wi'. 6 30. IlM. 1897. / > Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. Gegen Ausgang des unheilvollen dreißigjährigen Krieges, der auch die Diöcese Eichstätt schwer belastete, waltete als Pfarrer in Schönfeld, welches damals zum Dekanate Monheim gehörte, Vitus Koch (1639—1647). Derselbe veröffentlichte 1641 ein gut geschriebenes, von solider ascetischer Schulung zeugendes Buch zur Verherrlichung und Nachfolge Mariens unter dem Titel: „Geistliches Mariaburg,') gedruckt zu Jngolstatt, wie es am Schlüsse heißt, in Verlegung Michaelis Strausen, Fürstl. Eychstättischen Richters, Castners und Forstmeisters, der zeit wohnhaft im Schloß Abenberg, welches die gottselige Jungfrau und Gräfin Stilla in ihren Lebzeiten selbst bewohnet." Dieses Werk widmete der Verfasser, welcher ehemals Beichtvater im Kloster Marienburg bei Abenberg, zwischen Spalt und Schwabach gelegen, gewesen war, der dortigen Priorin Christina; Datum Schönefeld, am Geburtstage der Jungfrau und Gottesmutter Maria 1641. Als Beleg für das erste Kapitel seiner „Geistlichen Marianischen Burg", worin die Frage behandelt wird, wie die Menschen dem Greuel der Sünde entfliehen sollen, bringt Koch im zweiten Kapitel (S. 4—13) das Leben der gottseligen Jungfrau und Gräfin Stilla, indem «r folgendermaßen berichtet: Man liefet in glaubwürdigen Historien, daß der wohlgeborne Herr Babo Graf zu Abensperg 32 Söhue und 8 Töchter beisammen im Leben gehabt, darunter einer Wolframns genannt; denselben begnadete Kaiser HeinricuS der heilige, als seinen Vetter mit der Graf- schaft Abensperg; allda zeuget er 3 Söhne als Othonem, Wolframum den anderen dieses Namens und Conradum, einen Bischof zu Salzburg. Wolframns der ander erzeuget Graf Zelchum; Graf Zelchus erzeuget mit Sophia, einer Gräfin von Hohen-Trichendingcn, 3 Kinder als Rapotonem, Conradum und die gottselige Stilla; dieselbe hatte, wie sie aufwuchs und ihr Vater und Mutter starben, zu Dienerinnen 3 edle Jungfrauen; die erste ward genannt Gewehra, die andere Widerbring, die dritte und jüngste Widerkumma; diese alle haben mit einander samt der gottseligen Stilla gar ein tugendsames heiliges Leben geführt. Die gottselige Stilla aber war in allen Tugenden sonderlich der Demuth und Barmherzigkeit vor den andern allen vortrefflich, hat sich allzeit mit Fleiß und großer Inbrunst geübet den Armen und Kranken zu dienen und ihnen das heilige Almosen mildiglich mitzutheilen; darum mäniglich zu ihr als einer Mutter gekommen und sie hat dieselben gespeiset, getränket, getröstet, ihrer gepfleget als eine Mutter ihrer Kinder, und wann sie ihren heiligen Segen über die Presthaften machte, so wurden sie gesund. Nun hatten ihre 2 Brüber ein Closter zu bauen willens auf einen Berg, so nicht ferne von ihrem Schloße lag, da dann jetziger Zeit das Closter Marienburg liegt; da konnte man kein Wasser haben und dünkte ihnen der Boden zu spröde zu einem Closter, sodaß sie ihr Vorhaben und guten Willen an einen anderen Orten hin- ') Sttttner, bibliotlisea ur. 423. Die Angabe Müllers (Die sel. Jungfrau Stilla, Gräfin von Abenberg: Regensburg, Habbel 1885 S. V), woruach das Buch von Vitus Koch nicht mehr zu existiren scheint, ist unrichtig. Denn ich benützte ein Exemplar zu dieser Arbeit. wendeten. Und als man nach Christi Geburt zählte 1182, mit kaiserlicher Hilfe, S. Ottonis des 9. Bischofes zu Bamberg, ihres Vetters, so ein geborner Graf von Andechs, so jetznndt der heilige Berg im oberen Bayern genannt, stifteten sie das herrliche Closter Heilsbrnnn Bernhardiner Ordens, wie dann diese beiden Stifter allda zu Heilsbrnnn samt ihren beiden Hausfrauen Mech- tildis und Sophia begraben liegen. Ihre Schwester aber die gottselige Stilla hatte stets die Begierde, eine Kirche auf dem vorgenannten Berge zu erbauen, so ein klein wenig dem Schloß gegenüber liegt, und fieng um dieselbe Jahreszeit an wie ihre Brüder mit Heilsbrunn und baute auf gedachtem Berge eine Kirche in der Ehr Gottes und des hl. Peter, Himmelfürsten und Zwölfboten. Sie war auch Willens, mit der Zeit ein Jnngfranencloster dahinzubauen. Aber unser Herr Gott forderte sie vom Leben ab; jedoch weissagte sie, daß inskünftig noch ein Closter allda werden sollte, wie denn jetziger Zeit ein Closter Marienburg besteht. Als die gottselige Stilla diese Kirche bauen ließ, geschah ein großes Wunderwerk; denn wenn zu Nacht die Werkleute ihren Lohn nehmen wollten, so griff sie in das Geld und gab einem jedem, soviel er verdient hatte; sie erhob auf einmal nicht mehr und nicht weniger als jedem von rechtswegen gebührte. Nachdem die Kirche gebauet und geweihet war, wallte die gottselige Stilla samt ihren Jungfrauen von dem Schloß aus alle Tage dorthin, und pflog ihrer Andacht und des Gebetes täglich mit großem Fleiße. Ließ auch zu dem Amte der hl. Messe einen Kelch machen. Einstmals stund sie auf der Mauer in ihrem Schloß und war sehr krank; da nahm sie ihre Handschuhe, warf sie in die Luft hinaus und sprach: wo man diese Handschuhe findet, dahin soll man mich begraben; also fand man dieselben in der Kirche, die sie selbst hatte bauen lassen und gerade an dem Orte, allda sie noch begraben liegt. Nachdem nun die gottselige Stilla in ihrem Schloß Abensperg?) verschieden, wollte man sie zu ihren Brüdern nach Heilsbrunn führen und daselbst begraben; da geschah ein großes Wnnderzeichen, indem man ihren Leichnam nirgendshin, wie sehr man sich bemühte, weder heben noch bringen konnte, zu einem Zeichen, daß sie nicht zu Heilsbrunn bei ihren Brüdern, sondern in der Kirche, die sie selbst erbaut hatte, begraben werden sollte: des Städtleins Abensperg, ihres lieben Vaterlandes, des ganzen löblichen Stifts Eychstätt und des Closters, so künftig dahin gebaut werden sollte, eine getreue Beschirmern! und Patronin für immer. Also setzte man Thierlein an einen Wagen und leget ihren hl. Leichnam darauf; da zogen sie denselben von dem Schloß aus ohne menschliche Hilfe und Leitung auf den Berg in ihr Gotteshaus; dahin begrub man Stilla an der Stätte, wo sie noch liegt, und machte über ihr Grab einen erhöhten Stein und ein hölzernes Gitter. Als aber ihre Heiligkeit immer mehr an den Tag kam und mäniglich erfuhr, was Gott für große Wunderzeichen wirke an denen, so zu ihrcin Grabe kommen, und in jenen Zeiten der h. Gundicarius Bischof zu Eychstätt war, und ihm die großen Wnnderzeichen am Grabe Stillas bekannt wurden, hat er erlaubt, einen Altar bei ihrem 2) Muß Abenberg bei Spalt verstanden werden. 34 Grabe in der Ehre der gottseligen Stilln zn bauen, welcher dann am nächsten Sonntag nach Pctri und Pauli, daran noch jährlich das Patrocininm gehalten werden soll, consckrirt und durch den Bischof mit besonderen Jndnl- genzen begnadet worden ist. Wie nun aber lang hernach das Kloster gcbauet und mit Klosterfrauen besetzt worden ist, schrieben die ersten Schwestern auf, was sie von wächsernen Bildern, Armen, Händen, Füssen, Augen und anderen unzähligen Sachen Lei ihrem Grabe gefunden, auch viele herumhängende Gemälde der vielfältigen Wunderwerke. Das Altarbild, ein Brustbild, soll der gottseligen Stilla an Gestalt und Aehnlichkeit nachgeschnitten sein. Obschon dieses Bild nunmehr etliche hundert Jahre alt, niemals erneuert worden ist, so bleibt es doch so frisch und schön, als wenn es vor wenigen Jahren gefaßt worden wäre. Da nun der hochw. Fürst und Herr, Herr Wilhelm von Reichenaw Bischof zn Aichstett, hochlöblicher Gedächtnis, auf das vielfältige Ansuchen vieler frommen Menschen um das Jahr 1452 ein Kloster zu dem St. Peters Gotteshaus zu bauen anfieng, und darauf mit frommen Closterjnngfrauen zum Anfang von Mariastein bei Aichstett, die waren lauter regulierte Chorfraucn S. Angnstini Ordens, besetzte, da kamen alle Tage viele froinme, andächtige Menschen, zum teil von weit entlegenen Orten, zu dem Grab der gottseligen Stilla. Schließlich bemerkt Mtns Koch: Dieses alles von Wort zu Wort ist genommen aus einer gar alten Schrift oder Tafel, so noch heutigen Tages zu sehen hängend bei .dem Grabe gemeldeter gottseligen Jungfrauen, welches ich weitläufiger erzählen wollte, teils weil es zu meinem Vorhaben dienlich ist, wegen des Titels Marienbnrg, teils weil aus diesem Exempel erscheint, wie gut und nützlich es sei, vom Greuel der Sünde oder von der Welt zu fliehen. (S. 13.) In kürzerer Fassung berichtet der eichstättische Generalvikar Vitus Priefcr, welcher Ende Juli 1601 das Kloster Marienburg bei Abenberg einer sehr eingehenden Prüfung unterzog, über die Stillalegendc folgendes: Als man nach unseres Seligmachers Geburt Eintausend einhundert Jahre zählte, war der wolgcborne Herr Zelchus der Reich Graf zu Amberg geuanut, ein Blutsfreund des hl. Kaisers Heinrich und Knmgundis. Dieser erzeugte mit seiner Gemahlin, einer Gräfin von Hohentrittingen, drei Kinder: Rabdonem, Conradum und die hl. Jungfrau Stillam. .4nno 1131 stifteten beide Brüder das Kloster Hailbrunn; damals fieng auch ihre Schwester diese Kirche zu bauen an, welche hernach der heilige bambergische Bischof Otto in der Ehre des hl. Petrus geweiht hat. Zur selbigen Zeit hat die hl. Stilla mit ihren drei Kammer-Jungfrauen Gewera (ursprünglich Gebera geschrieben), Widerkhuma und Wiederbringa Gott dem Allmächtigen auf Rat des hl. Otto ewige Jungfrauschaft gelobt, den Weihel (Schleier) von Otto empfangen. Sie hat täglich dieses Gotteshaus besucht, bis sie daselbst begraben wurde. Auf ihre Fürbitte hat Gott den Blinden das G:sicht, den Tauben die Rede gegeben und verschiedene Heilungen gewirkt. Auf diese Wuuderzeichcn hat Neimbotto diesen Altar zu Ehren Stillas anno 1290 geweiht; anno 1488 hat Bischof Wilhelm von Rcichenau das Kloster gebaut, 1588 wurde dasselbe neubcsctzt. In der Peterskapellc, berichtet Priefer ferner, beim linken Seitenaltare befindet sich Stillas Grab; auf dem Altare selbst erblickt mau ein Bild Stillas, das trotz des hohen Alters noch sehr schön ist, obwohl es bisher noch nicht renoviert worden ist. Auf der linken Seite hin, auch eine Tafel, welcher Priefer feine Mittheilungen ent' nahm. Diese rührte her von Wolfgaug Agrikola, Dekan in Spalt, wie deren Widmung bezeugt: In Ironors s. Ltiilao stociioat v. VVolkstavZug XArioola Lxalatinns 11. 1591: Zn Ehren Stillas von Wolfgang Agrikola von Spalt gewidmet 1591?) Dieser seeleueifrige Priester, welcher die Schulen zu Eichstätt, Amberg, Jngolstadt, Wien besucht hatte, hat sich um die Wiederbelebung des Frauenklosters in Marienburg sehr verdient gemacht und als Beichtvater für die aszetische Schulung der Ordens schwestern eifrig Sorge getragen, wie das Marienburger Nekrologium rühmend bezeugt: „welcher der fürnembste Ursacher dises unsers widerumb auffgerichteten Clostcrs, auch in die 13 Jar getrewer beichtvater und unzalparer grosser Guethäter gewesen ist."* *) Auf den Aufzeichnungen Agrikolas beruhen die Untersuchungen des Jngolstädter Jesuiten Jakob Greifer, welcher der Ehre Stillas ein Blatt in dem Leben der Eichstätter Diözesanheiligen widmete 1617 (Orstsori op. X, 828—829 ock. Uatisbon). Auf den Schultern Greifers stehen die Bollandisten (Xcta Lanotoruw msnss llulti IV, 656 — 663), welche über die Geschlechtsabfolge der Gründer von Heilsbronn einige Bedenken äußerten, ferner der Jesuit Math. Räder (Lavaria Lanota tom. II, 254—256), welcher Stilla von dem österreichischen Grafengeschlechte Stilla-Hefft ableiten zu können glaubte; dann der eichstättische Historiograph Heinrich von Falckenstein, °) ') Manuskript Priefers S. 237, 241 im bischöflichen Ordinariatsarchiv Eichstätt. *) Strauß, Viri iusiKues IFstott. p. 19. Ocmk. Luttnor, bidl. LMott. nr. 248; Suttner, Geschichte des bischöfl. Seminars in Eichstätt S. 14—15. Auf dem noch gut erhaltenen Chöre der Peterskirche zu Abenberg findet sich noch eine Art Grabkreuz von Wolfgaug Agrikola, welcher am 5. März 1601 in Abenberg gestorben ist, mit der Aufschrift „Lieben Kinder, bittet gott für mich. 1591." Agrikola verschaffte auch dem Kloster Marienburg ein hochgeehrtes Muttergottesbild aus Nürnberg. Um den in Nürnberg befindlichen und ihren Gelübden treu gebliebenen Nonnen der verschiedenen Klöster geistliche Hilfe zu bringen, begab er sich oft verkleidet nach Nürnberg. Er benützte diese Gelegenheiten, uin Reliquien, Bilder und Kirchengeräthe vor den Mißhandlungen des neuen Evangeliums zu retten Herzog Wilhelm V. von Bayern bediente sich Agrikola's um auch für sich Reliquien aus den Klöstern Nürnberg? zu erhalten. Unter andern brachte Agrikola für da? Kloster Marienburg, in einem Fuder Stroh versteckt, ein großes, schön geschnitztes Muttergottesbild, welches im Refektorium aufgestellt wurde. Seit der Säkularisation am Anfange des Jahrhunderts ist es verschwunden. (Past.- Bl. 1858, 190.) Noch uiigedruckt ist das älteste noch vorhandene Manuskript im Pfarrarchiv zu Abenberg, welches Schwester Monica Farcketin 1593 niedergeschrieben hat. Aus dem Jahre 1594 ist ebenfalls ein Manuskript vorhanden, sowie aus dem Jahre 1651, beide in Abenberg. st Ueber Falckenstein vergl. dessen posthumes Werk: Vollständige Geschichten des Herzogthnms und ehemaligen Königreichs Bayern (München 1763), wo in der Vorrede erzählt wird, daß der Verfasser am 4. Februar 1760 in Schwabach, 83 Jahre alt, gestorben ist. Er soll ein Schlesier von Geburt gewesen sein; er hatte am 6. Oktober 1677 das Licht der Welt erblickt. Nach dem Kirchen- lexikon Hergenröther-Kaulen war Falckenstein geb. 1682 (IV, 1212). In den Stcrberegistern der protest. Pfarrei Schwabach finden sich folgende Angaben: Falckenstein war geb. den 6. Okt. 1677 zu Darmstaot, starb am 2. Febr. 1760 in einem Alter von 82 Jahren 3 Mon. 27 Tagen. Beerdigt wurde er am 7. Februar des Nachts „mittelst einer Nacht-Prozeß-Leiche in der selbst erbauten Gruft". Die Standrede hielt Ärchidiakon Günther über Hebr. 13,14. Falckenstein verharrte in der katholischeil Religion bis an keinen Tod. Auf dem Todbette ließ er einen katholischen 35 welcher Stilla zu einer Tochter des Grafen Wolfram H. von Abenberg erhob, dabei aber Greiser selbst in seinen offenkundigen Fehlern nachschrieb, tvornach Bischof Wilhelm von Reichenau im Jahre 1382 das Kloster Marienburg errichtet haben soll (Lutignitates Xorässav. I, 52, Schwabach 1733), obwohl beide Historiker sonst ganz richtig anzugeben wußten, daß genannter Bischof erst 1464 den Stuhl des hl. Willibald bestiegen hat. (Kreis. 6a- talvA. episeox. LMeti. X, 870; k'alosteQstein, ^ntig. Xorckgav. I, 210.) Der Exjesuit Anton Crammer (Heiliges u. gottseliges Eichstädt 1780 S. 173 bis 184) und der Rebdorfer Angnstinermönch Maximilian Münch, welcher 1776—1783 Beichtvater in Marienburg war, vermochten über Stillas Leben keine neuen Resultate zu bieten. (Kurze Geschichte des Franenklosters Marienburg 1781.) H In unserm Jahrhunderte haben Asam, ehemals Stadtpfarrer in Abenberg (Snlzbacher Kalender für kath. Christen 1857 S. 96—.106), Snttner (Pastoralblatt des Bisthums Eichstätt 1856, S. 118 ff.), Jocham (Lavaria sanota II, S. 121—128) und Müller (Die sel. Jungfrau Stilla, Regensburg 1885) der Stillalegende ihre Aufmerksamkeit zugewendet und die abenbergische Geschlechtsabfolge Stillas festzuhalten versucht; ja Müller, der eifrigste Verfechter dieser Meinung, behauptet geradezu : „Die ganze Legende der seligen Stilla mit allen ihren Einzelheiten beruht auf eben dieser Voraussetzung." (1. o. p. V.) Unsere Aufgabe soll es nun sein, historisch-kritisch diese Voraussetzungen zu prüfen. (Fortsetzung folgt.) Stieve und Vetter. In den mittelalterlichen und nachtridentinischen katholischen Schulen wurde die bedingte Erlaubtheit des Tyrannenmordes sehr häufig behandelt; besonders rege und lebhaft wurde die Frage erörtert, als in Frankreich König Heinrich III. durch den Dominikaner Jacob Element 1598 ermordet, als König Heinrich IV. bei einer Fahrt durch Paris von Navaillac getödtet worden war. Unter den deutschen Jesuiten an der Wende des 16. Jahrhunderts stand der urderbe Conrad Vetter, als Schriftsteller sich gewöhnlich Conrad Andrae benennend, im Vordertreffen gegen die Angriffe Heilbrunner's und anderer neugläubiger Theologen. Hinsichtlich der Erlaubtheit des Tyrannen-Mordes nun soll Vetter nach der Darstellung Stieve's (Briefe und Acten zur Geschichte des 30 jährigen Krieges, V. Band. Die Politik Baherns 1591-1607, II. Hälfte S. 612) die Ansicht vertheidiget haben: Als Tyrann sei ein rechtmäßiger ketzerischer Fürst nur dann zu betrachten, wenn er die Katholiken verfolge; in diesem Falle sei auch der Geistlichen zu sich kommen, der ihm mit Conniveuz der Obrigkeit die Sakramente nach römischem Gebrauche, obwohl insgeheim, administrirte. Vergl. Strauß, viri in- sisai p. 106; Sax, Die Bischöfe und Neichsfürsten von Elchstadt S. 608. °) Gegen Münch veröffentlichte S. W. Oetter, Hochs, brandenburgischer Geschichtsschreiber, Leipzig 1783: Betrachtung über den Handschuh der Gräfin Stilla von Abenberg, welchen sie bei Erbauung der Peterskirche in die Höhe geworfen. Suttner, bidl. LMstt. nr. 1073. Das Archiv der Pfarrei Abenberg besitzt noch ein sehr schön geschriebenes Manuskript Mönchs, worin er die Arbeit Wilhelm Cupers bei den Bollandtsten über Stilla übersetzt und mit Noten versehen hat. Die Uebersetzung trägt die Jahrzahl 1778. Einzelne zu seiner Ermordung berechtigt; sonst dagegen dürfe man sich nicht gegen ihn auflehnen. Richard Krebs (Die politische Publicistik der Jesuiten und ihrer Gegner in den letzten Jahrzehnten vor Ausbruch des 30jährigen Krieges. Halle 1890. S. 29) schrieb getreulich nach, was Felix Stieve vorgesagt: „Daneben aber sprach er (Vetter) sogar dem Einzelnen das Recht zu, einen ketzerischen Fürsten zu tödten, falls dieser die Katholiken verfolge." Beide Schriftsteller berufen sich auf die gleiche Schrift Vetter's, deren langgezogener Titel vollständig lautet: „Puffer, das ist Zerschmetterungen deß Predicantischen Jesuwiderspiegels Philipp Heilbrunners mit lebendiger Beschreibung sein und seiner Znnfftgenossen Predicantischen Geistes, das ist Lugen-, Läster-, Lcrmen-, Auffrhur-, Mord- und Blntgirigen Geistes, gar ordentlich in 4 Püff abgetheylet, Deren I. Ist der verteutschte Appendix, aufs welchen der Heilbrnnner Lateinisch zn antworten, ihm selber nicht gctrawet. II. Ist eine auß- führliche Widerlegung aller Lügen und. Lästerungen, so in dem ersten Theyl seines Spiegels begriffen. III. Ist eine Zerschmeissung deß Spiegels in 164 Trümmer oder Scherben, das ist 164 öffentlicher und greifflicher Lugen, so in dem andern Theyl des Spiegels begriffen. IV. Ist der friedsame Luther, das ist deß Luthers und der Lutherischen Predicanten selbst eygne Zengnuß ihres fried- hässigen, anffrührischen und blutgirigen Geistes. Durch- N. Conradum Audreae rc. Jngolstadt in der Ederischen Truckerey durch Andream Angcrmeyr Unno LIVOI." Was lehrt nun Vetter in seinem „Puffer" über die Er- laubtheitdes Tyrannenmordes? „Die Theologi", sagt er S. 9,' „die Juristen und pstilosopüi rnoralas setzen dise Frag: Ob ein jede Privatperson dörffe einen Tyrannen umbringen? Sovil die Proposition oder Fürhalt diser Frag belangt, ist solcher weder lobens- noch scheudenswerth, sondern allein die ^ssortio und Aussag. Denn wenn die Frag: Ob man einen Tyrannen mit Recht und Fug möge umbringen, eine auffrührische Frag sein sollte, so muß fürwahr dise noch vielmehr auffrürisch sein: Ob man einen Unschuldigen oder ob mau die Sünder möge umbringen. Dann ja vil mehr Unschuldige und vil mehr Sünder seyn als Tyrannen. (S. 10—11.) Fragen macht kein Aufruhr, sondern das Predicantisch Jachtzen und Neinchtzen." Hierauf entwickelt Vetter die Anschauungen des Gregor von Valentin, des Cajetcm und des Soto (Seite 14—17) und zieht die Folgerung: Ein König, der tyrannisch regiert, aber im rechtmäßigen Besitze der Gewalt ist, darf nach St. Thomas von keiner Privatperson getödtet werden. Dann heißt es weiter: Die Frag: Ob eine Privatperson seinen oder eines anderen Herrn, den Er bei sich selbst für einen Tyrannen oder Ketzer hält, hinrichten möge, ist nicht der Jesuiten, sondern dein (Heilbrunner's) eigens schamloses Gedicht, so von dir als einem lutherischen Schalk und Betrüger den Jesuiten Angelogen und aufgelogen. Auf diese Frage aber antworte, wer da wölle, so ist gewiß, daß er mit trucknen Worte ein verneintliche Antwort geben würde. Dann es eine überaus schädliche Ketzerey wär, auf solche Frag ja sagen und recht heisscn: wäre auch dem Beschluß des Costenzcrs Concils zuwider.^ (S. 18.) Vetter lehrte somit das ') In der 16. Sitzung am 6. Juli 1415 verurtheilte das Concil zu Konstanz, ohne den Urheber, den Franziskaner Petit, zu nennen, den Satz: „Jeder Tyrann kann und muß erlaubter- und verdienstlicherweise von jedem, seiner Vasallen oder Untergebenen auch durch heimliche Nachstellung und fein ersonnene Schmeichelei getödtet werden, ohne Rücksicht auf einen geleisteten Eid oder einen ein» 36 gerade Gegentheil von dem, was ihm Stiebe und Krebs unterschieben. Beide Historiker haben offenbar die Auslassungen des schlagfertigen, zu Spott und Satire geneigten Jesuiten nicht gelesen; sonst wäre eine derartige Verdrehung der historischen Wahrheit unerklärlich. Jetzo aber, fährt Vetter gegen Heilbrunner fort, nenne du den Jesuiten, so du kannst, der diese Frage proponirt oder fürgehalten und auf solch fürgehaltene Frag den ja sprechenden Theyl dcfendirt und verfochten habe. Bell- armin (Os ioma.no ponkitioo Iit>. V oap. VII.) lehrt nicht, was man ihm unterschiebt.^) Dein gantz Fürnemen, schließt Vetter (S. 20), aber ist nichts anders als allein schänden und verleumbden, holippen und die Auflägen, so allbereit widerlegt und zu nichte gemacht, repetiren und widcrholen und solches mit unersättlichem Neid wider die Jesuiten, welcher einiger Ursache halber, da sonst gar nichts wär, du dich selbst für einen Heillosen und boshaftigen Menschen angibst und erklärst. (Vergleiche P^rannioiäium anotors ckaoodo Lslloro, 8. ll. LIo- vaoüii 1611. pax. 19—36.) Diese Ausführungen Vetter's erweisen die Anschuldigung Stieve's als völlig unzutreffend und mahnen überhaupt zur Vorsicht, wenn es sich um Vorwürfe gegen die Jesuiten handelt. Denn auch der belesenste Geschichtschreiber ist der Täuschung und dem Irrthume zugänglich. Schönfeld. Hirschmann. Franz Schubert. Zu seinem 10Ojähr. Geburtstag (31. Jan. 1797) von A. G. Zur Zeit sind alle Tagesblätter voll von Schubert- Feiern; alles, was singt und musicirt, will den größten Meister des deutschen Liedes bei der Wiederkehr seines hundertjährigen Geburtstages ehren, und zwar mit vollem Fug und Recht. So ist es auf der Welt: so lange das Genie lebt, kümmern sich oft wenige um dasselbe; wenn sein Körper verfault ist, dann sieht man ein, was der Verstorbene war. So erging es schon Hunderten, ganz und gar so Franz Schubert, den die Welt meist darben ließ. Freilich, er war auch ungemein bescheiden und demüthig — die Welt liebt Radau! Dann starb er auch früh, obwohl er sehr viel gearbeitet und geleistet, trotz seiner nicht vielen Lebensjahre; sein Leben verlief sodann ruhig, die Großen der Welt kümmerten sich nicht um ihn, gegangenen Vergleich und ohne daß man eine richterliche Sentenz oder den Auftrag eines Richters abzuwarten brauchte." 2) In der angezogenen Stelle ((vispntationss äs controvsrÄw dn'i8tiavks üäsi, Insolstaäii 1890 xa§. 1067) lehrt Bellarmin: „Den Christen ist es nicht erlaubt, einen ungläubigen oder häretischen König zu ertragen, wenn jener Versuche macht, die Unterthanen zu seiner Häresie oder zu seinem Unglauben herüberzuziehen; jedoch zu beurtheilen, ob der König zur Häresie verleite oder nicht, kommt dem Papste zu, dem die Sorge für die Religion übergeben ist: demnach ist es Sache des Papstes, zu entscheiden, ob der König abgesetzt werden solle oder nicht.. Wenn die Christen ehedem einen Nero, Diokletian, Julius Avostata, einen Valens nicht absetzten, so geschah dieses, weil den Christen die irdische Gewalt hiezu fehlte. Einen häretischen oder ungläubigen König ertragen, welcher das Volk zu seiner Secte verführt, heißt die Religion einer offenkundigen Gefahr aussetzen, wie die Kirchengeschichte in der Vergangenheit und in der Gegenwart beweist: UsAis aä sxsmplnm to1n8 eompouitur orbi8. Bellarmin spricht wohl von der Absetzbarkeit häretischer und ungläubiger Könige, aber nicht von dem Rechte, solche Fürsten zu morden. kannten ihn nicht, Gönner hatte er keine, suchte auch keine, Tag für Tag arbeitete er rastlos für sich, führte ein ungemein einfaches, man kann sagen kleinbürgerliches Dasein. Auch nach seinem Tode, der viel zu früh erfolgte, blieb er noch ziemlich lange unbekannt. Während heutzutage Biographien von Männern schon bei deren Lebzeiten erscheinen, weitschweifig und übertrieben gehalten, blieb Schubert lange still und unbekannt, und Dr. Kreißle war eigentlich der erste, welcher 1865 ihn und seine Werke aus der Vergessenheit zog, auf dessen Werk dann andere aufbauten. Mit seinen Werken war es mitunter gerade so; so wurde, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, seine herrliche II-moU-Syinphonie aufgeführt zum erstenmale im Jahre 1865, volle 40 Jahre nach des genialen Meisters Tod, und doch entstand sie bereits im Jahre 1822. Welch ein Contrast mit der heutigen Zeit! Er führte ein Tagebuch, Schicksal desselben? Ein Autographen-Sammler verkaufte Blatt für Blatt an Liebhaber, ja es ist verbürgt, daß kleine Kompositionen von ihm, Lieder als Fleißzettcl vertheilt wurden. Wie viel, wie viel Schönes mag auf solche Weise verloren gegangen sein! Und nun zum Meister selbst und seinen Werken! Franz Peter Schubert wurde geboren am 31. Januar 1797 — nicht 1798, wie es öfters heißt — in einer Vorstadt der Kaiserstadt Wien. Seine Familie entstammte einem Bauerngeschlechte aus Oesterr.-Schlesien. Franzens Vater, ebenfalls Franz nach seinem Vornamen, hatte nicht weniger als vierzehn Kinder sein eigen zu nennen, von denen fünf am Leben blieben, und war Franz der jüngste Sohn. Der Vater war Lehrer an einer Pfarrschule Wiens, ohne eigentlichen Gehalt, da er nur freie Wohnung und Schulgeld bezog; das Einkommen betrug höchstens alles in allem genommen jährlich 400 Gulden österreichischer. Währung, dazu eine zahlreiche Familie und hiedurch materielle Sorgen. Nachdem die Mutter schon 1812 starb, ging der Vater eine zweite Ehe ein, der wiederum fünf Kinder entsproßten. Der Vater leitete selbst die musikalische Erziehung seiner Kinder, und wurde er bei der Erziehung der jüngsten durch die älteren unterstützt. Franz war, wie so viele der großen Componisten, ein musikalisches Wunderkind, der bald seine einfachen Lehrer überragte, wie auch der Pfarrei-Musiker Michael Hölzer, eine Auktorität zur damaligen Zeit, bald erklärte, er könne den Knaben nichts mehr lehren, so daß Franz vom achten bis zwölften Jahre ohne eigentliche regelrechte Unterweisung aufwuchs. Er sang einen prächtigen Sopran, spielte Violine, Bratsche, Klavier und bisweilen auch die Orgel beim Gottesdienst. Im Jahre 1808 kam der Knabe als Sänger in die kaiserliche Hofkapelle in Wien und erhielt dadurch zugleich einen Stiftsplatz im Stadtconvikt, wo er bis znm siebzehnten Jahre blieb. Es war diese Anstalt ein Gymnasium, worin aber neben den Sprachen rc. auch fleißig Musik stndirt und geübt wurde, und aus diese warf sich Franz mit Feuereifer und erhielt das Zeugniß, und zwar sehr bald, daß er in den Symphonien von Mozart» Haydn, Beethoven trotz seiner Jugend die Violine muster- giltig spiele. An modernen „lustigen" Symphonien der damaligen Zeit fand er absolut keinen Geschmack und bezeichnete sie offen als „fad" und wunderte sich, wie man solches Zeug überhaupt neben Haydn nur aufführen könne. Mozart's Ouvertüre zu der noWs äi Vigaro nannte er — der Knabe! — „die schönste auf der ganzen Welt", fügte aber alsbald bei, „fast hätte ich die Zauberflöte vergessen". Schon damals hat er viel com- 37 ponirt, Phantasien, eine kleine Oper, eine Messe, ja selbst- , Symphonien und Sonaten, und so muhte man jetzt auf das große Talent aufmerksam werden. Er wurde ! Schüler des ersten Direktors der Wiener Hofkapelle. Des Maestro Antonio Salieri, der ihn zuerst in den Kontrapunkt einführte. Dem Lehrer sang er einmal ein selbst componirtes Lied vor, das ersterer lobte, worauf ihn Franz treuherzig anschaute und ihn fragte: „Glauben Sie, daß aus mir etwas werden wird?" Als der Meister sagte, er sei jetzt schon viel, fügte der jugendliche Com- ponist bei: „wer vermag aber nach Beethoven etwas zu machen?" Er schrieb damals eine Messe, ein Salve Regina und begann die „natürliche Zanberoper": des Teufels Lustschloß in drei Akten von Kotzebue, welche er im Jahre 1814 beendete, zurückgekehrt aus dem Con- vikt in das väterliche Haus, wo er, um der Aushebung zum Militär zu entgehen als Lehrer in die Elementarschule seines Vaters eintrat und in dieser Stellung bis Ende des Jahres 1816 verblieb. Komponist — und Elementarlehrer bei den Anfaugsschülernl welch ein Kontrast! Und doch, er ermüdete. nicht, obwohl er manchmal nicht genug zu essen hatte, im Gegentheil, er componirte mehr denn je, so allein im zweiten Jahre seines Aufenthaltes zu Hause: eine Symphonie, zwei vollständige Messen, vier Sonaten, viele Klavierstücke, nicht weniger als gegen 140 Lieder, bei denen er gegen 50 Gedichte Göthe's zu Grunde legte. Eines seiner bekanntesten Lieder aus damaliger Zeit ist sein „Erlkönig". Spaun schrieb damals an Göthe, machte den Dichter auf den jugendlichen Komponisten aufmerksam, Göthe aber ertheilte eine Antwort — nicht. Spaun gab sich auch viel Mühe, Schuberts Werke, wenigstens die bedeutendern, in Druck zu bringen, umsonst, — die fünf Symphonien aus damaliger Zeit wurden erst 68 Jahre später, im Oktober 1885, publicirt. An der Musikschule zu Laibach in Krain war eine Lehrerstelle zur Bewerbung ausgeschrieben mit einem Gesammtgehalt von 500 Gulden. Schubert bewarb sich darum» sein Lehrer Salieri empfahl ihn mit folgendem gewiß ganz und gar kaltem Begleitschreiben: „lo Hui Lottooerito allerrnv, c^uanto nella, snppliea, ät 1'rano6860 Lostubert in rixuaräo al posto unwioals Zj Imdiana. sta, espoato." Schubert fiel mit seiner Bewerbung durch, Salieri hatte hinter seinen Rücken einen zweiten besser empfohlen, der die Stelle erhielt, sein Name war Jakob Schaust. Rührende Doppelzüngigkeit eines Lehrers! Unser Schubert blieb vorerst der arme Schulgehilfe. Ende des Jahres nahm ihn der bekannte Schober in sein Haus auf und bald machte er die Bekanntschaft des berühmten Tondichters und Sängers Michael Vogl, der ihm treu blieb bis zu seinem Tode. In welch ärmlichen, elenden Verhältnissen aber unser Komponist zu leben hatte, mag der einzige Umstand beweisen, daß er für sich nicht einmal die Miethe für ein Klavier erschwingen konnte. Buchstäblich bettelarmer reichbegabter großer Künstler! Man sollte annehmen, daß diese elende materielle Lage auch den Schwung des Geistes beeinträchtigt hätte, doch nein, Schubert arbeitete unverdrossen weiter, und erwähnen wir aus jener Zeit unter vielen Arbeiten nur folgende: Ouvertüren im italienischen Stil, Claviersonaten, sein „Gesang der Geister über den Wassern", Sonetten, geistliche Lieder» Walzer — erste Versuche —die sechste Sinfonie in 6, verschiedene Kantaten — ein Beweis, daß er stets arbeitete nach dem alten Satze: null» äiss 8wo linea, — ja sius ulla ÜI163. (Schluß folgt.) Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aqnin. (Vortrug gehalten im akad. Görresverein in Münchens (Fortsetzung.) st. 6. Nicht alle Welten, die in Gottes ewigem Verstände ideell existiren, haben auch reale Existenz gewonnen. Warum ist also gerade die jetzige Welt von Gott geschaffen worden? Die Antwort kann nur lauten: Weil Gott es frei gewollt hat?) Um diese Antwort recht zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Gott ohne jede wirkliche Welt unendlich vollkommen ist; denn sonst wäre Gott, um ganz Gott zu sein, von etwas abhängig, was außer ihm und darum unter ihm ist. Es war also Gottes freiester Wille, wenn er sich entschloß, überhaupt eine Welt zu schaffen. Ebe"so war es aber auch Gottes freiester Wille, daß er aus der unzähligen Zahl möglicher Welten gerade die jetzige erkor. Der Grund ist einfach der, daß absolut gesprochen Gott überhaupt nichts so Vollkommenes schaffen kann, daß er nicht auch noch Vollkommeneres hätte schaffen können, weil zwischen allem Geschaffenen und seiner Unendlichkeit immer noch ein unendlicher Abgrund liegt. Welch wichtige Folgen ergeben sich nun aber wieder aus diesem Ursprünge der Welt für unsere Weltanschauung! Was vom freien Willen eines Andern abhängt, ist, so« weit es davon abhängt, sein persönliches Eigenthum. Nun ist aber die Welt in ihrem innersten Sein, in allen Fugen ihres Gebäudes vom freien Willen Gottes abhängig. Die Welt ist also auch durch ihre Natur ganz und gar Gottes absolutes Eigenthum?) Alles, was demnach in der Welt einen Platz hat, muß nach den Kräften seiner Natur Gott dienstbar sein. Damit ist aber auch zugleich die Aufgabe dieses Dienstes gegeben. Wenn nämlich Gott alles nach dem Vorbild seiner unendlichen Vollkommenheit geschaffen hat, so ist es die Aufgabe jedes einzelnen Dinges in der Welt, sich nach Maßgabe seiner Kräfte Gottes unendlichem Vorbild ähnlichzumachen. Gottähnlichkeit istdarum das große Ziel der Welt in ihrer Gesammtheit, wie in jedem ihrer Theile?) Wir können vom Willen Gottes nicht scheiden, ohne dem schönen Gedanken der christlichen Philosophie Ausdruck verliehen zu haben, daß gerade die Liebe und Güte Gottes an der Wiege der Welt gestanden hat. Gott besitzt nämlich in sich selbst das höchste unendliche Gut, welches ohne alle Maßen vollkommen ist. Darum ist Gott auch durch den ganzen unbeweglichen Gang der Ewigkeiten in sich selbst unendlich glückselig, absolut sich selbst genügend und unfähig, nur irgendwie eine St'eiger- 0 8. e. A. I eap. 81, 82; mo namentlich betont wird. daß Gott zwar alles wissen, aber nicht auch alles wollen muß; vk. oap. 87; 8. viom. 1 g. 19 a. 5. lieber diese Fragen vgl. Oillol I. e. p. 226—239. „Onm äivina dovitas (Vollkommenheit) sit a oroLtvris xenitne inckspon- äens, st nillil oinnino ex eis aognirsre gueat, ssguitnr eviäentsr, Osniv voll» ueesssitsrs volle all» a. se" (p. 226). ?) Sehr schön 8. o. K. lib. III oap. 1. ") „Kds oinnes oreatas suvt guasllaw imnAives prinn aZentis, se. Oei.. psrksdio iinaZinis sst, ut rexraeLsntet snnm exvinxlar per siinilltuäineni all ipsnm..... 8nnt iAjturrssoinnsspropteräivinamsiinilitnäinsM oonsegnenäain sient propter nltiwnm ünew? — 8, o. §. Ud. III esp. 19. 38 nng seines unendlichen Glückes zu erfahrend) Wenn daher Gott sich frei entschlossen hat, der Schöpfung den Morgen der Geburt zu schenken, dann hat er es nicht aus Bedürfniß oder Eigennutz gethan, als hätte er etwa die Welt nöthig, um das zu haben, was ihm an seinem vollen Glücke noch fehlte. Nein, wer einem derartigen Gedanken Raum gäbe, würde die unendliche Vollkommenheit Gottes unerträglich erniedrigen. Findet doch schon der Psalmist gerade in der Unabhängigkeit Gottes von äußeren Gütern das Kennzeichen seiner Gottheit: „Daus msn8 es tu, guia bonorum moorum non sZ68". Nur ein Gedanke konnte Gott bewegen, die Welt aus dem Schlafe des Nichts, den sie in seinen ewigen Ideen schlief, wachzurufen, der Gedanke, daß nun auch andere Wesen existiren würden, die an seiner Herrlichkeit Antheil bekämen und so in ihrer Weise glücklich wären. Darum gibt der hl. Thomas Gott den schönen Titel' „Ip36 8o1u8 Maxims liboi'Llm"?) Gott allein ist wahrhaft freigebig, weil er in seiner unendlichen Güte nur darum schenkt, weil er schenken kann und dadurch andere glücklich macht. Darum will Gott von seiner Seite allen Dingen nur Gutes?) Alle Dinge sollen seine unendliche Herrlichkeit in sich nachbilden, indem sie die ihnen geschenkten Kräfte richtig gebrauchen, und sollen so dem einzig wahren Glück und Gut so nahe kommen, als es die Schranken ihrer Natur erlauben. Der Schöpfungsabsicht Gottes steht nun schließlich die Schöpfungsaufgabe der Welt correlativ gegenüber; beide sind so naturgemäß verbunden, wie die Helle mit dem Lichte. Wenn ein Leonardo da Vinci aus reinster Freude an seiner Kunst sein herrliches „Abendmahl" hinzauberte, wenn das Künstlergenie eines Michelangelo Wand und Decke der sixtinischen Kapelle mit den wundervollsten Fresken schmückte, und wir stehen nun vor diesen Gemälden, was haben wir dann vor uns? Ein Abbild des Riesengeistes dieser Künstler, einen immerwährenden Lobhymnus auf ihr Genie haben wir dann vor uns. Könnte es nun mit dem großen Kunstwerk des Welten- domes anders sein? Unmöglich; die Welt offenbart ja in allen Linien ihres Gebäudes Gottes unendliche Herrlichkeit, deren Spiegel und Abglanz sie ist. Das ist also der große Endzweck der Schöpfung, der mit ihrer Natur unauflöslich verbunden ist, daß sie Gottes Größe nach außen offenbare und so der äußeren Verherrlichung Gottes diene?) Die Sterne darum, die am Abend sich am dunklen Himmelszelt entzünden, sie sind ebensoviele Gottes- lämpchen, die im Weltendom brennen vor dem einen Allerheiligsten, der in seiner erhabenen Sonnenhöhe in ewiger Ruhe über ihnen thront und ohne Unterlaß in das ganze weite Universum Licht und Leben, Glück und Vollkommenheit ausstrahlt. Und so soll die ganze Schöpfung von Morgen bis Abend ein großer Jubelhymnus sein auf Gottes Pracht und Herrlichkeit; von Pol zu Pol soll immerfort das eine wunderbare Lied durch sie wieder klingen, von Mund zu Mund soll es schallen: Oüoria. in 6 XL 6 I 318 Leo! Ehre, Lob, Preis und Ruhm sei Gott H Sehr schön 8. 0 . §. Üb. I eap. 102. H „8ie j§itur O6U8 vult st ss st nlia; ssck ss ut Kllsm, atm vsro ut nä tiusm; tu Quantum oonäsost äivinarn bonitstein, stiam all» ipsaw partioipars". — 8. 1 b. I. 19 a. 2 ; 8. s. S. Ub. m cap. 19 ; 8. 1 d. 1 . 4. 44 s. 4 . 0. st aä 1 . °) „Dtosnäum, yuock Heus oinnis, sxistsntia runat. 8sck amor Osi sst iu tnnäens st orsans bonitntsin in rebu8." — (8. 1 b. 1. g. 20 -r. 2; 8. 0. §. Ub. III oap. 16 . ') 8. e. x. Ub. III osp. 1 , 17 , 16 . 8. 1 b. 1 . 4 .103 a. 2 . in der Höhe, der uns erdacht in seiner Weisheit, der uns gewollt in seiner Liebe, der uns geschaffen in seiner Allmacht. — Mit diesem schönen Gedanken wollen wir uns jetzt vom Ursprünge der Welt ihrem Bestände zuwenden. II. Wie das weiße Sonnenlicht durch das Prisma in * die schillernden Farben des Spektrums zerstreut wird, so ist auch die eine unendliche Vollkommenheit Gottes in dein blumenreichen Kranz der Weltdinge gleichsam in ein großes Spektrum der verschiedensten Theilvollkommenheiten ausgebreitet. Und wie das Spektrum nur als Ganzes das ganze Sonnenlicht wiedergibt, so bilden auch die verschiedenen Wcltdinge erst zusammen das ganze Abbild der göttlichen Vollkommenheit. Alan muß diesen Gedanken der christlichen Philosophie wohl unterscheiden von dem Gedanken des Pantheismus, dessen Spuren oberflächliche Forscher wohl schon iu der Scholastik zu finden glaubten?) Nach dem Pantheismus machen die verschiedenen Weltdinge zusammen Gott aus, sie sind Gott. So spricht Goethe: „In Lebensfluthen, in Thatensturm Wall' ich auf und ab, . Wehe hin und her! ' Geburt und Grab, Ein ewig Meer, Ein wechselnd Weben. Ein glühend Leben. So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendig Kleid." (Faust.) Aber in der Anschauung des hl. Thomas ist die Welt zwar das Abbild Gottes, allein in ihrem Sein und Wirken sind Gott und die Welt innerlich und grund- wesentlich von einander verschieden?) Der Begriff Gottes liegt darin, daß Gott die in sich selbst subsistirende, reine Wirklichkeit, das reine absolute Sein ist (aotns purns; ixsuw 6886 8us>8l8t6N8). Ein solches Wesen kaun nur eines sein und absolut keinem Wechsel unterliegen. Alles Andere, was noch existirt, kann nur eine beschränkte Vollkommenheit haben und kann namentlich nicht das reine subsistirende Sein selbst sein. Vielmehr muß in allen geschaffenen Dingen eine substantielle Zusammensetzung aus Wesenheit und Dasein, wie aus Potenz und Akt an- -> erkannt werden. Ebensowenig, wie nun etwas zu gleicher Zeit reiner und zusammengesetzter, d. h. nicht reiner Akt sein kann, ebensowenig können Gott und die Welt identisch sein?") Indem wir diesen Gedanken dem Pantheismus gegenüber scharf betonen, müssen wir auch gleich einem andern Irrthum, der namentlich in Frankreich die Geister verwirrte (Malebranche), nicht weniger energisch entgegentreten. Wenn das Feuer das Holz anzündet, die Rose ihren Duft aushaucht, der Mensch denkt und will, kürz wenn die Geschöpfe thätig sind, so ist dies — nach diesen Philosophen — nur Schein. Im Grunde ist es — so °) Z. B- BarthSlemy Haursau, Paris 1672/81; in dem Ausdruck: rss sinansnt 2 vso. H „tzmäam kriv 0 lis r 2 t i 0 n i b u s äuoti vossusrunt, vsuin S88S äs substantia euiuslibst rsi sto? — tz. O. äs vsr. g. 21 s. 4 ; 8. 0. §. lib. I 02p. 26 . 8. 1 b. 1 . g. 4 L. 8. ") „DZss rseixitur in aliguo ssounäuin moäum ipsius st iäso tsrwinÄtnr siout gunsUbst 2U2 torms, guas äs 8S communis 68t, st ssounäuw guoä rsoipitur in sligno, tsrininatur sä illuä: st kos inoäo 8olnm äivinum S88S non S8t tsrininatuin; guia non sst reosptnm in nliguo, guoä S8t äivisuin ab so? — 1. äsnt.Oist. 8 g. 2 a. 1; 8. e. A. Ub. I oam 21 — 29 ; 8. 1 b. 1. g. 3 a. 4 . > 39 erklären sie — immer ausschließlich und allein Gott, der z. B. bei Gelegenheit der Berührung von Feuer und Höh das Holz anzündet; kurz Gott allein vollzieht alle Thätigkeit, die scheinbar von den Geschöpfen ausgeht. Diesem verderblichen Irrthum gegenüber finden wir bereits vom hl. Thomas scharf betont, daß Gott aus der Ueberfülle seiner Güte heraus den Geschöpfen nicht nur ein wirkliches Dasein, sondern auch ein wirkliches Thätigsein verliehen habe.") Und damit die Geschöpfe diese Thätigkeit als eine wirklich eigene ausüben, hat Gott ihnen bestimmte innere Thätigkeitsprineipien gegeben, die dem Grade ihrer Existenz genau entsprechen.") Gerade diese innern Thätigkeitsprineipien machen das aus, was wir die Natur der Dinge zu nennen pflegen. So kommt es, daß die Vorgänge und Erscheinungen, die sich in der Schöpfung abspielen, im eigentlichen Sinne des Wortes natürliche Vorgänge sind, d. h. Vorgänge, die in der Natur der Dinge selbst ihren physischen Grund haben.") Schließlich ist die Lehre des hl. Thomas auch direkt einer Auffassung entgegengesetzt, die unter den neuern Physikern einen breiten Boden gewonnen hat. Secchi, der große Astronom, hat sie in einem eigenen Werke: „Die Einheit der Naturkräfte", mit vielem Scharfsinn zu vertheidigen gesucht. Seine Ansicht gipfelt etwa in folgenden Worten"): „So sind wir zur wahren Philosophie der Natur zurückgekommen, die schon von Galilei inangurirt war, daß nämlich in der Natur alles Bewegung und Stoff ist, oder eine einfache Modifikation desselben durch eine reine Umstellung der Theile oder der Art der Bewegung." Dem gegenüber gipfelt die Naturphilosophie des hl. Thomas von Aqnin ganz und gar in der Anschauung, daß die Substanzen Träger eigentlicher, innerer Qualitäten seien. Diese Qualitäten stehen in naturgemäßer Proportion znr Wesenheit des Subjektes und bilden die nächsten innern Principien, durch welche die Dinge ihre eigenthümliche Thätigkeit ausüben; ja es läßt sich selbst die örtliche Bewegung der Körper ohne die Zuhilfenahme innerer Qualitäten, der Beweg- Mgsimpulse, sachlich nicht erklären.") Wenn nun so alle Geschöpfe ein eigenes Dasein und Thätigsein haben, so haben sie es doch durchaus nicht alle in: selben Grade der Vollkommenheit.") Vielmehr ist die Schöpfung einer großen, lückenlosen Stufenleiter zu vergleichen, die, je höher sie kommt, um so enger wird und über sich Gottes Unendlichkeit hat. Da finden wir zu untcrst die ganze todte Welt des Seienden. Was sie thut, das thut sie getrieben und bestimmt von den innern Principien ihrer Natur. In dieser todten Welt herrscht das strenge Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung, von der Beständigkeit der Materie, vom Austausch der Energien und der Unveränderlichkeit der in der Welt vorhandenen potentiellen und aktuellen Energiesnmme. Ueber dieser todten Welt aber baut sich die höhere Welt der lebenden Geschöpfe auf. Ihre Thätigkeit ist nicht --) 8. c. x. lib. m «Lp. 69. „8iont ab aZeuts (so. veo) eoukernntur elkevtm natnrali prioeixio, per guae snbsistit, ita prineipia, per yuae aliornni siteansa" (8. o. K. lid. III oap. 21.) 8. lllli. 1. g. 89 L. 1). ") 8. Vkom. in Lrist. Ullzn. lib. II Iset. 1; tz. O. äe pol. . III eap. 20, 22. mehr eine blos transeute, sondern auch eine immanente??) In der Pflanzenwelt dämmert diese Vollkommenheit gleichsam erst auf, indem der Aufbau des pflanzlichen Organismus durch rein mechanische Kräfte nicht mehr erklärt werden kann. Im Thierreich mit seinen sinnlichen Empfindungen und willkürlichen Bewegungen haben wir statt der Dämmerung bereits ein Morgenroth. Im Menschen mit dem geistigen Verstände und dem freien Willen ist das Morgenroth bereits zum Tageslicht geworden. Allein auch das geistige Erkennen des Menschen hängt noch wenigstens mittelbar von der sinnlichen, an die Schranken von Raum und Zeit gebundenen Wahrnehmung ab, und das freie Wollen des Menschen ist noch stark beeinflußt von den sinnlichen Regungen, so daß der Mensch selbst an seinem höchsten Gut öfter und öfter irre werden kann. Doch über dieser geistig-materiellen Welt des Menschen erhebt sich schließlich die Welt der reinen Geister, der Engel. In ihr steigt die Vollkommenheit der Schöpfung znr Mittagshöhe empor, von der es nur noch ein Herunter gibt. Erst die reinen Geister genießen ein geistiges Erkennen und ein rein geistiges, freies Wollen; was sie einmal als höchstes Gut sich erkoren haben, das halten sie unbeweglich fest. So haben denn die reinen Geister, die Gott auf der Stufenleiter der Schöpfung am nächsten stehen, auch am meisten Licht empfangen. Mit dieser Stufenleiter, auf der sich die Geschöpfe Gottes unendlicher Vollkommenheit nähern, geht durchaus die Stufenleiter parallel, mit der die Schöpfung zu Gottes absoluter Einfachheit und Einheit emporsteigt. Wenn nämlich auch alle Geschöpfe die Unvollkommeuheit gemeinsam haben, daß sie in ihrem Sein eine Verbindung von Wesenheit und Dasein darstellen, so ist die materielle Welt doch insofern noch weiter als die geistige Welt von der absoluten Einfachheit Gottes entfernt, als in ihr die Wesenheit selbst wieder ein Zusammengesetztes aus Materie und Form bildet.") In ähnlicher Weise bemerken wir in der Schöpfung ein allmähliches Aufsteigen znr Einheit Gottes. Auf der niedersten Stufe stehen jene Geschöpfe, bei denen wir zwischen Gattungen, Arten und Individuen zn trennen haben. So haben wir unter den materiellen Dingen die Gattungen der Mineralien, Pflanzen und Thiere. In jeder Gattung haben wir wieder Arten; so z. B. in der Gattung der Thiere die Fische, Böge! und Säugethiere. In jeder dieser Arten finden wir wieder Unterarten und darin schließlich Individuen. Beim Menschen ist aber die Einheit des Seins bereits stärker geworden. Es gibt nur noch eine Gattung Mensch, und die Artunterschiede, wie sie sich z. B. zwischen Vögeln und Fischen zeigen, sind verschwunden. Es sind nur noch Individuen derselben Gattung mit rein accidentiellen Unterschieden vorhanden. Bei den Engeln verschwindet schließlich nach der wohlbegrnndeten Meinung des hl. Thomas auch dieses noch. Bei den reinen Geistern ist jedes Individuum auch eine Gattung, eine Welt für sich, d. h. jedes Individuum enthält alle Vollkommenheit, deren seine Gattung fähig ist. Darüber gibt es nur noch eine höhere Vollkommenheit des Seins, die absolute Einheit Ouplex est rei operativ, „uns. gniäsm guse ia ipso operante mauet et est ipsina operantis per- t'eotivl, nt sentire, intelliAere et vells. ,4Iis> vero, gaas in exteriorsw rem tranÄt, «piae est perkeotio kaoti, giroü per ipsaur eoustituitur, ut ealet'aeere, ssoars st aeckillearv". — 8. o. Z-. IIP. II eap. 1. ") 8. e. §. lib. II eap. 64, 60, 61, 62. 40 Gottes.") So sehen wir also in der Schöpfung überall ein allmähliges stetiges Aufsteigen vom Unvollkommenen zum immer Vollkommiiern. Dabei verhalten sich die vollkommneren Wesen zu den unvollkommneren wie das Licht des Tages zum Lichte der Dämmerung und des Morgenroths. Wie nämlich das Licht des Tages alle Helligkeit, die in der Dämmerung und dem Morgenroth enthalten ist, auch enthält und noch eine neue, größere hinzufügt, so besitzt auch jede höhere Stufe der Schöpfung alle Vollkommenheit der untern und fügt eine neue Vollkommenheit hinzu?") Zum Schluß unserer Betrachtung des Weltalls in seinem Bestände können wir es darum mit etwas verändertem Gedanken wohl jenem System von Sphären vergleichen, von dem Cicero in seinem Traum des Scipio berichtet. Wenn wir uns um eine leuchtende Flamme, als um den gemeinsamen Mittelpunkt, eine Reihe von Kugeln gruppirt denken, so werden diese Kugeln, je weiter sie von der centralen Flamme abstehen, ebensosehr an Umfang zunehme^, wie an Helligkeit abnehmen. Aehn- lich haben wir in dem Weltall ein gemeinsames Centrum, Gott, von dem Licht, Leben und Vollkommenheit bis in die äußersten Grenzen des Universums ausstrahlt. Je weiter nun die Dinge von diesem Centrum entfernt sind, unsomehr wachsen sie an Zahl und Umfang, empfangen aber gleichzeitig umsoweniger Licht und Vollkommenheit. Doch wie zwar die näheren Kugeln mehr Helligkeit empfangen als die entfernteren, wie sie aber doch nicht alles Licht empfangen und wie so die ganze Kraft der centralen Flamme erst in allen beleuchteten Sphären zusammen ganz zur Geltung kommt, so sind auch im Weltganzen die Geschöpfe, welche Gott in der Ähnlichkeit näher stehen, vollkommener als jene, welche Gott in der Ähnlichkeit ferner stehen; und ist die ganze Gottähnlichkeit und damit die ganze Vollkommenheit der Schöpfung erst in der Welt als Ganzem zn finden. Darum heißt es auch mit tiefphilosophischem Sinn in der hl. Schrift, daß Gott am Ende jedes Schöpfungstages sah, daß sein Werk gut war, am Ende des letzten SchöpsungstageS aber, daß dieses ganze Werk sehr gut war. Und wahrlich! Das Weltall ist ein sehr gutes, ein vollendetes Kunstwerk, eine wohlgestimmte Leier, an der keine Saite stärker angespannt sein dürfte, ohne die Harmonie der Accorde zu mindern.^) In diesem Kunstwerk der Kunstwerke ist die bunteste Mannigfaltigkeit der Theile vereint mit der größten Einheit des Ganzen, das Vermeiden „M sie rslillguitur, guoä omnss LN»sIi Ld inviosm spsois ältkerunt sscuuäum maiorsm st miuorsm psr- Fseticmem kormarum simplieium ex maiori vsl minori axpropinguitats sä Oeum, gui sst Lotus purus st iiiünitas srkoetioms.... Osus vsro, gni sst in summopsr- sotiouis, oum uullo Lila eonvsnit nou solum iu spseis, ssä tu Asnsrs uso iu alio prasäieLto univoos." — tj. O. äs spir. orsuturis. c>. uu. s. 8. *°) Es ist aber zu berücksichtigen, daß die höheren Wesen die Vollkommenheiten der niederen theils kormalitsr, theils sminsutsr enthalten. Vgl. 8. 1I>. 1. g. 4 L. 2; g. 13 a. 3 sä 1. vk. Ll. Os Uaria ?kil. psrix.-sobol. Komas 1693. Vsl. III tr. 1. g. 3 L. 1; Lillot I. o. p. 81 s. „Universum, suppositis istis rsbus, non potsst ssss msllus proptsr äsosntissimum oräinsm kiis rsbus sttridutum a Osa, in guo bonum umvsrsi oonsistit; guoi'um si unum cäiguoä essst mslius, vorrumxsrotur proportio oräims: siout si un» oboräu plus äsbito intsnäsrstur, oorrumxsrstur citbaras msloäia. Kossst tLmsn Osus Llius rss ksoers vsl alias aääsrs istis rsbus faotis; st sssst aliuä Universum mslius." — 8. 9?ü. 1. a. 26 a. 6 aä 3. jedes plötzlichen Sprunges mit der Beständigkeit der einzelnen Glieder, die abseitigste Thätigkeit mit der größten Ordnung. Und warum dies? Weil alles ein Abbild der ewigen Ideen der göttlichen Weisheit ist. „Omiüa, in saxisntia runäasti." (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Wustmann Gust.. „Allerhand Sprachdumm- heiten". Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Läßlichen. Leipzig, Fr. W. Grunow, 1896. (II.) 12°. XII-st 410. 2 M. 50 Pf. UZ. k Wenn die Redensart vom „durchschlagenden Erfolg" je einmal am Platze ist, dann trifft sie gewiß bei diesem Buche zu. Ist doch der Titel des Werkes bereits zum geflügelten Worte geworden. Wer möchte sich gerne nachsagen lassen, daß er „Dummheiten" mache? Und dennoch wird sich jeder Leser oder Schriftsteller, der Wustmann's Buch einer aufmerksamen Durchsicht unterzieht, schuldbewußt solcher „Dummheiten" anklagen. Wir geben eben viel zu wenig in Wort und Schrift Obacht auf die Regeln unserer Muttersprache, sonst müßten wir uns auf Schritt und Tritt bei „Sprachdummheiten" ertappen und uns bestreben, die Sache besser zu machen. Den Nutzen soll das Buch haben, daß namentlich die Leute der Feder über der Hast des Ärbeitens die Sprachrichtigkeit nicht außer Acht lassen. Wustmann's Buch ist auch angefeindet worden, aber mit Unrecht. Freilich verwirft es manche Redewendung, die einfach im Laufe der Zeit der Sprachgebrauch sanctionirt hat, der eben ziemlich eigenmächtig und unbekümmert um Grammatik seinen Weg gebt. Im Ganzen aber wird man leider gestehen müssen, daß die Sorgsamkeit, rein und gut deutsch zu schreiben, seit den Tagen eines Lessing, Schiller, Göthe, Rückert in steter Abnahme begriffen ist und wir einer gänzlichen Nerlotterung unserer Sprache entgegensehen. Man behauptet vielfach, der Unterricht in den klassischen Sprachen verderbe den Stil; aber sehr mit Unrecht — denn fürs erste ist das Ergebniß klassischer Sprachstudien in der Gegenwart dermaßen erbärmlich, daß es qewiß keinen Einfluß auf die Muttersprache ausüben könnte, und dann lehrt die Geschichte, daß unsere Klassiker, die ein mustergiltiges Deutsch geschrieben, gerade einer Zeit angehören, die mit Ernst und Erfolg in griechischer und namentlich lateinischer Sprache schulte; und eben dieselben Meister unserer Sprache bekannten oftmals, dieser Schulung ihre Kunst zu verdanken. Die Ursache ist vielmehr überhaupt der Geist der Oberflächlichkeit und Geschmacksverrohung, der unsere Zeit auf allen Gebieten beherrscht, ein Geist, der zugleich seine Faulheit zu beschönigen sucht, indem er die Schuld sprachlicher Barbarei dem unbedeutenden, aber doch gern abgewälzten Betrieb der klassischen Sprachen aufzubürden sucht. — Wustmann gehört in die Hand eines jeden Gymnasiasten!! Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Verlag von Herder. Freiburgi. Br. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats. Abonnementspreis jährlich 3 M. Inhalt von Nr. 1 des II. Jahrgangs: Von den Kleinen Schwestern der Armen und ihren Greisen. — Das preußische Waisenrathsamt und die Bestrebungen zur Belebung der Amtsthätigkeit der Waisenräthe. — Praktische Winke über die Zwangserziehung verwahrloster Kinder. — Der St. Elisabethen-Verein in München. — Die Bestrebungen der Nichtkatholiken auf dem Gebiete des Mädchenschutzes. — Vincenzverein und Wohnungsfrage. — Kleinere Mittheilungen rc. rc. * (Das Cönaculum des hl. Abendmahles.) Zu der Bemerkung in dem Palästina-Artikel (Beilage 3), daß in dem Saale, wo der Heiland das Abendmahl feierte, seit so langen Jahren das hl. Meßopfer nicht mehr gefeiert wurde, wird uns mitgetheilt, daß thatsächlich vor einigen Jahren, allerdings rm Geheimen, an jener ehrwürdigen Stätte, die leider nicht in christlichen Händen ist, die hl. Geheimnisse gefeiert worden sind._ Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Laas L Erabherr in Augsburg.