Hl'. 7. Mge zur Aügskmger Weitung. ° E Stilla von Abenberg. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Dem Grafen Rapoto von Abenberg nud Schutzvogte der bambergischen Kirche hatte seine Gemahlin Mcchtild, die Tochter des Grafen Dedo von Wettin, eine reiche Erbschaft in Meißen, nämlich die Grafschaft Altenburg und Leisnig, eingebracht, welche 1157 an den Kaiser Friedrich um 500 Mark verkauft wurde. (Laug, Regelten des RezatkreiseS I. v. x>. 57.) Im folgenden Jahre 1158 erschien Rapoto, Graf von Abenberg, der Burg und der Kirche von Bamberg Schutzvogt und durch deren Vergabung Graf im Radeuzgau (eomes RutmnAuvionsis), auf dem Reichstage zu Bamberg vor Kaiser Friedrich I. und beklagte sich über die Schäden, welche ihm Bischof Gebhard von Würzburg im Umfange seiner Grafschaft zugefügt hatte. Daher übergab Friedrich dem Bischof Eberhard von Bamberg die Grafschaft Nadenzgan. Dieselbe umfaßte Herzogcnaurach, Langeuzenn, Höchstadt, Oberhochstadt, Dachsbach, Uhlfeld, Mühlhausen, Wachen- , rode. Zufolge Urkunde vom 14. Februar 1160, ausgefertigt von Kaiser Friedrich I. zu Pavia in einer Streitsache zwischen Eberhard, Bischof von Bamberg, und Gebhard, Bischof von Würzburg, war Rapoto „des Reiches getreuer Advokat der Burg Bamberg, deßgleichen durch Verleihung der Kirche von Bamberg Graf im Rangau." (Lang, Regesten des Rezatkreises Seite 59; Seefried, Grafen von Abenberg, S. 16—17; Bauer, Die Grafen des Nangaues im hist. Verein von Mittelfranken 1860 S. 37; Haas, Der Rangau, Erlangen 1853 S. 147.)") Im Jahre 1172 wird Graf Rapoto zum letzten Male als Urkundenzeuge aufgeführt, und nach seinem Ableben wird er 1176 als Vater der Aebtissin Bertha von Kitztugen genannt, welche einem jungen Swepherus (vielleicht einem Schweppermaun) zwei Grundstücke zu Firnbach bet Würzburg zum Geschenke macht. (Haas, 1. e. S. 151.) Nach der Abeuberger Tradition hatte Rapoto einen Bruder, Namens Kourad, welcher ihm Beihilfe leistete bei der Gründung des Klosters Heilsbronn. In den Nekrologien des genannten Klosters aus dem 13. und 14. Jahrhunderte, wie sie Dr. Kerler im 33. Jahresbericht des Historischen Vereins für Mittelfrankcn (1865) S. 124 ff. veröffentlicht hat, erscheint der Name Cunrad von Abenberg fünfmal, aber die Ausscheidung nach Sterbe- und Lebensjahren ist noch nicht gelungen. In der Urkunde vom 15. Februar 1163 erscheinen als Zeugen: Rapoto, Graf von Abenberg, und Cun- radns, sein Sohn, während im Jahre 1165 Cunrad und Friedrich mit ihrem Vater Rapoto Zengschast leisten. (Lang, RoZ. eiro. Ikermt. p>. 60, 63.) Nach der genealogischen Tabelle von Scefried in dem ") Haas (I. o. 102): „Zu den östlichen Marken des Rangaues gehörte die Münchcnaue mit der Herrschaft Abenberg. Diese umfaßte außer dem Städtchen und dein Schlosse Abenberg, mit dem dazu gehörigen, von einer abenbergischen Tochter, der nachmals z. Z. Bischofs Wilhelm vonEichstätt, heiligt?) gesprochenen Stilla, gestifteten Angnstinerinneu-Kloster Marieuburg, welches auf einem Hügel dicht (?) unterhalb der Burg lag, die Fischerei in der Rezat bei Mungeuau und zwei Fischteiche bei Ber- tholsdorf, dann zwei Weiher zu Steinbach und Bechhofen, sowie wohl auch das kleine Dörfchen Kleinabenbcrg und Losenau in der Pfarrei Abenberg." Werke: Die Grafen von Abenberg (1869), S. 41 war Courad der Jüngere, der zweite dieses Namens als Graf von Abenberg, als Burggraf von Nürnberg der erste, der Bruder Stillos, während der Bruder Rapoto zum Abte von Heilsbronn erhoben wurde. In der „berichtigten Stammreihe" (der definitive Uebergang 1895) wird diese Geschlechtszusammcngchörigkeit beibehalten, nur mit dem Unterschiede, daß die Abkunft von Wolfram II. hergeleitet wird und Rapoto nicht bloß zum I., III. und VI. Abte von Heilsbroun, sondern auch zum II. Abte von Ebrach 1164—1170 befördert wird. Daraus dürfte ersichtlich sein, welche Unsicherheit über die von der Tradition festgehaltenen Brüdcr Stilla's herrscht. Ihre Mutter wird als Gräfin Sophia von Hohen-Trichendingen bezeichnet. Darunter ist ohne Zweifel Hohentrüdingen ") in der Grafschaft Truhen« dingen im Sualafelde zu verstehen, deren Edle unter Kaiser Heinrich V. gegen 1113 zum ersten Male als Schntzvögte des hl. Sola d. i. des Klosters Solnhofen auftreten. (Englert, Geschichte der Grafen von Truhen- diugen, Würzburg 1886, S. 11 nr. 1.) Als Bischof Gebhard II. von Eichstätt am 1. November 1138 das von ihm und seinen zwei Brüden: erbaute Kloster Plank- stetten bei Bcilugries kirchlich einweihte und reichlicher dotirte, nahm aus dem Adel Friedrich von Truhendtugen als Zeuge die erste Stelle ein (Lefflad, Regesten der Bischöfe von Eichstätt nr. 221); aber eine Gräfin Sophia von Truhendingen, welche einen Grafen Zelchus von Abenberg geheirathet haben soll, läßt sich nicht nachweisen. (Vergl. die Stammtafel der Truhendingen bet Englert S. 158.)") Wohl das Hauptgewicht der Abeuberger Ueberlieferung über Stilln liegt in der Klostergründung zu Heilsbronn durch ihre beiden Bruder Rapoto und Kourad. Bei Hocker (Hailsbronuischer Antiquitäten - Schatz, Ouolzbach 1731, I, 55) findet sich ein sehr schönes De- dikatiousgemälde aus der Klosterkirche zu Heilsbronn. Bischof Otto mit sehr jugendlichen Zügen hält an der Vorderseite eine Krenzkirche in den Händen, während ein Ritter mit wallendem Barte den Schlußtheil trägt. Hinter dieser ernsten Gestalt steht ein Knappe, des Ritters Schwert haltend ; daran reiht sich eine Frau, die Hände zum Gebete gefaltet, an welche sich ein jugendlicher Ritter anschließt, dem gleichfalls eine Frau folgt, den D Im Jahre 836 erscheint Truhendingen als Irubt- muntiga. N. d. 88. XV, 334; im Pontifikale des Eich- stätter Bischofs Gundakar II. als Irubsmuotinssn. Ll. d. 88. VII, 243. ") Die Grafen von Truhendingen kamen von Rheinfranken, wo sie ein Allod, aus 16V- Mausen bestehend, in Sulzheim, 6 Mansen in Sicherhausen, 8 Mansen in Breunchweiler besaßen. Wahrscheinlich wurden sie, unbestimmt in welcher Zeit, 1050 ca., von Fulda mit der Advokatie über Solenhofen und Heidenheim und den damit verbundenen Pfründen betraut. (Englert l. o. pA. 140.) Die Grafen von Truhendingen scheinen ein üppiges Hofleben geführt zu haben, wenigstens macht Wolfram von Eschenbach bei der Schilderung der Hungers« noth in Pelrapeire eine Anspielung: Lieb verlor: dL selten mit dem msts cksr 2uber oder ckiu Kanne: ein IrnbendinAaer xbanns mit krapksn selten cka ersebrei: in was der selber dun sntawsi, (Parzival, herausg. von Bartsch IV. 160—164.) 50 Blick gesenkt, die rechte Hand auf die Brust gelegt, während die linke den Rosenkranz hält. Zur Erklärung des Bildes dienen folgende Bcrse: Hase «Ismus Ottousm calit st Oomitsm Kapotlmuem vessul kuuckavit, eomss bans oxibus eumulavit ljul eomss ^.dsndsrK i'uit, die presul guogus Lunrber§. vis.junZAs coiuttem ckouriunm Orwrat.juulorsm lilselrtilckiu soeia eausuu^nturgno 8oplria. vost L1. 0. Olirtsts tiiAinta cluos soeius ists ^.irnas knuckatur llaiisbruii, gut rlts voeatur, Vw^tnis rrtgus pie matris sub Ironors Claris rVe sairotl ckaeodi gui mchor vot 2sbs«1si Da voniam ennetis veus! die reguis tidi kuuetis. Scefried (Die Grafen von Abcnberg S. 12) gibt folgende metrische Ucbersetzung: Otto verehrt die Kirche, sie verehrte den Grafen Rapoto, Da sie der Bischof gebaut und der Graf mit Gütern beschenkt hat; Dieser ein Graf von Abenbcrg und jener auch Bischof von Bamberg. Ihnen magst du beizählen den Grafen Herrn Conrad den Jüngern, Mechtild rrnd im Verbände mit ihr die Gemahlin Sophia. Tausend einhundert und zwei und dreißig Jahre nach Christus Stiftete jener Genosse Heilsbrunn, das so recht genannt wird, Unter dem Titel der Jungfrau und gütigen Mutter- Maria Auch zur Ehre St. Jakobs, des älteren, des Zebedäus. Allen Gnade, o Gott! die hier in dir Ruhe gefunden. Es erhebt sich mm sofort die Frage, welchem Jahrhunderte gehört das geschilderte Dedikationsgemälde an? Stammt es aus der Griindnngszcit des Klosters oder ist es spätere Arbeit? Für letztere Annahme sprechen die Benennungen „Bamberg" und „Hailsbrunn"; beide gehören dem späteren Mittclalter an. Ueber letzteres bemerkt Mnck (I. e. I, 3): „Der Ort hieß bis gegen das Jahr 1400 nie anders als .Halsprun' oder,Halesprnncn'; erst später begegnet uns der Name ,Hailsbronn' und ,Ior>8 saintis'." Die Schreibart „Heilsbrun" zeigt daher, daß die in Frage stehende Inschrift nicht aus grauer Vorzeit stammt; sie wurde vielmehr erst 1471 zur Zeit des Abtes Wegcl gefertigt. (Mnck 1. o. I, 13, 178 .)' 4 ) Diese Tafel steht aber auch in Widerspruch mit der Stiftungsnrkunde des Klosters Heilsbronn, welche im Originale sich dermalen im k. Neichsarchiv zu München befindet. Darnach gründete Bischof Otto von Bamberg, ") Hocker (Hailsbr. Antig.-Schah 8uppl. I, 1): In einer vidimirten Kopie des Diplomes Kaisers Rnpert vorn Jahre 1403 kommt zum erstenmale „veilsprnn" vor; in zwei Schriften des Concils von Basel 1437 und 1430 hat es den Namen voirs salutis. In der Stiftungsurkunde von Kloster Heilsbronn 1132 wird Otto von Bamberg: Otto badsuder^susis seclosias sxisoopus genannt (ibick. Snppl. I, 59). Eberhard von Bamberg nennt sich in der Confirmativnsurkunde einer Klosterherberge daselbst 1154: Dberlraickns, dabeirdsrAeusis spiseopus (1. o. 8upx1. I, 77). Der Verfasser des Zeitbildes „Der Renner" schreibt am Schlüsse: vor cito?. vueli Ksticbtst link VJttao cl'selml 20 tnrstat Wol vierriA gar vor Labonborob 175, Icke?. Iluk von T'rieuborvb. - - . vi bor ?.1t un bi äsn tao-on Da IZWebok leupolck bisobot' uas vsbenboreb an cko was las O'aokto Loott'aeürs an ck'bullen. Leopold 1. von Grnndlach leitete die Diözese Bamberg von 1290-1303; ihm folgte der vom Papste ernannte Wuelfing von «sliibenberg 1304-1316, ein Dominikaner. Kirchenler. Hergcurüthcr-Kaulen 1, 1019. dessen Wiege höchst wahrscheinlich in Mistelbach bei Plein- feld gestanden (Mnck I. c. I, 5—6; Seesried, Die Familie des hl. Otto, 1891; Kirchcnlex. IX, 1175), das Cistercienserklostcr Halcsprnnnen, nachdem er das leheu- freie Gut von dem Grafen Adelbcrt, dessen Bruder Chnnrad und ihren drei Schwestern preiswürdig cr- ivorbcn und dem hl. Petrus in Bamberg durch die Hand Adelberos von Tagestcttcn geschenkt hatte: chuaproptor, heißt die entscheidende Stelle im Urtext, nuiversorum noticio patsro voluwus, eiuaiilsr nos (Otto, sunotus IiahsnbsrKsnsis SLcIesiae Aratia Ooi sxisooxus) prno- äium apuck Ilaiesprumreu üb ^.äsldorto oowiks st a kratro 8uo Otiuuraäo atc^ns a tridus sororidus suis ckiZno xrstio oomxaravimua ickeJia h. kstro in bgchenhorAsnsi seolesin, eui auotoro Oeo clossrvirnus, per 1NNNN3 ^äsllisronis clo I'nZsstotton ckoimvimuZ. Die Urkunde ist ausgefertiget zu Bamberg 1132 in der X. Jndiktion des Kaisers (!) Lothar (derselbe wurde jedoch erst am 4. Juni 1133 durch Papst Jnnocenz II. zum römischen Kaiser gekrönt), und als Zeugen erscheinen: Adelbero von Tagcstetten, Adclbrcht von Dahs- bach, Friedrich von Hergoltisbach, Heinrich, Eberhard, Megingoz von Otlohesdors, Otnant von Eskoowa, Ezzo von Burgelin, Uto von Wilehalmisdorf, Gernot und sein Sohn Rudolf von Pntendorf, Macelin und Bcrchtold von Hufen, Wolfram von Stctebach, Chnnrad von fllinsaze, Dietmar von Hohcnekke, Egono von Chrigenbrunnen. Von den Bambcrger Kanonikern unterschrieben: Egilbert, Dekan; Cunrad, anstos; Dietpcrt; Udalrich der Lange; Volmar; SefridJ^) Es entsteht nun die Frage: Welchem Geschlechte gehörten die Gutsvcrkänfer von Halcsprnnnen: die Grasen Adelbert, Chnnrad und ihre drei Schwestern, an? Waren sie dem gräflichen Hause der Abenberger entsprossen? Gemäß Urkunde vom 19. Mai 1108 übergab Graf Wolfram von Abenperc, Bogt der Kirche zu Bamberg, sein Gut Hovehcim dem hl. Georins (d. h. dem Domkapitel) zu Bamberg ") für sein und seiner Eltern Seelenheil unter der Bedingung, daß Gerhilt und ihr Sohn Adalbert, wenn er Kanoniker in Bamberg bleibt, es lebenslänglich besitzen und den Jahrtag des genannten Grafen fromm feiern sollen. Nach ihrem Ableben soll das Allodinm, über welches der Sohn Adalbert bei Lebzeiten Gerhilts keine Gewalt haben soll, in die Gewalt der Bambcrger Brüder übergehen. (Looshorn I. e. II, 65.) Ist nun der hier genannte bambergische Kanoniker Adalbert aus dem abenbergischen Geschlechte mit dem Grafen Adelbcrt der Hcilsbronner Stiftnngsurknnde identisch? Wir glauben nicht. Denn während Adalbert, Wolframs von Abenberg Sohn, ohne weitere Verwandtschaft aufgeführt wird, besitzt Adelbert, der Verkäufer des Herrschaftsgntes in Halesprnnucn, außer einem Bruder Chunrad noch drei Schwestern, welche Miteigenthumsrechts an diesem Prädinm ausweisen konnten. In der Heils- brouuer Gründungsurknnde selbst wird der Geschlechts- ") Hocker, I. 0 . suppl. I, 59: Muck, 1. 0 . I, 6; Loos- horn, Geschichte des Bisthums Bamberg II, 292; Lkcm. Osrm. 88. XV, 1151,1160; XII, 708; XX, 759,833,886,911. Unter Bischof Graf Bertholt» von Leiningen 1258 bis 1285 lösten die Kanoniker am Dome zu Bamberg, die „Georgen-Brüder" genannt, die vita Lammmus auf und wurden „Domherrn", welche den Chordienst hauptsächlich den zahlreichen Chorvikarcn überließen, während sie selbst aus Erhaltung und Mehrung ihrer Einkünfte und Rechte bedacht waren. Kirchenler. 1. 1918. bi migehörigkeit der Verkäufer nicht Erwähnung gethan: daher kaun die aufgeworfene Frage bei dem Mangel anderweitiger Beweisstellen nicht genügend gelöst werden. Haas (Der Nangau S. 109) hält den Grafen Adclbert, seinen Bruder Chnnrad nebst den drei Schwestern für Hohenloy-Braunccke, während Muck die fünf Grafen- gcschwister abenbcrgischcn Stammes erachtet (1. e. I, 1), indem Otto gerade durch das Verwandtschaftsverhältniß mit den Abenbergern veranlaßt worden sei, in Heilsbronn ein Kloster zu gründen. Dann aber erscheint es noch auffallender, warum der Geschlechtsabfolge der Verkäufer und der verwandtschaftlichen Beziehungen derselben in der Stiftungsurknnde nicht gedacht wird, dann ist es noch unerklärlicher, warum nicht einmal unter den Zeugen ein Abcnbergcr genannt wird. Falckcnstein, das Gewicht dieses Einwnrfes wohl fühlend, glaubte in die Heilsbronner Stiftungsurknnde an Stelle des Namens Adelbert jenen des Grafen Rapoto, dessen abcnbergische Geschlcchtszugehöriglcit außer Zweifel steht, einschicken zu dürfen (Autici. Koräguv. II, 352); allein mit Recht wies schon Hocker diese unkritische Will- kürlichkeit zurück, indem auf diese Weise die Original- doknmentcn-Authentic in merklicher Gefahr stünde (Hcils- bronner Antig.-Schatz, suxpl. I, 5). Es ist vielmehr sehr wahrscheinlich, daß der Verkäufer des Heilsbronner Gutes Graf im Ratenzgan gewesen ist; denn zufolge Urkunde vorn 5. April 1130 hat König Lothar in Bamberg auf Verwendung seiner Gemahlin Richiza und für die treuen Dienste der Kongregation des heil. Georg im Dorfe Staffclstein, das im Ratenzgan in der Grafschaft des Grafen Adelbert gelegen ist, einen Markt abzuhalten bestimmt. (Looshorn 1. o. II, 71.) (Fortsetzung folgt.) Santiago de Compostela im Jubeljahr 1897. (Fortsetzung.) II. O. Eine natürliche Folge dieser zahlreichen Pilgerfahrten zum Grabe des „dran Fpvstol", wie der Spanier mit Vorliebe sagt, war, daß die Päpste die dem Heiligen geweihte Kirche in Santiago mit Gnaden, Ablässen und Vorrechten in reichstem Maße ausstatteten. Eines der bedeutendsten dieser Privilegien ist das nffubilso äs! Uno Laut»«, der Jubclablaß des hl. Jahres. Nach der Bulle des Papstes Alexander III. (1159 - 1181), ausgefertigt am 25. Juni 1179 zu Vitcrbo, sind rröos snntos (heilige Jahre) solche, in welchen das Fest des hl. Jakobns (25. Juli) auf einen Sonntag füllt; während eines solchen Jahres können die Gläubigen, welche nach würdigem Empfange der heiligen Sakramente die Kirche des hl. Jakobns in Santiago de Compostela besuchen und dort nach der Meinung des hl. Vaters beten, einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Diese päpstliche Bulle besteht noch in voller Geltung, und aus ihr ergibt sich, daß das gegenwärtige Jahr 1897 ein Jubeljahr ^no Konto" für Santiago de Com- postcla ist, denn im Verlaufe dieses Jahres fällt das Fest des hl. Apostels Jakobus des Aelteren auf einen Sonntag. — Der gegenwärtige Erzbischof von Santiago, Msgr. Joseph Maria Martin de Herrcra (geb. 26. August 1835 zu Aldua in der Diöccsc Salamanca), früher (bis 14. Februar 1889) Erzbischos von Santiago aus Cnba, erließ bereits am 8. Dezember 1896 einen Hirtenbriefs an seine Diöcsanen, worin er zu recht zahlreicher und eifriger Betheiligung an den Wallfahrten während dieses Gnadcnjahres auffordert. Am Tage nach Erlaß des erzbischöflichcn Schreibens sandte der Dekan und das Mctropolitankapitel von Santiago, urvordcnklichcr Gewohnheit folgend, an sämmtliche Prälaten Spaniens ein Einladungsschreiben zum Jubiläum des tliio sonto. Wir verdanken den Hirtenbrief der Güte des liebenswürdigen und gelehrten Don Candido Rios y Nial, der uns denselben mit der ausdrücklichen Bitte zugesandt hat, ihn verdeutscht unseren deutschen Landsleuten in einer katholischen Zeitung unsers Vaterlandes mitzutheilen, damit auch die deutschen Katholiken sich recht zahlreich an der Pilgerfahrt zum Grabe des „dran Axostol" bctheiligcn möchten. Mit Freuden willfahren wir der für uns so ehrenvollen Bitte des Herrn im fernen Spanien und erlauben unS dem Text des Hirtenbriefes zum besseren Verständniß für den deutschen Leser einige erläuternde Anmerkungen geschichtlichen Inhalts in Fußnoten beizufügen. Der genannte Hirtenbrief hat nun folgenden Wortlaut: Wir Dr. Joseph Martin de Herrera u de la Jglcsia, durch Gottes und des hl. apostolischen Stuhles Gnade Erzbischof von Santiago de Compostela, Großkaplan Seiner Majestät, ordentlicher Richter der kgl. Kapelle, des kgl. Hauses und Hofes, Großnotar des Königreichs Le»n, Großkrenzritter des kgl. Ordens Karls m., Senator des Königreiches sowie des Rathes Sr. Majestät u. s. w. u. s. w. an den ehrwürdigen Dekan und das Kapitel der hl. apostolischen Metropolitankirche von Santiago de Compostela, an den ehrwürdigen Abt und das Kapitel des Stiftes von Coruna, an unsere Erzpriester, Pfarrer und den übrigen Klerus, an die Ordenslente beiderlei Geschlechtes und an alle Gläubigen unserer Erzdiözese. l?ax Vobis — Friede sei mit euch. Nachdem Theodomir, Bischof von Jria-Flavia,*) auf ') Qarta pastoral äel Lxemo. 5 Rovmo. 8ss,or ^.rro- bispo äs LantiaZo äs Oomxostsl», cov motivo äs äubilso üsl Ttüo 8anto äs 1897. 8°, 32 pp. — 8»uti»§o, Imp. x Luv. äsl 8smiii»rio O. Osntr»! 1696. 2 ) Jria-Flavia, das heutige Padrän, an dem schiffbaren, in den Meerbusen von Ärrosa sich ergießenden Flusse Ulla in der spanischen Provinz Galizien gelegen, ist ein uralter christlicher Bischofssitz, der später nach Compostela verlegt wurde. Bei Jria-Flavia landete nach spanischer Tradition in wunderbarer Weise der Leib des Ist. Apostels Jakobus des Aelteren. Eine Frau, mit Namen Lupa, gestattete den Jüngern des Apostels, die hl. Ueber- reste des Meisters auf ihrem Besitzthum zu beerdigen. Später errichteten jene über der Grabstätte eine kleine Kapelle. Zwei der Schüler und Begleiter des Apostels, Athanasius und Theodor, blieben bei dem Heiligthum zurück, die anderen zogen zur Verkündigung des Evangeliums in andere Gegenden Spaniens. Nach ihrem Tode wurden die beiden Jünger zu den Seiten ihres Meisters bestattet. Die darauffolgenden unruhigen, kriegerischen Zeiten ließen das Heiligthum ganz in Vergessenheit gerathen, bis endlich ein wunderbares Ereigniß die Wiederauffindung desselben herbeiführte. Im Anfange des neunten Jahrhunderts stellte sich nämlich bei dem erwähnten Bischof Theodomir von Jria ein frommer Einsiedler Namens Pelagius (?swvo> ein und brachte die seltsame Botschaft, man könne auf dem nicht weit von seiner Klause gelegenen Berge Libre- Don jede Nacht himmlische Musik hören und ein geheim- uißvolles, den Sternen ähnliches Licht sehen. Auf diese Aussage hin begab sich Bischof Theodomir am 24. Juli 813 in den am Fuße des Lebre-Dou gelegenen Ort Sän Fix de Solovio, las dort die hl. Messe, bestieg darauf mit seinem Klerus und vielen« Volke den Berg, ließ das Gesträuch entfernen und Nachgrabungen anstellen. Da fand man eine Höhle mit zwei Bogcnwölbnngen, einem Altar und drei Gräbern, von denen das mittlere am größten war. Man öffnete letzteres und fand den Leib des hl. dem Sternfelde (6snwo äs la lstrolla) den verehrungs- würdigen Leib des hl. Apostels Jakobus entdeckt hatte, wuchs' die Andacht zu unserem Apostel in solch hohem Grase, daß die bescheidene, auf den Ruinen der ursprünglichen Kapelle erbaute Kirche, die stets den kostbaren Schatz hütete, sich in eine prächtige Kathedrale verwandelte und auf der Stelle des uralten Solovio die prächtige Stadt Compostela erstand. Gott. der in seilten Heiligen wunderbar ist. gefiel es, das Grab des ersten Blutzeugen aus der Schaar der Apostel und des ersten Verkünders des Evangeliums in Spanien dadurch zu verherrlichen, daß er Tausende von Pilgern aus allen Völkern, die von den auf Fürbitte des Heiligen den Spaniern erwiesenen Wohlthaten wußten uns herbeiströmten, zu demselben hinzog. Könige uns Fürsten, Hohe und Niedere, Reiche und Arme, Einheimische und Ausländer wanderten auf der alten Römerstraße nach Compostela. Die zahlreichen Pilger- schaaren und immer häufiger werdenden Wallfahrten hatten zur nothwendigen Folge die Erbauung von Pilgerhäusern uird Hospitälern an verschiedenen Punkten der Königreiche Castilien, Leon und Galizien. Ja, eine solche Bedeutung erlangten diese Pilgerzügc, daß man von allen Enden des ganzen christlichen Erdkreises zur Verehrung des berühmten Heiligthums und zur Erfüllung der in der fernen Hcimath aus Andacht und Vertrauen zum glorreichen Schutzherrn Spaniens gemachten Gelübde herbeieilte. — Noch nicht der vierte Theil eines Jahrhunderts war seit Wiederausfindung der Reliquien (813) verflossen, da berichtet bereits Walafried Estravon von den zahlreichen Pilgerfahrten nach Compostela und von dort geschehenen staunenswcrthen Wundern. Im Jahre 896 fand die Einweihung der vorn König Alphons III., dem Großen?) erbauten Basilika statt, wobei die hl. Ceremonien mit außerordentlicher Feierlichkeit in Anwesenheit des Königs selbst, der Königin (Dona Jimeua), der kgl. Prinzen, in Gegenwart von siebzehn Bischöfen, elf Grafen, aller Obrigkeiten und einer unermeßlichen, aus allen Nationen der Christenheit zusammengesetzten Volksmenge vollzogen winden. Im ersten Drittel des zehnten Jahrhunderts (915—928) sandte Papst Johann X. den Priester Zanelo zum Gnaden- orte, damit er Zeuge der zahllosen Menge von Pilgern am Grabe des Apostels und der auf dessen Fürbitte dort gewirkten Wunder sein könnte. Im Jahre 1040 kam nach Compostela als Pilger der griechische Bischof Stephan, der nach Verzicht auf seilt Apostels Jakvbus, sein vorn Rumpfe getrenntes Haupt und daneben einen Pilgcrstab. Ferner fand man eine Urkunde, welche die Echtheit des kostbaren Fundes bezeugte und angab, daß die beiden anderen Gräber den Begleitern des Apostels Athanasins und Theodor gehörten. Voll heiliger Freude warfen sich Bischof, Priester und Volk auf die Knie und dankten Gott. Theobomir ließ darauf die drei Gräber iviedcr verschließen und berichtete persönlich von der seltsamen Begebenheit dem damaligen König Alphons H. von Astnrien (791—842). Sofort begab sich der König selbst in Begleitung seines Öofes nach.dem Berge Libre-Don, bezeigte den Reliquien seine Verehrung, erbaute über denselben eine kleine Kirche und beschenkte das Hciligthnm außerdem mit sämmtlichem Lande auf drei Meilen im Umkreise. Auch dein damaligen Papste Leo III. (795—616) meldete Bischof Theodomir die wunderbare Wiederanffinduug des Leibes des hl. Apostels Jakobns. Der Papst machte die Nachricht den übrigen Bischöfen der Christenheit kund, und von da an datiern die Wallfahrten zum Grabe des Apostels. — Soweit die spanische Ueberlieferung. Recht glaubhaft klingt sie allerdings gerade nicht, namentlich im ersten Theil. . *) Alphons UI. König von Astnrien 866—910. Den Beinamen „des Großen" erhielt er wegen seiner Siege über die Mauren. Am Abend seines thätcnreichen Lebens wallte er noch einmal zum Grabe des hl. Jakobns. Von dort zurückgekehrt bat er seinen Sohn um ein Heer. um zum letztenmal gegen die Sarazenen ins Feld zu ziehen. Er wollte offenbar für den Glauben als Sieger sterben. Mit Zustimmung seines Sohnes zog Alphons an der Spitze seines Heeres noch einmal gegen die Mauren und erfocht, ohne rcdoch den ersehnten Heldentod zu finden, mehrere Siege. Im Jahre 910 starb er an einer Krankheit in Zamora. Vergl. Weiß, Weltgeschichte. (III. Anst.) B. V. S. 236. Bisthum den Rest seines Lebens dort zubrachte und in der Kirche des Apostels starb. Wegen der großeil Bedeutung der Wallfahrten und da die Basilika oes Königs Alphons III. die Pilger nicht mehr zu fassen vermochte, begann der Bischof Diego Pelaez im Jahre 1078 mit dem Baue der gegenwärtigen Basilika, die Don Diego Gelmire?) vollendete. Papst Urban II. erklärte im Jahre 1089 die Diözese von Compostela, deren Sitz hieher verlegt worden war?) für exempt von der Metropolitangerichtsbarkeit, und im Jahre 1102 gewährte Papst Paschalis II. dem Bischof Gelmirez den Gebrauch des Palliums. Am Ende des 11. und am Anfang des 12. Jahrhunderts ließ Santo Domingo aus Mitleid mit den vielen Beschwerlichkeiten und Mühsalen, welche die Pilger von Compostela zu erdulden hatten, auf jener Seite des Flusses Rioja, auf welcher heut zu Tage die Stadt gleichen Namens liegt, die Sümpfe austrocknen, den Fluß eindämmen, die Straße bahnen, ein geräumiges Pilgerhaus errichten und eine Kirche, die Kathedrale wurde und noch ist, erbauen. Im Jahre 1109 kam nach Compostela als Pilger der Erzbischof von Vienne aus der Dauphin« in Frankreich. Derselbe bestieg später unter dem Namen Calixtns II. den päpstlichen Stuhl und hat uns die Beschreibung jenes wundersamen Schauspiels, das jene Legionen von Pilgern aus allen christlichen Ländern in Santiago boten, hinterlassen. In diesem äußerst interessanten, eingehenden Berichte °) erzählt er uns unter anderem: „Man kann nicht umhin, mit staunender Freude das Schauspiel zu betrachten, welches die vor dem Grabe des hl. Jakobus wachenden Pilger bieten. Auf der einen Seite stellen sich die Deutschen auf, auf der anderen die Franzosen, etwas entfernter die Italiener, alle mit brennenden Kerzen in den Händen, so daß die ganze Kirche wie am hellen Tage vorn Sonnenlicht erleuchtet strahlt. Alle wachen und beten daselbst, singen und loben den Herrn. Die einen beweinen ihre Sünden, andere beten Psalmen; die verschiedensten Sprachen hört man dort, Laute und Lieder von Deutschen, Engländern, Griechen und allen übrigen Stämmen und Völkern aller Zonen. Keine Sprache, keine Mundart gibt es, deren Laut dort nicht wiederhabt. Die Nachtwachen werden unter Gebeten mit größtem Eifer gehalten; die einen gehen, die andern kommen, alle aber beten und spenden Opfergaben. Wer traurig hinzieht, geht fröhlich von bannen, es herrscht dort eine ununterbrochene Feier, ein fortwährendes Fest, das bei Tag wie bei Nacht nicht endet. Immerwährende Gesänge geben Zeugniß vom allgemeinen Jubel, von der himmlischen Fröhlichkeit und der Begeisterung der frommen Pilger zu Ehren des Herrn und feines hl. Apostels. Niemals schließen sich die Thore dieses Tempels beim Tage und bei der Nacht, deren Dunkel dem glänzenden Kerzenscheine weichen muß. Wir sehen da Arme und Reiche, tapfere Ritter, Kämpfer, die in den Krieg ziehen, Feldherren, Blinde und Lahme, Edelleute und Vornehme, Laien und Priester, die auf eigene Kosten, oder mit Hilfe von Almoien kommend, die einen zum Zeichen freiwilliger Buße mit Ketten beladen, die andern, wie die Griechen, Kreuze auf den Schultern tragend. Die einen theilen nach bestem Vermögen Gaben an die Armen aus, die andern bringen eigenhändig Eisen und Blei zum Ban des Tempels. Viele tragen Fnßfesseln und Handschellen, weil sie von diesen und aus den Gefängnissen der Gottlosen erlöst wurden; das sind die, welche Buße thun und ihre Sünden beweinen. Das ist Z Der Grundstein zu diesem majestätischen Tempel romanischen Stiles wurde am 11. Juli 1078 unter der Regierung des Königs Alphons VI. (1065—1109) gelegt. Gleich beim Beginn seiner Regierung gewährte dieser mächtige König, der wegen seiner vielen über die Mauren erfochtenen Siege und wegen der unter ihm in seinem Lande herrschenden Sicherheit den Beinamen „Schild und Leuchte Spaniens" erhielt, allen Santiago-Pilgern Zollfreiheit. Vgl. Weiß, a. a. O., B. V S. 246—247. ch Die Verlegung des Bischofssitzes von Jria-Flavia nach Compostela geschah also durch Papst Urban II. (1088—1099) im Interesse der Wallfahrt im Jahre 1089. Davon weicht allerdings L. Gams (8si-ies spisooporum pnA. 26) ab, der um das Jahr 843 schon einen gewissen Atanlf I. als ersten Bischof von Compostela anführt. H Vgl. I. N. lern. 8auebs/, 8antmZ'o, Isruealsv, Koma 1680. 53 der ausenvählte Stamm, das heilige Geschlecht, das Volk Gottes, die Blüthe der Nationen. Siehe, das ist die Stadt Compostela, die durch die Bitten, des seligen Jakobus geheiligte Stadt, das Heil der Heiligen, die Burg derer, die zu ihr kommen. O, welche Ehrfurcht, Ehre und Hochschätzunq verdient dieser himmlische Ort, an dem schon viele Tausende von Wundern geschehen, wo der heiligste Leib des großen Apostels aufbewahrt wird, der den Mensch gewordenen Gott zu sehen und zu berühren das Glück hatte." - Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomas von Aquin. (Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München.) (Schluß.) Gott ist der oberste Meister des Werkes; aber er will nicht der alleinige sein. Gott hat andere Werk- leute sich zugesellt, um durch sie und in ihnen sein Reich zu erbauen. Diesen Werkleuten ani Gottesbau hat Gott alle Kräfte in die Hand gegeben, deren sie bedürfen?) Als diese Werkleute erscheinen in der Schöpfung zuerst die nothwendigen, an die ewigen Gesetze gebundenen Naturkräfte?) Getrieben von innerer Nothwendigkeit, kennen sie nur den einen Weg geradeaus. Darum thun sie, was Gott will; aber sie thun es ohne Verdienst, weil sie nicht anders können. So bauen sie das todte Reich, die Schaubühne für das lebendige Reich der freien Natur. Aber schon in diesem todten Reich herrscht nicht die Erstarrung durch eisernen Zwang; denn wenn auch die einzelnen Glieder und Kräfte nicht anders handeln können, als sie handeln, so kann das Ineinandergreifen aller Kräfte doch von Natur aus ein sehr mannigfaltiges sein. Da sehen wir nun, wie die göttliche Vorsehung diesem Ineinandergreifen feinen natürlichen Lauf läßt, der nothwendig auch Kollisionen und unvollendete Ausgestaltungen einzelner Glieder mit sich bringen muß?) Doch deutlicher wird dies in dem höheren lebenden Reich der freien Werkleute. Auch dieser freien Natur fehlt nicht jegliche Nöthigung. Aufgebaut auf der materiellen Natur, theilt sie deren Beschränktheit. Aber sie trägt die unsterbliche Seele in sich, die vom Zwang der Materie nicht berührt wird. Was bei der todten Natur Tribut der Nothwendigkeit ist, das soll bei ihr ein Geschenk der Freiheit sein. Die nöthigen Bedingungen dafür hat ihr Gott in reichem Maße gewährt, indem er ihr einheitliche innere Principien gegeben hat/) an denen ihr Denken und Wollen Maß und Halt findet, wie am ruhenden Pol die schwankende Magnetnadel. Die gleichen Grundprincipien der Erkenntniß sind lebendig im Verstand aller Menschen, und das gleiche Gesetz redet in aller Herzen; die eine Schöpfung mahnt Alle an den einen Schöpfer Aller, lind so gibt Gottes Vorsehung allen vernünftigen Wesen die Möglichkeit, daß sie ihre Aufgabe am Bau des Gottesreiches erkennen. Daß nun diese Aufgabe auch erfüllt werde, ist die Gottheit weise und liebevoll thätig. Wohl sehen nämlich alle vernünftigen Kreaturen ihre Aufgabe, Gott zu erkennen in Wahrheit und Gott zu dienen in Liebe, aber die Verwirklichung dieser Aufgabe hat Gottes unendliche Liebe ihrem eigenen freien Willen überlassen. So ist ') 8. o. §. lib. III oax. 69—77. Ueber das Fatum und den Sinn, in dem man von einem solchen mit Recht sprechen darf, vgl. 8. 1K. 1, g. I96; 8. v. Z. üb. III g. 93—SS. 2) 8. o. K. Üb. III oap: I, 24. 8. o. Z'. lib. III eap. 71, 72, 74. *) tz. O. cio vor. g. 11 a. 1 g. 22 a. 8; 8. 1k. 1., 2. g. 1(1 a. 1, 1. g. 62 a. 1. also der Wille des Menschen frei; was sein Herz sich erküren will, mag es gut oder böse sein, er mag es thun?) Aber freilich, Gottes Vorsehung kann nicht wollen, daß der Mensch sich zum Bösen wende; denn der Wille Gottes kennt und kann nur ein Ziel kennen, das Gute/) Aber indem Gott auf der andern Seite auch nicht knechten kann, was von Natur frei ist, indem er niemals sich selber widersprechen kann/) läßt er es geschehen, hindert er es nicht, daß der Mensch in dünkelhaftem Nebermuthe ihm die Treue bricht und ein Gebilde von Staub und Asche zu seinem Götzen wählt. Aber er läßt nur die Physische Freiheit zu, unmöglich die moralische Erlanbtheit. Dieser steht sein ewiges Gesetzt) hindernd gegenüber, damit so der Wille des Menschen wirklich frei sei und die Erreichung seiner ewigen Bestimmung dem Menschen nicht nur als Geschenk, sondern auch als wirkliches Verdienst anzurechnen sei.") Hier hört das bloße Zulassen auf, hier tritt der göttliche Wille ganz in Kraft. Gottes Wille ist es, daß der Mensch zur ewigen Vollendung gelange, und alle, die dorthin gelangen, kommen nur durch den Willen Gottes dorthin?") Indem aber so auf diesen Auserwählten ganz und voll der göttliche Wille ruht, sind sie auch der Grund, um derentwillen Gott das Böse zuläßt. Gott gestattet die Ausschweifung zum Bösen hin, weil er die freie Natur achtet") und weil er auch dieses zum Guten zu lenken weiß. So sind die Bösen zwar frei im Wollen, aber nicht im Vollbringen des Gcwolltcn. Auch was der Böse thut, muß dem Guten dienen. Und nicht nur das. Indem der sündige Wille sich zum Bösen entscheidet, lehnt er sich auf gegen die höchste Majestät und stützt sich auf sich selbst. Nimmermehr aber kann Gott solches dulden; Gott muß die ewige Ordnung vertheidigen gegen die Unordnung, das Gesetz gegen die Mißachtung; Gott muß sich Gehorsam verschaffen von seiner Kreatur. Und hat ihm das Geschöpf nicht frei gehorchen wollen, so muß es jetzt gehorchen seiner strengen Gerechtigkeit. Hat das Geschöpf nicht in Freiheit an Gottes Werke bauen wollen, so muß es jetzt mit Nothwendigkeit dasselbe fördern. Und so dient schließlich doch alles in der Welt den Zwecken Gottes, die da sind, alle glücklich zu machen, die eines guten Willens sind, und auch von allen denen, °) „Rososseset, guock Koma sit libori arbitrii er koo ipso, quoll rational^ ost." — 8. 1k. 1. g. 83 a. 1; g. 59 a. 3; 8. o. §. lib. II eap. 48. tz. v. cio vor. g. 22 a. 6; hier wird im besonderen ausgeführt, daß die Freiheit des Menschen eine dreifache sei. „Invonitar antom incto- terininntio volantatis rospoetn triam: se. rospoetn okisoti, rospoetn aetas, ot rospoetn orciinis tu tinsin." Dementsprechend pflegt man auch die Willensfreiheit zu dcfi- niren als „aetiva voluntatis inclotorminatio, nt voluntas possit vollo koo ant illuck, vollo ant von vollo, volle rects ant non roeto." °) 8. 1k. 1. g. 49; 8. v. K. lib. I vax. 95; „Nalum eulpao, yuocl privat oräinoin sä konmn ciivinnm- Dons unÜo inoclo vult." — 8. 1k. 1. g. 19 a. 9. ') 8. 1k. 1.

. cks inalo g. 3 a. 1. -) 8. 1d. 1. 2. g. 93 s. 6. °) „ . . . gnia oroatnra rationalis soipsam inovot all Ltz'enckun per liboram arkltriuw, nncie sua avtiy kabot rationoin rnoriti."— 8.1k. 1., 2. 114a. 1; cp 21 s. 4. '") 8. 1k. 1. 23. ") „ ... lntor rationale!? naturas solns vous kokst liboram arbitrinw natarallter impoceabilo st eon- ürmatnm in Kono, ereatnrao voro koo inosso, impossibils 65t." — tz. 11. äo vor. g. 24 a. 1; 8. 1k. 1. g. «13 a. 1; 8. e. A. lib. Ill eap. 109. 54 die es nicht sein wollen, den Tribut einzufordern, den olle seiner Verherrlichung darbringen müssen?-) Und so vereinigen sich in der göttlichen Vorsehung scheinbar die größten Gegensätze.") Auf der einen Seite herrscht die größte Freiheit, hat es jeder Mensch in seiner Gewalt, sich selbst zu entscheiden znin Guten oder Bösen; auf der anderen Seite aber ist nichts in der Welt, kein Stanbkörnlein am Grunde und keine freie Regung in der Mcnschcnbrnst, ausgenommen von dem allmächtigen, ordnenden, göttlichen Arm. Alles geschieht genau so, wie es die Natur und Wesenheit der Dinge verlangt, und doch stand Alles, was geschieht, schon von Ewigkeit her unerschütterlich fest. Die Versöhnung dieser scheinbaren Gegensätze liegt aber in der Unergründlichkeit der göttlichen Weisheit. Indem nämlich die göttliche Weisheit von Ewigkeit her in der göttlichen Wesenheit alles und jedes Seiende in seiner ganzen individuellen Diffcrenzirung und allem möglichen Zusammenhange aufs genaueste erkannte, bezogen sich die ewigen göttlichen Dccrete, durch welche diese Welt ins Dasein gerufen wurde, nicht nur auf ihr Dasein, sondern auch aus die Art und Weise ihres Daseins. Was daher von Gott erkannt wurde, als frei abhängend von einer freien Ursache, wurde auch in dieser seiner inneren Unabhängigkeit durch den göttlichen Willen aus der bloßen Möglichkeit in die Wirklichkeit übertragen.") Alles geschieht genau so, als wäre Gottes Wille gar nicht dabei. Der göttliche Wille ändert an der inneren Natur der Welt, d. h. an der inneren Abhängigkeit der Wirkungen von ihren nächsten, sei es freien, sei es nothwendigen Ursachen, gar nichts.") Und so kommt es, daß die freien vernünftigen Geschöpfe über ihre letzte Vollendung in Wirklichkeit selbst entscheiden, sei es znin Verdienst des guten Willens, sei es zur Bestrafung des bösen Strebens. Und dennoch ist i n letzter Linie die Erreichung der ewigen Vollendung auch ein wahres Geschenk Gottes, damit sich so erfülle was geschrieben steht: „Ilt iroir Zloristur in sonspsotu vornini orains Lnro", daß keiner vor Gott sich rühmen könne, in der That! Wie die Verherrlichung Gottes der letzte ^weck der Schöpfung ist, und wie dieser Zweck im ewigen Heil der vernünftigen Kreatur seine höchste Blüthe treibt, '-) ,,Vx dos patst, guoä sltiori moäo äivinn xro- viäentw Anksrnnt konos guain irmlos; rnali snirn änm all auo oräins proviäsntias sxsnnt, nt so. I)ei volnntatsin von kaoiant, ill llliuill oräinsm ckilaknutur, ut so. äs ois üivina volnntas tiat; ssä Kolli guiäsw ack ntruingus sunt ill rsoto orällls proviäsntias." — tz. O. äs vsr. g. S a. 6. vk. 8. äs spir. st litt. p. 86. ") Ueber die göttliche Vorsehung vgl. 8. llk. I. g. 19, 22, 23, 24; 103—105. 8. o. Z. Üb. I oap. 72—88; u. Uk. Ill oap. 64—83; 89—100. H. I>. äs vsr. g. 5—7. 8sut. I. üist. 39 g. 1. Einen ganz ausgezeichneten Commentar zn den philosophischen Speculatiouen des hl. Thomas über diese Frage hat jüngst geschrieben: lnä. Lillot. ,,vs vso Ullo". Komas 1893. p. Ü» p. 173—300. ") „^.ä pioviäslltiaw älvillllm lloll psrtillst llllturaill llsrnlll oollllnmpsll.s, ssä ssrvars. vnäs omllia morst ssounäum eornm eonckitionsm; ita guoä sx causis nsosssarils per motionsm äivinaiu ssguuntnr ellsotns ex llsosssitats, sx oansis autsm eontiuKsntibns segnuntur stkeotus oolltill§sutes.— 8. lk. 1., 2. o. 10 a. 4; ok. 1. g. 19 a. 3. ^) »In soientia siinpliois intslÜKentias (so. lsi) viästnr ullumglloäglls nt oxorisns g, oansis nsosssariis vsl liksris, pro sno moäo noosssitatis vsl eolltinKöntias. ^.äiuuotio autsm volnlltatis voll mutat äiotum oräillsm st moäum oausarnm, ssä kaolt äumtaxat, ut sit iam aotn prasparatus iäem 1pss vausarum oräo, gui plins mirs possikiliter se lmkskst." — LiUot I. c. p. 2' so hat der göttliche Wille bei allem, was er in der Schöpfung sei es direkt will, sei es nur zuläßt, diese seine höchste Ehre und diese größte Vcseligung der Geschöpfe vor Augen. Alle Verhältnisse ordnet also Gott so zusammen, daß sie zum Heil der Auserwählten führen und diese darum Gott gegenüber ewig die Pflicht der Dankbarkeit in sich tragen.") Wenn aber einige nicht zu ihrem Ziele gelangen, dann können sie sich nicht über Gott beklagen, denn auch ihnen hat Gott die vollste äußere und innere Möglichkeit gegeben, anders zu wollen. Darum ist es ihre Schuld und nur ihre eigenste und wahrste Schuld, daß sie verloren gehen. So lange der Mensch lebt, steht ihm die göttliche Vorsehung bei, hilft ihm, befähigt ihn durchaus, sein ewiges Glück zu erarbeiten; möge er es nur wollen.") Alle darum, die wollen, können selig werden, und nichts in der Welt kann ihnen die Ewigkeit rauben. Mit diesem erhebenden Gedanken wollen wir nunmehr unsere Weltanschauung ausklingcn lassen, lieber dem Ursprung, dem Bestand und der Vollendung der Schöpfung sehen wir hehr und herrlich wie ein freundliches Dreigestirn die göttliche Allmacht, Weisheit und Liebe glänzen. Was die Weisheit ersonnen, das hat die Liebe gewollt, das hat die Allmacht geschaffen, lind nur des Geschöpfes Unverstand und Uebcrmuth hat es mit sich gebracht, daß auch die strafende göttliche Gerechtigkeit in ihre Rechte trat. Aber, indem alles, was von Gott ist, göttlich und darum hehr und heilig ist, so vermag auch das Böse in der Welt den Ehrenschild der Schöpfung nicht zu beflecken. Auch das Böse hat seine Stelle im Weltenplaue-, auch das Böse muß Gottes Zwecken dienen, seine Herrlichkeit offenbaren und die Auscrwählten in mannigfacher Weise zu ihrem Glücke führen. Niemand aber braucht böse sein; Alle können guten Willens sein und eingehen in die Sabbathruhe Gottes. Dann ist der Endzweck der Welt voll erfüllt; Gottes Ehre ist geoffenbart und das Heil der Schöpfung vollendet. Und so mündet die ganze Weltanschauung schließlich in das eine Princip aus, das einst Engelsmund der Welt verkündete: „VIoria, in sxsslsis vso; st In tsrru pnx lloininibus stoirus volrmtutis"; Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind." Und nun erlauben Sie mir noch einige Worte zum Schlüsse. Es war ein großer Gedanke, würdig des genialen Geistes eines Joseph v. Görres, sich hinauszuheben über die engen Schranken der Hcimath, der einzelnen Länder, Völker und Staaten, und die ganze Weltgeschichte, soweit sie reichen mag durch die Länder und Zeiten, zu überschauen von der einen hohen Warte, der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden. Und auch heute bleibt es immer noch eine große Aufgabe, die Geschichte des Weltalls in allen Räumen und Zeiten zusammenzufassen in dem einen Gedanken der Verwirklichung der Gottesidee, nach deren Vorbild die Welt geschaffen ist und deren Zwecke dieses Universum gekettet an das rollende Rad der Zeiten erfüllt bis es einmündet in die Ewigkeit. Eine Weltgeschichte in diesem Sinne wird zugleich sein die erhabenste Kunstgeschichte; denn sie wird sein die Geschichte des erhabensten Kunstwerkes, das nur aus der schaffenden Hand des ewigen Künstlers hervor- "1 »Ooroimnäo vsus insrita nostra, ooronat in nokis Z'rntnita üoua sua, nt von Kloristar oinnis oaro in von- spsotu eins.." — killst p. 244; ok. p. 289 k. 8. llii. 1. 23 rr. 5» ") (j. v. äs vsr. g. 23 a. 2; g. 14 a. 11 aä 1. gehen konnte. In diesem Kunstwerk der Kunstwerke hat das Vornbereilcnde, das Einzelne, das im Strome der Zeiten Alis- und Niedertanchende um seiner selbst willen keinen Platz mehr. Darin hat Alles nur noch Raum, insofern es ein Stcinchcn ist znm Ban des einen Welten- domes, des Spiegels von Gottes Pracht und Herrlichkeit. Dann verschwinden auch alle Kleinigkeiten, alle Unebenheiten, alle Verworrenheiten. Freilich wird es einem Sterblichen wohl kaum vergönnt sein, in diesem hohen Sinne die Weltgeschichte erschöpfend nachzudenken und das Nach- gcdachte dem zu bieten, der diesem hohen Flug zu folgen vermag. Erst, wenn unser Lebcnsschifflcin im .Hafen der Ewigkeit seine Anker geworfen, dann erst haben wir das Gestade des verheißenen Vaterlandes erreicht, von dem aus wir mit einem alles umspannenden Blick das weite Weltall tief unter uns überschauen können. Dann wird aber auch nicht mehr die vergängliche Sonne unsern Tag erhellen, sondern dann wird Gott selbst sein das lumon Zloriae, die ewige Geistersonne, die unsern Verstand mit wunderbarem Licht erfüllen und zur Aufnahme der ganzen Wahrheit befähigen wird. Dann wird das wahre goldene Zeitalter anheben. Dann werden sich alle Disharmonien, die sich jetzt dem äußeren Blick nie ganz verbergen werden, auflösen in Harmonien; dann werden alle Dissonanzen ausklingen in die wunderbarsten Konsonanzen; eine heilige BreuZu Ooi wird dann das ganze Weltall friedlich vereinen. Dann wird das Schöne werden zum Guten, und das Gute wird werde» zum Wahren, und das Wahre wird schließlich seinen ewigen Ruhcpunkt finden in dem „ll'.vokw äxö-7/rov", dem unbewegten Beweger des Alls. Diese Hoffnung auf die Ewigkeit möge uns Antrieb sein, daß wir schon jetzt, wo wir noch mitten in des Tages Irren und Wirren stehen, unsere Blicke hoch erheben, so hoch als unsre Kräfte uns nur zu tragen vermögen, um von möglichst hoher Warte aus das Getriebe der Welt unter uns zu überblicken und so immer größere Ruhe und immer heiligeren Gottcsfrieden in unser Herz aufzunehmen. Wahrlich! Das ist ein Ziel, groß wie die Unsterblichkeit und wohl werth des Schweißes der Edlen. Recensionen und Notizen. CossaLnigi, Die ersten Elemente der Wirth schaftslehre. Deutsch bearbeitet von Ed. Moormeister. 8". VI -st 161 i>p. Freiburg i. Br., Herder- 1896. (III.) M. 1.50. Die „kriini slomenti äi oeouomia soeials" des Lnigi Costa, Professors an der Universität zu Pavia, nehmen in der national ökonomischen Literatur Italiens einen ganz hervorragenden Platz ein. Das Buch erlebte in seiner Hennath mehrere Auflagen und erscheint auch in deutschem Gewände bereits zum dritten Mal. Es verdient auch einen Ehrenplatz in der Reihe der Werke socialpolitischen Inhaltes, welche die Hcrder'sche Verlagsbuchhandlung herausgegeben hat. Der erste Abschnitt des überaus klar geschriebenen Buches handelt von den Vor- begrisfen der Wirthschaftslehrc; dann folgen fünf Abschnitte über die Produktion der Güter, ferner über den Umlauf (Werth, Geld, Handel), die Vertheiln»» und Konsumption der Güter: den Schluß bildet ein Abschnitt über wirthschaftliche Vereinigungen, und der Anhang bietet einen Ueberblick über die Geschichte der Wirthschaftslehre mit einer Bibliographie. Das Buch ist zu bekannt und beliebt, als daß es noch einer besonderen Empfehlung bedurfte. * Am 18. Juni 1896 starb im Kloster Andechs der „gute Pater August in", wie ihn die Leute nannten, ein eifriger, würdiger Benediktiner-Priester und vorzüglicher Pädagoge. Pater Angnstin Glnns war 1833 in Roltwcil geboren nnd arbeitete nach seiner Priesterweihe in der Seelsorge längere Jahre in Württemberg, zuletzt als Kavlan in Jsny. Bon dort trat er 1868 bei St. Bonifaz in München ein und wurde bald nach seiner Profcß nach Andechs geschickt als Wallsahrtspriestcr und zur Versorgung der Pfarrei Erling. Schon im August 1871 aber wurde ihm die Leitung der St. Nikolausänstalt für verwahrloste Knaben in Andechs übertragen, und hier entfaltete er nun eine bewunderuswertlie Thätigkeit, bis der Herr ihn aus diesem Leben abberief. Eine von warmer Verehrung, aber auch voller Wahrheitstreue getragene, schlichte Schilderung des Lebensgaugcs und des Wirkens dieses ausgezeichneten Mannes liegt in einem Schrislchen vor, das Herr ?. Emmcran Heiudl. O. 8. II.. Wall- fahrtspricster in Andechs, unter dem Titel „U. Angnstin Glnns, O. 8. L., von Andechs. Ein Mönchsbild aus moderner Zeit" geschrieben hat. Es ist mit einem Bildniß des Verewigten ausgestattet und wird gewiß nicht blos bei den Freunden des Verstorbenen, sondern auch in weiteren Kreisen dankbar begrüßt werden. (Es ist bei Herrn ?. Emmeran Heiudl oder im Andechser Klosterladen um 20 Pfg. zu erhalten.) I-. „Das ist des Deutschen Vaterland!" Unter diesem Titel kam noch vor Schluß des Jahres 1896 eine illnstrirte Schilderung des deutschen Reiches zum Abschluß. Das Werk ist herausgegeben von Jos. Kürschner in 18 Lieferungen L 50 Pfg. nnd erschien im Verlag von Hermann Hillger in Berlin. Der Verfasser will denjenigen, welchen die Mittel zum Reisen fehlen, durch zahlreiche Illustrationen vor Ästigen führen, was unser Vaterland in Kunst und Natur bietet, solchen, welche von der Reise heimkehren, ein schönes Andenken bieten, andere anspornen, nicht in die weite Ferne zu schweifen, sondern au dem sich zu freuen, was so nahe liegt. 1273, mitunter vorzüglich ausgeführte Bilder zieren das Werk; auf 442 Seiten Text finden wir eine gedrängte, und was bei der Fülle des Materials wohl reicht anders sein kann, etivas dürftige Beschreibung der deutschen Gaue. Gerade deßhalb hätte nran erwarten können, daß die Bearbeiter der einzelnen Abschnitte sich einer unparteiischen Darstellung geschichtlicher Ereignisse befleißen würden; das ist jedoch leider nicht der Fall. Schon auf der ersten Seite vernehmen wir — für uns allerdings nichts Neues —, daß Dr. M. Luther der Vater des deutschen Kirchenliedes sei. Der Beschreibung des Sachseulandcs ist vorangestellt das Stadtbild von Wittcnbcrg. Wir wollen daraus dein Verfasser keinen Vorwurf machen; weniger gefällt uns die Randverzierung des Bildes mit dem in „mittelalterlicher Finsterniß" stehenden Krummstab und der hochhäugenden Laterne, die jedenfalls au das zweifelhafte Licht erinnern soll, das von Wittcnberg aus über deutsche Lande hiu- strahlte. Geradezu empörend aber ist es, was wir bei der Schilderung Magdeburgs lesen: „Der Fluch wird sich an den Namen Tilln heften. Eine blühende Stadt ward an einem Tage der Verwüstung preisgegeben. An 33,000 Einwohner ließ der kaiserliche Bluthund an diesem grauenvollen Tage abschlachten." Weiß denn der Verfasser noch nicht — er nennt sich August Trinius —, daß bereits auch von protestantischer Seite der Akt der Zerstörung als ein beabsichtigtes Werk der eigenen Bürger der Stadt oder der Schweden angesehen wird? Ranke bemerkt: „Sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Stadtrathes eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. Es wäre ein früheres Moskau gewesen." Karl Wittig kommt nach Prüfung aller von katholischer nnd protestantischer Seite verfaßten Berichte von Augenzeugen zu dem Resultate, daß Tilly nicht mit der von vielen beliebten apodiktischen Gewißheit als Zerstörer der Stadt hingestellt werden könne; jedenfalls sei Tilst) „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt". Dies nur einige Urtheile. Sollte aber der Verfasser wider besseres Wissen sich in der oben erwähnten Weise geäußert haben, dann protcstiren wir als Bayern und Katholiken, denen Tilly's Andenken heilig ist, gegen eine derartige boshafte Verleumdung. Der Herausgeber sagt am Schlüsse seines Prospektes: „Mit Gott auf den Weg". Da muß mau denn doch fragen: „Wie reimt sich dieser fromme Wunsch zusammen mit den: ersichtlichen Bestreben einzelner Mitarbeiter, die 56 Katholiken in ihren Gefühlen zu kränken und die geschichtliche Wahrheit mit Füßen zu treten? Möge bei einer etwaigen Neuauflage die Redaction bestrebt sein, alles Verletzende bei einem für das deutsche Volk bestimmten Werke ferne zu halten! Dann kann man das Buch als geeignet, Liebe und Begeisterung für das weitere Vaterland zu wecken, bestens empfehlen. „Die Jugend des heiligen Vaters!" Die frühesten Briefe des heiligen Vaters Leo XIII. an seine Familie sind soeben von M. Boyer d'Agen, einem Freunde Sigmund Peccis, des Neffen des Papstes, bei Manie in Paris herausgegeben worden. Die Briefe umfassen die Zeit von seinem Eintritte ins Jesuitencolleg in Viterbo 1819 bis zu seiner Ernennung zum päpstlichen Delegaten von Venevent 1837 nach seinem Austritte aus der Akademie der blobili Leelssiastiei (adeligen Geistlichen). Der bewnndcrnswertheste Zug an der ganzen Korrespondenz ist die erstaunliche Einheit der Ideen, welche sich .in ihm von Kindheit bis zur Besteigung des päpstlichen Thrones mit jenem Glänze entfalteten, wie sie seitdem die Bewunderung der Welt geworden sind. Das reich illustrirte Werk wird demnächst in deutscher Uebersetzung und unter dem Titel „Die Jugend des Papstes Leo XIII." in der Nationalen Verlagsanstalt in Regensburg erscheinen und gewiß auch von den deutschen Katholiken mit großem Interesse erwartet gelesen werden. Hammer Phil., Sieben Predigten über des Menschen Ziel und Ende und letzten Dinge. 8°. XII -t- 208 SS. Fulda, Aktien- druckerei 1696. (II.) s Obgleich es wirklich Luxus ist, diese Gattung von Litteratur, womit wir bereits überschwemmt sind, noch zu vermehren, wurden doch Hammer's Predigten vor drei Jahren , sehr wohlwollend von der Kritik aufgenommen. Sie sind in der That auch über den Dnrch- schnittswerth solcher Bücher hinausgehend; sie wirken auf das Gemüth, belehren und unterhalten durch die große Fülle geschichtlicher Anspielungen. Poetische Citate sind gar zu zahlreich; wozu taugt (S. 177) Goethe's „Kennst du das Land, wo die Citronen blühst:?"! Auch sollte man Angaben vermeiden, welche der historischen Kritik nicht Stand halten. Das Allerlei ist überhaupt etwas zu üppig, stört dre Einheit des Gedankens und macht die Sache für den Leser zu zerfahren. Im mündlichen Vortrag mag es besser wirken, als es sich liest. Daß die Predigten, als ste gehalten wurden, unterstützt durch die gewaltigen oratorischen Mittel des Redners und Verfassers, einen ungeheueren Beifall fanden, ist durch gleichzeitige Zeitungsberichte bestätigt. Festschrift zum 1100jährigen Jubiläum des deutschen Campo Santo in Rom. Herausgegeben von Dr. Stephan Ehses. Verlag von Herder-Freiburg. Preis 12 Mk. Der 1100 jährige Bestand des deutschen Campo Santo hat erfreulichen Anlaß gegeben zu der vortrefflichen wissenschaftlichen Edition, welche vorstehend angezeigt ist. Sie ist dem hochverdienten Rector Dr. de Waal gewidmet, der durch die Gründung eines Kollegiums am Campo Santo al Vaticcme bereits zahlreichen deutschen Theologen die Möglichkeit geschaffen hat, für ihre wissen- chastlichcn Arbeiten in Rom ein paffendes Heini zu finden, das ihnen zugleich eine stattliche Bibliothek und reiche Anregung durch persönlichen Verkehr bietet. Der Heraus- geber Or. Ehses, sowie die übrigen Mitarbeiter haben die Wohlthat dieser de Waal'schen Gründung genossen, und so war es ein recht sinniger Gedanke, das 1100 jährige -subilaum der Campo-Santo-Stiftnng auch durch eine Festschrift zu feiern, in welcher ältere und jüngere Gäste des Collegiums (theilweise auch dem Laienstand ungehörig) wissenschaftliche Arbeiten niederlegten. Es sind die HH. Mbers, Baumgarten, Ebner, Ehrhard, Ehses, Endres, Dübel. Glasschröder, Grisar, Hackenberg, Jelic, Kaufmann, Kirsch, Merkle, Miller, Pieper, Reichert, Sauer, Sauer- And, 'Röllecht, Schmid, Schnitzer, Schwarz, Stopper, llnkel, Wehofer. Die Arbeiten sind meist dem kirchen- historischen oder christlich-archäologischen Gebiete entnommen. Die Ausstattung des Werkes, dem auch 2 Tafeln und 12 Abbildungen im Text beigefügt sind, ist vorzüglich. Münchner anihropolVgische Gesellschaft. ' München. 29. Jan. Der Vorsitzende Professor Dr. I. Ranke eröffnet die Sitzung mit der Proklamirnng von drei neuen Mitgliedern. Er ersucht dann um Genehmigung zur nachträglichen Ernennung der Herren Dr. G. Näcke, -Oberarzt, Hubertusburg, und Lindenschmit (Sohn), Vorstand des römisch-german. Centralmuseums, Mainz, die bei den Ernennungen beim 25jähr. Jubiläum am 16. März 1898 leider übersehen worden sind. Hierauf legt er das neueste Werk des 81 jähr. Dr. F. Tappeiner in Meran „Der europäische Mensch und die Tiroler" vor. Tappeiner hat sich noch in seinem hohen Alter der Mühe unterzogen, in den verschiedenen Museen Deutschlands die Mongolenschädel zu untersuchen. Er kam zu dem Resultate, daß die breiten Tirolerschädel mit den breiten Schädeln der Mongolen gar nichts zu thun haben. Dr. I. Ranke ist erfreut, daß Tappeiner dieses Werk ihm gewidmet hat. Ferner drängt es ihn, mitzutheilen, daß sein Sohn Dr. Karl Ranke am Samstag den 30. Januar von seiner Expedition nach den Quellflüssen des Schingu in Brasilien, wem: auch blessirt (er hat das linke Auge verloren), in München wieder eintrifft. Das Wort erhält dann Hr. kgl. Bauamtmann Jnama von Sternegg-Lands- hut zu seinem Vortrag: „Bericht über die neuen Ausgrabungen des römischen Äbusina bei Einstig". Es sind bis jetzt 4 Gebäude außerhalb des Lagers ausgegrasten, theils Wohnhäuser, theils Badehäuser mit verhältnismäßig gut erhaltenen Heizungsanlagen (sog.Hypokaustenanlagen). Außerdem ist auch die Lage des Lagers mit einem schöngelegenen Prätorium festgestellt. Das Prätorium ist nicht ivie sonst in der Mitte, sondern an einer Ecke des Lagers. Es fanden sich Münzen bis in die Zeit Theo- dosius des Großen. An der Diskitssion betheiligten sich die Herren Thiersch, Oberhummer. Kurtwängler, Schmid. Hieran schloß sich der Vortrag des Herrn Hauptmanns L>. Arnold: .Kulturgeschichtliches aus dein römischen Bayern, insbesondere vorn Lxereitns Lastioiw". Bis Kaiser Hadrian bestand das rhätische Heer nurausHilfs- truppen, dann kam die DoZäo m Italic», die aus circa 3000 und 12,000 Mann Fußtruppen bestand, dazu kam noch der Landsturm und die Grenzmiliz. Das römische Heer diente auch friedlichen Zwecken. Es wurde verwendet bei Bauten jeder Art, bei den Bergwerken u. s. w. Redner schildert sodann die allmähliche Entstehung von Niederlassungen bei den festen Lagern. Anfangs bestand die I-sAio Italic» wohl größtentheils aus italischen Soldaten, allmählig aber bekamen die Rhäter das Uebergewicht, zu denen Soldaten aus allen Theilen des römischen Reiches kamen. An das römische Heer erinnert uns jetzt noch unser Straßennetz, wenigstens in seinen Hauptzügen, sowie bedeutende Städte und Dörfer, die aus den Ansiedlungen bei den Lagern hervorgegangen sind. Theilweise weisen oft nur noch die Namen in die Römerzeit zurück. Indem der Vorsitzende den beiden Vortragenden dankt, schließt er die Versammlung. * „Zur Warnung vor grober Täuschung" erhebt Hr. Dr. Hülskamp in Nr. 20 des ,,Liter. Hand- weisers Protest gegen die Reclame, welche die „Nationale Verlagsanstalt" zu Gunsten der 4. Auflage ihrer „Real- encyclopädie" in jüngster Zeit wieder mit einer verjährten Empfehlung macht, die Hr. Dr. Hülskamp vor 24 Jahren abgab, und die niemals der „neuesten vierten Auflage", sondern der damals vollendeten und für ihre Zeit recht guten dritten Auflage galt. Die „neueste Auflage" die übrigens auch schor: 7—17 Jahre alt ist, hat schon inr Jahre 1880 zu einer Auseinandersetzung zwischen Herrn Dr. Hülskamp und dem damaligen Besitzer der Firma Manz geführt und hat Dr. Hülskamp damals schon betont, daß durch eine viel zu weitgehende Benützung der alten Stereotyp-Platten die neue Auflage des Werkes nicht entfernt den Anforderungen der Gegenwart entspreche. Um so weniger läßt sich heute die Bezugnahme, der Verlagsanstalt auf eine Empfehlung vom 20. Juli 1873 (!)' rechtfertigen. Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Justituis von Haas L Grabherr in Augsburg.