigende Art der Darstellung, und der Netz-Bearbeiter versteht es, die Vorzüge des Werkes treu zu bewahren und mit Geschick zu erhöhen. Belser Joh., Beiträge zur Erklärung der Apostelgeschichte auf Grund der Lesarten des Codex v und seiner Genossen. Frei- burg i. Br., Herder. 1897. 8°. xx. VIII -f- 170. M. 3,50. » Der Verfasser unterzieht die Blaß'sche Theorie von einer zweifachen Tertüberlieferung der Apostelgeschichte einer eingehenden, selbstständigen Nachprüfung, welche den gewandten Philologen nicht verkennen läßt. Ohne uns über das Ergebniß seiner Untersuchungen im einzelnen ein entscheidendes Urtheil anzumaßen, müssen wir uns aufrichtig freuen, daß nun auch auf katholischer Seite die Zahl derer wächst, welche in den Wettkampf der besonnenen Bibelkritiker mit Entschlossenheit eingreifen und nicht bei dem für „unheilig" gehaltenen Wort „Bibelkritik" glauben, gleich in nervöse Krämpfe fallen zu müssen, als ob damit der Bestand der katholischen Kirche bedroht wäre. Gegenüber dem gewaltigen Material, das Fleiß und Scharfsinn auf protestantischer Seite trotz mancher Verirrung aufgehäuft hat, können wir erst mir bescheidenen Anfängen aufwarten, doch ist der Geist gesunder Kritik erwacht und wird uns hoffentlich noch mit mancher Untersuchung beschenken, die sich gegenwärtigem trefflichen Werke würdig anreiht; zunächst eröffnet uns der Verfasser selbst die Aussicht aus eine Erörterung der Harnack schen altchristlichen Chronologie. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 18 Nrn. L 2 Bogen Hochguart für M. 3 pr. Jahr. 1897. Nr. 9 u. 10. Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (Hülskamp) und deren Jahresmapve für 1897(Frhr.v.Lochner). —Weitere kritische Referate über Rolf es Form und Begriff der Seele bei Aristoteles (Kirschkamp), Boügaud Kirche Christi. Faber Das Leben, v. Hammerstein Controvers-Katechismus und Das Glück, katholisch zu sein (Deppe), Sporsr-Lisr- baum 1lleolo§ia moralis, IlirobborA Os voto, ?iAbi Oo iuckioio saoramsntali, van kossum contra kiAlli und Hollweck Kirchliches Bücherverbot (Deppe), Wirrkler Traditionsbegriff des Urchristenthums, Wieland Altchristliche Entwicklung der Oräincs minorcs, Wehofer Justin's Apologie und Eisenhofer Procopius v. Gaza (CM. Kaufmann), Oonksrsncs ok ilnAlioan Lisboxs (Bellesheim), Uranckiäisr Wuvrss inöäitss (Sauer), Oarclinsr Oronnvclls plaec in bistor^ (Zimmermann), Böhme Deutsches Kinderlied und Kinderspiel (Bäumker), Gebetbuch für die Männerwelt, Seeböck Ehrcnkranz der christl. Jungfrau. Seraphisches Opfer und Maria-Jmmer- Hilf-Büchlein (Deppe). — Notizen über Hoffmann Geschichte der Verehrung des Altarssal'ramcnts, Beck Handbuch znr biblischen Geschichte, das 6orpus Scriptorum Hwtoriae L^antiuas und' 12 Kirchheim'sche Novitäten (Hülskamp). — Novitäten.-Verzeichnis Verantw. Redacteur: Ad.Hcras in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kjr. 65 U, 13. Nov. 1897. Die Passiv der heiligen Afra. Von Dr. Bernhard Sepp. Die Verehrung der hl. Märtyrin Afra in Augsburg ist bis iu's 6. Jahrhundert hinauf beglaubigt. Denn schon Venantins Fortunatns sagt in seiner metrischen Vita s. Llsrtini, die noch zu Lebzeiten des hl. Germanus, Bischofs von Paris (gest. 28. Mai 516), verfaßt ist: „l?arAis sä gnrciv Viräo et liivvs ünontant, lilie os8a saeras vensrabsrs nncrt^ris l4krao."0 Auch in der ältesten Recension des hlsrt. klioronvin. (entstanden im Jahre 627/28) ist wiederholt von ihr die Rede?) Eine so innige Verehrung ist aber kaum denkbar ohne eine Legende, welche über die Art ihres Martyriums helleres Licht verbreitete. Wenn daher unsere Handschriften der ?s8sio 8. ^krso bis in's 8. Jahrhundert zurückreichen, 2) so dürsten nur schwerwiegende Momente uns bestimmen, dieselbe als eine „Erfindung des karo- lingischen Zeitalters" zu bewachen, zumal Ruinart (a. a. O. S. 400 s.) sie in seine Sammlung der sots mar- t^rnm mnoc-rs aufgenommen hat. Solche schwerwiegende Momente vermag ich aber in ocn Einwänvcn, die Krnsch gegen ihre Echtheit erhoben hat (a. a. O. S. 42 f.), nicht zu erkennen. Es sind folgende: I. „^ctio in ^lrsin instituta aliens 68t all omnikuo uati8 Aönuinia parseeutionis iilins. Iki nnllu8, cprocl seium, inäox prsonomino vocstur, nt 6siu8 iucsi x Fkrso." Wie schade, daß Krnsch keine Vorlesung über die vorjustinianischen Institutionen des römischen Rechts gehört hat, er würde sonst erfahren haben, daß sie von einem Juristen Gains herrühren. Sicherlich ist ihm aber ein römischer Kaiser, ein Papst und ein Kirchenschrift- stcller dieses Namens bekannt, welche den Beweis liefern, daß das Pränomen „Oains" im Zeitalter der römischen Kaiser auch als „noinon" gebraucht wurde?) II. „6aiu8 autsin illü c^uam mslo egit parto3 IncliaiZ Hamani! Lostulavit, ut c^us68tu8 moiktrikü osn88s äÜ8 Luarisiearat Mra, nsMv oomvaamorsvit iu88g, impörntorum, czuso osisarvurs coZösiantur okristisni; c^uin imnro tsntnm skorst, ut Aontilom 8k Zvreret, ut 6tisin elirisiiauorum prokitatom st- t^uk doueatutLM pnklioo UFvosLarst? Die Befehle der Kaiser waren gegen die Christen ergangen. Gains kann sich aber nicht überzeugen, daß eine lusretrix sich den Christen beizählen dürfe, wie Afra that. Hierin spricht sich weniger seine hohe Achtung vor der Sittenreinheit der Christen — die auch von den Heiden anerkannt wurde — als seine Geringschätzung des Gewerbes der Afra aus, denn die morstrieos galten bei den Römern für „kdminsk infamst und ^uuüiorss kaiuosuk". 0 S. dl. 6t. 4uot ant. IV, 1 p. 368 (11b. IV v. 642 sg.); vgl. Vaul. äiao. II, 13 (8er rer. LanK. p. 80). Aus diesen Versen dürfen wir schließen, daß sich bereits im 6. Jahrhundert eine Kirche über dein Grabe der hl. Afra erhob. °) Am 5., 6. u. 7. August und am 9. (eoä. Lxtsrnao.: 8.) Oktober, s. Lall. H.. 88. Rov. II, 1 p. siois 8g. und k>. ( 130 ). b) So (nach Krnsch) eoä. Llontspsssnlauas L n. SS, eoä. ksrisisnsis Ist. n. 10861, eoä. Llonaesnsis tat. n. 4SS4 (— Lenoäietobnrsnns n. 84, Geschenk der L^sila. vgl. Obb. Archiv m S. 338 f.). H Vgl. VoreeUiui im Onomastikon unter OaiuL. III. (I'alaarillg) „ ism po8t ootsvsm uclinoni- tiousm patikntism ruxit iuciicsiuguö voluit ex» Llaina8ss: Lsorikioa, ^nonisin iniuris 68^ miki tot Korso tooum oortaro, kutissstus uimirum ip86 8uis iueptiio, uam cpmrta Korso pscte eomruoäk sZi xotuioseut, guae sets 6880 kinxit". Der Ausdruck tot Korso ist eben eine Hyperbel, die sich aus der Indignation des Gains erklärt Uebrigens versteht es sich von selbst, daß die Akten der Märtyrer nicht das ganze Protokoll der Verhandlung enthalten, sondern uns nur die wichtigsten Fragen und Antworten überliefern. Die Verhandlung kann also wirklich mehrere Stunden gedauert haben. IV. „Osiucis csusöstioukw in oooiss F,krso kskitaiu tsm rsptim traotsvit, ut vsl Velserus stupost: tzuis, iuguit, korst cismusri sk- 86Ut08 6SU83S uou OOAnits; immo 00» Auitiouoru 6t exkoutionom oimu! militikug äomsuäsri." Da Hilaria und ihre Sklavinnen (sueillse) Digna, Enmenia, Euprcpia, in kisgrsnti ertappt wurden, als sie die Leiche Afra's bestatteten, war ein Verhör un- nöthig, und die bloße Weigerung zu opfern genügte, um sie des Todes schuldig erscheinen zu lassen?) V. „18 U6 8iki vsuiäöin oouotst mououta ooäom Velsero. ^krsm eniiu ooiukustsm 63Zo oklitus Paulo post rettulit 6iu3 oorpu8 iutegruur invantum 6886, itacsUk raonckseis 8US ip86 proäiciit Mkuäsx? Gewiß haben die Henker nicht gewartet, bis der Körper der Afra zu Asche verbrannt war — dies hätte viele Stunden Zeit erfordert — sondern sie entfernten sich wohl, nachdem sie sich von dem Tode der Märtyrin überzeugt hatten. Unter diesen Umständen war es Digna, Enmenia und Euprcpia leicht, das Feuer zu löschen und den Körper zn, bergen, der auch verkohlt immer noch als iutezrum d. h. als ganz bezeichnet werden konnte. 6) VI. „Lormo Istiuu8, cpio suotor utitur, uegsuo suticsuus uecsuo ustivuo 68t, sock io Huom sovo OsrolinZieo in sokolis äisoskaut; stur um suiu cliesro pot68 8oriptor6ma6c1i ckoiirompsit." Die Barbarismen, welche der von Krusch edirte Text anflvcist, fallen nicht dem Autor, sondern wohl eher dem Abschreiber znr Last. Auch der Satz „gnani notam staffodat kaeios pndlioa." ist kauni richtig überliefert,') und es muß daher dahingestellt bleiben, ob „furios iiudlieu" hier irrthümlich in der Bedeutung von „vuIZus" gebraucht ist. Was vollends den Ausdruck „cmtomis cuecioro" anlangt, so.brauchte ihn der Verfasser nicht aus der Irist. porsoeut. Vuuclul I, 9 des Victor Vitcnsis (verfaßt im Jahre 486) zu entnehmen, sondern er konnte ihn auch in einer Legende finden/) so z. B. in der Legende des hl. Vitus, s. Voll. ä. 88. llun. II, 1021 und 1022. VII. „Lruotorou stuviuw, czui sticou u I^ortunuto äiotus est, I^ooeliuo nomino uxpolluvit iäeo^uo onva soriptoribns saoouii VIII oonvoirik." Wie wenig aus der Form der Eigennamen in den Handschriften auf die Lesart des Originals geschlossen werden kaun, habe ich schon im ersten Artikel gezeigt. Die Folgerung Kruschs „Faire igitur Fl>ao manisostum ost uovo clcinnm Oarolingioo composita osso" läßt sich daher im besten Falle auf die Oonvorsio 8. Florre anwenden/) deren Verfasser unsere kussio überarbeitet und mit Zusätzen versehen hat.'") Hieraus ergibt sich aber nur, daß wir die älteste Recension der kassio s. Fkrao nicht besitzen, nicht aber, daß es keine ältere, die dieser Zusätze entbehrte, gegeben habe.") Wäre der Verfasser der Oonversio mit dem der kussio identisch gewesen, so würde er gewiß beide nicht getrennt behandelt, sondern zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet haben.'') ') Rttinart liest mit Weiser: kama pudliea, was einen besseren Sinn gibt („welche die öffentliche Meinung für verrufen hielt"). °) Auch ein alter Kommentator des Juvenal führt ihn an, ein Beweis, daß er allgemein verständlich war, vgl. Oueanxco s. v. cmtomus und 1'oreeIIini s. v. eatomi- äiaro, welches Wort dieselbe Bedeutung hat. °) Da die Handschriften der Ooworsio bis in's 8. Jahrhundert zurückgehen und doch nur Abschriften eines älteren Textes find, dessen Verbreitung in Gallien und Germanien gewiß längere Zeit in Anspruch nahm, so ist der Terminus -,Lovo OarolinKieo" sehr übel gewählt und mindestens durch „asvo NsrmvinAioo" zu ersetzen. Ich meinerseits zweifle nicht, daß auch die vonversio noch in der Römerzcit entstanden ist, wenn auch später als die Vassio. '°) Solche Zusätze sind das Wörtchen llano in lumo gnam notam babobat k. p." und der (bei Mombritius fehlende) Satz vt 8imvl a 8. Xaroisso episoopo oaptiLarice, woniit auf das in der (vorausgehenden) Oonvorsio Erzählte hingewiesen ist. Später würde noch das von Keusch N. A. XIX S. 13 f. besprochene ockäita- monlnni (das im cock. I^arisiensis n. 5306, im coä. ülona- consis 4554 und bei Mombritius fehlt) hinzugefügt. ") Man beachte nur den Ausdruck meivori» für Grabmal, der nur von allchristlichen Schriftstellern gebraucht wird. Auch die Angabe, daß dieses Grabmal ssemnlo milinrio (beim zweiten Meilensteine) 8, otvitg-tö Anrüstn lag, deutet auf die Römcrzeit hin. Der erste Meilenstein stand auf den« Forum (beim Dome, der gerade eine römische Meile von der Ulrichskirche entfernt ist). ") Auch Rettberg (a, a. O. S. 145) war der Meinung, daß der Verfasser der couvsrsio die passiv schon vorgefunden habe und einzelne Umstände derselben moti- viren wollte. Ein arabischer Aristoteles und was uns derselbe aus dem Wunderlande Indien erzählt. Von vr. Widder. Nicht bloß das alte Hellas hatte seinen Aristoteles, auch Arabien kann sich eines Mannes rühmen, welcher dem griechischen Universalgenie ebenbürtig zur Seite steht. Dies ist Alberuni, oder, wie ihn seine Mitbürger nannten, Abu Rai hLn, der Sohn des Abunad Alberuni, welcher im Jahre 973 n. Chr. im Gebiete des heutigen Kbiva (das alte ChoraSmia) geboren wurde. Schon frühzeitig hervorragend durch Kenntnisse und Wissenschaften, wurde Alberuni von den Fürsten seines Vaterlandes häufig zu Rathe gezogen, eine Hof- oder Staats- stclle scheint er jedoch niemals bekleidet zu haben. Der noch mehr gold- als ländergierige König Mahmud zu Ghazna (997 — 1030) benütztc einen im Jahre 1017 n. Chr. in Khiva ausgebrochencn Militäraufstand als längst ersehnten Vorwand, um in dieses bisher unabhängige Gebiet mit Heeresmacht einzufallen und dasselbe zu einer Provinz seines Reiches zu machen. Unter den Geiseln, die Mahmud mit nach Ghazna schleppte, befand sich auch Alberuni, und so kam derselbe an den Hof dieses Königs. Seinen unfreiwilligen Aufenthalt zu Ghazna, dem damaligen Sammelplatz aller Schöngeister, benützte der arabische Gelehrte, der am königlichen Hofe auch als Lehrer der Sternkunde wirkte, zu umfassenden indischen Studien. Nach dem Tode des Königs Mahmud (etwa nur 1030), den Alberuni, obwohl er ihm geneigt war, einen Verwehter des Wohlstandes Indiens nennt, kam Mahsnd, der Sohn Mahmuds, welcher seinen Bruder Muhammed in dem um die Thronfolge entbrannten Streite besiegt hatte, an die Regierung. Mahsnd, ein Mäcenas im vollsten Sinne des Wortes, entband Alberuni nicht nur aller persönlichen Dienstleistungen, sondern stattete ihn auch mit einem Einkommen aus, das ihm ermöglichte, sich frei von allen Nahrnngssorgen, wie sie ihn unter König Mahmud gedrückt zu haben scheinen, völlig den Wissenschaften widmen zu können, weßhalb er sich auch in überschwänglicheu Lobeserhebungen des neuen Herrschers ergeht. Uebrigens war Alberuni ein offener, gerader Charakter, er war Monotheist, Anhänger des Islams und streng conscrvativer Richtung. In der Einheit zwischen Thron und Altar erblickte er das denkbar höchste Ideal der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft. Sein für alles Gute und Edle empfänglicher Sinn vermochte auch der Erhabenheit des evangelischen Gebotes, welches befiehlt, Demjenigen, der uns auf die eine Wange geschlagen, auch die andere darzureichen, für den Feind zu beten und ihn zu segnen, die Bewunderung nicht zu versagen. Die Gcschichtsschreiber theilt Alberuni, dem nichts verhaßter ist, als das Lügen, bezüglich ihrer Nnwahr- haftigkeit in mehrere Klassen. Die Einen, sagt er, lügen ihres Vortheiles halber, indem sie entweder das Volk, dem sie angehören, loben, oder das ihres Gegners tadeln, um dadurch ihren Zweck zu erreichen, Andere lügen zu Gunsten einer gewissen Volksklasse, weil sie derselben verpflichtet sind, oder aus Haß gegen eine bestimmte Klasse, weil sie sich mit derselben verfeindet haben. Wieder Andere lügen infolge der Gemeinheit ihres Charakters, der sich hievon Nutzen erwartet, oder aus Feigheit, die Wahrheit zu sagen. Andere hinwiederum lügen weil ihnen das Lügen zur zweiten Natur geworden ist 451 so daß sie gar nicht mehr anders können, denn ihr innerstes Wesen ist verderbt. Endlich gibt es auch Solche, die aus Unwissenheit die Unwahrheit sagen, weil sie der Erzählung Anderer blindlings folgen. Nur der Mann verdient Lob, fährt Alberuni fort, der vor einer Lüge zurüclschreckt und stets der Wahrheit treu bleibt. Ein Solcher genießt selbst bei den Lügnern Vertrauen. Die Wahrhaftigkeit ist eine Eigenschaft, die wegen ihrer inneren Schönheit um ihrer selbst willen geliebt und geschätzt wird, außer etwa von solchen Leuten, die ibre Anmuth niemals gekostet haben und die Wahrheit absichtlich fliehen, wie jener allbekannte Lügner, der auf die Frage, ob er jemals die Wahrheit gesprochen habe, zur Antwort gab: „Würde ich mich nicht scheuen, die Wahrheit zu sagen, so sagte ich .Nein!'" Die eiserne Willenskraft und der unermüdliche Eifer Alberuni's überwand siegreich alle Hindernisse, welche sich ihm bei der Erlernung der indischen Sprache sowohl infolge der im Sanskrit selbst liegenden Schwierigkeiten, als auch wegen der Unzugänglichkeit der Hindus entgegenstellten, denn ihre religiösen Anschauungen verboten ihnen jeden Verkehr mit den Fremden, den „Mlecha" d. i. den Unreinen. Alberuni scheute weder Mühe noch Kosten, um sich indische Bücher zu verschaffen, Lehrer und Schüler zu gewinnen und sich so eingehende Kenntnisse, nicht nur in wissenschaftlicher Beziehung, sondern auch hinsichtlich der Sitten und Gewohnheiten der Hindus, zu sammeln. Um sein Wissen zu bereichern, nahm er auch keinen Anstand, selbst die ungebildetsten Jndier über ihren Glauben, ihre Rcchtsbegriffe, Sitten und Gebräuche auszuforschen. Die schriftstellerische Thätigkeit dieses universellen Geistes umfaßte nicht nur fast die gcsammte Naturwissenschaft, als Mineralogie, Chemie, Physik, Optik, Mechanik, Mathematik, mathematische Geographie und Astronomie, sondern er schrieb auch über Chronologie, verfaßte 20 Bücher über Indien, schrieb auch Erzählungen und Sagen und eine (verloren gegangene) Geschichte seines Vaterlandes. Mit seltenem Freimnthe spricht er sein Urtheil über die Schriften der indischen Gelehrten aus, ein Feind einerseits ihres Wortgepränges und Phrasengeklingels, zollt er anderseits ihren Geisteserzeugnissen die gebührende Anerkennung und hebt rühmend Alles hervor, was er in ihren Werken oder im praktischen Leben Edles und Großes fand; so bezeichnete er z. B. die kunstvolle Einrichtung der heiligen Teiche und Badeorte der Jndier als „einzig und unerreichbar". Uebrigens selber nicht frei von Eitelkeit und Selbstbewußtsein, fühlt sich Alberuni hoch erhaben über die Jndier, welche er als hochmüthig, eitel bis zum Wahnsinn, voll von Selbstüberhebung und dumm schildert, und erzählt stolz, daß er zuerst ihr Schüler, dann aber ihr Lehrer gewesen sei, daß sie sich von allen Seiten um ihn geschaart, ihn bewundert, von ihm zu lernen verlangt und ihn gefragt hätten, bei welchem indischen Meister er seine Weisheit eingesogen hätte. „Sie hielten mich, sagt der arabische Gelehrte, fast für einen Zauberer, und wenn sie von mir mit ihren Oberen in ihrer Muttersprache redeten, nannten sie mich einen See, oder ein Wasser, so sauer, daß der Essig im Vergleiche damit süß sei." — Den wissenschaftlichen Theorien der Hindus wirft Alberuni große Verworrenheit, Mangel aller logischen Ordnung und stete Vermengung mit den einfältigen Ansichten des gemeinen Haufens vor. Die mathematische und astronomische Literatur der Jndier vergleicht er mit einem Gemisch von Perlmuscheln und herben Datteln, oder von Perlen und Dünger, oder auch von kostbarem Krystall und gemeinem Kiesel. Alberuni starb im Jahre 1048 n. Chr. — Lassen wir uns nun etwas von den Anschauungen, den Sitten und Gebräuchen der Hindus des Mittelalters von unserem Gelehrten erzählen, was um so mehr von Interesse sein dürfte, als die Jndier als ein hochgradig conservatives Volk noch einen großen Theil der Sitten und Gewohnheiten ihrer Vorfahren bis auf den heutigen Tag, namentlich was die vornehmste Kaste, die der Brahmanen betrifft, bewahrt haben, und hören wir einige interessante altindische Legenden und Sagen, die uns Alberuni überliefert hat. Die Gebildeten unter den Jndicrn glaubten schon damals an Einen, lebendigen, ewigen Gott, ohne Anfang und Ende, mit freiem Willen begabt, der allmächtig und allweise ist, Leben spendet, die Welt regiert und erhält, einzig ist in seiner Herrschaft und erhaben über Alles, dem nichts gleicht und der mit nichts verglichen werden kann. Das gemeine Volk, sagt Alberuni, hat allerdings verschiedene, zuweilen sehr vcrabschcunngswürdige Anschauungen von Gott. Einige z. B. glauben, Gott sei zwölf Finger lang und zehn Finger breit. Dies kommt daher, weil einmal ein Schüler der Brahmanen sagte, Gott sei ein Punkt, womit er nur ausdrücke» wollte, daß Gott keinen Leib habe. Ungebildete Leute stellten sich deßhalb Gott so klein vor, wie einen Punkt, und weil sie einerseits nicht begriffen, was das Wort „Punkt" in diesem Falle eigentlich bedeuten sollte, und anderseits bei diesem für das höchste Wesen beleidigenden Vergleiche auch nicht stehen bleiben wollten, so kamen sie zu dieser ungeheuerlichen Anschauung, indem sie Gott viel größer zu schildern suchten. Die Hindus haben fünf Elemente: Himmel, Wind, Feuer, Wasser und Erde, und zwar sinnbildeu diese die Thätigkeiten der fünf Sinne: der Himmel das Gehör, der Wind das Gefühl, das Feuer das Gesicht, das Wasser den Geschmack und die Erde den Geruch. Um die Verbindung der Seele mit der Materie, dem Stoffe, d. h. dem Leibe, anschaulich zu machen, bedienen sich die HinduS eines eigenthümlichen Gleichnisses. Sie vergleichen nämlich die Seele mit einer Tänzerin, welche in ihrer Kunst sehr geschickt und sich der Wirkungen wohl bewußt ist, die jede Bewegung und Stellung ihrer Füße hervorbringt. Sie tanzt vor einem Lebemanne, der vor Begierde brennt, sich an ihrer Kunst zu ergötzen. Unter der staunenden Bewunderung ihres Gönners produzirt sie der Reihe nach ihre verschiedenen Kunststücke, bis ihr Programm erschöpft und das Verlangen ihres Zuschauers befriedigt ist. Dann hört sie plötzlich auf, weil sie nichts Neues mehr bieten, sondern nur das Alte wiederholen könnte, was nicht gewünscht wird, und ihr Verehrer entläßt sie. Auch durch folgende, in anderen Wendungen wohlbekannte Parabel suchen die Hindus die Verbindung der Seele mit dem Leibe und die Wechselbeziehungen zwischen beiden zur Anschauung zu bringen: Eine Karawane wurde einst in der Wüste von Räubern überfallen. Die Reisenden flüchteten sich nach allen Richtungen, nur ein blinder und ein lahmer Mann konnten nicht entfliehen, sondern beide blieben, an ihrem Entkommen verzweifelnd, hilflos auf dem Platze zurück. Nachdem sie sich einander genähert und sich gegenseitig erkannt hatten, sprach der Lahme zum Blinden: „Gehen kaun ich zwar nicht« aber ich kam 452 Dir den Wcg zeigen. Bei Dir ist es umgekehrt. Nimm mich daher auf Deinen Rücken und trage mich, ich will Dir dann den Weg zeigen, und so kommen wir beide aus dieser Verlegenheit." Der Blinde willigte ein, und auf diese Weise kamen beide wieder glücklich aus der Wüste heraus. Die Jndier betrachten nämlich die Seele nicht als das handelnde, sondern nur als das belebende Element. Die Seele wird nach ihrer Ansicht wieder durch die Intelligenz geleitet, die ihr von Gott eingeflößt wird und mit welcher man die Wirklichkeit der Dinge erfaßt, die den Weg zur Erkenntniß Gottes zeigen. — (Fortsetzung folgt.) Theososthie und katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Einer der stärksten Verdachtgründe der Gegner der Blavatskh war bekanntlich der sogenannte „Kiddle-Vor- fall". Ein Brief, den angeblich Koot-Hoomi geschrieben hatte, enthielt „Lehren", die einem 1880 von Mr. Kiddle vor amerikanischen Spiritualistcn bei Lake Pleasant gehaltenen Vortrage entnommen waren. Diese Begebenheit nun soll der Theosophic, wie der Gewährsmann Harrisons weiterhin erklärt, „zuerst die Augen über den Streich geöffnet haben, der ihr gespielt worden war". Dagegen soll Koot-Hoomi sich später in Adyar mit den Coulombs eingelassen haben, „aus Rache über die Abwehr seiner Ränke". Dieses Ehepaar Coulomb, das im Hause der Blavatskh angestellt war, soll dem Dele- girten der „Looiatx kor I^otiicai ÜWoaroü" in London, Mr. Hodgson, aus Rache Enthüllungen über den Schwindel der Blavatskh gemacht haben und ihm im Hanse angebrachte Vorrichtungen zur Hervorbringnng der „Phänomene" gezeigt haben. Graf Leiningen allerdings sagt in einer Anmerkung im Anschlüsse an die Behauptungen in Sinnett's „Oooult IVoilä", Herr Coulomb habe die Fallthüren und Apparate selbst herstellen lassen. Abschließend behauptet Harrisons „Okkultist", daß die Blavatskh sich zum zweitenmale nach ihrer Rückkehr nach England von einem abtrünnigen Juden täuschen ließ, der von einer Brüderschaft des Coutinents wegen Ausübung böser Künste ausgestoßen worden war. „Es wurde beschlossen, sie nicht vor diesem Individuum zu warnen, weil es sie am Leben erhielt. In ihrem elenden Gesundheitszustände wäre der Entzug seines stimulirenden Einflusses verhängnißvoll gewesen. (!) Der Mann wartete, bis sie den zweiten Band ihrer „Geheimlehre" vollendet hatte, und überließ sie dann ihrem Schicksal. Sie unterlag dem nächsten Anfalle und starb im Jahre 1891, ohne Argwohn (soweit bekannt), bis zum Ende heiter, dessen unbewußt, daß sie ihr ganzes Leben lang ein Werkzeug in den Händen hinterlistiger Personen war, von denen Wenige intellektuell auf ihrer Höhe standen, (?) und welche schändlichen Mißbrauch von ihrer außerordentlichen geistigen Thätigkeit und ihren einzig in ihrer Art dastehenden Gaben machten." Wenn Harrison meint, daß „dies beträchtliches Licht auf eine bisher in Geheimniß gehüllte Sache werfe", insofern Frau Blavatskh gegen die Anklage gemeinen Betruges gerechtfertigt und zu gleicher Zeit die Mahatmatheorie abgeschafft werde» so müssen wir mir bedauern, daß sein Gewährsmann selbst, indem er sich in mystisches ^Dunkel hüllte und auch seine Mittheilungen mitunter in bedenklicher Weise verschleierte, die Beweiskraft derselben abgeschwächt hat. Sie wären von großem Werthe nicht nur für die Erkenntniß moderner Theosophie, sondern auch des Treibens geheimer mystischer Gesellschaften, L vn sie in anderer Form gegeben worden wären. Wenn übrigens der Verfasser behauptet, daß die Blavatsky ein Medium ganz außergewöhnlicher Art war, daß sie schon frühzeitig das „zweite Gesicht" besaß, so wollen wir das gar nicht in Frage stellen, anderseits ihm aber auch in der Annahme beistimmen, daß sie keiner' „hohen" Intellekt und keine logische Befähigung besaß, dagegen neben ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit, sich Kenntnisse anzueignen, auch noch „die Gewandtheit hatte, dieselben zu verdrehen, um sie ihren eigenen Zwecken anzupassen". Das Wiederaustanchen der Frau Blavatsky als Thibctaner Buddhistin und Prophetin einer neuen Religion hatte, wie Harrison behauptet, einen gänzlichen Umschwung in der seither befolgten Politik der Geheimhaltung nothwendig gemacht. „Ob es gut oder schlimm war, sie hat eine ungeheure Menge von Mittheilungen in Betreff von Gegenständen veröffentlicht, von welchen bis vor ganz Kurzem niemals außerhalb gewisser Gesellschaften gesprochen wurde, die aber solcher Art sind, daß sie sich denkenden Personen durch ihren eigenen Werth empfehlen, sie mögen aus welcher Quelle immer kommen. (?) Denn es ist der größte Irrthum der Welt, anzunehmen, daß die Theosophie vom Beweise für die Acchtheit der „Wunder" der Frau Blavatsky oder der Existenz der Mahatmas abhängig fei.(?) Seit dem Tode der Frau Blavatsky im Jahre 1891 ist es in der That die Politik der leitenden Theosophen gewesen, die „Mahatmas" so viel als möglich im Hintergründe zu halten." . . . . . . Der Autor übersieht gänzlich, daß die Lehren einer Persönlichkeit, die nur ein Werkzeug zweifelhafter Personen war, schwerlich als wahre Gottweisheit und Religion Anerkennung finden können. Und er weist doch noch wiederholt auf diese vernichtende Thatsache hin, z. B. wenn er abschließend schreibt: „Es steht außer Frage, daß Frau Blavatsky ihr umfassendes Wissen auf dem gewöhnlichen Wege des Studiums nicht erlangt hat. Ich glaube, sie sprach die Wahrheit, als sie sagte, es sei ihr in außergewöhnlicher Weise mitgetheilt worden. Sis war thatsächlich das Medium in der Hand einer unbekannten Person, oder mehrerer solcher, welche aus persönlichen Gründen vorgezogen haben, sich hinter ihr zu verbergen. Es kommt wirklich sehr wenig darauf au, woher sie ihr fast encyklopädisches Wissen erlangt hat. Was wir zu thun haben, ist, es sorgfältig im Lichte der Erkenntniß, die wir bereits besitzen, zu prüfen. Denn es kann nicht geleugnet werden, daß, während die „Entschleierte Isis" wenig enthält, was nicht vorher bekannt war, die „Gehcimlehre" sehr werthvolle Nachrichten über prähistorische Civilisationen und Religionen bringt (an anderer Stelle hat der Autor die „Enthüllungen" des Werkes sehr abfällig beurtheilt!) und auf gewisse Geheimnisse anspielt, deren Dasein selbst nicht vermuthet wurde. Einige derselben sind durch einen den Okkultisten bekannten Vorgang geprüft und richtig befunden worden. (Wie „mystisch" l) Und wenn gleich außerhalb der Theo- sophischen Gesellschaft vielleicht nicht Einer von Tausend die „Geheimlehre" liest nnd Einer von Zehntausend fähig ist, den Weizen von der Spreu zu sondern, wird man sie mehr und mehr beachten, wenn sich der religiöse Gedanke allmählich vom lateinischen Einflüsse nnd die 453 wissenschaftliche Forschung von atomistischen Täuschungen freimacht." Wir fürchten nur, daß sich der Autor in dieser Hinsicht „okkultistischen" Täuschungen hingibt. Die verworrenen mediumistischen Produkte der sonderbaren Prophetin würden wahrscheinlich auch in „antiromanischen" Kreisen keinen Eingang finden, wenn der „lateinische Einfluß" und damit die praktische Bethätigung christlicher Mystik schwinden könnte, von welcher unser sonderbarer „Okkultist", wie er so häufig in seinem Werke beweist, nichts versteht. Auch in den Erinnerungen von H. P. Blavatsky, die „von der Gräfin Wachtmeister und andern" herausgegeben wurden (liewinisaeiiLW ob 8. k. Cvuutsss IVaesttinaistsr and otbsrs), wird die Ansicht ausgesprochen, daß sie durch verschiedene Personen zu verschiedenen Zeiten ausgebeutet wurde. Die Gräfin (S. 57) erzählt, wie sie in einem kleinen Büchlein mit verblichener Schrift, von 1851 datirt, einige auf die erste Zusammenkunft mit dem „Meister" bezügliche Zeilen in der Handschrift der Mine. Blavatsky sah. Sie lauteten: 8uit msnwrastla oortaiirs nuit xur un olsir 6s Irma, hin 86 oouedait n liuuwArrts (vicisliast 8)äs karlr) 12ltz 1851, — IvrsHus ze roncoutrai ls LIaitre äo mes reves. Nach Gräfin Wachtmeister scheint dieser „Llrntrs äes rvv68" ein „unendlich langer" Inder gewesen zu sein, von dem sie sich erinnert gehört zu haben, daß er in diesem Jahre einige indische Fürsten auf einer „wichtigen Mission" nach England begleitet habe, vermuthlich zum Besuche der großen Ausstellung. Derselbe forderte ihre Mitwirkung zu einem Werke, das er zu unternehmen ini Begriffe war, und suggestionirte sie, die Theosophisch» Gesellschaft zu gründen. „Er sagte zu ihr, daß sie drei Jahre in Thibet verbringen müsse, um sich für ihre bedeutende Ausgabe vorzubereiten, und H. P. Blavatsky entschloß sich, das ihr gemachte Anerbieten anzunehmen, und verließ kurz darauf London, um nach Indien zu gehen, offenbar, um in die Geheimnisse der „alten Weisheitsreligion" eingeweiht zu werden." Ob es „Koot-Hoomi" oder der Mahatma M ..., aus der „Oeoult IVorlä«, den man angeblich inzwischen als Namensvetter der alten Kindsfrau der Blavatsky identifizirt hat, war, wird nicht berichtet. Merkwürdigerweise behauptete Oberst Olcott, der Präsident der indischen Theosophischcn Gesellschaft, in seinem Buche »keoplo irom tsts otiivr VVvrlä", daß im Jahre 1874 der „Meister" der Blavatsky sich dazu bekannte, der „Spirit" eines kühnen Seeräubers, John King genannt, zu sein, der im 17. Jahrhunderte in Ansehen stand und sich im neunzehnten die Zeit damit vertrieb, Briefe zu präcipitircn" und „Ehrenmedaillen aus dem Sarge" des Vaters der Blavatsky herbeizubringen (S. 355). Das ist um so wichtiger, da ja ein „John King" so häufig in spiritistischen Sitzungen als controllirender Geist genannt wird. Olcott glaubt übrigens, daß dieser „John King" kein verstorbener Seeräuber, sondern das Geschöpf eines „Ordens sei, der, während er in Betreff seiner Erfolge von unsichtbar Wirkenden abhängig sei, aus Erden unter den Menschen existire" (?) (S. 454). (Schluß folgt.) Cardinal Manniugs letzte Schrift: „Nenn Hindernisse u. s. w." übersetzt nnd ergänzt von Gerhart Wahrmut. —oft. Wenn Jemand kein Talent zum Baumeister hat, so kann er vielleicht doch ein guter Schreiner werden. Das aber können wir von dem Verfasser obiger Broschüre nicht sagen; denn indem er sich als Gcschichts- baumeister anfthun will, vermag er nicht einmal als Schreinerlehrling so zu leimen nnd zu fügen, daß die einzelnen Bretter zusammenhalten. Wer so kühn an die Oeffcntlichkeit tritt, der muß sich auch begründete Kritik gefallen lassen: 1. Was den Leim bildet für sein Werk, das er schaffen wollte, so ist das doch wohl vor Allem die Glaubwürdigkeit seiner Gewährsmänner. Aber Pseudonym Wahrmut leistet Alles, um dieselbe zu Grunde zu richten. Purccll, die Hauptgnelle, wird uns vorgeführt als ein Biograph, der nicht nur „Widersprüche, Zweideutigkeiten, Unbestimmtheiten" sich muß vorwerfen lassen, sondern der auch wider besseres Wissen die Hauptschuld dem unschuldigeren Theile zuschiebt; als ein Berichterstatter, der die Hauptfrage der Broschüre in geheimnißvolles Dunkel hüllt, indem er nach dem Sprichwort: „Im Dunkeln ist gut munkeln," nach beiden Seiten hin zu ungerechten Vermuthungen Anlaß gibt; als ein Gehcimnißkrämer, der aber vor Scrnpeln über seine Handlungsweise bald so, bald so schreibt und doch nichts gesagt haben will! Von dem Spectator der „Allgcm. Zeitung", der dazu herhalten muß, das Bißchen Leimkraft noch zu verderben, wollen wir lieber schweigen. Wo liegt die Kraft ihrer Autorität? Und doch soll das Publikum denselben Alles glauben? 2. Und wie hat der Herr die Bretter, das Material seines Werkes, jämmerlich verschnitten! und das ist das Lebens- und Charakterbild des Kardinals, dessen Schrift ja durch dasselbe recht in Kraft gesetzt werden soll! O armer Cardinal! Nachdem Purcell denselben recht unglücklich auf dem Paradebette für das Publikum ausgestellt hatte, wird er nun von dem Uebersetzcr seiner letzten Schrift mit Hilfe seiner Assistenten noch öffentlich secirt. Schon jener Act hat ihm die Glieder verrenkt in lauter Widersprüchen: „Mangel historischer Kenntniß, starkes Vornrtheil, gewisse Eifersucht, Uebertreibung der bischöflichen Machtbefugnisse, Irrthum, Mschließung gegen jeden Rath, den er sogleich als Tadel und Eingriff betrachtet, Mißtrauen, Machinationen hinter dem Rücken seines Vorgängers, hartnäckiger Eigensinn" u. s. w. leiten ihn bei seinem abweisenden Verhalten besonders gegen die Jesuiten, so daß darunter eher die geplante kathol. Universität scheitern mag, — und doch wird er nur von hohen Ideen geleitet! Ein sonderbarer Heiliger! Aber, um die Widersprüche zu lösen, wird er secirt und dabei so böse versähest, daß die Theile beim Zusammenfügen vollends zerbrechen: „anglikanische Vornrtheile, Einfluß von Ordensfeiudcu, sogar Ideen Rosminis" werden zugestanden; dabei gewinnt man den Eindruck, daß er die wichtigsten Fragen überspannt und gern greift, so in seinem Glauben, in seinen Anforderungen an Klerus und Volk, in seiner Ascese, in seinem Tn- tiorismus; aber Gott sei Dank, er „lernt um", bekommt anders Anschauungen, besonders bezüglich der weltlichen Macht des Papstes, die er nun für ein Verderben betrachtet, bezüglich der römischen Curie, bezüglich der Grenzen der päpstlichen Unfehlbarkeit: und zwar ganz 454 besonders dann, wenn ihm etwas nicht nach dem Kopf geht; nnd zwar lernt er zum Glück soweit um, bis er mit seinem Geschichtsbaumeister zusammenstimmt! Zur vollen Harmonie aber darf er nur in Einem Punkte nicht „umlernen", nämlich in der Abwehr der Jesuiten. 3. Die Krone des ganzen Werkes ist aber gewiß der fatale Umstand, daß zuletzt der Kopf verkehrt eingesetzt wurde: Nachdem das „Umlernen" geschildert ist, ruft der Cardinal sogar „Wehe" über einen Bischof, der von irgend welcher Partei sich leiten läßt. Das klingt (gegen das Ende seines Lebens) wie ein Ausruf allzuspäter Erkenntniß und der Neue. Was muß das wohl für eine Partei gewesen sein, von der sich Manuing leiten ließ? Ach da hat der geniale Ergänzer und Corrigirer des Biographen es ganz vergessen, daß er bewiesen hat, wie Manning schon unter seinem Vorgänger Wiscman und während seines ganzen Pontificats „wie ein Cherub mit flammendem Schwerte" die Jesuiten abwehrte; ferner daß er gerade in den Fragen, in denen er früher mit den Jesuiten übereinstimmend gedacht, nun „umgelernt" hatte. Wenn er also zuletzt bereute, dann kann gewiß nicht die Jcsnitenpartei Gegenstand dieser späten Erkenntniß und Rene sein; aber ausgeschlossen wäre es nicht auf Grund der versuchten Beweisführung, daß er bereute, der Partei der Gegner derselben zu viel Einfluß gewährt und so gar Manches verdorben zu haben. Zum Schluß mache ich nur noch aufmerksam auf die Schärfe seiner Scctionsmcsscr. Wie gewandt er ist, an der Kirche Leib zu schneiden und zu scheiden, beweist er auf Seite 88 oben, 89 unten. Aber die Erinnerung wird man bei Bewunderung dieser Kunstfertigkeit nicht los, daß die heutigen „Auchkatholiken" dieselbe Kunst verstehen, mit derselben, was sie nur »vollen, verneinen, und daß sie, indem sie auf den Sack schlagen, ettvas Anderes treffen »vollen. * -sr * Einer weiteren Einsendung entnehmen wir noch folgende Sätze: Da es auch uns um die volle Wahrheit zu thun ist, so ersuchen wir den Herrn Uebcrsctzer, uns bezüglich der durchschossen gedruckten Stellen seines Vorworts xa§. X genauer zu bezeichnen, was Marke „Wahrmut" etwa, und was Marke Purcell ist? Sie sind so starke Kritik, daß der Leser ein Recht hat, seine Leute zu kennen. In seiner Brochüre sind nämlich nach den Anführungszeichen die Schlußzeichen vergessen. Mag nun diese Nachahmung der Broschüre Schell von England oder von dem jungen Gelehrten in Würzburg stammen, jedenfalls beweist sie, daß zur Ausbildung von Priestercandidaten noch etwas Anderes als „Freiheit der Wissenschaft" und „Uni- oersitätsbildung zu Würzburg, Oxford oder dgl." recht nothweudig ist, und mögen darum die, welchen diese sehr nöthige Eigenschaft mangelt, das von Herrn Wahrmut lobend erwähnte Büchlein: „Das ewige Priesterthum" von Cardinal Manning, recht betrachten, uin wahre Priester, und nicht bloße Räsounirer zu sein, besonders in ihrem so wichtigen Berufe! .... Aber selbst dann, wenn die Jesuiten absolut getroffen werden mußte»», wozu kamen denn die „Neun Hindernisse" in die Debatte? Mit Ausnahme von IX „8. sind die Verhältnisse so verschieden, daß es die Lösung einer unlösbaren Preisaufgabe bedeutet, dieselben auf Deutschland und auf den deutschen Klerus anzuwenden. Dadurch aber wurde der deutsche Klerus in der ungerechtesten Weise verdächtigt. Was bleibt denn „mu- tntia rnutnuäis" davon übrig? Erklärung. Herr Lycealdirektor Dr. Diendorfer in Passau hat in Nr. 64 der Augsburger Postzeitungsbeilage eine Ansprache veröffentlicht, »n der er mit Entrüstung die „Mißkennuna und Verdächtigung" zurückweist, welche ich „öffentlich den kgl. bayerischen Lyceen (nnd Lehrscminarien) „ent- gegengeschleudert" haben soll, und zwar in meiner Schrift „Der Katholizismus als Princip des Fortschritts". 2. Anst. 13-21: 6. Allst. 28-33. 1. Jilsbesondere sagt der Herr Lycealdirektor Dr. Diendorfer folgendes: „In der That wird es dein gelehrten Herrn Rektor und Professor schwer fallen, den Nachweis zu liefern, daß die an den bayerischen Lyceen . . . gebildeten Theologen hinter den an den Universitäten gebildeten in wissenschaftlicher oder in religiös-sittlicher Beziehung oder in ihrer späteren Bernfswirksamkeit irgendwie zurückstehen." Eine derartige Behauptung habe ich in obiger Schrift überhaupt nicht aufgestellt, insbesondere »licht in dein näher bezeichneten Abschnitt: folglich brauche ich auch keinen Beweis dafür zu liefern. 2. Ferner erklärt der Herr Lycealdirektor von Passau: „Angesichts dieses Thatbestandes kann man es den Vertretern der bayerischen Lyceen nicht verdenken, wenn sie den in der Schell'schen Schrift unverblümt enthaltenen (wenn auch »licht nut nackten Worten ausgesprochenen) Vorwnrf. als würden dieselben an der von deren Verfasser behaupteten Jnferiorität der Katholiken in Deutschland mit Schuld sein. als gänzlich unbegründet entschieden zurückweisen." Ich erwidere hierauf: Einen derartigen Vor- wurs habe ich in meiner Schrift gegen die bayerischen Lyceen nicht erhoben; auch nicht in der Weise, daß er „unverblümt darin enthalten" wäre. 3. Der Herr Lycealdirektor spricht außerdem noch „von all den schiefen, theils übertriebenen, theils unwahren und deßhalb gänzlich unberechtigten Behauptungen", welche ich in genannter Schrift „ohne Beweise" über die Lyceen (und Lehrseminarien) aufgestellt habe. Ich ersuche den Herrn Lycealdirektor vr. Diendorfer eindringlich, mir diese „unwahren Behauptungen" über die Lyceen zu nennen: denn was er mir nicht namentlich als unwahr bezeichnet, könnte ich beim besten Willen nicht zurücknehmen, da mir selber solche Behauptungen völlig unbekannt sind. . 4. Der Zusatz zu xa§. 96 der 6. Anst. bedeutet weder einen Rückzug noch den „rein platonischen" Ausdruck meiner Werthschätzung für die Lyceen und Seminarien. Dieser Zusatz soll vielmehr das Mißverständinß fernhalten, als hätte ich durch meine Ausführungen die Mono- polisirung der Theologie zu Gunsten der Universitäts- facultäten gefordert, mit Allsschluß der Lyceen nnd Lehrseminarien, und n»it Verkennung der Gründe, welche sie nothwendig machen. Was ich bekäinpfte, war die in neuerer Zeit nicht undeutlich hervortretende Hinneigung zum französischen Seminarsystem — mit all seinen bedenklichen Folgen, nicht bloß für die theologischen Universitätsfacultäten. Würzburg, 7. November 1897. Dr. Schell, Universitätsprofessor. Recensionen und Notizen. „Dichterstimmen der Gegenwart." Poetisches Organ für das kathol. Deutschland. Herausgegeben von Leo Tepe van Heemstede. Verlag von Peter Weber in Baden-Baden. Jährlich 12 Hefte. Mit 12 Kunstbeilagen (Portraits und Biographien zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen). Preis halbjährlich 2 M- 25 Pfg. 3. L. llh Von Zeit zu Zeit steigt die goldene Loreley vom weithinschauenden Rheinfelsen herab und gleitet im blumengeschmückten Nachen auf den grünen Fluthen des rauschenden Rheins. Allmonatlich, wenn von den reden- 455 umkränzten Sahen die altersgrauen Burgen vergoldet iiu Abendsonnenscheine grünen, sendet sie ihre Sängcrboten, die unter dem Namen „Dicht er stimmen" herzliche Gäste sind, hinaus, überallhin, wo Deutsche wohnen, mit dem holden Grütze: „Was irdischer Jubel und Schmerz hat gesponnen. Was Seele voll Lieben und Sehnsucht gesonnen. Die mich zur stillen Vertrauten erkor. Und der ich mein blühendes Scepter lieh: Das trag' ich empor." Zum zwölften Male treten sie mit liederreicher Gabe ihre gewohnte Runde an. Im letzten Jahre haben sich die Abonnenten der „Dichtcrstimmen" um nahezu ein Viertel vermehrt; immer melden sich noch neue an. Der gediegene Inhalt, der vornehme Ton, die geschmackvolle Form, die kunstsinnige Ausstattung ziehen Leser an, die noch Sinn für das Edle und Erhabene bewahrt haben. Nicht zuletzt reizen zum Abonnement auch die mit vielem Beifall aufgenommenen Lichtdruckbilder, die die Bildnisse zeitgenössischer Dichter darstellen. Auf diese Weise haben die Leser nach etlichen Jahren eine ganz hübsche Porträts- sammlung. Der neue Jahrgang verspricht ausserdem als Beigabe eine Photo Heliogravüre am Schlüsse des Jahres. Der Grundton des neuesten Heftes ist poetische Herbststimmung. Wir machen die freudige Wahrnehmung, daß es im katholischen Deutschland gute Dichter gibt. — Franz Eichert preist als unerschrockener Sänger „Freiheit, Wahrheit, Recht". Die Westfalin Ferdinande von Bracke! besingt „Des Herzens gewaltige Mächte" und „von der Liebe Gebot", und von „des Lenzes Lust", die drinnen tief im Busen erglüht, wenn ein Weib uns naht mit der „Liebe Gewalt", ein Lied wie aus „Des Knaben Wnnderhorn" mit volksthümlicher Weise, eine Muse, die wie ein geisterhaftes Schattenbild um die Dämmerstunde leicht und leis an uns vorüberhuscht. Fräulein Minna Freeriks ergießt „Den Born liebe- mächtiger Poesie — Bis zum Himmelssaum". Ihr melodisch sanftes „Ave Maria" stimmt zur großen Symphonie von Mittag-Läuten, Abendglockenklaug und Nachtigall-Lied in: Morgenthau und Lenzesdust. „Die christ- liche Kunst" ist ein prächtiges allegorisches Gemälde, das uns anmuthet wie ein Klang aus der Zeit der Romantik. Hoffentlich wird der wackere Sohn Apoll's aus seiner stillen Klause heraustreten, um seiner Mitwelt hie und da etwas vorzusingen. Denn, erinnern wir uns recht, sahen wir den Namen Josef Auffenberg hier zum ersten Mal. Soll ich sie weiter nennen all die Namen der frohen Sänger: A. Jüngst, Esser, den kindlich heitern Ambrosius Schupp, der in seinem „Liedcr- strautze" singt „ob so, ob so" in der Welt es zugebt; Elise Miller, die fromme Schwäbin aus Württemberg; auch ihr Landsmann Karl Hagenmaier läßt sich nach langem Schweigen wieder vernehmen; die Freunde der „D." befürchteten, die herben Bernsssorgen hätten seine Sängerstimme erstickt; Franz Niederberger, der Messiassängcr des 19. Jahrhunderts I. W. Helle. Viele Namen haben schon einen guten Klang. Nicht vergessen dürfen mir den Meistersinger am Rheine mit immer neuen Weisen, der sich uns als der unermüdliche, stets saugeslustige Herausgeber der „Dichtcrstimmen" vorstellt: Leo Tepe van Heemstede. „Durch Meinungsstreit und Schwerterklirren" tönt sein Lied „Am Born des Lebens". In einer Lebensskizze von Jos. Südländerin Rom kommt ein hochbedeutender, glaubensbcgcisterter Dichter zu Wort, der sich nach Fug und Recht einer gleichen Berühmtheit wie der Dreizehnlindendichter erfreuen sollte, nannte ihn — Edmund Behringer — doch der geistvolle Hettiuger den „deutschen Dante". Die in den „Dichtcrstimmen" einheimische Rhcinländcrin MargarethaMirbach bringt „Ein Herbstmärchen" für Jung und Alt zu lesen, geschildert im zartesten Ton farbenfrischer Sprache, belebt vom Hauche inniger Poesie. Recht anziehend ist die Studie über den geistreichen Mönch von Heisterbach, Cäsarius, der der erste Rheinromantiker sein soll. Die Aufnahme ähnlicher Studien in den „Dichterstimmen" sähen wir gerne öfters. Unter „Alte und neue Bücher" werden die neuesten Erscheinungen auf schöngeistigem Gebiete von sachkundiger Feder abgeurtheilt, wobei niemals Gnade für Recht ergeht. ^Mosaik" bietet literarisches Allerlei. Die „Literar- rsche Tafel" gibt allen Bücherfreunden einen willkommenen Fingerzeig. Müssen wir auch manchmal dem einen oder andern Sänger in den „Dichterstimmen" Striche auf die Tabulatur machen, das erste Heft oes 12. Jahrganges befriedigt uns znm Entzücken. Ja, was ist dagegen auch die „Waschermadelpoesie" vieler unserer „Jüngst- deutschen"? Ihre Muse ist die Priestern: der gemeinlüsternen Venus, so daß hier Heine's Wort zutrifft, das er von Hamburg gebrauchte, „H_ genug, aber keine Musen!" Sehr oft ist es nur minderwerthiges poetisches Lallen in Reim und Rhythmen gezwängt*,'-nur mit der Feder, nicht auch mit dem Kopfe geschrieben. Diese Muse ist ein entartetes Mädchen mit vergrämtem blassem Gesicht und übernächt'gcn Augen, aus denen die Sünde grinst. Die Muse nach Art der „Dichterstimmen" ist eine frische Wiesenblume,wachgeküßt vom erwärmenden Sonnenstrahl. Sie läßt uns fühlen, daß wahre Poesie die Tugend nur noch liebenswürdiger macht, indem sie unsre Seele erfüllt und zu edlen Thaten begeistert. Mögen daher Gönner und Jünger echter Poesie diesem schönen Rheinkind hold sein; die Mitgift, die es heischt, ist leicht erschwinglich. „Jakob Bälde als Mariensängcr." Gesammelte Maricngedichte in freier Ucbertragung herausgegeben von?. Peter Baptist Zierler, 0. Oap., Lektor zu Sterzing. München, 1897. Verlag von I. Pfeiffer. H. Die Oden aus die jungfräuliche Gottesmutter, welche Bälde, der bayerische Horaz, je nach seiner seelischen Stimmung zn verschiedener Zeit in seine unsterblichen Lyrica eingestochten hat, erscheinen hier znm erstenmal in vortrefflicher Ucbertragnng sämmtlich aneinandergereiht. Aber man braucht nicht zu fürchten, daß deßhalb die Lectüre ermüdend werde. Denn, selbst von dichterischer Begabung, weiß der Verfasser durch reiche Intuition sowie durch seltene Beherrschung der poetischen Sprache auch auf die heutige Leserwelt, insoweit sie überhaupt Boldes Geist und Phantasie zn würdigen versteht, eine mächtige Wirkung hervorzubringen. Die Ucbersetznng, die sich weder nach Wortlaut noch Versform krampfhaft an das lateinische Original anklammert, gestaltet sich gn Folge dessen zu einer freien, aber höchst gelungenen Nachdichtung. Ob indeß bei einigen wenigen Oden in dieser Freiheit nicht zu weit gegangen ist, überlassen wir dem Urtheil compe- tenter Richter. Uns wenigstens will es bedünken, daß das wahre Colorit der Balde'schen Poesie zuweilen darunter etwas gelitten habe. Im Ganzen aber müssen wir der bochverdicnstlichen Arbeit freudige Anerkennung zollen und können nur wünschen, daß das zierlich ausgestattete Büchlein, das sich auch als Geschenk besonders eignen dürfte, recht viele Leser und Freunde finden möge. Des ehrw. l?. Martin von Cochem Meßbuch, enthaltend zweiunddreißig vollständige Mcßandachten für jeden Tag der Woche, für die Sonn- und Festtage und für besondere Veranlassungen und Anliegen. Neue vermehrte und verbesserte Ausgabe von U. Osdorne. 8°. VIII, 574 Seiten. Preis gebunden M. 2.—. Dülmen i. W-, A. Lanmann'sche Buchhandlung. Das vorstehend angezeigte Werk enthält: 1) einen erbaulichen Unterricht über die Bor-trefflichkeit, die Geheimnisse und die andächtige Bciwohnung der heiligen Messe, 2t sieben Mcßandachten für die Wochentage, drei für die Sonntage, sechzehn für die heiligen Zeiten und Feste, sechs für besondere Veranlassungen, 3) scchzehnLitancicu, 4) einen reichhaltigen Anhang mit Gebeten für die gewöhnlichen und mich manche außergewöhnliche Andachtsübnngen einc-Z katholischen Christen. Fast der ganze Inhalt ist aus dem gottliebcnden Herzen des seligen U. Martin von Cochem geflossen und übertrifft an religiöser Weihe und Innigkeit, wie auch an Gediegenheit und Kraft eine unübersehbare Reihe von Erzeugnissen ähnlicher Art. Hübner's Geographisch-statistische Tabellen Ausgabe 1897. Herausgegeben von Hofrath Pros. Fr. v. Jurasch ek. Verlag von Heinrich Keller in Frankfurt a. M. Die Hübner'sche Tabelle hat in allen Kreisen bereits eine Verbreitung gefunden, wie selten ein ähnliches populäres Unternehmen, und es wird immer mehr erkannt, daß sie jedermann auf das bequemste und billigste in die 456 wirthschaftlichcn und geographischen Verhältnisse aller Länder der Erde einführt. Für die Bearbeitung dieser neuen Auflage sind wiederum die besten, tbeilweife offiziellen Quellen benutzt worden. Dieses Schriftchen erspart lästiges Aufschlagen in größeren geographischen Werken und man gewinnt durch dessen Anschaffung Zeit, tonnt Geld. Alle Notizen darin sind in jeder Beziehung zuverlässig. Es sei noch besonders darauf hingewiesen, daß der Umfang des Heftes — ohne Erhöhung des Ladenpreises — gegen die Vorjahre um 3 Seiten vermehrt worden ist, wodurch zur Aufnahme einer Tabelle über die Ergebnisse der Volkszählung im Russischen Reiche vom 28. Januar 1897, sowie einer sehr interessanten Uebersicht: „Statistische Daten einiger Großstädte", der Raum geschaffen wurde. Preis der elegant gebundenen Buch- Ausgabe M. 1.20, der Wandtafel-Ausgabe 60 Pfg. Raich I. M., Die innere Unwahrheit der Frei' maurcrei. Zweite Ausgabe. Mainz 1897, Frz. Kirchheim. (IV n. 179 Seiten.) M. 1,50. Wir kennen kein Buch, welches so kurz und zuverlässig über Ursprung, Grundgesetze, Zweck und Tendenz und vornehmlich über das Wesen der zahlreichen Systeme der Hochgrade orientirt, wie die angezeigte, früher unter dem Pseudonym Dr. Otto Beuren erschienene Schrift. Aus jeder Seite läßt sich erkennen, daß der Verfasser sem Gebiet vollkommen beherrscht und nur authentische Quellen zu Rathe zieht. All die Schriftsteller, welche bei Mangel zuverlässigen Materials ins Blaue hineinschreiben, bleiben ohne Ausnahme in die Ecke gestellt. Selbst Findet, der geschätzte Historiograph der Maurerei, hat diesen Vorzug anerkannt und die Lectüre dieses Buches seinen Brüdern empfohlen mit dem Bemerken, daß mancher Bruder daraus Aufschluß über manrerische Dinge schöpfen könne, deren Erkenntniß ihm bisher verschlossen war. Das im Titel angedeutete Thema beweist der Verfasser nach allen Seiten hin und bietet zugleich eine gedrängte Geschichte des Logcn- wesens. Selbstverständlich behält er bei seiner Arbeit vornehmlich die'Freimaurerei im Auge, wie sie in unteren Tagen und namentlich in Deutschland „leibt und lebt". > Eine Ausnahme macht das durch conscgncntc Entschiedenheit hervorragende Masonenthum in Belgien, welchem ein besonderes Kapitel gewidmet ist. Unter anderem werden wir auch mit einer Reihe von Betrügern bekannt gemacht, die aufs Haar einem Leo Taxil gleichen, mit dem Unterschiede jedoch, daß dieser die „Profanen", jene aber die „Eingeweihten" am Narrenscil führten. Gegen solche Gefahren kann unsere Schrift als sicheres Schutzmittel gelten. Stimmen an? Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang )897. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). Freiburg i. Br., Herder'sche Verle.gSbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 9. Heftes: Warum gibt es nicht mehr Konvertiten? (L. v. Hammersteiu 8. 9.) — Vier Meiswrwcrke kirchl. Baukunst in Florenz. I. (M. Meschler 8. .>.! — Brun von Querfnrt, Bischof der Heiden. II. (Schluß.) (O. Psülf 8. 9.) — Die zu Madaba entdeckte Mosaik-Karte des Heiligen Landes. (L. Font 8. .1.) — Die Familie der Panischen. I. (E. Wasmann 8. I.) — Glaube oder Liebe? (W. Kreiteu 8.0.) — Recensionen. — Einvfchlenswcrthe Schriften. — MiScellen. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiund- zivanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M.9.—. Freiburg i. Vr. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt Nr. 10: Llauäslksru, Vstsris tsstamsuti Oou- ooräautigs Ilsbraioas gtgus Obaläaioas. (Hoberg.) — "Weiss, ckuclas Llabbabueus. (Peters.) — Drauät - Daubmuuu, I/. Oasli Dirmiairi Daetauti opsra omuia. (Weyman.) — ^.ualsota Drauoisoaua etc. (v. Funk.) — LisrliuA, Da Lässig et lo 8aiut-8iöAs. (Paulus.) — de Waal, Der Campo Santa der Deutschen zu Rom. (Künstle). — Güttler, Eduard Lord Herbert von Cherbury. (Offner.) — Larmsutisr, Listoiro äs I'Läuoatiou sn ^.uslstsrrs. (Zimmermann 8. I.) — Blaß, Grammatik des Neutesta- mentlichen Griechisch. (Rückert.) — liotbs, Iraitö äs äroit nntursl. (Bastien.) — Rühl, Chronologie des Mittelalters und der Neuzeit. (Spähn.) — Vetter, Der heilige Georg des Reinbot von Durne. (Albert.) — Riezler, Geschichte der Hexeiwrocesfe in Bayern. (Diefenbach.) — v. Lettow- Vorbeck, Der Krieg von 1806 bis 1807. (v. d. Mengen.) — Dsbautoourt, OgmpgAus äs l'Dst sn 1870—1871. (v. d. Mengen.) — Detzel, Christliche Ikonographie. (Künstle.) — Uhde, Baudenkmale in Spanien und Portugal. (Kühn.) — Zardetti, Westlich! Müller-Simonis, Vom Kaukasus zum persischen Meerbusen. (Ruhle.) — Kutter, Clemens Alc^andrinus und das Neue Testament. (Dansch.) — Emmerich, Der heilige Kilian. (Albert.) — v. Bischossshausen, Das höhere kath. Untcrrichtswesen in Indien. (Metzger.) — Streifzüge durch das Reich der Freimaurerei. (Franz.) — Nachrichten. — Vüchertisch. Philosophisches Jahrbuch der Görresgesell- fchaft. Verlag der Fuldaer Aktiendruckerei in Fulda. X. Jahrgang. Das IV. Heft enthält u. And.: F. lk. Pfeifer, Ueber den Begriff der Auslösung und dessen Anwendbarkeit auf Vorgänge der Erkenntniß. — V. Frins 8. I-, Zum Begriffe des Wunders. (Schluß.) — B. Ädlhoch 0. 8. L., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Schluß.) — G. Grupp, Die Grundlage des Glaubens. — Ed. v. Hartmann, Kategorienlehre, von Al. v. Schmid. — I. Jörgenfen, Lebenslüge und Lebenswahrheit, von C. Gutberlet. — Snrbled, Ds tsmxöramsut, von demselben. — R. v. Wich ert, Natur und Gent, von demselben. — E. Wasmann 8. l., Instinkt und Intelligenz im Thierreich, von L. Schütz. — Al. Otten, Apologie des göttlichen Selbstbewußtseins, von C. Gutberlet. — Zur Kriteriumsfrage, von C. Th. Jsen krähe. — Zeit- schriftenfchau. — Miscellen und Nachritten: Nochmals der Ditbsoautbropus ersotus Dubais. — Gehirn und geistige Fähigkeit. — Die Reden und Gespräche Buddha's. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben von Dr. Ernst Commer, Professor an der Universität Breslau. XII. Bd. 2. Heft. Paderborn 1897, Schöningh. Inhalt: I. Der Urstoff oder die erste Materie. (Fortsetzung folgt.) Von L. Gundisalv Feldner, 0. Lraeä. — II. Aus Theologie und Philosophie. (Fortsetzung folgt.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner. — III. Der hl. Bona- ventnra und die thomistisch-molinistische Coutroverse. Von Docent Dr. B. Dörholt. — IV. Literarische Besprechungen. Divus Ibomas Oommsntarium iussrvisus Jeaäsmüs st D^easis 8obolastioam seotautibus. Vun. XVIII — Vol. VI. 8ummarium Dasoiol. 13—20 iuol. D.: Verba proosmialia iu arm. 18. Lamslliui: Dommsut. iu tzuasst. 27 sgg. 3»° Dort. 8umw. Ibsol. „Ds lll^stsrüs X9" iu lsotiouss äistributa. Ds Wulf: Disssrtatio bistorioooritiea äs spsoisbus iutsutioualibus. D r. 8^uäisus 0. Dr. läsalismus bistorios illustratus st a 8. Iboma ooukutatus. I.. 1b.: Domra, iu Duopol. „Ds stuäiis 8aoras 8erixturas." 8 obo1.1 beoI. llloraI.: Ds Asuniuo 8^stsmats 8 . Vlpbousi DiZu. Oasus Lloralss. VsspiAuaui (Dpisoop.): Iu Dibsrabsmuru uuivsrsum Dootors Auxslioo äuos st Loutiüos 8ummo Deous XIII. trutiua. Viuati: Ds priueipio oausalitatis auimaä- vsrsiouss oritisas. Dr. LI.: Dostriua 8. Ibomas äs ua- tura Ibsoloxias 8psoulativas. O.: Verbum orals seu vivsus maZistsrium priuesps st ssssutials orZauou rs- vslativuis vbristiauas. lause u: Ds oritsrio vsritatis. Viuati: Ds rsosuti iuvsutious tsxtus primiZsuii Do- clssiastioi. — Lslatiouss ciosäsmiarum iu bouorsm 8 . Ibowae ^gnioatis. — LiblioAiapbia. — Duzus Lsrioäioi altsruis msusibus kasoiouli äuo säuutur eoutiusutss 16 x>a§iuas guatsruarias mgAui kolii. 36 kasoiouli Volumsu voustituuut. LiuAula Volumina inäissm aualMoum kaba- - Verantw.Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag desLit.Instituts von Haas LGrabherrin Augsburg. kir. 66 20. Nvv. 1897. Zeilkgk W Kligsklgn ^chkitMg. Suggestion und Hypnotismus ini Recht. Von Rechtsanwalt Dr. Then-Traunstein. Suggestion und Hypnotismus sind in der neueren und neuesten Zeit zu einer Zeit- und Streitfrage geworden. mit welcher man sich in allen Zweigen der Wissenschaft mit gleich hervorragendem Interesse beschäftigt. Theologen wie Psychologen, Professoren der Medizin und praktische Aerzte, bedeutende Theoretiker in der Jurisprudenz, wie Richter und Rechtsanwälte in der Gerichtspraxis, alle bekunden eine gleiche Autheilnahme an der Lösung dieser Tagesfrage, und für alle ist die Lösung in ihrer Weise von der weittragendsten Bedeutung. Der Theologe und Moralist wird vor die doppelte Frage gestellt: sind Suggestion und Hyvno- tismus geeignet, die freie Verantwortlichkeit des Menschen für sein Thun ganz oder theilweise auszuschließen, und ist die Anwendung des Hypiiotismus vor dein Forum der Religion und Moral erlaubt oder nicht? Die moderne Schule der Psychologen, welche auf dem Standpunkte der monistischen Weltauffassung stehen, sinken in den Ergebnissen der Anwendung des Hypiiotismus einen Beweis für ihre Theorie, das; die Seele nichts anderes ist, als ein Spiel der Natnrkräfte. Der Arzt steht vor einem Mittel, welches von hochbedentenden und in der medizinischen Disciplin vielgenannten Autoritäten als novum gepriesen und als Radicalhilfsmittel für eine Unzahl von Krankheiten und krankhaften Erscheinungsformen in bisher für unknrierbar gehaltenen Fällen angesehen wird. Und auch der Jurist muß das lebhafteste Interesse haben an einer Frage, von deren Beantwortung die Grundlagen allen Rechts, der Rechtswissenschaft und der richterlichen Entscheidungen abhängen. Das Fnnda- ment aller Rechtshandlungen ist die Voraussetzung eines freien, verantwortlichen menschlichen Thuns. Auf der menschlichen Verantwortlichkeit war zu allen Zeiten und ist heute noch das ganze Nechtssystem aufgebaut. Das Recht und sein Inhalt, allseitig eindringend in alle Nuancen und Constellationen menschlicher Lebensverhältnisse, wird mehr und mehr zum Gemeingut Aller. Die Oeffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, das Recht der freien Meinungsäußerung, eine freie Presse, die zunehmende allgemeine Bildung tragen dazu bei. Es bedarf dann nur eines besonderen Anlasses, um alle jene Kreise, welche „mitlcben" in der jeweiligen Entwicklung der Menschheit, auch für Fragen zu interessiren, die mehr oder weniger einer Fachwissenschaft angehören. Zu diesen Fragen zähle ich die angeregte, und aus den genannten Umständen schöpfe ich die Berechtigung, nachstehend eine Skizze darüber zu geben, wie sich die Wissenschaft und die juristische Praxis gegenüber dem Hhpnotisinns und der Suggestion verhält, und welches die Bedeutung dieser Erscheinungen für das praktische Nechtsleben ist. Wenn ich einleitungsweise auf die Lehre von Suggestion und Hypnotismus eingehe, so erscheint mir dies als eine unvermeidliche Voraussetzung für meine Darlegungen. Die Literatur der letzten Jahre über Hypnotismus und Suggestion ist eine immense. Man kann nicht sagen, daß dadurch die Begriffe geklärt und die Uebersicht erleichtert worden wäre. Noch fehlt ja jeder feste Boden, und wer weiß, ob je es menschlichem Scharfsinne gelingen wird, das geheimnißvolle Dunkel zu lichten und eine sichere Bahn zu eröffnen? Eine Uebersicht über den derzeitigen Stand der Theorie und der Lehre von Suggestion und Hypnotismus kann zum vollen Verständnisse der für das Recht hieraus zu ziehenden Konsequenzen nicht umgangen werden. I. Vorbemerkungen über Suggestion und Hypnotismus.') Hypnotismus ist diejenige Wissenschaft, welche sich mit der Gesammtheit der Erscheinungen befaßt, die mit der bewußten und unbewußten Suggestion zusammenhängen. (Forel.) Der Hypnotismus ist keine neue Erscheinung; neu ist lediglich der Name. Bereits die alten indischen Fakire beschäftigten sich damit. Im 19. Jahrhundert lenkte sich die Aufmerksamkeit hierauf durch die Lehren des Magnetismus. Insbesondere Männer wie Mesmer, Braid, Hansen haben sich auf diesem Gebiete einen Namen gemacht. Wissenschaftliche Behandlung erfuhr die Lehre vom Hypnotismus erst durch Charcot und seine Schule in Paris und durch die Schule von Nancy, mit ihren Häuptern Liögeois und Beruhen». An diese beiden Schulen schließen sich im Wesentlichen alle dermaligen Autoritäten an. Nach der Schule Charcot's unterscheidet man drei Zustände der Hypnose, von denen jeder sich selbstständig entwickeln, aber auch einer aus dem andern hervorgehen kann. 1) Katalepsie. Ihre Wirkung äußert sich in lln- beweglichkeit und Nnempsindlichkcit. Der Kataleptische führt nur die Bewegung aus, deren Vorstellung in ihm künstlich erweckt worden, ohne den geringsten eigenen Willcusantrieb. Dieser Zustand kann nicht lange bestehen, ohne zn einem hysterischen Anfall oder zu Krampfcrscheinnngcn zu führen. Derselbe geht leicht über in den zweiten (lethargischen) Zustand. 2) Lethargie: eine Ueberreizbarkeit der Nerven und Muskeln. Sie haben die Fähigkeit, sich unter dem Einfluß einer unmittelbaren mechanischen Reizung zusammenzuziehen und die auf diese Weise eingenommene Stellung beizubehalten. Das Bewußtsein ist gänzlich aufgehoben; der Patient ist völlig unempfindlich. 3) Somnambuler Zustand. Aeußerlich wenig von dem lethargischen Zustand unterschieden. Der Muskel- sinn, Sehvermögen, Gehör, Geruch und Geschmack sind sehr stark entwickelt. Das Gedächtniß ist zu außerordentlichen Leistungen befähigt. Die merkwürdigste und wichtigste geistige Eigenthümlichkeit ist die Fähigkeit und Geneigtheit, fremden Suggestionen Folge zu leisten. Gegen diese Eiutheilung wendet sich die Schule von Nancy, welche 5—6 Stufen annimmt. Bernheim stellt neun Stufen auf, welche mehr oder minder in einander übergehen oder übergehen können. Der Somnambulismus nimmt erst die fünfte oder sechste Stelle ein. Forel geht von der Suggestibilität aus und nimmt drei Stufen derselben an: 1) Somnolenz. Der nur leicht ') Ich beschränke mich auf die Anführung der Literatur aus den letzten-Jahren: Forel, Der Hypnotismus, 3. Anst. 1895; Hirsch William, Die menschliche Verantwortlichkeit und die moderne Snggestionslehre, 1896 : derselbe, Was ist Suggestion und Hypnotismus: Lilienthal, Hypnotismus im Strafrecht, Zeitschrift f. d. ges. Straf- rechtswisscnschaft, 1886 (auch separ.): Schutze, Der Hypnotismus, Philos. Jahrbuch 1896 S. 32 ff.: Zeitschrift f. Hypnotismus, Leipzig, Verlag von Barth, 5 Bde. Ueber die Geschichte siehe die Cit., insbesondere Schütze, Lilienthal. auch Strohmeyer. Die hypn. Therapie vor dem Forum der Moral, in der Passauer Theologischpraktischen Monatsschrift 1837. 1. Heft S. 1 ff. 458 Beeinflußte kann mit Anwendung seiner Energie der Suggestion widerstehen und die Augen öffnen. 2) Leichter Schlaf oder HyPothaxie. Der Beeinflußte kann die Augen nicht aufmachen, muß überhaupt einem Theil der Suggestion bis asten Suggestionen gehorchen, mit Ausnahme der Amnesie. 3) Tiefer Schlaf oder Somnambulismus. Charakterisirt durch Amnesie nach dem Erwachen und posthypnotische Erscheinungen. Durch Dressur können in nicht seltenen Fällen die einzelnen Grade in einander übergeführt werden. Diese Ein- theilnng nimmt auch Schrenck-Notzing („über Suggestion und suggestive Zustände", Scp.-Abdr. aus der Allg. Ztg-, München 1893) an. Nach Bern heim ist die Hypnose ein besonderer psychischer Zustand, den man hervorrufen kann und in welchem die Suggcstibilität erhöht ist, allgemein ausgedrückt: ein Zustand, bei welchem die Willcnsthätigkeit eine Hemmung erführt und oft eine deutliche Störung des Bewußtseins besteht. Suggcstibilität ist die individuelle Empfänglichkeit. Suggestion bedeutet nichts anderes als eine Einwirkung auf das Vorstellungsleben, welche sich ohne Vermittlung des Bewußtseinswillens vollzieht oder vollziehen kann. Autosuggestion ist die Suggestion, welche der Mensch bewußt oder unbewußt bei sich selbst erzeugt. Die Beeinflussung durch Suggestion unterscheidet sich wesentlich von jener durch Vernunfrgründe; bei ihr spielen Gefühle und Phautasiebilder die Hauptrolle. Grashey') n. a. dcfinirt „suggeriren" lediglich als einreden. Allein gewöhnlich faßt man darunter nur jenes Einreden, welches ohne Rücksicht auf logischen Zusammenhang ohne eigene Ilrthcilskraft und ohne Willensvermögen wirkt. (Hirsch, meuschl. Verantwortlichst S. 49.) Die verschiedenen Schulmeinungcn gehen also sehr weit auseinander und erschweren es daher dem Juristen, für seine Argumentationen und Schlußfolgerungen einen festen Ausgangspunkt zu gewinnen. Die wichtigsten Fragen für das Recht sind die: Inwieweit ist der Mensch suggestionsfähig? inwieweit wird durch die Suggestion seine bewußte Thätigkeit ausgeschlossen? welches sind die Mittel, welches die Wirkungen der Hypnose? Zu Anfang nahm man an, daß hysterische und überhaupt geistig nicht normal veranlagte Personen der Suggestion am meisten zugänglich seien; allein die überwiegende Anschauung ging und geht dahin, daß gerade bei solchen Personen die meisten Autosuggestionen vorkämen und deßhalb dieselben sich Fremdsuggestionen gegenüber weniger empfänglich zeigen. Jeder körperlich und geistig normale Mensch ist mehr oder weniger suggestions- fähig und hypnotisirbar. Nur gewisse momentane Zustände der Psyche sind es, welche die Hypnose verhindern können. (Forel, Bernheim.) Besonders leicht kann man den schlafenden Menschen durch Suggestion beeinflussen und, ohne ihn zn wecken, hypnotisircn, wie denn überhaupt eine unverkennbare Verwandtschaft zwischen Schlaf und Hypnotismns besteht. Ueber die Wirkungen der Hypnose sagt Forel: „Man kann sagen, daß man durch Suggestion in der Hypnose sämmtliche bekannte subjektive Erscheinungen der menschlichen Seele und einen großen Theil der objektiv bekannten Funktionen des Nervensystems produziren, beeinflussen, verhindern kann." Es können gewisse körper- ') Grashey. Gutachten im ..Prozeß Cznnski". Stutt- ,art. F. Enke, 1896, S. 46. liche Zustände hervorgerufen und wieder zum Verschwinden gebracht werden. Eine einfache Versicherung daß die betreffende Person nicht mehr gehen, hören, sehen kann, genügt, um diese Erscheinung hervorzurufen. Ebenso können Sinnestäuschungen jeder Art hervorgerufen werden. Die Einwirkungen des Hypnotiseurs auf Willensentschlüffe des Hypnotisirten sind oft unbeschränkte. Jeder beliebige Gedanke, alle möglichen Einfälle können eingegeben werden. Bei alledem ist aber nicht zu vergessen, daß diese Wirkungen je nach der Individualität mehr oder minder stark durch Autosuggestionen beeinträchtigt werden können. Selbst falsche Vorstellungs- bilder und Sinnestäuschungen werden durch Autosuggestion hervorgerufen. Von besonderer Bedeutung sind die posthypnotischen Erscheinungen. Die Suggestion kaun auch dahin gehen, daß etwas nach dem Erwachen zu geschehen habe. Umgekehrt kann aber auch Amnesie suggerirt werden, d. h. vollständige Erinncrungslosigkeit. Eine weitere Art ist die Suggestion L öestöarxw, die Eingebung auf bestimmten Termin, ferner die Wachsu ggestiou, welche nach Forel bei sehr suggestiblen Menschen im vollen Wachen erfolgreich angewendet werden kann, endlich die suggerirte Erinnerungsfälschnng an nie Erlebtes. Die in vorstehender Uebersicht angeführten Resultate sind keineswegs unbestritten, wie bereits zn Anfang bemerkt. Gleichwohl muß zugegeben werden, daß die Kenntniß vom Hypnotismns und die Ueberzeugung von seinen weitgehenden Wirkungen immer weitere Kreise erfaßt. Benedict erklärte noch auf dem internationalen Congreß für Kriminalanthropologie im Jahre 1892 zn Brüssel die meisten Fälle als Täuschungen unbewußter, manchmal auch bewußter Art. Der eifrigste Gegner des Hypuotismus zur Zeit ist Professor Fuchs in Bonn, welcher die Hypnose geradezu als eine Komödie bezeichnet.^) Allerdings muß dieser Gelehrte zugestehen, daß er selbst niemals praktische Versuche vorgenommen hat. Dadurch gewinnen seine Darlegungen, welche meines Erachtens der wissenschaftlichen Gründlichkeit überhaupt entbehren, keineswegs an Glaubwürdigkeit. Zu den jüngsten Aeußerungen über den Hypuotismus gehört die Diskussion über dieses Thema auf dem 12. internationalen medizinischen Con- grcß zu Moskau im August heurigen Jahres. Interessant war vor allem der Vortrag Beruh eim's, welcher ausführte, daß ein „Hypuotismus" eigentlich nicht existire, sondern daß der hypnotische Zustand nur das Jnsleben- treten der dem menschlichen Gehirn eigenen Empfänglichkeit zur Jdeenanfuahme (Suggestion), also eine Aeußerung der Suggcstibilität sei. Es ist nicht Sache des Juristen, auf die theoretische Bcgründetheit der einen oder anderen Schule einzugehen; es muß ihm geistigen, die Grundlagen der Meinungsverschiedenheiten zu erkennen und festzustellen, daß — mag man im klebrigen der oder jener wissenschaftlichen Richtung folgen — durch Suggestion und Hypnotismns jedenfalls Zustände eintreten können, welche in einer ganz mächtigen Weise auf den Willen und die Zurechenbar- keit irgend einer rechtlich bedeutsamen Thatsache von Einfluß sein können. Damit ist sein hohes Interesse an dieser Frage von selbst gegeben. (Fortsetzung folgt.) i) Fuchs, Bedeutung der Hypnose in forensischer Hinsicht, Bonn 1895, S. 7. 459 Ein arabischer Aristoteles und was uns derselbe aus dem Wunder-lande Indien erzählt. Von Dr. Widder. (Fortsetzung.) Nach der indischen Lehre gibt es drei Welten, eine höhere, das ist das Paradies, eine mittlere, das ist die Erde, und eine untere Welt, die Welt der Schlangen, das ist die Hölle. Wer noch nicht reif ist für den Himmel, aber doch zu gut für die Hölle, muß in Pflanzen- und Thiergcstalten den Reinignngsprozcß der Seelcnwandcrnng durchmachen. Die Jndier nehmen nach Alberuni's Bericht 88,000 Hüllen an. Für jede Art von Sünden gibt es eine besondere Hölle. In die unterste Hölle — Sandamsaka genannt — kommen die Gesetzes-Verletzer und die Verächter der Gewohnheiten und Vorschriften. Eine eigene Hölle gibt es dann für die Fürsten, die sich um ihre Unterthanen nicht kümmern, für Diejenigen, welche die Edelsteine nicht ehren, sondern bloß als gewöhnliche Steine betrachten, für Diejenigen, welche gegen ihre Lehrer nnehrerbietig sind u. s. w. Der höchste Grad der Vollkommenheit besteht nach indischer Anschauung in dem vollständigen Aufgeben seines eigenen „Ich", so daß man um seiner selbst willen weder leben noch sterben will. Die größten und gefährlichsten Feinde des Menschen, sagen die Jndier, sind die Begierlichkeit und der Zorn, denn sie verleiten ihn znr Genußsucht und zur Rachsucht, stürzen ihn dadurch in Leiden und Verbrechen, machen ihn den wilden Thieren und dem Vieh ähnlich, ja sie machen die Menschen sogar zu Teufeln und bösen Geistern. Namentlich neun Gebote muß der Mensch beobachten, um tugendhaft zu sein. Er darf nicht todten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht huren, keine Schätze aufhäufen, muß stets rein und heilig leben, die vorgeschriebenen Fasten ohne Unterbrechung halten, sich gering kleiden und endlich Gott ständig loben und ihm Dankgebete darbringen und stets das Wort „öm" d. i. das Wort der Schöpfung im Geiste behalten, ohne es aus- znsprechen. — Als strenger Moslem ist Albernni ein Feind aller bildlichen Darstellung religiöser Gegenstände und deßhalb auch ein Gegner der christlichen und jüdischen Religion und insbesondere des Manichäismus. Nach seiner Ansicht ist der Götzendienst auch nur dadurch entstanden, daß man zuerst Denkmäler zu Ehren besonders hochgeachteter Personen, z. B. von Propheten, Weisen u. s. f., errichtete, um ihr Andenken auch noch nach ihrem Tode zu erhalten. Nachdem aber viele Geschlechter dahingeschwunden und Jahrhunderte vergangen waren, vergaß man den Grund der Errichtung dieser Denkmäler, ihre Verehrung wurde znr Gewohnheit und allgemeinen Regel, und die Gesetzgeber des Alterthums benutzten, wie Albernni meint, diese in der menschlichen Natur tiefwnrzelnde Neigung, wohl wissend, daß das Volk, abstrakten Ideen abhold, nur an bildlichen Darstellungen Gefallen finde, zu ihrem Vortheile, um Einfluß auf das Volk zu gewinnen, und machten ihm deßhalb die Verehrung der Bilder und Denkmäler zur Wicht. Die Gebildeten, fährt unser Gelehrter fort, fröhncn freilich keinem solchen Götzendienste, sondern verehren Gott allein und lassen es sich auch nicht im Traume einfallen, jemals ein Bildwerk, das Gott darstellt, anzubeten. Bei dieser Gelegenheit erzählt Albernni folgende Geschichte: „Ein König, Namens Amberisha, besaß ein Reich, gerade so groß, als er es sich wünschte. Plötzlich aber fand er keinen Gefallen mehr daran, zog sich von der Welt zurück und beschäftigte sich lange Zeit ans- schließlich mit dem Lobe und der Verehrung Gottes. Endlich erschien ihm Gott in der Gestalt des Engel- fürsten Jndra, reitend auf einem Elephanten, und sprach zum Könige: „Verlange, was Du nur immer willst, und ich werde es Dir geben." Der König erwiderte: „Ich freue mich, Dich zu sehen, und bin Dir dankbar für das große Glück, das Du mir zu Theil werden lässest, und die Hoffnung, die Du mir eröffnest; allein von Dir verlange ich nichts, sondern nur von dem, der Dich erschaffen hat." Da sagte Jndra: „Du beabsichtigest durch Deine Gottcsverehrung einen hohen Lohn zu erhalten. Du sollst Deine Absicht erreichen, empfange deßhalb hicmit den Lohn aus den Händen desjenigen, der Dir bisher das Verlangen gegeben hat; sei nicht so heikel und wählerisch und wolle die Erfüllung Deines Wunsches nicht von einem Andern, sondern von mir empfangen." Der König aber entgegnete: „Die Erde fiel mir als mein Loos zu, allein ich kümmere mich nichts um Alles, was auf der Erde ist, bei meiner Gottesverehrung beabsichtige ich einzig und allein, den Herrn zu sehen, und diesen Wunsch kannst Du mir nicht erfüllen, wie könnte ich daher seine Erfüllung von Dir verlangen." Diese hartnäckige Weigerung des Königs machte jedoch Jndra doch etwas die Galle steigen, und er sagte deßhalb: „Die ganze Welt, und was darauf ist, gehorcht mir. Wer bist Du, daß Du es wagst, mir zu widerstehen?" Der König aber, dem die Audienz ohnehin schon zu lange gedauert hatte, beharrte auf seinem Widerstände, wurde unhöflich und wies dem Himmelsfürsten die Thüre mit den Worten: „Ich höre wohl und gehorche, allein ich verehre den, von dem Du Deine Macht empfangen hast, dieser ist der Herr des Weltalls, laß mich daher thun, was ich will, geh! und lebe wohl!" Jetzt riß aber auch Jndra die Geduld, und er sagte: „Wenn Du Dich mir durchaus widersetzen willst, so werde ich Dich tödtcn und vernichten." Aber der König ließ sich auch dadurch nicht schrecken, sondern erwiderte: „Man sagt, daß das Glück Neider schafft, nicht aber das Unglück. Wer sich von der Welt zurückzieht, wird von den Engeln beneidet, und deßhalb suchen sie ihn irre zu führen. Ich bin einer von denen, die sich von der Welt zurückgezogen und ganz der Verehrung Gottes gewidmet haben; ich werde dies auch nicht lassen, so lange ich lebe. Ich bin mir keines Vergehens bewußt, um desscntwillen ich verdient hätte, von Dir getödtet zu werden. Tödtcst Du mich, ohne daß ich Dich irgendwie beleidiget habe, so ist das Deine Sache. Was willst Du von mir? Wenn meine Gedanken ganz Gott geweiht sind, ohne daß ich an irgend etwas Anderes denke, so kannst Du mir kein Leid zufügen. Mir genügt die Andacht, mit der ich beschäftiget bin, und ich kehre nun zu ihr zurück." — Als sich der König nunmehr zum Gebete begab, erschien ihm Gott selbst in der Gestalt eines Mannes von der Farbe des grauen Lotus, vierhändig und reitend auf dem Vogel Garuda, in der einen Hand hielt er eine Seemuschcl, auf welcher mau zu blasen pflegt, wenn man auf einem Elephanten reitet, in der anderen hatte er das „oallra.", d. i. eine kreisrunde, scharfe Waffe, die Alles gerade durchschneidet, in der dritten Hand hielt er ein Amnlet und in der vierten den rothen Lotus. Als Ambarisha des Gottes ansichtig wurde, erbebte er vor Ehrfurcht, warf sich zu Boden und stieß einige Gebete hervor. Der Gott beruhigte ihn jedoch und versprach ihm alle seine Wünsche zu erfüllen. Der König entgegnete jedoch: „Ich 460 besitze ein Reich, das unr Niemand streitig macht, ich war in meinem Leben niemals von Sorgen nnd Krankheiten heimgesucht, die ganze Welt schien mein Eigen zn zn sein, allein ich wandte mich davon ab, als ich einsah, das; das, was der Welt als ein Gut erscheint, zuletzt in der That schlecht ist. Ich wünsche gar nichts, als was ich zur Zeit besitze, mein einziger Wunsch ist, von diesen Banden befreit zn sein." Da sagte der Gott: „Dies wirst Du erreichen, wenn Du Dich von der Welt ferne hältst, allein bleibst in beständiger Betrachtung und Deine Sinne iu Dir zusammenhältst." — „Gesetzt auch, erwiderte der König, das; ich dies zu thun im Stande bin, infolge der Heiligkeit, welche sich Gott mir zu verleihen würdigte, wie sollte dies aber irgend jemand Anderer zu thun vermögen, denn der Mensch bedarf der Nahrung und Kleidung, wodurch er mit der Welt zusammenhängt, wie kaun er auf etwas Anderes bedacht sein?" — „Verwalte Dein Reich so gut Du kannst, mit Geradheit und Klugheit, antwortete hierauf der Gott, richte Deine Gedanken auf mich bei Allem, was Du thust, sei es, daß Du mit der Civilisirnng der Welt oder mit dem Schutze ihrer Bewohner, mit Almosen- spenden oder mit irgend etwas Anderem beschäftiget bist, und wenn Dich menschliche Vergeßlichkeit befällt, so mache Dir ein Bild, wie das ist, in welchem Du mich siehst, opfere ihm Weihrauch und Blumen und mache es zu einem Denkmal für mich, damit Du mich nicht vergessen kannst. Bist Du in Sorgen» so denke au mich, sprichst Du, so sprich in meinem Namen, thust Du etwas, so thue es für mich." — Der König, mit dieser langen Belehrung noch nicht zufrieden, sagte: „Jetzt weiß ich wohl, was ich im Allgemeinen zu thun habe, allein würdige Dich, mich auch im Einzelnen zn unterrichten." Der Gott erwiderte jedoch: „Dies habe ich bereits gethan. Ich habe Deinen Richter Aasistha über all das genau belehrt, was Dn zu wissen begehrst. Verlass' Dich daher auf ihn in allen Dingen." Dann verschwand die Gestalt vor Ambarisha's Augen. Der König kehrte in seine Residenz zurück und that, wie ihm befohlen war. Seit dieser Zeit, sagen die Hindus, macht sich das Volk Götzenbilder, bald mit 4, bald mit 2 Händen. Die Götzen- bilder mußten übrigens, wie uns Alberuni berichtet, nach einem bestimmten Maße gesertiget werden. Die genaue Einhaltung dieses Matzes brachte dem Verfertiget des ^Götzen Heil und Segen, hatte er aber das richtige Maß verfehlt, so trafen ihn nach dem Volksglauben verschiedene Uebel, ja selbst der Tod. Je kostbarer das Material war, aus welchem das Götzenbild gesertiget wurde, um so größer war auch der Segen, den dasselbe demjenigen brachte, der es hatte herstellen lassen. Die alten Jndier trieben auch schon Alchemy, sie nannten ihre Kunst: rasL^anL — von rasL — Gold — und Alberuni sagt, daß die Goldgier der indischen Fürsten so groß gewesen sei, daß, wenn einer von ihnen wirklich ein System um Gold zu machen erfunden und man ihm gesagt hätte, er müsse zu diesem Zwrcke eine Anzahl schöner kleiner Kinder umbringen, dieses Ungeheuer vor solch einem Verbrechen nicht zurückgeschreckt wäre, sondern die Kinder ruhig verbrannt hätte. Dem Geheimmittel rgLZFLvL schrieben die Jndier auch die Kraft zu, unsterblich, siegreich und unüberwindlich zu machen, wie urS der arabische Gelehrte durch nachstehende rührende Sage zu beweisen versucht. „In der Stadt DHLva, der Hauptstadt von Mlllava, berichtet er nämlich, sieht man am Thore des königlichen ' Palastes ein längliches Stück gediegenen Silbers liegen, in welchem die Umrisse der Glicdmaßcn eines Mannes sichtbar sind. Damit soll es aber folgende Bcwaudtniß haben: Vor alten Zeiten kam einmal ein Mann zu einem Könige, brachte ihm das Zanbcrmittel rLsaxana, das ihn, wie der Mann sagte, unsterblich, siegreich, unüberwindlich und fähig machen würde, Alles zu thun, was er nur wünschen könne. Der Mann bat den König, allein au einen verabredeten Platz zu kommen, was der König auch versprach, und er gab zugleich Befehl, Alles bereit zu halten, was der Mann verlangte. Dieser kochte nun mehrere Tage lang Oel in einem Kessel, bis es schließlich dick wurde, dann sprach er zum Könige: „Spring' jetzt hinein, und ich werde den Prozeß beendigen." Der König aber erschrak über das, was er sah, und hatte nicht den Muth, in den Kessel zu springen. Als der Mann die Furcht des Königs bemerkte, sagte er: „Wenn Du Dir selber nicht getrau'st, in den Kessel zu springen, so gestatte mir es zu thun." Der König entgegncte: „Thu', was Du willst." Nun brachte der Mann verschiedene Päckchen mit Spezercien herbei, und sagte zum Könige, er solle, sobald sich gewisse Erscheinungen zeigen würden, die er dem Könige näher bezeichnete, dieses oder jenes Päckchen auf ihn hineinwerfen. Dann sprang der Mann iu den Kessel mit Oel und sogleich war er aufgelöst, und in Brei verwandest. Jetzt that der König, wie ihm geheißen war, als er jedoch seinen Auftrag nahezu erfüllt hatte und nur mehr ein Päckchen übrig war, wandelte ihn plötzlich eine Angst an, denn, dachte er, was wird zuletzt aus meinem Reiche werden, wenn der Mann wirklich wieder lebendig wird und dann unsterblich, siegreich und unüberwindlich ist. Deßhalb hielt er es für gerathener, das letzte Päckchen nicht mehr in die Masse zu werfen. Die Folge davon war nun, daß der Kessel kalt wurde und der ausgelöste Mann in ein Stück Silber verwandelt war." — Daß die alten Hindus auch an Zauberei nnd Hexerei glaubten, ist selbstverständlich, ebenso glaubten sie, wie Alberuni erzählt, der nichts auf Zauberei hält, daß die Zauberer Schlangenbisse heilen können. (Fortsetzung folgt.) Theosophie und katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Kurze Zeit nachher muß der „Koot-Hoomi"-Wahn aufgetaucht sein, wie auch Harrisoir annimmt, denn wir sehen ihn 1879 Briefe an Herrn Sinnest „prä- cipitiren" und denselben iu den Anfangsgründen des „esoterischen Buddhismus" unterrichten, welcher plötzlich in der Theosophischen Gesellschaft Annahme fand und „beinahe eine Spaltung zwischen den östlichen und westlichen Zweigen verursachte". Thatsächlich war aber die Theosophische Gesellschaft, wie aus Olcotts „Old Diary Leaves" hervorgeht, vornehmlich zur Verbreitung eben dieses „esoterischen Buddhismus" gegründet worden. Frau Blavatsky war nach dem „Kiddle-Zwischcnfall" im Anfange des Jahres 1883, wie Harrisou bemerkt, „vollkommen iu Freiheit", die Breschen wieder auszubessern, die „Koot-Hoomi" gemacht hatte. Die „Erinnerungen" enthalten (S. 114) einen Auszug aus dem „Patl" (der amerikanische», früher von W. Jndge redigirteu theosophischen Zeitschrift), iu welchem zwei gcheimnißvolle Zeugnisse in Bezug auf die Autorschaft der „Geheimlehre" mitgetheilt werden. 461 Harrison hat gewiß richtige Ahnungen, wenn er diesbezüglich schreibt: „Es ist nicht sehr schwer, zwischen den Zeilen des Berichtes von Dr. Hübbe-Schleiden zu lesen, daß ,Koot- Hoomi' beansprucht, einen Finger im Spiele zn haben. Doch ist die Thatsache, daß Dr. Schleiden ,viel von der wohlbekannten blauen Koot-Hoomi-Handschrift sah', während ,die Geheimlehre' im Gange war, noch keineswegs ein Beweis dafür, daß Frau Blavatsky noch unter seinem Einfluß stand. Jeder Spiritualist weiß, daß Identität der Handschrift nicht nothwendigerweise Identität des Leiters in sich schließt. Die ganze Sache ist sehr verwickelt, und es ist zweifelhaft, ob Frau Blavatsky selbst zu allen Zeiten zwischen dem unterscheiden konnte, was ihr eigen und was eingegeben war, und noch viel weniger wußte, in wie weit .John King' oder die Mahatmas' für letzteres verantwortlich waren." „Wenn wir jedoch in Betracht ziehen, daß eine der Bedingungen, unter welchen ihre Entlassung aus der Gefangenschaft' erwirkt wurde, die war, daß die indischen Brüder der Linken, welche sich ihrer zu bedienen wünschten, sich nicht mit dem befassen sollten, was bereits stattgefunden hatte, können wir verstehen, daß der Mddlc-Fiasco' nur die Wirkung haben konnte, sie zn ihrer ursprünglichen Kontrolle' zurückzutreiben. Sie mochte noch an die thibetanische Quelle ihrer Eingebungen glauben, und über diesen Punkt konnte sie nach den Bestimmungen des Vergleiches nicht aufgeklärt werden, wenngleich es für ihre indischen Freunde Galle und Wermnth gewesen sein muß. Es war demnach für sie nur nothwendig, .John King' umzutaufen und dem ,Spirit° ihrer alten Kindsfrau Marya den Bestallungsrang zn verleihen, welcher später als Mahatma Mona' gekannt war, wie Smith zum ,Smythe' wird, wenn er sich in der Welt emporschwingt. Inwieweit Frau Blavatsky selbst für diesen Betrug verantwortlich war oder ob sie überhaupt in der That verantwortlich gewesen, ist schwer zu sagen, (?) und die Frage ist noch verwickelter, wenn wir die deutlichen Zeichen der Doppelten Persönlichkeit' in Rechnung ziehen, welche sie an den Tag legte. Es bedarf keines Gespenstes (oder Mahatma), um g. B. ihren plötzlichen Sinneswechsel in Würzburg hinsichtlich des Besuches der Gräfin Wachtmeister zn erklären. Frau Blavatsky würde ihr Zimmer deren Gesellschaft vorgezogen haben, aber .,11. k. L." (die Abkürzung ihres Namens für theosophische Schriftsteller«, der Name für ihre .mystische' Persönlichkeit) konnte ohne sie nicht fertig werden." Man sieht schon, die Verbreitung der Theosophie durch gewisse Frauen kann nicht nur zn argen „Mißverständnissen" und „Mystifikationen", sondern auch zu Tollheiten führen, welche mit der alten Weisheitsrcligion weniger vereinbar sein dürften. „Die indischen Brüder der Linken", welche derart unterlagen, müssen doch in gewisser Hinsicht weniger erleuchtet gewesen sein. Von Interesse ist es übrigens, im Vergleiche mit diesen Erörterungen der „Mahatma"fragc, ein Urtheil in Betracht zn ziehen, das der berühmte Orientalist Professor Max Müller, vielfach im Gegensatze zn seinen früheren skeptischen Äußerungen über mystische Phänomene, über indische „Mystiker" im allgemeinen gelegentlich einer Lebensbeschreibung des „echten Mahatma" Ramakrishna Paramahansa in der Augustnnmmcr der Müiatsantk Eanturz?" 1896 fällt. In derselben äußert er sich unter andern!: „Man hat oft die Frage aufgeworfen, was eine Mahatma und was ein SanuyLsin sei. Mahatma ist ein vielgebrauchtes Sanskritwort, das einen Menschen mit großer erhabener Seele, einen Hochsimiiaen. Vornehmen bedeutet. Es wird als eine Höflichkcitsformcl gebraucht . . . aber auch als tsrmtnns teotmiens bei einem Menschen, der nach altindischem Sprachgebrauche SanniMin genannt wurde. SaimyLsiu ist ein Mensch, der allem entsagt und alles niedergelegt hat, d. h. einer, der von allen irdischen Leidenschaften frei ist. . . . Die Periode des SannnLsin ist die vierte im Leben eines Brahmancn. Ein anderer Name für diese freien Männer des Geistes ist Avadutha,wörtlich einer,deralleBerührungenmitweltlichen Dingen aufgegeben hat. Solche Avaduthas gibt es heute noch: sie werden oft einfach SLdhus genannt, d. i. gute Leute. . . . Daß es SannMins gegeben hat und noch heute gibt, die wirklich alle Fesseln des Besitzthums abgestreift haben, welche ihren Körper sorgfältig erzogen und ihrem Geiste in einem wirklich ans Wunderbare grenzenden Grade unterworfen haben, kann gar nicht bezweifelt werden. Man darf aber dabei nicht vergessen, daß seit den frühesten Zeiten in Indien ein vollständiges System ausgearbeitet war, nach welchem ein Mensch durch die verschiedenen Arten des Ein- und Ausathmens, durch Einnehmen gewisser Stellungen, durch Starren der Augen anf bestimmte Punkte, durch Fasten, durch Gift- zufuhren es zu einem solchen Grade nervöser Erregung bringen konnte, daß er in seinem Trancezustande (ekstatischen Zustande) keine Schmerzen fühlte und fähig war, Dinge zu thun und zn leiden, welche kein gewöhnlicher Sterblicher ausführen konnte. Wenn wir von mehr oder weniger beglaubigten Fällen lesen, ivo Menschen in solchem Zustande Dinge gesehen haben, die der gewöhnliche Mcnsi, nicht sieht, wo sie die Gedanken anderer gelesen haben, — ja, wo sie sich sogar ohne sichtbare Stütze in die Luft erhoben haben, so werden wir natürlich mit unseren: Glauben zurückhalten; aber daß einige von diesen viele Tage lang ohne Nahrung sein können, daß sie unberührt die größte Hitze und Kälte aushalten können, daß sie lange Zeit todt fein können, — wie im Trance, ja, daß sie begraben werden können und wieder zum Leben zurückgerufen nach drei oder vier Tagen, das sind Thatsachen, die von so vielen englischen Offizieren und Medizinern in jeder Weise bestätigt werden, daß sie anerkannt werden müssen, auch wenn wir sie uns nicht erklären können." Diese Aeußerungen mögen im Anschlüsse an die gelegentlichen Bemerkungen des großen Görres über indische „Ekstatiker" nicht ohne Interesse sein. Es ist uns hier unmöglich, anf die Ausführungen einzugehen, welche sich in den einzelnen Vortrügen Harrisous zum Beweise seiner aufgestellten drei „großen okkultistischen Ursätzc" finden, welche lauten: 1) „Sieben ist die vollkommene Zahl", — eine in allen Theosophen- werken aufgestellte Behauptung; 2) Der Mikrokosmos ist das Spiegelbild des Makrokosmos, — ein bekannter okkultistischer Grundsatz — und 3) Alle Erscheinungen haben ihren Ursprung in Wirbelbewegungen. Wir wollen nur constatiren, daß Harrison die Entwicklung des Gottes- begrisfes im „doppelten Wirbel oder der Lemnis- kadc"(!) sich als Ansgang vom „Neutralen Punkt" im Polytheismus, esoterischen Pantheismus, Anthropomorphismus, Theomorphisnins, christlichen Pantheismus und christlichen Polytheismus, — die gegenwärtige und fünfte Stufe, — bis zur theomorphischen Religion und pan- theistischen Wissenschaft denkt,-die er als wahrscheinliches Ergebniß des Kampfes.zwischen Wissenschaft und Religion bezeichnet- Wir sehen schon, daß der Kritiker des bla- vatskosophischen Gottesbegriffes selbst anf Abwege ge- räth. Unter christlichem Polytheismus versteht er natürlich die „Heiligeuanbctuug", — ein Beweis für seine intuitive Wahrheitserkeuntniß. Von Interesse ist auch seine gelegentliche (x>. 63) Behauptung, daß wir im englischen Christenthum viel mehr als im lateinischen Christenthum die fernere Entwicklung des Gottesbegriffes suchen müssen. 462 Ferner möchten wir noch die Bemerkung des gegen den Fatalismus der Blavatsky ankämpfenden Autors verzeichnen: „Der freie Wille" ist ein iZnia katuus, ein Irrlicht, und Jene, die ihm folgen, werden sich früher oder später in der Sackgasse des Fatalismus oder in der Fallgrube des Dualismus befinden (pux. 91). Später aber tritt merkwürdigerweise unser Antitheosoph wieder für den freien Willen ein. Wir hatten uns wirklich schon darauf gefreut, nach so vielen verworrenen theosophischen Produkten ein recht vernünftiges Werk eines kritischen Vertreters der „wahren Gnosis", möglichst für weitere Kreise verständlich, lesen zu können, und können nur bedauern, daß so viele „mystische" Stellen in dem neuen Werke für „grobstofflichcre" Autoren ohne „Intuition" und „sechsten Sinn" unfaßbar bleiben. Dazu gehören auch die Behauptungen über das Verhältniß des Anglikanismus zum Okkultismus und „lateinischen Christenthum". Vielleicht finden die „theoretischen und praktischen Okkultisten" der Bereun Loeiet^ noch einmal Zeit, auch tiefer in die Mystik des letzteren einzudringen, um zu erkennen, daß die Vorschule für die wahre Mystik und „Thcosophie", die von gewissen reformatorischen Kreisen seit dem „Manncsalter der europäischen Nasse" nicht mehr aufgesucht wurde, in jenem „katholischen Glauben" noch zu finden ist, der einen geraderen und näheren Weg als die Nachfolge zweifelhafter Mahatmas in der Nachfolge Christi bietet zur Heiligung und Verklärung, zur wahren Weisheit in Gott. Recensionen und Notizen. „Predigten über das Vaterunser." Ein Cyklus Predigten für alle Sonn- und Festtage von Allerheiligen bis zum Feste des Apostel- fürsteu Petrus und Paulus, gehalten in der Allcrheiligen-Hofkirche zu München von Joseph Hecher, kgl. geistl. Rath, Hofprediger und Stiftskanonikus. Mit Approbation der hochwürdigsten erzbischöflichen und bischöflichen Ordinariate München-Freising und Rottenburg. Stuttgart. Jos. Roth'sche Verlagshandlung. 1898. VIÜ. 366 S. Preis M. 3,—. Die hohen Erwartungen, mit welchen wir an die neueste homiletische Publikation des durch seine herrlichen Fastenpredigten „Die sieben Kreuzesworte Jesu Christi" (1893) und „Das Lanim Gottes" (1897) rühmlichst bekannten Münchener Hofpredigers herantraten, wurden in vollem Maße befriedigt. Hecher ist es gegeben, sich ein großartiges Thema zu setzen, dasselbe in Cykluspredigten zeit- und sachgemäß zu theilen und bis ins feinste Detail hinaus kunstgcmäß durchzuführen, ohne sich zu wiederholen, ohne zu langweilen, ohne zu ermüden. Sind es auch naturgemäß die alten christlichen Wahrheiten, welche Hecher vorträgt, nie werden sie in seinen! Munde trivial, stets erfahren sie eine originelle Fassung und neue Beleuchtung. Dies trifft auch bei den vorliegenden Predigten über das Gebet des Herrn zu, über welches bereits eine umfangreiche homiletische Literatur vorhanden ist. Dieselben wurden in der Allerhciligen-Hofkirche, „der Haus- kavcllc der kgl. Residenz in München", vom Feste Allerheiligen bis Peter und Panl 1896/97 gehalten und jetzt auf vielfach und lebhaft geäußerten Wunsch der Oeffent- lichkcit übergeben. In 46 Vortrügen wird das erhabenste und gedankentiefste Gebet erläutert, „jedoch so, daß Hiebei die einzelnen Zeitabschnitte des kirchlichen Jahres, die Gedanken, welche uns jede Periode der weihevollen Zeit an jedem Sonn- und Festtag nahelegt, stets ihre Berücksichtigung finden". In der That werden in ungezwungener geistvoller Weise die leweiligenPerikopen,Heiligengestalten, Feststimmungen in den Cyklus hineinverwoben, so daß sich das Ganze als eine gelungene Synthese von Cyklus- und Perikopenpredigten darstellt. Bei- Ivielsliglber sei verwiesen aus die zu den Einleitungsvor- trägen gehörende Predigt vom 24. Sonntage nach Pfingsten, wo das Vaterunser als himmlisches Samenkorn eingeführt wird. welches in der Menschenwelt zahllose gute Früchte erzeugt hat und bis zum Ende der Welt solche hervorbringt; am 25. Sonntage nach Pfingsten wird Eingangs eine auf die hl. Elisabeth von Thüringen sich beziehende Vaternnser-Legende verwerthet; am hl. Weihnachtsfeste schlingt sich die Behandlung der Anrede „Der Du bist in dem Himmel" schön zusammen mit den Gedanken an das ewige Wort, das im Anfange bei Gott war und Gott selber ist (Joh. 1. 1 u. 2) und das Fleisch geworden ist und unter uns Menschenkindern Wohnung genommen hat (Joh. 1, 14), wie am darauffolgenden Tage mit der Erinnerung an den hl. Erzmartyrer Stephanus, der inmitten seiner Leiden betheuerte: „Ich sehe den Himmel offen und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen" (A.-G. 7,55); ähnlich am Josephsfeste, an Ostern, Pfingsten und anderen Festtagen. Hecher ist ein Sänger der Liebe und weiß in begeisterten und begeisternden Worten die echte Gottes- und Nächstenliebe zu feiern, was in unserer Zeit des Egoismus und der Lieblosigkeit gewiß noth thut. Wenn, wie eine gesunde Homiletik stets betonen muß, der biblische Gehalt einer Predigt das beste Kriterium ihres inneren Werthes ist, so müssen Hechers Predigten in die erste Reihe gestellt werden; denn seine Art, die heilige Schrift zu verwerthen, ist einfach meisterhaft. Etwaige Ausstellungen können sich höchstens auf den ausgefallenen 8. Dezember, einige stehengebliebene Druckfehler, wie leider gleich auf dem Titelblatt „des" Apostelfürsten Petrus und Paulus statt „der" Apostel- fürsten, wie es S. 358 richtig heißt, u. Ae. beziehen. Hecher bietet nicht bloß dem geschulten Prediger eine Fülle von Gedanken, sondern auch dem Lernenden und Weiterstrebenden treffliche Muster der Komposition und Ausarbeitung guter und wirkungsvoller Predigten. Daher tolle IsZe! 1. Dr. 8. L. HellerJoh. Ev. (s.ck.). Das nestorianische Denk» mal in Sing an Fu. 4°, 64 SS. m. 2 Tafeln. Budapest, Druck des Franklin-Vereines. 1897. 7 Vorliegende Abhandlung ist ein Sevaratabdruck aus dem II. Bande des Werkes: „Wissenschaftliche Ergebnisse der Reise des Grasen B. Szöchenyi in Ostasien (1877 bis 1880)". Die in: Kreise der Sinologen viel besprochene syro-chinesische Inschrift, deren Echtheit jetzt außer allem Zweifel steht, wird hier von einem gelehrten Kenner beider Sprachen einer eingehenden Durchforschung unterzogen, die sich auf genauere Copien, als es bisher gab, gründet. Nach den Vorbemerkungen, die sich unter andern! auch mit der Frage der Transkription befassen, folgt das Literaturverzeichniß, das schon erkennen läßt, welches Interesse das berühmte Denkmal bei Philologen wie Kirchenhistorikern von jeher hervorgerufen hat. Auf den folgenden Seiten (10—29) gibt der Verfasser eine ausführliche und genaue Geschichte der Auffindung, Veröffentlichung und Erhaltung des nestorianischen Denkmals. Daran schließt sich die Beschreibung der Inschrift, sowie deren Wortlaut in chinesischen und syrischen Zeichen mit Uebersetzung. Die nun folgenden Erläuterungen zum Text der Inschrift (SS. 472—492) bringen eine Fülle von philologischen, kirchen- und cnlturgeschichtlichen Notizen, in denen wir den Scharfsinn, wie die ausgebreitete Belesenheit des Verfassers anstauuen. Der Nachtrag bringt noch einige Ergänzungen. Zrvei Tafeln stellen das Denkmal dar, und die Zeichen der zweiten Tafel sind groß genug, um mit freiem Auge gelesen werden zu können. Die Abhandlung, welche für Alle, die sich mit Sprachwissenschaft oder Kirchengeschichte befassen, ganz hervorragendes Interesse hat, ist das vollkommenste, was wir bis jetzt über dieses wichtige Denkmal aus altchristlicher Zeit!n China besitzen. Eine weitere Arbeit steht uns von einem Ordensgenossen des Verfassers, von?. Heinrich Havret (8. ck.) in Shaughai nächstens in Aussicht. Die Spuren der Jesuiten finden wir in der alten wie neuen Geschichte des Christenthums in China auf Schrift und Tritt. Sie haben nicht nur das Evangelium unter Lebensgefahr verkündet, sondern auch sich der Erforschung chinesischer Sprache und Literatur mit einem Eifer hingegeben, der ihre Namen unzertrennlich mit der Sinologie verknüpft. Dafür findet der Leier auch in dieser Schrist in vielen berühmten Beispielen Bestätigung. Wenn 463 (S. 21) der Jesuit Aleni, der 25 Schriften in chinesischer Sprache schrieb, von den Chinesen mit dem Ehrennamen des europäischen Confucius ausgezeichnet ward, so weiß man, was das sagen will. KeiserH. Al.. Heinrich Bon e. Lebensbild eines deutschen Schulmannesu. Schriftstellers. Mainz 1897, Franz Kirchheim. gr. 8. (SO Seiten) M. 0.60. Das erste Opfer des Kulturkampfes in Hessen war Heinrich Baue, Direktor am Grobherzoglichen Gymnasium in Mainz. Dieser ausgezeichnete Schulmann und Schriftsteller wurde 1873 plötzlich und in schroffster Weise aus seiner Stellung entfernt, obwohl ihm noch kurz vorher die volle Anerkennung seiner Behörde zu Theil geworden war. Im Juni 1893 starb Bone und fand seine Ruhestätte in dem Familiengrabs auf dem Friedhose zu Mainz. Dort soll ihm auch ein einfaches Denkmal gesetzt werden. Bone verdient aber sicher auch ein literarisches Denkmal, eine eingehende Darlegung seines Lebens und Schaffens. Diese Biographie wird leider nicht so bald zu erwarten sein. Umsomehr werden die zahlreichen Schüler, Freunde und Verehrer Bone's über die Nachricht erfreut'sein, daß ein Schulmann des Auslandes, H. A. Keiser, Rector in Zug, eine kurze Biographie veröffentlicht hat. Dieselbe erschien dieser Tage bei Kirchheim in Mainz unter dem Titel: Heinrich Bone. Lebensbild eines deutschen Schulmannes und Schriftstellers. Unter Benutzung der Werke Bone's, der erschienenen biographischen Aufsätze und der ihm brieflich gewordenen Mittheilungen hat Keiser ein anziehendes Bild des verehrten Meisters gezeichnet. Wir empfehlen die schöne Schrift auf das beste. Sie enthält nicht bloß eine kurze Darstellung der äußeren Lebensverhältniffe Bone's, sondern gibt auch einen lehrreichen Ueberblick über das Schaffen und Wirken auf literarischem Gebiete. Die Gegner haben ihm gewaltsam die liebgewordcne Stellung ain Gymnasium genommen: seine Stellung in der deutschen Literaturgeschichte und den Ehrenplatz im Herzen seiner Schüler- werden sie ihm nicht nehmen können. * „Riffarths Mädchenbibliothek." Diese im rührigen Verlage von A. Riffarth in M.-Gladbach ^ vor Jahresfrist herausgekommene Bibliothek für junge Mädchen ini Alter von 12—16 Jahren wird bekanntlich unter Mitwirkung unserer bedeutendsten Jugendschriftstellerinnen von Rektor Karl Om- merborn (Schriftstellerpseudonym-. Remmo) besorgt und bat in der ganzen deutschen katholischen Leserwelt lebhafte Anerkennung gefunden. Es sind von dieser Bibliothek weitere 4 Bändchen in schmucker Ansstattnng, mit hübschen Bildern versehen, erschienen. Jedes zum Preise von M. 1,20. IV. Bändchen: Dorlie Werner. — Rosels Geheimniß. Von Anna Hilden. Mit drei ganzseitigen Tonbildern und 10 Textillustrationen von O. Herrfurth. Die anmnthige Erzählung „Dorlie Werner" führt uns in ein von Klosterfrauen geleitetes Pensionat, welchem der verwittwcte Baron von Werner- sein zartes Töchterchen Dorlie zur Erziehung anvertraut hat. Die handelnden Charaktere sind so recht nach dem wirklichen Leben gezeichnet; die jugendlichen Leserinnen werden mit immer wachsendem Interesse den freuden- und schmerzensreichen Erlebnissen ihrer Ältersgefährtin Dorlie folgen und derselben zu eigenem Gewinn innigste Antheilnahme nicht versagen können. Das Ganze ist von einer durch und durch kmdlich-religiösen Auffassung getragen. Das Gleiche gilt von der kürzeren Erzählung „Rosels Geheimniß", die vor allem veranschaulicht, sich schon in früher Jugend in der Ausübung christlicher Nächstenliebe zu üben. — V. Bändchen: Aus Marfas Jugendzeit. Von E. M. Hamann. Ein blüthcn- reicher Kranz von Ereignissen aus dem Leben eines 14jährigen Mädchens, dem der unerbittliche Tod zu einer Zeit die Mutter raubte, als es ihrer Stütze für die Jahre der Gefahr so recht bedurfte! Marfa findet aber im Hause ihres Onkels zu Petersburg eine treffliche zweite Heimath und im Umgänge mit gleichaltrigen edlen Mädchenherzen passende Gelegenheit, ihre reichen Geistesund Gemüthsanlagen zu bester Entwicklung zu bringen. Trefflich Angeflochtene geographische Schilderungen, namentlich über Petersburg und seine Umgebung, die erkennen lassen, daß die Verfasserin alles mit eigenen Augen geschaut, erhöhen den Werth des Ganzen. — VI. Bändchen: „Aennili". Von Carola vonEynattcu. Die geschätzte Verfasserin führt ihre jungen Leserinnen in Begebenheiten hinein, die in einer Zeit socialer Spannung vor allem geeignet sind. hier und da sich noch hervorwagende Standesvornrtheile zu beseitigen. Die kleine Streichholzverkäuferin Aennili erregt das Mitleid nicht nur christlich denkender, sondern auch christlich handelnder Damen, die sich ihrer gegen eine hartherzige Pflegemutter, die nur auf die Ausbeutung des schwachen Mädchens bedacht ist, mit Erfolg annehmen. — VII. Bändchen: Neue Lebenswege. — In der Fremde. Von Erna Velten. In vorliegendem Bändchen kommt so recht die praktische Seite für den Frauenberuf zu ihrem Rechte. Im Gewände anziehender Erzählungen aus dem Leben einer mit mehreren Töchtern gesegneten Beamtenfamilie zeigt die Verfasserin, wie jedes der dort auftretenden Mädchen zu einem Lebensberufe kommt, der sich streng in dem von Gott gewallten Wirkungskreis der Frau bewegt. Die jugendlichen Leserinnen empfangen dadurch Winke und Rathschläge bedeutsamster Art für ihr eigenes Leben. Die in ihrer Art klassische Lektüre wird für die Mädchenwelt hervorragenden Nutzen stiften! — Dbss u?'ork8 ok Viov^siu8 tb« ^rsoxa§its, no tlret travAkttsä ivto LvAlwb Irow tbs oriZival Ereok b^ tbo Rsv. llobv ttarlcsr. ttovilcm auä Oxkorci, 1687, lames ttacksr anä Oc>., paK. XVI, 208. Trotz aller hyperkritischen Proteste erhebt sich auch in unserm aufgeklärten Jahrhunderte immer wieder eine Stimme für die Echtheit des Werkes des bl. Dionysius des Areopagiten. Allerdings hat der Verfasser vorliegen« den Werkes nicht das Glück, sich als Theilhaber der so gerühmten modernen deutschen Wissenschaft vorstellen zu können. Aber Sachverständige kennen ihn bereits aus seinen beiden früheren Schriften: „vionz'snw tlw ^rso- 8srmcm xrsaebsll in ttari». Iwuäon 1993", und ,/Ibs Oslsstisl anä DoolosiastiogI ttierarob^ ok I)ic>- nz-sins tbs ^.rsopaxito, I-onäon 1894", als begeisterten, aber nüchtern kritischen Verfechter der Echtheit der Areo- pagitischen Werke. Hier bringt er des heil. Dionysius' Schrift über die göttlichen Namen, dessen mystische Theologie, 11 seiner Briefe und seine Liturgie. In der treff- i lichen Einleitung bringt der Autor interessante Neuig- ! keiten. Unter andcrm erkennen wir durch einen jüngst im > ttritisb LIussum zu London (Nr. 12151—2) entdeckten Ans- i zug aus einem Briefe des Dionysius von Alexandrien, ! daß die Schriften des Areopagiten dortselbst gegen Ende ^ des 2. Jahrhunderts wohl gekannt und geschätzt waren, i Dasselbe bezeugen die Schotten des Alcxandrinischcn Dio- i nysius zu der Äreopagitischen Schrift über die göttlichen ! Namen. Das Chronikon des Imetas VM-vim Osxter (vgl. ! LliAns I°c»v. 31) bekundet deutlich, daß die Schrift über ! die göttlichen Namen vor den: Jahre 98 n. Chr. geschrieben > wurde. Die Griechische Kirche hat die Echtheit der Werke des Areopagiten nie bezweifelt (Hs8öinani Libttotti. Oiisntt row. 4, PK. 399). Schäfer Jak., Das Reich Gottes im Lichte der Parabeln des Herrn wie im Hinblick auf Vorbild und Verheißung. Eine exegetischapologetische Studie. Mainz, Franz .Kirchheim, 1897. gr. 8°. (XVI u. 288 S.) M. 3,50. Im dreizehnten Kapitel seines Evangeliums überliefert der hl. Matthäus sieben Parabeln des Herrn über das von ihm zu stiftende Reich Gottes. Mit wunderbarer Weisheit hat der Heiland den Plan und die Verfassung dieses künftigen Reiches seinen nicht bloß nnge- ehrten, sondern zudem - noch mit Vorurthcilen erfüllten Zuhörern in diesen ebenso anziehenden als leicht verständlichen Parabeln erklärt. Dem Verfasser ist es trefflich gelungen, die tiefe Bedeutung dieser Parabeln sowohl rückwärts als Deutungen des wahren Sinnes der Weissagungen des Alten Testamentes über das Reich des Messias, wie vorwärts als Weissagungen der künftigen Gestaltung der Kirche Jesu Christi wissenschaftlich in einer Weile darzulegen, daß sein Buch auch dem praktischen Bedürfnisse des Seelsorgers entgegenkommt, indem er es nicht an Fingerzeigen fehlen läßt, „wie man in einer glaubensarmen Zeit an die evangelischen Parabeln 464 glaubenswarme Worte anknüpfen kann". Das apologetische Moment seiner Studien fasst der Verfasser im Schlußwort in die Frage: „Wo ist das Bauwerk, das in allen seinen Theilen mit dem Bauplan harmonirt? Dieser Bau nämlich muß die wahre Kirche Christi sein." Die Antwort lautet: „Keine einzige Religionsgesellschaft paßt in das vom Heiland gezeichnete Bild, als nur die katholische Kirche. Die katholische Kirche allein ist die Kirche der Parabeln und darum die wahre Kirche Jesu Christi." Diese kurzen Andeutungen mögen genügen, um die Tragweite dieser gründlichen, von katholischem Geiste getragenen Arbeit zu charakterisiern. F-r. L. Wetzet. Die Lektüre. Ein Führer beimLesen. 2. Auflage 1897. 425 Seiten in 12°. Ravensburg, Dorn'sche Buchhandlung (F. Alber). Preis brosch. M. 2,40, gebd. M. 3.-. L. Die Produktivität Wctzels könnte nachgerade unheimlich erscheinen, denn alle Jahre erscheinen mehrere größere und kleinere Broschüren und Bündchen. Unheimlich wenigstens dem, der nicht weiß, daß der Schwerer Decan schon seit Jahren seine Büchlein ausgearbeitet hat und darum jetzt so prompt an die Öffentlichkeit treten kann. So legte er erst ganz kürzlich dem Publikum ein Gesundheitsbüchlein vor: „Bleib' gesund", in dem bekannten Gala-Umschlag der „Wctzelbroschüren" zu nur 35 Pfg., ferner eine neue Auslage seines „Entweder kalt oder warm", zu gleichem Preis. Seine Schriften alle, so z. B. „Laienapostolat", „Brave Kind", „Weg zum Glück", „Mann", „Frau", „Phrasen", „Daheim", „Sparen macht reich" usw., gehören bei ihrem klaren Gedankengang, vorzüglichen Stil und brillanten Inhalt zu den besten Preßerzeugnissen der letzten Jahrzehnte, wurden sie ja von bekannter, sicher unterrichteter Seite sogar über die von Alban Stolz gestellt. Wenn nun Wetzet auch nicht über ein so tiefgründiges Gemüthsleben verfügt, wie Stolz, so ist dieses Urtheil jedenfalls insofern richtig, als Wetzet ein jedesmal abgegrenztes Thema aufs Korn nimmt, was bei Stolz nicht der Fall war. Innerhalb dieser Grenzen schreibt aber Wetze! dann trefflich, taktvoll, edel (was von Stolz nicht immer gilt), zart, mit poetischem Anhauche, und ziert seine Büchlein mit werthvollen Äussprüchen und Erfahrungen fremder Geister. Das ist auch zu sagen von dem vorliegenden Buche über die Lektüre. Führen wir kurz seinen Inder vor: „Lesewuth, Auswahl der Bücher, Die richtige Lesemethode, Der hohe Nutzen der guten Lektüre, Gefahren schlechter Lektüre für den Glauben, für die gute Sitte, für Familie und Staat, Bedeutung der Zeitungen und Zeitschriften. Das Lesen der deutschen Klassiker, Die größten Dichter der Weltliteratur." Also die gesammte Hreßfrage! Wer sich je unterrichten will über Romane, Colportage, Bibel, Legende. Werthschätzung der Bücher, Excerpte u. ähnl., findet nichts besseres als dieses Buch, das auch für Vortrage nicht bloß Material, sondern vielfach die nöthige interessante Form darbietet. Auch als Geschenk ist es sehr zu empfehlen. „Das kirchliche Bncherverbot." Ein Commentar zur Constitntion Leo's XIII. „Oküeiornin ao mn- nsrum" von Oi'. Joseph Holt weck. 2. verbesserte nnd vermehrte Auflage. Mainz, Kirchheim, 1897. VIII u. 77 S. M. 1.-. v Mit Recht sagt das Vorwort zur neuen Auflage: „In überraschend kurzer Zeit war die starke erste Auflage dieses Commentars vergriffen, ein Beweis, welch' lebhaftes Interesse unserem Gegenstand entgegengebracht wird." Eine Vermehrung gegenüber der ersten Auflage hat sich ergeben durch Erweiterung des historischen Theiles, durch nähere Begründung der für die Interpretation wichtigen allgemeiner: Gesichtspunkte, sowie durch einläßlichere Besprechung einzelner Fragen (in den Anmerkungen) behufs erleichterter Anwendung des Gesetzes auf einzelne Fälle. Es besteht kein Zweifel, daß diese Vermehrung, namentlich in letztgenannter Richtung, es auch iU rechtfertigt, die neue Auflage als eine „verbesserte" zu be- I zeichnen. Möge die Schrift viele Leser finden, auch in der gebildeten Laienwclt, und überall solche, die lesen — zur Darnachachtung! Die drei Verschollenen vom „Sirius". Von G. Pries. Mit 24 Originalillustrationen von Ed. Zier. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung. — Preis eleg. brosch. M. 3,20; in Hochs. Originaleinband mit farbigem Deckenbild M. 4,20. Unwillkürlich erinnert uns der „Sirius" an die schönsten Erzählungen des Kapitäns Marrqat oder Jules Vcrnes. Hier wie dort finden wir herrliche Seebilder, packende Schilderungen der Stürme und Gefahren, die den Seemann auf Hoher See bedrohen. Gleich der Beginn der prächtig aufgebauten Erzählung führt uns an Bord eines Admiralschiffes, das im Piräus vor Anker liegt. Mit hochgespannter Erwartung folgen wir dann dein Kurs des nach Osten in See gehenden „Sirins" bis zu dem schreckliche!: Zusammenstoß mit der englischen Nacht. Jetzt concentrirt sich unser ganzes Interesse auf die drei Helden der Erzählung. Es sind das der tapfere Commandant des Kanonenbootes, der wackere Schiffsarzt und der stets zu lustigen Streichen aufgelegte Matrose Jean Quosch der selbst in den gefährlichsten, ja oft verzweifelten Situationen den Muth nicht verliert. Schöne Illustrationen, von Künstlerhand entworfen, veranschaulichen den dramatisch belebten Gang der Handlung. Das Buch selbst präsentirt sich in hochfeiner Ausstattung und farbenprächtigem Deckenbild. Wir kennen nicht leicht eine interessantere und unterhaltendere Lektüre, als gerade den „Sirius". Als Festgabe wird er namentlich der jungen Welt ein hochwillkommenes Geschenk sein. 1. Raphael, von P. Frick. Stuttgart, I. Roth, 1893. Preis gebd. 45 Pfg,: 2. Nachfolge des göttlichen Kindes Jesus, von P. Raidt. 7. Aufl. 1898. Stuttgart, Süddeutsche Aerlagsb. Preis gebd. 35 Pfg- 3. Neues Meßbuchlein von P. Raidt. Stuttgart 1897, Süddeutsche Verlagsb. Preis gebd. 30 Pfg.; 4. Meßbüchlein von G. Mev. Freiburg, Herder. 17. Aufl. 1897. Preis gebd. 40 Pfg. L. Vier Kindergebetbücher auf einmal sollen hier angezeigt werden. Die ersten zwei sind mehr für Kinder vom 9. Jahre an, die letzten zwei, besonders das von Raidt, für die Unterklassen berechnet. Nr. 3 und 4 sind auch illnstrirt. Die Illustrationen bei Nr. 3, von I. Bissinger-München, sind pädagogisch jedenfalls denen bei Nr. 4 vorzuziehen, weil sie nicht so zahlreich sind und daher die Kiirder nicht verwirren, und besonders weil sie sich mehr an die Vorgänge beim Meßopfer und an die trefflichen kurzen Gebete anschließen. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht der Platz. Nr. 2 hat seinen Weg bereits zu Tausenden von Kindern gemacht, es ist gut angeordnet, die Gebete schließen sich wie bei Nr. 1 an den Nottenburger Diöcesankatechismus an und find ganz dem Gesichtskreis der Kinder angepaßt. Das neue Büchlein von Frick, splendid ausgestattet (XII u. 196 S. in ganz Leinen L 45 Pfg.!), wird dem Büchlein Nr. 2 Con- currcnz machen. Jeder Katechet, der es prüft, dürfte es als eine willkommene Unterstützung seiner Thätigkeit begrüßen. Wir meinen dabei besonders die ausgezeichnete Beicht- und Communionandacht. Letztere lassen die Anschaffung eines eigenen Erstcommunionbuches entbehrlich erscheinen. Auch stören nicht zahlreiche Verweisungen, , wie bei Nr. 2. Mögen die hochw. Herren Geistlichen die Büchlein eiirer Durchsicht unterziehen und einen solchen „Raphael" ihren Katechumenen als einen Geleiter durch die Jugendzeit mitgeben! Monika. Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen. Verlag der Buchhandlung von L. Auer in Donauwörth. Jährlich 52 Nummern. Preis mit der Gratisbeilage „Schutzengel" halbjährlich 1 Mark. Zu bestellen durch jede Postanstalt und Buchhandlung. - Deir katholischen Müttern und Hausfrauen, denen das Wohl ihrer Familie am Herzen liegt, kann die Monika nicht warm genug empfohlen werden. Sie bringt ihnen Unterhaltung m den Musestunden, Belehrung in vielen wichtigen Fragen, Anregung und iAufmunterung in den Geschäften des Hauswesens und Trost in Widerwärtigkeiten, Krankheiten und Leiden. Aeranlw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. —^ Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas 8 ok all 8candal8 8uolr ornilli83ion8, 8Uoli §108868 aro tlro §roat68t." („Iliatorioal 8lreteli68'', Vol. II, x§. 231.) Wollte nun Purcell eine wahre Geschichte Mauuings schreiben, so konnte er es nicht ohne Veröffentlichung der meisten ihm überlassenen Documente, Diarien und Briefe. Mag man auch seufzen über „Indiskretion" N. dergl., Purcell stellte sich durch die Mittheilung selbst der intimsten Briefe des Cardinals nur auf den Standpunkt Newman's, welcher schreibt: „It sta,8 doon a stostdx ok mine, tlrougli perlrap8 it ie a truiom and not a stobst^, tlrat tste true liks ok a man i8 in die Iotts r 8. . . . Not on!^ kor tlie intere8t8 ok a diograxh^, stut kor arrivinZ at tlie in- vids ok tstinA8, tds pudlioation ok letterg i8 tsts true metlrode. Liograplierg varnisst, tlre^ L83ign wotiv68, tlie^ eongeeturs keelings . . .; but oontswporarx lettero aro kaot8." Dasselbe gilt von Tagebucheinträgen und von Skizzen, wie Manning sie z. B. niederschrieb über die Orden und über die „Neun Hindernisse" u. dergl. Bei solcher Methode der Geschichtschreibung ist es dem Leser ermöglicht, sich sein eigenes Urtheil zu bilden. Dies ist auch der Fall bei Purccll's „Diko ok 6ard. UanninZ«, wie jeder weiß, der es gelesen hat. Unter diesen Umständen fallen die etwa vorkommenden, sich widersprechenden Urtheile nicht so sehr in's Gewicht, daß man sogleich die ganze Glaubwürdigkeit eines Autors mit Recht in Zweifel ziehen dürfte und könnte. Wenn Purccll's Mittheilungen überdies in irgend einem Punkte intcrpolirt oder gefälscht wären, dann hätte Card. Vaughan und hätten die vier Testamentsexecntoren (Nob. Butter, Thomas Dillon, Walter Richards und Cornel. Keens) und hätten die Väter der Gesellschaft Jesu dies längst bewiesen — aber das ist unmöglich! Hieraus wird klar, was die Verdächtigung der Autorität Pnrcell's zu bedeuten hat — und: aus welch edlen, großen Motiven diese versuchte Verdächtigung entspringt. Nicht alles, was unbequem empfunden wird, ist deßwegen auch schon unwahr! Was die zum Theil zugegebenen Widersprüche Pnrcell's speciell angeht, so wurde er in den von mir angedeuteten Widerspruch bezüglich der Stellung Manntngs zu den Jesuiten gewissermaßen hineingedrängt. „Lvsn dskoro Publication (ok tbo Diko ok Oard. UanninZ) I va>8 urgsd, rvitb dn- gular vobemonos and pertinadt^, to adopt tbo polier ok onpproodon" — so gesteht der Biograph selbst (Nineteenth Century, Okt. 1896, pz. 537). Damit war er vor die schwierige Aufgabe gestellt, zwei Parteien gerecht zu werden, bis endlich die angeborene Wahrheitsliebe dieses englischen Schriftstellers zum endgiltigen Durchbruch kam auch in diese m Punkte (okr. meine Schrift, pag. 79, 81, 83). Um so weniger kann aber dann auf diesen vom Autor selbst beseitigten Widerspruch ein genereller Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit gegründet werden. Kurz: wie wünschenswert!) es manchen auch erscheinen mag, Purcell als Fälscher und Lügner gebrandmarkt zu sehen — dieser höchst begreifliche Wunsch bleibt unerfüllbar! Ebenso ist es „Iovo'3 Iv8t labour", den „Spectator" zu verdächtigen. Dieser tiefgelehrte Kenner der Kirchen- und Profangeschichte steht höher, als daß ihm ein oli- Recensent das Handwasser zu reichen vermöchte. Nur hat Spectator den Fehler, den Shakespeares „Julius Cäsar" rügt: „Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich" (1. Act, Sc. 2). *) 2. u. 3. Psychologische Widersprüche in einem Charakterbilde sind keine logischen Widersprüche. Letztere verstoßen allerdings por 86 gegen die unwandelbaren und nothwendigen Naturgesetze des Denkens; erstere bewegen sich auf dem Gebiete des freien Willens und harren infolgedessen oft lange ihrer Lösung. Im klebrigen bitten wir den eb-Recensenten, mit Ruhe und ohne Gehässigkeit unsere „Klärung und Ergänzung" nochmals lesen, aber nicht bloß durchstiegen zu wollen: dann wird ihm sein dritter Punkt von selbst als Verzerrung und Verkehrn»g klar werden. Ein altes englisches Sprichwort lautet: „NoEtz? ig tbo b63b polio^" (Ehrlichkeit — ohne Parteigehässigkeit und blinde Voreingenommenheit — ist die beste Politik)! Dies Wort gilt auch von jenem „Kritiker", der mich wegen eines vergessenen Schlußzeichens interpellirt. Wenn er weiß — und das kann er aus dem Zusammenhang wissen — daß ich es vergaß: warum dann d» Frage? Auch ich habe eine Frage: Wenn man sich in seltener Mikrologie an ein Schlußzeichen hängt, warum hat man so beharrlich geschwiegen über Dr. Braun's grobe Ikeber- sctzungsfehler, welche dieser ganz stillschweigend bis auf einen (im 2. Hinderniß Mauuings) corrigirt hat? (okr. 3. u. 4. Aufl. seines „DiZtivgno"). Zum Schlüsse spreche ich den beiden Kritikern den besten Dank aus für die Beweise, welche sie mir für die S. 82 und 89 meiner Schrift niedergelegten Behaupt-, ungen geliefert haben. Friedrich Nietzsche sagt einmal: „Schauen wir uns in's Angesicht, mein Herr, wir sind Hyperboräer." . . . Aber: ist die döcadonco, die der unglückliche Philosoph ' Diese Argumente erinnern uns sehr an eine Zeit, welche Herr „Gerb. Wahrmnt" nicht miterlebt hat — an die Zeit der „Döllingerei". Daß der „Spectator" ein sehr gelehrter Herr ist, weiß man ziemlich allgemein; aber ebenso ist Thatsache, daß es viele denkende Leute und maßgebende Stellen gibt. die seine Autorität eben doch '-nur mit gewisser Reserve anerkennen. D. Red. 476 unserer Zeit vorwirft, wirkliche Wahrheit? . . . Auch im Katholicismus? Würzburg, 2-1. November 1897. Gerhart Wcihrmut. Recensionen nnd Notizen. Kalender von Dcsclöc, De Brouwer L Cic. in Bruces (Belgien). V. Vor uns liegt eine ganze Reihe französischer Kalender, alle herausgegeben von der so verdienstvollen und opferwilligen Gesellschaft vorn hl. Augustinus, Desclöe, De Brouwer L Cie. in Bruges. Vielleicht ist eine kurze Parallele zwischen ihnen und unsern deutschen nicht uninteressant. schierst zu den Almanachs. Nicht weniger als elf verschiedene Kalender in Buchform, mehrere sogar in Luxus- und noch in gewöhnlicher Ausgabe, im Preis von 10 Cent. bis 5 Fes., erscheinen bei Desclöc. Sie haben fast alle stärkeres und besseres Papier, thcilweisc äuch bessere Typen, stehen aber weit hinter unsern deutschen katholischen Kalendern zurück, was Anordnung und besonders was Illustration betrifft. Das gilt auch von den vielgelesenen Alm»n»ob8 oatlwligue, A. lle» t'uwillos, tl. äs« siilnuts la 8. Paul, (Is 8. ^Ipbou8e, cls 8. lAunooi'b cko 8slo3, cko In Vis 0s8 8aiuts, cko Lo88uet eto., unter den profanen den Oal. clv8 Llaximo?, Onl. littörairs u. a. Die Preise wechseln von 40 Cent. bis 3,50 Fes. je nach Schönheit des Blocks und des,Cartons. Auch die Wandkalender (okilöiulrisrs Pl5ts) »von Desc^e. besonders die größeren (55 X 44 Centimetek) wären nachahmenswert!), sie bieten nämlich in der Mitte der Tafel trefflich ausgeführte Chromobilder; es liegt uns z. B. ein solches vor mit dem Farbenbild des Papstes, ferner mit einem köstlichen Bilde einer Erscheinung aus dem Leben des hl. Antonius, ebenso noch andere, die um den billigen Preis von 40 Cent., auf starke Pappe aufgezogen, eine hübsche Zimmerzierdc bilden. Natur und Glaube. Naturwissenschaftliche Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung auf positiv gläubiger Grundlage. Herausgegeben von Dr. I. E. Weiß, k. Lucealprofessor in Freising. München, Verlag von Rudolf Abt. Diese Monatsschrift erscheint am 15. jeden Monats. — Abonnementspreis für den Jahrgang M. 3.— , mit Postzusendung M. 3.40. — Alle Buchhandlungen des Jn- und Auslandes nehmen Abonnements entgegen: auch kann direkt bei der Verlagsbuchhandlung Rudolf Abt in München abonnirt werden. Diese neue Zeitschrift hat den un- gethei lieft en Beifall aller positiv gläubigen Katholiken gefunden, und sämmtliche bis seht erschienenen Besprechungen drücken sich hochbefriedig't über den Inhalt und die energische Haltung aus. In der That füllt diese Zeitschrift eine tiefgefühlte Lücke in der katholischen Literatur anZ: sie ist berufen, in dem gewaltigen Kampfe des Glaubens gegen den ungläubigen, die ganze Weltordnnng stürmenden Materialismus eine führende Rolle zu übernehmen. Allen, welche in diesem Kampfe der Wahrheit mitkämpfen wollen, — und das soll und muß jeder gebildete Katholik thun, — sei daher die Monatsschrift „Natur und Glaube" zum Abonnement angelegentlichst empfohlen. Aus dem reichen Inhalte der bis jetzt vorliegenden Hefte heben wir besonders hervor nachfolgende hochinteressante Abhandlungen: Die Katholiken und die Naturwissenschaft. — Wie man die Abstammungslehre beweist. — Hat die Annahme einer Urzeugung wissenschaftliche Berechtigung? — Naturwissenschaftliche Agrarpolitik. — Nervöse 'Menschen, von Dr. mach Lechucr. — Neue Methode zur Erziclung neuer Rassen von Cn ltur pfl anzen. — Der Kampf n . m's D asein. Verauiw. Redacteur: Ad.Hggs in Augsburg. — Druckn, l — Wie oft dreht sich die Erde im Jahr? — Die Bibel und die Resultate der Natnrforschinm. — Albert der Große und seine Bedeutung für die Naturforschung. — Sind Thiere im Stande sich unabhängig von der Pflanzenwelt zu ernähren? — Braucht die Abstammungslehre noch Beiveise für die Abstammung des Menschen vom Affen? — _ Vita Domiul uootrickoon Oüristi o guatuor Lvau- ->6lii^ip8i8 88. librorrnu vsrbi.8 voueüumt» » .loauus I-apt. I-obwann, 8. 3. Lckitio alter». I'aäsr- boruao (Ouut'ermaim) 1697. VIII, 250 p. LI. 3.60. Wenn es schon für den Einzelnen gilt, sich durch die Nachfolge Jesu zu heiligen, so muß speciell für den zur Seelsorge Berufenen und namentlich für den in der Seelsorge thätigen Priester das Beispiel Jesu in seiner öffentlichen Wirksamkeit der stete Gegenstand des Studiums und der Meditation sein. Gerade durch die (tägliche) Betrachtung des gottmenschlichen Lebens Jesu wird der Priester seine Pflichten wie gegen sich selbst, so auch gegenüber der ihm anvertrauten Heerde immer besser erkennen. Ein vortreffliches Mittel hiezn ist die von k. Lohmann hergestellte nnd von L. Cathrein ins Lateinische übertragene Evangelieuharmonie, wovon jetzt die zweite Auflage erschienen ist. In fortlaufend chronologischer Reihenfolge wird das Leben Jesu mit den Worten der Heiligen Schrift selbst erzählt, nnd im Kleindruck sind nochmals die Schriftbcrichte nebst Angabe der Capitel und Verse beigefügt, so daß nicht ein Wort fehlt, das sich bei den Evangelisten rindet. In den Indices sind die Parallel- stellcn, speciell die des Matthäus, und die Sonn- und Festtags-Evangelien genau und übersichtlich verzeichnet. Den Schluß bildet eine gute Karte von Palästina zur Zeit Jesu. Dem Seelsorgsgeistlichen wie dem Studirenden der Theologie sei das Diatessaron bestens empfohlen! V. - A. L. Geschichte des Kalvarienberges zu Tölz und der Eremiteu-Congregation im Bisthum Freifing. (Selbstverlag des Verfassers. Preis 1 M. 50 Pfg.) /?. Der gegenwärtige H. H. Benefiziat am Kalvarienberg zu Tölz, Michael Forner, ein sehr verdientes Mitglied des historischen Vereins für das bayerische Oberland in Tölz, hat unter obigem Titel ein Äuch verfaßt, das der Öffentlichkeit nicht unbekannt bleiben sollte. Es möchte — nach dem Titel zu schließen — vielleicht scheinen, genanntes Werk könne nur lokales Interesse beanspruchen oder sei wenigstens nicht über das Erzbisthnm München-Freising hinaus von Bedeutung. Dem gegenüber dürfte richtig sein, daß obige Schrift allgemeine Beachtung bei der Gclehrtenwelt verdient. Abgesehen davon, daß der Verfasser mit unsäglicher Mühe zu seinem Werke Material — zumeist bei Privaten — erst zusammensuchen mußte (es gelang ihm bei dieser mühsamen Arbeit, wie es im Vorwort heißt, mehr als 3000 Urkunden auszukundschaften), kostete es ihm nicht weniger Mühe, diese Dokumente zu studiren und entsprechend zu verwerthen; es ist ihm aber dieses schwere Stück Arbeit im Laufe der Jahre vortrefflich gelungen, und er hat es verstanden, mit gutem Geschick nnd großer Objektivität die gesammelten Beweismomente auch kritisch zu beleuchten;' dabei ist Form und Sprache gefällig. Bei Durchgchung der Schrift ist es wirklich interessant, zn sehen, wie eine Stiftung fo allmählig ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen werden konnte, so daß man später keine Ahnung mehr davon hatte, dckß diese Verwendung dein Stiftungszwecke in keiner Weise entspreche. Diesen Schneckengang in all' feinen Windungen aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst des eifrigen Verfassers; und am Schluß der Schrift angelangt, wünscht man gerne mit ihm, es möchte das Unrecht, das am Kalvarienberg so lange Zeit hindurch begangen worden, jetzt, nachdem es einmal aufgedeckt, auch beseitigt werden. Wer Interesse für derlei Abhandlungen hat, wird gewiß nickt unbefriedigt bleiben von dieser Lektüre. Wer aber vollends den Kalvarien- ^ - berg aus eigener Anschauung kennt, wird nrit Spannung verfolgen die Geschichte dieses hl'. Berges, den ein vors-. - dieustvoller, längst Heimgegangener Verwalter, NiM'mit Namen, gewiß nicht mit Umreckt bezeichnet Pat als „eine wahre Krone des M.arktes Tölz und eine Zierde des bayerischen-Vaterlandes". rlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. «f. SS Mlllg. ^ s» « KllgüKlM Suggestion und Hypnoüsmus im Recht. Von Rechtsanwalt Dr. Then-Traunstei». (Schluß.) 6 . Suggestion und Hypnose im Prozeß. Suggestion und Hypnose können iin Civil- und im Strafprozesse eine mehrfache Rolle spielen. Soweit sie die Prozeßparteien selbst betreffen, ergeben sich die Schlußfolgerungen in materieller Richtung aus den bisher gefundenen Grundsätzen. Wichtig und hier besonders zu erörtern ist die Frage der Beweislast. Neben diesem Punkte ist aber die Bedeutung für das Beweismatcrial zn prüfen. Sowohl im Civilprozeffe wie im Strafprozesse, namentlich aber in letzterem, beruht zumeist der Beweis in den Zeugen?) 1. Die schwierigere Ausgabe für den Richter ist nicht die rechtliche Würdigung, sondern die Feststellung der Thatsachen. Im Civilrecht ist es nach den Grundsätzen der civilrechtlichen Beweislast Sache derjenigen Partei, welche darauf ihr Recht stützt, das Vorliegen eines suggestiven und hypnotischen Einflusses zu beweisen. Im Strafrechte dagegen trifft die ganze Beweislast den öffentlichen Ankläger, die Staatsanwaltschaft. Die Frage, ob es sichere Beweismittel zur Feststellung dafür, daß hypnotische Einflüsse stattgehabt haben, gibt, muß von dem Juristen bejaht werden. Die Beantwortung der Frage im Eiuzelfalle steht aber primär nicht ihm, sondern dem sachkundigen medizinischen Sachverständigen zn. Der Richter ist zwar nicht an dessen Urtheil gebunden, denn in unserem Prozeßrechte herrscht die Theorie der freien richterlichen Beweiswürdignng. Aber er wird in dem Sachverständigengutachten das Material finden, um sich ein bejahendes oder verneinendes Urtheil bilden zu können. Schwierig ist allerdings die Thatfrage da, wo der Hypnotisirte selbst im Wachzustände wenig positive Angaben machen kann. Das einzige Mittel zur Erforschung der Wahrheit wäre hier die neuerliche Hyp- notisirung. Allein dieses Verfahren ist nach der Strafprozeßordnung weder dem Angeklagten noch den Zeugen gegenüber statthaft. Wie festgestellt, ruft oder kann wenigstens die Hypnose einen Zustand der Bewußtlosigkeit hervorrufen, in welchem einer zcugeneidlichen Vernehmung oder einem Schuldbekenntniß des Angeklagten so wenig Beweiskraft beigemessen werden könnte, wie dem Gestäudniß und der Vernehmung eines Unzurechnungsfähigen. Lilienthal will zwar eine Hypnotisirung mit Einwilligung bei dem einer strafbaren Handlung Verdächtigen wie bei den Zeugen gestatten. Aber es ist ihm nicht möglich, hiefür eine Begründung aus dem Gesetze zu erbringen. Gerade aus dem Schweigen des Gesetzes folgt die Unzulässigkcit. Denn die Arten und die Form der Erhebung der einzelnen Beweismittel sind in den Prozeßgesetzen erschöpfend aufgezählt, ganz abgesehen davon, daß Aussagen Hypnotisirter in allen Fällen als äußerst unsicheres Beweismaterial gelten müßten. Die Hypnotisirung eines Verdächtigen will Lilienthal unter Bezugnahme auf Z 102 der Strafprozeßordnung für statthaft erklären, indem er die Hypnose unter den Begriff „der Durchsuchung der Person" des Verdächtigen subsumirt. Daß dies nicht angeht und dem Wort Gewalt anthun H Wir werden noch berühren, welche Bedeutsamkeit der Suggestion bei Zeugenaussagen zukommt. heißt, liegt auf der Hand. Denn hier handelt cS sich lediglich um eine körperliche Durchsuchung. 2. Unter den Beweismitteln im Prozesse hat der Beweis durch Zeugen die größere Bedeutung. Der Zeugenbeweis ist sogar die Regel. Um so aufmerksamere Betrachtung verdient die Frage der Einwirkung von Suggestion und Hypuotismus. Daß durch die Hypnotisirung falsche Zeugen präparirt werden können, bedarf nach den vorhergehenden Ausführungen keiner weiteren Darlegung. Zu unterscheiden hievon sind die Fälle, in welchen es sich nicht um beabsichtigte Hypnotisirung und dadurch veranlaßte falsche Zeugenaussagen handelt, wo andere außer der Hypnose wirkende Suggestionen ihr Spiel treiben, wo der Zeuge aus irgend welchen Gründen, sei es durch dritte oder äußere Momente veranlaßt, sei es aus sich selbst heraus, ohne sich dessen bewußt zu werden, falsche Aussagen macht, wo er Wahrheit, wirklich Gesehenes oder Erlebtes mit Phantasiegcbildcn nnd Autosuggestionen in nicht erkennbarer Weise vermischt. Jeder im Leben stehende Jurist, ja selbst jeder, der auch nur einmal einer größeren Gerichtsverhandlung mit umfassendem Zeugenmaterial angewohnt hat, weiß aus Erfahrung, wie viele solche Suggestionen bei den Zeugen möglich sind. Die Thatsache, daß sich Zeugenaussagen über denselben Vorgang in schroffstem Widersprüche gegenüber stehen, ist keineswegs selten. Gewiß würde man einen unbegründeten Vorwarf erheben, wollte man alle diese Widersprüche auf bewußte Unwahrheit zurüäsühren. In solchen Fällen bleibt kein anderer Ausweg, als bei einer Seite Suggestivwirkungen anzunehmen. Derartige widersprechende Aussagen sind zumal da gar leicht zn finden, wo das Prozeßverfahren eine langwierige Entwicklung nahm und eine umfassende Voruntersuchung nöthig machte. Man stelle sich den Gang der Sache vor. Angenommen, es wird der Polizei die Begehung eines Verbrechens gemeldet. Zunächst obliegt es dieser, etwaige Zeugen schriftlich einzuvernehmen. Der Staatsauwalt, dem diese erste Vernehmung vorgelegt, veranlaßt die Vernehmung vor dem Amtsgerichte. Ist dann die gerichtliche Voruntersuchung eingeleitet, so erfolgt das Verhör durch den Untersuchungsrichter, und dann endlich, wenn es zur Hauptverhandlung kommt, geschieht die zcugeueidliche Vernehmung vor dem erkennenden Gerichte. Zwischen diesen wiederholten Einvernehmungen liegen Wochen, ja oft Monate. Beim Studium der Gcrichtsakteu läßt sich oft ganz deutlich erkennen, wie die Zeugenaussagen Schritt für Schritt sich verdichten, umfassender und fester werden. Fragt der iuquirirende Beamte, wie es komme, daß Zeuge diese nnd jene Thatsache erst jetzt und nicht schon früher angegeben habe, so ist die stereotype Antwort: „Das ist mir erst eingefallen." Gewiß, es mag ja vorkommen, daß die Erinnerungsbilder bei längerem und wiederholtem Nachdenken wieder lebhafter vor die Seele treten. Aber hiezn wäre Zeit' genug zwischen der Vorladung und der ersten Vernehmung, zwischen welchen in der Regele ein längerer Zeitraum liegt. Erwägt man, daß der Zeuge, nnd zwar je weniger bestimmt seine Erinnerung ist, um so mehr Fühlung sucht mit anderen Zeugen, sich von ihnen ihre Kenntniß erzählen läßt, daß ihm bei seiner wiederholten Vernehmung Aussagen des Angeklagten, bezw. der Prozeßpartei, nnd der anderen Zeugen vorgehalten werden, u. dgl. mehr, so wird mau geneigt sein, diese angebliche Wiederbelebung der Erinnerung in sng- 478 gestiven Momenten aller Art zn suchen. Es ist deßhalb den Worten Forels beizustimmen: „Bei den beängstigenden Prozeduren, die Zeugen oft zu erleiden haben, bei der Art, wie sie von den Anwälten bearbeitet werden, werden sie gewiß oft zu Angaben veranlaßt, die auf Suggestion beruhen." Wir verkenne» nicht, daß mit Anerkennung dieses Satzes ein sehr unangenehmer Gast in den Gerichtssälen eingeführt wird, wenn man überhaupt davon als. von einem neuen Momente reden darf. In der That ist ja Liese Erkenntniß eine auf steter Erfahrung beruhende, längst allgemein anerkannte Wahrheit. Aber das Studium des Hypnotismus und der Suggestion hat jedenfalls chazu beigetragen, diesem Gaste größere Aufmerksamkeit zu schenken, als bisher. Unwillkürlich wird sich hier dem und jenem Leser die Erinnerung an den B erchtold-Prozeß aufdrängen, welcher im vorigen Jahre sich vor den Assisen des Münchener Schwurgerichts abspielte. Es ^ würde über den Nahmen dieses Aufsatzes hinausgehen, wollte ich auch nur in Kurzem auf eine Beiziehnng dieses Falles eingehen. Ich verweise auf den vorzüglichen kritischen Bericht des Dr. Frhrn. v. Schrenck-Notzing in dem Artikel: „Ueber Suggestion und Eriuncrungsfälschuiig im Berchtold-Pro- zesse" in der Zeitschrift für Hypnotismus, laufd. Jahrg. Heft 2^-4, sowie auf Moritz: „Die Suggestion, im . Berchtoldprozcß" in der Münchener medizinischen Wochenschrift 1896, Nr. 43. Man hat dem Vertheidiger die Hereinziehung der Suggestion in den G.erichtssaal zum Vorwarf gemacht, ohne zn bedenken, daß die Staatsanwaltschaft zuerst im Fall Czynski durch die Anklage des mit Hilfe von Suggestion ausgeführten Verbrechens diesen Versuch unternommen hat,- und daß sich gerade durch die Ergebnisse des Prozesses die Berechtigung zum Vorgehen des Vertheidigers ergab. Die Verhandlung hat thatsächlich ergeben, daß der suggestive Einfluß der Presse zumal bei Sensationsverbrcchcn ein ganz enormer ist, und .daß in solchen Fällen rückwirkende Erinnerungssälschnngen von Zeugen eine Rolle spielen können. Grashcy hat sich bei seinem Einvernahme als Sachverständiger in diesem Prozesse zwar geäußert: „Ich bin überzeugt, daß die Zeugen gerade durch, den Umstand, daß. sie öffentlich aussagen müssen, . . . darauf hingewiesen wurden, mit. sich und ihrem Gewissen zn Gericht zu- gehen, und daß sie sich sagen mußten: prüfe zwischen dem, was du gehört und gesehen, gelesen und gedacht hast." Gewiß, sonst würden sie ja einen mindestens fahrlässigen Meineid geleistet , haben. Aber der Kernpunkt der Sache liegt ja eben darin, das; sie sich dies sagten und trotzdem, - eben wegen der unbewußten Erinnerungsfälschung, nicht unterscheiden konnten zwischen Gehörtem und Gesehenem, Gelesenem und Gedachtem.. Der-Prozeß Berchtold hat von neuem bewiese»/ was -LiüeUthal und andere schon vor demselben ausgesprochen, .die Thatsache, daß die Suggestion bei Zeugenaussagen einen nicht außer Acht zn lassenden Faktor bildet. O. Ok 1kA6 Lai enäa,. Wir haben gesehen, daß Suggestion und. Hypuotis- mns keine neue Momente in das Civil- und Strafrccht einführen, und daß sie im Prozeß lediglich eine Thatfrage bilden, daß sonach insoweit kein Anlaß zu gesetzgeberischem Vorgehen vorliegt. Professor.Fuchs, der Verfasser der „Komödie der Hypnose", hat den „komischen" Vorschlag dem Justizministerium unterbreitet: es werde eine Commission von zuverlässigen und vorurtheilsfreien Beobachtern gewählt, denen die Ausgabe gestellt ist, das hypnotische Experiment an unbescholtenen vereidigten Personen anzustellen und nach Jahresfrist über den Ausfall ihrer Versuche zu berichten. Ich glanbe, der Vorschlag „spricht für sich selbst", und meine deßhalb, ihu einer näheren Kritik nicht unterziehen zn sollen! Ernsthafter und werth der Diskussion sind jene Vorschläge, welche dahin gehen, daß die Hypuotisirung den Laien untersagt und nur den Aerzten vorbehalten werde. Das Gleiche gilt für die Frage, ob sich nicht die Untersagung der öffentlichen Schaustellung von Hypnoti- sirten und Somnambulen empfiehlt. Bei der weitgehenden Auslegung, welche man dem „Grobcn-Unfug-Paragraphen" in der Gerichtspraxis unter Billigung der obersten Gerichtshöfe gibt, lassen sich meines Erachtens auch derartige Schaustellungen unter diesen Begriff bringen. In Belgien hat mau bereits mit einem Gesetze gegen den Mißbrauch der Hypnose den Versuch gemacht. Hienach werden bestraft die öffentliche Schaustellung hypnotisirter Individuen, die Hypuotisirung von Individuen, welche noch nicht 21 Jahre alt oder nicht im vollen Besitze der Geisteskräfte sind, durch einen Nichtarzt, die in betrügerischer oder Schädigungs-Absicht erfolgte Hypuotisirung, um durch das hypuotisirte Individuum eine solche Urkunde unterschreiben zn lassen,-welche einen Vertrag, eine Verpflichtung enthält in dgl. Eine andere Frage ist durch den Prozeß Berchtold von neuem angeregt worden. Es hat sich bei demselben deutlich der ungeheure Einfluß der Presse gezeigt, sowohl in den Berichten vor der Verhandlung, wie in jenen über die Verhandlung selbst. Es ist längst anerkannt, daß das Studium der in den Zeitungen berichteten Criminal- fälle für den Criminalstudenten die beste Vorbereitung ist. Dieser Einfluß der Presse ist auch früher schon des öfteren Gegenstand der Betrachtung für die Fachmänner gewesen. Angesichts dessen fragt es sich, ob nicht ein gesetzgeberisches Einschreiten nach dieser Richtung hin angezeigt erscheint. Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden zu zeigen, welches Interesse - die Rechtswissenschaft an den neuerdings so sehr in den Vordergrund gerückten- Problemen der Suggestion und des Hypnotismus hat. Es wäre nun auch für den Juristen interessant, zu untersuchen, wie sich das kanonische Rechten denselben stellt. Allein das überschreitet die gestellte- Aufgabe, es ist- auch mehr Sache des Theologen, wie des Juristen. 1)r. Haas (über Hyp- notismns und Suggestion, 1894), Strohmeyer a. a. O. und Steiubach in der Liuzer theologisch-praktischen Quartalschrift 1807, M Heft S. 60, nehmen eine ablehnende Haltung ein. Steinbach stellt die Dekrete der 8. Lon^r. Incjnis. zusammen, welche sich auf den- Magnetismus :c. beziehen. Allein es ist eben doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Magnetismus, Spiritismus und ähnlichen Lehren und der auf ernstlicher wissenschaftlicher- Forschung und auf natürlicher Basis beruhenden Lehre des modernen Hypnotismus. Auch Schütze erklärt den Hypnotismus in der eingangs erwähnten Studie, welche inzwischen auch in Separai- ansgabe erschienen ist, für verwerflich und fordert das gesetzliche Verbot auch der wissenschaftlichen Anwendung desselben. Wir überlassen die Beantwortung dieser Frage der berufeneren. Feder des. Theologen und Philosophen. Nur darauf ist hinzuweisen, daß sich bis in die neueste 479 Zeit auch Kleriker theoretisch und praktisch unter den Nutzen ihrer Obern mit dem Studium des Hypnotismus beschäftigten. In der That, eine wissenschaftliche Förderung dieser Frage, welche alle Berufsfremde gleichmäßig interessirt, scheint mir unmöglich, müßte man auf praktische Versuche, auf Experimente dabei verzichten. Ein arabischer Aristoteles nud was uns derselbe aus dem Wnnderlande Indien erzählt. Von Dr. Widder. (Schluß.) Von hohem Interesse ist schließlich noch die Schilderung, die uns Alberuni bezüglich der Lebensweise der Brahmanen, welche die vornehmste Menschenklasse bilden und nach indischer Lehre aus dem Haupte Brahma's hervorgegangen sind, sowie über die Schule, welche sie durchzumachen haben, hinterlassen hat, und zwar um so mehr, als heutzutage noch Vieles praktische Bedeutung hat. Das Leben des Brahmanen zerfällt nämlich vorn vollendeten siebenten Lebensjahre an in vier große Abschnitte. Die erste Periode beginnt mit dem achten Lebensjahre. Der kleine Hindu wird da Zögling der Brahmanen und von diesen in seinen Pflichten unterwiesen. Es wird ihm eingeschärft, den Brahmanen anhänglich zn sein und sie lebenslänglich zärtlich zu lieben. Der Schüler erhält einen Gürtel nm seine Lenden und wird mit der heiligen Schnur, »xzanopavitg," genannt, bekleidet, d. i. einer starken Schnur, die aus neun einzelnen Schnüren zusammengeflochten ist und von der linken Schulter zur rechten Hüfte herabreicht. — Diese tragen die Brahmanen heute noch. — Außerdem erhält er einen bis zu seinem Haupthaare reichenden hölzernen Stab, den er zn tragen verpflichtet ist, und einen aus einer gewissen Grasart verfertigten Siegelring, welcher am Ringfinger der rechten Hand getragen wird, und bedeutet, daß der Brahmane Allen ein Segen sein soll, die Gaben aus seiner mit dem Ringe geschmückten Hand empfangen. Die Verpflichtung, den Ring zu tragen, ist jedoch nicht so streng, als die, das ^anoxavila, zu tragen, letzteres darf unter keinen Umständen abgelegt werden, auch nicht beim Essen oder bei der Befriedigung irgend eines natürlichen Bedürfnisses. Das Ablegen der heiligen Schnur wäre eine Sünde, die nur durch Fasten, Almosengeben oder durch ein Werk der „Ausathmung", d. i. des freiwilligen Sterbens durch Anhalten des Athems, gesühnt werden könnte. Dieser erste Lebensabschnitt erstreckt sich bis zum 25. Lebensjahre. Während dieser Zeit muß der Brahmane die Ab- tödtung üben, auf bloßer Erde schlafen, das Studium der Vedas (d. i. der Religionsgesetze) und ihrer Erklärungen beginnen, Theologie und Gesetzeskunde studiren und seinem Lehrmeister, unter dessen Leitung er seine Studien macht, Tag und Nacht dienen. Dreimal des Tages wäscht er sich und bringt morgens und abends dem Feuer ein Opfer dar. Nach dem Opfer erweist er seinem Lehrer seine Verehrung. Jeden anderen Tag fastet er, Fleisch darf er niemals genießen. Er wohnt im Hause seines Meisters, das er nur verläßt, um Gaben und Almosen zn sammeln. Er darf aber nur in 5 Häusern und nur einmal im Tage betteln, entweder mittags oder abends. Alles, was er an Almosen zusammengebracht hat, übergibt er seinem Meister, damit sich dieser nach Belieben davon auswähle, den Rest darf der Schüler für sich behalten, und er nährt sich sohin von den Uebcrbleibscln der Mahlzeit seines Lehrers. Ferner muß der Brahmanen-Zögliug Holz von zweierlei Art sammeln, um dem von den Hindus hochverehrten Feuer Opfer bringen zn können. Dem Feuer werden Blumen, Weizen, Gerste, Reis und Ocl geopfert. Opfern die Brahmanen für sich selbst, so recitiren sie dabei die vorgeschriebenen Gebete, opfern sie aber für andere Personen, so beten sie dabei nichts. Ist nun die Zeit des Noviziates, wie man die erste Periode nennen könnte, glücklich überstanden, so beginnt der zweite Lebensabschnitt, welcher die Zeit vom 25. bis zum 50. Lebensjahre umfaßt. Jetzt darf sich der Brahmane verehelichen. Er heirathet und gründet eine Familie. Seine Anserwählte darf jedoch nicht über 12 Jahre alt sein. Den Lebensunterhalt erwirbt er sich entweder durch das Honorar, das er für den Unterricht von Brnh- maneu erhält — jedoch gilt dies nicht als eine Bezahlung, sondern als ein Geschenk —, oder aber durch die Geschenke, die er von anderen Personen dafür empfängt, daß er für sie die Feneropfer verrichtet, oder endlich durch milde, von Königen oder Vornehmen erbetene Gaben, die jedoch nicht in zudringlicher Weise erbettelt und nicht widerr willig verabreicht sein dürfen. Die Fürsten und Vornehmen halten sich nämlich stets so eine Art Hausplan, d. h. einen Brahmanen, ^xurotiitn^ genannt, der für sie ihre religiösen Angelegenheiten und frommen Werke besorgt. Schließlich lebt der Brahmane von Allem, was er auf der Erde oder von den Bäumen sammelt. Er kann sein Glück auch im Handel mit Kleidern und Betelnüssen versuchen, allein besser ist es, wenn er nicht selber Handel treibt, sondern dieses Geschäft durch Andere besorgen läßt. Denn ursprünglich war ihm der Handel wegen des damit verbundenen Lügens und Betrügens Verbote», und ist ihm derselbe jetzt nur im Falle äußerster Noth, wenn er keine anderen Unterhaltsmittel hat, gestattet. Die ständige Beschäftigung mit Pferden und Kühen, sowie die Besorgung des . Viehes ist dem Brahmauen ebenfalls, nicht erlaubt, wie ihm auch das Wuchertreiben streng untersagt ist. Dagegen ist der Brahmane steuerfrei und braucht auch dem Könige keine Dienste zu leisten.. Die blaue Farbe ist für den Brahmanen unrein, .so daß er sich waschen muß, wenn sie seinen Leib berührt hat. In der zweiten Periode seines Lebens hat der Brahmane .auch die Pflicht, stets vor dem Feuer die Trommel zu währen und die ihm vorgeschriebenen heiligen Gebete zu sprechen. . ,Der dritte Lebensabschnitt erstreckt sich vom 50. bis zum 70. Lebensjahre. Während dieser Zeit muß sich der Brahmane wieder in Äbtödtnngcn üben, er verläßt sein Heim und übergibt dasselbe nebst seiner Frau seinen Kindern, wenn die Frau es nicht vorzieht, ihren Mann in die Wildniß zn begleiten. Von nun an lebt er fern von aller Civilisation und führt dasselbe Leben, wie in der ersten Periode. Er wohnt unter freiem Himmel, schläft auf bloßer Erde, sein Gewand besteht bloß in einer Baumrinde, gerade groß genug, um seine Lenden zu bedecken, und seine Nahrung bilden Wurzeln, Kräuter und Früchte. Das Haar läßt er lang wachsen und salbt sich mit Oel. Die vierte und letzte Lebensperiode umfaßt die Zeit vom 70. Lebensjahre bis zum Ende seines Lebens. Jetzt trägt der Brahmane ein rothes Kleid und einen Stab. Er ergibt sich. ständig der Betrachtung, tilgt aus seinem Geiste Freundschaft und Feindschaft, rodet aus seinem Herzen alle Begierde, alle Lust und alleu Zorn aus und 480 verkehrt mit keiner menschlichen Seele. Wallt er himmlischen Lohnes halber an einen Ort, dessen Besuch als besonders verdienstlich gilt, so hält er sich unterwegs in einem Dorfe nicht länger als einen Tag und in einer Stadt nicht länger als 5 Tage auf. Reicht ihm Jemand eine Speise, so darf er davon für den folgenden Tag "nichts übrig lassen. Sein einziges Geschäft ist jetzt, sich nm den Weg zu kümmern, der znm Heile führt, und zu erreichen, d. i. einen Ort, von dem es keine Rückkehr in diese Welt mehr gibt, und in die ,Weltseele" aufgelöst zu werden. Das Feuer, das ein Vrahmane angezündet hat und vor dem er seine Opfer verrichtet, muß er stets vor dem Erlöschen bewahren. Dreimal im Tage muß er sich waschen, morgens, mittags und abends während der Dämmerung. Die erste und zweite Waschung ist strenge Pflicht, die abendliche Waschung ist keine so strenge Verpflichtung und kann die Einnahme des Abendbrodes und die Verrichtung des Abendgebetes auch ohne Waschung stattfinden. Zu nächtlichen Waschungen sind die Brahmanen nur zur Zeit einer Sonnen- oder Mondssinsterniß verbunden, damit sie zur Beobachtung und Verrichtung der bei solchen Gelegenheiten vorgeschriebenen Gebräuche und Opfer vorbereitet sind. Der Brahmane ißt während seines ganzen Lebens stets nur zweimal im Tage, nämlich mittags und abends. Die Mahlzeit beginnt damit, daß er soviel auf die Seite legt, als znm Almosen für eine oder zwei Personen hinreicht, namentlich für fremde Brahmanen, die etwa zufällig abends auf den Bettel kommen, da die Vernachlässigung ihres Unterhaltes eine große Sünde wäre. Außerdem wird für das Vieh, die Vögel und das Feuer etwas bei Seite gelegt. Der Rest wird dann, nachdem das Tischgebet gesprochen, genossen. Die Ueberbleibsel der Mahlzeit werden außerhalb des Hauses gebracht, und naht sich ihnen der Brahmane nie mehr, well dies verboten ist. Das Übriggebliebene ist nämlich für den zufällig Vorüberkommen- den bestinimt, der dessen bedarf, sei es nun ein Mensch, ein Hund oder ein Vogel oder irgend ein anderes Wesen (der Genuß von Speiseresten gilt überhaupt noch allgemein als unzulässig). Jeder Brahmane muß sein eigenes Wassergefäß haben, benützt es eine andere Person, so muß es zerbrochen werden, dasselbe gilt von seinem Eßgeschirr. Alberuni sagt zwar, daß er wohl Brahmanen gesehen habe, die ihren Verwandten gestatteten, mit ihnen von derselbe» Platte zu essen, allein die meisten Brahmanen hätten dies getadelt. Auch bezüglich der Wahl seines Aufenthaltsortes ist der Brahmane beschränkt, er darf nur in einer bestimmten Gegend wohnen, sonst begeht er eine Sünde. Die Brahmanen haben auch eine Art Dienerschaft. Dies sind die Angehörigen der Südra-Kaste — dies ist die niedrigste Menschenklasse —. Die Südra müssen nämlich die Angelegenheiten der Brahmanen besorgen und sie bedienen. Die äußerst armen Südra begnügen sich mit einem leinenen Lendengürtel. Jede Handlung, die als ein Vorrecht der Brahmanen gilt, wie das Hersagen von Gebeten oder Vedaversen, das Darbringen von Feueropfern u. s, f., ist den Südra unter den strengsten Strafen verboten. Würde z. B. ein Südra Vedaverse hersagen, so würde er vor dem Könige angeklagt und würde ihm die Zunge abgeschnitten. Betrachtungen über Gott, Werke der Frömmigkeit und Almosengeben sind jedoch dem Südra gestattet. Jeder, der eine seiner Kaste nicht erlaubte Handlung vornimmt, be- ßHt ^eine Ssinde oder^ein Verbrechen, wenig geringer als ein Diebstahl. Nachstehende Legende möge dies beweisen. Zur Zeit des Königs NLma war das Leben der Menschen von sehr langer Dauer; damals' starb ein Kind niemals vor seinem Vater. Einmal jedoch geschah es dennoch, daß der Sohn eines Brahmanen noch zu Lebzeiten seines Vaters starb. Da brachte der Brahmane sein todtes Kind zum Könige und sagte: „Dieser ganz neue/ ungewöhnliche Fall hat sich während Deiner Regierung ereignet, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil irgend etwas faul ist im Staate und ein gewisser Vezir in Deinem Reiche Verbrechen auf Verbrechen begeht." Der König ließ sogleich Nachforschungen anstellen, und endlich brachte man heraus, daß ein Candala, d. i. ein der Hefe des Volkes ungehöriger, zu keiner Kaste mehr zählender Mensch, sich aus Frömmigkeit selber die größten Qualen und Pcincn angethan hatte. Der König ritt hierauf an den ihm bezeichneten Platz und fand hier am Ufer des Ganges den Candala, der sich an einem Gegenstände kopfabwärts aufgehangen hatte. Rüma nahm seinen Bogen, schoß auf den Mann, zerschoß ihm die Eingeweide und sagte: „Das ist es, ich tödtete Dich wegen des guten Werkes, das Dir zu verrichten nicht erlaubt ist." Als der König nach Hause kam, lag der Sohn des Brahmane» lebend vor dein Thore seines Palastes. — Eine Pflicht, Wallfahrten zn unternehmen, besteht für die Hindus nicht, jedoch gelten solche religiöse Uebungen als verdienstlich. Alan wallfahrtet zu einem hl. Orte, einem vielverehrten Götzenbilds oder zu einem der hl. Flüsse. Der Wallfahrer gibt Geschenke, spricht verschiedene Hymnen und Gebete, fastet, spendet den Brahmanen, Götzenpriestern und arideren Personen Almosen, scheert sich Haupthaar und Bart und kehrt dann wieder nach Hause zurück. Alberuni erzählt uns anläßlich seines Berichtes über die Wallfahrten der Jndier folgende ergötzliche Geschichte: „Ein indischer König, Sagara mit Namen, hatte 60,000 Söhne, lauter böse, nichtsnutzige Burschen. Eines Tages verloren sie ein Pferd. Sie machten sich sogleich auf die Suche, wobei sie fortwährend so heftig hin und her rannten, daß die Erdrinde einbrach und sie in das Innere der Erde sielen. Sie fanden daselbst ihr Pferd, welches vor einem Manne stand, der tiefliegende Augen hatte und zu Boden sah. Als sie sich diesem Manne näherten, traf er sie mit seinem Blicke, und sie verbrannten augenblicklich auf der Stelle und kamen wegen ihrer Missethaten in das höllische Feuer. Der eingebrochene Theil der Erde aber wurde ein See, der große Ozean. Ein König aus der Nachkommenschaft des Königs Sagara, Namens Bhagiratta, wurde tief ergriffen, als er erfuhr, welches Schicksal seine Vorfahren getroffen hatte. Er begab sich deßhalb zu einem hl. Teiche, dessen Grund lauteres Gold war und der deßhalb „der Teich mit dem goldenen Sande" genannt wurde, und verweilte daselbst lange Zeit, indem er fortwährend fastete und die Nacht im Gebete zubrachte. Endlich erschien ihm der Geist Mahüdeva und fragte ihn nach feinem Begehren. Der König erwiderte: ,Jch möchte den Fluß Ganges, der im Paradiese fließt'; denn er wußte, daß denjenigen, über welche das Wasser des Ganges fließt, alle Sünden vergeben sind. MahLdeba sagte ihm die Gewährung seines.Wunsches zu. Das, Bett des Ganges bildete jedoch die Milchstraße, und der Ganges war sehr stolz, denn Niemand war jemals im' Stande gewesen, sich ihm entgegenzustellen. Da nahm 481 MahLdeva den Fluß und legte ihn auf feinen Kopf. Als der Ganges nicht mehr fort konnte, wurde er sehr zornig und machte einen Heiden-Lärm. Der Geist hielt ihn jedoch fest, so daß Niemand hineinfallen konnte. Dann nahm er einen Theil des Flusses uud gab denselben dem Könige Bhagiratta, welcher den mittleren der sieben Arme des Ganges über die Gebeine seiner Ahnen fließen ließ, wodurch diese von ihrer Strafe befreit wurden." „Deßhalb, sagt Alberunk, werfen die Hindus die verbrannten Gebeine ihrer Todten in den Ganges, welcher nach dem Namen des Königs, der ihn auf die Erde- brachte, auch Bhagiratta genannt wird." (Aus Edw. Sachau's ^^Iberuni's Inäia", I-oucl. 1888. 2 vol.) „Ein Tag im Kloster." Bilder aus dem Benediktinerleben von D. Sebaftian v. Oer, Benediktiner der Benroner Congregation.*) „Preis den braven schwarzen Mönchen, Preis den wack'ren Kuttenträgern, Alles menschlich schönen Wissens Frommen Hütern, treuen Pflegern!" „Dreizehnlinden". Wer hat des Sängers von „Dreizehnlinden" unvergleichliche Schilderungen in den Gesängen „Das Kloster" und „Die Mette" gelesen, ohne dabei den stillen Wunsch gehegt zu haben, ein solches Kloster einmal zu sehen, solche brave Mönche einmal zu belauschen? „Der Name oder gar der Anblick eines Klosters hat von jeher einen besonderen Reiz auf die Kinder der Welt ausgeübt." Dem einen ist es nie geglückt, ein Kloster nach St. Benediktus Regel besuchen zu können, der andere sah sich bei einem solchen Klosterbesuch arg enttäuscht, und doch gibt es thatsächlich solche Klöster. Wer sich davon überzeugen will, lese das Buch „Ein Tag im Kloster". Wie es in einem Benediktinerkloster auf und zu geht, schildert uns der Verfasser meisterhaft in den Abschnitten: Die Klosterpforte, Das Klaustrum, Vor der Statue des Ordens- stifters. Die Nacht, Das Gotteslob, Der Morgen, Die Arbeit, Das Hochamt und die Klosterkirche, Der Abt und die klösterliche Familie, Das Refektorium, Rekreation, Gäste, Die Laienbruder. Die Kunstschule. Vesper und Einkleidung, Abschied. Wir lernen das beschauliche Klosterleben kennen von der einladenden Klosterpforte bis in den hochgewölbten Klosterchor, vorn ersten Morgenglockenschall bis zum späten Abendläuten, von der feierlichen Gelübde- ablegung bis zum ergreifenden „Susoixs wo Domino" auf dem ärmlichen Todtenbette. Der Verfasser selbst, der in der Welt draußen anr königlichen Hofe zu Dresden die Erzieherstelle beim Prinzen Max inne hatte, hat das Adelsschloß seiner hochgeboruen Vorfahren verlassen, um in einen Adelsstand erhoben zu werden, dessen lange Ahnenreihe bis in die ersten Anfänge unserer Zeitrechnung hinaufreicht: als Benroner Benediktiner ward er zum Ritter der Kirche geschlagen. Der hohe Verfasser verräth sich an zahlreichen Stellen durch seine einfache und doch blumenreiche Sprache, durch seine unge- suchten und doch anregenden Gedanken, unbewußt als begabten Dichter, dessen frommes Herz in dem verzehrenden Flammenfeuer gottseliger Liebesaufwallung ganz aufgeht. Wenn er gesteht, er habe bei Schilderung des mönchischen Ordenslebens kein bestimmtes oder überhaupt bestehendes Kloster im Auge gehabt, so glauben nur ihm dies auch herzensgern. Gleichwohl ist das Kloster kein anderes als die Perle des oberen Donauthals selber oder eines ihrer Tochterklöster. Im Geiste verbringen wir einen Tag im Kloster, wie es nach der Regel des gotterlcuchteten Patriarchen von Subiaco sein soll. Dieses herrliche Ideal klösterlicher Vollkommenheit zu erreichen, ist aber das angelegentlichste und eifrigste Bestreben der Benroner Congregation:Mittelpunkt des christlichen Volkes, Vorbild für die christliche Familie, Glühherd *) Nationale Verlagsanstalt vormals Manz, Regensburg. 1897. Preis: geb. M. 3,80; im Prachtband M. 4. des Gebetes, die ewige Lampe der Gottesver, ehrung — eine Burg der Selbsthciligung zu sein. Die anmuthigcn Klosterbilder sind ein prächtiges Werk mit einer Gedankenfülle und einem Bilderrcichthnm, der uns lebhaft in heilige Gottesnähe entrückt. Äehnlich °sie der graubärtige Burgwart, der dem Fremden die verödeten Gemächer und Gelasse der epheuumsponnenen Burg zeigt, in seinen schlichten Worten hie und da über einstige Rittersherrlichkeit Vergleiche mit der rastlosen Zeit des Dampfes und der Elektricität anstellt, macht es der liebenswürdige Ordcnsmann, der uns durch den Kreuzgang, die Hallen und Räume des Klosters führt. Oft hält er in seinem stillen Wandeln inne, legt den Finger an den Mund und erzählt von den Zeiten lebendigen Glaubens und dem Jahrhunderte frechen Unglaubens, von den Kindern des Lichtes und den Kindern der Welt. Wenn wir ihm so vertrauensselig zuhören, kommt es uns vor, als legte sich der Ernst milder Trauer auf seine ehrwürdigen Gesichtszüge. Wir werden gekräftigt und gefestigt in unserem Glauben, denn dieweil wir mit deni freundlichen Mönche wieder durch die Gänge gehen, benützt er geschickt die Gelegenheit, uns in die mystischen Tiefen der trostreichen Glaubensgeheimnisse zu versenken. Dies thut er mit unnachahmlicher Einfachheit und Kürze, in anmuthen- der Wahrheit und Innigkeit. Deßhalb wird das Buch dem Laien nicht weniger willkommen sein als dem Kleriker. Dieser findet darin eine passende Anleitung zu frommem Stundengebet und frommem Geistesleben: „ksallits oapisvtsr!", ,ener erquickende Unterhaltung, die Belehrung und Erbauung miteinfließen läßt: „Doos guam bomun et guam .juemiäuw, lmbitaro kratroo in unuml" ?8. 132, 1. „Er führt die Besucher gleich lieben Gästen in das Innere eines regulären Klosters, damit sie aus dem, was sie dort sehen und hören, einen kleinen Ruhen für sich, für ihr inneres und äußeres Leben schöpfen mögen/ Dabei weiß ?. Sebastian so anschaulich zu reden und so beschaulich zu denken. Wie geistreich und sinnig ist — um von vielen Beispielen nur eines anzuführen — die Erklärung von „Ora et labora!" Der alte Denkspruch wird schon m der hl. Schrift versinnbildet in der um den Heiland weilenden Marra und der im Hause geschäftigen Martha. Die eine verpersönlicht And ach ts- gluth, die andere Schwester Emsigkeit. Wir empfehlen das treffliche Buch allen Katholiken, besonders jenen, denen in unserer glaubensarmen Zeit das Verständniß für das Mönchsleben abgeht; auch wünschen wir recht sehnlichst, das Buch allen verbissenen Klosterfeindcn in die Hand. Unverstand und Bosheit würden nicht mehr das Mönchsleben mit den absonderlichsten Beschuldigungen belasten. — Die Ausstattung des Buches ist nach jeder Hinsicht tadellos. Druck und Form entsprechen den jetzigen Anforderungen der Buchdruckerei- und Buchbindercikünst. Die sinnigen Bilder und Bildchen, die zahlreich eingestreut sind, geben dem Ganzen einen geschmackvollen Schmuck und jenes alterthümelnde Gepräge, das der heutige Buchhandel aus seinen ersten Ansängen wieder hervorgeholt hat. Haben wir das schöne Buch „Ein Tag im Kloster" nur erst einmal gelesen, dann werden wir auch verstehen, warum im vergangenen Sommer die kaiserlichen Majestäten in der stillen Abgeschiedenheit des Laacher Thals, an den Ufern des blauen Sce's sich als Klostergäste'so heimisch fühlten und den Klosterbesuch in bestem Andenken behielten. Der Sterbliche aber, den keine Krone drückt, wird, nachdem er an der Hand des Büchleins wie von einem verborgenen lauschigen Plätzchen aus das klösterliche Stilleben beobachtet hat, fast mit leiser Weh- muth aus dem Weichbild der Abtei treten: „O. wie zieht's nach Deinen Hallen Sehnend Herz und Seele mein. Hier möcht' ich im Frieden wallen Und ein frommer Bruder sein!" ll. B. Münchner Anthropologische Gesellschaft. Die Reihe der Henrigen Sitzungen begann die Münchner Anthropologische Gesellschaft mit einer gemeinsamen Sitzung mit der Geographischen Gesellschaft und der Colomalgesellschaft am 21. Oktober im Chemischen Hörsaal. Es sprach dort Herr Dr. Karl I. Ranke über 482 seine Erlebnisse und Untersuchungen bei den Indianern in Central-Brasilien?) Er gab einen Ueberblick über die Expedition, welche er mit Herrn Dr. Meyer nach dem Qüellgebiet des Schnigu im Herbste 1895 antrat. Die scharfe Beobachtung und die geistreiche Form der Darstellung machten den Vortrag zu einem wahrhaft genußreichen. — Bei einer gemeinsamen Sitzung der Anthropologischen und Geographischen Gesellschaft am 24. Nov. sprach Herr Roman Oberhummer über die Vogelwelt Kleinasiens. Seinen Vortrag konnte er dnrch seine reiche Sammlung trefflich illustriren. Am 26. November war die erste Sitzung im Kunstgewerbehaus unter dem Vorsitze des Herrn Professors Dr. I. Ranke. Vor der Tagesordnung stellte Herr Hammer. Director des Münchener Panoptrküms, den Skelettmenschen Castagna vor. Den ersten Vortrag hielt Hr. Rcichsarchivrath Dr. Franz Ludwig Äaumann „über die geschichtliche Aufeinanderfolge der Bevölkerung des bayerischen Schwabens". Schon um das Jahr 400 v. Chr. wanderten vindelicische Kelten im bayerischen Schwaben ein und verdrängten die uns unbekannten Einwohner. 15 v. Chr. wurden sie von den Römern, unterworfen und romanisirt. Vorn 2. bis 5. Jahrhundert hatten sie unter den Einfällen von Chatten und Älamannen zu leiden. Reste derselben waren aber auch noch unter den von Thepdorich dem Großen zwischen Jller und Lech 506 angesiedelten Schwaben. Einen Unterschied zwischenSchwaben und Älamannen zu machen, wie dies nach der Sprachgrenze zwischen den sogenannten Älamannen und sogenannten Schwaben geschieht, ist nicht angängig. Schwaben und Älamannen sind ein und derselbe Stamm. Der Name Älamannen wurde nur von den Römern und den späteren, lateinisch schreibenden Schriftstellern gebraucht, und war ursprünglich nur ein Zuname. Das Volk selbst nannte sich Schwaben. Weitere Beimischungen fremder Völker erfolgten erst in Folge des 30 rührigen Krieges, indem aus Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Graubünden Einwanderungen m das menschenleer gewordene Gebiet erfolgten. Hierauf sprach Herr Dr. Sundberg, amerikanischer Consul in Bagdad a. D., „über Land und Leute in Mesopotamien" und illustrirte seinen Vortrag durch Vorführung von Photographien mittelst Skioptikon. vr. B. Recensionen nnd Notizen. „Glück wider Willen." Von Gräfin Julie Quadt- 2 Bände in 8«; 1. Bd. 343 SS„ 2. Bd. 320 SS. Negensburg, 1897. Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Manz). Preis brosch. 5 M., gebd. in zwei Leinwandbänden 7 M. L. Die katholische belletristische Literatur Deutschlands ist im Aufschwünge. Lange lag sie im Argen. Der Mangel geziemender Anerkennung und genügender Unterstützung seitens des lesenden Publikums hielt die Schaffensfreude vieler zum Schreiben Befähigter nieder. Dre sogenannten unparteiischen Schriften hatten den Eingang in die Salons versperrt. Leider sind dieselben auch heute noch vielfach dort herrschend, obwohl sie die scheinheilige Maske versprochener Objectivität läimst abgeworfen haben und offen den Kampf führen gegen Kirche, Glauben und Sittlichkeit. Die alte Liebe, welche frühere Jahrgänge und Bände mancher Werke sich zu erobern vermochten, macht zahlreiche Leser blind gegenüber ihrer wesentlich geänderten Haltung. Ein falscher Conservatismus duldet nicht, daß das gewohnte Abonnement aufgegeben oder die Serie unterbrochen werde. Man hat sich außerdem in die gegnerische Literatur so hineingelesen, daß ausgesprochen katholische Schriften als zu viel moralisirend und als einseitig bei Seite gelegt werden. Was andersgläubige oder ungläubige Bekannte gelesen und für reizend befunden haben, das muß angeschafft werden. So verlangt es die moderne Bildung und die andernfalls entstehende Gefahr, als Ignorant zu gelten. Ein schönes katholisches Werk — wir haben deren schon viele — «katholischen und sogar katholischen Freunden oder Freundinnen anzuempfehlen, zu leihen oder zu schenken, verbietet oft die tyrannisch herrschende Furcht, daß man verletzen, intolerant oder extrem katholisch erscheinen könnte. Den Unte rlassungssünden im Punkte der Unterstützung kathol- ch Der Vortrag erscheint ausführlich in der Beilage der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 270. sicher Literatur steht gegenüber eine, wenn auch in den letzten Jahren bedeutend verringerte, so doch noch vorhandene schriftstellerische Indolenz und Allenergie solcher Personen beiderlei Geschlechts, welche das wissen und die Zeit hätten, um den Büchermarkt zu bereichern. Es wird heutzutage zwar sehr viel, ja zu viel geschrieben und gedruckt — leider aber mehr Schlechtes als Gutes. Da ist es, doppelte Pflicht, mitzuarbelten auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Die Concurrenz muß gewagt und durchgeführt werden. Wem Wissen lind Verhältnisse es gestatten, der greife zur Feder, und wer es nicht wagt, ein geistiges Product allein der Oeffentlichkeit zu übergeben, der lasse sich ermuthigen durch wohlwollende Bekannte, welche fähig und bereit sind zur vorherigen Durchsicht und Eorrectur des Manuskripts. Also mit Muth und Begeisterung heraus zum edlen Wettkampse! „Im Muthe wächst die Kraft, und dem Muthigen gehört die Welt." Aus diesen Erwägungen begrüßen wir besonders eiil vor Kurzem erschienenes Erstlingswerk, den Roman „Glück wider Willen" voll Gräfin Julie Quadt. Die Verfasserin, welche schon wiederholt die Schriftstellerei nicht ohne Erfolg in Zeitschriften versucht hat. bietet hier in zwei Bänden ein interessantes Charakterbild einer christlichen Erzieherin. Angela, die feingebildete Professors- tochter aus einem Provinzialstädtchen, schwärmt für höhere Musik. Ein hartes Familiengeschick führt sie statt aus das Conservatorinm als Erzieherin in ein gräfliches Haus. In der reichen Schule der Erfahrung spielt ihr der Erzichelm Amor einen boshaften Streich. Ein bei der gräflichen Familie anfBesuch weilender Cavalier verliebt sich in das brave Mädchen und sie in ihn. Die durch die Mutter des Ersteren energisch vertretene Rücksicht auf die Standesschrankcn läßt es nicht zu einer Ehe kommen. Die platonische Jdealliebe findet ihre endliche Lösung in dem baldigen Gelübde der Keuschheit seitens der, Erzieherin und in einer nach Jahren der Trauer über zerstörtes Liebesglück abgeschlossenen Ehe zwischen dem Geliebten und einem reizenden Zöglinge der einstig Ersehnten. Angela, welcher nach dem frühen Tode der edle» Gräfin doppelte Aufgaben erwachsen, bleibt im Hanse bis nach Versorgung sämmtlicher Kinder der Familie. Ihre Tage beschließt sie als Directrice eines größeren Mädchenpensionates. Das in aller Kürze der geschichliche Faden. Die Sprache ist meistentheils einfach, bei manchen Erörterungen philosophisch, bei Naturschilderungen lebhaft, bei einigen Bildern etwas kühn, bei religiösen Erwägungen warm und packend. Inhaltlich zeichnet sich das Werk aus durch eine Fülle sittlicher Grundsätze, einen Reichthum praktischer Lebensregeln und eine große Sammlung pädagogischer Lehren. Anmuthig berühren die herrlichen Ergüsse über die Liebe des göttlichen Heilandes im Allerheiligsten Sacramente. Sie sind ein ebenso unverkennbares wie ungewolltes Selbstzeugniß einer m Leid und Freud sich zum Tabernakel flüchtenden Seele. Die heutzutage so oft verkannte und vielfach unbekannte große Wohlthätigkeit von Adeligen gegen Arme nnd deren werk- thätige Liebe zu verlassenen Kranken findet einen zeitgemäßen. von Selbstlob völlig freien Anwalt, der aber auch nicht zurückschreckt vor einer scharfen Kritik wirklicher Fehler in eigenen Standeskreisen. Die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten leitet alle Regungen des Herzens und des Verstandes im Leben der schön gezeichneten, edlen Charaktere, insonderheit der Gräfln und Angela's. Diese bedeutenden Vorzüge des Romans versöhnen auch nut einigen vorhandenen Mängeln. Als Schwächen erscheinen uns die allzu langen Schilderungen unwichtiger Details, die vielen Wiederholungen bei Darstellungen von Naturschönheiten und bei den philosophischen Erörterungen über das Wesen und den Werth der Kunst. Ein Liebesbund muß mindestens in einem Roman geknüpft werden; wenn aber gleich netto ein Dutzend Ehen zu Stande kommen, so erinnert das allzuviel an unsere unidealen Heiraths- büreaux. Der Glaube, daß die Ehen im Himmel geschloffen werden, wird einem dabei gänzlich geraubt. Langweilig wirkt die allmähliche Vorführung von zusammen über dreißig Babies, deren Vorleben als besonders uninteressant oft unerwähnt bleiben dürfte. Die Versuchung der Anfangsschriftsteller, möglichst große Seitenzahl zu erreichen, wurde nicht ganz überwunden. „In der Beschränkung zeigt sich der Meister." Es bedarf der Mahnung an die Leser, die beiven Bände ganz auszu- lesen und sich durch einige weniger spannende Partieen den Genuß nicht voreilig abschwächen oder rauben zu lassen. Didaktischer Werth sindet sich bis zum Ende reichlich. Frauen aus besseren Ständen, namentlich aus dem Adel, und Mädchen über 18 Jahre werden aus der Lectüre reichsten Nutzen für das innere und äußere Leben schöpfen. Wem Unterricht oder Erziehung von Mädchen anvertraut ist, der nehme das Werk zur Hand. Es ist ein treuer Führer, guter Berather und mitleidsvoller Tröster auf dem oft dornenvollen Pfade der christl. Erziehung. Der Verfasserin unseren herzlichen Glückwunsch und die Bitte, mit ihrem umfassenden Wissen die katholische Literatur durch weitere Arbeiten fördern zu wollen! Bibliothek für Prediger. Herausgegeben von 8. Scher er, 0. 8. 8. V. Auflage, durchgesehen von 8. Witschwenter. Freiburg i/Br. 1897. Herder'sche Verlagshandlüng. s. Die neue Auflage dieses Werkes erscheint in ' 8 Bänden, bezw. 16 Halbbänden, zum Gesammtpreis von ca. 60 Mk. Der I. Band, enthaltend die Sonntage des Kirchenjahres vom 1. Adyentsonntag bis Septuagcsima (Wcihnachts-Cyklus). liegt in 6 Lieferungen mit 604 Seiten zum Preis von 90 Pfg. pro Lieferung bereits vor. Die Fortsetzung soll sich in Halbbänden anschließen. Ein Predigtwerk, das auf 8 Bande berechnet ist und dabei in IV. resp. V. Auflage erscheint, hat hiemit schon den Beweis seiner Existenzberechtigung erbracht. Der Inhalt ist ein überaus reichhaltiger. Vorliegender Band enthält für jedes Evangelium eine längere homiletische Erklärung; daran reihen sich für jeden Sonntag 16 bis 20 und mehr sehr ausführliche, wohlbearbeitete Skizzen. Der Umstand, daß dieselben zumeist bekannten und berühmten Kanzelrednern entnommen sind, spricht von selbst für deren Werth. Den Skizzen folgen fast cbensoviele Themata, bei welchen kurz Haupt- und Nebenpunkte angedeutet sind. Wohlthuend wirkt die reiche Verwerthung von Schrift- stellen; auch Väterstellen finden sich nicht zn selten. Die Verwendung dieser Skizzen hat vor Benützung ausgearbeiteter Predigten das voraus, daß bei Bearbeitung derselben das subjektive Gepräge leichter und entschiedener zur Geltung kommt, und daß auch infolgedessen die Verarbeitung zweier gleicher Skizzen in gewissem Sinne doch zwei verschiedene Predigten gibt. Die Ausstattung ist eine würdige und lobenswerthe. Llanualo vrsoum in usuin IbeoloKorum. 8äitio altsra. 8riburFi UrisA. 8umptibus Hsrcksr. I8S7. XII. 552 p§. 3 U. 20 8k., liZat. 4 Ick. 40 8k. o. Ein reichhaltiges Gebet- und Andachtsbuch für Theologicbeflissene oder für Gymnasialschüler, die über theologische Berufswahl schon im Klaren. Das Buch dürfte ein treffliches Mittel zur Festigung des erkannten Berufes sein und zugleich eine Einführung in den priester- lichen Gebetspflichtenkreis. Eine größere Anzahl vorzüglich skizzirtcr Betrachtungen gibt Unterweisung auch m diesem so wichtigen Gebiete. Die Aufnahme so vieler kirchlicher Hymnen für die Feste des Herrn und der Heiligen halten wir für einen Vorzug des Buches. Diese herrlichen Gebetsperlen christlicher Poesie, welche hier der Jugend vorgeführt werden, wecken sicher die Liebe und Begeisterung für die Kirche, die ja auch eine Mutter der schönen Künste ist. Ein Anhang enthält den liturgischen Text für die sieben heiligen Weihen. Eine Stunde beim heiligen Geiste. Betrachtungen und Gebete von Adalbert Huhn, Stadtpfarrer. München. 1897. I. Lentner'sche Buchhandlung. 36 Seiten. Preis geheftet 20 Pfg. o. Die aufblühende asketische Literatur zur Verehrung des heiligen Geistes hat mit diesem Schriftchen eine begrüßenswcrthe, wenn auch kleine Bereicherung erfahren. Es enthält sieben kurze, praktische Betrachtungen über die Thätigkeit und Wirksamkeit des heiligen Geistes, aufbauend auf den sieben Gnadengaben. Lxtra, tempus pasobalo conolnättur bxmnns: Xnuo at per omue «aeouluin. Linon. Nach Wcber's „Dreizehnlinden" von Dr. Joseph Faust. Priester der Diärese Limburg. 2. vollständig umgearbeitete Auflage. Preis 1 Mk. Der Verfasser, der auf dem Gebiete der christlichen Theater-Literatur sich durch andere Stücke („Syra", „Weihnachtsfest des Waisenkindes") bereits vortheilhaft bekannt gemacht, hat mit Geschick und Erfolg den Gedanken, Weber's unvergleichliches Evos weiteren Kreisen zugänglich zu machen, durchgeführt. Der rasche Absatz der ersten Auflage und die zahlreichen Anerkennungen, die das Stückchen gesunden, sprechen deutlich dafür. Dem vielseitigen Verlangen, mich die edle Hildegunde auf die Bühne zn bringen, hat der Verfasserin so geschickter Weise entsprochen, daß das Ganze dadurch sehr gewonnen hat. die Ausführbarkeit in religiösen resp. katholischen Vereinen aber kaum erschwert wurde. Wir wünschen dem Werkchen die weiteste Verbreitung. Weiter sind im gleichen Verlag das 2. Bündchen „Die Flavier" (Preis 1 Mark) und das 3. Bündchen „Die heilige Nacht" (Preis 50 Pfg.) erschienen. „Die Flavier", in 5 Aufzügen, von 8. Longhaye, 8. 9. übersetzt von einem Äesellenpräscs, sind dramatisch recht wirkungsvoll. Inhaltlich behandelt das Stück den christlichen Heldentod der Adoptivsöhne des Kaisers Domitian, die dieser zn seinen Nachfolgern bestimmt hatte, später aber sammt ihrem Vater hinrichten ließ, weil er sich durch ein teuflisches Jntriguenspiel gegen sie und die Christen hatte aufbringen lassen. Das Stück eignet sich besonders für Lehrlings- resp. Jünglingsvereine, denen es warm empfohlen werden kann. — Das Weihnachtsspicl „Die heilige Nacht" (in zwei Auszügen, von vr. M. Höhl er) läßt auch den erfahrenen Pädagogen und warmen Jugendfreund erkennen, und ist überaus geeignet, die jugendlichen Herzen mit warmer Begeisterung für das freudenreiche Ereigniß der heiligen Nacht zu erfüllen, wirkt aber auch auf ältere Zuschauer wahrhaft erbauend Das Princip des Protestantismus — der Gegensatz des Katholicismus. Von Aloys Redner. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim 1897. (265 S.) Preis geh. M. 3. Ein „alter Lehrer" widmet diese „Strcifzüge in der Geschichte" seinen ehemaligen Schülern, welche er sich durch die Begeisterung für die Wahrheiten und Lehren der Geschichte zu „liehen Freunden" gewonnen. Hingebung für die Wahrheiten der Geschichte doknmentirt sich denn auch in diesen Studien. Frei vom Zwange methodischer Behandlung werden folgende Themen erörtert: 1. Martin Luther. 2. Der Pietismus und das Herrnhuterthum. 3. Der Rationalismus. 4. Schleier- macher. 5. Der Protestantenverein. Der Verfasser versteht es insbesondere aus dem Schatze seiner ausgedehnten Literaturkunde allenthalben die ichlageudsten und interessantesten Mittheilungen zu machen, die concentrisch zu der Resultante führen, daß der Protestantismus in allen seinen mannigfaltigen Gestaltungen den ursprünglichen Subjektivismus nicht abzuschütteln und niemals die feste Hochburg der objectiven Wahrheit in Besitz zu nehmen vermag. Und darin besteht der ausgesprochene Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholicismus. Reformation oder Revolution. Für Katholiken und Protestanten beantwortet von I. Die senil ach. Mainz, Frz. Kirchheim. 64 S. 1 M. Das vielbesprochene Rundschreiben des Papstes über die Canisiusfeier gab zu heftigen Erörterungen Anlaß. Die antikatholischen Organe führten thcrlweise eine sehr erregte Sprache darüber, daß die durch Luther herbeigeführte Umwälzung Revolution genannt werde. Daß aber thatsächlich das Werk des „Reformators" eine Revolution im vollen Sinne des Wortes war, beweist Diefenbach in der vorliegenden Schrift auf Grund unanfechtbarer Zeugnisse. Luther selbst wie auch seine Gehilfen lieferten durch Wort und That den Beweis, daß ihr Vorgehen einen revolutionären Charakter hatte. Zahlreiche Geschichtsforscher kamen nach langjährigen Studien zu derselben Ueberzeugung. Wir können unseren Freunden wie unseren Gegnern nur aufs beste obengenaunte Schrift empfehlen. * Im Verlage der Limburger Vereinsdruckerei in Limburg a.L. erschien: „Elmar". Schauspiel in 5Aufzügen. * Wir wollen nicht verfehlen, an dieser Stelle auf die im Verlage von C. Brügel L Sohn in Ausbach 484 soeben in sechster Auflade erschienene Handausgabe des Reger'schen Krankenversicheruugsgesetz es in der Fassung der Novelle vom 10. April 1892 besonders aufmerksam zn machen. Dieses bereits bei seinem erstmaligen Erscheinen von Seite des r. Staatsministernms des Innern zur Anschaffung empfohlene Buch ist auch in der vorliegenden neuen Auflage mit Rücksicht auf die durchgreifenden Aenderungen, welche das Krankenversichernngs- gesek durch die Novelle vom 10. April 1892 erfahren hat, von dem Bearbeiter der fünften Auflade, Herrn Bezirks- amts-AsfesforHenlc, sorgfältigst revidirt worden, und ist Hiebei insbesondere auch die gefammte einschlägige Rechtsprechung nebst Literatur in seltener Vollständigkeit berücksichtigt. Da die Reger-Henle'sche Ausgabe zudem die sämmtlichen, bis in die allerjüngste Zeit ergangenen Vollzngsbekanntmachungen enthält und gebunden (tröst des großen Umfangs von Äll Seiten) nur auf 4 M. 80 Pfg. zn stehen kommt, kann auch diese Auflage allen Interessenten — insbesondere den Verwalt- nngs- und Gemeindebehörden, den Rechtsanwältcn, Aerzten rc. — wärmstens empfohlen werden. — Gleich empfehlenswert!) dürfte die NeuauSgabe des Heimath- gcscstes sein, welche in vierter Auflage soeben in demselben Verlage erschienen ist; die Neubearbeitung dieser Ausgabe ist von Hrn. Staatsanrvalt Reger (am k. Ver- waltnngsgerichtshofe) selbst besorgt, und wurde Hiebei selbstverständlich nicht nur die bisherige, sondern auch die allerjüngste Rechtsprechung dieses Gerichtshofes — insbesondere zur Novelle vom 17. Juni 1896 — eingehend berücksichtigt. Schon hiewegen dürfte auch diese Handausgabe den Bedürfnissen der Gemeinden:c. rc. sehr entsprechen, zumal deren Preis (2 M. 40 Pfg. für das gebundene Exemplar) gleichfalls als sehr mäßig bezeichnet werden kann. Eine Philosophie des Schonen in Natur und Kunst von Dr. pbil. Joseph Müller. Mainz 1897 Franz Kirchheim. gr. 8. (IV und 270 S.) Preis M. 5.—, eleg. gebd. M. 6.50. Die Ankündigung einer Aesthetik und ein leises Gruseln fallen für manchen Gebildeten in eins zusammen. Dieser Gcfühlsavriorismus hat dem Werke I)r. Müllcr's gegenüber keinen Sinn. Nicht steife Vortrage über den Begriff und die Forderungen des Schönen füllen die Seiten, sondern lebenswarme und lebenswahre Schilderungen der wirklich vorhandenen Schönheitsobjekte auf dein Gebiete der Literatur und Kirnst bilden den Inhalt des Buches. Unsere realistische Zeit verlangt auch für principielle Darlegungen und abstrakte Erörterungen ein anschauliches Substrat,' diesem Verlangen hat der Verfasser in meisterhafter Weise entsprochen. Dabei tritt die Fülle geistvoller Gedanken in einer Sprache uns entgegen, wohlgeeignet dem Leser ein wirklich ästhetisches Genießen zu vermitteln und bis zum Schluß seine volle Aufmerksamkeit zu fesseln. Nirgends eine Tirade, nirgends ein überflüssiges, wenn auch noch so schönes Citat. Der Verfasser spricht, iveil er uns etwas zu sagen hat; er corri- girt und ergänzt zugleich. Seinem scharfen Blicke entgeht rein wesentlicher Zug in dem fast verwirrenden Bilde des modernen ästhetischen F-ühlcns und Denkens. Dabei vereinigt der Verfasser frische Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Darstellung mit Gründlichkeit und Gediegenheit der Gedanken und verzichtet im Interesse der Kürze auf weitläufiges Eingehen in längst erledigte Details. Wir hören ebenso von Nhde wie von Rafael, von Gerhard Hanptmann ivic von Schiller, von Wagner wie von Palestrina, und überall sehen wir das Urtheil fest sich stutzend auf die innere Wahrheit des ästhetischen Objectes selbst. Weil demnach Dr. Müller's Werk durch und durch modern ist, indem es seine Darstellung nicht auf theologischen oder einseitig philosophischen Grundlehren aufbaut und zugleich die neuesten künstlerischen Gebilde in den Kreis seiner Besprechung zieht, so können wir dasselbe speciell für gläubige katholische Kreise nicht warm genug empfehlen. Der lebhafte Widerspruch aus dem anderen Lager wird beweisen, wie nothwendig dieses Buch war für jeden, der sich mit seiner positiven Weltanschauung noch in: modernen Kunstlebcn zurechtfinden will. Dabei macht die leichtverständliche Sprache das Werk auch für ein gebildetes Publikum überhaupt, ohne philosophische Bor-kenntnisse zu verlangen, zur anregenden Lectüre geeignet. Dr. I. M.—B. Jfabella. Eine Erzählung aus der Bretagne. Von Marg. Levray. Mit 26 Originalillnstrationen von E. Vulliemin. Stuttgart, Jos. Roth'sche Ver- lagshandlung. — Preis eleg. brosch. M. 3.20; in hochfeinem Salonemband M. 4,20. Eeines jener seltenen Bücher, das den Leser und namentlich junge Leserinnen von der ersten bis znr letzte)! Seite fesselt, dabei zugleich belehrt uud Geist und Gemüth in edelster Weise befriedigt. Vom Inhalte selbst wollen wir aber nicht allzu viel verrathen: Die Erzählung spielt in den höheren Ädelskreisen der meerumbrandeten Bretagne. Die Charaktere sind flott gezeichnet. Namentlich die Heldin, die junge, reiche Schloßherrin von Kermenenr, ist cme Prachtgestalt, die sich sofort alle Herzen gewinnt. Aber trotz Glanz und Sonnenschein bleiben auch ihr schwere, innere Kämpfe nicht erspart. In lebenswahrer Schilderung entrollt uns die Verfasserin ein Bild von der bestrickenden Macht, die blendende äußere Vorzüge leicht auf ein unschuldiges Gemüth ausüben können. Erleichtert athmet der Leser auf, als endlich der Bann sich löst und der Schluß froh ausklingt. — Dabei hat es die Verfasserin aber auch vorzüglich verstanden, Land und Leute, besonders die wetterharten Seeleute und Fischer der Bretagne naturgetreu zn schildern. Die ganze Erzählung ist in echt christlichem Geiste, rein und gemüthvoll gehalten. — Mit einem reizenden Titelbild und vielen künstlerischen Illustrationen geziert, ist das Buch zumal in seinen! schmucken Aenßern als Festgeschenk vorzüglich geeignet. Wir können daher das Buch für Jung und Alt, besonders aber für die weibliche Jugend nicht warm genug empfehlen. Im Reiche des silbernen Löwen betitelt sich die neue Reiseerzählung von Karl May, die der Deutsche Hausschatz im soeben erschienenen dritten Hefte beginnt. Die zahlreichen Verehrer des beliebten Schriftstellers werden die neue Erzählung, die ebenso spannend zu werden verspricht, wie ihre Vorgänger, freudig begrüßen. Außerdem bringt das Heft die Fortsetzungen der beiden Romane: Im Banne der Kunst von B. Corony und der Roman eines Egoisten von Cbampol, die durch spannende Handlung und feine Charakter-zeichnung unwiderstehlich feffeln. Neben diesen drei Romanen enthält das Heft auch noch die außerordentlich anziehende Novellette von Karl Theodor Zingeler: Ein verhänguißvoller Weihnachtsabend, der uns erzählt, wie ein Offizier am hl. Abend nur durch eine wunderbare Fügung vom Tode errettet wurde. Aus den belehrenden Artikeln heben wir folgende hervor: Knecht Ruprecht und St. Nikolas von Moritz Lilie; drei bedeutsame Weihnachtstage aus derGeschichte > von Dr. F. I. Holly, Etwas über Volkstrachten I von August von Heyden; Dr. Joseph Lingens von ! Rhenanus, der den hochverdienten Centrnmsmann schildert. ! Besonders machen wir auf die drei Artikel: Neue ka- ! tholische Belletristik von E. M. Hamann und H. Keiter aufmerksam. Der Bilderschmuck dieses, dem heil. Weihnachtsfeste gewidmeten Heftes ist überaus reich und schön. Namentlich begrüßen wir die herrliche Kunst- beilage in Farbendruck: Gin seltsamer Fang, mit der der Verlag des Hansschatzes deir Abonnenten eine große Freude bereitet. Adalbert Stifter's Ausgewählte Werke. Volksausgabe in 3 Bänden. Preis gebd. in Halbfranz M. 10,— oder Fl. 6.— ö. W. C. F. Armelangs Verlag in Leipzig. * Von dieser bereits vor Kurzem angekündigten Ausgabe erschienen soeben die Abtheilungen II und III. —- Einen besonderen, den Hauptvorzug bilden bei „Stifter" die glänzenden Naturschilderungen und Landschaftsbe- schrerbnngen, welche diesen Erzählungen einen ganz eigenthümlichen Reiz verleihen und den Leser veranlassen, immer wieder zu der meisterhaften Darstellung zu greisen. — Wir; können die Anschaffung dieser Ausgabe aufs wärmste empfehlen. Verauliv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg Ui-. 70. 11. Dez. 1897. M Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum AuSgang des Mittelalters von Emil Michael 8. ck.*) -ick. Das Mittelalter ist eine Zeit der aufsteigenden Cultur in großen, weltbewegenden Kämpfen, eine Periode machtvollen Ringens um die höchsten Güter der Menschheit, die glänzendste Entfaltung der Energie des kirchlichen Lebens. In solche Zeit sich zu vertiefen, sie in sich selbst gleichsam nochmals zu erleben und sie in ungeschminkter Wahrheit zu schildern, mag für den Freund seines Volkes die erhebendste Beschäftigung sein. Darum war das Streben der edelsten Geister der Nation von jeher auf eine würdige Geschichte des deutschen Volkes gerichtet. Daß das bisher nur für Theile der deutschen Geschichte gelungen ist, die Schuld daran liegt nicht allein an denen, welche einen Versuch gemacht haben. Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit, nicht sich allein gehört der Mensch an. Niemand vermag die Schranken der Erkenntniß mit einem Satze zu überspringen. Erst die Arbeit von Generationen ermöglicht einen klareren Blick, gewährt ein treueres Bild der Vergangenheit. Mit gerechtem Stolze dürfen wir es sagen, daß die deutsche Geschichtsforschung seit Dezennien' rastlos arbeitete und mit wachsender Objektivität den Zeugnissen der Vergangenheit gegennbertritt. Die Arbeit des Einzelnen ist freilich nur soviel werth, als sie zur Aufführung des großen, herrlichen Gebäudes der Menschheitsgeschichte beitrügt. Einer der gebannten Söhne Deutschlands, der Jesuit vr. Emil Michael, unternimmt es, dem deutschen Volke in einem groß angelegten Werke einen Spiegel seines Seins und Werdens vom 13.—16. Jahrhundert vorzuhalten. Daß der Verfasser einem Bedürfnisse abhalf und das gebildete Publikum die Gabe mit dem gebührenden Danke aufnahm, zeigt klar der beispiellose Erfolg des Buches, welches innerhalb weniger Monate dreimal neu aufgelegt wurde! Aenßerlich wie innerlich gibt sich das Werk als echtes Geisteskind Jansscns, unseres großen Geschichtschreibers, zu erkennen. Die Darstellung Michaels ruht auf der breiten Basis einer umfassenden Kenntniß der einschlägigen Arbeiten — das Verzeichniß der vollständigen Titel der wiederholt in bedeutend gekürzter Form citirten Werke füllt allein 23 Seiten — und einer Sicherheit des Urtheiles, das deßwegen nicht weniger werth ist, weil es meist mit den Worten Anderer ausgedrückt ist. Unternehmen wir es nun, dein Autor auf dem von ihm gebahnten Wege zu folgen, erfreuen wir uns mit ihm an den Schöpfungen der eigenen nationalen Vergangenheit, und vielleicht gelingt es uns sogar, die eine oder andere stehen gebliebene dornige Ranke zu beseitigen. Wahrlich, nicht Lust am Tadeln, sondern Freude über die herrliche Gabe bestimmt uns, da oder dort eine Aenderung vorzuschlagen. Das Gcsammtbild erleidet dadurch keine wesentliche Aenderung, und das Einzelne — dort Licht, dort Schatten — kann dabei nur gewinnen. Die Einladung des Autors im Vorwort (S. VIII) lautet einschmeichelnd genug: Trotz aller dunklen Erscheinungen, die sich stets im Gefolge schwerer Umwälzungen einstellen, hat das Licht sehr überwogen. ") I. Band. Frciburg i. B.. Server, 1697; 8°; XX, 368 S.: M. 5.-. geb. M. 6.80. I. LandwlrtWaft und Mauern. 1. Die Land wirthschaft. Die Deutschen waren seit ihrer Niederlassung in den wald- und sumpfreichen Gegenden Germaniens ein ackerbautreibendes Volk. Dem freien Germanen ziemte Krieg und Müßiggang, Arbeit aber den Weibern und Unfreien. Die christlichen Glaubensboten lehrten, indem sie selbst arbeiteten und in dem weithin mit Wald bedeckten Lande in ihren Stiftungen von den Deutschen angestaunte wirth- schaftliche Mittelpunkte schufen, die Trägheit überwinden, die ehrliche Arbeit achten und lieben. S. 7—8. An dem Stifte Bcuediktbcucrn wird die gesegnete Cultur- thätigkeit der Söhne des hl. Benedikt so recht klar, ihr volles Verständniß für Zeit und Menschen, ihre liebevolle Sorgfalt für die von ihnen geschaffene Gemeinde Jachcnau. S. 8 — 9. Zeigt dies eine Beispiel den glänzenden Sieg der geistig überlegenen Culiurarbeiter in der Kutte, so haben die Orden der Cisterzienser und Prämonstratenscr eine noch glänzendere Aufgabe gekost in den ostclbischcn, slavischen Gebieten. S. 10. Der Ackerbau stieg, je mehr er emporblühte, in der Werth- schätzung der Zeitgenossen, war er ja eine göttliche Institution. , In diesem Sinne läßt Wernhcr der Gärtner, ein süddeutscher Dichter des beginnenden 13. Jahrhunderts, den alten Helmbrecht zu seinem entarteten Sohne sprechen: „Bebau das Feld, bleib bei dem Pflug, Dann nützest du der Welt genug. Von dir dann Nutzen haben kann Der arme wie der reiche Mann. . . » , Drum treibe nur den Ackerbau. Denn sicher manche edle Frau Wird durch des Bauern Fleiß verschönet. Manch König wird gekrönet Durch des Ackerban's Ertrag. Wie stolz wohl mancher sein auch mag. Sein Hochmuth müßt' zu Schanden werden, Gäb's nicht den Bauersmann auf Erden." Unwillkürlich vergleichen wir die Thatsache, baß der österreichische Herzog Albrecht I. die unter seinen Fahnen dienenden österreichischen Bauern zur Zeit der Ernte heimziehen ließ, mit den gänzlich verschiedenen Erscheinungen der Gegenwart. S. 10—11^ Es ist begreiflich, daß Arbeitskräfte sehr gesucht waren, daß mau den fremden Ansiedler unter sehr leichten Bedingungen als Grnndholden aufnahm. S. 12. Der Landmanu tauschte also um billigen Preis theure Waare ein ; denn das Getreide, worin zumeist die Abgabe drS Grnndholden bestand, stand verhältuißmäßig hoch im Preise. Ebenso wurde der freie Taglohn außerordentlich günstig berechnet; nie war die wirthschaftliche Lage der laudarbcitenden Klassen günstiger als im 13. Jahrhundert. S. 12—13. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts erfuhren mit dem Getreide auch die Bodcnpreisc in manchen Gegenden eine 17fache Steigerung, während die Naturäl- lieferuugeu der Hörigen dieselben blieben, so daß also den landbauenden Klassen volle ^ der Grundrente zufielen — das glänzende Resultat der letzten großen Node- epoche in Deutschland. S. 13—14. Die jugendliche Energie jenes kraftstrotzenden Geschlechtes scheute aber auch vor keiner Schwierigkeit zurück: Sümpfe und Moräste, auch Seen wurden in Ackerland umgewandelt, weniger wohl zu menschlichen Wohnungen, wie M. auch beifügt; Teiche wurden auf Bcrgeshöhen angelegt, damit die Niederschlüge in ihnen sich sammeln 486 könnten und durch Befruchtung der Felder wie durch Treiben von Mühlen eine Quelle des Segens wurden für das Thal. Insbesondere die Muster-wirthschaften der Cisterzieuser wurden Ackcrbauschulen für die weltlichen Großen, und noch heute zeigen Deutschlands schönste Wald- landschaften von: Rhein bis Danzig die Trümmer der Cisterzieusercultnr. Kurz, allenthalben erblicken wir eine hochentwickelte Bodeucultur und eine intensive Bewirth- schaftung des Landes. S. 14—15. Der Thatendrang in An- und Ausbau während der Stanfcrzeit überstieg nicht selten die Leistungsfähigkeit des Bodens, indem sich da und dort in Deutschland Orte nachweisen lassen, die als minder glückliche Rodungen und tzofanlagen wieder aufgegeben werden mußten. So geschah es auch mit der Cultur der Traube. S. 15—16. Der Weinbau war seit der Karolinger-zeit stark entwickelt: besonders waren es die geistlichen Grundherr-schäften, durch welche die Pflege und Verbreitung der Traube wesentlich gefördert wurde, „da diese ebenso dem Geheimnisse des Altares, wie dem täglichen Gebrauche diente". Obwohl man versteht, was gemeint ist, ist die Ausdrucksweise wenig glücklich. Wein wurde in ganz Deutschland gebaut, auf der bayerischen Hochebene, in Brandenburg und Pommern, auf Rügen, selbst in Kurland. Der Ertrag war begreiflicherweise ein so geringer, daß der Weinbau deni Garten- und Ackerbau wieder weichen mußte. S. 16, 24—26. Diesen Wechsel der Culturen nennt Lamprecht (Wirthschaftsleben I, 132. 129) nicht „Nachlässigkeit, sondern eine zu weit gehende Energie im Anbau". Endlich darf nicht vergessen werden, daß die geistliche und weltliche Macht nicht ermangelten, dem Landmann und dem Ackerbau ihren Schutz zu verleihen. Friedrich II. erließ 1220 unter Androhung schwerer Strafen, selbst der Acht, strenge Vorschriften zum Besten der Bauern. Verletzungen des kaiserlichen Gesetzes mögen wohl stattgefunden haben. Der Geschädigte rettete in solchem Falle, soweit möglich, seine Habe in das benachbarte Gotteshaus, um sich innerhalb der Kirchhofmaner gegen die Friedensstörer zu wehren. S. 17. Folgen wir nun mit M. dem Bauern des 13. Jahrhunderts in seine Wohnung, seinen Garten, auf das Feld, in den Wald, und vergegenwärtigen wir uns seine Besitzverhältnisse. Die Gehöfte der hörigen Bauern umgaben den Herren- oder Fronhof, wenn sie sich nnt diesem in derselben Dorfmark befanden. Sie waren das Bild des Herrenhofes im kleinen. Das Gehöfte der mittelrhcin- ischcn Franken wurde die herrschende Form bis tief nach Polen und Ungarn hinein. Es waren Bedürfnißbauten, meist aus Holz, wie sie in abgelegenen, zmneist Gebirgsgegenden noch zu finden sind. Im Hofe befand sich der Brunnen, auf dem Dache wurde fast regelmäßig Hanslauch gepflanzt, der die Stelle unseres Blitzableiters versehen sollte. S. 17-18. Nicht selten lebte auch das Vieh unter demselben Dache wie der Bauer. Nicht der unentwickelte Hausbau allein, sondern die hohe Werthschätzung des Viehes spricht sich darin aus. Daß es „mit großer Rücksicht" behandelt wurde, können wir dem Verfasser nicht glauben. Man sehe sich nur die Behandlung des Viehes in der Jetztzeit an: die Herzensbildung der bäuerlichen Bevölkerung, heute wie damals, weiß sich frei von den Sentimentalitäten der modernen Thierschutzvereine, das Vieh wird eben als Vieh behandelt, und das rauhe Leben im steten Kampfe Mit den feindlichen Naturgewalten, nach dieser Richtung wenig beeinflußt von dem sittigenden Geiste des Christenthums, weist oft eine abgrundtiefe Rohheit und Brutalität auf. — Das Wergeld der Hausthiere war nach dem Sachsenspiegel ein ziemlich bedeutendes. Die Zahl der gehaltenen Hansthiere zu ermitteln, ist unmöglich. Die Pflege des Viehes war nach den Ortsverhältnissen verschieden, im allgemeinen der heutigen sehr ähnlich. Großer Werth wurde auf das Weiden gelegt; wer selbst keine eigenen Triften besaß, hatte gegen Entschädigung Zutritt zur Weide „seines" Grundherrn, nicht, wie M. sagt, „eines d. i. irgend eines" Grundherrn. — Die Schweinezucht war so ausgedehnt und geschätzt, daß die Waldungen oft nicht nach ihrem Holzwerthe, sondern nach der Anzahl Schweine taxirt wurden, die sich darin sättigen konnten; die Eichenwälder hatten für die Schweinemast den Vorzug; das Schwein war im Mittelalter bei reich und arm das beliebteste Fleischthier. — Wegen seines Fleisches wie wegen seiner Wolle geschätzt war das Schaf. Ziegen wurden meist nur an Bergwcrksorten gehalten, weil man gefunden hatte, daß ihre Milch den schwindsüchtigen Grubenarbeitern sehr zuträglich sei. — Hühner, Enten und Gänse hatten geringes Wergeld; außerdem kommen auch vor Tauben, Pfauen, Fasanen und Schwäne. S. 30—33. Große Bedeutung hatte die Bienenzucht sowohl wegen des Wachses wie des Honigs. Das Recht des Bienenfanges war unbestritten: wer im Wald einen Bienenschwarm fand, war dessen Eigenthümer., Die mittelalterliche Bienenwirthschaft hatte eine staunenswcrthe Ausdehnung. S. 33. Wir hätten darum gehofft, Ausführlicheres darüber zu vernehmen, die 11 Zeilen auf S. 33 werden der Bedeutung für den mittelalterlichen Haushalt wie für den Gebrauch der Kirche sicherlich nicht gerecht. — In der Nähe der Wohnung und ferne in der Flur lagen die eingefriedeten Gärten, deren Anlage und Pflege seit dem 8. Jahrhundert durch die Benediktiner in Deutschland eingeführt wurde, indem sie römische Culturpflanzen in großer Menge über die Alpen brachten. Es gab Zier-, Heil-, technisch verwendbare Pflanzen, Pflanzen des Gemüsegartens und Obstbänme, welche sämmtlich Albert der Große in seinen „sieben Büchern von den Pflanzen" eingehend und verständnitzvoll beschrieben hat. Mehr verbreitet als heutzutage war der Anbau des Hopfens, -noch mehr aber, wie schon erwähnt, die Cultur des Weines. Dadurch, daß die Mönche, welche zur Gründung eines neuen Klosters auszogen, einerseits die Pflanzen des Mnttcrklosters für die neue Stiftung mit sich nahmen, anderseits wohl auch einmal ein unbekanntes Gewächs aus der Fremde mit heimbrachten, hatten die Klostergärtcn ein gleichartiges Aussehen. Aus ihnen gelangten neue Pflanzen in die Gärten der benachbarten Dörfer. Cisterzieuser brachten von Morimnnd die graue Renette in das Kölnische und nach Thüringen; wir kennen sie — und wer sollte sie nicht kennen! — als Borsdorfer Aepfel. — Auch Treibhäuser treten um die Mitte des 13. Jahrhunderts im Norden auf. Die Gärten erfreuten sich endlich auch der Aufmerksamkeit der Reichsgesetzgebung (Friedrich I. und Otto IV.) und der Rechtsbllcher (Sachsenspiegel und Stadtrechte). Vgl. S. 20—24. Zu jedem Dorfe gehörte eine Feldmark, die getheilte und die ungstheilte. In der ersteren besaß der freie und hörige Bauer eine bestimmte Anzahl von Feldern, Wiesen und Weinbergen. Die letztere, die All- mcndc, umfaßte alles andere zum Dorf gehörige Land. 487 Die Grenzen der Marken, wie der einzelnen ausgeschiedenen Theile, waren sorgfältig abgesteckt; die Beschädigung eines Grenzsteines oder Malbaumes, sowie dessen eigenmächtige Berrückung wurden nach dem Sachsenspiegel schwer bestraft, auch die eigenmächtige Setzung solcher war verboten. S. 19—20. Getrcidearteu waren Weizen, Spelz, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse. Seit Karl dem Großen war das System der Dreifelderwirtschaft immer mehr in Uebung gekommen. Für die Bereitung des Brodes diente das Hafermehl zumeist, Weizenbrod aßen nur die besseren Stände. — Bei Herstellung der Ackerwerkzeuge kam durch den Aufschwung des Bergbaues und der Gewerbe das Eisen schon zu häufigerer Verwendung. Nach der Bestellung des Feldes im Frühjahre wurden Aecker und Wiesen, vermuthlich nur soweit sie einer Beschädigung ausgesetzt waren, mit Zäunen umgeben oder „umfangen", auf deren Verletzung hohe Strafe stand. Die landwirtschaftlichen Arbeiten vollzogen sich in derselben Reihenfolge wie heute noch in den von der Natur stiefmütterlich bedachten und bei der Dreifelderwirthschaft älterer Ordnung stehen gebliebenen Gegenden. S. 26—28. Ein Hauptbestandteil der alten Marken war der Wald. Da die weite Ausdehnung des Urwaldes eine höhere Cultur unmöglich machte, so war man Jahrhunderte lang auf die Lichtung und Rodung desselben bedacht. Der starke Verbrauch des Holzes für die Bauten von Häusern und Kirchen, sowie iür landwirtschaftliche Zwecke ließ manchen Orts schon ani Ende des 12. Jahrhunderts an den Schutz deS Waldes denken durch Begrenzung der Holzbcrechtigungen. Was heutzutage vielfach im parteipolitischen Kampfe gegen die Kirche ausgeschlachtet wird, die Festlegung der Holzbcrechtigungen, war eine der nothwendigsten und nützlichsten Maßregeln zum Schutze des Waldes, zur Vorbeugung des Holzmangels. Sämmtliche Rechtsbücher des 13. Jahrhunderts enthalten bereits znm Theil scharfe und weitgehende Schutzbestimmungen für den Wald. S. 29—30. Der Inbegriff aller Nutzungen des Bauern in der getheilten und ungeteilten Mark, einschließlich des Hofes und der Hofgebäude, hieß Mausns, Hübe oder Hufe. Die einzelnen Bauerngüter waren der Größe nach in verschiedenen Ortschaften verschieden, aber in ein und demselben Dorfe ursprünglich immer gleich. Das kleinste ursprüngliche Hufenmaß ist das von 30 Morgen oder Tagwerk, gleich 1 sehr reinliches, ganz weißes Haus. Vor kurzen: erst war es mit einen: neuen Kalkkleide beschenkt worden. Kräut- chen und Blümchen bedeckten sein Dach, gleich als ob ein mit Laubwerk durchwirkter Schleier darüber geworfen worden wäre. Durch sein offenes Thor sah man in den Hosraum (patio), der sich zu einem Blumenkörbe gestaltet hatte. Der schöne Anblick, den das Haus bot, konnte mit einen: aufrichtigen Menschen, der unverhohlen ein Herz poll^Nntchuld und Fröhlichkeit zeigt und sehen läßt, verglichen werden. Mau schaute dort Rosen in ihren Farben, weiße, rothe und gelbe, wie Schwestern in verschiedenem , Gewände. Die Lilie — diese deutsche Blume, die so frühe blüht — verneigte sich unempfindlich und traurig in ihrem bescheidenen Kleide. Die zarten Veilchen deckten sich unk , °) Fernan Caballero's Eltern verehelichten sich im Frühlinge 1796. Vergl. Kölnische Volkszcitung von: 15. Sept. 1897, ksir. 673, drittes Blatt. o) RolLvioiws vor Ikermm Caballero, Brvckhans, Leipzig 1876. S. 151 7 . weiß sie den kindlichen Ton jener echten Romantik, welche sich von der tröst-, that- und hoffnungslosen Weinerlich- keit des in die moderne Literatur cingeschlicheucn Pessimismus frei erhält, zu treffen. Verletzender Spott und beleidigende Satire war nie ihre Sache. Die Geißel der Satire schwingt sie stets nur mit einer gewissen Heiterkeit und Freundlichkeit. Wie köstlich z. B. nicht ist die Per sisiage, mit welcher sie durch eine alte Matrone den aufgeklärten Don Narciso in der „Ella" in die Enge treiben und zurechtweisen läßt. „Tenor Narciso," sagte die strengconservalive Assistentin, „ich sehe, daß Sie keine Religion haben, lassen Sie doch börcn. Glauben Sie an Gott:" „Aber Senora," erwiderte der Pbilosoph, „mir scheint diese Prüfung wenigstens nicht an: Platze." „Anlworten Sie," versetzte die Assistentin lebhaft, „denn ich bin neugierig wie eine Alte, die ich bin, und eigenwillig wie eine Schöne, die ich nicht bin. Glauben Sie also an Gott?" «Ja, ja, Senora, ich glaube au ein höchstes Wesen." 490 „Unbestimmter- Ausdruck. Aber weiter, glauben Sie an den Himmel?" „Ich glaube an einen Aufenthalt der Gerechten." „Vages Wort! Aber weiter, glauben Sie an das Gebet und seine Wirksamkeit?" „Ich glaube daran: wir sollen den Schöpfer preisen, wie es die Vögel bei Sonnenaufgang thun!" „Schöne Muster der Andacht! Aber die Wirksamkeit?" „Ich glaube nicht an einen unmittelbaren Erfolg; es ist eme Anmaßung, zu glauben, daß die Gottheit sich soviel mit uns beschäftige und an unseren individuellen Interessen Antheil nehme." „Weßhalb beten Sie denn?" „Ich bete, ohne kindische Anforderungen zu machen; mein Cult ist ein Dank- und Lobhymuus . . „Gewiß," sagte die Assistentin, „Ihr Katechismus ist von neuer Erfindung, und ich lasse mir die Ohren abschneiden, wenn Sie ihn dem Volke verständlich mache» können, und die Nase, wenn Sie ihn selbst verstehen." Wann die Dichterin in künstlerischer Vollendung die revolutionäre, antikatholische Verpestung ihres heißgeliebten Volkes schildert, so unterläßt sie es niemals, auch diesem düstern Bilde einen heitern Hintergrund zu verleihen. Ich erinnere hier unr an das Gespräch der vorhin erwähnten Assistentin in der „Ella" mit ihrem Neffen Carlos über die lange Nase König Ferdinands VII. und die vcrheirathcteu Bischöfe Englands. Ein nicht zu unterschätzender Vorzug der ltterarischen Erzeugnisse Fernan Caballero's ist ferner der keusche, züchtige Geist, der durch dieselben weht. Ebenso ist allen ihren Werken, selbst denen des späteren Alters, eine gewisse natürliche Frische und anregende Lebendigkeit eigen. Es liest sich alles so leicht und fesselnd, so daß, hat man einmal eine ihrer Erzählungen zu lesen angefangen, man nicht eher mit der Lektüre derselben aufhören will, als bis man zu Ende gekommen. Für volksthümliche Redewendungen, spanische Sprichwörter, andalusische Sagen und Legenden sind Ca- ballcro's Schriften eine unerschöpfliche Fundgrube; denn die auftretenden Personen sind sämmtliche aus dem wirklichen Leben genommen, darum paßt aber auch vollständig auf ihre Dorfgeschichten das spanische Volkslied: tomilla z? romvro Lls buslss, vina," ...,Oomo vsvAo äsl oampo Xo es waravllla."'-*) (Schluß folgt.) Historisches Jahrbuch. XVIII. Band. x.y. Nach den Ideen der Gründer der Görres- gesellschaft sollte dieselbe zunächst bestimmt sein, die Wissenschaft im katholischen Deutschland zu pflegen. Znr Durchführung dieses großen Planes wurde u. a. auch ein eigenes Organ für die geschichtlichen Studien geschaffen, indem gerade auf historischem Gebiete seit den Magdeburger Centurien die Angriffe gegen die von Christus gegründete Kirche fast znr Tagesordnung zu gehören scheinen. Daher kann es nur freudig begrüßt werden, wenn das „Historische Jahrbuch", welches im Auftrage der Görres- gescllschast und unter Mitwirkung von Hermann Graucrt, Ludwig Pastor, Gustav Schnürer, Carl Weyman von Joseph Weiß herausgegeben wird, seinen XVIII. Jahrgang glücklich abgeschlossen hat. Unter den größeren Aufsätzen sei vor allein erwähnt: „Der geistige Entwicklungsgang Joh. Ad. Möhlcrs" aus der Feder des Uni- versitälsproseffors Ritter v. Schmid in München, worin klar gezeigt wird, wie sich der reich veranlagte, gemüths- tiese Verfasser der Symbolik mehr und mehr empor arbeitete und losriß von den Anschauungen einer sogen. *) „Rosmarin und Thymianstrauch Trägst Du. Kind, im Kleide." „„Wunderst Dich? Ich komm' ja auch V'rade von der Heide."" aufgeklärten Theologie, welche im Cultus das Lehrhafte allzusehr betonte, die historische Entwicklung dagegen außer Betracht ließ. Als Jubiläumsgabe mag betrachtet werden die Arbeit Dnhrs über die Wirksamkeit des ersten Jesuiten auf deutschem Boden, nämlich des Petrus Faber, welcher durch die geistlichen Uebungen den Petrus Canistus für den neu gegründeten Orden der Gesellschaft Jesu gewann (8. Mai 1543) und so den Boden bereitete für die umgestaltende Thätigkeit des zweiten Vonifatins. Grauerts „Neue Dante-Forschungen" sind leider nicht abgeschlossen: denn auf den Aufsatz S. 58, mit l versehen, folgte im laufenden Jahrgange kein II oder III. Und doch sollte es redaktionell vermieden werden, ein Thema über mehrere Jahresfolgen hinaus zu vertheilen. Daß aber Granert gerade in der Dante-Literatur sehr reichen Stoff zur Verfügung hat, beweisen seine gehaltvollen Ausführungen in den Historisch-politischen Blättern. Einen principiellen Kampf führt Schnürer gegen Lamprechts evolutionistische Geschichtsauffassung, gemäß welcher es einen Endzweck der menschlich-freien Entwicklung nicht gibt. Im Interesse der katholischen Weltanschauung hätten wir gewünscht, daß Schnürer Seite 111 seinem Gegner näher auf den Leib gerückt wäre mit der Gegenfrage: Wenn die katholische Kirche nur eine menschliche Einrichtung ist, wie Lamprecht in seiner Deutschen Geschichte behauptet, wie kommt es denn, daß diese Kirche alle Stürme des Mittelalters, der Glaubensspaltung und der französischen Revolution glücklich überdauert hat, während es nach demselben Forscher „zu den verhängniß- vollsten geschichtlichen Irrthümern der Gegenwart gehöre, zu glauben, daß wir heutzutage noch mit der Geistes- cultnr der Reformationszeit durch unmittelbare Zusammenhänge verbunden seien"? — Wohl den größten Reiz üben auf den Leser des Historischen Jahrbuches die Auszüge aus den verschiedensten Zeitschriften des In- und Auslandes, welche einen Ueberblick gewähren über den Stand einer historischen Frage und zu weiteren Nachforschungen anregen. In nicht zu unterschätzender Verbindung damit steht die No- vitätenschau, welche alle neuen Publikationen auf dem umfangreichen Gebiete der Kirchen- und Staatsgeschichte, der Cultur- und Kunstgeschichte u. s. w. anzeigt, oft auch den Werth oder Umverth eines Buches kurz charakterisirt. So bietet das Historische Jahrbuch in 1006 Seiten deS XVIII. Jahrganges ein sehr reichhaltiges Material, und ist es im Interesse der katholischen Wissenschaft nur zu wünschen, daß die Zahl der Abonnenten sich steigere. Im Jahre 1895 betrug dieselbe 362, im Jahre 1896 trat eine kleine Minderung auf 359 ein. Unangenehm berührt hat uns im letzten Baude der Name eines altkatbolischen Professors aus Bonn als Mitarbeiter. Das Historische Jahrbuch soll doch nach seiner Grundidee ein Sammelplatz für kathol. Historiker sein; die Mitglieder der Görres-Gesellschaft haben vor allem den Nachwuchs jüngerer kathol. Kräfte im Auge, wenn sie durch ihre Jahresbeiträge die Wissenschaft rm kathol. Deutschland pflegen und tördern wollen. Entschiedenheit muß herrschen, wenn es gilt, dein Vorwürfe geistiger Jnferiorität der Katholiken die Spitze zu bieten! Neceusrvuen und Notizen. Petrus Canisiu Z. Oratorium in sieben Bildern. Für Solo und Chor mit Klavierbegleitung. Deklamation und Lieder gedichtet von B. Wörner. Compo- sition von A. Hämel. vp. 12. Regensburg, Fr. Pustet. 1897. Preis: Partitur und Textbuch 4 M. 40 Pf. Stimmheste ä 60 Pf. Die Dichtung dieses schönen Werkes stützt sich auf sieben Hauptmomente aus dem Leben des seligen Petrus Canisius, der so erfolgreich in Deutschland für die Erhaltung des katholischen Glaubens zur Zeit der Reformation gewirkt hatte. Darnach gestalten sich auch die lebenden Bilder, welche folgende Szenen bieten: I. Petrus CanisinS nimmt Abschied von seinem Vater. II. ») Canisius kniet betend vor dein Grabe des hl. Petrus: I>) Christus mit den zwei Aposteln erscheint Canisius. III. Canisius lehrend imnitte der Kinder. IV. Canisius beim Neligionsstreit. V. Canisius vor den: Bayernherzog Albrecht, umgeben von den Bischöfen von Regensbnrg und Augsburg. VI. 491 Canisins vor dem Kaiser Ferdinand. VII. Canisins in der Verklärung. — Wenn in dem Gedichte an einer Stelle die Stadt Straubing mehr hervorgehoben wird, so hat dies seinen Grnnd darin, daß die ganze dichterische und musikalische Schöpfung in erster Linie zu einer besondern Centenarfeier des Seligen in dieser Stadt bestimmt war, in welcher er auch längere Zeit mit außerordentlichem Segen gewirkt hatte. Auch Dichterin (Ll. Bernarda Wörner, Nonne des Ursuliueriuucnklosters) und Componist (Lehrer und Stadtvsarr-Organist A. Hämel) gehören Straubing an. — Die Dichtung bewegt sich in edler, schwungvoller Sprache, ist von tiefer Empfindung getragen und reich an herrlichen Ideen. Ebenbürtig steht ihr die Musik (20 Nummern) zur Seite. Der Componist verstand es, die in die Deklamation eingeschalteten Lieder und Gesangstexte init entsprechendeil und die Stimmung gut inter- pretirenden Melodien und Harmonien zu umkleiden. So ist prächtig und höchst wirksam Z. B. das Obcrquartett ,,Kindesunschuld, Kindesglaube", das Tenorsolo ,,Und wenn rch zu ihm ging", und mächtig ergreift der gewaltige Schlußchor /I'u 68 kktnw" mit Alleluja. Die erste Aufführung erfuhr dieses Oratorium am 16. November zu Metten durch den Stndienchor, bloß mit Klavierbegleitung und Streichguintett, und mit vorzüglich arrangirten lebenden Bildern. Die Ausführung gelang sehr gut und die überaus zahlreichen Zuhörer waren des Lobes voll. Den größten Erfolg errang das Werk in Straubing selber, wo die Centenarfeier am 22. November unter außerordentlicher Theilnahme von nah und fern begangen wurde. Personen aus allen Ständen und Berufsklassen hatten sich zusammen- um eine würdige Vorführung des Werkes zu ereil. 140 Sänger und Sängerinnen, darunter eine Elite von Solisten und Solistinnen, nebst einem 60 Mann starken Orchester betheiligten sich daran und halfen unter der Direktion des Componisten zur vorzüglichen Ausführung. Wie bekannt wurde, wird das Werk auch bald in Würzburg und in Nymwegen, dein Geburtsorte des sel. Canisins, zur Aufführung gebracht werden. 8. U. Kornmüller. gethan, möglich DerenglischeFamilienbrief.—Der französische Familienbrief, beide von W. Ulrich. — Der italienische Familienbries, von Professor RomeoLovera. Stuttgart, 1697. JosephRoth'fche Verlagshandlung. Preis elegant in Ganzleinen gebunden L 1 M. 50 Pfg. 8. Wer die oft geradezu lächerlich unpraktische Methodik des neusprachlichen Unterrichts an unseren humanistischen Lehranstalten kennt, wird uns verstehen, wenn wir offen bekennen, daß wir zwar fast ein halbes Dutzend von Jahren auf der Schulbank Französisch getrieben hatten, und dies sogar mit Interesse, daß wir aber trotzdem unfähig waren, einen ordentlich stilisirten Brief nach Frankreich zu schicken. Und war es auch nur eüle kurze Bitte per Postkarte, es war uns nie gelehrt worden. Gewiß haben sich auch andere schon in derartigen Verlegenheiten befunden, und da die betreffenden Grammatiken über den Briefstil entweder nichts oder, ivie die der Methode Gaspcu-Otto-Sauer, nur Ungenügendes enthalten, dürfte mancher Leser für einen Hinweis auf die citirten, ebenso geschmackvoll ausgestatteten, wie praktisch angelegten Bändchen dankbar sein. Sie geben eine (restliche Anleitung, Billete und Briefe in den genannten Sprachen schreiben zu lernen. Die 70 bis 80 ganz dem Leben abgelauschten Briefe jedes Bündchens sind sprachlich durchaus corrsct und edel: für Anfänger sind schwierigere 'Ausdrücke am Schluß der Briefe kürz erklärt: der Inhalt ist ganz aus dem Gesichtskreis eines Eingeborenen des betreffenden Landes genommen. Letztere Eigenschaft bemerken wir besonders an dem soeben ausgegebenen Büchlein Lovera's „Der italienische Familienbries". Durch dessen Schilderungen über italienische Eigenthümlichkeiten und Reiseorte (Weinlese, Vogelfang, Venedig u. ähnl.) lernt der noch Ungeübte neben dem Briefschreiben auch noch ein Stück fremder Anschauungsweise kennen. Uebcrhaupt verräth die Auswahl pädagogische Fachmänner und Lehrer. Die Briefe berühren so zahlreiche Anlässe des Familien- und gesellschaftlichen Lebens (nur erotische und Handelsbricfe sind ausgeschlossen), sind so fein und elegant stilisirt, daß die Büchlein nur bestens empfohlen werden können. Nicht zum mindesten bilden sie ein recht praktisches Weihnachtsgeschenk für Schüler und Schülerinnen, und auch Lehrer werden diese Büchlein nicht ohne Stutzen für ihren Unterricht verwenden. Dr. Karl Storck, Deutsche Literatur-geschichte. Für das deutsche Hans. Stuttgart, Vertag von Jos. Roth. 1898. XVI -ft 504 S. Preis 3,20 M„ eleg- geb. 4,20 M. 8. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur zu schreiben und dabei nicht trocken und langweilig werden, ist gewiß eine Kunst. Storck, der junge vielversprechende elsässische Gelehrte versteht sie und liefert den Beweis in obiger „Literaturgeschichte für das deutsche Haus". Sie ist ausgezeichnet durch lebendige Darstellung, durch flüssige Sprache, und dabei durch gewissenhafte Forschung, und eignet sich so sehr wohl für die deutsche Familie. Üin so mehr, als der Verfasser auf christlichein, katholischem Boden steht, ohne daß er deßhalb Andersgläubige schief beurtheilt (man vergl. nur, was er über die „wichtigste Geistesthat Luthers", die Bibelübersetzung, sagt S. 136 ff.). Einen besonderen Werth scheint uns Storcks Werk zu haben durch die Darlegungen der geistig treibenden Kräfte, die auf ganze Zeitalter und einzelne Gruppen bestimmend einwirkten. Storck faßt seine Aufgabe tief, er begnügt sich keineswegs mit Aufzählung von Namen und Daten, sondern zeichnet feine Gestalten auf ihrem kulturhistorischen Hintergründe. Das thut er besonders in den trefflichen Uebersichten und Einleitungen, von den ältesten Zeiten bis zu den „Modernsten" dieses Jahrzehnts. Vielleicht dürfte da der Verfasser manchmal sogar etwas zu viel gethan haben, so z. B. sind die SS. 147 ff. (Zerrüttung durch den 30jährigen Krieg) doch eigentlich ein kleb ergriff in die Culturgeschichte. Sonst hätten wir noch auszusetzen, daß die „Heroen" Goethe u. s. w. zu günstig taxirt sind; einen Menschen wie Goethe, der in Leben und Dichtung jenseits von Gut und Bös war, braucht man nicht eben so zimpfcrlich anzufassen, und Schiller niag der „erste dichterische Führer seines Volles" sein, wahr ist aber anch, was Böhmer einmal aussprach, daß er unserer Literatur viel geschadet hat. Die Mystiker am Ende des Mittelalters sind etwas kurz vorgenommen; die Abhandlung über altfranzösische Literatur S. 55 ff. ist unseres Erachtens zu ausführlich. Die alt- uud mittelhochdeutschen Versformen wären durch Beispiele passend illustrirt worden. Wielauds Heimath Oberholzheim liegt nicht bei Biberach, wenn es auch noch vielmal so gedruckt wird, sondern eher bei Ulm. Doch das sir^ schließlich weniger gewichtige Ausstellungen. Jni übrigen ist das Buch bestens zu empfehlen. Nicht zum mindesten wird es ein wegkundiger Führer sein in der Literatur der letzten Jahrzehnte. Es bildet ein recht praktisches und hübsches Weihnachtsgeschenk. Ausstattung und Druck sind ausgezeichnet, der Preis wäre bei einer anderen großen Verlagshandlung Snddculschlands mindestens um 1 M. höher. IH Mit dem vorliegenden Hefte beendet die Miss! ons- Zeitschrist „Kreuz und Schwert" ihren 5. Jahrgang. Dieser letzte Jahrgang zeichnet sich besonders durch Vermehrung der Illustrationen aus. Wer ein Jahr lang die vielen interessanten Original-Berichte aus unserem Kolonialgebiete gelesen hat, muß Interesse gewinnen an der so fruchtbaren Culturarbeit unserer katholischen Missionäre. Alle Missionen, die uns interessiren, bedienen sich dieser Zeitschrift, weßhalb sie sich mit Recht als das Centralblatt für die gesammtc Missionsthätigkcit auf dem deutschen Gebiete betrachten kaun. An milden Gaben für Missionszwecke hat der Herausgeber wieder rund 20,000 Mk. gesammelt und damit abermals die große kulturelle Bedeutung der Zeitschrift bewiesen. Möge der neue Jahrgang dem Herausgeber neue Freunde bringen! (Man abonnirt für 1,60 Mk. bei jeder Post und Buchhandlung. Herausgeber: W. Helmes, Münster i. W.) Die Encyklika über die Arbeiterfrage. Festspiel für kathol. Arbeitervereine von I. E. G. H. Augsburg, Kranzfelder'sche Buchhandlung. 52 S. 50 Ps. b. Der Gedanke, diese hochbcdeutsame Encyklika auf die Bretter zu bringen, ist originell und neu. Die Verfasser fühlen warm für die Vereinssache und das christliche Arbeiterprogramm Leo's. Die edlen Gedanken sind 492 schön gefaßt, die Sprache ist bewegt, der Zweck ist ein lobenswerther: Organisation und Presse auch um der Arbeiterkinder willen. Es fehlt nicht an .Handlung. Die Ausführung, die einfachste Scenerie und Kostüme fordert (9 Personen), ist nicht schwer. Deßhalb sei das Büchlein zur Aufführung in Arbeitervereinen bestens empfohlen. Horns ckiurna« Ursviarii romani. Pustet, Regens- bnrg. 5. Auflage. 32°. ' Wie alle Ausgaben liturgischer Bücher im Pustet- scheu Verlage, ist auch das Diurnale durch einen außerordentlich sauberen und klaren Druck ausgezeichnet. Die neueste Gabe in 32° trägt die Druckerlaubnis; des Hoch- würdigsten Herrn Bischofes Jgnatins von Negensbnrg und für das Proprinm jeder Diöcese die Approbation der jeweiligen kirchlichen Behörde. Als besonders praktisch möchten wir hervorheben, daß die Psalmen der kirchlichen Tageszeiten noch in Separatdrnck im gleichen Formate beigegeben werden, so daß sie vom Buchbinder begncm gesondert geheftet und in das Buch eingelegt werden können. _ Entwurf eines Besitzstener-Gesetzcs. Zugleich ein Nachtrag zu des Verfassers Schrift: „Mittelstand und Besitzsteiier". Von Gg. Killer- mann, kgl. Landgerichtsrath a. D. in München. I. Schweißer Verlag (Jos. Eichbichlcr) München 1897. Gr. 8". 3 Bogen. Preis 6v Pfg. (Gegen Einsendung von 65 Pf. franco unter Streifband.) Der Verfasser geht auch in dieser seiner Schrift von den Gedanken aus, daß eine den Wünschen der Bevölkerung entsprechende gerechte Besteuerung vor Allem die Schulden der Steuerpflichtigen und die Familienvater mit unversorgten Kindern zu berücksichtigen habe, das un- fnudirte Arbeitcreinkommen geringer als das fnndirte Ncnteneiukommen belasten mäste, jedem physischen Steuersubjekte den sogen. Nolbbedarf steuerfrei belassen und zugleich die Krankheits-, Arbcits- und Geschäftsvcrhältnstse, resp. die dadurch bedingten Verdienst- und Einkommens- verhältnisse der Steuerpflichtigen ins Auge fassen soll und tritt nun den Beweis, daß alles dieses durch die, alle gegenwärtigen direkten Stcnerartcn in sich schließende und daher entbehrlich machende, trotzdem aber äußerst einfache, leicht einsührbgre, nicht kostspielige, unabwälzbare und elastische Besitzsteuer erreicht werden kaun, dadurch an, daß er als Nachtrag zu seiner oben genannten früheren Schrift für ein Besitzstcnergesetz die bezüglichen Paragraphen entwirft und durch Vorführung mehrerer aus dem Leben gegriffener Beispiele und Bezugnahme auf die einzelnen Paragraphen deren praktische Anwendung zeigt. Da dieser Entwurf gleich den gewählten Beispielen sich nicht nur auf die Landessteuern, sondern auch auf die Kreis-, Distrikts- und Gcmeiudeumlageu erstreckt, so ist er sowohl höchst praktisch, als auch zur nun möglichen Beendigung der stets wiederkehrenden und aufregenden Steucr-Revjsjonen und selcht zur endlichen Verwirklichung der allgemein ersehnten Steuerreform geeignet. Durch die Wichtigkeit der Sache und die objektive, klare und überzeugende Behandlung derselben dürfte sich somit die höchst zeitgemäße Schrift wohl empfehlen. Der selige Petrus Canisius. zweiter Apostel Deutschlands. Bearbeitet von A l. Knüppel, Hauptlchrer in Rheydt. Mit kirchl. Approbation. 8. (X u. 236 S.) Mainz, Verlag von Frz. Kirch- heim. 1897. Preis geh. 2 M. Das VII. Bündchen der von Dr. W. E. Hubert herausgegebenen Sammlung „Lebensbilder katholischer Erzieher" gibt eine sehr zeitgemäße Biographie des sel. Petrus Canisius. Zwar hat uns das Jahr 1897 aus Anlaß der 300jährigen Wiederkehr des Todestages des Seligen eine ganze Reihe gediegener Darstellungen seines Lebens gebracht. Allein, „weil Canisius ein Erzieher von Gottes Gnaden war", wie der Verfasser mit vollsten» Rechte in der Vorrede sagt, darf sein Leben in der vorgenannten Sammlung nicht fehlen. In klarer, einfacher, aber warmer Sprache wird sein Leben in 5 Büchern dargelegt, von denen das erste, die Jugendzeit des Seligen, das folgende seine Wirksamkeit in Bayern und Oesterreich und das dritte seine ausgedehnte kirchenpolitische Thätigkeit behandelt. Das vierte Buch ist der Thätigkeit des sel. Canisius für die Ausführung der Beschlusse des Concils von Tricnt gewidmet, während das fünfte Buch uns mit dessen Lebensabend und schriftstellerischer Thätigkeit bekannt »nacht. Daran schließt sich ein Rückblick, der in drei Kapiteln die pädagogische Bedeutung des Seligen und seine Bedeutung für Deutschland und jeden Christen schildert. L. 8. Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft. Herausgegeben von V»-. Jos. Weiß. Commissionsverlag von Herder u. Cie. in München. (Jährlich 4 Hefte, zns. 12 M.) XVIIl. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: Aufsätze. L auch ert. Der Dominikaner Wigaud Wirt und seine Streitigkeiten. Duhr, Der erste Jesuit auf deutschem Boden, insbesondere seine Wirksamkeit in .Köln. Weiß, Der Streit über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges. II. Roth, Adolf von Breithart, .Kanzler zu. Mainz, j- 1491. Müller, Zur Geschichte Jamnitzers. — Recensionen und Referate. Vardcn- hcwer, Patrologie (Ehrhard). Zöcklcr, Askese und Mönchthnm Bd. 1. (Ehrhard). Klopp, Der 30jährige Krieg bis z. Tode Gustav Adolfs 1632. Bd. 3. (Fischer). Kehrbach, lstouvm. Osrmav. UaöckaKvZstea Bd. 12, 14, 16(Orterer). — Zeitschriftenschau.— Novitäten- s ch a u. — Na ch r i chten. Erstkommuuionglöcklein von Pros. G. M. Sommer, Benestciat u. Gymnasiallehrer in Bcnsbeim. Erwägungen, Belehrungen und Andachtsübnngen für fromme Erstcommunionkinder. Zweite verbesserte Auflage. Mainz, Verlag von Frz. Kirch- beini. 1893. Preis in Callicobänd mit Nothschnitt M. 1.-. Ein praktisches Büchlein für die Hand des Kindes, das sich gut znr ersten hl. Communion vorbereiten will. Aus dem Büchlein weht eine große Wärme und Hingebung für die Jugend; die Ausstattung ist sehr nobel und der Preis niedrig. (Pädag. Monatshefte, Stuttgart 1896.) Cochem, k. M. v., Orck. vap., Goldener Himmelsschlüssel. Neu bearbeitet von 8. Benedict von Calcar,' Orä. 6ax. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Frz. Kirchheim. 1897. Sechste Auflage. Preis geh. M- 2.—. Der Verfasser schreibt in der Vorrede: „Ich zweifle gar nicht, daß Du Dich bei fleißigem Gebrauche dieses Buches zur wahren Andacht ermuntert und in Deiner Seele getröstet fühlen wirst. Vorzüglich aber habe ich dieses Buch aus Mitleid für die leidenden Seelen im Fegfeuer und aus Verlangen, ihnen in ihre»» Qualen zu Hilfe zu kommen, geschrieben, weßhalb ich denn auch fast alle Gebete und Andachten ganz besonders zur Hilfeleistung imd Erguickung der armen Seelen eingerichtet üabe. Ich bin fest überzeugt, daß der fleißig gebrauchte Himmelsschlüssel mancher gefangenen Seele ine Pforte des Fegfeuers erschließen und das goldene Himmelsthor zur ewigen Freude eröffnen wird." . ' Waldesrauschen. Geschichten aus den» Volke. Von Otto v. Schachtn«. Mit zwei Photogravüren und dem Bildniß des Verfassers. Regensburg, Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Mauz) 1897. Laderwreis brosch. 3 M., geb. 4 M. * In zwei Erzählungen schildert der Verfasser das Leben und Treiben, Sinnen und Denken, die Sitten und Gebräuche der Landbewohner der Oberpfalz, theiliveise im Dialekt. Die Erzählungen sind sehr spannend geschrieben und halte»; das Interesse des Lesers von Anfang bis zum Schlüsse wach. _ Soldatengcschichten von Ludwig Diehl. Stuttgart, Verlag von Strecker u. Moser. " Das Bündchen enthält Ernstes und Heiteres aus dem Soldatenlcben und bereitet dem Leser viel angenehme Unterhaltung. . Veranlw. Redacteur: Ad. Haas i»; Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg. 71 . Wage zur Aligsömgtl Weitung.»^ Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. il. (Fortsetzung.) 2. Die gesellschaftliche Stellung der Bauern. Dafür wurde von weittragender Bedeutung die christliche Lehre über Pflicht und Ehre der Handarbeit und über die Gleichheit aller Menschen. Ueber dem Kampfe der Kirche gegen die heidnische Sklaverei mutzten naturgemäß Jahrhunderte vergehen, bis die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit im öffentlichen Leben des deutschen Volkes ihre Wirkungen äußern konnte. Im Zeitalter der Karolinger kann die Sklaverei als beseitigt gelten. S. 37—38. Es hatte sich indessen vielfach durch die Bedrückungen seitens der Großen eine Art jüngere Leibeigenschaft gebildet, ein nicht mehr so entwürdigendes, aber immerhin sehr hartes Dienstverhältniß. Auch dieses verschwand in manchen Gegenden während des 12. Jahrhunderts gänzlich, indem zum Heile der Seelen oder bei festlichen, freudigen Ereignissen unfreie Leute oft schaaren- wcise freigegeben wurden. „Mit meinem Sinn, sagt der Verfasser des Sachsenspiegels, kann ich es nicht begreifen, daß jemand des andern eigen sei; auch haben wir darüber keine Urkunde." Aehnlich auch der Schwabenspiegel. S. 39-41. Verschieden von diesem Zustande der Unfreiheit ist die Hörigkeit. Infolge anhaltender Kriege in der späteren Karolingerzeit trugen bei dem gänzlichen Mangel einer starken Reichsgewalt viele ärmere, freie Bauern ihre Landstellew mit Vorliebe geistlichen Großen anf, um sie mit dem Versprechen des Schutzes gegen Entrichtung gewisser Abgaben als Lehen wieder zurückzubekommen. So war das wtrthschaftliche Fortkommen des Bauern gesichert und seine persönliche Freiheit gerettet. S. 39. Noch andere Umstände begünstigten die Besserung des Looses der dienenden Klaffen, zunächst die Kreuzzüge. Der Kreuzfahrer trat mit seiner Familie, Hans und Hof unter den unmittelbaren Schutz der Kirche. Viele tüchtige Arbeiter verließen, durch solche Aussichten angelockt, die Heimath, was einen wohlthätigen Einfluß anf die Lage der Zurückbleibenden ausübte. Der Gutsherr sah sich zur Verhütung größerer Verluste genöthigt, Schonung zu üben und mancherlei Milderungen eintreten zu lassen. Daher datiren die vielen Freilassungs- nrkunden aus der Zeit des zweiten und dritten Kreuz- zuges. S. 41—42. Dazu kamen die niederländischen Kolonien im spärlich bevölkerten Norden und Nordosteu des heutigen Deutschland. Erzbischof Friedrich von Bremen gewährleistete den dort Zugewanderten die persönliche Freiheit, das Recht der Erbfolge und selbstständige Gerichtsbarkeit. Der ersten folgten bald weitere holländische Niederlassungen, welche mit dem Segen der Entlastung für die deutsche Bevölkerung dieser Gebiete verbunden waren. Die Klöster und geistlichen Fürsten sahen bald die ungleich vortheilhaftere Bewirthschaftung ihrer Ländereien durch freie Leute ein. Auch neue, rein deutsche Ansied- lnngcn erfreuten sich der den Holländern gewährten Vergünstigungen. Unter solchen Umständen wurde der einzelne Arbeiter um so wcrthvollcr, je mehr sich die Ge- sammtzahl verringerte. Um die Zurückgebliebenen sich zu erhalten, mußten sich die Gutsherren zu Versprechungen und Erleichterungen verstehen. S. 42—43. Endlich kam dazu die Anziehungskraft der sich entwickelnden Städte. Die Städte, welche an der Steigerung ihrer Einwohnerzahl ihr Interesse hatten, fragten nicht nach der persönlichen Stellung der Zugewanderten, sie gewährten ihnen ihren städtischen Schutz, ursprünglich auch dem Unfreien das Bürgerrecht, später Aufnahme als Pfahlbürger. Hatte der Gutsherr nicht binnen Jahr und Tag nach der „Landflucht" seinen Hörigen zurückgefordert, so machte ihn die Stadtlnft ohne weiteres frei. S. 43—45. Doch darf man sich die Auswanderung in die Städte lange nicht so stark vorstellen, als man das geneigt war, bevor man annähernd ziffcrmäßig die Größe der städtischen mittelalterlichen Bevölkerung kannte. Durch die Freilassungen seitens der Herren, durch Selbstbefreiung auf dem Wege des Loskaufes oder der Landflucht hat sich der keineswegs verachtete Stand des freien Gesindes oder der Dienstboten, auch Ehehalten, entwickelt, welche sich durch den Gesindevcrtrag auf bestimmte Zeit gegen einen festen Lohn verdingen. S. 45-46. „Aus dem Zusammenwirken der geschilderten Verhältnisse ergab sich eine bedeutende Erleichterung für die niederen Schichten der Bevölkerung, und wenn religiöse Rücksichten nicht im Stande waren, einen Grundherrn zur Milde zu stimmen, so wurde er häufig durch die äußeren Umstände gezwungen, die Lasten seiner Arbeiter zu ermäßigen. ,So geschah es denn, daß während des 12. und 13. Jahrhunderts in Bezug auf die dienende Klasse der Landleute eine große Veränderung vorging. .... Am Schlüsse des 13. Jahrhunderts waren die leibeigenen Handwerker in Deutschland verschwunden, und mit Ausnahme der ehemals slavischen Länder fand man Hörigkeit nur noch in geringer Zahl?" S. 47. Den Schlußsatz können wir nicht unterschreiben. Nicht einverstanden sind wir auch mit den folgenden Bemerkungen Michaels über die „Eigenschaft" und „Leibeigenschaft". S. 47—48. Thatsächlich mag ja das Leben der Freien wie Unfreien vielfach das gleiche gewesen sei», rechtlich bestand eine Kluft, die noch lange nicht ausgefüllt wurde. „Zinslcute" sind keine „Eigcnleute", „Eigenleute" sind die „Leibeigenen". Es wird dem Verfasser nicht gelingen, die Identität des Begriffes „eigen" in „Eigcnleute" und „eigene Kinder, eigene Frau" aus den Quellen zu erweisen. „Mit meinem Sinn kann ich es nicht begreifen, sagt der Sachsenspiegler, daß jemand des andern eigen sei". Wollte er damit die Zinshörigkeit verurtheilen oder die Leibeigenschaft? Wir meinen doch letztere! In den schwäbischen Urkunden des 15. Jahrhunderts — früher kennen wir sie nicht so genau — wechseln „Eigenleute" und „Leibeigene" mit einander als völlig gleichbedeutend ab. Die Hörigen unterschied man, abgesehen von kleineren Abstufungen, in Grund- und Schutzhörige. 1. Grnndhörige hießen Leute, welche einer geistlichen oder weltlichen Grundherrschaft unterstanden, persönlich frei waren und nach Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten gegenüber dem Gutsherrn Freizügigkeit besaßen. Jedes hörige Bauerngut war so groß» daß der Besitzer seine Familie ernähren und die mit dem Gute verbundenen Lasten tragen konnte. Die Abgaben waren 494 räch der Anschauung Michaels „in der Regel gering", bei Unglücksfällen wurden die üblichen Leistungen ganz oder thcilweise nachgelassen; drückend waren vielfach die Frohnden, nach unserer Anschauung jedenfalls drückender als nach der des Verfassers, insbesondere die Burgbau- frohnden. Verdient die rücksichtsvolle Zartheit zwischen Herren und Knechten in den Weisthümern besondere Hervorhebung, so nicht minder die ebenso häufige schandbare Behandlung der Untergebenen. Uebercifrige Beamte haben nicht selten dem Bauern das Dasein verbittert, und die Hcrabminderuug der bäuerlichen Abgaben durch diesen oder jenen Grundherrn spricht auch nicht selten gegen das patriarchalische Regime, an das M. manchmal denkt. Nicht immer und überall war auch unter dein Krummstab gut leben, von den weltlichen Herren, die naturgemäß mehr Aufwand trieben, ganz zu schweigen. Wer aus Straßenraub sich kein Gewissen macht, wie viele Adelige jener Zeit, der kennt auch für seine Grnndholden keine Rücksicht. Nicht selten mußte die Kirche zu Gunsten der Unterdrückten mit allen ihren Machtmitteln einschreiten. — An sich einer der schwersten Dienste waren die Wein- fuhren der Frohnbauern im Herbste, doch wurde nicht selten durch die Leutseligkeit der geistlichen Häuser daraus ein kleines Volksfest. S. 48—52. Eine häufig wiederkehrende Abgabe war in älteren Zeiten das Bcsthaupt, d. h. das beste Stück Vieh, welches der Gutsherr nach dem Tode des Hörigen aus dessen Nachlaß sich aneignete. S. 53. Daß hie Bauern beim Aufkommen dieser Abgaben damit zufrieden waren, ist doch schwerlich glaubhaft. Der Grundherr läßt ein sreigewordencs Bauerngut nicht uubcnützt liegen. Nicht zu jedem, der sich ihm anbietet, hat er das nöthige Vertrauen; er kann es vernünftigerweise nur dem Sohne des Verstorbenen geben, und es wäre sehr merkwürdig, wenn dieser trotz seines Versprechens der pünktlichen Entrichtung von Grundabgaben auch noch das Erscheinen des gutsherrlicheu Beamten begrüßt hätte, der ihm das beste Pferd oder die beste Kuh aus dem Stalle trieb! Im 13. Jahrhundert wurde das Besthaupt mehrfach verpönt, das erhoben wurde zu einer Zeit, wo die Familie ihr Haupt, ihren Ernährer verlor. Daß es damals schon zn Erleichterungen kam, mag richtig sein; bewiesen hat es der Autor nicht, und wir haben bisher geglaubt, daß es erst recht von da an zur allgemeinen Einführung kam. In Bayern und auch anderswo bestand es bis ins 19. Jahrhundert, bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft. Darum können wir auch nicht mehr so allgemein an „das wahrhaft patriarchalische Gepräge" glauben, welches trotz mancher Ausschreitungen bestanden haben sollte. Die Auflösung des Hofsystcms wirft jedenfalls einen bedenklichen Schatten darauf zurück. „Das patriarchalische Hofsystem machte auch die Einholung der Erlaubniß zum Heirathen der im Hosverbaude lebenden Leute nothwendig, natürlich auch wieder gegen eine Abgabe", S. 53- 54, doch ist diese nicht als Ablösung eines schandbaren gutsherrlicheu Vorrechtes aufzufassen, des sog. ,jus xriraao noetis, welches nie nnd nirgends bestanden hat, aber mit der Lcbeus- zähigkcit einer frommen Legende in gelehrten Köpfen noch mehr als in »»gelehrten sein Dasein fristet. War auch das Mittclalter weniger feinfühlig für uns anstößig dünkende Verhältnisse, so ist es immerhin empörend, ihm traditionell eine Schmach aufzubürden, die eine gänzliche Verachtung aller menschlichen und christlichen Sitte voraussetzt. Wir können es mit dem ganzen Geiste des Mittelalters nicht vereinbaren, es ist dem deutschen Rechte durchaus fremd gewesen, mögen aber auch anderseits nicht in Abrede stellen, daß da und dort ein unsittliches Verhältniß des Gutsherrn zu seinen weiblichen Untergebenen stattgefunden hat; aber es als rechtliches Institut aufzufassen nnd darzustellen, verräth bodenlose Ignoranz oder Bosheit. Vgl. S. 54, Anm. 2. — Nach dem Grundsatz: „die unfreie Hand zieht die freie nach sich", folgten die Kinder immer der „ärgeren Hand". Hatte so der Grundherr dem Hörigen gegenüber bedeutende Rechte, so war er jenem keineswegs schütz- und rechtlos preisgegeben, vielmehr verbürgten die wirthschaftlichen Opfer und persönlichen Dienste dem Hörigen meist ausreichende Sicherheit seiner Existenz, S. 55, doch möchten wir diese Sicherheit auf den normalen Verlauf der Dinge beschränken. Jedenfalls segensreicher als die Hofgeuosseuschaft wirkten anf die Besserung der bäuerlichen Verhältnisse die Kreuzzüge, die Kolonisation, der Aufschwung der Städte und besonders das Walten der Kirche. Diese Dinge trieben die Boden- nnd Gctreideprcise in die Höhe, aber trotz der Preisesteigerung ist der Ncunwerth der Abgaben derselbe geblieben; ihr Werth betrug infolge der Mnnz- verschlechtcrung nnd der gesunkenen Kanfkraft des Geldes kaum noch die Hälfte des früheren Zinses. Bedeutete mithin das unerhörte Steigen der Grundrente schon eine sehr beträchtliche Verminderung der einstigen Last, so wurde diese nochmals wenigstens doppelt leichter, wenn sie die Form der Geldzahlung angenommen hatte. S. 56 bis 57. Die wirksamste Ursache aber, nicht wie M. will, eine der wirksamsten, für die gesellschaftliche Hebung der landarbeitendcn Klassen war die Auflösung des Hofsystems. Wir constatiren hier einen Widerspruch des Verfassers vorher im Preise des Hofsystems und jetzt seiner Verurtheilung. Insbesondere die Nothlage mancher Gutsherren führte zur Einführung neuer Bodennutzungsformen in den verschiedensten Arten der freien Pacht. Durch diese und andere Vergünstigungen besserte sich die Lage der bäuerlichen Bevölkerung zusehends. Die wachsende Freiheit und zunehmende Wohlhabenheit des Einzelnen beruhte aber zum mindesten aus gntsherrlicher Freundlichkeit, Schonung nnd Menschenliebe, wie M. glauben machen will. Gefördert wurde die Wohlhabenheit des Bauer» noch durch die Unthcilbarkcit des Gutes, durch Anf kommen des Auerbeurechtcs. Ob dieses aber auch zum Nutze» des Volkes, ist eine sehr diskutable Sache. Einch weiteren Schutz endlich fand der Bauer darin, daß nach dem Sachsenspiegel Erbschaftsschulden nur insoweit zu bezahlen waren, als die fahrende Habe reichte. S. 57—59. 2. Die Schutz- oder Vogteihörigen waren nur einer Schutzherrschaft infolge freier Wahl oder Abstammung von schutzhörigen Eltern unterstellt. Für den Schutz zahlten sie alljährlich eine Abgabe, im übrigen genossen sie vollkommene Freiheit und konnten auch über ihr Vermögen nach Gutdünken verfügen. Zu den Schutzhörigen zählen in erster Linie viele Altarhörige, dann die Wachs- zinsigcn, die jährlich nur ein paar Pfund Wachs oder einige Denare abzuliefern hatten — die mildeste Form der Hörigkeit, wie jedermann einsehen muß. S. 69. Neben den genannten, in sich vielfach abgestuften Kategorien gab es auch allenthalben in Deutschland ganz freie Bauerngüter nnd Bauerngemeinden, über welche wir gerne nähere Angaben gewünscht hätten, als bloß das Zeugniß Ncidharts und Seifried Helbiugs. Wenn am Ende des 13. Jahrhunderts z. B. in Oesterreich alle Bauern frei waren, so hätte deren Lage eine zum mindesten halb so breite und klare Darstellung verlangt. 495 wie die der Grundhörigen. Aber wir fürchten den Werth von Dichterzeugnissen und lassen sie nur sehr subsidiär gelten; Michael hätte es auch thun sollen. Zum Schlüsse möchten wir noch einen Wunsch aus- sprechen; wir vermissen an dem farbenprächtigen Bilde einige Töne: die Art der Veräußerung von Grund und Boden, sowie eine Darstellung des Pfandrechtes an Grund und Boden. Der Mangel läßt sich ja leicht gutmachen. 3. Baneruleben. Während die beiden vorausgehenden Abschnitte die bäuerlichen Verhältnisse in Gesammtdentschland berücksichtigen, handelt dieser fast ausschließlich von dem Bauernlebeu im Süden und Südosten des Reiches. Wenn auch nicht gerade behauptet werden darf, daß der Süden und Südosten in den beiden ersteren Partien zu kurz gekommen ist, das wird der Verfasser uns zugeben müssen, daß die reichlich fließenden Quellen dieser Gebiete ihn hier verleitet haben, ihnen fast ausschließlich zu folgen. Läßt auch die Thatsache, daß die rechtliche und gesellschaftliche Lage der Bauern in ganz Deutschland fast dieselbe gewesen ist, vermuthen, daß ihr Leben in gleichem Rahmen sich bewegt habe, so hätten doch die vielfach grundverschiedenen Eigenschaften von Nord und Süd, die vielfach doch anders gelagerten und gearteten Verhältnisse am Nheine und an der Donau, in der norddeutschen Tiefebene, im deutschen Mittelgebirge und in den Alpen eine auch in diesem Abschnitte mehr zu würdigende Darstellung verlangt. Immerhin mag es schwieriger gewesen sein, eine solche Menge von Zeugnissen für den Norden und Westen aufzubringen, im Interesse einer gleichmäßigen Behandlung, einer einwandfreien Würdigung wäre eine disfcrcnzirte Darstellung wünschenswert!) gewesen. Das ist offenbar ein Mangel des Buches, der mit dem Mangel von Vorarbeiten nicht ganz entschuldigt werden kaun, wenn er damit auch erklärt wird. Ueberrascht hat uns, daß M. eine bessere Quelle, als es Dichter' sind, für diese seine Darstellung nicht verwerthet hat, nämlich die Landfriedensgesetzgebnng der bayerischen Herzoge in der Mitte und zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Wir fürchten fast, der Verfasser habe, weil er ein Feind ist aller Nohheit und Schlechtigkeit, mit Absicht diese tiefen Schatten Übergängen, jedenfalls nicht zum Vortheile seines Buches. Wir können leichter über diesen Abschnitt (S. 61 — 85) hinweggehen, als ja diese Dinge von selbst das Interesse der meisten Leser mehr in Anspruch nehmen, als sie ohnehin in den verschiedenen Handbüchern für Cultur- geschichte (zuletzt sehr gut von Grupp) einen breiten Raum einnehmen und es gewiß wenig Gebildete geben wird, die nicht an der dem modernen Denken so nahe stehenden Dorfgeschichte (Meier Hclmbrecht), an den Dichtungen und farbenprächtigen Schilderungen eines Ncidhart von Rcnenthal, an der „Märe von den Ganhühncrn" sich unmittelbar erfreuen. Wir lernen da den Bauern kennen, wie er sich benimmt in Lust und Leid, in glücklichen und schweren Tagen, bei der Arbeit und beim Vergnügen, wie er sich kleidet, fremde Tracht und Sprache nachäfft, mit seinem Reichthums prahlt und sich lächerlich macht, wir sehen ihn in Glauben und Hoffen, Leben und Wirken, Sein und Schein. „Die Thatsache, daß ein so unerbittlich scharfer Sittenrichter, wie Bruder Verthold von Rcgcnsünrg es war, der die Gaue Deutschlands, Oesterreichs und Böhmens durchzog, allenthalben geliebt und verehrt wurde, beweist zur Genüge, daß auch das Land« Volk bei allen Auswüchsen einen gesunden Kern hatte. Man vertrug den Tadel des Missionsprcdigers trotz aller Herbheit, und wenn Bruder Bertholt) sich zeigte, so strömten die Schaaren meilenweit herbei; die Aecler entvölkerten sich. Die damalige thcilweise Entartung der Bauern ging nicht, wie später, aus Verzweiflung hervor, sondern aus Uebermuth; es gab unter dem Landvolke noch keine Proletarier, und neben den Entarteten war auch eine bedeutende Anzahl Männer, die im Glück Maß zu halten wußten, ihren Stand achteten und jene ,Zucht' besaßen, die da ist ,eiue Krone über alle Edelkeit'." S. 85. Anmuthend zum Theil, zum Theil abstoßend ist das Leben des damaligen Bauern, der voll überschäumender Lebenslust war und gläubig dcmüthiger Hingabe an die Kirche und ihre Diener, roh und brutal, mitleidig und human — ein Bild des Kampfes der christlichen Idee gegen die zum Bösen geneigte Natur des Menschen, gegen die im Volksglauben noch lange nicht ausgestorbenen finsteren Mächte des Aberglaubens und des Heidenthums. (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts (Fortsetzung.) Im Jahre 1849 erblickte im Feuilleton des „Clamor Publico" ihr erstes Geistesprodukt die Öffentlichkeit. Es' war der Roman „fta 6s.viota", „Die Möve". Ueber den Verfasser oder die Verfasserin vermochte niemand Aufschluß zu geben, aber alles erblickte in dieser Erstlingsarbcit ein Meisterwerk. Die Tendenz des Romanes war gegen den modernen Kunstenthnsiasmus und Kunstschwindel gerichtet. Die Hanptheldin desselben, Marsilad«, ist eine von den Kunstenthusiasten ob ihrer wunderbar schönen Stimme und ihrer unübertrefflichen Darstcllnngsgabe geradezu angebetete Primadonna, die sich jedoch im wirklichen Leben undankbar, roh und hartherzig zeigt und infolge dessen mit der Zeit zur ordinären Komödiantin hernntcrsinkt. Das zweite größere Werk Caballcro's ist „Lagrimas", nach Kreiteu ein Werk von wirklich literarhistorischer Bedeutung. In „Lagrimas" gab die Dichterin die christliche Antwort auf die ncuhcidnischc Weltschmerzpoesie, welche aus Frankreich, Deutschland und England in die Literatur Spaniens Eingang gefunden hatte und bereits an dem Marke der spanischen Jugend zehrte. Lagrimas, das stille, kränkliche Kind eines hartherzigen, nur nach irdischen Glücksgütern jagenden Millionärs, ist das Bild der christlichen Dulderin, welche ihre leidcnsstarke Seele mit den Worten aushaucht: „^.brÜLoins eon las cckavss V ras rsolino eon la erur:. l?ara gas sieroxrs nie ainxares Oules Lscksntor ckssus."') Als der beste ihrer Romane wird von gewichtigen Autoritäten „Clemenci.a" erklärt.^ Er ist ein Selbstporträt der Dichterin, fest im Glauben, überlegend in ihren Handlungen. Clemencia steht vor dem Leser als eine starke Frau, welche in den über sie hereinbrechenden Schicksalsschlägen die Prüfung besieht. In „Eli a", dein vierten und letzten der größeren Werke Caballcro's, findtn °) „Ich klammere mich an deines Kreuzes Nagel, Der du für mich gestorben bist, Und lehne mich an's Kreuz, daß du mich schützest, Geliebter Heiland Jesus Christ." °) «Stimmen aus Marm-Laach" Bd. 14 S. 302. 496 wir den Nachweis geliefert, daß der in der Literatur existirende Spiritualismus seine einzige feste Grundlage nur in der katholischen Religion habe. Die Dichterin spricht dies selbst aus mit den Worten: „Der Beweis dieser Behauptung ist in dem Gemälde Elia's, unseres Vorbildes, entwickelt, ein wahres und geliebtes Vorbild, das wer mit der Befriedigung eines Malers hier bieten, der die Copie eines schönen Originales vorzeigt. . . . Die stoffliche Entwicklung dieser Erzählung ist 10 einfach, so alltäglich, wir alle haben soviele ähnliche Fälle gesehen; ihre Conseqnenz in dem moralischen Sinne, den wir andeuteten, ist so augenicheinlich, daß, wer vor- urthcilsfrei und ehrlich die Anwendung macht, sich überzeugen muß, es sei der Himmel allein die wahre Anziehungskraft für jeden Spiritualismus." In ergreifender Weise weiß uns Caballero zu schildern, wie die kaum zur Jungfrau erwachsene Elia der Liebe wegen gar Hartes erduldet, nach langem Kampfe der Welt einsagt und rein und unschuldig als Novizin in jenes Kloster, wo sie erzogen wurde, eintritt. Aber in Elia zeichnete uns die Dichterin wie ein Charakter- so auch ein Zeitbild. Das sagt schon der Titel des Romanes: „Elia, oder Spanien vor dreißig Jahren." Alle Typen der damaligen geistigen und politischen Strömung vom streng conservativen Altspanier bis zum fortgeschrittensten Liberalen begegnen uns in der „Elia". Wir kommen zu den Novellen und Dorfgeschichten Fernan Caballero's. Ihr literarischcr Werth steht wohl kaum hinter dem ihrer Romane zurück. So zählt man z. B. „IIn Vorano on Lornos" („Ein Sommer in Bornos") zu dem Schönsten und klassisch Besten, was die Dichterin geschrieben hat. Der Spanienreisende Nolef berichtet uns,?) wie in ganz Spanien und besonders in Andalusien in Jedermann's Munde der Name Fernan Caballero sei. Fast alle Spanier, mit denen er sich unterhalten, hätten ihn gefragt: „Sie haben gewiß Fcuian Caballero gelesen? Kennen Sie auch ,IIn Voi-g.no in kornoa'?" Es sei ihm da gerade so vorgekommen, als wie wenn wir Deutsche einen Ausländer, der Deutsch lernt, fragen würden: „Haben Sie Schiller's Wilhelm Teil und GLthe's Hermann und Dorothea gelesen?" Gewiß, ein Beweis, welcher Beliebtheit sich bei den Spaniern die Werke der Fernan Caballero und vor allem die Novelle „Ein Sommer in Bornos" erfreuen. Aehnlich wie Rolef erging es mir, wenn ich während meiner Reise in jenes Land mit gebildeten Spaniern über ihre Schriftsteller sprach. Stets machte ich die Wahrnehmung, daß unsere Dichterin zu den beliebtesten und gelesensten Autoren bei ihren Landsleuten gehöre. Was nun speziell die vorhin erwähnte Erzählung betrifft, so wollte Caballero durch dieselbe die Unklngheit darthun, welche der Adel dadurch begangen hatte, daß er das Hoflebeu gegen seinen Beruf auf dem Lande eintauschte. Als Muster einer Dorfgeschichte gilt „Die Familie von Alvareda". Frisch und lebendig ist die „Arme Dolores" geschrieben, ganz dem andalusischcn Volksleben abgelauscht „Servil und Liberal". „Das Votivbild", „LI Lx-Voto", zeugt von der hohen Verehrung des spanischen Volkes, selbst in seinen minderwerthigen Individuen, gegen das hl. Kreuz. Ueber die ganze Erzählung ist zugleich der zarte Duft Stlster'schcr Novellenpoesie, verschmolzen mit dem tiefen Zauber der Mcerbilder Heine's, aus- gegossen.«) ') Rolef, Reisebriefe aus Spanien und Maroceo. Seite 46. °) „Stimmen aus Maria-Laach" Bd. 14 S. 39. Die vier Erzählungen „Lady Virginia", „Das Glück schenkt Nichts, es leiht nur", „Verschwiegenheit im Leben und Verzeihung im Tode" und „Das Gewissen läßt sich nicht bestechen" haben jedesmal ein Verbrechen als schauerlichen Hintergrund und zeigen, wie diejenigen, welche die Glücklichsten zu sein scheinen, in Wirklichkeit oft die Unglücklichsten sind. Wie in den eben angeführten Novellen und Dorfgeschichten, so auch in allen andern nicht weiter mehr zu bezeichnenden tritt uns Fernan Caballero als unübertroffene Darstellerin andnlusischer Denk- und Empfindungsweise entgegen. Ueberall zeigt sich ihre scharf ausgeprägte Tendenz des Konservatismus in Religion, Vaterland und Familie, ihre Glaubens- und Königstreue. Mit viel Aufwand von Arbeit, Zeit und Geduld sammelte Caballero Spanische Volkslieder und Volksreime und Spanische Volks- und Kindermärchen. Nach ihrem eigenen Urtheile finden sich in den seuten ziösen Liedern und Reimen des spanischen Volkes bewnnderungswerthe moralische und psychologische Gedanken, in den Liebesgedichten feinste poetische Empfindung, in den epigrammatischen Versen beißender Witz, in den heitern Anmuth und Laune und vor allem in den religiösen ein tiefes, zartes und aufrichtiges frommes Gefühl. Einige Beispiele aus dieser von dem seltenen Beobachtungstalente der Dichterin zeugenden Sammlung sollen als Beleg hiefür dienen. So drückt z. B. der Andalusier die alte Erfahrungsthatsache, daß sich in der Welt die Werthschätzung häufig nur nach dem Geldsacke bemißt, mit den Worten aus: „Als mein Beutel voll und schwer. Hieß ich stets von ll'owäs (d. i. Herr Thomas), Jetzo, da er dünn und leer Heiß ich ll'omäz uv was."") Unser bekanntes Sprichwort: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gibt der Spanier durch folgende Sentenz: „Niemand sag' Viktoria, Wenn er noch im Bügel stehet, Denn es hat sich selbst im Bügel Mancher noch den Fuß verdrehet." Sehr drastisch wird das Bestreben jener, die nur auf das Zusammenraffen irdischer Güter bedacht sind, gekennzeichnet: „Wer hier ewig nur erwirbt. Gleichet, Freund, dem fetten Schwein, Das für andere, wenn es stirbt. Erst beginnt, nützlich zu sein." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Die wöchentliche Commnnion. Ein Wort über den öfteren Empfang der heiligen Sakramente der Buße und des Altars von M a r. von Segur. Äutorisirte Uebersetzung. 3. Annage. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim, 1897. (63 S.) Preis geb. 20 Pf. Der innere Werth dieses weitverbreiteten Büchleins besteht in der klaren und eindringlichen Weise, womit der hochverdiente Verfasser den wöchentlichen würdigen Empfang der hl. Commnnion erklärt und anempfiehlt. Sowohl den Mitgliedern des geistlichen Standes als auch des Laienstandes wird der Gebrauch vielen Nutzen verschaffen. Ll. Wilhelm Hasans übertrug im Jahre 1861 die von Fernan Caballero gesammelten Originale spanischer Volkslieder und Volksreime in's Deutsche und ließ dieselben bei Schöningh in Paderborn 1862 erscheinen. Dieser Ueber- setznng sind obige Lieder entnommen. "y d. i. Thomas, du hast nichts mehr. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 72 . 18. Der. 1897. Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. ck. (Fortsetzung.) II. Ale Aestedeknug des Hfleus. Die größte Eroberung, welche von dem deutschen Wolke je gemocht wurde, war die des deutschen Ostens und Nordostens, die sich vollzogen hat ganz besonders im 13. Jahrhundert. Es ist die Großthat des deutschen Volkes im Miitelalter, vielleicht die ruhmreichste That der Deutschen überhaupt, in erster Linie eine That der Kirche und der Orden, ivie wir ja im Folgenden sehen werden. S. 86 — 87. Die reiche Literatur über diese Kolonisation ist von Michael mit solchem Geschick verwerthet, daß wir diesen II, Abschnitt, ohne Widerspruch fürchten zu dürfen, als den besten des Buches bezeichnen können. Schritt für Schritt begleiten wir den deutschen Ordcnsmann, Bauer und Ritters nach dem Osten, und da wir uns mit ihnen als unsern Volksgenossen eins fühlen, freuen wir uns der herrlichen Erfolge, welche vereinte deutsche Kraft für alle folgenden Jahrhunderte errungen hat. Möge dem Schreiber dieses hier der Ausdruck des Bedauerns gestattet sein, daß der schöne Bund der drei Culturarbeiter in der Kutte, im Kittel, -n der Bräune ein- für allemal zerrissen ist! Im Vordergrund der Kolonisation standen während des 12. Jahrhunderts die durch elementare Ereignisse und Nebervölkernng zur Auswanderung gezwungenen Niederländer, welche von den Herren östlich der Elbe gerne aufgenommen worden waren. Die Urkunde des Vertrages ist noch erhalten, den sechs Holländer aus der Diöcese Utrecht im Jahre 1106 mit Erzbischof Friedrich von Bremen abgeschlossen haben. Dieser Vertrag ist vielfach maßgebend geworden für die Festsetzung der Bedingungen, unter denen sich die späteren Siedler aus den Niederlanden und aus Deutschland im fernen Osten niedergelassen haben. Gegen einen mäßigen Zins von dem Vieh und den Früchten wurde ihnen eigene weltliche Gerichtsbarkeit gewährt unter Anerkennung der Obergerichtsbarkeit des Erzbischofes nnd unter Zuweisung von Zehnten an die Kirche. Die ihnen auferlegten Verbindlichkeiten müssen als sehr geringfügig gelten, die zugestandenen Freiheiten als überaus wcrthvoll. S. 87 — 89. Das Gebiet zwischen Elbe und Oder bis nach Meißen und Lausitz wurde in bunter Mischung von fleißigen Bauern aus den Niederlanden und aus Sachsen besetzt. S. 89. Die Kolonisation war allerdings zunächst das Verdienst derer, welche selbst das mühevolle Werk vollbracht haben, dann aber nicht minder jener Fürsten, welche die Besiedlung gefördert haben. Zu diesen gehören im 12. Jahrhundert die Erzbischöfe von Hamburg nnd Bremou, Friedrich, Adalbero, Hartwig I., Siegfried, Hartwig II. und der Erzbischof Wichmanu von Magdeburg. Unter den weltlichen Fürsten ragten hervor Heinrich der Löwe, Albrecht der Bar und Adolf II. von Schauenbnrg, Graf von Holstein. S. 89. Die Kolonisten fanden ihre Hauptstütze an den Prä- moustratenserklöstern, welche die Christianisirung der Weudenvölker bis zum Ende des 12. Jahrhunderts übernommen hatten. Noch zu Lebzeiten des hl. Stifters Norbert erfolgte die Gründung von Leitzlau und von Jerichow (1114),' die Domstiftcr zu Brandenburg und Havelberg waren mit Prämonstratenscrn besetzt. 1154 wurde das neugegründete Bisthnm Rntzeburg dem Prä- monstratenser Evermod übertragen; dem Bischöfe folgte eine Kolonie aus dem Muttcrkloster, das Domkapitel wurde von Männern desselben Ordens gebildet. In Pommern verdankte um das Jahr 1150 das Prämon- stratenserstift Grobe auf Usedom seine Entstehung dem Fürsten Ratibor. Der pommcrsche Fürst Casimir veranlaßte 1170 die Gründung von Brode, 1177 wurde das Kloster Velbnck gebaut, 1180 Gramzow gestiftet. S. 89-90. Die weitere Entwicklung der Christianisirung und Gcrmanisirung des slavischen Ostens knüpft sich an die Cisterzienser, die Träger der Kolonisation im 13. Jahrhundert. Dieser Orden war für die ihm zugefallene Mission wie geschaffen. Genügsam in ihren Ansprüchen und frei von Familicnbanden, wurden sie die berufenen Pioniere des Landescultur. Mit dem Jahre 1170 begann die Gründung der zahlreichen Cisterzienscrabtcicn im Wendenlande. Sümpfe nnd Wälder waren ihre Domänen. „Nach wenigen Menschenaffen! stand die einem Cisicrzicnserkloster geschenkte Wüstenei als ei» blühender Landstrich voll deutscher Dörfer da; ohne diese Klöster würde die Mark Brandenburg dem heutigen Ungarn gleich geblieben sein, wo deutsches Wesen nur in den Städten herrschend geworden ist." WaS sagt der aufgeklärte Berliner zu diesen Worten von Räumers? Seine Cultur soll im Cistcrzieiisergarten zu sprossen angefangen haben? Es ist hier nicht der Ort, den Einzug der christlich- deutschen Cultur in den Wcndcnlanden Mecklenburg S. 91 — 94, Pommern S. 94 — 97, Brmideuburg S. 97 — 98, Schlesien S. 98—106, Preußen S. 108 bis 126 in extonso zu schildern. Wir verweisen auf die meisterhafte Partie des Buches selbst.. Mit be- tvnndernswerther Sicherheit und Klarheit zeichnet M den Siegeszng von Christenthum und Dentschthnm nach dem heidnisch-wendischen Osten; höher schlägt dem heutigen Volksgenossen das Herz über Leistungen, deren Werth und Bedeutung erst den Epigonen zum rechten Bewußtsein gekommen ist, Leistungen, welche unsere eigene Liebe und Begeisterung für christlich-deutsches Wesen nähren und mehret,. Doch der Strom der Auswanderung ergoß sich auch, wenngleich in geringerer Stärke, nach Böhmen, Mähren, Polell, Ungarn und Siebenbürgen. Hier m»f dem Neulande des Ostens wiederholten sich alle Impulse des Mutterlandes rascher, hier griff man energischer zu, hier löste man die Fragen neuer gesellschaftlicher und politischer Bildung systematischer, hier lebte man anfangs llbraus- setziuigsloser in weitgehender socialer Gleichheit. Mit der raschen Entwicklung des Ostens hing es zusammen, daß durch das koloniale Deutschland die tonangebende Stellung des Westens eine gewaltige Einbuße erlitt. Freilich war die deutsche Einwanderung in die genannten Länder nicht dicht und nachhaltig genug. Aber deutsche Culffir war der Nährboden für die Völker, nnd wenn diese im Dränge politischer Leidenschaften und nationalen Chauvinismus das vergessen, so bleibt es nicht minder ivahr. Ganz Deutschland hat an der Wanderung nach dem Osten sich bethriligt. Indem der Einzelne zum erstenmale aus der Beschränkung des Stammes Hermisttat, kam zum er-stcn- 498 male auch die nationale Einheit znm Bewußtsein des Volkes. S. 126-128. Die bis ins 13. Jahrhundert fortdauernde Urbarung der Wälder in den deutschen Stammlanden, die Hufen- theilniig, die Einwanderung in die Städte und die schnelle Verbreitung der Deutschen in den damals gewonnenen östlichen Theilen des Reiches sind nur erklärlich aus dem raschen Wachsthum der Bevölkerung. Aber die Thatsache der großen Kolonisation wurde wesentlich bedingt dadurch, daß die Herrschaft des in engen Grenzen sich bewegenden Agrarsystems erschüttert war und daß eine neue Wirthschaftsform sich anbahnte, die Gcldwirthschaft. S. 128. III. Die Städte. 1. Entstehung der Städte. Geldwirthschaft. Die deutschen Städte sind beim Beginne des Mittelalters, auch noch nicht im 10. Jahrhundert, politische Verwaltnngskörper; sie bilden keine politische Unterabtheilung des Staats- und Verfassungslebens. Jede Stadt gehört noch zu einem größeren Verbände, zu einem Grafschafts- oder Territorialverband, der von einem Beamten des Königs, Landes- oder Grundherrn geleitet wird. Trotzdem hebt sich die Stadt aus dem umliegenden Landgebiet in mancher Beziehung stark hervor. Diese Beziehungen, wie überhaupt die Entwicklung der Städte, werden von Michael eingehend gewürdigt. In dem Streite der Gelehrten um die Entstehung der Stadt- verfassung nimmt er für keine der vielen Hypothesen Partei; denn dem Entstehen liegt nicht eine, sondern eine Reihe von Ursachen zu Grunde. Die eine ist hier, die andere da wirksam und formgchend gewesen. S. 133 bis 135, Anm. Darum haftet der Darstellung auch etwas Sprunghaftes an; es mangelt die organische Entwiälnng, wie sie zeitlich in die Erscheinung getreten ist. Doch ist das eine Folge davon, daß nicht ein Parteisiandpnnkt vertreten wird. Die Städte wurden von dem stachen Lande aus bevölkert. Gaben die Einwanderer auch vielfach die Be- wirihschastuug von weitcuilegenen Grundstücken auf, so wurde doch auch in den Städten viel Ackerbau getrieben; manche Städte besaßen sehr ausgedehnte Feldflnren. Insbesondere Gärten befanden sich in der Nähe und innerhalb der Mauern und des Walles, welche beide jedoch nicht nothwendig znm Wesen der Stadt gehörten. S. 129-130. Die Ausgangspunkte der meisten Städte sind in den königlichen Pfalzen, in den Sitzen der Fürsten, in den Höfen der geistlichen und weltlichen Grnndherren zu suchen, insbesondere in Bischofssitzen und Klöstern. Dadurch wurde der Ort nicht bloß für geistiges Leben ein Mittelpunkt, sondern auch für Gewerbe und Handel. Infolge des festen Sitzes der geistlichen Herren nahmen ihre Städte eine raschere Entwicklung als die königlichen. S. 130-131. Jede Stadt hatte einen Markt, auf dem die Erzeugnisse des städtischen Handwerkes und die Erträgnisse der Landwirthschaft zum Verkaufe standen. Eine Stadt ohne Markt war undenkbar, denkbar aber ein Markt ohne Stadtrccht. Das Marktrecht war in der Regel ein den veränderten Verhältnissen angepaßtes Landrecht, auf dessen Ausgestaltung das Verkehrsrccht größeren oder geringeren Einfluß ausgeübt hat. Der Stadtfricde war Königs- sricde, auch Gottesfricde, sein Symbol meist ein Kreuz, das Stadtkren-,. S. 131 — 132. Die Selbstständigkeu einer Stadt bestimmte sich nach den Befugnissen, welche der die Stadtgemeinde vertretende Bürgeransschuß, der Rath, entweder rechtlich besaß oder doch thatsächlich ausübte. Der von dem Stadtherrn bestellte Richter oder Vogt war nur dem Nanun nach das Oberhaupt. Der Rath brachte gewöhnlich die Gerichtsbarkeit an sich, ihm stand die Ausübung der erworbenen Hoheitsrcchte zu, die Verwaltung der Finanzen und des städtischen Grundbesitzes — er war kommunales Verwaltungsorgan. In Handelsstädten hatte er, zumeist aus Kaufleuten bestehend, aristokratisches Gepräge, an gewerblichen Orten eigneten sich die Innungen die Stadt- regierung an, herrschte die Demokratie. Eine gemischte Stadtverfassung bildete sich dort aus, wo die Zünfte dem aristokratischen Rath das Gleichgewicht hielten. Die Beseitigung einer alten Negicrungsform und die Einführung einer neuen war oft mit schweren Verwicklungen und heißen Kämpfen verbunden. S. 133 — 135. Die deutschen Städte haben Dank den Fortschritten der Volkswirthschaft im 13. Jahrhundert ihre Vorblüthe erreicht, aber noch nicht ihre „Blüthe", wie Michael will. Die Existenz des städtischen Marktes hat den endlichen Sieg der Geldwirthschaft über die bisher vorherrschende Natnralwirthschaft entschieden. Deuten auch die Ablösungen der Hörigkeitsabgaben durch Geld im 10. Jahrhundert auf die ersten Anfänge der Geldwirthschaft hin, so haben diese Spuren der neuen Wirthschaftsordnung nur sehr allmählich und durch die Vermittlung von langwierigen -Entwicklungsstadicn um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts sich Bahn gebrochen. S. 136. Meisterhaft inhaltlich wie formell faßt der Verfasser zusammen: „Es war im Anschluß an die großartigen Erfolge, welche die Arbeit des Landmannes begleiteten, auf dem gesummten wirthschaftlichen Gebiete ein Umschwung der Dinge eingetreten, wie er bisher in der Geschichte des deutschen Volkes unerhört gewesen, ein Umschwung, der nicht bloß dem Jahrhundert, in welchem er sich vollzog, sein Gepräge verliehen hat, sondern der dem Leben der Nation auf weit hinaus eine bestimmende Richtung geben mußte." Die Wirkungen des Ucbergangcs von der Natnralwirthschaft znr Geldwirthschaft, von der hofrechtlichcn Verfassung zum Städtewcscn, können nicht sticht überschätzt werden. Die reine Natnralwirthschaft ist geschlossene Hans- und Hofwirthschaft, ist Eigenwirthschaft. Gütertausch war hier eine Ausnahme. Mit der durch die Städte aufkommenden Gcldwirthschaft trat Arbeits- thcilung und damit grundsätzliche Scheidung der Berufe ein. So entstand der Beruf der Handwerker, der Kaufleute, der freien Taglöhner. Damit war die Möglichkeit größerer Vervollkommnung der einzelnen Zweige, die Steigerung der Ansprüche und die Befriedigung höherer Forderungen gegeben. Die Verkchrsform zwischen Stadt und Land wurde das Marktwesen und der Preismaßstab das Geld, welches die Kapitalbildnng ermöglichte. S. 136-137. Durch die Gcldwirthschaft sind auch andere Formen menschlichen Strebens, und menschlicher Thätigkeit ins Leben getreten. Bis zum 13. Jahrhundert sind der Klerus und im besondern die Klöster ausschließlich die Träger der Wissenschaft und der Kunst, die Stätten jeder höheren Cultur gewesen. Der Grund dieser Erscheinung lag in den wirthschaftlichen Vorbedingungen. Ein auf erhabene Ziele gerichteter Geist muß den Sorgen des Alltaglebens entrückt sein. Laienbildung war also erst denkbar, als der Einzelne durch die Geldwirthschaft ein sorgenloses Dasein bekam und seine Zeit edleren Bestrebungen widmen konnte. S. 138. Die Stellung der bisher wirksamen wirtschaftlichen Faktoren, des Grundbesitzers und des Arbeiters, verschob sich; verbesserte sich einerseits, verschlechterte sich anderseits für den Arbeiter, der seine sichere Stütze verloren hatte. Erfreute sich dieser durch seine Entlassung aus dem gntsherrlichen Verhältniß jetzt auch größerer Freiheit, so wurde er auch der genossenen Vortheile beraubt, da sein Interesse mit dem eines andern innig verknüpft war. — Die Üeberlegenheit des Reichthums druckte auf die minder begabten Coucurrenten, die trotz aller Anstrengung nicht mehr emporkommen konnten. Erst mit der Herrschaft der Geldwirthschaft ist enormer Reichthum auf der einen Seite, Massenelend und Neberhandnehmen des Proletariates auf der andern möglich geworden. S. 138-139. Die üblen Folgen der an sich vollkommen berechtigten Geldwirthschaft sind von den Dichtern und Predigern des 13. Jahrhunderts mit lebendigen Farben geschildert worden, so von dem Dichter des Freidank, von Walther von der Vogelweidc, von einem unbekannten Dichter des Stiftes Benediktbcnern, besonders aber von Berthold von Rcgens- burg. Dieser letztere war unermüdlich in seinem Eifer gegen die Schäden der Geldwirthschaft. Es nimmt den Anschein, als habe der von Liebe zu den Seelen glühende Bnßprediger alle seine Kraft aufgeboten, um das noch junge Unkraut in der Wurzel zu treffen, mit Stumpf und Stiel auszurotten und so größerem Unheil vorzubeugen. S. 139—144. Gegen die Schäden der Geldwirthschaft wurde ein wirksames Heilmittel gerade in jener Einrichtung gegeben, durch welche dieselbe wesentlich gefördert wurde. Es war das Zunftwesen. 2. Die Zünfte. Ein altdeutsches Sprichwort lautet: „Niemandes Herr und niemandes Knecht, das ist des Bürgerstandcs Recht." Das war das Ideal des mittelalterlichen Genossenschafts- oder Zunftwesens. S. 144. Das bisher durch gntsherrliche Abhängigkeit gebundene und eben erst in den Städten frei gewordene Handwerk empfand das Bedürfniß einer Sicherstellnng für die errungene Freiheit. Es wurde befriedigt durch das Einignngsprincip. In ganz Deutschland traten unter mannigfachen örtlichen Verschiedenheiten Zünfte ins Leben. Ursprünglich vielfach bloß kirchliche Vereine, bildeten sie sich zu gewerblichen Vereinen um, ohne den kirchlichen Charakter je zu verlieren. Die weitaus meisten wurden von vorneherein zu gewerblichen Zwecken begründet. Das beweist vor allem der Zunftzwang, der keineswegs als lähmende Fessel empfunden wurde; darnach mußten alle Gewerbetreibenden dem entsprechenden Verbände des Ortes beitreten, wodurch das freie Handwerk lebensfähig und kräftig wurde. Er ging aus von den Stadtherren, die anfänglich den Zünften gegenüber bedeutende Rechte hatten. Mit der wachsenden Freiheit des Handwerkes wurde er durch einen von den Genossen gewählten Zunftmeister geübt. Das Aequivalent des Beitrittes war für des „Handwerks rechten Genossen" das durch die Zunft gewährleistete Recht auf Arbeit. Durch den Zunftzwang war offenbar auch bedingt das Baunrecht, d. h. innerhalb eines gewissen Unikreises eines Marktes durfte kein Gewerbetreibender sich niederlassen und, seine Waare» unabhängig von der Zunft in der Stadt absetzen. S. 145-148. Aus dem 12. Jahrhundert sind nur 5 Handwerke» znnftbriefe erhalten, im 13. Jahrhundert ist ihre Zahl Legion. Am frühesten vereinigten sich naturgemäß jene Handwerke, welche den Bedürfnissen des täglichen Lebens zunächst entsprachen. Mit der Entfaltung eines Hand> Werkes gingen aus einer ursprünglich einzigen Zunft oft mehrere hervor. Die Münchener Weberzunft spaltete sich in Leinen- und Lodeuweber, Tuch- und Zeugmachcr. Tuchschcerer, Strumpfwirker und -stricker. S. 148 — 149 Das Bedürfniß des Zusammenschlusses vereinigte dir Genossenschaften auch örtlich, indem in den mittelalter- lichen Städten die Straßen vielfach nach den Gewerbs> leuten benannt wurden, welche in ihnen wohnten. S. 149-150. Das Zunftrecht war erblich; auch Frauen hatten Zutritt. S. 149. Nachdem die Zünfte im 13. Jahrhundert als gewerbliche Genossenschaften sich Geltung verschafft hatten, erlangten sie im 14. auch politische Bedeutung, indem sie mit den Geschlechtern oder gegen die Geschlechter zu den ersten städtischen Verwaltungsämtern gelangten. Auch die militärischen Verpflichtungen und die gesellige Unterhaltung spielten jetzt noch eine untergeordnete Rolle. S. 150. Weit stärker trat der religiöse Charakter der Zünfte hervor. Die Religion und ihre Uebung verband die Zuuftgenossen in Lieb und Leid. Die Zunft war eine große Familie, welche vom Geiste des Glaubens durchweht war. Sie bildeten zugleich immer fromme Bruderschaften oder waren solchen eingegliedert, sie hatten Heilige zu Schutzpatronen, hatten gemeinsame Gottesdienste, auch für die Verstorbenen. Die Pflicht der Sonntagsheilignng ward strenge eingeschärft und ihre Verletzung durch Geldbußen geahndet. Große Opfer- willigkeit bekundete sich unglücklichen Genossen gegenüber. Scharf wachte die Zunft üoer die Sittlichkeit der Mitglieder, noch schärfer aber über die gewissenhafteste Ehrlichkeit des Handwerkes; diese Vorschriften waren unerbittlich, die Strafen empfindlich, was der Verfasser mit vielen Beispielen belegt. Speziell „mit dem Weiufälschen nahm man es fast so ernst wie mit einem Attentat auf die jungfräuliche Ehre oder mit einerDiajcstätsbeleidigung". „Falsches Werk", d. h. schlechte, vorschriftswidrige Arbeit, war ausgeschlossen. S. 150—153. Diese Satzungen gingen anfangs wohl von der Stadtobrigkeit aus, ebenso die Bestimmung des Preises für die Waaren der Handwerker. Allein schon im 13. Jahrhundert wurde die Preisregulirnug von den Gewerbetreibenden selbst versucht. S. 154. Man unterließ auch nicht, die Höflichkeit im Ver- kehrslcben zu empfehlen. Ein Radikalmittel gegen die Urwüchsigkeit der Fischweiber war das Verbot des Fischhandels für Frauen in Notheuburg und Augsburg. S. 155. — Die Strafen bestanden meist in Geldbußen, selten in körperlicher Züchtigung und entehrender Schaustellung. Die härteste Strafe war Ausschluß aus der Zunft und traf denjenigen, dessen „Bosheit sich bewährt hatte". Die Zünfte sollten rein sein, als wären sie, wie das Sprichwort sagt, von den Tauben zusammengelesen worden. S. 155 — 156. Die Ueberwachung des Gewerbes und die Ermittlung von Zuwiderhandelnden war Ausgabe derer, welche von der Stadtobrigkeit, später von den Zünften selbst dazu erwählt wurden. Diese Vertrauensmänner hießen Meister. S. 166. 500 ES beruhte also im Mittelalter wie der landwirth- schaftliche Betrieb, so auch der gewerbliche auf der Vereinigung von Kapital und Arbeit. Die Arbeitskraft war noch nicht gezwungen, sich gegen die Abschlagszahlung eines Lohnes an das Kapital zu verkaufen. Wer durch unlautere Mittel sich bereichern wollte, den schloß die christliche Gesellschaft aus ihrer Mitte aus. S. 157. Zur Zunft wurden außer den Familienangehörigen auch die Gesellen und Lehrlinge gerechnet. Eine Scheidung zwischen Geselle und Lehrling ist selten möglich vor 1300. Man verstand darunter die jungen Leute, welche sich befähigen sollten, ihr Gewerbe meistens selbstständig auszuüben. Der Meister hatte die Pflicht, für tüchtige Schulung seiner Pfleglinge zu sorgen, vor allem aber ihre sittliche Führung zu überwachen. Mit dem Verfasser dürfen wir das vorgeführte Verhältniß als ein patriarchalisches bezeichnen; aber in der Praxis ist es auch hier nichts damit, sowenig wie mit dem „wahrhaft patriarchalischen Gepräge" der Hofgenossenschaft. S. 53, 157—158. Die Länge der Lehrlingszeit hing von der Vereinbarung ab. Nachdrücklich verboten ist die eigenmächtige Lösung des Vertrages. Von einem Meisterstück der Gesellen ist in den Urkunden des 13. Jahrhunderts noch nichts zu finden. S. 158 — 159. Die Zünfte boten im 13. Jahrhundert das Schauspiel edlen Ringens. Ihr größtes Verdienst war die Heranbildung eines kräftigen Bürgerthums. Der Corps- geist des deutschen JnnungSwescns fand Nahrung darin, daß die gleichartigen Zünfte verschiedener Städte des In- und Auslandes stets eine gewisse Verbindung miteinander unterhielten. Auf der wirthschaftlichen und socialen Grundlage des Zunftwesens hat das Mittelalter eine in ihrer Art vollendete Organisation der Arbeit und der politischen Gemeinschaft aufgebaut. Dieser Zustand trat indessen erst ein, als durch den Aufschwung des Handwerkes das bewegliche Kapital in gewerblicher Hinsicht dem Grund und Boden gleichgestellt war, und als die politische Gleichstellung der Patrizier mit den Handwerkern der wirthschaftlichen folgen mußte. Der Ausdruck dieser inneren Nothwendigkeit waren die Zunft- unruhen, welche fast überall zu Anfang des 14. Jahrhunderts ausbrachen und einen natürlichen Abschluß in der Entwicklung der deutschen Städte herbeigeführt haben. Von nun an hörten die Patrizier auf, allein Bürger zu sein. Es erwuchs ein neuer Bürgerstand, der sich aus den Geschlechtern, den Gewerbetreibenden und den Handelsleuten zusammensetzte. S. 159—162 (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts. (Schluß.) Zahlreiche spanische Volkslieder finden wir in der Fernan Caballcro'sch cn Sammlung der irdi schcn Liebe gewidmet, doch ist in keinem derselben die Liebe zu einem Menschen über die Liebe zu Gott gestellt. Im Gegentheil, die Seele gehört immer Gott zuerst, und es wird als Sünde betrachtet, jemanden mehr als die Jungfrau vorn Berge Karmcl zu lieben. Ja, diese wird geradezu um ihre Hilfe beim Gesang der Liebeskinder angerufen: ..Gib mir, Mutter von dem Karmel, Anmuth, Witz und Feine, Denn das Singen fordert deren. Und ich habe keine." ?') Ohne jegliche böse Absicht mischt das spanische Volk selbst die Namen der allcrheiligsten Dreifaltigkeit in derartige Reime. So beginnt z. B. in der durch Fernan Caballero bethätigten Sammlung von Ständchen gleich das erste Lied mit den Worten: „In dem Namen unseres Gottes Und des heiligen Geistes bringe Ich das erste Lied dir dar. Das an deiner Thür ich singe." Von den religiösen Liedern ihres Volkes, welche uns Fernan Caballero gesammelt hat, beziehen sich weitaus die meisten auf die allerseligste Jungfrau Maria; denn es ist eine allgemein bekannte Sache, mit welcher Verehrung und Liebe der Spanier der Gottesmuttter zugethan ist; besonders gilt dies vom Geheimnisse der „Unbefleckten Empfängniß": „An der Schwalbe, sagen sie. Ist die Brust von weißer Art; Und ich sage, daß Maria Ohne Sünde empfangen ward." Gar lieblich und kindlich sind ferner die Weihnachtslieder, bei deren Lesung ich mich unwillkürlich der nenpro- ven^alischen Wcihnachtslieder des südfranzösischen Pfarrers Lambcrt") erinnerte. Man kommt da wirklich in Verlegenheit, welches man aus denselben zur Probe herausgreifen soll. Ich wähle nachstehendes, das mich besonders anmuthet, aus: „Eine Pandereta (— Tambourin) klinget. Weiß doch nicht, wohin sie gehet; Gehet sie nach Bethlehem, Bis sie vor der Thür dort stehet. Bei dem Sang des Instrumentes Tritt St. Joseph in die Thür: Wecket doch nicht meinen Knaben, Denn er schläft ein wenig hier. Eingesungen hält im Arme Ihn die Mutter hold und rein: Sang so süße, daß selbst ruhig Gott dabei konnt' schlafen ein." Mit sehr großem Interesse wird vor allem der Deutsche die spanischen Volks- und Kindermärchen unserer Dichterin lesen; denn in denselben weht unverkennbar deutsche Geistes- und Gemüthsart. Man kann dieselben füglich in drei Klassen eintheilen:^) erstens in Erzählungen von religiösem Inhalte mit besonderer moralischer Tendenz, in Spanien Ejemplos genannt, wie z. B.: „Wenn es Gott gefällt", „Das Vertrauen zu den Heiligen"; zweitens Kindermärchen, z. B. „Frau Fortuna und Herr Geld", und drittens eigentliche Vvlks- crzählungen im engeren Sinne, z. B. „Die Ritter vom Fisch". Was einstens die Gebrüder Grimm bei Herausgabe ihrer Sammlung deutscher Haus- und Kindermärchen sagten, die Poesie derselben sei so schön, daß man ihr wider Willen zugethan sein müsse, und ihr poetischer Inhalt bedürfe keiner Vertheidigung, darf wohl auch hier gesagt werden. Fernan Caballero hat sich ") Fernan Caballero, die gründliche Kennerin des andalnsischen Volksgeistes, versichert ausdrücklich, daß beim Singen dieser und ähnlicher Lieder von ihren Landsleuten keine Jrreverenz gegen Heiliges beabsichtigt sei. ") „Bethlehem." Aus den neuprovenoalischen Weih- uachtsliedern des Pfarrers Lambert. Ausgewählt und frei übertragen von W. Kreiten, 8. 1. Freiburg, Herder, 1882. '') Hosäns, t. o. S. 138. 501 durch deren Aufzeichnung unstreitig ein großes Verdienst erworben, zumal da sie hiebet ebensoviel poetischen Geschmack als geschichtlichen Sinn an den Tag gelegt hat. Von den Lebensschicksalen Fernan Caballcro's wäre noch nachzutragen: Nach dem Tode ihres dritten Gemahls, des Advokaten Antonio de Arrom, der 1863 durch Selbstmord endete, veränderten sich ihre materiellen Verhältnisse gar sehr zu ihren Ungunsten. Zum Glück wurde ihr die Erziehung der königlichen Kinder übertragen, jedoch wegen Krankheit mußte sie diesen Posten bald wieder aufgeben; doch verblieb ihr bis zu ihrem Lebensende eine freie Wohnung im AlcLznr in Sevilla zugewiesen. Bald hier, bald in Pucrto de Santa Maria bei Cadiz in stiller Zurückgezogenheit lebend, widmete sich unsere Dichterin bis zu ihrem am 7. April 1877 zu Sevilla erfolgten Tode der Schriftstcllerei. Ihr Andenken wird bei allen, die den hohen Werth der guten, christlichen Literatur zu schätzen wissen, ein gesegnetes bleiben, und es wäre nur zu wünschen, daß auch in Deutschland ihre Werke immer mehr bekannt würden. Wer die spanische Sprache lernt oder nach Spanien reisen will, dem ist vor allem die Lektüre sämmtlicher Schriften unserer großen spanischen Dichterin Feruan Caballero würmstens zu empfehlen; doch auch diejenigen, welche der wohlklingenden spanischen Sprache nicht mächtig sind, werden in der Lektüre ihrer Werke, soweit dieselben bereits ins Deutsche übersetzt sind, den herrlichsten geistigen Genuß finden. Nimm einmal und lies die Schriften Fernan Caballcro's, und du wirst dich, freundlicher Leser, von der Wahrheit des Gesagten überzeugen! Forschungen zur bayerischen Geschichte. -n. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Natzinger*) eine Reihe von Untersuchungen hauptsächlich über die mittelalterliche Geschichte Bayerns. Die erste Hälfte des Werkes bildet die Geschichte des Passaucr Dekans Albert Böheim, des seit Aventins parteiischer Darstellung so berüchtigten päpstlichen Legaten und Gegners Friedrichs II. Natzinger bietet hier mit Heranziehung des gesammteu einschlägigen Quellenmaterials und unter Darlegung der damaligen Zeitvcrhältuisse ein anschauliches Bild von dem Leben und Wirken jenes Mannes, dessen Verwandtschaft mit deni bayerischen Hcrzogshaus (Albert war wahrscheinlich Taufpathe Herzog Ötto's II.) im Nachtrag, S. 628 ff., eine eigene Erörterung gewidmet ist. — Die zweite Hälfte des Werkes enthält 14 gesammelte Abhandlungen. Die erste derselben betrifft das alte römische Bisthum Lorch (staariaaum), dessen Zusammenhang mit dem späteren Bisthum Passau der Verfasser nachzuweisen sucht. Die in Passau verfertigten falschen Papstbullen, die den Nachweis erbringen sollten, daß Lorch und ebenso Passau in den ersten Zeiten ein Erzbisthum gewesen, werden zum größten Theil mit dem Projekt der Errichtung eines Bisthums Wien unter dem Passauer Bischof Wolfger (1191 — 1204) in Verbindung gebracht. Mit diesem Projekt beschäftigt sich die nächste Abhandlung eingehender. Die Errichtung eines Wiener Bisthums wurde besonders von den Babenbcrger Herzogen Leopold dem Glorreichen c. 1208 und Friedrich II. c. 1244 eifrig betrieben, doch ohne Erfolg. Das Bisthum wurde bekanntlich erst 1468 gegründet. Die nächstfolgenden Abhandlungen beziehen sich haupt- "1 Forschungen zur bayerischen Geschichte von Dr. G. Natzinger. Kcmpten, Jos. Kösel. 1898. VIII n. 653 S. sächlich auf die ältere Kircheugcschichte Bayerns, die ja wegen Mangels an genügenden Quellen noch sehr im Dunkel liegt. Bietet der erste dieser Aufsätze über die „älteste Reliquienverehruug in Bayern" schon manches Interessante, so ist besonders der folgende: Zur älteren Kirchengerichte Bayerns beachtenswert!). Auf Grund der vor 15 Jahren veröffentlichten Grazer vita 8. Ruperti weist der Verfasser nach, daß Rupert nicht als Apostel der Bayern, die schon im 6. Jahrhundert bekehrt wurden, sondern als Klostergründer zu betrachten ist. Ferner wird hier die Bedeutung des hl. Valentin gewürdigt, der nicht bloß ein Tiroler „Lokalheiliger" sei, wie die moderne Kritik will, sondern seine Wirksamkeit im 5. Jahrhundert auf ganz Rätien erstreckte. — Nach einer Geschichte der Marienfcste in Bayern, worin die Einführung und Feier der einzelnen Feste besprochen wird, folgen zwei Abhandlungen, die über noch wenig erforschte Partien der bayerischen Kirchengeschichte unter den Agilolfiugcrn Licht verbreiten: Quirinus und Arsacius, die Schutzpatrone von Te- gernsee und Jlmünster, und der bayerische Kirchen- streit unter dem letzten Agilolfinger. Erstere Abhandlung verbreitet sich über die Translation jener Heiligen aus Rom sowie über die Grüudungsgeschichte der beiden Klöster im 8. Jahrhundert durch die Huosier, die muthmaßlichen Vorfahren der Schyreu-Wittelsbacher. Der andere Aufsatz beleuchtet den Streit zwischen dem germanischen Eigenkircheusystem und der römisch-kanon- istischen Auffassung von der Verwaltung des gestimmten Kirchenvermögeus durch den Bischof, den Streit zwischen den bayerischen Klöstern und fränkischen Bischöfen. Der Umstand, daß in diesem Streit Herzog Tassilo mehr auf Seite der Klöster stand, während Karl der Große die Partei der Bischöfe ergriff, habe wesentlich zum Sturze des letzten Agilolfingers beigetragen. Die folgende Erörterung handelt über die sociale Bedeutung des hl. Frauziskus, dessen Orden die Vermittlerrolle zwischen Luxus und Elend zu übernehmen bestimmt war. In Verbindung mit diesem Aufsatz steht der nächste über die Anfänge der Bettelorden in der Diöcese Pas sau im 13. Jahrhundert. Auf Grund der Werke Nidharts von Rcueuthal, Wernhers des Gärtners u. a. entwirft Natzinger sodann eine Schilderung über bäuerliches Leben im 13. Jahrhundert. — Ein bayerisch-mailändischer Briefwechsel aus dem 12. Jahrhundert, zwischen dem Biographen Gregors VII., Paul von Vermied, nebst seinem Schüler Gebhard, den Gründern von St. Mang in Stadtamhof» und dem Schatzmeister des Mailänder Damkapitels, Martin, ist nicht nur in theologischer, sondern auch in culturgeschichtlicher Hinsicht merkwürdig. Er gibt Aufschlüsse über die Thätigkeit lomb (irdischer Bauinnungcn in Bayern, besonders über die der Bauarbeiter von Como. Man ließ in Bayern im Mittel- alter für Steinbauten meist italienische Baumeister kommen; daher die vielen Nachahmungen italienischer Kirchen bei uns. Die vorletzte Abhandlung beschäftigt sich mit der Würde des Diakonats in der altchristlicheu Kirche und bekämpft besonders die Auffassung, daß unter den im ersten Briefe an Timotheus (3, 11) erwähnten Diakonissen Frauen der Diakonen zu verstehen seien; es seien dies vielmehr weibliche Diakonen, Jungfrauen oder Wittwen. Daran schließt sich eine Erörterung über städtische Gemeiudearmenpflege im Mittelalter; Per« 502 fasser weist die protestantische Ansicht zurück, die eine geordnete Armenpflege als Verdienst Luthers und der Reformation hinzustellen beliebt. Es gab Armen- und Almosenordunngcn schon lange vor Luther. — Den Schluß bildet eine Erörterung über das Projekt eines Münchener Bisthums, das zuerst 1579 unter Herzog Wilhelm V. ins Auge gefaßt, von den Kurfürsten Ferdinand Maria 1678, Max Emanuel 1696 wieder aufgenommen wurde, aber nicht zur Ausführung kam. So bietet das Werk genug des Interessanten und Anregenden, nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden Gebildeten, und wird jedem Freunde der bayerischen Geschichte willkommen sein. vr. xkil. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fortschrittsprincip". " Unlängst fiel uns ein Flugblatt „des (jüdisch-frei- maurcrischcn — s. „A- Postztg." 1897 Nr. 131 —) Verlages der Handclsdruckerei in Bamberg" in die Hände, in welchem in großsprecherischer Weise die oben angeführte Broschüre dem Lesepublikmn empfohlen und namentlich auf die 2. Auflage derselben aufmerksam gemacht wird, „die wegen der Behandlung verschiedener, die Frauenwelt angehender hochwichtiger Fragen auch diese mit Interesse lesen wird". Zum Schlüsse heißt es: „Diese Broschüre wird in der bevorstehenden Wintersaison wegen ihres außerordentlich gediegenen wie sachlich gehaltenen Inhalts und ihrer hervorragend vornehmen, ruhigen Diction zweifellos in allen Gesellschaftskreisen den Mittelpunkt der Konversation bilden." Kann man in der Anpreisung einer simplen Broschüre noch mehr leisten ? Referenzen stehen der Broschüre zur Seite von den „Münchener Neuesten Nachrichten", vom „Das Menfchenthum", „Der Freidenker", „Volks-Frühling" u. a. geistesverwandten Zeitungen, in welchen die deutsche Sprache zu einer grotesken Lobhudelei mißbraucht wird. Durch all' das auf's höchste neugierig gemacht, wollten auch wir die Frucht der „gereiften Wißcnschaft" des Hrn. Wahrendorp, leine Schrift, „welche vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dem Würzburger Theologen (Dr. Schell) entgegentritt" und keineswegs ein Zeugniß für die eigene „geistige Jnfcriorität" des Verfassers ist, wohl aber die „vieler katholischer Theologen" brandmarkt, kennen lernen. Die hochwichtigen, die Frauenwelt interessircnden Fragen konnten wir missen, darum genügte uns auch die 1. Auflage dieser „lehrreichen" Broschüre, um in ruhiger, vornrtheilsloser Lcctüre uns ein Urtheil zu bilden über „die rein sachliche und vornehme Ausführung, womit der Verfasser mit „„Virtuosität"" die Unrichtigkeit und Un- haltbarkcit der Schell'schen These nachweist". Wer ist nun Herr Wahrendorp? Wenn es wahr ist, daß er dem auScrwählten Gottesvolke angehört, dann ist er allerdings berufen, berechtigt und überaus geeignet, über katholische Dinge mit einzigartigem Verständnisse und genauester Sachkenntniß abzusprechen und der katholischen Kirche den Text zu lesen und auch „die orthodoxprotestantische Theologie nicht zu schonen". Doch, besehen wir- uns sein Machwerk etwas genauer, so finden wir, daß es von Entstellungen und Unrichtigkeiten strotzt, an denen der Verfasser trotz aller Richtigstellung in öffentlichen Blättern hartnäckig festhält. Die Broschüre ist von einem vollständig religionslosen Standpunkte aus geschrieben; die Anschauungen und Gesinnungen des Verfassers sind wohl schon damit genugsam gekennzeichnet, daß er nur erborgte Brocken aus Heigl, Nivpold, Dnller, Droper< Noack, Scholl, Scherr u. ähnl. bietet. Rein formalistisch angesehen, ist sie ein kunterbuntes Sammelsurium ohne jegliche Ein- und Abtheilung und logische Ordnung. Was den Inhalt anlangt, so stößt man in ihr auf Behauptungen, die entweder von der pyramidalen Unwissenheit des Verfassers auf religiösem und historischem Gebiete ein glänzendes Zeugniß ablegen, oder die rohe Ausgeburt eines von infernalem Hasse gegen alles Katholische erfüllten Herzens sind. So heißt es (Seite 9), daß der Papst au jedem Charfrcitag öffentlich und feierlich alle Ketzer .... verfluche: (S. 12) daß der römische Katholicismus in Wirklichkeit alle Nichtrömischkatholischen für verloren halte. Der Katholicismus kaun dem Fortschritte nicht dienen und die Cultur nicht fördern; die Wege der Cultur und der Religion kreuzen sich (S. 17 f.); alle Religionen sind bildungsfeindlich (Seite 19)-, Religion und Wissenschaft, Glaube und Wissen haben sich noch nie anders, als wie Feuer und Wasser vertragen (S. 33 f.). So lange es Menschen gibt, waren Religionen stets das größte und stärkste Hinderniß jeglichen Fortschrittes (S. 53). Daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der göttlichen Offenbarung und den sicheren Ergebnissen menschlichen Wissens, zwischen Katholicismus und Wissenschaft in unsern Tagen lein Widerspruch besteht, daß, wo der Glaube herrscht, auch das Wissen gedeihen kaun, das beweisen uns doch die Schriften so vieler katholischer, glanbenstreucr Gelehrten der Jetztzeit, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens verbreiten. Von solchen Schriften und Männern wird allerdings -iöerr Wahrendorp keine Kenntniß haben, daher existiren sie für ihn auch nicht, wohl aber „die Bildungsfeindlichkeit der katholischen Kirche". Daß die katholische Kirche im Lause der Jahrhunderte mächtige Bausteine zum Ausbau wahrer Wissenschaft und Cultur geliefert hat, das erzählen uns die Blätter der Geschichte, das verkünden uns die großen christlichen Denkmäler vergangener Zeiten. Was hat nur der eine Benedictiner-Orden für Bildung und Gesittung, für Kunst und Handwerk, für Erziehung, Unterricht und Wissenschaft gethan? Was haben Jahrhunderte lang die zahlreichen Benedictiner - Schulen geleistet? Durch sie, sowie durch die wissenschaftliche Thätigkeit dieser eifrigen Mönche wurde in den schrecklichen Jahrhunderten, die auf die Stürme der Völkerwanderung folgten, die Fackel der Wissenschaft vor dem Erlöschen bewahrt und die Tradition der wissenschaftlichen Cultur aus dein Alterthum in die späteren Zeiten hiuübergercttet. Wenn die Renaissance sich berauschte vom Glänze der antiken Wissenschaften und in dem Genusse der römisch-griechischen Redner und Dichter schwelgte, so verdankte sie diese Schätze allein der mühevollen und emsigen Arbeit der Mönche, welche die klassischen Schriftsteller des Alterthums für ihr eigenes Studium sowohl als auch für ihre Schulen brauchten und deßhalb durch unermüdliches Abschreiben vervielfältigten. Das alles scheint der „wohlunterrichtete" Herr Wahrendorp, der stolz und verächtlich auf die Kirche des Mittelalters herab- blickt, nicht zu wissen. Daher möchten wir ihm zur Ergänzung seines lückenhaften Wissens das Studium nachstehender Werke auf's angelegentlichste empfehlen: M. Ziegelbauer, Uistoria rsi Utsrarias orclinio 8. Usns- ckioti. HwK. Vinci, st Hsrbixol. 1784. Mabillon, Os stnäiis mcmastiois. Unris 1609. Hurter, Papst Jnno- cenz 111. Band 4. Seite 97 sf. Monta lembert. Die Mönche des Abendlandes. Deutsch von K. Brandes Regensburg 1860. Oder haben sich seine „Wahrheitsliebe" und sein „Gerechtigkeitssinn" gegen ein der Wahrheit entsprechendes Zeugniß gesträubt? Hat er vielleicht ein besonderes Interesse daran, all' dieses abzuleugnen? Er weiß ja doch, was Goethe sagt: „Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe." Trotz seiner „tiefgehenden" kulturgeschichtlichen Studien scheint ihm weikers die allbekannte Thatsache entgangen zu sein, daß aus und neben den Klosterfchulen im katholischen Mittelalter unter der Aufsicht der Kirche, mit ausdrücklicher Bestätigung der Päpste, mit materieller und geistiger Unterstützung der Bischöfe und des Klerus Wapst Urban V. unterhielt tausend Studirende zu gleicher eit auf den verschiedenen Universitäten) sich die großen ^ochschulen als die Hochburgen und Centren der Gelehrsamkeit entwickelt haben, um welche sich zahlreiche Jünglinge fchaarten, um das Gold der Wissenschaft, welches die geistige Kraft christlicher Denker zu Tage gefördert, in Empfang zu nehmen, und daß daselbst die großen Geistesherocn des Mittclalters jene Lehrgebäude schufen, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Doms mit ihren reichen Kunstschätzen, die sie bergen. (Vgl. Die Geschichte der deutschen Universitäten von Georg Kaufmann. I. u. II. Band. Stuttgart. Cotta. 1888. 1896. Deuiflc, Die Universitäten des Mittelalters bis 1400. Berlin 1885.) „Es ist eine unbestreitbare Thatsache — schreibt der - Protestant Gnizot im Hinblick auf diese Zeit —. Europas 503 ganze intellektuelle und moralische Entwicklung ruht wesentlich auf seiner Theologie, welche die Geister beherrscht und leitet. — — Dieser Einfluß war höchst segensreich, denn er hat nicht nur die geistige Bewegung in Europa genährt und befruchtet, es war vielmehr eben dadurch ein System gegeben, das unendlich höher stand als alles, was die alte Welt gekannt hatte." Fürwahr, vom Lichte, welches die unsterblichen Sonnen des Mittelalters, ein Albertus d. Gr., ein Thomas von Aquin, ein Alexander v. Hales u. a.. ausgestrahlt, ist Hr. Dr. Wahrendorp sicherlich noch nie beschienen worden; man merkt es feiner Wissenschaft an. Herr Wahrendorp kann sich auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Jesuiten einen — Fußtritt zu versetzen, ja deren Vernichtung als die wichtigste Cultur- aufgabe aller europäischen Staaten „mit aller Wärme" zu vroclamiren (S- 40, 42 ff.). Daß hier fanatische Gehässigkeit den Stift geführt, springt in die Augen. Er wärmt den alten Kohl „vom Zwecke, der die Mittel heiligt", wieder auf; er erlaubt sich diese „wissenschaftliche" Verleumdung, ohne nur im geringsten einen Beweis für seine Behauptung zu versuchen, und doch hätte er sogar dabei ein kleines Profitchen machen und die 1000 Gulden verdienen können, die einstens L. Roh auf der Kanzel zu Frankfurt demjenigen geboten hat. welcher diesen Satz als in Jesuitenschriften enthalten und von Jesuiten vertreten nach dem Schiedssprüche von drei Universitäten nachgewiesen hätte. Die Summe ist noch immer deponirt, trotzdem wird das alte Lied in allen Tonarten weiter geleiert. Mit solchen rostigen Waffen sollte man nicht als Vorkämpfer für die Wissenschaft auf den Plan trercn. Was Herr Wahrendorp über den Streit zwischen Janscnisten und Jesuiten sagt, berechtigt zu der Annahme. Herr Wahrendorp kenne den eigentlichen Streitpunkt gar nicht, und er habe anch nie mit einem Auge einen Blick in die einschlägige Literatur gewagt; trotzdem fühlt er sich berufen, große Worte auszusprechen. Ja, wenn man Wortmacherer und Wissenschaftlichkeit für identisch hält. dann gebührt allerdings Herrn Wahrendorp Krone und Palme. Den Eindruck, den die Broschüre des Herrn Wahrendorp auf die Jesuiten gemacht, die er mit Schmutz beworfen, ersieht man daraus, daß sie sich um sein Geschreibsel gar nicht gekümmert nnd ihn nicht eines Wortes der Erwiderung gewürdigt haben. (Schluß folgt.) Als Antwort auf die Erwiderung des „einzig autorisirten Uebersetzers" in Beilage 68 gelte Folgendes: 1. Es ist dieser Erwiderung gelungen, den oiroulns Miosns seiner ganzen Schrift recht deutlich zu machen. Der Zweck seiner Schrift ist doch der, die letzte Schrift des Kardinals Manning recht hochbedeutsam und gewichtig erscheinen zu lassen. Darum will er die Autorität Pur- cells retten. — Obwohl nun die wiederholt zugestandenen Widersprüche desselben, bei dem „die angeborne Wahrheitsliebe endlich doch zum Durchbruch kommt", dieselbe gewiß nicht heben, besonders da er ebenso unglücklich in seiner ersten Zurückhaltung wie in seiner späteren Erklärung der Widersprüche war, so fühlt Herr „Wahrmut" nicht, daß er, je mehr er die Autorität Pnr- cells zu retten sucht, die des Cardinals begräbt. — Wer sich so viele psychologische Widersprüche, wie dieser, muß beweisen lassen, welches Gewicht können denn feine Urtheile auf einem Gebiete haben, wo die Psychologie so große Bedeutung hat? Kann man deutlicher beweisen, daß Wahrmuts Schrift „pro nibilo" ist?—Er liebt sichtlich kräftige Citate: — also „partnrinnt wouiss u. s. w." 2. Ich bin weder blindgehässig genug, um Purcell zum Fälscher zu stempeln, noch Lakai oder hochmüthig genug, um ihm je das Handwasser reichen zu wollen. Es ist mir gar nicht eingefallen, seine Wahrheitsliebe oder sein Wiffen zu bezweifeln, aber sein Standpunkt gefällt mir so wenig, wie der feines Uebersetzers. — Wenn dieser über der zo großen Ehrfurcht vor Purcell und Spectator, nnd jener über seiner Wissenschaft die Ehrfurcht vor den Decretcn des cono. llü-icksnt. nicht außer Acht gelassen hätte, so wäre xa§. X und noch mehr unterblieben, und Herr „Wahrmut" hätte die Expectorationen seiner englischen Autoritäten nicht nachgebetet. 3. Da ich mich nur mit feiner Broschüre beschäftigte, auch kein Ueberietzer bin, so hatte ich Uebersetznugsfebler Anderer nicht zu erwähnen. Aber zu meiner' Interpellation hatte ich allen Grund; denn faktisch fehlen die Schlußzeichen, ferner ist das Citat pax. X so kraß, daß ich nicht wagte, es einem so katholischen Purcell zuzuschreiben. Aber mußte es nicht allen Verdacht erwecken, wenn ein unbekannter Jemand so kräftig auftritt und erklärt sich für den einzig autorisirten Uebersetzer; und wenn man dann fragt: „Wer sind Sie denn?" so beliebt es ihm, sich hinter den Busch der Pseudonymität zu verstecken und sich noch überdies „Wahrmut" zu nennen. — karturiunt montos .... Er braucht weder als Schriftsteller die „Hyperboreer", noch als Geisterseher die eingebildeten Gespenster von — „Katholicismus" zu citiren, sein eignes „Zuvieldenken" ist ihm gefährlich geworden. Larturlunt ., . . Der -eb-Recensent. Recensionen und Notizen. Dr. X. Dichtungen von Cordula Peregrina. Die rühmlichst bekannte Dichterin des herrlichen, schon in 7. Auflage beiFelician Rauch in Innsbruck erschienenen Bündchens „Was das ewige Licht erzählt". Cordula Peregrina(Schmid-Wöhler), hat seit diesem Erstlingswerk eine seltene poetische Fruchtbarkeit bewiesen. Und die geistvolle Convertitin schreibt keine Alltagsrcime und Alltagsgedankcn; alles, was aus ihrer Feder kommt, hat hohen poetischen Gehalt, athmet Frische und Begeisterung und ist kernig und von tiefer Frömmigkeit und wahrer Glaubensbcgeisterung durchdrungen. Die Dichterin hat in diesem Jahre ein wahres Füllhorn von poetischen Gaben über ihre zahlreichen Verehrer und Verehrerinnen ausgegosscn. Wir nennen zuvörderst ein 416 Seiten starkes Bündchen Gedichte, das im Verlag von Anton Pustet in Salzburg nach Gebühr glänzend ausgestattet wurde. „Singt dem Herrn! Das Kirchen- lahr in Liedern", betitelt sich diese dankenswcrthe neueste Gabe der gottbegnadeten Sängerin. Im ersten Theile ist für jeden Sonntag des Kirchenjahres ein passendes Lied geboten, welches den doppelten Zweck der Herzenserhebnng und des guten Vorsatzes erfüllt, im zweiten Theile wird ganz besonders den lieben Heiligen gehuldigt. Der geschmackvolle Goldschnittband eignet sich auch seinem Aeußeren nach vorzüglich als werthvolles Fest- geschenk. Als solches empfiehlt sich ferner das Bündchen: „Feierglocken zu heiligen Freudenlagen" (Verlag von Andreas Göbel in Würzburg), in einem sehr ansprechenden Einbande mit Goldschnitt (Preis 3 M.). Das Bündchen ist als Festgabe namentlich für die weibliche Jugend zur ersten hl. Communion oder zur Firmung gedacht, wird aber anch Knaben und Jünglingen nicht unwillkommen sein. Die tief empfundenen, glaubens- bcgeisterten, frommen Poesien der gottbegnadeten Sängerin sind so recht geeignet, die jungen Seelen auf jene schönsten Tage ihres Lebens vorzubereiten und die gehobene Stimmung immerdar wach und lebendig zu hatten. — Ein weiteres Werk der Dichterin erschien soeben im Verlage von Felix Rauch in Innsbruck: „Aus Lebens Liebe, Lust und Leid, ein Pilgersang zur Abendzeit". (Gebd. 3 M. 40 Pfg.) Diese mit dem Porträtbilde der Dichterin geschmückte, reiche Folge von Liedern in sechs Abschnitten wird in ihrem Zusammenhange erst durch die Vorrede verständlich, die für Manche fast ebenso interessant sein wird, wie die Gedichte selbst- Tenn Frau Cordula Schmid-Wähler erzählt uns hier, zwar nicht an der Hand ihrer Tagebücher, aber doch in anschaulichen Commcntaren zu den einzelnen Liedern und Liederkreisen, die Geschichte ihres Lebens und hauptsächlich ihrer Bekehrung und ihrer wechselvollen Schicksale nach dem Uebertritt zür katholischen Kirche. Das rührendste Capitel der Vorrede und der Gedichtsammlung umfaßt die Zeit, als die von den Eltern verstoßene, fein- gebildete mecklenburgische Pastorentochter sich zur dienenden Magd erniedrigte, um ihr tägliches Brod zu erwerben und ihrem Glaubet: leben zu können. Doch. wir wollendem Leser nicht vorgreifen. Das vierte neue Werk von Cordula Peregrina ist ganz dem Dienste der heil. Jungfrau geweiht, enthält ausschließlich Marienliedcr und betitelt sich „Marienrosen, entsprossen zu Füßen unserer lieben Frau". Wohl selten hat man in einem Bündchen (222 Seiten) so viel wahre Madonnen-Poesiq. 504 eine solche Fülle begeisterter bimmlischer Harfeutöue znm Lob und Preis der jungfräulichen Gottesmutter vereinigt gefunden. Der erste Theil ist mehr allgemeiner Natur, der zweite Theil ist den Festen Mariens gewidmet, der Anhang enthält Marienlieder für alle, welche außerhalb der Kirche stehen. Ein liebliches Bild — die.hl. Jungfrau wird von ihrem göttlichen Sohne als Himmelskönigin gekrönt - ist dem hochelegant ausgestatteten Goldschnittbande als Titelbild einverleibt. Die Einband- decke zeigt die hl. Jungfrau mit dem .Kinde auf Goldgrund in Rosenornamcntcn. Das im Verlage der Alphonsus-Buchhandlnng in Münster i. W. erschienene Buch kostet in dieser entzückenden Ausstattung gebd. nur 3 M. 60 Pfg. Edward von Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. Herausgegeben und durch ein Lebensbild eingeleitet von A. M. von Steinle. Frei- burg, Herder, 1897. gr. 8°. 2 Bde. XX, 1056 S. Mit 19 Lichtdrucktaseln. M. 18: geb. in Leinwd. M. 22. -i- Seiner Abstammung nach gehört E. v. Steinle dem Süden an; sein Vater war aus dem Stift Kempten, seine Mutter aus Oberösterrcich; seine Jugend verlebte er in Wien, er war ursprünglich znm Musiker bestimmt. Als Altmeister der christlichen Kunst gehört Steinle der ganzen gebildeten Welt an. Und jedem, der für Kunst und einen ihrer genialsten und feinfühligsten Jünger sich interessirt, wünschen wir das vorliegende Buch m die Hände; es wird ihm eine reiche Quelle aktueller Anregung, Belehrung und Erhebung sein. Aber nicht bloß in diesem Sinn ist diese Publikation aus Pietät- und verständniß- voller Sohneshand nutzbar, sie bildet auch in vielen Dingen einen Qucllcnbeitrag zur zeitgenössischen Geschichte. indem wir hineingeführt werden in den lebendigen geistigen Austausch des Altmeisters mit jenen, die das Land gleicher Interessen für Knust, Glaube, Kirche und Vaterland ibm näherte. Auch in das fesselnd geschriebene Lebensbild sind Briefe an und von Zeitgenossen und Freunden geschickt verwoben. Die Ausstattung durch den Verleger ist sehr sorgfältig. Von den Kunstbeilagen hat uns der Lichtdruck „Christus bei Nikodemus (nach einem Aguarell, 1863, im Städel'sch. Institut) am meisten angesprochen. Und wenn auch ein Dcsidcrium zu Worte kommen soll, so hätten wir außer dem Personenvcrzeich- niß und dem chronologischen Verzeichnis; von Steinle's Werken auch ein chronologisches Register dieser Briefe gewünscht. Mit einigen Bemerkungen des Herausgebers über die Vertretung der christlichen Kunst in der Gegenwart sind wir nicht einverstanden. Atlas der Himmels künde auf Grundlage der cölest- ischcn Photographie. 62 Karteublätter (mit 135 Einzeldarstellungen) und 62 Folio-Bogen Text niit ca. 500 Abbildungen. Mit besonderer Unterstützung hervorragender Astronomen, sowie seitens zahlreicher Sternwarten und optisch-mechanischer Werkstätten. Von A. v. Schweiger-Lerchenfeld. In 30 Lieferungen zum Preise von 1 M. (N. Hart- lebeu's Verlag in Wien.) Erschienen sind Lieferungen 1—20. Mit den Lieferungen 17—20, die uns kürzlich zugekommen sind, haben Text und Karten der bisher erschienenen Lieferungen dieses astronomischen Prachtwerkes eine weitere interessante Bereicherung erfahren. Den Haupt- gegenstand der lichtvollen textlichen Ausführungen bildet diesmal die Fixsternwelt, und zwar an der Hand von Abbildungen, die nach den neuesten photographischen Aufnahmen voir Sternhaufen und Nebelflecken hergestellt wurde». Besonderes Interesse erregen die Roberts'schen Photogramme von Spiralnebeln. Bemerkenswert!) sind wieder die großen Tafeln, photographische Reproductionen von Mondlandschaften (die Blätter „Karpathen", „Eu- doxns und Aristoteles", „Atlas". „Herkules" sind sehr schön und instruktiv), eine Partie des Sternbildes der Zwillinge (Pariser Aufnahme), dann die Farbenbilder „Mondfinsternis;" und „Svektraltascl'. Der große Anklang. den diese ausgezeichnete Arbeit nicht nur in weiten .Kreisen, sondern auch unter den Kachaslronomen gefunden hat, fußt in der geschickten Verwerthung der neuesten Forschungsergebnisse und in einer erstaunlichen Fülle von Abbildungen, zu welchen die Sternwarten der ganzen Erde die Originale bereitwilligst zur Verfügung gestellt haben. Jeder Freund der Himmelsknnde wird mit Spannung den; Erscheinen der folgenden Lieferungen entgegensehen. A u s Marfa's Lugendzeit.. Erzählung von E. M. Hamann. Mit 3 ganzseitigen Tonbildcrn und 10 Text-Illustrationen. 8". 142 Seiten, in farbigem Halbleincnband 1 M. 20 Pfg. Verlag von Niffärth in Gladbach. Die deutsche Literatur ist nicht arm an Lesestoff für die Jugend; Christoph v. Schund, Herchenbach, Ambach, Jsabella Braun, Emmy Giehrl bieten zweckmäßige Lcctüre für die Jugend beiderlei Geschlechts. Dre Specialisirung erstreckt sich aber in neuester Zeit sogar auf die Jugendlectüre, indem sie sich scheidet in solche für Knaben und in solche für Mädchen, und wir halten das für ebenso zweckmäßig, wie die Scheidung der Jugendspiele. Als Lectüre für Knaben sind in neuester Zeit durch Nebersetzungen zugänglich gemacht die hübsche englische Novelle „Der kleine Lord Fauntleroy" von Burnett, deutsch von Emmn Becher, die italienische „Herz" von de Amicis, deutsch von Wülser, die wunderschönen Schilderungen aus dem amerikanischen Erziehungswesen, welches allerdings von dem in deutschen Pensionaten sehr verschieden ist, „Tom Plaifair" und „Percy Winn" von Finn, 8. 3., deutfch von P. Betten. Als Parallele zu dieser für Knaben bestimmten Lectüre gibt Rifsarth m M.-Gladbach eine „Mädchenbibliothek" heraus, von welcher uns das 5. Bündchen mit obigem Titel vorliegt. Die Erzählung schildert die Schicksale eines 14 jährigen Mädchens, welches, der Eltern beraubt, in die Familie eines Oheims in Petersburg kommt und dort eine gleich- gesinnte Cousine und zwei hochadelige Freundinnen findet. Christlicher Familiensinn durchweht das Ganze. Ernstes und Heiteres wechselt anmnthig miteinander ab. Einen besonderen Vorzug finden wir darin, daß die Erzählung nicht blos Unterhaltung, sondern auch Belehrung bietet. Petersburg mit seinen schönen Kirchen und dem Kaiserpalast, mit dem lustigen Treiben im schncereichen Winter, der Aufenthalt in der Sommerfrische ist so lebendig und anschaulich geschildert, wie das die Verfasserin nur aus eigener Anschauung geschöpft haben kann; Matuschka, das alte Erbstück der Familie, ist der Typus einer treuen russischen Dienstmagd, welche innig mit der Familie verwachsen ist — also topographisches und ethnographisches als belehrende Staffage zu der psychologisch gut angelegten Erzählung. Nebenbei sei bemerkt, daß die Verfasserin identisch ist mit E. M. Harms, unter welchen! Namen sie den bereits in 2. Auflage erschienenen, allerseits sehr günstig beurtheilten „Abriß der deutschen Literaturgeschichte" (nach Brugier, Freiburg, Herder) veröffentlicht hat. Dr. H. W. „Katholischer Schulfreund" mit der periodischen Beilage „Der katholische Jüngling" beschließt mit der uns soeben zukommenden Nr. 12 seinen heurigen, den zweiten Jahrgang. Wenn wir die reiche Fülle überblicken, welche diese eigenartige, streng katholische, pädagogische Monatschrift im jetzt abgeschlossenen Jahrgange 1897 um den ungewöhnlich billigen jährlichen Bezugspreis von nur fl. 1.20 ihren Lesern geboten hat, so muß man staunen über die Opferwilligkeit des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer in Oesterreich, dessen Organ sie ja ist, und wohl auch der zahlreichen — Schriftsteller, die sich in den Dienst einer wahrhaft guten Sache gestellt haben. Freudig zu begrüßen ist es auch, daß wir endlich im „Katholischen Schulfreund" eine katholische Zeitschrift haben, die ihre Aufsätze mit entsprechenden eigenen Illustrationen ziert und erläutert. — Die Leitung verspricht, den kommenden Jahrgang zur Ehre des Regierungs- jubiläums des Kaisers besonders schön auszustatten, ein weiterer Grund, den Bezug dieser wackeren Monatschrift allen unseren Lesern angelegentlichst zu empfehlen. X. Lerantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg, 73 M AllgS « >l> S4. Aq. W7. Lücksbantam: Düm-v, Rümsti wackburam maäbnrskcsbaram, Lrubz» icavitä-eLIckäm, vsncks V slmürj-lcokrilam. Den Valmiki will ich preisen, diese süße Nachtigall, Die der Dichtung Zweig bestiegen, nun in süßer Töne Schall Unablässig, nimmermüde ,Rama' singt mit Widerhall. ck: So preist der Inder poesievoll, wie er von Haus aus ist, seinen Lieblingsdichter, den Verfasser des herrlichen Raina-Liedes. Die Hochschätzmig, die dieser Fürst im Reiche der Dichtkunst bei seinem Volke genießt, die Huldigung, die Jahrhunderte ihm zollen, ist sie nicht zugleich ein Ehrenzengniß für das ganze Volk? Ja, der Ruhm Valmikis strahlt zurück auf den, so begeistert ihm zujubelt: Vor dem Hort des reichsten Wissens, vor Valmikis hehrer Muse, . Will ich mich zum Gruß verneigen, huldigend zu frommem Gruße. „Wie Jlias und Odyssee, so gehören auch die zwei großen indischen Epen, das Mahabharata und das Ramayana, zu den Marksteinen der Weltliteratur.. Die Sagenwelt, das Geistesleben, die Bildung und Eigenart eines der merkwürdigsten alten Kulturvölker hat sich darin zu einem großen Gesammtbilde verkörpert, an dem die folgenden Geschlechter durch mehr als zwei Jahrtausende sich erfreuten und begeisterten, belehrten und heran- schultcn." (Al. Baumgartner.) Das Ramayana (IkLmn- llz'ML-stüvz'nnr ^ das sich auf Rama beziehende Gedicht) soll nunmehr zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache erscheinen'), und die meisterhafte Uebertragung obiger, der Widmung „an den Dichter" entnommener Verse berechtigt uns zur Annahme, daß der Uebersctzer seiner schwierigen, nicht wenig Geduld erheischenden Aufgabe -auch gewachsen sein wird. Mahabharata und Ramayana: was bedeuten diese Worte für uns? Wir hoffen nicht, daß unter den Lesern dieses Blattes solche Barbaren sind, welche das Volk der Inder, dem die wohllautendste, reichste und ausgebildctste Sprache eignet, die wir bisher kennen, das Volk, aus dem ein Kalidasa, der Dichter der Sakuntala, hervorgegangen, kurzer Hand den „ivrlden Stämmen" zurechnen (eine Ansicht, die man von manchen „Wilden" unserer Umgebung d. h. von sog. „Gebildeten" leider zuweilen hören kann); wir nehmen schon aus Höflichkeit au, daß unsere Leser mit den „Marksteinen der Weltliteratur" vertraut sind, gleichwohl befürchten wir, es möchten Manche aus dem litcraturgeschichtlichen Unterricht der Mittelschule sich mir eine etwas traumhafte Erinnerung an die beiden Worte „Mahabharata" und „Ramayana" bewahrt haben. Es seien darum einige Erörterungen gestattet. Das Mahabharata nun, das eine der beiden großen Heldengedichte der Sanskritlitcratur, ist ein Riesenwerk von 100,000 Doppelversen; es setzt sich aus Theilen von sehr verschiedenem Werth und Inhalt, von verschiedenen Verfassern und weit anseinanderliegenden Ab- ') KLmrlMua: Das Lied vom König ULwa, ein altindisches Heldengedicht des VSlrmüi in sieben Büchern, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, eingeleitet und angemerkt von vr. I. Menrad, k. b. Gymnasiallehrer. 1. Band. 12°. Ist! -s- 307 SS. M. 4,80. München, Th. Ackermann, 1897. fassungszeiten zusammen. Ihm gehört z. B. an die namentlich durch Nückert bekannt gewordene reizende Exisode „Nala und Damayanti", das liebliche Savitri- Idyll, ferner der „Raub der Draupadi" sowie die hochberühmte „Bhagavad - gita", ein tiefernstes, erhabenes Lehrgedicht?) von A. W. von Schlegel meisterhaft ins Lateinische übersetzt. — Das Ramayana, das andere große Epos der Inder, ist ein Knnstgedicht von einheitlichem Gepräge; als sein Verfasser wird Valmiki genannt. Eine ausführliche Inhaltsangabe gibt Herm. Jacobs (Das vamü^ana: Geschichte und Inhalt, nebst Con- cordanz der gedruckten Recensionen. 1893. S. 140 bis 208), sowie das feinsinnige, ausgezeichnete Werk „Das Lümüyana und die Hünm-Literatur der Inder" (Frci- bnrg, Herder, 1894) des deutschen Jesuiten k. Al. Baumgartner (S. 140—208). Wir geben hier den Inhalt der sieben Bücher (nach vr. Menrad, S. XV) in gedrungener Kürze''): In Ayodhya (jetzt Oudh), der Hauptstadt des blühenden Reiches der Koealer, regiert der vortreffliche König Dac'-aratha aus der almenreichen Dynastie der zzkshvakuiden oder Raghuideu, die ihr Geschlecht bis auf Brahma selbst zurückführen. Seinem Glück fehlt nur ein männlicher Nachkomme. Endlich erhält er durch ein Roßopfer nicht nur einen, sondern vier Söhne: Nama von seiner vornehmsten Gemahlin Kau,a. dann Bharata von seiner zweiten Gattin Kaikeyi (d. i. Tochter des Kekaycrfürsten), Lakshmana und Oatrughna von der dritten, Snmitra. Der älteste, Rama — nach späterer Auffassung eine Inkarnation des Gottes Nishnu — entzückt Hos und Land durch seine Vorzüge. Er wird mit Sita vermählt, der Tochter Dshanakas, des benachbarten Königs von Mithila, der dieselbe erst als Mägdlein beim Ackern in einer Furche gesunden und ihr nach dieser den Namen (sita — Furche) gegeben hat. Daearatha will seinem Sohne Rama schon bei Lebzeiten Thron und Reich übertragen, allein eine Palastintrigue durchkreuzt seinen Plan. Kaikeyi, die zweite Gemahlin Dayaratbas, hintertreibt die Königswürde Raums und weiß den König, der ihr einst die Gewährung zweier Wünsche feierlich versprochen, zu bestimmen, ihren eigenen Sohn Bharata zum König zu weihen, Nama aber aus 14 Jahre in den Wald zu verbannen. Gelassen fügt sich Raum aus Achtung vor seines Vaters Willen in sein Geschick: dem alten König aber bricht die Trennung von seinem ältesten Sohne das Herz. Sita, Rama und fein unzertrennlicher Lieblingsbruder Lakshmana ziehen in den Wald und erbauen sich in der Nähe der UaMuna am Berge Tshitrakuta eine Einsiedelei. Der zum Thron bestimmte Bharata will aber die Regierung nicht übernehmen und sucht Rama auf, um ihn. zurückzuführen. Ein cdelmüthiger Wettstreit entspinnt sich zwischen den beiden Brüdern. Rama bleibt fest in seinem Entschlüsse, das seinem Vater gegebene Versprechen zu halten, bis Bharata zuletzt sich seine Sandalen erbittet, um sie als Symbol der Herrschaft auf den Thron von Ayodhya zu legen, während er selbst Nandikramä zu seinem Herrscher- sitz erwählt. — Bald daraus wenden sich die Einsiedler in Raums Nachbarschaft au diesen um Schutz gegen dämon- 2) Wilhelm von Humboldt wurde davon so tief ergriffen, daß er an Gcntz schrieb: er danke Gott, daß er ihn so Imme habe leben lassen, um dieses Gedicht lesen zu können. Vergl. das vortreffliche Werk: Schröder» Indiens Literatur und Cultur (Leipzig 1887) S. 694. — Die auffallenden Anklänge der philosophischen Lehren dieses merkwürdigen Gedichtes mit christlichen Grundsätzen hat Lorinser so weit als möglich erörtert. Vor neueren Versuchen, theosophisch-spiritistische Hirngespinnste daniit zu verquicken, muß man warnen. Diese Bestrebungen, die mit einer gewissen Schwindlerin Blavatzky in Zusammenhang gebracht werden, stehen nicht mehr auf dem Boden sonder Forschung. ") Aus typographischen Rücksichten können wir der Transscription des Verfassers nicht durchweg folgen. 506 ische Unholde, die sie bei ihren frommen Uebungen und Opfern stören. Rama muß sich aus der Ruhe der Waldeinsamkeit zu voller Thätigkeit aufraffen und den Kampf mit verschiedenen Recken bestehen. Zwar geht er als Sieger aus demselben hervor, jedoch verwickelt er sich dadurch in einen Streit von größerem Umfange, da der mächtigste aller Dämonen Ravana, der Beherrscher der Jnselsiadt Lanka (Ceylon?), Rache für die erschlagenen Verwandten zu nehmen sinnt. Zunächst gelingt es demselben, Raums Gattin Sita durch List zu entführen. Lange bleiben die Versuche des klagenden Helden, eine Spur seiner geraubten Gattin zu entdecken, erfolglos. Endlich kommt er seinem Ziele näher durch ein Bündniß mit dem Affenfürsten Sngriva, den er von seinem Bruder Balin, der lencm Thron und Gattin geraubt, durch Erlegung desselben befreit. Sugrivas tüchtigem Oberfeld- herrn Hanumant gelingt es nun, Sitas Aufenthalt ausfindig zu machen, durch einen Sprung über das Meer zu ihr selbst zu gelangen und ihr Nachricht von ihrem Gemahl zu geben, wobei er die Lage der feindlichen Stadt auskundschaftet. Nach mancherlei Abenteuern kommt Hanumant zu dem auf dem Festlande seiner harrenden Heere zurück. Nun rüstet man auf beiden Seiten zum Entscheidungskampfe. Von den Affen wird das Material zur Erbauung einer Brücke vom Festland nach Lanka herbeigeschafft, so daß das Heer vor die feindliche Stadt rücken kann. Nach zahlreichen Einzelkämpfen und Schlachten der verschiedensten Art wird Ravana endlich von Rama durch das furchtbare Brahmageschoß mitten ins Herz getroffen. Ravanas Bruder, Vibhishana, der beim Kampfe auf Seiten Raums gestanden, wird vom Sieger als König von Lanka eingesetzt. Die Vereinigung der Gatten erfolgt aber erst, als der Feucrgott Agni feierlichst ein Zeuginß für die unversehrte Reinheit und Treue Sitas ablegt, worauf der sieggekrönte Herrscher nach Ayodhya heimkehrt und die Regierung antritt. — Damit wäre die Handlung zu einem genügenden Abschluß gekommen. Allein eine spätere Fortsetzung — das 7. Buch — läßt nach weitläufigen Mythen und Genealogien (besonders der Ravanas) in Raum noch einmal Zweifel an Sitas Reinheit aufkommen. Sie wird von ihrem Gemahl gelegentlich eines Waldaufenthaltes verstoßen und gebiert dort die Zwillinge Kn?a und Lava, die beim Einsiedler-Dichter Valmiki Aufnahme und Pflege finden, bis sie herangewachsen ihrem Vater seine Thaten nach dem von ihrem Meister geschaffenen Gedicht vortragen. Rama ist zur Wiederaufnahme seiner Gattin bereit, wenn sie sich durch einen Eid von jenem Verdacht reinigt; Sita aber ruft die Erde an und wird von ihr in die Unterwelt entrückt. Rama wird auf eine Wiedervereinigung mit ihr in der Himmelswelt vertröstet, und diese erfolgt endlich, als er am Flusse Sarayn als Vifhnn wieder göttliche Gestalt annimmt und für sich und sein sämmtliches Gefolge Aufnahme in den Himmel findet. Das ist der Inhalt des Rama-Licdes, das in sieben Büchern 24,000 Doppclverfe zu je 16 Silben, also 48,000 V'erszeilen umfaßt, somit weit hinter dem ungeheueren Umfang des Mahabharata zurückbleibt, aber doch die beiden homerischen Epen, die zusammen 27,800 Vers- zeilen (Hexameter) zählen, an Verszahl fast ums Doppelte übertrifft. Die Abfassnngszeit des Gedichtes fällt nach Jacobis Untersuchungen zwischen das 8. und 5. Jahrhundert v. Chr. und sein Inhalt war in der Folgezeit der unversicgliche Born für Kuustdichtnugen verschiedener Art: das Nama-Lied spiegelt sich wieder in einer Episode des Mahabharata und in den Purauas, sowie in der buddhistischen Literatur als Dcitzaratha- Dschataka; eines der schönsten späteren Kunstepen, das Naghnvan^a des unvergleichlichen Dichters Kalidasa, behandelt den Sagenkreis des Ramayana; ein ganz absonderliches Kunststück ist das Bhattikavha, das die Nama- Geschichte zu einem Lehrgedicht von 1521 Versen verarbeitet, die den Zweck haben, die Formenlehre der SaiiskriLgrammatik darzustellen; endlich trat die Nama- sage auch in zahlreichen Schauspielen auf die Bühne und fand in den Volkssprachen Indiens Bearbeitungen; ja heute noch tragen in Indien Rhapsoden Stücke aus dem Namahana öffentlich vor.Z Ueber den poetischen Werth des Ramayana urtheilt ein Kenner, wie Monier Williams (Inäian opic poer > ?. 12), daß es im ganzen Umfang der Sanskritliteratur kein schöneres Gedicht gibt; man begreift, was das beißen will, wenn man weiß, daß schon der Araber Alberuni die Sanskritliteratur als unermeßlich reich bezeichnet hat. Die wunderbar abgeklärte, ideale Schönheit hellenischer Dichtung dürfen wir freilich vom N...nayana nicht erwarten; das strenge Ebenmaß und das harmonische Verhältniß zwischen Form und Inhalt konnte nur das Voll leisten, das überhaupt an künstlerischem Gefühl einzig und unübertroffen in der Culturgeschichte dasteht, die Griechen. Dafür aber hat das Ramayana andere, eigenartige Schönheiten. Eine uns neue Welt voll üppiger Zauberpracht, gleich dem indischen Urwald voll berauschenden Blüthenduftes, enthüllt sich unserm staunenden Auge, eine fremde Welt, oft durch maßlose, groteske Phantastik unsern Anschauungen widerstrebend, oft aber auch eine überraschende Gemeinsamkeit des Empfindens und Denkens offenbarend, wie sie eben das Band der Blutsverwandtschaft zwischen zwei Völkerstämmen bezeugt. Mit Meisterschaft handhabt der Dichter die Knnstmittel des sprachlichen Ausdruckes, klar und einfach, von klassischer Reinheit und einschmeichelndem Wohlklaug ist sein Stil, reich an feinen Zügen echt poetischen Gefühls. Ueberans zart sind besonders die Naturschildernngen, von einer Pracht und eigenartigen Schönheit, wie wir sie bei Griechen und Römern nirgends finden, denen man ja deßhalb den Sinn für ästhetische Naturbctrachtung gänzlich abgesprochen hat. In der indischen Dichtkunst dagegen überrascht uns, mächtig anheimelnd, ein intimes Leben mit Thier- und Pflanzenwelt, eine aus religiösem Grunde hervorgewachsene poetische Liebe und Andacht zur Natur, die als mitfühlende Theilnehmerin an den Leiden und Freuden des Menschen gedacht ist. Aber auch in die Regungen des Mcnscheuherzens weiß der Dichter mit tiefem Blick einzudringen; scharf und treffend ist seine Charakteristik der Personen: in Sita hat er uns vielleicht das schönste Frauenbild der indischen Literatur gezeichnet, voll hingebender Zartheit und heldenhafter Opferfreudigkeit ; in Da^aratha spiegelt sich Vaterlandsliebe, in Lakshmana treueste Bruderliebe in ergreifender Weise. (Vgl. Baumgartner SS. 66—72.) Daß ein solches Gedicht werth ist, in deutschem Gewände sich Eingang in den Kreis unserer „Gebildeten" zu bahnen, bedarf wohl keiner Rechtfertigung mehr. Nachdem es vom Ramayana bereits eine vollständige italienische Uebersetzung (mit Text von Gorresio, Paris 1843 bis 1858, 10 Bde.), eine französische (von Fauche, Paris 1854—58) und zwei englische, eine metrische (von Griffith, Benares 1870—74) und eine prosaische (von Manmatha Nath Dutt, Calcutta 1891—93), gibt, ist es eine Ehrenschuld, das herrliche Gedicht auch unserer Muttersprache zu schenken. Wir heißen darum das Unternehmen des für Valmikis Kunstwerk begeisterten Ucbersetzers willkommen und wünschen seiner Arbeit eine gedeihliche Fortsetzung und Vollendung; möge Dr. Menrad bald mit stolzer Genugthuung sich sagen können, er habe den Ge- *) Vgl. Baumgartner S. 75—161. — Dazu sind noch zwei vorzügliche Ausgaben neueren Tatnms zu erwähnen: Lriinat ^nckbra ULmäMnaw (VonkatiAiri 1895. 8°. 2 Bde. 1645 SS.), die beste Ausgabe des Tclugn-Werkes; ferner das „Letnbanäba" in der Bombayer Ausgabe (497 SSO von 1895. 507 bildeten deutscher Zunge eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur zum ersten Mal in vollständiger deutscher Uebersetzung zugänglich gemacht. Vorläufig liegt uns das erste Bündchen, das erste Buch des ganzen Gedichtes („Buch der Jugend" — dkIn-irLaä»,) enthaltend, in gefälliger, vornehmer Ausstattung vor. Das Werk beginnt mit einer Lobpreisung des Dichters, die ein späterer Verehrer desselben vorangestellt hat, und welche vr. Menrad (wie die obigen Beispiele zeigen) in formvollendeten deutschen Versen wiedergibt. Das erste Buch schildert Geburt und Jugendalter des Helden bis Zu seiner Vermählung in 77 Abschnitten und 2316 Doppelversen. Das Versmaß des tzloka ist so locker gefügt, daß man dem Uebersetzer wohl beistimmen wird, wenn er in schlichter deutscher Prosa die passendste Umformung des indischen Metrums gesehen hat, da erfahrungsgemäß die Nachbildung des tzloka unserem Geschmacke ebensowenig zusagen würde, wie etwa der uns ebenso fremde epische Hexameter Homers. Die Uebersetzung ist einfach, klar und fließend; sie wird auch dem die besten Dienste leisten können, der sich ihrer beim Studium des Urtextes bedient. Sehr lobens- werth ist die übersichtliche Anordnung des Druckes mit den Jnhaltsüberschriften der einzelnen Kapitel. Erklärende Anmerkungen philologischer, historischer, culturgeschichtlicher, mythologischer Natur, sowie interessante Verweisungen auf Parallelen aus der Literatur (z. B. Homer) erleichtern dem Leser auf einem ihm doch fremdartigen Gebiete das Verständniß und beleben den Gang der Rede. Die umfangreiche Einleitung, die der Herausgeber seiner Verdeutschung vorausschickt, handelt vom Dichter und der Entstehungszeit des Gedichtes, sie bringt eine kritische Beurtheilung und ästhetische Werthschätznug des Rama- Liedes, führt die Recensionen und Ausgaben an und gibt namentlich eine dankenswerthe, sehr ausführliche Inhaltsangabe des in die 77 Abschnitte zergliederten ersten Buches mit einer dispositiven Uebersicht über die Handlung und die Hauptmomente der Erzählung. Der Uebcrtragung ist die treffliche, mit einer wahrhaft klassischen lateinischen Uebersetzung versehene Ausgabe von Aug. W. Schlegel (Bonn 1829 — 38) zu Grunde gelegt, die leider über die beiden ersten Bücher nicht hinausgekommen ist. Der Uebersetzer spendet dieser Ausgabe in kritischer Hinsicht das höchste Lob, selbst im Vergleich mit der neuen Bombaycr Ausgabe.^) Mag sein. Wenn aber dann die beiden ersten Bücher übersetzt sind, was dann? Da wird eben doch nichts anders übrig bleiben, als für die übrigen fünf Bücher entweder selbst einen kritisch bearbeiteten Text herzustellen, eine überaus schwierige und langwierige Vorarbeit, oder mit der Bombayer Ausgabe vorlicb zu nehmen, die ja auch die nördliche Recension, die ursprünglichere, enthält. Diese vorzügliche Ausgabe umfaßt auch den großen Commentar, der jedenfalls unentbehrlich ist. Wer sich je mit Lektüre von Sanskrittexten befaßt hat, weiß, wie oft selbst das große Petersburger Wörterbuch in sieben Foliobänden im Stiche läßt und der Commentar durch das Synonymon das einzige Rettungsmittel gibt, auf die passende Bedeutung eines Wortes zu kommen. Als durch die Bemühungen der ersten europäischen Sanskritforscher (Chözy, Wilson, Schlegel, Bopp) dem Westen die erste Bekanntschaft mit der- indischen *) c> t Valmilci, n'itli tlls Oowmsa- tarx- (Illlaka) ot LLma eckitocl i>x LKsiuLtlr. Lünclui-KiiK Larab. 8". 2 voll. Uombg^ (dlirnava Sahara Liess) 1883 (II.). Literatur vermittelt wurde, da war man freudig überrascht über diese wahren Perlen der Dichtkunst; kein Geringerer als Goethe hat des Kalidasa Saknntala und Meghaduta jubelnd begrüßt. Nicht weniger verdient das Ramayana unsere Aufmerksamkeit; die Bekanntschaft mit dem indischen Alterthum trägt gewiß zur Veredlung des Geschmackes bei und dürfte doch jedenfalls das Interesse des Gebildeten in Anspruch nehmen, der weiß, daß Jlias und Odyssee, die uns von der Schule her vertraut sind, demselben Kreise indogermanischer Gesittung angehören, wie das indische Epos. Wir schließen mit dem Wunsche, es möchte die woblgelungene Uebertragnng des ersten Buches mit derselben Begeisterung aufgenommen werden, womit sie unternommen wurde, der beste Lohn für den Herausgeber und die beste Ermnthigung, die weiteren Theile in nicht allzu ferner Zeit folgen zu lassen. Es wäre bedauerlich, wenn durch die Theilnahmslosigkeit des Publikums, das für Schundromane, die heute gefeiert und morgen vergessen werden, Geld im Ueberfluß hat, das Unternehmen, ein Meisterwerk der Poesie von unvergänglichem Werthe unserer Literatur einzuverleiben, nicht zu Ende geführt werden könnte. Möge die Hoffnung, die der Herausgeber auf den guten Geschmack der Leser setzt, nicht getäuscht werden l Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgaug des Mittelalters von Emil Michael 8. lk. (Fortsetzung.) 3. Handel und Verkehr. Die Hansa. Deutschlands Handel datirt, abgesehen von dürftigen Resten des nie bedeutend gewesenen Verkehrs mit den Römern, von König Heinrich I. an. Man unterschied Händler, welche das Produkt ihres Fleißes selbst auf den Markt brachten; Krämer, welche im Absatz ihrer Waaren auf einen örtlich begrenzten Kreis beschränkt waren und unter dem Stadtrath standen; endlich Kaufleute, welche den Schutz des Königs genossen und zu jeder Zeit und an jedem Orte Handel treiben durften. Kaufmannsgilden waren im 13. Jahrhundert nichts Seltenes mehr. Besonders betont war die gesellige Unterhaltung: die reichen Kaufleute durften sich fröhliche Gelage öfter und mit größerem Aufwande gestatten, als die in beschränkteren Verhältnissen lebenden Handwerker. S. 162 — 163. Wie die Zunft, war auch die Gilde eine religiöse Bruderschaft und wachte über den Charakter der Mitglieder, gleichviel ob in Deutschland oder im fernen Lissabon. S. 163-164. Nun folgt das wichtige Kapitel von dem Unter- uehmergewinn, unbestritten eine der schönsten.Seiten des soviel verlästerten Mittclalters. Einen gerechten Zins hat die Kirche dem Handel, der ja auch werthbildend ist, nie untersagt. Aehnlich ist es auf oem Gebiete des Schuldwesens und des Wechselverkcbrs. Die Anfänge des Wechselrechtcs in Deutschland gehen auf Italien und das 12. Jahrhundert zurück. S. 164—166. Bezweckten die Kaufmannsgilden den Schutz kaufmännischer Interessen, so strebten die Handelsgesellschaften genossenschaftlichen Betrieb und prozentualen Antheil der Mitglieder am gemeinsamen Gewinn an nach den Ka- pitalseinlagcM. Wirthschaftete einer der Gesellschafter als Geschäftsführer mit dem gemeinsamen Gute, oder übertrug ein Geschäftsherr einem Andern als Diener seine Güter zu Gewinn oder Verlust, war natürlich auch der 508 Gewinn- oder Verlustantheil ein anderer. Die Handelsgesellschaften entwickelten sich naturgemäß früher und großartiger ini Süden Deutschlands infolge der Verbindung mit Italien und im Norden infolge der Nähe des Meeres, als in Mitteldeutschland. S. 166 — 170. Die Geschäfts- tvie die Gelehrtensprache war durchgängig Latein. S. 170. Für die Belebung und Sicherheit des Verkehrs hat die Kirche mehr gethan, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Bischöfe und Orden haben Brücken und Wege gebaut, für sicheres Geleit gesorgt; Papst und Bischöfe haben vielfach Ablässe zum Bau von Brücken gewährt, was der Verfasser durch viele Beispiele und Stellen aus Schriftstellern belegt. Die Kirche hat den Schuh und die Förderung des Verkehres als verdienstliches Werk empfohlen, und darum hat die Frömmigkeit dem Pilger und Kaufmann auch an abgelegenen Orten die Wege gebahnt. Trotzdem waren diese oft genug noch bodenlos, das Mittelalter hatte dafür wenig empfindliche Nerven. S. 170—173. Mit den Bemühungen der Kirche verbanden sich die Gesetze der weltlichen Macht. War auch das Waffentragcn den Kaufleuten verboten, wollten sie nicht wehrlos sein, mußten sie wohlbewaffnet reisen. S. 174. Eine lästige Störung des Verkehres überhaupt war das Strand- und Grnndrnhrrccht. Dieses Recht war von Anfang an ein Mißbrauch, ein schreiendes Unrecht, w nn es auch nach Michael in seiner streng rechtlichen Begrenzung nicht jene Härte besessen haben soll, die man mit seinem Begriff zu verbinden pflegt. Darum forderte Kaiser Friedrich II. reichsgesctzlich die Rückerstattung gestrandeter Güter an den Eigenthümer (1220). S. 174 bis 175. Kein Kaufmann war verpflichtet, sich um das Geleite zu bemühen. Forderte er es von dem Herrn des Landes, durch welches er reiste, hatte er dafür einen Zoll zu erlegen. Besser geborgen aber war der Kaufmann unter der Uuvcrletzlichkeit, welche die Pilger genossen. S. 175-176. Für die Sicherheit des Reifens und die Verpflegung der Fremden sorgten in ihrer Art die Klöster. Gewerbsmäßige Wirthshäuser gab es nicht allzuviele, es herrschte die Gastfreundschaft. Die Regel des hl. Bcnedikt befiehlt mit Nachdruck die Aufnahme besonders der Armen »nd Pilger. Die Klöster haben für die Bewirthung der Fremden zumeist an einsamen, weltverlassenen Orten Hospitäler gebaut. Die Gründung des Johanniterordcus erfolgte von Kaufleuten nur für die Pflege der Fremden. Die größte Wohlthat waren entschieden die sogenannten Hospize in wilden Gebirgsgegenden und au Alpcnpässen. S. 176 — 177. S. 178 zählt Michael die bekanntesten Tiroler Hospize auf, ein Denkmal des cnlturfrenndlichen Opfergcistcs und der wcrtthätigen Nächstenliebe des Christenthums. Must stand vor den Thoren der Städte ein Spital, welches zu jeder Tages- und Nachtszeit dem Fremden offen stand. S. 179. Der Aufschwung des Handels im 13. Jahrhundert wurde bedingt durch die Fortschritte der Laudwirthschaft und des Gewerbes, insbesondere aber durch die Kreuz- züge, die unmittelbar die Blüthe der südenropäischcn Städte herbeiführten. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts ivar die mächtigste Handelsstadt Süddcutschlands Ncgcnsbnrg, seine Kaufleute waren unter den ersten, welche im b'miäaeo clei 'Illäkaatii zu Venedig Handelsgeschäfte erledigten. Ihm zunächst stand Nürnberg „mit seinen künstlerisch vollendeten Metallarbciteu", wozu wir aber ein großes, großes Fragezeichen machen, dann Ulm und Augsburg. Die Produkte des Südens und Nordens wanderten herüber und hinüber. S. 179 — 183. Seit dem Anfange des 13. Jahrhunderts wurde Wien die Beherrscherin des Donauhandels und kam die von Juden gerne besuchte Frankfurter Messe in Aufschwung. S. 183 bis 184. (Hier fügt Michael sehr bemerkenswerthe Aufschlüsse über die Juden im Mittelalter ein, „des hl. römischen Reiches Blutegel". Ihre maßlose Ausbeutung des Wucherprivilegs ließ die Christen wiederholt Repressalien üben. Jude und Wucherer waren identische Begriffe.) Die erste Nheinstadt war Köln, danr Straßburg. Stark besucht waren auch von deutschen Kaufleuten die Messen der Champagne. S. 184—186. Die größte Schwierigkeit für den Verkehr mit Italien bildeten natürlich die Alpen; von ihren Pässen waren die wichtigsten der große St. Bernhard, der Sep- timer, der St. Gotthard und der Brenner, welche sich einer wechselnden Beliebtheit erfreuten und deren Höhen meist Hospize krönten. S. 186 — 189. In ihrem Verkehr mit Italien gaben die deutschen Städte fast nur Rohstoffe, insbesondere des Bergbaues. Dieser hatte bedeutende Ausdehnung über ganz Deutschland auf alle Metalle und Mineralien und ein hochentwickeltes Recht. Das Jglauer Bergrecht enthält die Keime des gesammten deutschen, ja des europäischen Bergrechtes. Deutschland war im 13. Jahrhundert das Peru Europa's. S. 189 — 194. In dem Verhältniß, in welchem Italien mit seinen Handelsprodukten zu Deutschland stand, stand dieses zu dem europäischen Norden und Osten. Sammelplatz des Ostseehaudels ist seit 1163 Wisby auf Gotland; von hier aus ist die Gründung des deutschen Hofes in Nowgorod erfolgt. Deutsche Kaufleute unterhielten Handelsbeziehungen mit Dänemark, Schweden und Norwegen (Bergen), wo sie jedoch nicht gerne gesehen waren» weil sie dem Laster der Trunksucht der Einwohner schmeichelten. S. 194 — 196. Auch die Nordsee beherrschte der deutsche Kaufmann. In London besaßen die Deutschen schon im 12. Jahrhundert eine Gildchalle, den später bedeutend erweiterten Stahlhof, ein kleiner, sclbstsrändiger Staat, eine eigenthümliche Welt mit fast klösterlicher Zucht. Hier begegnet uns 1282 bei einem zwischen den deutschen Kaufleuten und der Stadt London ausgevrocheueu Streit zum erstenmale der Name „Deutsche Hansa". Er bezeichnete damals lediglich einen Gestimmt-- verein, welcher sich aus den Verbrüderungen der Kaufleute einzelner Städte gebildet hatte. S. 196 — 197. Vorausgegangen waren schon Bündnisse zwischen den verschiedensten Städten. Von hervorragender Bedeutung für die Bildung des Hansabuudcs wurde Lübeck, welches 1226 nach wechselvolleu Schicksalen von Friedrich II. die Ncicks- freihcit bestätigt erhielt. Seine Machtstellung vor allen übrigen Städten gewann es durch seine Tapferkeit und Kühnheit in den Kriegen mit den nordischen Reichen. S. 197—200. Die Verbrüderung der deutschen Kaufleute also im Auslande, die Bündnisse der festländischen Seestädte und der unbestrittene Vorrang der Stadt Lübeck hat das einigende Band um den Hansabund geschlungen. S. 201. Die Handelsartikel waren von der verschiedensten Art, eine nicht unbedeutende Rolle spielte der Häring, ein sehr geschätztes Tauschobjekt für den Verkehr mit den deutschen Binnenlanden. S. 202 — 203. Wir schließen unsere rcferirenden Ausführungen am besten mit den Worten des Verfassers: „Stramme Zucht 509 und Ordnung sind auch in erster Linie die Mittel gewesen, mit denen nicht etwa ganz Deutschland, sondern nur ein Theil des Gesammtkörpers ohne Zuthun von Kaiser und Reich jahrhundertelang in der Hansa eine Seemacht entfaltet hat, welche als die großartigste organisatorische Schöpfung des durch Gewerbe und Handel gehobenen deutschen Bürgerthums', als ,die herrlichste Blüthe des deutschen Genossenschaftswesens' gelten muß." S. 204. IV. Das Nitterlhum. Mauöwesen und Iriedeus- vestrevungcrr. 1. Lehenwesen und Nitterthnm. Eine Verleihung von Grundstücken gegen Kriegsdienst kannten die Römer schon; den Germanen eigenthümlich war ein persönliches Treuvcrhältuiß. Aus diesen zwei Elementen ging das Lchenwesen hervor, ein Nechts- verhältniß zwischen dem Obcreigeuthümcr eines Grundstückes und einem Vasallen, der dasselbe unter der Bedingung wechselseitiger. Treue als Nutzeigenthum empfing. Die gegenseitige Treue fand ihre Grenze in dem Gebote der Sittlichkeit. Die Verletzung der Treue, Felonie, wurde mit dem Tode bestraft. S. 205—206. Aus dem Wesen des Lehens erhellt seine innige Beziehung zur Naturalwirthschaft. S. 206. Die Lchenverfassuug hat die Fürsten mit dem Volke, Land mit Leuten, Alaun mit Gut verknüpft; sie ist die wahre Mutter des Reiches und des inneren Ländcrvcr- bandes geworden. Als Uebergaugsstadium in der Entwicklung unseres Volkes hat sie einen ebensoviel und ebensowenig „grundsätzlich staatszcrstörcnden Charakter" als jede andere Ucbergangsform im Staats- und Gesellschaftsleben. Das sollte dem Geschichtsschreiber der Evolution, Lamprecht, ohne weiters einleuchten! S. 207. In Deutschland fiel das Feudalsystem mit dein Kriegswesen zusammen; aus der fortlaufenden Kette der Lehenverbindungen beruhte die Heerschtldordnung, wie sie mit kleinen Abweichungen in den Rechtsbüchern niedergelegt ist. S. 207—210. (Den 5. Hecrschild haben die Schöffenbarfreicn inne; nach Zallinger habe es solchen Stand gar nicht gegeben. Nun, Eile von Nepgau rechnet sich selbst dazu; er wird wohl kaum für sich allein einen Heerschild beansprucht haben! Diejenigen Freien, die ihre angeborne echte Freiheit durch kein Lehen- noch Dienst- verhältniß gemindert haben, wie die friesischen Etheliuge, die freien bäuerlichen Großgrundbesitzer, wie Meier Helmbrecht, bilden die Schöffcnbarfreien. Was sollen wir uns aber unter den „altfreien Ministerialen" R. Schröders denken? S. 209.) Infolge seines Dienstes konnte anch der Unfreie alle Ehren des Ritterstandes genießen; aber nicht alle, welche zum Nittcrstande gehörten, waren dadurch schon ritter- bürtig; man mußte auch soviel Vermögen besitzen, um rittcrmäßig d. h. vornehm leben zu können. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es fast nnr freie Ritter. Frankreich ist für das Nitterthnm Deutschlands die hohe Schule gewesen, doch hat es von den Franzosen nicht immer Gutes gelernt. S. 211—212. Als einen der gelungensten Abschnitte im Werke Michacl's dürfen wir den von der Entstehung, dem wesentlich christlichen Charakter des Nitterthums, dem Jdealbilde eines Ritters bezeichnen. Zucht und Scham, Gehorsam und Sittigkeit, Geduld und reine Gottesminne, Demuth und Treue, Tapferkeit und Stärke, Zartheit und Edelmuth mußten den wahren Ritter zieren. S. 212 bis 220. Doch wir sind frivol genug, es ausznsprechen, wie wenig wohl diesem Ideale entsprochen worden sein mag! Solche Fälle von Tugenden und menschlich schönen Eigenschaften eignet nicht denen, deren „Erbtheil von Alters her Kampfeslust bis zum Uebermaß" war. Michael vergißt zwar nicht ganz, die Ausschreitungen in der Ritter- welt zu erwähnen — an Beispielen mangelt es wahrlich nicht —, um so reichlicher aber bedenkt er die Zierden der Ritterschaft. Wir möchten nicht, ivie es der Verfasser thut, den Fall verallgemeinern, daß einen Ritter die Betrachtung einer welkenden Blume zur Weltentsaguug vermochte. Auch möchten wir die Wnudergeschichte von Walther von Birbach gerne missen. S. 221—224. Mit Fug und Recht werden wir an die Ritterschaft anch zur Zeit ihrer schönsten Blüthe den Durchschnittsmaßstab des Menschen anlegen dürfen, wenn wir auch das Complimcnt, welches der Italiener Thomasin von Zirklaria der deutschen Ritterschaft macht, indem er sie als die würdigste preist, nicht ablehnen wollen. Fast wie eine Ironie auf die vorausgehenden, von dem Zauberglanze idealer Betrachtungsweise verklärten Ausführungen klingt es, wenn der Verfasser weiter schreibt: „Noch zu Ende des 13. Jahrhunderts ist der österreichische Ritter und Dichter Scifried Helbling eine ehrcnwerthe Erscheinung." S. 225. So schnell ist das Morgenroth der Ritterherrlichkeit verblaßt! Wenn Theorie und Praxis nicht so ganz grundverschiedene Dinge wären! Der Ritter, wie er sein sollte und zum Theil auch wirklich gewesen sein mag, ist ein Mann von Charakter gewesen: er handelte nach den Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu der ihn seine Erziehung hinlcitete. Waren die ersten Kinderjahre unter der Obhut der Mutter vorüber, so mußte der Junker die „Vrumicheiteu" des Ritters erlernen, wozu auch das Dichten gehörte. Singen und Sagen lernte die adelige Jugend auch in den Klosterschulen. Gewöhnlich brachte der Vasall seine Söhne auf die Burg des Lehenshcrrn oder an einen Fürstcnhof zur Erlernung der „Zucht" unter einem Znchtmcister, einem älteren erprobten Ritter. Die jungen Herren gingen wohl auch mit ihrem Hofmeister in die Fremde. Manche lernten auch Latein und — Griechisch, was dem Verfasser Niemand glaubt; zumal es nicht einmal darauf angekommen ist, den „kindelin" Lesen und Schreiben beizubringen. S. 225- 230. Den Inbegriff alles dessen, was ein Nitterkind an höfischer Zucht und Sitte sich anzueignen hatte, enthält, die Dichtung „Der Winsbeke". S. 230—231. Erst mit der Schwcrtlcitc oder Schwertnahme, wegen ihres religiösen Charakters anch Nitterwcihe genannt, trat der junge Mann eigentlich in den Nittcrstaud ein. Vor diesem Akte führte der Streiter den Namen Knappe oder Knecht. S. 230—235. Für die Weihe des Ritters gab es eine bestimmte kirchliche Formel. Anch kannte man im 13. Jahrhundert schon den Ritterschlag. S. 235 bis 240. Den kirchlichen Ceremonien folgten weltliche Vergnügungen und Lustbarkeiten, insbesondere Turniere, ohne welche ein mittelalterliches Fest der höheren Stände sowenig denkbar war, wie ein nicderbayerisches Volksfest ohne Pferderennen. Man unterschied den Buhurd, ein Waffcnspiel; die Tjost und das Turnier, welche beide wirkliche Kämpfe waren und gefährlich werden konnten, wie zahlreiche Beispiele beweisen, obwohl das zarte Geschlecht nicht unter den Zuschauern fehlte. Turniere gab es um Ehre und um Beute. Das Siegeszeichen war oft wie für den olympischen Sieger eine wenig kostbare 510 Gabe, oft aber auch ein kostbares Beutestück oder die Hand einer Dame. S. 240—245. - Solange die Turniere blos; Kampfspiele blieben zum Zwecke der Waffenübnng, lies; sich dagegen nichts einwenden. Allmählich indeß kamen die scharfen Rennen auf von durchaus gefährlichem Charakter, die ein Spiel waren mit dem Leben und daher von der Kirche strenge verboten wurden, wenn auch einzelne, namentlich deutsche, Kircheufürsten geneigt waren, sie mit mildern Augen anzusehen. S. 245—246. Wir meinen, daß überhaupt nur Menschen aus gröberem Holze geschnitzt an Kampfspielen Gefallen finden können. Jedenfalls aber ist es dem mittelalterlichen Ritter eher nachzusehen, als dem akademischen Bildnngsritter von heute, der die Zahl seiner Semester an der Zahl seiner Schmisse erkennt! Waffcnspiele und ähnliche Bergnügen tragen den Keim der Ausartung schon bei ihrer Entstehung an sich. Das Nitterthnm ist darum so bald an der eigenen inneren Unwahrheit umgekommen. 2. Raub- und Fehde Wesen. Gottes- und Land- f r i e d e n. S t ä d t e b ü n d n i s s e. Kampflust bis zum Uebermaß war von Alters her das Erbthcil der germanischen Stämme. Die künstliche Pflege, welche sie im Nitterthnm fand, die Verachtung der andern Stände, welche nur die materiellen Interessen förderten, und der dadurch genährte, sich selbst überschätzende Hochmuth waren ungesunde Elemente und mußten nur zn bald unliebsam in die Erscheinung treten. Man braucht im Raub- und Fchdcwesen mit Michael gar nicht „eine Abkehr von der Gesetzgebung Karls d. Gr. und eine bedauerliche Rückkehr zu der leidenschaftlichen Ungebunden- heit des Hcidenthnms" zu erblicken. S. 247. Die Kirche, welche durch ihr ganzes Wesen sänftigend auf die germanische Raub- und Rauflust wirkte, entbehrte vielfach der Unterstützung der weltlichen Macht. S. 247. Von dem Lütticher Bischof Heinrich ging das Institut des GotteSfriedens aus, welches der Znchtlosigkeit des Adels heilsame Schranken zog, 1082. Im nächsten Jahre folgte Erzbisck^f Siegwien von Köln dem Beispiele, geistliche und weltliche Strafen schreckten bor Verletzung dec ervur-a, zurück. S. 247 — 250. 1085 bereits erfolgte die Ausdehnung des GotteSfriedens über ganz Deutschland. Wahr ist, daß „das Ideen des echten Nitterthnms" sind (S. 250), nur gingen sie nicht von diesem aus, richteten sich vielmehr gegen einen großen Theil desselben, welches hartnäckig gegen jede Beschränkung seiner Zügellosigkeit sich wehrte. Der Gottcsfriede ist in der Folgezeit noch oft erneuert worden, aber ebenso oft verletzt worden. S. 250 bis 251. Zeitlich später waren die Landfriedensbcstrebuugen auf dasselbe Ziel gerichtet. Gottes- und Landfrieden waren gewaltige Anstrengungen, welche die von Lebenskraft und Kampflust überschäumenden Geister in den Grenzen der Gesittung halten sollten. S. 251—252. Die politischen Wirren unter Kaiser Friedrich Barbarossa durchkreuzten dessen Friedensbestrebungen und erleichterten den Freibeutern ihr Treiben. Im 13. Jahrhundert haben der Sachsenspiegel nnd Friedrich II. der öffentlichen Sicherheit gewaltig vorgearbeitet; doch auch jetzt „war dem Landfrieden nicht zn tränen". S. 252 bis 254. Es gelang wohl manchmal, so einen adeligen Nanbgeselten in die Mitte zn nehmen nnd ihn radikal zn knrireu. Die Besitzer der jetzt von dem Lichtzanbcr der Romantik nmflossenen Burgen am Rheine waren besonders gefürchtet. S. 254—255. Hier vermissen wir ganz besonders die von den bayerischen Herzogen entfaltete Landfriedensthätigkeit, wie Hermann von Niederaltaich sie uns überliefert hat. Der Landesherr hat bei dem wachsenden Verfalle der Reichsgewalt die Rechte und Pflichten dieser sich selbst beigelegt und geübt. In dieser Lage haben die von dem Raubwcsen am schwersten Betroffenen, die Städte, in ihrer gegenseitigen Verbindung das wirksamste Mittel der Selbsthilfe gefunden. Zahlreich sind die Städtebündnisse des 13. Jahrhunderts. Seit 1254 wuchs aus kleinen Anfängen ein mächtiger Friedensbund der Städte heraus: Mainz, Worms, Oppenheim nnd Bingcn bildeten den Kern des Bundes; der erste geistliche Fürst nnd mächtige Erzbischof Gerard von Mainz schloß sich ihm unter dem Drucke des Papstes Jnnozenz IV. an, am 13. Juli 1254 beschwor er mit vielen Herren und Städten auf 10 Jahre das Bündniß, welches seine Spitze vornehmlich gegen die adeligen Herren richtete, von denen die Vergewaltigungen der Kaufleute und die Zollerpressungen ausgingen. Am 10. März 1255 bestätigte König Wilhelm den Bund. 1256 umfaßte er, nachdem er mit überraschender Schnelligkeit sich ausgebreitet hatte, .ganz Deutschland, von Loth-, ringen bis an die Ostsee, von Bremen bis nach Basel nnd Zürich. S. 255—261. Das Organ des Bundes war die Bundesversammlung, zusammengesetzt aus je vier Vertretern der einzelnen Herrschaften nnd Städte, betraut mit der Wahrnehmung der hündischen Interessen. Was er im letzten Grunde bezweckte, war ein allgemeiner Landfriede und schloß damit an die Reichsgesctzgebnng des Jahres 1235 an. S. 262. Die Bemühungen des Bundes, vornehmlich seine Rücksicht für die wirthschaftlich Schwachen, bekunden eine große und freie Auffassung der socialpolitischen Verhältnisse nnd eine staunenswerthc, schöpferische Kraft. S. 265. Zerfiel er auch schon nach drei Jahren, so trug daran zunächst die unglückselige Doppelwahl von 1257 die Schuld. Gleichwohl bedeutet er einen gewaltigen Aufschwung des bürgerlichen Lebens. S. 265. Noch im Laufe des 13. Jahrhunderts ist man aus seine Grundsätze wiederholt zurückgekommen; er hat die Idee des Mainzer Landfriedens über die Periode der Auflösung im Interregnum in das erneute Reich Rudolfs, von Habsburg hinübcrgerettet. S. 263—265. Die grundsätzliche, allerdings nicht thatsächliche Abstellung der Fehde erfolgte erst 1495, doch nur für die Ritterschaft, nicht für die Reichsfürsten. S. 265. Ein trauriges Vorrecht, die eigenen Händel mit den Bluts- strömen der Unterthanen auszntragen l (Schluß folgt.) vr. xki!. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fvrtschrittsprincip" ? (Schluß.) Um weitere Punkte in seiner Broschüre zu berühren, so spricht Herr Wahrendorp auch mit tiefer Entrüstung von der Schrift des Moralprofessors am k. Lyceum in Dillingen. Herrn Dr. Leistle, „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der hl. Vater . die derselbe vor 10 Jahren abgefaßt hat, und die unseres Wissens von kompetenter Seite eine beifällige Kritik erfahren hat. Wir erwarteten, Herr Wahrendorp werde den Versuch einer Widerlegung der in dieser Schrift vorgebrachten Thatsachen und Beweisgründe machen, aber wir sahen uns sehr enttäuscht. Herr Wahrendorp und Gesinmmas- 511 genossen scheinen die Meinung zu hegen, wenn sie den Glauben an die Existenz des Teufels und seiner Wirk- amkeit, an die Möglichkeit und Wirklichkeit seiner sinnen- älligen Erscheinungen, an Besessenheit u. dgl. „ungeheuer- ichen Blödsinn" schelten, so sei dieses volltönende Wort aus ihrem Munde ein vollständiger Ersatz für jeden Gegenbeweis. Doch — diese „wissenschaftliche" Argumentation imponirt uns nicht. Die Existenz Satans, die Wirklichkeit seiner Umhüllung in sinnlich wahrnehmbare Gestalten, Besessenheit, sein Einfluß auf die Menschenwelt u. dgl. sind in der hl. Schrift ebenso verbürgt, wie die göttliche Institution der Beschneidung (vgl. Schell, Katholische Dogmatik, II. Bd. S. 257 ff., 322 f.; III. 1 S. 432 f. — Heinrich, Dogmatische Theologie, V. Bd. S. 580 ff., 590 ff., 779 ff. — Hurt er, üls- änlla tbeol. ckoZumtieas p. 389, 991 sgg. n. a.). Daß Herr Wahrendorp auf die Schrift des Herrn Professors Leistle, die unseres Erachtens vielleicht richtiger den Titel „Die Besessenheit nach der Schrift- und Väterlehre" tragen und damit auch präciser den Inhalt — Darlegung der Besessenheit und einschlägiger Fragen nach der hl. Schrift und altchristlichen Literatur — bezeichnen würde, einen Lobgesang anstimmen würde, haben wir nicht erwartet, aber auch nicht, daß der ganze Passus über diese Schrift eine Kette von Entstellungen, Verdrehungen und Unrichtigkeiten sei. So wird (S. 49) Herr Pros. Leistle eine Stelle über die wunderähnlichcn Wirkungen Satans in den Mund gelegt, die er als Anschauung anderer Autoren (Thomas Ag., Suarez u. a.) durch Citation kennzeichnet. Ja, Herr Wahrendrop ist mit solch „peinlicher" Sorgfalt bei der Aushebung dieser Stelle aus der genannten Schrift vorgegangen, daß er das in Parenthese Gesetzte einfach durch Weglassung derselben mit dem laufenden Texte vermischte, so daß die bctr. Stelle dadurch gänzlich unverständlich wird. Solche Textcsmiß- handlnug wird getrieben, um den Autor der vollen Verachtung seines „kritikfähigen" Publikums preisgeben zu können. Dann weist Herr Wahrendorp auf eine Fußnote in Leistle's Schrift bin und will ihn hier auf einer horrenden Ungeheuerlichkeit von Aberglauben ertappt haben. Diese Stelle ist in Herrn Wahrendorp's Broschüre nicht einmal richtig abgeschrieben; verschwiegen ist jedoch, daß Herr Dr. Leistle die ganze Sache ausdrücklich als einen Betrug bezeichnet, der in Frankreich gespielt habe. Das kümmert aber Herrn Wahrendorp nicht, weil es für seinen Zweck, den Dillinger Moral- professor bei dem „gebildeten", auf Wahrendorp's Wissen- fchaftlichkeit schwörenden Publikum anzuschwärzen, nicht paßt. Daß Hiebei aber die Wahrheit zu kurz kommt, bereitet Herrn Wahrendorp, der ja „rein sachlich" verfährt, keine schlaflose Sekunde, zumal ihm Hiebei seine Kenntniß der „Jesuitenmoral", die nach ihm lehrt: „Der Zweck heiligt die Mittel", trefflich zu statten kommt. Ebenso bat er sich auf S. 50 eine Entstellung erlaubt, so daß der Sinn dessen, was Herr Pros. Leistle anf S. 23 feiner Schrift schreibt, unter Wahrendorp's „fachgemäßer" Behandlung ein total anderer geworden ist. Die Stelle über die sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsweisen des bösen Geistes entlehnt Hr. Wahrendorp aus der Frankfurter Zeitung, aus der sie einen Rundgang durch alle gesinnungstüchtigen Blätter machte, und zwar mit allen Unrichtigkeiten und Verstümmelungen, obwohl aus dieselben schon in Beilage 16 der „Augsburger Postzeitung" vom 19. März 1897 eine Richtigstellung erfolgte. Es mangelt uns der parlamentarische Ausdruck für ein solches „wissenschaftliches" Gebahren; wir dürfen es sicherlich eine „literarifche Gaunerei" nennen. Es wurde in der genannten Beilage eigens betont, daß der Verfasser referire und genau die Fundgnellen (zumeist Vätcr und altchristliche Kirchenschriftsteller), welche die Frankfurter Zeitung unterdrückt hatte, für die von ihm angeführten Erscheinungsweisen angebe, daß also diese Stelle nicht ein reines Hirngespinnst des Verfassers sei. Es wurde zudem hervorgehoben, daß Herr Pros. Leistle seine Anschauung über die Berichte aus altchristlicher Zeit über das Auftreten Satans in sichtbarer Gestalt, sowie über den Einfluß desselben auf die Menschheit gleich im Anschlüsse daran und an verschiedenen Stellen seiner Schrift in einer Weise zum Ausdruck bringe, daß man ihm durchaus nicht den Vorwurf der Leichtgläubigkeit, sondern eher eines kalten Skeptizismus machen könne. Wir verweisen u. a. auf S. 29 ff.,44,175 ff. der bctr. Schrift. Das alles existirt für Herrn Wahrendorp und die Troßknechte antichristlichcr Zeitungsblätter nicht. Deßhalb geben sie doch vor, im Dienste der „Wahrheit und Wissenschaft" zu stehen. Oder meinen sie vielleicht, eine Unwahrheit würde durch öftere Wiederholung zur Wahrheit? Wären Herr Wahrendorp und die Frankfurter Zeitung, die sich doch in katholischen Fragen ein maßgebendes Urtheil anmaßen — Hr. Wahrendorp ist in der altchristlichen Literaturgeschichte so bewandert, daß er Tcrtullian zum Kirchenvater promo- virt —, mit der katholischen Literatur ein wenig vertraut, so hätten sie in der erwähnten Stelle der Schrift des Herrn Pros. Leistle keine „Monstrosität" erblicken können, welche dieser Herr ihrer Ansicht nach mit besonderer Vorliebe und ganz abseits von anderen katholischen Theologen cultivire. In seiner Real-Encyklopädie der christlichen Alterthümer (II. Bd. S. 856) handelt Herr Pros. Dr. Kraus in Freiburg von den verschiedenen Gestalten, in welchen sich die Phantasie des christlichen Alterthums den Teufel vorgestellt habe, und er berichtet genau so, wie Herr Pros. Leistle, nur daß letzterer noch zahlreichere Belegstellen beigeschafft hat. Im Kirchenlexikon (II. Ausl. 4, 850 f.) spricht sich Herr Pros. Dr. Kaulen in Bonn über die Frage des Erscheinungsleibes Satans ebenso aus wie Herr Pros. Dr. Leistle, d. h. er führt wie dieser einige von ihm in der christlichen Literatur hierüber gefundene Erscheinungsweisen an. In dem klassischen Werke des Papstes Benedikt XIV. Os ssrvornm Osi beatiüoa- tions st eanonirationS (I. 3. eap. 30. u. 13. n. oap. öl. u. 3.) finden sich ähnliche aus der frühchristlichen Literatur geschöpfte Angaben. Wenn Herr Wahrendorp diesen beide» deutschen gelehrten Theologen und dem gelehrten Papste in einer nächsten Auflage einen Ehrensitz neben Herrn Pros. Leistle gütigst einräumt, so wird das jedenfalls seine „wichtige" Schrift noch zugfähiger machen und „sein äußerst umfangreiches Wissen, mit dem er au seine Aufgabe herantritt", noch umfassender erscheinen lassen. Zum Schlüsse (S. 52) schmiedet Herr Wahrendorp aus Sätzen, die er aus der Schrift des Herrn Pros. Leistle (S. 146) verstümmelt heraushebt, ein Conglomerat von Unrichtigkeiten und maßlosen Anschuldigungen, beziehungsweise entlehnt es aus dem „Menschenthum" und krönt (ein Werk, indem er die Schale seines Zornes und seiner ganzen Gehässigkeit über das „Centrumspfaffenthum" entleert. Wir haben allen Grund, anzunehmen, Herr Wahrendorp habe die Schrift des Hrn. Pros. Leistle mit eigenen Augen noch nie gesehen, da er feine ganze Kenntnis über die Schrift des Dillinger Professors aus der, wie uns. scheint, freimaurerifchen Zeitschrift „Menschenthum". die er für seine Angaben citirt, schöpft und die Schrift „Im Programm der k. Stndienanstalt Dilliugen 1886/87" erscheinen läßt. Was sich der gelehrte Herr wohl dabei gedacht hat? Das sind also die Männer, die anf der Hochwarte der Wissenschaft zu stehen und mit ihrem blanken Schilds dieselbe zu schützen und zu decken sich brüsten, Männer, die durchaus nicht wählerisch und skrupelhaft in ihren „wissenschaftlichen" Mitteln sind, vor Entstellungen nicht, zurückschrecken, in katholischen Dingen eine geradezu phänomenale Unwissenheit bekunden, dennoch aber kühn« und frech über sie den Stab brechen und so vor ihrem gleichwcrthigen gläubigen und andächtigen Leserkreise sich den Schein hoher, — für gläubige Christen unerreichbarer Gelehrsamkeit zu geben verstehen. Wer nicht mit ihnen im Bunde die Pfade des Unglaubens und der Negation dahinzieht, gilt ihnen als wissenschaftlich inferior. Einen Mann, der mit erborgten Lappen seine Blößen deckt und damit noch prunken will, können wir nicht als urtheils- fäbig über katholische Wissenschaft, katholisches Streben, kalholische Forschung, überhaupt über christliche Fragen anerkennen. Sehr beklagenswert!) und wirklich geistig inferior müßte das deutsche Lescpublikum sein, wenn ein! solches Machwerk wie Herrn Wahrendorp's Broschüre wirklich den „Mittelpunkt der Conversation in allen Gesellschaftskreisen in der bevorstehenden Winter-Saison bilden" könnte, wie das die Verlagshandlung jedenfalls nur aus rein „ideellen Motiven" wünscht. 512 Recensionen und Notizeui Karl Ernst von Baer nnd seine Weltanschauung. Von Dr. Remigius Stölzle, Professor der Philosophie an der Universität Würz bürg. 8". (XI u. 687 S.) Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt, 1897. Preis 9 M. Karl Ernst v. Bacr (gest. 1876) war der Begründer der vergleichenden Keimesgeschichte (Embryologie) als einer eigenen Wissenschaft. Er ist daher in den Kreisen der Naturforscher ebenso hochgeschätzt wie in denjenigen der Descendenztheoretiker, die in seinen embryologischen Ent- oeckungcn eine Hauptstütze der Entwicklungslehre zu finden glaubten. Baer war aber zugleich auch ein denkender Naturforscher und als solcher ein entschiedener Anhänger der teleologischen Weltanschauung und ein ebenso entschiedener Gegner der rein mechanischen Naturerklärung des Darwinismus. Von ganz verschiedenen Seiten, ja von feindlich einander gegenüberstehenden Lagern wird Baer als Bundesgenosse citirt; er ist einer von jenen seltenen Männern, die bei allen Parteien Achtung gewonnen haben, und die daher alle gern auf ihrer Seite sehen möchten, um dadurch ihrer Sache größeres Gewicht zn verleihen. Um so bedeutungsvoller sind die Fragen: Welches waren eigentlich die philosophischen Anschauungen Baers? Welches war sein geistiger Entwicklungsgang? Eine zuverlässige Antwort hieraus gibt uns das obenerwähnte Werk von Pros. Rem. Stölzle. Dasselbe bietet daher nicht bloß das rein persönliche Interesse einer biographischen Skizze, sondern ein viel weiteres und höheres. Es ist ferner eine durchaus wissenschaftliche Studie, nicht etwa eine leichte, oberflächliche Unterhaltungsschrift. Mit der gewissenhaftesten Objectivität geht der Verfasser auf jeden einzelnen Zug des geistigen Porträts ein, das er entwerfen will: er selbst vergleicht daher seine Studie mit einer nicht retonchirten Photographie, in welcher das Geistesbild jenes modernen Naturforschers mit seinen Vorzügen und seinen Mangeln treu wiedergegeben wird, ohne ctivas hinzuzufügen oder hinwegzulassen, zu verschönern oder zu entstellen. Stölzle will Baer schildern, wie er wirtlich war, namentlich aber will er über seine philosophischen und religiösen Anschauungen volles Licht verbreiten. Hierbei steht der Verfasser jedoch nicht etwa aus dem Standpunkte einer „farblosen Neutralität", sondern voll und ganz auf demjenigen der theistisch-christ- lichen Weltanschauung. Diese bildet den Maßstab der Wahrheit, der hier an Baers Gedankenwelt gelegt wird. Durch diese kritische Beleuchtung der philosophischen Ansichten Baers erhebt sich Stölzle's Baer-Stndie zugleich zu einer indirekten Apologie der christlichen Weltanffassnng. Hierin liegt ein neuer Werth des vorliegenden Werkes, dem wir deßhalb besonders in den Kreisen der modernen Naturforscher, die weiteste. Verbreitung wünschen. (Stimmen von Maria-Laach 1897 Heft 10.) I In dem Verlage der Alphonsus-Drnckerei in Münster erschien ein neues Bündchen von 1'. Georg F reund. 0. 8s. R., dessen populäre Abhandlungen über „Die Gesellschaft" binnen drei Monaten schon die zweite Auflage erreichten. Das neueste Werkchcn bietet „Sociale Vortrüge" über aktuelle Fragen, über Wissenschaft, Kommunismus, Reichthum, Armuth, Religion ist Privatsache, Liberalismus des vierten Standes, Fraucnemancipntion, Selbstmord, Duell u. s. w. und wird jedenfalls viele Freunde finden. Beide Bände kosten elegant gebunden je 3 M. Der Katholik. Redigirt v. Joh. Mich. Raich. 12 Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft XII. Dezember: A. Wibbelt, Die Unbefleckte Empfängnis) in Calderon's -suitos säora- nioutalos. — Carl Maria Kaufmann, Die Fortschritte der monumentalen Theologie auf dem Gebiete christlich-archäologischer Forschung. — Thomas Esser, Vrä. kramt., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — vr.Nirschl, Panagia Cavnli bei Ephesus. — k. Martin Gcinder O. 8 . 1 )., Die Geologie und die Sündfluth. — Literatur: I-uäovicus äs 8au, 8. ck., ll'ratatus n Südafrika. — Die Mission von Alaska. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: China (Eine Missionsrcise in Kiangnan(Schluß): Vorderindien(Hungers- noth): Madagascar (Uebcrblick); Südafrika (Unter-Sambesi: Natal, Hilferuf): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Die Schiffbrüchigen. (Fortsetzung.) — Diese Nummer enthält acht Illustrationen. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. H oberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9. —. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlnng. Inhalt von Nr. 12 u. A.: Die Berliner Ausgabe der alten griechischen Kirchenschriftsteller. (Bardenhewer.) — Nowack, Handcommentar zum Alten Testament. (Peters.) — Schulz, V.S psklmis Draäualibns. (Vandcnhoff.) — Hauck, Kirchcngeschichte Deutschlands. (Kraus.) — 8sraxbieas Ds^islatiovis tsxtus originales. (Albers.) — Wasmann, JiMinkt n.Jntelligenz imTierreich.lSchneider.)—Wasmann, Vergleichende Studien über das Seelenleben der Ameisen und der höhcrn Thiere. (Schneider.) — Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Äraig.) — Die Freimaurerei Oesterreich-Ungarns. (Franz.) — Grimme, Geschichte der Minnesinger. (Hellinghaus.) — Steinte, Edw. v. Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. (Keller.) — Röhm, Der Protestantismus unserer Tage. (Paulus.) — Nachrichten. — Büchertisch. ' ' Franz Wörther, ein Dichter und Denker ans dem Volke. Von Karl Schrattenthal. Preß- bürg, Selbstverlag, 1897. 8°. VI, 6l S. M. 1. ssH Professor K. Weiß-Schrattenthal ist bekanntlich der literarische bezw. publicistische Impresario mehrerer Natur- und Volksdichter und Dichterinnen. Sein neuester Stern, eine Art Hans Sachs, lebt in Klein-Hcnbach am Main (daselbst geb. am 6. Dezbr. 1830) als Schuhmacher. Der Erlös der vorliegenden Publikation ist als Bencfizinm für diesen bayerischen Volkspoeten gedacht. Die Sammlung birgt einige recht ansprechende Gaben: manches aber ist sehr hausbacken, unklar und schwülstig, die Lebens- phitofophie des Dichters nicht frei von Hnmanitätsphrasen eines Autodidakten. Und dann, wieviel überhaupt geht auf Conto des Impresarios dieser Sammlung? Gott, Natur und Menfchenherz. Gedichte von Cordon de Seda. München, Pfeiffer, 1894. 8°. 139 S. t Nur wenig einigermaßen Annehmbares! Die Metrik wie die Poesie sind für den Autor nicht das Land, wie er es nennt: „Wo der Lorbeer Ruhmgier fächelnd steht", und es gehört etwas dazu, wenn er (S. 42) von sich sagt: er „walte im Reich der Geister weihemächtig ein Poet". _ Wie Studenten Schauspieler werden. Lustspiel in 5 Aufzügen von I. v. Terberdi. Speyer. Jäger, 1897. Kl. 8°, 59 S. 60 Pf. - 2 . Das Stück ist kein „Lustspiel", sondern eine Burleske von bisweilen drastischer Urwüchsigkeit. Es passirt viel auf der Scene, doch kann von einer „Handlung" in dramaturgischem Sinne nicht immer die Rede sein. Die Formel der „Nutzanwendung" klingt ziemlich hausbacken. Als FastnachtsschwaNk aber und durchaus wohlanständige» Volkswitz dürfte das Stück mit Recht auf Verbreitung rechnen! , Verantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg n,-. 74. gk zm Sllgskrger Iofizeilmg. 31. yer. 1897. Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr- > hundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. (l. (Schluß.) V. Verfassung und Hlecht. 1. Königthum und Kaiserthum. Die Königswahl. Das Kurfürstencolleg. Entstehung der Landeshoheit. An der Spitze des deutschen Volkes stand der König. Das Königthum war innigst verwoben mit den Geschicken der Nation, von Alters her hatten die Germanen Könige gehabt. Zu einer Zeit, wo (Wende des 9. Jahrhunderts) Deutschland sich in seine Theilfürstenthümer auflösen zu wollen schien, trat das Papstthum zum Schutze des deutschen Königs ein, indem es auf der Synode zu Hohenaltheim (916) diejenigen, welche dem König die Treue brachen, mit dem Banne bedrohte. Die ver- häugnißvolle Heimsuchung ging vorüber, unter Heinrich I. erhob sich das Königthum zu neuer Kraft und neuem Ansehen. S. 266—267. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts gingen in Deutschland Erbrecht und Wahlrecht Hand in Hand. S. 268. Dem fränkisch-deutschen König Karl dem Großen hat Papst Leo III. an dem denkwürdigen Weihnachtsfest deS Jahres 800 die Kaiserkrone auf's Haupt gesetzt. Karl übernahm damit die Pflicht, Kirche und Papst zu schützen, die Oberhoheit über alle christlichen Fürsten; er wurde der erste weltliche Machthaber der Christenheit, der Vorkämpfer gegen jede auswärtige Friedensstörung. — Das spätere Mittelalter hat die Krönung Karls als eine Nebertragung der Kaiserwürde von den Griechen auf die Franken aufgefaßt. Diese Anschauung lag dem krönenden Papste wie dem gekrönten Kaiser ferne. Seit 962 verblieb die Kaiserkrone, wie durch ein Gewohnheitsrecht gesichert, dauernd bei den deutschen Königen, die deswegen auch den Titel „römisch-deutscher König" führten. S. 268-270. Das mittelalterliche Kaiserthum war eine Schöpfung oeS Apostolischen Stuhles; es hatte nur Bestand kraft der Krönung des jedesmaligen deutschen Königs durch den Papst. Diese Auffassung wird von dem Verfasser durch viele Quellenstellen belegt und gegen andere Ansichten mit Erfolg, wie uns bcdünkt, vertheidigt. S. 271-272. Bemerkenswerth ist die folgende Schilderung der kn der öffentlichen Meinung lebenden idealen Erhabenheit des Kaisers. S. 273—275. Bekannt ist die dem Mittelalter geläufige Zwei- Schwerter-Theorie: das geistliche Schwert ist dem Papste, das weltliche dem Kaiser anvertraut, um das Reich Gottes auf Erden in gegenseitiger Förderung und Unterstützung zu verwirklichen. Weniger bekannt ist der Vergleich des Papstes und des Kaisers mit Sonne und Mond und die mystische Deutung des CäsariuS von Heisterbach. S. 275-279. Das Reichswappen und die Reichsinsignien erfuhren sinnige Deutungen. S. 279—281. Der Ceremoniell der Kaiserkrönung war erhebend. S. 281-284. Die Königskrönung, welche nicht bloß für Deutschland, sondern auch für Burgund und Italien galt, war der Kaiserkrönung mehrfach ähnlich. Die bei der Krönung und dem folgenden Mahle betheiligten Fürsten gewannen um die Mitte des 13. Jahrhunderts einen entscheidenden Einfluß auch auf die Wahl des deutschen Königs. Früher wurde dieser durch die deutschen Fürsten gewählt unter Bet» stimiiinug des Volkes; später finden nur mehr die Fürsten Erwähnung, welche zu Beginn des 13. Jahrhunderts noch alle wahlberechtigt waren. Aber die Ceremonie der öffentlichen Wahl, die Verkündigung des Kurspruches war Aufgabe der sieben Kurfürsten. Das ist der Sinn der berühmten Stelle im Sachsenspiegel. In berechtigtem Patriotismus schließen dieser und der sogen. Schwaben- spiegel den böhmischen König als Nichtdeutschcn von der Kur aus. — Die Entwicklung ist eine sprunghafte. Bei der Doppelwahl des Jahres 1257 erscheinen die sieben Kurfürsten zum erstenmale mit völlig neuen Befugnissen und be- Häupten sich in deren Besitz. Was im einzelnen dicsm Gang der Ereignisse bestimmte, ist vielfach noch nicht aufgeklärt. S. 284—287. Damit geht Michael dem Streite der Gelehrten um die Entstehung des KurfürstencollcgS aus dem Wege. Auf Grund des vorhandenen Materials läßt sich weder die eine noch die andere Ansicht zwingend beweisen, auf dem Gebiete der Konjekturen hat mehr oder minder Jeder Recht. Mit der Entstehung des Kurfürstencollegs war den Bestrebungen einzelner Großen des Reiches gegenüber der Krone ein nahezu unabsehbarer Spielraum gegeben. Fast zu derselben Zeit erfuhr das Königthum eine weitere, sehr empfindliche Schmälerung durch das Aufkommen und Erstarken der Landeshoheit. Das Lehenwesen brachte eS mit sich, daß die Nachfolge in der Grafschaft, Markgrafschaft und im Herzogthum durch den ununterbrochenen Erbgang bestimmt wurde. Die erblichen Landesherren trachteten darnach, sich dem Einfluß des Königs möglichst zu entziehen. Den Urbarungen der Cisterzicnser aber möchten wir nicht mit Michael eine gleich hohe Bedeutung für die Entwicklung der Landeshoheit wie dem Lehenwesen zuschreiben. Die Landeshoheit entstand in ganz Deutschland ohne die Rodungen der Cisterzicnser. — Es waren die ersten Anfänge des modernen Staates. S. 287 bis 289. Daß es dabei nicht ohne offenbare Ungerechtigkeit abging, beweist zum Beispiel die Geschichte von Tirol. S. 289. Von entscheidender Bedeutung für die Umgestaltung der alten staatsrechtlichen Ordnung wurden die umfassenden Zugeständnisse Friedrichs II. an die geistlichen und weltlichen Fürsten 1220 und 1231. S. 290. Nach unsernr Dafürhalten hätten die OonkoackorLtio und das LtabutuM eine eingehende Würdigung verdient, waren sie doch die Gründungsurkunden der Territorien. Am frühesten zeigen sich die Ansätze eines geschlossenen landesfürstlichen Territoriums in Oesterreich und Steiermark; folgt eingehende Begründung dieser Erscheinung. S. 290 — 292. Aehnlich wie in Oesterreich entwickelte sich die Territorialhoheit in Bayern, wo Herzog . Ludwig I. sich bereits 1204 „Inhaber der bayerischen Monarchie" nannte, und anderswo. S. 292—293. Infolge der Schwächung der Centralgcwalt betrachteten sich die einzelnen Fürstenhäuser als wahre Eigenthümer der ihnen überwiescnen Gebiete und gaben dem unzweideutigen Ausdruck durch wiederholte Lander- theilungen. S. 293, 514 Das Aufkommen der Territorialverfassnng war auch für die Geschichte der Städte nicht ohne bedeutsame Folgen. Die Sitze der Landesherren wurden cbcusoviele Mittelpunkte, um die sich das staatliche und cultnrelle Leben der einzelnen Gebietstheile gruppirte. Es entstanden die sogen. Residenzen, deren Wachsthum genau mit den innern und äußern Fortschritten des Territoriums zusammenhing. — Im allgemeinen traten die Städte den Landesherren feindlich gegenüber. Im Laufe des 13. Jahrhunderts erschienen die Städte auch bereits auf den Reichstagen, zwar noch nicht als ebenbürtige Faktoren der Ncichsverfassnng neben den Landesherren; aber es war dadurch der Grund gelegt, von welchem aus das Rcichsbürgerthnm sich allmählich eine verfassungsmäßige Einflußnahme auf das Reich erringen sollte. S. 294 bis 295. 2. Die deutschen Rechtsbücher. Das gerichtliche Verfahren — Gottesurtheile. Römisches Recht. Die bedeutendste und vollständigste rechtswissenschaft- liche Arbeit ini deutschen Mittclalter ist der Sachsenspiegel, um 1230 verfaßt von Eike von Rcpgow, einem schöffen- bar freien Sachsen. Er besteht aus dem wichtigeren Bankrecht und dem Lehcnrecht, war ursprünglich lateinisch abgefaßt und wurde von Eile auf Veranlassung des Grafen Hoher von Falkenstcin in's Niedersächsische übertragen. S. 295—296. Im allgemeinen gibt er ein treues Bild des sächsischen Rechtslebens, mehr oder minder des deutschen überhaupt, namentlich in Hinsicht auf daS Lehenwesen. Die Hanptqnelle des Verfassers ist die eigene Erfahrung. S. 296—297. Haften auch dem Werke, wie selbstverständlich, einige Mängel an, so hat doch die schärfste Kritik weder das Genie des Verfassers, noch seinen klaren Blick, noch seinen grundehrlichen Rechtssinn mit Erfolg beanstanden können. Unverständig, ja das Naturrecht verletzend sind einige Sätze, welche von Eike selbst als heidnischen Ursprungs bezeichnet werden. Auch Widersprüche finden sich. Wenn daher Papst Gregor XI., selbst ein Jurist, daraus 14 Sätze im Anschluß an die Polemik des gelehrten Augustiners Johannes Klenkok gegen das Ncchts- buch verwarf (1374, April 8), so ist das nicht eine Verfolgung des Sachsenspiegels durch die Kirche, sondern lediglich ein Kamps der das gute Recht und die gesunde Vernunft vertretenden Kirche gegen die Reste altheid- nischcr Barbarei. Den Spieglcr trifft der geringste Tadel, er hat nur das bei den Sachsen geltende alte Recht zusammengestellt. Zur Last fällt ihm höchstens seine eigene geistreiche Spielerei mit den Zahlen 2, 3 und 7. S. 297—300. Alles Recht leitet Eike von Gott ab. „Gott ist selbst das Recht", heißt es im Prolog. Unanfechtbar sind seine kirchen- und staatsrechtlichen Ausführungen. Hoher sittlicher Ernst spricht aus den privat- und strafrechtliche» Bestimmungen, besonders aus den Sätzen über die Rücksicht für die Schwachen. Die dem Eide beigelegte Bedeutung überschreitet aber doch das Maß der Klugheit. Eines weitgehenden Schutzes, selbst einer offenbaren Bevorzugung erfreuten sich die Juden. S. 304 bis 305. Bei den innigen Beziehungen zwischen Volksrecht und Volksleben ist der Sachsenspiegel auch eine wichtige Duelle für die Cnltnrgeschichte. S. 305—306. „Interessant ist endlich, daß bei aller Zartheit und Schonung für Elende und Schwache das Rechtsbuch doch ' ein außerordentliches Gewicht auf Gesundheit und Vollkommenheit des Körpers legt. Ein unläugbarer realistischer Zug durchweht das ganze Werk, welches die Rechtsnormen eines urwüchsigen, kampflustigen Volkes zum Ausdruck bringt, deßhalb Kraft und Lebensfrische hochschätzt und es gleichsam für selbstverständlich hält, daß in einem starken, gesunden Körper auch eine gesunde, starke Seele wohnen müsse, und umgekehrt." S. 306( —307). Der Sachsenspiegel hat ganz außerordentliche Verbreitung gefunden in Nord- und Mitteldeutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus. Auf städtische Verhältnisse hat er Anwendung gesunden im Magdeburger Stadtrecht, welches als Stadtrecht selbst wieder überallhin verbreitet wurde. Am Anfang des 14. Jahrhunderts entstand das sächsische Weichbildrecht, welches, eine Com- pilation aus Nechtssätzen des Sachsenspiegels und aus Rechtsentscheidnngen, gleichfalls stark verbreitet wurde. S. 307—308. Es ist hier nicht der Ort, alle vom Verfasser angeführten Rechte und Rechtsmittelpunkte aufzuzählen (S. 308 — 309), wir beschränken uns darauf, das wichtigste Rechtsbnch des deutschen Südens zu nennen, den sogen. Schwabcnspiegel. Dieses Rechtsbnch, mit Unrecht Schwabenspicgcl genannt, wie v. Rockingcr überzeugend nachgewiesen hat — doch erscheint Michael die Beweisführung nicht ganz gelungen —, fußt auf dem „Spiegel deutscher Leute", der eine Ucberarbeitung des Sachsenspiegels ist; es enthält Sätze aus dem römischen und kanonischen Recht, aus den bekanntesten Predigtwerken der Zeit und ist noch zur Zeit des Interregnums, wahrscheinlich von einem Bamberger Kleriker, verfaßt. Michael hält mit Unrecht an der landläufigen Ansicht fest. Auch hier finden sich noch drei von der Kirche vernrthcilte Sätze. S. 309—310. Der „Deutschen- und sog. Schwabenspiegcl" stehen dem Sachsenspiegel an Originalität, Folgerichtigkeit und Klarheit der Darstellung nach. Gleichwohl hatte der in einer überaus großen Anzahl von Handschriften verbreitete sogen. Schwabcnspiegel auf die Abfassung anderer Rcchtsbücher und auf gerichtliche Entscheidungen einen gewaltigen Einfluß. S. 311. Das sogen, „kleine Kaiscrrecht" ist fränkischen Ursprungs. S. 311. Die Rcchtsbücher bestimmten das gerichtliche Verfahren. Das germanische Gerichtsverfahren war öffentlich, mündlich und unmittelbar. Unter einem strenge einzuhaltenden Ceremoniell fand die Gerichtssitzung statt. Der Klage folgte die Rechtfertigung des Angeklagten, Rede und Gegenrede. Der Richter fragte, die Schöffen fanden das Urtheil, welches der Richter verkündete. Besonderen Werth legte man aus die Beweisführung, bei der man sich der Zeugenaussagen, des Eides und der Gottesurtheile bediente. (S. 311—312.) Ordalien oder Gottesurtheile waren bis in's 13. Jahrhundert häufig, von da an beginnen sie seltener zu werden. Der Schwabcnspiegel hielt noch daran fest, Beispiele finden sich in Menge. Den Gottesnrtheilen wird häufig auch der gerichtliche Zweikamps beigezählt, der stets ein Zeichen mangelhafter Rechtspflege ist. Sollte das etwa auch für unsern modernen, gerühmten Rechtsstaat gelten? Nach dem Sachsenspiegel, der den Zwei- kampf genau regelt, war er nur den persönlich Freien gestattet. S. 313 — 317. Nicht minder abergläubisch wie die Ordalien war das sogen. Bahrrecht oder das Bahrgcricht. S. 317. Sehr scharf hat sich Friedrich II. 1231 gegen die 515 Gottesurtheile Im allgemeinen und besonders gegen den Zweikampf geäußert. Ihm folgt das kleine Kaiserrecht. In allen Kreisen hat sich während des 13. Jahrhunderts eine den Zweikampf vernrtheilende Auffassung Bahn gebrochen. S. 317—319. Die Kirche hat lange eine schwankende Haltung eingenommen. Päpste oder allgemeine Concilien haben sie nie gebilligt. S. 320—321. Hier merkt der Verfasser auch die Ergebnisse der Untersuchung v. Belows über den Zusammenhang des mittelalterlichen und modernen Zweikampfes an, natürlich in beifälligem Sinne. Es gibt in der That nichts Ergötzlicheres als den Eiertanz unserer modernen Ritter, vermöge dessen für die gebildeten Stände die Nothwendigkeit des Duelles reklamirt wird; es gibt nichts Empörenderes als diesen Fanstschlag in das Gesicht der Themis; es gibt nichts Vernunftwidrigeres als diese Einbildung einer Extrastandesehre und nichts Schändlicheres als das leichtsinnige Spiel mit dem eigenen und fremden Leben. — Kamen die Gottesnrtheile mehr und mehr in Abgang, so erlangte mit dem Eindringen des römischen Rechtes die Folter die Bedeutung eines neuen, furchtbareren Ordals. S. 321. Das römische Recht drang seit Kaiser Otto III. langsam zwar, aber sicher und verderbenbringend wie eine schleichende Krankheit, wie ein langsam wirkendes Gift in den deutschen Nechtskörper ein. Man fühlte und beklagte den Vorgang, der namentlich für den Bauernstand von den unseligsten Folgen begleitet war; denn die Juristen wendeten das römische Sklavenrecht auf die mannigfachen Dienstverhältnisse, der deutschen Bauern an. Als Typus eines schlimmen Juristen jener Zeit zeichnet der Verfasser das Bild des Heinrich von Kirchberg. S. 328—326. Von nun ab mehren sich die Klagen wegen Rechtsbeugung bei allen Schriftstellern» und die Seufzer nach der guten alten Zeit, die man nicht kannte, wurden immer lauter. S. 326—329. Das römische Recht ist trotz seiner nmstergiltigen Form und strengen Logik noch lange nicht das geschriebene Vernunftrccht. Wiederholt hat sich die Kirche gegen eine blinde Begeisterung und einseitige Pflege des römischen Rechtes auf Kosten des einheimischen mit aller Entschiedenheit ausgesprochen. Es liegt das im Wesen der Kirche und ihres Erziehungsberufes. Anderseits gibt es keine Macht, welche die Bestrebungen Einzelner wie ganzer Völker, sofernc durch dieselben das Sittengesetz nicht verletzt wurde, hochherziger geduldet und wirksamer gefördert hätte, als die konservativste und zugleich im edelsten Sinne des Wortes freisinnigste Macht auf Erden, die Kirche und in ihr das Papstthum. S. 329 — 331. So sind wir denn am Ende des Weges angekommen, den wir an der Hand des wohlbewanderten Wegweisers durch das landwirthschaftliche, städtische und staatliche Leben des 13. Jahrhunderts zurückgelegt haben. Ist auch dasjenige, was wir bloß auszugsweise aus dem trotz einiger Ausstellungen ganz hervorragenden Werke innerhalb des Nahmens dieser Blätter haben bringen können, nur gering, und gibt es nur ein blasses Bild von dem farbenprächtigen Gemälde des Verfassers, so schmeicheln wir uns doch mit der Hoffnung, daß der eine oder andere Leser nach dem Buche selbst greifen wird auf die Anregung dieser Zeilen hin. Das wäre der innigste Wunsch des Schreibers und der beste Lohn für die Mühe, in der vorliegenden Arbeit die Aufmerksamkeit auf eines der schönsten und werthvollsten Bücher unserer historischen Literatur gelenkt zu haben. Es wird dein Buche nicht an neidischem und böswilligem Widerspruch fehlen, es wird ihm Tendenz, ultrainontane Tendenz — nach der Meinung vieler die verwerflichste von allen — vorgeworfen werden. Was wir an Widerspruch geltend gemacht haben, fließt wahrlich nicht aus der trüben Quelle der Mißgunst. Jeder Mensch ist in Fühlen und Denken abhängig von seinem Temperament und seiner Umgebung; diese zwei Umstände bilden den Maßstab für seine Betrachtnngs- und Anschauungsweise, an ihm messen wir die Menschen und Verhältnisse vergangener Jahrhunderte und glauben doch die Objektivität nicht verletzt zu haben. Jene reine Objektivität, die der Wirklichkeit eignet, vermögen wir trotz eifrigsten Strebens und besten Willens nicht zu erreichen. Die menschlich erreichbare Objektivität meinen wir nicht verletzt zu haben. Schließlich möchten wir noch eine kleine Nachlese von Unrichtigkeiten und Ungcnanigkeiten halten. Der bet den Münchenern mit Recht so beliebte Wirm- oder Starnbergersee hat mit „Würmern" gar nichts zu thun. Wirm-See bedeutet soviel wie warmer See. 05r. Schmeller-Frommann, Bayerisches Wörterbuch II, 1000. — Auf S. 190 wollte der Verfasser dem Zusammenhange nach „die landschaftlichen", nicht „die land- wirthschaftlichcn Reize" preisen. — Ein „erbliches Wahlreich" S. 268 ist ein Unding, ein Wahlreich schließt die Erblichkeit so ipso aus. —tt. Die Jesuitcmmllen Prantls an der Universität Jngolstadt und ihre Leidensgenossen. Eine biobibliographische Studie von Franz Sales Romstöck, Lucealvrofeffor, Bibliothekar und I. Vorstand des historischen Vereins in Eichstätt.*) ? Anläßlich der vicrhundertjährigcn Stiftungsfeier der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßte im Auftrage des akademischen Senates Dr. Carl Prantl eine Festschrift, in welcher hauptsächlich die Entwicklung dieser Hochschule in Jngolstadt und Landshut zur Darstellung kam. Mit der eines Historikers unwürdigen Leidenschaftlichkeit gießt Prantl die Schale seines deutsch- nationalen Zornes über die Jesuiten aus, welche von 1556 — 1773 an der Universität Jngolstadt lehramtlich thätig waren. Nach Prantl „war das Eingreifen des Jesniten-Ordens an sich schon ein unermeßliches Unglück; denn hier handelt es sich um die Wirkungen eines gemeingefährlichen Institutes, welches jedem einzelnen seiner Mitglieder bewußt oder unbewußt, in höherem oder geringerem Grade ein Element des Bösen einimpfte; . . . sobald der Jesuit als Mitglied seines Ordens wirkte, mußte er in Folge der Obcdienz zum unsittlichen Werkzeug eines verwerflichen Zweckes werden". Deßhalb tadelt der Münchener Professor auch die Vorliebe bayerischer Fürsten für die Jesuiten; „die Universität — das edelste Kleinod des Landes — hätte von einer solchen Vergiftung frei bleiben dürfen" (Prantl I, 220). Angesichts dieser Voreingenommenheit darf es daher nicht Wunder nehmen, wenn Jesuiten, welche an der Jngol- städter Hochschule verschiedene Disciplinen lehrten, in gehässigster Weise als „leere Namen", „bloße Figuranten des Ordens", „Jesuitennullen" „ohne literarische Bedeutung", nur dem Namen nach bekannt", gebrandmarkt werden. ") Eichstätt 1898. Commissionsverlag der M. Brönner- schen Buchhandlung (A. Hornik). VIII. 521 S. 516 Seit dem Erscheinen des Prantl'schen Werkes sind 25 Jahre verflossen, ohne daß auf deutschem Boden eine Ehrenrettung der hart angegriffenen Societät erfolgt wäre. Die zunächst Berufenen konnten in Folge der bekannten Ausweisungsgcsctze ihre geschmähten Ordens- genossen früherer Jahrhunderte nicht wohl vertheidigen. Darum begrüßen wir es mit Freuden, daß endlich ein Professor des Eichstätter Lyceums sich der Muhe unterzogen hat, an der Hand reichen archivalischen Materials die Qualifikationen Prantls eingehend zu würdigen. Im Anschlüsse an das große Sammelwerk Sommervogels: „Uibliotsiöiius ckes Lorivains 6a In OowpuZuis äs äöaus- hat Nomstöck die alphabetische Ordnung in der Aufzählung all der Jesuiten eingehalten, welche eine kürzere oder längere Lehrtätigkeit in Jngolstadt entfaltet haben. Nach einer möglichst vollständigen Lebensskizze der einschlägigen Persönlichkeiten folgen die literarischen Arbeiten, seien es Druckschriften oder Manuskripte, wobei die Eichstätter Bibliotheken sehr ausgiebige Beiträge zu liefern vermochten. Eine andere Frage ist jedoch diese: Wäre es nicht Im Interesse der sachlichen Polemik gegen Prantl vor- thcilhafter und wissenschaftlich erfolgreicher gewesen, wenn der Verfasser in der Gruppirung und Charakterisiruug der einzelnen Professoren sich an die von Prantl gewählten Abschnitte der Universitätsgeschichte gehalten hätte? Dann hätten die Urtheile verschiedener Schriftsteller» die sich S. 463 — 472 finden, in bessere organische Verbindung zur ganzen Tendenz des Werkes gebracht werden können. Freilich läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß Rom- stöcks Methode viele Vortheile in sich schließt und freieren Spielraum in der Aufzählung der literarischen Arbeiten gewährt. Jedenfalls aber hätten die benützten Quellen an den Anfang der Studie gesetzt werden sollen. Nomstöck hat mit äußerster Sorgfalt und Pünktlichkeit gearbeitet, nur einzelne Druckfehler, so besonders S. 139, sind stehen geblieben. Deßhalb wünschen wir diesem anregenden Beitrage zur Gelehrtcngcschichte unseres Vaterlandes, in welchem die wissenschaftlichen Strömungen vergangener Jahrhunderte sich spiegeln, einen ausgedehnten Leserkreis. -i- » (Ueber dasselbe Werk ist uns noch folgende literar- Ische Anzeige zugegangen. D. Red.) Vorliegendes Werk, die Arbeit vieler Jahre und die Frucht umfassender Studien des auf bibliographischem Gebiete rühmlichst bekannten Verfassers, ist bestimme, gelegentlich der Wiederkehr des 300jährigen Todestages des seligen Canisius einen Beitrag zur Ehrenrettung von 271 Jngolstädter Professoren aus dem Jesuitenorden zu liefern. Dasselbe wendet seine Spitze gegen eine Reihe von unrichtigen Behauptungen in C. Prantls Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1872, die in M. Haushofers Die Ludwig-Maximiliaus-Universi- tät zu Jngolstadt, Landshnt und München, München 1890, nicht corrigirt sind, obwohl seit der Veröffentlichung von Prantls Werk mehrere Schriften erschienen sind, die reiches Material zur Widerlegung jener Aufstellungen enthalten (s. Nomstöck, S. IV). Es handelt sich nämlich um die literarischen und pädagogischen Leistungen jener Professoren, denen Prantl in Folge von vielfach unberechtigter Parteinahme gegen den Jesuitenorden nicht gerecht wird. Wenn man Nomstöcks Werk auch nur oberflächlich durchblättert, wird man die Ueberzeugung gewinnen, daß diese 271 Männer, welche bei Prantl „leere Namen", „bloße Figuranten des Ordens", „Jesuitennullen", „solche, deren Individualität in derOrdens- angehörigkeit bestanden zu haben scheint", „solche mit nicht nachweisbaren Früchten", „sich einer nähern Würdigung entziehend", „nur dem Namen nach bekannt" und endlich „ohne literarische Bedeutung" genannt werden, nun in einem ganz andern Lichte erscheinen, zum großen Theil eine reiche literarische Thätigkeit entfalteten. Seite 4—462 führt der Verfasser diesen Nachweis, indem er mit Benützung eines reichen gedruckten und handschriftlichen Materials (ich mache besonders unter den 118 Nummern benutzter Quellen sS. 473—481j aufmerksam auf die ttzcts, Oilinxnua. und das Oiurium Kxvannsii LMaäiani, die reiches, zum Theil noch nicht gedrucktes Material boten) in alphabetischer Reihenfolge jene 271 Professoren mit Angabe der Lebensdaten, ihrer Druckschriften und hinterlassenen Manuskripte behandelt. Vor, züglich durch mit größtmöglicher Vollständigkeit aus den entlegensten Quellen geschöpfte biographische Nachweise wird dieses Werk jedem, der sich mit einem zeitlich oder sachlich einschlägigen Gegenstände beschäftigt, ein unentbehrliches und höchst willkommenes Nachschlagebuch sein. Wenn unter den Druckschriften der Professoren auch Dissertationen figuriren, welche unter dem Vorsitze jener Männer gehalten wurden, so geschieht dies nach S. 12 r) aus dem Grunde, weil der Präses und Nespondent, bezw. Defendent mehr oder weniger Antheil an der Dissertation harten. Als bedeutendere Namen sind zu nennen: Baumann (S. 31 — 36), Drattenberger (S. 62—69), Ehrentreich (S. 71 —75), Ehrhardt (S. 77 -84), Gravenegg (S. 106 — 110), Kern Adam (S. 167 bis 169), Koegler Jgnaz (S. 178—184), Marianus Christoph (S. 213—216), Neuhauser (S. 244—248), Pirrhing (S. 264-271), Naßler Christoph (S. 280 bis 287), Naßler Max (S. 289—304), Steborius (S. 876-383), Strohmayr (S. 392-399), Veith Lorenz (S. 417 — 420), Weiß (S. 439 — 445) und Widmann (S. 453—456). Wenn von einer Seite gesagt wurde, daß eine chronologische Zusammenstellung der Namen der alphabetischen vorzuziehen gewesen wäre, so kann man dagegen sehr wohl geltend machen, daß der Verfasser die chronologische Einreihung des betreffenden Namens durch den jedesmaligen Zusatz einer römischen Ziffer sehr erleichtert hat, die sich auf die Seite 3 vorgetragenen, nach historischem Gesichtspunkte angeordneten Gruppen beziehen. Ich hätte, was diesen Abschnitt betrifft, nur gerne gesehen, daß die Disputationen, Thesen rc. entweder durch Kleindruck, oder wenn dies die Kosten der Herstellung zu sehr erhöhte, vielleicht durch Astcrisken von den eigentlichen Druckschriften unterschieden worden wäreitz damit diese besser hervorgetreten wären. Sehr werthvoll und die vorausgehenden Nachweise ergänzend ist die „Nähere Würdigung der Prantl- schen Qualifikationen", ein Abschnitt, der über 37 Professoren ein nm so helleres Licht verbreitet, als er Urtheile von Zeitgenossen, Literaturhistorikern und Fachleuten enthält. Wenn wir da neben Männern, deren literarische Thätigkeit Nomstöck festgestellt hat, auch Namen begegnen, die nichts hinterlassen haben, z. B. Halbgauer, Vizanns, Fackler rc., die aber doch wegen ihrer Wirksain- keit von Mit- und Nachwelt hochgehalten waren, so drängt sich uns wieder die Ueberzeugung auf, daß literarische Produktivität nicht den richtigen Maßstab für die Werthschätzung eines Mannes abgibt, daß die Bedeutung 517 mancher Kathedergröße nicht in gelehrten Werken, sondern oft in der stillen, meistens der Außenwelt unbekannten Thätigkeit im Unterrichte liegt. Ein sehr genaues Personen- (S. 482—510) nnd Sachregister (511—521) erhöht wesentlich die Benützung des werthvollcn Werkes. Papier und Druck entsprechen allen Anforderungen. Nur ganz wenige Druckfehler sind mir aufgefallen, S. 11 Ehrenreich statt der durchgeführten Namensform Ehrentreich, S. 466 kurxuraso blutao statt kurxnrao odlatn.8. Ich gratuliere dem Verfasser zu dieser schönen Leistung. Eichstätt. Dr. Englert. Katholisches Eherecht von Dr. Jos. Schnitzer?) Ueber Entstehung des hier zu besprechenden theol. Werkes gibt das Borwort kurzen Ausschluß. Nach dem Ableben Dr. Elser's wurde Professor Jos. Schnitzer angegangen, für die „kanonischen Ehehindernisse" von Stadtpfarrer I. Weber die erforderliche 5. Auflage zu besorgen. Wissenschaftliche Bedenken hielten den strebsamen Gelehrten ab, das Werk in der alten Form zu veröffentlichen, vielmehr setzte er ein neues Werk an dessen Stelle, welches das gesammte Eherecht behandelt und von dem alten nur einige auf die Praxis bezügliche Partien, besonders die Formulare, herübernahm. So entstand ein neues Buch, das sich zum Studium des kath. Eherechtes, wie als Handbuch zum Nachschlagen in gleicher Weise eignen möchte. Der reiche Stoff ist in vier Abschnitte gegliedert. Der I. Abschnitt (S. 1—84) behandelt die Ehe als Vertrag und Sakrament und ihr Verhältniß zu Kirche und Staat. Hier betont der Verfasser, daß der Schöpfer die Ehe wie einpaarig so unauflöslich eingesetzt hat und daß ihr auch schon naturrechtlich Unauflöslichkeit zukommt; jedoch kann, was vom paradiesischen Menschen gilt, nicht ohne weiters auf den gefallenen übertragen werden. Für diesen sind Ausnahmen anzuerkennen. Bei der sogen. Civilehe ist zunächst ein geschichtlicher Neberblick geboten, wie sie in der Glaubensneuerung wurzelnd in den verschiedenen Staaten zur Einführung gelangte. Der Verfasser begründet, abweichenden Ansichten gegenüber, die These, daß objektiv, als Staatseinrichtung, die fakultative vor der obligatorischen entschieden den Vorzug verdiene. Die Verbesserungen, welche im Deutschen Reiche das Gesetz vom 6. Febr. 1875 durch das Bürgerliche Gesetzbuch erhielt, bezeichnet Dr. Schnitzer als unerheblich und begründet seine Auffassung in einer längeren Fußnote. Sehr eingehend citirt er die einschlägige Literatur; so z. B. (S. 72) Nöpe, Neichscivil- standsgesetz, worin das Verderbliche der Civilehe darin gesehen wird, daß sie dem Volksbewußtsein das Grauen vor einem Leben ohne Gott, ohne Religion, ohne Kirche an seinem Theile raubt, daß sie gleichsam das Siegel staatlicher Gesetzgebung auf Gleichgiltigkeit, Roheit, Frivolität — nicht drücken will, aber im Bewußtsein der Bevölkerung thatsächlich drückt! — Am Schlüsse dieses Abschnittes macht der Verfasser aufmerksam, daß auf dem Vatikanum deutsche, französische, belgische und amerikan- ") Katholisches Eherecht. Mit Berücksichtigung der im Deutschen Reich, in Oesterreich, der Schweiz und im Gebiete des 6oäs civil geltenden staatlichen Bestimmungen. Von Dr. Jos. Schnitzer. 5. vollständig neu bearbeitete Auflage des Werkes: I. Weber, Die kanonischen Ehehindernisse. Freiburg bei Herder, 1898. 681 Seiten. ische Bischöfe eine Verminderung der Ehehindernisse beantragten, nnd daß das Bedürfniß einer Reform auf diesem Gebiete als ein allgemein gefühltes bezeichnet werden kann. Der II. Abschnitt (S. 85 — 222) entwickelt die formellen Erfordernisse der Eheschließung. Hier kommen naturgemäß Verlöbniß, Brautexamen, Aufgebot, Eheschließung bczw. Trauung und Brautsegen zur Behandlung. Der Verfasser bezeichnet unter Hinweis auf das Tridentinum die Brautleute als „Spender" des Sakramentes. Die Consequenzen dieser Auffassung sind ihm für die bezüglichen Darlegungen normgebend. Das vor- tridentinische Recht ist eingehend besprochen und daraus Anlaß und Bedürfniß zum Eingreifen der in Tricnt versammelten Vater beleuchtet. Ueber die Art, wie dieses geschah, ist das Nöthige aus der Geschichte des Concils herangezogen und dann die Verkündigung und Verbindlichkeit an nichttridentinischen und tridentinischen Orten behandelt. Ueber die Akatholiken an tridentinischen Orten sind die Erklärungen und Erlasse des römischen Stuhles, die in der 4. Auflage von Weber (S. 439—75) einfach abgedruckt werden, gut erläutert und ist die wichtige Bemerkung beigefügt, der einzelne Priester habe auf der Kanzel oder im Beichtstuhl die rechtliche Seite nicht zu berühren, geschweige zu beurtheilen. — Der Gegensatz zwischen dem Kanonisten und Theologen oder Seelsorger tritt freilich in dieser Sache auch sonst schroff genug hervor. Dem Kanonisten mag es zur Rcchts- giltigkeit der Ehe genügen,' daß der Pfarrer oder sein gesetzlicher Stellvertreter (mit den Zeugen) anwesend ist, die Brautleute sieht und ihre Erklärung vernimmt. Der Theologe aber muß, abgesehen von ganz singnlären Umständen, eine Ueberraschnng als freche Beleidigung der „18.0168 666168186" und als Karikatur auf den Willen der Kirche bezeichnen und der Seelsorger hat das Sakrament nicht bloß als Band der Nupturicnten, sondern als Gnade »Mittel, das würdig gebraucht werden soll, zu betrachten. — Die von Dr. Schnitzer gewählte Darstellung macht das tridentinische Dekret und was damit zusammenhängt, viel klarer, als wenn man es mit dem Namen Klandestinität unter die Ehehindernisse hineinsteckt. Der III. Abschnitt, Die Ehehindernisse und ihre Beseitigung (S. 223 — 573), umfaßt die Hälfte des Buches. Zuerst kommen die verbietenden bezw. aufschiebenden, nämlich kirchliches Verbot, die verbotene Zeit, das einfache Gelübde und die Confessionsverschieden- heit. Hier sind die staatlichen Bestimmungen über die Mischehenkinder beigegeben. Auch ist die elterliche Einwilligung behandelt, dann die reinstaatlichcn Eheverbote. Die trennenden Ehehindernisse sind dreifach getheilt, solche bei denen die Einwilligung fehlt, dann der Mangel an körperlicher Tauglichkeit, endlich solche, welche durch das natürliche oder positive Recht statuirt sind. Bei jedem Hinderniß wird nach einer angemessenen geschichtlichen Entwickelung das geltende (kirchliche) und das staatliche Recht klar angegeben nnd durch Rechtsfälle veranschaulichet. Besonders instruktiv wird die Behandlung durch Aufzeigung der Wurzel, woraus jedes Ehehinderniß hervorgegangen ist und durch die Gegenüberstellung des kirchlichen und staatlichen Rechtes, wodurch bei jedem die Vergleichuug ermöglichet ist. Der IV. Abschnitt (S. 574 — 645) erörtert die Wirkungen der Eheschließung hinsichtlich der Gatten und s Kinder, dann die Trennung des Ehebandes, die Scheidung 518 von Tisch und Bett und die zweite Ehe. Seite 578 macht der Verfasser die Bemerkung, daß der Pfarrer bei Heirath solcher Personen, bei denen uneheliche Kinder legitimirt werden sollen, eine bezügliche Urkunde aufnehmen und durch Namensunterschrift der Eltern bestätigen lassen soll. Da dies, soviel bekannt, gewöhnlich nicht geschieht, möchte hier besonders aufmerksam gemacht werden. Ein Anhang behandelt (S. 646—71) mit sichtlicher Sorgfalt und Gründlichkeit die vielerörterte Ehescheidung Napoleons I. mit dem Ergebniß, daß die Erkenntnisse des Diöcesan- und des Metropolitangerichts zu Paris als auf grober Fahrlässigkeit beruhende Fehlurthcile zu bezeichnen sind. Unter den mannigfachen Bearbeitungen des kathol. EhercchtD hat dieses neue Werk, wie es scheint, den Vorzug, daß die überreiche Literatur, sowie die neuesten Entscheidungen und Bestimmungen, namentlich das am 1. Juli 1896 angenommene Bürgerliche Gesetzbuch eingehend berücksichtiget sind. Der Verfasser verbindet eine leichte, klare Darstellung mit Selbstständigkeit des Urtheils ^ in strittigen Punkten, woran es in diesen mitunter schwierigen Materien nicht fehlt. . Deren . eingehende Würdigung soll Fachmännern überlassen werden. Für die Rechtfälle sind die ^.otu 8. 86äis eingehend benutzt und sind also zumeist authentische, vom HI. Stuhl selbst entschiedene Fälle angeführt. Der Leser ist in die Lage versetzt, die Rechtsnormen geschichtlich zu begreifen und klar zu verstehen. Das Ziel, wissenschaftliche Gründlichkeit mit praktischer Brauchbarkeit zu verbinden, scheint bestens erreicht. Möchte das wissenschaftliche Streben die verdiente Anerkennung finden! — Auch die Neubearbeitung hat die Approbation des Kapitelsvikariats ^ Freibnrg. Weißenhorn. I. Holl. Münchner Anthropologische Gesellschaft. Am 17. Dezember hielt die Münchner Anthropologische Gesellschaft unter dem Vorsitze des Lerrn Pros. vr. I. Ranke eine interessante und lehrreiche Sitzung ab. Zuerst sprach Herr Custos Dr. F. Grünling über Ceylon. Aus dem Vortrage mögen seine mineralogischen Exkursionen hervorgehoben werden. Ceylon ist berühmt wegen der Edelsteine und des Graphits, die dort gefunden werden. Der dortige Graphit stammt nicht von organischeil Ueber- resten, er ist wahrscheinlich ein Sublimationsprodukt von Kohlenwasserstoffen. Der Graphit ist das einzige Mineral auf Ceylon, das bergmännisch gewonnen wird. Aber der Bergwerksbetrieb ist, wie in dem Graphitbergwerk Nage- dara bei Kurunegala, sehr primitiv, Maschinen werden nicht verwendet. Ein besonders hervorragender Edelsteinbezirk ist in der Provinz Sabaragamnwa. In dem Fluß- geröll finden sich die Edelsteine in überraschend großer Menge und Schönheit. Redner demonstrirte an Photographien die Graphit- und Edelsteingewinnung. Den zweiten Vorlrag hielt Herr Pros. Dr. Grätz über Tele- graphie ohne Draht. Die Experimente des Italieners Marcöni haben großes Aufsehen erregt. Aber er hat keine einzige neue Entdeckung gemacht. Sie gründen sich auf die Ansichten von Faraday und auf die Untersuchungen von Hertz. Faraday nahm an, daß in den Isolatoren ähnliche Vorgänge stattfinden, wie in den Lertungs- drähten. Durch eine elastische Verschiebung des Aethcrs nach beiden Seiten können in den Isolatoren elektrische Schwingungen entstehen. Diese wurden zuerst durch Beobachtung des Funkens der Leydencr Flasche bezw. des Ruhmkorsf'schen Induktors nachgewiesen. Hertz hat nachgewiesen, daß von jedem elektrischen Funken elektrische Wellen nach allen Seiten ausgehen. Redner demonstrirte diese Wellen mittels des sogen. Cohärers. Die in demselben eingeschlossenen, lose aneinander schließenden Metall- spähne haben so großen Widerstand, daß ein elektrischer Strom nicht hindurch geht. Sobald die von dem elektrischen Funken ausgehenden Wellen auf den Cohärer treffen, verbinden sich die Mctallspähne so mit einander, daß ein Strom hindurchgeleitet werden kann. Die Hertz'schen Wellen haben die Eigenschaft, daß sie durch leitende Stosse, wie Metalle, nicht hindurchgehen, sondern reslektirt werden. Nicht leitende Stoffe dagegen sind für dieselben durchlässig und vermögen sie in der Gestalt von einem Prisma zu brechen. Marconi hat gezeigt, daß die Hertz'schen Wellen auf große Entfernungen noch wirksam sind. In Italien gelangen die Experimente auf eine Entfernung von 37 kw, in Deutschland auf 21 Kni. Ferner hat Marconi die nothwendigen Apparate zweckmäßig eingerichtet. Was den Werth der Telegraphie ohne Draht betrifft. so erleidet derselbe bedeutende Einschränkung durch die Thatsache, daß Berge, Häuser, Menschen, Nebel, atmosphärische Elektricität die Wirkung der Hertz'schen Wellen hindern. Ein telegraphischer Verkehr ohne Draht ist nur möglich, ungünstige Bedingungen ausgeschlossen, zwischen der Küste und einem Schiff, zwischen zwei Schiffen oder zwischen zwei Luftballonen. Gebt man von der allgemeinen Annahme aus. das; jedes.Molekül mit Elektricität geladen und in schwingender Bewegung ist, so kann man mit großer Phantasie zu der weiteren Annahme gelangen, daß von jedem Moleküle minimale elektrische Schwingungen dem Aether mitgetheilt und durch genügend empfindliche Apparate nachgewiesen werden könnten. Ist das auch eine gewagte Hypothese, so verdienen doch alle Andeutungen dieser Art mit Aufmerksamkeit verfolgt zu werden. Zum Schlüsse des klaren und lehrreichen Portrages telegraphirte Professor Grätz ohne Draht aus die Länge des Saales das Wort München. Der Vorsitzende bemerkt, daß die Ansicht von der Fern- wirkung ohne vermittelndes Medium aufzugeben ist. Wie durch die Lehre von der Erhaltung dr Kraft ein Wendepunkt in unserer allgemeinen Naturanschauung eingetreten ist, so bedeuten auch die Untersuchungen von Hertz einen Weudepunk speciell in Beziehung auf unsere Auffassung der Wirkung der Kräfte in die Ferne. Dr. L. Recensionen und Notizen. Die ersten Schwestern des UrsulinenordenS. Nach den Ordensanualcn bearbeitet und aus dem Französischen übersetzt von einer Ursuline. Mit einem Vorwort von ?. Lehm kühl 8. ck. Pader- born 1897. Verlag von F. Schöningh. IX, 391 S. 3.40 M. D Die Lebensbilder von 11 Mitgliedern des Ursulinen- ordens aus der ersten Zeit seines Bestehens werden in vorliegendem Buche uns vorgeführt. Die Darstellung christlicher Tugend und Vollkommenheit an lebendigen Beispielen hat immer etwas anziehendes, zur Nachfolge antreibendes, und dies um so mehr, wenn, wie hier. nicht bloß das glücklich errechte Ziel, sondern vor allem der lebenswahre Weg hiezu mit allen seinen Kämpfen, Beschwerden, Versuchungen, Anfechtungen und Widersprüchen geschildert wird. Als Tischlektüre m Klöstern wird das Buch nicht ohne Eindruck bleiben; doch auch heranwachsende Töchter werden aus demselben wichtige Lehren über die höhere Vollkommenheit schöpsen, besonders solche, die von der Gnade Gottes zum Ordensleben berufen. Eine Lebensbeschreibung enthält auch ein kleines Stück Culturgeschichte: Die Einführung des Ursulineuordens in Nordamerika nach Canada zu den Zeiten der ersten Christianisirung der wilden Huronenstämme und der Ver- nichtnngskämpfe seitens der Irokesen. Die Sprache ist eine sehr edle und würdige. Aufgefallen ist der Ausdruck „hl. Profession" anstatt Profeß; sodann dürfte der Ausdruck „Widersprüche" S. 154 ohne nähere Bezeichnung, ob innere, ob äußere, ob von Personen außerhalb oder innerhalb des Ordens herrührend, mißverständlich sein; ebenso ist es unerfindlich, warum einigemal nur „Lai- schwester" statt Laienschwester gebraucht wird; desgleichen klingt das Wort „Nest" S. 330 etwas zu gewöhnlich. Zwischen derSchulbauk und der Kaserne. Wegweiser für die Jugend. Von Alban Stolz. 10. Auslage. Herder in Freiburg i. Br. Sechs Exemplare L 38 S. 50 Pf. L Flugblätter, Broschüren, Traktätlein werden mit großem Eifer, bewunderungswürdiger Ausdauer, allsehn- lichen Kosten und in unglaublicher Anzahl von den politischen und religiösen Gegnern der katholischen Kirche verbreitet. Der Pessimismus in unserm Lager bezüglich des Werthes solcher Mittel soll sich doch durch die Taktik des Feindes belehren und bekehren lassen. Unsere katholische Literatur darf sich getrost mit ihren derartigen Erzeugnissen sehen lassen, und es wäre sehr zu wünschen, dieselben würden noch mehr benutzt. „Wir müssen unsern Laien auch zur Vertheidigung des Glaubens Waffen in die Hände geben", sagt ein bekannter und geachteter Kämpe in der Pasfauer Monatsschrift S. 894. Solche kleine Schriftchen als Erkenntlichkeit für einen erwiesenen kleinen Dienst aus der Hand eines Geistlichen oder Laien stiften sicherlich mehr Nutzen als etliche „Havanna" oder ein „Trink"geld. Sie finden schon Leser und werden auch beherzigt praovenionto et aäzuvsnts gratia, nur keine Sorge! Duerrwaechter, vr. A. Die Vesta Oarvli nmKni der Regensburger Schottenlegende. Zum ersten Mal ediert und kritisch untersucht von vr. A. Duerr- w «echter. Bonn, 1897. P. Hanstcins Verlag. Unter den Specialtitcln: 1) Handschriftliches. 2) Inhalt der Schottenlegende. 3) Die Schottenlegende eine Compi- lation. 4) Entstehungszeit der Eompilation. 5) Die Persönlichkeit des Compilators. 6) Die Costa Oaroll maKni. 7) Fortleben der Karls- und Schottenlegende. — I. Text der Costa Oaroli MNANI. — II. Das Excerpt der Schottenlegende rc. des Konrad von Megeuberg — weist der Herr Verfasser darauf hin, daß es sich hier um ein für die Geschichte der Historiographie interessantes Werk handle, dessen Entstehung früheren Datums sein müsse, als man ehedem annehmen zu sollen glaubte. Er verlegt dieselbe in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Von besonderen! Interesse ist die Kritik der in den verschiedenen Bibliotheken aufbewahrten diesbezüglichen Manuskripte. Eichstätt. Pros-Romstöck. Wanderungen in Tirol von Ludw. v.Hörmann. Innsbruck, Wagner, 1897. 8° X, 316 S. M. 4. X Diese Wanderungen bilden den II. Theil der 1895 erschienenen „Wanderungen in Tirol und Vorarlberg". Sie beginnen beim Hofermounment auf dein Berge Jsel; dann geht's zum Tummelplatz bei Ambras, in's vordere Oetzthal, nach Landeck, über den Arlberg, nach Hall, zum Gnadenwald, auf die Brettfall, nach Maria-Stein, mit der Giselabahn, in's Hintere Stubai, Obernberger Thal, über den Brenner, nach St. Leonhard bei Brixcn, Schloß Runkelstein, auf den Ritten, zur Gleifkapelle, über die Mendel, nach Grätsch bei Meran, Lambrechtsburg, zu den Dolomiten, nach Enneberg, in's Pragserthal, nach Ampezzo und Madonna di Campiglio. Der Verfasser ist bekannt durch seine Studien über tirolischcs Volksthum und Naturleben. Man begleitet den kundigen Führer und unterhaltlichen Erzähler gerne auf seinen Fahrten; er bietet kein trockenes Reisehandbuch, sondern genußreiche Schilderungen. Braig C.. Vom Erkennen: Abriß der Noötik. 8°. VVI -j- 354 Seiten. Frciburg i. Br., Herder, 1897. Preis 3 M. 40 Pfg. -> Erkenntnißtheoretische Fragen stehen heute im Vordergründe philosophischen Interesses; auf diesem Gebiete spielt sich der erbittertste Kampf divergirender Ansichten ab. von denen die radikalste die Möglichkeit des Erckennens überhaupt preisgibt. Mit Recht hielt es der Verfasser für angezeigt, der Noötik eine eingehendere Darstellung zu widmen, als es für ein „Lehrbuch der Grundzüge der Philosophie" sonst üblich ist. Braig steht auf dem sicheren Boden christlicher Philosophie und weist die Lehren derer, welche die Möglichkeit der Erkenntniß durch irgendwelche schiefe Auffassungen in Frage stellen, oder sie übertreiben, durch klare und geschickte Beweisführung ab. Das werthvolle Buch gibt ein recht anschauliches Bild der erkenntnißtheoretischcn Richtungen, die im Laufe der Geschichte aufgetreten find. Gictmann Gcrh. (8. 4.), Grundriß der Stilistik, Poetik und Aesthetik. 8°. IV -ch 388 SS. Freiburg i. Br.. Herder 1897. Preis 4 Mark. -- Der feinsinnige Herausgeber der „Classischen Dichter und Dichtungen (Job, Dante, Parzival. Faust)" erfreut uns hiemit durch ein Werk, das im eigentlichen Sinne ein Schul- und Lernbnch ist, oder doch zu werden verdient. Leider verabsäumt es unser heutiges Gymnasium, wo täglich mehr über Ueberbürdnng geklagt und täglich weniger geleistet wird, die Schüler mit Poetik und Aesthetik intensiver bekannt zu machen, als es etwa die oberflächliche Kenntniß nur der deutschen Literatur und die zeitweilige nothdürstige Fabrikation eines sogenannten deutschen Aufsatzes erfordern. Das sollte anders werden, und dazu wüßten wir kein besseres Hilfsmittel zu nennen, als vorliegendes Buch, das dem Schüler durchaus gesunde Ansichten beibringt und ihn die Erzeugnisse der redendeu und bildenden Künste im rechten Lichte, frei von jeder unvernünftigen Schwärmerei, betrachten lehrt. „Studien und Mittheilungen aus dem Benediktiner- und dem Ei stcrcienser-Ordcn." Verlag des Stiftes Raigern (bei Brünn, Oesterreich). Preis per Jahrgang (4 Hefte ca. 48 Bogen) 8 M. — 4 Gulden. Das III. Heft 1897 enthält u. a.: Veith, Jldefons (0. 8. v. Seckau): Die Martyrologien der Griechen. (V. Schluß.) — Willems, D. Gabriel (0. 8. v. Afflighem): 8obolao Loneäietinas slvs: vo seievtiis, opora Llona- obornm Orckinis 8. Lsnockioti auotis, oxoultis, propaxatis ot oonsorvatis; Vibri guatuor a O. Ockouo Cambior, monaobo ^küiKsnionsis Nonasterii Orclinis ojnsckom 8. Lsnsckioti. (VI.) — Wagner Phil., vr. (Berlin): Gillon le Mnisi, Abt von St. Martin in Tournai. (IV. Schluß.) — Plaine Beda (0. 8. L. Silos): vo initüs bomilibus mirabilibusguo psr soeula inoromontis Cultus L. Nariao Virpavis. visguisitio üistoriao-IiturKxloa. (III.) — Leistle, vr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkcit im St. Magnusstifte zu Füssen. (IX.) — Wittmann, vr. Pins (München): Johannes Nibling, Prior in Ebrach (0. Cist.), und seine Werke. (IV.) — Lolzer, vr. Odilo (0. 8. v. Melk): Aus einem Melker Formelbuche. — Hakusa, v. Tescelin (O. Cist. Heiligen- krenz): Unbekannte Gedichte des I'. Joachim Hoedl 8. 4. auf Abt Marian II. und die Abtei Heiligenkreuz. (I.) — — Grillnberger, vr. Otto (Orck. Ölst. Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Eist. -Ordens. (XII.) — Böklenrücher I. (Saruen, Schweiz): h Leo Fischer, O. 8. L. Eine Blume aus dem Klostcrgarten. (II. Schluß.) — Winter«, Lanrenz (v. 8. v. Braunau): Michael Willmann, ein Cistercienser- maler des XVII. Jahrhunderts. — Cahannes, Johann (Brigels, Graubünden): Das Kloster Tiseutis vom Aus- gang des Mittelalters bis zum Tode des Abtes Christian von Castelberg. (I.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur. — Literar. Referate. — LitcrarischeNotizcn. — Ordcnsgeschichtliche Rundschau: Kaiser Wilhelm II. in Märia-Laach; Erzstift Martinsbcrg; Cardinal Primas Daszary; St. Paul nn Lavantthale, Medaille auf v. I'. hochw. Herrn Abt und Prälat von St. Paul: Tod desselben: Benediktiner- Stift Melk, Ein Jubilar; Muri-Gries, Grundsteinlegung der Herz-Jesu-Kirche: St. Bonifaz. München; Ein seltenes Doppel-Jubiläum; Benediktiner-Stift Metten, Abt Braunmüller, Prior Kornmüller: Benediktiner-Stift Einsiedeln: Montc-Cassino, v Abt Tosti u. s. w. Natur und Gnade im Leben und Sterben. Zur Beleuchtung unserer verworrenen Lage und einzigen Rettung. Von v. Herm. Jof. Graf Fugger-Glött, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1897. (XVI und 278 S.) Preis geheftet 4 M. In elegantem Halbleinenband 5 M. Der verdienstvolle Verfasser hat bereits in zwei Bündchen (Kreuzfahrerblätter) aus gedrängter Darlegung des lebendigen Zusammenhanges unseres Denkens mit der objectiven Wirklichkeit den absolut nothwendigen Schluß auf den persönlichen Gott, den Schöpfer, Erhalter, Ne- gierer und Richter der Welt, gezogen und dann die ,,unantastbare Thatsache der Menschwerdung des ewigen Sohnes" dargethan — eine kurze, aber eminent praktische Philosophie und Theologie. Der Inhalt des abschließenden dritten Bündchens ist in dem Titel genügend angedeutet. Es werden darin folgende Punkte behandelt.: „Glauben, Hoffen, Lieben", „Die Familie". „Christliches Leben und christliche Vollkommenheit". „Das Gebet der 520 Nerv jeder wahren Kultur". „Der Himmel". Es ist dies eine ebenso ernste als zeitgemäße Schrift, welche „jene ersten und fundamentalen Wahrheiten, auf denen icdes geordnete Menschenleben, speciell jedes wahrhaft christliche Leben sich bewegen muß, in einer Weise vorlegen und erhärten will, wie es dem Grade unseres Wissens und daher der Kiüturstufe unserer Zeit entspricht". Und der Verfasser hat sein Ziel erreicht, seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst. Er behandelt seine Fragen mit Ernst und Verständniß. Sein Buch ist die gereifte Frucht langjähriger Geistesarbeit. Mit den Wegen des modernen Denkens und FühlenS ist er gründlich vertraut und versteht es meisterhaft, auch tiefere theologische Wahrheiten im edelsten Sinne populär zu machen. Äie Lectüre seines Buches ist mir ein wahrer Genuß gewesen; es ist eine wirklich gute apologetische Leistung. Auch die Darstellung ist künstlerisch schön: die Sprache ist so gutes Deutsch, wie man es leider nur selten liest. Möchte diese splendid ausgestattete Schrift, insbesondere seitens der tonangebenden Kreise, für welche sie . verfaßt ist, die verdiente Beachtung finden. _ „Anno dazumal" betitelt sich ein im Verlage von Max Eichinger in Ansbach erschienenes Buch, il- lustrirt, voll von köstlichen, bayeriichen, heiteren Soldatengeschichten aus vergangener Zeit. Der Verfasser dieser dem Leben entnommenen und mit packender Natürlichkeit erzählten Episoden ist kein Unbekannter mehr auf dem Gebiete der humoristischen Schriftsteller«. Es ist Herr Heinrich von Selbitz, ein kgl. bayer. Offizier a. D., welcher mit seinem ersten Werke „Unter dem Raupen- helm" schon einen durchschlagenden Erfolg erzielt hat. Alle Freunde volksthümlichen Humors werden an dem Buche „Anno dazumal" großen Gefallen finden, und besonders für jeden, der „des Königs Rock getragen und treu gedient hat seine Zeit", wird das Werkchen heitere Stunden, der Erinnerung bieten. Der Preis des Buches, hübsch gebunden, ist M. 2,50. Zu beziehen ist dasselbe durch alle Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken direkt von der Verlagsbuchhandlung. _ Liuzer theoll-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1898. Expedition: Linz, Stifterstraße Nr. 7. Preis vr. Jahr 7 M. Das 1. Heft des Jahrgangs 1898 enthält u. And.: Katholische Universitäten. Von ?. Albert M. W eißv. vr., Univei-sitäts-Professor in Freiburg (Schweiz). — Zur Erklärung des Hexaeineron. Von v Thomas Lempl, 8.1., Spiritual im Priesterseminar in Klagenfurt. — Plan der laurctanischen Litanei. Von vr. Otto Birnb ach. Pfarrer in Wartha (Schlesien). — Die Bergpredigt nach Matthäus (Eap. 5. 6, 7). Von Pfarrer A. Riester er in Müllen (Baden). — Die vriesterlichen Gewänder. Vonv. Beda Kleinschmidt v. 8. v. in Wiedenbrück (Westfalen). — Das Velocipedfahren der Geistlichen. Von Ludwig Heumann. Expositus in Feucht (bei Nürnberg). — Ernstes und Heiteres für die Dilettanten-Bühne. Von Johann La ngthaler. reg. Chorherr und Stiftshofmeister in St. Florian (Oberösterreich). — Pastoral-Fragen und -Fälle: Darf ein katholischer Beamter akatholische Kindererziehung befehlen? Was ist zu thun im Zweifel, ob man eine schuldige Restitution geleistet oder nicht? Eine Schenkung vom Erbrechte angefochten. Kraniotomie oder Kaiserschnitt. Dispens und Commutation gewisser Gelübde usw. — Literatur. — Erlässe und Bestimmungen der römischen Congregatiouen. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. — Kirchliche Zeitläufe. — Bericht über die Erfolge der katholischen Missionen. Von Joh, G. Hu der, Stadtpfarrer in Schwauenstadt. — Christliche Charitas auf socialem Gebiete. Von Pros. vr. Joh. Gföllner in Urfahr-Linz. — Kurze Fragen und Mittheilungen. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1893. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). Freiburg i. Br.. Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 1. Heftes: Nach fünfundzwanzig J ahren. — Das Coalitiousrecht der Arbeiter. (H. Pe sch 8. fl.) — Sind die Katholiken unfähig zum höhern Staats» dienst? (A. Lchmkuhl 8.0.) — Der Eid in Geschichte und Poesie. (A. Baumgartner 8. 7.) — Lamennais' Höhe und Sturz. (O. Pfülf 8. .1.) — Die Neuorganisation im Franziskanerorden. (I. Blötzer 8. 7.) — Edgar Tinels neues Musikdrama „Godoleva". (Th. Schund 8. .7.) — Recensionen. — Empfehlenswerthe Schriften. — Miscellen: Die englische Hochkirche und die Heiligenbilder. Zur neuesten Auflage von Bädekers Palästina. Ein Opfer des Unglaubens und der Halbbildung unserer Zeit. — _ Charitas. Zeitschrift für die Werke ver Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder. Freiburg i. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Äbonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 12 des v. Jahrgangs: Lunnauität und christliche Nächstenliebe, v. — Die Wohlthätigkeitsanstalten und -Vereine der Diöcese Würzburg. — Die deutsche St. Elisabeth-Mission zu Paris. — Die Gründung des Charitasverbandes für das katholische Deutschland. — Satzung des Charitasverbandes für d. kath. Deutschland. — Neue Mitglieder des Charitasverbandes. — Vom Cbaritas- tage zu Köln a. Rh. — Kleinere Mittheilungen. (Vergeßt nicht des armen Landvolks. — Zur Frage der geistigen Blumenspenden für Verstorbene. — Zur Frage der Kapitalbeschaffung für charitative Zwecke auf dem Wege der Association.) — Fragekasten, Zusendungen an die Redaktion. Aufruf zur Ueberwindung der religiösen Trennung. Von einem evangelischen Geistlichen. Mainz. Verlag von Franz Kirchheim, 1897. (45 S.) Preis geh. 50 Pf. Mit wahrer Freude begrüßen wir diesen Aufruf. Es ist die erste freundliche Antwort eines evangelischen Geistlichen deutscher Zunge auf die Einladung des Friedenspapstes Leo XIII. an die Fürsten und Völker zur Einigung der ganzen Christenheit. Von den sieben Punkten, welche der Verfasser behandelt, sind die vier ersten die wichtigsten: „I. Die Augsburgische Confession ist nicht Grund und Halt der Trennung; durch sie sollte die Trennung als dem Wesen der Kirche widersprechend abgewendet werden. II. Die heilige Schrift ist die Urkunde der Offenbarung. Die Tradition ist die lebendige Entwickelung der Kirche durch den in ihr fortwirkenden heiligen Geist in Uebereinstimmung mit der heil. Schrift, m. Der in der Liebe thätige Glaube macht uns Gott angenehm. Wir werden vor Gott gerecht allein durch den Glauben, aber ohne die Werke ist der Glaube todt. Die Werke sind nothwendig zur Seligkeit, aber aus dem Glauben allein fließt ihnen die rechtfertigende Kraft zu. IV. Die Messe ist der Gipfel des Gottesdienstes, worin wir unsere Erlösung feiern und ihre fortdauernde Frucht uns aneignen." Die folgenden Punkte handeln vom Papst, von den Ketzerstrafen und von der Kirchensprache. Mit einem so gesinnten Manne, wie der Verfasser dieser Schrift, wäre eine Aussöhnung wohl unschwer zu finden. Drei offene Wunden des heutigen Protestantismus. Bekenntnißfrage. Bibelfrage. Sociale Frage. Von U. Lütke. gr. 8°. V und 132 S. Berlin, Germania. 1897. Preis 1Z0 M. Die Schrift bildet den vierten und abschließenden Theil des 3. Bandes von „Ehrist oder Antichrist, Witten- berg und Rom", und schließt sich eng an den unmittelbar vorhergehenden an, der eine Schilderung des „Protestantismus der Gegenwart" aus der Feder des bekannten Forschers und Pfarrers in Christiania vr. Krogh-Ton- ning bringt. Der Verfasser ist den Vorgängen, welche sich in den letzten fünf Jahren innerhalb des deutschen Prorestantisnms abgespielt haben, mit Aufmerksamkeit gefolgt. So zeigt er sich in allweg seiner Aufgabe gewachsen, denselben „möglichst unparteiisch mit den Worten protestantischer Gewährsmänner zur Darstellung zu bringen". Uebrigens darf die Schrift auch jedem gebildeten Protestanten in die Hand gegeben werden. Ist es einem solchen ernst mit dem Forschen nach der vollen Wahrheit, dann läßt sich hoffen, daß sie dazu beitragen wird, ihn die Unhaltbarkeit des protestantischen Glaubensprincips erkennen zu lassen. Die gut besorgte Sprache sucht ihre Leser in den weitesten Kreisen der Gebildeten. Perantw. Redacteur: Ad.HaaZ in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.